1774_Wieland_109 Topic 3

Christoph Martin Wieland

Geschichte der Abderiten

Erster Teil,

der das erste, zweite und dritte

Buch enthalt

Vorbericht

Diejenigen, denen etwan daran gelegen sein mochte, sich der Wahrheit der bei dieser Geschichte zum Grunde liegenden Tatsachen und charakteristischen Zuge zu vergewissern, konnen wofern sie nicht Lust haben, solche in den Quellen selbst, namlich in den Werken eines Herodots, Diogenes Laertius, Athenaus, Aelians, Plutarchs, Lucians, Palaphatus, Cicero, Horaz, Petrons, Juvenals, Valerius, Gellius, Solinus, u.a. aufzusuchen sich aus den Artikeln Abdera und Demokritus in dem Baylischen Worterbuche uberzeugen, dass diese Abderiten nicht unter die wahren Geschichten im Geschmacke der lucianischen gehoren. Sowohl die Abderiten, als ihr gelehrter Mitburger Demokritus, erscheinen hier in ihrem wahren Lichte; und wiewohl der Verfasser, bei Ausfullung der Lucken, Aufklarung der dunkeln Stellen, Hebung der wirklichen und Vereinigung der scheinbaren Widerspruche, die man in den vorbemeldten Schriftstellern findet, nach unbekannten Nachrichten gearbeitet zu haben scheint: so werden doch scharfsinnige Leser gewahr werden, dass er in allem diesem einem Gewahrsmanne gefolget ist, dessen Ansehen alle Aeliane und Athenaen zu Boden wiegt, und gegen dessen einzelne Stimme das Zeugnis einer ganzen Welt, und die Entscheidung aller Amphictyonen, Areopagiten, Decemvirn, Centumvirn und Ducentumvirn, auch Doctoren, Magistern und Baccalauren, samt und sonders ohne Wirkung ist, namlich der Natur selbst.

Sollte man dieses kleine Werk als einen, wiewohl geringen, Beitrag zur Geschichte des menschlichen Verstandes ansehen wollen: so lasst sichs der Verfasser sehr wohl gefallen; glaubt aber, dass es auch unter diesem so vornehm klingenden Titel weder mehr noch weniger sei, als was alle Geschichtbucher sein mussen, wenn sie nicht sogar unter die schone Melusine herabsinken, und mit dem schalsten aller Marchen, der Dame D'Aunoy in Eine Rubrik geworfen werden wollen.

Erstes Buch

oder

Demokritus unter den Abderiten

Erstes Kapitel

Vorlaufige Nachrichten vom Ursprung

der Stadt Abdera

und dem Charakter ihrer Einwohner

Das Altertum der Stadt Abdera in Thracien, verliert sich in der fabelhaften Heldenzeit. Auch kann es uns sehr gleichgultig sein, ob sie ihren Namen von Abdera, einer Schwester des beruchtigten Diomedes, Konigs der bistonischen Thracier1, der ein so grosser Liebhaber von Pferden war und deren so viel hielt, dass er und sein Land endlich von seinen Pferden aufgefressen wurde2, oder von Abderus, einem Stallmeister dieses Konigs, oder von einem andern Abderus, der ein Liebling des Herkules gewesen sein soll, empfangen habe.

Abdera war, einige Jahrhundert nach ihrer ersten Grundung, vor Alter wieder zusammengefallen: als Timesius von Klazomene, um die Zeit der ein und dreissigsten Olympiade, unternahm, sie wieder aufzuihrer Nachbarschaft aufkommen lassen wollten, liessen ihm nicht Zeit, die Fruchte seiner Arbeit zu geniessen3. Sie trieben ihn wieder fort, und Abdera blieb unbewohnt und unvollendet, bis, ungefahr um das Ende der Olympiade 59, die Einwohner der ionischen Stadt Teos weil sie keine Lust hatten, sich dem Eroberer Cyrus zu unterwerfen zu Schiffe gingen, nach Thracien segelten, und, da sie in einer der fruchtbarsten Gegenden desselben dieses Abdera schon gebauet fanden, sich dessen als einer verlassenen und niemanden zugehorigen Sache bemachtigten, auch sich darinnen gegen die thracischen Barbaren so gut behaupteten, dass sie und ihre Nachkommen von nun an Abderiten hiessen, und einen kleinen Freistaat ausmachten, der (wie die meisten griechischen Stadte) ein zweideutig Mittelding von Demokratie und Aristokratie war, und regieret wurde, wie kleine Republiken von je her regieret worden sind.

"Wozu (rufen unsre Leser) diese nichtsbedeutende Deduction des Ursprungs und der Schicksale des Stadtchens Abdera in Thracien? Was kummert uns Abdera? Was liegt uns daran, zu wissen, oder nicht zu wissen, wann, wie, wo, warum, von wem, und zu was Ende eine Stadt, welche langst nicht mehr in der Welt ist, erbaut worden sein mag?"

Geduld! gunstige Leser! Geduld, bis wir, eh ich weiter fort erzahle, uber unsre Bedingungen einig sind. Verhute der Himmel, dass man euch zumuten sollte, die Abderiten zu lesen, wenn ihr gerade was notigeres zu tun, oder was besseres zu lesen habt!

"Ich muss auf eine Predigt studieren. Ich habe Kranke zu besuchen. Ich hab' ein Gutachten, einen Bescheid, eine Leuterung, einen untertanigsten Bericht zu machen. Ich muss recensieren. Mir fehlen noch sechzehn Bogen an den vier Alphabeten, die ich meinem Verleger binnen acht Tagen liefern muss. Ich hab' ein Joch Ochsen gekauft. Ich hab' ein Weib genommen. " In Gottes Namen! Studiert, besucht, referiert, recensiert, ubersetzt, kauft und freiet! Beschaftigte Leser sind selten gute Leser. Bald gefallt ihnen alles, bald nichts; bald verstehn sie uns halb, bald gar nicht, bald (was das schlimmste ist) unrecht. Wer mit Vergnugen, mit Nutzen lesen will, muss gerade sonst nichts anders zu tun noch zu denken haben. Und wenn ihr euch in diesem Falle befindet: warum solltet ihr nicht zwo oder drei Minuten daran wenden wollen, etwas zu wissen, was einem Salmasius, einem Barnes, einem Bayle, und, um aufrichtig zu sein, mir selbst (weil mir nicht zu rechter Zeit einfiel, den Artikel Abdera im Bayle nachzuschlagen,) eben so viele Stunden gekostet hat? Wurdet ihr mir doch geduldig zugehoret haben, wenn ich euch die Historie vom Konig in Bohmenland der sieben Schlosser hatte, oder die Geschichte der drei Calender zu erzahlen, angefangen hatte.

Die Abderiten also, hatten (dem zufolge, was bereits von ihnen gemeldet worden ist,) ein so feines, lebhaftes, witziges und kluges Volkchen sein sollen, als jemals eines unter der Sonne gelebt hat.

"Und warum dies?"

Diese Frage wird uns vermutlich nicht von den Gelehrten unter unsern Lesern gemacht. Aber, wer wollte auch Bucher schreiben, wenn alle Leser so gelehrt waren, als der Autor? Die Frage warum dies ist allemal eine sehr vernunftige Frage. Sie verdient, wo die Rede von menschlichen Dingen ist, allemal eine Antwort; und wehe dem, der verlegen, oder beschamt, oder ungehalten wird, wenn er sich auf warum dies vernehmen lassen soll. Wir unsers Orts wurden die Antwort ungefodert gegeben haben, wenn die Leser nicht so hastig gewesen waren. Hier ist sie!

Teos war eine atheniensische Colonie, von den zwolfen oder dreizehn eine, welche unter Anfuhrung des Neleus, Kodrus Sohns, in Ionien gepflanzt wurden.

Die Athenienser waren von je her ein muntres und geistreiches Volk, und sind es noch, wie man sagt. Athenienser, nach Ionien versetzt, gewannen unter dem schonen Himmel, der dieses von der Natur verzartelte Land umfliesst, wie Burgunderreben durch Verpflanzung aufs Vorgebirge. Vor allen andern Volkern des Erdbodens waren die ionischen Griechen die Gunstlinge der Musen. Homerus selbst war, der grossten Wahrscheinlichkeit nach, ein Ionier. Die erotischen Gesange, die milesischen Fabeln (die Vorbilder unsrer Novellen und Romanen,) erkennen Ionien fur ihr Vaterland. Der Horaz der Griechen Alcaus, die gluhende Sappho, Anakreon, der Sanger Aspasia, die Lehrerin Apelles, der Maler der Grazien, waren aus Ionien; Anakreon war sogar ein geborner Tejer. Dieser letzte mochte etwa ein Jungling von achtzehn Jahren sein, (wenn anders Barnes recht gerechnet hat,) als seine Mitburger nach Abdera zogen. Er zog mit ihnen; und zum Beweise, dass er seine den Liebesgottern geweihte Leier nicht zuruckgelassen, sang er dort das Lied an ein thracisches Madchen, (in Barnesens Ausgabe das ein und sechzigste,) worin ein gewisser wilder thracischer Ton mit der ionischen Grazie, die seinen Liedern eigen ist, auf eine ganz besondere Art absticht.

Wer sollte nun nicht denken, die Tejer in ihrem ersten Ursprung Athenienser so lange Zeit in Ionien einheimisch Mitburger eines Anakreons sollten auch in Thracien den Charakter eines geistreichen Volkes behauptet haben? Allein (was auch die Ursache davon gewesen sein mag,) das Gegenteil ist ausser Zweifel. Kaum wurden die Tejer zu Abderiten, so schlugen sie aus der Art. Nicht dass sie ihre vormalige Lebhaftigkeit ganz verloren, und sich in Schopse verwandelt hatten, wie Juvenal sie beschuldigt6. Ihre Lebhaftigkeit nahm nur eine wunderliche Wendung; und ihre Einbildung gewann einen so grossen Vorsprung uber ihre Vernunft, dass es dieser niemals wieder moglich war, sie einzuholen. Es mangelte den Abderiten nie an Einfallen; aber selten passten ihre Einfalle auf die Gelegenheit, wo sie angebracht wurden; oder kamen erst, wenn die Gelegenheit vorbei war. Sie sprachen viel, aber immer ohne sich einen Augenblick zu bedenken, was sie sagen wollten, oder wie sie es sagen wollten. Die naturliche Folge hievon war, dass sie selten den Mund auftaten, ohne etwas albernes zu sagen. Zum Ungluck erstreckte sich diese schlimme Gewohnheit auch auf ihre Handlungen; denn gemeiniglich schlossen sie den Kafig erst, wenn der Vogel entflogen war. Dies zog ihnen den Vorwurf der Unbesonnenheit zu, aber die Erfahrung bewies, dass es ihnen nicht besser ging, wenn sie sich besannen. Machten sie (welches ziemlich oft begegnete,) irgend einen sehr dummen Streich, so kam es immer daher, weil sie es gar zu gut machen wollten; und wenn sie in den Angelegenheiten ihres gemeinen Wesens recht lange und ernstliche Beratschlagungen hielten, so konnte man sicher darauf rechnen, dass sie unter allen moglichen Entschliessungen die schlechteste ergreifen wurden.

Sie wurden endlich zum Sprichwort unter den Griechen. Ein abderitischer Einfall, ein Abderitenstuckchen war bei diesen ungefahr, was bei uns ein Schildburger- oder bei den Helvetiern ein Lalleburgerstreich ist; und die guten Abderiten ermangelten nicht, die Spotter und Lacher reichlich mit sinnreichen Zugen dieser Art zu versehen. Fur itzt mogen davon nur ein paar Beispiele zur Probe dienen. Einsmals fiel ihnen ein, dass eine Stadt wie Abdera billig auch einen schonen Brunnen haben musse. Er sollte in die Mitte ihres grossen Marktplatzes gesetzt werden, und zu Bestreitung der Kosten wurde eine neue Auflage gemacht. Sie liessen einen beruhmten Bildhauer von Athen kommen, um eine Gruppe von Statuen zu verfertigen, welche den Gott des Meeres auf einem von vier Seepferden gezogenen Wagen, mit Nymphen, Tritonen und Delphinen umgeben, vorstellte. Die Seepferde und Delphinen sollten eine Menge Wassers aus ihren Nasen hervorspritzen. Aber wie alles fertig stund, fand sich, dass kaum Wasser genug da war, um die Nase eines einzigen Delphins zu befeuchten; und als man das Werk spielen liess, sah es nicht anders aus, als ob alle diese Seepferde und Delphinen den Schnuppen hatten. Um nicht ausgelacht zu werden, liessen sie also die ganze Gruppe in den Tempel des Neptunus bringen; und so oft man sie einem Fremden wies, bedauerte der Kuster sehr ernsthaft im Namen der loblichen Stadt Abdera, dass ein so herrliches Kunstwerk aus Kargheit der Natur unbrauchbar bleiben musse. Ein andermal erhandelten sie eine sehr schone Venus von Elfenbein, die man unter die Meisterstucke des Praxiteles zahlte. Sie war ungefahr funf Fuss hoch, und sollte auf einen Altar der Liebesgottin gestellt werden. Als sie angelangt war, geriet ganz Abdera in Entzucken uber die Schonheit ihrer Venus; denn die Abderiten gaben sich fur feine Kenner und schwarmerische Liebhaber der Kunste aus. Sie ist zu schon, riefen sie einhellig, um auf einem niedrigen Platze zu stehen. Ein Meisterstuck, das der Stadt so viel Ehre macht, und so viel Geld gekostet hat, kann nicht zu hoch aufgestellt werden; sie muss das Erste sein, was den Fremden beim Eintritt in Abdera in die Augen fallt. Diesem glucklichen Gedanken zufolge stellten sie das kleine niedliche Bild auf einen Obelisk von achtzig Fuss; und wiewohl es nun unmoglich war zu erkennen, ob es eine Venus oder Austernymphe vorstellen sollte, so notigten sie doch alle Fremden, zu gestehen, dass man nichts vollkommners sehen konne.

Uns dunkt, diese Beispiele beweisen schon hinlanglich, dass man den Abderiten kein Unrecht tat, wenn man sie fur warme Kopfe hielt. Aber wir zweifeln, ob sich ein Zug denken lasst, der ihren Charakter starker zeichnen konnte, als dieser: dass sie (nach dem Zeugnis des Justinus) die Frosche in und um ihre Stadt dergestalt uber Land nehmen liessen, dass sie selbst endlich genotiget wurden, ihren quakenden Mitburgern Platz zu machen, und, bis zu Austrag der Sache, sich unter dem Schutze des Konigs Kassander an einen dritten Ort zu begeben. Dies Ungluck befiel die Abderiten nicht ungewarnt. Ein weiser Mann, der sich unter ihnen befand, sagte ihnen lange zuvor, dass es endlich so kommen wurde. Der Fehler lag in der Tat bloss an den Mitteln, wodurch sie dem Ubel steuern wollten; wiewohl sie nie dazu gebracht werden konnten, dies einzusehen. Was ihnen gleichwohl die Augen hatte offnen sollen, war, dass sie kaum etliche Monate von Abdera weggezogen waren, als eine Menge von Kranichen aus der Gegend von Geranien ankamen, und ihnen alle ihre Frosche so rein wegputzten, dass eine Meile rings um Abdera nicht einer ubrig blieb, der dem wiederkommenden Fruhling entgegen gesungen hatte.

Zweites Kapitel

Demokritus von Abdera

Ob und wie viel seine Vaterstadt berechtigt war,

sich etwas auf ihn einzubilden?

Keine Luft ist so dicke, kein Volk so dumm, kein Ort so unberuhmt, dass nicht zuweilen ein grosser Mann daraus hervorgehen sollte, sagt Juvenal. Pindarus und Epaminondas wurden in Bootien geboren, Aristoteles zu Stagira, Cicero zu Arpinum, Virgil im Dorfchen Andes bei Mantua, Albertus Magnus zu Lauingen, Martin Luther zu Eisleben, Sixtus V. im Dorfe Montalto in der Mark Ancona, und einer der besten Konige, die jemals gewesen sind, zu Pau in Bearn. Was Wunder, wenn auch Abdera, zufalliger Weise, die Ehre hatte, dass der grosste Naturforscher des Altertums, Demokritus, in ihren Mauern das Leben empfing!

Ich sehe nicht, wie ein Ort sich eines solchen Umstandes bedienen kann, um Anspruche an den Ruhm eines grossen Mannes zu machen. Wer geboren werden soll, muss irgendwo geboren werden; das ubrige nimmt die Natur auf sich; und ich zweifle sehr, ob, ausser dem Lykurgus, ein Gesetzgeber gewesen, der seine Fursorge bis auf den Homunculus ausgedehnt, und alle mogliche Vorkehrungen getroffen hatte, damit dem Staat wohl organisierte, schone, und seelenvolle Kinder geliefert wurden. Wir mussen gestehen, in dieser Rucksicht hatte Sparta einiges Recht, sich mit den Vorzugen seiner Burger Ehre zu machen. Aber in Abdera (wie beinahe in der ganzen Welt) liess man den Zufall und den Genius walten,

natale comes qui temperat astrum,

und wenn ein Protagoras8 oder Demokritus aus ihrem Mittel entsprang, so war die gute Stadt Abdera gewiss eben so unschuldig daran, als Lykurgus und seine Gesetze, wenn in Sparta ein Dummkopf oder eine Memme geboren wurde.

Diese Nachlassigkeit, wiewohl sie eine dem Staat ausserst angelegene Sache betrifft, mochte noch immer hingehen. Die Natur, wenn man sie nur ungestort arbeiten lasst, macht meistens alle weitere Fursorge fur das Geraten ihrer Werke uberflussig. Aber wiewohl sie selten vergisst, ihr Lieblingswerk mit allen den Fahigkeiten auszurusten, aus welchen ein vollkommner Mensch gebildet werden konnte: so ist doch eben diese Ausbildung das, was sie der Kunst uberlasst; und es bleibt also jedem Staate noch Gelegenheit genug ubrig, sich ein Recht an die Vorzuge und Verdienste seiner Mitburger zu erwerben. Allein auch hierin liessen die Abderiten sehr viel an ihrer Klugheit zu vermissen ubrig; und man hatte schwerlich einen Ort finden konnen, wo fur die Bildung des innern Gefuhls, des Verstandes und des Herzens der kunftigen Burger weniger gesorgt worden ware.

Die Bildung des Geschmacks, d.i. eines feinen, richtigen und gelehrten Gefuhls alles Schonen, ist die beste Grundlage zu jener beruhmten sokratischen Kalokagathie oder innerlichen Schonheit und Gute der Seele, welche den liebenswurdigen, edelmutigen, wohltatigen und glucklichen Menschen macht. Und nichts ist geschickter, dieses richtige Gefuhl des Schonen in uns zu bilden als wenn alles, was wir von der Kindheit an sehen und horen, schon ist. In einer Stadt, wo die Kunste der Musen in der grossten Vollkommenheit getrieben werden, in einer schon gebauten und mit Meisterstucken der bildenden Kunste angefullten Stadt, in einem Athen, geboren zu sein, ist daher allerdings kein geringer Vorteil; und wenn die Athenienser zu Platons und Menanders Zeiten mehr Geschmack hatten als tausend andere Volker, so hatten sie es unstreitig ihrem Vaterlande zu danken.

Abdera fuhrte in einem griechischen Spruchworte (uber dessen Verstand die Gelehrten, nach ihrer Gewohnheit, nicht einig sind,) den Beinamen, womit Florenz unter den italianischen Stadten prangt die Schone. Wir haben schon bemerkt, dass die Abderiten Enthusiasten der schonen Kunste waren; und in der Tat, zur Zeit ihres grossten Flors, das ist, eben damals, da sie auf einige Zeit den Froschen Platz machen mussten, war ihre Stadt voll prachtiger Gebaude, reich an Malereien und Bildsaulen, mit einem schonen Theater und Musiksaal () versehen, kurz, ein kleines Athen bloss den Geschmack ausgenommen. Denn zum Ungluck erstreckte sich die wunderliche Laune, von welcher wir oben gesprochen haben, auch auf ihre Begriffe vom Schonen und Anstandigen. Latona, die Schutzgottin ihrer Stadt, hatte den schlechtesten Tempel; Jason, der Anfuhrer der Argonauten, hingegen (dessen goldenes Vliess sie zu besitzen vorgaben,) den prachtigsten. Ihr Rathaus sah wie ein Magazin aus, und unmittelbar vor dem Saale, wo die Angelegenheiten des Staats erwogen wurden, hatten alle Krauter-, Obst- und Eierweiber von Abdera ihre Niederlage. Hingegen ruhte das Gymnasium, worin sich ihre Jugend im Ringen und Fechten ubte, auf einer dreifachen Saulenreihe. Der Fechtsaal war mit lauter Schildereien von Beratschlagungen und mit Statuen in ruhigen oder tiefsinnigen Stellungen ausgeziert9. Dafur aber stellte das Rathaus den Vatern des Vaterlandes eine desto reizendre Augenweide dar. Denn wohin sie in dem Saal ihrer gewohnlichen Sitzungen die Augen warfen, glanzten ihnen schone nackende Kampfer, oder badende Dianen und schlafende Bacchanten entgegen; und Venus mit ihrem Buhler, im Netze Vulcans allen Einwohnern des Olympus zur Schau ausgestellt, (ein grosses Stuck, welches dem Sitz des Archons gegenuber hing,)wurde den Fremden mit einem Triumphe gezeigt, der den ernsten Phocion selbst genotiget hatte, zum erstenmal in seinem Leben zu lachen. Der Konig Lysimachus (sagten sie,) habe ihnen sechs Stadte und ein Gebiet von vielen Meilen dafur angeboten; aber sie hatten sich nicht entschliessen konnen, ein so herrliches Stuck hinzugeben, zumal da es gerade die Hohe und Breite habe, um eine ganze Seite der Ratsstube eizunehmen; und uber dies habe einer ihrer Kunstrichter in einem weitlauftigen, mit grosser Gelehrsamkeit angefullten Werke die Beziehung des allegorischen Sinnes dieser Schilderei auf den Platz, wo sie stehe, sehr scharfsinnig dargetan.

Wir wurden nicht fertig werden, wenn wir alle Unschicklichkeiten, wovon diese wundervolle Republik wimmelte, beruhren wollten. Aber noch eine konnen wir nicht vorbeigehen, weil sie einen wesentlichen Zug ihrer Verfassung betrifft, und keinen geringen Einfluss auf den Charakter der Abderiten hatte. In den altesten Zeiten der Stadt war, vermutlich einem orphischen Institut zufolge, der Nomophylax, oder Beschirmer der Gesetze, (eine der obersten Magistratspersonen,) zugleich Vorsanger bei den gottesdienstlichen Choren, und Oberaufseher uber das Musikwesen. Dies hatte damals seinen guten Grund. Allein mit der Lange der Zeit andern sich die Grunde der Gesetze; diese werden alsdann durch buchstabliche Erfullung lacherlich, und mussen also nach den veranderten Umstanden umgegossen werden. Aber eine solche Betrachtung kam nicht in abderitische Kopfe. Es hatte sich ofters zugetragen, dass ein Nomophylax erwahlt wurde, der zwar die Gesetze ganz leidlich beschirmte, aber entweder schlecht sang, oder gar nichts von der Musik verstund. Was hatten die Abderiten zu tun? Nach haufigen Beratschlagungen machten sie endlich die Verordnung: Der beste Sanger aus Abdera sollte hinfur allezeit auch Nomophylax sein; und dabei blieb es, so lang Abdera stund. Dass der Nomophylax und der Vorsanger zwo verschiedene Personen sein konnten, war in zwanzig offentlichen Beratschlagungen keiner Seele eingefallen.

Es ist leicht zu erachten, dass die Musik, bei so bewandten Sachen, zu Abdera in grosser Achtung stehen musste. Alles in dieser Stadt war musikalisch; alles sang, flotete und leierte. Ihre Sittenlehre und Politik, ihre Theologie und Kosmologie, war auf musikalische Grundsatze gebaut; ja, ihre Arzte heilten sogar die Krankheiten durch Tonarten und Melodien. So weit scheint ihnen, was die Speculation betrifft, das Ansehen der grossten Weisen des Altertums, eines Orpheus, Pythagoras und Plato, zu statten zu kommen. Aber in der Ausubung entfernten sie sich desto weiter von der Strenge dieser Philosophen. Plato verweiset alle sanften und weichlichen Tonarten aus seiner Republik; die Musik soll seinen Burgern weder Freude noch Traurigkeit einflossen; er verbannet mit den ionischen und lydischen Harmonien10 alle Trink- und Liebeslieder; ja die Instrumente selbst scheinen ihm so wenig gleichgultig, dass er vielmehr die vielsaitigen, und die lydische Flote, als gefahrliche Werkzeuge der Uppigkeit ausmustert, und seinen Burgern nur die Leier und die Cithar, so wie den Hirten und dem Landvolke nur die Rohrpfeife gestattet. So strenge philosophierten die Abderiten nicht. Keine Tonart, kein Instrument war bei ihnen ausgeschlossen, und einem sehr wahren, aber sehr oft von ihnen missverstandnen Grundsatze zufolge behaupteten sie: dass man alle ernsthaften Dinge lustig, und alle lustigen ernsthaft behandeln musse. Die Ausdehnung dieser Maxime auf die Musik brachte bei ihnen die widersinnigsten Wirkungen hervor. Ihre gottesdienstlichen Gesange klangen wie Gassenlieder; allein dafur konnte man nichts feierlichers horen, als die Melodie ihrer Tanze. Die Musik zu einem Trauerspiel war gemeiniglich komisch; hingegen klangen ihre Kriegslieder so schwermutig, dass sie sich nur fur Leute schickten, die an den Galgen gehen. Diese Widersinnigkeit erstreckte sich uber alle Gegenstande des Geschmacks. Ein Leierspieler wurde in Abdera nur dann fur vortrefflich gehalten, wenn er die Saiten so zu ruhren wusste, dass man eine Flote zu horen glaubte; und eine Sangerin, um bewundert zu werden, musste gurgeln und trillern wie eine Nachtigall. Die Abderiten hatten keinen Begriff davon, dass die Musik nur in so fern Musik ist, als sie das Herz ruhrt: sie waren wohl zufrieden, wenn nur ihre Ohren gekutzelt, oder wenigstens mit nichtssagenden, aber vollen und oft abwechselnden Harmonien gestopft wurden. Mit einem Worte, bei aller ihrer Schwarmerei fur die Kunste hatten die Abderiten keinen Geschmack; und es ahnete ihnen gar nicht, dass das Schone aus einem hohern Grunde schon sei, als weil es ihnen so beliebte.

Dieses alles ungeachtet, konnte Natur, Zufall und gutes Gluck mit zusammengesetzten Kraften wohl einmal so viel zuwege bringen, dass ein geborner Abderite Menschenverstand bekam. Aber wenigstens muss man gestehen, wenn sich so etwas begab, so hatte Abdera nichts dabei geholfen. Denn ein Abderit war ordentlicher Weise nur in so fern klug, als er kein Abderit war; ein Umstand, der uns ohne Muhe begreifen lasst, warum die Abderiten von demjenigen unter ihren Mitburgern, der ihnen in den Augen der Welt am meisten Ehre machte, immer am wenigsten hielten. Dies war keine ihrer gewohnlichen Widersinnigkeiten. Sie hatten eine Ursache dazu, die so naturlich ist, dass es unbillig ware, sie ihnen zum Vorwurf zu machen.

Diese Ursache war nicht (wie einige sich einbilden), weil sie z.E. den Naturforscher Demokritus lange zuvor, eh er ein grosser Mann war mit dem Kreisel spielen, oder auf einem Grasplatze Burzelbaume machen gesehen hatten.

Auch nicht: weil sie aus Neid oder Eifersucht nicht leiden konnten, dass einer aus ihrem Mittel kluger sein sollte als sie. Denn bei der untruglichen Aufschrift der Pforte des delphischen Tempels! dies zu denken hatte kein einziger Abderit Weisheit genug, oder er wurde von dem Augenblick an kein Abderit mehr gewesen sein.

Der wahre Grund, meine Freunde, warum die Abderiten aus ihrem Mitburger Demokritus nicht viel machten, war dieser: weil sie ihn fur keinen weisen Mann hielten.

"Warum das nicht?"

Weil sie nicht konnten.

"Und warum konnten sie nicht?"

Weil sie sich alsdann selbst fur Dummkopfe hatten halten mussen. Und dies zu tun waren sie gleichwohl nicht widersinnisch genug.

Auch hatten sie eben so leicht auf dem Kopfe tanzen, oder den Mond mit den Zahnen fassen, oder den Zirkel quadrieren konnen, als einen Menschen, der in Allem ihr Gegenfussler war, fur einen weisen Mann zu halten. Dies folgt aus einer Eigenschaft der menschlichen Natur, die schon zu Adams Zeiten bemerkt worden sein muss, und gleichwohl, da Helvetius daraus folgerte was daraus folgt, vielen ganz neu vorkam; die seit dieser Zeit niemanden mehr neu ist, und dennoch im Leben alle Augenblicke Vergessen wird.

Drittes Kapitel

Was Demokritus fur ein Mann war

Seine Reisen

Er kommt nach Abdera zuruck

Was er mitbringt, und wie er aufgenommen wird

Ein Examen, das sie mit ihm vornehmen, welches

zugleich eine Probe einer abderitischen

Conversation ist

Demokritus ich denke nicht, dass es Sie gereuen wird, den Mann naher kennen zu lernen

Demokritus war ungefahr zwanzig Jahre alt, als er seinen Vater, einen der reichsten Burger von Abdera, erbte. Anstatt nun darauf zu denken, wie er seinen Reichtum erhalten oder vermehren, oder auf die angenehmste oder lacherlichste Art durchbringen wollte, entschloss sich der junge Mensch, solchen zum Mittel der Vervollkommnung seiner Seele zu machen.

"Aber was sagten die Abderiten zum Entschlusse des jungen Demokritus?"

Die guten Leute hatten sich nie traumen lassen, dass die Seele ein anderes Interesse habe, als der Magen, der Bauch und die ubrigen integranten Teile des sichtbaren Menschen. Also mag ihnen freilich diese Grille ihres Landsmannes wunderlich genug vorgekommen sein. Allein, dies war nun gerade was er sich am wenigsten anfechten liess. Er ging seinen Weg fort, und brachte viele Jahre mit gelehrten Reisen durch alle festen Lander und Inseln zu, die man damals bereisen konnte. Denn wer zu seiner Zeit weise werden wollte, musste mit eignen Augen sehen. Es gab noch keine Buchdruckereien, keine Journale, Bibliotheken, Magazine, Encyklopadien, Realworterbucher, und wie alle die Werkzeuge heissen, mit deren Hulfe man itzt, ohne zu wissen wie, ein Philosoph, ein Kunstrichter, ein Autor, ein Alleswisser wird. Damals war die Weisheit so teuer, und noch teurer als die schone Lais. Nicht jedermann konnte nach Korinth reisen. Die Anzahl der Weisen war sehr klein; aber die es waren, waren es auch desto mehr.

Demokritus reisete nicht bloss um der Menschen Sitten und Verfassungen zu beschauen, wie Ulysses; nicht bloss um Priester und Geisterseher aufzusuchen, wie Plato; oder um Tempel, Statuen, Gemalde und Altertumer zu begucken, wie Pausanias; oder um Pflanzen und Tiere abzuzeichnen und unter Classen zu bringen, wie Doctor Solander: sondern er reisete, um Natur und Kunst in allen ihren Wirkungen und Ursachen, den Menschen in seiner Nacktheit und in allen seinen Einkleidungen und Verkleidungen, roh und bearbeitet, bemalt und unbemalt, ganz und verstummelt, und die ubrigen Dinge in allen ihren Beziehungen auf den Menschen, kennen zu lernen. Die Raupen in Aethiopien (sagte Demokritus,) sind freilich nur Raupen. Was ist eine Raupe, um das erste, angelegenste, einzige Studium eines Menschen zu sein, Aber, da wir nun einmal in Aethiopien sind, so sehen wir uns immer, nebenher, auch nach den athiopischen Raupen um. Es gibt eine Raupe im Lande der Seren, welche Millionen Menschen kleidet und nahrt: wer weiss ob es nicht auch am Niger nutzliche Raupen gibt?

Mit dieser Art zu denken hatte sich Demokritus auf seinen Reisen einen Schatz von Wissenschaft gesammelt, der in seinen Augen alles Gold in den Schatzkammern des Konigs von Indien und alle Perlen an den Halsen und Armen seiner Weiber wert war. Er kannte von der Zeder Libanons bis zum Schimmel eines arkadischen Kases eine Menge von Baumen, Stauden, Krautern, Grasern und Moosen; nicht etwan bloss nach ihrer Gestalt, und nach ihren Namen, Geschlechtern und Arten: er kannte auch ihre Eigenschaften, Krafte und Tugenden. Aber, was er tausendmal hoher schatzte als alle seine ubrigen Kenntnisse, er hatte allenthalben, wo er es der Muhe wert fand sich aufzuhalten, die Weisesten und die Besten kennen gelernt. Es hatte sich bald gezeigt, dass er ihres Geschlechtes war. Sie waren also seine Freunde geworden, hatten sich ihm mitgeteilt, und ihm dadurch die Muhe erspart, eignen Fleisses, Jahre lang, und vielleicht doch vergebens, zu suchen, was sie mit Aufwand und Muhe oder auch wohl nur glucklicher Weise schon gefunden hatten.

Bereichert mit allen diesen Schatzen des Geistes und Herzens kam Demokritus, nach einer Reise von zwanzig Jahren, zu den Abderiten zuruck, die seiner beinahe vergessen hatten. Er war ein feiner stattlicher Mann; hoflich und abgeschliffen, wie ein Mann, der mit mancherlei Arten von Erdensohnen umzugehen gelernt hat, zu sein pflegt; ziemlich braungelb von Farbe; kam von den Enden der Welt, und hatte ein ausgestopftes Krokodil, einen lebendigen Affen, und viele andere sonderbare Sachen mitgebracht. Die Abderiten sprachen etliche Tage von nichts anderm, als von ihrem Mitburger Demokritus, der wieder gekommen war und Affen und Krokodile mitgebracht hatte. Allein in kurzer Zeit zeigte sichs, dass sie sich in ihrer Meinung von einem so weit gereiseten Manne sehr verrechnet hatten.

Demokritus war von den wackern Mannern, denen er indessen die Besorgung seiner Guter anvertrauet hatte, um die Halfte betrogen worden, und gleichwohl unterschrieb er ihre Rechnungen ohne Widerrede. Naturlicher Weise musste dies der guten Meinung von seinem Verstande den ersten Stoss geben. Die Advocaten und Richter wenigstens, die sich zu einem eintraglichen Processe Hoffnung gemacht hatten, merkten mit einem bedeutenden Achselzucken an, dass es bedenklich sein wurde, einem Manne, der seinem eigenen Hause so schlecht vorstehe, das gemeine Wesen anzuvertrauen. Indessen zweifelten die Abderiten nicht, dass er sich nun unter die Mitwerber um ihre vornehmsten Ehrenamter stellen wurde. Sie berechneten schon, wie hoch sie ihm ihre Stimme verkaufen wollten; gaben ihm eine Tochter, Enkelin, Schwester, Nichte, Base, Schwagerin zur Ehe; uberschlugen die Vorteile, die sie zur Erhaltung dieser oder jener Absicht von seinem Ansehen ziehen wollten, wenn er einmal Archon oder Priester der Latona sein wurde, u.s.w. Aber Demokritus erklarte sich, dass er weder ein Ratsherr von Abdera, noch der Ehgemahl eine Abderitin sein wollte, und vereitelte dadurch abermal alle ihre Anschlage. Nun hoffte man wenigstens durch seinen Umgang in etwas entschadiget zu werden. Ein Mann, welcher Affen, Krokodile und zahme Drachen von seinen Reisen mitgebracht hatte, musste eine ungeheure Menge Wunderdinge zu erzahlen haben. Man erwartete, dass er von zwolfellenlangen Riesen und von sechsdaumenhohen Zwergen, von Menschen mit Hund- und Eselskopfen, von Meerfrauen mit grunen Haaren, von weissen Negern, und blauen Centauren sprechen wurde. Aber Demokritus log so wenig, und in der Tat weniger, als ob er nie uber den thracischen Bosporus gekommen ware.

Man fragte ihn, ob er im Lande der Garamanten keine Leute ohne Kopf angetroffen habe, welche die Augen, die Nase und den Mund auf der Brust trugen; und ein abderitischer Gelehrter (der, ohne jemals aus den Mauern seiner Stadt gekommen zu sein, sich die Miene gab, als ob kein Winkel des Erdbodens ware, den er nicht durchkrochen hatte,) bewies ihm in grosser Gesellschaft, dass er entweder nie in Aethiopien gewesen sei, oder dort notwendig mit den Agriophagen, deren Konig nur ein Auge uber der Nase hat, mit den Sambern, die allezeit einen Hund zu ihrem Konig erwahlen, und mit den Artabatiten, die auf allen Vieren gehen, Bekanntschaft gemacht haben musse11. Und wofern Sie bis in den aussersten Teil des abendlandischen Aethiopien eingedrungen sind, fuhr der gelehrte Mann fort, so bin ich gewiss, dass Sie ein Volk ohne Nasen angetroffen haben, und ein anderes, wo die Leute einen so kleinen Mund fuhren, dass sie ihre Suppe durch Strohhalmen einzuschlurfen genotiget sind12.

Demokritus beteuerte beim Kastor und Pollux, dass er sich nicht erinnere, diese Ehre gehabt zu haben.

Wenigstens, sagte jener, haben Sie in Indien Menschen angetroffen, die nur ein einziges Bein auf die Welt bringen, aber dem ungeachtet wegen der ausserordentlichen Breite ihres Fusses so geschwind auf dem Boden fortrutschen, dass man ihnen zu Pferde kaum nachkommen kann13. Und was sagten Sie dazu, wie Sie an der Quelle des Ganges ein Volk antrafen, das ohne alle andre Nahrung vom blossen Geruche wilder Apfel lebt14?

O erzahlen Sie uns doch, riefen die schonen Abderitinnen, erzahlen Sie doch, Herr Demokritus! Was mussten Sie uns nicht erzahlen konnen, wenn Sie nur wollten!

Demokritus schwur vergebens, dass er von allen diesen Wundermenschen in Aethiopien und Indien nichts gesehen noch gehort habe.

Aber was haben Sie denn gesehen, fragte ein runder dicker Mann, der zwar weder einaugig war wie die Agriophagen, noch eine Hundsschnauze hatte wie die Cymolgen, noch die Augen auf den Schultern trug wie die Omophthalmen, noch vom blossen Geruche lebte wie die Paradiesvogel, aber doch gewiss nicht mehr Gehirn in seinem grossen Schadel trug, als ein mexicanischer Colibri, ohne darum weniger ein Ratsherr von Abdera zu sein Aber was haben Sie denn gesehen, sagte Wanst, Sie, der zwanzig Jahre in der Welt herum gefahren sind, wenn Sie nichts von allem dem gesehen haben, was man in fernen Landen wunderbares sehen kann?

Wunderbares? versetzte Demokritus lachelnd. Ich hatte so viel mit Betrachtung des Naturlichen zu tun, dass ich furs Wunderbare keine Zeit ubrig behielt.

Nun das gesteh ich, erwiderte Wanst; das verlohnt sich auch der Muhe, alle Meere zu durchfahren, und uber alle Berge zu steigen, um nichts zu sehen, als was man zu Hause eben so gut sehen konnte!

Demokritus zankte sich nicht gerne mit den Leuten um ihre Meinungen, am allerwenigsten mit Abderiten; und gleichwohl wollt' er auch nicht, dass es aussehen sollte, als ob er gar nichts sagen konne. Er suchte unter den schonen Abderitinnen, die in der Gesellschaft waren, eine aus, an die er das richten konnte, was er sagen wollte; und fand eine mit zwei grossen junonischen Augen, die ihn, trotz seiner physiognomischen Kenntnisse, verfuhrten, ihrer Eigentumerin etwas mehr Verstand oder Empfindung zuzutrauen als den ubrigen. Was wollten Sie, sagte er zu ihr, dass ich, zum Exempel, mit einer Dame, die die Augen auf der Stirne oder am Ellebogen truge, hatte anfangen sollen? Oder was wurde mirs nun helfen, wenn ich noch so gelehrt in der Kunst ware, das Herz einer Menschenfresserin zu ruhren? Ich habe mich immer zu wohl befunden, mich der sanften Gewalt von zwei schonen Augen, die an ihrem naturlichen Platze stehen, zu uberlassen, um jemals eine Versuchung zu bekommen, das grosse Stierauge auf der Stirn einer Cyklopin zartlich zu sehen.

Die Schone mit den grossen Augen, zweifelhaft, was sie aus dieser Anrede machen sollte, guckte dem Mann, der so sprach, mit stummer Verwunderung in den Mund, lachelte ihm ihre schonen Zahne vor, und sah sich zur rechten und linken Seite um, als ob sie den Verstand seiner Rede suchen wollte.

Die ubrigen Abderitinnen hatten zwar eben so wenig davon begriffen; weil sie aber aus dem Umstande, dass er sich gerade an die Grossaugige gewendet hatte, schlossen, er habe ihr etwas Schones gesagt: so sahen sie einander jede mit einer eignen Grimasse an. Diese rumpfte eine kleine Stumpfnase, jene zog den Mund in die Lange, eine dritte spitzte den ihrigen, der ohnehin gross genug war, eine vierte riss ein paar kleine Augen auf, eine funfte brustete sich mit zuruckgezogenem Kopfe, u.s.w. Demokritus sah es, erinnerte sich, dass er in Abdera war, und schwieg.

Viertes Kapitel

Das Examen wird fortgesetzt, und verwandelt sich in

eine Disputation uber die Schonheit, wobei dem

Demokritus sehr warm gemacht wird

Schweigen ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so grosse, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die dann am klugsten sind, wenn sie schweigen.

Wenn ein weiser Mann sieht, dass er es mit Kindern zu tun hat, warum sollt' er sich zu weise dunken, nach ihrer Art mit ihnen zu reden?

Ich bin zwar (sagte Demokritus zu seiner neugierigen Gesellschaft) aufrichtig genug gewesen, zu gestehen, dass ich von allem, was man will, dass ich gesehen haben sollte, nichts gesehen habe; aber bilden Sie sich darum nicht ein, dass mir auf so vielen Reisen zu Wasser und zu Lande nichts aufgestossen sei, das Ihre Neubegierde befriedigen konnte. Glauben Sie mir, es sind Dinge darunter, die Ihnen vielleicht noch wunderbarer vorkommen wurden, als diejenigen, wovon die Rede war.

Bei diesen Worten ruckten die schonen Abderitinnen naher und spitzten Mund und Ohren. Das ist doch ein Wort von einem gereisten Manne, rief der kurze dicke Ratsherr. Des Gelehrten Stirne entrunzelte sich durch die Hoffnung, dass er etwas zu tadeln und zu verbessern bekommen wurde, Demokritus mochte auch sagen was er wollte.

Ich befand mich einst in einem Lande, fing Demokritus an, wo es mir so wohl gefiel, dass ich in den ersten drei oder vier Tagen, die ich darinnen zubrachte, unsterblich zu sein wunschte, um ewig darin zu leben.

"Ich bin nie aus Abdera gekommen, sagte der Ratsmann; aber ich dachte immer, dass es keinen Ort in der Welt gabe, wo es mir besser gefallen konnte, als in Abdera. Auch geht es mir gerade, wie Ihnen mit dem Lande wo es Ihnen so wohl gefiel; ich wollte mit Freuden auf die ganze ubrige Welt Verzicht tun, wenn ich nur ewig in Abdera leben konnte! Aber warum gefiel es Ihnen nur drei Tage lang so wohl in dem Lande?"

Sie werden es gleich horen. Stellen Sie sich ein unermessliches Land vor, dem die angenehmste Abwechslung von Bergen, Talern, Waldern, Hugeln und Auen unter der Herrschaft eines ewigen Fruhlings und Herbstes, allenthalben wohin man sieht, das Ansehen des herrlichsten Lustgartens gibt: alles angebaut und bewassert, alles bluhend und fruchtbar; allenthalben ein ewiges Grun, und immer frische Schatten und Walder von den schonsten Fruchtbaumen, Datteln, Feigen, Zitronen, Granaten, die ohne Pflege, wie in Thracien die Eicheln, wachsen; Haine von Myrten und Schasmin; Amors und Cytheraens Lieblingsblume nicht auf Hecken, wie bei uns, sondern in dichten Buscheln auf grossen Baumen wachsend, und vollaufgebluht wie die Busen meiner schonen Mitburgerinnen

(Dies hatte Demokritus nicht gut gemacht; und es kann kunftigen Erzahlern zur Warnung dienen, dass man sich vorher wohl in seiner Gesellschaft umsehen muss, ehe man Complimente dieser Art wagt, so verbindlich sie auch an sich selbst klingen mogen. Die Schonen hielten die Hande vor die Augen und erroteten. Denn zum Ungluck war unter den Anwesenden keine, die dem schmeichelhaften Gleichnis Ehre gemacht hatte; wiewohl sie nicht ermangelten sich aufzublahen so gut sie konnten.)

und diese reizenden Haine, fuhr er fort, vom lieblichen Gesang unzahliger Arten von Vogeln belebt, und mit tausend bunten Papageien erfullt, deren Farben im Sonnenglanz die Augen blenden. Welch ein Land! Ich begriff nicht, warum die Gottin der Liebe Cythere zu ihrem Wohnsitz erwahlt hatte, da ein Land wie dieses in der Welt war. Wo hatten die Grazien angenehmer tanzen konnen, als am Rande von Bachen und Quellen, wo, zwischen kurzem dichtem Gras vom lebhaftesten Grun, Lilien und Hyacinthen, und zehen Tausenden noch schonern Blumen, die in unsrer Sprache ohne Namen sind, freiwillig hervorbluhn, und die Luft mit wollustigen Wohlgeruchen erfullen?

Die schonen Abderitinnen hatten, wie leicht zu erachten, die Einbildungskraft nicht weniger lebhaft als die Abderiten; und das Gemalde, das ihnen Demokritus, ohne dabei an Arges zu denken, vorstellte, war mehr, als ihre kleinen Seelchen aushalten konnten. Einige seufzten laut vor Behaglichkeit; andere sahen aus, als ob sie die wollustigen Geruche, die in ihrer Phantasie dufteten, mit Mund und Nase einschlurfen wollten; die schone Juno sank mit dem Kopf auf ein Polster des Kanapees zuruck, schloss ihre grossen Augen halb, und befand sich unvermerkt am blumichten Rand einer dieser schonen Quellen, von Rosen und Zitronenbaumen umschattet, aus deren Zweigen Wolken von ambrosischen Duften auf sie herab wallten. In einer sanften Betaubung von sussen Empfindungen begann sie eben einzuschlummern: als sie einen Jungling, schon wie Bacchus und dringend wie Amor, zu ihren Fussen liegen sah. Sie richtete sich auf, ihn desto besser betrachten zu konnen, und sah ihm so schon, so zartlich, dass die Worte, womit sie seine Verwegenheit bestrafen wollte, auf ihren Lippen erstarben. Kaum hatte sie

Und wie meinen Sie (fuhr Demokritus fort) nennt sich dies zauberische Land, von dessen Schonheiten alles, was ich davon sagen konnte, Ihnen kaum den Schatten eines Begriffs geben wurde? Es ist eben dieses Aethiopien, welches mein gelehrter Freund hier mit Ungeheuern von Menschen bevolkert, die eines so schonen Vaterlandes ganz unwurdig sind. Aber eine Sache, die er mir fur wahr nachsagen kann, ist: dass es im ganzen Aethiopien und Libyen, wiewohl diese Namen eine Menge verschiedener Volker umfassen, keinen Menschen gibt, der seine Nase nicht eben da truge wo wir, nicht eben so viel Augen und Ohren hatte als wir, und kurz

Ein grosser Seufzer von derjenigen Art, wodurch sich ein von Schmerz oder Vergnugen gepresstes Herz Luft zu machen sucht, hob in diesem Augenblicke den Busen der schonen Abderitin, welche, wahrend dass Demokritus in seiner Rede fortfuhr, in dem Traumgesichte, worin wir sie zu belauschen Bedenken trugen, (wie es scheint,) auf einen Umstand gekommen war, an welchem ihr Herz auf die eine oder andre Art sehr lebhaft Anteil nahm. Da die ubrigen Anwesenden nicht wissen konnten, dass die gute Dame einige hundert Meilen weit von Abdera unter einem athiopischen Rosenbaum, in einem Meer der sussesten Wohlgeruche schwamm, tausend neue Vogel das Gluck der Liebe singen horte, tausend bunte Papageien vor ihren Augen herum flattern sah, und, zum Uberfluss, einen Jungling mit gelben Locken und Korallenlippen zu ihren Fussen liegen hatte, so war es naturlich, dass man den besagten Seufzer mit einem allgemeinen Erstaunen empfing. Man begriff nichts davon, dass die letzten Worte Demokrits die Ursache einer solchen Wirkung gewesen sein konnten. Was fehlt Ihnen, Lysandra? riefen die Abderitinnen aus Einem Munde, indem sie sich sehr besorgt um sie stellten. Die schone Lysandra, die in diesem Augenblicke wieder gewahr wurde, wo sie war, errotete, und versicherte, dass es nichts sei. Demokritus, der nun zu merken anfing was es war, stund ihnen gut dafur, dass ein paar Zuge frische Luft alles wieder gut machen wurden; aber in seinem Herzen beschloss er, kunftig seine Gemalde nur mit Einer Farbe zu malen, wie die Maler in Thracien. Gerechte Gotter! dacht er, was fur eine Einbildungskraft diese Abderitinnen haben!

Nun meine schonen Neugierigen, fuhr Demokritus fort, was meinen Sie, von welcher Farbe die Einwohner eines so schonen Landes sind?

"Von welcher Farbe? Warum sollten sie eine andre Farbe haben als die ubrigen Menschen? Sagten Sie uns nicht, dass sie die Nase mitten im Gesichte trugen, und in allem Menschen waren wie wir Griechen?"

Menschen, ohne Zweifel; aber sollten sie darum weniger Menschen sein, wenn sie schwarz oder olivenfarb waren?

"Was meinen Sie damit?"

Ich meine, dass die schonsten unter den athiopischen Nationen (namlich diejenigen, die nach unserm Massstabe die schonsten, das ist, uns die ahnlichsten sind,) durchaus olivenfarb wie die Aegyptier, und diejenigen, welche tiefer im festen Lande und in den mittaglichsten Gegenden wohnen, vom Kopf bis zur Fusssohle so schwarz und noch ein wenig schwarzer sind als die Raben zu Abdera.

"Was Sie sagen! Und erschrecken die Leute nicht vor einander, wenn sie sich ansehen?"

Erschrecken: Warum dies? Sie gefallen sich sehr mit ihrer Rabenschwarze, und finden, dass nichts schoner sein kann.

"O das ist lustig! riefen die Abderitinnen! Schwarz am ganzen Leibe, als ob sie mit Pech uberzogen waren, sich von Schonheit traumen zu lassen! Was das fur ein dummes Volk sein muss! Haben sie denn keine Maler, die ihnen den Apollo, den Bacchus, die Gottin der Liebe, und die Grazien malen konnten? Oder konnten sie nicht schon vom Homer lernen dass Juno weisse Arme, Thetis Silberfusse, und Aurora Rosenfinger hat?"

Ach, erwiderte Demokritus, die guten Leute haben keinen Homer; oder wenn sie einen haben, so durfen wir uns darauf verlassen, dass seine Juno kohlschwarze Arme hat. Von Malern habe ich in Aethiopien nichts gehort. Aber ich sah ein Madchen, dessen Schonheit unter seinen Landesleuten beinahe eben so viel Unheil anrichtete, als die Tochter der Leda unter den Griechen und Trojanern; und diese africanische Helena war schwarzer als Ebenholz.

"O beschreiben Sie uns doch dies Ungeheuer von Schonheit" riefen die Abderitinnen, die, aus dem naturlichsten Grunde von der Welt, an dieser Unterredung unendlich viel Vergnugen fanden.

Sie werden Muhe haben sich einen Begriff davon zu machen. Stellen Sie sich das vollige Gegenteil des griechischen Ideals der Schonheit vor: die Grosse einer Grazie, und die Dicke einer Ceres; schwarze Haare, aber nicht in langen wallenden Locken um die Schultern fliessend, sondern kurz und von Natur kraus wie Schafwolle. Die Stirne breit und stark gewolbt; die Nase kurz aufgestulpt, und in der Mitte des Knorpels flach gedruckt; die Wangen rund wie die Backen eines Trompeters, der Mund gross (Philinna lachelte, um zu zeigen, wie klein der ihrige sei.)

Die Lippen sehr dick und aufgeworfen, und zwo Reihen von Zahnen wie Perlenschnuren

(Die Schonen lachten insgesamt, wiewohl sie keine andre Ursache dazu haben konnten, als ihre eignen Zahne zu weisen: denn was war sonst hier zu lachen?)

"Aber ihre Augen?" fragte Lysandra.

O was die betrifft, die waren so klein und so wasserfarbig, dass ich lange nicht von mir erhalten konnte, sie schon zu finden "Demokritus ist fur Homers Kuhaugen, wie es scheint", sagte Myris, indem sie einen hohnischen Seitenblick auf die Schone mit den grossen Augen warf.

In der Tat, (versetzte Demokritus, mit einer Miene, woraus ein Tauber geschlossen hatte, dass er ihr die grosste Schmeichelei sage,) schone Augen mussten sehr gross sein, wenn ich sie zu gross finden sollte; und hassliche konnen, deucht mich, nie zu klein sein.

Die schone Lysandra warf einen triumphierenden Blick auf ihre Schwestern, und schuttete dann eine ganze Glorie von Zufriedenheit aus ihren grossen Augen auf den glucklichen Demokrit herab.

"Darf man wissen, was Sie unter schonen Augen verstehen?" fragte die kleine Myris, indem sich ihre Nase merklich spitzte.

Ein Blick der schonen Lysandra schien ihm zu sagen: Sie werden nicht verlegen sein, die Antwort auf diese Frage zu finden.

Ich verstehe darunter Augen, in denen sich eine schone Seele malt, sagte Demokritus.

Lysandra sah albern aus, wie eine Person, der man etwas unerwartetes gesagt hat, und die keine Antwort darauf finden kann. Eine schone Seele! dachten die Abderitinnen alle zugleich Was fur wunderliche Dinge der Mann aus fernen Landen mitgebracht hat! Eine schone Seele! Dies ist noch uber seine Affen und Papageien!

"Aber mit allen diesen Subtilitaten, sagte der dicke Ratsherr, kommen wir von der Hauptsache ab. Mir deucht, die Rede war von der schonen Helena aus Aethiopien, und ich mochte doch wohl horen, was die ehrlichen Leute so schones an ihr finden konnten?"

Alles, antwortete Demokritus.

"So mussen sie gar keinen Begriff von Schonheit haben", sagte der Gelehrte.

Um Vergebung, erwiderte der Erzahler; weil diese athiopische Helena der Gegenstand aller Wunsche war, so lasst sich sicher schliessen, dass sie der Idee von Schonheit glich, die Jeder in seiner Einbildung fand.

"Sie sind aus der Schule des Parmenides?" sagte der Gelehrte, indem er sich in eine streitbare Positur setzte16.

Ich bin nichts als ich selbst, welches sehr wenig ist; erwiderte Demokritus halb erschrocken. Wenn Sie dem Wort Idee gram sind, so erlauben Sie mir, mich anders auszudrucken. Die schone Gulleru so nannte man die Schwarze, von der wir reden

Gulleru? riefen die Abderitinnen, indem sie in ein Gelachter ausbrachen, das kein Ende nehmen wollte; Gulleru! welch ein Name! Und wie ging es mit Ihrer schonen Gulleru? fragte die spitznasige Myris mit einem Blick und in einem Tone, der noch dreimal spitziger als ihre Nase war.

Wenn Sie mir jemals die Ehre erweisen, mich zu besuchen, antwortete der Philosoph mit der ungezwungensten Hoflichkeit, so sollen Sie erfahren, wie es mit der schonen Gulleru gegangen ist. Itzt muss ich diesem Herrn mein Versprechen halten. Die Gestalt der schonen Gulleru also

(Der schonen Gulleru, wiederholten die Abderitinnen und lachten von neuem; aber ohne dass Demokritus sich diesmal unterbrechen liess.)

flosste zu ihrem Ungluck den Junglingen ihres Landes die starkste Leidenschaft ein. Dies scheint zu beweisen, dass man sie schon gefunden habe; und ohne Zweifel lag der Grund, weswegen man sie schon fand, in allem dem, warum man sie nicht fur hasslich hielt. Diese Aethiopier fanden also einen Unterschied zwischen dem was ihnen schon und was ihnen nicht schon vorkam; und wenn zehn verschiedene Aethiopier in ihrem Urteil von dieser Helena ubereinstimmten, so kam es vermutlich daher, weil sie einerlei Begriff von Schonheit und Hasslichkeit hatten.

"Dies folgt nicht; (sagte der abderitische Gelehrte;) konnte nicht unter zehn jeder etwas anderes an ihr liebenswurdig finden?"

Der Fall ist nicht unmoglich; aber er beweist nichts gegen mich. Gesetzt, der eine hatte ihre kleinen Augen, ein anderer ihre schwellenden Lippen, ein dritter ihre grossen Ohren bewundernswurdig wurdig gefunden: so setzt auch dies immer eine Vergleichung zwischen ihr und andern athiopischen Schonen voraus. Die ubrigen hatten Augen, Ohren und Lippen, so wohl wie Gulleru. Wenn man also die ihrigen schoner fand, so musste man ein gewisses Modell der Schonheit haben, mit welchem man z. E. ihre Augen und andre Augen verglich; und dies ist alles, was ich mit meinem Ideal sagen wollte.

"Indessen (erwiderte der Gelehrte,) werden Sie doch nicht behaupten wollen, dass diese Gulleru schlechterdings die schonste unter allen schwarzen Madchen vor ihr, neben ihr, und nach ihr gewesen sei? ich meine, die Schonste in Vergleichung mit dem Modelle, wovon Sie sagten."

Ich wusste nicht, warum ich dies behaupten sollte, versetzte Demokritus.

"Es konnte also eine geben, die z. E. noch kleinere Augen, noch dickere Lippen, noch grossere Ohren hatte?"

Moglicher Weise, so viel ich weiss.

"Und in Absicht dieser letztern gilt ohne Zweifel die namliche Voraussetzung, und so ins Unendliche. Die Aethiopier hatten also kein Modell der Schonheit; man musste denn sagen, dass sich unendlich kleine Augen, unendlich dicke Lippen, unendlich grosse Ohren denken lassen?"

Wie subtil die abderitischen Gelehrten sind! dachte Demokritus. Wenn ich eingestund, sagte er, dass es ein schwarzes Madchen geben konne, welche kleinere Augen oder dickere Lippen hatte als Gulleru, so sagte ich damit noch nicht, dass dieses schwarze Madchen den Aethiopiern darum schoner hatte vorkommen mussen als Gulleru. Das Schone hat notwendig ein bestimmtes Mass, und was uber solches ausschweift, entfernt sich eben so davon, wie das, was unter ihm bleibt. Wer wird daraus, dass die Griechen in der Grosse der Augen und in der Kleinheit des Mundes ein Stuck der vollkommenen Schonheit setzen, den Schluss ziehen: eine Frau, deren Augapfel einen Daumen im Durchschnitt hielten, oder deren Mund so klein ware, dass man Muhe hatte, einen Strohhalm hineinzubringen, musste von den Griechen fur desto schoner gehalten werden?

Der Abderite war geschlagen, wie man sieht; und er fuhlte es. Aber ein abderitischer Gelehrter hatte sich eher erdrosseln lassen, als so was einzugestehen. Waren nicht Philinnen und Lysandren, und ein kurzer dicker Ratsherr da, an deren Meinung von seinem Verstand ihm gelegen war? Und wie wenig kostete es ihm, Abderiten und Abderitinnen auf seine Seite zu bringen? In der Tat wusste er nicht sogleich, was er sagen sollte. Aber in fester Zuversicht, dass ihm wohl noch was einfallen werde, antwortete er indessen durch ein hohnisches Lacheln; welches zugleich andeutete, dass er die Grunde seines Gegners verachte, und dass er im Begriff sei, den entscheidenden Streich zu fuhren. "Ists moglich, rief er endlich in einem Ton, als ob dies die Antwort auf die letzte Rede des Demokritus sei17, konnen Sie die Liebe zum Paradoxen so weit treiben, im Angesicht dieser Schonen zu behaupten, dass ein Geschopf, wie Sie uns diese Gulleru beschrieben haben, eine Venus sei?"

Sie haben vergessen, versetzte Demokrit sehr gelassen, dass die Rede nicht von mir und diesen Schonen, sondern von Aethiopiern war. Ich behauptete nichts; ich erzahlte nur was ich gesehen hatte. Ich beschrieb Ihnen eine Schonheit nach athiopischem Geschmack. Es ist nicht meine Schuld, wenn die griechische Hasslichkeit in Aethiopien Schonheit ist. Auch seh ich nicht, was mich berechtigen konnte, zwischen den Griechen und Aethiopiern zu entscheiden. Ich vermute, es konnte sein, dass beide Recht hatten.

Ein lautes Gelachter, dergleichen man aufschlagt, wenn jemand etwas unbegreiflich Ungereimtes gesagt hat, wieherte dem Philosophen aus allen anwesenden Halsen entgegen.

"Lass horen, lass doch horen, rief der dicke Ratsherr, indem er seinen Wanst mit beiden Handen hielt, was unser Landsmann sagen kann, um zu beweisen, dass beide Recht haben! Ich hore fur mein Leben gerne so was behaupten. Wofur hatte man auch sonst euch gelehrte Herren? Die Erde ist rund; der Schnee ist schwarz; der Mond ist zehnmal so gross als der ganze Peloponnesus; Achilles kann keine Schnecke im Laufen einholen Nicht wahr, Herr Antistrepsiades? Nicht wahr, Herr Demokritus? Sie sehen, dass ich auch ein wenig in Ihren Mysterien eingeweiht bin. Ha, Ha, Ha!"

Die samtlichen Abderiten und Abderitinnen erleichterten sympathetischer Weise ihre Lungen abermals, und Herr Antistrepsiades, der einen Anschlag auf die Abendmahlzeit des jovialischen Ratsherrn gemacht hatte, unterstutzte gefallig das allgemeine Gelachter mit lautem Handeklatschen.

