1779_La_Roche_065 Topic 3

Sophie von La Roche

Rosaliens Briefe an ihre Freundin

Mariane von St**

Von der Verfasserin des

Frauleins von Sternheim

Erster Theil

Vorbericht des Herausgebers

Diese Briefe, die ich hier besonders Leserinnen gedruckt vorlege, bedurfen keiner Empfehlung; und wenn sie einer bedurften, ware ich, wie ich mich sehr gerne bescheide, der Mann nicht, der ihnen diesen Dienst leisten konnte. Denn ausserdem, dass ich, in der litterarischen und ubrigen feinen Welt gleich unbekannter Alte kein Gewicht haben mochte, kame ich auch zu spat, da schon verschiedene dieser Briefe in der Iris gedruckt stehen.

Also nur ein Paar Worte uber diese Ausgabe in Ge

stalt eines ordentlichen Buchleins fur sich selbst:

Der oft unwahre Furwand, "man hat mich ersucht,

drucken zu lassen" ist hier nicht nur vollig wahr, sondern es wird sogar auch, da die Veranlassung zu diesem Ersuchen in der Iris zu Tage liegt, nicht einmal unwahrscheinlich seyn, dass verschiedene gute Frauenzimmer, von manchen Orten her, die Verfasserinn ersucht haben. Ob ausser mir Alten auch viele junge Mannspersonen? weiss ich nicht; sollte es aber fast nicht glauben, weil mir es scheint, als mussten viele darunter es fuhlen, dass die Verfasserinn ihnen ihre Puppen zu verderben und zu verschliessen Willens ist.

Also hatte die naturliche Neigung der Frau Verfas

serinn, ihre junge Schwestern zu verbinden, schon den Entschluss, "drucken zu lassen," erzeugen und rechtfertigen konnen. Es kam aber noch eine Ursach hinzu. Ich sagte diese gerne, weil sie so gut ist, als aber, wer wurde nicht glauben, dass zwischen der Verfasserinn und dem Herausgeber eine Verbindung sey? Und, Gottlob! sag' ich, es ist eine da; aber sie hat keine Lobrednerey zum Zwecke.

Vielleicht wundert es einige Leser, warum ich Unbekannter die Ausgabe besorge, und weder ihr Ehegemahl, noch der Herausgeber der Sternheim, noch der Iris, oder sonst jemand von ihren bekannten wurdigen Freunden? Wenn ich noch jung ware, konnte die nicht unerlaubte Absicht dabey Statt gefunden haben, mich bekannt zu machen; so aber, ist die Ursach blos diese: vorgedachte Manner sind jeder mit eignen, fur das Publikum mehr oder minder nutzlichen Unternehmungen beschaftigt, und ich Mussigganger, in Vergleichung mit ihnen, konnte die mannlichen Verrichtungen bey Besorgung des Drucks besser abwarten; deswegen bat ich darum, und erhielt meine Bitte.

Dass ich (in allem Ernste! ohne Vorbewusst meiner Freundinn,) auf den Titel gesetzt: "Von der Verfasserinn des Frauleins von Sternheim," hoffe ich dey. Ihr dadurch zu entschuldigen, dass das schon in den letzten Banden der Iris gesagt worden ist; denn sonst denke ich uber diesen Stempel eben so, wie sie selbst.

Also blosse Nachricht (denn es soll weder Drohung noch Schmeicheley fur Leser und Leserinnen seyn, da mirs vorkommt, als sagte ich dies hiermit im Namen meiner edlen Freundinn,) fuge ich hinzu, dass ich noch Vorrath an Handschrift zur Fortsetzung besitze, und es nunmehr bey den Leserinnen hauptsachlich steht, wie bald sie den Verleger, Herrn Richter, zum Druck des folgenden Bandes bereden, und dadurch die hier ungesagte gute Absicht der Verfasserinn befordern helfen wollen. Wr, den 26sten Marz, 1779.

B**.

Erster Brief

Lassen Sie mich, meine geliebte, so lang gewunschte Freundin, einige Thranen uber mein Schicksal weinen, das mich von Ihnen entfernt, und alle die susse Freuden zerstort, die mir ihre Gute und Ihr Geist wechselsweise schenkten. Was ist Leben, Gluck und Wissen, wenn sie nicht von antheilnehmender Liebe und Freundschaft mit genossen werden! Wie lange wartete mein Herz auf diese irrdische Seligkeit! Ihr feiner aufgeklarter Geist, Ihre edle, liebreiche Seele, haben mir solche in vollem Maass gegeben. Sie erforschten mich, und da sie sahen, dass mein Herz gut ist, und mein Kopf denken und fassen kann, so waren Sie zufrieden, ohne zu fodern und zu hoffen, dass ich fehlerlos seyn sollte. Ihre Gesinnungen waren zartlich, Ihre Hochachtung aufrichtig, ohne den hohen Grad Schwarmerey, aus welchem die Unvertraglichkeit entspringt. Sie sind das zweyte wahre Geschenk des Himmels, das mir zu Theil wurde; denn nachdem ich ein Herz voll Gefuhl des Edlen und Guten erhalten hatte, so fehlte mir noch ein anderes, auch dessen Zeugniss ich mich stutzen konnte. Ihre moralische Seele war mein zweites Gewissen, Ihr geubter Geist die Bewahrung des meinigen. Ihnen ist weder die Lebhaftigkeit meines Kopfs, noch die uberfliessende Empfindsamkeit meines Herzens jemals anstossig gewesen.

Bey Ihnen, meine Mariane, kann ich mich der sussen Empfindung, jemand imhochsten Grad hochzuachten, ohne Sorge uberlassen; die Eigenschaften Ihres Geistes und Herzens versichern mich dass ich durch Sie den Schmerzen niemals fuhlen werde, diese Gesinnungen zuruck zu nehmen. Ihre Bekanntschaft, Ihr Umgang war fur meine Seele das; was ein heiterer Himmel, reine Luft und freye Aussicht in eine fruchtbare Gegend, einem Menschen ist, der lange verbannt war, eine niedrige Hutte, in einem sumpfigen mit unangebauten Bergen umgebenen Thale, zu bewohnen. Manchmal sah er einzelne schone Busche auf einer Ecke des Geburgs. Mit Begierde und Freude stieg er dazu, an dem Geruch ihrer Blumen und ihrer schonen Gestalt sich zu ergotzen; aber haufige versteckte Dornen verletzten ihn; der lockere, wenige Sand, in dem der Busch stund, wich unter seinen Fussen; er wankte und beschadigte sich noch an umliegenden Felsstukken. Traurig kam er in seine Hutte zuruck, und versuchte dann wieder einmal in trockenen Tagen, ein nah' an dem Felsen liegendes Stuck grunen Rasen zu betreten. Der Gedanke, der so wohlthatigen Graspflanze gab ihm Zuversicht. Aber es deckte einen trugerischen Haufen von Schlamm, und er hatte Muhe, sich vor dem Sinken zu retten. Niedergeschlagen uber die vergeblichen Versuche, blieb er in dem Kammerchen seiner Hutte, und uberdachte das Gluck derer, die auf einer schonen Anhohe, mit Weingarten, Wiesen und Feldern umgeben, wohnen, und mit jedem Blick Freude fuhlen. Nachdem aber ein Geschick ihn auch dahin rufte, ist gewiss jeder Athemzug Dank zu der gutigen Vorsicht. Wie oft zog mich bey meinen ehmaligen Bekannten der schone Schein von Sanftmuth und Gute! wie sehr trogen und verwundeten sie mich! Wie grundlos fand ich ein andermal die schonsten Anzeigen von Starke und Edelmuthigkeit der Seele! Nun reise ich mit meinem Oheim. Die Pflichten, welche ihm aufgegeben sind, und die Absichten seines Herumwanderns, fuhren ihn in verschiedene Gegenden. In einigen werden wir uns lange aufhalten; da will ich, wahrend mein Oheim politische Beobachtungen sammlet, auf meiner Seite suchen jede thatige Tugend zu bemerken, welche ich in dem Laufe meiner Reise ansichtig werden kann. Daruber will ich Ihnen schreiben, und Sie konnen, nach Ihrer Lieblingsgewohnheit, und des Herrn Hume Anweisung zufolge, das Maass meiner moralischen Krafte nach dem Grade sympathetischer Bewegung berechnen, welche die Betrachtung ubender Tugend in mir hervorbringen wird; denn Sie pflegten so gern den Umfang eines oden oder angebauten Kopfs zu bestimmen, je nachdem Sie sein Vergnugen und Aufmerksamkeit bey den Unterredungen der Vernunft und Wissenschaften stark oder schwach sahen. In diesem Felde hoffe ich Nutzen fur meinen Geist zu sammlen. Sie werden alles, auch den leisesten Gedanken, zu lesen bekommen, und mich also auf allen Seiten kennen lernen. Denn, meins Mariane, meine Seele ist bey Ihnen, mit Ihnen allein redet sie durch mein Vertrauen, und in meinen Briefen mit andern redet meine Achtung, meine Hoflichkeit, welches Abgaben und Anforderungen sind, die ich niemand versagen werde. Aber Sie, meine Freundinn, Sie allein haben die besten Gesinnungen des Herzens

Ihrer

Rosalia.

Zweyter Brief

Sie haben Recht, meine Freundinn. Sie haben Recht, wenn Sie mir sagen, dass der beste Trost, den ich jemals gegen die Schmerzen einer geraubten Freuds, oder eines misslungenen Wunsches finden konne, in dem Gedanken der Erfullung meiner Pflichten liege, und dass eine edle gefuhlvolle Seele das Maass dieser Pflichten in der Gewalt finde, die ihr zum Wohlthun gegeben worden. Ich sehe, dass meine Gesellschaft ein wahres Vergnugen fur meinen theuren Oheim ist; und ich werde davon am meisten in den Stunden uberzeugt, wo er sein Tagebuch mit mir durchlieset. Er ist so gut, dass ihn mein Beyfall freuet. Meine Sorgfalt fur seine Gesundheit, das kleine Stuck Munterkeit und Talente meines Geistes, meine Liebe fur ihn, nennt er die Freude seines Lebens; und wenn er mir dieses sagt, so liebe ich den Entschluss mit ihm zu reisen, und fuhl selbst die Entfernung von meiner Freundinn Mariane nicht mehr mit so viel Bitterkeit denn es ist mir suss, sehr suss, die Freude des Lebens eines rechtschaffenen Mannes zu seyn, und es in meiner Gewalt zu haben, Gaben des Glucks, die ich von meinem zwolften Jahre an von meinem Oheim genoss, mit Wohlthaten des Herzens zu belohnen! Dennoch, meine Mariane, fuhle ich, dass dieser Trost uber die verlohrne Freuden Ihres Umgangs nicht so wirksam seyn wurde, wenn ich die Erreichung meiner Absicht nicht vor mir sahe. Ich erinnere mich hier, dass Sie einst sagten: "Nahes Gluck reitzt und treibt zu Ausubung vieles Guten, so wie allein die gerade neben uns liegende Strafe vom Bosen zuruck halt; denn wenn die in der weiten Zukunft ruhende Freude oder Elend viel Gewalt uber uns hatten, so geschahe mehr Gutes; und weniger Boses." Ich wunsche wurklich, dass die Idee von Belohnung bey der Kinderzucht mehr gebraucht werden mochte als die von Strafe, weil dabey der Geber und die Zusehende zugleich als Zeugen unsers Wohlverhaltens erscheinen, als solche geliebt werden, und naturlicherweise die Begierde entsteht, ihnen immer gefallig zu seyn. So, wie man im Gegentheil die Zeugen seiner Fehler und seiner Strafen hasst, und oft aus der Begierde sich in rachen, die Fehler behalt, die dem Vorgesetzten und andern am meisten Missvergnugen geben. Die Menschen sind gewiss, im Ganzen genommen, viel edler und besser, als man glaubt. Ich bin diese angenehme Ueberzeugung dem Nachdenken schuldig, mit welchem ich bemerkte, dass sich die schonsten jungen Leute so gern zum Krieg werben liessen, und sich dem Tode dadurch eher weihten, als die Natur es gefodert hatte. Und meistens ist es die Versicherung des Lohns der Ehre, des Vorzugs, des Ruhms, der Tapferkeit, des Antheils an der Vertheidigung der gerechten Sache, die so viele Tausende ihrem sichern Tode entgegen fuhret. Mein Herz ist ganz gewiss, dass ein Furst, der das Maass der Strafen und Unkosten, die damit verbunden sind, in ein Maass Wohlthat und Belohnung fur den guten und arbeitsamen Bewohner seiner Staaten verwandelte, vielleicht in kurzer Zeit meistens lauter gute Unterthanen haben wurde. Denn die Bande der Liebe ziehen die Herzen vester an, als die Ketten der Furcht. Sie horten mich einst behaupten, dass die gelinde Todesstrafe, mit welcher in England die Strassenrauber beleget werden, die gewisse Ursache bey, warum diese Art Bosewichter eine Gattung Grossmuth unter ihre Uebelthaten mische, indem sie selten morden, und noch seltener einen Reisenden ganz ausplundern, sondern, nach Berechnung seines Weges, ihm lassen, was er nothig hat. Dahingegen die schreckliche Strafe des Radbrechens in Frankreich die Summa der Diebstahle und Mordthaten nicht verminderte. Aber, meine Mariane, wo komme ich hin! Die Starke dieser Betrachtung giebt meinem Briefe einen harten Ton, unter dem nur Sie die sanfte Stimme einer bewegten Menschenliebe horen werden, welche sagt, dass, wenn wir das Geprage der Gluckseligkeit nicht auf den Ueberfluss des Reichthums und der Wolluste gelegt hatten, so wurde man weniger Leidende und weniger Uebelthater sehn.

Rosalia.

Dritter Brief

Ich schreibe Ihnen, meine Mariane, von einem schonen Dorfe, das auf einer kleinen Anhohe liegt, die mir das Gluck schaft, aus dem Fenster, wo ich sitze, eine Reihe der majestatischen Schweitzergeburge zu sehen. Die untergehende Sonne farbt sie Blau und Rosenroth, mit grossen Stucken Glanzsilber dazwischen. Meine Seele fuhlt mit innigem Vergnugen die Grosse der Allmacht meines Schopfers. Es freut mich, mein Daseyn aus der nehmlichen Hand erhalten zu haben! und es ist Ueberzeugung in mir, dass auch ich die Fahigkeit zu grossen und edlen Handlungen in mir habe. Ach, warum sind Sie nicht in diesem Augenblicke bey mir! Warum sieht das geistreiche Auge meiner Mariane diese schone Gegenstande nicht mit mir! Ihre Gegenwart wurde meine Freude erhohen; meine Blicke begegneten den Ihren; Sie kennten den Werth der Thrane, die in meinem zum Himmel erhabenen Auge schwimmt! Meine, mit Bewunderung des Schopfers gefalteten Hande, die ich einsam an meine Brust drucke, wurden Sie, beste Freundinn, und mit Ihnen Ihre tugendvolle Seele umarmen. Sie theilten das selige Gefuhl des Lebens und der Anbetung unsers Schopfers mit mir, und, auf Ihre Brust gelehnt, dankte ich ihm fur Sie, fur jede Tugend Ihres Herzens, und fur die Schonheit Ihres Geistes! Denn, meine Mariane, ich konnte, ich bekenne es, ich konnte Sie nicht lieben, wie ich Sie liebe, wenn Sie nicht so viel Geist und Kenntnisse hatten, als Sie haben. Aber, meine Freundinn, wenn die Starke meiner Empfindungen bey dem nahern Anblick dieser Berge zunimmt: so bin ich begierig, wie ich sie ausdrucken werde! Bald, meine Mariane, bald kann ich dieses wissen; denn wir gehen diese Stunde noch weiter, und mein Oheim sagte mir, da ich die Angst vor dem Nachtreisen verrieth, dass ich ohne Kummer seyn konne, weil wahrend der Erndtezeit das Feld voller Bauersleute ware, die wegen der Tageshitze des Nachts durch das Korn schnitten, und man also ganz sicher seyn konne.

Aus dem schonen St**. Dorfe W**.

Wie angenehm, meine Mariane, wie sehr angenehm war mir der Schutz meines Lebens aus der redlichen Hand der Arbeitsamkeit! Ruhig, unbesorgt, setzten wir unsern Weg fort, weil wir unter der Obhut der Tugend und des Fleisses waren. Mit dankbarer Liebe und mit Segen sah' ich die Schnitter an, und dachte: so schaffen ubende Tugenden die Menschen wechselsweise zu Schutzgeistern des Glucks und der Freude ihres Nachsten; so, wie man vom Laster sagen kann, dass es seine Untergebene durch Verfuhren und Qualen der Guten zu Satans macht.

Wir kamen den andern Tag sehr fruhzeitig hieher, wo mein Oheim mit dem Oberbeamten des Grafen von St**. etwas zu bereden hatte. Wir wurden zur Tafel geladen, und erhielten die schmeichelhaftesten Hoflichkeitsbezeugungen. Es war mir lieb, dass Nachmittags der Graf mit so vieler Aufmerksamkeit den ernsthaften Geschaftshandlungen beywohnte, weil ich dadurch das Gluck hatte, um seine Gemahlinn zu seyn, die eine liebenswurdige und verdienstvolle Dame ist, von deren angebauten Geist, Gottesfurcht, angenehmen Umgang und jeder Geschicklichkeit, die eine Frauenzimmerhand beseelen kann, ich schon lange hatte reden horen. Ich fand sie edel, naturlich, ohne das geringste Geprange, weder auf ihren Stand noch ihre Talents. Die ungemein schone Ordnung des Hauses zeugt von ihrer Einsicht in Wirthschaftssachen, und ihre zwey ganz vortreflich erzogene Sohne beweisen die feine Wahl, die man in den Fahigkeiten ihrer Lehrmeister gemacht hatte. Es freute mich, diese wurdige Frau als eine so gluckliche Mutter zu sehn, indem sie Geist, Talente und Character in ihren Kindern bluhen sieht. Gerne hatte ich ihr meine besondere Verehrung und Liebe bewiesen, aber die Umstande hinderten mich, sie auszudrucken, und gewiss hatten sie auch ihre Empfindungen zuruck gehalten. Ich wunschte ihr im Grunde meiner Seele jede Gluckseligkeit ihres Ranges und fuhle Zufriedenheit, diese meine wahre Gesinnungen bey Ihnen, meine Mariane, die mich kennt, so ganz ungekunstelt auszudrucken. Bey Ihnen haben weder Umstande noch Personen die Gewalt, einen Nebel oder Rauch um mich zu ziehen, die meine wahre Gestalt undenklich machen wurden! Das Schloss W**. liegt auf einem Halbberg, mochte ich sagen, und gewiss, nach der Einrichtung der Zimmer, Eintheilung des Gartens und der Felder umher, kann man sagen, dass es einer der schonsten Edelmannssitze in ganz Deutschland sey. Uebermorgen Abend hoffe ich in einer Schweisserischen Granzstadt zu schlafen. Da werde ich Freyheit und Vaterlandsliebe traumen.

Rosalia.

Vierter Brief

Vorgestern Abend konnte ich nichts als ein kleines Zetteichen an Sie schreiben, weil die Post und mein Oheim mir die Zeit vorsagten, wo ich fertig seyn musste. Gestern aber machten wir schon verschiedene Bekanntschaften, die meinem Oheim bey seinen Auftragen nothig seyn werden. Von all diesen Leuten aber habe ich nichts, als die Gesichter und den Ton der Stimme kennen gelernt, weil, wie Sie wissen, Anfangs der angekommene Fremdling sich nur zu einer freundschaftlichen Aufnahme zu empfehlen, und der Einwohner ihm hofliche Anerbietungen zu machen sucht. Ich kann Ihnen also noch ganz gemachlich die Gedanken und Wunsche erzahlen, die seit den zwey letzten Tagen der Reise in mir liegen. Ein inniger Wunsch ist, dass man bey Erziehung der Kinder, besonders aber der Knaben die Kenntniss der physikalischen Welt niemals verabsaumen moge, weil diese Kenntniss den Genuss des Lebens verdoppelt, und Spatziergange und Reisen um so viel nutzlicher fur uns und andere macht. Mein Oheim kennt jeden Baum, jedes Gestrauch; alle angebauete und wild wachsende Pflanzen. Ich, die bishero nur auf ihre Mannigfaltigkeit in Formen und Farben achtsam und empfindlich war, bis es nun auch bey den meisten fur ihre Nutzbarkeit, die beynah eben so verschieden ist, als ihre Gestalt. Wenn ich Sie wieder sehn, und an Ihrem Arm langst der Ufer des schonen Flusses gehen werde, der die Gegend unserer Vaterstadt so angenehm macht, dann werde ich Ihnen von dem erquikkenden Geiste, den man aus diesem Gewachse, von dem heilenden Balsam, der aus jenem zu ziehen ist, von den nahrenden Tugenden so vieler andern, und dem tausendfachen Nutzen der Geholze, Geburge und Steine, aus ihrem Anblick reden konnen, und Sie werden den milden Einfluss bemerken, den das Nachsuchen des Geprages der Wohlthatigkeit, womit Gott unsere physikalische Welt bezeichnete, auf unsere Seele hat. Denn jemehr Spuren ich davon erkannte, je inniger wurde meine Verehrung gegen den Vater der Natur und meine Liebe fur meine Mitgeschopfe. Die Tage und die Wege verschwanden mir bey den lehrreichen Unterhaltungen meines unschatzbaren Reisegefahrten. Eine Stadt, ein zerfallenes oder wohlstehendes Schloss gab den Anlass zu Auszagen der Geschichte von Deutschland, dessen grossen und kleinen Regenten; dem Zerreissen der alten, und Zusammenheftung der neuen Verfassungen. Aber wie sehr traurig war mir oft der Anblick von Dorfschaften, in denen entweder die harte Arbeit, welche der rauhe Boden erfordert, oder das Joch des Kummers und der Armuth, womit kleine Despoten ihre Unterthanen drucken, in dem Alter von zwanzig Jahren den Besitz und Genuss einer schonen Gestalt, der Gesundheit und Freuden der Jugend zerstoren; da welke Wangen die Sorgen des weiblichen, und niedergeschlagene, unmuthige Gesichter das muhselige Leben des mannlichen Geschlechts eben so deutlich zeigten, als ihre baufallige Wohnungen und elende Kleider. Die hiesige Stadt ist sehr schon gebauet. Grosse, reinliche Strassen und Hauser. Unter vermogenden Personen scheint grosse Pracht zu herrschen; auch sollen viele Kunstler hier seyn. Wissenschaften des Geistes aber mussen nicht sehr bluhen, weil zwey Buchhandler kurz nach einander Bauquerott gemacht haben, die Modekramerinnen hingegen sich sehr bereichern sollen. Dieses ist der Auszug von Antworten, die gestern der Hauswirth beym Abendessen auf die Frage meines Oheims ertheilte. Wir werden etliche Wochen hier bleiben, und ich daher noch bessern Stoff zu Briefen an meine Mariane bekommen. Jetzo einen schonen Tag! in Eil von

Ihrer

Rosalia.

Funfter Brief

Mein letztes Schreiben war klein, sagen Sie? Ich fuhlte es auch, meine Freundinn; aber, ich musste abbrechen, weil ich mit meinem Oheim zu Gast essen musste. Ich dachte aber nicht, dass der Verdruss, mich von Ihnen loszureissen, durch einen ganz eigenen Auftritt begleitet seyn wurde.

Der Sohn des Hauses, wo wir assen, erzahlte bey Tische seiner Schwester, dass sein schoner Freund St**. diesen Morgen von der alten Frau von B**. einen vergoldeten Becher zum Geschenk bekommen hatte. Der Vater fragte nach der Ursache. Es war Vorgestern fruh, wegen des kleinen Regens, sehr ubel die Berggasse hinunter zu gehen; die alte Frau von B**. wollte von ihrem Neffen nach Hause, und sorgte, sie mochte fallen, bat daher oben am Berge eine junge Magd, die im Hinuntergehen begriffen war, sie mochte sie mitnehmen und fuhren! Das unbesonnene Ding sagte ihr: alten Weibern gebuhrte bey schlimmen Wetter zu Hause zu bleiben u.s.w. Herr St**. sprach mit mir, oben am Eckhause, sah die Thrane der alten Frau, und horte die schlechten Reden der jungen Dirne, packt diese beym Arme: "Schweigt," sagt er, "elendes Ding, und geht eurer Wege," und reicht hierauf der Frau von B**. seinen Arm: "Wollen Sie, ehrwurdige Frau, sich auf meinen Arm stutzen? Ich will Sie mit kindlicher Sorgfalt nach Hause fuhren." Meine Alte sieht ihn an, ergreift seine Hand, und sagt geruhrt: "Ja, fuhren Sie mich, mein schoner Sohn! Gott wird Ihre junge Jahre zu glucklichen Jahren machen, weil Sie sie so edel gebrauchen." Mein St**. bringt sie in ihre Wohnung, wo sie nach seinem Namen und Aufenthalt fragte, und heute fruh schickte sie ihm einen vergoldeten Becher mit der Umschrift: "Zum gesegneten Andenken der liebreichen Begegnung der bluhenden Jugend gegen das welkende Alter. Von Elisabetha von B**. an Hrn. St**." Mit Eifer sagte ich: Ihr Freund hat dieses Geschenk auf eine edle Art verdient, ich geb' ihm auch meinen Segen. O, erwiederte er, bey seiner artigen Braut war er nicht so glucklich, Beyfall zu finden. Sie wissen, sagte er zur Gesellschaft, dass St**. der schonste junge Mann ist, den man sehen kann, so wie die Frau von B**. die garstigste Alte, die noch dazu die Kleidung unserer Uralter Mutter tragt, St**. ist hingegen allezeit nach dem neusten Geschmack und in muntern Farben geputzt. Hierauf stutzte das Fraulein von A**. ihren Spott, und trieb ihre Anmerkungen uber die Verschiedenheit der Gesichter und Kleidung so weit, dass ich nicht weiss, wie es gehen wird, denn sie hat die enthusiastische Seite meines guten St**. verwundet.

Er kommt doch zu uns in die Gesellschaft, fiel die Schwester ein. Ich zweifle sehr! Aber sie kommt gewiss, denn sie will mit Dir uber ihn lachen, besonders da sie gehort hat, dass die junge Magd, die er so wegschleuderte, ein artiges Gesichtchen ware. Gegen Abend kam die Gesellschaft; die Braut auch, welche eine von den niedlichsten weiblichen Figuren ist, die ich jemals gesehn habe. Gleich sing sie an, die Beschreibung des Auftritts zu machen; von den Runzeln und der braunen Gesichtsfarbe der alten Frau zu reden, auch gleich den Hrn. St**, bey seinem Eintritt ins Zimmer, damit aufzuziehen.

So schon als dieser St**. mag Antinoiis gewesen seyn, als er sich mit sechs und zwanzig Jahren der Miene des mannlichen Alters naherte. Er trat mit etwas ernsten Gesichtszugen gegen die Frau vom Hause, ohne dem Fraulein von A**. eine Antwort zu geben. Diese fuhr unbesonnen fort: Es fehle ihm nichts, als die Falten und die Warzen der Frau von B**, so wurde er eben so knurrig aussehen, wie sie! Aber, ohne seine Braut anzublicken, kam er zu mir, kusste meine Hand, und sagte mit Bewegung: "Ich danke Ihnen, mit aller Empfindsamkeit meines Herzens, fur den Segen, mit welchem Ihr schoner Mund die Erfullung einer meiner Pflichten belohnte."

Denken Sie sich, meine Mariane, mein Erstaunen und die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft, welche mein Oheim zu einer unmassigen Hohe trieb, da er einfiel: "Gewiss, meine Rosalia hatte uber eine schone Handlung der Nachstenliebe niemals gespottet. Ich weiss noch, wie mit vieler Achtsamkeit Du mit dem hasslichen und unfreundlichen Vater meiner Baase umgiengest!" O, mein Oheim, sprach ich ganz verwirrt, alle Welt muss sagen, dass Sie zu viel Gute fur mich haben! Auch sahen alle meinen Oheim, mich und Herrn St**, an. Dieser hatte seine Augen auf mich geheftet. Meine Besturzung war ihm leid, und er wandte sich an den nachsten Tisch: "Spielen Sie fort, ich bitte recht sehr! die Schonheit der Seele ist allezeit mit Bescheidenheit verbunden. Die Mademoiselle C**. will nicht mehr umsehn, da sie Sich so bewundert sieht." Ich gieng mit der Frau des Hauses in ein Fenster, wo ich mich uber ihren Sohn beklagte, der die Ursache dieser Scene war, da er seinem Freund von meinem ihm ertheilten Lobe gesagt hatte. Es schmerzte mich, dem Herrn St**. zu seiner Rache Anlass gegeben zu haben. Gerne ware ich zu dem Fraulein von A**. gegangen, und hatte mit ihr gesprochen, aber sie warf Feuerblicke gegen mich und meinen Oheim. Endlich ging sie weg, ohne vom Herrn St**. etwas anders, als eine tiefe Verbeugung erhalten zu haben. Nun redte ihm alles zu, sich wieder auszusohnen! Ich bat ihn darum als um eine Genugthuung fur den Verdruss, den mir die Rachsucht seiner Eigenliebe dabey verursacht hatte. "O, verdammen Sie mich nicht," sagte er, "Ihr Missvergnugen durchbohrt mein Herz, aber, es ist unmoglich, ganz unmoglich, dass ich meine Verbindung mit dem Fraulein von A** vollziehe. Wir haben uns betrogen! es ist keine Simpathie unter unsern Seelen!" Ich eilte durch ein Nebenzimmer fort; und zu Hause sagte mein Oheim bey der Wiederholung, dass oft die Umstande den Werth einer Handlung erhohten oder verminderten. Ware der junge Mann weniger schon, oder hatte er diesen schuldigen Dienst der Menschenliebe einer schonen Frau angeboten, so hatte man nicht davon geredet. Hatte seine Braut nicht gespottet, da ihn andere lobten, so hattest Du keinen Liebhaber an ihm bekommen; und gewiss hatte die alte Frau einem ubel aussehenden Menschen kein so schones Geschenk gemacht! Das schlimmste ist, sagte ich, dass die Tugenden der Nachstenliebe so selten geworden sind, sonst wurde man ihn nicht so gelobt und beschenkt haben! Aber zum Liebhaber mochte ich keinen jungen Mann, der alles so arg nahme, und mir sein Herz nur in dem Augenblick seiner geschmeichelten Eigenliebe anbote.

Sagen Sie mir was uber diesen kleinen Vorfall in der Liebeswelt! Der junge G**. war heut bey uns und versicherte, dass die ganze Heyrath aufgehoben ware. St**. gabe keinen Menschen mehr eine Sylbe Antwort, der vom Fraulein von A**. redete.

Schonheit und Reichthum machen also auch Manner zu Stutzkopfen. Dennoch bekenne ich Ihnen, dass mir der Unmuth des von St**. sehr edel scheint. Denn auf was fur einen andern Grund konnen wir daurende Liebe bauen, als auf ubereinstimmende Neigungen?

Herr St**. unterbrach mein Schreiben. Der Mann ist wunderlich! er will mich und meinen Oheim uberzeugen, dass der gestrige Tag hinreichend gewesen sey, ihm den ganzen Werth meines Charakters zu zeigen. Ohne Zweifel denkt er dabey auch mir seine Verdienste bewiesen zu haben! O, meine Mariane, wie froh wurde ich seyn, von hier abzureisen, aber ich habe noch wenigstens drey Monathe hier auszudauren!

Sechster Brief

Mein Oheim ist Heute sehr zeitig schlafen gegangen, weil er von dem Herumgehen in der Stadt gar mude geworden. Der Tag war schon, und unsere hiesige Freunde wollten, dass wir uns mit den Strassen und Gebauden bekannt machen sollten. Die vielen engen Gassen machten mich zu Herrn K**. sagen: dass die erste Anlage der Stadt von sehr nachbarlichen Leuten mussen gebaut worden seyn, weil sie die Hauser so fetzten, dass sie sich die Hande uber die Strasse reichen konnten. Vielleicht, sagte er, geschah es auch, um die Glaser, bey einem alten deutschen Trunk, aus dem Fenster an einander zu stosen!

Er fuhrte uns in die Werkstatte von Kunstlern, wo ich meinen herzlichen Antheil an der billigen Freude nahm, mit welcher ich sie, aus edler, gerechter Selbstzufriedenheit, auf die Geschopfe ihrer Hand umherblicken sah. Ich dachte, schatzbarer Mann, wie viel Vergnugen hat Dein Fleiss um Dich versammlet! Du genossest es in der Kenntniss Deiner Fahigkeiten, in der Versicherung Deines Wohlstandes, und der Unterhaltung Deiner Frau und Kinder; die qualende Langeweile ist nie uber Deine Schwelle gekommen, und wenn einst das Alter deine Hande steif macht, so kannst Du sie noch mit Dank zum Himmel erheben, dass Du sie den Mussiggang niemals Preis gabst, der Dich zum Laster und Verderben gezogen hatte! So oft ich bey der Bude eines Handwerkers vorbey ging, wunschte ich ihm Seegen und daurende Krafte. Kaufmannsgewolbe, die tausend Gegenstande der Nothdurft und des muthwilligen Vergnugens des Ueberflusses in sich fassten, waren mir angenehm zu sehen. Sie dunkten mich Wasserleitungen zu seyn, die den fruchtbaren Boden der Erfindung und der Arbeit des Handwerkers bewassern; so wie die unzahlbare Nothwendigkeiten, die unsere Einbildung sich schuf, die Quellen davon sind. Also knupft das Verhangniss den Ueberfluss an den Mangel, weil das uberlaufende Maass des Reichen der erquickende Antheil des Aermern wird. Gewachse und Arbeiten von allen vier Welttheilen, Betrachtungen, die mein Oheim uber den Geist der Handlung machte, gaben mir einen schonen Blick auf die den ganzen Weltkreis als eine Kette umfassende Tugend der Redlichkeit und Treue, an welche der Handelstand bevestiget ist. Es war ein Augenblick sonderbarer Bewegung in wir, da ich die Menge Zirkel dachte, die man in der physikalischen Geschichte unserer Erde beschreibt, und nur einen einzigen moralischen Kreis sah, der im Zusammenhang unsere Menschenwelt durchlauft; denn alle andere geistige Bande der Erdkinder sind nur in abgerissenen Stucken zu sehen! Einen Wunsch fugte ich hinzu: dass, da der Wohlstand der Kaufleute sie verbindet, Treue und Glauben, als personliche Eigenschaften, zu besitzen, und die Triebfeder des Eigennutzes hinreicht, sie in ihre Kinder zu pflanzen und als nothige Tugend ihres Standes anzusehen; so sollten Gelehrte, in ihren Familien, auch das Gluck haben, die eigne Vorzuge des Geistes und Denkens ihren Kindern einzugraben! Meine Feder wiederholte hier den Gang meiner Empfindungen von dem ganzen Tage, weil ich unter allen, die uns begleiteten, Niemand gestimmt fand, diesen Ton zu horen, und ich Herrn St**, der sich zu uns gedrungen hatte, keinen einzigen Zug meines Charakters weiter zeigen will. Denn warum sollte ich das glimmende Feuer anfachen, da weder meine Neigungen, noch die Umstande meiner Bestimmung, sein Verlangen vortheilhaft sind? Ich wollte mich also heut lieber in seiner Meynung heruntersetzen, und ihn dadurch beruhigen, als, meiner Eitelkeit zu Liebe, seine Hochachtung vermehren. Mochten nur Sie, meine Freundinn, uber die Verwendung dieses Tags, zufrieden seyn mit

Ihrer

Rosalia.

Siebenter Brief

Es ist schon, meine Mariane, es ist gewiss sehr schon, wenn man die Gabe hat, sich Gluck zu schaffen, da, wo andre nichts, als die gewohnliche Lage des Hausstands sehen. Gestern machte ich die Bekanntschaft einer Frau, welche diese Fahigkeit ganz besitzt, und ihre Unterredung mir der jungen Braut, so bey uns war, schien mir eine Anweisung zu seyn, wie man jedes Stuck muhsam angebautes Feld mit einer Reihe ergotzender Blumen einfassen konne. Die ganze Ordnung und Starke der Gedanken kann ich Ihnen nicht wiederholen, nur einen Auszug, der sich mir stuckweis einpragte.

Nach den Gluckwunschen, die Frau K**. dem artigen Madchen gemacht, sagte diese halb angstlich: "Ach, wenn ich hoffen konnte, in meinem Ehestande so munter und vergnugt zu seyn, wie Sie Madame, es sind!" Das wird leicht seyn, mein Kind! Sie durfen sich nur Ihre Verbindung als die Gelegenheit vorstellen, die Sie haben werden, Ihren Verstand, Ihre Geschicklichkeit und die Gute Ihres Herzens zu zeigen. Durch Ihre unausgesetzte zartliche Achtsamkeit, die Liebe des Herrn B**. zu erhalten, werden Sie das beste Gluck seines Lebens seyn. Das Maass Wohlergehn, welches gute Hausbediente wunschen, hangt auch nur von Ihnen ab. Durch Gefalligkeit, Sanftmuth und Munterkeit im Umgang, werden Sie die Gewalt haben, den Freunden des Herrn B**. Vergnugen zu machen. Den Tag, wo Sie Mutter werden, mussen Sie nicht denken, dass Ihre Beschwerden und Sorgen sich haufen, sondern, dass ein Geschopfe mehr lebt, dessen Gluck und Wohlseyn aus Ihrem Herzen fliessen wird. Ist dieses nicht eine angenehme glanzende Aussicht fur eine junge Schone? Der Grund des freudigen Tons meiner Seele ist die hausliche Zufriedenheit meines Gatten; das sorgenfreye Lacheln meiner Kinder; der frohe Diensteifer meiner Bedienten, und die vergnugte Miene unserer Freunde; weil ich zum Theil sagen kann, dass es mein Werk ist! Glauben Sie, meine Liebe, die Vorsicht hat uns Frauenzimmern ein schones Gebiet anvertrauet; es kommt nur darauf an, wie wir es anbauen! Wenn wir Tugenden und Klugheit ausstreuen: so wachst uns gewiss Liebe, Hochachtung und Wohlstand auf. Eigensinnig mussen wir nicht seyn, und Rosen ohne Dornen fodern, oder, dass der Stein, an den wir uns stossen, weich seyn solle! Merken Sie sich, mein Schatz, die Zuge Ihres Geistes und Charakters, die Herr B**. bis jetzo an Ihnen belobte, und suchen Sie diese Eigenschaften vollkommen zu machen, weil dieses die Fesseln sind, die er freywillig um sein Herz band, und die ju ihm den Wunsch einer immerwahrenden Vereinigung nach sich zogen. Seyn Sie auch sorgfaltig auf die Erhaltung Ihrer Schonheit bedacht: denn die Natur hat den Reizen, die sie uns mitgetheilt, eine auf die Herzen der Manner ewig wurkende Kraft gegeben. Feine Auswahl im Putze und der ausserste Grad von Reinlichkeit, sind die materiellen Stutzen der hauslichen Liebe. Eine unveranderliche Gleichheit des Gemuths; Ausdruck der Hochachtung fur die Verdienste des Gatten; liebreiches, nicht stockendes Schweigen, bey Unannehmlichkeiten; der heitre Ton der Zufriedenheit, bey seinem Anblick; die Ueberzeugung, dass man ihm mit Vergnugen das Gluck seines Lebens danke; dass man jede Pflicht der Gattinn, der Mutter, liebe; der Anbau des Verstandes, um die nothigen Reize der Abanderung in den Unterredungen einstreuen zu konnen: dieses, meine artige junge Freundinn, sind die tugendhaften Kunstgriffe, deren ich mich bediente, einen geistvollen, die schone Welt kennenden Mann, zwanzig Jahre lang zartlich, und mit seiner Verbindung vergnugt zu erhalten. Ohne Muhe erlangen wir nichts. Der Bauer und Gartner muss saen und pflanzen, um von der Erde Brod und Fruchte zu ziehen. Arbeiten des Geistes und der Hande, sind die Kette, an welche das Wohlsein und Unterhalt gehangt ist. Ihr Gatte wird fur Ihr Gluck, Sie mussen fur seine Ruhe und sein Vergnugen sorgen; und nachdem Sie den Segen der Eltern, wegen getreuer Erfullung der Pflichten einer guten Tochter, erhalten haben, so muss es Ihr Herz freuen, wenn Sie auch in Zukunft den Segen und das Lob des Gatten, als liebenswerthe Frau erwerben konnen.

Eine zartliche Umarmung endigte diesen kurzen reizenden Unterricht, der fur uns alle gut war; denn die zwo Baasen der Mad. G**. waren auch mit da. Das junge Brautchen schien halb zu lacheln, halb zu weinen. Wir drey alteren aber hatten, glaube ich, das Aussehen, zu wunschen, diese schone Vorschrift bald ausfuhren zu konnen, indem sie uns unfehlbar scheint.

Achter Brief

Diesesmal, meine Freundinn, schreibe ich in vollem Zorn an Sie, uber Schwatzer, die mich hinderten, zwey Stunden eher mit Ihnen zu reden! Artige Sachen hatte ich gesammlet, und meine besten Ideen dazu gedacht. Mit der Feder in der Hand sass ich da, meinen Brief anzufangen! aber, da ich weg musste, um die Leute zu unterhalten, die auf meinen Oheim warteten, so wurde alles zerstort; die feinsten Gedanken sind verschwunden! Ich bin, wie eine Person, die schone Blumen gepfluckt hatte, und just begriffen war, ihrer Freundinn ein Bouquet davon zu binden: jahling kommt ein boser Geist, und wirft einen Haufen Sand, Spreu und Geniste auf ihr Blumenkorbchen. Nach dem ersten Unmuth sucht sie das Zeug wegzuraumen; aber die meisten Blumen sind zerknickt, haben theils ihre schone Form, theils Blatter und alle den frischen Glanz verlohren! Ist man da nicht bose, meine Mariane? Nun ists noch dazu Zeit, zu Tische zu gehen, und da hore ich gewiss nichts, das mir meine verflogene Gedanken zuruck rufte.

Nachmittags 4 Uhr.

Da! gewiss ist selten ein Missvergnugen allein! Ich des Gemuths, in welche uns das Erste versetzte. Ich komme mit meinem halb murrischen Gesicht ins Speisezimmer, und fand wider mein Vermuthen einen Fremden, der der feinste Beobachter moralischer Charaktere seyn soll. Auf diesem muss der trockne widrige Ausdruck, der auf meiner Stirne sass, eine schone Wirkung gemacht haben! Denn die heitre Miene, die ich bey dem Anblick meines Oheims bekam, konnte ihn nicht anders denken lassen, als dass ich diesem zu Lieb die wahre Beschaffenheit meines Gemuths verberge, und es vielleicht aus eigennutzigen Absichten, und nicht aus der feinen zartlichen Sorge fur sein Vergnugen thue. Denn was fur Ursachen kann ein gesundes hubsches Madchen von zwanzig Jahren angeben, die ihr verdrussliches Aussehen, beym Eintritt in das gesellschaftliche Zimmer, entschuldigten? zumal, wenn ihre Glucksumstande durch die Liebe eines Verwandten, wie mein Oheim, so vortheilhaft sind, muss man sie sorgenfrey achten, und ihre uble Laune einer verkehrten Gemuthsart, oder Ungeduld der Liebe zuschreiben; und beydes ist hochst nachtheilig! O, mochte ich, meine Mariane, fur mein ganzes Leben, so schnell und so stark jeden Fehler meiner moralischen und geselligen Pflichten fuhlen, wie jetzt meine geangstigte Eigenliebe dieses, dem Ruhme meines artigen Humors so schadliche Verhalten empfindet!

Herr L**. ist mit meinem Oheim und seinem Freund zu Besuch gegangen. Er kommt wieder mit Ihnen nach Hause. Ich will Gelegenheit suchen, von meinem heutigen Gesicht zu reden! Dieser Mann soll nicht ubel von mir denken, durchaus nicht; eher zehn Andre!

Abends 11 Uhr.

Ich bin mit mir ausgesohnt! und Herr L**. hat mich gegen jede Besorgniss wegen seiner Gesinnungen gesichert.

Er hatte bey Tisch, Mittags, sehr wenig geredt, und nur andre reden zu machen; wobey er mich, wie mich dunkte, mehr als die andern beobachtete. Nach der Zuruckkunft, da mein Oheim auf einige Zeit in sein Zimmer ging, redte mich Herr L** ganz sanft, aber mit so ganz forschenden durchdringenden Blicken an. Ich gerieth in eine ganz sichtbare Verlegenheit, aus welcher mich nichts, als Freymuthigkeit erlosen konnte. Ich sagte ihm, die Ursache meines Stottern und Errothens ware ein kleiner Kampf zwischen meiner Eigenliebe und der Wahrheit. Das unfreundliche Wesen, so er an mir musste bemerkt haben, ware Ursache daran. Ganz fein, ganz schonend fragte er mich: warum ich deswegen besorgt ware? Weil ich die Hochachtung sah, die Sie meinem Oheim, und er Ihnen bewiess, so ware mirs leid, dass er ein Verhalten dieses unschatzbaren Mannes nicht anstunde. Er lachelte beynah etwas satyrisch hieruber. Dieses bewog mich, sogleich aus meinem Zimmer den Anfang meines Briefs an sie zu holen, und ihm solchen ganz im ernsten Schweigen zum Lesen zu geben. Er lachelte wieder, aber nicht mehr bitter; seine Augen, dunkt mich, wurden grosser, glanzender, und gewiss war ein Ausdruck von staunender Achtung darinn, da er mir meinen Brief gab, und fur mein Vertrauen dankte. Den Augenblick ward mir leicht, mit ihm zu reden, ob ich schon fand, dass alle seine Fragen nothwendigerweise charakteristische Antworten nach sich zogen. Er fragte auch nach der Mariane, an die ich alles schreibe. Er sah meine Seele, da ich von Ihnen sprach. Und nun endige ich meinen Brief mit einem herzlichen Gott sey Dank! dass ein edler, scharfsinniger Mann, und die geistvollste tugendhafteste Person meines Geschlechts, in jedem Augenblicke meines Lebens in meiner Seele lesen durfen.

Rosalia.

Neunter Brief

Seit funf Tagen habe ich Ihnen nicht geschrieben; bald, meine Mariane, mochte ich bey lebenden Leibe an eine Seelenwanderung glauben, und denken, dass die meinige diese Zeit uber nicht bey mir war. O, Gefalligkeit, wie viel Opfer foderst du! Bald von der Wahrheit unsrer Gedanken, bald von unsern Empfindungen; trugest du nicht die Farbe der Menschenliebe, so wurde ich dich hassen!

Die Frauenzimmer im Hause, wo wir wohnen, haben mich in den Wirbel ihrer Bekanntschaften und Ergotzungen gezogen, ohne dass sie eigentlich wissen, was sie mit mir thun sollen. Das Vermogen meines Oheims, die in Deutschland so seltene Erscheinung eines reisenden Madchens von meinem Stande, macht, glaube ich, dass mich die einen zeigen, und die andern sehen wollen; und ich, meine Mariane, bin schwach genug, meinem Widerwillen zu Trotz, Einladungen nachzugeben, die mir funf ganzer Tage die Freude rauben, mich mit Ihnen zu unterhalten! Vorgestern dachte ich einen langen Brief an Sie zu schreiben, da kam noch Morgens Herr G**. von seinem Amte, und brachte seine Frau und Schwester mit, um sie in das Concert zu fuhren; da wurde ich gleich dem Frauenzimmer vorgestellt, in Gesprache verwickelt, und sah mein Zimmer erst beym Schlafengehen. Sie wissen, wie feyerlich ich meinem Oheim, nach meiner Augenkrankheit, versprechen musste, in meinem Leben des Nachts nicht mehr zu lesen und zu schreiben; ich habe mir auch ein Gesetz gemacht, dieses seiner Liebe gethane Versprechen in keiner Gelegenheit zu ubertreten; also konnte ich mich auch des Nachts nicht schadlos halten; und Gestern fruh kam der muntre Schwarm der drey Tochter des Hauses, zweyer Nachbarinnen, Mad. G**. und ihre Schwagerinn, mit dem Caffee in mein Zimmer; da wurde vielerley, und auch von dem Concert gesprochen. Bey dem Artikel des Putzes hofte ich ihrer los zu werden, und noch einige Minuten zu einem Briefchen an Sie zu haschen, indem ich sagte, dass ich furchtete, nicht Zeit genug zu meinem Aufsatz zu finden: aber, die rauschende Frolichkeit dieser Personen bemerkte den leisen Wink nicht, womit ich sie um Raumung meines Zimmers bat; ich musste harren, gefallig seyn, und den Wunschen meines Herzens ihre Befriedigung auf Heute anweisen.

Mad. G**. hat die heiterste Gemuthsart, die ich jemals an einer Person meines Geschlechts gefunden habe. Verstand und viel Belesenheit. Aber, da Lustigkeit der Hauptzug ihres Charakters ist; so sind alle Wendungen ihrer Ideen drollig, und auch die Farben ihrer Beobachtungen bunt. In dem Concert, wo eine grosse Menge sehr artiger Personen beyderley Geschlechts war, bemerkte ich noch einen sonderbaren Schwung, den sie manchmal ihren Gedanken giebt, indem sie mir diese Gesellschaft als das Schauspiel eines Wettstreits nennte, den die Phantasie der Mutter Natur und die Einbildungskraft ihrer Kinder gegen einander hielten: wo Erstere ihre Weisheit, Starke und Gewalt, in Verschiedenheit der Gesichtszuge, Grosse und Kleine der Gestalt, in Mannigfaltigkeit der Physiognomie und dem Ton der Stimmen bewiese die Menschen hingegen, in der Abanderung der Verzierungen, in Wahl der Farben, Form der Kleider und Kopfputz, in kunstlicher Anmuth der Geberden und des Bezeigens. Mit vieler Schalkhaftigkeit behauptete sie dieses und jenes in dem einen und andern Gesichte zu lesen; sagte darauf, da sie mich starr angesehen, dass in meinem Kopf Ideen waren, die das Seitenstuck zu ihren moralischen Betrachtungen ausmachten, und dass sie, ohne anders, es im ganzen wissen wolle! Jemehr ich mich weigerte, je ungestumer foderte sie; und da ich ein ubereinstimmendes Stuck zu ihrem Gemahlde liefern, und die Ideen von Vielfaltigkeit und Menge beybehalten musste; so sagte ich: mein Nachdenken hatte sich auf die unendliche Summe des verflossenen und gegenwartigen Vergnugens bezogen, das unser aller liebreiche Mutter, durch Fahigkeit, zu erfinden und zu geniessen, unter ihre oft so undankbare Kinder ausgetheilt habe. So hatte, zum Beweis, jede Gattung der verschiedenen Kleiderzeuge dem Arbeiter, bey dessen Endigung, ein Gefuhl von Freude, uber seine Geschicklichkeit gegeben; die Person, die sich mit der Schonheit des Zeugs Ansehen gab, auch ihr Antheil Vergnugen dadurch erhalten; so ware es der Putzmacherinn, bey Erfindung der Moden, dem Frauenzimmer, die ihre Reize dadurch erhohte, dem Tonkunstler bey der Aufsetzung und Fugung der Stucke gegangen, die wir gehort hatten. Gewiss, sagte sie, es giebt viel kleine Freuden in der Welt, uber die man, wie uber die Millionen Grashalmchen, hingeht, die den schonen Rasen machen. Tausend Vergnugen werden von einem Theil unsers Gefuhls ohne Nachdenken genossen, und ihr Daseyn erst bemerkt, wenn man, wie bey dem Spatzierengehen, auf einmal, bey Betretung des steinigten Weges, an das sanfte Gehen auf dem Grasboden denkt.

Dieser Ton ruhrte mich; ich horte ihr staunend zu, und antwortete ihr mit zartlicher Achtung. Sie erwiederte dieses mit einem Drucken meiner Hand, und sagte: Es freue sie, dass ich ihr Achtung beweise; sie liebte mich auch besonders, weil ich so viel Geist hatte, alles aufzufassen, und man keinen Gedanken bey mir verlohre. Hiemit scheuchte sie meine punktliche Zartlichkeit ein wenig zuruck; aber ich wurde gleich wieder so billig, zu finden, dass wir alle nichts lieben, als was uns Vergnugen macht, und Frau G**. so freymuthig ist, es zu sagen.

Gefallt Ihnen diese Frau nicht auch, meine Mariane? Sie macht eine eigene Farbe im Character aus. Ich werde einige Tage mit ihr aufs Land gehen, wo ich mit mehr Freyheit, in ganz reiner Luft, beim Gesang der Lerche, an meine Mariane denken und schreiben werde.

Zehnter Brief

Wie vortreflich ist Ihr vor mir liegendes Schreiben! wie gutig Ihre Freundschaft fur mich! Ich kann auch die ganze weibliche Welt aufbieten, um mir noch eine Mariane zu weisen! Mit was fur einer schmeichelhaften Wendung sagen Sie mir, dass Sie sehr zufrieden sind, in acht Tagen keinen Brief von mir gesehen zu haben. So macht es die edle Liebe, die Freude, das Gluck des Freundes wird dem eigenen vorgezogen. Es ist Ihnen lieb, sagen Sie, dass mein Kopf und Herz Beschaftigungen hatte, die mich hinderten, Ihre Abwesenheit zu fuhlen, und meine Arme auszustrecken, um von allen Wesen allein Sie zu umschlingen; und gerne wollen Sie meine feurige Zartlichkeit fur Sie in gemassigte Warme verwandelt sehen, wenn ich zugleich gerechter und liebreicher gegen andre werde. O, Mariane! gerecht war ich just in dem Augenblick, da Sie den vorzuglichsten Theil meines Herzens und meiner Hochachtung erhielten! Fodern Sie mich nicht auf, gerecht zu seyn, denn da muss ich jedem geben, was ihm gebuhrt, und dann kommt noch viele Nahrung zu dem Feuer meiner Zartlichkeit fur Sie. Aber liebreich, meine Mariane, liebreich und billig will ich seyn! Ich weiss es, nicht jeder Geist kann, wie der Ihrige, angebauet, nicht jede weibliche Seele so gross, so edel, wie die Ihrige, seyn; aber, alle konnten doch ich sehe Ihre Hand, die mir den Mund zuhalten will. Ich schweige selbst, und gewiss, ich wollte nichts Hartes sagen. Sie wollen, dass ich durch Thaten rede! Ja, meine Freundinn, ich will; und da meine armen Briefe das einzige Kennzeichen sind, nach welchen Sie meine Handlungen beurtheilen konnen: so sollen diese beweisen, ob ich so gut werde, als Sie es wunschen; und gleich will ich mir eine artige, ganz romantische Begebenheit unsers Concerts zu Nutz machen, um Sie zu uberzeugen, dass ich nicht so unvertraglich bin, als der manchmal heftige oder nur eifrige Ton meiner Gedanken es vermuthen lasst.

Ich muss in meinem Gesprach mit Mademoiselle G**, nachdem sie gesungen hatte, billig genug gewesen sein, und sie nicht verhindert haben, jede gute Eigenschaft ihres Verstandes und Herzens zu zeigen, weil Sie sich durch diese Unterredung eine vortheilhafte Heyrath zuzog. Sie hatte Italienisch gesungen. Ich fragte, ob sie die Sprache verstunde? munter sagte sie mir: Signora fi. Ich redte gleich im Italienischen fort, und sie sagte sehr schon, sehr gelaufig, alles Gute, was sie uber meine Frage dachte. Wir vermutheten nicht, dass gleich hinter uns ein Fremder sass, der aus Venedig kam, und alles, was wir redeten, um so eher horte, als es meistens von uns Deutschen geschieht, eine fremde S p r a c h e starker und lauter auszusprechen, als gewohnlich die eigene. Ich sah wohl, dass, wie wir aufstunden, um die zweite Arie horen zu lassen, er ganz dienstfertig die zwey Stuhle ruckte, und seine Blicke mit Sehnsucht auf die schone Blondine G**. heftete. Aber nach dieser Arie ging Mademoiselle G** mit mir und ihrer Schwester auf und ab, und der Fremde verlohr sich. Nach Endigung des Concerts, wie wir aus dem Gasthofe, wo es gehalten war, weggingen, stund er unter der Thure, war sehr hoflich, und sah uns nach. Das Haus des Herrn F**, wo wir alle wohnen, ist nur sechszig Schritte davon; und den andern Tag, als ich Ihnen meinen ersten Concertbrief geschrieben, liess sich Herr S**, Kaufmann aus Venedig, bey mir melden. Ich stutzte und sagte, es musse eine Irrung seyn; ich hatte die Ehre nicht, Jemand dasigen Orts zu kennen. Er bat aber so sehr, mich einen Augenblick zu sprechen, dass ich ihn auf mein Zimmer kommen liess. Ich erkannte sein Gesicht, und war gleich wegen unsers Welschen Geschwatz besorgt.

Er entschuldigte seine Zudringlichkeit sehr artig und sagte: Er nennte sich S**, ware ein Sohn des reichen Banquiers dieses Namens, und in der Absicht hierher gekommen, eine artige deutsche Frau zu holen. Er ware eine Stunde vor dem Concert angelangt, und hatte es gleich mit Begierde angehort, wo er so glucklich gewesen ware, nicht nur die schonste Stimme zu horen, sondern auch durch den Zufall einer Unterredung nahe gewesen zu seyn, in welcher das junge artige Frauenzimmer, so bey mir gesessen, den allervortreflichsten Charakter gezeigt, und sein Herz auf alle Weise eingenommen hatte. Er wunschte und dachte, dass eine solche geistvolle Freundinn, wie ich, wissen konne, ob das Herz der liebenswurdigen Schonen noch frey ware, und er also sich um ihre Gunst bewerben konnte. Er wurde mir ewig fur diese Gute verbunden seyn. Nun kam ich vollig zu mir; denn anfangs dachte ich, er wollte mir Antrage machen! Ich versprach, nach der Mademoiselle G** Freyheit zu fragen. In dem Augenblick kam mein Oheim, sah mich bey einem Fremden allein, der mir die Hand kusste. Sein ernstes Gesicht machte, dass ich ihm gleich die Historie erzahlte; da nahm er alles auf sich. Der Fremde speiste mit uns, redte Mademoiselle G** Italienisch an, blieb den ganzen Nachmittag bey uns, und hatte das Gluck, sich ihr gefallig zu machen. Abends sprach er mit Herrn und Madame G**. Nach dem Souper war das Versprechen, und in vierzehn Tagen fuhrte er sie weg, nachdem er einer noch jungern Schwester das ganze Vermogen seiner Braut geschenkt, und dieser nur die nothigen Reisekleider zu behalten erlaubte. Ist dies nicht ein artiger Roman? und sollten nicht junge Frauenzimmer recht sorgfaltig seyn, lauter gute Sachen zu reden, auch wenn sie ganz allein zu seyn denken? Adieu! ich gehe nach R**.

Eilfter Brief

Von dem Schlosse R**, wo Herr G** als

Oberbeamter seine Wohnung hat.

Wir sind vor sechs Tagen hieher gekommen, um die Hochzeit der Mademoiselle G** zu feyern. Wenn alles, was der Zufall bey dieser Heyrath versammlete, Vorbedeutungen von dem Schicksal der nunmehrigen Madame S** sind: so kann sie auf gluckliche Tage rechnen. Ihre Geschicklichkeit in der Musik, ihre vernunftige Unterredung mit mir, erwarb ihr die Neigung ihres Mannes. Das Zeugniss, welches ihre Freunde von der Tugend und Gute ihres Herzens gaben, befestigte seine Liebe. Mein edler, vortreflicher Oheim war ihr Freywerber. Einer der wurdigsten Geistlichen segnete ihre Ehe ein, und wahrend der Trauung sah ich so viel redliche Hande der Landleute fur ihr Wohlergehen zum Himmel erhaben, dass mein Herz Wunsche that, dereinst meine Gelubde fur neue Tugenden und fur das Gluck meines Freundes, auch unter der Furbitte des Wohlwollens und der Gottesfurcht so vieler Menschen, abzulegen. Denn, ob mich schon die Thranen, die ich von den Wangen einiger Frauen fliessen sah, auf einen, sie druckenden Hauskummer denken liess: so war doch gewiss, dass sie in diesem Augenblick der Braut wunschten, dass sie glucklicher seyn moge.

Ich sagte der Neuvermahlten, bey unserer Zuruckkunft ins Haus, alle diese Anmerkungen, die auch einen angenehmen Eindruck auf sie zu machen schienen. Aber der tolle, unbesonnene Schmerz, der darauf entstund, verdrang das feine Bild moralischen Glucks, der hauslichen Liebe, so ich ihr vorgezeichnet hatte. Es ist wahr, dieser Scherz machte auch die vorher weinende Frauen lachen; aber ich sagte doch in meiner Seele: Nein! so soll der feyerlichste Tag meines Lebens nicht entweihet werden! Der Tag, an welchem ich alle ubrigen zu neuen Pflichten, nach den ewigen Gesetzen der Natur heilige, heiter und munter soll er vorbey gehen: aber, mit Koth soll man mein Brautkleid nicht bewerfen! Diese jahe und so ganz rauhe Abanderung des Tons der Gesinnungen, da man von dem Gebet um Segen, zu den elendesten Ideen uberging, machte mich bey Tisch denken, dass wir unsern Geist eben so widersprechend behandeln, wie unsern Korper, dem wir eine Tracht heisser Speisen, und dann gleich in Eis gekuhltes Getranke geben. Die Macht der Gewohnheit allein ist Ursache, dass wir dieses widersinnige Verhalten nicht anstossiger finden. Aber sollten nicht in dem ungleichen Gange unserer moralischen und physicalischen Wirthschaft einige Ursachen liegen, dass wir in unsern Charaktern nicht mehr so oft das Ganze und Grosse, und in unserer Gesundheit nicht mehr das Starke und Dauerhafte der alten Zeiten haben? Sie konnen sehen, meine Mariane, dass ich an den Tischgesprachen nicht vielen Antheil nahm, weil ich diese Betrachtungen bey mir machte. Aber der Brautigam war so feindenkend, dass er unvermerkt eine andre Wendung in die Unterhaltung brachte, indem er von den Gebrauchen sprach, die in Venedig, theils bey vornehmen und theils bey der gemeinen Hochzeitfeyer, gewohnlich waren. Hier konnte ich wieder mit reden, und auch gerne zuhoren, denn jeder der anwesenden Manner wusste, von seinen Reisen her, etwas Eigenes zu sagen. Endlich kam Musik, und man fing an zu tanzen; welchem Vergnugen ich mich, nach aller Munterkeit meiner Jahre, uberliess. Bey dem zweiten polnischen Tanze aber, da ich ruhen wollte, und unvorsichtiger Weise zu nah' an einem Officier vorbey gieng, der ein sehr guter, aber rascher Tanzer ist, bekam ich einen so heftigen Schlag von dem Absatz seines aufgehabenen Fusses an den Seitenknochen des meinigen, dass ich nicht nur nicht mehr tanzen, sondern auch nicht gehen konnte, und in mein Zimmer musste, um einige Mittel gegen die Schmerzen zu brauchen; woruber ich dann nachmals sehr froh war, weil ich dadurch von der Ceremonie des Strumpfbandraubes befreyt wurde. Ich konnte mich auch den andern Tag, da er mir viele Entschuldigungen wegen dieser Beleidigung machte, nicht enthalten, zu sagen, dass ich ihm mehr Dank wusste, als er glaube; weil ich, ohne dieses Uebel an meinem Fusse, gewiss noch einen Schlag an den Kopf bekommen hatte, der mir viel unangenehmer gewesen ware! Er konnte mich nicht begreifen, und sah mit einer Miene um sich; als wollte er andre um die Erklarung fragen. Aber, Abends, da ich mich weigerte, das Pfandspiel mitzumachen, sagte er mir: Nun sehe ich, warum Sie mir so gerne vergaben, dass ich Ihren Fuss verletzte. Ich konnte, meine theure Mariane, ich konnte nicht mitspielen! meine ganze Seele emporte sich, bey dem Gedanken von dieser oder jener Aufgabe, zur Losung eines Pfandes, und ich ging, sobald die Rede davon war, in mein Zimmer, wo ich unter dem Furwande einer Ueblichkeit bleiben wollte, weil ich wohl einsah, dass meine Weigerung als ein Eigensinn angesehen seyn wurde, der alles andre Frauenzimmer beleidigte. Mein theurer Oheim kam zu mir, weil er in Wahrheit glaubte, dass ich nicht wohl ware. Diesem sagte ich die wahre Ursache meiner Entfernung aus der Gesellschaft, und beschwerte ihn, sein Ansehen nicht gegen mich zu gebrauchen; dass ich ganz gerne in das Dorf gehen, und den Bauersleuten helfen wolle ihr Heu nach Hause bringen; dass ich im Garten, oder in andern Arbeiten den Magden der Frau G** an die Hand gehen wolle, wie sie immer befehlen wurde, nur nicht Pfand spielen! "Aber Rosalia, Du bist ein Sonderling! die ubrige Alle werden es ubel nehmen." Wenn nur Sie, mein Oheim, mir vergeben, und ich ein klein Fieber bekomme, so bin ich zufrieden. "Wunderliches Madchen! lieber ein Fieber, als einen Spass!" Fragen Sie den Freund, den Sie mir gaben, ob er bose uber mich ist, dass ich dieses wunsche? "O, nun sehe ich Deine ganze Grille. Du willst nicht deutsch tanzen, damit Dich niemand in seine Arme kriege. Du willst nicht um Pfander spielen, weil Du furchtest, es mochte bey dem Auslosen ein Paar Maulchen kosten. Denkst Du denn, dass er eben so sorgsam ist?" Ich denke und erwarte nichts, mein Oheim, als, dass meine Gesinnungen nicht mogen zu einem Opfer gefodert werden. Ich war bestimmt, eine eigene Schattirung von Charakter zu haben! Lassen Sie mirs, ich will doch gut seyn! Er druckte meine Hand und sagte: Aber, Madchen, sieh zu! Du wirst eine verworfene Farbe werden.

Zwolfter Brief

O, der schone landliche Auftritt, voll wahrer Liebe, den ich Ihnen beschreiben will, so wie er nach seinem ersten Eindruck in meiner Seele ist!

Heute kam ein verwittweter Becker aus dem benachbarten Orte zu Herrn G**, und bat, ihm bey der Oberherrschaft die Erlaubniss auszuwurken, dass er die Wittwe eines Weinschenken von R** heyrathen durfte. Herr G** sagt' ihm, es wurde nicht seyn konnen; es waren schon mehrere Weinschenken und Becker da. Er hatte Befehl, eine gewisse Zahl zu halten, und wurde deswegen die Schenke dieser Wittwe aufheben, da sie ohnehin verschuldet ware. Hier traten dem guten Becker die Thranen in die Augen. Er flehte den Herrn Oberpfleger noch instandiger an. Just wegen den Schulden mocht' ich sie haben, sagt' er. Horen Sie mich an! Ich war vor vier und zwanzig Jahren Beckerknecht bey der Wittwe ihren Vater; da war sie das schonste und bravste Madchen, durch alle Oerter ringsum. Ich hatte gern mein Leben fur sie gelassen, so lieb war sie mir; aber ich war zu arm, und ihr Vater hatte viele Kinder, da konnten wir nicht ans Heyrathen denken, und ich musste leiden, dass sie der Weinschenk kriegte! Da war mirs ohnmoglich, in R** zu bleiben, und weit weg konnt' ich auch nicht. Ich verdingte mich bey einem Becker in B**; da kam ich alle Sonntag und Feyertag in die Schenke, wo mein Barbela war, und liess mir einen Schoppen Wein geben. Aber oft zahlte ich den Wein, ohne ihn zu trinken, wenn ich horte, dass ihr Mann sie anschnurrte. Wenn sie ein Kind stillte, oder wenn sie freundlich mit mir war, das war ein! Das Herz und Hals war mir zugezogen; ich konnte nicht bleiben; und war doch alle Feyertag wieder da. So wars, bis mein Meister starb; da nahm die Wittwe mich. Wir lebten gut mit einander. Ich ging nicht mehr so oft in Barbeles Haus, obschon ihr Mann gestorben war; aber vergessen that ich sie nicht. Und wie ich Wittwer war und alles von meiner Frau erbte, da freute michs, dass ich keine Kinder hatte, weil ich gleich dachte, die Weinschenkin zu nehmen, und ihr aus Schulden zu helfen. Lieber Herr Oberpfleger! thun Sie mir doch die Freud verschaffen, dass ich die Frau krieg! "Ey, sie ist ja nicht mehr hubsch!" Das daucht Sie so! Sie gefallt mir als noch, und ich mocht ihr so gern ihre alte Tag ruhig machen! Sie hat sich so viel mit ihren Kindern und ihrem Mann geplagt! Wenn ich sie nur acht Tag' hab', da vermach' ich ihr alles, und sie ist doch mein gewest! Herr G**. wurde bewegt; der Becker merkt' es, und streckte seine Arme nach ihm, mit der wiederholten Bitte, ihm zu dem letzten Gluck zu helfen; er wolle gewiss ein guter Unterthan seyn, und Gott und Herrn G** fur seine Frau danken. Er freue sich schon so viele Wochen darauf, seit er Wittwer ware; wenn es nichts wurde, so kranke es ihn todt. Herr G** gab ihm die Hand, und versicherte ihm seiner Fursprache. Das erleichterte mir und Madame G** das Herz; denn wir hatten im Nebenzimmer alles gehort, und waren gerne gekommen, fur den Mann zu bitten, aber wir durften nicht. Bey der Zuruckkunft ins Zimmer sagte Herr G** zu mir: Nun haben Sie einen Bauern-Roman gehort! Das war dauerhafte Liebe! Er soll sie haben! O, ich danke Ihnen dafur, sagte ich, ganz bewegt; und Frau G** fuhr fort: Was fur Geprange wurde ein Mann von Stande machen, wenn er solche zartliche Gesinnungen fur seine erste Geliebte behalten hatte!

Mich, Mariane, freute seine Begierde, ihr Gutes zu thun, ihre Schulden zu bezahlen und ihre alten Tage ruhig zu machen! War nicht der ganze Gang seiner Leidenschaft schon? voll redlicher Zartlichkeit, ob er sie schon nicht nach unsrer kunstlichen Sprache ausdruckte?

Herr G** sagte, dies ware der zweite sonderbare Charakter, den er unter den hiesigen Landeinwohnern gefunden hatte, indem vor zwey Jahren, da ein jung verheyratheter Bauer, wegen eines grossen Vergehens, auf vier Jahre zum Schanzen verurtheilt worden, sein noch ziemlich gerusteter Vater gekommen ware, und sich angeboten, die Strafe fur seinen Sohn zu tragen, und zur Ursach anfuhrte: Er hatte noch Krafte genug, vier Jahre zu arbeiten, so dass die Herrschaft nichts verlohre; sturbe er dann, so ware alles vorbey, wo hingegen sein Sohn, ein junger starker Mann, seine Schande lange Jahre mit sich tragen, und auch seine arme Kinder darunter leiden wurden. Nun konnte er sich bessern, und die vier Jahre uber seine Guther wohl bauen und noch lange ein braver Mann seyn, damit ware den Kindern und der Herrschaft mehr gedient, als mit ihm alten Mann, den das Ungluck seines Sohnes zur Erde drucken wurde! Herr G** stellte ihm vor: er konne den Unschuldigen nicht anstatt des Schuldigen strafen. Der alte Mann sagte: Vater und Sohn war' einerley. "Euer Sohn wurde das fur Euch nicht thun." "Darum ist er auch mein Sohn, und nicht alt genug, alles recht einzusehen." Herr G** gab einen Bericht an die Regierung uber diese Sache, und der junge Bauer wurde wegen seines treuen Vaters begnadigt. Mit geruhrtem Herzen dankte ich Herrn G** fur diese Erzahlung, und pries ihn glucklich, diese Herzen bey seinen Untergebenen zu haben, und setzte hinzu, nun ware mir Herrn Grays schone Elegie auf einem Landkirchhof noch werther, als sonst! Er kannte sie nicht; aber, da ich sie immer in meinem Taschenbuch habe, so gab ich sie ihm zu lesen. Sie gefiel ihm, und er ging hin, sie abzuschreiben, wie ich in mein Zimmer, um Ihnen diese zwey Anekdoten mitzutheilen. Sehen Sie sie als moralische Gemahlde an, die ich auf meiner Reise zeichne, wie ein wandernder Landschaftmahler in seine Schreibtafel eine Gegend zeichnet, die seine Kenntniss ruhrt, und mit Dankbarkeit die Baume bemerkt, unter deren Schatten sein Aug' desto freyer umher sehen konnte; noch weniger den kleinen einsamen Bauerhof vergisst, dessen Strohdach den Landmann deckt, der mit fleissiger Hand die Fluren umher anbaute, die so schon bluhende Baume zog, und das Bachelchen durch die Wiese leitete, welche zusammen dem Schonheit fuhlenden Auge des geistreichen Mahlers so viel Reize zeigte. Er denkt: Ich will dich mahlen, kleine Hutte, die dem Manne zur Obhut dient, dessen Rechtschaffenheit ich auf seinen Feldern und Wiesen sehe! Ihr fruchtbaren Baume, die ihr, von ihm gepflanzt, unter seiner emsigen Aufsicht in die Hohe wuchset, ihr sollt mein Gemahlde, so wie diese Gegend verschonern! Vielleicht bleibt der getreue Abriss von dir, holde landliche Aussicht! wenn einst die Verheerung eines unseligen Krieges dich, Hutte, verbrannt, deine Bewohner verjagt, und die bluhenden Baume abgehauen hat! Er schliesst seine Schreibtafel, blickt noch mit einem segnenden Aug' auf das kleine Bauerguth, und sagt: Wie viel bist du glucklicher, armer Mann, als manche Reiche, die ich kenne! Ein jeder Blick, den du auf den Krais deines Lebens thust, zeigt dir aufwachsendes Gutes, so deine Hand saete und pflanzte; du kannst allezeit bey dem Untergang der Sonne, mit Zuversicht, um Segen fur die Arbeit deines Tagwerks bitten, welches nicht alle Grosse, nicht alle Machtige thun konnen, wenn der Schlaf ihre Augen schliesst.

Ich habe zwey moralische Scenen aus der Bauerwelt aufgezeichnet, deren Andenken der Zufall erhalten kann, wenn auch die verdorbene Sitten der Nachkommen die schone Triebfedern dieser Auftritte auf lange Zeit zerstoren sollten.

Rosalia.

Dreyzehnter Brief

Ich bin noch immer auf dem Lande, bey Herrn G**. Weil mein Oheim eine Reise von drey Wochen mit Hrn H** macht, so habe ich ihn gebeten, mich hier zu lassen, und dadurch Frau G** sehr erfreut, indem sie sich noch nicht in die Abwesenheit ihrer Schwester finden kann. Der Herr Pfarrer M** K**, einer der wurdigsten Manner seines Standes, leistet uns oft Gesellschaft, und sein Umgang bereichert meine Seele. Durch ihn werde ich auch eine ganz besondere Person unsers Geschlechts kennen lernen. Frau G** hatte gestern Nachmittag zu schreiben, und ich bat Herrn M** K**, mit mir auf den alten Thurm des Schlosses zu steigen und mir die Ortschaften umher zu weisen. Die Lage eines Weilers von ohngefahr sechs Bauerhausern, und am Ende eines Fichten-Waldchen, dunkte mich besonders schon, und er sagte mir, dass die Hofe zu seiner Pfarre gehorten, und dass ich Recht hatte, diesen Wohnplatz schon zu nennen, indem der kleine Bezirk Erdreich dieses Ortes jede Anmuth und Wohlthat der Natur in sich fasste. Bey vier Jahren aber genossen die sechs Familien, so da wohnten, einen Schatz moralischen Gutes, der alles ubertrafe. Ich sahe ihn da mit der Miene an, die man hat, wenn man uber Etwas staunt und begierig ist, das Wunderbare ganz zu wissen. Er hiess mich das Fernglas nehmen, und am Ende des Fichtenwaldchens nach dem Bauerhause umsehen, das ich bis an den Gipfel mit Epich bewachsen sah, der an den Fenstern nett ausgeschnitten war, und mit dem hellrothen Ziegeldach einen artigen Abstich machte. Dies, sagte Herr M** K**, ist das Wohnhaus einer der edelsten und seltensten Personen ihres Geschlechts, welcher die Vorsicht jedes Gluck dieser Erde gab: aber, zu der Zartlichkeit ihres Herzens einen so hohen Grad feiner Empfindung legte, dass das Gegengewicht ihrer Leiden all ihre Freuden und Vergnugen ubertrift. Eine reizende Gestalt, jede Schonheit des Geistes, die ein gewisser Grad Kenntnisse einem Frauenzimmer geben kann; eine grosse Seele, voll jeder Tugend; Clavir-Spiel, Singen, Pastell-Mahlerey, und bey diesem noch freye Gebieterinn uber ein grosses Vermogen. Aber, zum Ungluck heftete sie ihre Liebe auf einen Mann, der ihre Empfindsamkeit nicht genug schonte, und ihr auch das Opfer einiger niedrigen Neigungen nicht machen wollte, wahrend sie jahe und heftige Ausbruche des Zorns an ihm ertrug; auch in vielen Stucken ihre Empfindlichkeit unterdruckte, und mit dem Uebermaass ihrer Liebe vieles, was sie schmerzte, ubersah; aber, da er anfing, mit einer Art Fuhllosigkeit ihres jeweiligen Kummers zu spotten, und auch gegen andre von ihrer zu weit getriebenen Feinheit in geringschatzigen Ausdrucken zu reden: so verlohr sie den Glauben an das Gluck der Liebe. Sie konnte den Gegenstand ihrer Zartlichkeit nicht mehr als einen edelmuthigen Mann ansehen, nicht mehr hochachten. Ihre misshandelte Zartlichkeit, der Verlust der Hofnung, dass sie durch ihre Gesinnungen das Gluck ihres Geliebten seyn wurde, sturzte sie in eine Art von Schwermuth, die gleich in den ersten Monaten den Grund ihres Lebens angriff. Die Gewalt, welche elende Katzenstreiche von kleinen Coquetten uber das Herz des Mannes hatten, den sie so innig liebte, rauhe, unedle Begegnung, die sie von ihm erduldete, haben in der Stadt ihre Grube angefangen. Eine, ihr Herz zerreissende Zartlichkeit fuhrt sie dahin. Unschuld, Einfalt und Stille des Landlebens, haben sie bis jetzo erhalten: aber sie lebt nicht mehr, sie schmachtet nur!

Ich war ausserst aufmerksam und geruhrt, denn ich horte in alle dem den Gleichlaut des Tons meiner Art zu lieben. Dennoch sagte ich: Ach, warum konnte ihr edler Geist diese traurige Liebe nicht uberwinden? O, tadeln Sie sie nicht, sagte der wurdige Mann, und fassen Sie das Ganze ihres Charakters zusammen. Ohne den hohen Grad feiner Empfindung wurde ihre Seele nicht so edel, nicht so moralisch seyn, als sie ist. Ohne die Gabe des anhaltenden Fleisses und Festigkeit im Vorsatz, hatte sie die Stufe der Kenntnisse und Kunste nicht erreichen konnen, die sie hat. Aber, eben die Triebfedern, welche diese Wirkungen in ihrem Verstande und Herzen hervorbrachten, mussten naturlicher Weise den Leidenschaften ihrer Seele die nehmliche Eigenschaften mittheilen. Lachelnd setzte er hinzu: War nicht der eifrige Widerstand, den Rosalia v. L** gegen das Pfandspiel machte, auch ein Stuck fester moralischer und Liebe Feinheit? Ich fiel ein: O, Herr M** K**, was holen Sie da fur einen Beweis? Denn, dass wir bey ernsthaften Anlassen nicht das Einzelne, sondern das Ganze, beurtheilen mussen. Vergeben Sie mir diese Anmerkung, und lassen mich fortfahren, setzte er hinzu. Meine Miene bezeugte ihm meine Aufmerksamkeit. Ich beobachte, seit beynah vier Jahren, den Gang des Charakters der Fraulein v. Effen, und finde nichts stuckweis, als ihr Gluck. Sie bezog, ganz finster, ganz in sich gehullt, zwey Stubchen auf einem dieser Hofe. Die susse Ruhe der Natur besanftigte ihren Gram, und gab ihr den Entschluss, auf immer da zu bleiben. Sie baute sich ein landliches Haus neben einem Bauer, den sie zu ihren Landwirthschafter behielt, und fing eine Schule fur die Kinder des Weilers an, wodurch ich mit ihr bekannt wurde. Ideen von Verzierung, die sie mit aus der Stadt brachte, und ihre Freygebigkeit, sind Ursache, dass diese Hofe, obwohl nichts kostbares, nichts anders, als andre Bauernhauser, dennoch etwas ausserordentlich Reizendes bey dem Simplen haben. Die Zufriedenheit, der Wohlstand, die Reinlichkeit, die nette Kleidung der Einwohner, die Reihen Baume an den Hausern, die grune Lauben und Rosenbusche in jedem Garten, alles das ist ihr Werk; denn bey dem tiefen Widerwillen, den sie gegen alles, was Stadt- und grosse Weltmenschen angeht, hat, liegt ein ausgebreitetes Wohlwollen in ihr. Ich bin ihr Almosenpfleger gegen die in der Stadt wohnende Gegenstande ihres Mitleidens. Sie hat aber in den vier Jahren Niemand zu sich gelassen, als ihre Landfreunde, wie sie ihre Bauern und mich nennt; doch, denke ich, soll Rosalia L** eine Ausnahme finden, denn sie war von dem Sonderbaren, so ich von Ihrem Bezeigen bey dem Pfandspiele erzahlte, ganz eingenommen, und der Gedanke, dass Sie Freunde sind, und bald wieder abreisen, hat sie zu meinem Vorschlag, Sie einmal zu den Schulkindern zu fuhren, ziemlich geneigt gemacht. Sagen Sie mir, ob Sie zufrieden waren, diese seltene Seele selbst zu sehen? Gewiss, werthester Herr M** K**, wurde ich den Tag segnen, an dem ich eine Person sehen werde, die ihre Kummertage zu Tagen des Wohlergehens fur andre macht.

Ich fuhle, o meine Mariane, ich fuhle tausend simpathetische Bande, die mich an Henriette v. Effen ziehen. In zwey Tagen will mich Herr M** K** hinfuhren. Ich bin diesen Nachmittag schon zweymal auf dem Thurm gewesen und habe nach ihrem Hause gesehen. Die Farbe der Fichten dunkt mich melancholischer und die ganze Gegend sanfter, als sie mir vor dieser Nachricht schienen; und, meine Freundinn, Erinnerungen, Nachdenken und Vergleichungen, machen, dass ich diesen Brief mit thranenden Augen schliesse.

Rosalia.

Vierzehnter Brief

Ich komme von dem Fraulein von Effen. Noch ganz bewegt und mit thranendem Auge schreibe ich Ihnen, meine Mariane; aber, moge ich ja niemals den Mann sehen, der dieses Herz brechen konnte! Doch, Sie werden lieber meine Erzahlung, als meine Betrachtungen lesen wollen!

Der Herr Pfarrer M** K** holte mich um halb acht Uhr ab. Ich war in Leinen, aber ganz nett angezogen. Wahrend des Wegs wollte ich von Herrn M** K** unterrichtet seyn, welches die beste Art des Bezeigens bey dem Fraulein von Effen seyn wurde? Er sagte mir aber, ich mochte nur meine Empfindung reden lassen! Es ware bey diesem Frauenzimmer nicht, wie in der grossen Welt, wo die aufrichtigste Hochachtung und die besten Gesinnungen des Herzens nicht allezeit geschatzt und beliebt seyn, weil da Menschen und Bekanntschaften so haufig abwechselten, sich verdrungen und ausloschten, wie die Wellen einer unruhigen See. Je naher ich dem Hause kam, je stiller wurde ich, besonders, da wir einen Fussweg zwischen zween Gartenhecken gehen mussten, der sehr lang und nur fur eine Person breit war. Das Fraulein hatte ihn auf beyden Seiten mit kleinen Graben zum Ablauf des Wassers versehen, und in der Mitte pflastern lassen. Am Ende fand ich mich auf der Strasse des Weilers. Die ungleich gesetzten Bauerhauser, mit ihren Bouquetweis gepflanzten Baumen, machten fur mein Aug ein reizenders Ansehen, als wenn sie in einer ermudenden geraden Linie stunden. Jetzo sieht bald ein Haus uber die Ecke eines Gartens heraus, oder es liegt ein Stuck Kornfeld zwischen den Baumen des dritten und vierten Hauses. Ich blieb an der Seite stehen, und betrachtete einige Minuten die schone Nachlassigkeit, durch welche sich Natur und Kunst mit einander verbunden hatten; dann gingen wir dreysig Schritt lang an einer niedrig gehaltenen Tannenhecke, die an der Mauer der Zimmer des Frauleins von Effen gezogen ist. Unter dem Thorweg, der des Bauren Haus von dem ihrigen absondert, traten wir gleich drey Stuffen hoch auf einen kleinen Gang, und von diesem in die Schul- und Spinnstube, wo zehn ganz landlich, aber ausserst reinlich gekleidete Kinder, von verschiedenem Alter, auf Strohstuhlchen sassen, und theils Baumwolle, theils Flachs spannen. Etliche, vier bis funf Jahr alte Buben sassen auf dem Boden und zupften die Baumwolle; alle ganz gesund und vergnugt aussehend. Grosse Fenster in den Gemusgarten und Viehhof stunden offen, gaben dem Zimmer frische Luft, und zugleich eine freundliche und nutzliche Aussicht, weil die Kinder, wahrend der Arbeit ihres jetzigen Alters, die Geschafte ihrer kunftigen Jahre und Berufs verrichten sahen. Alle stunden auf und grussten den Herrn M** K** mit der Liebe, die ein guter Hirte von seinen Schaafen zu erwarten hat. Die alteste Tochter des Hofbauern, und die Hausmagd des Fraulein von Essen, waren auch da und arbeiteten fleissig mir. Ich sahe mich von Freude, Unschuld und Fleiss umgeben, und ein Frauenzimmer, nicht viel alter als ich, hatte dieses hervorgebracht! Herr M** K** uberliess mich meinen Betrachtungen und sprach mit dem Einen und Andern der Kinder; indem schlug es Acht, und das Fraulein kam mit ihrer Kochinn, die einen Korb voll Brod und Birnen hatte, in die Stube. Ihre Gestalt machte mich staunen, und mein Anblick goss eine leichte Rothe uber ihr blasses, aber sehr edel gebildetes Gesicht. Herr M** K** sagte ihr: "Hier, mein Fraulein, ist Rosalia L**, die so begierig war, unsere Schule und die Stifterinn davon zu sehen." Diese Begierde habe ich Ihnen, mein Herr Pfarrer, zu danken, weil Sie so vortheilhaft von mir und meinen Kindern redeten. Dieses, meine Mariane, sagte ein schoner Mund, mit dem ruhrendsten Ton der Stimme. Stellen Sie sich dabey ein Frauenzimmer vor, etwas grosser und schmachtiger, als ich; ein langlich Gesicht; eine hubsche griechische Stirne; grosse dunkelblaue Augen; vortrefliche Augbraunen; die schonste Leibesgestalt; einen edlen Gang, und Bewegung des Kopfs und der Arme; alles mit einem Gemische von Schwermuth und Gute durchdrungen! Denken Sie sich mein Herz, und was ich von ihrer Geschichte wusste: so sehen Sie gewiss Ihre Rosalia mit der Thrane der feinsten Empfindung gegen das Fraulein von Essen treten und halb stammelnd sagen: "O, mochten Sie wissen, wie sehr ich Ihnen fur die Erlaubniss danke, diese Stube und Sie zu sehen!" Sie blickte mich mit sichtbarer Bewegung an, nahm eine meiner Hande, die sie sanft druckte, legte ihr Gesicht an das meine, und dann sagte sie zu Hrn M** K** auf Englisch: "Ach, diese Thranen der edlen Zartlichkeit fallen auf mein Grab!" Gott wird es verhuten, sagte ich schnell, indem ich sie an meine Brust druckte. Sie lichtete sich mit halbem Lacheln auf und sagte ganz gesetzt: "Diese Hofnung kommt zu spat." Herr M** K** war still, ich auch, und alle aufmerksam. Sie beobachtete es, und wandte sich gegen ihre Magd, indem sie daneben zu mir sagte: "Vergeben Sie! Aber meine guten Kinder arbeiten schon seit sechs Uhr. Sie mussen ihr Fruhstuck haben; nach diesem aber nehmen Sie und der Herr Pfarrer eines in meinem Zimmer an." Da ging sie und theilte das Brod und die Birnen aus; besah das Garn; gab jedem Kinde die Hand; fragte das Eine nach der kranken Mutter, das Andre nach dem alten Grossvater u.s.w. Ich wunderte mich uber den schnellen Schritt, mit welchem sie von dem ruhrenden Auftritt unsrer Umarmung, zu dem Grad Heiterkeit uberging, mit welcher sie das Fruhstuck austheilte. Herr M** K** sagte mir nachher, wenn ich oft um sie ware, so wurde ich diese Uebergange des Aufopferns ihrer Selbst vielfach bemerken. Indem sagte das Fraulein den Kindern sehr liebreich: "Nun geh' ich mit dem Herrn Pfarrer zu reden, aber Mittags esse ich mit euch!" wandte sich und gab mir mit vielem Anstand die Hand, und fuhrte mich uber den Thorweg, an der andern Seite in ihre Wohnung. Bey dem Eintritt in ihr Vorzimmer musste der Anblick der sonderbaren Zierlichkeit einen Eindruck auf mich machen; Herr M** K** sagte mir auch, es ware etwas Stutzendes, und dabey sehr Vergnugtes uber mein Gesicht gegangen. Ich sah das Fraulein bey dem Fortgehen ins Wohnzimmer stillschweigend an, und sie machte gleich darauf eine Bewegung mit der Hand gegen Herrn M** K** und mich, indem sie auf die Stuhle wies, und ging mit etwas wankendem Schritt in ein Cabinet. Das Vorzimmer ist Meergrun und weiss; das Wohnzimmer aber Cramoisi und weiss laquirt, weil alle Wande mit sehr schoner, aber simpler Holzarbeit gemacht sind. Hohe Zimmer; die Fenster bis auf den Boden. Anstatt der Brustmauer ein schon eisernes Gitter, so, dass man die freye Aussicht auf Feld und Garten hat. Von Aussen sind auf die nemliche Brusthohe Laden, die mit der Mauerfarbe ubermahlt sind, und im Winter und bey ubler Witterung zugehalten werden. Alle Schranke sind im Tafelwerk, so, dass die ausserste Ruhe und Einfalt in allem herrscht. Sie blieb lange weg, ohne dass indessen Herr M** K**, oder ich, redeten. Endlich brachte ihr Aufwartemadchen den Caffeetisch, und das Fraulein folgte. Ihre Augen schienen thranend. Sie schenkte uns eine Tasse ein und sagte: "Ich bin lange weggeblieben, aber mir war nicht ganz wohl, indem mir eine gewisse Art Freude so fremd geworden ist, dass ich sie nicht mehr zu tragen weiss." Bey diesen Worten sah sie mich mit einem schmerzhaften Lacheln an, und ich erwiederte: Es wurde mir sehr leid seyn, wenn das Vergnugen, so ich uber ihre Bekanntschaft empfande, ihr auf irgend eine Art schadlich seyn sollte. "Nein, nicht schadlich! Es wird nur zu einer angenehmen Abkurzung meines Weges!" Ehe ich, oder der Herr Pfarrer, etwas darauf antworten konnten, sagte sie zu diesem: "Sie wissen, dass ich freymuthig bin, und Ihnen, nach allem, was Sie mir von Rosaliens Charakter sagten, gern erlaubte, auch ihr ein Gemahlde von mir zu machen. Ich fuhlte eine innige Zufriedenheit, noch vor meinem Hingang eine Person zu sehen, von welcher mir mein Herz sagte, dass sie mir alles Verlohrne hatte ersetzen konnen, wenn ich sie fruher gesehen hatte." Ich naherte mich ihr auf dem Canapee und nahm ihre gegen mich liegende Hand: Mein theures Fraulein, wie sehr erheben Sie mich! und wie glucklich ware ich durch Ihr Vertrauen und Ihre Liebe gewesen! "O, Herr M** K**" sagte sie, ohne mir anders als durch sanftes Drucken meiner Hand zu antworten, "was haben Sie gethan, dass Sie unsere gutige Rosalia hieher fuhrten! und wie unvorsichtig war ich fur mich und Sie, meine edle Freundinn! denn Ihre und meine Ruhe leidet. " Verzeihen Sie, sprach Herr M** K**, eine Absicht, die ich beynah vier Jahre fruchtlos sah, aber unermudet fortsetzte. Ich wunschte in Ihnen das Verlangen nach Gluck und Leben wieder zu erwecken, weil dadurch die physikalischen Hulfsmittel auch mehr gefruchtet hatten. "Es ist weise Freundschaft in dieser Absicht, und mehr Tugend, als in meinem bisherigen Widerstreben! Aber, meine werthen Freunde, ich glaube, dass mein Schicksal entschieden ist, denn ich bin unter der Last meines Kummers und meiner Empfindsamkeit so tief gesunken, so ermattet, dass ich nicht mehr Kraft genug habe, mich an der liebreichen Hand festzuhalten, die mich retten will!" Hier sah sie mich mit einer unbeschreiblichen Wehmuth an, erhob ihre schone Augen einen Moment gen Himmel, und weinend sagte sie: "Rosalia! Ihre Freundschaft ist eine Blume, die an dem Rande meines Grabes sprosst. Sie mussen leiden, dass ich sie mit Thranen benetze! Wie lange bleiben Sie noch auf dem Schlosse R**?" Noch einige Wochen, meine Henriette, und ich hoffe Sie alle Tage zu sehen. Sie faltete ihre Hande mit einer freudigen Bewegung und wiederholte: "Noch einige Wochen! und alle Tage wollen Sie mich sehen! O, Herr M** K**, wie schon wird der Abend meines Lebens!" Ich hoffe, antwortete Herr M** K**, es soll die Morgenrothe eines noch heitern Tages werden! Mit einem halben Lacheln und einer unnachahmlichen Stimme und Bewegung des Kopfes, sagte sie darauf: "Gerne, sehr gerne will ich diesen Tag sehen! Aber " Nun horten wir die Kinder im Hofe, und sie sagte uns nach einigem Schweigen: "Diesen Morgen war ich sehr glucklich. Ich danke der Vorsicht und Ihnen dafur. Jetzt will ich mit meinen Kindern essen, und hoffen " Herr M** K** nahm seinen Stock und Hut, und ich umarmte die liebe schwermuthige Henriette, mit einer bedrangten Zartlichkeit. Sie legte ihren Kopf ein Paar Augenblikke auf meine Brust, und machte darauf eine sehr edle Verbeugung gegen uns beyde. Morgen, meine Mariane, das Uebrige. Hatte ich doch Ihre Klugheit, bey meiner Liebe fur das reizende Geschopf! vielleicht konnte ich ihr Gutes thun, aber ich nahre gewiss nur ihre Empfindung, und diese todtet sie. Wenn ich nur die etlichen Wochen noch hier bleibe, die ich ihr versprach!

R o s a l i a L**.

Funfzehnter Brief

Der Herr M** K** und ich gingen den Fusssteig ganz still und trubsinnig hin. Auf dem Felde sah ich ihn an, und er fragte mich, wie mir Henriette gefiele? Was fur eine Frage, Herr M** K**? Mein ganzes Herz ist bey ihr geblieben. Aber, warum redeten Sie so wenig? warum kampften Sie nicht gegen die dustre Anfalle der Schwermuth? Gegen eine aufgebrachte Einbildung kampfen, ware eben so viel, als das Uebel mit Widerhaaken befestigen! Mein Schweigen und der ungestorte Gang ihrer jetzigen Empfindungen mussen sie zu heilen anfangen, oder es ist alles vergebens; ich habe nun uber drey Jahre alle Mittel der Ueberredung und des Zuspruchs versucht. Meine Vorstellungen fanden eben so wenig Eingang, als Personen, die sie besuchen wollten. Ihre Bekanntschaft wird eine Aenderung hervorbringen. Der naturliche Hang zu zartlichen Regungen, zu starken moralischen Zugen des Charakters, ist aufgeweckt; ich habe sie das Leben niemals wunschen horen, als heute; und lange suchte ich nichts, als ihrer Zartlichkeit eine andre Wendung zu geben, weil ich wohl sah, dass die immer gleiche Spannung ihrer Seelenkrafte ihr Leben sichtbar schwachte. "Sie ist Heut auch uber meine Liebe und meine Unterredung matt und krank geworden!" Dieses schreckt mich nicht, wie mich ihr Muth wurde geschreckt haben. "Aber Muth zeigt Starke an!" Bey Gesunden! aber, bey dem Kranken ist er, was das letzte Auflodern der Flamme einer erloschenden Lampe ist. Ich habe es bey der Aufnahme des Webers erfahren. "Wie war dieses?" Er fing an zu erzahlen:

Vor ungefahr anderthalb Jahren, kam gegen Abend ein grosser Mensch sehr langsam und muhselig an das Fichtenwaldchen, weil er das eine Bein nur schleppte. Da er das Fraulein und mich erblickte, setzte er sich, hob beyde Hande auf und rief: O, Herr Pfarrer, erbarmen Sie sich meiner! Ich eilte zu ihm, und sah in seinem Gesicht jeden Zug des Schmerzens und der Redlichkeit. Was fehlt Euch, mein Freund? Er wies mir sein Bein, welches durch einen Fall, den er von einer Anhohe gethan, und von einem Steine, der ihm nachgerollt, sehr beschadigt und ganz dick aufgelaufen war. Ich sagte ihm, ruhig zu seyn, ich wurde fur ihn sorgen; liess ihn auch in den Ort tragen, Aufschlage machen, und alle sonstige Hulfe leisten, weil ich wusste, dass das Fraulein alles geben wurde, was ihm nothig ware. Ihre Gute hat auch die naturliche Menschenliebe unserer Landleute erhoht, so, dass diese dem Menschen alle gute Dienste erwiesen. Sein dankbares Herz zeigte sich in jedem Worte. Bey seiner Erholung kam er zum Fraulein, um ihr zu danken, setzte aber die Bitte hinzu, dass sie ihre Wohlthatigkeit an ihm vollkommen beweisen, und ihn zum Weber des Orts aufnehmen mochte; er wusste, dass sie viel spinnen liesse; er ware ein guter Weber, und mochte gar gern sein Leben bey so guten Menschen zubringen, die er hier angetroffen habe. Sie war uber den Vortrag und die Wunsche dieses Menschen geruhrt, und gestattete ihm nicht nur die Aufnahme in einem ihrer Hauser, sondern versprach, ihm eines zu bauen, und das gute Madchen auszusteuren, das er heyrathen wollte. Dieser ganze Morgen war ihr munter vorbey gegangen. Nachmittags kam ich, und sie erzahlte mir das Ansuchen des Webers, und ihre Entwurfe zu seinem Gluck. Ich dachte, die Gelegenheit sey vortheilhaft, in ihr einen Ruf zur Ruckkehr in das gesellschaftliche Leben zu erwecken, da ich ihr vorstellte, wie schon allein aus ihrer Freundschaft fur mich die Quelle so vieles Guten, das sie ihrem Nachsten bewiese, entstanden sey. Je grosser der Kreis ihrer Bekannten wurde, je mehr Gegenstande ihrer Menschenliebe sie finden konnte, ohne das Beyspiel zu rechnen, welches ihre thatige Tugend verbreiten wurde. Sie antwortete mir auch in einem ganz heitern Tone, und versprach mir, ofter davon zu reden. Sie liess auch den jungen Weber und den Bauer mit seiner Frau kommen, deren Tochter er seit seiner Krankheit aus Dankbarkeit liebte. Ich musste aufschreiben, was sie fur die junge Leute thun wolle, um mit dem Oberbeamten zu reden, und Bauleute zu des Webers Hause zu bestellen. Sie fuhlte die Freude der Eltern und Kinder mit ihnen, und unterhielt sich bey einer Stunde mit dem Entwurfe eines kleinen Landfests, das sie allen Einwohnern der Hofe bey der Hochzeit des Webers geben wollte, wo auch meine Frau und Kinder dabey seyn sollten. Ich war froh, Ideen von austheilender Freude in ihr zu sehen; denn das Gute, so sie zwey Jahre lang gethan hatte, war gleichsam nur die Absicht, Schmerz und Elend von ihren Nebengeschopfen zu entfernen. Und ihre melancholische Gute hatte immer Etwas so Ernsthaftes und Feyerliches, dass auch die Zufriedenheit der Leute nur durch stille Beruhigung, und nicht durch frohlockendes Vergnugen wahrgenommen wurde. Ich ging sehr getrost nach Hause. Aber, den andern Tag liess mich ihre Jungfer holen, und ich fand sie so schwach, so niedergeschlagen, dass ich an nichts, als an die Rettung ihres Lebens denken konnte; und aus dem traurigen Abscheu, den sie gegen die oftern Besuche des Arztes zeigte, fand ich, dass ihr Widerwillen aufs Neue die Oberhand gefasst hatte. Das Haus des Webers wurde gebanet, eingerichtet und mit drey Webstuhlen versehen. Er nahm seine Frau, ohne dass die Frage von Freudentagen war; und ich fand sie ofter in Thranen als vorher. Ihre Krafte wichen mit der Heiterkeit. Nur dieses Fruhjahr erholte sie sich in etwas, da sie, auf mein Anrathen, anfing, die Krauterkenntniss zu lernen, sie nach den Monaten zu suchen, zu trocknen und zu bemerken. Sie hat sich auch, seit dieser Krankheit, nur mit den Schriften der Naturlehre beschaftiget. Was die moralische Welt der Menschen anginge, davon wollte sie nichts wissen, als was die betrafe, die bey ihr wohnten. Sie bat mich, ihren kummervollen Eigensinn mit Geduld zu tragen, und keine Gesellschaftsvorschlage mehr zu thun. Er that es auch, bis auf meine Bekanntschaft, da der gute Herr M** K** glaubte, sehr ubereinstimmende Gleichheit der Seelen konnte nach und nach auf Henrietten wirken, weil der Zustand ihres Gemuths sehr gewaltsam ware; und er behauptete, dass der kleine bilderreiche Schwung, den sie ihren Ausdrucken gegeben hatte, schon einen Grad Abanderung bezeichnete, und er wunschte nur, dass mein Aufenthalt in R** von einiger Dauer seyn mogte, indem er hofte, ich wurde gern Etwas zur Genesung des edlen Madchens beytragen.

Sie denken wohl, meine Mariane, dass ich es versprach! aber, das Uebel liegt tief in der Seele Henriettens! O, wie sorgsam will ich den Gang meiner Empfindsamkeit beobachten! Sie konnte mich auch in einen Abgrund von Jammer fuhren, wo ich mein mir zur Gluckseligkeit gegebenes Leben verseufzen musste!

Rosalia.

Sechszehnter Brief

Heute, meine edle, geliebte Mariane, habe ich gewiss die beste Freude meines Lebens genossen, die Freude uber das Gluck meines Nebenmenschen.

Ich war mit Madame G** bey ihrem Bruder F**, der ein ganz vortreflicher Mann von Geist und Herzen ist, dessen bisherige Beschaftigungen aber, so muhsam sie waren, so treu und eifrig er sie besorgte, seinem Gluck noch keinen festen Standort geschafft hatten, und auch der Grosse seiner Talente nicht ganz gemass waren. Mancherley Auswege und Wendungen hatte er versucht, um die Erfullung seiner Wunsche zu erhalten, aber jeder Anschlag misslang, und die Niedergeschlagenheit fing an, sich seiner zu bemachtigen, um so mehr, als er einige Kinder um sich aufwachsen sah, zu deren Unterstutzung er sich nicht vermogend genug dachte. Ich nahm, wie Sie glauben werden, Antheil an dem Kummer des rechtschaffenen, nutzlichen Mannes und des Familien-Vaters, ohne dass ich ihn lindern konnte. Heute aber theilte ich das Entzukken, uber die Nachricht von einem ihm zugedachten Amte, in welchem sein Genie und seine Menschenliebe, in einem weiten Felde der Ehre und Nutzbarkeit handeln konnen.

Dieses Gluck erhalt er durch die Hand eines gerechten, edelmuthigen Freundes, den die Vorsicht bestimmte, dem wahren Verdienste die Hand zu reichen, und an die Stelle zu fuhren, wo der Bedrangte Schutz von ihm erhalten, und ein ganzer Staat die Freude geniessen kann, dass ein tugendhafter Mann alle Krafte seines Geistes und Lebens fur das ihm anvertraute Amt verwendet.

Hatten Sie doch, o! meine Mariane, das reizende Gemisch gesehen, das aus der so naturlichen Freude, uber die Erhaltung des gesehnten Glucks, des Danks gegen die Vorsicht, der Liebe gegen den Landsherrn, und des Segens fur den Freund, entstand! Hatten Sie auch die frohen Gelubde, und die Entwurfe eines edlen, fur die Nebenmenschen nutzlichen Gebrauchs der Gewalt, mit angehort! Gott segne den vortreflichen Mann, der die Thrane der Freude uber die Wange des besorgten Rechtschaffenen herunter trauflen machte! Und ewig lohne die gottliche Vorsicht den Fursten, dessen Seele den grossen wurdigen Entschluss fasste, das verfolgte Verdienst empor zu halten und zu beschutzen!

Wie glanzend erschien auch in diesem Augenblicke die eheliche und vaterliche Liebe! Eine gefuhlvolle Frau, deren ganzer Stolz in dem Namen ihres Mannes liegt, druckte die Hand ihres Gatten an ihre Brust, und sagte mit so viel Zuversicht und Glauben an Tugend: "O! mein theurer geliebter Mann, wie sehr freue ich mich, Deine Talente in volliger Wirksamkeit zu sehen! Wie viel Gutes wirst Du thun! wie viele Gluckliche machen! Alle Menschen, die ich erblikke, sind mir lieber, als sonst. Die Glucklichen und Vergnugten werden Zeugen von Deiner Rechtschaffenheit seyn, und die Leidenden von Dir getrostet und aufgerichtet werden! " Was fur eine Menge Gutes Du von mir denkst, meine Liebe! sagte er lachelnd. Auch wegen Dir, wegen Deiner Ruhe, bin ich froh! Gegen seine Kinder wandte er sich, mit dem thranenden Auge und dem Tone der Seele eines treuen Vaters: "Um Eurentwillen danke ich Gott am meisten, fur die Befestigung meines Wohlstands! Nun habt Ihr ein Vaterland. Die Erde weicht nicht mehr unter Euren wankenden Schritten, und ich habe ein Ziel vor mir, dem ich Euch zufuhren kann. Niemals, o meine Kinder, werdet Ihr Enten Vater gegen seine Pflichten und gegen seinen Rachsten handeln sehen." Die guten liebenswerthen Kinder, die mit Bewegung den Armen ihres Vaters zuliefen, geruhrt waren, und es nicht ausdrucken konnten! Herrn Fr**, in dessen zum Himmel erhobenen Gesicht sich edle Empfindungen, edle Entschlusse zeigten O, Mariane, der Dank, die Gelubde des tugendhaften Herzens sind gewiss der wurdigste Weirauch, den die gutige Vorsehung von ihren armen Erdenkindern erhalten kann! Was mich noch innig freute, war, dass kein einziger Entwurf von Eitelkeit die Gesinnungen des Vaters und der Mutter entheiligte. Madame G** sagte auf einmal zu ihrem Bruder: Was werden nun Deine Feinde sagen? Feinde, meine Schwester? mein Herz kennt keinen, und Gott soll mich vor den Gesinnungen bewahren, die einen Feind bezeichnen. Missvergnugte werde ich sehen; denn es ist naturlich, dass diejenigen, welche den Platz suchten, den ich erhielt, unzufrieden seyn werden: aber, der Gebrauch, den ich von Gluck und Leben machen will, soll mir den Beyfall edler Seelen erwerben, und auch diejenigen Widriggesinnten wieder gunstig machen. Ich habe in sehr vielen Gelegenheiten meine Miteinwohner gerechte und schone Handlungen ausuben gesehen, warum sollten sie gegen einen Mann unbillig seyn, der ihnen den redlichsten uneigennutzigsten Eifer fur seine Pflichten und ihr Wohlergehen zeigen wird.

Wurden Sie nicht, meine Freundinn, mit mir in Ihrem Herzen gesagt haben: Gott segne dich, Menschenfreund! wegen deines Vertrauens auf Gerechtigkeit und Gute deines Nachsten! Wie liebte ich den Mann, der alles, was seine Nachstenliebe erkalten konnte, zuruck stiess, und bey der Empfindung von Gluck an nichts, als gute Thaten dachte! In mir erweckte er den Entschluss, der Idee von Feinden und Neidern niemals Platz zu geben, sondern mich zu befleissen, Freunde zu verdienen, weil gewiss der TuHerr Fr** fand die Gedanken seiner Frau ziemlich Frau G** hat keine Kinder, deswegen blieb sie bey

Ihrer

L i t e r a t u r v o n L u t h e r b i s T u c h o l s k y

Rosalia.

Siebzehnter Brief

Ich bin noch auf einen Tag in dem Hause des Herrn Fr**. Vorgestern endigte ich meinen Brief an Sie mit dem freudigen Tone, den ich allezeit habe, wenn ich eine sonderbare Wohlthat des Himmels denke.

Sie wissen, meine Freundinn, wie sehr ich an dem Gedanken von edlen Beweggrunden zu unsern Handlungen hafte, und daher die Dankbarkeit fur genossenes Gute und die Liebe gegen meinen Schopfer, allein zu Triebfedern meiner ubenden Tugenden angenommen habe; und es freut mich, dass mein Herz gewohnt ist, viel eher die Grosse seiner Gute, als die von seiner Allmacht zu fuhlen! Es ist mir daraus eine unerschopfliche Quelle von unzerstorbarer Gluckseligkeit entstanden, deren Genuss kein Zufall dieses Lebens in mir verhindern kann. Denn gewiss ist einmal, dass kein Augenblick unsers Daseyns kommt und da ist, in welchem wir nicht die Eigenschaften unsers Geistes oder unsers Herzens gebrauchen konnen.

Sie wissen, wie fein ich die Wohlthat der Mannigfaltigkeit in unserer physikalischen Welt fuhle, und dass jede abgeanderte Form der Krauter, Steine und Gewachse, mir eine neue Empfindung von Vergnugen giebt. Auf diese Art verwende ich auch die Begebenheiten der moralischen Welt, und schlurfe, gleichsam mit einer Art geistiger Wollust, die verschiedene Ideen ein, die ich von verschiedenen Personen uber einen Gegenstand ihres Nachdenkens hore.

Oft schon habe ich in Gesellschaften von dem freyen Willen des Menschen auf mancherley Weise reden gehort, oft schon ist sein Bild von grossen Mannern auf allen Seiten betrachtet und vorgestellt worden; so, dass ich weder den Sinn, noch die Krafte haben kann, mich auf ihre Weise uber diesen Theil unserer moralischen Welt auszudrucken; tiefes Denken und Urtheilen ist ohnehin meine Sache nicht; ich rede allein nach dem Gefuhl meiner weiblichen Seele, mit meiner vertrauten Mariane.

Freyheit zu thun und zu lassen, ist, nach meiner Ueberzeugung, dass grosste Gluck dieser Erde; sonst wurde die liebreiche Hand unsers Schopfers die Begierde frey zu handeln nicht in die Seele eines jeden Menschen gepflanzt haben. Seine gottliche Gute wollte uns dadurch die susseste Freude des irdischen Lebens geben.

Aus eigener Neigung das Gute zu thun, wurden wir durch eine geheime Obermacht dazu gefuhrt, so waren wir gut; aber gewiss nicht so glucklich, als durch den Gedanken der freyen Wahl. Fur mich ist der Standort, auf welchem ich Gutes oder Boses wahlen kann, die Annaherung des Genusses der hochsten Gluckseligkeit.

Sie, meine Mariane, und jede schone Seele wird das Zeugniss geben konnen, dass jeder gute Entschluss, jede gute Handlung mit einem Gefuhl voll Seligkeit begleitet ist, aus welchem das edle Sprichwort entsprungen seyn muss: dass die Tugend ihre eigene Belohnung in sich trage. Denn, was ist der Beyfall der ganzen Erde, gegen das innere Gefuhl von Seligkeit bey einer edlen That? die nicht edel genannt werden konnte, wenn ich nicht in dem nemlichen Augenblick auch hatte niedertrachtig handeln konnen! O, ich kenne den Werth dieses innern Zeugnisses so sehr, dass ich ganz ruhig dulden konnte, wenn meine ubrigen Tage, ohne ausserliches Gluck, der ganzen Welt verborgen dahin flossen. Die stille Erfullung meiner Pflichten, die gute Verwendung meiner Tage, sind in meiner Gewalt, und in jedem Augenblicke kann ich die grosse Wohlthat des freyen Willens geniessen. Denn, wenn auch eine fremde Macht den Gang meiner Handlungen stort: so bleibt mir doch die Freyheit des Geistes, dessen Krafte ich in jeder Gelegenheit nutzen kann. Der verkehrte Gebrauch, den wir meist von allen Gutern dieses Lebens machen, ist Ursache, dass uns beynahe jede Wohlthat schadlich geworden ist. Gott entzieht uns nichts von alle dem, was uns seine Schopfergute von Ewigkeit zur Erdengluckseligkeit bestimmte; es hangt von uns ab, wie wir sie verwenden wollen. Wie uberfliessend ware das Maass Seeligkeit der Grossen und Machtigen, wenn der freye Wille allezeit das Beste wahlte!

Ich sahe, meine Freundinn, dass ich mich an einen wichtigen Gegenstand wagte, und sagte Herrn Fr**, er ware Ursache an einer Art verwegenen Unternehmung meiner Feder, weil mich seine Idee, uber den Nachahmungsgeist der Kinder, dazu gebracht hatte, meine Gesinnungen vom freyen Willen zu schreiben. Ich gab ihm zugleich meinen Brief, den er mit Aufmerksamkeit und Lacheln durchlas, und ihn mir mit einem Ausdruck von Empfindung und Beyfall zuruckgab, und dabey sagte: "Sie haben sich edle Merkstabe zu dem Wege der Tugend gewahlt! Wie viel glucklicher waren die Menschen, wenn sie mehr Gefuhl fur die gottliche Gute hatten! Aber, ein anderes Frauenzimmer 1 fuhlte, dass eben diese Gute den Missbrauch des ganz freyen Willens sah, und ihn deswegen mit der Eigenliebe umwand, die uns durch Betrachtung der Folgen unserer Thaten vom Bosen zuruckhalten und zum Guten ziehen sollte. Ich sagte meinen Kindern selbst auch, ihr habt die freye Wahl, gute oder bose Kinder zu seyn; aber ich lasse sie sorgfaltig die Folgen ihrer Wahl empfinden, um sie die zweyte Wohlthat des Himmels, die Sorgfalt der Eigenliebe, recht gut gebrauchen zu lehren. Am allerempfindlichsten aber scharfe ich die schmerzhaften Folgen, wenn sie ihre Freyheit gegen das Wohl eines Bruders, einer Schwester, oder Spielgesellschaft geubt haben, um des Nachsten Wohl zum ihrigen zu machen."

Finden Sie, meine Mariane, diesen Mann nicht in allen Fallen recht schatzbar? Moge doch der gute Saame des Beyspiels und Unterrichts Wurzel in den Seelen seiner Kinder fassen! so werden funf vortrefliche Menschen mehr in der Welt seyn.

Achtzehnter Brief

Mariane! dieses Haus ist fur mich seit vier Tagen eine moralische Schule geworden. Wie wenig kannte ich die Empfindungen von Seligkeit, die mich in der Familie der Madame G** erwarteten, als ich, bey dem Anfang ihrer Bekanntschaft, uber die Zeit murrete, die ich ihrer Gesellschaft widmen musste! Vorgestern glaubte ich den schonsten Auftritt gesehen zu haben, da ich die Freude der Tugend uber das verdiente und erhaltene Gluck in ihrem vollen Maasse betrachtet hatte; aber, wie ubertreffend war die heutige Scene, da ich der Vorsicht mit der Bewegung des Entzuckens fur die Gewalt danken horte, die man fand, einem Feinde Vergnugen zu machen! Der Zufall gab Herrn Fr** eine Gelegenheit, dem allernachsten Verwandten seines grossten Widersachers einen wichtigen Dienst zu leisten. Er hatte es durch schone Grunde ablehnen konnen. Schwierigkeiten waren auch genug da; aber ich sah ihn seine Hande falten, und mit der eindringenden Stimme der Seele sagen: "O gottliche Vorsicht, wie sehr liebst Du mich! wie reichlich belohnst Du meine Leidensjahre! Du giebst mir Gluck, und die Gewalt, jemand, der mir Boses that, Gutes zu thun!" Glanz, aus welchem ehmals die Idee des Schimmers entstund, den man um das Haupt der Heiligen mahler, dieser Glanz war auf seinen Gesichtszugen verbreitet. Sein Gang, seine Stellung schien mir das Schweben einer Seele zu seyn, die uber die Hulle ihres Korpers erhaben ist. Er kusste den Brief, der den Anlass zu diesen Entzuckungen gegeben hatte. Er nannte ihn ein sichtbares Zeichen der Gute der Vorsicht. "Mochte der Rachgierige," sagte er, "nur einen Augenblick die Zufriedenheit meines Herzens fuhlen! wie gerne wurde er den Beleidiger vergeben und ihn umarmen! Denn es ist unmoglich, dass die Zufriedenheit, welche von der Tugend in unser Herz gegossen wird, nicht auch zugleich den hochsten Grad Menschenliebe in uns verbreitete!" Er umarmte seinen eilfjahrigen Sohn und sagte: "Gott gebe Deinem Herzen die Fahigkeit, auch einst diese Freude zu fuhlen, und lasse sie, wie bey mir, das uberfliessende Theil Gluckseligkeit werden!"

Das Kind, so alles gehort hatte, fragte: "Papa, ist es denn eine so grosse Freude, seinem Feinde Gutes zu thun?" "Ja, mein Sohn, es ist die grosste Freude meines Lebens. Ich bin sicher, dass ihr Andenken die letzte Stunde meines Daseyns erheitern wird, wenn schon die Erinnerung vieles andern Vergnugens lange aus meinem Gedachtniss seyn muss." Madame G** fing wieder an, von seinen erlittenen Verdrusslichkeiten zu reden, und sie her zu erzahlen. "Lass dieses, meine geliebte Schwester, ich sehe Deine ganze antheilnehmende Liebe in Deinem Eifer; aber, das gegenwartige Gute muss die Spuren des vergangnen Bosen verloschen. Wie klein ist die Summe meines Grames, gegen die unvermischte Freude, die ich wirklich geniesse! Store sie nicht, und lass mich wunschen, dass der widriggesinnte Mann eben so vollkommen vergessen moge, dass er mir Uebels that, als ich es vergessen werde, und o mochte er mich einst lieben konnen, wie ich ihn!"

"O, Bruder!" sagte Madame G**, "was fur ein Mann bist Du? Kann Dir dieses Ernst seyn?" "Ach, meine Liebe, wie traurig ist mir diese Frage! Wie selten muss die Tugend des Verzeihens der Beleidigungen, der Liebe und des Wohlthuns gegen Feinde geworden seyn, wenn ein Herz, wie das Deinige, an ihrer Moglichkeit zweifelt! Da uberzeugst mich, dass unsere Freundinn H** Recht hat, den grossten Theil ihrer besten und erhabensien Gesinnungen unter einem dichten Schleier zu verbergen." "Lieber Bruder, werde mir nicht so ernsthaft! werde nicht bose auf mich, sondern sage mir, wen kennst Du, der das bittre Unrecht, so Dir widerfuhr, auf diese Art genommen hatte? Ich fuhle deswegen doch, dass dies, was Du sagst und thust, schon und vorzuglich ist, und Du bist mir diesen Morgen theurer und lieber geworden, als jemals, und ich freue mich, Deine Schwester zu seyn." Er umarmte sie und sagte dabey: "Deine Hochachtung ist mir sehr schatzbar, mein Kind; aber, glaube mir, ich wurde die Gute der Vorsicht sehr wenig verdienen, wenn mein Dank fur erfullte Wunsche, mit Gesinnungen des Hasses vermischt ware. Ich sehe aber," setzte er lachelnd hinzu, "dass Du einem Frauenzimmer nicht so leicht vergeben hattest, wenn sie durch falsche und giftige Nachreden gegen Deine gluckliche Verbindung mit Hrn. G** gearbeitet hatte." "O, nun lachte ich sie aus, denn ich bin seine Frau!" "Spott ist Rache! Dunkt sie Dich denn so suss?" "Und was Du sagst, ist Strafe! freut Dich dieses auch?" "Wir wollen endigen, meine Liebe. Ich weiss, dass Dein Herz dem meinigen nicht widerspricht," sagte Herr Fr**, mit einer liebreichen, aber doch etwas ernsten Miene.

Ich hatte nach dem langsamen Einschlurfen meiner Tasse Coffee mein Strickzeug genommen und still gearbeitet, wahrend Herr Fr** und seine Schwester mit einander sprachen; aber manchmal erhob ich meinen Kopf, um den Ausdruck seiner Physiognomie zu beobachten. Er hatte es bemerkt; denn nach den letzten Worten gegen Frau G** naherte er sich mir, und sagte: "Den Beyfall Ihrer Seele habe ich in den Blikken gesehen, die Sie mir gonnten. Diese Blicke werden einst fur die Tugend Ihres Gatten Belohnung und Aufmunterung seyn." Und hiemit ging er in sein Cabinet, und liess uns staunend und geruhrt zuruck. Die Augen der Madame G** waren noch auf die Thure geheftet, als ich sie umarmte und sie versicherte, dass der Tag, an welchem sie mir ihre Freundschaft schenkte, mit auf immer unvergesslich seyn wurde, weil ich dadurch das Urbild eines edlen und rechtschaffenen Mannes kennen gelernt hatte, und es freute mich, sie des Glucks, Frau eines G** und Schwester eines Fr** zu seyn, so wurdig zu sehen. "Und mich freuts, dass Rosalia L** mir dieses mit Zartlichkeit sagt." Daruber eilte ich in mein Zimmer, um ihnen dieses noch Vormittags zu schreiben; und ich glaube, Sie an meiner Hand auf die erhabenste Gegend der moralischen Welt gefuhrt zu haben.

Rosalia.

Neunzehnter Brief

Meine Mariane! wir sind zuruckgekommen, und ich war jetzo zwey Tage bey Henrietten. Ach, sie stirbt! Diese edle, schone Seele wird uns entzogen. Sie hatte Recht! Freudige Bewegungen sind ihr nun eben so schadlich, als traurige Sie hat mir ihr ganzes Herz geofnet. Eine doppelte Wunde ist ihr Tod. Herr M**, lebhaft in Geist und Willen, fing mit den Beweisen seiner Leidenschaft an; gefiel, wurde geliebt, und dass so innig, dass niemand anders so viele Aufmerksamkeit erhielt, als nothig gewesen ware, die wahre Liebe des Herzens von den Aufwallungen eines vorubergehenden Geschmacks zu unterscheiden. M** war schon, voll Verstand und artigen Wesens. Witz und Feuer war in seinen Ausdrucken der Liebe. Ihre ganze Seele heftete sich an ihn. Damals stund sie noch unter der Gewalt eines Oheims, der die Heyrath nicht zugeben wollte, bis Herr v. M** einen anstandigen Rang hatte. Ihre Zartlichkeit war stark genug, jeder Zogerung, jedes Hinderniss ungeachtet, ganz fur ihn zu leben; aber seine Liebe war nicht sein genug, um ihre edlen Gesinnungen zu schatzen, und er fing an, ihr zu begegnen, wie mir Herr M** K** gesagt hatte, als Herr v. T**, Vetter des v. M** ankam, und die Hochachtung aller Rechtschaffenen erwarb. Er sah das Fraulein von Effen und liebte sie schweigend. Er verehrte die Wahl ihres Herzens. Keine Klage, keinen Versuch, sich einzudringen, wagte er. Aber, er war in allen Gesellschaften, wo Henriette von Effen hinkam, und besonders im Concert, das ihr Oheim alle Woche zweymal gab, weil er sie da singen horte. Er bemerkte zuerst die Fuhllosigkeit des v. M**. Da Henriette aus eigener Zartlichkeit die Arien, die sie am schonsten sang, nicht mehr in Gesellschaft, sondern allein fur M** bey der Laute singen wollte, die sie vortrefflich spielte, und auch dieses Talent nur den Stunden widmete die sie den Besuchen des Herrn v. M** schenkte. Ihr niedlichster Putz, der schonste Ausdruck ihrer Physiognomie, ihre einnehmende Blicke, alles war allein dem Herrn v. M** geheiligt. Sie wollte fur niemand reizend seyn, als fur ihn. Anfangs gefiel ihm dieses; aber bald nicht mehr. Seine Eitelkeit verlohr dabey. Er sprach mit seinem Vetter davon und fuhrte ihn einst in diesen Stunden mit sich zu ihr. Niemals hatte sie von T** im rosenfarbenen Anzug gesehen, in welchem sie ganz bezaubernd aussah, und auch fur M** ihr Portrait in dieser Kleidung machte, als sie von den zwey Freunden uberfallen wurde, und M** seine Gewalt uber ihren Geist auch darinn bewies, dass sie die Laute spielen und singen musste, wahrend sein Vetter da war. Ein ernster Blick und erhohete Rothe ihrer Gesichtsfarbe war die Antwort auf sein anhaltendes Bitten. Dennoch spielte sie und sang, so gut, so voll Empfindung, dass der arme von T** Muhe hatte, seine Leidenschaft zu verbergen. Er sass etwas entfernt, an einen Tisch gelehnt Von M** kniete vor dem Fraulein von Effen, die mit ihrem Auge jeden zartlichen Gedanken des Poeten ihrem geliebten M** zusang. Er war lauter Entzuckung; aber gewiss nicht allein uber ihre Reize und Liebe, sondern weil v. T** Zeuge von seiner Gewalt uber ihr Herz war. Am Ende der Arie sagte M** zu ihr: "Wie unaussprechlich glucklich macht mich Ihre Gute! War das Amo te Solo ganz fur mich?" "Gewiss, mein M**, um so mehr als mein Oheim heut fruh die Einwilligung zu unserer Vermahlung gab." Von M** ergoss sich in freudigen Ausrufungen, und von T** war wie vom Donner geruhrt; kaum machtig genug, von seinem Stuhle zu dem Fraulein zu gehen; zitternd ergriff er ihre Hand, kusste sie: "Angebetete Hand! Du bist mir entzogen!" Mit einer heftigen Wendung umarmte er den von M**: "O, mein Vetter! verdiene Dem Gluck!" Hiemit eilte er aus dem Zimmer und Hause, ging in das seinige, und war in zwo Stunden aus S** Henriette war betroffen und geruhrt. "Lieber M**, was ist das? Warum haben Sie den guten von T** mitgebracht? Warum liessen Sie mich vor ihm reden und singen?" "Verzeihen Sie, mein Engel! Aber, ich wollte Ihren und seinen Eigensinn ein wenig umfuhren. Er wollte niemals verliebt werden, und Sie fur niemand mehr liebreizend seyn! Nun ist seine Kalte uberwunden, und Sie haben einen Anbeter mehr!" Hier wande sie sich aus seinen sie umfassenden Armen los, und sagte ihm: "O, M**! wenn ich dieses nicht als Muthwillen ihres zu muntern Kopfs ansahe, wie elend machte mich dieser Mangel an feiner Liebe und Freundschaft!" Er suchte sie zu beruhigen. Sie arbeitete auch selbst gegen ihre zu weit getriebene Foderungen der Zartlichkeit. Er bemerkte ihr Nachgeben, und suchte sie in ein Gewebe von Buhlerey zu ziehen, da sie Manner, und et Frauenzimmer fesseln, und sie dann einander opfern sollten. Er wollte dadurch ihrem Bundniss mehr Reize geben, und das unausbleibliche Ermudende verhindern, welches aus dem immer gleichen Gang ihrer Liebe entstehen wurde.

Henriette hatte anders gerechnet. Sie gestund ihm zu, dass, wenn die Freyertage noch lange dauern sollten, und er keine Pflichten zum Beytrag des gemeinen Besten zu erfullen hatte, mochte es wahr seyn. Sie ware auch gelehrt worden, dass es schwer sey, ein mannliches Herz ganz zu fesseln, deswegen hatte sie gesucht, Kenntnisse und Empfindungen in einem gewissen Grade von Vollkommenheit zu besitzen, um neben dem ermudenden Geniessender Schonheit, durch Talente und Denken, seinen Geist zu unterhalten und zu befriedigen; welches alles gewiss, bey der edlen Besorgung eines Amtes, und bey den Folgen ihrer ewigen Verbindung, keine leere Stunden der Langenweile zulassen wurde. Er scherzte uber ihre ernsthafte Art zu lieben; verband sich zu muntern Gesellschaften, in die Henriette nicht ging. Sie that alles, um ihn den Ton ihres Herzens lieben zu machen, und er seiner Seits suchte sie an den, von seinem Kopf, zu gewohnen. So ging es bis an den Tod ihres Oheims fort; wahrend dessen abnehmender Gesundheit sie sich weigerte, die Vermahlung zu vollziehen. Nach diesem stieg die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen so hoch, dass Henriette ihr Versprechen zurucknahm. Aber ihr Herz war gebrochen. Niemand hatte Antheil an ihrem Kummer genommen. Man vergab ihr ihre Vorzuge nicht, und schalt sie gerade weg, eigensinnig. Hier kam sie auf das Land, und wurde durch die Wohlthatigkeit ihres Herzens und den Umgang und Rath des wurdigen Herrn Pfarrers M** K** ziemlich glucklich.

Der Anbau der Garten und Hauser, die Schule fur Kinder, alles war Zerstreuung; aber, einmal bekam Herr M** K** einen Besuch von einem Jugendfreunde, der mit v. T**, nach seinem Abschiede von S**, England und Italien durchreiset hatte, und nicht Ruhmens genug von dem edelmuthigen und liebenswerthen Manne machen konnte, der endlich der Tugend des kindlichen Gehorsams das Opfer einer geheimen Leidenschaft gemacht, und sich vor einem Jahre nach dem Tode seiner zwey Bruder vermahlt hatte; er, Herr B**, ware, mit Versicherung auf die beste Bedienung, indessen als Freund bey Herrn v. T**, der mit seiner Gemahlin recht artig lebte, und alle, die von ihm abhingen, glucklich machte. Dieses erzahlte Herr M** K** Henrietten, um ihr zu beweisen, dass eine zweyte Liebe, und Ueberwindung seiner gehegten Leidenschaft, edlen Seelen noch Gluck vorbehalte. Er wusste nicht, wie viel Antheil Henriette an v. T** nahm. Jedes Lob, das er in S** erworben; jedes Kennzeichen seiner reinen Liebe; sein verzweiflungsvoller Abschied und Abreise; die Unwissenheit, in welcher seine Verwandte beynahe zwey Jahr uber sein Leben und Aufenthalt gewesen; das Zeugniss ubender Tugend; die genahrte traurige Leidenschaft; alles sagte ihr, aber zu spat, dass dieses der Mann ihrer Seele gewesen ware. Sie kampfte gegen ihr Herz. Aber Herr M** K** hatte gegen seinen Freund der jungen Dame erwahnt, die durch die Liebe so unglucklich geworden sey, der es bey seiner Zuruckkunft dem Herrn von T** erzahlte. Dieser hatte sich, aus Gram, nicht um seinen Vetter befragt, und horte nur jetzt, Henriette sey unvermahlt und leide. Schmerz trat in die Stelle der Zufriedenheit, und mit Thranen benetzte er die Wiege seiner neugebohrnen Tochter, die er Henriette hatte nennen lassen. In der ersten Bewegung schrieb er dem Fraulein von Effen: "Sie sind unvermahlt, und ich verheyrathet! Ach, Henriette! was kostet mich mein unseliges Schweigen! und wie elend, wie unglucklich bin ich zwischen dem Verlangen nach Ihnen, und der Begierde, ein guter, ein gerechter Gatte gegen meine wurdige Frau zu seyn!" Nun war ihre Standhaftigkeit erschopft. Sie wurde uber dieses Schreiben so krank, dass man sie mit Muhe rettete. Das war just bey der Geschichte des Webers, wovon mir Herr M** K** gesagt, dass der Muth, den sie damals zeigte, von einer so traurigen Folge gewesen sey. Sie antwortete auch ganz kurz, an v. T**: Sie wurde sich in keinen Briefwechsel einlassen, aber seine Erinnerung an sie, ware ihr schatzbar, und sie wunsche ihm jede Gluckseligkeit, die die Tugend begleiteten.

Alles dies wusste Herr M** K** nicht, und lange nach dieser Unruh war sie unglucklich, und nur ihre abnehmende Gesundheit ihr Trost.

Zwey ganzer Tage sammlete ich an diesen abgesetzten Stucken; denn sie war oft zum Fortreden zu matt, oft durch Thranen unterbrochen, aber einnehmend in dem ganzen Gesprach. Bey Erinnerung des unedlen Verfahrens von M** richtete sie sich auf, und sah voll Wurde um sich. Der Name v. T** gab ihr eine feine Rothe, und in Thranen glanzende Augen. Oft lehnte sie sich auf meine Brust, oder druckte eine meiner Hande an ihr schwach klopfendes Herz voll Liebe. Ich war ganz Empfindung, und sie sagte mir: "Ach, Rosalia! vor drey Jahren hatte eine Freundinn, wie sie, das Uebermaas meiner Zartlichkeit erhalten! dadurch ware mein Gluck und Leben gerettet worden!"

Zwanzigster Brief

Mariane! ach, meine Thranen werden die Halfte dieses Briefs ausloschen! Ich komme von Henriettens Krankenbette. Der Pfarrer, M** K**, ist bey Herrn v. T** dessen stummer Schmerz jede Kraft seiner Seele zernagt.

Zehn Tage lang war ich mit Madame G** in H**. Ich verliess das Fraulein von Effen ziemlich wohl, und auch mit einer Art Genusses von Gluck, weil sie einen ganzen Band ihrer Krautersammlung zu ordnen hatte, und drey arme Jungen zu Handwerkern aufdingen liess, wofur sie Kost- und Lehrgeld zahlte, und in ihrem Hause die kleine Aussteuer an Kleidung fur zwo Madchen gemacht wurde, die sie in die Stadt als Magde anbringen wollte. Freylich war sie erstaunlich matt, und konnte die etlichen Tage, da ich bey ihr war, nur mit Muhe, von mir und ihrer Jungfer gefuhrt, in ihrem Garten herum gehen, wo sie doch allezeit beym Untergange der Sonne seyn wollte, und susser Schwermuth voll in der Laube sass. In dem schonen Rasenstuck, so vor der Laube liegt, liess sie ihren Schulkindern das Abendbrod geben, nachdem sie vorher entweder nach einer Maultrumme in Reihen getanzt, oder um einen Kreis in die Wette gelaufen waren. Es freute sie innig, wenn ich mittanzte und freundlich mit den Kindern that, oder auch manchmal ihnen mit der Laute vorspielte und Etwas sang; doch bemerkte ich vor acht Tagen viel Vorbedeutendes in ihr, wenn sie die aufsteigenden Abendwolken betrachtete; ihr schoner Kopf an das Fenster gelehnt, in dem letzten falben Lichte, wie eine schon halb abgefallene Rose gegen ihren Busen hing; und ihr mattes Auge, mit Blicken der kindlichen Liebe, an den Himmel geheftet war, so sah ich den Gedanken der nahen Seligkeit mit den feinsten Zugen uber ihr welkendes Gesicht verbreitet. Der tiefe Schmerz uber ihren nahen Verlust war aber mit dem hohen Gedanken vermischt, dass aus dieser morschen Hutte eine Engels-Gestalt sich loswinden, und in die vaterlichen Hande ihres ewigen Urhebers zuruckgehen wurde. Der vorletzte Abend, den sie da zubrachte, war ausserordentlich schon, und ihre Seele heiter. Sie hielt meine Hand und sagte, schon mit dem Tone der Himmlischen: "O Rosalia! wie viel Gluckseligkeit lasst Gott mich Kraftlose noch geniessen! Den schonen Himmel, die fruchtbare Erde, sehe ich noch deutlich, und meine Seele fuhlt jede Wohlthat, die uns daraus zufliesst! Ich drukke noch die Hand einer zartlichen Freundinn! und hier umgiebt mich die Freude der Unschuld von den Kindern meines Herzens!" Hier schwieg sie eine Zeitlang, und sagte dann noch: "Seit drey Jahren habe ich den Saamen irdischer Tugend und Gluckseligkeit um meine Nebengeschopfe ausgestreut; ich hoffe, mein Tod soll die Wurzeln von beyden befestigen!" Nun bemerkte sie das heftige Heben meiner Brust, und die Zahren, die uber meine Wangen rollten. Sie kusste eine hinweg. "Ach, eine Thrane der wahren Liebe, um mich geweint!" sagte sie feyerlich, und gleich sank ihr Kopf, mit einem Seufzer, den bittre Erinnerungen ihr entrissen, auf meine Brust. Eine ihrer Hande, aus Schwachheit ganz an der Seite herunter hangend, die andere in eine der meinigen gefaltet, sassen wir lange stillschweigend, bis sie die Abendkuhle zu sehr fuhlte und wir langsam bey aufgehendem Monde in das Haus gingen; sie sah noch um sich, und sagte lachelnd: "Ich bin froh, ich werde keine dunkle Nacht mehr sehen!" Der ubrige Abend war ganz artig, und den Morgen darauf kam der Arzt, den ich und ihre Jungfer hatten rufen lassen, mit dem Herrn Pfarrer M** K**. Der Arzt fand sie, wie er wollte, dass die Milchkur wurken sollte. Er blieb den Tag uber da, und war Nachmittags bey uns in der Laube, wo Henriette den wurdigen Herrn M** K** in ein Gesprach von der Ewigkeit gefuhrt hatte. Ware mein Herz nicht so geruhrt gewesen, so hatte ich Beobachtungen uber die Wurkung machen konnen, welche dieser Gegenstand bey uns hervorbrachte. M** K**, der verdienstvolle Gottesgelehrte, redte mit aller Ueberzeugung und voll sanften heiligen Eifers davon; doch war es naturlich, dass man auch hier und da den schuldigen Berufs- und Amtston bemerkte. Der Arzt, ein ganz vortreflicher Mann, horte mit vieler Ehrerbietung zu; nur sah man, dass diese Scenen ihm bekannt waren. Henriette aber, am nachsten bey dem Austritte aus diesem. Leben, sprach mit dem Tone des Gefuhls von dem Glucke der Unsterblichkeit. Niemals, niemals werde ich den seligen Ausdruck ihrer Physiognomie vergessen, den sie hatte, als der Herr M** K**, um die anstrengende Unterredung abzubrechen, uns zeigte, wie schon die letzten Lichtstralen durch die Blatter der Laube einfielen, und sie ihr beleuchtendes Kleid ansahe, mit ihren Handen daruber streifte und sagte: "Bald werde ich in ein ganzes Gewand von Licht gekleidet seyn!" Die ruhige Zuversicht, mit welcher sie jeden Theil ewiger Gute erwartete, war mir hochst ehrwurdig, und musste in mir, da ich von ihrem Geschlecht, und beynah von ihrem Alter war, den Wunsch hervorbringen, dass ich dereinst meinem Tode mit der nemlichen Heiterkeit entgegen gehen mochte! Kaum hatte ich diesen Gedanken vollendet, so horte ich die Stimme des jungen Hofbauern, und die Stimme eines Fremden, den ich zugleich erblickte, wie er an der Gartenthure den Arm von der Hand des Bauern losriss und gegen die Laube eilte, indem er eifrig sagte: "Mein Gott, in ihrem Hause sollte ich seyn, und sie nicht sehn!" Henriette horchte schnell, beugte sich vorwarts und schlug mit Bewegung die Hande zusammen: "Ach, Rosalia! es ist von T**" Hier war er am Eintritt der Laube, wo er, nach einem Blicke auf Henrietten, mit staunen dem Schmerz still stand. Ein grosser, edel gebildeter, junger Mann, von neun und zwanzig Jahren, etwas hager und bloss, aber schone und grosse Augen, die ich eben bemerkte, als er sie beynah gichterisch bewegte, und zu Henriettens Fussen sturzte, einen Theil ihrer Kleidung mit der aussersten Bewegung zwischen seine Hande fasste, an ihr aufsah und mit dem ruhrendsten Tone sagte: "Nach vier kummervollen Jahren seh ich sie wieder! Aber wie? Auf eine weinende Freundinn gestutzt! einen Arzt! einen Seelsorger! und Ihre ganze Engelsgestalt zerruttet! O Vorsicht! ewige Vorsicht! zu was war ich aufbehalten!" Hier kusste er mit Heftigkeit ihr noch in seinen Handen haltendes Stuck Kleid, und ein Strom von Thranen floss aus seinen Augen auf Henriettens Gewand. Zitternd war sie auf mich gelehnt, ihre Augen gegen meine Brust gewendet. Ich hielt sie mit einem Arme umschlungen. Sie hatte ihn nicht angesehen, bis er die Ausrufung an die Vorsicht that. Matt blickte sie da auf ihn, wurde etwas roth. Bey dem ersten Guss seiner Thranen zitterten ihre Lippen, und sie wurde ohnmachtig. Mein Schmerz war unbeschreiblich. Von T** riss sich mit Verzweiflung von der Erde auf und war mit uns angstig bemuht, sie wieder zu sich zu bringen. Es dauerte eine halbe Stunde, eh der Arzt uns beruhigte, und wir sie in einem Stuhle nach Hause tragen konnten, wo sie zu Bette gebracht wurde, und starkende Arzeneyen bekam, durch die sie erst gegen vier Uhr des Morgens Krafte genug erhielt, um reden zu konnen. Da wollte sie mich durchaus nicht langer Wache halten lassen. Ich ging auch schlafen, aber um Sechs war ich an ihrem Bette, wo ich sie in einem matten Schlummer fand, der dem Arzte missfallt. Meine traurige Unruhe erlaubte mir keine Erleichterung, als diesen Brief an Sie, meine Freundinn!

Ein und zwanzigster Brief

Die edle, die liebenswurdige Henriette ist nun in den Armen der ewigen Ruhe! Und ich, meine Mariane, winde mich um das Andenken jedes Augenblicks, den ich bey ihr zubrachte, sie handeln sah, reden horte, und ihrer Liebe genoss. Die Wiederholung alles dessen, was ihre letzten Tage bezeichnete, ist der susseste Trost, den ich mir geben kann. Horen Sie mich also noch alles erzahlen, was seit meinem vorigen Briefe geschah.

Ich setzte mich an Henriettens Bette, wo ich mit gepresstem Herzen, bald sie, bald den Arzt ansahe, um auf dessen Gesicht meine Hofnung, oder meine Furcht zu lesen. Seine tiefsinnigen Blicke und das jeweilige Schutteln seines Kopfs sagte mir alles. Ich liess daher meinen Thranen freyen Lauf, so, wie ihre Jungfer, die am Bett kniete. Endlich ofnete sie die Augen, und schwach, anfangs kaum verstandlich, sagte sie: "Liebe Rosalia! und du, meine gute, treue Liese! kummert Euch nicht, ich werde glucklich ewig glucklich." Nachdem erblickte sie den anbrechenden Tag, und wir mussten die Fensterladen ganz ofnen, dass sie den Garten und das Feld sehen konnte. Lachelnd bewegte sie die Augen umher, und sprach sanft: "Schone Erde! aller deiner unschuldigen Freuden habe ich genossen!" Der Arzt gab ihr erquikkende Tropfen und ging hinaus, worauf ich nach einigen Augenblicken fragte, wie ihr ware? "Schwach, sehr schwach, meine Rosalia! Sie sehen, dass ich Recht hatte, zu sagen, dass ich keine Kraft mehr habe, Freuden zu tragen. Ihr susser Anblick machte mich krank; der, von dem Herrn von T**, hat mich uber das Vergangne und Gegenwartige zu heftig bewegt, um es zu dauren." Nachdem schwieg sie lange, und verlangte dann ein Kastchen, das in einem Schranke der Mauer stund, liess es aufmachen und gab mir daraus einen Ring, worauf ihr verzogner, Name, mit kleinen Brillanten, auf schwarzem Grunde steht. Sie steckte ihn selbst lachelnd an meinen Finger. Da aber meine Thranen auf ihre Hand fielen, blickte sie mich mit viel Empfindung an und streichelte mich. "Seyn Sie vergnugt, Rosalia! Sie waren die letzte Freude meines Lebens. Fur Sie sag' ich der Vorsicht den letzten Dank; denn durch Sie hat mein liebendes Herz das Gluck der wahren Gegenliebe genossen. Ich weiss, dass ich in dem Ihrigen unvergessen bleiben werde, und dass Sie gerne manchmal mein Bild sehen werden." Hier gab sie mir ihr Miniaturgemahlde, in himmelblauer Kleidung, mit einer Hand einen Schleyer von weissen Flor uber sich ziehend, sehr schon gefasst. "Du, meine Freundinn Lise! sollst diesen Ring tragen." (Den sie von ihrem Finger zog und ihr gab.) "Mein kleines Bild in Oel ist auch dein; die ubrigen Kennzeichen meines Danks und meiner Liebe wird Herr M** K** in diesen Papieren finden." Herr M** K** und der Arzt kamen da wurklich ins Zimmer. Sie reichte Erstern eine goldne schwarz emaillirte Dose: "Dieses Andenken erhalt noch durch meine Hand einen Werth; nicht wahr?" Dem Arzt gab sie eine ganz goldene, und nahm aus dem Kastchen noch ein grosses und zwey kleine Futterale heraus, liess es zumachen und gab die Schlussel dem Herrn Pfarrer M** K**, der, wie ich, im feyerlichem Stillschweigen da stund. Nach diesem war sie lange ruhig und dann blickte sie mich sehr ruhrend an. "Rosalia! noch einen Labetrunk von ihrer Hand!" Ich stutzte ihren Kopf mit einem Arm, und mit der einen Hand hielt ich das Glas an ihren Mund. Sie bat, sie etwas hoher zu legen, und wir bemerkten, dass sie uber was nachdachte. Endlich fing sie an: "Wo ist Herr von T**? ich mochte ihn sehen! Aber, lieber Herr M** K**, bitten Sie ihn, dass er nicht zu bewegt sey!" Der Arzt, und wir alle, wollten sie von dieser Unterredung abhalten, weil sie solche zu sehr angreifen wurde. "Ach, meine Freunde! ich fuhle, dass ich nur noch wenige Schritte bis an das Ende meines Lebens habe! Lassen Sie mich diese kurze Zeit noch nach meinem Herzen geniessen! Was soll T** so weit von meinem Zimmer thun? Mein Anblick ist ihm so werth " Herr M** K** ging hinaus, ihn zu holen. Da druckte sie meine Hand "Ach, Rosalia! was ist mein Schicksal mit den zwey Vettern! Der eine raubte mir Freude und Gesundheit, und dieser gute edle Mann befordert meinen Tod!" Von T** kam. Sie blickte ihn lachelnd an, und reichte mit der Hand nach ihm. Er naherte sich ziemlich gefasst, kusste ihre Hand mit bebenden Lippen und fragte nach ihrem Befinden. "Ziemlich wohl! Aber, mude an Geist und Leib." Mein Gott! erwiederte er, ich furchte, mein unbedachtsames Eindringen hat Sie erschreckt und so krank gemacht! Ich werde es mir niemals vergeben. "Sie hatten Unrecht, theurester T**; denn Ihr Anblick wurde mir bey keiner Gelegenheit gleichgultig gewesen seyn, aber, meine vorherige Entkraftung hat mich zu jeder Bewegung untuchtig gemacht." Er sagte hierauf nichts, sondern kusste nur ihre Hand und blieb mit daruber gebogenem Haupte sitzen. Sie schwieg auch lange, und sagte dann mit fluchtigem Errothen: "Sie haben eine wurdige Gemahlinn, Gott segne Sie beyde! Bitten Sie die Frau v. T**, dieses Andenken von der Freundinn des besten Mannes anzunehmen!" Und da gab sie ihm das grosse und kleinere Futteral, wo in dem einen die kostbare Uhr, die mit der Agraffe reich mit Brillanten besetzt ist; in dem andern, Ohr-Rosen und eine Haarnadel war; in dem dritten, zwey gleiche Ringe von grossem Werth, wovon sie einen ihm reichte. "Diesen tragen Sie. Den andern, Ihre Gemahlinn. Ihre Tochter, die Sie in der Taufe meinem Andenken weihten, habe ich schon lange als das Kind meiner Seele zur Besitzerinn von Effenhofen gemacht. Ich hoffe, sie wird einst die guten Einwohner darinn lieben und glucklich machen." Herr von T** lag nun auf den Knien vor ihrem Bette, seine beyden Arme an dem Bettgestelle ausgespannt, und rief: "O Henriette! Henriette! was sollen all diese Anordnungen?" "Sie sind das Einzige, was mich die Versicht fur den zu spat geliebten Mann meines Herzens thun lasst!" sagte sie, und in dem nemlichen Augenblicke war sie aufgerichtet kusste die Stirne des Herrn v. T**, und mit Sammlung ihrer letzten Krafte, legte sie ihre Hande auf ihre Brust, "Von Dir, ewige Liebe! erhielt ich dieses gefuhlvolle Herz! Rein, Rein, wie es aus Deinen Handen kam, gebe ich Dir es zuruck." Mit einem Schrey des Schmerzes sank von T** auf die Erde. Henriette rufte: "Ach Gott!" liess ihre Hande fallen, und verschied.

O Mariane! wie gerne hatte ich meine Seele auf ihren Handen, die ich kusste, ausgehaucht! Ich konnte nicht reden und nicht weinen. Durch unsere Unruh und Muhe kam von T** zu sich, rafte sich auf, und stund mit gerungenen Handen, starre Blicke auf Henriettens Leichnam geheftet. Auf einmal naherte er sich Liesen, die an der einen Seite des Betts kniete, und mir einem Schnupftuche den Todesschweiss von der Stirne des entwichenen Engels wischte. Er legte sein Gesicht einen Moment auf Henriettens Arm. "Heilige, heilige Ueberreste!" sprach er mit dem wehmuthigsten Tone, betrachtete noch mit gesunkenem Haupte das kaltwerdende Bild, riss dem knienden Madchen das Schnupftuch aus der Hand, hullte sein Gesicht hinein, kusste es, fasste es in beyde Hande, eilte ins Vorzimmer, wo er sich vor einen Stuhl auf die Erde warf und laut schluchzend zu weinen anfing. Ich ging traurig in mein Zimmer. Kurz darauf wurde mein Herz durch das Wehklagen der Dorfleute aufs neue zerrissen. O, die Liebe der wahren Tugend liegt tief in der Seele der Menschheit! Ich habe es bey der Leiche von Henrietten gesehen. Was fur Trauer, was fur Ehrerbietung war in allen, die sie zu der gewahlten Ruhestatte begleiteten!

Sie liegt neben den Ueberbleibseln einer kleinen alten Capelle, am Ende des Dorfs, wo sie schon vor zwey Jahren, ohne dass man ihre Absicht wusste, auf die Seite gegen das Feld, ein halb rundes Dach, auf funf schone steinerne Saulen gestutzt, hatte bauen lassen. Auf beyden Seiten der mittlern Saule ist es offen zum Eingang. Zwischen den andern aber, Banke von Stein, wo sie oft hinging, sich setzte, und mit den Feldarbeitern sprach. Ein grosser Stein deckt ihre Gruft, auf dem nichts steht als:

Ruhestatte

von

Henrietten von Effen,

24 Jahr alt.

In ihrem letzten Willen erhalt die Tochter des Herrn von T** all ihren Schmuck, Silber und Effenhofen; der Herr von M** eine schwere goldene Dose, zum Denkzeichen ihrer Versohnung; und das ubrige Vermogen geht in vier Theile. Den ersten ihren Verwandten; den zweiten fur Erziehung armer Kinder; den dritten ihren Hausbedienten; und den vierten unter Arme auszutheilen.

Der Herr von T** will hier wohnen. Wenn er es thut, so lebt er nicht lange, denn alles nahrt seinen endlosen Kummer. Er will in ihrem Zimmer wohnen, ihre Betten, alle ihre Moblen haben, ihr Messerzeug. Er betete sie an, und ihr letzter Athemzug war das Bekenntniss ihrer Liebe fur ihn! Morgen geht er weg, und Herr M** K** mit ihm.

Wie lange ist dieser Brief! Aber es war der letzte Auftritt, der ganz meine Seele erfullte!

Zwey und zwanzigster Brief

Gestern ist der Herr von T** mit dem Pfarrer M** K** abgereiset. Er hatte sich bey Letzterm besonders nach mir erkundiget. Weil ich Henrietten so theuer gewesen, sagte er, musse ich eine vortrefliche Person seyn. Herr M** K** gab ihm alle Nachrichten, und auch die, dass ich durch den Briefwechsel mit einer edlen Freundinn bewogen worden, eine genaue Beschreibung von allem zu machen, was sich seit meiner Bekanntschaft mir Henrietten zugetragen habe. Urtheilen Sie, Mariane, wie begierig der gute Herr v. T** auf diese Papiere wurde! Es war mir auch unmoglich, ihm die Abschriften zu versagen. Er will sie seiner Gemahlinn weisen, bey welcher die so auffallende schonen Zuge von Henriettens edler Seele, nicht nur eine Schutzschrift fur seine daurende Liebe seyn wurde, sondern auch zu einer Belohnung ihrer Grossmuth dienen konnte, da sie selbst ihm die Reise zu Henrietten vorgeschlagen habe.

Er hatte die Anschriften meiner Briefe in meinem Zimmer, unter manchen Thranen, stille durchgelesen, und bey dem Stuck, wo die Frage von seinem Briefe an Henrietten war, erzahlte er mir alle Umstande des Kummers, der ihn lange Zeit auf doppelte Weise marterte, da er Henriettens Bild nicht aus seiner Seele drangen, und den innern Vorwurf auch nicht vermeiden konnte, dass er so kalt gegen seine Gemahlin wurde, die seine traurige ubermassige Zartlichkeit gegen ihr Kind, und sein trockenes, obgleich sehr ehrerbietiges Bezeigen gegen sie selbst nicht begreifen konnte. Er ware daruber ganz elend geworden; hatte niemand, als seine Gemahlinn und seine Tochter gesehen, und endlich, da er einmal bettlagerig gewesen, habe er seiner Gattinn sein Herz erofnet. Sie hatte viel geweim; lange still geschwiegen und ihn dadurch in die ausserste Aengstlichkeit gebracht; dann aber ware sie von ihrem Stuhl aufgestanden, hatte sich auf das Bett gesetzt, seine beyden Hande in die ihrigen genommen, und ihm mit aller Wurde und Eindruck der wahren edlen Gute des Herzens gesagt, dass sie ihm unendlich fur sein Vertrauen danke, und ihm gestunde, dass sie dabey gelitten habe; aber, dass sie gar wohl einsahe, was fur eine unwiderstehliche Gewalt die Liebe uber ein Herz haben konne; sie bedaure die junge Dame innig, und bate ihn, zu ihr zu reisen, um entweder eine Aussohnung mit ihrem ersten Liebhaber zu stiften, oder doch wenigstens durch sich selbst von dem Zustande des Frauleins unterrichtet zu werden. Vielleicht konnte er dadurch Etwas zu der Wiederherstellung der Munterkeit und Gesundheit des Frauleins von Essen beytragen; genosse den Trost, sie zu sehen, und wurde eine richtige Idee von ihren Leiden und Wunschen erlangen, da er jetzo in der Ungewissheit, allein den Sorgen seiner Liebe und Bekummernissen uberlassen, sich abzehre, und alle, die ihm ergeben waren, zugleich unglucklich wurden.

Er hatte noch einige Tage gegen diese Reise gekampft und sich auch aufgemuntert; theils, um seine Gemahlinn zu beruhigen, theils auch ware ihm in Wahrheit nach Erofnung seines leidenden Herzens leichter gewesen; seine Gemahlinn ware dadurch in alle heilige Rechte einer Freundinn getreten, auf deren Seele er die seinige stutzte; sie hatte ihn uber acht Tage lang gehen lassen, ihn aber genau beobachtet; dann ware sie Abends in sein Cabinet gekommen, und hatte ihm mir einer zartlichen Heiterkeit gesagt: "Mein lieber T**. Sie haben mir schon einigemal versichert, dass Sie mir eine Genugthuung schuldig sind, wegen des vielen Jammers, den mir Ihre Traurigkeit verursachte. War es Ihnen Ernst mit Ihrer Schadloshaltung?" "Gewiss, meine Auguste, meine gutige Auguste! Sagen Sie, was soll, was kann ich thun, um Sie zu befriedigen?" "Sie sollen die Anstalten gut heissen, die ich zu Ihrer Reise nach Effenhofen gemacht habe, und morgen fruh mit Ihrem Kammerdiener dahin abgehen. Ich fodre es als einen Beweis Ihrer Achtung fur mich, und bitte Sie, mich diese edelmuthige Handlung ausuben zu lassen. Die Vorsicht hat mich glucklich genug gemacht; ich bin Ihre Gattinn, die Mutter Ihres Kindes, Ihre Freundinn, und bey diesem Ueberflusse soll ich eine tugendvolle Ungluckliche im Leiden wissen und hulflos lassen? Nein, mein T**, Sie sollen zu dem Fraulein von Essen. Sie sollen fur sich diese Freundinn erhalten, und mir sie zur Freundinn erwerben. Meine Seele ist uber die Eifersucht der Eigenliebe erhaben, denn ich liebe dieses empfindungsvolle Frauenzimmer. Ich will Ihnen mit unserer Henriette nachreisen, wenn Sie es nach den Umstanden gut finden werden. Aber morgen fruh sollen Sie weg. Alle Sachen, auch unterlegte Pferde, sind bestellt; die Witterung ist schon, und der Beweggrund so, wie er vor dem Richteramt der wahren Menschenliebe bestehen kann."

Er versprach es ihrer grossmuthigen Liebe, und ging weg. Da er einen leichten Wagen hatte und uberall sechs bestellte Pferde antraf, so konnte er den zweyten Tag so zeitig in Effenhofen seyn. Er schickte ihr den andern Morgen einen eigenen Boden zu Pferde, und meldete ihr die hofnungslosen Umstande der Gesundheit des Frauleins. In der Antwort der Frau von T** liegen alle Zuge einer vortreflichen Seele. Sie dankte ihm, dass er nach Effenhofen gereiset sey, und sie hofte bessere Nachrichten; bat ihn auch, alles Mogliche beyzutragen, das verwundete Gemuth des lieben Frauleins zu heilen. Aber, diese Bitte kam zu der Zeit, wo die edle Henriette schon uber alle menschliche Leiden und Hulfe erhaben war. Die Frau von T** kann uber ihre Veranstaltung und Betreibung der Reise ihres Gemahls zufrieden seyn; ich denke, es mag sie was gekostet haben, ihren T** von sich zu der so feurig geliebten Henriette zu schicken! Ihr Opfer war gross, aber schon, und nun wird sie durch den Dank und die Verehrung ihres wurdigen Gemahls tausendfach belohnt.

Drey und zwanzigster Brief

Wie viel, theure Mariane! wie viel habe ich Ihnen zu danken, da Sie mich so liebreich bey der Hand fassen, und mich mein Leben geniessen lehren! Es dunkt mich auch, ich konne Sie versichern, dass Sie mich niemals mehr werden murren horen, wenn die Hand des Schicksals mir, anstatt des verlangten Guten, ein andres hinlegt. Ich will nicht mehr, wie ein eigensinniges Kind, es von mir stossen, sondern mit gelassenem Dank es annehmen und geniessen. Sie sollen aber doch auch wissen, was mich bey Ihrem gutigen Rath am meisten erfreute, was mich am starksten lockte, ihm zu folgen.

Sie wiederholten meine Klagen uber die Entfernung von Ihnen und von meiner gewohnten Eintheilung der Tage und ihrer Verwendung. Sie sagten: "Wenn ich Rosalia L** mit dem feinen Gefuhle der Seele ware, so wurde ich wie sie, jedes genossene Gute, jede Freude der verflossenen Tage, das Bild meiner Freunde, und den Ort, wo ich alles dieses im Besitz hatte, dankbar in meinem Gedachtniss bewahren; ich weihte ihrer Erinnerung sogar Augenblicke des gegenwartigen Genusses; ich freute mich der Sicherheit, dieses alles in einiger Zeit wieder zu finden, und pfluckte daneben mit amsiger Aufmerksamkeit die Blumen des Vergnugens, die der Zufall auch auf fremden Boden fur mich sprossen liesse; ich wurde mir es nicht vergeben, wenn ich nur den Himmel, nur die Gegend unserer Mutter Erde, nur die Menschen lieben wollte, die ich bisher sah."

Ich fuhlte, dass Sie gerechter sind, als ich. Meine, gegen die hiesigen Einwohner gehegte Gleichgultigkeit war mir leid. Ich nahm mir vor, billig zu seyn, und meine Liebe, meine ewig vorzugliche Hochachtung fur Mariane, unterstutzte diesen Vorsatz weil ich mich freute, Etwas zu thun, was Sie an meiner Stelle thun wurden. O, wie unschatzbar ist der Werth der Tugend derer, die wir lieben, weil man die Neigungen des geliebten Gegenstandes so gerne annimmt! Ich habe wurklich heute Blumen gepfluckt, von deren Saamen ich auch bey uns auszustreuen suchen werde. Es gehr die Ausbreitung der Gesellschaft und Gesetze an, die sich neun junge Frauenzimmer gemacht haben, und die damit ganz unfehlbar den Endzweck erreichen werden, jedes wichtige und reizende Verdienst unsers Geschlechts zu erlangen.

Es ist hier gewohnlich, dass Manner, Frauen und junge Personen, jedes eine abgesonderte Gesellschaft halten. Sie kommen aber nicht ofter, als alle Woche einen Tag zusammen, und zwar immer wechselsweise von einem Hause um das andre. Diese Verbindungen nennen sie von langen Zeiten her, einen Freundschafts-Kranz, und den Tag der Zusammenkunft, den Kranzeltag. Eine Verwandtinn von Frau R** hat mich heute, da die Reihe an ihr war, dazu eingeladen und mir die Beschreibung ihrer Gesetze gemacht.

Jeden Donnerstag kommen sie mit ihrer Arbeit, Nachmittags um drey Uhr, artig geputzt, zusammen; trinken eine Tasse Coffee, aber nicht heiss, weil heisser Coffee der Schonheit und Reinlichkeit der Gesichtsfarbe schadet. Nach diesem geben sie einige Teller mit Obst und Confect. Von dem Letztern muss aber allezeit etwas von der Kranzgeberinn selbst gemacht seyn. Ist es neu erfunden, oder erlernt, dass die andern es noch nicht wissen: so muss sie die Vorschrift mittheilen. Dann werden die Arbeitensgewiesen; von der, alle zwey Monat neu gewahlten Vorsteherinn gelobt, oder getadelt. Jede muss das Neugelernte, oder die erworbene Vortheile, in Erleichterung der Muhe, oder zur Vollkommenheit des Ganzen, den andern mittheilen. Dann mussen sie nach der Reihe sagen, was sie von ihren Freundinnen haben loben oder aussetzen gehort; Erlauterungen geben, und sind sie verbunden, alle eine, und jede alle zu vertheidigen. Der Putz wird auch durchgegangen; die Unkosten und die Art der Verfertigung gesagt; der wohlfeilere Kaufmann genannt. Dann wird erzahlt, was man Schones und Nutzliches gelesen oder gehort, und sich eigen gemacht hat. Nachdem Etwas aus dem Schauplatz der Natur, einer Wochenschrift, eine Comodie, oder Poesie gelesen; daruber geredet und auf die Letzt fur Arme etwas Geld gesammelt; und eine jede von ihnen lehrt ein armes Madchen Lesen, Schreiben und Arbeiten, wodurch sie tuchtig weiden kann, einmal als gute Dienerinn glucklich zu werden. In den Hausern, wo die Tochter Bruder hat, kommen auch diese mit ihren artigen Freunden gegen sechs Uhr in die Gesellschaft, welches naturlicher Weise Abanderung und Munterkeit unter sie verbreitet. Man hat mir daruber zwey recht artige Sachen erzahlt, die ich Ihnen auch melden will.

Das Kranzchen bestund vor einiger Zeit aus neun jungen Frauenzimmern, die mindeste Schone war die Reichste, und sass einst bey ihrer vertrautesten Freundinn, als junge Herren kamen. Einer von ihnen bemerkte, dass er von diesen beyden betrachtet wurde, und sie von ihm redeten, und lag der einen so lange mit Bitten an, bis sie ihm gestund, dass Mademoiselle F** ihr gesagt: "Sie wisse, dass sie niemals wegen ihrer Person konnte geliebt werden, und dass man sie nur wegen ihres Vermogens suchen wurde. Sie wunschte daher nur, mit ihrem Reichthum das Gluck eines wurdigen Mannes zu machen; zum Beyspiel, des rechtschaffenen jungen K**, den sein Oheim das wenige Gute, das er ihm bewiess, so theuer erkaufen liesse; und es wurde ihre grosste Freude seyn, ihm durch ihr Vermogen unabhangig und vergnugt zu sehen."

Herr K** ward durch diese Edelmuthigkeit geruhrt; von der Einwilligung des jungen Frauenzimmers versichert, suchte er um sie an, erhielt sie, und wurde durch seine Dankbarkeit und ihre zartliche Liebe lange glucklich gewesen seyn, wenn er sie nicht in dem ersten Wochenbette verlohren hatte, wo sie nach dem Tod ihres Kindes nicht um Hulfe gegen ihre Schmerzen, sondern allein um die Zeit bat, ihr Testament zu machen, um ihrem geliebten Gatten ihr Vermogen, als das allein uberbleibende Zeugniss ihrer Zartlichkeit, zu versichern, und er dadurch in den Stand gesetzt wurde, eine schone liebenswurdige Frau nach seinem Herzen zu wahlen, und durch ihren Besitz fur alle die feine Achtung belohnt zu werden, die er ihr bewiesen hatte. War diess nicht eine schone Seele, meine Mariane?

Vier und zwanzigster Brief

Hier gleich, in einem Athem, sollen Sie die erst letzthin vorgegangne kleine Geschichte dieser Madchenwelt anhoren. Der Kranzeltag traf in ein Haus, wo ein schoner Garten ist, und also die Frauenzimmer zum Herumspatzieren gelockt wurden. In dem Hause eines Nachbarn der den ganzen Garten ubersehen konnte, war den Tag vorher ein Freund angelangt, der sich mit dem Hausherrn belustigte, von Ferne dem Getandel und den Bewegungen der acht artigen Madchen zuzusehen, als sie im Garten Saale ihren Coffee tranken und Etwas weniges arbeiteten. Wie sie aber aufstunden, bemerkte er eine sehr schon gewachsene muntere Brunette, die im Austreten aus dem Saale ein Buch aus der Tasche zog, darin blatterte, und auf einen Rosenstrauch zuging, bey dem sie sich gegen ihre, ihr folgenden Gespielinnen wandte, und ihnen, mit vielem Ausdruck in ihrem Gesicht, etwas vorlas; und nachdem sie alle sehr zufrieden daruber geschienen, redete sie etwas mit dem Frauenzimmer, dem der Garten gehorte, die ihr eine einwilligende Verbeugung machte, worauf die Brunette wie ein Vogel in den Saal hupfte, mit einem Korbchen heraus kam, in welches sie Rosen und andere Blumen sammlete. Der Fremde fragte seinen Freund, wer diese Person sey? Es ist die Tochter eines Gelehrten, des Herrn von U** "Von U**?" fiel der Fremde ein, "wie ist ihr Taufname?" Julie! "Wie! Julie von U**? O Gott! ich bitte um alles, mein Freund, schaffen Sie mir das Gluck, mit dem liebenswurdigen Madchen nur einige Worte zu sprechen. Ich will Ihnen nach dem die Ursache erzahlen; aber nennen Sie mich nicht!" Kommen Sie; ich darf in den Garten, wenn ich will. Aber die Julie ist gefahrlich! Wenn man sie einmal liebt, so ist es nicht leicht moglich, von ihr zu lassen, und Sie sind erst verheyrathet. "Ach, fuhren Sie mich in den Garten. Morgen reise ich wieder ab."

Die beyden Herren kamen auch, mit dem Herrn und der Frau des Gartens, und machten dem Madchen hofliche, aber stille Verbeugungen; nur Herr B**, welcher dem Fremden versprochen, ihm eine Unterredung mit Julien zu veranlassen, fragte diese: Was sie mit dem Korbe voll Blumen machen wollte? Sie antwortete: "Ich bin heute so wacker gewesen, dass ich Erlaubniss habe, meinen Freundinn Blumenstrausser zu pflucken, die ich wirklich austheilen will." Dies sagte sie mit einem freundlichen Lacheln, und ging gegen die Reihe der Madchen, wovon eine zu ihr sagte: "O, wie viele Rosen hast Du? " "So viel unsrer sind, mein Schatz! Denn wir lieben sie alle auf den Backen, auf dem Munde, auf dem Wege unsers Lebens, und sogar mochten wir, dass alle Leute, die mir uns umgehen, Rosenfarbenen Humor hatten!" Nun war sie bey der Vorsteherinn der Gesellschaft, gab ihr eine Rose, und eine "Sorgenblume musst Du dazu nehmen, weil Du mit der Aufsicht fur uns Uebrige beladen bist!" Einer andern, deren Wangen von dem schonsten Roth gluheten, gab sie eine weisse Rose, und Violette Schlusselblumen dazu; streichelte ihre Wangen. "Der Widerschein wird diese Rose farben, die andere hattest Du mit Deiner Wange beschamt." Die Schlusselblume hatte sie genommen, weil des Madchens Liebhaber diesen Namen fuhrte. Sie gab auch Julien einen Schlag, und drohte ihr: "O Du Schelm!" Einem sanften schonen Geschopf bot sie eine weisse Viole zu der Rose. "Nimm, meine Christine, sie ist schon und rein, wie Dein Herz!" Einer andern sagte sie: Eine abwesende Person hatte sie gebeten, ihr Vergissmeinnicht zu geben. Diese artigen Einfalle unterhielten alle, die da waren; sie liess sich auch nicht storen, da sie fur jede einen Gedanken bereit hatte. "Meine bescheidene Charlotte, die demuthige Grasviole ist Dein," sagte sie mit viel Empfindung; aber mit Schalkheit zu einer andern: "Liebe Helene, suche den Wendel selbst loszumachen, wenn Du ihn nicht liebst, ich habe mich vergeblich darum bemuht!"

Sie hatte aber die Wendelblume selbst darum gewunden, und dies ging den Brautigam von Helenen an. Nun blieben lauter Blumenknospen ubrig, wo sie zu einer artigen Blondine sich stellte: "Liebe Baase, unsere Verdienste und unser Gluck sind noch im Bluhen, aber sprossen thun sie doch!"

Der Fremde hatte nicht einen Blick von ihr gewandt, sie immer von Kopf zu Fussen betrachtet, sich auf die Lippen gebissen, und seinen Huth mit Heftigkeit gediehet. Herr B** nahm Julien bey der Hand und sagte: Er musse sie etwas von ihrem Herrn Vater fragen. Der Fremde ging nach. Wie sie weit genug von den andern waren, bot ihm Herr B** Juliens Hand. "Wollen Sie meine junge Freundinn fuhren?" Der Fremde haschte nach ihr; Julie zog sie errothend zuruck. "Schone Julie," sprach er, "wissen Sie, dass ich Anspruche auf diese Hand habe?" Sie stutzte ernsthaft, "Wie so, mein Herr?" "O, werden Sie nicht bose, ich bin unglucklich genug, Sie nicht eher gesehen zu haben! Hatte mir mein Vater dieses Bild gemahlt," sagte er, wobey er auf ihre Person wies, "ich hatte es von meinen ersten Jahren an auf ewig in mein Herz gepragt; so, wie ich jetzo Ihre reizende Person und den liebenswurdigen Geist niemals vergessen werde." Er fasste nun ihre Hand, kusste sie oft und feurig: "Wie glucklich hatte diese mir bestimmte Hand mich gemacht! O mein Vater, wie elend bin ich auf mein ganzes ubriges Leben!" Die gute Julie und Herr B** begriffen nichts von alle diesem. Da sie aber einer kleinen Laube nahe waren, fuhrte Herr B** sie hinein und bat den Fremden, seine Bewegungen und Ausrufungen zu erklaren, da er doch Julien nie gesehen hatte.

"Ich bin der einzige Sohn des besten und geliebtesten Freundes vom Herrn von U**. Sie hatten einen Vertrag gemacht, ihre zwey altesten Kinder mit einander zu verbinden. Aber ich wusste nichts davon, als bis ich nach meines Vaters jahem Tode von der Universitat nach Hause gerufen ward, und unter seinen Papieren den Aufsatz und Juliens Namen fand. Ich wurde da freylich, wegen meiner geheimen Heyrath, zu der ich durch unzahlige List gebracht worden, etwas betreten, weil ich glaubte, meinen Vater doppelt betrogen zu haben. Meine Frau und ihre Verwandte waren mir zuwider. Ich liess sie doch in meine Vaterstadt kommen, wo ich ihr genugsames Auskommen angewiesen, und mir etliche Jahre zu reisen vornahm. Ich ging zuerst nach Italien, weil ich hier meinen Weg durchnehmen musste, und auf die Gelegenheit zahlte, die mir zugedachte Julie zu sehen. Sie zogen mein Herz an sich, ohne dass ich Ihren Namen wusste; und Herr B** wird sagen, wie stark ich geruhrt wurde, da ich ihn horte. Mein Vater kannte mein Herz und mein Gluck besser, als ich. Aus Unvorsichtigkeit habe ich es verscherzt. Diese schone bluhende Gestalt ware mein Eigenthum gewesen! Nun habe ich eine Frau, die alter ist, als ich, und dazu bosartig. O, mein lieber B**, wie unglucklich bin ich!"

Julie war still, aber sie bedauerte ihn mit ihren Blicken. Er schwieg auch; Thranen fullten seine Augen; hundertmal kusste er ihre Hande. "Ein wurdiger, ein sehr wurdiger Mann soll Sie glucklich machen! Sagen Sie nur, hatten Sie mich leiden konnen? Wurden Sie mich von der Hand Ihres und meines Vaters angenommen haben? Liebenswurdige Julie, sagen Sie mirs! Es ist alles, alles Gluck, was ich hoffen kann!" Verwirrt, ausserst errothend sagte Julie: "Ich glaube, ich wurde ohne Widerwillen gehorcht haben!" Er kusste ihre Hand zum Dank, redete aber nichts mehr; riss etliche Blatter der Laube ab, an die Julie in ihrer Verwirrung gespielt hatte, steckte sie in seinen Busen und wandte sich von beyden weg. Herr B** fuhrte Julien zu der Gesellschaft zuruck, und ging dann allein mit seinem Freunde auf und ab, bis er sich genug erholt hatte; und den andern Morgen ganz fruhe reisete er ab, nachdem er in einem Billet Julien tausend Gutes gewunscht, und sie gebeten hatte, manchmal an den unglucklichen I** zu denken, der sie niemals vergessen wurde!

Herr von U** bestatigte die Wahrheit des Vertrags mit seinem verstorbenen Freunde, der Julien als ein artiges viel versprechendes Madchen von eilf Jahren gesehen, und sie seinem Sohn bestimmt hatte. Alle bedauerten den schonen jungen Mann, und Julie selbst wunschte, dass er ihr mochte ganz eigen geworden seyn.

War dies nicht, meine Mariane, ein ganz einnehmender Auftritt? Ich hatte mogen dabey seyn! Wie oft, meine Liebe, wie oft geschieht es, dass wir mit einem unuberlegten Schritt den Keim unserer kunftigen Gluckseligkeit zertreten, den eine uns liebende Hand gepflanzt und gewartet hatte! Eine sehr muntre Person sagte bey dieser Gelegenheit, die Vorsicht musse ganz eigene, uns unbegreifliche Ursachen gehabt haben, dass sie den Leichtsinn gerade auf die Jahre legte, wo man am meisten Klugheit nothig habe.

Funf und zwanzigster Brief

Mariane! Ich war Heut in einer grossen Gesellschaft. Manner, viele Manner, im eigentlichen Verstande genommen, waren da; manche wichtige Gegenstande der Unterredungen kamen zum Vorschein; alle wurden fluchtig behandelt, nur bey dem von der Religion blieben sie am langsten stehen. Billig ware es, das Nothigste und Beste am langsten zu betrachten; aber, meine Liebe! die Art, mit der etliche von den Mannern von einigen Theilen der Religion redeten, war nicht gut! besonders schmerzte mich, dass gerade in Gegenwart der Hausbedienten solche Stucke beruhrt wurden, auf die sie nothwendig aufmerksam werden mussten. Der Mann, so davon redete, sprach mit dem Ton des Wissens und der Ueberzeugung. Ein Paar andere, die auch Anspruch an Scharfsinn haben, fielen ihm bey; der Hausherr war still, und naturlicher Weise sprachen die Frauenzimmer hier nicht mit. Meine Seele war ruhig, weil, dem Himmel sey Dank! meine Religion in meinem Herzen und nicht in meinem Kopfe ist, und ich sie in Handlungen, nicht in Reden lege: aber die horchende Miene der Bedienten drang mich, einem der besten unter den Mannern zu sagen: Ob der treue Glaube des gemeinen Mannes dem zweifelnden und grubelnden Gelehrten nicht eben so ehrwurdig seyn sollte, als die Unschuld der Jugend einer gewissen Gattung anderer Leute sey? Ich fande es sehr grausam, durch eine muthwillige Verwendung des Uebermaasses an Geisteskraften den Frieden der Seele des Ruhigglaubenden zu storen. Der edle empfindsame Mann sah mich ganz bedeutend an, gab mir Recht, und unterbrach den reisenden Lauf des Gesprachs. Ich war froh daruber; denn warum soll der auf einem zugellosen Pferde sitzende Reiter das Recht haben, dem redlichen Fussganger seinen stutzenden Stab zu entreissen? der ihn just vor dem Abgrunde bewahren wird, in welchen der andre sturzen kann. Ich sagte dann mir selbst, warum sehen die Manner die Pflichten der Religion, die Unterwerfung ihres Geistes, so leicht als ein Joch an, das ihren Nacken druckt, und suchen sich davon loszuwinden? warum geschieht dieses nur bey Mannern von einer gewissen Klasse? Ist das Gefuhl der Starke, die ihnen die Natur giebt, oder das, von Freyheit, Willkuhr, und Obergewalt, die ihnen Umstande und Gesetze geben, daran Ursache? Bald mochte ich das Letztere glauben! Denn unter dem weiblichen Geschlecht ist noch niemals eine Emporung uber Glaubensartikel entstanden. Weil wir von Jugend auf, denke ich, an die Idee einer uber uns herrschenden Menschengewalt gewohnt sind, so kostet es uns gar keine Muhe, Vorschriften und Gesetzen zu folgen und nachzugeben, die das Geprage des gottlichen Willens und Rathschlusses an sich tragen. Zudem machte ich noch die Bemerkung, dass unter dem gemeinen, auch von Uebermacht beherrschten Manne, von jeher die Schwarmer, und niemals die Besturmer der Religion entstanden sind, so, dass der Muthwille und die Unbandigkeit, die aus dem Ueberflusse an Glucks- Geistes- oder Gewaltskraften entstehen, die Hauptursachen dieser mannlichen Verkehrtheit seyn mogen. Weiter, meine Liebe, gebuhrt mir nicht zu gehen! Doch freut mich innigst, bey den vielfaltigen, oft zu eifrigen Widerspruchen gekommenen Unterredungen, uber den wahren Verstand dieses oder jenes biblischen Gedanken, immer bey Allen eine tiefe Verehrung fur den gottlichen Ausspruch gesehen zu haben: "Liebe Gott uber alles, und deinen Nachsten als dich selbst."

Moge dieses in alle meine Thaten des Lebens verwebt, und am Ende meiner Tage das, Zeugniss seyn, mit welchem ich den letzten Blick auf meinen Nebenmenschen, und den ersten in die Ewigkeit thun werde!

Sechs und zwanzigster Brief

Konnte ich, o meine Mariane, nach dem Verluste der edlen Henriette noch jemand so sehr lieben, als ich Sie liebte, so hatte ich hier eine weibliche Seele gefunden, die mich anziehen wurde.

Madame G** fuhrte mich in eine grosse Gesellschaft, und sobald sie mich der Frau vom Hause vorgestellt hatte, sagte diese mit einer Art Zischerey: "Wissen Sie, dass ich Heute so glucklich seyn werde, die seltene Madame D** bey mir zu sehen? Vielleicht kommt sie nur, weil sie weiss, dass Sie da sind; aber ich werde sie doch auch besitzen." Madame G** sagte nichts "darauf; wandte sich aber zu mir, und sagte: Sie werden Madame D**, meine liebste Freundinn, und eine sehr schatzbare Frau sehen, auf die ich Sie bitte, aufmerksam zu seyn, denn ich will Ihnen von ihrem Charakter erzahlen."

Es kam eine ziemlich grosse, wohlgewachsene Frau, von vier und dreyssig Jahren, von vielem Anstande, mit vieler Lebhaftigkeit in ihrem Bezeigen. Nicht besonders schon, aber eine Physiognomie, die einnehmend war. Viele von den Mannern bewiesen ihr besondere Aufmerksamkeit. Sie redete aber meistens mit Frauenzimmern, und gab, da sie mit Madame G** war, ihrer Unterhaltung einen geistreichen und zartlichen Ton, der mit einem ganz eigenen Ausdruck ihrer Gesichtszuge begleitet war, die sie immer reizender machten, indem ihre Stimme bestandig sanfter und melancholischer wurde. Die Blicke der Madame G** waren aber wahrend dem Reden ihrer Freundinn sehr bedeutend auf einen der anwesenden Herren geheftet, der nahe bey ihr sass, und in ein artig tandelndes Gesprach mit einer niedlichen Coquette verwickelt zu seyn schien. Ich suchte die Ursache des Ausdrucks der Augen von Madame G** in dem Manne, den sie betrachtete, und fand in Wahrheit in seiner ganzen Gestalt das, was fur mich die edle schone Grosse des liebenswurdigen Mannes ist. Die Bildung seines Gesichts war nicht so regelmassig schon, als seine Figur, aber Zuge der Winkelmannischen Seelenruh, Zuge des denkenden Geists, und des festen Charakters, der nichts thut, als was er will und gut findet, waren in seinem Gesichte, welches durch das Gemische von Leichtigkeit der Ideen gegen die Coquette, nur um so interessanter wurde. Madame D** sah gar nicht auf seine Seite, sondern fuhrte ihre Unterredung bis zum Ruhrenden fort. Madame G** druckte ihre Hande an ihre Brust und sagte mit Seufzen: "O, Sie liebe vortrefliche Frau! wa " hier legte Madame D** geschwind ihren Finger auf den Mund der Freundinn, denn Herr C** hatte bey diesem Ausruf sich umgesehen, und sein fluchtiger Blick machte Madame D** ausserst errothen. Aber dies machte sie sehr schon, denn es war die Rosenfarbe, welche Bescheidenheit und Liebe uber die Wangen der Tugend verbreitet. Herr C** stutzte nach diesem seinen Kopf auf den Stuhl, sah nicht mehr um sich, redte auch, wie mich dauchte, nicht mehr mit der nemlichen Fertigkeit, wie vorher. Aber Madame D** war stille, in sich gekehrt; und Madame G** sprach mit mir. Alles dieses zusammen sagte mir, dass Herr C** eine starke Rolle in dem Spiel hatte; doch sahe ich erst ganz klar, nachdem wir zu Hause waren, und Madame D** hatte sagen gehort: "O, meine Freundinn, ich bin noch lange nicht stark genug, ihn in Gesellschaft zu sehn, lassen Sie mich immer in meinem Cabinet den sussen Kummer uber seinen Verlust geniessen! Ich bin glucklicher, wenn ich den leeren Platz ansehe, auf welchem er ehmals mir gegenuber sass, als wenn ich ihn selbst immer gleich liebenswurdig, meinem Herzen immer gleich werth, nahe bey mir, den reichen Schatz seines Geistes in kleinen Spielpfennigen austheilen sehe! Es ist unglucklich fur mich, dass ich einsam die Starke der sympathetischen Bande fuhlen muss, die mich' an seinen Geist und Charakter heften; aber sollte er mich hassen, so ist mir sein Hass werther, als die Liebe eines andern Mannes."

Dieses und die Zartlichkeit, mit welcher sie die Madame G** umarmte, zeigte mir eine traurige Leidenschaft; und ich sagte nach dem Essen zu Madame G**, was ich alles gehort, und jenes, was ich bemerkt hatte. "Sie waren also fein aufmerksam?" "So, wie Sie es wollten, liebe Madame G**?" "Nun, kommen Sie, ich will mein Wort halten." Und hier ging sie zu ihrem Schreibtische und holte diesen Aufsatz: Von dem Gluck der edlen Liebe, welchen Madame D** in der Zeit verfertigte, da die reizende Hofnung einer Vereinigung mit Herrn C** in ihrer Seele bluhte. Ich habe ihn aus dem Englischen der Frau D** in mein Deutsches ubersetzt, und ich meyne, Sie werden mit mir bejammern, dass es nur die Traumerey einer schonen liebevollen Seele bleiben soll; denn Herr C** liegt in den Netzen einer feinen Coquette der grossen Welt, und Madame D** verwirft alles, was Netz- und Schlingenartig ist. Sie will weder der Kunst, noch der List ihre Gluckseligkeit zu danken haben, sagt sie ihrer Freundinn G**: aber in jedem Augenblick meines Lebens, und auch bey der geringsten meiner Handlungen will ich mir sagen konnen: "Wenn C** mich sahe, wenn er mich horte, so wurde er mir seine Hochachtung nicht versagen!" Taglich vermehrt sie die Kenntnisse ihres Geists, und verwendet ihr Vermogen zu Wohlthaten. Aber taglich entfernet sie sich mehr von Umgang und Gesellschaften; denn es hatte immer von ihr abgehangt, Herrn C** zu sehen, und sogar der Madame S** ihre Unternehmung auf sein Herz schwer zu machen. Aber das erste Merkmal von Vergnugen, das sie bey ihm uber das Anlocken der Frau S** bemerkte, gab ihrer Hofnung eine todliche Wunde, die sie in ihrem Hause verbergen will. Einigemal hat er sie besuchen wollen: da sie aber ihren Leuten befohlen hatte, ohne Ausnahme jeder Mannsperson zu sagen, sie ware nicht zu Hause, so kam er nicht wieder, und gewohnte sich um so mehr an den Umgang der Madame S**, die ihn immer, auf der einen oder andern Seite, mit neuen Faden einzuspinnen wusste. Nur Gestern kam der Madame D** der Gedanke, ihn Einmal wieder zu sehen. Sie redete es mit Madame G** ab; wurde aber aufs Neue unglucklich, indem sich sein Bild aufs Neue in ihr zartliches Herz pragte.

Bild des Glucks der edlen Liebe.

Mylord Arundel, ein edler junger Mann, der unter dem Druck einer harten widersinnigen Erziehung die feine Empfindsamkeit seines Herzens fur jede Schonheit der Tugend, und den aufkeimenden Scharfsinn seines Geists fur das Edle und Grosse der Wissenschaften, ganz im Verborgenen nahren und erhalten musste, weil er niemand um sich sah, der als liebreicher, geschickter Anleiter, oder als Gefahrte, den schonen Pfad der Kenntnisse mit ihm in die Hohe steigen wollte. Aber, mit desto festerm Schritt ging er alleine. Ohne fremde Stutze war er verbunden, seine eigene Krafte um so mehr hervor zu suchen, zu uben, und zu gebrauchen. Ein Nutzen, der ihn an alles Leiden seiner Jugendjahre mit Segen erinnert, weil er uberzeugt ist, dass eine fremde Hand die ersten Funken seines Genies entweder ersticken, oder zu einem wilden Feuer hatte treiben konnen. Mit der Ruhe der Sanftmuth und des gelassenen Leidens in seiner Miene, wuchs er auf. Die moralische Triebfedern seiner Seele halfen seinem Korper das reine Ebenmaass der edlen mannlichen Gestalt erreichen. Kenntniss und Gefuhl des Sittlichschonen gab ihm das feine Auge fur das Schone der Natur und Kunst. Eine mit Nachdenken gemachte Reise durch Frankreich und Italien befestigte seinen Geschmack am Edlen und Grossen, deren Kennzeichen er uberall ausfindig machte, ob sie in einer Arbeit des Geistes, des Gelehrten, des Kunstlers, oder in den tiefen Falten einer Seele lagen. Sein Vater hatte ihn zu einer sehr trocknen Amtsbeschaftigung gewidmet. Folgsam gegen das Leitband der Pflicht hatte er es ohne Widerstreben angenommen. Aber, sein Geist und Herz litten viel dabey. Seine Gesundheitskrafte erlagen; er wurde krankelnd und etwas melancholisch. Im Verborgenen ausgeubte Wohlthaten versussten allein seine ihm bitter werdende Tage, indem er, aus Mangel anhaltender Gesundheit, seiner Lieblingsneigung im Studieren nicht genugsam folgen konnte. Einsame Spatziergange widmete er dem Nachdenken, weil er fand, dass die freye Luft, der Anblick der schonen Natur und die Bewegung ihm Gutes that.

Eines Tages kam er, in der Hulle seiner Gedanken verwickelt, unvermerkt uber drey Stunden von seinem Wohnsitz hinweg, als er, durch einen Rogenwind und die fallende Wassertropfen zu sich gerufen, um sich sah, und in einer ihm nicht sehr bekannten Ebene keinen Schutzort vor sich fand, als das in einer Entfernung an dem Ende einer Gartenmauer weit hervorragende Dach eines Chinesischen Sommerhauses. Dorthin eilte er, um sich etwas trocken zu erhalten. Die Fensterladen gegen die Seite, wo er herkam, waren zugeschlossen, weil eben der Wind den Regen dahin trieb. Er stellte sich auch auf die andere Ecke, und horte da verschiedene Personen in dem Sommerhause mit einander sprechen. Die meisten waren uber den Regen missvergnugt, weil er einen abgeredten Spatziergang verhinderte. Eine sanfte Frauenzimmerstimme aber, nahe am Fenster, fing an von dem Vergnugen zu reden, das sie uber die freye Aussicht der Gegend, und der sich sammelnden und nahernden Regenwolken empfunden habe. Sie setzte hinzu, es dunke sie, an ihrem Herzen einen Theil der Erquikkung mit zu fuhlen, die den Baumen, Wiesen und Feldern durch den so wohlthatigen Regen zukame. Eine etwas rasche Person schien ihr zu antworten, denn es wurde ihr ganz kurz gesagt: "O! Sie lieben den Regen nur, weil er Kalte mit sich bringt." Der meiste Theil lachte hier. Aber nach einigen Augenblicken sagte die Damenstimme auf franzosisch: "Wie wenig kennt man mich, meine Freundinn, wenn ich der Unempfindlichkeit beschuldigt werde! Fande sich nur der Mann, den ich nach meinem Herzen lieben konnte, wie gerne wurde ich meine Zartlichkeit zeigen; aber sie soll eher mein Leben untergraben, und ungenutzt mit mir vergehen, als einem der Manner, die ich kenne, zu Theile werden." "Ach, Emma!" sagte eine andere Stimme, "Sie sind zu feindenkend geworden! Sie werden; furchte ich, niemals glucklich seyn! denn der Mann Ihres Herzens lebt nicht." Ganz melancholisch sagte die erste Dame: "Nun! so liebe ich mein Ideal von ihm, und Sie, meine Freundinn." Lord Arundel, aufmerksam und eingenommen von diesem Gesprach, stand ohne Bewegung da, als einer von den Gasten ans Fenster kam und ihn erblickte; und da er ihn kannte, ihm sogleich zurief: er mochte doch in das Haus treten@ wovon die Thure an der einen Seite offen stunde. Gerne folgte er dem Rufe, der ihm Hofnung machte, das Frauenzimmer zu sehn, deren kleines Gesprach seinem Herzen so nahe gegangen. Gleich bey dem Eintritt in das Zimmer blickte er an das Fenster, unter dem er gestanden hatte. Drey Damen sassen da, alle sehr artig; die Frau des Hauses und ihre zwo Tochter stunden nahe bey ihm; und eine Dame, nicht so schon als die andre, an ein gegenseitiges Fenster angelehnt. Die Herren bewillkommten ihn; die Damen machten stumme Knickse, und er erzahlte, wie es zugegangen, dass er dahin gekommen sey. Aber wahrend dem Gesprach horchte er auf den Ton der Damenstimmen, und suchte die ihm so angenehme Rednerinn unter zwo reizenden jungen Damen, die er wechselsweise mit Aufmerksamkeit beobachtete, indem er die so gefuhlvolle Seele gewiss in der niedlichsten Figur zu finden dachte, und es vielleicht auch wunschte. Begierig, welcher von beyden er eigentlich seinen Beyfall fur Geist und Person schuldig sey, wunschte er, dass sie reden mochten, als er auf einmal, zu seinem grossten Erstaunen, hinter seinem Rucken die Stimme ertonen horte: "Liebe Henriette! kommen Sie und sehen, wie schon die niedergehende Sonne das von dem Regen glanzende Waldchen und das Feld in der Ferne mahlt" Und diese Stimme gehorte der Dame, deren Reize am Verbluhen waren. Arundel war unwillig, wie ein Gartner es werden konnte, der den blassweissen Rosenstock mit reichern Blumen fande, als den, der reizendes Roth tragt. Doch hatte die Dame durch den moralischen Ton ihrer Seele schon einige Rechte auf sein Herz erhascht. Er betrachtete ihren Anzug, der in falbem Grau mit weissen Schleifen bestund. Durch eine Wendung, welche die Dame machte, sah er zu seiner Freude, dass die mangelnde Bluhte ihrer Gesichtsfarbe durch eine sehr einnehmende Bildung ihrer Gestalt ersetzt wurde, und dass der Ausdruck einer moralischen Seele in ihrer Miene lag. Nun fragte er nach ihrem Namen, und man nannte die verwittwete Lady Emma, die sich seit acht Tagen hier aufhielt. Ein geheimer Zug naherte ihn zu ihr, und er fing auch an, von der reizenden Abendrothe zu sprechen, deren Widerschein das Gesicht und die halbversteckte Brust der Dame dem Kennerauge sehr verschonerten. Ganz ungekunstelte Grazie, die durch die sittliche Bewegungen ihrer Seele uber ihre ganze Person ausgebreitet war, machte mehr und tiefern Eindruck auf ihn, als er dachte. Er blieb den Abend da, kam die folgende Tage ofter zu Pferde, welches er mit dem edelsten Anstand regierte.

Sein Umgang, die Erzahlung von seinen Reisen, von der Verwendung seiner Tage, mit so viel Bescheidenheit er sie machte, gaben der guten Lady Emma mit dem Gedanken, du edler wurdiger Mann! auch zugleich das volle Maass "ewiger tugendhafter Liebe" fur den Mann ihrer Seele. Jeder Reiz ihrer Person, jeder Zug von Geist, jede edle Eigenschaft ihres Herzens schien, durch den Hauch der Liebe belebt, in einem neuen Glanze zu stehen.

Mylord Arundel widersetzte sich dem anziehenden Vergnugen, so er in ihrem Umgang fand, gar nicht; doch sah sein Beobachtungsgeist bey jedem Schritt sorgfaltig um sich. Denn erst nach hundertfachen Wendungen, die er durch Fragen, durch fein veranlasste Gelegenheiten der Lady Emma gab, ihren Charakter auf allen Seiten zu zeigen, erst da uberliess er sein Herz der Freude uber die wohlthatige Gewalt, die er der moralischen Schonheit uber seine Seele gelassen hatte. Er fuhlte, dass allein die Liebe, und der Besitz eines gleichgestimmten Herzens, das Gluck sey, dessen Mangel sein Leben so traurig und leer gelassen hatte. Doch furchtsam, wie der Mann von wahrem Verdienste es allezeit ist, wagte er lange nicht, von seiner Liebe zu reden. Aber, wie glucklich machte er Lady Emma durch dieses Gestandniss! wie sehr freute sie sich, dem von ihrem Herzen so lang gewunschten Manne zu gefallen, und Eigenschaften zu besitzen, wodurch sie ihn glucklich machen konnte! Wie zartlich waren ihre Berechnungen uber das grosse Maass der hochsten Freude, welches sie bey Erblikkung ihres Arundel geniesse! Wie viel grosser, wenn sie nach einer kurzen Abwesenheit seine Hand an ihr von Liebe klopfendes Herz druckte; seine Stimme, seinen Fusstritt horte. Bey Emma und Arundel wurde der Seelentausch, den man bey wahren Liebenden behauptet, zur unerschopflichen Quelle der reinsten Gluckseligkeit dieser Erde. Die Zartlichkeit der schonen Seele der Lady Emma, die edle Gute, die Wahrheit des moralischen Gefuhls, welche jeden Schritt ihres Lebens bezeichneten, starkte in Arundels Seele den Glauben und die Liebe der Tugend; so, wie die Grosse und der Scharfsinn seines Geists, den Geist der Lady Emma immer mehr bereicherte, besonders da sie vereinigt eine Reise nach Italien und Sicilien machten, damit Lady Emma das gluckliche Stuck Erdreich mit eigenen Augen sahe, auf welchem der grosse Genius der Alten, mit so vieler Muhe, die ehrwurdigen Ueberreste seiner schonsten Werke aufbewahrt.