Funftes Kapitel

Unerwartete Auflosung des Knotens, mit einigen

neuen Beispielen von abderitischem Witz

Demokritus war in der Laune, sich mit seinen Abderiten und den Abderiten mit sich Kurzweile zu machen. Zu weise, ihnen irgend eine von ihren National- oder Individualunarten ubel zu nehmen, konnt' er es sehr wohl leiden, dass sie ihn fur einen uberklugen Mann ansahen, der seinen abderitischen Mutterwitz auf seiner langen Wanderschaft verdunstet hatte, und nun zu nichts gut ware, als ihnen mit seinen Einfallen und Grillen etwas zu lachen zu geben. Er fuhr also, nachdem sich das Gelachter uber den witzigen Einfall des dicken Ratsherrn endlich gelegt hatte, mit seinem gewohnlichen Phlegma fort, wo ihn der kleine jovialische Mann unterbrochen hatte.

Sagte ich nicht, wenn die griechische Hasslichkeit in Aethiopien Schonheit sei, so konnte wohl sein, dass beide Teile Recht hatten?

"Ja, ja, das sagten Sie, und ein Mann steht fur sein Wort."

Wenn ich es gesagt habe, so muss ich's wohl behaupten; das versteht sich, Herr Antistrepsiades?

"Wenn Sie konnen."

Bin ich etwan nicht auch ein Abderit? Und zudem brauch ich hier nur die Halfte meines Satzes zu beweisen, um das Ganze bewiesen zu haben: denn dass die Griechen Recht haben, darf nicht erst bewiesen werden; dies ist eine Sache, die in allen griechische Kopfen schon langst ausgemacht ist. Aber dass die Aethiopier auch Recht haben, da liegt die Schwierigkeit! Wenn ich mit Sophismen fechten, oder mich begnugen wollte, meine Gegner stumm zu machen, ohne sie zu uberzeugen; so wurd' ich, als Anwalt der athiopischen Venus, die ganze Streitfrage dem innern Gefuhl zu entscheiden uberlassen. Warum, wurd' ich sagen, nennen die Menschen diese oder jene Figur, diese oder jene Farbe, schon? Weil sie ihnen gefallt. Gut; aber warum gefallt sie ihnen? Weil sie ihnen angenehm ist. Und warum ist sie ihnen angenehm? O mein Herr, wurde ich sagen, Sie mussen endlich aufhoren zu fragen, oder ich hore auf zu antworten. Ein Ding ist uns angenehm, weil es einen Eindruck auf uns macht, der uns angenehm ist. Ich fordre alle Ihre Grubler heraus, einen bessern Grund anzugeben. Nun wurd' es lacherlich sein, einem Menschen abstreiten zu wollen, dass ihm angenehm sei, was ihm angenehm ist; oder ihm zu beweisen, er habe Unrecht, sich wohlgefallen zu lassen, was einen gefallenden Eindruck auf ihn macht. Wenn also die Figur einer Gulleru seinen Augen wohl tut, so gefallt sie ihm, und wenn sie ihm gefallt, so nennt er sie schon, oder es musste nur kein solches Wort in seiner Sprache sein.

"Und wenn und wenn ein Wahnwitziger Pferdapfel fur Pfirschen asse?" sagte Antistrepsiades.

"Pferdapfel fur Pfirschen! gut gesagt, bei meiner Ehre! gut gesagt, rief der Ratsherr. Knacken Sie das auf, Herr Demokritus?"

"Fi, Fi, doch, Demokritus, lispelte die schone Myris, indem sie die Hand vor die Nase hielt; wer wird auch von Pferdapfeln reden? Schonen Sie wenigstens unsrer Nasen!"

Jedermann sieht, dass sich die schone Myris mit diesem Verweise an den witzigen Antistrepsiades hatte wenden sollen, der die Pferdapfel zuerst aufgetragen hatte, und an den Ratsherrn, der dem Demokritus gar zumutete sie aufzuknacken. Aber es war nun einmal darauf abgesehen, den Demokritus lacherlich zu machen; der Instinct vertrat bei den samtlichen Anwesenden hierin die Stelle einer Verabredung, und Myris konnte diese schone Gelegenheit zu einem Stich, der die Lacher auf ihre Seite brachte, unmoglich entwischen lassen. Denn gerade der Umstand, dass Demokrit, der ohnehin an den Pferdapfeln des Antistrepsiades genug zu schlucken hatte, noch obendrein einen Verweis deswegen erhielt, kam den Abderiten und Abderitinnen so lustig vor, dass sie alle zugleich zu lachen anfingen, und sich vollig so gebardeten, als ob der Philosoph nun aufs Haupt geschlagen sei und gar nicht wieder aufstehen konne.

Zu viel ist zu viel. Der gute Demokritus hatte zwar in zwanzig Jahren viel erwandert: aber seitdem er aus Abdera gegangen war, war ihm kein zwotes Abdera aufgestossen; und nun, da er wieder drin war, zweifelte er zuweilen auf einen oder zween Augenblicke, ob er irgendwo sei? Wie war es moglich, mit solchen Leuten fertig zu werden?

"Nun, Vetter? sagte der Ratsherr, kannst du die Pferdapfel des Antistrepsiades nicht hinunter kriegen? Ha, ha, ha!"

Dieser Einfall war zu abderitisch, um die Zartlichkeit der samtlichen gebogenen, stumpfen, viereckigen und spitzigen Nasen in der Gesellschaft nicht zu uberwaltigen.

Die Damen kicherten ein zirpendes Hi, hi, hi, in das dumpfe donnernde Ha, ha, ha, der Mannspersonen.

Sie haben gewonnen, rief Demokritus; und zum Zeichen dass ich mein Gewehr mit guter Art strecke, sollen Sie sehen, ob ich die Ehre verdiene, Ihr Landsmann und Vetter zu sein. Und nun fing er an, mit einer Geschicklichkeit, worin ihm kein Abderite gleich kam, von der untersten Note stufenweise Crescendo, bis zum Unisono mit dem Hi, hi, der schonen Abderitinnen, ein Gelachter aufzuschlagen, dergleichen, so lang Abdera auf thracischem Boden stund, nie erhort worden war.

Anfangs machten die Damen Miene, als ob sie Widerstand tun wollten; aber es war keine Moglichkeit, gegen das verzweifelte Crescendo auszuhalten. Sie wurden endlich davon wie von einem reissenden Strom ergriffen; und da die Gewalt der Ansteckung noch dazu schlug, so kam es bald so weit, dass die Sache ernsthaft wurde. Die Frauenzimmer baten mit weinenden Augen um Barmherzigkeit. Aber Demokritus hatte keine Ohren, und das Gelachter nahm uberhand. Endlich liess er sich, wie es schien, bewegen, ihnen einen Stillstand zu bewilligen; allein in der Tat bloss, damit sie die Peinigung, die er ihnen zugedacht, desto langer aushalten konnten. Denn kaum waren sie wieder ein wenig zu Atem gekommen, so fing er die namliche Tonleiter, eine Terze hoher, noch einmal zu durchlachen an, aber mit so vielen eingemischten Trillern und Rouladen, dass sogar die runzlichten Beisitzer des Hollengerichts, Minos, Aeakus und Rhadamanthus, in ihrem hollenrichterlichen Ornat, aus der Fassung dadurch gekommen waren.

Zum Ungluck hatten zwo oder drei von unsern Schonen nicht daran gedacht, ihre Personen gegen alle mogliche Folgen einer so heftigen Leibesubung in Sicherheit zu setzen. Scham und Natur kampften auf Leben und Tod in den armen Madchen. Vergebens flehten sie den unerbittlichen Demokritus mit Mund und Augen um Gnade an; vergebens forderten sie ihre vom Lachen ganzlich erschlafften Sehnen zu einer letzten Anstrengung auf. Die tyrannische Natur siegte, und in einem Augenblicke sahe man den Saal, wo sich die Gesellschaft befand, unter **********

Der Schrecken uber eine so unversehene Naturerscheinung (die desto wunderbarer war, da das allgemeine Auffahren und Erstaunen der schonen Abderitinnen zu beweisen schien, dass es eine Wirkung ohne Ursache sei,) unterbrach die Lacher auf etliche Augenblicke, um sogleich mit verdoppelter Gewalt wieder loszudrucken. Naturlicher Weise gaben sich die erleichterten Schonen alle Muhe, den besondern Anteil, den sie an dieser Begebenheit hatten, durch Grimassen von Erstaunen und Ekel zu verbergen, und den Verdacht auf ihre schuldlosen Nachbarinnen fallen zu machen, welche durch unzeitige, aber unfreiwillige Schamrote den unverdienten Argwohn mehr als zu viel bestarkten. Der lacherliche Zank, der sich daruber unter ihnen erhub; Demokrit und Antistrepsiades, die sich boshafter Weise ins Mittel schlugen, und durch ironische Trostgrunde den Zorn derjenigen, die sich unschuldig wussten, noch mehr aufreizten; und mitten unter ihnen allen der kleine dicke Ratsherr, der unter berstendem Gelachter einmal uber das andre ausrief, dass er nicht die Halfte von Thracien um diesen Abend nehmen wollte; alles dies zusammen machte eine Scene, die des Griffels eines Hogarth wurdig gewesen ware, wenn es damals schon einen Hogarth gegeben hatte.

Wir konnen nicht sagen, wie lange sie gedaurt haben mag: denn es ist eine von den Tugenden der Abderiten, dass sie nicht aufhoren konnen. Aber Demokritus, bei dem alles seine Zeit hatte, glaubte, dass eine Komodie, die kein Ende nimmt, die langweiligste unter allen Kurzweilen sei. Er packte also alle die schonen Sachen, die er zur Rechtfertigung der athiopischen Venus hatte sagen konnen, wofern er es mit vernunftigen Geschopfen zu tun gehabt hatte, ganz gelassen zusammen, wunschte den Abderiten und Abderitinnen was sie nicht hatten, und ging nach Hause, nicht ohne Verwunderung uber die gute Gesellschaft, die man anzutreffen Gefahr lief, wenn man einen Ratsherrn von Abdera besuchte.

Sechstes Kapitel

Eine Gelegenheit fur den Leser, um sein Gehirn aus

der schaukelnden Bewegung des vorigen Kapitels

wieder in Ruhe zu setzen

Gute, kunstlose, sanftherzige Gulleru, sagte Demokritus, da er nach Hause gekommen war, zu einer wohlgepflegten krauslockigen Schwarzen, die ihm mit offnen Armen entgegenwatschelte komm an meinen Busen, ehrliche Gulleru! Zwar bist du schwarz wie die Gottin der Nacht; dein Haar ist wollicht, und deine Nase platt; deine Augen sind klein, deine Ohren gross, und deine Lippen gleichen einer aufgeborstnen Nelke. Aber dein Herz ist rein und aufrichtig und frohlich, und fuhlt mit der ganzen Natur. Du denkst nie Arges, sagst nie was Albernes, qualst weder andre noch dich selbst, und tust nichts, was du nicht gestehen darfst. Deine Seele ist ohne Falsch, wie dein Gesicht ohne Schminke. Du kennst weder Neid noch Schadenfreude; und nie hat sich deine ehrliche platte Nase gerumpft, um eines deiner Nebengeschopfe zu hohnen oder in Verlegenheit zu setzen. Unbesorgt, ob du gefallst oder nicht gefallst, lebst du, in deine Unschuld eingehullt, im Frieden mit dir selbst und der ganzen Natur; immer geschickt Freude zu geben und zu empfangen, und wert, dass das Herz eines Mannes an deinem Busen ruhe! Gute, sanftherzige Gulleru! Ich konnte dir einen andern Namen geben; einen schonen, klangreichen, griechischen Namen auf ane oder ide, arion oder erion: aber dein Name ist schon genug, weil er dein ist; und ich bin nicht Demokritus, oder die Zeit soll noch kommen, wo jedes ehrliche gute Herz dem Namen Gulleru entgegenschlagen soll!

Gulleru begriff nicht allzuwohl, was Demokritus mit dieser empfindsamen Anrede haben wollte; aber sie sah, dass es eine Ergiessung seines Herzens war, und so verstund sie gerade so viel davon, als sie vonnoten hatte.

"War diese Gulleru seine Frau?"

Nein.

"Seine Beischlaferin?"

Nein.

"Seine Sklavin?"

Nach ihrem Anzug zu schliessen nicht.

"Wie war sie denn angezogen?"

So gut, dass sie eine Fille d'honneur der Konigin von Saba hatte vorstellen konnen. Schnure von grossen feinen Perlen zwischen den Locken, und um Hals und Arme; ein Gewand voll schon gebrochner Falten, von dunnem feuerfarbnem Atlass mit Streifen von welcher Farbe ihr wollt, unter ihrem Busen von einem reichgestickten Gurtel zusammengehalten, den eine Agraffe von Smaragden schloss; und was weiss ich alles

"Der Anzug war reich genug."

Wenigstens konnen Sie mir glauben, dass, so wie sie war, kein Prinz von Senegal, Angola, Gambia, Congo und Loango sie ungestraft angesehen hatte.

"Aber "

Ich sehe wohl, dass Sie noch nicht am Ende Ihrer Fragen sind. Wer war denn diese Gulleru? War es eben die, von welcher vorhin gesprochen wurde? Wie kam Demokritus zu ihr? Auf welchen Fuss lebte sie in seinem Hause? Ich gesteh' es, dies sind sehr billige Fragen; aber sie zu beantworten, seh' ich vor der Hand keine Moglichkeit. Denken Sie nicht, dass ich hier den Verschwiegnen machen wolle, oder dass ein besonderes Geheimnis unter der Sache stecke. Die Ursache, warum ich sie nicht beantworten kann, ist die aller simpelste von der Welt. Tausend Schriftsteller befinden sich tausendmal in dem namlichen Falle; nur ist unter Tausend kaum einer aufrichtig genug, in solchen Fallen die wahre Ursache zu bekennen. Soll ich Ihnen die meinige sagen, Sie werden gestehen, dass sie uber alle Einwendung ist. Denn, kurz und gut, ich weiss selbst kein Wort von allem dem, was Sie von mir wissen wollen; und da ich nicht die Geschichte der schonen Gulleru schreibe, so begreifen Sie, dass ich in Absicht auf diese Dame zu nichts verbunden bin. Sollte sich (was ich nicht vorhersehen kann,) etwa in der Folge Gelegenheit finden, von Demokritus oder von ihr selbst etwas naheres zu erkundigen: so verlassen Sie sich darauf, dass Sie alles von Wort zu Wort erfahren sollen.

Siebentes Kapitel

Patriotismus der Abderiten

Ihre Vorneigung fur Athen als ihre Mutterstadt

Ein paar Proben von ihrem Atticismus, und von der

unangenehmen Aufrichtigkeit des weisen

Demokritus

Demokritus hatte noch keinen Monat unter den Abderiten gelebt, als er ihnen, und zuweilen auch sie ihm, schon so unertraglich waren, als Menschen einander sein mussen, die mit ihren Begriffen und Neigungen alle Augenblicke wider einander stossen.

Die Abderiten hegten von sich selbst und von ihrer Stadt und Republik eine ganz ausserordentliche Meinung. Ihre Unwissenheit alles dessen, was ausserhalb ihrem Gebiet in der Welt Merkwurdiges sein oder geschehen mochte, war zugleich eine Ursache und eine Frucht dieses lacherlichen Dunkels. Daher kam es denn, durch eine sehr naturliche Folge, dass sie sich gar keine Vorstellung machen konnten, wie etwas recht oder anstandig oder gut sein konnte, wenn es anders als zu Abdera war, oder wenn man zu Abdera gar nichts davon wusste. Ein Begriff, der ihren Begriffen widersprach, eine Gewohnheit, die von den ihrigen abging, eine Art zu denken oder etwas ins Auge zu fassen, die ihnen fremde war, hiess ihnen, ohne weitere Untersuchung, ungereimt und belachenswert. Die Natur selbst schrumpfte fur sie in den engen Kreis ihrer eigenen Tatigkeit zusammen; und wiewohl sie es nicht so weit trieben, sich, wie die Japaner, einzubilden, ausser Abdera wohnten lauter Teufel, Gespenster und Ungeheuer: so sahen sie doch wenigstens den Rest des Erdbodens und seiner Bewohner als einen ihrer Aufmerksamkeit unwurdigen Gegenstand an; und wenn sie zufalliger Weise Gelegenheit bekamen, etwas Fremdes zu sehen oder zu horen, so wussten sie nichts damit zu machen, als sich daruber aufzuhalten, und sich selbst Gluck zu wunschen, dass sie nicht waren wie andere Leute. Dies ging so weit, dass sie denjenigen fur keinen guten Burger hielten, der an einem andern Orte bessere Einrichtungen oder Gebrauche wahrgenommen hatte als zu Hause. Wer das Gluck haben wollte, ihnen zu gefallen, musste schlechterdings so reden und tun, als ob die Stadt und Republik Abdera, mit allen ihren zugehorigen Stucken, Eigenschaften und Zufalligkeiten, ganz und gar untadelich, und das Ideal aller Republiken gewesen ware.

Von dieser Verachtung gegen alles, was nicht abderitisch hiess, war die Stadt Athen allein ausgenommen; aber auch diese vermutlich nur deswegen, weil die Abderiten, als ehmalige Tejer, ihr die Ehre erwiesen, sie fur ihre Mutterstadt anzusehen. Sie waren stolz darauf, fur das thracische Athen gehalten zu werden; und wiewohl ihnen dieser Name nie anders als spottweise gegeben wurde, so horten sie doch keine Schmeichelei lieber als diese. Sie bemuhten sich, die Athenienser in allen Stucken zu copieren; und copierten sie genau wie der Affe den Menschen. Wenn sie, um lebhaft und geistreich zu sein, alle Augenblicke ins Possierliche fielen; wichtige Dinge leichtsinnig, und Kindereien ernsthaft behandelten; das Volk oder ihren Rat um jeder Kleinigkeit willen zwanzigmal versammelten, um lange, alberne Reden pro und contra uber Sachen zu halten, die ein Mann von alltaglichem Menschenverstand in einer Viertelstunde besser als sie entschieden hatte; wenn sie unaufhorlich mit Projecten von Verschonerung und Vergrosserung schwanger gingen, und, so oft sie etwas unternahmen, immer erst mitten im Werke ausrechneten, dass es uber ihre Krafte gehe; wenn sie ihre halbthracische Sprache mit attischen Redensarten spickten; ohne den mindesten Geschmack eine ungeheure Passion fur die Kunste affectierten, und immer von Malerei und Statuen und Musik und Rednern und Dichtern schwatzten, ohne jemals einen Maler, Bildhauer, Redner oder Dichter, der des Namens wert war, gehabt zu haben; wenn sie Tempel bauten, die wie Bader, und Bader, die wie Tempel aussahen; wenn sie die Geschichte von Vulcans Netze in ihre Ratsstube, und den grossen Rat der Griechen uber die Zuruckgabe de schonen Chryseis in ihre Akademie malen liessen; wenn sie in Lustspiele gingen, wo man sie zu weinen, und in Trauerspiele, wo man sie zu lachen machte; und in zwanzig ahnlichen Dingen glaubten die guten Leute Athenienser zu sein, und waren Abderiten.

Wie erhaben der Schwung in diesem kleinen Gedicht ist, das Physignatus auf meine Wachtel gemacht hat! sagte eine Abderitin. Desto schlimmer! sagte Demokritus.

Sehen Sie, sprach der erste Archon von Abdera, die Fassade von diesem Gebaude, welches wir zu unserm Zeughause bestimmet haben? Sie ist von dem besten parischen Marmor. Gestehen Sie, dass Sie nie ein Werk von grosserm Geschmack gesehen haben!

Es mag die Republik schones Geld gekostet haben, antwortete Demokritus.

Was der Republik Ehre macht, kostet nie zu viel, erwiderte der Archon, der in diesem Augenblick den zweiten Perikles in sich fuhlte; ich weiss, Sie sind ein Kenner, Demokritus: denn Sie haben immer an allem etwas auszusetzen. Ich bitte Sie, finden Sie mir einen Fehler an dieser Fassade?

Tausend Drachmen fur einen Fehler, Herr Demokritus, rief ein junger Herr, der die Ehre hatte, ein Neffe des Archon zu sein, und vor kurzem von Athen zuruckgekommen war, wo er sich aus einem abderitischen Bengel fur die Halfte seines Erbgutes zu einem attischen Gecken ausgebildet hatte.

Die Fassade ist schon, sagte Demokritus ganz bescheiden; so schon, dass sie es auch zu Athen oder Korinth oder Syrakus sein wurde. Ich sehe, wenn's erlaubt ist, es zu sagen, nur Einen Fehler an diesem prachtigen Gebaude.

"Einen Fehler?" sprach der Archon, mit einer Miene, die sich nur ein Abderite, der ein Archon war, geben konnte.

Einen Fehler! Einen Fehler! wiederholte der junge Geck, indem er ein lautes Gelachter aufschlug.

"Darf man fragen, Demokritus, wie ihr Fehler heisst?"

Eine Kleinigkeit, versetzte Demokritus; nichts als dass man eine so schone Fassade nicht sehen kann.

"Nicht sehen kann? Und wieso?"

Je, beim Anubis! wie wollen Sie dass man sie vor allen den alten ubelgebauten Hausern und Scheunen sehen soll, die hier ringsum zwischen die Augen der Leute und Ihre Fassade hingesetzt sind?

"Diese Hauser stunden lange eh Sie und ich geboren wurden", sagte der Archon.

Dergleichen Dialogen gab es, so lange der Philosoph unter ihnen lebte, alle Tage, Stunden und Augenblicke.

"Wie finden Sie diesen Purpur, Demokritus? Sie sind zu Tyrus gewesen; nicht wahr?"

Ich wohl, Madame, aber dieser Purpur nicht; dies ist Coccinum, das Ihnen die Syrakusaner aus Sardinien bringen und fur tyrischen Purpur bezahlen lassen.

"Aber wenigstens werden Sie doch diesen Schleier fur indianischen Byssus von der feinsten Art gelten lassen?"

Von der feinsten Art, schone Atalanta, die man in Memphis und Pelusium verarbeiten lasst.

Nun hatte sich der ehrliche Mann zwo Feindinnen in Einer Minute gemacht. Konnte aber auch was argerlicher sein, als eine solche Aufrichtigkeit?

Achtes Kapitel

Vorlaufige Nachricht von dem abderitischen

Schauspielwesen

Demokritus wird genotigt,

seine Meinung davon zu sagen

Die Abderiten wussten sich sehr viel mit ihrem Theater. Ihre Schauspieler waren gemeine Burger von Abdera, die entweder von ihrem Handwerke nicht leben konnten, oder zu faul waren, eines zu lernen. Sie hatten keinen gelehrten Begriff von der Kunst, aber eine desto grossere Meinung von ihrer eignen Geschicklichkeit; und wirklich konnt' es ihnen an Anlage nicht fehlen, da die Abderiten uberhaupt geborne Gaukler, Spassmacher und Pantomimen waren, an denen immer jedes Glied ihres Leibes mitreden half, so wenig auch das, was sie sagten, zu bedeuten haben mochte.

Sie besassen auch einen eignen Schauspieldichter, Hyperbolus genannt, der, wenn man ihnen glaubte, ihre Schaubuhne so weit gebracht hatte, dass sie der atheniensischen wenig nachgab. Er war im Komischen so stark als im Tragischen, und machte uberdies die possierlichsten Satyrenspiele18 von der Welt, worin er seine eignen Tragodien so schnakisch parodierte, dass man sich, wie die Abderiten sagten, daruber bucklicht lachen musste. Ihrem Urteile nach vereinigte er in seiner Tragodie den hohen Schwung und die machtige Einbildungskraft des Aeschylus mit der Beredsamkeit und dem Pathos des Euripides, so wie in seinen Lustspielen des Aristophanes Laune und mutwilligen Witz mit dem feinen Geschmack und der Eleganz des Agathon. Die Behendigkeit, womit er seiner Werke entbunden wurde, war das Talent, worauf er sich am meisten zu gute tat. Er lieferte jeden Monat seine Tragodie, mit einem kleinen Possenspielchen zur Zugabe. Meine beste Komodie, sprach er, hat mich nicht mehr als vierzehn Tage gekostet, und gleichwohl spielt sie ihre vier bis funf Stunden wohlgezahlt.

Da sei uns der Himmel gnadig! dachte Demokritus.

Nun drangen die Abderiten immer von allen Seiten in ihn, seine Meinung von ihrem Theater zu sagen; und so ungern er sich mit ihnen uber ihren Geschmack in Wortwechsel einliess, so konnt'er doch auch nicht von sich erhalten, ihnen zu schmeicheln, wenn sie ihm sein Urteil mit gesamter Hand abnotigten.

"Wie gefallt Ihnen diese neue Tragodie?"

Das Sujet ist glucklich gewahlt. Was musste der Autor auch sein, der einen solchen Stoff ganz zu Grunde richten sollte?

"Fanden Sie sie nicht sehr ruhrend?"

Ein Stuck konnte in einigen Stellen sehr ruhrend, und doch ein sehr elendes Stuck sein, sagte Demokritus. Ich kenne einen Bildhauer von Sicyon, der die Wut hat, lauter Liebesgottinnen zu schnitzen.

Diese sehen uberhaupt sehr gemeinen Dirnen gleich; aber sie haben alle die schonsten Beine von der Welt. Das ganze Geheimnis von der Sache ist, dass der Mann seine Frau zum Modelle nimmt, die, zum Glucke fur seine Venusbilder, wenigstens die Beine schon hat. So kann dem schlechtesten Dichter zuweilen eine ruhrende Stelle gelingen, wenn es sich gerade zutrifft, dass er verliebt ist, oder einen Freund verloren hat, oder dass ihm sonst ein Zufall zugestossen ist, der sein Herz in eine Fassung setzt, die es ihm leicht macht, sich an den Platz der Person, die er reden lassen soll, zu stellen.

"Sie finden also die Hekuba unsers Dichters nicht vortrefflich?"

Ich finde, dass der Mann vielleicht sein Bestes getan hat. Aber die vielen, bald dem Aeschylus, bald dem Sophokles, bald dem Euripides, ausgerupften Federn, womit er seine Blosse zu decken sucht, und die ihm vielleicht in den Augen mancher Zuhorer, denen jene Dichter nicht so gegenwartig sind als mir, Ehre machen, schaden ihm in den meinigen. Eine Krahe, wie sie von Gott erschaffen ist, dunkt mich so noch immer schoner, als wenn sie sich mit Pfauen- und Fasanenfedern ausputzt. Uberhaupt fodre ich von dem Verfasser eines Trauerspiels mit gleichem Rechte, dass er mir fur meinen Beifall ein vortreffliches Trauerspiel, als von meinem Schuster, dass er mir fur mein Geld ein Paar gute Stiefeln liefere; und wiewohl ich gerne gestehe, dass es schwerer ist, ein gutes Trauerspiel als gute Stiefeln zu machen: so bin ich darum nicht weniger berechtiget, von jedem Trauerspiel zu verlangen, dass es alle Eigenschaften habe, die zu einem guten Trauerspiel, als von einem Stiefel, dass er alles habe, was zu einem guten Stiefel gehort.

"Und was gehort denn, Ihrer Meinung nach, zu einem wohlgestiefelten Trauerspiel?" fragte ein junger abderitischer Patricius, herzlich uber den guten Einfall lachend, der ihm, wie er glaubte, entfahren war.

Demokritus sprach mit einem kleinen Kreise von Personen, die ihm zuzuhoren schienen, und fuhr, ohne auf die Frage des witzigen jungen Herrn Acht zu haben, fort. Die wahren Regeln der Kunstwerke, sprach er, konnen nie willkurlich sein. Ich fordre nichts von einem Trauerspiele, als was Sophokles von den seinigen fodert; und dies ist weder mehr noch weniger, als die Natur und Absicht der Sache mit sich bringt. Einen einfachen wohldurchgedachten Plan, worin der Dichter alles vorausgesehen, alles vorbereitet, alles naturlich zusammengefugt, alles auf Einen Punkt gefuhrt hat; worin jeder Teil ein unentbehrliches Glied, und das Ganze ein wohlorganisierter, schoner, frei und edel sich bewegender Korper ist! Keine langweilige Exposition, keine Episoden, keine Scenen zum Ausfullen, keine Reden, deren Ende man mit Ungeduld herbeigahnt, keine Handlungen, die nicht zum Hauptzwecke arbeiten! Interessante, aus der Natur genommene Charaktere, veredelt, aber so, dass man die Menschheit in ihnen nie verkenne; keine ubermenschliche Tugenden, keine Ungeheuer von Bosheit! Personen, die immer ihren eigenen Individualbegriffen und Empfindungen gemass reden und handeln; immer so, dass man fuhlt, nach ihrem besondern Charakter, nach allen ihren vorhergehenden und gegenwartigen Umstanden und Bestimmungen, mussen sie im gegebenen Falle so reden, so handeln, oder aufhoren zu sein was sie sind. Ich fodre dass der Dichter nicht nur die menschliche Natur kenne, in so ferne sie das Modell aller seiner Nachbildungen ist; ich fodre, dass er auch auf die Zuschauer Rucksicht nehme, und genau wisse, durch welche Wege man sich ihres Herzens Meister macht; dass er jeden starken Schlag, den er auf solches tun will, unvermerkt vorbereite; dass er wisse wenn es genug ist, und, eh er es uns durch einerlei Eindrucke vollig ermudet, oder einen Affect bis zu dem Grade, wo er peinigend zu werden anfangt, in uns erregt, dem Herzen kleine Ruhepunkte zur Erholung gonne, und die Regungen, die er uns mitteilt, ohne Nachteil der Hauptwirkung, zu vermannichfaltigen wisse. Ich fodre von ihm eine schone, und ohne Angstlichkeit mit ausserstem Fleisse polierte Sprache; einen immer warmen kraftigen Ausdruck, einfach und erhaben, ohne jemals zu schwellen noch zu sinken, stark und nervicht, ohne rauh und steif zu werden, glanzend, ohne zu blenden; wahre Heldensprache, die immer der lebende Ausdruck einer grossen Seele und unmittelbar vom gegenwartigen Gefuhl eingegeben ist, nie zu viel, nie zu wenig sagt, und, gleich einem dem Korper angegossnen Gewand, immer den eigentumlichen Geist des Redenden durchscheinen lasst. Ich fodre, dass derjenige, der sich unterwindet, Helden reden zu lassen, selbst eine grosse Seele habe; und indem er durch die Allgewalt der Begeisterung in seinen Helden verwandelt worden ist, alles, was er ihm in den Mund logt, in seinem eignen Herzen finde. Ich fodre

"O, Herr Demokritus", riefen die Abderiten, die sich nicht langer zu halten wussten "Sie konnen, da Sie nun einmal im Fodern sind, alles fodern was Ihnen beliebt. In Abdera lasst man sich mit wenigerm abfinden. Wir sind zufrieden, wenn uns ein Dichter ruhrt. Der Mann, der uns lachen oder weinen macht, ist in unsern Augen ein gottlicher Mann, mag er es doch anfangen wie er selbst will. Dies ist seine Sache, nicht die unsrige! Hyperbolus gefallt uns, ruhrt uns, macht uns Spass; und gesetzt auch, dass er uns mitunter gahnen macht, so bleibt er doch immer ein grosser Dichter! Brauchen wir eines weitern Beweises?"

Die Schwarzen an der Goldkuste, sagte Demokritus, tanzen mit Entzucken zum Getose eines armseligen Schaffells und etlicher Bleche, die sie gegen einander schlagen. Gebt ihnen noch ein paar Kuhschellen und eine Sackpfeife dazu, so glauben sie in Elysium zu sein. Wie viel Witz brauchte eure Amme, um euch, da ihr noch Kinder waret, durch ihre Erzahlungen zu ruhren? Das albernste Marchen, in einem klaglichen Tone hergeleiert, war dazu gut genug. Folgt aber daraus, dass die Musik der Schwarzen vortrefflich, oder ein Ammenmarchen gleich ein herrliches Werk ist?

"Sie sind sehr hoflich, Demokritus "

Um Vergebung! Ich bin so unhoflich, jedes Ding bei seinem Namen zu nennen; und so eigensinnig, dass ich nie gestehen werde, alles sei schon und vortrefflich, was man so zu nennen beliebt.

"Aber das Gefuhl eines ganzen Volkes wird doch mehr gelten, als der Eigendunkel eines einzigen?"

Eigendunkel? Das ist es eben, was ich aus den Kunsten der Musen verbannt sehen mochte. Unter allen den Foderungen, wovon die Abderiten ihren Gunstling Hyperbolus so gutig loszahlen, ist keine einzige, die nicht auf die strengste Gerechtigkeit gegrundet ware. Aber das Gefuhl eines ganzen Volkes, wenn es kein gelehrtes Gefuhl ist, kann und muss in unzahligen Fallen betruglich sein.

"Wie, zum Henker! (rief ein Abderite, der mit seinem Gefuhl sehr wohl zufrieden schien,) Sie werden uns am Ende wohl gar noch unsre funf Sinne streitig machen?"

Das verhute der Himmel! antwortete Demokritus. Wenn Sie so bescheiden sind, keine weitere Anspruche zu machen, als auf funf Sinne, so war' es die grosste Ungerechtigkeit, Sie im ruhigen Besitze derselben storen zu wollen. Funf Sinne sind allerdings, zumal wenn man alle funfe zusammennimmt, vollgultige Richter in allen Dingen, wo es darauf ankommt, zu entscheiden, was weiss oder schwarz, glatt oder rauh, weich oder hart, dick oder dunn, bitter oder suss ist. Ein Mann, der nie weiter geht, als ihn seine funf Sinne fuhren, geht immer sicher; und in der Tat, wenn euer Hyperbolus dafur sorgen wird, dass in seinen Schauspielen jeder Sinn ergotzt und keiner beleidiget werde, so stehe ich ihm fur die gute Aufnahme, und wenn sie noch zehnmal schlechter waren als sie sind.

Ware Demokritus zu Abdera weiter nichts gewesen, als was Diogenes zu Korinth war, so mochte ihm die Freiheit seiner Zunge vielleicht einige Ungelegenheit zugezogen haben. Denn so gerne die Abderiten uber wichtige Dinge spassten, so wenig konnten sie ertragen, wenn man sich uber ihre Puppen und Stekkenpferde lustig machte. Aber Demokritus war aus dem besten Hause in Abdera, und, was noch mehr zu bedeuten hat, er war reich. Dieser doppelte Umstand machte, dass man ihm nachsah, was man einem Philosophen in zerrissnem Mantel schwerlich zu gut gehalten hatte. "Sie sind auch ein unertraglicher Mensch, Demokritus!" schnarrten die schonen Abderitinnen, und ertrugen ihn doch.

Der Poet Hyperbolus machte noch am namlichen Abend ein entsetzliches Sinngedicht auf den Philosophen. Des folgenden Morgens lief es bei allen Putztischen herum; und in der dritten Nacht ward es in allen Gassen von Abdera gesungen. Denn Demokritus hatte eine Melodie dazu gesetzt.

Neuntes Kapitel

Gute Gemutsart der Abderiten, und wie sie sich an

dem Philosophen Demokritus wegen seiner

Unhoflichkeit zu rachen wissen

Eine seiner Strafpredigten zur Probe

Die Abderiten machen ein Gesetz gegen alle Reisen,

wodurch ein abderitisches Mutterkind hatte kluger

werden konnen

Merkwurdige Art, wie de Nomophylax Gryllus eine aus diesem Gesetz entstandene Schwierigkeit auflost Es ist ordentlicher Weise eine gefahrliche Sache, mehr Verstand zu haben als seine Mitburger. Sokrates musst' es mit dem Leben bezahlen; und wenn Aristoteles mit ganzer Haut davon kam, als ihn der Oberpriester Eurymedon zu Athen der Ketzerei anklagte, so kam es bloss daher, weil er sich in Zeiten aus dem Staube machte. Ich will den Atheniensern keine Gelegenheit geben, sagte er, sich zum zweitenmale an der Philosophie zu versundigen19.

Die Abderiten waren bei allen ihren menschlichen Schwachheiten wenigstens keine sehr bosartigen Leute. Unter ihnen hatte Sokrates so alt werden konnen als Nestor. Sie hatten ihn fur eine wunderliche Art von Narren gehalten, und sich uber seine vermeintliche Torheit lustig gemacht; aber die Sache bis zum Giftbecher zu treiben, war nicht in ihrem Charakter. Demokritus ging so scharf mit ihnen zu Werke, dass ein weniger jovialisches Volk die Geduld dabei verloren hatte. Gleichwohl bestund alle Rache, die sie an ihm nahmen, darin, dass sie (unbekummert mit welchem Grunde) eben so ubel von ihm sprachen als er von ihnen, alles tadelten, was er unternahm, alles lacherlich fanden, was er sagte, und von allem, was er ihnen riet, gerade das Gegenteil taten. "Man muss dem Philosophen durch den Sinn fahren, sagten sie; man muss ihm nicht weis machen, dass er alles besser wisse als wir" und, dieser weisen Maxime zufolge, begingen die guten Leute eine Torheit uber die andre, und glaubten, wie viel sie dabei gewonnen hatten, wenn es ihn verdrosse. Zum Ungluck verfehlten sie darin ihres Zweckes ganzlich. Denn Demokritus lachte dazu, und wurde, aller ihrer Neckereien wegen, nicht einen Augenblick fruher grau. O die Abderiten, die Abderiten! rief er zuweilen; da haben sie sich wieder selbst eine Ohrfeige gegeben, in Hoffnung, dass es mir weh tun werde!

"Aber (sagten die Abderiten) kann man auch mit einem Menschen schlimmer daran sein? Uber alles in der Welt ist er andrer Meinung als wir. An allem, was uns gefallt, hat er etwas auszusetzen. Es ist doch sehr unangenehm, sich immer widersprechen zu lassen!"

Aber, wenn ihr nun immer Unrecht habt, antwortete Demokritus. Und lasst doch einmal sehen, wie es anders sein konnte! Alle eure Begriffe habt ihr eurer Amme zu danken; und uber alles denkt ihr noch eben so, wie ihr als Kinder davon dachtet. Eure Korper sind gewachsen, und Eure Seelen liegen noch in der Wiege. Wie viele unter euch haben sich die Muhe gegeben, den Grund zu erforschen, warum sie etwas wahr oder gut oder schon nennen? Gleich den Unmundigen und Sauglingen ist euch alles gut und schon, was eure Sinnen kitzelt, was euch gefallt. Und auf was fur kleinfugige, oft gar nicht zur Sache gehorende, Ursachen und Umstande kommt es an, ob euch etwas gefallen soll oder nicht? Wie verlegen wurdet ihr oft sein, wenn ihr sagen solltet, warum ihr dies liebt und jenes hasset? Grillen, Launen, Eigensinn, die Gewohnheit, euch von andern Leuten gangeln zu lassen, mit ihren Augen zu sehen, mit ihren Ohren zu horen, und was sie euch vorgepfiffen haben, nachzupfeifen, sind die Triebfedern, die bei euch die Stelle der Vernunft ersetzen. Soll ich euch sagen, woran der Fehler liegt? Ihr habt euch einen falschen Begriff von Freiheit in den Kopf gesetzt. Eure Kinder von drei oder vier Jahren haben freilich den namlichen Begriff davon; aber dies macht ihn nicht richtiger. Wir sind ein freies Volk, sagt ihr; und nun glaubt ihr, die Vernunft habe euch nichts einzureden. "Warum sollten wir nicht denken durfen, wie es uns beliebt? lieben und hassen wie es uns beliebt? bewundern oder verachten was uns beliebt? Wer hat ein Recht uns zur Rede zu stellen, oder unsern Geschmack und unsre Neigungen vor seinen Richterstuhl zu fordern?" Nun dann, meine lieben Abderiten, so denkt und faselt, liebt und hasst, bewundert und verachtet, wie, wenn, und was euch beliebt! Begeht Torheiten so oft und so viel euch beliebt! Macht euch lacherlich wie es euch beliebt! Wem liegt am Ende was daran? So lang es nur Kleinigkeiten, Puppen und Steckenpferde betrifft, war es unbillig, euch im Besitze des Rechtes, eure Puppe und euer Steckenpferd nach Belieben zu putzen und zu reiten, storen zu wollen. Gesetzt auch, eure Puppe ware hasslich, und das, was ihr euer Stekkenpferd nennt, sahe von vorn und von hinten einem Ochslein oder Eselein ahnlich: was tut das? Wenn eure Torheiten euch glucklich und niemand unglucklich machen, was geht es andre Leute an, dass es Torheiten sind? Warum sollte nicht der hochweise Rat von Abdera, in feierlicher Procession, einer hinter dem andern, vom Rathause bis zum Tempel der Latona Burzelbaume machen durfen, wenn es dem Rat und Volke von Abdera so gefallig ware? Warum solltet ihr euer bestes Gebaude nicht in einen Winkel, und eure schone kleine Venus nicht auf einen Obelisk setzen durfen? Aber, meine lieben Landsleute, nicht alle eure Torheiten sind so unschuldig wie diese; und wenn ich sehe, dass ihr euch durch eure Grillen und Aufwallungen Schaden tut, so musst' ich euer Freund nicht sein, wenn ich stille dazu schweigen konnte. Zum Exempel, euer Frosch- und Mausekrieg mit den Lemniern, der unnotigste und unbesonnenste der jemals angefangen wurde, um der albernsten Ursache von der Welt, um einer Tanzerin, willen? Es fiel in die Augen, dass ihr damals unter dem unmittelbaren Einfluss eures bosen Damons waret, da ihr ihn beschlosset. Allein, alles half nichts, was man euch dagegen vorstellte. Die Lemnier sollten gezuchtiget werden; und wie ihr Leute von lebhafter Einbildung seid, so schien euch nichts leichters, als euch von der ganzen Insel Meister zu machen. Denn die Schwierigkeiten einer Sache pflegt ihr nie eher in Erwagung zu nehmen, als bis euch eure Nase daran erinnert. Doch dies alles mochte noch hingegangen sein, wenn ihr nur wenigstens die Ausfuhrung eurer Entwurfe einem tuchtigen Mann aufgetragen hattet. Aber den jungen Aphron zum Feldherrn zu machen, ohne dass sich irgend ein moglicher Grund davon erdenken liess, als weil eure Weiber fanden, dass er in seiner prachtigen neuen Rustung so schon wie ein Paris sei; und uber dem Vergnugen, einen grossen feuerfarbenen Federbusch auf seinem hirnlosen Kopfe nicken zu sehen zu vergessen, dass es nicht um ein Lustgefechte zu tun war: dies, leugnets nur nicht, dies war ein Abderitenstreich! Und nun, da ihr ihn mit dem Verlust eurer Ehre, eurer Galeeren und eurer besten Mannschaft bezahlt habt, was hilft es euch, dass die Athenienser20, die ihr euch in ihren Torheiten zum Muster genommen habt, eben so sinnreiche Streiche, und zuweilen mit eben so glucklichem Ausgang zu spielen pflegen?

In diesem Tone sprach Demokritus mit den Abderiten, so oft sie ihm Gelegenheit dazu gaben; aber, wiewohl dies sehr oft geschah, so konnten sie sich doch unmoglich gewohnen, diesen Ton angenehm zu finden. "So geht es, sagten sie, wenn man naseweisen Junglingen erlaubt, in der weiten Welt herum zu reisen um sich ihres Vaterlandes schamen zu lernen, und nach zehn oder zwanzig Jahren mit einem Kopfe voll auslandischer Begriffe als Kosmopoliten zuruckzukommen, die alles besser wissen als ihre Grossvater, und alles anderswo besser gesehen haben als zu Hause. Die alten Aegyptier, die niemand reisen liessen eh' er wenigstens funfzig Jahre auf dem Rucken hatte, waren weise Leute!"

Und eilends gingen die Abderiten hin, und machten ein Gesetz: dass kein Abderitensohn hinfur weiter als bis an den korinthischen Isthmus, langer als ein Jahr, und anders als unter der Aufsicht eines bejahrten Hofmeisters von altabderitischer Abkunft, Denkart und Sitte, sollte reisen durfen. "Junge Leute mussen zwar die Welt sehen, sagte das Decret; aber eben darum sollen sie sich an jedem Orte nicht langer aufhalten, als bis sie alles, was mit Augen da zu sehen ist, gesehen haben. Besonders soll der Hofmeister genau bemerken, was fur Gasthofe21 sie angetroffen, wie sie gegessen, und wie viel sie bezahlen mussen; damit ihre Mitburger sich in der Folge diese erspriesslichen Geheimnachrichten zu Nutze machen konnen. Ferner soll, (wie das Decret weiter sagt,) zu Ersparung der Unkosten eines allzu langen Aufenthalts an einem Orte, der Hofmeister dahin sehen, dass der junge Abderite in keine unnotige Bekanntschaften verwickelt werde. Der Wirt oder der Hausknecht, als an dem Orte einheimisch, kann ihm am besten sagen, was da merkwurdiges zu sehen ist, wie die dasigen Gelehrten und Kunstler heissen, wo sie wohnen, und um welche Zeit sie zu sprechen sind: dies bemerkt sich der Hofmeister in sein Tagebuch; und dann lasst sich in zween oder drei Tagen, wenn man die Zeit wohl zu Rate halt, vieles in Augenschein nehmen."

Zum Ungluck fur dieses weise Decret befanden sich zween abderitische junge Herren von grosser Wichtigkeit eben ausser Landes, als es abgefasst, und, nach alter Gewohnheit, dem Volk auf den Hauptplatzen der Stadt vorgesungen wurde. Der eine war der Sohn eines Kramers, der, durch Geiz und niedertrachtige Kunstgriffe in seinem Gewerbe, binnen vierzig Jahren ein betrachtliches Vermogen zusammengekratzt, und in Kraft desselben seine Tochter (das hasslichste und dummste Tierchen von ganz Abdera) kurzlich an einen Neffen des kleinen dicken Ratsherrn, dessen oben ruhmliche Erwahnung getan worden, verheiratet hatte. Der andere war der einzige Sohn des Nomophylax, und sollte, um seinem Vater je balder je lieber in diesem Amte beigeordnet werden zu konnen, nach Athen reisen, und sich mit dem Musikwesen daselbst genauer bekannt machen; wahrend dass der Erbe des Kramers, der ihn begleiten wollte, mit den Putzmacherinnen und Straussermadchen allda genauere Bekanntschaft zu machen gesonnen war. Nun hatte das Decret an den besondern Fall, worin sich diese jungen Herren befanden, nicht gedacht. Die Frage war also, was zu tun sei? Ob man auf eine Modification des Gesetzes antragen, oder beim Senat bloss um Dispensation fur den vorliegenden Fall ansuchen sollte? Keines von beiden, sagte der Nomophylax, der eben mit der Composition eines neuen Tanzes auf das Fest der Latona fertig, und ausserordentlich mit selbst zufrieden war. Um etwas am Gesetze selbst zu andern, musste man das Volk deswegen zusammenberufen; und dies wurde unsern Missgunstigen nur Gelegenheit geben, die Mauler aufzureissen. Was die Dispensation betrifft, so ist zwar an dem, dass man die Gesetze meistens um der Dispensationen willen macht; und ich zweifle nicht, dass der Senat uns ohne Schwierigkeit zugestehen wurde, was jeder, in ahnlichen Fallen, Kraft des Gegenrechtes fodern zu konnen wunscht. Indessen hat doch jede Befreiung das Ansehen einer erwiesenen Gnade; und wozu haben wir notig, uns Verbindlichkeiten aufzuhalsen? Das Gesetz ist ein schlafender Lowe, bei dem man, so lang er nicht aufgeweckt wird, so sicher als bei einem Lamme vorbeischleichen kann. Und wer wird die Unverschamtheit oder die Verwegenheit haben, ihn gegen den Sohn des Nomophylax aufzuwecken?

Dieser Beschirmer der Gesetze war, wie wir sehen, ein Mann, der von den Gesetzen und von seinem Amte sehr verfeinerte Begriffe hatte, und sich der Vorteile, die ihm das letztere gab, fertig zu bedienen wusste. Sein Name verdient aufbehalten zu werden. Er nannte sich Gryllus, des Cyniskus Sohn.

Zehntes Kapitel

Demokritus zieht sich aufs Land zuruck, und wird

von den Abderiten fleissig besucht

Allerlei Raritaten, und eine Unterredung vom

Schlaraffenlande der Sittenlehrer

Demokritus hatte sich, da er in sein Vaterland zuruckkam, mit dem Gedanken geschmeichelt, dass er demselben, mittelst alles dessen, um was sich sein Verstand und sein Herz indessen gebessert hatte, nutzlich werden konnte. Er hatte sich nicht vorgestellt, dass es mit den abderitischen Kopfen so gar ubel stunde, als er es nun wirklich befand. Aber da er sich einige Zeit unter ihnen aufgehalten, sah er augenscheinlich, dass es ein eitles Unternehmen gewesen ware, sie verbessern zu wollen. Alles war bei ihnen so verschoben, dass man nicht wusste, wo man die Verbesserung anfangen sollte. Jeder ihrer Missbrauche hing an zwanzig andern; es war unmoglich, einen davon abzustellen, ohne den ganzen Staat umzuschaffen. Eine gute Seuche (dacht er) welche das ganze Volkchen bis auf etliche Dutzend Kinder, die gerade gross genug waren, um der Ammen entbehren zu konnen von der Erde vertilgte, ware das einzige Mittel, das der Stadt Abdera helfen konnte; den Abderiten ist nicht zu helfen!

Er beschloss also, sich mit guter Art von ihnen zuruckzuziehen, und ging ein kleines Gut zu bewohnen, das er in der Gegend von Abdera besass, und mit dessen Benutzung und Verschonerung er die Stunden beschaftigte, die ihm sein Lieblingsstudium, die Erforschung der Naturwirkungen, ubrig liess. Aber zum Ungluck fur ihn lag dies Landgut zu nah bei Abdera. Denn weil die Lage desselben ungemein schon, und der Weg dahin einer der angenehmsten Spaziergange war: so sah er sich alle Tage Gottes von einem Schwarm von Abderiten und Abderitinnen, lauter Vettern und Basen, heimgesucht, welche das schone Wetter und den angenehmen Spaziergang zum Vorwande nahmen, ihn in seiner glucklichen Einsamkeit zu storen.

Wiewohl Demokritus den Abderiten wenigstens eben so wenig gefiel als sie ihm, so war doch die Wirkung davon sehr verschieden. Er floh sie, weil sie ihm Langeweile machten; und sie suchten ihn, weil sie sich die Zeit dadurch vertrieben. Er wusste die seinige anzuwenden; sie hingegen hatten nichts bessers zu tun.

"Wir kommen, Ihnen in Ihrer Einsamkeit die Zeit kurzen zu helfen", sagten die Abderiten. Ich pflege in meiner eigenen Gesellschaft sehr kurze Zeit zu haben, sagte Demokritus.

"Aber wie ist es moglich, dass man immer so allein sein kann, rief die schone Pithoka. Ich wurde vor Langerweile vergehen, wenn ich einen einzigen Tag leben sollte, ohne Leute zu sehen."

Sie versprachen sich; von Leuten gesehen zu werden, meinen Sie, sagte Demokritus.

"Aber woher nehmen sie auch, dass Demokritus Langeweile hat; sein ganzes Haus ist mit Seltenheiten angefullt. Mit Ihrer Erlaubnis, Demokritus lassen Sie uns doch alle die schonen Sachen sehen, die Sie auf Ihrer Reise gesammelt haben."

Nun ging das Leiden des armen Einsiedlers erst recht an. Er hatte in der Tat eine schone Sammlung von Naturalien aus allen Reichen der Natur; ausgestopfte Tiere, Vogel, Fische, Schmetterlinge, Muscheln, Versteinerungen, Erze, u.s.w. Alles war den Abderiten neu; alles erregte ihr Erstaunen. Der gute Naturforscher wurde in einer Minute mit so viel Fragen ubertaubt, dass er, wie die Fama, aus lauter Ohren und Zungen hatte zusammengesetzt sein mussen, um auf alles antworten zu konnen.

"Erklaren Sie uns doch, was dieses ist, wie es heisst? woher es ist, wie es zugeht, warum es so ist!"

Demokritus erklarte so gut er konnte und wusste; aber den Abderiten wurde nichts klarer dadurch; es war ihnen vielmehr, als begriffen sie immer weniger von der Sache je mehr er sie erklarte. Seine Schuld war es nicht!

"Wunderbar! Unbegreiflich! Sehr wunderbar!" war ihr ewiger Gegenklang.

So naturlich als etwas in der Welt! erwiderte Demokritus ganz kaltsinnig.

"Sie sind gar zu bescheiden, Demokritus; oder vermutlich wollen Sie nur, dass man Ihnen desto mehr Complimente uber Ihren guten Geschmack und uber Ihre grossen Reisen machen soll?"

Setzen Sie sich deswegen in keine Unkosten, meine Herren; ich nehme alles fur empfangen an.

"Aber es mag doch eine angenehme Sache sein, so tief in die Welt hinein zu reisen?" sagte ein Abderit.

"Und ich dachte gerade das Gegenteil, sprach ein anderer. Nehmen Sie alle die Gefahren und Beschwerlichkeiten, denen man taglich ausgesetzt ist; die schlimmen Strassen, die schlechten Gasthofe, die Sandbanke, die Schiffbruche, die wilden Tiere, Krokodile, Einhorner, Greifen und geflugelte Lowen, von denen in der Barbarei alles wimmelt."

"Und dann, was hat man am Ende davon, (fiel ein Matador von Abdera ein,) wenn man gesehen hat, wie gross die Welt ist? Ich dachte, das Stuck, das ich selbst davon besitze, kame mir dann so klein vor, dass ich keine Freude mehr daran haben konnte."

"Aber rechnen Sie fur nichts, so viel Menschen zu sehen?" erwiderte der Erste.

"Und was sieht man denn da? Menschen! Die konnte man zu Hause sehen. Es ist allenthalben wie bei uns."

"Ei, hier ist gar ein Vogel ohne Fusse", rief ein junges Frauenzimmer.

"Ohne Fusse? Und der ganze Vogel nur eine einzige Feder! das ist erstaunlich!" sprach eine andere. "Begreifen Sie das?"

"Ich bitte Sie, Demokritus, erklaren Sie uns, wie er gehen kann, da er keine Fusse hat?"

"Und wie er mit einer einzigen Feder fliegt?"

"O, was ich am liebsten sehen mochte, sagte eine von den Basen, das ware ein lebendiger Sphinx! Sie mussen deren wohl viele in Aegypten gefunden haben?"

"Aber ists moglich, ich bitte Sie, dass die Weiber und Tochter der Gymnosophisten in Indien wie man sagt Sie verstehen mich doch, was ich fragen will?"

Nicht ich, Frau Salabanda?

"O, Sie verstehen mich gewiss! Sie sind ja in Indien gewesen? Sie haben die Weiber der Gymnosophisten gesehen?"

O ja, und Sie konnen mir glauben, dass die Weiber der Gymnosophisten weder mehr noch weniger Weiber sind als die Weiber der Abderiten.

"Sie erweisen uns viele Ehre. Aber dies ist nicht, was ich wissen wollte. Ich frage, ob es wahr ist, dass sie (Hier hielt Frau Salabanda eine Hand vor ihren Busen, und die andere kurz, sie setzte sich in die Attitude22 der mediceischen Venus, um dem Philosophen begreiflich zu machen, was sie wissen wollte.) Nun verstehen Sie mich doch?" sagte sie.

Ja, Madam, die Natur ist nicht karger gegen sie gewesen als gegen andre. Welch eine Frage das ist!

"Sie wollen mich nicht verstehen, Demokritus; ich dachte doch, ich hatte Ihnen deutlich genug gesagt, dass ich wissen mochte, ob es wahr sei, dass sie weil Sie doch wollen, dass ichs Ihnen unverblumt sage so nackend gehen, als sie auf die Welt kommen?"

"Nackend! riefen die Abderitinnen alle auf einmal. Da waren sie ja noch unverschamter als die Madchen in Sparta! Wer wird auch so was glauben?"

Sie haben Recht, sagte der Naturforscher; die Weiber der Gymnosophisten sind weniger nackend als die Weiber der Griechen in ihrem vollstandigsten Anzuge: sie sind vom Kopf bis zu den Fussen in ihre Unschuld und in die offentliche Ehrbarkeit eingehullt.23

"Wie meinen Sie das?"

Kann ich mich deutlicher erklaren?

"Ach, nun versteh ich Sie! Es soll ein Stich sein? Aber Sie scherzen doch wohl nur mit ihrer Ehrbarkeit und Unschuld. Wenn die Weiber der Gymnosophisten nicht haltbarer gekleidet sind, so mussen sie entweder sehr hasslich, oder ihre Manner sehr frostig sein."

Keines von beiden. Ihre Weiber sind wohlgebildet, und ihre Kinder gesund und voller Leben; ein unverwerfliches Zeugnis zu Gunsten ihrer Vater, deucht mich!

"Sie sind ein Liebhaber von Paradoxen, Demokritus, sprach der Matador; aber Sie werden mich in Ewigkeit nicht uberreden, dass die Sitten eines Volkes desto reiner seien, je nackender die Weiber desselben sind."

Wenn ich ein so grosser Liebhaber von Paradoxen ware, als man mich beschuldigt, so wurd' es mir vielleicht nicht schwer fallen, Sie dessen durch Beispiele und Grunde zu uberfuhren. Aber ich bin dem Gebrauch der Gymnosophistinnen nicht gunstig genug, um mich zu seinem Verteidiger aufzuwerfen. Auch war meine Meinung gar nicht, das zu sagen, was mich der scharfsinnige Kratylus sagen lasst. Die Weiber der Gymnosophisten schienen mir nur zu beweisen, dass Gewohnheit und Umstande in Gebrauchen dieser Art alles entscheiden. Die spartanischen Tochter, weil sie kurze Rocke, und die am Indus, weil sie gar keine Rocke tragen, sind darum weder unehrbarer noch grosserer Gefahr ausgesetzt, als diejenigen, die ihre Tugend in sieben Schleier einwickeln. Nicht die Gegenstande, sondern unsre Meinungen von denselben sind die Ursache unordentlicher Leidenschaften. Die Gymnosophisten, welche keinen Teil des menschlichen Korpers fur unedler halten als den andern, sehen ihre Weiber, wiewohl sie bloss in ihr angebornes Fell gekleidet sind, fur eben so gekleidet an, als die Scythen die ihrigen, wenn sie ein Tigerkatzenfell um die Lenden hangen haben.

"Ich wunschte nicht, dass Demokritus mit seiner Philosophie soviel uber unsre Weiber vermochte, dass sie sich solche Dinge in den Kopf setzten", sagte ein ehrenfester steifer Abderit, der mit Pelzwaren handelte. "Ich auch nicht", sagte ein Leinwandhandler. Ich wahrlich auch nicht, sagte Demokritus, wiewohl ich weder mit Pelzen noch Leinwand handle.

"Aber eins erlauben Sie mir noch zu fragen, lispelte die Base, die so gerne lebendige Sphinxe gesehen haben mochte. Sie sind in der ganzen Welt herumgekommen; und es soll da viele wunderbare Lander geben, wo alles anders ist als bei uns "

(Ich glaube kein Wort davon, murmelte der Ratsherr, indem er, wie Homers Jupiter, das ambrosische Haar auf seinem weisheitschwangern Kopfe schuttelte.)

"Sagen Sie mir doch, in welchem unter allen diesen Landern es ihnen am besten gefallen hat?"

Wo konnt' es Einem besser gefallen, als zu Abdera?

"O wir wissen schon, dass dies Ihr Ernst nicht ist. Ohne Complimente! antworten Sie der jungen Dame wie Sie denken", sagte der Ratsherr.

Sie werden uber mich lachen, erwiderte der Philosoph: aber weil Sie es verlangen, schone Klonarion, so will ich Ihnen die reine Wahrheit sagen. Haben Sie nie von einem Lande gehort, wo die Natur so gut ist, neben ihren eigenen Verrichtungen auch noch die Arbeit der Menschen auf sich zu nehmen, von einem Lande, wo ewiger Friede herrscht; wo niemand Knecht und niemand Herr, niemand arm und jedermann reich ist? wo der Durst nach Golde zu keinen Verbrechen zwingt, weil man das Gold zu nichts gebrauchen kann; wo eine Sichel ein eben so unbekanntes Ding ist als ein Schwert; wo der Fleissige nicht fur den Mussigganger arbeiten muss; wo es keine Arzte gibt, weil niemand krank wird; keine Richter, weil es keine Handel gibt; keine Handel, weil jedermann zufrieden ist; und jedermann zufrieden ist, weil jedermann alles hat, was er nur wunschen kann; mit einem Worte, von einem Lande, wo alle Menschen so fromm wie die Lammer, und so glucklich wie die Gotter sind? Haben Sie nie von einem solchen Lande?

"Nicht, dass ich mich erinnerte."

Dies nenn ich ein Land, Klonarion! Da ist es nie zu warm und nie zu kalt, nie zu nass und nie zu trocken; Fruhling und Herbst regieren dort nicht wechselsweise, sondern, wie in den Garten des Alcinous, zugleich in ewiger Eintracht. Berge und Taler, Walder und Auen sind mit allem angefullt, was des Menschen Herz gelusten kann. Aber nicht etwa, dass die Leute sich die Muhe geben mussten, die Hasen zu jagen, die Vogel oder Fische zu fangen, und die Fruchte zu pflucken, die sie essen wollen; oder dass sie die Gemachlichkeiten, deren sie geniessen, erst mit vielem Ungemach erkaufen mussten. Nein! alles macht sich da von selbst. Die Rebhuhner und Schnepfen fliegen einem gespickt und gebraten um den Mund, und bitten demutig, dass man sie essen mochte; Fische von allen Arten schwimmen gekocht in Teichen von allen moglichen Bruhen, deren Ufer immer voll Austern, Krebse, Pasteten, Schinken und Ochsenzungen liegen. Hasen und Rehbocke kommen freiwillig herbeigelaufen, streifen sich das Fell uber die Ohren, stecken sich an den Bratspiess, und legen sich, wenn sie gar sind, von selbst in die Schussel. Allenthalben stehen Tische, die sich selbst decken; und weichgepolsterte Ruhebettchen laden allenthalben zum Ausruhen vom Nichtstun und zu angenehmen Ermudungen ein. Neben denselben rauschen kleine Bache von Milch und Honig, von cyprischem Wein, Citronenwasser und andern angenehmen Getranken; und uber sie her wolben sich, mit Rosen und Jasmin untermengt, Stauden voller Becher und Glaser, die sich, so oft sie ausgetrunken werden, gleich von selbst wieder anfullen. Auch gibt es da Baume, die statt der Fruchte kleine Pastetchen, Bratwurste, Mandelkrapfen und Buttersemmeln tragen; andere, die an allen Asten mit Geigen, Harfen, Cithern, Theorben, Floten und Waldhornern behangen sind, welche von sich selbst das angenehmste Concert machen, das man horen kann. Die glucklichen Menschen, nachdem sie den warmern Teil des Tages verschlafen, und den Abend vertanzt, versungen und verscherzt haben, erfrischen sich dann in kuhlen marmornen Badern, wo sie von unsichtbaren Handen sanft gerieben, mit feinem Byssus, der sich selbst gesponnen und gewebt hat, abgetrocknet, und mit den kostbarsten Essenzen, die aus den Abendwolken wie feuchter Duft heruntertauen, eingebalsamt werden. Dann legen sie sich auf schwellenden Polstern um volle Tafeln her, und essen und trinken und lachen, singen und tandeln und kussen, die ganze Nacht durch, die ein ewiger Vollmond zum sanftern Tage macht; und was noch das Angenehmste ist

"O gehen Sie, Herr Demokritus, Sie haben mich zum besten! was Sie mir da erzahlen, ist ja das Marchen vom Schlaraffenlande, das ich tausendmal von meiner Amme gehort habe, wie ich noch ein kleines Madchen war."