Hier liess Lady Emma die ganze edle Figur ihres Arundel mahlen, wie er mitten unter zertrummerten Stucken der grossten Baukunst, die fein gearbeiteten Cypressen-Gewinde eines Aschenkrugs, mit dem tiefen Gefuhle der Verganglichkeit betrachtete. Der Lady Bild neben ihm, wie sie mit dem hochsten Ausdruck zartlicher Liebe eine seiner Hande halt, wahrend ihr Auge ihm sagt: "O, mein Arundel! moge einst Dein seelenvoller Blick so auf dem Behaltniss der Asche Deiner Emma verweilen! Der Geist meiner Liebe fur Dich wird meine Ueberreste umschweben, und eben so dankbar, wie der Genius des Kunstlers, der auf dieser Urne ruht, die Achtsamkeit Deines grossen menschenfreundlichen Herzens bemerken!"

Sieben und zwanzigster Brief

Ich bin etwas traurig, meine Freundinn. Die zwey Damen G** und D** haben mich beynah uberzeugt, dass das Bild der glucklichen edlen Liebe ein Traum sey, und dass sich kein Mann fande, der die Starke der Zartlichkeit einer Emma, oder einer Madame D** lieben wurde.

Also, meine Damen! ist der Charakter eines Arundel Traum? wahrend dass der von einer Lady Emma Wahrheit ist? Die Eigenliebe und Eitelkeit der Manner ist also ein viel niedertrachtigeres elenderes Ding, als die unsrige? Und du, ehrwurdige Vorstellung des geistvollen, edlen, moralisch-empfindsamen Manns, du bist nichts, als Schattenbild, das meine gute Phantasie erschuf? Konnte ich es so ganz glauben, meine Mariane, so mochte ich, auf Henriettens Grab gelehnt, heute noch meine von diesem Ideal erfullte Seele ausweinen; denn ich kann nicht halb lieben, nicht zur Halfte hochachten. Das Beste, was wir Menschen dem Himmel geben konnen, ist Verehrung und Liebe. Aus diesen zwey hochsten Gesinnungen besieht auch unsre Freundschaft, unsere vorzugliche Neigung fur den Mann, an den der innere Ruf der ewigen Gesetze der Natur, und die Leitung eines Bilds vom Liebenswurdigen uns heften: und es sollte immer Tausende geben, deren korperliche Gesundheitskrafte hinreichen, mehr als einmal alle Zonen unserer physikalischen Welt zu durchreisen, und das schone Gebiet des moralischen Kreises soll unter ihnen keinen Wanderer finden, der es mit eben dem Eifer, mit eben dem Anhalten durchginge, als die Andern Meere und Geburge durchkreuzen? Nein, meine liebe Madame D**, alte und neue Geschichten, das Bild selbst, so Sie mir von Ihrem geliebten Herrn C** mahlen, beweisen, dass es Arundels, Henris Mandevills, Rivers, und Grandisons geben kann, und giebt. Wurden den Tugenden des Herzens eben so viele Ehrenzeichen und Glucksguter gegeben, als man sie dem Verdienste des Verstands anweiset, so wurden wir eben so viel edle Thaten, als geschickte Arbeiten von unsern jungen Mannern sehen.

"Das ist alles recht schon, recht gut, meine liebenswurdige Freundinn," sagte Madame D**, "aber es ist noch nicht sicher, dass diese vortreflichen Leute eine von uns beyden lieben wurden!"

"Und meine D** hat sehr gut gesprochen," fiel Madame G** ein. "Denn, wenn man Euch beyde recht nahe besieht, so seyd Ihr freylich bewundrungswerthe Frauenzimmer: aber, just diese Bewundrung hindert den Anfall der Liebe. Ihr fordert Tribut; Ihr lasst niemand die Freude, Euch Etwas zu schenken. Meine D** da, hatte gewiss die Wagschaale bey C** ubergezogen, wenn sie nicht zu stolz gewesen ware, sich der S** gegenuber, mit Etwas Gefalligkeit zu wagen."

"Ach, meine Liebe, Herr C** kannte meine gute Seite schon, und es ist sicher, in dem Augenblick, wo eine S** gefallt, ist es nicht mehr moglich, dass ich Etwas erhalte!"

"Und warum nicht? Hatte nur Ihre eigensinnige Feinheit nicht vergessen, dass der weiseste, edelste Mann auch Mensch ist; und dass in den Augenblicken, wo dieses Gefuhl redet, die kluge, hochachtungswurdige Freundinn das gefallige Weib zeigen muss. Hatten Sie dieses gethan, liebe D**, so ware C** zu Ihren Fussen. Ich weiss, wie sehr er Sie schatzte. Waren Sie nicht gleich vollig zuruck geblieben, so hatten Sie selbst bey seiner anfangenden Achtsamkeit fur die S** gewonnen. Er liebt der S** ihre Redekunst, und die Muhe, die sie sich um ihn giebt. Waren Sie zur Seite gewesen, hatte er sagen konnen: S** ist anlockend; sie hat Witz; ich habe Eindruck auf sie gemacht; sie sucht mir zu gefallen; aber was ist ihre Seele gegen die Seele der D**! Tugend und wahrer Geist sind dieser eigen; die Hochachtung, die sie mir zeigt, kann Liebe werden; schon habe ich manchmal Zartlichkeit in ihrem ernsten Auge gesehen; ihre Stimme ist sanft, wenn sie mit mir spricht; ein Paar Blicke haben mich gefragt, ob ich ihr die S** vorziehe? Ich habe dieser ihren feinen Fuss gelobt, und einige Minuten darauf sah ich, dass der Fuss der Frau D** sehr schon gebildet ist. S** ist niedlich, schon; D** edel gestaltet. Die Liebe dieser Frau ist susser, als das Schmeicheln der Coquette Und sehen Sie, so wurde er gedacht haben, und genosse nun das Gluck Ihrer Liebe, die Ihr Herz verzehrt."

"O, Sie muthwilliges Geschopf!" sagte Frau D** "Liebaugeln, meinen Fuss zeigen sollte ich, um das Herz zu erhalten, das ich damals zu beleidigen gedacht haben wurde, wenn ich dieses als einen Weg dazu angesehen hatte? Wenn ihn die S** glucklich macht, ach, moge er es seyn! Der hochste Grad weiblicher Eitelkeit muss durch die Erfahrung dieses Mannes einen glucklichen Stolz empfinden. Sie spielt mit ihm! Ich wurde ihn als das grosste Geschenk der Vorsicht mit Anbetung geliebt haben. Nun ist es anders! aber ich werde nie aufhoren, meine traurige Zartlichkeit fur ihn zu nahren! Seine Liebe hatte mich glucklich gemacht. Aber seine Gleichgultigkeit nimmt ihm nichts von den Verdiensten, um derentwillen ich ihn ewig lieben werde."

Eine Thrane endigte das Gesprach, und gewann ihr mein Herz. O, meine Mariane! die Manner wollen also nicht geliebt, wollen nur geschmeichelt seyn?

Acht und zwanzigster Brief

Noch immer, meine Mariane! bin ich an diesen fremden Boden geheftet: hunderterley grosse und kleine Ursachen rucken das Ziel unsers Aufenthalts weiter hinaus! Gestern sprach ich daruber mit meinem Oheim, und liess mir den Gang der Nachsuchungen uber Recht und Unrecht erklaren. Er lachte herzlich uber meine Ausrufung, da ich dem Himmel dankte, dass unser Korper dem hasslichen Hin- und Hergehen, und vergeblichen Seitenschritten unsers Geists nicht unterworfen sey! aber, gewiss ist auch, dass die starkste Masse der physikalischen Welt das Ausdehnen. Zerreissen, Wiederzusammensetzen, Pragen und Modeliren nicht ausdauren wurde, welchem unser Verstand, von den ersten Jahren an, auf so viele muhselige und unnutze Weise ausgesetzt ist.

"Freue Dich daruber, Rosalie," sagte er; "denn dieses beweiset Dir, dass der Urstoff Deiner Ideen unzerstorbar ist. Sonst hatte das Eigene Deines Charakters unter dem Gehorsam gegen die Fuhrung Deiner Jugend, und dem bisherigen Beugen nach der Gewalt der Umstande, erliegen mussen; und vielleicht wurdest Du nicht die Halfte Deiner Fahigkeiten entfaltet haben, wenn nicht Deine wunderliche Baase, und einige Widerwartigkeiten Deinen Kopf und Herz geneckt hatten."

Er hatte seine Hand freundlich nach mir ausgestreckt, und die meinige bey den letzten Worten etwas geschuttelt. Die Bewegung seines Kopfs fragte, ob es nicht wahr sey? Ich gestund, dass er Recht hatte; aber zugleich sagte ich, unter zartlichem Kussen seiner Hand, dass, wenn er mich nicht durch seine Gute gestutzt hatte, so ware gewiss jede Triebfeder meiner Seele zerknickt worden.

"Das mag wahr seyn," erwiederte er; "aber, hast Du denn vergessen, dass ich selbst Versuche gemacht habe, sogar die Stefte auszuziehen, an die einige von den Triebfedern befestigt sind? Aber, wenn ich sah, dass Du aus Dankbarkeit fur meine Liebe alles aufopfern wolltest: so konnte ich nicht fortfahren, und liess Dich nach der Anlage der Mutter Natur gehen, ungeachtet ich sah, dass das Abstechende Deines Charakters mit dem Charakter Andrer, Dir manches Unangenehme zuziehen wurde. Doch, da Du ein hubsches Madchen wurdest, und Dein Kopf eben so leicht und munter, als Deine Seele empfindsam war: so dachte ich, es wurde wohl einen jungen Mann geben, dem einmal das wunderliche Gemische von Schwachheit und Starke, so in Dir liegt, eben so ertraglich vorkommen konnte, wie mir."

Innig geruhrt dankte ich dem besten Oheim fur diese Gattung von Freyheitsbrief, den er mir durch diese Erklarung gab. Meine Seele athmet nun viel leichter, als in manchen vorigen Stunden. Mein Oheim duldet mich gerne, so wie ich bin, und Mariane von St** liebt mich just deswegen! Das ist genug, genug Gluck, von der mannlichen und weiblichen Welt! Ungestort und ungetadelt sollen alle andre vor und neben mir gehen! Ich werde keinem zurufen, in meine Fusstapfen zu treten. Wenn ich nur unter dem Schutze der herablassenden mannlichen Weisheit meines Oheims, an dem freundlichen Arme der weiblichen Tugend, die unter der Gestalt meiner Mariane wandelt, den kleinen Weg meines Lebens durchgehen kann; sollten auch die schonen Hofnungen meiner zartlichen Liebe zernichtet werden: so werde ich immer mich noch glucklich genug finden, wenn bey dem Genusse Ihrer Gute, mir das moralische Gefuhl uber Schonheiten des Geistes und der ausubenden Tugenden bleibt. Adieu, meine Mariane! Warum, warum schreiben Sie so ungern! Wie viel verliert Ihre Rosalia dabey!

Neun und zwanzigster Brief

Abends 9 Uhr, von dem Schlosse R**.

Ich habe den heutigen schonen Herbsttag hier zugebracht; aber blos in der Absicht, Henriettens Grab zu besuchen, und deswegen kam ich in grosser Gesellschaft, um von Frau G** weniger vermisst zu werden. Ich hatte das nemliche Kleid angezogen, in welchem mich Henriette das Erstemal sah; mich darinn umarmt, und ihren schonen Kopf auf meine Schulter gelehnt hatte. Ich ging durch einen Umweg, zwischen den Feldern und Hecken, ganz allein. Ich, die sonst unmoglich allein durch die Strasse einer Stadt gehen konnte. Aber das Gefuhl von Tod, Ewigkeit, Tugend und Freundschaft, erhob mich uber alle andere Empfindungen. Meine Seele dunkte mich grosser, erhabener, als jemals. In dem weiten Luftraume war Ruhe um mich her, da der Landmann auf der welkenden Wiese, und dem kaum ausgesaeten Felde, fur seine arbeitsame Hand nichts zu thun hat. Nichts storte meine Bewegungen, nichts hinderte sie. Ich war nicht munter, Mariane, aber glucklich, sehr glucklich! Jeder Blick gen Himmel war in meinem Herzen ein susses heitres Gefuhl von dem Vaterlande, das mich naher dunkte, als wahrend meinem Aufenthalte in der Stadt und in Hausern. Die schone braune Farbe des neugebauten Feldes liess mich, mit ausgebreiteten Armen und mit innigem Gefuhl, unserm grossen liebenswurdigen Klopstock nachsagen: "Sey mir gegrusst, Erde! mein mutterlich Land! die du mich gebahrest, und einst im kuhlenden Schoosse zu den Entschlafenen Gottes begrabst, und meine Gebeine sanft bedeckst!"

Mit diesem kam ich allmahlig auf die kleine Hohe, wo ich rechter Hand Henriettens Wohnhaus, die gelben welkenden Blatter der Laube und die rothwerdende Epichwand des Nebenhauses sah; auf meiner Linken aber, die sich am blauen Firmament erhebende Stucke der alten Capelle und des runden Daches uber Henriettens Grabe, ansichtig wurde. Ich blieb stehen. Eine Thrane trat, mit der Erinnerung jeder Auftritte in diesem Hause, in mein Auge. Edle selige Freundinn, Deinen Wohlstand, Deine Bluthe sahe ich nicht; nur Dein Verwelken und die zitternde Bewegungen, die der Hauch des Zufalls in den letzten Tagen Deiner Hinfalligkeit verursachte! Sanft, wie das Haupt einer zerstorten Blume, fielest Du zur Erde! Ach, mochte mit Deinem letzten Blicke Deine reine Tugend mein Erbtheil geworden seyn!

Nun war ich an ihrem Ruheplatze, und blieb am Eintritt stehen; nicht nur von dem Anblick ihres Grabes ausserst bewegt, sondern auch dadurch geruhrt, dass ich meinen Schatten an ihrem Grabstein sah, wohin ihn die niedergehende Sonne warf. Ich weiss nicht, aus welcher gemischten Bewegung ich mich an eine Saule lehnte, und solche mit einem Arm umfasste, eben, da ich in mir sagte: "Der Schatten der lebenden Freundinn uber dem Staub der todten." Ich zog meinen Handschuh aus, sah auf Henriettens Miniaturbild, welches ich in ein Armband gefasst habe, kusste es, und ging an den sie deckenden Stein. Ein kleiner Schauer uberfiel mich, und auch der Gedanke, warum bist du herangegangen? Doch gleich zog ich auch meinen rechten Handschuh aus, breitete meinen ganzen Arm uber den Stein hin, und ich konnte sprechen: "Ach, kalt, fuhllos, wie Du! ist nun das Herz, in welchem die zartlichste und feurigste Liebe wohnte, und aus welchem so viel thatige Tugend floss!" Ein fur Worte zu starkes Gefuhl, liess mich auf eine Zeit lang schweigen und weinen. Tief in meine Seele drang der Gedanke Verwesung! Aber ein Sonnenstrahl, der zwischen den Saulen einfiel, und Henriettens Bildniss beleuchtete, belebte auf einmal mit ganzer Kraft das Gefuhl von Unsterblichkeit unsers besten Theils; mein Herz sprach: "Ja, glanzender, als die hochste Bluhte Deiner irdischen Reize war, ist nun die verewigte Schonheit Deiner Seele! und ich, in vollem Genuss des Lebens und der Gesundheit, auf Dein fruhes Grab gestutzt, sehe die hochste Gluckseligkeit in Deinem seligen Tode! Das Beste, so ich nach diesem noch von der Erde begehren wurde, ist eine Thrane der Freundschaft, die das Auge meiner Mariane auf meinem Grabe vergosse, wenn ihr Herz noch eine Zeit lang ein Zeuge der Tugend des meinigen gewesen seyn wird."

Aber, Mariane! warum kniete ich in dem Augenblicke, da ich an meinen C** dachte, nieder? warum flossen bey seiner Erinnerung meine Thranen haufiger, und warum fuhlte ich mein Herz gepresster, als vorher? An dem Grabe einer viel liebenswurdigern Person, als ich bin, geschahe dieses. Ach, wenn es Vorbedeutung ware, dass mein Herz auch von der Hand meines Geliebten gebrochen werden sollte! Ich konnte nicht mehr bleiben; rafte eine Handvoll Grashalmchen zusammen, die ganz dicht an dem Leichenstein hervorgesprosset waren, und kusste Henriettens Namen. Die Kalte des Steins, die ich an meinen Lippen empfand, und welche auch zugleich im Ueberbeugen durch meinen seidenen Mantel auf meine Brust drang, gab mir eine Art von Erstarren. Ich ging heraus, musste mich aber, weil ich etwas zitterte, niedersetzen; da kam der junge Weber mit seiner Frau, Henriettens treue Lise, und der Hofbauer, mit zwey Kindern, hinter der Capelle her, ohne zu reden, und die Manner mit den Huten in der Hand. Sie staunten mich an und schaueten umher, ob noch Jemand bey mir ware? Lise schlug die Hande zusammen, und sagte: "Ach, Sie lieben mein armes Fraulein noch!" fiel vor mir auf die Knie und weinte laut. Die andern stunden wehmuthig um uns her. Ich konnte es nicht langer aushalten, steckte mein Gras in die Schurze, und reichte den Leuten die Hande. Lise sah das Bild, zog meine Hand an sich: "Ach, so sah sie aus, so schon war sie!" Die andern drangen sich ehrerbietig, aber eifrig hinzu; und die Ausrufungen: Ach, Du wohlthatiger Engel! und das mit erhabenen Handen: Gott vergelte Dir! gingen mir durch die Seele. Weinend sagte ich: "Gott segne Eure dankbare Herzen, und lasse Uns einmal alle im Himmel bey ihr stehen, wie wir bey ihrem Grabe stehen!"

Wie schnell, meine Mariane, wirkten diese wenigen Worte auf die guten Leute! Alle Hande falteten sich; in jedem Gesicht war ein frommer Entschluss und ein Schimmer von seliger Freude. Sie fassten meine Hande, mein Kleid; gerade, als ob sie mir fur die Einladung dankten, und versprechen wollten, gewiss da zu seyn!

Henriette! vielleicht hat Deine Seele in den Unsrigen gelesen, und freute sich, dass bey Deinem Grabe Gelubde der Tugend gemacht werden! Feyerlich dachte ich dieses, da ich noch ihr Grab ansahe. Ich umarmte Lisen, winkte den Leuten, da zu bleiben, und ging langsam mit den letzten Strahlen der Sonne nach R** zuruck, wo ich in mein Zimmer mich einschloss, von meinem Grase Henriettens und meinen Namen zwischen Papier flochte, Ihnen schrieb, und itzt mit einer heiligen aber sussen Schwermuth schlafen gehe.

Ihre

Rosalia.

Dreyssigster Brief

Da bin ich in der Stadt zuruck; und da wir uns nun ein Jahr hier aufhalten werden, habe ich einen Plan fur mein Vergnugen gemacht. Doch wenn jemals eine fremde Person Ursache hatte, den Charakter der hiesigen Einwohner zu lieben, so habe ichs, weil die meisten, die ich hier kenne, so viel Aufmerksamkeit fur mich bezeigen, dass sie in alles eingehen, was sie von meinen Lieblingsneigungen wissen; denn sie befleissen sich, mir die Familien zu bezeichnen, worinn schone moralische Auftritte vorkommen. Andre suchen in ihrem Gedachtniss charakteristische Zuge hervor, die zur Ehre der Menschheit unsers Zeitalters dienen, und ich habe wirklich das Gluck gehabt, in dem Zirkel, in welchem ich meistens lebe, dem Vergnugen des Lobens, das Uebergewicht uber die Reize des Tadelns zu geben. Ein Zufall veranlasste die Bemerkung, dass verkehrte Begriffe von der Gluckseligkeit, den Fortgang und die Ausbreitung der Tugend verhinderten. Hatte man, zum Beweis, eben so viel Werth auf die Bekanntschaft und den Umgang mit Weisen und Tugendhaften gelegt, als man demjenigen Vorzuge ertheilt, der sich des vertrauten Zutritts bey Grossen und Machtigen ruhmen kann: so wurde die Begierde nach wahren Verdiensten des Geistes und Herzens eben so herrschend geworden seyn, als es der Ehrgeiz nach Rang und Titeln geworden ist. Ein munterer, aber zugleich ganz vieldenkender junger Mann fiel hier ein: Er ware uberzeugt, dass dieser Wunsch sehr leicht erfullt werden konnte, wenn das Gluck der Tugend und Weisheit in sichtbaren Kennzeichen erschiene; oder wenn in jedem Lande ein Mittelpunkt vorhanden ware, dem allein wahres thatiges Verdienst sich nahern durfte. Ein einziger edler Mann kann dieses hervorbringen! Ich sahe, fuhr er fort, den Beweis davon, wahrend meinem Aufenthalte in S**, wo einer der wurdigsten Cavaliere eine angesehene Stelle bekleidet, und darinn nicht nur die Fruchte seiner Gelehrsamkeit zum Besten des Landes verwendet, sondern als Schutzgeist der Rechtschaffenheit, der Kenntnisse und des redlichen Eifers fur das gemeine Wohl erscheint; dessen Haus der Tempel ist, wohin das verfolgte Verdienst sich fluchtet, und an dessen Handen alle edle, alle wurdige Manner sich anschliessen; dessen Achtung als Beweis dient, dass man Tugend und Wissenschaften besitzt. Diesem vortreflichen Manne wird das grosse schone Land, worinnen er wohnt, noch auf spate Zeiten den Anbau des vaterlandischen Verdienstes zu danken haben.

Urtheilen Sie, meine Mariane, von dem Bergnugen, so ich hatte, in diesem Gemahlde ganz allein den w. R** S** v. G** zu sehn, den ich selbst kenne, und in diesem Augenblick die so seltene Freude genoss, nicht nur jeden Zug dieses Bildes als wahr zu erkennen, sondern noch jede liebenswurdige Eigenschaft der edelsten und starksten Fuhlbarkeit des Herzens dazu setzen konnte, welche so deutlich in der schonen Melancholie seiner Gedichte erscheint, und in seinem Privatleben herrscht!

Dieser ganz unvollkommne Umriss eines moralisch grossen Mannes, ist der Anfang von charakteristischen Beschreibungen, die wir in dem Auszug unserer Gesellschaft, von lebenden Personen, und die wir selbst kennen, machen wollen. Wir sind nur funf Verbundete. Der Kreis unserer Bekanntschaft ist nicht gross! da wollen wir doch sehen, wie viel ubende Tugend uns vorgekommen ist. Sie sollen allezeit Abschriften haben.

Herr Fr** sagt, es ware eine der edelsten Beschaftigungen, die ich mir in dem letzten harmlosen Jahre meines Lebens machen konne; denn, sobald Herr C** seine Verbindung mit mir vollzoge: so wurden andre und bestimmtere Sorgen an die Stelle der einseitigen Befriedigung meines Herzens treten; doch wunsche er; dass ich immer die Gewalt haben mochte, die Umstande nach meinen Gesinnungen zu beugen, weil sie sehr oft den Ausdruck und die Handlungen unserer Seele verhinderten. O, er hat Recht! denn wie oft habe ich dieses schon erfahren! Aber, mein Freund C** denkt wie ich; nur er wird meine weltliche Obergewalt seyn, und ich also in seinem Hause nach meinem Herzen leben konnen. Grosse susse Hofnung

Ihrer

Rosalia.

Ein und dreyssigster Brief

Eilf Tage, unausgesetzt, von einer Gesellschaft in die andere, ist mir beynahe unertraglich geworden. Aber, es war der jahrliche Kreislauf von Visiten, welchen die Familie, mit der wir leben, zu Anfang eines jeden Herbstes bey denen macht, die nur als Bekannte, nicht aber als Freunde angesehen werden. Mein Oheim fand dieses Betragen etwas sonderbar, weil er behauptete, dass in eilf Familien gewiss verschiedenes Verdienst wohnte, gegen welches diese Gleichgultigkeit ungerecht ware. Madame G** sagte darauf: "Das mogen sich diese Leute gefallen lassen! denn es geht selbst der ganzen Reihe von Tugenden so; alle sind uns bekannt, aber mit wenigen sind wir vertraut, indem allezeit diejenigen vernachlassiget werden, die nicht in den Bund unsers Nutzens und Vergnugens gehoren."

Sagt nicht diese Frau ganz munter und nett triftige Wahrheiten? Vier dieser Herbstbesuche waren mir angenehm, weil wir sie in den Landhausern ablegten, wo diese vier Familien noch wohnten. Alle haben sehr schone Garten, doch zeichnet sich der von Herrn Sch**, der an dem Ufer des M** liegt, durch seine vortrefliche Lage und Anbau ganz besonders aus. Dieses Haus zog aber meine Aufmerksamkeit auch deswegen auf sich, weil ich darinn so viel Uebereinstimmendes in Allem fand. Die feinsten Sitten und Bewirthung; der Hausherr einer der artigsten und belebtesten Manner; die Frau voll der schatzbarsten Gute des Herzens; ihre Kinder liebenswurdig, mit dem, ganzen Ausdruck von Empfindung ihres Glucks und des Wohlwollens fur alle andre Menschen. Besonders aber schien uns allen einer der erwachsenen Sohne das wahre Bild eines schonen, edlen und sanftmuthigen jungen Mannes. Er fuhrte mich durch alle Theile des Gartens und zeigte mir die Aussichten auf die Gegenden umher, mit sehr viel wahrer Fuhlbarkeit fur das Grosse und Schone der Natur! Bey Tische hatte mir Jemand von seinem Hange zur Wohlthatigkeit und den Kenntnissen des Geistes gesprochen. Ich wunschte ihm diese Stimmung der Seele auf sein ganzes Leben! Denn da er durch eine grosse Erbschaft von seinem Oheim vorzuglich reich wird: so fehlt ihm zum Genuss vollkommner Gluckseligkeit dieser Erde nichts, als die unveranderliche Dauer der edlen, tugendhaften Gesinnungen seines Herzens. Der heitere Abend gab mir noch etliche selige Augenblicke, da ich, auf das Gelander der Terasse gestutzt, zu meinen Fussen den schiffbaren Fluss; zu meiner Rechten eine schone Allee von hohen Baumen; den Blumengarten; uber dem Wasser vor mir unabsehbare Kornfelder, und zur Linken, Obstgarten, Dorfer, eine Reihe waldigter Berge, und die grosse, volkreiche Stadt sehen konnte, in welcher gewiss eine eben so grosse Summe moralischen Guten liegt, als mein Auge in dem weiten Gesichtskreise umher physikalische Wohlthaten sah. In der grossen Gesellschaft, die sich hier versammlet hatte, war uberhaupt unter den Mannern viel Verstand, und das Frauenzimmer sehr liebenswurdig von Person und Sitten.

Die Tage nach diesem war ich nicht ganz so zufrieden, weil ich die traurige Bemerkung machen musste, dass man so selten Menschen findet, bey denen die Liebe des Guten und Edlen stark genug ist, dass sie sich in gesellschaftlichen Unterredungen, mit Vergnugen auf einige Zeit lang bey guten Eigenschaften, edlen und grossen Handlungen ihrer Nebenmenschen verweilten. Wie oft habe ich die Ermudung und Langeweile gesehen, die die Stimme der Hochachtung hervorbrachte; da hingegen der Spotter und Verlaumder Aufmerksamkeit und Vergnugen erregte! In der feinen Welt ist es niedrig und unanstandig, von der Tugend eines Handwerkers, von der Rechtschaffenheit eines Bauren zu reden. Bey Rauber- und Betrugerhistorien hingegen halt man sich auf; und allein die Klasse der Kunstler, die fur den Pracht, die Ueppigkeit und die Wollust arbeiten, erhalt noch einige Achtung. Ich will Ihnen daruber morgen einen launigten Einfall von dem jungen Mann schreiben, der das Bild des Herrn von G** mahlte. Adieu! meine Mariane; Adieu, von

Ihrer

Rosalia.

Zwey und dreyssigster Brief

Madame G** hat mich Gestern auf ihre eigene Art dazu gebracht, dass ich meinen Brief an Sie vorzeigte, wahrend der junge Herr von O** noch da war. Dieser fand meine Anmerkung zu ernsthaft, und fing an, die gesellschaftliche Gutartigkeit der Menschen zu vertheidigen, und zum Beweise anzufuhren dass man so oft ein Frauenzimmer schon nenne, sie liebe und bewundre, ungeachtet man wisse, dass sie nur kunstlich ubertuncht ware. Dann heisse man jenen fromm, und verehre ihn als einen gottseligen Mann, weil man ihn fleissig beten sahe, obschon seine Handlungen auf zehnfache Weise bos und ungerecht waren; wie lange behielten nicht blosse Schwatzet den Namen vielwissender Leute? u.s.w.

"Schon, Herr von O**, sehr schon!" sagte Madame G**, "aber Ihr Scherz ist beissender, als Rosaliens Ernst!" "In was fur einem Tone hatte ich es sagen sollen, meine Damen? Rosaliens Ernst ist meinem Herzen sehr schatzbar, weil er das Werkzeug ist, durch welches ihr Charakter so stark und so sittlich wurde; aber das Leben der besten Menschen wurde sehr traurig verfliessen, wenn sie das Ueble immer mit der tiefen Empfindung seiner Schadlichkeit betrachten wollten! Ich fuhle an mir selbst, dass unsere Tugend nur Stuckwerk ist, und wir sie uberhaupt nur fur die andre Welt nothig halten, weil man sie meistens erst am Ende des Lebens mit vollem Willen und Kraften ergreift; so, wie man auf weiten und wichtigen Reisen an den Granzen eines Landes die Geldsorten einwechselt, welche da gang und gabe sind."

"Ein sehr artiger Gedanke, mein Herr!" sagte wieder Fr. G**. "Sie sehen also die Tugend nur als einen Sparpfennig fur Ihre letzte Reise, und nicht als den nothigen Reichthum dieses Lebens an? Ich mochte wohl das Ganze Ihrer moralischen Haushaltung kennen!"

"Sie haben zu befehlen, wenn ich sie vorweisen soll! Denn ich halte so gute Ordnung, dass ich keine Stunde der Untersuchung furchten darf."

"Nach was fur einer Mode richteten Sie sich, Herr Vetter, englischer oder franzosischer Sittenlehrer?"

"Nach keiner von beyden! Weil ihre Vorschriften nicht immer zu mir und den Sachen passten, die ich mit einander verbinden wollte."

"Das glaube ich: denn Moral und Galanterie vertragen sich selten!"

"Vielleicht habe ich die Kunst gefunden, sie zu vereinigen!"

"O, machen Sie uns die Probe davon!"

Ich hatte wahrend dem kleinen Gesprach zwischen Madame G** und Herrn von O** immer fort gearbeitet, und wunschte in der That, etwas Naheres von dem Kopfe dieses jungen Mannes zu wissen, den ich, wegen des heitern Tones seines Geistes, sehr gerne in Gesellschaft antraf. Aber ich furchtete, der spielende Witz der Madame G** wurde ihn verhindern, etwas ordentlich von seinen Gesinnungen zu reden. Doch nach der Auffoderung, die sie gemacht hatte, nahm er seinen Stuhl, setzte ihn uns gegenuber, und sagte: "Ich werde ernsthafte und muntre Sachen zu erzahlen haben. Die Erstern sollen Mademoiselle Rosalie, und die Andern meiner Frau Baase gewidmet werden."

"Gut," sagte sie, "ich hore also das Beste; denn Ihre ernsthafte Sachen dunken mich narrischer, als Ihre muntern." "Ich hoffe," sprach Herr von O**, "die Freundinn wird in diesem Stuck anders denken, als die Baase!"

"Sie wissen, sagte er zu Madame G**, dass ich zu Hause vielen Unterricht erhielt, und auch nach dem auf einer hohen Schule studieren musste. Ich befolgte beydes ziemlich gerne, aber meistens nur Maschienenmassig; und erst auf meinen Reisen fuhlte ich dass die Sachen, die man Denken, Wissen und Urtheilen heisst, in mir lagen und geschaftig seyn wollten; und dass ich von Ihnen im gesellschaftlichen Umgang mit Gelehrten. Kunstlern und Damen, einen eben so nutzlichen Gebrauch machen konnte, als ich in Gasthofen, Kaufmannsbuden und andern Gelegenheiten, mit meinem Gelde ihat."

"Diese Vorrede ist sehr artig gerathen, Herr Vetter; machen Sie sich aber bald an das Ende Ihrer Historie."

"Sie finden es artig, und ich soll bald endigen! Das sieht widersprechend aus! Doch, ich wollte eben sagen, dass ich unvermerkt ein Beobachter wurde, und durchgehends so viel Widerspruch unter dem Reden und Handeln der Menschen fand, und mich daruber argerte, dass ich mir vornahm, wenigstens in mir alles Misstonende zu vermeiden."

"Und also aus Ihrer Seele eine Harmonica zu machen!" fiel Frau G** ein. "Sie wissen aber, dass dieses Instrument aus lauter Glasstucken besteht; und dass, wenn eines davon bricht, ein ganzer Ton fehlt."

"Und sehen Sie, liebe kritische Baase, ich will lieber einen Ton fehlen lassen, als dass alle ohne Uebereinstimmung seyn sollen; und, dem Himmel sey Dank! meine Seele ist nicht zerbrechlich."

Frau G** wandte sich zu mir: "Dieses gehort Ihnen, Rosalia, denn hier ist Ernst." Herr von O** fuhr fort: "Ja, Rosalia, ich wollte durchaus wissen, warum es dem Moralisten manchmal geht, wie dem Landmann, der Korn fur uns bauet, und dann oft selbst kein Brod zu essen hat. Ich fragte Leute, und las Bucher; aber es dauerte lange, ehe ich ins Klare kam: bis mir von ungefahr etliche Gedanken von dem Unterschiede aufstiessen, der zwischen Seele, Geist und Herzen ware. Da hatte ich meinen Leitfaden aus diesem Labyrinth."

"Ein gluckliches Gleichniss, Herr Vetter; denn es giebt dreyfaches Garn, das umeinander gedreht ist, wie Ihr Herz, Seele und Geist. Es wird aber schwach und verworren, wenn man es auftrillt."

"Brav! meine Baase. Man sieht, dass Sie eine gute Arbeiterinn sind. Denn die Starke Ihrer Anmerkung ist aus Ihren Beschaftigungen genommen. Es ist mir lieb, wenn Sie Acht geben wollen, wie ich meinen Faden brauchte. Ich schrieb der Seele alles zu, was unsterbliche Tugend heisst; dem Geiste, alles, was das Reich der Kenntnisse angeht, und dem Herzen, unser hier auf Erden nothiges Gefuhl fur uns und andre. Ich sah, dass uns der Himmel einen grossen Schatz verschiedener Gluckseligkeiten damit gegeben hatte, und versprach mir, keine davon ungenossen zu lassen. Ich will das, was den Theil meiner Seele angeht, nicht beruhren, weil es das Heiligthum der Ewigkeit ist, und da ich alle meine Rathschlusse abfasse. Aber, ich wurde mirs nicht vergeben, wenn ich nicht eben so viel Begierde hatte, jede Tugend zu kennen, als ich habe, meinen Geist mit Wissenschaften zu bereichern. Mein Herz liebt alle Freuden der Erde, und ist uberzeugt, dass die Vorsicht damit zufrieden ist. Denn sie hatte sonst meine Sinnen nicht mit so viel Fahigkeit zum Genuss erschaffen. Nur trage ich Sorge, dass ich in dieser Einrichtung nichts versaume, und nichts in Unordnung gerathen lasse, weil ich Leute kenne, die entweder ihren Kopf allein mit Ideen bereicherten und die Seele darben liessen, oder diese mit einem ubermassigen Enthusiasmus anfullten, der ihnen den Gebrauch der Krafte ihres Geists und das Gefuhl ihres Herzens als unnutz und schadlich vorstellte. Andre, die weder ihre Seele noch ihren Geist in Betrachtung zogen, und allein dem Hange des Gefuhls von Vergnugen nachgingen. Alle diese Trennungen machen nur halb gute, und halb gluckliche Menschen, die ich immer mit Bedauren ansehe, und mich uber meine wohleingerichtete Haushaltung freuen, in der ich alles habe, was Erdengluckseligkeit ist."

Frau G** sagte hier: "Fur mein Schon Stuck Geduld, mit der ich zugehort, darf ich doch sagen, dass ich die hoffartige Historie eines Menschen weiss, der nur fur sich denkt und lebt!"

Herr von O** wurde etwas roth, antwortete aber ganz ruhig: "Sie sind seherstreng, meine schone Baase! Ich hoffe, Rosalie verdammt mich nicht, wenn ich das, was ich fur andre thue, auch allein von andern erzahlen lasse."

"Nun, Rosalia!" sprach Frau G** zu mir, "der Mensch wird uber alles bose, was ich sage! Geben Sie ihm doch eine Belohnung fur die schonen Sachen, die er uns lehrte."

Von O** sah mich an, und streckte eine Hand nach mir aus, so, wie Jemand, der eine Gabe erwartet. Da ich ihn munter sah, und auch Madame G** durch etwas Ernsthaftes von meiner Seite hatte konnen beleidiget werden, so sagte ich ihm: "Ja ich will Herr Fr** bitten, Ihr moralische Vormund zu werden! Denn, es dunkt mich, dass, wenn Ihr Kopf mit diesen Gutern zu viel spielt, sie mit einem Mal sehr stark verlieren konnten." Er kusste mir lachelnd die Hand; drohte der Madame G** mit dem Finger: "Sie sind Ursach, dass mich Rosalia fur einen Spieler halt. Aber die Vormundschaft Ihres wurdigen Bruders wird mir unschatzbar seyn."

Drey und dreyssigster Brief

Es ist Nachts zwolf Uhr! und der Schlaf noch weit von mir entfernt, weil wir nach unserm Abendessen auf eine Unterredung kamen, deren Gegenstand ich schon oft betrachtet, aber nicht unter dem furchterlichen Bilde gesehen hatte, wie er durch Jemand unserer kleinen Gesellschaft gemahlt wurde.

Die Eigenliebe, welche mir als das hochste Geschenk des Himmels erschien, durch welche ich alles Gute dieser Erde, und auch die Hofnung der kunftigen Gluckseligkeit geniessen, und mir eigen machen konnte, weil sie das Wohlseyn meines Selbst fur Jetzo, und fur die Ewigkeit zu besorgen hat: diese horte ich diesen Abend unter den Gotzen schildern, denn taglich Menschenopfer gebracht wurden, um deren Altare Bache von Thranen und Blute fliessen! Ehrgeiz, Wollust und Neid, fuhreten die Schlachtopfer auf verschiedene listige Arten herbey, und wurgten dann verdienstvolle Greise, unschuldige bluhende Jugend und wurdige Familienvater, ohne den geringsten Grad von Mitleiden oder Reue zu empfinden. Stiegen dann uber dem Nacken ihrer Schlachtopfer empor, und lachelten ihrem Abgott zu. Grauen befiel mich, und mit einer Thrane im Auge sah ich den Redner an, der dieses Bild beschrieb, weil seine Gesichtszuge und der Ton seiner Stimme mir den Beweis zu fuhren schienen, dass seine redliche, empfindungsvolle Seele einst Augenzeuge, ja vielleicht der Gegenstand einer solche Scene des Abscheues gewesen seyn musse. Und, o meine Mariane! ich horte noch eine Familiengeschichte, durch welche meine Vermuthung bestatiget wurde. Die gute Madame Fr** wunschte kinderlos zu seyn, um dem doppelten Elend zu entgehen, ihre Kinder leidend, oder ubelthatig zu sehen: und mir kam es hochst traurig vor, dass das mutterliche und menschenfreundliche Herz der Frau Fr** fur das Gluck und die Tugend ihrer Kinder keinen andern Zufluchtsort erblickte, als das Grab.

Unsere muntere Madame G** konnte den Tiefsinn, der uns alle mehr oder weniger befallen hatte, nicht zu lange ansehen, sondern wandte sich gegen ihren Mann und den Herrn von O**, und verlangte zu wissen, wie sich eine gute wohlmeynende Seele vor den Bosheiten der Eigenliebe bewahren konne, und was wohl sie beyde fur Mittel gebrauchen wurden? "Ich," sagte ihr Mann, "hoffe durch die Genugsamkeit geschutzt zu seyn, mit welcher ich den Kreis meines Lebens, ohne Wunsche und Klagen, mit der redlichen Bemuhung durchgehen werde, andern zu der Vermehrung ihres Glucks behulflich zu seyn."

Herr von O**, welcher bemerkte, dass diese Antwort dem Endzweck der Madame G**, welche den Ton ins Muntre lenken wollte, nicht ganz gemass war, sagte: "Und ich werde an dem kunftigen Orte meiner Bestimmung sorgfaltig acht geben, was fur eine Gattung von Gluck und Verdienst in derselben Gegend mit neidischen Augen betrachtet werden, und sodann beyde in der Stille zu geniessen suchen. Ich werde vor dem stolzen und machtigen Ignoranten meine Wissenschaft, vor dem Wollustling meine schone Frau und artige Tochter, und vor dem geldgeizigen Menschen mein Gold verbergen. Ich machte mir auch einige Tugenden eigen, die man in jetzigen Zeiten eher mit Spott als mit Hochachtung belegt, wie, zum Beyspiel, Massigkeit im Essen und Trinken; Bescheidenheit in Kleidung und Manieren; Uneigennutzigkeit, Leutseligkeit, Arbeitsamkeit, die von Niemand beneidet werden, und dennoch ihrem Besitzer gesunde und vergnugte Tage schaffen." Madame G** gab ihm einen kleinen Schlag: "O, Sie ubermuthiger Mensch! Wissenschaften, eine schone Frau, artige Tochter, und dann Tugenden, die Sie verstecken wollen, um die Eigenliebe der andern zu schonen!"

Wir hatten alle zu dem Plane des Herrn von O** gelachelt, aber jedes Auge war auf das Gesicht des Herrn Fr** gerichtet, in dessen zweifelnden oder bejahenden Zugen man das Richtige und Unrichtige eines Gedanken oder Urheils aufsucht. Er liess sich aber nicht weit ein, sondern sagte nur zu seiner Frau Schwester: "Herr von O** hatte ganz Recht, an dem Anfange seiner Laufbahn die Gerechtsame seiner Eigenliebe gegen die Anfoderungen der andern ihrer genau zu berechnen, und sich durch Vorsicht gegen eine zufallige Gewalt zu schutzen. Hatte der vortrefliche Winkelmann dem elenden Bosewicht, der ihn ermordete, nur seine Geschichte der Kunst, und seine Zeichnungen von Statuen vorgewiesen, so wurde sich der Mensch niemals gegen ihn bewaffnet haben, weil er auf den ganzen Reichthum des Winkelmannischen Geistes keinen solchen Preis von Gluck gesetzt hatte, als seine niedrige Seele auf den Besitz des Goldes warf, das ihm der edle Mann so unvorsichtig zeigte. Unsere eitle Eigenliebe reizt Andrer ihre, und wenn die Begierde Leidenschaft wird: so ergreift sie alle, auch die bosesten mit, um sich zu vergnugen."

Vier und dreyssigster Brief

Mein lieber verehrungswerther Pfarrer M** K** kam heute in die Stadt, um bey einer vortreflichen alten Frau, die seine nahe Verwandtinn ist, mit seiner Frau und Kindern auf dem Jahrmarkttage das Abendbrod zu essen. Er lud mich ein, und ich wurde gewiss eher die Tafel des Grossten und Reichsten dieses Orts ausgeschlagen haben, als die einfache Mahlzeit dieser edlen Seelen. O, meine Mariane, was fur schone heitere Zuge verbreitet die ubende Tugend der Nachstenliebe uber die Miene desjenigen, der sich der reinen edlen Absicht bewusst ist, Gutes aus diesem Beweggrunde zu thun! Erlauben Sie mir zugleich eine Art eigener Anmerkung, die mir sagte: dass naturlicherweise jede Tugend ihren eigenen Gegenstand und Ausdruck habe; dass ubende Gerechtigkeit nachdrucklichen Ernst; frommer Eifer die Hitze des heiligen Feuers; das Mitleiden die Kennzeichen des antheilnehmenden Schmerzens; die Geduld Zuge des niedergeschlagenen Geistes; und die Standhaftigkeit die Spuren der Gewalt bemerken liesse, die wir manchmal uber unser Gefuhl ausuben. Alles nothige edle Bewegungen unserer Seele! Aber keine hat den schonen, sanften Ausdruck, der fur mich Schattenbild eines seligen Geistes ist, den allein das Gefuhl: ich habe Gluckliche gemacht, uber unser Wesen ausgiesst. Hutten Sie die ehrwurdige Frau gesehen, bey der wir den Nachmittag zubrachten, so wurde Ihnen das Gemahlde von ihrem mutterlichen Leben noch viel schatzbarer seyn.

Frau B** ist von einer sehr guten Familie des gelehrten Standes, und brachte ihrem Mann einen grossen Reichthum zu, aber seine Sorge fur sie und die drey Kinder war nicht getreu, denn er opferte dem Spiele und Trunke beynahe das meiste und beste seines Vermogens auf, so, dass die gute Frau nach seinem Tode sich sehr zuruck sah. Doch, da sie beynahe alles mogliche zu Gelde machte, so erzog sie damit ihre Kinder sehr gut. Die zwey Sohne gingen in Kriegsdienste; der Eine erwarb sich jedes Verdienst des rechtschaffenen Mannes, und hielt seine kleinen Einkunfte so zu rathe, dass er seinen edlen kindlichen Herzen das Vergnugen geben konnte, seiner theuren Mutter zu schreiben, dass sie ihm ferner nichts mehr an Gelde schicken, sondern alles zu Sorge fur ihre Gesundheit und Gemachlichkeit ihrer erlebten Jahre verwenden solle. Dieser Brief kam just zu der Zeit, wo sich ein anstandiger Freyer fur die einzige Tochter zeigte. Da schrieb sie ihrem guten Sohn, sie wurde seine grossmuthige Verzicht auf den gerechten Antheil an ihrem Vermogen nicht angenommen haben, wenn sie nicht damit das Gluck seiner liebenswerthen Schwester hatte bevestigen konnen, welcher sie damit ihre kleine Ausstattung vermehrt, und die vortheilhafte Heyrath mit einem schatzbaren Manne beschlossen hatte. Der junge Mann, der ein eben so liebreicher Bruder, als guter Sohn war, freute sich, etwas fur seine Schwester gethan zu haben; aber es schmerzte ihn, dass es die Mutter nicht geniessen konnte. Er reisete daher zu dem Regiment, wo sein alterer Bruder stand; redte mit ihm uber die Umstande ihrer guten Mutter, sagte ihm, was er gethan, und wies ihn die Briefe der Mutter, die sein Geschenk nicht fur sich, sondern zum Besten der Schwester verwendet hatte, und suchte ihn zu bewegen, fur die Mutter das Gute zu thun, was er gewunscht hatte. Dieser Aeltere aber, ein fluchtiger Schwelger, der uber einen Entwurf von Vergnugen zehnmal seine Mutter und Geschwister aufgeopfert hatte, spottete uber ihn, und behauptete, die Mutter musse schon zu leben haben, sonst wurde sie seine Abgabe nicht wieder der Tochter geschenkt haben u.s.w. Der Jungere ging mit einem zerrissenen Herzen weg, und suchte, wenigstens durch treue kindliche Briefe, das Herz seiner Mutter zu erfreuen. Der Andre forderte immer von ihr, und fuhr in seinem schlechten Leben fort, bis ihn endlich selbst zugezogenes Elend in sich gehen liess, und er eben so abgezehrt und schaamvoll, als der verlohrne Sohn, in die mutterlichen Arme floh, die, nachdem sie von seiner Reue uberzeugt war, bis auf die Staubchen Ueberrest ihres Vermogens zusammen fasste, um bey dem, in ihrem Vaterlande ublichen Verkauf der Dienste, einen fur den wiedergefundenen Sohn zu bezahlen, wo sie, nach der genauesten Berechnung ihres Unterhalts, nichts als Tausend Thaler zuruck behielt, die ihr jahrlich funfzig Thaler Zinse gaben, welche sie von den Leuten zieht, denen sie ihr artiges Haus verkaufte und sich nur ein einziges Zimmer vorbehielt, in welchem sie die simpelsten Ueberreste ihres vorigen Wohlstandes vereinigt hat, und worinn der Geschmack an Reinlichkeit und Ordnung ein deutliches Anzeichen ist, dass sie in ihren jungen Jahren Ideen von Schonheit und Pracht hatte, weil sie Reichthum vor sich sah, Sie schnitt von dem geraumigen Zimmer durchaus einen Theil mit einer Tapetenwand ab, die sie auf dreyfache Art gebrauchte, da sie das mittlere Stuck zu einer Alkove fur ihr Bett verwendete, den einen Theil, mit einer Tapetenthur verschlossen, zum Bette fur ein Madchen, und den andern zu einem doppelten Schrank, fur Kleidung, Weisszeug und nothwendiges Koch- und Essgeschirr eingerichtet hat. Der ubrige Theil des Zimmers ist mit der nehmlichen Tapete ausgeschlagen. Sechs gute Stuhle, ein Spiegel, eine Comode, und ein Tisch, geben dem Ganzen ein gutes Ansehen. Ganz glatte Hauben, Manschetten und Halstucher von feiner nur gesaumter Leinwand, auf den dunklen altvaterischen Zeugen ihrer Kleider, geben ihrer ganzen Person und schonem, obschon faltigem Gesichte, das ehrwurdige Ansehen der edlen Genugsamkeit und Selbststandigkeit; denn sie will weder bey ihrem Schwiegersohn, noch bey ihren eigenen Kindern leben. Alles, was sie von ihrem Tochtermann annimmt, ist, dass er sie alle Jahre zu den Wochen seiner Frau abholt, und dann wieder zuruckfuhrt. In der Stadt ist sie sehr geschatzt, und viele Familien wurden sich eine Freude daraus gemacht haben, sie ofters zum Essen zu laden; aber sie hat es allen, ausser einem einzigen Freunde, abgeschlagen, bey diesem isset sie alle Sonntage.

"Ich bin," sagte sie zu Herrn M** K**, "sehr dankbar fur die Gesinnungen meiner Freunde und Kinder, aber so lange mein Hannchen und ich von meinen zwolf Kreuzern leben konnen, so will ich diese Gute nicht gebrauchen, und unabhangig bleiben."

Dieses Hannchen ist ein armes Madchen von dreyzehn Jahren, deren Mutter ehmals bey Frau Brane als Magd gedient hatte, und von ihr ausgestattet worden ist, weil sie da noch in guten Umstanden war. Die Mutter des Madchens ist schon einige Jahre todt, und der Vater starb, nebst zwey andern Kindern, an einer ansteckenden Seuche, gerad zu der Zeit, wo Frau Brane, zum Besten ihres altern Sohns, ihre Bedurfnisse auf ein Zimmer und funfzig Thaler jahrlicher Reuten einschrankte. Da sie keine eigene Magd zahlen und ernahren konnte, dachte sie mit dem Geschenk, dass sie einer gelehnten geben musste, das atme Kind zu erhalten und zu erziehen. Doch die Abschrift eines ihrer Briefe an Herrn M** K** sagt mehr, als meine Erzahlung.

Frau Brane an Herrn Pfarrer M** K**.

Freuen Sie sich mit mir, mein Freund! ich bin seit vierzehn Tagen sehr glucklich. Das Wenige, was ich aus dem Sturm gerettet, hat hingereicht, meinen alteren Sohn mit einem Amte zu versorgen. Seine gute und vermogliche Frau lasst mich hoffen, dass er in seinem hauslichen Leben glucklich seyn, und auch seine Kinder einst Etwas haben werden. Die rechtschaffene Familie, an die ich mein artig kleines Haus verkaufte, hat die Bedingung gerne eingegangen, mir das grosse Zimmer an der Nebenthure zu lassen, und damit habe ich alles erhalten, was mir, in meinen jetzigen Jahren, Menschen noch geben konnen. Ich wohne in dem Hause, worinn ich gebohren, in dem Zimmer, worinn meine Mutter als Wittwe gelebt hat; in dem Bette, worinn sie starb, werde ich auch meine Tage enden. Ich habe ihren silbernen Essloffel, ihre alte stoffene Kleider, die mich meinen Freunden noch mit dem Ansehen des alten Wohlstands zeigen; ich habe als treue Mutter meine Kinder versorgt, bin niemand nichts schuldig, und lebe unabhangig! Tadlen Sie mich nicht, ich bitte Sie, wegen der Beharrlichkeit, mit welcher ich alle Anerbietungen ausschlage. Ich bin durch Jahre und Kummer alt und schwachlich; ich muss viel Ruhe und wenig Speisen haben; Wein trank ich niemals, und Coffee habe ich mir gleich nach dem Tode meines Mannes abgewohnt, lange kann ich nicht mehr dauren; meine Tausend Thaler machen noch ein Erbe fur meine drey Kinder! Mein Sohn Ludwig aber soll meine Krankheits- und Wartkosten bezahlen; weil er allzeit wunschte, mir Gutes zu thun, so wirds ihn freuen, die Ausgabe fur Labung und Pflege meiner letzten Tage zu besorgen. Meine Zinsen geben mir alle Tage zwolf Kreuzer, und dabey blieben mir schon zwey Gulden ubrig; alle Sonntage, da ich und mein Hannchen bey meinem treuen Vetter Wellen essen, geben mir noch zehn Gulden vier und zwanzig Kreuzer; zwey Monate, die ich bey dem Wochenbette meiner Tochter zubringen werde, eilf Gulden vier und zwanzig Kreuzer. Sehen Sie, da bleibt mir drey und zwanzig Gulden und vier und zwanzig Kreuzer! das giebt Holz, Licht, Mehl und Schmelzbutter. In unserm Stadtchen ist es wohlfeil; ich kann alle Tage mein Fleisch und Brod essen, bin satt, frey und vergnugt; thue noch einer Waise Guts, da ich sie nahre, schutze und unterrichte; ihre Kleidungsstucke, Gemus und Obst tausche ich fur unsere Strickarbeit ein; bin also noch nutzlich, und habe, was ich bedarf.

Funf und dreyssigster Brief

Ich bin von unserm Tisch aufgestanden, an welchem mir ein moralisches Uebelseyn die Lust zum Essen raubte. Es kam kurz vor Mittagszeit ein artiger Mann zu Herrn G**, den er, gleich nach der Bewillkommung, eines veranderten Wesens anklagte.

"Zurnen Sie nicht," sagte der Fremde, uber meine Dusternheit; "es gehorte jedes Jahr Probe und Kenntniss Ihrer Rechtschaffenheit dazu, die ich von Ihnen habe, um mich noch Einmal aus dem Hause meines traurigen Freundes zu bringen, dessen Herz und Gluck von der Hand desjenigen verwundet wurde, an den allein er sich mit allen Banden des Vertrauens und der Liebe seit einigen Jahren fesselte, da er alle andere Verbindungen ausgeschlagen, ja, sogar in dem Eifer fur das Beste dieses Lieblings seines getauschten Herzens, gegen andre ungerecht war."

Herr F**, welcher mit uns ass, fuhlte Abscheu und Erstaunen, welcher den rechtschaffenen Mann bey Anhorung einer Niedertrachtigkeit ergreift. "Es ist nicht moglich," sagte er, "Sie mahlen das Bild zu schwarz."

"Zu schwarz? Horen Sie mich nur!" Und hier fing eine Geschichte an, die ich nicht wiederholen werde. Manner mussen diesen starken hasslichen Stoff ausarbeiten.

"Warum dann," sagte Herrn F**, "warum dieses abscheuliche Gewebe von Undank und Falschheit?"

"Um Gold, und um den Ruhm von Feinheit des Geists!"

Herr Fr** nahm seinen Schwager G** bey der Hand: "O, mein Bruder!" sagte er, "niemals, niemals wollen wir Gluck und Ehre auf diesem elenden Wege suchen! Moge die Vorsicht meine Sohne durch einen fruhen Tod aus meinen vaterlichen Armen reissen, wenn ihre Seele nicht redlich, nicht edel genug ist, um bey Wasser und Brod, durch das Zeugniss ihres Herzens glucklich zu seyn; wenn sie Zeiten erleben sollen, wo der Heuchler und Verrather mehr, als der frevmuthige und gerechte Mann angesehen seyn wird!"

Ist nicht dieser Herr F** in jeder Gelegenheit ein moralisch edler Mann? In ihm lebt eine der alten grossen Seelen, aus denen sich republicanische Heldentugenden verbreiteten. Moge der Kreis seines Ansehens und seiner Gewalt immer weiter werden! denn, ich bin uberzeugt, dass sein Beyspiel Gute, und seine Menschenliebe Gluckliche machen wird. Dieses dachte ich, wahrend dass er redte, und seine Schwester G** flusterte mir ins Ohr: "Rosalia! Ihre Blicke auf meinen Bruder sind sehr bedeutend!"

"Mochten Sie," sagte ich, "alle die Verehrung ausdrucken, die der theure Mann mir einflosst: so wurde ich mit meinen Augen sehr zufrieden seyn."

"Gott helfe Ihrem armen C**," erwiederte sie, "bey alle den Aufwallungen Ihrer Seele, wenn Sie eine Ihrer Lieblings-Verdienste erblicken!"

Mit diesem kleinen Geschwatz machte sie, dass ich einen Theil der Unterredung verlohr, die ganz wichtig gewesen seyn muss; denn ich sah den Fremden die Hand des Herrn Fr** nehmen, ihn durchdringend ansehen, und horte ihn sagen: "Sie, Herr Fr**, Sie! nehmen so vielen edelmuthigen Antheil an dem Kummer des Herrn A**, Sie! die vielleicht Ursache hatten, Freude daruber zu haben."

"Diese Art von Freude ist nicht fur mich!" sagte Herr Fr** ganz ernsthaft. "Glauben Sie, dass ich eben so unfahig bin, mich an Feinden zu rachen, als ich es ware, den Busen eines Freundes zu zerreissen."

Madame G** war so muthwillig aufmerksam auf mich, dass ich auch deswegen in mein Zimmer eilte, wo mir der Charakter des Herrn F** um so schatzbarer erschien, als man selten Menschen findet, die ohne personlichen: Eigennutz fur die thatige Tugend eifern. Denn wie oft bleibt Geist und Charakter eines vortreflichen Mannes ungeliebt und ungeachtet, weil die kleinen Seelen, die ihn umgeben, ihn nicht zu ihren Absichten gebrauchen konnen; und wie oft wird ein bekannter Bosewicht geschutzt und geduldet, weil er der Eigenliebe schmeichelt, oder dem Eigennutz dient! Herr Fr** aber bejammerte den Unfall eines Mannes, der ihm geschadet hatte, und sprach den Abend noch von der Entheiligung der Freundschaft, und des Vertrauens, als einer der grossten Vergehungen, deren sich ein Mann schuldig machen konnte. Ich fuhlte die Wahrheit einer jeden Silbe, in dem Werth der Freundschaft meiner Mariane, deren Liebe mein hochstes Gluck ist. Wie elend musste ich werden, wenn ich die seligen Stunden vergasse, worinn Ihre edle Seele sich mit aller Freymuthigkeit mit mir besprach, Ihre Gedanken von Personen und Sachen anvertraute und auf die treuen Gesinnungen meines Herzens rechnete. Wie froh bin ich, die Unmoglichkeit dieses Vergessens in mir zu fuhlen, weil ich mir es als den Gedanken eines Meuchelmords vorstelle, den man an der Ruhe und dem Glucke seines Freundes verubt. O, gewiss, meine Mariane, die zwey gottlichen Bilder, der Tugend und Freundschaft, sollen in meiner Seele auf immer die gleiche Verehrung geniessen, und mit ausserster Sorgfalt will ich mich vor jeder Beleidigung huten, weil ich allzeit beyde zugleich verwunden wurde.

Sechs und dreyssigster Brief

Mariane! ich bin stolz geworden, und sehe mich, seit gestern fruh zehn Uhr, als eine Person von ausserordentlichen Vorzugen an, weil mir Herr Fr** in einer langen Unterredung einen unschatzbaren Beweis seiner Hochachtung gegeben hat. Doch wurden Sie gewiss eben so wenig, als ich es dachte, den Anlass dazu an meinem Putztische gesucht haben!

Herr Fr** fruhstuckte bey seiner Frau Schwester G**, mit welcher mein Oheim wirklich ein Hauss auf kommenden Winter bewohnt. Ich war, als ich gerufen wurde, schon angekleidet, aber Madame G** kam im Nachtzeug, und musste dahero bald zum Anziehen eilen. Ich suchte sie aufzuhalten, indem ich sie versicherte, dass es noch Zeit genug zu ihrem Putze ware. "Ja!" sagte sie, "wenn ich mich nur einmummeln wollte, wie Sie es machen! Aber ich will meine Person und meinen Geist in gleichem Werth erhalten." Damit ging sie von uns; und Herr Fr** fragte mich: Ob ich schon ein Frauenzimmer von so meisterhaftem Muthwillen gesehen hatte, wie seine Schwester? "Ich," fuhr er fort, "habe mit Vergnugen bemerkt, wie besorgt sie sind, die Reize: Ihrer Person unter einer bescheidenen Kleidung zu verbergen. Ich weiss, dass Sie es aus einer doppelt seinen Empfindung thun, weil Sie nur fur Herrn C** ganz schon seyn; und auch dem Uebel ausweichen wollen, dass fur Sie, aus den Begierden des einen, und aus der Missgunst des andern Geschlechts, entstehen konnte. Ich mochte aber sehr gerne daraus eine Bitte ziehen, die Ihre Seele zum Gegenstand hat, an der ich so schone Zuge gesehen, dass ich auch einen Schleyer daruber wunschte, den Sie nur vor den Augen des wahren Liebhabers abnehmen sollten, um bey andern das Missvergnugen zu vermeiden, welches zu glanzende Vorzuge allezeit hervorbringen!"

Meine Mariane denkt wohl, dass ich hier, ungeachtet seines sanften Tons und Miene, stutzte und errothete; er sagte mir aber gleich: "Werden Sie nicht unruhig, meine theure Freundinn, und sehen Sie alles, was ich sage, als Sorgfalt fur Ihre Gluckseligkeit, und als Vertrauen auf Ihren Charakter an. Ihre Liebe der thatigen Tugend, der Kenntnisse des Geists, das lebendige Gefuhl des Edlen und Schonen, sind bewundernswerthe und vortrefliche Eigenschaften Ihrer Seele; aber, glauben Sie nicht, dass die Starke des Ausdrucks, mit welcher Sie solche zeigen, eine verletzende Art von Vorwurf, des geringern Grades oder des Mangels dieser Empfindungen ist? und der grossmuthige Reiche sollte sich niemals im vollen Genuss seiner Guter vor die Augen des Durftigen stellen."

Hier fiel ich ihm in die Rede, und bat ihn, versichert zu seyn, dass, wenn die Idee von Reichthum und Mangel, auf diese Weise in mir gewesen ware: so wurde ich gewiss nicht oft von meinen herrschenden Neigungen geredet haben! Aber, setzte ich hinzu, es steht ja in jedes Menschen Gewalt, moralische Guter zu sammlen, und sie mit Wucher zu vermehren.

"Wie hart ist dieser Ausspruch, meine Freundinn! aber der Eifer hindert immer die Sanftmuth! Mir ist leid, dass ich jetzt uber ihren Einwurf nicht alles sagen kann, was ich wollte. Ich bitte Sie nur, nicht zu fest auf diesem Satze zu halten; und meistens zu denken, dass ehe der Mangel an Kenntniss, als der Mangel am Willen, die Ursache vieler Fehler unsers Nachsten sind. Und lassen Sie," sagte er lachelnd, "diesen Gedanken zu dem Stuck Schleyer werden, in den Sie Ihren moralischen Eifer hullen wollen!"

Ich wollte ihm hierauf fur seine Unterredung danken; aber er unterbrach mich, indem er mich bat, ihm einige meiner gesammelten Charaktere zu weisen, die ich so gleich holte, und nachdem er weg war, alles dies schrieb, und wahrhaftig bey der Wiederholung finde, dass mein hastiges Gutseyn etwas Unfreundliches hat. Warum verwiesen Sie mir es niemals?

Sieben und dreyssigster Brief

Nun habe ich mein Seelenbilderbuch wieder, und bin um ein Gemahlde reicher geworden. Gestern Abend gab mir Herr Fr** die Blatter zuruck, und versicherte mich, dass er sie mit vieler Zufriedenheit gelesen hatte, weil er sie als Bildnisse glucklicher Menschen betrachtet habe; da er nur diejenigen glucklich nennt, welche ihr moralisches Leben in edlen und tugendhaften Handlungen geniessen konnen. Er fragte mich zugleich um die eigentliche Ursache des Aufsuchens dieser Zuge des menschlichen Herzens. "Um wirkliche Zeugnisse zu haben, wie gut wir seyn konnen, wenn wir wollen; und auch, um mir zu sagen, was andre gethan haben, das kannst Du auch thun."

"Immer die Idee des Wollens!" sagte er. "Glauben Sie denn, dass man in seinem Leben oder in seinem Amte all das Gute thun kann und thun darf, was man wollte? was heiligen Pflichten der Menschenliebe und der Klugheit gemass ware? Wie oft muss man dem Eigensinne, dem Eigennutze und der Unwissenheit das Uebergewicht lassen! wenigstens sehr oft lange die beste und gerechteste Sache zwischen Dornbuschen durchschleppen, ehe man sie zum Ausgang bringt, weil die Obergewalt der Umstande den schonen Weg der geraden Strasse hinderten."

"O, mein schatzbarer Freund! Sie machen mich besorgen, dass Sie aus Erfahrung reden, und dass Ihr edler Geist oft in seiner Wirksamkeit fur das Beste und Ruhmlichste gestort und gehindert wird; wie muss Ihnen da zu Muthe seyn!"

"Wie dem rechtschaffenen Landmanne, der sein angewiesenes Stuck Feld mit treuem Fleiss und Muhe baute, dem aber Hagel, oder wilde Thiere alles verderben. Es schmerzt den guten Arbeiter, aber, er pflugt immer den Boden wieder. Saet gute Korner aus, und hoft endlich eine Erndte! Aber, ich will von Ihren Papieren reden.

Ich habe die Geschichte Ihrer Henriette mit vieler Ruhrung gelesen; aber auch gefunden, dass ein wenig Biegsamkeit und Nachsicht gegen die zufalligen Schwachheiten der Eigenliebe des Herrn M**, beyde glucklich gemacht, und alle ihr bittres Leiden und ihren fruhen Tod verhindert hatte. Ich will Ihnen das Nebenstuck zu diesem Charakter liefern. Aber nicht allein, um Ihre Sammlung zu verstarken, sondern damit einen Merkstaab mehr auf dem Wege Ihres Lebens zu befestigen; weil ich glaube, in Ihnen eine Zusammensetzung beyder Charaktere zu sehen, und also nothwendiger Weise denken muss, dass beynahe die nemlichen Folgen daraus entstehen konnten.

Ich habe," fuhr er mit einem Seufzer fort, "eine sehr schatzbare Freundinn, deren fuhlbares Herz in Rosaliens Jahren von moralischem Enthusiasmus gluhte. Jede Triebfeder zu Tugend, Edelmuth und Gute lag in ihrer Seele, und viele Jahre haftete der schone Wahn in ihr, dass man nur gute Eigenschaften des Herzens zeigen durfe, um von den meisten Menschen geliebt zu werden, und dass es ihr bey der unausgesetzten Befolgung ihrer grossen Grundsatze, gut zu seyn und Gutes zu thun, glucken wurde und musste. Aber sehr traurige Erfahrungen haben ihr bewiesen, dass man bey Ausubung der Tugend eben so viel Behutsamkeit und Vorsicht nothig habe, als der Bosewicht zur Ausfuhrung seiner Ranke braucht: denn man ist ihrer Gute des Herzens und ihrem Wohlwollen begegnet, wie man dem freygebigen Reichen thut, in dessen Hause man satt nimmt und geniesst, ihm aber nachher mit dem Namen eines Verschwenders bezeichnet. Was fur grausame Ruckgabe erhielt sie gegen die redlichste Hochachtung und Freundschaft! Wie viel Kummer und Leiden verbreitete ihr Glauben an edle Gute, und die Bescheidenheit, mit welcher sie ihre Einsichten andrer ihren unterwarf, uber ihr ganzes Leben! Diese Frau, Rosalia, sollen Sie Morgen sehen. Die Starke ihres Charakters mogen Sie nach der Leichtigkeit und Munterkeit ihrer Unterredung mit uns berechnen; denn ich weiss, dass ihr Herz wirklich unter einer Last von schmerzlichen Sorgen liegt, und dass sie das Ende ihrer Erdengluckseligkeit vor sich sieht. Sie konnte einen Theil davon durch gerechte Anklagen andrer erhalten: aber ihre Seele verwirft dieses Hulfsmittel. Auch mir, dessen wahre und treue Gesinnungen sie kennt, versagt sie die Freude, ihr einen Theil dieser Last zu erleichtern. Sie fasste alle Krafte ihres Verstands und Herzens zusammen, um ihr Schicksal allein zu tragen, und mit Shakepears Konig Lear sagen zu konnen: Ungluck! sey mein Gluck. Aber sie wird erliegen, wenn nicht die Vorsicht besonders uber sie waltet."

Urtheilen Sie, meine Mariane! von meiner Aufmerksamkeit bey dieser Erzahlung, und wie begierig ich war, die Frau zu sehen, deren Charakter von diesem vortreflichen Manne so sehr geschatzt wird. Morgen gehen wir zu ihr; aber ich werde sie nicht recht sehen konnen, denn wir sind unser zu viele. Ich will diesen und den morgenden Brief mit einander schikken. Gute Nacht, meine Freundinn!

Acht und dreyssigster Brief

Wir haben bey Madame W** gefruhstuckt. Eine sehr gefallige Munterkeit schien sie zu beherrschen; doch ganz kleine Theile der Unterredung zeigten mir ihre Empfindsamkeit und den moralischen Ton ihrer Seele. Sie mag einst schon gewesen seyn; aber nun sind ihre Zuge durch Gemuthsleiden zerruttet, und ihre Gesichtsfarbe blass. Doch herrscht in ihrem ganzen Wesen etwas ausserordentlich Einnehmendes. Madame G** stellte mich ihr vor, und sagte: "Sie werden gewiss mit der Bekanntschaft von Rosalia L** sehr zufrieden seyn, weil sie eine ganz seltene Empfindsamkeit mit sich gebracht hat." Madame W** umarmte sie lachelnd, und sagte ihr nach: "Seltene Empfindsamkeit! Liebe boshafte Frau! Wie sehr stutzen Sie sich auf meine Verschwiegenheit. Denn Sie wissen, dass ich vieles von der Zartlichkeit dieses Herzens erzahlen konnte!" wobey sie auf die Brust der Madame G** wies.

Herr Fr** sagte nichts von mir, gab aber den Gesprachen immer eine Wendung, in welcher nothwendiger Weise Madame W** ihren Charakter, obwohl in abgebrochenen Stucken, zeigen musste. Als wir wieder nach Hause kamen, sagte ich dem Herrn Fr** ganz freymuthig, dass er durch diesen Besuch meine Neugierde uber den Charakter der Madame W** nur gereizt, aber nicht befriedigt hatte. Er fand es wahr; und versprach mir, einen Pack ihrer Briefe an ihn, wo ich sie ganz sehen konnte, und aus denen er mir erlaubte, Auszuge zu machen.

Hier sind Abschriften davon. Ich bedaure, dass ich nicht alles, und besonders auch die Copien seiner Briefe, abschreiben durfte: sonst hatten Sie die ganze Starke mannlicher Freundschaft und Weisheit in seinen, und das hochste Maass moralischer Fuhlbarkeit einer weiblichen Seele in denen von Madame W** gesehen. In einen der ersten sagt sie ihm: Sie dankte dem Schicksal, einmal einen Mann gesehen zu haben, der die lebendige Hochachtung, die eine Frau fur seinen Geist und Charakter zeige, nicht als gewohnliche Bewegungen von Liebe beurtheile; und dann versichert sie ihn: "Hatte ich Sie auch niemals gesehen, niemals das Gluck Ihres Beyfalls erhalten und nur von Ihrer Rechtschaffenheit des Herzens, und den Kenntnissen Ihres Geistes reden gehort, so dachte ich fur sie, wie jetzt, und wie ich vor ein halb Hundert vortreflicher Manner der alten und neuen Geschichte denke."

Dann einmal: "Ich danke Ihnen, edler Freund, fur Ihre Freymuthlgkeit; Sie haben Recht, ich bin mit meinem Vermogen und meinen guten Gesinnungen zu freygebig, und es ist wahr, ich habe noch keine Seele gefunden, die fur mich denken und thun wurde, was ich immer noch fahig ware, zum Besten anderer zu thun."

Wieder: "Was soll ich zu dem Vorschlage einer andern Einkleidung meines Charakters sagen? Wie sauer, mein Freund! o wie sauer, sollte mir dieses werden! Denn, wenn ich mein Herz vor den Augen Gottes entfalte, so danke ich ihm, dass er mir es so gab! Meine susseste Gluckseligkeit ist, den gegenwartigen Augenblick meines Lebens an den Gedanken des letzten zu rucken, und dann mit kindlicher Liebe und Freude, Gott, Tod und Ewigkeit mir vorzustellen. Die Wirkungen dieses Gefuhls sind schon lange mit jeder Triebfeder meiner Handlungen und meines Denkens verbunden. Vor dem Auge des Himmels, darf ich mit Vertrauen, und vor den Menschen soll ich mit so viel Behutsamkeit erscheinen? Warum? Sagen Sie mir, warum?"

Hieruber hatte Herr Fr** einen grossen sehr schonen Brief, uber hohe, und herablassende liebreiche Tugend geschrieben, den er nicht bekannt gemacht haben will. Und hier sagte sie: "Es ist unmoglich, mein Freund! dass ich Ihnen den Dank meines Herzens, fur die edle Bemuhung Ihres Geistes ausdrucke. Ihre Unterscheidung der hohen und herablassenden menschenfreundlichen Tugend ist schon; aber beynahe zu fein, und etwas zu schmeichelhaft fur mich. Aber Ihr Endzweck ist meine Ruhe, und die Befriedigung derer, womit ich lebe. Ich ergebe mich, mein Freund, und rufe hier eine meiner alten LieblingsIdeen zuruck: dass eigentlich nichts Tugend genennt werden kann, als was wir zum Besten unserer Nebenmenschen, mit Aufopferung unsers Selbst thun!"

In einem sagt sie, nach einer Krankheit: "Sie haben meine Geduld, meine Gelassenheit in Schmerzen gelobt, mein Freund! Ich werde alle Leiden, die ich von der Hand der Natur aufgelegt bekomme, bestandig mit der anbetenden Unterwerfung tragen, die ich dem Urheber der Natur schuldig bin. Ich verdiene nicht weniger, als andere, zu leiden! und mein vaterlicher Schopfer wird mir nicht mehr als andern aufladen."

In den letztern liegt viel, aber unbenennter Kummer. Sie sagt unter andern: "Es ist mir leichter, mein Freund! viel leichter, eine druckende Last auf meinen Schultern zu behalten, als sie, auch durch die gerechteste Anklage, auf einen andern zu walzen. Und der, dessen Hand meine Gluckseligkeit so grausam verletzte; kennt meinen Jammer wohl, aber er macht es nicht, wie schon oft grossmuthige Feinde thaten, die alle ihre Sorgen und Krafte zur Heilung der von ihnen geschlagenen Wunde darboten."

In einem folgenden steht: Sie wolle ihr eigenes Ich fur ihre ubrigen Tage vor der ganzen Welt verbergen, und allein durch ihren Geist mit den Menschen fortleben. Fur das Gluck ihres Herzens nichts mehr fordern, nichts mehr erwarten, aber fur das Wohl Andrer alles thun, so weit ihre Krafte reichten.

Sie gesteht Herrn Fr**, dass es ein Gemisch von naturlicher Grossmuth, und einem, durch Erfahrung erlangten Mistrauen sey, welches sie hindere, ihm ihr leidendes Herz zu erofnen, und seinen Trost und Hulfe zu geniessen. Sie fuhle, dass sie dem Schicksal das Sonderbare und Einzelne ihres Charakters theuer bezahlen musse: es solle aber, so viel sie es verhindern konne, bey dieser Abgabe niemand zu leiden haben, als sie. Dieser Gedanke sey es, der die Heiterkeit ihres Tons unterhalte, indem sie den Becher der Freuden ihrer Kinder, Hausgenossen und Freunde, durch ein trauriges nachdenkliches Wesen nicht verbittern wolle.

Dann bittet sie ihn, ihr Freund zu bleiben, und versichert ihn, dass er keine Fehler des Charakters an ihr sehen solle, als die, welche die Anfoderungen des Eigensinns und Eigennutzens Andrer so benennen. Sie hoffe aber, die Gesinnungen, die Gott in ihre Seele gelegt hatte, bis in ihren Tod zu behalten, weil ich gewiss sey, dass sie in der andern Welt werde seyn durfen, was sie sey, und dort uber ihre Empfindsamkeit nicht gespottet, und ihr Eifer fur moralische Thatigkeit nicht werde getadelt werden.

O, der edle, der gluckliche Stolz dieser moralisch stark fuhlenden Seele! Jeder Tag nahert sich dem Untergange ihrer eigenen Gluckseligkeit, die sie nicht durch Vergehen, nicht durch Missbrauch, sondern durch boshafte niedrige Ranke einer Person verliert, in welcher sie Edelmuthigkeit und Gute zu sehen glaubte. O Mariane! mein Herz fuhlt beynah noch mehr sympathetisches Leiden fur diese Frau, als bey Henrietten! Es ist auch ganz naturlich. Henriette trug eine einfache Last. Unabhangigkeit, Gewalt, Gutes zu thun, und die Freyheit, ihren Gram ganz zu geniessen, versusste den Kelch ihres Kummers. Die Umstande hinderten sie nicht, davon zu reden. Sie wurde geliebt und bedauert, weil bey ihrem Schicksal die Eigenliebe und Eigennutz der andern nichts abzugeben, nichts zu wagen hatten. Denn, meine Mariane, Eitelkeit und Vortheile sind die Granzsteine der freundschaftlichen Gesinnungen in den meisten Seelen. Ich habe aber ganz deutlich in den Briefen der Madame W** gesehen, dass unter den vielfaltigen Schmerzen ihrer Seele auch dieser liegt, unter dem Kreise ihrer Bekannten lauter Personen zu sehen, die immer auf ihre Grossmuth, sie aber auf keine von ihnen zahlen konnte, ausser dem einzigen edlen Mann, der sie liebt, weswegen sie aber, aus feiner zartlicher Gesinnung, gerade ihm alles verbirgt.

Abends zehn Uhr.

Ich schrieb Vorhergehendes Gestern; und heute fruh, da kam Herr Fr** und fragte nach seinen Briefen, und meinen Auszugen, die ich ihm zu lesen gab, "O, Rosalia!" sagte er, "Sympathie, ganz allein Sympathie, hat die Auszuge und Anmerkungen gemacht! Ich habe es vorher gesehen! Lassen Sie sich, liebe junge Freundinn, Henrietten und Madame W** zu Merkstaben, wahrend ihrem Wandel unter den Menschen, dienen! Denn, da Sie das seltene Gluck haben, diese zwey Charaktere in sich zu vereinigen; so konnte Sie auch das seltene Elend treffen, welches das Schicksal Ihren Schwestern-Seelen bereitete. Denn Madame W** ist gewiss das Seitenstuck Ihrer Henriette. Diese lehnte sich, bey dem Einsturz des willkuhrlichen Baues ihrer Gluckseligkeit, allein auf ihr Herz, und es brach unter der Last ihrer verlohrnen Wunsche und Empfindungen. Madame W**, als Gattinn und Mutter, in mehr Verhaltnissen des Herzens, in mehr Uebung des Geistes, und bey mannichfaltern Leiden, stutzt sich allein auf die Verstandskrafte ihrer Seele; leidet aber nicht weniger. Hatte sie im Anfang der Gewalt der Umstande nachgegeben, so ware ihre Ruhe und Leben gerettet worden. Denn, es ist gewiss, dass die Ueberspannung ihrer Seelenkrafte die Krafte ihres Korpers zermalmen werden." Hier ging er fort; und ich dachte: O Fr**, Madame W** ist die Gattinn deiner Seele! wie viel leidest du mit ihr!

Neun und dreyssigster Brief

Unser artiger Herr von O**, der Ihnen, meine Mariane, anfing, so gefahrlich fur mich zu scheinen, ist verliebt; aber nicht in Rosalien. Das Schicksal hat ihm eine ganz sonderbare Beute aufbehalten. Er bekommt Julie von U**, das einnehmende Geschopf aus dem Zirkel der neun Madchen, von welchen ich Ihnen schrieb. Der Gang ihres Kopfs und Herzens bildete sich, auf die schatzbarste Weise, allein nach ihren Empfindungen aus. Die Art, wie sie die Blumen unter ihre Freundinnen austheilte, konnte zu einer Probe ihres mit siebenzehn Jahren bluhenden Witzes dienen. Die feine schonende Fuhlbarkeit, mit welcher sie auch die kleinsten Sprossen der Eigenliebe ihrer Gespielinnen behandelte; die Art, mit welcher sie die ihrige unterdruckte; und die Sorgfalt gegen alles, was Zuge einer Coquetterie seyn konnten, und dergleichen mehr, liefert mir einen neuen reizenden Charakter aus unserer Weiberwelt. Sie hatte immer, aus freyem Willen, alle Putzstucke zuruck gelassen, die ihr besser, als einer ihrer Freundinnen gestanden hatten, die sich der nehmlichen Art von Zierrath bediente. In Gesellschaft war alle ihre Achtsamkeit auf Frauenzimmer gewendet. Niemals suchten ihre Blicke oder Gebarden die Aufmerksamkeit einer Mannsperson anzulocken; sogar zeigte sie die Sanftmuth ihres Charakters und die Talente ihres Geistes am meisten in Gesellschaften ihres Geschlechts, und liess in Gegenwart der Manner durch ihr Schweigen und ihre simple Kleidung immer der Artigkeit ihrer Gespielinnen den ersten Rang. Nur bey Tanzen gelungen ihre Anschlage des Versteckens ihrer Reize nicht. Ihr schoner Wuchs war nicht zu verbergen, und die edle, holde Art ihres Tanzes gab ihr unendliche Vorzuge. Mit neunzehn Jahren hatte sie den starksten Feind ihres moralischen Charakters zu bekampfen, weil alsdann die uberwiegende Schonheit ihrer jungern Schwester in voller Bluhte war, und Julie in der Furcht, die sie hatte, verdunkelt zu werden, die Keime des Neides entstehen sah, die sie aber mit der Wurzel ausrottete, indem sie alle ihre Geschicklichkeit in Putzsachen fur ihre Schwester verwendete, deren Schonheit dadurch um so mehr erhoht wurde, und Julie allein durch die ausserste Nettigkeit, Anstand und einfachen Ton der Farben bezeichnet war. Alle Kenntnisse einer guten Hauswirthin und vernunftigen Gesellschafterinn sind ihr eigen; aber die Grundsatze ihrer Bescheidenheit sind so stark, dass sie von dem mittelmassigsten Weiberkopfe Lehren anhort, und uberhaupt ihr Wissen nur in hie und da hervorbrechenden Ideen zeigt. Herr von O** hatte sie oft gesehen, fur ziemlich artig, aber auch fur sehr eigen gehalten; und hat erst auf dem Ball, bey der Verheyrathung ihrer schonen jungern Schwester, die Reize ihrer Person und ihres Charakters entdeckt. Das Fest war in dem prachtigen Garten ihres reichen Schwagers. Juliens Kleid und Hut war von grauem Taffent, mit rosenfarbenen und weissen Flor und Bandern geziert. Alles so passend gemacht, dass das ganze Ebenmaass ihrer Gestalt bemerkt werden konnte. Bey den englischen Tanzen wurde sie die Gesellschafterinn des Herrn von O**, dessen Aug' und Geschmack sie darinn ganz fesselte. Reine Frohlichkeit war in ihren Zugen, Bewegungen und Blikken. Die feurige Aufmerksamkeit des Herrn von O** machte Juliens Tante viel Vergnugen, weil sie diese Eroberung dem Liebling ihrer Seele schon lange gewunscht hatte. Beym Ausruhen sass Julie unter einer Gruppe der artigsten Madchen, auf einer Grasbank, und lehnte sich nachlassig an den Fuss einer Urne. Ihre Stellung war einnehmend schon. Ueberbleibsel der Munterkeit und Rothe des Tanzens, mit einer Art Mudigkeit vermischt, der niedlichste Faltenbruch, den jemals ein Gewand machte, von dem schonen Grau und Rosenfarb auf dem feinen Rasen, ihre wohlgebildete Fusse artig gekreuzt, und ihr schoner Mund lachelnd gegen ihre Freundinnen In Wahrheit, Mariane, ich war froh, meinen Freund von R** so viele Meilen weit von uns zu wissen; denn, erschien Julie von U** mir Madchen so reizend, wie vielmehr musste sie's in den Augen eines empfindsamen und feinen Kenners seyn! Madame G** sass an meiner Seite, gegen der schonen Gruppe uber, beobachtete aber ihren Vetter von O**, der halb hinter einen Baum stehend, Julien mit liebenden und gierigen Blicken betrachtete, besonders da Julie etwas an die Urne mit einem kleinen Griffel schrieb. Sie uberlas es mit einer nachdenkenden, aber hochst edlen und sanften Miene, die mich ruhrte und reizte. Ich ging zu ihr und sagte freymuthig, der Ausdruck ihres Gesichts, den sie wahrend dem Schreiben gehabt, hatte mich lustern gemacht, ihre Gedanken zu lesen. Sie sah mich liebreich an, schlug errothend die Augen nieder, und sagte sehr grtig: ich hatte zu befehlen! Der Gedanke, den ich fand, durchdrang meine Seele mit dem ganzen edlen Ernst der ihrigen. Hier ruht man von euch, ermudende Freuden des Lebens. Ich umschlang sie mit einem Arm und kusste sie mit Ruhrung, indem ich sie um den Griffel bat und dann hinzu setzte: Wie schon ist Deine Ruhe, o Julie! weil Deine Freuden rein und edel sind, wie Deine Seele. Sie wollte hier meine Hand kussen, aber ich umarmte sie und sagte: Ich hofte auf ihre Freundschaft und ihren Umgang. Sie antwortete hierauf: Sie achte sich durch meinen Beyfall sehr glucklich, und hatte meine nahere Bekanntschaft schon lange gewunscht. Hier kam von O** zu uns und bog sich mit vielem Anstand gegen die Urne, um das Geschriebene zu lesen. Der schonste Ausdruck von Verehrung und Liebe breitete sich uber seine edlen mannlichen Zuge aus. Er blickte auf mich mit einer Verbeugung, heftete aber seine Augen voll Zartlichkeit auf Julien. Diese wurde daruber ein wenig verwirrt, und er sagte, mit der angenehmsten Bewegung der Hande gegen sie, die mich am Arme hatte: "Liebenswurdige Julie, gonnen Sie mir die edle Freude, Sie mit Rosalien so vertraut zu sehn!" Sie erholte sich da, und dankte ihm fur den Antheil, den er an ihrem Vergnugen uber meine Gute nahme. "Sie danken mir," erwiederte er, "fur den Antheil, den ich an Ihrem Vergnugen nehme? Was wollen Sie thun, wenn ich Ihnen sage, dass Sie heute Alles fur mich geworden sind, was Erdengluckseligkeit seyn kann?" Julie wurde etwas lebhaft roth und sagte mit Ernst: "Ich werde nichts thun, mein Herr; denn auf einen Ball will ich nichts fur Sie werden." Diese Antwort entzuckte meinen scharfsinnigen Freund. Er wandte sich mit dem Feuer der Liebe gegen die Urne, umfasste sie und sagte gegen Julien: "Julie! der Ball hat nichts mit diesen Gesinnungen gemein; obschon Ihr reizender Tanz die Augen aller Manner entzucken muss. Hier," indem er das, was Julie geschrieben, kusste, "bey diesem Aschenkrug, wo Sie Rosaliens Freundschaft erhielten, nehmen Sie, theure Julie! die Gelubde meiner ewigen Liebe und Verehrung an Es freut mich," sagte er zu mir, "dass Ihr Geist und Tugend Zeugen von diesen Gelubden sind, die ich niemals, niemals brechen werde." Julie, halb betreten, halb vergnugt, sagte: "Um des Himmels willen, Herr von O**, was sagen Sie da alles! Ewige Liebe und Gelubde, bey denen Sie die Tugend nennen." Er wollte wieder reden, sein Gesicht sah etwas traurig, sie fiel aber ein: "Nichts mehr, ich bitte Sie! aber, vor Rosalien will ich sagen, dass, wenn mein Gedanke bey dem Aschenkruge mir Ihre Hochachtung erwarb, und wenn sie dauert: so soll es mir das Angenehmste seyn, was ich je von einem Manne horen kann." Mit der schonsten Errothung liess sie ihn ihre Hand kussen. "Es ist genug, schatzbare Julie! es ist genug, dass Sie einen Werth auf meine Hochachtung legen," sagte er: "ich will Sorge tragen, dass alle meine Gesinnungen Ihrer gutigen Aufmerksamkeit wurdig seyn mogen!"

Nun hatten die andern mit den Menuetten aufgehort, und von O** bat Julien um ihre Hand zu den neuen englischen Tanzen, weil mich mein Gesellschafter auch aufgesucht hatte. Von O** tanzte so schon, als er konnte, da er in Wahrheit liebe- und wonnetrunken war. Er hatte kein Aug, als fur Julien, und sie keines als fur mich. Sie tanzte artig, aber nicht mehr fa frohlich, als vorher. Susses Nachdenken lag in ihrer Miene, und so oft die Wendung des Tanzes sie zu mir fuhrte, druckte sie mit Zartlichkeit ein meiner Hande, das gewiss zur Halfte dem artigen von O** gehorte, mit welchem sie aber den ganzen ubrigen Abend alle einseitige Unterredung vermied; mit mir und Madame G** hingegen in ein reizendes Gesprach gerieth. Julie kommt Uebermorgen Vormittag zu mir. Madame G** will den von O** herfuhren; denn beyderseitige Verwandte wunschen diese Verbindung festzusetzen.

Vierzigster Brief

Julie kam, wie ich Ihnen Vorgestern schrieb, zu mir, und ich war froh, dass Madame G** und Herr von O** nicht sobald kommen konnten, als sie wollten; denn da hatte ich Gelegenheit, Julien kennen zu lernen, die mir ganz ihr Herz entfaltete, welches seine schonste Wendung von der Hand einer edlen Dame erhielt, die sich nach dem fruhzeitigen Tode ihres Geliebten vom Hof entfernte und einsam, nur seinem Andenken geweiht, die bluhenden und reifen Jahre ihres Lebens, in einer steten, aber sanften Melancholie, hinbrachte. Der feine Geschmack, welchen die grosse Welt in ihr ganzes Wesen gelegt hatte, begleitete sie auch auf dem Lande in allem, was sie that; und Julie, die ein ganzes Jahr mit ihr verlebte, nahm den Ton ihres Denkens und ihrer Sitten an.

"Komme ich nicht zu fruh?" sagte mir Julie mit der feinsten Freymuthigkeit. "Aber ich wollte wenigstens einige Minuten von der Zeit einbringen, die ich durch meine Abwesenheit verlohren habe; denn vielleicht hatten Sie mir Ihre Freundschaft schon vor vier Monaten geschenkt, wenn ich hier gewesen ware."

Sie hielt mich bey der Hand und sah mir mit Sehnsucht in die Augen, nach meiner Antwort. "Gewiss, liebenswurdige Julie, hatten Sie mein Herz eingenommen, wie jetzt, vielleicht aber wurden wir, ohne die Vermittelung einer schonen Urne, niemals so genau, verbunden worden seyn."

Sie lachelte mit ein wenig Errothen. "O ja, die Urne hat mir viel Gutes gethan!"

"Mir auch, mein Schatz," sagte ich, indem ich sie umarmte, "aber," setzte ich hinzu, "Herr von O** wird doch von uns dreyen der Erste seyn, von dem sie Kranze erhalten wird."

Sie nahm ihren Arm verschamt von mir weg. "Warum reden Sie mir gleich von Herrn O**?"

"Weil ich Sie nicht einen Augenblick betrugen will, Julie. Er weiss, dass Sie hier sind, und wird auch kommen."

Mit einer ungeduldigen Bewegung sagte sie: "Ach, ich wollte nur Freundschaft geniessen, und da kommt die Liebe und stort mich!"

"Liebe Julie! wie reizend ist Ihre Freymuthigkeit!"

"Wie gut sind Sie, dieses Freymuthigkeit zu nennen, da es unmoglich ist, Ihnen ein Geheimniss daraus zu machen, dass mir Herr von O** von Liebe sprach."

"Verzeihen Sie, Julie! aber ich habe Ihrem Gedanken einen doppelten Sinn gegeben."

"Das ist mir nicht ganz lieb! Wollen Sie mir zur Vergutung die Ursache sagen?"

"Ich dachte, Julie fande, dass von O** wurdig sey, ihr von Liebe zu sprechen!"

"Liebe Rosalia! sahen Sie dies in meiner Miene, oder meinen Worten?"

"In beyden, meine Freundinn, und es machte mir Vergnugen! denn, gewiss, von O** ist ein edler junger Mann."

"Ich glaube es auch, Rosalia! Und nun will ich freymuthig seyn, und Ihnen bekennen, dass mich die Liebe des von O** freut. Sie ist die Erfullung eines Wunsches, den ich schon lange hatte. Alles, was ich von seinem Geist und seinen Sitten kenne, sind die Eigenschaften, die ich mir von der Vorsehung fur meinen kunftigen Geliebten erbat."

"O! Julie, moge doch jeder edle Wunsch unsers Geschlechts wahr werden, wie dieser, den Sie thaten. Aber, sagen Sie mir, wo nahmen Sie das Bild des Mannes, den Sie sich wunschten? und wo nahmen Sie, wenn ich so sagen kann, den Ton der Urne her? denn ich weiss, Ihr Kopf war nicht allezeit so ernsthaft gestimmt."

"Das ist wahr! Aber die Anlage muss in mir gewesen seyn, sonst wurde dieser Ton nicht gleich gefasst haben und herrschend geworden seyn, und, wenn ich das Gluck, einen solchen Mann zu lieben, nicht in einem eilf Jahr daurenden Kummer uber seinen Verlust, gesehen hatte: so wurde ich auch nicht so sehr daran haften."

"Und wo sahen sie dieses, mein Kind?"

"Das Jahr hindurch, da ich bey meiner Base auf dem Lande wohnte, wo ich eine liebenswerthe Dame von drey und dreyssig Jahren antraf, die ihre Schonheit, Jugend und Talente, der grossen Welt, in der sie geliebt war, entzog, um ungestort dem Verluste nachzuhangen, den sie gehabt hatte. Aus der Beschreibung ihres Geliebten, aus seinen Briefen habe ich das Bild des Meinigen zusammengesetzt; und, gewiss, ich hatte niemals lieben konnen, wenn ich kein Aehnliches gefunden hatte!"

Eben als ich ihr daruber Fragen thun wollte, kam Madame G** mit von O**, dessen Stimme wir zuerst horten, da er den Bedienten sehr lebhaft fragte: Ob Julie von U** noch da ware! und ich sagte ihr noch geschwind: "Julie, dass ist bedeutend, dass von O** gleich in dem Augenblick kommt, da Sie von dem Gegenstande Ihrer edlen Liebe reden! Aber ich verliere dabey die Geschichte Ihrer Lehrmeisterinn." Sie versicherte mich, sie aufzuschreiben und mir zu geben. Da waren meine zwey andre Fruhstucksgaste im Zimmer! Madame G** gleich beym Tisch! Sie lobte uns Madchen, dass wir mehr geschwatzt, als gegessen hatten, weil sie noch gute Sachen fande! Von O** war einfach, aber doch prachtig geputzt. Gluckseligkeit war in seinem Gesichte, so oft er Julien ansah, oder sie reden horte; und niemals vorher hatte ich ihn so sanfte und kluge Sachen sagen gehort, wie heute fruh. Madame G** ass; redte eine Weile mit mir, unterbrach auf einmal, aus Schalkheit, das kleine Gesprach zwischen Julien und O**, indem sie diesem sagte, uns die hubschen Bilder zu zeigen, die er in seiner Brieftasche habe Er zuckte die Achsel und sagte: "Ich will gern gehorchen, aber Sie mussen mir bey Julien meine Vergebung erhalten helfen!" Nun wies er ein Miniaturstuck, worauf der Theil des Gartens mit der Grasbank war, wo Julie gesessen, ihre ganze Figur, Kleidung und Reiz, uber die andern Madchen erhaben, mit dem Griffel an die Urne schreibend; in einer kleinen Entfernung der Baum, und von O** mit den auf sie gehefteten Augen. Julie war roth; lachelnd; ernsthaft; je nachdem sie das Bild, O**, oder eine von Uns ansah. Madame G** nahm selbst das Zweite und legte es vor Julien hin. Hier war meine Gestalt, neben Julien stehend, die mich mit ausserster Anmuth am Arm hielt. Von O** mit einer edlen Stellung die Urne umfassend, eine Hand auf seiner Brust, das Gesicht gegen Julien gewendet. Auf dem Fusse der Urne stund: Nur hier, o Julie! wird meine Liebe enden.

Das edle Geschopf war schon vorher, durch die Erinnerung des Fraulein von Schleebach, in eine zartliche Wehmuth gestimmt gewesen. Staunen, Vergnugen, etwas Verschamtseyn, und die ihr so nah dringende Liebe des von O**, gewiss aber auch die hie und da muthwilligen Blicke der Madame G** storten ihre Fassung ganz. Sie zog die zwey Bilder vor sich hin; stutzte ihren Kopf mit einer so sichtbaren Verlegenheit auf eine ihrer Hande, dass sie mich jammerte, und ich daher ein Papier aus meiner Tasche nahm, und Madame G**, die die Bedrangniss des artigen Madchens nicht so sehr fuhlte, wie ich, in ein Fenster fuhrte, um ihr, wie ich sagte, den versprochenen Brief von Marianen zu weisen. Sie sagte mir leise: "Rosalia! ich bin noch besser, als sie da, mit ihrer Feinheit!" Riss mir den Brief aus der Hand, indem sie laut sagte: "Diesen Brief will ich den Abend lesen. Aber, die arme Frau, die auf Sie wartet, und die ich vergass, die sollen Sie gleich sprechen." Und damit zog sie mich nach der Thure, und fuhrte mich in ein Zimmer gegenuber. "Nun" sagte sie, "weiss ich den Leuten nicht besser zu helfen, als Sie?" "Ja, ja! aber Sie haben auch die arme Julie geplagt." "O, Sie weises Madchen sehen immer mit Ihrem feinen Beobachtungsgeiste uber die Sachen hin, die vor Ihnen liegen! Juliens Stunde ist gekommen. Sie hat O** Erklarung gewunscht, um die ihre dagegen zu geben, und jetzt wird all ihre Verlegenheit vorbey seyn."

Nach einiger Zeit rauschte sie mit mir durch die zwey Nebenzimmer wieder zu den beyden guten Liebenden zuruck, die nun am Fenster gegen den Garten stunden. Von O** das wahre Bild ehrerbietiger Zartlichkeit, und Julie das, vom Gluck der tugendhaften Liebe. O Mariane, dieser Anblick rufte mir die feyerliche Stunde zuruck, wo ich meinem Freunde auf ewig mein Herz versprach. Seine edle Gestalt war auch ganz Liebe- und Ehrfurchtsvoll. Wenn ich nur Juliens ihre gehabt hatte, um seiner Seele den Eindruck zu lassen, dass ich der vorzuglichen Achtung wurdig bin, mit welcher er unter so viel liebenswurdigen Personen mich Gluckliche wahlte! Julie bat mich um Erlaubniss, ein Paar von den Zwergrosen zu pflucken, die in einem Stock vor dem Fenster waren. Ihre Stimme und Miene waren so ruhrend, dass man deutlich sehen konnte, wie die Bitte um Blumen nichts als der schone Umweg war, auf welchem die Liebe gegen die Freundschaft zurucklehren wollte. Julie ward bald hernach abgeholt, und sagte mir bey der Abschiedsumarmung ins Ohr; "Rosalia! in Ihrem Zimmer habe ich Gelubde abgelegt; thun Sie auch welche fur meine Gluckseligkeit und fur O** seine!" Dieser ging nicht von der Thure, bis er sie die lange Strasse durch gesehen hatte. Dann kam er voll Entzucken uber Juliens Geist und feine Empfindung zuruck. Ich hatte gern ein Dutzend Madchen da zuhoren lassen, um ihnen die Idee von dem wahren, Reiz zu geben, der den Mann von Verdiensten fesselt; denn, gewiss, in diesem Moment redete von O** mehr von Juliens Charakter, als von ihrer Person. Er sagte zu Madame G**, "Wie glucklich bin ich! Julie meine Geliebte, und Rosalia meine Freundinn!" Ich sagte mit noch mehr Gefuhl: Mariane ist Freundinn Ihrer

R o s a l i a L**

Ein und vierzigster Brief

Julie U** an Rosalia L**.

Ich habe mich durch das Versprechen der Geschichte meiner theuren Lehrmeisterinn, wie' Sie sie nennen, zu etwas verbunden, das ich nicht werde ausfuhren konnen. Meine Feder ist ungeubt, und aller Reichthum meiner Empfindungen hilft mir nicht zu den Ausdrucken, die ich nothig habe, um Ihnen mit Wurde von der vortreflichen Dame zu reden, der ich den besten Theil meiner Gluckseligkeit schuldig bin.

Ehe mein Vater einen Garten hatte, jammerte ich oft um das Gluck, wahrend dem Sommer auf einen zu wohnen, und mein Vater liess mich daruber zu meiner Base nach Wiesenthal, deren Tochter ich mit einem so fein gebildeten Geist antraf, dass ich hochst unzufrieden uber den versaumten Anbau meines Kopfs wurde, in dem freylich manche Sachen lagen, die von gutem Stoffe, aber nicht von der schonsten Form waren. Meine junge Basen sagten mir, ihr Vater, noch mehr aber das Fraulein von Schleebach, hatten sie alle die Sachen gelehrt, die mir so wohl gefielen; und dann erzahlten sie mir, dass Wiesenthal das allerentlegentste von den Gutern des Herrn von Schleebach sey; dass das Fraulein, nach dem Tode ihres Brautigams, hieher gezogen ware, und alle andre Verbindungen ausgeschlagen hatte; sie ware aber immer gegen sie, auch mitten in ihrer Melancholie, sehr gutig gewesen; hatte sie Franzosich gelehrt, in schonen Arbeiten und artigen Manieren unterrichtet, und dann eine Menge ganz vortreflicher Bucher mit ihnen gelesen. Kurz vor dem Abendessen wurde ich dem Fraulein in dem Gartenzimmer vorgestellt, als eine Verwandtinn, die den Sommer da zubringen wurde, und dabey als ein gutes Geschopf angeruhmt. Ihre Gestalt und jede Wendung war voll Adel und Anmuth. Hoflich fragte sie mich uber meine gewohnten Zeitvertreibe in der Stadt, und sprach mit Empfindung von der Ruhe des Landlebens. Den andern Tag fruhe machte ich ihr meinen Besuch in ihrem Zimmer, das Meergrun ausgeschlagen, und mit kleinen Landschaftchen geziert war, die so fein, als Kupferstiche, mit der Feder gezeichnet sind. Ich dachte, es ware ihre Arbeit, und fing an, davon zu reden; meine Basen: wollten mich davon abbringen, das Fraulein von Schleebach aber sagte ihnen: "Sie wollen mich schonen, meine Lieben; ich danke Ihnen sehr davor! Lassen Sie mich aber immer den sussen Schmerz geniessen, ein Talent meines verewigten Freundes loben zu horen!" Sie sah meine Basen freundlich dabey an, nahm mich bey der Hand und sagte: "Julie! Sie sollen gleich ganz mit alle dem bekannt werden, was ich auf der Erde noch am liebsten habe!" und da wies sie mir alle Zeichnungen, Bucher und Clavierstucke, die sie noch von ihrem geliebten Herrn von Gutendorf ubrig hatte. Seine Briefe, Billette und Verse aber, bekam ich erst einige Zeit hernach zu sehen; als ich sie eines von seinen selbst gesetzten Stucken spielen horte und dabey uber ihre traurige Miene in Thranen zerfloss, da sagte sie zu mir: "Liebe Julie! Ihre Empfindsamkeit fur meinen unheilbaren Kummer freut mich; aber, Sie konnten mich doch fur eine Thorinn halten, wenn Sie nicht den ganzen Werth der Ursache meines Traurens wussten."

Nun ging sie an eine Comode worinn sie in einer Schieblade ihre Gradkleidung und verschiedene graue raffente Brieftaschen, mit schwarzen Bandern umbunden, hatte. "Dies alles," sagte sie, "muss mit mir in meinen Sarg gelegt werden!" und wies mir das Bild eines Chavaliers, in Hofuniform. Ein Gesicht voll Geist und Seele, welches den Adel seiner Gesinnungen bezeichnete, so wie sein Name den Adel seine Geburt. Der hochste Grad des edelsten Ehrgeizes muss ihn belebt haben; denn er wollte jede Kenntniss des Geistes, jede Geschicklichkeit des Korpers besitzen, und suchte sich fur beyde immer die vortreflichsten Meister aus, deren Wissenschaft er sich in kurzer Zeit eigen machte, und oft ubertraf. Er besass jede mannliche Tugend des Herzens, jedes Talent, jede grosse und kleine Geschicklichkeit in dem vollkommensten Grade. O, Rosalia, seine Briefe! wie viel zeigten die Vortrefliches in seiner Liebe, in der Mahe, die er sich gab, den Geist des Frauleins von Schleebach zu verschonern! Wie viel grossmuthige Entwurfe und Wunsche waren darinn! Das Fraulein brachte viele Tage damit zu, mir dies alles in seinen Papieren zu zeigen, und las mir die zartlichsten, besonders die vor seinem Tode geschriebenen im Garten vor, wo sie einen Platz ausgesucht und mit einer hohen grunen Wand umgeben lassen. In der Mitte stehen vier Cypressen in Piramiden geschnitten; zwischen ihnen eine Urne, auf welcher der Namenszug des Herrn von Gutendorf, das Jahr und der Tag seines Todes steht. Die Urne wird halb von einer wild fortwachsenden Cypresse gedeckt, und auf beyden Seiten sind kleine Grasbanke. Die Urne, selbst ist auf einem erhohten Rasen gestellt, so, dass wahrend dem Bluhen der weissen Rosenstocke, die sich hinter ihr, am Fusse der Cypresse biegen, das ganze Cabinet die susseste Schwermuth einathmen macht. Das Fraulein selbst ist auch immer grau mit schwarzen Bandern gekleidet. Dies alles machte mich traurig mit ihr; aber ich sah auch dabey das Gluck, wie sehr die Liebe fur einen tugendhaften Gegenstand ein Herz veredelt und starkt, ganz vortrefliche Sachen zu thun; denn, da der Schatten des Herrn von Gutendorf seine Geliebte noch eilf Jahre nach seinem Tode in der schonen Gesinnung einer daurenden Zartlichkeit erhielt; da sie immer noch alle Wissenschaften, die er besass, alle guten Eigenschaften des Herzens liebte, was sollte er nicht im Leben uber ihren Geist gewurkt haben! Sie wiederholte mit mir den ganzen Lauf ihrer Liebe und der Muhe, die sie sich gegeben, in allem, was sie that, der Achtung des schatzbaren Freundes wurdig zu seyn. Bucher, die er ihr angeruhmt, musste ich auch lesen. Das Feine und Artige ihrer Manieren ahmte ich selbst, so viel moglich, nach; und auf diese Weise wurde ich in meinem Thun und Denken eine gluckliche Copie des schonen Urbilds, das ich so unvollkommen gezeichnet habe. Ich sagte ihr einmal, dass ich doch bedauerte, sie mit so viel liebenswurdigen Eigenschaften fur die Welt und ihre Freunde verlohren zu sehn. Sie antwortete: "Meine liebe Julie: die eigentliche Welt verliert an einer einzeln Person niemals, indem diese kleine Lucken gleich ausgefullt sind. Fur meine Freunde ware ich mitten unter ihnen verlohren gewesen; denn mit meinem Gutendorf war alles Gluck, alle Freude meines Lebens dahin. Es schmerzte mich, andre erhalten zu sehen, und ihn todt zu wissen; glauben Sie, dass man mir dieses vergeben hatte? und dass, da meine Munterkeit fort war, ich noch eine beliebte. Gesellschafserinn gewesen, ware? Ich hatte an unserm Hofe Grosse, Pracht und Lustbarkeiten gesehen; sie blieben nach seinem Tode noch da; aber ich fuhlte, wie wenig wahre Gluckseligkeit in ihnen liegt, weil jede Zerstreuung, zu der sie mich lockten, mir meinen Kummer erneuerte. Er starh mit drey und zwanzig Jahren mit Vergnugen, weil er so edel gelebt hatte. Seine Liebe fur mich dauerte bis in seinen Tod, ich will ihn bis an meinen lieben. Er war meine Welt! Das Andenken an diesen geliebten Todten hat mich immer noch glucklicher gemacht, als alle Lebenden nicht thun konnen! In seinen Clavierstucken hor' ich den Ton seiner Seele, in seinen Briefen lebt seine Liebe. In seinen Buchern und Zeichnungen seh ich seinen Geist! Ich weine freylich oft, aber mein Kummer ist susser als Freuden."

Zwey und vierzigster Brief

Ihrem edlen menschenfreundlichen Herzen, meine Mariane! will ich das Gelubde ablegen, niemals, gar niemals, von dem Aensserlichen eines Gesichts mich hinreissen zu lassen, Etwas sicher Nachtheiliges von jemand zu denken, noch viel, viel weniger, zu sagen! Nein, es soll durch mich nimmermehr der Schmerz in eine Seele gebracht werden, den ich vor zwey Tagen, in der so gefuhlvollen Madame D** entstehen sah, da sie in dem Augenblick, wo sie das Schonste, und vielleicht auch Schwerste that, was ein Frauenzimmer thun kann, das allerschiefeste Urtheil uber ihren Charakter erdulden musste; und diess von einem Manne, dessen Hochachtung sie wunschte und verdiente.

Der Aufsatz des Bildes der edlen Liebe, und die zwey Briefe, die ich vom Anfang der Bekanntschaft mit ihr, schrieb, mussen Ihnen, meine Mariane, bewiesen haben, wie fein diese Frau empfindet und denkt, und wie wahr die Gute ihres Herzens ist. Ihre naturliche Anlage ist lauter Lebhaftigkeit und Thatigkeit. Aber sie stund immer unter einer Obergewalt, durch deren Handlungen und Denken die ihrigen gehindert und zuruckgestossen wurden. Dieses gewaltsame Zuruckbalten der Triebfedern ihres Geistes und ihrer Empfindungen, der langjahrige Kampf gegen sich und andre, das Aufopfern ihres Selbst, und zugleich das Festhalten an ihren Grundsatzen, hat naturlicher Weise nicht nur uber ihre Seele, sondern auch auf ihre Person gewurkt. Einige Muskeln ihres Gesichts sind durch das Anspannen der Nerven zu scharf geworden, weil die innerliche Starke ihres Charakters nicht so leicht die runde sanfte Falte der Nachgiebigkeit annehmen konnte. Die Zeit ihrer Freyheit erschien zu spat; das lange Pressen der Umstande hatte die Falten schon so genau bemerkt, dass sie auch da blieben, ob sie schon, alles Zwangs befreyet, den moralischen Gang ihrer Seele nach ihrer eigenen Wahl fortsetzen konnte. Und, sehen Sie, Mariane, just diese Zuge, die als daurende Ueberreste ihres ertragenen Leidens da sind, um derentwillen man sie achten sollte, diese werden zum Grunde von Beobachtungen angenommen, aus dem man diese und jene Fehler ihres moralischen Charakters entdeckt. In dem Augenblick, wo sie sich, mit andern, in der Gesellschaft eines Mannes befindet, dessen vorzugliche Verdienste des Geistes und der Denkungsart allen, und auch ihr die Begierde einflosste, seinen Beyfall zu erhalten, und wo sie, um den Andern nicht im Weg ihres Vergnugens und ihrer Bemuhungen zu stehen, die Wunsche ihres edlen Ehrgeitzes aufopfert, schweigt und zurucktritt, um andre geniessen und schimmern zu lassen: da wird ihr Lohn misskannt und sie selbst ganz unrecht beurtheilt. Es hat sie tief, sehr tief verwundet, und zu dem Entschlusse gebracht, auf immer verhullt zu bleiben, und sich ganz aller Gesellschaft zu entziehen. Ich aber bin auf dem Vorsatz gekommen, die ausserlichen Kennzeichen nicht als richtige Maassstabe des Geistes und Herzens anzunehmen! Madame G** erschien hier im schonsten Lichte, in welchem jemals die weibliche Freundschaft stehen kann; da sie mir das Ganze von dem Charakter ihrer Freundinn schilderte. Ihr Mann, und von Ott, waren als Anklager da, von denen ihr auf einer Seite der freundliche und verbindliche Ton vorgeworfen wurde, den sie zu der Zeit, da sie in Gesellschaft gieng, gegen die Meisten hatte, und dann wurde ihr, auf der andern, ihr Einschliessen und Zuruckhalten geradaus mit den Erstern, als Begierde zu gefallen und Leute an sich zu ziehen, verwiesen.

"O, ihr Manner!" sagte Frau G**, "wie ungerecht werfet ihr das Beste unter das Schlechteste! Hundert Weiber durfen ungescheut den Kopfputz von dieser, das Band jener, den Zeug hier; die Schleiffe da, in einem Zirkel bewundern, loben, entzuckt daruber scheinen: und meine D**, welche bey Erblickung einer guten Eigenschaft des Geistes oder Herzens, ein eben so grosses Vergnugen fuhlt, als andre bey Moden und Putz, sie darf nicht sagen: Es freut mich, diese achtungswurdige Eigenschaft an Ihnen zu sehen? Auch hat sie Unrecht, meine Freundinn, sie har Unrecht, zu glauben, dass es viele Menschen gabe, denen der Beyfall fur ihre moralischen Bemuhungen angenehm seyn kann."

Herr G** sagte, Madame D** hatte ihren Beyfall und Achtung oft uber das Maas der Verdienste zugemessen, und gleichsam verschwendet!

"So, meine Herren! Ihr habt also allein Recht, wenn Heut Euer Auge durch einen schonen Fuss angezogen, Ihr daruber alle andere Mangel der ubrigen Figur vergesst und beschonigt! Morgen die helle Gesichtsfarbe einer andern Euch locken lasst, und immer diesen einzelnen Reizen die volle Summe Eurer Zartlichkeit gebt, was fur Fehler das Ganze auch haben mag! Meine Freundinn, die nach moralischer Liebenswurdigkeit umher sieht, und sich freut, den edlen Gang einer Seele, den Ton des Verstandes, die Gute des Herzens zu bemerken, und die Person, welche Eine oder Andres davon hat, nach dem Grade ihres Vergnugens daruber lobt und liebt: diese hat Unrecht, mit Menschenfreundlichkeit auf die gute Seite zu sehen, und sich von dem Fehlerhaften abzuwenden! O Rosalia, merken Sie sich das Schicksal meiner D**! Besonders aber, dass ihr dieses von edelmuthigen, von vernunftigen Mannern zubereitet worden ist, die sie just als eine Frau betrachten, die auf Wucher leihet! Ihre Liebe zur Einsamkeit, ihre freywillige Aufopferung alles dessen, was sie an Vorzug, an Anhanglichkeit hatte erwerben konnen, dies wird Coquetterie genannt! Der Wunsch, den sie bey dem Feymnarchen von Serpentio that, in ihrer Gewalt zu haben, jeden Reiz der Person, der Talente und des Charakters allein in der Gegenwart ihres Geliebten zu besitzen, und fur alle ubrige Manner Dame Serpentina zu seyn; war der auch Coquetterie? Hatte sie mir gefolgt, sie sollte mehr Tribut von euch erhalten haben; aber der Beste vom allen soll sie schadlos halten, und uber die Ungerechtigkeit der andern trosten!"

Drey und vierzigster Brief

Madame G** behielt mich Vorgestern noch eine Zeitlang in ihrem Zimmer, wo sie wiederholte, dass sie platterdings dem Herrn C** richtige Ideen von ihrer Freundinn geben und sie durch seine Liebe und Hochachtung, fur alles, was sie bisher gelitten hatte, schadlos halten wolle! Gestern sprach sie mir mit der nehmlichen Lebhaftigkeit davon, und sah dabey aus, wie Jemand, der einer schonen Aussicht zulachelt. Ich wusste nicht, wie sie es anfangen wollte, besonders, da sie mir sagte, dass sie sich meiner bedienen wurde, um das Hauptrad ihrer Maschiene in Gang zu bringen. Nun kam sie heut Mittag, um zwey Uhr, mich zum Spatzierenfahren, allein mit ihr, abzuholen, und ich musste meine Uebersetzung des Glucks der edlen Liebe und die Abschrift des englischen Aufsatzes von Madame D** mitnehmen. Unterwegs sagte sie: "Rosalia! wir werden bey der Hutte des Hirten aussteigen, an der Hecke hingehen; und dort auf der kleinen Bank setzen wir uns, und lesen ganz aufmerksam unsere zwey Papiere; da wird mein Bruder mit Herrn C** unvermerkt zu uns kommen, und uber unser gelehrtes Aussehen ein wenig spotten; da werde ich behaupten, dass ich Englisch von Ihnen lernen wollte, und dass ich Sie bey dieser Uebersetzung angetroffen hatte, die Sie mir nun vorlesen mussten. Mein Bruder versteht die Englische Sprache; Herr C** auch. Der Erste wird gleich unsre Papiere begehren, um sie mit Herrn C** zu lesen. Das Uebrige wird sich dann weisen."

Alles gieng, wie sie es veranstaltet hatte: Herr Fr** und C** machten Anspruch auf unser Heft Papier. Ich war mit dem Ganzen nicht so vollig zufrieden, und vertheidigte ernsthaft meine Aufsatze gegen den Raub. Aber meine Madame G** erhielt die Oberhand. Die beyden Herren gingen mit ihrer Beute von uns, und wir fuhren zuruck. Herr Fr** kam spat, mit uns zu Nacht zu essen, und sagte seiner Schwester: C** hatte bey Lesung des Charakters von Arundel gestockt. Herr Fr** ware eingefallen: "Mein Freund C**, dieser Lord und Sie sind nur Ein Mann; denn jeder Zug dieses Charakters ist Ihrer!" Am Ende ware C** ganz besonders still und nachdenkend geworden; hatte ihn gefragt, ob wohl diese Aufsatze von mir waren? Fr** habe geantwortet, er glaube es nicht; denn, was sollte Rosalia L** mit der Idee einer Witwe, mit dem, mit so viel Zartlichkeit gezeichneten Bilde des Herrn C** machen? Dann hatte er ihm die Aufsatze bis den andern Tag lassen und versprechen mussen, nachzuforschen, woher sie kamen.

Wie alt ist dieser Brief geworden, meine Mariane! Aber die Treiberinn G** ist daran Ursache. Sie schleppte vor sechs Tagen mich und Madame D** in aller Fruh nach R**, ungeachtet es regnigt aussah. Die Herren Fr**, C** und G** kamen nach, aber erst gegen Abend. Wir Frauenzimmer hatten, wegen der Gemachlichkeit des Aufsatzes, englische Hute, und, nach dem Willen der Frau G**, auch alle drey, die hier neu aufgekommene Kleidung, von grauem englischen Marly, auf den Leib passend, an. Mich dauchte, Herr C** stutzte etwas daruber. Madame D** war anfangs auch uber seinen Anblick bewegt; doch glaubte ich zu bemerken, dass sie nach und nach sich dem sussen Gedanken uberliess, den Mann, den sie liebte, von ihrer Rivalinn entfernt, und ganz aufmerksam gegen sie zu sehen: doch konnte sie nicht bey dem Nachtessen ausdauren, und gieng viel fruher als wir ubrige zu Bette. Ohne was zu reden, umarmte sie Madame G** und mich, mit einem Ausdruck in ihrem Gesicht, der die ganze Fulle ihrer edlen Zartlichkeit, und ihrer geheimen Bekummernisse anzeigte. Herr C** hatte ihr nachgesehen, und sagte dann zu uns beyden: "Ich glaube, Madame D** muss ihre liebste Freundinn seyn, denn ihr Umgang scheint mir in gleichem Maass geistreich und zartlich:"

"Sie haben Recht," sagte Frau G**, "es ist eine unschatzbare Frau, der ich alle Sussigkeit und allen Trost einer vertrauten Freundschaft zu danken habe."

Herr Fr** fiel ein: "Was ich am meisten an ihr achte, ist die Gelassenheit und Ruhe ihres Geists; sie beobachtet und empfindet richtig, sie hat viele Kenntnisse, thut viel Gutes und sucht gar nicht zu schimmern, oder vorzudringen."

"Gewiss nicht," sagte Frau G**, "sonst wurde sie nicht auf den Gedanken bestehen, hieher zu ziehen! Sie hat auch," fuhr Frau G** gegen ihren Mann fort, "heute Fruh, gleich wie wir angekommen sind, die Miethe fur das an unsern Garten stosende kleine Landguth richtig gemacht. Ich habe dazu gedacht, ein regnigter Tag wurde sie etwas zuruck halten; aber es scheint, dass die trube Witterung ihrer kleinen Melancholie am anstandigsten war."

"Sie wird also noch einsamer leben, als bisher?" sagte Herr C**.

Jeder sagte hier noch etwas, zu ihrem Lobe. C** schwieg dabey; schlief aber, wie Herr Fr** erzahlte, beynah gar nicht, und sah bey dem Fruhstuck tiefsinnig aus. Madame D** aber war in ihrem weissen Nachtzeuge ganz reizend, und die Sanftmuth ihres Wesens und Gesprachs nahm uns alle ein. Die drey Herren gingen, wahrend wir Frauenzimmer uns kleideten, das gemiethete Landguth zu besehen. Wie sie wiederkamen, waren wir in dem grossen alten Saale des Schlosses, dessen Wande mit alten Fresko-Gemahlden geziert sind. Herr C** naherte sich gleich der Madame D**: "Wir haben die schone Einsiedlerhutte gesehen, worein Sie sich verbergen wollen. Wird sie ihren Freunden eben so verschlossen seyn, als Ihr Haus es seit einiger zeit gewesen ist?"

Frau D** that in der ersten Verwirrung die Frage: "Habe ich denn Freunde, die dieses bedauern?" und fing an, auf und ab zu gehen. Herr C** ging mit ihr, und Herr G** zu seinen Amtsleuten. Ich war in einer Ecke des Saals, mit Madame G** Schach zu spielen. Herr Fr** lehrte michs. Die muthwillige G** rief auf einmal ganz laut: "Schach der Konigin!" Ein Seitenblick machte mich aufmerksam, und ich sah die zwey Spatzierganger vor einem Gemahlde, wovon Herr C** die Schonheiten erklarte; aber sein Auge voll Geist schien eher das mahlerische Ebenmaass der Madame D**, als die richtige Zeichnung der Gruppen des Gemahldes zu betrachten. Madame G** stund auf, naherte sich ihnen, fasste beyde an den Armen. "Emma und Arundel bey den Ruinen!" sagte sie. Frau D** wurde feuerroth, und senkte ihren Kopf und Blikke zur Erde; Herr C** aber nahm eifrig eine ihrer Hande und rief aus: "O, wie glucklich ware ich; wenn Frau G** wahr gesagt hatte!" Madame D** fasste sich; zog ihre Hand zuruck. "C**! nichts Galantes von Ihnen, ich bitte Sie. Ihre kalte, ganz kalte Hochachtung, aber keine spielende, grosse Empfindungen! Gonnen Sie mir das Gluck, Sie hochzuschatzen!" Der ruhrende Ton ihrer Stimme bey diesem; ihr Blick auf ihn; eine susse, fluchtige Cramoisinrothe uber ihren feinen blassen Wangen, und das anmuthsvolle halbe Wegwenden ihrer ganzen schonen Person, war ein vortrefliches Bild! C** war voller Bewegung, und sah sie mit Lieb' und Feuer an. Sie neigte sich, und ging mit Frau G** weg. C** legte sich an ein Fenster. Er sah die beyden Frauen im Garten, und bat um Erlaubniss, sie zu begleiten; lief auch eilig fort. Madame G** kam eine Viertelstunde nachher allein wieder; kusste mich, und gab ihrem Bruder zugleich die Hand, indem sie, mit einer Thrane der Freude im Aug', uns sagte: "Nun ist meine D** glucklich, und zwar durch mich! C** wird ihr Gemahl!" Wir freuten uns; und die vier Tage uber, da wir noch in R** blieben, nannten wir sie Emma und Arundel. Und da beyde frey und unabhangig waren, besorgte Herr Fr** den Trauschein vom Magistrat, und den funften Tag, eine halbe Stunde vor unserer Ruckreise in die Stadt, erhielten sie durch den so ehrwurdigen Pfarrer in R** ihre Einsegnung. Herr und Frau G** uberliessen ihnen das Schloss und alle Einrichtung, sammt der Kochinn und den Bedienten, auf so lange sie wollten. Denn sie wunschten, die ersten Tage ohne Zeugen und Gerausche hinzubringen. Nur schickte Madame G** der nunmehrigen Frau C** ihre Kammermagd mit Kleidung und Weisszeug hinaus. Sie sind auch noch nicht gesinnt, in die Stadt zu kommen, weil sie, wie sie beyde schreiben, sich von den verlohrnen Tagen ihres Lebens und ihrer Bekanntschaft zu besprechen hatten; ihr Landguth einrichteten, und sich auf den kunftigen Sommer Spatziergange aussuchten, um gegen die Langeweile gesichert zu seyn.

In der Stadt war viel von der schnellen Heyrath und von dem sonderbaren Geziere der Frau C** die Rede, dass sie Niemand zum Zeugen haben wolle! Wie froh sie uber den Verlust ihres Wittwenschleyers ware! C** hatte immer den schlauen Weltweisen gewacht, ware aber durch das altkluge Madchen, Rosalia, und die Klopfjagerinn G** in das Netz der pruden D** getrieben worden! Sie moge aber Sorge tragen, ihn nicht zu sehr einzustricken, sonst wurde er seine altern Freundinnen um Hulfe bitten, welche leicht etliche Schleifen auflosen und dem fein singenden Vogel Luft machen wurden, ohne sich an das Gegirre des zarten Weibchens zu kehren! Madame G** sagt geradezu: Dies sey die Rache der abgewiesenen Liebhaberinnen und Coquetten, die beyde viel verlohren hatten.

Vier und vierzigster Brief

Ich komme so eben von einer recht sehr interessanten Spatzierfahrt zuruck, welche Herr von Ott veranstaltet hatte. Sie wissen, dass er einer der Verbundeten ist, die zu der Sammlung thatiger Tugenden beytragen mussen. Er hatte, ich weiss nicht, wie? vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines beynah achtzigjahrigen Ordensgeistlichen gemacht, der ungefahr zwey Stunden von hier, als Pfleger von einem schonen Landguthe seines Gotteshauses wohnt, und durch seine heitre freundliche Gemuthsart (ich denke auch, durch seine Gastfreyheit) bey allen Benachbarten sehr beliebt war, und fleissig besucht wurde. Diesem guten Mann trug das Schicksal vor einigen Monaten die Sorge fur zwey Findelkinder auf eine fur ihn sonderbare und ruhrende Weise auf!

Er hatte immer die Gewohnheit, sein Brevier in den schonen Sommertagen in einem Laubengange zu beten, der ziemlich lang, und da er vollig bedeckt ist, an dem Ende gegen das Feld, ganz dunkel wird. ... Dahin ging der liebe Alte in diesem Monat Junius, gleich nachdem er Fruhmesse gehalten hatte, und betete da ganz andachtig vor sich hin, bis er am Ende des Laubenganges mit seinen Fussen so stark an Etwas in dem Wege stosst, dass er daruber gegen die grune Wand hinfallt. Den Augenblick hort er die Stimme eines kleinen weinenden Kindes, erschrickt, rafft sich auf, und sieht einen, mit einer grunen Leinwand gedeckten Korb vor sich, aus dem die Stimme kam. ... Er fasst sich, sieht nach, und findet in dem Korbe zwey neugeborne Kinder und einen grossen Brief, der vorne auf ihr Bettchen angeheftet, und an ihn uberschrieben war. Er machte ihn auf, und lieset, dass die zwey Kinder, noch ungetauft, seiner Menschenliebe anvertraut werden; dass sie Abends neun Uhr geboren und seit drey Uhr in der Fruh auf diesem Platz waren, wo man wusste, dass er seine Morgenandacht hielte, und wahrend dem Gebete das gute Werk nicht von sich weisen wurde, fur die armen Findelkinder zu sorgen, fur welche Vater und Mutter nichts thun konnten, als Gott bitten, dass er ihn lange erhalten mochte. Er sollte die Knaben nach seinen zwey Namen, dabey aber auch jeden Joseph Furchtegott nennen.

Der Gedanke uber die Zulassung Gottes, dass ihm diese Last in den Stunden des Gebets zugefuhrt wurde, gab ihm Muth, den Entschluss zu fassen, sich, so lange er lebte, der Kinder anzunehmen. Er kniete hin und gelobte ihnen, vor den Augen ihres und seines Gottes, ihr Pflegevater zu seyn. Nahm den Korb mit seinen beyden Armen und trug ihn ins Haus, wo die Haushalterinn eben so viel Larmens machte, als ehmals des Herrn Worthy seine Debora, wie der gute Toms Jones hingelegt wurde. Der Alte kehrte sich nicht daran, und liess den Kirchendiener nebst den Gerichtsleuten kommen, um die Kinder zu taufen, und die ganze Begebenheit genau aufzuschreiben. Nahm eine Warterinn an, und sorgte mit Vatertreue fur die Findlinge; denn er lud einige Tage nach ihrer Aufnahme seine benachbarten Freunde zu Gaste, gab ihnen, wie gewohnlich, recht gut zu essen und zu trinken, fuhrte sie nachher zu seinen Zwillingen, wies sie ihnen, erzahlte die Geschichte und sagte: Sie mussen auf dem Platz im Garten, wo er sie gefunden hatte, ihre Gesundheit trinken. Sie gingen alle lustig in den Laubengang, wo sie kostbaren Wein bereit fanden, und auf des Pflegevaters und der Kinder Wohlseyn tranken. Hier aber zog er eine Rechnungsrolle aus der Tasche, und wies ihnen die Erlaubniss seines Pralaten und Mitgeistlichen, von den Einkunften des Guthes so viel auf die Gastfreyheit zu verwenden; er hatte bisher mit Vergnugen Gebrauch davon gemacht, und sie alle herzlich gerne bey sich gesehen; er hoffe auch, dass es in Zukunft eben so seyn wurde, wenn sie sich einen Vorschlag wollten gefallen lassen, den er zum Besten der Findelkinder ausgedacht hatte. Indem er die erlaubten Ausgaben nicht vergrossern mochte: so dachte er, die zwey Kinder als tagliche Gaste zu berechnen, hingegen denen, die er bisher gesehen, eine geringere Anzahl Speisen vorzusetzen, und dieses Ersparniss fur die armen Kinder zuruck zu legen, um hiedurch mit dem anvertrauten Gute seines Gotteshauses und seiner Pflegkinder gleich getreu zu verfahren. Alle billigten seine Gedanken, und machten den Findlingen, nicht nur mit ihrer Einwilligung, zu Verminderung der kostbaren Schmause, sondern mit einem Stuck Geld ein Geschenk. Der liebe, ehrwurdige Greis dankte fur seine Findlinge, und fuhrt seit diesem Tage genaue Gastrechnung zu ihrem Besten. Wie wir hinkamen, fanden wir ihn in der Stube zwischen den zwey Wiegen sitzen, wo er das Eine schaukelte, und dem Andern, das schlief, die Mucken abwehrte, derweile ihre Warterinn den Brey zurecht machte. Unser fremdes, und vielleicht etwas zu lebhaftes Ansehen machte ihn einen Augenblick stutzen; aber Herr von Ott sagte ihm gleich? "Verzeihen Sie, mein ehrwurdiger Freund, dass ich Ihnen fremdes Frauenzimmer bringe. Aber es sind zwey Braute, die das Bild einer ihrer kunftigen Tugenden in Ihnen sehen wollen; beyde waren uber ihre Menschenfreundlichkeit gegen die armen Geschopfe entzuckt, und haben die kluge Wirthschaft Ihrer Wohlthatigkeit bewundert." Er wandte sich gegen uns, und sagte Julien, deren Hand er fasste und kusste, da er mit der andern den Alten wies: "Meine Julie! dieses ist das uberfliessende Maass von Gute eines Mannes! wie schon muss ihre Wirkung in dem Herzen der Gattinn seyn, von welcher man sie erwartet!"

Von Ott hatte uns geruhrt und ein wenig aus der Fassung gebracht, die die nehmliche Bewegung in uns legte; denn wir kussten beyde die Hande des Greises und die Kinder, mit dem Vorsatz in der Seele, einst gute Mutter zu werden! Die muthwillige Frau G** rief aus: "Das ist die Stimme des Berufs!" Aber dem alten Manne liefen Zahren uber die Wangen, da er uns beyde mit dem Zeichen des Kreuzes segnete. Von Ott kusste unsere Hande und sagte uns, dass er sicher ware, wir wurden diesen Beruf getreu erfullen.

Funf und vierzigster Brief

Heute, meine Mariane, hat sich der Zufall eines Gemahldes bedient; um mir schon lang erkannte und gelernte moralische Grundsatze tiefer einzupragen, und sie in meinem Kopf und Herzen zu thatigen Pflichten zu machen! Es war ein Meisterstuck eines der grossten Mahler, eine Madonna vorstellend, welche dem kleinen Jesu aus einem Korbchen einige Blumen reicht. Die Zeichnung des Kopfs, des Gesichts, des Nackens und der Hande, ist, nach Ausspruch aller Kenner, vortreflich. Ausdruck der hochsten weiblichen Tugend und mutterlicher Liebe. Rein, vollkommen, wie die hand des gottlichen Schopfers sie in Mutter-Seelen pflanzte, liegen sie in ihrem Auge, ihrem Lacheln und Zugen. Die Schonheit der Farbenmischung schimmert aufs Aeusserste in diesem Stukke! Ich betrachtete es nach allen diesen Theilen mit innigem Vergnugen, welches der Verstand uber die Grosse der Kunst, und mein Herz uber den moralischen Ausdruck fuhlte; aber mein Aug erlaubte sich Untersuchung des Ganzen, und heftete sich auf die Stucke des blauen Mantels, welchen der Kunstler um den mittlern Theil der Arme geworfen hat, und die Falten davon schienen mir leer, weil ich die fortlaufende Rundung und Linien des Arms und den Bug des Ellbogens nicht darinn fand. Ich sagte diese Bemerkung einem edlen scharfsinnigen Manne, der mit uns da war. Er bestritt meine Idee in etwas, und dadurch reizte er mich, meine Kunstrichterey zu vertheidigen und zu beweisen. Er schwieg lachelnd; nur kurze Zeit darauf hatte ich an der Hand eines andern herrlichen Bildes etwas zu erinnern, und hier fiel er ein: "Immer an dem Vortreflichsten etwas auszusetzen!" Der Ton seiner Stimme und seine Miene bewiesen mir, wie sehr tadelhaft er meine genaue Berechnung der kleinen Unvollkommenheiten fand. Aber es machte keinen besondern Eindruck auf mich, weil ich dachte, dass es meinem richtig sehenden Auge wohl erlaubt ware, das Fehlende zu bemerken; aber einige Tage hernach kam mir eine Beurtheilung meines Charakters zur Hand, die mir eben so schmerzhaft fiel, als mein Tadel uber die zwey herrlichen Gemahlde dem Schonheit fuhlenden Mann. Ich wurde auch uber einen fehlerhaft scheinenden Theil hart verdammt, wo ich in der That auch nichts anders verbrochen hatte, als der Mahler, der nicht alles Schone, so er fuhlte, am Tage mahlen wollte, und sogar nicht einmal den Nachtheil berechnete, den sein Genius, durch die Sorglosigkeit seines Faltenwurfs, in dem Auge des Fehler ausspahenden Beobachters erdulden durfte oder konnte. Ich zeige auch selten das ganze Bild meiner Seele; ich werfe auch hie und da einen Schleyer, ein Stuck Mantel, uber einzelne, wohl formirte und mit dem Ganzen ubereinstimmende Theile. Ich denke auch nicht an die schiefen Urtheile, welche schiefe Falten hervorbringen konnen und mussen: und nun will ich mich hinsetzen und mich bey dem Bilde der Madonna mit dem Gefuhle des Wiedervergeltungsrechts trosten! Es giebt ein moralisches Augenmaass fur die Zuge der Seele, wie ich es fur die Linien der korperlichen Schonheit und Regularitat habe, und wenn ich verabsaume, den Schleyer so um mich zu winden, dass die reine Gestalt der moralischen Bildung auch durch die Decke leuchte: so muss ich's leiden, dass man etwas Verkehrtes vermuthe. Denn von wem, besonders von einem Frauenzimmer, wird man vermuthen, dass sie gute und vortheilhafte Eigenschaften verbergen wurde, und dass sie in dem Augenblicke, wo sie Vorzug erhalten konnte, freywillig darauf entsagt? und doch bin ich so unbillig, zu klagen, wenn mir nicht dafur gedankt wird! Aber, ich danke dem Manne, der mit edlem Eifer meine Tadelsucht bestrafte, und mir die Anweisung gab, von meinen Nebenmenschen nicht mehr zu fodern, als sie von mir erhielten. Doch, meine theure Mariane, wurde ich mir's niemals vergeben, wenn meine Nachstenliebe erst durch meine Selbstliebe erweckt und thatig gemacht worden ware. Nein, sie ist nur vertraglicher geworden! Denn, in Wahrheit, ich rugte alles zu lebhaft, was ausser meinem Gefuhl und Ueberzeugung war. Was kann die Feldblume davor, dass sie nicht von einem Kunstgartner gepflegt wurde? und was fur ein Recht giebt das gluckliche Loos einer guten Besorgung der Gartenpflanze, die andern mit Uebermuth hager und mangelhaft zu schelten? Was mich aber recht sehr verdriesst, ist, dass ich bemerke, wie durch diesen Vorgang ein Theil meiner moralischen Empfindungen sinnlich geworden ist. Denn ein Blick, den ich auf das Bild einer Madonna werfe, die in meinem Zimmer hangt, giebt mir die lebhafteste Erinnerung zu milder Beurtheilung der Fehler, die ich an andern finde. Sogar ein blaues Kleid scheint mir ein Wink zu seyn, die Behutsamkeit fur mich und andre nicht aus den Augen zu setzen. Ich dachte schon, von nun an lauter blaue Armschleifen zu tragen, weil ich den Armfalten eines Mantels von dieser Farbe, eine Wiederholung der Tugendlehre zu danken habe. Doch furchtete ich die Macht der Gewohnheit, die mich durch taglichen. Gebrauch dieses Mittels gegen seine Wirkung unempfindlich machen konnte; zumal man immer eher auf die Falten des Nachsten, als auf seine eigenen sieht. Sie wissen, ich liebte die Mahlerkunst allezeit; nun gewiss mehr als jemals, weil sie der Anlass war, dass ich in Zukunft mit mehr Genauigkeit auf die Verbesserung meiner eigenen Fehler denken werde.

Rosalia.

Sechs und vierzigster Brief

Von Ott fuhrte heute Nachmittag Julien und mich zu seiner Tante, die an dem aussersten Ende der offenen Vorstadt wohnt, und aus deren Hausgarten man gleich auf das Feld gehen kann. Madame G** kam nicht mit, weil die melancholische Empfindsamkeit dieses Frauenzimmers nicht den geringsten Ton des Schmerzens ertragt, und selbst ihr Neffe, den sie doch innig liebt, nicht oft zu ihr kommen darf, weil alle Stunden des Tages in Arbeits- und Andachtsubungen eingetheilt sind, und sie uberhaupt mit niemand lebt, als einer Schulmeister-Wittwe und deren Tochter, die sie im Hause hat, und in Tisch und Wohnung unterhalt; die hingegen beyde mit ihr das ganze Jahr fur Arme Strumpfe stricken, Hemden und Hauben nahen helfen mussen; indem, wie sie sagt, das Gebet und ruhige Gutthatigkeit an Arme, der einzige Trost gewesen sey, den sie in den Bekummernissen ihres Herzens gefunden habe.

Ehe Ott uns hinfuhrte, hatte Madame G** ein Paarmal uber sein ernsthaftes Aussehen gelacht und dabey gesagt, es ware das Gesicht, welches er bey seiner Tante H** geholt hatte. Julie fragte ihn da uber die eigentliche Ursache der Einsamkeit dieser Tante, und er erzahlte uns, dass sie die alteste Schwester seiner seligen Mutter ware, die als Zwilling mit seinem in Venedig verstorbenen Oheim auf die Welt gekommen; daruber aber seine Grossmutter das Leben verloren hatte, und vor ihrem Tode diese zwey Kinder der Liebe und Sorge ihrer altesten achtzehnjahrigen Tochter anempfohlen habe. Diese hatte auch jede mutterliche Treue an beyden bewiesen, und sie zu den liebenswurdigsten und artigsten jungen Leuten gemacht; das Vermogen mit der grossten Vorsicht verwaltet; endlich seine Mutter glucklich verheyrathet, und seinen Oheim auf Reisen geschickt, an dem sie, von seinem achtzehnten Jahre an, eine vorzugliche Neigung fur ein holdseliges sanftes Madchen beobachtet hatte, welches die Tochter einer ihrer Freundinnen war. Als er mit zwanzig Jahren seine Reisen antrat, hatte sie die junge Eufrosine zum Fruhstuck geladen, und diese musste ihn eine selbst gestickte Brieftasche zum Geschenk auf die Reise mitgeben, und auf das erste Blatt schreiben: "Treue Freundschaft und Unschuld werden alle Tage fur Ihr Wohlergehen beten!"

Eufrosine war just sechzehn Jahr, und in der feinsten Bluthe der Schonheit, einsam erzogen; um so starker war jede Neigung der Zartlichkeit in ihrer Seele. Meine Tante wollte ihrem Bruder durch Eufrosinens Bild eine Schutzwehr um sein Herz legen, daher hatte sie veranstaltet, dass den letzten Morgen niemand anders da war, als sie beyde. Sie wusste wohl, dass ihr Bild den Eindruck von Eufrosinen nicht verdringen wurde. Sie hatte auch gut gerechnet, denn mein Oheim nahm sie noch auf die Seite und bat sie mit wenig Worten: wenn es moglich ware, das reizende Madchen fur ihn aufzuheben! Meine Tante versprach ihm, alles zu thun, diesen Wunsch seines Herzens zu erfullen. Bruder und Schwester umarmten sich und nahmen mit vielen Thranen Abschied. Die holde Eufrosine weinte sympathetisch mit, mein Onkel kusste ihre Hande und bat sie, ihren Vetter Heinrich nicht zu vergessen. Sie versicherte ihn, mit schluchzender Stimme, "dass sie gewiss immer an ihn denken wurde." Mein Onkel reisete vier Jahr lang, vergass aber Eufrosinen nicht; besonders aber erkundigte er sich bey meiner Tante, ob sie wohl mit ihm nach Venedig ziehen wurde, weil er dort sein Gluck zu befestigen hofte. Alles war versichert, denn meine Tante hatte Eufrosinens Herz und den Willen ihrer Eltern nach den Wunschen ihres Bruders gelenkt, der als ein schoner liebenswurdiger Mann zuruck kam, und seine Eufrosine nicht nur mit der edelsten jungfraulichen Gestalt und Anmuth, sondern auch mit jeder Tugend und weiblichen Geschicklichkeit begabt, antraf. Ihre, durch meine Tante in der Stille genahrte Liebe fur ihn, und die seinige fur sie, wurde durch ihr beyderseitiges Verdienst zu der feurigsten Zartlichkeit erhoht. Er hatte aus Venedig einen Portraitmahler mitgebracht, allein in der Absicht, den Eltern seiner Braut ein recht gutes Bild von ihr zuruck zu lassen. Und da er sie einmal des Morgens in ihrem Zimmer besuchte, just da ihr Madchen ihre wunderschone blonden Haare auskammte, und Eufrosine etwas in ihr Tagebuch schrieb, so liess er sie fur sich in dieser Stellung mahlen. (Sie sollen das Bild bey meiner Tante sehen.) Alle Anstalten zu der Verheyrathung wurden gemacht; und da beyde Liebende das Fest ihres Glucks ohne Gerausch zu feyren wunschten, so wurde die Zeit der Badekur, die Eufrosinens Mutter alle Jahre zu gebrauchen pflegte, dazu bestimmt. Die Braut zog mit ihrer Mutter ins Bad, das zwey Stunden von der Stadt, nahe an einem Walde liegt. Mein Onkel ging ab und zu, weil er sich die Freude machte, wahrend ihrer Abwesenheit eine Menge artiger Sachen in den Zimmern seiner kunftigen Frau anzuschaffen, die sie nach ihrer Heyrath da finden sollte. Den Abend vor der Trauung, die auf einem benachbarten Dorfe in der Stille geschehen sollte, ging mein guter Onkel in die Stadt, um meine Eltern und Tante Abends mit sich hinaus zu nehmen, damit sie Morgens als Zeugen seiner Verbindung da seyn mochten; und, um die ubrigen Badegaste nichts argwohnen zu lassen, gingen Eufrosinens Eltern mit ihr, auf Einladung der Gesellschaft, in den Wald spatzieren. Das edle, sanftliebende Geschopf fuhlte sich von den larmenden Unterredungen des Haufens belastigt; sie wunschte, allein ihrem Herzen und Nachdenken uberlassen zu seyn; verlohr sich daher, sobald sie konnte, ins Gebusch; und da sie vor dem Spatziergange ihrer Mutter gesagt hatte, dass sie so gerne zu Hause bliebe, so dachte diese, als man Eufrosinen vermisste, sie ware heimlich zuruck, und sagte es auch ihrem Mann. Der Abend war schon. Man hielt sich lang' auf, eh' man zuruck gieng, und der Zufall wollte, dass des guten Kindes Eltern mit dieser Zogerung zufrieden waren, weil sie glaubten, ihre lieben Gaste aus der Stadt konnten noch zum Nachtessen zurecht kommen. Man kam nach Haus; es wurde nach Eufrosinen gefragt, sie war aber nicht da. Alle Zimmer wurden durchsucht, alle Leute gefragt: niemand hatte sie gesehen und nirgends fand man sie. Ihre Mutter glaubte, sie musse auf dem Wege nach der Stadt gegangen seyn, und man schickte ein Paar Leute hin, die liefen so weit, bis sie der Kutsche begegneten, worinn mein Onkel war. Hier fragten sie eilig an, ob das Frauenzimmer bey ihnen ware? "Was fur ein Frauenzimmer?" sagte mein Onkel. "Ihre Braut, mein Herr! Sie ist seit dem Spatziergange im Walde nirgends zu finden, und wir dachten, sie war' Ihnen entgegen gegangen!"

Urtheilen Sie von dem Schrecken meines Onkels! Er setzte sich gleich auf eines der Pferde, und jagte ins Bad, erkundigte sich nach den Umstanden, und vermuthete, dass sie im Walde verirrt seyn musse. Bot grosse Summen Geldes fur alle, die sich zum Aufsuchen vorthaten; liess Strohfackeln machen, und eilte zuerst, mit einer grossen Wachsfackel, dem Walde zu, wo er mit angstlicher Stimme nach Eufrosinen rufte. Mein Vater, der Bademeister, und der Arzt, betrieben den Fortgang der Leute, die zum Nachsuchen bestellt waren. Meine Mutter blieb bey Eufrosinen ihrer. Aber meine gute Tante wollte ohne Einreden mit nach dem Walde. Sie hatte auch das traurige Gluck, Morgens um drey Uhr, das liebe englische Madchen zuerst zu erblicken, die mit allen Kraften durch verwachsene Baume durchzudringen suchte, und einen hohlen wilden Schrey dabey ausstiess. Zwey Manner, die bey meiner Tante waten, eilten zu ihr, und diese mit der Fackel nach. Die arme Eufrosine druckte die Augen zu, schrie und straubte sich erbarmlich. Die Manner trugen sie meiner Tante zu, die uber den jammerlichen Anblick des lieben Madchens in Ohnmacht fiel. Eine Viertelstunde darauf kam mein Onkel dahin, weil er rufen gehort hatte: "Wir haben sie!" Aber wie fand er seine Eufrosine? Ihrer Sinne beraubt. Gesicht, Brust und Hande zerrissen und blutend! Nichts auf dem Kopfe; ihre schonen Haare verwirrt und eine Menge ausgerauft; einen heischern Schrey, der furchtsam aus dem Munde kam, den vorher die sanfteste Stimme beseelte! Der ausserste Grad von Schmerz und Verzweiflung zerriss sein Herz. Er warf sich auf die Erde zu ihr, wo man sie sitzend hielte, und meine Tante, die sich erholt hatte, das Blut von ihrem Gesicht wischte. Der Arzt und mein Vater kamen auch. Mein armer Onkel bat den Ersten auf seinen Knien, ihr zu helfen. Sie ward ins Haus gebracht, ihre Wunden besorgt, und alles Mogliche zu Wiederherstellung ihrer Vernunft gebraucht. Aber sie war unwiederbringlich verlohren! Grosse Aerzte wurden zu Rath gezogen, die alle sagten, dass der hochste Grad ihrer Angst bey Erblickung der Fackeln musse entstanden seyn, weil sie immer, wenn ein Licht ins Zimmer kam, in Anfalle von Zittern, und ein die Seele durchdringendes Rufen nach meinen Onkel gerieth, der vier Monat lang neben ihrem Zimmer wohnte, und sein eigenes Leben uber ihren hofnungslosen Zustand verseufzte. Wenn sie aus Mattigkeit schlief, kniete er neben dem Bette, kusste ihre Hande, stund auf, rang die seinigen mit Thranen des bittersten Grams, legte auch oft seinen Kopf neben dem ihrigen. Er wollte, ungeachtet ihres Zustandes, mit ihr getraut werden, um sie immer selbst zu besorgen; und man hatte Muhe, ihn daruber eine Verzogerung eines Monats einzureden. Ihr Wahnsinn wurde etwas sanfter; aber sie zehrte sichtbar ab. Zehn Tage vor ihrem Tode hofte man ihre Genesung, weil sie wieder mehr Worte aussprach, indem sie Augen und Arme gen Himmel erhob, und deutlich sagte: "Ach, Gott! es ist so spat, und Heinrich noch nicht da!" Eine nicht zu dampfende brennende Hitze trocknete sie aus. Zwey Tage lang war nicht mehr so viel Feuchtigkeit in ihren Augen, dass sich die Deckel schliessen konnten, und kaum konnte sie tropfenweis eine Erquickung niederschlucken. Mein Onkel war bedaurungswurdiger als sie. Jeder Augenblick seines Lebens war Marter! Als der Arzt versicherte, dass ihr Leiden bald durch den Tod enden wurde, betrachtete mein Onkel sie noch mit alle dem Gefuhl seiner Liebe; bog sich uber sie hin: "Eufrosine, meine Braut! dem Grabe muss ich Dich lassen! der Tag, wo Du mein werden solltest, war der Anfang Deines Todes!" Ein Strom von Thranen floss aus seinen Augen; aber er und alle behaupteten, dass in dem nehmlichen Augenblicke die ihrigen eine Bewegung gemacht hatten, ja, dass ein Zug von Lacheln uber ihr Gesicht gegangen sey. Mein Onkel ward entzuckt. Er umarmte und kusste sie; aber, einige Minuten darauf war sie todt. Hier sagte er mit Stammlen: "Eufrosine! Dein letzter Blick war mein! Du bist die erste und einzige Liebe meines Herzens gewesen, Du sollst es noch im Grabe seyn, und bald, bald wird mich die Vorsicht, die Dich mir nahm, Dir wieder geben!"

Er reisete fort, nachdem er nur ihr Bildniss und die Kleider, die sie zuletzt getragen, zu sich genommen hatte. Meine gute Tante, die fur die arme Eufrosine und fur meinen Onkel zugleich gesorgt hatte, wurde krankelnd, und blieb immer traurig. Einige Jahre darauf starb meine Mutter, und mein Onkel kurz hernach, der meiner Tante sein ganzes Vermogen zu ihrem Genuss zuruck liess, von dem sie den Ueberrest mir verlassen mochte. Der Gedanke des Unglucks, das ihren rechtschaffenen Bruder und seine tugendhafte Braut betroffen; der fruhe Tod meiner Mutter; die Zerstorung aller, so vieljahriger Muhe, fur das Wohl ihrer zwey Geschwister, haben ihren Geist und Herz eigentlich gequetscht, und sie ist wie Jemand, der unter dem Druck einer Presse Athem holen musste. Aber gewiss, meine Freundinnen, es ist eine ehrwurdige Alte, die fur mich Ueberrest eines der Tagend gewidmeten Tempels ist, den ich mich mit Ehrfurcht und Liebe nahere.

Sie konnen denken, meine Mariane! dass Julie und ich bey den Thranen, die wir bey Eufrosinens Elend weinten, in die ganze Stimmung kamen, die die ernste Schwermuth des Frauenzimmers erfoderte. Sie empfing uns sehr artig, betrachtete aber uns zwey Madchen mit einer Gattung von Tiefsinn. Ott stellte ihr Julien als seine Braut vor, welches sie mit ziemlicher Ruh in ihrer Miene anhorte. Wie ihr aber Julie die Hand, als ihre Nichte kussen wollte, umarmte sie sie, lehnte ihren Kopf auf Juliens ihren, und stille Thranen flossen uber ihre ehrwurdige, aber blasse Wangen hinab. Wir waren alle ruhig. Nach wenigen Minuten richtete sie sich auf, nahm Ottens und Juliens Hande, legte sie zusammen mit einem innigen: "Gott segne Euch! und gebe dir, lieber Nepote, alles Gluck, so sich Dein Onkel von seiner Braut versprechen konnte, wenn " Hier weinte sie wieder, faltete aber ihre Hande und blickte gen Himmel: "Ich murre nicht! gottliche Hand! Ich murre nicht! Du hast sie ewig glucklich gemacht! Meine Thranen sind nur Erinnerung der Liebe." Wir schwiegen nach Ottens Beyspiel immer, wie er uns auch zuwinkte. Nachdem fasste sie sich ganz und fuhrte uns in das Zimmer wo die Bildnisse von Eufrosinen und ihrem Brautigam waren. Sie wies Julien das letztere und fragte sie: Ob nicht ihr Ott das Ebenbild seines Onkels sey? Wir fanden es alle. Julie sagte: Es freue sie sehr, dass er diesem rechtschaffenen Mann gleiche. "Er hat auch sein Herz, liebe Nichte; und dafur danken Sie Gott; denn Sie werden dadurch eine sehr gluckliche Frau werden!"

Ich hatte indessen meine Augen auf Eufrosinens Bild geheftet, das in Lebensgrosse und vortreflich gemahlt ist. Ein Zimmer mit hellbraunem Tafelwerk; durch ein grosses Fenster fallt das Licht auf Eufrosinens Figur, die auf einem Stuhl ohne Lehne sitzt; ihre Kleidung ist reine weisse Leinwand, Rock und Corset, in welchem ihre schlanke Gestalt sehr schon ausgezeichnet ist. Ihre schone Brust feinen Nacken und einen Arm sicht man von der Seite ganz. Ruckwarts steht ein Aufwartmadchen etwas entfernt, die mit einer Hand die langen blonden Haare, und in der andern einen Kamm halt, aber auch, wie Eufrosine den Kopf gegen die Thur wendet, die eben aufgemacht worden. Eufrosinens Gesicht ist das allerschonste Oval, mit der feinsten Farbe einer Blondine. Eine niedlich gebogene Nase, ein kleiner Mund, der mit susser Liebe lachelt; grosse blaue Augen, in welchen der Ausdruck himmlischer Sanftmuth ruht; die edelste Form der Stirne und des Hauptes. Mit dem freyen Arme zieht sie das blaue Band ihres Corsets uber ihre Brust, als ob sie sie schaamhaft damit in etwas dekken wollte, der andre liegt mit einem Theil auf dem Tische, auf welchem ein Spiegel, ein Korbchen mit Blumen, Perlenschnure und ein klein Tintenfass steht. Noch mit der Feder liegt ihre rechte Hand auf dem Blatte eines kleinen Hefts Papier, worauf sie schrieb: "Tugend sey immer die Schonheit meiner Seele, und Heinrichs Liebe mein Gluck!"

Die vollkommne und still reizende Schonheit des Bildes, die Erinnerung des grausamen Schicksals dieses holden Geschopfs, fullte mein Auge mit Thranen Die Tante druckte meine Hand und sagte mit Seufzen: "Ach! sie verdient die Zahren jeder guten Seele. Denken Sie, was ich gelitten habe, wie ich den Engel, so elend zugerichtet, vier Monat lang leiden und endlich sterben sah! Liebe, susse Eufrosine!" sagte sie und kusste den Arm des Bildes gab dann Otten die Hand: "Ich danke Dir, dass Du den zwey wackern Frauenzimmern von Deinem Onkel und Deinen Tanten so gut geredt hast!" Dann wies sie uns das Bild von Ottens Mutter. Erzahlte von ihr, und versicherte Julien, sie wurde eine liebenswerthe Schwiegermutter gehabt haben. "Ich will Sie dafur ansehen" sagte Julie. "Es wurde mich vergnugen, meine Liebe, wenn ich nicht allen Entwurfen von Freude entsagt hatte! Ich nehme jetzt von einem Tage zum andern, was mir Gott zuweiset." Hierauf gab sie uns ein recht artiges Abendbrod, und ging, nachdem sie die Wittwe und deren Tochter hatte rufen lassen, einige Augenblicke von uns, und band, bey dem Wiederkommen, Julien eine schone Schnur orientalischer Perlen um den Hals, nebst einer sechsfachen Reihe von namlicher Grosse um die Hande, wobey sie auf Eufrosinens Bild wies: "Es sind die nemlichen, die darauf gemahlt sind. Mein Bruder hatte sie mir gelassen."

Wie es etwas spater wurde und wir gehen wollten, fiel Otten ein, dass es Mondlicht ware, wir wollten bey dem schonen Abend um die Stadt herum bey dem Einlassthor nach Hause gehen, und indessen noch einige Zeit in der Tante Garten uns aufhalten. Das war ihr ganz Recht, und sie wies uns ihre liebe Einsiedeley, wie sie es nennte. Im Gehen wandte sie sich ungefehr um, und betrachtete dann den Schatten ihrer Figur, mit einer etwas ernsten Miene. Ott nahm ihre Hand: "Liebe Tante, auf was sehen Sie?" "Hier auf meinen Schatten; er dunkt mich das traurige Bild meines vergangnen Lebens zu seyn." "Aber sehen Sie nur, alle unsere Schatten sind so." "O, nein! der Umriss von den Eurigen zeigt die Frolichkeit Eurer Gebehrden und Eures Muths, so wie der meinige ein gebrochenes Herz und wankendes Leben anzeigt." Julie fiel hier recht liebenswurdig ein: "Ja, liebe Tante! Ihr zuruckliegender Schatten sieht duster und jammernd aus, aber vor Ihnen sieht es helle. Ihre Brust wird von himmlischen Strahlen beleuchtet." Die Tante streichelte Juliens Backen: "Trostengel," sagte sie, "Gott lasse Dich allezeit einen so erquickenden Gedanken fur die truben Tage Deines Ott finden!" Wir kussten ihr alle drey, ungeachtet ihres Widerstands, die Hande. Sie segnete uns, und versprach fur unser Wohl zu beten. Und nun gingen wir langsam, in uns gekehrt, den einsamen Weg hin. Als wir in die Allee kamen, deren Baume schon meist entlaubt waren, schien der Mond zwischen den Seitenhecken durch, und gab den gelben, auf den weissen Kiess zerstreuten, Blattern eine sanfte Farbe. Ott, der uns fuhrte, blieb nach langem Schweigen stehen, sah uns beyde an: "Wie schon sind auch kuhle Herbstabende, wenn man sie mit Liebe und Freundschaft geniesst!" Julie sprach: "Lieber Ott! ich denke, jeder Abend ist schon, wenn man den Tag mit der Tugend verlebt hat, wie wir heute gethan haben! Und, bey Ihrer daurenden Liebe wird mir auch der Herbst des Lebens, bey verwelkten Freuden, angenehm seyn!" "Meine theure, schatzbare Julie," sagte er mit Entzucken, "Ihre Tugend wird die welkenden Freuden unsers Lebens mit einem so sanften Lichte verschonern, wie der Mond diese abgefallene Blatter vor unsern Fussen farbt."

Dieses Gesprach war mir traurig suss. Denn ich konnte mich des aufsteigenden Wunsches nicht enthalten: "Ach, wenn der Geliebte meiner Seele hier ware, und die Ruhe der Erde, und die alles Leiden besanftigende Strahlen des Mondes mit mir sahe! Wenn ich in dem Ausdruck seiner geistvollen Physiognomie den nemlichen Grad von Liebe erblickte, die Julie in Otten siehet! Denn gewiss, meine Zartlichkeit ist wie ihre!"

So kamen wir nach Hause, voll seligen Tiefsinns, der die Tugend lieben macht.

Sieben und vierzigster Brief

Es ist gut, meine Mariane! es ist wohlthatig vom Schicksal, wenn es uns die Erfullung kleiner Wunsche versagt, weil wir dadurch die freudigen und vergnugten Empfindungen der Seele versplittert genossen, und den erhabenen Reiz des grossen Guten nicht mehr nach seinem ganzen Umfange fassen wurden!

Schon lange begehrte mein Herz von der Vorsicht eine Erscheinung aus der schonen alten Welt, wo der Freundschaft, die sich zum Besten des Freundes aufopfert, Altare gebaut wurden, und wo diese Bewegung der menschlichen Seele hoher geschatzt war, als Liebe, weil sie edlere und schonere Thaten vor sich hat und hervorbrachte. Durch Sie, Mariane, bin ich mit jedem sanften, einnehmenden Zuge der weiblichen Freundschaft bekannt geworden. Sie haben alles fur mich gethan, was Ihr edles Herz nach den Erfordernissen des meinigen thun konnte. Es giebt aber Falle, in denen die Verfassung der burgerlichen Ordnung des Lebens unsere Neigungen beschrankt; so, dass sie nicht zu Handlungen werden konnen, und wo allein die Manner das grosse Vorrecht haben, von der Bewegung zum Entschluss, und von diesem zur That zu gehen. Der Zufall, welcher gewiss, im Ganzen genommen, eine ungleich grossere Anzahl guter, als schlimmer Sachen veranlasst, hat mich vor zween Tagen auf den Platz gestellt, wo ich diese grosse Verschiedenheit unsers Wirkungskreises mit der Manner ihren ganz nahe und in dem schonsten Licht sehen konnte.

Herr G** that vor einigen Tagen den Vorschlag einer kleinen Jagd, die es, als Oberbeamter in R**, zu geniessen hat, und bat die Uebenswerthe Familie und den Freund der ** dazu Madame G** nahm mich mit. Das Wetter war so schon, dass wir auf vier Tage da blieben, und uns aber, wegen Mangel der Zimmer, zu zwey und zwey, in Eines lagern mussten. Madame G** war bey mir. Madame ** und ihre Tochter wieder beysammen, und sodann Herr ** und sein Freund, gleich neben uns im dritten Stocke. Herr R** mit einem andern. Wir waren alle sehr vergnugt. Nur den zweyten Tag beym Fruhstuck bemerkte ich, nach einer kurzen Abwesenheit der Frau G**, dass ihre Stirne bewolkt war. Ich blickte sie daher ofters an: sie sagte wir auch mit freundlichem Drucken meiner Hand, und sanfter, als jemals ihre Stimme war: "Rosalia! Ihre Augen fragen mich was; Sie sollens wissen, mein Schatz, sobald wir allein sind, denn es druckt mich hier!" (auf ihr Herz weisend)

Es war sieben Uhr des Morgens, als ein Theil der Gesellschaft gleich nach der ersten Zerstreuung des Nebels durch die Weinberge in das kleine Haasenwaldchen wallte. Madame ** ging mit. Ihre Tochter aber in ihr Zimmer, um sich ganz anzuziehen. Meine G** auf einen Augenblick in die Kuche, und ich in unser Schlafzimmer, wohin sie kam und gleich anfing: "Rosalia! was ist Ihr Oheim fur ein Mann? kann er einer Frau die uberfliessende Gute des Herzens vergeben? ware er fahig, ihr ein Darlehn auf etliche Jahre zu machen?"

"Liebe, liebe Madame G**, wie hastig thun Sie mir diese Fragen; und Sie sehen ja ganz unwillig dabey aus!"

"Vors Erste, mein Kind! ist mir sehr daran gelegen, es bald zu wissen; und dann, Rosalia! weis ich, dass die meisten Menschen die Zuge des edlen, gutigen, grossmuthigen Betragens gegen andre freylich gern erzahlen horen, es mit Vergnugen in einer Geschichte lesen, entzuckt davon reden; und dann, in der Gelegenheit, es selbst zu thun, durch die edelsten Ursachen zuruck treten, und es von sich lehnen; freundschaftliche Bonde daruber zerreissen; aus einem brausendkochenden Kessel voll Sentiments, auf Einmal zum Eisklotz werden! Ja wenn ich mein eigenes Herz nicht in mir schlagen fuhlte, wenn ich meine W** nicht leibhaft, mit allen ihrem schonen bittern Kummer der Seele vor mir sahe; so glaubte ich selbst, dass Edelmuthigkeit und Menschenliebe Traumereyen der Poeten waren."

"Was fur ein trauriges Bild mahlen Sie mir, liebe Madame G**! Aber, leider ist jeder Strich wahr! Sagen Sie mir die Ursache davon."

"Die ist kurz gesagt, Rosalia: Meine theure, wenig gekannte, und oft misshandelte W**, deren Empfindsamkeit ganz fur andrer Wohl und Uebel da ist, diese befindet sich in einer Bedrangniss, nicht durch Ausgaben der wollustigen Tafel; nicht durch Weiblichkeiten des Putzes; nein! durch den, in der Ewigkeit schonen Fehler der uberfliessenden Gute, Kummer und Elend von andern zu entfernen. Dies bat sie an den Rand eines unabsehbaren Jammers gefuhrt, wo sie allein durch das Darlehn der kleinsten Summe von bis nach dem Tode ihres nachsten Verwandten gerettet werden kann. Ich bin elend," fuhr sie mit Weinen fort, "sehr elend, dass ich es nicht thun kann! Sagen Sie, Rosalia, sagen Sie, wurde Ihr Oheim mich daruber horen? Wurde er daruber schweigen? Warf' er nicht die wurdige Leidende, und mich, und Sie, in die Korblake, wohin die Manner, in dergleichen Gelegenheiten, mit den Guten und Tugendhaften unsers Geschlechts zufahren, ohne sich zu sagen, dass sie ja alle, oft das Zehnfache, ohne Dank, und ohne Hoffnung der Ruckgabe, verschwendeten!"

"Liebe Madame G**, wie werth, wie unendlich werth wird mir Ihr Herz durch diesen Eifer, durch diese Thranen! Ich will alles bey meinem Oheim versuchen. Er ist gutig; er ist rechtschaffen, und wenn er fehlt, so schweigt er doch; und dann schreibe ich an meinen C**; dieser ist gewiss so edel empfindlich, dass er meinem Herzen, und den verdienstlichen Leiden der Madame W**, diese Gefalligkeit erweiset. Wie viel Gutes thut er ohnehin! Er wird mich nicht umsonst flehen lassen."

"Aber, Rosalia! reden Sie mit Ehrerbietung mit Lobe von dem Herzen meiner lieben W**" Hier ging sie von mir, nachdem ich sie innig umarmt hatte. Die vortrefliche Frau! wie unrecht geschieht ihr, wenn man, ihrer Lebhaftigkeit wegen, an ihrer antheilnehmenden Empfindsamkeit zweifelt! Hierauf horte ich im Nebenzimmer auf- und abgeben. Ich wurde besorgt, weil es mannliche Tritte waren, dass einer von den zwey Fremden unser Gesprach gehort haben konnte! Und es war so. Denn kurze Zeit he nach kam Herr ** mit seiner edlen Gestalt, und einer vermehrten Bescheidenheit in seiner Miene, unter die Thure meines Zimmers getreten. Die Bekraftigung meiner Sorge uber sein Zuhoren, machte mich errothen, und er sah mich mit einer Verlegenheit an, die ich nicht gleich begreifen konnte. Ich war aufgestanden, und nach einigen Blicken auf die Erde, naherte er sich mir und sagte mit ruhrendem, aber mannlichem Tone, indem er mich zu meinem Stuhl zuruck fuhrte: "Darf ich Sie bitten mich auf einige Minuten anzuhoren?" Ich etwas unruhig: "Ja ganz gerne!"

Er fing an: "Ich will Ihnen, wurdige Vertraute der vortreflichen Frau G**, nicht verhehlen, dass der Zufall mich das wichtige Gesprach horen liess, worinn Sie beyde die Bedrangniss einer edlen Freundinn zu beben suchten. Mochten Sie mich nicht diesen Zufall benutzen lassen, und mir das Gluck gonnen, den kleinen Vorschoss zu thun, der ihre Herzen aus der Verlegenheit zoge, worinn Sie sich befinden?"

Ich war verwirrt, verwundert, und konnte nichts, als: "O Herr **" sagen. Aber seine Stimme, seine Gesichtszuge, die Stellung, in der er mir dieses Anerbieten that, war der schonste vermischte Ausdruck von Edelmuth, Sorgsamkeit, Wurde fur sich, und Verehrung fur meine Freundinnen: so, dass der Eindruck davon alle meine Empfindung zu Thranen schmelzte. Ich sah ihn an; aber Zahren traufelten uber meine Wangen. Er fasste meine Hand: "O, diess sind gewiss die edelsten weidlichen Thranen, die ich jemals sah! Aber, theure Rosalia, ich habe Sie doch nicht beleidigt? Glauben Sie, dass mein Beweggrund, mir Ihnen zu reden und das Anerbieten zu thun, Ihrer Achtung nicht unwurdig ist: ich bitte Sie! lassen Sie mich ganz in der Stille Antheil an Ihrer gerechten Freundschaft fur Madame W** nehmen, und erhalten Sie mir bey Madame G** die Erlaubniss, ihr diese Summe fur die gute bedrangte Frau W** zu geben. Keine Seele soll es wissen! Der Kummer der Madame W** und der antheilnehmende Schmerz von ihnen beyden soll mir heilig seyn! Nehmen Sie mich nur in diesen Bund auf." Ich stund auf; ich druckte mit meinen beyden Handen die seinige, mit der er mich gefasst hatte: "Gott segne Sie, wurdiger, wurdiger Mann! fur diese edle Verwendung Ihrer Gewalt und ihres Vermogens! aber auch fur die unaussprechliche Freude, welche Ihre Edelmuthigkeit mir giebt. O, wie selten, aber wie gottlich schon, sind diese Zuge einer erhabenen und gutigen Seele!"

Hier kam Frau G**. Sie blieb stutzend stehen. Ich rief ihr aber zu: "Kommen Sie, und horen die schone Ursache meiner Thranen und der Bewegung, in der sie mich sehen!" Ich erzahlte ihr alles: sie wurde bald blass, bald roth. Endlich aber ergriff sie auch die eine Hand des Herrn **: "Die Vorsicht hat Sie in unsern Bund gezogen. Sie erhalten den Dank der besten Herzen dabey; und gewiss, schatzbarer Mann, verlieren Sie nichts. Ihr Glaube an weibliche Tugend und Rechtschaffenheit soll Sie nicht gereuen!" Hier vergoss sie einen Strom von Thranen. Herr** wurde davon beunruhigt. Sie bemerkte es; und da sie sich etwas erholt hatte, sagte sie ihm: Sie ware auf Einmal durch den Gedanken hingerissen worden, dass sie erst in dem Alter von etlichen und vierzig Jahren, nach so vielen Wunschen, so vielem vergeblichen Durchlesen der Bilder von Edelmuthigkeit, einmal die Hand eines Menschen fasse, dessen Seele jede kalte steinerne Hindernisse ubersteige, um uneigennutzig Gutes zu thun. Sie schrieb gleich an Madame W** die ganze Geschichte, mit Uebersendung der Summe, und diese antwortete ihr mit dem hochsten Gefuhl der Verehrung, des Danks und der Freude, uber den geleisteten Dienst. Doch, so gross dieser ware, so hatte er ihr dieses hohe Maass Freude nicht geben konnen; aber Gluck und Ruhe aus der Hand des edelsten, besten Menschen zu erhalten, ware fur sie das, was ehemals die unmittelbare Absendung eines himmlischen Geistes gewesen, und sie danke der Vorsicht fur die ausgewahlte Hand, wie fur die Hulfe selbst! Sagen Sie, Mariane, war ich nicht glucklich, mich mitten unter diesen drey edlen Seelen zu finden? Geist, Gute, Edelmuthigkeit, in volliger Wahrheit und Wirksamkeit zu sehen! Wie selig ist das Gefuhl, welches sich in unser Herz den Augenblick ergiesst, in dem wir Jemand unsere Hochachtung geben! Gute, Wohlthatigkeit allein ist und kann das Geprage des Ebenbildes unsers Urhebers in uns seyn. Es ist auch der einzige Zug seines gottlichen Wesens, den er deutlich und begreiflich vor unsere Augen und in unsere Herzen legte.

Acht und vierzigster Brief

Wie froh, meine Mariane, bin ich, uber mein fuhlendes Herz, das mich einen so wahren Antheil an den Leiden und Freuden meiner Nebenmenschen nehmen lasst! Und wie glucklich bin ich, wahrend meinem Aufenthalte in dieser Stadt, wo mir so viele Gegenstande vorkommen, die meine Empfindungen in einer immer gleich starken und gleich reinen Bewegung erhalten! Sie wissen, dass ich missvergnugt war, nach den vier ersten Prunktagen von Juliens Hochzeit nur Einen zu rasten, und den sechsten schon wieder zu einem Gastmahl und Tanz aufs Land zu reisen! Aber wie reichlich wurde ich schadlos gehalten! Nicht durch das Lachen der muntern Freude, oder durch das abwesende Bild von jetzigen und kunftigen glucklichen Tagen, welche dieses Bundniss bezeichnen; nein, es war durch die sussen Thranen, der innigsten, tiefsten Ruhrung der Seele, bey der ich die Gute der Vorsicht aufs Neue erkannte, da sie jedem Gegenstande des Vergnugens eine unendliche Mannigfaltigkeit gegeben hat. Wir waren nach dem Mittagsessen in den Baumgarten gegangen, in welchem, nach hiesiger Gewohnheit, eine Anzahl Baume entweder einen runden ovalen, oder viereckigten Platz ausmachen, den man den Baumsaal nennt. Der Boden wird mit der aussersten Sorgfalt eben gehalten, und das Gras kurz geschnitten und gestampft. Zwischen zwey Baumen eine Bank fur vier Personen, dann zwey Baume, etwas naher zusammen gesetzt, frey gelassen, weil man da in die Obstgange spatzieren kann. Dann wechselsweise wieder Banke und frey um den ganzen Saal; ausgenommen den Eingang, der ganz offen ist. Hier werden, wahrend der Bluthe, und dann auch im Herbst, wenn das reife Obst an den Baumen hangt, Tanze gehalten; mit dem einzigen Unterschiede, dass im Fruhjahr jedes Madchen und jeder junge Mann einen Strauss von Bluthe auf ihren Huten traget, im Herbst aber so viel schone Handkorbe beygebracht werden, als junge Leute da sind, die erst, so viel sie wollen, unter den vollen Zweigen tanzen, und dann jeder seinen Korb mit den schonsten Fruchten zu fullen suchen; wo die jungen Mannsleute selbst auf die Baume steigen und fur sich und ihre Tanzerinn dabey sorgen. Diese Korbe werden dann mitten in den Baumsaal gestellt, und ein Reihentanz darum gehalten. Auch, wann Madchen dabey sind, die eine artige Stimme haben, Lieder dazu gesungen. Die ganze Obstlese aber wird erst den zweyten Tag hernach gemacht. Diese Gewohnheit gefallt mir ungemein! Es ist so viel Wahrheit und Einfalt der alten Zeit, mit Zierlichkeit und Kunst der Neuern verbunden! Jedes Alter hat seinen Antheil daran. Bey den ersten Tanzen sehen die Vater und Mutter zu; in die Reihen mischen sie sich ofters, und diese werden von den kleinern Kindern um ihre Korbgen auf der andern Seite auch gehupft; so, wie auf einer dritten, bey der nemlichen Musik, auch Magde und Bediente im Kreis lustig herum springen. Madame G** gab dieses Fest in dem schonen Baumgarten, den sie von ihrer Familie erbte, und ihn, wie sie sagt, wegen des grunen Saals, so lange sie lebt, behalten wird, weil sie sich darinn der sussesten Tage ihrer Kindheit und erwachsenen Jahre erinnert. Mir wird dieser Baumsaal auch unvergesslich bleiben. Denn, als wir eine Zeitlang Englisch getanzt hatten, so hiess es auf Einmal: Herr Kahn und seine Frau waren von ihrem Landguth heruber gekommen, um dem jungen Paare ihre Gluckwunsche abzustatten. Ort und seine Julie liefen ihnen mit Eile entgegen. Wir waren alle stille, und ich bemerkte in Stellung und Mienen der meisten Anwesenden einen Ausdruck von Achtsamkeit des Herzens, wenn ich so sagen darf, und ein festes Blicken nach dem Eingange des Gartens. Man stellte sich auch in eine Art von sanfter Ordnung; so, wie etwas dergleichen zu geschehen pflegt, wenn in einer Gesellschaft eine Person von hoherm Range angemeldet und erwartet wird; ausgenommen, dass hier keiner von den Seitenblicken, oder etwas von dem leisen Zischeln erschien, welche sich meistens bey der Ankunft eines unerwarteten, oder ungebetenen Gastes bey einem Theil der Versammlung zeigt. Madame G**, als Hauswirthinn, war ihnen auch entgegen gegangen, und ich konnte also niemand um den Aufschluss dieses kleinen Rathsels fragen. Endlich kamen sie, und mein staunendes Umgucken nahm zu. Mochte ich nur, meine Mariane, den Eindruck ihrer Figuren, wie sie von Ferne waren, und den, welche die moralische Stimmung ihrer Seele, bey ihrer Annaherung in ihren Gesichtern zeigte, recht beschreiben konnen! Ottens und Juliens schone Personen kennen Sie schon. Diese waren, als Neuvermahlte, mit den bunten Farben des Glucks und der Freude bekleidet. Herr Kahn, ein schoner junger Mann von vier und zwanzig Jahren, in einem hellgrauen seidenen Herbstzeug, mit silbernen Quastenknopfen, sehr nett und zierlich angezogen; seine sehr edelgebildete Frau ganz weiss gekleidet, mit violetten Schleifen um den Hals, die Brust, Arme und den Strohhuth, welches ihrer zartlichen Gesichstfarbe und der sussen, ruhigen Traurigkeit, die in ihren Zugen lag, ganz reizend stund. Er hing am rechten Arm von Otten, und hielt mit seiner abhangenden rechten Hand seiner eigenen Frau ihre Linke, die sich mit dem rechten Arme an Julien anschloss. Gang und Haltung von allen war schon und edel! Wahre Freundschaft und Vergnugen, sich zu sehen, bey der Hand zu halten, war in jedem Gesichte. In Otten Spuren von Trunkenheit neu gefuhlten Glucks; in seiner Julie, mit bescheidenem Stolz, die Idee: Ich bin Ottens geliebte Gattinn! ich! und dabey noch der sorgsame Putz, immer gleich stark zu gefallen. Herr Kayn und sie, den ruhigen Ausdruck schon einige Jahre gewohnter Zufriedenheit. In ihm beobachtete ich etwas Wankendes der Schritte, und zu stark niederhangenden Kopf, mit beynah geschlossenen Augen. Frau Kahn machte uns allen eine sehr artige Verbeugung. Ort und Julie hatten beyde frey gelassen, und so buckte er sich auch. Jure besten Bekannten drangen sich um sie, und bewillkommten beyde. Ich sah sie erst wieder, da sie sassen, Otte vor ihnen stund und mit beyden ernstlich redete. Ich wandte mich zu Madame G**, die ich nach dem Zuge von Sonderbaren fragte, der seit der Ankunft dieser zwey Personen durch alles erschien? Sie antwortete: "Ich glaube es, gute Rosalia, dass Sie nicht wissen, was wir alle wollen! Mein Vetter soll es ihnen erzahlen!"

Ott kam eben auf uns zu. Sie sagte ihm meine Neugierde, und er versicherte, dass er mich gesucht hatte, um mir seine Freunde Kayn bekannt zu machen. Ich sagte ihm kurz alle meine gehabte Ideen. Er lachelte etwas. "Wie schon mahlen Sie, meine Freundinn, und wie leid ist mirs, dass mein Kahn Ihre Physiognomie nicht sehen kann; denn, Rosalia, der edle, liebe Mann, ist blind!"

Ein tiefer Schmerz durchdrang mich, um so mehr, als ich von dem Platze, wo ich mit Otten redte, Kahn und seine Frau sehen konnte. "O, wie unglucklich ist das! Aber, wie kam es?"

"Aus einer elenden Ursache, Rosalia! Er war sechszehn Jahre alt, und wollte Abends seine Strumpfbander losmachen, wurde uber einen Knoten ungeduldig; will ihn mit einem spitzen Federmesser entzwey schneiden; dieses glitscht aus und gerade in ein Auge, das den Moment verlohren war, und die gewaltsame Vermundung, die schmerzhafte langsame Kur des einen Auges, hat die ganzliche Schwachung des andern nach sich gezogen."

Ich hatte meine Augen voll Thranen der Wehmuth, und Ott fuhr fort: "Glucklicher Weise ist, er Sohn des reichsten Hauses in unserer Grgend. Sein Vater suchte junge Leute aus, die ihm nach seiner Genesung vorlesen, Musik machen, und Gesellschaft halten mussten. Er hat grosse Kenntnisse in allen Theilen der Philosophie und Historie, Sprachen, Poesie und Musik. Auf dem Clavier phantasirt er ganz ausnehmend, aber durch sehr melancholische Gange und Auflosungen, weil er es am meisten in der Zeit ubte, da nach der Heilung des verwundeten Auges ihm die Aerzte zugleich den ganzlichen Verlust des andern anzeigten. Auf dessen Erhaltung er immer gehoft, und sich uber alle Schmerzen des erstern getrostet hatte! Nach der Zeit mengte sich Ausdruck der Zartlichkeit darunter, als er lang Wunsche nach seiner Geliebten aus Bescheidenheit in sich verbarg. Sein Vater war drey Jahre abwesend. Erst nach dessen Zuruckkunft erofnete er der vaterlichen Liebe sein Anliegen, und erst dann auch fragte er, ob die zwote Tochter des Herrn Puntig noch lebe und unverheyrathet sey? Die Versicherung uber beydes war in vier Jahren der erste Augenblick Freude, die in sein Herz kam. Er hatte sie nur wenige Zeit vor seinem Ungluck kennen gelernt, und durch sie das Erstemal Liebe gefuhlt. Ihre Gestalt war in seiner Seele geblieben. Die Idee ihres ganzen Geschlechts war fur ihn allein mit ihrem Bilde verbunden. Jede poetische, oder mahlerische, und bildhauerische Beschreibung einer weiblichen Figur, war, in seinem Geiste, Lioba Puntig. Sein Vater willigte gleich in seine Wunsche, und versprach, das Madchen so reich zu machen, dass sie sich sehr glucklich achten solle, seine Frau zu werden. Aber, mein guter Kahn wollte das nicht. Er wollte Liebe. Ich war damals von meinen Reisen zuruck gekommen, und brachte alle Abende bey ihm zu. Denn wir waren von der Schule an Freunde gewesen. Ich gab mir alle Muhe, ihm einige Stunden zu versussen; fand ihn aber meist tiefsinnig und traurig; doch war ihm meine Gesellschaft, wie er sagte, die liebste. Wie oft verliess ich ihn mit ausserstem Kummer! Wenn er mich mit Thranen und Seufzen umarmte, eine meiner Hande an seine Brust druckte, oder kusste, und dennoch niemals von seinem innern Weh mit mir sprach. Aber, nach der Unterredung mit seinem Vater, liess er mich rufen, und fing an, mir fur all meine Neigung und Gute fur ihn zu danken. Er entschuldigte sein bisheriges Stillschweigen; erzahlte die Ursache, ohne seine Lioba zu nennen, und da er mir den Vorsatz seines Vaters bekannt machte, setzte er hinzu: er wisse, dass sein grosses Vermogen ihm leicht eine Gattinn schaffen konnte, die ihre Eltern dazu verbinden, oder sein Gold locken wurde. 'Aber, mein Herz will Liebe! Ach so viel, wie Du mich liebst,' sagte er; 'Du opferst mir so viele Monate, alle muntre Abendgesellschaften auf; Dein edles Herz nahert sich im Wohlthun, das Du mir beweisest; sag' mir, ich bitte Dich! liebest Du ein Madchen in unserer Stadt? O, sag' mirs redlich!' Seine Hand und seine Lippen bebten, als er mir diese Frage that, die allein aus der Sorge kam, dass ich ein Auge auf Lioba hatte. Ich versicherte ihn feyerlich, nein! Er umarmte mich: 'O, so storen meine Wunsche Dein Gluck nicht, und Du bist den meinigen nicht hinderlich! Kennest Du Lioba Puntia?' 'Ja, aber nicht viel, denn sie soll melancholisch seyn, und lasst sich dahero nicht viel sehen.' 'Ach Gott', sagte er, 'vielleicht liebt sie einen Abwesenden, oder Untreuen! und doch kann ich nur mit ihr, nur durch sie glucklich seyn!' Er jammerte mich ungemein! Ich bat ihn, sich zu beruhigen, ich wurde suchen, alles zu erfahren, was sie anginge. Er wollte, dass es noch den nemlichen Tag seyn mogte, weil er furchte, sein Vater sprache morgen den ihrigen. Ihre jungere Schwester ist an einen meiner Bekannten verheyrathet, und sie wohnen in Herrn Puntig Hause. Ich dachte gleich, ein melancholisches Herz hat allezeit was Edles in sich; und dann muss es das Madchen freuen, dass sie von allen Gegenstanden der sichtbaren Welt, und von ihrem ganzen Geschlechte, das Einzige ist, so in seiner Seele haften blieb, und Idee und Wunsch von Gluck fur ihn war. Ich redte gerad mit ihr. Ich nahm die Zeit, da ihre Schwester und Schwager ausgegangen waren. Schenkte der Jungenmagd ein schon Stuck Geld, sie sollte die Lioba herauf bringen. Sie kam hastig, weil ihr das Madchen gesagt es fehle dem Kinde ihrer Schwester Etwas! Sie erschrack, als sie mich im Wohnzimmer sah, und wollte gleich ins andre gehen. Das Madchen sagte ihr aber, es ware Nichts, als dass ich mit ihr sprechen wollte. Sie stutzte sehr und war unwillig, dass das Madchen sie mit dem Uebelseyn des Kindes erschreckt hatte! Ich war da zu ihr getreten, und fasste sie bey der Hand, weil sie wieder zu der Thure hinaus wollte. Ich sagte: 'Es ist wahr, dem Kinde fehlt nichts; aber ich habe einen unglucklichen Freund. dem Ihr gutiges, mitleidiges Herz Trost geben konnte!' Sie errothete, und wollte ihre Hand wegziehen. 'Ein unglucklicher Freund von Ihnen, und ich? Herr Ott, was wollen Sie damit?' 'Mein Freund Kahn ist gewiss unglucklich, und er mochte wissen, ob Lioba Puntig Mitleiden mit ihm hat?' Hier fing sie an zu zittern und zu wanken. 'Herr Ott! Herr Ott!' stotterte sie. Sah mich starr an, und den Augenblick weinte sie heftig. Ich fuhrte sie zu einem Stuhle und kusste ihre beyden Hande, ihr Schnupftuch und ihre Thranen. 'Tausend, tausend Dank, liebe Mademoiselle Puntig, fur diese aufrichtige Bewegung Ihrer Seele! Es ist das Gluck meines Kahns! Er liebt Sie, er betet Sie an; Sie, Ihre Liebe allein konnen sein Leben versussen!' Sie wandte sich um, lehnte ihren Kopf, mit dem Schnupftuch vor den Augen auf den Stuhl, und hielt mit der andern zitternden Hand die meinige fest. Nun erzahlte ich ihr kurz alles, was meinen Freund anging. Sie weinte stark, aber sanft. Endlich trocknete sie ihre Augen und suchte was in ihrem Schubsack; es war ein kleines Calenderchen von vier Jahren her, auf dessen vordersten weissen Blattchen ihr Name ausgeschnitten war. 'Da sagen Sie Herr Kahn, dies ware das einzige und erste Kennzeichen seiner Freundschaft fur mich gewesen, und ich hatte es mit zartlicher Liebe bewahrt, und seit dem Leiden seiner Augen ist kein Tag vorbey gegangen, wo ich es nicht mit meinen Thranen benetzte! Wenn die reinste, innigste Liebe und Bedauren sein Gluck machen kann: so wird er es in diesem Herzen finden.' Hier wies sie auf ihre Brust. Und nach einigen Minuten sagte sie: 'Herr Ott! Sie haben mich uberrascht; ich sah auf einmal alle meine Geheimnisse und mein Wohl in Ihren Handen! Ich bin aufrichtig, ich konnte mich nicht verbergen; ich uberlasse Ihnen alles.' Ich eilte zu Kahn, den ich mit dem Fieber des Verlangens auf seinem Bette antraf. Der gute Mensch wusste sich nicht zu fassen, und brachte seinen Vater noch des Abends zu Herrn Puntig. Ich fuhrte ihn zu Lioba ins Nebenzimmer. Er konnte nicht reden. Sie eilte zu ihm: 'Ach Kahn! mein werther Kahn!' und hier hatte sie seine beyde Hande an ihre Brust gedruckt, ihre zartliche Blicke auf die geschlossenen Augen von Kahn geheftet; ein Strom von Thranen floss auf seine Hande. Er sank auf seine Knie: 'O, Gott sey Dank, diese Thranen sind Liebe!' Er kusste sie von seinen Handen weg. Lioba kniete hin bey ihm. Ich ging und sah noch an der Thur, dass sie seinen Kopf an ihr Herz druckte, wahrend ihr schones Auge bittend gen Himmel erhoben war. Nach einer guten Stunde kamen die Eltern und gaben Willen und Segen zu dem Bundniss. Von da an ist mein Freund ruhig, freudig und gesund. Sein Umgang und Unterredungen munter und voll Scharfsinn. Sie sollen mit uns, wenn wir Sie besuchen; und, gewiss, Ihr Geist und Herz werden sehr zufrieden seyn! Es ist unmoglich, ein vollkommners Bild wahrer Liebe und reiner Zufriedenheit zu sehen, als Kahn und Lioba! Alle Welt schatzt sie hoch, und ihr Landhaus ist der Wohnsitz jeder edlen Anmuth des Lebens."

Ich weiss nicht, Mariane, was diese Erzahlung auf Sie wirkt; aber ich war in susser Wehmuth zerflossen. Wir kehrten langsam zuruck, und fanden den vortreflichen jungen Mann, mit der Flote in der Hand die Musik zu den Tanzen accompagniren. Bey den Reihen um die Obstkorbe schloss er sich mit an. Seine zartliche Lioba tanzte mit. Ott hatte mich ihr als die beste Freundinn seiner Julie vorgestellt, und beyden versprochen, dass sie mich in Kahnberg kennen und lieben wurden.

Herr Kahn horcht sehr genau auf den Ton der Stimme. Es dunkte mich auch, dass er nach dem Lobe, so Ott von mir machte, mich ganz besonders belauschte, und sie hingegen auf meine Miene und Wesen Achtung gabe. Hatten sie nur beyde merken konnen, wie viel Antheil ich an ihnen nahm! Denn, jedes Gefuhl von Vergnugen, das meine Augen, durch die von der Abendsonne vergrosserte Schonheit des Gartens und der Gegend umher genossen, der Anblick lauter frolicher Menschen, fuhrten mich auf die Idee seines Verlustes zuruck: und dann sah ich, dass das Auflehnen seines Herzens auf die Liebe seiner Frau, alles, alles fur ihn war, und das Gluck seiner Empfindungen und Kenntnisse verdoppelte. Ach, wie viel kann ein Mensch fur den andern seyn! Und wie viel sind Sie mir!

Neun und vierzigster Brief

Ich bin vier Tage in Kahnberg gewesen, und hier hat mir Ott eine Probe seiner wahren Achtung fur mich, und seiner feinen Empfindung fur das Vergnugen seiner Freunde gegeben. Das Erste, weil er mir bey dem Aussteigen aus unsere Kutsche sagte: "Nun, Rosalia, kommen Sie in eine Gesellschaft, die allein fur Sie ist! Lauter aufgeklarte edle Empfindungen des Herzens!" Madame Kahn war mit ihrem kleinen Sohn unten an den Stiegen und umarmte Julien und mich ganz herzlich. Ott war voraus, um seinen Freund an seine Brust zu drucken. Das Haus ist nicht gross, aber sehr artig; hat auf einer Seite, so breit es ist, einen offenen auf Saulen gestutzten Saal, dessen Fussboden der mit vieler Muhe geebnete und polirte Felsstein des Bergs ist, der just allein an dieser Ecke zu finden war; denn das Uebrige alles ist ein sich weit erstreckender fruchtbarer Hugel. Dieser Saal ist mit einem schon gehauenen Steingelander eingefasst, welches zwischen den Saulen hinlauft, denn ausserhalb ist keine Spanne breit Platz gegen den jahen Abhang des Felsens. Vom ersten Stockwerk geht aus dem Hauptzimmer wieder ein Balcon heraus, der an sich die Decke dieses untern grossen Saals ausmacht. Alle die schone und grosse Aussicht von hier ist aber fur den liebenswurdigen Besitzer verlohren! Die Zimmer sind alle mit Geschmack eingerichtet; aber nirgend kein Gemahlde; hingegen in allen schone Abgusse der besten Statuen, Brustbilder und Vasen der alten Zeiten, und alles Gerath und alle Verzierungen von den schonsten und mannigfaltigsten Formen, weil der gute Herr Kahn den Begriff und das Vergnugen von Ehenmaass und anmuthiger Gestalt allein durch das feine Gefuhl seiner Finger erhalt. Die grosse Ordnung und Reinlichkeit in allem, Unterhaltung und Versorge ist die Arbeit seiner Lioba. Er hat zwey grosse Zimmer, worinn lauter Modelle von hunderterley Sachen und Erfindungen sind, die er sich kommen lasst, untersucht, vergleicht, beurtheilt, und uber die Beschreibung ihres Nutzens oder ihrer Schonheit mit vielem Geiste spricht. Von Pflanzen hat er eine grosse Kenntniss, aber Sie konnen nicht glauben, wie viel ich dabey litte, als ihm ein ganzer Korb voll Blumen, Gemuse Baumblatter und kleine Zweige gebracht wurden, die er aussuchte und mit unendlicher Feinheit befuhlte, nannte, und auf einem grossen Tisch in Linien nach der richtigsten Ordnung legte. Er besorgte die Blumentopfe, die unter den Spiegeln stehen, und ich versichre Sie, dass er sie in einer sehr reizenden symmetrischen Vermischung aufstellt; die Blatter und Kopfe der Blumen so artig wendet, als je ein Frauenzimmer ein Bouquet an ihrem Busen, oder ihrem Kopfe, mit Grazie und Leichtigkeit anbringen konnte!

Bey diesen Statuen und Vasen war ich glucklich. Sie wissen, dass ich Winkelmanns Geschichte der Kunst mit so viel Eifer gelesen habe, und immer den Wunsch hatte, einige der grossen Meisterstucke der Bildhauerey zu sehen. Ott hatte bey verschiedenen Anlassen diesen herrschenden Geschmack bey mir bemerkt. Er wusste auch, dass sein Freund Kahn vorzuglich die Annehmlichkeiten der Formen liebte. Wir waren des Rachmittags zum Evffeetrinken in dem Garten, wo in einem schonen runden Tempel die Statue der mediceischen Venus steht, und in der Nahe dieses Tempels verschiedene Urnen nahe an Grasbanken ausgetheilt sind. Ott erblickte eine davon die ihn an diejenige erinnerte, auf welche Julie, auf der Hochzeit ihrer Schwester, die ruhrende Aufschrift gemacht, und sein Herz erobert hatte. Diese Erinnerung kam so lebhaft in sein Herz zuruck, dass er mit grosser Zartlichkeit seine Julie rief, an die Urne fuhrte, um diese einen Arm, und den andern um seine Frau schlang: "Julie! Sieh, dieser Aschentrug gleicht dem, bey welchem ich Deine schone Seele ganz kennen lernte!" Hier druckte er Julien an sein Herz und kusste die Thranen von ihrem Auge, welche die Freude uber ihres Orten Liebe aus ihrem Herzen gebracht hatte. Wie glucklich sah sie ihn an! "Mit so viel Gute denkst Du daran, mein Ott! Weisst Du aber auch, dass Du mir, bey der nemlichen Urne, ewige Liebe versprachst?" "Ja, mein Kind! Dir, und der Tugend! Ich werde sie mit gleicher Treue halten."