Aber Sie finden doch auch, Klonarion, dass sichs gut in diesem Lande leben musste?

"Merken Sie denn nicht, dass unter allem diesem eine geheime Bedeutung verborgen liegt? sagte der weise Ratmann; vermutlich eine Satyre auf gewisse Philosophen, welche das hochste Gut in der Wollust suchen."

Schlecht geraten, Herr Ratsherr! dachte Demokritus.

"Ich erinnere mich in den Amphiktyonen des Teleklides eine ahnliche Beschreibung des goldnen Alters gelesen zu haben", sagte Frau Salabanda24.

Das Land, das ich der schonen Klonarion beschrieb, sprach der Naturforscher, ist keine Satyre; es ist das Land, in welches von jedem Dutzend unter euch weisen Leuten zwolfe sich im Herzen hineinwunschen und nach Moglichkeit hineinarbeiten, und in welches uns eure abderitischen Sittenlehrer hineindeclamieren wollen; wenn anders ihre Declamationen irgend einen Sinn haben.

"Ich mochte wohl wissen, wie Sie dies verstehen", sagte der Ratsherr, der (vermog' einer vieljahrigen Gewohnheit, nur mit halben Ohren zu horen, und sein Votum im Rat schlummernd von sich zu geben) nicht gerne die Muhe nahm einer Sache lange nachzudenken.

Sie lieben eine starke Beleuchtung, wie ich sehe, Herr Ratsmeister, erwiderte Demokritus. Aber zu viel Licht ist zum Sehen eben so unbequem, als zu wenig. Helldunkel ist, deucht mich, gerade so viel Licht, als man gebraucht, um weder zu viel noch zu wenig zu sehen. Ich setze zum voraus, dass Sie uberhaupt sehen konnen. Denn wenn dies nicht ware, so begreifen Sie wohl, dass wir beim Licht von zehentausend Sonnen nicht besser sehen wurden, als beim Schein eines Feuerwurms.

"Sie sprechen von Feuerwurmern?" (sagte der Ratsherr, indem er bei dem Worte Feuerwurm aus einer Art von Seelenschlummer erwachte, in welchen er uber dem Gaffen nach Salabandas Busen, wahrend dass Demokritus redete, gefallen war.) "Ich dachte wir sprachen von den Moralisten."

Von Moralisten oder Feuerwurmern, wie es Ihnen beliebt, versetzte Demokritus. Was ich sagen wollte, um Ihnen die Sache, wovon wir sprachen, deutlich zu machen, war dies: Ein Land, wo ewiger Friede herrscht, und wo alle Menschen in gleichem Grade frei und glucklich sind; wo das Gute nicht mit dem Bosen vermischt ist, Schmerz nicht an Wollust, und Tugend nicht an Untugend grenzt, wo lauter Schonheit, lauter Ordnung, lauter Harmonie ist, mit einem Wort, ein Land, wie eure Moralisten den ganzen Erdboden haben wollen, ist entweder ein Land, wo die Leute keinen Magen und keinen Unterleib haben, oder es muss schlechterdings das Land sein, das uns Teleklides schildert, aus dessen Amphiktyonen ich (wie die schone Salabanda sehr wohl bemerkt hat) meine Beschreibung genommen habe. Vollkommene Gleichheit, vollkommene Zufriedenheit mit dem Gegenwartigen, immerwahrende Eintracht kurz, die saturnischen Zeiten, wo man keine Konige, keine Priester, keine Soldaten, keine Ratsherren, keine Moralisten, keine Schneider, keine Koche, keine Arzte und keine Scharfrichter braucht, sind nur in dem Lande moglich, wo einem die Rebhuhner gebraten in den Mund fliegen, oder (welches ungefahr eben so viel sagen will) wo man keine Bedurfnisse hat. Dies ist, wie mich deucht, so klar, dass es demjenigen, dem es dunkel ist, durch alles Licht im Feuerhimmel nicht klarer gemacht werden konnte. Gleichwohl argern sich eure Moralisten daruber, dass die Welt so ist wie sie ist; und wenn der ehrliche Philosoph, der die Ursachen weiss, warum sie nicht anders sein kann, den Arger dieser Herren lacherlich findet: so begegnen sie ihm, als ob er ein Feind der Gotter und der Menschen ware; welches zwar an sich selbst noch lacherlicher ist, aber zuweilen da, wo die milzsuchtigen Herren den Meister spielen, einen ziemlich tragischen Ausgang nimmt.

"Aber was wollen Sie denn, dass die Moralisten tun sollen?"

Die Natur erst ein wenig kennen lernen, eh sie sich einfallen lassen, es besser zu wissen als sie; vertraglich und duldsam gegen die Torheiten und Unarten der Menschen sein, welche die ihrigen dulden mussen; durch Beispiele bessern, statt durch frostiges Gewasche zu ermuden, oder durch Schmahreden zu erbittern; keine Wirkungen fodern, wovon die Ursachen noch nicht da sind, und nicht verlangen, dass wir die Spitze eines Berges erreicht haben sollen, ehe wir hinauf gestiegen sind.

"So unsinnig wird doch niemand sein?" sagte der Abderiten einer.

So unsinnig sind neun Zehnteile der Gesetzgeber, Projectmacher, Schulmeister und Weltverbesserer auf dem ganzen Erdenrund alle Tage! sagte Demokritus.

Die zeitverkurzende Gesellschaft, welche die Laune des Naturforschers unertraglich zu finden anfing, begab sich nun wieder nach Hause; und dahlte unterwegs, beim Glanz des Abendsterns und einer schonen Dammerung, von Sphinxen, Einhornern, Gymnosophisten und Schlaraffenlandern; und so viel Mannichfaltigkeit auch unter allen den Albernheiten, welche gesagt wurden, herrschte, so stimmten doch alle darin uberein: dass Demokritus ein wunderlicher, einbildischer, uberkluger, tadelsuchtiger, wiewohl bei allem dem ganz kurzweiliger Sonderling sei.

"Sein Wein ist das Beste, was man bei ihm findet", sagte der Ratsherr.

Gutiger Anubis! dachte Demokritus, da er wieder allein war: was man nicht mit diesen Abderiten reden muss, um sich die Zeit von ihnen vertreiben zu lassen!

Eilftes Kapitel

Etwas von den abderitischen Philosophen, und wie

Demokritus das Ungluck hat, sich mit ein paar

wohlgemeinten Worten in sehr schlimmen Credit zu

setzen

Dass man sich aber gleichwohl nicht einbilde, als ob alle Abderiten, ohne Ausnahme, durch ein Gelubde oder durch ihren Burgereid verbunden gewesen seien, nicht mehr Verstand zu haben als ihre Grossmutter, Ammen und Ratsherren! Abdera, die Nebenbuhlerin von Athen, hatte auch Philosophen, das heisst, sie hatte Philosophen wie sie Maler und Dichter hatte. Der beruhmte Sophist Protagoras war ein Abderit gewesen, und hatte eine Menge von Schulern hinterlassen, die ihrem Meister zwar nicht an Witz und Beredsamkeit gleich kamen, aber ihm dafur auch an Eigendunkel und Albernheit desto uberlegener waren.

Diese Herren hatten sich eine bequeme Art von Philosophie zubereitet, vermittelst welcher sie ohne Muhe auf jede Frag' eine Antwort fanden, und von allem, was unter und uber der Sonne ist, so gelaufig schwatzten, dass in so ferne sie nur immer Abderiten zu Zuhorern hatten die guten Zuhorer sich festiglich einbildeten, ihre Philosophen wussten sehr viel mehr davon als sie selbst; wiewohl im Grunde der Unterschied nicht so gross war dass ein vernunftiger Mann eine Feige darum gegeben hatte. Denn am Ende lief es doch immer darauf hinaus, dass der abderitische Philosoph, etliche lange nichtsbedeutende Worter abgerechnet, gerade so viel von der Sache wusste, als derjenige unter allen Abderiten, der am wenigsten davon zu wissen glaubte.

Die Philosophen, vermutlich weil sie es fur zu klein hielten, in den Detail der Natur herabzusteigen, gaben sich mit lauter Aufgaben ab, die ausserhalb der Grenzen des menschlichen Verstandes liegen. Bis in diese Region, dachten sie, folgt uns niemand, als wer unsers Gleichen ist; und was wir auch den Abderiten davon vorsagen, so sind wir wenigstens gewiss, dass uns niemand Lugen strafen kann.

Zum Exempel, eine ihrer Lieblingsmaterien war die Frage:

"Wie, warum, und woraus die Welt entstanden sei?"

"Sie ging aus einem Ei hervor, sagte Einer; der Aether war das Weisse, das Chaos der Dotter, und die Nacht brutete es aus25."

"Sie ist aus Feuer und Wasser entstanden", sagte ein Andrer.

"Sie ist gar nicht entstanden, sprach der Dritte. Alles war immer so wie es ist, und wird immer so bleiben wie es war."

Diese Meinung fand in Abdera wegen ihrer Bequemlichkeit vielen Beifall. Sie erklart alles, sagten sie, ohne dass man notig hat, sich erst lange den Kopf zu zerbrechen. Es ist immer so gewesen, war die gewohnliche Antwort eines Abderiten, wenn man ihn nach der Ursache oder dem Ursprung einer Sache fragte; und wer sich daran nicht ersattigen wollte, wurde fur einen stumpfen Kopf angesehen.

"Was ihr Welt nennt, sagte der Vierte, ist eigentlich eine ewige Reihe von Welten, die, wie die Haute einer Zwiebel, uber einander liegen, und sich nach und nach ablosen."

Sehr deutlich gegeben, riefen die Abderiten, sehr deutlich! Sie glaubten den Philosophen verstanden zu haben, weil sie sehr gut wussten, was eine Zwiebel war.

"Schimare! sprach der Funfte. Es gibt freilich unzahlige Welten; aber sie entstehen aus der ungefahren Bewegung unteilbarer Sonnenstaubchen, und es ist viel Gluck, wenn, nach zehntausendmal tausend ubelgeratenen, endlich eine herauskommt, die noch so leidlich vernunftig aussieht wie die unsrige."

"Atomen geb' ich zu, sprach der Sechste; aber keine Bewegung von Ungefahr und ohne Richtung. Die Atomen sind nichts, oder sie haben bestimmte Krafte und Eigenschaften, und, je nachdem sie einander ahnlich oder unahnlich sind, ziehen sie einander an, oder stossen sich zurucke. Daher machte der weise Empedokles (der Mann, der, um die wahre Beschaffenheit des Aetna zu erkundigen, sich weislich mitten in den Crater desselben hineingesturzt haben soll,) Hass und Liebe zu den ersten Ursachen aller Zusammensetzungen; und Empedokles hat Recht."

"Um Vergebung, meine Herren, ihr habt alle Unrecht, sprach der Philosoph Sisamis. In Ewigkeit wird weder aus euerm mystischen Ei, noch aus euerm Bundnis zwischen Feuer und Wasser, noch aus euern Atomen, noch aus euern Homoomerien, eine Welt herauskommen, wenn ihr keinen Geist zu Hulfe nehmt. Die Welt ist, wie jedes andre Tier, eine Zusammensetzung von Materie und Geist. Der Geist ist es, der dem Stoffe Form gibt; beide sind von Ewigkeit her vereinigt; und, so wie einzelne Korper aufgelost werden, sobald der Geist, der ihre Teile zusammenhielt, sich zuruckzieht, so wurde, wenn der allgemeine Weltgeist aufhoren konnte das Ganze zu umfassen und zu beleben, Himmel und Erde im namlichen Augenblick in einen einzigen, ungeheuren, gestaltlosen, finstern und toten Klumpen zusammenfallen."

Davor wolle Jupiter und Latona sein! riefen die Abderiten, nicht ohne sich zu entsetzen, wie sie den Mann eine so furchterliche Drohung ausstossen horten. Es hat keine Gefahr, sagte der Priester Strobylus; so lange wir die Frosche der Latona in unsern Mauern haben, soll es der Weltgeist des Sisamis wohl bleiben lassen, solchen Unfug in der Welt anzurichten.

"Meine Freunde, sprach der Achte, der Weltgeist des weisen Sisamis ist mit den Atomen, Homoomerien, Zwiebeln und Eiern meiner Collegen von gleichem Schlage. Einen Demiurg mussen wir annehmen, wenn wir eine Welt haben wollen: denn ein Gebaude setzt einen Baumeister oder wenigstens einen Zimmermeister voraus; und nichts macht sich von sich selbst, wie wir alle wissen."

Aber man spricht doch alle Tage: Dies wird von sich selbst kommen, von sich selbst gehen sagten die Abderiten.

"Man spricht wohl so, antwortete der Philosoph: allein, wo habt ihr jemals gesehen, dass es wirklich so erfolgt ware? Ich habe freilich unsre Archonten wohl tausendmal sagen horen: es wird sich schon geben; es wird schon kommen! dies oder jenes wird sich schon machen! Aber wir hatten gut warten! Es gab sich nicht, kam nicht, und machte sich nicht."

Nur allzuwahr, was die Werke unsrer Archonten betrifft; (sagte ein alter Schuhflicker, der fur einen Mann von Einsicht beim Volke galt, und grosse Hoffnung hatte, bei der nachsten Wahl Zunftmeister zu werden;) aber mit den Werken der Natur, wie die Welt ist, mag es doch wohl anders bewandt sein. Warum sollte die Welt nicht eben so gut aus dem Chaos hervorwachsen konnen, wie ein Pilz aus der Erde wachst?

"Meister Pfrieme, versetzte der Philosoph, zum Zunftmeister soll er meine und aller meiner Vettern Stimme haben; aber keine Einwurfe gegen mein System, wenn ich bitten darf! Die Pilze wachsen freilich von selbst aus der Erde hervor, weil weil weil sie Pilze sind; aber eine Welt wachst nicht von selbst, weil sie kein Pilz ist; versteht Er mich nun, Meister Pfrieme?"

Alle Anwesende lachten von Herzen, dass Meister Pfrieme so abgefuhrt war. "Die Welt ist kein Pilz; dies ist klar wie Taglicht, riefen die Abderiten; da ist nichts einzuwenden, Meister Pfrieme!"

Verzweifelt! murmelte der kunftige Zunftmeister; aber so geht es, wenn man sich mit den Herren abgibt, welche beweisen konnen, dass der Schnee weiss ist.

"Schwarz ist, wolltet ihr sagen, Nachbar."

Ich weiss, was ich gesagt habe, und was ich sagen wollte, antwortete Meister Pfrieme; und ich wunsche nur, dass die Republik

"Vergess' Er die vierzehn Stimmen nicht, die ich Ihm verschaffe, Meister Pfrieme!" rief der Philosoph.

Wohl, wohl! alles wohl! Aber Demiurg das klingt mir bald so wie Demagog; und ich will weder Demagogen noch Demiurgen haben; ich bin fur die Freiheit, und wer ein guter Abderite ist, der schwinge seinen Hut und folge mir!

Und hiemit ging Meister Pfrieme davon, (denn der Leser merkt von selbst, dass alles dies in einer Halle von Abdera gesprochen wurde;) und einige mussige Tolpel, die ihn allerwegen zu begleiten pflegten, folgten ihm.

Aber der Philosoph, ohne zu tun als ob er es gewahr werde, fuhr fort: "Ohne einen Baumeister, einen Demiurgen, oder wie ihr ihn nennen wollt, lasst sich vernunftiger Weise keine Welt bauen. Aber, merket wohl, es kam auf den Demiurg an, ob er bauen wollte; und lasst sehen wie er es anfing. Stellt euch die Materie als einen ungeheuren Klumpen von vollkommen dichtem Krystall vor26; und den Demiurg, wie er mit einem grossen Hammer von Diamant diesen Klumpen auf einen Schlag in so viele unendlich kleine Stuckchen zerschmettert, dass sie durch den leeren Raum viele Millionen Cubicmeilen herumstieben. Naturlicher Weise brachen sich diese unendlich kleine Stuckchen Krystall auf verschiedene Art; und indem sie, mit der ganzen Heftigkeit der Bewegung, die ihnen der Schlag mit dem diamantenen Hammer gab, auf tausendfache Art wider einander fuhren, und sich unter einander auf allen Seiten stiessen, schlugen und rieben, so entstund daraus notwendig eine unzahlige Menge Korperchen von allerlei regelmassigen und unregelmassigen Figuren: dreieckige, viereckige, achtekkige, vieleckige, und runde. Aus den runden wurde Wasser und Luft, welche nichts anders als verdunntes Wasser ist; aus den dreieckigen Feuer; aus den ubrigen die Erde, und aus diesen vier Elementen setzt die Natur, wie ihr wisst, alle Korper in der Welt zusammen."

Das ist wunderbar, sehr wunderbar! aber es begreift sich doch, sagten die Abderiten. Ein Klumpen Krystall, ein diamantner Hammer, und ein Demiurg, der den Krystall so meisterhaft in Stucken schlagt, dass aus den Splittern, ohne seine weitere Bemuhung, eine Welt entsteht! In der Tat die scharfsinnigste Hypothese, die man sehen kann, und gleichwohl so simpel, dass man dachte, man hatte sie alle Augenblicke selbst erfinden konnen!

"Ich erklare mittelst dieser so simpeln Voraussetzung alle moglichen Wirkungen der Natur", sagte der Philosoph mit selbst zufriednem Lacheln.

"Nicht ein Wespennest, rief ein Neunter, Damonax genannt, der den Behauptungen seiner Mitbruder bisher mit stillschweigender Verachtung zugehoret hatte. Es gehoren andre Krafte und Anstalten dazu, ein so grosses, so schones, so wundervolles Werk, als dieses Weltgebaude ist, zu Stande zu bringen. Nur ein hochstvollkommner Verstand konnte den Plan davon erfinden; wiewohl ich gerne gestehe, dass zur Ausfuhrung geringere Werk- meister hinlanglich waren. Er uberliess sie verschiedenen Klassen der subalternen Gotter, wies einer jeden Klasse ihren besondern Kreis an, in welchem sie arbeitet, und begnugte sich, die allgemeine Aufsicht uber das Ganze zu fuhren. Es ist lacherlich, den Ursprung der Weltkorper, des Erdhodens, der Pflanzen, der Tiere, und alles dessen, was in Luft und Wasser ist, aus Atomen oder Sympathien oder ungefahrer Bewegung, oder einem einzigen Hammerschlag erklaren zu wollen. Geister sind es, welche in den Elementen herrschen, die Spharen des Himmels drehen, die organischen Korper bilden, das Fruhlingsgewand der Natur mit Blumen sticken, und die Fruchte des Herbstes in ihren Schoss ausgiessen. Kann etwas fasslicher und angenehmer sein als diese Theorie? Sie erklart alles; sie leitet jede Wirkung aus einer ihr angemessenen Ursache ab; und durch sie begreift man die, in jedem andern System unerklarbare, Kunst der Natur eben so leicht, als man begreift, wie Zeuxis oder Parrhasius mit ein wenig gefarbter Erde eine bezaubernde Landschaft oder ein Bad der Diana erschaffen kann."

Was fur eine schone Sache es um die Philosophie ist! sagten die Abderiten. Alles, was man daran aussetzen mochte, ist, dass einem unter so viel feinen Theorien die Wahl sauer wird.

Indessen machte doch der Pythagoraer, der alles durch Geister bewerkstelligte, das meiste Gluck. Die Poeten, die Maler, und alle ubrigen Schutzverwandten der Musen, mit dem samtlichen Frauenzimmer von Abdera an ihrer Spitze, erklarten sich fur- die Geister; doch unter der Bedingung, dass es ihnen erlaubt sein musse, sie in so angenehme Gestalten, als jedem gefallig sei, einzukleiden.

Ich bin nie ein besonderer Freund der Philosophie gewesen, (sagte der Priester Strobylus,) und aus Ursache: aber wenn die Abderiten ihr Grubeln uber das Wie und Warum der Dinge nun einmal nicht lassen konnen, so habe ich gegen die Physik des Damonax noch immer am wenigsten einzuwenden; unter den gehorigen Einschrankungen vertragt sie sich noch so ziemlich.

"O sie vertragt sich mit allem in der Welt, sagte Damonax; dies ist eben die Schonheit davon!"

Soll ich euch meine Meinung sagen? sprach Demokritus. Wenn es euch etwan wirklich darum zu tun sein sollte, die Beschaffenheit der Dinge, die euch umgeben, kennen zu lernen, so deucht mich, ihr nehmt einen ungeheuren Umweg. Die Welt ist sehr gross; und von dem Standort, woraus wir in sie hineingucken, nach ihren vornehmsten Provinzen und Hauptstadten ist es so weit, dass ich nicht wohl begreife, wie sich einer von uns einfallen lassen kann, die Charte eines Landes aufzunehmen, wovon ihm (sein angebornes Dorfchen ausgenommen) alles ubrige, und sogar die Grenzen unbekannt sind. Ich dachte, ehe wir Kosmogonien und Kosmologien traumten, setzten wir uns hin und beobachteten, zum Exempel, den Ursprung einer Spinnewebe; und dies so lange, bis wir so viel davon herausgebracht hatten, als funf Menschensinne, mit Verstand angestrengt, daran entdecken konnen. Ihr werdet zu tun finden, das konnt ihr mir auf mein Wort glauben. Aber dafur werdet ihr auch erfahren, dass euch diese einzige Spinnewebe mehr Aufschluss uber das grosse System der Natur, und wurdigere Begriffe von seinem Urheber geben wird, als alle die feinen Weltsysteme, die ihr zwischen Wachen und Schlaf aus eurem eignen Gehirne herausgesponnen habt.

Demokritus meinte dies im ganzen Ernst; aber die Philosophen von Abdera glaubten, dass er ihrer spotten wolle. Er versteht nichts von der Pneumatik, sagte der eine. Von der Physik noch weniger, sagte der andere. Er ist ein Zweifler er glaubt keine Grundtriebe keinen Weltgeist keinen Demiurg keinen Gott! sagte der dritte, vierte, funfte, sechste und siebente. Man sollte solche Leute gar nicht im gemeinen Wesen dulden, sagte der Priester Strobylus.

Zwolftes Kapitel

Demokritus zieht sich weiter von Abdera zuruck

Wie er sich in seiner Einsamkeit beschaftigt

Er konnt bei den Abderiten in den Verdacht, dass er

Zauberkunste treibe

Ein Experiment, das er bei dieser Gelegenheit mit

den abderitischen Damen macht, und wie es

abgelaufen

Bei dem allen war Demokritus ein Menschenfreund in der echtesten Bedeutung des Worts. Denn er meinte es gut mit der Menschheit, und freute sich uber nichts so sehr, als wenn er irgend etwas Boses verhuten, oder etwas Gutes tun, veranlassen oder befordern konnte. Und wiewohl er glaubte, dass der Charakter eines Weltburgers Verhaltnisse in sich schliesse, denen, im Collisionsfall, alle andere weichen mussten: so hielt er sich doch darum nicht weniger verbunden, als ein Burger von Abdera, an dem Zustande seines Vaterlandes Anteil zu nehmen, und so viel er konnte, zu dessen Verbesserung beizutragen. Allein, da man nur in so fern Gutes tun kann, als das Subject dessen fahig ist: so fand er sein Vermogen durch die unzahligen Hindernisse, die ihm die Abderiten entgegensetzten, in so enge Grenzen eingeschlossen, dass er Ursache zu haben glaubte, sich als eine der entbehrlichsten Personen in dieser kleinen Republik anzusehen. Was sie am notigsten haben, dacht' er, und das Beste was ich an ihnen tun konnte, ware, sie klug zu machen. Aber die Abderiten sind freie Leute. Wenn sie nun nicht klug sein wollen: wer kann sie notigen?

Da er also bei so bewandten Umstanden wenig oder nichts fur die Abderiten als Abderiten tun konnte, glaubte er hinlanglich gerechtfertigt zu sein, wenn er wenigstens seine eigene Person in Sicherheit zu bringen suchte, und einen so grossen Teil als immer moglich von derjenigen Zeit rettete, die er der Erfullung seiner weltburgerlichen Pflichten schuldig zu sein vermeinte.

Weil nun seine bisherige Freistatte entweder nicht weit genug von Abdera entfernt war, oder wegen ihrer Lage und anderer Bequemlichkeiten so viel Reiz fur die Abderiten hatte, dass er, ungeachtet seines Aufenthalts auf dem Lande, sich doch immer mitten unter ihnen befand: so zog er sich noch etliche Stunden weiter in einen Wald, der zu seinem Gute gehorte, zuruck, und bauete sich in die wildeste Gegend desselben ein kleines Haus, wo er die meiste Zeit in der einsamen Ruhe, die das eigene Element des Philosophen und des Dichters ist, dem Erforschen der Natur und der Betrachtung oblag.

Einige neuere Gelehrte ob Abderiten oder nicht, wollen wir hier unentschieden lassen haben sich von den Beschaftigungen dieses griechischen Bacons in seiner Einsamkeit wunderliche, wiewohl auf ihrer Seite sehr naturliche Begriffe gemacht. "Er arbeitete am Stein der Weisen, sagt Borrichius, und er fand ihn, und machte Gold." Zum Beweis davon, beruft er sich darauf, dass Demokritus ein Buch von Steinen und Metallen geschrieben habe. Die Abderiten, seine Zeitgenossen und Mitburger, gingen noch weiter; und ihre Vermutungen die in abderitischen Kopfen gar bald zur Gewissheit wurden grundeten sich auf eben so gute Schlusse, als jener des Borrichius. Demokritus war von persischen Magis erzogen worden27; er war zwanzig Jahre in den Morgenlandern herumgereist; hatte mit agyptischen Priestern, Chaldaern, Brachmanen und Gymnosophisten Umgang gepflogen, und war in allen ihren Mysterien initiert; hatte tausend Arcana von seinen Reisen mit sich gebracht, und wusste zehntausend Dinge, wovon niemals etwas in eines Abderiten Sinn gekommen war. Machte dies alles zusammengenommen nicht den vollstandigsten Beweis, dass er ein ausgelernter Meister in der Magie und allen davon abhangenden Kunsten sein musste? Der ehrwurdige Pater Delrio hatte Spanien, Portugall und Algarbien auf die Halfte eines Beweises, wie dieser ist, verbrennen lassen.

Aber die guten Abderiten hatten noch nahere Beweistumer in Handen, dass ihr gelehrter Landsmann ein wenig hexen konne. Er sagte Sonnen- und Mondfinsterungen, Misswachs, Seuchen und andre zukunftige Dinge zuvor. Er hatte einem verbuhlten Madchen aus der Hand geweissagt, dass sie zu Falle kommen, und einem Ratsherrn von Abdera, dessen ganzes Leben zwischen Schlafen und Schmausen geteilt war, dass er an einer Unverdaulichkeit sterben wurde; und beides war genau eingetroffen. Uberdem hatte man Bucher mit wunderlichen Zeichen in seinem Cabinette gesehen; man hatte ihn bei allerlei, vermutlich magischen Operationen mit Blut von Vogeln und Tieren angetroffen; man hatte ihn verdachtige Krauter kochen gesehen; und einige junge Leute wollten ihn sogar in spater Nacht bei sehr blassem Mondschein zwischen Grabern sitzend uberschlichen haben. "Um ihn zu schrecken, hatten wir uns in die scheusslichsten Larven verkleidet, sagten sie: Horner, Ziegenfusse, Drachenschwanze, nichts fehlte uns, um leibhafte Feldteufel und Nachtgespenster vorzustellen; wir bliesen sogar Rauch aus Nasen und Ohren, und machten es so arg um ihn herum, dass ein Herkules vor Schrekken hatte zum Weibe werden mogen. Aber Demokritus achtete unser nicht; und, da wir es ihm endlich zu lange machten, sagte er bloss: Nun, wird das Kinderspiel noch lange wahren28? ".

Da sieht man augenscheinlich, sagten die Abderiten, dass es nicht recht richtig mit ihm ist; Geister sind nichts Neues fur ihn; er muss wohl wissen, wie er mit ihnen steht! "Er ist ein Zauberer; nichts kann gewisser sein, sagte der Priester Strobylus; wir mussen ein wenig besser Acht auf ihn geben!"

Man muss gestehen, dass Demokritus, entweder aus Unvorsichtigkeit, oder, (welches glaublicher ist,) weil er sich wenig aus der Meinung seiner Landsleute machte, zu diesen und andern bosen Geruchten einige Gelegenheit gab. Man konnte in der Tat nicht lange unter den Abderiten leben, ohne in Versuchung zu geraten, ihnen etwas aufzuheften. Ihr Vorwitz und ihre Leichtglaubigkeit auf der einen Seite, und die hohe Einbildung, die sie sich von ihrer eignen Scharfsinnigkeit machten, auf der andern, foderten einen gleichsam heraus; und uberdies war auch sonst kein Mittel, sich fur die Langeweile, die man bei ihnen hatte, zu entschadigen. Demokritus befand sich nicht selten in diesem Falle; und da die Abderiten albern genug waren, alles, was er ihnen ironischer Weise sagte, im buchstablichen Sinne zu nehmen: so entstunden daher die vielen ungereimten Meinungen und Marchen, die auf seine Rechnung in der Welt herumliefen, und noch viele Jahrhunderte nach seinem Tode von andern Abderiten fur bares Geld angenommen, oder wenigstens ihm selbst, unbilliger Weise, zur Last geleget wurden.

Demokritus hatte sich, unter andern, auch mit der Physiognomie abgegeben, und teils aus seinen eigenen Beobachtungen, teils aus dem was ihm andere von den ihrigen mitgeteilt, sich eine Theorie davon gemacht, von deren Gebrauch er (sehr vernunftig, wie uns deucht) urteilte, dass es damit eben so wie mit der Theorie der poetischen oder irgend einer andern Kunst beschaffen sei. Denn so wie noch keiner durch die blosse Wissenschaft der Regeln ein guter Dichter oder Kunstler geworden sei und nur derjenige, welchen angebornes Genie, emsiges Studium hartnackiger Fleiss und lange Ubung zum Dichter oder Kunstler gemacht, geschickt sei, die Regeln seiner Kunst recht zu verstehen und anzuwenden: so sei auch die Theorie der Kunst, aus dem Ausserlichen des Menschen auf das Innerliche zu schliessen, nur fur Leute von grosser Fertigkeit im Beobachten und Unterscheiden brauchbar, fur jeden andern hingegen eine hochst ungewisse und betrugliche Sache; und eben darum musse sie als eine von den geheimen Wissenschaften oder grossen Mysterien der Philosophie immer nur der kleinen Zahl der Epopten29 vorbehalten bleiben.

Diese Art von der Sache zu denken bewies, dass Demokritus kein Scharlatan war; aber den Abderiten bewies sie bloss, dass er ein Geheimnis aus seiner Wissenschaft mache. Daher liessen sie nicht ab, ihn, so oft sich die Rede davon gab, zu necken und zu plagen, dass er ihnen etwas davon entdecken sollte. Besonders druckte dieser Vorwitz die Abderitinnen. Sie wollten von ihm wissen an was fur ausserlichen Merkmalen ein getreuer Liebhaber zu erkennen sei? ob Milon von Krotona30 eine sehr grosse Nase gehabt habe, ob eine blasse Farbe ein notwendiges Zeichen eines Verliebten sei? und hundert Fragen dieser Art, mit denen sie seine Geduld so sehr ermudeten, dass er endlich, um ihrer los zu werden, auf den Einfall kam, sie ein wenig zu erschrecken.

Aber das haben Sie sich wohl nicht vorgestellt, sagte Demokritus, dass die Jungferschaft ein unbetrugliches Merkzeichen in den Augen haben konnte?

"In den Augen? riefen die Abderitinnen. O! das ist nicht moglich! Warum just in den Augen?"

Es ist nicht anders, versetzte Demokritus; und was Sie mir gewiss glauben konnen, ist, dass mir dieses Merkmal schon ofters von den Geheimnissen junger und alter Schonen mehr entdeckt hat, als diese Lust gehabt haben wurden, mir von freien Stucken anzuvertrauen31.

Der zuversichtliche Ton, womit er dies sagte, verursachte einige Entfarbungen; wiewohl die Abderitinnen (die in allen Fallen, wo es auf die gemeine Sicherheit ihres Geschlechtes ankam, einander getreulich beizustehen pflegten,) mit grosser Hitze darauf bestunden, dass sein vorgebliches Geheimnis eine Schimare sei.

Sie notigen mich durch Ihren Unglauben, dass ich Ihnen noch mehr sagen muss, fuhr der Philosoph fort. Die Natur ist voll solcher Geheimnisse, meine schonen Damen; und wofur sollt' ich auch, wenn es sich der Muhe nicht verlohnte, bis nach Aethiopien und Indien gewandert sein? Die Gymnosophisten, deren Weiber wie Sie wissen nackend gehen, haben mir sehr artige Sachen entdeckt.

"Zum Exempel?" sagten die Abderitinnen.

Unter andern ein Geheimnis, welches ich, wenn ich ein Ehmann ware, lieber nicht zu wissen wunschen wurde.

"Ach, nun haben wir die Ursache, warum sich Demokritus nicht verheiraten will", rief die schone Thryallis.

"Als ob wir nicht schon lange wussten, sagte Salabanda, dass es seine athiopische Venus ist, die ihn fur unsre griechische so unempfindlich macht. Aber Ihr Geheimnis, Demokritus, wenn man es keuschen Ohren anvertrauen darf."

Zum Beweise, dass man es darf, will ich es den Ohren aller gegenwartigen Schonen anvertrauen, antwortete der Naturforscher. Ich weiss ein unfehlbares Mittel, wie man machen kann, dass ein Frauenzimmer, im Schlafe, mit vernehmlicher Stimme alles sagt, was sie auf dem Herzen hat.

"O gehen Sie, riefen die Abderitinnen, Sie wollen uns bange machen; aber wir lassen uns nicht so leicht erschrecken."

Wer wird auch an Erschrecken denken, sagte Demokritus, wenn von einem Mittel die Rede ist, wodurch einer jeden ehrlichen Frau Gelegenheit gegeben wird, zu zeigen, dass sie keine Geheimnisse hat, die ihr Mann nicht wissen durfte?

"Wurket Ihr Mittel auch bei Unverheirateten?" fragte eine Abderitin, die weder jung noch reizend genug zu sein schien, um eine solche Frage zu tun.

Es wurkt vom zehnten Jahre an bis zum achtzigsten, erwiderte Demokritus, ohne Beziehung auf irgendeinen andern Umstand, worin sich ein Frauenzimmer befinden kann.

Die Sache fing an ernsthaft zu werden. "Aber Sie scherzen nur, Demokritus," sprach die Gemahlin eines Thesmotheten, nicht ohne eine geheime Furcht des Gegenteils versichert zu werden.

Wollen Sie die Probe machen, Lysistrata?

"Die Probe? Warum nicht? Voraus bedungen, dass nichts Magisches dazu gebraucht wird. Denn mit Hulfe Ihrer Talismane und Geister konnten Sie eine arme Frau sagen machen, was Sie wollten."

Es haben weder Geister noch Talismane damit zu tun. Alles geht naturlich zu. Das Mittel, das ich gebrauche, ist die simpelste Sache von der Welt.

Die Damen fingen an, bei allen Grimassen von Herzhaftigkeit, wozu sie sich zu zwingen suchten, eine Unruhe zu verraten, die den Philosophen sehr belustigte. "Wenn man nicht wusste, dass Sie ein Spotter sind, der die ganze Welt zum Besten hat Aber darf man fragen, worin Ihr Mittel besteht?"

Wie ich Ihnen sagte, die naturlichste Sache von der Welt. Ein ganz kleines unschadliches Ding, einem schlafenden Frauenzimmer aufs Herzgrubchen gelegt, das ist das ganze Geheimnis; aber es tut Wunder, dies konnen Sie mir glauben. Es macht reden, so lange noch im innersten Winkel des Herzens was zu entdekken ist.

Unter sieben Frauenzimmern, die sich in der Gesellschaft befanden, war nur eine, deren Miene und Gebarde unverandert die namliche blieb wie vorher. Man wird denken, sie sei alt, oder hasslich, oder gar tugendhaft gewesen; aber nichts von allem diesem! Sie war taub.

"Wenn Sie wollen, dass wir Ihnen glauben sollen, Demokritus, so nennen Sie Ihr Mittel."

Ich will es dem Gemahl der schonen Thryallis ins Ohr sagen, sprach der boshafte Naturkundiger.

Der Gemahl der schonen Thryallis war, ohne blind zu sein, so glucklich, als Hagedorn einen Blinden schatzt, dessen Gemahlin schon ist. Er hatte immer gute Gesellschaft, oder wenigstens was man zu Abdera so nannte, in seinem Hause. Der gute Mann glaubte, man finde so viel Vergnugen an seinem Umgang, und an den Versen, die er seinen Besuchen vorzulesen pflegte. In der Tat hatte er das Talent, die schlechten Verse, die er machte, nicht ubel zu lesen; und weil er mit vieler Begeisterung las: so ward er nicht gewahr, dass seine Zuhorer, anstatt auf seine Verse Acht zu geben, mit der schonen Thryallis liebaugelten.

Kurz, der Ratsherr Smilax war ein Mann, der eine viel zu gute Meinung von sich selbst hatte, um von der Tugend seiner Gemahlin eine schlimme zu hegen.

Er bedachte sich also keinen Augenblick, dem Geheimnis des Demokritus sein Ohr darzubieten.

Es ist weiter nichts, flusterte ihm der Philosoph ins Ohr, als die Zunge eines lebendigen Frosches, die man einer schlafenden Dame auf die linke Brust legen muss. Aber Sie mussen sich beim Ausreissen wohl in Acht nehmen, dass nichts von den daranhangenden Teilen mit geht, und der Frosch muss wieder ins Wasser gesetzt werden.

"Das Mittel mag nicht ubel sein, sagte Smilax leise; nur Schade dass es ein wenig bedenklich ist! Was wurde der Priester Strobylus dazu sagen?"

Sorgen Sie nicht dafur, versetzte Demokritus: ein Frosch ist doch keine Diana, der Priester Strobylus mag sagen was er will. Und zudem geht es dem Frosche ja nicht ans Leben.

"Ich darf es also weiter geben?" fragte Smilax.

Von Herzen gerne! alle Mannspersonen in der Gesellschaft durfen es wissen; und ein jeder mag es ungescheut allen seinen Bekannten entdecken; nur mit der Bedingung, dass es keiner weder seiner Frau noch seiner Geliebten wieder sage.

Die guten Abderitinnen wussten nicht was sie von der Sache glauben sollten. Unmoglich schien sie ihnen nicht; und was sollte auch Abderiten unmoglich scheinen? Ihre gegenwartigen Manner oder Liebhaber waren nicht viel ruhiger; jeder setzte sich heimlich vor, das Mittel ohne Aufschub zu probieren, und jeder (den glucklichen Smilax ausgenommen) besorgte, gelehrter dadurch zu werden als er wunschte.

"Nicht wahr, Mannchen sagte Thryallis zu ihrem Gemahl, indem sie ihn freundlich auf die Backen klopfte, du kennst mich zu gut, um einer solchen Probe notig zu haben?"

"Der meinige sollte sich so etwas einfallen lassen, sagte Lagiska. Eine Probe setzt Zweifel voraus, und ein Mann, der an der Tugend seiner Frau zweifelt "

Ist ein Mann, der Gefahr lauft, seine Zweifel in Gewissheit verwandelt zu sehen, setzte Demokritus hinzu, da er sah, dass sie einhielt. Das wollten Sie doch sagen, schone Lagiska?

"Sie sind ein Weiberfeind, Demokritus, riefen die Abderitinnen allzumal; aber vergessen Sie nicht, dass wir in Thracien sind, und huten Sie sich vor dem Schicksal des Orpheus!"

Wiewohl dies im Scherz gesagt wurde, so war doch Ernst dabei. Naturlicher Weise lasst man sich nicht gerne ohne Not schlaflose Nachte machen; eine Absicht, von welcher wir den Philosophen um so weniger frei sprechen konnen, da er die Folgen seines Einfalles notwendig voraussehen musste. Wirklich gab diese Sache den sieben Damen so viel zu denken, dass sie die ganze Nacht kein Auge zutaten; und da das vorgebliche Geheimnis des Demokritus den folgenden Tag in ganz Abdera herumlief, so verursachte er dadurch etliche Nachte hinter einander eine allgemeine Schlaflosigkeit.

Indessen brachten die Weiber bei Tage wieder ein, was ihnen bei Nacht abging; und weil verschiedene sich nicht einfallen liessen, dass man ihnen das Arcanum, wenn sie unter Tages schliefen, eben so gut applicieren konne als bei Nacht, und daher ihr Schlafzimmer zu verriegeln vergassen: so bekamen die Manner unverhofft Gelegenheit, von ihren Froschzungen Gebrauch zu machen. Lysistrata, Thryallis, und einige andere, die am meisten dabei zu wagen hatten, waren die ersten, an denen die Probe, mit demjenigen Erfolg, den man leicht voraussehen kann, gemacht wurde. Aber eben dies stellte in kurzem die Ruhe in Abdera wieder her. Die Manner dieser Damen, nachdem sie das Mittel zwei oder dreimal ohne Erfolg gebraucht hatten, kamen in vollem Sprunge zu unserm Philosophen gelaufen, um sich zu erkundigen, was dies zu bedeuten hatte. So? rief er ihnen entgegen; hat die Froschzunge ihre Wirkung getan? Haben Ihre Weiber gebeichtet? Kein Wort, keine Sylbe, sagten die Abderiten. Desto besser, rief Demokritus; triumphieren Sie daruber! Wenn eine schlafende Frau mit einer Froschzunge auf dem Herzen nichts sagt, so ist es ein Zeichen, dass sie nichts zu sagen hat. Ich wunsche Ihnen Gluck, meine Herren! Jeder von Ihnen kann sich ruhmen, dass er den Phonix der Weiber in seinem Hause besitze.

Wer war glucklicher als unsre Abderiten! Sie liefen so schnell, als sie gekommen waren, wieder zuruck, fielen ihren erstaunten Weibern um den Hals, erstickten sie mit Kussen und Umarmungen, und bekannten nun freiwillig, was sie getan hatten, um sich von der Tugend ihrer Halften (wiewohl wir davon schon gewiss waren, sagten sie) noch gewisser zu machen.

Die guten Weiber wussten nicht, ob sie ihren Sinnen glauben sollten. Aber, wiewohl sie Abderitinnen waren, hatten sie doch Verstand genug, sich auf der Stelle zu fassen, und ihren Mannern ein so unzartliches Misstrauen, als dasjenige war, dessen sie sich selbst anklagten, nachdrucklich zu verweisen. Einige trieben die Sache bis zu Tranen; aber alle hatten Muhe, die Freude zu verbergen, die ihnen eine so unverhoffte Bestatigung ihrer Tugend verursachte; und wiewohl sie, der Anstandigkeit wegen, auf den Demokritus schmalen mussten, so war doch keine, die ihn nicht dafur hatte umarmen mogen, dass er ihnen einen so guten Dienst geleistet hatte. Freilich war dies nicht, was er gewollt hatte. Aber die Folgen dieses einzigen unschuldigen Scherzes mochten ihn lehren, dass man mit Abderiten nicht behutsam genug scherzen kann!

Indessen (wie alle Dinge dieser Welt mehr als eine Seite haben) so fand sich auch, dass aus dem Ubel, welches unser Philosoph den Abderiten wider seine Absicht zugefugt hatte, gleichwohl mehr Gutes entsprang, als man vermutlich hatte erwarten konnen, wenn die Froschzungen gewirkt hatten. Die Manner machten die Weiber durch ihre unbegrenzte Sicherheit, und die Weiber die Manner durch ihre Gefalligkeit und gute Laune glucklich. Nirgends in der Welt sah man zufriednere Ehen als in Abdera. Und bei allem dem waren die Stirnen der Abderiten so glatt, und die Ohren und Zungen der Abderitinnen so keusch, als die von andern Leuten.

Dreizehntes Kapitel

Demokritus soll die Abderitinnen die Sprache der

Vogel lehren

Im Vorbeigehen eine Probe, wie sie

ihre Tochter bildeten

Ein andermal geschah es, dass sich Demokritus an einem schonen Fruhlingsabend mit einer Gesellschaft in einem von den Lustgarten befand, womit die Abderiten die Gegend um ihre Stadt verschonert hatten.

"Wirklich verschonert?" Dies nun eben nicht: denn woher hatten die Abderiten nehmen sollen, dass die Natur schoner ist als die Kunst, und dass zwischen kunsteln und verschonern ein Unterschied ist? Doch davon soll nun die Rede nicht sein.

Die Gesellschaft lag auf weichen mit Blumen bestreuten Rasen, unter einer hohen Laube, im Kreise herum. In den Zweigen eines benachbarten Baums sang eine Nachtigall. Eine junge Abderitin von vierzehn Jahren schien etwas dabei zu empfinden, wovon die ubrigen nichts empfanden. Demokritus ward es gewahr. Das Madchen hatte eine sanfte Gesichtsbildung und Seele in den Augen. Schade fur dich, dass du eine Abderitin bist! dacht' er. Was sollte dir in Abdera eine empfindsame Seele? Sie wurde dich nur unglucklich machen. Doch es hat keine Gefahr! Was die Erziehung deiner Mutter und Grossmutter an dir unverdorben gelassen hat, werden die Sohnchen unsrer Archonten und Prytanen, und, was diese verschonen, wird das Beispiel deiner Freundinnen zu Grunde richten. In weniger als vier Jahren wirst du ein Abderitin sein wie die andern; und wenn du erst erfahrst, dass eine Froschzunge auf dem Herzgrubchen nichts zu bedeuten hat

Was denken Sie, schone Nannion? sagte Demokritus zu dem Madchen.

"Ich denke, dass ich mich dort unter die Baume setzen mochte, um dieser Nachtigall recht ungestort zuhoren zu konnen."

Das alberne Ding! sagte die Mutter des Madchens. Hast du noch keine Nachtigall gehort?

"Nannion hat Recht, sagte die schone Thryallis; ich selbst hore fur mein Leben gern den Nachtigallen zu. Sie singen mit einem solchen Feuer, und es ist etwas so wollustiges in ihren Modulationen, dass ich schon oft gewunscht habe, zu verstehen, was sie damit sagen wollen. Ich bin gewiss, man wurde die schonsten Dinge von der Welt horen. Aber Sie, Demokritus, der alles weiss, sollten Sie nicht auch die Sprache der Nachtigallen verstehen?"

Warum nicht, antwortete der Philosoph mit seinem gewohnlichen Phlegma; und die Sprache aller ubrigen Vogel dazu!

"Im Ernste?"

Sie wissen ja, dass ich immer im Ernste rede.

"O das ist allerliebst! Geschwinde, ubersetzen Sie uns was aus der Sprache der Nachtigallen! Wie hiess das, was diese dort sang, als Nannion so davon geruhrt wurde?"

Das lasst sich nicht so leicht ins Griechische ubersetzen als Sie denken, schone Thryallis. Es gibt keine Redensarten in unsrer Sprache, die dazu zartlich und feurig genug waren.

"Aber wie konnen Sie denn die Sprache der Vogel verstehen, wenn Sie nicht auf Griechisch wiedersagen konnen, was Sie gehort haben?"

Die Vogel konnen auch kein Griechisch, und verstehen einander doch?

"Aber Sie sind kein Vogel, wiewohl Sie ein loser Mann sind, der uns immer zum Besten hat."

Dass man in Abdera doch so gerne Arges von seinem Nachsten denkt! Indessen verdient Ihre Antwort, dass ich mich naher erklare. Die Vogel verstehen einander durch eine gewisse Sympathie, welche ordentlicher Weise nur unter gleichartigen Geschopfen statt hat. Jeder Ton einer singenden Nachtigall ist der lebende Ausdruck einer Empfindung, und erregt in der zuhorenden unmittelbar den Unisono dieser Empfindung. Sie verstehet also, vermittelst ihres eignen innern Gefuhls, was ihr jene sagen wollte; und gerade auf die namliche Weise versteh ich sie auch.

"Aber wie machen Sie denn das?" fragten etliche Abderitinnen.

Die Frage war, nachdem Demokritus sich bereits so deutlich erklart hatte, gar zu abderitisch, als dass er sie ihnen so ungenossen hatte hingehen lassen konnen. Er besann sich einen Augenblick.

"Ich verstehe den Demokritus", sagte die kleine Nannion leise.

"Du verstehst ihn, du naseweises Ding ? schnarrte sie die Mutter an. Nun lass horen, Puppe, was verstehst du denn davon?"

"Ich kann es nicht zu Worte bringen; aber ich empfind' es, deucht mich", erwiderte Nannion.

"Sie ist, wie Sie horen, noch ein Kind, sagte die Mutter; wiewohl sie so schnell aufgeschossen ist, dass viele Leute sie fur meine jungere Schwester angesehen haben. Aber halten wir uns nicht mit dem Geplapper eines lappischen Madchens auf, das noch nicht weiss was es sagt!"

Nannion hat Empfindung, sagte Demokritus. Sie findet den Schlussel zur allgemeinen Sprache der Natur in ihrem Herzen, und vielleicht versteht sie mehr davon als

"O mein Herr, ich bitte Sie, machen Sie mir die kleine Narrin nicht noch einbildischer; sie ist ohnedies naseweis und schnippisch genug "

Bravo, dachte Demokritus; nur so fortgefahren! Auf diesem Wege mochte noch Hoffnung fur den Kopf und das Herz der kleinen Nannion sein.

"Bleiben wir bei der Sache! (fuhr die Abderitin fort, die, ohne jemals recht gewusst zu haben, wie und warum, die unerkannte Ehre hatte, Nannions Mutter zu sein.) Sie wollten uns ja erklaren, wie es zuginge, dass Sie die Sprache der Vogel verstehen?"

Wir sind den Abderitinnen die Gerechtigkeit schuldig, nicht zu bergen, dass sie alles, was Demokritus von seiner Kenntnis der Vogelsprache gesagt hatte, fur blosse Prahlerei hielten. Aber dies hinderte nicht, dass die Fortsetzung dieses Gesprachs nicht etwas sehr unterhaltendes fur sie gehabt hatte: denn sie horten von nichts lieber reden, als von Dingen, die sie nicht glaubten und doch glaubten; als da ist, von Sphinxen, Meermannern, Sibyllen, Kobolten, Popanzen, Gespenstern, und allem, was in diese Rubrik gehort; und die Sprache der Vogel gehorte auch dahin, dachten sie.

Es ist ein Geheimnis, sagte Demokritus, das ich von dem Oberpriester zu Memphis lernte, da ich mich in den agyptischen Mysterien initieren liess. Er war ein langer hagerer Mann, hatte einen sehr langen Namen, und einen noch langern eisgrauen Bart, der ihm bis an den Gurtel reichte. Sie wurden ihn fur einen Mann aus der andern Welt gehalten haben, so feierlich und geheimnisvoll sah er in seiner spitzigen Mutze und in seinem schleppenden Mantel aus.

Die Aufmerksamkeit der Abderiten nahm merklich zu. Nannion, die sich ein wenig weiter zuruckgesetzt hatte, lauschte mit dem linken Ohr der Nachtigall entgegen; aber von Zeit zu Zeit schoss sie einen dankvollen Seitenblick auf den Philosophen, welchen dieser, so oft die Mutter auf ihren Busen sah oder ihren Hund kusste, mit aufmunterndem Lacheln beantwortete.

Das ganze Geheimnis, fuhr er fort, besteht darin: Man schneidet, unter einer gewissen Constellation, sieben verschiedenen Vogeln, deren Namen ich nicht entdecken darf, die Halse ab, lasst ihr Blut in eine kleine Grube, die zu dem Ende in die Erde gemacht wird, zusammenfliessen, bedeckt die Grube mit Lorbeerzweigen, und geht seines Weges. Nach Verfluss von ein und zwanzig Tagen kommt man wieder, deckt die Grube auf, und findet einen kleinen Drachen von seltsamer Gestalt, der aus der Faulnis des vermischten Blutes entstanden ist 32

"Einen Drachen!" riefen die Abderitinnen mit allen Merkmalen des Erstaunens.

Einen Drachen, wiewohl nicht viel grosser als eine gewohnliche Fledermaus. Diesen Drachen nehmen sie, schneiden ihn in kleine Stucke, und essen ihn mit etwas Essig, Ol und Pfeffer, ohne das Mindeste davon ubrig zu lassen; gehen darauf zu Bette, decken sich wohl zu, und schlafen ein und zwanzig Stunden in einem Stucke fort. Darauf erwachen sie wieder, kleiden sich an, gehen in ihren Garten, oder in ein Waldchen, und erstaunen nicht wenig, indem sie sich augenblicklich auf allen Seiten von Vogeln umgeben und gegrusst finden, deren Sprache und Gesang sie so gut verstehen, als ob sie alle Tage ihres Lebens nichts als Elstern, Ganschen und Truthuhner33 gewesen waren.

Demokritus erzahlte den Abderitinnen alles dies mit einer so gelassenen Ernstaftigkeit, dass sie sich um so weniger entbrechen konnten, ihm Glauben beizumessen, da er, ihrer Meinung nach, die Sache unmoglich mit so vielen Umstanden hatte erzahlen konnen, wenn sie nicht wahr gewesen ware. Indessen wussten sie itzt doch gerade nur so viel davon, als notig war, um desto ungeduldiger zu werden, alles zu wissen

"Aber, fragten sie, was fur Vogel sind es denn, die man dazu braucht? Ist der Sperling, der Finke, die Nachtigall, die Elster, die Wachtel, der Rabe, der Kibitz, die Nachteule, u.s.f. auch darunter? Wie sieht der Drache aus? Hat er Flugel? Wie viele hat er deren? Ist er gelb, oder grun, oder blau, oder rosenfarb? Speit er Feuer? Beisst oder sticht er nicht, wenn man ihn anruhren will? Ist er gut zu essen? Wie schmeckt er? Wie verdaut er sich? Was trinkt man dazu?" Alle diese Fragen, womit der gute Naturforscher von allen Seiten besturmt wurde, machten ihm so warm, dass er sich endlich am kurzesten aus dem Handel zu ziehen glaubte, wenn er ihnen gestunde, er habe die ganze Historie nur zum Scherz ersonnen.

"O dies sollen Sie uns nicht weis machen! riefen die Abderitinnen: Sie wollen nur nicht, dass wir hinter Ihre Geheimnisse kommen. Aber wir werden Ihnen keine Ruhe lassen; verlassen Sie sich darauf! Wir wollen den Drachen sehen, betasten, beriechen, kosten, und mit Haut und Knochen aufessen, oder Sie sollen uns sagen, warum nicht!"

Zweites Buch

oder

Hippokrates in Abdera

Erstes Kapitel

Eine Abschweifung uber den Charakter und die

Philosophie des Demokritus welche wir den Leser

nicht zu uberschlagen bitten

Wir wissen nicht, wie Demokritus es angefangen, um sich die neugierigen Weiber vom Halse zu schaffen. Genug, dass uns diese Beispiele begreiflich machen, wie ein blosser zufalliger Einfall Gelegenheit habe geben konnen, den unschuldigen Naturforscher in den Ruf zu bringen, als ob er Abderite genug gewesen ware, alle die Marchen, die er seinen albernen Landesleuten aufheftete, selbst zu glauben. Diejenigen, die ihm dies zum Vorwurf nachgesagt haben, berufen sich auf seine Schriften. Aber schon lange vor den Zeiten des Vitruvius und Plinius wurden eine Menge unechter Buchlein mit vielbedeutenden Titeln unter seinem Namen herumgetragen. Man weiss, wie gewohnlich diese Art von Betrug den mussigen Graculis der spatern Zeiten war. Die Namen Hermes Trismegiwaren ehrwurdig genug, um die armseligsten Geburten schaler Kopfe verkauflich zu machen; insonderheit nachdem die alexandrische Philosophenschule die Magie in eine Art von allgemeiner Achtung, und die Gelehrten in den Geschmack gebracht hatte, sich bei den Ungelehrten das Ansehen zu geben, als ob sie gewaltige Wundermanner waren, die den Schlussel zur Geisterwelt gefunden hatten, und fur die nun in der ganzen Natur nichts geheimes sei. Die Abderiten hatten den Demokritus in den Ruf der Zauberei gebracht, weil sie nicht begreifen konnten, wie man, ohne ein Hexenmeister zu sein, so viel wissen konne, als sie nicht wussten; und spatere Betruger fabricierten Zauberbucher in seinem Namen, um sich jenen Ruf bei den Dummkopfen ihrer Zeit zu Nutzen zu machen.

Uberhaupt waren die Griechen grosse Liebhaber davon, mit ihren Philosophen den Narren zu treiben. Die Athenienser lachten herzlich, als ihnen der witzige Possenreisser Aristophanes weis machte, Sokrates halte die Wolken fur Gottinnen, messe aus, wie viele Flohfusse hoch ein Floh springen konne34, lasse sich, wenn er meditieren wolle, in einem Korbe aufhangen, damit die anziehende Kraft der Erde seine Gedanken nicht einsauge, u.s.f und es dunkte sie uberaus kurzweilig, den Mann, der ihnen immer die Wahrheit und also oft unangenehme Dinge sagte, wenigstens auf dem Schauplatze platte Pedantereien sagen zu horen. Und wie musste sich nicht Diogenes (der unter den Nachahmern des Sokrates noch am meisten die Miene seines Originals hatte,) von diesem Volke, das so gerne lachte, misshandeln lassen, Sogar der begeisterte Plato und der tiefsinnige Aristoteles blieben nicht von Anklagen frei, wodurch man sie zu dem grossen Haufen der alltaglichen Menschen herabzusetzen suchte. Was Wunder also, dass es dem Manne nicht besser erging, der so verwegen war, mitten unter Abderiten Verstand zu haben?

Demokritus lachte zuweilen, wie wir alle, und wurde vielleicht, wenn er zu Korinth, oder Smyrna, oder Syrakus, oder an irgend einem andern Orte der Welt gelebt hatte, nicht mehr gelacht haben, als jeder andre Biedermann, der sich, aus Grunden oder von Temperaments wegen, aufgelegter fuhlt, die Torheiten der Menschen zu belachen als zu beweinen. Aber er lebte unter Abderiten. Es war nun einmal die Art dieser guten Leute, immer etwas zu tun, woruber man entweder lachen, oder weinen, oder ungehalten werden musste; und Demokritus lachte, wo ein Phocion die Stirne gerunzelt, ein Cato gepoltert, und ein Swift zugepeitscht hatte. Bei einem ziemlich langen Aufenthalt in Abdera konnte ihm also die Miene der Ironie wohl eigentumlich werden; aber dass er im buchstablichen Verstande immer aus vollem Halse gelacht habe, wie ihm ein Dichter, der die Sachen gern ubertreibt, nachsagt35, dies hatte wenigstens niemand in Prosa sagen sollen.

Doch diese Nachrede mochte immer hingehen, zumal da ein so gepriesener Philosoph wie Seneca unsern Freund Demokritus uber diesen Punkt rechtfertigt, und sogar nachahmenswurdig findet. "Wir mussen uns dahin bestreben, sagt Seneca36, dass uns die Torheiten und Gebrechen des grossen Haufens samt und sonders nicht hassenswurdig, sondern lacherlich vorkommen; und wir werden besser tun, wenn wir uns hierin den Demokritus als den Heraklitus zum Muster nehmen. Dieser pflegte, so oft er unter die Leute ging, zu weinen; jener, zu lachen: dieser sah in allem unserm Tun eitel Not und Elend; jener eitel Tand und Kinderspiel. Nun ist es aber freundlicher, das menschliche Leben anzulachen als es anzugrinsen; und man kann sagen, dass sich derjenige um das Menschengeschlecht verdienter macht, der es belacht, als der es bejammert. Denn jener lasst uns doch noch immer ein wenig Hoffnung ubrig; dieser hingegen weint alberner Weise uber Dinge, die er bessern zu konnen verzweifelt. Auch zeigt derjenige eine grossere Seele, der, wenn er einen Blick uber das Ganze wirft, sich nicht des Lachens als jener, der sich der Tranen nicht enthalten kann; denn er gibt dadurch zu erkennen, dass alles, was andern gross und wichtig genug scheint, um sie in die heftigsten Leidenschaften zu setzen, in seinen Augen so klein ist, dass es nur den leichtesten und kaltblutigsten unter allen Affecten in ihm erregen kann."37

Im Vorbeigehen deucht mich, die Entscheidung des Sophisten Seneca habe Verstand; wiewohl er vielleicht besser getan hatte, seine Grunde weder so weit herzuholen, noch in so gekunstelte Antithesen einzuschrauben. Doch, wie gesagt, der blosse Umstand, dass Demokritus unter Abderiten lebte, und uber Abderiten lachte, macht den Vorwurf, von welchem die Rede ist, so ubertrieben er auch sein mag, zum ertraglichsten unter allem, was unserm Weisen aufgeburdet worden. Lasst doch Homer die Gotter selbst uber einen weit weniger lacherlichen Gegenstand uber den hinkenden Vulcan, der aus der gutherzigen Absicht, Friede unter den Olympiern zu stiften, den Mundschenken macht in ein unausloschliches Gelachter ausbrechen! Aber das Vorgeben, dass Demokritus sich selbst freiwillig des Gesichts beraubt habe, und die Ursachen, warum er es getan haben soll, dies setzt auf Seiten derjenigen, bei denen es Eingang finden konnte, eine Neigung voraus, die wenigstens ihrem Kopfe wenig Ehre macht.

Und was fur eine Neigung mag denn das sein, Ich will es euch sagen, lieben Freunde, und gebe der gunstige Himmel, dass es nicht ganzlich in den Wind gesagt sein moge!

Es ist die armselige Neigung, jeden Dummkopf, jeden hamischen Buben fur einen unverwerflichen Zeugen gelten zu lassen, sobald er einem grossen Manne irgend eine uberschwengliche Ungereimtheit nachsagt, welche auch der alltaglichste Mensch bei funf gesunden Sinnen zu begehen unfahig ware.

Ich mochte nicht gerne glauben, dass diese Neigung so allgemein sei, als die Verkleinerer der menschlichen Natur behaupten. Aber dies wenigstens lehrt die Erfahrung: dass die kleinen Anekdoten, die man von grossen Geistern auf Unkosten ihrer Vernunft circulieren zu lassen pflegt, sehr leicht bei den Meisten Eingang finden. Doch vielleicht ist dieser Hang im Grunde nicht straflicher als das Vergnugen, womit die Sternseher Flecken in der Sonne entdeckt haben? Vielleicht ist es bloss das Unerwartete und Unbegreifliche, was die Entdeckung solcher Flecken so angenehm macht? Ausserdem findet sich auch nicht selten, dass die armen Leute, indem sie einem grossen Manne Widersinnigkeiten andichten, ihm (nach ihrer Art zu denken) noch viel Ehre zu erweisen glauben; und dies mag wohl, was die freiwillige Blindheit unsers Philosophen betrifft, der Fall bei mehr als einem abderitischen Gehirne gewesen sein.

"Demokritus beraubte sich des Gesichtes, sagt man, damit er desto tiefer denken konnte. Was ist hierin so unglaubliches: Haben wir nicht Beispiele freiwilliger Verstummelungen von ahnlicher Art. Combabus Origenes "

Gut! Combabus und Origenes warfen einen Teil ihrer selbst von sich, und zwar einen Teil, den wohl die meisten, im Fall der Not, mit allen ihren Augen, und wenn sie deren soviel als Argus hatten, erkaufen wurden. Allein sie hatten auch einen grossen Beweggrund dazu. Was gibt der Mensch nicht um sein Leben? Und was tut oder leidet man nicht, der Gunstling eines Fursten zu bleiben, oder gar eine Pagode zu werden? Demokritus hingegen konnte keinen Beweggrund von dieser Starke haben. Es mochte noch hingehen, wenn er ein Metaphysiker oder ein Poet gewesen ware. Dies sind Leute, die zu ihrem Geschafte des Gesichts entbehren konnen. Sie arbeiten am meisten mit der Einbildungskraft, und diese gewinnt sogar durch die Blindheit.

Aber wenn hat man jemals gehort, dass ein Beobachter der Natur, ein Zergliederer, ein Sternseher, sich die Augen ausgestochen hatte, um desto besser zu beobachten, zu zergliedern, und nach den Sternen zu sehen?

Die Ungereimtheit ist so handgreiflich, dass Tertullianus die angebliche Tat unsers Philosophen aus einer andern Ursache ableitet, die ihm aber zum wenigsten eben so ungereimt hatte vorkommen mussen, wenn er ein besserer Raisonneur gewesen ware, oder nicht gerade vonnoten gehabt hatte, die Philosophen, die er zu Boden legen wollte, in Strohmanner zu verwandeln. "Er beraubte sich der Augen, sagt Tertullian40, weil er kein Weib ansehen konnte, ohne ihrer zu begehren." Ein feiner Grund fur einen griechischen Philosophen aus dem Jahrhundert des Perikles! Demokritus, der sich gewiss nicht einfallen liess, weiser sein zu wollen als Solon, Anaxagoras, Sokrates, hatte auch vonnoten, zu einem solchen Mittel seine Zuflucht zu nehmen! Wahr ists, der Rat des letztern41 (der Demokriten gewiss nichts unbekanntes war, weil er Verstand genug hatte, sich ihn selbst zu geben) verfangt wenig gegen die Gewalt der Liebe; und einem Philosophen, der sein ganzes Leben dem Erforschen der Wahrheit widmen wollte, war allerdings sehr viel daran gelegen, sich vor einer so tyrannischen Leidenschaft zu huten. Allein von dieser hatte auch Demokritus, wenigstens in Abdera, nichts zu besorgen. Die Abderitinnen waren zwar schon; aber die gutige Natur hatte ihnen die Dummheit zum Gegengift ihrer korperlichen Reizungen gegeben. Eine Abderitin war nur schon bis sie den Mund auftat, oder bis man sie in ihrem Hauskleide sah. Leidenschaften von drei Tagen waren das Ausserste, was sie einem ehrlichen Manne, der kein Abderite war, einflossen konnte; und eine Liebe von drei Tagen ist einem Demokritus am Philosophieren so wenig hinderlich, dass wir vielmehr allen Naturforschern, Zergliederern, Messkunstlern und Sternsehern demutig raten wollten, sich dieses Mittels, als eines vortrefflichen Recepts gegen Milzbeschwerungen, ofters zu bedienen, wenn recht zu vermuten ware, dass diese Herren zu weise sind, eines Rates vonnoten zu haben. Ob Demokritus selbst die Kraft dieses Mittels, zufalliger Weise, bei einer oder der andern von den abderitischen Schonen, die wir bereits kennen gelernt, versucht haben mochte, konnen wir aus Mangel authentischer Nachrichten weder bejahen noch verneinen. Aber dass er, um gar nicht, oder nicht zu stark, von so unschadlichen Geschopfen eingenommen zu werden, und weil er auf allen Fall sicher war, dass sie ihm die Augen nicht auskratzen wurden schwach genug gewesen sei, sich solche selbst auszukratzen: dies mag Tertullianus glauben so lang es ihm beliebt; wir zweifeln sehr, dass es jemand mitglauben wird.

Aber alle diese Ungereimtheiten werden unerheblich, wenn wir sie mit demjenigen vergleichen, was ein sonst in seiner Art sehr verdienter Sammler von Materialien zur Geschichte des menschlichen Verstandes42 die Philosophie des Demokritus nennt. Es wurde schwer sein, von einem Haufen einzelner Trummer, Steine und zerbrochener Saulen, die man als vorgebliche Uberbleibsel des grossen Tempels zu Olympia aus unzahligen Orten zusammengebracht hatte, mit Gewissheit zu sagen, dass es wirklich Trummer dieses Tempels seien. Aber was wurde man von einem Manne denken, der wenn er diese Trummer, so gut es ihm in der Eile moglich gewesen ware, auf einander gelegt, und mit etwas Leim und Stroh zusammengeflickt hatte ein so armseliges Stuckwerk, ohne Plan, ohne Fundament, ohne Grosse, ohne Symmetrie und Schonheit, fur den Tempel zu Olympia ausgeben wollte?

Uberhaupt ist es gar nicht wahrscheinlich, dass Demokritus ein System gemacht habe. Ein Mann, der sein Leben mit Reisen, Beobachtungen und Versuchen zubringt, lebt selten lange genug, um die Resultate dessen, was er gesehen und erfahren, in ein kunstmassiges Lehrgebaude zusammenzufugen. Und in dieser Rucksicht konnte wohl auch Demokritus, wiewohl er uber ein Jahrhundert gelebt haben soll, noch immer zu fruh vom Tod uberrascht worden sein. Aber dass ein solcher Mann, mit dem durchdringenden Verstande und mit dem brennenden Durste nach Wahrheit, den ihm das Altertum einhellig zuschreibt, fallig gewesen sei, handgreiflichen Unsinn zu behaupten, ist noch etwas weniger als unwahrscheinlich. "Demokritus (sagt man uns) erklarte das Dasein der Welt lediglich aus den Atomen, dem leeren Raum, und der Notwendigkeit oder dem Schicksal. Er fragte die Natur achtzig Jahre lang, und sie sagte ihm kein Wort von ihrem Urheber, von seinem Plan, von seinem Endzweck, Er schrieb den Atomen allen einerlei Art von Bewegung zu, und wurde nicht gewahr43, dass aus Elementen, die sich in parallelen Linien bewegen, in Ewigkeit keine Korper entstehen konnen, Er leugnete, dass die Verbindung der Atomen nach dem Gesetze der Ahnlichkeit geschehe; er erklarte alles in der Welt aus einer unendlich schnellen, aber blinden Bewegung: und behauptete gleichwohl, dass die Welt ein Ganzes sei?" u.s.f. Diesen und andern ahnlichen Unsinn setzt man auf seine Rechnung; citiert den Stobaus, Sextus, Censorinus; und bekummert sich wenig darum, ob es unter die moglichen Dinge gehore, dass ein Mann von Verstande (wofur man gleichwohl den Demokritus ausgibt,) so gar erbarmlich raisonnieren konnte. Freilich sind grosse Geister von der Moglichkeit sich zu irren, oder unrichtige Folgerungen zu ziehen, eben so wenig frei als die kleinen; wiewohl man gestehen muss, dass sie unendlichmal seltener in diese Fehler fallen, als es die Lilliputter gerne hatten; aber es gibt Albernheiten, die nur ein Dummkopf zu denken oder zu sagen fahig ist, so wie es Untaten gibt, die nur ein Schurke begehen kann. Die besten Menschen haben ihre Anomalien, und die Weisesten leiden zuweilen eine vorubergehende Verfinsterung; aber dies hindert nicht, dass man nicht mit hinlanglicher Sicherheit von einem verstandigen Manne sollte behaupten konnen: dass er gewohnlich, und besonders in solchen Gelegenheiten, wo auch die Dummsten allen den ihrigen zusammenraffen, wie ein Mann von Verstande verfahren werde.

Diese Maxime konnte uns, wenn sie gehorig angewendet wurde, im Leben manches rasche Urteil, manche von wichtigen Folgen begleitete Verwechslung des Scheins mit der Wahrheit ersparen helfen. Aber den Abderiten half sie nichts. Denn zum Anwenden einer Maxime wird gerade das Ding erfordert das sie nicht hatten. Die guten Leute behalfen sich mit einer ganz andern Logik als vernunftige Menschen; und in ihren Kopfen waren Begriffe associiert, die, wenn es keine Abderiten gabe, sonst in aller Ewigkeit nie zusammenkommen wurden. Demokritus untersuchte die Natur der Dinge, und bemerkte die Ursachen gewisser Naturbegebenheiten ein wenig fruher als die Abderiten, also war er ein Zauberer. Er dachte uber alles anders als sie, lebte nach andern Grundsatzen, brachte seine Zeit auf eine ihnen unbegreifliche Art mit sich selbst zu, also war es nicht recht richtig in seinem Kopfe; der Mann hatte sich uberstudiert; und man besorgte, dass es einen unglucklichen Ausgang mit ihm nehmen werde.

Zweites Kapitel

Demokritus wird eines schweren Verbrechens

beschuldiget, und von einem seiner Verwandten

damit entschuldiget, dass er seines Verstandes nicht

recht machtig sei

Wie er das Ungewitter, welches ihm der Priester

Strobylus zubereiten wollte, noch zu rechter Zeit

ableitet ein Arcanum, dessen Wirkung selten

ausbleibt, wenn es recht appliciert wird

Was hort man vom Demokritus? sagten die Abderiten unter einander. "Schon sechs ganzer Wochen will niemand nichts von ihm gesehen haben Man kann seiner nie habhaft werden; oder wenn man ihn endlich trifft, so sitzt er in tiefen Gedanken, und ihr seid eine halbe Stunde vor ihm gestanden, habt mit ihm gesprochen, und seid wieder weggegangen, ohne dass er es gewahr worden ist. Bald wuhlt er in den Eingeweiden von Hunden und Katzen herum; bald kocht er Krauter, oder steht mit einem grossen Blasebalg in der Hand vor einem Zauberofen, und macht Gold, oder noch was argers. Bei Tage klettert er wie ein Gems die steilsten Klippen des Hamus hinan, um Krauter zu suchen, als ob es deren nicht genug in der Nahe gabe; und bei Nacht, wo sogar die unvernunftigen Geschopfe der Ruhe pflegen, wickelt er sich in einen scythischen Pelz und guckt, beim Castor! durch ein Blaserohr nach den Sternen."

"Ha, ha, ha! Man konnte sichs nicht narrischer traumen lassen! Ha, ha, ha!" (lachte der kurze dicke Ratsherr.)

"Es ist, bei allem dem, Schade um den Mann, sagte der Archon von Abdera; man muss gleichwohl gestehen, dass er viel weiss."

"Aber was hat die Republik davon?" versetzte ein Ratsherr, der sich mit Projecten, Verbesserungsvorschlagen, und Deductionen veralteter Anspruche eine hubsche runde Summe von der Republik verdient hatte, und in Kraft dessen immer aus vollen Backen von seinen Verdiensten um das abderitische Wesen prahlte, wiewohl das abderitische Wesen sich durch alle seine Projecte, Deductionen und Verbesserungen nicht um hundert Drachmen besser befand.

"Es ist wahr, sprach ein andrer; mit seiner Wissenschaft lauft es auf lauter Spielwerk hinaus; nichts grundliches! In minimis maximus!"

"Und dann sein unertraglicher Stolz! Seine Widersprechungssucht! Sein ewiges Vernunfteln, und Tadeln, und Spotteln!"

"Und sein schlimmer Geschmack!"

"Von der Musik wenigstens versteht er nicht den Guguck", sagte der Nomophylax.

"Vom Theater noch weniger", rief Hyperbolus.

"Und von der hohen Ode gar nichts", sagte Physignathus.

"Er ist ein Scharlatan, ein Windbeutel "

"Und ein Freigeist obendrein, schrie der Priester Strobylus; ein ausgemachter Freigeist, ein Mensch der nichts glaubt, dem nichts heilig ist. Man kann ihm beweisen, dass er einer Menge von Froschen die Zungen bei lebendigem Leibe ausgerissen hat."

"Man spricht stark davon, dass er deren etliche sogar lebendig zergliedert habe", sagte jemand.

"Ists moglich? rief Strobylus mit allen Merkmalen des aussersten Entsetzens; sollte dies bewiesen werden konnen? Gerechte Latona! Wozu diese verfluchte Philosophie einen Menschen nicht bringen kann! Aber, sollt' es wirklich bewiesen werden konnen?"

"Ich geb' es wie ich es empfangen habe", erwiderte jener.

"Es muss untersucht werden, schrie Strobylus, hochpreislicher Herr Archon! Wohlweise Herren! ich fodre Sie hiermit im Namen der Latona auf! die Sache muss untersucht werden?"

"Wozu eine Untersuchung? sagte Thrasyllus, einer von den Hauptern der Republik, ein naher Anverwandter und vermutlicher Erbe des Philosophen. Die Sache hat ihre Richtigkeit. Aber sie beweiset weiter nichts, als was ich leider! schon seit geraumer Zeit an meinem armen Vetter wahrgenommen habe, dass es mit seinem Verstande nicht so gut steht, als zu wunschen ware. Demokritus ist kein schlimmer Mann; er ist kein Verachter der Gotter; aber er hat Stunden, wo er nicht bei sich selber ist. Wenn er einen Frosch zergliedert hat, so wollt' ich fur ihn schworen, dass er den Frosch fur eine Katze ansah."

"Desto schlimmer!" sagte Strobylus.

"In der Tat, desto schlimmer fur seinen Kopf, und fur sein Hauswesen! fuhr Thrasyllus fort. Der arme Mann ist in einem Zustande, wobei wir nicht langer gleichgultig bleiben konnen. Die Familie wird sich genotiget sehen, die Republik um Hulfe anzurufen. Er ist in keinerlei Betrachtung fahig, sein Vermogen selbst zu verwalten. Er wird bevogtet werden mussen."

"Wenn dies ist " sagte der Archon mit einer bedenklichen Miene und hielt inne.

"Ich werde die Ehre haben, Ihre Herrlichkeit naher von der Sache zu unterrichten", versetzte der Ratsherr Thrasyllus.

"Wie, Demokritus sollte nicht bei Verstande sein? rief einer aus den Anwesenden. Meine Herren von Abdera, bedenken Sie wohl was Sie tun! Sie sind in Gefahr, dem ganzen Griechenland ein grosses Lachen zuzubereiten. Ich will meine Ohren verloren haben, wenn Sie einen verstandigern Mann diesseits und jenseits des Hebrus finden, als diesen namlichen Demokritus. Nehmen Sie sich in Acht, meine Herren! die Sache ist kitzlicher als Sie vielleicht denken."

Unsre Leser erstaunen aber wir wollen Ihnen sogleich aus dem Wunder helfen. Derjenige, der dies sagte, war kein Abderit. Er war ein Fremder aus Syrakus, und (was die Ratsherren von Abdera im Respect erhielt,) ein naher Verwandter des altern Dionysius, der sich vor kurzem zum Fursten dieser Republik aufgeworfen hatte.

"Sie konnen versichert sein, antwortete der Archon dem Syrakusaner, dass wir nicht weiter in der Sache gehen werden, als wir Grund finden."

"Ich nehme zu viel Anteil an der Ehre, welche der erlauchte Syrakusaner meinem Vetter durch seine gute Meinung erweist, sagte Thrasyllus, als dass ich nicht wunschen sollte, sie bestatigen zu konnen. Es ist wahr, Demokritus hat seine hellen Augenblicke; und in einem solchen wird ihn der Prinz gesprochen haben. Aber leider! es sind nur Augenblicke-"

"So mussen die Augenblicke in Abdera sehr lang sein", fiel der Syrakusaner ein.

"Hoch- und Wohlweise Herren, sagte der Priester Strobylus; die Umstande mogen beschaffen sein wie sie wollen, bedenken Sie, dass die Rede von einem lebendig zergliederten Frosche ist! Die Sache ist wichtig, und ich dringe auf Untersuchung. Denn dafur sei Latona und Apollo, dass ich furchten sollte "

"Beruhigen Sie sich, Herr Oberpriester, fiel ihm der Archon ins Wort der (unter uns gesagt) selbst ein wenig im Verdachte stund, von den Froschen der Latona nicht so gesund zu denken, wie man in Abdera davon denken musste Auf die erste Anregung, welche von Seiten der Vorsteher des geheiligten Teiches beim Senat gemacht werden wird, sollen die Frosche alle gebuhrende Genugtuung erhalten!"

Der Syrakusaner liess den Demokritus unverzuglich von allem benachrichtigen, was in dieser Gesellschaft gesprochen worden war.

Lass den fettesten jungen Pfauen44 im Huhnerhofe wurgen, und an den Bratspiess stecken, sagte Demokritus zu seiner Haushalterin, und benachrichtige mich wenn er gar ist.

Des namlichen Abends, als sich Strobylus zu Tische setzte, ward der gebratne Pfau in einer silbernen Schussel, als ein Geschenk des Demokritus, aufgetragen. Als man ihn offnete, siehe, da war er mit hundert goldnen Dariken45 gefullt. Es muss doch nicht so gar ubel mit dem Verstande des Mannes stehen, dachte Strobylus.

Das Mittel wirkte unverzuglich, was es wirken sollte. Der Oberpriester liess sich den Pfauen herrlich schmecken, trank grichischen Wein dazu, strich die hundert Dariken in seinen Beutel, und dankte der Latona fur die Genugtuung, die sie ihren Froschen verschafft hatte.

"Wir haben alle unsre Fehler, sagte Strobylus des folgenden Tages in einer grossen Gesellschaft. Demokritus ist zwar ein Philosoph; aber ich finde doch, dass er es so ubel nicht meint, als ihn seine Feinde beschuldigen. Die Welt ist schlimm; man hat wunderliche Dinge von ihm erzahlt; aber ich denke gern das Beste von jedermann. Ich hoffe, sein Herz ist besser als sein Kopf! Es soll nicht gar zu richtig in dem letztern sein; und ich glaub es selbst. Einem Menschen in solchen Umstanden muss man viel zu gut halten. Ich bin gewiss, dass er der feinste Mann in ganz Abdera ware, wenn ihm die Philosophie den Verstand nicht verdorben hatte!"

Strobylus fing durch diese Rede zwo Fliegen mit einer Klappe. Er entledigte sich seiner Verbindlichkeit gegen unsern Philosophen, da er von ihm als von einem guten Manne sprach; und machte sich ein Verdienst um den Ratsherrn Thrasyllus, indem er es auf Unkosten seines Verstandes tat. Woraus zu ersehen ist, dass der Priester Strobylus, bei aller seiner Einfalt, oder Dummheit, (wenn man es so nennen will,) ein schlauer Gast war.

Drittes Kapitel

Eine kleine Abschweifung in die Regierungszeit

Schah Bahams des Weisen

Charakter des Ratsherrn Thrasyllus

Es gibt eine Art von Menschen, die man viele Jahre lang kennen und beobachten kann, ohne mit sich selbst einig zu werden, ob man sie in die Classe der schwachen oder der bosen Leute setzen soll. Kaum haben sie einen Streich gemacht, dessen kein Mensch von einiger Uberlegung fahig zu sein scheint, so uberraschen sie uns durch eine so wohl ausgedachte Bosheit, dass wir, mit allem guten Willen von ihrem Herzen das Beste zu denken, uns in der Unmoglichkeit befinden, die Schuld auf ihren Kopf zu legen. Gestern nahmen wir es fur ausgemacht an, dass Herr Quidam so schwach von Verstande sei, dass es Sunde ware, ihm seine Ungereimtheiten zu Verbrechen zu machen; heute uberfuhrt uns der Augenschein, dass der Mann zu ubeltatig ist, um ein blosser Dummkopf zu sein; wir sehen keinen Ausweg, ihn von der Schuld eines bosen Willens frei zu sprechen. Aber kaum haben wir hieruber unsre Partei genommen: so sagt oder tut er etwas, das uns wieder in unsre vorige Hypothese zuruckwirft, oder wenigstens in eine der unangenehmsten Seelenlagen, in die Verlegenheit setzt, nicht zu wissen, was wir von dem Manne denken, oder wenn unser Unstern will, dass wir mit ihm zu tun haben mussen was wir mit ihm anfangen wollen.

Die geheime Geschichte von Agra sagt, dass der beruhmte Schah-Baham sich einsmals mit einem seiner Omrahs in diesem Falle befunden habe. Der Omrah wurde beschuldigt, dass er Ungerechtigkeit ausgeubt habe.

So soll er gehangen werden, sagte Schah-Baham.

"Aber, Sire, (sagte man,) der arme Kurli ist ein so schwacher Kopf, dass noch die Frage ist, ob er den Unterschied zwischen Recht und Link deutlich genug einsieht, um zu wissen, wenn er eine Ungerechtigkeit begeht oder nicht."

Wenn dies ist, (sagte Schah-Baham,) so schickt ihn ins Narrenhospital!

"Gleichwohl, Sire, da er Verstands genug hat, einem Wagen mit Heu auszuweichen, und bei einem Pfeiler, an dem er sich den Kopf zerschnellen konnte, vorbeizugehen, weil er wohl merkt, dass der Pfeiler nicht bei ihm vorbeigehen wurde "

Merkt er das? rief der Sultan; beim Barte des Propheten! so sagt mir nichts weiter. Morgen soll man sehen, ob Justiz in Agra ist.

"Indessen gibt es Leute, die Eur. Majestat versichern werden, dass der Omrah seine Dummheit ausgenommen, die ihm zuweilen boshaft macht der ehrlichste Mann von der Welt ist."

"Um Vergebung! (fiel ein andrer von den Anwesenden Hoflingen ein,) gerade das Gegenteil! Kurli hat alles, was noch gut an ihm ist, seiner Dummheit zu danken. Er wurde zehnmal schlimmer sein als er ist, wenn er Verstand genug hatte, um zu wissen wie ers anfangen soll."

Wisst ihr auch, meine Freunde, dass in allem, was ihr mir da sagt, kein Menschenverstand ist? versetzte Schah-Baham. Vergleicht euch mit euch selbst, wenn ich bitten darf! Kurli, spricht dieser, ist ein boser Mann, weil er dumm ist Nein, spricht jener, er ist dumm weil er boshaft ist Gefehlt, spricht der dritte; er wurde ein schlimmer Mann sein, wenn er nicht so dumm ware

Wie wollt ihr, dass unser einer aus diesem Galimathias klug werde? Da entscheide mir einmal jemand, was ich mit ihm anfangen soll! Denn entweder ist er zu boshaft furs Narrenspital, oder zu dumm fur den Galgen.

"Dies ist es eben, sagte die Sultanin Darejan. Kurli ist zu dumm, um sehr boshaft zu sein; und doch wurde Kurli noch weniger boshaft sein als er ist, wenn er weniger dumm ware."

Der Henker hole den ratselhaften Kerl! rief SchahBaham. Da sitzen wir und zerbrechen uns die Kopfe, um ausfindig zu machen, ob er ein Esel oder ein Schurke sei; und am Ende werdet ihr sehen, dass er Beides ist. Alles wohl uberlegt, wisst ihr was ich tun will, Ich will ihn laufen lassen! Seine Bosheit und seine Dummheit werden einander schon die Waage halten. Er wird, in so fern er nur kein Omrah ist, weder durch diese noch jene grossen Schaden tun. Die Welt ist weit; lass ihn laufen, Itimaddulet! aber vorher soll er kommen, und sich bei der Sultanin bedanken! Nur noch vor drei Minuten wollt ich ihm keine Feige um seinen Hals gegeben haben!

Man hat lange nicht ausfindig machen konnen, warum Schah-Baham den Beinamen des Weisen in den Geschichtbuchern von Hindostan fuhrt. Aber nach dieser Entscheidung kann es keine Frage mehr sein. Alle sieben Weisen aus Griechenland hatten den Knoten nicht besser auflosen konnen, als ihn SchahBaham zerhieb.

Der Ratsherr Thrasyllus hatte das Ungluck, einer von diesen (zum Gluck der Welt) nicht so gar gewohnlichen Menschen zu sein, in deren Kopf und Herzen Dummheit und Bosheit, nach dem Ausdruck des Sultans, einander die Waage halten. Seine Anschlage auf das Vermogen des Demokritus waren nicht von gestern her. Er hatte darauf gezahlt, dass sein Verwandter, nach einer so langen Abwesenheit, gar nicht wiederkommen wurde und auf diese Voraussetzung hatte er sich die Muhe gegeben, einen Plan zu machen, den die Wiederkunft des Philosophen auf eine sehr unangenehme Art vereitelte. Thrasyllus, dessen Einbildung schon daran gewohnt war, das Erbgut des Demokritus fur einen Teil seines eignen Vermogens anzusehen, konnte sich nun nicht so leicht gewohnen, anders zu denken. Er betrachtete also den Demokritus als einen Rauber, der ihm das Seinige vorenthielt. Aber unglucklicher Weise hatte dieser, der Rauber die Gesetze auf seiner Seite.

Der arme Thrasyllus durchsuchte alle Winkel in seinem Kopfe, ein Mittel gegen diesen ungunstigen Umstand zu finden; und suchte lange vergebens. Endlich glaubte er in der Lebensart des Philosophen einen Grund, auf den er bauen konnte, gefunden zu haben. Die Abderiten waren schon vorbereitet, dachte Thrasyllus; denn dass Demokritus ein Narr sei, war zu Abdera eine ausgemachte Sache. Es kam also nur noch darauf an, dem grossen Rat legaliter darzutun, dass seine Narrheit von derjenigen Art sei, welche den damit Behafteten unfahig macht, sein eigner Herr zu sein. Dies hatte nun einige Schwierigkeiten. Mit seinem eignen Verstande wurde Thrasyllus schwerlich durchgekommen sein! Aber in solchen Fallen finden seines gleichen fur ihr Geld immer einen Spitzbuben, der ihnen seinen Kopf leiht; und dann ist es so viel, als ob sie selbst einen hatten.

Viertes Kapitel

Kurze, doch hinlangliche, Nachrichten von den

abderitischen Sykophanten

Ein Fragment aus der Rede, worin Thrasyllus um

die Bevogtung seines Vettern ansuchte

Es gab damals zu Abdera eine Art von Leuten, die sich von der Kunst nahrten, schlimme Handel so zurechte zu machen, dass sie wie gut aussahen. Sie gebrauchten dazu nur zween Hauptkunstgriffe: entweder sie verfalschten das Factum, oder sie verdrehten das Gesetz. Weil diese Lebensart sehr eintraglich war, so legten sich nach und nach eine so grosse Menge von mussigen Leuten darauf, dass die Pfuscher zuletzt die Meister verdrangen. Die Profession verlor dadurch von ihrem Ansehen. Man nannte diejenigen, die sich damit abgaben, Sykophanten, weil die meisten so arme Schelme waren, dass sie fur eine Feige alles sagten was man wollte.

Indessen, da die Sykophanten wenigstens den zwanzigsten Teil der Einwohner von Abdera ausmachten, und die Leute gleichwohl nicht bloss von Feigen leben konnten: so reichten die gewohnlichen Gelegenheiten, wobei die Rechtshandel zu entstehen pflegen, nicht mehr zu. Die Vorfahren der Sykophanten hatten gewartet, bis man sie um ihren Beistand ansprach. Aber bei dieser Methode hatten die neuern Sykophanten hungern oder graben mussen! Denn zu betteln war in Abdera nicht erlaubt; welches (im Vorbeigehen zu sagen) das einzige war, was die Fremden an der abderitischen Polizei zu loben fanden. Nun waren die Sykophanten zum Graben zu faul; folglich blieb den meisten kein ander Mittel ubrig, als die Handel, die sie fuhren wollten, selbst zu machen.

Weil die Abderiten Leute von sehr hitziger Gemutsart und von geringer Besonnenheit waren, so fehlt' es dazu nie an Gelegenheit. Jede Kleinigkeit gab also einen Handel; jeder Abderite hatte seinen Sykophanten; und so wurde wieder eine Art von Gleichgewicht hergestellt, wodurch sich die Profession um so mehr in Ansehen erhielt, weil die Nacheiferung grosse Talente entwickelte.

Abdera gewann dadurch den Ruhm, dass die Kunst Facta zu verfalschen und Gesetze zu verdrehen in Athen selbst nicht so hoch gebracht worden sei; und dieser Ruhm wurde in der Folge dem Staat eintraglich. Denn wer einen ungewohnlich schlimmen Handel von einiger Wichtigkeit hatte, verschrieb sich einen abderitischen Sykophanten; und es musste nicht naturlich zugegangen sein, wenn der Sykophant eher von einem solchen Clienten abgelassen hatte, bis nichts mehr an ihm zu saugen ubrig war.

Doch dies war noch nicht der grosste Vorteil, den die Abderiten von ihren Sykophanten zogen. Was diese Leute in ihren Augen am vorzuglichsten machte, war die Bequemlichkeit, eine jede Schelmerei ausfuhren zu konnen, ohne sich selbst dabei bemuhen zu mussen, oder sich mit der Justiz abzuwerfen. Man brauchte die Sache nur einem Sykophanten zu ubergeben, so konnte man, gewohnlicher Weise, des Ausgangs wegen ruhig sein. Ich sage gewohnlicher Weise; denn freilich gab es, mitunter, auch Falle, wo der Sykophant, nachdem er sich erst von seinem Clienten wohl hatte bezahlen lassen, gleichwohl heimlich dem Gegenteil zu seinem Rechte verhalf; aber dies geschah auch niemals, als wenn dieser wenigstens zween Drittel mehr gab als der Client.

Ubrigens konnte man nichts erbaulichers sehen als das gute Vernehmen, worin zu Abdera die Sykophanten mit den Magistratspersonen stunden. Die einzigen, die sich ubel bei dieser Eintracht befanden, waren die Clienten. Bei allen andern Unternehmungen, so gefahrlich und gewagt sie auch immer sein mogen, bleibt doch wenigstens eine Moglichkeit, mit ganzer Haut davon zu kommen. Aber ein abderitischer Client war immer gewiss, um sein Geld zu kommen, er mochte seinen Handel gewinnen oder verlieren. Nun rechteten die Leute zwar darum weder mehr noch weniger; allein ihre Justiz kam dabei in einen Ruf, gegen welchen nur Abderiten gleichgultig sein konnten. Denn es wurde zu einem Spruchwort in Griechenland, demjenigen, dem man das Argste an den Hals wunschen wollte, einen Process in Abdera zu wunschen.

Aber, beinahe hatten wir uber den Sykophanten vergessen, dass die Rede von den Absichten des Ratsherrn Thrasyllus auf das Vermogen unsers Philosophen, und von den Mitteln war, wodurch er seinen vorhabenden Raub unter dem Schutze der Gesetze zu begehen versuchen wollte.

Um den geneigten Leser mit keiner langweiligen Umstandlichkeit aufzuhalten, begnugen wir uns zu sagen, dass Thrasyllus die Sache seinem Sykophanten auftrug. Es war einer von den geschicktesten in ganz Abdera; ein Mann, der die gemeinen Kunstgriffe seiner Mitbruder verachtete, und sich viel darauf zu gut tat, dass er, seitdem er sein edles Handwerk trieb, ein paar hundert schlimme Handel gewonnen hatte, ohne jemals eine einzige directe Luge zu sagen. Er steifte sich auf lauter unleugbare Facta; aber seine Starke lag in der Zusammensetzung und im Helldunkeln. Demokritus hatte in keine bessern Hande fallen konnen. Wir bedauren nur, dass wir, weil die Acten des ganzen Processes langst von Mausen gefressen worden, ausser Stande sind, jungen neuangehenden Sykophanten zum Besten, die Rede vollstandig mitzuteilen, worin dieser Meister in der Kunst dem grossen Rate zu Abdera bewies: dass Demokritus seines Vermogens entsetzt werden musse. Alles, was von dieser Rede ubrig geblieben, ist ein kleines Fragment, welches uns merkwurdig genug scheint, um, zur Probe, wie diese Herren eine Sache zu wenden pflegten, ein paar Blatter in dieser Geschichte einzunehmen.

"Die grossten, die gefahrlichsten, die unertraglichsten aller Narren (sagte er) sind die raisonnierenden Narren. Ohne weniger Narren zu sein als andre, verbergen sie dem undenkenden Haufen die Zerruttung ihres Kopfes durch die Fertigkeit ihrer Zunge, und werden fur weise gehalten, weil sie zusammenhangender rasen als ihre Mitbruder im Tollhause. Ein ungelehrter Narr ist verloren, so bald es so weit mit ihm gekommen ist, dass er Unsinn spricht. Bei dem gelehrten Narren hingegen sehen wir gerade das Widerspiel. Sein Gluck ist gemacht und sein Ruhm befestiget, so bald er Unsinn zu reden oder zu schreiben anfangt. Denn die meisten, wiewohl sie sich ganz eigentlich bewusst sind, dass sie nichts davon verstehen, sind entweder zu misstrauisch gegen ihren eigenen Verstand, um gewahr zu werden, dass die Schuld nicht an ihnen liegt; oder zu dumm, um es zu merken, und also zu eitel, um zu gestehen, dass sie nichts verstanden haben. Je mehr also der gelehrte Narr Unsinn spricht, desto lauter schreien die dummen Narren uber Wunder; desto emsiger verdrehen sie sich die Kopfe, um Sinn in dem hochtonenden Unsinn zu finden. Jener, gleich einem durch den offentlichen Beifall angefrischten Luftspringer, tut immer desto verwegnere Satze, je mehr ihm zugeklatscht wird. Diese klatschen immer starker, um den gelehrten Gaukler noch grossere Wunder tun zu sehen. Und so geschieht es oft, dass der Schwindelgeist eines Einzigen ein ganzes Volk ergreift; und dass, so lange die Mode des Unsinns dauert, dem namlichen Manne Altare aufgerichtet werden, den man zu einer andern Zeit, ohne viele Umstande mit ihm zu machen, in einem Hospital versorgt haben wurde. Glucklicher Weise fur unsere gute Stadt Abdera ist es so weit mit uns noch nicht gekommen. Wir erkennen und bekennen alle aus einem Munde, dass Demokritus ein Sonderling, ein Phantast, ein Grillenfanger ist. Aber wir begnugen uns uber ihn zu lachen; und dies ist es eben, worin wir fehlen. Itzt lachen wir uber ihn; aber wie lange wird es wahren, so werden wir anfangen, etwas Ausserordentliches in seiner Narrheit zu finden? Vom Erstaunen zum Bewundern ist nur ein Schritt; und haben wir diesen erst getan Gotter! wer wird uns sagen konnen, wo wir aufhoren werden? Demokritus ist ein Phantast, sprechen wir itzt und lachen. Aber was fur ein Phantast ist Demokritus, ein eingebildeter starker Geist; ein Spotter unsrer uralten Gebrauche und Einrichtungen; ein Mussigganger, dessen Beschaftigungen dem Staate nicht mehr Nutzen bringen, als wenn er gar nichts tate; ein Mann, der Katzen zergliedert, der die Sprache der Vogel versteht, und den Stein der Weisen sucht; ein Nekromant, ein Schmetterlingsjager, ein Sterngucker! Und wir konnen noch zweifeln, ob er eine dunkle Kammer verdient? Was wurde aus Abdera werden, wenn seine Narrheit endlich ansteckend wurde? Wollen wir lieber die Folgen eines so grossen Ubels erwarten, als das einzige Mittel vorkehren, wodurch wir es verhuten konnten? Zu unserm Glucke gehen die Gesetze dieses Mittel an die Hand. Es ist einfach; es ist rechtmassig; es ist unfehlbar. Ein dunkles Kammerchen, Hochweise Vater, ein dunkles Kammerchen! So sind wir auf einmal ausser Gefahr, und Demokritus mag rasen so viel ihm beliebt.

Aber, sagen seine Freunde denn so weit ist es schon mit uns gekommen, dass ein Mann, den wir alle fur unsinnig halten, Freunde unter uns hat Aber, sagen sie, wo sind die Beweise, dass seine Narrheit schon zu jenem Grade gestiegen ist, den die Gesetze zu einem dunkeln Kammerchen erfodern? Wahrhaftig! wenn wir, nach allem was wir schon wissen, noch Beweise fodern: so wird er gluhende Kohlen fur Goldstucke ansehen, oder die Sonne am Mittag mit einer Laterne suchen mussen, wenn wir uberzeugt werden sollen. Hat er nicht behauptet, dass die Liebesgottin in Aethiopien schwarz sei? Hat er unsre Weiber nicht bereden wollen, nackend zu gehen wie die Weiber der Gymnosophisten? Versicherte er nicht neulich in einer grossen Gesellschaft, die Sonne stehe still, die Erde uberwalze sich dreihundert und funf und sechzigmal des Jahrs durch den Tierkreis; und die Ursache, warum wir nicht ins Leere hinausfallen, sei, weil mitten in der Erde ein grosser Magnet liege, der uns, gleich eben so viel Feilspanen, anziehe, wiewohl wir nicht von Eisen sind? Doch, ich will gerne zugeben, dass dies alles Kleinigkeiten sind. Man kann narrische Dinge reden, und kluge tun. Wollte Latona, dass der Philosoph sich in diesem Falle befande! Aber (mir ist leid, dass ich es sagen muss) seine Handlungen setzen einen so ungewohnlichen Grad von Wahnwitz voraus, dass alle Niesewurz in der Welt zu wenig sein wurde, das Gehirn zu reinigen, worin sie ausgeheckt werden. Um die Geduld des erlauchten Senats nicht zu ermuden, will ich aus unzahligen Beispielen nur zwei anfuhren, deren Gewissheit gerichtlich erwiesen werden kann, falls sie ihrer Unglaublichkeit wegen in Zweifel gezogen werden sollten.

Vor einiger Zeit wurden unserm Philosophen Feigen vorgesetzt, die, wie es ihm deuchte, einen ganz besondern Honiggeschmack hatten. Die Sache schien ihm von Wichtigkeit zu sein. Er stund vom Tisch auf, ging in den Garten, liess sich den Baum zeigen, von welchem die Feigen gelesen worden waren, untersuchte den Baum von unten bis oben, liess ihn bis an die Wurzeln aufgraben, erforschte die Erde, worin er stund, und (wie ich nicht zweifle) auch die Constellation, in der er gepflanzt worden war. Kurz, er zerbrach sich etliche Tage lang den Kopf daruber, wie und welchergestalt die Atomen sich mit einander vergleichen mussten, wenn eine Feige nach Honig schmecken sollte. Er ersann eine Hypothese, verwarf sie wieder; fand eine andre, dann die dritte und vierte; und verwarf alle wieder, weil ihm keine scharfsinnig und gelehrt genug zu sein schien. Die Sache lag ihm so sehr am Herzen, dass er Schlaf und Essenslust daruber verlor. Endlich erbarmte sich seine Kochin uber ihn. Herr, sagte die Kochin, wenn Sie nicht so gelehrt waren, so hatte Ihnen wohl langst einfallen mussen, warum die Feigen nach Honig schmeckten. Und warum denn' fragte Demokritus. Ich legte sie, um sie frischer zu erhalten, in einen Topf, worin Honig gewesen war, sagte die Kochin; dies ist das ganze Geheimnis, und da ist weiter nichts zu untersuchen, dacht' ich Du bist ein dummes Tier, rief der mondsuchtige Philosoph. Eine feine Erklarung, die du mir da gibst! Fur Geschopfe deines gleichen mag sie vielleicht gut genug sein; aber meinst du, dass wir andern uns mit so einfaltigen Erklarungen befriedigen lassen, Gesetzt, die Sache verhielte sich wie du sagst; was geht das mich an? Dein Honigtopf soll mich wahrlich nicht abhalten, nachzuforschen, wie die namliche Naturbegebenheit auch ohne Honigtopf hatte erfolgen konnen. Und so fuhr der weise Mann fort, der Vernunft und seiner Kochin zu Trotz, eine Ursache, die nicht tiefer als in einem Honigtopfe lag, in dem unergrundlichen Brunnen zu suchen, worin (seinem Vorgehen nach) die Wahrheit verborgen liegt; bis eine andre Grille, die seiner Phantasie in den Wurf kam, ihn zu andern vielleicht noch ungereimteren Nachforschungen verleitete.

Doch, so lacherlich diese Anekdote ist, so ist sie doch nichts gegen die Probe von Klugheit, die er ablegte, als im abgewichenen Jahre die Oliven in Thracien und allen angrenzenden Gegenden missgeraten waren. Demokritus hatte das Jahr zuvor (ich weiss nicht, ob durch Punctation oder andre magische Kunste) herausgebracht: dass die Oliven, die damals sehr wohlfeil waren, im folgenden Jahre ganzlich fehlen wurden. Ein solches Vor wissen wurde hinlanglich sein, das Gluck eines vernunftigen Mannes auf seine ganze Lebenszeit zu machen. Auch hatte es Anfangs das Ansehen, als ob Demokritus diese Gelegenheit nicht entwischen lassen wollte; denn er kaufte alles Ol im ganzen Lande zusammen. Ein Jahr darauf stieg der Preis des Ols, teils des Misswachses wegen, teils weil aller Vorrat in Demokritus Handen war, viermal so hoch als es ihm gekostet hatte. Nun gehe ich allen Leuten, welche wissen, dass Viere viermal mehr als Eins sind, zu erraten, was der Mann tat? Konnen Sie sich vorstellen, dass er unsinnig genug war, seinen Verkaufern ihr Ol um den namlichen Preis, wie er es von ihnen erhandelt hatte, zuruckzugeben?46 Wir wissen auch, wie weit die Grossmut bei einem Menschen, der seiner Sinne machtig ist, gehen kann. Aber diese Tat lag so weit ausser den Grenzen der Glaubwurdigkeit, dass die Leute, die dabei gewannen, selbst die Kopfe schuttelten, und gegen den Verstand des Mannes, der einen Haufen Gold fur einen Haufen Nussschalen ansah, Zweifel bekamen, die, zum Ungluck fur seine Erben, nur zu wohl gegrundet waren."

Funftes Kapitel

Die Sache wird auf ein medicinisches

Gutachten ausgestellt

Der Senat lasst ein Schreiben

an den Hippokrates abgehen

Der Arzt kommt in Abdera an, erscheint vor Rat,

wird vom Ratsherrn Thrasyllus zu einem Gastgebot

gebeten, und hat Langeweile

Ein Beispiel, dass ein Beutel voll Dariken nicht bei

allen Leuten anschlagt

So weit geht das Fragment; und wenn man von einem so kleinen Teile auf das Ganze schliessen konnte: so hatte der Sykophant allerdings mehr als einen Korb voll Feigen von dem Ratsherrn Thrasyllus verdient. Seine Schuld war es wenigstens nicht, wenn der hohe Senat von Abdera unsern Philosophen nicht zu einem dunkeln Kammerchen verurteilte. Aber Thrasyllus hatte Missgonner im Senate; und Meister Pfrieme, der inzwischen Zunftmeister worden war, behauptete mit grossem Eifer: dass es wider die Freiheit von Abdera laufen wurde, einen Burger fur wahnwitzig zu erklaren, eh' er von einem unparteiischen Arzte so befunden worden sei. "Wohl, rief Thrasyllus, meinetwegen kann man den Hippokrates selbst uber die Sache sprechen lassen! Ich bins wohl zufrieden."

Sagten wir nicht oben, dass die Dummheit des Ratsherrn Thrasyllus seiner Bosheit die Waage gehalten habe? Es war ein dummer Streich von ihm, sich in einer so misslichen Sache auf den Hippokrates zu berufen. Aber freilich fiel es ihm auch nicht ein, dass man ihn beim Worte nehmen wurde.

Hippokrates, sagte der Archon, ist allerdings der Mann, der uns am besten aus diesem bedenklichen Handel ziehen konnte. Zu gutem Gluck befindet er sich eben zu Thasos; vielleicht lasst er sich bewegen, zu uns heruber zu kommen, wenn wir ihn im Namen der Republik einladen lassen.

Thrasyllus entfarbte sich ein wenig, da er horte, dass man Ernst aus der Sache machen wollte. Aber die Mehrheit der Stimmen fiel dem Archon bei. Man schickte unverzuglich einen Deputierten mit einem Einladungsschreiben47 an den Arzt ab, und brachte den Rest der Session damit zu, sich uber die Ehrenbezeugungen zu beratschlagen, womit man ihn empfangen wollte.

"Dies war doch so abderitisch nicht" werden die Arzte denken, die sich vielleicht unter unsern Lesern befinden. Aber wo sagten wir denn, dass die Abderiten gar nichts getan hatten, was auch einem vernunftigen Volke anstandig sein wurde? Indessen lag doch der wahre Grund, warum sie dem Hippokrates so viel Ehre erweisen wollten, keinesweges in der Hochachtung, die sie fur ihn empfanden; sondern lediglich in der Eitelkeit, fur Leute gehalten zu werden, die einen grossen Mann zu schatzen wussten. Und uberdies, merkten wir nicht schon bei einer andern Gelegenheit an, dass sie von je her ausserordentliche Liebhaber von Feierlichkeiten gewesen?

Die Abgeordneten hatten Befehl, dem Hippokrates nichts weiter zu sagen, als dass der Senat von Abdera seiner Gegenwart und seines Ausspruchs in einer sehr wichtigen Angelegenheit vonnoten habe; und Hippokrates konnte sich, mit aller seiner Philosophie, nicht einbilden, was fur eine wichtige Sache dies sein konnte. Denn wozu (dacht' er) haben sie notig, ein Geheimnis daraus zu machen? Der Senat von Abdera kann doch schwerlich in Corpore mit einer Krankheit befallen sein, die man nicht gerne kund werden lasst?

Indessen entschloss er sich um so williger zu dieser Reise, weil er schon lange gewunscht hatte, unsern Philosophen personlich kennen zu lernen. Aber wie gross war sein Erstaunen, da ihm nachdem er mit grossem Geprange eingeholt, und vor den versammelten Rat gefuhrt worden war, von dem regierenden Archon in einer wohlgesetzten Rede zu wissen gemacht wurde: "dass man ihn bloss darum nach Abdera berufen habe, um die Wahnsinnigkeit ihres Mitburgers Demokritus zu untersuchen, und gutachtlich zu berichten, ob ihm noch geholfen werden konne, oder ob es nicht schon so weit mit ihm gekommen sei, dass man ihn ohne Bedenken fur burgerlich tot erklaren konne?"

Dies muss ein andrer Demokritus sein, dachte der Arzt Anfangs. Aber die Herren von Abdera liessen ihn nicht lange in Zweifel. Gut, gut, sprach er bei sich selbst: bin ich nicht in Abdera? Wie man auch so was vergessen kann!

Hippokrates liess ihnen nichts von seinem Erstaunen merken. Er begnugte sich, den Senat und das Volk von Abdera zu loben, dass sie eine so grosse Empfindung von dem Wert eines Mitburgers, wie Demokritus, hatten, um seine Gesundheit als eine Sache, woran dem gemeinen Wesen gelegen sei, anzusehen. "Wahnwitz (sagte er mit grosser Ernsthaftigkeit) ist ein Punkt, worin die grossten Geister und die grossten Schopse zuweilen zusammentreffen. Wir wollen sehen!"

Thrasyllus lud den Arzt zur Tafel ein, und hatte die Hoflichkeit, ihm die feinsten Herren und die schonsten Frauen in der Stadt zur Gesellschaft zu gehen. Aber Hippokrates, der ein kurzes Gesicht und keine Lorgnette48 hatte, wurde nicht gewahr, dass die Damen schon waren; und so kam es denn (ohne Schuld der guten Geschopfe, die sich, zum Uberfluss, in die Wette herausgeputzt hatten), dass sie nicht vollig den Eindruck auf ihn machten, den sie sich sonst versprechen konnten. Es war wirklich Schade, dass er nicht besser sah. Fur einen Mann von Verstande ist der Anblick einer schonen Frau allemal etwas sehr unterhaltendes. Und wofern die schone Frau etwas dummes sagt, (welches den schonen Frauen zuweilen so gut begegnen soll als den hasslichen,) macht es einen merklichen Unterschied, ob man sie nur hort, oder ob man sie zugleich sieht. Denn im letzten Falle ist man immer geneigt, alles, was sie sagen kann, vernunftig, oder artig, oder wenigstens ertraglich zu finden. Da die Abderitinnen diesen Vorteil bei dem kurzsichtigen Fremden verloren; da er genotiget war, von ihrer Schonheit durch den Eindruck, den sie auf seine Ohren machten, zu urteilen: so war freilich nichts naturlicher, als dass der Begriff, den er dadurch von ihnen bekam, demjenigen ziemlich ahnlich war, den sich ein Tauber mittelst eines Paars gesunder Augen von einem Concerte machen wurde.

"Wer ist die Dame, die itzt mit dem witzigen Herrn sprach?" fragte er den Thrasyllus leise. Man nannte ihm die Gemahlin eines Matadors der Republik. Er betrachtete sie nun mit neuer Aufmerksamkeit. Verzweifelt! (dacht er bei sich selbst,) dass ich mir die verwunschte Austerfrau nicht aus dem Kopfe bringen kann, die ich neulich vor meinem Hause zu Larissa mit einem molossischen Eseltreiber scherzen horte.

Thrasyllus hatte geheime Absichten auf unsern Aeskulap. Seine Tafel war gut, sein Wein verfuhrerisch, und zum Uberfluss liess er milesische Tanzerinnen kommen. Aber Hippokrates ass wenig, trank Wasser, und hatte in Aspasiens Hause zu Athen weit schonere Tanzerinnen gesehen. Es wollte alles nichts verfangen. Dem weisen Manne begegnete etwas, das ihm vielleicht in vielen Jahren nicht begegnet war: er hatte Langeweile, und es schien ihm nicht der Muhe wert, es den Abderiten zu verbergen.

Die Abderitinnen bemerkten also, ohne grossen Aufwand von Beobachtungskraft, was er ihnen deutlich genug sehen liess; und naturlicher Weise waren die Glossen, so sie daruber machten, nicht zu seinem Vorteil. Er soll sehr gelehrt sein, flisterten sie einander zu. Schade, dass er nicht mehr Welt hat! Was ich gewiss weiss, ist dies, dass mir der Einfall nie kommen wird, ihm zu Liebe krank zu werden, sagte die schone Thryallis.

Thrasyllus machte inzwischen Betrachtungen von einer andern Art. So ein grosser Mann dieser Hippokrates sein mag, dacht' er, so muss er doch seine schwache Seite haben. Aus den Ehrenbezeugungen, womit ihn der Senat uberhaufte, schien er sich nicht viel zu machen. Das Vergnugen liebt er auch nicht. Aber ich wette, dass ihm ein Beutel voll neuer funkelnder Dariken diese sauertopfische Miene vertreiben soll!

So bald die Tafel aufgehoben war, schritt Thrasyllus zum Werke. Er nahm den Arzt auf die Seite, und bemuhte sich (unter Bezeugung des grossen Anteils, den er an dem unglucklichen Zustande seines Verwandten nehme,) ihn zu uberzeugen: dass die Zerruttung seines Gehirns eine so kundbare und ausgemachte Sache sei, dass nichts, als die Pflicht, allen Formalitaten der Gesetze genug zu tun, den Senat bewogen habe, eine Tatsache, woran niemand zweifle, noch zum Uberfluss durch den Ausspruch eines auswartigen Arztes bestatigen zu lassen. "Da man Sie aber gleich wohl in die Muhe gesetzt hat, eine Reise zu uns zu tun, die Sie vermutlich ohne diese Veranlassung nicht unternommen haben wurden: so ist nichts billiger, als dass derjenige, den die Sache am nachsten angeht, Sie wegen des Verlustes, den Sie durch Verabsaumung Ihrer Geschafte dabei erleiden, in etwas schadlos halte. Nehmen Sie diese Kleinigkeit als ein Unterpfand einer Dankbarkeit an, von welcher ich Ihnen starkere Beweise zu geben hoffe "

Ein ziemlich runder Beutel, den Thrasyllus bei diesen Worten dem Arzt in die Hand druckte, brachte diesen aus der Zerstreuung zuruck, womit er die Rede des Ratsherrn angehort hatte. "Was wollen Sie, dass ich mit diesem Beutel machen soll?" fragte Hippokrates mit einem Phlegma, welches den Abderiten vollig aus der Fassung setzte "Sie wollten ihn vermutlich ihrem Haushofmeister geben. Sind Ihnen solche Zerstreuungen gewohnlich, Wenn dies ware, so wollt' ich Ihnen raten, Ihrem Arzte davon zu sagen Aber Sie erinnerten mich vorhin an die Ursach, warum ich hier bin. Ich danke Ihnen dafur. Mein Aufenthalt kann nur sehr kurz sein; und ich darf den Besuch nicht langer aufschieben, den ich, wie Sie wissen, dem Demokritus schuldig bin." Mit diesen Worten machte der Aeskulap seine Verbeugung, und verschwand.

Der Ratmann hatte in seinem Leben nie so dumm ausgesehen als in diesem Augenblick. Wie hatte sich aber auch ein abderitischer Ratsherr einfallen lassen sollen, dass ihm so etwas begegnen konnte? Dies sind doch keine Zufalle, auf die man sich gefasst halt!

Sechstes Kapitel

Hippokrates legt einen Besuch beim Demokritus ab

Geheimnachrichten von dem uralten Orden der

Kosmopoliten

Hippokrates traf, wie die Geschichte sagt, unsern Naturforscher bei der Zergliederung verschiedener Tiere an, deren innerlichen Bau und animalische Oekonomie er untersuchen wollte, um vielleicht auf die Ursachen gewisser Verschiedenheiten in ihren Eigenschaften und Neigungen zu kommen. Diese Beschaftigung bot ihnen reichen Stoff zu einer Unterredung an, welche den Demokritus nicht lang uber die Person des Fremden ungewiss liess. Ihr gegenseitiges Vergnugen uber eine so unvermutete Zusammenkunft war der Grosse ihres beiderseitigen Wertes gleich, aber auf Demokrits Seite um so viel lebhafter, je langer er in seiner Abgeschiedenheit von der Welt des Umgangs mit einem Wesen seiner Art hatte entbehren mussen.

Es gibt eine Art von Sterblichen, deren schon von den Alten hier und da unter dem Namen der Kosmopoliten Erwahnung getan wird, und die ohne Verabredung, ohne Ordenszeichen, ohne Loge zu halten, und ohne durch Eidschwure gefesselt zu sein eine Art von Bruderschaft ausmachen, welche fester zusammenhangt als irgend ein anderer Orden in der Welt. Zween Kosmopoliten kommen, der eine von Osten, der andere von Westen, sehen einander zum erstenmale, und sind Freunde nicht vermoge einer geheimen Sympathie, die vielleicht nur in Romanen zu finden ist; nicht, weil beschworne Pflichten sie dazu verbinden sondern, weil sie Kosmopoliten sind. In jedem andern Orden gibt es auch falsche oder wenigstens unwurdige Bruder; in dem Orden der Kosmopoliten ist dies eine Unmoglichkeit, und dies ist, deucht uns, kein geringer Vorzug der Kosmopoliten vor allen andern Gesellschaften, Gemeinheiten, Innungen, Orden und Bruderschaften in der Welt. Denn wo ist eine von allen diesen, welche sich ruhmen konnte, dass sich niemals kein Ehrsuchtiger, kein Neidischer, kein Geiziger, kein Wucherer, kein Verleumder, kein Prahler, kein Heuchler, kein Zweizungiger, kein heimlicher Anklager, kein Undankbarer, kein Kuppler, kein Schmeichler, kein Schmarotzer, kein Sklave, kein Mensch ohne Kopf oder ohne Herz, kein Pedant, kein Muckensauger kein Verfolger, kein falscher Prophet, kein Heuchler, kein Gaukler, kein Plusmacher und kein Hofnarr in ihrem Mittel befunden habe? Die Kosmopoliten sind die einzigen, die sich dessen ruhmen konnen. Ihre Gesellschaft hat nicht vonnoten, durch geheimnisvolle Ceremonien und abschreckende Gebrauche, wie ehmals die agyptischen Priester, die Unreinen von sich auszuschliessen. Diese schliessen sich selbst aus; und man kann eben so wenig ein Kosmopolit scheinen, wenn man es nicht ist, als man sich ohne Talent fur einen guten Sanger oder Geiger ausgeben kann. Der Betrug wurde an den Tag kommen, so bald man sich horen lassen musste. Die Art, wie die Kosmopoliten denken, ihre Grundsatze, ihre Gesinnungen, ihre Sprache, ihr Phlegma, ihre Warme, sogar ihre Launen, Schwachheiten und Fehler, lassen sich unmoglich nachmachen, weil sie fur alle, die nicht zu ihrem Orden gehoren, ein wahres Geheimnis sind. Nicht ein Geheimnis, das von der Verschwiegenheit der Mitglieder, oder von ihrer Vorsichtigkeit, nicht behorcht zu werden, abhangt sondern ein Geheimnis, auf welches die Natur selbst ihren Schieier gedeckt hat. Denn die Kosmopoliten konnten es ohne Bedenken bei Trompetenschall durch die ganze Welt auskundigen lassen; sie durften sicher darauf rechnen, dass ausser ihnen selbst kein Mensch etwas davon begreifen wurde. Bei dieser Bewandtnis der Sache ist nichts naturlicher, als das innige Einverstandnis, und das gegenseitige Zutrauen, das sich unter zween Kosmopoliten sogleich in der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft festsetzt. Pylades und Orestes waren, nach einer zwanzigjahrigen Dauer ihrer durch alle Arten von Prufungen und Opfern bewahrten Freundschaft, nicht mehr Freunde, als es jene von dem Augenblick an, da sie einander erkennen, sind. Ihre Freundschaft hat nicht vonnoten, durch die Zeit zur Reife gebracht zu werden; sie bedarf keiner Prufungen; sie grundet sich auf das notwendigste aller Naturgesetze, auf die Notwendigkeit, uns selbst in demjenigen zu lieben, der uns am ahnlichsten ist.

Man wurde etwas, wo nicht unmogliches, doch gewiss ungereimtes, von uns verlangen, wenn man erwartete, dass wir uns uber das Geheimnis der Kosmopoliten deutlicher herauslassen sollten. Denn es gehort (wie wir deutlich genug zu vernehmen gegeben haben,) zur Natur der Sache, dass alles, was man davon sagen kann, ein Ratsel ist, wozu nur die Glieder dieses Ordens den Schlussel haben. Das einzige, was wir noch hinzusetzen konnen, ist, dass ihre Anzahl zu allen Zeiten sehr klein gewesen, und dass sie, ungeachtet der Unsichtbarkeit ihrer Gesellschaft, einen Einfluss in die Dinge dieser Welt haben, dessen Wirkungen desto gewisser und dauerhafter sind, weil sie kein Gerausch machen, und meistens durch Mittel erzielt werden, deren scheinbare Direction die Augen der Menge irre macht. Wem dies ein neues Ratsel ist den ersuchen wir lieber fortzulesen, als sich mit einer Sache, die ihn so wenig angeht, ohne Not den Kopf zu zerbrechen.

Demokritus und Hippokrates gehorten beide zu dieser wunderbaren und seltnen Art von Menschen. Sie waren also schon lange, wiewohl unbekannter Weise, die vertrautesten Freunde gewesen; und ihre Zusammenkunft glich viel mehr dem Wiedersehen nach einer langen Trennung, als einer neuangehenden Verbindung. Ihre Gesprache, nach welchen der Leser vielleicht begierig ist, waren vermutlich interessant genug, um der Mitteilung wert zu sein. Aber sie wurden uns zu weit von den Abderiten entfernen, die der eigentliche Gegenstand dieser Geschichte sind. Alles, was wir davon zu sagen haben, ist: dass unsre Kosmopoliten den ganzen Abend und den grossten Teil der Nacht in einer Unterredung zubrachten, wobei ihnen die Zeit sehr kurz wurde, und dass sie ihrer Gegenfussler, der Abderiten, und ihres Senats, und der Ursache, warum sie den Hippokrates hatten kommen lassen, so ganzlich daruber vergassen, als ob niemals so ein Ort und solche Leute in der Welt gewesen waren.

Erst des folgenden Morgens, da sie, nach einem leichten Schlaf von wenigen Stunden, wieder zusammenkamen, um auf einer an die Garten des Demokritus grenzenden Anhohe der Morgenluft zu geniessen, erinnerte der Anblick der unter ihnen im Sonnenglanz liegenden Stadt den Hippokrates, dass er in Abdera Geschafte habe. "Kannst du wohl erraten, sagte er zu seinem Freunde, zu welchem Ende mich die Abderiten eingeladen haben?"

Die Abderiten haben dich eingeladen, rief Demokritus. Ich horte doch, diese Zeit her, von keiner Seuche, die unter ihnen wute! Es ist zwar eine gewisse Erbkrankheit, mit der sie alle samt und sonders, bis auf sehr wenige, von alten Zeiten her behaftet sind; aber

"Getroffen, getroffen, guter Demokritus! dies ist die Sache!" Du scherzest, erwiderte Demokritus; die Abderiten sollten zum Gefuhl, wo es ihnen fehlte, gekommen sein? Ich kenne sie zu gut. Darin liegt eben ihre Krankheit, dass sie dies nicht fuhlen.

"Indessen, sagte der Andre, ist nichts gewisser, als dass ich itzt nicht in Abdera ware, wenn die Abderiten nicht von dem namlichen Ubel, wovon du sprichst, geplagt wurden. Die armen Leute!"

Ach! nun versteh ich dich, versetzte der Philosoph Deine Berufung konnte eine Wirkung ihrer Krankheit sein, ohne dass sie es wussten. Lass doch sehen! Ha! da haben wirs. Ich wette alles in der Welt, sie haben dich kommen lassen, um dem ehrlichen Demokritus so viel Aderlasse und Niesewurz zu verordnen, als er vonnoten haben mochte, um ihres gleichen zu werden! Nicht wahr?