Kahn, seine Frau und ich, sassen auf der Rasenbank, nah dabey; sie horchten mit mir mit Ruhrung zu. "Mein Ott ist also auch glucklich!" sagte Kahn, und kusste die Hand seiner Lioba. "Ganz gewiss," fiel ich ein; aber ich muss Ihnen, fuhr ich fort, "den Ursprung dieser zartlichen Unterredung erzahlen!" Und, da Ott und Julie mit einander in der Allee auf mein Winken fortgingen, machte ich Herrn Kahn und seiner Frau die Beschreibung der Historie bey der Urne. Beyde wurden dabey bewegt und segneten nochmals das Bundniss ihrer Freunde. Kahn wollte gleich zu der Urne, um sie besonders zu merken. Seine Frau machte ihm Platz, er betastete mit ausserster Achtsamkeit jeden ihrer Theile; endlich stutzte er sich auf sie, und einige Auganblicke hernach fielen ein paar Zahren auf sie herunter. Lioba verliess mich, mischte diese Thranen von seinen Wangen: "Kahn! mein Lieber, was ist dieses?" "Ach Lioba! der Gedanke, dass ich nichts von dem lesen kann, was dein edles Herz irgend geschrieben hatte." "Ach, Duweisst, dass ich seit dem Tode meiner Eltern niemand schreibe! und das Beste, so meine Seele denkt, ist, fur Dich und mit Dir zu reden." Er lachelte hier, und sagte ziemlich munter: "Ich hab eine Idee! Diese Urne soll einen eigenen Platz in unsern Garten haben. Ottens, Juliens, Dein und mein Name sollen darein gegraben werden, und auch Grasbanke dazu kommen, wohin wir uns in Erinnerung ihres Besuchs und ihrer Freundschaft setzen wollen."

Ott und Julie waren leise uber den Grasboden zuruckgekommen und horten dieses, sagten auch zugleich, das freue sie sehr! aber mein Name musse auch dazu. Nun folgte ein Gesprach uber das verschiedene Verdienst des Mahlers und Bildhauers. Ott neckte mich ganz fein und widersprach mir, bis ich am Ende, mit allem Feuer und Starke meiner Empfindung, auf seine behaupteten Reize der Tauschung des Mahlers sagte: "Freylich ist es Tauschung! denn wenn die Aehnlichkeit der Abbildung meines Freundes mich so an ihn erinnert, dass jede Gesinnung meiner Seele fur ihn so lebhaft wird, dass ich aufstehe und ihn umarmen will: so treffen meine ausgestreckten Hande auf ein Stuck senkrechtes glattes Leinen, glitschen davon ab, und mein ihm entgegen gewalltes Herz, anstatt sich an seinen Busen zu schwingen, verschliesst sich traurig in meine Brust zuruck; alle Thranen der Liebe und Freundschaft fliessen davon ab, zur Erde; anstatt, dass die Bildsaule meines Geliebten, ja selbst die Urne, welche seine Asche fasst, mir die Seeligkeit gewahrt, meine Arme darum zu schliessen, meinem Kopf an seinen Hals zu legen, mein Herz an seine Brust zu drucken, und in einer Falte des Gewands, einer Muskel seines Gesichts, oder auch auf einem Cypressenblatte des Aschenkrugs, eine aus meinem Herzen gequollene Zahre ruhn, und sich mit vereinigen zu sehen! Sagen Sie Ott, sagen Sie! giebt es nicht Tage, wo dieses Genuss der Seligkeit ware? wogegen Sie alle Titiane und Raphaele geben wurden?" Ott lachelte nur; aber Kahn war aufgestanden, und reichte mit der Hand gegen den Platz, wo ich sass, und sagte geruhrt: "Edle! eifrige Rednerinn des Gefuhls der Seele, geben Sie mir ihre Hand zu kussen, ich bitte Sie!" Ich ging zu ihm, gab ihm meine Hand und druckte sanft die seinige. Etlichemal kusste er meine Hand, bog sie gegen sein Herz, erhob einen Moment seine Augapfel gen Himmel, wo er selbst einer seufzenden Statue glich; denn sie sind weiss uberzogen. Dann setzte er sich, fasste den Arm seiner Lioba, und sprach zu Ott: "Meine neue Freundinn hat mich mehr getrostet, als Du, mein sonst so treuer Ott! Denn sag', was hatt ich auf Erden was ware das Leben fur mich, wenn ich nicht meiner Lioba Arm umfassen, und an ihrer Brust mich lehnen konnte? Aller Reiz des Lichts und der Farben ist fur mich hin! Meine Kinder! Ach, wenn ich diese nicht auf meinem Schoosse, an mein Vaterherz drucken konnte! Dich selbst, mein Ott, es ware mir nicht genug, nur den Laut Deiner Stimme zu horen, um Dich zu unterscheiden." "Also," sagte Ott, indem er seinen Kahn mit der herzlichsten Liebe des mannlichen Freundes umfasste, "also ist der Bildhauer der Kunstler fur unser Herz, und der Mahler fur den Verstand! Und ich habe dem Manne und dem Frauenzimmer, die ich beyde gleich hochschatze, durch meine Widerspruche das Vergnugen gegeben, sich nach ihrem Herzen kennen zu lernen."

Funfzigster Brief

Zwey Familien, deren Landguther etliche Stunden weit von hier entfernt sind, haben sich wieder in die Stadt begeben, und dadurch bin ich mit vier Personen bekannt worden, die mir sehr schatzbar sind. Ein wurdiger Mann von funfzig Jahren, der in einem grossen, dem Fursten gehorigen Dorfe, vier Bauerhofe besitzt. In der Nahe dabey ist ein grosser Wald; Eisenbergwerke und ein Bad, zu seiner abwechselnden Belustigung. Aber das ganze Maass seines Gefuhls und aller seiner Achtsamkeit ist fur das Rutzhare und Schone der physikalischen Welt. Stadtleute, ihrer Beschaftigungen und Vergnugen, sind ihm gleichgultig, wohl gar widrig, wenn sie sich zu nah an ihm drangen. Ich gewann seine volle Freundschaft, als ich mit vieler Aufmerksamkeit der Erzahlung seiner landlichen Freuden und Arbeiten zuhorte. Ein Bauer ist ihm das schatzbarste Geschopf auf der Erde. Und dieser Enthusiasmus ist eine Quelle von Gluckseligkeit fur die umliegenden Landleute geworden. Er macht sie nicht gelehrt; er fuhrt sie nicht uber die Granzen ihrer Bestimmung, um ihnen fremd Land zu weisen, wo sie mehr, als Zufriedenheit und Nothdurft haben konnten: nein, er redet ihre einfache bedeutende Sprache; zeigt ihnen die Achtung, die er fur ihre arbeitsame Hand in seinem Herzen hat; und ubt auf seinem Landguthe jede dieser Handarbeiten selbst. Er hat sich die Kenntniss des Erdreichs, der Pflanzen, Baume und Erze eigen gemacht, und kann daher den Bauern des Kornlandes zu mehrerer Benutzung ihrer Acker und Wiesenstucke helfen; und den Weingartnern zu besserer Besorgung des Rebstocks und der Obstbaume. Er hat es aber mit der aussersten Menschenfreundlichkeit anzufangen, und sie nicht mit der Miene des Besserwissens und Tadelns zuruck gescheucht, sondern gesagt, es ware ihm erzahlt worden, dass in dieser Gegend diese Versuche sehr gut gerathen waren und so viel Nutzen daraus gekommen sey. Er machte die Proben zuerst, legte sich meist auf Abkurzung und Erleichterung der Arbeit, ob er sie schon unter der Hand in vielfache Aeste verbreitete. Er selbst streute im Spatziergehen Heu- und Kleesamen auch vernachlassigte Platze der Gemeinde- oder Bauernwiesen; befreyte die Obstbaume von Moos; pfropfte gute Zweige darauf, zog dann vielerley Dunger, nahm den neu erfundenen auf welchen die Landleute kein Vertrauen hatten, fur sein Feld und Garten: und schenkte indessen den armen Bauern den Ueberfluss des bekannten; sorgte fur die Kranken, fur die Schulkinder, und liess diesen von Jugend auf den hochsten Grad der Liebe gegen ihren Schopfer und der Reinlichkeit einflossen. Umliegende Beamte suchte er zu seinen Freunden, um sie zu wohlwollenden Vorstehern der ihnen anvertrauten Unterthanen zu machen. Sein Anblick ist fur den ganzen Umkreis seines Gutes eine Wohlthat, und er war es auch fur mich! Von dem Augenblicke an, da ich seine Geschaftigkeit im Wohlthun kannte, und die Anzahl der Leute seines Standes berechnete, wovon immer hundert in den Stadten wohnen, gegen einen auf dem Lande: so fand ich gar nicht ubel, dass Einer eben so viel mit Leib und Seele dem Landleben ergeben ist, wie die neun und neunzig andern dem Gewuhle der Stadt! Was soll auch ein, so ganz vom Wohlwollen uberfliessendes Herz fur einen Wohnplatz suchen, als den, wo die meisten Wesen mit ihm sympathisiren? jedes Grashalmchen, jede Aehre, und Pflanze, jeder Obstbaum und Weinstock, fuhrt Wohlthatigkeit in den kleinsten Safttheilchen bey sich; Luft und Wasser haben es auch, weil sie reiner sind als in den Stadten, so dass, wenn das Auge des wohlwollenden Menschen uber die Fluren hinschaut, seine Seele in dem nemlichen Augenblick das innige Vergnugen fuhlt, lauter gutthatige Geschopfe zu erblicken. Reine, vollkommene Freuden, die er in der Stadt nicht gefunden hatte, weil da das Gluck und die Bedurfnisse nicht mehr einfach sind, und also auch durch verschiedene Wege erlangt werden mussen, und meistens diejenigen, welche voraus gehen, oder die andern durch geschickte Nebengange ubervortheilen, unmoglich als wohlmeinend angesehen, oder geliebt werden konnen! Herr B** kommt auch sonst allezeit erst im halben November in die Stadt, und eilt am Ende des Februar wieder zuruck, um den Anfang des Fruhlings nicht zu verlieren; weil, wie er sagt, auf dem Lande jeder Busch und jede Staude ein frohliches Aussehen uber die wiederkommende Kraft der Sonne hatte, Menschen und Thiere dankbar neues Leben und Wonne fuhlten; und ihm die kaltsinnigen Gesichter der Stadter, womit sie dem verjungten Jahr entgegen sahen, unertraglich waren, weil sie die Freuden, welche diese schone Jahrszeit verspreche, nicht als Wohlthat, sondern gleichsam als schuldige Abgabe der Natur annehmen. Seine Frau gehort in die Classe derer von dem Charakter der Madame G**. Eine Probe davon mag die artige Wendung geben, die sie letzt, bey einer Unterredung von Spiegeln, einem Gedanken gab, da wir jungen Frauenzimmer uns die Beschreibung von einer Glas- und Spiegelhutte, und deren Verfertigung von dem Herrn B** ausgegeben hatten. Sie scherzte uber unser andachtiges Zuhoren, und sagte, sie ware sicher, dass wir den ersten Spiegelschleifer in unsern Herzen segneten, weil der liebe Mann der Stifter aller der sussen Stunden sey, die wir unsern artigen Gesichtern widmeten! Sie aber sie hatte ohnlangst die Entdeckung des moralischen Verdienstes ihres Spiegels gemacht, dem sie in unsern Jahren auch jede ausserliche Verzierung zu danken gehabt; von dem sie aber nun alle Tage die freundliche Erinnerung erhielte, dass jetzo Weisheit und Reinlichkeit allein den gesellschaftlichen Werth ihrer Person bezeichneten, ja, dass er ihr letzt, bey aufkeimenden zu, zartlichen Gesinnungen fur einen liebenswurdigen Mann, ganz derbe gesagt hatte: Liebe und Grazien wohnten sehr gerne in schon geworfenen Falten eines Kleids, oder Halstuchs, aber nimmermehr in den anfangenden Runzeln eines verjahrten Gesichts, Sie hatte auch, seit demselben Augenblicke ganz bescheiden die Verzicht auf alle Anspruche des Gefallens unterschrieben.

Der muntre, und dabey sanfte Ton, mit dem sie dieses sagte, hatte uns gefreut. Julie U**, die eine nahe Verwandtinn von ihr ist, kusste ihre Hand und sagte: "Sie werden jetzund aber durch die Verehrung schadlos gehalten, die beyde Geschlechter fur Ihren Charakter haben!"

"Ja, meine Julie! dies ist ein grosser Ersatz, wenn unser Herz uns des Zeugniss giebt, dass wir Verehrung verdienen, weil es das Hochste ist, was ein Mensch dem andern geben kann; denn, ich glaube, wir gebrauchen diesmal den Ausdruck nicht, wie er in Ansehung der Grossen und Machtigen aussieht, sondern, wenn ich jemand von meinem Stande Verehrung beweise: so muss sie durch das vorzugliche Verdienst des Geistes und der Tugend erworben seyn. Und dann, liebe, artige Marchens! ist es gewiss der schonste Augenblick des Lebens, diese Gesinnung in der Seele meines Nebenmenschen erweckt zu haben. Ich wunsche." setzte sie mit einer Verbeugung gegen uns alle hinzu, "dass in neunzehn Jahren ein eben so gefuhlvolles Madchen, wie unsere Julie ist, Sie meine jetztbluhende Freundinnen, der Verehrung ihrer Zeitgenossen versichern moge!"

Mich deucht, diese Frau hat die Gabe, ihren Umgang liebreich und angenehm fur junges Frauenzimmer zu machen. Ihre siebenzehn Jahr alte Tochter war mit bey uns, Diese hat auch einige bedeutende Zuge in ihrem Thun und Wesen. Zum Beweis, sie spielt Clavier; hat aber ihren ganzen Fleiss allein auf den vollkommensten Ausdruck und Nettigkeit des Andante verwendet, worin sie auch bis zur zauberischen Ruhrung gekommen ist, indem sie jetzt schon entweder die susseste Schwermuth, oder die sanfteste Seelenruh in ihre Zuhorer bringt, und die ausserordentliche Fertigkeit ihrer Finger nur in einem Laufe zeigt, den sie am Ende eines Adagio anschliesst, eh sie es das zweytemal wiederholt. Denn, nachdem hort sie nur durch eine Art von Seufzer auf, und lasst einem das ganze Gefuhl, so sie gab. Sie hatte bisher auf dem Landguth ihrer Eltern die Obsorge fur die Blumen und wohlriechenden Krauter; die Tauben- und Hunerzucht stund auch unter ihr, und das Confect. Nun aber bekommt sie auch kunftiges Jahr den Gemusgarten, Kenntniss der Obstbaume, Kuchenaufsicht, nebst der Spinn- und Weberey, mit der ganzen Weisszeugkammer zu fuhren. Kann sich hingegen von ihren Eltern verschiedene Geschenke ausbitten. Die Geschichte hat sie mit ihrem altern Bruder gelesen, und der Caplan des Orts lehrt sie der Frau Unzerinn Weltweisheit fur Frauenzimmer, und Moral, nebst der Englischen Sprache. Den Winter uber bekommt sie in der Stadt Unterricht im Zeichnen, Tanzen und Frauenzimmerputzarbeiten; und hier nimmt auch ihre Mutter den Vorrath von schonen Buchern mit, die dann bey den Fruhstucken und an Regentagen gelesen werden. Wilhelmine B** wird, ohne besondre Schonheit, eine der reizendsten Personen unsers Geschlechts. Aber, sie bittet das Schicksal auch um einen Landmann. Denn das erste Gefuhl von Freude und Schonheit der Natur ist ihrer Seile in einem in voller Bluthe stehenden Baumgarten gegeben worden, worinn ein zahmgezogenes Huhn und ein Schafchen, auf dem nehmlichen Teller, Brod und Milch mit ihr assen. Der Ort, wo von ihr gepflanzte Rosen und blaue Holderstucke aufwachten wo sie, an der Seite ihrer Mutter, kranke Frauen und Kinder besucht und erquickt hat, wo sie ihre Eltern segnen hort, muss der gewunschte Wohnsitz ihrer Gluckseligkeit seyn. Einmal, meine Mariane! einmal mochte ich diese Familie mit Ihnen und dem Freunde meines Herzens auf einige Tage besuchen! Aber, die besten, die edelsten, oft leichtesten Wunsche, werden am wenigsten befriediget. Wissen Sie es, warum nicht?

Ein und funfzigster Brief

Ich habe die letzten Tage allein mit meinem Kopfe zugebracht, und seitdem noch eine sonderbare Bekanntschaft gemacht. Unser Ott erzahlte, dass die fremde Frau, die in den Vorstadt wohnt, sich eines von den zwey neuen Hausern an der Mauer gekauft hatte, von dem sie den untern Stock zu einer Schule der Vorstadt einrichte, wozu sie sich von dem Magistrat die Erlaubniss ausgebeten. Bey allen armen da wohnenden Handwertsleuten habe sie Arbeit bestellt, und bey den geschicktesten davon arme Lehrjungen aufgedingt, wofur sie ein gutes Lehrgeld bezahle, um auf diese Art den Leuten wieder aufzuhelfen, und ihre Kinder aus dem jetzigen Elend zu reissen und vor dem kunftigen Verderben zu bewahren. Von dem Magistrat habe sie sich ausgebeten, dass in zwey Jahren Niemand weiter in die Vorstadt ziehen durfe. Ihren Stand und Herkommen wisse man nicht; aber Amsterdamer Kaufleute hatten ihr an die besten hiesigen Hauser offene Wechsel gegeben.

Urtheilen Sie nach der Kenntniss meines Charakters, was diese Erzahlung auf mich wurkte, und wie begierig ich wurde diese Frau auch nur von ferne zu sehen. Glucklicher Weise hatte ich meinem Schuhmacher, der in der Vorstadt wohnt, schon lange versprochen, sein Kind aus der Taufe zu heben. Dies geschah vor einigen Tagen. Ich ging daher in sein Haus, wo ich die Wochnerinn, die vier altern Kinder und das nothige Hausgerath in der grossten Ordnung und Reinlichkeit antraf. Dieser Anblick freute mich so, wie er mich in Erstaunen setzte. Der Mann merkte es und sagte: "Sie wundern sich, dass alles so schon und gut ist, weil sie mich immer als einen armen Mann gesehen haben. Aber die fremde Frau hat schon etliche Haushaltungen so eingerichtet. Sie ist selbst herumgegangen, hat alles durchsucht; was zerbrochen war, liess sie durch unsere arme Handwerksleute ausbessern, was am nothigen Hausgerath mangelte, kaufte sie uns, kleidete die Kinder, liess alles sauber putzen und waschen, hernach gab sie mir und meiner Frau die Hand, und wunschte, dass wir glucklich leben mochten. Alle Leisten, Leder und was mir fehlte, hat sie mir auch geschaft. Gort verhelt ihrs!"

Die Frau im Bette weinte Thranen der Freude, wahrend ihr Mann erzahlte und fing an, halb schluchzend zu sagen: "Ja, das ist alles wahr. Mir hat sie Leinen und Betten gegeben, auch Flachs und Hanf zum Spinnen. O, wenn ich leben bleibe, so kann ich jetzt als eine recht brave Burgerfrau stehen, und auch meine Madgen dazu ziehen. Sie wollte meine Gevatterinn werden, aber ich sagte, dass wir schon eine so gute fremde Jungfer dazu hatten. Da sagte sie: 'Die behaltet Ihr; ich kann Euch sonst Guts thun.' Sie liess die Hebamme kommen, und gab ihr Geld, und redete ihr zu, recht wohl fur uns arme Weiber zu sorgen. Sie war heut schon bey mir, und freute sich, dass ich so gesund bin."

Ich sass da geruhrt, verwundert. Was fur einen Werth giebt diese Frau dem Gelde, dachte ich, und wurde immer begieriger, sie selbst zu sehen. Als ich von der Taufe zuruck kam, war sie im Hause, um zu verhindern, dass die Wochnerinn durch die hassliche Gewohnheit des Kindtaufschmauses nicht Gefahr. liefe, krank zu werden, und versprach den sechs Weibern, die mit zur Kirche gegangen waren, ihnen am Ende des Wochenbetts einen recht vergnugten Tag zu machen. Diese gingen also fort, und ich kam mit der Hebamme und dem Manne allein in die Stube, wo ich die Fremde sitzen sah. Ich hatte an der Thur mein Pathgen auf den Arm genommen, und ubergab es seiner Mutter, mit der Bitte, es wohl zu erziehen, und der Versicherung, dass ich meine Pflichten gegen dasselbe getreu erfullen wurde. "Denn," sagte ich bewegt gegen die Fremde, "fur dieses Kind mussen Sie mich auch was thun lassen!" "Sehr gern," antwortete sie; "denn ich kenne das Vergnugen des Wohlthuns zu sehr, um Jemand dessen zu berauben." Hiebey sah sie etwas nachforschend mich an. Ich schlug stillschweigend meine Augen nieder. Einige Momente darauf fing sie auf Franzosisch, aber mit einer gedampften Stimme an zu sagen: "Sie sind auch fremd hier?" "Ja! aber nun beynah nicht mehr, weil ich so viele Bekanntschaften gemacht habe." "Sind auch Freundschaften darunter?" "Nur zwey, welche diesen ehrwurdigen Namen verdienen." "Das ist mir leid," sprach sie, indem sie mich einen Augenblick fest ansah, dann den Kopf etwas niedersenkte, und zugleich eine Miene, und mit der rechten Hand eine Bewegung machte, die den Ausdruck anzeigte: Es mag seyn; dann vor sich hin, im Englischen: "Dieses kleine Wolkchen mag sich mit den ubrigen vereinigen, die meine Tage verfinstert haben." Ich fasste Herz, sie etwas fragend anzusehen. Sobald sie es bemerkte, sagte sie: "Stossen sie sich nicht an meinem Wesen. Ich habe bey Ihrem Anblick einen Zug zu gesellschaftlicher Verbindung gefuhlt. Die Idee, dass Sie fremd sind, starkte meine Hoffnung, aber Ihre Verhaltnisse nehmen mir diesen Schimmer von Freude wieder. Ich will Sie nicht von bekannten Gutern abziehen, um Ihnen Geschmack an etwas Sonderbarem zu geben, und die Bedurfnisse meines Herzens sind zu gross, um durch einen kleinen Theil vergnugt zu werden; und dann will ich auch Ihren altern Freunden nichts nehmen." Ich fiel hier ein: "Glauben Sie aber nicht, dass dies, was Sie mir sagen, meiner Seele Ihre nahere Bekanntschaft nothig macht?" "O! so vergeben Sie mir meine Unvorsichtigkeit," sagte sie mit einer ganz edlen Bewegung gegen mich. "Gott! diesen Leuten hier suche ich korperliche Uebel zu erleichtern, und Ihnen, fuhlbares Geschopf, gabe ich Leiden der Seele!" "Es freut mich unendlich, dass Ihr grossmuthiges Herz dies empfindet, und ich hoffe, dass Sie mir erlauben werden, Sie naher kennen zu lernen!" "Dringen Sie nicht zu sehr in mich, ich bitte Sie; wenn ich Ihren Umgang in meinen Plan einschalten kann, so will ichs thun." Ich machte ihr eine dankbare Verbeugung; sie sah nach ihrer Uhr, und ging kurz darauf weg.

Sie ist gross, wohlgewachsen, richtig, aber nicht fein gebildet, und hat im Ganzen keine Zuge von Schonheit: aber sie ist mit einem Ausdruck von Anstand, Gute und Bescheidenheit ubergossen, welches, wie ich sagen mochte, eine Art Firniss ausmacht, durch den ihre ganze Gestalt einen edlen Schimmer erhalt. In ihrem schonen Aug' ist viel Geist, Empfindung und der kleine Zug von Schwermuth, so in ihrer Miene herrscht, machen den Wunsch nach ihrer Freundschaft entstehen, weil alles zusammen Vertrauen und Achtung einflosst. Ihre Kleidung war brauner Grosdetour, mit nemlichen Zeuge garnirt. Die breiten Bander der Armschleifen waren auch von dieser Farbe. Haube, Manschetten und Halstuch von weissen Flor; Ohrringe von einem einzigen Diamant; ihre Schube auch braun, wie der Rock, aber auf englische Art, mit niedrigen Absatzen und sehr passend, so wie sie in allem ausserst nett und reinlich ist, und eines der ersten Stucke, so sie in ihrem Hause zurecht machen liess, ein Badzimmerchen ist, dessen sie sich fast alle Tage bedient. Sie hat einen Bedienten und dessen artige Frau mitgebracht, hier aber noch zwey Magde angenommen, die sich sehr glucklich bey ihr finden. Uebrigens isst sie sehr wenige und einfache Speisen.

Sprachen versteht sie, allem Anschein nach, sehr gut; denn bey dem Buchfuhrer hat sie alle historische und physische Bucher, auch Reisebeschreibungen begehrt, die Englisch, Deutsch, Franzosisch und Italienisch herausgekommen sind; und auf dem Postamt alle Zeitungen und Journale, die in diesen Sprachen ausgehen, bestellt. Die beyden Mahler in der Stadt hat sie schon etlichemal bey sich gehabt, und ihnen ihre grosse Sammlung von Kupfern gewiesen, welche das einzige seyn soll, was sie mitbrachte; denn alles weisse Zeug, Maublen und Kleider schafte sie sich hier an. Aber in die Stadt hat sie noch keinen Fuss gesetzt. Nur einsame Spatzierfahrten machte sie in ihrem artigen Englischen Wagen, stieg an dem Waldchen mit ihrer Kammerfrau aus, und ging allein, von ihr entfernt, spatzieren. Das Clavier soll sie ganz vortreflich spielen, und der Ton und die Musik ihrer Stimme fasst, nach Herr Ott und G**, die sie auf der Stadtmauer belauschten, so viele Kunst in sich, dass sie sie fur eine, durch ihr Talent bereicherte, Sangerinn halten, die durch ein Theaterungluck, oder einen Anfall von Eigensinn, der diesen Personen oft anklebt, hieher gekommen ist, um ihrem Andenken eine Stelle in dem Tempel des Ruhms und der Tugend zu erwerben. Dies sagten mir die boshaften Leute just den Abend, da ich, ganz von ihr eingenommen, meine Unterredung mit ihr erzahlte und ihr Bild beschrieb, so wie es mir erschienen war. Es mag seyn, wie es will, so freut mich ihre Bekanntschaft, und ich werde sie fortsetzen, so weit sie es gehen lassen wird.

Gestern und vorgestern hat es stark geregnet, und ich war heute nicht ganz wohl. Aber Morgen Abend werde ich mit Julien. Orten, Herrn und Frau G**, selbst auf die Mauern klettern, um sie singen zu horen. Adieu! von

Ihrer

Rosalia.

Zwey und funfzigster Brief

Wem soll ich danken? Ihrem Herzen, Ihrem Genius, oder beyden zugleich, die mich die Freude geniessen lassen, jede meiner Ideen und Empfindungen vor Sie dringen zu konnen, wie man sich vor einen Spiegel stellt, um durch ihn das schickliche und unschickliche der Kleidung und Gebehrden, Fehler und Vollkommenheiten der Gestalt zu erblicken, welcher auch unermudet, uber den bey grossen und kleinen Anlassen vervielfaltigten Gebrauch, immer mit gleicher Redlichkeit das Gute und Tadelhafte beleuchtet. So lasst mich auch, Mariane, Ihr reiner, von allen Vorurtheilen freyer und lichtvoller Geist, jedes Bild meines Verstands nach seinem eigenen Wesen, aber auf allen Seiten beleuchtet, wiedersehen. Die Gute, Sanftmuth und Wahrheit Ihrer Seele zeigt mir, was richtig, falsch, gut oder bos ist; und so, meine Mariane, sind Sie fur mein Herz und meinen Kopf Belohnung und Warnung geworden. Dafur danke ich Ihnen auch mehr, als ich sagen kann.

Nun! Ich habe die fremde Frau singen horen. Alles, alles musste mich betrugen, wenn nicht eine edle, tiefe Leidenschaft in ihrer Seele liegt. Solche Tone giebt die Kunst allein nicht. Ihr Recitativ ist die Rede einer wahren gefuhlvollen Seele, die das Uebermaass ihrer Empfindungen in einem einsamen Selbstgesprach ausstromen lasst. Ihre Arien sind Trost, den sie sich zuspricht, Aussichten in bessere Zeiten, die sie sich zeigt, und dankbare Wiederholung des genossenen Glucks. Den ganzen Tag giesst sie Freude und Wohlseyn uber alles, was sie umgiebt, und des Nachts, wenn diese Glucklichen ruhn, sucht sie durch den Zauber der Musik den innern Jammer ihrer Seele zu lindern um auch schlummern zu konnen, und zu neuen wohlthatigen Werken Krafte zu fassen. Dieses war, was ich Madchen in jeder Faser meines Herzens fuhlte, als ich auf die oberste Stufe der Stadtmauerstiege mich setzte, und stille susse Thranen des Mitfuhlens weinte. Die rasche Frau G** lobte sie, behauptete aber mit den Mannern, dass es gewiss eine Theaterheldinn ware. Ott hatte nichts gesprochen, aber die andern so oft stillschweigen heissen, dass seine Julie, die alles Einnehmende ihres Spiels und Gesangs empfand, ihrem Mann beym Zuruckgehen mit Schluchzen sagte: "Lieber Ott! versprich mir, dieser Sirene nicht ofter zuzuhoren." Er umarmte sie, stillschweigend; und da er auch niemals mehr von ihr sprach, so glaube ich, Juliens Vermuthung einer aufkeimenden Anhanglichkeit wag richtig gewesen seyn.

Ich besuchte Tags darauf meine Wochnerinn, in Hoffnung, die Fremde zu sehn. Aber sie hatte den ganzen Tag in einem Hause zugebracht, worinn zwey kranke Kinder waren, denen sie Tod und Leiden, durch Erzahlung von Engeln und himmlischen Gespielen, zu versussen suchte, und mit grosster Zartlichkeit jede Erleichterung und Erquickung gab. Der Knabe von zwolf Jahren, dem sie von der Beschaftigung der, Engel redte, und ihm die Aussicht zeigte, dass er vielleicht zum Schutzgeist seines jungern Bruders bestimmt wurde, horte ihn lachelnd zu, hob seine matten Hande gen Himmel und sagte: "O Gott, ich glaube, es, denn diese Frau ist gewiss ein Engel, den du in unsere arme Vorstadt schicktest." Sie stund von ihrem Stuhl auf, fasste seine gefalteten Handen in die ihrigen, kusste die Stirne des Kranken: "Erler, seliger Knabe, wie gern glaubtest Du Gutes! Du wirst bald Engel sehen, mein Lieber, und bey ihnen alle Dein Leiden vergessen." Freude glanzte noch in dem sterbenden Auge des Jungen und seine Eltern fassten Trost daruber. Das jungere Kind starb eher, und das laute Wehklagen der Mutter machte den kranken Knaben unruhig, und beforderte auch seinen Tod. Da ging Madame Guden, (so nennt sie sich,) weg. Sie kann nicht bey Todten seyn, und sagt: "Fur Herz und Seele will ich alles thun, aber die kalte Unempfindlichkeit giebt mir selbst den Todesschauer zu fuhlen." Sie bezahlte alle Leichentosten, und besuchte die Leute nach dem Begrabniss fleissig. Der Vater des Verstorbenen ist ein armer Knopfmacher, der noch drey Kinder hat. Sie erkundigte sich nach den zwey Schulern, die den Kranken besucht hatten, und sehr traurig uber seinen Verlust waren; liess sie zu sich kommen, und fragte den einen, ob er nicht bey dem Vater seines verstorbenen Freundes die Knopfmacherarbeit lernen wolle? Da der Junge es versicherte, so versprach sie ihm, das Kost- und Lehrgeld fur ihn zu zahlen. Hier wurde er aber traurig sah den andern, der unruhig hin und her ging, an, und sagte: "Aber Madame " stockte dann wieder, und sein Camerad nahm ihn bey der Hand. Madame Guden fing freundlich zu dem ersten an: "Er hat mir was sagen wollen von seinem Freunde. Was ist es? Kann ich ihm was Liebes thun?" "Ach, Madame, das ware recht schon!" "Nun so sagt mirs, ich thu es gewiss auch Eurem verstorbenen Freunde zu Liebe" Hier weinten beyde Knaben und sagten ihr, sie hatten beyde Lust zu dem Handwerk, und die Mutter des einen konne nichts als das halbe Lehrgeld bezahlen. "Das hat unser Freund, der gute todte Heinrich gewusst," fiel der eine ein, "und wollte uns heimlich alles lehren, was sein Vater ihm zeigte; denn er war schon aufgenommen, und wenn wir alles so gelernt hatten, bis zum Gesellen: da hart ich meine Mutter gebeten, das Lossprechgeld fur mich und meinen Cameraden da zu zahlen, und dann waren wir alle drey mit einander in die Fremde gegangen und hatten unser Gluck gesacht. Aber jetzt ist alles aus, weil Heinrich todt ist." Frau Guden wurde bewegt: "Nein, meine Lieben, es ist nicht alles aus. Wenn Ihr wollt, so zahl ich fur Euch beyde. Versprecht mir nur, dass ihr rechtschaffen werden wollt, wie Euer Heinrich es war, und dass Ihr immer auch Armen gerne Gutes thun wollt. Sagt mir nun, mit was ich Euch Freude machen kann?" Beyde sagten zugleich: "Ja, gute Madame! wir wollen alles thun, was Sie sagt; aber wenn wir krank werden und sterben, so muss Sie auch zu uns kommen." Sie versprach es ihnen bey der Hand, und hat nun wurklich das Lehr- und Lossprechgeld fur beyde bey der Obrigkeit niedergelegt, sie gekleidet, zahlt ihr Kostgeld; und lasst sie daneben schreiben und rechnen lernen. Die Mutter des einen Knaben liess sie auch kommen, und lobte die gute Frau uber die Gesinnungen, so sie ihrem Knaben gegeben. Diese war froh uber ihres Sohns Gluck und sagte, nun konne sie ihrer Tochter helfen, der sie jetzt das Lehrgeld zur Aussteuer geben wolle. Frau Guden verdoppelte es, und wollte auch der Mutter was zur Unterhaltung geben; aber die Frau nahms nicht an; weil sie Haushalterinn bey einem altlichen Herrn sey, der ihr nach seinem Tode so viel lassen wurde, dass sie leben konne; und da ihre beyden Kinder versorgt waren, brauche sie nichts mehr; Madame solle das andern Armen geben. Sie wandte sich dann gegen die zwey Jungen und empfahl ihnen, wenn sie einmal Meister waren, solle ein jeder einen armen Jungen Gott zu Ehren umsonst lehren. Die guten Jungen versprachen es treuherzig. Madame Guden nahm die Tochter der Frau bey der Hand, mit dem Wunsche, dass sie ihrer so rechtschaffenen Mutter gleich werden mochte, so wie die zwey Freunde des seligen Heinrichs seinem Beyspiel gefolgt waren und dadurch gewiss ganz glucklich seyn wurden.

"Sehen Sie," sagte ich in unserer Gesellschaft, "wie diese Frau Gutes erweckt und Gutes thut!" Da wurde von jemand gesagt: "Ja, ja! das sind die schonen Haare der bussenden Magdalena, womit sie unsern Herrn die Fusse abtrocknete." Dieses Stuck Witz, meine Mariane, womit auf den vermutheten Sangerstand der Dame gezielt war, verdrangte jede Bewegung des Lobs, der Achtung und Nacheifrung, so sie verdient. Ganz rauh und roh setzte noch jemand hinzu: "Wer weis, wie viele Streiche sie anderswo hat ausgehen lassen, eh sie hier unsere Arme zu kleiden anfing." Lauter Beyfall wurde diesem Gedanken zugelacht; ich aber konnte mich nicht enthalten, Julien zuzuflustern, dass ich mich sehr glucklich achtete, einen so festen Glauben an reine und edle Beweggrunde der ausubenden Menschenliebe zu haben, weil mein Herz mich von dieser Wahrheit uberzeugte; und dass, wenn ich so reich und unabhangig ware, als diese Frau, ich jede gute Idee zu Handlungen machen wurde, was man auch immer fur Auslegungen daruber finden mochte.

Ihre Gedanken, Mariane! die Ihrigen allein will ich uber mich und uber diese Frau anhoren und befolgen.

Drey und funfzigster Brief

Noch zweymal war ich umsonst in der Vorstadt; aber Madame Guden schrieb mir heute ein Billet: "Sie suchen mich so anhaltend, dass es undankbar ware, wenn ich Ihnen nicht entgegenginge. Aber ich werde Ihre Gluckseligkeit nicht vermehren, und Sie meinen Kummer nicht mindern. Kommen Sie Morgen zu unsrer Wochnerinn, aber allein; denn ich will keine feine Leute sehen. G u d e n ."

Das Stutzige dieses Tons hatte mich bald zuruck gehalten, aber das Sonderbare lockte mich wieder. Ich ging also hin, ungeachtet es stark regnete, wie es Septembertage machen. Ich fand sie am Rocken sitzen, und die Wochnerinn neben ihr, um auf das Spinnen, so sie von ihr lernte, Achtung zu geben. Sie war in einem grauen Leibkleide, mit einer grossen weissen Schurze, und schien etwas blasser, als ich sie das Erstemal gefunden hatte. Sobald sie mich erblickte, stund sie auf, und ging mir mit zartlicher Eile entgegen. "In dieser ublen Witterung, liebes eigensinniges Kind!" sagte sie, mit einem Blick so voll Seele, dass sie mein Herz ganz nahm; und dies mag sie gefuhlt haben, denn sie umarmte mich, sprach aber auf Franzosisch: "O, wenn jede Empfindung so stark in Ihrer Seele haftet, als Ihre Neugierde um mich, so bedaure ich Sie von Herzen!" "Neugierde!" erwiederte ich. "Glauben sie gewiss, dass es nichts Bessers ist, so mich nach Ihnen zieht?" "Sie mussen meine Worte nicht spitz fassen. Ich gehe immer den kurzen Weg, und was ich zuerst sehe, nenne ich zuerst." "Vergeben Sie, ich wollte nicht spitzig seyn, sondern nur ganz geschwind eine Idee wegraumen die mir bey ihnen schadlich seyn konnte." Mit nachdenkender Miene und Lacheln sagte sie; "Ich glaube es gewiss; aber wenn es sich ofter finden sollte, dass ich auf diese Art schnell denke, und Sie geschwind empfinden: so werden wir wie zwey Leute seyn, die erst einander ruhig gegenuber sassen, sich freundlich beredeten; eines steht auf, will sich was holen, vielleicht seinen Stuhl naher zum Freund rucken, um das Gesprach vertraulicher zu machen. Wenn nun der Andre, ohne einen Augenblick zu warten, was das Aufstehen bedeute, oder ohne zu fragen, wo gehen Sie hin? gleich auch sich hastig aufhebt: so mussen sie sich wider ihren Willen manchmal stossen. Dies mochte ich nicht veranlassen, und auch Sie nicht vermeiden. Was denken Sie nun, was wir thun sollten?"

Konnen Sie, Mariane, sich Rosalien und all ihre Ideen vorstellen, die wahrend dieser kleinen Abhandlung in ihr entstunden und hin und her gingen, so wissen Sie, dass mein erster Gedanke war: "Madame Guden! dein Reichthum macht dich stolz und eigenmachtig," Aber da der Ton ihrer Stimme ganz melodisch, und der Ausdruck ihres Gesichts so voll Wahrheit war: so wandten sich auch meine Gedanken auf eine andre Seite. Ihr Billet sagte von Kummer, und ich weiss, dass dieser in einer starken Seele Entschlossenheit hervorbringt, die sich nicht immer damit abgeben kann, jede Idee in fein gebogene Formen zu bringen. Zudem hatte sie Recht; es war doch zum grossten Theil Neugierde, so mich bisher nach ihr gezogen hatte. Ich antwortete also, ich dachte in Zukunft voll Vertrauen sitzen zu bleiben, wenn sie aufstunde; doch hofte ich, manchmal ihren Stuhl gegen mich ziehen zu durfen. "Sie werden also die schonere Rolle spielen; ich gonne es Ihnen, und wunsche, dass Ihre Lebhaftigkeit niemals zur Unruhe werden moge!" Nun sagte ich: "Werde ich Sie nicht in Ihrem Hause sehen? In diesem hier sind es nur abgebrochene Stucke." Sie lachelte, stund aber gleich auf und bot mir den Arin. "Kommen Sie, ich will mit Ihnen noch einmal Freundschaft wagen." Wir waren bald da. Ihre Zimmer sind mit Zitz ausgeschlagen; Bett und Stuhle gleichfalls. Bey den Buchern blieb ich stehen; und da es mir unmoglich war, mein Staunen zu verbergen, weil ich lauter Reisen fand, und sie es naturlich bemerken musste, so sprach sie: "Sie suchten andre Bucher; ich hab' auch andre gelesen; aber meine jetzige Gemuthsverfassung lasst mich nichts Spielendes und nichts Denkendes vornehmen. Ich suche Gluckseligkeit. Mein Herz und Kopf sind noch nicht einig daruber. Ich bin dem erstern gefolgt, und elend geworden. Mein Verstand will mich trosten, aber es kostet Muhe und ich mass mit mir selbst Umwege nehmen." Ich nahm sie bey der Hand, und gewiss mein Herz stimmte den Ton meiner Worte, indem ich ihre Hand gegen meine Brust bewegte. "Muhe und Umwege zu ihrem Gluck, wahrend Sie das' so vieler andern so leicht, so geradezu machen! Wie ist das?" "Ach, was fur Gluck geb ich! Nahrung, Kleidung, Wohnung: dies fullet den Zirkel der Wunsche des guten Volks; und o, wie heilig sind mir diese Schranken, in welche ich gewiss von meinem Mehrwissen und mehrerm Reichthum nichts ubertragen will, als Liebe der Reinlichkeit. Alle Verfeinerung ihrer Begriffe soll in nichts als einer gefuhlvollen Liebe ihres Schopfers bestehen, der das Loos ihres Lebens aus weisen, wohlthatigen Ursachen auf den Weg der Arbeitsamkeit legte. Und dann will ich sie auch jeden Segen, jede Blume der reinen Freuden der Natur bemerken lehren, die sie mitten, und am Ende ihres Tagwerks, reichlich finden konnen. Meine Erziehung, meine Kenntniss der Welt, mein Vermogen, haben mir Bedurfnisse gegeben, die mehr als alle dies erfodern, wenn ich glucklich seyn soll. Sie, Rosalia, und Andre, die unsern Kreis durchgehen, mussen Sie nicht auch hundertfach mehr zu dem Maass Ihrer Zufriedenheit haben, als diese Leute?"

Feyerlichkeit, susse Sanftmuth edler, zudringlicher Ernst war in dem abwechselnden Ausdruck ihres Gesichts und Tons. Und ein Theater sollte sie gebildet haben? Nein. Mariane, das kann nicht seyn. Das Theater kann einen schonen Geist, eine fein empfindende Seele bilden: aber ein so starkes inniges Gefuhl vom Wohl und Weh der grossen Masse des Volks, das richtige, ernste Abwagen der Ursachen und Natur des Glucks giebt allein das grosse Schauspiel der Welt und die Geschichte der Menschheit. In dieser Frau ist eine eigne Seele, und in ihrem Geschick mussen auch eigene, sonderbare Zuge seyn. Sie hat mir einen Auszug ihres ganzen Lebens versprochen, und bis dahin soll ich sie weder zu gut, noch zu ubel beurtheilen, auch von dem, was mir an ihr gefallt, ja gegen Niemand zu vortheilhaft sprechen. Und da ging sie an ihr Clavier, spielte Phantasien, nicht stark in der Geschwindigkeit, aber nett im Ausdruck, lauter charakteristische Gange, Selbstgesprache, Seufzer und Einwiegen beunruhigender Erinnerungen. Sie hat aber noch ein Talent, welches fur mich viel beneidenswurdiger ist, als ihr Gesang und Spiel. Sie zeichnet jede Idee ihres Kopfs, jedes Bild, so in ihrem Herzen entsteht, oder vor ihr Auge kommt, den Moment, mit der grossten Leichtigkeit und einem reizenden Geschmack, auf den nachsten Bogen Papier. So macht sie es, wenn sie in einem Buche was findet, oder in einer Erzahlung hort, das ihr als Gruppe oder Figur gefallt. Denn ich fand in einer Reisebeschreibung, die auf ihrem Tisch lag, mehr als zehn gezeichnete Stucke, deren Beschreibung sie damit gemerkt hatte; einsame, landliche Gegenden, Ruinen, ein schon liegendes Haus, Hauptpersonen einer Gesellschaft. Ja, wahrend ich blatterte, verfertigte sie mein Bild, so wie ich mit etwas vorwarts gesenktem Kopf auf das Buch sahe; und ich versichre Sie, Mariane, dass es mich sehr freuen wurde, wenn ich einmal in einer entscheidenden Stunde in den Augen meines Freundes so viel Grazie hatte, als mit Frau Guden in ihrer leichten Zeichnung gegeben hat.

Vier und funfzigster Brief

Frau Guden will mir alle Woche zwey Tage schenken, wo ich mit ihr essen und den Nachmittag mit ihr zubringen soll. Gestern war der erste davon, wo sie mir, wie sie sagte, den Faden gab, mit dem ich aus dem Labyrinth der Ideen kommen wurde, welches ihre Erscheinung in dieser Stadt und die Muthmassungen uber sie in mir hervorgebracht hatten. Sie ware die einzige Tochter eines deutschen Gelehrten, dessen Glucksumstande aber so gewesen, dass er sie wohl reich an Kenntnissen, aber bey mittelmassigem Vermogen zuruckgelassen hatte. Ihre Mutter ware eine Frau voll feiner, tiefer Empfindung, ihr Vater ein feuer- und geistvoller Mann gewesen. Sie sage wir dieses, weil sie fest uberzeugt sey, dass der seltsame Ton ihres Charakters aus dieser Mischung entstanden sey. Ihr Vater habe sie denken und wissen, ihre Mutter Empfindsamkeit und Wohlthatigkeit gelehret; daraus sey auch ihre schwarmerische Anhanglichkeit an edle Kenntnisse und Tugend gekommen. Man habe sie Sprachen, Musik und Zeichnen lernen lassen, worinn sie es durch ihre naturlichen Fahigkeiten sehr weit gebracht. In der Zeit des Uebergangs vom grossen Madchen zur denkenden Jungfrau, in welcher Frauenzimmer catholischer Religion diese innere Unruhe und den noch undeutlichen Laut der Bedurfnisse des Herzens als den Ruf zum Klosterleben ansahen, und die ersten Aufwallungen des ganzen Reichthums der Empfindungen, zur Liebe der hochsten Vollkommenheit wendeten, in dieser Zeit hatte sie die Geschichte der Volker und Kunste gelesen, Plutarchs Helden, und dann eine Beschreibung der Denkmale der Kunst, die Rom und Florenz in sich fassten. Diese hatten bey ihr die innerliche Stimme der Anhanglichkeit an ein andres Wesen, auf die Ideale von Meisterstucken der alten Welt gelenkt. Sehnsucht nach Italien hatte in ihr gegluhet, wie die Begierde nach dem Schleier in einem frommen Madchen. Wahrend dieser Zeit hatte sie sich auch ausserordentlich der Zeichenkunst, Lesung der Poeten und der Gotterlehre der Alten beflissen, und immer gedacht, sich einmal bey einer Dame beliebt zu machen, die eine Reise nach Rom vornehmen konnte, um mit ihr, wenn es auch als Kammerjungfer ware, dahin zu kommen. Ausser dem hatte nicht nur die ernsthafte und grundliche Erziehung, welche sie genossen, sondern auch das einsame Leben ihrer Eltern, alle Gegenstande von ihr entfernet, durch die sie zerstreut werden, oder die ihr den Genuss von Gluckseligkeit auch bey andern Sachen hatten anweisen konnen. "Denn ich weiss aus meiner Erfahrung," fuhr sie fort, "dass Personen, die abgesondert erzogen werden, oder auch einige Zeit so leben, nicht nur etwas eigen Ausgezeichnetes, sondern auch Eigensinniges bekommen das sie selten ablegen." Denn in einem fuhlbaren Herzen bliebe die Anhanglichkeit an Gegenstanden, bey denen man das erstemal Gluckseligkeit empfunden, gar lange haften. Zum Beweis diene ihr, dass ihre Mutter sie im achten Jahr das erstemal aus der Stadt gefuhrt, und in dem Baumgarten der Bauerinn, die ihnen Milch lieferte, in der Zeit der Bluthe, ihr Mittagessen mit der Bauerinn Kindern gegeben hatte, wo sie dann lauter Freude und Seligkeit gewesen; und seitdem, bis auf diese Stunde, fuhle sie bey dem Anblick eines landlichen Baumgartens ein susses inniges Vergnugen, welches ihr alle Reize der Kunst und hoben Natur bey den prachtigsten Garten, die sie auf ihren Reisen gesehen, niemals gegeben hatten. Nach dem Tode ihrer Eltern sey sie zu einer weitlauftigen Verwandtinn gekommen, bey der sie einsam fortgelebt, und in ihrem zwey und zwanzigsten Jahr das Gluck erhalten habe, um ein Stuck Geld, der Kammerjungfer einer grossen Dame ihren Platz fur die Reise nach Italien abzukaufen. Die Dame und ihr Gemahl hatten, nach zwey Unterredungen mit ihr, so viel Achtung fur sie bekommen, dass sie sie auch versichert, sie sollte Frankreich und England mit ihnen durchreisen. Aus Dankbarkeit und Eigenliebe habe sie dann alle Krafte angestrengt, in den Sprachen vollkommen zu werden, und auch reine Umrisse von Landschaften, Gebauden und Figuren machen zu konnen; um durch diese Talente nutzlich zu seyn, und auf gewisse Art zu verguten, was sie ungefehr kosten konnte. Daneben hatte sie der Dame alle mogliche Dienste und Erleichterungen geleistet, und niemals ware sie glucklicher gewesen, als auf diesen achtzehn Monate gedauerten Reisen, wo alle ihre bisherigen Wunsche erfullt, ihre Kenntnisse geubt und vermehrt worden, wo sie einen so grossen Theil der Erde und deren Bewohner gesehen, und vielen Beyfall und Achtung genossen hatte. Aber da ware es mit ihr, wie mit andern Menschen, gegangen, indem mit der Befriedigung des einen Verlangens ein neues verknupft wurde, wogegen das Schicksal lauter Unmoglichkeiten aufhaufe. Deswegen habe sie ihm auch eine Wage gegeben.

Hier langte sie aus einem Kastchen einige Zeichnungen hervor, worunter das Bild des Schicksals war, mit einer Wagschaale voll Blumen, Perlenschnure und einer schonen Vase; in die andre Schaale legt es Dornen, Steine und Fesseln. Eine schone weibliche Figur kniet vor dem Altar, wo dieses Wagen vorgeht, und zeigt mit dem seitwarts gesenkten Kopf, und ihren, mit vieler Grazie auf ihrer Brust sich faltenden Handen, Dank fur die Blumen, und neben dem Abwenden von der dornerfullten Schaale, ruhige Unterwerfung.

Da ich das Bild so ausdrucksvoll fand, sah ich mit Ruhrung sie an. Sie kusste mich und sagte: "Ja, mein Kind, hier fingen die Schmerzen meines Lebens an. Ich hatte Guter geliebet und gewunscht, die ich bis dahin kannte; ich genoss sie reichlich; denn nicht nur das Schone, so ich zu sehen verlangt, freute mich, sondern auch die Lobspruche, die ich fur meine Talente erhielt. Denn in Rom ubte ich mich im Singen und Clavierspiel; ich schrieb unser Tagebuch und zeichnete auf halbe Bogen, was mir, der Dame oder ihrem Gemahl besonders gefiel. Unser Anfuhrer erzahlte es Fremden, die dann sich um uns sammelten, wohin wir gingen und ich meinen Bleystift nahm. Ein edler Fremdling, der auch alles mit dem Auge des Geistes betrachtete, suchte unsere Bekanntschaft. Ernstes, aber sanftes Wesen, hoher Adel der Seele, tiefe Gelehrsamkeit in allen Theilen schoner Kenntnisse, eine vortrefliche Gestalt, und nur sechs und zwanzig Jahr alt, waren in ihm mit dem empfindlichsten Herzen, Bescheidenheit und den reinsten Sitten verbunden. Mein Zeichnen wurde sehr von ihm geachtet; doch bemerkte ich dies mehr aus seinen Blicken als seinen Worten. Er fragte nur nach dem Ort, wo ich es gelernt, und wo ich erzogen worden. Meine Dame wies ihm das Tagebuch und die Zeichnungen. Ihr Gemahl erzahlte ihm meine Geschichte, wie sie es nannten; und den Abend, da ich fertig war, das Merkwurdige des Tages aufzuschreiben, fuhrten sie ihn in mein Zimmer, und sagten: Herr von Pindorf musse mit all meinen Talenten bekannt werden; ich sollte doch etwas auf dem Spinetchen spielen und singen. Er machte nur eine Verbeugung. Aber ein fluchtiger Blick, den er gleich wieder von mir wandte, dunkte mich vieles zu sagen. Ich sah auch nur meine Dame, aber mit Errothen an, wovon sie den Sinn nicht verstund; denn sie sagte freundlich: 'Meine Liebe, ich verspreche Ihr, dass Sie diese Gefalligkeit fur Niemand anders haben soll.' Ich spielte und sang sanfter als jemals, sah aber nicht um mich, sondein allein auf meine Noten. Er sprach, nachdem ich geendigt, und er mir hoflich gedankt hatte, von den Grundsatzen der Musik, sah mich auch nachgehends niemals allein, ausser ein einzigesmal in Frankreich, da er Abschied von uns nahm, um zu Hause seine Verbindung zu vollziehen. Auf der Reise nach England war er eigentlich eine Art Lehrmeister fur uns alle, in der Natur- und Landesgeschichte. Er sass oft ganze Stunden lang in sich selbst gekehrt, bis ihn eine Frage von mir, oder ein Ausruf uber etwas, so mir hie und da als merkwurdig vorkam, aufweckte; denn er hatte diese Aufmerksamkeit allein auf meine Stimme. Alles blieb in meinem Gedachtniss, und ich wurde in Kenntnissen, die er vorzog, am starksten. In dem Garten zu Stow zeichnete ich sein Bild, wie er, an einem Baum gelehnt, mit meiner Dame redte, die mit ihrem Gemahl auf einer Moosbank sass; und Herr von Pindorf seine Augen auf den Tempel der alten Tugend, welcher uns gegenuber war, mit vielem Ausdruck heftete. Als ich die ganze Gruppe zusammen gefasst hatte, waren sie alle sehr vergnugt, und ich musste endlich mich selbst dazu setzen, mit meinem Bleystift und der Anzeige des Ganzen. Davon erhielt Herr von P** das Urbild.

Eilf Monat war er immer um und mit uns gewesen. Ich hatte tausendfache Beweise seiner Hochachtung und Liebe fur mich bemerkt, und ihm gewiss eben so viel zu erkennen gegeben. Dies Bundniss unserer Seelen war desto starker, da wir es nicht in der gewohnlichen Sprache ausdruckten. Den zweyten Tag in Brussel wurde ihm nicht wohl; er sah auch bis den zehnten, wo er abreisete, ganz hinfallig aus; war nur Augenblicke um uns, und dies mit angstlicher Unruhe. Mein Herz litt die ausserste Marter. Den nennten Tag war ich allein. Herr von P** trat in mein Zimmer, naherte sich mir mit wankenden Schritten. Ich stund bebend auf. Er fasste meine Hand, sah mit schwermuthsvoller Zartlichkeit mich an, konnte nicht gleich reden. Endlich sagte er: 'Beste, edelste Seele! Einmal, ach, nur einmal lassen Sie michs sagen, dass ich diese Leidenschaft niemals, als fur Sie, gefuhlt habe. Gott mache Sie glucklich! O, wie sehr wird es der seyn, der Ihnen Hand und Herz anbieten kann! Hofen, theure Hofen, warum hab' ich Sie kennen lernen!' Und dann umarmte er mich, und ich ihn, mit einem: Gott segne Sie! Dann riss er sich los, und reisete den Augenblick ab.

Zween Monat hernach erfuhr ich die, nach dem Willen der Seinigen, vollzogene Verbindung; aber keine Briefe, keinen Laut von ihm. Rosalia! man muss meine Seele haben, um alle das Zerreissende zu fuhlen, so ich fuhlte. Alles vorher besessene und genossene Gluck war fur mich hin. Ich hatte Sympathie und Liebe kennen lernen: mittelmassig konnte keine Bewegung in mir seyn. O, Rosalia! moge es keine Seele mehr erfahren!

Wir kamen nach Holland. Dort lernte ich van Guden kennen. Dieses erzahle ich Ihnen das nachstemal, und dann werden Sie mich selbst ganz kennen."

Ich verliess sie traurig, aber sie sagte, es ware ihr doch suss. Adieu!

Funf und funfzigster Brief

"Liebe Rosalia!" sagte Frau Guden, als sie mich wieder sah, "zu was haben Sie mich gebracht, dass ich Ihnen alles so erzahle?" Ich wollte antworten, aber sie liess es nicht zu.

"Sagen Sie mir nichts daruber. Habe ich nicht die Erleichterung genossen, zu reden? von meinen Talenten und meinen Leidenschaften zu reden? Ich bin uberzeugt, es thut unserer Seele eben so wohl, von den Fesseln des Zwangs und des Verbergens ihrer eigentlichen Gesinnungen befreyt zu seyn, als es den Handen und Fussen eines unglucklichen Kettentragers gut thun muss, wenn er auf einige Zeit sich losgeschlossen fuhlt." "Liebe Madame Guden! Das Gleichniss, dessen Sie sich bedienen, macht mir Schauder. Ketten und Fesseln verwunden oft stark. Ich hoffe, dass es mit Ihrer Seele nicht so seyn moge." Sie lachelte und sagte: "Wer weiss, was fur Striemen Sie finden wurden, wenn sie sichtbar ware." Sie zeigte mit den ubrigen Vormittag ihre Sammlung von Kupferstichen, die ganz entzuckend schon ist; lauter Charakterstucke, Landschaften, und alles, was im Griechischen Geschmack heraus gekommen ist. Alle Stucke, die sie doppelt hatte, gab sie mir.

Nach dem Essen, da ich sie den Caffee so langsam und tiefsinnig einschlurfen sah, dachte ich, es wurde ihr hart seyn, mir weiter zu erzahlen, und sagte, ich wolle bis ein andermal warten. "Nein, Rosalia! Ich will Ihre Begierde und Erwartung nicht tauschen. Kommen Sie mit mir auf meine kleine Bank am Fenster in den Garten. Wenn er schon entlaubt und welk aussieht, so ist doch ein grosses Stuck freyes Feld und freyer Himmel vor uns, deren Anblick mir sanfte Erinnerungen geben wird, wenn ich uber Etwas herbe Empfindungen haben sollte. Ich hatte letzthin gern gewunscht, Alles auf einmal gesagt zu haben, denn ich bin die zwey Tage uber nicht glucklich gewesen. Nun, Rosalia! wir durchreiseten Holland. Da wurde meine liebe Dame krank, und dieses gleich anfangs bedenklich. Der Arzt, den man rufte, war ein sehr geschickter, aber etwas alter und kranklicher Mann, den wir aber bey Erzahlung der Lebensart der Dame, wonach er sich erkundigte, ganz ungemein munter und freundlich machten. Er dachte einige Augenblicke nach, und sagte dann: Die Krankheit der schatzbaren Dame wird stark werden. Sie wird alle Momente meine Sorge nothig haben, die ich auf das treueste fur sie tragen werde. Aber ich bin seit einigen Jahren krankelnd, und habe daher bey Nacht fur keinen Menschen mehr einen Fuss aus dem Hause gesetzt. Es wurde meine Mitburger verdriessen, wenn ichs fur Fremde thun wollte. Aber ich weiss ein Mittel. Mein Haus ist gross, und wohl eingerichtet. Ziehen Sie, bis die Kur vollendet ist, zu mir; da kann ich zu allen Stunden meinen Rath ertheilen, und Sie werden die meinigen durch Ihren Umgang verschonern; denn Sie haben Ihre Reisen auf die nemliche Art gemacht, wie ich. Sie sollen meine alten, und ich will Ihre neuen Tagebucher lesen. Da wird unsere liebe Kranke zerstreut werden, und ich sehr glucklich leben.

Er machte dabey einen so grossmuthigen Preis fur Kost und Wohnung, dass wir sein Anerbieten von Herzen annahmen, und uber zween Monat bey ihm recht sehr zufrieden waren.

Die Dame hatte sich langsam erholt, und war noch sehr schwach, als sie die Pocken bekam, und daran starb. Ich war untrostlich; denn sie war ausserst liebenswurdig, und ihr hatte ich die susseste Freude meines Lebens zu danken. Sie hatte mich mit Edelmuthigkeit behandelt. Ich war ihre Vertraute und an ihren Umgang gewohnt. Durch sie hoffte ich auch wieder in Verhaltniss mit Herrn von Pindorf zu kommen, denn ich wollte nicht mehr von ihr, sondern unverheyrather bleiben. Aber Ruhm war mein Plan, um immer in der Hochachtung des Herrn von Pindorf die vorzuglichste Stelle zu erhalten. Alle dies war nun wieder zerstort, und ich sehr niedergeschlagen. Der Graf von W** blieb auch als Wittwer noch drey Wochen da; brachte alle mogliche Augenblicke bey mir zu, und redte da von seinen zwey Sohnen, seinem grossen Vermogen, dem Widerwillen, so er fuhlte, nach seinem Wohnsitz zuruck zu kehren, und bat mich, ihm einem Rath nach meinem Geschmack zu geben, und was ich an seiner Stelle thun wurde. Ich sagte ihm, zwey Plane wurden mir Trost geben; einer, auf meinen Gutern die grosste Ordnung und die glucklichsten Unterthanen zu machen; oder mich irgend in einer Hauptstadt niederzulassen und nach meiner Erfahrung und Einsicht die Erziehung meiner Sohne und Ihr Gluck zu besorgen. Er ersuchte mich, ihm diese beyden Entwurfe aufzuschreiben. Ich that es, und da entstunden zwey Ideale von Gluck und Tugend, wie sie in einer edeldenkenden Seele sich darstellen, sobald sie sich ein freyes Feld zu ihren Handlungen ofnet. Der Graf dankte mir sehr dafur, zeigte sie den Herrn van Guden. Dieser sagte mir Abends, da der Graf ausgegangen war: 'Mademoiselle! Sie haben dem Grafen zwey vortrefliche Aussichten fur seine kunftigen Tage vorgelegt. Er wird Ihnen Morgen darauf antworten. Werden Sie mir danken, wenn ich Ihnen heute noch sage, dass er Sie einladen wird, die Ausfuhrung des zweyten Plans mit ihm zu theilen?'

Ich sah den van Guden mit erstaunten Augen an, und fragte ihn, wie er das verstunde?

'Ganz einfach,' sagte er. 'Der Graf liebt Sie, und wird Ihnen vorschlagen, mit ihm in der Stille vermahlt zu werden. Hernach geht er auf seine Guter, holt seine beyden Sohne ab, und sie gehen alle mit einander nach Frankreich, wo Sie ihm seine Kinder erziehen helfen, und durch Ihren Geist und Talente immer die ausgesuchteste Gesellschaft zuziehen werden.'

Ich konnte gar nicht sprechen, sondern starrte ordentlich den guten Mann von Kopf zu Fussen an. Er hielt es fur das Staunen der Freude, und setzte hinzu: Der Graf hat Recht. Alle feindenkende und edle Leute werden Sie lieben und ehren. Ich sah diese Gesinnungen in ihm, da noch seine Gemahlinn lebte.

'Ich danke Ihnen, werther Herr van Guden, dass Sie mir einige Nachricht von dieser sonderbaren Idee des Grafen gegeben haben. Denn nun kann ich ihm mit so viel mehr Ruhe und Ernst meine vollig abschlagige Antwort geben.'

'Abschlagige Antwort!' wiederholte er. 'Denken Sie diesen Abend noch daruber nach, eh Sie diese Vortheile verwerfen.' Und da ging er von mir.

In der That schickte mir der Graf den andern Morgen fruh ein versiegeltes Paket, mit der Aufschrift: a Mademoiselle de Hofen, worinn Alles, was er zu meinem Vortheil und seinem Gluck dachte, dargestellt war. Die Aufschrift, de Hofen, diente schon zu einer kleinen Leitersprosse, die mich meiner kunftigen Hohe nahern sollte. Er hatte sich zugleich ausgebeten, mit mir zu fruhstucken. Ich kleidete mich, so eilig ich konnte, vollig an, weil ich in einem Morgenkleide zu vertraut ausgesehen hatte. Meine ehrerbietigen Verbeugungen machten ihn gleich stutzen, aber doch nur Zweifel, und kein entschlossenes Nein erwarten. Er bat lange, jammerte, zurnte, und sagte mir endlich: 'Er musse es sich gefallen lassen, dass der Stolz auf meine Talente ihm diese unerwartete Bewegung zuzoge; und er musse mir nun die, von meiner Vaterstadt eingelaufenen Briefe, uber den Zustand meines Vermogens, in dieser unangenehmen Gelegenheit ubergeben, die erst mir nach der Trauung, mit dem bestimmten Brautschatz, und dem mir ausgemachten schonen Wittwengehalt, hatte einhandigen wollen; es ware ihm ungeachtet meiner ublen Bewegung unertraglich, die Person, die ihm seit zwey Jahren so werth geworden sey, im Mangel zu sehen; er bate mich nochmals, seine Antrage zu uberlegen, und ihm daruber zu schreiben.'

Ich will," fuhr sie fort, "meine Betrachtungen und damaligen Gedanken nicht wiederholen. Er reiste den nemlichen Abend noch weg, ohne mich zu sehen, und liess mir die Kleider und dass Weisszeug seiner Gemahlinn, zur Belohnung fur die Krankenpflege; und, in der Bosheit, auch meine Zeichnungen und das Tagebuch der Reisen, indem er nur von letztern bey dem Herrn van Guden eine Copie begehrte, aber nicht von meiner Hand.

Sehen Sie nicht, Rosalia, aus diesem Zuge seines Charakters, wie glucklich mein Herz mich schutzte; denn dies allein war Ursache, dass ich den Plan des Grafen verwarf. Er war schon, geistvoll, und von einem erhabenen Stande. Von P** hatte glauben mussen, dass Liebe und Eitelkeit mich zu diesem Bundniss gefuhrt hatten. Ich aber wollte Niemand lieben, als ihn, und seine Hochachtung behalten. Ich hatte also das Vergnugen, ihm ein Opfer gemacht zu haben, und genoss es desto reiner und starker, da Niemand es wusste, denn ich.

Den zweyten Tag nach der Abreise des Grafen war ich in einer neuen Verlegenheit. Wo sollte ich hin? Mein ganzes Vermogen bestund in vier hundert Gulden, nach dem Verlust, den mir mein Verwandter zugezogen. Die Kleider der Dame und meine betrugen wenig; denn wir hatten beyde auf den grossen Reisen nur einen Koffer. Das Beste, so ich von ihr hatte, war eine von Golddraht als Korbchen geflochtene Zuckerdose. Ich war nachdenklich bey unserm Fruhstuck. Van Guden ging aus, kam spat und mude, aber sehr munter, zum Mittagessen zuruck. Ich hatte mich indessen vorbereitet, mit ihm zu reden, und fragte, ob er mich eine halbe Stunde anhoren wolle? 'Ja,' sagte er, 'der Nachmittag ist ganz fur Sie. Ich habe heut eine Arbeit gethan, die mich freut.'

Ich erzahlte ihm mein Leben, meine Umstande und den Wunsch, als eine Hulfe, die Erziehung eines jungen Frauenzimmers zu besorgen! ob er nicht durch seine Freunde mir einen solchen Ausweg verschaffen konnte.

Hier traten dem vortreflichen Mann Thranen in die Augen, wobey er dann noch lachelte, mir die Hand reichte, die meinige eine Zeitlang stillschweigend hielt, und mich so ansah, als fragte er: Wie wirst du das aufnehmen, was mein redlich Herz dir sagen wird?

Endlich dankte er mir fur mein Vertrauen, lobte den Entschluss, meine Talente dem muhseligen Geschafte der Erziehung zu widmen; aber dies ware ein Gluck fur ihn; denn, da ich mich mit aufwachsenden Kindern hatte plagen wollen, von denen ich einen sehr ungewissen und spaten Dank zu erwarten hatte, wurde ich vielleicht durch eine grossmuthige Wendung dieses Gedankens, die nemliche Geduld und Sorge fur einen, aus Alter sich der Kindheit wieder nahernden Freund haben, der es mit aller Treue und Empfindung der Dankbarkeit erkennen wurde. 'Bleiben Sie,' sagte er, 'eine Viertelstunde hier, und lesen diese Aufsatze mit Nachdenken durch, und antworten Sie eben so wahr, eben so freymuthig darauf, wie Sie dem Grafen antworteten;' und da ging er auch weg. Urtheilen Sie von meiner Ruhrung uber diese Papiere."

Sechs und funfzigster Brief

Frau Guden fuhr fort zu erzahlen: Es ware ein Schreiben an sie gewesen, worinn er ihr sagte, der Graf habe ihm Nachricht von dem Verlust ihres kleinen Vermogens gegeben; dies habe seine lebhafte Theilnehmung vermehret und ihm die Begierde eingeflosst, Etwas zu ihrem Gluck zu thun. Bald ware es der Gedanke gewesen, sie an Kindes Statt aufzunehmen; bald, ihr einen Theil seines Vermogens zu geben. Da aber bey diesen Gedanken Anlass zu Spottereyen und Missvergnugen gewesen ware: so hatte er gewunscht, dass sie sich entschliessen konnte, ihm fur die noch wenigen Tage seines Lebens ihre Hand zu geben. Auf diesen Wunsch hin habe er heute fruh mit einem Freunde sein Testament entworfen, welches in vier Theile richtig und unverwerflich geschieden sey: einer fur alte und kranke Arme; der zweyte fur seine schatzbare Frau; der dritte fur seine Verwandten, und der vierte fur die Verwandten seiner ersten Frau. Unter diese Beyden vertheile er auch sein Haus und die Gemahlde, wie auch das grosse Landguth, unweit der Stadt. Sie solle, weil sie Kupferstiche liebe, seine Sammlung haben, und sonst alles an Capitalien in der Bank, was ihren vierten Theil betreffe; denn das, was er ihr an Silber und einigen schonen Diamanten geben wurde, ware nur das gewohnliche Brautgeschenk. Sollte ihr dieser Vorschlag, der freylich der eigennutzigste fur ihn sey, nicht gefallen, so solle sie nur einen Riss in sein Testament machen und sich nicht mit Entschuldigungen oder Ursachen plagen, sondern ihm den Trost gonnen, sonst ein Geschenk von ihm anzunehmen, wodurch sie unabhangig leben konnte.

Dieser Antrag hatte ganz andre Bewegungen in ihr hervorgebracht, als des Grafen seiner; er schien ihr redlicher und grossmuthiger. Doch hatte sie sehr geweint, ihre Lieblingsidee aufzugeben, die sie gehabt, fur das Andenken des Herrn von P** zu leben. Doch habe das Bild der wahren Gute des herrlichen alten Mannes, und der Gedanke, ihm durch die Erfullung seines letzten Wunsches die Freude zu geben, eine gluckliche Person nach sich zu lassen; dann die Betrachtung, dass Herr von P** ohnehin verbunden, und sie ohne alle Aussicht, weder auf ihn noch sonst wo, ware, gesiegt; so hatte sie sich gefasst und ware hingegangen, ihn in seinem Cabinet zu suchen. Er ware aber in seinem grossen Gemahldezimmer vor einem Tisch gestanden und habe ihre Zeichnungen vor sich durchblattert. Als er sie an der Thur erblickt, ware der liebe Mann so erschrocken, dass er blass worden, sich geschwind gesetzt, und seinen Kopf aufgestutzt hatte. Sie ware zu ihm geeilt, hatte ihn bey der Hand genommen: "Warum erschrecken Sie uber mich? Wenn Sie Ihr Vorschlag reuen sollte, lieber Herr van Guden, so werde ich nicht klagen, sondern Sie dennoch, als meinen wurdigsten Freund, verehren."

"Gereuen!" sagte er; "Gott gebe, dass Ihre Gefalligkeit Sie niemals reuen moge."

Sie waren in der Stille getrauet worden, und hatte ruhige Gluckseligkeit genossen; und vier Jahre hindurch habe sie drey junge Frauenzimmer von seinen beyderseitigen Verwandten um sich gehabt, und sie erzogen. Eine davon hatte van Guden selbst noch ausgestattet, und an einen jungen Arzt, den er gebildet hatte, verheyrathet. Die beyden letzten Jahre seines Lebens hatte er keine Kranke mehr besucht, und alle Sommer auf einem Landhause gewohnt, wo er einen schonen botanischen Garten angelegt hatte, und worinn sie eines Tages alle ihre Zeichnungen, aber nur als Zeichnung in Oel gemahlt gefunden habe. Ein Jahr vor van Gudens Tode ware ihr Herr von P** erschienen. Just da sie Morgens mit ihren drey Schulerinnen nach einem Gartenhause gegangen sey, um dort zu arbeiten und zu lesen, habe sie von weitem bey den botanischen Beeten eine Gestalt zu sehen geglaubt, die vollkommen der seinigen geglichen. Dies habe sie ausserst bewegt, und dazu gebracht, nicht umzusehen und nicht zu fragen, sondern diese Erinnerung zu unterdrucken und ihre gewohnliche Morgenarbeit zu halten. Darauf hatten ihre Madchen gelesen und sie mit ihnen gesprochen. Ungefahr nach einer halben Stunde ware sie aufgestanden, um etwas an der Stikkerey eines der Madchen zu besehen. Hier erblickte sie durch die Gitter, dass zwey Mannsleute auf der Bank bey einer grunen Wand hinter dem Gartenhause sassen. Da ware ihre Neugier erweckt worden, in dem kleinen innern Cabinet zu sehen, ob es nicht der Fremde ware. Ich mochte mir selbst vorstellen, wie ihr zu Muthe gewesen, als sie Herrn von P**, ganz blass, auf das Fussgestell einer Statue gestutzt, da sitzen sah. Der junge Medicus, der ihn bey den Krautern herumgefuhrt, habe ihm zugeredet, sich in das Haus des Herrn van Guden fuhren zu lassen und da etwas zu sich zu nehmen, weil ihm von der Sonne und dem langen Gehen so ubel ware; Madame van Guden sey eine sehr liebenswurdige Frau, von dem besten Herzen und einem grossen Geiste, rede verschiedene Sprachen, habe schone Reisen gemacht; alle Fremde bewunderten sie, wegen ihrer Talente in der Musik; sie sey auch schon und jung, doch musse man sagen! dass sie ihrem alten Manne die vollkommenste Achtung und Zartlichkeit beweise, und dass der artigste junge Mann sich nicht eines Blicks oder eines Worts ruhmen konne, welches nur einen Schatten von Gefalligkeit anzeigen wurde, ungeachtet Jedermann wisse, dass sie den van Guden nur aus Armuth, nicht aus Liebe, geheyrathet habe. Sie ware von Reisenden in seinem Hause zuruck gelassen worden, und der Alte befinde sich in ihrem Umgange herzlich wohl; sie ware auch aus Hochdeutschen Landen; er solle nur mit ins Haus kommen, es wurde ihn nicht gereuen. Sie zitterte vor Angst, von P** mochte ihm folgen, und sie nicht im Stande seyn, ihr Herz zu verbergen; doch hatte es sie unendlich gefreut, dass er so viel Ruhmliches von ihr hatte sagen horen. Auf einmal ware er, ohne eine Silbe zu antworten, aufgestanden und aus dem Garten fortgeeilt. Der junge Docter hatte ihm ganz erstaunt nachgesehen, den Kopf geschuttelt und bey sich selbst gesagt: Der thut wohl, dass er zu Englandern geht, denn er ist ein spleenetischer Narr. Als sie ihn aus dem Gesicht verlohren, sey ihr Herz ganz schmerzhaft gepresst gewesen; ohnmachtig ware sie nicht geworden, aber auf ihre Knie gesunken, ihre Arme ausgestreckt: "Er liebt mich noch!" ware ihre Erquickung gewesen; "Gott erhalte und bewahre ihn! Ach, was bin ich?" hatte sie sich selbst gesagt; und sie gestund; dass sie damals uber ihre Heyrath missvergnugt gewesen sey und aufs Neue gefuhlt habe, dass jede Neigung, jeder Wunsch ihrer Seele in von P** vereinigt ware. Doch habe sie sich uberwunden, nicht nach ihm gefragt, und sich Muhe gegeben, Herrn van Guden in allem, was er nach seinem Charakter liebte, jeden Augenblick seiner Tage zu erfullen, um ihn dadurch fur das schadlos zu halten, was ihrem Herzen an der Zartlichkeit der Liebe mangelte. Er ware auch innig zufrieden mit ihrem Bezeigen gegen ihn und mit ihrem ganzen Lebenswandel bey ihm gestorben, und habe sie als eine reiche, unabhangige Frau zuruckgelassen. Unmoglich habe sie nach seinem Tode langer da wohnen konnen, sondern ware, nach Sicherstellung ihres Vermogens, nach Aachen gereiset, um da ihre Gesundheit wieder ganz herzustellen, und auch, weil sie dachte, sie konne dort, wo ein Zusammenfluss von so vielen Fremden aus allen Landen sey, etwas vom Herrn von P** erfahren. Dies sey auch geschehen. Ein deutscher Edelmann hatte ihr gesagt, dass er drey Kinder habe und meistens auf dem Lande ohne viele Gesellschaft lebe. "Meine Freyheit," fuhr sie fort, "gab mir kein Recht, Wunsche oder Anspruche auf mein Herz zu machen. Ich war unfahig, einen Gedanken zu haben, ihn von seiner Verbindung zu entfernen. Ich versagte mir alles, was nur im mindesten dahin zielen konnte; nur wunschte ich, von Zeit zu Zeit zu wissen, wie es ihm ginge. Ich durchreiste einige Gegenden von Deutschland, besonders wo Hofe waren, um so viel moglich alle Stuffen der Vollkommenheiten und Fehler meiner Landsleute zu bemerken. Endlich setzte ich mich in der Hauptstadt meines Vaterlandes fest, miethete ein Haus, machte Besuche, nahm welche an, legte mit Vergnugen einen Theil meiner Renten und meiner Talente zur Verschonerung des gesellschaftlichen Lebens unter meinen Bekannten an. Ich war in meiner Kleidung aus zwey Ursachen ausserst bescheiden und einfach; einmal, weil ich dem Putz keinen Vorzug schuldig seyn wollte, und dann, weil der Mann, dem allein ich zu gefallen wunschte, mich nicht sahe. Da ich aber ungeachtet dieser Versaumniss des Putzes gefiel, musste ich mich einer ausgedachten Coquetterie beschuldigen lassen. Ich schatzte lebhaft alles Gute, so ich fand; aber wie wurde mein Gefuhl zuruck gescheucht und verwundet! Die Wahrheit und Starke meines Wohlwollens wurde verspottet, meine Kenntnisse lacherlich gemacht. Liebenswerthe Frauenzimmer, denen ich meine ganze Seele gab, erwiederten mirs kalt. Ein Mann von feinem Geist, den ich wahrhaftig hochschatzte, misshandelte meinen ganzen Charakter. Meine Freymuthigkeit, meine ganz wahre Seele wurde misskannt und missdeutet. Ich sah so viel kleine Pfeile gegen mich, dass ich auf einmal wegging."

Sieben und funfzigster Brief

"Der Zufall brachte mich in die Residenz des Fursten von ***, und ich nahm mir vor, den Winter da zuzubringen. Herr von P** kam auch dahin. Er war Wittwer. Ich beobachtete ihn in der Oper, beym Ball und Concert; aber ich hatte den Schmerz, ihn mit der tandelnden Artigkeit bey Damen zu sehen, die jeder alltagliche junge Mann in der grossen Welt zeigt. Es schien mir der hohen Wurde, die ich seiner Seele beylegte, unanstandig. Von P**, den ich verehrte, anbetete, zum galanten Schwatzer erniedrigt! o, meine Freundinn! es zerriss mein Herz, und war mir Ueberzeugung, todtliche Ueberzeugung, dass er mich nicht mehr lieben, ich ihn nicht mehr anbeten konne. Hatte er dieses Betragen, diesen Ton seiner Gesinnungen gehabt, als ich ihn kennen lernte, so wurde mein Gluck und meine Ruhe nicht in die Gewalt meiner Leidenschaft fur ihn gekommen seyn. Meine verfeinerten Empfindungen und meine Eigenliebe litte die Marter. Beleidigter Stolz und Zartlichkeit fuhrten mich auch von dort hinweg. Ich wollte mich wieder Aachen nahern; im Durchreisen gefiel mir die Lage dieses kleinen Vorstadtchens. Ich sah die Durftigkeit der Einwohner. Ach, sagte ich, diese fuhlen keine andere Uebel, als Mangel an Nahrung und Kleidern. Gluckliche! ich will eure Wunsche erfullen, aber nichts geben, als was in euren kleinen Gesichtskreis gehort. Ich blieb hier, und that, was Sie gesehen haben. Die grosse Geschaftigkeit, in der Sie mich fanden, kann Sie von der innern Unruhe meiner Seele urtheilen lassen; denn die Starke der Hulfsmittel ist der sicherste Beweis von der Grosse des Uebels.

Sie werden ganz naturlich finden, dass die Empfindung fur das Schmerzhafte und Schlechte eben so stark in mir seyn muss, als der Enthusiasmus fur das Gute und Edle ist. Die grosse Welt hatte das Gotterbild meines Geliebten verstummelt. Mein Unmuth suchte den Tempel zu zerstoren, den ihm meine Verehrung in meiner Seele erbauet hatte; aber die Grundlage des Glucks meines Herzens ging zugleich damit verlohren. In dem Kreise meines Standes war ich misskannt und verwundet. Ich wollte nichts von beyden mehr sehen: Das Gebiet der Kenntnisse und Empfindungen war mir zuwider geworden, weil meine Rechnung auf Ruhm, Liebe und Freundschaft, die sie mir erwerben sollten, auf nichts herunter gekommen war. Ich musste mich aber beschaftigen, mich aus, mir selbst hinausfuhren, und einen Gegenstand haben, dem ich meine Liebe geben konnte. Der bittre Verlust alles dessen; worauf ich bisher das Geprage meiner Gluckseligkeit und meines Vergnugens gesetzt hatte, machte mich um so viel mitleidiger gegen die Seufzer des Mangels, die ich aus der Brust dieser guten Leute empor steigen sahe. Die herzliche Erleichterung, so ich bey dem Entwurf meiner Hulfe fuhlte, und die ersten Thranen der Freude, die uber die Wangen meiner Wirthinn flossen, als ich ihr davon redte, befestigten mich darinn. Ich weinte mit; und glauben Sie, meine Freundinn, die Thranen, die wir uber fremdes Elend weinen, sind lindernder Balsam auf die Wunden unsers Herzens. Der gute Fortgang aller meiner Anstalten gefiel mir. Ich konnte wieder singen und Clavier spielen. Den Tag uber besuchte ich meine Leute, Abends las ich und ubte meine Musik. Ich wollte nichts, als Reisebeschreibungen, weil ich nur die physische und materielle Welt vor mir wissen wollte; denn ich war mit jedem moralischen Begriff der andern missvergnugt und im Streite. Dennoch fing ich an, mir zu sagen, dass, wenn das Schicksal die Wunsche meiner Liebe befriediget hatte, so ware dieses das Gluck einer einzelnen Person gewesen; diese dreyzehn Familien wurden noch darben, und ich wurde von meinem Wohlstand keinen so entzuckenden Genuss von Seeligkeit empfunden haben, als mir jetzo jeder Blick auf Eltern und Kinder giebt. Aber als das letzte Haus in Ordnung war, und ich meinem Geben und meinen Arbeiten ein Ziel setzte: so entstund aus der Ruhe wieder das Gefuhl von Leere. Sie erschienen mir. Ich bemerkte in Ihnen alle Eigenschaften, die ich bisher vergebens gewunscht hatte. Dennoch kampfte ich gegen meine Neigung fur Sie. Ich las zu meiner Zerstreuung, und als Probe eines neuen moralischen Hulfsmittels, einen Auszug der Kirchen- und Staatsgeschichte. Hier schopfte ich Starke und vernunftige Befriedigang, und ich sohnte mich mit der ganzen Erde aus. Der zu allen Zeiten ungleiche Gang des menschlichen Geistes auf dem Wege der Wahrheit und Natur; das Abweichen davon und Beharren auf Irrgangen; das traurige Schicksal so vieler edlen Menschen; die grosse Gewalt, welche ganz kleinen Ursachen gegeben war, und der Beweis, den ich fand, dass in der physischen und moralischen Welt alles mogliche Gute und Bose, in einem gleichlaufenden Zirkel des Entstehens, Wachsens, Abnehmens und Verwandelns, unsern ganzen Erdball umgiebt; diese Betrachtung besanftigte mich ganz, und fuhrte mich zum Nachdenken uber mich selbst. Ich gestund mir, dass ich gewiss vieles in meinem Wesen hatte, so Andern eben so stark gegen ihre Begriffe des Liebenswurdigen und Angenehmen liefe, und ihnen auch eben so viel Missvergnugen geben musse, als sie mir. Diese Gedanken setzten und ordneten sich je mehr und mehr in meiner Seele, und naherten mich Ihnen. Mein Herz war freylich von der ubenden Wohlthatigkeit und dem Gluck, so ich geniessen machte, erfullt; aber es war was in mir, das mich trieb, den Frieden, den ich mit allen meinen Nebenmenschen geschlossen hatte, bekannt zu machen, und mein Kopf hatte nothig, mit Jemand umzugehen. Sympathie sprach fur Sie. Ihre Freundlichkeit, die der arme Schuhmacher mir so lobte; die Verlegenheit, in der die guten Leute zwischen Ihnen und mir, wegen der Gevatterschaft waren; die Muhe, die Sie sich nahmen, das Kind selbst aus der Taufe zu heben, anstatt eine Magd zu schicken; Ihre Anrede an die Wochnerinn; die Freymuthigkeit, mit der Sie mich die Begierde merken liessen, mich naher zu kennen; Verehrung und Anhanglichkeit, die Sie mir in gleichem Grade zeigten; Aussicht auf Genuss einer edlen Freundschaft; Bedurfniss dieses Glucks, Vergnugen, so ich Ihnen damit machte, ofnete Ihnen mein Herz, je mehr ich den Werth des Ihrigen kennen lernte, vielleicht auch, weil Sie etwas eben so Sonderbares haben, als ich selbst.

Dennoch, meine Liebe! wenn Einer meiner Vorstadter uber Sie geklagt hatte, wenn ich nicht das redliche Lob der guten fremden Jungfer von Ihnen gehort hatte: so wurde ich auf das Vergnugen Ihres Umgangs Verzicht gethan haben; denn ich wollte nichts von der ganzen Liebe und dem Vertrauen dieser Leute verlieren. Das Volk hat richtiges Gefuhl von Tugenden und solchen Eigenschaften, die einen wirkenden Einfluss auf ihr Wohl haben. Deswegen lieben sie den gerechten, uneigennutzigen, leutseligen Mann; den Wohlthatigen und den Tapfern, der das Vaterland vertheidigt; den Prediger, den Beichtvater, die um ihre ewige Wohlfahrt beschaftigt sind; den Vornehmen, der mit Gute und Achtung sie ansieht und behandelt. Aber die grosste Gelehrsamkeit und das hochste Maass der Kenntnisse des Geistes sind fur sie verlohren. Was wollten sie auch damit thun, die guten Leute? Und mir, mein Kind, mir war es Bedurfniss, dass Jemand mir sagte: Ich schatze Ihre Talente und Ihr Herz. Dieses musste ich von Jemand horen, dessen Geist und Seele meine ganze Hochachtung verdiente.

'Haben Sie Dank,' sagte sie mir, mit einer zartlichen Umarmung, 'dass Sie diese Freude mir gegeben haben.'"

Acht und funfzigster Brief

Nun wissen Sie, meine Freundinn, die Hauptzuge des Charakters und des Lebens der Frau van Guden, und Sie denken, dass sie mir um so viel werther war, da ich sie nun ganz kannte. Ich mischte unter meinen Dank fur ihre Erzahlung eine Art von Staunen, wie es wohl moglich ware, dass man Sie verkannt und nicht immer geliebt habe? Sie sagte: "Ihre Freundschaft fur mich thut hier wirklich die Frage, die meine Eigenliebe damals that, und es auch nicht fassen konnte. Aber jetzt, da ich gegen Andre eben so billig, als gerecht gegen mich selbst bin, finde ich es ganz leicht, dass ich, mit all meiner wahren Gute, Missvergnugen verursachen kann. Jede Art von Starke, oder Gewalt, die bey einem Weichlichen oder Schwachen gezeigt wird, giebt um unangenehme Besorgnisse, wenn sie nicht grade zu seiner Unterstutzung oder uberhaupt zu seinem Besten gebraucht wird. Die zu grosse Lebhaftigkeit, mit der ich bisher bey allen Gelegenheiten fur jedes Gute sprach, mag oft in einer und andern Person eine Erinnerung einzelner Versaumnisse der Ausubung desselben hervorgebracht haben; und, meine Liebe, wir machen es mit Personen, die wir ungefehr ein uns entwischtes Versehen bemerken horen, nicht, wie mit dem Spiegel, den wir in dem Hause eines Freundes oder Bekannten antreffen, dem wir es Dank wissen, wenn er uns zeigt, dass wir eine Bandschleife, eine Palatine, oder eine Blume nicht gut geordnet haben. Und dann hatte ich bey meiner Gute nicht genug Anschein des Sanften und Duldenden, was man im Franzosischen durch Caractere de douceur ausdruckt, und mit welchem in der That susser zu leben ist, als mit mir. Denn gewiss, zu viele Lebhaftigkeit hindert die Grazie des Verstandes und der Geberden, wie es bisher mit mir geschehen ist; und dann hat es seine gegrundeten Ursachen, dass man den, der immer gleich gut scheint, mehr liebt, und ihm mehr Dank weiss, als dem, der sagt: Ich will gut mit Euch seyn; ich will Euch ertragen.

Es ist wahr, meine Talente gaben mir viel Zufriedenheit mit mir selbst, und ich wollte sie mittheilen, wie mein Geld. Ich mag es in der Art, sie zu zeigen, versehen haben, weil sie mir so wenig Freunde machten; und ich muss also auch mit den Folgen zufrieden seyn. Wie wenig dazu gehort, eine empfindliche Eigenliebe, oder einmal gefasste Ideen des Guten und Richtigen, zum Widerwillen und Verdruss zu bringen, beweiset mein Unmuth uber den Herrn von P**, wegen seines galanten Bezeigens, womit er die Damen in N** unterhielt. Dieser Unmuth siegte uber meine Liebe fur ihn. Warum sollte ein Missvergnugen, das ich meinen Bekannten gab, nicht uber eine zufallige Freundschaft gesiegt haben?"

Ich sagte hier: "Ach, der Fall war anders mit Ihnen. Eifersucht uberfiel Sie, da Sie den Mann ihres Herzens der nun frey war, bey anderm Frauenzimmer so aufmerksam sahen."

"Es mag etwas davon seyn; aber es ist ganz in meiner Seele, dass ich vortrefliche Leute, ohne die geringste Erwartung von Gegenachtung, innig liebe und ehre; wie es mir hundertmal ergeht, wenn ich das Eole und Grosse in einem Charakter der alten Geschichte, oder in Nachrichten von Jetztlebenden finde, die so weit von mir entfernt sind, dass ich sie niemals antreffen, oder ihnen bekannt werden kann."

"Auf diese Art ist ihre Liebe eigentlich nur Dank fur das Vergnugen, so man Ihnen giebt, einen schonen moralischen Charakter darzustellen?"

"Sie konnen Recht haben, meine Liebe; denn ehemals hasste ich auch, sobald ich einen starken moralischen Mangel bemerkte. Aber ich habe mich nun von dem Eigensinn befreyet, alles nach meinen Modellen gestaltet zu sehen; und die Mannigfaltigkeit in der moralischen Welt giebt mir eben so viel Zufriedenheit, als die, so ich in der physischen bewundre. Ich werde es in Zukunft mit meinem Geist und Herzen, wie mit meinem Korper machen. Wenn ich, in meinem ruhigen Gange, an einen Stein stosse, oder mich an einem Dorne ritze, so ware mein Zorn unvernunftig. Die Natur des erstern ist Harte, des zweyten stachelicht. Wenn meine Empfindlichkeit ihnen zunahe kommt, so leidet sie; ich muss mich also in Acht nehmen, wenn ich sie noch ofter in meinem Wege antreffe."

"Liebe Madame Guden! Sie lehren wich da sehr Vieles, was mir mein Leben erleichtern kann."

"Und auch das Leben derjenigen, die um Ihnen sind. Denn wir uben niemals keine kleine, oder keine grosse Tugend aus, ohne andern Gutes und Vergnugen damit zu geben."

"Das ist wahr; aber es giebt auch viele Tugenden, zu deren Ausubung ein grosses Vermogen gehoret."

"Warum fallt Ihnen just diese Betrachtung ein?"

"Weil ich niemals keine von den grossen Tugenden werde ausuben konnen, die ich an Ihnen verehre."

"Ich dachte wohl, dass mein Reichthum diese Idee hervorgebracht hatte. Aber wie ware es, Rosalia, wenn ich Ihnen bewiese, dass Sie mehr Gutes thun konnen, als ich; und mehr innern Frieden geniessen werden?"

"Dies scheint mir nicht moglich!"

"Wenn Sie, meine Liebe es ganz eigen auf das deuten wollen, was ich hier in der Vorstadt gethan habe, so haben Sie Recht. Aber da es ausgemacht ist, dass niemals zwo Sachen einander vollkommen gleich waren: so konnen es unsere Handlungen auch nicht seyn; so wenig es unsere Umstande sind. Sie werden also die Gute Ihres Herzens auf eine andere Art weisen, und das Meiste aus dem Reichthum Ihrer edlen Gesinnungen und ihres feinen Geistes schopfen mussen. Und dabey ist mehr Muhe, aber gewiss auch ein hoheres Vergnugen, als wenn der freygebige, gute Reiche, Geld fur die Leidende giebt."

"Vergeben Sie, werthe van Guden, wenn ich Ihnen freymuthig bekenne, dass es mich auch leichter dunkt, mich an Ihren Platz zu stellen, als es Sie dunken wurde, wenn Sie den meinigen einnehmen mussten."

"Das ist noch eine Frage; denn Sie wissen die Fabel mit den Bindeln, da ein jeder glaubte, dass der andern ihre leichter waren."

"Ach! Sie wissen es nicht so, wie ich."

"Das ist wahr; aber Sie haben mir auch noch nichts gesagt."

"Sie waren mir wichtiger, als ich mir selbst."

"O, Rosalia! wunschen wir nicht auch das ganz Neue zu horen anstatt dessen, was wir schon lange wissen?"

"O, Madame Guden, warum strafen Sie mich so oft uber die Neugier, welche, Sie mussen mich es sagen lassen, der ausserordentliche Ton Ihres Charakters nothwendig hervorbringen musste."

"Vergeben Sie diese Art Strafe, wenn Sie eine zweyte Ursach anstatt der ersten sagen."

"Ja, aber ich will mich auch rachen; denn ich will Ihnen sagen, was mein vermuthliches Loos seyn wird; und sie sollen mir seinen Gebrauch entwerfen."

"Das thue ich sehr ungern; denn just dieser Leichtigkeit, mit welcher ich ehmals Umrisse von dem zeichnete, was ich an der Stelle dieses oder jenen machen wurde, just dieser hatte ich den Grund der Abneigung zuzuschreiben, die ich mir zuzog; und ich mochte Ihre Liebe nicht verlieren."

"Das wird auch mit mir nicht geschehen. Erlauben Sie mir, dass ich Sie bey dieser Gelegenheit nur auf der Seite des Talents ansehe, das Sie haben, schone Zeichnungen zu machen; und mir von Ihnen, wie man oft bey dem Vorsatz zu bauen thut, einen Riss nach Ihrer Einsicht machen lasse, wenn Sie den Raum des Bodens wissen, den ich dazu verwenden kann."

"Ich will es, Rosalia. Aber Sie mussen mich dann auch die Anmerkungen wissen lassen, die Kunstverstandige daruber machen werden."

Dies versprach ich ihr; und das nachstemal erzahle ich ihr meine vorlaufige Verbindung mit C**, meine Aussichten und den Wohnplatz, den ich haben werde.

Neun und funfzigster Brief

Meine heutige Unterredung mit Frau van Guden war sonderbar, weil sie auf alle meine Fragen auf so abgebrochen antwortete, wie zum Beweis, auf die von der Religion: "Sie ist meinem Hetzen nicht nur um meinetwillen sondern auch des Nachsten wegen schatzbar, weil sie allen Menschen, sie mogen grosse oder kleine Verstandskrafte besitzen, deutliche und hinreichende Mittel und Bewegungsgrunde zu guten Handlungen varbietet, Trost im Leiden verschaft, und wahre Zufriedenheit auch bey geringen Umstanden lehret. Aber sie ist nicht mehr, wie sie aus den Handen ihres gottlichen Stifters kam. Susse und bittre Leidenschaften hindern und unterbrechen ihren Einfluss, wie den von der Vernunft. Aber lassen Sie mich davon aufhoren; ich bin uber diesen ehrwurdigen Gegenstand nicht gern in Gesprache verwickelt."

Hierauf sagte ich ihr, dass ich Vorgestern in einer Gesellschaft jemand in grossem Eifer gegen Leute gesehen hatte, die mehr Aufmerksamkeit und Bewundrung fur Werke der Kunst der Menschen zeigten, als fur die Wunder der Schopfung; und dass ich gewunscht hatte, sie mit da zu sehen, um ihre Gedanken daruber zu horen.

"Von diesen hatte ich in einer grossen Gesellschaft am wenigsten gesagt."

"Aber da ich allein bey Ihnen bin, wurden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie mir sie mittheilen."

"Ich halte diesen Tadel fur Unrecht; denn der vermeinte Vorzug der Kunst liegt gewiss in dem Gefuhl, dass die Werke der Natur durch Allmacht und Weisheit eines Gottes entspringen; Kunste aber, durch Geschopfe unsers gleichen, und uns also mehr in Erstaunen setzen mussen, weil wir in dem Augenblicke, da wir sie bettachten, einen so grossen Unterschied des Gebrauchs und der Fahigkeiten der nemlichen Organisation bemerken."

Hieruber sagte ich mit einiger Bewegung: "O, was fur einen Verlust hat die Gesellschaft an Ihnen erlitten! wie viel Licht, wie viel Menschenliebe hatten Sie ausgebreitet! wie sehr hatte man Sie geschatzt!"

"Das glaube ich nicht, mein Kind; denn der ganze Ton meiner Seele ist zu eigen gestimmt. In wichtigsten Anlassen wurde ich immer missfallen und missvergnugt sehn."

"Sie! mit so viel Kenntnissen, mit so viel Empfindung, wurden gewiss die edelste Hochachtung und Liebe erhalten."

"Gute Rosalia! was Sie da sagen, beweist mir, wie verschieden unsere Begriffe von Hochachtung, Liebe und Edelmuthigkeit sind."

"Und wie so?"

"Ach, alle Gefuhle meines Herzens hieruber, gehoren mit unter die todten Sprachen, die nur die und da ein Geschichtschreiber, oder Alterthumsforscher erlernt, um von den Sitten und Gewohnheiten erloschener Nationen zu reden."

"Zu welchen zahlen Sie mich? Denn ich hoffe, Sie sind uberzeugt, dass ich Sie von Herzen hochschatze."

"Ja, meine Liebe. Aber ich bin doch auch uberzeugt, dass ein grosser Missbrauch der Worte: Verehrung, Freundschaft, Liebe, Menschenfreundlichkeit, gemacht wird; dass man ganz geringe Grade der Bewegungen unserer Seele so nennt, und dass dadurch in der moralischen Verfassung eben so viel Uebels hervorkam, als in der politischen entstund, da man geringem Verdienste und vielen schlechten Leuten grosse Titel gegeben hat. Dadurch haben ehemalige Ehrenbenennungen ihre Wurde verlohren, und die Triebfedern zu grossen edlen Handlungen sind gelahmt worden."

"Erlauben Sie, Madame Guden, dass ich hier mit einem Gleichniss einfalle. Es sind auch in der physischen Welt mehr mittelmassige, als ausserordentliche Sachen; und da trifft also das genaue Verhaltniss ein, das beyde mit einander haben."

"Ja, das Verhaltniss ist in allem; Ablass der Sunden und Adel wird mit Geld erkauft; da ist auch wieder Gleichheit in den wahren Verdiensten des Adels und den wahren Tugenden der Christen."

Ich sah sie an; und gewiss, meine Blicke fragten sie, was das fur eine Stimmung ihres Gemuths seyn moge, in der ich sie heute gefunden? Sie fasste auch diesen Blick gleich auf, indem sie lachelnd sagte: "Rosalia, Sie beweisen wirklich, was ich vor einigen Augenblicken anzeigte. Denn Sie staunen ja gar sehr uber alles, was ich auf Ihre Fragen antworte."

"Ich staune nicht uber die Antworten; aber uber den abgebrochenen, starken Ton, in dem Sie reden. Waren Ihnen meine Fragen missfallig?"

"Nein, meine Freundinn; aber ich kann von diesen Gegenstanden nicht leicht reden, ohne dass die Hauptsaiten meines Charakters erschuttert werden. Merken Sie sich nur, dass ich die Gelegenheit dazu nicht suchte, und denken Sie, nach dem, was Sie von dem Gange meines Geschicks und meiner Erziehung wissen, dass ich auf diesem Weise nothwendiger Weise einen eignen Gesichtspunkt bekommen musste, worinn mir die Sachen so erscheinen, wie ich sie mahle. Und dann ists auch wahr, dass meine Farben nicht so unmerklich in einander fliessen, wie es bey feinen Schattirungen geht."

"Aber, Sie wissen doch, wie sehr mir, von dem ersten Augenblick an, Ihre Manier gefallen hat. Ich fuhlte diesen Zug nach Ihnen, als ich Sie Recitativ singen horte."

"Ja, es dunkt mich," sagte sie, "dass Sie auch von der Hauptstrasse abgewichen sind, und dass Ihr Fusspfad in den meinigen kreuzte."

"Ich hoffe noch mehr, denn ich denke, dass wir mit einander fortgehen werden, weil, allem Ansehen nach, diese Stadt mein Wohnplatz bleiben wird; und Sie werden die glucklichen Geschopfe nicht verlassen, die Sie aus dem Elende zogen."

"Vielleicht entferne ich mich, um ihnen ein noch grosseres Gluck zu geben."

"In was konnte dieses bestehen?"

"In der vollkommenen Freyheit, meine Gaben ohne meine Oberaufsicht zu geniessen."

"Und ich, was wurde mir bleiben?"

"Mein Andenken und mein Briefwechsel, in dem Sie die so oft abandernde Launen nicht finden wurden, wie in meinem Umgange."

"O, Madame Guden, wie ist es moglich, dass Sie mit der kalten Ruhe von dem Schmerze reden, der Ihren guten Vorstadtern und mir durch Ihre Abreise zukame?"

"Wenn es wahres Ungluck nach sich zoge, so wurde ich es nicht einmal denken konnen. Aber gewiss, es ist Wohlthat, wenn man uns unsere Krafte brauchen lehrt. Fur meine Leute habe ich nichts mehr zu thun; und was ich fur Sie seyn kann, wird in der Ferne besser geschehen, als in Zukunft hier. Mein Gemuth ist noch zu unruhig. Ich wurde bald Ihre Tage verbittern."

"Das ist unmoglich; denn der Antheil, den ich an Ihnen nehme, ist eine von den sussesten Empfindungen meines Lebens."

"Ich glaube es. Aber Sie geben mir desto traurigere Besorgnisse, uber das Wohlgefallen, das Sie an dem Bilde und den Wendungen einer so stark herrschenden Leidenschaft finden. Sie haben alle Anlage, die Sie zu den nemlichen Schmerzen fuhren kann; und wie unertraglich ware mir der Gedanke, Ihre Ruhe untergraben zu haben!"

"Das kann nicht seyn; denn es liegt schon alle Gleichheit in uns, bis auf diese, dass mein mir bestimmter Freund auch abwesend, auch in der grossen Welt lebt; dass ich ihn zartlich liebe, und in meiner Seele tausend Jammer uber ihn habe."

Sie sah mich mit Wehmuth an, stund auf, umarmte mich; eine Thrane zitterte in ihrem schonen Auge. Aber bald fasste sie sich und sagte mit Ernst: "Rosalia! ich habe noch einen Auftritt vor mir; diesen will ich durchsetzen. Sie sollen alles wissen; und ich hoffe dadurch Ihrer edlen Seele nutzlich zu werden indem Sie sich alle Merkmale meines Weh's und meiner Schwache bezeichnen konnen, um Ihr Wohl desto sorgfaltiger zu bewachen."

"Aber dieser Auftritt, muss er seyn? Wollten Sie mich nicht lieber durch Starke und Sieg, als durch Schmerz und Verlust belehren?"

Hier ging sie schnell, aber mit keinem unfreundlichen Wesen, in ihr Cabinet. Es machte mich unruhig. In einigen Minuten kam sie wieder und trat an ihr Clavier, wo sie ganz englisch spielte und sang; mir hernach sagte, sie danke mir, ich hatte sie belehrt und sie wolle Starke und Sieg suchen; doch eine Reise musse ich ihr erlauben im Fruhjahr zu thun; ihr Leben und ihre Gemuthsruhe hange davon ab; ich solle ihr hingegen auch meine Seele offnen, wie ich schon oft versprochen. Das will ich auch nachstens thun; und da sie fest auf einer Reise besteht, so will ich suchen, sie ofter zu sehen. Die Frau ist ausserst interessant, und der Herr von Pindorf ist der Mann nicht, fur den sie ihn hielt, da er, anstatt gleich nach dem Tode seiner Frau nach ihr zu fragen, in Hofstadten und Opern den artigen Herrn spielt.

Sechszigster Brief

Mariane! Menschenfreundlichkeit ist in dem Herzen der Frau von Guden eine unerschopfliche Quelle von Erfindung geworden. Sie legt einen Spaziergang an. Zu dessen Erweiterung und Unterhaltung hat sie Grundstucke fur die Gemeinde der Vorstadt gekauft, wovon eine Wiese, die mit etlichen grossen Baumen geziert ist, und gleich an der Landstrasse liegt, zum Spaziergang im Grunen; das andre Stuck aber, nebst einem daran stossenden schonen Ackerfelde, dem nahe wohnenden Gartner, wegen Unterhaltung der Baume und Hecken, zum Genuss gelassen wird; und er hingegen darf seine Milch und Butter im Sommer niemand verkaufen, als den burgerlichen Einwohnern, die sie im Grunen essen wollen. An dem Bache, der auf einer Seite hinlauft, hat sie, so lang die Lustwiese geht, wie ich sie nennen will, das User allmahlig abhangig machen lassen, damit die Kinder im Laufen und Spielen nicht jahling hinein fallen konnen, und die Gehenden und Sitzenden das Vergnugen haben mogen, den Lauf des Bachs zu sehen. Gegen die Strasse ist ein etwas tiefer Graben gemacht, damit reitende und fahrende Reisende den Platz nicht verwusten mochten. Es gehen aber vier Brucken daruber, auf deren beyden Seiten Banke sind, die sie dem Fussganger gern gonnt. Ueber der Landstrasse, andrer Hand, ist der zweyte Theil des offentlichen Lustplatzes, an dessen Ende, gegen die Stadt, des Gartners Wohnung ist, welche aber mit sammt seinem Gemusgarten, etwas tiefer liegt, und durch eine schone, aber wildwachsende Hecke versteckt wird, so dass man nur einen Theil davon sieht. Unmerklich erhoht sich das Stuck, von welchem man eine weite, schon angebaute Landschaft und den von ferne kommenden Bach sieht. Hier liess sie steinerne Banke setzen und an das ausserste Ende, gegen Mittag, Waldbaume hervorbringen, die schon ziemlich gross sind. Wenn diese fortkommen, so ist es vortreflich, denn sie schutzen die Halfte der Banke vor der Mittagssonne. Wilde Rosen und einiges Gestrauch, so da war, hat sie heilig schonen lassen, damit es ruhig und in seiner angebohrnen Freyheit fortwachse. Es bekleidet auch just die scharfe Ecke der kleinen Anhohe, an welcher der Bach dicht hinfliesst, woruber die Landstrasse durch eine Brucke fortgefuhrt wird. Etwa funfzig Schritt davon hatte sie das Gluck, eine Quelle sehr guten Wassers zu finden, das immer schon aus dem Grase hervor rieselte, aber nur im Sand und Schlamm fortlief, bis sichs in den Bach goss. Sie liess nachgraben, und man entdeckte zwey Wasserfaden, die nur eine Spanne von einander schwesterlich aus einer Steinritze fliessen. Diesen Stein liess sie unten ganz sanft etwas einwarts abhauen, und auf den Boden einen ungearbeiteten Stein legen, und nur so aushohlen, als ob das Wasser durch die Lange der Zeit solches selbst verursacht hatte. Aus diesem lauft es in einen mit Kressen bewachsenen Graben, wie vorher in den Bach. Gegen Mittag hat sie Erde aufhaufen lassen und mit schnellwachsenden Standen besetzt; auf der andern Seite einen halben Zirkel eingegraben und auch Banke hingebracht. Man wusste lange nicht, warum sie durch kleine Kinder, die nicht arbeiten konnen, eine Menge weiser, hell und dunkelgrauer Kieselsteinchen sammlen liess. Endlich waren sie dazu bestimmt, den Stein zu kleiden, welchen sie uber das Quellchen setzen liess, um das Nachfallen der obern Erde zu verhindern. Der Stein wurde mit einer Art Kutt dicht bestrichen, und ein liegender zerbrochener Wasserkrug just uber dem Ausfluss des Quellchens darauf gezeichnet, und nach der Zeichnung die kleinen Kiesel eingesteckt, die nach ihren verschiedenen Farben Licht und Schatten machen und recht artig tauschen; indem noch weiter oben, von nemlicher Arbeit, ein Stuck zerfallnes Gelander und Stiege nachgeahmt ist. Auf der Seite, wo die Banke sind, ist auch gegen das Nachfallen des Grundes eine niedrige Mauer aufgefuhrt, und auch diese mit Kutt uberzogen, mit weissen Kieseln besteckt und mit schwarzen Steinen darin: Komm, Muder! ruhe und erquicke dich. Allerley Krauter sind oben und auf den Seiten gepflanzt. Da nun Raum genug fur zehn bis zwolf Personen ist, so macht das Ganze einen herrlichen und freundlichen Anblick fur die Vorbeyreisende, deren schon viele halten liessen und den so liebreich einladenden Brunnen betrachteten und lobten. Ich bin einigemal mit ihr und andern hier auch spatzieren gegangen. Es ist mir unendlich schatzbar, als diese Thatigkeit und dies Erschaffen in der Seele einer Person von meinem Geschlecht zu sehen. Madame van Guden hat sich einen grossen Zirkel von Wirksamkeit vorgezeichnet. Ihr Bilderbuch aber, sagt sie, macht ihr die meiste Arbeit, weil sie in Allem, was Pindorfen angeht, Vollkommenheit hervorbringen mochte.

Dieser Lustplatz hat sie sehr ergotzt, und sie horte und sah gern, dass ich in Allem beystimmte und mit ihr genoss. Zweymal musste ich im Mondschein mit ihr hinaus. Sussere Melancholie habe ich niemals gefuhlt, als die Augenblicke, wo ich mit ihr auf einer der Steinbanke sass; und schweigend, wie sie, die schlafende Gegend betrachtete. Ihr Gesicht war voll Ausdruck einer tiefen Ruhrung. Mit einem halb unterdruckten Seufzer sah sie den Mond und dann mich an. Eine Thrane schwamm in ihrem Auge. Sanft umarmte sie mich, legte ihren Kopf leicht auf meine Brust, und lusste ein Paarmal meinen Hals, aber auch nur ganz leise. In diesen Augenblicken redet man nicht durch Worte. Ich verstand sie und freute mich uber den Werth, den sie auf mich legte. Wenn ein gepresstes Herz sich an ein redliches, theilnehmendes Herz anlehnen und athmen kann: o, da ist ein Mensch viel fur den Andern; da fuhlen sie mit einander Wohl und Weh der Menschheit; einzeln ohnmachtig gegen Uebel, vereint aber vermogend, ihre Empfindung und Krafte zu verstarken und fortzukommen. Endlich erholte sie sich, kusste mich lebhafter und sagte: "Liebe Rosalia, ein eigensinniges Herz ist ein grosses Gegengewicht gegen alles, was Schicksal und Natur zu meiner Gluckseligkeit bestimmten. Heute hat diese Wagschaale stark ubergezogen. Gestern war ich viel glucklicher, als ich allein hier gegen Abend spatzieren ging, und in Wahrheit, zufrieden mit mir selbst, den Wunsch that, dass ich den Einwohnern der Vorstadt, wie ich ihnen mein Gold mittheile, auch das Gefuhl meiner Seele mochte geben konnen, welches die aufund niedergehende Sonne, Mondschein und Sternhimmel mir geben. Konnte ich doch auf dem Spatziergange, den ich anlegte, Empfindungen fur die schone Natur, mit den einfachen Blumen aufwachsen machen, damit bald die hohen, schattigten Linden, und der schone weisse Hagedorn, bald das mannigfaltige Gras und Krauter, so ihre Kuhe nahren; der Bach, so sie beyde trankt; reine Luft, bluhende Baume, volle Saaten, ein kuhler erquickender Wind, ihnen den seligen Gedanken eines vaterlichen Gottes geben mochte, der diese besten Freuden des Lebens Armen und Reichen gleich austheilt, und alle Jahre mit dem Fruhling erneuert! Ich habe deswegen den Platz auf der Seite der weitesten Aussicht erhohet und da die Steinbanke gesetzt, damit sie Abends, mir der anfangenden Ruhe ihres Korpers, den sussen, wohlthatigen Frieden in sich saugen mogen, der auf den fruchtbaren Gefilden ihres mutterlichen Bodens herrschet. Aber, Rosalia, dieser Wunsch wird auch nur stuckweise erfullt werden, wie meine Empfindungen auch wechselsweise starker und schwacher sind."

Ein und sechszigster Brief

Frau van Guden blieb dabey, mir nicht mehr als zween Tage der Woche zu geben; und ich bleibe dabey, sie auf die Probe zu stellen, wie sie sich einst in meiner Stelle, als Frau des Herrn Cleberg, und jetzo an dem Platz zweyer unverheyratheten Freundinnen meiner lieben Julie Otte, betragen wurde? Sie muss bey dieser Gelegenheit wurklich aus sich selbst heraus gehen, weil sowol die Umstande, in denen ich mich befinden werde, als auch die von den vier guten Madchen, ihr weder den willkuhrlichen Gang ihres Denkens, noch die Freyheit ihres Tons und ihrer Handlungen erlauben. Und da ware es ja moglich, dass sie zu der Art Leuten gehorte, die in einem grossen unbeschrankten Felde, muthige, edle Schritte und Bewegungen machen, in einem kleinen umzaunten Hofchen oder engen Zimmerchen aber, so gezwungene kleine Tritte, Beugung des Kopfs, und Uebereinanderschlagen der Arme vornehmen, dass Jedermann das Unschickliche oder Unangenehme davon in die Augen fallen musste. Es ist mir beynah auch mehr daran gelegen, was sie fur die vier guten Geschopfe ersinnen wird, als was mich angeht; denn an meinem jetzigen Seyn und Wesen konnte und mochte ich nichts andern. Der Himmel weiss, ob ich Clebergen jemals wieder sehe, oder ob er mein bleiben wird? Ich war freylich seine erste Liebe, wie er die meinige ist: aber seine Reisen, sein Platz als Gesandtschafts-Sekretair, mussen ihm hundert Gelegenheiten gegeben haben, liebenswurdige Frauenzimmer kennen zu lernen. Kann ich fodern, kann ich hoffen, dass mein Andenken, dass die Gesinnungen, die er fur mich hatte, immer gleich wachsam fur mein Gluck, bald der uberraschenden Gewalt einer neuen Schonheit, bald dem sanften Einnehmen der stillen Anmuth, oder den Reizen des Geistes, der Tugend und Talente, Widerstand thun werden? O Mariane! ich schreibe selten von Cleberg, rede gar nicht von ihm. Aber denken; seine Briefe an meinen Oheim, an mich, zehnmal lesen; ausspahen, ob nicht eine kleine Anzeige von Aenderung oder Frost darinnen sey, wie eifrig geschieht das! Auch suche ich mit Sorgfalt die Spuren seines Geschmacks auf, und bitte meinen vaterlichen Freund um Bucher, oder Unterricht daruber, damit der arme Cleberg nicht einst alles entbehren musse, was er jetzt in auswartigen Gesellschaften mit so vielem Vergnugen geniesst. Mein Oheim hat mich darin aufmerksam gemacht; denn die ausserordentliche Unwissenheit seiner Frau, mit welcher er niemals etwas Vernunftiges, das ihn freute, sprechen konnte, da sie an seinem Wissen und an Sachen, die ihn ganz beschaftigen, nicht den geringsten Antheil nahm, hatte ihn aus seinem Hause gejagt und herum schwarmen gemacht; woruber sie zurnte und sich gramte, dadurch aber auch ihre schwachliche Gesundheit abzehrte und ohne Kinder starb.

Dabey sagt aber mir mein Oheim oft: "Gelehrt will ich Dich nicht haben: nur den Geschmack des Wissens und ein vernunftig zuhorendes Aussehen, wenn von der Geschichte, der Physik und andern Kenntnissen gesprochen wird." Sprachen und Musik stunden einem Madchen, das zur Frau eines Gelehrten oder guten Negocianten bestimmt ware, auch wohl an; ich solle aber ja niemals anders, als in einem weiblichen Ton von alle dem reden, was ich auswendig gelernt, oder aufgehascht haben konnte; denn durchgedacht hatte ich nicht viel, wie er glaubt.

Letzthin sah er mir eine Zeitlang zu, als ich nahte und mit vieler Nettigkeit an seinen Manschetten besserte. Da sagte er mit seiner wahren Gutherzigkeit: "Madchen! die feinen Stiche Deiner Nadel sind eben so viel werth als der Witz Deines Kopfs."

"Ich mochte wohl wissen, mein lieber Oheim, welchem von beyden Sie den Vorzug geben?"

"Hum!" sagte er, und sah mich an. "Rosalia! wenn ich ein Alltags Oheim ware, und Du ein gewohnliches Madchen: so wahlte ich gleich. Aber, da ich weder den Eigensinn der Haushalter, noch die Eitelkeit der schonen Geister habe, die Euch entweder nichts als Handarbeit, oder nur Witz, Poesien und feine Kenntnisse erlauben wollen: so sage ich Dir, dass es mir leid ware, in einem Madchen Deines Standes und Deiner Aussichten, eines von beyden zu missen, da beyde beysammen seyn konnen; weil der Unterricht und die Uebung in Haushaltswissenschaften die Du brauchst, und die Umstande Deines Vermogens, Dir Zeit und Recht genug geben, um auch Deinem Verstande die Kenntnisse und Wendung zu erwerben, durch die er sich in Deinem Zirkel zeigen kann. Die Tochter, Nichte und Braut eines Gelehrten ist sogar verbunden, Etwas zu wissen. Denn mit guter Eintheilung der Zeit und Gebrauch ihrer Talente konnen Madchen, wie Du, neben den schuldigen und vorzuglichen Geschicklichkeiten in Wirthschaftssachen, auch Muse genug finden, Himmel, Erde und Menschen kennen zu lernen, um deutliche Begriffe von Allem zu haben, was die Welt Gottes in sich fasst, auf der sie als unsere Freundinnen und Gesellschafterinnen mit uns leben. Denn Ihr sollt eigentlich den feinsten und sussesten Theil unserer Gluckseligkeit besorgen, welches ihr ohne einen gelauterten Geschmack und Empfindungen nicht thun konnt. Wenn Ihr aber ganz und grundlich gelehrt wurdet, so ginge diese Absicht, neben der von der Schopfung, an Euch verlohren. Denn nicht nur der Reiz, den grosse Kenntnisse in sich haben, der zur Ersteigung ihrer Hohe ermuntert, sondern auch Eure weibliche Eitelkeit, wurde Euch zu weit locken; und da versaumtet Ihr alle die unschatzbaren Verdienste der guten Mutter in der Kinderstube; der guten Haushalterinn; das leichte, artige Geschwatz, in den gesunden Tagen des Mannes, und die zartliche Geschicklichkeit einer liebreichen Krankenwarterinn, die, zusammen gefasst, gewiss mehr wahren Werth fur die gesellschaftliche Gluckseligkeit in sich haben, als wenn eine Frau alle vier Hauptwissenschaften besasse."

"Sie haben Recht, lieber Oheim. Aber doch, wenn ein Frauenzimmer alle Fahigkeit, die zur Fassung der hohen Kenntnisse, und alle Starke des Geistes, die zum anhaltenden Nachdenken daruber nothig ist, nebst der Begierde, sie zu erlangen, in sich fuhlte: durfte diese nicht darnach streben?"

"Ja, Ja! die darf es thun; eben so wie es Mannsleuten erlaubt ist, die alles dies in sich vereinigt haben. Denn da wird gewiss ein Ganzes aus dem Kopf entstehen. Aber da dieser Fall selten ist, so will ich bey Euch lieber eine vollkommene Hauswirthinn, als eine halbe Gelehrte haben; wie ich aus Buben lieber vortrefliche Kunstler und Handwerker, als einen Haufen gestickelter Theologen, Juristen, und Mediciner erzogen haben will. Aber da so viel mittelmassigen Leuten Ehren- und Glucksstellen zugefallen sind, so haben sich auch Andre Hoffnung darauf gemacht, und sich ohne hinreichende Krafte auf den Weg begeben."

"Da liegt aber auch der Fehler an unserm Deutschland, wo wir dem geschickten Kunstler und Arbeiter keine so vorzugliche Ehre, als dem sogenannten Gelehrten beweisen. Vorzug ist aber doch immer ein Gegenstand der menschlichen Wunsche gewesen, und wird also auch gesucht, wo man seinen Werth bestimmte. In Frankreich wird nicht allein der Gelehrte jeder Gattung, nebst dem Mahler, Bildhauer und Baumeister, sondern auch der Schlosser, Zimmermann und Becker, von den Akademien erforscht, gelobt und mit Achtung genannt, wie ich in der Beschreibung der Denkmahler Ludwigs des Funfzehnten fand; und ich denke wohl, dass dieses eine grosse Ursache ist, warum sie so schone und mannigfaltige Werke der Kunste in allen Arten haben, weil jeder junge Mensch, der sich Talente zutrauet, sicher ist, dass er auf jedem grossen oder kleinen Wege des Gewerbes oder der Verwendung seiner Fahigkeiten, ein gewisses Maass Ruhm und Gluck erhalten wird."

Mein Oheim lachelte. "Ey Rosalia, ich habe geglaubt, dass Da dieses Buch nur wegen der schonen Kupfer durchblattertest. Da Du es aber auch durchlasest, so hattest Du zugleich die Ursache finden konnen, warum es bey uns nicht so seyn kann, und wenigstens lange nicht so seyn wird."

"Aber das schmerzt mich, mein lieber Oheim. Warum ist denn das so?"

"Rosalia, ich sage weder bey kleinen, noch grossen Anlassen empfindliche Wahrheiten, wenn sie nichts nutzen. Ich musste uber National. Charakter und Verfassung reden, und zu was hulfe Dirs viel? Suche die Ursache zu errathen, warum in Frankreich grosse Provinzstadte so geschwind den Gedanken der Hauptstadt annahmen und auch ausfuhrten. Sie fuhlten, dass sie eins sind. Bey uns ist die Zeit lange vorbey, wo wir dieses selige Gefuhl hatten. Deutschland! Ach, was ist das Schonste und Grosste, wenn es in Stucke gerissen, und dann so wie es seyn konnte, wieder zusammen gelegt wird!"

"Aber wir ahmen doch so gern Frankreich alles nach."

"In was? im Kleinen! seine Kleinigkeiten! Und, mein gutes Madchen, das, was gross heisst, entsteht niemals aus Nachahmung, sondern aus innerer Kraft. Sammle alle Beyspiele von edler Gute, Grosse und Starke der Seele zusammen; lege sie einen Haufen Menschen vor, denen das Schicksal eine Gelegenheit zugemessen, sich se zu zeigen: sie werden Deine schonen Beyspiele loben und bewundern. Aber nachahmen wird nur der, so den nemlichen Keim in seiner Seele hat. Aber sey zufrieden; das Gleichgewicht ist da. Denn das Schlechte und Bose findet auch nur Wenige, die einen Wettlauf nach dem hochsten Grade unternehmen." "Sie wollen mich also auf allen Seiten mit dem Mittelmassigen aussohnen?" "Das ist eine Madchenfrage! Soll ich Dir in dem nemlichen Ton antworten?" "Versuchen Sie es, Herr Oheim; ich bitte Sie." "Nun! ich habe Dir Anlass gegeben, mit Deinen Tugenden und Fehlern zufrieden zu seyn." "Da ist auch Gleichgewicht, weil die Letzten so mittelmassig sind, als die Erstern. Legen Sie nur immer das Uebermaass in Ihre Gute fur mich." Er versprachs. Was sagen Sie zu dieser Unterredung?

Zwey und sechzigster Brief

Von Frau von Guden.

Rosalia! auch nach dem, was Ihr so rechtschaffener Oheim Ihnen vom Wissen der Madchen sagte, und worinn alles Nothige begriffen ist, was zum sichern Leitfaden auf dem Wege des deutschen weiblichen Verdienstes dienen kann; auch da noch wollen sie meine Gedanken und das geschrieben wissen, was ich von Ihnen, als Madchen, denke?

Als Tochter und Richte eines Raths; in den vortheilhaften Umstanden eines hinreichenden Vermogens, und bey so viel Unabhangigkeit sind Sie, nach Geist und Herzen, wie ich Sie verlange. Meine vertrauten Unterredungen und meine Liebe haben Sie, hoffe ich, davon uberzeugt. Ob aber auf dem Grunde Ihres jetzigen Glucks auch die Keime Ihres kunftigen Wohlstandes aufwachsen, weiss ich nicht; weil ich ihren Cleberg nicht kenne, und mit ihm, um es freymuthig zu sagen, eben weil sie so wenig von ihm reden, und mir auch keinen Brief von ihm weisen, ganz unbekannter weise unzufrieden bin, und gewiss glaube, dass der Ton seines Kopfs sehr verschieden von dem Ihrigen und Ihres Oheims seinem ist. Eben auch hier mein Kind, liegt mein Zweifel an Ihrem kunftigen Glucke. Nur au sich, nur an Ihren Oheim gewohnt; so lange gewohnt Sie werden Opfer machen mussen. Rosalia! Lieben Sie stark genug, um dieses ohne bittern Schmerz, ohne heimlichen Widerwillen zu thun? Der Uebergang aus der vaterlichen Gewalt, unter die Obermacht eines Manns, dunkt mich nicht so schwer, als der, von Ihrem Oheim zu Clebergen: wenn es nicht das vollige Hingeben der wahren Liebe seyn sollte, die freylich nur viel geben zu konnen wunscht. Aber, ich soll ja wissen, dass Sie ihn lieben, und mich nur an Ihren Platz stellen, besonders in dem Falle, da Sie, edles gutes Madchen, Ihren Oheim dahin zu bringen suchen, sein Vermogen, das er Ihnen zur Halfte geben wollte, in drey Theile zu legen, damit die Kinder seiner zweyten Schwester, und eine Familie armerer Verwandten gleiches Erbe mit. Ihnen bekommen mogen. Ihre Berechnung, dass Sie durch Ihre Reise mit ihm, da er alle Ausgaben fur Sie ubernimmt, so viel an Ihrem vaterlichen Vermogen ersparen, dass Ihnen das Opfer dieses Drittheils ganzlich ersetzt werde, diese Berechnung, meine Liebe, ist gewiss einer der schonsten Zuge Ihres Lebens; weil nicht jugendliche Freygebigkeit, sondern Menschenliebe und Gerechtigkeit, Sie dazu fuhrten.

Cleberg hat es gut geheissen, gelobt, ob er schon sahe, dass sein eigner kunftiger Wohlstand dadurch vermindert wurde. Ich bin uberzeugt, dass es ihm Ernst war; denn, in seinem Alter ist immer Grossmuth bey der Liebe; und personliche Sorgen fuhlt er auch nicht. Aber ein Wink lag in Ihrer Erzahlung; als ob Sie furchteten, er mochte daruber einmal anders denken; und das wurde Ihnen weh thun. Nun, Rosalia! will ich an Ihren Platz treten, und sagen, was ich thun wurde. Cleberg ist, mit all seinen Vortreflichkeiten, ein Mensch. Vielleicht zeigt sich das Unvollkommne, das er mit uns allen gemein hat, gerade auf dieser Seite. Die an meinen Verwandten bewiesene Edelmuthigkeit mochte ich nicht zuruck nehmen: aber den Abgang des Erbes will ich zu ersetzen suchen. Und da die Einrichtung des Hauses sammt der Obsorge daruber, nebst meinem Kleidervorrath, ganz allem von mir abhangt; so will ich in beyden alles Ueberflussige und Kostbare vermeiden. Die Eigenschaft des Neuseyns giebt ohnehin auch den mittelmassigsten Sachen einen Schimmer. Wenn ich, nebst der Dauerhaftigkeit, Farben und Formen von gutem Geschmack wahle, und mich der Kunst befleisse, alles an seinen rechten Ort, und in sein gehoriges Licht zu stellen: so kann mein Hauswesen und meine Person das Ansehen von Wohlstand haben, das man bey uns suchen wird, ohne dass ich so vieles Geld darauf verwende. Mit den einfachen Farben meiner Kleidung soll alles Uebrige einstimmen. Ein neuer Ehemann, und die Besuche sind ohnehin nur bey den ersten Erscheinungen auf das Glanzende erpicht; und dieses sollen sie in meinem wohlgewahlten Hausrath und Putze, noch mehr aber in meiner Heiterkeit, Gefalligkeit, Anstand und Wurde finden. Reinlichkeit in meinem ganzen Hause, Nettigkeit und Sorgfalt im Anzug und Bezeigen meiner Person, soll die Zufriedenheit meines Mannes unterhalten; und dieser Ton von Massigkeit, ununterbrochen fortgesetzt, wird wir Ehre und Nutzen bringen. Ueber all dieses aber will ich eine ordentliche Rechnung fuhren; und wenn mein Cleberg durch die Zeit an diesen Ton gewohnt, und uberwiesen seyn wird, dass ihm und seiner Rosalia durch den Mangel der Pracht nicht das Geringste von der Hochachtung der Vernunftigen verlohren gegangen ist: so bleibe ich dabey meinen Vorzug in dem Ruhme der Rechtschaffenheit meines Manns und meiner Bescheidenheit zu suchen. Ich nahme auch wohl die, uns so oft vorgeworfene, weibliche Eitelkeit zu Hulfe. Die gute Bildung meiner Person; edle, angenehme Geberden, geschickte und nutzliche Arbeiten, Hoflichkeit, Gute, Verstand und Munterkeit meiner Gesprache: alles dies musste in meinen Plan des Ersatzes meiner grossmuthigen Abgabe des grossern Erbstuckes. In wenigen Jahren ware es gewonnen, und noch dabey den schwachdenkenden Personen meines Geschlechts der Schmerz des neidischen Gefuhls uber Kostbarkeiten erspart, die sie sich nicht verschaffen konnten. Und, Rosalia, unter uns gesagt, der Zweck des Lobes und Gefallens, den wir alle haben, wurde doch, und zwar bey den besten Mannern erreicht, die diesen vereinigten Eigenschaften gewiss Beyfall und Verehrung schenken werden. Dann fande sich einmal eine Stunde, in der ich Clebergen die Rechnung uber die verschenkten und ersparten Summen vorlegen konnte; wo gewiss ein edelmuthiger Mann mit meinem Geben und Halten vergnugt seyn wurde.

Ich habe in meinen jungern Jahren eine Frau gekannt, die auch sehr wohlthatig, aber mit einem Manne verbunden war, der etwas Harte in seinem Charakter hatte, seiner Frau aber bey ihrem Putz alle Freygebigkeit erzeigte. Sie nahm von ihrem, zur Kleidung und Anzuge bestimmten Gelde, schaffte sich neue Sachen, aber minder kostbar, so dass sie an ihrer Pracht so viel ersparte, dass sie eine Familie unterstutzte, ohne die Ausgaben ihres Hauses zu vermehren. Mochten wir nur im Privatstande, besonders in Familien, wo das Vermogen allein in der Besoldung des Mannes besteht, die Idee des Unterschieds und Hervorthuns vor andern Standen, auf die Seite der ubenden Tugend, angenehmer Kenntnisse, schoner Handarbeiten, und Liebenswurdigkeit des Umgangs legen: so wurden weniger ungluckliche Herzen und verkehrte Kopfe unter uns seyn! Ich bin aber gewiss, dass das Elend und die Langeweile, die man am Ende des Weges von dem Modeton antrifft, unsere im Grund immer deutsche Seelen auf das Abweichen von dem edlen, reinen Pfade ihrer ursprunglichen Anlage aufmerksam machen, und unsere Tochter und Enkelinnen dahin zuruck leiten wird. Vielleicht entsteht noch aus deutschem Furstenblute ein Beherrscher uber den grossten Theil unsers mutterlichen Bodens, der von vaterlandischem Geist beseelt, Sitten und Gebrauche untersuchen und durchsieben wird; wo alles Spreuartige und Nachgeafte verworfen, und sogar eine eigene Kleidungsart eingefuhrt werden wird. Wir haben einzelne Beweise genug, zu was fur einer Hohe der Vollkommenheit des Grundlichen und Schonen der Deutsche in Wissenschaften kommen kann. Und wenn wir, wie Franzosen und Englander es thun, naturliche Fahigkeiten, deren jede Nation eigenthumlich ausgezeichnete besitzt, mit Vaterlandsliebe, hauptsachlich allem Fremden vorziehend, anbauten und zur edlen Starke und Schonheit erhoheten: so vergrosserten wir unser eignes Verdienst; hatten eigene Freuden, eigenes Gluck. Die Hochachtung anderer Volker ware Tausch gegen die unsere; und nicht, wie jetzt, unser Beyfall ein Tribut, den wir ihnen schuldig zu seyn, und der ihrige ein Geschenk, so sie uns zu machen glauben. Aber wir verzehren einen grossen Theil unserer Urkrafte im Nachahmen, und werden, wenns hoch kommt, als Lehntrager fremder Guter angesehen. Wir verbrennen halbe deutsche Walder, um einige schmachtende fremde Pflanzen in unsern Glashausern zu haben.

Drey und sechzigster Brief

Rosalia an Marianen.

Hier ist Madame Guden Antwort auf meine Anfrage wegen der zwo Freundinnen von Julie Otte; und ich bitte Sie, mir ganz zu schreiben, was Sie daruber denken. Ich fuhle dass mich diese Frau so sehr eingenommen hat, dass ich alles gut, alles richtig finde, was sie sagt und vornimmt. Sie haben dieses Vorurtheil nicht, und konnen also den wahren Werth ihrer Ideen viel besser bestimmen, als ich. Sie wissen auch dass, so sehr ich die van Guden liebe, dennoch Ihr ruhiger und gesetzter Geist alle Obermacht uber meinen Glauben und Unglauben behalten hat, und dass mir nichts wahrhaftig werth, oder verwerflich wurde, ehe Sie nicht das Geprage der Achtung oder Geringschatzung darauf gelegt hatten. Nun lesen Sie die van Guden selbst.

Frau Guden an Rosalien.

Sie wissen doch, Rosalia, dass alle Arbeiten, die man ungern vornimmt, ganz genaue Zuge des Zwangs behalten, den man sich bey dem Gedanken und der Ausfuhrung auflegen musste? so ging es mir wurklich bey der sonderbaren Foderung, die Sie an mich thaten, mich in den Platz junger Frauenzimmer zu setzen, deren Glucksumstande geringer, als das Ehrenamt ihres Vaters sey.

Ich glaube Ihre Absicht errathen zu haben. Diese Frauenzimmer werden von der Vorstellung des wenigen Vermogens gedruckt, und leiden in ihrem Gemuthe. Sie mochten dieses heben, und vermuthen in meiner Einbildungskraft ein Hulfsmittel zu finden; denn Sie sagten mir ausdrucklich dass Sie nichts als geistige Handreichung haben wollten. Vergessen Sie nicht mein Kind, dass alles, was der Reiche und Gluckliche dem Armen und Leidenden nur als Rath und Trost sagt, sehr wenig Wurkung hat; ausgenommen das Bezeigen personlicher Achtung, weil dieses der naturlichen Eigenliebe gefallig ist Die Koniginn Christine sagte ganz richtig: "Eine edle Seele adelt alles, was sie ist, und was sie thut; den Gebrauch des Reichthums und das Ertragen des Mangels." Wenn man bey geringen Umstanden den Muth hat, sich zu sagen: Wir brauchen Nahrung und Kleider, unsern Korper zu erhalten und zu decken; die Bedurfnisse der Natur sind mit wenig Speisen und Gewand befriedigt; und da mir das Schicksal Menge und Kostbarkeiten versagt: so will ich mit dem genauen Nothwendigen vergnugt seyn, und meine Begierde nach Besitz eines Mehreren auf die Seite wenden, wo es in meiner Gewalt ist, es zu erlangen. Tugenden des Herzens, Aufklarung des Geistes, Geschicklichkeit in Arbeiten, Liebenswurdigkeit des Gemuths, Reinigkeit und Wurde meiner Sitten, Artigkeit meines Umgangs, nette und bescheidene Zierde meiner Person, all dies ist mitten in den geringen Umstanden, worinn ich mich finde, zu erlangen und auszuuben. Der Reichere uns Vornehmere als ich, mag sich aller Gattung von Aufwand uberlassen; Kaufmann, Kunstler und Handwerker leben davon. Vorurtheile haben auf das ausserliche Ansehen Werth und Unwerth gelegt. Aber ein fester unabgeanderter Gang auf dem Wege der Verdienste und Bescheidenheit, erwerben die Achtung der edelsten Seelen und ihre Freundschaft. Dies, mein Kind, ware die Sprache meines Muths, und dieser Ton wurde den Ausdruck meines Charakters und meiner Physiognomie seyn. Der Anblick des Prachtigen und Reichen wurde mich nicht kranken und nicht demuthigen, Ich zeichnete mir einen eigenen Zirkel. In diesem erschiene keine Klage, keine dustre Miene. Nutzliche, ehrenvolle Verwendung jedes Augenblicks meiner Tage; Fleiss auf schone Arbeiten, die ich dann gegen Nothwendiges, ohne viel angstliches Wahlen umtauschte; alle meine Begierden auf das ausserste beschrankte, und mich in der Wahl meiner Freunde doppelt sorgfaltig zeigte. Daneben aber musste mir jedes moralische Verdienst eigen werden, das mich entweder einsam wegen des Mangels auserlesener Gesellschaft schadlos halten, oder mich in dieselbe einfuhren wurde.

Meine Sitten, Geberden, Unterredungen und Beschaftigungen, mussten bestandige Beweise meiner Erziehung und meines Standes seyn, so wie auch die Form meiner Kleidung, mein Geschmack und Bezeigen. Nur der einfache Stoff, die sanften, stillen Farben, und haushaltische Aemsigkeit, durfen den Abgang des Vermogens andeuten.

Ich ware gewiss, Rosalia, dass dieser Gebrauch meiner Umstande, wenn ich niemals davon abwiche, mir Achtung, Freunde und inneres wahres Vergnugen geben wurde. Je artiger meine Figur, je seltener zeigte ich sie; scheute keine Gesellschaft, aber drangte mich auch in keine; niemals am Fenster, niemals in Comodien und auf grossen Spatziergangen, auf keinem Ball; truge die grosste Sorgfalt fur den Ruhm eines untadelhaften Lebens; wahre ruhige Gottesfurcht, kein Geprange von Frommigkeit, machte keine Besuche, als wo man mich ans Hochachtung wunschte, und sorgte dafur, diese Gesinnung zu vermehren; nahme von Mannspersonen gar keine Besuche an; sagte niemals von keiner Seele nichts, als das Gute, das ich wusste oder vermuthete; zeigte edle Dienstfertigkeit, aber mehr bey traurigen, als lustigen Gelegenheiten; und niemals sollte man mich einer Sylbe Erzahlungen von einer Familie an die andre beschuldigen konnen. Ich musste die geschicktesten Finger, das beste Herz und das angenehmste Geschwatz eigen besitzen. Dieses zusammen ware eine Art von Schatzgeldern, die ich zu einem Ertrag von Ehre und Gluck, meinem Schicksal anvertraute. Glauben Sie, o glauben Sie, dieser Vorsatz und Ausubung wurde zu einem dauerhaften Grunde des Friedens der Seele und ausserlichen Wohlergehens anwachsen. Man mag immer von ausgearteten und verdorbenen Sitten reden: der durch Thaten vortrefliche, und im Reden und Urtheilen Andre verschonende Mensch, wird gewiss redlich geliebt und verehrt werden. Allgemeine Vorurtheile und einzelne Eigenliebe, muss man nicht mit dem Stolze des mehrern Wissens und der bessern Einsicht, nicht mit dem Vorzuge, den wir uns geben, angreifen. Ach, wie viel grosses Gute sah ich entstehen; sah den ausgebreiteten Nutzen, den Segen von einem Volke fur den Urheber bereit: wenn zu dem edlen Entwurfe auch der erhabne Entschluss des weisen Menschenfreundes gekommen ware, einer gewissen Art Blodsinns zu schonen, von schwachen Augen nicht zu fodern, dass sie gleich ohne Zagen, ohne Widerwillen das Licht einer Fackel ertragen sollten; wenn man mit dem Unvermogen des Verstandes erwachsener Menschen, die man zu neuen, ungewohnten Sachen lenken will, eben so herablassend, so gutig sich bezeigte, wie im Physischen mit Kindern, zu denen man sich niederbuckt, ihre kleine Hand liebreich zu fassen, und sie im anfangenden Gehen zu leiten.

Aber, Rosalia, wo kam ich da hin? von Ihnen zwey guten Madchen, die allein einen duldenden, nicht einen vielwurkenden Kreis durchgehen mussen. Doch mag Ihnen der Gedanke, die Empfindlichkeit der Eigenliebe Ihrer Nebenmenschen auf alle Weise recht klug und behutsam zu behandeln, immer nutzlich seyn.

Einmal, da ich noch keinen van Guden kannte, gelang es mir, durch feine Nahrung und Wendung eines Stolzes im Elende, zwey Tochter eines angesehenen Mannes, der sie nebst drey Brudern, ohne das mindeste Vermogen zuruck liess, zu einem edlen Entschluss zu bringen. Sie waren schon, und voll schimmernder Talente; Musik, Tanz, Gesang, Blumenmahlen, Putzarbeiten und die franzosische Sprache. Sie waren alle kostbare Kleider, kostliches Essen, Rang, Ehrenbezeigungen gewohnt; waren andern Verwandten nicht immer gut begegnet, so dass die, welche sie ehemals beneideten, nun mit hohnischem Mitleiden sie anblickten, und die Madchen sich furchteten, zu einer Base wohnen zu geben, die am vermogendsten, aber auch am stolzesten war. Meiner Mutter Bruder, zu dem ich nach dem Tode meiner Eltern gekommen war, wohnte in dem untern Stocke des schonen Hauses. Ich sah also diese Familie in ihrem Flor, aber doch nicht vertraut genug, um die eigentlichen Umstande in etwas voraus zu bemerken. Der Mann starb plotzlich, die Frau war schon lange todt, und die Kinder hatten mir nie sehr zartlich geschienen; so dass ich das lange Wehklagen nach dem prachtigen Begrabniss und den Todtenamtern, (denn sie waren von der romischen Religion,) gar nicht fassen konnte. Es befand sich nun zwischen uns eine Art Gleichheit, da wir alle drey elternlos und beynah im nehmlichen Alter waren. Der alteste Sohn, der volljahrig war, und meinen Oheim sehr schatzte und mich gern um seine Schwestern sah, sing an, ganz gerade von ihren traurigen, unvorhergesehenen Umstanden zu reden, noch ehe solche andern ganz bekannt wurden. Das Bezeigen ihrer Verwandten erbitterte sie, und sie wussten nichts als zu weinen und zu murren. Sie wollten lieber in ein Kloster, als zu ihrer Base. "Ach, Mademoiselle Hofen, was wurden Sie thun?" Der Gedanke von einem Kloster, den sie hatten, gab mir den von dem Orden der englischen Fraulein, die keine ewige Gelubde thun, und sich mit der Erziehung beschaftigen. Ich sagte der altern, dies wurde ich wahlen, weil ich meine Talente nicht nur fortuben, und also das gewohnte Vergnugen immer geniessen, sondern mir auch durch dieselben in dem Orden Verehrung und Ansehen erwerben wurde; weil Eltern ihre Kinder um so lieber dahin gaben, wenn sie sie unter der Aufsicht einer selbst so wohl erzogenen Person und von so vielem Verstande wussten. Ich wurde lieber meine Gefalligkeit und Geduld auf die jungen Kostgangerinnen verwenden, die unter meinem Willen stehen wurden, als fur ubermuthige Verwandte. Es ware ein ehrenvoller Stand. Der Dank so vieler Familien; die Achtung einer ganzen Stadt und Landes, neben der Freyheit, herauszutreten; der beybehaltene Umgang mit aller Gattung guter Menschen, vornehmen und geringen; ja selbst die schone Kleidung, in der die Gestalt und Bildung eines jungen Frauenzimmers noch viel edler sich zeigte, als im schonsten franzosischen Putz etc. sie wurde nicht langer abhangig seyn, als bis man sie kennen wurde.

Dieses Gemahlde gefiel. Ich musste es auf allen Seiten darstellen. Die Aeltere entschloss sich zu dieser Wahl, und ist in der That ganz vortreflich geworden; und ihr Stolz machte sie alles thun, um Beyfall und Dank zu erwerben.

Die jungere wollte das nicht; war aber verlegen, und hatte eben so viel Widerwillen gegen die Stadt und Bekannte, als die altere. Meine Phantasie diente auch ihr, indem ich sagte: dass ich meinen Namen verandern und zu einer grossen Dame als Kammerjungfer gehen wurde, deren Gunst ich mir, durch meine Geschicklichkeit in Putzsachen, durch meine Aufmerksamkeit, meinen Verstand und sehr eingezogenes Leben dabey, sobald erwerben wurde, dass ihr niemand lieber seyn sollte, als ich. Dann suchte ich allen im Hause Gutes zu thun, das Eine zu entschuldigen, das Andre zu warnen, dem Dritten eine Belohnung zu erhalten. Meine Stimme, meine Mandor, hielt ich lange verborgen; spielte und sange nur, wenn fast Niemand zu Hause ware. Jeder Schritt, den ich thate, musste durch Klugheit, Tugend und Gute bezeichnet seyn; machte mich aber mit Niemand, als mit meiner Dame vertraut, fur deren Ruhe, Anmuth und Nutzen ich aufs ausserste bedacht ware; so dass ich ein wichtiger Theil ihrer taglichen Gluckseligkeit wurde, und im ganzen Hause als Wohlthaterinn verehrt ware. Bey dem sanftesten Gemuth, die sorgfaltigste Hochachtung fur mich selbst; und ehender die Bemuhung, meine Reize zu verbergen, als zu zeigen. Gern ging 'ich, wo Kinder waren, denen ich Blumen mahlte und dann es sie auch lehrte. Wie viel Nutzliches und Ruhmliches konnte ich nicht da thun! Das Romantische des verborgnen Namens, der halb versteckten Schonheit, der Verehrung wegen ihrer Gute, und das Staunen uber ihre lang heimlich gehaltene Mandor und artige Stimme, trocknete auch dieser ihre Thranen. Mein Oheim und ihr alterer Bruder besorgten durch auswartige Freunde beyde Platze. Aus dem Hauschen, worinn die ganze Verlassenschaft bestund, wurde so viel geloset, dass sie sich ihren Absichten gemass aussteuerten und ein Paar hundert Gulden zum Nothpfennig behielten. Die Jungere ist gar herrlich geworden, weil sie, im ersten Jahr ihres Diensts, mit ihrer Wiener Dame nach Brussel kam. Der zweyte Sohn ging in Kriegsdienste, die der Dritte auch ergreifen wollte, wenn er erwachsen ware. Der Aelteste, der eine kleine Pfrunde besitzt, nahm ihn zu sich: und so wurden diese Kinder alle, durch den kleinen sanften Bug ihrer Eigenliebe, gluckliche und nutzliche Menschen; besonders die Madchen, von denen ich Ihnen noch dank- und liebevolle Briefe weisen konnte.

Julie soll ihren Freundinnen schon jetzt von der Lebensart, die sie einst fuhren mussen, mit Hochachtung reden, und sie durch sanfte Stufen hinunter leiten, ihren massigen Unterhalt in der Ebene anzupflanzen.

Zweiter Theil

Vier und sechzigster Brief

Madame Guden ist eine sonderbare Erscheinung in unsrer Weiberwelt. Ich habe Ihnen geschrieben, dass sie niemand suchte, als unsere beyden Mahler und den Kupferstecher. Nun kann ich Ihnen melden, warum sie dieses that.

Ich fand sie heut munter, und glanzend von inniger Freude. Sie ist schon, sehr schon, wenn die Farbe der Heiterkeit des Geistes ihre Zuge belebt. Sie umarmte mich zartlicher, als jemals.

"Meine Liebe. Sie mussen heut eine gegenwartige und zukunftige Freude mit mir theilen. Ein edles Herz kann nichts allein geniessen. Ich fuhl es, ich muss einen Freund, oder eine Freundinn haben, denen ich sagen kann:

i c h b i n i m P a r a d i e s e ."

Sie fuhrte mich in ihr Zimmer; da waren drey Kasten von Pappendeckeln auf einem grossen Tisch Sie wies darauf.

"Hierinn, Rosalia! ist Erndte und Saamen von Gluckseligkeit fur mich."

Ich antwortete ihr, dass ich sehr erfreut ware, dieses zu horen; denn so geniesse sie auch einmal, was sie Andern gabe. Sie druckte mich mit einem Arm an sich, mit dem andern hob sie einen Deckel auf, und nahm ein Papier weg. Da sah ich das Bild eines bluhenden Baums und die Aufschrift F r u h l i n g s B i l d e r fur den altern Sohn des Herrn von Pindorf. Sie blickte dabey durchdringend auf mich.

"O, Madame Guden! wo ist Ihr Zorn gegen Pindorfen hingekommen!" "Zorn! Rosalia, Zorn? Ist der Schmerz der Liebe Zorn? Oder glauben Sie, dass aus einer Seele, wie die meinige, eine Leidenschaft so leicht auszurotten ist? Was ware meine Liebe gewesen, wenn ich nicht Entschuldigung der Fehler, die mich beleidigten, gesucht und einen Schleyer uber das mangelhafte Stuck meines Gotterbilds geworfen hatte! Vielleicht ist auch ein kleiner Anfall von Rache dabey. Denn wenn schon der Ton der Bilder und die reichen Geschenke, mit denen ich sie begleiten werde, dem Herrn von Pindorf ein Beweis meiner daurenden Zartlichkeit seyn mussen, so sagen sie auch zugleich: dieses gefuhlvolle Herz, dieser erfinderische, geschmakvolle Geist und das Vermogen dieser Frau ware dein und deiner Kinder gewesen, wenn du den wahren Werth dieser Liebe erkannt hattest. Das mag aber seyn wie es will; mein Gedanke ist vortreflich gerathen, und die funf Leute, so daran arbeiteten, stehen nun zusammen, um dies, was ich zeichnen und mahlen liess, in Kupfer zu stechen und damit zu handeln. Von mir haben sie so viel verdient, dass sie den Verlag bestreiten konnen Sehen Sie, der gute Erfolg meiner Erfindung und die Aussicht auf den Gewinst dieser Leute ist Erndte. Dies, was in dem Geist der Kinder von Pindorfs an Kenntnissen und an Freude ihrer Herzen uber die schonen Bilder entstehen wird, ist Saame von Gluckseligkeit. Und, Rosalia! ist nicht jeder Beweis der Liebe, Genuss, hochster Genuss?"

Nun fing sie an, mir die Bucher zu zeigen. Sie hat der Bruder ihre so mit einander verbunden, dass immer einer den andern nothig hat, um das Ganze einer Vorstellung zu wissen; und sie denkt dadurch eine Grundlage zu der Ueberzeugung des Nutzens der Bruderlichen Freundschaft zu stiften.

Ich will Ihnen einige Bilder davon beschreiben, und die Bucher mit den Zahlen 1. 2. 3. bezeichnen, wie sie bey den Kindern folgen; nur nicht so vollstandig, als ich sie sahe.

1.) Das Erste ist eine Landschaft nach Kleists Fruhling. Trube Wolken, die sehr vom Winde getrieben werden aber auf einer Seite die Sonne, deren Strahlen auf einem Berg mit Schnee bedeckt fallen, den sie schmelzen, wovon ein wilder Strom entsteht, der den Fluss anschwellt. Dieser fuhrt Eisklumpen mit sich. Von Pindorf steht mit seinen Kindern auf einem Altan und weisst ihnen dieses. An dem Ufer des Flusses sind Bauern, die mit starken Stangen die Eisklosse abzuwenden bemuht sind.

Die Zeichnung und dann die Haltung der Farben ist ausserst richtig und wahr. Auf das weisse Blat, gegen den Bildern uber, schreibt Frau Guden selbst eine Art Auslegung davon in einem einfachen und eindringenden Ton der Seele.

2.) Im zweyten ist es schon belebter. Ein Theile des Dorfs. Der Himmel ist freundlich. Ein Bauer bessert seinen Pflug, einer die Hecke seines Gartens, ein dritter hilft dem Wagner eine Speiche in ein Rad machen.

3.) Buch des Madchens. Da ist die Baurinn, welche nun durch das neu wachsende Gras, Hofnung zu mehr Nahrung fur ihre Kuhe, und also auch zu mehr Milch und Butter hat; raumt ihr Milchstubchen, saubert und ordnet alle Milch- und Kasegefasse.

1.) Bauern im Felde, die die Graben der Wiesen und Aecker austiefen. An einem grossen Stuck steht ein Pachter, mit seinen Knechten und verabredet den Anbau der ubrigen Felder, nachdem er mit der Wintersaat zufrieden scheint.

2.) Baum- und Gemusgarten, wo man beschaftigt ist, das Moos und die Raupennester wegzubringen. Von beyden wird etwas durch ein Vergrosserungsglas betrachtet. Man grabt die Bette im Garten und macht sie eben.

3.) Der Blumengartner reinigt leere Blumentopfe. In einem Glashause sieht man inlandische Blumen, dann Zwiebeln, Wurzeln und Saamen davon. Allerley Gartenarbeitgerathe werden vorgesucht und geordnet.

Herr von Pindorf sagt seinen Kindern: Diese Leute machen Entwurfe und Anstalten, zu arbeiten und wir, zum Vergnugen. Wir wollen aber sorgen, dass unsre Fruhlings Zeitvertreibe uns eben so nutzlich werden, als diesen rechtschafnen Leuten ihre Bemuhungen.

1.) Hier ist ein Spaziergang auf das Feld. Herr von Pindorf erklart seinen Kindern das Pflugen und Saen, und redet zu ihnen mit vieler Achtung vom Ackerbau und den Bauern.

2.) Schone Wintersaat, Kleefelder und Graswiesen; Dabey eine Heerde Vieh. Herr von Pindorf weist auf das eine und andre:

"Hier, Nahrung fur uns; da, fur unsre guten Kuhe und Pferde."

3.) Saamen zu verschiedenem Gemuse. Was jedes am liebsten isst, damit besaet es ein Stuckgen.

1.) Sie sehen Baume pfropfen, aushauen, biegen und anbinden; lernen sie auch kennen.

2.) Erste muhsame Arbeit im Weinberg. Bewunderung des kostlichen, uberfliessenden Safts, durch das dunne unscheinbare Holz der Reben.

3.) Der Baumgarten in voller Bluthe, und ein artiger Reihentanz von mehreren Kindern um bluhende Baumchen, die man in die Mitte des Baumgartens stellte. Alle Kinder haben Strausse von Obstbluthe auf den Hutchen. Die Musik ist eine Schalmey.

1.) Brut verschiedener Vogel, und Art ihre Nester zu bauen.

2.) Raubvogel in der Luft und auf dem Wasser.

3.) Taubenzucht und Hunerhof.

1.) Spaziergang in den Wald bey dem ersten Grun, wo ihnen die mancherley Arten von Baumen und ihr Nutzen gewiesen wird.

2.) Ein Teich mit Enten. Schonheit und Munterkeit der Vogel kommt viel von ihrer Reinlichkeit.

3.) Milch- Butter- und Kase-Zubereitung; mit einer, dem kindlichen Alter angemessenen Beschreibung des Nutzens des Rindviehes, wahrend die Kinder in dem Baumstuck Milch essen.

1.) Fischerey mit dem Angel an einem Bach nach Thomsons Fruhling.

2.) Schaafherden, Schaafschur; kleiner Auszug der Woll- und Webereygeschichte, Spinnerey und Weberstuhle.

3.) Die Tochter hat die Seiden-Wurmer; ihre kurze Geschichte, Bandweberey. Hier folgen durchaus schone Bilder von allen Seiden- und Wollarbeiten, nebst einer deutlichen, kindlichen Erzahlung von den wunderbaren Eigenschaften der Safte der Pflanzen, und dem Dienst, Nutzen und Vergnugen, so die Menschen durch ihren Verstand und Geschicklichkeit daraus ziehen; dass der Saft des Maulbeerblats in dem Leibe des Wurms zur Seide bereitet werde und dadurch dieses schlecht aussehende Thierchen so vielen tausend geringen Menschen Nahrung, und so vielen Vornehmen Vergnugen gebe.

Bey den Schaafen wurden die Krauter, die sie fressen, zu guter Milch, Fleisch und Wolle. So auch bey dem Rindvieh. Bey diesem entstunde auch die starke Haut, wovon alle Gerber, Schuster, Riemer und Sattler Arbeiten bekamen. Dann ist ein Bild von dem Flachs- Hanf- und Baumwollenpflanzen; dass also ihre Hemden, alles Weisszeug und ihre musselinen Manschetten auch aus Krautern herkamen. Dann der Uebergang zu den Bienen und ein schones Bild davon. Eine herzliche Wendung, wie nutzlich auch die kleinsten Thiere, wie sehr schatzbar die Menschen sind, welche sich mit Verarbeitung all dieser Sachen, zum Nutzen und Vergnugen Anderer beschaftigen. Dann fangen die Bilder alles dessen an, woraus ihre Geschenke bestehen.

1.) Silberbergwerk. Stuffen davon, und wie es gelautert wird.

2.) Goldarbeiter, der eben an den Gefassen arbeitet, die sie bekommen.

3.) Porcelanfabrik und Magazien. Es wird aus Stein, Sand und Salz gemacht; so wie auch

1.) Glas und Spiegel

2.) Die schonen Farben in ihren Malerkastchen bestehen auch aus Erde, Metallen, und dann auch aus Krautersaften.

3.) Zimmer eines Malers. Aus der Mischung zweyer Farben entsteht die dritte.

1.) Mahagony Holz; dessen Heimath. Etwas von Schiffarth und Flussen

2.) Schreiner und Drechsler. Diese haben die Risse und einzelne Stucke ihrer Schreibtische vor sich; dabey wird beschrieben, was diese Leute im Grossen, im Hause und auch zu ihren Spielsachen verfertigt haben.

3.) Die Tochter hat allerley Stik- Nah- und Webereygestelle, wo Madchen sitzen und arbeiten, an lauter Sachen, welche die kleine Pindorf geschenkt bekommt.

Der schone Lichtschirm, den Frau Guden fur Pindorfen webte, ist da aufgespannt und man sieht die Worte: E w i g e F r e u n d s c h a f t , die im Englischen hinein gewebt sind, um die ein Kranz von vergiess mein nicht, gebogen ist

1.) Allerley Spiele von Kindern ihres Alters.

2.) Bilder, was Kinder anderwarts lernen mussen oder schon wissen, die von ihrer Grosse sind.

3.) Arbeiten armer Kinder in Nadelfabriken, Wollspinnen etc. etc. Schon geputzte Knaben, die mit grossen Gebunden Bucher zur Schule gehen, worinn arm und gut gekleidte Kinder ihres Alters sind.

Der Reiche und Vornehme ist klein und unwissend, wie der Geringe. Beyde haben Sorgen und Unterricht nothig.

Die Uhrmacher; ein artiges Bild von den Uhren ihrer Schreibtische Schreibkunst; Kinder die es lernen und gerade die Linie aufschreiben.

Wahrheitsliebe und Gehorsam gegen Eltern und Vorgesetzte sind die Tugenden unserer Kindheit.

1.) Ein Gewitter. Herr von Pindorf mit ihnen am Fenster und die Erzahlung des Nutzens und Entstehens; ganz kindlich um ihnen die Furcht zu benehmen.

2.) Herr von Pindorf auf einem Hugel, die Tochter auf seinem Schooss, die beyden Sohne in einem Arm geschlossen, und mit der andern Hand auf die schone Gegend umher weisend:

"Seht, meine Lieben, wie schon aller Saamen der Erden, alle Fruchte der Baume wachsen und keimen! Moge, o meine Kinder, der anfangende Unterricht des Wissens und der Tugend, die ich mit vaterlicher Treue in eure Seelen zu pflanzen suche, auch Wurzel fassen und aufgehen! Denn Gott, der die Erde, die ihr seht, mit allen Blumen und Baumen so schon erschuf, und allen Thieren und Menschen das Leben gab, hat mir befohlen, euch zu lieben, fur eure Gesundheit, eure Nahrung und Kleidung zu sorgen, euch alles Gute zu lehren, eure Fehler zu verbessern und euch geschickt und glucklich zu machen. Wenn ich es thue, so will er mich belohnen. Versaume ichs, so wird er mich strafen; so wie er auch den Kindern, ihre Wahrhaftigkeit, Gute und Folgsamkeit zu belohnen, versprochen, und auch ihren Ungehorsam, ihre Bosheit und Lugen ahnden wurde."

Auf diese Art werden die Bucher der vier Jahres Zeiten eingetheilt, immer das Bedurfniss des Vergnugens und der Erhaltung, mit der Liebe des Schopfers, der Nebenmenschen und den daraus folgenden Kenntnissen und guten Eigenschaften verbunden. Auf den Winter, wenn alles Vaterlandische, was sie die gute Jahrszeit uber selbst sehen konnten, ihnen bekannt ist, da bekommen sie auslandische Pflanzen, Thiere, Gebaude, Menschen, und was wir aus andern Welttheilen ziehen und uns der angewehnte Gebrauch nothig gemacht hat, zu sehen; und nicht einen Augenblick ist die Herablassung zum kindlichen Begriff versaumt.

Ich hoffe, diese Beschreibung war Ihnen nicht unangenehm. Mich entzuckte das alles, und ich denke, da die Liebe der Freundinn all dieses in der Frau Guden hervorbringe: so soll sie einst in meinem Herzen einen gedoppelten Gebrauch dieses Buchs fur meine eigenen Kinder schaffen. Sie will mir ein Exemplar zum Hausgeschenk geben. Aber jetzt rustet sie sich zu einer Reise nach W , welches der Wohnsitz der Herrn von Pindorf ist. Sie weiss, dass er abwesend ist, und will also nur seine Kinder sehen und ihnen die Geschenke selbst geben auch sich nach dem Ruf seiner ersten Frau und nach dem seinigen erkundigen.

"Vielleicht, sagt sie, hore ich, was mich vollends heilen kann. Denn die Beleidigung meiner eignen Liebe bewurkten es nicht. Wenn er aber gegen Grundsatze des Edlen, Wahren und Menschenfreundlichen handelt; wenn er in grossen Anlassen seines Lebens niedrig, klein und bosartig erscheint: O, Rosalia, da werde ich freylich von meiner mich abzehrenden Zartlichkeit und Sehnsucht genesen. Aber, was wird der Schmerz seyn, der mich daruber zerreissen wird!"

Sie geht unaufhaltsam dem entscheidenden Augenblick ihres Jammers entgegen.

Funf und sechzigster Brief

Madame Guden an Rosalien

Ich bin, meine Freundinn, sehr wohl in W* angelangt. Aber Herr von Pindorf ist nicht da, sondern, nach der allgemeinen Vermuthung, auf einer Reise, von welcher er eine zweyte Gemahlinn mitbringen wird. Seine beyden Sohne und seine Tochter sind hier. Diese will ich Morgen, als eine ihrem Vater bekannte englische Dame, besuchen, und ihnen die artigen Sachen geben, welche ich diesen Winter fur sie zubereiten lassen. O, wie unruhig ist heute schon mein Herz! Kinder von Pindorfen werde ich morgen an meine Brust drucken! Kinder von Pindorfen! und ich bin nicht ihre Mutter! Wie sorgfaltig werde ich die Zuge aufsuchen, die mir die seinigen zuruckrufen! Ich werde gewiss das Bild seiner ersten Gemahlinn da finden, und auch darinn noch spuren, ob sie alles Andenken an mich ausloschen konnte ob sie viel Geist hatte und gute Mutter war?

O! mein Kind, er wahlt nun wieder eine Andere an ihrer Stelle! Dies ist Beweis, klarer Beweis dass mein Bilo aus seinem Herzen entwichen ist.

Sehen Sie, wie immer noch Hofnung und Niedergeschlagenheit in mir wechseln. Dieses Fieber meiner Seele muss einmal aufhoren. Ich werde sehr abgemattet seyn, aber doch endlich ruhen.

Den zweyten Abend in W**

Ich sah diesen Vormittag alles, was an guten Gebauden hier ist; und um zwey Uhr ging ich zu den Kindern des Herrn von Pindorf. Meine Schritte wankten, als ich die Stiege hinauf ging; und wie viele Muhe hatte ich, meine Thranen zuruck zu halten, als ich die drey guten Geschopfe, schon geputzt, in der Begleitung ihrer Warterinnen und eines geistlichen Hofmeisters, oben an der Stiege der vornehmen fremden Dame ihre Bucklinge machen sah!

Es sind sieben Jahre, als ich von Pindorfen getrennt wurde. Er hat einen Sohn von sechs, einen von funf Jahren und ein liebes, ihm gleichendes Madchen von vieren. Der alteste Sohn und die Tochter haben die empfindungsvolle Miene des Vaters. Der schone Knabe von funf Jahren ist voll Munterkeit und soll seiner Mutter gleichen.

Ich nahm den Aeltern und die kleine Henriette bey der Hand. Sie fuhrten mich in das grosse Ansprachzimmer so ganz weiss lackirt ist, und nichts als vier schone Landschaften uber den Thuren und die Bildnisse des Herrn von Pindorf und seiner Gemahlin in Lebensgrosse hat. Diese nehmen die ganze Wand zwischen zwey Thuren ein, und stellen eine getreue Nachahmung meines Gedankens vor, da ich in dem Garten zu Stow den Herrn von Pindorf mit dem schonen Auedruck seiner Seele zeichnete; nur dass anstatt meiner Dame, seine Gemahlinn; und fur Herrn von R**, einer der liebsten Freunde des Herrn von Pindorf hier vorgestellt ist; ich aber mit meiner Zeichnung der Gruppe, in Mannskleidern. Meine Freundinn, dies Gemalde war noch Wurkung seines zartlichen Andenkens an mich; und meine Verkleidung als Mahler, war gewiss feine Schonung der Empfindlichkeit seiner Gemahlinn.

Ich hatte alle Fassung meines Geistes nothig, besonders da der kleine Sohn sagte: "Hier macht der Papa gemahlt seine Aufwartung. Die Mama kanns gar nicht, denn sie ist gestorben." Ich hatte mitlerweile ihr Bild betrachtet.

Sie war hochst liebenswerth, und ein edles Schmachten liegt in ihren Zugen. Ich zog den Knaben an mich und kusste ihn, wahrend ich mit dem andern Arme die Tochter und den altern Sohn umfasste. Ich konnte mir nicht mehr helfen.

Ich im Hauss des von Pindorf! Seine Kinder in meinen Armen, sein Bild vor mir, und in diesem Bilde ein Beweis, dass ich und meine Talente ihm werth waren! Das Bild seiner Frau, dass er seine Liebe fur mich opferte, und deren Ruhe mir so heilig war, dass ich niemals das geringste that, um seine Zartlichkeit zu erneuern.

Ach wie froh bin ich, es nicht gethan zu haben! Ich ware durch ihren Anblick gedemuthigt und beschamt worden; denn gewiss, sie verdiente sein ganzes Herz! Nun kann ich sie anschauen und bedauren, dass sie diesen Schatz nicht langer besass; ich kann ihren Geist als Zeugen denken, wenn ich eins ihrer Kinder umarme.

Gewiss, selige Mutter dieser drey lieben Creaturen, gewiss habe ich niemals keinen Wunsch gethan, der gegen deine Gluckseligkeit gegangen ware!

Nur nachdem du tod warest und ich frey, verlangte ich, deines von Pindorfs Liebe geerbt zu haben. Du hattest mir gewiss sein Herz gegonnt, wenn du mein Bestreben gesehen, des wurdigen Mannes Tage zu verschonern. Meine Liebe, meine Sorge fur Deine und seine Kinder, wurde mir Deinen Segen erworben haben. Nun wird all dieses der Antheil einer Andern! Ach moge sie seyn, was ich fur ihn gewesen ware! Meine Freundinn! ich dachte hier mit Klopstok: Sie ist glucklicher, aber nicht edler!

Die Warterinnen und der Geistliche betrachteten mich mit Verwunderung. Diesen Grad von freundschaftlicher Empfindsamkeit hatten sie niemals gesehen. Noch mehr aber staunten sie, als mein Bedienter meldete, die Kasten waren da; und ich die Kinder bat, mich in ihre Stube zu fuhren, oder ob sie die kleine Sachen aus England, die ich fur sie hatte, in diesem Zimmer sehen wollten?

"O, hier sagte der muntre Kleine; da siehts der Papa auch."

Ich merkte zugleich, dass es den Warterinnen lieber ware, und liess also die Kasten bringen. Jeder war mit dem Namen desjenigen gezeichnet, fur den er gehorte; und da sie mit Schiebdeckeln gemacht sind, konnte man sie leicht offnen.

Jeder der Sohne hat einen artigen Schreibtisch nach seinem Alter von Mahagonyholz, mit einer schonen Uhr, die darinn fest gemacht ist, um ihre Arbeitstunden zu zahlen; Schreibzeug, Reisszeug von Silber, Farbenmuscheln und Zubehorde in einer Schieblade; in einem Seitenfach ein Waschbecken und Kanne, kleines Suppenkumchen, zwey Leichter, Teller, Becher, Thee- und Messerzeug auch von Silber, und artige Porcelanschalen mit dem Namenszuge, nebst einem Bande von den Buchern die ich malen liess.

Die kleine Henriette bat einen Nachttisch, der auf einer Seite aufgeschlagen ist; der Spiegel und alles nothige dazu, nebst einen Fruhstuckgeratbe wie ihre Bruder. Auf der andern Seite alles, was zu Frauenzimmerarbeiten und auch zum Zeichnen und Malen gehort, nebst ihrem Buche. Ich muss selbst sagen, dass es schon und reizend fur die Kinder aussah. Die englischen Schnallen, Knopfe und Spazierstocke freuen die Knaben eben so sehr, als das Madchen der Huth und englische Kinderputz. Dann wies ich ihnen den Auszug der englischen Landkarte, auf welcher ich allein die Stadte und Landhauser bezeichnet habe, die ihr Vater durchreiste, und die Blatter der Merkwurdigkeiten, die ihm besonders gefallen hatten; das Haus, worinn er in Londen gewohnt und, nach meinem geheimen Tagbuche, diejenigen, wo er uber diese oder jene Wissenschaft gesprochen und viel Lob erhalten hatte. Ich redte ihnen von dem Gluck, einen solchen Vater zu haben, und wie lieb man sie einst in England haben wurde, so bald man nur nach ihren Namen denken konnte, dass sie seine Sohne waren. Endlich gieng ich weg, nachdem ich durch meinen Bedienten versichert war, dass der Hofmeister und die Warterinnen ihre Geschenke in ihren Zimmern finden wurden. Und nun glauben Sie, dass meine Seele in der aussersten Bewegung gewesen sey. Aber, die Freude, die ich den Kindern gemacht; das susse Vergnugen, ihnen von ihrem Vater zu reden; alles Gute, was ich nach der Physiognomie des Gemahldes von ihrer Mutter ihnen sagte, goss lindrendes Oel in mein zerrissenes Herz. Doch mochte es wohl die Wurkung haben, die bey den sturmischen Wellen der See bemerkt wird, wo es nur die Fluten besanftigt, die das Fahrzeug am nachsten umgeben; und wenn dieses uber die Oelichte Flache weg ist, wird es mit doppelter Gewalt hin und her geschlagen. Mag es! Ich habe doch eine neue Art schmerzhafter Freude genossen! Nun bin ich mude, und will schlafen gehen.

Dritter Tag in W**

Noch einmal war ich im Hause des Herrn von Pindorf. Der Geistliche kam heute fruh um fur seine Zoglinge, fur sich und die Warterinnen zu danken. Ich fragte ihn um die Gemuthsart der Kinder und das was sie lernten. Er gab mir ganz befriedigende Antworten auf alles, was ich von den Kindern, besonders aber, weil ich sie liebte, was ich von seinem Charakter-wissen wollte. Der Plan des Unterrichts ist gut; aber nur lauter verwendete Gedachtnisskraft. Fur die Empfindung beynahe nichts und dabey sehr streng anhaltend. Ich bat ihn auch um Milderung, und redte fur die Rechte der Natur und Kindheit. Ich ging mit ihm ins Haus und musste da ihm die Freude geben eine kleine Prufung anzuhoren. Ich ass mit ihnen zu Mittag, und zeichnete dann jedes auf dem vordersten Blatt ihrer Bilderbucher ab. Ich weiss mir vielen Dank fur diesen Wintereinfall. Die Arbeiter hatten Verdienst, ubten ihr Talent und bekamen neue Ideen. Diese liebe Kinder sind so glucklich bey den Bildern. Auf dem Blatt, wo ihr Vater vorgestellt ist, da er ihnen die pflugenden Bauern weisst und sie von dem Ackerbau unterrichtet, kannten sie ihn gleich und sagten, sie waren mit ihm auf dem Felde gewesen. "Der Baum da, und die Hauser dort," wiesen sie mit ihren Fingern, "sind nicht da gewesen. Aber hier war die Ecke von unserm Garten; und da ein Berg, wo man des Papa Haus in der Stadt sehen kann; und hier, sagte der Kleine, eine Hecke, wo ich mich verstekkte."

Es ergozte mich innig, zu sehen, wie sie meine Landschaft umarbeiteten und in ihrem Gedachtniss jeden Eindruck des genossnen Vergnugens oder Bewundern wieder fanden.

Aber ich muss mich losreissen. Mein Herz heftet mich zu sehr an die holdseligen Geschopfe. Morgen will ich in die Gegend des Schlosses Mahnheim. Dort ist der Lieblingsspaziergang Pindorfs, in den Zeiten, wo er Einsamkeit nothig hat.

Ach dieses ist jetzo ein Bedurfniss meiner Seele geworden. Einsam, ganz einsam mochte ich wo seyn! vielleicht wurde mir da ganz wohl, wenn ich mich einige Zeit allein immer um eine Idee herum wande, so wusste endlich ein Widerwillen entstehen, und ich nach andern Gutern mich umsehen.

Die guten Kinder baten mich, Morgen wieder zu kommen. Ich sagte aber, nun musste ich, wegen meiner Gesundheit weiter reisen; aber im Sommer wolle ich neue Bucher schicken und sie dann wieder besuchen, wenn sie noch ferner meine Freunde seyn wurden.

Ich empfahl sie innig ihrem Aufseher, und mein Abschied war mir empfindlicher, als Sie denken konnen.

Sechs und sechzigster Brief

Madame Guden an ihre Freundinn

Gestern fruh riss ich mich von dem Wohnsitz, von den Kindern und dem Bildniss des Herrn von Pindorf los, um an den, zwey Stunden von dort liegenden Ort zu kommen, den ich ihn hatte nennen horen, und welcher der Uebergang zu einer Anhohe ist, die er liebt. Mit was fur Eile ging ich hinaus! und was wurden all diese Gegenstande fur mich, als ich mir sagte:

Diese Baume, diese entfernten Gebirge, den Hugel da, die Bauerhutten, diese Steine voll Moos an dem kleinen Bach, alles dies hat er mit seiner so tiefempfindenden Seele mit sussem, einsamen Nachdenken betrachtet! Sein schones Auge sah hier um sich, ruhte auch auf der Wiese von dem starken Umherschauen aus. O, wie lange habe ich keine Gegenstande gesehen, die Er sah! Ich dachte mich naher bey ihm, vereinter mit ihm. Meine Seele umfasste mit inniger, nie so gefuhlter, reiner, hoher Liebe die ganze Gegend.

Ich dankte ihr mit Thranen der wahren Zartlichkeit fur die erquickenden Augenblicke, die sie dem edlen, einsamen Spazierganger gegeben hatte. Sanfter Friede und unruhige Wunsche wechselten in mir ab, bis ich die Anhohe erblickte die ich suchte. Ich war allein, denn ich wollte keinen Zeugen meiner Schritte, keinen Beobachter meiner Gemuthsbewegung um mich haben.

Ach! wusste man, wozu mich die allgewaltsame Leitung meiner Liebe fuhrt, wie wurde man mich tadeln, weil ich aus dem gewohnlichen Pfade gehe! Aber sagen Sie, sind die tausendfachen kleinen, oft niedrigen Wege und Ranke, in die sich andre abhangige oder arme Geschopfe einlassen, um ihr Herz zu befriedigen, sind sie edler und besser, als dies was ich thue, weil sie alle Tage ausgeubt werden? O, meine Freundinn! Lieben Sie immer das wahre, ausserordentliche Weib, wie Sie mich einmal nannten, die Muth genug hatte, ihr Gold, und ihre Freyheit zu ungewohnlichen Handlungen der Menschenliebe zu verwenden, und die niemanden zur Rechenschaft forderte uber das was er, und wie er es that; aber sich hin legen auch nicht verbunden achtete, das, was sie thun wollte nach angenommenen Modellen zu formen. Denken Sie immer an den Aufschluss, den ich Ihrem Staunen uber mich gab:

Dass in mir verschiedene charakteristische Theile der moralischen Welt vereinigt waren, die bey vielen Personen nur einzeln angetroffen, oder durch die Umstande unterdruckt und in der Thatigkeit gehindert wurden; und dass bey mir naturliche Anlage, Erziehung, Glucksumstande und Unabhangigkeit zusamen trafen. Jede meiner Gesinnungen und Handlungen sind willkuhrlich und frey, wie mein Gang auf den Berg, an dessen felsigten Seite die Ueberbleibsel eines alten zerfallnen Schlosses sind.

Immer machte ein solcher Anblick eine sonderbare Wurkung auf mich: Verganglichkeit menschlicher Gewalt, Wunsche, Freuden und Muhe; Entwurfe, ausgefuhrte Arbeiten. alles was jetzo noch meine unsterbliche Seele so bewegt, anspannt und ihr Gefuhl von Kraft giebt, neue Bilder und Sachen zu denken und zu schaffen, alles dies war in dem Besitzer dieses Hauses, der den ersten Stein hier legte und sich des Segens seines spatesten Enkels freute, dass er ihm die stattliche Burg gegen Feinde, in der herrlichen Gegend, erbaute. Jetzo lebt entweder der Enkel nicht mehr, der ihn segnen sollte, oder er blickt nur ungefehr im Vorbeyfahren, wenn er nach seinem neumodischen Pavillon eilt, mit Verachtung auf die Ueberreste des Wohnsitzes seiner Ahnen. Dennoch redlicher Stammvater, warest du glucklich! Du starbst mit der Ueberzeugung, dass deine Entwurfe und Hofnungen fest, wie die Grundpfeiler deines Hauses waren. Und ich? Ach, meine Plane von Gluck und Vergnugen seh ich vor mir zerrissen und zerstreut! All dieses hatte mich auf einer Seite aufgehalten. Ich ging nun herum, einen Fusspfad zu suchen, denn ich wollte zu den Ueberresten hinauf. Ich sah an einer noch stehenden Wand gegen Mittag grosse und kleine Baume. Zwischen abgefallenen Mauerstucken rieselt eine Quelle reinen Bergwassers herab, dessen kleiner Weg mit frischen Krautern bewachsen ist. Nach einer kurzen Wendung zwischen Ulmen, nahm ich mein Fernglas um nochmals recht hinauf zu sehen und, wo moglich, Spuren eines Steigs zu entdecken. Da erblickte ich zwey Ziegen, die nahe an den Ruinen weideten; und nicht weit davon, zwey Kinder von sechs bis sieben Jahren, auf einem Stein sitzen, von welchen das Eine strickte und das Andre spann Dieser mir bisher unwirthbare verlassne Fels zeigte nun auf einmal, dass er Thiere nahrte und der fruhen Arbeitsamkeit dieser Kinder einen Sitz anbot. Meine Seele wurde mehr bewegt, als wenn ich eine Erscheinung des Genius der alten Schlossherren gehabt hatte. Endlich erkletterte ich einen Theil und kam auf einem guten Pfad auf die Flache des Bergs. Die Kinder hatten mich kommen sehen und liefen mir zu.

"Nein," sagt das altere, so ein Knab ist, "es ist nicht der gute Herr."

"Aber," sprach ich gleich, "ich bin seine Base," und gab Jedem ein Stuck Geld; ging etwas vorwarts an dem Stuck Mauer, bis an die Oeffnung welche die eingefallenen Stucke machen, und sah den Platz, der ehmals den Schlosshof vorstellte. Eine Seite ist ganz offen, die andre mit Schutt bedeckt, die dritte und vierte haben hohe, dicke Mauern, in deren Schlusswinkel ein Strohdach festgemacht ist, das eine halbe Hutte decket. Ich fragte die Kinder, wo sie her waren? "Von hier" sagte der Knabe und wies auf die Hutte. Ich sah mich ausser dem Hof um da ist kaum ein Paar Elen breit ebner Boden. Aber auf den zwey Seiten ist er mit Korn besaet; und da wo ich von unten Baume gesehen, sind Waldstamme. Aber auch zugleich ist mit unsaglicher Muhe Schutt abgeworfen; Der Platz, der ehedem eine Halle des Schlosses gewesen seyn mag, eben gemacht, an dem Ende gegen den Abhang des Bergs eine Reyhe Steine als Brustmauer gelegt, Erde auf das Uebrige getragen, und Obstbaume und Gemuse darauf gepflanzet, die alle reich und gut stehen.

Der Ort, wozu dieser Burgplatz gehort, ist eine starke Viertelstunde davon, und sonst nirgend kein Nachbar umbet. Die Bildung der Kinder ist sanft und schon, aber von der Sonne verbrannt, voll Spuren, dass sie gutartigen Eltern gehoren. Grobe, aber reinlich leinene Wamschen und Hemden sind ihre Kleidung. ohne Strumpfe und Schuhe; nur die Fusse mit alten Lappen umwickelt. Ich fragte, wer ihr Vater ware und wo er sey?

"Er ist." sagte der Knabe, der dabey immer fort strickte, "ein armer Gartner, und meine Mutter hat ihm heut geholfen, Gemus und Blumen hinunter tragen zum Verkauf. Dafur bringt sie Brod und Mehl zuruck"

Das Kind redte einfach aber gut. Mein Staunen und meine Bewegung nahm zu.

"Wie viel Kinder seyd ihr denn?"

"Viere. Eins schlaft noch in der Hutte, und das Kleinste hat die Mutter auf der Trage mitgenommen, denn es trinkt noch ihre Milch."

"Wem gehort dieses Korn hier?"

"Uns. Mein Vater hat umgegraben und ich hab geholfen. Hier," (da nahm er mich bey der Hand und wies mir mit der seinen ein mit kleinen Steinen rings um gezeichnetes Stuck mit Korn) "hier hab ich das Korn zu meinem Brodt selbst gesaet. Es steht recht hubsch, nicht wahr! Gott wird mir es auch behuten."

Er lachelte sein kleines Feldchen so zartlich an, sah mit so unschuldvollem Blick gen Himmel als er Gott nannte, dass mein Herz schmolz, und Thranen traufelten uber seine Hand und sein Korn. "Ja mein Lieber, gewiss wird Gott deinen Fleiss segnen und du wirst eine gute Eindte haben."

"O! sagt er, ich thu auch alles selbst schneiden und auslesen; da soll mir kein Kornchen verlohren gehen." Hiebey machte er mit Eifer eine sorgfaltige Miene und mit den Fingern die Bewegung des Auskornens mit der unnachahmlichen Wahrheit, die aus dem Gefuhl des Bedurfnisses und der Versicherung der Nahrung entstund. O, wie rein sind die ersten Zuge der Menschheit in diesen einsam erzogenen Kindern! Aber nun fing das Madchen auch an zu sprechen.

"Ich hab auch gesaet mit der Mutter. Dort, wies sie mit dem Finger, wachst unser Flachs." In der That, abwarts umher, ist ein Streif von etwa drey Ellen in der Hohe, an zwey Seiten mit Flachs und Haber besaet.

"Von dem Haber und Leinsamen bekommen im Winter die Vogel," sprach der Knabe, aber wir fangen auch weiche, und "die Mutter kochts im Gemus. Keine Jungen aber nehmen wir nicht."

"Ja, fiel das Madchen ein, weil die armen Thiere ihre kleinen Vogelchen lieben, wie die Mutter uns liebt: so war es grausam, sie weg zu nehmen und die Alten in Kummer zu setzen."

Der Knabe sprach lebhaft: "Aber wenn sie gross und frey herum fliegen, kann der Mensch die Gewalt brauchen, die ihm Gott uber die Thiere gab. Das sagt der Vater; und da stellen wir Schlingen auf."

Sie sehen an dem Ton, wie freudig der Knabe von diesem kleinen Antheil der Obergewalt redte. Menschen Herz! wie ahnlich bist du dir im Grossen und Geringen!

"Meine Kinder, habt ihr eure Eltern nicht recht lieb?"

"O ja, von Herzen: sie sind so gut, so gut! Das," sagte der Junge, und zeigte im Fortgehen auf die grosse offene Ecke des Hofs, die mit schonen Klee bewachsen ist, "das gehort unsern Ziegen! daran haben wir aber auch alle gesat. Weil wir alle von der Ziegenmilch essen, mussen wir fur sie sorgen helfen."

Das sind keine gemeine Menschen, dachte ich. O Vorsicht! du hast sie hier geschutzt, und segnetest den Samen, den ihre Hande der Erde, und ihre Lehren die sie ihren Kindern gaben. Wenn ihr Herz sich zu dem meinigen neigt; wenn ich ihrer Tugend und Einfalt nicht schadlich bin: so baue ich mir zwey Zimmer zwischen den noch stehenden Mauern des Schlossgangs und wohne einige Zeit hier. Dies, Rosalia, sagte mein Herz, mit mehr Gefuhl von Wahrheit und Begierde als jemals in mir war.

Ich fragte den Knaben, ob er das Geld kenne, so ich ihm gegeben?

"Nein, aber er hatte solches schon gesehen; der gute Herr habe seinem Vater vorigen Sommer wie er weggangen, vier solche Stucke gegeben."

"Wie ist denn der gute Herr zu euch gekommen?"

"Ey, den Weg, wie Sie. Aber er ist geschwinder berauf gestiegen und hat sich nicht so an den Steinen gehalten, wie Sie es machten."

Indem kam ein vierjahriges Kind aus der Hutte und rief: "Lotte, Lotte, mein Brodt!" Lotte suchte gleich in ihrem Sack und zog ein Stuckchen heraus, sah es traurig an, und dann ihren Bruder. "Carl, wir haben zuviel davon gegessen" Ich war froh, aus der Dorfschenke ein grosses Stuck Brodt mit mir genommen zu haben und schnitt gleich drey Stucke davon, die ich den Kindern gab. Die zwey Aeltern liefen dem Jungern zu, das uber meinen Anblick gestutzt hatte und nicht mehr rief. Ich blieb auf meinem Platz und sah, dass die zwey Grossen dem Kleinen freundlich zuredten, das Brodt gaben, auf mich wiesen und ihm auch das Geld zeigten. Es verlangte ein Stuck. Der Knabe gab ihm seines und nahms bey der Hand um es zu mir zu fuhren. "Da Nanny, die Frau hat uns Brodt und Geld gegeben."

Ein holdseliges Madchen ist diese Nanny; fein gebildet und noch ganz weiss. Ich gab dem Knaben ein ander Stuck Geld und theilte noch etwas Brodt unter sie. Mein Messer, aus einem schonen Futteral gezogen, ergotzte sie sehr. Ich sezte mich auf einen Stein nahm die Nanny auf meinen Schooss wies Ihnen meine Uhr, und liess sie schlagen. Neues Staunen fur sie! Ich hielt sie jedem an das Ohr, und da sie die Begierde zeigten, sie von innen zu sehen, machte ich sie auf und erzahlte alles mit kurzer deutlicher Auslegung. Als ich sagte, ich konnte da sehen, wie lange die Sonne bey uns bleibe, und wie bald sie wieder komme, fiel der Knab ein: "O, das weiss ich auch! Jetzt scheint sie des Morgens um vier Uhr in unser Fenster; da steht der Vater auf, betet, und dann fort zur Arbeit. Zu Mittag scheint sie bey dem alten Thurm herein, und da essen wir, und Abends geht sie dort bey dem Berg unter, zu den andern Lemen; da stehen die auf und wir legen uns schlafen." Alle dies wurde mit der wahresten kindlichen Geberde erzahlt, wobey er immer den Ortzeigte, von dem er sprach.

Lotte sah rund am Himmel umher, und zog ihren Bruder am Ermel. "Sieh doch, Carl, hellt Nacht wird der Himmel gewiss schon. Die Frau soll da bleiben. Alle die Wolken," sie wies mit ihren Handen darnach, "werden lauter Gold und roth und blau, wie des Vaters Blumen."

"Ja," sagte der Knabe munter und treuherzig, die Hand auf meinen Arm legend, "bleiben Sie da! Im Thal und im Dorf sehen Sie den schonen Himmel, wo Gott wohnt, nicht so wie wir."

"O, wir sind auch viel naher bey Gott," sprach Lotte, und faltete dabey ihre Hande, mit einer unnachahmlichen Wendung ihres Kopfs und der Augen gen Himmel. Ihr Blick und der Ausdruck ihres ganzen Gesichts war reine kindliche Freude, uber den nahen Wohnsitz eines guten Vaters. Ich umfasste sie, mein Auge war auch gen Himmel erhoben, mit dem Gedanken: "O Gott! nirgends kanst du bessere Geschopfe haben, als diese sind!" Ich fuhr zu ihnen fort: "Liebe Kinder! ich will bey euch bleiben; wolt ihr mich haben?"

"Ja ja sagten die Aeltern" und legten vertraulich ihre Hande auf meinen Arm. "Aber," der Knabe sah gegen die Hutte "es ist kein Platz in der Hutte."

"Ey bey dir, sagte Lotte, ist viel!" "Seyd ruhig, ich will euren Vater und Mutter bitten, dass sie mir Platz geben," das war ihnen Recht. Sie betrachteten meinen Stock, meinen Huth, wunderten sich uber meine langen Haare, die ich nur zusammen gebunden hatte. Ich zeigte ihnen mein Fernglas und hiess sie durchsehen. Lotte sah gar nichts, sagte sie, und der Knabe gabs mir wieder, drehte seinen Kepf munter herum und lachend sprach er: "Ich seh so viel mehr; durch das Rohr da, sah ich nur ein klein Stuckchen," und mass es mir an seiner Hand vor. "Aber ohne dies Glas hatte ich euch nicht gesehen, sprach ich, und ware nicht zu euch kommen." Daruber betrachteten sie mein Fernglas und beruhrten es mit der Spitze ihrer Finger, mit einem Ausdruck von Freundschaft und vermischtem Zweifel. Im nehmlichen Augenblick horten sie pfeifen und, Carl! Lotte! rufen.

"O, der Vater und die Mutter!" riefen sie und liefen davon. Nanny schrie und ich trug sie, so schnell ich konnte, den Andern nach. Da ich aber die Eltern erblickte, die ihre Trage niedergesetzt hatten und mit staunender Miene der Erzahlung ihrer zwey Kinder zuhorten, die beyde zugleich sprachen und das Geld, dann auch mich zeigten: so ging ich etwas langsamer. Die Nanny aber wollte zu ihrer Mutter. Ich liess sie also hinlaufen. Die Mutter hatte mich angstlich betrachtet, so lange ich ihr Kind auf den Armen hatte. Sie fasste es herzlich in die ihrigen, und Nanny, wie ich bemerkte, erzahlte ihr auch etwas. Mann und Frau sprachen da mit einander, und ich naherte mich ihnen. Beyde untersuchten meinen Gang und Person, so wie ich auf ihre Gestalt und Physiognomie aufmerksam war.

Der Mann hat etwas uber 30 Jahre, ist gross, wohlgewachsen, aber sehr hager; eine mannliche und redliche Bildung, schone braune Augen und Haare, viel Entschlossenes in seiner Stellung.

Die Frau mitler Grosse, schlang, eine sanfte leidende Mine, susse blaue Augen; aber ihre feine Haut ist von der Sonne verbrannt und sie ist auch, wie ihr Mann, durch Kummer und Arbeit schmachtig geworden. Freude und Sorge druckte sich in ihrem Gesicht aus, als ich so nah kam, dass ich sie anreden konte. Aber die Gruppe ruhrte mich zu Thranen. Die Frau hielt ihre Nanny an einer Hand und breitete zugleich ganz instinktmassig den einen Arm uber den kleinen Korb in welchem ihr Saugling schlief. Der Mann befestigte geschwind den einen Fuss der Trage an dem abhangenden Boden mit einem Stein.

Lotte kam zu mir "Ich habe mein Geld der Mutter gegeben; und ich meins dem Vater" sagte der Knabe.

"Ihr seyd auch gute Kinder und habt gute Eltern," sagte ich freundlich und bewegt. Indem ging der Mann um die Trage herum nahm seinen Huth ab und machte mir mit Anstand, und einem Ausdruck von Zuversicht auf seine Rechtschaffenheit, eine Verbeugung, sah mich fest an, und sprach: "Ja, meine Frau, unsere Kinder haben uns das Geld gegeben, so sie ihnen schenkten. Wir danken Ihnen dafur. Aber ich bekenne, wir sind doch uber Ihren Besuch und Ihre Gute unruhig. Es kommt niemand zu uns, besonders keine Frauen."

"Ist Herr von Pindorf aus W** niemals hier gewesen?" fragte ich, indem ich wunschte und hoffte, dass er der gute Herr seyn mochte, von dem mir die Kinder gesagt hatten. Ihre Gesichter erheiterten sich bey seinem Namen. E r i s t s O , m e i n e F r e u n d i n , E r i s t s !

"Ja, meine Frau," antwortete der Mann "dieser ist voriges Jahr viermal bey uns gewesen und hat uns Gutes gethan. Aber er wollte niemand von unserm Aufenthalt sagen."

"Er hat es mir, aber sehr weit von hier, gesagt; denn gewiss dachte er nicht, dass ich jemals hieher kommen wurde. Mir ist leid, dass er sich nicht in W** befindet. Aber ich will ihn erwarten."

Sie sahen sich und mich an. Der Mann fragte mit bescheidenem Ton, wer ich ware? "Eine Englanderinn, reich, aber redlich bey meinem Golde, wie ihr bey der Armuth." Beyde schlugen die Augen zur Erde, mit einem ubergehenden Strahl von Hoffen und Nachdenken.

Meine grosste Angelegenheit war nun, ihnen lieb zu werden, so wie sie mir werth waren. Der Mann sagte: "Es ist wahr, meine Frau, wir sind arm, aber gewiss ehrlich und treu." Er blickte seine Frau an, die ihm die Hand reichte und in Thranen zerfloss. Dieses bedrangte meine Seele; und in der lebhaften Bewegung erhob ich meine Hande gen Himmel und rief aus: "O Gott! du kennest mein Herz; schenke mir das Vertrauen dieser Familie. Meine Freunde", indem ich mich gegen sie wandte, und meine Armen gegen sie streckte, "offnet mir eure Herzen! Gewiss, ach, gewiss wird es Euch niemals gereuen."

Nun kamen dem Mann Thranen ins Auge. Er umfasste seine Frau, aber etwas zitternd. "Lotte! liebe Lotte! wir trauten immer auf Gott. Vielleicht" Er hielt inne, konnte nicht mehr sprechen. Sie liess ihre Kinder los, fasste beyde Armen ihres Mannes, und ihr Kopf sank auf seine Brust. Die guten Kinder wussten nicht, was das alles bedeutete, wurden bewegt und hielten sich zusammen.

Ich umfasste alle Dreye. "Liebe Kinder! bey eurer Unschuld bey dem Weh Eurer Eltern, gelobe ich Euch allen meine Liebe und Hulfe."

Ich kusste sie und ging zu den Eltern, die mit ihren weinenden Augen gen Himmel blickten; nahm von jedem eine Hand; "Liebe Redliche! nehmt mich zu Eurer Freundin; ich werde Gott fur Eure Bekanntschaft und Eure Liebe danken."

Sie seufzten Beyde und sagten zugleich: "O, Gott!" "segne uns," fetzte ich hinzu Darauf schwiegen wir alle einige Augenblicke. Dann fing ich an: "Wir wollen vollends hinauf zu der Wohnung; da will ich Euch sagen, wer ich bin, woher ich komme und was ich thun kann und thun will. Wie heisst Er mein Freund?"

"Wolling, meine Frau."

Nun, Frau Wolling, fuhre Sie Ihre Nanny hinauf, ich helfe die Trage nachbringen. Das wolte sie nicht. Da ich aber darauf bestand, als der ersten Probe ihres Vertrauens, so nahm sie den Korb mit ihrem Saugling auf die Armen. O, wie wahr ist dieses Misstrauen auf meine Geschicklichkeit im Tragen, in dem Herzen einer so treuen Mutter! Ich nahm hingegen die Nanny: "Komm, setze du dich dahin; dein Vater und ich tragen dich spazieren."

Die Kleine sass auch ganz herzhaft da. Oben luden wir ab. Ruhrend war es mir, wie Carl und Lottchen jedes einen Laib Brodt pakten und ihn im Tragen an ihr Herz druckten, wie ich einen Freund beym Wiedersehen. Nanny nahm ein Schusselchen mit Butter, so die Frau Amtmannin ihr schickte. Ich trug einen grossen Topf Mehl und Wolling die Strohbuschel, die sie recht fur mein erstes Nachtlager gebracht hatten. Die guten Leute sahen sich da wieder mit Verlegenheit an. Endlich sagte die Frau: "Es ist bald Essenszeit, was wollen Sie machen?" Der Mann schlug Feuer und zundete auf dem kleinen Heerd Reisig an "Ey Frau Wolling, sagte ich, ich esse mit Ihr und zahle meine Kost."

"Ach, die ist schon bezahlt," und sie wies mir das Geld ihrer Lotte; "Wir haben nur Haberbrey."

"Das ist vortreflich! den esse ich gern." Aber dann hatte ich was zu uberwinden; denn sie goss Ziegenmilch in den Haberbrey, als was sehr kostliches; und ich konnte niemals den Geschmack der Ziegenmilch ertragen. Solte ich aber den guten Leuten, besonders den Kindern, Eckel vor dem zeigen, was in ihrem Elende Labsal und Wohlthat fur sie war? Nein, diesen Uebermuth meines Geldes, welches mir die Wahl der Speisen und Getranke giebt, diesen Uebermuth erlaubte mir meine Seele nicht. Ich bezwang mich um dieser guten Herzen willen; ich ass mit, und sie gonnten und segneten mir jeden Bissen. Endlich sagte der Mann, sie wolten Abends eine von ihren Huhnern fur mich schlachten. Der Knabe und das Madchen sahen sich an, fassten sich bey der Hand und gingen still, aber mit weinenden Augen fort. Ich errieth gleich, dass es die Trauer um das Huhn ware, und sagte es den Eltern. "Das ist wahr, sprach die Frau, denn unsere Kinder lieben die Huhner und Ziegen, wie ihre Gespielen."

"Es soll ihnen auch nichts geschehen," erwienerte ich und suchte die Kinder auf, welche ich bey zwey Huhnern fand, mit denen sie auf der Erde sassen und ganz traurig sie streichelten. Mein Anblick war den guten Geschopfen unangenehm. Sie senkten Beyde die Kopfe und jagten eilig die Huhner weg. "Liebes Lottchen! Carl! glaubt Ihr denn, dass ich leiden werde, dass man um meinetwillen Euren guten Huhnern das Leben nehme? O, meine Kinder, Ihr wisst nicht, wie Ihr und alles, was Euch gehort, mir so lieb ist! Ihr sollt nichts verlieren, gar nichts!"

Das Madchen fasste meinen Rock und weinte mit ihrem Kopfchen in die Ecke, die es hielt. Der Knabe lachelte mich an, und Beyde liefen munter mit mir nach der Hutte, wo sie ihren Huhnern was besonders zu essen holten, um ihnen selbst das Fest ihrer Erhaltung zu geben. Wolling und feine Frau sahen mich mit stillem Staunen an.

"Ihr wundert Euch, lieben Freunde, eine Frau, die reich aussieht, so vertraut bey Euch zu sehen. Habt nur keinen Argwohn und glaubt, dass es bey den wohlgesinnten Reichen wie bey den rechtschaffenen Armen geht. Diese Leztern sehen sich auf alle, ihrem Herzen und Verstand angemessne Art nach Mitteln um, wie sie sich erhalten konnen; und der tugendhafte Reiche sucht Gegenstande einer wohlangewandten Freygebigkeit zu finden. Ihr zwey redliche Seelen habt Euch von allen andern Armen abgesondert und lebt hier von der sauren Arbeit eurer Hande mit euren Kindern. Warum soll es nicht einen Reichen geben, der Euer Herz zu lieben weiss, und der just auch ein abgesondertes Leben, wo er nach seinem Sinn handeln kann, allen grossen Stadten und Gesellschaften vorzieht?"

"Ach, meine Frau! wie ist es moglich dieses so gleich zu denken?" sagte Frau Wolling.

"Wie bedaure ich uns Reiche, wenn es den tugendhaften Armen so schwer fallt, was besonders Gutes von uns zu glauben!"

"O, von Ihnen glauben wir alles," sprach der Mann. "Sie sind, wie einige fromme Damen in Frankreich; die gehen auch selbst in die Strohhutten der Armen und theilen da Almosen aus."

"Ich hoffe hier mehr, als diese Freude zu geniessen, Herr Wolling. Aber, ich habe Ihn oft unruhig umher blicken sehen. Nicht wahr, Er hat noch Arbeit?" Er bejaete es mit seiner Mine. "Ich will zusehen," sagte ich, "denn ich will bis Abend hier bleiben."

Der Mann ging fort und ich besah die arme Hutte. Sie ist, wie ich Ihnen schon sagte, gegen die nordliche Seite an die ubrig stehende Wand des alten Schlosses mit einem halben Dach angebaut. Auf der Abendseite macht auch ein noch ubriges Stuck der Mauer des alten Gangs die Seitenmauer der Hutte aus. Gegen Morgen und Mittag ist sie mit einer Leimwand verwahrt. Der Eingang und die Fenster sind auf der Morgenseite. Unten, wo die Hutte wegen des nothigen Abhangs des Dachs niedrig fallt, ist der Stall fur die zwey Ziegen, nebst einem Stroh- und Holzbehalter. Der grosse Theil ist durch zwey, aus Weiden geflochtene und mit Moos ausgestopfte Scheidewande, zu zwey Kammern gemacht, wo in einer die Schlafstare der Eltern auch mit einer Weidenflechte abgesondert ist, wie es die Schlafstellen der Kinder in der zweyten Kammer sind. In dieser sind auch ein Paar Behalter uber den Betten mit Weidenthuren angebracht, wo sie das Wenige an Kleidern und Weisszeug aufheben, das sie als einen Schatz fur ihre Kinder ansehen. Die beyden Ecken der Wohnstube sind auch mit Weiden verschlossen und zu Schranken gemacht, wo sie ihren Essvorrath, Saamen, Flachs und nothige Kleidungsstucke samt Buchern und Handwerkszeug verwahren. Die kleinen Stuhle ohne Lehnen sind auch geflochten, und alles hat Wolling und seine Frau gemacht. Sie haben doch Bettucher, dunne Pfuhle von Pferdehaaren und fur den Winter Federdecken.

Der Heerd ist ein grosser Stein, der auf einigen kleinen ruht, und der Kamin das einzige neue Mauerwerk, so da ist. Alles sehr reinlich und nett in Ordnung gestellt; Eltern und Kinder so sauberlich arm gekleidet und angezogen. Sanfte Stimmen; nur zeigen Wollings Zuge unterdruckten Gram, und die von seiner Frau, wenn sie mit ihren Kindern spricht, das Lacheln des Schmerzes an. Ich ging in den Garten, wahrend die Frau ihren Saugling zu Bett brachte. Es sind schone Obstbaume, Gemuss und Blumen da, gross, wohl gepflegt; besonders viele Baumchen in Topfen, die er dann in die Stadt zu verkaufen tragt, und damit die nothigen Bedurfnisse sich schaft. Ich besah alle muhsame, und mit so vielem Geschmack und Zierlichkeit gemachte Anpflanzungen des ehrlichen Manns mit vieler Ruhrung. An der aussersten Ecke des Gartens bemerkte ich einen kleinen Grabhugel, der von weissen und rothen Rosen beschattet, in der Mitte einen Lilienstock hatte. Ich sah etwas tiefsinnig und fest hin, und blickte dann auf Wolling, der mit gesenktem Kopf auch hingesehen und eine Thrane im Auge hatte: "Ach! hier liegt meiner Lotte erstes Kind, das todt auf die Welt kam. Ich musste es dahin begraben, denn sie wolte seine Leiche nicht von sich entfernt wissen."

Wir sahen uns beyde weinend an. Ich druckte seine Hand. "Lieber Herr Wolling, Er und seine Frau sind keine gemeine Gartnersleute!"

"Nein, sagte er seufzend, wir sind nichts. Aber, eh ich Ihnen von uns sage, mochte ich wissen, wer Sie sind? Es liegt uns daran, Sie zu kennen; denn, Sie sind glucklich: warum wollen Sie in dieser einsamen Gegend bey uns bleiben?"

"Der Verlust eines geliebten Freundes hat mich etwas melancholisch gemacht. Die Englander sind es ohnehin leichter und starker, als Andre. Er weiss es. Er, seine Frau und Kinder gefallen mir. Ich bin reich und habe keine nahe, und keine arme Verwandte; ich will meine Traurigkeit durch Wohlthun an Seinen Kindern zerstreuen."

Sieben und sechzigster Brief

Von eben derselben

Nun, meine Freundinn, ich habe hier zwey Nachte auf Stroh bey meinen Wollingen geschlaffen, und das gut, recht gut. Wolling trug ein Billet zu meinen zwey Leuten in Kleebrunn, da bekam ich Schlafzeug und Esswaaren, so viel ich brauchte; und gestern Nachmittag musste Wolling einen Esel kaufen der ihm sein Gemus und andre Gartenwaare zum Verkauf tragen soll, bis ich etwas mehr fur ihn gethan haben werde.

Ich sitze hier auf einer Steinbank, die wir gestern am Ende des alten Schlossgangs entdekten, da ich dies kleine Stuck abraumen half, um die schone Aussicht gegen Morgen zu geniessen. Das abgebrochne Theil des Hauptsteins oder Kerns, um den sich die grosse Schneckenstiege herumwand, dient mir zum Tisch. Vielleicht sassen hier vor zweyhundert Jahren oft flehende Unterthanen die eine Gnade suchten, und zitterten vor dem Fusstritt, den sie in dem hohen, dustern Gewolbe wiederhallen horten, und vielleicht flehten und harrten sie vergebens. Ich betete heut auch hier auf dem nehmlichen Platz, aber unter dem offenen, freyen Gewolbe des Himmels. Die Aussicht auf die ganz herrliche Gegend umher, weist mir Fusstapfen der Allmacht und Gute Gottes, und diese geben mir die Zuversicht, erhort zu werden. Heut fruh um funf Uhr schlich ich einsam hieher, wo ich den noch unangebauten Theil der Ebne des Bergs und gegen die Mittagsseite, das weite niedre Land vor mir habe. Ich sah die Sonne aufgeben, nicht so prachtig an Farben, nicht so staunend wie sie durch die Dunste des Meeres sich erhebt. Aber sie erleuchtet hier eine wohlthatigere Flache; denn dies Stuck fruchtbarer friedsamer Erde zeigt mir vieler hundert Menschen Nahrungsfreude und Ruheplatze. Neu, unbeschreiblich, war meine Bewegung als ich da ganz allein unter den zerstorten Mauern betete; ganz anders, als in den seligsten Andachtsstunden meiner verschlossenen Kammer. Niemals hatte mir die Sonne so schon geschienen, als da ich hier auf meinen Knien ihren und meinen Schopfer verehrte. Es war inniges Gefuhl und die Bitte, das Vorhaben meines Herzens fur diese vortrefflichen Leute zu segnen und es mich ausfuhren zu lassen.

Ich hatte gestern lange geschlafen; daran mochte mein vieles Gehen und auch meine grosse Gemuthsbewegung Urfach gewesen seyn. Ich fand bei meinem Erwachen niemand mehr in der Hutte. Ein Topf voll Mehlbrey kochte langsam am Feuer. Es war Kuhmilch, die der gute Mann schon sehr fruh musste geholt haben. Ich zog mich eilends an, ging aus der Hutte und horchte, suchte an der Seite, wo ich die Kinder zuerst mit den Ziegen gesehen hatte; aber da war niemand. Dann ging ich zwischen der Mauer und dem Haberstuck hin und als ich die Ecke des Kornstreifes ubersah, erblickte ich sie alle kniend und betend. Ich wandte mich zuruck, um sie nicht zu storen, und doch einen Platz zu finden, wo ich etwas horen konnte. Ich musste mich uber einen Haufen Schutt beugen, der am Ende mit Krautern bewachsen ist, durch die ich sie beobachtete. Sie waren alle um einen Stein herum, der von einer, an dem Thurm hinwachsenden Geissblatstaude beschattet wird. Die Frau lag mit ihrem Kopf auf dem Stein, ihr Saugling in seinem Bettchen neben ihr; Nanny hielt eine Ecke der Schurze ihrer Mutter und die zwey altern Kinder sahen bald den Vater, bald die Mutter wehmuthig an. Wolling trocknete seine Augen, faltete seine Hande indem er sich gegen die Kinder wandte:

"O, Kinder! werdet gut und fromm, wie eure Mutter es ist. Ihr wisst, dass auf diesem Stein eure selige Grossmutter sass, als sie uns besuchte. Hier gab sie eurer Mutter und mir ihren Segen, als sie das Letztemal vor ihrem Tode bey uns war. Wir knieten vor ihr, wie wir jetzt knien, und du, Carl, lagest neben deiner Mutter, wie dein Bruder jetzt liegt. Sie kusste und segnete dich besonders; und Lottchen! sie segnete alle Kinder voraus, die ich noch bekommen sollte. Ihr wisst, eure Mutter geht auch an Regentagen und mitten im Winter hieher und betet weil sie den Stein ihren Altar heisst; und gewiss, er ist dazu geheiligt und Gott sah alle Tage ihr kindliches Vertrauen auf seine Gute. Hier bat sie um Gluck fur euch, und wir haben Urfach es zu hoffen. Denn warum sollte Gott die reiche fremde Frau so weit hergefuhrt haben? Warum gab er ihr das gute edle Herz, die Tugend und Arbeitsamkeit der Armen zu lieben, wenn er nicht sie ausersehen hatte, uns zu helfen? Ach, wir hatten fur uns genug, aber fur euch, ihr lieben Armen, fur euch jammerten wir! liebt Gott und eure Mutter, die so fur euch betet und fur den Hulfsengel dankt, den Gott uns schickte."

Die lieben Geschopfe weinten herzlich, wie ich. Der Knabe gab seinem Vater bey den letzten Worten hastig die Hand. "Ich hab sie zuerst gesehen, wie sie den Berg heraufstieg. Da ist gewiss der Seegen der Grossmutter daran Ursache, dass ich den Hulfsengel meiner Eltern zuerst sehen sollte."

"Ey, sagte Lottchen weinend, ich hab sie auch gleich gesehen. Du gehst auch immer so weit hinaus auf die aussern Steine, da kannst du weiter sehen. Aber ich furchte mich vor den Fallen."

Die Frau richtete sich auf, kusste eine Hand ihres Mannes. "O Wolling, alles Verdienst giebst du mir! du Guter, was habe ich dir fur Muhe und Sorgen gekostet! Gott sieht hier, sie deutete auf ihre Brust, was du mir bist und wird dich belohnen. Kommt, meine Kinder, kommt! ich will euch kussen eh ich aufstehe. Ich hoffe, Gott hat mein Gebet erhoret, euch zu Liebe."

"Nein, Mutter," sagte der Knabe, "du must dich auf den Stein setzen wie deine Mutter. Dann knien wir zu dir und du segnest uns, wie sie dich segnete."

Der Mann winkte ihr. Sie setzte sich, konnte nichts reden; aber das Umschlingen ihrer Arme um ihre Kinder, ihre Blicke gen Himmel, ihre Thranen, das hohe Heben ihrer Brust. Ach, das sah Gott, das segnete er und alle Heilige um ihn.

Der Mann stand sprachlos da, hob nun endlich seine Hande auf: "Ach Gott! du, du allein!"

Nach einiger Stille sagte die Frau: "Nun kommt, unser guter Engel muss erwacht seyn." Sie kusste den Stein, nahm etwas vom Geisblat, so ihn beruhrte und stekte es in ihren Busen.

Kindliche Liebe! dachte ich, wie heilig bist du! Ich ging zuruck, zweymal fest zu dem Besten dieser Familie entschlossen. Sagen Sie, Rosalia, waren Sie es nicht auch an meiner Stelle? Sie konnen denken wie zartlich und geruhrt ich Allen den guten Morgen bot; und sie fragten mich angstlich, ob ich wohl geschlafen hatte? Wir fruhstuckten froh unsern Brey. Der Knabe ging dann, fur die Ziegen zu sorgen, und Lotte futterte die Huhner.

Ich fing an: "Herr Wolling, ich muss Ihn noch einige Augenblicke von seiner Arbeit abhalten und fragen, ob Er nicht in eine andre Gegend ziehen mochte, wo ich Ihm ein Stuck Land und ein Haus samt aller Zubehorde schaffen will; so dass Er, mit guter Anordnung des Baues seines Guts, seinen Kindern was erwerben konnte. Denn ich denke Er wird immer gern auf dem Lande bleiben."

Ich hielt da inne, und blickte freundlich sie an. Aber da beyde unruhig schienen fuhr ich fort: "Vielleicht, da Herr Wolling ein so guter Gartner ist, ware er lieber in einer Stadt und besorgte dort seine Kunst. Sage Er mirs, ich will auch da herzlich fur sie alle sorgen; doch wunsche ich dass Er die Stadt wahlen moge, wo Herr von Pindorf wohnt."

Rosalia! warum wunschte ich das?

Frau Wolling stund nach einigen Augenblicken auf, fiel ihren Mann um den Hals: "O, Wolling"! rief sie unter einem Strom von Thranen, "ich bitte dich, fuhre mich nicht von hier weg. Denke, dass meine Mutter uns diesen Aufenthalt schaffte, da kein andrer Mensch sich unsrer annahm. Hier sind all deine Kinder gebohren, mein Erstes begraben! Der Segen, der Geist meiner Mutter umschwebt diese Hutte. O, ich kann nicht weg. Wolling! mein Mann! ich kann nicht!" Sie sank hier zu seinen Fussen, mit aufgehobnen Handen und Augen. Er sah nur einen Augenblick mich, dann seine Frau an, die er mit Zartlichkeit in seine Arme fasste :

"Nein, Lotte! wir wollen nicht weg, meine Liebe; wir wollen nicht! Diese Erde, die ich anbaute, die mir dich und unsere Kinder ernahren half, die uns vor Grausamen schutzte, die verlasse ich nicht!"

"O, Ihr rechtschaffnen Herzen," sagte ich, "denen Muttertreue, und die Erde die sie segnete so werth ist! Nein, Ihr sollt nicht weg! Hier sollt Ihr meine Freundschaft und meine Liebe geniessen, und ich baue mir ein Haus bey Euch."

Mit Entzucken sahen beyde mich an und weder Wolling noch ich konnten seine Frau hindern, dass sie nicht auf die Erde fiel, und uns beyden die Fusse kusste. Aber dieser starke Ausdruck von Empfindung, erschopfte ihre Krafte; denn sie wurde ohnmachtig. Wir brachten sie auf das Bett. Da sie sich erholt hatte, hielt sie eine meiner Hande an ihr Gesicht und benetzte sie mit Kussen und Thranen. Ich umarmete sie: "Liebe Kinder, sagt mir, wem gehort das grosse Stuck unangebautes Land, auf der Anhohe des Berges, rechter Hand vor uns?"

"Dem Herrn von Mahnberg, der die ganze Herrschaft besitzt."

"So ist vielleicht hier ein Guth mit Erbpacht zu errichten, und ich baue ein hubsch Haus darzu, woraus Frau Wolling alle Tage zu dem Altar ihres Herzens gehen kann." Sie hielten sich beyde die Hande und weinten sanft. "Geht dass nicht an, Herr Wolling? O, ja! und das war lange mein Wunsch. Ewiger Gott! Sie haben mein Herz errathen. Ach, wenn Sie dies fur uns, fur unsere Kinder thun, was sollen wir!"

"Mich lieben, meine Freunde, und mir geschwind sagen, bey wem wir den Kauf machen konnen? denn wir sind im Junio; ich mochte, dass wir zu Ende des Herbstes im neuen Hause waren."

"Meine Frau, der Beamte in Mahnheim ist ein guter, wohldenkender Mann, der gewiss dazu hilft."

"Nun diesen Nachmittag wollen wir zu ihm, und es ausmachen."

"Aber es wird kosten, meine Frau."

"Und, wenn ich viel Geld habe, was thut das?"

"So viel fur Andere thun! O Gott!" "Ihr Lieben, warum denkt ihr immer nur dieses? hort einmal was ich sage: Wenn ein Reicher nicht geizig ist, so sinnt er auf Ausgaben des Vergnugens und der Ehre. Beyde kosten ihm Geld. Nun ist Wohlthun meine Freude; lasst mich sie geniessen, und nehmt Antheil an meinem Gluck und meinen Gesinnungen, wie ich an Eurer Hutte und Eurer Tugend meinen Antheil nahm."

"Herzlich gern! Aber lassen Sie mich einen Vorschlag thun," sagte Wolling, mit dem Wesen des so ganz edeln, ehrlichen Mannes, dass sein Aussehen und sein Blick mir heilig war.

"Ich hore gern Vorschlage des vernunftigen Mannes."

"Kaufen Sie das Guth und nehmen mich zu Ihrem Erbbestander an. Ach, Gott! du siehest, wie gern ich dieser Hand", er fasste meine Hande, "den jahrlichen Pracht bezahlen wurde, und wie getreu ich das Guth anbauen will!"

"Ich will, lieber Herr Wolling, den dritten Ausweg nehmen, und das Guth fur Seine Kinder kaufen. Er soll dabey der Verwalter meines Vermogens werden. Bis wir aber unser Haus haben, will ich mir, zwischen den alten Mauern des Schlossgangs ein Zimmer, nur von lauter Holzwerk, zurecht machen lassen."

Und das thu ich, mein Kind; und auf immer, immer bleib ich hier Helfen Sie, mein Schatz, Sorge tragen, dass mein Bedienter die Schule, und seine Frau die Nahstunden ordentlich, fur meine lieben Vorstadtkinder halten. Sie sahen mich dort anpflanzen, helfen Sie huten, dass nicht zu fruh Unkraut aufwachse. Es wird sich freylich wieder einmal andern, wie alles zu allen Zeiten that; aber es kann doch, nach dem jetzigen Gang der Menschen, bis auf die Enkel unsrer Zoglinge dauern. Wie viel Ursach habe ich da, den Staub meiner Eltern und des edlen von Guden zu segnen, dass sie, durch Reichthum an Kenntnissen und Vermogen mich in den Stand setzten, zwey Menschengeschlechtern von dreyzehn Familien Gutes zu thun! was fur ein Gluck, was fur ein unermessliches Gluck ist das! Aber hier, Rosalia, hier ist der Ruhepunkt meiner Seele. Es geht mir, wie dem guten Lottchen, ich fuhle mich naher bey dem Himmel, und sehe mich mit reiner Menschheit und reiner Tugend umgeben. Schicken Sie mein Klavier und die zwey kleinen Kasten, nebst dem mit dem Bett- und Weisszeug, nach Kleebrunn, in die Schenke zum Adler. Vielleicht lade ich einmal Sie selbst dahin, und weise Ihnen dann meinen Aufenthalt. Ich will aufrichtig seyn, meine Rosalia, ich wills! und gestehen, dass neben der treuen Neigung meines Herzens, Leidenden Hulfe zu geben, dennoch der Gedanke, dass ich hier die Stadt sehen kann, wo Pindorf wohnt; dass ich Menschen Gutes thue, die Er liebte, dass dieses auch Antheil, grossen Antheil an dem Vorhaben hat, dass ich hier meine Tage zubringen will. Es moge nun der Mittag meines Lebens noch mit Gewitterwolken uberzogen werden, oder mein Abend mit sanfter Dammerung und einem Himmel wie Lottchen ihn mahlte, heran nahen: Hier will ich leben und schlummern. Meine Wollinge machen mir gewiss einst ein eben so schones Grab, wie dem Erstling ihrer Liebe. Adieu, Rosalia. Morgen das Uebrige.

Acht und sechzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Fortsetzung des zweyten Tags.

Ich wollte des Nachmittags zum Beamten, sagte ich, als ich nachdem Frau Wolling sich vollig erholt hatte, mit beyden vor die Mauern hinaus ging und auf den Platz wies, wo ich ihr kunftiges Haus hinzubauen dachte. Sie sahen sich an; es war mir, als wollten sie was mit einander daruber reden, und ich ging seitwarts von ihnen ab. Kurz darauf suchten sie mich. Wolling fing an: "Meine Frau, wir bewundern Ihre Gute immer mehr. Aber wir konnen nicht zugeben, dass Sie so viel fur uns thun sollen, ohne uns zu kennen, und wir bitten Sie, dass Sie, eh Sie den Amtmann sprechen, unser Herkommen und die Ursach unsrer Armuth anhoren. Sie waren so grossmuthig, nicht darnach zu fragen, sondern betrachteten nur unsere Noth," "und beurtheilte Eure Herzen," fiel ich ein, "nach Euren Kindern, Eurem Fleiss und der wahren Menschenwurde, mit der ihr mich aufnahmet."

Wolling buckte sich gegen mich, gab seiner Frau die Hand und sagte ihr: "Liebe Lotte, du weist unsere Geschichte am besten zu erzahlen. Ich will indessen in unserm Gartchen arbeiten." Sie nickte stillschweigend mit dem Kopf Er ging fort. Sie sagte, ihm nachsehend: "Guter Carl! du bist alles werth. Gutige Frau": indem sie mein Kleid mit beyden Handen fasste, "ewig werd ich Sie segnen, dass Sie die harten Arbeiten des lieben Mannes erleichtern wollen."

"Komm Sie, liebe Frau Wolling, wir wollen uns auf den Stein setzen, wo ich Ihre Kinder zuerst sah, und da wollen wir unsre Herzen einander offnen. Der kleine Saugling geht mit; in seinem Korbchen kann er neben uns schlafen." Das war ihr recht. Sie holte ihr Bubchen und ging, nachdenkend auf das, was sie sagen wollte, mit mir auf den Platz. Er ist schon. Ueber den Schutt der zwey Thurme des Schlosses und den unfruchtbaren Abhang dieser Seite sieht man das so vortreflich angebaute Thal und dann die Stadt W** deren Kirchen und Thorspitzen man erblickt. Diesseits und jenseits des kleinen Flusses liegen funf Dorfer zerstreut, in Waldern von Obstbaumen, und weidende Heerden waren um sie herum.

Ich sah Frau Wolling etwas verlegen und nahm sie bey der Hand: "Liebe Frau Wolling, wenn es ihr Muhe kostet, wie ich naturlicher Weise denken muss, dass die Erinnerung an Ungluck die gegenwartigen Stunden noch verbittert, so sage Sie mir nichts. Die Vorsicht uber uns sieht mein Vertrauen auf Ihre Redlichkeit, und das Ihre auf meine wahre Menschenliebe. Das Vergangne wollen wir seyn lassen, und nur vom Kunftigen reden."

Meine Freundinn, ich erinnerte mich Ihrer bescheidenen Begierde, mein Leben zu wissen, und wie fein denkend Sie sich das Vergnugen versagen wollten, als Sie mich etwas nachdenkend sahen. Ich ahmte Ihrer Tugend nach und Frau Wolling belohnte durch ihr Vertrauen das meinige. Sie sagte mir ganz artig: "Nein! Sie sollen uns kennen; und wenn es nur ware, dass ich von meinem Carl redte." Ich kusste sie und schwieg.

"Ich bin die dritte Tochter eines furstlichen Raths aus N**. Mein Vater war ein sehr vernunftiger, aber etwas zu stolzer Mann. Vielleicht, mein Gott, sage ich dieses, weil sein zu weit getriebner Ehrgeiz mich hieher brachte. Er war bey dem Fursten beliebt und konnte also auf Ansehen und Gluck rechnen. Er erzog uns alle sehr gut. Wir mussten alles Artige, alles Feine wissen. Der Hofmeister meiner zwey Bruder unterwies uns in der Sittenlehre und Geschichte mit ihnen, und in mehrerm als uberhaupt andern Madchen gelehret wird. Meine beyden altern Schwestern waren schone, Verstandsvolle Frauenzimmer und wurden sehr gut verheyrathet. Meine Mutter liebte den Ton der Pracht gar nicht, den mein Vater einfuhrte, aber sie durfte nichts dagegen sagen. Sie war empfindsam, wie ich es bin, und liebte mich sehr, weil ichs schon ganz jung fuhlte, wenn sie seufzte, gern um sie war und mit sanfter Stimme mit ihr sprach, um ihren Gram den ich zwar nicht ganz kannte, zu mindern. Sie gewohnte mich, ihr im Hause uberall zu folgen und zur Hand zu gehen. Als mein Vater das Guth nicht weit von hier kaufte, hatte sie grosse Freude, um da still zu leben, wie sie hoffte. Ich war sechzehn Jahr alt, als wir den ersten Sommer da wohnten. Mein Vater war sehr heftig in seinem Zorn mit den Bedienten und wechselte oft, welches meiner Mutter hochst schmerzlich war, weil sie theils das Unrecht sahe, so den Leuten wiederfuhr, theils auch den Schaden im Hauswesen; und ich gewohnte mir an, alle unsre Dienstboten von dem Willen und Geschmack meines Vaters zu unterrichten, sie zu trosten, aufzumuntern und zu warnen. Wolling kann als franzosischer Blumen- und Obstgartner in unser Haus. Er war schon ordentlich, uberaus gefallig, meistens aber etwas traurig; arbeitete aber mehr, geschickter und besser, als alle vorherige Gartner, deren wir schon Viele gehabt hatten. Aber mein Carl hatte in seiner Jugend studirt und ein angebauter Geist hat immer den doppelten Werth. Er erhielt auch doppelte Achtung von meinem Vater. Ich wunschte, dass er im Hause bliebe, und sagte ihm daher einen Morgen, als mein Vater und Mutter auf einen Besuch in die Stadt gefahren waren, alles woruber mein Vater bey den andern Gartnern gezankt, was er von ihnen gern gehabt hatte, und wohin sein Verlangen im Garten gehe; und bat Carln, weil er doch dienen musse und sich immer nach dem Willen einer Herrschaft zu richten verbunden sey, so solle er meiner vortreflichen Mutter zu Liebe, meinem Vater gefallig zu seyn suchen, und versicherte ihn, dass er dafur belohnt werden solle. Ich bemerkte wohl, dass er, wahrend ich redte, lange auf die Erde, dann mich ganz geruhrt, ansah, roth und dann auch blass wurde, mir endlich stotternd dankte und versprach, gewiss alles mogliche zu thun, meinem Rath zu folgen. Ich mochte nur die Gute haben, ihm immer gleich von meines Vaters Ideen Nachricht zu geben. Er wolle auch keinen andern Menschen fragen, als mich und wurde all sein Vertrauen auf die edle Gute meines Herzens setzen. Der Ausdruck edler Gute, schien mir von einem Gartnergesellen sonderbar, und dass er mein Herz nannte, deuchte mich frey. Das hat er sich in Frankreich angewohnt, sagte ich in mir, wo dergleichen Leute sagen, was sie wollen. Ich gedachte gegen meine Mutter nichts davon. Carl wurde bald der Liebling meines Vaters, und unser Garten der artigste in der ganzen Gegend. Jedermann lobte ihn. Carl war fein, sagte niemals, das hab ich dem Herrn Rath vorgeschlagen. Nein, der Herr Rath hat es mir so befohlen. Da kam der Ruhm meinem Vater zu. Carl redte mit niemand als meinem Vater und Mutter, die er mit der grossten Ehrerbietigkeit behandelte, und auf mich oder nach mir mit vieler Aufmerksamkeit, oder auch Traurigkeit blickte, lange nichts mit mir redete, als nur im Vorbeygehen. 'Hab ich Ihren Rath befolgt? Sind Sie mit mir zufrieden? oder wissen Sie nichts vom Herrn Vater?' Aber seine Stimme war so sanft, seine Blicke so zartlich und oft seine schonen Augen in Thranen dabey. Er hatte viel Anstand und lebte abgesondert von unsern andern Leuten; sprach mit keiner Magd, scherzte mit keinem Bedienten, blieb immer zu Hause, arbeitete mehr als zwey oder drey Andre. Den Winter giengen wir in die Stadt; Carl blieb auf dem Guthe. Meine Mutter schickte ihm durch mich ein Geschenk, er bath mich aber um einige Bucher auf den Winter. Ich fragte, welche er denn besonders wunschte? 'Was Sie Gutes im Deutschen und Franzosischen haben, denn ich bin in meiner ersten Jugend zum Studieren angehalten worden.' Ich versprach ihm, welche in meinem Zimmer zu lassen; weil er doch die Aufsicht uber das ganze Haus bekomme, so konne er sie da finden.

'In Ihrem Zimmer Mademoisell Charlotte!' sagte er mit Zittern. 'O, ich werde den Fussboden kussen, den Sie betreten haben. Nehmen Sie sich noch ferner des armen Carls an, und lassen Sie mich wissen, was der Herr Vater gern hatte. O, wie lang wird der Winter fur mich seyn!' Ich gab keine Antwort hierauf und wir reisten ab. Carl war an dem Wagen, als ich einstieg. Er machte den Schlag zu und ich sah, dass er meinen Rock kusste und weinte. Er war schon, so edel dabey, dass ich sehr geruhrt wurde.

Den Winter uber hatte er Plane gemacht, und meinem Vater sehr geschickte Nachrichten vom Garten und allem gegeben. Gegen das Fruhjahr liess dieser ihn kommen, um den vorhabenden Bau und Anpflanzung zu verabreden. Er war blass, als er ins Zimmer kam; errothete aber bey dem ersten Blick auf mich. Ich hustete, um meine Rothe zu verbergen. Er blieb nur zwey Tage, und nur einen Augenblick sah ich ihn. Ich schrieb alles, was ich wegen des Gartens wusste auf und gabs ihm. Nur wenig besonders war darinn; ich hofte den Garten und den rechtschaffnen Gartner bald zu sehen. Er bat mich um Bucher; ich gab ihm wieder einige und er reiste ab, nachdem er mir ein Heft Papier gegeben, als Auszuge von dem, was er gelesen.

Mit der schonsten Handschrift waren die besten moralischen Stellen, Scenen des Landlebens, und etwas aus Thomsons Fruhling ins Franzosische ubersetzt, darinn. Ich gesteh, es war ein Schatz fur mich, den ich heilig hielt und immer bey mir trug; ich sagte bey mir selbst: Alle die Vornehmen, die ich sehe, selbst der Mann meiner altesten Schwester, ist nicht so artig, nicht so geistreich, nicht so moralisch, als der Gartner Carl und mich verlangte nach dem Lande.

Wir kamen hinaus. O, wie schon war der Garten, der Hof, alles durch des wackern Carls Fleiss und Geist! Mein Vater war ausserordentlich zufrieden, lobte ihn und wolte ihn beschenken. Aber mein edler, lieber Mann sagte: Herr Rath, wenn Sie so zufrieden mit mir sind, dass Sie mir ein Kennzeichen Ihrer besondern Gute geben wollen: so haben Sie die Gnade, und erlauben, dass ich den Sommer uber, anstatt andrer Taglohner, die zwey Sohne Ihres abgeschaften Gartners nehmen darf; die arme Familie geht sonst vor Elend zu Grunde.

Mein Vater war heftig dawider, aber mein alterer Bruder bat ihn auch, und er liess es endlich um Carls willen geschehen; doch mit dem Verbot, dass der Vater der jungen Leute sich niemals sehen lasse. Diese Wohlthatigkeit von Carl ruhrte mein Herz; noch mehr aber als ich bemerkte, dass Carl, um den Leuten ihren ganzen Taglohn verdienen zu helfen immer die Arbeit an den Stucken voraus that, wo er die jungen Leute anstellte, weil sie noch zu jung und zu schwach waren. Diese doppelte Verwendung der Krafte feines Lebens, zum Besten der Armen, machte mir ihn doppelt werth. Er hatte auch vor meinem, und meiner Schwester Zimmer, die unten in den Garten gingen, einen halben Laubengang von Geisblat gezogen, das ich sehr liebte, und nur ein einziges mal davon gesagt hatte. Alle Abend horten wir eine Flothe, sanft, melancholisch, wie eine Nachtigal; und niemand wusste, wer es war. Mein Herz dachte gleich an Carln, denn es dunkte mich immer mehr und mehr, dass er alle Talente und guten Eigenschaften habe. Ich redte aber deswegen nicht mehr mit ihm als sonsten; doch gefiel mirs wohl, dass er gar keine Bekanntschaft oder Umgang mit irgend einem Madchen hatte. Nur zu Ende des Sommers wurde ich etwas unruhig, als ich die artige Schwester der zwey jungen Leute, deren Carl sich so angenommen hatte, oft im Garten an einsamen Gegenden erblickte und sie dann immer nach dem Herrn Carl fragen horte; sie auch bey dem Glashause und des Gartners Wohnung sahe ach! ich merkte da mit vielem Kummer uber mich selbst, und schamte mich, wie lieb er mir war; denn ich wurde auf das Madchen neidisch und bos und ging einige Tage gar nicht auf die gewohnten Spatziergange, grusste auch wider Willen Carln ganz trocken. die Flothe war diese Abende um so viel trauriger, und Carl, den ich von ohngefehr begegnete, sah mich so furchtsam, so niedergeschlagen an, und wiederholte seine Frage mit weit mehr Schuchternheit:

'Haben Sie nichts zu erinnern? Sind Sie noch zufrieden?' Mein stolzes: 'Nein Herr Carl, es ist alles gut'; machte ihn besturzt. Er machte mir eine Verbeugung und ich wandte mich aus dem Gange, nachdem ich einen Zweig der Kanille abgerissen und die Blatter davon auch einzeln weggeworfen hatte; und setzte mich in ein halbes Gitterhuttchen mit Geisblat bedeckt bey dem Springbrunnen. Ich horte was gehen. Es war Carl, der alle Blatter aufhob, die ich weggeworfen hatte, sie kusste und in seinem Busen steckte. Ich horte ihm deutlich sagen: Ah! mon Pere mon Pere! sah ihn seine Hande ringen und mit Seufzen gen Himmel sehen. Ich weinte hier uber ihn und mich; aber einige Augenblicke darauf kam das Madchen wieder zum Vorschein, wie sie um einige Betten herum eilte, um an den Platz zu kommen, wo Carl arbeitete. Mein Missvergnugen nahm zu und ich ging den ganzen ubrigen Abend in mein Zimmer. Ich horte keine Flote. Den andern Tag blieb ich auch zu Hause, denn ich war uber mich selbst missvergnugt und unruhig, dass ein Gartnergesell so viel Eindruck auf mich machte, und ich ging nicht mehr in den Garten, als mit der ganzen Familie.

Acht Tage darauf reisten meine Eltern mit einander weg, um die Heyrath meiner zweyten Schwester zu berichtigen. Ich sah das mir verhasste Madchen recht artig gepuzt im Garten umher gehen, Carln Blatter nachwerfen und endlich ihn se nahe kommen dass sie ihn an der Weste zupfte, sie anzusehen. Er warf voll Unmuth seine Grabschaufel hin, und ging eilfertig weg. Mein alterer Bruder stand unter einer Laube, redte was zu dem Madchen, das dann Carln nachlief. Ob sie ihn einholte, ob er mit ihr sprach, das konnte ich nicht sehen. Aber ich vermuthete, dass er das Madchen liebe, und deswegen ihre Bruder im Garten gebrauche, jedoch nicht haben wolle dass man es wisse. Ich bemerkte ihn erst gegen Abend wieder im Garten, wo er mit meinem Bruder vieles und eifrig sprach. Ich ging nicht weiter, als in den kleinen Laubengang, vor unsern Zimmern; da kam mein Bruder mit einem finstern Gesicht zu mir und sagte gleich: der Gartner Carl ist ein abgeschmackter, eingebildeter Mensch. Ich sagte nichts, weil ich ihn so zornig fand. Er ging einigemal auf und ab ganz nachdenkend. Dann kam er zu mir, nahm mich bey der Hand, und sagte: 'Hore, Lottchen, du kanst mir eine grosse Probe deiner Freundschaft geben.'

'Gern, lieber Bruder! in was? sag es nur.' 'Ich kenne dein gutes Herz und deinen Verstand; also will ich dir eine Angelegenheit vertrauen.'

Sein Gesicht und Ton machten mich angstlich. Endlich gestand er mir, dass er des alten Gartners Tochter seit einiger Zeit geliebt und sich eigen gemacht hatte.

So! dachte ich, dass ist schon von beyden Seiten! Mein Bruder das Madchen, und ich meine Neigung auf den Gartner, denn ich konnte mirs nicht mehr verhehlen. Er fuhr fort: 'Nun ist sie in Umstanden, wo ich fur sie sorgen muss, und ich hatte gern, dass Carl sie heyrathete.' Hier schauerte mich. 'Das Madchen ist artig. Er hat einen guten Lohn. Ich wollte ihn bey dem Vater recht fest setzen und gabe dann alle Monat noch etwas zum Kostgeld fur das Kind; da konnte der Kerl recht gut leben. Aber der T will nicht anbeissen. Das Madchen hat schon alles versucht. Er geht ihr aus dem Wege, redt gar nicht mit ihr. Gestern und heut, da wir allein Herr sind, hab ich sie aufgemuntert, ihm recht zuzusezzen; da ist er gar aus dem Garten fort. Er hat schon zu ihren Vater gesagt, wenn seine Tochter noch einmal in den Garten, oder in das Haus kame, so wolle er es dem Herrn Rath sagen und da wurden seine Sohne auch den Abschied bekommen. Der Kerl hat Hoffartsschwanke im Kopf. Ich weiss nicht wie ich ihm ganz zureden soll und hatte gern, dass du es thatest, denn bey Vater und Mutter will ich alles ausmachen.'

Ich kann nicht sagen, wie mir zu Muthe war. Aber ich nahm mir ganz unbesonnen vor, mit Carln auf meine Art davon zu reden; doch sagte ich meinem Bruder, es ware fur ein junges Frauenzimmer gar keine anstandige Unternehmung.

'Ach du kannst mit deinem Verstande dem Ding eine Wendung geben. Thue es doch, ehe unsere Eltern wieder kommen.'

Ich uberlegte es die ganze Nacht. Die Flote seufzte, und spielte ganz klagend bis gegen zwey Uhr. Es war schoner Mondschein und ich, da ich nicht schlafen konnte, an meinem Fenster. Ich bemerkte dass der Ton ausserhalb des Gartens vom Feld herkam und den Platz veranderte; auch endlich, dass jemand zur Feldthure herein, an der Wand hin, gegen das Glashaus ging. Es war Carl. Am Morgen ging ich in den Garten. Er staunte, als er mich erblickte und wie er mich der Hecke naher kommen sah, an der er die Rosen aufband. Ehrerbietig und geruhrt machte er mir eine Verbeugung. Ich grusste ihn freundlich, und fragte nach seinen beyden Helfern. Er sagte mir, wo sie waren. Dann lachte ich und fragte, ob nicht die Schwester von ihnen eine artige Gartnerinn seyn wurde? Er wurde zornroth, kann ich sagen, doch fasste er sich gleich.

'Warum, Mademoisell Charlotte, fragen Sie mich dieses?'

'Weil ich es denke und glaube, dass das Madchen recht glucklich mit ihm wurde. Und da Er den Brudern Gutes gethan, so konnte ja das grossere Gute der Schwester wiederfahren.'

'Die Bruder sind arm und redlich, sagte er mit Eifer, sonst wurde ich nicht gethan haben, was ich that.'

'Ey, Carl, was wird er ungeduldig, wenn man von einem schonen Madchen mit Ihm spricht?'

'Vergeben Sie mir! ich vergass mich. Aber lassen Sie mich eine Bitte thun; nichts mehr davon zu reden. Ich will mich nicht verbinden, niemals! und wenn Lehnchen die schonste und tugendvollste Furstin ware. Erhalten Sie mich nur in dem Dienst des Herrn Vaters ich will sonst nichts.'

'Er bleibt ja im Dienst, und um so viel fester, da mein alterer Bruder das Guth bekommt, der Ihm die Versicherung davon und eine Zulage geben will.'

Er lachelte etwas bitter. 'Eine Zulage? Ich glaub es!' Hier wurde ich gewahr, dass er etwas vermuthete und es war mir leid, mit ihm geredt zu haben. 'Sey Er ruhig,' sagte ich; 'ich wurde gebeten, Ihm zu zureden.'

'Ich bin es uberzeugt; vergeben Sie mir meinen Widerspruch. Ich bin jezt ein niedriger dienstbarer Mensch, aber von gutem Herkommen. Tugend und Ehre sind mein Trost und meine Stutze. Ich werde sie niemals verletzen, und niemals davon abweichen. Ihre englische Gute hat mir hier mein Leben versusst. Ich begehre von dem Schicksal nichts weiter, als Ihren Vorspruch der dem Herrn Vater und dann und wann ein Wort von Ihrer Frau Mutter oder Ihnen. Gott sorgt fur das Uebrige und wird Sie segnen.'

Nun reute und freute mich die Unterredung. Ich schwieg und er sagte: 'Sie wollen dem Madchen Gutes: Ihre edle Seele wird bald Gelegenheit haben, ihr welches zu bezeigen. Ich habe niemals mit ihr gesprochen, und werde es nicht thun; aber die Ursachen kann ich nicht sagen.'

Da ich immer schwieg sah er mich traurig an: 'Mein Gott, wenn ich Sie beleidigt hatte'!

'Nein, Carl! gewiss nicht. Er hat sich der Tugend und Ehre geweiht. Gott segne Ihn dabey; Was ich Ihm Gutes in unserm Hause thun kann, will ich gern. Bleibe Er nur fleissig und rechtschaffen, wie bis jetzt.'

Ich sah ihn weinend mich anblicken. Meine Augen thranten auch. Ich grusste ihn und ging weg. Es freute mich innig, dass er von besserm Stande war, als seine Gartnerey mich vermuthen liess; doch konnte und durfte ich nicht weiter daruber denken, sondern nahm mir vor, immer zuruckhaltend zu bleiben, wie bisher. Ich schatzte ihn ungemein, aber viele Betrachtungen uber die Pflichten meines Standes kampften gegen meine Neigung, und ich redte in acht Wochen kein Wort mit ihm.

Mein Bruder war sehr misvergnugt uber Carls Halsstarrigkeit und Stolz, wie er es nannte, und drohte ihm deswegen. Kurz darauf aber wurde das Madchen mit einem Forster verheyrather. Der Sommer und Herbst gingen so recht gut hin. Carl blieb immer der vortreffliche Arbeiter und lebte eingezogen fort. Mein jungerer Bruder kam von Pont a Mousson zuruck, wo er leider nichts gelernt hatte und nur einen elenden jungen Petitmaitre vorstellte. Er hatte viel Aehnlichkeit mit mir und Carl sagte mir seitdem, dass er ihn deswegen liebte und ihm suchte gefallig zu seyn. Der junge Mensch liebte Carln, weil er Franzosisch sprach und einen schonen Geschmack zeigte. Mein alterer Bruder war uber den Jungern zu gebieterisch, und der Ort ziemlich einsam; so dass Carl die einzige Auswahl fur den Letztern blieb, mit dem er Anfangs nur immer von Frankreich sprach, aber nach und nach sich an ihn heftete, alle Morgen und Abend bey ihm war und durch den Umgang meines Carls ein liebenswurdiger junger Mensch wurde. Der Keim jedes Guten war in ihm, er brauchte nur gepflegt zu werden; und ach, dieses Verbessern meines mir liebsten Bruders machte mir Carln immer werther. Der Winter wurde wieder in der Stadt zugebracht und die Zurustungen zu meiner zweyten Schwester Hochzeit gemacht, die sich aber bis in den Sommer verzogerte; wo dann mein Vater das Fest auf seinem Guthe halten wollte. Mein jungerer Bruder trat in Kriegsdienste, und es freute mich, da er noch im Winter abreiste, dass er seinen Weg uber unser Guth nahm, um von Carln Abschied zu nehmen.

Mir sagte er noch: Lottchen! der junge Thalbruk wird sich um Dich melden. Der Vater hilft ihm zu einem angesehenen Amt. Aber Du wirst unglucklich mit dem bosen Menschen werden. Ach! wenn mein Freund Carl ware, was dieser ist; wenn die elenden Vorurtheile ihm nicht entgegen stunden: wie glucklich ware meine Schwester mit ihm!

Thalbruk kam auch in unser Haus und war sehr galant um mich herum, ich hoflich, aber sehr kalt. Dennoch wurde er mit den ubrigen Brautleuten auf unser Guth gefuhrt. Mein Vater hatte Carls Nachricht von seinem Vorhaben gegeben und wir fanden Alles wie einen Pallast der Feen geputzt. Die Trauung und das Fest war den Tag nach unsrer Ankunft und unser Saal glich dem Tempel der Flora. Die Wande waren blassroth angestrichen, Blumengewinde darauf angebracht; der Name der Braut und des Brautigams in Rosen, Mirthen und weissen Violen geflochten. Die Fenster ausgehoben, grosse Rahmen mit Flor an ihrer Statt darinn, die mit Blumen verziert waren. Blumengewinde hingen uber der Tafel und der Garten, alles war mit unsaglicher Muhe verschonert. Carl fragte mich: 'Sind Sie zufrieden'? Mit Allem, ausser Seiner blassen Mine. Er neigte sich nur, ganz traurig.

Mein Vater war hochst vergnugt. Es war in der grossen Laube ein Tanzplatz gemacht, der sehr artig war. Ich ging, nach einem Tanz, allein auf einer Seite hinunter. Mein Vater hatte ein wenig Wein und kam zu mir, da ich just auf eine Bank mich setzte. Carl war sympathetischerweise an der Hecke hingegangen. Mein Vater erblickte ihn, und rief ihn her, er lobte ihn sehr und sagte endlich: Diesen Herbst machen wir Traubenkranze auf die Hochzeit meines Lottchens. Aber er muss auch fur Herbstblumen sorgen, dass es recht schon wird. Ich habe Thalbruken versprochen, seine Hochzeit auch hier zu halten; denn, Lottchen, ich will an dir eben so viel thun, wie an deinen Schwestern.

Er sagte dieses, als ob die Rede von einer ausgemachten Sache ware. Ich war wie versteinert und Carl nahe am Umsinken. Der Wein machte, dass mein Vater es nicht bemerkte. Carl sah mich nicht an; starr heftete er seine Augen zur Erde. Mein Vater redte fort und schickte endlich Carln weg. Ich hatte kein Wort vorbringen konnen. Staunen uber den gefassten Entschluss meines Vaters, Carls Schmerz, mein Widerwille gegen Thalbruk, alles lahmte mir die Zunge. Ich kusste nur meinem Vater die Hand und glucklicher Weise kam meine gute Mutter dazu, welcher mein Vater erzahlte, er habe auch meinen Brautkranz bestellt. Sie redte freundlich mit ihm und fuhrte ihn durch eine Allee in sein Zimmer.

Ich ging Maschinenmassig nach der einsamsten Gegend des Gartens wo ich sonst zu lesen pflegte. Carl lag da auf dem Moos welches er mit Thranen benetzte. Es war mir unmoglich wegzugehen, ohne ihm etwas zu sagen. 'Carl, guter Carl, was macht er hier auf der Erde! Es ist zu kuhl, Er wird krank werden.' Er richtete sich auf. 'Sie, Mademoiselle, Sie! da bey mir. Mein Gott! und mit beyden Handen ergriff er mein Kleid, kusste es, liess es gehen: O, vergeben Sie mir, ich bin halb von Sinnen.'

'Ich seh es, werther Lehrmeister meines liebsten Bruders. Sage er mir, was Ihm fehlt.'

'Was mir fehlt? was mir fehlt? O, fragen Sie mich nicht mehr. Thun Sie es nicht. Gehn Sie zuruck zu der Gesellschaft. Dort mussen Sie seyn. Lassen Sie den Armen, Elenden'; und hier fasste er wieder mein Kleid mit Heftigkeit. Ich nahm seine beyden Hande in meine. Carl! o glaub Er, dass Er mir werther ist, als Alle die ich sahe. 'Beruhige Er sich, ich bitte Ihn.'

Er benetzte meine Hande mit Thranen, sprach aber nichts. Ich sagte ihm: Adieu, Carl, sorge er fur seine und meine Ruhe; und ging. Als ich mich nach ihm noch umsah, lag er mit dem Gesicht auf dem Platze, wo ich gestanden hatte. Ach, was fur Muhe hatte ich, nicht wieder umzukehren! Aber ich furchte mich vor den Andern, und doch reute michs, ihm nicht gesagt zu haben, dass ich Thalbruken niemals heyrathen wurde, meine Augen schlummerten die ganze Nacht nicht eine Viertelstunde. Den andern Morgen war er schon wieder fleissig wie sonst; und um sechs Uhr war alles in der grossten Ordnung. Den dritten Tag war die Heimfuhrung meiner Schwester. Ich muste mit. Thalbruk, als Brautfuhrer, auch. O, was stand ich in meinem Herzen uber Carls Unruhe aus! Als wir zuruck kamen, schien er sehr gelassen und gab mir Abends dieses Papier. Frau Wolling sagte dabey: 'Dieses haben Sie die Gute zu lesen. Ich will indessen etwas zum Mittagessen zubereiten und Ihnen dann das Uebrige sagen.' Ich fand in einem grauatlassnen Futteral ein kleines Heft Papier, schon geschrieben, wo Carl anfing.

Ihre englische Gute und die Redlichkeit seines Herzens gaben ihm den Muth, ihr sein ganzes Leben zu entdecken. Er sey der Sohn des H** Oberbeamten in Z**, habe eine sorgfaltige Erziehung in allem genossen, und ware durch einen vortreflichen Landgeistlichen zu den Studien vorbereitet worden. Sein Geschmack und die Anweisung dieses Mannes hatten ihm zu Erholungs- und Belustigungs-Stunden die Gartnerey angewiesen, und sein Hang ware so stark dazu geworden, dass er, als ein Knabe von vierzehn Jahren feinen Vater gebeten habe, ihn zu einem Kunstgartner zu thun. Diess sey ihm aber abgeschlagen worden, und man habe ihm nach Pont a Mousson geschickt, um ihn da in der franzosischen Sprache, Sitten, Wissenschaften und philosophischen Kenntnissen unterrichten zu lassen. Er habe dieses befolgt, aber daneben die ganze franzosische Gartnerey gelernt, worinn er es auch weiter, als in andern Wissenschaften gebracht habe, weil es seine Freude gewesen. Sein Vater habe ihn nach zwey Jahren zuruckgerufen und auf noch eine Universitat gezwungen, wo er Historie und Physik mit Vergnugen, besonders auch die Botanik erlernt. Wahrend dem sey seine Mutter gestorben und sein Vater habe eine reiche Wittwe geheyrathet, die ihn aber nur unter der Bedingung genommen, dass er seinem Sohne seinen Platz abtrate und dieser ihre zweyte Tochter zur Ehe nahme. Sein Vater habe dabey bloss den Wohlstand betrachtet, in welchen er durch das Vermogen gesetzt wurde, und alles angewandt, bey Hofe die Erlaubniss zu erhalten, ihm seine Bedienung zu ubertragen, habe auch darinn seinen Endzweck erreicht. Aber da es ihm unmoglich gewesen sey, dieses Frauenzimmer zu lieben, so habe seine Stiefmutter wegen der Verachtung ihrer Tochter seinen Vater dahin vermocht, dass er seit vier Jahren die Hand vollig von ihm abgezogen und das Amt einem andern jungen Menschen gegeben, der die Person gern geheyrathet. Er gestunde ihr, dass ihn nur der Verlust der Liebe seines Vaters geschmerzt habe, indem er ubrigens durch die Verstossung in die Freyheit und Nothwendigkeit gesetzt worden ware, seiner erwahlten Gartnerkunst vollig nachzugehen und sie so weit zu treiben, als es die Proben seiner Arbeit in den Garten ihres Herrn Vaters bewiesen. Er bekenne ihr, dass nicht nur ihre liebenswurdige Person, sondern auch die leutselige und vortrefliche Seele, welche sie ihm in ihren Vorstellungen zum Besten des Diensts ihres Vaters gezeigt, ihm die grosste Liebe und Verehrung eingeflosst habe. Er hatte sich aber vorgenommen gehabt, niemals davon zu reden, indem er sie weder dem Tadel der Welt, noch dem Unwillen ihres Herrn Vaters, vielweniger aber dem traurigen Schicksal einer unglucklichen Liebe hatte aussetzen wollen. Seine Zartlichkeit habe ihn zu allem angefeuert, was er in seinem Dienst gethan. Ein Blick, ein Wort von ihr sey himmlisches Vergnugen und Belohnung fur ihn gewesen. Immer habe er gefuhlt, dass sie nicht fur ihn geboren sey, habe auch seinem Herzen keine Wunsche und keine Entwurfe erlaubt. Aber die Erklarung, dass sie einem Andern bestimmt sey, habe ihn wie ein Donner getroffen, und in seinem ersten Schmerz sey er wurklich dem Wahnsinn nahe gewesen. Ihr Mitleiden und die Versicherung ihrer Achtung sey Balsam fur sein zerrissenes Herz. Er habe sich nun gefasst und trage geduldig diesen Schlag des Vaterlichen Fluches. Er bitte Gott um Gluckseligkeit fur sie, und wolle nun alle seine Krafte und Wissen verwenden, um auf das Fest ihrer Verbindung ihr noch den letzten ehrerbietigen Beweiss seiner reinen, uneigennutzigen Liebe zu geben. 'Sie werden mit Thranen begossen werden, alle Blumen, die ich zu Verschonerung dieses Tages ziehen will. Einen Wunsch nur angebetete Charlotte, nur einen Wunsch erfullen Sie, den das Herz des treuen, tugendhaften Junglings wagt: lassen Sie den Blumenstrauss, den Sie an dem, fur mich so entscheidenden Tage, an Ihrer Brust tragen werden, lassen Sie den mein seyn; geben Sie ihn sonst niemand. Diese Hofnung wird mir die bittere Pflege dieser Blumen versussen; und wenn meine zitternden Hande sie zu Charlottens Brautschmuck binden werden: so wird der Gedanke mich starken, dass wenig Stunden darauf das edelste beste Herz an diesen Blumen schlagen wird, und ich sie dann erhalten und fur mein noch ubriges Leben, an meinem Herzen tragen werde.'

Ich hatte dieses gelesen, eh Frau Wolling zuruck kam, und sagte mir selbst: 'O Sympathie! und du Ruf der Natur, wie stark seyd ihr gegen Alles!' Sagen Sie, meine Freundinn, sagen Sie, was konnte der arme Carl, die gute Charlotte, was konnten sie thun? Edelmuthigkeit kampfte in dem Herzen des Junglings; Sittsamkeit, Pflicht gegen die vorgeschriebene Gesetze ihres Standes, in der Seele des Madchens. Und dennoch wurden sie Schlachtopfer des Unglucks und ihrer Leidenschaft! Und, was bin ich? Meine Liebe! was bin ich? Ist nicht, seitdem ich unter der Tyranney dieses Abgotts siehe, jeder Othemzug meiner Seele, jedes Gute, jeder Fehler, Wurkung, alleinige Wurkung meiner Liebe? Ich sehe die Thurmspitzen der Stadt, wo Pindorfs Kinder wohnen. Aber, wo wo ist Er? Ich verberge mir Alles, was ich bey dieser Frage fuhle. Bey Andern! Er wiederholt da die Auftritte, die Unterredungen die den vorletzten Winter einen so traurigen Einfluss auf meine ganze Gluckseligkeit hatten. Ach, vielleicht ist diesen Augenblick jede Empfindung seines Herzens, jeder Gedanke seines Geistes vergeben, verpfandet, neue Bande geknupft! ich ganz, ganz vergessen, ganz ausgeloscht! ich, die allein durch die Erinnerung seiner Fussstapfen hieher gefuhrt wurde! Ich sonderte mich ab, um wenigstens Steine zu betreten, die Er betrat; Gegenstande zu sehen, die er liebte! O, wie danke ich der Vorsicht, dass sie fur Wohl und Uebel Andrer mein Herz so empfindsam machte! dass die Lindrung fremdes Schmerzes Erleichterung meines eigenen Wehes wird! An diesen leblosen Gegenstanden hier hangt mein Herz, weil Er sie beschrieb. Ich kenne sie alle, und Sie sollten meine Schreibtafel sehen, wie oft ich ihn schon zeichnete, melancholisch zwischen den Weiden und dem kleinen Bachelchen dahin gehend, das an der Anhohe herum fliesst; oder am Fuss eines Baums, mit einem Buch in der Hand; dann uber die grosse Wiese nach dem entfernten Bauernhause auf der Seite hin gehend. Am Ende des Waldchens, auf einem Stein sitzend, Schaafe um ihn herum, die er streichelt, und die mit seinem Stockband spielen; hier auf der Anhohe an einen Baum gelehnt, mit dem Ausdruck der Bewunderung und Liebe der Natur! Ach meine Freundinn, ich seh ihn auch bey Damen sitzen, mit ihnen sprechen; sehe den Eindruck, den ihre Verdienste und Schonheit auf ihn machen; sehr feine Aufmerksamkeit, sein Bestreden, nahe um die vorgezogene Gluckliche zu seyn; sehe das innige Vergnugen uber sein Gesicht verbreitet, so ganze Tage mit ihr zu verleben. O, Bilder der Quaal, warum entsteht ihr! Giftiger Hauch der Eifersucht und des Neides, warum todtest du jede edle, reine Freude um mich her! odos Verlangen! du vernichtest jeden Keim der Zufriedenheit uber Gutes, so mich umgiebt und dessen Genuss in meiner Gewalt ist. Ich will versuchen, edel zu lieben, wie der arme, trostlose Carl that Ein Blumenstrauss, gegen den Charlottens Herz, einige Stunden geklopft hatte, war alles, alles fur ihn! Ich habe Kinder von Pindorf, die er oft an seine vaterliche Brust gedruckt, in meine Arme geschlossen; ich bin ihnen lieb, sie sind ein Theil seines Wesens. Unverfalscht, unverstellt waren die Liebkosungen, die sie mir machten. Was soll mir das getheilte, das zerstuckte Herz des Vaters? Nein, ich will nichts mehr von ihm. Sey glucklich! Sey es! Aber ich will von nun an unabhangig von dir seyn! Ich hore Sie sagen: 'Wie lange'? Kommen Sie und horen nun den Rest der Geschichte meiner Lieblinge.

Frau Wolling kam zuruck, und sah sehr innig mich an. 'Sind Sie mit meinem Carl zufrieden?'

'Ja meine Charlotte und mit Ihnen auch.'

'Sagen Sie, entschuldigen Sie mein Herz, dass ich der Zartlichkeit des seinigen nicht widerderstehen konnte? und mir nach Durchlesung seines Papieres sagte: Nein, du Edler, nein, niemals sollst du mich mit einem andern Mann verbunden sehen!'

ch wollte ledig bleiben und auf, ich weiss nicht was, warten, aber nicht weiter in den Ausdrucken meiner Zartlichkeit gehen, als bisher. Drey Wochen dauerte diess Bundniss mit mir selbst und Carln, dem ich nur fur sein Papier dankte und ihn meiner wahren, ewigen Hochachtung versicherte. Ich begegnete aber deswegen dem Herrn von Thalbruk sehr kaltsinnig, als er zu uns kam; und da dieser Mensch niemals eine wahre Liebe zu mir getragen, sondern mich nur wegen des Ansehens meines Vaters gesucht hatte: so wurde er durch meine Abneigung nicht betrubt, sandern erbosst, schlug sich auf die Seite der Feinde meines Vaters, und blieb also weg. Mein Bruder ging in die Stadt, besuchte ihn, und fragte warum er so lange nicht bey uns gewesen sey? Da sprach er von dem Widerwillen, den er bey mir gegen sich bemerkt hatte, und dass er glaube, mein Herz sey von sonst jemand eingenommen; stellte sich sehr traurig daruber und sagte, er hatte sich blos aus Verzweiflung, und ob ich nicht vielleicht eifersuchtig wurde, an die Mademoiselle Nidern gewandt. Dies war die Tochter des argsten Feindes von meinem Vater und der, als Wittwer, gerade zu dieser Zeit um die Schwester der Maitresse des Fursten freyte, und dadurch eine Unterstutzung fand, die meinem Vater den Untergang zuzog. Meinem Bruder wurden nur kleine Winke davon gegeben. Er kam damit nach Hause. Diese Unruhe in dem Gemuthe meines Vaters und die irrige Vermuthung, dass, wenn ich Thalbruken geliebt hatte, dies alles nicht geschehen ware, erregte seinen Zorn auf die heftigste Art; und ach! fuhr sie mit Thranen fort, dies war der Anfang meines Elends. Man wusste von keinem Umgange, den ich mit irgend einem Menschen hatte. Sie dachten also, es musste eine Verwicklung seyn, die in Briefen gefuhrt wurde und nahmen sich vor, mein Zimmer durchzusuchen. Es war ein Feyertag, wo wir viele Besuche gehabt hatten. Als sie weg waren, sagte mein Vater ganz freundlich: Lottchen, kleide dich in dein Nachtzeug; du musst von Putz und Complimenten ganz mude seyn; und komm in das grosse Gartenhaus zu mir.

Ich that es, und kam ganz leicht gekleidet, hatte aber meine Sacke mit den Papieren des armen Carls, in meinem Bette versteckt; ob ich schon weit entfernt war, zu denken, dass man mir deswegen geheisen hatte mich um zu kleiden, um sich meiner Schubsacke zu bemachtigen. Wahrend ich bey meinem Vater war, wuhlte mein Bruder alles um und fand endlich die verschiedene Papiere von Carln. Damit lief er voll Wuth in das Gartenbaus, und sagte, hier habe er die Beweise meiner Niedertrachtigkeit, dass ich mich an den elenden Gartnerpurschen gebangt und deswegen die grosse Heyrath mit Thalbruken, ausgeschlagen, und meinem Vater eine Feindschaft zugezogen hatte. Ich erschrak zum Tode, diese Papiere in seinen Handen zu sehen und wollte weg eilen. Aber mein Vater fasste mich bey einer Hand und hielt mich, wahrend er mit der andern nach dem Packerchen reichte und einige Blatter mit Wuth durchlas, mir und Carln die hasslichsten Schimpfnahmen gab und endlich meinem Bruder befahl ihn herzurufen. Ach Gott! er kam freudig und schnell seinem Leiden entgegen. Denn kaum war er im Saal als mein Bruder die Thur abschloss und er ausgefragt wurde. Da erzehlte er wieder, was er mir geschrieben, wurde aber als Lugner und Verfuhrer behandelt; Und o, mein Gott! ich musste ihn schlagen sehen! Ich sprang auf, um meinen Bruder in die Arme zu fallen, gegen den Carl sich auch wehrte. Aber mein Vater riss mich zuruck und hielt mich fest, wahrend er meinem Bruder zum Streit und Schlagen gegen den Bosewicht ermunterte. Endlich liess er aus Zorn mich los und eilte auch, Carln nieder zu werfen, der seinem Sohn zu stark war. Ich schrie da jammerlich: 'O, Carl! o, mein Vater!' Carl sagte zu mir: 'Charlotte, gegen Ihren Vater will ich keine Hand aufheben; aber ihren Bruder verschone ich nicht.'

Da fielen sie mit doppelter Raserey ihn an, und wurden ihn erwurgt haben, wenn ich nicht meine Freyheit gebraucht hatte, die Thur gegen das Feld zu aufzumachen und Carln zu zurufen, er mochte fliehen. In der That suchte er nach der Thur zu kommen, und als er sie erreicht, hatte mein Vater die Grausamkeit, einen Stuhl nach ihm zu werfen der ihn die vier Stufen hinunter schlug. Ich weiss nicht, in welchem Augenblick ich meine lieben Papiere bey all dem Larmen, der mein Herz zerriss, in meinen Busen gesteckt hatte. Aber den Augenblick, da ich Carln die Stufen hinab fallen sah, rief ich: O, Barbaren! ihr habt ihn umgebracht! Earl! vergieb deiner armen Charlotte, indem ich der Thure zulief.

'So! schrie mein Vater mit Wuth; bist du seine Charlotte: so geh zu ihm und zum T.' Bey diesen Worten schleuderte er mich auch mit einem Arm der offenen Thur zu. Ich erhielt mich am Gelander, und er schnapte das Schloss ab. Alle Empfindung fur Vater und Bruder war in mir todt. Ich eilte Carln zu, der ganz betaubt auf der Erde sass. Ich kniete zu ihm fiel um seinen Hals: 'O, du Edler, kannst du mir verzeihen, was ich dich leiden mache?' Er fuhr wild auf und fragte: 'Ach Gott! Charlotte, wo kommen Sie her?' 'Mein Vater hat mich verstossen! Komm, Carl, wir wollen von dem Barbar fliehen.'

'Gott bewahre mich! nimmer werd ich es thun. Gehen Sie zuruck in Ihr Zimmer. Ihr Vater versohnt sich mit Ihnen. Lassen Sie mich allein elend seyn.'

Ich hatte viel Muhe, ihn zu bewegen, dass er mich nach Immenberg zum Pfarrer fuhrte, wo ich bis zur Zuruckkunft meiner Mutter bleiben wollte. Es war eine Stunde von dem Gut meines Vaters. Carl hatte Muhe zu gehen und mein Kummer lahmte auch meine Fusse, so dass wir einem heftigen Platzregen und Gewitter nicht ausweichen konnten und uber zwey Stunden zu dem Wege brauchten. Endlich kam ich nass und starr im Pfarrhof an, wo ich mich gleich legte und einige Wochen krank bis zum Sterben war."

Neun und sechzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Frau Wolling fuhr fort, mir mit vielen Thranen das Uebrige ihres Schicksals zu erzahlen. Sie bekam ein starkes Fieber welches durch ihre Gemuthsunruhe sehr verschlimmert wurde. Wolling hatte, nachdem sie von der Frau Pfarrerinn aufgenommen und besorgt war, allein mit dem Pfarrer gesprochen, ihm alles aufrichtig erzahlt und damit geendigt, dass er ihn bitte, ihre Aussohnung mit ihrem Vater zu bewurken. Er fur sich wolle von dem morgenden Tag an sich entfernen und Charlotten die Probe seiner Verehrung und Liebe geben, auf ewig von ihr entfernt zu bleiben; man mochte nur fur ihre Gesundheit Sorge tragen, dass Sie bald wieder in das vaterliche Haus zuruck kame. Und damit niemand etwas von dem unglucklichen Vorgang erfuhre so sollte der Pfarrer doch gleich Morgen zu meinem Vater, und ihm das alles sagen. Er that es auch; aber er fand einen wuthenden Mann, dessen beleidigter Stolz nichts anhorte, nichts ansah; der schon den Abend vorher gegen alles Hausgesind uber seine schlechte entlaufene Tochter geflucht hatte. Der Bruder half auch dazu und weder Flehen noch Vorstellung des Pfarrers wurde angehort. Dieser kam trostlos nach seinem Hause zuruck. Wolling war fort. Der Pfarrer schrieb an die Mutter der armen Charlotte, was er von der Sache wusste und beschwur sie, nach Haus zu eilen, um den Ruf und das Leben ihrer Tochter zu retten.

"Ach, sie reiste gleich, die gute Mutter," sagte Frau Wolling mit Handeringen, und einem Strom von Thranen. "Aber was half es! Mein Vater blieb unerbittlich!" Der Pfarrer rieth ihr, Muth zu fassen und ihre Liebe, ihre Empfindlichkeit, alles ihrer kindlichen Pflicht aufzuopfern und ihre Krafte zu sammlen, um ihren Vater selbst zu Fussen zu fallen. Er wollte sie hinfuhren und gemeinschaftlich mit ihrer Mutter um Aussohnung und Gute bitten. Sie befolgte alles, wurde aber wieder aus dem nehmlichen Gartenzimmer verstossen, wie acht Tage vorher; ungeachtet ihre Mutter neben ihr auf den Knien lag und Gnade erflehen wolte. Die Verzweiflung hatte ihr Kraft gegeben, wieder nach dem Pfarrhof zuruck zu kommen. "Aber da offnete sich der Abgrund meines Elends," sagte sie. "Ich, von meinem Vater selbst ausgerufen, dass ich mit einem Gartnergesellen davon gelaufen sey. Alle, alle meine verlebten Tage hin! Meine Liebe zur Tugend, meine Bemuhung, sie immer auszuuben, alles dahin! Das Zeugniss meines Gewissens trostete mich da nicht; es vergrosserte meinen Jammer. Mein Leben ja Carl selbst war mir verhasst. Ich freute mich uber meine Krankheit, uber meine Schmerzen. Ich litte Durst, um die Hitze zu vermehren, die in mir tobte und ich war bald am Rande des Grabes. Meine arme Mutter durfte nicht zu mir, mir nicht schreiben. O, wie elend war ich! Mein Vater glaubte endlich der Magd des Messners, dass ich am Tode sey und schickte meine Mutter und meinen Bruder zu mir. Aber warum? O Gott! wie sehr sann er auf mein Ungluck! Mein armer Mann hielt sich im benachbarten Dorf auf, aber versteckt; niemand im Pfarrhause wusste es. Er wollte nur meine Genesung und meine Aussohnung wissen und dann weggehen, allein zu leiden. Mein Bruder hatte ihn ausfundig gemacht und verhetzte meinen Vater daruber gegen mich Ungluckliche, als ob ich und Carl noch einverstanden waren. Gott weiss, was er ihm fur Beweggrunde angab, eine falsche Milde zu zeigen. Man schickte Carln alle seine Sachen zu, und auch meine Kleider ins Pfarrhaus. Meine Mutter kam mit der Hofnung der vaterlichen Verzeihung und mit all ihrer Zartlichkeit an mein Bett, das ich als mein Sterbbett ansah. Mein Bruder, der harte Mensch, kam auch, und erofnete mir den Willen meines Vaters, dass ich mich mit Carln sollte trauen lassen es moge zum Leben oder zum Tode mit mir geben. Ware das erstere, so solle er gleich zu seinem Vater, und durch den sein Gluck versuchen; ware ich todt, so kam ich doch als ehrliche Frau unter die Erde und schimpfte seinen Namen nicht mehr, unter dem er mit nicht lebend und nicht todt wissen wollte. Ich weigerte mich, so viel ich vor Schwachheit konnte. Der Zweifel in meine Ehre brach mir das Herz. Meine Mutter zerfloss in Thranen und sie und der Pfarrer redten mir zu, weil sie dachten, es ware der erste Grad der Erweichung meines Vaters, weil er auch den Trauschein aufgesetzt hatte, worinn er Carln einen Titel gab und forderte, wenn ich sturbe, sollte ich mit diesem Titel, ins Todtenregister geschrieben werden. Mein Bruder ging zu Carln versicherte diesen der Versohnung, aber dass mein Vater meine Ehre durch die Trauung hergestellt haben wollte. Meinen Tod glaubte er sicher, und sagte Carln, ich wunschte selbst, diesen Trost mit mir zu nehmen, meinem Vater noch zu gehorchen; und was er noch alles vorbrachte um ihn zu bethoren. Er kam Abends um neun Uhr mit ihm, recht gut angekleidet in das Zimmer, wo ich im argsten Leiden lag und unvermogend war, zu reden und zu denken. Carl warf sich auf seine Knie vor meiner Mutter, konnte auch nichts sagen, als Gott zum Zeugen anrufen, dass sein Herz unschuldig sey und er sein Leben tausendfach hingeben wollte, um ihren und meinen Jammer zu stillen. Mein Bruder beschleunigte die Trauung. Mein Carl und ich waren beyde mehr todt, als lebendig. Ich musste beynah von nichts und erkannte ihn kaum. Als die Trauung vorbey und in das Kirchenbuch eingeschrieben war, fuhrte mein Bruder den Pfarrer, meine Matter und Carln meinem Vater zu, um diesen nun vollig zu besanftigen. Aber der Pfarrer und meine Mutter wurden betrogen. Sie sahen meinen armen Carl nicht mehr, mit dem mein Bruder in einer Kalesche vorausfuhr."

"Ich kam langsam vom Grabe zuruck, war schwach an Geist und Leibe. Mein Kostgeld wurde bezahlt. Man nennte mich Madame Carln. Anfangs staunte ich daruber und dann, als ich es ganz wusste, fehlte wenig, so ware ich uber die Gewissheit des Todes gewesen. Ich wusste und horte nichts von meinem Manne. Mein Vater wollte mich nicht sehen; meine Mutter durfte nicht, meine verheyratheten Schwestern und mein Bruder wollten es nicht. Ach! meine bluhenden, unverdorbnen Jugendkrafte dienten mir nur, mein unabsehliches Ungluck in allen Theilen zu fuhlen. Ich blieb leben! ich lebe noch!"

O! Rosalia! mit was fur einem Ton, mit was fur einem Ausdruck von Schmerz der Seele sagte sie dieses! Gott musse mich elend machen, wenn ich nicht die Gelegenheit treu und edel gebrauche, Balsam in diese verwundete Seele zu giessen. Er fuhrte mich her, er gab mir dies fuhlende Herz, er gab mir Glucksguter. O, er wird, er wird mein Vorhaben segnen!

Ich fasste sie in meine Arme druckte sie an mein Herz: "Charlotte! sehen Sie den weiten, offnen Himmel uber uns; so offen, so rein ist mein Herz vor Gott, der uns beyde sieht. Er wird uns segnen, mein Kind. Er wird mein Vermogen heiligen durch den Gebrauch, den ich davon machen werde. Das Maass Ihres Leidens war voll. Er wird das Maass Ihres Trostes auch uberfliessen lassen. Er liess zu, dass Menschen Sie qualten. Er fuhrte mich her, um mein Gluck, meine Freude in ihrem Wohl zu finden. Ich bin frey, unabhangig; ich will bey Ihnen als Schwester, Mutter und treue Freundinn leben und sterben. Nichts, nichts soll mich abwendig machen."

Sie sank zuruck! "Gott! ewiger Gott!" war, was sie stammlen konnte. Ich benetzte sie mit Thranen und hielt sie an mich. Lange waren wir still. Dann kusste sie mich: "Engel, Mutter!" sah mich an, faltete ihre Hande. "Vater, Bruder, stiessen mich hieher; und Sie Fremde fassen mich in ihre Arme! O, wenn ich nach diesem Augenblick sie verlieren sollte, das uberlebte ich nicht!" Hier erhob sie ihre Hande und betete leise; aber ihre Mine, das Anspannen ihrer Arme angstigte mich, bis sie wieder weinte. Dann war ich ruhig. Ich wollte sie nicht weiter erzahlen lassen; aber ich bemerkte dass ihr daran lag, mir das ganze Gemahlde ihres erlittenen Elends darzustellen und horte ihr vollends zu.

Ihr Vater war eilends mit ihrem Bruder nach der Stadt gegangen, da schickte ihre Mutter ihr Weisszeug, Betten, Kleidungsstucke und eine Kuste Hausgerath an Zinn, Kupfer, sechs silberne Loffel und zwey Ringe die hundert Gulden werth seyn mochten. Das war alles, was noch vor dem Schiffbruch meines Vaters fur mich erhalten wurde. Er bekam eine Untersuchung; es fehlte was in den Kabinetsrechnungen. Sein Stolz hatte ihm Feinde zugezogen. Er war redlich, pochte darauf und gab trotzige Antworten. Man begegnete ihm hart und verachtlich. Zornmuthig, wie er war, konnte er das nicht ertragen. Sein Blut, seine Galle schaumten und kochten auf einmal so, dass er nicht zu retten war und schnell starb. Nun konnte Niemand in seiner Familie Auskunft geben. Sein Guth und alles kostbare Hausgerath verfiel der furstlichen Kammer. Mein Bruder blieb bey seiner Secretairstelle, und meine Mutter bekam einen Gehalt. Aber wie mir war, konnen Sie denken! Sie zog zu einer meiner Schwestern, die nicht weit von hier wohnte. Den ganzen Winter sah ich sie nicht und wusste nichts von meinem Mann. Im Marz zog ich auf ein Dorf, das mich meiner Mutter naherte, wo sie manchmal hinging, mich zu sehen. Mein Schwager ist von Adel, der hatte mich niemals zu sich gelassen. Meine Schwester hatte Muhe, ihn leutselig gegen meine Mutter zu erhalten. Es kam ein schoner Apriltag. Meine Mutter war bey mir gewesen; ich begleitete sie zuruck. Ihre Magd ging immer eine Strekke voraus, dass wir allein reden konnten. Sie musste, ohrweit eines Waldchens, einen umzaunten Acker vorbey. Wir sahen einen Menschen aus dem Waldchen kommen, still stehen, gegen uns schauen, stark zulaufen, und wieder inne halten; endlich die Hande zusammenschlagen, auf seine Knie fallen und was rufen, so wir nicht verstanden. Sein ganzes Ansehen und Bezeigen ruhrte uns. Wir blieben auch stehen. 'Charlotte! sagte meine Mutter, er bettelt. Vielleicht ist er schon weit gegangen und matt. Komm, wir wollen ihm was geben, wenn es schon nicht viel ist. Mein Gott, ich kann nicht mehr viel geben.'

Wir gingen an der Hecke hin gegen ihn. O, denken Sie, wie uns wurde, als wir ihn die Arme ausstrecken sahen, und Carln erkannten, ihn 'Charlotte! Mutter meiner Charlotte!' rufen horten. Ach, wir erschraken so, dass wir vor Zittern nicht gehen konnten. Aber er sank um. Ich fuhlte da nichts, als alle meine Liebe und lief zu ihm. Es war Carl. Aber, wie elend! ewiger Gott, wie elend! Er erholte sich an meine Brust gelehnt; denn ich hatte nichts, ihn zu laben, als meine Thranen, die uber ihn flossen. Denn wo hatten meine Mutter und ich, in unserer Armuth und Erniedrigung die wohlriechenden Wasserflaschgen hergenommen? Meine Mutter kam zu uns und weinte auch. Was konnten wir anders! Es wurde dunkel; meine Mutter musste zuruck. Carl sagte uns nur kurz, dass er gleich nach der Trauung, anstatt zu meinem Vater begleitet zu werden, Werbern ubergeben, gebunden und geknebelt weggefuhrt und als ein Missethater behandelt worden; dass er lange krank gewesen, bald auf Karren weggefuhrt, bald, so viel er konnte, mitmarschirt ware; sich endlich erholt und nur an mich gedacht hatte, weil er nach der Grausamkeit, die man an ihm ausgeubt, immer die Angst im Herzen getragen, was doch aus mir geworden seyn moge, wenn ich beym Leben geblieben und in die Gewalt meines Vaters gekommen sey. Meine Mutter horte das Rufen ihrer Magd und befahl mir nach Haus zu gehen. Carl bat um Erlaubniss, mich ein Stuck Wegs zu begleiten: Sie ging auch noch eine Weile mit, bis an den lezten Garten des Dorfs, wo Sie uns verliess, aus Furcht, er oder sie mochten verrathen werden. Sie rief Gott um seinen Schutz fur uns an, und ging mit Jammer weg, nachdem Sie mich schluchzend gekusst und an sich gedruckt hatte. Stumm sahen wir ihr nach, und Carl hielt meine Hand stark; oft zuckte sie, am starksten aber, da meine Mutter um die Ecke der Hecke weg war, und wir uns in der ganzen Gegend allein fanden. Keine Seele, kein Vogel, kein Blatchen bewegte sich. Wir sprachen nichts und ich sah zur Erde. Mein Mann fasste meine beyden Hande, blickte mich starr an und sagte: 'Sehen Sie, Charlotte! sehen Sie, was Menschen thun, mit denen wir nur in einiger Verwandtschaft sind. Ihre Mutter, das einzige Wesen, so uns liebt und bedauert, die darf nicht bey uns bleiben; darf uns nicht trosten, nicht schutzen!'

Er sprach dies heftig, liess meine Hande gehen, rang die seinigen mit stillem Schmerz. Ich zerfloss in Thranen, wusste aber nicht, was ich thun, was ich sagen wollte. Aber ich war gern bey Carln, das fuhlte ich. Der Mond kam hinter dem Berg hervor und beleuchtete meine ganze Gestalt. Mein Mann betrachtete mich still, wandte sich gegen den Mond und rief aus: 'O, du!' sah wieder auf mich, weinte nachdem schweigend; fasste sich, nahm sanft eine meiner Hande in seine, druckte sie gegen sein Herzkusste sie, weinte wieder etwas, aber dann sagte er:

'Charlotte! ach lassen Sie mich Sie, diesen Augenblick nur, meine Charlotte nennen. Meine Charlotte! ich bin froh, dass ich hier von allen Menschen nur Sie sehe und nicht einmal ein Haus, das mir Wohnung und Leben andrer Menschen anzeigt. Sie sind mir verhasst, ich will auch bey keinem mehr leben, ich will nicht! Sagen Sie mir, Sie, hier auf diesem Platz, wo nichts als der Himmel uber uns, und die liebe wohlthatige Erde hier uns sieht und Zeuge von uns ist, sagen Sie mir Charlotte! was wollen Sie, das ich thun soll? Ich bete Sie an. Sie liebten mich. Aber ich will meine Liebe, die ihrige und unsere Trauung, nichts, nichts fur mich anfuhren. Ich kann Ihnen kein Gluck anbieten, als die Gartnerarbeit meiner Arme. Ich danke Gott, dass Sie leben. Haben Sie zu leben? Wollen Sie ohne mich leben? Ach thun Sie es. Segnen Sie mich hier unter diesem Himmel! Weinen Sie eine Thrane uber mich; drucken Sie meine Hand und heissen mich gehen. Ich kann, o Gott! ich kann Sie nicht ofter sehen, und mit meiner und Ihrer Liebe sehen, ohne tausendfache Wunsche und Schmerzen zu fuhlen. Aber alles, alles opfre ich ihnen! Ich war glucklich; ich bins den Augenblick ich sehe Sie! Ach, vergeben Sie mir alles, was ich Sie leiden machte;' sagte er, da er sich zu meinen Fussen nieder warf und mir die Fusse kusste, 'vergeben Sie mir meine Liebe. Hassen Sie mich nicht, beten Sie fur mich und Ach, Charlotte! ach Gott! Charlotte!'

Ich konnte nichts als schluchzen. Endlich sagte ich ihm, er solle doch Morgen wiederkommen da wollte ich ihm die Wunsche meines Herzens sagen. 'Wann soll ich kommen?' Erst Abends. 'Ach da kann ich vielleicht nicht.' Warum nicht? Ich will gewiss da seyn. 'Ach! wenn Wasser meine Krafte erhalten kann, wie heute, so will ich auch da seyn. Denn, Charlotte, ich habe den ganzen Tag nichts gegessen. Ich war matt, als ich Sie kommen sah und wollte Sie um Almosen bitten, als ich Sie erkannte und fur Staunen und Freude umsank.'

O, wie ruhrte mich dieser neue Umstand! der Arme Liebe! Ich wollte in mein Dorf und ihm den Abend noch was bringen. Er wollte es nicht und bat mich, nur des Morgens fruh zu kommen und etwas Milch und Brodt zu bringen. Mein Gott, Carl, wo will Er bleiben? 'Dort,' wies er auf ein halb zerfallnes Kapellchen, so auf der Hohe lag. 'Da kann Ihm ja Ungluck geschehen!' Von wem, Charlotte? Hier sind keine wilde Thiere.

'Aber es konnen Rauber kommen.' 'Rauber! O, was thun die?' sagte er mit bitterm Lacheln; 'sie nehmen Kleider und das Leben; was ist das gegen dies, was unsere Vater uns nahmen!'

'O, Was fur eine grausame Vergleichung!' 'Grausam, Charlotte! Sehen Sie sich, sehen Sie mich an! Aber sie sind todt. Mogen sie eine bessere Ewigkeit haben, als das Leben, das sie uns bereiteten.' Ich sagte ihm, dass ich diese Nacht die argste Quaal leiden wurde, uber seinen Gemuthszustand und das Capellchen.

'Furchten Sie nichts; ich werde nicht viel schlafen, sondern nach dem Ort sehen, wo Sie wohnen. Einsamkeit furchte ich nicht. Ich bin seit acht Tagen in einem verfallenen Schlosse, mitten in einer Einode und ein Soldat hat Herz.' Dies beruhigte mich nicht; ich jammerte fort. Da sagte er sanft: 'Seyn Sie ruhig, Charlotte! Gott ist mein Trost und mein Schutz; auf den hoffe ich. Gehn Sie in seinem Namen zuruck und Morgen, ach, Morgen erquicken Sie mich bald.'

Ich versprach es ihm herzlich; konnte aber beym Abschiednehmen mich nicht zuruck halten, mich an seine Brust zu beugen und laut zu weinen. Er umfasste mich zartlich. 'Charlotte! Sie an meiner Brust! Sie, mit diesem Vertrauen in meinen Armen! Gott, der uns sieht! Engels Seele, ach alles, alles will ich nun leiden.'

Er kusste die Ermel seines Kleides, die mich beruhrt hatten und meine Hande, und trat zuruck: 'Nichts mehr, nichts! Gehn Sie heim, gehen Sie; ich bin selig.' Er fuhrte mich noch ein wenig auf meinen Weg, und sah mir nach, bis ich am Ende der Strasse war. Ach, ich schlief nicht viel; ich zog mich nicht aus. Sein Hunger und seine Einsamkeit, und er, und seine Liebe waren vor mir. Um vier Uhr Morgens hatte ich schon einen Topf mit Milch und Brodt dabey unter meinem Regentuche. Ich eilte hinaus zu der Kapelle und fand ihn schlafend, den Kopf auf der zerbrochnen Stuffe des Altars. Ich betete hier mein Morgengebet mit vielen Thranen, setzte mich auf die Erde, nahm eine seiner Hande, die ganz kalt war. Er musste die Warme und das halbe Zittern meiner Hand gefuhlt haben, denn er wachte auf. 'Carl, armer Carl!' sagte ich. 'O, Gott sind Sie schon da, rief er: edle, edle Gute!' Er trank einige Tropfen, dann mehr, tauchte Brosamen ein, labte sich und segnete mich. Dann redten wir ab dass er in einigen Tagen wieder kommen sollte. Bis dorthin wollten wir uns entschliessen, was wir thun konnten; und er nahm die ubrige Milch und das Brod mit sich.

Siebzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Ich war hier begierig gemacht, das Uebrige von der Wollinge traurigen Geschichte vollends zu horen. Die gute Charlotte hatte Muhe, das Weitere in aller Ordnung zu sagen, weil sie noch immer bey allem zu sehr weint und durchdrungen ist. Sie konnen aus dem Mahlen einer jeden Scene schliessen, wie sehr deutlich die Bilder der Quaal noch in ihrer Seele liegen. Denken Sie sich selbst dieses alte Kapellchen und die zwey treue Liebende darinnen; den Milchtopf, der den Armen nur Tropfenweis erquickte und dann den Abschied und das Hinknien neben einander und das Hinblicken auf den Platz der zum Altar geweiht war, und die gebrochne Reden und das Seufzen Carls, als er seine beiden Hande an den Ueberrest dieses Altars legte, seinen Kopf darauf lehnte und dann hier noch einmal seiner Charlotte und allen Wunschen seiner Liebe entsagte, wenn sie, nur sie, glucklich und ruhig wurde. Sie, mit stillem Weinen da auf der Erde sitzend; ihr Herz an ihm hangend, nach ihm sehnend und allein durch die grausame Noth des Nichts haben, des Nichts hoffen, zuruck gescheucht, noch nicht sagen zu konnen: ich will mit dir in einer Hutte leben! O Rosalia!

Er ging weg. Sie bat ihn, ja wieder zu kommen, furchtete er mochte es nicht thun, besonders da er ihr seinen Aufenthalt nicht nannte.

Ach! sagte sie, ich glaubte mehr an meine Liebe, als an seine. Meine Mutter kam schon um halb sieben zu mir, betrachtete mich angstlich, riss mich an sich und benetzte mich mit Thranen. "Lotte! O Gott, meine Lotte! was hatte ich fur eine elende Nacht, voll Vorwurfe, dass ich dich verliess. Troste mich, sohne mich mit mir selbst aus. Sage mir alles, alles, wie es vor Gottes Augen ist. Was habt ihr geredt? wo ist Carl? Wann gingst du heim?"

Treulich, wie Ihnen, sagte ich ihr alles. Sie dankte Gott innig fur den Schutz, den er mir gegeben.

Rosalia! haben Sie es nicht der Mutter etwas ubel genommen, dass sie wegging? Ich that es auch. Aber denken Sie, wie sehr die arme Frau immer niedergedruckt war; sich erst bestandig vor ihrem wilden Mann furchten musste, dann arm wurde und von der Gnade eines Tochtermannes und einem kleinen Gehalt lebte. Sie war nicht von den Leuten deren Muth gestahlt werden kann, sondern die ihn vollig verlieren. Selbsterhaltung, Sorge, die Magd mochte sie verrathen, die arme Lotte verrathen und Carl in Gefahr kommen; ach, wie viel sturmte da auf die wenige Krafte dieser Frau! Sie fuhlte, dass sie nicht weg sollte; deswegen rufte sie Gott um Schutz an, schlief nicht und war des Morgens so angstlich. Ach richten Sie nicht!

Charlotte fuhr fort. ihre Mutter forderte, dass sie Carln nicht mehr sehen und ihm nur schreiben sollte. Diesen Brief wollte die Mutter ihm geben und ihm dabey ermahnen, dass er sein Gluck erst suchen und nur dann und wann Nachricht von sich geben mochte. Bey diesem Vorschlag ihrer Mutter emporte sich ihr Herz und fuhlte nichts, als seine Liebe. Sie schlug da die Hande zusammen: "Der Himmel vergebe mir, wie er mich strafte! Ich nahm mir vor, meine Mutter zu betriegen und ihr einen Tag spater anzugeben, wo Carl wieder kame. Ich wollte ihn nur einmal noch sehen, nur einmal! Es war mir mit diesem Vorsatz Ernst. Ich schrieb den nehmlichen Morgen den Brief den meine Mutter haben wollte. Sie nahm ihn mit, denn sie konnte nicht alle Tage zu mir kommen, sondern nur an denen, wo mein Schwager in die Stadt zum Rath fahren musste. Sie wollte dann, nach der Unterredung mit Carln zu mir kommen und mich trosten; denn ich weinte schon sehr, da sie noch mit mir davon sprach. Es waren gewiss, glauben Sie mir," sagte sie gegen mich, bittend, es waren gewiss schon Zahren der Reue darunter, dass ich sie betriegen wollte. Aber meine Liebe war starker, als diese Reue, und meine lange Busse auch. Ich sprach meinen Mann den zweyten Tag Morgens bey der Kapelle, da ich ihm nochmals etwas Milch und Brodt mit Butter brachte und ihm unter einer Fluth von Thranen, den Willen meiner Mutter ankundigte; dass ich ihn aber noch einmal hatte sehen und meiner treuen ewigen Liebe versichern wollen. Er solle sich um einen Platz bewerben, und mir fleissig Nachricht von sich geben, an mich und an das Kapellchen denken, wo seine arme Charlotte alle Tage hingehen wurde, fur ihn zu beten. Er liess mich reden, hielt meine Hande, so wie er neben mir sass, in den Seinigen, die er auf seine Knie stutzte und sein Gesicht in meinen Handen verbarg, keine Thrane, keinen Laut von sich gab. Ich hatte vier Bettucher von guter Leinwand und die sechs silberne Loffel mit mir gebracht; die sollte er zu Hemden und zu Gelde machen, um sich was anzuschaffen. Ich gab ihm auch dabey, was ich an Gelde hatte; es mochten drey Gulden seyn. Immer redte er noch nicht. Ich schwieg auch, hielt es aber nicht aus, sondern kusste ihn auf die Stirne. Er fuhr auf.

"O Charlotte, Charlotte!" und blickte mich unaussprechlich an, fasste meine Hande nochmals, legte noch sein Gesicht darauf; aber ich fuhlte mit Angst, wie es immer gluhender wurde. "Lieber, lieber Carl!" sagte ich leise mit beklemmten Herzen. Da richtete er sich ziemlich sanft auf, faltete seine Hande: "Ja, Charlotte! ja, Alles, Alles will ich thun, Sie, Ihre Mutter zu beruhigen!" Betrachtete mich wieder ganz; ich sass noch er stand vor mir. Sein Gesicht zog sich ein wenig, wahrend er einige Augenblicke schwieg, dann seine Augen mit seinen Handen, aber nur einen Augenblick, zuhielt und mit einer heftigen Wendung aus dem Kapellchen heraus trat, seinen Kopf mit etwas Trotz erhob und mit dem Arm zugleich eine gewaltige Bewegung machte. "Ja, Schicksal! Ja, Menschen! Ich will Alles thun, Alles leiden!"

"O, Madame!" sagte sie und fiel an mich, was hatte er da fur eine Stimme, fur eine Stellung, welch furchterlichen Ausdruck in dem sonst so sanften, so edlen Gesicht! Ich stand zitternd auf und ging mit ausgestrekten Armen gegen ihn. "Carl! mein Carl."

"Ihr Carl, Charlotte!" und halb hob er einen seiner Arme gegen mich, schlug aber gleich mit flammendem Gesicht diesen Arm an seine Brust. "Hier! hier, ewig Ihr Carl! und Sie meine Charlotte!"

Ich wollte ihn da umarmen, er wies mich mit beyden Handen ab. "Nein, Charlotte! nein, aus Barmherzigkeit nein!" Er buckte sich, nahm schnell seinen elenden Hut, druckte ihn fest an sich, riss mein Schnupftuch mir weg und ging ohne umzusehen, ohne etwas mit sich zu nehmen, weg; so eilend, mit solchen Schritten, dass, wenn ich die Kraft gehabt hatte, zu laufen, ich ihn doch nicht wurde eingeholt haben. Mein Schmerz, meine Verzweiflung sind uber allen Ausdruck. Ich trug mit bitterstem Kummer Alles zuruck. Ach, wie Eisen schwer wurde es mir, gegen das was ich im Hintragen gefuhlt hatte. Ich ass und trank den ganzen Tag nicht. Ich schrieb meiner Mutter und schickte ihr das Geld, so ich ihm hatte geben wollen. Ich harmte mich die ganze Nacht elendig ab und schlief zum Ungluck ein, denn ich wollte, samt meiner Mutter, ihn noch einmal sehen. Aber ich erwachte erst, als sie von ihm zu mir kam, und an meinem Bett schluchzte. Er war gekommen ganz ruhig, ganz nachdenkend; hatte wenig geredt, meinen Brief gelesen, gekusst, meine Mutter gesegnet, mich! nur einen Gulden von achten genommen, die meine Mutter ihm geben wollte, und war bald, aber fast wankend von ihr gegangen. Sie sah ihm nach, als er auf einmal umkehrte und zu ihr sagte: "Lieben Sie, trosten Sie meine Charlotte! Sie ist doch meine Charlotte, meine mir angetraute Frau!" Er fasste die Hand meiner Mutter: "Diese Hand selbst, diese Mutterband, hat sie mir gegeben, vor Gott gegeben! und nimmt sie wieder, auch vor Dir!" sagte er, mit Aufhebung seines Kopfs zum Himmel.

Meine Mutter erschrak und war unwillig dabey. "Beides war Zwang, war Nacht!" sagte sie; und dies gewiss mit einem zornigen Wesen. Er trat einige Schritte zuruck: "Ja, ja, Sie haben Recht, Frau Rathin; Sie haben Recht," und fort lief er ganz geschwind. Meine Mutter sah, dass er den elenden Gulden noch von sich warf und dann noch mehr forteilte. Sie war ungeduldig uber ihn, jammerte uber mich, schmahlte auf mein heftiges Weinen und auf meine unbesonnene Liebe die doch der Grund alles Unglucks meiner Familie ware. O, was litt ich da wieder! Ich wurde nicht krank, ob ich schon nichts als Kummer empfand; aber oft, recht oft ging ich zum Kapellchen und weinte und liebte da. Ich muss bekennen, dass ich nichts anders that und dachte. Es freute mich nichts mehr, keine Arbeit, nichts; meine gute Mutter selbst hatte mein Herz verlohren. Funf bis sechs Wochen waren so hingegangen. Ich horte kein Wort von meinem Mann. Es krankte mich in der Seele, und alle Tage, wenn es nur ein wenig heiter war, ging ich schon mit dem anbrechenden Morgen durch das Gartchen der Wittbe, bey der ich wohnte, durch einen Feldweg und eine kleine Anhohe in die Capelle; immer mit der Hofnung, ihn einst da zu finden. Den zweyten Junius, an einem Feyertage, erstaunte ich sehr, auf dem Boden ein schon geflochtenes, weisses Korbchen voll Erdbeeren und Blumen zu finden. Ich erschrak Anfangs, und dachte, dass jemand aus der Gegend da seyn musse, der vielleicht nur einen Augenblick auf die Seite gegangen sey. Ich wartete lang an dem Eingange, blickte aber von Zeit zu Zeit auf das Korbchen. Dann bemerkte ich auch, dass um die alten Steine herum Blumen gestreut waren. Ach, da fiel mir Carl ein und seine Blumen-Gedanken bey den Hochzeiten meiner Schwestern. Mein Herz klopfte; ich naherte mich dem Korbchen. Mein Name war in Feldblumen gebunden und ein Zettelchen dabey: "Charlotte! wenn Liebe, gutige Liebe Sie so oft herfuhrt; wenn sie mich sehen mochten: so gehn Sie einige Schritte auf der rechten Seite der grossen Eiche hin. Wo nicht, ach wo nicht: Charlotte, so nehmen Sie doch meinen Segen. Ich bin nicht ganz unglucklich. Ich lebe einsam und habe Sie oft, oft gesehen. Gott lohne Sie fur diese Augenblikke."

Zitternd und wankend, wie trunken, ging ich hinaus. Er war gleich da; war lauter Freude, lauter Gluck. Ich auch. Er erzahlte mir, er habe einen Aufenthalt, habe sich Obstbaume gepflanzt, etliche gepfropft, Gemus angelegt, habe eine susse, einsame Hutte in der schonsten Gegend, habe sich auch Gerste angesaet; habe Brennholz genug; sey dies alles seiner Ehrlichkeit schuldig; hange von Niemand, als seiner Arbeit und redlichem Herzen ab; habe zwey eigne Ziegen. Ich freute mich uber all das innig. Er machte mir auch die ganze Beschreibung so herzlich, dass ich ihm endlich sagte, ich wollte seine Hutte sehen. "Meine Hutte, Sie! Sie? Ach, sie ist funf Stunden von hier! Sie kommen in einen Tag nicht hin und her." Er stammelte fast, da er dies sagte und sah wehmuthig und zartlich mich an. "Ist kein Dorf in der Nahe?" "Ja." "Nun dort will ich uber Nacht seyn." Er wurde tiefsinnig und unruhig. "Charlotte, liebe Charlotte! wollen Sie? wenn, wenn wollen Sie meine Hutte sehen?" Er hielt bey diesen Fragen eine meiner Hande an seine Brust. Ich sagte ihm, dass meine Mutter in acht Tagen mit meiner Schwester in ein Bad reisen wurde; da konnte ich abkommen, ohne dass es jemand wusste. Ich wollte, wenn das Wetter schon ware, recht fruh da seyn; er sollte mich bey der Eiche abholen.

Freude in seinen Augen, Entzucken, Unruhe, Thranen, kussen meiner Hande, meiner Schurze, der Blumen, die ich in der Hand hatte, essen dieser Blumen, alles wechselte bey ihm ab. Dann wurde er still, blickte mich aber so an, dass ich ihn fur krank hielt, und fragte was ihm fehlte. Er sagte mir aber nur: "Charlotte! kommen Sie gewiss? gewiss?" "Ja, mein Carl;" und unwillkuhrlich legte ich meinen Kopf auf seinen Arm hin.

Ach, fuhr sie fort, bey all meinem Elende erinnerte ich mich oft mit Vergnugen der Freude, die er hatte. Er druckte mich einen Augenblick mit einem Arm an sich, stand auf, fasste lebhaft das ubrige Stuck des Altars, kusste die Stellen, wo ich gesessen, hielt sich wieder am Pfeiler, "heilig, gesegnet bist du mir! ach, der lezte Stein, das lezte Sandkornchen von dir wird mir heilig seyn! Moge, sagte er mit gefalteten Handen, mein Gluck die Seligkeit des Manns vermehren, der dich erbaute!"

Ich vergoss susse Thranen der Freude und auch Thranen der Angst; denn ich glaubte, er kame ausser sich. Er ging nachdem er das wenige Geld von mir angenommen hatte und bat mich, zwey Loffel und eine Serviette mit zu bringen. "In acht Tagen schlaf ich hier," und legte seine Hand freudig auf die Erde. Und ja, er schlief da. Aber ich war auch Morgens, um drey Uhr auf dem Wege zur Eiche, mit einem Pakken Weisszeug, meinen zwey Ringen und den sechs Loffeln, welches alles ich Carln lassen wollte. Einige mal hatte ich freylich gedacht, was meine Mutter sagen konnte, wenn sie es wusste. Ich sagte mir dann, sie sey weit weg; ich kame ja den andern Tag wieder. Und Carl war ja doch mit mir getraut, und so rechtschaffen! Ich musste nun wieder eine Unwahrheit sagen, da ich der Wittbe erzahlte, ich gehe auf etliche Tage zu meiner Mutter ins Bad; sie solle indessen meine Sachen wohl besorgen.

Mein Mann verkurzte mir den Weg, weil er mir immer alle Oerter nannte, alle schone Gegenden zeigte; denn er wusste einen Pfad, der immer auf der Anhohe fortdauerte und sich endlich im Gebusch dieses Berges verlohr, den ich aber bald erstiegen hatte; obschon Carl selbst immer langsamer ging, unter einem Arm das Pakchen trug und mit dem andern mich unterstutzte. Ich war aufgeschurzt, hatte einen Strohhut auf, und einen Haselstock, den Carl geschnitten hatte. Er fuhrte mich unter dem halben Bogen der Nussstauden, die noch da sind, gegen das alte Schloss, an die Ecke seines Gemusgartchens, in den Hof, wo ich die ode Mauer an der Seite der Hutte, mit Laub- und Waldblumen-Gewinden geziert fand. Das Dach der Hutte war ganz mit Tannenreissig bedeckt und Blumen dazwischen gelegt; das kleine Fensterchen mit eingefasst; eine Moossbank vor der Hutte. Das Kammerchen war kleiner, als jetzt und innen auch mit Grun und Kranzen geziert. Auf einem Steine waren Kohlen und zwey Topfe, einer mit Suppe, einer mit etwas Gemus und Fleisch, das er den Tag vorher gekocht hatte, und nur zu warmen brauchte. Vier irdene Teller und einige artig geflochtene Korbchen standen auf ein paar andern Steinen, die er von altem Mauerwerk hinein getragen hatte.

Ach, wie wurde ich von alle dem geruhrt! Vogel hupften vertraut aus und ein. Er holte seine beyden Ziegen aus ihrem Behalter und ich musste ihnen mit meiner Hand etwas zu fressen geben und seinen Vogelchen etwas Gerstenkorner, da ich auf der Bank vor der Hutte sass. O, wie sah er mich an! wie hielt er meine Hand! was fur sanfte Zahren flossen von seinen Augen. Hier so eine Ruhe! der schone Tag, diese Gegend! sie wies mit der Hand umher; Carl! ach, ich blieb; ich vergass Mutter, Welt, Alles! Alles!

Hier Rosalia, hing sie mit beyden Armen an meinem Hals. Wie sie weinte, wie ich stumm und bewegt, meine Arme um sie schlug, auch mit weinte und sie an mein Herz druckte, das soll Ihr eignes Herz, nicht meine Feder Ihnen sagen.

Ein und siebzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Ich denke, Rosalia, Sie haben Alles mitgefuhlt, was ich von der ruhrenden Geschichte meiner Wollinge mit meiner Feder wiederholen konnte. Es ist unmoglich, dass ich alle die feinen Mischungen mitschreibe, die Charlotte in ihre Erzahlung brachte. Sie lag einige Minuten an meinem Hals, eh sie fortreden konnte. Mit niedergesenkten Augen, und eine meiner Hande in den ihrigen gegen ihre Brust hebend, fragte sie mich: "Sagen Sie, vergeben Sie mir, dass ich bey Carln blieb? Sie wissen, dass ich mit ihm getraut war."

"Ja, mein Kind; Ich vergeb Ihnen von Herzen! Mochten Sie nur immer gleich glucklich gewesen seyn!"

Ach! mein Gluck welkte so bald, wie die Blumenkranze um unsere Hutte; und Carl, der arme Carl, hatte einige Zeit viel mit mir zu leiden. Die Regentage, die Zeit, da er wegging, etwas zu holen, sass ich voll Verzweiflung und Angst in einem Winkel versteckt und um die Zeit der Ruckkunft meiner Mutter, o, wie war mein Herz zerrissen! Ich schrieb ihr und Carl auch. Sie wollte uns nicht sehen. Der Zorn und die Sorgen uber uns machten sie krank. Mein Kummer um sie gab mir Muth, Carls Abwesenheit zwey Tage zu ertragen. Es waren freylich Sommernachte, aber ich neunzehn Jahr alt und so sehr empfindlich; allein, ganz allein, in dieser Einode! Ach, mein Gebet erhielt mich, und auch der Gedanke dass ich alle meine Angst, all meinen Jammer verdiente, weil ich meinen Eltern, und also dem Gesetz Gottes ungehorsam gewesen sey. Ich warf mir den Tod meines Vaters und das Elend und die Krankheit meiner Mutter vor; hatte oft das Herz nicht mehr, Gott um Hulfe anzurufen und dachte immer in der Beklemmung meiner Seele an den Fluch unsrer beiden Vater uber uns. Wir schliefen auf Moos, jedes hatte nur zwey Hemden; kein Kussen, keine Decke, als die beyden Bettucher, die ich fur Carln zu Hemden mitgenommen hatte. Ich hatte sechs Gulden von der Wittbe geborgt und ihr dafur alle meine Gerathschaften zum Pfande gelassen. Unsere Loffel wollten wir nicht verkaufen und lebten hochst kummerlich so fort. Fleisch assen wir lothweis, denn wir kauften die Woche nur ein Pfund. Ich nahte die zwey Servietten zusammen und stopfte sie mit Moos zu zwey Kopfpolstern aus. Sie mussen den Wasserbehalter sehen, den mein armer Mann, mit der Muhe und Erfindsamkeit machte, welche das Gedrange der Noth giebt. Darein tauchten wir unsere Hemden und ubergossen sie mit leichter Lauge und wuschen sie. Ich bleichte, trocknete und strich sie mit meinen Handen glatt. Ich hatte nur eine Schurze, zwey Rocke und zum Gluck ein Schlafwamschen, neben dem halben Kleide, so ich den Tag meiner unglucklichen Flucht aus dem kindlichen Gehorsam anhatte. Meine daurende Thranen und Seufzer erschutterten das Herz meines Mannes, der Tag und Nacht arbeitete und tausendmal seinen Verstand erschopfte, um mir Trostgrunde und Hofnungen beizubringen. Ich vermied ihn oft und blieb allein. Es schmerzte ihn. Er hatte ein Stuck mit Haber und eins mit Flachs besaet; sein Gartchen wurde alle Tage grosser; wir assen gutes Gemus. Er war ruhig und immer zartlich, aber einige Tage stiller und nicht mehr so vertraut. Einen schonen Abend gingen wir schweigend, aber Hand in Hand, noch hieher. Ich setzte mich, denn ich fuhlte, wie eine Vorbedeutung in mir, dass ich einer grossen Veranderung nahe sey. Carl wandte sich halb von mir ab, sah mit tiefem Blick, und mit langsam hebender Brust, gegen die Seite der niedergehenden Sonne. Endlich sagte er mit Ausdruck von Schmerz und Vergnugen. "Schoner starkender Himmel!" sezte sich neben mich und nahm wieder eine Hand von mir:

"Meine Charlotte! ich wunsche innig, dass Ihnen dieser Anblik," er deutete auf die Wolken, "eben so starkend sey wie mir. Horen Sie mich an; mein Herz hat Ihnen einen Vorschlag zu thun." "Ja, mein Carl! Aber warum sagst du: Ihnen Sie? was ist das?"

"Lassen Sie mich so reden, Liebe! lassen lassen Sie mich so"; antwortete er. Ich schwieg da.

"Ich habe Sie elend gemacht, durch die zartlichste Liebe elend gemacht. Vergeben Sie mir, Charlotte! und willigen Sie in die Genugthuung, die in meiner Gewalt ist. Gehn Sie Morgen mit mir nach Ihrem Aufenthalt zuruck. Ihre Mutter wird Sie mit Gute aufnehmen. Hier haben Sie die Versicherung davon." Er gab mir einen Brief von meiner Mutter. "In dem Schooss dieser Mutter werden Sie sich trosten und erholen. Die Zeit hilft auch. Nehmen Sie den Namen an, den Ihr Vater bey unsrer Trauung Ihnen gab. Es ist ein Titel dabey, der wird Ihren Herrn Schwager bewegen, Sie neben Ihrer Frau Mutter in sein Haus zu nehmen. Da werden Sie Mutter- und Schwesterliebe geniessen. Verkaufen Sie Ihr Gerathe, Ihre Ringe und Loffel; es wird Ihnen so viel tragen, dass Sie nicht ganz abhangig seyn werden. Sagen Sie, ich ware fort, mein Gluck zu suchen. Ach! Sagen Sie daruber, was Sie gut dunkt, was Ihnen Gutes thun kann. Vergeben Sie mir nur Ihr Elend, Ihre Verbindung mit mir! Lassen Sie sie aufheben. Die Umstande, in denen Sie damals waren, werden es sehr erleichtern; und ich, ich will Alles bekraftigen, Alles unterschreiben, was fur Sie, was zu Ihrem Besten seyn kann. Sagen Sie nur meinen Aufenthalt Niemand. Lassen Sie mir den Loffel, mit dem Sie assen, und die Stucke Weisszeug, die uns deckten. Ich will sonst nichts!" Er breitete seine Arme aus. "Ganze, ganze Welt! ich will sonst nichts!"

Ich hatte, wie Sie denken konnen, immer fort ge

weint. Er schien es nicht zu achten und seine Augen und sein Gesicht waren trocken; nur manchmal roth, manchmal gezogen. Er hatte aufgehort zu reden. Ich schluchzte laut. Er wischte meine Augen, seufzte, war aber noch fest genug mir ruhig zu sagen: "Kommen Sie! wir wollen den Brief Ihrer Mutter lesen."

"Ich konnte nicht reden; nur meine Hande rin

gen. Ich hoffte gewiss zu sterben, so ubel, so schmerzvoll war es mir, Carln unempfindlich bey den Thranen zu sehen, die ich vergoss. Meiner Mutter Brief war freundlich. Sie lobte Carln uber seinen Entschluss und sein Anerbieten einer Ehescheidung; setzte hinzu, sie wurde so nach dieser Trennung nimmer gelitten haben, dass wir uns sahen, und hatte wohl vermuthet, dass der Wahnsinn meiner Liebe austoben wurde. Aber, ich bin Mutter, endigte sie! komm mein Kind! komm, du sollst mich als deine treue, zartliche Mutter finden, so lange ich lebe."

Seine Stimme war ziemlich bewegt, so lange er las;

aber keine Zahre trat in seine Augen. Das qualte, und emporte mich ausserst. Als ich ihn nun vollends den Brief wieder mit gesetzter Miene zusammenlegen sah, trockneten jahling meine Thranen. Ich riss mit Zorn den Brief meiner Mutter aus seiner Hand, warf ihn weg: "Ich bin selbst Mutter!" schrie ich und schlug mit Verzweiflung auf meinen Leib; "ich selbst! und Du!" Ich stiess meinen Mann von mir. "Du? hart, unempfindlich, wie mein Vater es war."

Er fuhr auf, schlug seine Hande zusammen, blickte mich an. Ach! ich kann nicht sagen, wie? fiel mit Heftigkeit hin, auf seine Knie vor mich; umfasste mich, konnte auch lange nicht reden. Ich wollte mich losmachen von seinen Armen, aber er hielt mich umklammert.

"Charlotte! Du bist Mutter?"

"Mutter!" Er betrachtete mich einen Augenblick, mit einem unsaglichen Ausdruck seines Gesichts.

"Grausame! Du sagtest mir nichts!" Nun strohmten Thranen von seinen Augen. Er legte seinen Kopf auf meine Knie und weinte laut. Ich sagte noch, indem ich meine Arme um mich legte: "Ich hoffe, armes Geschopf, Du sollst mit mir zu Grunde gehen und sterben."

"Er umfasste mich und schrie, stammlend vom Weinen: O, Charlotte! sey gern Mutter! Mutter meines Kindes. Liebe mein Kind, liebe mich!"

Ich schwieg; er auch. Dann richtete er sich auf. "Ich Vater! Du Mutter! Charlotte, du bist mein, ewig mein;" mit Entzucken umarmete er mich da. "Vergieb! vergieb mir Alles! Vergieb mir, um meines Kindes willen! Nun kannst Du, nun darfst Du nicht von mir!"

Ach Gott! das Lacheln des Glucks und der Liebe verbreitete sich uber all seine Zuge. Ich weinte wieder sanft; ich fuhlte auch all meine Liebe wieder. Er kusste meine Thranen auf. "Charlotte! beruhige Dich. Lebe! lass mein Kind leben. Dein Gram todtet es. Lebe mit ihm, Du Theure, Angebetete, Du! seine Mutter!"

Eine Zeit darauf erhob er seine Hande zum Himmel: "Ewiger Vater! du gabst mir die zwey Geschopfe; hilf, o, hilf mir sie erhalten! Starke, segne diese Arme! segne diesen Boden!"

"Er streckte seine Arme nach aller Kraft seiner Sehnen aus; blieb etwas still, setzte sich dann zu mir, umarmte mich zartlich. Du bleibst nun bey mir! Sieh Charlotte, die so schonen Abendwelken, von Gott so herrlich gefarbt! Morgen zerfliessen sie in einen fruchtbaren Regen. Hier, in dem grossen Thal vor uns, wachst Nahrung fur viel tausend Geschopfe: und hier sollte Gott uns nicht ernahren? meiner Hande Arbeit nicht segnen fur Dich fur mein Kind? Auf dem Boden, wo er Alles hervorspriessen lasst, um Kafer, Gewurme. Vogel und Wild ihre Nahrung finden zu lassen; und fur mich, fur Dich solle ich an seiner vaterlichen Vorsorge zweifeln?"

Er besanftigte hierdurch meinen Schmerz und ich ging an seinem Arm glucklich, in unsre Hutte zuruck. Er erzahlte mir, wieviel er gelitten, um sich zu unserer Trennung zu entschliessen. Er habe auch die Starke dazu bloss in meiner anfangenden Kalte gegen ihn, und meiner immerwahrenden Traurigkeit, gefunden; weil es ihm unmoglich gewesen seyn wurde, mich langer so um sich zu sehen. Ach, er war nicht gleichgultig, der gute Carl! Unsre Liebe kuttete sich nun fester und blieb es bis auf diesen Augenblick. Aber mit meiner Mutter hatten wir aufs neue zu kampfen. Sie vergab uns diese Abanderung unsrer Gesinnungen lange nicht, und hielt den Beweggrund meiner Umstande fur erdichtet. Endlich ging ich mit Carln ihr nach und da konnte sie meinem Anblick und meinem Flehen nicht widerstehen. Sie vergab uns und segnete uns; weinte uber mich, uber ihre Armuth, uber die meinige. Wir baten sie instandig, niemand zu sagen, wo wir waren, und einmal zu uns zu kommen. Sie versprach es. Diese Hoffnung und ihr Segen und ihre uns bezeigte Liebe, starkten mich zum Ruckweg. Sie hatte auch Carln gekusst und uns gesagt, da sie unsere Hande hlelt: "Ach! wollte Gott, Ihr waret meine glucklichsten Kinder, so wie ihr meine Besten seyd!"

Auf die Zeit, da wir wussten, dass sie zu uns kam, puzten wir unser Gartchen, unsere Hutte und alles, recht sauber und artig; wie auch den ganzen Weg nach Mahnheim, den Carl mit dem Rechen ebnete und die Steine weghob. Aber sie war sehr traurig, mich hieher verbannt zu sehen. Ich zeigte ihr nichts als Zufriedenheit. Sie verkaufte meine Ringe, vier Loffel und das Zinn- und Kupfergeschirr, schrieb dann dem guten Beamten Mooss, zum Besten meines Mannes; und sagte ihm, dass er ehemals ihr Kammermadchen geheyrathet habe. Er mochte ihn seine Gartnerey da oben fortfuhren lassen und erlauben, eine neue Hutte zu bauen. Die bekamen wir noch im October, wie auch Betten, Weisszeug und Kleidungsstucke, wie sie fur Gartnerleute taugten. Carls Flothe und einige Bucher kamen auch. Ich horte die Betrachtungen meines Mannes uber den wahren Unterscheid der Stande, wurde mit dem meinigen vergnugt; gewohnte mich hier zu leben, half ihm arbeiten, er mir; denn im Winter strickten wir beyde und spannen auch. Seine Sorgfalt um mich ist nicht zu beschreiben; und sein Kummer auch nicht, da ich, mit vielem Web, ein todtes Kind zur Welt brachte, und er seine Vaterfreuden verlohren, ich fur mein zartliches Herz keine Belohnung meiner Leiden hatte, und meinen armen Mann eine Leiche an sein Herz drucken sah. Ach! Madame, welch ein Kummer bemachtigte sich meiner! Ich rief von meinem Lager: "O, Carl! immer noch Strafe fur unsern Ungehorsam! Mochten es alle junge Leute horen, was wir fur Leiden ertragen mussen, und mochten sie eher sterben lernen und sich abharmen, als mit dem Vaterlichen Fluch beladen werden!"

"Ich zerriss da meines Mannes Herz zum leztenmal, weil ichs mir nimmer wurde vergeben haben, ihn noch einmal so zu kranken, wie es da geschah. Es war hart und unbesonnen von mir; denn die Frau, die mir beistand, konnte uns schaden. Wir ergaben uns mit einander dem Schicksal und weinten vereint uber das schone todte Bild, das wir vor uns hatten. Wir liebkosten es, hielten seine Handchen. Hatte Vater- und Mutterliebe es zum zweytenmal beselen konnen: es wurde erwacht seyn. Ich konnte mich von den Ueberresten nicht trennen und wollte es bey uns haben. Sein Vater trug es selbst in das Bett der Verwesung und legte es in unser Blumengartchen, wo Sie seinen Grabhugel gesehen haben. Ich war lange ziemlich schwach, wurde aber gegen das Fruhjahr stark genug, um Carln alle kleine Arbeiten abzunehmen. Ich selbst umpflanzte das Grab meines Erstlings mit Veilchen und zog einen Kranz von Blumen an der Stelle, wo sein Kopfchen liegt. Ich weiss noch nicht, was fur ein anziehendes, trauriges Vergnugen ich daran fand. Carl entdeckte eine feine Lettenerde; daraus formte er Blumentopfe, trocknete sie an der Sonne und flochte sie mit Weiden ein, dass sie nicht aus einander fielen, weil sie ungebrannt waren. Von dem Letten machte er auch, auf dem Absatz der Mauer, eine Art von Wand, mit Weidenflechten, dass die Erde nicht vom Regen abgeschwemmt werden konnte, und seine fruhen Obstbaume gut fort wuchsen. Der Beamte bewilligte uns Brennholz, so viel wir brauchten und wir durften, da wir mehr Kinder bekamen, vier Ziegen halten; auch grossere Stucke mit Korn anpflanzen. Meine Mutter besuchte uns die zwey Jahre, da sie noch lebte, manchmal. Der Stein, den ich meinen Altar nenne, war ihr letzter Ruheplatz bey uns. Da sah ich sie, da kusste sie mich das letztemal! Ich kam bald mit Lottchen in die Wochen und konnte sie nicht mehr besuchen." Sie weinte hier still. "Ach! Madame, es ist kein Fleckchen um uns herum, das nicht mit meinen Thranen benetzt wurde und ich glaube, dass mir dieser Boden auch deswegen so lieb ist."

Zwey und siebzigster Brief

Fortsezung.

Frau Wolling weinte wurklich wieder. Ich storte sie nicht gleich; endlich fuhr sie fort: "Ich kann nicht sagen, was seit Ihrer Ankunft und der Versicherung Ihrer Hulfe in uns vorgegangen ist. Ach! glauben Sie, dass wir Ihre Gute verdienen, und entziehen Sie uns Ihre Gegenwart und Ihre Liebe nicht mehr. Ich konnte, grosser Gott!" sagte sie mit aufgehobenen Handen "ich konnte Ihren Verlust nicht ertragen. Sehen Sie nicht uns, sondern unsre armen Kinder an."

Rosalia! ich erneuerte ihr mein Versprechen und sagte Nachmittags beyden meinen Plan fur ihr Haus und Gut; welches sie ganz glucklich machte. Ich versicherte dabey den Herrn Wolling, dass ich mit seiner und Charlottens Geschichte sehr zufrieden ware und beyde bate, alles Vergangene nur als einen beschwerlichen Weg anzusehen, auf welchem ihr Schicksal erst ihre Tugend prufen und sie dann auf einen guten Ruhplatz bringen wollte, wo sie nichts als Vater- und Muttersorgen fuhlen und die Gluckseligkeit eines freyen einsamen Lebens neben dem Vergnugen der Arbeit und Freundschaft geniessen sollten.

Hier fasste ein jedes im nehmlichen Augenblick eine meiner Hande. Charlotte schluchzte; Wolling lag mit seinem Kopf auf meiner Hand; redeten aber nicht, und diese stumme Scene fesselte auch meine Zunge auf einige Minuten. Endlich erholte ich mich zuerst, und sagte ihnen: "Meine Freunde, alle Menschen haben Leiden zu ertragen. Ich bin reich, gesund, unabhangig: aber es geht ein grosser Theil bittern Kummers durch mein Leben. Ich versusse ihn allein in dem Wohl meines Nachsten und der Uebung meiner Talente. Eure Liebe wird mich freudig machen und hier wollen wir, nach Art der Patriarchen, in unsrer einsamen Wohnung mit einander glucklich seyn. Morgen fruh gehn wir zu dem Beamten. Aber heut erzahle mir Herr Wolling die Art, wie er auf diesen Berg kam, und die Erlaubniss erhielt, sich hier anzubauen."

Er kusste meine Hand und sah mit einem Blick mich an, der sagte, dass er deutlich meine Bemuhung sehe, ihr Aufmerksamkeit von meiner Wohlthat abzuwenden. "Meine gute Charlotte wird Ihnen viel Vortheilhaftes von mir erzahlt haben. Sie weiss nicht, wie viel tausendmal ich mir Vorwurfe machte, dass ich nicht gleich nach dem Fest ihrer zweyten Schwester mich entfernte. Ich hatte alle Starke und Entschlossenheit, die dazu nothig war, in mir finden konnen. Aber, ich verblendete mich durch Entwurfe von grossmuthiger edler Liebe; und es ist immer schwer, dem Anblick der Geliebten zu entsagen. Ich setzte mir heilige Schranken; ich ubertrat sie nicht. Aber der Strom meiner Leidenschaft verstarkte sich immer, und riss endlich die Ruhe und das Wohl meiner Lotte und ihrer Familie mit sich hin."

Ich sagte ihm hier, dass er sich, in meinen Augen immer edel bewiesen habe.

"Ach! ich war es nur im Ungluck. Ich hatte es in guten Tagen seyn sollen! Aber, Sie wollen meine Berggeschichte wissen. Ich wurde ein gezwungener Soldat. Mein Widerstreben half nichts, und ich sah wohl, dass die wahre Erzahlung meiner Geschichte auch nichts helfen wurde. Die Urheber meines Elendes waren mir, um Charlotten willen, zu ehrwurdig geworden, um von ihnen zu reden, wie sie es verdienten. Vergieb mir, Liebe, sagte er zu Lotten, ich bin nicht mehr bitter; es ist nur in dem Lauf der Geschichte. Alle gezwungne oder unsichre Leute, wie man sie heisst, werden in Garnisonstadte gelegt und ausserst beobachtet. Ich kam also sehr weit an die Granzen des Reichs. Nachdem meine Seele ganz erschopft war und ich aus dem Lazareth kam, erhohlte sich meine Vernunft mit meinem Korper. Ich sah ein, dass ich auf diese Weise zu Grunde gehen wurde, ohne den Trost zu haben, etwas von Charlottens Schicksal zu erfahren. Vor dem Durchgehen schauderte mich, ob mir schon der Gedanke einigemal aufstieg. Ein erzwungner Eid war doch ein Eid, den ich vor Gott abgelegt hatte; und Durchgehen war eine niedrige Handlung, die mich mit tausend schlechten Leuten in ein Bundel warf. Das wollte ich also nicht; sondern befliss mich ausserst auf den Dienst, munterte und ermahnte auch Andre zu genauer Erfullung ihrer Pflichten auf. Die Unteroffiziere fingen an mich zu lieben. und gaben mir bey den Obern gute Zeugnisse; die dann auch freundlich mit mir sprachen. Unter diesen suchte ich nach einem Ausdruck des Gesichts, der mir edelmuthige Menschenliebe versprach. Ich fand den Mann in der zweyten Garnison, an dem Lieutenant von L*** T***, von dem ich schon in unsern Gegenden, wo er auf Werbung lag, als von einem vortreflichen und Einsichtsvollen Mann hatte sprechen horen. Er hat eine sehr liebenswurdige Frau, mit der ich ihn oft in einem Garten sah, in welchen einige Fenster der Caserne die Aussicht haben. Ach! wie traurig machten mich die Kennzeichen der wahren, reinen Zartlichkeit, die sie sich gaben, wenn ich da an Charlotte dachte. Der Garten schien mir schlecht gepflegt und ich machte den Entwurf einiger Verbesserung im Schonen und Nutzlichen; zeichnete ihn und sagte meinem freundlichen Unteroffizier davon; dieser dem edlen Herrn von L*** T*** und ich erreichte meinen Endzweck zwischen meinen Wachttagen, in diesem Garten zu arbeiten. Man war sehr mit mir zufrieden, besonders, da ich einen Jungen des ersten Gartners unterrichtete. Diese Zufriedenheit wandte ich an, Herrn von L*** T*** um Bucher zu bitten, welche ich aber nicht zum Lesen, sondern in der Absicht verlangte, dass er auf mich neugierig werden mochte. Das geschah; er fragte mich aus. Ich erzahlte ihm Alles, und gestand ihm auch meine Absicht in Bearbeitung seines Gartens. Mein Kummer schien ihn zu ruhren, so wie ihm meine Freymuthigkeit gefiel und ich erhielt nach einer neuen Krankheit, aus den Handen dieses grossmuthigen Menschenfreundes, der einen andern Mann fur mich stellte, meine Freyheit wieder, nebst Geld und einem Pass als Gartnergeselle, worauf ich mir auch Gartnerkleidung anschafte, und dann nichts wichtigers hatte, als in die Gegend zu eilen, wo meine Charlotte wohnte. Da horte ich das traurige Schicksal ihrer Familie und wurde ausserst daruber betrubt. In Immenberg erfuhr ich den Aufenthalt der Mutter; aber von Charlotten kein Wort. Ich musste sehr behutsam mit meinem Herumwandern seyn, weil an zwey Orten Werber lagen, vor deren Klauen ich mich furchtete und wurklich einmal in Gefahr gerieth, vieren von ihren ausgestellten Leuten in die Hande zu fallen, wenn nicht die Dammerung und meine Geschicklichkeit im Bergsteigen mich gerettet hatte. Denn sie verfolgten mich auf einem Fusspfad an der Anhohe, der sich endlich in zwey Wege theilt, auf deren einem ich Bergan kletterte und nicht mit Gehen aufhorte, bis ich vollig oben war. Nacht und Nebel lagen dann auf dem Thal. Ich war mude, und schlief unter dem nachsten Baum."

"Sie mussen ihn einmal sehen, fiel Charlotte ein, diesen Baum, wo meines armen Carls klopfendes Herz, das erstemal hier ruhte. Er ist mit einer schonen Grasbank umgeben. Ich habe ihn oft gekusst." "Und uber ihn geweint;" sagte ihr Mann lachelnd, indem er ihre Hand druckte. "Den Morgen darauf war ich sehr niedergeschlagen in meinem Gemuth. Aller mein erlittner Jammer war vor mir. Der Gesang der Vogel, das muntre Herumkriechen der Gewurme, hie und da eindringende Sonnenstralen zwischen den Stammen und Aesten der Baume; die schonen Farben der Blatter und kleinen Waldblumchen; die so ganz vollkommne Stille und Ruhe besanftigte und erweichte mich. Ich weinte eine Zeitlang; dann kniete ich und betete um Nahrung und Ruhe, wie dieser Wald und Krauter und Wurmer aus der Hand ihres Schopfers erhielten. Ich stand gestarkt an Leib und Seele auf und wollte die Gegend des Bergs kennen lernen; ging daher immer, auf der aussern Linie, seiner Hohe nach, wo ich endlich zu dem zerfallnen Schloss kam, mich da hin setzte und Betrachtungen uber die Verganglichkeit alles dessen machte, was Menschen, im Guten und Bosen, mit Weisheit und Thorheit, Gluck und Elend, machen, und erfahren. Eine kleine einsinkende Hutte stand noch da, auf dem Platz der unsern. Ich durchsuchte sie, und raumte sie aus, weil ich, da ich noch Brod und etwas Kase bey mir hatte, den ganzen Tag und die kunftige Nacht da bleiben wollte. Der Abend war herrlich schon, das Thal vor uns, und alles! Ach, da fiel mir ein, wenn Charlotte dachte, wie ich; wenn sie mich liebte, wie ich liebe: wie selig konnten wir hier seyn! Den ersten Gesetzen der Natur getreu, baute ich hier die Erde fur unsre Nahrung, zoge Blumen, schones Gemus und Obst; das verkaufte ich um Kleidungsstucke; und mit diesen sussen Traumen von romantischem Gluck schlief ich, auf zusammengetragnen Moos ein, wachte mit diesem Traum wieder auf, und nahm mir vor, Charlotte zu suchen. Ich ging aber einen grossen Umweg nach dem Dorf, wo ihre Mutter wohnen sollte, und getraute mir auch den zweyten Tag nicht, irgends einzukehren, weil ich Soldaten gesehen. Den vierten Abend fuhrte mich der glucklichste Zufall zu Charlotten. Ich sah ihre Liebe, ich fuhlte meine Zartlichkeit, aber zugleich alle Noth der Bedurfnisse und der Macht der Gewohnheit. Ich entsagte ihr, riss mich mit Verzweiflung von ihr, hasste alle Welt, wollte keine Seele mehr sehen! Aber, ach! wie traurig ist der Zustand des Menschenhassers! Er verliert nicht nur alle Empfindung von gesellschaftlicher Freude, sondern auch die von dem Vergnugen, so wir uber unsre erworbene Kenntnisse, Verdienste und Tugend hatten. Aber, es ist eine gerechte Folge des Losreissens von den Banden der Pflicht, dass zugleich alle susse Gefuhle der Menschheit verlohren gehen. Meine innere Wuth dauerte vier Tage. Ich walzte Steine und Stucke Mauer aus ihrem Platz, riss Aeste von Baumen, ohne Plan, ohne Absicht; kletterte uber den Schutt im Thurm; stiess mit den Fussen Sand, Mauersteine und was locker war, durch die offne Seite hinaus und sah sie mit wildem Vergnugen den Berg hinab rollen. Abends kam ein starkes Gewitter. Ich stand an dem Eingang des Hofs, an die Mauer gelehnt; sah bald diese traurigen Ueberreste von rothen Blitzen furchterlich beleuchtet, bald alles schwarz um mich her, und horte ruhig die schrecklichen Donnerschlage, die darauf folgten. Diese Emporung in der Natur dauerte zwey Stunden, eh die Emporung, die in meiner Seele war, sich zu beugen anfing; und ich glaube heute noch, dass eher der starke Guss des ausserordentlichen Regens, der mich durch und durch netzte und kaltete, daran Ursach war, als ein moralischer Beweggrund. Mechanisch kroch ich in meine Hutte, warf die Kleider weg, legte mich, und erwachte erst sehr spat. Der Tag war schon. Ich hatte noch ein Hemde, Westchen und Beinkleider von Leinwand; die zog ich an, und wollte mein nasses Gewand trocknen: als ich Etwas gehen und reden horte. Ich versteckte mich, blieb ganz ruhig und vernahm aus dem Gesprach der Leute, die durch den Schlosshof gingen, dass es der Beamte von Mahnheim mit dem Fursten war, die Baume zum Fallen auszeichneten. Als sie weg waren breitete ich mein Kleid auf die Steine, ging nach einer schonen Eiche, die ich liebte und fand, wie ich es befurchtete, dass sie auch zum Hau bestimmt war. Ich umfasste sie mit Schmerz und Trauer, wie einen Freund, den mir das Schicksal nehmen wollte und wunschte sie losbitten zu konnen. Indem sah ich einige Schritte am Abhang etwas glanzen, und da das Gras umher zertreten war, so dacht ich, dass Jemand was verloren haben musse; ging hin, fand einen artigen kleinen Schlussel, nicht weit davon ein Futteral mit einem silbernen Zirkel, Maasstab und Bleistift nebst Messer; und dann ein Paketchen mit der Aufschrift: fur Eichenstamme zehn Dukaten. Das Geld fur meiner Eiche Leben gerade in dem Augenblick zu finden, wo ich uber ihren gedrohten Tod geweint hatte, gab den Bewegungen meiner Seele einen neuen Schwung, nebst dem Gedanken: Das gehort dem Beamten; ich will ihm alles gleich bringen. Aber zum Lohn muss er mir die Eiche stehn lassen. O! was war meine Empfindung als ich nach diesem Endschluss zu ihr kam und sie nun als Gegenstand meiner Wohlthatigkeit vor mir stand; schoner, lieber und wichtiger schien; sogar ein Wahnen in mich kam, dass sie Gefuhl haben konnte von der Umarmung, mit der ich ihr das Leben versprach; meinen grunen Kuttel noch ganz feucht anzog, nach Mannheim zum Beamten eilte und ihm das Gefundene ubergab!

Der liebe Mann wollte den nehmlichen Augenblick zwey seiner Sohne mit dem Forster hinschicken und suchen lassen. Er staunte mich an, und Thranen traten in sein gutiges Auge, als er die Hand ausstreckte, um die Sachen zu nehmen. Seine Frau, seine zwey Sohne betrachteten mich mit Gute. 'Redlicher Fremdling, sagte er, indem er meine Hand schuttelte und druckte, ich danke Euch fur die Zuruckgabe meines verlornen Guts; aber ich segne Euch fur die Freude, einen so rechtschaffnen jungen Mann zu sehen, und fur das Beispiel, das Ihr meinen Kindern gebt, arm, und zugleich so voll Ehre und Rechtliebend zu seyn. Wer seyd Ihr, lieber, junger Mann. Wie kommt Ihr auf den abgelegenen Berg'?

Ich wies ihm hier meinen Abschied, als Gartnergesell. Er schien zufrieden, blickte mich aber dennoch von Zeit zu Zeit nachforschend an. Ich sollte mit ihm essen; aber ich furchtete das Ausfragen und dankte ihm!"

"Vielleicht will Er heut noch weiter! ich will ihn an Leute in der Stadt empfehlen. Komm Er mit in meine Schreibstube."

Das that ich. Er sah mich da noch einmal nachdenkend an, weil er meine Verlegenheit sah. "Nun wie ist es mit Ihm, Freund? Mich dunkt, Er hat mir was zu sagen. Vertrau Er sich mir;" sprach er, indem er zugleich einen Schiebkasten seines Schreibtisches aufmachte und einen grossen Silberthaler nahm, den er mir darbot. Nehm Er das kleine Kennzeichen meiner Dankbarkeit hin und rede Er freymuthig mit mir.

Ich wies seine Hand mit dem Thaler zuruck und sagte: "Herr Amtmann! ich bitte um nichts, als dass Sie die Eiche bey der alten Mauer stehen lassen, sie ist mir so lieb!"

Er trat ein Paar Schritte zuruck und besah mich mit Staunen von Kopf zu Fussen.

"Die Eiche! Ey was thut Ihm die Eiche?"

"Ach! sie ist seit sechs Tagen der Trost und die Freude meines Lebens. Es ist sonst kein Wesen auf der Welt, das mir Gutes that. Der einzige Wohlthater, den ich je hatte, lebt in Konigsberg, so weit von mir. Lassen Sie die Eiche stehen. Erlauben Sie mir, in der Hutte zu wohnen und um das alte Schloss herum Gemus und Obstbaume zu pflanzen, davon ich leben will."

"Lieber, junger Mann! ich denke, Er wundert sich nicht, wenn Er mir immer sonderbarer vorkommt. Denn wenn Er von seiner Handarbeit leben will, warum geht Er nicht lieber zu einem Gartenmeister?"

"Sie haben in Allem Recht, theurer Herr Amtmann. Aber, Sie machen mich zum glucklichsten Menschen, wenn Sie mir diesen Aufenthalt vergonnen, und Sie sollen mich immer als den Redlichsten finden."

"Er wolte was von mir wissen. Ich sagte ihm, dass ich in meiner Jugend studirt hatte, weil ich der Sohn eines Schreibers sey; dass ich ein gutes Madchen innig geliebt und ihr auch werth gewesen ware; dass ich mit ihr getraut; aber am nemlichen Tage mit Gewalt zum Soldaten genommen sey, wo ich immer krank und also unbrauchbar gewesen. Da hatte mich die Menschlichkeit eines edlen Mannes wieder frey gemacht. Ich hatte meine Frau aufgesucht, musste aber nicht, wo sie ware Mein Vater sey todt, und das Leben mir zuwider, so bald ich unter viel Menschen seyn musste"

Er bedachte sich eine Zeitlang. Endlich sagte er: "Ja, mein Freund! Er soll da oben wohnen und anbauen, mit der Bedingung, dass er diesen Thaler nebst einigem Handmerkszeug annehme, und mir alle Woche sage, was Er gethan hat."

Ich kusste seine Hande mit vielem herzlichen Dank. Er liess mich im Zimmer warten, um mit seiner Frau zu reden. Ich konnte mich nicht enthalten, auf meinen Knien Gott zu bitten, dass er diesen herzlichen Mann und seine Kinder segnen moge.

"Sie hatten mich im Nebenzimmer belauscht, wie sie mir nachher sagten; und beyde kamen geruhrt in das Zimmer, nachdem ich ziemlich lang' allein darinn gewesen war. Die Frau gab mir einen Sack voll Saamen wie sie sagte. Es war aber auch in einem Tuch ein Laibbrodt und ein Stuck trocken Fleisch dabey. Zu diesem gab sie mir einen Rechen, eine Grabschaufel, Hake, einen Schiebkarren voll Dunger, zwey irdene Topfe, und zwey Teller, nebst einem Loffel dabey. Und so zog ich herrlich in meine Einode zuruck. Was fur ein Abend war dies! Meine Ehrlichkeit hatte mir aus den Handen der besten Menschen einen Wohnplatz erhalten. Ich fuhlte mich glucklich. Aber, da kam das Bild von Charlotten; der Wunsch nach ihr; Entwurfe meines Anbaus und meiner Hofnungen. Ach, wie arbeitete ich; wie war ich gestarkt, wenn ich im Walde zu dem Kapellchen ging, um wenigstens den Ort zu sehen, wo meine Liebe war, und da Charlotten an mich denken, und fur mich beten sah! Ich wollte mich nicht sehen lassen, bis ich ihr etwas von einem sichern Aufenthalt und Nahrung erzahlen konnte; denn ich hatte ja auf sie Verzicht gethan. Endlich schrieb ich; zeigte mich. Charlotte vertraute sich mir machte mich selig!"

"Und elend!" fiel sie ein. "Du Liebe! sagte er, es ware unnaturlich und unwahr gewesen, wenn Du nicht auf diesem traurigen Wege Deines Lebens gewankt und geklagt hattest Der Beamte besuchte mich zum oftern, lobte mich, schenkte mir eine Ziege, dann die Zweyte; empfahl mein Gemus an ein Paar Hauser in der Stadt. Ich zog Zwergbaume in den Lettentopfen, die ich mit Weiden einflochte. Bluhend verkauft ich sie. Das that uns viel gutes. Meine theure Lotte wurde die beste Mutter und arbeitete nur zu viel. Der Beamte gab uns so viel Freyheit und Gutes, als er konnte. Die Gewohnheit siegte uber alles; aber nicht uber den Gedanken: was wird aus meinen Kindern, aus meiner Lotte, wenn ich sterben sollte?"

"Wie oft lag ich neben dem Grabe meines Erstlings! wunschte in dustern Stunden mich Mutter und andre Kinder, auch bey ihm unter der Erde! Dann betete und hoffte ich wieder, meine Knaben sollten gute Gartner, meine Madchen einst geschickte, fleissige Weibspersonen seyn. Arbeit der Hande war unser Ehrenstand geworden. Ehrgeiz, Eitelkeit, alles war weit von uns; nur der Himmel und das Auge der Vorsicht nahe; und wir achteten uns nach dem ersten Stand der Unschuld zu leben. Vor einem Jahr kam Herr von Pindorf ohngefahr herauf, wurde auch geruhrt, gab mir Geld auf Baumchen, die ich ziehen sollte. Aber es war nur ein Vorwand, unter dem er seine Grossmuth verbarg. Er empfahl uns auch dem Beamten, und, o Gott! er leitete sie zu uns, Sie!"

"Und wie viel Jahre sind sie schon hier?" fragte ich.

"In wenig Tagen sind es neun Jahr."

"Ach. Gott! welch langes Leiden, und Muhe!" sagte ich mit bewegtem Herzen.

"O, die Zeit entschlupfte uns eben so geschwind, als den Glucklichen. Unsere Arbeiten und Kinder verkurzten sie. Mein Muth, die Geduld und Frommigkeit meiner Charlotte, waren grosse Hulfsmittel. Jemehr ich gegen das Schicksal kampfte, je starker wurd ich, die Last zu tragen, die es mir aufgelegt hatte. Ich vergass, dass ich Sohn eines Beamten; und Charlotte, dass sie Tochter eines furstlichen Raths war. Der Beamte wollte mich vor einiger Zeit zum Schlossgartner des Herrn von Mahnberg befordern helfen. Aber meine Frau bat mich, auf die Ruckkunft des Herrn von Pindorf zu warten, der vielleicht was anders vorschlagen wurde. Es war Eingebung, die sie hatte; denn sonst waren Sie fur uns verlohren gewesen, wie unser lieber Berg, den wir auch hatten verlassen mussen, um dem Herrn von Mahnberg zu dienen."

Frau Wolling errothete da, und sagte ganz leise: "Wilt du mir, lieber Carl, die erste Weiberlist verzeihen, die ich gegen dich gebrauchte? Meine Bitte, auf Herrn von Pindorf zu warten, war nichts, als die Ausflucht, welche ich gegen den Vorschlag des Herrn Mooss nahm, weil Du mir so geneigt schienst, seinen Antrag anzunehmen. Aber, ich hielt mich vorgestern fur diesen Betrug sehr geschwind gestraft, da ich Madame van Guden Dir wieder von einer Aenderung unsers Wohnplatzes sagen horte. Und da ich hier keine Hulfe vor mir sah, so liess ich ganz freymuthig meinen Jammer blicken, und fuhlte in Deiner zartlichen Einwilligung, hier zu bleiben, wie sehr ich Unrecht hatte, einen Umweg mit Dir nehmen zu wollen."

Er vergab ihr herzlich, und der Abend endete sich mit ihrem volligen Vertrauen, da sie mir zwey Papiere wiesen, die jedes eine Verschreibung von funfzig Gulden enthielt. Dies war die Ersparniss von dem gelosten Gelde fur ihre Loffel und Ringe, und von seiner verkauften Gartnerwaare seit neun Jahren. Der Beamte und Pfarrer hattens auf die Gemeinguther angelegt, damit das so kummerlich erworbne Geld ja den Kindern nicht zu Grunde ginge.

Ach, die lieben, herrlichen Menschen alle, wie freuen sie mich! Sie konnen nicht glauben, Rosalia, wie ordentlich Alles gehalten wird. Garten, Hutte, Hof, angtanzendes Land, so sie bauen durfen; wie reinlich, all die grobe Leinwand und Wollen ihrer Kleider und Betten, wie sauber die Kinder und Eltern an ihrem Korper sind. Um vier Uhr steht der Mann, um funf Frau und Kinder auf. Waschen, anziehen, beten, eine Ziegenmilch Suppe essen; dann alles hubsch geordnet; im Sommer Mutter und Kinder zum Mann in den Garten da die Aeltesten arbeiten; dann eine Stunde nahen oder spinnen, und alle Wochen zwey mal, eine Trage Gemus zum Verkauf nach Mahnheim getragen, wo Leute aus W** da sind, die es abholen und die Wollings dann ihre Bedurfnisse kaufen.

Drey und siebzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Ich will Sie, liebe Rosalia, fur mein vierzehn Tage langes Stillschweigen schadlos halten und Ihnen treulich Alles erzahlen, wie es mir geht und die Sachen erscheinen.

Ich war bey dem Beamten in Mahnheim. Ein redlicher, vortreflicher Mann, der mit heiliger Treue das ihm anvertraute Gut, der Gerechtsame des Herrn, und das Wohl der Unterthanen besorgt und der durch Festhalten an dem Grundsatze keinen Bosewicht ungestraft, und keinen Guten unbelohnt zu lassen, die herrlichste Ordnung in seinem Amt hat. Weil nun dabey auch der Herr von Mahnberg alle Jahr seine Gefalle richtig bezieht und die Unterthanen niemals klagen, oder bitten; so hat er dem Beamten volle Macht uber die ganze Einrichtung gegeben. Das erworbne Ansehen, welches dieser Mann durch unabgeanderte Ausubung seiner Pflichten erhielt, dient nun zu der Grundlage des Wohlstands meiner Wollinge. Denn Herr von Mahnberg willigte gleich in den Vorschlag einen neuen Hof auf Erbbestand anzulegen. Ich sagte dem Beamten und den Wollingen selbst, dass ich eine reiche Anverwandtin von ihnen ware, die jung aus ihrer Gegend weggekommen und in Holland verheyrathet worden sey. Sie wissen, wenn Holland nur genannt wird, so glaubt man gleich an Reichthum; und viele Familien haben die Idee, dass jemand von ihnen dort wohne; so dass mir Herr Mooss leicht glaubte. Ich wunschte die Wollinge davon zu uberzeugen, um ihnen die Last des Danks zu erleichtern, die mit so grossen Geschenken auf sie fallt. Als Verwandtinn ist es meine Pflicht, und diese kann man grade zu annehmen. Bey dem Beamten und seinen Leuten wurde dadurch das Staunen und Rachdenken uber das Sonderbare meiner Erscheinung und meiner Wohlthaten verhindert. Denn grosses, ungewohntes Gutes, ohne Vorsicht dargestellt, schadet oft bey Menschen, die an Vorurtheilen haften; und Schwache und Vormtheile mit Schonung behandeln, ist auch Pflicht, Rosalia; so wie es Pflicht ist, sie zu vermindern. Aber da vielleicht an Vorurtheilen schon viel Geschlechter hindurch, ein Theil des Wohls hing: so halten die Menschen daran, und strauben sich gegen das Wegnehmen eines bekannten Guts. Man darf ihnen aber nur auf einer andern Seite etwas zeigen, was die Kennzeichen eines ihnen nicht ganz fremden Vergnugens tragt, so wird Neugierde sie hintreiben, es kosten machen und zur freywilligen Ablassung von dem allen fuhren. Aber wo schweife ich hin? Kommen Sie zu meinem Beamten, von dem ich auch Baase seyn mochte, seitdem ich die Freude sah, mit der er kam, uns die Antwort selbst zu bringen und gleich mit Wollingen hinging, das Land auszumessen und Pfahle einschlagen zu lassen. Niemals hat ein Gewinnsuchtiger seine eingelaufene wucherische Zinse schneller und richtiger gezahlt, als dieser liebe Mann zu Werk ging, der Familie, uber die er weinte, weil er unvermogend war, ihr zu helfen, nun einen Bezirk von sicherm Unterhalt anzuweisen. Denken Sie, wie ich geruhrt wurde, als ich mich von einem Vater von acht Kindern, die er nicht reich, nicht glucklich machen kan, mit vollem Herzen und uberfliessenden Augen fur die Wohlthat segnen horte, die ich einem andern Vater von vier Kindern erwies. Das gute Zeugniss, so er meinen Wollingen gab und die Aufmunterungen und Erleichterung zum vollkommenen Anbau des neuen Guts, das er alles mit so vielem Eifer betrieb; seine Frau, die sich auch herzlich ergozte, dass den Wollingen Gutes geschah. Dies belohnte mich schon weit fur meine entworfenen Ausgaben und Muhe. Ach, Rosalia! wer gute Menschen liebt und sucht, findet sie auch. Nur mussen wir nicht mit einem Modell umhergehen, das wir uns von Verdiensten des Verstands und Herzens gemacht haben, und so daran kleben, dass wir alles, so nicht in dieses Modell passt, als mangelhaft verwerfen; sondern uns angewohnen und zur Pflicht der Vernunft und Billigkeit machen, zu denken, dass es mit den moralischen Formen der Menschen eben so, wie mit der Bildung ihres Korpers ist. Millionenfache Abanderung der ausserlichen Gestalt, die zwischen dem Urbilde der Schonheit und Hoflichkeit stehen, sind doch immer Menschengestalten, und wir fodern niemals, dass alle Gesichter von unsern Freunden und Bekannten sich gleichen sollen. Aber moralische Gesinnungen fodern wir immer nach unserm Modell und Sie haben auch in jedem Menschen abgeanderte Grade und in tausend und aber tausenden den nemlichen innern Werth und bringen auch Gutes hervor, nur nicht auf die nehmliche Weise. Da sollte aber der edle, grosse Menschenkenner, mit liebreicher, herablassender Weisheit, eintreten und zeigen, dass der Blick seines Geists richtig und hell genug ist, um alle mogliche Verschiedenheiten zu bemerken und zu beurtheilen; und dass in dem weiten Umfang seines Herzens jeder Grad des Guten gefuhlt und geschatzt wird, ohne sich von der Obermacht seines Geistes zu dem despotischen Sinn leiten zu lassen, Alles nach seinem Willen zu haben. Denken Sie nach, Rosalia, was fur eine Menge kleine Ideen- und Gesinnungstyrannen in der menschlichen Gesellschaft leben; wie oft vielleicht schon wir es selbst waren! Ich gewiss, zu der Zeit, da ich meine Vaterstadt bewohnte und Anfoderungen an meine Bekante machte, die sie mir nicht aus Bosartigkeit versagten, sondern weil sie die Sachen anders ansahen, als ich. Seitdem bin ich aber so billig geworden, mir zu sagen: wenn hundert Menschen in einem Kreis, um einen Gegenstand der Betrachtung herum gestellt wurden, so sieht freylich ein jeder die nehmliche Sache, aber nur von der Seite, die seinem Standpunkt gegenuber ist. Die andern links und rechts neben ihm, sehen schon ein andres Stuck; und vielleicht wirft der Zufall uber den Theil, den mein Nachster betrachtet, einen Schatten, der seinen guten Willen, seinen Eifer, richtige Bemerkungen zu machen nicht nur erschwert, sondern vollig verhindert. Derjenige, der mir nun vollig gegenuber steht, sieht auch die ganz andre Seite. Und da sollt ich begehren, dass er das nehmliche Urtheil falle, die nemliche Empfindung aussere, wie ich? Wie ungerecht ist dieses! und dennoch geschieht es immer, bald bey wichtigen, bald bey geringen Gelegenheiten, und versagt also auch immer nach diesem Verhaltniss grosse oder kleine Unannehmlichkeiten. Und das, meine Rosalia, mussen wir auch so lassen. Nur an uns, meine Liebe, wollen wir es andern. Und dies konnen Sie wurklich vielmehr thun, als ich, weil Sie in einem grossern gesellschaftlichen Zirkel leben. Sie sagten mir einigemal mit Bedauren, dass Sie niemals so viel Gutes wurden thun konnen, als ich in Ihrer Vorstadt that. Nicht so viel Ausgaben an Geld; aber um so viel mehr an edlen Gesinnungen und Empfindungen! Verweiden Sie, mein Kind, just die Fehler, die ich beging und ertragen Sie mit Gute alles, was Ihnen an Bekanten missfallt, oder nicht mit Ihnen stimmt, so wie Sie die Verschiedenheit der Gesichtszuge ertragen. Ich mochte wohl fur die edle Seele meiner Rosalia hinzusetzen: Loben und tadeln Sie nicht anders, als durch ;139;Kennzeichen der Hochachtung fur schatzbare Personen aller Stande und durch Vermeidung aller Fehler in dem Ihrigen; und halten Sie unverruckt an diesem Vorsatz. Sie werden sehen, was Sie fur eine reiche Erndte von Achtung, Einfluss und Vertrauen in den Herzen Ihrer Nebenmenschen daraus erhalten werden. Hatte nicht der Sturm einer heftigen Leidenschaft meine Seele von ihrer Bahn getrieben, so wurd' ich diesen Plan befolgt haben. Nun bin ich auf eine Insel verschlagen; bin meines geretteten Lebens froh; und meine wurkende Phantasie, giesse Freuden aus und geniesse viele; hin auch mit dem rechtschaffnen Beamten Mooss uberzeugt, dass man in einem kleinen Kreis mehr Gutes thun kann, als oft in einem grossen. Mit diesem Mann habe ich mich nun funfmal in lange Unterredung eingelassen. Der einfache und so ganz seinem Amt ergebne Gang seiner Ideen; die Zufriedenheit mit der Vorsicht, die ihn zum Landbeamten bestimmte; dass er der Beste seiner Mitbruder seyn wollte und dass seine Bauern die glucklichsten von der ganzen Gegend werden sollten, dies, mit einem Gesicht voll Herz und Eifer gesagt, gab mir eine neue Art von Freude zu fuhlen.

Ich schickte meinen gelehnten Bedienten und seine Frau wieder nach S** zuruck und nehme eine Tochter des Herrn Mooss zu mir, ein ganz reines, kunstloses Madchen von sechszehn Jahr. Sie hiess Mata, und ist mir auch deswegen lieb. Ein guter und schoner Sohn von funfzehn Jahren wird bey mir zeichnen und franzosisch lernen. Sie konnen nicht glauben, was fur ein grosses Talent in dem jungen Menschen liegt, und wie einnehmend das Gemisch war, feuriger Begierde, alles was ich sagte, zu horen, meinen Bleystift, da ich etwas zeichnete, zuzusehen; und der Ehrfurcht, die ihm der Vater gegen mich auflegte, dass er sich nicht nahern durfte, wenn ich da war. Aber ich bemerkte seine Unruh, das Hin- und Hergehen, das Blicken nach dem Vater, nach meinem Papier und meiner Hand, als ich die Idee des Wollingschen Hauses entwarf. Ich fragte ihn, ob er gern zeichnen sahe? Er naherte sich so eilig, bog sich gegen den kleinen Tisch, an dem ich sass, mit Errothung; Kuhnheit im Aug und mit zagenden Geberden, verschlang er alle Zuge und sagte: "O, wenn ich Baume und Hauser so zeichnen konnte, was gab ich!"

"Hat Er einmahl einen Versuch gemacht?"

"Oft! aber sie sind mir verleidet worden," antwortete er, mit einem Seitenblick auf den Vater. "Wie so?" erwiderte ich, und sah auch den Beamten an. Herr Mooss sagte lachelnd: "Ja anstatt zu schreiben, verdarb er das Papier mit Kritzeleyen und die Wande im Haus mit Kohlen und Zimmermanns Rothel. Da gabs Strafen, bis ers bleiben lies. Endlich habe ich ihn Feldmessen gelehrt, nur dass er was mit dem Bleystift thun kann."

Wie dem Vater, der Ausdruck, Strafen, bis ers bleiben liess, entfiel, sah der junge Mensch zur Erde. Theils Beschamung, theils Unmuth uber die Erinnerung des Misshandelns und Schmerzes uber eine gewiss unschuldige Freude; und Zweifel wegen der Folgen, die dies Gesprach haben wurde, alles wechselte in ihm ab. Seine Finger, die Muskeln seines Gesichts, zogen sich zusammen. Er dauerte mich, und ich eilte mit der Frage: "Wurde es Ihn freuen, wenn ich Ihn alles Zeichnen lehrte, was ich kan?"

Hastig trat er gegen mich, mit Glut jugendlicher Begierde im Gesicht. "O, Madame, wie sehr freute michs! Vater!" mit flehender Stimme und Augen "Herr Mooss! sagte ich, Sie erlaubens, und ich sorge fur Alles, was dazu gehort" Er willigte ein, und ich sah beyde glucklich.

Sie glauben doch, Rosalia, dass ich meinen Jugendfleiss segnete, der mir dieses Talent erwarb, wodurch ich einen schatzbaren Jungling, uber erlittne Schmerzen troste, eine edle Wissbegierde in ihm stille, langgewunschte und beraubte Freuden gebe und dem Vater seine Erziehung erleichtere. Schicken Sie mir bald, recht bald die Kasten aus meinem Hause zu. Ich habe in meinem Schlafkammerchen Platz fur meine Bucher. Der junge Wilhelm Mooss hat sich unsagliche Muhe bey Erbauung meiner Zimmer gegeben, und giebt sich noch viel, bey dem Hofhause selbst. Alles, was ich zeichnen kann, wird er in kurzem wissen. Er will Landschaftmahler werden und auch Personen mahlen. "Aber, sagt er, immer nur nach Ihren Mustern." Der altere Sohn hilft dem Vater in seinem Amt und Herr von Mohnberg hat solches ihm auch zugesichert. Bey dem Schulmeister lernen sie Latein, Schreiben und Rechnen; bey dem Vater Historie und den Anfang der Rechtsgelehrsamkeit; und wie er mir sagt, auch so viel, als ihm von Wolfs Weltweisheit ordentlich im Kopf blieb. Der dritte Sohn von dreyzehn Jahren will nichts anders als Bauer werden und ist schon zweymal davon gelaufen, weil man ihn mit Schlagen zu dem Latein zwingen und von Pferden und Ochsen abhalten wolte. Er soll nun seiner Neigung nachgehen und mit Wolling die gute Landwirthschaft erlernen. Ich habe mein Vermogen durchrechnet; es bleibt mir viel, sehr viel fur Vernunft und Phantasie ubrig. Und o Gott, wie viel kann ich noch gluckliche und vergnugte Menschen machen! Aber von hier geh ich nicht mehr. Das Leben meines Herzens erneuert und verschonert sich alle Tage. Mogen Sie, theure, liebe Rosalia, eben so dem daurenden Gluck, Ihrer Bestimmung entgegen gehen! Moge Pindorf das seinige finden, wo er es sucht! Rosalia! diese lezte Zeile bewegte mich stark. Ich bin vor mein Zimmer hinaus gegangen. Es ist Vollmond. Mein erster Blick war gegen die Stadt W** und dann auf die grosse Gegend der schonen schlafenden Natur, ganz mit dem sanften Licht ubergossen. Die Hutte meiner Wollinge, die Trummer der Mauern, alles hatte den Reiz der Zufriedenheit und Ruhe. Mein Aug erhob sich zum weiten Gewolbe des Himmels; und so viel Strahlen es fassen konnte, so viel susse Beruhigung floss in mein Herz und glucklich geh ich schlafen. Adieu.

Vier und siebzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Dank, vielen Dank, meine Rosalia, fur die schnelle Uebersendung meiner verlangten Kisten. Alles ist gut angekommen, und just den vierten Tag, da meine kleine phantastische Wohnung zwischen den Mauern des alten Schlossgangs fertig war. Denn da ich alles nur von doppelten Brettern machen liess, und die Leute doppelt bezahlte, so ging es geschwind. Auf das Trocknen der Wande durst ich nicht warten, da Sonne, Luft und Mond schon zweyhundert Jahr auf allen Seiten da geherrscht haben. Aber da sie ganz rauh und unsauber waren, so hab ich sie mit dunnen Tannenbrettern bekleiden laffen. Diese will ich nach und nach mit guten Zeichnungen der hiesigen Gegenden verzieren und an einer edlen Figur in die einsamen Spaziergange soll es nicht fehlen. Vortreflich war ihr Gedanke, mir einen so grossen Vorrath von allerley Papier und Saiten-Rollen fur mein Klavier zu schicken; denn es ware mir in Wahrheit sehr ubel gegangen, wenn hier einige gesprungen waren. Sie hatten das Staunen sehn sollen, worin die guten Kinder meiner Wollinge geriethen, als sie das erstemal mich spielen und singen horten. Ich that es Abends bey einem schonen Untergang der Sonne. Alles war Ruhe. Ein heitrer Himmel, nur gegen Westen einige hell- und dunkelgraue Wolken mit rosenrothem Saum eingefasst. Wir hatten auf der Ecke des Bergs, unten an meinem Zimmer, zu Nacht gegessen. Ich ging weg. Die guten Kinder dachten, dass ich gleich wiederkommen wurde. Aber ich machte die Thur auf, die ich auf ein lediges Stuck Mauer uber dem Bogen, gegen den zerfallnen Thurm habe richten lassen, das mir nun eine Art Altan giebt; ruckte da mein Klavier hin und fing an ganz leicht und sanft zu spielen. Endlich stimmte ich mit einer zartlichen Arie ein. Anfangs hort ich sie noch reden, aber dann wurde es ganz still, und sie schlichen die alte Thurmtreppe hinauf. Mit Liebe, mit Bewunderung sahn sie mich an und horchten. Meine Stimme war gewiss zartlich und ruhrend, als ich noch allein sang, gegen W** hinblickte und wunschte dort gehort zu werden. Aber gewiss, die Wurkung, die ich auf die reinen, mir ganz ergebnen Herzen meiner Wollinge machte, gab meinem Ton noch mehr Seele. Sie wissen, dass ich immer mit Recitativen anfange und viel Empfindung darinn ausdrucke. Ich bemerkte, dass dies mein Talent eine neue Quelle von Wohl fur die Familie wurde; und die junge Mooss kniete mit Entzucken neben mich, athmete kaum, ihre Augen auf meinen Mund geheftet, eine schone glanzende Thrane darinne; vielleicht die erste Thrane der Zartlichkeit, die jemals ihre Augen benetzte. Ihre Lippe bewegten sich sympathetisch mit den meinigen. Ich beobachtete fruh genug, dass ihre Empfindungen durch die Harmonie meiner schonen italienischen Arien stark erregt hatte und wollte sie zu ihrem Besten benutzen; sang also gleich melodisch einige Strophen aus Kleists Lobgesang auf Gott. Hier weinte Wolling mir einige Zahren Beyfall zu und ich winkte dann den Kindern, naher zu kommen, und wies ihnen das Klavier offen. Vorzuglich freute es sie, die Hammerchen hupfen zu sehen. Aber meine Meta Mooss gab mir Nachdenken. Sie war auf ihren Knien geblieben, endlich an meinen Arm gehangt, wo sie innig zu weinen anfing und so voll susser Unschuld und Liebe mich ansah, dass ich sie an mich druckte. "Liebe Meta! sagt ich leise, warum weinst du so?"

"Ach! mein Herz ist so klopfend und so unruhig worden; Sie singen so, dass es suss ist und doch traurig."

Ich wollte keine Frage mehr daruber thun, sondern sagte nur: "Mochtest Du auch singen lernen?" Tausendfach kusste sie meine Hand. Ihre ersten Tone hab ich gehort. Es wird die reinste, gefuhlvollste Stimme werden, aber schwach. Sie will auch niemals Andern singen, nur mir. Gute, gute Meta! wie sorgfaltig will ich fur dich seyn, so lang du unter meinen Augen bleibst! Aber ich selbst, so voll Liebe, so voll Ideen, die alle alle liebend sind, diese Einsamkeit dabey, ach! Rosalia, wenn dieser Meta Empfindsamkeit genahrt und unglucklich gemacht wurde! Ich will suchen, ihr eine Leitung zu geben. Gott, Natur, Tugend, Freundschaft, schone nutzliche Arbeiten, sind die Zweige von Gefuhl und Kenntnissen, die ich bey ihr unterhalten will. Ganz einfach will ich ihr alle Ideen geben; und was sie von mir lernt, soll sie ihre zwey jungere Schwestern wieder lehren. Mir hingegen muss sie Unterricht in hiesiger Landwirthschaft geben, so viel sie von ihrer Mutter dazu angehalten wurde. Dieser Tausch von thatigen, guten Eigenschaften soll, hoff ich, eine herrliche Wurkung auf das liebe Geschopf machen und sie muss Lottchens Vorbild werden; so wie diese Vorbild der kleinen Nanny seyn soll. Und mit dem Plane zu all diesem soll mein Sommer hingebracht werden. Wollingshof, denn so lass ich das Gut nennen, wird bald da stehn. Es arbeiten sechzig Mann. Der schatzbare Beamte hat unvergleichliche Anstalten gemacht. Wir haben vier eigne Pferde und auch schon vier Kuhe, denen wir auch nur von Holz eine Stallung ganz geschwind errichtet baben. Unser Gluck traf gerad auf den Augenblick des Elends eines wackern Bauren, der die Wittwe seines Vorwesers geheyrathet und dessen Kinder treu erzogen hatte. Die Frau starb einige Wochen vor meiner Ankunft in Mahnheim. Der Hof war noch etwas verschuldet, von dem ersten Besitzer, und eingefallne Missjahre hinderten die Abzahlung. Der Mann wurde von den Stiefkindern und Glaubigern zugleich gepresst und sah nichts vor sich, als ehster Tage den Hof zu verlassen und als Knecht zu dienen, weil er den Kindern die Schadloshaltung und den Auskauf nicht anbieten konnte. Der Beamte, der mich so voll Begierde, ein Guth zu kaufen, wie er sagte, auch voll Geld sah, that mir den Vorschlag, da einzutreten, die Kinder des ersten Bauren zu befriedigen und den zweyten zum Oberknecht von Wollinghof zu machen, weil er die Ackerstucke dieses Bauerhofs, die gerad an das fur uns ausgemessne Feld granzen, in den Bestandbrief mit einschreiben wolle. Das ist nun ausserst angenehm. Ich setze einen ehrlichen Mann aus seiner Verlegenheit, habe mein Guth vergrossert und geniesse schon dieses Jahr die Freude, auf eigenem Boden mahen und erndten zu sehen. Ach! Rosalia, wie viel tausendmal konnte Menschen Gutes und Freude wiederfahren, wenn der, so einen guten Vorschlag zu thun hat, immer den Menschen antrafe, der ihn mit Vergnugen auffasst und mit Eifer auszufuhren bereit ist. Herr Mooss wollte den Streif Waldung, der zwischen dem Hause von Wollinghof und diesen neuen Feldern liegt, abhauen lassen, damit man von Mahnheim aus unsern Hof sehen konne. Aber ich und meine Freunde stritten dagegen. Wir wollen nicht von Vielen gesehn seyn; wir geniessen so auch inniger. O, wie bewegt wurden Sie seyn, wenn Sie, da Sie nun Alles von dem Schicksal meiner Wollinge wissen, den so stark fuhlenden Mann mich anblicken sahen, wenn er mich auf dem Bauplatz antrift, mit den Arbeitsleuten reden hort und meine Freude uber den Fortgang sieht; er dann noch zweifelnd dasteht, ob es auch wahr sey, dass hier auf dem Boden, den er vor neun Jahren mit Kummer betrat, nun Gluck und Wohlseyn fur ihn gegrundet und angebaut werde; wie oft Thranen des Danks und der Entzuckung uber die Wangen seiner Frau fliessen, und ich dann in ihren Augen und der Bewegung ihres Mundes ein stilles Gebet lese, dass doch nichts ihre Hofnungen zerstoren moge; die Sorgfalt, die beyde noch haben, sich nicht zu fruh von ihren bedrangten Umstanden zu entfernen; denn sie essen noch nicht bessere Speisen als bisher, nur sattigen, glaub ich, thun sie sich mit weniger Furcht. Eine Kleidung hat jedes angenommen fur sich und ihre Kinder. Diesen liess ich Schuh machen; aber die guten Kinder waren sehr ubel darin, weil es so viel harter war, als die Lappen, womit die Mutter ihre Fusse umwickelte. Ich gab dann die erstern dem Schuhmacher fur andre Arme zuruck und liess meinen jungen Wollingen recht weiche und weite Schuh verfertigen.

Sie konnen denken, dass all diese Zuge meine Theilnehmung an der Familie vermehren, so wie sie meine Empfindsamkeit starken. Ich habe einen schonen Platz auf der Seite des Walds, dem neuen Hause gegenuber, wo ich mit meiner Strickarbeit und auch Bleystift sitze, und die Arbeit an Wollinghof, zugleich aber die Hutte oben, vor mir habe, wo meine Kinder wohnen. Wie selig fuhlte ich mich den Augenblick, da ich das erstemal diese Aussicht genoss, nachdem einiges Gestrauch weggehauen war, um den Platz des Gemusgartens zu ebnen, und das alte Gebau ganz sichtbar wurde; da ich in einem Moment den Aufenthalt der leidenden Tugend und den von ihrem kunftigen Wohl betrachten konnte und mich, mich von der Vorsicht bestimmt fuhlte, die Belohnung ihres Ausharrens und ihrer Ergebung auszutheilen, Wie selig war ich dadurch! wie dankbar gegen Gott! Ich kann wurklich alle Tage bey hundert Menschen zahlen, die mich segnen. Sechzig fleissige Handwerksleute, die es freut, Arbeit zu haben, ordentlich und besser bezahlt zu werden; Achtung, gute Worte, Schatten, gutes Bier und Brod zu geniessen. Alle Sonn- und Feyertage bezahl ich ihr Essen und Trinken in der Schenke zu Mahnheim. Da ist gewiss der Wirth und die Wirthin auch froh daruber. Der Beamte, seine Frau und ihre acht Kinder lieben mich; unser Hofbauer und die seinigen auch. Dann unser Knecht und Magd und zehn Fuhrleute, eben so viel Taglohner und meine Wollinge! In meiner Jugend hort ich so oft ein zerfallnes Schloss, einen entfernten, einsamen Waldplatz, den Aufenthalt von Raubern und bosen Geistern nennen. Ich lebe seit einigen Wochen an einem solchen Ort und sehe da die besten Menschen, von so vielen Klassen um mich.

Rosalia! werden Sie nicht mude, mich Gutes, so ich geniesse und finde, beschreiben zu sehen. Wie genau zahlen wir dem Schicksal unsere Leiden nach! wie sehr wehklagen wir daruber! Ist es nicht Pflicht, eben so genau alles Wohl und jede Freude zu berechnen, die aus der Hand des ewigen Vaters auf die Tage unsers Lebens traufeln? Traufeln, sag ich? Ach bin ich nicht mit Gutern uberschattet! geniesse ich sie nicht in vollem Maass! Seit dem Tage, da ich in Ihrer Vorstadt ankam, bin ich immer ein Gegenstand der Liebe, des Vertrauens und der Achtung, von so viel Herzen gewesen. So oft wurde mein Name vor Gott mir Dank und Furbitte genannt! Es ist mir viel, sehr viel, dieses zu denken. Ich! durch einen Blick meiner Augen, der dem Blick so mancher Rechtschaffnen begegnet, Vergnugen entstehen zu sehen; Sie, meine Liebe, froh, einen Brief von mir zu erhalten; meine Vorstadter glucklich, wenn ich sie grussen lasse: und ich seufze, wenn ich die Stadt W**, ansehe? wie undankbar bin ich da! Alle Wunsche meines Herzens, alle von meiner Phantasie kan ich vergnugen, edel vergnugen; einen nur versagten mir Umstande und Pflicht. Und an diesem blieb meine Eigenliebe hangen? Rosalia! ich will auch meiner eignen Empfindlichkeit gebieten. Ich will mich uberwinden, um mich selbst schatzen zu konnen. Denn Alles, woruber Andre mich hochachten, ist mir nicht sauer geworden. Ich that es gern und leicht. Ich will was Schweres vornehmen; etwas, wofur ich mich scheute, und nicht Muth genug hatte, daran zu denken. Sie sollen Zeuge und Richterinn seyn, ob ich es ernstlich meyne, und gut durchsetze.

Ich habe Leinwand gekauft und Tischzeug. Meine junge Mooss, Frau Wolling und ich, arbeiten daran; denn ich mochte das Nothigste fertig haben wenn wir unser Haus beziehen. Diese Woche werden wir schon weit seyn. Rosalia! Sie mussen mich einmal besuchen; Sie mussen! und dann mir ganz sagen, was Sie von uns halten. Vorgestern Abend hatte ich Sie gern da gehabt, als die Arbeitsleute da sassen, auf Balken, auf Steinen, auf Rasen und abgehaunen Baumstumpen; froh uber das End ihres Tags, uber Trank und Abendbrodt, so ihnen ausgetheilt wurde. Ich fragte sie um ihr Vaterland, ihre Verwandte und ihr Schicksal bisher. Von wie vielerley Arten sind die Zimmerleute, die Steinmetzen und Maurer! wie viel wahrer Sinn, einfache, gesunde Vernunft, Rechtschaffenheit und Witz kam zu Tage! Ich theilte die Freyzettel ins Wirthshaus zu Mahnheim selbst unter sie aus. Wie verschieden war der Ausdruck von Dank und Zufriedenheit! Mancher Blick sagte mir auch, dass ihm meine Gestalt gefalle. Sie wollten mir Alle ihre Reisen erzahlen und es freute sie, dass ich begierig darnach schien. Ich foderte zuerst den auf, der in Holland gewesen sey. Da waren unter den Zimmerleuten Einige, die sprachen von Flossern, mit denen sie den Rhein hinunter gefahren, beschrieben die Arbeit dabey, dann Schiffwerfte und Land und Leute; ihre eigene Anmerkungen, die von einem Cameraden; die Fragen der Andern, die von Carl Wolling und die Erlauterungen daruber. O, das war mir inniges Ergotzen. Dann kam eine Beschreibung der Schweitz; und der diese machte, wandte sich bey dem Erzahlen von der unermesslichen Hohe und Grosse der Berge, gegen den, der das Meiste von dem schreckbaren Anblick des Meeres gesagt hatte, um ihm zu verstehen zu geben, dass er auch wunderbare Sachen gesehen und bemerkt habe. Die Maurer fielen da mit ein, und sprachen von den Tyroler Geburgen. Andre erzahlten wieder von Ungarn, den unabsehlichen Haiden, wo kein Berg, kein Baum, kein Haus auf wie weit zu erblicken sey. Wie vergnugt machten da die Tyroler das Lob ihrer engen Thaler und ihrer Berge! Dann erhob Einer Schwaben und das Wurtembergische, wo alle Berge zu ersteigen und alle Ebnen anzubauen sind. Aber das Elsass, die Pfalz! fing ein Andrer an, das sind Lander! und dann von der Heimath, von Lehrjahren, von bosen Meistern, von schonen Meisterinnen u.s.w. Mit dem stolzesten Gesichtsausdruck redeten die, so lang in grossen Stadten gearbeitet hatten, Wien, Berlin etc. Dem Steinmetz, welcher Strassburg gesehen, und sich also an Frankreichs Granzen aufgehalten hatte, ging eigentlich ein Lacheln zufriedener Eitelkeit durch alle Zuge. Dort macht man galante Arbeit, sagte er, ruckte zugleich seinen gerade ausgestreckten Fuss seitwarts, und setzte seinen Huth anders; die Madchen, die Rubertsau, alles war galant. Endlich stimmte er gar einen Elsasser Tanz an und machte einige Schwenkungen davon. Ein Zimmermann stumperte ein franzosisches Liedchen an. Die Wahrzeichen der Stadte, alles kam vor und nahm den Abend bis gegen neun Uhr weg, da sie endlich nach Mahnheim gingen. Ich sah ihnen lange nach und erquickte mich an dem Gedanken, einen Haufen vergnugter Menschen zu sehen und von edlen herzen umringt an meine Schlafstadte zu kommen. Mochten alle Mude so viel Ruhe, und alle Leidende so viel Wohl empfinden, als mit mir in mein Kammerchen kam! Es war zu spat, um meinen Wollingschen Kindern das versprochne Abendlied zu singen. Aber des Morgens horten sie mich um desto langer.

Ich freue mich, Rosalia, dass Sie mir alle Ihre Briefe an die edle Mariane S**, und dieser ihre an Sie, auf einige Zeit anvertrauen wollen; besonders da Sie den Beweis darinn zu fuhren denken, dass ich viel Sympathie mit Ihrer wurdigen Freundinn habe. Mit Ihnen sympathiesirte ich ja schon lange. Es ist so ein susser Augenblick des Lebens, indem man sich zur Freundschaft hingezogen findet, dass er niemals vergessen werden sollte. Sie haben mir diese Empfindung so lebhaft gegeben, dass mir ihr Andenken auf immer bleiben wird.

Funf und siebzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Segnen Sie mich, Rosalia! oder vielmehr segnen Sie uns Alle. Das Haus, die Scheune, alles in Wollinghof ist fertig, sogar die Schreinerarbeiten, alles; denn diese Letztern besorgte der Beamte in einem benachbarten Dorfe, das auch dem Herr von Mahnberg gehort und geschickte Handwerksleute hat. Frau Mooss hatte alles uber sich genommen, was Betten, Kuchenund Hausgerath anging. Es geschah dadurch ihr und uns ein grosser Dienst, denn sie reiste nach der Stadt W**, um einzukaufen und konnte zugleich ihre Verwandte besuchen, die sie lange nicht gesehen hatte. Ich bemerkte an ihr Freude und Verlegenheit, als ich sie bat, mir diese Gefalligkeit zu erweisen, und lange dauerte es, bis die gute, redliche Frau mir gestand, ihre besorgliche Mine komme daher, weil sie einen Verwandten dort habe, dem sie schuldig sey; weswegen sie auch schon einige Jahre nicht in die Stadt gegangen, weil sie nicht im Stande gewesen, es abzutragen. Der Harm der Mutter, der ehrliebenden Frau, des edlen, uneigennutzigen Weibes, alles lag in ihrem Gesichte. Ich hatte unsagliche Muhe, sie dahin zu bringen, dass ich den Abtrag ihrer Schuld besorgen durfte. Wie reichlich hat ihr dankbares, rechtschaffnes Herz die Zinsen davon abbezahlt! indem sie Alles auf das Beste besorgte. Ich konnte den Mann ohnehin nicht bewegen, meine Hulfe anzunehmen, als durch den Ausweg, ihn zum Rechnungsfuhrer des ganzen Baues und meiner Renten zu machen, und daruber eine jahrliche Besoldung zu bestimmen, die er nun als auf so viel Jahre zum voraus empfangen betrachtet. Wie gern willigte ich in diesen Gedanken, der ihn von Verbindlichkeit und mich von Besorgnissen befreyte. Wie sehr ich dabey die strenge Beobachtung seiner Pflichten verehre, kann ich nicht genug ausdrucken; da er mir nicht im mindesten deswegen gefallig zu seyn suchte und ganz genau auf die abgemessne Granze unsers Guths schaute, so dass nicht eine Spannebreit mehr auf unser Feld und Waldung kam, als im Kaufbrief aufgesetzt war. Ich achte dies als einen herrlichen Zug.

Meine Wollinge kampfen mit der Idee des Glucks, ich seh es; denn oft ist mehr Ausdruck vom Schmerz, als Freude, in ihren Augen, wenn sie das nun recht gut dastehende Haus anblicken. Alles ist schon so ausgetrocknet, dass wir in acht Tagen darinn wohnen werden. Das Haus ist sehr breit, aber nur zwey Stockwerk hoch; keine doppelte Zimmer, aber auf beyden Seiten des Thors vier geraumige Stuben gegen Mittag, und gegen den Hof zu, einen breiten offnen Gang, uber welchem in dem zweyten Stock auch einer herumlauft, der auf Pfeilern ruht. Da konnte die Luft alles recht bald trocknen. Seit vierzehn Tagen wurde bey offnen Fenstern in allen Zimmern Feuer angemacht, und in der Kuche gekocht. Vorgestern hat der Beamte alles Hausgerath in der Nacht herfuhren lassen, weil, wenn alles an Ort und Stelle steht, und es lauter einfach aussehende Sachen sind, es nicht so viel zu seyn scheint, als wenn es auf Wagen herbeygefuhrt und abgeladen wird. Dieses Ansehen von vielen Sachen wollte ich der feinen Empfindung meiner Wollinge ersparen, und lasse ihnen deswegen das Haus nicht sehen, bis alles eingerichtet ist. Meine Wohnung, die werden Sie, hoff ich, selbst sehen, wie das Uebrige.

Herr Wolling spielt die Flote recht artig zu meinem Klavier, und ich versichre Sie, dass unsre Abende sehr schon sind.

Unser Gemusgarten steht voll Wintervorrath. Der Baumgarten ist schon vollig zugerichtet damit man die von Wolling gezognen Baume, die er verkaufen wolte und andre, die ich kommen lasse, einsetze. Alles in Ordnung geraumt, alles zu kleinen Verzierungen vorbereitet. Schmerzhaft war mir der Abschied, den die Arbeitsleute nach und nach nahmen. Ich schenkte jedem noch ein Stuck Geld und Alle verliessen uns mit bewegtem Herzen und ihrem Segen dabey.

Meine Meta trauerte alle die Tage daruber. Ich fragte sie, warum? "Ach, sagte sie, die Leute waren so glucklich und so gut um Sie herum; vielleicht werden sie bald wieder elend, und bos dabey; und beydes jammert mich."

Einer hatte noch den letzten Sonnabend, da Alle des Abends um mich herum assen, so herzlich gesagt, sie wunschten alle, dass ich eine Stadt zu bauen hatte; sie wurden gern weniger Lohn nehmen, nur in meinen Diensten zu seyn. Mit diesem war das liebe Madchen gar sehr zufrieden und hoft auch Gutes fur ihn, weil er dadurch sein Gefuhl fur Tugend angezeigt hatte.

Ich glaube, Rosalia, es ist Ihnen lieb, dass ich noch diese Tage uber verzog, diesen Brief abzuschicken, weil Sie nun zugleich horen konnen, dass wir wurklich in Wollinghof wohnen.

Herr Mooss, und seine gute Frau hatten alles so wohl besorgt, dass nicht das geringste, so zu einer Landhaushaltung gehort, vergessen war. Alles gut, alles nett und simpel, wie ich es verlangt hatte. Nirgends der Schein von Pracht noch Ueberfluss. Auch nirgends nichts schlechtes, nichts hassliches; aber uberall nur, was hingehorte und nothig war.

Ich redte mit Wolling ab, dass wir seine Frau hindern wolten, einen formlichen Abschied von ihrer Hutte zu nehmen. Sie ist nicht ganz wohl. Eine Erschutterung schadte ihr zu sehr. Ich bestelte also ein Abendessen fur uns und fur das Gesinde, im Wollinghof. Meine Meta besorgte dies und die Zubereitung der Betten, mit den zwey Madchen recht gut. Es sollte niemand Fremdes bey uns seyn. Mein Mahnheimer Bauer hatte zwey Glucken setzen mussen, die von sehr schoner Art sind. Die Kuchelchen sind vor zwey Wochen schon ausgekrochen. Beyde Mutter wurden aber mit ihren Jungen gewohnt in zwey grossen Huhnerkorben zu fressen und zu schlafen. Diese liess ich bringen, sagte der Frau Wolling ganz ruhig, unser Bauer brachte den Abend zwey hubsche Hennen mit ihren Kuchelchen, die wolten wir den Kindern im Hofe auslaufen lassen, um zu sehen, was fur Freude sie haben, und ob ihre Vorliebe fur ihre alten Huhner sich da stark zeigen wurde. Sie war sehr mit dem Gedanken zufrieden; ich glaube auch deswegen, weil sie doch auch etwas neugierich auf das Innere vom Wollinghof seyn mochte, Wir gingen also bin. Die Korbe standen im Hofe, die Huhnchen piepten um Fressen. Die Kinder bewunderten die schonen Thierchen, waren aber gleich wegen des Hungers beangstiget und Carl wolte laufen, um was aus der Hutte zu holen. Ich winkte da meiner Meta, die schon unterrichtet war und gleich den Kindern zurief, sie mochten mit ihr kommen, sie wolle ihnen was geben. Sie machte die Vorrathskammer auf, und gab jedem ein holzernes Schusselchen voll Huhnerfutter. Frau Wolling blickte hinein, wurde roth, ihre Augen fulten sich mit Thranen, die sie aber wieder zerstreute, und ihren Kindern emsig zusah, ohne ein Wort zu reden. Indessen ging ich mit ihrem Mann an eine Gitterthur, die unter meiner Wohnung in den Baumgarten fuhrt, und bat ihn, seine Charlotte zu mir in das nachste Zimmer zu bringen, da die Kinder und Meta im Hofe waren und die erste Bewegung schon in ihr angefangen hatte. Er konnte nicht sprechen, sondern machte mir eine Verbeugung. Meta wusste, dass sie die Kinder aufhalten sollte, bis man sie rufen wurde.Die beyden Lieben traten wankend in das Zimmer, wo ich sie erwartete. Ich nahm Frau Wolling bey der Hand und leitete sie gegen eine von den Polsterbanken, die in den zwey Fenstern stehen, setzte mich da dicht neben sie, nahm dann ihre beyden nur so hinhangenden Hande in meine, kusste sie. "Nun, meine theure Charlotte! sey mir willkommen in Deinem Hause. Gott segne diese ersten Augenblicke, und lange kunftige Jahre, mit der Tugend Deines vergangnen Lebens und mit dem Gluck, so Du verdienst."

Sie sank an mich; ich umfasste sie. Zum Gluck weinte sie laut. Ich vergoss stille Thranen. Der Mann betrachtete uns, mit gedrangtem Herzen, sturzte mit ausgebreiteten Armen vor uns hin und umfasste so, stumm, aber mit dem starksten Ausdruck mannlicher Freude und Liebe uns zugleich.

"Charlotte! van Guden!" war alles, was er nach einigen Augenblicken sagen konnte. Dann faltete er seine Hande. "Gott! gutiger Gott!" seine Lippen bewegten sich noch still.

Rosalia! niemals ist reineres Dankopfer zum Himmel gestiegen, als in den Blicken dieses edlen Mannes, die er aufs hochste erhob. Die Abendsonne beleuchtete ihn; alle Zuge seines Gesichts voll Redlichkeit, voll Ergiessung seiner Seele. Ich hatte mich zu dem Auftritt vorbereitet, ich konnte beobachten.

Ich sagte seiner Frau und zeigte auf ihn: "Sieh, liebe Charlotte! dies ist die Einweihung Eures Hauses. Gott sey Dank dass er mir diesen seligen Anblick gonnte."

Hier ergriff Wolling eine meiner Hande und eine von seiner Frau, kusste sie wechselweis, wahrend dass Thranen uber seine Wangen flossen. Seine Frau kusste mich nun auch und ich nahm mein Schnupftuch, wischte ihr und Wollings Gesicht damit ab, fasste es zusammen: "Ich will sie verwahren, diese vereinigten Thranen Eurer Herzen. Zufriedne Tugend und Freundschaft vergossen sie; es konnen keine schonere geweint werden."

Dies gab ihrem Gefuhl eine neue Wendung. Er blickte mich und sie an, deutete auf mich: "Unsre Mutter! unser Haus!" kusste nochmals meine Hand! "edle, grossmuthige Hand! ich verehre, ich segne dich. Gott! wird dich belohnen." Und da gab er sie Charlotten zu kussen.

Ich sagte: "Meine Kinder, Euer Dank und Segen ist mir eben so werth, wie Euer Gluck. Ich hoffe, dass wir lange beysammen leben werden. Gott hat uns zu diesem Vergnugen geleitet, nun wollen wir es geniessen. Heut Abend hab ich die Kuche besielt; Morgen muss Frau Wolling die Muhe uber sich nehmen;" und damit stund ich schnell auf und liess sie beysammen allein, wo nun Wolling seiner Frau sagte, dass wir da blieben. Die beyden Tische, so links und rechts an dem Thorweg an der Mauer fest sind, die man zu Hausarbeiten und zum Essen in der schonen Jahrszeit herunter lasst, wo an dem einen das Gesind die Banke von der Seite hinstellt, und wir auf der andern, unsre hubschen Strohstuhle: Diese Tische waren gedeckt, und mit etwas Milch und Mehlspeisen besetzt. Carl musste seine Eltern zum Essen rufen. Ich, Meta, Lottchen und Nanny sassen auf einer, Wolling, seine Frau und zwey Sohne auf der andern Seite, wo sie auf den Gesindetisch sehen, und durch den Blick, als Hausherr und Hausfrau, Ordnung halten und Befehle geben konnten. Frau Wolling ass wenig. Es war mir lieb und sie hatte grosse Freude uber ihre zwey altern Kinder dass die noch mit Meta in die Hutte gelaufen waren und ihre vier Huhner geholt hatten, damit diese auch im schonen Hause schlafen und Morgen gleich die neuen Hunchen sehen konnten.

Nachdem das Gesind aufgestanden und die Kinder noch ein wenig herumgelaufen waren, sagt ich: "Charlotte du musst mich in mein Zimmer fuhren, Herr Wolling leuchtet uns." Das geschah und Meta legte indessen die Kinder zu Bett. Carl schlaft an dem Arbeitszimmer seines Vaters, das gerad am Thor ist und ein Gitterfenster in den Thorweg hat; die Andern am Schlafzimmer der Eltern. Den andern Morgen kamen die lieben Geschopfe alle vier mit Vater und Mutter, und brachten mir Blumen und dankten fur die guten Betten. Ich sagte Carln, er mochte die Flote holen, wir wolten sehen, wie mein Klavier hier lautete. Ich unterbrach hierdurch neue Aufwallungen der Frau Wolling. Den andern Tag wars Sonntag; wir gingen nach Mahnheim in die Kirche und nahmen den Beamten und seine Frau mit uns zuruck. Frau Wolling machte die Hausfrau mit vielem Anstand. Nachmittags kamen alle Moosische Kinder, und gegen Abend unser Bauer, der die Feldarbeiter ansagte und mit Wolling herumging. Der altere Sohn des Herrn Mooss will sich nun auch darauf befleissen, dass Nutzen und Zierlichkeit verbunden werde; nichts andern, nichts ausreissen. Aber hie und da einen Rasen oder Obstbaum setzen und etwas dungen, dass er wohl fortwachse; die Hecken schneiden, fur die Wege sorgen.

Unsre Entwurfe fur den Berg sind gar herrlich und ziemlich einfach dabey. Eine Phantasie, die ich bey der Form unsers Daches angebracht haben wollte, ist Ursach, dass wir eine kostliche Entdeckung machten. Man brauchte einige Stamme von Natur gebogenen Holzes; die musste man im ganzen Wald umher aufsuchen und gerieth auf eine schmale Hohe des Bergs, wo man ihrer viele fand, die man alle abhauen liess um sie nachmals zu Wagnerarbeit zu verkaufen. Dies gab Platz zu einem neuen Spaziergang und zeigte uns auf einmal, an einem kleinen Absatz, den diese Hohe hat, etwas Sumpfiges und dann eine betrachtliche Wasserquelle, die von oben kam, in diesem Absatz sich ausbreitete und auf der Seite muhsam auslief. Diesen Sumpf heben wir aus, werfen Steine und Letten in das Bett des Bachelgens, raumen oben die faulen Baume weg und durfen nur an einem Platz einen grossen Stein legen, so haben wir einen Wasserfall, zwanzig Schuh hoch und oft uber eine Elle breit, der in das nun hubsch besorgte Becken sich ergiesst und dann in das Thal uber schroffe Felsenstucke an diesem und jenem Ort hinunterfliesst. Dies wird ein Theil von unserm Gebieth, welchen mancher Furst gern mit Tausenden bezahlte; und ich bekams so leicht und in ausserster Schonheit. Gonnen Sie mirs und wunschen Sie mir Gluck. Adieu Rosalia.