"Du kennst deine Leute vortrefflich, wie ich sehe, Demokritus; und in der Tat, man muss so an ihre Narrheit gewohnt sein wie du, um so kaltblutig davon zu sprechen."

Als ob es nicht allenthalben Abderiten gabe, sagte der Philosoph.

"Aber Abderiten in diesem Grade! Vergib mir, wenn ich von deinem Vaterlande nicht mit so viel Nachsicht urteilen kann als du. Indessen versichre dich, sie sollen mich nicht umsonst zu sich berufen haben!"

Siebentes Kapitel

Hippokrates erteilt den Abderiten seinen

gutachtlichen Rat

Grosse und gefahrliche Bewegungen, die daruber im

Senat entstehen, und wie, zum Gluck fur das

abderitische Gemeinwesen, der Stundenweiser alles

auf einmal wieder in Ordnung bringt

Die Zeit kam heran, wo der Aeskulap dem Senat von Abdera seinen Bericht erstatten sollte. Er kam, trat mitten unter die versammelten Vater, und sprach mit einer Wohlredenheit, die alle Anwesenden in Erstaunen setzte: "Friede sei mit Abdera! Edle, Veste, Fursichtige und Weise, liebe Herren und Abderiten! Gestern lobte ich Sie wegen Ihrer Fursorge fur das Gehirn Ihres Mitburgers Demokritus; und heute rate ich Ihnen wohlmeinend, diese Fursorge auf Ihre ganze Stadt und Republik zu erstrecken. Gesund an Leib und Seele zu sein, ist das hochste Gut, das Sie sich selbst, Ihren Kindern und Ihren Burgern verschaffen konnen; und dies wirklich zu tun, ist die erste Ihrer obrigkeitlichen Pflichten. So kurz mein Aufenthalt unter Ihnen ist, so ist er doch schon lang genug, um mich zu uberzeugen, dass sich die Abderiten nicht so wohl befinden, als es zu wunschen ware. Ich bin zwar zu Cos geboren, und wohne bald zu Athen, bald zu Larissa, bald anderswo; itzt zu Abdera, morgen vielleicht auf dem Wege nach Byzanz. Aber ich bin weder ein Coer noch ein Athenienser, weder ein Larisser noch Abderite; ich bin ein Arzt. So lange es Kranke auf dem Erdhoden gibt, ist meine Pflicht, so viel Gesunde zu machen als ich kann. Die gefahrlichsten Kranken sind die, die nicht wissen, dass sie krank sind; und dies ist, wie ich finde, der Fall der Abderiten. Das Ubel liegt fur meine Kunst zu tief; aber was ich tun kann, um die Heilung vorzubereiten, ist dies! Senden Sie mit dem ersten guten Winde sechs grosse Schiffe nach Anticyra. Meinethalben konnen sie, mit welcherlei Waren es den Abderiten beliebt, dahin befrachtet werden; aber zu Anticyra lassen Sie alle sechs Schiffe so viel Niesewurz laden, als sie tragen konnen, ohne zu sinken. Man kann zwar auch Niesewurz aus Galatien haben, die etwas wohlfeiler ist; aber die von Anticyra ist die beste. Wenn die Schiffe angekommen sein werden: so lassen Sie das gesamte Volk auf Ihrem grossen Markte versammeln; stellen Sie, mit ihrer ganzen Priesterschaft an der Spitze, einen feierlichen Umgang zu allen Tempeln in Abdera an, und bitten Sie die Gotter, dass sie dem Senat und dem Volke zu Abdera geben mochten, was dem Senat und dem Volke zu Abdera fehlt. Sodann kehren Sie auf den Markt zuruck, und teilen den samtlichen Vorrat von Niesewurz, auf gemeiner Stadt Unkosten, unter alle Burger aus; auf jeden Kopf sieben Pfund; nicht zu vergessen, dass den Ratsherren, welche (ausserdem was sie fur sich selbst gebrauchen) noch fur so viele andre Verstand haben mussen, eine doppelte Portion gereicht werde! Die Portionen sind stark, ich gesteh es; aber eingewurzelte Ubel sind hartnackig, und konnen nur durch anhaltenden Gebrauch der Armei geheilt werden. Wenn Sie nun dieses Vorbereitungsmittel, nach der Vorschrift, die ich Ihnen geben will, durch die erforderliche Zeit gebraucht haben werden: dann uberlasse ich Sie einem andern Arzte. Denn, wie ich sagte, die Krankheit der Abderiten liegt zu tief fur meine Kunst. Ich kenne funfzig Meilen rings um Abdera nur einen einzigen Mann, der Ihnen von Grund aus helfen konnte, wenn Sie sich geduldig und folgsam in seine Cur begeben wollten. Der Mann nennt sich Demokritus, des Damasippus Sohn. Stossen Sie sich nicht an dem Umstande, dass er zu Abdera geboren ist; er ist darum kein Abderit, dies konnen Sie mir auf mein Wort glauben; oder wenn Sie mir nicht glauben wollen, so fragen Sie den Apollo zu Delphi. Es ist ein gutherziger Mann, der sich ein Vergnugen daraus machen wird, Ihnen seine Dienste zu leisten. Und hiermit, meine Herren und Burger von Abdera, empfehle ich Sie und Ihre Stadt den Gottern. Verachten Sie meinen Rat nicht, weil ich ihn umsonst gebe; es ist der beste, den ich jemals einem Kranken, der sich fur gesund hielt, gegeben habe!"

Als Hippokrates dies gesagt hatte, machte er dem Senat eine hofliche Verbeugung, und ging seines Weges.

Niemals sagt der Geschichtschreiber Hekataus, ein desto glaubwurdigerer Zeuge, weil er selbst ein Abderite war49 niemals hat man zweihundert Menschen, alle zugleich, in einer so sonderbaren Attitude gesehen, als diejenige des Senats von Abdera in diesem Augenblicke war; es mussten nur die zweihundert Phonicier sein, welche Perseus, durch den Anblick des Kopfs der Medusa, auf einmal in eben so viele Statuen verwandelte, als ihm ihr Anfuhrer Phineus seine Geliebte und teuer erworbene Andromeda mit Gewalt wieder abjagen wollte50. In der Tat hatten sie alle mogliche Ursachen von der Welt, auf etliche Minuten versteinert zu werden. Beschreiben zu wollen, was in ihren Seelen vorging, wurde vergebliche Muhe sein. Nichts ging in ihnen vor; ihre Seelen waren so versteinert als ihre Leiber. Mit dummem sprachlosen Erstaunen sahen sie alle nach der Ture, durch welche der Aeskulap sich zuruckgezogen hatte; und auf jedem Gesichte druckte sich zugleich die angestrengte Bemuhung und das ganzliche Unvermogen aus, etwas von dieser Begebenheit zu begreifen. Endlich schienen sie nach und nach, einige fruher, einige spater, wieder zu sich selbst zu kommen. Sie sahen einander mit grossen Augen an; funfzig Mauler offneten sich zugleich zu der namlichen Frage, und fielen wieder zu, weil sie sich aufgetan hatten, eh sie wussten was sie fragen wollten. Zum Henker, meine Herren, rief endlich der Zunftmeister Pfrieme, ich glaube gar, der Quacksalber hat uns mit seiner doppelten Portion Niesewurz zum Narren! Ich versah mir gleich vom Anfang nichts gutes zu ihm, sagte Thrasyllus. Meiner Frau wollt' er gestern gar nicht einleuchten, sprach der Ratsherr Smilax. Ich dachte gleich es wurde ubel ablaufen, wie er von den sechs Schiffen sprach, die wir nach Anticyra senden sollten, sagte ein Anderer. Und die verdammte Ernsthaftigkeit, womit er uns alles das vordeclamierte, rief ein Dritter; ich gestehe, dass ich mir gar nicht einbilden konnte, wo es hinaus laufen wurde. Ha, ha, ha, ein lustiger Zufall, so wahr ich ehrlich bin, sagte der kleine dicke Ratsherr, indem er sich vor Lachen den Bauch hielt: gestehen wir, dass wir fein abgefuhrt sind! Ein verzweifelter Streich! Das hatt' uns nicht begegnen sollen! Ha, ha, ha! Aber wer konnte sich auch zu einem solchen Manne so etwas versehen? rief der Nomophylax. Ganz gewiss ist er auch einer von euern Philosophen, sagte Meister Pfrieme; der Priester Strobylus hat wahrlich so unrecht nicht; wenn es nicht wider unsre Freiheiten ware, so wollt' ich der erste sein, der darauf antruge, dass man alle diese Spitzkopfe zum Lande hinaus jagte.

"Meine Herren, fing itzt der Archon an; die Ehre der Stadt Abdera ist angegriffen, und anstatt dass wir hier sitzen und uns verwundern, oder Glossen machen, sollten wir mit Ernst darauf denken, was uns in einer so kitzlichen Sache zu tun gezieme. Vor allen Dingen sehe man, wo Hippokrates hingekommen ist!"

Ein Ratsdiener, der zu diesem Ende abgeschickt wurde, kam nach einer ziemlichen Weile mit der Nachricht zuruck, dass er nirgends mehr anzutreffen sei.

Ein verfluchter Streich, riefen die Ratsherren aus einem Munde; wenn er uns nun entwischt ware! Er wird doch kein Hexenmeister sein, sagte der Zunftmeister Pfrieme, indem er nach einem Amulet sah, das er gewohnlich zu seiner Sicherheit gegen bose Geister und bose Augen bei sich zu tragen pflegte.

Bald darauf wurde berichtet, dass man den fremden Herrn auf seinem Maulesel ganz gelassen hinter dem Tempel der Dioskuren dem Landgute des Demokritus zu traben gesehen habe.

"Was ist nun zu tun, meine Herren?" sagte der Archon.

Ja Allerdings! was nun zu tun ist was nun zu tun ist? dies ist eben die Frage! riefen die Ratsherren indem sie einander ansahen. Nach einer langen Pause zeigte sich, dass die Herren nicht wussten, was nun zu tun war.

Der Mann steht in grossem Ansehen beim Konige von Macedonien, fuhr der Archon fort; er wird im ganzen Griechenlande wie ein zweiter Aeskulap verehrt! Wir konnten uns leicht in bose Handel verwikkeln, wenn wir einer, wiewohl gerechten, Empfindlichkeit Gehor geben wollten. Bei allem dem liegt mir die Ehre von Abdera

Ohne Unterbrechung, Herr Archon! fiel ihm der Zunftmeister Pfrieme ein; die Ehre und Freiheit von Abdera kann niemanden naher am Herzen liegen als mir selbst. Aber, alles wohl uberlegt, seh' ich wahrlich nicht, was die Ehre der Stadt mit dieser Begebenheit zu tun haben kann. Dieser Harpokratus oder Hypokritus, wie er sich nennt, ist ein Arzt; und ich habe mein Tage gehort, dass ein Arzt die ganze Welt fur ein grosses Siechhaus, und alle Menschen fur seine Kranken ansieht. Ein jeder spricht und handelt wie ers versteht; und was einer wunscht, das glaubt er gerne. Hypokritus mocht' es, denk' ich, wohl leiden, wenn wir alle krank waren, damit er desto mehr zu heilen hatte. Nun denkt er, wenn ich sie nur erst dahin bringen kann, dass sie meine Arzeneien einnehmen, dann sollen sie mir krank genug werden. Ich heisse nicht Meister Pfrieme, wenn dies nicht das ganze Geheimnis ist.

Mein Seele! getroffen, rief der kleine dicke Ratsherr; weder mehr noch weniger! Der Kerl ist so narrisch nicht! Ich wette, wenn er kann, so hangt er uns alle mogliche Flusse und Fieber an den Hals, bloss damit er den Spass habe, uns fur unser Geld wieder gesund zu machen! Ha, ha, ha!

"Aber vierzehn Pfund Niesewurz auf jeden Ratsherrn! rief einer von den Altesten, dessen Gehirn, nach seiner Miene zu urteilen, schon vollig ausgetrocknet sein mochte. Bei allen Froschen der Latona, dies ist zu arg! Man muss beinahe auf den Argwohn kommen, dass etwas mehr dahinter steckt!"

Vierzehn Pfund Niesewurz auf jeden Ratsherrn! wiederholte Meister Pfrieme, und lachte aus vollem Halse

Und fur jeden Zunftmeister, setzte Smilax mit einem bedeutenden Ton hinzu.

Das bitt ich mir aus, rief Meister Pfrieme; er sagte kein Wort von Zunftmeistern.

Aber das versteht sich doch wohl von selbst, versetzte jener; Ratsherren und Zunftmeister, Zunftmeister und Ratsherren; ich sehe nicht, warum die Herren Zunftmeister hierin was besonders haben sollten.

Wie, was? rief Meister Pfrieme mit grossem Eifer; ihr seht nicht, was die Zunftmeister vor den Ratsherren besonders haben? Meine Herren, Sie haben es gehort! Herr Stadtschreiber, ich bitt' es zum Protocoll zu nehmen.

Die Zunftmeister stunden alle mit grossem Gebrumme von ihren Sitzen auf.

"Sagt' ich nicht, rief der alte hypochondrische Ratsmeister, dass etwas mehr hinter der Sache stecke? Ein geheimer Anschlag gegen die Aristokratie Aber die Herren haben sich ein wenig zu fruh verraten."

Gegen die Aristokratie? schrie Pfrieme mit verdoppelter Stimme; gegen welche Aristokratie? Zum Henker, Herr Ratsmeister, seit wenn ist Abdera eine Aristokratie? Sind wir Zunftmeister etwan nur an die Wand hingemalt? Stellen wir nicht das Volk vor? Haben wir nicht seine Rechte und Freiheiten zu vertreten? Herr Stadtschreiber, zum Protocoll, dass ich gegen alles Widrige protestiere, und dem loblichen Zunftmeistertum sowohl als gemeiner Stadt Abdera

Protestiert! protestiert! schrien die Zunftmeister alle zusammen.

Reprotestiert! reprotestiert! schrien die Ratsherren.

Der Lerm nahm uberhand. "Meine Herren, rief der regierende Archon, so laut er konnte, was fur ein Schwindel hat Sie uberfallen? Ich bitte, bedenken Sie, wer Sie sind, und wo Sie sind! Was werden die Eierweiber und Obsthandlerinnen da unten von uns denken, wenn sie uns wie die Zahnbrecher schreien horen?"

Aber die Stimme der Weisheit verlor sich ungehort in dem betaubenden Getose. Niemand horte sein eigen Wort.

Zu gutem Glucke war es seit undenklichen Zeiten in Abdera gebrauchlich, auf den Punct zwolf Uhr durch die ganze Stadt zu, Mittag zu essen; und, vermoge der Ratsordnung musste, so wie eine Stunde abgelaufen war, eine Art von Herold vor die Ratsstube treten, und die Stunde ausrufen.

Gnadige Herren, rief der Herold mit der Stimme des homerischen Stentors, die zwolfte Stunde ist vorbei!

"Stille; der Stundenrufer!" Was rief er? "Zwolfe, meine Herren, zwolfe vorbei!" Schon zwolfe? Schon vorbei? So ist es hohe Zeit!

Der grosste Teil der gnadigen Herren war zu Gaste gebeten. Das gluckliche Wort Zwolfe versetzte sie also auf einmal in eine Reihe angenehmer Vorstellungen, die mit dem Gegenstand ihres Zankes nicht in der mindesten Verbindung stunden. Schneller als die Figuren in einem Guckkasten sich verwandeln, stund eine grosse Tafel, mit einer Menge niedlicher Schusseln bedeckt, vor ihrer Stirne, ihre Nasen weideten sich zum voraus an Duften von bester Vorbedeutung, ihre Ohren horten das Geklapper der Teller, ihre Zunge kostete schon die leckerhaften Bruhen, in deren Erfindung die abderitischen Koche mit einander wetteiferten: kurz, das unwesentliche Gastmahl beschaftigte alle Krafte ihrer Seelen; und auf einmal war die Ruhe des abderitischen Staats wieder hergestellt.

"Wo werden Sie heute speisen?" Bei Polyphonten "Dahin bin ich auch geladen." Ich erfreue mich uber die Ehre Ihrer Gesellschaft "Sehr viel Ehre fur mich!" Was werden wir diesen Abend fur eine Komodie haben? "Die Andromeda des Euripides." Also ein Trauerspiel! "O! mein Lieblingsstuck! Und eine Musik! Unter uns, der Nomophylax hat etliche Chore selbst gesetzt; Sie werden Wunder horen!"

Unter so sanften Gesprachen erhuben sich die Vater von Abdera, in eilfertigem, aber friedsamen Gewimmel, vom Rathause; zu grosser Verwunderung der Eierweiber und Obsthandlerinnen, welche kurz zuvor die Wande der Ratsstube von echtem thracischem Geschrei widerhallen gehort hatten.

Alles dies hatte man dir zu danken, wohltatiger Stundenrufer! Ohne deine gluckliche Dazwischenkunft wurde wahrscheinlicher Weise der Zank der Ratsherren und Zunftmeister, gleich dem Zorn des Achilles (so lacherlich auch seine Veranlassung war), in ein Feuer ausgebrochen sein, welches die schrecklichste Zerruttung, wo nicht gar den Umsturz der Republik Abdera hatte verursachen konnen. Wenn jemals ein Abderit mit einer offentlichen Ehrensaule belohnt zu werden verdient hatte, so war es gewiss dieser Stundenrufer! Zwar muss man gestehen, der grosse Dienst, den er in diesem Augenblicke seiner Vaterstadt leistete, verliert seine ganze Verdienstlichkeit durch den einzigen Umstand, dass er nur zufalliger Weise nutzlich wurde. Denn der ehrliche Mann dachte, da er zur gesetzten Zeit maschinenmassig Zwolfe rief, an nichts weniger als an die unabsehbaren Ubel, die er dadurch von dem gemeinen Wesen abwendete. Aber dagegen muss man auch bedenken, dass seit undenklichen Zeiten kein Abderite sich auf andre Weise um sein Vaterland verdient gemacht hatte. Wenn es sich daher zutrug, dass sie etwas verrichteten, das durch irgend einen glucklichen Zufall der Stadt nutzlich wurde, so dankten sie den Gottern dafur; denn sie fuhlten wohl, dass sie als blosse Werkzeuge oder gelegentliche Ursachen mitgewirkt hatten. Indessen liessen sie sich doch das Verdienst des Zufalls so gut bezahlen, als ob es ihr eigenes gewesen ware; oder richtiger zu reden: eben weil sie sich keines eignen Verdiensts dabei bewusst waren, liessen sie sich das Gute, was der Zufall unter ihrem Namen tat, auf eben den Fuss bezahlen, wie ein Mauleseltreiber den taglichen Verdienst seines Esels einzieht.

Es versteht sich, dass die Rede hier bloss von Archonten, Ratsherren und Zunftmeistern ist. Denn der ehrliche Stundenrufer mochte sich Verdienste um die Republik machen so viel oder so wenig er wollte; er bekam seine sechs Pfennige des Tags in guter abderitischer Munze, und Gott befohlen!

Drittes Buch

oder

Euripides unter den Abderiten

Erstes Kapitel

Die Abderiten machen sich fertig,

in die Komodie zu gehen

Es war bei den Ratsherren von Abdera eine alte hergebrachte Gewohnheit und Sitte, die bei dem Rat verhandelten Materien unmittelbar darauf bei Tische (es sei nun dass sie Gesellschaft hatten, oder mit ihrer Familie allein speiseten) zu recapitulieren und zu einer reichen Quelle entweder von witzigen Einfallen und spasshaften Anmerkungen, oder von patriotischen Stossseufzern, Klagen, Wunschen, Traumen, Aussichten u.d.gl. zu machen; zumal wenn etwa in dem abgefassten Ratsschluss die Verschwiegenheit ausdrucklich empfohlen worden war. Aber diesesmal wiewohl das Abenteuer der Abderiten mit dem Fursten der Arzte sonderbar genug war, um einen Platz in den Jahrbuchern ihrer Republik zu verdienen wurde an allen Tafeln, wo ein Ratsherr oder Zunftmeister obenan sass, des Hippokrates und Demokritus eben so wenig der Welt gewesen waren. In diesem Stucke hatten die Abderiten einen ganz besondern Public-Spirit, und ein feineres Gefuhl, als man ihnen in Betracht ihres gewohnlichen Eigendunkels hatte zutrauen sollen. In der Tat konnte ihre Geschichte mit dem Hippokrates, man hatte sie wenden und colorieren mogen wie man gewollt hatte, auf keine Art, die ihnen Ehre machte, erzahlt werden. Das Sicherste war also, die Sache auf sich beruhen zu lassen, und zu schweigen.

Die heutige Komodie machte also diesmal, wie gewohnlich, den Hauptgegenstand der Unterhaltung aus. Denn seitdem sich die Abderiten, nach dem Beispiel ihres grossen Musters, der Athenienser, mit einem eignen Theater versehen hatten, wurde in Gesellschaften, so bald die ubrigen Gemeinplatze Wetter, Putz, Stadtneuigkeiten und Scandala erschopft waren, unfehlbar entweder von der Komodie, die gestern gespielt worden, oder von der Komodie, die heute gespielt werden sollte, gesprochen und die Herren von Abdera wussten sich, besonders gegen Fremde, nicht wenig damit, dass sie ihren Mitburgern und Mitburgerinnen eine so schone Gelegenheit zu Verfeinerung ihres Witzes und Geschmacks, einen so unerschopflichen Stoff zu unschuldigen Gesprachen in Gesellschaften, und besonders dem schonen Geschlecht ein so herrliches Mittel gegen die Leib und Seele verderbliche Langeweile verschafft hatten.

Wir sagen es nicht um zu tadeln, sondern zum verdienten Lob der Abderiten, dass sie ihr Komodienwesen fur wichtig genug hielten, die Aufsicht daruber einem besondern Ratsausschuss zu ubergeben, dessen Vorsitzer immer der zeitige Nomophylax, folglich einer der obersten Vater des Vaterlandes, war. Dies war unstreitig sehr loblich. Alles, was man mit Recht an dieser Einrichtung aussetzen konnte, war, dass es darum nicht um ein Haar besser mit ihrem Komodienwesen stund. Gleichwohl war dies nicht mehr, als wessen man sich zu Abdera versehen haben wird. Weil nun die Wahl der Stucke von dieser Ratsdeputation abhing, und die Erfindung der Komodienzettel unter die ansehnliche Menge von Erfindungen gehort, die den Vorzug der Neuern vor den Alten ausser allen fernern Widerspruch setzen: so wusste das Publicum ausgenommen wenn ein neues abderitisches Originalstuck aufs Theater gebracht wurde selten vorher, was gespielt werden wurde. Denn wiewohl die Herren von der Deputation eben kein Geheimnis aus der Sache machten: so musste sie doch, ehe sie publik wurde, durch so manchen schiefen Mund, und durch so viele dicke Ohren gehen, dass fast immer ein Quid pro quo herauskam, und die Zuhorer, wenn sie zum Exempel die Antigone des Sophokles erwarteten, die Erigone des Physignathus fur lieb und gut nehmen mussten woran sie es dann auch selten oder nie ermangeln liessen.

Was werden sie uns heute fur ein Stuck geben, war also itzt die allgemeine Frage in Abdera eine Frage, die an sich selbst die unschuldigste Frage von der Welt war, aber durch einen einzigen kleinen Umstand erzabderitisch wurde; namlich, dass die Antwort schlechterdings von keinem praktischen Nutzen sein konnte. Denn die Leute gingen in die Komodie, es mochte ein altes oder neues, gutes oder schlechtes Stuck gespielt werden.

Eigentlich zu reden gab es fur die Abderiten gar keine schlechte Stucke; denn sie nahmen alles fur gut; und eine naturliche Folge dieser unbegrenzten Gutmutigkeit war, dass es fur sie auch keine gute Stucke gab. Schlecht oder gut, was sie amusierte, war ihnen recht, und alles was wie ein Schauspiel aussah, amusierte sie. Jedes Stuck also, so elend es war, und so elend es gespielt worden sein mochte, endigte sich mit einem Geklatsch, das gar nicht aufhoren wollte. Alsdann ertonte auf einmal durchs ganze Parterre ein allgemeines "Wie hat Ihnen das heutige Stuck gefallen?" und wurde stracks durch ein eben so allgemeines "Sehr wohl" beantwortet.

So geneigt auch unsre werten Leser sein mogen, sich nicht leicht uber etwas zu verwundern, was wir ihnen von den Idiotismen unsers thracischen Athens erzahlen konnen: so ist doch dieser eben erwahnte Zug etwas so ganz besonderes, dass wir besorgen mussen, keinen Glauben zu finden, wofern wir ihnen nicht begreiflich machen, wie es zugegangen, dass die Abderiten mit einer so grossen Neigung zu Schauspielen es gleichwohl zu einer so hohen unbeschrankten dramatischen Apathie oder vielmehr Hidypathie bringen konnten, dass ihnen ein elendes Stuck nicht nur kein Leiden verursachte, sondern sogar eben (oder doch beinahe eben) so wohl tat als ein gutes. Man wird uns, wenn wir das Ratsel auflosen sollen, eine kleine Ausschweifung uber das ganze abderitische Theaterwesen erlauben mussen. Wir sehen uns aber genotiget, uns von dem gunstigen und billig denkenden Leser vorher eine kleine Gnade auszubitten, an deren grossmutiger Gewahrung ihm selbst am Ende noch mehr gelegen ist als uns. Und dies ist, sich aller widrigen Eingebungen seines Kakodamons ungeachtet ja nicht einzubilden, als ob hier, unter verdeckten Namen, die Rede von den Theaterdichtern, den Schauspielern, und dem Parterre seiner lieben Vaterstadt die Rede sei. Wir leugnen zwar nicht, dass die ganze Abderitengeschichte in gewissen Betracht einen doppelten Sinn habe; aber ohne den Schlussel zu Aufschliessung des geheimen Sinnes, den unsere Leser von uns selbst erhalten sollen, wurden sie Gefahr laufen, alle Augenblicke falsche Deutungen zu machen. Bis dahin also ersuchen wir Sie

Per genium, dextramque, Deosque Penates,

sich aller unnachbarlichen und unfreundlichen Anwendungen zu enthalten, und alles was folgt, so wie dies ganze Buch, in keiner andern Gemutsverfassung zu lesen, als womit sie irgend eine andre alte oder neue unparteiische Geschichtserzahlung lesen wurden.

Zweites Kapitel

Nahere Nachrichten von dem

abderitischen Nationaltheater

Geschmack der Abderiten

Charakter des Nomophylax Gryllus

Als die Abderiten beschlossen hatten, ein stehendes Theater zu haben, wurde zugleich aus patriotischen Rucksichten festgesetzt, dass es ein Nationaltheater sein sollte. Da nun die Nation, wenigstens dem grossten Teile nach, aus Abderiten bestund: so musste ihr Theater notfolglich ein abderitisches werden. Dies war naturlicherweise die erste und unheilbare Quelle alles Ubels. Der Respect, den die Abderiten fur die heilige Stadt der Minerva, als ihre vermeinte Mutter, trugen, brachte es zwar mit sich, dass die Schauspiele der samtlichen atheniensischen Dichter, nicht weil sie gut waren, (denn das war eben nicht immer der Fall,) sondern weil sie von Athen kamen, in grossem Ansehen bei ihnen stunden. Und Anfangs konnte auch, aus Mangel einer genugsamen Anzahl einheimischer Stucke, beinahe nichts anders gegeben werden. Allein eben deswegen hielt man, sowohl zur Ehre der Stadt und Republik Abdera, als mancherlei anderer Vorteile wegen fur notig, eine Komodien- und Tragodienfabrik in ihrem eigenen Mittel anzulegen, und diese neue poetische Manufactur in welcher abderitischer Witz, abderitische Sentiments, abderitische Sitten und Torheiten als eben so viele rohe Nationalproducte zu eigenem Gebrauch dramatisch verarbeitet werden sollten wie guten weisen Regenten und Patrioten zusteht, auf alle mogliche Art aufzumuntern. Dies auf Kosten des gemeinen Seckels zu bewerkstelligen, ging aus zwo Ursachen nicht wohl an: erstens, weil nicht viel drin war; und zweitens, weil es damals noch nicht Mode war, die Zuschauer bezahlen zu lassen, sondern das Aerarium die Unkosten des Theaters tragen musste, und also ohnedies bei diesem neuen Artikel schon genug auszugeben hatte. Denn an eine neue Auflage auf die Burgerschaft war, vor der Hand, und bis man wusste wie viel Geschmack sie dieser neuen Lustbarkeit abgewinnen wurde, nicht zu gedenken. Es blieb also kein ander Mittel, als die abderitischen Dichter auf Unkosten des Geschmacks gemeiner Stadt aufzumuntern; d.i. alle Waren, die sie gratis liefern wurden, fur gut zu nehmen nach dem alten Spruchwort: geschenktem Gaul sieh nicht ins Maul; oder, wie es die Abderiten gaben: wo man umsonst isst, wird immer gut gekocht. Was Horaz von seiner Zeit in Rom sagt:

Scribimus indocti doctique poemata passim,

galt nun von Abdera im superlativsten Grade. Weil es einem zum Verdienst angerechnet wurde, wenn er ein Schauspiel schrieb, und weil schlechterdings nichts dabei zu wagen war, so machte Tragodien wer Atem genug hatte, ein paar Dutzend zusammengeraffte Gedanken in eben so viel von Bombast strotzende Perioden aufzublasen; und jeder platte Spassmacher versuchte es, die Zwerchfelle der Abderiten, auf denen er sonst in Gesellschaften oder Weinhausern getrommelt hatte, itzt auch einmal vom Theater herab zu bearbeiten.

Diese patriotische Nachsicht gegen die Nationalproducte hatte eine naturliche Folge, die das Ubel zugleich vermehrte und fortdaurend machte. So ein gedankenleeres, windichtes, aufgeblasenes, ungezogenes, unwissendes, und aller Anstrengung unfahiges Volkchen es auch um die jungen Patricier und Damoiseaux von Abdera war, so liess sich doch gar bald einer von ihnen, wir wissen nicht ob von seinem Madchen, oder von seinen Schmarutzern, oder auch von seinem eignen angestammten Dunkel, weis machen, dass es nur an ihm liege, dramatische Epheukranze zu erwerben so gut als ein anderer. Dieser erste Versuch wurde mit einem so glanzenden Erfolg gekront, dass Blemmias (ein Neffe des Archon Onolaus), ein Knabe von 17 Jahren, und (was in der Familie der Onolaus nichts ungewohnliches war,) ein notorisches Ganshaupt, ein unwiderstehliches Jucken in seinen Fingern fuhlte auch ein Bocksspiel zu machen, wie man damals das Ding hiess, dass wir itzt ein Trauerspiel zu schelten pflegen. Niemals seit dem Abdera auf thracischem Boden stund, hatte man ein dummeres Nationalproduct gesehen; aber der Verfasser war ein Neffe des Archon, und so konnt' es ihm nicht fehlen. Der Schauplatz war so voll, dass die jungen Herren den schonen Abderitinnen auf dem Schosse sitzen mussten; die gemeinen Leute standen einander auf den Schultern. Man horte alle funf Acte in unverwandter dummwartender Stille an; man gahnte, seufzte, wischte die Stirne, rieb die Augen, hatte Langeweile, und horte zu; und wie nun endlich das langerseufzte Ende kam, wurde so abscheulich geklatscht, dass etliche zartnervichte Muttersohnchen das Gehor daruber verloren. Nun war's klar, dass es keine so grosse Kunst sein musse, eine Tragodie zu machen, weil sogar der junge Blemmias eine gemacht hatte. Jedermann konnte sich ohne grosse Unbescheidenheit eben so viel zutrauen. Es wurde ein Familienehrenpunkt, dass jedes gute Haus wenigstens mit einem Sohn, Neffen, Schwager oder Vetter musste prangen konnen, der die Nationalschaubuhne mit einer Komodie, oder einem Bocksspiel, oder wenigstens mit einem Singspielchen beschenkt hatte. Wie gross dies Verdienst seinem innern Gehalt nach etwa sei, daran dachte niemand; gutes, mittelmassiges und elendes lief in einer Herde untereinander her. Es bedurfte, um ein schlechtes Stuck zu schutzen, keiner Kabale. Eine Hoflichkeit war der andern wert. Und weil die Herren allerseits Eselsohrchen hatten: so konnte keinem einfallen, dem andern das Auriculas asini Mida rex habet zuzuflustern.

Man kann sich leicht vorstellen, dass die Kunst bei dieser Toleranz nicht viel gewonnen haben werde. Aber was kummerte die Abderiten das Interesse der Kunst? Genug, dass es fur die Ruhe ihrer Stadt und das allerseitige Vergnugen der Interessenten zutraglicher war, dergleichen Dinge friedlich und schiedlich abzutun. "Da kann man sehen, pflegte der Archon Onolaus zu sagen, wie viel drauf ankommt, dass man ein Ding beim rechten Ende nimmt. Das Komodienwesen, das zu Athen alle Augenblicke die garstigsten Handel anrichtet, ist zu Abdera ein Band des allgemeinen guten Vernehmens, und der unschuldigste Zeitvertreib von der Welt. Man geht in die Komodie, man amusiert sich auf die eine oder andere Art, entweder mit Zuhoren oder mit seiner Nachbarin, oder mit Traumen und Schlafen, wie es einem jeden beliebt; dann wird geklatscht, jedermann geht zufrieden nach Hause, und gute Nacht!"

Wir sagten vorhin, die Abderiten hatten sich mit ihrem Theater so viel zu tun gemacht, dass sie in Gesellschaften beinahe von nichts als von der Komodie gesprochen: und so verhielt sichs auch wirklich. Aber wenn sie von Theaterstucken und Vorstellung und Schauspielern sprachen, so geschah es nicht, um etwa zu untersuchen, was daran in der Tat beifallswurdig sein mochte oder nicht. Denn, ob sie sich ein Ding gefallen oder nicht gefallen lassen wollten, das hing, ihrer Meinung nach, lediglich von ihrem freien Willen ab; und, wie gesagt, sie hatten nun einmal eine Art von schweigender Abrede mit einander getroffen, ihre einheimische dramatische Manufacturen aufzumuntern. "Man sieht doch recht augenscheinlich (sagten sie), was es auf sich hat, wenn die Kunste an einem Orte aufgemuntert werden. Noch vor zwanzig Jahren hatten wir kaum zween oder drei Poeten, von denen, ausser etwa an Geburtstagen oder Hochzeiten, kein Mensch Notiz nahm: itzt, seit den zehn bis zwolf Jahren, dass wir ein eignes Theater haben, konnen wir schon uber Stucke, gross und klein in einander gerechnet, aufweisen, die alle auf abderitischem Grund und Boden gewachsen sind."

Wenn sie also von ihren Schauspielen schwatzten, so war es nur, um einander zu fragen, ob z.E. das gestrige Stuck nicht schon gewesen sei' und einander zu antworten, ja es sei sehr schon gewesen und was die Actrice, welche die Iphigenia oder Andromacha vorgestellt (denn zu Abdera wurden die weiblichen Rollen von wirklichen Frauenzimmern gemacht, und das war eben nicht so abderitisch), fur ein schones neues Kleid angehabt? Und das gab dann Gelegenheit zu tausend kleinen interessanten Anmerkungen, Reden und Gegenreden, uber den Putz, die Stimme, den Anstand, den Gang, das Tragen des Kopfs und der Arme, und zwanzig andre Dinge dieser Art, an den Schauspielern und Schauspielerinnen. Mitunter sprach man auch wohl von dem Stucke selbst, sowohl von der Musik als von den Worten (wie sie die Poesie davon nannten), d.i. ein jedes sagte, was ihm am besten oder wenigsten gefallen hatte; man hob die vorzuglich ruhrenden und erhabnen Stellen aus; tadelte auch wohl hier und da einen Ausdruck, ein allzuniedriges Wort, oder ein Sentiment, das man ubertrieben oder anstossig fand. Aber immer endigte sich die Kritik mit dem ewigen abderitischen Refrein: es bleibt doch immer ein schones Stuck und hat viel Moral in sich, schone Moral! pflegte der kurze dicke Ratsherr hinzuzusetzen und immer traf sichs zu, dass die Stucke, die er ihrer schonen Moral wegen selig pries, gerade die elendesten waren.

Man wird vielleicht denken: da die besondern Ursachen, die man zu Abdera gehabt, alle einheimische Stucke ohne Rucksicht auf Verdienst und Wurdigkeit aufzumuntern, bei auswartigen nicht statt gefunden, so hatte doch wenigstens die grosse Verschiedenheit der atheniensischen Schauspieldichter, und der Abstand eines Astydamas von einem Sophokles etwas dazu beitragen sollen, ihren Geschmack zu bilden, und ihnen den Unterschied zwischen gut und schlecht, vortrefflich und mittelmassig, besonders den machtigen Unterschied zwischen naturlichem Beruf und blosser Pratension und Nachafferei, zwischen dem muntern, gleichen, aushaltenden Gang des wahren Meisters, und dem Stelzenschritt oder dem Nachkeuchen, Nachhinken und Nachkriechen der Nachahmer anschaulich zu machen. Aber, furs erste, ist der Geschmack eine Sache, die sich ohne naturliche Anlage, ohne eine gewisse Feinheit des Seelenorgans, womit man schmecken soll, durch keine Kunst noch Bildung erlangen lasst; und wir haben gleich zu Anfang dieser Geschichte schon bemerkt, dass die Natur den Abderiten diese Anlage ganz versagt zu haben schien. Ihnen schmeckte Alles. Man fand auf ihren Tischen die Meisterstucke des Genies und Witzes mit den Producten der schalsten Kopfe, den Taglohnerarbeiten der elendesten Pfuscher, unter einander liegen. Man konnte ihnen in solchen Dingen weis machen was man wollte; und es war nichts leichter, als einem Abderiten die erhabenste Ode von Pindar fur den ersten Versuch eines Anfangers, und umgekehrt das sinnloseste Geschmier, wenn es nur den Zuschnitt eines Gesangs in Strophen und Antistrophen hatte, fur ein Werk von Pindar zu geben. Daher war bei einem jeden neuen Stucke, das ihnen zu Gesicht kam, immer ihre erste Frage: von wem, und man hatte hundert Beispiele, dass sie gegen das vortrefflichste Werk gleichgultig geblieben waren, bis sie erfahren hatten, dass es einem beruhmten Namen zugehore.

Dazu kam noch der Umstand, dass der Nomophylax Gryllus, Cyniskus Sohn, der an der Errichtung des abderitischen Nationaltheaters den meisten Anteil gehabt hatte, und der Oberaufseher uber ihr ganzes Schauspielwesen war, Anspruch machte, ein grosser Musikverstandiger und der erste Componist seiner Zeit zu sein ein Anspruch, wogegen die gefalligen Abderiten um so weniger einzuwenden hatten, weil er ein sehr popularer Herr war, und weil seine ganze Compositionskunst in einer kleinen Anzahl melodischer Formen oder Leisten bestund, welche zu allen Arten von Texten passen mussten, und daher nichts leichter war, als seine Melodien zu singen und auswendig zu lernen.

Die Eigenschaft, auf die sich Herr Gryllus am meisten zu gut tat, war seine Behendigkeit im Componieren. "Nun wie gefallt Ihnen meine Iphigenia, Hekuba, Alcestis, oder was es sonsten war, he?" O, ganz vortrefflich, Herr Nomophylax! "Gelt! da ist doch ein reiner Satz! fliessende Melodie! ha, ha, ha! Und wie lange denken Sie dass ich daran gemacht habe? Zahlen Sie nach! Heute haben wir den 13 ten Den vierten Morgens um 5 Uhr Sie wissen ich bin fruh setzt' ich mich an mein Pult und fing an und gestern punct 10 Uhr Vormittags macht' ich den letzten Strich! Nun zahlen Sie nach, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, macht, wie Sie sehen, nicht volle 9 Tage, und darunter 2 Ratstage, und zwei oder drei wo ich zu Gaste gebeten war; andre Geschafte nicht gerechnet Hm! was sagen Sie? Heisst das nicht fix gearbeitet? Ich sag es eben nicht um mich zu ruhmen; aber das getraue ich mir, wenns eine Wette galte, dass mir kein Componist im ganzen europaischen und asiatischen Griechenland balder mit einem Stucke fertig werden soll als ich! Es ist nichts! Aber es ist doch so eine eigne Gabe die ich habe, ha, ha, ha!" Wir hoffen unsre Leser sehen den Mann nun vor sich, und wenn sie einige Anlage zur Musik haben, so muss ihnen sein, sie hatten ihm bereits seine ganze Iphigenia, Hekuba und Alcestis herunterorgeln gehort.

Nun hatte dieser grosse Mann noch nebenher die kleine Schwachheit, dass er keine Musik gut finden konnte als seine eigene. Keiner von den besten Componisten zu Athen, Theben, Korinth u.s.w. konnt' es ihm zu Dank machen. Den beruhmten Damon selbst, dessen gefallige, geistreiche und immer zum Herzen sprechende Art zu componieren, ausserhalb Abdera, alles, was eine Seele hatte, bezauberte, nannte er unter seinen Vertrauten nur den Bankelsangercomponisten. Bei dieser Art zu denken, und vermoge der unendlichen Leichtigkeit, womit er seinen musikalischen Laich von sich gab, hatte er nun binnen wenig Jahren zu mehr als 60 Stucken von beruhmten und unberuhmten atheniensischen Schauspieldichtern die Musik gemacht denn die abderitischen Nationalproducte uberliess er meistens seinen Schulern und Nachahmern, und begnugte sich bloss mit der Revision ihrer Arbeit. Freilich fiel seine Wahl, wie man denken kann, nicht immer auf die besten Stucke; die Halfte wenigstens waren bombastische Carricaturnachahmungen des Aeschylus, oder abgeschmackte Possenspiele, Jahrmarktstucke, die von ihren Verfassern selbst bloss fur die Belustigung des untersten Pobels bestimmt waren. Aber genug, der Nomophylax, ein Haupt der Stadt, hatte sie componiert; sie wurden also unendlich beklatscht und wenn sie denn auch bei der oftern Wiederholung mitunter gahnen und hojahnen machten, dass die Kinnladen hatten auseinander gehen mogen, so versicherte man einander doch beim Herausgehen sehr trostlich: es sei gar ein schones Stuck und gar eine schone Musik gewesen!

Und so vereinigte sich denn alles nicht nur gegen die Arten und Stufen des Schonen, sondern gegen den innern unterschied des Vortrefflichen und Schlechten selbst, bei diesen griechenzenden Thraciern, jene mechanische Kaltsinnigkeit hervorzubringen, wodurch sie sich als durch einen festen Nationalcharakterzug von allen ubrigen policierten Volkern des Erdhodens auszeichneten; eine Kaltsinnigkeit, die dadurch desto sonderbarer wurde, weil sie ihnen demungeachtet die Fahigkeit liess, zuweilen von dem wirklich Schonen auf eine gar seltsame Art afficiert zu werden wie man in kurzem aus einem merkwurdigen Beispiel ersehen soll.

Drittes Kapitel

Beitrage zur abderitischen Litterargeschichte

Nachrichten von ihren ersten theatralischen

Dichtern, Hyperbolus, Paraspasmus, Antiphilus und

Thlaps

Bei aller dieser anscheinenden Gleichgultigkeit, Toleranz, Apathie, Hidypathie, oder wie man's nehmen will, mussen wir uns die Abderiten gleichwohl nicht als Leute ohne allen Geschmack einbilden. Denn ihre funf Sinnen hatten sie richtig und vollgezahlt; und wiewohl ihnen, unter den angegebnen Umstanden, Alles gut genug schmeckte: so deuchte sie doch, dieses oder jenes schmecke ihnen besser als ein andres; und so hatten sie denn ihre Lieblingsstucke und Lieblingsdichter so gut als andre Leute. Damals, als ihnen der kleine Verdruss mit dem Arzt Hippokrates zustiess, waren unter einer ziemlichen Anzahl von Theaterdichtern, welche Handwerk davon machten die Freiwilligen nicht gerechnet vornehmlich zween im Besitz der hochsten Gunst des abderitischen Publicums. Der eine machte Tragodien und eine Art Stucke, die man itzt komische Opern nennt; der andere, Namens Thlaps, eine Art von Mitteldingen, wobei einem weder wohl noch weh geschah, wovon er der erste Erfinder war, und die deswegen nach seinem Namen Thlapsodien genennet wurden.

Der erste war eben der Hyperbolus, dessen schon zu Anfang dieser eben so wahrhaften als wahrscheinlichen Geschichte als des beruhmtesten unter den abderitischen Dichtern erwahnt worden ist. Er hatte sich zwar auch in den ubrigen Gattungen hervorgetan; die ausserordentliche Parteilichkeit seiner Landsleute fur ihn hatte ihm in allen den Preis zuerkannt; und eben dieser Vorzug erwarb ihm den hochtrabenden Zunamen Hyperbolus: denn von Haus aus nannte er sich Hegesias. Der Grund, warum dieser Mensch ein so besonderes Gluck bei den Abderiten machte, war der naturlichste von der Welt namlich eben der, weswegen er und seine Werke an jedem andern Orte der Welt als in Abdera ausgepfiffen worden waren. Er war unter allen ihren Dichtern derjenige, in welchem der eigentliche Geist von Abdera, mit allen seinen Idiotismen und Abweichungen von den schonern Formen, Proportionen und Lineamenten der Menschheit, am leibhaftesten wohnte derjenige, mit dem alle ubrigen am meisten sympathisierten der immer alles just so machte, wie sie es auch gemacht haben wurden ihnen immer das Wort aus dem Munde nahm immer das eigentliche Punktchen traf, wo sie gekutzelt sein wollten mit einem Wort, der Dichter nach ihrem Sinn und Herzen; und das nicht etwa in Kraft eines ausserordentlichen Scharfsinns, oder als ob er sich ein besonderes Studium daraus gemacht hatte, sondern lediglich, weil er unter allen seinen Brudern im Marsyas am meisten Abderit war. Bei ihm durfte man sich darauf verlassen, dass der Gesichtspunkt, woraus er eine Sache ansah, immer der schiefste war, woraus sie angesehen werden konnte; dass er zwischen zwei Dingen allemal die Ahnlichkeit just fand, wo ihr wesentlichster Unterschied lag; dass er je und allezeit feierlich aussehen wurde, wo ein vernunftiger Mensch lacht, und lachen wurde, wo es nur einem Abderiten einfallen kann zu lachen, u.s.w. Ein Mann, der des abderitischen Genius so voll war, konnte naturlicher Weise in Abdera alles sein, was er wollte. Auch war er ihr Anakreon, ihr Alcaus, ihr Pindar, ihr Aeschylus, ihr Aristophanes, und seit kurzem arbeitete er an einem grossen Nationalheldengedicht in acht und vierzig Gesangen, die Abderiade genannt zu grosser Freude des ganzen abderitischen Volks! "Denn, sagten sie, ein Homer ist das einzige, was uns noch abgeht: und wenn Hyperbolus mit seiner Abderiade fertig sein wird, so haben wir Ilias und Odyssee in einem Stucke beisammen; und dann lass die andern Griechen kommen, und uns noch uber die Achseln ansehen, wenn sie das Herz haben! Sie sollen uns dann einen Mann stellen, dem wir nicht einen aus unserm Mittel gegenuber stellen wollen!"

Indessen war doch die Tragodie das eigentliche Fach des Hyperbolus. Er hatte deren hundert und zwanzig (vermutlich auch gross und klein in einander gerechnet) verfertiget ein Umstand, der ihm bei einem Volke, das in allen Dingen nur auf Anzahl und korperlichen Umfang sah, allein schon einen ausserordentlichen Vorzug geben musste. Denn von allen seinen Nebenbuhlern hatte es keiner auch nur auf das Drittel dieser Zahl bringen konnen. Ungeachtet ihn die Abderiten wegen des Bombasts seiner Schreibart ihren Aeschylus zu nennen pflegten, so wusste er sich selbst doch nicht wenig mit seiner Originalitat. Man weise mir, sprach er, einen Charakter, einen Gedanken, ein Sentiment, einen Ausdruck, in allen meinen Werken, den ich aus einem andern genommen hatte! oder aus der Natur, setzte Demokritus hinzu "O! (rief Hyperbolus) was das betrifft, das kann ich Ihnen zugeben, ohne dass ich viel dabei verliere. Natur! Natur! die Herren klappern immer mit ihrer Natur, und wissen am Ende nicht was sie wollen. Die gemeine Natur und die meinen Sie doch gehort in die Komodie, ins Possenspiel, in die Thlapsodie, wenn Sie wollen! Aber die Tragodie muss uber die Natur gehen, oder ich gebe nicht eine hohle Nuss darum." Von den seinigen galt dies im vollesten Mass. So wie seine Personen hatte nie kein Mensch ausgesehen, nie kein Mensch gefuhlt, gedacht, gesprochen noch gehandelt. Aber das wollten die Abderiten eben und daher kam es auch, dass sie unter allen auswartigen Dichtern am wenigsten aus dem Sophokles machten. "Wenn ich aufrichtig sagen soll, wie ich denke", sagte einst Hyperbolus in einer vornehmen Gesellschaft, wo uber diese Materie auf gut Abderitisch raisonniert wurde "ich habe nie begreifen konnen, was an dem Oedipus oder an der Elektra des Sophokles, insonderheit was an seinem Philoktet so ausserordentliches sein soll: Fur einen Nachfolger eines so erhabnen Dichters wie Aeschylus, fallt er wahrlich gewaltig ab! Nun ja, attische Urbanitat, die streit' ich ihm nicht ab! Urbanitat so viel Sie wollen! Aber der Feuerstrom, die wetterleuchtenden Gedanken, die Donnerschlage, der hinreissende Wirbelwind kurz, die Riesenstarke, der Adlersflug, der Lowengrimm, der Sturm und Drang, der den wahren tragischen Dichter macht, wo ist der?" Das nenn' ich wie ein Meister von der Sache sprechen, sagte einer von der Gesellschaft O! uber solche Dinge verlassen Sie sich auf das Urteil des Hyperbolus (rief ein andrer); wenn er das nicht verstehen sollte! Er hat 120 Tragodien gemacht, flusterte eine Abderitin einem Fremden ins Ohr; 's ist der erste Theaterdichter von Abdera!

Indessen hatte es doch unter allen seinen Nebenbuhlern, Schulern und Caudatarien ihrer zweenen gegluckt, ihn auf dem tragischen Thron, auf den ihm der allgemeine Beifall hinauf geschwungen, wanken zu machen Dem einen durch ein Stuck, worin der Held gleich in der ersten Scene des ersten Acts seinen Vater ermordet, im zweiten seine leibliche Schwester heiratet, im dritten entdeckt, dass er sie mit seiner Mutter gezeugt hatte, im vierten sich selber Ohren und Nase abschneidet, und im funften, nachdem er die Mutter vergiftet und die Schwester erdrosselt, von den Furien unter Blitz und Donner in die Holle geholt wird Dem andern durch eine Niobe, worin ausser einer Menge ! ! , ! , , und , und einigen Blasphemien, wobei den Zuhorern die Haare zu Berge standen, das ganze Stuck in lauter Action und Pantomime gesetzt war. Beide Stucke hatten den erstaunlichsten Effect gemacht. Nie waren binnen drei Stunden so viele Schnupftucher voll geweint worden, seit ein Abdera in der Welt war. Nein, es ist nicht zum Aushalten, schluchzten die schonen Abderitinnen Der arme Prinz! wie er heulte! wie er sich herumwalzte! Und die Rede, die er hielt, da er sich die Nase abgeschnitten hatte, rief eine andere und die Furien, die Furien, schrie eine dritte ich konnte vier Wochen lang kein Auge vor ihnen zutun Es war schrecklich, ich muss es gestehen, sagte die vierte; aber, o! die Niobe! wie sie mitten unter ihren ubereinander hergewalzten Kindern dasteht, sich die Haare ausrauft, sie uber die dampfenden Leichen hinstreut, dann sich selbst auf sie hinwirft, sie wieder beleben mochte, dann in Verzweiflung wieder auffahrt, die Augen wie feurige Rader im Kopf herumrollt, dann mit ihren eigenen Nageln sich die Brust aufreisst, und Hande voll Bluts unter entsetzlichen Verwunschungen Himmel wirft Nein, so was ruhrendes muss nie gesehen worden sein! Was das fur ein Mann sein muss, der Paraspasmus, der Starke genug hatte, so eine Scene aufs Theater zu bringen! Nun, was die Starke anbetrifft, sagte die schone Salabanda, darauf lasst sich eben nicht immer so sicher schliessen. Ich zweifle, ob Paraspasmus alles halten wurde, was er zu versprechen scheint; grosse Prahler, schlechte Fechter. Man kannte die schone Salabanda fur eine Frau, die so was nicht ohne guten Grund sagte Dieser einzige Umstand brachte so viel zuwege, dass die Niobe des Paraspasmus bei der zweiten Vorstellung nicht mehr die Halfte der vorigen Wirkung tat; und der Dichter selbst konnte sich in der Folge nicht wieder von dem Schlag erholen, den ihm Salabanda durch ein einziges Wort in der Einbildungskraft der Abderitinnen gegeben hatte.

Indessen blieb ihm und seinem Freunde Antiphilus doch immer die Ehre, der Tragodie zu Abdera einen neuen Schwung gegeben zu haben, und die Erfinder zwoer neuer Gattungen, der grissgrammischen, und der pantomimischen, zu sein, in welchen den abderitischen Dichtern eine Laufbahn eroffnet wurde, wo es um so viel sichrer war, Lorbeern einzuernten, da im Grunde nichts leichters ist als Kinder zu erschrekken, und seine Helden vor lauter Affect gar nichts sagen zu lassen.

Wie aber die menschliche Unbestandigkeit sich auch an dem, was in seiner Neuheit noch so angenehm ist, gar bald ersattiget, so fingen auch die Abderiten bereits an, es uberdrussig zu werden, immer und alle Tage gar schon zu finden, was ihnen in der Tat schon lange gar wenig Vergnugen machte: als ein junger Dichter, Namens Thlaps, auf den Einfall kam, Stucke aufs Theater zu bringen, die weder Komodie noch Tragodie noch Posse, sondern eine Art von lebendigen abderitischen Familiengemalden waren; wo weder Helden noch Narren, sondern gute ehrliche hausgebackne Abderiten auftreten, ihren taglichen Stadt-, Markt-, Haus- und Familiengeschaften nachgehen, und vor einem loblichen Spectatorium gerade so handeln und sprechen sollten, als ob sie auf der Buhne zu Hause waren, und es sonst keine Leute in der Welt gabe als sie. Man sieht, dass dies ungefahr die namliche Gattung war, wodurch sich Menander in der Folge so viel Ruhm erwarb. Der Unterschied bestand bloss darin: dass er Athenienser und jener Abderiten auf die Buhne brachte; und dass er Menander, und jener Thlaps war. Allein da dieser Unterschied den Abderiten nichts vorschlug, oder vielmehr gerade zu Thlapsens Vorteil gereichte: so wurde sein erstes Stuck52 in dieser Gattung mit einem Entzucken aufgenommen, wovon man noch kein Beispiel gesehen hatte. Die ehrlichen Abderiten sahen sich selbst zum erstenmal auf der Schaubuhne in puris Naturalibus, ohne Carricatur, ohne Stelzen, ohne Lowenhaute, Keulen, Scepter und Diademe, in ihren gewohnlichen Hauskleidern, ihre gewohnliche Sprache redend, nach ihrer angebornen eigentumlichen abderitischen Art und Weise leiben und leben, essen und trinken, freien und sich freien lassen, u.s.w. und das war eben was ihnen so viel Vergnugen machte. Es ging ihnen wie einem jungen Madchen, das sich zum erstenmal in einem Spiegel sehen wurde; sie konnten's gar nicht genug kriegen. Die vierfache Braut wurde vierzehnmal hinter einander gespielt, und eine lange Zeit wollten die Abderiten nichts als Thlapsodien sehen. Thlaps, dem es nicht so fix von der Faust ging als dem grossen Hyperbolus und dem Nomophylax Gryllus, konnte deren nicht genug fertig kriegen. Aber da er seinen Mitbrudern einmal den Ton angegeben hatte, so fehlte es ihm nicht an Nachahmern. Alles legte sich auf die neue Gattung; und in weniger als drei Jahren waren alle mogliche Sujets und Titel von Thlapsodien so erschopft, dass es wirklich ein Jammer war, die Not der armen Dichter zu sehen, wie sie druckten und schwitzten, um aus dem Schwamme, den schon so viele vor ihnen ausgedruckt hatten, noch einen Tropfen trubes Wasser herauszupressen.

Die naturliche Folge davon war, dass unvermerkt alle Dinge wieder ins gehorige Gleichgewicht kamen. Die Abderiten, die, nach ziemlich allgemeiner menschlicher Weise, Anfangs fur jede Gattung eine ausschliessende Neigung fassten, fanden endlich, dass es nur desto besser sei, wenn sie dem Uberdruss durch Abwechslung und Mannigfaltigkeit wehren konnten. Die Tragodien, gemeine, grissgrammische und pantomimische, die Komodien, Operetten und Possenspiele kamen wieder in Umlauf; der Nomophylax componierte die Tragodien des Euripides; und Hyperbolus (zumal da ihn das Project, abderitischer Homer zu werden, im Kopfe stak,) liess sichs, weil's doch nicht zu andern war, am Ende gerne gefallen, die hochste Gunst des abderitischen Parterre mit Thlapsen zu teilen; zumal, da dieser durch die Heirat mit der Nichte eines Oberzunftmeisters seit kurzem eine wichtige Person geworden war.

Viertes Kapitel

Merkwurdiges Beispiel von der guten

Staatswirtschaft der Abderiten

Beschluss der Digression uber ihr Theaterwesen

Ehe wir von dieser Abschweifung zum Verfolg unsrer Geschichte zuruckkehren, mochte vonnoten sein, dem geneigten Leser einen kleinen Zweifel zu benehmen, der ihm wahrend vorstehender kurzen Abschattung des abderitischen Schauspielwesens aufgestossen sein mochte.

Es ist nicht wohl zu begreifen, wird man sagen, wie das Aerarium von Abdera, dessen Einkunfte eben nicht so gar betrachtlich sein konnten, eine so ansehnliche Nebenausgabe, wie ein tagliches Schauspiel mit allen seinen Artikeln ist, in die Lange habe bestreiten konnen; gesetzt auch, dass die Dichter ohne Sold noch Lohn, aus purem Patriotismus, oder um die blosse Ehre, gedient hatten. Wofern aber dies letztere war, wird man kaum glaublich finden, dass es so manchen Theaterdichter von Profession in Abdera gegeben, und dass der grosse Hyperbolus, mit allem seinem Patriotismus und Eigennutz, es bis auf dramatische Stucke sollte getrieben haben.

Um nun den gunstigen Leser nicht ohne Not aufzuhalten, wollen wir ihm nur gleich unverhohlen gestehen dass ihre Theaterdichter keineswegs umsonst arbeiteten (denn das grosse Gesetz: "dem Ochsen, der da drischt, sollst du nicht das Maul verbinden!" ist ein Naturgesetz, dessen allgemeine Verbindlichkeit auch sogar die Abderiten fuhlten), und dass, vermoge einer besondern Finanzoperation, das Stadtararium durch das Theater eigentlich keine neue Ausgabe zu bestreiten hatte, sondern dieser Aufwand grosstenteils an andern notigern und nutzlichern Artikeln erspart wurde.

Die Sache verhielt sich so. So bald die Gonner des Theaters sahen, dass die Abderiten Feuer gefasst, und Schauspiele zum Bedurfnis fur sie geworden, ermangelten sie nicht, dem Volk durch die Zunftmeister vorstellen zu lassen: dass das Aerarium einem so grossen Zuwachs von Ausgaben ohne neue Einnahmequellen oder Erziehung andrer Ausgaben nicht gewachsen sei. Dies veranlasste denn, dass eine Commission niedergesetzt wurde, welche, nach mehr als sechzig zahlbaren Sessionen, endlich einen Entwurf einer Einrichtung des gemeinen abderitischen Theaterwesens vor Rat legte, den man so grundlich und wohlausgesonnen befand, dass er stracks in einer allgemeinen Versammlung der Burgerschaft zu einem Fundamentalgesetz der Stadt Abdera gestempelt wurde.

Wir wurden uns ein Vergnugen daraus machen, dieses abderitische Meisterstuck auch vor unsre Leser zu legen, wenn wir ihnen Geduld genug zutrauen durften, es zu lesen. Sollte aber irgend ein gemeines Wesen in oder ausser dem heil. rom. Reiche die Mitteilung desselben wunschen: so ist man erbotig, solche auf beschehene Requisition, gegen blosse Erstattung der Schreibauslagen unentgeltlich zu communicieren. Alles, was wir hier davon sagen konnen, ist: dass, vermoge dieser Einrichtung, sine aggravio Publici hinlangliche Fonds ausgemacht wurden, die Abderiten wochentlich viermal mit Schauspielen zu tractieren; sowohl Dichter, Schauspieler und Orchester, als die Herren Deputierten und den Nomophylax condigne zu remunerieren; und uberdies noch die beiden untersten Classen der Zuschauer bei jeder Vorstellung viritim mit einem Pfennigbrot und zwo trocknen Feigen zu gratificieren. Der einzige Fehler dieser schonen Einrichtung war, dass die Herren von der Commission sich in Berechnung der Einnahme und Ausgabe (wegen deren Richtigkeit man sich auf ihre bekannte Dexteritat verliess) um 28000 Drachmen (ungefahr dritthalb tausend Taler unsers Geldes) verrechnet hatten, die das Aerarium mehr bezahlen musste, als die angewiesenen Fonds betrugen. Das war nun freilich kein ganz gleichgultiger Rechnungsverstoss! Indessen waren die Herren von Abdera gewohnt, so glattweg und bona fide bei ihrem Aerario zu Werke zu gehen, dass etliche Jahre verstrichen, bis man gewahr wurde, woran es liege, dass alle Jahre 2500 Taler in ihrem Stadtseckel zu wenig waren. Wie man es endlich mit vieler Muhe heraus gebracht hatte, fanden die Haupter fur notig, die Sache vor das gesamte Volk zu bringen, und pro forma auf Einziehung der Schaubuhne anzutragen. Allein die Abderiten gebardeten sich zu diesem Vorschlag, als ob man ihnen Wasser und Feuer nehmen wolle. Kurz, es wurde ein Plebiscitum errichtet, dass die jahrlich abgangigen dritthalb Talente aus dem gemeinen Schatz, der im Tempel der Latona niedergelegt war, genommen werden sollten; und derjenige, der sich kunftig unterfangen wurde, auf Abschaffung der Schaubuhne anzutragen, sollte fur einen Feind der Stadt Abdera angesehen werden.