Sechs und siebzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Vergeben Sie mir, liebe Rosalia, wenn ich Ihren Bitten, Ihren Wunschen widerstrebe und fest, unbeweglich, hier auf dem Berge bleibe, der die Sinnbilder meines vergangnen und gegenwartigen Lebens tragt. Auf einer Seite Trummern eines hochaufgebauten, weiten Entwurfs von daurendem Gluck; auf der andern, eine neue friedliche Hutte, voll redlicher Herzen, die mich lieben, deren Wohlstand und Vergnugen das selige Werk meines Herzens ist; ringsum Ruhe und Gute der Natur. Nein! mein Kind, ich geh nicht weg. Ich hab Ihren Brief unter dem halben Dach einer kleinen Nusslaube gelesen, die Wolling hier umbog, weil er mich oft dahin gehen sah. Ich habe da einen weiten, schonen Himmel, Kornfelder des Thals, Anhohen mit Waldern bedeckt, einen einsamen Mayerhof und die Landstrasse vor mir, die nach der Gegend fuhrt, wo Sie wohnen; Sie, die ich fur die Erquickung segne, die ich in Ihrem Umgang genoss; wo meine Vorstadter wohnen, deren Wunsche mich hieher begleiteten. Ich fuhlte, da ich Ihren Brief las, mit Ruhrung jeden Ausdruck Ihrer Liebe. Ich sah jedes Bild Ihres Vergnugens, das Sie mir als Geschopfe meiner Gegenwart in Ihrer Stadt vorzeichnen und ich empfand auch ganz deutlich das susse Wallen, welches immer meine Brust ergriff, wenn ich Sie, oder Eins von den armen Familien erblickte, denen ich Gutes gethan hatte. Mein Auge sah thranend gegen den Himmel hin, der Sie und die lieben Leute dekt; und der Gedanke, meiner Rosalia, die so voll wahren Gefuhls ist, Freude geben zu konnen, erhob meinen Willen, auf einige Augenblicke, zu dem Vorsatze, zu Ihnen zu gehen. Denn gewiss, meine Liebe immer war mein Wille Gutes zu thun, feurig und eifrig. Aber der Abend kam; ich ging zuruck, nachdenkend uber Ihren Vorschlag. An dem Ende des Wegs, zwischen den Buchen, sieht man rechter Hand die Ueberreste des alten Schlosses, und linker Hand den Wollingshof. Der Mond schien zwischen dem Thurm und der einfachen hohen Mauer auf mein liebes Bauerhaus und beleuchtete just meine Fenster, wahrend ich in dem Schatten ging den der zerfallne Thurm warf. Eine unnennbare Empfindung machte mich stillstehn. Das melancholische Bild des zerstorten Schlosses, dem sogar der Mond mit seinen sanften Strahlen, nichts, als die blasse Erleuchtung eines neuen Todtengewolbes gab, die geworfenen Schatten schwarzer farbte; hingegen sein holdes Licht ausgebreitet uber die Wohnung meiner Wollinge ergoss. Ich sah die Aeste der bey dem Bau des Hauses geschonten Birken, hin und her wanken. Hinter mir sauselte der Wald und vor mir ein kleines, aber angenehmes Getose von dem Springen der Kinder meiner Freunde und dem Geschwatz des Gesindes im Hofe. Alles dies durchdrang mich. Rosalia! stellen Sie sich hin an diesen Platz mit meinem Herzen und meinen Erinnerungen; dann werden Sie vergeben, dass auf dieser Stelle mein Wille, zu Ihnen zu kommen, sich schwachte und erlosch.

Nein, ich will nicht mehr an Otte gehen, wo grosse Bedurfnisse und grosse Entwurfe entstehen; wo Krafte und Jahre des Lebens dazu verwandt werden und Feinde und Sturm alles niederreissen und Todtenstille, Todtenjammer geben. Unter dir, kleines niedriges Dach, beschrankt wie du, leicht erfullt wie du, sind die Wunsche unsrer Tage; nutzlich und rein, wie der Thau, der das Gras unter meinen Fussen befeuchtet, sind unsre Arbeiten und Absichten dabey. Die erste Wahl, die ich in dem grossen Vorrathshause von Glucksideen traf, hat mich auch auf eine Anhohe gefuhrt, die mir die schonste Aussicht zeigte. Ich grundete, ich baute auf, und was ist daraus geworden? Schutt! unter dem beynah ich selbst begraben wurde. Alles Reitzende, so ich vor mir sahe, gehort Andern. Der edelmuthige van Guden bot mir Schmachtenden die Hand und fuhrte mich zu einer erquickenden Quelle. Meine Seele erbolte sich bey dem Genuss seiner Gute und bey ubender Tugend. Aber noch einmal ging ich nach der Zaubergegend; glaubte noch einmal an Gluck im Grossen und wurde durch Schmerz aus meiner Tauschung gebracht. Fremdes Elend hiess mich meines vergessen. Mein Herz heilte durch die Hulfe, die ich Andern gab. Ihre Freundschaft streute Blumen auf meinen Weg Eigensinniges Anhangen an dem ersten Bilde meines Glucks fuhrte mich von Ihnen und der anfangenden Ruhe, die Vernunft und Gute mir gaben. Aber auf dieser Reise fand ich den letzten Kummer und auch bald darauf eine neue Spur der besten Freuden des Lebens, Freuden der Natur und Menschheit. Der Anbau meines Hofes und das Wohlergehn meiner Wollinge; mein Herz, alle seine Wunsche sind erfullt. Es ware Unsinn, es ware Undank, wenn ich noch nach einer Abanderung mich sehnen konnte. Sie meine Liebegenossen, eh Sie mich kannten, in dem Krais Ihrer Freunde alle Zufriedenheit, die Sie verlangten. Es sind recht sehr wurdige Personen darunter. Ihre nahe Verbindung mit Clebergen, sein Gluck, Ihre Pflichten und Beschaftigungen, konnen Ihnen wenig leere Stunden, wenig leeren Raum, in Ihrem Herzen lassen. Ich weiss wohl, wie innig Sie lieben und begehren. Ich weiss auch, wie schwer Ihnen abzusagen ist. Aber wir wollen beyde unsere Bestimmungen erfullen. Ihr Weg ist einfach und gerade gezeichnet. Es fuhrte Sie nichts ab, als dass Sie bald in diesem, bald in jenem angenehmen Landhause Besuch machten. Dies haben Sie bisher unter der Leitung Ihres Oheims gethan; nun in Zukunft in Gesellschaft Ihres erwahlten Freundes. Mein Pfad war gleich etwas gewunden; und dann wollt ich mir selbst eine Bahn machen, die mich in gefahrliche Gegenden brachte und sich nun mit dem schonsten Ruhplatz endigt. Meine Fahigkeiten sind nach dem Maass ihrer Anlage und meines Schicksals genugsam angebaut. Ich habe Kenntnisse von Wissenschaften und Kunsten, habe Menschenwelt genug gesehen, um jetzo Gottes Welt desto besser zu geniessen. Lassen Sie mich hier und opfern Sie meiner Ruhe den Wunsch nach meinem Umgang auf. Sie sollen Briefe genug von mir erhalten. Meinen Vorstadtern hab ich gegeben, was sie bedurften, Hulfe und Anweisung. Glauben Sie mir, die Gewohnheit des Wohlstands und die Uebergabe der Aufsicht uber die kleine Stiftung, so ich machte, hat schon Aenderung in den Gesinnungen bewurkt und die ersten Schritte des allgemeinen Gangs der Dinge haben schon angefangen. Meine erste Erscheinung war als Wohlthaterin. Jetzo war es als Gesetzgeberinn oder Oberaufseherinn. Nein, Rosalia, ich wohne niemals mehr in Ihrer Stadt. Besuchen, ja! Aber nicht langer, als hochstens vier Tage. Wenn Sie mir sagen wollten, so wurde mir es auch mit den Wollingen gehen; Nein! da nicht! sie sind zu einsam, zu selbststandig. Da bleiben Gefuhle und Ideen fester. Der Anblick fremden Vergnugens, und Leidenschaften kommen nicht zu uns. Also bleiben auch Begierden und Bestrebungen nach ihrem Genuss entfernt. Die ersten Zuge ihrer Erziehung liegen doch auch in Beyden, und ich glaube nicht unrecht zu schliessen, wenn ich vermuthe, dass die Erinnerung dessen, was beyder Vater sie hatten leiden machen, einen tiefen, bittern Gram gegen alle Menschen zuruck liess, die mit einigem Ansehn oder Gewalt in der Welt bemerkt sind; und dass ich im Gegentheil etwas von der zartlichen Anhanglichkeit erhalten habe, die sie fur ihre gute Mutter hatten. Kleine, ganz kleine Nebensachen wurken mehr, als ofters Haupttriebfedern thun, und dann pragt die Lage von Wollinghof auf liebende, angebaute Herzen ein so susses, einnehmendes Bild, an das man sich auf Zeit Lebens anheftet. Kommen Sie kunftigen May mit Ihrem Cleberg zu uns. Ich kann Ihnen ein artig Zimmer geben; und da sollen Sie mich als eine gluckliche und geschickte Landwirthinn finden. Denn wir wollen hier ein Muster von Landhaushaltung aufrichten. Wir machen ganz still alle mochliche Proben von Frucht- und Futterbau. Milch- Butterund Kasenutzung wissen wir schon recht schon. Obstbaume sind die alte Meisterkenntniss von Wolling. Gemus pflanzen wir nur so viel, als wir brauchen. Ein Stuck Wald haben wir ausgerottet, ein anders angepflanzt. Ich kaufe alle oconomische Bucher und mache Auszuge von dem, was wir brauchen konnen. Wolling bereitet das Erdreich und macht Versuche. Sie mussen kommen, und selbst das alles sehen und die Kinder meiner Wollinge, die ich zuerst sah. Und mochten Sie einen von den Blicken des Vaters sehen, wenn ich ohngefahr dazu komme, dass der Knecht oder eine Magd Rechenschaft von ihrer Arbeit geben, oder sagen: "ich bin an dem lezt gesaeten Stuck vorbey kommen. O, Herr! es stehr recht schon! Gott hats gesegnet. Wenn ers behutet, so kriegen wir eine reiche Erndte," wie da sein redliches Gesicht gluhet, was fur Dank und Segen in dem Blick ist, den er auf mich wirft; oder eins von den Kindern an seine sich hebende Brust druckt, mich ansieht und dann gen Himmel. "Ach, mein Kind! werde rechtschaffen, und sey ewig dankbar!"

Niemals geht er, oder seine Frau, mit mir die Eiche vorbey, an der ich stehen blieb, als die Kinder ihnen entgegen liefen, niemals kommen wir dahin, ohne dass eine meiner Hande, oder ein Zipfel meiner Kleidung gefasst wurde. Geredt wird in diesen Augenblicken nicht und ich bin froh, denn ich befurchtete, die Ueberlast von ihrem Dank fur mein Herz und die Abnutzung ihrer Freude fur sie. Auch vermeid ich, mit ihnen dahin zu gehen, und ist mir sehr lieb, dass wirklich einige Haufen ubriges Bauholz dort aufgelegt sind, welche ihnen diesen Erinnerungsplatz auf einige Zeit verbergen.

Ein junger Zimmergesell, der an dem Haus und der Scheune bauen half, ein geschickter, fleisiger Arbeiter und der immer den besten Willen zeigte, den wir auch noch zur ubrigen Holzarbeit behielten, hat nicht abgelassen, bis er zum zweyten Knecht angenommen ward. Die Freude dieses herzlichen jungen Mannes ist nicht zu beschreiben. Sie verdoppelt gleichsam seine Krafte und seinen Verstand. Er hat um Erlaubnis gebeten, ein Paar Morgen Erdreich, die an dem Abhange des Bergs, in dem Bezirk liegen, so zu Wollings Erbpacht gehort, von den Baumstocken zu reinigen und dann anzubauen, wie er es auf seiner Wanderschaft mit einem Berg hatte machen sehen, der dem Schlossherrn wenig getragen hatte, und nun recht gutes Heu einbrachte. Man solle ihn aber allein gehen lassen; er wolle gewiss Gutes auf dem Wollingshof stiften. Und das haben wir ihm zugestanden. Der gute Mensch arbeitet nur in den Zwischenstunden daran und will auch nicht anders. Wir gehen auch nicht hin zum Nachsehen. Sein Oberknecht allein kommt mit, weil dieser mithelfen will.

Sie furchten den Winter fur mich, in dieser Einode und ich freue mich ihn hier zu sehen. Den Hofund Stadtwinter kenne ich schon. Der von ihrer Vorstadt, macht auch eine Stuffe der Abanderung, nach den grossen Auftritten, die ich auf den Wohnplatzen vieler Menschen in dieser Jahrszeit sahe. Hier kann ich alles bemerken, was die Natur im Grossen vornimmt, an Feldern, Baumen und Wiesen der ganzen weiten Gegend, uber die sich der Herbst verbreitet aber auch auf unserm Berge. Frau Wolling wird ein Wochenbett just mitten im Winter halten. Da sorg ich fur die Oberaufsicht der Kinder, der Magde, der Milchstube. Ich habe den Winter meines Glucks durchlebt und ich sollte den Winter der Natur scheuen? Nein, meine Liebe, er freut mich!

Sieben und siebzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Da war ich mitten im Winter verreisst, Otte, seine Julie und ich, um Herrn und Frau G** in F** abzuholen, die nach einer Abwesenheit von etwa drey Monaten wieder zuruck wollen. Es war sehr kalt, als wir abgingen; aber ein heller, reiner Himmel dabey. Alle Steine, alle Grashalmchen mit Silberduft uberzogen, und das auf einer grossen Weite umher. Dann enge Hohlwege, unfreundliche, und gefrorne Bache, bey denen wir angstlich waren. Aber auch ein herrlicher Buchenwald, alle Zweige bereist, braune und gelbe Blatter daran, nur an den Enden mit dem so glanzenden Duft eingefasst. Und als wir auf die Hohe des Waldes kamen, wo er stark ausgehauen ist, hatte ich den angenehmsten Anblick, den diese Jahrszeit geben kann. Eine Art Nebel, aber sehr dunn, der auf dem Berge lag, durch welchen die auf der Seite stehenden Busche nur als durch einen Flor schimmerten, wurde schon an sich reizend gewesen seyn; aber die Sonne verschonerte es ausserst. Da ihre Strahlen just von der Seite unsern Wagen trafen und dessen Schatten an die Gebusche warfen; so bildete sich um diesen Schatten herum ein Regenbogen, der ihn lange Zeit begleitete, bis eine Wendung des Wegs den kostlichen Anblick zerstorte. Die Farben waren etwas blass, wie beynah die Mondregenbogen sind und nach Maassgabe des kleinen halben Zirkels um unser Fuhrwerk, auch schmal und um so viel neuer und gefalliger fur uns. Wir hatten auch etwas langsamer fahren lassen, das holde Schauspiel langer zu geniessen. Es endigte mit dem Abhang des Berges und den aufsteigenden kleinen Saulen von Rauch, aus den Hutten eines armen Dorfs, durch das wir fahren mussten. Otte spottete unser sehr, da wir in dem Posthaus und dem andern, was wir sahen, alles so schlecht und hasslich fanden und die schonen Sachen bedauerten, die wir im einsamen Walde gesehen hatten. Er behauptete, unsre Entzuckung sey nicht aus dem Grunde der grossen Reitze des Winters der Natur hergekommen, sondern weil wir Farben, kleine Spiegelchen und Diamanten gesehn hatten. Bald waren wir auch ungeduldig uber ihn geworden; aber der neue Postillion, ein hubscher, munterer Kerl, stimmte sein Horn so schon an, dass er uns auch munter erhielt. Er fuhr sehr geschwind, ausgenommen gegen das vorletzte Dorf der Station, wo wir wieder Pferde wechselten. Da liess er nur einen Schritt gehen, aber alle Kunste seines Posthorns und dann das Klatschen seiner Peitsche horen. Ich bemerkte endlich, dass er immer auf eine Seite hinsah und auf einmal wieder aus vollem, lustigem Othem ein, Stuckchen bliess. Da kam aus einem etwas hoch liegenden Bauerhaus ganz eilig ein artiges Madchen heraus gesprungen, ohne Haube, und band sich eine weisse Schurze noch auf der Vortreppe um, nickte ihm freundlich zu, bis er das Horn unter seinen linken Arm zuruckwarf. "Guten Morgen Toni!" rief sie dann aus ihren runden, gluhenden Backen und mit einer Hand aus Gelander gestutzt, "wann kommst du wieder?" "Um zehn, rief er, eine Milchsuppe." "ja ja!" antwortete sie, so voll Zufriedenheit in ihrem blauen Auge, und mit beyden Handen ihr weissgelbes Haar zuruckstreichend, dass ihr der Morgenwind ins Gesicht wehte. Einige Augenblicke, sah sie ihm, gewiss nicht unsrer Kutsche, nach, hupfte leicht und mit wahrer Anmuth in den Hof. Ihr Freund Toni aber klatschte noch ein paarmal lebhaft und kunstlich; nachdem aber fuhrte er uns, wie fliegend, dem nachsten Posthaus zu. Die ganze Scene hatte uns so wohl gefallen, dass wir in dem Kramladen des kleinen Orts ein Halstuch, ein Band und eine Schurze fur sein Madchen kauften und ihm mitgaben. Der gute Mensch wurde roth, als Ott mit ihm von ihr sprach und sagte, dass wir die Ursache seiner vielen Musik errathen hatten.

"Sie ist nur Magd bey dem Bauer, sagte er, aber das schonste und ehrlichste Madchen im ganzen Lande. Ich verzehr immer mein halbes Trinkgeld bey dem Bauer fur Milchspeise, und er halt sie deswegen auch besser. Das ubrige Geld hebt sie auf, dass ich es nicht vertrinke und mir was spare, damit wir ein kleines Soldnergutchen gleich neben meinem Herrn bestehen konnen. Ich bleib Postknecht. Mein Herr und die Pferde haben mich gern; 's Fuhrwerk geht nicht immer gleich stark, ich hab noch einen Cameraden. Da kann ich schon mein kleines Feldchen bauen, und meine Terese sorgt fur die Kuh, den Garten und das Kraut; da kommen wir mit Gottes Hulfe sehr gut zurecht."

Diese redliche Erzahlung und die freundlichen Blicke, die er auf die, in seinen Handen haltende Geschenke von uns, von Zeit zu Zeit heftete, und das kleine Paktgen auf- und zulegte, dann wieder mit beyden Handen zusammen druckte, ruhrte uns. Julie sagte auf franzosisch zu Otten, ihm eine Beysteuer zu geben. Er thats und der gute Mensch weigerte sich, indem er auf unsre Geschenke deutete. Nachdem aber kusste er unsre Hande und segnete uns. "Kommen Sie den Weg nicht bald wieder?" fragte er. "Ja, in acht Tagen." Da zahlte er an seinen Fingern, "Das ist mein Tag nicht, aber ich will meinem Cameraden das Trinkgeld lassen und Sie fahren. Sie sollen sehen, wies gehen wird" und da schnalzte er mit der Zunge und der einen Hand, und blinzte mit den Augen frohen Beyfall dazu. Er hielt auch Wort, und fuhrte uns ganz vortrefflich im Ruckwege.

In F** fanden wir unsre Freunde und mussten uns mit ihnen noch einige Tage aufhalten. Urtheilen Sie aber von meinem Staunen, als ich den vierten Tag meinen Oheim mit Clebergen in das Zimmer treten sah. Er war mir so unerwartet, das ganz Englische Wesen, so er angenommen; eine Art stuzendes Betrachten meiner Person, die rasche Freude und Thranen meines Oheims, noch mehr aber sein Reissen an meiner Hand und an Clebergs Arm, mit dem Ausruf: "Nun, Kinder! nach zwey Jahr Abwesenheit durft ihr euch wohl umarmen."

Cleberg gehorchte mit Freude in seinem Auge, ich aber widerstrebte und sank beynah in dem erregten Sturm zu Boden. Meine Lippen zitterten und Cleberg fasste mich mit Schrecken, da er mich blass und schwankend sah. "Was ist das! Rosalia! um des Himmels willen, was ist das? was ist seit Ihrem lezten Brief in Ihrem Herzen vorgegangen? Unser Oheim macht Sie nicht zittern, das bin ich, ich allein, den Ihr Uebelwerden angeht."

Ich konnte nicht reden: die Worte starben in meinem Munde. Ich legte endlich meinen Kopf auf seinen Arm. Er schwieg und druckte mich an sich. Ich kusste eine Hand meines Oheims, die ich hielt. Er sagte mit: "Gutes Madchen! wir hatten Unrecht, dich so zu uberfallen, ich finde es, erhole dich nur."

Diese Betrachtung war richtig. Aber ich wurde von der plotzlichen Erscheinung nicht so erschuttert worden seyn, wenn mein Oheim nicht so rasch auf eine Umarmung gedrungen hatte. Denn bey der Erinnerung der aussersten feinen Strenge, die ich mir aufgelegt und heilig gehalten hatte, dass von dem Tag an, wo mein Herz und mein Oheim mich fur Clebergen bestimmten, niemals die Lippen eines andern Mannes meinen Mund beruhren sollten, war ich wohl billig genug, nicht das nehmliche von ihm zu fodern und zu erwarten. Aber gewunscht hatte ichs, und den Augenblick, da er nach der Auffoderung meines Oheims sich mir naherte, warf ich ihm einen Mangel an Feinheit vor; und zugleich war in mir der Gedanke: O, wie viele dieser Kusse mag er verschwendet haben! Und dann war doch auch die Bescheidenheit mit verbunden. Es war mein Brautigam, aber doch ein Mann, den ich in zwey Jahren nicht gesehen hatte.

Ich war besser und zeigte ihm mein Vergnugen, ihn zu sehen. Er betrachtete mich, wahrend ich sprach, mit Aufmerksamkeit und es dunkte mich, als ob es lauter Vergleichungen waren, die er zwischen mir und was ihn auswarts angezogen, in seiner Ueberlegung machte. Ich war eben sehr vortheilhaft gekleidet. Ein langer Pelzrock nach der Taille, feines Gelb mit Zobel ausgelegt; die polnische Haube dazu, stand mir sehr gut. Er fasste meine Hand, mit Blicken voll Liebe. "Sie sind schon, Rosalia! schoner als jemals. Wo wollten Sie denn mit alle den Reizen hingehen, als wir kamen?"

Ich sagte, dass ich mit meiner Gesellschaft eingeladen ware, einige junge Leute Schlittschuh laufen zu sehen und dass es mich gefreut hatte, weil es mir ganz neu sey.

"Sie mussen hin; aber ich habe Erlaubniss, auch zu folgen."

Das war naturlich und ich ging zu Julien, die schon zweifelte, mich zu sehen, weil sie die Nachricht von der Ankunft meines Oheims hatte. Wir mussten ein gutes Stuck vor die Stadt hinaus fahren, bis wir endlich an der Landstrasse still hielten und lang an einer Mauer uber gefrornen Boden gingen. Am Ende folgten wir einem kleinen Wiesengraben, woran Weiden stehen, und horten auf einmal Musik und lautes Rufen. Zugleich flogen uber zehn Eislauser gegen uns, die uns dann die Hand boten, uber den Graben zu kommen und uns auf den zubereiteten Platz zu der ubrigen Gesellschaft zu setzen. Eine Reihe Banke mit Tuch belegt, und Diehlen auf dem Boden die Fusse vor der Kalte zu schutzen; ganz kleine Tischgen, immer drey Fuss breit von einander, mit Servierten gedeckt, worauf dann Chocolade, Kaffee, kleine warme Pastetgen, Confect und fremde Weine, Schinken und Braten gesetzt und angeboten wurde. Der Schauplatz war auserlesen. Eine, viel Morgen Lands fassende Wiese, auf welche der noch fliessende Bach etliche Tage lang ausgetreten war, und dieses, einen halben Schuh tiefe Wasser zu einem festen, glatten Spiegel gefroren; das ganze Stuck auf zwey Seiten mit Weiden besetzt, die dritte, eine weite Aussicht, wo verschiedne Garten und Lusthauser stehen, und oben an der Ecke, die uns am nahsten war, ein Busch Ulmen, hinter denen ein schoner Bauerhof, mit seinem neuen Ziegeldach, die Scene um so viel einnehmender machte. Der Himmel heiter, nicht der geringste Wind und fur Jennortage Sonne genug. Bey den kuhnen Schlittschuhlaufern waren die Sohne der angesehensten Familien, junge Englander, Offiziere und einer der seltensten und vortreflichsten Kopfe Deutschlands; alle in kurzen Pelzrocken, und runden, ihnen recht passenden Kappenhuthen. Mich freute es innig, das jugendliche Feuer so vieler schonen Leute, so munter, in tausendfachen Wendungen in dem Reiche des Frosts herum treiben zu sehen. Es schien mir ein edler und schuldloser Genuss ihrer Krafte, Ihres Muths und ihrer Geschicklichkeit. Cleberg stand hinter mir und horchte auf meine Bemerkungen. Ich sagte ihm, es dunke mich, sogar charakteristischen Unterschied in dieser Belustigung zu sehen; er solle den Blick und die Haltung des Leibes von Werther beobachten, wenn er den Schritt uber die ganze Flache anfing. Ein Englander hatte sich abgesondert und nahm seine Bahn, oben queer uber, da er Phantasiereiche Gange und Zirkel beschrieb. "Diesen, sagte Cleberg, will ich in der Nahe betrachten" und verliess mich. Einige Minuten nachher schlupfte eine edle Gestalt in einem nett zugeknopften, weissen Rock, mit schwarzem Pelzwerk bebramt, und einer gleichen Pelzkappe, an unsern Tischgen vorbey, die ich nicht im Gesicht erblickte, sondern aus der Kleidung fur einen neuen Mitspieler ansah. Er lief ein paarmal an dem einsamen Englander hin und her, sprach mit ihm, dann umarmten sie sich lebhaft und fingen einen Wettlauf gegen die Andern an, die schon ein Stuck Wegs voraus hatten. Der weisse Rock ubertraf die Meisten und liess den Britten weit zuruck, kam ihm wieder entgegen, ergriff seine Hand und war Augenblicks darauf mit ihm vor mir. Und dieser so schon sich hervorthuende weisse Rock war Cleberg selbst. Er musste meine Freude und Beifall mit meinem Staunen vereinigt sehen und schien sehr vergnugt daruber; stellte mir seinen englischen Freund vor und ermunterte mich, englisch zu sprechen. Von Zeit zu Zeit kamen auch die andern und nahmen etwas Essen, und auch vielleicht einige gutig belohnende Blicke von den artigen Frauenzimmern die da waren. Dieser Morgen war mir sehr schon. Cleberg ging mit mir zuruck, ass mit uns, bat mich um eine Unterhaltung in welcher er mir viele alte und neue Liebe versicherte und mir die Ursach meines Uebelwerden auf den Knien dankte und abbat; zugleich aber seine neue Abreise auf den nehmlichen Abend anzeigte, weil er zwanzig Meilen von da wieder zum Gesandten treffen musste. Aber bald, wenn mein Herz es gut hiesse, wurde er, nach Anordnung unsers Obeims, auf immer als der glucklichste Mann um mich seyn; und bis dorthin auch nicht einen Blick auf eine andre Seele heften. Mariane! Ihren Seegen.

Acht und siebzigster Brief

Rosalia an Mariane S**

Nun ist mein Schicksal festgesetzt. Cleberg bekommt durch Verwendung meines Oheims eine angesehne Stelle in dieser Gegend und diese Stadt wird mein Aufenthalt. O, wie weit von Ihnen, meine edle Liebe! Wenn nur, ach, wenn. Aber, zu was sind sie gut die Wenns? sagt Madame G** Zum voraus machen sie Angst und Zweifel; und nach geschehner Sache, Kummer und Unmuth. Wurklich hat auch mein Oheim schon auf zehn Jahr zwey Stockwerke und den Garten, nebst halben Hof eines schonen Hauses gemiethet, in eben der Strasse, wo Julie und Frau G** wohnen. Nun will er vieles darin bauen und auch den Garten neu anlegen und ich soll mich bis kunftiges Fruhjahr mit der Einrichtung beschaftigen. Sie sehen, wie viele Liebe hier fur mich waltet und ich habe auch in einem glucklichen Augenblick die Abanderung des Testaments erhalten, wie ich schon so lang wunschte, weil es mich eben so sehr schmerzte, sein ganzes Vermogen zu erhalten, als es meine armere Verwandte qualen musste, ohne Hofnung zu seyn.

Es war ein schoner Augenblick meines Lebens, da mir mein Oheim den geschlossenen Vertrag der Miethe wies, die um so viel sicherer war, weil er eine druckende Schuld des Eigenthumers bezahlte die den Belauf des Miethzinsen auf die zehn Jahre betragt. Daneben zeigte er mir alle Verabredungen mit dem Mauer- und Schreinermeister von den Verbesserungen meines Hauses; und nichts von dem, was ich gewunscht hatte, war vergessen. Mein Herz uberfloss in Danksagung fur seine Gute, und das seine ergoss sich in Freude uber die Aussicht auf meine Gluckseligkeit, die er nun recht grunden wollte. Es war grade nach dem Fruhstuck, da ich neben ihm sass und er mir auf dem Tisch, nach weggenommenen Theezeug, die Risse des Hauses vorlegte und die Abanderungen alle sagte. Ich hatte schon einigemal seine Hande gekusst; und das Bild der Verzweiflung des Ueberrests seiner ausgeschlossenen Familie drang immer naher an meine Seele, so, dass es endlich in meinen geanderten und kampfenden Gesichtszugen sichtbar wurde. Er kam in Unruhe. "Rosalia, Ist Dir nicht wohl?"

"O, ja; aber mein Herz ist zu voll Gluck und Kummer."

"Voll Gluck und Kummer!" rief er mit Staunen. "Hast Du was gegen Deine Heyrath mit Cleberg?"

"Nein, mein lieber Oheim!" sagt ich, indem ich, an seiner Hand hin, neben ihm kniete "nichts gegen Cleberg, aber gegen Ihr Testament."

"Mein Testament! wo Du all meine Liebe siebst!" "Gewiss seh ich darin alle unbegranzte Liebe fur mich; aber auch das eben so grosse Leiden der N** und A**. Lassen Sie mich mit der Halfte glucklich seyn und theilen Sie die andre unter die Kinder beyder Hauser. Diese sind ja doch an Allem unschuldig, was ihre Eltern mogen gethan haben. Mein lieber, grossmuthiger Oheim, erhoren Sie mich!"

Ich hielt eine seiner Hande an meinen Mund, mein einer Arm war um den seinigen geschlungen, mit dem er den Kopf auf den Tisch stuzte. Er betrachtete mich starr. Ich sah an ihm mit flehender Miene hinauf. Lange redte er nicht. Endlich sagte er trocken: "Rosalia! ich andre nichts. Du kannst ja, wenn ich todt bin, selbst alles verschenken, oder die Halfte, wie du willst."

"Und Sie, meinen Oheim, Sie! soll ich nicht segnen horen! nur weinen und seufzen, wenn Ihres Namens gedacht wird! O, lassen Sie Ihr Andenken Allen heilig werden, die nur einen Tropfen Bluts mit Ihrer edlen Mutter theilen." Mariane! Hier bey diesem Namen kont er nicht unbewegt bleiben. Er druckte mit den Hand, die seinen Kopf stutzte, seine Augen zu, und blieb einige Zeit in dieser Stellung. Aber ich bemerkte an dem Heben seiner Brust das Zuruckhalten der Thranen. Er fasste sich wieder mich zu fragen, ob mir jemals von einer der beyden Familien, seit er mein Vormund ware, Liebe erzeigr worden sey? Ob sie mich um Furbitte bey ihm ersucht hatten?

"Mein lieber Oheim! Sie hatten ja immer so viel Gute fur mich, dass mir kein andrer Mensch, nichts Liebes mehr erweisen konnte. Aber gebeten bin ich nicht worden; ich halt es Ihnen sonst gesagt."

"Wenn Du wusstest, was ich weiss! denke nur, dass meine Abneigung nicht ohne Grund ist."

"Ich glaube es, mein ehrwurdiger Oheim, und bitte deswegen um Grossmuth."

Er druckte meine Hand und kusste meine Stirne freundlich, aber ernstlich denkend, und sagte mir, ich mochte jetzt in mein Zimmer gehen; hob mich auf und ich sprach ihm nur noch mit ein Paar Blicken. Eine halbe Stunde, eh wir zum Mittagessen gingen, kam er in mein Zimmer. Ich fand sein offnes Gesicht noch voll Spuren einer vergangnen Gemuthsbewegung, stand gleich auf und fragte, ob es denn schon Ein Uhr ware?

"Nein! Aber ich will deine Lust zum Essen vermehren, indem ich Dir die Versicherung gebe, dass mein Testament zum Besten der N.** und A** verandert werden soll; wenn Du auch deinem Cleberg davon Nachricht geben willst."

Ich segnete und dankte ihm von ganzem Herzen fur diesen Endschluss.

"Gott segne Dich, meine Tochter! Tochter des wurdigsten Weibes und der besten Schwester! Du sollst doch auch wissen, dass es mir selbst wohl thut, dass ich Deiner Bitte nachgab. Sie batten mich sehr beleidigt und ich einen langen Widerwillen."

"Aber bester Oheim! wenn der edle Gute nicht grossmuthig ist, wer soll es denn seyn!"

"Sey ruhig, Rosalia! Ich werde Deine Bitten und Deine Hofnungen nicht tauschen; und Gott wird es an Deinen Kindern lohnen, was Du mich an den Kindern Deiner und meiner feindseligen Verwandten thun machst."

Ich konnte nicht reden; aber tausendmal seine Hande kussen und an meine Brust drucken. Er umarmte mich. "Nun weine nicht mehr und lass mich Dein Gesicht auf immer heiter sehen."

Das versprach ich ihm recht gern, und halte auch Wort und er begegnet mir mit doppelter Zartlichkeit. Ach, Mariane! Sie, Sie allein unter Vielen, konnen meine innige Freude und Gluck begreifen die ich uber den Verlust dieses halben Erbes empfinde. An Cleberg hab ich daruber nach meinem besten Empfinden geschrieben und rechne auf seine Edelmuthigkeit.

Drey Wochen nach diesen Blattern.

Ich war in der That lange nicht wohl genug, um diesen Brief zu enden. Deswegen bekamen Sie nur einige Zettelchen durch meinen Oheim; und hingegen heut wieder neue Nachricht von des theuren Mannes Gute fur mich. Er hatte einige Zeit immer etwas mit Madame G** und Otten zu lispeln. Als ich wieder ganz wohl war, sah ich zwey Tage meistens nur Julien um mich. Den letzten Abend bat sie mich, mit ihr zu einer kleinen Musik zu fahren. Ich fragte meinen Oheim, ob er es zufrieden sey? "Ja, wenn es Recht ware, ginge ich selbst mit." Da lief ich in mein Zimmer zuruck, es Julien zu sagen. "Ganz gern," sagte sie. "Der Wagen ist so mit vier Sitzen." Es war sieben Uhr und also schon dunkel. Wir fuhren in eine enge Strasse, stiegen an einer sehr kleinen Thur aus und kamen durch einen schmalen, aber kurzen Gang, an eine Wendeltreppe, wo nur eine Person gehen konnte. Und da wir nur Ein Licht vor uns hatten, und fur unsre Kleider sorgten, schaute ich weiter nicht viel um mich; horte endlich gute Musik. Otte kam uns am Ende der Treppe entgegen und zwey Lichter, die ein Kerl trug. Sie lachten sich Alle so geheimnissvoll zu, dass ich nicht wusste, was ich denken sollte und endlich einen Augenblick vermuthete, Cleberg sey irgendwo zu einer Ueberraschung bestellt. Endlich gings in ein Zimmer das ganz neu ausgemacht schien, aber vollig leer war. Von da offnete man eine Doppelthur, in den Saal, wo die Musik war. Ein geraumiges ovales Zimmer auf zwey Seiten einander gegenuber zwey Fenster. In den vier Ecken schone, weisse Schranke, mit schmalen goldenen Zierathen und darauf schone weisse Vasen. An jeder Wand neben den Schranken zwey Doppelthuren, und zwischen den zwey Thuren eine Reihe schoner Stuhle mit gelb und weissen Plusch; so wie auch die Wandstucke in der gelben Schattirung gemalte chinesische Landschaften vorstellten. In der Mitte des Saals hing ein schoner Kronleuchter; an den Fensterpfeilern grosse Spiegel, und Marmortische darunter. Dies war alles recht sehr schon und gefiel mir, noch mehr aber der artige Gedanke eines jungen Manns von rechtschaffenem Charakter und erfinderischen Kopf, der als Seeretair bey einem edlen Hause in der Nachbarschaft sieht und erst zu Verschonerung der Zimmer seines Grafen, dann auch zum Vortheil des armen Topfers, einen ganz neuen Ofen erdachte, der zuerst in dem Speisezimmer erschien, in welchem eine Ecke den Schenktisch fasste, der unten einen Schrank auf drey Fussen hatte, auf diesem eine grosse zinnerne Platte fur die Bouteillen und Glaser, uber dieser noch ein Aufsatz mit zwey Thuren, worin Glaser verwahrt werden. Dies alles war weiss gemalt und die Leistgen vergoldet. Da macht er ein Model von Kartenpapier, theilt die Stucke ein, spricht mit dem Topfer und gibt dem Manne so deutliche und so menschenfreundliche Beweise von der Thunlichkeit, den Ofen zu machen, und das nur im rauhen. Endlich geraths; er wird aufgefuhrt und weiss ubertuncht. Anstatt der Zinnplatte des Schenktisches, ein stark verzinntes Eisenblech hingelegt, auf dem die Teller gewarmt werden und das Zimmer ein zierliches Ansehen mehr erhalt. Denn der untere Schrank macht den Ofen, und die zwey auf ihm ruhenden Fusse, die den obern tragen, machen die Rauchrohren aus; und der Topfer kann nun fur mehrere Personen dergleichen Oefen machen. Denn da die Glasur das theuerste und beschwerlichste ist, bey dieser Art aber wegbleibt: so kann sie der Mann eher machen und Andre leichter kaufen. Mit dem Vergolden solls ihm schwer geworden seyn, weil die gewohnliche Behandlung davon, bey der Heizung des Ofens absprang. Da gerieth er endlich auf die Mischung von Honig und Eyweiss, womit er die Leistgen und Zierrathen bestrich und dann das Goldblatchen auflegte; und das hielt Probe. Ich bin sehr weitlaufig daruber gewesen; aber Erfindsamkeit freut mich und besonders wenn sie Nutzen, Zierde und Sparsamkeit mit einander verbindet Mein Oheim, der in dem edlen Hause bekannt ist, hat diesen Ofen durch hiesige Topfer nachmachen lassen und zwey stehen in dem Saal, den ich Ihnen wurklich beschrieb. Die zwey andern Schranke, sind fur Glaswerk und Porcelan. Als ich mich in dem Zimmer umgesehn hatte, kamen aus einer Thur all meine werthesten Freunde und Bekannte, Herr von C** seine Frau. Herr und Madame G**, ihr vortreflicher Bruder F**, sogar Kahnberg und seine Liebe Sie konnen nicht glauben, wie gross mein Staunen und meine Ruhrung war. Die Musik dauerte bis halb neun Uhr. Da spielte Kahnberg allein auf dem Klavier und eine artige Base seiner Frau sang dazu. Wir standen alle um sie herum. Indessen wurden durch die zwey untern Doppelthuren vier langliche Tische, schon gedeckt und mit Speisen besetzt, hereingetragen und neben einander gestellt, so dass in wenigen Minuten eine Tafel fur uns alle bereit war und wir uns, so bald die Stuhle standen, zum Essen setzten. Otte und Frau G** machten die Hauswirthe. Ich sass zwischen Kahnberg und meinem Oheim. Wir speissten aus einem nicht kostbaren, aber artigen Porcelan, auch weiss und gelb. Alles schien, nun sonderbar. Als das Confect kam, brachte man meinem Oheim einen Pokal und er fing die Gesundheit der Eigenthumerinn des Hauses an, Alles trank mit. Wie ich mein Glas Wasser ergriff, nahm er meine Hand. "Halt, Rosalia! Du darfst erst nach uns trinken." Ich sah um mich und nach ihm. "Nun, meine Liebe, trink denn; Du bist die Eigenthumerinn. Ich habe das Haus fur Dich erkauft. Gott gebe Dir lauter gluckliche Tage darinnen und Freunde dabey, wie diese hier!"

Sie riefen alle Amen! und Gluck! und Freude! Ich brach in Thranen aus und hielt die Hand meines Oheims. Er kusste mich. "Sag mir nichts Gutes, Madchen, als dass Du zufrieden bist; sonst erzahle ich unsern Freunden die Geschichte der N** und A** und des Testaments."

"O, das thun Sie nicht. Ich will schweigen. Sie kennen das Herz doch, das durch Ihre Gute gebildet wurde, so wie es durch Sie glucklich gemacht wird."

Nun trank mein Oheim die Gesundheit der Frau G**, da sie sich so viele Muhe mit Veranstaltung des Essens gegeben; wie auch des Herrn Otte, mit der Musik. Julie machte es auch recht schon, mit dem Blenden und Einladen. Er empfahl mich dann Allen zu ihrer daurenden Freundschaft und man erzahlte mir die Geschichte des Hauses. Es ist das nehmliche, so mein Oheim gemiethet hatte. Aber, seit meiner Krankheit kam es ganz zu Kauf; und da wollte er meine Genesung darin feyern und damit ich es nicht gleich erkennen sollte, wurde ich durch die Seitenthur eingefuhrt. Der ubrige Abend wurde ganz herrlich verlebt. Kahnberg und seine Frau reisten aber um zehn Uhr noch zuruck auf ihr Guth; hingegen Herr C** und seine Frau blieben bey uns. Ich ware beynah wieder krank geworden, so sehr hatte mich der Auftritt erschuttert. Mein Oheim sagte mir: "Ich habe mein Testament geandert: aber was ich Dir in meinem Leben gebe, must du behalten."

Ich durfte nichts sagen und befriedigte mich um so mehr, als ich wusste, dass er selbst eine reiche Erbschaft gethan hatte. Der Kreis meiner Bekannten vermehrt sich und dieses freut mich nur halb. Ich werde mich auch mit Vertrauen nur an die halten, die mein Haus einweihen halfen. Wir redten gestern Abend davon und ich sagte, dass ich neue Freundschaft machen, ansahe, als pflanze man Baume, unter deren Schatten man einst, in erlebten Tagen, noch ruhige und gluckliche Stunden hinzubringen hoffe; und setzte hinzu, ich konnte mir hier eine ganze Allee ziehen.

"Sehen Sie zu, Rosalia," fiel Frau G** ein, "ob nicht Korner von des Jonas Kurbis darunter sind, die sehr schnell und schon fortkommen, aber auch durch den Wurmstich einer Kleinigkeit zu Grunde gehen."

Man fand dies Gleichniss so treffend und brachte so viel Beweise dafur, dass es uns schauerte und ich endlich sagte: "Ich will keine Allee! Der Himmel erhalte mir nur den schonen Busch, der heute in meinem Saal um mich bluthe; so bin ich glucklich genug."

Und das ist wahr. Ich habe Freunde genug; Bekannte werd ich uberflussig bekommen, denn Cleberg will allen Fremden, die von den Orten sind, wo er sich aufhielt, sein Haus und Gesellschaft widmen; wie er mir in F** sagte, dass er allen Familien, wo er Ehre genossen, seine Dienste und Gefalligkeit dagegen anbieten wurde; und aus diesem Grunde ist mir auch mein artiges Haus recht lieb.

Mariane! theure, unschatzbare Freundin! in vierzehn Tagen reise ich mit meinem Oheim nach meiner Vaterstadt und zu Ihnen. Begreifen Sie mein Gluck und meine Freude, zu Ihnen! Ach, Gott! ich bin zu zu glucklich. Aber ich muss ja wieder zuruck, und Sie zurucklassen. So ist des Guten lange nicht so viel, als des Schlimmen. Indessen mehr Wohl, als ich lange nicht hoffte. Adieu. Schicken Sie mir doch, mit dem ersten Postwagen das Pack aller meiner Briefe an Sie. Ich will sie die van Guden, sammt den Ihrigen, wahrend meiner Abwesenheit, lesen lassen. Es dunkt mich, dass sie gegen den Winter Zeitvertreib nothig haben wird.

Neun und siebzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich muss noch einen grossen Brief vor meiner Abreise an Sie schreiben, uber einen neuen gesellschaftlichen Zirkel, der mir Gluckseligkeit verspricht. Denn fur mich, wissen Sie, ist grosse Anzahl Menschen und larmende Unterhauungen nicht Vergnugen, sondern Last gewesen.

Man sieht mich, seit dem Kauf einest Hauses und der Bestimmung meines Brautigams, als eingebohrn an; und ich wurde, nach der Gewohnheit dieser Stadt, bey allen benachbarten Familien meines Hauses und meines Standes zum Besuch gefuhrt worunter drey etwas altliche, unverbeyrathete Frauenzimmer waren. Keine Seele hatte mir je von ihnen etwas gesagt, und ich war daher um so viel betroffener, sie zu finden. Man muss durch einen Hof gehen, eh man in ihr Haus kommt, denn sie wohnen zur Miethe bey einem reichen Mann, der funf Wohnungen umher baute, wovon zwey auf die Hauptstrasse, links und rechts des Thors gehen; zwey in den Hof von jeder Seite der erstern; und dann die von ihm und den drey Frauenzimmern. Diese scheidet der Eingang in den Garten der sehr schon ist, in welchem der Saal, wo sie ihre Besuche empfangen, die Aussicht und einen Gang hat. Das Zimmer ist sehr artig mit Tapetenstreifen geziert, welche die Grossmutter auf weissem Grund genaht hat. Streifen von gelben Halbdamast, oder Brocadel sind dazwischen gesezt. Die Stuhle, ein grosses Ruhbett und alt geformtes Canape sind von ihrer eignen Arbeit, an welcher die Zweyte immerfort amsig sitzt, aber niemals an einer Unterredung Antheil nimmt, weil sie vor vielen Jahren von einer Melancholie befallen wurde, wovon sie niemals den Grund augab und erst lang immer fur sich allein war; endlich aber ihren Schwestern darinn nachfolgte, im grossen Zimmer zu seyn, weil die Dritte bey dem Tode der Eltern noch zu jung und zu hubsch war, um sie allein bey Besuchen zu lassen, wenn die Aelteste, die das Hauswesen besorgt, nicht da seyn konnte. Diese ist von einem ausserst aufgeraumten Geist, dabey voller Muth und Laune. Die Jungste ist artig, sanft und eine kostliche Vorleserinn; Alle vortreflich erzogen. Die Zweyte ist am besten gestaltet, bat ein ovales aber sehr blasses Gesicht, worin das schonste schwarze Auge einen langsamen durchdringenden Blick, und hochst selten ihr feiner Mund eine Art krankes Lacheln zeigt. Sie tragt immer Kleider von violet Farbe, ein weisses grosses Halstuch und eine schwarze Kappe und Schurze. Nichts netteres kann man sehen, als ihren Anzug. Neben ihrem Ramen, der seinen Platz in der obern Ecke des Saals am Fenster hat, steht ein kleines Tischgen mit dem Keficht eines Blutfinken, den sie liebt, und ihn manchmal, wenn er eine Zeitlang die Halfte eines ganz einfachen Liedchens gepfiffen hat, mit trauriger Miene betrachtet, auch heraus nimmt, ihn mit einer ruhrenden Zartlichkeit, auf einen ihrer Finger setzt und mit der andern Hand streichelt. Zwey dunkelrothe Nelkenstocke stehn am Fenster, auch von ihr gezogen und gepflegt. Zwischen diesen einer mit Maasslieben; die besorgt sie Abends, wenn es dammert, mit einem Ausdruck in ihrem Gesicht, den ich nicht beschreiben kann. Aber gewiss, es ist, als ob sie diesen Blumen und dem Vogel alles sagte, was sie Menschen nicht sagen mag, so voll Bedeutung sind all ihre Zuge, ihr Dastehen, die Bewegung ihres Kopfs, der Arme und Finger, wenn sie nach den Blatgen sieht, an den Nelken riecht, oder die Erde etwas lockert. Abends, wenn Licht nothig ist, leget sie ihre Wolle und Nahzeug zusammen, deckt ihren Rahmen zu, nimmt den Keficht, macht mit dem besten Anstand eine Verbeugung, und geht durch die Thure, die gleich neben ihrem Platz ist, in ihr Schlafzimmer, wo sie lauter ernsthafte Bucher list. So lebt sie schon zwanzig Jahre von ein und vierzigen, die sie alt ist, hatte immer das beste Herz und einst viel Feuer. Sie arbeitet sehr schon und unglaublich viel, da sie durch nichts zerstreut wird und alle Tage wenigstens acht Stunden fleissig naht. Und da sie nun lauter Muster nach heutigem Geschmack nimmt, so verkauft sie es auch sehr gut und sammlet das Geld fur sich. Sie zog beynah all meine Aufmerksamkeit auf sich und erinnerte mich an Henrietten von Essen. Die Aelteste ist etwas klein, und wie man hier sagt, untersetzt; aber lauter Thatigkeit, Gute, Einsicht und Kenntnisse von Sachen und Menschen; sagt immer, was sie denkt und beweist nebst ihrer jungern Schwester, wie schatzbar unverheyrathetes Frauenzimmer fur die Gesellschaft werden kann, wenn sie in ihren bluhenden Jahren das Zeugniss der Tugend und in ihren erlebten Tagen den Ruf der Klugheit und einen angenehmen Umgang haben. Sie sind nicht reich, haben nach dem Tod ihrer Eltern alles zu Gelde gemacht, und nur die Einrichtung des grossen Saals und das Nothige fur die Kuche und ihre Schlafzimmer behalten. Eine alte, treue Magd kauft ein, kocht, und isst mit ihnen. eben so wie sie selbst; denn niemals geben sie Andern zu essen. Aber alle Tage findet man bald grosse, bald kleine Gesellschaft bey ihnen. Ihre Eltern waren rechtschafne Leute deren Bekannte noch den Tochtern Freundschaft fort bewiesen, und ihre Kinder auch zu ihnen fuhrten. Die jungen Leute, welche da Munterkeit, Gute, und Gefalligkeit, die Eltern aber Vernunft mit wahrer Tugend und Freundschaft antrafen, gewohnten sich beyde hin. Sie helfen zu der Erziehung; denn oft bitten Vater und Mutter eine von den Schwestern den jungen Leuten diese oder jene Ermahnung zu geben. Es steht ein Klavier im Saal, eine Violine und Bassetchen ist auch da. Keine versteht Musik; aber wenn jemand hinkommt, der sich damit unterhalten will so hat er gleich alles. Oft tanzen und singen Sohne und Tochter, wahrend die Eltern sich mit reden unterhalten, oder im Brettspielen. Ein kleines Billiard und Volaute sind auch da Wochenschriften, Gedichte, der franzosische Merkur, Varrentraps Handbuch, ein oconomisches und historisches Worterbuch. Tissots Anleitung fur das Landvolk, und eine Gotterlehre der Alten sind in einem offenen Eckichrang beysammen und dieses giebt immer dem Stoff der Unterhaltung ein neues Leben. Man bat den ganzen Nachmittag Freyheit, zu kommen und zu gehen, wie man will. Immer findet man vernunftige und rechtschaffene Leute da. Der Hausherr und seine Frau sind es recht sehr. Diese haben den Hauszins vermindert, um die schatzbaren Personen bey sich zu behalten. Vorzugliche Manner kommen hin, oft erst nachdem sie zu Nacht gespeist und bleiben bis zehn Uhr. Die zwey Schwestern empfingen mich sehr hoflich und nannten mich neue Nachbarinn. Aber immer, wahrend die Eine mit mir sprach, horchte und beobachtete die Andre. Die Aeltere sagte mir:

"Madame G**, hat Ihnen gewiss Gutes von uns gesagt; wie wir von Ihnen gehort haben. Ich weiss, setzte sie munter hinzu, dass Sie viele Freude an Bildern von romischen und griechischen Alterthumern haben. Lassen Sie sich das Altdeutsche Ihrer guten Nachbarinnen auch gefallen. Sie werden unsre Gemuther und unsre Gedanken sehen, wie die Stiche da, in meinem Grossvaterstuhl. Viel Dienste kann ich Ihnen nicht anbieten, ausser den, Ihnen zu sagen, was gescheute Leute an Ihnen loben und tadeln. Dies ist recht nutzlich, mein Schatz, von ehrliebenden Menschen zu horen; besser als von kleinen Gezeug, das um Sie herum kriechen wird, so bald man Sie in Ansehen und Wohlstand erblickt. Huten Sie sich immer vor Kriechern; sie haben alle was Ungezieferartiges an sich und bringen was Kleines an, weil sie die Lucken und Ritzen der Schwachheiten des Charakters aufsuchen und zu finden wissen und dort ihre Schmeicheleyen, Erzahlungen und Angaben hinlegen, wie Insekten ihre Brut; wodurch oft das herrlichste Geschopf, wie schones Gerathe besudelt, verdorben und unbrauchbar gemacht wird. Verzeihen Sie; aber Sie gefallen mir und ich musste das Nothigste gleich sagen."

Der Ton, mit dem sie sprach, gefiel mir ungemein. Es ist in der That glucklich, eine redliche und vernunftige Person auf seiner Seite zu haben, die uns von unserm Guten und unsern Fehlern Nachricht giebt. Ich will auch die elende, verkehrte Eigenliebe nicht haben, die sogleich aufgebracht ist, wenn man nur von ferne etwas von einer Unvollkommenheit mit uns spricht. Ich dankte meiner wurdigen Nachbarin fur ihre Warnung vor den Kriechern und bat sie, Wort zu halten und mich treulich von Allem zu unterrichten, was mich anginge, sie versprach es mir freundlich, um so mehr, sagte sie, "da ich ja ungebeten davon angefangen habe. Ich geh immer meinen gewohnten Gang gerade fort. Ich habe freylich Einigen durch die Anzeige ihrer Versehen missfallen: auch deswegen, weil ich die Leute nicht nannte, die mir davon gesagt hatten. Ich merkte da wohl, dass sie begieriger waren, sich an ihren Tadlern zu rachen, als sich zu bessern. Da sagte ich den jungen Leuten, dass ich dieses in ihrem Gemuth sahe; es ware unbillig und unvernunftig; denn von ihrem Sprach- und Tanzmeister nahmen sie Erinnerungen an, und von einer Freundinn nicht. Den altern Personen weise ich ein erstauntes Gesicht uber den Wahn von Vollkommenheit und dass Jahre und Erfahrung ihnen weder den Werth der Freundschaft, noch der Wahrheit gelehrt haben. Sind sie bos und bleiben weg: so bedaure ich sie. Aber die Meisten sind wieder gekommen und scheinen mit mir zufrieden."

Nachdem fragte sie mich, was ich wohl bey dem Eintritt in ihr Zimmer von den alten Zierrathen und alten Gesichtern gedacht hatte?

"Es ist mir ungewohnlich, aber nicht unangenehm und nicht geringschatzig gewesen."

"Das ist gut," sagte sie. "Ich dachte, nach ihrem Gesicht und ihrer Kleidung, dass eine verstandige Gutartigkeit in Ihnen sey."

"Ich bin froh, dass dies in meinem Gesicht steht. Aber dass meine Kleidung davon zeugte, kann ich nicht denken."

"O, Kleider sind redender, als wir glauben. Sie haben viel Einfluss auf unsern Charakter und zeigen eine Hauptseite von ihm an. Der Grundzug unsrer Seele geht durch alles, farbt alles, nicht nur die Liebe, den Hass, Zorn, Freude und Traurigkeit; nein, auch unsern Geschmack, Redensarten, alles. Sehn Sie meine melancholische Schwester. Sie hat sich von allem lossgemacht, was auf andre Menschen wurkt. Aber, da sie, vor dieser Aenderung ihres Gemuths, edel und gut war: so ist sie es noch. Sehen Sie sie an, ist ihr Anzug nicht redend? und der Meinige? fuhr sie fort; riefen nicht die Form meiner Haube, die Falten meines Rocks Ihnen zu: da ist jemand, der sich nicht scheut, den Meynungen der Andern gerad entgegen zu geben und immer gleich seine Gesinnungen zu zeigen, mit so einfachem Wesen, wie die Leinwand an meinen Manschetten, und unbebramt, wie mein Rock."

Ich versicherte sie, dass mir ihre Art recht wohl gefiele. Die Zeit wurde sie uberzeugen.

Die Gesellschaft war gross, In den Fenstern, die sehr niedrig sind, stehen Banke; da sitzen meist die jungen Frauenzimmer und arbeiten, weil sie zugleich die Aussicht des Gartens geniessen, der aus lauter Alleen und Grasplatzen besteht, in denen der Besitzer einen seltnen Gedanken zeigt, nehmlich alle Arten von Blumen zerstreut hinein zu pflanzen und hingegen gewohnliche Wiesenblumen, in Beeten und Topfen zu ziehen. Es ist in der That schon Hyacinthen, Tulpen, Nelken mitten im Grase zu sehen, und es reiset seit vier Jahren kein Fremder durch, der nicht deswegen in den Garten kommt und begierig ist "den narrischen Menschen zu sehen", sagte der Hausherr, "der die Gartnerart so umkehrte. Dann staunen sie, mich mit gesunder Vernunft reden zu horen und ich freue mich, einer anscheinenden Thorheit das Vergnugen zu danken, viele schatzbare Menschen mehr zu kennen und ihnen einen kleinen unschuldigen Spass in dem Weg gelegt zu haben."

Die altere Jungfer Bogen, wie sie sich nennet, bemerkte einen kleinen Streit unter den jungen Frauenzimmern und Herrn. Frau G** war auch darein gemengt. Wir naherten uns, und horten, dass es uber eine abwesende Schonheit sey; und Mannspersonen fragten, woher es komme, dass Frauenzimmer eine fremde Schone mehr lobten und besser von ihr sprachen, als von einer, die unter ihnen wohnte? "O, Jungfer Bogen!" riefen die Madchen: "Sie mussen den Knoten auflosen."

"Das ist leicht, meine Kinder. Es ist die nehmliche Ursache, aus welcher die Manner nur verstorbenen Gelehrten eine Lobrede halten." Da war Freude bey dem Frauenzimmer und die Manner lachelten auch uber den Ausspruch. Der ganze Nachmittag und Abend ging vergnugt voruber.

Die Bogenschen Schwestern wollten niemals mehr, als die Anschaffung eines Thee, Caffee, einer Limonade, oder eines Obstes bey sich erlauben, und sie haben Recht. Bey ihrer einzigen Magd und erlebten Jahren ware es zu unruhig "und dann," sagte Carolina Bogen, "verlohr ich den grossten Werth meines Hauses, worinn junge Leute lernen sollen, oft ohne Essen und Naschen, bloss durch nutzliche, muntre Gesprache und anstandigen Zeitvertreib, einige gluckliche Stunden hinzubringen. Was anderswo geschieht, geht uns nichts an. Aber bey uns andern wir nicht."

Es war auch Jammer und Schade, Mariane, denn die Zeit in diesem Saal geht herrlich vorbey, und die Schwestern sind wir sehr ehrwurdig. Wenn jemand Trost braucht, Rath, und Gelegenheit einen Freund zu finden, eine Aussohnung zu veranstalten: so geht man zu Bogens. Sohne und Tochter suchen ihre Vorsprache bey den Eltern. Sie warnen die jungen Leute, machen sie ihre Pflichten lieben und erhalten dabey in ihnen einen vaterlandischen Geist und Sitte, das mich etwas sehr Wohlthatiges dunkt. Die Madchen bleiben auch durch sie auf dem Mittelwege der Moden und affen nicht so gleich alles nach, sondern nur, was ihnen recht wohl steht; und das ist billig. Denn so lange wir keine Nationaltracht haben, mussen wir wohl den Abanderungen folgen, die in der franzosischen Kleidung, nicht allein von den Leichtsinn dieser Nation, sondern auch von ihrer politischen Vorsorge fur den Fortgang ihrer Fabriken herruhrt. Mode ist bey ihnen Grundlage des Wohls von vielen Tausenden geworden; Mode die Triebfeder zu Anstrengung des Geistes in tausendfachen Erfindungen und Arbeiten; und noch, mein Schatz, dunkt es mich der Frage werth zu seyn, ob man nicht auch das Vergnugen mit berechnen soll, das so viele tausend Menschen haben, nach der Mode gekleidet zu seyn. Kleider mussen wir haben. Wenn wir nun mit dem Bedurfniss Freude verbinden konnen: warum sollen wir es nicht thun?

Sehen Sie, das war ein Stuck, so ich zur Unterredung lieferte und man war damit zufrieden. Man tadelte nur die wenige Soliditat, welche alle die schonen Modesachen haben. Da kamen die Gedanken, dass artig und grundlich nicht zusammen tauge Aber artig und leicht, schon und grundlich, dies Aussuchen und Gegeneinanderhalten des Werths und der Schicklichkeit der Ausdrucke, nahm einen guten Theil Zeit hin. Man sprach noch von der Mahlerey, und die Franzosen wurden auch des Leichtsinns beschuldigt, dass sie die Pastellgemahlde so hoch schatzten, die gar keine Dauer hatten. Der Schade ware aber auch leicht ersetzt, sagte jemand, und es ware zu wunschen, dass es noch mehr pastellartige Sachen unter denen gabe, die aus Bosheit, Eigensinn, Dumheit und Eigenliebe verdorben und zu Grunde gerichtet wurden, damit jedem Uebel durch eine geschickte und leichte Hand bald abgeholfen werden konnte.

"Nein, das wollt ich nicht," sagte die Bogen, "da verlore das Gute selbst seine Natur der Dauer und Grundlichkeit und es fanden sich Leute, die sich Boses und Schaden thun zum taglichen Spielwerk machten; das ware ja noch arger als wenn eine heftige Leidenschaft uns dazu bringt, dem Nachsten zu schaden und ihn zu betruben; wobey man noch hoffen kann, es werde dem Menschen in seinem Leben nicht mehr widerfahren, so weit zu gehen."

"Sie haben Recht," fiel einer von den Mannern ein. "Ich will lieber Einem verzeihen, der mir in der Wuth des Zorns einen Degenstich gibt, als dem, der mich hundertmal mit Lacheln den nackenden Schmerz des Rizens mit einer Nadel fuhlen liesse. Der Erste ist ein bessrer Mensch, als der Lezte."

"Das ist wahr," sagte ein Dritter, "denn tausendmal wird Einer, der den Degen gegen seinen Nachsten zog und ihn beschadigte, sich hinwerfen, Reue fuhlen, Jammer selbst leiden bevor Derjenige es einmal bedauert, der mich durch Zungenstiche, feiner, lachelnder Gedanken gekrankt, oder gar den Grund meines Unglucks gelegt hat." "Auch," wurde wieder gesagt, "vergibt man eher dem, der uns hasst, als dem, der unser spottet."

Madame G**, die immer die Lust und Geschicklichkeit hat, eine Unterredung, wenn sie ihr zu ernsthaft wird, ins Muntre zuruck zu fuhren, fing an: "Da bin ich Euch allen recht gram, dass Ihr von den Pastellgemahlden auf alle die furchterlichen Ideen gekommen seyd. Ich hatte so was Artiges zu sagen; und nun muss ich es ungenuzt nach Hause tragen, und verliehr es vielleicht gar unter Wegs." Nun waren wir alle mit Bitten da, sie mochte es noch sagen; wir wolten es aufheben. Es dauerte lange, eh sie heraus kam. "Nun, ich denke, ein Theil Frauenzimmer in Frankreich schutzet die Pastellmahlerey, weil sie meistens selbst lauter solche Gemahlde vorstellen."

Sagen Sie, Mariane, sind nicht die Tage, die man mit diesen Frauenzimmern verlebt, gluckliche, angenehme Tage? Ich will sie auch recht benutzen, so wie Julie Otten es verspricht, wenn sie nun auch in ihrem neuen Hause, nicht weit von dem Meinigen, wohnen wird. Bin ich nicht ein gesegnetes Geschopf, durch die Bekanntschaft mit so viel guten Menschen? Ich will auch, aus Dankbarkeit gegen die Vorsicht, bemuht seyn, eins von den besten Menschenkindern zu werden.

Achzigster Brief

Rosalia an Madame Guden.

Sie lieben edle Menschen und tragen immer so viel bey, Gluckliche zu machen, dass ich gewiss bin, Ihr gutes Herz zu erfreuen, wenn ich Sie versichre, dass mirs bey meinen alten Freunden und Bekanten wohl ergeht und dass ich Ihnen danke, meine Aufmerksamkeit auf das Gute so sehrverstarkt zu haben. Madame G**, die mit mir hier ist, sagt zwar, was man gern glaube, sehe man leicht; und wunscht mit einem gottlosen Muthwillen, dass irgend ein Zufall den Ton meines Herzens, ins Argwonische stimmen mochte, und dass mein Kopf dadurch zu nichts als Kritiken und Tadelsucht gebracht wurde. Das sollte ihr eine Lust seyn, meine jetzige lebhafte Empfindung fur jedes geringste Gute, in einen immerwahrenden Kampfe gegen das Schlechte und Bose zu sehen. Sie denkt es wurde ein ganz besonderer Grad Witz und Rachdruck in meinem Tadel liegen, wenn er nach dem Verhaltniss meiner entzuckten Redensarten bey dem Schonen, sich in Bitterkeit und stachlichten Gedanken bey Hasslichen zeigte. Sie sagte, ich wurde erst darinn die Starke meines Scharfsinns geniessen und kennen lernen.

Scharfsinn geniessen, in dem Tadel meiner Nebenmenschen! Ich will nicht! Lieber keinen Scharfsinn haben. Alles, was sie mir da noch sagte, fiel mir schmerzlich und sie trieb mich bis zu einem Anfall von Unmuth; wo sie dann endlich mit offnen Armen gegen mich ging und mit Zartlichkeit sagte: "Vergeben Sie mir, Rosalia! Dies war die einzige Seite Ihres Charakters, die ich noch nicht ganz kannte. Ich habe Ihre Lieblingsideen angegriffen, um Sie bose zu machen; weil ich erst kurz vor unsrer Abreise in einem Schriftsteller las, dass man den Grund einer Seele nur in wichtigen Bewegungen der Eigenliebe ganz sehen konne, und dass ganz allein bey diesen Erschutterungen, das Wahre, so in uns liegt, an den Tag komme. Edelmuthigkeit liegt hier tief;" sagte sie, indem sie eine ihrer Hande auf mein Herz hielt, "ihre Wurzeln haben sich in alles verbreitet. Bleiben Sie immer Enthusiastinn, wie ich Sie so oft nennen horte. Es ist die beste Gattung Gespenster, die uns Menschen erscheinen konnen."

Ich wurde sehr geruhrt, diese Frau so sprechen zu horen; ob ich schon vorher in hundert Gelegenheiten gefunden hatte, dass ihr anscheinendes rauhes Wesen nicht aus Mangel wahrer Gute entstand, sondern aus zu grosser Lustigkeit, mit der ein hoher Grad feinen Gefuhls nicht in gleichen Schritt gehen kann. Ich wolte Ihnen diesen Zug aus dem Charakter der Frau G** gleich schreiben, weil Sie doch jetzo die Sammlung meiner Briefe, und der wurdigsten Freundinn ihre, bey sich haben, worin Madame G** oft vorkommt. Diese soll von Ihnen geschatzt werden, wie sie es verdient.

Und nun horen Sie mich auch etwas von den Ueberresten eines Schlosses erzahlen, an dessen Mauren ich einen seligen Tag hinbrachte.

Mein Oheim, der als geschickter und rechtschaffner Rechtsgelehrter, und durch seine Stelle, als furstlicher Geheimer Rath, sehr bekannt und geschazt ist, wurde zu einer angesehnen adlichen Familie, auf ein Paar Tage auf das Land geladen. Er bat sich die Erlaubniss aus, mich mitzunehmen, und wag in seinem Briefe mit vieler Liebe von mir gesprochen haben, denn ich wurde mit grosster Gute aufgenommen. Unterwegs erzahlte er mir die Eigenschaften der Personen die ich da sehen wurde und setzte unter andern hinzu: "Ich wurde mich sehr betrugen, Rosalia, wenn die Eindrucke, welche dies Haus auf Dich machen wird, nicht auf dein ganzes Leben dauren."

Indem er meine Erwartungen so erregte, bemerkte ich, dass wir einen ganz sonderbaren, fur mich aber hochst angenehmen Weg reisten, der recht dazu gemacht schien, alle Gedanken des Kopfs und alle Gefuhle des Herzens, zusammen gedrangt zu halten, um sie desto starker sehen und empfinden zu lassen. Man kommt erst uber einen hohen, unbewohnten Berg, von dem man lange nichts, als andre hohere und niedere Berge sieht; denn er wird nur an seinem Abhang, gegen das Bad Ems, fruchtbar und freundlich. In dem Bade bedauerte ich die Gleichgultigkeit der Eigenthumer, dass sie so wenig fur die Verschonerung und Zierde darin thun, wodurch doch um so viel mehr Menschen angezogen wurden. Denn die Tugenden des Wassers und die naturliche Lage sind ganz herrlich. Von da wird der Weg immer enger, zwischen einer Reihe von Bergen, die auf einer Seite Wein, und auf der andern Waldung haben. Das sich ganz schmal durchziehende Thal theilt sich meist unter kleinen Wiesen, einen Fluss und einem Fuhrweg und so einsam, durch begranzte Aussicht begleitet, kommt man nach N*** ff. Ich kann sagen, dass sich mein Herz erhob, als ich das Dach dieses Wohnsitzes der edlen Gastfreyheit erblickte; weil ich wusste, dass ich darin jede, den Nachsten glucklich machende Tugend, antreffen wurde.

Gerechtigkeit, und Menschenfreundliche Unterstutzung fur die Unterthanen, Leutseligkeit, gegen Geringe, Gute, Hoflichkeit, und Freundschaft in ihrer ganzen Wurde, nach dem richtigen Maass des Verdiensts, mit der feinsten Achtsamkeit an Alle ausgetheilt. Ueberall Ordnung, schoner wahrer Geschmack, mit einer grossen, und edlen Einfalt verbunden.

Der Herr des Hauses, wahres Urbild eines Mannes von Ehre, Rechtschaffenheit und Wohlwollen. So, glaub ich, sah immer der erste Ahnherr aus, der einen so reichen Schatz von Ruhm gesammlet hatte, dass seine Nachkomlinge, nach Jahrhunderten noch ihren Antheil daran geniesen.

Die Dame zeigt in Allem die ganze Bedeutung des Ausdrucks und Werths der edlen, wurdigen Familienmutter. Die Gestalt ihrer Person bezeichnet die grosse richtige Bildung ihrer Seele. Und wie stark Klugheit, beweisen dieses ihre Unterredungen voll wahrer Menschenkenntniss und Gottesfurcht; ihr Anstand, der Ton ihrer Gedanken, der Fuhrung des Hauswesens und der Erziehung ihrer edlen, verdienstvollen Kinder, welche in der That alle vortrefliche Eigenschaften des mannlichen und weiblichen Geschlechts unter sich vertheilt haben. Und um mich, meine Theure van Guden, eines Ihrer Ausdrucke zu bedienen, so sind die moralischen Vorzuge, die Eltern geben, und Kinder erwerben konnen, bey einem jeden der Sohne und Tochter, in einer eignen Schattirung, und eigenen Form. Moge doch der Ton der Seele dieser Familie sich bis auf die spatsten Enkel fortpflanzen! so werden wir immer Modelle und Beweis von Adel haben.

Mich dunkt aber dabey, dass der Wohnplatz dieser edlen Familie durch seine, von Andern abgesonderte Lage, ja selbst der tagliche Anblick der Ueberreste des Stammhauses, vieles zu der Selbststandigkeit ihres Denkens und ihrer Handlungen beygetragen hat; indem, da sie ihren Gang allein nahmen, das Anstossen, Mitziehen und Reiben der Andern die Ausbildung ihrer eignen, edlen Form nicht hinderte, und sie hingegen oft genug in Gesellschaft kamen, um durch die feine Gefalligkeit, im Umgang das beliebte Aeusserliche zu erlangen; welches aber in dieser Familie nichts anders ist, als die Glattung, welche die Hand eines Phidias seinem Meisterbilde zulezt giebt. Ich wunschte Sie hier, meine Freundinn. Sie wurden sich gewiss mit einem Theil der grossen Welt versohnt haben. Umstande helfen zu Vielen und hindern auch viel.

Aber kommen Sie. Wir fahren in einer grossen Gesellschaft uber einen Fluss und steigen auf einem sehr gemachlichen Weg den Berg hinauf, an dessen Halfte die Ruinen des Stammhauses stehen. Der schroffe Felsen, auf den es gebaut war, macht noch einen Absatz grad uber der Ecke des Bergs, die sich auf einer Seite an dem Fluss, und auf der andern, an dem Ende eines einsamen Wiesenthals hinstrecket. Von dem alten Schloss an ist die Oberflache des Bergs mit tausendfachen Krautern und Gestrauch bedeckt und die Dame hat viele hundert Obstbaume da pflanzen lassen. Denn lange war da Alles ode und verwildert, bis die thatige und empfindungsvolle Seele dieser Frau das fruchtbare Benutzen, und die angenehme Aussicht mit Vergnugen geniessen machte. Unendlich schatzbar ist mir der schone, leutselige Gedanke, den sie hatte, allen ihren Hausgenossen Antheil an der Umschaffung dieses Stucks ihrer Guter zu geben. Denn nicht nur die Kinder, ihr Hofmeister, der Secretair des Herrn, sondern auch der Hausmeister und alle Bediente, wurden eingeladen, sich einen Fleck auszusuchen und nach ihrem Geschmack zu verschonern. Nur musste Alles in lebendem Grun gemacht werden. Dieses war gewiss edle Herablassung und edles Mittheilen. Denn wie suss mag Jedem von den Bedienten das Vertrauen in seinen guten Verstand, das Hinsetzen, Pflanzen und Wachsen seiner Ideen, vermengt mit der Dame, mit der jungen Herrschaft ihren, gewesen seyn! Es kann auch keine klugere Art von Erheben und Gleichstellen geben, als diese war; weil mich dunkt, dass bey Arbeiten und Anpflanzung der Erde, wohl immer ein hoher Grad Vergnugen und Zufriedenheit, aber niemals der Stolz und Uebermuth entstehen wird, die aus Stadt- und Hofgewerben und Kunsten entspringen. Ich nehme mir wurklich vor, auf meine Gefuhle Achtung zu geben, wenn ich von einem Spaziergang im Felde wieder in die Hauptstrasse meiner Stadt zuruck komme. Waren Sie nur mit mir in R*** ff gewesen, und hatten all die freundlichen Laubhuttchen gesehen, zu denen man bald einen kleinen Moossweg hinab geht, dann zu einem Andern einige Grasstufen hinauf steigt; Banke von Moos an dem grossen Weg hin, von allerley Gestrauch beschattet; tausendfache Grasarten und Blumchen daneben; Erdbeeren, die dazwischen herausgucken und die sie bey gemachlichen Dasitzen pflucken konnen! Ich segnete die wurdige Dame bey jedem Schritt, dass sie der Natur so wenig Gewalt angethan hatte und alle diese unzahligen Gras- und Straucharten auf ihrem ursprunglichen Boden fort wachsen lasst. Unmerklich kommt man hoher und findet Rosenlauben, Gebusch, einzeln hohe Baume, die gegen den Abhang des Bergs stehen und ihre Zweige uber den Weg hin wolben. Wenn man auf der Hohe ist, so tritt man auf einen hubschen Raum mit Banken besetzt. Dort nahm die ganze Gesellschaft Platz und ergotzte sich an der Aussicht, uber den Fluss, wo Berge mit Waldern, die kleine Stadt, und der schonste Wiesengrund ist. Ich sass gerade gegen den Weg hin, und genoss also am ersten den artigen Anblick; da unter dem grunen Gang her funf sehr reinlich gekleidete Magde mit weissen Schurzen, schone weisse Korbe auf dem Kopf, aus denen oben Blumenstrausse heraus sahen, eine nach der Andern herauf kamen und uns vorbey gingen. Wir, eine Reihe auf verschiedene Art hubsch gekleidetes Frauenzimmer, auf einem so landlichen Platz; der Auftritt dieser Magde aus dem Laubgewolbe und dann das liebliche Staunen von uns allen, da wir aufgerufen wurden, an der Felsenwand hinuber zu gehen und dort einen schonen Rasenplatz, mit niedrigen Hecken und Baumen auf beyden Seiten, und in der Mitte davon einen, auf die niedlichste Art gedeckten Tisch antrafen, eine neue Aussicht auf die linke Seite des Bergs gegen das einsame Thal hin hatten, und von der andern den Fluss, und die Ergiessung eines Bachs in ihn, der durch dieses Thal herunter kommt. Wir giengen hier zerstreut spazieren und vergnugten uns an all den einfachen und schonen Abwechslungen An den Ruinen des Stammhauses sind Rosenstocke gepflanzt daruber sagte ein Geistvoller Mann: "Es dunke ihn, den Grabhugel eines alten Edlen von Deutschland durch wurdige Enkel mit Blumen bestreut zu sehen."

Reizend schien mir das seltene Talent einer jungen, liebenswurdigen Dame von Hannover, die alle Krauter, welche unter den Fussen, oder vor ihren Augen waren, nach ihren Namen und Tugenden kannte, bald dieses, bald jenes pfluckte und zwischen jedem ihrer artigen Finger ein ander Blumchen oder Blatchen hielt, die sie mit viel Anmuth hin und her wand und die, wovon sie etwas zweifelte, mit gleichem Vertrauen auf ihre Kenntniss und auf die Gute der Natur zerkaute und dann auf Latein und Deutsch die Namen sagte. Es waren einige fremde Herrn und zwey Sohne des Hauses da. Die Dame hatte das Abendessen in einer, in dem alten Schloss zurecht gemachten Kuche, zubereiten lassen. Aber die Bedienten zu ihrer gesetzten Zeit nach Hause zu Tische geschickt. Diese blieben etwas lang aus. Die feine Sorgfalt dieser an alles denkenden Frau fur einen sehr ehrwurdigen, bejahrten Cavalier, dem die zu spate Abendluft schaden konnte, machte sie unruhig wegen des verzogerten Auftragens der Speisen und sie fasste eine allerliebste Idee, dem Hausmeister zu sagen, er mochte so viel Servietten aus dem Tischkorb nehmen und der Kuche zutragen. Dann winkte sie den jungern Herrn mit einem freundlichen und bedeutenden Blick, ihr zu folgen, und auf einmal kamen alle in einer Reihe nach ihr, und trugen mit einer vergnugten und hochst anstandigen Mine, die Schusseln auf den Tisch, ruckten den Frauenzimmern die Stuhle und blickten nach der Dame, um weitere Befehle zu erhalten. Sie dankte ihnen mit einer Verbeugung, weiss ihnen auf die Platze umher, die unbesetzt neben dem Frauenzimmer waren, und sagte, sie mochten nun die Mahlzeit mit geniessen, die sie aufgetragen hatten. Dieser Gedanke, uns durch diese artigen Leute das Essen zu schaffen, beseelte die Unterredung auf lange Zeit. Die Lichter wurden unter Glaskolben aufgesetzt, und der Ton einer Flote machte ein volliges Schweigen, da gleich auch ein Harfe mit einstimmte. Diese sanfte Musik, zwischen dem dumpfen Rauschen des Flusses; das ganz Dunkle der Berge umher; die nach und nach erscheinenden Sterne uber uns; das schwache Flimmen der Lichter in den Hausern des Stadchens; lebhafte, aber sanfte Freude in allen Gesichtern, und diese Familie, diese einnehmende Familie! O, meine liebe van Guden! was war das fur ein herrlicher Abend fur mich! Ich dachte Sie; Ihre so gefuhlvolle Seele wurde entzuckt gewesen seyn. Sie denken wohl, dass wir Fremde alle in dem Lobe vereinigt waren, das wir der Anlage dieses Lustplatzes gaben. Es freute die wurdige Stifterinn davon. Aber sie lenkte auf eine ihr eigne grossmuthige Weise, unsre Aufmerksamkeit auf die Erzahlung, die sie uns von einer grossen Anlage vieler vortrefflichen Abwechslungen machte, die, nicht weit von hier, von einer verdienstvollen Dame herkame, wo wir edle Seelen, eine schone Wohnung und die herrlichste Aussicht auf eine detrachtliche Strecke Lands, in welcher der Rhein die fruchtbare Gegend durchfliesst, finden wurden. Sie beschrieb einige Theile dieses weitlauftigen Lustwalds, die ungemein schon seyn mussen; und wir sind alle fest entschlossen, alles dieses zu sehen.

Ich verehrte die Grossmuth dieser Frau, da sie unsre Empfindung fur das Reizende, so sie uns gezeigt hatte, durch Erhebung der Ideen einer andern Dame, zu schwachen suchte, und uns mit der Begierde, andres Verdienst zu kennen, von sich abreisen liess.

Ein und achzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Glucklich bin ich mit meinem treuen Oheim zuruck gekommen und nun horen Sie, warum er mich so lange bey Ihnen gelassen, und noch sonst spazieren gefuhrt hat. Das Erste um vieles von seinen Geschaften auf einige Zeit zu besorgen und das Zweyte, um Clebergs Ankunft in der Gegend meines kunftigen Wohnsitzes zu erwarten. Er ist schon seit acht Tagen auf dem Lande, nur eine Stunde von hier, und hatte unsre Ruckkunft verbeten, bis er die Zimmer in unserm Hause, welche er sich nach, seinem Geschmack anordnen wolte, durch dem Tapezirer, den er als Bedienten mit gebracht, fertig gemacht haben wurde. Und auf die Anzeige, dass er nur noch uns erwarte, reiste mein Oheim ab. Abends kamen wir hier an, und speisten bey Frau G** zu Nacht, die mit ihrem Mann ausserordentlich vergnugt uber unsre Ruckkunft schienen. Otte und seine Julie zeigten den nehmlichen Grad ausserordentlicher Freude. Ich schlief sehr zufrieden uber die Liebe dieser zwey Familien ein, und traumte gewiss nicht von Cleberg, und seinem Aufzug, als hier angestelten Residenten des Hofes von N**; noch weniger aber dachte ich an die Eile mit welcher mein Oheim dieses und alles Uebrige veranstaltete. Ich stand in Wahrheit sehr wohl und gesund auf. Mein Oheim freute sich bey dem Fruhstuck daruber mit Herrn und Frau G** Diese fragte mich, ob ich nicht etwas Neues von Kleidungsstucken mitgebracht hatte?

"Warum fragen Sie mich denn, bey alle den Mannern?" sagte ich; denn Otte war auch in seinem Frack bey uns. "Sehen Sie, wie Alle lacheln, dass so gar die erfahrne und weise Frau G** sich nicht enthalten kann, der Gottinn Tandeley ein Opfer ihres Verstandes zu machen, und, anstatt nach neuen, guten Menschen und Sachen zu fragen, nur gleich nach Kleiderzeug begierig ist."

"Hatt ich gewusst, erwiederte sie, dass eine so ernsthafte Anmerkung uber mich das Erste ware, so Sie auspacken wurden: so hatte ich mit meiner Frage zuruckgehalten. Indessen will ich den lieben Onkel da fragen, ob Rosalia nicht etwas Artiges von ihm geschenkt bekam?

Ich glaube, es muss artig seyn; denn Rosalia hat es selbst ausgewahlt und sie soll ihre Freundinn auch fur die spitzige Note, uber Ihre unschuldige Neugierde, schadlos halten und sich darin putzen; damit Sie und Julie gleich sehen konnen, ob es ihr gut steht und die Form artig ist."

"Aber, lieber Onkel, es ist zu kostbar im Hause, und ich mache heute noch keine Besuche."

"Das will ich auch nicht. Aber eine kleine Galla kannst Du ja unsern Freunden und uns selbst, uber unsre Ruckkunft, machen."

Ich sah ihn noch einmal mit einem kleinen lachelnden Kopfschutteln an. Er klopfte mir freundlich auf die Backe. "Thu es, Liebe, und mache mir Ehre fur mein Geld!"

Da sah ich, dass es ihm Ernst war, und ich versprach es; zog auch in der That das weisse, von schon gemuschtem Seidenzeug, auf die Taille passende, und sehr reich garnirte Kleid an, wie auch die ubrigen Stucke, so dazu gehorten, und ging um eilf Uhr in sein Zimmer. "Sind Sie zufrieden, lieber Oheim, dass ich so schon bin?"

"Ja, Liebe!" sagte er, "Du bist wahrhaftig schon, wie eine Braut. Du musst einmal auf Deinen Trauungstag so gekleidet seyn!"

"Das will ich auch, weil es in England, das ich liebe, so gebrauchlich ist."

"Kame nur heut Dein Cleberg!"

"O, nein! das will ich nicht, mein Oheim. Der Rock soll in Jahr und Tag noch schon genug zum Brautrock seyn."

"Wenn aber deine Gesichtsfarbe nicht so heiter ware, wie heut, so verdrosse wichs. Denn Du siehst recht gut aus. Cleberg wurde in Dich verliebt, wenn er es noch nicht ware."

"Lieber Oheim, warum plagen Sie mich heute so viel mit meiner armen Figur?"

"Arm, Rosalia! Du bist heute wahrlich nicht arm, glaube mir."

Sein Bedienter kam, ihm zu sagen, dass es halb zwolfe sey. Da wunschte er mir guten Morgen auf Wiedersehen; wie er immer zu hnn pflegt, wenn er mich wegschicken will. Ich ging in mein Zimmer zuruck, wohin Madame G** und Julie in kurzer Zeit nachkamen, weil sie mein Oheim, wie sie mir erzahlten, zu mir gebeten habe. Sie lobten mein Kleid und mich wieder, eben wie mein Oheim.

"Kinder Gottes! sagte ich, lassen Sie es mit diesem Ton genug seyn. Ich bin furwahr meiner selbst herzlich mude. Es dunkt mich, ich musse einmal mit meiner Kleidung und Person etwas sehr tadelhaftes hier gethan haben, well ich den ersten Tag meiner Ruckkunft so sehr damit gestraft werde. Sagen Sie mir meinen Fehler, liebe Julie; ich will mich gewiss bessern."

Sie versicherten mich, dass es gar keine Spotterey sey, sondern dass sie nur meinem guten Oheim in seinem unschuldigen Scherz beygestimmt hatten. Wir assen zu Mittage recht munter, aber etwas geschwind, denn wir wollten zu Kahnberg einen Besuch machen, sagte mein Oheim. Herr und Frau G** begleiten uns. Herr G** entschuldigte sich; sie aber nahm es an. Ich wollte mich umkleiden, es wurde nicht erlaubt und wir fuhren in einem schonen neuen Wagen mit vier Postpferden nach Kahnberg. Ein Stuck Wegs davon hielten wir stell. Der Bediente fragte an; aber sie waren nicht zu Hause.

Frau G** sagte da meinen Oheim bittend. "O, wir wollen nicht den nehmlichen Weg zuruck. Fahren Sie doch uber Langensee; dann kommen wir bey dem Seethor in die Stadt zuruck, welches ohnehin naher an meinem Haus ist; und heut ist Kirchweihe da. Wir sehen also vielleicht auch im Vorbeyfahren einen Bauertanz."

"Nun ja," sagte ich, "ich hab auch einen Kirchweihrock an"

"Ich bin es recht sehr zufrieden," antwortete mein Oheim. "Kennen Sie jemand da, Frau G**? oder hat der Ort eine gute Schenke?"

"Das weiss ich nicht. Aber der Pfarrer, ist ein sehr rechtschafner Mann; der hat seine Schwester bey sich, die eine meiner liebsten Jugendfreundinn war. Wenn Sie ein wenig ausruhen wollten, wurde es die Leute und mich unendlich freuen."

"Aber, liebe Frau G**," fiel ich ein, "auf Kirchweihtagen sind immer eine Menge Besuche bey den Pfarrherren. "Wollen wir dennoch hin? Ich bekenne, es freuet mich nicht sehr." "Aber, wenn es Ihnen, mein lieber Oheim, angenehm ist, so wissen Sie schon, dass Ihr Vergnugen immer das meinige in sich schliesst."

"Ich wunsche, Rosalia, dass Du in der That die Sache heut so nehmen mogest. Dein Herz ist ja immer so bereit gewesen, Freude zu geben, wo du konntest, und Antheil an dem Vergnugen Andrer zu nehmen. Was ists, wenn wir auch Leute antreffen, so sind es gewiss lauter froliche Gesichter und ich liebe die sehr."

"Lieber, lieber Oheim! ich will auch so seyn, wie Sie mich am liebsten haben. Liebe Frau G**, fuhren Sie uns zu Ihrer Freundinn."

Nun wurde dem Postillion befohlen, stark zu zufahren. Eine Viertelstunde vor dem Dorf, kam ein wohlgekleideter Mensch in vollem Galop geritten und fragte, ob wir des Herrn Pfarrers Gaste waren? Frau G** sagte lachelnd. "Das weiss ich nicht. Aber, wenn er noch Gaste braucht, so wollen wir kommen."

Der Mensch ritt wieder davon, und einem Waldchen zu. Als wir naher kamen und das Dorf recht sehen konnten, kamen aus dem Waldchen bey zwanzig Bauern geritten, die alle hubsch geputzte Madchen hinter sich sitzen hatten. Die Huthe der jungen Pursche, die Haarzopfe der Madchen, die Mahnen und Schweife der Pferde, alles war mit allerley Bandern verziert und eingeflochten und sie zogen ganz stattlich vor uns her. In dem Dorf wurde Musik gemacht, und von den Bauern auch dazwischen geschossen. Ich fieng an mich wegen der Pferde zu furchten. Aber er wurde still; nur die Musik dauerte fort.

Mein Oheim winkte dem Menschen, der uns vorher angeredt hatte, und die reitende Bauern mit ihren Madchen zu comandiren schien. Er fragte ihn, was denn ihr Aufzug bedeute?

"Ey, hat Ihnen denn der Herr Pfarrer nichts geschrieben?" "Nein, mein Freund. Ihr habt euch auch an uns geirrt, denn wir sind keine eingeladne Gaste des Herrn Pfarrers."

"Das thut nichts, sagte der Kerl. Ich nehm heut, nach der Bibel, Alles auf der Landstrasse mit zum Hochzeitmahl."

"Ihr seyd gewaltig lustig, sagte Frau G**. Was ist bey euch zu thun?"

"Zu thun? Recht viel! Da sehen Sie, forn bey uns sind vier Braute, die werden heut alle copulirt. Wir haben unsern neuen Oberamtmann bekommen und der stattet sie alle aus und giebt dem ganzen Dorf, alt und jung, reich und arm, zu tanzen, zu essen und zu trinken."

"Das ist brav, sagte Frau G**. Aber eure armen Leute werden doch nicht viel tanzen; das ist nur fur euch lustige Reiche."

"Was, die Armen? Die werden besser tanzen als ich; denn die haben am meisten von ihm bekommen, und wer des Guten nicht gewohnt ist, dem schmeckt es besser, als dem, der alleweil vollauf hat."

"Also hat er den Armen auch gegeben? Das ist viel, von einem Oberamtmann. Die machen sonst die Reichen arm."

"O, der gewiss nicht, wenn er so bleibt. Er ist schon, und redt so gut, und so, wie Bauern, wenn sie redlich sind, und schafft auch Recht. Er hat da die Woche uber in Pfarrhof helfen weissen und mahlen und ist auch den Morgen noch in die grosse Zehndscheure gegangen, ob alles recht gemacht sey? denn dort tanzen wir heut Nacht." Da sah er mir steif in das Gesicht.

"Jungfer! hat Sie schon einen Schatz?"

"Ja, guter Freund! Warum fragt ihr? Mochtet Ihr sie haben," sagte Frau G**.

"Ey behute Gott! so eine schone Stadtjungfer ist nicht fur Bauern. Aber fur unsern Herrn Oberamtmann war es was."

"Ich bedanke mich," sagt ich. "Aber da er so schon ist, hat er gewiss auch schon einen Schatz."

"Hore Sie, man hat gesagt, mit des Herrn Pfarrers Gasten, kam sie mit und deswegen sind wir Brautleute voraus geritten. Es thut aber nichts. Sie ist auch ein recht artigs Jungferchen, Ihre Tochter" sagte er zu meinen Oheim, "es reut uns nicht."

"Ihr sollt auch eine Aussteuer fur Eure vier Brautleute von mir haben," sagte mein Oheim.

"Nun, man sagt, mit Verlaub," da buckte er sich gegen uns "ein Narr macht zehen. Aber da macht unser guter, neuer Oberamtmann, noch ein guten Mann, und das ist mehr werth. Juhe! auf Wiedersehen!" rief er; schwung seinen Huth und jagte voraus; kam aber noch einmal zuruck und rief uns zu einen Platz anzusehen, der wurde des Oberamtmanns Garten. "Ich bin der Sohn vom Bauernhof daneben, und er will mir die neue Sachen lehren, wo alles doppelt wachst. Da baut er ein Haus hin, und sehen Sie, von dem Platz da, kann er in die Stadt und unser Dorf sehen."

Es ist wahr, was er sagte. Aber nun waren wir wurklich im Dorf Alle junge Madchen und Buben, sauber gekleidet, hupften herum, streuten Gras und wilde Blumen gegen uns. Alles war reinlich, aber doch ganz landlich, und alle Gesichter freudig. Wir fuhren an den Pfarrhof, Auf diesem waren alle Mauern geweisst und unten mit einer Einfassung bemahlt; oben an der Mauer, wie auch am Hause und Fenstern lauter breite, blaue Gewinde gemahlt, welches in der That recht schon stand. Der Pfarrer und seine Schwester kamen unter die Hauslbute, freuten sich uber Frau G**, stutzten anfangs uber uns, waren aber sehr hoflich und fuhrten uns in ihr Wohnzimmer, das sehr hubsch ausgeputzt war. Frau G** fragte da ob es wahr sey, dass sie heut ein Fest uber ihren Oberamtmann hatten, wie der Kerl sagte? Der Pfarrer beantwortete es mit Ja, und vielen Lobspruchen und Erzahlungen all der gutigen und menschenfreundlichen Sachen, die der junge Mann seit vierzehn Tagen gethan. "Sein Amthaus ist nicht gebaut und er wohnt in meinem obern Stock; daher konnte ich Sie nicht hinauf fuhren." Die Schwester erzahlte auch eine Menge artige Sachen; besonders dass er vier Paar junge Leute ausgestattet und alle Arme gekleidet hatte. Mein Oheim hatte Thranen in den Augen "und mich erquickt das Lob, so ich von einem Mann machen hore, der gewiss eine edle Seele haben muss." sagte ich, mit eben so viel Bewegung wie mein Onkel.

"Ich bin froh, Rosalia, dass Kahn nicht zu Hause war; wir hatten sonst den schonen Nachmittag nicht genossen und es ist doch suss, einen schatzbaren Menschen mehr zu kennen."

"Gewiss, mein lieber Oheim, dieser Mann muss rechtschaffen seyn, weil er, beym Antritt seines Amtes, doch wenigstens die Herzen seiner Untergebnen mit Freude und Zufriedenheit zu erfullen sucht."

Ich sah meinen Oheim voll Freude uber diese meine Erklarung. Er ging nachdem von mir, blieb eine Zeitlang weg und indessen wurde mir noch immer von dem vortreflichen Beamten vorgeredt. Ich segnete ihn herzlich, und als der Pfarrer sagte, er wunsche, dass wir ihn kennen lernten: so versicherte ich, dass es mich freuen wurde.

Nun kam mein Oheim zuruck und winkte mir an der Thur. Ich eilte zu ihm, und er fuhrte mich an der Hand in des Pfarrers Garten, der auch gar artig aufgeraumt war.

"Ich habe den Beamten gesprochen, sagte er, er ist ein lieber junger Mann."

"Das muss seyn, wenn Alles, was der Pfarrer mir noch sagte, wahr ist." Wir waren da am Gartenhause, wo wir hinein gingen, weil man die Zehendscheune sehen konnte. Die war ringsum mit Garben und Fichtenreisig, in Kranzen mit Bandern gebunden, verziert; grosse, lange Tische standen auf beyden Seiten gedeckt, und Banke umher! Wein- und Bierfasser, Korbe mit Brod und Kuchen. Inwendig war die Scheune auch bis an die Balken aufgeputzt und schon mit Laternen behangt. Ein frohliges Gewuhl von Leuten dabey, das mich sehr ruhrte.

"Du hast also die guten Landleute noch lieb?"

"O, mein Oheim, das wissen Sie, wie sehr ich immer ihr Wohl und Weh empfand, wenn wir reisten."

"Nun werden wir nicht mehr viel reisen, mein Kind! Aber das Andenken der Freude, die Dein Kopf und Herz mir die drey Jahre hindurch machte, wird immer in mir bleiben, bis ich meine letzte Reise machen werde."

"Lieber Oheim, warum kommen Sie bey dem Anblick so frohlicher Menschen auf diese traurige Idee?"

"Rosalia! wilst Du sie mit nehmen? Wilst Du mir den Tag so glucklich machen, als ich es wunsche, und als er fur alle gute Menschen hier ist? Sag, liebe Rosalia, wilst Du es thun?"

"Konnen Sie das fragen? Theurer Oheim, sagen Sie! was kann ich thun?" Er reichte mir seine Hande zitternd, und ausserst bewegt, sagte ich es, seine Hande haltend und an ihm hinauf sehend. Er fasste mich in seine Arme und eben so bewegt, wie ich, sagte er:

"Nun, Rosalia! so gib heut Clebergen Deine Hand. Er ist Oberamtmann hier. Er ists, der alle das Gute hier veranstaltete."

Ich sank auf den Stuhl. "O, mein Onkel!" war Alles, was ich sagen konnte; und den Augenblick, war Cleberg bey uns, zu meinen Fussen. "Rosalia! meine theure Rosalia! fassen Sie sich. Es soll nichts, nichts geschehen, als was Sie selbst wunschen."

Frau G** und mein Oheim setzten sich eine Zeitlang in den Garten. Was konnt ich thun? Einwilligen! meines Oheims Segen und Thranen uber uns fliessen sehen, und in der Kirche des Dorfs, mit den vier ausgestatteten jungen Baurinnen und Taglohnerbrauten getraut werden.

Die Freude der guten Leute, ihre Gluckwunsche fur uns, dass wir in der nehmlichen Kirche, im nehmlichen Augenblick, die nehmlichen Pflichten gelobten, und von Gott auch nur die nehmliche Segensspruche horten, das freute sie unendlich. Dieser Gedanke unterstutzte mich und die Freude meines Oheims auch; sonst weiss ich nicht, wie ich es ausgedauert hatte. Wir zogen mit den andern verbeyratheten jungen Leuten aus der Kirche. Cleberg fuhrte mich voraus, die Andern folgten uns.

"Sie haben mir doch die Ueberraschung vergeben? Sie war nicht mein Werk. Unser gute Oheim wollt es." Ich schwieg. Er fuhr fort: "Liebenswurdige Rosalia! vergeben Sie es um der redlichen Gluckwunsche willen, die wir erhielten." Ich versicherte ihn meiner Zufriedenheit und ging mit an die Scheune, wo das Essen und Trinken ausgetheilt wurde und die Dorfmadchen den Brauten eine schon gemahlte Kunkel zum Geschenk brachten, wovon der Rocken mit einer grossen Menge Flachs umwickelt, und mit Kinderhaubchen, Breypfannchen und Kinderklappern behangt war. Die Weiber und grossen Madchen zusammen, brachten auch mir eine, eben so, aber mit dem feinsten Flachs beladen, mit einem schonen Wiegenband umwickelt, an welchem ein Breytopf, und ein Kinder-Waschnapf von Silber, eine Windel mit seinen Spitzen und Haubchen und Hemdchen angeheftet waren. Das hatte auch mein Onkel verordnet. Ich setzte mich und spann ein Paar Faden. Was diese Kleinigkeit den Leuten fur Spass machte, und wie sie mir zuguckten! Dann brachten die jungern Madchen einen Topf Milch, einen Korb mit Huhnern, einen mit Eyern und einen grossen Topf Butter; stellten alles vor mich hin, und saugen ein Liedchen, wie die Aeltern eins bey der Kunkel gesungen hatten. Die Manner fuhrten, nach dem Gebrauch, dem Oberamtmann einen Zug Ochsen mit dem Joch herbey. Die jungen Leute und Knaben, ein Kuhkalbchen und zwey Schaafe. Diese waren mit Bandern gezieret und der Schultheis sagte einen Spruch dabey. Ich bot allen Weibern und Madchen die Hand, dankte ihnen und gab jeder ein Geschenk an Geld, das ich in einem Korbchen auf einen Stuhl neben mir hatte. Cleberg machte es bey den Mannern so, dass sie Alles wieder zuruck und noch Ueberschuss uber ihre Auslagen bekamen. Sie luden mich zum Tanz, den ich mir verbat! ausser dem kurzen Reihentanz, der um die Kunkel gehupft wird; weil es meinem Oheim selbst gelustete, mit mir und den vier Brauten herum zu springen.

Sie sehen, Mariane, dass es nicht moglich war, zu mir selbst zu kommen. Wir gingen ins Pfarrhaus zuruck, wo wir in einem artig ausgemalten Zimmer ein feines und schmackhaftes Abendbrod fanden, wovon ich aber wenig essen konnte, weil die Gedanken von der so jahen Aenderung meines Standes, und all die Bewegungen meines Gemuths, die schon bey dem Fruhstuck angefangen hatten, mir Kopf, Herz und Magen genugsam anfullten. Mein Oheim war nicht gleich mit uns in das Zimmer gegangen und ich lehnte mich an ein Fenster, das in den Pfarrgarten, und auf das Feld ging, aber nicht auf den Platz der Scheune, sondern auf eine ganz einsame Strecke Landes. Cleberg war bey mir. Da er aber sah, dass ich nur tiefsinnig vor mich hin, und dann mit Seufzen in die Ferne blickte, ihn nicht ansah, nicht aufsuchte: so machte er mit der Hand gegen Frau G**, und die Andern ein Zeichen, dass sie weggehn mochten; und so bald wir allein waren, fiel er vor mir auf seine Knie.

"Ach, Rosalia! mein Gluck ist nicht das Ihrige! Ich seh, ich fuhl es. Gehorsam fur Ihren Oheim, Gefalligkeit allein hat Sie an den Altar gefuhrt. Ich hatte wohl Vorbedeutung, dass Ihre feine Empfindsamkeit beleidigt seyn wurde. Was soll ich thun? liebe angebetete Rosalia! was kann ich thun um Sie zu versohnen, und zu beruhigen?"

"Stehn Sie auf, mein theurer, angetrauter Freund! stehn Sie auf und glauben Sie, dass ich gewiss bey meinem Bundniss mit Ihnen mich eben so glucklich achte, als ich mich bemuhen werde, Sie mit mir zufrieden zu sehen. Es ist nicht Kalte, lieber Cleberg! nur etwas Mude, von so verschiedenen, sich so schnell folgenden Gefuhlen. Sie sind von allen Mannern, die ich kannte, der Einzige, der je meinem ganzen Herzen, und ganzen Kopf gefiel. Sie werden es bleiben, und alle, alle meine Zartlichkeit ist Ihre."

Meine Augen fullten sich mit Thranen. Sein schones feuriges Auge stand auch voll Wasser, als er, bey dieser Versicherung, voll Liebe und Vergnugen mich anblickte. Er stand auf und schloss mich mit Entzucken in seine Arme. "Nun ist der Tag schon, nun ist er mir suss! Rosalia, Du sollst glucklich, gewiss glucklich in diesen Armen und an diesem Herzen seyn! Es ist Tugend und Adel darin, wie in Deinem."

Ich wurde doch blass und zitternd. Er rufte Frau G** und meinen Oheim. Beyde baten mich auch wegen der Ueberraschung um Vergebung und Cleberg liess mich einige Tropfen guten Weines mit etwas Brodt nehmen. Der Pfarrer nebst seiner Schwester wurden nun gerufen und wir speisten alle recht munter. Um acht Uhr fuhren wir nach Haus; Cleberg mit uns. Da sagte mein Oheim: "Nun Kind, vergiess alles Unangenehme. Freue Dich meiner und Clebergs Freude! Es war doch besser so. Eine Bewegung hattest Du immer erdulden mussen, versprochen warest Du schon lange. Ihr kennt und liebt Euch; die Neugierde der Stadtleute und ihr Geschwatz um Dich herum, ware Dir gewiss lastiger gewesen, als die treue Lustigkeit Eurer Amtsunterthanen. Es ist alles so verabredet gewesen, eh wir kamen; und heut, um halb zwolf, als mein Bedienter mir die Stunde anzeigte, hab ich den Herrn Residenten bey dem Stadtmagistrat vorgestellt, und unsre Frau G** da, und Julie haben als gute, Schwesterliche Freundinnen, zu Allem geholfen was ich fur Dich wollte. Nun sey zufrieden und zeige mir es in Deiner Miene!" Er kusste mich da, und ich musste den Kopf an das Kutschenfenster halten, dass er mich bey dem Schein der Fackel betrachten konnte! Frau G** umarmte mich. "Vergeben Sie mir mein Schweigen und bleiben Sie, als Madame Cleberg, meine Freundinn wie Sie waren." Was konnt ich sagen? Ich kusste sie wieder, und sprach zufrieden mit. Wir stiegen an meinem Haus aus, wo Otte, Herr G**, Julie und ihre Schwester, nebst unsern Magden und Bedienten, im Vorhaus uns bewillkommten; alle schon gekleidet und alles schon beleuchtet; denn schon unten brannten an den Wanden mein und Clebergs Namenszug hinter gelben Glaskugeln, und an der Stiege hinauf bis in den Saal, waren diese Kugeln von allerley Farben, in Bogen und unsere Namen. So war auch der Saal, wo, nach den Bewillkommungen und Gluckwunschen, mein Oheim mir sagte: "Dieses Zimmer must. Du auch sehen" und nach einem Segen, den ich auf meinen Knien empfing, wie er mir ihn auf seinen Knien gab, mich allein liess, und meine Stubenmagd mir schickte.

Die vier Zimmer, so Cleberg hatte zurichten lassen, sind unsre Schlafzimmer. Grun und weisse halbseidne Tapeten und Bettvorhange mit breiten Streifen, ein schoner Nachttisch, der des Tags nichts als Tisch ist und inwendig alles Nothige hat. In meinem Zimmer Clebergs Bildniss, wie er bey dem Eislaufen gekleidet war, in Lebensgrosse; und in Seinem das Meinige, eben so im Pelzauzug, der ihm meine Gestalt so schon zeigte. Es scheint, als ob in jedem Zimmer nur ein kleines Bettchen ware. weil die Scheidmauer nur so weit durchbrochen ist, als die Bettgestelle reichen, die sich gegenuber stehen, und des Tags durch eine Feder, wenn die Betten gemacht werden, eine von dunnen Brettern und mit Tapeten uberzogne Wand sich dazwischen setzt und wir jedes in unsern Zimmern allein sind. So hat er auch ein Cramoisin und Weisses fur meinen Oheim gemacht und ein mit lauter Gemalden im Grossen, von London, Paris und Neapel, nebst neumodischen Stuhlen geputzt. Alles Weisszeug, alles Hausgerath fand ich fertig.

Zwey und achtzigster Brief

Cleberg an seinen Freund.

Nun, mein H**, zurnen Sie nicht zu arg, uber mein Schweigen. Denn einmal konnte ich Ihnen den Ausgang der traurigen Begebenheit des edlen W** nicht fruher schreiben, weil ich sie erst jetzt selbst horte; und dann hab ich eine evangelische Entschuldigung fur meinen unterbrochnen Briefwechsel. Denn ich habe ein Weib genommen, und komme nur erst von einer romantischen Reise zuruck, die ich mit meiner Rosalia machen musste. "Musste! sagen Sie! der tapfre Cleberg, der so lang an einem Amt wahlte, bis er eins erhielt, wo er ohne nahes Oberhaupt, und ohne jemand an seiner Seite zu haben, nach seinem Kopf handeln kann; Cleberg! der niemals Romane lesen, noch einen spielen wollte, macht eine romantische Reise, weil er seiner Frau gehorchen muss!" Und nun lachen Sie mit Freund Antua aus vollem Herzen uber mich; das gonn ich Ihnen, sonst hatt ich ja meine Reise anders erzahlen konnen. Aber es dunkt mich in der That selbst lacherlich, dass ich mit der Eile nach dem Aufenthalt meiner Romanheldinn zog, wie man sie nach dem gemeinen Ton nennen wurde; Dass ich mir so wohl in ihrer Gesellschaft gefiel und mit eben so grosser Muhe mich von ihr losriss, als von Ihnen und Antua. Aber ich muss etwas weiter nachholen, um Ihnen meine jahe Heyrath begreiflich zu machen. Sie sahen mich immer voll Ruhm- und Freyheitsliebe. Wahr ists auch, dass meine Ehrgeizjahre fruh anfingen, und so gar die Zeit wegnahmen, die andre Junglinge meines Alters zu Vergnugen und Liebe verwenden. Empfindsamkeit schien dem Fluge meines Kopfs, eine mir unanstandige Sache; und meine Rosalia war ehender Eroberung die mein Stolz, als die meine Zartlichkeit wunschte. Alle junge Leute bewarben sich um sie und sie verwarf alles, was sich ihr anbot. Ihre Person, ihr Geist und Charakter waren reizend und der Gedanke, der einzige Vorgezogne zu werden, gefiel mir. Sie hatte erklart, dass alle schone Sachen, die man ihr vorsagen konnte, nichts uber sie gewinnen wurden, und dass allein der gute Ruf von Wissenschaft und Sitten, den Weg zu ihrem Herzen finden sollte. Ich war da eben von Gottingen zuruck gekommen und suchte nun einen Anlass, unter ihrem Onkel zu arbeiten und mir das Lob dieses Mannes zu erwerben. Ich erhielt es und durch ihn auch die Stelle, in der Sie mich sahen. Dieser Mann bewies mir so viele Gute, dass ich nothwendiger Weise die ausserste Liebe und Dankbarkeit fur ihn fuhlen musste. Ich druckte es ihm einst in voller Ergiessung aus. Mein Ton bewegte ihn. Er sah mich lang an, hielt meine Hand, bedachte sich wieder, und sagte endlich: "Nein! ich kann mich nicht betrugen; es liegt Rechtschaffenheit in Clebergen und ich will beweisen, dass ich es glaube. Sie danken mir fur das, was ich bisher fur Sie that, ob ich schon durch das Vergnugen belohnt wurde, einem jungen Mann von Talenten auf eine thatige Laufbahn geholfen zu haben. Ich schatze und liebe Sie, und kann es Ihnen nicht besser zeigen, als in dem Wunsche, Sie durch meine Rosalia zu meinem Neffen zu bekommen. Aber Sie mussen dieses nicht als einen Antrag meiner Nichte ansehen, den ich als eine Zulage bey den Aussichten anbringe, die ich Ihnen schafte. Es ist nichts, als der starkste Beweis einer Vaterlichen Hochachtung, die ich fur Sie habe. Ich wunsche, dass Sie mein Sohn, mein Verwandter waren, weil es mich freuen wurde, einen jungen Mann von Ihren Verdiensten mein zu nennen. Aber Sie sollen in aller Freyheit seyn, wie meine liebe Nichte; die so sehr verdient eine der glucklichsten Personen ihres Geschlechts zu werden, wie gewiss einst ihr Mann der Glucklichste von dem unsrigen seyn wird."

Verdiente dieser herzliche Mann nicht, dass ich ihm meine ganze Seele offnete und gestand, was fur Beweggrunde mich zu ihm gefuhrt hatten? Er verwies mir in etwas meinen Ehrgeitz; war aber mit ihm zufrieden, weil er mich allem Ansehn nach vor erniedrigenden Fehlern bewahrt hatte. Er hoffte, ich wurde in Zukunft edlere Beweggrunde, zu Erwerb des Beyfalls, in meiner Seele finden. Sein Wunsch bleibe der nehmliche; aber ich und seine Rosalia waren durch mein Gestandniss desto freyer. Seine Nichte musse gewunscht und erworben werden. Ich bat ihn, Rosalien ja nichts von seinen und meinen Aeusserungen zu sagen, und nur uberhaupt das Gute von mir zu reden, welches er dachte; weil ich auch nicht den geringsten vortheilhaften Gedanken der Nichte, den Zuredungen des Oheims schuldig seyn mochte. Er war damit zufrieden und hielt mir Wort. Ich verdoppelte meinen Eifer fur Wissenschaften und meine Sorgfalt auf meine Sitten, sah Rosalien ofters' in Gesellschaft und bediente mich des einzigen Kunstgrifs, mit keinem Frauenzimmer zu sprechen, als mit ihr; ob es schon nicht viel war. Und dann suchte ich immer einen Platz zu haben, um sie sprechen zu horen und wo sie meine Aufmerksamkeit auf sich sehen musste; betrachtete ihre Person, ihre Kleidung; heftete dann meine Augen auch auf Andre, mit der nemlichen Untersuchung in meinen Blicken, die dann wieder auf sie zuruckkehrten und oft einen Ausdruck von Bewunderung, manchmal von etwas trauriger Sehnsucht zeigten. Sie war hoflich gegen mich, wie gegen Andre, zeigte mir aber keinen Vorzug. Endlich kam die Liebe mit aller Gewalt in mein Herz und alles, was im Anfang Kunst und List eines Eroberers war, wurde Ausdruck der Furcht, ich mochte, wie Andre, missfallen. Ich lernte Tag und Nacht am Violoncel, um sie auf dem Klavier accompagniren zu konnen. Ich erreichte einen Grad Fertigkeit und den Ton, der ihr gefiel. Ein Ausruf, den ich einmal that: "Gott sey Dank, dass Sie mit mehr Seele, als Kunst spielen," bahnte mir den Eingang in ihr Herz. Ihr Errothen, ihr Blick, das schwache Zittern ihrer Finger, o, wie glucklich machte mich all dieses! Nachdem sprach ich, wurde gern gehort, ihrer Liebe versichert und konnte doch meinen Platz, als Gesandtschafts-Secretair antreten, alles Vergnugen meiner Reisen geniessen und war gewiss, das edelste, hausliche Gluck bey meiner Zuruckkunft anzutreffen. Ich fand auswarts nichts Besseres, obschon an vielen Orten schoners und reitzenders Frauenzimmer; hatte aber Rosalien niemals vertauschen mogen, denn ich hatte auch ihren Oheim verlohren, und ich wurde mich sehr glucklich schatzen, am Ende meiner glanzenden jungen Jahre, die edle Einfalt und weise mannliche Gute zu finden, die den Charakter dieses Mannes bezeichnen. Er schaffte mir die Stelle eines Residenten und die Aufsicht uber das kleine einzelne Amt, das mein Furst ganz nah an dieser Stadt hat. Die Halfte seines Vermogens ist unser; nur die Halfte, weil mein liebes, grossmuthiges Weib die andre unter arme Verwandte vertheilen machte.

Nun haben Sie und mein Freund Antua den Schlussel zu meinem trocknen, sonderbaren Betragen in Ansehung des schonen Geschlechts, das Sie mir so oft verwiesen. Ich habe Ihnen niemals von Rosalien gesagt, ihr Bild, ihre Briefe nicht gewiesen. Ich wollte alles, was sie mir war, allein geniessen und dann bekenne ich, freuten mich alle die Auslegungen und Vermuthungen uber meine Kalte. Ein lebhafter hubscher Pursche von vier und zwanzig Jahren, so Feuerfest, mitten unter flammenden Schonen und brennenden Liebhabern, lieferte Stoff genug, daruber zu reden.

Meine Frau beschreibe ich nicht. Kommen Sie zu mir, und sehen sie. Sie gefallt allen Edlen, allen Vernunftigen. Ich habe Ansehen, Vermogen, ein schones Haus in der Stadt, eins auf dem Lande. Beyde sind Freunden und Bekannten und Fremden gewidmet. Schicken Sie mir alle artige Leute Ihrer Bekannten, die hier durchkommen; denn ich will, so viel ich kann, an Fremden belohnen, was ich von Fremden genoss. Der gesellschaftliche Ton unsrer Stadt wird sehr artig. Fur Spiel, Concerte und kleine Balle, Schlitten- Land- und Wasserfahrten sorge ich. Mein Garten hat eine herrliche Lage zwischen einem Kirschenwaldgen, so einer Dorfgemeine gehort, die in meinem Amt ist, und einem Bauerhof, dem das Akkerfeld zusteht, aus dem ich den Garten machte. Mein Haus darinn wird bald fertig seyn und fasst drey Theile. In der Mitte einen offenen Saal auf starken Pfeilern, achteckig, der gegen die Landstrasse zu, die Bogen mit schonen Gittern bis auf die Erde hat; gegen den Garten aber offen; an jedem Pfeiler eine schone Lampe, und in der Mitte zwey zierliche Laternen, jede zu vier Lichter; an jedem Pfeiler eine Bank fur drey Personen; der Boden ein schoner Guss, wo sich hubsch tanzen lasst. Oben der nehmliche Saal, aber mit Fenstern bis auf den Boden und die Gitter nur Brusthohe. Der ist in kuhlen und Regentagen der Freude zum Schutz. Gegen das Waldgen zu geht ein Flugel, unten mit sechs kleinen simpel meublierten Zimmern fur Rosalien, mich und Bediente; oben eben so viel fur Freunde. Auf der andern Seite ist die Kuche, der Keller und das Speisezimmer, nebst Wohnung der Kuchenleute. Von dort gehts in den Bauerhof, wo ich alles recht schon werde machen lassen, wie auf dem Wollinghof von dem ich komme. Mein Garten ist ein schones Parterre von Rasen und Blumen, uber welches hin, ich die Aussicht auf die Stadt habe. Denn ich liess ihn nur durch einen breiten und tiefen Wassergraben einfassen, uber den eine Zugbrucke ins Waldgen, und in den Bauerhof geht. Einige Vasen und kleine Lauben an dem Wassergraben hinunter soll alles Kunstwerk seyn, so hinein kommt. Ich will keine Bildsaulen, sondern lebende, liebenswerthe Menschen darin sehen, und eine Gruppe scherzender Amoretten soll Rosalia mir schaffen, denn es scheint mir unmoglich, dass die Kinder der holden, Gefuhl- und Phantasiereichen Creatur, die ich mit so viel Feuer und Geschmack liebe, nicht schon seyn sollten. Mittagstafel werde ich niemals geben, auch mit meiner Frau Mittags sehr massig, und wenn Sie wollen, gering essen; nichts als Suppe, Gemus und Rindfleisch. Ader der Nachmittag von zwey Uhr, das Nachtessen und der Abend bis zwolf, soll allen Denen geweiht seyn, denen wir, oder die uns gefallen, es seyn Deutsche, Englander, Franzosen, oder Italiener. Denn wir werden mit Allen ihre Muttersprache reden, und Vergnugen zu geben suchen. Aber den Morgen, bis zwey Uhr nach dem Mittagsessen, wollen wir unsern Berufsgeschaften allein eigen seyn. Und so viel von mir, und eine herzliche Einladung an Alle, die ich bey Ihnen kenne. Nun von meiner Reise zu einem lebendigen Roman.

Meine Rosalia musste mir, in den ersten Tagen unsrer Verbindung ihr Leben erzahlen und ihren Plan fur unser hausliches Gluck sagen, den ich Stuckweis mit den Meinigen verwebte. Ich wollte dann auch ihre besondern Wunsche wissen, was sie thun wurde, wenn sie ganz allein und unabhangig, ware. Da sagte sie mir von einer Frau van Guden, die sie gerne besuchen mochte; dass dieses die grosste Freude fur sie seyn wurde und sie vom Schicksal und mir sonst nichts verlangen wolle. Das war viel ausgedruckt und ich bat sie um Nachricht uber diese innige Freundschaft. Das wollte sie auf einem Spaziergang mir alles erklaren; aber ich musse mich von ihr fuhren lassen, dass wir nicht Leute antrafen, die sich uns anhangen konnten. Nun gingen wir ein enges Gassgen an der Mauer hin, in die kleine Vorstadt. Kaum waren wir uber die Brucke weg, am ersten Hause, als schon Manner, Frauen und einige Kinder gegen uns liefen, meiner Rosalia Hande nahmen und kussten. "Ach, wie lang haben wir Sie nicht gesehen! was macht unsre Mutter? ist sie wohl? Denkt sie noch an uns?"

Meine Frau antwortete Allen liebreich und versicherte sie des Andenkens, Wohlseyns und der Liebe ihrer Wohlthaterinn; sagte Ihnen, dass sie mit mir verheyrathet ware und nun hier wohnte. Da sahen sie mich an, ob ich wohl meine Frau werth sey, segneten uns, mit Ausdrucken, die mich ausserst bewegten. Nach einem freundlichen Kopfnicken von meiner Frau verliessen sie uns, und wir gingen in das Schulhaus, wo ich dreyzehn Knaben wohl, aber ganz gering gekleidet in einem grossen, luftigen Zimmer schreiben und rechnen sah. Der Lehrer sprach mit Entzucken von Frau van Guden. Dann waren, in einem andern Zimmer sechzehn Madchen, die strickten, nahten und auch schrieben. Die Lehrfrau sprach, wie der Mann, im Ton dankbarer, ehrlicher Herzen.

Die Madchen waren ganz arm, burgerlich, aber sehr nett und sauberlich gekleidet, alle mit weissen Schurzen, und sahen sehr munter aus; und fur Alle war meine Rosalia Erscheinung eines lieben Engels, der gute Botschaft bringt. Sie sah mein Staunen horte meine Fragen in franzosischer Sprache, mit Lacheln an, und beschaftigte sich nur mit den Leuten; fuhrte mich dann zu einem Geistlichen, der oben mit seiner Frau wohnt, und wies mir artige Zimmer. "Hier wohnte sie," Dann kam ich noch in einige Werkstuben, von Schreinern, von Webern, von Schustern. Allerwarts Ordnung, Wohlstand und immer Segensspruche und Liebkosung fur meine Frau. Endlich gings auf die Landstrasse gegen einen schonen Wiesengrund, mit Baumen und Banken besetzt. Da waren Weiber, die bleichten Wasche, Andre spannen, und ihre Kinder um sie herum. Alle hupften wieder um mein Weib, hingen sich an sie, und freuten sich, sie zu sehen. Da ist in einer Hohle des kleinen Hugels, eine gefasste Quelle, Ruhebanke, Aufschriften, und Verzierung, mit einer halb zerstorten Treppe von oben her, an deren untersten Stusse ein zerbrochner Wasserkrug liegt, aus welchem die Quelle herunter, in einen ausgehohlten Stein, und von da in einem Bachelchen fortfliesst. Ein Paar Leute ruhten da aus und gefielen sich an den Platz. Meine Rosalia leitete mich oben hin, an Steinbanke, unter wilden Baumstammen, zeigte mir die artige Wohnung eines Gemusgartners und die schone Aussicht. Sie hielt meine Hand und sah mit Ruhrung und Vergnugen mich an, als ich nach einigem Umherblicken ihr sagte: "Nun, meine Liebe, hast Du mich lange von einem Staunen zum andern gefuhrt, hast mir gewiesen, wie viele Herzen Du neben dem Meinen erobert hast und besitzest; erklare mir jetzt das etwas Ratzelhafte, so Du damit verwickeltest."

"Ich wollte nichts, mein theurer Mann, ale Dir an den Einwohnern, der Schule und dem allgemeinen Spaziergang der kleinen Vorstadt einen Theil des Herzens meiner van Guden zeigen. Dann alles das Schone und Gute, so Du an den Leuten und auf diesem Platz siehst, ist ihr Werk. Ich habe nichts dabey gethan, als Antheil genommen und nach ihrer Abreise die Aufsicht gehalten." Dann erzahlte sie mir, mit alle der Warme des edeln Herzens voll Menschenliebe, was diese Frau gethan, wie sie gelebt, wie sie sie kennen lernte, und endigte damit: "Was wirst Du aber dazu sagen, dass all dies Ausfluss eines liebenden Herzens war, das dadurch uber den Verlust eines Undankbaren sich trostete, und von den Schmerzen einer ubel angewendeten Zartlichkeit sich erholte, die dennoch stark genug blieb, sie nach der Gegend des Wohnsitzes dieses Mannes zu ziehen, und dort, bey seinen Kindern, neue Nahrung der Liebe einzusaugen, und endlich eine Einode aufzusuchen, von der er gesprochen; wo sie eine arme Familie fand, fur welche sie ein Haus und Guth anbaute, weil sie von dem einsamen Berge die Stadt sehen kann, wo ihr Geliebter wohnt." Dann zeigte sie mir Briefe, die ich hier fur Sie und Antua beyschliesse.

Drey und achtzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Da bin ich in Wollinghof, in dem Zimmer zwischen den alten Schlossmauern, wo meine liebe van Guden wohnte, und mir auch ihre erste Briefe von hier aus schrieb. Seit vorgestern Abend bin ich mit Cleberg hier. Er geht wurklich mit dem edlen Weibe spazieren und will sie ganz uber Alles sprechen, wie herrlich hier Gott, und die Menschen sind. Ordnung, o die fordern und erwarten Sie nicht genau. Ich bin lauter Entzucken uber Alles, und habe meinen Mann auf meinen Knien die Hande gekusst, fur die Gute, die er hatte, mich hieher zu fuhren. Aber er sagte mir, dass er noch zufriedener sey, als ich es seyn konnte. Auf all seinen Reisen hab er nichts gleiches gesehen und niemalen solche Menschen und so einen Wohnsitz gedacht.

Kommen Sie, unschatzbare, beste Freundinn und langen Sie mit mir, mit all meiner Ungeduld in Wollinghof an. Madame Guden hatte mir gar keine Beschreibung davon gemacht, als von dem alten Schloss. Mein Erstaunen war also desto grosser, da ich das neue Gebaude sah. Man fahrt lange, von dem Dorfe Mahnheim aus, immer etwas aufwarts, an einem Wald hin, endlich um eine Anhohe, da man hinter einem Busch von grossen Buchen das schone zweystockige Haus erblickt. Es ist nicht hoch, aber breit, die Fenster oben rund, die wie das Thor, Silbergrau und etwas grun angestrichen sind. Der Thorweg ist in der Mitte des Hauses, auf beyden Seiten aber ist ein Pflasterweg gemacht, auf dem vier Personen gemachlich gehen konnen, und Banke an den Wanden. Zwischen den Fenstern des untersten Stocks sind steinerne Aufsatze, auf welchen grosse Blumenkruge stehen. Sie konnen nicht glauben, wie romantisch das aussieht. Rechterhand an dem haus hin, ist die Hecke des Obstgartens, an diesem die Felder, und gegen uber einige Eichen, zwischen denen man eine Ecke des alten Schlosses sieht. Etwas sonderbar haben wir beyde das so ausserordentlich hervorragende Dach gefunden. Es sieht aber doch artig und wird durch eiserne Stangen zwischen den obern Fenster gestutzt. Neben den Stangen kommt auch aus einer Art Steingesims Laubwerk, von Eisen gemacht und grun gemahlt, das sich um die grauen Stangen herum windet und an der Wasserrinne ungleich abhangt. An der obern Ecke des Hauses, wo der Baumgarten anfangt, ist nach der Breite des Pflasterwegs eine halbe Rebenlaube, etliche zwanzig Schritte lang, auch von eisernem, grun gemachtem Gitter- und Laubwerk; von der Seite des Obstgartens aber hangen Baumaste heruber. Da war die van Guden bey meiner Ankunft, mit den lieben Wollings, bey einem Tisch mit Milch und Obst besetzt, womit sie uns gleich erfrischen wollte. Die edle Stifterinn all dieses Schonen ging lebhaft unserm Wagen zu, der mir nicht geschwind genug gehen und schnell genug stillstehen konnte. Herr Wolling half mir heraus. Ich achtete nicht auf ihn und fiel, mit einem Ausbruch von Thranen, in die Arme meiner Freundinn, die mich mit Zartlichkeit und Ruhrung an ihre Brust druckte. Stumm nur, wies ich ihr meinen Cleberg, der da stand und sie mit Ehrfurcht und Staunen betrachtete. Sie neigte sich gegen ihn, mit dem Anstande, den ich nur an ihr gesehen habe. Und wie sollt ihn auch jemand anders haben, weil es Ausdruck ihrer Seele ist, der diese edle ernste Anmuth uber ihren Anstand verbreitet Cleberg kusste ihr die Hand, sie hielt die Meine. "Herr Wolling! Dies ist meine Rosalia; dies Herr Cleberg, ihr wurdiger Mann. Und da!" fuhr sie fort, indem sie Wollings Hand nahm und mir der andern auf seine Frau und Kinder deutete: "Da ist Herr Wolling und seine Familie, voll Rechtschaffenheit und Tugend."

Er buckte sich schweigend. Seine Frau, die auf der Bank sass und ein Kind an der Brust liegen hatte, blickte uns an; Thranen liefen uber ihre Wangen auf ihre Brust, und gewiss, der Saugling trank einige davon mit der Milch seiner Mutter ein. Wolling sah sorgsam auf seine Frau. Die van Guden bemerkte es und ging eilend zu ihr, kusste eine Thrane weg: "Was ist das, liebe, werthe Lotte?" "Susse, recht susse Thranen meines, an Ihrem Vergnugen Antheil nehmenden Herzens."

Van Guden kusste sie und das Kind. "Dank, meine Liebe! vielen Dank; aber Sie mussen meine gute Rosalia auch anlacheln und ihre Freundinn werden."

"Recht gerne!" sagte sie, mit der sanftesten Stimme und Blick. Ich hatte indessen mit der Nanny gesprochen, die ein Huhn auf dem Arm herum trug, weil es mit einem Fuss hinkte. Sie sagte mir, es ware eine alte, alte Henne, die schon viel Eyer gelegt hatte, und Huhner ausgebrutet, die wurde ich im Hofe sehen. "Vier sind schwarz mit schonen, weissen Haubchen; zwey davon laufen der Grossmama Guden immer nach."

Ich merkte hier, dass diess noch von den Huhnern in Ruinen waren. Nun hatte Cleberg mit Wolling Bekanntschaft gemacht. Ein Knecht half die Chaise in die Scheune bringen und meinen kleinen Koffer in unser Zimmer. Ich ass etwas Milch, welche mir die junge Wolling recht artig darbot. Carl brachte unserm Fuhrmann Wein und er wurde dann mit einem Zettel an den Wirth, nach Mahnheim gefuhrt. Mein Mann und Wolling kamen aus dem Thorweg. Cleberg sagte mir, es sey ein entzuckender Anblick fur ihn gewesen, mich zu sehen mit all meiner Empfindung gegen die kleine Nanny gebeugt; Frau Wolling, ihr schlafendes Kind auf dem Schooss; Madame Guden, die mit leutseliger Gute, Lottchen zusah, die fur mich einige Blumen in der Hand hielt, und nur wartete, bis Nanny ausgeschwazt hatte.

"Sehen Sie die drey herrlichen Geschopfe," sagte Cleberg zu Wolling.

"O, das fuhl ich recht sehr!" Nun setzten sich die beyden vortreflichen Manner auch zu uns. Madame Guden fragte meinen Mann, ob ihm das Ansehen von Wollinghof gefiele?

"Ich kanns nicht ausdrucken, aber es dunkt mich in einer romantischen Gegend zu seyn."

Sie lachelte freundlich. "Sie haben nicht ganz Unrecht, und ich glaube, Sie sind das einzige Wesen auf dem ganzen Berge, das zu der ublichen Welt gehort. Sie mussen, werther Herr Rath, uns aufrichtig sagen, wie Ihnen bey uns zu Muthe ist."

"Das will ich, wurdige Frau."

"Wurdige Frau! und romantisch? Wie verbinden Sie dieses?"

"Durch das Gefuhl, so ich von Schonheit und Gute habe."

Frau van Guden nahm, ohne zu antworten meine Hand. "Sie haben nun etwas geruht. Sie sollen mir auch in meinem Zimmer sagen, dass Sie gern gekommen und gern da sind;" und damit fuhrte sie mich dem Thor zu. "Herr Wolling, Sie bringen den Herrn Rath."

Sie ging gerade zu nach der Stiege in das Seitengebaude, wo sie wohnt. Sie sprach nichts, druckte aber meinen Arm an sich. Ihre Meta stand vor den Zimmern auf dem Gange, der ringsum lauft, und machte die Thur auf. Ein artiges Zimmer, ganz weiss, nur ellenhohe Lambris, immer grau und grun, wie auch die Tische, Stuhlfusse und Thuren waren; aber an einer Wand ein ziemlich grosses Gemalde von der Vorstadt in S**, auf der andern, der Spaziergang, den sie angelegt hat, und da, auf einer Steinbank, meine Figur neben der Ihrigen; ich, in Thomsons Fruhling lesend, und Madame van Guden, einen Arm um mich geschlagen, aufmerksam zuhorend.

Ich fiel ihr um den Hals, redte nicht, aber meine Brust klopfte an der ihrigen und unsre Thranen mischten sich. Endlich sagte sie: "Willkommen! liebe Rosalia, willkommen! umarme ich Sie glucklich?"

"Ganz, ganz unendlich! in Allem."

"Auch in Clebergen?"

"Ja, vollig!"

"Gott sey Dank, und segne Sie. Jetzt meine Liebe," fuhr sie fort, "kann ich Ihren Besuch recht geniessen! Das ist Ihr Wohnzimmer und hier Ihre Betten." In einer allerliebsten Alcove waren zwey Schlafstellen, so nett, mit auch grun und weissgestreiften Decken. Auf der Seite jedes Bettes der Ausgang in eine Art kleiner Kammerchen, deren eins in den Hof, das andre in den Baumgarten ein Fenster hat und jedes einen Schrank und alle Aus- und Anziehgemachlichkeiten, die man begehren kann. Unter dem Spiegel des Wohnzimmers, standen zwey Blumentopfe und ein Kastchen voll artiger Steine, die man im Bauen und Ausgraben gefunden hatte. Ihr Wohnzimmer ist an unserm. Da sind aber lauter Zeichnungen von ihrer Hand, die Herr van Guden hatte in Oel mahlen lassen. Ihr Bett ist auch an der Wand, mitten zwischen zwey Kabinetten, deren eins gegen das Feld, ihren Buchervorrath und Schriften, und das andre Weisszeug und Kleidungsstucke enthalt. Ihre Meta hat ein Zimmerchen gleich hernach und dann kommt man in Wollings Haus, das recht schon geraumig ist und oben bis uber das Thor drey Zimmer hat, die aber noch nicht eingerichtet sind. Auf der einen Seite des Thors ist der obere Stock durchaus Fruchtspeicher, recht schon und freundlich. Sie hatte uns nicht aus Fenster gegen den Hof gefuhrt, sondern leitete mich noch eine Stiege hoher auf ihrem Gebaude. Wolling offnete eine doppelte Thur und da waren wir auf einem grossen Altan, der uber den ganzen Flugel gebt, den sie bewohnt. Wie herrlich das ist, konnen Sie nicht glauben. Gleich an dem Austritt vom Hause kommt man unter eine hochgezogene Laube von rother Bohnenblute, die alle Jahr in schmalen Kastchen an der Brustmauer hin, gepflanzt werden. Da sind Banke und kleine Tischgen. Die sehr niedre Mauer ist mit Blumentopfen, von lauter auch niedrig wachsenden Arten besetzt, die durch zwey Reihen eiserne Stangen fest gehalten werden. Von diesem Platz ubersiebt man das ganze Feld und alte Schloss. Oben in einer Ecke ist eine Aussicht durch den ganzen Wald gehauen, die gerade auf die Kirchthurmspitze von W** geht. Sie dauerte mich; denn als sie mir es sagte, errothete sie und druckte meine Hand so bedeutend, da ich das Sehrohr von ihr nahm, um W** zu sehen. Unter dem Gebaude der Frau van Guden ist die Milchstube, dann eine Kammer, wo Saamen und alle Gartnergerathe verwahrt werden, der Holzschoppen, und ein Platz, wo alles Ackerzeug hingethan wird. Dann steht dem Haupthause gegen uber die Scheune und Dreschtenne, die zugleich das Heu und Stroh fassen. Das Seitengebaude, so sich wieder an das grosse Haus anschliesst, ist der Pferde und Kuhstand, von Erstern drey, von Letztern acht Stuck; Schaafe ungefahr zwanzig, und dann Schweine, Huhner, Ganse, Tauben u.s.w. Eine kostliche Wirthschaft! wo Nutzen, Schonheit und Ordnung mit Natur, Kunst und Arbeitsamkeit so verbunden sind, das man Keins ohne das Andre sieht. Es ist beynah unglaublich, was in weniger als zwey Jahren alles hier gemacht wurde, an Gebauden, Anpflanzungen und Benutzung davon. Sie brennen wohlriechende und auch andre Wasser, machen Liqueur, giessen Lichte, bereiten Seife, Kase, Butter, durres Obst. Es ist ganz entzuckend, wie alles geht! drey Magde, zwey Knechte und zwey Tagelohner, alle munter, fleissig und so reinlich, als ob sie nur zum Spass Bauernkleider anhatten. Eine ehemalige Wasserpfutze an der Scheune ist zum Fischteich gemacht, dem aus den oben liegenden Aeckern immer gute Nahrung zufliesst. Eine Magd backt Brodt u.s.w.

Wahrend wir herum gingen und Wolling manchmal in Danksagung oder Lob ausbrechen wollte, wendete Frau Guden die Unterredung gleich auf was Anders. Aber Wolling sagte: "Sie wurden mich nicht schweigen machen, wenn Wohlthat und Schonheit dieses Aufenthalts von andern Handen ware, als von den Ihrigen."

Nun gingen wir auch aussen um das Haus. Der innere Hof ist ganz sauber, denn der Kuh- und Pferdedunger wird auf die andre Seite gelegt, wo er auch durch Baume vor der Sonne geschutzt ist, um nicht ausgesogen zu werden. Der Teich ist auf zwey Seiten mit einer Rosenhecke eingefasst. Von dem Hause geht eine acht Schuh breite Brucke, mit einem Gelander, einige Schritte weit in denselben hinein, auf welcher nur ein wenig mit den Fussen gestampft wird, so kommen die Fische und fressen das ihnen zugeworfene Brodt. An beyden Seiten, sind zwey artige Entenhausgen, die auch die Freude vermehren.

Weiter gingen wir gestern nicht, und kamen zum Abendessen in ein liebes Zimmer, das vom zweiten Stock in den Baumgarten gebaut ist, und unten durch funf Bogen, worauf es ruhet, einen artigen Saal macht, an dem die Korl-Kirsche und Geissblatstaude so gezogen werden, dass sie die Bogen rings einfassen, und unter der Scheere gehalten, recht hubsch aussehen mussen. Das obere Zimmer ist kleiner, als dieser Gartensaal, weil um jenes ein Gang herum geht, auf den man durch funf Fensterthuren kommt, die uber den funf Bogen stehen. Wenn die hochstammigen Obstbaume erst alle im Bluhen sind, so muss dieser Gang und dies Zimmer ganz reizende Empfindungen geben. Cleberg und ich geriethen in das angenehmste Staunen als wir aus unserm Zimmer, wo wir die Reisekleider ausgezogen hatten, durch Carl Wolling zum Essen gerufen wurden, und auf einmal das Klavier und die schone Stimme meiner Freundinn horten, die im Nebenzimmer spielte und sang. Die vier holdseligen altern Kinder der Wollinge hupften, an Blumenkranzen sich haltend um uns herum. An den Wanden war mein, Clebergs, und der van Guden Namenszug wechselweis in Blumengewinden aufgehangt die von beyden Seiten uber den Fensterzug hin, durch grosse Schleifen von Blattern und Blumen, an einander geknupft waren. Ueber dem Tisch hing eine, auf nehmliche Art geflochtene Krone, an vier zusammengefussten gleichumwundnen Seilen. Zwischen den Fenstern waren Tischgen, nur mit einem schon gebognen Fuss, jedes einen Blumenkrug tragend. Die vier grossen Leuchter mit Wachslichtern auf dem Esslisch, die Schusseln und Teller, alle von Fayance, ganz weiss mit einem grunen Rande, vier kleine Korbchen mit Blumen standen zwischen den funf Schusseln, aus denen unsre Mahlzeit bestand. Cleberg hat Recht, es war Feenmassig; besonders auch das dammernde Licht, so die Fensterzuge beleuchtete. Diese sind von feiner meergruner Leinwand und laufen an den Fensterpfeilern zwischen weissen Nahmen nett gespannt, die dann, wenn sie herunter gelassen werden, das Zimmer in grun und weisse Streifen theilen. Weil sie nun einen Raum zwischen sich und den Fenstern lassen, so stellte Wolling die Lampen hinter die Zuge; und die Ketten auf diesem Grunde waren meistens von weissen, gelben, und rothen Mahn genommen. Wie sehr schon und ruhrend das alles war, kann ich Ihnen nicht genug sagen. Als wir das lobten und den Geschmack bewunderten, lehnte Frau Wolling ihren Kopf auf Madame Guden Brust, die sie mit Kussen und verstohlnen Thranen bedeckte. Madame Guden kusste sie auf die Stirne, druckte sie an sich und sagte ihr etwas ganz leise, worauf sie ruhig wurde und den ubrigen Abend an Allem Antheil nahm. O, Mariane! warum waren Sie nicht hier!

"Meine arme Lotte," sagte Frau Guden hernach beym Schlafengehen zu uns, "ist so misstrauisch gegen das Gluck geworden, dass sie offters Anfalle von Furcht bekommt. Ich habe die Bewegungen meiner Freude zuruck gehalten, als Sie ankamen, um ihre Empfindlichkeit zu schonen; denn sie furchtete, ich wurde von hier weg, zu Ihnen ziehen." Die Gute weiss nicht, was mich hier halt. Nach diesem fragte sie meinen Mann, ob er mit ihr und Wollinghof zufrieden sey? Sie konnen sich seine Antwort vorstellen. Aber sie fiel ein: "Ich bemerkte doch, dass Ihnen Einiges zu schon und zu kunstlich schien. Aber ich bekenne, dass es mir unmoglich war, Allem, was ich ehmals liebte, zu entsagen und dabey wollte ich meine Freunde auch wieder ihrem angebohrnen Kreise nahern. Geschmack und Ordnung kosten nichts und mein Vermogen ist beynah so gross, als mein Wille und meine Phantasie. Doch sollen Sie meine Rechnungen von dem Hause sehen." Hiemit umarmete sie mich, und wunschte uns, gut zu schlafen. Cleberg sagte mir, er habe Nympfen und Liebesgotter tanzen gesehen.

Vier und achtzigster Brief

Zweyter Tag in Wollinghof.

Wir wachten spat auf, weil wir noch lange geschwatzt hatten. Ich wollte mich eilig anziehen, als Cleberg mich in unser Wohnzimmer rief, und mir einen Tisch mit Koffezeug wies, der in das Zimmer gebracht wurde, so bald man gemerkt hatte, dass wir aus dem Bette waren. Des Knecht hatte ein Billet an mich dabey, worinnen Frau van Guden uns bat, dieses Hausgeschenk von ihr anzunehmen.

Ein geraumiger Tisch, mit einer ganz silbernen Platte uberzogen, die Kaffe- Milch- und Theekanne, nebst Kessel, auch von Silber, innen stark vergoldet. Die Tassen alle mit Aussichten von Mahnheim und S**, daneben goldene Rander, alles im schonsten Geschmack und Arbeit. "Nun," sagte Cleberg, "seh ich, warum sie Gestern von dem Reichthum ihrer Phantasie, ihres Willens und ihres Vermogens erzahlte." Den Augenblick kam sie selbst und fuhrte uns, wie wir waren, zum Fruhstuck bey dem Eichenwald; bat uns, nicht viel Danks uber das Geschenk zu machen, sondern zu glauben, dass es ihr ein susses Vergnugen gewesen, es uns zu geben und dadurch auch ein sichtbares Andenken an sie gestiftet zu haben.

Der Platz bey diesen Eichen, o, der ist heilig, wie der Stein, den Jacob mit Oel begoss. Auch hat Wolling hier eine schone, stumpfe Pyramide aufgerichtet, mit der Inschrift: Hier erschien mir die Hulfe des Herrn, mit der Jahrzahl und dem Tage, da Frau Guden zu ihnen kam. Denn dies ist der Platz, wo sie sie zuerst sahen und sie ihnen vor Gott Liebe und Hulfe angelobte. Wolling errichtete die Pyramide und zwey Banke daneben gegen die benachbarte Baume, wahrend der Zeit, da er einen Holzstoss davor aufrichten liess, damit Frau Guden nicht sehen sollte, was da gearbeitet wurde. Sie erzahlte uns dieses im Hinausgehen, und sagte dabey, dass gewiss niemals mehr und sussere Thranen bey der Einweihung eines Denkmals waren geweint worden, als bey diesem. Wolling hatte sie auch zum Fruhstuck gebeten, sie mochte aber von Carl, Lottchen und Nanny sich fuhren lassen. Das hatte sie gern bewilligt. Die Kinder waren von dem Weg unterrichtet, der ganz neu und verwunden zwischen dem Gestrauch durchgezogen lief, und an der Pyramide sich endigte, wo er gerad auf den kam, der vom alten Schloss her fuhrte. Sie hatte sich etwas Ueberraschendes vermuthet, aber dies nicht, was sie fand. Denn als sie um den Strauch herum kam der die Pyramide verbarg, so erblickte sie vor sich, auf der Seite gegen das Dorf, Wolling und seine Frau, mit der Trage, den Strohhunden, und dem kleinen Knaben darauf sitzend; und Carl, Nanny und Lottchen verliessen sie auch, wie damals, liefen den Eltern zu und wiesen freudig mit Handen nach ihr. Der Auftritt hatte sie ausserst erschuttert und bewegt, und sie ware an die Stuffe der Pyramide niedergesunken, da dann Eltern und Kinder zu ihr geeilt waren, um sie her gekniet, und mit Thranen benetzt hatten. Ihr Herz ware auch durch einen Ausbruch von Weinen erleichtert worden, wo sie dann Alle umarmt und sie gebeten habe, sie in Zukunft mit so starken Ausdrucken des Danks zu verschonen. Aber Frau Wolling hatte gesagt, es war neue Wohlthat, wenn sie sich das Dankopfer der Familie wolle gefallen lassen, und die Kinder hatten sich auf einen Wink des Vaters, um sie gesammlet und um Erlaubniss gebeten, sie Grossmama zu heissen. Frau Wolling ware auch gekommen: "Ach, erlauben Sie es! ich kenne keinen heiligern Namen, als den von meiner Mutter." Seitdem nennen sie die Kinder Grossmama Guden.

Nun waren wir auch bey dem frommen Denkmal, von welchem Madame Guden alles hat ausloschen lassen, was sie bezeichnete. Wir fruhstuckten, mit wahrem Gefuhl des Werths der Tugend. Diese reitzende Einsamkeit, der Gesang der Vogel, alte und junge Baume, herrliche Felder neben uns, der Obstgarten gegenuber, links ein Theil der Ruinen, rechter Hand das liebliche neue Haus! Die Kinder brachten zwey zahme Schaafe und zwey Huhner, die mussten auch da seyn. Nachdem gingen sie mit ihrer Mutter hinweg und wir wurden an das alte Schloss gefuhrt, wo die Hutte noch steht und unterhalten wird, in der die Wollinge wohnten. All ihr armes Hausgerathe ist auch noch darinnen. O, Mariane, was empfand ich, als Wolling zu meinem, ihn mit Bewegung ansehenden Cleberg sagte: "Dies war der Aufenthalt der treusten Liebe."

Sein Auge war voll zartlicher Wehmuth, als er dies aussprach. Sein Garten auf der alten Schlossballe ist auch angebaut und immer von feinen Handen. Da darf kein Knecht helfen. Wolling sprach wenig, Frau Guden erzahlte uns; ich konnte auch nicht reden, nur sehen und horen. Das kleine Grab des Erstlings dieser treuen Liebe, mit Zwergrosen umpflanzt zum Haupt mit Lilien besetzt; der darauf gesunkne Blick des Vaters; Cleberg, der seine Augen auf mich heftete, ruhrte mich beynah zu sehr. Frau Guden, die es bemerkte, fuhrte mich zu dem Betaltar ihrer Lotte: "Das ist der Stein, auf welchem die Mutter der Frau Wolling bey der Zusammenkunft sass, die sie hier mit ihren Kindern hielt." Eine kleine vierelte Saule steht da unter dem Geissblat, mit der Aufschrift: Hier gab die beste Mutter den lezten Segen.

Das Flachs- und das Kornstuck, alles wird mit frommen Andenken, wie ehmals, von der Familie unterhalten. Es liegt was in ihnen, so sie denken macht, dass Ungluck auf die Vergessenheit oder Geringschatzung des alten Bodens erfolgen wurde. "So lange nahrte er uns und entsprach so getreu meiner Muhe;" sagte Wolling, "Schweiss und Thranen benezten ihn! So lange meine Arme Krafte haben, soll er mit Brodt und Blumen angepflanzt werden." Ist dieses nicht Liebe, Mariane! ist dieses nicht das heilige, reine Gefuhl empfindlicher Herzen, wovon hernach einige Zweige in Aberglauben ausarteten? und wo man, um diese wegzuschaffen, selbst die schone Wurzel zerstorte?

Die grosse Lucke der Mauer, durch welche Frau Guden an den Berg herein trat, ist mit Rosenstocken besetzt und der schmale Fusspfad, den sie herauf kam, ist ausgehohlt, mit Letten gegrundet und das kleine Quellwasser hinein geleitet worden. Herr Wolling sagt: "Niemand anders soll diese Fussstapfen betreten; reines lebendiges Wasser allein soll sie benetzen und das Thal befeuchten helfen, durch welches sie zu uns kam." Konnen Sie, Mariane, konnen Sie diese Gesinnungen tadeln? Mir zeigen sie an, wie tief alles im Einsamen sich eingrabt. Mir sind dieses Wegweiser zum Ursprung der Erscheinungen, wovon Einsiedler und abgesondert lebende Fromme erzahlten.

An einer dicht mit Epheu bewachsenen Wand geht die Stiege zu Frau van Guden Zimmer. Sie sind klein, doch ist eins fur ihre Meta daneben; alle mit Bretern ausgemacht und Zeichmmgen von Rom, Neapel, und England darinn aufgehangen, nur mit Rothel oder Kohlen auf hellblauem Papier, aber immer Pindorfs Gestalt mit eingemischt. Ihr Tischgen und ihre Stuhle sind auch noch da, denn sie kommt oft noch herunf, da zu lesen, oder zu zeichnen. Von ihrem Schlafkammerchen geht noch uber alten Schutt, den der Stiegenbogen aufhielt, ein etwa sieben Schritt langer und viere breiter Platz, den sie mit einer dunnen Brustmauer umfassen liess. Einige Stauden waren am aussersten End im Schutt aufgewachsen; diesen hatte sie Unterstutzung und Erde gegeben, so dass sie schon fortwuchsen und ganz leise sauselten, wenn sie im Mondschein noch heraus ging, zu beten und zu seufzen. Denn gewiss, sie seufzte manchmal nach der Stadt W*** hin, deren Thurme man hier sieht. Aber die ganze Landschaft umher ist unbeschreiblich angenehm; denn der Berg hat hier eine sehr betrachtliche Hohe. Von da gingen wir einen schmalen Weg an der Seite des Bergs, eine halbe Viertelstunde lang, hielten uns bey verschiedenen Aussichten auf, die so vielerley Gegenden des grossen Thales zeigen, Ruhebanke haben und gegen die Mittagssonne decken. Wir sprachen da mit Bewunderung von Allem, was wir gesehen hatten, besonders, da wir die Zeit berechneten, wo der Haus- und Feldbau anfing.

"Ich ubersetzte alles mit Leuten, und Geld, war immer dabey sie aufzumuntern. Das Zimmerholz wurde aus einem Vorrath vier Stunden von hier gekauft, Hau- und Sandsteine auch. Wir fanden willige und sehr geschickte Arbeiter. Da kann man viel thun. Wahrend man Haus und Scheune baute, wurden zwanzig Morgen Feld und Kleewiesen durch Ausreitung der wilden Strauche hergestellt. Dreysig Morgen bekamen wir, schon angepflanzt, von zwey Pachtern, die sich gern abkaufen liessen. Sie wissen, Rosalia, wie eifrig ich meinen Grillen den Weg bahne. Nehmen Sie Wollingen zum Oberaufseher, ihn, der so viel, nur allein gethan hatte, so ist es ganz naturlich zugegangen."

Wolling war bey Anfang dieser Unterredung weggegangen. Clebergs und meine Fragen hatten die Zeit verkurzt. Wir horten ein kleines Pfeifchen ein landliches Liedchen stimmen. Da stand Frau Guden auf. Wir wollen nach Haus, sagte sie, indem sie auf ihre Uhr sah, es ist Mittag vorbey. Wir gingen noch einige Minuten, etwas aufwarts und waren auf einmal in einem grunen Tempel, oder runden Saal von Hainbuchen, worinn der Tisch gedeckt und mit Speisen besetzt war. Die Wollingsche Familie wartete schon auf uns, und das Pfeifchen hatte zum Zeichen gedienet, das alles fertig sey.

Cleberg, der so viel grosse Feste gesehen, sagte doch, dass er nimmer diese Art ruhiges Entzucken, und Zauberfreuden gekannt habe. Von zwey Seiten dieses Saals, sieht man Mahnheim an dem Abhange des Berges liegen und eine grosse Schaafheerde weiden.

Funf und achzigster Brief

Cleberg an seinen Freund.

Ihr kleines, ungeduldiges Blattchen an mich beweist, dass ich Recht hatte zu vermuthen, Antua musse von dem Charakter dieser van Guden am meisten eingenommen werden, besonders auch von ihrem Gang auf den Berg. Da haben Sie die ubrigen Briefe von ihr selbst und die Abschrift derer, welche Rosalia an eine ihrer Freundinnen schrieb, wo ich nichts zusetzen kann, als dass alles so da ist, wie meine Schwarmerinn es mahlt; die Gegend, Menschen und Sachen um sie herum. Ich war gewiss eben so begierig, als meine Frau selbst es seyn konnte, den Wollinghof, den ich gern Liebehof nennte, zu sehen. Als wir um die Buchbaume uns gegen das Haus wandten, wurde ich wahrlich in Staunen gesetzt, indem es gleichsam der Aufzug des Vorhangs in einer Oper war. Denn so ein Haus, in der wurklichen Welt, ist Traumgesicht, bis man mir seinen funf Sinnen darinnen herumwandelt, isst, schlaft, schwatzt und wohnt. Sie haben es mit Bedacht so versteckt gehalten, um bey denen, die es sehen konnten, das Gefuhl, uber sein sonderbar Angenehmes nicht abzunutzen, die Leute nicht hinzulocken und ihren Kindern die Unterstutzung ihres Charakters, ihrer Tugend und ihres Glucks nicht zu rauben, die einen grossen Theil ihrer Starke, dieser Einsamkeit und dieser, von allen Verhaltnissen der Gesetze und Gewohnheiten abgeschnittnen Lage schuldig sind.

In der, von Rosalien angezeigten, von kunstlichen und naturlichen Blattern durchflochtnen Laube, sassen die zwey Weiber und Kinder. Wolling ging herum; ein schoner, schlanker Mann, hager, aber die edelste Bildung, und der Blick eines Feuervollen, durchdringenden Auges, ein feiner Mund, Gang und Stellung voll Entschlossenheit, der beynah an Trotz granzte, wenn nicht die vortreflichste Mannliche Seele den Zugel hielte Was wurde dieser Mann in einem grossen Wurkungskreise gethan haben, mit all der Kraft zu tragen, zu kampfen und zu handeln! Aber sagen Sie, ist es nicht toll, dass wir ein Stuck Gold nicht eher ganz in seinem Werth glauben, als es nachdem durch Kunst verarbeitet ist, oder das Geprage von Bild und Aufschrift eines Fursten tragt? Bin ich nicht bey diesem Manne, was Europaer bey den Indianern waren, als sie diese ihr Gold zu Gefassen ihres taglichen, kummerlichen Essens verbrauchen sahen? Ungluck tragen, Weib und Kinder nahren und schutzen, ist das nicht gute Verwendung des Verstandes und der Krafte des Lebens, in den Augen der Gottheit und des Weisen?

Dieser Mann da, half Rosalien aus dem Wagen. Frau van Guden war herbey geeilt und sie umfassten sich, mit wahrer Ergiessung der Seele in Liebe und Freude. Ich stand und betrachtete das Weib, nach welcher Rosalia geseufzt und mich neugierig gemacht hatte. Eine, uber mitlere Grosse erhabene, ganz regelmassige Gestalt, mit einer unwiderstehlichen Anmuth umgeben; denn alles hat den Charakter der Liebe, des Wohlwollens und Verstands voll Gute. Die Art wie sie Rosalien umschlang, ihren Kopf an sie legte, sie kusste, war der schonste Ausdruck der reinsten, edelsten Zartlichkeit. Eine feine Rothe bezog ihr Gesicht, als ich ihr vorgestellt wurde und sie ohne Zweifel in meinem Blick etwas von dem sah, was ich von ihr dachte. Ohne Schonheit sind all ihre Zuge ausserst reitzend, ihr Auge voll Wurde und Bescheidenheit, ihre Kleidung von Ostindischen, schmalgestreiften Leinen, nett passend, weisse Schurze, ein Strohhuth mit blauem Band, und ein grosses weisses Halstuch. Frau Wolling, ein feines, schmachtiges Weibchen. Gross genug und schon ware sie, wenn bey ihrem herrlichen blauen Auge, ihre Gesichtsfarbe noch weiss ware. Diese hatte violet und weisses Landleinen, aber auch die weisse Schurze und den Huth. Die liebsten Kinder um sie, waren in blau und weissen, kurzen Kleidchen, die Haare nach englischer Art geschnitten, immer die Schurze weiss, bis auf die Magde. Ein Saugling an der Brust, hinderte Frau Wolling bey unsrer Ankunft aufzustehen weil sie der Gewohnheit keine Pflicht opfert. Ein Knabe von zehn Jahren, ganz Vater, Wollings Zuge, munter und wahr, hatte einen grauen Frack, wie der Vater und ging gleich zur Kutsche und dem Kutscher. Lottchen von acht Jahren, blieb aber bey dem mit Milch, Obst und Blumen bestellten Tisch, wo sie bald uns ansah, bald wieder etwas an den Blumen zurecht machte, die in einem Korbchen da standen. Eine kleinere, holde Figur ging aussen herum und trug ganz geschaftig, wie kleine Madchen sind, etwas auf ihrem Aermchen, wie die Mutter den Saugling hielt. Ein Knabe von drey Jahren kam, mit einem kleinen Schubkarren voll Sand, uber den Weg her, stutzte, da er uns erblickte, liess den Karren stehen und lief seinem Vater zu; wies auf uns und fragte ihn um Alles. Wolling hob ihn mit der Vatergute auf, und trug ihn meinem Wagen zu, der den Kleinen am meisten anzog. Die Pferde fand er gleich nicht so schon, als die Braunen des Vaters, weil diese da so garstige Flecken hatten; denn ich war mit einem Lohnkutscher gekommen, der vier Schecken angespannt hatte.

Rosalia hat Recht; ich wurde uber die Stellung entzuckt, in welcher ich die drey Weiber sah, als ich, nach Einfuhrung meines Wagens, mit Wolling zuruck kam. Eine Kupfersammlung von all den Auftritten mochte ich haben, welche diese van Guden, schon veranlasst und vorgestellt hat. Das Gesprach, das Haus und Abendessen war, wie Sie in Rosaliens Briefe lesen werden, mit all dem ubereinstimmend. Mir war diese Verwebung der Kunst mit Einfalt und Natur, Bauerhof, Bauerarbeit, der Ton voll Kenntnisse und seiner Empfindung, feine Sitten und Freymuthigkeit, die Stille im Wald, in dem Aeussern des Hauses, die sanfte Frohlichkeit und Thatigkeit der Leute im Innern Erscheinung, an die ich mich in den ersten zwey Tagen, nicht gewohnen konnte. Indessen zog mich Alles mit sich weg. Ich hatte die leere Hutte einnehmen mogen, die Wolling ehmals bewohnte. Wie lang ich es da gedauert haben wurde, weiss ich nicht; aber ich fuhle noch deutlich, wie verschieden die Bewegung meiner Seele ist, wenn ich mir Hofe und Pallaste zuruck rufe, die ich auf meinen Reisen gesehen und dann die zehn Tage, in Wollinghof verlebt, und die Menschen und den Berg, ihre Sitten, Freuden, Arbeiten und Abendgesprache mir denke. Ich ging einen Morgen mit Rosalien allein herum, und las mit ihr, auf jedem Platz, von dem die van Guden schrieb, die Scene, die ihre Feder bezeichnet hatte; ihre Kammerchen zwischen den alten Mauern, die mit Papier uberklebt sind und wechselweis einzelne Stucke vom alten Rom, von Neapel. Englische, und hiesige Gegenden und Aussichten zur Zierde haben; oder bald sie, bald Pindorf, der Gluckliche, immer in schonen Stellungen abgebildet sind, und in diesen immer die Zuge edler Gedanken, edler Gefuhle der Seele so deutlich liegen. So, werden nicht viele Manner geliebt, und solche Weiber sind auch selten. Sehen muss ich ihn einst, diesen Pindorf. Ich habe was wider ihn. So bildhauerisch schon seine Gestalt ist, so glaube ich etwas darinn zu erblicken, das einen Grad Biegsamkeit andeutet, die durch das Geringste hervorgebracht werden kann. Sicher bin ich, niemals war er Wolling gewesen. Nachdem ich Alles kannte und wusste, so wollte ich auch versuchen, auf was fur einer Seite sich die van Guden einem Manne zeigen wurde, der ihr freymuthige Fragen vorlegen, und Betrachtungen machen konnte. Wenn ich nicht mit Fleiss meine Unterredung mit Lobspruchen angefangen hatte, so wurde ich aus aller Fassung gekommen seyn, da sie mir mit feinem Lacheln zugehort hatte und endlich sagte: "Ich bemerke ganz deutlich, dass alle die ausserordentlich schonen Sachen, die Sie mir, uber mich und unsern Berg sagen, nichts als der Eingang von einer Unterredung sind, in der Sie mich, durch sich selbst kennen lernen mochten. Ich bin gar nicht daruber erstaunt und noch weniger bose. Mein ganzes Wesen und Thun hat eine so eigne Farbe, dass man naturlicher Weise auf die Mischung begierig ist, aus denen sie besteht. Sie haben mir, nach der eingefuhrten Artigkeit unter Euch jungen Mannern, auch von meiner Person gesprochen. Ich weiss dass ich, ohne Schonheit, was sehr Gefalliges habe, und dass meine Art mich zu kleiden, und mein Bezeigen, dieses Gefallige noch vermehrt; besonders wenn mein Klavierspiel, meine Stimme, mein Tanzen, oder Bleystift mit dabey erscheinen. Denn welcher Mann von Geist ist nicht zufrieden, wenn er bey einer solchen Figur und Talenten, auch ein Maass Kenntnisse antrift, das ihm verspricht: 'Hier kanst du vom Leichten und Starken sprechen, Du wirst gehort und verstanden seyn.' Freygebigkeit, Gute und Freundlichkeit, die mir der Himmel zu meinem so grossen Vermogen gab; alles dies hatte mir gewiss immer Freunde erworben, und mir Ehre und Achtung zugezogen; so dass mich kein Mangel irgend einer erkannten Gluckseligkeit in diese Einode fuhrte, sondern, wie ich glaube, der eigentliche Gang der Triebfedern meiner Seele. Wie die Schlage unsers Herzens, den Umlauf des Bluts und Lebens befordern und erhalten, aber auf der andern Seite die Werkzeuge abnutzen und zu ihrer Trennung vorbereiten; so hat eben das, was auf einer Seite meiner Seele die Beharrlichkeit gab, so viel zu lernen, ganz zu wissen und an lauter Gutes und Edles mich zu heften, auch das seltsame Bild von Liebe in mir hervorgehracht, das ich seit so vielen Jahren in mir nahre und mit ihm lebe. Liebe fur einen Mann, oder von Euch Mannern fur eine Frau, ist ein Tribut, den die Ratur uns Allen auflegt. Ich lernte Herrn von Pindorf just in der Zeit seines und meines Lebens kennen, da in uns beyden der selige, moralische Enthusiasmus fur alles Schone und Grosse gluhte. Wie hatt er sonst, mit all der Liebe fur mich, die Starke gehabt, das gegebne Versprechen seiner Hand zu erfullen? Wo hatt ich die hergenommen, niemals mich zu vergessen, niemals mit ihm allein zu seyn? Glucklich genug, wie eine edle Griechinn in Plato's Gastmahl sagt, dass wir uns sahen, sprachen, die nehmliche Luft athmeten und gleichgestimmt, alles bemerkten und betrachteten. Sagen Sie mir, was anders als eine gleiche Erhohung der Seele, liess mich in ihm die Vollziehung seiner schon lange bestimmten Heyrath verehren? Und ihn mit Segen an den Mann denken, dessen Eigenthum ich einst werden sollte? Ich will glauben, dass es Schwarmerey unsrer gluhenden Einbildungskraft war; aber es war auch das seligste Gefuhl meines ganzen Lebens. Der Verlust seiner Person, seines Anblicks und seiner Unterredungen, schmerzte mich nicht so zerreissend, als da ich ihn wieder sah, und weniger Edel, weniger Gross, sein Betragen in einigen Theilen seines Lebens der hohen Wurde seines Herzens und seiner Seele nicht gemass zu seyn dachte. Ach, da! da verlohr ich ihn; da riss ein feindseliger Geist alles Gluck aus meinem Leben! Wer sollte mich schadlos halten? Ein anderer Mann? Man glaubt nicht zweymal, was ich glaubte; man liebt nicht zweymal, wie ich liebte. Und sagen Sie, war es moglich dass ich, mit diesem Ton des Charakters, mich trostete, wie Andre sich trosteten? Ich batte die Grundlage meines innersten ganzen Wesens andern mussen. Konnt ich das thun? oder vielmehr, konnt ich das wollen? Ich war in umgekehrten Zustande des Pigmalion. Das schone Meisterstuck seiner Hande wurde belebt und er hochst selig. Mir wurde der Geliebte meines Herzens zu einem unbeselten Bilde, dessen Zuge mich immer an jede Tugend, an jede angebetete Eigenschaft erinnerten und mich thranend an dem Fussgestell niedersinken machten. Ich hatte ihn nicht mehr; aber meine Liebe war noch in mir, und dieses Geschopf meiner Seele, das so viel susse Stunden so viel Schmerzen mir gegeben batte, dieses hatte ich ohne Ersatz vernichten sollen? Pindorf ist fur mich todt, mein Herz tragt Trauer um ihn; aber ich, ich liebe alles, wo er war, wo er ging, lebte und handelte. Die Zeit, die Ableitung, welche meine Zartlichkeit schon in der Vorstadt von S**, dann bey Pindorfs Kindern, und endlich hier erlitte, haben dem Ganzen eine sanfte Wendung gegeben. Ich war einst fur mich glucklich; nun bin ich nutzlich geworden und glaube also, meine Bestimmung erfullt zu haben. Freylich nicht auf dem allgemein vorgeschriebnen Weg, aber vielleicht ist es ein schoner Fusspfad der die Wenigen, die ihn kennen fruher zum wahren Gluck des Lebens fuhrt."

Nun hielt sie inne. Ich konnte, voll von Bewunderung und Liebe, nicht reden. Aber es war sonderbare Liebe, wie fur ein grosses Weib aus der alten Geschichte, oder fur eine theure Mutter oder Schwester. Aber heilig war mir der Hain. Wir sassen wahrend dem Gesprach auf einem Stuck Felsen, mit Moos und Blumchen bewachsen, eine kleine Waldwiese von einem Viertelmorgen vor uns; rings um hohe Baume nur floss zu unsern Fussen eine von den Ableitungen des Teichwassers, welche der junge Zimmermann zum Nutze von Wollinghof angelegt hat. Wipfel und Aeste von grossen Eichen hingen uber die Wiese gegen der Buche zu, an der unser Fels lag. der vor Jahrhunderten schon vom obern Berg abgefallen seyn mag. Nach einigen Schweigen fragte sie, ob ich noch etwas von ihr wissen wollte?

"Sie sind ein und dreyssig Jahr alt; glauben Sie immer zufrieden auf diesem Wege zu bleiben?

Ja! weil weder meine Liebe, noch meine Einbildungskraft jemals versiegen wird, und weil ich mir von Allem, was ich in der Welt von Menschen und Sachen kenne, nichts denke, das meinen Idealen gleich kommt, die ich mir immer schaffe und andre, je wie ein vollkommners Bild in meiner Seele entsteht. Ich will Ihnen Zeichnung davon, und auch Aufsatze weisen. Ich bin zufrieden mit Schicksal und Menschen. Meine Wollinge sind mir alles; denen will ich helfen ihre Kinder erziehen, und des Beamten seine unterstutzen. Der junge Mooss wird einer der herrlichsten Schwarzkunstler werden und ich schicke ihn nach England, da soll er an Reynolds, Wests und der Angelika Gestalten, Ausdruck, und Gruppen, Geschmack und Kraft einsaugen. Deswegen lehre ich ihm auch die englische Sprache. Meine Mela muss auch noch ausgebildet und glucklich werden. In Wollings Kindern hat der Kummer der leidenden Liebe, schon von dem Augenblick ihres Entstehens an, den Zung ihres Denkens und Gefuhls gestimmt. Ich musste mich sehr betrugen, wenn ihr Fortwachsen und Erziehen mir nicht viele Freude geben sollte."

"Aber, theure Madame Guden; bedenken Sie, wie unendlich viel Gutes mehr Sie thun konnten, wenn Sie, in unsrer Stadt den gewohnten Ton der Leute wurden umzustimmen suchen."

"Ich! eine Stadt umzustimmen suchen? Ey, Herr Cleberg! entweder haben Sie in diesem Augenblick nicht mit Ihren Geist gedacht, oder Sie begegnen mir nicht mit der freundschaftlichen Achtung, die ich verdiene."

Ich bat sie um Vergebung und versicherte sie von der Ueberzeugung, die ich hatte, dass eine Frau von ihrem Verstand und ihrer Gute, vieles zu der gesellschaftlichen Verbesserung beytragen konne; und ob sie nicht den Beweis in der Vorstadt von S** erhalten habe?

"An ungekunstelten Menschen, wie diese waren, und die nur Ein Bedurfniss fuhlten, dem ich gleich abhalf ja, da konnt ich was ausrichten, und das meistens auch, weil ich sorgfaltig meine Wohlthaten mit der Arbeitsamkeit verband. Denn fleissige Menschen haben immer viel Gutes voraus. Aber, wer fuhlt sittliche Bedurfnisse so stark, dass er gleich an jemands Hand sich anheftet, die ihn auf bessern Wege leiten will? Der Wahn war in mir, nicht zu bessern, aber glucklicher zu machen; schon lange habe ich ihn verlohren. Feine, artige Weltleute machten mich und meinen Charakter lacherlich, und ich will sehen, was der noch Gutes thun will, der einmal lacherlich wurde. Philosophische Mannerkopfe, die ich unendlich schazte, was fur Ruckgabe erhielt ich davon! Aber Ihr Manner behandelt oft euch selbst, uber Verschiedenheit der Ideen und Begriffe, so unbillig, unhoflich und bos, dass ich sehr Unrecht hatte, einzelne Klagen eines Weibes so laut zu erheben. Aber, sehr Unrecht hatt ich auch mich willkuhrlich unangenehmen Begegnissen auszusetzen die nichts nutzen wurden; besonders da ich noch so fest an meinen eignen Empfindungen und der Art hange, womit ich die Sachen und Menschen betrachte. Wenn Sie aufrichtig seyn wollen, so mussen Sie nach der grossen Weltkenntniss, die Ihre Reisen und Geschafte Ihnen gegeben haben, gerade zu eingestehen, dass die Stimmung meiner Seele allein zu Leuten taugt, die aus dem gewohnlichen Lauf der Dinge und Verhaltnisse herausgeworfen worden sind, wie meine Wollinge da! Ich horte einst in einer Gesellschaft einen Gelehrten behaupten, dass alles, was moglich sey, einmal da seyn musste; es sey im Guten und Bosen, Klugen und Thorichten unsrer Physischen und moralischen Welt. Ich glaube, wenn wir alte und neue Begebenheiten nach diesem Satz beurtheilen, dass er so ziemlich wahr zu seyn scheint. Denken Sie also, da mein Charakter, Umstande und Vermogen zusammen trafen, und ich just auch diese Familie finden musste, dass es so Recht sey, und lassen Sie mich Sie als einen Mann finden, der die Sachen ansieht und beurtheilt, wie sie sind, ohne Alles aus seinem Verhaltniss auszuheben. Man nennt die Welt so oft eine Komodie, wo jedes von uns eine Rolle bat. Lassen Sie mich die meinige fortspielen. In Ihrer Stadt war ich nichts als eine Person mehr; meinen Wollingen bin ich Alles. So bald ich aber dieser Familie weniger senn, oder als lastige Erinnerung meiner Wohlthaten erscheinen werde: so gehe ich weg, und komme zu Ihnen und Rosalien."

Freund! wissen Sie was gegen all dieses einzuwenden, so sagen Sie es. Ich wusste nichts, als dass ich meinen Mannerkopf noch gegen den ihrigen, in der Frage setzte:

"Aber wenn Sie Herrn von Pindorf einmal sehen, was thun Sie da?"

"Ich sah diese Frage schon lang in Ihnen," sagte sie. "Vergeben Sie, wenn ich sie nicht beantworte; theils, weil ich ja nicht weiss, wenn, wie, oder in was fur einer Gemuthsverfassung er, oder ich dann seyn werde, theils auch, weil diese Frage das Heiligthum meines Herzens angeht."

Ich erkannte, dass sie Recht hatte und sagte ihr dann, dass sie mich uberzeuge, was fur herrliche Fruchte eine starke Leidenschaft in einem edlen Herzen hervorbringe, besonders wenn das Schicksal Unabhangigkeit, Gewalt, oder Reichthum dazu lege.

"Ach, wie wahr ist dieses!" sagte sie nach einigent Schweigen, "meine Leidenichaft fur Pindorf starkte den Ton meiner Seele, die das Gute schon liebte, aber ich wollte seine. Hochachtung immer verdienen; ich wollte dass er auch von Andern immer Gutes und Edles von mir ruhmen horte und, o was machte ich fur Entwurfe fur ihn, fur die Aussichten, die er zu seinen Beschaftigungen hatte! Ich wollte jede grosse Anlage seines Geistes zur ubenden Vollkommenheit erhohen, in jeder Gelegenheit die ausgezeichnete Wurde seines Charakters bestarken, er sollte der Gegenstand der allgemeinen Verehrung werden. Aber dieses Gluck war mir nicht vorbehalten! Andre haben es. Mogen sie es zu seinem Ruhm geniessen"

Ich sagte ihr hierauf meinen Lebensplan. Sie fand ihn gut. reichte mir, mit Ruhrung und Wurde in ihrer Miene, die Hand. "Erlauben Sie Ihrer neuen, aber wahren Freundinn die Bitte, fest, unbeweglich bey dem edlen Plan zu bleiben und ihn auszufuhren; denn so Viele lieben und wollen das Gute, aber wenn es Arbeit und Beharrlichkeit erfordert: so lassen sie wieder ab Sie haben auf ihrem Platz, fuhr sie fort, Niemand neben sich und nur Ihren Fursten uber Ihrem Haupt. Sonst bat ich Sie auch, an Allen Obern und Untergebenen unschadliche Fehler zu tragen, und auch von den schadlichen niemals gegen Andre zu sprechen; Talente und Schwachen, die jeder hat, sorglich aufzusuchen, um die Eistern zum Dienst des Fursten und gemeinen Besten zu gebrauchen und die Leztern zu schonen, damit Sie immer die Gewalt uber ihren guten Willen behalten mogen." Ich sah sie hier mit vieler Aufmerksamkeit an: "Herr Cleberg! es sind keine Vorschriften, die ich einem Manne machen will, sondern wunsche, dass mein Freund den Nutzen aus Beobachtungen ziehe, die ich uber kleine, aber bedenkliche Versehen andrer Manner machte."

Denk einmal, Freund! ob Du dieses nicht brauchen kannst. Vor unserer Abreise gab sie uns noch einen schonen Tag, da sie das Abendessen im Walde veranstaltete wozu der Beamte von Mahnheim mit all seinen Kindern eingeladen wurde. Ich habe Ihnen schon oben geschrieben, wie der einsame Waldplatz aus sah, wo ich weine lange Unterredung mit van Guden hatte. Dort war auf einem schmalen Grasplatz am Fuss eines hohen Stucks Felsen, Milch, kalter Braten, Schinken, etwas Backerey und Wein aufgesetzt, um die Schusseln herum im Grase Blumen gestreut, an den Baumen herum hingen Blumenkranze und ein, mit Bedacht ungleiches, Stuck der Felsenwand war von Moos und Krautern gereinigt, Rosaliens und mein Namenszug, sammt der Aufschrift: Clebergshayn, darein gegraben und mit gruner Oelfarbe ausgefullt, und von diesem Steine hing ein grosses Blumengewinde bis auf den Grasplatz herunter. Wir sangen da des unschazbaren Claudius Waldserenate, die Wolling mit der Flote, ein Paar Sohne des Herrn Mooss mit der Violine, und ich mit dem Bass begleitete. Wahrlich, diesen Leuten kommt die Langemeile nicht nah. Aemsiges Arbeiten, wahrer Verstand, Gute und massiger Enthusiasmus fur das Schone verewigt ihr Gluck.

Sechs und achzigster Brief

Cleberg an Denselben.

Frau van Guden hatte mich gereizt, diesem Pindorf nachzuspuren. Ich ging also, da ich mich von Wollinghof losgerissen, gerade nach der Stadt W** und erkundigte mich nach ihm. Aber er ist noch immer abwesend. Der Wirth erzahlte uns, es mochte wohl daher kommen, weil er, durch seinen zu kostbaren Gartenbau, drey Meilen von der Stadt, an den Fluss hin, sich in grosse Schulden gesetzt und seine Einkunfte zu deren Abtilgung verwalten lasse. Er sey aber ein sehr guter und grossmuthiger Herr, der schone Reisen in sein er Jugend gethan und auch, nach seinen vielen Buchern, sehr gelehrt seyn musse. Der ganze Garten sey, bey seinem Vater nichts als ein schoner Wald mit einem Fischteich und kleinem Bachelchen gewesen, neben welchem auf der untern Seite ein grosser Bauerhof gestanden, in dem des Sommers sein Vater und Mutter oben gewohnt und fur ihren Sohn und Tochter alles zusammen gespart hatten, was sie gekonnt. Die Tochter sey ein listiges Thier, die von den Eltern schon viel gezogen und von ihrem Bruder auch, mit dem sie machen konne was sie wolle, wie man sage; weil sie bald lustig, bald spitzfindig, bald sehr zartlich mit ihm sprache, bey allen andern Leuten aber durch ihre Falschheit und dose Zunge verhasst sey. An Herrn von Pindorf bitte man nichts auszusetzen, als dass er ihr Alles glaube, zu gut sey, und nach ihren Angebungen sich einnehmen lasse. Er sey mehr melancholisch, als lustig; habe mit seiner Gemahlinn gut, aber etwas kaltsinnig gelebt und sey mehr im Walde und der Bucherstube, als bey ihr gewesen, ob sie schon recht hubsch und artig, auch gar sanft gewesen. In dem Wald aber habe er sonderbare Sachen gemacht, mit Grotten, in denen ein weisser Teufel liege; eine Blumenhecke wo junge Heren tanzten und auch hinter einem Baum ein weisser Teufel zusahe. Dann einen See, ganz kostbar, mit grauen Banken und Stiegen, wo sich nackende Weibsbilder badeten und Fusse wuschen. Sie waren nur von Stein, setzte er hinzu, aber doch vielen alten Leuten in der Stadt argerlich. Das Haus sey sehr schon, aber narrisch Auf zwey Seitengebauden ware gar kein Dach, sondern ein Altan von Regpel; und auf dem sechseckichten Dach, in der Mitte, sassen drey nackende Kinder, die auch fremdes Gestrauch daran hinauf zogen. Auf dem breiten Gang oben waren auch Figuren herum, doch stande der Bauerhof noch, und man wundre sich, dass er nicht auch lauter steinerne Bauern und Vieh hingesetzt habe. Alle Fremde gingen aber hin, besonders Englander, die lobten Alles, und zeichneten auch den Garten ab.

Nun kam mir und Rosalien die Lust an, diesen tollen Garten zu sehen, und es reut uns nicht, denn nichts Schoners hab ich noch nie gekannt. Wir gingen auf der Seite des Flusses, wo man das Haus lange im Gesicht hat, weil er es etwas auf einer Krumme voraus bauen liess. Die Hauptgestalt des kleinen Lustschlosses ist ziemlich bekannt, denn es ist in der Mitte ein erhohter Bau und auf beyden Seiten sind lange Flugel von einem Stockwerk mit Altanen, was man ofter sieht. Aber die Ausfuhrung gehort dem erfindsamen Geiste des Herrn von Pindorf eigen. Auf der Brustmauer beyder Altane stehn Vasen, von sehr schoner Form. Aber das mittlere Gebaude sieht in der That herrlich aus. Auf dem untern Stock ruht ein breiter Altan, auf dessen Brustmauer eine Bildsaule der Flora, halb liegend, sich auf einen Arm stutzend, in einer sehr schonen Stellung gegen einen Genius sieht der in einiger Entfernung von ihr, einen Korb voll Blumen vor sich hat, einige davon in der Hand halt und die Gottinn so ansieht als fragte er: Darf ich sie ins Wasser werfen? Ceres auf einer andern Seite, mit bedeutendem Aussehen, und auch ein Genius, mit Kornahren und Sichel, die er froh uber seinem Kopf zu schwingen scheint, und seine Garbe freundlich anblickt. Dann folgt Pomona, welche einem Knaben mit einem Korbe voll Obst zulachelt. Diese Korbe, Blumen, Aehren und Fruchte sind von Blecharbeit, nach der Natur verfertigt und auch nach ihren Farben gemahlt. Der Gang ist acht Schuh bis an die Thuren des runden Saals, die zugleich die Fenster ausmachen. Zwischen diesen vier doppelten Thuren stehen grosse marmorne Blumentopfe, aus welchen Indische Blettergewachse, auch von Blecharbeit, grun und vergoldeten Spitzen, hervorsteigen, bis uber die Fensterbogen auf das Dach sich erheben, und auf diesem durch drey Genien gefasst werden, die sich in verschiedenen Wendungen bemuhen, sie mit breiten weiss und goldnen Bandern, die in losen Schleifen auf dem Dach herumflattern, oben in einen Busch zu binden. Der Stiel der Bauart ist ausserst edel, im wahren romischen Geschmack. Alles ist Silberfarbe, mit Oel angestrichen, und leichte Vergoldungen. nur wie Sonnenblicke, hie und da angebracht. Das Alles macht wahrlich einen ganz herrlichen und grossen Gedanken aus. Forne ein Warf von Quadersteinen, an dem der Fluss immer anspielt; und dann ragen hinter den Gebauden die hohen Wipfel von Buchen, Eichen, Erlen, in ihrem verschiedenen Grun hervor. Das ist, so wahr ich lebe. ein vortreflicher Anblick! Auf der Seite gegen das Wasser sind in dem ganzen Gebaude lauter artige Zimmer weiss in Gips ausgeziert, aber ganz leicht; immer in einem ein Camin, im zweyten ein Bett von artigem Zitz. Spiegelrahmen, Tische und Stuhle sind auch weiss Die Fenster alle bis auf den Boden, grosse Scheiben, in holzerne auch weisse Rahmen gefasst; und auf Brusthohe, ein schones Gitterwerk, wovon die Spitzen kleine Vergoldungen haben. Gegen den Wald und Garten lauft durchaus ein sechs Schuh breiter Gang, dessen Dach vom Altan anfangt und auf Saulen gestutzt ist. Von diesem Gange geben auch durchaus drey Stufen in den Garten herunter und die Eingange in die Zimmer. Der obere grosse Saal ist auch, wie die ubrigen Zimmer, weiss, mit vier hohen Spiegeln und sehr schonen Wandleuchtern mit Blumengewinden. Der Fussboden von grau und weissen Marmor eingelegt. Unter diesem ist, gegen dem grossen Stuck des englischen Rasenplatzes, ein runder, offener Saal. Wenn man von dem uber dieses flache Stuck des Gartens hinschaut, das mit Vasen, worinn Blumen gezogen werden, und einigen Gruppen Genien der schonen Kunste geziert ist, sieht man gegen eine Anhohe, auf welcher er die Ruinen eines kleinen Tempels aufbaute, und von einem benachbarten Kavalier die Erlaubniss erkaufte, einen kleinen Bach, der auf dem Berge entspringt, von seinem ersten Weg abzuleiten und neben dem Tempel, uber eine von demselben abgefallne Saule, die schief hingelegt wurde, fliessen zu lassen. Ueber dem Capital, so von der zusammengesetzten Ordnung ist, sprudelt das Wasser schaumend ab, weil es sich an den Blattern und Rinnen stosst; weiter hin, fallt es noch uber grosse Stucke Mauern, und unten kommts durch einen kleinen Umweg, wiese in das alte Bett, nach dem Dorf des Kavaliers. Es ist so gut nach den Regeln der Tauschung gemacht, dass man weder den Tempel, noch Wasserfall ganz sieht; so dass, ob man sie schon das ganze Parterre durch im Gesicht hat, man nicht gesattigt wird, und mit Begierde auf den Anblick des Ganzen bis aus Ende geht, wo Pindorfs Anlage, durch einen tiefen Graben begranzt, eine schone Aussicht auf eine grosse Landschaft und zwey Dorfer giebt Pindorfs Wald wird durch dieses Parterre in zwey Theile geschnitten, wo er alles fort wachsen liess, nur aber Sorge trug, dass nie faule, oder zu sehr verflochtene Gestrauche drin waren. Die Wege sind ungleich, bald eng bald weit. Auf einer Seite kommt man auf einmal an einen sehr dunkel verwachsenen Platz, wo in einer grossen, sehr gut angelegten Grotte, deren Eingang mit Rebenstocken umzogen ist, auf einer niedrigen Moosbank, ein Faun auf einem Weinschlauche schlaft. Da batten wir den weissen Teufel unsers Wirths und fanden auch nach einigem Herumgeben in einem schonen Gebusch, seine jungen Hexen, in der Gestalt drey schoner tanzender Nymphen, auf einem feinen Rasen, uber welchem zwey grosse Eichen ihre Zweige ausbreiteten. Zwischen diesen ist dichtes Gestrauch gezogen, worunter Wendeblumen, Rosen, blauer Hollunder, Schneeballen etc. gepflanzt sind, die hie und da, uber eine Gras- oder Moosbank gebogen sind. Hinter einer Buche steht ein Faun, der die Nymphen belauscht. Das halb Dustre dieses Platzes und die sehr vortreflich gearbeiteten Bilder, machen einen Eindruck alter Griechischer Zeit. Bey hellem Mondschein, sagte der Schlosswarter, gingen Kunstverstandige, wie sie sein gnadiger Herr nenne, gern hin, weil das Gebusch mit Fleiss so ausgeschnitten sey, dass der Schein einige Stunden auf die Tanzerinnen falle, und da lasse er auch eine Musik in der Hecke machen, wobey etwas gerade so klange, als ob das runde Ding mit Schellen, das Eine uber dem Kopf hielte, einen Laut von sich gabe.

Ich sagte zu Rosalien: "Ey, wie schade, dass dieser Pindorf nicht Deine van Guden mit ihrem Gelde heyrathete! Diese zwey Leute hatten die Feenwelt aufgebaut."

"Spotter!" sagte sie, "wie undankbar bist Du gegen das Gefuhl von Vergnugen, das Du hier durch Pindorfs Kunstliebe einsaugst, und in Wollinghof von der Phantasiereichen Gute meiner van Guden genossest."

"Bist Du bose, Salie! weil Du so grosse Worte nimmst?"

"Nein! sonst hatte ich mehr gesagt."

"Was denn, Liebe? vertrau mir es."

"Ach, ich wurde Dich Leuten verglichen haben, die uber den Himmel lachen, und doch gern selig wurden."

"Sieh, wie unschicklich ernsthaft wirst Du hier in Rosengebuschen! Ich bin viel naher am Geist des Stifters." Da wollt ich sie kussen.

"O, Du machst ein Faungesicht," sagte sie und entschlupfte meinen Armen mit Nymphenleichtigkeit und Anmuth.

Vergieb, mein Freund, dass ich diese kleine Unterredung mit meiner Salie, wie ich sie nenne, hier einschalte. Ihre Kleidung, Miene, Wuchs und Ton, schickten sich sehr artig in diesen Hayn; und da bey der Erinnerung des Ganzen, mir auch dieses beyfiel, schrieb ich es hin. Wenn Du lachst, dass ich die Idee einer Nymphe mit dem Bild meines Weibes vereinige, so magst Du es thun. Ich wurde im Joch des Ebstandes der elendeste Mensch seyn, wenn ich nicht mehr scherzen und mein Weib, als eine artige Geliebte, ansehen konnte. Jahre, Amts- und Kindersorgen werden Sitten und Saiten anders stimmen; aber zum Voraus will ich nichts wegraumen was zu der Blute meines Glucks gehort und taugt.

Unser Fuhrer leitete uns nun auf die andre Seite des Waldes wo einige gerade laufende, hohe, grosse Alleen in franzosischem Geschmack sind, wovon zwey an der einen Ecke des Waldes, in einem grossen, offnen Saal, dessen Wande von Haynbuchen gezogen sind, sich endigen. Aus den Fenstern siebt man den Wasserfall auf einer, und den Pavillon des Hauptgebaudes auf der andern Seite. Dort ist auch ein Platz zu verschiedenen Spielen. Versteckte Wege von hieraus, und ein einziger von dem Gange, fuhren zu einem grossen Wasserbecken, mit grauem Landmarmor eingefasst, in welches an einem Ende eine Stiege von dem nehmlichen Stein bis auf den Boden geht, auf deren zwey vorletzten Stuffen eine herrlich gearbeitete weibliche Bildsaule steht, die Haare mit einem Band aufgebunden, den Oberleib uber den Nacken hinunter bloss, mit einer Hand aber halt sie ein feines Gewand uber die Brust, mit der andern zieht sie es gegen die Stiege, als ob sie es hinlegen wollte, so bald sie ganz im Wasser seyn wurde; denn mit einem Fuss ist sie schon auf der letzten Stuffe. Das andre Knie ist also gebogen und seine schone Form scheint ganz genau durch das Gewand, wie der eine Fuss aus dem Wasser. Oben, an dem Anfange der Treppe, ist ein, dicker Strauch von roth und weiss gestreiften. Rosen und ein kleines Gelander an der Stiege. An dieses lehnt sich die Bildsaule einer Griechischen Magd, einen Arm auf dem Gewande, das in schonen Falten uber dem Gelander hangt, den andern gegen den Rosenstrauch ausgestreckt, von dem ihre Finger eine Rose fassen. Auf dem Gesims steht noch ein Salbentopf, in alter Form. Eine dicht bewachsne Laube und die Baume mit ihren Schatten dorthin, wachen diesen Gedanken zu einem kostlichen Theile dieses Gartens. In ungleicher Richtung gegen das andre Ende des langlichten Wasserbeckens, ist ein viereckigter Platz, mit einer kleinen Bank, auf den man zwey Stuffen hinunter steigt. Hier sitzt ein eben so schones weibliches Bild, einen Fuss uber das Knie des Andern gelegt, mit dem Oberleib etwas gebogen, weil ihre rechte Hand die leichte Kleidung zuruckhalt, damit sie von dem auffallenden Wasser, welches eine artige Sklavinn aus einem Krug uber ihre Fusse giesst, nicht nass werden moge. Sie blickt dabey holdselig nach dem Madchen hinauf. Dieses Wasser ist das ganz kleine Bachelchen, so durch Pindorfs Wald fliesst, uber welches er eine niedre Decke wolben, und diese mit Rasen belegen liess, so dass man nichts mehr davon sieht, und es durch seine Leitung den Ausfluss gerade durch den Krug der Sklavinn nimmt, der mit dem Fuss etwas auf dem Gras aufliegt, gleichsam um dem Madchen die Schwere etwas zu erleichtern. Das Wasser macht durch das Auffallen auf die Fusse, von diesen auf den Pflasterboden und dann im Einfallen in das Becken, ein abgesetztes Gerausch. Hohe Grasarten, hie und da stehende, mit Fleiss so angepflanzte Gewachse neigen sich gegen das Wasser und spiegeln sich darinn. Moos- und Grasbanke findet man da, um die Kuhlung bequem zu geniessen. Ganz im Gestrauch versteckt liegt ein Bad, wohin das Abwasser, so dieses Becken gleichsam durch geseigt, auf einer Seite abfliesst. Dieser Platz ist auch ganz von Stein, mit Banken, und fur acht Personen Raum darin, ohne Dach, aber eine Mauer herum, von welcher man nach dem aussern Ansehen denkt, dass sie die Einfassung eines kleinen Hofs sey, der sich an das auch kleine Haus anschliesse, so daneben steht, in welches das kalte Wasser in einen Kessel fliessen und zum warmen Bade gehitzt werden kan, das in einem geraumigen Zimmer, mit hollandischen Porcelantafelchen ausgelegt, besteht, und auf der Seite vier artige Zimmerchen mit Betten und Kaminen zum Abtrocknen hat. Von dort aus kamen wir noch durch einen Theil des Geholzes, der immer lichter wurde, und sich an dem schonen Bauerhofe auf einer, und dem Gemus- und Obstgarten auf der andern Seite endet. Hier ist nichts als Wahrheit und Ordnung, in Gartner- und Bauerarbeiten; der Hof so, wie man Bauerhauser in Kupferstichen sieht; eine grosse Linde neben der Hausthur an den Zimmern hin, die Pindorfs Eltern ehmals bewohnten; ein Gang von Holz, die Stuben getafelt, und noch alles alte Gerathe darinn sorgfaltig verwahrt; ein fleissiger, geschickter Bauer, viel schones Melk- und Zugvieh, viel Gesinde; und die grossen Felder, Wiesen und Baumstucke umher, schon angebaut; die reiche Einfalt der Natur, mit all ihren ruhrenden Annehmlichkeiten, neben dem Garten, der alle Reize der Kunst in sich sasst.

Leid war es mir, dass die Schulden, in welche Pindorf sich gesturzt, nun bey vielen Leuten dem edlen Geschmack schaden, dem er sein Geld opferte. Denn er ist doch einmal unter der Menge junger Edelleute, die England und Italien durchreisten, fast der Einzige, den ich weiss, der so viel Wurkliches in seinem Kopfe davon zuruck brachte. Denn er soll die Zeichnungen der Bildsaulen, den Riss des Hauses, Gartens, und aller Verzierungen, selbst entworfen haben, und hat wechselsweise bey jeder Arbeit dabey, mit allen Kraften und Geschicklichkeit geholfen. Hatte er doch jahrlich nur eine Summe bestimmt, und nach und nach seinen Entwurf geendigt! Aber Jugendfeuer will bald geniessen; und er hatte Alles so angeordnet, dass Gebaude, Bilder, Wasserleitungen und Hausgerath so fertig wurden. dass das Ganze mit einemmal da war. Seine Bucher- und Kupfersammlung ist zahlreich und auserlesen. Er hatte mit den Verwandten seiner Gemahlinn uber diesen Aufwand viel Verdruss, weil er ihre Mitgift auch darinn verschwendet hatte, wie sie sagten; und Keines von ihnen wollte seine schonen Sachen sehen. Die Ursach, warum er seine Kinder so lang allein lasst, ist, weil sie von dem Erbgut ihrer Mutter leben, die vor dem Grossvater starb, und dieser in seinem Testamente seinem Schwiegersohn ausschloss Die Bedrangniss seiner Schulden, und seine Vaterliebe brachten ihn dazu, dass er Alles einwilligte. Aber er wollte dann so lange von W** entfernt leben, bis er wieder frey leben konnte. Er war lange duster bey einem Verwandten, und ist nun seit einiger Zeit bey seiner Schwester. Es liegt ausserordentlicher Geist in dem Manne; aber, ich furchte dass ich Recht habe, zu vermuthen, Bose konnen ihn unter dem Schein des Guten missbrauchen. Und hier eine Frage: Liegt nicht diese Weichheit, im Kunstund Schonheitsgefuhl? Es mag seyn, wo es will: ich danke dem Himmel, dass er es jemand in Deutschland, in einem so hohen Maass gegeben hat, wie dieser Garten zeigt.

Sieben und achtzigster Brief

Rosalia an Mariane S**

Es ist wahr, ich schrieb von Wollinghof nur zwey Briefe und von hier nur Zettelchen; aber horen Sie mich Liebe! denn nun bin ich zuruck, in meinem eigenen Hause; nachdem mein Cleberg noch zwey Tage fur Madame Guden aufgeopfert hatte, weil er nach der Stadt W** ging, um dort Erkundigung von Pindorf einzuholen. Er ist nur so halb und halb mit dem Manne zufrieden, ob ihm schon sein Haus und Garten sehr wohl gefiel. Ich schicke Ihnen, meine theure Freundinn, die Abschrift von Briefen meines Mannes an einen seiner vertrautesten Freunde, worinn Sie ihn, und das was wir sahen, besser erkennen werden, als wenn ich es bezeichnete. Dunkt Sie nicht, dass ich mir von dem Geist und Herzen meines Gatten viel Gutes und Gluckliches, auch fur den Winter meines Lebens versprechen kann? Er ist voll Kenntnisse, Einsicht und edlen Ehrgeitzes, ein bischen schnell und spitz in seinen Urtheilen; wesswegen ich sehr froh bin, weit von unserm Hofe zu leben, wo er sich sonst, durch diese Eigenschaft seines Kopfs, grosse und kleine heimliche Feinde zugezogen hatte. Er liebt meine Empfindsamkeit, sagt er, weil sie edel ist und sich nicht mit kleinem Gewimmer abgiebt. Ich war nach unserer Zuruckkunft, aus Ermattung von der Reise, und dann, zu ubereiltem Betreiben, alles wieder in Ordnung zu bringen, vier Tage krank, unter denen zwey Tage voll Schmerzen waren. Cleberg besorgte mich mit der aussersten Zartlichkeit, schlief in einem Nebenzimmer, wovon man die Thur offen lassen musste, hatte auch funf Nachte seinen Schlafrock immer an; denn bey dem mindesten Gerausch, oder dem leisesten Ton meiner Stimme, wenn ich was von meiner Magd begehrte, war er an der Thur, und sah, ob ich gut besorgt ware. Oft kam er auch ohnedies nach mir, um zu sehen, zu horchen, wie ich athmete, oder ob die Warterinn wachsam sey. Da traf es sich eine halbe Stunde, dass die arme Person schlief, weil ich ausserst ruhig war, die Augen geschlossen hatte, und sie mir die Arzney, die ich nur alle Stunden nehmen durfte, kurz vorher gegeben; meine Schmerzen aber sehr heftig wutheten, und ich da, ganz still und abgebrochen, Gott um Geduld und Hulfe bat, damit das arme Geschopf, von dem ich Mutter zu seyn hoffe, sein kleines Leben mit mir erhalten mochte. Ein Dank fur die Liebe meines Gatten, eine Bitte fur sein Wohl, und um die Dauer seiner Liebe, war auch unter dem, was ich flehte. Cleberg horte dies an dem Fusse meines Bettes. Er unterbrach mich nicht, aber sammlete, was er gehort hatte, in sein Herz und verdoppelte seine Sorgfalt fur mich; beobachtete aber auch stets mein Verhalten; besonders da der Arzt, den er sehr fruh Morgens rufen liess, nach dem krampfigen Bewegungen und den starkverzogenen Gesichtslinien, auch aus dem Puls, ihm von der Starke der Schmerzen und Krankheit sprach. Ich bemerkte immer, so viel mein Uebel zuliess, dass er gleich grosse Achtsamkeit fur den Gang meiner Ideen, und meiner Leiden hatte. Als ich nun ganz genesen war, horte ich ihn oft mit so vielem Lobe von meiner Geduld reden, dass ich ihn bat, es nicht mehr zu thun, weil es bey einigen Personen Missvergnugen geben konnte. "Nicht Alle konnen still seufzen, so wenig alle ohne Gerausch lachen konnen. Wer Gott mit lauter Stimme um Beystand ruft, thut es gewiss mit eben der Unterwerfung, wie ich es lisple. Du kannst, mein Lieber, ungerechte Manner antreffen, die dann uber ein vom Schmerz erpresstes Ach, ungeduldig werden, und mich als Vorwurf nennen konten, da ich, bey wenigem Weh, auch naturlich weniger klagte."