Die Abderiten glaubten nun, ihre Sache recht klug gemacht zu haben, und pflegten gegen Fremde sich viel darauf zu gut zu tun, dass ihre Schaubuhne jahrlich 80 Talente (80,000 Taler) und gleichwohl der Burgerschaft von Abdera keinen Heller koste. "Es kommt alles auf eine gute Einrichtung an, sagten sie. Aber dafur haben wir auch ein Nationaltheater, wie kein andres in der Welt sein muss!" Das ist eine grosse Wahrheit, sagte Demokritus; solche Dichter, solche Schauspieler, solche Musik, und wochentlich viermal, fur 80 Talente! Ich wenigstens habe das an keinem andern Ort in der Welt angetroffen.

Was man ihnen lassen musste, war, dass ihr Theater fur eines der prachtigsten in Griechenland gelten konnte. Freilich hatten sie dem Konige von Macedonien ihr bestes Amt versetzt, um es bauen zu konnen. Aber da ihnen der Konig zugestanden, dass der Amtmann, der Amtsschreiber und der Rentmeister allezeit Abderiten bleiben sollten, so konnte ja niemand was dagegen einzuwenden haben.

Wir bittens den Lesern ab, wenn Sie mit dieser allgemeinen Nachricht von dem abderitischen Theaterwesen zu lange aufgehalten worden sind. Es hat nun 6 Uhr geschlagen, und wir versetzen uns also, ohne weiters, in das Amphitheater dieser preiswurdigen Republik, wo die geneigten Leser nach Gefallen, entweder bei dem kleinen dicken Ratsherrn, oder bei dem Priester Strobylus, oder bei dem Schwatzer Antistrepsiades, oder bei irgend einer von den schonen Abderitinnen, mit welchen wir sie in den vorigen Kapiteln bekannt gemacht haben, Platz zu nehmen belieben werden.

Funftes Kapitel

Die Andromede des Euripides wird aufgefuhrt

Grosser Success des Nomophylax, und was die

Sangerin Eukolpis dazu beigetragen

Ein paar Anmerkungen uber die ubrigen

Schauspieler, die Chore und die Decoration

Das Stuck, das diesen Abend gespielt wurde, war die Andromede des Euripides: eines von den 60 oder 70 Werken dieses Dichters, wovon nur wenige kleine Spane und Splitter der Vernichtung entronnen sind. Die Abderiten trugen, ohne eben sehr zu wissen warum, grosse Ehrerbietung fur den Namen Euripides und alles was diesen Namen trug. Verschiedne seiner Tragodien, oder Singspiele (wie wir sie eigentlich nennen sollten), waren schon ofters aufgefuhrt, und allemal sehr schon gefunden worden. Die Andromede, eines der neuesten, wurde itzt zum erstenmal auf die abderitische Schaubuhne gebracht. Der Nomophylax hatte die Musik dazu gemacht, und (wie er seinen Freunden ziemlich laut ins Ohr sagte) diesmal sich selbst ubertroffen; das heisst, der Mann hatte sich vorgesetzt, alle sein Kunste auf einmal zu zeigen, und daruber war ihm der gute Euripides unvermerkt ganz aus den Augen gekommen. Kurz, Herr Gryllus hatte sich selbst componiert; unbekummert, ob seine Musik den Text, oder der Text seine Musik zu Unsinn mache welches dann gerade der Punkt war, der auch die Abderiten am wenigsten kummerte. Genug, sie machte grossen Lerm, hatte (wie seine Bruder, Vettern, Schwager, Clienten und Hausbedienten, als samtliche Kenner, versicherten) sehr erhabne und ruhrende Stellen, und wurde mit dem lautsten entschiedensten Beifall aufgenommen. Nicht, als ob nicht sogar in Abdera noch hier und da Leute gesteckt hatten, die weil sie vielleicht etwas dummere Ohren auf die Welt gebracht als ihre Mitburger, oder weil sie anderswo was Bessers gehort haben mochten einander unter vier Augen gestunden: dass der Nomophylax, mit aller seiner Anmassung ein Orpheus zu sein, nur ein Leiermann, und das beste seiner Werke eine Rhapsodie ohne Geschmack, und meistens auch ohne Sinn sei. Diese wenigen hatten sich ehmals sogar erkuhnt, etwas von dieser ihrer Heterodoxie ins Publicum erschallen zu lassen; aber sie waren jedesmal von den Verehrern der gryllischen Muse so ubel empfangen worden, dass sie, um mit heiler Haut davon zu kommen, fur gut befanden, sich in Zeiten den Majoribus zu submittieren; und nun waren diese Herren immer die, die bei den elendesten Stellen am ersten und am lautsten klatschten.

Das Orchester tat diesmal sein Ausserstes, um sich seines Oberhauptes wurdig zu zeigen. "Ich hab' ihnen aber auch alle Hande voll zu tun gegeben", sagte Gryllus, und schien sich viel darauf zu gut zu tun, dass die armen Leute schon im zweiten Act keinen trocknen Faden mehr am Leibe hatten.

Im Vorbeigehen gesagt, das Orchester war eins von den Instituten, worin die Abderiten es mit allen Stadten in der Welt aufnahmen. Das erste, was sie einem Fremden davon sagten, war: dass es hundert und zwanzig Kopfe stark sei. "Das Atheniensische, pflegten sie mit bedeutendem Accent hinzuzusetzen, soll nur 8o haben; aber freilich mit 120 Mann lasst sich auch was ausrichten!" Wirklich fehlte es, unter so vielen, nicht an geschickten Leuten, wenigstens an solchen, aus denen ein Vorsteher wie in Abdera keiner war noch sein konnte, etwas hatte machen konnen. Aber was half das ihrem Musikwesen, Es war nun einmal im Gotterrate beschlossen, dass im thracischen Athen nichts an seinem Platz, nichts seinem Zweck entsprechend, nichts recht und nichts ganz sein sollte. Weil die Leute wenig fur ihre Muhe hatten, so glaubte man auch nicht viel von ihnen fordern zu konnen; und weil man mit einem Jeden zufrieden war, der sein Bestes tat (wie sie's nannten), so tat niemand sein Bestes. Die geschickten wurden lassig, und wer noch auf halbem Wege war, verlor den Mut und zuletzt auch das Vermogen, weiter zu kommen. Wofur hatten sie sich am Ende auch Muhe um Vollkommenheit gehen sollen, da sie fur abderitische Ohren arbeiteten? Freilich hatten die leidigen Fremden auch Ohren; aber sie hatten doch keine Stimme zu geben; fandens auch nicht einmal der Muhe wert, oder waren zu hoflich, oder zu politisch, gegen den Geschmack von Abdera Sturm laufen zu wollen. Der Nomophylax, so dumm er war, merkte zwar selbst so gut als ein Andrer, dass es nicht so recht ging wie es sollte. Aber ausserdem, dass er keinen Geschmack hatte, oder (welches auf eins hinaus lief) dass ihm nichts schmeckte was er nicht selbst gekocht hatte, und er also immer die rechten Mittel, wodurch es besser werden konnte, verfehlte war er auch zu trage und zu ungeschmeidig, sich mit andern auf die gehorige Art abzugeben. Vielleicht mocht' er's auch am Ende wohl leiden, dass er, wenn sein Leierwerk (wie wohl zuweilen geschah) sogar den Abderiten nicht recht zu Ohren gehen wollte, die Schuld aufs Orchester schieben, und die Herren und Damen, die ihm Ehren halben ihr Compliment deswegen machten, versichern konnte: dass nicht eine Note, so wie er sie gedacht und geschrieben habe, vorgetragen worden sei. Allein das war doch immer nur eine Feuerture fur den Notfall. Denn aus dem naserumpfenden Ton, worin er von allen andern Orchestern zu sprechen pflegte, und aus den Verdiensten, die er sich um das abderitische beilegte, musste man schliessen, dass er so gut damit zufrieden war, als es einen patriotischen Nomophylax von Abdera ziemte.

Wie es aber auch mit der Musik dieser Andromeda und ihrer Ausfuhrung beschaffen sein mochte: gewiss ist, dass in langer Zeit kein Stuck so allgemein gefallen hatte. Dem Sanger, der den Perseus machte, wurde so gewaltig zugeklatscht, dass er mitten in der schonsten Scene aus dem Tone kam, und in eine Stelle aus dem Cyklops sich verirrete. Andromeda in der Scene, wo sie, an den Felsen gefesselt, von allen ihren Freunden verlassen, und dem Zorn der Nereiden Preis gegeben, angstvoll das Auftauchen des Ungeheuers erwartet musste ihren Monolog dreimal wiederholen. Der Nomophylax konnte seine Freude uber einen so glanzenden Success nicht bandigen. Er ging von Reihe zu Reihe herum, den Tribut von Lob einzusammeln, der ihm aus allen Lippen entgegenschallte; und mitten unter der Versichrung, dass ihm zu viel Ehre widerfahre, gestand er, dass er selbst mit keinem seiner Spielwerke (wie er seine Opern mit vieler Bescheidenheit zu nennen beliebte) so zufrieden sei, wie mit dieser Andromeda.

Indessen hatt' er doch, um sich selbst und den Abderiten Gerechtigkeit zu erweisen, wenigstens die Halfte des glucklichen Erfolgs auf Rechnung der Sangerin Eukolpis setzen mussen, die zwar ohnehin schon im Besitz zu gefallen war, aber in der Rolle der Andromeda Gelegenheit fand, sich in einem so vorteilhaften Lichte zu zeigen, dass die jungen und alten Herren von Abdera sich gar nicht satt an ihr sehen konnten. Denn da war so viel zu sehen, dass an's Horen gar nicht zu denken war. Eukolpis war eine grosse wohlgedrehte Figur zwar um ein Namhaftes materieller als man in Athen zu einer Schonheit erfoderte aber in diesem Stucke waren die Abderiten, wie in vielen andern, ausgemachte Thracier; und ein Madchen, aus welchem ein Bildhauer in Sicyon zwo gemacht hatte, war nach ihrem angenommenen Ebenmass ein Wunder von einer Nymphenfigur. Da die Andromeda nur sehr dunne angezogen sein durfte, so hatte Eukolpis, die sich stark bewusst war, worin eigentlich die Kraft ihres Zaubers liege, eine Draperie von rosenfarbnem koischem Zeug erfunden, unter welcher, ohne dass der Wohlstand sich allzu sehr beleidigt finden konnte, von den schonen Formen, die man an ihr bewunderte, wenig oder nichts fur die Zuschauer verloren ging. Nun hatte sie gut singen! Die Composition hatte, wo moglich, noch abgeschmackter, und ihr Vortrag noch zehnmal fehlerhafter sein konnen, immer wurde sie ihren Monologen haben wiederholen mussen, weil das doch immer der ehrlichste Vorwand war, sie desto langer mit lusternen Blicken betasten zu konnen. Wahrlich, beim Jupiter, ein herrliches Stuck, sagte einer zum andern mit halbgeschlossnen Augen; ein unvergleichliches Stuck! Aber finden Sie nicht auch, dass Eukolpis heute wie eine Gottin Singt? "O! uber allen Ausdruck! Es ist, beim Anubis! nicht anders als ob Euripides das ganze Stuck bloss um ihrentwillen gemacht hatte!" Der junge Herr, der dies sagte, pflegte immer beim Anubis zu schworen, um zu zeigen, dass er in Aegypten gewesen sei.

Die Damen, wie leicht zu erachten, fanden die neue Andromeda nicht ganz so wundervoll als die Mannsleute. "Nicht ubel! Ganz artig! sagten sie; aber wie kommts, dass die Rollen diesmal so unglucklich ausgeteilt wurden? Das Stuck verlor dadurch. Man hatte die Rollen tauschen und die Mutter der dicken Eukolpis geben sollen! Zu einer Cassiopea hatte sie sich trefflich geschickt." Gegen ihren Anzug, Kopfputz u.s.w. war auch viel zu erinnern Sie war nicht zu ihrem Vorteil aufgesetzt der Gurtel war zu hoch, und zu stark geschurzt und besonders fand man die Ziererei argerlich, immer ihren Fuss zu zeigen, "auf dessen unproportionierte Kleinheit sie sich ein wenig zu viel einbilde" sagten die Damen, die aus dem entgegengesetzten Grunde die ihrigen zu verbergen pflegten. Indessen kamen doch Frauen und Herren samtlich darin uberein, dass sie uberaus schon singe, und dass nichts niedlichers sein konne, als die Arie, worin sie ihr Schicksal bejammerte. Eukolpis, wiewohl ihr Vortrag wenig taugte, hatte eine gute, klingende biegsame Stimme; aber was sie eigentlich zur Lieblingssangerin der Abderiten gemacht hatte, war die Muhe, die sie sich mit ziemlichem Erfolge gegeben, den Nachtigallen gewisse Laufer und Tonfalle abzulernen, in denen sie sich selbst und ihren Zuhorern so wohl gefiel, dass sie solche uberall, zu rechter Zeit und zur Unzeit, einmischte, und immer damit willkommen war. Sie mochte zu tun haben was sie wollte, zu lachen oder zu weinen, zu klagen oder zu zurnen, zu hoffen oder zu furchten: immer fand sie Gelegenheit, ihre Nachtigallen anzubringen, und war immer gewiss, beklatscht zu werden, wenn sie gleich die besten Stellen damit verdorben hatte.

Von den ubrigen Personen, die den Perseus als den ersten Liebhaber, den Agenor, vormaligen Liebhaber der Andromeda, den Vater, die Mutter, und einen Priester des Neptuns vorstellten, finden wir nicht viel mehr zu sagen, als dass man im Einzelnen zwar viel an ihnen auszustellen hatte, im Ganzen aber sehr wohl mit ihnen zufrieden war. Perseus war ein schongewachsner Mensch, und hatte ein grosses Talent fur einen abderitischen Pickelhering. Der vorerwahnte Cyklops, im Satyrenspiele dieses Namens von Euripides, war seine Meisterrolle. Er spielt den Perseus gar schon, sagten die Abderitinnen; nur Schade dass ihm zuweilen unvermerkt der Cyklops dazwischen kommt. Cassiopea, ein kleines zieraffichtes Ding, voller angemasster Grazien, hatte keinen einzigen naturlichen Ton; aber sie galt alles bei der Gemahlin des zweiten Archon, hatte eine gar drollichte Manier, kleine Liedchen zu singen, und tat ihr Bestes. Der Priester des Neptuns brullte einen ungeheuren Matrosenbass; und Agenor sang so elend, als einem zweiten Liebhaber zusteht. Er sang zwar auch nicht besser, wenn er den ersten machte; aber weil er sehr gut tanzte, so hatte er eine Art von Privilegium erhalten, desto schlechter singen zu durfen. Er tanzt sehr schon, war immer die Antwort der Abderiten, wenn jemand anmerkte, dass sein Krachzen unertraglich sei; indessen tanzte Agenor nur selten, und sang hingegen in allen Singspielen und Operetten.

Um die Schonheit dieser Andromeda ganz zu ubersehen, muss man sich noch zwei Chore, einen von Nereiden, und einen von den Gespielinnen der Andromeda, einbilden, beide aus verkleideten Schuljungen bestehend, die sich so ungebardig dazu anschickten, dass die Abderiten (zu ihrem grossen Troste) genug und satt zu lachen bekamen. Besonders tat der Chor der Nereiden, durch die Erfindungen, die der Nomophylax dabei angebracht hatte, die schnurrigste Wirkung von der Welt. Die Nereiden erschienen mit halbem Leib aus dem Wasser hervorragend, mit falschen gelben Haaren, und mit machtigen falschen Brusten, die von ferne recht naturlich wie ausgestopfte Ballons und also sich selbst vollkommen gleich sahen. Die Symphonie, unter welcher diese Meerwunder herangeschwommen kamen, war eine Nachahmung des beruhmten Wreckeckeck Koax Koax in den Froschen des Aristophanes; und, um die Illusion vollkommner zu machen, hatte Herr Gryllus verschiedene Kuhhorner angebracht, die von Zeit zu Zeit einfielen, um die auf ihren Schneckenmuscheln blasenden Tritonen nachzuahmen.

Von den Decorationen wollen wir, beliebter Kurze halben, weiter nichts sagen, als dass sie von den Abderiten sehr schon befunden wurden. Insonderheit bewunderte man einen Sonnenuntergang, den sie vermittelst eines mit langen Schwefelholzern besteckten Windmuhlenrades zuwege brachten; welches einen guten Effect getan hatte, sagten sie, wenn es nur ein wenig schneller umgetrieben worden ware. Bei der Art, wie Perseus mit seinen Mercurstiefeln aufs Theater angeflogen kam, hatten die Kenner wohl wunschen mogen, dass man die Stricke, in denen er hing, luftfarbig angestrichen hatte, damit sie nicht so gar deutlich in die Augen gefallen waren.

Sechstes Kapitel

Sonderbares Nachspiel, das die Abderiten mit einem

unbekannten Fremden spielten, und dessen hochst

unvermutete Entwicklung

Sobald das Stuck geendigt war, und das betaubende Klatschen ein wenig nachliess, fragte man einander, wie gewohnlich: Nun, wie hat Ihnen das Stuck gefallen? und erhielt uberall die gewohnliche Antwort. Einer von den jungen Herren, der fur einen vorzuglichen Kenner passierte, richtete die grosse Frage auch an einen etwas bejahrten Fremden, der in einer der mittlern Reihen sass, und dem Ansehen nach kein gemeiner Mann zu sein schien. Der Fremde, der sichs vielleicht schon gemerkt hatte, was man zu Abdera auf eine solche Frage antworten musste, war so ziemlich bald mit seinem Sehr wohl heraus; aber weil seine Miene diesen Beifall etwas verdachtig machte, und sogar eine unfreiwillige, wie wohl ganz schwache Bewegung der Achseln, womit er ihn begleitete, fur ein Achselzucken ausgedeutet werden konnte: so liess ihn der junge abderitische Herr nicht so wohlfeil durch wischen. "Es scheint, sagte er, das Stuck hat Ihnen nicht gefallen' Es passiert doch fur eine der besten Piecen vom Euripides!" Das Stuck mag nicht ubel sein, erwiderte der Fremde.

"So haben Sie vielleicht an der Musik etwas auszusetzen?"

An der Musik, O! was die Musik betrifft, die ist eine Musik wie man sie nur zu Abdera hort.

"Sie sind sehr hoflich! In der Tat, unser Nomophylax ist ein grosser Mann in seiner Art."

Ganz gewiss!

"So sind Sie vermutlich mit den Schauspielern nicht zufrieden?"

Ich bin mit der ganzen Welt zufrieden.

"Ich dachte doch, die Andromeda hatte ihre Rolle scharmant gemacht?"

O! sehr scharmant!

"Sie tut einen grossen Effect: nicht wahr?"

Das werden Sie am besten wissen; ich bin dazu nicht mehr jung genug.

"Wenigstens werden Sie doch gestehen, dass Perseus ein grosser Acteur ist?"

In der Tat, ein hubscher wohlgewachsner Mensch!

"Und die Chore? das waren doch Chore, die dem Meister Ehre machten? Finden Sie z.E. den Einfall, wie die Nereiden eingefuhrt worden, nicht ungemein glucklich?"

Der Fremde schien des Abderiten satt zu sein: Ich finde, versetzte er mit einiger Ungeduld, dass die Abderiten glucklich sind, an allen diesen Dingen so viel Freude zu haben.

"Mein Herr, sagte der junge Geelschnabel in einem spottelnden Tone, gestehen Sie nur, dass das Stuck die Ehre und das Gluck nicht gehabt hat, Ihren Beifall zu erhalten."

Was ist Ihnen an meinem Beifall gelegen? Die Majora entscheiden.

"Da haben Sie Recht. Aber ich mochte doch um Wunders willen horen, was Sie denn gegen unsre Musik oder gegen unsre Schauspieler einwenden konnten?"

Konnten? sagte der Fremde etwas schnell, hielt aber gleich wieder an sich Verzeihen Sie mir, ich mag niemand sein Vergnugen abdisputieren. Das Stuck, wie es da gespielt worden, hat zu Abdera allgemein gefallen; was wollen Sie mehr?

"Nicht so allgemein, da es Ihnen nicht gefallen hat!"

Ich bin ein Fremder

"Fremd oder nicht, Ihre Grunde mocht' ich horen! Hi, hi, hi! Ihre Grunde, mein Herr, Ihre Grunde! die werden doch wenigstens keine Fremde sein! Hi, hi, hi, hi!"

Dem Fremden fing die Geduld an auszugehen. Junger Herr, sagte er, ich habe fur meine Komodie bezahlt; denn ich habe geklatscht wie ein andrer. Lassen Sie's damit gut sein! Ich bin im Begriff wieder abzureisen. Ich habe meine Geschafte.

"Ei, ei, sagte ein andrer abderitischer junger Mensch, der dem Gesprach zugehort hatte, Sie werden uns ja nicht schon verlassen wollen? Sie scheinen ein grosser Kenner zu sein; Sie haben unsre Neugier, unsre Lehrbegierde (er sagte dies mit einem dummnaseweisen Hohnlacheln) gereizt; wir lassen Sie wahrlich nicht gehen, bis Sie uns gesagt haben, was Sie an dem heutigen Singspiel zu tadeln finden. Ich will nichts von den Worten sagen; ich bin kein Kenner; aber die Musik, dacht ich, war doch unvergleichlich?"

Das mussten am Ende doch wohl die Worte entscheiden, wie Sie's nennen, sagte der Fremde.

"Wie meinen Sie das? Ich denke Musik ist Musik, und man braucht nur Ohren zu haben, um zu horen, was schon ist."

Ich gebe Ihnen zu, wenn Sie wollen, erwiderte jener, dass schone Stellen in dieser Musik sind; es mag uberhaupt eine gelehrte, nach allen Regeln der Kunst zugeschnittene, schulgerechte, artikelmassige Musik sein: ich habe dagegen nichts; ich sage nur, dass es keine Musik zur Andromeda des Euripides ist!

"Sie meinen, dass die Worte besser ausgedruckt sein sollten?" O! die Worte sind zuweilen nur zu sehr ausgedruckt; aber im Ganzen, meine Herren, im Ganzen ist der Ton des Dichters verfehlt. Der Charakter der Personen, die Wahrheit der Affecten und Empfindungen, das eigene Schickliche der Situationen das, was die Musik sein kann und sein muss, um Sprache der Natur, Sprache der Leidenschaft zu sein was sie sein muss, damit der Dichter auf ihr wie in seinem Elemente schwimme, und emporgetragen, nicht ersauft werde das alles ist durchaus verfehlt kurz, das Ganze taugt nichts! da haben Sie meine Beichte in drei Worten!

"Das Ganze, schrien die beiden Abderiten, das Ganze taugt nichts? Nun, das ist viel gesagt! Wir mochten wohl horen, wie Sie das beweisen wollten?"

Die Lebhaftigkeit, womit unsre beiden Verfechter ihres vaterlandischen Geschmacks dem graubartigen Fremden zusetzten, hatte bereits verschiedne andre Abderiten herbeigezogen; jedermann wurde aufmerksam auf einen Streit, der die Ehre ihres Nationaltheaters zu betreffen schien. Alles drangte sich hinzu; und der Fremde, wiewohl er ein langer stattlicher Mann war, fand fur notig, sich an einen Pfeiler zuruckzuziehen, um wenigstens den Rucken frei zu behalten.

Wie ich das beweisen Wollte? erwiderte er ganz gelassen: ich werde es nicht beweisen! Wem Sie das Stuck gelesen, die Auffuhrung gesehen, die Musik gehort haben, und konnen noch verlangen, dass ich Ihnen mein Urteil davon beweisen soll: so wurd' ich Zeit und Atem verlieren, wenn ich mich weiter mit Ihnen einliesse.

"Der Herr ist, wie ich hore, ein wenig schwer zu befriedigen, sagte ein Ratsherr, der sich ins Gesprach mischen wollte, und dem die beiden jungen Abderiten aus Respect Platz machten. Wir haben doch hier in Abdera auch Ohren! Man lasst zwar jedem seine Freiheit; aber gleichwohl "

"Wie? was? was gibts da? schrie der kurze dicke Ratsherr, der auch herbei gewatschelt kam; hat der Herr da etwas wider das Stuck einzuwenden? Das mocht' ich horen! ha, ha, ha! Eins der besten Stucke, mein Treu! die seit langem aufs Theater gekommen sind! Viel Action! Viel a a was ich sage! Ein schon Stuck! Und schone Moral!"

Meine Herren, sagte der Fremde, ich habe Geschafte. Ich kam hieher, um ein wenig auszurasten; ich habe geklatscht, wie's der Landesgebrauch mit sich bringt, und ware still und friedlich wieder meines Weges gegangen, wenn mich diese jungen Herren hier nicht auf die zudringlichste Art genotigt hatten, ihnen meine Meinung zu sagen.

"Sie haben auch vollkommnes Recht dazu, erwiderte der andre Ratsherr, der im Grunde kein grosser Verehrer des Nomophylax war, und aus politischen Ursachen seit einiger Zeit auf Gelegenheit laurte, ihm mit guter Art wehzutun. Sie sind ein Kenner der Musik, wie es scheint, und "

Ich spreche nach meiner Uberzeugung, sagte der Fremde.

Die Abderiten um ihn her wurden immer lauter.

Endlich kam Herr Gryllus, der von ferne gehort hatte, dass die Rede von seiner Musik war, in eigner Person dazu. Er hatte eine ganz eigne Art, die Augen zusammenzuziehen, die Nase zu rumpfen, die Achseln zu zucken, zu grinsen und zu meckern, wenn er jemand, mit dem er sich in einen Wortwechsel einliess, seine Verachtung zum Voraus zu empfinden gehen wollte. "So? sagte er, hat meine Composition nicht das Gluck, dem Herrn zu gefallen? Er ist also ein Kenner? Ha, ha, ha! Versteht ohne Zweifel die Setzkunst, Ha?"

"Es ist der Nomophylax", sagte jemand dem Fremden ins Ohr um ihn durch die Entdeckung des hohen Rangs des Mannes, von dessen Werke er so ungunstig geurteilt hatte, auf einmal zu Boden zu schlagen.

Der Fremde machte dem Nomophylax sein Compliment, wie's in Abdera Sitte war, und schwieg.

"Nun, ich mochte doch horen, was der Herr gegen die Composition vorzubringen hatte? Fur die Fehler des Orchesters geb' ich kein gut Wort; aber hundert Drachmen fur einen Fehler in der Composition! Ha, ha, ha! Nun! Lass horen!"

Ich weiss nicht, was Sie Fehler nennen, sagte der Fremde; meines Bedunkens hat die ganze Musik, wovon die Rede ist, nur einen Fehler.

"Und der ist?" grinste der Nomophylax naserumpfend

Dass der Sinn und Geist des Dichters durchaus verfehlt ist, antwortete der Fremde.

"So? Nichts weiter? Ha, ha, ha, ha! Ich hatte also den Dichter nicht verstanden? Und das wissen Sie? Denken Sie, dass wir hier nicht auch Griechisch verstehen? Oder haben Sie dem Poeten etwa im Kopfe gesessen? hi, hi, hi!"

Ich weiss was ich sage, versetzte der Fremde; und wenn's denn sein muss, so erbiet ich mich, von Vers zu Vers, durchs ganze Stuck, mein Urteil zu Olympia vor dem ganzen Griechenlande zu beweisen.

"Das mochte zu viel Umstande machen", sagte der politische Ratsherr.

"Es braucht's auch nicht, rief der Nomophylax. Morgen geht ein Schiff nach Athen; ich schreibe an den Euripides, an den Dichter! schicke ihm die ganze Musik! Der Herr wird das Stuck doch wohl nicht besser verstehen wollen als der Poet selbst; Sie alle hier unterschreiben sich als Zeugen. Euripides soll selbst den Ausspruch tun!"

Die Muhe konnen Sie sich ersparen, sagte der Fremde lachelnd; denn, um dem Handel mit einem Wort ein Ende zu machen, der Euripides, an den Sie appellieren bin ich selbst.

Unter allen moglichen schlimmen Streichen, welche Euripides dem Nomophylax von Abdera hatte spielen konnen, war unstreitig der schlimmste, dass er in dem Augenblicke, da man an ihn als an einen Abwesenden appellierte in eigner Person da stand. Aber wer konnte sich auch eines solchen Streichs vermuten sein, Was zum Anubis hatte er in Abdera zu tun, Und gerade in dem Augenblick, wo man lieber einen Wolf gesehen hatte, als ihn? War er, wie man doch naturlicher Weise glauben musste, zu Athen gewesen, wo er hin gehorte nun so ware alles seinen ordentlichen Weg gegangen. Der Nomophylax hatte seine Composition mit einem hubschen Briefe begleitet, und seinem Namen alle seine Titel und Wurden beigefugt. Das hatte doch wirken mussen. Euripides hatte eine urbane attische Antwort gegeben; Gryllus hatte sie im ganzen Abdera lesen lassen: und wer hatte ihm dann den Sieg uber den Fremden streitig machen wollen? Aber dass der Fremde, der naseweise kritische Fremde, der ihm so frisch ins Gesicht gesagt hatte was in Abdera niemand einem Nomophylax ins Gesicht sagen durfte Euripides selbst war: das war einer von den Zufallen, auf die ein Mann, wie er, sich nicht gefasst gehalten hatte, und die vermogend waren, jeden andern als einen Abderiten zu Schanden zu machen.

Der Nomophylax wusste sich zu helfen; indessen betaubte ihn doch der erste Schlag auf einen Augenblick. Euripides! rief er, und prallte drei Schritte zuruck; und "Euripides!" riefen im namlichen Augenblick der politische Ratsherr, der kurze dicke Ratsherr, die beiden jungen Herren, und alle Umstehenden, indem sie ganz erstaunt herum guckten, als ob sie sehen wollten, aus welcher Wolke Euripides so auf einmal mitten unter sie herabgefallen sei.

Der Mensch ist nie ungeneigter zu glauben, als wenn er von einer Begebenheit uberrascht wird, an die er nur nicht als eine mogliche Sache gedacht hatte. Wie? Das sollte Euripides sein? Der namliche Euripides, von dem die Rede war? der die Andromeda gemacht? an den der Nomophylax zu schreiben drohte? Wie konnte das zugehen?

Der politische Ratsherr war der erste, der sich aus dem allgemeinen Erstaunen erholte. Ein glucklicher Zufall, wahrhaftig, rief er; beim Kastor! ein glucklicher Zufall, Herr Nomophylax! so brauchen sie ihre Musik nicht abschreiben zu lassen, und ersparen einen Brief.

Der Nomophylax fuhlte die ganze entscheidende Wichtigkeit des Moments; und wenn der ein grosser Mann ist, der in einem solchen entscheidenden Augenblick auf der Stelle die einzige Partei ergreift, die ihn aus der Schwierigkeit ziehen kann: so muss man gestehen, dass Gryllus eine starke Anlage hatte, ein grosser Mann zu sein. "Euripides! rief er Wie? Der Herr sollte so auf einmal Euripides worden sein? Ha, ha, ha! Der Einfall ist gut! Aber wir lassen uns hier in Abdera nicht so leicht Schwarz fur Weiss geben."

Das ware lustig, sagte der Fremde, wenn ich mir in Abdera das Recht an meinen Namen streitig machen lassen musste.

"Verzeihen Sie, mein Herr, fiel der Sykophant des Thrasyllus ein, nicht das Recht an ihren Namen, sondern das Recht, sich fur den Euripides auszugeben, auf den der Nomophylax provocierte. Sie konnen Euripides heissen; ob Sie aber Euripides sind, das ist eine andere Frage."

Meine Herren, sagte der Fremde, ich will alles sein, was Ihnen beliebt, wenn Sie mich nur gehen lassen wollen. Ich verspreche Ihnen, mit diesem Schritte gehe ich den geradesten Weg, den ich finden werde, zu ihrem Tore hinaus, und der Nomophylax soll mich componieren, wenn ich in meinem Leben wieder komme!

"Na, na, na, rief der Nomophylax, das geht so hurtig nicht; der Herr hat sich fur den Euripides ausgegeben, und nun da er sieht, dass es Ernst gilt, tritt er auf die Hinterbeine Na! so haben wir nicht gewettet! Er soll nun beweisen, dass er Euripides ist, oder so wahr ich Gryllus heisse "

"Erhitzen Sie sich nicht, Herr College, sagte der politische Ratsherr. Ich bin zwar kein Physiognomiste: aber der Fremde sieht mir doch vollig darnach aus, dass er Euripides sein konnte; und ich wollte unmassgeblich raten, piano zu gehen."

"Mich wundert, fing einer von den Umstehenden an, dass man hier so viel Worte verlieren mag, da der ganze Handel in Ja und Nein entschieden sein konnte. Da, oben uber dem Portal, steht ja die Buste des Euripides leibhaftig. Es braucht ja nichts weiter als zu sehen, ob der Fremde der Buste gleich sieht?"

"Bravo, bravo, schrie der kleine dicke Ratsherr; das ist doch ein Wort von einem gescheuten Manne! Ha, ha, ha! Die Buste! das ist gar keine Frage, die Buste muss den Ausspruch tun wiewohl sie nicht reden kann, ha, ha, ha, ha, ha!"

Die umstehenden Abderiten lachten alle aus vollem Halse uber den witzigen Einfall des kurzen runden Mannchens, und nun lief alles, was Fusse hatte, dem Portale zu. Der Fremde ergab sich mit guter Art in sein Schicksal, liess sich von vorn und hinten betrachten, und Stuck vor Stuck mit seiner Buste vergleichen, so lange sie wollten. Aber leider! die Vergleichung konnte unmoglich zu seinem Vorteil ausfallen; denn besagte Buste sah jedem andern Menschen oder Tiere ahnlicher als ihm.

"Nun, schrie der Nomophylax triumphierend was kann der Herr nun zu seinem Vorstand sagen?"

"Ich kann etwas sagen (versetzte der Fremde, den die Komodie nachgerade zu belustigen anfing), woran von Ihnen allen keiner zu denken scheint: wiewohl es eben so wahr ist, als dass Sie Abderiten, und ich Euripides bin."

"Sagen, sagen! grinste der Nomophylax; man kann freilich viel sagen, ha, ha, ha! Und was kann der Herr sagen?"

Ich sage, dass diese Buste dem Euripides ganz und gar nicht ahnlich sieht.

"Nein, mein Herr, rief der dicke Ratsherr, das mussen Sie nicht sagen! Die Buste ist eine schone Buste; sie ist von weissem Marmor, wie Sie sehen, Marmor von Paros, straf mich Jupiter! und kostet uns hundert bare Dariken Species, das konnen Sie mir nachsagen. Es ist ein schones Stuck, von unserm Stadtbildhauer Ein geschickter beruhmter Mann! nennt sich Moschion werden von ihm gehort haben, ein beruhmter Mann! Und, wie gesagt, alle Fremden, die noch zu uns gekommen sind, haben die Buste bewundert! Sie ist echt, das konnen Sie mir nachsagen! Sie sehen ja selbst, es steht mit grossen goldnen Buchstaben drunter "

Meine Herren, sagte der Fremde, der alle seine angeborne Ernsthaftigkeit zusammennehmen musste, um nicht auszubersten: darf ich nur eine einzige Frage tun?

"Von Herzen gern", riefen die Abderiten.

Gesetzt, fuhr jener fort, es entstunde zwischen mir und meiner Buste ein Streit daruber, wer mir am ahnlichsten sehe wem wollen Sie glauben, der Buste oder mir?

"Das ist eine curiose Frage", sagte der Abderiten einer, sich hinter den Ohren kratzend "Eine captiose Frage, beim Jupiter! rief ein andrer; nehmen Sie sich in Acht, was Sie antworten, Hochgeachter Herr Ratsherr!"

Ist der dicke Herr ein Ratsherr dieser beruhmten Republik? fragte der Fremde mit einer Verbeugung so bitte ich sehr um Verzeihung; ich gestehe, die Buste ist ein schones glattes Werk, von schonem parischen Marmor und wenn sie mir nicht ahnlich sieht, so konnt es wohl bloss daher, weil Ihr beruhmter Stadtbildhauer die Buste schoner gemacht hat, als die Natur mich. Es ist immer ein Beweis seines guten Willens, und der verdient alle meine Dankbarkeit.

Dieses Compliment tat einen grossen Effect; denn die Abderiten hatten's gar zu gerne, wenn man fein hoflich mit ihnen sprach. "Es muss doch wohl Euripides selber sein", murmelte einer dem andern ins Ohr, und der dicke Ratsherr selbst bemerkte, bei nochmaliger Vergleichung der Buste mit dem Fremden, dass die Barte einander vollkommen ahnlich sahen.

Zu gutem Glucke kam der Archon Onolaus und sein Neffe Onobulus dazu, der den Euripides zu Athen hundertmal gesehen, und ofters gesprochen hatte. Die Freude des jungen Onobulus uber eine so unverhoffte Zusammenkunft, und seine positive Bejahung, dass der Fremde wirklich der beruhmte Euripides sei, hieb den Knoten auf einmal durch; und die Abderiten versicherten nun einer den andern: sie hatten's ihm gleich beim ersten Blick angesehen.

Der Nomophylax, wie er sah, dass Euripides gegen seine Buste Recht behielt, machte sich seitwarts davon. Ein verdammter Streich! brummelte er zwischen den Zahnen vor sich her: wozu brauchte er aber auch so hinterm Berge zu halten? Wenn er wusste, dass er Euripides war, warum liess er sich mir nicht prasentieren? Da hatte alles einen ganz andern Schwung bekommen!

Der Archon Onolaus, der in solchen Fallen gemeiniglich die Honneurs der Stadt Abdera zu machen pflegte, lud den Dichter mit grosser Hoflichkeit ein, das Gastrecht bei ihm zu nehmen, und bat sich zugleich von dem politischen und dicken Ratsherrn die Ehre auf den Abend aus; welches beide mit vielem Vergnugen annahmen.

"Dacht ich's nicht gleich? (sagte der dicke Ratsherr zu einem der Umstehenden;) der leibhaftige Euripides! Bart, Nase, Stirn, Ohrenlappchen, Augenbraunen, alles auf ein Haar! Man kann nichts gleichers sehen! Wo doch wohl der Nomophylax seine Sinne hatte? Aber, ja ja, er mochte wohl ein bisschen Hm! Sie verstehen mich? Cantores amant humores Ha, ha, ha, ha! Basta! Desto besser, dass wir den Euripides bei uns haben! Was ich sage, ein feiner Mann, beim Jupiter! und der uns viel Spass machen soll! Ha, ha, ha!"

Siebentes Kapitel

Wie Euripides nach Abdera gekommen, nebst

einigen Geheimnachrichten von dem Hofe zu Pella

So moglich es an sich selbst war, dass sich Euripides zu Abdera befinden konnte, und eben so gut in dem Augenblick, wo der Nomophylax Gryllus auf ihn provocierte, als in jedem andern und so gewohnt man dergleichen unvermuteter Erscheinungen auf dem Theater ist: so begreifen wir doch wohl, dass es eine andre Bewandtnis hat, wenn sich eine solche Erscheinung im Parterre ereignet; und es ist solchenfalls der Majestat der Geschichte55 gemass, den Leser zu verstandigen, wie es damit zugegangen. Wir wollen alles, was wir davon wissen, getreulich berichten; und sollte dem scharfsinnigen Leser dem ungeachtet noch einiger Zweifel ubrig bleiben: so musste es nur die allgemeine Frage betreffen, die sich bei jeder Begebenheit unter und uber dem Monde aufwerfen lasst: namlich, warum z.E. just von einer Mucke, und just von dieser individuellen Mucke, just in dieser Secunde dieser zehnten Minute dieser sechsten Nachmittagsstunde, dieses 10 ten Augusts dieses 1778 Jahres gemeiner Zeitrechnung, just diese namliche Frau oder Fraulein von *** nicht ins Gesicht, nicht in den Nakken, Ellnbogen, Busen, nicht auf die Hand, noch in die Ferse, u.s.w. sondern gerade vier Daumen hoch uber der linken Kniescheibe gestochen worden u.s.w. und da bekennen wir ohne Scheu, dass wir auf dieses Warum nichts zu antworten wissen. Fragt die Gotter konnten wir allenfalls mit einem grossen Manne sagen; aber weil dieses offenbar eine heroische Antwort ware, so halten wirs fur anstandiger, die Sache lediglich auf sich beruhen zu lassen.

Also was wir wissen. Der Konig Archelaus in Macedonien, ein grosser Liebhaber der schonen Kunste und der schonen Geister (wie man damals gewisse verzartelte Kinder der Natur nicht nannte, und wie man heutigs Tages einen Jeden nennt, von dem man nicht sagen kann, was er ist) dieser Konig Archelaus war auf den Einfall gekommen, ein eignes Hofschauspiel zu halben; und vermoge einer Zusammenkettung von Umstanden, Ursachen, Mitteln und Zwecken, woran niemanden mehr viel gelegen sein kann, hatte er den Euripides unter sehr vorteilhaften Bedingungen vermocht, mit einer Truppe ausgesuchter Schauspieler, Virtuosen, Baumeister, Maler und Machinisten, kurz mit allem, was zu einem vollstandigen Theaterwesen gehort, nach Pella an sein Hoflager zu kommen, und die Direction uber die neue Hofschaubuhne zu ubernehmen. Auf dieser Reise war itzt Euripides mit seiner ganzen Gesellschaft begriffen; und wiewohl der Weg uber Abdera weder der einzige noch der kurzeste war, so hatte er ihn doch genommem, weil er Lust hatte, eine wegen des Witzes ihrer Einwohner so beruhmte Republik mit eignen Augen zu sehen. Wie es aber gekommen, dass er an dem namlichen Tage eingetroffen, da der Nomophylax seine Andromeda zum erstenmale gab; davon konnen wir, wie gesagt, keine Rechenschaft geben. Dergleichen Apropo's tragen sich haufiger zu als man denkt; und es ist wenigstens kein grosseres Mirakel, als dass z.E. der junge Herr von ** eben im Begriff war, seine Beinkleider hinaufzuziehen, als unvermutet seine Nahterin ins Zimmer trat, die seidnen Strumpfe, die er ihr zu stoppen geschickt hatte, zu uberbringen welches, wie Sie wissen, die Veranlassung zu einer zufalligen Begebenheit war, die in seiner hohen Familie wenigstens eben so grosse Bewegungen verursachte, als die unvorbereitete Erscheinung des Euripides in dem abderitischen Parterre. Wer sich uber so was wundern kann, muss sich nicht viel auf die verstehen, wie eben dieser Euripides sagt.

Ubrigens, wenn wir sagten, dass der Konig Archelaus ein grosser Liebhaber der schonen Kunste und schonen Geister gewesen sei, so muss das eben nicht so genau und im strengsten Sinn der Worte genommen werden; denn es ist eigentlich nur so eine Art zu reden, und dieser Herr war im Grunde nichts weniger als ein Liebhaber der schonen Kunste und schonen Geister. Das Wahre davon war: dass besagter Konig Archelaus seit einiger Zeit ofters Langeweile hatte weil ihn alle seine vormaligen Amusemens, als da sind F**, G**, H**, J**, K**, L**, M**, u.s.w. nicht langer amusieren wollten. Uberdem war er ein Herr von grosser Ambition, der sich von seinem Oberkammerherrn hatte sagen lassen, dass es schlechterdings unter die Zustandigkeiten eines grossen Fursten gehore, Kunste und Wissenschaften in seinen Schutz zu nehmen. Denn, sagte der Oberkammerherr, Ew. Majestat werden bemerkt haben, dass man niemals eine Statue, oder ein Brustbild eines grossen Herrn auf einer Medaille u.s.w. sieht, an dessen rechter Hand nicht eine Minerva stunde, neben einem Trophee von Panzern, Fahnen, Spiessen und Morgensternen zur Linken knien immer etliche geflugelte Jungen oder halbnackte Madchen, mit Pinsel und Palet, Winkelmass, Flote, Leier und einer Rolle Papier in den Handen, die Kunste vorstellend, die sich dem grossen Herrn gleichsam zur Protection empfehlen; oben druber aber schwebt eine Fama, mit der Trompete am Mund, anzudeuten, dass Konige und Fursten sich durch den Schutz, den sie den Kunsten angedeihen lassen, einen unsterblichen Ruhm erwerben u.s.w.

Der Konig Archelaus hatte also die Kunste in seinen Schutz genommen; und dem zufolge wissen uns die Geschichtschreiber ein Langes und Breites davon zu erzahlen, wie viel er gebaut habe, und wie viel er auf Malerei und Bildhauerei, auf schone Tapeten und andre schone Meublen verwandt; und wie alles, bis auf die Commodidat, bei ihm habe hetrurisch sein mussen; und wie er beruhmte Kunstler, Virtuosen und schone Geister an seinen Hof berufen habe, u.s.w. welches alles, sagen sie, er um so mehr tat, weil ihm daran gelegen war, das Andenken der Ubeltaten auszuloschen, durch die er sich den Weg zum Throne, zu dem er nicht geboren war, gebahnt hatte wie E.E. aus Ihrem Bayle mit mehrerm ersehen konnen.

Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir zu unserm attischen Dichter zuruck, den wir unter einem schimmernden Zirkel von Abderiten und Abderitinnen vom ersten Range, unter einem grunen Pavillon im Garten des Archon Onolaus antreffen werden.

Achtes Kapitel

Wie sich Euripides mit den Abderiten benimmt

Sie machen einen Anschlag auf ihn, wobei sich ihre

politische Betriebsamkeit in einem starken Lichte

zeigt, und der ihnen um so gewisser gelingen muss,

weil alle Schwierigkeiten, so sie dabei sehen, bloss

eingebildet sind

Es ist oben schon bemerkt worden, dass Euripides schon lange, wiewohl unbekannter Weise, bei den Abderiten in grossem Ansehen stund. Itzt, so bald es erschollen war, dass er in Person zugegen sei, war die ganze Stadt in Bewegung. Man sprach von nichts als vom Euripides. "Haben Sie den Euripides schon gesehen? Wie sieht er aus? Hat er eine grosse Nase? Wie tragt er den Kopf? Was hat er fur Augen? Er spricht wohl in lauter Versen? Ist er stolz?" und hundert solche Fragen machte man einander schneller als es moglich war, auf eine zu antworten. Die Neugier, den Euripides zu sehen, zog noch ausser denen, die der Archon hatte bitten lassen, verschiedene herbei, die nicht geladen waren. Alles drangte sich um den guten glatzkopfigen Dichter her, um zu beaugenscheinigen, ob er auch so aussehe, wie sie sich vorgestellt hatten, dass er aussehen musse. Verschiedne, insonderheit unter den Damen, schienen sich zu verwundern, dass er am Ende doch just so aussah wie ein andrer Mensch. Andre bemerkten, dass er viel Feuer in den Augen habe; und die schone Thryallis raunte ihrer Nachbarin ins Ohr, man seh es ihm stark an, dass er ein ausgemachter Weiberfeind58 sei. Sie machte diese Bemerkung mit einem Ausdruck von anticipiertem Vergnugen uber den Triumph, den sie sich davon versprach, wenn ein so erklarter Feind ihres Geschlechts die Macht ihrer Reizungen wurde bekennen mussen.

Die Dummheit hat ihr Sublimes so gut als der Verstand, und wer darin bis zum Absurden gehen kann, hat das Erhabne in dieser Art erreicht, welches fur gescheute Leute immer eine Quelle von Vergnugen ist. Die Abderiten hatten das Gluck, im Besitz dieser Vollkommenheit zu sein. Ihre Ungereimtheit machte einen Fremden Anfangs wohl zuweilen ungeduldig; aber so bald man sah, dass sie so ganz aus einem Stucke war, und (eben darum) so viele Zuversicht und Gutmutigkeit in sich hatte: so versohnte man sich gleich wieder mit ihnen, und belustigte sich oft besser an ihrer Albernheit, als an andrer Leute Witz. Euripides war in seinem Leben nie bei so guter Laune gewesen als bei diesem Abderitenschmause. Er antwortete mit der grossten Gefalligkeit auf alle ihre Fragen, lachte uber alle ihre platten Einfalle, liess jeden so hoch gelten als er sich selbst wurdigte, und erklarte sich sogar uber ihr Theater und Musikwesen so billig, dass jedermann vollkommen mit ihm zufrieden war. "Ein feiner Gast! raunte der politische Ratsherr der Dame Salabanda, die uber ihm sass, ins Ohr; der tritt leise auf!" "Und so hoflich, so bescheiden, als ob er kein grosser Kopf ware", erwiderte Salabanda. "Der drolligste Mann von der Welt, beim Jupiter! sagte der kurze dicke Ratsherr, beim Aufstehen von Tische; ein recht kurzweiliger Mann! Hatt's ihm nicht zugetraut, mein Seel!" Die Damen, die er schon gefunden hatte, waren dafur so hoflich, und taten, als ob sie ihn um zwanzig Jahre junger fanden als er war; kurz, man war ganz von ihm bezaubert, und bedauerte nur, dass man die Ehre und das Vergnugen, ihn in Abdera zu sehen, nicht langer haben sollte. Denn Euripides blieb dabei, dass er sich nicht aufhalten konne.

Endlich nahm Frau Salabanda den politischen Ratsherrn und den jungen Onobulus auf die Seite. "Was meinen Sie, sagte sie, wenn wir ihn dahin bringen konnten, dass er uns seine Andromeda gabe, Er hat seine eigne Truppe bei sich. Es sollen ganz ausserordentliche Virtuosen sein." Onobulus fand den Einfall gottlich "Ich hatte ihn eben selbst gehabt, sagte der politische Ratsherr, und war im Begriff es Ihnen vorzutragen. Aber es wird Schwierigkeiten absetzen. Der Nomophylax." "O, dafur lassen Sie mich sorgen, fiel Salabanda ein; ich will ihm schon warm machen!"

"Fur meinen Oheim steh ich, sagte Onobulus; und noch in dieser Nacht will ich unter unsern jungen Leuten eine Partei zusammentrommeln, die Lerms genug in der Stadt machen soll."

"Nur nicht zu hitzig, munkelte der politische Ratsherr mit dem Kopf wackelnd; wir wollen uns nichts merken lassen! Erst das Terrain sondiert, und fein leise aufgetreten! das ist was ich immer sage."

"Aber, wir haben keine Zeit zu verlieren, Herr Froschpfleger59, Euripides geht fort "

"Wir wollen ihn schon aufhalten, sagte Salabanda; er soll morgen bei mir sein eine Gartenpartie, und alle unsre hubschen Leute dazu eingeladen Lassen Sie nur mich machen; es soll gewiss gehen."

Frau Salabanda passierte in Abdera fur eine gar weise Frau. Sie war stark in Politicis und hatte grossen Einfluss auf den Archon Onolaus. Der Oberpriester war ihr Oheim, und funf oder sechs Ratsherren, die sie in ihrer Freundschaft zahlte, gaben selten eine andre Meinung im Rat von sich, als die sie ihnen des Abends zuvor eingetrichtert hatte. Uberdies stunden ihr die Liebhaber der schonen Thryallis, mit der sie in engstem Vertrauen lebte, ganzlich zu Gebot; nichts von ihren eignen zu sagen, deren sie immer einige hatte, die auf Hoffnung dienten, und also so geschmeidig waren wie Handschuhe. Ihr Haus, das unter die besten in der Stadt gehorte, war der Ort, wo alle Geschafte vorbereitet, alle Handel geschlichtet, und alle Wahlen ins Reine gebracht wurden; mit einem Wort, Frau Salabanda machte in Abdera was sie wollte.

Euripides, ohne die mindeste Absicht Gebrauch von der Wichtigkeit dieser Frau zu machen, hatte sich diesen Abend so gut bei ihr insinuiert, als ob er zum wenigsten eine Froschpflegerstelle auf dem Korn gehabt hatte. Brachte sie ein politisches Weidspruchlein als einen Gedanken vor, so fand er, dass es eine sehr scharfsinnige Bemerkung sei; citierte sie den Simonides oder Homer, so bewunderte er ihr Talent, Verse zu declamieren. Sie hatte ihn mit einigen Stellen seiner Werke aufgezogen, die ihn zu Athen in den bosen Ruf eines Weiberfeindes gesetzt, und er hatte, indem er sich gegen sie und die schone Thryallis verbeugte, versichert, dass es sein Ungluck sei, nicht eher nach Abdera gekommen zu sein. Kurz, er hatte sich so aufgefuhrt, dass Frau Salabanda bereit war, einen Aufstand zu erregen, falls ihr mit dem politischen Ratsherrn eingefadeltes Project durch kein gelinderes Mittel hatte durchgesetzt werden konnen.

Man saumte sich nicht, sich vor allen Dingen des Archons zu versichern, der gewohnlich bald gewonnen war, wenn man ihm sagte, dass eine Sache der Republik Abdera zu grossem Ruhm gereichen, und dem Volk sehr angenehm sein werde. Aber, weil er ein Herr war, der seine Ruhe liebte, so erklarte er sich: er uberlasse es ihnen, alles in die gehorige Wege einzuleiten; er seines Orts mochte sich mit niemand deswegen abwerfen, am wenigsten mit dem Nomophylax, der ein Grobian sei, und unter dem Volk einen starken Anhang habe. "Wegen des Volkes machen sich Ew. Herrlichkeit keine Sorge, flusterte ihm der Ratsherr zu; das will ich durch die dritte Hand schon stimmen lassen, wie wirs nur wunschen konnen." "Und ich, sagte Salabanda, nehme die Ratsherren auf mich." Wir wollen sehen, sprach der Archon, indem er zur Gesellschaft zuruckkehrte.

"Sein Sie ruhig, sprach die Dame zum politischen Ratsherrn, indem sie ihn auf die Seite nahm: ich kenne den Archon. Wenn man ihn haben will, so muss man ihm nur des Abends von einer Sache sprechen, und wenn er Nein gesagt hat, des Morgens wiederkommen, und, ohne den Mund zu verkrummen, so reden, als ob er Ja gesagt habe, und ihm dabei zeigen, dass man des Erfolgs gewiss ist: so kann man sich auf ihm verlassen wie auf Gold. Es ist nicht das erstemal, dass ich ihn auf diese Art drangekriegt habe."

"Sie sind eine schlaue Frau, versetzte der Herr Froschpfleger, indem er sie sachte auf den runden Arm klopfte Was Sie leise auftreten! Aber man wird merken, dass wir etwas vorhaben und das konnte nachteilig sein Wir mussen piano gehn!"

In diesem Augenblick trippelten ein paar Abderitinnen herbei, denen bald alle ubrigen von der Gesellschaft folgten, um zu horen, wovon die Rede sei. Der politische Ratsherr schlich sich weg.

"Nun, wie gefallt euch Euripides? sagte Frau Salabanda; nicht wahr, das ist ein Mann?"

O! ein scharmanter Mann, riefen die Abderitinnen.

Nur Schade, dass er so kahl ist setzte eine hinzu; und dass ihm ein paar Zahne fehlen, sagte die andre.

Narrchen, destoweniger kann er dich beissen, sagte die dritte; und weil dies ein witziger Einfall war, so lachten sie alle herzlich daruber.

Ist er schon verheuratet, fragte ein junges Ding, das so aussah, als ob es wie ein Pilz in einer einzigen Nacht aus dem Boden aufgeschossen ware.

Mochtest Du ihn etwa haben? antwortete ein andres Fraulein spottisch; ich denke, er hat schon Urenkel zu verheuraten.

O! die will ich Dir uberlassen, sagte jene schnippisch; und der Stich war desto wespenartiger, weil das besagte Fraulein, wiewohl sie so jung tat als ein Madchen von achtzehn, wenigstens ihre volle funf und dreissig auf dem Nacken trug.

"Kinder, unterbrach sie Frau Salabanda, von dem allen ist itzt die Rede nicht. Es ist was ganz anders auf dem Tapet. Wie gefiel' es euch, wenn ich den fremden Herrn beredete, etliche Tage hier zu bleiben, und uns mit der Truppe, die er bei sich hat, eine seiner Komodien zu geben?"

O das ist herrlich, riefen die Abderitinnen alle vor Freuden aufhupfend; o ja, wenn Sie das machen konnten!

"Das will ich schon machen konnen, versetzte Salabanda, aber ihr musst alle dazu helfen!"

O ja, o ja, schnatterten die Abderitinnen; und nun liefen sie in hellen Haufen auf den Euripides zu, und schrien alle auf einmal: O ja, Herr Euripides, Sie mussen uns eine Komodie spielen! Wir lassen Sie nicht gehen, bis Sie uns eine Komodie gespielt haben. Nicht wahr, Sie versprechens uns?

Der arme Mann, dem diese Zumutung auf den Hals kam wie ein Kubel Wassers ubern Kopf, trat ein paar Schritte zuruck, und versicherte sie, es sei ihm nie in den Sinn gekommen, in Abdera Komodie zu spielen; er musse seine Reise beschleunigen u.s.w. Aber das half alles nichts O Sie mussen, schrien die Abderitinnen; wir lassen Ihnen keine Ruhe; Sie sind viel zu artig, als dass Sie uns was abschlagen sollten. Wir wollen Sie so schon bitten

"Im Ernst, sagte Frau Salabanda, wir haben einen Anschlag auf Sie gemacht " und der nicht zu Wasser werden soll, fiel Onobulus ein, oder ich will nicht Onobulus heissen.

Was gibts? Was gibts? fragte der politische Ratsherr, der den Unwissenden machte, indem er langsam und mit unstetem Blick hinzuschlich; was haben Sie mit dem Herrn vor? Der kurze dicke Ratsherr kann auch herbeigewatschelt. "Ich glaube gar, straf mich! sie wollen alle auf einmal sein Herz mit Arrest beschlagen, ha, ha, ha!" schrie er und lachte, dass er sich die Seiten halten musste. Man verstandigte ihn, wovon die Rede sei. "Ha, ha, ha, ha! Ein schoner Gedanke! straf mich Jupiter! da komm ich gewiss auch, das versprech ich Ihnen! Der Meister selbst! das muss der Muhe wert sein! Wird recht viel Ehre fur Abdera sein, Herr Euripides, grosse Ehre! Haben uns glucklich zu schatzen, dass unsre Leute von so einem geschickten Manne profitieren sollen!" Noch ein paar Herren von Bedeutung machten ihm ungefahr das namliche Compliment.

Euripides, wiewohl er den Einfall nicht so ubel fand, sich diese Lust mit den Abderiten zu machen, spielte noch immer den Erstaunten, und entschuldigte sich damit, dass er dem Konig Archelaus versprochen habe, seine Reise zu beschleunigen.

"Ei, was, sagte Onobulus, Sie sind ein Republikaner, und eine Republik hat ein naheres Recht an Sie."

"Sagen Sie dem Konige nur, schnarrte die schone Myris, dass wir Sie so gar schon gebeten haben. Er soll ein galanter Herr sein. Er wird Ihnen nicht ubel nehmen, dass Sie sechs Frauenzimmern auf einmal nichts abschlagen konnten."

O du, Tyrann der Gotter und der Menschen, Amor! rief Euripides im Ton der Tragodie, indem er zugleich die schone Thryallis ansah.

"Wenn das Ihr Ernst ist, sagte Thryallis, mit der Miene einer Person, die nicht gewohnt ist, weder abzuweisen, noch abgewiesen zu werden; wenn das Ihr Ernst ist, so beweisen Sie es dadurch, dass Sie sich von mir erbitten lassen."

Dies von mir verdross die andern Abderitinnen. Wir wollen nicht unbescheiden sein, sagte eine, indem sie die Lippen einzog, und auf die Seite sah Man muss dem Herrn nichts zumuten, was ihm unmoglich ist, sagte eine Andre.

Um Ihnen Vergnugen zu machen, meine schonen Damen, sprach der Dichter, konnte mir das Unmogliche moglich werden.

Weil dies Nonsens war, so gefiel es allgemein. Onobulus war hurtig mit seiner Schreibtafel heraus, um sich den Gedanken aufzunotieren. Die Weiber und Madchen warfen einen Blick auf Thryallis, als ob sie sagen wollten: Atsch! er hat uns auch schon geheissen! Madam braucht sich eben nicht so viel auf ihre Atalantenfigur einzubilden; er bleibt so gut um unsertwillen hier als um ihrentwillen.

Salabanda machte endlich dem Handel ein Ende, indem sie sich bloss die Gefalligkeit ausbat, dass er ihr und ihren Freunden, die alle seine grossen Verehrer seien, nur noch den morgenden Tag schenken mochte. Weil Euripides im Grunde nichts zu eilen hatte, und sich in Abdera sehr gut amusierte, so liess er sich nicht lange bitten, eine Einladung anzunehmen, die ihm hubsche Beitrage zu Possenspielen fur den Hof zu Pella versprach. Und so ging dann die Gesellschaft, auf die Ehre, sich morgen bei Frau Salabanda wiederzusehen, gegen Mitternacht in allerseitigem Vergnugen auseinander.

Neuntes Kapitel

Euripides besieht die Stadt, wird mit dem Priester

Strobylus bekannt, und vernimmt von ihm die

Geschichte der Latonenfrosche

Merkwurdiges Gesprach, welches bei dieser

Gelegenheit zwischen Demokritus, dem Priester und

dem Dichter vorfallt

Inzwischen fuhrte Onobulus, in Begleitung etlicher junger Herren seines Schlages, seinen Gast in der Stadt herum, um ihm alles, was darin sehenswurdig ware, zu zeigen. Unterwegens begegnete ihnen Demokritus, mit welchem Euripides schon von langem her bekannt war. Sie gingen also mit einander; und da die Stadt Abdera ziemlich weitlaufig war, so hatten die beiden Alten Gelegenheit genug, von den jungen Herren zu profitieren, die immer den Mund offen hatten, uber alles entschieden, alles wussten, und sich gar nicht zu Sinne kommen liessen, dass es ihres gleichen in Gegenwart von Mannern anstandiger sei, zu horen als sich horen zu lassen.

Euripides hatte also diesen Morgen genug zu horen und zu sehen. Die jungen Abderiten, die nie weiter als bis an die aussersten Schlagbaume ihrer Vaterstadt gekommen waren, sprachen von allem, was sie ihm zeigten, als von Wundern, die gar nicht ihres gleichen in der Welt hatten. Onobulus hingegen, der die grosse Reise gemacht hatte, verglich alles mit dem, was er in eben dieser Art zu Athen, Korinth und Syrakus gesehen, und brachte, in einem albernen Ton von Entschuldigung, eine Menge lacherlicher Ursachen hervor, warum diese Dinge in Athen, Korinth und Syrakus schoner und prachtiger waren als in Abdera.

Junger Herr, sagte Demokritus, es ist hubsch, dass Sie Ihre Vater- und Mutterstadt in Ehren haben; aber wenn Sie uns einen Beweis davon geben wollen, so lassen Sie Athen, Korinth und Syrakus aus dem Spiele. Nehmen wir jedes Ding wie es ist, und so keine Vergleichung, so brauchts auch keine Entschuldigung!