"Meine theure Salie, nun kenn ich Dich erst ganz; und sieh! nun bin ich auch ganz glucklich. Ich habe Dich in Allem gesehen, in Krankheit allein war ich noch neugierig, Dich zu beobachten. Ich hatte Dich immer beklagt, weil ich weiss, dass ihr armen Weiber vieles Leiden zu tragen habt. Aber gewiss ists, dass Deine sanfte Art mit der Warterinn, Deine Geduld, Deine Gebete zu Gott und Deine unausgesetzte Reinlichkeit mich da noch mehr an Dich fesselten. Denn auch hierinn hat Dein edles Ertragen des Weh's, den Theil mannlichen Muths angezeigt den ich stets in Dir schazte; und Deine Gelassenheit und Sorge, reinlich zu seyn, ist das Schone des Weiblichen Charakters. Ich danke Dir fur die Freude, die Du mir giebst, in gesunden und kranken Tagen stolz auf meine Gattin zu seyn."

Sehen Sie, Mariane, stolz will er auf mich seyn! Der gefahrliche Mensch! mich so gar im Krankenbett zu belauschen. Dem Himmel sey Dank, dass der Zufall so fur mich sorgte und ihn Gutes horen und sehen liess. Es schmerzt mich doch, zu denken, dass die beste, wurdigste Frau, bey einem solchen Manne, durch eine Thrane, einen Schrey, die uns doch von der Ratur zu Erleichterung des drangenden und zerreissenden Schmerzes gegeben sind, eine Verminderung seiner Zartlichkeit erlitten hatte. Meine Geduld ist nichts als Gerechtigkeit, die ich aus Beobachtung meiner und Andrer, bey Krankenbetten lernte. Ich sah, dass man uber ungeduldige Kranke mude wurde und ich weniger Mitleiden fuhlte. Vor Schmutz und Unordnung eckelte mir so sehr, dass beynah der Kranke mir widrig wurde. Bin ich da nicht verbunden, zu sorgen, dass niemand eins von beyden Stucken an mir finde? weil ich ja sonst auch die nehmliche Bewegungen der Seele erwecken konnte, die ich bey diesen Gelegenheiten fuhlte. O, Mariane! wenn nun jemand berechnen wollte, wie viel Werth innerlicher Tugend in meiner Gelassenheit und in Clebergs Gute fur mich lag, was bliebe im Rest? Gelernt habe ich noch, recht klug mit dem Gluck meiner Ehe zu wirthschaften und ja meinen Kopf nirgends in Ermahnungen oder Bemerkungen hervor zu thun, weil beydes die schlimsten Wurkungen haben wurde. Ich verlange auch die Ordnung der Unterwurfigkeit und des Nachgebens nicht zu unterbrechen, und bin gewiss immer noch viel glucklicher als Tausend der Besten meines Geschlechts nicht sind.

Der Plan, den Sie aus meinen ersten Briefen, als Clebergs, kennen, ist schon vollig ausgefuhrt. Garten und Haus darinn ist gebaut, nur dass wir dieses Jahr noch nicht da wohnen. Aber im kunftigen Lenz soll ich meine Wochen da balten, weil ich und mein Kind lauter reine Luft athmen, ohne alles Gerausch seyn, auch dabey die vielen Wachenbesuche vermeiden wurde, ohne dass es zu Feindseligkeiten Anlass gehen konne. Was mich innig freut, ist, dass Kahnberg nur eine halbe Stunde von unserm Landhaus ist und Orte ein Bauerhaus in unserm Dorfe gekauft hat, es vollig stehen liess, wie es ist, und nur von aussen es bewerfen und tunchen liess; die Stiege innen abbrach und eine Pilatus-Stiege von aussen auffuhrte, von welcher man in die artigsten kleinen Stubchen kommt, die so einfach als moglich ausgetafelt sind und nicht einen Gedanken stadtischer Gerathe haben. Den grossen Baumgarten des angranzenden Bauers, hat er auf einer Seite, und die schone Flur auf der andern zur Aussicht. Unten ist die Kuche, Speisskammer und Esszimmer; oben sechs kleine Zimmerchen mit einem Fenster, einem Bettchen, Stuhl und Wandtischgen und ein kleiner Schrank, wovon die Halfte, Kleider auf zu hangen, und die andere Weisszeug zu legen, eingerichtet ist. Auf dem Speicher ist die Weisszeug- und Kleiderkammer fur Julie und Otten, die Kinderwarterinn, das Kind nebst der Kochin und Stubenmadchen. Der Bediente hat seine Schlafstelle an dem Esszimmer; es ist recht artig. Aber von Madame G** und von Herr F** bin ich etwas weit: doch im Herbst und Winter finden wir uns wieder. Diese sind wurklich schon fur mich; denn ich sehe, wie Cleberg es einrichtete, taglich von zwey Uhr, alle Leute, die von unsern Bekannten zu uns kommen wollen, und muss Ihnen etwas in der That recht Liebes, von einer sehr wurdigen Nachbarinn erzahlen, bey der es uns Muhe kostete, den Zutritt zu erhalten. Unser Haus hat einen Erker, in dem sich mein Mann gern umsieht. Vor acht Tagen, da ich wieder im grossen Besuchzimmer mich aufhalten konnte, waren einige Leute bey uns. Man spielte noch nicht, weil man das Ende des Gottesdiensts abwartete, indem wir nicht gut finden, Karten durchzublattern, anstatt in der Kirche zu seyn; und ich muss sagen, dass unsre Unterredungen gewiss moralisch sind. Cleberg blieb im Erker und sahe dann die Leute aus der Kirche kommen. Da fing er endlich an: Salie! da ist meine artige, himmelblaue Nachbarinn wieder mit ihrer braunen Mama nach Hause gegangen; wenn ich nur etwas von dieser Familie wusste.

Einer von den Mannern und Otte eilten zu Clebergen um das himmelblaue Madchen zu sehen, aber mein Mann konnte ihnen nur noch das Haus weisen. "Ach, das ist die Frau und altere Tochter des Rath Itten gewesen. Die zwey Tochter und die Sohne sind sehr hubsche junge Leute, aber man sieht die Erstern nur Sonn- und Feyertags auf dem Kirchweg, und Letztere, auf dem nach den Schulen; den Mann, in Amtsgeschaften und von sieben bis acht im Kaffehause, sonst ist keine Seele sichtbar."

"Das ist wahr," sprach Cleberg, "denn am Fenster sieht man niemand, es musste denn in dem kleinen Maulkorb jemand verborgen liegen, der uber ihrer Thure steht."

Otte lachelte gegen einen artigen jungen, oder vielmehr unverheyratheten Mann, der neben ihm sass, klopfte auf seine Achsel. "Da ist jemand der mehr weiss, als wir," sagte er, "aber auch mit mehr Muhe." "Doch nicht mit mehr Vortheil."

"Wie das, Freund Linke? erzahlen Sie uns doch etwas von der Geschichte des blauen schonen Madchens und der braunen Mama, denn ich habe beyde immer, in diesen Kleidungen gesehen."

Herr Linke sagte: "Ich auch, schon langer als Sie. Aber die schone Gestalt, der Gang, die feine Haut, Bildung und Blick des Madchens, reizte meine Neugierde. Ich suchte aus dem Hause gegen uber in die Fenster zu sehen, aber das half nicht; da sind immer weisse Vorhange in einem Zimmer, und in dem Andern der Vater zu sehen. Meine Ungeduld liess mich ein Hausmittel brauchen. Ich beschenkte die Magd meiner Schwester, damit sie Bekanntschaft mit der Ittenschen alten Magd machen, und diese ausforschen solle. Das half, und ich horte, es waren sieben Kinder im Hause, fur welche die Frau Rathin immer selbst gesorgt habe, ihre Kindermagd, Natherin, und Strikkerin gewesen sey. ihr, der Magd, habe sie immer helfen waschen, platten, den Garten am Hause bestellen, worinn sie alles Gemus und Obst zogen, ihre Leinwand bleichten, und eine Kuh ernahrten. Mutter und Tochter strickten, nahten und spannen das ganze Jahr, sie, die Magd, ware die Schwester eines guten, aber armen Webers; ihre Mutter hatte bey der alten Frau Itten gedient. Dieser habe das Haus gehort, und weil sie ihre gute Liesbet ungern durch ihre Heyrath verlohr, so habe sie ihr aus dem alten Pferdestall, der in das Nebengassgen gehr, eine Wohnung zurichten lassen, worinn ihr Vater umsonst war, und ihre Mutter darneben als Kochinn bey der alten Frau fort diente, den halben Lohn und Essen hatte. Sie ware im Haus erzogen und der Frau Rathin als Magd zugegeben worden. Als ihre Eltern gestorben, habe man ihren Bruder und jungere Schwester, die ein paar krupplichte Zwillinge gewesen, im Hause behalten, weil die alte Frau Itten wohl gesehen, dass sie die Ursache sey, warum die arme Kinder in ihrer Jugend versaumt worden, da die Mutter immer bey ihr seyn musste, nur zu Hause schlief, Morgens die Kinder ankleidete, Mittags das Essen zurecht machte, und Abends eine Stunde kam. Denn sie musste so gar ihre Spuhlarbeit bey Frau Itten machen, als diese bettlagerig war. Die junge Frau hatte bey der Schwiegermutter viel ausgestanden, so gar sie junges Ding hatte sie in allem verrathen mussen. Dennoch sey sie ihr gut geblieben und habe ihren Geschwistern mehr Liebe erwiesen, als die Alte. Der Herr Rath sey nicht so brav, wie seine Frau, lasse sie aber alles thun was sie wolle, und da lebten sie einsam, aber recht vergnugt, so fort. Ihr Bruder sey Meister und webe das ganze Jahr fur Frau Itten; ihre Schwester fuhre die kleine Haushaltung, spuhle und zettele ihm, webe auch Handracherzeug. Sturbe aber ihr Bruder, so wurde sie heyrathen und das Webergewerbe fuhren, denn sie werde fur ihre viele Arbeit auch so gut belohnt, dass sie Geld auf Zinsen gelegt habe."

Diese Erzahlung gefiel mir und Clebergen sehr. Mein Mann fragte, ob Herr Linke denn niemals im Hause gewesen sey, oder mit der Mademoiselle Itten gesprochen habe?

Nein, er hatte dies Vergnugen noch nie genossen.

"Ey, pfui," sagte mein Mann, "sich in zwey Jahr Zeit so wenig Muhe um ein liebenswurdiges Madchen geben! Ich will Sie nicht mehr zu meinem Freund haben."

"Sachte, sachte! Sie Feuerbrand, horen Sie mich erst an. Sie wissen doch, dass ich Ehrlichkeit und gesunde Vernunft habe. Konnt ich mir denn, eh ich im Besitz meines Vermogens und einer Bedingung war, den Zutritt in eine Familie schaffen, wo so ordentlich und streng auf Wohlstand und haussliche Klugheit gehalten wird? Die Ittensche Tochter sind mir selbst zu ehrwurdig, als dass sie nur zu einem leeren Umgange der mussigen Stunden eines ledigen Kerls da seyn sollten. Denn reich kann die Familie nicht seyn, und wie viel junge Pursche suchen jetzt ein Madchen nur wegen ihrer guten Gestalt und Erziehung? Sollt ich mir allein, oder auch Andern das Haus offnen lassen, ohne Absichten zeigen zu konnen die der Eltern und Kinder wurdig waren? Wir thun oft genug guten Familien Schaden, die freundlich und treuherzig ihr Haus, Gesellschaft und Tisch einem wohlschwatzigen Menschen uberlassen. Eltern, und ein redliches, edles Madchen glauben dann, das Herz des jungen Manns ganz zu fesseln, und der Kerl geniesst jede Achtung und Gute, sieht die Hoffnung und Wunsche keimen, lasst so gar die Vermuthung in Andern entstehen. Aber wenn er an das artige Aussehen gewohnt, und durch den taglichen Umgang der Reitz der Neuheit verlohren ist, wendet er sich ab, wird kalt und sucht auf einer andern Stelle sein Gluck. Das wollt ich nicht, that es auch niemals. Aber wenn Clebergs Kopf und das Mittel zu der Bekanntschaft mit der Mutter und Tochtern finden kann, so werd ich ihm danken. Den Vater kenn ich; denn ich gestehe jetzt auch, dass ich mit Otten, seine Freundschaft auf dem Kaffehause zu gewinnen suchte."

Mit dieser Erklarung waren wir alle herzlich zufrieden. Es wurde noch viel von dem jetzigen Ton der Sitten und Lebensart gesprochen, und dass der eingefuhrte Aufwand Ursach sey, warum so wenig junge Manner den Muth hatten, sich zu verheyrathen.

"Das ist nur zur Halfte wahr," fiel Cleberg ein. "Die Reitze der Abanderung sind es! denn seit dem man sich durch Geschenke bald dieses, bald jenes artige Geschopf eigen machen kan, und dabey der Sorgen fur eine Familie uberhoben ist, so verschleudert man seine bluhende Lebensjahre und Vermogen in Spielgesellschaften, und dem Abschaum der Liebe, und hat allen Geschmak an Ordnung und Beschaftigung verlohren. Die wenigen Stunden, welche man einer armen verdorbenen Seele gibt, werden freylich von ihr durch Scherz, Lacheln und Anmuth suss und leicht gemacht, was die beste Frau nicht immer thun kan, besonders, wenn ihr unser Wohl, unser Hauswesen und ihre Kinder angelegen sind.

Ich muss, meine Rosalia, eine Unbilligkeit von uns Mannern eingestehen, die wir gegen euch auszuuben gewohnt sind. Wir wissen uns so viel mir den vorzuglichen Kraften und Gaben unsers Geistes; und dennoch erliegt unsre Gleichmuthigkeit bey dem geringsten Anstoss in dem Gange der Geschafte, des Schicksals, oder bey einer kleinen Anhaufung der Arbeit. Und von Euch schwachlichen Kindern fordern wir eine immer gleiche Heiterkeit und Munterkeit des Gemuths!"

Madame G** und Julie, welche mich zu besuchen gekon men waren und aus Muthwillen der Erstern in meinem kleinen Zimmer eine Zeitlang gelauscht hatten, klatschten mit beyden Handen, und riefen bravo! "glucklich musse der Mann seyn, der seine Regierung mit so viel Gerechtigkeit anfangt!"

Ich sagte wenig, weil ich in Allem, was Ehmanner angeht, immer lieber eine fremde Frau will reden lassen; besonders in meinem Hause und mit meinem Manne; und diese Vorsicht dient meiner Ruhe.

Nach einigen Augenblicken fragte Madame G**, was denn wohl den Anlass zu dem aufrichtigen Gestandniss des Herrn Clebergs gegeben hatte? Da wurde die Geschichte der Ittenschen Familie kurz wiederholt, und mein Mann beschloss feyerlich, morgenden Tags das Haus zu besturmen. Alle bestarkten ihn. Er liess sich auch, als Nachbar, beym Herrn Rath Itten melden, der nahm aber seinen Besuch nicht an. Nun will Madame G** mit, und, wie sie sagt, Mauerbrecher Dienste thun. Aber Cleberg hatte einen neuen und edlen Gedanken. Er schrieb ein Billet an Herrn Itten, und verlangte seinen altesten Sohn als Secretair fur sich. Der junge Mensch hat schone Zeugnisse von seinen Lehrern; bey Clebergen kann er was werden. Diesen Nachmittag werd ich Frau Itten sehen.

Acht und Achtzigster Brief

Cleberg an seinen Freund.

Ich denke meinen Briefwechsel so ziemlich ordentlich gefuhrt zu haben. Denn die Anzeige meiner Heyrath, meine Reise, und die Sachen und Leute, so mir begegneten, haben alle in meinem vorigen Schreiben paradirt. Nun bin ich wieder in meinem Hause, und das auch gern; habe den Zirkel meiner Freunde neu durchlaufen, und auch diesen erzahlt, was ich gesehen und daruber gedacht habe. Nun gabs auch von meinen Freunden Anmerkungen uber Eins und das Andre, welches ich Ihnen, als Nachlese mittheilen will indem es meistens die van Guden und Wollinge angeht, welche auch Ihnen so vorzuglich waren.

Ich habe mir, zu einem besondern Spass, ein Paar Leute auegesucht, denen ich meine Briefe an Sie vorlass. Der Eine sagte bey dem Bilde der Liebe, so die van Guden zu Pindorf tragt, und das ich so ausmahlte und anpries: "Geh hin! eine solche Liebe ist Anfangs freylich schmeichelhaft fur unsre Eigenliebe und Stolz. Aber sie wird zu einer unertraglichen Last, fur den Menschen, der sie erwiedern soll."

Der Andre behauptete, dass nicht ein einziger Mann lebe, der von einem solchen Weibe diese unermessliche Zartlichkeit verdiene.

Sagen Sie mir, welcher von Beyden hat Recht? Ich gestand selbst ein, dass diese grosse Liebe mude machen konnte, wenn die van Guden von nichts andern sprechen wollte. Aber, da ihre Unterredungen so abwechselnd waren, weil sie von Allem wuste, an Allem Geschmack fande und reichen, bluhenden Witz mit ihrem Geist vereinte: so scheine mir der Ueberdruss unmoglich.

Unser seltsamer, aber herrliche Freund Sokan sass da, stutzte seinen Kopf auf den Tisch, durchblatterte die Briefe meiner Frau und auch meine an Sie, horte hie und da uns zu, warf den Mund auf, schuttelte den Kopf und sagte endlich. "Ihr denkt nicht, dass in Eurem Urtheil uber dieses Weib, der Maassstab Eurer Hochachtung fur mich liegt."

Wir stuzten da, und gukten ihn an. Er lachelte. "Und das ist wahr!" sagte er, "denn wenn ich nun sage, dass diese Guden mir so ganz gefallt, und ich sie liebe, so theile ich ja auch den Tadel, den sie sich zuzog. Wer hatte aber diesen guten Wollingen da oben geholfen, wenn ihre liebe Schwarmerey nicht gewesen ware? Der Beamte that was er konnte. Der zierliche Pindorf schenkte was, aber sie blieben doch in der armen Hutte. Liebe dieses Weibs eine Last! Ich kann es Euch beynah nicht verzeihen." Dann fuhr er fort: "Aber, wir Menschen sind immer voll Widerspruch im Grossen und Kleinen. Moralisten und Philosophen behaupten das Daseyn eines Hangs zum Wunderbaren und Ausserordentlichen. Wir Vielwisser und Vielseher konnen es an uns selbst bemerken; und wie deutlich liegt dieser Zug im Volke! dennoch, wenn sich unter uns bey einzelnen Personen ungewohnliches Verdienst zeigt, wie wird es behandelt? was thut der Neid und die Eigenliebe dagegen! Nehmt aber die Geschichte alter und neuer Zeiten; haben je Alltagsmenschen was besonders fur das grosse Gute gethan? thaten es nicht immer Leute, die Krafte und Muth genug hatten, aus dem gewohnten Landgang heraus, und voran zu treten? Ich mochte wissen, warum es so wenig Menschen giebt, die das Gute so uneigennuzig verehren, wie die Turken unsern Heiland. 'Er ist nicht fur uns gestorben,' sagen sie 'aber er war ein Mann voll Gottlicher Tugend; und nach unserm Propheten verdient er den ersten Rang.' Aber so reden wir nicht, wenn sich hervorleuchtendes Verdienst vor unsere Augen stellt. Tadelsucht erregt es bey Mannern, wie die Reitze der vorzuglichen Schonheit der Nachbarin in kleinen Weiberseelen nur als Stacheln wurken, die Unmuth und Widerwillen hervor bringen. Und so sprechen oft Vater, vor ihren Buben, von Leuten, fur welche sie ihnen Verehrung und Nacheifer einflossen sollten. Ihre Guden, Wolling und sein Weib sind Leute wie ich sie liebe; was sollten sie aber in einer Stadt machen? was? mogen sie immer dort bey ihren Eichen und zerfallnem Schloss bleiben, und moge der Wald so verwachsen, dass man nur muhsam zu ihnen kommen kann! denn allein unter dem Schatten, wo keines Menschen und keines Thiers Fuss hinkommt, dort wachst die Ceder, die Eiche, und die hohe Buche, mit der schwanken Erle auf; stark, machtig, die Wolken beruhrend, und Sturmen trotzend!"

Sie kennen ihn, den Eiferer, wenn er so die Gestalt dessen, was seyn sollte und seyn konnte, vor sich hat; wie er da uberfliesst und zehn andre Sachen noch mit sich hin nimmt. Mich freute er, und ich trieb ihn weiter, da ich ihn nach der kleinen Erkaltung fragte, die zwischen ihm und seinen Freunde W** entstanden ist. Er antwortete hitzig: "Was Erkaltung! ich liebte ihn nie mehr, als jetzt. Mein halbes Leben gab ich, wenn er den verdriesslichen Handel mit seinen Verwandten ansahe, wie ich! Ich hasste Alle, die seinen Werth nicht erkannten. Alle, die seine Gute missbrauchten und mir den Weg zu seinem Herzen verschlossen."

"Ja; aber man sagt, dass er sich uber Beleidigung von Ihnen beklage."

"Beleidigung! Ist es Beleidigung, wenn ich denke und erwarte, dass jemand in einer wichtigen Gelegenheit seines Lebens alles thun wird, was seinen edlen, grossen und gerechten Gesinnungen gemass ist? was ich uberzeugt bin, dass er von mir in den nehmlichen Fall gefordert hatte?"

Rosaliens edler Freund F*** fiel ein: "Ach, eh die Gelegenheit zu handeln da war, wird er gewiss diese Erwartung als dey hochsten Grad Verehrung seines Charakters angesehen haben; und es lebt gewiss kein Mensch, der nicht in ruhigen Tagen die innigste Freude hatte, diese ruhmvolle Erwartung in der Seele eines jeden seiner Freunde zu sehen. Aber, so bald er sich bewusst seyn wird, diese Erwartung nicht erfullt zu haben, so emport sich sein Kopf und Herz bey dem Gedanken, dass man ihn nach diesen Ideen richten werde; und alsdann mussen auch diejenigen, die am meisten hofften, die widrigsten Gegenstande fur ihn werden."

"Ey, warum dieses?"

"Weil ihm das Bild dessen, was ihm sonst schmeichelte, nun als Vorwurf erscheint, und wer liebt wohl Vorwurfe?"

"Aber, wenn ich nun einen Freund habe, in dem alles Grosse, Wahre und Gute liegt; und wenn dieses der einzige Grund seiner Gluckseligkeit ist, und er andert sich in einem Falle und wird dadurch elend: muss ich ihm da nicht sagen, wo sein Uebel liegt?"

"Ach, die Menschen sind nur durch ihre eignen Ideen glucklich." sagte Herr Fr**

"Schweigen Sie mir, von dem Ganzen! Die beste Freude meines Lebens ist hier verlohren gegangen. Ein grosser Kreis von Menschen hat den schonen Anlass zu einer grossmuthigen und gerechten Handlung versaumt, mit Fussen von sich gestossen! Fromme haben nicht als Christen, und Philosophen, nicht als Weise gehandelt! Ich habe mich matt geredet. geschrieben, und gebeten; niemand, niemand horte mich an; und endlich misshandelten und missdeuteten mich Alle."

"Da mussen Sie denken, dass es bey starken Erschutterungen der Seele wie mit dem Korper geht, in welchem, durch einen heftigen Zufall, die Werkzeuge des Horens und Sehens oft lange Zeit zu ihren Verrichtungen unbrauchbar werden. Eine starke Leidenschaft bringt auch unsere Seele aus ihrem naturlichen Wesen, so, dass sie weder die Stimme des Freundes, noch das sonst so geliebte Bild moralischer Schonheit mehr hort und sieht."

Nun schlug er seine Hande zusammen: "Ach! wenn jemand auf Erden mich so liebt und schatzt, wie ich meinen Freund W** liebe und schatze: se moge ein grausamer Zufall eher mich todten, ehe ich seinem Herzen den Kummer mache, den ich litte!"

Es war mir nun leid, dass ich ihn von dem Berge der Wollinge abgebracht hatte. Aber ich wollte einem von zwey Leuten, die da waren, die Seele unsers S** zeigen, besonders in dieser Sache, wo er so viel Unrecht gelitten hat.

Sie fragten mich letzt nach ihm, ob er noch immer Enthusiast ware? da er doch seine Funfzige bald zahlen wurde. Sie sehen, das bleibt er mit Leib und Seele. Ich sagt ihm, dass Sie das alles erfahren sollten. Es war ihm recht; nur uber Freund W** soll ich nichts schreiben, sagt er; und ihm dann auch Ihre Gedanken uber die van Guden und ihn lesen lassen. Es freue ihn, sagt er, mit dieser Frau in einem Brief zu stehen, so wie es ihn freue, mit ihr zu gleicher Zeit zu leben.

Neun und achtzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

O, wie gross ist das stille Verdienst der vortreflichen Familienmutter! lassen Sie mir doch Alles Ihnen schreiben, was von der Frau Itten in meiner Seele haften blieb.

Sie konnten auf Clebergs Billet nicht. schweigen, sondern antworteten, es wurde beyde Eltern freuen, den Herrn Residenten bey sich zu sehen. Mein Mann ging gleich hin, fand Beyde in einem geraumigen, ausserst reinlichen, aber nach alter Art ausgetafelten Zimmer, den Tisch in der Mitte, auf welchem ein grosser Teppich lag; die Stuhle und Spiegelrahme von schwarz gebeitztem Holz; ein Ruhbett mit vielen Polstern von Wollgenahter Arbeit. Der Mann schien ihm sehr verlegen und die Frau geruhrt und aufmerksam zu seyn. Beyde dankten ihm, fur die gutige Gesinnung die er fur ihren Sohn bewiese und die Frau wunschte zu wissen wie er auf einen ganz unbekannten jungen Menschen gekommen sey?

Cleberg sagte, er hatte sich an dem Tage, wo ihm mein Oheim seine Stelle verschafte, vorgenommen, auch einen jungen Mann, von rechtschafenen Eltern, in sein Haus zu nehmen, wie mein Oheim ihn nahm, und ihn auch nach seinen Kraften zu unterstutzen, so wie ihm wiederfahren sey; mit der einzigen Bedingung, dass der junge Mann einst wieder so denken moge. Er hatte sich daher, nachdem er vollig in seinem Dienst und Hause eingerichtet gewesen, nach jemand umsehen wollen. Die gute Bildung und vielversprechende Physiognomie ihrer Sohne, habe ihn auf einen von Beyden angezogen; die guten Zeugnisse ihrer Lehret hatten ihn bestarkt, und es wurde ihn freuen, wenn sie den Vorschlag annahmen und er dadurch mit einer so schatzbaren Familie in ein Verhaltniss kame.

Sie waren Beyde in grosser Bewegung, hatten Thranen in den Augen, sprachen einige Minuten nichts. Endlich stand Herr Itten auf, fasste die Hand meines Manns: "Ist es Ihnen Ernst? ganz Ernst?" "Werther Herr Rath, wie schlecht ware mein Charakter, wenn ich mit zwey verehrungswerthen Eltern ein Spiel treiben wollte!"

Nun sagte die Frau: "Geh, Lieber, und ruf unsere Sohne." Als er weg war fing sie an; "Herr Resident! Ihr Vorschlag hat mich in das grosste Staunen gesetzt. Aber, der Beweggrund, den Sie angeben, hat mir alles Vertrauen eingeflosst. Es sind vier und zwanzig Jahr, dass ich hier bin; und ich kann sagen, dass es eben so lang ist, dass ich von der ganzen Welt abgesondert lebe und nur mit meinem Mann und Kindern war. Es ist mir suss, sagte sie mit einigen Thranen, dass die Versorgung eines meiner guten Kinder, mich wieder hervorruft. Sie werden meinen Segen haben, und an meinem Sohn einen Jungling voll Fahigkeiten, Gute und Tugend finden. Nahren Sie! ach, nahren Sie die Tugenden, die Sie in ihm finden werden. Lassen Sie ja nicht zu, dass die einzige Belohnung, die ich fur mutterliche Muhe, Kummer und Arbeit hatte, dass mir diese verlohren gehe!"

Sie war da aufgestanden, gegen meinen Mann mit flehendem Gesicht und Handen hingetreten und hatte ihn angeblickt, dass er, ganz erweicht und bewegt, ihre beyden Hande ergriff, und ihr vor Gott angelobte, getreu fur die Sitten und Gesinnungen ihres Sohns zu sorgen. Wenn sie aber einmal befurchten sollte, dass Gefahr fur seine moralische Gute da ware, so wollte er dulden dass sie ihn wieder nahme.

"Ach, wiedernehmen! dieses halfe nichts mehr. Denn wenn er einmal bey Ihnen ist, so wird seines Vaters Haus nicht mehr fur ihn seyn, was er bis jetzo war."

"O, glauben Sie gewiss, dass Verehrung und Liebe fur seine Eltern, die Gefuhle seyn werden, die ich um eifrigsten in ihm unterhalten will."

"Das glaub ich wohl. Aber es ist so viel Reitz in dem Glanzenden, das Sie umgiebt, dass die Sinne des jungen Menschen hingerissen werden, Wie sollte es ihm dann wieder hier, und mit uns gefallen." sie wies da in dem Zimmer umher.

"Aber, theure Frau Rathin, es ware ja so nicht moglich, dass Ihre Sohne immer bey Ihnen blieben."

"Das weiss ich, und deswegen willigten wir gleich in Ihren Antrag; auch vergeben Sie, besonders ich deswegen, weil Sie so nah bey uns wohnen. Nicht aus ubertriebner Mutterliebe fur mein Sohnchen, sondern allein in Hofnung, den Gang seiner Gesinnung genauer bemerken zu konnen."

"Zu dieser Absicht, theure Frau Rathin, wird Ihnen die Bekanntschaft mit meiner Frau am meisten dienen. Sie ist nur vier und zwanzig Jahr alt, aber ihre Seele ist voll Edelmuthigkeit und Tugend, ob sie schon in einem grossen' gesellschaftlichen Zirkel lebte."

"O! ich bin uberzeugt, dass dieser grosse Zirkel viele, viele vortrefliche Menschen hat. Aber die Umstande mussen gunstig seyn. Dies konnt ich meinen Kindern nicht versichern, deswegen hielt ich sie zu Hause, und wollt es so lange thun, bis die Denkungsart, die ich in ihnen wunschte, so stark, und so zur Gewohnheit geworden ware, dass sie sich niemals ganz verlieren konnte."

"Ich verehre Sie wegen alles dieses, werthe Frau Rathin. Glauben Sie nur, dass meine Rosalia und ich nichts untergraben werden, was Sie aufbauten!"

Nun kam der Vater mit beyden Sohnen in das Zimmer. Die jungen Leute hatten sich etwas gut angekleidet, machten furchtsam, aber mit Anstand, ihre Verbeugung und blickten ihre Mutter an. Sie hatte sich vollig gefasst, ging gegen sie, nahm sie bey der Hand und sagte meinem Manne: "Hier sind meine zwey guten Sohne, von denen Sie einen zu haben wunschen. Beyde haben Ihr Billet gelesen. Der Aeltere war bruderlich genug, dem Jungern zu sagen, dass, wenn es ihn kranken sollte, diesen angenehmen Platz nicht zu haben, so mochte er es ihm vertrauen; es wurde ihm lieb seyn, ihm durch den Vorzug, den er ihm geben wollte, eine Probe seiner Liebe abzustatten. Der Jungere dankte, und erklarte da, dass er gerne Theologie studiren mochte, und also von seinem Weg abkame. Doch, weil der Antrag so edelmuthig gemacht ware, und es ein Vortheil fur ihre guten Eltern, vielleicht auch fur ihre ubrigen Geschwister seyn wurde: so war es billig, dass der Herr Resident wahlen sollte. Trafe das Loos ihn, so wollte er dann seinen Wunsch nach dem theologischen Studium aufgeben, um so mehr, da er nun wisse, dass sein Bruder es ihm gern gonnen wurde."

"Nun wahlen Sie;" sagte der Vater.

Stellen Sie sich, theure Mariane, einen Augenblick die Gruppe vor; Vater, Mutter, zwey Sohne, mein Mann, der wahlen sollte; die Andern auf seine Augen, auf. ihn sehend! Er ging gegen die jungen Leute, und reichte jedem eine Hand. "Da Sie, edle Junglinge, Beyde ein gleiches Vertrauen in mein Herz haben, wie ich zu Ihnen: so will ich so wahlen, dass Sie Beyde zufrieden seyn werden. Sie, zu den Aeltern, vertrauen sich und Ihr Schicksal mir; und Sie, zum Jungern, sind mein Freund, und erlauben, dass ich eine Stelle im furstlichen Stipendio fur Sie nachsuchen darf, wo Sie Ihr Studium verfolgen konnen."

Da wollten die junge Leute Clebergs Hande kussen; aber er umarmete Beyde von Herzen und freute sich, dass er junger Mann von acht und zwanzig Jahren, der Gegenstand des Danks und der Hochachtung dieser schazbaren Eltern und Sohne war. Die Mutter ergrif die Hande ihrer Kinder hielt sie an ihre Brust: "Dank, meine Kinder! innigen Dank und Segen, fur die Freude, die euer Wohlverhalten mir giebt! Nun bin ich belohnt! ich seh den Anfang eures Glucks, auf euren Fleiss und Tugend gegrundet. Freut euch auch, eure Mutter glucklich gemacht zu haben!"

Die guten Sohne konnten nun nichts mehr sagen, sondern kussten den Eltern die Hande. Mein Mann sprach dann von dem Gehalt und den Beschaftigungen, die er ihm geben wolle, und dass er doch die mathematische Stunden fort halten sollte. Von Frau Itten bat er sich die Erlaubniss aus, dass ich zu ihr kommen durfe. Sie sagte aber, dass sie den andern Tag mit ihrem Mann und Sohnen zu uns kommen wurde. Nachdem kam mein Cleberg herrlich, wie von einer Eroberung, zuruck, umarmte mich mit Entzucken. "Salie, liebe Salie! Du sollt meinen Dank annehmen, den ich gern diesen Augenblick Deinem Oheim sagen mochte. Er, der gute, rechtschaffene Mann, hat durch sein Beyspiel mich fahig gemacht, zu thun, was ich an den Ittens thun will und er hat mir den seligen Morgen bereitet."

Da erzahlt er mir, was ich Ihnen schrieb; und ich fahre fort, auch das aufzusetzen, was mir die liebe Frau von ihrem Leben und Grundsatzen sagte. Wir liessen sie auf ein Fruhstuck bitten, weil Nachmittags immer viel Leute zu uns kommen, und wir diese Frau allein geniessen wollten. Ich nahm sie aber nicht in meinem grossen Besuchzimmer an, sondern in dem ganz weiss getafelten, so an unserm Esszimmer ist, wo wir den Caffee geben; weil es, im neuen Geschmack eben so simpel ist, als Frau Itten Zimmer nach dem alten; denn die Stuhle haben auch nur holzerne Lehnen, die Kissen von Zitz und alles Holzwerk weiss in Oelfarbe gemahlt. Ich und mein Mann kleideten uns auch ausserst simpel an, um diese schatzbare Frau durch keinen Schein von Pracht zu verletzen. Die erste halbe Stunde ging mit dem Fruhstuck und allgemeinen Gesprachen voruber, wobey ich immer alles unterbrach, was Danksagung gewesen seyn wurde. Cleberg nahm dann den Vater und die Sohne in seine Bibliothek, und als ich bey der Frau allein war, sagte ich ihr, dass der junge Herr Itten von mir alle Freundschaft und Sorge einer Schwester geniessen sollte; dass ich sie aber bate, mir auch die Bekanntschaft und Umgang ihrer Tochter zu schenken.

"Ach, Frau Residentin, ich werde wohl den Bitten meiner Kinder nachgeben mussen. Es sind die ersten, die sie mit so viel Eifer an mich thun. Aber ich sehe daraus, wie viel Gewalt sie sich bisher angethan haben, keine Freude ausser meinem Hause zu suchen. Ich danke nur Gott, dass, da der Strom der Welt in meine Familie dringen sollte, er nur eine Schleuse aushob, und nicht die Damme niederriss, welches durch Verfuhrung meiner Sohne geschehen ware."

"Ich bin auch froh, dass ihr Haus nur der edlen und redlichen Hand meines Clebergs geoffnet wurde. Denn so wie ich Sie jetzt kenne, wurde ich jedem Andern den Zutritt beneidet haben. Laffen Sie es sich nicht leid seyn, theure Frau Rathin, dass Sie dem Ruf des Schicksals nachgaben. Ihre guten Kinder sind ja doch fur die gesellschaftliche Welt geboren und so erzogen, dass sie Gutes darin thun konnen. Eine Frau schliesst sich leicht ein, und lebt nur fur ihr Haus, weil sie am End ihrer Bestimmung ist. Aber junge Personen, die noch keinen gewissen Platz haben, die mussen gekannt seyn dass man sie suchen kann."

"Das weiss ich nicht; sagte sie. Ich kenne freylich von dem hiesigen Frauenzimmer nur die, welche in unsere Pfarre gehoren; aber ich habe seit vier und zwanzig Jahren viel artige und schone Tochter aufbluhen sehen, die dem Auge durch ihre Gestalt und abgeanderten Modeputz und Kleidung besser gefallen mussten, als meine Tochter, die ganz gewohnliche Figuren, und gar, gar keine abwechselnde Verzierung ihrer Person haben. Ich seh auch viele junge Mannsleute so kostbar und reich in ihrem Anzuge, dass sie gewiss Vermogen haben, eine Frau zu unterhalten. Und die bekannten Frauenzimmer, mit denen sie sprechen und sie begleiten, welken dennoch, mit all ihren Reitzen, Putz und Talenten, an der Seite ihrer Mutter dahin, wie es meinen Tochtern, in der Einsamkeit meines Hauses und ihrem einformigen Aufzuge geschehen wird; und ich bekenne Ihnen, dass ich meine Tochter dahin gebracht habe, dass sie lieber als ungesehene Blumen einer Einode, die allein der Sonne und dem Himmel bluhten, absterben wollen, als, von vielen gesehen und von keinem gewunscht, eine Zeitlang glanzen, endlich als eine schon lange gewohnte Sache, an der nichts Neues mehr zu bemerken ist, ausser aller Achtung gelassen werden."

"Ich kann Ihnen, in alle diesem nicht Unrecht geben. Die zu eifrige Nachahmung der franzosischen Erfindungen, der Pracht und kostbaren Zeitvertreibe, sind allem Ansehn nach Ursache, dass die Heyrathen seltner werden; weil man immer furchtet, sein Auskommen reiche nicht zu, mit Frau und Kindern standsmassig zu leben."

"Das ist auch wahr. Denn wenn ich nach dem Titel meines Mannes und der jetzigen Mode, wie man es heisst standsmassig hatte leben, mich und Kinder kleiden, das Hausgerath schaffen sollen: so hatt ich kaum fur zwey Kinder das Nothige gehabt, und die andre funfe hatten darben mussen."

"Sind denn die Einkunfte des Herrn Rath so gering?"

"Wissen Sie denn nicht, dass er eigentlich nichts als zweyter Registrator ist, und nur der kleine Stolz seiner Frau Mutter ihm den Rathstittel kaufte? Ich war auch stolz und klug genug, als Frau Rathin mich keiner Geringschatzung blosszugeben, und ganz geduldig als Frau Registratorin karglich zu leben."

"Sie sind nicht von hier, meine Frau Rathin, das weiss ich. Haben Sie auch keine nahe Verwandte in der Stadt?"

"Ich bin fremd. Mein Mann hat Verwandte, aber keine Freunde, sonst hatten wir auch nicht so eingeschlossen gelebt."

"Keine Geschwister sind es doch nicht, diese unfreundliche Verwandte?"

"Nein, nur ein Oheim mutterlicher Seite, der grosses Vermogen, aber eigne Kinder hat und meinen Mann, der stillen, ruhigen Ganges lebt, nicht achtet und ihm blos zu dieser Stelle half. Wenn mein Vater langer gelebt hatte, so war er besser besorgt worden. Aber er starb, als ich noch Braut war, hinterliess auch sieben Kinder, wovon mein altester Bruder, seine Oberamtmannsstelle mit der Bedingung bekam, meine Mutter und die ubrige Kinder zu unterstutzen. Er hat es getreu gethan, und Gott lohnt es ihm; denn er steht gut, und hat rechtschaffne Kinder. Zwey meiner Bruder und eine Schwester sind in Amerika recht glucklich; einer, der als Pfarrer mit deutschen Emigranten hinzog, und meine altere Schwester zu Fuhrung seines Hauswesens, und den Bruder als Baumeister mitnahm. Eine Schwester ist Hofmeisterin in einem adelichen Hause, und die vierte wartete unsrer guten Mutter bis ans Ende mit kindlicher Liebe; wo sie dann mit dem Amtsschreiber unsers Bruders verheyrathet wurde, und bey funf Stiefkindern eine eben so gute, zartliche Mutter ist, als ich bey meinen eigenen. Meines Mannes Vater, und der meinige, waren Universitats Freunde gewesen, und das stille Gemuth meines Itten brachte seinen Vater auf den Einfall, er wurde sich am besten auf das Land schicken, zumal da er Blumen und allerhand kleine Handarbeiten, Feldmessen, Zeichnen, u.s.w. allen andern Zeitvertreiben vorzog. Er schickte ihn mit neunzehn Jahren zu meinem Vater in die Kost und Lehre. Unser Graf hatte da sein Schloss bis auf die Schreynereysachen aufgebaut. Der schone Itten war immer beym schnitzeln und hobeln, machte, was ihm mein Vater zu thun gab, gut; besonders hielt er die Registratur in der grossten Ordnung, er schrieb eine schone Hand und war in seinem Betragen sanft, voll Gute, Gefalligkeit und Ruhe. Zwey Jahr achtete er auf nichts als Schreiner- und Tuncherarbeit im neuen Schlosse, woruber ihm auch mein Vater die Aufsicht gegeben hatte. Viehzucht, Acker- und Wiesenbau gefiel ihm auch; aber Amthalten und Berichte machen, das gefiel ihm nicht. Philosophische und moralische Schriften waren seine Freude und im Winter lass er uns Madchen bey unsrer Arbeit halbe Tage vor. Endlich fasste er eine heftige Liebe fur mich. Mein Vater wollt ihn durch mich zu weiterm Studiren bringen; aber er redte mir so viel gegen die Rechtsgelehrtheit, und von dem Vermogen seines Vaters; und dass wir nur von der Landwirthschaft leben wollten, und so, dass ich ihn nicht weiter plagte. Sein Vater starb vor dem meinigen, da er in Eile heim musste, um ihn noch zu sehen. Seine Mutter zog in die Stadt, wo sie immer gern war, in das Haus, wo ich noch wohne, und suchte da durch ihren Bruder, ihrem einzigen Sohn in der Stadt ein Amt zu erhalten. Es ging ein Jahr hin, eh es geschah und sein Oheim hielt ihn zu nichts tauglich, als zum Registrator, welches seiner Frau Mutter zu wenig dunkte. Sie kaufte ihm den Titel eines Raths, wollte ihn auch vornehm verheyrathen; aber er sagte ihr seine Liebe fur mich, woruber sie sehr bose war, weil sie ihn in eine reichere und grossere Verbindung zu bringen hoffte. Er gramte sich uber ihren Widerspruch zum Krankwerden. Verlieren wollte sie ihn nicht, und gab endlich ihre Einwilligung; aber ich sollte nicht bey ihr essen und wohnen. Das verbarg mein Mann alle vor unserer Trauung, weil er befurchtete, ich wurde sonst mein Wort zurucknehmen. Aber auf unserer Hieherreise sagte er mirs mit Thranen und Bitten, mit seiner Mutter Geduld zu haben. Was sollt ich thun? er hatte sich mehr geliebt, als mich und litte dabey eben so viel, wohl mehr, weil er sich Vorwurfe machte, mich in die Gewalt einer bosen Frau gegeben zu haben. Denn seine Mutter liess mich nur Einmal zu ihr kommen, und sagte mir da, auch mit Rauhigkeit, ich sey an dem ersten Ungehorsam Ursache, den ihr Sohn, ihr erwiesen hatte; und da sie, als Mutter, wisse, wie viel ich seinem Glucke geschadet habe, so durfte ich mich nicht wundern, wenn sie mich nicht gern um sich leiden konne. Ich mochte also sehen, wie ich mit der halben Besoldung meines Mannes fur meine Kost, Wasche, Holz, Licht und Kleidung, auch fur Gaste, sagte sie spottend, zurecht kommen konne. Denn da sie um meinetwillen nicht allein essen und der Gesellschaft ihres einzigen Sohns beraubt sein wolle, so musse er mit ihr speisen und die halbe Besoldung zu einem Kostgelde fortgeben. Er habe sonst die andre Halfte fur sich allein gehabt; weil er sich aber gegen ihren Willen verheyrathet hatte, so moge er fuhlen, was die Straffe Gottes fur Ungehorsam sey, und sein Weibchen moge ihm bussen helfen. Ich sagte, es ware mir leid, gegen ihren Willen in ihr Haus gekommen zu seyn. Mein Mann ware mir deswegen nicht weniger lieb. Sie mochte also doch ihm sein Leben nicht verbittern, ich wollte mir von seiner Mutter Alles gefallen lassen, aber es freue mich zu wissen, dass Itten von meinen Eltern niemals die geringste Harte zu erdulden gehabt habe. Da nannte sie mich ein naseweises Ding, ich solle ihr aus dem Gesicht gehen. Das that ich. Ihr Bruder nahm meinen Besuch gar nicht an, und ich wollte niemand sehen; machte also nur dem Pfarrer einen Besuch und ging nirgends hin, als in die Kirche und im Sommer, Abends im Mondschein, wenn meine Schwiegermutter schlief, mit meinem Mann spazieren, welches auch die einzige Gelegenheit war, in der ich die Stadt sah. Und so ist es auch meinen Tochtern gegangen. Nach Hause schrieb ich nichts, als ich ware zufrieden. Helfen konnten mir die Meinigen nicht; ich hatte sie also vergebens gekrankt. Es war mein Gluck, dass ich Betten und Weisszeug von Hause hatte, sonst ware mir ubel gegangen; denn die Magd durfte mir nichts geben und ihre Tochter, die mir zugegeben wurde, musste alle meine Schritte beobachten, so gar ass das bose junge Ding mit mir. Ich hatte nur die Halfte meiner Aussteuer fertig gemacht bekommen, und das Uebrige an Stucken. Da nahre und strickte ich, kaufte mir Flachs und Baumwolle, spann da fleissig, klagte nie, ass gering, immer entweder nur Suppe oder nur Gemus, wenig Fleisch, schrieb alles auf was ich brauchte und gab am Ende des ersten Quartals meinem Mann noch Geld zuruck. Was er fur mich litt, kann ich nicht genug beschreiben. Seine Mutter hasste so gar meine Kinder; und der Weberin, die zugleich ihre Magd war, erwies sie alle Freundschaft und Achtung. In den lezten funf Wochen ihres Lebens, da ich sie bewachen und warten half, bereute sie es, bat mich um Vergebung, und schenkte mir die Kleider, die sie noch ubrig hatte. Nach ihrem Tode fand sich das Vermogen sehr gering, so dass sie in der That, die halbe Besoldung meines Mannes nothig gehabt hatte, weil sie gar gut lebte. Nun verkauften wir was an Silber und anderm entbehrlich war und kauften uns einen Acker und Wiese, weil uns die Landhaushaltung immer freute. Der grosse Garten meines Hauses stosst an einen, der ganz nahe am Thor liegt; den kauften wir auch. Da konnten wir zwey Kuhe halten, zogen durch Pacht unser Korn, in den Garten Gemus und Obst selbst, und assen gering. Ich hob alle meine artigen Kleider fur meine Tochter auf und trug die, von meiner Frau Schwieger-Mutter. Mein Bruder schickte mir wohlfeilen und guten Flachs, davon schafte ich mit meinen Tochtern und der Magd, die das beste Geschopf wurde, viel Weisszeug. Die Weberfamilie hatt ich beybehalten, und that ihr Gutes. Diese webten immer auf zwey Stuhlen fur mich. Ich bleichte in meinem Garten und verhandelte dann Leinwand und Baumwollenzeug gegen das, was ich fur meinen Mann und Kinder brauchte, machte auch vieles zu Gelde fur meine Kinder, und gab meinen Tochtern die Freude, das immer Jede was zu ihrer Ausstattung erhielt, und immer das Beste, so sie selbst gesponnen hatten. Seitdem alle viere mit mir und der Magd spinnen, hat es Vieles getragen. Meine Kinder waren mir Gesellschaft genug. Ich suchte ihnen ihr Leben zu versussen, so viel ich konnte. Sie sind alle gute Landwirthe und meine Madchen wissen alle Weibsarbeiten von mir, wie meine Sohne Schreynerey, Tunchen, Zeichnen und etwas mahlen von ihrem guten Vater gelernt haben. Alles, was sie in der Moral und Geschichte lernten, musten sie bey mir und ihren Schwestern wiederholen und ich hatte das Gluck, Alle mit der Hoffnung einer herrlichen Zukunft, bis auf diesen Augenblick, zu fuhren. Ihre Seelen sind rein, wie sie am Tage ihrer Taufe waren. Ihr Verstand ist hell, weil niemals das geringste Vorurtheil, oder Marchen darein gelegt wurde. Sie sind gut, weil ihnen niemals ubel begegnet war; gesund und schon, weil Ordnung und Einfalt in Leben und Nahrung beobachtet wurde. Ach, bis hieher hat Gott geholfen. Ich muss Ihre Freundschaft fur einen Fingerzeig von ihm ansehen, mit welchem er meinen Kindern ihre Lebensbahn bezeichnen will; und ich will ihm in Ihnen und Ihrem Gemahl, vertrauen. Nur eins bitte ich. Wenn Sie mich auch besuchen und meine Tochter sehen werden, auch diese manchmal wohl allein zu Ihnen kommen konnten: legen Sie durch Ihre Achtung, fur mich und durch Ihren Beyfall einen Werth auf meine Grundsatze; und dass glanzende Freuden, die sie geben, meinen Kindern das Einfache nicht verachtlich machen."

O, Mariane! ich zerfloss in Thranen, und bat die edle, wurdige Frau um die Erlaubniss, sie Mutter zu nennen.

Neunzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Da komm ich vom Fruhstuck aus dem Ittenschen Hause, trunken von Bewunderung und noch nie gefuhltem Vergnugen! Ach Gott! was konnen die Menschen nicht, wenn sie sich mit vereinigten Kraften des Guten befleissen; und was fur ein seliges Geschopf bin ich durch die Bekanntschaft mit so vielen vortreflichen Leuten! Wenn man den Adel der Seele durch edle Freunde beweisen musste, wie den der Geburt, durch edle Ahnen: so war ich ja in der hochsten Klasse. Vielleicht konnte man da mir auch sagen: viel Gluck, und wenig Verdienste! aber wir wollen zu Frau Itten gehen. Es ist ein altes steinernes Haus mit einem grossen Thorweg, in den man durch eine kleine Thure kommt. Unten sind lauter grosse Gewolbe, wovon sie eins zu einer sehr luftigen Heu- und Kornscheune gemacht, und das andre zu ihrem Holzvorrath gebrauchen. In der Ecke fuhrt eine hohe steinerne Wendeltreppe in den Stock, der uber den Gewolbern ist; dieser halt drey Zimmer auf die Strasse, wovon eins das ist, worinn Cleberg auch das Erstemal war, und was noch die Gerathe von Ittens Grossvater hat. Das Andre ist seine Arbeitsstube, in der auch der Maulkorb am Fenster ist, wie mein muthwilliger Mann es nannte; und das Dritte, wo Herr Linke auch nichts als weisse Vorhange sah ist die reiche Vorrathskammer von Leinwand, Baumwolle, Flachs, sammt vier gleichen Schranken apart gestellt, mit den Namen der vier Tochter beschrieben, worinn die Stucke Weisszeug liegen, die sie sich durch ihren Fleiss geschaft haben. Die von den zwey altern Tochtern sind beynah ganz voll, zum Theil mit schon genahtem Tisch- und Bettzeug, samt Hemden und Handtucher. Das ist alles so schon geordnet und Blumen, von Federn gemacht, kunstlich dazwischen gesteckt, welches zusammen auf dem Himmelblauen Grunde, womit die Schranke inwendig bemahlt sind, einen recht angenehmen Anblick giebt. Ich sah bey dem Vorrath der altern Tochter zwey Stucke schon geblumtes Zeug liegen und sagte: da ist schoner Zitz! Die Mutter lachelte. "Hannchen! weise es der Frau Residenten." Sie that es; was war es? Feiner, im Hause selbst gesponnener und gebleichter Cattun, worinn mit der feinsten englischen Wolle so niedlich gestickt war, als man es mit Seide immer machen kann; und dies ist zu Betten und Stuhlkussen bestimmt. Da sah ich erst auch die Kleidung der Tochter an, die alle aus dergleichen Zeuge von ihrer eignen Arbeit bestand. Hannchen hatte Ranken von Holzfarbe und blaue Windblumen dazwischen, welches zu ihrer schonen blonden Farbe und feinem Wuchs gar artig stand. Die Zweyte, Lenette, ein liebenswurdig munteres Madchen, mit grossen braunen Augen, hatte sich in gelber Schattirung, nach einem Geschmackvollen Riss, ihr passendes Hauskleid genahet. Die Dritte hatte lauter Rosenknospen darinn verstreut; und die Jungste, von zwolf Jahren, eine Menge ganz kleine Blumchen von allen Farben hinein genaht. Ihr Bett, sagte sie, musse auch voll kleiner Vergiss mein nicht genaht werden. Ihre Hauben, Halstucher und Manschetten waren von lauter selbstgekloppelten, leichten Spitzen; wie auch die von der Mutter, welcher die zwey Aeltesten Haube und Halstuch, die Jungern aber, jede eine Manschette dazu verfertigt hatten. Ihre Kleidung war violet und weiss gestreifter, auch im Hause gearbeiteter Zeug. Wir trunken dann Kaffee, mit kostlichen Milchrahm, und Brodtchen, so eine Tochter dazu gebacken hatte. Das Kaffeezeug, war weiss, ohne alle Malerey. Der alteste Sohn, der uns zugehort, war sehr fleissig um mich herum, und wurde von Eltern und Geschwister so liebreich und mit so viel Achtung behandelt, dass es mich dunkte, sie sahen ihn als eine gute Prophezeihung fur sich alle an. Es ruhrte mich sehr, und ich versprach in meiner Seele, alles fur die guten Kinder zu thun. Ich sagte endlich: "Mama Itten, ich muss Ihr ganzes Haus und Garten und Kuhe und Weber sehen. Ihre neue Tochter Cleberg darf nicht fremd aus Ihrer Wohnung gehen!"

"Ihre Neugierde, soll vergnugt werden." Da gingen wir die halbe Wendelstiege hinunter in ein Seitengebaude, das auf einer Fensterreihe den Hof, und auf der andern, den Garten hat. Von der Treppe kommt man auf einen Gang, der das Licht von dem Speicher empfangt; und hier geht man links in die Kuche und Speisekammer, die beyde hochst reinlich und schon weiss getuncht sind. Sie kochen in lauter irdenen Geschirr, und essen aus ganz altformigen Zinn. Dann ist ein grosses Wohnzimmer, dessen Wande von Vater und Sohnen artig gemahlt sind. Die Stuhle und Tische sind ganz glat, aber alle von Herr Itten selbst verfertigt, nussfarb angestrichen und lackirt. Auf einer Seite standen funf Spinnrader und kleine Stuhlgen dabey. Ueber jedem Platz war ein Haken in der Wand, woran die Strange Garn hingen, die jedes diese Woche schon gesponnen hatte. Dieser Anblick bewegte mich innig. Gewiss ist Fleiss eine Tugend! ich fuhlte es da in der Ehrfurcht die mich in diesem Zimmer durchdrang. Hannchen sagte zu unserm Itten, indem sie traurig lachelnd auf einen Stuhl wiess. Ernst! nun liesest du uns nichts mehr vor! Dann gingen wir in das Schlafzimmer der Eltern. Da ist ein altes grosses Bett, von schoner Schreinerarbeit, mit uralten, aber starken und reinlichen grun und weissen Vorhangen, mit Franzen von nehmlicher Wolle und Garn geziert; ein Grossvaterstuhl und ein Paar andre, von grunen Tuch, auch mit Franzen. Zwey Schranke sind auch da, wo in einem Herr Itten, in dem zweyten seine Frau ihr Weisszeug und Kleider haben. In einem Pfeiler des Hauses, neben dem Bett, ist ein kleiner Schrank, worinn die Hausarzeneyen, und immer eine kleine Flasche Spanischen Weins, guter Essig, Mellissengeist, vorrathig ist, nebst ein Paar Topfen mit Salben gegen Wunden und Brand. Das geschriebne Arzeney- und Kochbuch ist auch dabey. Die vordern Facher kann man aber ausheben und hinter denselben Geld und Kostbarkeiten verwahren. Diese Ueberbleibsel von der einformigen hauslichen Klugheit unserer Vorvater waren mir ehrwurdig und schatzbar. Denn ist noch ein Zimmer abgetheilt, wo in einem Theile der jungste Sohn von eilf Jahren schlaft, zu dem die Mutter gleich kommen kann, wenn ihm was fehlte; und in der zweyten Halfte ist das Weisszeug, so zum taglichen Haussgebrauch gehort, und Naharbeit. Hier gingen wir uber den Gang in ein unbewohntes, aber sehr freundliches Zimmer, mit zwey Betten; die Vorhange des einen und die Wande grun, ein grosses Fenster gegen Morgen in den Garten hinaus; das andre Bett nur ein schmales Ruhbettgen, ein gemachlicher Lehnstuhl, ein auch schmales, langes Hangtischgen an der Wand und das einzige Gemalde, so ich noch im Hause angetroffen, stellt die Auferstehung Christi vor, und ist von einem sehr guten Meister, wie Cleberg sagt. Zwey nach der alten Art als Herzen formirte Blumenkruge, von blau und weissen Porcelan, mit etlichen Oeffnungen, und ein kleiner Schrank, der unten im Tisch angebracht war, vermehrte mein aufmerksames Umhersehen. Frau Itten sagte dann "Dies ist unsere Krankenstube, damit die gewohnlichen Schlafzimmer gesund bleiben, und der Kranke gemachlich seyn kann. Gegen Morgen ist es am freundlichsten, denn Kranke verlangen nach durchlittenen Nachten, so sehr nach dem Tage, und da konnen gleich die ersten Strahlen der Morgenrothe einbrechen und sie trosten. Die grune Farbe ist fur schwache Augen am besten; und dieser Gedanke," da wies sie mit Andacht auf das Gemalde, "ist die grosste Starkung in Schmerzen und im Tode. Die aufwartende Person schlaft hier, und kann auf das Bett sehen. Kleine Besorgnisse sind auch da," sie machte den Schrank auf; "da ist Alles, was man nothig hat." Der zweyte Sohn hob den Hangtisch ab und passte ihn, quer uber das Krankenbett, in einen Ring, stellte dann auf den Boden den Fuss fest: "Das ist gut, ;139;sagt er, wenn man diesen Tisch noch braucht; denn da kann der arme Kranke selbst essen und trinken." "Aber er druckt ihn nicht, sagte die jungste Tochter, denn sehen Sie! wenn ich auch die Decke so hoch hebe, als ein dicker Kranker seyn kann, so ist doch noch Platz."

Es freute mich, dass Cleberg gleich auf der Stelle sagte; "Salie! wir wollen auch ein solches Zimmer haben, denn es ist in Menschenwohnungen eben so nothig, als eine Kuche."

Dann folgte ein grosses Zimmer, weisse Wande mit zerstreuten Blumen bemahlt, worin vier Betten stehen, und die Tochter alle schlafen. Die Vorhange sind grobes blau und weisses Leinen, aber die Decken ganz weiss, von eigen gemachten Kattun. Frau Itten sagte hier:

"Meine Tochter sagten: Wir spannen, bleichten und nahten sie, wir wollen sie auch immer selbst waschen. Und weil Reinlichkeit allein der Grund zu dieser Bitte war, so erlaubte ich es ihnen gern. Die Wande haben ihre Bruder so fruhlingsmassig gemahlt."

Zwischen zwey Betten steht auf jeder Seite ein Schrank, worinn immer zwey Schwestern ihre Kleider und Weisszeug haben. Oben an den zwey Fenstern hin lauft ein langer, schmaler Tisch und an dem Pfeiler ist ein Spiegel, der einzige fur vier schone Madchen. Unter dem Spiegel, eine alte grosse Stockuhr die sehr herzhaft die Stunden des Erwachens schlagt; und auf dem langen Tische, gegen die Seite, wo zwey Tochter schlafen, dieser Beyden Nahkussen und Strickkastchen. Unter dem blau und weissen Vorhange, der am Tisch hinlauft, sind auf einem Gefache, vier zinnerne Waschbecken, Seifenbuchsen, Waschtucher, Kammfutterale und Puderschachteln; ganz unten, ein Gefach fur ihre Schuh. Vor den Fenstern sind Blumenstocke, die die lieben Madchen selbst besorgen. Dann kommt ein ganz grosses Zimmer in welchem Schreiner-Handwerkszeug, Tunchergerathe, und eine Drechselbank ist, welches noch von den ledigen Jahren des Herrn Rath abstammt, aber wo er auch mit seinen Sohnen arbeitet. Ich bat mir einen kleinen Nahtisch von Papa Ittens Arbeit aus. Ernst wollte es allein machen. Nein, sagte ich, er solle nur die Fusse drechseln, Papa die Platte machen und Heinrich solle es lakiren. Das war allen Recht. Cleberg sagte zu Ernst Itten: "Sie sollen nicht umsonst in meinem Hause sein, sondern mir drechseln lehren und die Zimmer in unserm Gartenhause meiner Salie, wollen wir, mit Herrn Ernst, selbst recht schon mahlen."

Nun kam das Schlaf- und Arbeitszimmer der beyden grossen Sohne. Die haben auch alles abgetheilt, jeder ein Fenster in Besitz, und eigenen Schreibtisch, Buchergestell, Schrank und Betten so ordentlich, so rein und alles alles so ausserst einfach. Lieber "Ernst, sagte Heinrich, bald horst Du mich nicht mehr schnarchen;" "und Du mich nicht mehr im Schlafe reden." "Ach, wie gern horte ich Dich!" antwortete Heinrich

Die Mutter nahm diesen bey der Hand: "Wilst Du nicht den guten Reinhold, au Ernsts Platz, in Deine Stube nehmen?" Der Junge hupfte an Heinrich hinauf. "Nimm mich doch, lieber Bruder; sieh! ich werde auch gross." Da stellte er sich ganz gerade vor ihn.

"Ja, mein Reine, Du alleine sollst mich Ernsten vergessen machen." und kusste ihn da. "Ernst! rief der Kleine, da krieg ich Deinen Schreibtisch und deinen Stuhl und Bett auch. Dann will ich Heinrichen sagen: Da sass Ernst, der gute Bruder, als er mir schreiben lehrte; in jenem Winkel stand ich, wie er mir von Pappendekel Vierecke und Achtecke und Dreyecke machte, und ich ganz geschwind einen runden Ring mit dem Rotel musste zeichnen lernen." "Lieber Schwatzer, sagte Ernst, ich kann Dir den Schreibtisch und Stuhl nicht lassen; der Papa hat beyde selbst gemacht. Du hast einen von ihm, und wirst alle Tage noch viel von seiner Arbeit sehen; ich nehme den mit."

"Du hast Recht, Ernst! Du must es mitnehmen und den Papa immer ehren, auf dass dirs wohlgehe und Du lange lebest auf Erden." O, Mariane! wie herrlich ist das gewesen.

"Aber," sagte die kleine Mariane, "da solltest Du wohl auch Dein Bett nehmen, woran die Mama und die Schwestern arbeiteten; sonst vergiessest Du diese."

"Ach, gewiss nicht! sie werden in meinem Herzen bleiben, wo ich auch immer seyn werde."

Wie viel Wahrheit und Treue ist in dieser Familie!

Jetzt ging es die Stiege zur Seite hinab, wo wir in das Stubchen kamen, in dem Frau Itten, bey dem Leben ihrer Schwiegermutter wohnte. Es war noch getafelt, runde Scheiben in den Fenstern. Aufziehladen und der Ofen von Topferarbeit, mit schwarzer Glasur. An der Decke liefen die Balken ganz frey uber, waren aber geweisst. Ein klein Kammerchen stiess daran, und eine Kuche, die nun Waschkuche ist; wie das Stubchen Obstdarre und Bugelplatz, das Kammerchen aber Milchstubchen ist. Durch diese Waschkuche geht ein Gang in des Webers Haus, wo es sehr ordentlich aussieht, und der Weber ein sehr geschickter Mensch, wie seine Zwillings-Schwester ein recht gutes vernunftiges Madchen ihres Standes ist. Die Ittensche Magd schlaft auch in diesem Nebenhause, das nichts als eine Thure in die Nebenstrasse hat, die vergitterte Fenster aber gehn alle in den Ittenschen Garten Sie webten Beyde, als wir in die Stube kamen; er, schone glatte Leinwand sie, wurklich recht artig gestreifte Handtucher. Wir gingen durch den Hof in den Garten. Die Kuhe sind sehr schon und der Stall so reinlich wie meine Zimmer. Einige Huhner liefen im Hofe, die einen vergitterten Stall haben, der in einer Ecke bey dem Kuhstand angebracht ist, wodurch sie im Winter Warme haben. Im grossen Gemusgarten ist alles in Betten eingetheilt fur Mutter, Tochter und Magd. Da ist alles so zierlich gepflanzt in gerade, quere, lange oder schief laufende Streifen, viereckigte Betten, oder fur jede Gattung, die sie pflanzten, ein langes schmales; denn sie wechseln immer mit den Arten in ihren Stucken, um jeden angewiesenen Theil von Salz, Oel und Saft, der im nehmlichen Erdreich jeder Pflanze bestimmt ist, mit Klugheit zu nutzen. Das Obst, so auf den Zwergbaumen an der Mauer dieser abge theilten Stucke wachst, steht in der Willkuhr derjenigen, die den Gemustheil anbaut; das kann sie roh essen, durren, kochen, wie sie will, auch verkaufen; so auch die Blumenstocke, welche am Fusse jedes Theils auf einem kleinen Gelander stehen. Die ubrigen Zwerch- und hochstammigen Baume sind unter den Befehlen und der Arbeit des Vaters und der Sohne. Durch den gekauften Garten haben sie so viel Nussbaume erhalten, dass sie Salat- und Brennol davon bekommen, mehr als sie und ihr Weber brauchen. Denn dieser bekommt von Allem, was ihnen wachst, so viel, dass er nichts zu kaufen braucht; und immer den halben Lohn der Arbeit dabey, wie auch eine gewisse Zahl starkes Garn fur ihr Weisszeug. Dagegen verkauft auch die Weberinn das ubrige Obst, Gemus, Milch u.s.w. Doch diesen gekauften Garten geht auch ein Fahrweg gerad an das Thor, wo sie dann all ihr Holz, Heu und Korn, ohne Gerausch und Aufsehen, in die Stadt bringen und an recht fruhem Morgen zu ihrem Pachtbauer spazieren gehen, zu dem sie alle Jahr zweymal ihr Essen hin schicken, und da mit dem ehrlichen Ackermann, seiner Frau und Kindern, Knecht und Magd, einen grossen Kalbsbraten, eine Milchsuppe und guten Kuchen essen. Herr Itten hat wohl mit seinen Sohnen einige Tage da gewohnt, mit dem Bauer gearbeitet, und sich wie dieser, von Haberbrey und Erdapfeln genahrt. Der aussere Garten hat Klee, Erdapfel, und Rubenpflanzen, alles zum Besten der Kuhe. Wie ordentlich diese Garten sind, wie schon Alles steht! Ach, ich lebe schon im vierten Jahr hier, und wusste kein Wort von dieser Familie! Der Bleichplatz ist im Hof uber weissen Steinen Frau Itten hatte gelesen, dass so alles viel geschwinder bleiche, weil die Sonnenstrahlen auf den weissen Steinen starker wiederprallen; und sie fand die Probe wahr.

Mein so galanter Eleberg, der so viel auf verfeinerten Geschmack halt, konnte sich nicht enthalten, die Kinder glucklich zu schatzen, dass sie von diesen Eltern erzogen worden. Er sagte zugleich: "Ich will auch Ihr Sohn seyn, ehrwurdige Frau Itten! wie viel Ehre machen Sie Gott und der Menschheit."

"Und ich will von Ihnen lernen, eine gute Hauswirthin und treue Mutter zu seyn," sagte ich, mit ruhrender Stimme und wollte ihre Hand kussen; aber sie litt es nicht sondern kusste mich, und weinte dabey, aber aus zartlicher Empfindung.

"Sie sind die erste fremde Person, die ich in meine Arme schliesse; denn ich habe, ausser meinen Geschwistern, Mann, und Kindern, noch Niemand gekusst. Und wenn ich fur Sie, wie Sie sagen, ein anziehendes Beyspiel hauslicher und mutterlicher Pflichten bin, so sind Sie mir das einzige Model einer gesellschaftlichen Freundinn fur meine Tochter, deren Unschuld und Reinigkeit der Sitten ich ohne Sorgen und Gefahr in Ihrer Bekanntschaft sehe."

Ich kusste die guten Madchen nach der Reihe, als meine liebe Schwestern. Wie herzlich war der Druck ihrer Hande dagegen, und wie sanft der Kuss, den sie mir gaben! Cleberg sagt, es sey eine wahrhaft jungfrauliche Bewegung ihrer Lippen gewesen, und meine, die eines edlen, zartlichen Weibs, so die Liebe kennt. Ich war etwas bos auf ihn daruber; hatt ich nicht Recht? denn das ist so Etwas von der Seite die ich nicht ganz an Clebergen liebe. Aber er erinnerte sich so edel der Wollinge und van Guden bey den Ittens, dass ich uber dies hinsah. Als wir fortgingen, drang sich Herr Itten zu mir und bot mir den Arm; ich nahm ihn, nachdem ich seine Frau umarmt hatte.

"Gott segne Sie und Ihren Gemahl tausendmal, dass sie meine Frau und Kinder so gutig behandeln. Beyde dauerten mich schon lange, aber ich wollte meine Frau, durch vollkommne Freyheit in all ihren Handlungen, fur erlittene Plage und ihre ubende Tugend belohnen. Aber es wird ihr doch gut thun, mit einer so sehr lieben fremden Frau in Freundschaft zu stehen. Und meine Tochter, ach, fur die klopft mein Herz vor Freude! Es sind gute, gute Kinder; meinen Ernst werden Sie auch so finden."

Wie glucklich war unser ubriger Tag, und ich, da ich Ihnen noch schreibe! denn Ernst Itten ist mit meinem Mann, Herrn Otte und Linke spazieren gegangen, und kommenden Montag schlaft er in meinem Hause. Linke ass bey uns zu Mittage und wurde entzuckt uber Alles, was Cleberg erzahlte. Er will nun die Freundschaft des Bruders gewinnen, und ist vollig entschlossen, eine Ittensche Tochter zu heyrathen. Sie darf aber noch lange nicht wissen, dass sie einen Freyer hat, bis er auch sicher ist, dass er ihr gefallt. Hannchen Itten soll kunftigen Sommer mit mir auf dem Lande wohnen. Linke soll einen Schafer spielen, sagt Cleberg. Adieu, Sie Liebe, auch Einzige.

Ein und neunzigster Brief

Rosalia an Mariane.

Hier ist noch ein Brief voll Ittens, so wie einst einige voll Henrietten von Essen, Madame S**, Julie, Otte, und noch mehr der van Guden und der Wollinge voll waren. Aber was soll ich Ihnen schreiben, wenn es nicht von den Gefuhlen meiner Seele ist? denn alle Gegenstande des Nachdenkens, Durchforschens und Wissens sind Ihnen schon bekannt oder liegen so reichhaltig in Ihren Buchern, dass vielleicht selbst ein mannlicher Geist Ihnen nichts Neues daruber sagen konnte. Sie versicherten mich an einem der glucklichen Tage, die ich den letzten Herbst mit Ihnen verlebte, dass die Art, wie ich Menschen und Sachen betrachtete und beschriebe, so eigen sey und Ihnen so sehr gefalle, dass ich immer fortfahren sollte, Ihnen von der Menschen- und Gotteswelt, die in meinen Gesichts-Kreis kame, Original-Gemalde von meiner Hand zu schicken. Das hab ich immer mit vielem Vergnugen gethan. Denn, gute, angenehme Eindrucke noch einmal zu fuhlen, und zugleich meiner Mariane St** einen kleinen Zeitvertreib damit zu machen; etwas fur die beste, edelste Freundinn zu thun, und zu seyn: ach wie viel reines, grosses Gluck geniesse ich darinn! Lassen Sie es mir, so lang es seyn kan; es wird wohl eine Zeit kommen, da meine Briefe nicht mehr so gross werden konnen, als ich sie machen wollte.

Gestern hatte ich grosse Gesellschaft. Frau G** und Julie waren auch dabey, und fruher als die Andern gekommen. Da erzahlte ich ihnen etwas von dem, was ich bey Frau Itten gesehen, und las ihnen die Abschrift meiner Briefe an Sie.

"Alles das ist herrlich und schatzbar, sagte Frau G**; aber Weibchen! das sollst Du mir nicht ohne Unterschied vor allen Manner erzahlen. Vor Weibern wohl, denn wir nehmen von Tugenden, wie von Kappen und Bandern, nur das, was zu unsrer eigenen Freude taugt. Aber da konnt es reiche Geizteufel, oder andre Haustyrannen von Mannern geben, die heim gingen, und ihre Weiber und Tochter in die hesslichen Nester verbannten, wo die armen Geschopfe schon ohne das ihr Leben meist mit ihnen zubringen mussen; sie aber spazierten doch, wie der Rath Schlafhaube da, alle Tage nach ihrem Kaffeehause, hatten ihre Freyheit und ihr Spasschen, wahrend die arme Frau bey ihrem schnurrenden Spinnrad ihren murr- und stuzkopfigten Herrn geduldig erwarten musste. Lasst mir Euren Cleberg und Otten aus dem Hause; er steckt brennbares Zeug in ihnen, das nur auf diese Gattung Funken wartete, und Ihr wurdet euch wundern, was das fur eine spruhende Flamme gabe."

O, Madame G**, was fur hassliche Arbeit machen Sie da aus meinem so schonen Bilde! Julie, haben Sie auch so was gedacht?

"Ganz und gar nicht! Es dunkt mich, dass die Familie sehr glucklich und nachahmungswurdig ist."

"Was doch die guten Tugend; Schwarmer und Schwarmerinnen abgeschmakt seyn konnen! Ich schatze gewiss diese Frau nicht weniger als Ihr. Sie that das Beste und Edelste, was Sie nach ihren Umstanden thun konnte. Rosalia Cleberg; und Julchen Otte sind in andern Verhaltnissen, haben andres Schicksal, und sollen auch anders thun; denn, mit ahnlichen Gesinnungen und Wesen, hatten sie dem guten Ernst nicht aus dem engen Gangelbande, und Hannchen nicht aus dem Keficht geholfen. Wir wollen der Vorsicht nachahmen; Verschiedenheit herrscht bey ihr in Allem, und ein jedes kann vollkommen seyn. Rosalia konnte die Nachahmungssucht niemals leiden und ich glaube, sie mochte nun gar gern eine schon geschnitzelte Bettlade, und Vorhange mit Franzen darum haben, um gleich am lieben Morgen, mit einem ehrwurdigen Gesicht heraus zu gucken. Aber denken Sie doch, ob Ittens Schlafmutze zu dem ganz und gar neumodischen Geniegesicht Ihres Clebergs taugte? Gewiss eben so wenig, als Frau Ittens Dormeuse zu Ihrem Stutznaschen! Ehren Sie und lieben Sie die Leute, so viel Sie wollen; aber ahmen Sie nichts nach, als die Krankenstube, denn das ist in der That recht gut. Es ware ewig schade, an Ihrem schonen Hausplane was abzuandern. Unnothige Possen und Tandelausgaben machen Sie ja so nicht; und da Ihnen die Vorsicht Vermogen gab, arme arbeitsame Hande zu beschaftigen und zu bezahlen, so fahren Sie auf Ihrem Wege fort. Frau Itten mag nun anfangen, fur ihre Enkelgen zu spinnen, denn ich sehe schon ihr Hannchen an Linkens Seite ins Brautbett wandeln. Eins will ich aber doch auch helfen ins Gewerbe des Denkens bringen: dass Madchen und Mutter sich gar sehr betrugen, wenn sie glauben, dass viele Bekanntschaften und Putz, um so fruher Manner schaffen."

"Mir kommt auch ganz glaubwurdig vor," sagte meine sanfte Julie, "dass, wenn hie und da beym Bekanntwerden des jungen Herrn Itten, mit vieler Achtung von seiner Erziehung und dem ruhmlichen Fleisse seiner Frau Mutter und Schwestern gesprochen wurde, die Neugierde rege gemacht, und dann Stuckweis etwas erzahlt werden sollte. Besonders wenn man sich, nach Kenntniss der Umstande, die Zuhorer aussuchte, konnte Gutes geschaft werden, das freylich wenn man das Ganze hort, gerade durch die Vollkommenheit, so darin liegt, der Eigenliebe Andrer etwas hart auffallt."

"Ist hier nicht ein Stuck Ihrer van Guden wohl angebracht?" fragte Frau G**. "Denn schrieb nicht diese einmal: Grosses, ungewohntes Gute, ohne Vorsicht dargestelt, schadet oft bey Menschen, die an Vorurtheilen haften. Sie sehen doch auch, Liebe!" fuhr sie fort, "dass die schonen Sachen, die Sie uns mittheilen, nicht verloren sind; nur mit dem Unterschied, dass Julie sie in der That anwendet, und ich die Worte recht sauberlich im Gedachtniss behalte."

Nun kamen die Uebrigen zusammen, und diese Unterredung wurde abgebrochen; hatte aber auf mich einen zu tiefen Eindruck gemacht, um eine Sylbe vergessen zu haben. Ich hatte in meinem Herzen Frau G** rauh und unempfindlich gescholten, weil sie mir meine innige Freude des Mittheilens dieser Familiengeschichte, gleichsam verdorben hatte. Aber ich fand nachdem doch, dass ihr Urtheil ganz richtig ist. Und zudem hat sie den Anlass gegeben, dass die so fein fuhlende Julie Orte, durch diese Muhe welche sie nahm, meine gerizte Empfindsamkeit zu trosten, und doch der Frau G** nicht ganz Unrecht zu geben, auf den wahren und herrlichen Vorschlag kam, den sie that. Ach, es ist immer wahr, ich bin zu eifrig bey dem Guten, und wie mir Frau G** einmal sagte, ich suche das Erdreich nicht sorgfaltig genug aus, auf welches ich saen wollte. Hab ich mich aber nicht darin gut gemacht, dass ich so gern den Beweiss eines Unrechts erkenne?

Dienstags fruh

Schrieb ich nicht letzthin, dass meine Briefe nicht mehr so lang werden konten, als ich wollte? Sehen Sie, Liebe! am verwichnen Donnerstag fing ich an, und wurde funf Tage gehindert ihn zu endigen. Aber dafur hab ich ausgesuchte Stunden genossen. Cleberg und Otte kamen von ihrem Spaziergange mit Ernst Itten so zufrieden zuruck, dass mein Mann in einen grossen Eifer gerieth, den jungen Mann bald eigen zu haben. Ich war also den Freytag und Sonnabend beschaftigt, sein Zimmer zurecht zu wachen, dass er Montags fruh dasselbe beziehen konnte. Sein, von seinem Vater verfertigter Schreibetisch und Stuhl wurden gebracht, wie auch ein Koffer, mit seinem Weisszeug und Kleidern, welches, wie er mir sagte, seine Schwestern gern hatten auspacken wollen, aber die Mama habe es nicht erlaubt. "Es war mir leid; denn meine Schwestern lieben mich, und sie sagten, nun wurden sie so nicht mehr die Freude haben fur mich zu sorgen; sie wunschten nur, in dem fremden Hause, mir alles so zurechte zu machen, wie ich gewohnt sey und dabey auch meinen neuen Aufenthalt zu sehen. Die Mama glaubte, es ware Unbescheidenheit, dass vier Madchen so in Ihr Haus kamen; denn es wurde doch jede betruben, die zuruck bleiben sollte. Ey! sagten sie alle, die Frau Residentin ist aber so voll Gute, und hat sie nun in den zwey Besuchen selbst Mama geheissen, und uns alle so freundlich eingeladen."

"Das ist wahr, liebe Kinder! Aber wir mussen diese Gute um so weniger missbrauchen."

"Das erkannten die guten Madchen auch, und genugten sich also, mir meinen Koffer zu packen. Jede legte, mit Thranen der Freude und Wehmuth das zurecht, was sie fur mich gearbeitet hatte, denn ich bekam diese vierzehn Tage uber noch Manches aus der Vorrathskammer meiner guten Mutter, und wenn der Segen, den sie mir dabey gab, auf mein Wohlverhalten wurkt," sagte der edle Jungling, indem er meine Hand nahm und kusste, "so werde ich Ihre und Ihres Gemahls Gute immer verdienen."

Ich dachte da auf ein Mittel, den guten Madchen ihren so billigen Wunsch zu erfullen, und glucklicherweise gab ein Tadel meines Mannes den Anlass dazu. Er ging in Ittens Zimmer, fand alles gut, nur die weissen Vorhange waren zu kurz; ob ich diesem Fehler nicht noch abhelfen konnte, indem ich andre aufmachte? das konnt ich nicht, weil ich fur den obern Stock noch nicht doppelte Vorhange habe, aber durch Falbala konnt ich sie verlangern. Die waren aber auch noch nicht gemacht, und wer garnirte mir in einem Nachmittage sechs Vorhange! Aber, wenn ich nun zu Mama Itten ginge, und sie bate, mir ihre vier Tochter zu diesem Freundschaftsdienst auf den Nachmittag zu erlauben? Ich mass die Weite und Lange, schnitt die Falbala zurecht, legte sie nett zusammen und auf jeden Theil eine Portion Zwirn und die Schnur zum Aufnahen der Falten, stellte vier Stuhle in meinem Wohnzimmer in eine Reihe legte auf jeden eine Falbala, auf den funften aber, der mein war, zwey, sagte niemand nichts und als Cleberg mit Itten, nach dem Mittagsessen, in den Hof und kleinen Hausgarten ging, die Kutschenremise, und die Pferde besah, eilte ich in meinem Hauskleide zu Mama Itten, bat sie um die hulfreiche Hand meiner jungen Freundinn und fuhrte die lieben Madchen alle viere zugleich uber die Strasse in mein Haus. Die gute Frau willigte so gern in meine Bitte, freute sich, dass sie mir einen Dienst erweisen konne, und dass die Geschicklichkeit der Nadelarbeit ihrer Tochter der erste Anlass zu einem Ausflug von dem vaterlichen Hause ware. Dann gefiel es ihr auch, dass ihre Kinder mit mir gingen und also alle Nachbarn sahen, dass ich sie selbst abgeholt hatte, und das ihnen guten Kindern Ehre machte. Ich musste erlauben, dass sie ihre gut genahten Kleider anzogen; sie wollten geschwind fertig seyn, sagten sie. Ach, wie bupften die guten Geschopfe so freudig nach ihrer Kammer, und gewiss waren sie bald fertig. Auch ihre selbstgekloppelten Spitzenhauben, die sie aufsetzten, nahmen ihnen nicht viel Zeit weg, denn sie sind nur nach Art franzosischer runden Schlafhaubchen gemacht, die ganz plat ins Gesicht gehen und breite Bander umgebunden haben. Sie sahen alle recht lieblich aus, und ich wurde mich uber diese Reihe Schwestern gefreut haben, wenn sie mein gewesen waren, so wie sie mich als Nachbarinnen freuten. Ich nahm die zwey Jungern jede an eine Hand und ging an den Thorweg. Die Mutter folgte die Stiege herunter, schweigend und weinend, mit den zwey Aeltern. "Adieu, Mama!" sagt ich, "heut Abend bring ich meine Schwestern wieder; Wir wollen recht brav und fleissig seyn." Sie konnte nichts sagen, als: "Gott segne Euren Ausgang! grusst doch den Ernst."

Meine Magd hatte an dem Fenster der Gesimstube auf mich gewartet, die Hausthur war also gleich offen, wie wir kamen. Ich verbot, meinem Manne und Herrn Itten etwas zu sagen, und zog mit meinen artigen, schuchternen Madchen, in mein Zimmer. In der That waren sie alle bebend und schlossen sich an mich, wie junge Kuchelgen, die von den Flugeln der Mutter weg sind, etwas Kalte fuhlen, und sich an eine andre, freundliche Henne anschmiegen wollen. Sie getrauten sich nicht recht umzuschauen, ungeachtet Neugierde nach dem Aussehen meines Hauses, mit der Freude ihres erfullten Wunsches, in ihren Gesichtern war. Ich umarmte Alle, und hiess sie willkommen in meinem Hause, und setzte hinzu, ich hoffte sie ofter zu sehen.

"Wie gutig sind Sie! ach, das ware glucklich! unser guter Ernst hat uns immer schone Tage gemacht." Das sagten sie so in der holden Verwirrung gemeinschaftlichen Vergnugens. Hannchen sah dann die Stuhle. "Ist dies unsre Arbeit, Frau Residentin?" "Ja, meine Lieben! wollen wir anfangen?" und ich nahm meinen zugeschnittenen Theil. Wie schon war die liebreiche Eile, die sie bezeigten, als jede ihre Zwirnfaden, die ich nur vom Strange geschnitten hatte, um ihren artigen Hals hing, die Leinwand in einer Hand hielt und mit der andern Nadelbuchsgen und Fingerhut suchte; dann sich setzte, und mit so viel Anstand, und Artigkeit sie insgesamt sich fertig machten ihre Aufgabe zu nahen, wie die guten, zum gehorsamen Ton gewohnte Stimmen, mich fragten, wie breit die Saume seyn sollten; und als ich antwortete, ich hatte den Anfang dazu schon gelegt, wie sie da nachsuchten! ach, Mariane! es war recht viel susses Andenken meiner wohlverlebten, bluhenden Jahren, in alle dem fur mich! Nun nahten sie alle eifrig, und spannten den Saum uber ihre Finger. Das war ungemachlich, und halt sehr im geschwinden Nahen auf. Da sagt ich: Wartet, Kinder! dem will ich abhelfen, und stand auf, ging in mein Nebenzimmer und hohlte da ein klein, rund Tischgen, nahm ein Kussen von einem Lehnstuhl und band dies auf dem Tischgen fest. Dann mussten sie sich da umher setzen und jede konnte ihre Arbeit anheften. Dieser Einfall machte den lieben Madchen Freude, und so nah um mich sitzend, wurden sie trauter und schwazten recht artig mit mir von allerley Arbeiten, nur, wenn sie was gehen oder eine Thur auf- und zumachen horten, da stuzten sie und wurden etwas roth und unruhig, weil sie naturlicherweise nichts als fremde Gesichter erwarteten, von deren guten oder bosen Gesinnungen sie nichts wussten. Als wir nun so recht im Eifer waren, in die Wette zu arbeiten und ich ihnen mit Fleiss zeigte, dass ich auch einen hohen Werth auf eine geschickte Hand legte, welches ihnen sehr gefiel, weil es den Preis der Ihrige bezeichnete: Da trappelte es stark im Nebenzimmer. Sie zuckten sich zusammen, und es fehlte wenig, so hatten sie sich auch wie schuchterne Taubchen geduckt. Als die Thur aufgemacht wurde, und Cleberg mit ihrem Bruder herein trat, eh eine von ihnen aufsah, waren sie aus Verlegenheit schon roth und blass geworden; aber ein Ausruf ihres Bruders: "O, meine Schwestern!" und dann der, von Cleberg, "wie schon ist das meine lieben, lieben Nachbarinnen!" brachte sie gleich in Ruhe und zum Ausdruck der reinsten Herzensfreunde, mit ihrem Bruder und Freunden zu seyn. die zwey artigen jungen Manner gingen rings um unser Tischgen, betrachteten es, und die jungen Frauenzimmer hatten nun Muth genug zu sprechen und zu erzahlen, dass dieses Nahkussen von meiner Erfindung sey; dass ich sie selbst geholt hatte und so weiter. Itten war entzuckt, das sah ich, und Cleberg ging nach einigem Scherzen von uns. Eine Viertelstunde nachher kamen Otto und Linke, staunten auch an der Thur uber den Anblick, kamen aber mit ihrer gewohnlichen ehrerbietigen Miene zu mir, machten den Frauenzimmern eine Verbeugung, die sie mit dem liebenswurdigsten Anstande, aber vielem Errothen erwiederten. Linke umarmte Itten, als ich ihnen die Frauenzimmer genannt hatte, und wunschte ihm Gluck, ihr Bruder zu seyn. Hannchen senkte da ihren Kopf tiefer gegen ihre Arbeit und sah eifriger darauf als vorher, hingegen Linke, auch mehr auf sie, als ihre Schwestern. Die drey Manner stellten sich dann in eine Ecke des Zimmers, wo Itten mit uberfliessender Dankbarkeit von mir, und Liebe von seinen Schwestern sprach. Aber, eh wir es uns versahen. kam Cleberg, machte beyde Flugel der Thure auf, und hatte Herrn und Frau Itten an den Handen. "Da sehen Sie, was meine Frau mit Ihren Tochtern macht." Ach, was Freude bey Vater, Mutter und Kinder! Der Sohn Heinrich und auch Reinhold kamen nach. Cleberg bemerkte dass Frau Itten sorgsam nach Ott und Linke sahe. Da nahm er diese Beyden und sagte: "Herr Rath! Frau Rathin! dieses sind meine verdienstvollen, werthen Freunde, Otte, und Linke, die auch Freunde meines jungen Herrn Itten sind, und sich gewiss freuen, durch mich eine der schazbarsten Familien unsrer Stadt kennen zu lernen;" und zu diesen sagte er: "Dies sind die vortrefflichen Eltern und Kinder Itten, die bisher, wie ein durch ihren Anherrn vergrabner Schatz, in dem alten Familienhaufe wohnten, bis mir der Himmel das Gluck schenkte, sie zu entdecken." Frau Itten dankte durch eine Verbeugung; aber es freute sie, dass mit so viel Achtung von ihnen Allen gesprochen wurde, und er sagte, dass er die beyden Herren auf dem Kaffeehause hatte kennen lernen und sie immer sehr hoflich gegen ihn gewesen waren. Cleberg nahm mich dann bey Seite: "Salie! ich habe heute fruh meinen erpressen Bothen vom Oheim zuruck bekommen. Ernst wird in zwey Jahren Unteramtmann zu Langensee, und Heinrich kommt ins Stipendium. Ich will Alle beym Nachtessen haben, und Deine Kochin weiss schon was; rede nun noch das Uebrige mit ihr ab. Bey den Ittens durfen wir so nichts Kostbares haben."

Der liebe, rasche Mann hatte mich bald fur Freude krank gemacht. Er war mir so werth, dass er die Sache der Itten so betrieben und ausgefuhrt hatte. Da mussten nun die Eltern an unsere Redlichkeit glauben; Denn einsame Menschen, die sich aus Schmerz und Mangel abgesondert haben, sind gegen die Versprechen der Glucklichen so misstrauisch, und dann hatte ich auch gefurchtet, dass Clebergs Eifer erkalten mochte, und dass er mit dem Stipendio zu viel gesprochen hatte. Das war nun alles wie es mein Herz wunschen konnte. Ich ging durch eine Seitenthure zu meiner Kochin, ordnete noch alles an, gab Weisszeug und etwas Confect her, und kam wieder, da die guten Madchen schon meine Arbeit genommen hatten und fertig machten, indem die Aeltere ausserordentlich geschwind nahet. Wir kamen mir Falten und Allem noch zurecht, und Cleberg, der die Herren alle in einem Nebenzimmer unterhielt, hatte mit ihnen vielen Spass. Als ich nun oben in Ittens Zimmer die Falbala an die Vorhange zu nahen, mit meinen artigen Arbeiterinnen aus meinem Zimmer daher zog; ich, mit einem Licht voran, und eine Falbala am Arm; dann Hannchen Itten mit ihrer Arbeit; Caroline, die wieder ein Licht hatte, Dorchen keins, aber Marie wieder. Wir hatten uns zusammen beredt, dass Keine von uns nach den Mannsleuten sehen und wir unsern Gang ganz gerade nach Ittens Zimmer nehmen wollten. Das geschah auch, und unsere Mama musste auch uber unsern Ernst lachen. Sie liessen uns ziehen: aber, als wir nun oben Jede an einem Vorhange sassen, die ich nicht abgenommen hatte, und immer Zwey an einem Fenster und bey einem Lichte geschaftig nahten, kamen die Manner mit Cleberg und der Mama nach, hatten Alle an der drolligen Art dieser Arbeit eine Freude und wollten endlich uns auch helfen. Weil es wieder mit dem Anheften beschwerlich ging, so boten sie sich zum Halten an. Ernst Itten kam so bescheiden zu mir, dass ich ihm gleich anwies, wie er den Vorhang halten sollte. Hannchen war neben mir am nehmlichen Fenster, und Linke bat sie, in einem ehrerbietigen Ton, ihm zu erlauben, ihr zu helfen. Die Einwilligung, die sie mit einem Anmuthsvollen Nikken ihres schonen Kopfes gab, war sehr reitzend. Sie sah Linken nicht an, er hingegen blickte voll Gluck und Liebe nach ihr hin. Cleberg und Otte hatten sich zu Caroline und Dorchen gesetzt, und die kleine muntre Marie hatte ihre Mutter, und ihre zwey jungern Bruder zu Gehulfen bekommen. Der gute Vater Itten ging von einem Fenster zum andern und spasste uber unsre sonderbare Nahtherey. Als wir nun, abgeredter massen, einander zuriefen, ob wir fertig waren, denn es durfte Keine vor der Andern aufstehen, da fehlte es noch bey Marien, die im innern Zimmerchen war; und Hannchen bat mich um Erlaubniss, ihr zu helfen. Ich liess sie gehen. Sie machte Linken ein so artig Compliment fur seine Muhe. dass er aus Vergnugen daruber, und tausend andern Gefuhlen, nicht halb so klug aussah, als Hannchen. Cleberg bat dann den Vater, die Mutter und zwey altere Sohne, mit ihm zu kommen, wo er ihnen dann die furstlichen Dekrete zustelte und sie bat, mit ihrer Familie bey uns die Abendsuppe zu essen, aber ja keinen Dank oder sonst etwas davon zu sagen; und als sie Alle so von Ausdrucken der Bewunderung und Freude uberflossen, verliess er sie, weil er die gute Julie Otte holen wollte um mit ihrem Mann bey uns zu seyn. Was war das fur ein seliger Abend! wie theuer, wie werth war mir mein Mann! Er setzte sich bey Frau Itten und Mariechen; ich hatte den Vater und Reinholden zu mir genommen, Julie sass zwischen Ernst und Heinrich; Ott und Linke besorgten Hannchen und Caroline; Dorchen und die Jungste waren auch bey Cleberg. Der Vater weidete sich an der zufriedenen Miene seiner Kinder, und die Mutter sah, bald sorglich, bald frohlich, auf sie umher, betrachtete aber auch mein Tischzeug, die Speisen, mein Vorlegen; winkte bald der einen, bald der andern Tochter mit den Augen, auf mich, oder Julien zu sehen. Und mit wie viel Mutterfreude und Liebe sah sie ihren Ernst und ihren Heinrich an! Sie und ihr Mann mussen sehr schon gewesen seyn. Aber man kann von ihr doch sagen, das salzige Thranen ihre Wangen verzehrt haben; denn sie ist sehr hager und blass. Alle gingen glucklich nach Haus, und Ernst, der sie heim begleitete kam mit Segen fur ihn und uns zuruck.

Zwey und neunzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Mein Oheim ist mit Clebergen, wegen dessen, was er ihm von den Ittens schrieb, und fur sie zu thun wunschte, ausserordentlich zufrieden, und dankt dem Himmel, dass er sich, in Beurtheilung seines Charakters, nicht betrogen habe; freut sich auch, dass unser Hof jetzo einen Minister hat, der sich nicht zu gross dunkt, eine Familiengeschichte anzuhoren, die, ob sie schon nur den kleinen Zirkel eines alten Privathauses betrift, dennoch der Menschheit Ehre macht.

"Unserm edlen Minister von H**," sagt mein Oheim, "der mit philosophischen Geiste Menschen und Staaten durchdenkt, nur Wahrheit und Natur wurklich schatzt und liebt, und bey dem das, was er an sich selbst am meisten achtet, nicht das Zufallige seiner adelichen Geburt und nicht die Ehrenstellen sind, die er bekleidet, sondern das, was er sich durch unermudeten Fleiss an Kenntnissen erwarb; und sein moralischer Charakter, den alle aufgeklarte und edel gesinnte Menschen ausserst in ihm verehren; der mit sanftem Eifer und stiller Grosse, Gutes zu wurken sucht und die erste Freude seiner Ministerstelle und seines Ansehens in dem Augenblick fuhlte, da er einem rechtschaffnen, mit grossen Fahigkeiten begabten, aber nicht genug bekannten Manne die beste Stelle verschafte, und seine zweyte Freude von dem Tag an zeichnet, wo der Unterricht der Jugend unter seiner Anordnung und Vorschrift sich grundete und glucklich fortgeht: Diesen Minister konnt ich, schreibt er, auf einem Spaziergange, wo er Einfalt, Schonheit und Gute der Natur mit so viel Einsicht und Empfindung bewunderte, mit einem fleissigen Bauer so liebreich sprach, am Ende des Lobes, welches er dem Ackersmanne und nach diesem allen Privattugenden gab, von der ausubenden Tugend meines Neffen und seiner Nachbarn reden; war sicher, dass ich mit Vergnugen angehort und in meinem Gesuch unterstutzt wurde. Ach, moge der vortrefliche Furst, den Gott uns gab, ja niemals Rathschlage horen, und ihm keine annehmlich vorgetragen werden, als die aus einer so reinen, Menschen und Gerechtigkeit liebenden Quelle kommen! Schreiben Sie ihrem neuen Neffen," sagte er mir, "dass er fortfahren soll, in Ihre Fussstapfen zu treten, und dass ich ihm viel mehr danken und ihn ehren werde, wenn er mir verborgenes Gute zu belohnen zeigt, als wenn er den Fehlern und Schwachheiten der armen Menschen nachspurte und sich dadurch ein Verdienst machen wollte."

Ist dieser Zug allein nicht hinreichend, Ihnen, meine Mariane die grosste Hochachtung fur unsern Minister einzuflossen! Aber niemals vergiebt er Fehler gegen die Rechtschaffenheit und Pflichten eines Amts; und das schatzt mein Oheim sehr.

Meine Liebe! wie sonderbar ist dies! vor zwey Tagen erhielt ich den Brief meines Oheims, aus welchem ich Ihnen heute fruh obige Auszuge machte; und diesen Abend kam er selbst, und kundigte mir und Cleberg an, dass wir mit ihm auf acht Tage nach der Residenzstadt unsers Fursten reisen mussten. Ach, wie ungern thu ich das! Frau G**, die mit uns zu Nacht speisste, macht mir noch dabey uber die Besuche bange, die ich bey dortigen adelichen Damen werde ablegen mussen. Die bose Frau verderbt mir damit meinen Schlaf, denn ich habe dies noch geschrieben eh Cleberg von dem Zimmer meines Oheims kam. Aber jetzt gute Nacht!

Und heute, nur eiligen guten Abend bis aufs Wiederkommen. Adieu sagte ich diesen Morgen auch ganz kurz. Ich musste meine zehn schone Putzsachen einpaken lassen, und nun fruh schlafen gehen, dass wir bey anbrechenden Tage auf dem Wege seyn konnen. Sie sollen bey meiner Zuruckkunft horen, ob ich eben so von unserm Minister denke, wie mein Oheim. Montags; gerade vierzehn Tage nach unserer Abreise, ganz ausgeruht und nachgedacht. Da bin ich wieder! mit neuen Ideen bereichert, im alten Guten bestarkt, und von Vorurtheilen befreyet, die man mir mitgegeben hatte.

Schoner kann beynah keine Lage seyn, als die Lage der Stadt C**, an dem Zusammenfluss zwey schiffreicher Strome, der R** und der M**. Weinberge auf einer, Kornfelder, Wiesen, Obst- und Nussbaume auf der andern Seite; die Festung an einem, die Stadt an dem andern Ufer; nahe und entfernte Geburge, und dann die reizende Flache, durch welche man, von dem Festungsberge, den R** hinfliessen sieht.

Ich habe unsern Fursten und Ihre Hoheit, Seine Prinzessinn Schwester, selbst gesehen und gesprochen. Wie viele Leutseligkeit und Herablassung wohnt neben Grosse der Geburt und Tugenden, in ihnen! Es geht mir auch, wie meinem Oheim. Moge doch ihnen Beyden nichts als reine Wahrheit, Treue, Verdienst und ehrerbietige Liebe sich nahern! weil, wie man sagt, die besten Fursten sehr oft von feinen, bosen und eigennutzigen Menschen umgeben sind, die ihre Gute missbrauchen.

Die zwey Damen der Furstinn sind sehr verehrungswurdig und vereinigen alle Eigenschaften in sich, die von rechtswegen Adeliche immer besitzen sollten, weil sie, nach der Ordnung der sittlichen Welt, die tagliche Gesellschaft der Fursten sind, und freymuthig mit ihnen sprechen konnen. O, wie innig heftete sich mein ganzes Herz an den edlen, starken Charakter, voll Klugheit und Gute, welcher die Hofdame von N d f, unschatzbar macht.

Cleberg ist von dem Minister ganz und gar eingenommen, nicht allein wegen der besondern Achtung welche er ihm bewiess, sondern wegen der vielen Wissenschaften, wegen seines Geschmacks an schonen Kunsten, und weil er sehr vergnugt schien, mit einem Menschen zu sprechen, der auch nutzlich gereist war, und Kenntniss und Freude bey seiner schonen Buchersammlung bezeigte. Bey dem Gegenbesuch den er bey meinem Mann und Oheim ablegte, sah ich ihn auch, voll Ernst und Wurde in seinem Bezeigen und seiner edeln Gestalt. Diese Wurde war auch in seiner Hoflichkeit gegen mich; sie begleitete seine Bescheidenheit, und jede Unterredung. Als er weg war, fragten mein Mann und Oheim mich, wie er mir gefallen hatte? Ich sprach in einem sehr lebhaften Ton der Verehrung von ihm. "Aber er ist ja gar nicht galant," sagte Cleberg, "und Du bist doch so ein schones junges Weib."

"Pfui!" sagt ich, "ein Mann, wie dieser, galante Sachen sagen! das ware ja argerlich. Ich mochte ihn gleich die Halfte seiner Verdienste berauben konnen, wenn er den Galanten machen wollte. Dies soll er den Kammerherren und Kammerjunkern uberlassen; so wie sie ihm Weisheit und Arbeit, Ruhm und Sorgen seines Platzes uberlassen mussen."

"Aber, wenn er nun nicht hoflich gegen Dich gewesen ware, was wurdest Du gesagt haben?" sprach mein Oheim.

"Ey. Hoflichkeit und das, was man galant nennt, ist weit verschieden. Ich habe an seinen Blicken bemerkt, dass er mich, auch so gar meiner eignen Person wegen, seiner Achtung wurdig hielt. Diese fluchtigen Blicke, in denen er den Kenner des Schonen und Artigen zeigte, ohne seine edle Kalte dabey zu verlieren, waren meiner feinen Eigenliebe viel schmeichelhafter, als wenn er mir schone Tandeleyen gesagt hatte, die, unter uns sey es bemerkt, noch keinem einzigen Menschen einen Funken Ruhm erwarben, und auch keinen besondern Aufwand von Geist erfordern; sonst wurdet Ihr Manner diesem Euren Talent schon langst einen Lorberkranz geflochten haben. Aber noch nie hab ich einen Mann von Gefuhl und Geist am Ende der Beschreibung des wahren mannlichen Verdiensts, wie Sie Beyde den Minister mir mahlten, in einem Ton der Verehrung sagen horen; er ist auch sehr galant bey Damen, weiss ihnen so gut, als irgend ein artiger Mensch, schone Sachen zu sagen. Wenn sie so was von diesem Manne wissen, so erzahlen Sie mir es ganz geschwind, damit ich meine Seele nicht zu sehr mit Verehrung uberlade. Es schadet mir zwar so nichts; er gehort in eine andre Welt, als ich, und da mag er galant seyn, so viel ihm gut dunkt."

Cleberg und mein Oheim lachten herzlich uber mich. "Aber Rosalia!" sagte mein Oheim, "Cleberg suchte doch auch artig um Dich zu seyn und schone Sachen zu sagen. Warum aussertest Du diesen Widerwillen nicht auch gegen ihn?"

"Ich weiss nicht mein Onkel, ob es edler Stolz seiner Seele, oder feine Kenntniss meines Charakters war, was ihn verhinderte, meine Achtung und meine Liebe mit dieser Alltagskunst zu gewinnen. Denn er sagte mir wenig, war auch mit Andern nicht galant, und das Wenige, so er nach langem Schweigen sagte, war ernsthaft, aber so ganz fur mich, fur mein Herz gesagt, dass er mich glucklich, und sich auf ewig beliebt machte."

Cleberg umarmte mich. "Meine liebe, sonderbare Rosalia! sieh ich will Dir was bekennen. Schon vier Jahr liebst Du mich; Du bist nun mein! Aber Deine Hochachtung fur meinen Charakter und meine Denkungsart, ist mir so werth, dass ich untrostlich ware, wenn ich diese Gesinnung in Deinem Kopf und Herzen vermindert sehen sollte. Denn unsre Veromdung soll in Nichts den Gang der Leute nehmen, die Du Alltagsleute nennst. Du bist kein Alltagsweib, und ich schmeichle mir, auch eine gleiche Ausnahme unter jungen Mannern zu verdienen; so wie ich sicher bin, immer susses, wahres Gluck des vernunftigen Mannes, in meinem Leben mit dir zu genussen, wenn auch schon diese reizenden Wangen welkend, Dein Auge matt und die schonen kastanienbraunen Haare silberfarb seyn werden. Lass mich nur immer der einzige Vorgezogne in Deiner Seele seyn. Ich kann auch keine Alltagsliebe, und Alltagshochachtung leiden."

Er wandte sich gegen meinen Oheim und fasste eine seiner Hande, wahrend er mich mit einem Arm umschlungen hielt. "O, mein Oheim! Ehrenstellen und Vermogen, die ich durch Sie erhalten habe, sind der geringste Theil meines Glucks. Aber Wahrheit und Starke Ihrer Seele, die Sie in Rosalien, neben weiblicher Feinheit des Gefuhls, und zartlicher Liebe pflanzen konnten, das, das macht mich selig."

Sagen Sie, liebe Mariane! war das nicht eine schone Stunde meines Lebens, die mir allein meine Reise nach C** auf ewig werth machen muss?

Ich machte bey allen Damen Besuche, und habe es gestern bey Mademoisell Bogen in zahlreicher Gesellschaft erzahlt. Alle, Alle haben mir auf das gutigste begegnet, mir meinen Besuch erwiedert; eben so, wie Frauenzimmer meines Standes mir viele Hoflichkeit und Begierde nach meiner langern Bekanntschaft zeigten. Da waren nun bey den Bogens einige Personen die mir sagten: "ja, das liesse sich von den Damen sagen, weil sie mich nicht lange gesehn hatten; denn sonst wurden sie mir auch die Geringschatzung haben fuhlen lassen, die sie gegen Leute der ubrigen Klassen hatten."

"Wir wollen billig seyn," sagte ich. "Wenn wir nun in einer Gesellschaft sind, wie diese hier, wurden wir es gerne haben, dass sich Leute von andern unter uns stehenden Klassen zu uns drangten? wurden wir nicht auch naher zusammen rucken, um unsre Platze unvermischt zu erhalten? Ich fur meinen Theil habe gar nichts gegen die eingefuhrte Rangordnung zu sagen, und bin aus Erfahrung uberzeugt, wenn man dem Adel seine gerechten Vorzuge lasst, und zeiget, dass man sie erkennt, und von ihm nicht mehr fordert, als uns gebuhret: so ist er gewiss auch gegen uns gesinnt, wie es Klugheit und Billigkeit wollen. Unser Spotten und Tadeln ihres Stolzes ist lacherlich und fliesst auch aus ubertriebnem Hochmuth. Naturlicher Weise fasst der Stand des Adels, so wenig als andre lauter verdienstvolle Personen in sich; aber ich kenne Viele? die in Wahrheit den Adel der Seele mit dem Adel ihres Namen vereinigen, und die ich mein ganzes Leben ausserst verehren werde."

Vielleicht, meine Mariane, hab ich zu lebhaft widersprochen. Aber ich kann nichts Unrechtes, und nichts niedertrachtig Hoffartiges leiden. Es ist in Wahrheit unbillig, wenn wir zu sehr auf den Ahnenstolz losziehen. Denn sagen Sie, ist nicht eine ganze Nation auf den Namen und Ruhm eines Mannes stolz, der in Wissenschaften oder grossen Thaten sich vorzuglich merkwurdig machte? Ist nicht die Privatfamilie stolz, in deren Schoos er erzeugt wurde? Nun so geht es denen, die seit Jahrhunderten den Namen eines ruhmwurdigen oder machtigen Mannes fuhren. Dass sie manchmal dieses Gefuhl ubertreiben, ist wahr und empfindlich; aber wann, in was, ist jemals eine Leidenschaft im Gleichmaasse geblieben? Hier, meine theure Freundinn! wieder ein Blatgen mehr, und einen Tag weiter. Wenn es so fortgeht, so muss ich Ihnen in Zukunft nur halbe Briefe schicken, oder alle Vierteljahr ein Tagebuch, und indessen nur dann und wann eine Zeile mit der Nachricht meines Wohlseyns; wie ich es mit der van Guden mache, bis ich ihr, nach unsrer Verabredung, immer von Zeit zu Zeit vier oder sechs von den Briefen mittheilen kann, die ich Ihnen schrieb und die Sie mir wieder leihen wollen.

Dieser hier, ist von Cleberg gelesen worden. Er kam freundlich, aber zu einer mir unverhoften Stunde, in mein Zimmer, fragte, an wen ich schriebe? Ich sagt es. Er bat mich, ihm etwas davon zu lesen; ich that es. Er schien zufrieden, hielt sich aber besonders bey dem Zuge auf wo von Alltagsleuten gesprochen wird. Ich fragte ihn da, ob es ihm Ernst gewesen, als er mich versicherte, dass ihm meine Hochachtung eben so werth sey, als die von Fremden oder von einem Manne? "ja meine Liebe! sie ist es mir in Allem, was edles und feines Gefuhl der Seele betrifft; weil Du von Allem, was menschliche Gesinnungen angeht, grosse und richtige Begriffe hast, und weil ich, in meiner Klasse, einer der besten Menschen seyn mochte, und Du, als die nachste Zeuginn meines Lebens, mich durch Beyfall belohnen, oder durch eine liebreiche Erinnerung auf dem edlen Weg erhalten kannst, den ich wandeln will."

Ich war geruhrt, erstaunt und glucklich, alles zugleich; nahm seine Hand, die eine der Meinigen hielt, druckte sie mit beyden Handen an meine Brust, sah mit Zartlichkeit ihn an: "Theurer Mann! Du heiligest den Werth, den, ich gesteh es Dir, meine Eigenliebe auf mein Herz und auf meinen Kopf gelegt hatte. Ich darf also Dich beobachten, Dir Freude zeigen, wenn ich Gedanken und Handlungen von Dir sehe, die den edlen, rechtschaffenen Mann bezeichnen, wenn ja Feuer des mannlichen Charakters in gewissen Anlassen Dich zu einer Heftigkeit fuhrte, die Deiner unwerth seyn konnte. Mein Cleberg hat also die kleine, niedrige Besorgniss nicht, dass feine beste Freundinn stolz werden, oder sich in Etwas uber ihn erheben mochte, wenn er ihr manchmal eine Bitte fur sein Wohl und seine Ruhe zugestunde."

"Salie! diese Besorgniss konnte nur ein Mann haben, dessen Seele durch Eitelkeit, und Eigendunkel so eingeschrankt und verblendet ware, zu glauben, dass er niemals fehlen konne; und dieser Mensch wurde auch von den grossten und weisesten Mann nichts annehmen. Ich will Dir aber auch weisen, dass mein Vertrauen in Deine Einsichten nicht ohne Granzen ist. Denn in Allem, was jemals Ausrichtung der Pflichten meines Amts betreffen kann, werd ich weder Dich, noch irgend ein andres Weib anhoren. Aber in Ansehung der Verhaltnisse mit andern Menschen und des Einflusses, den kleine Sachen haben konnen, da sollen mir Deine Vorstellungen und Vermuthungen willkommen seyn. Ich ware ja elend, wenn ich Misstrauen in die Absichten Deines Herzens setzen sollte; des Herzens, das mit all seiner Zartlichkeit sich mir eigen gab. Nein! ich will den schonen Stolz, der in Dir Achtung fodert, weil er Achtung verdient, nicht verletzen; und auch darinn niemals kein Alltagsehmann werden, dem lieben Geschopfe, das ich wahlte, und das, mit Vertrauen auf mein Herz, mein Eigenthum wurde, mit Geringschatzung zu begegnen, wenn ich nun so die Bluthe von Schonheit und Freude genossen haben wurde. das soll nicht seyn, meine Salie! und ich will auch von Dir immer verdienen, dass Du Alles, was ich an Dir liebte, und was mir mein Gluck versicherte, sorgfaltig erhalten und vervollkommnen sollst."

"Das will ich, bester Mann! Sage mir nur, was Dir angenehm ist."

"Noch Alles, in Allem," sagte er lachelnd, indem er mich vom Kopf bis zu den Fussen beschaute; und dann zu Otten ging, den er mit Julien zum Abendessen brachte. Dunkt es Sie nicht, dass auf diese Art das Gluck meines Lebens dauerhaft seyn wird? Ich will schon, recht schon auf kleine Sachen Achtung geben, nie keine rugen, die sich nur auf mich beziehen, nur mir empfindlich waren; sondern bloss, was Andre, und die Ruhe und den Ruhm von Clebergen angehen kann, keine von meinen Pflichten versaumen, und, wie mich die van Guden schon belehrte, immer in meinem Hause am liebenswurdigsten seyn.

Es freut mich, dass der Ton meines Hauses Fremden und Einheimischen gefallt, und dass man zufrieden ist, alle Nachmittage bey uns wohl aufgenommen zu seyn und gute Gesellschaft zu finden, ohne von mir eine angstliche Erwiederung der Besuche zu fodern. Die Ittenschen Tochter kommen nun wechselweis alle Tage Eine in mein Haus, arbeiten und essen bey mir; so wie auch die Tochter des Geheimenraths von E** und B**, lauter artige, tugendvolle Madchen. Mein Cleberg hat wurklich einen herrlichen Gedanken gefasst und will, auf meine Bitte, unter seinem Buchervorrath eine Auswahl machen und sie uns zum Lesen geben, so dass, wenn die Andern arbeiten, Eine von ihnen liest; und ich junge Sibylle, sagt er, solle dann, nach meinem Mehrwissen, mit ihnen daruber sprechen. Auch will er manchmal kommen und was vorlesen oder erzahlen, von dem, wies junge Manner bey einem Frauenzimmer anzutreffen wunschen, die sie zu ihrer Freundinn, Gattinn und Mutter ihrer Kinder haben mochten. "Denn, sezte er hinzu, ich bin nun verheyrather, und kann etwas von unsern Mannergeheimnissen bey den liebenswurdigen Freundinnen meiner Rosalia entdecken. Wir sagen uns manchmal, wenn wir einen Kreis bluhender Schonen beysammen sehen, und all ihre Reitze und Annehmlichkeiten in Person und Bezeigen bemerken: Das thun sie fur uns! sie folgen den geheimen Befehlen der Natur, welche von ihnen will, dass sie uns zu gefallen suchen sollen; so wie uns von ihr leise zugeflustert wird, dass wir allein in ihnen das susseste Gluck finden werden. Aber, setzen wir dann hinzu, die guten Kinder wissen doch nicht Alles, was uns freut. Schon, artig, witzig, ist etwas, so wir nicht entbehren mochten; aber wahre Gute, wirthschaftliche Kenntnisse, und Geschmack an vernunftigen, edlen Dingen, mit denen wir uns gern beschaftigen, das ist Grundlage unsers daurenden Wohls."

Er mischte eine Menge schmeichelhafte Sachen fur sie alle darunter, und die muntere junge Louise L** forderte ihn auf, ihr allerseitiger Lehrmeister zu seyn. Sie verspreche fur sich und ihre Gesellschafterinnen viele Aufmerksamkeit und Folgsamkeit; aber er solle auch fur die edlere Bildung der jungen Mannsleute sorgen, damit sie artige Madchen auch liebenswerthe Bewundrer haben mochten. Sie wolle ihm auch hie und da erzehlen, was gute Frauenzimmer zu wunschen hatten, damit sie ihre kunftigen Herren Meister ihren Sohnen mit gutem Gewissen zum Beyspiel anpreisen und den Gehorsam mit Hochachtung verbinden konnten. Sie hatten sich ohnehin Alle vorgenommen, ihn und mich zu beobachten, um ein Muster von Verdiensten, und von dem Gluck eines Frauenzimmers zu nehmen.

"Sie geben mir und Rosalien eine schone Rolle! Salie! Du bist die Tugend, und ich, das Gluck, so Dich belohnt!"

"O, die hochmuthigen Manner die! Gluck der weiblichen Tugend zu seyn!" sagte Frau G**, "Ware dies nur immer wahr! aber Ihr seyd so oft nichts, als Uebung- und Zuchtmeister dieser Tugend!"

Cleberg floh hier aus dem Zimmer, mit einer Bewegung von Angst gegen Frau G**. Adieu, beste Mariane, adieu.

Drey und neunzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich bin seit vier Tagen allein. Ob ich schon von meinen Freunden und Bekanten mehr als sonst umgeben werde, so fuhle ich doch, dass Cleberg, dass mein Oheim nicht da sind. Clebergs Abwesenheit macht mich einsam. O, ich liebe ihn, ich bin an ihn geheftet! Gott sey Dank, dass mein langes Verwerfen und Wahlen mich eine gluckliche Verbindung finden liess, mich, uber mein Leben mit ihm, zu freuen; Schmerz uber seine Abwesenheit, und Sehnsucht nach seiner Ruckkunft zu fuhlen! Ich habe noch dabey sichere Hofnung, dass er als ein noch edlerer Mann zuruckkommen wird. Ich will Ihnen hier den Grund dazu schreiben. Mein Oheim hatte seit unsrer Zuruckreise von C** oftere Unterredungen mit meinem Manne, uber hundert Gegenstande, die sowohl den Fursten, die Minister und die Rathe, als auch die Geschafte und den Ton, in welchen sie gefuhrt werden, angingen. Manchmal war ich dabey, arbeitetete aber ruhig fort; doch freute michs innig, wenn ich meinen Cleberg Sachen sagen horte, die den ganzen Beyfall meines Oheims erhielten, der ihn auf verschiedene Proben fuhrte. Zum Beyspiel: Es ware wohl moglich, dass Cleberg einmal zu einem wichtigen Platz, und an den Hof berufen wurde, wo er ofters den Fursten, und taglich den Minister sehen, von vielen Leuten aufgesucht und beobachtet werden wurde; was wohl da sein Haupt- oder Grundplan ware? "Rechtschaffenheit, unermudeter Fleiss und undurchdringliche Verschlossenheit;" antwortete er mit einem Gesicht und Ton voll Eifer.

"Die beyden erstern Eigenschaften kenn ich in Ihnen schon lange; aber, warum setzen Sie undurchdringliche Verschlossenheit dazu?"

"Weil ich an den Hofen, die ich sah, und an den Geschaftsfuhrern, die ich beobachten konnte, so oft Ursach fand, zu glauben, dass ihr Ansehen und der gute Fortgang nutzlicher Entwurfe, viel fester und gewisser gewesen seyn wurden, wenn sie ihre Leidenschaften und ihre Absichten verborgen gehalten hatten."

"Es giebt aber Leidenschaften, die uns lieben oder furchten machen; und beyde weiss ein kluger Mann zu benutzen."

"Nicht so gut, und nicht so lange, als er seine Gleichmuthigkeit benutzen wird. Denn durch unsre Leidenschaften werden Andre Meister uber uns, und lenken sie, wie es ihr Eigennutz erfordert. Und bey einem Manne, der nah an dem Fursten ist, wird endlich die Furcht in Hass, und die Liebe in eine Vertraulichkeit verwandelt, die beyde das nothwendige Gewicht aufheben, und seiner Person und den Wurkungen seiner Arbeiten schaden; so wie die Entdeckung seiner Absichten, bosartigen und neidischen Menschen den Anlass giebt, das Beste zu verhindern, zu erschweren und zu untergraben."

"Aber, wenn Sie so verschlossen sind, so wird sich auch niemand gegen Sie eroffnen; und das ist doch bey einem Manne, an dem Platze, wo ich Sie denke, eine sehr nothige Sache."

"Es wird einige Zeit dauern, bis ich Vertrauen habe. Aber wenn ich nun gegen Alle gutig und hoflich seyn werde von keinem nichts Nachtheiliges sage, und Jedem Gelegenheit gebe, sich gelten zu machen: Da soll mir schon Vertrauen zufliessen. Behalten will ich es, indem ich niemals Jemand verrathen, oder in Verlegenheit bringen werde. Und dann, mein lieber Oheim," fuhr er fort, "ob ich schon weis, dass man an Hofen weniger uber Versaumniss seiner Pflichten, als uber kleine Versaumnisse gegen gewisse Leute gestraft wird: so will ich Beydes verbinden, nichts Schadliches sagen, und nichts Ungerechtes thun."

Mein Oheim fasste ihn bey der Hand, schuttelte sie freundlich, und sah ihm lachelnd ins Gesicht: "Lieber, junger Mann! wie schnell gingen Sie den Weg zur Grosse der Seele, wenn diese schonen Vorsatze einst von Ihnen anhaltend ausgefuhrt wurden!"

Andre Unterredungen mussen meinem Oheim noch besser gefallen haben, weil er endlich sagte: "Rosalia! Dein Cleberg hat mir die Freude gemacht, an ihm einen wurdigen Gesellschafter zu einer Reise zu haben, die meinem Herzen angelegen ist. Du musst mir ihn acht Tage uberlassen."

Sie denken wohl, dass ich nicht widerstrebte. Beyde reisten vergnugt ab, und heute fruh erhielt ich einen Brief von Clebergen, von dem ich Ihnen das abschreiben will was Ihnen gefallig seyn kann: "Meine Reise ist eine reiche Erndte von Gute und Kenntnissen, die ich unserm Oheim verdanke. Nun weiss ich, wie es zuging, dass Du von Erde und Menschen so viel edle und richtige Begriffe sammletest. Und weist Du, wohin ich reise? Ach, dahin, wo Du mit so viel Vergnugen warest, wo Du die Schweitzergeburge sahest, die so grosse Gefuhle in Deiner Seele erweckten. Morgen sind wir in Warthaussen; da soll ich Alles sehen, wo unser Oheim die besten Jahre verlebte. Es ist eine dankbare Wallfarth," sagte er, "zu der Quelle meines Glucks. Ich muss noch einmal, mich an dem Anblick ergozen. Aber, er ist sehr nachdenkend dabey, unser guter Oheim." "Salie! ich war in Warthaussen, hatte aber das Gluck nicht, Jemand von der Graflichen Familie anzutreffen. Sie sind in Loth- ["] [Anschlussfehler in der Vorlage]

["] noch wahnsinnig genug, den jezigen Grafen, oder den ehemaligen richten zu wollen." Und in Wahrheit, Rosalia, es ist Alles recht schon und lobenswerth eingerichtet, denn wir wurden uberall umher gefuhrt. Aber, als wir von dem Schloss entfernt waren, und auch alle Gebaude, der so schon eingerichteten Landwirthschaft gesehen hatten, wurde unser theurer Oheim etwas still und tiefsinnig, beantwortete auch meine Ausrufungen, uber die grossen, edlen Anlagen, nur mit einen geruhrten Blick. Ich wurde da eben so aufmerksam auf ihn, als ich es auf die Sachen war, die er mir wies. Wir kamen auf unserm Wege auf einen herrlichen Platz, wo man zwischen schonen Kornfeldern, in einer Allee von hochstammigen Kirschbaumen, Schloss, Amthaus, Kornspeicher, Haushaltungs-Gebaude, Gemusgarten, Waldung und Spaziergange, mit Einem Blick ubersehen kan. Da fasste er mich bey der Hand. "Cleberg! all das grosse Schone ist Arbeit zweyer verdienstvollen Vater des jetzigen Grafen! mogen Sohne und Enkel es mit so viel Vergnugen und Wurde geniessen, als diese zwey Manner Grosse des Geistes, und Menschenliebe besassen!"

Mit einer Thrane der innigsten Empfindung im

Auge und zusammengelegten Handen, sah er noch einmal sich um. "Ach, was fur selige Tage lebt ich hier! Himmel, segne ihn immer, den Wohnplatz, den der grosse Mann liebte und ohne Pralerey verschonerte."

Dem Beamten, der bey uns war, und von dem er mir viel Gutes gesagt hatte, druckte er die Hand, und sagte dabey: "Sie haben ihn auch gekannt; ehren Sie immer sein Andenken!"

Damit ging er, mit schnellen Schritten, einen, mit wildwachsenden Baumen schon gedeckten Weg, den Berg hinunter, wo unser Wagen hielt, wir Beyde schweigend einstiegen, und eine Viertelstunde davon wieder Halte machten, und in eine Dorfkirche gingen, wo er mit dem Kuster etwas sprach, der ihn dann auf einen Platz in dem Chor fuhrte, auf den Boden wies und sagte: "Hier liegt der alte Graf." Ich mochte mein eigenes Gefuhl und den Ausdruck beschreiben konnen, der nicht nur, in den Gesichtszugen, sondern in der ganzen Stellung unsers Oheims war, als er einige Minuten still [Anschlussfehler in der Vorlage, M.L.]

["] Euren Herrn und seine Sohne, mit dem Geist des Verstorbenen, wie er ihm seine Guter gab."

Er schenkte dem Kuster was, kniete sich schnell hin, kusste den Stein der die Gruft deckt. "Diese Thrane des Danks und der Verehrung, ist Alles, was ich Dir geben kan"; sprach er mit ausserster Bewegung. "Aber, so lang ein Tropfen Blut in mir wallet, wird das Andenken Deiner grossen Eigenschaften, und Deiner Gute, Deinem L. R** heilig seyn!"

Dann stand er eilig auf, ging fort, und ich sass fast eine Stunde neben ihm, eh er ein Wort sagte. Endlich fing er an: "Nun ist mir wohl! ich habe noch einmal den Ort gesehen, wo der Mann lebte, dem ich den Anbau meiner Talente, meines Charakters, und meines Glucks schuldig bin. War aber auch all dies nicht, so freute michs immer, in ihm einen wahren Edlen von Deutschland gekannt zu haben, der seinem Vaterlande, seinem Stande und jeder Stelle, die er bekleidete, Ehre machte." Nach einigem Schweigen fuhr er fort: "Wie viel Menschen- und Sachen-Kenntniss hab ich bey ihm gelernt! In meinen Papieren, Cleberg, werden Sie einst meine wichtigsten Erinnerungen von ihm finden. Ihre Kinder sollen sie einst lesen, und darin die Grundzuge eines deutschen, patriotischen Ministers sehen, der Feuer, Scharfsinn, Muth, Wurde und strenge Gerechtigkeit, mit wahrer thatiger Gute des edlen Menschenfreundes vereinigte. Welch ein Herr fur seine Unterthanen! Ach, wie oft erinnre ich mich sein, wenn ich durch andre Gefilde reise und ach! Er, und was Er war, ist nicht mehr!"

Hier schwieg er wieder lange, in Gedanken verhullt; endlich fasste er mich, mit einer Hand, und sagte ganz Ernst: "Ich weiss nicht, was fur eine Wurkung diese Reise und diese Scene auf Ihre Seele machen; aber lassen Sie mich den Wunsch sagen, dass bey dem Grabmale dieses Mannes der grosse Borsatz in Ihnen bekraftigt werde, ein rechtschaffener, und um das gemeine Beste verdienter Mann zu werden! Es ist ein Beweis meiner Achtung und Liebe gewesen, dass ich Sie mit nahm. Nun sind meine Reisen zu Ende; ich will auch Ruhe und Muse geniessen. Nur ein kleiner Plan sitzt noch in mir: Ich mochte bey dem Beamten in Mahnheim, ein Paar junge Leute in die Kost und Lehre bringen, eh sie auf Universitaten gingen, damit sie durch Uebung ihre Kopfe und Herzen thatig verwendeten, eh sie gelehrt wurden. Ihr junger Itten taugt ganz vortreflich dazu; und dann weiss ich noch einen herrlichen Jungen, den ich mitgeben will. Das Ende meines Lebens sollte mir suss werden, wenn ich drey wackere, junge Manner gebildet hatte, und der Erste davon mich durch das daurende Gluck meiner guten Nichte belohnte!"

"Salie! Du kennst das Herz, das so ganz Dein gehort; Du kannst Dir das Gelubde denken, so ich Deinem Oheim ablegte; und, Liebe! Du sollst erfahren, dass ich es niemals brechen werde."

O Mariane! wie viel Wiedererinnerung hat dieser Brief von Cleberg in meine Seele gebracht! Ich habe auch wieder Gelubde erneuert, von Allem was ich Edles und Gutes, in meinen Lebensplan bringen kan. Es war auch schrecklich und unverantwortlich, wenn ich, nach so vieler Gelegenheit die besten Kenntnisse fur Geist und Herz zu sammlen, nichts davon in meine Handlungen legen wollte! Was hulfe mirs alsdann, Sie zu kennen, von meinem Oheim erzogen zu seyn, so viel schatzbare Menschen gesehen zu haben? und meine Bucher? die stillen Lehrmeister, die Gefuhle und Denken des Guten in mir erwekten.

Immer will ich Hochachtung verdienen, von Ihnen, Edelste, Beste; und von den unschazbaren Freunden, die zerstreut von mir, auf dieser Erde wohnen, und denen mein, fur Tugend und Verdienste so fuhlbares Herz, Verehrung und Liebe gewidmet hat.

Vier und neunzigster Brief

Rosalia an Mariane.

Ach, Mariane! es ist gewiss nichts vollkommen, weder Gluck noch Tugend. Ich erfahre beydes an mir selbst. Mein Cleberg und mein Oheim kamen vergnugt von ihrer Reise zuruck; meine Freude sie wieder zu sehen, wurde durch ihre beyderseitigen Erzahlungen von dem, was sie gesehen und gehoret, was mein Oheim an Clebergen lobte, und dieser von der Gute des Erstern ruhmte, unendlich vervielfaltigt, und ich wollte Ihnen Alles das recht schon, in meiner ersten Entzukkung schreiben. Aber da wurde mein Oheim krank, sehr krank, und ist noch so, dass ich seine Reise zum Grabe seines Wohlthaters, als eine Vorbedeutung seines eignen Todes ansehen kan. Der Himmel und Sie kennen mein Herz genugsam, um die Aufrichtigkeit meiner Sorgfalt und Wunsche fur die Erhaltung meines Oheims zu glauben. Aber, nun kam ich auf die Probe uber mich selbst. Mein verehrungswerther Oheim fast ohne Hofnung zur Wiedergenesung krank, und meine arme van Guden ringt zu Wollinghof mit dem zerreissenden Gedanken, dass Pindorf wieder verheyrathet ist, und so gar mit seiner neuen Gemahlin eine Spazierreise nach Mahnheim gemacht hat. Hier ist das Zettelchen und der Brief, die ich beyde zugleich erhielt. Wie nothig war es, meine arme Freundinn zu besuchen! Aber meinen treuen Pflegevater kann ich und darf ich nicht verlassen; da muss ich jedes andre Verlangen meiner Seele unterdrucken. Mein Oheim hat ohnehin ofters vor Clebergen die van Guden als eine Schwarmerinn behandelt und etwas verachtlich von ihr gesprochen; sogar den Werth ihrer Gutthaten herabgesetzt, weil ihre widersinnige Liebe, wie er sie nannte, der Beweggrund dazu war. Ich weiss wohl, dass ihr Wollinghof nur wegen der Nachbarschaft Pindorfs so lieb war; dass sie Hofnungen in ihrem Herzen ernahrte; und die Bilder, Bucher und Geschenke fur die Kinder waren bey ihr, was bey einem andern Frauenzimmer ausgesuchter Putz und ubrige Anlockung sind. Sie hat auf die Wurkung davon gerechnet; sie kann nicht in Wollinghof bleiben: Pindorf und sie werden elend daruber. O, Zufall! was thust du! was zerstorst du auf so hundertfache Weise!

Es ist mir leid; mein guter Oheim trostet mich, und dankt mir fur Thranen und fur Unruhe, die nicht fur ihn allein sind. Cleberg will mich starker und gelassner haben, und ach! der Himmel vergeb es mir, ich habe gewunscht, dass mein Oheim uberwunden hatte und nicht mehr litte! Es war aber nicht so ganz rein der Gedanke, dass er nicht mehr leiden mochte, sondern auch der, dass ich alsdann zur van Guden eilen konnte. Sagen Sie, o meine Mariane! sagen Sie, kann ich mein Herz von den Vorwurfen befreyen, die ich mir daruber mache? Hatten Sie, hatt ich selbst jemals gedacht, dass das Gefuhl meiner Dankbarkeit, und meiner kindlichen Liebe fur meinem so gutigen, liebreichen Oheim, bis zu diesem Grade unterbrochen werden konte! Ach! liebe, liebe Freundin! und dann masse ich mir das Recht an, die Unvollkommenheiten Andrer zu beurtheilen, im Stillstande meiner herrschenden Leidenschaften Andre zu tadeln, die durch die erregte Unordnung in ihren Gedanken und Gefuhlen, etwas von der Richtschnur abweichen?

Mein Kummer uber meinen Oheim, und die Beangstigung, welche ich uber die van Guden bezeigte, machte Clebergen unruhig. Er umarmte mich und sagte mir so gutig, so gutig und so mannlich dabey: "Liebe Rosalia! ich bete Sie wegen ihrer zartlichen und starken Empfindungen an. Es war der Grund meiner Liebe und des Wunsches, mit dem Herzen der Einzigen mein Leben zuzubringen. Aber, o meine theure Liebe! bemuhen Sie sich, Alles, was Schicksal, was Folgen der Gesetze der Natur, und nothwendige Folgen erster Schritte, in Begebenheiten sind, mit ruhiger Unterwerfung und Muth zu tragen; sonst zittre ich, Sie und mein Gluck nicht lange zu geniessen!"

Ach, Mariane! mich dunkt, ich habe Muth fur meine Leiden; aber fur die von meinen Freunden habe ich keinen. Lehren Sie michs haben!

Zettelchen von Frau van Guden.

"Ich kann Ihnen, liebe Rosalia, auf Ihren letzten Brief nicht viel sagen. Ich bin sehr beschaftigt. Wollinghof hat fur mich eine ganz neue Aussicht bekommen. Adieu." Grosser Brief, zehn Tage nach dem Billet geschrieben. Meine Freundin! ich athme wieder, aber meine Brust ist sehr, recht sehr abgemattet. Es war zu arg, zu uberfallend! Ich werde Ihnen erzahlen, wie Jemand der aus einem ruhig schwimmenden Boot durch das jahe Anstossen auf einen verborgnen Felsen, in die See sturzt, fur Schrecken seine eigene Krafte nicht gebrauchen kan, und halb durch die Wellen selbst, halb durch mitleidige Hande an das Ufer gebracht wurde, noch in den nassen Kleidern zittert, und selbst seine Rettung noch nicht glauben kann. Das Aeusserste von meiner Vernunft und meinem Herzen ist geschehen. Hofnung und Furcht, Zweifel und Ungewissheit, sind alle weit von mir! O Rosalia! denken Sie sich, was ich Ihnen von Pindorf erzahlte; denken Sie, was meine Liebe fur ihn noch war, als ich von Ihnen reiste, seine Kinder zu besuchen und hier die Gegend zu sehen, von welcher er mit so vieler Empfindung gesprochen hatte. Mein Aufenthalt bey den Wellings. Ach wie vermischt waren die Beweggrunde! Immer erkundigte ich mich von Zeit zu Zeit nach Herrn von Pindorf. Er reiste. Die Kinder und ihre Aufseher wussten nicht viel von ihm, erhielten nur kleine Briefgen, worinn die Nachricht von seinem Wohlbefinden, und wiederholte Empfindungen fur die gute Besorgung der Kinder war. Endlich horten sie lange nichts, und dann auf einmal den Befehl, Alles recht schon zuzubereiten; er kame bald, und seine Frau Schwester mit ihm. Mein Herz klopfte, ja, Rosalia! es klopfte laut, stark bey dem Gedanken: Bald ist er in dieser Gegend! dort, dort wo ich die fernen Thurmspitzen sehe. Ich wunschte den fruhen Herbst, damit die Baume ihre Blatter bald verlieren mochten, dass ich mehr von der Stadt W** sehen konnte. Wie bald sah ich mehr! mehr, als ich tragen konnte! O Rosalia, was sah, was fuhlt ich vor zwolf Tagen, als ich Nachmittags in den Baumgarten gehen wollte und das Getrappel von Pferden horte, aus dem Hofgitter sah und zwey Damen dem Haufe zuritten; ein schoner Mann nachsprengte, und mit der, mir durch die Seele tonenden Stimme, rief: "Das hier Wollinghof!" sagt ihr? "des Gartners, der in der zerfallnen Burg wohnt?"

Ich horte die Antwort nicht, sondern eilte in mein Zimmer zuruck, weiss aber nicht, wie ich hin kam. Gott, Pindorf! er! edel, einnehmend, Alles, was seine Person ehmals mir war! dieses Gefuhl war Rausch, und Taumel. Der Gedanke: zwey Damen mit ihm! war Schlag, betaubender Schlag. Eine gewiss seine Schwester; aber die Andre! was ist die? Dunkel erschien es in meiner Seele, das Bild einer zweyten Gemahlin Pindorfs, aber ich wand mit Abscheu und Schmerz mich davon ab, und hing mit verwirrten Ideen und Empfindungen an ihm, allein an ihm! Ach Rosalia, Gott sey Dank, dass er vorbey ist, der Jammer, der mich zerreist! es ist uber alle Beschreibung. Wer? o, wer schriebe, was ich fuhlte, als Wolling halb ausser Athem zu mir kam: "Kommen Sie, meine Wohlthaterinn, Herr von Pindorf ist da! ihm hab ich Ihre Gute zu danken. Er hat seine Gemahlin, und Schwester bey sich; mein Gluck entzuckt ihn."

Ich weiss nicht; wie die Bewegungen unsrer Seele in gewissen Augenblicken sind. Aber ich glaube, so wie mir da war, so ist die Ruhe derer gewesen, die durch unbewegliche Anhanglichkeit an eine Parthey, ihr Leben auf dem Schavott verlohren, und noch Anreden hielten.

"Lieber Herr Wolling," sagt ich mit Ruhe, "ich kann und ich will weder die Damen noch Herrn von Pindorf sehen, niemals, mein Freund, niemals! Ich bitte Ihn, sag Er, dass ich Niemand sehe. Weise Er ihnen Alles; sag Er alles was Er will, nur nicht viel von mir. Mein altes Schlafzimmer soll aber Niemand sehen, als Herr von Pindorf, nur er!"

Wolling faltete seine Hande, sah mich an: "O Gott! was seh, was errath ich erst jetzt!" Ich reichte ihm freundlich die Hand. "Es ist gut so, lieber Herr Wolling. Sorg Er fur unsre Gaste; hernach soll Er Alles, was ich hier verborgen habe, von mir horen." Er sah fest und wehmuthig mich an: "Ach Sie! ich lasse Sie Gott, dessen edelstes Geschopf Sie sind." Er ging. Was ich that, weiss ich nicht; aber ich war gewiss elend, unbegreiflich elend. Beynah zwey Tage fragte ich gar nicht und Wolling sagte nichts, aber er war tiefsinnig und traurig, seine Frau angstlich. Die Kinder hatten kaum das Herz zu sprechen; meine Meta blickte mit thranendem, gesenktem Auge nach mir; das Gesinde ging niedergeschlagen herum. Ich hatte Trost nothig: das allgemeine Leidwesen druckte mich noch mehr! Tugend wohnte hier, ubende zufriedne Tugend; und meine aufs neue erweckte Leidenschaft storte in all diesen unschuldigen, guten Herzen, den Genuss ihrer Freude und ihres schuldlosen Lebens? Ach, wie dank ich Gott fur die lebhafte Empfindung die er mir fur Recht und Wohl meines Nachsten gab, weil dieses immer meine Seele und mein Leben rettete. Ich ertrug den Gedanken nicht, den Ausdruck des Wohls und der Freude bey meinen Wollingen erloschen zu sehen, und bat ihn den zweyten Tag Abends, mir zu sagen, warum er so traurig mich anblicke, und selbst seit Herrn von Pindorfs Besuche traurig sey?

Er antwortete mit Bewegung: "Ach, Sie! Er! die mich und meine Lotte so selig machten, Sie Beyde so unaussprechlich elend zu sehen, das verbittert mein ganzes Leben!"

"Wie so, Herr Wolling? Bey mir ist nun Alles Ruhe. Ich liebte Pindorfen, so lang ich ihn kenne; ich wunschte, ich hofte ihn; das Schicksal wollte es nicht. Die Vorsicht segne ihn, auf immer!"

"Ach! dieser Segen kommt zu spat, er hilft ihm nichts mehr." "O, Herr Wolling was will das sagen? das muss ich wissen! wie weiss Er das?"

"Aus dem Jammer, aus dem Wahnsinn, der ihn befiel, als er Ihr Zimmer und Ihre Zeichnungen erblickte. Blass und betroffen sank er auf einen Stuhl, nahm meine Hand: Wolling! wo ist die Person, die diese Zeichnungen machte?" sagte er.

"Sie wohnt in meinem Hauss'."

"Hier; in Wollinghof!"

"Ja, seit zwey Jahren; und ihr hab ich all mein Gluck zu danken. Sie hatten ihr in England von uns gesprochen; sie suchte Sie auf, und wollte Ihre Ruckkunft bey uns erwarten."

"Meine Ruckkunft erwarten! o, van Guden! wie bin ich verwickelt!" er schlug sich mit beyden Handen vor den Kopf. "Vor drey Monaten hatt ich noch glucklich seyn konnen!"

Nachdem musste ich ihm sagen, wie Sie zu uns gekommen waren? Was Sie bisher gethan, und wie Sie leben. "Wohnte Sie in diesem Zimmer?"

"Ja, bis das Haus gebaut war:" Er "hatte sich, wahrend ich redte, auf den kleinen Tisch gesezt. Endlich stand er auf, betrachtete mit thranenden Augen den Platz, wo ich ihm gesagt, dass Ihr Klavier gestanden, blickte auf Ihr simples Bettgen und ging nah an die Wand, wo Ihre Zeichnungen von Rom und England sind; legte seinen Kopf an eins, und breitete beyde Arme uber die andern aus. Nach wenig Augenblicken warf er sich auf den Boden, kusste die Schwelle Ihres Schlafzimmers; "Wolling! sagen Sie dem Engel, dass ich mit Todesraserey ihre Fussstapfen kusste." "Hielt sich dann einen Moment auf dem kleinen Altare, und als ihn die Damen so blass und verstellt sahen, sagte er, es ware ein Anstoss von Schwindel, weil er zu hoch gestiegen sey."

Des andern Tages war er wieder da, in aller Fruhe. Wolling musste ihn in mein altes Zimmer fuhren. Dort erzahlte er ihm Alles, von sich und mir; wehklagte, dass er mich nicht mehr in Holland gefunden, verwunschte sich und seine Schwester, die ihn wegen der Schulden, in die sein Garten und Hausbau ihn gesturzt, zu einer reichen Heyrath ubertaumelt habe; dass schon meine Geschenke an seine Kinder sein Herz zerrissen hatten. Nun wunscht er, noch einmal mich zu sehen, und in meinem Zimmer zu sterben.

Verzeihen Sie, Rosalia! aber ich weinte sehr bey dieser Erzahlung, und das war glucklich; denn ich hatte noch nicht geweint. Mir wurde leichter und ich sagte Wolling meine Besorgniss, dass Pindorf mir auflauren mochte; dass ich ihn noch nicht sehen konnte, und auch an seiner Frau, die ihn liebte, keinen Raub begehen wollte. Ach! wenn sie edel ist, wie Amalia von T** gegen das Fraulein von Essen war: so konnte diese Nachbarschaft noch glucklich werden. Ich mochte seine Kinder erziehen, Herzens Mutter an diesen werden. Er kann fur die sorgen, welche seine zweyte Frau ihm geben wird. Aber ich kann ihn noch lange, lange nicht sehen. Doch bin ich heiter, und meine Wollinge auch.

Rosalia! fuhlen Sie nicht, wie glucklich Sie bey dem Loose Ihres Lebens sind? Segnen Sie, o segnen Sie die Hand, die Sie leitete, und mit dem Beyfall der ganzen Welt an das Ziel Ihrer Bestimmung fuhrte, Gattinn, Freundinn und Mutter zu werden. Nicht alle Ihre Tage werden heiter seyn. Aber das Zeugniss erfullter Pflichten in ihrem Herzen; das Zeugniss derer, die Sie handeln sehen, wie susse Beruhigung giesst dies uber jede Bekummerniss des Lebens aus! glauben Sie, ausserordentliches Gluck, ausserordentliches Schicksal, haben eisernes Gewicht, das oft zu Boden druckt! Aber ich will mich zur Rechenschaft ziehen, uber jede Kenntniss, jede Erfahrung, und jeden Theil meines Wohlergehens; und will nicht mehr eigensinnig, nicht mehr undankbar seyn. Aber theuer, sehr theuer bezahl ich Klugheit und meine Ruhe! Rosalia! Morgen, morgen seh ich ihn! Seine Ruhe wills. Wolling soll Zeuge seyn. Ich will ihn bey der alten Hutte sehen am Bogen, wo man das ganze Thal vor sich hat, auf dem Platze, wo Wolling den edlen Muth hatte, seiner Lotte zu entsagen.

Dritter Teil

Funf und neunzigster Brief

Sie ist vorbey; meine Unterredung mit Pindorf! Sie ist vorbey; und mit ihr alles Wunschen, alles Hoffen so vieler Jahre. Aber ich habe meine Ruhe wieder, und diese ist doch das grosste Gluck, des mude gelaufenen Menschen. Ich will Sie nicht mit der Erzahlung alles dessen plagen, was noch seit seiner ersten Erscheinung auf meinem Berg, durch den immer vor mir schwebenden schwarzen und niederdruckenden Gedanken seines zweyten und ganzlichen Verlustes, in meinem Geist und Herzen vorging. Es kostet viel, sich von der Idee seines Glucks, seines selbst geschaffenen Glucks loszuwinden! Ich will aufrichtig seyn und Ihnen auch daruber alles sagen, so wie ich bisher gethan habe.

Es war mir lange unmoglich, an eine Unterredung mit Pindorf zu denken; mir schauderte immer davor; aber Wollings Abschilderungen des zunehmenden Weh und Kummers von Pindorf, und die Betrachtung, dass er auch beynahe Nichts, von aller meiner sonderbaren Zartlichkeit fur ihn gewusst habe, diess bewog mich endlich seiner Ruhe zu Liebe, und auch der Meinigen, ware sie auch durchs Leiden zu erringen, vor zehn Tagen zu dem Entschluss, ihn zu sprechen. Er wunschte, dass es in meiner alten kleinen Wohnung, zwischen den Schlossmauren seyn mochte. Aber, das konnte ich nicht; die vielfache Abbildung seiner Person, die die beyden Kammerchen ringsum ganz bekleiden; die Aussicht auf die Stadt W; die Erinnerung jedes Seufzers um ihn; alle das ware mir zu nahe gewesen und hatte mich vielleicht zu sehr erweicht oder auch zu einer bittern Emporung gegen ihn gebracht; und beydes wollte ich vermeiden. Seine erneuerte Zartlichkeit anfachen, und die meinige nahren, ware eine Verletzung der heiligsten Pflichten gewesen; und dann schien mir der freye Himmel, der von der Moosbank an den Ruinen des Thurms zu sehen ist, und die weite Aussicht, auf die schone Welt Gottes, etwas Starkendes fur meinen Geist, und auch viel Besanftigendes fur die Leiden meines Herzens zu haben. Er liesse sich alles gefallen, was ich wollte, wenn er mich nur sprechen konnte, sagte er zu Wolling, und blieb denselben Abend in meinem alten Zimmer, ohne dass ich es wusste. Morgens ging ich hinaus. O, wie oft wechselte Muth und Muthlosigkeit bey mir ab! Wie beklemmt wurde mein Herz, als ich ihn von der Seite auf der Moosbank erblickte! Wolling war mit mir gegangen; ich verdoppelte aber meine Schritte in dem Augenblick, da ich am meisten litte, um bald am Ende aller dieser Quaal zu seyn. Das schnelle Gehen machte mich beangstigt; ich blieb auf Einmal stehen, und wurde, da ich Wolling ansahe, Thranen in seinem mannlichen Auge gewahr, da er einen Arm gegen mich, zu meiner Unterstutzung ausstreckte, und ich ihn ablehnte, meinen Kopf zum Himmel erhob, und tief Athem hohlte. Pindorf zu gleicher Zeit uns erblickte, aufstund, aber wieder auf die Bank zuruck fiel ach Gott! rief Wolling, dieser Boden ist also zu lauter Schmerzen bestimmt!

Ich eilte itzt Pindorf entgegen, der sich auf einen Arm gegen die Mauer stutzte. Wie edel, o, wie hochst edel war diese Stellung! und wie viel vermehrte sie meine Uebel. Wolling blieb zuruck; ich fasste mich, so viel ich konnte, nahm Pindorfs matte, da liegende, eine Hand; setzte mich neben ihn, konnte aber nicht sprechen, sondern blickte ihn an, mit Augen voll Thranen. Schnell wandte er sich, und fasste nun meine Hand in seine Beyden, liess seinen Kopf darauf sinken, seufzte und weinte dabey. Ich unterbrach Ihn lange nicht, weder durch eine Bewegung meiner Hand, noch durch einen Laut meiner Stimme. Ich war froh, die ersten Augenblicke so voruber gehen zu sehen. Endlich legte ich meine freye Hand auf seinen Arm:

Theurer Pindorf! fassen Sie sich: Schonen Sie Ihre arme van Guden!

Meine arme van Guden! rief er aus, indem er seine beyden Hande faltete, keine Thrane mehr in seinen Augen, sondern nur noch einen zitternden Tropfen auf der schnell gluhenden Wange; wobey er fest auf mich blickte. Aber seine etwas erhabene Arme senkten sich, da ich ihn mit vieler Wehmuth ansah und zum Gluck die Kraft hatte, ihm zu sagen: Ja, ich werde arm seyn, wenn ich Sie unglucklich sehe; wenn nach so vielen Jahren, mein Anblick, der Ihnen so werth war, Sie nun Thranen kostet

O van Guden! was soll ich von alle meinem Elende sagen? meinem unaussprechlichen Elende!

Sagen Sie alles, was Sie wollen, was Ihr Herz erleichtern kann. Es lebt Niemand (sagte ich mit Thranen, und mit Erhebung seiner Hand an meine Brust) Niemand der mehr Antheil an Ihnen nimmt, als ihre Freundinn van Guden!

Freundinn van Guden! wiederhohlte er, mit einem sonderbaren Tone, und schwieg wieder lange. Endlich fing er an:

Ich kann unter diesem Namen nicht mit Ihnen reden; ich kann nicht; ich muss Sie Sophie Hafen nennen durfen, um die Frage zu thun; an deren Beantwortung mein Leben hangt

Ach, Rosalia; wie sonderbar ist das Herz der Menschen. Er konnte mich nicht mit dem Namen eines Mannes denken, dem ich verwahlt gewesen war, und dachte nicht daran, dass ich ihm als Mann von zwey Frauen nach einander vor mich sehen musste! Schreiben uns die Manner weniger Feinheit im Lieben, oder weniger Anspruche zu?

Nennen Sie mich immer ganz freymuthig Sophie Hafen, denn ich bin's, ob ich schon van Guden heisse!

Rosalia! diess sagte ich! ich, die so klug seyn konnte; die so edelmuthig, so feindenkend zu seyn glaubte! O meine Freundin! auf wie vielerley Art fuhren uns Leidenschaft und Eigenliebe irr und ubel. Pindorf war, glucklicher Weise, gar nicht gefasst genug, um diese Unvorsichtigkeit zu bemerken, aber ich fuhlte sie so lebhaft, dass ich mir gleich die strengste Beobachtung meiner selbst vorschrieb, dem verwittweten Pindorf hatte ich dieses kaum sagen durfen, und ich sagte es dem, der eine zweyte Gemahlin hatte. Ach, Rosalia! wie demuthig bin ich seit diesem unwurdigen Geschwatz.

Pindorf war aufgestanden, blickte voll Liebe mich an; griff mit seinen beyden Handen nach den meinen.

Sagen Sie, Sophie, sagen Sie! wurden Sie mich jedem andern Mann vorgezogen haben, wenn ich so glucklich gewesen ware, Sie, in den Tagen meiner Freyheit anzutreffen.

Ja, Pindorf! ich hatte Sie vorgezogen, der ganzen Welt vorgezogen!

Er druckte meine Hande einen Moment, liess sie gehen, wandte sich um, und legte sich auf seine verschlungene Arme, mit dem Gesicht uber die abgefallene Mauer hin. Ich gerieth daruber in die ausserste Verlegenheit; schwieg auch wieder eine Zeitlang, und rief endlich:

Pindorf! kommen Sie! lehnen Sie sich auf den Arm der Freundschaft und Tugend! Sie sollen beyde unzertrennt in meiner Seele finden. Gonnen Sie mir das Gluck, etwas uber Sie zu vermogen!

Er antwortete nicht, sondern druckte seinen Kopf fester auf seine Arme Er jammerte mich, und ich dachte auf ein Mittel seinem Schmerz eine andre Wendung zu geben. Ach, warum haben Sie mich sehen wollen! sagte ich. Hier richtete er sich auf.

O, missgonnen Sie mir dieses Gluck nicht! Bereuen Sie es nicht! Denken Sie, dass es Alles ist, was ich von meiner Liebe fur Sie habe!

Er sah mich hier unaussprechlich traurig an, und rang die Hande. Nach einigem Schweigen sagte er wieder: Was ich ietzt leide, ist viel, viel bitterer, als das, was ich in Brussel bey meiner Trennung empfand, nachdem ich so viele Monate lang alle Reitze Ihres Geists und der Gute und Anmuth Ihres Umgangs genossen hatte. Auch der Schmerz, den ich einmal in Holland fuhlte, als ich von ungefahr in van Gudens botanischem Garten herum ging, Sie erblickte, und von dem Glucke reden horte, das Sie auf alle Menschen ergossen, die sich Ihnen naherten: Auch dieser Schmerz war lange nicht so wuthend, wie der, so mir ietzo das Leben kosten wird Sie liebten mich Sophie! Sie liebten mich, Sie hatten mich vorgezogen. Ach, ich hofte diese Antwort; ich hofte sie, nach den Merkmalen von zartlicher Erinnerung an mich, die ich hier fand. Er zeigte da auf die Fenster meiner Zimmerchen im alten Schlosse. Diese Antwort macht mich aber elender, als ich war.

Er war weit davon, zu denken, was ich da fuhlte, als wahrend seiner Rede, das Bild von seligen Tagen vor mir stund, die ich mit dem Edlen, Guten wurde verlebt haben. Ich achtete ihn aber bedaurungswurdiger, als mich, und suchte auch nur fur seine Beruhigung zu sorgen; und glaubte, dass, da er schon so lang hatte reden konnen, moge sein Herz etwas erleichtert seyn. Ich wollte diese Beobachtung nutzen. Ich war der Tugend und Feinheit des Gefuhls einen Ersatz schuldig, wegen meiner Unbesonnenheit, und nahm gleich diesen Anlass dazu, ihm zu sagen.

Lieber Pindorf, ich kenne das Hulfsmittel, das mich und Sie beydemal rettete, und glucklich erhielte. Es hat noch seine Kraft, und muss sie an unsern Herzen beweisen; denn wir lieben die Tugend viel zu aufrichtig, um Ihr nicht in allen Gelegenheiten zu folgen.

Bey unserer Ersten Trennung wurden wir beyde durch das hohe Gefuhl des Gedankens unterstutzt, dass Sie Ihren Pflichten gegen Ihre Eltern, und Ihrem, einer liebenswurdigen Braut gegebenen Worte getreu blieben. Susser, innerer Friede heilte die Wunden unserer Herzen; ich sah, ich erkannte Sie auch im botanischen Garten; ich beobachtete alle Empfindung der Zartlichkeit, die der junge Medicus in Ihnen erregte, und fuhlte auch alle meine Gesinnungen fur Sie erweckt, die Zufalle und Umstande hatten einschlafen lassen. Ich kampfte mit mir selbst, denn ich war nur vier Schritte von Ihnen entfernt; und auch da kam die Tugend der Verehrung Ihrer und meiner Pflichten, uns zu Hulfe. Sie rissen sich loss, gingen eilend weg, und ich rief nicht, gab nicht das geringste Zeichen, dass ich in der Nahe war, ob ich schon die innigste Begierde hatte, Etwas von Ihren Umstanden, und der Ursache Ihrer Reise nach Holland zu wissen. Ich bin sicher, dass das Zeugniss Ihres Herzens recht gethan zu haben, Sie fur dieses zweyte Opfer Ihrer Wunsche, eben so sehr belohnt haben wird, als das Meinige beruhigt wurde, wenn ich an meinen Sieg dachte.

Ich schwieg hier etwas .... Nun! mein theurer Freund, jetzo

Rosalia! ich weinte und konnte nicht gleich fortreden; ich hatte meine Hand gegen ihn bewegt, er fasste sie, bog sie gegen mich, und legte seine Stirne auf die meinige. Sanft, aber haufig flossen Zahren uber meine Wangen auf meine schwarze taffente Schurze. Er zitterte etwas, weinte dann auch still, und die abfallenden Thranen seiner Augen mischten sich mit den meinigen; er bemerkte es, umfasste mich mit dem einen Arme und druckte mich mit einen Seufzer an seine Brust.

Sophie! unsere Thranen vereinigen sich!

Siehe! sagte er, da er zugleich sich aufrichtete, und auf einen Tropfen deutete, der von meinem Gesicht auf einer Falte meiner Schurze hinfloss und eine Zahre, die von seinem Aug getraufelt war auffasste. Mit schmachtenden Blicken sah er auf mich, seine Lippen bebten; es kam Angst und Betaubung in meine Seele, aber mein guter Genius umschwebte mich, und liess mich ihm sagen

Ja, Pindorf! und sie sollen vereint der edelmuthigen Entsagung unserer Liebe geweyht seyn! Lassen Sie mich in Ihnen einen verehrungswurdigen Freund besitzen, so wie ich Ihnen Ihrer und meiner Liebe, verspreche, dass ich Ihre Hochachtung bis in den letzten Augenblick meines Lebens verdienen will.

Ich hatte eine seiner Hande mit meinen beyden gefasst und an mein Herz gedruckt. Meine Seele war erhaben und stark, so sehr sie auch mit Zartlichkeit angefullt schien.

Ich sah umher und sagte: Himmel und Erde sind Zeugen dieses neuen edlen Bundes unserer Seelen; Lassen Sie beyde, fur jeden kunftigen Tag, Zeugen von der Wahrheit unserer Tugend seyn!

Hier umschlang er meinen Arm und rufte: entsagen soll ich, Ihrer und meiner Liebe, in dem Augenblicke des Wiedersehens? ach, Sophie, ich ertrage diese Harte nicht! Da stund ich auf. So muss ich fort, Pindorf, und darf auch in Zukunft Sie nicht sehen, und was mich am meisten gramt, ich werde auch einen sussen Entwurf meines Herzens aufgeben mussen. Schnell fragte er: was! was fur einen sussen Entwurf! habe ich Antheil daran! wird das Susse auch fur mich Armen seyn? Ich mochte Ihre Tochter erziehen, wenn Sie und Ihre Gemahlinn mir das liebe Kind anvertrauen wollten.

Es freuete mich, das Vaterliebe allein ihn zu meinen Fussen legte, denn er kniete vor mir, umfasste mich O Sophie! ein gutiger Engel hat diesen Gedanken in Ihr Herz gegeben; meine Frau kann die arme Henriette ohnedem nicht leiden, und mein Kind wird in diesen Armen seyn Ach um wie viel glucklicher als ihr Vater

Stumm hullte er seinen Kopf in meine Schurze und bat mich endlich, sie ihm zuschenken. Ich weigerte mich lang, aber musste dennoch nachgeben. Mit Entzucken kusste er sie auf den Stellen, wo er dachte, dass sie von meinen Thranen benetzt gewesen und legte sie zusammengewickelt auf seine Brust:

Ihre Thranen die Meinige

Ich unterbrach ihn mit der Frage: werden Sie mir Henrietten bald geben?

Ach, wenn Sie wollen! Ich will also in acht Tagen kommen, um sie abzuholen, ich stund auf und setzte hinzu, versprechen Sie mir, dass ich Sie mit einem ruhigen Herzen finden werde, sorgen Sie fur Ihre Gesundheit und auch, ich bitte Sie, fur das Wohl meiner Tage.

Ich kusste ihn auf die Stirne mit einem: Gott seegne Sie und mich! nach diesem ging ich nach Hause in den Wald, und Wolling begleitete Pindorf den Berg hinunter, wo seine Pferde hielten. An Kraften des Geists und Korpers erschopft, blieb ich halb betaubt unter der kleinen Wallnusslaube. Meine Wollinge wurden angstig und suchten mit Meta mich auf. Still folgte ich ihnen; musste mich aber zu Bette legen, und ich bat mich allein zu lassen, um mich satt zu weinen, zu kampfen und meine Entschlusse mit mir selbst zu befestigen. Hin ist er; hin auf immer! Ach Rosalia!

Sechs und neunzigster Brief

Van Guden Fortsetzung.

Sie haben lange nichts von mir gehort, schreiben Sie; Sie sind daruber unruhig und bekummert. Dank sey Ihnen, fur Ihre immer gleich daurende Freundschaft, und mein langes Schweigen vergeben Sie mir!

Den ersten dieser Briefe hatte ich schon vor zwolf Tagen abschicken konnen; aber, da er Ihre Neugierde nur gereitzt, und nicht ganz befriedigt hatte, so dachte ich, dass Sie eher mein langeres Schweigen, als die Ungeduld nach dem Ausgang meiner Reise, um Henriette Pindorf ertragen wurden; und heute kann ich Ihnen von allem genaue Rechenschaft geben. Pindorf sah nicht gerne, dass ich selbst in sein Haus kommen, und die Kleine abholen wollte; aber ich hatte vielerley Ursachen, darauf zu bestehen. Ich wollte ihm beweisen, dass reine, ruhige Freundschaft in meiner Seele Platz genommen habe. Ich wollte mir die Achtung seiner Frau und seiner Schwester erwerben, um in dieser Achtung Starke gegen mich selbst und gegen Pindorf zu finden: weil der Entwurf, seine Tochter zu erziehen, einen grossen Ueberrest von Anhanglichkeit fur ihn zeigte, und er es gegen Wolling mit vieler Freude bemerkt hatte. Dann wollte ich auch seine Schwester besonders sehen, die, wie ich aus Ihres Clebergs Briefe wusste, so viel Gewalt uber seinen Verstand und Neigungen ausubte. Und, meine theure Rosalia! was war das Ende alle dieses Nachdenkens und Ueberlegens? Die Ueberzeugung, dass Eigenliebe mich elend gemacht habe, und Eigenliebe mich rettete. Ich weiss, dass Sie diese Ausdrucke von mir nicht gern horen, weil Sie glauben, es sey der Person, die Sie so sehr schatzen, unanstandig und nachtheilig: aber, lassen Sie mich immer jede Wendung der Worte zu meinen Ideen gebrauchen, weil auch in den Ausdrucken derer wir uns bedienen, so viel Trost und Unterstutzung liegt; und dann will ich Ihnen auch durch die offenherzige Anzeige meines Empfindens und Denkens in diesem zartlichen Falle einen kleinen Maassstab geben, nach welchem Sie die Handlungen einer gewissen Gattung Sonderlinge berechnen und beobachten konnen.

Ich liess in meinem grossen Zimmer, das Sie kennen, auf der Seite gegen das Ihrige einen Abschnitt machen, wo ich fur Henriette Pindorf eine Bettstelle, und zwey kleine Cabinette anordnete; denn sie soll Tag und Nacht um mich, und unter meinen Augen seyn; und dann ging ich vor vier Tagen mit Wolling in meinem simplen, aber sehr schonen englischen Reisewagen, ganz fruh nach Pindorfs Landgut ab, um dort zu essen und Abends zeitlich wieder hier zu seyn; wo, durch unsere Bauren und Wollings Kinder, ein kleines Willkomms-Fest, fur Henriette Pindorf veranstaltet war. Meine weiss seidene, ganz englische Kleidung, mit Hut, Halstuch, Schurze und Manschetten von den feinsten Spitzen besetzt; die grossen einfachen Brillanten meiner Ohrringe; die schonen Schnure Perlen um meinen Hals und Hande, die auch durch Brillanten geschlossen werden, mussten mir, bey den Alltagsseelen, deren Verdienste und Gluckseligkeit, am ausserlichem Anschein klebt, mehr Gewicht geben, als Weisheit und Gute in ihrem vollen Glanz nicht gethan hatten. Wolling hatte in einem braunen Kleide vom feinsten Tuche, glatter Wasche und seiner schonen muthigen Gestalt ein herrliches Ansehen, unser Knecht als Kutscher, und der Gartner als Bedienter, in guten staubfarbenen Rocken mit gegossenen silbernen Knopfen, heitern und gesunden Gesichtern zeigten auch von dem Wohlstande, der zu Wollinghof herrschte. Die immer gleich fliessenden Tage, die einfache Nahrung, und balsamische Luft auf unserm Berge haben diess, was Ihnen und Ihrem Cleberg das ausserliche Einnehmende meiner Person zu seyn dunkte, gar gut unterhalten; nur, dass mein innerer Kummer eine feine Blasse uber meine Wangen goss, die mir auch, bey der wenigen Munterkeit in Pindorf, recht gut stund; wo beyde Damen ganz unmassig roth geschminkt waren.

Sie wissen, dass ich den ganzen Brief Ihres Clebergs abgeschrieben habe, welcher das Gemahlde von Ihrer Reise nach W. und dem Pindorfischen Garten enthalt. Der Weg von Wollinghof fuhrt gerade nach dem alten Wohnhaus und Baurenhof zu, wo wir, da es noch sehr fruh war, abstiegen, etwas Milch assen und alles betrachteten; endlich in den Lustgarten hinuber gingen, wo ich in der That alles so fand, wie ich es aus dem mitgetheilten Briefe in meinem Gedachtniss behalten hatte. Die ganze Anlage ist in einem edlen, grossen Geschmack; und diese machtige Uebereinstimmung in Ideen des Schonen und Ergotzenden wirkte stark auf meine Seele. Vorbedeutung dieses Eindrucks hatte mich immer zuruckgehalten, diesen Garten zu sehen, und nun fuhlte ich zu spat, dass es besser gewesen ware, wenn ich mich diesen Empfindungen, wahrend der Abwesenheit von Pindorf ausgesetzt hatte, als in der Zeit, wo ich ihn zugleich sehen musste. Ich sagte es Wolling; der mir antwortete, dass er dieses vermuthet habe; doch ware der Zufall sehr vortheilhaft, dass die erste Aufwallung dieser Gefuhle in der Zeit unsers einsamen Herumwanderns entstunde: weil nun das Ueberfliessende ausstromen konnte, und er die Starke meiner Seele zu gut kenne, um wegen meiner Beruhigung in Sorgen zu seyn. Er hatte recht; dazu kam auch, dass mir an dem Badhaus etwas missfiel, und sicher unterbrach dieses die Starke meiner zu zartlichen Erinnerungen und Vorstellungen, denn ich ging von da an leichter umher, bis in den grossen grunen Saal, wo wir uns setzten und die Landschaft mit dem glucklichen Gedanken des Wasserfalls und den grossten Theil des Hauses und Parterre betrachteten; unterdessen dass der Bauerjunge, den wir mitgenommen hatten, uns meldete, und die Antwort zuruck bringen sollte. Auf einmal sah ich die Kinder, mit einem neuen Hofmeister und einer Warterinn die Stufen des untern Saals herunter kommen und der Allee zu gehen. Alle drey seit den zwey Jahren viel gewachsen; der jungere Sohn hupfend, und bald mit diesem, bald mit jenen schwatzend; der altere aber fuhrte Henrietten, und schien sie immer an ihrem starken Gehen verhindern zu wollen. Mein Herz pochte wieder laut: Kinder vom Pindorf!

Ich ging ihnen in die halbe Allee entgegen und sah mit Bedauren den uberladenen Kopfputz der artigen Henriette, die unter einer Last von Federn, Bandern, Flor und welschen Blumen, ihr kleines Kopfgen schwankend bewegte, einen Reifrock, eine Schleppe am Kleide und Blonden und Falbala die Menge an Hals und Armen hatte. Die Sohne, in steifen gestickten Kleidern, sehr frisirt und gepudert, Degen an der Seite und die Hute mit Federn unterm Arm. So bald der Herr Hofmeister uns erblickte, durfte Junker Fritz nicht mehr springen, sondern musste stattlich nach Tanzmeister Vorschrift einhertreten, und dem Aeltern gab er mit der einen Ecke seines Huts einige Stosse in die Seite und an den Arm, der mit seiner Hand gegen Henrietten, die er immer fuhrte ausgestreckt war, die er erst zuruckzog, als sie in der Entfernung von zehn Schritten still stehen, und sehr kunstliche Verbeugungen machen mussten, wo die Warterin sorgfaltig ihre Hande auf Henriettens Achseln legte, und sie damit zur gehorigen Tiefe des Knieebeugens hinunter zu drucken, und an dem zu schnellen Erheben zu hindern, dass ich daraus bemerkte, weil das gute Kind, eine verdrussliche Mine, und die Warterinn, eine beherrschende Bewegung ihrer Hande machte und das Niederdrucken der Achseln wiederholte.

Gut; dachte ich, liebes Madchen, wie froh wirst du unter meinen zartlichen Handen seyn, die dich nichts als den sanften Zug der Liebe werden fuhlen lassen!

Ich eilte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, blickte alle mit der Frage an:

Kennen Sie mich noch?

Der Kleine rief, mit einem Kratzfuss dabey: O ja, recht gut! Henriette, deren Arme, in dem Augenblick freygelassen wurden, lief mit Vertrauen auf mich zu; ware aber, da im Laufen ihr langer Rock von der Seite herunter hing, vor mich hingefallen, wenn ich sie nicht aufgefasst und an mich gedruckt hatte. Ich wurde bewegt; eine Thrane war in meinem Auge. Das holde Madchen sah sie, und machte auch ein traurigs Gesichtgen dazu, sagte aber zugleich:

Liebe Madame! ich geh recht gern mit Ihnen, fragen Sie nur Papa und Mama, und die gnadige Frau Tante; ich habe gar nicht geweint, wie es der Papa sagte, ich freute mich gleich!

Ihre kleine Hand lag da vertraut auf meinem Halse, und treuherzig hatte sie dieses mir ganz nahe zugeredt.

Mein Bruder Gustav, sagte sie mir leise ins Ohr, gienge auch gern mit!

Ich beobachtete im namlichen Augenblick, dass der arme Knabe wieder einen Kniff von seinem Hofmeister bekam, weil er sich von uns weggewendet hatte, und zu gleicher Zeit zupfte die Warterinn an der Henriette: pfui! Sie mussen die Hand nicht so grob auf die Madame legen sie wird denken, das man Sie gar keine Manieren gelernt hatte! Wenn die Fraulein so schon geputzt sind, so mussen sie artig seyn! sagt die gnadige Tante, das arme Kind zog sich zuruck und legte ihre Aermchen wieder nett an ihr enggeschnurtes Leibchen an; die Magd ordnete alle Fallgen und drehte das gedultige Madchen so lange herum, bis sie wieder ganz die Puppe war, zu der man sie bisher erzogen hatte. Ein paarmal guckte sie nach mir, und ich lachelte ihr das Versprechen zu, dass sie von alle dem Zwange befreyet seyn wurde. Der Hofmeister sagte mit einem ernsten Gesicht zu dem altern Sohn:

Nun, Junker Gustav, wenn werden Sie Ihre Reverenz machen?

Ein Zug von Eigensinn, Schmerz und Furcht, ging durch das Gesicht des Knabens, und es ist wahr, er machte eine sehr schlechte Figur bey seiner Verbeugung gegen mich, so wie ihm denn auch der Hofmeister einen stark drohenden Wink daruber machte. Junker Gustav wurde uber diesen Wink blass und roth; naherte sich seiner Schwester und sagte mit bittender Mine ihr etwas ins Ohr. Henriette nickte ihm Ja zu. Der Knabe wollte noch Etwas sagen, aber der Hofmeister zog ihn am Kleide und mit Bitterkeit im Gesicht sagte er:

Junker Gustav, wir sollen ja den gnadigen Papa aufsuchen.

Die zwey Sohne gingen auch mit ihm hinweg, nachdem er der Warterinn Etwas zugeflustert hatte, die sich immer noch an die junge Pindorf hielt. Ich that, als ob ich alle das nicht bemerkt hatte, und fragte nur Henriette, ob sie mich auch wurde erkannt haben, wenn ihr der Papa nichts gesagt hatte?

O ja; an Ihrem Hut, an Ihrem Gesicht und weil Sie die Hande gleich nach mir reichten, wie Sie das Erstemal auf der Stiege im Stadthause thaten. Es ist noch keine Dame so gut mit mir gewesen wie Sie!

Was sagen Sie, Fraulein Jettchen, sind nicht die gnadige Damen, Mama und Tante, sehr gutig gegen Sie gewesen. Sehen Sie nur Ihren Putz an, den hat Ihnen doch Ihre gutige Mama gegeben!

Ach! ist wahr! antwortete das liebe Geschopf aber, ich habe die schonen Sachen erst heute bekommen; und die alte Schnurbrust, die mir so weh thut, habe ich doch behalten mussen!

Alle Fraulein mussen jung so geschnurt werden. Sehen Sie nur die Madame an.

Hier machte das elende Ding, mir eine niedertrachtige Verbeugung

sie wurde nicht so schon gross seyn, wenn sie nicht ganz klein, schone feste Schnurleiber getragen hatte.

Ich fiel hier ein:

ich sahe, sie hatte viele Sorge fur Henrietten getragen, und ich wurde ihr auch ein Andenken dafur geben.

O Rosalia! wie sich da jeder Muskel ihres Leibs und ihres Gesichts zum Kriechen anschickte, was sie fur Lobens machte, von dem, was sie von der alten Warterin, die nun bey dem Weisszeug ware, von mir und von den Geschenken gehort, die ich ihr und dem Herrn Hofmeister gemacht; sie hatte auch viel Sorge getragen, fur den schonen Putztisch, den ich der Fraulein gegeben; wie lieb sie das Kind hatte, wie leid ihr ware, es zu verlieren! aber, sagte sie leise gegen mich: die gnadige Frau waren ganz jalour uber die Fraulein, denn der gnadige Herr lieben das Kind zu arg. Sie ware ganz verdorben worden, so wie der Junker Gustav; dem musste man sein Bilderbuch und seinen Schreibtisch wegnehmen, weil er sagte, er wollte, dass die fremde Dame seine Mama ware.

Sie werden wissen, Kinder machen Uneinigkeit! und die gnadige Frau hat aus Liebe fur den gnadigen Herrn, all ihr Haab und Guth hergegeben! Sie werden sehen, wie kostbar alles ist. Ganz reiche Stuhle, und Betten und Canapees. Ich habe selbst zu den funf reichen Kleidern der seeligen Mama von der gnadigen Frau noch acht ankaufen mussen, um alle Zimmer der Herrschaft damit einzurichten, weil nur Zitz darinn war, und das stund so todt, und wenn ichs sagen soll, so armselig in dem schonen Schlosse da! (Sie wies auf das Haus). Alle die blau und silbernen BlumenTopfe mit vergoldeten Blumen, die zwischen den grossen weissen Topfen und Bildern stehen, hat die gnadige Frau heimlich machen und aufstellen lassen. Sie stehen sehr schone! die auf der Gallerie blinken in der Sonne, und nun lasst das Parterre, wie eine grun atlassene Weste mit Gold gestickt. Aber das gab Verdruss, Gott helf mir! wie tobte der gnadige Herr, und die gute junge Dame weinte, und sagte endlich, sie wurde selbst gehen, wenn er ihr diese Freude storte. Er wollte lange nicht daran, aber seine Frau Schwester, eine sehr kluge Dame, die weis mit ihm umzugehen. Ein Bissgen Schonthun und dann Spassen, und etwas artig erzahlen, o da thut er alles, und ist dann selbst froh, uber die Sachen. Die Damen sind sehr Freunde, und das ist ein Gluck fur ihn.

Rosalia! glauben Sie wohl, dass mir bey diesem Theil des Geschwatzes, eine Uebelkeit anfiel? Ich musste Essig nehmen und begehrte in freyere Luft, als in der Allee nicht war. Wie verhasst wurde mir das Mensche nach diesem Zuge von unmannlicher Schwache des Charakters, den sie an Pindorf beschrieb. Ich ging ganz nahe an das Ufer des Grabens gegen das Feld hin; hatte Henrietten an der Hand, und unvermerkt naherten wir uns dem andern Theile des Gartens, woben der Hofmeister mit den Sohnen gegangen war, um Herrn von Pindorf zu suchen. Da wir auf lauter Strassen giengen, so konnte man unsere Tritte nicht horen. Wir aber dagegen horten auf dem Kies stark laufen, und laut rufen: Gustav, wart! Du solst mirs zahlen!

Ich stund still, und auf einmal drang der gute Gustav, nur in seiner Weste und Hemdearmeln zwischen der Tannenhecke durch, zu uns, warf sich mir zu Fussen, mit aufgehobenen Handen:

O, liebe Madame, nehmen Sie mich doch auch mit, ich will alle Bucher auswendig lernen, und niemals reden, und mich bewegen! Nehmen Sie mich mit! oder ich laufe so vom Papa.

Ach, wie erschutterte mich das Flehen des armen Knaben. Pindorfs Ebenbild zu meinen Fussen. Die Gute, Schwache und Unschuld der Kindheit, die Hulfe bey mir flehte; Henriette, die sich an mich hieng auch weinte und bat: O nehmen Sie meinen armen Gustav mit! ich bitte, bitte, ihr Kopfchen mit ihren Handchen in die Hohe haltend. Ich buckte mich und umfasste beyde mit aller Zartlichkeit und Mitleiden:

Ja, Lieben! ich will Euch beyde mit mir nehmen, wenn es der Papa und Mama zufrieden seyn wollen.

Was fur Freude entstund bey den Kindern! sie kussten sich und mich, und der arme Knabe wiederholte sein Versprechen, alle Bucher auswendig zu lernen und gerne nicht zu schlafen, und nicht zu essen, bis er seine Lektion wusste. Lassen Sie mich nur nicht in die Arme kneipen und an die Fusse stossen!

Gott behute, mein lieber Gustav, wer wird das thun.

O der Herr Barenz thuts! Sehen Sie, wie ich heute im Garten gekneipt wurde weil ich Jettchen gebeten, sie solle machen, dass ich mit ihr wegkame, und weil ich die Reverenz nicht so schon machte, als ich sollte. Er streifte seinen Ermel auf und, liebe Rosalia! die beyden Oberntheile seiner Arme waren blau und gelb gekniffen. Der Unmensch vom Aufseher! Henriette streichelte mit holder ruhrender Mine, die neuen Flicken, die er zeigte; indem er von andern sagte: die sind alt, der ist von gestern!

O, du armer Gustav, wie web muss das gethan haben! die Jungfer Zwingen kneipte mich auch manchmal, ach, Madame, das thut sehr weh; Sie konnens nicht glauben! Und fuhr der Knabe fort, wir durfens dem Papa nicht sagen; sonst soll es noch arger gehen! Ich habe meinem Rock ausgezogen und wollte es Papa weisen, aber Herr Barenz kam und da lief ich weg; denn ich hatte den Papa fruher gefunden, und er kusste mich, da ich sagte, Sie waren da!

Ich fuhrte beyde Kinder, bey einem Durchschnitt der Hecke, in den Wald; setzte mich mit ihnen auf eine Bank. Wolling und die Warterin kamen nach und ich bat Jungfer Zwingen, dem Junker Gustav seinen Rock zu holen. Wo liessen Sie ihn dann, sauberer Junker? sagte sie mit spitzen Gesicht, weisen Sie mir den Platz.

Der Arme holte tief Athem, sah mich angstlich fragend an, ob er gehen solle

Nein, mein Lieber, Er bleibt bey mir; Herr Wolling ist so gutig und hilft ihn holen:

Da sagte er, sein Rock liege am Rosengang: der Platz, wo wir sassen, war die Phasanenhecke. Wenige Minuten nachher da Wolling mit der hausslichen Dirne weg war, und die Kinder und ich ganz stille geschwiegen, kam eine welsche Henne mit acht jungen Phasanen, die sie fuhrte. Junge Tannen-Baume, Blumen, Krauter, alles war bluhend, gesund und glucklich um uns; und die Kinder des Mannes, der fur die Baume feines Lustwaldes und fur die Phasanen so gut sorgte, dass nichts zerknickte, und keins verwahrlosst wurde; der uberliess seine Sohne und seine Tochter der Gewalt eines Barn und einer Zwingin, welche Leib und Seele dieser guten Geschopfe zu Grunde gerichtet hatten; denn, es ist unmoglich, dass ein misshandeltes Kind, ein gutes Kind werde. Wenn die geringste Starke, in seiner Anlage ist, so muss sie innere Emporung, Hass gegen unrecht verwendte Gewalt und auch Harte erzeugen. Die fremde Mutter der Phasanen sorgte so treu, so eifrig fur ihre angenommene Kinder; und Frau von Pindorf, an dem Platze der Mutter dieser guten Schaafe, bezeugt sich so, dass die Armen eine Zuflucht in meinem Schoosse suchen mussen. Alles dieses gab mir wenig Lust, die Damen zu sehen. Unzufriedenheit mit Pindorf schlich sich in meine Seele, aber seine Kinder wurden mir theurer, lieber. Ich sagte ihnen: aber, Lieben, was wird euer guter Bruder. Fritzgen, sagen, wenn ich Euch wegnehme? Er wird trauren, wenn ich dem Papa alle seine lieben Kinder fortfuhre; was wollen wir da thun, wenn der Papa und der Bruder jammerte? O, der Fritz, der kriegt alles Zuckerwerk und schone Sachen von der Mama. Er wird auch nicht gekneipt, und er hat mir gesagt: die Mama wollte, dass ich mit wegkame; da ware er der einzige Sohn, und wurde bey Herrn Barn alles allein lernen, und dann bey Mama seyn! (das sagte Gustav, und Henriette setzte hinzu:) er weinte nicht um mich, sagte er heut, ob ich wegreisste oder sterbe; weil Herr Barn sagte: Manner mussen nie weinen, nur Madgen und alte Weiber, wie Gustav, weil er da weinte.

Die Idee, dass Pindorfs Federvieh weit glucklicher, als seine Kinder sey, erweichte mein Herz unendlich. Ich fasste beyde, und sagte sie sollten mich recht betrachten, ob sie dann mein Gesicht alle Tage gern sehen und mich immer lieben wollten? Mit was fur Ausdruck sahen Sie mich an! wie viel Wahrheit und Liebe war in ihren Augen!

Sie sind ja schon, sagte Henriette und Gustav sagte, etwas stockend und nach einigem Auf- und Abblicken an meinem Gesicht: und Ihre Augen sind so gut! ich will Sie immer ansehen! Ich kusste beyde und sprach, wir wollen es also probiren, und ganz munter und freundlich miteinander leben.

Den Augenblick zappelte Henriette, die ihren Vater sah, von der Bank weg und rief: Papa, Papa! Lief aber, als er sich gegen uns wandte, wieder zu mir, und hieng sich an meinem Arm. Gustav bebte. O bitten Sie fur mich! Was er noch sagte weiss ich nicht; meine eigene Bewegung hinderte mich, ihn zu beobachten.

Sieben und neunzigster Brief

Van Gudens Fortsetzung.

Sie bekommen in der That ein Buch, statt ein paar Briefen! aber, ich will meinen Kopf und mein Herz mit einemmal von allen diesen Bildern und Empfindungen losmachen, und nichts als den Plan und die Bemuhung fur Erziehung und Gluck der Kinder meiner Seele darinn erhalten. Horen Sie also den Ueberrest meines Tags in Pindorfswald.

Ich hatte meine Backe an das Gesicht seines Sohns gedruckt, da er zu Wolling, der allein mit Gustavs Rock mit ihm kam, etwas sagte und mit trauriger Miene auf mich deutete. Ich verstund diesen Wink in meiner Seele.

Es war der Wunsch, dass ich Mutter seiner Kinder seyn mochte! Wolling sagte mirs hernach

Pindorf blieb mit seinem Hute auf dem Kopf, halb an einen Baum gelehnt stehen. Ich hingegen stund von meinem Sitz auf, bewegte mich gegen ihn, und rief ganz heiter: Ja, Papa! kommen Sie geschwind, wir haben was zu bitten! Er wankte gegen mich. Ich liess Gustavs Hand fahren.

Zieh Er seinen Rock an, sagte ich, und komm Er gleich wieder.

Henriette war noch an meiner Linken, die Rechte nahm Pindorf und kusste sie etlichemal ohne zu reden. Gustav kam da wieder, und ich wiederhohlte: Haben Sie gehort, Papa, dass wir dreye was von Ihnen bitten.

Ja, was wollen Sie! Alles, alles was ich bin, ist Ihnen!

Haben Sie Dank, mein Freund!

Also ist ihr guter Gustav auch mein Gustav, samt Henrietten? sagte Er, mit einem etwas staunenden und fragenden Gesicht.

Ja; beyde!

Sie behalten Fritzgen, besuchen uns manchmal, und sehen was wir fur gute und schone Sachen thun werden. Denn das haben wir uns versprochen. Ich konnte lang reden; er war etwas verwirrt und unruhig. Gustav nahm seine Hand, lieber Papa; wollen Sie mich zu Madame lassen?

Gehst du dann so gern von mir?

Ach, nein! aber Sie kommen ja zu uns, wie Madame bat, und ich will Ihnen Freude machen, wenn Sie mich sehen!

Er kusste seinen Sohn zartlich.

Ja, du sollst mit mein Kind!

Meine gluckliche Kinder, fuhr er fort, da er mir von jedem eine Hand darreichte, nicht reden konnte, und so auf die Bank sich hinsetzte; die Hande sinken liess, und ich die Kinder umarmte, kusste, und mit vieler Bewegung auf Englisch sagte:

Sie gehoren nun meinem Herzen! Und nichts soll der Treue und Liebe gleichen, die sie darinn finden werden.

Nun nahm er beyde an seine Brust, kusste jedes auf die Stelle, die mein Mund beruhrt hatte und sagte:

Mehr, tausendmal mehr, als ihr mich liebt, sollt ihr Madame Guden lieben!

Ich musste ihm dieses sagen lassen; ich widersprach auch nicht, sondern sagte zu Gustav! Herr Wolling, auf den ich deutete, hatte auch einen Sohn, der schon viel gute Sachen wissen und der sein Freund seyn wurde. Pindorf stund da auf, und nahm Wollings Hand. Ich hof' es! mehr konnte er nicht sagen. Fritzgen zog uns aus der Verlegenheit, indem er gelaufen kam, noch einen fremden Besuch ansagte, und zugleich meldete, dass Mama und die gnadige Tante, mit den zwey Herrn im Wald bey den Grazien waren, Madame und der Herr mochte mit Papa hinkommen!

Ich verachtete zum voraus, alles, was die zwey Weiber waren und thaten, so, dass mich diese Art geringschatziger Behandlung gar nicht beleidigte. Pindorf war aber sehr daruber betroffen; bot mir seinen Arm mit sichtbarer Verlegenheit zum Fuhren an; den ich aber ausschlug, weil ich gern allein geh, und ihn durch mein Fragen nach dem was ich sah, nach und nach ermuntern wollte. Der Platz bey den Grazien ist, wie Sie wissen, wirklich sehr schon, und die RosenSchassmin- und Hollunder-Bogen waren in voller Blute. Ueber zwanzig Schritte lang hatte ich die Bildsaulen der Huldgottinnen, und die zwey gezierten Damen, nebst vier Herren im Gesicht, von denen allen auch Wir, gar sehr begukt und begast wurden. Zwey franzosische susse Herren, waren in dem ausserst nachlassigen Anzuge um die Damen und schwazten ihnen immer Etwas zu, dabey sie zugleich, auf uns sahen, und sehr albern und unanstandig lachten. Die zwey andern schienen vernunftige teutsche Manner zu seyn, die uns aber auch mit Neugierde betrachteten; doch war Verstand und eine sichtbare Achtung zugleich in ihren Gesichtern ausgedruckt. Frau von Pindorf sass allein auf einem kleinen Canapee von reichem Zeug mit versilberten Holzwerk, in rosenfarbnen Taffent, dicht und breit mit Silber-Flor garnirt gekleidet, hatte ganz schwarze Haare; die eine halbe brabanter Elle hoch frisirt, und mit Silberflor, Bandern, Federn und Blumen eines Korbs voll, behangt waren. Ihre sehr schone weise Brust ausserst entblosst, und die vollen Backen geschminkt, ohne dass es nothig gewesen; denn sie hat von Natur, eine sehr niedliche Gesichtsfarbe. Auf den Augbraunen sah man noch das Fett und Russ der verbrannten Mandeln, womit sie bemahlt und verdorben waren. Eine, man kann sagen, ungeheure Menge italienischer Blumen waren auf den Puffen des Silberflors angebracht. Ihre Fusse uber einander geschlagen, dass man beyde sehr weit sehen konnte. Dieses vergab ich ihr auch gern, denn sie sind ausserst niedlich und klein. Frauenzimmer zeigen immer gern das Schone, so sie besitzen; und die meisten wachsen ja mit keiner andern Idee des Vorzugs auf, als die Reitze ihrer Person geltend zu machen. Henriette wird auch einen zierlichen Fuss und eine vortreffliche Brust haben; aber die Empfindungen ihrer Seele sollen sie weit uber den Menschen hinaussetzen, der sie zuerst von dieser Seite bemerken wollte! Auch soll sie eine so kluge Eigenliebe bekommen, mit diesen Geschenken der Natur als eine edle Eigenthumerin ohne Ausbieten zu handlen.

Frau von Sofein, Schwester des Herrn von Pindorf, gross, wohlgewachsen, aber nicht so edel gestaltet, als ihr Bruder; ein artiges Gesicht; Spottgeist in ihrem Auge; Falschheit in ihrem Lacheln; mit sehr feinem Geschmacke gekleidet; mit Gang, Stellung und Geberden einer Tanzerinn; spricht das Franzosische sehr gut; kennt alle Romane und Comodien. Nach letztern ist der Ton ihrer Unterredungen und ihrer Grundsatze gestimmt, so wie sie auch das Maass ihrer Kenntnisse sind. So stolz und so hoflich, als sie, habe ich noch niemand gesehen. Sie sass auf einem Lehnstuhl von Rasen, an der Seite eines blauen Hollunderstocks. Ihr Kleid von feinem gelb und weissspielenden Zeuge mit dunnen weissen Flor garnirt, und mit violetten Bandern und Blumen in ihren schonen blonden Haaren; im Ganzen sehr reizend, musste sie auch dem Kunstler-Auge ihres Bruders gefallen; zu dem sie bald mit schwesterlicher Zartlichkeit sprach, bald mit ihrem Auge einen witzigen Gedanken zueignete, indem ihr Blick gleichsam sagte: Niemand als Du, hat Geist genug, mich zu verstehen, und das redliche Auge des Guten dankt der Schlange dafur. Sie sog das Mark seines ersten Vermogens noch aus, nachdem er schon die meisten Krafte verhauet hatte; und sie uberredete ihn zu dieser zwoten elenden Heyrath um Geld; denn Frau von Pindorf ist an Stand nicht mehr, als ich und am Vermogen und Charakter weniger. Aber Frau von Sofein regiert sie ganz; zieht von ihr zu Spiel und Kleidung, was sie will; und ihren Bruder uberwaltigt sie, gegen seine grosse richtige Gefuhle, bald mit Flehen, bald mit Trotz, Schmeicheln, oder Furcht vor ihrer beissenden Zunge. In meiner Gegenwart bemerkte ich diese Uebermacht, die er ihr liess und nun nicht mehr zurucknehmen kann. Seine Seele liebt und schatzt mich vorzuglich; doch war er nicht fahig, unter den Augen seiner Schwester, mir seine ganze Achtung zu bezeugen. Aber, ich bemerkte an allem, dass er in seinem Hause nicht mit der Wurde erschien, die ihn als jungern Mann in Italien und England Verehrung erwarb, und die er bey edlen Menschen immer hat. Die beyden Frauen blieben ganz stattlich sitzen, bis ich ganz nah war.

Ach! dachte ich, ihr wollt mich von eurer Hohe behandeln! Ich habe auch Weiber- Grillen, die um Eure Kopfe sumsen konnen!

Ein Blick auf Pindorf, der etwas verlegen schien, als er mich und Herr Wolling vorstellen sollte; die mich messende Miene seiner Schwester, woruber er roth wurde; die grossen Augen seiner Frau, die gleich an meinen Perlen am Hals und Ohrringen sich starr guckten. Hier gab Verachtung der zwey Weiber, und der Gedanke der Schwache von Pindorfs Charakter meiner Eigenliebe einen Schwung uber sie alle, und auch uber meine Leidenschaft. Ich sah mit einemmal die Ursachen, welche die Gewalt seiner Liebe fur mich unterbrochen hatten. Das Gefuhl von grosserer Starke meiner Seele gab mir einen hohern Grad Achtung fur mich selbst der unumganglich mit so viel Verminderung meiner Verehrung fur ihn verbunden war; und von da an, blieb mir nichts, als Freundschaft fur ihn. Ich kann ihn nun an der Seite und in den Armen einer andern Frau denken, ohne einen Schatten des Zerreissens zu empfinden, das ehmals in meinem Herzen wuhlte, wenn dieses furchterliche Bild vor meine Seele trat.

Ich erhob meinen Kopf nun auch, machte eine von meinen halben Verbeugungen, von denen man immer sagte, dass niemand so viel edlen Anstand dabey zeige, als ich; nahm Gustaven und Henrietten bey der Hand, und sagte in einem ganz bekannten, aber sehr sanften Ton: Ich weiss nicht, ob es die beyden Damen artig finden werden, dass ich bey meinem ersten Besuch, diese zwey liebenswurdige Kinder entfuhren will! Herr von Pindorf wird Sie aber versichern konnen, dass sein Sohn und Tochter recht gut versorgt seyn werden.

Mit der leichtesten Miene fuhrte ich beyde Kinder gegen ihre ganz stockend aussehende Mama und sagte zu ihnen: Meine Lieben! ersuchen Sie die Frau Mama und Tante, um ihre Einwilligung dazu.

Die Kinder gingen hin, beyden die Hande zu kussen. Frau von Pindorf spitzte ihren Mund.

So, Gustav! gehest Du auch weg? Ja, gnadige Mama, wenn Sie und die gnadige Tante es erlauben! O gerne! sagte sie, gegen ihre Schwagerin blickend, die hinzusetzte: unsere Einwendung kame wohl zu spat! Und dann sagte die Frau noch, fuhrt Euch nur gut auf und lernt schon fleissig bey der Madame und dem Herrn, auf Wolling zeigend. Mein Mann wird wohl den Accord schon gemacht haben? sagte sie gegen mich, indem sie die Kinder mit der Hand zuruckwies.

O ja, schon lange! antwortete ich, mit einer muntern Verbeugung dazu. Herr von Pindorf schien uber seine Frau und mich etwas verdriesslich. Seitenblicke seiner Frau Schwester brachten ihn vollig aus der Fassung. Ich ging zu den Bildsaulen bin, liess seine Flau, mit ihrem lacherlichen stoffnen Canapee und die Dame von Sofein mit den galanten Messieurs stehen, und sprach mit Wolling uber die Schonheit der Grazien und den so vortreflich gewahlten Platz. Wolling hatte noch gehort, dass die Dame von Sofein den Herrn sagte, ich sey eine Englanderin, die eine Erziehungsschule aufrichtete, und, auf ihn deutend, hinzusetzte, der wurde wohl der griechische Sprachmeister seyn. Die zwey Herrn en Polissons lachten, wie wir selbst horten, sehr stark. Die andern Fremden sprachen unter sich und Pindorf redete seiner Schwester zu. Die Kinder kamen zu mir, und ich setzte mich an den Fuss eines Baumes, der den Grazien gegenuber stund, und fragte die Kinder: welche von den drey Figuren ihnen am besten gefiele? that nicht einmal, als ob die andern Gesichter da waren; suchte auch Pindorfen mit keinem Blick auf. Endlich kam er, und sagte etwas unmuthig und beschamt; ob wir nicht mit ins Haus wollten? Herr und Frau von Bargen waren auch angekommen. Meine kleine Unzufriedenheit gab mir eine Rothe auf die Wangen, die mir, nach Wolling, vortreflich stund. Einer der vernunftigen Fremden bot mir den Arm; ich nahm ihn, und da er mich franzosisch angeredet, so sprach ich mit ihm uber den Garten, die Verzierungen desselben und uber die Gebaude fort. Pindorf nahm seine Kinder, und der herrliche Wolling ging still an seiner Seite mit bis in das Haus, wo wir der Frau von Pindorf durch alle ihre Zimmer nachgehen mussten. Sie sah sich hier immer nach mir um, ob ich wohl ihre kostliche Stuhle und Betten bemerkte. Die Bedienten trugen auch ihr Canapee aus dem Garten nach und wir mussten still stehen, bis sie vorbey waren. Sie befahl, es an seinem ordentlichen Platz in gelb und silbern Zimmer zu stellen. Sie wissen Pindorfs Geschmack. Er hatte die Zimmer ganz weiss mit leichter Gipsarbeit zieren lassen und Betten und Stuhle von Zitz geschaft. Die Gast Zimmer sind, dem Himmel sey Dank! noch so. Aber der reichen Tochter des Kriegs-Commissairs Raffberg war dies zu schlecht; und die vielen reichen Kleider, wovon die Jungfer Zwingin geredt, waren alle in Streifen geschnitten, blau und gelber Grund, roth und andre zusammen gesetzt und die Kussen der Canapees, Stuhle und Ruckwande von zwey Betten uberzogen; die Fullungen der Zimmerwande weiss gelassen, aber von den Stoffen eine Art Rahme darum gemacht. Eine sehr lacherliche Pracht, die ich, um Pindorff zu schonen, nur fluchtig ansah. Denn, ich weiss, dass man oft aus Uebermaass von Gute Sachen dultet, die einem ausserst missfallen. Herr und Frau von Bargen waren in dem grossen Saal, welcher in seiner edlen Schonheit gelassen worden. Bargen ein junger Mann von sieben und zwanzig Jahren; seine Frau etwas alter als er, aber voller Kenntnisse, und er noch im ganzen Feuer der Begeisterung von einer Reise durch Italien und England, welche die einzige Bedingung war, die seine Frau in den Heyrathsvertrag eingeschalter haben wollte und wovon er vor wenig Zeit zuruckgekommen. Frau von Bargen hatte ein Englisches Reitkleid an, und er einen Frak; beydes noch in England selbst verfertigt. Der Werth, den sie sich noch, uber ihre Reise, und die Sachen die sie alle gesehen, beylegten, vergrosserte auch ihre Aufmerksamkeit auf mich; weil ich ganz den Anschein einer aus Brittanien herstammenden Person hatte. Bey meinem Eintritt in den Saal war Frau von Sofein noch in der Umarmung der Frau von Bargen, und Pindorf an der Hand seines Freundes vor seiner Frau, die er ihm vorgestellt hatte. Die Bargen fragte gleich:

Wer ist die Englisch gekleidete Dame?

Ach, es ist keine Dame, sondern eine Frau, die eine englische Kostganger- Schule aufrichtet und die Kinder meines Bruders abhohlt!

So ist es doch eine Person von Talenten, und wird gut Englisch reden: und hierauf ging sie auf mich zu; und fragte mich: ob ich schon lange aus meinem Vaterland entfernt sey? lobte meinen Gedanken, eine englische Erziehungsanstalt zu errichten; es wurde, hofte sie, (sprach sie deutsch, weil Dame Sofein zuhorte,) bey allen vernunftigen Leuten mehr gefallen, als die franzosischen Nachafereyen. Dame Sofein sagte hier ganz richtig: Ey, mein Schatz! wenn die Rede vom Nachaffen ist, so muss ich fragen, ob die Englischen Aefgens artiger sind, als die Franzosischen?

Frau von Bargen schien etwas empfindlich, und ich antwortete statt ihr:

Frau von Sofein konnen ganz ruhig glauben, dass Gustav und Henriette, in Nichts affenartig werden sollen:

Ich will es mir auch ausbitten; erwiederte sie. Die Bargen sprach nun wieder Englisch, und fragte, wo ich wohnte? Sie hatte eine Nichte von Henriettens Alter, die wolle sie mir auch geben. Ich antwortete, dass ich furs Erste nur die Pindorfischen Kinder nehmen wollte. In dem nemlichen Augenblick kam Pindorf mit Herrn von Bargen zu uns und sagte, auf mich weisend: Hier ist eine Dame van Guden, die England und Italien so gut kennt, als wir beyde. Von da an war fur die beyden Leute niemand angenehmer, als ich; denn sie wiederholten nun mit mir ihre Reisen, Spaziergange und Bemerkungen. Der Fremde so mich gefuhrt, betrachtete mich je mehr und mehr, nachdem ich tiefer in die Unterredung verwickelt wurde. Herr von Bargen und sie wollten bey Tische nur neben mir sitzen, und Pindorf wurde ganz heiter, uber die Kennzeichen von Hochachtung, die sie mir gaben. Die Pollisons und seine zwey Hausdamen machten nach und nach eine traurige Figur. Dame Sofein wollte nach dem Essen, da Pindorf selbst mit seinen Kindern ging, um ihre Abreise zu bestellen, eine andre Idee in Frau von Bargen bringen, und bat sie zu versuchen, ob sie noch Clavierspielen und Singen konne! denn setzte sie hinzu, das Clavier ist aus England; mein Bruder liess es erst kommen.

Frau von Bargen ging hin, spielte und sang ziemlich artig. Ich stellte mich hinter ihren Stuhl. Den guten Wolling hatte der Partheygeist fur mich angegriffen, und er sagte Herrn von Bargen, dass ich keineswegs eine Hofmeisterin, sondern eine edle, reiche Frau und Freundin des Herrn von Pindorf sey; einsam wohne, und deswegen die zwey Kinder zu mir nahme. Er setzte noch viel hinzu; unter andern auch mein grosses Talent, im Singen und Clavierspielen. Da kam Bargen, und die zwey Fremden, welche Wollingen zugehort hatten, und baten, dass ich mich horen lassen mochte. Ich phantasirte lang und fiel endlich mit einem Englischen Liedgen ein. Die Frau von Pindorf, die jung ohne Verstand, aber nicht so bose ist, dass eine Empfindung von Vergnugen sie nicht mit Leuten aussohnen sollte, die ihr erst missfielen; lobte mich sehr und klatschte in die Hande, und dankte mir fur mein Liedgen. O das mussen Sie unserm Jettgen auch singen lehren. Ich versprach es ihr ganz freundlich. Da ich noch am Clavier sass, aber nicht mehr spielte, kam Pindorf zuruck. Eine starke Bewegung erschien in seinen Augen, als er auf mich blickte, und Wollingen fragte, ob ich gespielt hatte? Ja! Und auch gesungen? Eine Geberde von Bedauren, es nicht gehort zu haben, war die einzige Antwort die er gab, und er nahete sich mir mit Wunschen und Bitten in seiner Miene. Ich fuhr fort zu spielen, und sang das Recitativ: Cari prali e selere, und endigte mit einer Arie, deren Worte ich selbst zusammen gesetzt habe, worinn Ueberdruss der larmenden Weltliebe, Liebe der Einsamkeit, und Ruhe der Seelen ausgedruckt ist. Pindorf lehnte sich auf meinen Stuhl, wahrend ich sang. und machte mir als ich aufstund, nur eine Verbeugung. Herr Bargen, seine Frau und die zwey Fremden sagten mir vieles. Frau von Pindorf kusste mich; es war mir in meiner Seele zuwider, besonders, da sie noch hinzufugte, dass ich den Abend da bleiben solle. Das war mir aber unmoglich. Daruber wurde sie auch wieder bose, wie Kinder, wenn man nicht thut, was sie wollen.

Frau von Sofein spielte eine wahre CoquettenRolle mit den zwey artigen Herren, Ihre Schwagerin war auch mit dabey; aber nur als Furwand und Gegenstand des heimlichen und hamischen Spottes. Ich hatte Herrn Wolling um Bestellung unseres Wagens und der Geschenke an Hofmeister, Warterinnen. und Hausbedienten gebeten; und als er mir meldete, dass alles geschehen sey, schickte ich mich zu unserer Abreise an. Wolling hatte in einem Fenster mit mir gesprochen; Pindorf naherte sich uns und Ersterer ging zu den Kindern.

Sie gehen missvergnugt aus meinem Hause! sagte Pindorf. Nicht missvergnugt, aber traurig uber die Gewalt die Ihre Frau Schwester in Allem uber Sie hat, und nicht verdient. Suchen Sie den Grund davon in Ihrer Seele auf, denken Sie nach. Dem guten Kinde, das Sie zu Ihrer Gemahlin machten, begegnen Sie edelmuthig, und bilden Sie sie selbst. In den Handen Ihrer Frau Schwester wird sie schlecht und sie ist doch Ihre Frau! Sie verachten mich, sagte er mit Schmerz. Nein! da ware ich am elendesten; aber, Ihre Schwester wird Scheidewand zwischen mir und Ihnen. Eine grosse Seele, in der Gewalt einer kleinen, arglistigen. O Pindorf! Und da ging ich, nahm kurzen Abschied, und sagte dem Hofmeister, er mochte sich das Kneipen abgewohnen. Die zwey guten Kinder schliefen nach der ersten halben Stunde ein; und es war mir lieb, denn ich konnte da der Geschichte des Tags nachsinnen. Seit vielen Jahren war ich nicht in so grosser Gesellschaft gewesen; fuhlte auch nicht die geringste Begierde in mir, mich in Zukunft ofterer darinn zu sehen. Vielleicht trug das Wegwenden meines Herzens von Pindorf, eben so viel zu dieser Gleichgultigkeit bey, als mir ehmals meine Anhanglichkeit an ihn, jede Gesellschaft, wo er nicht war, unangenehm und widrig machte. Jede Scene, durch welche meine Liebe mich gefuhrt hatte, stellte sich vor mein Gedachtnis, und ich musste mir endlich sagen, was ich Ihnen schrieb:

Dass Eigenliebe mich elend gemacht und Eigenliebe mich rettete.

Meine Leidenschaft fur Pindorf hatte zu der Zeit angefangen, da ich in ihm die namlichen Grundsatze, Beschaftigungen und Geschmack sahe, die mich beherrschten. Dies war mit der Gestalt und dem Bezeugen verbunden, die ich allein edel und liebenswurdig achtete. Gemeinsame unerfullte Wunsche nahrten unsere stille Liebe. Das, was ich in der Opera empfand, war im eigentlichen Verstande Eifersucht; und die ist immer Beweis der Liebe gewesen. Erinnern Sie sich, was Sie mich thun sahen; meiner Reise nach W. mein Bauen und Wohnen auf diesem Berge. Aussichten fuhrten mich her; alle, alle Leidenschaft lag noch in mir, als ich ihn hier sah, Tugend kampfte gegen sie, weil er wieder vermahlt war: aber sie hatte mich nicht so geschwind geheilt, als der Gedanke mich starkte, dass Personen und Umstande Pindorfs Gesinnungen wenden konnten wie sie wollten, dass keine Uebereinstimmung mehr in uns seyn konne. Verhasst, oder gleichgultig wird er mir nie werden, aber anbeten, lieben, kann ich ihn auch nicht mehr, seitdem ich mich hoher schatze als ihn.

Acht und neunzigster Brief

Van Gudens Fortsetzung.

Und auch, nachdem ich so viel geschrieben, sind Sie doch ungedultig? weil ich das kleine Kinder Fest nicht gleich dazu gefugt hatte. Soll ich wohl glauben, dass das Gluck, so Sie mit Ihrem Cleberg geniessen, ein verwohntes eigensinniges Kind aus Ihnen machte, das sein Stirnchen runzelt, das Maulchen eckig zieht, und ein kleines abgebrochenes Murren aussert, wenn es nicht den ganzen Vorrath von dem kleinen Spielzeug bekommt, den es in der zweyten Schieblade des Schranks vermuthet? Verzeihen Sie mir, meine Liebe, und fragen Sie sich, ob Sie nicht unrecht haben, so eifrig in mich zu dringen? Glauben Sie aber nicht, dass ich aus Unmuth vier Tage spater antwortete. Ich hatte zwey davon mit dem Entwurf eines Erziehungsplans fur die Pindorfischen Kinder zugebracht; ich fuhle, dass ich eine schwere Arbeit unternommen; und auch, dass mein Plan manchen lacherlich und thoricht scheinen muss, so lang als mir die Neigungen und Fahigkeiten der Kinder nicht vollig bekannt sind; dazu hat mir der Zufall durch Wollings Gedanken, den Kindern ein Willkommfest zu geben, mehr Dienste geleistet, und einen sicherern Weg gebahnt, als vielleicht Jahre von Nachdenken nicht gethan hatten. Genuss von Freyheit und Vergnugen, bewegt und ofnet die Seele der Kinder so gut, wie die unsere. Diese beyden allein, entwicklen den Keim der Fahigkeiten und Empfindungen. Das W o h l wieder zu geniessen, dem U e b e l zu entgehen, diese Triebe bestimmen die erste Richtung des Auges, nach Hulfsmitteln zu sehen, und die Anspannung der Krafte, sie zu erreichen. Eigenliebe und Nachstenliebe zeigen sich da in Mittheilung des Guten, oder im Alleinhabenwollen; wohl gar auch im gewaltigen, offenen, oder listig heimlichen Wegnehmen bey der andern. Heftigkeit der Begierden zeigt sich im Genuss des Vergnugens, im Darumbitten, und im Danken. Ich hatte im Pindorfischen Hause bemerkt, dass der Vater sehr wenig von seinen Kindern musste, und ihr Aufseher den Willen und Verstand nicht hatte, sie richtig zu kennen und zu leiten. Ueble Begegnung uber unschuldige Fehler der Kindheit; Zwang, der ihnen angethan worden, sich das Bezeugen und Wissen erwachsener Leute eigen zu machen, hatte naturlicher weise ihr Herz verschlossen, Henrietten furchtsam, Gustaven misstrauisch und beynah storrisch gemacht. Ich musste sie also Wollinghof, seine Freuden und Bewohner in aller Freyheit kennen lernen laffen, und nur still beobachten, an welches Kind von den unsern, an welche erwachsene Person, sie sich mit dem ersten Vertrauen wenden, und welchen Zeitvertreib oder welche Belustigung, sie zuerst wiederhohlt wunschen wurden; wonach sie zuerst fragen mochten, u.s.w. Zu diesem Allen zundete das kleine Fest das Licht an. Sie wissen wir kamen zu spat nach hause, um noch den Abend etwas vorzunehmen; die Kinder waren auch auf einer Seite durch den Prunk des Tages, durch Barnskneipp und dem Abschied vom Vater zu sehr erschuttert, und dann hatte Frau von Pindorf den Eigensinn gehabt, dass beyde junge Pindorfs in ihrem Staatsputz nach Wollinghof gefuhrt werden sollten, damit die Leute dort sehen mochten, dass sie nicht aus Barmherzigkeit aufgenommen wurden. Ohne Zweifel dachte sie Frau von Lissheim, unsern Kindern und Leuten damit eine Ehrfurcht einzuflossen. Aber Wolling und ich wollten die unsrigen weder dem Schmerz des Unterschieds, noch der Gefahr des Bewunderns und Nachwunschens aussetzen. Henriette wurde also, wie Gustav in einen grossen Mantel gewickelt und durch den Obstgarten gleich in meine Zimmer gebracht, wo Meta das Fraulein, und Wolling den Junker auskleideten, doch ohne das Mindeste von Lobspruchen wegen der schonen Kleider zu aussern. Als es bey dem armen Jettchen aufs Aufschnuren kam, fieng sie schon an zu seufzen und zu zittern, und faltete ihre Hande mit dem Bitten. O langsam! langsam! Meta hielt gleich inne; und ich knieete vor das gute Kind hin: was fehlt Dir, meine Liebe? warum zitterst Du? Ach die Schnurbrust und mein Hemd, stecken in meiner Haut: Hier! sie wies auf die Huften, und hielt den Athem an sich, indem Angst in ihrem Gesicht und Thranen in ihren Augen zu sehen waren. Ach, Rosalia! was verderbt Unsinn und Vorurtheil an Leib und Seele! Sie hatten, um dem Madchen einen dunnen Leib zu ziehen, das steife Schnurleib uber ihren Huften so zusammen gezogen, dass auf beyden Theilen die Haut theils offen, theils mit einer Rinde bewachsen war, und durchgehends ein brauner Streif um den ganzen Leib ging. Sie bat mich, dass sie das Hemde selbst losmachen durfe. Ich liess es gern geschehen; sie schrie und fiel mir weinend um den Hals. Troste dich, mein Engel, du sollst die hassliche Schnurbrust niemals mehr anziehen! Wie sie mich da kusste und liebkosste, das gute Kind; und dann in ihrem Schlafzeug, das ganz artig war, mit Gustav in seinem Ueberrock recht herzlich zu Nacht mit mir assen, und auch so wohl schliefen. Gustav hat ein Zimmer dessen Fenster auf den Weg gehen. Der Gartner blieb neben ihm, aber den zweiten Tag nahm ich den vortreflichen jungen Mooss zu ihm, der als Freund mit ihm leben, als Freund, alles was er weiss, mit ihm theilen soll: sobald Gustav zu Etwas. womit sich Wilhelm Mooss beschaftigt, Lust bezeugt. Als die Kinder schliefen, durchsuchte ich mit meiner werthen Meta ihren Koffer und Kleidungsstucke, um Etwas zu finden, dass Henriette des andern Tages anziehen konnte, ohne das Schnurleib zu brauchen, und doch geputzt zu seyn, wie es dem Stande ihres Vaters zukommt; denn sie sollen die Erziehung haben die ihnen gebuhrt. Aber auch sehr genau Ordnung, Werth und Pflichten eines jeden Standes, nebst deren Anspruchen kennen lernen. Die Vortheile im Gluck, Ehre, und Wissen ihrer Classe sollen sie nicht mit Stolz, sondern mit edelmuthigen Gesinnungen gegen ihre Nebenmenschen, und dankbarer Verehrung gegen die Vorsicht erfullen. Meta und ich arbeiteten noch lange in der Nacht, dis ein weisses musselines Leibkleidgen fertig war, dass Henriette den Morgen uber ein anderes dunnes Leibkleidgen anzog, aus dem wir die Aermel schnitten und ihr nur eine breite blauseidene Binde um den Leib gaben, die mit einer grossen Schleife auf der Seite festgemacht wurde, und nicht die geringste Bewegung ihres Korpers verhinderte. Die Aermel waren auch wie der kleine Strohhut mit blauen Bandern gebunden. Die Blumen sucht sie aber seit dem Tage des Willkommfests, wo sie Kranz und Strauss geschenkt bekam, meistens selbst und lernt sie zusammen binden. Sie besorgt auch schon Blumentopfe; so wie Gustav, Oberaufseher, uber das Stuck Wald seyn will, wo der Anflug junger Eichen und Buchen ist. An diesem Theil unsers Berges hatte Wolling das Kinderfest veranstaltet, so Abends gegeben werden sollte, nun aber zum Fruhstuck wurde. Ich hatte wenig geschlafen, stund fruh auf, zog mich an, und setzte mich in mein Kabinet, um Bemerkungen uber mich aufzuschreiben; gab aber dabey auf Henriettens Erwachen Achtung. Sie wissen, die obere Fullung der Thure meines Kabinets ist von Flor, wodurch ich mein grosses Zimmer meistens ubersehe. Das Kleidgen, die Binde und der Hut lagen auf einen kleinen Tischgen neben Henriettens Bette hubsch geordnet. Auf dem kleinen Stuhl ihre ubrigen Kleidungsstucke nett gelegt. Nachdem sie erwacht war, und einige Augenblicke sich hin und her bewegt hatte, richtete sie sich auf und guckte nach meinem Bette, streckte den Kopf vorwarts, um zu horchen; kniete dann und betrachtete die Kleidung auf dem Tisch; beruhrte die Binde mit Staunen, lachelte auf den Hut, horchte wieder, nahm ihn dann und versuchte, ob er ihr passte; legte ihn wieder auf seinen Platz; wollte dann ihre Strumpfe anziehen, war aber ziemlich ungeschickt dabey, wie auch in Zubinden ihres Rocks. Dies merkte ich mir, zu einem Anlass von Beweise des Werths der Menschen in der dienenden Classe, und ging zu ihr, umarmte sie, fragte: ob sie wohl sey? wohl geschlafen habe? und nahm sie auf meinem Arm an das Fenster, von dem man einen Theil des Obstgartens, Feldes und Teiches sieht. Himmel und Erde waren schon.

Sieh, mein Kind! du und die Baume und das Feld sind so wohl und schon, durch den nachtlichen Schutz Gottes. Ich danke ihm dafur, und bitte ihn, dich deinen Papa, und alle Menschen auf der ganzen Erde zu seegnen, Druckte sie an mich und kusste sie. Sie konnen nicht glauben, liebe Freundin, wie suss mir die Ruhrung war, die ich in Henrietten hervorgebracht hatte; sie schloss ihre Arme um mich und ich hielt sie noch einige Augenblicke still in den meinigen, und sagte dann, dass sie nun zum Ankleiden und zum Fruhstuck gehen musse. Ich kann mich selbst nicht anziehen, sagte sie ganz verschamt und kleinmuthig.

Ich weiss es Liebe! denn ich brauchte auch einmal gute erwachsene Menschen, die fur mich sorgten.

Nun ging sie ganz Madchenartig zu dem Tischgen mit ihren Kleidern. Liebe Madame! ist das mein? Ich sprach ihr von Reinlichkeit durch Waschen und sonstige Sorgfalt, und kleidete sie selbst an. Wolling kam mit Gustaven, der nett in einem grauen Frak mit grunen Kragen und Aufschlagen, sich mir ehrerbietig und zufrieden naherte. Guten Morgen, mein Sohn, hat Er in Wollinghof gut geschlafen? Mit inniger Zufriedenheit versicherte er mich, ja! Nun wollen wir zum Fruhstuck in den Wald sagte ich. Henriette nahm die Hand ihres Bruders, als er sie, wegen der Leidbinde betrachtete. Sie bog sich hin und her. Da fuhle, wie weich das ist! und sieh wie ich mich biegen kann! Denke! gar niemals mehr soll ich die Schnurbrust bekommen. Der holde Knabe freute sich bruderlich, uber die Zufriedenheit seiner Schwester und sah mich dabey, mit dem Ausdruck des Vertrauens an, dass auch er bey mir von allem schmerzlichen Zwang befreyt seyn wurde. Nun gingen wir durch die SeitenThure langst dem Teiche bey den alten Birken und der Nusshecke zum jungen Eichwald, in welchem wir einen Grassplatz leer gelassen, und von der grossen Quelle, eine Rinne abgeleitet haben, die durch gedeckte Rohren lauft, und zwischen zwey Moosbanken uber kleine Kiesselsteine in ein Becken sprudelt; dort hatte der gute Wolling die Kinderscene veranstaltet. Auf der ersten Halfte des Wegs blieben wir bey dem Tone einer Schalmey stehen, die man sehr artig spielte. Aber Wolling winkte uns nach dem Eingange des Quellplatzes und verschwand sogleich. Ich staunte uber den Anblick der Verzierungen, die er angebracht hatte. Die Quelle und zwey Moosbanke sind gerade dem Eingange gegen uber. Da war hinter der Quelle ein von Tannenreis gemachtes Stuck Wand, das sich an zwey schone Eichen lehnte; etwas vorwarts waren zu beyden Seiten uber den Moosbanken, auch solche Wandstucke, die bis an die Aeste der Baume reichten, welche daruber herunter hingen. Auf der mittlern Wand war in weissen Rosen ein V. G. auf denen an der Seite in Rothen H. P. und G. P. zwischen gelben Wiesenblumen Cranzen aufgehankt. Alle Baume an beyden Seiten waren mit grunen Wandstucken bestellt, an denen grosse Blumenstrausse herunter hingen. An der Ecke der einen Moosbank stunden die zwey Madchen unsers Bauren, sauber gekleidet, mit weissen Schurzen und neuen Strohhuten. Die eine hatte die Hand an einem grossen Milchtopf, der auf der Bank stund, und kleine Milchschusselgen waren in einer Reihe dabey gestellt. Das andre Madchen hielt die Henke eines schonen Armkorbes, uber den die Ecken eines weissen Tuchs etwas heraus hiengen; uber dies ragte eine grosse irdene Schussel mit Blattern bedeckt, auf welchen frische Butterstucke, nach baurischer Art geziert und geformt lagen. Neben dem Korbe auf einem holzernen Teller kleine Kase, und Weidenkorbchen mit Kirschen. An der andern Bank stunden zwey hubsche Bauerknaben, auch reinlich angezogen; ihre runden Hute auf den Kopfen. Der eine, bey einem leeren Bienenkorbe, auf welchem noch Stucke von Wachswaben lagen, in denen noch Honig war. Ein weisses irdenes Geschirr voll Honig mit einem Lofel darinn, stund daneben; dann Weidenteller voll Pflaumen und an der einen Ecke der Bank ein andrer Knabe mit einem Korbe voll kleiner weisser Brodtchen. Ein grosser Laib Hausbrod lag neben dem Korbe. Den Augenblick, da ich mit den Pindorfischen Kindern, ein paar Schritte vorwarts gegangen war, hupften, nach der Musik einer Flote und Schalmey, Lottchen und Nanny Wolling mit der kleinen Auguste und Louise Moos, an einer Blumenkette sich haltend, uns entgegen; alle in neu Leinen gekleidet, Strohhute und Strausse an den Kopfen, drehten sich recht artig gegen Henrietten und sangen; da ihr Lottchen ein Blumengewinde umhing:

Sey willkommen, Henriette!

Schon, wie diese Blumenkette,

Sollen deine Tage seyn;

Kaum hatten die Madchen das ausgesungen, als die Knaben auf der andern Seite hervor tanzten. Carl und Gottlieb Wolling mit Bernhard und Philipp Moos in saubern leichten Zeug gekleidet und Kranze um ihre Strohhute gewunden, hatten auch eine Blumenkette, an der sie sich hielten, gegen Gustav sich bewegten, und Carl, der einen Kranz in der Hand trug, setzte ihn unterm Singen auf Gustavs Hut:

Willkomm Gustav, edler Knabe!

Nimm von uns die erste Gabe,

Einen Kranz aus diesem Hayn.

Wahrend dem Singen der Knaben tanzten die Madchen auf der andern Seite im Reyhen herum; kamen dann naher, und Carl und Lottchen sangen zusammen:

Kommt und nehmet alle Beyde

An der Lust, und an der Freude

Von uns guten Kindern Theil.

Nun tanzten die Knaben allein, und Lottchen sang, auf die Quelle weisend:

Rein und helle,

Wie die Quelle,

Macht die Unschuld unser Herz!

Alsdann kamen die Knaben naher, und die Madchen tanzten fort: Carl sang:

Wald und Sonne

Giessen Wonne

Ueber frommen Jugend-Scherz

Gustchen Mooss, mit ihrem Silberstimmgen:

Morgenrothe

Und die Flothe

Guter Hirten weckt uns auf;

Bernhard Mooss:

Und dann lernen

Wir von Fernen

Guter Menschen Lebenslauf.

Nanny Wolling:

Engel sehen

Wo wir gehen:

Sind zu Wachtern uns bestellt.

Gottlieb Wolling:

Thau und Regen

Bringen Seegen

Auf den Garten und das Feld.

Louise Mooss:

Blumen bluhen;

Bienen ziehen

Wachs und Honig uns daraus.

Philipp Mooss:

Vogel singen,

Schaafe springen,

Ganz vertraut um Hof und Haus.

Lottchen Wolling:

Abends blinken

Stern', und winken

Uns, und alles in die Ruh!

Carl Wolling:

Und wir schliessen

Mit dem sussen

Gott sey Dank! die Augen zu.

Nun hupften die Knaben und Madchen gegen die jungen Pindorfs, die ganz entzuckt neben mir stunden. Carl Wolling reichte Gustaven, und Lottchen Henrietten das Ende des Blumengewindes, an dem sie getanzt hatten und beide sangen dabey:

Komm, Gustav! komm, Henriette,

Fasset diese Blumenkette,

Machet sie zum Freundschaftsband.

Sie blickten mich an und ich winkte ihnen, dass sie es thun, und mittanzen sollten. Mit was fur Freude sah ich die liebenswurdige Reihe dieser guten unverdorbenen Herzen, voll inniger Frohlichkeit, gesund und harmlos mit so viel naturlicher Anmuth herumspringen! Schon im Singen hatten Sie mein Herz erweicht. Ich wollte die Baurenkinder sich mit anschliessen lassen, und bewegte mich also von meinen Platze. Den Augenblick kamen Wolling, seine Frau, Meta und Willhelm Moos hinter einer Fichtenwand hervor, schlossen sich an die Reihen, und tanzten alle um mich her. Meta sang mit ihrer so schonen Stimme:

Wollinghof hat tausend Freuden,

Frau Wolling:

Liebe, Gute

Wolling:

Trost im Leiden

Alle drey:

Fliessen auf van Gudens Hand.

Sie mogen denken, wie ausserst geruhrt ich da stand. Ein susser Schmerz durchdrang meine Seele. Ich musste weinen. Kusste meine beyde Hande, und reichte mit meinen Armen nach Frau Wolling, die mit den andern noch im Reihen herumtanzte. Nun kam sie, fasste meine Hand, kusste sie; alle andre tanzten fort, schlossen sich aber nach und nach um mich, und die, welche einen Arm, ein Stuck Kleid von mir erreichen konnten, kussten und druckten sie. Die Schalmey und wir alle, schwiegen eine Zeitlang; denn, wer kann da reden! Ich umarmte endlich Frau Wolling, und sagte ihr:

"O was machen Sie!"

Er blickte mich an und dann gen Himmel, konnte nicht reden, alle Augen waren auf uns geheftet. Dank! sagte ich endlich, tausend Dank! kommt Ihr Lieben alle, wir wollen zum Fruhstuck tanzen. Die guten Baurenkinder kamen auch in die Reihen, und dann gingen die Kinder zum Essen, setzten sich hier und da; gingen mit einander; beguckten die neuen Ankommlinge. Der Pfarrer, der Beamte, und unsere Dienstleute, die hinter den Fichtenwanden gestanden und zugesehen hatten, kamen nun auch; und wir assen alle zusammen eine Art Mittagsbrod und waren sehr glucklich und vergnugt! Ich bemerkte an Gustav ein wahres offenes Herz; an Henrietten viel Feinheit, und sprach ihnen zu, mit den guten Kindern freundlich zu seyn, die sich so viele Muhe um sie gegeben hatten. Da thaten sie nun auch recht artig. Gustav und Henriette wussten einen Tanz fur vier Kinder und wollten ihn die andern lehren, wenn ich es zufrieden ware. Ich willigte gern darein, und sprach mit den grossen Leuten fort, damit die Pinvorfischen Kinder nicht denken mochten, dass ich sie beobachtete. Gustav lehrte seine drey Tanzer recht gedultig; Henriette aber, hatte immer vielmehr zu tadeln und zu bessern, wurde aber eher ungedultig als er und wies die kleineren Kinder lebhaft auf die Seite. Zu diesen ging ich dann, und lehrte sie nachtanzen, indem ich mit ihnen nachzuahmen suchte. Henriette blieb, als sie es sah, mitten im Tanzen stehen und blickte aufmerksam mich an. Ich lachelte ihr aber zu und rief: sie sollte fortfahren, denn sonst konnten wir nichts lernen. Da sprang sie freudig zu mir, kusste mich und sagte: O, ich dachte, Sie waren bose! Warum, meine Liebe? uber kleine Kinder werden gute Menschen niemals bose. Geh, meine Tochter, und tanze ruhig fort. Sie bemerkte dies ganz, und war denn mit den kleinen recht gedultig und sanft. Dies war mir ein Merkzeichen ihres Charakters. Carl hat ein Schaaf erzogen, das ihm uberall nachlauft. Es gefiel Gustaven. Carl wollte es ihm schenken, aber Gustav nahm's nicht, sondern bedingte sich nur, dass es auch ihm manchmal folgen und aus seinen Handen essen sollte. Alles das that meiner Seele wohl. Und nun ist meine Liebe fur Pindorf zur wahren Freundschaft geworden. Das Gluck seiner Kinder ist alles, was ich wunsche, und ihre Erziehung mir ein susses Geschaft!

Neun und neunzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Sie klagen in Ihrem gestrigen Briefe uber trube und leere Stunden: dieser Gedanke schmerzt mich von Ihnen mehr, als von tausend andern, weil er mir entweder eine grosse Zerruttung Ihrer Gesundheit oder einen ausserordentlichen Zufall in Ihrer Familie anzeigt; denn Ihr Reichthum und Geschmack an Kenntnissen, und der richtige Werth, den sie auf alles Zufallige, Leichte oder Wandelbare legen, lasst mich keine geringe Ursache vermuthen. Ziehen Sie mich, ich bitte Sie, aus dieser Besorgnis und sehen Sie in diesem Paquet nach, ob Sie, wie Sie von mir verlangen, etwas fremdes Zerstreuendes darin finden konnen. Es sind lauter Papiere von Wollinghof, worinn die Auflosung des Zauber-Knotens erzahlt ist, mit welchem die Liebe meine sonderbare van Guden neun Jahre lang gefesselt hielt. Ich wunsche sehr, dass Sie mir Ihre Gedanken daruber sagen mochten, wie Cleberg es that, der aber dabey anfangs ganz unbarmherzig urtheilte; das van Guden eine ununterbrochene Anbetung gefodert habe, und deswegen so trotzig aus der Opera in St fortgereiset sey; dass sie in bluhenden Jahren einen gleichen Stolz auf Talente und Gestalt gehabt, wie sie jetzo auf Geist, Geld und Liebe hatte. Es schmerzte mich, dass er alles dies so ernstlich behauptete und ich gab mir alle Muhe, sie zu vertheidigen. Madame Grafe war dabey; freute sich, von ihrer Rivalin bey mir so reden zu horen; denn sie sagte, das Weib hatte ihr die Halfte meiner Freundschaft geraubt. Da musste ich aufs neue kampfen; als es aber eine Weile gedauert und Cleberg eifrig dazu geholfen hatte, so fieng sie an: Ey Rosalie! sehen Sie mit alle ihrem Geiste nicht, dass ich nur den ganzen Mannerneid kennen wollte, den van Gudens Charakter erregt, und den ich im Tadel am allerdeutlichsten finde. Mein Cleberg hatte aber beynah Madame Grafe dadurch bose gemacht, dass er mir sagte: Salie, wenn Du mich eines Neids beschuldigtest, so wurde ich dirs nimmer vergeben, weil mir eine so unedle Vermuthung auch im Scherz unertraglich ware, und weil ich mit all meinem Tadel nichts wollte, als die schonste Seite eines weiblichen Herzen ans Licht ziehen, die nicht allein darin besteht, dass man viele Jahre einen Mann zartlich liebe, eine gute Wirthin, oder eine gute Mutter sey; sondern glanzendes ubertreffendes Verdienst der Freundin innig verehren, und ihre Fehler eifrig entschuldigen zu konnen, so, wie Du es machtest, meine Liebe, setzte er mit Darreichung seiner Hand hinzu. Dies freute mich zwar, aber es war mir schon voraus zu empfindlich gewesen, dass er Frau Grafen so unfreundlich behandelt hatte, so, dass ich sehr bewegt aussah, ihn freylich mit zufriedener Liebe anblickte, aber doch den Moment meine Augen, auch nach Madame Grafe richtete, die etwas roth geworden, sehr lebhaft aufgestanden und in ein Fenster gegangen war. Er verstund diesen Blick, und folgte ihr nach. Vergeben Sie, Madame Grafe, wenn ich Etwas sagte, das Ihnen missfiel! Vergessen Sie es, um Rosaliens willen, die mir wirklich noch schatzbarer geworden ist!

Ich war auch zu ihr gegangen, und hatte sie umfasst. Sie fing zum Gluck an zu lachen; kusste mich und sagte zu meinem Manne: ich verzeihe Ihnen gern! Nehmen Sie es nur nicht ubel, dass ich Gott danke, dass mein Mann anders gesinnt ist, als Sie! Ihnen, mein Schatz; sagte sie zu mir, gonne ich von Herzen, dass Sie fur des Herrn Clebergs Spitzkopf eine feinere Denkungsart haben als ich. Machen Sie sich aber alles dies fur Ihre kunftige Ruhe zu Nutz; denn, wenn ein sonst hoflicher Mann, sich auf diese Art gegen eine fremde Frau in Unterredung aussert, was wurde er gegen das Geschopf unternehmen, dass seiner ganzen Willkuhr ubergeben ist? Cleberg lachte nun auch, und kusste ihre Hand fur die Weisung, die sie ihm gegeben; er versicherte, er wolle kunftig ein artiger Fremder gegen sie, und immer ein edelmuthiger Oberherr von mir seyn.

Bey alle dem Scherze war bittre Wahrheit, die ich mir merkte, und sehr sorgfaltig wurde, die fur Kleinigkeiten so fuhlbare Seite meines Mannes kennen zu lernen. Denn das Grosse verwahrt sich selbst, und wird auch von selbst geschont! Es ist ihm aber etwas gegen Frau Grafe geblieben; denn er wollte nicht, dass sie jemals zu den Lesestunden kommen solle, die er mit mir den Ittenschen und Badischen Tochtern halt. Wir sind erst zwey Tage zusammen gekommen, die aber wirklich sehr artig sind, und ich und die gute Madchen wurden untrostlich seyn, wenn etwas daran verruckt, oder sie gar aufgehoben werden sollten. Sie wissen, dass ich immer um halb acht Uhr des Morgens ganz angezogen bin, und in meinem grossen Zimmer mit Cleberg fruhstucke. Da unterdessen meine Hausmagd unsere gewohnlichen Zimmer zurecht macht; worauf dann Cleberg zu seinem Schreibtische und Buchern, ich aber an meine Arbeit und Umsicht im Hauswesen gehe. An dem grossen Saale war ein etwas ungeheures viereckiges Zimmer, von dem mein Mann einen Theil durch lauter Schranke abkurzte; und da streifige Tapeten darinnen sind, so konnte der Schluss der Thuren uberall in den Streifen versteckt werden. Da habe ich nun alle mein weisses Zeug, Kleider und grosse Putzsachen fur Cleberg und mich, unter andern auch einen Schrank voll von verschiedenem weissen Zeuge, dass er, aus einem sehr weit gesuchten Beweggrunde, bey einer Versteigerung in seiner Familie gekauft hatte: Er sagte nemlich den ersten Lesetag zu den beyden Madchen, ob ich Achtsamkeit und Geschicklichkeit genug haben wurde, schon gebrauchtes und auch etwas abgangiges Weisszeug zu Rathe zu halten, zu beurtheilen und noch zu verwenden; oder, ob ich allein nur lauter neue Sachen haben und gebrauchen wolle. Er konnte in der That auch nichts anders denken, als dass mein Oheim mich erst durch seine Liebe verzartelt und dann durch die Besorgung alles und jedes heimlichen Stucks meines Hausraths mich noch, wie das Spruchwort sagt: "auf ein sammtnes Kussen setzte." Bey unserer ersten Bekanntschaft und anfanglicher Liebe, sah er mich bey schonen Handarbeiten fur Putz, seidene Strumpfe zu stricken, Lichtschirme und Brieftaschen zu weben, zu zeichnen und Clavier zu spielen, beschaftigt; lobte mich daruber, besonders auch uber die grosse Reinlichkeit meiner Person, Kleidung und Zimmers. Meine Bucher- und Sprachkenntnisse gefielen ihm auch. Das Schimmernde meines Standes hatte ich nun: dass war aber fur das Ideal eines teutschen Weibes, fur einen ganz teutsch denkenden Mann unserer Classe, nicht genug, wie er sagt, und noch jetzo erst sagt, da ich seine Frau bin. Er lobte mich, dass ich den neuen franzosischen Moden immer nur von ferne folgte, immer nur die simpelsten Formen des Putzes nachahmte, mit welchen der Ausdruck von Sittsamkeit und bescheidener Wurde und die naturliche Begierde zu gefallen sehr artig verbunden werden konnte. Denn er behauptete, dass es einen Grad von Modeputz gebe, der einem feindenkenden jungen Mann das Gefuhl der innerlichen Hochachtung benehme, aus welcher allein die Zartlichkeit des Herzens entstunde, die unter tausend und aber tausend Madchen, nur die Einzige lieben und wunschen lasst. Lieber Mann! sagte ich, machest du nicht zu strenge Anforderungen an uns gute Geschopfe? denn wir putzen uns ja nur fur Euch, du bist ja undankbar! Nein, Salie! ich bins nicht; aber dein Oheim hat Recht, Caroline Boge hat Recht, Kleidung und Putz machen einen Theil des Charakters aus. Sey zufrieden mit mir, und mit dir! Du bist mir Modell des liebenswurdigen Madchen, der schatzbaren Freundin gewesen, nach deinem Bilde beurtheilte ich, was ich auf meinen Reisen sah. Du sagtest in einem deiner Briefe an die edle, weise Mariane St , dass um die physischen Weltzirkel, unter welchen die Menschen einerley Grad physisches Gute genossen, und du nur einen moralischen Kreis umher gezogen sahest; den, von Treue und Glauben der Handelsleute. Du bemerktest die Schonheitslinie, die Winkelmann anzeigte. Glaube, meine Liebe, die Tugendlinien sind auch da, mit allen Graden des mehr und weniger Vollkommenen, zu allen Zeiten und Orten; man giebt nur nicht genau Acht darauf. Ich habe in Frankreich Frauenzimmer gefunden, die, wie du, die neuen Moden mit vieler Massigkeit nachmachten; die, wie du, eine sittsame Munterkeit hatten.

Cleberg, sagte ich, es ist Seeligkeit fur mich, so von dir geschatzt zu seyn. Sag aber, was ist dir das Liebste in meinem Charakter? Dass du ein teutsches Weib bist, und neben den glanzenden Eigenschaften, die eine Franzosin, Englanderin und Italienerin zieren wurden, auch Hauswirthin bist, und weisst woraus unsere tuchnen Mannerrocke, euer Tafentrock und Weisszeug bestehen; dass man die Baumwolle nicht macht, den Wein nicht brauet, und das Papier nicht webt; dass du deine Kochin die Suppe und das Backwerk, den Braten und das Beyessen zubereiten lehren kannst; dass dein haussliches Leben dir lieber ist, als alles andre; dass du mir so gern gefallst; so sorgfaltig bist, dass ich dich niemals unordentlich, unreinlich, ungefallig sehe; dass du nahen, stricken und flicken kannst. Ja, flicken! denn, sieh Liebe! es freue mich als ich mit unserm Oheim von Warthhausen zwey Tage fruher zuruckkam, dich mitten unter dem Vorrath des alten Leinen fand, dass ich hieher brachte, und die vielen so nett gelegten Bundel mit ihren verschiedenen Aufschriften sah: Nro. 1. Abgehendes weiches Leinen fur arme Kranke, oder Verwundete.

Nro. 2. Bettucher zum Wenden.

Nro. 3. Bettzeug fur nicht oft kommende Fremde; weil es fein, aber nicht mehr so dauerhaft ist, vieles Brauchen und Waschen zu leiden.

Nro. 4. Tischzeug alle Jahre zweymahl zu verwenden, bis das andre starkere gewaschen ist, und ein wenig geruht hat.

Nro. 5. Verschiedenes Weisszeug zum Hausgebrauch, wo dichtes und grobes unnutz ware.

Ich sagte Dir da nichts, weil wir von unserer Reise zu erzahlen hatten. Aber, da ich Dich mit so viel Aemsigkeit und so netten feinen Stichen ausbessern sah, da hohlte ich unsern Oheim, es mit anzusehen, und ich kusste die teutsche Weiberhand, die wechselsweise weisses Zeug nahen, Landschaften und Bilder zeichnen, sticken, kochen, Hauben und Garnirung machen, Clavierspielen, Hausrechnung fuhren, Wasche platten und Briefe schreiben kann. Diess, meine theure Salie! ist ein wahrer Zauberkreis von so vielen reizenden Tugenden, indem ich mit sussem Bewusstseyn einer daurenden Gluckseligkeit um dich herum gehe. Alles dies ist auch Ursache, warum ich die Lesetage in diesem Zimmer halten will; um ganz nahe bey den Beweisen deines hauslichen Verdienstes zu seyn, die ich unsern jungen Freundinnen, neben meinen Buchern bekannt machen will.

Was kann ich zu alle dem sagen? es ist suss, von seinem Ehemann gelobt zu werden. Aber wie wohl hat mich der Genius meines Schicksals geleitet, von selbst alles zu thun, was der Mann fodert! Denn, horen Sie, meine Liebe, was Cleberg sagt: er wurde mir, wenn ich es erst nach seinem Wunschen gelernt hatte, nicht so viel Dank wissen, als fur die freywillige Verwendung meiner jugendlichen Jahre und Talente! Er sagt, wir Weiber hatten durch Heyrath ein Amt angetreten, wie er, und andre Manner Amtsbeschaftigungen erhielten, die ihnen ein Furst oder eine Obrigkeit anvertraue; weil man denke, dass sie in niedern oder hohen Schulen durch ihren Fleiss die nothige Kenntnisse gesammlet hatten. Fur diesen Fleiss erhielten Sie Achtung, die sich dann naturlicher Weise vermehre, wenn man sie das freywillig Gelernte in Ausubung bringen sahe: so, wie man sie auch um so mehr schatze, wenn sie in ihren Amtsgeschaften ohne besondre Vorschrift alles Mogliche, Gute und Nutzliche auf eigenem Antrieb thaten. Hingegen, auf Ausrichtung gegebener Befehle und Ermahnungen folge nichts, als ein Merkmal von Zufriedenheit, mit dem eine jede Sklaventugend belohnt wurde. Der Himmel solle aber ihn und mich vor dem Augenblick bewahren, in welchem er mir seine Wunsche nach einem Vergnugen oder irgend einer Sache, unter der Gestalt eines oberherrischen Willens oder gar Befehls, anzeigen wurde. Nein, meine Salie! Du bist meine Freundin; du wirst mir gern Gutes thun, wie es die wahre gutige Freundschaft immer that. Rechne auch darauf, edles, liebes Weib! sagte er, da er mich umfasste und an sich schloss; rechne darauf, alles, was dein Freund Cleberg fur dich, fur die Wunsche deines Herzens thun kann, wird er thun.

Ich hatte hier eine Thrane in den Augen und sah etwas bedenklich, auch, wie er sagte, traurig aus. Er fragte sehr freundlich nach der Ursache. Ach Lieber! das Gefuhl meines Glucks mit dir, und der Gedanke des Wehes und Elendes so vieler liebenswurdigen Weiber ist vor mir und schmerzt mich. Meine gute menschenfreundliche Salie! das bist du wieder ganz. Es giebt schlecht denkende Manner, die unrechtmassig mit ihren Gehulfinnen handeln; aber, glaube mein Engel, viele sind selbst Schuld; denn, ich muss auf mein Gleichniss zuruck kommen, es ist in Teutschland nun einmal noch Sitte, dass der Mann bey seiner Verheyrathung denkt, er vertraue seinem Madchen ein Amt; und er vermuthet, wie der Herr, der ihm eins gab, dass das Madchen alles wisse, was zu guter Verwaltung des Amts gehort, wozu er sie beruft. Diese Erwartung wird endlich Anspruch; und wenn man denkt, dass man in seiner Hofnung betrogen worden; dass man weder das versprochene Angenehme, noch das Nothige, Nutzliche gar nicht, oder doch nicht zu rechter Zeit erhalt; so kommen Befehle, Verweise, Verdruss u.s.w.

Sie konnen sich nicht genug vorstellen, meine unschatzbare Freundin, wie aufmerksam die lieben Madchen waren; wie sie wechselsweise bald mich, bald Cleberg ansahen, der am Ende ganz munter gegen alle eine Verbeugung machte, und sie bat, diess, was er da gesagt, als Vorrede zu den Lesetagen anzusehen, die wir doch nur zu dem Ende mit einander halten wurden, damit ein halbdutzend rechtschaffener junger Manner, durch sie die liebenswurdigsten Weiber bekamen. Er hatte ihnen nun fugte er hinzu, schon einen Theil der Geheimnisse der besten Junglinge verrathen, das Uebrige wolle er in den Lesestunden austheilen, wenn sie Gefallen daran fanden.

Freilich gefiel es ihnen und machte auch mehr Eindruck, als wenn es von dem schonsten oder weisesten Weibe ware vorgetragen worden. Sie wissen, Cleberg ist ein sehr hubscher Mann und seine Manieren sind hochst einnehmend. Zudem, glaube ich, dass die Achtung und Zartlichkeit, welche er mir bey allen Gelegenheiten beweiset, zur Unterstutzung seiner Lehren dienen.

Bald will ich Ihnen von unsern Lesetagen Nachricht geben. Aber erst, wenn einige davon vorbey sind, und ich Etwas von den Wirkungen werde sagen konnen.

Mir ist leid, dass ich noch immer in der Stadt bin, da doch Ort und Julie schon zwey Monate in Seedorf wohnen. Anfangs kunftiger Woche ziehen wir auch hin, weil bis jetzo unser Haus noch nicht trocken genug war. Doch muss Cleberg wieder Etwas vorhaben, denn ich durfte seit zwanzig Wochen nicht hin, sondern nur von Kahnberg aus bis nach Ottens Landhans fahren, und musste ihn versprechen, auch Niemand zu fragen, was man da machte? Mein Oheim ist mit einverstanden, und da muss es was Gutes seyn; denn dieser liebt die angenehmen Ueberraschungen gar sehr. Frau Grafe sagte letzt: Cleberg ware so artig als ein Hausdespote immer nur seyn konne!

Hunderter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Nun wohne ich seit einigen Tagen auf dem Lande und bin froh, dass ich immer dieses Leben liebte, immer die Beschreibungen davon gerne las; auf meinen Reisen mich uber den Landmann und seine Arbeiten freute; gerne meinen Schlaf abbrach, um, wie mein Oheim sagte, mit ihm der Sonne entgegen zu gehen. Hier kann ich aus meinem Bette sie willkommen heissen, denn unser Schlafzimmer ist gegen Morgen, und ich darf nur einen Laden aufziehen und in meinem Bette mich aufrichten, so seh ich uber meinem Garten hin, am Ende des Waldgen die entfernte Anhohe, hinter welchen die Purpurwolken sich farben und dann der schimmernden Aurora Platz machen. Die Morgenluft stromt in mein Zimmer, ich hore das Platschern des kleinen Springbrunnen in meinen Garten bald auf der steinernen Einfassung, wohin der Wind den dunnen Wasserstrahl treibt, bald im Becken selbst, und dann das frohe Gezwitscher der Vogel, das kleine Flattern der Flugel von denen, die nah an meinem Fenster vorbey streichen, das Gacksern unserer Huhner und das Krahen der Dorfhahne; sehe dazu das schone Grun und die blinkenden Thautropfen. O! wie gern danke ich dann mit der ganzen Natur unserm Schopfer und bete ihn an! Ich weiss nicht, meine Beste, ob Sie das kleine Gedicht das Graschen kennen: daher will ich es hier einschalten, weil es wirklich erst auf dem Lande seinen ganzen Werth erhalt, und ich es unendlich liebe:

Das Graschen.

Graschen, beperlt vom Thau,

Das jungst Mutter Erde noch

Dem verderbenden Nord

Sanft im Schoosse verschloss,

Dich sang kein Lieder-Sohn.

Du! sey du mein Gesang

Kleiner, erster Bothe des Fruhlings.

Ist dein stilles Daseyn dann

Dichtern so unmerkbar?

Doch vergisst dich der Tags-Strahl nicht!

Wandelt in Silber-Glanz

Deine Morgen-Thrane!

Dir, wie dem Sternen-Heer

Wachet der Vorsicht Aug,

Und, wie das Sternen-Heer,

Neunt des Allwaltenden

Namen dein stiller Pracht!

Freudig entsprangst du der Erd;

Rufest Enkel auf Enkel empor;

Deckest mit Nachkommen

Deiner Gebahrerinn

Haupt, indes ungebohrner Eichen

Langsam machtigen Drang

Unter deinen Fuss ihr

Busen bezahmet.

Graschen! Schmuck des Hugels!

Kleid der Erde!

Augenweide!

Mehr als kuhn strahlend Gold

Ist deine Farbe!

O du, des Menschen

Lust und Lager zur goldenen Zeit!

Welcher Hugel, welch

Wildes Gestade kennt

Dein Geschlecht nicht!

Deiner Bruder, wie viel!

Wanken im sanften Arm

Jedes Zephirs von Abendstern,

Bis zu der Morgen Sonne,

Die den vergotterten

Lander Beherrscher nicht

Unter goldenen Gewolben kennt;

Aber dich jeden Tag,

Wenn im Schimmer zerreissend das

Wolkenbett ihren Rosenfuss

Blendend enthullt,

Dich, ihr Graschen, freudig kusst.

Unbezwingbar dem Sturm,

Der die Walder zerriss,

Stehst du triumphirend,

Wie eine Lanze des Siegers,

Stehst du da, glanzend vom Ufer

In den irrenden Bach!

Doppelschneidig scheinst du zu drohen,

Doch beugt dein Wipfel sich

Sanft der Weste Hauch,

Sanft den Liebes Gotterchen

Zarter Insekten Heere.

Nicht den luftigen Erlen gleich

Scherzt mit der Wolkensonne

Deine Spitze, doch steht sie dem

Kleinern Luftvolke Erlen hoch

Und bleibt Welten unersteiglich.

Welten! auf meinem Graschen!

Welten! dem Menschen Aug

Unscheinbar, seyd ihr glucklich?

Staub Bewohner!

Schleicht nicht der Neid, der

Wonne Verzehrer durch

Eure Stadte

Aus Monaden gebauet?

Rasseln nicht Ketten von

Eines Tyrannen Thron

Ueber Eure Nacken hin?

Wurgt ihr Euch nicht

Um Atomen Gewinn

Und setzt Ehren nur

Dem, der Atomen hauft?

O! dann glucklich! glucklich seyd ihr!

Staub-Bewohner! dem Menschen, der

Aus dem Daseyn euch

Unbemerkt wegtritt,

Dem sticht Gram ins Herz!

Aber Graschen! du,

Bald hast du weggescherzt

Deinen Fruhling! ein Sichelschnitt

Fallt dich mit Tausenden

Deiner Bruder; Doch, traure nicht,

Stufenweise steigst du zu

Hoheren Leben auf;

Eile zu wandlen dich

In das Leben des Thiers;

Einst ein heiliger Theil des

Edelsten Gottes Geschopfs.

Wall ein Tropfen Blut

In dem Herzen des Menschenfreunds.

Ich will alle Landarbeiten kennen lernen. Ackerbau, Viehzucht, die ersten der nutzlichen Wissenschaften; von diesen will ich anfangen, einen neuen Gang durch alle menschliche Kenntnisse zu machen. Sie denken aber schon, dass es nichts anders seyn wird, als Namen und kleine Beschreibungen des Gebiets der Erfindungen und des Wissens durchzugehen, wie man, ohne von seinem Geburtsort zu reisen, die geographische Beschreibung der Erde sich bekannt machen kann, und es angenehm ist, bey Durchlesung einer Zeitung, oder Anhorung einer Geschichte, gleich zu wissen, in welcher Gegend der Welt der Auftritt sich ereignete.

Meine Hauseinrichtung war den Ersten Tag geschehen, weil alles hochst einfach angestellt ist. Da habe ich gleich die Bekanntschaft, mit unserer BaurenHaushaltung gemacht. O, Liebe! was fur ein theures, schatzbares Weib ist eine gute Baurin! Wie viel mehr, als wir, muss sie die Krafte ihres Lebens verwenden, um Kuhe, Kalber, Milch, Butter und Kase zu der gehorigen Nahrung ihrer Leute und zugleich zum nutzbaren Verkauf einzutheilen. Den Huhnerhof und das Mastvieh durch Abfall der Fruchte des Obsts- und des Gemusgartens aufzuziehen, und zu vermehren; damit alles benuzt und von des Bauren angepflanzten Futter, wieder Etwas zum Verkauf gespart werden konne. Hanf- und Flachsbau, Zubereitung, nothiges Leinen davon in das Haus und dann das moglich Uebrige auch zu Gelde gemacht, fruh und spate Aussicht uber das Gesinde, und dann Kindes zu besorgen. Die Verantwortung des ganzen innern Hauswesens; das Beyspiel der Arbeit in allen Zeiten; in der Heu- und KornErndte, die so schwer sind. Ich seh mit wahrer Achtung die jungen Weiber an, welche zugleich mit mir zur Ehe eingeseegnet wurden. Mich dunkt, sie haben mehr nutzliche Thaten vor sich, als ich sammlete. Mein Oheim machte mich mit so viel Vergnugen mit den Ackerwerkzeugen bekannt, die ich um so mehr betrachtete, als mein Cleberg die Saemaschine einfuhren will, mit welcher ein Acker nur Ein Funftel Aussaat braucht, und kein Kornchen verlohren geht.

Unser Hofbaner soll der zweyte Klyjag werden, und es ist schon alle Anstalt zu des Schwitzers Dunger gemacht. So gar aus meiner Koch- und Waschkuche darf kein Tropfen verlohren gehen. Der Eifer, den mein sonst so galanter Cleberg fur alle diese Beschaftigungen zeigt, macht mir ihn sehr werth. Er legt einen Ton von Verehrung der Erde und ihrer Wohlthaten hinein, der an dem schonen jungen Weltmann ganz reizend ist. Die Ursache, warum ich nicht in unsern Garten durfte, eh wir herzogen, war, das eine artige englische Brucke uber den grossen Graben geschlagen wurde, der durch Cleberg zur Austrocknung eines Sumpfs diesen Winter aufgefuhrt ward. O wie viel kann ein denkender und thatiger Mensch fur sich und andere thun, besonders auf dem Lande, wo die Tage weniger zerstreuet werden; Ich freue mich, uber das Gluck der Bauerkinder! Gleich jungen Vogeln, sobald sie aufrecht sich halten konnen, tragen sie etwas zu ihrer Nahrung bey und die nutzliche Arbeit wird ihnen Vergnugen und Bedurfnis. So mud' ich auch von einem etwas langen Spatziergange bin, so muss ich doch das beschreiben, was mich besonders ruhrte. Eine Viertel-Stunde von Seedorf geht das Land abwarts und macht ein anmuthiges Thal, das durch die Ringbach bewassert wird. In der Spitze dieses Thals liegt ein kleines Dorf, welches vor einigen Jahren beynah ganz abbrannte und freylich jetzo um so schoner aussieht. Ein Fusspfad leitet in der jahesten Ecke hinunter. Mein Oheim fuhrte uns zum Muller des Orts in den Garten, der in ein Baumund Gemusstuck abgetheilt ist. Nun liebe ich von meiner ersten Jugend an die Baumstucke am meisten, weil ich in einem Bauergarten das Erstemal eine freye Aussicht, freye Luft, die Schonheit der Wiesen und bluhenden Baume genossen hatte. Und gewiss, dass erste starke Gefuhl des Vergnugens bleibt und zieht uns immer zu diesen Gegenstand. Ach! mochte doch jede erste Freude eines gefuhlvollen Herzens aus unschuldigen Gegenstanden fliessen, weil diese Quelle niemals versiegt und immer reizend bleibt. Sie liessen mich und Hannchen herum trippeln, bis sie uns am Ende des Baumstucks stille stehen sahen, denn dort liegt ein zerbrochener Muhlstein an einem grossen Birnbaum und ein Rebenstock ist an einem Pfosten hinauf uber den Stein zum Schatten gebogen. Hannchen und ich blieben stehen, weil wir zwischen dem Traubengelander und der Hecke hin die Aussicht in das ganze Thal hatten. Mein Oheim fuhrte mich aber naher zum Stein, in welchem diese Aufschrift gegraben ist:

"1772 hab ich, Hanns Kofel, 80 Jahr alt, bey dem Brand meine zwey Enkel, Michel und Hanns Kofel, sammt 200 Thaler Herrengeld hierher aus der Munle getragen und bin nach dem guten Werk, aus Angst fur meinen braven Sohn, der zu viel wagte, auf diesem Steine selig verschieden."

O Liebe! wie weinte ich bey diesem einfachen Denkmal der Vaterliebe und des treuen Unterthanen, der Enkel und Herrengeld mit gleicher Sorgfalt rettete! Man fand ihn zwischen den zwey Knaben hingesunken, die ihn immer wecken wollten. Der Geldsack war unter ihn gefallen, und die armen Buben von sechs und funf Jahren sassen im Hemde auf den beyden Ecken seiner Jacke, die er fur sie ausgebreitet hatte.

Mein Oheim druckte mir die Hand:

Nicht wahr, Salie! der Hausvater-Tod ist auch ein schoner Tod? Der gute Alte! In der Angst seines Herzens arbeiteten die Triebfedern, die in seinem ganzen redlichen Burgerleben ihn geleitet hatten. Nun Liebe! adieu.

Hundert und erster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich dachte schon einigemal, meine Liebe, dass die immerwahrenden Erzahlungen von dem, was um mich in unserm Seedorf geschieht und mein hausliches Leben angeht, Sie wohl ermuden konnte, und freue mich in der That Sie mit einem neuen und wahren Character bekannt zu machen, der nachstens bey uns erscheinen wird. Ein Universitatsfreund meines Clebergs und Ottens, von dem sie lange nichts gehort hatten, schrieb vorgestern an den letztern eine Art Geschichte von sich, die auf einer Seite den eigensten willkuhrlichsten, aber auch einen von den schatzbarsten Menschen bezeichnet. Sie sollen nicht alles lesen, weil viele jugendliche Zuge darinn sind, die wenig Reize fur sie haben konnten, obschon nichts Unordentliches und Unanstandiges darinn ist, und ihm auch seine Freunde das Zeugnis der besten Sitten geben. Herr Latten ist der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns und wurde nach dem Tode seines Vaters unter der Vormundschaft seiner Mutter Bruder erzogen; welcher als Gelehrter den Geschmack des jungen Menschen auf Wissenschaften lenkte, ihn seine Handlung fur ein Stuck Geld an einen andern verkaufen liess, und seine Erziehung bis auf die Universitats-Jahre besorgte. Historie, Geographie, Moral und Poesie waren die von ihm ausgewahlten Lieblingstheile der Kenntnisse, die ihm gegeben wurden, doch beward er sich auch fleissig um Geometrie und landwirthschaftliche Einsichten. Er kam auf die hohe Schule und benutzte jede Gelegenheit, seinen Geist anzubauen. Seine beste Belustigung bestund im Lesen der Dichter und Romane. Seine ihn anbetende Mutter starb schnell, sein Oheim auch, eh er auf Reisen ging, und er wurde mit dem ein und zwanzigsten Jahre sein eigener Herr und dabey eines sehr grossen Vermogens. Der erste Gedanke uber seine vollkommene Freyheit war, mit seinem Gelde so zu wirthschaften, dass er memals kein Amt nothig hatte; viel zu reisen und immer mit Anstand erscheinen zu konnen, ohne durch unbesonnenen Aufwand ein darbendes Alter vor sich zu sehen. So beschloss er niemals zu spielen; nahm einen armen aber mit vielen Fahigkeiten begabten Purschen mit sich nach Haus, wo der unterscheidende Zug des Enthusiastischen, so in ihm wohnte, sich bey Anordnung des Denkmals zeigte, welches er seinem Vater, seiner Mutter und seinem Oheim errichten liess; wo er nach den Ausdrucken von Liebe und Dankbarkeit am Ende den Stein zu einem Zeugen gegen sich aufrief, wenn er je durch sein Leben etwas thun sollte, das der Tugend und Gute seiner Verwandten unwurdig ware. Er ging mit seinem Freund auf Reisen, die er bald zu Fuss, bald zu Pferde oder in einer Postkalesche machte. Zuerst besuchte er alle Orte unsers Teutschlands, die der Aufenthalt beruhmter Manner waren; vorzuglich aber eilte er zu denen, deren Geist er bewunderte, und deren Charakter und Handlungen am schiefesten beurtheilt wurden, und bald, sagte er, zerbrach ich jedes Modell, jeden Maasstab von Verdienst, die mir von andern gegeben worden, oder den ich selbst geschnitzelt hatte. Die Stucke davon liegen an der Schwelle von Wohnungen der grossen Gelehrten. Ich fing an den Gang der moralischen Welt nach dem Beyspiel derer zu betrachten, die den Gang der Erdkugel berechneten, und ihn nur nach den Tagen nicht nach den Nachten zahlten. Ich suchte nur die helle Seite meiner Nebenmenschen auf, und strebte mich das Wahre und Schone zu finden. Es giebt uberall Leute genug, die den Fehler nachspahen, sie aufdekken und bekannt machen. Ich habe kein Land, und kein Genie, hatte also weder den Plan einer Regierung, noch den zu einem Buch zu nehmen, als die Wahrheit, dass man von ferne das beste durch einen Rebel sieht, und im Uebel beurtheilt. Nachahmen konnt ich am leichtesten den willkuhrlichen Ton des Lebens und Gebrauch der Krafte des Geistes, der Umstande und Gewalt. Nach diesem wollte ich aus dem grossen Magazin von Erdegluckseeligkeit auch fur mich das nehmen, was meinem Gemuthscharakter am tauglichsten schien. Was fur seelige Tage verlebte ich mit verdienstvollen Personen in der Schweiz. Wie gestarkt und erhaben fuhlten wir uns, mein Rohr und ich, bey Durchreisung der Gedurge und Seen dieses wundervollen Landes. Wir hatten der teutschen Joseph und Friederich ihre Gelehrte und Weise gesehen; und durchwanderten im Lauf von vier Jahren Italien, Spanien, Portugall, Frankreich und England, und giengen von dort durch Holland und Frankreich zuruck. Ich hatte mich diese Jahre uber an Nichts, als Wissen, Sehen und meinen Rohr geheftet. Mein Kopf wurde angefullt; meine Seele oft bewegt und erschuttert, eigene, und antheilnehmende Freude, Mitleiden und Menschenliebe, stromten oft, in und aus meinem Herzen, aber daurend und fest war und konnte nichts werden: weil vieles reisen mir eine Gewohnheit des Abwechselns gab und endlich gar den schmerzlichen Gedanken fuhlen liess, dass ich nun nichts Neues, nichts Reizendes mehr finden wurde; weil ich alles gesehen, verglichen, das nemliche so oft angetroffen und genossen hatte. Alles war in mir, wie abgenutzt, nur noch der Keim eigener Schwarmerey war unversehrt geblieben. Rousseau war seit meiner Abreise von Frankreich gestorben. Ich machte eine Wallfahrt zu seinem Grabe. Starke, melancholische, unruhige und mir susse Bewegungen stiegen beym Anblick und Auflehnen auf sein Denkmal in mir empor. Seine Schriften, der Park von Ermenorville wurden die Welt, Ruhpunkt, Paradies und Gluckseligkeit fur mich. Rohr beobachtete und bedaurte diese Stimmung meiner Seele. Sie nutzen ihr Gefuhl ab, sagte er. Wenn Sie dies, was Ihnen jetzo so viele Freude giebt, lang geniessen wollen, so entfernen Sie sich einige Zeit, und kommen zum neuem Genuss zuruck. Ich liess mich wegfuhren. Aber es blieb eine Leere in mir und ein Widerwillen an Stadten und Gesellschaften. Doch ging ich mit Rohr nach Hause, und fand mein Vermogen und meine Bekannte in guten Umstanden. Rohr verlangte auch in seine Heimath; ich begleitete ihn und befestigte sein Gluck nach meinen Kraften, da ihm ein abgelebter Vater seine Stelle abtrat. Ich nahm meinen Ruckweg allein; blieb in Dorfern, deren Lage mir gefiel, einige Tage liegen; lernte in dem einen Feldarbeit, und feuerte ein Paar junge Bauren zu bessern Fleiss an; half eine Schule bauen; kaufte odes Land von dem Gemeinplatz; machte es urbar, und legte es dem Pfarrer und Schulmeister zu.

Das Danken und Achtung geben der Leute fiel mir beschwerlich; und ich ging bey Nacht und Nebel fort, kam Abends spat auf ein dem Herrn von Grunburg gehoriges Guth, war mud, und legte mich nach einer kurzen Mahlzeit schlafen. Ich hatte ungefahr eine Stunde geruht, da horte ich eine Kalesche kommen und in der Kummer neben der meinen ein Bette bereiten, in welches endlich zwey Reisende kamen, aus deren Unterredung ich fand, dass der eine ein Sohn eines Beamten, der andre ein abgesetzter Schreiber sey, die sich sehr liebten und uber den Geitz und die Harte des alten Beamten wehklagten, dessen Sohn mir ein gutartiger Mensch schien, da er unter andern jammerte, sein Vater nahme nun vielleicht einen schlechten unvernunftigen Purschen an des Schreibers Stelle, oder einen listigen und bosen, dem er sich nicht anvertrauen, nichts von ihm lernen und auch den Unterthanen nichts gutes wurde thun konnen. Bey dem Geschwatz der beyden Leute fiel mir ein, mich als Amtschreiber anzugeben und den Dienst eine Zeitlang zu versehen, moge er auch Beschwerden haben, wie er wolle. Es dunkte mich herrlich, eine solche Verlaugnung meines Wohlstands auszuuben, und den jungen Beamten in seiner Begierde des Wissens und Wohlthuns zu starken. Ich stellte es auch den andern Tag mir dem Wirth an, dass er mich vorschlagen mochte. Ich gefiel dem jungen Mann; und ging gleich eine geringe Besoldung ein, worauf er mich mit sich nach Grunburg nahm, um mich seinem Vater vorzustellen. Ich erzahlte ihm unterwegs, eine Geschichte von mir, die ich auch dem Vater wiederholte der mich unter dicken, finstern Augbraunen heraus stark betrachtete. Es war ihm lieb, dass ich keinen Wein tranke, und er versprach mir alle Quartal einen Gulden mehr, also des Jahrs vier Gulden Zulage zu geben; und ich sollte Abends ein Stuck gedorrte Wurst und etwas Butter haben; weil sein Dienst ihm selbst nicht viel truge konne er auch nicht viel geben. Das Hans hiess die Neue Burg, weil es nach Zerstorung der Alten auf eine Anhohe gebaut wurde. Man gab mir ein Studchen im dritten Stocke, denn der Beamte schlief bey dem Geldgewolbe ganz unten, um bey Feuersgefahr sich und seine Kiste gleich retten zu konnen, und sein Sohn musste im Vorzimmer liegen, um bey Angriff von Dieben bey der Hand zu seyn. Meine Treppenthure wurde verriegelt und versperrt, damit ich als ein unbekannter Mensch, nichts in dem Hause anfangen konnte. Zu allem Glucke hatte man mir ein klein Krugelchen Lampenohl auf vier Tage mitgegeben, so, dass ich mein Licht konnte brennen lassen. Eine lange bis auf den Kornspeicher laufende Wendeltreppe fuhrte in mein Stubchen, wovon die Wande und Decke getafelt, aber vor Alter und Schmuz so schwarz waren, dass es des Nachts bey dem schmalen niedrigen Bett ohne Vorhange, ein Leichen Kammerchen zu seyn schien. Die Decke war voller Spalten zwischen denen von Speicher herab, Haberkorner fielen, die ich sammlete und auf dem halb vermoderten Blumenbret vor meinem Fenster fur die Vogel hinstreute, die ich auch, bey nachgekauftem Futter so anzog, dass sie mit im Winter durch eine ausgehobene Scheibe in meinem Zimmer aus und einflogen. Meine Aussicht war herrlich. Auf einer Seite uber den Garten des Beamten hinaus, eine weite Strecke Fruchtland, und schone Wiesen an einem Bache hin, den ich eine halbe Stunde von da die waldigte Anhohe herunter sturzen sah. Gerade aus, ein einzelner grosser Bauernhof, der an dem Fusse des Hugels liegt, auf dem die Trummer der ehmaligen Burg stehen, deren mit Eichen bewachsene Ueberbleibsel der ganzen Gegend eine malerische Schonheit geben. Der von der Seite hinab gefuhrete, auch zerfallene Treppengang gegen die Pfarrkirche, von welcher ich die Chorfenster uber den Kirchhof hin sehen konnte das alles machte mir des Morgens da ich von meinem harten Lager aufstund viele Freude. Ich uberdachte dabey den Schritt, den ich durch Antretung dieses muhsamen Diensts gemacht hatte, und was man wohl von mir sagen wurde, dass ich einen solchen Sonderling spielte? Aber ich sagte: Sollte mir wohl viel an dem Geschwatz der Menschen gelegen seyn, die ich nun in dem halben Europa gesehen habe. Ist in der ganzen Masse ein solches Gemisch von Weisheit und Thorheit: Warum soll es nicht in mir seyn? Durfen anderwarts die edelsten Junglinge ihr Leben und Vermogen elend und niedrig verprassen, und ich sollte wegen des ungewohnlichen Guten mich scheuen? Um sechs Uhr ofnete man meine Treppenthure; und ich bekam von dem Beamten eine Einladung zur Kirche, weil es eben Sonntag war. Nach der Predigt zeigte er mir die Liste meiner Arbeit und der Stunden, die er mir dazu vorschrieb, und die Frau wies mir das ganze Haus. Mein Stubchen, ein Kammerchen und eine kleine Kuche war der Witwensitz einer Anfrau des Herrn von Grunburg. Von der Kuche war im Winkel, den die Schneckentreppe an der Mauer hin machte, eine Art von Keller angebracht, worin die ehrwurdige alte Frau ihren kleinsten Vorrath verwahrte. Das Nachdenken und Vergleichen der Schicksale und der Genugsamkeit der Ahmen mit Begebenheit und Erfordernissen der Jetztlebenden machte mir, von da an, meine Wohnung doppelt werth. Ueberreste von uralten Hausgerathe, Bildnisse von Rittern mit ihren Frauen; die Manner in Rustung und mit Hunden; die Frauen in alter Kleidung mit Blumen oder einem Handschuh in den Handen; die einfache bescheidene Stellung alles dauchte mir wahrer, und naher bey der Natur, als wir. Der Mann mir den Zeichen des Muths, die Frau Blumen, Zierlichkeit, Schonheit und sanftes Wesen andeutend, die breiten schwarzen Rahmen dabey; dann die grosse Stammtafel in einem Schrank, der erste Stiften im Harnisch daliegend; ein Baum aus seinem Herzen entstanden, in so viele Zweige und Aeste verbreitet, Tugend, Ehre die aus seiner Seele quollen, allen zum Leben ausgetheilt, war mir ein schones ruhrendes Bild der Hoffnung der Alten auf immer ahnliche Kinder. Die grossen Hirschgeweihe im Speise-Saal; die Treppe, welche aus diesem Zimmer gerad in den Keller ging, die Glasschranke, die uber den Treppenhals angebracht waren; grosse knotige, und andre alte Glaser als Waldhorner, wilde Schweine und Vogel gestaltet; Weinkruge mit langen dunnen Halsen, all dieses freute mich ungemein. Zu dem hatte, nur eine halbe Stunde von da, ein anderer Edelmann ein schones Schloss im neuen Geschmack erbaut und eingerichtet; und nur ein paar Flintenschuffe davon stand eins von Anfang dieses Jahrhunderts; so, dass ich in dem kleinen Bezirk einer Stunde Beweise des Geschmacks und der Sitten der Edlen aus verschiedenen Menschen-Altern vor mir hatte.

Der Beamte war stolz, geitzig und hartherzig; sonst, voll Verstand seiner Zeit und seines Amtes; in Geschaften und Rechnungen fleissig und genau, ordentlich und eigensinnig dabey. Die Frau eine sehr geschickte Hauswirthin, schmeichlerisch und voll Ziererey, aber reinlich in allem; sprach viel von der alten gnadigen Frau bey der sie Cammermagd gewesen; trug Sonn- und Feyertags die stoffenen Kleider, die sie von ihr geschenkt bekommen hatte. Sie zeigte mir in der Pruntstube ein Bett und Stuhle von weissen Canevas mit zerstreuten Blumen in farbiger Englischer Wolle genaht. Die Geschichte dieses Betts und dieser Stuhle kam nach. Das alle bunte Blumgen aus lauter kleinen Fasergen und Stumpgen Wolle gestickt waren, die sie vom Boden aufgehoben und gesammlet hatte, als die gnadige Frau mit ihren Fraulein Lehnstuhle nahre, und aus Ungedult oft die Faden abrissen und wegwarfen. Die nahm sie alle beym Auskehren, zog sie gerad; legte Roth zu Roth, und Grun zu Grun, alles in eigene Papiere. Als die Lehnstuhle fertig waren, machte sie sich den Spass ihre Bundelgen der gnadigen Frau zu weisen, die sich verwunderte, dass so viel zu Grunde gegangen ware. Der gnadige Herr sagte auch, darum ware des Wollekaufens kein Ende gewesen! dann wurde gefragt: was sie mit den armen Trummergen machen wollte?

Ey! ein Wams von meinem selbst gesponnenen Canevas damit sticken! Wenn ich Else war, (sagte der gnadige Herr mit lachen) so stickte ich mir ein Brautbett, denn du wirst ja Frau Amtmannin!

Da stieg ihr in den Kopf. Aus dem Spass wurde Ernst. Die gnadige Frau schenkte ihr die noch ubrige Wolle und etwas Flachs. Baumwolle kaufte sie selbst und bekam so viel Canevas als sie brauchte; bleichte und stickte ihn, und da hatte sie im dritten Jahre hernach ihr Bett, ihre Stuhle und ihren Mann. Das Holzwerk hatte man ihr auch geschenkt, weil die alten Ueberzuge von den Matten zerfressen waren. Gelacht hatte man oft; wenn sie so fleissig nahte, so hiess es: sie hatte gern bald einen Mann, aber sie that noch mehr, denn sie vernahte die ubrige Lapgen Canevas zu einem Taufzeug, und zwey Kinderhaubchen. Denn nach der Braut kann ja eine Wochnerinn kommen, dachte sie; sagte aber Niemand Nichts, als bey ihrer Heyrath. Hierin, sprach sie, bey Aufschliessung eines Schranks, (ein Haubgen und Decke weisend,) ist mein Friedmann getaufft worden, die Madchenmutze konnte sie nie brauchen, weil sie kein Kind mehr bekam. Aber ihre Schwiegertochter wurde froh seyn, es zu finden. Ich ergotzte mich an der Frau, die mir in ihren weissen Zeugschranken ihren Fleiss, ihren Verstand und ihr Gluck zeigte. Ich musste die Bettpfuhle in die Hohe heben. Lauter Federn und Pflaumen von selbst gezogenen, und mit Nutzen verkauften Gansen waren darinn. Alles Leinen war von ihr; denn sie hatte nur vier Betttucher, und nur fur dreymal Tischzeug mitbekommen, allen Flachs selbst gehechelt, alle Gemuse selbst gepflanzt. Sie kocht die Seife selbst, hilft waschen, giesst Lichte, naht, strickt und kocht fur alle, nicht zu vergessen die Milch, Butter und Kase, getrocknetes Obst und Schaafe, die sie zieht; schwarze und weisse Wolle vermengt, das dann dem Manne und Sohne Alltagskleider giebt, die recht gut stehen. Die Baumwolle behalt sie fur sich zu Kamisolchen; denn sie lasst sie mit weissem Garn in Streifen wirken, und das sieht wie Stof. Ich bewiess ihr meine aufrichtige Hochachtung daruber. Es freute sie herzlich; sie druckte meine Hand und empfahl mir ihren Friedmann. Sie wollte schon manchmal Etwas in mein Stubchen bringen, das mich freuen sollte. Ihr Mann sey ein wenig zu streng; aber ein geschickter Mensch, wie ich; wusste sich in Alles zu schicken; sie blintzte mir dabey freundlich zu. Den Tag darauf, war die Frage von einem Streit, den zwey Gemeinden uber die Granzen hatten; Ich sagte, da musste man das Land nach den Lagerbuchern abmessen, wo alle Morgen und Ruthen beschrieben seyn mussten; ich verstunde das Feldmessen. Das freute den Alten; ich sollte es seinen Sohn (aber umsonst) lernen. Denn ich musse ja in seinem Dienst arbeiten. Ich bewilligte alles, und bey diesen Beschaftigungen auf dem Lande hatte ich Gelegenheit, den jungen Mann recht kennen zu lernen; umzubilden; im Guten zu starken; mit den Bauren zu reden, die bald gern in allen folgten, und mich lieb gewannen; denn es war den guten Leuten so fremd, so ungewohnt, dass man liebreich mit ihnen umging, und darauf bedacht war, ihr Leben zu versussen und ihnen auch ihre Arbeit vortheilhaft zu machen, denn bisher hatte man sie gedruckt und ausgesogen. Sie merkten, dass der junge Beamte besser seyn wurde, als der Alte, und fingen wieder an, froh auf ihre Kinder und Felder zu sehen. Ich wurde von den Eltern gesegnet und von den Kindern geliebt, und niemals habe ich meinen Kopf und Herze besser genossen, als bey diesen guten Leuten!

Heute Latten so weit! Die nachste Woche das Uebrige, wenn Ihnen der Mensch eben so gefallt, wie mir. Er soll dazu schon seyn, wie Benjamin West. Gefahrlich fur mich, sagt Cleberg, weil er ein melancholischer Schwarmer ware. Wir wollen sehen, wenn nur muntere Madchen fur Cleberg nicht gefahrlicher sind.

Hundert und zweyter Brief

Rosalia an Mariane S**.

O meine Liebe! wie viel verborgenes Weh, und was fur gehassige, einem wohlwollenden Herzen unglaubliche Art Menschen wohnen mit und neben uns auf der guten Erde; Gott sey Dank! dass es gewiss eben o viel unbekannte Freuden und Tugenden giebt, die den Himmel wieder aussohnen, und uns vor einer neuen allgemeinen Verwustung bewahren; dieser Anfang meines Briefs muss ihnen sonderbar scheinen; aber, wenn Sie nun das Uebrige von Herrn Lattens Schreiben werden gelesen haben, und Da Sie mich kennen, so wird es Sie ganz naturlich dunken, dass ich in diesen Ton gerathen bin. Herr Latten fahrt fort:

"Nachdem ich etwas uber funf Monate da gewesen, wurde ich krank und musste mein Zimmer huten; konnte aber dabey herumgehen und schreiben; ich ging manchmal an mein Fenster, um mich des Morgens an der schonen Aussicht zu erquicken, da sah ich den zweyten Tag einen Hugel herunter, eine liebenswurdige Gestalt langsam gegen die zerfallene Schlosstreppe gehen, an einem Stocke heruntersteigen und auf dem Kirchhof, zwischen den Grabern hin, an den abgesonderten Platz schleichen, wo die sogenannten armen Sunder verscharrt werden. Sie setzte sich auf den Absatz der Mauer, (ich hatte mich gleich Anfangs zuruckgezogen, um sie, von ihr ungesehen, zu beobachten) lehnte ihren Stock neben sich, faltete ihre Hande, streckte sie mit einer Art von ringender Bewegung auf einem ihrer Kniee aus, senkte mit kummervoller Anmuth ihren Oberleib und Kopf gegen diese Seite, und schien den Platz eines elenden Grabhugels zu betrachten; sah von Zeit zu Zeit gen Himmel und mit sanfter Wendung des Hauptes auf dem Kirchhof umher; weinte, betete, brach Blumen von dem Grabe und ging endlich matt und schwankend den Weg zuruck, den sie gekommen war. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, weil mein Zimmer zu hoch von dem Kirchhof abstund; aber, sie dauchte mich jung, schon und nach Kleidung und Gang von der besten Erziehung zu seyn. Fur mich hatte sie etwas so Anziehendes in ihrem ganzen Wesen, dass ich lange nicht von meinem Fenster und von der Betrachtung des Platzes kommen konnte, wo ich sie gesehen hatte. Ich vertiefte mich mit in den Kummer, der sie zu den Grabern gefuhrt hatte. Aber der Platz, den sie gewahlt, und wo sie Blumen gepfluckt hatte, war das, was mich beynahe am meisten staunen machte. Ich hielt mich nun ofter an meinem Fenster auf, und sah in den folgenden Tagen wohl tausendmal nach dem Wege, den ich sie von der Anhohe her hatte kommen gesehen. Es verflossen wohl acht Tage, ehe ich sie wieder erblickte. Da sass sie auf einer der obersten Stufen der Treppe mit einer Bauerfrau, die ein Kind von einem Jahr auf dem Schoosse hatte, welches die junge Person streichelte und kusste; aber auch dazwischen weinte; der Bauerfrau die Hande druckte; ihre eine Achsel mit ihren Handen fasste und dann eine Zeitlang ihren Kopf auf sie lehnte. Die Bauerfrau weinte mit, suchte sie aber zu trosten und wie mich dauchte, so versicherte sie sie mit dem redlichen Herzen, das in ihrer einfachen Bildung lag, dass sie sie und ihr Kind treulich liebe, und fort lieben wolle. Sie nahm darauf das Kind selbst und druckte es mit beyden Armen an ihre Brust; wahrend ihre Augen starr und sehnend gen Himmel erhoben waren. Ich hatte sie durch mein Fernglas betrachtet. Ihre Gesichtszuge waren fein, ausdrucksvoll, ausserst weiss grosse blaue Augen, schone Haare, schonen Mund, abgezehrte Arme und auf den Wangen war die carmoisin Rothe, die bey jungen abzehrenden Leuten sich immer einfindet. Ich vermuthete nun, dass sie auf eine ungluckliche Weise Mutter geworden, von ihrer Familie gestraft, von dem Verfuhrer verlassen, und durch Reue und Elend ihrem fruhen Tode entgegen gefuhrt werde. Ihre Kleidung war reinlich, passend aber armselig, so wie auch des Kindes seine umhangende Lapchen zu seyn schienen. Aber seine ganze Gestalt war Schonheit des Kindes der Liebe, und sehr munter in allen seinen Bewegungen.

Dieses unschuldige Geschopf, so voller Leben und Anlage zur Freude aus dem Schoosse der Natur in den hinfalligen Armen seiner jungen und seines Daseyns willen kraftlosen Mutter, sein Schicksal nicht ahnend, nichts von dem zerreissenden Jammer des Herzens fuhlend, unter dem es Geist und Krafte eingesogen hatte, die ringsum reich tragende Gegend, und die zerfallenen Schlossmauren, der Kirchhof, alles, vielleicht die damalige Schwache meines eigenen Korpers brachte mich zu wehmuthigen Gedanken, uber das menschliche Elend, und die so nah dabey liegenden Freuden, dass ich herzliche Thranen vergoss, und mir dabey vornahm mich nach der Person zu erkundigen, die mir arm schien, und auch Sorge fur das Kind zu tragen.

Ich fragte den jungen Beamten, der mich alle Abend besuchte, nach der Person, die mit auf dem Kirchhofe, und der alten Schlosstreppe erschienen war? Sie ist die Wittwe eines jungen Strassenraubers, der bey einem Angriffe im benachbarten Walde geblieben, und auf den Armen-Sunderplatz begraben wurde. Gott! was fur ein Schauer durchlief mich! Das mich so anziehende, weibliche Geschopf, Wittwe eines Raubers! Mit alle dem moralischen Gefuhlen, die ich in ihr zu sehen glaubte, hatte sie einen Strassenrauber geliebt, sich ihm ergeben! Das Kind, das ich erziehen wollte, aus Rauber vielleicht auch Morder-Blute entsprossen! Sein Vater, seine Mutter jung, und dieses Leben!

Ich war stumm und starr bey dem innern Gewuhle dieser Gedanken. Ich fragte meinen Freund noch den folgenden Tag, um die Geschichte, die mir furchterlich war, die ich nicht glauben konnte, nicht glauben wollte und eben so elend daruber wurde, als ob sie meiner Schwester begegnet ware. Friedmann brachte mir das Gerichts-Protokoll, in welchem der ganze Vorgang beschrieben, und von dem Schwager der Wittwe ein Eid abgelegt war, dass ihr Mann mit den Raubern einverstanden gewesen, zu ihnen aus der Schaise gesprungen, seiner Frau, die er herausgezogen, was zugeredt, und sie darauf weggelaufen sey, Er und seine kranke Frau darauf angefallen, geplundert und seine Frau so misshandelt worden, dass sie kurz darauf gestorben ware. Das Protokoll sagte auch, dass die Wittwe des Erschossenen mit Aechzen und Flehen von der Unschuld ihres Mannes gesprochen und versichert, dass er sie alle hatte retten wollen und deswegen den Raubern sein Geld und Uhr zugetragen habe. Aber, setzte Friedmann hinzu der Eid ihres Schwagers und die Aussage des Kutschers waren gegen sie und sie erhielt nur zu Ertach die Freyheit, im Hirtenhause zu wohnen, weil der benachbarte Pfarrer gut fur sie sagte, und sie von Jugend auf gekannt hatte. In dem Hirtenhause ware sie mit dem Knaben niedergekommen, und seit ihren Wochen immer kranklend. Der alte Pfarrer sey vor einigen Tagen gestorben, deswegen wurde sie um so trauriger seyn, weil ihr dieser so viel Gutes that. Ich war immer still, und lass nur die Stelle des Protokolls, wo von ihrem Hinknien und dem Betheuren der Unschuld ihres Mannes die Rede war. Ich bedauerte den Tod des alten Pfarrers, der mir so viel Licht hatte geben konnen, doch seine Frau lebte und zu dieser ging ich, so bald ich wohl war, aber das dauerte noch sechs Tage. Von der Pfarrerin horte ich, dem Himmel sey Dank! Gutes von der Redlichkeit des armen Todten und seiner Wittwe, die nirgend keine Verwandte mehr hatte. Ihr seeliger Mann habe sich der Ehre des Entleibten und der Frau angenommen; aber man glaubt bey uns, (sagte sie) einen Geistlichen nicht so viel, wie bey den andern Religionen, und die Wittwe ist arm und ohne Freund, wer wird ihr Recht schaffen? Es ware ihr Gluck gewesen, dass vor zweyhundert Jahren eine Edelfrau bey dem Hirtenhause mit Geburtsichmerzen befallen worden, dass sie nicht weiter gebracht werden konnte, und froh seyn musste, in der Hutte zu genesen; diese habe dann eine ewige Stiftung gemacht, dass man alle atme Schwangere dort aufnehmen und ein Bierteljahr verpflegen solle. Der Herr von Ehrtach hatte nachdem erlaubt, dass die arme traurige, so kang sie lebe, da seyn durfe, und ihr Kind ins Waisenhaus sollte, wenn es drey Jahr seyn wurde. Aber diess hatte man ihr bisher nicht sagen durfen, weil sie das Kind gar zu lieb hatte und ihr seeliger Mann ihr auch versprochen hatte, es mir seinen Enkeln zu erziehen. Wir wollten sie mit Kleidung und Wasche unterhalten. Denn die Stiftung giebt nur ein Stubchen, Bett, Holz, Habermehl, Salz Brod und etwas Schmelzbutter, wenig und klein, doch so, dass ihre Wohnung nicht ubel ist. Sie lasst der Hirtin alles, was sie von der Stiftung kriegt, und isst Brey und Suppe mit ihrem Kinde. Denn Brodt kann sie nicht mehr geniessen, und weisses haben wir im Dorfe nicht alle Tage." Von der Niederkunft, von den Wohlthaten, die sie und ihr Mann der Unglucklichen erzeigt, konnte die Frau Pfarrerin sehr lang und ordentlich erzahlen; aber die Geschichte wurde mir nicht klar. Sie mengte Vorwurfe darunter: Man sollte nicht hoher fliegen wollen, als einem die Federn gewachsen waren; und dann von einem liederlichen Bruder, der gemeiner Soldat geworden, und mit einer Marodeur Bande herum gezogen, und seinen jungern Bruder selbst erschossen habe! Nun machte ich Bekanntschaft mit dem Hirten auf dem Felde, dessen einfache Reden und Bemerkungen meine Ideen und Entschlusse festsetzten. Ich fand ihn bey seinen Kuhen an einem Baum gelehnt, die Hirtenflote recht gut und mit anstandigen Geberden blasend; ein starker hubscher Mann, handbest, aber freundlich in seiner Miene. Ich sah, dass er meine Freymuthigkeit verdiente, und fragte ihn gleich nach der Frau und dem Kinde die bey ihm wohnten. Er betrachtete mich schweigend und genau; endlich sagt er: Warum fragen Sie nach ihnen, mein Herr? Weil mich beyde dauren, und ich der Mutter und dem Kinde Gutes thun mochte. Er sah mir noch forschender ins Gesicht und fiel ein: Ey, sie sind; wie mich daucht, der Herr Amtschreiber von Grunburg, Ja, mein Freund! kennt ihr mich? Nun reichte er mir seine Hand ja Herr! ich kenne sie! Gott lohne ihnen, was sie dem armen Soldner Jacob vor acht Tagen Gutes thaten! Er ist mein altester Bruder: Es ist ein redlicher Mann und ich hab ihn gerne. Ich bin auch redlich. Sagt mir doch was von der Frau und ihrem Kinde; es wird euch nicht gereuen. Er sagte lebhaft: Gewiss nicht, Herr! denn ich kann nichts sagen, das ihr Schaden thate, und das war', was mich reute! Warum gebt ihr nur eine so stutzige Antwort? Ach, Herr Amtschreiber! Ich weiss wohl, dass sie recht gut mit den Bauerleuten sind; aber, ich muss es nur sagen, es verdross mich, dass sie von der Redlichkeit meines Bruders sagten, und von der ihrigen, und dann von mir dachten das Versprechen: es wird euch nicht reuen! werd mich gleich alles her erzahlen machen, was ich von der armen Frau wisse! Hirt! gebt mir eure Hand! Ihr seyd ein eben so braver Mann als euer Bruder! Die Anliegenheiten eurer Freunde sind euch also nicht um Geld feil; aber, ich meinte es nicht so, sondern ich wollte euch die Sorge nehmen, als ob der Frau Leid geschehen konnte, wenn ihr was von ihr sagtet; denn, sehr! ich mocht ihr helfen; aber, ich muss doch wissen wie? Die Mutter, Herr Amtschreiber, wird keinen Menschen mehr viel kosten! der hilft Gott, denn sie ist ausgezehrt, wie ein Marterbild und geht dem Himmel zu. Aber dem Kinde! nun das wird dem gewiss vergolten, der es thut. Ich hab den Gottes Lohn verdienen wollen aber, der arme Bube ist mir so lieb, dass ichs ihm gern gonne, wenn es ihm besser geht.

Guter Mann! Ihr sogt mir alles, nur das nicht, was ich wissen mochte. Lieber Herr Amtschreiber! ich glaub, sie wissen schon Alles, was man ins Protokoll gesetzt hat, und was kann da ein armer gemeiner Mann gegen ein Amtsurtel sagen, wo noch dazu ein Reicher einen Eid geschworen hast Hirt! Soll ich jezt auch bose werden, weil ihr uber die Amtsurtel so verdachtig redt? Er schien etwas betreten, fasste sich aber gleich: Verzeihen sie mir Herr- Amtschreiber, aber, der Eid von einem reichen Manne und ein Amtsurtel sind Schuld dass ich Hirt bin; und sind Schuld, dass die Frau im Spital stirbt, da ist eins zum andern gekommen, und hat mir warm gemacht! Ich erkannte in allem was er sprach und an seiner Miene einen vernunftigen und entschlossenen Mann, und verlangte von ihm die Geschichte seines Lebens und die, von der armen Frau; er mochte mich dagegen auch fragen was er wollte, ich wurde ihm nach der Wahrheit antworten. Herr! Sie sind ein neuer Schlag von Amtschreibern, Wenn es vor sechs und zwanzig Jahren so einen gegeben hatte, aber was nutzts daran zu denken! Gott hat es so haben wollen, dass mein Vater und Osan Schultheiss und ich Hirt seyn soll; es ist gut, recht gut, wenn alles im Gewissen ruhig ist. Ein redlicher Hirt in unserm Dorfe und dem kleinen Spital, der den armen Kranken ein Wort von Gott und Christo den Herrn zu reden und vorlesen kann, ist auch was werth, und den Bauern ist an ihren Kuhen eben so viel gelegen, als dem Fursten an seinem Mahrstall, und den lieben Vieh thuts auch gut, wenns einen treuen freundlichen Hirten hat! Dies sagte er Alles vor sich hinsehend mit halb nachdenkendem, halb vergnugtem Gesicht, als ob er mit einem Dritten redete. Ich klopfte ihn auf die Achsel: Mann Gottes! ihr seyd doch nicht gar zu wohl zufrieden, Hirt zu seyn!

Manchmal kommts; aber, wenn ich denk, dass vor Gott alles gleich ist, so ist mir alles recht; ich war' doch nichts, als Bauer oder Schulmeister worden, aber das hatt' mich am meisten gefreut, und de alte Pfarr hatte mich auch abgericht. Gott vergelt ihm noch seine Bucher. Was habt Ihr denn fur Bucher von ihm? Predigten, Gebeter und Auslegung vom Catechismus, zwey Bucher von der Viehzucht, vom Futter, Krautern, Vieharzney; und eins, zu was der Ehrenpreis, die Salbey- die Camillen und Schaafgarben fur Menschen gut sind; das hat mir viel geholfen. Dadurch konnt ihr ja der beste Hirt im ganzen Land werden! Seyd es gern. Ein ehrlicher und geschickter Mann ziert einen jeden Stand, ihr konnt dem gemeinen Wesen mehr nutzen, als ihr glaubt, und ich bin sicher, dass die ganze Gemeinde was auf euch halt! Herr! das ist wahr und ich darf auch zwey eigene Kuh halten, Wind und Wetter thut mir nichts; Gott lass es mich zur guten Stunde sagen, ich bin Jahr aus, Jahr ein so gesund und frisch, wie ein Bogel. Es freute mich, eine Bewegung von Stolz in ihm zu sehen, als er mir seine Gesundheit ruhmte, und auch das gefiel mir, dass er immer wahrend dem Reden einen kleinen Pfiff durch die Finger that, worauf der Junge abgericht war, und gleich die Heerde zusammen hielt. Ich erzahlte ihm dann, dass ich das Dienen nicht nothig hatte, und warum ich es gethan. Das wunderte ihn sehr, und ich musste ihm meine Ursachen recht deutlich sagen. Er ruhrte mich innig, als er mit seinem Hute in der Hand mir sagte: Nun, Herr, wenn sie das Gott und den armen Bauren zu Liebe gethan haben, so verdienen sie einen schonen Platz im Himmel. Er schwieg etwas und dann fuhr er fort: Jetzt ist es mir recht, dass sie mir zugeredt haben, ich soll ein guter Hirt seyn, denn im Anfang dacht ich, der hat gut reden. Aber, so, Herr! das ist viel. Gott vergelts ihnen in ihrer letzten Stunde mit vielem Trost! aber, er aber, er hielt inne und sah mich fragend an. Nun, was aber? was wollt Ihr wissen? Ey Herr! ob es Sie nie gereut hat. Nein, bey Gott! nicht einen Augenblick und ich bin auch um eurer Bekanntschaft willen froh, dass ich diesen Dienst angenommen habe. Lachlend sagte er: Es ist doch wahr, was man sagt, die Freywilligen dienen am besten, und wagen am meisten. Er musste mir Verschwiegenheit versprechen, und ich erzahlte ihm nun, was ich von der Frau im Hirten-Spital gesehen und gehort hatte, und bat ihn um seine Nachrichten von ihr. Herr! das erste, was ich horte, war, dass im Walde von Alt-Grunburg eine Kutsche angegriffen worden, und dass einer von den Spitzbuben am vorletzten Ort mit seiner Frau um einen Platz in der Kutsche gebeten hatte, dass sie des Handels sicherer waren, den hatte man aber erschossen und seiner Frau sitze zu Grunburg. Nun bey dem Protodoll und beym Eid des einen Herrn hat man sie losgesprochen, und sie kam krank ins Hirtenhaus. Die Kindeswehen dauerten viele Tage mit Gicht und Krampfen bis sie endlich den armen Jungen zur Welt bringen sonnte. Mein Weib und ich, hatten noch mit niemand mehr Mitleiden. So jung, so gut und so eine saubere Frauensperson war sie; der alte Pfarrer stund gut fur sie und ihn. Er hatte sie zusammen gegeben. Aber der Eid und das Protokoll war da, und der Mensch todt. Die andere fort. Sie schrie oft: gottloser, gottloser Bruder! O du armer Wilhelm! Du unschuldiger Martyrer! u s. w. Aber das hatt' mir nicht viel gegolten, wenn ihr Gebet nicht gewesst war. Sie betete als Kind mit Vertrauen, nicht mit Furcht als Magd, und das war mir das Zeichen der Wahrheit und Unschuld. Da sorgte ich doppelt fur sie. Der Pfarrer seliger starb jahling. sonst war es ihr noch gut gegangen. Sein Zuspruch und christliche Betrachtungen uber den Willen Gottes haben sie getrostet; aber sie zehrt doch aus, sie hat ihrem Schwager wegen dem Kinde geschrieben, aber er hat keine Antwort gegeben. Ich wett' mein Leben, dass sie und wie sie sagt, ihr Mann unschuldig sind. Es hilft aber oft nichts als im Himmel, mein Vater ist auch unschuldig gewesst, und ist doch ausgepfandt worden, und aufm Stroh gestorben, und ich im zehnten Jahr ein Bettelbub geworden, und war der Beste in der Schul, nun alles in Gottes Namen! Amen-Hier hatte er seinen Hut zwischen seinen gefaltenen Handen, und der redliche Ausdruck seines Gesichts bey den letzten Worten, und seine Bemerkung, dass die Frau als Kind nicht als Magd gebetet, sein gutes Weib, seine zwey Kinder, die Reinlichkeit, die Genugsamkeit und der Fleiss, das Buch in dem er die Kranken aufschrieb, die im Hirtenhause allzeit zwey Nachte bleiben durfen, und dann mit Frohnfuhren auf das nachste Dorf geliefert werden; seine wahren und einfachen Gedanken uber die Leute und ihr Schicksal, auch die Aufzeichnung dessen, was er fur sie gethan, so, als ob er mit sich selbst geredt hatte; kurz abgebrochen, das war mir lieb. Ich bat ihn, der Frau nur im Anfang von meiner Redlichkeit zu sagen, und dass er im Sinn habe, mich zu bitten, in das Amtsbuch ein Zeugnis von der Unschuld ihres Mannes zu setzen, das einmal ihrem Kinde gut seyn konne. Dann wollte ich einmal selbst mit ihr reden. Ich gab ihm Geld, um sie zu laben und bat ihn, zu einem Arzt zu gehen. Aber der gute Mann hatte es schon gethan und keinen Trost erhalten. Sie sollte nichts thun, als halb Milch, halb Wasser mit etwas Honig trinken und Brey essen. Ich ging halb traurig, halb vergnugt nach Hause. Ich setzte auch wirklich eine Ehrenrettung fur den Verstorbenen auf, so weit ich von der Sache Kenntniss hatte. Der Hirt kam den zweyten Tag zu mir und bat mich, bald nach Ertach zu kommen, weil die arme Person taglich schwacher wurde, und sie mochte so gern mit mir von ihrem Mann sprechen und ihr Kind empfehlen. Ich ging hin, stieg die schmale Treppe in ein enges Kammerchen. Ein schlechtes aber doch reinliches Bett, zwey holzerne Stuhle und ein an der Wand festgemachtes Tischgen war alles was darinn Platz hatte. Die arme Verlassene stund, so bald der Hirt mich genannt hatte mit ihrem Kinde auf, kniete, legte das schlafende Kind vor meine Fusse: Ach Herr! um des armen Wurms willen retten sie die Ehre seines unschuldigen Vaters. Mit was fur Sehnsucht sie mich anblickte, ihre bittende Hande erhob und halb ohnmachtig sich gegen das Kind beugte, das ich mit Thranen in einem Arm fasste und mit dem andern sie aufzuheben bemuht war. Die Hirtenfrau half ihr auch; aber sie wandte sich noch da knieend gegen mich. Wollen sie meinen Wilhelm retten. Ja, ich verspreche es ihnen bey dem allmachtigen Gott und um des unschuldigen Lammes willen, wobey ich ihr das Kind zeigte. Sie faltete ihre Hande, und dieser allmachtige Gott wird sie ewig lohnen, aber thun sie es bald. Bald! geben sie mir nur alles an Hand, ich hab hier schon einen Aufsatz gemacht Sie war aufgestanden, und sah mich mit gerungenen Handen an. Als ich nach dem Papier in meine Tasche langte, zitterten ihre Lippen und Hande, sie sank auf das Bett. Die Hirtin hatte das Kind genommen ich nahm der armen Amalia (so hiess sie) zitternde Hand, die sie auf die Lehne des holzernen Stuhls gelegt hatte. Fassen sie sich, gute liebe Seele. Ich will ihnen lesen, was ich angefangen habe. Sie nickte mir, trocknete ihre Thranen, und ich las ihr den Aufsatz, bis auf das, was sie noch zu sagen hatte, und sagte, dass ich es von der Kanzel wurde ablesen und in die Zeitung setzen lassen. Sie hob die Hande auf: lieber, lieber Wilhelm nun sterb ich gern und ruhig! O, lieber Hirt! und Thranen erstickten ihre Stimme; aber sie hatte beyde unaussprechlich angeblickt, dann fasste sie ihr Kind: Mein Kind! o wenn du leben bleibst, liege tausendmal zu den Fussen unsers Wohlthaters. Sie wollte es wieder auf die Erde legen, aber ich hinderte sie daran und sagte: Schonen sie ihr Leben, und lassen sie mir die Freude ganz ihnen und dem lieben Kinde Gutes zu thun. Leben? ich! O nein, nein! und du! (ihr Kind an sich schliessend) ach stirb mit mir. Werthe schatzbare Frau, fassen sie sich um wenigstens alles zu sagen, was zu der Ehrenrettung nothig ist.

Hastig sagte sie: Ach Gott! ja! horen sie mich nur: Nun weinte sie wieder stark und ich war selbst so sehr erschuttert, dass ich den Vorschlag that, sie sollte sich zu beruhigen suchen, ich wollte unterdessen ein wenig in das Baumgartgen gehen. Es war mir auch bey der starken Gemuthsbewegung in dem engen niedern Stubchen bange. Ich liess sie mit der Hirtin und ging allein durch den kleinen Gemussgarten dem Baumstuck zu und setzte mich auf einen am Ende liegenden Klotz. Es dauerte beynah eine halbe Stunde eh sie zu mir kam. Die Hirtin fuhrte sie. Bebend und errothend setzte sie sich neben mich, schwieg lang und fing dann mit gesetztem Ton an: Ich werde ihnen eine kurze Geschichte von Unschuld und Ungluck erzahlen; aber sie ist wahr, wie die Abnahme meines Lebens wahr! wie die Gnade des Himmels uber uns. Mitleiden und Eitelkeit sind der eigentliche Grund meines Elends. Ich verlohr meine Eltern fruh, und wurde von meiner Mutter Schwester, der Frau eines Universitats-Raths in F** erzogen. Sie hatte keine Kinder und nur ein kleines Vermogen, vermiethete Zimmer und gab auch angesehenen Studirenden die Kost. Mein Onkel gab mir manche Stunde guten Unterricht, den ich auch benutzte und mir bald viel auf meinen Verstand einbildete. Meine Tante las gern Romane und ich bekam auch Geschmack daran. Sticken, tanzen und etwas wichtig und jugendliches Aufsehen machte ihre Liebe fur mich und meine Eigenliebe blind, so, dass wir auf eine vornehme Heyrath rechneten. Zwey Bruder einer angesehenen Familie kamen in unser Haus zu wohnen. Der altere voll Bossheit und List, stark, garstig und tuckisch; der arme jungere schon, sanft, still und lernend, litte viel von dem altern, der ihm alles Spielgeld nahm, seine Kleider und Bucher verkaufte, durchbrachte und ihn, wenn er klagte, oder ihm Vorstellungen that, noch schlug und zankte. Ach, wer sollte den guten Herrn Wilhelm nicht geliebt haben. Meine Tante half diesem heimlich, und ich trostete ihn. Er freute sich daruber liebte mich und studirte doppelt fleissig. Meine Tante dachte, da der altere Soldat werden wollte und immer liederlicher ward, so musste einst der jungere den Vorzug in Vermogen und Gutern erhalten, und da sie so viel fur den Jungern gethan und er mich liebte, so wurde ich durch seine Dankbarkeit einmal eine gluckliche vornehme Frau werden. Der gute Wilhelm kam auch durch ihr Zureden und seine jugendliche Liebe, zu einer heimlichen Heyrath mit mir. Der alte Herr Pfarrer von Ertach traute uns, und wir lebten ruhig fort, als meine Tante krank wurde und auf ihrem Todbett ihrem Mann von der Heyrath redte, der aber daruber so entrustet wurde, dass ich des andern Tages aus dem Hause musste und zu meiner Stiefschwester ging, die mich aber meine Kindbettzeit uber nicht behalten wollte. Meine Tante hatte mir in Eil noch ein DemantKreuzchen und Ohrringe gegeben. Die letztern hatte schon mein Schwager fur meine Kost genommen, das Kreuzgen, (sie zog es aus ihrer Tasche) ist alles, was ich fur mein armes Kind und mich von der Welt ubrig habe. Denn, da mein guter unglucklicher Mann mich abholte und zu dem Herrn Pfarrer fuhren wollte, wurden wir angegriffen und beraubt. Ach Gott, ewiger Gott! mein Schwager war bey den Marodeurs, die uns anfielen. Mein Mann erkannte ihn, und lief ihm deswegen mit seinem Geld und Uhr zu, und bat mich, weil ich hochschwanger war, auf die freye Strasse zu laufen. Meine Stiefschwester erkannte ihn auch und schimpfte ihn da gab er ihr Schlage; darauf entstund, alles, alles das Elend, der Tod und der Schimpf meines armen Mannes und von mir. Niemand horte mich, als Gott und sie; o retten sie, retten sie die Ehre meines Mannes, so, wie er seinen Bruder retten wollte. Sie schwieg einige Augenblicke, rang dann ihre Hande und setzte mit einer unaussprechlichen Wehmuth und Starke hinzu: Gottliche Vorsicht! du wusstest, dass der Beste nichts wollte, als Brudertreue, Bruderliebe uben, und du liessest dadurch sein Leben, seinen guten Namen und mich zu Grunde gehen! Ach! wie sollen Menschen an eine Unschuld glauben, die deine allmachtige Hand nicht retten wollte.

Niemals, mein Freund! wird dies Bild des Schmerzens, der Wurde und Liebe aus meinem Gedachtnis verschwinden. Ich fasste ihre Hand, schwur bey der, Gott sey Dank! eigenen Unschuld meines Lebens, dass ich die Unschuld und das Ungluck ihres Mannes glaube, und den nemlichen Abend noch einen Aufsatz in das Protokoll und die Anzeige an die Gemeinde machen wolle. Sie hielt, wahrend ich ihr das sagte, eine meiner Hande zwischen ihren beyden, und ihre sterbenden aber sehr schonen Augen waren voll Sehnsucht, Hoffnung, Dank, und sanfter Freude auf mich geheftet. Endlich druckte sie meine Hande an ihr Herz: Gott, Gott lohne sie! Ich kann nicht reden, in der Ewigkeit will ichs thun, mit meinem Kinde will ich sie vor Gottes Thron begleiten und himmlischen, ewigen Lohn erbitten. Ich sagte ihr, dass ich so leben wollte, dass ihre fromme Seele und ihr unschuldiger Mann mich mit Freuden in der Ewigkeit erblicken wurden.

Sie weinte nun vor sich bin. Ich war auch still, und gewiss, die ganze Welt mit Grosse und Macht war vor dem Hirtenhause an der Seite einer hochst unglucklichen, dem Tode nahen Person, vollig vor mir verschwunden und Tugend, Wahrheit, Menschenliebe, Gute und Ewigkeit allein in meiner Seele. Ich begleitete sie schweigend in das Haus, und ging tief heim. Auf dem Wege begegnete mir jemand, der mich suchte. Der alte Beamte sey dem Augenblick an einem Schlagfluss gestorben. Wie froh war ich uber diesen Zufall, weil mir dadurch alles erleichtert wurde, was ich fur das arme Geschopf thun wollte. Da der junge Beamte das Herz gut und weich genug hatte, um im ersten Genuss von Gluck, der Freyheit, den Besitz des Amts und Vermogens gern eine Wohlthat auch auf andre auszugiessen. Er musste noch in der Nacht fort, um dem Herrn von Grunburg den Todesfall anzuzeigen, und die Bestatigung in seinen Dienst zu erhalten. Ich besorgte die zwey Tage das Amt und die Anstalten des Begrabnisses. Schrieb aber meine Gedanken uber die Ehrenrettung des armen Rechels auf. Liess den Hirten kommen, dass er die Frau bis auf die Zuruckkunft des neuen Amtmanns trosten sollte, und brachte es wirklich dahin, dass der Verstorbene bey dem Gerichte und der Gemeinde gerechtfertigt, sein Sarg ausgenommen wurde, und er ein ordentliches Grab bey den ehrlichen Dorfbewohnern erhielt.

Die Ergiessungen der Freude und des Segens seiner Witwe sind unbeschreiblich, eben so, wie die Scene vierzehn Tage vor ihrem Tode.

Als es eines Morgens sehr neblicht war, wollte ich, wie im Fruhjahr das Aufsteigen der Wolken, und ihre durch den mindesten Hauch des Windes abgeanderte Gestalten sehen, und dachte wohl, dass die Dunste des Kirchhofs die starksten und dichtesten seyn mussten; heftete also meine Augen am meisten dahin, und wurde allmahlig einen weissen Fleck gewahr, der an der Seite der Mauer fest blieb. Als ich ihn deutlich erblickte, war es die Gegend von Rechels neuem Grabe auf dem sein armes Weib mit ausgestreckten Armen lag. Ich eilte mit Angst dem Kirchhofe zu, und fand sie wirklich starr und sinnlos auf dem nassen Hugel liegen; fasste sie in meine Arme, und suchte sie zu beleben; legte ihre todtkalten Hande auf meine Brust, mein Herz wurde durchbebt und mit der heftigsten Theilnehmung durchgluht und ich glaube noch, dass meine heisse Wangen, die ich an ihr blasses lebloses Gesicht hielt, wieder Lebenswarme in sie brachten; denn sie erholte sich, und ich fuhrte und trug sie halb in das Amthaus, wo ich sie, mit der freundlichen Hulfe der Hausfrau, wieder erquickte und endlich, da sie nicht bey uns bleiben wollte, zuruck in das Spitalchen leitete; wo sie sich legte, und sich endlich so viel wieder erholte um mir zu erzahlen, dass eine unnennbare Bewegung von Zartlichkeit, Wehmuth und Freude sie auf dem Ehrengrab ihres Mannes ohnmachtig niedersinken gemacht hatte. Der Anfall eines heftigen, nicht zu heilenden Fiebers, nahm sie vor acht Tagen aus der Welt und von ihrem Jammer weg. Bereitwilliger und seliger bat noch niemand das Opfer seines jungen Lebens da gegeben; denn sie war kaum zwanzig Jahre alt. Sie dankte mir noch dass ich ihre beyden Schwager bey der Ehrenrettung ihres Mannes geschont hatte; und empfohl mir ihr Kind das (wie sie sagte) zu allem Ungluck, alle jugendliche Gesundheit seiner armen Eltern in sich vereinigte.

Ich nahm, mit aller Feyerlichkeit das arme Fritzgen an Kindesstatt an, und seine bedaurenswurdige Mutter fiel in dem Augenblick, da ich ihren Sohn von ihrem Bett in meine Arme nahm, und der Pfarrer durch eine Anrede mich zu dem Vater des Waisen einsegnete; in Zuckungen, die sich nur mit dem Tode endigten. Wie jammerte mich das Schlachtopfer einer ubelverstandenen Liebe ihrer Verwandtin, und einer noch ubler verstandenen Gerechtigkeit. Wie oft schon sind Vorurtheile und Missdeutungen aller Arten Henkersknechte und Morder, der unvertheidigten und furchtsamen Unschuld geworden. Ich ging mit dem Knaben auf dem Arme weg, setzte mich mit ihm auf dem Platz, wo vor einigen Wochen, noch seine Mutter mit mir sass und ihr Schicksal erzahlte. Mit Thranen sagte ich: armer Wurm! du hast nun in der ganzen Schopfung niemand, als mich; wenn nun auch ich dir entginge, grosser Gott! erhalt mich! zartlich und treu will ich mein Wort halten. Ich erhob ihn gen Himmel und schloss ihn darauf an meine Brust. Die Seele seiner Mutter mag mich noch gesehen, noch gehort haben; denn gewiss, sie umschwebte ihr so geliebtes verlassenes Kind. Die Hirtin besorgte es noch zwey Monate, denn langer blieb ich nicht mehr in Grunburg. Ich hatte mein Bestes da gethan, weil der neue Amtmann das ist, was er seyn soll. Waren nur alle so! und das einfache Grabmal fur die zwey Gatten war nun aufgerichtet aus grauem Sandstein. In dem Schlangenring, den ich darauf aushauen liess, steht:

"Hier ruhen

Wilhelm und Amalia Rechel, junge, treue, unschuldige und ungluckliche Ehgatten. Die Ewigkeit lohnet ihre Liebe, ihre Tugend und ihre Leiden."

Ich nahm meinen Sohn mit der Hirtin zu meinem Freunde Rohr, der mit einem schatzbaren Weibe recht wohl und genugsam lebte. Dem erzahlte ich nun, was ich unterdessen gewesen und gethan. Seine Frau sorgte fur meinen Fritz, der hold und lieb heran wuchs; immer Gegenstand der Sorge und Zartlichkeit. Rohre Vaterstadt ist eine kleine Republik, deren wir ja unserm Teutschland so viele haben. Alte Sitte und Gewohnheiten, Patriciat, Magistrat, Zunfte, Kirchen, Einkunfte und Spitaler alles ist unter Catholische und Lutherische Glaubensverwandte getheilt. Unter beyden sind viel Hochachtungswurdige Personen, mit denen ich zwey Jahre lang, schone ruhige Tage verlebte. Die Gegend ist hochst angenehm, Berge, Wiesen und Walder wechseln schon ab, und ein kleiner Fluss durchschneide das Thal. Hier sah ich Beweise, dass die Mittelstufe von Reichthum, Rang, Wohlstand und Grosse die meiste Zufriedenheit des Lebens gewahrt. Was mich an angesehenen und burgerlichen Personen freute, war, dass sie alle Garten und Spaziergange aufs Land oder auf ein Dorf unendlich lieben und ihrem vaterlichen Boden anhangen. Die Patricii reden gern von den Angelegenheiten der Stadt, ihre Frauen gern von ihren Kindern, sind mit schatzbaren Stolz gute Mutter und Hauswirthinnen. Hier wurde Wieland gebohren und genoss die Erziehung verdienstvoller Eltern. Sophie la Rosche lebte auch hier und erinnert sich noch mit Ruhrung jedes vergnugten Tages und jeder Familie, deren Freundschaft sie genoss. Sie segnet noch Menschen und Gegend besonders das schone Wohnhaus, erzahlt gern, und mit schonen freundlichen Eifer, alles Gute, dessen sie sich erinnert. Auch von den Anstalten zu Kinderfesten, die von alten Zeiten her in der Stadt gestiftet sind, wo zweymal des Jahrs alle Schulkinder in einem Zuge nach einer moralischen Anrede in der Schule an sie, hinaus ins Grune gehen, Reyhentanze halten und ihre Lehrer, Vater und Verwandte mit in ihre kindliche Spiele sich mischen und Antheil an ihrer Freude nehmen. Sie glaubt, dass diess der Grund der Liebe ist, die alle Einwohner dieses Stadtchens, und sie selbst in der Entfernung, auch in den grossesten Stadten fur das einfache Biberach behalten, und sie wunscht, dass diese Grundlage von vielen vaterlandischen Tugenden immer wohl erhalten werden moge!

Nun hat aber mein Fritzgen drey Jahre; ist schon stark, gesund, voll Fahigkeiten, die ich in meinem Zirkel von Kenntnissen und Kunsten anbauen mochte. Doch so, dass sein Unterricht von den Sachen nicht vom Wortlehren und Erklaren kame. Ich habe mich bey diesem Nachdenken an alles erinnert, was mir in meiner Jugend gewesen ist; und da erschien mir Ott als der beste meiner Universitatsbekannten, und Cleberg, den ich auf meinen Reisen mit so vielem Vergnugen sah. Ich erkundigte mich nach euch, und horte ganz viel herrliche Sachen von Aemtern, Heyrathen und Lebenstone und mich dunkte, dass ich recht wohl zu euch stimmen konnte und ich machte mir ein Bild von freundschaftlicher Verbindung, von edlem, ruhigem Geniessen meines Vermogens und meiner Erfahrungen, von Otts Studium, Clebergs Geist und Beobachtungen; eure, wie man mir meldete, so artige Weiber, vielleicht schon liebenswurdige Kinder ordneten sich in einen schonen Kreis edler Freuden des Lebens. Darauf nun schrieb ich selbst, was ich seit unserer Trennung geworden bin und gethan habe. Der grosseste Theil meiner traurigen Schwarmerey ist voruber. Lichte, stille Vernunft, lebendiges Auffassen alles Schonen und Guten wo es liegt, ist allein thatig geblieben. Wolt ihr mich so, meine Freunde! unter euch aufnehmen, und mich Antheil an euch nehmen lassen, so ladet mich ein; aber bald, damit der Bau meiner Hofnung auf euch nicht zuwest werde, und mich dann das Abreisen zu viel koste.

So weit die Auszuge aus Lattens Briefe an Ott, bey dessen Vorlesung Julie und ich, Linke, Hannchen und ihre jungere Schwester nebst Lisette Boder waren. Cleberg foderte unsere Meynung auf; wir wollten ihn alle hier haben, und Linke schafte ihm schon ein Haus in der Stadt und ein Landguth an. Ott machte eine Art Anzeige der gesammleten Stimmen, zeichnete ihm auch wieder alle unsere Charakter dagegen, und wir unterschrieben einhellig seine Aufnahme in unsern Zirkel, mit der Bedingung der baldigen Ankunft noch auf dem Lande. Nun erwarten wir ihn, besonders wir Weiber und Madchen, mit vieler Begierde; denn er muss uns viel von seinen Reisen, seiner Amtsschreiberstelle und die Geschichte der armen Rechel erzahlen. Mein Oheim, der alles ganz ruhig angehort hatte, sagte am Ende zu Cleberg und Ort: Helfe eurem Freunde wieder auf den rechten Weg, den ein guter, vernunftiger Patriot geben soll. Man findet selten dauerhaftes Gluck in ausserordentlichen Dingen. Es ist viel Gutes in der Welt, und das Meiste auf der grossen Heerstrasse des gemeinen Wesens. Strebt, lieben Kinder! sagte er gegen uns alle: die Besten unter den Guten zu seyn! aber, bleibt auf Gottes Erde! macht euch keine Flugel und steigt auf keine Stelzen, um uber andre hinaus zu sehen. Ein fester und unwandelbarer Gang der wahren edlen Menschheit fuhrt zum Gluck der Weisen. Schwarmerey thut es nicht.

Hundert und dritter Brief

Von Rosalien.

O Mariane! es giebt keine daurende Gluckseligkeit, nein, es giebt keine! Wir mogen es machen wie wir wollen; besonders wenn Weh und Freude unsers Lebens an die Gesinnungen eines andern Menschen gebunden sind.

Horen sie, Liebe, aber nur sie allein von allen Menschen der Erde; denn mein Oheim darf von diesem nichts wissen. Cleberg, der mir um alle des eigenen Sonderbaren willen so werth, so vorzuglich wurde, dem ich tausend Liebhaber aufgeopfert hatte, den ich edler als andre Manner glaubte, nicht vermuthete, dass jemals eine grosse oder kleine Coquette etwas fur ihn seyn konnte, ist selbst Coquet. Ich finde kein Wort im Teutschen um diess so eigentlich auszudrucken was man unter Coquet versteht, und so lassen sie es da seyn, Er ist es; schon die ersten vierzehn Tage, da wir Lesestunden hielten, fing ich an es zu bemerken verwarf aber diese Idee, als Traumerey von meiner auch eigenen Art Sachen und Leute zu beurtheilen. Aber, es nahm zu, und nun hier auf dem Lande ist es allen sichtbar; so, dass Julie, Ort, Linke und mein werthes Hannchen Itten ihr Staunen und Bedauren zeigen. Ich thue nicht, als ob ich etwas sahe, ich habe sogleich mit Vergnugen eingewilligt als er die zweyte Badische Tochter, auch neben Hannchen mit hierher nehmen wollte, da er ihre Naivetat ausserordentlich zu schatzen anfing, (und sie ist es nicht; listig ist sie; aber eine schone, aber eine sehr schone Blondine, also auch in diesem sehr von Rosalien verschieden, so wie sie auch kleiner ist, niedlichere Knochen hat und mit susseren Augen, so ganz empfindsam thun kann.)

Sie pries mich immer so glucklich, den schonen artigen Mann zu haben, der noch nach seiner Heyrath so gallant ware, wie ein Liebhaber; sie merkte sich alle Redensarten von Cleberg; gewohnte sich am ersten alles an, was er im Bezeigen, Ton und Wesen eines Frauenzimmrs lobte; wenn er vorlas und die andern Madchen alle arbeiteten, so ging sie hinter seinen Stuhl, und sah ihm uber seine Achsel so gierig in die Augen und nach dem Munde, dass er es selbst beobachtete und sie neben sich sitzen hiess, wo er ihr aber immer mit seinen Blicken seine Vorlesungen zueignete. Hierauf putzte sie sich mehr auf die Lesetage, wurde traurig und schmachtend, wenn er nicht mit ihr sprach; munter und stolz, wenn er ihr vorzugliche Aufmerksamkeit zeigte; begehrte von mir die Stucke auf dem Clavier zu lernen, die ihm am besten gefielen. Ich that es auch mit vieler Sorgfalt. Er war oft dabey und beobachtete mich und sie, lobte aber allein Lisette Bader. Artige Arbeiten, kleine Lieder, was ich weis, musste ich sie nach und nach lehren. Ihr Stimmgen ist gefallig, Liebe beseelte und lohnte sie. Denn oft, meine Mariane, oft sah ich Clebergs Augen voll Zartlichkeit, oft mit so viel Feuer eingenommen, dass er es weder sie noch mich wollte ganz sehen lassen, und bey den Lektionen selbst, nur das Ohr gegen das Clavier wandte, seine Blicke zur Erde heftete, und dann seinem Gesichte jeden Ausdruck einer wachsenden Leidenschaft erlaubte, denn sie wissen, es blieb immer eine von den Leserinnen bey uns zu Mittage, nun ist sie ganz um mich. Ich weiss nicht, ob er jemals allein mit ihr spricht; ob er in ihr Zimmer kommt. Ich mag nicht fragen, nicht lauren, nichts ausfindig machen; ich bin, so viel ich kan, mir immer gleich gegen Cleberg, gegen das Madchen und die andern. Mein Oheim betrachtet mich oft mit einem forschenden bemitleidenden Blick, der mich bald ausser Fassung bringen konnte, und er gebt allein mit mir spatzieren, wenn er sieht, dass Cleberg weg ist.

Ich nahte einen recht schonen Tapetenfeuerschirm und nun hilft sie mir; verdirbt manches wenn Cleberg im Zimmer ist, weil sie nur ihn sieht; und ich freue mich uber die Gewalt, die ich uber mich habe, es ihr mit der aussersten Sanftmuts und Lacheln zu zeigen. Wenn er zusieht; so arbeitet sie artig, und ich senke meinen Kopf etwas tiefer; denn oft ist sein Gesicht ganz nahe zwischen ihrem und meinem. Gestern sagte er in einem dieser Augenblicke: Rosalie! ich wollte, dass dieses Stuck die Lehne eines grossen Armstuhls fur mich wurde, in dem ich Abends bey stillen nachdenkenden Stunden mich setzen, und artige Sachen traumen konnte. O ja! rief sie; aber da muss das Stuck, wo ich arbeite, gerade fur das Anlehnen ihres Kopfs seyn.

Er sah sie an und sagte nur halb: deswegen will Sie wurde roth, und er ging eilig weg. Ich war froh, denn meine Lippen zitterten ein wenig, und mein Herz war gepresst. Doch arbeitete ich mit Eifer fort, wie Lisette auch that, aber verkehrte Farben nahm. Einige Augenblicke nachher kam mein Oheim ins Zimmer, und sagte mir, dass er mit Cleberg auf etliche Tage verreisete, und dass die Pferde schon bestellt waren. Er umarmte mich mit Zartlichkeit. Sey wohl und ruhig, beste Seele, sagte er mit Ruhrung und einem bedeutenden Blick auf Lisetten und mich. Nach kurzer Zeit, da mein Oheim noch mit Hannchen gesprochen und mich ihrer Sorge empfohlen hatte, kam Cleberg im Reisekleide sehr gut aussehend herein, und sagte: es ware alles bereit, fuhrte Linken an der Hand gegen mich und sagte: Rosalia, unser Freund wird diese Tage da bleiben, besonders da ich Briefe habe, dass mein Freund Latten morgen oder ubermorgen ankommt, dem man die grosse Alcove, und das Zimmer mit Kupferstichen eingeben kann, weil er vielleicht sein Kind mitbringt. Ich sagte: es freue mich, wenn Herr Linke seinen Freund wolle unterhalten helfen; ich wurde mir auch alle Muhe geben. Er fuhr fort. Hannchen und Lisette werden es auch thun. Ich nicht, sagte Letztere: denn ich will nur an meiner Lehne nahen. Er lachelte ohne etwas zu antworten. Mein Oheim ging gegen die Thure, Cleberg kusste meine Hande, und das noch ziemlich kalt, wie mich dauchte. Lisette ging gegen ihn, aber er wandte sich schnell um und warf ihr nur einen Kuss zu. Abreisen, ohne mich zu umarmen! O Mariane! das schmerzte mich und dennoch fuhlte ich auch, dass seine Umarmung mich nicht gefreut hatte, und dass ich so gar mit seiner Abwesenheit zufrieden war. Denn meine einsamen Stunden mit ihm wurden mir unertraglich durch den Zwang, den ich mir auflegte, ja nicht eifersuchtig zu scheinen; und ich bins doch, liebe, liebe Freundin: ich bins; und ich danke dem Himmel, dass es noch so ist, dass Zartlichkeit und Jammer uber den verlohrnen Theil seiner Liebe im Grunde liegt, denn ich kenne mich, es konnte eine Ursach zur Kalte entstehn, die den Tod meines Glucks anzeigte. Noch keine zwey Jahre besitzt er mich, und ist schon halb satt. Mariane! ach wie gut ist es, dass er weg ist, ich konnte nun sicher vor dem Fragen meines Oheim, und dem scharfen Blick von Cleberg Ihnen schreiben, mein Herz erleichtern, um Rath bitten und mich sammlen. Sein Freund Latten soll einer der edelsten Menschen seyn. Etwas stille, aber der feinste Beobachter und das Ebenbild von Benjamin West. Und wie dieser schone edle Gestalten zeichnet, so schreibt Latten Zuge edler Seelen auf. Linke schien sich eine Freude zu machen, uns dieses ganz ausfuhrlich zu erzahlen. Er sagte es mit besonderm Nachdruck gegen Lisette, die uber sein langes Reden ungedultig wurde, und endlich spottisch sagte: Es ware ihr an diesem vortreflichen Menschen gar nichts gelegen, sondern sie mochte wissen, wie lange Herr Cleberg ausbleiben wurde.

Hannchen wurde aus einer Empfindung fur mich ganz feuerroth, und bewegt sah sie Linken an, der sagte: Sie sind sehr neugierig, Lisette, Madame Cleberg fragt nicht einmal; und, Lisette fiel ein, hatte mehr Recht; wollen sie sagen; aber, fuhr sie fort, die Frauen sind der Gesellschaft ihrer artigen Manner so gewohnt, dass sie sie nicht mehr achter. Hannchen sah sie starr und mit Unmuth an. Ey, Lisette! wie kommen sie zu diesem Gedanken bey Frau Cleberg? Ich unterbrach dieses Gesprach mit der sanften Frage an Lisetten: Sagen sie mir, warum sie es wissen mochten, ich sehe ihnen etwas wichtiges an. Ja, ja, es ist mir wichtig; ich hatte gerne, dass sie eine andre Rahme nahmen und an dem Sitz des Stuhls arbeiteten, weil ich die Lehne ganz allein machen mochte. Dies war nun wirklich unverschamt. Linke stund auf und betrachtete sie von allen Seiten mit grossen Augen voll Verachtung und Staunen. Hannchen sah zartlich auf mich. Ich fasste mich gleich, und sagte ihr lachelnd: ich will sie gleich allein nahen lassen. (Und ich glaube, dass es ihr Freude verursachte.) Morgen kann ich einen Rahmen aus der Stadt haben. Sie rief voll Freuden: O, das ist charmant! kusste ihre Hande und setzte hinzu: Sie mussen mich alles allein machen lassen, alles; ich kann nun die Schattirang schon absehen. Das ist mir lieb, antwortete ich, wollen sie auch auf meinen Platz sitzen?

Sie ruckte ihren Stuhl, ich war von meinem aufgestanden; Hannchen erhob sich den nemlichen Augenblick mit einem Was? und auf sie blickend. So wie Linke mit einer Hand ihren Stuhl fest hielt und sie steif fragte: den Platz da wollen sie? auf meinem Lehnstuhl weisend. Sie blieb sitzen, sagte nichts, sah aber etwas verdriesslich aus, und ich fiel ein: Ich bekenne, es ware mir ein Bisschen Leid um meine Aussicht gewesen. Sie sollen einen eigenen schonen Platz in meinem Hause und in diesem Zimmer haben. Ich zeigte ein Fenster; da konnen sie auf die Landstrasse sehen, wenn die Reisende wieder kommen.

Das war ihr recht, und sie schafte ihren Rahmen gleich hin, wollte mich kussen, das konnte ich aber nicht leiden. Ihre Annaherung und die Absicht war mir Naherung einer glanzenden Schlange, die mit doppelter Zunge mir doppelte Wunden drohte. Ich wand mich seitwarts ob. Schauer fuhr durch mich, Widerwillen ergoss sich in jeden Tropfen meines Bluts. Ich lasse mich in Clebergs Abwesenheit von Niemand kussen, sagte ich. Nun wurden wir aber alle still, und zum Gluck, kam Julie und Ott mit ihrem altern Kinde und sagte, sie wollten mich trosten und zerstreuen helfen. Ich ging einen Augenblick hin, um das Zimmer fur den Fremden zu besehen und liess es gleich vollends zurecht machen. Es sind die schonsten Stucke von West Kaufmann, Strange und Reinolds darinn, die ich allezeit gern sah, und so oft ich in den Gang kam und Zeit hatte, hielt ich mich dabey auf. Nun stand ich alleine vor dem Bilde der Nymphe Clitia von Bartolozzi still. Es zog mich an. Ich suchte an ihr eben die Ursache, und sahe sonst keines an. Da ich lang ausblieb, kam Julie geschlichen und rief mir an der Thure: Sind denn so schone neue Bilder da, dass sie die alten Freunde allein lassen?

Dies brachte mich von dem dumpfen Gefuhl zuruck, dass meinem Herzen das nemliche Schicksal drohte. Ich ging dann mit der ganzen Gesellschaft in den Garten. Lisette dauerte mich beynah, ungeachtet meiner Gehassigkeit gegen sie. Denn alle begegneten ihr mit so viel Kalte und Geringschatzung, dass man sie gar nicht anredete, sondern sich nur mit mir beschaftigte. Sie ging aber auch gern allein, sie war auf einmal weg und ich sah nur noch einen Zipfel ihres Kleides, wie sie in den kleinen Schoppen ging, den Cleberg bey dem Bau des Hauses zur Schreinerey hatte errichten lassen, und nun seine Drechselbank und kleine Steinhauerey darinn hat, wo er Vasen und deren Fussgestell aushauen hilft, und allerley sehr artige Sachen drechselt. Ich sagte, dass sie dahin gegangen sey, und Linke flog auch von uns, nahm aber den Weg auf einer andern Seite, wo er durch ein Gitter den Schoppen ubersehen konnte. Als er wieder kam, sagte er mit einer nachdenkenden Miene: Lisette will drechseln lernen, denn sie beschaftigt sich mit dem Drechselhandwerkszeuge. Ist Niemand bey ihr? fragte Hannchen. Nein! keine Seele, als ihr eigener boser Geist. Ich fuhlte, dass das Madchen nur dorthin gegangen war, um alles in ihre Hande zu fassen, was Cleberg beruhrt hatte. Ihre Leidenschaft war also schon stark und sehr zartlich. Gewiss, Mariane, sie jammerte mich aufrichtig bey diesem Gedanken, ob schon eine Mischung von Unwillen in mir war, und ich wunschte ein Mittel zu wissen, ihr zurecht zu helfen. Ost, Julie und Hannchen schuttelten die Kopfe gegeneinander, und ich nahm Juliens Madchen an meine Hand, um ihr Blumchen suchen zu helfen. Niemand hielt mich zuruck, weil sie gern sprechen wolten. Ich setzte mich endlich mit dem Kinde in das halbe Geissblatthuttgen, das an dem kleinen Bache steht und Saliehuttgen heisst. Die Gesellschaft dieses unschuldigen Kindes erquickte mich, und that mir wohl. Ich ergoss manch Bewegung meiner Zartlichkeit, indem ich es an meine Brust druckte. Ich umfasste sein Hutgen und Schurzgen mit artigen Feldblumen; verweilte mich aber lang genug, dass sie mich endlich suchen mussten und mich ruften. Ich ging mit der lieben kleinen Grazie nach ihnen hin und erblickte gleich einen Fremden, in einem simpeln, aber sehr netten Reisekleide. Linke stellte mir Herr Latten vor, der mich, wahlend ich zur Gesellschaft ging, sehr genau betrachtete, und auch das Kind ansah, um dessentwillen ich etwas langsamer gegangen war. Edel, hochst edel, ohne einen Zug von Schonheit ist dieser Latten gebildet. Gross, schlank, ein herrliches Auge voll Feuer, und doch ohne die mindeste Schnelligkeit in seiner Bewegung. Aber aufheften kann er sein Auge mehr, als ich je an einem Menschen bemerkte, und dann sieht man gleichsam das Eindringen seiner Gedanken in die Sache, die er betrachtet. Seine Sitten sind so rein, seine Urtheile so richtig, mit so treffenden Ausdrukken, dass er, nach diesem Durchblicken seiner Augen, fur einen Menschen gehalten werden kann, vor dem man das Herz nicht hat, Boses zu denken: denn, wahrhaftig! es ist als ob er in das Innerste schauen konnte. Wir assen im obern Saale zu Abend. Latten bezeugt Vergnugen an den Gebauden und der Einrichtung, die Cleberg hier gemacht hat. Lisette hatte eins von Clebergs Buchern geholt, und sass in ihrem Zimmerchen und lass. Hannchen brachte sie zu uns, wo sie doch etwas verschamt auf uns blickte; aber ich suchte sie durch mein naturliches Bezeugen aufzumuntern. Latten beguckte sie, kann ich sagen, denn sein Auge hatte nicht das, was betrachten heisst. Linke fuhrte ihn nach seinem Schlafzimmer, und ich blieb lange mit Nachdenken wachsam, was ich fur Lisettens Stimmung und zur Erhaltung meiner Ruhe thun konnte. Cleberg ist liebenswurdig, sie ist freylich zwanzig Jahre und hat schon Kenntniss von Welt und Liebe, aber nicht Starke der Tugend, nicht Starke des Geistes genug, um der Gewalt zu widerstehen, die durch reizende Eigenschaften und vorzugliche Achtung eines jungen Mannes, auf ihr eitles leichtes Herz wirkten. Cleberg ist nicht grossmuthig gegen sie, nicht zartlich gegen mich gewesen. Ich will noch zusehen; aber ware ich noch Madchen, ware es der Abend vor meiner Trauung, ich trate ihn Lisetten ab. Mein Herz, meine Hand zogen sich zuruck, und ich ginge nach Wollinghof. Er soll keine Klage, keinen Unmuth von mir horen; keine Frage; nichts! Gute Nacht, Beste! Ach, sie haben mir niemals Schmerz der Seele erregt, niemals! Der Himmel lohne sie dafur! Lieben sie mich. Freundschaft ist das wahreste, edelste Gefuhl der Menschheit. Traum, Rausch der Liebe, mit all deinen Seligkeiten, wie weit bist du von mir! Ich fuhl es, nie, nie kommst du wieder zuruck. Ach, Mariane! wie viel weinte ich gestern in meinem Bette um diesen Traum. Sie erhalten mein Leben und meine Vernunft; denn, da ich niemand etwas sagen will, und doch alles so heftig in mir arbeitet, wuhlt und kampft, so erlage meine Gesundheit oder mein Kopf. Denn mein Herz, o Mariane! mein Herz leidet viel, leidet in seinen Grundsatzen und seinem Wohl, denn niemals konnte ich Coquetterie ertragen. Es schien mir immer unedel, unwurdig. An einem Fremden schien mirs so; und nun an Cleberg; und ich sein, auf ewig sein! Seine Liebe mein einziges Gluck! Adieu, ich fuhle mich stark genug, um mich zu beobachten und meinen Plan des ruhigen Ertragens durchzusetzen. Lieben sie, o lieben sie mich!

Hundert und vierter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich will fortfahren, ihnen zu schreiben. Es erleichtert und starkt mich. Neben diesem fiel mir auch der Gedanke ein, dass ich durch die Briefe uber diesen Vorgang in meinem Kopfe und Herzen, einmal bey wiederkommender Ruhe mich selbst recht kennen werde. Ich bin gestern sehr fruh aufgestanden, weil ich diesen Gast habe, und vollig angekleidet zum Fruhstuck kommen wollte. Mein Putz nimmt mir so nicht viele Zeit weg, eine braun und blauspielende tafente Polonaise, ein Strohhut mit blauen Bandern, eine weise Schurze und ein Halstuch von weisem Flor war alles. Mein Nahrahmen aus der Stadt war da. Ich machte mit Hannchen meine Arbeit zurecht, noch eh Linke und Latten zu uns kamen, und in der Kuche hatte ich das Mittag- und Abendessen schon bestellt, auch wohl vorlaufig etwas auf morgen; denn es sey im Vorbeygehen gesagt, meine Kochin und ich verstehen uns vortreflich darauf, einer schon erschienenen Schussel mit Speisen ein anderes und neues Ansehen zu geben, welches am Ende des Jahrs in meiner Kuchenrechnung etwas Ansehnliches erspart. Da wir ohnehin nicht von der vorgesetzten Zahl der Schusseln abgehen, und hier auf dem Lande mein Aufsatz von lebendigen Blumen in der Mitte des Tisches, der alle Tage abgeanderte Formen hat, neben meiner schonen Tafelwasche und der Nettigkeit, womit der Bediente meines Oheims und der unsrige aufwartet, dem Auge eines Gasts soviel Vergnugen geben, dass er sich nicht so genau nach der Anzahl der Speisen umsieht, und ohne ein schwelgendes Mahl vor sich zu haben, satt wird und zufrieden aufsteht. Mein Tisch zum Fruhstuck bestand aus Obst. Milch, Thee, Caffee und Chocolade war auch bereit, und Glaser mit Blumen waren dazwischen aufgestellt. Lisette sass schon an ihrer Arbeit, nicht so sorgfaltig gekleidet, als sie es bisher gewesen war. Ich hatte noch eh ich aus meinem Zimmer ging, mit mir selbst gesprochen, sie entschuldigt, mir Edelmuthigkeit gepredigt und gesagt, dass die Ausubung einer jeden Tugend, mit Beschwerden und Ueberwindung verbunden sey; dass tausend liebenswurdige Frauen dieser Art von Lebenskummer ausgesetzt sind; dass Lisette unglucklicher wurde als ich, weil sie in der Achtung der besten Menschen so viel verliehre, die Ruhe und Unschuld ihres Herzens dahin sey, und endlich kam ich bis auf die Starke des Vorsatzes, nach der Zuruckkunft von Cleberg mit ihr oder ihm daruber zu sprechen, wenn ich bemerken sollte, dass es noch weiter ginge, als es wurklich gegangen ist. Ich will meine Bitterkeit gegen Lisetten auch innerlich bekampfen, und wirklich suchen, gut, sanftmuthig mit ihr und streng auch gegen mich selbst, wie bisher gegen sie zu seyn. Schon so fleissig! sagte ich, als ich in das Zimmer trat, und sie erblickte. Sie stund ein wenig auf, als ich auf sie zuging, und deckte alles zu, was sie genaht hatte. Sie mussen nichts sehen. Ich habe gestern darum gebeten. Ich ging lachelnd zuruck. Ich will nichts sehen: Ich will recht bescheiden seyn; fahren sie nur fort, erwiederte ich, und liess sie auch, ohne mehr daruber mit ihr zu sprechen, ruhig sitzen, ausgenommen, dass ich sie zum Fruhflucken bat, als die beyden Herren in das Zimmer kamen. Linke sah ernstlich auf meinen Nahrahmen. Haben sie wirklich den Eigensinn nachgegeben? fragte er. Ach, artige verwohnte Kinder haben immer so was fur sich zu wollen, sagte ich lachend: etwas so unschuldiges als diese Arbeit ist, kann man ja gehen lassen! Lisette ward roth, und sah Linken und mich etwas bitter an. Das ist schlimm, dachte ich, Madchen! fur dein Herz. Aber ich verdoppelte meine Gefalligkeit gegen sie. Denn, ich will nicht, dass sie bey Cleberg uber mich klage. Wenn er sie liebt, so soll es von mir nicht in einem ublen Bezeigen geahndet werden; ich will edler seyn als sein Madchen und grossmuthiger als er. Latten musste uns bey dem Fruhstuck von den Sitten und Gewohnheiten der englischen Nation erzahlen, die er die grosseste nennt und in der That, da er uns von England sprach, gar nicht der stille Mann war, wie ihn sein Ott beschrieben hatte. Denn er redete mit vielem Eifer, aber in so bestimmten Ausdrucken, dass er nicht ein Wort zu viel brauchte, und seine ganze Rede eine grosse edle Einfalt in sich fasste. Er kennt die Angelika Kaufmann, die mich als teutsche Kunstlerinn zuerst anzog. Nachdem er viel auf Linkens, Ottens, und mein Hin- und Herfragen geantwortet hatte, beklagte ich, dass er bey seinem emsigen Reisen in diesem Reiche nicht auch auf den Gedanken gekommen sey, Schottland und Irrland zu besuchen, die mir fur mein Herz beynah werther und merkwurdiger waren. Der Herzog von Bukleigh allein hatte es verdient, sagte ich. Warum dieser? fragte Latten. Ich erzahlte was er zum Besten seines Vaterlandes bey Errichtung der Wechselbank gethan hatte, und sprach auch von den westlichen Inseln dieses Konigreichs, wo ich dem edlen jungen Maelean so gerne ein Denkmal mochte errichten lassen, der um den Wiesen- und Ackerbau auf diesen Inseln zu verbessern, sich bey einem Pachter in England als Knecht verdingte, alle Feldarbeiten lernte, nach drey Jahren zuruckkehrte, und dann seine vaterlichen Erblandereyen selbst umarbeiten half, und den Leuten Unterricht gab. Sein Herz hatte ein susses Gluck zu hoffen, da er eine der liebenswurdigen Tochter eines Edelmanns bekommen sollte, der ganz allein mit seinen Kindern auf einer dieser Inseln wohnt. Der schatzbare Jungling ging an den Feyertagen hin, war der beste Steuermann, den Fremde und Einheimische haben konnten, fuhrte viele glucklich hin und her, ihn aber liess die Vorsicht in einem Sturm umkommnn, als er von seiner Braut zuruckkehrte. Mein liebes Hannchen hatte Thranen in den Augen und Herr Latten sah mit Nachdenken und geruhrt auf mich und sie. Wir sollten alle bey Ott zu Mittag essen, aber Lisette entschuldigte sich mit einem Kopfweh, und blieb zu Hause, um recht eifrig fort zu arbeiten. Das arme Madchen hat nun wirklich keine Kraft mehr, gegen ihre Leidenschaft zu kampfen, und lasst es sich so ganz hingehen. Mich dunkt, dies musse wirklich Naivete seyn; denn es ware ja sonst der grosste Mangel an Sittsamkeit und Feinheit des Gefuhls. Ich will ihr nachgehen mit Gute, mit Mitleiden, um zu sehen, was ich thun kann, um sie wieder zu gewinnen und zu retten.

Ottens Baurenhaus gefiel dem Herrn Latten ungemein und er zeichnete es heut fruh mit farbigen Bleystiften ab; so, wie er auch mit unserm Landhause und Garten thun will.

Morgen gehen wir nach Kahnberg. In die Stadt soll er erst, wenn mein Oheim und Cleberg zuruck kommen. Die Gesellschaft dieses jungen Mannes ist ausserst einnehmend, da er niemals das Fehlerhafte rugt, von der ganzen Erde gutes denkt und spricht; alles Schone und Gute aufsucht, fuhlt, sich dabey verweilet, und auch uns Frauenzimmern feine Schmeicheleyen sagt, wie zum Beyspiel Julie und ich das Lob erhielten, dass wir in Kleidung, Hausgerathe und Bestellung des Tisches, wie im Ton unserer Unterredungen gleichsam einen Auszug der besten Zeiten, was vier grosse Europaische Nationen eigenes haben, machten. Wir wurden, ich versichere sie, wahrhaftig beschamt; und ich sagte: O, Herr Latten! wie wollen sie dieses alles in zwey Tagen gesehen haben? Nun wurde mein Hut, meine weisse Schurze, meine Gestalt, die niedrigen Absatze meiner Schuhe, und die Zubereitung des Fruhstuck-Tisches Beweiss des englandischen Geschmacks in meinem Hause; Juliens Anzug und Bezeigen das ausgewahlteste Feine und sittlich schone Franzosisch nach seines Otten herrschender Vorliebe zu dieser Nation. Unsere Musikalien, dann die Vasen im Garten, einige Saulen am Hause waren Italienisch. Die wenigen Schusseln bey den Mittagsund Abendessen, die Freymuthigkeit mit welcher wir unserer Liebe fur unsere Manner zeigten, der kleine Stolz und Eifer mit welchem wir unsere Hauswirthschaft fuhrten, sey teutsch. Die Buchersammlung von Italiens, Englands, Frankreichs und Teutschlands schonsten Werken, bewiese auch, dass seine Anmerkung richtig sey; Ja, selbst in unserer Sprache, ob wir schon alle fremde Worte sorglich vermieden, waren ganze und einzelne Spuren eines Ganges oder Wendung der Ideen, die uns das Lesen dieser verschiedenen Schriftsteller gegeben habe. Er sagte dies alles recht artig, und gar nicht als ein Mensch, der Jahr und Tag nur mit Bauren und einem rauhen Beamten gelebt hatte. Ich sagte zu Julien: Es liegt viel Schones in der kleinen Geschichte von unserm Haus- und Wirthschaftswesen, aber es ist kein Ganzes, sondern nur zusammengetragenes Zeug, und das missfallt mir, Liebe! Wir sind so gern ganz teutsch. Die drey Manner sahen mit Vergnugen und Aufmerksamkeit uns an. Julie sagte auch mit ihrer innigen Sanftmuth: Mich daucht wirklich, dass wir mit dem glanzenden Gemische nicht ganz zufrieden seyn sollten; und zu ihrem Manne: Wie machtest du es dann, aus mir guten, einfachen, teutschen Madchen eine feine Franzosin zu bilden.

Latten stund mit Eile auf und bog sich mit edler Bewegung seiner Hande gegen uns: Julie, Rosalie! sie werden doch nicht ernsthaft unzufrieden seyn, wenn man schone Wahrheiten von ihnen sagt? Also doch Wahrheiten! erwiederte Julie mit reizendem Nicken ihres artigen Kopfs. Wollen sie mir erlauben, dass ich es ernsthaft beweise, sagte Latten. Konnen sie dies wohl? fragte ich. Ja, und noch dazu wird mein Beweis vollig ihre Rechtfertigung mit sich fuhren. Also auch die meinige, fiel Ott noch ein. Gewiss, sagte Latten, aber da die Frage von lauten guten, die Menschen glucklich machenden Sachen ist: so mussen sie mich etwas ernst sprechen lassen.

Wir neigten uns alle ein wenig, um unsere Einwilligung zu zeigen, und er fing mit einem zartlichen Ton der Stimme und der gefuhlvollsten Miene an, indem er freundlich auf uns blickte: Ich glaube, dass wir alle recht gute Kinder der gottlichen Vorsicht sind; sie hat ihrer viele auf allen Ecken der Erde zerstreut und sie will allen wohl: darum schmuckte sie uberall die Wohnplatze der Menschen mit Baumen und Blumen, und gab dem Boden und Thieren Fruchtbarkeit und Nutzlichkeit fur Geschopfe. Wegen dem allgemeinen Menschenwohl, lasst sie an Ausbreitung der Lehre einer wahren reinen Religion arbeiten. Physik, Weltweisheit, Gestirn- Handlungs- und Gesetzkunde fliessen zum grossen allgemeinen Besten uberall zusammen und werden von allen genossen; warum sollte dann von den ubrigen Gutern des Lebens und Vergnugens die Zweige weniger ausgebreitet und vielleicht gar aus kleinen Eigensinn weniger angenehm werden. Ich habe mir den Plan gemacht, sagte er gegen Ott, ein Naturalien-Cabinet anzulegen, worinn alle Krauter nach dem Linnaus, alle Steine und alle Mineralien versammlet waren. Meine Bucher sollen historisch-geographische Beschreibungen der Welt enthalten, und so viel moglich Kupfer und Abbildungen von Menschen und schonen Gegenden; dadurch konnte wohl unser Zirkel der ganzen Erde ausserst merkwurdig werden, wenn bey mir Auszuge des Wunderbaren, der physischen, und bey meinen Freunden alles Ehrwurdige und Reizende der moralischen Welt zu finden ware. Wir wollen keine ausschliessende Menschenliebe, keinen ausschliessenden Geschmack haben, sondern das schatzbare Gute und Angenehme aller Nationen hochachten, alles Nutzliche und was das Leben versusset, uns zu eigen machen, und da im Mittheilen und Annehmen unsern Mitmenschen Bruderschaft bezeugen. Diese Ergiessung allgemeiner Bruderliebe von dem kleinen Winkelchen meines Zimmers bis in die aussersten Grenzen der Erde, aus dem Munde eines jungen Mannes von sechs und zwanzig Jahren; die flammende Rothe die sein Gesicht einnahm, als er sprach; der wachsende und fallende Ton der Stimme, seine bald lebhaften, bald sanften Blicke; das, was ich horte, was ich dazu dachte und fuhlte, brachte mich in die sanfteste, und ich darf es sagen, edelste Stimmung der Seele. Ich war bis zu Thranen geruhrt und eingenommen. Er bemerkte es mit vieler Feinheit. Denn, als er zu reden aufhorte, fragte er erst Julien: ob sie nun mit ihm ausgesohnt sey? Sie versicherte es ihm, mit alle der Anmuth, die den Charakter ihres ganzen Wesens ausmacht. Zu mir wandte er sich nur mit den wenigen Worten: und Rosalia? Er mochte meine Augen noch nass gesehen haben; denn gleich sanken seine Blicke aus Schonung zur Erde; ich fasste mich aber und sagte: Herzlich bin ich versohnt und noch mehr, ich stimme ganz mit ihnen ein.

Hier erhob er seine Augen, aber nur blitzartig auf mich, wandte sie gleich ab, und ich sagte zu Julien! Wir wollen also moralische Seltenheiten sammlen und Herrn Latten bitten, sein Cabinet bald anzufangen; dann stund er auf und lehnte sich an ein Fenster. Wir waren olle still. Ort ging zu ihm. Julie sagte mir: Ich bringe heut einen Theil meines Mittagsessen zu dir, und mein Madchen auch. Ja, meine Liebe das ist ein recht glucklicher Einfall. Hannchen ging mit ihr, und ich bemerkte erst da, dass Lisette nicht im Zimmer ware. Ich fragte Linken: ob sie schon lange weg sey? Ey freylich! Es musste ihr ja bey den Aeusserungen von Gute und Tugend ganz ubel werden.

Diese bittere Anmerkung that mir fur Lisetten weh.

Pfui Linke: schamen sie sich, dass diese Gute so wenig auf sie wirkte, um ihnen diese grausame Auslegung uber etwas ganz Zufalliges sich zu erlauben. Die Arme jammert mich herzlich, und ich bitte sie, sagen sie diese nachtheilige Idee keinem Menschen mehr. Er ging weg, kam bald wieder und sagte zu mir: Lisette macht ihre Betrachtungen in Clebergs Cabinette. Ach, sie wird um so bedaurenswerther. Sie sind eine sehr eigene Art Frauenzimmer. Gott gebe, dass ich es auf der guten Seite immer bleiben moge und ich bitte sie, Linke, sagen sie mir nichts, das meinen Gang wankend machen konnte. Ort und Latten waren fort. Linke folgte ihnen, als Julie und Hannchen darauf wieder zu mir kamen. Als ich mit der kleinen Rosalie spielte, erschien Latten unter der Saalthure, sah mir einige Augenblicke zu und naherte sich mit sanften ehrerbietigen Gebehrden: Ich darf wohl hoffen, sagte er, dass sie, meinem Fritz erlauben, mit der kleinen Salie bey ihnen zu essen? Ach ja, wo haben sie ihn dann? Er ist mit meinem Bedienten bey dem Herrn Pfarrer. Und das seit ihrer Ankunft? O Herr Latten, wie konnten sie an mir zweifeln. Er antwortete nicht, sondern flog davon, und fuhrte den holden Knaben zu mir, da ich unterdessen in dem untern Saal gegangen war, und auf einer der Stufen vor der Thure sass. Der gute Kleine sah seinen Pfleg-Vater und mich an; seine Schonheit und zartlichen Augen und die Erinnerung an das Schicksal seiner Eltern hinderten mich, zu reden. Ich breitete meine Arme nach ihm aus und das gute Kind lief zu mir, hangte sich an meinen Hals und kusste mich. Latten ging weinend in die Allee, und ich druckte Fritzgen mit Thranen an mein Herz und bat Gott, seine Unschuld zu schutzen, und Latten zu seegnen.

Hundert und funfter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Nun, Mariane, kann ich auch sagen, ich habe das Schwerste gethan, was eine zartlich liebende und empfindliche Frau thun kann. Vor funf Tagen kam Cleberg mit meinem Oheim zuruck. Ich hatte so viel uber mich gewonnen, dass ich noch wahrend seiner Abwesenheit Lisetten mit alle meiner vorherigen Achtung und Freundlichkeit begegnete; ein ofenes naturliches Wesen behielt, und alle meine Anwandlungen von Unmuth und Rachsuchtigkeit, von denen ich nicht frey war, dahin zu wenden suchte, jede gute Eigenschaft meines hauslichen und gesellschaftlichen Verdienstes, die Cleberg an mir geliebt hatte, in ganzer Thatigkeit zu erhalten, indem ich mir sagte: seine Hochachtung soll mich fur den Verlust seiner Liebe schadlos halten. Aber, o Mariane: Was kostet es, dies zu sagen; und wie viel eigene Erkaltung des Herzens gehort dazu die Kalte eines andern mit Ruhe zu tragen. Ich bemerkte, dass Linke dem vortreflichen Latten von der kleinen Ehstandsbegebenheit geredet hatte, weil sie mich, wenn ich mit Lisetten sprach oder Cleberg nannte, am meisten zu beobachten schienen, und mir vereint eine vermehrte Achtung bezeugten. Lisette wurde auch wieder etwas vertrauter; arbeitete aber mit anhaltendem Eifer fort; fuhr zehnmal des Tages von ihrem Sitz auf, wenn sich das Rasseln einer Kutsche auf der Landstrasse horen liess. Eine Rothe und verdriessliche Miene zeigte, dass sie sich betrogen hatte und sah doch immer wieder hinaus, dann auch mit gesenktem Kopf nach uns, und ihren Stuhl ruckte sie mit Ungeduld zurecht. Ich nahete auch, beschaftigte mich aber viel mit Lattens Fritzgen; ein holder empfindungsvoller Knabe, fur den ich van Gudens Bilderbuch aus der Stadt bringen liess und Mittags, weil es zum Spatzierengehen zu warm war, die Bilder anzeichnete, die er merken und mir ahnliche Sachen des Abends im Felde, im Dorf oder im Garten zeigen musste. Nicht nur die Geschichte seiner Mutter, sondern auch die Aussicht, die vor mir ist, selbst ein Kind zu haben, hefteten mich an ihn, und machten, dass ich eine Probe vom nutzlichen Gebrauch des Bilderbuchs mit ihm vornahm und ihn auch das, was er im Herumgehen sah, wieder im Buche aufsuchen liess. Er wollte ein kleines Feld und einen kleinen Pflug haben. Der Wagner im Dorfe hat einen Buben von sechs Jahren, der alles, was sein Vater im Grossen und von harten Holz macht, im Lindenholz nachast, und gewiss ein sehr vortreflicher Mann in diesem Handwerk werden wird; er horte auch nicht auf, den Sohn des Schmids dahin zu bringen, dass er ihm kleine Pflugschaaren machte, damit sein ganzes Ackerzeug vollkommen seyn mochte. Mit dem Jungen des Zimmermanns baute er sich einen Schoppen, wozu ihm Cleberg das Holz gab, und auch fur die Jungens das Lehrgeld zahlen will, die sich durch das Beyspiel von diesen zum Fleiss und Geschicklichkeit aufmunterten; wie ich ihnen auch hier sagen will, dass er bey dem Bau unsers Garten und Hauses nebst meinem Oheim auf die herumschlendernden Buben Achtung gab und diejenigen, welche sich oft und anhaltend bey einem oder andern Urtheilsplatz einfanden, befragten sie um die Ursache: war es wirklich vorzuglicher Hang, der die Jungen zum Steinmetz, Zimmermann, Gartner oder Maurer fuhrte, so sorgten sie dafur, dass die Eltern, die ihnen manchmal eine andre Bestimmung gaben, in den Sinn der Knaben willigten, und erleichterten jede Beschwerde, die sich dabey fand. Unser Gartner, der zugleich unser Bedienter ist, hat wirklich vier Jungen in der Lehre, die gewiss gute und geschickte Menschen werden. Der Gartner und Cleberg selbst halten ihnen Zeichnenstunden. Wir kleiden sie und schaffen das Essen. Es kostet auch nicht so viel, als man denken sollte. Ich und Cleberg einen Einbildungsrock weniger in einem Jahre giebt uns Geld fur Nahrung und Kleidung der guten Jungen. Auf die Werkeltage sind sie alle in groben weissen Leinen und grunen Huten; Sonn- und Feyertage haben sie Rocke von grunem Zeug dazu. Alle Tage hilft einer aufwarten, ordnet die Blumen vom Nachtisch und die in den Zimmern stehen, damit sie einst auch den Dienst eines Laquayen mit der Gartnerey verbinden konnen. Obst trocknen und in Zucker sieden lernen sie auch, und ich versichere sie, dass es recht artig ist, die vier wackern jungen Leute arbeiten zu sehen. Wir haben Fritzgen ein Stuck Land eingeraumt; dort pflugte er mit dem kleinen Ackerzeug des guten jungen Wagners und saete auch. Die Freude des lieben Kindes ist nicht zu beschreiben, und Lattens Vatertreue auch nicht. Mit was fur einen Ausdruck melancholischer Zartlichkeit er ihm zusah, uber ihm gebeugt war, wenn der Knabe zu ihm kam, den guten Papa zu fragen, oder ihm was zu erzahlen. Sein kleines Feldchen liegt an einem Traubengelander hin, und am Ende davon stehen etwas erhoht zwey sehr grosse Birnbaume, die Cleberg beyde in den Baurengarten fand, als er ihn zu dem Unsrigen kaufte, und die zwey so freundlich beysammen stehenden Gewachse nicht trennen und nicht ausrotten wollte. Latten und wir alle fassen an diesen Baumen, als das Stuckgen Erde fur Fritzgen zugerichtet wurde, der sehr viel dabey zu thun hatte, und dann auf seines Vaters Schooss ausruhte. Als er es angesaet hatte, regnete es zwey Tage, das machte den Kleinen sehr unzufrieden weil er seinen Acker und das Haus des guten Wagners nicht sehen konnte. Latten erklarte ihm den Nutzen und das Wohlthatige des Regens, und der liebe Bube wurde so geruhrt, dass er an das Fenster kniete, gen Himmel sah und mit gefaltenen Handgen sagte: O lieber Gott, lass auch auf meinem Acker und auf Hansens Acker regnen, dass unser Brod wachsen kann.

Latten sprang auf, kniete zu ihm hin, fasste die geschlossenen Hande des Kindes in die seinigen: Lieber Gott, erhor das Gebet meines Fritzgens! und druckte ihn an sich. Was er fur das Kind erbat, sprach sein Auge und seine darinn zitternde Thrane und der Knabe war so herzlich froh, dass sein Papa fur die Erfullung seiner Wunsche bettelte. Latten nahm diesen Weg zu dem Herzen seines Sohnes, dass er in guten oder gleichgultigen Anlassen immer von der Meinung des Kleinen war, um ihn ja die Obergewalt nicht zu einer unrechten Zeit fuhlen zu lassen und weil man durch eine immerwahrende Rechthaberey bey Alten und Jungen verhasst wurde. Diese Anmerkung, meine, Liebe, machte ich mir auch zu Nutz, und setzte mir vor, gegen keine Seele uber irgend etwas zu streiten, wenn es nur auf das kleine Vergnugen des Rechthabens ankame, und auch in der so feinen Sache zwischen Cleberg, Lisetten und mir ja keinen widerstrebenden, eigensinnigen Ton zu nehmen. Das Kind erhielt mein Herz in einer sanften Stimmung. Lattens Geschichte und Grundsatze befestigten mich in der Pflicht des Ertragens der Fehler und Unvollkommenheiten anderer, und erhohte den Werth eines grossmuthigen Bezeigens. Alles das fuhlte ich; aber diess war nicht mehr Liebe, und das macht den empfindlichsten Theil meines Kummers in den ruhigsten Augenblicken aus. Endlich kam Cleberg und mein Oheim; aber Abends spat, gerade als wir schon nach dem Essen noch im Garten herum giengen. Mein Herz pochte unendlich. Cleberg war in seinem Reisekleide so schon; seine Freude uber Latten so edel in ihren Ausdrucken. Er kusste meine Hande, sah mich aber nicht viel an, sprach auch mit Lisetten nichts besonders; ob sie ihm schon hundert Fragen that. Er und mein Oheim nahmen nur etwas Wein und Brod im Garten; nachher ging ich mit Letzterm ins Haus, und da dieser schlafen wollte, in mein Zimmer; zog mich aus, schickte mein Madchen fort, und legte mich, da ich mein Licht ausgeloscht hatte, an das Fenster. Es war nicht gut, dass ich es that, weil Unruhe und dunkle Vermuthungen mich dazu brachten, die mich auch naturlicher Weise zu den schlimsten Auslegungen des allerunschuldigsten Vorgangs verleiteten. Ich horte, dass Cleberg, Latten und Linke in dem Laubengang auf und ab spazierten. Endlich gab Cleberg Linken den Auftrag, er solle Latten nach seinem Schlafzimmer fuhren. Er fur sich, musse noch einige Zeit herum gehen; es ware ihm heiss, und er sey zum Reden zu matt. Seine Freunde gingen auch; und er lehnte sich einige Augenblicke hernach an den Pfosten des Laubengangs gegen meinem Fenster uber. Wie mich dauchte, sah er nach, ob ich noch Licht habe. Die grunen Sonnenschirme meiner Fenster waren nahe beygezogen; er konnte mich nicht sehen, aber ich ihn, weil er ganz hellgrau gekleidet war und auch so einen Hut hatte. Seine Stellung schien nachdenkend und beynah traurig. Er ruhrte mich und ich fing an zu uberlegen, ob ich ihn nicht zartlich anrufen sollte. Meine Hand wollte auch schon den Schirm in die Hohe heben, als ich ihn sich schnell wenden sah und Lisetten sprechen horte. Ach, mein Arm und mein Kopf sanken auf die Fensterrahmen nieder und endlich gieng ich von Schmerz und Unmuth wankend in mein Bette. Ich schlief nicht, also bemerkte ich auch ganz deutlich, dass Cleberg nicht in sein Zimmer kam. Es war eine sehr elende Nacht, die ich da durchzuleben hatte. Ich weinte aber nicht eine Zahre, stund fruh auf, kleidete mich auch gleich ganz gut an, und nahm mir vor, beyden nicht im mindesten merken zu lassen, was ich von ihnen dachte. Nach Lisettens Gesundheit und nach Clebergs Nachtruhe zu fragen, das war mir unmoglich; aber Ruhe, Gute und Gleichmuthigkeit suchte ich zu zeigen. Cleberg sass tiefsinnig bey dem Fruhstuck. Lisette sprach auch nicht; machte hundert kleine Brodtkrumen, tauchte sie in ihren Caffee, ohne eine davon zu essen. Ich machte mir viel mit Fritzgen Latten zu thun, nahm aber mein Fruhstuck wie sonst. Beyde jammerten mich; ich sah ihre Gluckseligkeit noch viel elender zu Grunde gerichtet als meine, und ich fuhlte Wurde und eine herrliche Gelegenheit, Grosse und Gute der Seele zu zeigen, in mir. Doch konnte ich den sonderbaren Einfluss nicht hindern, den Clebergs Trubsinn und Schweigen auf alle machte. Wie der Tisch weggeraumt war und ich mich zu meinem Nahrahmen setzte, bat ich Linken den Pack Bucher zu holen, welchen er Tages vorher bekommen hatte; er that es und dies belebte uns alle, ausser Lisetten, die fortnahte. Latten, Linke, Cleberg und mein Oheim geriethen in eine wichtige Unterredung uber den Nutzen und Schaden, den das viele Bucherschreiben und Lesen verursache. Latten setzte etwas daruber auf, das ich ihnen einst schicken werde. Es kamen Gaste aus der Stadt. Cleberg ging fort, und ich musste bis Abends die Leute unterhalten. Ich bezeigte mich aber gegen Lisetten wie sonst; ob sie schon unempfindlicher gegen mich war, als ehmals. Die Gesellschaft ging am Ende des kleinen Essens im untern Saale zu Fuss der Stadt zu. Ich blieb im Hause und ordnete mit meinen Leuten die Besorgnisse des andern Tages. Ich furchtete mich vor der Nacht, legte mich aber, eh die andern zuruckkamen, schlafen. Cleberg kam leise in sein Zimmer, ging auch wieder hinaus, und ich horte ihn nicht mehr. Dass war wieder schlimm fur mich; doch weinte ich etwas und schlummerte ein. Ich fuhrte Morgens wieder meinen Plan der Ruhe durch, ging wohl gar bis zu einem Grad der Heiterkeit; Cleberg blieb nicht bey uns. Ich wurde in ein Gesprach verwickelt, das mich hinderte, Lisettens Abwesenheit zu bemerken. Ich ging auch selbst hinaus, um in dem aussersten Zimmer ein Bette aufschlagen zu lassen, weil mir mein Oheim einen Fremden meldete. Sie wissen, dass ich niemals bey den Kupferstichen vorbeygehe, ohne einige Zeit da zu verweilen. Ich machte das Zimmer auf und bey dem ersten Schritt sah ich meinem Cleberg zu der Seitenthure hinauseilen und Lisetten da sitzen. Ich wandte mich gleich um und gab mit dem kleinen Taumel in meinem Kopfe dennoch meine Befehle, ging wieder in den Saal an meine Arbeit, und zum Gesprach. Cleberg kam auch, sah manchmal sehr eifrig auf mich, legte sich ans Fenster, setzte sich auf Lisettens Stuhl an ihrem Rahmen, und betrachtete mich von dortaus einigemal vom Kopf bis zu den Fussen.

Vergleichst du mich mit deiner Blondine? dachte ich und sah ihn, ich bin es gewiss, mit lachelnder Kalte an. Er spielte noch mit der Scheere, der Seide und den Nadeln etwas fort; und biss in seine Lippe. Ich wollte hindern, dass niemand, als ich, es bemerken sollte und fing eine muntere Unterredung an. Da stund er heftig auf, biss einen Faden, den er um die Finger gewickelt hatte, entzwey und ging fort. Ich sah ihm nach, blickte unwillkuhrlich auf Lisettens Arbeit, und war etwas zerstreut. Lisette kam nicht zum Mittagsessen. Sie hatte Kopfweh, liess sie sagen. Ich ging den Augenblick zu ihr, aber sie sagte mir mit Ungedult, sie konne nicht viel reden horen. Ich kam zuruck und fragte Hannchen Itten, ob Lisette ofters mit dem heftigen Schmerz geplagt ware? sie konne nicht einmal sprechen horen, und befahl den Leuten, ja leise hin und her zu gehen. Nach dem Caffee ging ich wieder zu ihr. Sie hatte sehr geweint und war noch murrisch, ich redete sanft mit ihr. Sie war stockisch; ich fuhlte mich gross, und nahm ihre Hand. Lisette! dieses Betragen gegen mich, sagte ich, hat einen andern Grund, als ihr Kopfweh. Habe ich ihnen was zu Leide gethan? Sagen sie es! Ich mochte nicht, dass es geschehen war, und hatte den Vorsatz niemals. Ach, Hannchen ist ihnen doch lieber als ich, sagte sie. Das ist artig, dachte ich, so bist du auch eifersuchtig. Das haben sie nur bey ihren Kopfweh gesehen, mein Kind? Sie schwieg lang auf dem Stuhl gelehnt, und weinte dann stark. Liebe Lisette, ihr Aufenthalt bey mir hat fur sie nicht alles das Angenehme, was ein feines und wohldenkendes Frauenzimmer wunschet; es ist Unruh in ihre Seele gekommen; mein Kind, ich will nicht, dass sie mir davon sprechen oder glauben, was ich ihnen sage; aber ich bedaure sie redlich. Horen sie mich, ich will ihre Freundin seyn, und ihnen wieder zu ihrer Munterkeit helfen. Sie werden sie nicht anders wieder finden, als in ihrer eigenen Hochachtung und in der Hochachtung ihrer Freunde. O Frau Cleberg! was sagen sie da? hat Herr Cleberg ihnen so von mir gesprochen? Nein! Gewiss, er hat nicht das mindeste Nachtheilige von ihnen geredet, so lang er sie kennt. Das macht nichts! Er ist doch falsch und stolz.

Ich begreife sie nicht, Lisette! bitte sie aber nur, fassen sie sich: denken sie von niemand Boses und suchen sie allein das gute liebenswurdige Madchen zu seyn, das sie beym Anfang unserer Bekanntschaft waren. Da geben sie mir das zweyte Lehrstuck; haben sie es mit ihrem Gemahl verabredet? Ihre Bitterkeit setzt mich in das ausserste Erstaunen! was soll ich mit Cleberg verabredet haben? Er war ja nicht hier, als sie ihr, sonst so holdes, artiges Bezeigen abanderten. Ich werde ihm aber gewiss nichts davon sagen, denn, es ist nicht gut, wenn auch die liebenswurdigsten Manner unsere Fehler wissen. Der liebenswurdigste ist also wieder Herr Cleberg? Ja, Lisette, er ist es; ich wollte, es gabe mehrere, da wurden sie nicht so unzufrieden seyn, mein Kind! Aber sie wollte nun wieder mit Zorn reden. Ich hielt meine Hand vor ihren Mund.

Nichts Lisette! nicht zornig! ich konnte es ja auch werden. Sehen sie mich an; denken sie, wie werth ich ihnen in den ersten Zeiten unserer Freundschaft gewesen bin. Loschen sie alle andre aus, und seyn sie wieder wie damals. Ich will es immer seyn, ich verspreche es ihnen! Das ist ganz gut. Machen sie nur, dass ich heut noch wegkomme, ich kann nicht mehr bleiben. Aber so jahling abgehen? Kind! bedenken sie sich. O ich bitte, machen sie Anstalt dazu! Nun so will ich mit Hannchen und ihnen in die Stadt fahren. Wieder ihr Hannchen? Geben sie mir nur ihre Cammerjungfer und einen Bedienten, Mein Kopfweh entschuldigt alles.

Ich sahe gern, dass sie sich eine Viertelstunde bedachten! Ich will wiederkommen, uberlegen sie es noch einmal! es ist zu auffallend. Ich weiss alles, aber ich will weg. Nun so will ich Anstalt wachen; beruhigen sie sich!

Ich ging wirklich ganz verlegen weg. Soll ich sie gehen lassen, fur mich allein? Soll ich es sagen, wem? In diesem Nachdenken ging ich langsam, mein Oheim begegnete mir bey meinem Zimmer, und hielt seine Arme offen. Ich umfasste ihn und legte meinen Kopf an seine Brust. Mein Herz brach, als ich das Umschliessen seiner Arme fuhlte, und von ihm halb getragen in mein Zimmer geleitet wurde. Ich weinte; er konnte nicht reden. Cleberg kam aus seinem Nebenzimmer. Plotzlich horten meine Thranen auf und ich zitterte als er sich mir naherte. Er nahm meine Hand: Salie! angebetete Salie! O, vergieb dem letzten Eigensinn dieses Herzens. Ich habe dich beleidigt! Ich hatte es nicht thun sollen, ich wollte dich eifersuchtig sehen! Unser Oheim weiss alles. Meine Seele ist dein, sagte er zu meinen Fussen: vergieb mir! O wie grausam hast du mit unserm Gluck gespielt, Cleberg! wie grausam mit der Ruhe des armen Madchens!

Mariane! der ungerechte Mann klagte Lisettens Eitelkeit an. Ich musste sie vertheidigen.

Hundert und sechster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Da, Liebe! haben sie den Ausgang der kleinen Hausgeschichte von Cleberg und mir.

Mein Oheim und er hatten mich und Lisetten belauscht; daher ging auch Cleberg sogleich, alles zu Lisettens Abreise zu bestellen, und mein Oheim bat mich, auch ihm zu vergeben, dass er sich mit meinem Manne gegen mich verbunden hatte, um mir die Idee seiner anglimmenden Liebe fur Lisetten zu geben, nur, um den Gang meines Herzens in dieser so feinen und entscheidenden Gelegenheit zu beobachten. Er dankte mir fur die innige Freude, die ihm mein edles und kluges Betragen gegeben habe; er versicherte mich, dass mein Mann mehr dabey gelitten habe, als ich, weil er alle meinen Schmerz und mein Kampfen gegen meine aufgebrachte Empfindlichkeit gesehen hatte. Er habe deswegen eine Reise vorgeschlagen, um Clebergen noch ein paar Tage bey festem Sinn zu halten, und Herr Linke hatte den Auftrag, mich und Lisetten zu beobachten, dessen Anmerkungen mir eine susse Belohnung fur meine Unruhe seyn wurde. Du hast die Hochachtung deiner Freunde verdoppelt; dein Mann verehrt dich auf das Neue; du musst ihm vergeben, wie mir.

Bin ich nicht in einer sonderbaren Lage mit diesen zwey Mannern und wie viele vortrefliche Herzen von Frauenzimmern wurden elend durch die Leute, wenn sie sich nicht gerade zu, nach ihrem Sinn auffuhrten! Gott sey ewig fur die Richtung gedankt, die er meinen Gefuhlen gab, und moge mir diese Erfahrung den Vorsatz der gedultigen und verschwiegenen Ertragung alles Uebels recht tief einpragen: moge die Ruhe des Herzens, die meine Ueberwindung des Widerwillens gegen Lisetten mich empfinden liess, moge diese die Grundlage eines immer edelmuthigen Bezeigens gegen alle werden, die mich hier und da beleidigen konnen, unausgesetzt so gut zu seyn, als ich kann. Mariane! diess, diess sey die Stutze fur den Gang meines taglichen Lebens, und moge die Vorsicht diesen herzlichen Vorsatz allein dadurch seegnen und lohnen, dass ich niemals einer niedrigen Leidenschaft des Neides, der Rache, des Hasses und der Eitelkeit zu Theil werde. Sagen sie Amen dazu, theure, edle Freundin! Sagen sie Amen zu diesem theuer erkauften wahren Wunsche meiner Seele, und schicken sie mir meine Briefe uber diese Sache durch diesen Reitknecht zu. Cleberg und mein Oheim wollen sie sehen.

Lisette jammerte mich nun aufrichtig; wie wenig Kunst gehort fur einem schonen, die Welt und Menschen kennenden Mann dazu, einem zartlichen, etwas eiteln Madchen etwas weis zu machen. Man wird sagen: ja! aber Cleberg war ja ein verheyratheter Mann, das wusste sie! warum wusste sie doch noch Coquetenstreiche mit ihm anfangen? Ach, sie sah ihn gewiss nur aus dem Gesichtspunkt an, dass er ein schoner, artiger Mann sey, der viel Geist habe, und dessen Aufmerksamkeit auf sie, der grosste Beweiss ihrer Liebenswurdigkeit war, und so wurde sie hingezogen. Die Arme! Hatte sie je vermuthen konnen, dass sie nur zu einem Probestuck meiner Vergrosserung dienen sollen, so wurde ihre beleidigte Eitelkeit sie geschutzt haben: so wie die geschmeichelte ihre Verirrung veranlasste.

Ich ging noch zu ihr, nahm Abschied, weinte mit ihr und schloss sie an mich: Lisette! liebenswurdige Lisette! ich bitte sie, verwahren sie ihr zartliches Herz vor den Schmeicheleyen der Manner, von welcher Gattung sie seyn mogen; wachen sie uber den Ausdruck ihrer Empfindungen, mein Kind, damit ihre Freude oder Missvergnugen nicht gleich allen, die sie sehen, deutlich werde! Und, wenn sie eine Freundin brauchen, so rechnen sie auf Rosalia Cleberg. Sie liess sich zu ihrer Tante aufs Land fuhren, wo sie schon eingeladen war und bis im Winter bleiben will. Ich weiss nun nicht, ist Folgendes, was ich Ihnen schreiben werde, wirklich ein Beweis von einem Mangel seines Empfindens, wie ich es nannte oder wie Linke behauptet, Uebermaas der Vergutung, die Cleberg und mein Oheim mir schuldig zu seyn dachten, oder auch Uebermaas von Feinheit in mir. Irgend etwas ist es; denn der kleine Widerwille, den der Vorgang in mir erweckte, beweiset, dass Uebermaas da war. Ich wusste nicht, warum wir so lange allein gelassen wurden, und weder Latten, Hannchen oder Linke zu sehen und zu horen waren. Aber Cleberg hatte sie darum gebeten, um mit mir sprechen zu konnen. Als ich ihn meiner Vergebung versichert hatte, sagte mein Oheim: nun wollen wir im Laubensaal unser Abendbrod essen; Ott und seine Julie mussen dazu kommen. Cleberg ging hin, sie zu holen und mein Oheim fuhrte mich am Arm durch den Garten hinunter, und gab mir durch tausend Liebkosungen seine Zufriedenheit zu erkennen. Alle unsere Freunde kamen uns an dem Bach entgegen; wir setzten uns auf Verlangen meines Oheims auf den Banken am Ufer nieder. Linke allein blieb stehen, und gab auf meinen Oheim acht, der ihm endlich sagte: Ich bin sicher, Herr Linke, dass alle liebe Freunde von Rosalien Antheil an Ihrem kleinen Tagebuche nehmen werden; lesen sie es doch vor! Und, liebe, liebe Mariane! was kam? die Erzahlung des Vorsatzes von Cleberg mich durch Eifersucht auf eine Probe zu stellen, und das ganze Betragen von Lisetten, das meinige; Bemerkungen jedes meiner Freunde; Ottens, Juliens, und Hannchens Beurtheilungen; Lattens seine uber Cleberg, uber mich und Lisetten. Ich wurde ganz niedergedruckt vom Lobe der Liebe und dem Antheile, die alle an mir bewiesen hatten. Cleberg sass neben mir, hielt eine meiner Hande, druckte sie oft, kusste sie, legte auch seinen Kopf ein paarmal auf meinen Arm. Latten sprach sehr wenig; hatte aber das gefuhlvollste Aussehn. Mein Oheim blickte mich mit nassen blinzenden Augen an, und klopfte mir oft auf die Achsel. Bravo, Rosalie, bravo! sagte er mit einer halb lachenden, halb weinenden Stimme, wenn Etwas zu meiner Erhebung dienendes vorgelesen wurde. Konnte ich doch eine Berechnung daruber darlegen was fur Empfindungen von Seeligkeit in den wenigen Tagen von Kummernissen fur mich entstanden waren, als ich stillschweigend litt und mit so viel Anmuth und Rechtschaffenheit zu tragen suchte. So war das Zeugnis meines Herzens Recht zu thun, Trost, Starke und Lohn schon im Innern fur mich; und nun sammlete ich eine so reiche Erndte des Beyfalls, von so viel edlen Menschen ein. O Mariane! es musste sehr schlimm, sehr unglucklich mit mir gehen, wenn ich nicht fest, unwandelbar fest auf dem Wege des Guten bliebe. Ich bekannte, dass mich mein freundliches, sanftes Betragen gegen Lisette viele Ueberwindung gekostet habe. Cleberg und das Madchen wurden getadelt und die Natur der Liebe und Eifersucht in Untersuchung gezogen; endlich dem guten Hannchen allein die Nutzanwendung zugeeignet, damit sie andern Frauenzimmern davon predigen moge; ich aber bat alle um den Beweis ihrer Achtung fur mich, ja keiner Seele von der armen Lisette in diesem Ton zu sprechen, und redte mit Eifer gegen das ungerechte Betragen der Manner, und den Missbrauch ihrer mehrern Geisteskrafte. Ich bat endlich Linken mir sein Heft zu geben, weil ich es als Denkmal seiner Freundschaft fur mich ansahe. Er gab mirs, und ich ging mit Julien und Hannchen dem kleinen Feldheerd zu, bey dem meine Kochin etwas warme Speisen im Walde bereitete. Linke muthmasste meine Absicht, das Heft zu verbrennen, und kam schnell genug zu uns, um es mir just in dem Augenblicke aus den Handen zu reissen, da ich es unter den Gemustopf stecken wollte. Er packte mich aber so hastig um den Leib, dass er mich vor Schrecken halb krank machte, und mir fur den ganzen Abend Mattigkeit und Blasse zuruckliess. Wir gingen in den Lauben-Saal, wo der Tisch gedeckt war. Wir speissten sehr vergnugt, unter Gesprachen uber den wahren Werth der ausubenden Tugend, und der wahren Reitze, welche die Manner fesselte. Die Nacht sank ganzlich nieder, und mein Oheim zog dann den Zapfen aus, der den Tisch und die Stelle, auf welcher die Stuhle stehen, fest halt und liess uns da umdrehen. Ich ward bey der abgeanderten Aussicht, die mir vorkam auf einmal uber den Anblick einer kleinen artigen Beleuchtung des ganzen nahen Hugels in Staunen gesetzt; indem die in die Anhohe eingesteckten Lampen die Worte anzeigten:

"Lebe lang, edle Rosalia!"

Ein Kranz vom blauem Feuer brannte umher, und Fritzgen Latten kam zu mir gehupft, noch mit der Zundruthe in der Hand und kusste freudig meine Hande; Ich habe die Lampen von ihrem Namen angezundet. Zartlich umarmte ich ihn, und wunschte mir ein so gefuhlvolles Kind, mochte es Madchen oder Knabe seyn. Als ich nach Hause ging, gab er mir eine artige Brieftasche, und wunschte mir gute Nacht. Ich ofnete sie, und fand folgendes:

"Noch ist meine Seele nicht gross genug, alle den Werth der Seeligkeit zu fassen, an ihre edle Brust gedruckt zu werden: aber mein Vater wird mich lehren, wie ich sie verehren soll, und dann komme ich und lerne susse liebende Weisheit von ihnen, und bin wieder so glucklich, die Luft zu athmen, die sie umgiebt. Fritz Latten."

Ich las es fluchtig durch, denn der Tag hatte von Clebergs Seite so viel Eindruck auf mich gemacht, dass ich nichts, als ihn dachte, und ihm auch diese Brieftasche erst den andern Tag zeigte, da wir alle uber Lattens Abreise traurig und verwirrt beysammen sassen. Cleberg las diese Zeilen einigemale mit Aufmerksamkeit und Lacheln durch. Guter rechtschaffener Latten, sagte er geruhrt: Gott erhalte dich, wo du auch seyn magst!

Ott hatte ihm zu seiner Reise alle Anstalten gemacht, und kam um zehn Uhr uns die Danksagungen und Freundschaftsversicherung des Edlen zu bringen. Cleberg sprach lang allein mit ihm, kam dann mit geruhrter Miene wieder zu uns, und war den ganzen Tag und Abend sanft traurig. Wir sprachen viel von Latten, alle mit Antheil und vieler Verehrung. Fritzgen hatte sehr um sein Feld und Hannsen geweint. Da versprach ihm sein Vater, dass es fortgebaut werden sollte. Und das soll es auch, sagte Cleberg, und fur seinen Hanns will ich auch sorgen. Der Himmel weiss, wenn wir ihn wieder sehen den lieben Mann! Denn ich muss es Ihnen nur sagen, es ist Liebe die ihn weit von uns fuhrt. Liebe fur mich! Dieser entfliehet er nach Holland. Durch Otten werden wir horen, ob er lebt und wohl ist. Ach, sagte ich ihnen nicht, dass es gefehlt sey, als das Tagebuch von Linken gelesen wurde? und sie gaben ihm auch meine von ihnen zuruck. gekommenen Briefe hin, zu was taugte dieses Aufweisen? Der arme Latten! Gefuhl ist die Klippe, an der seine Weisheit immer scheitern wird. Ich habe doch niemals nichts von Liebe gegen mich bemerkt; ausgenommen, ein paarmal dauchte mich, dass er sein Fritzgen schnell von mir rief und ihn mit etwas Errothen auf die Stelle kusste, wo, so zu sagen, die Kusse lagen. Aber sein Auge war so bescheiden zur Erde gesenkt und seine Unterredung und sein Bezeigen ging so gewohnlich fort, dass ich mir diese Bemerkung vorwarf und als falsch untersagte. Er bot mir auch seinen Arm seltener an, als die andern Manner; doch, da er sonst kein Frauenzimmer fuhrte, so machte ich auch keine Glossen daruber. Nun bin ich froh, dass er weg ist, und Linke singt auch: "Seelig die Abwesenden!" Meine Briefe sind mir beynah verhasst worden, weil sie, wie Ott sagt, Latten den Garaus gemacht haben; aber Cleberg hat sie mit vielem Nachdenken gelesen, und mir uber alle Stellen, wo ich seine Leidenschaft zu sehen glaubte, die Auflosung gegeben. Niemals hat er Lisetten allein gesprochen; niemals ihre Hand, oder ihre Lippen beruhrt; nur so viel Blicke und halbe Worte zu ihrem Lobe angewandt, als nothig war, mich besorgt zu machen. Des Madchens Eitelkeit machte sie zunderartig, sagte er. Abends, als ich ihn aus dem Fenster beobachtete, lag er wirklich am Stock gelehnt und dachte an die traurige Wirkung, die seine tolle. Grille schon auf mich gemacht hatte. Ich war auch schon blasser, hagerer, und er unentschlossener, wie ich, ob er den Abend noch sprechen sollte, und mitten unter diesen Gedanken hort er gehen, sieht sich um und erblickt Lisetten, die ihm sehr unangenehm war, weil er von Linke schon alles wusste. Er begegnete ihr mit Ernst, wie er auch den zweyten Tag bey den Kupferstichen that, da er auch erst einen Augenblick vor mir in das Zimmer gekommen, und aus Unwillen, sie da zu finden, wieder in das Nebenzimmer geeilt war. Daher ware ihre Unzufriedenheit gekommen und ihre Klagen uber seinen Stolz und seine Falschheit. Ach, meine Mariane, es war doch eine hassliche Spielerey, die der Mann da mit mir, vor hatte, und mich zum Balle jedes Zweifels und jedes Argwohns machte, die mich alles in dem schlimmsten Verstande nehmen liessen! Ich will uber nichts mehr Auslegungen herklugeln und alle gute Menschen warnen, sich nicht von Ahndungen hinreissen zu lassen. Es ist doch ein wesentlicher Theil meines Wohls dahin, ich fuhle es, und Cleberg befurchtet es. Mit Latten ist uns auch was verlohren, und ich sehe fast ganz deutlich, dass es den artigen Cleberg verdriesst, dass er keine Beobachtung auf dieser Seite uber mich machen konnte. Latten, meint er, ware der einzige gefahrliche Mensch fur mich gewesen, da wurde der Streit zwischen meinen Grundsatzen und meinem Geschmack sehr stark und sehr schon gewesen seyn. Salie! warest du auch vor Latten geflohen? Nein denn ich furchtete ihn nicht. Dein Bild und mein Misvergnugen uber alle Manner waren meine Schutzwehr, und werden es bleiben. Wir offen bey Ott zu Mittag, und Julie sagte mir mit Thranen noch vieles von Latten, dass er seine Abreise so schmerzlich gefunden, und sie gebeten habe, ihre kleine Rosalia recht wohl zu besorgen, und fur seinen Fritz zu erziehen; dass er bey all unsern Armen und Kranken gewesen, auch oft in die Dorfschule gekommen sey; bey ihrem Ott gar viel geweint habe. Es erweichte mein Herz!

Warum, ach warum, musste ich ihm gefallen! ich seine Ruhe storen! Mochte dieses schmeichelhafte Looss auf jemand anders gefallen seyn, und ich, als seine Freundin und Trosterin, ihn noch bey uns sehen, ihn zerstreuen helfen! Moge der erste Abendwind, den er nach dem schwulen Tage herbey rufen wird, auch dieses sein Wohl zerstorendes Aufwallen einer unordentlichen Liebe verwehen, und nichts ubrig lassen, als was Erinnerung einer treuen zartlichen Schwester seyn kann, welche ich so gern fur ihn gewesen ware! Die van Guden hatte wohl Recht zu sagen: Susse und bittre Leidenschaften unterbrechen den Gang unsers Glucks und unserer Tugend. Moge er beyde auf dem Wege seiner edlen Flucht finden und der Himmel sein Herz mit Starke und Ruhe segnen!

Mein Cleberg ist sehr sorgfaltig um mich herum, und lasst mir die Freude fur Arme bey ihm zu bitten. Ich und Julie unterhalten vier arme alte Weibsleute; diese mussen aber, da alle junge bey der Erndte zu thun haben, fur die kleinen Kinder im Dorfe sorgen. Wir haben ein Tagelohner-Haussgen mit einem Baumgarten gekauft, darinn wohnen die vier Weiber, denen die Kinder recht gern zulaufen und auch zugetragen werden; die dann in dem Baumgarten sorgloss und frey herum krabeln, spielen und springen. Madchen, die schon etwas Geschicklichkeit haben, sitzen da und spinnen, nahen oder stricken, welches Julie und ich einigen von ihnen gelehrt haben; auch mussen die kleinen Madchen das Dorf vor den Hausern hin sauber halten. Bey vielen haben wir es schon dahin gebracht, dass auf einer Seite des Eingangs schmale Streifen von Rasen oder Blumenbeeten angelegt sind; auf der andern, Banke oder eine halbe Laube; da wir dann oft mit unsern Mannern herumgehen, uns zu den Leuten setzen, mit ihnen sprechen, und mein Oheim oder Cleberg mit dem Pfarrer vereint, oft einen kleinen Streit schlichten helfen. Latten hatte wohl wahr gesagt: der Landmann ist ein lieber kostbarer Mensch. Misshandlung, Verachtung und Harte macht ihn bos und andert seine naturliche Anlage zu einfachen, guten Gesinnungen! Wir muntern sie sehr zum Fleiss und Ordnung auf; hingegen bekommen sie auch oft kleine Festtage; das heisst, die jungen Leute einen Tanz, die Alten einen Trunk und das meistens bey der Linde im Dorfe. Der gute Latten wollte ihnen auch einen frolichen Tag machen, und wurde dieser Freude beraubt. Ist es aber nicht schon, dass er auf alles Verzicht thun konnte, jeden Entwurf des Vergnugens, jedes genossene aufgeben, um ja nichts gegen seine Pflichten und gegen unsere Ruhe zu thun? Edler, edler junger Mann, Gott leite dich!