Euripides fand alles, was man ihm zeigte, sehr merkwurdig; und das war es auch! Denn man zeigte ihm eine Bibliothek, worin viel unnutze und ungelesene Bucher, ein Munzcabinet, worinnen viel abgegriffene Munzen, ein reiches Spital, worin viel ubelverpflegte Arme, ein Arsenal, worin wenig Waffen, und einen Brunnen, worin noch weniger Wasser war. Man zeigte ihm auch das Rathaus, wo die gute Stadt Abdera so wohl beraten wurde, den Tempel des Jasons, und ein vergoldetes Widderfell, welches sie, wiewohl wenig Gold mehr daran zu sehen war, fur das beruhmte goldne Vliess ausgaben. Sie nahmen auch den alten rauchigten Tempel der Latona in Augenschein, und das Grabmal des Abderus, der die Stadt zuerst erbaut haben sollte, und die Gallerie, wo alle Archonten von Abdera in Lebensgrosse gemalt stunden, und einander alle so ahnlich sahen, als ob der folgende immer die Copie von dem vorhergehenden gewesen ware. Endlich, da sie alles gesehen hatten, fuhrte man sie auch an den geheiligten Teich, worin auf Unkosten gemeiner Stadt die grossten und fettesten Frosche gefuttert wurden, die man je gesehen hat; und die, wie der Priester Strobylus sehr ernsthaft versicherte, in gerader Linie von den lycischen Bauren abstammten, die der umherirrenden nirgends Ruhe findenden, und vor Durst verschmachtenden Latona nicht gestatten wollten, aus einem Teiche, der ihnen zugehorte, zu trinken, und dafur vom Jupiter zur Strafe in Frosche verwandelt wurden.

O Herr Oberpriester, sagte Demokritus, erzahlen Sie doch dem fremden Herrn die Geschichte dieser Frosche, und wie es zugegangen, dass der geheiligte Teich aus Lycien uber das ionische Meer heruber bis nach Abdera versetzt worden; welches, wie Sie wissen, eine ziemliche Strecke Wegs uber Lander und Meere ausmacht, und, wenn man so sagen darf, beinahe ein noch grosseres Wunder ist, als die Froschwerdung der lycischen Bauern selbst.

Strobylus sah dem Demokritus und dem Fremden mit einem bedenklichen Blick unter die Augen. Weil er aber nichts darin sehen konnte, das ihn berechtigt hatte, sie fur Spotter zu erklaren, welche nicht verdienten, zu so ehrwurdigen Mysterien zugelassen zu werden: so bat er sie, sich unter einen grossen wilden Feigenbaum zu setzen, der eine Seite des kleinen Latonentempels beschattete, und erzahlte ihnen hierauf, mit eben der Treuherzigkeit, womit man die alltaglichste Begebenheit erzahlen kann, alles, was er von der Sache zu wissen glaubte.

"Die Geschichte des Latonendiensts in Abdera, sagte er, verliert sich im Nebel des grauesten Altertums. Unsre Vorfahren, die Tejer, die sich vor ungefahr 140 Jahren von Abdera Meister machten, fanden ihn bereits seit unendlicher Zeiten eingefuhrt; und dieser Tempel hier ist vielleicht einer der altesten in der Welt, wie Sie schon aus seiner Bauart und andern Zeichen eines hohen Altertums schliessen konnen. Es ist, wie Sie wissen, nicht erlaubt, mit strafbarem Vorwitz den heiligen Schleier aufzuheben, den die Zeit um den Ursprung der Gotter und ihres Dienstes geworfen hat. Alles verliert sich in Zeiten, wo die Kunst zu schreiben noch nicht erfunden war. Allein die mundliche Uberlieferung, die von Vater zu Sohn durch so viele Jahrhunderte fortgepflanzt wurde, ersetzt den Abgang schriftlicher Urkunden mehr als hinlanglich, und macht, so zu sagen, eine lebendige Urkunde aus, die dem toten Buchstaben billig noch vorzuziehen ist. Diese Tradition sagt: als die vorerwahnte Verwandlung der lycischen Bauren vorgegangen, hatten die benachbarten Einwohner und einige von den besagten Bauren selbst, welche an dem Frevel der ubrigen keinen Teil genommen, als Zeugen des vorgegangenen Wunders, die Latona mit ihren noch an der Brust liegenden Zwillingen, Apollo und Diana, fur Gottheiten erkannt, an dem Teiche, wo die Verwandlung geschehen, einen Altar errichtet, auch die Gegend und das Gebusche, das den Teich umgab, zu einem Hain geheiligt. Das Land hiess damals noch Milia, und die in Frosche verwandelten Bauren waren also eigentlich zu reden Milier; als aber lange Zeit hernach Lycus, Pandions des zweiten Sohn, sich mit einer attischen Colonie des Landes bemachtigte, bekam es von ihm den Namen Lycia, und der altere Name verlor sich ganzlich. Bei dieser Gelegenheit verliessen die Einwohner der Gegend, wo der Altar und Hain der Latona stund, weil sie sich der Herrschaft des besagten Lycus nicht unterwerfen wollten, ihr Vaterland, setzten sich zu Schiffe, irrten eine Zeitlang auf dem ageischen Meere herum, und liessen sich endlich zu Abdera nieder, welches kurz zuvor durch die Pest beinahe ganzlich entvolkert worden war. Bei ihrem Abzuge schmerzte sie, wie die Tradition sagt, nichts so sehr, als dass sie den geheiligten Hain und Teich der Latona zurucklassen mussten. Sie sannen hin und her, und fanden endlich, das Beste ware, einige junge Baume aus dem besagten Hain mit Wurzel und Erde, und eine Anzahl von Froschen aus dem besagten Teich in einer Tonne voll geheiligten Wassers mitzunehmen. Sobald sie zu Abdera anlangten, war ihre erste Sorge, einen neuen Teich zu graben, welches eben dieser ist, den Sie hier vor sich sehen.

Sie leiteten einen Arm des Flusses Nestus in denselben, und besetzten ihn mit den Abkommlingen der in Frosche verwandelten Lycier oder Milier, die sie in dem geweihten Wasser mit sich gebracht. Um den neuen Teich her, dem sie sorgfaltig die vollige Gestalt und Grosse des alten gaben, pflanzten sie die mitgebrachten heiligen Baume, weiheten sie aufs neue der Latona zum Hain, bauten ihr diesen Tempel, und verordneten einen Priester, der den Dienst desselben versehen, und des Hains und Teiches warten sollte, welche sich auf diese Weise, ohne ein so grosses Wunder, als Herr Demokritus fur notig hielt, aus Lycien nach Abdera versetzt befanden. Dieser Tempel, Hain und Teich erhielt sich, vermoge der Ehrfurcht, welche sogar die benachbarten wilden Thracier fur denselben hegten, durch alle Veranderungen und Unfalle, denen Abdera in der Folge unterworfen war, bis die Stadt endlich von den Tejern, unsern Vorfahren, zu den Zeiten des grossen Cyrus wiederhergestellt, und, wie man ohne Ruhmredigkeit sagen kann, zu einem Glanz erhoben wurde, dass sie keine Ursache hat, irgend eine andre in der Welt zu beneiden."

Sie reden wie ein wahrer Patriot, Herr Oberpriester, sagte Euripides. Aber wenn es erlaubt ware, eine bescheidene Frage zu tun

"Fragen Sie was Sie wollen, fiel ihm Strobylus ein; ich werde Gott Lob! nie verlegen sein, Antwort zu geben."

Mit Ew. Ehrwurden Erlaubnis also! fuhr Euripides fort Die ganze Welt kennt die edle Denkart und die Liebe zur Pracht und zu den schonen Kunsten, die den tejischen Abderiten eigen ist, und wovon ihre Stadt uberall die merkwurdigsten Beweise darstellt. Wie kommt es also, da zumal die Tejer schon von alten Zeiten her im Ruf einer besondern Ehrfurcht fur die Latona stehen, dass die Abderiten nicht auf den Gedanken gekommen sind, ihr einen ansehnlichern Tempel aufzubauen?

"Ich vermutete mir diesen Einwurf", sagte Strobylus, mit einem Lacheln, wobei er die Augenbraunen in die Hohe zog, und machtig weise aussehen wollte

Es soll kein Einwurf sein, versetzte Euripides, sondern bloss eine bescheidene Frage.

"Ich will sie Ihnen beantworten, sagte der Priester. Ohne Zweifel ware es der Republik leicht gewesen, der Latona als einer Gottin vom ersten Rang einen so prachtigen Tempel aufzubauen, wie sie dem Jason, der doch nur ein Heros war, gebaut hat. Aber sie hat mit Recht geglaubt, dass es der Ehrfurcht, die wir der Mutter des Apollo und der Diana schuldig sind, gemasser sei, ihren uralten Tempel zu lassen, wie sie ihn gefunden; und er ist und bleibt demungeachtet der oberste und heiligste Tempel von Abdera, was auch immer der Priester des Jasons dagegen einwenden mag."

Strobylus sagte dieses letzte mit einem Eifer und einem Crescendo il Forte, dass Demokritus fur notig fand, ihn zu versichern, dass dies wenigstens bei allen Gesunddenkenden eine ausgemachte Sache sei.

"Indessen, fuhr der Oberpriester fort, hat die Republik gleichwohl solche Beweise ihrer besondern Devotion fur den Tempel der Latona und dessen Zubehorden abgelegt, dass gegen die Lauterkeit ihrer Absichten nicht der geringste Zweifel ubrig sein kann. Sie hat zu Versehung des Dienstes nicht nur ein Collegium von sechs Priestern, deren Vorsteher zu sein ich unwurdiger Weise die Ehre habe, sondern auch aus dem Mittel des Senats drei Pfleger des geheiligten Teichs angeordnet, von welchen der erste allezeit eines von den Hauptern der Stadt ist. Ja sie hat, aus Beweggrunden, deren Richtigkeit streitig zu machen, nicht langer erlaubt ist, die Unverletzlichkeit der Frosche des Latonenteichs auf alle Tiere dieser Gattung in ihrem ganzen Gebiet ausgedehnt; und zu diesem Ende das ganze Geschlecht der Storche, Kraniche und aller andern Froschfeinde aus ihren Grenzen verbannt."

Wenn die Versicherung, dass es nicht langer erlaubt ist, an der Richtigkeit dieses Verfahrens zu zweifeln, mir nicht die Zunge bande, sagte Demokritus, so wurde ich mir die Freiheit nehmen zu erinnern, dass selbiges mehr in einer, zwar an sich selbst loblichen, aber doch aufs ausserste getriebnen Deisidamonie62, als in der Natur der Sache oder der Ehrfurcht, die wir der Latona schuldig sind, gegrundet zu sein scheint. Denn in der Tat ist nichts gewisser, als dass die Frosche zu Abdera und in der Gegend umher, die den Einwohnern bereits sehr beschwerlich sind, mit der Zeit sich unter einer solchen Protection so uberschwenglich vermehren werden, dass ich nicht begreife, wie unsre Nachkommen sich mit ihnen werden vergleichen konnen. Ich rede hier bloss menschlicher Weise, und unterwerfe meine Meinung dem Urteil der Obern, wie einem rechtgesinnten Abderiten zukommt.

"Daran tun Sie wohl, sagte Strobylus, es mag nun Ihr Ernst sein oder nicht; und Sie wurden, nehmen Sie mirs nicht ubel, noch besser tun, wenn Sie dergleichen Meinungen gar nicht laut werden liessen. Ubrigens kann nichts lacherlichers sein, als sich vor Froschen zu furchten; und unter dem Schutze der Latona konnen wir, denke ich, gefahrlichere Feinde verachten, als diese guten unschuldigen Tierchen jemals sein konnten, wenn sie auch unsre Feinde wurden."

Das sollt ich auch denken, sagte Euripides. Mich wundert, wie einem so grossen Naturforscher, als Demokritus, unbekannt sein kann, dass die Frosche, die sich von Insecten und kleinen Schnecken nahren, dem Menschen vielmehr nutzlich als schadlich sind.

Der Priester Strobylus nahm diese Anmerkung so wohl auf, dass er von diesem Augenblick an ein hoher Gonner und Beforderer unsers Dichters wurde. Die Herren hatten sich kaum von ihm beurlaubt, so ging er in einige der besten Hauser, und versicherte, Euripides sei ein Mann von grossen Verdiensten. "Ich habe sehr wohl bemerkt, sagte er, dass er mit dem Demokritus nicht zum Besten steht; er gab ihm ein- oder zweimal tuchtig auf den Kolben. Er ist wirklich ein hubscher verstandiger Mann fur einen Poeten."

Zehntes Kapitel

Der Senat zu Abdera gibt dem Euripides, ohne dass

er darum angesucht hatte Erlaubnis, eines seiner

Stucke auf dem abderitischen Theater aufzufuhren Kunstgriff; wodurch sich die abderitische Kanzlei in

solchen Fallen zu helfen pflegte

Schlaues Betragen des Nomophylax

Merkwurdige Art der Abderiten, einem, der ihnen im

Wege stund, allen Vorschub zu tun

Nachdem Euripides die Wahrzeichen von Abdera samtlich in Augenschein genommen, fuhrte man ihn nach dem Garten der Salabanda, wo er den Ratsherrn ihren Gemahl, (einen Mann, der bloss durch seine Gemahlin merkwurdig wurde,) und eine grosse Gesellschaft von abderitischem Beau-Monde fand, alle sehr begierig zu sehen, wie man es machte, um Euripides zu sein.

Euripides sah nur Ein Mittel, sich mit Ehren aus der Sache zu ziehen; und das war in so guter abderitischer Gesellschaft nicht Euripides sondern so sehr Abderit zu sein, als ihm nur immer moglich war. Die guten Leute wunderten sich, ihn so gleichartig mit ihnen selbst zu finden. Es ist ein scharmanter Mann, sagten sie; man dachte, er ware sein Leben lang in Abdera gewesen.

Die Cabale der Dame Salabanda ging inzwischen tapfer ihren Gang, und des folgenden Morgens war schon die ganze Stadt des Geruchtes voll, der fremde Dichter wurde mit seinen Leuten eine Komodie auffuhren, wie man in Abdera noch keine gesehen habe.

Es war ein Ratstag. Die Herren versammelten sich, und einer fragte den andern, wenn Euripides sein Stuck geben wurde? Keiner wollte was davon wissen, wiewohl jeder positiv versicherte, dass bereits die Zurustungen dazu gemacht wurden.

Als der Archon die Sache in Vortrag brachte, formalisierten sich die Freunde des Nomophylax nicht wenig daruber. "Wozu, sagten sie, braucht's uns noch zu fragen, ob wir erlauben wollen, was schon beschlossen ist, und wovon jedermann als von einer ausgemachten Sache spricht?"

Einer der hitzigsten behauptete, dass der Senat eben deswegen Nein dazu sagen, und dadurch zeigen sollte, dass Er Meister sei.

"Das ware mir ein sauberes Participium, rief der Zunftmeister Pfrieme; weil die ganze Stadt fur die Sache bordiert ist, und die fremden Komodianten zu horen wunscht, so soll der Senat Nein dazu sagen? Ich behaupte just das Gegenteil. Eben weil das Volk sie zu horen wunscht, so sollen sie aufspielen! Fox pobulus, Fox Deus! Das ist immer mein Simplum gewesen, und soll es bleiben, so lange ich Zunftmeister Pfrieme heissen werde!"

Die Meisten traten auf des Zunftmeisters Seite. Der politische Ratsherr zuckte die Achseln, sprach Pro und Contra, und beschloss endlich: wenn der Nomophylax nichts dabei zu erinnern hatte, so glaubte er, man konnte fur diesmal connivendo geschehen lassen, dass die Fremden auf dem Stadttheater spielten.

Der Nomophylax hatte bisher bloss die Nase gerumpft, gegrinst, seinen Knebelbart gestrichen, und einige abgebrochne Worte mit untermischtem Ha, ha, ha, gemeckert. Er hatte nicht gerne dafur angesehen werden mogen, als ob ihm daran gelegen sei, die Sache zu hintertreiben. Allein je mehr er's verbergen wollte, desto starker fiel's in die Augen. Er schwoll zusehends auf, wie ein Truthahn, dem man ein rotes Tuch vorhalt, und endlich, da er entweder bersten oder reden musste, sagte er: "Die Herren mogen nun glauben was sie wollen aber ich bin wirklich der erste, der das neue Stuck zu horen wunscht. Ohne Zweifel hat der Poet den Text und die Musik selbst gemacht, und da muss es ja wohl ein ganzes Wunderding sein. Indessen, weil er sich nicht aufhalten kann, wie man sagt, so seh ich nicht, wie man mit den Decorationen wird fertig werden konnen. Und wenn wir zu den Choren unsre Leute hergeben sollen, wie zu vermuten ist: so bedaur ich, dass ich sagen muss, vor vierzehn Tagen wird nicht daran zu denken sein."

Dafur lassen wir den Euripides sorgen, sagte einer von den Vatern, aus deren Sprachrohren die Stimme der Dame Salabanda sprach; man wird ihm ohnehin Ehren halben die ganze Direction seines Schauspiels uberlassen mussen Den Rechten eines zeitigen Nomophylax und der Theatercommission unprajudicierlich, setzte der Archon hinzu.

"Ich bin alles zufrieden, sagte Gryllus; die Herren wollen was Neues Gut! Wunsche, dass es wohl bekomme! Bin selbst begierig, das Ding zu horen, wie gesagt. Es kommt freilich alles bloss darauf an, ob man Glauben an die Leute hat Verstehen Sie mich? Indessen wird Recht Recht, und Musik Musik bleiben; und ich wette was die Herren wollen, die Terzen und Quinten und Octaven der Herren Athenienser werden just so klingen wie die unsrigen, ha, ha, ha, ha!"

Es ging also mit einem grossen Mehr durch, "dass den fremden Komodianten, semel pro semper und citra consequentiam, erlaubt sein sollte, eine Tragodie auf der Nationalschaubuhne aufzufuhren, und dass ihnen hiezu von Seiten der Theaterdeputation aller Vorschub getan und die Kosten von der Cassa bestritten werden sollten." Allein, weil der Ausdruck erlaubt sein sollte dem Euripides, der nichts verlangt hatte, sondern sich bloss erbitten lassen, hatte anstossig sein konnen: so veranstaltete Frau Salabanda, dass der Ratsschreiber, der ihr besonderer Freund und Diener war, im Bescheid die Worte erlaubt sein sollte in ersucht werden sollte, und die fremden Komodianten in den beruhmten Euripides verwandelte Alles ubrigens dem Ratschluss und der Kanzlei ohnprajudicierlich und citra consequentiam!

So wie der Senat auseinander ging, begab sich der Nomophylax zum Euripides, uberschuttete ihn mit Complimenten, bot ihm seine Dienste an, und versicherte ihn, dass ihm aller moglicher Vorschub getan werden sollte, um sein neues Stuck recht bald auffuhren zu konnen. Der Effect dieser Versicherung war, dass ihm, ohne dass jemand Schuld daran haben wollte, alle mogliche Hindernisse in den Weg gelegt wurden, und dass es immer an allem fehlte, was er notig hatte. Beschwerte er sich, so wies ihn immer einer an den andern und jeder beteuerte seine Unschuld und seinen guten Willen, indem er ganz deutlich zu verstehen gab, dass der Fehler bloss an diesem oder jenem liege, der eine Viertelstunde zuvor seinen guten Willen eben so stark beteuert hatte.

Euripides fand die abderitische Art, allen moglichen Vorschub zu tun, so beschwerlich, dass er sich nicht entbrechen konnte, der Dame Salabanda am Morgen des dritten Tages zu erklaren: seine Meinung sei, sich mit dem ersten Winde, woher er auch blasen mochte, wieder einzuschiffen, wofern sie nicht einen Ratschluss auswirkte, der den Herren von der Commission anbefohle, ihm keinen Vorschub zu tun. Da der Archon, wie wohl eigentlich alle executive Gewalt von ihm abhing, kein Mann von Execution war, so war das einzige Mittel in dieser Not, den Zunftmeister Pfrieme und den Priester Strobylus, welche alles beim Volke vermochten, in Bewegung zu setzen. Salabanda ubernahm beides mit so guter Wirkung, dass binnen Tag und Nacht alles, was von Seiten der Theatercommission besorgt werden musste, fertig und bereit war; welches um so leichter geschehen konnte, da Euripides seine eignen Decorationen bei sich hatte, und also beinahe nichts weiter zu tun war, als sie dem abderitischen Theater anzupassen.

Eilftes Kapitel

Die Andromeda des Euripides wird endlich, trotz

aller Hindernisse, von seiner

eignen Truppe aufgefuhrt

Ausserordentliche Empfindsamkeit der Abderiten,

mit einer Digression, welche unter die lehrreichsten in diesem ganzen Werke gehort, und daher auch von

gar keinem Nutzen sein wird

Die Abderiten hatten ein neues Stuck erwartet, und waren daher ubel zufrieden, da sie horten, da es eben die Andromeda war, die sie vor wenig Tagen schon gesehen zu haben glaubten. Noch weniger wollten ihnen Anfangs die fremden Schauspieler einleuchten, deren Ton und Action so naturlich war, dass die guten Leute gewohnt ihre Helden und Heldinnen wie Besessene herumfahren zu sehen, und schreien zu horen wie der verwundete Mars in der Iliade gar nicht wussten, was sie daraus machen sollten. Das ist eine wunderliche Art zu agieren, flusterten sie einander zu; man merkt gar nicht, dass man in der Komodie ist; es klingt ja ordentlich, als ob die Leute ihre eigne Rollen spielten. Indessen bezeugten sie doch ihr Erstaunen uber die Decorationen, die zu Athen von einem beruhmten Meister in der Theaterperspectiv gemalt waren; und da die Meisten in ihrem Leben nichts Gutes in dieser Art gesehen hatten, so glaubten sie bezaubert zu sein, wie sie das Ufer des Meers, den Felsen, wo Andromeda angefesselt war, und den Hain der Nereiden an einer kleinen Bucht auf der einen Seite, und den Palast des Konigs Cepheus in der Ferne auf der andern, so naturlich vor sich sahen, dass sie geschworen hatten, es sei alles wirklich und wahrhaftig so, wie es sich darstellte. Da nun uberdies die Musik vollkommen nach dem Sinn des Dichters, und also das alles war, was die Musik des Nomophylax Gryllus nicht war; da sie immer gerad aufs Herz wirkte, und ungeachtet der grossten Einfalt und Singbarkeit doch immer neu und uberraschend war: so brachte alles dies, mit der Lebhaftigkeit und Wahrheit der Declamation und Pantomime, und mit der Schonheit der Stimmen und des Vortrags, einen Grad von Tauschung bei den guten Abderiten hervor, wie sie noch in keinem Schauspiel erfahren hatten. Sie vergassen ganzlich, dass sie in ihrem Nationaltheater sassen; glaubten unvermerkt mitten in der wirklichen Scene der Handlung zu sein, nahmen Anteil an dem Gluck und Ungluck der handelnden Personen, als ob es ihre nachsten Blutsfreunde gewesen waren, betrubten und angstigten sich, hofften und furchteten, liebten und hassten, weinten und lachten, wie es dem Zauberer, unter dessen Gewalt sie waren, gefiel, kurz, die Andromeda wirkte so ausserordentlich auf sie, dass Euripides selbst gestand, noch niemals des Schauspiels einer so vollkommnen Empfindsamkeit genossen zu haben.

Wir bitten in Parenthesi die empfindsamen Frauenzimmerchen und Jungelchen unsrer von lauter Empfindsamkeit hochst unempfindsamen Zeit sehr um Verzeihung! aber es war in der Tat unsre Meinung nicht, durch diesen Zug der ausserordentlichen Empfindsamkeit der Abderiten Ihnen einen Stich zu geben und gleichsam dadurch einigen Zweifel gegen ihren guten Verstand bei Ihnen selbst oder bei andern Leuten zu erwecken. In ganzem Ernst, wir erzahlen die Sache bloss wie sie sich zutrug; und wem eine so grosse Empfindsamkeit an Abderiten befremdlich vorkommt, den ersuchen wir hoflichst zu bedenken, dass sie, bei aller ihrer Abderitheit, am Ende doch Menschen waren wie andre; ja, in gewissem Sinn, nur desto mehr Menschen je mehr Abderiten sie waren. Denn gerade ihre Abderitheit machte, dass es eben so leicht war, sie zu betrugen, als die Vogel, die in die gemalten Trauben des Zeuxis hineinpickten; indem sie sich jedem Eindruck, besonders den Illusionen der Kunst, viel ungewahrsamer und treuherziger uberliessen, als feinere und kaltere, folglich auch gescheutere Leute zu tun pflegen, als welche man so leicht nicht verhindern kann, durch jeden Zauberdunst, den man um sie her macht, durchzusehen.

Ubrigens macht der Verfasser dieser Geschichte hier die Anmerkung: Die grosse Disposition der Abderiten, sich von den Kunsten der Einbildungskraft und der Nachahmung tauschen zu lassen, sei eben nicht das, was er am wenigsten an ihnen liebe. Er mag aber wohl dazu seine besondern Ursachen gehabt haben.

In der Tat haben Dichter, Tonkunstler, Maler, einem aufgeklarten und verfeinerten Publico gegenuber schlimmes Spiel; und just die eingebildeten Kenner, die unter einem solchen Publico immer den grossten Haufen ausmachen, sind am schwersten zu befriedigen. Anstatt der Einwirkung still zu halten, tut man alles, was man kann, um sie zu verhindern. Anstatt zu geniessen, was da ist, raisonniert man daruber, was da sein konnte. Anstatt sich zur Illusion zu bequemen63, wo die Vernichtung des Zaubers zu nichts dienen kann, als uns eines Vergnugens zu berauben: setzt man ich weiss nicht welche kindische Ehre darin, den Philosophen zur Unzeit zu machen, zwingt sich zu lachen, wo Leute, die sich ihrem naturlichen Gefuhl uberlassen, Tranen im Auge haben, und, wo diese lachen, die Nase aufzurumpfen, um sich das Ansehen zu geben, als ob man zu stark oder zu fein oder zu gelehrt sei, um sich von so was aus seinem Gleichgewicht setzen zu lassen.

Aber auch die wirklichen Kenner verkummern sich

selbst den Genuss, den sie von tausend Dingen, die in ihrer Art gut sind, haben konnten, durch Vergleichungen derselben mit Dingen anderer Art; Vergleichungen, die meistens ungerecht und immer wider unsern eignen Vorteil sind. Denn das, was unsre Eitelkeit dabei gewinnt, ein Vergnugen zu verachten, ist doch immer nur ein Schatten, nach welchem wir schnappen, indem uns das Wirkliche entgeht.

Wir finden daher, dass es allezeit unter noch rohen

Menschen war, wo die Sohne des Musengottes jene grossen Wunder taten, wovon man noch immer spricht, ohne recht zu wissen was man sagt. Die Walder in Thracien tanzten zur Leier des Orpheus, und die wilden Tiere schmiegten sich zu seinen Fussen, nicht weil er ein Halbgott war, sondern weil die Thracier Baren waren; nicht, weil er ubermenschlich sang, sondern weil seine Zuhorer wie blosse Naturmenschen horten; kurz, aus eben dem Grunde, warum (nach Forsters Bericht) eine schottische Sackpfeife die guten Seelen von Tahiti in Entzucken setzte.

Die Anwendung dieser nicht sehr neuen, aber sehr

praktischen Bemerkung, die man so oft gehort hat, und doch fast immer aus der Acht lasst, wird der geneigte Leser selbst machen, wenn's ihm beliebt. Unser eigen Gewissen mag uns sagen, ob und in wie fern wir in andern Dingen, mehr oder weniger, Thracier und Abderiten sind; aber wenn wir's in diesem einzigen Puncte waren, so mocht' es nur desto besser fur uns und freilich auch fur den grossten Teil unsrer poetischen Sackpfeifer, sein.

Zwolftes Kapitel

Wie ganz Abdera vor Bewunderung und Entzucken uber die Andromeda des Euripides zu Narren wurde Philosophischkritischer Versuch uber diese seltsame

Art von Phrenesie, welche bei den Alten insgemein

die abderische Krankheit genannt wird den

Geschichtschreibern ergebenst zugeeignet

Als der Vorhang gefallen war, sahen die Abderiten noch immer mit offnem Aug und Munde nach dem Schauplatz hin; und so gross war ihre Verzuckung, dass sie nicht nur ihrer gewohnlichen Frage, wie hat Ihnen das Stuck gefallen? vergassen, sondern sogar des Klatschens vergessen haben wurden, wenn Salabanda und Onolaus (die bei der allgemeinen Stille am ersten wieder zu sich selbst kamen) nicht eilends diesem Mangel abgeholfen, und dadurch ihren Mitburgern die Beschamung erspart hatten, gerade zum erstenmale, wo sie wirklich Ursache dazu hatten, nicht geklatscht zu haben. Aber dafur brachten sie auch das Versaumte mit Wucher ein. Denn sobald der Anfang gemacht war, wurde so laut und so lange geklatscht, bis kein Mensch mehr seine Hande fuhlte. Diejenigen, die nicht mehr konnten, pausierten einen Augenblick, und fingen dann wieder desto starker an, bis sie von andern, die inzwischen ausgeruht, wieder abgelost wurden. Es blieb nicht bei diesem larmenden Ausbruch ihres Beifalls. Die guten Abderiten waren so voll von dem, was sie gehort und gesehen hatten, dass sie sich genotiget fanden, ihrer Repletion noch auf andere Weise Luft zu machen. Verschiedene blieben im Nachhausegehen auf offentlicher Strasse stehen, und declamierten uberlaut die Stellen des Stucks, wovon sie am starksten geruhrt worden waren. Andre, bei denen die Leidenschaft so hoch gestiegen war, dass sie singen mussten, fingen zu singen an, und wiederholten, wohl oder ubel, was sie von den schonsten Arien im Gedachtnis behalten hatten. Unvermerkt wurde, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, der Paroxysmus allgemein; eine Fee schien ihren Stab uber Abdera ausgereckt, und alle seine Einwohner in Komodianten und Sanger verwandelt zu haben. Alles was Odem hatte sprach, sang, trallerte, leierte und pfiff, wachend und schlafend, viele Tage lang nichts als Stellen aus der Andromeda des Euripides. Wo man hin kam, horte man die grosse Arie O du, der Gotter und der Menschen Herrscher, Amor u.s.w. und sie wurde so lange gesungen, bis von der ursprunglichen Melodie gar nichts mehr ubrig war, und die Handwerksbursche, zu denen sie endlich herabsank, sie bei Nacht auf der Strasse nach eigner Melodie brullten.

Wenn der Rat nicht (wie so viele andre, die uns von Weisen gegeben werden) den einzigen Fehler hatte dass er nicht praktikabel ist, so wurden wir eilen was wir konnten, allen Menschen den Rat zu geben, niemals von irgend einer Begebenheit, die ihnen erzahlt wird, ein Wort zu glauben. Denn unzahlige Erfahrungen, die wir hieruber seit mehr als dreissig Jahren gemacht, haben uns uberzeugt, dass an allen solchen Erzahlungen ordentlicher Weise kein Wort wahr ist; und wir wissen uns in ganzem Ernst nicht eines einzigen Falles zu besinnen, wo eine Sache, wiewohl sie sich erst vor wenigen Stunden zugetragen, nicht von jedem, der sie erzahlte, anders, und also (weil doch ein Ding nur auf eine Art wahr ist) von jedem falsch erzahlt worden ware.

Da es diese Bewandtnis mit Dingen hat, die zu unsrer Zeit, an dem Ort unsers Aufenthalts, und beinahe vor unsern sichtlichen Augen geschehen: so kann man leicht ermessen, wie es um die historische Treue und Zuverlassigkeit solcher Begebenheiten stehen musse, die sich vor langer Zeit zugetragen, und fur die wir keine andre Gewahr haben, als was uns davon in geschriebenen oder gedruckten Buchern weisgemacht wird. Weiss der liebe Gott, wie sie da der armen ehrlichen Wahrheit mitspielen, und was von ihr ubrig bleiben kann, wenn sie ein paar tausend Jahre lang durch alle die verfalschenden Mediums von Traditionen, Chroniken, Jahrbuchern, pragmatischen Geschichten, kurzen begriffen, historischen Worterbuchern, Anekdotensammlungen u.s.w., und durch so manche gewaschne oder ungewaschne Hande von Schreibern und Abschreibern, Setzern und Ubersetzern, Censoren und Correctoren etc. durchgebeutelt, geseigt und gepresst worden ist! Ich meines Orts bin durch die genauere Betrachtung dieser Umstande schon lange bewogen worden, ein Gelubde zu tun, keine andre Geschichte zu schreiben, als von Personen, an deren Existenz und von Begebenheiten, an deren Zuverlassigkeit keinem Menschen in der Welt etwas gelegen sein kann.

Was mich zu dieser kleinen Expectoration veranlasst, ist gerade die Begebenheit, die wir vor uns haben, und die von den verschiedenen Schriftstellern, welche ihrer Erwahnung tun, so seltsam behandelt und misshandelt worden ist, als ein gutherziger nichts Arges wahnender Leser sich kaum vorstellen kann.

Da ist nun, zum Exempel, dieser Yorik, dieser Erfinder, Vater, Protoplastus und Prototypus aller empfindsamen Reisen und empfindelnden Wandersleute, die ohne Beutel und Tasche, ja ohne nur ein paar Schuhsohlen daruber abgenutzt zu haben, empfindsame Reisen, wer weiss wohin, bloss in der Absicht getan haben, mit deren Beschreibung ihre Bier- und Tabaksrechnung zu saldieren ich sage, da ist nun dieser Yorik, der, um ein hubsches Kapitelchen in sein beruhmtes Sentimental Journey daraus zu machen, diese namliche Begebenheit so accommodiert hat, dass sie zwar so wunderbar und abenteuerlich als ein Feenmarchen worden ist, aber auch daruber alle ihre individuelle Wahrheit, und sogar alle abderitische Familienahnlichkeit verloren hat.

Man hore nur an! "Die Stadt Abdera (sagt er) war die schandlichste und gottloseste Stadt in ganz Thracien wimmelte und brudelte von Giftmischerei, Verschworungen, Meuchelmord, Schmahschriften, Pasquillen und Tumult. Bei hellem Tage war man seines Lebens nicht sicher; bei Nacht wars noch arger. Nun begab sichs (fahrt er fort), als der Greuel aufs hochste gestiegen war, dass man zu Abdera die Andromeda des Euripides vorstellte. Sie gefiel allen Zuschauern; aber von allen Stellen, die dem Volke gefielen, wirkten keine starker auf seine Imagination als die zartlichen Naturzuge, die der Dichter in die ruhrende Rede des Perseus verweht hatte O du, der Gotter und der Menschen Herrscher, Amor! Alle Welt sprach den folgenden Tag in Jamben, und von nichts als der ruhrenden Anrede des Perseus: O Amor, du der Gotter und der Menschen Herrscher!64 In jeder Gasse von Abdera, in jedem Hause: 'O Amor, O Amor'! In jedem Munde u.s.w. nichts als: O du, der Gotter und der Menschen Herrscher, Amor! Das Feuer griff um sich, und die ganze Stadt, gleich dem Herzen eines einzigen Mannes, offnete sich der Liebe. Kein Drogist konnte einen Scrupel Niesewurz los werden kein Waffenschmied hatte das Herz, ein einziges Werkzeug des Todes zu schmieden Freundschaft und Tugend begegneten sich auf den Gassen das goldne Alter kehrte zuruck, und schwebte uber der Stadt Abdera. Jeder Abderit nahm sein Haberrohr, und jede Abderitin verliess ihr Purpurgewebe, und setzte sich keusch und horchte auf den Gesang."

In der Tat ein sehr schones Kapitelchen! Alle jungen Knaben und Madel fanden es delicios "O Amor, Amor! der Gotter und der Menschen Herrscher, Amor!" Und dass ein einziger Vers aus dem Euripides ein Vers, wie wahrlich bei beiden Ohren des Konigs Midas! der geringste unter euern Haberrohrsangern sich alle Augenblicke zwanzig auf einem Beine stehend zu machen getrauen kann ein Wunder gewirkt haben soll, das alle Priester, Propheten und Weisen der ganzen Welt mit gesamter Hand nicht im Stande gewesen sind, nur ein einzigesmal zu bewirken das Wunder, eine so schandliche, heillose und gottesvergessene Stadt und Republik, wie Abdera gewesen sein soll, auf einmal in ein unschuldiges, liebevolles Arkadien zu verwandeln das gefallt freilich den gauchhaarigten, empfindsamen, geelschnablichten Turteltaubchen und Turteltaubern! Nur Schade, wie gesagt, dass am ganzen Historchen, so wie es Bruder Yorik erzahlt, kein wahres Wort ist.

Das ganze Geheimnis ist: der wunderliche Mensch war verliebt, als er sich das alles einbildete; und so schrieb er (wie es jedem ehrlichen Amoroso und Virtuoso, Steckenpferdler und Mondritter zu gehen pflegt) alles, was er sich einbildete, fur Wahrheit hin. Nur ists nicht hubsch an ihm, dass er um seinem Leibgotzen und Fetisch, Amor, ein desto grosseres Compliment zu machenden armen Abderiten das Argste nachsagt, was sich von Menschen denken und sagen lasst. Aber das ganze griechische und romische Altertum soll auftreten und zeugen, ob jemals so etwas auf die guten Leute gebracht worden sei! Sie hatten freilich, wie man weiss, ihre Launen und Mukken, und was man im eigentlichen Verstande Klugheit und Weisheit nennt, war nie ihre Sache gewesen; aber ihre Stadt deswegen zu einer Mordergrube zu machen, das geht ein wenig uber die Grenzen der beruchtigten Dichterfreiheit, die (so einen grossen Tummelplatz man ihr auch immer zugestehen will) doch am Ende, wie alle andere Dinge in der Welt, ihre Grenzen haben muss.

Lucian von Samosata, im Eingang seines beruhmten Buchleins, wie man die Geschichte schreiben musste wenn man konnte, erzahlt die Sache ganz anders, wiewohl, mit seiner Erlaubnis, nicht viel richtiger als Yorik. Er muss, wie es scheint, etwas vom Konig Archelaus und von der Andromeda des Euripides und von der seltsamen Schwarmerei, die sich der Abderiten bemachtigte, gehort haben; und dass man zuletzt genotiget war, den Hippokrates zu Hulfe zu rufen, damit er alles zu Abdera wieder ins alte Gleis setzen mochte Und nun sehe man einmal, wie der Mann das alles durch einander wirft! "Der Komodiant Archelaus (der damals so viel war, als wenn man bei uns Brokmann, oder Schroter, oder, ne vous deplaise, der deutsche Garrik sagt) dieser Archelaus kam in den Tagen des Konigs Lysimachus nach Abdera, und gab die Andromeda des Euripides. Es war just ein ausserordentlich heisser Sommertag. Die Sonne brannte den Abderiten auf ihre Kopfe, die wahrlich ohnehin schon warm genug waren. Die ganze Stadt brachte ein starkes Fieber aus der Komodie nach Hause. Am siebenten Tage brach sich bei den Meisten die Krankheit entweder durch heftiges Nasenbluten oder einen starken Schweiss; hingegen blieb ihnen eine seltsame Art von Zufall davon zuruck. Denn wie das Fieber vorbei war, uberfiel sie allesamt ein unwiderstehlicher Drang, tragische Verse zu declamieren. Sie sprachen in lauter Jamben, schrien, wo sie stunden und gingen, aus vollem Halse ganze Tiraden aus der Andromeda daher, sangen den Monologen des Perseus" u.s.w.

Lucian, nach seiner spottischen Art, macht sich sehr lustig mit der Vorstellung, wie narrisch es ausgesehen haben musse, alle Strassen in Abdera von bleichen, entbauchten, und vom siebentagigen Fieber ausgemergelten Tragikern wimmeln zu sehn, die aus allen ihren Leibeskraften, "Du aber, der Gotter und der Menschen Herrscher Amor," u.s.w. gesungen; und er versichert, diese Epidemie habe so lange gedauert, bis der Winter und eine eingefallne grosse Kalte dem Unwesen endlich ein Ende gemacht.

Man muss gestehen, Lucians Art, den Hergang zu erzahlen, hat vor der yorikischen vieles voraus. Denn so seltsam dieses abderitische Fieber scheinen mag, so werden doch alle Arzte gestehen, dass es wenigstens moglich, und alle Dichter, dass es charaktermassig ist. Es gilt also davon, was die Italianer zu sagen pflegen: se non e vero, e ben trovato. Aber wahr ists freilich nicht; wie schon aus dem einzigen Umstand erhellt, dass um die Zeit, da sich diese Begebenheit in Abdera zugetragen haben soll, eigentlich kein Abdera mehr war, weil die Abderiten schon einige Jahre zuvor ausgezogen waren, und ihre Stadt den Froschen und Ratten uberlassen hatten.

Kurz, die Sache begab sich wie wir sie erzahlt haben; und wem man den Paroxysmus, der die Abderiten nach der Andromeda des Euripides uberfiel, ein Fieber nennen will: so war es wenigstens von keiner andern Art als das Schauspielfieber, womit wir bis auf diesen Tag manche Stadte unsers werten deutschen Vaterlandes behaftet sehen. Das Ubel lag nicht sowohl im Blute, als in der Abderitheit der guten Leute uberhaupt.

Indessen ist nicht zu leugnen, dass es bei einigen, bei denen es mehr Zunder und Nahrung als bei andern finden mochte, ernsthaft genug wurde, um des Arztes zu bedurfen woraus denn vermutlich in der Folge der Irrtum Lucians entstanden sein mag, die ganze Sache fur eine Art von hitzigem Fieber zu halten. Zum Glucke befand sich Hippokrates noch in der Nahe; und da er die Natur der Abderiten schon ziemlich kennen gelernt hatte: so setzten etliche Pfund Niesewurz alles in kurzem wieder in den alten Stand d.i. die Abderiten horten auf: "O du, der Gotter und der Menschen Herrscher, Amor!" zu singen, und waren nun samt und sonders wieder so weise als zuvor.

Zweiter Teil,

der das vierte und funfte Buch

und den Schlussel enthalt

Viertes Buch

oder

der Process um des Esels Schatten

Erstes Kapitel

Veranlassung des Processes, und Facti Species

Der Periodus fatalis der Stadt Abdera schien endlich gekommen zu sein. Kaum hatten sie sich von dem wunderbaren Theaterfieber, womit sie des ehrlichen, arglosen Euripides Gotter- und Menschenherrscher Amor heimgesucht hatte, wieder ein wenig erholt; kaum sprachen die Burger wieder in Prosa mit einander auf den Strassen; kaum verkauften die Drogisten wieder ihre Niesewurz, schmiedeten die Waffenschmiede wieder ihre Rappiere und Transchiermesser, machten sich die Abderitinnen wieder keusch und emsig an ihr Purpurgewebe, und warfen die Abderiten ihr leidiges Haberrohr weg, um ihren verschiednen Berufsarbeiten wieder mit ihrem gewohnlichen guten Verstande obzuliegen: als die Schicksalsgottinnen, ganz ingeheim, aus dem schalsten, dunnsten, unhaltbarsten Stoff, der jemals von Gottern oder Menschen versponnen worden ist, ein so verworrenes Gespinnzungen, Kabalen, Parteien, und anderm Unrat herauszogen, dass endlich ganz Abdera davon umwickelt und umsponnen wurde, und, da das heillose Zeug durch die unbesonnene Hitze der Helfer und Helfershelfer in Flammen geriet, diese beruhmte Stadt daruber beinahe, und vielleicht ganzlich, zu Grunde gegangen ware, wofern sie, nach des Schicksals Schluss, durch eine geringere Ursache als Frosche und Ratten hatte vertilgt werden konnen.

Die Sache fing sich (wie alle grosse Weltbegebenheiten) mit einer sehr geringfugigen Veranlassung an. Ein gewisser Zahnarzt, Namens Struthion, von Geburt und Voraltern aus Megara geburtig, hatte sich schon seit vielen Jahren in Abdera hauslich niedergelassen; und weil er vielleicht im ganzen Lande der einzige von seiner Profession war, so erstreckte sich seine Kundschaft uber einen ansehnlichen Teil des mittaglichen Thracien. Seine gewohnliche Weise, denselben in Contribution zu setzen, war, dass er die Jahrmarkte aller kleinen Stadte und Flecken auf mehr als dreissig Meilen in der Runde bereisete, wo er, neben seinen Zahnpulver und seinen Zahntincturen, gelegenheitlich auch verschiedene Arcana wider Milzund Mutterbeschwerungen, Engbrustigkeit, bose Flusse u.s.w. mit ziemlichem Vorteil absetzte. Er hatte zu diesem Ende eine eigene Eselin im Stalle, welche bei solchen Gelegenheiten zugleich mit seiner eignen kurzdicken Person, und mit einem grossen Quersack voll Arzneien und Victualien beladen wurde. Nun begab sichs einsmals, da er den Jahrmarkt zu Gerania besuchen sollte, dass seine Eselin Abends zuvor ein Fullen geworfen hatte, folglich nicht im Stande war, die Reise mitzumachen. Struthion mietete sich also einen andern Esel, bis zum Ort, wo er sein erstes Nachtlager nehmen wollte; und der Eigentumer begleitete ihn zu Fuss, um das lastbare Tier zu besorgen und wieder nach Hause zu reiten. Der Weg ging uber eine grosse Heide. Es war mitten im Sommer, und die Hitze diesen Tag sehr gross. Der Zahnarzt, dem sie unertraglich zu werden anfing, sah sich lechzend nach einem Schattenplatz um, wo er einen Augenblick absteigen, und etwas frische Luft schopfen konnte. Aber da war weit und breit weder Baum noch Staude, noch irgend ein andrer schattengebender Gegenstand zu sehen. Endlich, als er seinem Leibe keinen Rat wusste, machte er Halt, stieg ab, und setzte sich in den Schatten des Esels.

Nu, Herr, was macht Ihr da, sagte der Eseltreiber, was soll das?

Ich setze mich ein wenig in den Schatten, versetzte Struthion, denn die Sonne gibt mir ganz unleidlich auf den Schadel.

Na, mein guter Herr, erwiderte der andre, so haben wir nicht gehandelt! Ich vermietete euch den Esel, aber des Schattens wurde mit keinem Wort dabei gedacht.

I, sagte der Zahnarzt lachend, der Schatten geht mit dem Esel, das versteht sich.

Ei, beim Jason! das versteht sich nicht, rief der Eselmann ganz trotzig; ein anders ist der Esel, ein anders ist des Esels Schatten. Ihr habt mir den Esel um so und so viel abgemietet. Hattet Ihr den Schatten auch dazu mieten wollen, so hattet Ihrs sagen mussen. Mit einem Wort, Herr, steht auf, und setzt Eure Reise fort, oder bezahlt mir fur des Esels Schatten was billig ist.

Was, schrie der Zahnarzt, ich habe fur den Esel bezahlt, und soll itzt auch noch fur seinen Schatten bezahlen? Nennt mich selbst einen dreidoppelten Esel, wenn ich das tue. Der Esel ist einmal fur diesen ganzen Tag mein, und ich will mich in seinen Schatten setzen, so oft mirs beliebt, und darin sitzen bleiben, so lange mirs beliebt, darauf konnt Ihr Euch verlassen!

Ist das im Ernst Eure Meinung? fragte der andre mit der ganzen Kaltblutigkeit eines thracischen Eseltreibers.

In ganzem Ernste, versetzte Struthion.

So komm der Herr nur gleich stehenden Fusses wieder zuruck nach Abdera vor die Obrigkeit, sagte jener, da wollen wir sehen, wer von uns beiden Recht behalten wird. So wahr Priapus mir und meinem Esel gnadig sei, ich will sehen, wer mir den Schatten meines Esels wider meinen Willen abtrotzen soll!

Der Zahnarzt hatte grosse Lust, den Eseltreiber durch die Starke seines Arms zur Gebuhr zu weisen. Schon ballte er seine Faust zusammen, schon hob sich sein kurzer Arm; aber als er seinen Mann genauer betrachtete, fand er fur besser, ihn allmahlig wieder sinken zu lassen, und es noch einmal mit gelindern Vorstellungen zu versuchen. Aber er verlor seinen Atem dabei. Der ungeschlachte Mensch bestand darauf, dass er fur den Schatten seines Esels bezahlt sein wollte; und da Struthion eben so hartnackig dabei blieb, nicht bezahlen zu wollen: so war zuletzt kein andrer Weg ubrig, als nach Abdera zuruckzukehren, und die Sache bei dem Stadtrichter anhangig zu machen.

Zweites Kapitel

Verhandlung vor dem Stadtrichter Philippides

Der Stadtrichter Philippides, vor den alle Handel dieser Art in erster Instanz gebracht werden mussten, war ein Mann von vielen guten Eigenschaften; ein ehrbarer, nuchterner, seinem Amte fleissig vorstehender Mann, der jedermann mit grosser Geduld anhorte, den Leuten freundlichen Bescheid gab, und im allgemeinen Ruf stund, dass er unbestechlich sei. Uberdies war er ein guter Musikus, sammelte Naturalien, hatte einige Schauspiele gemacht, die, nach Gewohnheit der Stadt, sehr wohl gefallen hatten, und war beinahe gewiss, beim ersten Erledigungsfalle Nomophylax zu werden.

Zu allen diesen Verdiensten hatte der gute Philippides nur einen einzigen kleinen Fehler, und das war: dass, so oft zwo Parteien vor ihn kamen, ihm allemal derjenige Recht zu haben schien, der zuletzt gesprochen hatte. Die Abderiten waren so dumm nicht, dass sie das nicht gemerkt hatten; aber sie glaubten, dass man einem Manne, der so viele gute Eigenschaften besitze, einen einzigen Fehler leicht zu gut halten konne. Ja, sagten sie, wenn Philippides diesen Fehler nicht hatte, er ware der beste Stadtrichter, den Abdera jemals gesehen hat. Indessen hatte doch der Umstand, dass dem ehrlichen Manne immer beide Parteien Recht zu haben schienen, naturlicher Weise die gute Folge, dass er nichts angelegners hatte, als die Handel, die vor ihn gebracht wurden, in Gute auszumachen; und so wurde die Blodigkeit des guten Philippides ein wahrer Segen fur Abdera gewesen sein, wenn die Wachsamkeit der Sykophanten, denen mit seiner Friedfertigkeit ubel gedient war, nicht Mittel gefunden hatte, ihre Wirkung fast in allen Fallen zu vereiteln.

Der Zahnarzt Struthion und der Eseltreiber Anthrax kamen also brennend vor diesen wurdigen Stadtrichter gelaufen, und brachten beide zugleich mit grossem Geschrei ihre Klage vor. Er horte sie mit seiner gewohnlichen Langmut an; und, da sie endlich fertig oder des Schreiens mude waren, zuckte er die Achseln, und der Handel deuchte ihm einer der verworrensten, die ihm jemals vorgekommen. Und wer von euch beiden ist denn eigentlich der Klager, fragte er?

Ich klage gegen den Eselmann, antwortete Struthion, dass er unsern Contract gebrochen hat.

Und ich, sagte dieser, klage gegen den Zahnarzt, dass er sich ohnentgeltlich einer Sache angemasst hat, die ich ihm nicht vermietet hatte.

Da haben wir zween Klager, sagte der Stadtrichter, und wo ist der Beklagte? Ein wunderlicher Handel! Erzahlt mir die Sache noch einmal mit allen Umstanden aber einer nach dem andern denn es ist unmoglich, klug daraus zu werden, wenn beide zugleich schreien.

Hochgeachter Herr Stadtrichter, sagte der Zahnarzt, ich habe ihm den Gebrauch des Esels auf einen Tag abgemietet. Es ist wahr, des Esels Schatten wurde dabei nicht erwahnt. Aber wer hat auch jemals erhort, dass bei einer solchen Miete eine Clausel wegen des Schattens ware eingeschaltet worden? Es ist ja, beim Herkules, nicht der erste Esel, der zu Abdera vermietet wird.

Da hat der Herr Recht, sagte der Richter.

Der Esel und sein Schatten gehen mit einander (fuhr Struthion fort); und warum sollte der, der den Esel selbst gemietet hat, nicht auch den Niessbrauch seines Schattens haben?

Der Schatten ist ein Accessorium, das ist klar, versetzte der Stadtrichter.

Gestrenger Herr, schrie der Eseltreiber, ich bin nur ein gemeiner Mann, und verstehe nichts von euren Arien und Orien. Aber das geben mir meine vier Sinne, dass ich nicht schuldig bin, meinen Esel umsonst in der Sonne stehen zu lassen, damit sich ein andrer in seinen Schatten setze. Ich habe dem Herrn den Esel vermietet, und er hat mir die Halfte voraus bezahlt; das gesteh ich. Aber ein anders ist der Esel, ein anders ist sein Schatten.

Auch wahr, murmelte der Stadtrichter.

Will er diesen haben, so mag er halb so viel dafur bezahlen als fur den Esel selbst; denn ich verlange nichts als was billig ist, und ich bitte mir zu meinem Rechte zu verhelfen.

Das Beste, was ihr hierbei tun konnt, sagte Philippides, ist, euch in Gute von einander abzufinden. Ihr, ehrlicher Mann, lasst immerhin des Esels Schatten, weils doch nur ein Schatten ist, mit in die Miete gehen; und Ihr, Herr Struthion, gebt ihm eine halbe Drachme dafur: so konnen beide Teile zufrieden sein.

Ich gebe nicht den vierten Teil von einem Blaffert, schrie der Zahnarzt, ich verlange mein Recht!

Und ich, schrie sein Gegenpart, besteh auf dem meinigen. Wenn der Esel mein ist, so ist der Schatten auch mein, und ich kann damit als mit meinem Eigentum schalten und walten; und weil der Mann da nichts von Recht und Billigkeit horen will: so verlang ich itzt das Doppelte, und will sehen, ob noch Justiz in Abdera ist!

Der Richter war in grosser Verlegenheit. Wo ist denn der Esel, fragte er endlich, da ihm in der Angst nichts anders einfallen wollte, um etwas Zeit zu gewinnen.

Der steht unten auf der Gasse vor der Ture.

Fuhrt ihn in den Hof herein, sagte Philippides.

Der Eigentumer des Esels gehorchte mit Freuden; denn er hielt es fur ein gutes Zeichen, dass der Richter die Hauptperson im Spiele sehen wollte. Der Esel wurde herbei gefuhrt. Schade, dass er seine Meinung nicht auch zu der Sache sagen konnte! Aber er stund ganz gelassen da, schaute mit gereckten Ohren erst den beiden Herren, dann seinem Meister ins Gesicht, verzog das Maul, liess die Ohren wieder sinken, und sagte kein Wort.

Da seht nun selbst, gnadiger Herr Stadtrichter, rief Anthrax, ob der Schatten eines so schonen, stattlichen Esels nicht seine zwo Drachmen unter Brudern wert ist, zumal an einem so heissen Tage wie der heutige?

Der Stadtrichter versuchte die Gute noch einmal, und die Parteien fingen schon an, es allmahlig naher zu geben: als, unglucklicher Weise, Physignathus und Polyphonus, zween von den namhaftesten Sykophanten in Abdera, dazu kamen, und, nachdem sie gehort, wovon die Rede war, der Sache auf einmal eine andere Wendung gaben. Herr Struthion hat das Recht vollig auf seiner Seite, sagte Physignathus, der den Zahnarzt fur einen wohlhabenden und dabei sehr hitzigen und eigensinnigen Mann kannte. Der andre Sykophant, wiewohl ein wenig verdriesslich, dass ihm sein Handwerksgenosse so eilfertig zuvorgekommen war, warf einen Seitenblick auf den Esel, der ihm ein hubsches wohlgenahrtes Tier zu sein schien, und erklarte sich sogleich mit dem grossten Nachdruck fur den Eseltreiber. Beide Parteien wollten nun kein Wort mehr vom Vergleichen horen, und der ehrliche Philippides sah sich genotigt, einen Rechtstag anzusetzen. Sie begaben sich nun jeder mit seinem Sykophanten nach Hause; der Esel aber, mit seinem Schatten als dem Object des Rechtshandels, wurde bis zu Austrag der Sache in den Marstall gemeiner Stadt Abdera abgefuhrt.

Drittes Kapitel

Wie die Parteien sich hohern Orts

um Unterstutzung bewerben

Nach dem Stadtrecht der Abderiten wurden alle uber Mein und Dein unter den gemeinen Burgern entstandne Handel vor einem Gerichte von zwanzig Ehrenmannern abgetan, welche sich wochentlich dreimal in der Vorhalle des Tempels der Nemesis versammelten. Alles wurde, aus billiger Rucksicht auf die Nahrung der Sykophanten, schriftlich vor diesem Gerichte verhandelt; und weil der Gang der abderitischen Justiz eine Art von Schneckenlinie beschrieb, und sich auch mit der Geschwindigkeit der Schnecke fortbewegte; zumal die Sykophanten nicht eher zum Beschliessen verbunden waren, bis sie nichts mehr zu sagen hatten: so wahrte das Libellieren gemeiniglich so lange, als es die Mittel der Parteien wahrscheinlicher Weise aushalten konnten. Allein diesesmal kamen so viele besondere Ursachen zusammen, der Sache einen schnellern Schwung zu geben, dass man sich nicht daruber zu verwundern hat, wenn der Process uber des Esels Schatten binnen weniger als vier Monaten schon so weit gediehen war, dass nun am nachsten Gerichtstage das Endurteil erfolgen sollte.

Ein Rechtshandel uber eines Esels Schatten wurde sonder Zweifel in jeder Stadt der Welt Aufsehen machen. Man denke also, was er in Abdera tun musste? Kaum war das Geruchte davon erschollen, als von Stund an alle andre Gegenstande der gesellschaftlichen Unterhaltung fielen, und jedermann mit eben so viel Teilnehmung von diesem Handel sprach, als ob er ein Grosses dabei zu gewinnen oder zu verlieren hatte. Die einen erklarten sich fur den Zahnarzt, die andern fur den Eseltreiber. Ja, sogar der Esel selbst hatte seine Freunde, welche dafur hielten, dass derselbe ganz wohl berechtigt ware, interveniendo einzukommen, da er durch die Zumutung, den Zahnarzt in seinem Schatten sitzen zu lassen, und unterdessen in der brennenden Sonnenhitze zu stehen, offenbar am meisten pragraviert worden sei. Mit einem Worte, der besagte Esel hatte seinen Schatten auf ganz Abdera geworfen, und die Sache wurde mit einer Lebhaftigkeit, einem Eifer, einem Interesse getrieben, die kaum grosser hatten sein konnen, wenn das Heil gemeiner Stadt und Republik auf dem Spiele gestanden hatte.

Wiewohl nun diese Verfahrungsweise uberhaupt niemanden, der die Abderiten aus der vorgehenden wahrhaften Geschichtsklitterung kennen gelernt hat, befremden wird: so glauben wir doch denen Lesern, welche eine Geschichte nur alsdenn recht zu wissen glauben, wenn ihnen das Spiel der Rader und Triebfedern mit dem ganzen Zusammenhang der Ursachen und Folgen einer Begebenheit aufgeschlossen wird keinen unangenehmen Dienst zu erweisen, wenn wir ihnen etwas umstandlicher erzahlen, wie es zugegangen, dass dieser Handel der in seinem Ursprung nur zwischen Leuten von geringer Erheblichkeit, und uber einen ausserst unerheblichen Gegenstand vorwaltete wichtig genug werden konnte, um zuletzt die ganze Republik in seinen Strudel hineinzuziehen.

Die samtliche Burgerschaft in Abdera war (wie von jeher die meisten Stadte in der Welt) in Zunfte abgeteilt, und vermoge einer alten Observanz gehorte der Zahnarzt Struthion in die Schusterzunft. Der Grund davon war, wie Grunde der Abderiten immer zu sein pflegten, machtig spitzfindig. In den ersten Zeiten der Republik hatte namlich diese Zunft bloss die Schuster und Schuhflicker in sich begriffen. Nachmals wurden alle Arten von Flickern mit dazu genommen; und so kam es, dass in der Folge die Wundarzte, als Menschenflicker, und somit (ob paritatem rationis) alle Arten von Arzten zu dieser Zunft geschlagen wurden. Struthion hatte demnach (bloss die Arzte ausgenommen, mit denen er immer stark uber'n Fuss gespannt war) die ganze lobliche Schusterzunft, und besonders alle Schuhflicker, auf seiner Seite, die (wie man sich noch erinnern wird) einen sehr ansehnlichen Teil der Burgerschaft von Abdera ausmachten Naturlicherweise wandte sich also der Zahnarzt vor allen andern sogleich an seinen Vorgesetzten, den Zunftmeister Pfrieme; und dieser Mann, dessen patriotischer Eifer fur die Constitution der Republik niemanden unbekannt ist, erklarte sich sogleich mit seiner gewohnlichen Hitze: dass er sich eher mit seinem eigenen Schusterahl erstechen, als geschehen lassen wollte, dass die Rechte und Freiheiten von Abdera in der Person eines seiner Zunftverwandten so groblich verletzt wurden.

"Billigkeit, sagte er, ist das hochste Recht. Was kann aber billiger sein, als dass derjenige, der einen Baum gepflanzet hat, wiewohl es dabei eigentlich auf die Fruchte angesehen war, nebenher auch den Schatten des Baums geniesse? Und warum soll das, was von einem Baume gilt, nicht eben so wohl von einem Esel gelten? Wo, zum Henker, soll es mit unsrer Freiheit hinkommen, wenn einem zunftigen Burger von Abdera nicht einmal frei stehen soll, sich in den Schatten eines Esels zu setzen? Gleich als ob ein Eselsschatten vornehmer ware, als der Schatten des Rathauses oder des Jasontempels, in den sich stellen, setzen und legen mag wer da will. Schatten ist Schatten, er komme von einem Baum oder von einer Ehrensaule, von einem Esel oder von Sr. Gnaden dem Archon selbst! Kurz und gut, setzte Meister Pfrieme hinzu, verlasst euch auf mich, Herr Struthion; der Grobian soll euch nicht nur den Schatten, sondern zu eurer gebuhrenden Saxfazion den Esel noch obendrein lassen, oder es musste weder Freiheit noch Eigentum mehr in Abdera sein; und dahin solls, beim Element! nicht kommen, so lang ich der Zunftmeister Pfrieme heisse!"

Wahrend dass der Zahnarzt sich der Gunst eines so wichtigen Mannes versichert hatte, liess es der Eseltreiber Anthrax seines Orts auch nicht fehlen, sich um einen Beschutzer zu bewerben, der jenem wenigstens das Gleichgewicht halten konnte. Anthrax war eigentlich kein Burger von Abdera, sondern nur ein Freigelassener, der sich in dem Bezirk des Jasontempels aufhielt; und er stand als ein Schutzverwandter desselben unter der unmittelbaren Gerichtsbarkeit des Erzpriesters dieses Heroen, der bekanntermassen zu Abdera gottlich verehrt wurde. Naturlicherweise war also sein erster Gedanke, wie er dazu gelangen konnte, dass der Erzpriester Agathyrsus sich seiner mit Nachdruck annehmen mochte. Allein der Erzpriester Jasons war zu Abdera eine sehr grosse Person, und ein Eseltreiber konnte schwerlich hoffen, ohne einen besondern Canal den Zutritt zu einem Herrn von diesem Range zu erhalten.