Cleberg lasst mich nicht am Rahmen fortnahen, und wollte Lisetten ihre Arbeit nachschicken. Es schien mir aber grausam und ich widersetzte mich so lang, bis er nachgab. Nun liegt alles verschlossen. Rachsucht an leblosen Dingen, sagte ich: kommt aus der namlichen Ursache, wie die Bewegung des Danks und der Liebe gegen Sachen, die eine uns werthe Person gleichsam einweyhete. Er gab mir recht, und ich nahe nun mit Hannchen an weissem Haus-Leinen. Julie kommt auch mit ihrem Strickzeug und unsere Manner lesen dann, wann wir keine Fremde haben und ihre Geschafte vorbey sind, etwas aus neuen Schriften, aus Zeitungen, sprechen daruber, und wir freuen uns, so gute, vernunftige Manner und Freunde zu haben.

Uebermorgen kommt Frau Grafe, eine Ihrer Nichten, und ihr Mann auf vierzehn Tage zu uns; und dann wird der anfangende Herbst uns bald in der Stadt sammlen.

Hundert und siebender Brief

Cleberg an seinen Freund.

Trotze niemals dem Elende, und spiele nicht mit dem Glucke! denn das erste kann mit aller Gewalt uber dich kommen, und das zweyte dir gar leicht entfliehen. Diess, mein Lieber! diess ist alles, was ich jetzt fur mich und meine Freunde, von einem grossen Plane zuruck habe, den ich, um den Genuss meines Wohls zu vermehren, seit einigen Wochen befolgte. Meine Residentenstelle giebt mir wenig Arbeit, und mein artiges Amt und meine guten Bauren auch nicht viel. Ein noch ziemlich neuer Ehemann bin ich auch, so, dass wir noch erlaubt ist, mit meiner Frau zu tandeln. Ich habe freylich etliche ernsthafte Beobachtungen mit unter gemischt, die alle einen sehr angenehmen Aufschluss hatten. Denn, meine Salie ist, ohne es zu wollen und zu wissen, noch so artig so neu und bluhend, als ein Madchen; daneben aber so voll Wurde, Klugheit und anstelligem Wesen, dass man sie fur ein schatzbares Weib ansehen muss: und da ich sie auf allen Seiten kennen wollte, so musste ich auch die vom Gefuhl der Eifersucht ans Licht ziehen.

Sie hatte mit etlichen artigen Madchen Freundschaft gemacht, und diese kamen alle Wochen zweymal in unser Haus mit ihrer Arbeit, und da musste ich Bucher zum Vorlesen schaffen. Oft las ich selbst was vor und ergotzte mich an den Ideen, den Fragen und dem Witze der Madchen; sagte ihnen dabey auch oft schone Sachen vor. Eine war hubsch, niedlich und aus Eitelkeit empfindlich; dann das musste sie seyn, sonst ware es nicht moglich gewesen, dass sich das Madchen getraut hatte, neben Rosalien stehen zu wollen. Ich merkte diess, und anfangs wollte ich bloss sehen, wie weit sie gehen wurde; dann fiel mir der rasende Gedanke ein, meine Salie mit diesem Geschopf auf die Probe der Eifersucht zu stellen. Zu meinen Gluck habe ich alles ihrem Oheim gesagt, der auch seinen Spass daran haben wollte, wenn sie nun zu ihm kommen wurde, uber mich zu jammern und zu klagen. Wir nahmen das Madchen mit aufs Land, und dort fuhrte ich meinen Entwurf aus. Lisette, so hiess sie, dachte sich wirklich vorgezogen, und gab mir auch ihre Zufriedenheit mit dem unverhohlnen Anscheine eines Einverstandnisses zu erkennen. Ich lehnte nichts ab, nahm es aber nur halb an, weil diess hinreichte, bey Rosalien den verlangten Eindruck zu machen. Ich bemerkte sehr deutlich, wie der Stachel anfing zu ritzen. Sie dauerte mich, und das um so mehr, als die gute reine Seele ihrem Gefuhl und ihren Beobachtungen widerstrebte und es von mir und von Lisetten nicht glauben wollte; sich von Gelegenheiten der Ueberzeugung entfernte und wegwandte. Das Madchen wurde zudringlich, und verlohr sich zu weit. Meine Salie jammerte mich desto mehr, je edler sie sich betrug. Ich bat unsern Oheim, eine kleine Reise zu erdenken, mich mitzunehmen, und dann bey unserer Ruckkunft der Komodie bey einem guten Anlass ein Ende zu machen. Ich habe hier einen Schulfreund, Linke, ein rechtschaffener, vernunftiger, ungekunstelter Mensch; dem sagte ich die Absicht meines Verhaltniss und meiner Reise; er solle doch Lisetten und meine Frau genau bemerken und ein Tagebuch halten. Er versagte mirs anfangs, und stellte mir mein Unrecht vor, die liebe, redliche Satie zu kranken, und machte mir mit Kopfschutteln uber einen Mangel an Liebe Vorwurfe.

Freylich liebt er anders, als ich; doch kann niemand mehr Zartlichkeit fur sein Weib haben, als ich fur Salie, aber nach meiner Weise.

Mein Freund und Oheim mussten selbst mit dem Menschen sprechen, um ihn zu Ausrichtung meines Auftrages zu bewegen, den er auch nur erst annahm, als ihm versprochen wurde, dass er Saliens Briefe an ihre Mariane zu lesen bekommen sollte; weil ich sicher war, dass sie dieser ihr ganzes Herz aufschliessen wurde, und am Ende auch die Ruckfoderung dieser Briefe in meinem Plan kam; welche naturlicher Weise zu der ganzen Kenntniss von Saliens Empfindungsart nothig waren.

Sie war Weib, aber ein edles, gutes Weib. Die vermeinte Theilung meines Herzens that ihr schmerzlich weh. Sie war tadelsuchtig, fand Fehler an Lisetten und mir; aber immer mischte sich Zartlichkeit fur mich, und Menschenliebe fur Lisetten unter all dieses, und fasste also mehr Wahrheit und Natur in sich, als wenn sie gleich alles so gross angenommen und getragen hatte. Sie versohnte sich; aber ihre Briefe an Marianen beweisen, dass mein Gefuhl richtig ist, wenn ich sage, dass die Bluthe meines Glucks dahin sey. Es liegt tief in ihrem Herzen etwas wider mich. Ihre Hochachtung fur mich hat gelitten, und also auch ihre Zartlichkeit. Du weisst nicht was ich alles fur namenlose Seeligkeiten damit verlohr! Dass doch wir Menschen nichts ruhig geniessen, nichts so lassen konnen, wie das Schicksal es giebt! Mit unserm Kunstlen und Raffiniren verderben wir immer das Beste! Ich sagte nach Durchlesung ihrer Briefe uber diesen Vorgang, dass sie diese Seelenkrankheit nicht so geduldig ertragen hatte, als ich sie Schmerzen des Korpers hatte tragen sehen. Eine ganz kleine Errothung lief uber ihr Gesicht; und ein unmuthiger Blick war in ihrem Auge, aber nur wie ein Blitz, und mit einer gedampften Stimme antwortete sie: Krankheiten entstehen nach den ewigen Gesetzen der Natur, denen ich mich mit innigster Verehrung unterwerfe; aber sie hielt inne und lachelte gegen uns alle. Liebe, liebe Salie! was aber? was? Sie errothete wieder und wollte es nicht sagen; aber endlich fuhr sie fort; vergeben Sie Cleberg! wenn ich diese ehrerbietige Unterwerfung fur die Willkuhr eines Mannes nicht fuhle. Ich schwieg und fragte sie nichts weiter: ich fuhlte auch, was sie da sagte. Ein Stuck Verachtung ist in ihr. Sie hasst alle Arten von Ranken, als niedrig. Sie ist so wahr, so offen; sie liebte mich mit dem so ausserordentlichen Vorzug, und sie hatte mir ihren Abscheu vor Coquetterie so oft gezeigt. Ich hab eine zu empfindliche Seite verletzt, und da werden die Wunden immer tiefer. Ich will nun sehen, wie lange sie Unzufriedenheit ernahren kann! Ich bin ausserst sorgsam und liebreich um sie herum, theils aus Plan, aber auch aus ganzer Seele; denn es ist ein reizend Weib. Komm doch und sieh sie! Der edle Umriss, die Geistund Gutevolle Physiognomie, Blick, Lachlen und Stimme, Gedanken, Empfindung, Gang, Geberden, Kleidung, Reinigkeit, Leben und Sanftmuth, Arbeiten, Clavier und Gesang; und ihre Liebe, ihre Liebe! o ich Thor! Mit was fur Uebermuth setzte ich einen Schatz von erworbenem Gold auf eine zweifelhafte Karte. Ich bin noch ihr Liebhaber, aber nicht mehr ihr Geliebter, ich bin ihr nur Ehemann; so blickt sie mich an, so umarmt sie mich, so spricht sie mit mir. Aengstliche, misstrauische Sorgfalt, das Uebel nicht arger werde, ist an die Stelle der lebhaften Begierde, mir zu gefallen, mich zu geniessen, getreten. Arme Salie! Auch du bist nicht mehr so glucklich, als du warst. Alles, alles was du thust, ist Tugend; denn dein Herz, und deine Grundsatze erlauben dir nicht, die geringste deiner Pflichten zu versaumen. Du willst nun das Zeugnis deines Gewissens fur dich haben, weil die Ueberzeugung vom Gluck der Liebe dahin ist. Ihre Heiterkeit ist fort, und nur wie heller Mond, an dem immer graue Wolken vorbey ziehen und seine angenehme Beleuchtung unterbrechen. Kein ganz reines Blau, kein helles Licht mehr! Sie giebt sich Muhe, gut und zartlich zu seyn; aber, diese Bemuhung macht mich toll und elend. Sie sagt auch ihrem Oheim nichts, in ihren Briefen an Marianen nichts. Sie hat die verwunschte Lisette mit einer solchen Grossmuth behandelt; hat sich im Ganzen so untadelhaft betragen, dass sie nothwendiger Weise sich selbst hochachten muss. Ich will aber ihr Ziel dadurch verrucken, dass ich ihr den Ehemann auf keiner Seite zeigen will, sondern als Liebhaber soll sie mich nun um sich sehen. Ich will ein paar Ungluckliche aufsuchen, und sie in Wohlstand setzen; mit Otten, Oheim und Linken uber verschiedene wichtige Gegenstande vernunftig sprechen; dann hab ich sie wieder ganz, und feyre einen neuen glucklichen Tag. Unser Latten verdarb mir einen andern Entwurf, der halb aufkeimte. Ich sah, wie sehr sich seine Verehrung der Liebe naherte. Bald hatte sie es auch sehen mussen; denn diese Bemerkung entgeht auch der dummsten nicht, und auf dieser Seite hatte ich sie auch belauschen mogen; aber es kam zu nahe mit Lisetten, und unser Freund floh vor dem angebeteten Weibe. Ich weiss nichts, als dass er lebt.

Nachschrift.

Er thut doch mehr als leben, er liebt noch. Denn da ich diese erstere Blatter schon vor zwey Tagen schrieb, da ich eben in einem Gedrange von Gedanken war, und der Bothe nach der Stadt erst heute abgeht, so kann ich dir noch etwas hinzusetzen.

Ott verreisete vor vier Tagen. Gestern kam er wieder und brachte Lattens Fritzgen mit sich zuruck, den er Juliens und Rosaliens Gute empfiehlt; denn er geht noch einmal nach Italien, und will das Kind nicht mitnehmen, weil es schon so vieles von der Reise gelitten und immer nach seinem Garten, nach Hannsen und nach der Garten-Mama weinte. Ott hat zugleich alle Capitale und Wechselbriefe nebst einem Testament von Latten mit sich gebracht, worin Ott und ich zu Vormundern und Erziehern des Kleinen ernannt sind, im Fall Gott ihn auf seiner Reise wegnehmen sollte. Ein grosser Brief an mich, worinn er von seiner Leidenschaft fur Rosalien als ein braver Biedermann spricht, und nicht zu uns zuruck kommen will, wenn nicht aller Aufruhr seines Herzens gestillt, und zu der ebenen sanften Warme der Freundschaft fur Salie und mich herab gestimmt ist. Sein Tagebuch ist dabey; das soll aber Salie, so wahr ich lebe! nicht eher zu sehen bekommen, als bis sie und ich unsere JubelHochzeit gefeyert haben werden, oder erst, wenn sie mich uberlebt, in meinen Papieren finden. Was fur ein edles Feuer lodert in allen Fibern des Schwarmers. Wenn Rousseau noch lebte, so musste Ott den lieben Kranken zu ihm fuhren, weil er mehr als St. Preur ist. Lebte ich in einer Insel, so hatte ich am Ende der Durchlesung, meine Salie mit einem Schleyer gedeckt, an der Hand zu ihm gefuhrt und sie ihm gegeben; so machtig hob er mich aus jeder burgerlichen und mir gewohnlichen Verfassung heraus; und gestern schien mir Salie das ihm entrissene Weib zu seyn. Ueberhaupt ist sie ihrem Oheime, Julien, Otten und mir zu einer Art Heiligthum geworden, seitdem wir die reine Flamme kennen, die sie entzundete. Mein Herz und meine Augen flossen fur den guten Menschen uber. Ich suchte Fritzgen, nahm ihn auf meine Arme und trug ihn von Ottens Haus, ohne Hut auf meinem Kopfe, zu Rosaliens Fussen, die sich vor Staunen kaum zu helfen wusste. Ist Latten wieder da? fragte sie. Nein, Liebe! der Arme ist noch nicht stark genug, er ubergiebt uns das Liebste und geht weit. Ich konnte nicht fort reden. Der Kleine hing an Saliens Halse; sie umfasste ihn, mit einem Arme, und reichte die andre Hand nach mir, mit einem Blick voll Thranen und einem Ausdruck der mich durchdrang. Salie! Engelsweib, sagte ich, sey gern mein; Vergieb mir ganz! liebe mich wieder; liebe Latten, wie ers verdient und lass Fritzgen unser Kind seyn. Ihr Kopf sank wieder vertraut auf meine Brust, ihr Kuss war wieder zartlich und lebhaft; und von diesem Augenblicke an liegt wieder neuer Schimmer auf allem! Mein Glucke, ihr Gluck ist neu! dank Lisette! dank Latten! ohne euch hatte ich diesen Rausch von Freuden nie gekannt.

Hundert und achter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Vergeben sie, Theure, Liebe! Ich schrieb wenige und kurze Briefe. Mein Herz war zu gedrangt, da konnte ich nicht sehr viel schreiben. Ich weiss nicht eigentlich so recht, wo mein Stocken lag! Vielleicht furchtete ich, sie mochten meine Gemuthsverfassung tadeln; und ich hatte sie lieb, ob sie schon nicht ganz angenehm war, denn es lag noch viel gegen Cleberg in mir. Ich konnte ihm noch immer nicht vergeben. Mein Oheim und sie wurden mich fur ubertrieben empfindlich gescholten haben; und ich konnte mir durch nichts als durch mein Schweigen eine Art von Rache aufbehalten. Ich bratzte doch nicht mit ihm; wie man es hier zu Lande heisst,) ich war gut, freundlich, artig, munter und gewiss, eine recht gefallige Frau. Aber das herrliche Bild susser ehelicher Liebe, des daurenden Friedens, daurender vorziehender Achtung, das war verschwunden. Ich sagte mir wohl, warum willst denn du fodern, dass fur dich ein Hirngespinst vor Vollkommenheit, Fleisch und Blut bekommen soll, es ist nicht im Menschen und nicht im Schicksal. Aber, ich hatte es von Cleberg erwartet, und ich konnte es ihm nicht so bald vergeben, dass er mich betrogen hatte. Ich bemerkte, dass er mich mehr beobachtete, als jemals. Mag er doch! dachte ich, und verdoppelte meine Aufmerksamkeit auf alles, was man immer von einer Frau fodern kann. Mein Cleberg war anfangs etwas stutzig daruber; ich um so sanftmuthiger, wohl mitunter auch zartlich; hatte aber mehr ausser meinen Zimmer zu thun, als sonst, und als nothig gewesen ware, weil mir in Wahrheit die Luft schwer und druckend vorkam, so bald wir allein mit dem Oheim oder Hannchen Itten waren. Unsre Schlafzimmer blieben so seit seiner Ruckkunft geschieden; denn da mir mit meinen Unmuth in der Seele unser Wohnzimmer und Garten zu eng schien, was wurde aus einem Cabinet geworden seyn? Niemals wird mein Hauswesen und Gesinde besser und liebreicher gefuhrt werden, als diese zwey Wochen uber geschehen ist; niemals werde ich mehr arbeiten und vollkommener als diese Tage und auch niemals weniger und vernunftiger sprechen; meine Stimme so gar hatte einen sussern Ton. Aber ich ass weniger und wurde etwas hagerer und auch blasser. Gewiss, Liebe, uns ist nicht wohl, wenn wir irgend jemand in der Welt ubel wollen. Denn ich genoss mein Leben, mein Gluck, meine Freunde und meine Talente nur halb. Mein Herz war dem Vertrauen und der Freude verschlossen. Ich liebte niemand als mich; aber auf eine sehr unedle und verkehrte Weise. Cleberg wandte sich wieder auf den Weg des Liebhabers, und das nach einer Unterredung, wo mir nur wenige auf die Geschichte mit Lisetten zielende Worte entfallen waren, und vielleicht ist das nie fur eine bessere Frau geschehen was der artige Mann fur mich that. Ohne Zwang und gesuchtes Wesen umgab er mich mit einer so galanten Sorgfalt, als ob er um meinen Beyfall werben wollte. Ich fand mich zum Vergessen meiner Klagen verbunden, und ihn zu meiner vorigen Liebe verdient und berechtigt. Dennoch floss es noch nicht rein aus dem Herzen; ich musste mir Muhe geben, seine Zartlichkeit mit Anmuth zu erwiedern; aber, ich vermied nun keine Gelegenheit mehr, ihn allein zu sehen, besonders da er anfing, etwas Nachdenkendes und dann und wann Unruhiges zu zeigen. Da fuhlte ich den glimmenden Tocht der ersten Liebe in meiner Sorge um ihn, und wunschte nicht so weit von meinem Wege abgewichen zu seyn, weil mir das Zuruckgehen etwas hart ankam. Sie sehen alles, was verwundete Zartlichkeit und Eigenliebe fur Krummungen machten, und mich in einem Kreis herumfuhrten, aus dem ich so bald nicht gekommen ware, wenn nicht der Zufall das Gefuhl von Gerechtigkeit in mir erwecket hatte, dem ich nachgab und glucklich auf den Pfad der Wahrheit und des Wohlseyns zuruckkam. Ach, was fur Seligkeit liegt in Vergebung, im Aussohnen und in dem Gedanken, dass wir uns selbst eben so streng, als den Nachsten beurtheilten. Beste, beste Freundin, dieses habe ich erlebt und geubt; wunschen sie mir Gluck dazu? Es kann fur mein kunftiges Leben und Betragen recht nutzlich seyn. Und nun denken sie sich alles zuruck, was ich ihnen von Latten und seiner schnellen Abreise geschrieben, und wie der Mann uns alle an sich gezogen und interessirt hatte. Wir sprachen nicht mehr so oft von ihm, besonders ich und Cleberg, ich glaube, beyde aus Delikatesse, weil sie alle sagten, seine Liebe fur mich ware Ursache seiner Entfernung gewesen. Cleberg besorgte, ich mochte endlich Vergleichungen zwischen ihm, und Latten und Lisetten machen, da diese auch weggereiset sey, und ich wollte nicht von einem so vollkommenen und mich liebenden Manne sprechen, wahrend das etwas Kalte fur meinen Mann in mir lag. So war ungefahr gestern Vormittag noch die Lage von Cleberg und mir. Ott war verreist, kam gegen Mittag wieder und liess Cleberg gleich um zwey Uhr rufen. Er blieb lange weg, so wie auch mein Oheim. Ich arbeitete noch eine Weile, und ging endlich in mein Zimmer um alleine zu seyn und etwas zu lesen. Gegen Abend kam auf einmal Cleberg mit dem kleinen Fritzgen Latten in mein Zimmer gesturzt, halb ausser Athem, ohne Hut und mit gluhendem Gesichte; kniete mit dem Knaben im Arme vor mich hin, gab mir ihn auf den Schooss und sagt mit halbem Keuchen: "Da Salie!" Er bebte, ich zitterte vor Staunen, und fragte auch abgebrochen: ob Latten wieder da ware? Nein, er hatte uns nur das Liebste zum Pfande des Wiederkommens geschickt, und nun erzahlte er mir kurz und mit Thranen im Auge, dass der edle gute Mensch sich noch weiter entfernte, und endigte mit der Bitte, Latten zu lieben, wie er es verdiente, ihm ganz zu vergeben, und gerne seine Rosalie zu seyn. Seine beyden Arme waren um mich und Fritzgen geschlungen, sein Kopf lag halb auf meinem freyen Arme, halb auf meinem Schoosse, meine Seele war ausserst bewegt; ich lehnte meinen Kopf auf den Seinigen, weinte und kusste ihn herzlich, in dem Augenblicke, da in mir doppelte Betrachtungen uber ihn und mich auch zu doppelten Beweggrunden des Versohnens und Vergebens geworden waren. Denn, der Blick und der Ton, mit welchem er mich bat, Latten zu lieben und ihm zu verzeihen, war so innig, so edel, dass er mir nicht nur hochachtungswerth schien, sondern ich mir auch sagte, habe ich denn nicht gleich anfangs als ich Lattens vorzugliche Verehrung fur mich bemerkte, eine geheime aber wahre Freude daruber gehabt. Ist nicht noch diesen Augenblick meine feine Eigenliebe durch die Versicherung das seine Leidenschaft noch dauert, geschmeichelt worden, warum sollte ich es dann Clebergen nicht ubersehen, wenn er sich hie und da an dem Beyfall eines Frauenzimmers ergotzte, da es bey ihm, wie bey mir, nichts als eine vorubergehende Eitelkeit ist. Der gute Mann war so froh, so glucklich uber mein wieder erworbenes Herz, Fritzgen wurde bald von ihm, bald von mir gekusst, und wir gelobten ihm beyde, Liebe und Sorgfalt zartlicher Eltern, denn Latten hatte gewunscht, dass das Kind bey uns seyn mochte. Wir fuhrten ihn beyde nach seinem kleinen Garten; Hanns wurde geholt, und der liebe Fritz lief ihm, so weit er ihn sah, entgegen, kusste und liebkosste ihn. Hanns schuttelte ihm die Hande und beguckte ihn mit einer so treuen Freude, dass wir beyde uns auch wieder bey der Hand fassten und simpathetisch mit Hannsens Herzen sie uns auch schuttelten und druckten. Nun kam mein Oheim, Julie und Ott langsam lauschend herbey, und Cleberg umarmte alle, wie ein Mensch im Taumel eines starken Rausches thun mag. Ott kusste meine Hande, Julchen meine Wangen, und Fritzgen hing alle Augenblick an meinen Armen. Der Abend war ausserst glucklich. Ich dunkte mich so leicht zu seyn, als konnte ich fliegen. Mein guter Oheim bekam ganz glanzende Augen, nachdem er eine Weile auf mich und Clebergen gesehen hatte. Der Pfarrer besuchte uns auch, und wir assen bey unserm Birnbaum etwas kalte Kuche mit warmer herzlicher Freundschaft. Die Sterne kamen, wir sahen sie mit so rechtschaffenen Herzen an, dass sie gewiss deswegen schoner blinkten. Mein Auge heftete sich einige Zeit dahin, besonders gegen den Abendstern. Mein Mann bemerkte es, fasste liebreich meine Hand, und sagte: Salie! die Liebe hat mir viele Abende verschonert, aber der heutige ist der schonste von allen. Ich druckte dankbar seine Hand dagegen; aber da ich nicht sprach, so sagte er: Liebe! du denkst was besonders in diesem Augenblick. Und es war so. Meine Seele fuhlte bey dem so herrlich gestirnten Himmel und dessen dammernden Erleuchtung der Erde, bey der Ruhe der ganzen Natur, so viel Erhebung und Dank gegen Gott; ich versprach mir, ja niemals mehr die Sonne uber meinem Zorn untergehen zu lassen. Wie klein, wie ungerecht stolz schien ich mir. Mein Herz wallte von guten Entschlussen auf. Es dunkte mich, dass ich die Starke und den festen Willen hatte, nie mehr etwas Unedles, etwas Kleines oder Ungutiges zu thun. Mir war, als konnte jeder Stern in meine Seele schauen und ware nun Zeuge von allen den Gesinnungen, die in mir entstunden. Ich war froh dass sie mich von meinem garstigen Groll geheilt und gereinigt sahen. Die Unterredung der Manner lenkte sich auf die Sternkunde und ihre ersten Erfinder auf die Schiffarth, auf die sichere Hofnung in dem andern Leben unsere Kenntnisse in Allem vervollkommt zu geniessen, und dann da wieder mit Zufriedenheit an diesen, der Verehrung Gottes geweihten Abend zu denken. Mich machte der Gedanke traurig, dass wahrend da wir sieben so ganz naturlich im Anblick des Himmels auf gottselige Gesinnungen geleitet wurden, so viele Bosewichter sich nur uber die ankommende Nacht und Sternhelle frenen, um eine menschenfeindliche That auszuuben, in der Stille der Nacht die Stimme des winselten Unglucklichen, der in Morder Hande fiel, desto starker horen; bey dieser Sterne sanften Schimmer seine angstlichen flehenden Gesichtszuge, die ersten Wunden sehen, und noch alsdann ihr Bubenstuck vollfuhren. Ach! Menschen mit einer unsterblichen Seele, wie ich habe. Was fur ein Schauer durchlief mich. Unser ehrwurdiger Pfarrer segnete uns, als wir uns trennten, indem er wunschte, dass alle Leute von unserm Stande und Vermogen auf ihren Landgutern solche Abende verleben mochten, wo der Genuss zeitlicher Guter durch Unterhaltungen mit nutzlichen Wissenschaften gewurzt und der Verehrung unsers gottlichen Urhebers geweiht gewesen ware. Wir dankten ihm alle recht sehr fur seine Zufriedenheit und Wunsche, mein Oheim aber hielt ihn stillschweigend bey der Hand und nickte ihm nur zu, so wie er auch, ohne zu reden, von uns ging und nur mit Blicken und Winken gute Nacht sagte. Wir, mein Mann und ich, schlichen uns noch beyde in Fritzgens Zimmer, das gleich an Cleberg seinem ist, um zu sehen, ob er gut schliefe. Die Zuge der schlafenden Unschuld sind sehr ruhrend. Sie konnen nicht glauben, wie schon der holde Knabe in einer so ganz ruhenden Stellung in reinem Weiss ohne Haube da lag; so wie der Genius der Zartlichkeit nach Verbindung zweyer edlen Herzen ruhen mag. Clebergs Blicke sahen aus wie Wunsche einen solchen eigenen Sohn zu haben. Vielleicht! Ach, Mariane beten Sie fur mich!

Hundert und neunter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Heute wird, denke ich, mein Brief Farben haben, wenn ich so glucklich bin, alles zu schildern, was seit einigen Tagen hier geschah. Madame Grafe ist mit einer artigen neu verheyratheten Nichte bey uns und Cleberg hat schon vor einer Woche einen sehr guten Maler hier, der ihn, Fritzgen und mich auf ein Stuck fur Latten malen soll. Der junge Mann ist voll Genie, und so ganz von seiner Kunst trunken voll, dass ihm alles eine malerische Stellung, einen malerischen Faltenbruch, ein malerisches Licht hat, und erblickt er so etwas, so wirds den Augenblick aufgezeichnet. Ich glaube, dass er mich wohl schon zehenmal skizzirt hat. Wir haben Herbst gehalten, und dazu auch die ganze Ittensche Familie eingeladen. Unsere Leute waren alle hubsch gekleidet; alle Magde hatten weisse Schurzen, alle Buben rothe und gelbe Bander auf den Huthen; die Korbe waren alle neu, und wir auch nett angezogen. Mit Huthen und kleinen Handkorben giengen wir mit dem Zuge nach dem grossen Baumgarten, der dem jedesmaligen Beamten von Seedorf gehort. Die Baume waren alle gestutzt und schienen sich zu freuen, dass sie ihrer Last erledigt werden sollten. Wir pfluckten von den niedern Aesten selbst, unsere Manner brachen mit den Stangenkorben vieles ab, und die Knechte kletterten dann auch auf die Baume. Wir Frauen wollten gleich die Haushalterinnen machen, zogen Handschuh an und suchten die schonsten Aepfel und Birnen zum Aufheben aus. Cleberg machte halt! indem er ohne Unterschied den zehnten Korb fur die funf arme Familien bestimmte, die keine Obstbaume haben, und diesen zehnten Korb bekommen sie, so wie er gefullt war, mit Gross und Kleinen eben wie ich in mein Haus. Wir hatten eine Harfe und zwey Floten, die spielten unterdessen, dass wir sammleten. Unser Maler half bald, bald aber lehnte er sich an einem Baum und krizelte geschwind einem Umriss dieser oder jener Gruppe. Es wurde gesungen, Kuchen gegessen, Kuchen unter die Armen, die ihr Obst abholten, ausgetheilt, und dann einige Korbwagen beladen nach Hause gefuhrt. Die Magde und Knechte trugen immer ihrer drey zwey Korbe voll hinterher. Ein Knecht in der Mitte mit jeder Hand die Henkel eines Korbes und dann zwey Madchen, die an den andern Henkeln trugen; die Musik ging voraus, und wir alle wieder mit fort; das Obst wurde in die Tenne verschlossen. Wir assen munter zu Nacht und waren die zwey folgenden Tage sehr eifrig mit dem Aussuchen, zu Most, zum Trocknen und zum Verwahren. Ich liess sussen Birnmost kochen, Apfelwein machen, ganze und halbe Aepfel schalen und dann sorgfaltig in einem grossen, dazu eingerichteten Schranke trocknen. Da sassen die Ittenschen Tochter, Mad. Grafe, ich, Julie und das muntere junge Weibchen in meinem grossen untern Saale, all mit weissen Schurzen, mit den Magden beysammen und schalten mit silbernen Obstmessern so eifrig, als mussten wir davon leben, ordneten und legten es auf die Hurten zum Trocknen. Da ist Hannchen, welche die feinen grossen Birnen, die schon etwas zu rief oder anbruchig waren abwischte und schalte; ihre Schwestern, die sie entzwey schnitten und besorgten; Hannchen aber die Schaalen mit etwas reinem Wasser kochte, bis alles zu Brey wurde, dann den Brey durch ein Haarsieb laufen liess, nochmal ganz dick einkochte, und dann die halb trocknen Birnen darein tauchte, und auf Papier wieder in den Trockenofen brachte, wieder eintauchte und platt druckte, vollends trocknete und in flache Schachteln legte, da sie wie glasirt aussehen und gegen das Licht gehalten, ganz durchscheinend sind. So machte sie es auch mit Zwetschen, und nun giesst sie Apfelgelee ein, die sie ohne Zucker verfertigt. Sie nimmt PorstorferAepfel, macht sie mit einem Tuche rein und reibt sie auf dem Reibeeisen klein, lasst sie uber Nacht in einem irrdenen Gefasse stehen und zieht den Saft durch ein Haarsieb ab, welchen sie im Zuckerkessel so lange kochen lasst, bis er dick und eine Sulze wird. Alle diese hauslichen Geschafte sind mit vielen Freuden verknupft. Meine Magde sind doppelt fleissig, wenn ich so mit dabey bin und auch doppelt reinlich. Unsere Manner ergotzen sich auch daran und waren schon bey dem Trocknen der feinen jungen Bohnen, der Auskernererbsen, der Kirschen und Pflaumen um uns herum, und schienen uns um so mehr zu achten, als wir Eifer und Geschicklichkeit zeigten. Ich sagte immer, Wir, weil Julie und ich uns so nennen; da wirklich unsere Arbeiten und Vergnugen ganz gemeinschaftlich sind. Alle diese hauslichen Vortheile haben wir Hannchen Itten zu danken, und ob wir schon zwey stattliche Damen sind, so machen wir uns doch eine Freude und Ehre daraus, von dem schatzbaren Madchen zu lernen, was wir nicht wissen. In dem Hause meiner Tante, die mich erzog, war das, was man eine gute Stadtwirthschaft heisst, ublich. Sie fasste gewiss alles Gute in sich, was eine wohldenkende Privatfamilienmutter wissen und thun soll. Ich musste alle Art hauslicher Naherey, vom Mannerhemde aus hollandischer Leinwand an bis auf das Kuchen-Handtuch, recht gut und geschwind zu verfertigen und zuzuschneiden wissen; das Waschen, Platten und besonders schones sorgsames Ausbessern, so gut wie unsere Naherin verstehen; Einrichtung der Zimmer, das Kochen und jede Magdearbeit lernen; damit ich einst meine Leute mit Verstand regieren konnte und nicht meine Magde kluger waren, als ich. Daneben behauptete sie, das einzige Vorrecht des bessern Standes ware, in Allem doppelt so viel zu wissen und zu thun, als die Geringeren. Daher kommen der Unterricht in Musik, Zeichnen, Blumenmalen, Sticken, Putzarbeit verfertigen, die Erlaubnis des Lesens und das Lernen der Sprachen. Oft war ich ihr bose und gram; aber, wenn sie nun noch lebte, so reisete ich zu ihr; um ihre Hande zu kussen und ihr zu danken. Die Kenntnisse einer Landwirthschaft aber waren mir in allen ihren Theilen fremd. Frau Itten hatte sie vom Lande mit sich gebracht und ihre Kinder gelehrt. Eben so ging es mir auch mit Flachs, Spinnerey und Weberkenntnissen, meine theure Freundin Hannchen theilte mir schwesterlich alles mit, was sie davon wusste und hatte auch die Einrichtung mit den Witwen und Madchen ihre Spinnerey allein besorgt. Ich versichere Sie, meine Liebe, dass mich das Auslesen, Abwischen, ein wenig Abkochen, auf weissen Tuchern ausbreiten und Abtrocknen, hernach langsames Dorren unsere Bohnchen und Erbsen eben so freute, als meine Tapetenarbeit an schonen seidenen Stuhlen, die ich nahe. Julchen kam zu mir und half in allem, dann ging ich und Hannchen alle Tage zu ihr, bis auch alles zu Stande war. Mittheilung ist gewiss doppelter Genuss und das Leben der Freundschaft das susseste Leben der Erde. Das edle gute Hannchen und ihr so ganz rechtschaffener Bruder, freuten sich, mir durch ihre wirthliche Talente etwas von demjenigen zu vergelten, was sie mir schuldig zu seyn glauben, und uns freute, dass die schatzbare Mutter dieser Kinder in der Achtung, die wir fur Hannchens Wissen und Geschicklichkeit haben, einen Lohn fur ihre vieljahrige Erziehung, Muhseligkeit und Sorgen erhalt. Denn ich zeigte ihr schon hier meine grossen Zuckerglasser voll trockenen Gemusses, darunter Artischokenboden, kleine Morcheln, und ein Versuch in Wiesenspargel war, der uns recht gut gerathen ist. Meinen Vorrath an Flachs, Hanf, und schon gesponnenem Garn, wies ich auch, als Fruchte von Hannchens Unterricht und Freundschaft. Linke verdarb diese Herbstfreude, da er nur einen Tag da blieb und seitdem nicht mehr kam. Wir hatten alle gehoft, dass er Hannchens Lohn und Gluck werden sollte, aber er war den Tag, da eben die Eltern und alle Kinder bey uns waren, erst wenige Minuten vor dem Essen gekommen, hatte wenig gesprochen und blieb auch des Abends nicht bey uns, so, dass wir nicht hatten tanzen konnen, wenn nicht Ott ein paar Vettern bey sich gehabt hatte, wovon einer schon vier Wochen bey ihm ist, der auch unserm Hannchen gern nachgeht, und als ein von Reichthum unterstutzter Mensch ihr mit Zuversicht schone Sachen sagt.

Frau Grafe und ihre Nichte bleiben hier, bis Frau Cotte sie abholt. Die junge Person ist hubsch, gut, voll Heiterkeit eines schuldlosen Herzens, hat ungemein vielen naturlichen Geist, und hat oft die witzigsten Gedanken, lacht gern innig und treuherzig uber den geringsten Anlass, hangt weder an Putz noch ausserordentlichen Zeitvertreiben, hasst die Tadelsucht und Schwatzereyen mit einem ihrem Herzen Ehre machenden Abschen, jede Fahigkeit zu thatiger Tugend ihres Standes und zu Kenntnissen liegt in ihr unverdorben und ohne falsche Richtung, und sie kann in allem einen der schatzbarsten weiblichen Charaktere nach Geist und Seele werden. Ihre Erziehung war kunstlos, aber voll Sorgfalt, dass nichts an ihr bos oder verkehrt wurde. Dieses Weibchen erhalt durch den Zufall eines der schonsten Portraits von sich, die jemals gemacht wurden. Frau Grafe mag zuweilen einmal spielen, da sass ich mit Cleberg bey ihr am Lombretisch in des Malers Zimmer, weil mein Mann gern eine Zimmerwandrung macht, wie er es heisst. Die Thure geht gerade auf die Treppe, deren Fenster gegen Abend stehen. Unser Spieltisch war oben im Zimmer, der Maler sah uns zu, und das Weibchen hatte ein wenig auf dem Clavier getandelt, das an der Wand nah an der Thure steht; sie horte auf, nahm ein Buch und setzte sich seitwarts gegen uns ohne den Stuhl zu wenden, der einer von den Weidenstuhlen von Metz ist, wovon die Lehne nur aus zwey runden Staben in die Hohe und zwey schmalen Zwerchstukken besteht, so, dass wir die ganze Gestalt des guten Geschopfs dadurch sehen konnten. Ihre Kleidung war eine Pekesche von weissem mit rosenfarbenen Punkten durchzeichneten Zitz, mit einer Einfassung von lauter Rosenzweigen. Ihre hubschen leicht frisirten Haare waren nur mit einem kleinen Aufsatz von Flor geziert, uber welchen ein Gewinde von rothen und weissen Rosen herum gebogen war; ihre heitre Gesichtsfarbe, lebhaften schwarzen Augen zeigten sich schon; der linke Arm war artig uber die Lehne des Stuhls mit dem Buche in der Hand hingelegt, und von der rechten Hand nur ein paar Finger sichtbar, welche die Blatter umwendeten. Das Clavier von braunem Holze, die Gemahlde auf der Wand auch in dunkler Farbenmischung, besonders eins dessen sehr breiter schwarzer Rahmen gerade den Grund hinter dem jugendlichem Kopfe machte, und alles das durch die offene Doppelthure von der Abend-Sonne beleuchtet, that die herrlichste Wirkung. Unser Maler rief uns, wie ein entzuckter Mensch, aufzusehen, bat zu gleicher Zeit die junge Frau, ja sitzen zu bleiben und sich zeichnen zu lassen. In Wahrheit batten wir alle niemals eine reizendere Beleuchtung eines Gegenstandes gesehen: denn die junge Person und ihre Kleidung allein mit einem Stuck des Fussbodens wurden von der Sonne bestrahlt, und die Wand mit den Gemahlden, nebst dem Clavier wurden nur durch den Widerschein erhellt, und dienten also gerade zum Grunde, der die vorstehende Figur um so mehr erhob. Das Weisse der Kleidung, die Rosenranken der Einfassung, die florne Schurze, der Faltenbruch, die hellbraune Lehne des Stuhls und die etwas dunklere Decke des Buches nahe gegen den Kopf; in diesem wieder ein bluhendes Gesicht und dann, die sich zum Lichtbraunen senkende Haare und die Rosen darinn; alles mit Glanze der neigenden Sonne ubergossen; machte wirklich eines der schonsten Gemahlde. Auch ging es nicht verlohren, denn nachdem der gute entzuckte Kunstler, so schnell er konnte, das Ganze richtig hinzeichnete, besonders die Beleuchtung bemerkte, so fing er auch gleich den zweyten Tag an, das Portrait des niedlichen Weibchens zu mahlen. Das Stuck wird in Lebensgrosse gemacht. Er will, sagt er, sein Meisterstuck daran verfertigen; es musste ihm seine Aufnahme in der Akademie verschaffen; und wirklich scheint es, als ob die Musen seine Farben und seinen Pinsel begeisterten, so schnell und vortreflich wachst das Ganze unter seinen Handen zur Vollkommenheit hinan und stellt eine ganz einnehmende Gestalt dar, die dem Mahler und dem Gegenstande Ehre macht, und dem Auge aller, die es jemals sehen werden, ein grosses Vergnugen gewahren wird. Ueberhaupt hat dieser junge Mann ganz den Enthusiasmus seiner Kunst; wie ein Poet jemals den Einfluss des Apolls fuhlen kann; auch geht er gleich hin, sich alles zu bemerken. Unser Bild fur Latten ist eben so schon, aber im Kleinen genommen. Bey Fritzgens Feldgen ist an dem Birnbaum ein Grasplatz, der an den geschonten Traubengelander hinlauft. Dies macht eine Seite von unserm Gemahlde. Cleberg, in einer leichten Kleidung am Birnbaum gelehnt, blaset die Flote und ich tanze mit Fritzgen; Hanns steht am Gelander und sieht uns zu; in der Ferne sieht man unser Haus, und vor diesem einen Theil des Gartens. Das Ganze ist drey Schuh breit und zwey Schuh hoch; sieht sehr freundlich und uns ahnlich.

Hundert und zehnter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Wir bleiben langer hier, als ich dachte! Alle Zimmer haben Oefen bekommen; denn Cleberg will erst den ein und zwanzigsten November in die Stadt zuruck, um, wie er sagt, die Natur sich auskleiden und einschlafen zu sehen; welches bey dem ersten Schnee seyn wird. Er reist doch ofters nach der Stadt, und lasst gewiss da, nach seinem herrschenden Baugeiste, etwas machen, denn ich habe Briefe von Bauleuten und Tapezierern an ihn gesehen, jedoch nicht gelesen, weil wir beyde hierinn recht artig miteinander handeln, und keine Briefe ofnen, nach keinem fragen, und beyderseits mit dem, was wir uns davon erzahlen, zufrieden sind. Diess scheint eine unbedeutende Kleinigkeit unter Ehegatten zu seyn; und doch, meine Liebe, liegt in dieser Bescheidenheit viel Gutes, so, wie uberhaupt an allen kleinen Faden der Achtung und Hoflichkeit. Keine Theile des hauslichen Glucks hangen daran, besonders bey Leuten, die einen Theil Eigenliebe neben der ehelichen Liebe nahren. Ein Missvergnugen hatte ich noch: meine Freundin, Hannchen, verliess mich. Obschon Linke seinen Wohnsitz wieder bey uns aufschlug, so ging sie doch mit Julien vorgestern fruh in die Stadt, Ott aber und seine Vettern blieben noch hier. Julie hat sich zu einem Wochenbette anzuschicken. Meinem Hannchen fehlt etwas; sie schien so beklemmt, als sie ging, und weinte doch nicht. Ihr guter Bruder sieht auch unzufrieden und unruhig aus, und bleibt mehr auf seinem Zimmer als sonst: und Madame Guden schreibt mir weniger, als jemals. Aber Nichts ist vollkommen; die Wagschaale muss nothwendig manchmal steigen oder sinken, denn, welche Sterblichen blieb sein Schicksal immer im Gleichgewicht! Cleberg vermuthet, Hannchen ware entweder uber die muntere Niece der Frau Grafe eifersuchtig geworden, weil ich ihr viel Liebe zeigte; oder sie hatte Absichten auf Ottens Vetter und hefte sich daher an Julien. Aber ich widersprach beydem, denn ihr Herz ist fur Neid und Intriguen zu edel. Linkens Kalte mag sie etwas geschmerzt haben; mich dunkt, meine Vermuthung daruber sey die richtigste.

Ich nahm meinen Brief Mittags 2 Uhr zuruck, um Ihnen eine mich sehr freuende Nachricht zu geben. Linke fruhstukte gestern bey Ott, und kam nachher sammt diesem zu uns. Halb munter fragte er: warum ist Hannchen fort? Ich sagte: ich wusste es nicht. Es hat doch eigene Ursachen! Warum wollen sie es dann wissen? Weil es mir leid thate, wenn es aus Liebe fur Jemand geschehen ware. Und wollten sie nicht, dass Hannchen liebte? Ja, aber nur mich! Husch, Linke; das ist schnell gefodert fur einen Menschen, der so kalt war, als das artige Geschopf hier lebte. Kalt? ich war eifersuchtig, und beobachtete sie nur; aber nie hat mein Herz eine andere Frau gewunscht, und nie werde ich eine andre nehmen. Hohlen sie sie wieder, reden sie fur mich; mein Haus ist bestellt: es mag zum Sterben, oder Heyrathen seyn.

Linke! sagte ich, sie gefallen mir nur halb bey Allem, was sie da sagen; und mit diesem Tone da, sollen sie Hannchen nicht haben.

Vergeben sie mir! ich fuhle, dass ich ihre edle Freundschaft beleidigte. Aber ich bin so froh von Ott gehort zu haben, dass Hannchen seinen Vetter abgewiesen hat, dass ich fur Freuden tolles Zeug sprach. Denn gewiss, ich werde Hannchen mit der Hochachtung begegnen, die sie verdient.

Nun erzahlte er, warum er in die Stadt gegangen sey: eines theils, weil er wirklich vermuthet, Herr Stiegen sey Hannchen werther als er; und auch, um mit seiner Grossmutter uber einen Brief zu reden, in welchem er ihr von seinen Absichten auf Hannchen geschrieben hatte, um ihren Beyfall und eine Beysteuer zu erhalten; denn da er anfing, an Hannchens Neigung zu zweifeln, konnte er an seine Grossmutter nicht mehr in dem dringendem Tone schreiben, und wollte daher lieber mundlich mit ihr reden, um alles auf Schrauben zu setzen, die sich wenden lassen, wenn sein Gluck sich wendete. Also ware die doppelte Besorgniss, dass er bey der alten Frau sich zu voreilig ausgelassen, und seine Eifersucht zugleich, die Ursache von seinem finstern und, wie ich gesagt, kalt scheinenden Aussehen gewesen; um so mehr, da seine Grossmutter alles recht wohl genommen, und auch ihm viel Gutes versprochen hatte; doch mit einer Bedingung, die ihn besorgt macht, wenn er auch des lieben Madchens Neigung ganz fur sich hatte. Ich fragte begierig nach dieser Bedingung: dass wir bey ihr wohnen sollen, und sie bey uns in die Kost gehen will. Denn mein Heyrathsvortrag kam eben auf einen Tag, wo sie mit ihrer Magd unzufrieden war. Und nach dem Lobe, welche ich Hannchens wirthschaftlichen Kenntnissen gab, rechnete sie auf geschickte Fuhrung ihrer Hausangelegenheiten und Kuche: wobey sie auch sicher seyn konnte, niemals verlassen zu werden. Es ging, setzte er hinzu, wie bey den Angelegenheiten der grossten Menschen: kleine Nebenideen befordern die Hauptsache. Aber nun hilft mir das alles nichts, wenn Hannchen gegen mich geandert ist, sagte er traurig und trube gegen mich, die Augen auf den Platz geheftet, wo das liebe Madchen sonst in meiner Stube sass.

Cleberg war unvermerkt von uns fortgegangen, und hatte den jungen Itten aufgesucht, mit dem er von Linkens Absichten auf seine Schwester sprach, und ihn ersuchte, aufrichtig zu sagen, ob sie nicht fur jemand anders eingenommen sey; und ob sein Freund sich Hofnung machen konnte, mt Achtung in seiner Familie aufgenommen zu werden? Der junge Mann ofnete Clebergen sein Herz und zugleich das Herz seiner Schwester, die gewiss eben so viel Neigung fur Herrn Linke, als er fur sie habe. Sie habe ihrem Bruder alles entdeckt, und ihn zu ihrem Aufseher angenommen, damit er sie beobachte, ob in ihrem Wesen und Bezeigen nichts ihre stark werdende Zartlichkeit verrathe, damit sie ja in Zeiten auf den Pfad der sittsamen Zuruckhaltung einlenken moge. So lang sie hofte, war sie stark genug, gleichmuthig zu scheinen; aber da sie ihn geandert glaubte, bekam ihr Kummer die Oberhand. Sie konnte ihn nicht uberwaltigen, und wollte ihn doch auch nicht sehen lassen, deswegen ging sie nach Hause, wo sie ruhig weinen konnte. Cleberg erzahlte dieses auch mir, und ich schrieb ein Billet an Hannchen, dass mir ihre Abwesenheit unertraglich ware, und ich sie morgen wieder hohlen wurde. Ich ging auch heut Vormittag wit ihrem Bruder, mit welchem Linke gesprochen hatte, in die Stadt, um Hannchen mit mir nach Kahnberg zum Mittagsessen zu nehmen, wohin sie und wir geladen waren. Sie hatten auch im Hause eine wahre Freude mich zu sehen; ausgenommen Hannchen und ihre Mutter, uber deren Gesichte eine Wolke von halbem Weh hing. Das war mir nicht moglich lange anzusehen: ich bat also beide, mit mir in die kleine Laube von Essigtrauben zu gehen, die ich sehr liebe, und deren Blatter nun auch schon die rothliche Farbe annehmen, die ich so gern sehe. Sie folgten, und da die ubrigen bemerkt hatten, dass ich diese allein sprechen wollte, so blieben sie zuruck. Ich setzte mich zwischen Mutter und Tochter, die auch beyde etwas zu erwarten schienen, und, wie ich, halb verlegen waren; endlich nahm ich Hannchen bey der Hand: Ich wunschte, meine Liebe! dass sie bey uns geblieben waren, so hatte der gute Herr Linke seinen Antrag und seine Bitte selbst vorbringen konnen, die er mir aufgegeben bat. Hier errothete das gute Madchen, senkte den Kopf und die Mutter legte ihre Hand auf meinem Arm, und fasste mich mit etwas Zittern, aber keine von beyden sprach ein Wort. Ich fuhr fort: Sie mussen, meine liebe Freundin, schon lange bemerkt haben, wie werth und theuer sie unserm Linke sind: er suchte ihre Hochachtung zu verdienen, eh er ihnen etwas von Liebe sagen wollte; und dann wollte er auch nicht von Liebe reden, ohne zugleich im Stande zu seyn, ihnen seine Hand und eine hinlangliche Versorgung anzubieten. Das kann er nun, meine Liebe, und thut es heute durch mich bey ihnen und ihrer Frau Mutter. Sie schwieg noch, und ich sagte: Sie haben ihm Achtung gezeigt; er furchtet aber, diese vortheilhafte Gesinnung sey durch die Aufwartung des Herrn Stiege in etwas gestort worden. Hier sagte sie schnell: Nein ganz und gar nicht! aber Herr Linke anderte sich! Gewiss nicht, liebes Hannchen! Warum ging er denn fort, als meine Eltern kamen, die er ja gern sehen sollte, wenn er mich liebte. Meine Liebe! sie haben ja gesehen, was Eifersucht fur ein boses Gespenst ist, und uns lauter furchterliche Sachen vormalt! Linke dachte, Herr Stiege wurde sich einzuschmeicheln suchen, und auch leichter Gehor finden, weil er reicher ist, als er. Warum hat er diese Vermuthung von mir, da er selbst nicht auf Reichthum sieht? Nun, mein Hannchen! ich glaube, Herr Linke wird ihnen in seinem Leben keinen Verdruss mehr machen! Wollen sie ihm nicht diesmal vergeben, und ihm erlauben, auf ihre Liebe zu hoffen? Sie kusste meine Hand und weinte stillschweigend. Ich schlug einen Arm um sie: Was ist das, liebe Freundin! Warum in Thranen, mein Hannchen? O glauben sie, ich wurde nicht eine Silbe fur Linken gesagt haben, wenn ich nicht sicher ware, dass sie glucklich mit seinem Herzen seyn wurden! aber wenn ihres nicht einstimmt, mein Kind, so wollen wir von jetzo an, die ganze Sache ruhen lassen, und wie vorher unsere ruhige gute Freundschaft fortsetzen. Sie versuchte zu reden, ihre Stimme wurde aber durch Weinen erstickt, und da fing die Mutter an: Nun muss ich reden, liebe Frau Residentin, weil ich das Herz meiner Tochter kenne. Herr Linke ist ihr nicht gleichgultig und sein Antrag macht Hannchen und uns allen Ehre und Freude; besonders da Herr Cleberg und sie die Sache gut finden, so glaube ich auch, dass unser Kind glucklich seyn wird. Da standen der Mutter auch Thranen in den Augen und die meinigen blieben nicht trocken. Ich erzahlte dann, wie Herr Linke schon uber zwey Jahre her Hannchen liebte; was er alles gethan, nur um sie zu sehen und wie er alles eingerichtet hatte. Diess gefiel der Mutter und Tochter. Erstere sagte: Siehst du, Hannchen, dass die Madchen nicht verliehren, wenn man sie fein im Hause halt? Vielleicht ware deine Haut nicht so rein und weiss geblieben, wenn du oft spatzieren und zu besuchen gegangen warest; dann hattest du auch allerhand fremde Sachen zu essen bekommen, die auch die Haut verderben. Hannchen lachelte hier und sagte, wobey sie auf mich deutete: Ey, Mama! ich habe ja an diesem Tisch viel Fremdes gegessen und muss doch nicht schlimmer geworden seyn, weil ich Herrn Linke noch so wohl gefalle? Ich fiel ein: es ist also doch recht, dass sie ihm gefallen? Sagen sie, Liebe, haben sie nichts einzuwenden? bedenken sie sich und sagen mir es nachher oder morgen. Sie rausperte sich und war bemuht, das Weinen zu unterdrucken. Endlich gelang es ihr, mir zu sagen: Ich habe nicht nothig mich zu bedenken, denn ich liebe Herrn Linke aufrichtig und werde ihn immer einen reichern und vornehmern Manne vorziehen. Nun weinte die Mutter und reichte mit ihrer Hand uber meinen Schooss hin nach ihrer Tochter, da ich zugleich letztere umarmte, und ein herzliches: Gott segne sie! aussprach. Nach dieser ersten Bewegung war unser Gesprach freyer und heiterer. Darauf sagte ich: Linke hatte doch noch eine Besorgnis. Und das? sagte Hannchen schnell. Ob sie wohl gern bey seiner Grossmutter wohnen werden, die ihnen das ganze Hauswesen ubergeben will? Sie zuckte ein wenig. O Mama, wenn es mir ginge, wie ihnen! Ich sagte dann, was ich davon wusste, und die Mutter sprach ihr Muth zu. Unter andern: mein Kind! da kannst du am besten die Erziehung beweisen, die du durch mein Beyspiel erhalten hast, da jedermann wusste, was ich ausstund. Hannchen beruhigte sich, und ich fragte, ob sie mit zu Kahnen wollte? "Ja!" Nun so kleiden sie sich an. Ich redte noch mit der Mutter, die mir herzlich fur meine Verwendung dankte, aber dabey sagte, sie konnte Hannchen nichts geben, als weisses Zeug, Betten und noch ein Kleid zu denen, die sie hatte. Ich wusste, dass Linke sonst nichts begehrte, und bat sie an nichts zu denken, als dass ihre gute Tochter einen guten Mann bekame. Der Bruder hatte unterdessen auch geschwatzt, denn ich bemerkte, dass die ubrigen Schwestern ihrem Hannchen mit einer Art von Ehrerbietung begegneten. (Wie es einer geweihten Sache gebuhrt, sagte Cleberg als ich ihn davon erzahlte.) Wir trafen in Kahnberg unsere Freunde an. Linke kam schuchtern aber artig zu uns an den Waagen, und hob mich heraus. Haben sie fur mich gebeten? sagt er, indem er Hannchen anblickte. Ja, mein Freund, und mein edelmuthiges Hannchen vergiebt ihnen ihre Unart und glaubt Gutes von ihnen. Er kusste eine ihrer Hande: Tausend Dank, bestes Hannchen! Sie sollen mich immer gut finden. Wir waren sehr vergnugt, und Hannchen erfreute die grosse Achtung, die ihr Linke bey uns allen bezeigte. Er kam als glucklicher Mensch zu uns zuruck, und ist wirklich nach der Stadt gefahren, um seine Bewerbung zu thun.

Hundert und eilfter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich war weit entfernt zu denken, dass die kleine Geschichte unsers guten Hannchen Ihnen so anziehend scheinen wurde, um zu wunschen, dass sie die nachkommenden Auftritte des ersten Antrags sogleich erfahren mochten, sonst hatten sie sie schon langst haben sollen; da ohnehin der ganze Roman seit drey Wochen geendigt ist, und ich nicht mehr von Hannchen, sondern von Frau Linke schreiben muss. Aber ich habe weit nachzuholen, und viel zu erzahlen. Nach meinem letzten grossen Briefe war Linke den Morgen nach dem Kahnischen Mittagsessen in der Stadt und hielt bey Herrn und Frau Itten um ihre Tochter zu seiner Frau an, und legte ihnen die Papiere vor, welche die Einkunfte seines Amts, und diejenigen, welche ein vorzugliches Geschenk von seiner Grossmutter bezeichneten; aber freylich vom letztern nur in so fern, als er und seine Frau sie bey sich versorgen wurden. Da war nun zwar kein Ueberfluss, obschon beydes zusammen gerechnet wurde; aber es war mehr, als die gute Frau Itten mit ihren sechs Kindern jemals gesehen hatte. Also kam es ihnen viel vor, und sie freuten sich ihre Tochter um so viel glucklicher zu sehen, als sie nicht gewesen. Man bewilligte ihn sein gewunschtes Hannchen, neben der aufrichtigen Eroffnung, dass man ihr kein Vermogen mitgeben konne, er solle diess seiner Frau Grossmutter nochmals sagen, und allen Vorwurfen vorbeugen. Er ging gerade zu der alten Frau hin, und diese fasste einen ganz eigenen Entschluss; sie hieng nemlich ihren grossen Mantel um sich, nahm unter denselben ein kleines Kastchen und eine lederne Brieftasche mit einem eisernen Schloss verwahrt, und sagte zu ihrem Enkel im Herausgehen aus dem Zimmer: Christian! komm und fuhr mich zu deiner Braut. Ich will deine Sache selbst richtig machen, sonst wird es mit dem ewigen Getrandel kein Ende. Linken ward angst und bange, wie die Ittens wohl diesen plotzlichen Einfall aufnehmen wurden; er besorgte auch etwas von dem trotzenden Tone seiner Grossmutter. Doch durfte er ihr nicht widersprechen oder Vorstellung thun, und empfahl also alles den lieben Himmel. Er ging aber, sagte er, als auf Dornenspitzen mit blossen Fussen, und musste der alten Frau immer von Hannchen und ihren Eltern vorerzahlen. Als sie gegen das Haus kamen, fehlte ihm beynah der Athem; er wies es ihr, und ging langsamer, damit sie es betrachten, und er sich fassen konnte. Aber, sie sagte: ich kenne es von aussen schon lange; denn, so bald du mir von dem Madchen und den Leuten sprachst, so liess ich mich in die Strasse fuhren, und beguckte das Haus, wo meine Enkeltochter wohnt. Nun musste er klingen und alle seine Vernunft zusammen fassen, um in allem auf seiner Hut zu seyn, und gleich alles wieder gut zu machen, wo es hie oder da fehlen konnte. Die Magd ofnete die Thure, buckte sich schon gegen ihn, sah aber die alte Frau mit etwas Staunen an. Linke, sagt ihr, sie mochte der Frau Itten melden, seine Frau Grossmutter wolle sie besuchen. Das Madchen lief was sie konnte und Linke ging langsam durch den Thorweg, und sah nachdenkend aus; so, dass die Alte sagte: Hor! was ist es mit dir? du bist ja ganz verwirrt! Entweder schamst du dich meiner, oder du hast mir zu viel Schones von den Leuten gesagt, und furchst, ich ertappe deine verliebten Erzahlungen auf der falschen Seite. Liebe Frau Grossmutter! rief er: haben sie keinen Verdacht auf nichts. Sie werden finden, dass ich wahr geredet habe, aber mir ist Angst, ob sie meine Augen fur Hannchen haben werden.

Da! da! sagte sie; aber Frau Itten kam mit moglichster Eile herbey; die Magd ofnete die Prunkstube und man fuhrte den Besuch hinein. Die alte Frau war sehr hoflich, und sah mit Vergnugen um sich her; dann kam Herr Itten auch, wo dann die alte Frau gleich anfing: "dass sie wohl nicht nothig habe, die Ursache ihres Besuchs zu erzahlen, weil Linkens Grossmutter nur kommen konnte, um selbst alles zu bekraftigen, was er von ihren Beytrag zu der Heyrath gesagt habe."

Die Itten sahen sich an! Linke erholte sich wieder und dankte ihr. Nun nahm sie Frau Ittens Hand und bat sie ihr die Braut, ihre Enkelin, sehen zu lassen. Linke wollte sie holen. Das ist recht: aber du solltest doch erst Vater und Mutter fragen, ob du darfst?

Sie nickten, ja! und er war fort; da sagte sie viel Gutes von ihrem Enkel Sohn, wie er von Jugend auf ein guter Bub gewesen, und ihr Mann ihn meist erzogen habe; dass ihre Tochter recht gut mit ihm ankom men wurde, und dass sie gegen Gewohnheit der Schwiegermutter, mehr auf Hannchens als auf Linkens Seite seyn wolle. Hannchen kam etwas zaghaft und verschamt, aber sie ging ihr freundlich entgegen. Das ist recht schon! sagte sie: so sittsam roth zu werden das ist auch alte Mode, wie dieser Teppich und diese Stuhle, aber meine liebe Tochter, das ist das beste Stuck vom Heyrathsgut eines braven Kindes. Nun verlangte sie das ganze Hans zu sehen. Der arme Linke gerieth aus einer Verlegenheit in die andre, uber diese Art von Unverschamtheit der alten Frau. Er hatte nicht mehr das Herz aufzusehen. Hannchen aber hatte sich gefasst, und fuhrte sie uberall hin, wiess ihr alles, erklarte alles, und bot ihr den Arm, wo eine Stufe zu steigen, oder sonst eine Beschwerlichkeit war. Im Krankenzimmer faltete die Frau die Hande, und war ganz bewegt, legte ihre Brieftasche hin. Lieber Gott! sprach sie endlich: Meine Tochter! so ein Zimmer ist das erste fur mich. Aber das ist schon! sie hielt Hannchens Hand dabey, als sie diess sagte: Christian! rief sie zweymal, (denn er war immer etwas zuruckgeblieben.) Er kam und sie winkte ihm naher. Hor, mein Sohn! Ich wunsche dir Gluck, dass du in eine so christliche Familie kommst; Ich wollte, dass das Versprechen im Zimmer bey den Spinnradern seyn sollte, weil mich die sehr freuten; aber, diese Stube ist noch besser. Hier legte sie Linkens und Hannchens Hande zusammen. Der allmachtige Gott segne euch herzlich, sagte sie, liebt euch bis die Auferstehung euer Trost seyn wird, (auf das Gemahlde zeigend) und versprecht mir, fur mich zu sorgen, wenn ich auf dem Krankenbette seyn werde.

Diese Anrede und die Wendung, welche alles dadurch bekam, brachte allen Thranen in die Augen. Hannchen weinte am meisten, und kusste ihr die Hande, und die wunderliche Frau fand diess auch neumodisch, so wie sie die zinnerne Waschbecken der guten Ittenschen Madchen auch gefunden hatte und sich die Wasserkugel lobte, die sie in der Mutter Schlafzimmer, und in der Wohnstube angetroffen, uber welche das Handtuch herunter hangt, und das Waschwasser aus dem kleinen Krahn in eine zinnerne Muschel lauft. Linke hatte Hannchen bey der Erinnerung des Neumodischen die Hand gedruckt. Sie verstunds und sagte lachelnd: Aber, liebe Grossmama! wie soll ich ihnen dann meine Verehrung und meine Liebe zeigen? durch das Handekussen geht das am besten und behendesten. Drucke sie meine Hand und gebe sie mir einen freundlichen Namen dabey: aber das soll unser grosster Streit gewesen seyn, setzte sie hinzu, und suchte nun die Schlussel zu ihrer Brieftasche in ihren Schubsacken, ofnete sie, setzte die Brillen auf, und nahm eine Verschreibung von vier tausend Thalern, die sie Linken zu einer Aussteuer schenkte. Auch zeigte sie, die andre, damit Itten und seine Frau sehen mochten, dass ihrer Tochter wohl seyn wurde. Nachdem verschloss sie die Tasche mit den Papieren wieder, und ermahnte Linken, die Verschreibung immer in dem Papiere eingewickelt zu lassen, worinn er sie bekam, denn sein Grossvater hatte aussen darauf geschrieben, wenn er das Geld angelegt, und sie auch den Tag, da sie es geerbt; sie zeigte dabey alle Linien der Aufschriften, und zahlte die Jahre nach, wo dieses Capital angelegt worden, und wie sie und ihr Mann das Geld zusammen gespart hatten. Nun nahm sie das kleine Kastgen von Ebenholz, zierlich mit Messing beschlagen und nach der Jahrzahl, die oben eingelegt ist, hat es schon ein Alter von hundert und sieben Jahren. Es ist von der Grosse eines kleinen Octavbandes und etwa sechs Finger hoch. Inwendig mit blauen Atlas ausgemacht und in drey Facher getheilt, die mit feiner Baumwolle stark uberdeckt waren. Daraus nahm sie einen Ring von Tafelstein mit schwarzem Schmelz nach alter Art gefasst, und reichte ihn Linken: Da gieb deiner Braut den Ring, und bitte sie ihn nicht zu vertauschen und nicht umzufassen, denn er ist fast zweyhundert Jahr in meiner Freundschaft; aber dies Kreuz und diese Ohrringe sind nicht so alt, denn die hab ich von meiner Mutter. Diese gab sie selbst an Hannchen zum ersten Geschenk von ihr, und die Geschichte des Rings und des Kastchens dabey. Ein rundes Balsambuchsgen mit alten farbigen Schmelz, in Blumen, inwendig vier Facher zu viererley Balsam, stark vergoldet: aber sie hatte es nie gebraucht, so, dass es also noch Funkelneu war; das Kreuz und die Ohrringe waren auch Tafelstein, ziemlich schon, und ein paar Ohrringe von einer einzigen grossen Perle und schwarzen Schmelz, auch in einem silbernen Buchsgen. Das alles zusammen bekam Hannchen. Die letzten Ohrringe musste sie gleich einthun; so wie auch die goldenen Handschnallen, mit den Sammtbandern, die schon seit sieben und zwanzig Jahren darinn sind, weil sie solche eben neu anlegte, um auf Christians Taufe Staat zu machen; denn hier fuhr sie fort lachelnd zu Hannchen zu sagen, indem sie das Innere von Hannchens Hand heraus drehte und die Sammtbandchen wies: "Hierauf hat ihr Linke von sieben und zwanzig Jahren gelegen, als ich ihn nach der Kirche aus dem Taufzeug hob." Hannchen sah freundlich auf ihre Armbander nieder, und wurde von der alten Frau daruber gelobt, die ihr ins Gesicht gukte und sagte: nicht wahr! die alten Bander sind ihr nun lieber? Die Braut nahm ihr Kastgen unter den Arm. Wo thut sie es hin? fragte die Grosmutter. In meinem Schrank; aber ich zeigte es auch meinen Schwestern. Das wohl! aber nicht verschenken! setzte sie hinzu. Sie ging dann in den Garten. wie im Hause in allen Ecken herum, tobte alles und pries immer ihren Enkelsohn glucklich. Hannchen musste dann mit ihr nach Hause gehen und Linke bey den Ittens bleiben bis sie wieder kamen. Da wiess sie ihr auch alles in ihrem Hause und gab ihr die Schlussel zu vier Schranken und einer Stube gleich in Verwahrung, weil sie wollte, dass sie dort alles so einrichten moge, als in ihrer Mutter Hause. Sie zeigte ihr auch zwey Stuben, die Hannchen und Linke noch zu der bekommen sollten, die er schon bewohnte. Sie musse aber die alte Einrichtung in der neuen Stube auch so in Ehren halten, wie ihre Mutter in der Prunkstube gethan. Sie schenkte ihr auch einen Schreibtisch, woran die Thuren des obern Schranks von Spiegel sind, gab ihr alle ihre Spitzen, und ein Stuck feinen Indischen geflickten Mousselin, das sie schon, vor, wer weiss, wie viel Jahren, von einem Freunde ihres seligen Mannes bekommen hatte. Meine Haut, sagte sie, war fur das dichte weisse Zeug zu braun; da hob ich's auf. Ihr aber wird's gut lassen, da sie so weiss ist; und bey dieser Rede legte sie das halb aufgefaltete Stuck uber Hannchens Achsel. Dann folgte noch ein Kleid und Rock von grun und gelben schielenden Gros de tour, der an sich schon stark und gut, aber noch ganz mit Flanel ausgefuttert war, das moge sie nach ihrer Art und wie es Linken gefiele, zurecht machen. Ein zu allem Gluck ganz strohgelber guter Damast, an Stukken, die zu einem Bette fur vornehme Leute zugeschnitten waren, und den sie an einer Schuld annehmen musste, wurde zum Brautkleide bestimmt; hingegen auch ein grun und weisses Ras de Siele zum Hochzeit Schlafrock fur Linken, und endlich noch fur Hannchen, eine schone gestickte Geldtasche mit einem silbern Schloss und Hacken, worin sie eine Nadelbuchse mit oben aufgeschraubten Fingerhut von Silber und einen Georgen-Thaler steckte. Damit sie immer Geld im Sack habe, soll sie ihn ja niemal verwechseln, und mit einem Loffel, den sie hinzu legte, solle sie nun alle Tage essen, es ware ein L. darauf gestochen; dazu durfte sie nur ein H. setzen lassen, weil sie doch bald Hannchen Linke seyn wurde.

Im nemlichen Jahr gab sie ihr auch drey schone seidene Halstucher fur ihre Schwestern; fuhrte aber das arme Hannchen mit dem grun und weissen Kleide uberm Arme in Linkens Schlafzimmer, wo das gute Madchen das Kleid auf seinem Bett ausbreiten, und seinen Schlafrock daruber legen musste, damit er beym Schlafengehen es finde, und so gleich merken konne, wozu es gehore. In dem Zimmer war es ziemlich unordentlich; nun fing sie an aufzuraumen, und Hannchen musste helfen, damit er sahe, zu wes eine brave Frau nutze. Dies war der Braut herbe, weil sie sich da mit alten Kleidern und schwarzer Wasche des Linken bekannt machen musste, eh sie ihn selbst recht kannte. Es blieb ihr auch etwas von diesem Missvergnugen ubrig, als sie nach Hause kam, und sie vermied mit Linke viel zu sprechen; der dann auf die Verninthung kam, seine Grossmutter musste sie mit etwas beleidigt haben. Hannchen war froh, als er mit der Frau fort musste, die Abends spat Hannchen einen Pack mit den geschenkten Sachen schickte, die dann ihrer Mutter alles Vorgegangene erzahlte: welche ihr Muth zusprach und sie sorgfaltig ermahnte die alte Frau in dem guten Humor zu lassen, und aufs geduldigste und sorgfaltigste mit ihr umzugehen. Sie wieder holte ihn dabey immer, dass sie sich freue, sie um viel glucklicher zu sehen, als sie in ihrem Leben nicht gewesen wat. Linke errieth nun zu Hause die Ursache der Verlegenheit, worinn er seine Braut gesehen, war aber so feindenkend, nicht viel davon zu sagen. Hannchen machte sich mit ihren Schwestern alle die Kleider und Hauben zurecht, und musste nach dem Eifer der Grossmutter sich acht Tage hernach trauen lassen, welches ganz still nach dem Morgengebet in der Pfarrkirche geschah. Gleich den zweyten Tag erinnerte ihre Grossmutter sie an die Einrichtung des ihr anvertrauten Zimmers und der Schranke. Ihre Enkelin machte sich ohne Widerrede an die Arbeit, ordnete und schrieb alles auf; maass die Stucke Leinwand, sauberte dann die Schranke selbst, und fing an einzuraumen. Die Grossmutter sagte: sie solle alles ablesen; dieses that sie, und da auf einer Seite das Beste, und dann das Mittlere u.s.w. stund; so sagte die alte Frau; nun schreib sie auf:

"Weisses Zeug von Christian und Hanne Linke."

Das gute Weibgen staunte und dankte ihr mit nassen Augen. Das hat sie durch ihr Spinnrad verdient, meine Tochter, sagte sie, indem sie ihr die Hande druckte. Ein Zimmer darf sie neumodisch einrichten, war' es auch nur wegen Herrn und Frau Cleberg, damit die sehen konnen, dass sie nicht so schlecht sey. Die Sanftmuth und kindliche Achtung Hannchens freut die Frau ungemein, und sie will nun, dass der Sohn einer reichen guten Freundin von ihr eine Schwester Hannchens heyrathe, und Linke ist unendlich glucklich. Ich habe die zweyte Schwester zu mir genommen, ob schon Herr Stiegen gern gesehen hatte, dass es die dritte gewesen ware, die ihm, nach Hannchen, am besten gefiel und wie Ott vorbat, so soll er sie recht wunschen, und dann bekommen. Die Mutter liess mir sie nicht, weil sie zu luftig und zu hubsch sey. Cleberg hatte die jungen Leute und die Grossmutter selbst abgeholt, als sie bey uns in Seedorf das erstemal nach ihrer Heyrath assen. Das gefiel der alten Frau auch sehr, und sie sagte nach ihrem Tone recht gute Sachen. Die Auffuhrung ihrer Enkelin gegen sie ist ruhrend und ein Beyspiel fur alle junge Leute, wie die Starke der Jugend die Schwachheiten des Alters tragen solle. Jeder Tag erwirbt ihr Segen, und vermehrt die Liebe ihres Mannes.

Nun haben sie einen ganzen Roman aus dem Privatstande, denn Linke ist nur zweyter Stadtschreiber.

Hundert und zwolfter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich habe einen neuen merkwurdigen Gast. Das ist ein sonderbarer Mann der alte Stiegen! Aber nie sah ich einen so einnehmenden und so geistvollen Alten, als ihn und meinen Oheim, jedoch mit dem wesentlichen Unterschied, dass, da Letzterer alle seine Ideen zu Thaten zu machen suchte, er sich mit vieler Klugheit, in seinem Wirkungskreis einschrankte, in diesem aber alles ausfuhrte, was darinn zu thun war; weil er, wie er sagt, alles sein Feuer nur auf die Thatigkeit lenkte. Hingegen seine Geduld und Sanftmuth in seine Vorstellung eines Entwurfs, in seine Unterredungen mit den Leuten und in seine Beurtheilungen uber andre legte. Durch dieses gewann er sich so viel Vertrauen und Liebe, dass er Mithelfer, oder doch wenigstens ruhige Zuschauer bey seinen Unternehmungen hatte. Beyfall, Dank und Nachahmung erweckte er in seinem Alter, Ruhe und Segen geniesst er ungestort und er hat den Beweis gegeben, dass wenn also in dem von der Vorsicht ihnen bestimmten Stunde das Gute thaten, was ihnen darinn vorkommt, es wenige, sehr wenige ungluckliche oder unzufriedene Menschen geben wurde. Er erniedrigte sich nie, strebte auch nicht unruhig in die Hohe. Er war der Sohn eines Gelehrten und durchging nach geendigten Schul- und Universitatsjahren die Stufen vom Sekretaire an, bis zum Geheimenrath als geschickter, sanfter und fleissiger Mann. Sein Freund Stiege kennt und liebt das Gute und Wahre, wie er; und zum Gluck fur ihn selbst kannte er auch sich selbst und die, wie er behauptet, unbezwingbare Aufwallungen des Eifers fur Recht und Wohl der Menschheit. Ehrwurdige Gesinnungen, welche wie mein Oheim sagt, ihm bey alten Republiken, oder in Amerika, wo eine Neue entsteht, einen Theil der gesetzgebenden Macht und der Vatersorge fur das Volk erworben hatte; aber in unserm Staate, nach dem Gang der Gedanken, nach den Sitten und Wendungen die alles hat, setzt sie ihn in den Ruf eines unvertraglichen, gewaltsamen und eigensinnigen Mannes. Bey dieser Unterredung sagte mein Cleberg: Die weiblichen Tugenden waren glucklicher, als die Tugenden der Manner, weil sie zu allen Zeitaltern gewunscht und geliebt wurden. Also konnte wohl geduldiges Ertragen der Fehler, und das auf so tausendfache Weise sich zeigende Wohlwollen, die einzigen wahren Tugenden der Menschheit seyn, und die ubrigen nur auf Millionen Bedurfnissen entstehen. Das mag seyn, aber diese Bedurfnisse haben auch die vielen Zweige der Kunste und Wissenschaften hervor gebracht, durch welche Millionen von Freuden und Vergnugen uber unserer Erde ausgegossen worden. .... Sehen sie, Liebe! so ist manchmal der Ton unserer Gesprache, der sein Angenehmes um so besser erhalt, weil er nicht immer herrscht, und wir recht wohl mit andern und mancherley Gattung von Menschenkindern umgehen und reden konnen.

Der alte Stiegen hat sein Zimmer gleich neben meinem Oheim, da lassen sie die Thuren des Nachts offen und sprechen noch miteinander aus ihrem Bette, bis einer von ihnen einschlaft, von alten und neuen Zeiten, von Menschen und Gewohnheiten. Es ist hochstruhrend, wenn sie nun nach dem Fruhstuck oder Mittagsessen so ihre Welt und die unsrige vornehmen: Stiege, mit Eifer die Alte lobt und vorzieht, mein Oheim die jetzige vertheidigt und ihre Verdienste hererzahlt; Stiege ihm zuhort! manchmal mit Lacheln den Kopf schuttelt, oder mit Empfindung ihm zunickt; endlich seine Hand ergreift und sagt: Nun, mein lieber Eben, du bist noch immer der gute Junge der du in Halle warest, du vertheidigst jetzt Nationen, wie du die Schulfuchse in deinen Schutz nahmst, wenn ich und andre alte Pursche zu derb mit ihnen verfahren wollten.

Mein Oheim erwiedert dann auch freundlich, Stiegen mit dem Finger drohend: Du hast mich manchmal fur dich und andre geangstigt, wenn du so deinem wilden Eifer nachgiengst, und da auf den Augenblick alles gebogen oder in Stucken gebrochen haben wolltest. Oft dachte ich mich von dir loszureissen, weil du so unbandig warst; aber die Redlichkeit deiner Seele, die Wahrheit deines Gefuhls und Liebe jedes Grossen und Guten, zog mich wieder starker an dich Eisenkopf, als an alle andre. Schon, gewiss, recht schon, gluht bey solchen Anlassen Freundschaft in ihren Augen, ernste Freude lacht in den Falten ihrer Gesichtszuge, und sie geniessen noch das schonste und beste Gluck der Menschen, wechselseitige Hochachtung und Liebe. Der Zufall brachte hier, so wie er oft im Zusammenfluss von argerlichen Geschopfen thut, an diesen zwey erlebten Mannern und an uns ubrigen in Seedorf gesammleten Leuten, eine recht schon gegen einander stehende und sich doch anschliessende gute Menschenzahl auf einen Fleck. Nehmen sie den eben so empfindlichen als vernunftigen Ott, meinen fertig liebenden und fein denkenden Mann, die sanfte, zartliche Julie, mich, Linken, Hannchen, Latten und die junge und altere Frau Grafe, den herrlichen wurdigen Pfarrherrn, und die so gute Bauren von Seedorf. Ja die Gegend umher, unsere und der Landleute Wohnungen, den Wald, die Berge, und den Bath, alles fasst sich in eine schone Reihe glucklicher, wohlthatiger Kinder der Erde, beseelter und unbeseelter.

Ich komme so eben aus der gewohnten Dankpredigt, die am Ende und nach Einsammlung jedes Herbstes gehalten wird. Alles, was ich da fuhlte und sah ist recht eigentlich dazu gemacht, an meine vorherige Gedanken angereihet zu werden. Die Kirche war voll, und schon dies freuete mich, das Gedrange zum Danken war der Beweis, dass sie den erhaltenen Segen mit Freuden fuhlten. Alle Kleider, alle Gesichtszuge, waren festlich. Die Kirche wird ohnehin durch die Aufsicht des Pfarrherrn sehr rein und gut gehalten. Die Predigt, o meine Liebe! wie gerne sagte ich, es sey eine Engelszunge gewesen, die alle Herzen in Bewegung setzte. Wie einfach die Sprache und Ausdrukke, wie innig redete er die Alten, die Jungern und Kinder an, da er ihnen das Bild der Erndte von ihrer Hande Arbeit und des von Gott darauf gelegten Segens darstellte. Auch in den rauhesten Gesichtsbildungen erschien Empfindung. "Alte Hausvater, Hausmutter! Ihr hebt eure durch lange Arbeit kraftlos gewordenen Hande gewiss mit herzlichem Dank zu Gott, dass ihr die Schemen, die ihr fur Kinder bautet, voll Fruchte seht, die euer gesunder fleissiger Sohn mit fleissiger mannlicher Starke anpflugte und saete. Junge Vater, junge Hausmutter; freuet euch im Herrn, dass ihr eure euch von Gott zugeschriebenen Berufsgeschafte treulich, nach der noch sehr lebendigen Kraft eurer Jahre verrichtet habt, sorgt durch euer Exempel, fur eure kommenden alten Tage, auch noch Freudenthranen aus halb geschlossenen Augen zu weinen, wenn eure jetzt noch spielenden und auf eurem Schoosse sitzenden Kinder, zu rechtschaffenen Landleuten herangewachsene Sohne und Tochter hinter vollen Wagen nach Hause kommen werden: Ach, sorgt, dass ihr redliche Hande zu Gott erheben konnet, und ihr, lieben Kinder! die ich alle getauft, und von dortan als treuer Seelsorger durch Unterricht zu Gott gefuhrt, und durch tagliche Furbitte seiner Gnade empfehle; ohne Sorge und Muhe geniesset ihr jetzt Nahrung und Kleidung aus der fleissigen Hand eurer Eltern; aber alle Tage wachset ihr den Jahren zu, wo ihr Aecker und Wiesen, auf denen ihr jetzt jugendlich spielt und hupft, mit den Schweise eures Angesichts werdet anbauen mussen. Freuet euch darauf! Es ist schon, von unserer mutterlichen Erde, durch treue Verwendung der Krafte und Geschicklichkeit, Brodt und Kleidung zu verdienen! Folgt euren guten Eltern, euren guten Schulmeister und dem was ich euch durch Gottes Gnade immer Gutes lehren will; damit wir alle, das grosste Gluck der Menschen, das Zeugniss eines guten Gewissens geniessen mogen: nemlich, dass wir treulich alles gethan haben, wozu uns Gott in unserm Stande angewiesen hat."

Er sprach in eben dem Tone und auch kurz mit den Handwerkern, dem Gesinde und den Armen, die er trostete und ermunterte, endlich allen andern Landleuten der ganzen Welt auch Gutes wunschte, wozu eine so gute Oberherrschaft und Beamten zu rechnen ware, wie sie hatten. Sie sollten auch daher die Pflichten, als Unterthanen gerne erfullen und gedenken, um wie viel glucklicher sie auch dadurch waren als viele Tausende ihrer Mitbruder in allen vier Welttheilen. Unbeschreiblich, ganz und gar unbeschreiblich ist der Ausdruck der auf den einfachen Gesichtszugen lag, wie die alten Hande voll Falten und Schrunden zitternd erhoben wurden, und die starke fleischige Hand jungerer Manner sich fester schloss. Die Knaben und Madchen kindisch, halb aufmerksam, halb nachlassig, treuherzig den Pfarrer, Ahnen, Vater und Mutter beguckten, so wie sie angeredt wurden, sich nach den Handwerkern, Knechten, Magden und Armen umsahen. Aber gewiss, obschon leicht und fluchtig, wie die Jugend ist, ging auch Ruhrung und Vorsatz des Guten uber ihre Stirnen. Unser Kirchenstuhl ist nahe an der Orgel und vergittert, aber alle Augen waren dahin geheftet als der Pfarrer meinen Mann so ruhmlich meinte, und dem Himmel sey Dank! in keinem Gesicht war ein Funke von Zweifel uber das von ihrem Beamten gesagte Gute. Mein Oheim, dessen Thranen haufenweis in seinen vorgehaltenen Hut flossen, fasste Clebergs Hand und druckte sie ihm. Mein Mann fuhlte es und kusste diese vaterliche Hand dankbar in Hause Gottes, der ihn an dieser Hand zu Ehren und Gluck geleitet hatte. Ich, o Mariane, wie war ich bewegt! Ich kann sagen, jeder Athemzug war Gebet und Furbitte fur mich und fur die ich sah, ach! wie leicht ists gut zu seyn!... Wie suss ist es, vom Guten reden, wie lieb war mir mein Mann, wie heilig, wie ehrwurdig der Pfarrer, der so Gott und der Tugend die Herzen zu ofnen weiss. Was war der Austritt aus der Kirche fur mich, nachdem Ott die Orgel zu dem Te Deum gespielt und mein Cleberg und Oheim, Otte und die jungen Stiegen nebst mir dem Chor gesungen und Ott am Ende noch einige schone in die Seele tonende Laufe gespielt hatte. Der ganze Kirchhof war voll von den Bauersleuten; alle sahen so liebend, so vertraut und vergnugt auf meinen Mann und ihren Pfarrer, der aus der Sakristey heraus kam. Cleberg ging mit schonen schnellen Schritten auf ihn zu, eichte schon, noch eine Strecke von ihm, nach seiner Hand und sagte: Lieber Herr Pfarrer! Gott segne sie fur ihre Predigt. Aber wie kamen sie darzu, auf mich zu deuten? Er antwortete: Gott sey Dank! dass ich es mit dem Zeugnis der ganzen Gemeinde thun konnte. Nicht alle Pfarrer konnen es, und es war die Frage von den gottlichen Wohlthaten fur die Landleute; und ein Beamter, wie sie, gehort darunter. Diess sprach der Mann noch so laut im Calzeton, und mit so einem Ausdruck in seinem Auge, dass mein Cleberg auch bewegt sagte, indem er sich zu den Bauren wandte: Gewiss, meine lieben Seedorfer, ihr dankt Gott auch mit mir, dass wir einen solchen Seelsorger haben. Wir wollen ihm auch alle treulich folgen. Ich gab ihnen, (setzte er mit nochmaliger Darreichung seiner Hand an den Pfarrer hinzu) mein Wort, und das Wort von meinen braven Landleuten dazu. Nicht wahr? sagt er, alle anblickend und ihnen mit seiner ganzen edlen Gestalt und offener Miene zulachelnd; ein redliches Ja! wurde gehort, und Freude, wahre Gottes, und Menschenfreude war in allen Gesichtern. O der schone, gluckselige Tag! moge er durch seine Erinnerung immer Gutes und Vergnugen in alle die Herzen zuruckrufen. Ich musste mich fuhren lassen, so sehr war ich von allen diesen seligen Empfindungen erschuttert. Nun lasst Cleberg Schinken, Kase und murbes Brod auf morgen Nachmittag bestellen, und giebt bey der Linde Jungen und Alten ein Herbstvesperstuck: Bier, Wein und Musik. Der alte Stiegen behauptete, mein Oheim hatte dem Pfarrer die Predigt vorgeschrieben und vorgesagt, denn er hatte ganz den Geist seines Freundes darinn gesehen. Adieu und Dank, dass sie mich lieben und lesen.

Hundert und dreyzehnter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich bin wirklich sehr bose uber mich: denn da ich mein Briefbuchelchen nachsehe, so sind es so viele Tage, dass ich Ihnen Antwort und einen Brief schuldig bin. Meine Abwesenheit trug was zu dieser Verzogerung bey, aber es ist doch nicht recht; ich hatte aus dem Hause der Frau Grafe schreiben konnen. Doch meine Nachlassigkeit ist genug bestraft, da ich so lange Zeit ohne eine Unterhaltung mit Ihnen zugebracht habe, und dann erinnere ich mich, dass Sie ein Paarmal mir sagten, dass Sie in spatern Briefen von mir, eher das sehen, was meinem Verstand und Empfindungen am meisten gefallen habe, als gleich anfangs, wo die Umstande mein zur Schwarmerey geneigtes Gefuhl uberraschen und manches schoner als wahr darstellten. Bey erfolgter Ruhe aber, rufte ich nur das in mein Gedachtniss zuruck, was meinem eigentlichen Selbst am meisten Vergnugen gegeben hatte, und Sie glauben, dass Sie in meiner Art Sachen zu denken, zu beurtheilen und Entwurfe zu machen, nicht nur mein Inneres mehr sehen, sondern, dass auch meine wunderbaren Aufzuge von Leuten und Sachen, in Ihrem einsamen Aufenthalt, die entfernte Menschenwelt in einem gefalligen Licht erscheinen macht. Ich habe das Beste und Edelste, was in mir liegt. meinem Oheim und Ihnen zu danken. Mit ihnen beyden habe ich mein Bilderbuch von guten Menschen angefangen, und da ich so glucklich war, auf dem bisherigen Wege meines Lebens so viel Gute anzutreffen, so will ich fortmalen und bey ihnen meine Probe- und Meisterstucke aufstellen. Es muss einst in erlebten Jahren susses Vergnugen fur mich seyn, diese Sammlung durchzusehen und am Ende meiner Bahn durch die moralische Welt lauter Ideen um mich zu haben, die der Beweis eines wohlwollenden Herzens sind.

Das ist nun eine lange Vorrede zu zweyen vielleicht sehr kleinen Gemahlden, die Sie schon vermuthen, und ich will sie nun geschwind auspacken. Wir wurden von Frau Grafe gebeten noch ein paar Tage in Rehberg bey ihr zuzubringen; sie hatte ohnehin Fremde, die uns gewiss gefallen wurden. Wir gingen auch vor sechs Tagen hin und trafen zwey Frauenzimmer und zwey Herren, die alle einen durch Bucher- und Menschenwelt ausgebildeten Geist zeigten. Wenigstens, sagt Cleberg, musste viel Schones und Merkwurdiges von ihnen vorbeygegangen seyn. Ich glaube, er will damit sagen, dass er ihnen keine grundlichen Kenntnisse zuschreibt. Es mag seyn, es liegt doch wahre Verehrung jedes Verdienstes in ihnen, und eines der Frauenzimmer kennt die Gesinnungen der Freundschaft gewiss ganz, denn es ist ihr Heiligthum, in dem sie mir als Priesterinn erschienen ist; und Frau Grafe behauptet vor diesen Fremden ein schoneres Stuck Philosophie gelernt zu haben, als Sie und van Guden mir jemals mittheilten. Es war die Frage von Tadel und Verlaumdung, welche so vieles Misvergnugen uber unsere besten Tage verbreiten. Die Fremde sprach: diese Gewalt lasse ich bosen Menschen nicht. Einmal suche ich Fehler zu vermeiden, um innerlich mit mir zufrieden zu seyn, und dann gonne ich ihnen grossmuthig die Freude mich zu tadeln, ohne mir Hass und Rache dagegen zu erlauben; dadurch erhalte ich meine Ruhe und meine Menschenliebe unverletzt. Das ist aber sehr schwer! sagte jemand mit dem Lachlen des Zweiflens. Sie haben recht erwiederte sie: aber es ist schon, etwas schweres zu versuchen. Jeder Schritt zu einer Anhohe ist beschwerlich, aber man wird auch belohnt. Sie hassen also nicht so sehr, als sie lieben konnen? Nein! denn ich achte es fur eine eben so grosse Pflicht, Fehler zu vergeben, als Tugenden zu lieben. Ja! aber, wenn man sie ubel beurtheilt, ihren guten Namen, ihre Ruhe und ihr Wohlseyn unterbricht, was thun sie da? sagte einer der zwey Fremden. Ich verwahre mich gegen den Schaden ohne dem Beleidiger weh zu thun. Sie wissen meine Grundsatze daruber, denen ich getreu seyn werde. Verschiedene Denkungsart bringt immer Entfernung in den Gemuthern hervor, und was mich gleichgultig macht, kann das Herz eines andern zum Hass bewegen, wenn ich ihn nur nicht verdiene, wie der edle Amerikaner sagte: "den Schmerz, den sie mich fuhlen machen, soll durch mich niemand fuhlen." und vergesse alles; denn was wurde aus dem Leben guter Menschen werden, die den Tag uber an Verlaumder und Feinde und die Nacht an Gespenster und Diebe dachten. So lang ich wache sind meine Kinder, meine Arbeit, meine Freunde, Bucher, Ideen von Schonen und Guten in der Welt, vom Wohl, das die Vorsicht mich geniessen lasst, wechselsweise in meinem Kopfe und Herzen. Des Nachts freut wich die Ruhe und Stille der Natur, und die von meinem Zimmer und meiner Seele. Ich danke und bitte fur mich und die Meinigen und wunsche allen alles Gute, was sie bedurfen, und so fassen sich meine Stunden bey der Hand bis die letzte mit Lacheln den Reihen unterbrechen wird, und (sagte sie zu den nemlichen fremden Manne,) die letzte Stunde kann nicht lacheln, wenn sie uns mit dem Andenken des Hasses und der Beleidigungen unsers Nachsten erscheint. Sie kusste dann mit einer Thrane im Auge, einen aus Haaren geflochtenen Ring. Gutes thun und Gutes glauben will ich, Julie, bis ich dich sehe, um der Freundschaft deiner edlen Seele werth zu bleiben. Sie konnen denken, dass ich sie hier aufmerksam anblickte, und sanft sagte ich, mich gegen sie biegend: darf ich den Ring sehen, der ihnen so werth ist? Gern! aber nicht anruhren. Er ist Reliquie und die ganze Erde hat nichts ahnliches mehr. Dann erzahlte sie mir von einer schweizerischen Dame, deren Tod sie seit einem Jahr beweint, und durch ihre innige Liebe und Verehrung fur diese ausserordentliche Person macht sie sich selbst hochachtungswurdig.

Diese Dame hiess Julie Bondeli, ein, wie die Fremde sagt, fur alle, die sie kannten, heiliger, geliebter Name, weil er ihnen Grosse des Geistes und der Seele in einem Bilde darstellt. Kenntnisse, Tugend und jeder Reiz des Verstandes und der Gute lagen in ihr vereint.

Sie gab uns dann Briefe von ihr zu lesen. O meine Mariane! diese Freundin hatten Sie haben, Sie kennen sollen. Unsere Manner bewunderten den Scharfsinn ihrer Einsichten, die Richtigkeit ihrer Urtheile und Ausdrucke, neben der schonen Schreibart. Ihre Feder hat alle Grazie ihres Geschlechts und ihr Geist alle Starke des unsern, sagte Cleberg. Die Frewde lachelte vergnugt, und erwiederte: Sie sind sehr nah bey dem Gedanken von J. J. Rousseau, der meine verewigte Freundin kannte und zu schatzen wusste. Dieser sagte von ihr: "dass sie zwey der seltensten Vorzuge in sich vereinige: unsers Leibnitz Geist und Voltairs Feder." Mariane! unsere Manner alle zuckten zuruck, so wie es bey jahen Einfallen eines Lichtstrals auf unsere Augen geschieht, und mein Cleberg hatte nach Frau Grafens Vermuthung die Miene, als ob er das, was er gesagt, zuruck haben mochte. Vielleicht thu ich ihn Unrecht; (fuhr sie fort) aber ich habe manchmal bemerkt, dass Eitelkeit uns an den Gedanken eines grossen Mannes anschliessen, und dann ists bey andern ein Stuck Stolz, wie ihr Cleberg hat, der uns lieber schweigen heisst, als einen guten Gedanken mit einem andern zu theilen. Diese Bemerkung mag richtig seyn; aber sie missfiel mir. Vielleicht, weil sie den Mann traf, dessen Namen ich trage. Die Fremde hatte wahrend unserm Flustern noch einige Briefe aufgesucht, die dann vorgelesen wurden. Und gewiss, alle Feinheit des Gefuhls und Geschmacks liegt darinnen. Die Fremde sog, mit Entzucken und Wehmuth im Auge, die Lobspruche ein, die wir ihrer Freundin gaben. Sie sagte aber dabey: O, wie viel mehr als diess, war die Gute, Sanftmuth und Menschenfreundlichkeit ihrer Seele. Wir wunschten alle, dass diese Briefe gedruckt werden mochten. Aber der edlen Todten zuweit getriebene Bescheidenheit verbot es. So, wie sie alle Briefe und Papiere verbrannte, die sie von Freunden erhalten, oder selbst aufgesetzt hatte. Es ist gewiss schon, so lieben zu konnen wie diese Frau; gewiss glucklich, eine Julie Bondeli zu seiner Freundin gehabt zu haben, und fur mich ist es immer wahr, dass, wenn in den besten Stunden unsers Lebens, das, durch Unterricht und Nachdenken erhaltene Bild der Weisheit und Tugend von uns tritt, wir immer die Arme darnach ausstrecken und wunschen ihn ahnlich zu seyn, weil wir fuhlen, dass Einigkeit in ihm liegt. In diesen Stunden machen wir unserm gottlichen Urheber Ehre, und empfinden, dass wir fur unsterbliches Gluck und fur die Tugend geschaffen sind. Jede Faser unsers Herzens ist dann Bestreben nach edlen Thaten. Wir empfinden Willen und Krafte dazu; freylich erloschen und verschwinden diese Vorstellungen wieder, aber sie zeigen sich mit Macht, wenn wir in irgend einer Geschichte, oder in einem lebenden Menschen; einige von den Eigenschaften erblicken, die wir in seligen Stunden uns selbst wunschten, und gewiss, wer edle gute Menschen herzlich lieben kann, ist ganz nahe dabey, selbst so zu werden. Ich denke also in meiner Neigung fur diese Fremde nicht zu irren, und es freuete sie, als ich ihre Julie mit ihr beweinte.

Cleberg und Ott behaupten, dass unsere Julie, seit diesem Tage einen geheimen Stolz auf ihren Namen hatte, und sie will, dass ihr nahestes Madchen Julie Bondeli getauft werden soll. Mir sagte sie: Dann wird Latten finden, dass ich noch mehr Englanderin bin, als du, weil diese ihren Kindern so gar die Familiennamen ihrer geliebten Freunde geben. Das jungere Frauenzimmer war eine artige Brunette, niedlich gebaut, hatte schone schwarze Augen und war voll Verstand und Empfindung. Sie hat unschuldige Munterkeit wie ein Kind, ob sie schon mit drey und zwanzig Jahren selbst schon Mutter von drey Kindern ist. Cleberg sprach gern mit ihr, weil sie ihm voller Witz zu seyn schien; aber er fand mehr, wie er sagt; da jede Liebenswurdigkeit bluhend und ungekunstelt in ihr ist, wie die Insel Finian von dem Genius der Natur, ohne Ordnung und Scheerschnitt des Gesuchtens, Pflanzens und Formens angenehmer Gestalt, Blumen und Fruchte von selbst tragend; hie und da nur bemerke man Spuren, von gleichsam zufalliger Aussaat durch Menschen Hand, die in dem vortreflichen Grund leicht zur Vollkommenheit anwuchsen. Sie erzahlt allerliebst und war mit so viel zartlicher Achtsamkeit um unsern Kahnberg herum, dessen Blindseyn sie ausserst ruhrte. Sie freute sich auch so treuherzig ihren schatzbaren Mann wieder zu sehen, sprach so gern von jeder guten Eigenschaft die er besitzt, von seiner Liebe fur sie, von ihren Kindern, so dass sie uns auch dadurch unendlich lieb wurde.

Sie waren alle vier Tage mit uns zu Rehberg und dies sind wirklich Gottertage fur mich gewesen. Denken sie sich den Hausherrn und Frau, die Callen, die Kahnberge, Otten, der herrliche Rath Franke, unserer Grafe Bruder und feine artige Frau, wir Cleberge und meinen Oheim; dieser und mein Mann freuten sich ungemein uber die Erneuerung vieler halb erloschenen Bilder, die ihnen durch diese wieder fremde vorkamen; wie sie auch durch Nachrichten ganz kurz entstandener Ideen und Sachen Schriftsteller und Arbeiter in dem Gebieth der Wissenschaften und Kunste, die sie auf ihrer Reise sahen, unserer Kenntnisse bereicherten. Wir haben auch durch sie eine grosse Liste von Buchern und Kupferstichen, Namen von Kaufleuten und Fabrikanten, wo schone und artige Sachen neuer Erfindung zu haben sind, erhalten. Unsere Manner lieben alle diess, und haben nun viel Stoff zu neuen belebten Unterredungen, uber Mechanik, Musik und andern Kunsten, woraus wir Weiber auch Nutzen fur unsern Kopf ziehen und dadurch unser Leben verschonern.

Fur mich war dieser Aufenthalt noch viel mehr als fur die andern; weil er die ersten reizenden Tage in mein Gedachtnis zuruck rief, die ich in Redberg verlebt habe. Der vortrefliche Pfarrer lebt nicht mehr, durch den ich Henriette von Effen kennen lernte; aber sein jungerer Bruder hat die Stelle, und die Einwohner von Effenhofen sind durch Herr T. sehr glucklich, sagte Herr Callen, dessen Gut hier in Rehberg liegt. Mein Mann liess mich nicht nach Effenhofen gehen, weil er mich von starken Gemuthsbewegungen bewahren will. Hier geniesst man Fruhlings- und Herbstaussichten besser als in Seedorf. Das Schloss liegt auf einem Berg, das Dorf an der Anhohe desselben. Da ist im Fruhjahr, die verschiedene Blute der Obstbaume und jetzo die vielerley Farben der absterbenden Blatter, das welkende Grun der Wiesen und die noch frisch aussehende Tannen dagegen ein sehr angenehmer Anblick. Der Zufall hatte mich und die Ottens gerad in die Zimmer gegen das Thal angewiesen, wo wir zweymal wahrend dem starken Nebel, der in dem Thal lag, und dem heitern Himmel mit Sonnenschein auf dem Berg, uns vorstellten, als ob wir von einem Felsengebaude das Meer betrachteten und eine Idee seiner Unermesslichkeit, war vor uns. Unsere Manner Ott und Cleberg erzahlten uns dabey von ihren Seereisen, und es ist wohl in langer Zeit nicht bey einem Fruhstuck und Aussicht auf Nebel so viel Nutzen und Vergnugen genossen worden, als die zwey Tage. Adieu, Beste, Theuerste!

Hundert und vierzehnter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Nun ist die zweyte Ittensche Tochter ganz bey mir. Sie ist, ohne Schonheit, hochstgefallig, von mittler Grosse, schlank, weiss, etwas Pockennarbigt, Wangen und Lippen fein roth, der Mund gross, aber schone Zahne, und die Bewegung im Reden und Lachen ganz artig, Anstand in allem was sie thut. Sie fasst alles leicht, bewegt sich und geht leicht; denkt und spricht gut, ist freundlich, edel und dienstfertig. Wie innig das holde Madchen sich an mich heftet, kann ich ihnen nicht genug sagen! Sie lauscht, sieht und horcht nach mir, wenn ich mich wende, komme oder rede. Aber eben so aufmerksam ist Ott auf sie. Letzt sagte sie mir, in seiner Gegenwart: Sie wolle meine mir ganz ahnliche Tochter werden. Da fasste er ihre Hand und sprach ganz lebhaft: O wie glucklich machten sie uns alle, meine Liebe, wenn diess geschahe. Was will er damit? Ich ward roth, und das liebe Madchen sagte so treuherzig: warum ist ihnen an einer Rosalie nicht genug dass sie dazu noch eine Julie haben wollen? Er antwortete: Seyn sie ruhig, Liebe, und suchen nur, so viel sie konnen, Wiederschein von diesem strahlenden Bilde zu werden; wobey er auf mich deutete. Ich nahte emsig fort, weil mich der Inhalt dieses Gesprachs verlegen machte. Ott hatte sonst nie keine Art von Schonthun bey mir gezeigt. Ich will es auch nicht, dann wahre Freundschaft besteht nicht mit diesem Getandel; und der schatzbare Mann sah so ernst und nachdenkend dabey aus, dass er mir fast missfiel. Aber nun ist meine Pflicht des guten Beyspiels doppelt gescharft; gute Eltern vertrauen mir jungen Frau ihr Kind, und die truglose Seele des Madchens halt mich fur so verdienstvoll, dass sie fur ihre eigene Liebenswurdigkeit nichts bessers zu thun siebt, als mir nachzuahmen und der Ott nimmt den feyerlichen Ton und Miene an, um ihr dieses Nachahmen recht wichtig zu machen. Dem Himmel sey Dank, dass der naturliche Gang meiner Seele nach einem guten Ziele gelenkt ist, sonst wurde mir die Idee einer Nachfolgerinn sehr beschwerlich werden, weil ich sie mir immer zugleich als Aufseherin denken musste. Ich lehrte sie die franzosische Sprache. Des Morgens, wenn wir ganz allein sind, lieset sie und sagt mir das Wenige, so sie in der Gramaire gelernt, auswendig vor, und dann geht sie mit mir in Haus und Hof umher, und muss, wann wir bey unserer Zimmerarbeit zuruck sind, mir, was sie sah und mich reden horte, wiederholen und dann wird es ubersetzt, und manche schone Betrachtung gemacht. Die Gute! wie zartlich ist sie! Aber, meine eigene Erfahrung und die noch ganz neue uber eine Fremde gemachte Betrachtung uberzeugt mich, dass die Fahigkeit zu lieben, uns nicht sehr glucklich macht, weil die geringste Storung im Genuss dieses Wohls den bittersten Kummer uber uns ergiesst. Denken sie, was ich bey Clebergs vermeinter Aenderung litte. Ich will mich selbst und das liebe Madchen zu stahlen suchen. Helfen sie mir zu einem sichern Mittel, das uns gegen zu starke Anfalle der Empfindsamkeit schutzen kann. Ich mag das Rezept meines muthwilligen Clebergs nicht; dass. "wenn man sich in allen Augenblicken, hoher als alle andre Menschen schatzte und liebte, vermeide man sicher alle starke Anhanglichkeit und sey daher auch vor dem Leiden der Trennung und des Verliehrens bewahrt." Meine gute grosse Tochter bat mich ihr zu versprechen, dass sie mich um alles fragen durfe und ich ihr auch sagen wolle, was ich an ihrer Stelle denken oder thun wurde. Dieses hat zu manchen recht kostlichen Unterredungen Anlass gegeben. Das Madchen ist ein herrliches Geschopf. So wahr in Allem, und so rein in ihrer Seele. O Caroline! nie werde ich vergessen, dass du gestern an meiner Brust die schonsten Thranen der edlen Empfindung weintest. Rein sollen deine Gesinnungen bleiben, und dich einst glucklich machen. Sie will nicht lieben, will auch fur den besten Mann nur etwas mehr, als blosse Freundschaft haben. Mannerstolz will sie erniedrigen, und ihnen zeigen, dass man ohne Verbindung mit ihnen glucklich seyn kann. Ich sagte ihr da von dem Widerspruch, der in diesem Vorsatz und ihrer Phantasie lage, mich in Allem nachzuahmen; weil das Beste, so sie jetzo von mir sehen konne, eine gute liebende Frau sey. "Ja!" sagte sie, "das ist auch die einzige Unvollkommenheit in ihnen: dies will ich auch nicht lernen, aber sonst alles."

Eine Begebenheit von diesem Morgen muss ich Ihnen noch erzahlen. Wir gingen nach dem Fruhstuck zu dem neuen Bauernhause, das bey dem ausgetrockneten Stuck Moon erbauet wurde, und versuchten das erste Brodt, so aus dem, zum erstenmal da gewachsenen Korn gebacken worden. Mein Cleberg war glucklich, als er aus dem kleinen Hause ging, und die Anlage von Aeckern, Wiesen und Baumstucken sah, die durch ihn, aus einem oden Sumpf entstanden waren, und nun einen ehrlichen Landmann mehr nahrten. Bey einem kleinen Umwege in das Dorf zuruck, fanden wir an einer Hecke eine Bettlerfamilie sitzen, die etliche Brodkrumen in dem Queersack zusammen suchten, und zum Einweichen in einen Topf mit Milch warfen. In der Kotze, welche die Frau auf dem Rukken getragen, sass ein Kind und spielte mit einem zahm gemachten Raben. Der altere Knabe von zehen Jahren hatte ein gelb und weiss scheckiges Hundgen mit einem Strick voller Knoten an seinem Gurtel gebunden. Die Frau war ordentlich und redte als gute Mutter mit ihren Kindern, auch recht vernunftig von dem Tode ihres Mannes und wo sie nun hinwollte, und bat um etwas altes Leinen. Cleberg wollte den Raben kaufen. Die Frau sah ihn bedenklich an, und sagte: Ja, Herr, wenn ihn mein Kind gern hergiebt. Aber wenn es weint, ach, Herr! ich kann ihm keine Freude machen; da will ich ihm diese nicht nehmen. Aber geben sie; Sie wiess dem Kinde, das drey Jahr alt seyn mochte, Geld, und sagte: das ist dein, gieb den Herrn den Raben und wollte ihn nehmen. Das Kind hatte das Geld gefasst; als aber die Mutter den Vogel nehmen wollte, liess es das Geld, schrie und fasste den Vogel mit beyden Handen. Er fragte dann den altern Knaben, der traurig auf seinen Bruder und den Raben blickte, ob er seinen Hund nicht auch verkaufen wolle? Er ging zu seiner Mutter-Mutter! sagt er: der Hund wacht so treu, wenn wir auf dem Felde oder in einer Scheune schlafen. Ex isst kein Brod, als wenn mir ihm geben. O Mutter! behalt den Bello; er gautzt sich tod um mich, ich will weniger essen, lass mir doch den Hund. Aber Jorg! der Herr will dir ja einen grossen Thaler geben. Denk, wie arm wir sind, du kriegst schon wieder einen andern Bello. Der arme Junge sah auf den Thaler in Clebergs Hand, weinte und murmelte. O kein Bellon krieg ich nimmer. Er fieng an mit verdrusslichem Gesicht den Knoten des armen lumpigen Stricks loszumachen, mit dem der Hund an feinen Lenden fest gebunden war, und liess den Strick fallen. Da, sagte er, und lief hinter die Ecke des Baurengartens. Der Hund lief ihm nach. Er stiess ihn mit einem Fuss von sich; aber als der Hund schrie, so zog er ihn an, und liebkosste ihn. Meine liebe Itten und ich hatten Thranen in den Augen und blickten auf Cleberg und Ott. Ersterer that nicht, als ob er es achtete. Aber Ott sah auf meine junge Freundin und sie flusterte ihm zu: Ach mein Gott! wenn ich reich ware, so gabe ich dem armen Jungen den Thaler zu seinem Hunde, weil er als Bettler fur seinen Dienstboten besser sorgt und ihn mehr liebt, als vornehme, gluckliche Menschen die lieben, die fur sie wachen und arbeiten. Ich umarmte sie, und Ott gab ihr einen Thaler. Da Gute! befriedigen sie ihr edles Herz, Cleberg schenkt ihnen den Hund. Nicht wahr? Mein Mann lachelte Ja! Schnell lief sie zum Buben, und rief ihm schon von weitem zu: Bube, guter Bube! bind den Hund wieder an dich, er ist dein, und den Thaler da gieb deiner Mutter. Nun kam der Junge, kusste ihr die Hande, dankte uns mit noch rothen Augen, und liess seinen Hund aufwarten. Er schuttelte an seinen Schubsacken, wandte sie um, und liess den Hund die Brosamen darinn weglecken, nach welchen das arme Thier dazu noch recht hoch hupfen musste. Die Frau war sehr froh uber das Geld und die Kinder uber ihre Freunde, den Hund und den Vogel. Mein Oheim fragte nach dem Namen des Orts, wo sie hinginge und sagte ihr, wenn er Gutes von ihr horte, so wurde er ihr auch noch Gutes thun. Ich schickte ihr noch einen Bundel altes Leinen, woruber sie grosse Freude bezeigte. Die junge Itten sagte auf dem Heimwege zu meinem Manne. O wie viel Angst haben sie mir gemacht, als sie den armen Kindern die Thiere abkaufen wollten. Ich war bose uber alle Reiche, dass sie glauben, Geld sey alles werth, Bettler mussen doch auch eine Freude haben, dachte ich, und furchtete auch, die Mutter wurde die Kinder zum Verkauf zwingen; denn die kennt freylich den Nutzen des Geldes, wie junge Leute die Sussigkeit des Vergnugens.

Ich musste sie hier freundlich anblicken und sie sagte mir: aber warum sagten sie nichts? Sie sind sonst so gut gegen die Armen. Ich musste erst sehen, ob es meinem Cleberg mit dem Kauf der Thiere Ernst sey. Sie antwortete mit sanftem Ton: Der Kummer von den armen Kindern war doch sehr ernstlich. Ott sagte da mit Ruhrung gegen mich: Herrliches Madchen, ach wenn! Seine Blicke auf mich und auf meine junge Freundin waren so bedeutend, dass ich nicht wusste, was ich daraus machen sollte, denn ich wiederstrebte den Vermuthungen, die sich schon ein paarmal in mir erhoben hatten. Die Anmerkung von Carolinen, uber mein zogerndes Mitleiden, hatte mich schon etwas duster gestimmt und vielleicht war dies die geheime Feder, welche den Gang meiner widrigen Vermuthungen beschleunigte. Denn, da ich auf einer Seite von der jungen Itten getadelt wurde, so war ich gewiss mehr geneigt, auch andre zu tadeln. Mein Cleberg bemerkte, dass Etwas besonders in mir lag, und ich gestund ihm meine Verlegenheit uber Ott, in Ansehung meiner jungen Freundin und mir. Er lachte mit einer Art satyrischen Muthwillen. Salie! sagte er, gewiss liegt die Idee einer Lisettengeschichte in dir? Ich zuckte ein wenig zuruck vor dem Andenken und vor dem Scharfsinn des Mannes. Er kam gegen mich: Sey ruhig, meine Liebe! und lass das Madchen alles werden, was sie nach dir werden kann. Ott will sie fur Latten so haben, und es wird ihm wohl gelingen. Nun reute mich der Schritt und alles, was ich geargwohnt hatte, weil das Bilden nach mir, noch so viel Anhanglichkeit in dem jungen Manne zeigte, und ich wohl denken konnte, von meinem Cleberg doppelt beobachtet zu werden. Aber der Entschluss, den ganz geraden Weg zu gehen, half mir, wie er immer helfen muss. Ich anderte nichts, in meinem ganzen Thun und behielt dadurch mein naturlich es Wesen und hatte nichts zu besorgen; obschon, ich bekenne es Ihnen, ganz ungesucht alles in mein Gedachtniss zuruckkam, was Latten an mir gelobt hatte, und gewiss auch alles diess in mein Bezeigen eingeschaltet wurde. Das Fritzgen besorgte ich besonders vor Carolinen und gab ihr immer eine Beschaftigung mit ihm, sie zeigt dem Kinde auch viel Zartlichkeit.

Nun schicken wir uns an zur Ruckreise in die Stadt und mein Oheim sagt, unser Besuch bey dem sogenannten Moorbauren sey ein Abschiedsbesuch gewesen. Er hat mich diesen Abend sehr bewegt, da er mit mir auf dem kleinen Altane stund, der uber unserer Hausthure ist. Es waren viel leichte Wolken am Himmel, die in einer Menge schoner Farben abwechselten. Er sah sie sanft ernsthaft an. Da sie etwas falb wurden, nahm er meine Hand: Liebe Salie! du, dein Mann und eure Freunde, ihr habt den Abend meines Lebens eben so erheitert, wie diese Wolken die letzten Stunden dieses Tages, vielleicht seh ich keine mehr auf diesem Platze neben dir. Ich werde glucklich seyn, wenn meine letzten Augenblicke in eine sanfte Dusterheit verhullt, unter deiner zartlichen Sorgfalt verschwinden. Bleib, meine Beste! auf dem Wege deines Herzens. Es wachsen dir gewiss bey jedem Schritt innere Ruhe, Liebe und Achtung aller Zeugen deines Lebens auf, und mein Segen, mein Kind, (sagte er mit Thranen, mich an sich druckend, da ich schluchzste und seinen Arm gefasst hatte) mein Segen wird um dich seyn, wenn ich uber die Wolken (auf die er deutete) erhoben seyn werde. O Mariane! dieser feyerliche Abschied von der Natur und mir, von diesem vaterlichen Freunde, zerriss mein Herz mit traurigen Ahndungen. Gott erhalte ihn mir noch lang, lang.

Hundert und funfzehnter Brief

Rosalia an Mariane S.**.

Mariane! Sie, die immer alles was mich qualte und freute mit mir theilten, nehmen Sie heut den Ueberfluss dessen was ich gestern fuhlte, und gewiss es freut Sie mit mir.

Gestern Abend zogen wir wieder in die Stadt, und wirklich ist unser Gartenhaus zu leicht gebauet, um uns genug gegen die Nordwinde zu schutzen, meine Leute giengen schon des Morgens nach dem Fruhstuck ab. Wir assen bey dem Pfatrer zu Mittag und es wurde bis zu unserer Ankunft in die Stadt so spat und dunkel, das schon in allen Hausern die Lichte angezundet waren. Cleberg hatte Carolinen zum Namenstag einen blauen Reiserock und Kappe mit weissem Pelz ausgeschlagen machen lassen, wie meine gelbe Kleidung ist. Wir mussten beyde diese Kleider anziehen, theils weil es kalt und duftig war, theils auch weil es uns beyden sehr gut stund. Sie denken sicher, dass uns letztere Ursache eben so wohl gefiel, als erstere und dass wir uns in der Kutsche selbst sein gerad hielten, um unsere schone Taille immer in guten Licht zu halten, ob es schon dunkel war. Die Stadt, die Strassen und Hauser hatten etwas neues fur mich bekommen, weil ich den ganzen Sommer nur einmal da war, um mit Hannchens Eltern wegen ihrer Heyrath zu sprechen. Ich sah also wahrend dem Fahren immer mit einer Art Neugierde, die Gassen hin und her, staunte aber gar sehr als ich ein Haus in der Nachbarschaft des unsrigen, in beyden Stockwerken ausserordentlich beleuchtet sah. Bey der Raherung unserer Kutsche, da wir bey diesem Haus um die Ecke mussten, wo unser Hofthor ist, bemerkte ich einen Saal mit Wand- und Hangeleuchtern mit vielen Wachslichtern und mehrere Personen an den Fenstern, die mir sogar Bewegungen des Grussens zu machen schienen. Ich sagte es meinem Mann, indem ich zugleich hastig fragte, wer wohl da wohnen mochte? Er druckte mir etwas zitternd die Hand und antwortete: rechte gute Freunde von uns mein Kind, mit denen wir zu Nacht essen werden. Wenige Augenblicke darauf hielt der Wagen still, ich dachte Ott und Julie hatten ihre Wohnung verandert, oder die Callen waren in die Stadt gezogen. Aber ein Bedienter, den ich nie sah und ein Soldat erschienen mit Lichtern an der Thure und gleich darauf kam ein artiger Officier in Russischer Uniform, und bot mir die Hand, mein Oheim half Carolinen aus der Kutsche, denn mein Mann war heraus gesprungen, und hieng an dem Hals eines Fremden. Ich blickte mit Verlegenheit und Unruhe nach meinem Oheim, in dessen Gesicht ich die Auflosung dieses Razels lesen wollte. Er verstund mich, lachelte freundlich und sagte: fasse dich Salie, du wirst mehr als eine Freude finden. Caroline stund denn mit dem kleinen Fritzgen an der Hand neben mir, der Knabe versteckte sich bey den vielen Fremden in meinen Rock. Cleberg rief ihm zu und den Augenblick schrie der Kleine innig, Papa! Papa! verliess Carolinen und mich, um in Lattens Arme zu eilen, welches der Fremde an Clebergs Hals war, der wahrend den ersten Kussen des Kindes fluchtige, aber sehr bedeutende Blicke auf mich und die gute Caroline warf. Ich bewillkommte ihn nur mit der Bewegung meiner rechten Hand, indem ich die Auffoderung des Officiers folgen musste, der mich gegen die Treppe fuhrte, die sich von einer Seite in einen Winkel dreht, wo man einige Schritte nach der ersten Halfte zu ruhen hat, ehe man die zweyte zu steigen anfangt und dort einen schonen Vorplatz sieht. Den nemlichen Augenblick, wo ich die Augen dahin wandte und nur noch vier Stufen zu steigen hatte, sah ich ein Frauenzimmer zu einer Thure heraus eilen, und mit ausgestreckten Armen gegen die Treppe laufen. Und, o liebe, liebe Mariane, es war van Guden, die mich an ihre Brust druckte und eben so wenig reden konnte als ich. Wir taumelten mit verschlungenen Armen in ein Cabinet, wo Freudenthranen unsere gepressten Herzen erleichterten, wo wir uns fassten und uber den Gedanken entzuckt waren, den ganzen Winter mit einander zu leben. Sie dankte meinem Mann und Oheim, die in allem so gut fur das Haus gesorgt hatten und ich fand darinn die Ursache, warum Cleberg die letzte Herbstzeit so oft in die Stadt ritte ohne mir je etwas von seinen Geschaften zu sagen. Nun waren die andern auch in den Saal gekommen, mein Oheim klopfte an die Cabinetsthure und bat mich, ihn der Frau Guden vorzustellen. Diese zwey wurdigen Personen umarmten sich, indem van Guden sagte: der vaterliche Freund von Rosalien und ihre mutterliche Freundin konnten sich auf keine andre Art bewillkommen. Hierauf stellte sie mir den Officier als den jungsten Bruder von Frau Wolling, die zwey Pindorfischen Kinder, den Carl Wolling, Meta und Wilhelm Mooss vor. Dieser Herr (auf Latten deutend,) sagte sie, wird ihnen nicht fremd, aber unerwartet und etwas neu vorkommen. Lattens Aug betrachtete mit Nachdenken meine Gestalt, die durch mutterliche Hofnungen etwas verandert war. Er buckte sich nach seinem Fritzgen, den er an sich schloss, dann meinen Mann an der Hand fasste, mit dem er in ein Fenster gieng. O mochten sie doch sehen, was in der Einode von Wollinghof aus den Pindorfischen Kindern geworden ist. Reiner Wuchs, edle Offenheit der Seele in allen Zugen, alle Anmuth freyer jugendlicher Bewegung, der Ton der Stimme lauter Liebe und Leben; vertraute zartliche Blicke auf van Guden als ihre Freudengeberin; zuweilen Anhangen und leichtes Weghupfen von ihr. Meta Mooss, wie hold, wie so voll jungfraulichem Anstand und Sittsamkeit neben dem Ausdruck von Geist und Gluck ihrer Jahre. Wilhelm Mooss, zu einem Freund, Lehrer und Vorganger gebildet, Bescheidenheit und Selbstbewusstseyn in der lebhaften Junglingsmiene, Aufmerksamkeit und Anbetung im Auge, so oft er van Guden ansah, oder sie mit ihm sprach. Gustav und Henriette, alle edle Kennzeichen ihres Standes in ihrem feinen gefalligen Bezeugen und dann Unschuld, Einfalt und Wissen wechselweiss auf ihren hubschen Gesichtern. Wir speissten hochstvergnugt beysammen zu Nacht. Wie die Kinder schlafen giengen, und von Frau van Guden angewiesen wurden, mich Tanne Cleberg zu heissen, Fritzgen aber nach seiner Gewohnheit mich Mama Salie nannte, und an mir hieng; so wurde mein Herz zu Thranen erweicht. Mein Oheim der neben mir sass, bemerkte es mit Ruhrung und fasste meine Hand: du gute halbe Mutter! auf wie vielerley Weise wurde heut deine Seele bewegt, ich wunsche herzlich, dass es einen unausloschlichen Eindruck auf die keimende Fahigkeiten deines Kindes machen moge, und das dich Gott die Freude geniessen lasse es aufgewachsen zu sehen; denn es muss gewiss ein menschenfreundliches edles Geschopf an Leib und Seele werden. Ich sank hier aus Uebermaass von verschiedenen Empfindungen an den Busen meiner Freundin und im nemlichen Augenblick sprangen Cleberg und Latten zugleich von ihren Stuhlen auf, weil sie dachten, ich sey ohnmachtig geworden. Cleberg kam zu mir, Latten aber hielt sich mit krampfigen Fingern an seinen Stuhl fest, war etwas blass und sah starr auf mich, da ich gerad mein gluhendes Gesicht erhob um die Hand meines Oheims zu kussen und meinen Mann zu beruhigen, der ausserst angstlich nach meinem Befinden fragte. Unsere gute Caroline Itten hatte, wie mir van Guden sagte, viel zu sehen; denn sie blickte mit Freundes Augen auf mich, aber mit Staunen auf Lattens starre Augen, mit Beyfall auf Clebergs Bemuhungen um mich, und mit etwas Unmuth auf meinen Oheim, der Ursach an dem Auftritt gewesen. Der Officier beobachtete sie, und redte den Latten an, der einen ziemlich artigen Ruckweg zu dem Aussehen der Freundschaft nahm, indem er Carolinen ins Ohr flusterte, das der gute alte Mann unsere Freude durch einen Schreck unterbrochen habe. Er habe auf seinen Reisen gesehen, wie sehr gefahrlich auch sanfte Empfindungen in meinen Umstanden werden konnten, wenn sie zu stark waren. Meinem Cleberg war nichts von Lattens Bewegung entgangen; er druckte seine Hand, als er sich wieder zu ihm setzte, und sagte auf Englisch: Mein lieber Freund! wie viel Schmerz ist bey Wunschen und Genuss des Glucks. Latten gieng ehender weg, als wir Cleberge; da wurde mir erzahlt, dass ihm Ott gerathen hatte nach Wollinghof zu gehen, und der Frau Guden ganz freymuthig den Zustand seines Herzens zu erofnen. Das hatte er gethan und sich bey der Verordnung recht viel von seiner Liebe zu reden, sehr wohl befunden, da Frau Guden ihn angehort, mitgesprochen und durch weises Nachgeben und Theilnehmen dahin gebracht habe, die Idee seines Glucks, in zartlicher Freundschaft mit uns, und in der Verbindung mit einem liebenswerthen Madchen zu suchen, deren Gluck er machen wurde; und so sey er wieder zuruck gekommen. Er wurde aber in der Vorstadt wohnen, wo er eine Fabrik von striefigen Leinen aufrichten wolle, das theils fur Weibskleidungen, theils aber zu Hausgerath bestimmt werden solle. Sehen sie, wie in diesem Brief alles verwirrt unter einander lauft. Der Freudentaumel ist noch in mir. Ich habe auf nichts denken, noch weniger von dem Officier erzahlen konnen; aber ich hohl' es nach, und will ihnen nur ganz kurz den Auftritt mit Latten beschreiben, der bey uns fruhstuckte, und sein Fritzgen besuchte. Er schien mir etwas blasser und hagerer als er bey seiner ersten Ankunft bey uns nicht war; Ott hatte ihn begleitet, und fragte mich: ob ich nicht recht zufrieden sey, auch diesen guten Menschen in unserer Stadt erst zu sehen? Ich versicherte es, dankte ihm auch, dass er gleich den jungen Wolling mit in den Plan seiner Geschafte genommen habe, und horte nun auch, dass sein Haus schon vollig eingerichtet sey, Nebengebaude aufgefuhrt waren und ein Vorrath von Hanf und Flachs daliege, um Spinnereyen zu errichten und Weber und Farber zu beschaftigen. Es wurde dann von Carolinen Itten gesprochen, und ich aufgefodert von ihrem Herzen und Kopf zu reden, weil Frauenzimmer sich einander mehr Vertrauen bewiesen, als ein Mann jemals von ihnen erhalten wurde. Ich malte dann ganz getreu das Bild meiner Freundin bis auf die kleinsten Zuge aus. Latten trank, wahrend ich sprach, sieben Tassen Thee ohne aufzusehen, endlich sagte ihm Ott: Ey Bruder! du schwemmst ja das artige Bild wieder vollig aus deiner Seele weg; nun soll unsre Rosalie trinken, nachdem sie so lang geredet hat. Ich sagte: Das will ich auch thun; aber ich mochte vorher wissen, ob unser lieber Latten mit meinem Gemahlde zufrieden ist. Er ergrif meine Hand, druckte sie sanft zwischen seinen Handen und sagte mit seiner so wohltonenden Stimme: Sie haben, meine theure Freundin, sich und Carolinen in mein Herz gegraben. Ich denke wohl, dass ihre schone Seele Zusatze machte; aber ich fuhle zugleich, das ein rechtschaffener Mann mit Carolinen glucklich leben kann, wenn auch nur die Halfte des Guten wahr ist, das sie sagten. Geben sie nun ihrer Freundin auch eine gunstige Idee von mir, so will ich mich freuen die Achtung und Zartlichkeit meiner Gattin von ihnen erhalten zu haben. Ja, mein Bruder Latten, ich will Carolinen den ganzen Werth des Glucks zeigen, das sie mit ihrer Hand und ihrer Liebe erwartet; aber, aber sie mussen sie lieben, ganz lieben; das gute herrliche Madchen wurde ja elend, wenn sie ihrem schatzbaren Mann gleichgultig ware. Das ist sie mir nicht und wird es nicht werden; ich ware ohrfahig um sie zu werben. Nun war alles gut. Wir sprachen dann vom Gluck der Freundschaft, von dem Vergnugen eine nutzliche Beschaftigung zu haben, und auch durch dieses Beyspiel etwas zu dem gemeinen Wohl beyzutragen; wir sagten dann, dass unser Haus, das Grafische, die Callen, Kahnberge, Ittens, Linke und Otten wirklich fur Fremde und Einheimische, als so vielerley Art von Verdienst und Gluck angesehen werden konnten, keines zu viel Schimmer, alle einen Grad Wohlstand, der ihnen den massigen Genuss der feinen Freuden des Lebens erlaubt. Nun kommt Latten dazu, und seine Fabrik giebt uns eine neue Art Paste; denn wir Weiber und Madchen alle sollen des Jahrs zweymal seiner Caroline helfen, an die gerollte und zubereitete Stucke Leinen, die kleinen Zierathen und Handlungszeichen nahen; wo er uns dann in dem leeren Verlagszimmer einen reichen Kaufmannsschmauss geben wolle. Die Frankfurter Messe schaft uns diesen Past. Wie froh bin ich, dass Latten ruhig ist.

Hundert und sechszehnter Brief

Rosalia an Mariane S.**.

Ja meine Liebe, der Officier hat uns alles selbst erzahlt, und Sie wurden auch ohne Bitten einen kleinen Auszug der Geschichte dieses schatzbaren jungen Mannes erhalten haben. Aber eines mussen Sie thun, Mariane! In meinen altern Briefen nachzusuchen, wo die Frau Wolling der van Guden ihre Geschichte erzahlt; denn dort werden Sie einen jungern Bruder finden, der Charlotten und ihren Carl unendlich liebte, aber mit 17 Jahren von dem vaterlichen Hause wegkam, und gleich in Kriegsdienste trat. Sein schwanker richtig gebauter Korper, sein mit sanftem Feuer viel Geist versprechendes Auge, das gute Herz, und die Gefalligkeit, welche in seinem Lacheln und in dem Ton seiner Stimme bemerkt wurden, gefielen dem Obristen seines Regiments so gut, dass er sich gleich vorsetzte, eine besondre Sorgfalt auf die Ausbildung dieses Junglings zu verwenden; indem er sich Hofnung machte, nicht nur einen schonen, sondern auch einen verdienstvollen Mann an ihm zu ziehen. Er gab ihn unter die Aufsicht eines erfahrnen alten, und eines vortreflichen jungen Officiers, von denen er den Dienst und die Kriegsbaukunst erlernte. Edle Ehrbegierde, und Dankbarkeit fur seinen Gonner und seine Lehrer, sporten ihn zu unausgesetztem Fleiss an, und er wurde einer der brauchbarsten und schatzbarsten Leute. Es ist ausserst angenehm, diesen bescheidenen, meist nur andern mit Achtung zuhorenden jungen Mann, mit so vieler Warme und uberfliessendem Herzen, von seinen Freunden sprechen zu horen, besonders von dem Officier, der ihn in dem ersten Winterquartier vollkommen Zeichnen und Mathematik lernte.

Der Sturz seines Vaters, das verringerte Vermogen

seiner Familie, eine Art von Beschamung, die er daruber fuhlte, machte ihn wunschen, recht weit von seinem Vaterlande wegzukommen, und es gelang ihm, in russische Dienste aufgenommen zu werden; und daselbst unter der Anfuhrung und dem Beyspiel eines deutschen Generals 2 von grossem Geist, seine angebohrne Talente und Rechtschaffenheit in vielen Gelegenheiten zu zeigen. Er sagte uns: der Genius seines Generals, und die wahre grosse Kaiserseele seiner Monarchin hatten ihn angefeuert, die Verdienste zu erwerben, durch welche er wurdig geworden sey, unter den Befehlen dieses Mannes fur diese Frau zu sterben. Er befliss sich deswegen auch besonders auf die Sprache des Landes, und auf Kenntniss des Nationalkarakters, um den Weg zu der Liebe und dem Vertrauen des gemeinen Mannes zu finden, wodurch man in Friedenszeiten fur das gemeine Beste arbeiten, und im Krieg wichtige Unternehmungen ausfuhren konne. Als er nun des Beyfalls und der Gnade seines Generals versichert war, und sich durch seine Lebensordnung auch etwas erspart hatte, so suchte er um die Erlaubniss an, nach Deutschland zu reisen, indem es ihm unertraglich geworden, in den seltenen Briefen seines Bruders so wenig Deutliches von dem Schicksal seiner Mutter und Geschwister zu horen; denn, (setzte er hinzu,) je grosser und sicherer ich mein Gluck vor mir sah, je mehr wunschte ich auch, von dem Wohlstand meiner geliebten Verwandten gewisse Nachrichten zu haben, und genoss in dem immerwahrenden Zweifel und Unruhe daruber mein eigenes Wohlseyn nur halb. Er kam also vor drey Monathen auf ein Jahr in sein Vaterland, und besuchte zuerst seinen Bruder den Secretair, welcher aber eben verreisst war. Da gieng er zu seiner altern Schwester der Frau Hofrathin H**, bey dieser horte er die Erzahlung von dem Tode seiner so geliebten Mutter. Er wartete sodann auf Nachrichten von Charlotten mit angstlichem Herzen, weil er furchtete, sie lebe auch nicht mehr, da ihr Name von keiner Seele genannt wurde, und man ihm nur von den Umstanden der Familie so ganz uberhaupt Nachricht gab. Sein Bruder, welcher ihn den zweyten Tag dort aufsuchte, sagte ihm ein weites und breites von den Rechnungen uber das Vermogen, so sich alles dahin endigte, wie er ihm nichts mehr geben konnte, indem das lange Krankenlager der Mutter so viel gekostet habe, und dass er verbunden gewesen, die zwey vornehme Schwager am ersten zu befriedigen, weil er ihnen viele Unterstutzung in seinem Dienst zu danken hatte. Dem guten Officier war alles recht, und er versicherte seinen Bruder, dass er mit seinem Besuche nichts anders wollte, als die Freude, seine Verwandten wieder zu sehen, ihr Wohlseyn und ihre Liebe sey alles, was er sich wunschte. Nun war sein Bruder sehr zufrieden und munter; aber ihm schien Charlottens Tod gewiss und schon lange vorbey zu seyn, weil sie von allen Leuten so vollkommen vergessen war, dass sie gar nicht mehr gezahlt wurde. Es schmerzte ihn sehr, aber er schwieg, war uber diesen Gedanken in sich selbst gekehrt, und gieng diesen Tag nebst den folgenden Morgen tiefsinnig umher; tadelte sich aber, dass er den lebenden Geschwistern wegen der Todten mit so viel Kalte begegnete. Er sagte sich: sie konnen ja nichts dafur! Tod und Sterben ist Anordnung der Vorsicht Gott nahm das gute Geschopf, ihr ist wohl! Mit diesem Gesprach in sich selbst kam er zum Mittagsessen nach Hause, heiterte sich auf, und suchte einem jeden durch freundliches Bezeugen zu ersetzen, was er ihnen so ungerecht entzogen zu haben glaubte. Sie waren auch alle sehr froh, ihn so aufgeweckt zu sehen, und wetteiferten in ihrer Bemuhung um ihn herum; seine zweyte Schwester und ihr Mann waren auch gekommen, man hatte noch Gaste gebeten, die mit dem russischen. Herrn Bruder speisen sollten. Der Tisch' war in einem grossen Zimmer gedeckt, in welchem einige Familienbildnisse hiengen, man wiess ihm endlich das seinige als Knaben. Hier erinnerte er sich, dass Charlottens Bild neben dem seinigen auf dem nemlichen Blatt gemalt gewesen, und dass das ganze grosser gewesen war. Er fand auch, dass etwas abgeschnitten worden; und sagte es, fragte auch: wo denn das Bild der guten Charlotte hingekommen sey? Warum man es abgeschnitten habe? Er wolle es fur sich haben. Der Wein und die Lustigkeit des Schmauses hatten den altern Bruder und die zwey Schwager schon so weit gebracht, dass sie ohne alles Nachdenken dem ruhigen Wassertrinker uber seine Charlotte loszogen. Er staunte erst, dann sagte er mit einer Thrane im Auge: Ach lasst sie in ihrem Grabe ruhen, und gebt mir ihr Bild, das neben dem meinen war; ihr mogt sagen was ihr wollt, sie ist ein gutes holdes Madchen gewesen. Nun schrieen die rauhen Leute zugleich: Ich wollte, sie ware tod, so beschimpfte sie uns doch nicht mehr mit ihrer Bettelzucht auf dem Mohnheimer Berg. Der arme Hauptmann fuhr auf: Was! Charlotte lebt? hat Kinder? ist im Elend? und ihr! Ihr seyd Bruder und Schwestern! Er hatte seinen Stuhl unigestossen, und wollte voll Unmuth und Schmerz aus dem Zimmer gehen; sie hielten ihn, und erzalten von dem Gartner Carl, der sie verfuhrt und unglucklich gemacht habe. Mehr horte er nicht an. riss sich loss, und gab seinen Bedienten Befehl, ihm zwey Pferde zu schaffen, und eilte mit Heftigkeit in sein Zimmer, indem er auf seine Brust schlug, und sagte: Charlotte! Carl! ihr habt noch einen Bruder an mir. Da man ihm nachgienge, und ihm Vorstellungen uber die jahe unfreundliche Abreise und endlich auch wegen der nahen Nacht Einwendungen machte, so drohte er bey Einpackung seiner Sachen, er wurde sich seinen Weg mit seinen Pistolen frey machen, wenn sie ihm. die mindeste Hinderniss vorlegten, und reisste nach Mohnheim ab, wo er aber erst den zweyten Tag anlangte; indem er selbst in der Nacht krank wurde: und auch die Pferde ruhen lassen musste. Er wunschte anzukommen, und furchtete sich zugleich vor dem Anblick zweyer Personen, die ihm immer so werth gewesen. Er liess den Boten und seinen Bedienten im Dorf zuruck, weil er das Elend seiner Charlotte ohne Zeugen sehen wollte, und ritt allein auf Mohnberg zu. Mein Pferd, sagte er, keuchte nicht so sehr daruber, meine Last Berg-auf zu tragen, als ich unter den Druck meines Kummers um Charlotten; der so lang verwundene einsame Weg des Waldes schwarzte meine traurige Gedanken noch mehr, und als ich nah an Wollinghof kam, und das schone Haus fand, so dachte ich irre geritten zu seyn, und es verdross mich, so gluckliche reiche Leute auf einem Berge zu sehen, wo ich meine Schwester im Elend finden wurde. Ich rief einer Magd, die ein artig Kind auf dem Arm hatte, sehr trotzig zu, mir zu sagen, wohin ich zu der Hutte des Gartners von Mohnberg kommen konnte, ich ware sein Verwandter und wolle fur ihn sorgen. Das Mensch lief, ohne ein Wort zu sagen, fort, und ich ritte den Thorweg hinein, da kam Wolling mit Eile den Gang her. Ich erkannte ihn wohl, aber das Bild von Armuth war so in mir, dass ich nicht glauben konnte was ich sah, und nur steif ihn anguckte. Er erkannte mich sicherer: O mein Freund Heinrich! rief er, mich noch auf dem Pferde umfassend, willkommen! o Gott willkommen! Ich kam aus meinen Steigbugeln und von dem Sattel, ich weiss nicht wie, und lag in Wollingsarmen: alles war um uns versammelt. Meine Lotte wurde vor Freuden ohnmachtig, und ich beynah krank vor inniger Erschutterung des jahen Wechsels der Angst mit Entzucken. Ach wie oft fragte ich sie: Kinder wie ist das? ist es gewiss? das Haus euer? der Wohlstand euer? man sagte mir von Armuth und Jammer. Ach was erzahlten sie mir dann von der Erscheinung der van Guden, von dem Zustand, in welchem diese Frau sie fand, was sie that, und wie sie nun mit ihnen lebte. Dann fuhrten sie mich im Triumph zu dem Engel, der dieses Paradies fur sie geschaffen hatte. O was war der Anblick dieser Gestalt fur mich! (sagte er, auf van Gudens Bildniss zeigend, denn sie wollte nicht dabey seyn, als er den Auftritt erzahlte.) Wolling und Charlotte nannten mich bey dem Eintritt in das Zimmer, da ging sie mir eilend mit einer ausgestreckten Hand entgegen, ich fiel auf meine Knie, umarmte ihre Fusse, kusste sie und benetzte sie mit Thranen. Es war nicht soldatisch, aber bruderlich; van Guden war mir eine wohlthatige Gottheit, ich betete vor ihr, so wie ich vor dem lebendigen Gott gebetet hatte; ich war ausser mir und vor Seligkeit beynah erschopft. Die edle Frau weinte aus Ruhrung uber mich gebeugt, und sagte, dass sie unendlich glucklich sey, einen solchen Bruder auf der Erde zu wissen; sie winkte den andern, stille zu seyn und mich gehen zu lassen. Das leise sanfte Zureden von ihr brachte mich nach und nach zur Ruhe, und zur Theilnehmung an ihr und aller Sussigkeit in Wollinghof. Die Kinder meiner Lotte, die Hutte, in welcher die altere gebohren waren, der Platz, wo die van Guden zu den Kindern gekommen, das jetzige Haus, alles hatte etwas ubermenschliches fur mich, es war immer in mir, der Frau Guden auf den Knien nachzukriechen, immer zu danken und zu beten. Ich schatzte meinen Bruder Wolling auch sehr wegen der Sorgfalt, mit welcher die Hutte in allem erhalten wird, wie sie war, und dass er immer das Gartgen pflegt und pflanzt, das neun Jahre hindurch, mit seinem Schweiss und Thranen benetzt, ihm Frau und Kinder ernahren half. So wie auch Frau Guden mir ehrwurdig ward, dass sie bey Erbauung des neuen Hauses nicht einen Stein des zerfallenen Schlosses wegnahm, sondern dass sie noch auf den grossen Sekkelstein des Hauptpfeilers die Aufschrift graben liess:

Schloss Mohnberg, durch adelichen Wohlstand der edlen Mohnheimer erbaut, durch adeliche Wuth im Faustkriege verstort; dennoch schutzten meine Ueberreste neun Jahre lang die zu mir gefluchtete Unschuld und Tugend einer ganzen Familie, die mich nun als Denkmal der gottlichen Gute betrachtet. Moge ich fur ihre Nachkommen ein Stein der Erinnerung werden, dass Gottesfurcht, Fleiss und Rechtschaffenheit die wahren Grundlagen des Glucks sind.

Als er dies aus seiner Schreibtafel vorgelesen hatte, fuhr er fort zu sagen, dass er wahrend der ganzen Zeit, die er in Wollinghof zugebracht, immer ein Gefuhl in sich getragen, als ob er in einem grossen Tempel herum gienge, in welchem die wahreste und Gott gefalligste Religion gepredigt wurde. Er habe auch Gottes Segen so sichtbar in allem gefunden, die Menschen, Thiere und Gewachse so gut, so glucklich, dass er oft im Wald, bey der Hutte, oder dem Stein seiner Mutter ausgerufen hatte: O das ist Elysium! Die grosste irrdische Belohnung, die er sich fur unsere van Guden denken kann, ist, dass sie verdiene, bey seiner Kaiserinn zu leben. Ich belohnte ihn fur den herrlichen Morgen, den er uns durch seine Erzahlung gegeben hatte, mit der Erlaubniss, das Pack Briefe abzuschreiben, welche ich von Frau Guden aus Mohnberg erhielt, worinn er also alle das Gute findet, welches sie von den Wollingen sagt. Er hat die Ruinen von Mohnberg, die Hutte, das Gartgen und das neue Haus abgezeichnet und in Dusch gebracht, das glebt nun ein herrliches Heft, welches er immer bey sich tragen will, weil er es als ein untrugliches Mittel ansieht, sich in seiner Liebe und Verehrung der Vorsicht zu starken, und den Glauben an Menschenliebe und Menschentugend fest zu halten. Er ubersetzt es auch in die russische Sprache; denn er wunscht, dass die ganze Welt wissen mochte, was die Tugend des Armen, und die Edelmuthigkeit des Reichen fur herrliche Fruchte hervorbringen.

Es ist ein hochachtungswurdiget. Mann. Wir haben ihn malen lassen, ehe er nach Wollinghof zuruck gieng. Sie werden also bey uns sein Bild sehen.

Hundert und siebenzehnter Brief

Rosalia an Mariane S.**.

In drey Wochen keinen Brief! Schreiben Sie: nimmt van Guden alles? gehort ihr alles?

Ja meine Beste! Sie haben Ursache zu klagen, dass ich so lange schwieg; aber horen Sie mich, und Sie werden sehen, dass van Guden von dieser Zeit an nicht mehr erhielt, als ihr gebuhrte. Ich nahere mich einem wichtigen Zeitpunkt meines Lebens, und die vielen obschon angenehmen Bewegungen der Seele, die ich einige Wochen durch zu tragen hatte, machten mich vermuthen, dass ich von einer fruhen Niederkunft uberrascht werden konnte; da fuhrte ich also mit einer Art Aemsigkeit alle das aus, was ich mir auf diesen Fall vorgenommen hatte; das ist, nicht nur die nothige Zubereitung der Betten und weissen Zeuges, denn das war alles fertig; aber eine mich starker angreifende Beschaftigung, Briefe an Sie, meine Liebste, an meinen Oheim, meinen Mann, an van Guden, die Ottens, und alle die ich schatzte, diese waren in dem Ton der Vermuthung gedacht, dass der Augenblick, wo mein geliebtes Kind gesund zur Welt kame, wohl der seyn mochte, in welchem seine zartliche Mutter sie verlassen wurde, und da wollte ich nun, dass nach meinem Tod alle meine Freunde noch ein Kennzeichen meines Danks fur ihre Liebe, und den letzten Beweis meiner zartlichen Verehrung erhalten sollten. Sie konnen sich die Stimmung denken, in welche mein Kopf und Herz bey jedem dieser Briefe kam; ich durfte mich auch nicht immer dabey aufhalten, weil ein Ausdruck von Trauer auf meinem Gesicht bey Clebergen und meinem Oheim jedes Vergnugen stort, ja sogar der junge Itten, und meine Leute niedergeschlagen werden, wenn ich weniger heiter bin als gewohnlich, und jemehr diese Theilnehmung und mein Einfluss auf sie alle mich freut, um somehr halte ich mich verbunden, ihnen alle ihre Stunden angenehm, und den Dienst leicht zu machen. Denn wie mochte ich jemand eine freundliche Miene versagen, wenn ich weiss, dass diese Miene einen guten Menschen einen Augenblick seines Lebens verschonert. Ich hoffe, meine beste edelste Freundin tadelt mich nicht wegen diesem Theil meiner Zubereitung, denn es ist mir nun recht wohl, da ich diese Briefe, meine Rechnungen und Verzeichniss alles Hausgerathes, in Ordnung da liegen habe, und mir auf allen Fall nichts zu thun ubrig ist. Nun sollen Sie das horen, was seit diesen drey langen Wochen mit van Guden und den ubrigen vorgieng; zuerst aber die Nachricht, welche Sie von dem Besuch in der Vorstadt verlangen.

Ich und andre waren gerne mit dabey gewesen, aber van Guden wollte es nicht, sie glaubte, es wurde eine Art Prunk fur sie, und etwas niederdruckendes fur die guten Leute seyn, wenn so viel stattliche Herren und Frauen mit ihr durch die Strasse zogen, und sie nahm ganz allein unsern Latten mit sich, der auch ihr Haus bewohnt, worinn er eine kleine Leinenfabrik aufrichtet, und welchen sie bey dieser Gelegenheit den Leuten bekannt machen wollte. Er holte sie in der Fruhe ab, und sie gieng in dem nemlichen braunen Kleib, das sie ehemals trug, zu ihren alten Freunden, von denen sie mit Liebe und Verehrung aufgenommen wurde. Latten bewunderte ihr hochst feines Gefuhl, mit welchen sie mit den Leuten sprach und umgieng, als ob sie nur eine theilnehmende Freundin und nicht ihre Wohlthaterin gewesen ware. Sie gab dem erhaltenen Guten ihren Beyfall, als ob es die Anstalt derer gewesen, die es genossen, oder derjenigen, die es besorgten. Sie antwortete auf Bitten, auf Dank oder Vorstellung mit der Bescheidenheit einer Person, die selbst nur Furbitterin bey einer andern ist. Manches war nicht mehr in dem schonen heilsamen Stande, worein sie es gesetzt hatte, und in vielen Hausern sah man kaum die Spuren der von ihr eingerichteten Ordnung und Reinlichkeit, aber sie ahndete nichts, bestrafte nichts, besonders da sie bemerkte, wie ihre Blicke auf das Handwerksgerathe und Hauswesen umher die Augen der Frau oder des Mannes zur Erde schlugen, oder auch Entschuldigungen suchen machten. Eine Beobachtung gab ihr vieles Vergnugen, nemlich dass in den Hausern, worinn die Knaben und Madgen waren, welche der Schulmeister und seine Frau ihr gelobt hatten, die Ordnung am besten erhalten schien, das trostete sie uber alles Missfallige bey den andern. Weil, sagte sie, die Macht der Gewohnheit der Jugendjahre die Vater und Mutter auf den alten Weg der Nachlassigkeit und des Schmutzes gefuhrt habe, so wurde die nemliche Gewalt die Kinder auf der neuen Bahn der Ordnung fest halten. Sie will nicht oft in die Vorstadt gehen, sondern den Herrn Latten den Einfluss benutzen lassen, den ihm seine Fabrike und der fur die Einwohner daraus hoffende Gewinnst neben dem Reiz der Neuheit geben wurden. Sie sagte dabey zu uns: Ich war bey meiner ersten Erscheinung Trost und Erleichterung fur diese guten Leute; ich wurde nur durch Vorwurfe oder strenges Anhalten an meine Vorschriften ihre Last vermehren, wobey ich doppeltes Unrecht hatte, weil wurklich bey den Bauern und Burgern diess, was unsern verwohnten Ideen von Anstand und Feinheit als rauh, hart und unrecht vorkommt, einen Theil des Glucks von ihrem Stande ausmacht, indem ein gewisser Grad von Empfindlichkeit fur das Schone und Beste eine Weichlichkeit und einen Ekel hervorbrachte, welche in den Umstanden des gemeinen Mannes nicht zu befriedigen waren, und ihm seine schwere Arbeiten, schlechte Kleidung, Bett und Nahrung unertraglich machen wurden. Als wir nun dieses Entschuldigen der Leute an ihr lobten und bewunderten, so sagte sie sehr artig: Was fur schone Farben die Freundschaft allen Sachen giebt! denn was ich da sagte, war doch nichts als Pflicht gerecht zu seyn, und vielleicht war meine Eigenliebe mit darunter beschaftigt, mir dadurch einen verdriesslichen Gedanken zu benehmen. Daruber musste sie nun den Wunsch ertragen: dass sich alle Menschen ihr Missvergnugen uber andre auf eben diese Art benehmen mochten. Die Unterredung wurde fortgesetzt in der Frage: wie weit wohl Zierlichkeit und feiner Geschmack unter dem Volk verbreitet werden sollte, und welches das sicherste Mittel dazu seyn mochte? Man fand dazu doch nichts bessers, als offentliche Schulanstalten, in denen immer den Kindern ein gemeinsamer Geist und ein gemeinsamer Bug gegeben wurde, und ihnen da nur Bilder des wahren Schonen dargestellt werden durften, um den Grund des guten Geschmacks zu legen: so wurden auch grosse Nahschulen fur Madchen, wo sie angehalten wurden, in allem recht neu und ordentlich zu seyn, den Grund zu reinlichen Hauswirthinnen legen; zudem aus zahlreichen allgemeinen Schulen nicht nur ein Nationalgeist entstunde, sondern auch der Zweig der stolzen Sonderlinge abgeschnitten wurde, welche unausbleiblich im Privatunterricht entstunden, wo jeder Hauslehrer sich besser als der in einem andern Hause dunkte, der andern Lehrart tadelte, und diesen Eigendunkel auch seinen Zoglingen mittheilte, die sich dann immer als Vorbilder betrachteten, und die meisten eitele, feindselige Menschen wurden. Latten hat was Sonderbares: er hasst die Idee von Verfeinerung, und mochte immer lieber die von Simplicitat im Gang sehen. Er behauptete: bey einem hohen Grad Verfeinerung der Ideen ging die Wahrheit und Grosse der Seele verlohren, so wie in materiellen Dingen die Starke nach dem Maass des Niedlichmachens verlohren gehe. Jedes von uns ausserte seine Gedanken nach seinen Kenntnissen. Van Guden, die nachdem mit mir am Fenster stund, sagte mir, da sie zugleich mit Mutterliebe mich an der Hand fasste: Suchen sie nie, meine Liebe! nie in andern sich selbst wieder. Es ist immer vergeblich, und nach dem Gang der Menschheit wohl gar eine ungerechte Erwartung. Wir drechseln und kunsteln alle an dem Bilde des Glucks und der Verdienste, und wollen dabey immer unser Modell auf den Altar des allge meinen Beyfalls und der Nachahmung setzen. Zahlen sie nie, meine Beste! nie darausselbst bey keinem Kind, bey keinem Geliebten nicht, und heften sie nie das innige einzige Gluck ihres Lebens an den Gedanken einer vollkommenen Uebereinstimmung der Gesinnungen. Sie werden es nur in Buchern finden, weil die Menschen in diesen immer das Beste an den Tag geben. Bauen sie ihren eigenen Garten so schon und vollkommen, als sie konnen. Lieben sie, und gefallen sie sich in dem, was sie saeten und pflanzten, da, wo sie Meister uber den Boden sind; bey andern ubersehen sie gerne das Fehlerhafte, und geniessen das Gute, so wie man niedrige Blumen der benachbarten Wiese, das reiche Ackerfeld und die schonen Baume des Waldes, eines fremden Gebietes, durch das Vergnugen ihres Anblicks geniesst, ohne dass man uberall Rosen und Nelken finden will; und vergessen sie nicht, meine liebe Rosalie, dass ihre van Guden diese Wahrheiten auf dem Wege alle des Kummers fand, den ihr das Anhangen an der Idee des vollkommenen Geliebten uns des vollkommenen Glucks der Liebe bereitete. Sie und ich schaffen uns gerne Ideale. Ich weiss, wie suss es ist, unter den schonen Bildern herum zu wandeln; wir wollen sie aber in Zukunft nur als Zeichnungen aufbewahren und uns manchmal daran ergotzen, aber nicht bose werden, wenn in dem Zirkel unserer Bekanntten kein Gesicht und keine Figur so schon ist, als wir das Schone uns denken konnen. Durch dieses, meine Liebe, werden wir zeigen, dass Kenntnisse des Geistes und ein edles Herz eben so menschenfreundlich als glucklich machen, und (setzte sie mit einer aus Gutherzigkeit und Spott vermischten Miene hinzu,) den angenehmen Gedanken, dass wir zwey Ideale von der besten Gattung sind, muss man uns immer lassen. Sie sehen, meine Mariane, wie getreu diese Frau ihren einmal bekannten Grundsatzen folgt, da sie behauptete: Reichthum des Geistes musste mit eben so viel Grossmuth genossen und ausgetheilt werden, als der vom Gold: man musse nicht stolz auf die Armen blicken, sondern auf eine liebreiche Art geben, was man an Geld und Lehre nehmen wolle. Sie wurden sehr zufrieden mit ihr seyn, wenn Sie sie stundenweiss stillschweigend um uns sahen, und in ihrem so bedeutenden Gesicht bald das feine Lacheln des Beyfalls, bald den Blick des Wohlwollens, oder Ausdruck der wahresten Hochachtung bemerkten. Sie arbeitet immer, wenn Leute um sie sind, und Henriette Pindorf hat ihren Platz in einem Fenster neben ihr, wo das holde Madchen an ihrem artigen eigenen Tischgen sitzt und auch arbeitet, Vormittags aber von Frau Guden Unterricht bekommt. Nachmittags, ehe Besuche kommen, liess sie mit ihrem Bruder etwas bey ihrem Lehrmeister, woruber sie dann der Frau Guden Rechenschaft geben muss, um sie von nutzlichen Sachen gut und ohne Geprange reden zu lernen. Mitlerweile schreibt oder liest van Guden, sieht nach ihrem Hause, nach ihren Rechnungen. Sie speist wie wir, simpel; aber der Tisch wird mit der aussersten Reinlichkeit besorgt, und nie, auch wenn wir alle beysammen sind, mehr als acht Schusseln gegeben. Wir alle und Fremde sind mit dem grossten Vergnugen in ihrem Hause. Das Gesellschaftszimmer ist mit feinem Grun ausgeschlagen, und eine einzige Reihe Kupferstiche der schonsten englischen Garten darinnen, und dann in zwey Ecken die vortreflichsten Abgusse von zwey Geniis, in Grosse achtjahriger Knaben. Der Ofen ist von Porcellan, ganz weiss, wovon der untere Theil einen alten Altar vorstellt, auf welchem eine grosse Urne ruht, die mit schon gearbeiteten und vergoldeten Lorbeerblattern umwunden ist, von denen zwey Zweige noch uber den Altar herunter hangen. Zwey Canapee, und viele Stuhle von grun und weissen Zeug sind umher, und schone porzellanene Blumentopfe voll Blumen vor den Spiegeln, welche von ihr, von Meta und Moos gezogen und gepflegt werden. Man kommt, geht, spielt und spricht, bringt Fremde mit, ohne Ceremonien zu machen, und alle Abende konnen sechs Personen bey Tische bleiben, wo dann die Unterhaltung voll sanfter Munterkeit und feinem Scherz bis zehn Uhr dauert.

Hundert und achtzehnter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Sie wollen von dem gesellschaftlichen Leben so vieler gescheuten Manner und Weiber mehr wissen, besonders da ich Ihnen von einem Entwurf schrieb, der fur unsern Winter gemacht wurde. Das trieb sich sattsam umher, weil der muthwillige Kopf meines Mannes den Vorschlag gemacht hatte, dass man eine Zusammenkunft halten, und gemeinsam daruber sprechen sollte.

Wir sassen alle in van Guden Gesellschaftssaal umher. Glucklicher Weise hatten wir Frauenzimmer alle unsere Arbeit bey uns, so wie Mutter Guden an ihrem Tapetenrahme beschaftigt war; sonst wurden wir lacherlich ausgesehen haben. Denn beynah wussten unsere Manner nicht ganz, was sie fur eine Gattung Gesichter machen sollten: indem sie da hoflich, aber doch vorzuglich klug zu Werk gehen wollten; die Weiber sehr bescheiden seyn, aber doch zugleich vorsichtig genug, um keinen von ihren Wunschen zu verliehren, und, wie Frau Grafe bemerkte, so wollten die Manner keine Gesetze vorschreiben, und die Weiber schienen auch nicht geneigt, in dieser Gelegenheit welche anzunehmen. Es wurde lang von auslandischen Gesellschaften und Winterbelustigungen gesprochen, wobey Ott, Latten und mein Cleberg wegen ihren Reisen in neueren Zeiten sehr viel Artiges zu erzahlen wussten, so wie mein Oheim etwas von den Erinnerungen vorsuchte, die ihm vom Hof des letzten Herzogs von Lothringen geblieben waren, weil er zu Nanci und Luneville studirt hatte. Stiege sprach von alter deutscher Sitte in dieser Jahrszeit, und unsere van Guden ward aufgefordert, uns von Holland zu erzahlen. Das nahm einige Zeit weg. Unsere muntere Frau Grafe horte immer aufmerksam zu, schuttelte manchmal den Kopf, und da Frau Guden gar keinen Vorschlag machen, sondern nur von ganzem Herzen einen jeden eingehen wollte, der uns alle am meisten freuen wurde; so fieng Frau Grafe endlich an: Weil die Frage von leiblichen Freuden und Vergnugen ware, so dachte sie ein Recht zu haben, das erste Wort in der Gemeine zu fuhren, von den schonen Kenntnissen, welche unsere gereisten Herren (hier stund sie auf und verneigte sich tief, auf alle umher sehend,) gesammlet hatten; mochte sie nur diess gebrauchen durfen: Dass wir Weiber den Ton der Belustigungen angaben, wie es in dem belobten Frankreich ublich ware, (hier war wieder eine Reverenz,) auf allen Fall aber mussten wir uns sogar die Fastnachtskappe nach unsern Kopfen zurecht schneiden. Sie wunsche, dass man gute alte Gewohnheiten und artige Neuerungen mit einander verbinden mochte; deswegen sollten die Vormittage unangetastet bleiben, um die nothige Zeit zu Hausordnung und Schlaf fur die Weiber, fur die schone Gesichtsfarbe und Putz der Madchen, wie fur das nothige Studieren der jungen Leute, und die Regierung der Welt fur die Manner zu haben. Mittags speiste man massig zu Hause, sammlete sich bis Nachmittags vier Uhr etwas artige Gedanken fur die Gesellschaft, und kame die Woche zweymal zu Frau Guden, um zu ihren Fussen die liebreiche Weisheit der Weiber zu lernen, und mit ihr den Abend hinzubringen. Dann gienge man einmal zur Frau Cleberg, und ergotzte sich an dem artigen Wettstreit zwischen dem guten Geist der Frau, und dem achteckigen auf allen Seiten fein geschliffenen Kopf des Mannes. Den Tag der Comodie kame man zu ihr, weil sie immer sorgen wolle, dass wir ein artiges Nachspiel ihrer Erfindung in ihrem Hause finden mochten. Bey Ott und Julchen wurde eine Gattung Ruhetag gehalten werden, um durch ihr sanftes Wesen und die Musik ihres Mannes alles wieder harmonisch zu machen, was sich in dem ersten Theil der Woche verstimmt haben sollte, Den Fremden aber musste allerwegen der Zutritt und Theilnehmung gelassen werden. Sie wollte nun fur unser geduldiges Zuhoren danken; aber wir klatschten ihr alle unsern Beyfall und Einstimmung zu. Nachdem aber hatte sie sich uber die kleinen Angriffe zu vertheidigen, die sie wahrend ihrer Rede auf uns gemacht hatte; und dies war sehr artig. Dann wurde auch der Entwurf zu einer Schlittenfahrt nach Rehberg gemacht, sobald wir einen schonen Wintertag und gute Schneewege haben wurden; und der alte Stiegen versprach, ein Feuerwerk auf den Stiegenhof zu geben, wenn wir dazu helfen wollten, dass seines Neffen Hochzeit mit der jungen Itten auf den letzten Tag im Jahr veranstaltet wurde. Das Versprechen und die Bedingung kam uns allen so drollig vor, dass wir herzlich lachten, aber doch versprachen, zu Erfullung seines Wunsches beyzutragen. Mein Oheim kam mit der Idee dazu, auf den Tag meines glucklichen Vorgangs Seedorf zu beleuchten, und einen Ball zu geben. Wie oft doch die Leute alle von diesem Zeitpunkt reden, und wie leicht weg da mich immer ein kleiner Schauer ergreift uber alle das, was in diesem Fall moglich ist; ob ich schon glaube, dass die Mutter Natur mir nicht mehr Leiden machen wird, als andern, und weniger zu leiden verdiene ich nicht, und fodre es nicht. Getreu, zartlich und muthig will ich seyn, ganz, ganz Mutter fur mein Kind, mit meinem Kind leben und sterben. Gott lasse mich nur den besten Erziehungsplan durch mein tagliches gutes Beyspiel ausfuhren. Im ubrigen mag es Menschenund Erdegang gehen mit mir und ihm.

Diese durch meines Oheims Vorsatz geweckte Ideen hatten mich in van Gudens Cabinet gefuhrt, wohin mir meine liebe Caroline Itten folgte, weil ihr fein fuhlendes Herz die Bewegung des meinigen sehr deutlich mit empfunden hatte, und das gute Madchen auch fur sich selbst froh war aus der Gesellschaft zu kommen, weil der zu der Verheurathung ihrer jungern Schwester bestimmte Tag naturlicher Weise den Wunsch in ihr rege machte, dass ihre Hofnungen auf Lattens Herz und Hand eben so fest, eben so bestatigt seyn mochten; und das holde gute Geschopf wurde durch diese zartlichen Wunsche so bewegt, dass sie sich nicht getraute aufzusehen. Ihre Sorge um mich floss also mit der Selbstsorge fur die Ruhe ihres eigenen Herzens zusammen, und vermehrte aber auch die Ruhrung, in welche sie durch Lattens Eintritt in das Cabinet gebracht wurde. Er naherte sich uns mit der edlen bescheidenen Miene, die alles begleitet, was er thut. Er fasste eine Hand von Carolinen, nachdem er nur einen fluchtigen aber unaussprechlichen Blick auf mich geworfen hatte. Das arme Madchen zitterte, und ergrif eine Hand von mir, da Latten anfieng: Caroline! es sind mehrere Gelubde gemacht worden, um gluckliche Tage zu feyern; mein Herz machte auch eines: Ich will auf den Tag, wo Sie mir ihre Hand geben werden, vier Waisenkinder versorgen. Sie sah ihn an, fasste seine Hand mit ihren beyden Handen, fieng an zu weinen, und legte ihren Kopf auf meine Brust. Ich umarmte sie, druckte sie an mich, und der vortrefliche junge Mann blickte mit einem unbeschreiblichen Gefuhl auf sie und mich; Caroline erhob ihren Kopf, legte Lattens Hand in meine, und sagte so innig: Rosalie! Ihre Hand soll mir den Mann meines Herzens geben. Latten kniete zu uns hin in der grossten Bewegung; aber er fasste sich, und sagte zu ihr: Caroline! ich habe zwey Engel geliebt, und dieses geweihte Herz ist nun Ihnen ganz eigen. Ich will mich bestreben, Sie so glucklich zu machen, als Sie liebenswurdig sind; und kusste ihre und meine Hand, indem er sich mit vielem Anstand erhob, und der nun ganz glucklich gewordenen Caroline, die mit Rosenrothe ubergossen war, auch Muth zusprach, und ihr die selige Aussicht zeigte, die aus der Vereinigung so vieler rechtschaffenen Menschen entstunde. Ich verliess das gluckliche Paar, und sagte den ubrigen, was vorgegangen sey, Alles freute sich herzlich. Frau Grafe sagte dann: O! ich will auch eine Heyrath stiften, das weis ich. Ott, Cleberg, und der junge Stiegen entfernten sich, kamen aber bald wieder. Ott brachte Linken und seine Frau, Cleberg aber den Herrn Itten und sie, und Stiegen naturlicher Weise seine schone Braut. Vater und Mutter konnten nicht reden, hielten sich bey der Hand, sahen um sich mit thranenden Augen, ihre Caroline suchend, welche noch mit Latten und der van Guden im Cabinet war. Frau Grafe ging mit Eile, die Ankunft der Eltern zu vermelden. Caroline kam mit dem schonen Latten bis an die Thure, wo sie umsank, und von ihrer Mutter und Liebhaber unterstutzt, bey dem Segen des Vaters sich wieder erholte, nachdem auch den Jubel und die Wunsche ihrer Geschwister genoss, welche zu dem Verlobnissfest gerufen wurden. Unsere edle van Guden war uber den Anblick dieses Familienzirkels ganz entzuckt, sie sagte mir: Ich glaube, dass dieser Abend fur den Himmel selbst ein schoner Abend ist, denn das Band der Tugend, das uns vereinigt, ist auch der Grund unserer hoffenden Seligkeit mit den vollkommenen Wesen der andern Welt. Gute Eltern, gute Kinder, Ehegatten und Freunde um mich, liebe Rosalie! o wie suss ist das Theilnehmen an der Freude edler Menschen! Kurz darauf nahm sie Linke mit einer truben Miene an der Hand, und bat sie, ihn auf einige Augenblicke anzuhoren. Sie folgte ihm in das andre Zimmer, wo sie den braven jungen Mann mit Erstaunen in eine Art Jammer ausbrechen horte, dass seine geliebte Frau mit ihm nicht so viel Ansehen und Gluck erhalten habe, als ihre zwey jungern Schwestern erreicht hatten. Er konne sein Hannchen nicht ansehen, ohne dass sein Herz durch diesen Gedanken gepresst wurde. Van Guden lobte dieses feine Gefuhl seiner Liebe; sagte ihm aber dabey, dass er doch den Karakter seiner Frau so gut kennen musste, um sicher berechnen zu konnen, ob der mehrere Glanz in dem Schicksal ihrer Schwestern ihr einen Neid oder Kummer machen wurde. Da kam seine Frau an die Thure, um zu fragen: ob ihrem Linken nicht wohl sey? denn er habe etwas geandert geschienen. Van Guden erzahlte ihr seinen Jammer. Lieber Mann! sagte sie zartlich und ernsthaft, wie wenig kennest du deinen Werth und mein Herz, und wie traurig ist es mir, dass ich nun nichts zu sagen weis, womit ich dir diese unangenehmen Gedanken benehmen konnte. Stelle dir mein ganzes Wesen und alle meine Wunsche dar, es liegt gewiss nichts in mir, das nur im geringsten nach Glanz und Hohe trachtet. Ich ware unglucklich, mein Bester, wenn dein Stand und Vermogen sich anderte. Dich haben, dich behalten so wie du warest, als ich dich kennen lernte, als du mir Liebe zeigtest; dies, mein Linke, dies ist mein Gluck. Dein Haus, die nemliche Stube fur meine Kinder, wo du, ihr geliebter Vater, auch als Kind warest, als guter Knabe aufwuchsest, als edler Jungling an mich dachtest, und als rechtschaffener Mann mich so unaussprechlich glucklich machst. Linke! was soll ich mehr? Meine hauslichen Beschaftigungen, alles, alles ist mir lieb. Gott erhalte mir dieses; alles ubrige druckte mein Herz nieder. Wenn du mir nicht glaubst, wenn mein vergangnes Leben und meine Gesinnungen dir nicht Burge sind, o so machst du mich elend. Mogen meine geliebten Schwestern ihr Wohl fuhlen und geniessen, wie ich das meinige; denn der Unterschied ist fur sie, weil auch der Unterschied in unsern Gemuthern ist. Glaube, mein Lieber! weder Rang noch Reichthum konnte mir geben, was ich durch dich und in dir habe. Lass mir deine Liebe und dich, glaube an die meinige, und sey dadurch eben so glucklich als ich. Nun hieng er an ihrem Hals, weinte mit ihr, und freute sich; van Guden umarmte beyde, und schatzte sie als das glucklichste Paar Menschen; und Linke behauptet, er sey an diesem Abende noch viel glucklicher geworden, als an dem Tage, wo ihm Hannchen an dem Altar gegeben wurde. Wie oft lernen wir das Beste und Nothigste erst durch den Zufall kennen. Dieser Mann da ward von den herrlichen Gesinnungen seiner Frau erst an dem Verlobnistag seiner Schwagerinnen uberzeugt. Frau Grafe sagte aber, da ich ihr den Auftritt beschrieb: Es sey ihr Beweis von dem innern Ehr- und Geldgeiz des Hrn. Linke; denn wenn er nicht selbst so vielen Werth darauf legte, so wurde er das grosse Aufheben uber die Genugsamkeit seiner Frau nicht gemacht haben. Sie mag doch unrecht haben; denn wir beurtheilen den Nachsten nicht immer allein nach uns, sondern sehr oft nach andern, und thun ihm um so mehr unrecht.

Hundert und neunzehnter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich sagte es Clebergen gleich, dass Sie gewiss mit der Eintheilung unserer Tage nicht ganz zufrieden seyn wurden; ob Sie schon versichert waren, dass selbst unser Scherz immer das Geprage der Gute des Herzens und eines feinen Verstandes tragen wurden: so mochten Sie doch eine etwas ernsthafte Beschaftigung unsers Kopfs mit untergemischt sehen. Das geschieht auch, meine Beste! nur ist es nicht so allgemein fur alle, weil Berufsgeist und Geschafte, so wie Umstande und Erziehungsgewohnheiten, wenn ich so sagen kann, naturlicher Weise darinn verschiedene Wurkungen machen. Zum Beweis, Weltgeschichte und Bemerkungen uber Hofe, uber grosse Handlungszweige, Krieg, Frieden, und alle in die grosse Menschenhaushaltung gehorige Dinge werden von meinem Onkel, von Cleberg, Ott und den Fremden auf allen Seiten gefasst, beurtheilt, gelobt und getadelt, auch Vermuthungen geaussert; daher liegen immer grosse Folianten von Landcharten in unserm Ansprechzimmer, in welchen bey Zeitungen und Briefen nachgesucht wird. Mein Mann war bey Gesandschaften. Mein Oheim ist geheimer Rath eines grossen Fursten. Ott hat viele Reisen gemacht. Sie besitzen alle einen Theil Gelehrsamkeit: daher kommt das begierige Wesen, mit dem sie sich an den politischen und gelehrten Zeitungstagen aufsuchen, wodurch auch unser sonst so sanfter und meist nur auf Empfindungen lauschender Latten auch angezogen wird. Die Zusammenkunft ist zu meiner grossten Freude bey uns, weil die edlen jungen Manner alle so viele Achtung fur meinen alten Oheim haben, und zu ihm kommen. Da sitze ich mit meiner Arbeit, und hore, was Menschen thun, und wie Menschen die Handlungen der andern theils nach vorgeschriebenen, theils nach willkuhrlichen Maassregeln beurtheilen. Die Artickel der Naturgeschichte, der schonen Kunste und der Moral werden bey van Guden gelesen, die Kupferstiche, Gipsabdrucke, Gartenbaukunst, neue mechanische Erfindungen, die Verordnungen zum Besten des Volks, und edle Thaten; alles dieses kommt bey ihr vor, und macht schone Tage fur meinen Geist. Zu den stadtischen und landwirthschaftlichen Sachen werden Linke und die beyden Stiegen gerufen, weil der erste Stadtschreiber und die zwey andern Besitzer von Landguthern und Landbeamte sind. So wie mein Oheim zum Durchlesen eines jeden neuen Bandes von der unserm Deutschland so viel Ehre und Nutzen schaffenden Berliner Bibliothek, bald einen Geistlichen, bald einen Arzt, oder einen Rechtsgelehrten zum Mittagsessen bittet, und die Stucke ihres Fachs mit ihnen durchgeht; Schullehrer, ein paar vortrefliche Kaufleute, und unser Wundarzt; alle haben ihren Tag, bey ihm uber alles, was ihre Hauptbeschaftigung ist, zu sprechen; auch junge Leute werden dazu geladen, und ich kann Sie versichern, dass diese Art, gelehrte Anzeigen zu geniessen und mitzutheilen, ganz gewiss die beste ist: denn ich bemerke es nicht nur an mir, dass ich wurklich von Woche zu Woche meinen Kopf gebessert habe, sondern auch bey den Mannern selbst bestarken sich die Urtheile und die Zweifel. Die Fragen werden scharfer, tiefsinniger, weiter um sich fassend, und das moralische Gefuhl ofters geweckt. Fur mich ist aber auch besonders angenehm, so ganz in der Stille zu sehen, wie die innere Anlage des Herzens der erworbenen Wissenschaft des Kopfs Falten und Wendungen giebt, wie oft auch das Gefuhl den Gang des Geistes aufhalt und unterbricht, oder auch eine zufallige Kleinigkeit den ganzen Faden der Betrachtungen entweder abreisst oder verwirrt. Ich habe wohl schon gedacht, dass die Gegenstande der Unterredung wieder einen Ruckeinfluss auf den Ton und auf den Karakter der Gedanken haben. Geistliche, welche die Sache und Gebote Gottes zu verwalten haben, dunkten mich oft einen Strahl der Allmacht in ihre Beleuchtungen ein zumischen. Dem Rechtsgelehrten entflohen manchmal Zuge der Herrschsucht, der Harte, der Unempfindlichkeit fur Gemuthsleiden, wie es den Aerzten in Ansehung der korperlichen Schmerzen geschieht. Weltweisheit nahrte den Stolz der Seele; Naturgeschichte machte gut, besonders das Pflanzenreich sanft, die schonen Kunste weich, und machen zu oft den innern Gehalt der aussern Forme aufopfern. Cleberg und Ott haben viele Kunstkenntnisse. In dieser Gelegenheit seh ich gar zu deutlich den Unterschied zwischen dem Scharfsinn des Verstandes, und dem uberfliessenden Gefuhl des Herzens: denn wenn nun eine Rolle oder ein Kasten Kupferstiche ausgelegt wird, so empfinde ich den Eindruck der Seele des Bildes, so viel der Kunstler darstellte, zum Beweiss: bey einer Landschaft stromt der Einfluss von Schonheit, Grosse und Ruhe der Natur in mich, weil ich allein das Gefuhl meines Herzens geubt habe. Cleberg und Ott aber sehen gleich die Kunst, und zergliedern diese zuerst. So gehet es auch immer bey Menschenbildern, bey historischen Stukken, wo nur der moralische Ausdruck mir auffalt und mich beschaftigt. Frau Grafe sagte einmal: Clebergs Kopf hatte sein Herz gefressen, der Platz sey leer, es erschiene nur hie und da in heiligen Zeiten das Gespenst eines Herzens an der Stelle. Dies sey die Ursache, warum sie immer von einem Schauer ergriffen wurde, wenn Herr Cleberg von Empfindungen spreche. Wir lieben alle die kleinen Neckereyen, welche sie mit meinem Mann hat; es verbreitet meist einen grossen Theil Munterkeit uber uns. Letzt war sie dabey, als von den Unruhen gesprochen wurde, welche die Einfuhrung des neuen Gesangbuchs in gewissen Landen hervorbrachte. Sie lachte, zuckte die Achseln, und sah mit halben Staunen, halben Mitleiden auf die Manner umher, wobey sie mir und der van Guden zuzischelte: Was doch die weisen Leute fur Widerspruche in sich fassen! Letzt wollten sie mit Macht eine Kleiderordnung fur den gemeinen Mann haben, der soll einfach, unverziert, seinem Stand und Erwerb gemass Kitteljacke und Halstuch tragen. Man lobte die Zeit, wo das burgerliche Brautkleid von einem Stof genommen wurde, welcher die ganze Lebenszeit der Frau ihr Festkleid bliebe. Der Pracht vermische die Stande, verderbe die Sitten u.s.w. Nun wollen die guten Burger ihre alten einfachen KirchenMorgen- und Abendlieder behalten. Da nun, wie die grundlichen Herren sagen, die Worte und Ausdruck das Kleid unserer Gedanken sind: so will man ihren Kopf und ihre Empfindungen neumodisch einkleiden, nach dem verfeinerten Geschmack von uns schonen Damen und Herren, und verbietet hingegen, den Schnitt der Mutze nach der unsern zu formen; und wir werden mit den Liedern der alten Minnesanger heimgesucht, mussen sie kosten lernen und herrlich finden; da doch diese Minnesanger nichts anders haben, als dass sie ihre Liebchen in der nemlichen alten simplen Sprache liebkossten und lobten, in welcher die alten Kirchengesange den lieben Gott preissten und anbeteten. Was soll dem Burger die zierliche Gedankenform des Redners und des Poeten fur seinen Geist, wenn er die Augen und den Geschmack fur die Erfindungen der schonen Formen der ubrigen bildenden Kunste verschliessen soll? Ich furchte, unsere Enkel werden zu thun haben, die moralische Wurkung der Zierlichkeit wieder fortzubringen. Hatte ich das Geschikke gehabt, auch die Aeusserungen der Manner uber diese Gedanken der Frau Grafe im Gedachtniss zu behalten, so musste dieser Brief eine Wichtigkeit haben, die er nun allein durch ihre eignen Betrachtungen erlangen wird. Die launige Art, mit welcher diese muntere aber in allen Stucken schatzbare Frau sich uber diesen Gegenstand ausgelassen hatte, war doch der Anlass zu ganz vortreflichen Sachen, die von den Mannern gesagt wurden, welche gewiss nicht erschienen waren, wenn der drollige Tadel uber einen Theil ihrer Gesetzgebung sie nicht gereizt hatte. Frau Grafe war uberhaupt herrlich gestimmt, denn da sie von Latten gefragt wurde: wie sie auf diesen Ton der Ideen gekommen sey? da sagte sie: auf der Stelle, wo sich alle meine Lieblingsideen befinden. O da mochte ich mich einmal umsehen, sagte Latten. O mein guter Freund! da fanden Sie alles anders wie hier; denn der Untergebene ist mehr geschatzt als sein Gebieter; der Bauer mehr als der Kunstgartner; der Zimmermeister hoher als der Schreiner; der Zuckerbecker sitzt an der Thurschwelle dessen, der uns Brod knetet; der Schmidt steht uber dem Goldarbeiter, und der Tuch- und Leinenweber weit uber dem, der goldene Borten und seidene Stoffe wurkt; der gute Mensch uber dem witzigen, und der Arbeiter uber dem Redner; so wie der Schuhmacher dem Tanzmeister vorgezogen wird. Er lachelte, und fragte sie: Wo ist denn Ihre Magd? Mein feiner Herr, ich habe gar keine, sondern nur eine Freundin, die mir einen Theil meiner taglichen Last tragen hilft, welcher ich noch dazu nur das leichteste aufburde, indem ich jede Verantwortung und die Gefahr des Tadels und Schadens auf mich allein nehme. Er kusste ihre Hand: O Frau Grafe! wie viel Gute und Weisheit ist in Ihrem Muthwillen. Das lautete schon, antwortete sie; aber mochten Sie wohl Ihre Caroline so gestimmt haben? Er war verlegen und sagte nur: Sie ist noch zu jung dazu. Und, erwiederte sie, es storte Ihre Oberherrschaft ein wenig, nicht wahr? Nun war ihr Muthwille boss.

Hundert und zwanzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Frau Grafe hat Wort gehalten. Sie stiftetete wurklich eine recht artige Heurath zwischen unsern guten jungen Itten und der liebenswurdigen Meta Mooss, die mit van Guden hierher kam. Es war ganz besonders, dass wir alle nichts bemerkten, indem Meta selten aus dem Hause geht, und der junge Mann niemals zu van Guden kam, als mit Cleberg, wo er dann entweder mit uns in dem Gesellschaftssaal sich aufhielt, oder bey dem jungen Pindorf und seinem Lehrer Mooss auf der Stube war. Bey unsern kleinen Concerten sang Meta, und bey den Gesprachen war sie neben der kleinen Henriette oder mit den Ittenschen Tochtern beschaftigt; aber nie hatte der junge Mensch eine besondere Unterredung mit dem lieben Madchen gesucht. Frau Grafe aber behauptet, dass ihre ersten Vermuthungen aus dem Stillschweigen des jungen Itten, aus seinem starr vor sich Hinsehen gereizt wurden, der Ursache nachzuforschen; da habe sie nun auch bemerkt, dass Meta sich in acht nahm, den Herrn Itten anzublicken; und nach diesem sey die grosse Freundschaft von ihr zu den Schwestern, und von ihm fur dem Bruder entstanden, woraus sie die ganze Geschichte des furchtsamen Liebhabers, und des edlen bescheidenen Madchens errathen hatte. Der Verlobnistag von Latten und Stiegen habe auf den guten Gesichtern der Meta und des Itten die geheimen Wunsche ihrer Herzen so deutlich gezeigt, dass sie mit der Frau Guden daruber gesprochen, und darauf durch ihren Mann fur Itten die Amtmannsstelle zu Rebberg erhalten habe. Frau Guden statte ihre Meta als Tochter aus, und so ware dieser Roman zu Ende gekommen, ehe irgend jemand an den Anfang gedachte. Mutter Guden habe auch Beobachtungen gemacht, und an Meta einen verdoppelten Fleiss, und Dankbezeugungen gefunden, die alle einer Bitte gleich gesehen hatten. Da nun die Sache wegen des Beamtendienstes richtig war, so ging Frau Grafe zu van Guden, und erzahlte ihr diese Neuigkeit mit einer umstandlichen Beschreibung der Einkunfte, der artigen Wohnung, und der Freude, die sie fuhle, dieser so schatzbaren Familie einen neuen Zusatz von Gluck verschaft zu haben. Sie sprach eilig und abgebrochen, wie jemand, der nur geschwind weiter gehen will, und that nicht, als ob noch jemand anders im Zimmer ware. Die arme Meta sass da, horte alles, schlurfte jedes Lob von des neuen Amtmanns Geist und Herzen, von den Tugenden der Familie, und auch von den vortheilhaften Umstanden dieser Landstelle mit ein. Ihr Herz freute sich uber alles, nahm Antheil an den Wohlergehen der Tugend. Wunsche und Furcht kamen auch an die Reihe. Sie schien lange von Ittens Liebe versichert; aber nun zweifelte sie. Er hatte noch nichts gesagt, und seine Aeltern wurden auch wohl andre Absichten haben. Diese Bilder tanzten auf ihrem Nahkussen umher, Thranen, die sie zu zerstreuen suchte, rollten in ihren Augen, die Stiche wurden ungleich, und sie hatte alles gegeben, wenn sie nur geschwind umgesehen aus dem Zimmer hatte kommen konnen. Die zwey Frauen stunden in einem Fenster, und van Guden bemerkte wahrender Erzahlung der Frau Grafe zwischen dem Fenstervorhang hindurch jede Bewegung der guten Meta. Frau Grafe ging, ohne sich setzen zu wollen, hinweg, und sagte noch: Jetzt will ich dem neuen Beamten auch um eine artige Frau sehen; und mit diesen Worten war sie zu der Thure hinaus, Meta aber aus aller Fassung, denn nun weinte sie stark. Van Guden eilte zu ihr, und hielt sie am Arm, weil sie mit abgewandtem Kopf auch aus dem Zimmer schleichen wollte: Was fehlt dir, meine Tochter! warum weinest du? sagte sie ihr mit aller Liebe. Meta, betroffen und angstlich, konnte ihr nichts anders antworten, als durch einen Thranenguss, und durch das Umschlingen eines Arms der van Guden, den das liebe Madchen mit beyden Handen an ihre Brust druckte, und ihr Gesicht uber die Hand ihrer mutterlichen Freundin beugte. Frau Guden wurde geruhrt, und umfasste ihre Meta mit Zartlichkeit: Komm, meine Liebe! komm mit mir in mein Cabinet, sag mir da den Kummer deines Herzens, denn du musst Kummer haben bey diesen Thranen. Glaube, mein Kind! was deine Mutter Guden thun kann, wird sie thun. Meta straubte sich etwas, sie wollte nicht in das Cabinet, hing sich aber an den Hals der van Guden, und liess sich endlich von dieser wegfuhren. Als sie beysammen auf dem Sopha sassen wurde sie von der Guden auf das neue um die Ursache ihres Weinens gefragt. Nun sagte sie, dass die Nachricht von dem Gluck der Ittenschen Familie sie so bewegt hatte. Van Guden kusste sie und sagte: Diese Thranen einer theilnehmenden Freude sind schon, meine Liebe! aber etwas zu stark, Liegt nicht auch ein Gedanke dabey, dass du einen deiner Bruder oder Schwestern eben so glucklich versorgt sehen mochtest? O nein! liebe Mutter! es ist gewiss kein Gedanke von Neid in mich gekommen. Das ware auch kein Neid gewesen, meine Liebe, wenn du einem Bruder das nemliche Gute wunschtest, das der junge Itten erhielt. Mein alterer Bruder ist ja versorgt, und Wilhelm denkt an nichts. Es ware mir leid, wenn die Ittens nicht in allem glucklich waren. Du bist mein edles gutes Madchen; sey auch meine aufrichtige Tochter. Ich will dich was fragen. Nun zitterte und gluhte das gute Geschopf, und sah zur Erde, indem sie kaum Athem hohlte. Liebe Meta! hat der junge Itten dir niemals von Liebe vorgesprochen? Es dunkte mich oft, wenn du sangest, oder Henrietten bey einer Arbeit etwas lehrtest, auch, wenn du mit seinen Schwestern in Unterredung warest, dass seine Augen voll reiner Liebe und Verehrung auf dich geheftet waren. Ein lachelnder Zug von Vergnugen flog uber Metas Gesicht, als van Guden dies sagte; doch antwortete sie: Ich habe ihn nicht oft angesehen. Das habe ich auch bemerkt, mein Kind! und es schiene mir, um aufrichtig mit dir zu sprechen, nicht ganz naturlich. Du bist sonst so freymuthig, so voll unschuldiger Offenherzigkeit in deinen schonen Augen. Da kam nun wieder eine Anwandlung von Angst; aber sie sagte, van Gudens Hand kussend: Liebe Mutter! ich habe ihn desswegen nicht oft angesehen, weil ich ein paar mal auch gedacht hatte, dass er mich zartlich anblickte. Sie blieb auf van Gudens Hand liegen, die ihr liebreich sagte: Ware dir denn die Liebe dieses tugendhaften Junglings nicht angenehm gewesen? Leise und mit ausserster Bewegung sagte sie: O ja, es hatte mich schon gefreuet; aber zu was hulfe es nun! Wie das? meine Liebe! es ware jetzt besser als jemals, da er dir mit seinem Herzen zugleich seine Hand, und eine gute Erhaltung anbieten konnte. Ein neuer Strohm von Thranen floss uber ihre den Augenblick blass werdende Wangen: Ach liebe Mutter! sprach sie, haben Sie denn nicht gehort, dass Frau Grafe sagte, sie wolle sich nun nach einer artigen Frau fur Herrn Itten umsehen? und da er den Dienst durch sie erhielt, so ist ja billig, dass er ihr in allem folgt; sie giebt ihm gewiss ein artiges und auch ein reiches Frauenzimmer, und es wird sich keine lang bedenken, des Herrn Ittens Frau zu werden. Frau Guden umarmte sie, lobte ihre Gesinnungen, und dankte ihr fur die Erofnung ihres Herzens: Meine Meta! nun habe ich die susse Hofnung, eine der besten Familienvereinigung zu stiften: eine Tochter von Mooss, und ein Sohn der Ittens! nie ist mehr stille und wahre Tugend verbunden worden. Nun lag Meta vor ihr auf den Knieen, weinte und kusste van Gudens Hande: Ach Mutter! englische Mutter! sonst konnte sie nichts sagen. Indessen hatten wir auch eine Scene in unserm Hause, denn Frau Grafe kam von van Guden gerade mit einem glanzenden Gesicht voll guter Laune zu uns, und brachte das Furstliche Decret fur den jungen Itten auf Rehberg, und sagten mein Mann moge die Stelle, die er dem jungen Menschen zugedacht habe, jemand anders geben. Das war nun eine herzliche Freude unter uns, besonders auch, da Cleberg den jungen Itten aufsuchte, umarmte, und zu unsern Gluckwunschen in mein Zimmer brachte. Die innerliche Freude des jungen Mannes war ein anfangender Rausch, der die Sprache hemmt und die Fusse wanken macht. Er bewegte uns ausserordentlich, indem er mit zusammengefalteten Handen ausrief, nach dem Hause seines Vaters hinubersehend: O meine lieben Eltern! was muss der Name von Cleberg fur euch seyn! Einer von euren Kindern so glucklich, so sehr glucklich durch dies edle Haus. Nun ergriff er eine meiner Hande, und eine von Frau Grafe, und kusste sie: Ewigen Dank! ewigen Seegen! stammelte er, und schwankte. Cleberg umfasste ihn, und sagte auch, auf unsern Erker weisend: Mein lieber Freund! Sie machen mir dieses Fenster recht lieb, weil ich da schwur, dass ich mir den Eingang in ihr Haus verschaffen wollte. Frau Grafe blieb bey mir, wahrend dass Cleberg mit dem jungen Mann am Arm zu den Ittens eilte, um das Gluck anzukundigen. Er sagte: O keine Seligkeit der Erde kann dieser gleichen, welche gute Eltern bey dem Gluck und der Tugend ihrer Kinder empfinden. Es war heiliges Entzucken bey der Frau Itten, als sie ihren Sohn umarmte, und mit ihrem mutterlichen Segen zu seiner Stelle einweyhte. Ihr Dank gegen Frau Grafe und mich war Ergiessung der besten Gefuhle der Menschheit. Mein Cleberg und mein Oheim waren ausserst geruhrt, denn sie hatten bey weitem diese hohe Freude bey der Versorgung ihrer Tochter nicht geaussert.

Nun stimmte Frau Grafe wieder zu dem Muntern, und da sie mich von ihren Absichten unterrichtet hatte, so winkte sie dem Herrn Amtmann von Rehberg zu uns, und sagte ihm mit etwas ernstem Ton: er musse sich nun auch bald nach einer guten artigen Frau umsehen. Er lachelte, errothete; sagte aber ganz bescheiden: Er glaubte zuerst verbunden zu seyn, einen Beweis zu geben, dass er die Stelle verdiene, eh er es wage, eine ganze Haushaltung auf Rehberg zu fuhren. Ihre Bescheidenheit steht ganz schon; aber Sie denken doch, Herr Grafe musste wissen, dass Sie der Mann fur den Plan sind: und ich will jetzt fur eine Frau dazu sorgen. Itten blieb staunend bey mir, sprach nichts, sah vor sich hin; nur auf einmal wandte er um und ging fort, kam aber in einigen Augenblikken wieder, und gab mir ein Heft Papier, mit einer sehr bedenklichen Miene, und furchtsam sagte er: Sie hatten immer viele Gute fur mich, lesen sie dieses Heft, und verhindern Sie um des Himmels willen jeden andern Vorschlag, oder (stockend setzte er hinzu,) lassen sie mir das Amt wieder nehmen. Er entfernte sich ehrerbietig, und ging zu den Mannern, ich aber in mein Schlafzimmer. Als ich unter der Thure den jungen Itten noch einmal anblickte, machte er eine bittende Bewegung gegen mich, und ich wurde um so viel begieriger auf sein Papier: Da fand ich einen Auszug von van Gudens Briefen, die er fur sie abschreiben musste, und dieser Auszug betraf nur die Stellen, in denen van Guden von ihrer Meta Meldung thut, und immer war am Ende eines Absatzes ein Wunsch, dass er einmal diese Meta sehen mochte; oder ein Gebet fur das Gluck dieses herrlichen Madchens. Bey dem Tag ihrer Ankunft mit van Guden steht die Beschreibung ihrer Gestalt und des Eindrucks, den sie auf ihn gemacht hatte: kurz, ein Tagebuch uber alles, was er an ihr bemerkte, und was er fuhlte. Sehnsucht nach Gluck, um es mit ihr zu theilen. Der Vorsatz, niemals zu reden, um die unschuldsvolle Ruhe des Engels nicht zu stohren, jeder Blick, den sie ihm gegonnt, jedes Wort, jeder Ton ihres Gesangs, alles war angemerkt, Einmal hatte er die Hand ihres Bruders gefasst, gerade in dem Augenblick, als Meta sie lossliess. Er fuhlte noch die sanfte Warme des Drucks der Schwesterliebe, und er war nur zu glucklich. Ich weinte uber dem Heft aus zartlicher Bewegung, die das Bild dieser reinen Flamme eines tugendhaften Mannes mir gab. Ich freute mich uber die Sicherheit seines Glucks, und kam wieder in die grosse Stube mit meinem Mantel: Itten blickte mich an, machte mir die Thure auf, und ich sagte ihm nur: Ich geh zur Frau Guden; edler junger Mann, hoffen Sie alles. Ich brachte sein Heft zu van Guden, die mir den Auftrit mit ihrer Meta erzahlte; und dem guten Madchen das Tagebuch ihres Geliebten zum lesen brachte. Als wir dachten, dass sie fertig seyn konnte, ging van Guden zu ihr, und fand sie auf ihren Knien betend: Liebe Mutter, segnen Sie mich und meinen Itten. O wie glucklich bin ich, und, o mein Gott: ich will gut seyn mein ganzes Leben; sagte sie mit gefaltenen Handen. Van Guden hob sie aus, und sagte ihr, Frau Grafe hatte an keine andre Frau gedacht als an sie, und spreche nun wurklich mit Ittens Eltern daruber, welche den Abend mit uns bey ihr speisen wurden. Der junge Mann wurde kurz darauf gerufen, und Frau Guden fuhrte ihn selbst zur Meta, indem sie ihm sagte: Meine liebe Tochter und ich haben Ihr Heft gelesen. Meine Meta liebt Sie, und ich segne Euch beyde. Mit diesem schloss sie die Hande der zwey jungen Leute in ihre, kusste beyde, und kam zu mir. Bald darauf kam Itten, kniete nur einen Augenblick, und dankte van Guden und mir, eilte zu seinen Aeltern, um mit diesen zu sprechen, und Abends war Meta als seine Braut erklart, die Frau Guden als ihre Tochter ausstattet.

Um 10 Uhr Abends.

Mariane! ich bin nicht wohl, vielleicht doch ich habe noch einen schonen Abend gelebt, ich sah das Gluck und die Freude guter Menschen, sah Hr. von Pindorfs Entzucken fur seine Kinder und seine Freundin, denn er kam noch unvermuthet.

Mariane! ich bin Mutter, habe meinen Sohn in meinen Armen. Welch ein unaussprechliches Gefuhl! ich lebe! O bete um Gesundheit und Tugend fur mein Kind und mich.

Fussnoten

1 Sternheim, 1. Theil, S. 2 von Baur.