Nach vielen Beratschlagungen mit seinen vertrautesten Freunden wurde endlich folgender Weg beliebt. Seine Frau, Krobyle, war mit einer Putzmacherin bekannt, deren Bruder der begunstigte Liebhaber des Aufwartmadchens einer gewissen milesischen Tanzerin war, welche, wie die Rede ging, bei dem Erzpriester in grossen Gnaden stund. Nicht als ob er etwan wie es zu gehen pflegt sonderlich weil die Priester des Jasons unverheiratet sein mussten kurz, wie die Welt argwohnisch ist, man sprach freilich allerlei Aber das Wahre von der Sache ist: der Erzpriester Agathyrsus war ein grosser Liebhaber von pantomimischen Solotanzen; und weil er die Tanzerin, um kein Argernis zu geben, nicht bei Tage zu sich kommen lassen wollte: so blieb ihm nichts anders ubrig, als sie, mit der erforderlichen Vorsicht, bei Nacht durch eine kleine Gartentur in sein Cabinet fuhren zu lassen. Da nun einst gewisse Leute eine dichtverschleierte Person in der Morgendammerung wieder herausgehen gesehen hatten: so war das Gemurmel entstanden, als ob es die Tanzerin gewesen sei, und als ob der Erzpriester eine besondere Freundschaft auf diese junge Person geworfen habe; welche in der Tat fahig gewesen ware, in jedem andern als einem Erzpriester noch etwas mehr zu erregen. Wie nun dem auch sein mochte, genug, der Eseltreiber sprach mit seiner Frau, Frau Krobyle mit der Putzmacherin, die Putzmacherin mit ihrem Bruder, der Bruder mit dem Aufwartmadchen, und, weil das Aufwartmadchen alles uber die Tanzerin vermochte, von welcher vorausgesetzt wurde, dass sie alles uber den Erzpriester vermoge, der alles uber die Magnaten von Abdera und ihre Weiber vermochte: so zweifelte Anthrax keinen Augenblick, seine Sache in die besten Hande von der Welt gelegt zu haben.

Aber unglucklicher Weise zeigte sichs, dass die Favoritin der Tanzerin ein Gelubde getan hatte, ihre Allvermogenheit eben so wenig unentgeltlich auszuleihen, als Anthrax den Schatten seines Esels. Sie hatte eine Art von Taxordnung, vermoge deren der geringste Dienst, den man von ihr verlangte, wenigstens eine Erkenntlichkeit von vier Drachmen voraussetzte; und in gegenwartigem Falle war ihr um so weniger zuzumuten, auch nur eine halbe Drachme nachzulassen, da sie ihrer Schamhaftigkeit eine so grosse Gewalt antun sollte, eine Sache zu empfehlen, worin ein Esel die Hauptfigur war. Kurz, die Iris bestand auf vier Drachmen, welches just doppelt so viel war, als der arme Teufel, im glucklichsten Falle, mit seinem Process zu gewinnen hatte. Er sah sich also wieder in der vorigen Verlegenheit. Denn wie konnte ein schlechter Eseltreiber hoffen, ohne eine haltbarere Stutze als die Gerechtigkeit seiner Sache, gegen einen Gegner zu bestehen, der von einer ganzen Zunft unterstutzt wurde, und sich uberall ruhmte, dass er den Sieg bereits in Handen habe?

Endlich besann sich der ehrliche Anthrax eines Mittels, wie er vielleicht den Erzpriester ohne Dazwischenkunft der Tanzerin und ihres Aufwartmadchens auf seine Seite bringen konnte. Das Beste davon deuchte ihm, dass er es nicht weit zu suchen brauchte. Ohne Umschweife er hatte eine Tochter, Gorgo genannt, die, in Hoffnung auf eine oder andre Weise beim Theater unterzukommen, ganz leidlich Singen und Zitherspielen gelernt hatte. Das Madchen war eben keine von den schonsten. Aber eine schlanke Figur, ein paar grosse schwarze Augen, und die frische Blume der Jugend ersetzten, seinen Gedanken nach, reichlich, was ihrem Gesichte abging; und wirklich, wenn sie sich tuchtig gewaschen hatte, sah sie in ihrem Festtagsstaat, mit ihren langen pechschwarzen Haarzopfen, und mit einem Blumenstrauss vor dem Busen so ziemlich dem wilden thracischen Madchen Anakreons ahnlich. Da sich nun bei naherer Erkundigung fand, dass der Erzpriester Agathyrsus auch ein Liebhaber vom Zitherspielen und von kleinen Liedern war, deren die junge Gorgo eine grosse Menge nicht ubel zu singen wusste: so machten sich Anthrax und Krobyle grosse Hoffnung, durch das Talent und die Figur ihrer Tochter am kurzesten zu ihrem Zweck zu kommen.

Anthrax wandte sich also an den Kammerdiener des Erzpriesters, und Krobyle unterrichtete inzwischen das Madchen, wie sie sich zu betragen hatte, um, wo moglich, die Tanzerin auszustechen, und von der kleinen Gartentur ausschliesslich Meister zu bleiben. Die Sache ging nach Wunsch. Der Kammerdiener, der durch die Neigung seines Herrn zum Neuen und Manchfaltigen nicht selten ins Gedrange kam, ergriff diese gute Gelegenheit mit beiden Handen; und die junge Gorgo spielte ihre Rolle fur eine Anfangerin meisterlich. Agathyrsus fand eine gewisse Mischung von Naivheit und Mutwillen, und eine Art wilder Grazie bei ihr, die ihn reizte, weil sie ihm neu war Kurz, sie hatte kaum zwei- oder dreimal in seinem Cabinette gesungen, so erfuhr Anthrax schon von sichrer Hand, dass Agathyrsus seine gerechte Sache verschiedenen Richtern empfohlen, und sich mit einigem Nachdruck habe verlauten lassen: wie er nicht gesonnen sei, auch den allergeringsten Schutzverwandten des Jasontempels ein Schlachtopfer der Schikanen des Sykophanten Physignathus und der Parteilichkeit des Zunftmeisters Pfrieme werden zu lassen.

Viertes Kapitel

Gerichtliche Verhandlung

Relation des Assessor Miltias

Urtel, und was daraus erfolgt

Inzwischen war nun der Gerichtstag herbeigekommen, da dieser seltsame Handel durch Urtel und Recht entschieden werden sollte. Die Sykophanten hatten in Sachen beschlossen, und die Acten waren einem Referenten, Namens Miltias, ubergeben worden, gegen dessen Unparteilichkeit die Missgonner des Zahnarztes verschiedenes einzuwenden hatten. Denn es war nicht zu leugnen, dass er mit dem Sykophanten Physignatus sehr vertraut umging; und uberdies wurde ganz laut davon gesprochen, dass die Dame Struthion65 (die fur eine von den hubschen Weibern in ihrer Classe passierte) ihm die gerechte Sache ihres Mannes zu verschiedenenmalen in eigner Person empfohlen habe. Allein da diese Einwendungen auf keinem rechtsbestandigen Grunde beruhten, und der Turnus nun einmal an diesem Miltias war, so blieb es bei der Ordnung.

Miltias trug die Geschichte des Streits so unbefangen, und beides, sowohl Zweifels- als Entscheidungsgrunde, so ausfuhrlich vor, dass die Zuhorer lange nicht merkten, wo er eigentlich hinaus wolle. Er leugnete nicht, dass beide Parteien vieles fur und wider sich hatten. Auf der einen Seite scheine nichts klarer, sagte er, als dass derjenige, der den Esel, als das Principale, gemietet, auch das Accessorium, des Esels Schatten, stillschweigend mit einbedungen habe; oder (falls man auch keinen solchen stillschweigenden Vertrag zugeben wollte) dass der Schatten seinem Korper von selbst folge, und also demjenigen, der die Nutzniessung des Esels an sich gebracht, auch der beliebige Gebrauch seines Schattens ohne weitere Beschwerde zustehe; um so mehr, als dem Esel selbst dadurch an seinem Sein und Wesen nicht das Mindeste benommen werde. Hingegen scheine auf der andern Seite nicht weniger einleuchtend: dass, wiewohl der Schatten weder als ein wesentlicher noch ausserwesentlicher Teil des Esels anzusehen sei, folglich von dem Abmieter des letztern keinesweges vermutet werden konne, dass er jenen zugleich mit diesem stillschweigend habe mieten wollen, gleichwohlen, da besagter Schatten schlechterdings nicht fur sich selbst, oder ohne besagten Esel, bestehen konne, und ein Eselsschatten im Grunde nichts anders als ein Schattenesel sei, der Eigentumer des leibhaften Esels mit gutem Fug auch als Eigentumer des von jenem ausgehenden Schattenesels betrachtet, folglich keineswegs angehalten werden konne, letztern ohnentgeltlich an den Abmieter des erstern zu uberlassen. Uberdies, und wenn man auch zugeben wollte, dass der Schatten ein Accessorium des mehr erofterten Esels sei, so konne doch dem Abmieter dadurch noch kein Recht an denselben zuwachsen: indem er durch den Mietcontract nicht jeden Gebrauch desselben, sondern nur denjenigen, ohne welchen die Absicht des Contracts, namlich seine vorhabende Reise, ohnmoglich erzielt werden konne, an sich gebracht habe. Allein da sich unter den Gesetzen der Stadt Abdera keines finde, worin der vorliegende Fall klar und deutlich enthalten sei, und das Urteil also lediglich aus der Natur der Sache gezogen werden musse: so komme es hauptsachlich auf einen Punct an, der von den beiderseitigen Sykophanten aus der Acht gelassen, oder wenigstens nur obenhin beruhrt worden, namlich auf die Frage: ob dasjenige, was man Schatten nenne, unter die gemeinen Dinge, an welche jedermann gleiches Recht hat, oder unter die eigentumlichen, zu welchen einzelne Personen ein ausschliessendes Recht haben, oder erwerben konnen, zu zahlen sei? Da nun, in Ermangelung eines positiven Gesetzes, die Ubereinstimmung und allgemeine Gewohnheit des menschlichen Geschlechts, als ein wahres Orakel der Natur selbst, billig die Kraft eines positiven Gesetzes habe; vermoge dieser allgemeinen Gewohnheit aber die Schatten der Dinge (auch dererjenigen, die nicht nur einzelnen Personen, sondern ganzen Gemeinheiten, ja den unsterblichen Gottern selbst eigentumlich zugehoren) bisher aller Orten einem jeden, wer er auch sei, frei, ungehindert und ohnentgeltlich zur Benutzung uberlassen worden: so erhelle daraus, dass, ex Consensu et Consuetudine Generis Humani, besagte Schatten, eben so wie freie Luft, Wind und Wetter, fliessendes Wasser, Tag und Nacht, Mondschein, Dammerung, und dergleichen mehr, unter die gemeinen Dinge zu rechnen seien, deren Genuss jedem offen stehe, und auf welche in so fern etwa besagter Genuss, unter gewissen Umstanden, etwas Ausschliessendes bei sich fuhre der erste, der sich ihrer bemachtige, ein momentanes Besitzrecht erhalten habe. Diesen Satz (zu dessen Bestatigung der scharfsinnige Miltias eine Menge Inductionen vorbrachte, die wir unsern Lesern erlassen wollen) diesen Satz zum Grunde gelegt, konne er also nicht anders, als dahin stimmen: dass der Schatten aller Esel in Thracien, folglich auch derjenige, der zu vorliegendem Rechtshandel unmittelbaren Anlass gegeben, eben so wenig einen Teil des Eigentums einer einzelnen Person ausmachen konne, als der Schatten des Berges Athos oder des Stadtturms von Abdera; folglich mehrbesagter Schatten weder geerbt, noch gekauft, noch inter vivos oder mortis causa geschenkt, noch vermietet, noch auf irgend eine andre Art zum Gegenstand eines burgerlichen Contracts gemacht werden konne; und dass also aus diesen und andern angefuhrten Grunden, in Sachen des Eseltreibers Anthrax, Klagers, an einem, entgegen und wider den Zahnarzt Struthion, Beklagten, am andern Teil, pcto. des von Beklagten zu Klagers angeblicher Gefahrde und Schaden angemassten Eselsschatten (salvis tamen melioribus) zu Recht zu erkennen sei: dass Beklagter sich des besagten Schattens zu seinem Gebrauch und Nutzen zu bedienen, wohl befugt gewesen; Klager aber, Einwendens ungeachtet, nicht nur mit seiner unbefugten Foderung abzuweisen, sondern auch in alle Kosten, wie nicht weniger zum Ersatz alles dem Beklagten verursachten Verlusts und Schadens, nach vorgangiger gerichtlicher Ermassigung, zu verurteilen sei. V.R.W.

Wir uberlassen es dem geneigten und rechtserfahrnen Leser, uber dieses, zwar nur auszugsweise, mitgeteilte Gutachten des weisen Miltias, nach Belieben, seine Betrachtung anzustellen. Und da wir in dieser ganzen Sache uns keines Urteils anzumassen, sondern bloss die Stelle eines unparteiischen Geschichtschreibers zu vertreten, entschlossen sind: so begnugen wir uns, zu berichten, dass es seit undenklichen Zeiten eine Observanz bei dem Stadtgerichte zu Abdera war, das gutachtliche Urteil des Referenten jedesmal entweder einhellig, oder doch mit einer grossen Mehrheit der Stimmen zu bestatigen. Wenigstens hatte man seit mehr als hundert Jahren kein Beispiel vom Gegenteil gesehen. Es konnte auch, nach Gestalt der Sachen, nicht wohl anders sein. Denn wahrend der Relation, welche gemeiniglich sehr lange dauerte, pflegten die Herren Beisitzer eher alles andre zu tun, als auf die Rationes dubitandi et decidendi des Referenten Acht zu geben. Die meisten stunden auf, guckten zum Fenster hinaus, oder gingen weg, um in einem Nebenzimmer Kuchen oder kleine Bratwurste zu fruhstucken, oder machten einen fliegenden Besuch bei einer guten Freundin; und die wenigen, welche sitzen blieben, und einigen Teil an der Sache zu nehmen schienen, hatten alle Augenblicke etwas mit ihren Nachbar zu flustern, oder schliefen wohl gar uberm Zuhoren ein. Kurz, es waltete eine Art von stillschweigendem Compromiss auf den Referenten vor, und es geschah bloss um der Form willen, dass einige Minuten, eh er zur wirklichen Conclusion kam, sich jedermann wieder auf seinem Platz einfand, um mit gehoriger Feierlichkeit das abgefasste Urtel zu bekraftigen. So war es bisher immer, auch bei ziemlich wichtigen Handeln, gehalten worden. Allein dem Process uber des Esels Schatten widerfuhr die unerhorte Ehre, dass das ganze Gericht beisammen blieb, und (drei bis vier Beisitzer ausgenommen, welche dem Zahnarzt ihre Stimme schon versprochen hatten, und ihr Recht, in der Session zu schlafen, nicht vergeben wollten) jedermann mit aller Aufmerksamkeit zuhorte, die eines so wundervollen Processes wurdig war; und als die Stimmen gesammelt wurden, fand sich, dass das Urtel nur mit einem Mehr von 12 gegen 8 bekraftiget wurde.

Sogleich nach geschehener Publication ermangelte Polyphonus, der klagerische Sykophant, nicht, seine Stimme zu erheben, und gegen das Urtel, als ungerecht, parteiisch und mit unheilbaren Nullitaten behaftet, an den grossen Rat von Abdera zu appellieren. Da der Process uber eine Sache gefuhrt wurde, die der beschwert zu sein vermeinte Teil selbst nicht hoher als zwo Drachmen geschatzt hatte, und dieses, auch selbst mit Einschluss aller billig massigen Kosten und Schaden, noch lange nicht Summa appellabilis war: so erhub sich hieruber ein grosser Lerm im Gerichte. Die Minoritat erklarte sich, dass es hier gar nicht auf die Summe, sondern auf eine allgemeine Rechtsfrage ankomme, die das Eigentum betreffe, und noch durch kein Gesetz in Abdera bestimmt sei, folglich, vermoge der Natur der Sache, vor den Gesetzgeber selbst gebracht werden musse; als welchem allein es zukomme, in zweifelhaften Fallen dieser Art den Ausspruch zu tun.

Wie es zugegangen, dass der Referent, bei aller seiner Affection zur Sache des Beklagten, nicht daran gedacht, dass die Gonner des Gegenteils sich dieses Vorwandes bedienen wurden, die Sache vor den grossen Rat zu spielen davon wissen wir keinen andern Grund anzugeben, als dass er ein Abderit war, und, nach der allgemeinen althergebrachten Gewohnheit seiner Landesleute, jedes Ding nur von einer Seite, und auch da nur ziemlich obenhin, anzusehen pflegte. Doch kann vielleicht noch zu seiner Entschuldigung dienen, dass er einen Teil der letzten Nacht bei einem grossen Gastmahl zugebracht, und, als er nach Hause gekommen, der Dame Struthion noch eine ziemlich lange Audienz hatte geben mussen, und also vermutlich nicht ausgeschlafen hatte. Genug, nach langem Streiten und Larmen erklarte sich endlich der Stadtrichter Philippides: dass er, bewandten Umstanden nach, nicht umhin konne, die Frage, ob die von Klagern eingewandte Appellation statt finde, vor den Senat zu bringen. Hiermit stund er auf; das Gericht ging ziemlich tumultuarisch auseinander; und beide Parteien eilten, sich mit ihren Freunden, Gonnern und Sykophanten zu beraten, was nun weiter in der Sache anzufangen sei.

Funftes Kapitel

Gesinnungen des Senats

Tugend der schonen Gorgo, und ihre Wirkungen

Der Priester Strobylus tritt auf, und

die Sache wird ernsthafter

Der Process uber des Esels Schatten, der Anfangs die Abderiten bloss durch seine Ungereimtheit belustigt hatte, fing nun an, eine Sache zu werden, in welche die Gerechtsamen, das Point d'honneur, und allerlei Leidenschaften und Interessen verschiedner zum Teil ansehnlicher Glieder der Republik verwickelt wurden.

Der Zunftmeister Pfrieme hatte seinen Kopf darauf gesetzt, dass sein Zunftangehoriger gewinnen musste; und da er sich meistens alle Abende in den Versammlungsorten der gemeinen Burger einfand, hatte er schon beinahe die Halfte des Volks auf seine Seite gebracht, und sein Anhang nahm taglich zu.

Der Erzpriester hingegen hatte den Handel bisher nicht fur wichtig genug gehalten, sein ganzes Ansehn zu Gunsten seines Beschutzten anzuwenden. Allein da die Sachen zwischen ihm und der schonen Gorgo ernsthafter zu werden anfingen, indem sie, anstatt einer gewissen Gelehrigkeit, die er bei ihr zu finden gehofft hatte, einen Widerstand tat, dessen man sich zu ihrer Herkunft und Erziehung nicht hatte vermuten sollen, ja sich sogar vernehmen liess: "Wie sie Bedenken trage, ihre Tugend noch einmal den Gefahren eines Besuchs durch die kleine Gartenture auszusetzen" so war es ganz naturlich, dass er nun nicht langer saumte, durch den Eifer, womit er die Sache des Vaters zu unterstutzen anfing, sich ein naheres Recht an die Dankbarkeit der Tochter zu erwerben.

Der neue Larm, den der Eselsprocess durch die Provocation an den grossen Rat in der Stadt machte, gab ihm Gelegenheit, mit einigen von den vornehmsten Ratsherren aus der Sache zu sprechen. "So lacherlich dieser Handel an sich selbst sei, sagte er, so konne doch nicht zugegeben werden, dass ein armer Mann, der unter dem Schutze Jasons stehe, durch eine offenbare Kabale unterdruckt werde. Es komme nicht auf die Veranlassung an, die oft zu den wichtigsten Begebenheiten sehr gering sei; sondern auf den Geist, womit man die Sache treibe, und auf die Absichten, die man im Schilde, oder wenigstens in Petto fuhre. Die Insolenz des Sykophanten Physignathus, der eigentlich an diesem ganzen Skandal Schuld habe, musse gezuchtigt, und dem herrschsuchtigen, unverstandigen Demagogen (dem Zunftmeister Pfrieme) noch in Zeiten ein Zugel angeworfen werden, eh es ihm gelinge, die Aristokratie ganzlich uber den Haufen zu werfen, u.s.w."

Wir mussen es zur Steuer der Wahrheit sagen, Anfangs gab es verschiedene Herren des Rats, welche die Sache ungefahr so ansahen, wie sie anzusehen war, und es dem Stadtrichter Philippides sehr verdachten, dass er nicht Sinn genug gehabt, einen so ungereimten Zwist gleich in der Geburt zu ersticken. Allein unvermerkt anderten sich die Gesinnungen; und der Schwindelgeist, der bereits einen Teil der Burgerschaft auf die Kopfe gestellt hatte, ergriff endlich auch den grossern Teil der Ratsherren. Einige fingen an die Sache fur wichtiger anzusehen, weil ein Mann wie der Erzpriester Agathyrsus sich derselben so ernstlich anzunehmen schien. Andre setzte die Gefahr, die der Aristokratie aus den Unternehmungen des Zunftmeisters Pfrieme erwachsen konnte, in Unruhe. Verschiedene ergriffen die Partei des Eseltreibers bloss aus Widersprechungsgeist; andre aus einem wirklichen Gefuhl, dass ihm Unrecht geschehe; und noch andre erklarten sich fur den Zahnarzt, weil gewisse Personen, mit denen sie nie einer Meinung sein wollten, sich fur seinen Gegner erklart hatten.

Mit allem dem wurde dennoch dieser geringfugige Handel, so sehr die Abderiten auch Abderiten waren, niemals eine so heftige Garung in ihrem gemeinen Wesen verursacht haben, wenn der bose Damon dieser Republik nicht auch den Priester Strobylus angeschurt hatte, sich, ohne einigen nahern Beruf, als seinen unruhigen Geist und seinen Hass gegen den Erzpriester Agathyrsus, mit ins Spiel zu mischen.

Um dies dem geneigten Leser verstandlicher zu machen, werden wir die Sache, wie jener alte Dichter seine Ilias, ab ovo anfangen mussen; um so mehr, als auch gewisse Stellen in unsrer Erzahlung des Abenteuers mit dem Euripides, und gewisse Ausdrucke, die dem Priester Strobylus gegen den Demokrit entfielen, ihr gehoriges Licht dadurch erhalten werden.

Sechstes Kapitel

Verhaltnis des Latonentempels

zum Tempel des Jasons

Contrast in den Charakteren des Oberpriesters

Strobylus und des Erzpriesters Agathyrsus

Strobylus erklart sich fur die Gegenpartei des

letztern, und wird von Salabanda unterstutzt, welche

eine wichtige Rolle in der Sache zu spielen anfangt Der Dienst der Latona war (wie Strobylus den Euripides versichert hatte) so alt zu Abdera, als die Verpflanzung der lycischen Colonie; und die ausserste Einfalt der Bauart ihres kleinen Tempels konnte als eine hinlangliche Bekraftigung dieser Tradition angesehen werden. So unscheinbar dieser Latonentempel war, so gering waren auch die gestifteten Einkunfte ihrer Priesterschaft. Wie aber die Not erfindsam ist, so hatten die Herren schon von langem her Mittel gefunden, zu einiger Entschadigung fur die Kargheit ihres ordentlichen Einkommens, den Aberglauben der Abderiten in Contribution zu setzen; und da auch dieses nicht zureichen wollte, hatten sie es dahin gebracht, dass der Senat (weil er doch von keiner Besoldungszulage horen wollte) zu Unterhaltung des geheiligten Froschgrabens gewisse Einkunfte aussetzte, deren grossten Teil die billigdenkenden Frosche ihren Versorgern uberliessen.

Eine ganz andre Beschaffenheit hatte es mit dem Tempel des Jason, dieses beruhmten Anfuhrers der Argonauten, welchem in Abdera die Ehre der Erhebung in den Gotterstand und eines offentlichen Dienstes widerfahren war; ohne dass wir hievon einen andern Grund anzugeben wissen, als dass verschiedne der altesten und reichsten Familien in Abdera ihr Geschlechtsregister von diesem Heros ableiteten. Einer von dessen Enkeln hatte sich, wie die Tradition sagte, in dieser Stadt niedergelassen, und war der gemeinsame Stammvater verschiedener Geschlechter geworden, von welchen einige noch in den Tagen unserer gegenwartigen Geschichte in voller Blute stunden. Dem Andenken des Helden, von dem sie abstammten, zu Ehren hatten sie Anfangs, nach uraltem Gebrauch, nur eine kleine Hauskapelle gestiftet. Mit der Lange der Zeit war eine Art von offentlichem Tempel daraus geworden, den die Frommigkeit der Abkommlinge Jasons nach und nach mit vielen Gutern und Einkunften versehen hatte. Endlich, als Abdera durch Handelschaft und gluckliche Zufalle eine der reichsten Stadte in Thracien geworden war, entschlossen sich die Jasoniden, ihrem vergotterten Ahnherrn einen Tempel zu erbauen, dessen Schonheit der Republik und ihnen selbst bei der Nachwelt Ehre machen konnte Der neue Jasonstempel wurde ein herrliches Werk, und machte mit den dazu gehorigen Gebauden, Garten, Wohnungen der Priester, Beamten, Schutzverwandten u.s.w. ein ganzes Quartier der Stadt aus. Der Erzpriester desselben musste allezeit von der altesten Linie der Jasoniden sein; und da er, bei sehr betrachtlichen Einkunften auch die Gerichtsbarkeit uber die zu dem Tempel gehorigen Personen und Guter ausubte: so ist leicht zu erachten, dass die Oberpriester der Latona alle diese Vorzuge nicht mit gleichgultigen Augen ansehen konnten, und dass zwischen diesen beiden Pralaten eine Eifersucht obwalten musste, die auf die Nachfolger forterbte, und bei jeder Gelegenheit in ihrem Betragen sichtbar wurde.

Der Oberpriester der Latona wurde zwar als das Haupt der ganzen abderitischen Priesterschaft angesehen; allein der Erzpriester Jasons stand nicht unter ihm, sondern machte mit seinen Untergebenen ein besonderes Collegium aus, welches, ausser der Schutzherrlichkeit der Stadt Abdera, von aller andern Abhanglichkeit frei war. Die Feste des Latonentempels waren die eigentlichen grossen Festtage der Republik; allein da die Massigkeit seiner Einkunfte keinen sonderlichen Aufwand zuliess, so war das Fest des Jason, welches mit ungemeiner Pracht und grossen Feierlichkeiten begangen wurde, in den Augen des Volks, wo nicht das vornehmste, wenigstens das, worauf es sich am meisten freute; und alle die Ehrerbietung, die man fur das Altertum des Latonendienstes hegte, und der grosse Glaube des Pobels an den Priester desselben und seine heiligen Frosche, konnte doch nicht verhindern, dass die grossre Figur, die der Erzpriester machte, ihm nicht auch einen hohern Grad von Ansehen gegeben haben sollte. Und wiewohl das gemeine Volk uberhaupt mehr Zuneigung zu dem Latonenpriester trug, so wurde doch dieser Vorzug dadurch wieder uberwogen, dass der Jasonpriester mit den aristokratischen Hausern in einer Verbindung stund, die ihm so viel Einfluss gab, dass es einem ehrgeizigen Manne an diesem Platz ein Leichtes gewesen ware, einen kleinen Tyrannen von Abdera vorzustellen.

Zu so vielen Ursachen der althergebrachten Eifersucht und Abneigung zwischen den beiden Fursten der abderitischen Klerisei, kam bei Strobylus und Agathyrsus noch ein personlicher Widerwille, der eine naturliche Frucht des Contrasts ihrer Sinnesarten war.

Agathyrsus, mehr Weltmann als Priester, hatte in der Tat vom letztern wenig mehr als die Kleidung. Die Liebe zum Vergnugen war seine herrschende Leidenschaft. Denn, wiewohl es ihm nicht an Stolz fehlte, so kann man doch von niemand sagen, dass er ehrgeizig sei, so lange sein Ehrgeiz eine andre Leidenschaft neben sich herrschen lasst. Er liebte die Kunste und den vertraulichen Umgang mit Virtuosen aller Arten, und stund in dem Ruf einer von den Priestern zu sein, die wenig Glauben an ihre eignen Gotter haben. Wenigstens ist nicht zu leugnen, dass er ofters ziemlich frei uber die Frosche der Latona scherzte; und es war jemand, der es beschworen wollte, aus seinem eignen Munde gehort zu haben: "die Frosche dieser Gottin waren schon langst alle in elende Poeten und abderitische Sanger verwandelt worden." Dass er mit dem Demokritus in ziemlich gutem Vernehmen lebte, war auch nicht sehr geschickt, seine Orthodoxie zu bestatigen. Kurz, Agathyrsus war ein Mann von gutem Temperament, munterm Kopf und ziemlich freiem Leben; beliebt bei dem abderitischen Adel, noch beliebter bei dem schonen Geschlecht, und wegen seiner Freigebigkeit und jasonmassigen Figur beliebt sogar bei den untersten Classen des Volks.

Nun hatte die Natur, in ihrer launigsten Minute, keinen volligern Antipoden von allem, was Agathyrsus war, machen konnen, als den Priester Strobylus. Dieser Mann hatte, wie viele seines gleichen, ausfindig gemacht, dass eine in Falten gelegte Miene und ein steifes Wesen unfehlbare Mittel sind, bei dem grossen Haufen fur einen weisen und unstraflichen Mann zu gelten. Da er nun von Natur ziemlich sauertopfisch aussah, so hatte es ihm wenig Muhe gekostet, sich diese Gravitat anzugewohnen, die bei den Meisten weiter nichts beweist, als die Schwere ihres Witzes und die Ungeschliffenheit ihrer Sitten. Ohne Sinn fur das Grosse und Schone, war er ein geborner Verachter aller Talente und Kunste, die diesen Sinn voraussetzen; und sein Hass gegen die Philosophie war bloss eine Maske fur den naturlichen Groll eines Dummkopfes gegen alle, die mehr Verstand und Wissenschaft haben als er. In seinen Urteilen war er schief und einseitig, in seinen Meinungen eigensinnig, im Widerspruch hitzig und grob, und wo er entweder in seiner eignen Person oder in den Froschen der Latona beleidigt zu sein glaubte, ausserst rachgierig; aber nichts destoweniger bis zur Niedertrachtigkeit geschmeidig, sobald er eine Sache, an der ihm gelegen war, nicht ohne Hulfe einer Person, die er hasste, durchsetzen konnte. Uberdies stand er mit einigem Grund in dem Ruf, dass er mit einer gehorigen Dose von Dariken und Philippen zu allem in der Welt zu bringen sei, was mit dem Ausserlichen seines Charakters nicht ganz unvertraglich war.

Aus so entgegengesetzten Gemutsarten, und so vielen Veranlassungen zu Neid und Eifersucht auf Seiten des Priesters Strobylus, entsprang notwendig bei beiden ein wechselseitiger Hass, der den Zwang, den ihnen ihr Stand und Platz auferlegte, mit Muhe ertrug, und nur darin verschieden war, dass Agathyrsus den Oberpriester zu sehr verachtete, um ihn sehr zu hassen, und dieser jenen zu sehr beneidete, um ihn so herzlich verachten zu konnen, als er wohl gewunscht hatte.

Zu diesem allem kam noch, dass Agathyrsus, kraft seiner Geburt und ganzen Lage, fur die Aristokratie; Strobylus hingegen, ohngeachtet seiner Verhaltnisse zu einigen Ratsherren, ein erklarter Freund der Demokratie, und nachst dem Zunftmeister Pfrieme derjenige war, der durch seinen personlichen Charakter, seine Wurde, seine schwarmerische Hitze, und eine gewisse populare Art von Beredsamkeit den meisten Einfluss auf den Pobel hatte.

Man sieht nun leicht voraus, dass die Sache mit dem Eselsschatten oder Schattenesel notwendig ernsthafter werden musste, sobald ein paar Manner wie die beiden Oberpriester von Abdera darein verwickelt wurden.

Strobylus hatte, so lange der Process vor den Stadtrichtern gefuhrt wurde, nicht anders Teil daran genommen, als dass er sich gelegenheitlich erklarte: er wurde an des Zahnarztes Platz eben so gehandelt haben. Aber kaum erfuhr er durch die Dame Salabanda, seine Nichte, dass Agathyrsus die Sache seines in der ersten Instanz verurteilten Schutzverwandten zu seiner eignen mache: so fuhlte er sich auf einmal berufen, sich mit an die Spitze der Partei des Beklagten zu stellen, und die Kabale des Zunftmeisters mit allem Ansehen, das er bei den Ratsherren sowohl als bei dem Volk hatte, zu unterstutzen.

Salabanda war zu sehr gewohnt, ihre Hand in allen abderitischen Handeln zu haben, als dass sie unter den letzten gewesen sein sollte, die in dem gegenwartigen Partei nahmen. Ausser ihrem Verhaltnis mit dem Priester Strobylus hatte sie noch eine besondere Ursache, es mit ihm zu halten; eine Ursache, die darum nicht weniger wog, weil sie solche in Petto behielt. Wir haben bei einer andern Gelegenheit erwahnt, dass diese Dame, es sei nun aus bloss politischen Absichten, oder dass sich vielleicht auch ein wenig Coquetterie und wer weiss, ob nicht auch zuweilen das, was man in der neuern franzosischen Feinenweltsprache das Herz einer Dame nennt, mit einmischen mochte: genug, ausgemacht war es, dass sie immer eine Anzahl demutiger Sclaven an der Hand hatte, unter denen (wie man glaubte) doch immer wenigstens der eine oder andre wissen musse, wofur er diene. Die geheime Chronik von Abdera sagte, dass der Erzpriester Agathyrsus eine geraume Zeit die Ehre gehabt, einer von den letztern zu sein; und in der Tat kamen eine Menge Umstande zusammen, warum man dieses Geruchte fur etwas mehr als eine blosse Vermutung halten konnte. Kurz, die vertrauteste Freundschaft hatte seit geraumer Zeit unter ihnen obgewaltet, als die Tanzerin nach Abdera kam, und dem flatterhaften Jasoniden in kurzem so merkwurdig wurde, dass Salabanda endlich nicht langer umhin konnte, sich selbst fur aufgeopfert zu halten.

Agathyrsus besuchte zwar ihr Haus noch immer auf den Fuss eines alten Bekannten, und die Dame war zu politisch, um in ihrem aussern Betragen gegen ihn die geringste Veranderung durchscheinen zu lassen. Aber ihr Herz kochte Rache. Sie vergass nichts, was den Erzpriester immer tiefer in die Sache verwickeln, und immer in Feuer setzen konnte; heimlich aber beleuchtete sie alle seine Schritte und Tritte, und alle grossen und kleinen, Vorder- und Hinterturen, die zu seinem Kabinet fuhren konnten, so genau, dass sie seine Intrigue mit der jungen Gorgo gar bald entdeckte, und den Priester Strobylus in den Stand setzen konnte, den Eifer des Erzpriesters fur die Sache des Eseltreibers in ein eben so verhasstes Licht zu stellen, als sie selbst unter der Hand bemuht war, ihm einen lacherlichen Anstrich zu geben.

Agathyrsus, so wenig es ihm kostete, politische und ehrgeizige Vorteile dem Interesse seiner Vergnugungen aufzuopfern, hatte doch Augenblicke, wo der kleinste Widerstand in einer Sache, an der ihm im Grunde gar nichts gelegen war, seinen ganzen Stolz aufruhrisch machte; und so oft dies geschah, pflegte ihn seine Lebhaftigkeit gemeiniglich unendlich weiter zu fuhren, als er gegangen ware, wenn er die Sache einiger kuhlen Uberlegung gewurdiget hatte. Die Ursache, warum er sich Anfangs mit diesem abgeschmackten Handel bemengt hatte, fand itzt zwar nicht langer statt. Denn die schone Gorgo hatte, ungeachtet des Unterrichts ihrer Mutter Krobyle, entweder nicht Geschicklichkeit oder nicht innern Halt genug gehabt, den anfanglich entworfnen Verteidigungsplan gegen einen so gefahrlichen und erfahrnen Belagerer gehorig zu befolgen. Allein er war nun einmal in die Sache verwickelt; seine Ehre war dabei betroffen; er erhielt taglich und stundlich Nachrichten, wie unziemlich der Zunftmeister und der Priester Strobylus mit ihrem Anhang wider ihn loszogen, wie sie drohten, wie ubermutig sie die Sache durchzusetzen hofften, und dergleichen und dies war mehr, als es brauchte, um ihn dahin zu bringen, dass er seine ganze Macht anzuwenden beschloss, um Gegner, die er so sehr verachtete, zu Boden zu werfen, und fur die Verwegenheit, sich gegen ihn aufgelehnt zu haben, zu zuchtigen. Der Kabalen der Dame Salabanda ungeachtet, die nicht fein genug gesponnen waren, um ihm lange verborgen zu bleiben, war der grosste Teil des Senats auf seiner Seite; und wiewohl seine Gegner nichts unterliessen, was das Volk gegen ihn erbittern konnte: so hatte er doch, zumal unter den Zunften der Gerber, Fleischer und Backer, einen Anhang von derben stammigten Gesellen, die eben so hitzig vor der Stirne als nervicht von Armen, und auf jeden Wink bereit waren, fur ihn und seine Partei, je nachdem es notig ware, zu schreien, oder zuzuschlagen.

Siebentes Kapitel

Das ganze Abdera teilt sich in zwo Parteien

Die Sache kommt vor Rat

In dieser Garung befanden sich die Sachen, als auf einmal die Namen Schatten und Esel in Abdera gehort, und in kurzem durchgangig dazu gebraucht wurden, die beiden Parteien zu bezeichnen. Man hat uber den wahren Ursprung dieser Ubernamen ganz zuverlassige Nachricht. Vermutlich, weil doch Parteien nicht lange ohne Namen bestehen konnen, hatten die Anhanger des Zahnarztes Struthion unter dem Pobel den Anfang gemacht, sich selbst, weil sie fur sein Recht an des Esels Schatten stritten, die Schatten, und ihre Gegner, weil sie den Schatten gleichsam zum Esel selbst machen wollten, aus Spott und Verachtung, die Esel zu nennen. Da nun die Anhanger des Erzpriesters diese Benennung nicht verhindern konnten, so hatten sie, wie es zu gehen pflegt, sich unvermerkt daran gewohnt, sie, wiewohl bloss anfanglich zum Scherz, zu gebrauchen; nur mit dem Unterschiede, dass sie den Spiess umdrehten, und das Verachtliche mit dem Schatten, und das Ehrenvolle mit dem Esel verknupften. Wenn es ja eins von beiden sein soll, sagten sie, so wird jeder braver Kerl doch immer lieber ein wirklicher leibhafter Esel mit all seinem Zubehor, als der blosse Schatten von einem Esel sein wollen.

Wie es auch damit zugegangen sein mag, genug, in wenig Tagen war ganz Abdera in diese zwo Parteien geteilt; und so wie sie nun einen Namen hatten, nahm auch der Eifer auf beiden Seiten so schnell und heftig zu, dass es gar nicht mehr erlaubt war, neutral zu bleiben. Bist du ein Schatten oder ein Esel, war immer die erste Frage, die die gemeinen Burger an einander taten, wenn sie sich auf der Strasse oder in der Schenke antrafen; und wenn ein Schatten just das Ungluck hatte, an einem solchen Ort der einzige seines gleichen unter einer Anzahl Eseln zu sein, so blieb ihm, wofern er sich nicht gleich mit der Flucht rettete, nichts ubrig, als entweder auf der Stelle zu apostasieren, oder sich mit tuchtigen Stossen zur Ture hinaus werfen zu lassen.

Die Unordnungen, die hieraus entstehen mussten, kann man sich ohne unser Zutun vorstellen. Die Verbitterung ging in kurzem so weit, dass ein Schatten sich lieber vor Hunger zum wirklichen stygischen Schatten abgezehrt, als einem Backer von der Gegenpartei fur einen Dreier Brot abgekauft hatte.

Auch die Weiber nahmen, wie leicht zu erachten, Partei, und gewiss nicht mit der wenigsten Hitze. Denn das erste Blut, das aus Gelegenheit dieses seltsamen Burgerkriegs vergossen wurde, kam von den Nageln zwoer Hokerweiber her, die einander auf offentlichem Markte in die Physionomie geraten waren. Man bemerkte indessen, dass bei weitem der grosste Teil der Abderitinnen sich fur den Erzpriester erklarte; und wo in einem Hause der Mann ein Schatten war, da konnte man sich darauf verlassen, die Frau war eine Eselin, und gemeiniglich eine so hitzige und unbandige Eselin, als man sich eine denken kann. Unter einer Menge teils heilloser teils lacherlicher Folgen dieses Parteigeists, der in die Abderitinnen fuhr, war keine der geringsten, dass mancher Liebeshandel dadurch auf einmal abgebrochen wurde, weil der eigensinnige Seladon lieber seine Anspruche als seine Partei aufgeben wollte; so wie hingegen auch mancher, der sich schon Jahre lang vergebens um die Gunst einer Schonen beworben, und ihre Antipathie gegen ihn durch nichts, was jemals von einem unglucklichen Liebhaber versucht worden, hatte uberwinden konnen, itzt auf einmal keines andern Titels bedurfte, um glucklich zu werden, als seine Dame zu uberzeugen, dass er ein Esel sei.

Inzwischen wurde die Prajudicialfrage, ob die von Klagern eingewandte Abberufung an den grossen Rat statt finde oder nicht, vor den Senat gebracht. Wiewohl dies das erstemal war, dass es uber die Eselssache bei diesem ehrwurdigen Collegio zur Sprache kam: so zeigte sich doch bald, dass jedermann schon seine Partei genommen hatte. Der Archon Onolaus war der einzige, der in Verlegenheit zu sein schien, wie er der Sache einen leidlichen Anstrich geben konnte. Denn man bemerkte, dass er viel leiser als gewohnlich sprach, und am Schluss seines Vortrags in die merkwurdigen und ominosen Worte ausbrach: er besorge sehr, der Eselsschatten, uber welchen itzt mit so vieler Hitze gestritten werde, mochte den Ruhm der Republik auf viele Jahrhunderte verfinstern. Seine Meinung war, man wurde am besten tun, die eingelegte Appellation als unstatthaft abzuweisen, den Spruch des Stadtgerichts (bis auf den Punkt der Kosten, die gegen einander aufgehoben werden konnten) zu bestatigen, und beiden Parteien ein ewiges Stillschweigen aufzulegen. Indessen setzte er doch hinzu: wofern die Majora davor hielten, dass die Gesetze von Abdera nicht zureichend waren, einen so geringfugigen Handel auszumachen, so musse er sich gefallen lassen, dass der grosse Rat den Ausspruch daruber tue; jedoch wollte er darauf angetragen haben, vorher im Archiv nachsuchen zu lassen, ob sich nicht etwa schon in altern Zeiten dergleichen ungewohnliche Falle ereignet, und wie man sich dabei benommen habe.

Diese Massigung des Archon die ihm von der unparteiischrichtenden Nachwelt einstimmig als ein Beweis von wahrer Regentenweisheit zum Verdienst angerechnet werden wird wurde damals, da der Parteigeist alle Augen verblendet hatte, als Schwachheit und phlegmatische Gleichgultigkeit ausgelegt. Verschiedene Senatoren von der Partei des Erzpriesters liessen sich weitlauftig und mit grossem Eifer vernehmen: Man konne nichts geringfugig nennen, was die Rechte und Freiheiten der Abderiten betreffe; wo kein Gesetz sei, finde auch kein gerichtliches Verfahren statt; und das erste Beispiel, wo den Richtern gestattet wurde, einen Handel nach einer willkurlichen Billigkeit zu entscheiden, wurde das Ende der Freiheit von Abdera sein. Wenn der Streit auch noch was geringeres betrafe, so komme es nicht auf die Frage an, wie viel oder wenig er wert sei, sondern welche von den Parteien Recht habe; und da kein Gesetz vorhanden sei, welches in vorliegendem Fall entscheide, ob des Esels Schatten stillschweigend in der Miete begriffen sei oder nicht: so konne sich weder das Untergericht noch der Senat selbst ohne die offenbarste Tyrannie anmassen, dem Abmieter etwas zuzusprechen, woran der Vermieter wenigstens eben so viel Recht habe, oder vielmehr ein ungleich besseres, da aus der Natur ihres Contracts keineswegs notwendig folge, dass die Meinung des letztern gewesen, jenem auch den Schatten seines Esels zu vermieten u.s.w. Einer von diesen Herren ging so weit, dass er in der Hitze heraus fuhr: er sei jederzeit ein eifriger Patriot gewesen; und eh er zugeben wurde, dass einer seiner Mitburger sich anmassen sollte, nur den Schatten einer tauben Nuss dem andern willkurlich abzusprechen, eh wollt' er ganz Abdera in Feuer und Flammen sehen.

Itzt verlor der Zunftmeister Pfrieme alle Geduld. Das Feuer, sagte er, womit man die ganze Stadt mit solcher Verwegenheit bedrohe, sollte mit demjenigen angezundet werden, der sich zu reden unterstehe. "Ich bin kein studierter Mann, fuhr er fort; aber, bei allen Gottern, ich lasse mir Mausedreck nicht fur Pfeffer verkaufen! Man muss den Verstand verloren haben, um einem gesunden Menschen weis machen zu wollen, dass es ein eignes Gesetz brauche, wenn die Frage ist, ob sich einer auf eines Esels Schatten setzen durfe, wenn er mit barem Geld das Recht erkauft hat, auf dem Esel selbst zu sitzen. Uberhaupt ist es Schande und Spott, dass so viel ernsthafte gescheute Manner sich den Kopf uber einen Handel zerbrechen, den jedes Kind auf der Stelle entschieden haben wurde. Wenn ist denn jemals in der Welt erhort worden, dass Schatten unter die Dinge gehoren, die man einander vermietet?"

Herr Zunftmeister, fiel der Ratsherr Buphranor ein, Ihr schlagt Euch selbst auf den Mund, wenn Ihr das behauptet. Denn wenn des Esels Schatten nicht vermietet werden konnte, so ist klar, dass er nicht vermietet worden ist; denn a non posse ad non esse valet consequentia. Der Zahnarzt kann also, nach Eurem eignen Grundsatz, kein Recht an den Schatten haben, und das Urtel ist an sich null und nichtig.

Der Zunftmeister stutzte; und weil ihm nicht gleich einfiel, was sich auf dieses feine Argument antworten liesse, so fing er desto lauter an zu schreien, und rief Himmel und Erde zu Zeugen an, dass er eher seinen grauen Bart Haar vor Haar ausraufen, als sich noch in seinen alten Tagen zum Esel machen lassen wollte. Die Herren von seiner Partei unterstutzten ihn aus allen Kraften: allein sie wurden uberstimmt; und alles, was sie endlich mit Beihulfe des Archon und des Ratsherrn, der immer leise auftrat, erhalten konnten, war: dass die Sache einsweilen in statu quo bleiben sollte, bis man im Archiv nachgesehen hatte, ob sich kein Prajudicium fande, wodurch dieser Handel ohne grossre Weitlauftigkeiten entschieden werden konnte.

Achtes Kapitel

Gute Ordnung in der Kanzlei von Abdera

Prajudicialfalle, die nichts ausmachen

Das Volk will das Rathaus sturmen, und wird von

Agathyrsus besanftigt

Der Senat beschliesst, die Sache

dem grossen Rat zu uberlassen

Die Kanzlei der Stadt Abdera weil es doch die Gelegenheit mit sich bringt, ihrer hier mit zwei Worten zu erwahnen war uberhaupt so gut eingerichtet und bedient, als man es von einer so weisen Republik erwarten wird. Indessen hatte sie doch mit vielen andern Kanzleien zween Fehler gemein, uber welche zu Abdera, schon seit Jahrhunderten, fast taglich Klage gefuhrt wurde, ohne dass darum jemand auf den Einfall gekommen ware: ob es nicht etwa moglich sein konnte, dem Ubel auf eine oder andre Weise abzuhelfen?

Das eine dieser Gebrechen war: dass die Urkunden und Acten in einigen sehr dumpfen und feuchten Gewolben verwahrt lagen, wo sie aus Mangel der Luft verschimmelten, vermoderten, von Motten gefressen, und nach und nach ganz unbrauchbar wurden; das andre: dass man, alles Suchens ungeachtet, nichts darin finden konnte. So oft dies begegnete, pflegte irgend ein patriotischer Ratsherr, meistens mit Beistimmung des ganzen Senats, die Anmerkung zu machen: "es komme bloss daher, weil keine Ordnung in der Kanzlei gehalten werde." In der Tat liess sich schwerlich eine Hypothese erdenken, vermittelst welcher diese Erscheinung auf eine leichtere und begreiflichere Weise zu erklaren gewesen ware. Daher kam es nun, dass fast allemal, wenn bei Rat beschlossen wurde, dass in der Kanzlei nachgesehen werden sollte, jedermann schon voraus wusste, und meistens sicher darauf rechnete, dass sich nichts finden wurde. Und eben daher kam es auch, dass die gewohnliche Erklarung, die bei der nachsten Ratssitzung erfolgte: "es habe sich, alles Suchens ungeachtet, nichts in der Kanzlei gefunden", mit der kaltsinnigsten Gelassenheit, als eine Sache, die man erwartet hatte, und die sich von selbst verstund, aufgenommen wurde.

Dies war nun auch dermalen der Fall gewesen, da die Kanzlei den Auftrag erhalten hatte, in den altern Acten nachzusehen, ob sich nicht vielleicht ein Prajudicium finde, das der Weisheit des Senats bei Entscheidung des hochstbeschwerlichen Handels uber den Eselsschatten zur Fackel dienen konnte. Es hatte sich nichts gefunden, ungeachtet verschiedene Herren in der letzten Session ganz positiv versicherten: es mussten unzahlige ahnliche Falle vorhanden sein.

Indessen hatte gleichwohl der Eifer eines Ratsherrn von der Partei der Esel die Acten von zween alten Rechtshandeln aufgetrieben, die einst vielen Larm in Abdera gemacht, und mit dem gegenwartigen eine Ahnlichkeit zu haben schienen.

Der eine betraf einen Streit zwischen den Besitzern zweier Grundstucke in der Stadtflur, uber das Eigentumsrecht an einen zwischen beiden gelegnen kleinen Hugel, der ungefahr funf oder sechs Schritte im Umfang betrug, und mit Verlauf der Zeit aus etlichen zusammengeflossenen Maulwurfshaufen entstanden sein mochte. Tausend kleine Nebenumstande hatten nach und nach eine so heftige Verbitterung zwischen den beiden im Streite befangnen Familien angestiftet, dass jeder Teil entschlossen war, lieber Haus und Hof als sein vermeintes Recht an diesen Maulwurfshugel zu verlieren. Die abderitische Justiz wurde dadurch in eine desto grossere Verlegenheit gesetzt, da Beweis und Gegenbeweis von einer so ungeheuern Combination unendlich kleiner, zweifelhafter und unaufklarbarer Umstande abhing, dass nach einem Process von funf und zwanzig Jahren die Sache nicht nur der Entscheidung nicht um einen Schritt naher gekommen, sondern im Gegenteil gerade funf und zwanzigmal verworrener geworden war als Anfangs. Wahrscheinlicherweise wurde sie auch nie zu Ende gebracht worden sein, wenn sich nicht beide Parteien endlich gezwungen gesehen hatten, die Grundstucke, zwischen welchen der strittige Maulwurfshugel lag, ihren Sykophanten fur Processkosten und Advocatengebuhren cum omni causa et actione abzutreten. Da nun hierunter auch das vermeintliche Recht an den besagten kleinen Hugel begriffen war, so hatten die Sykophanten sich noch selbigen Tages in Gute dahin verglichen, dieses Hugelchen der grossen Themis zu heiligen, einen Feigenbaum darauf zu pflanzen, und unter denselben auf gemeinschaftliche Kosten die Bildsaule besagter Gottin aus gutem Fohrenholz, mit Steinfarbe angestrichen, setzen zu lassen. Auch wurde, unter Garantie des abderitischen Senats, festgesetzt, dass die Besitzer beider Grundstucke zu ewigen Zeiten schuldig sein sollten, besagte Bildsaule nebst dem Feigenbaum gemeinschaftlich zu unterhalten. Gestalten dann auch beide, und zwar der Feigenbaum in sehr ansehnlichen, die Bildsaule aber in sehr verfallnen und wurmstichigen Umstanden, zum ewigen Gedachtnis dieses merkwurdigen Handels, noch zur Zeit des gegenwartigen zu sehen waren.

Der andre Process schien mit dem vorliegenden noch eine nahere Verwandtschaft zu haben. Ein Abderit, Namens Pamphus, besass ein Landgut, dessen vornehmste Annehmlichkeit darin bestund, dass es auf der sudwestlichen Seite eine ganz herrliche Aussicht uber ein schones Tal hatte, welches zwischen zween waldigten Bergen hinlief, in der Ferne immer schmaler wurde, und sich endlich in das ageische Meer verlor. Pamphus pflegte oft zu sagen: dass ihm diese Aussicht nicht um hundert attische Talente feil ware; und er hatte um so mehr Ursache, sie so hoch zu taxieren, da das Gut an sich selbst so unerheblich war, dass ihm niemand, der bloss auf den Nutzen sah, funf Talente darum gegeben haben wurde. Unglucklicherweise fand ein ziemlich beguterter abderitischer Bauer, der auf eben dieser sudwestlichen Seite sein Nachbar war, sich veranlasst, eine Scheune bauen zu lassen, die dem guten Pamphus einen so grossen Teil seiner Aussicht entzog, dass sein Landgutchen, seiner Rechnung nach, wenigstens um 80 Talente dadurch schlechter wurde. Pamphus wandte alles Mogliche an, den Nachbar in Gute und Ernst von einem so fatalen Bau abzuhalten. Allein der Bauer bestand auf seinem Rechte, seinen erbeigentumlichen Grund und Boden zu uberbauen, wo und wie es ihm beliebte. Es kam also zum Process. Pamphus konnte zwar nicht erweisen, dass die strittige Aussicht ein notwendiges und wesentliches Pertinenzstuck seines Gutes sei; oder, dass ihm Luft und Licht dadurch entzogen werde; oder, dass sein Grossvater, der es kauflich an seine Familie gebracht, um besagter Aussicht willen nur eine Drachme mehr bezahlt habe, als das Gut nach damaligem Preise an sich selbst wert war; noch, dass ihm sein Nachbar, der Bauer, mit einiger Servitut verhaftet sei, Kraft deren er ein Recht hatte, ihm den Bau niederzulegen. Allein sein Sykophant behauptete, dass die Entscheidungsgrunde dieser Sache viel tiefer lagen, und aus der ersten ursprunglichen Quelle alles Eigentumsrechts unmittelbar geschopft werden mussten. Ware die Luft nicht ein durchsichtiges Wesen, sagte der Sykophant: so mochte Elysium und der Olympus selbst dem Landgute meines Principals gegenuber liegen, er wurde so wenig jemals davon zu sehen bekommen haben, als ob unmittelbar vor seinen Fenstern eine Mauer stunde, die bis an den Himmel reichte. Die durchsichtige Natur und Eigenschaft der Luft ist also die erste und wahre Grundursache der schonen Aussicht, die das Gut meines Principals beseligt. Nun ist aber die freie durchsichtige Luft, wie jedermann weiss, eines von den gemeinen Dingen, an welche ursprunglich alle ein gleiches Recht haben; und eben darum ist jede noch von niemand occupierte Portion derselben als eine Res Nullius, als eine Sache, die noch niemanden eigentumlich angehort, anzusehen, und wird folglich ein Eigentum des ersten, der sie occupiert. Seit unfurdenklichen Zeiten haben die Vorfahren meines Principals an diesem Gute die dermalen im Streit verfangne Aussicht inne gehabt, besessen und genossen, von manniglichen ungehindert und unangefochten. Sie haben also die dazu erforderliche Portion der Luft wirklich mit ihren Augen occupiert, und sie ist durch diese Occupation so wohl, als durch einen Besitz seit unfurdenklicher Zeit, ein eigentumlicher Teil des mehrbesagten Gutes geworden, wovon solchem nicht das Geringste entzogen werden kann, ohne die Grundgesetze aller burgerlichen Ordnung und Sicherheit umzustossen. Der Senat von Abdera fand diese Grunde ganz bedenklich; es wurde lange fur und wider mit grosser Subtilitat gestritten; und da Pamphus einige Zeit darauf in den Rat gewahlt worden war, schien die Sache um so viel verwickelter, und seine Grunde von Zeit zu Zeit immer bedenklicher zu werden. Der Bauer starb endlich, ohne den Ausgang des Handels zu erleben; und seine Erben, welche zuletzt merkten, dass arme Bauersleute wie sie, gegen einen so grossen Herrn als ein Ratsherr von Abdera war, nichts gewinnen konnten, liessen sich endlich von ihrem Sykophanten zu einem Vergleich bereden: vermoge dessen sie die Processkosten bezahlten, und von dem Bau der strittigen Scheune um so mehr abstanden, da sie kein Geld mehr dazu hatten, und der Process von ihrem Erbgut so viel weggefressen hatte, dass sie keiner neuen Scheune mehr bedurften, um die wenigen Fruchte, die ihnen noch zu bauen ubrig blieben, aufzubehalten.

Nun war es zwar ziemlich klar, dass diese beiden Rechtshandel zu Entscheidung des vorliegenden sehr wenig Licht geben konnten; zumal da in keinem von beiden definitive war gesprochen worden, sondern beide durch gutlichen Vergleich ihre Endschaft erreicht hatten: allein der Ratsherr, der sie producierte, schien auch keinen andern Gebrauch davon machen zu wollen, als dem Senat zu zeigen: dass diese beiden Handel, die sowohl in Rucksicht auf die Wichtigkeit des Gegenstandes als die Subtilitat der Rechtsgrunde sehr viele Ahnlichkeit mit dem Eselsprocess zu haben schienen, so viele Jahre lang vor dem abderitischen kleinen Rat gefuhrt und verhandelt worden, ohne dass sich jemand habe beigehen lassen, an den grossen Rat zu provocieren, oder nur zu zweifeln, ob der kleine auch wohl Fug und Macht habe, in Sachen dieser Art zu erkennen.

Die samtlichen Esel unterstutzten diese Meinung ihres Parteiverwandten mit desto grosserm Eifer, da sie die Majora in Handen hatten, wofern die Sache vor Rat abgetan worden ware; allein eben darum beharrten die Schatten desto hartnackiger bei ihrem Widerspruch.

Der ganze Morgen wurde mit Streiten und Schreien zugebracht; und die Herren wurden endlich (wie ihnen ofters zu begegnen pflegte) um Mittagsessenszeit unverrichteter Dinge auseinander gegangen sein, wenn eine grosse Anzahl gemeiner Burger von der Schattenpartei, die sich auf Veranstaltung des Zunftmeisters Pfrieme vor dem Rathause versammelt hatte, und durch eine Menge herbeigelaufnen Pobels von der niedrigsten Gattung verstarkt worden war, der Sache nicht endlich den Ausschlag gegeben hatte. Die Partei des Erzpriesters legte in der Folge dem Zunftmeister zur Last, dass er geflissentlich ans Fenster getreten sei, und das Volk durch gegebne Zeichen zum Aufruhr angereizet habe. Allein die Gegenpartei leugnete diese Beschuldigung schlechterdings, und behauptete: das unziemliche Geschrei, das einige Esel auf einmal erhoben hatten, habe die unten versammelten Burger auf die Gedanken gebracht, als ob den Herren von ihrem Anhang Gewalt geschehe, und dieser Irrtum habe den ganzen Larm veranlasst.

Wie dem auch sein mochte, auf einmal schallte ein brullendes Geschrei zu den Fenstern des Rathauses hinauf: Freiheit, Freiheit! Es lebe der Zunftmeister Pfrieme! Weg mit den Eseln! Weg mit den Jasoniden! u.s.w.

Der Archon kam ans Fenster, und gebot den Aufruhrern Ruhe. Aber ihr Geschrei nahm uberhand; und einige der Frechsten drohten, das Rathaus auf der Stelle anzuzunden, wenn die Herren nicht unverzuglich aus einander gehen, und die Sache dem grossen Rat und dem Volk anheimstellen wurden. Etliche lose Buben und Heringsweiber drangen wirklich mit Gewalt in die benachbarten Hauser, rissen Brande von den Feuerherden, und kamen damit zuruck, um den gnadigen Herren zu zeigen, dass es mit ihrer Drohung im Ernste gemeinet sei.

Indessen hatte der Auflauf, der hierdurch verursacht wurde, eine Anzahl von Eseln herbei gerufen, die den Herren von ihrer Partei mit Knitteln, Feuerzangen, Fleischmessern, Mistgabeln, und dem ersten dem Besten, was ihnen in die Hande gefallen war, zu Hulfe kommen wollten; und wiewohl sie von den Schatten bei weitem ubermehrt waren: so trieb sie doch ihre Herzhaftigkeit und die Verachtung, womit sie die ganze Partei der Schatten ansahen, die wortlichen Beleidigungen mit so nachdrucklichen Hieben und Stossen zu erwidern, dass es blutige Kopfe absetzte, und das Handgemeng in wenig Augenblicken allgemein wurde.

Bei so gestalten Sachen war nun freilich in der Ratsstube nichts anders zu tun, als einhellig zu beschliessen: dass man, lediglich aus Liebe zum Frieden und um des gemeinen Bestens willen, fur diesesmal und citra praeiudicium sich gleichwohl gefallen lassen wolle, dass der Handel wegen des Eselsschattens vor den grossen Rat gebracht, und der Entscheidung desselben uberlassen werden konnte.

Inzwischen war den guten Ratsherren so enge in ihrer Haut, dass sie, so bald man sich (wiewohl auf eine sehr tumultuarische Weise) dieses Schlusses vereiniget hatte, den Zunftmeister Pfrieme mit aufgehabnen Handen baten, sich herunter zu begeben, und das aufgebrachte Volk zu beruhigen. Der Zunftmeister, dem es machtig wohl tat, die stolzen Patricier so tief unter die Gewalt des Knieriemens gedemutigt zu sehen, zogerte zwar nicht, ihnen die Probe seines guten Willens und seines Ansehens bei dem Volke zu geben; aber der Tumult war schon so gross, dass seine Stimme, wiewohl eine der besten Bierstimmen von ganz Abdera, eben so wenig gehort wurde, als das Geschrei eines Schiffjungens im Mastkorbe unter dem donnernden Geheul des Sturms und dem Brausen der zusammenprallenden Wellen. Er wurde sogar in der ersten Wut, in welche der Pobel (der ihn nicht sogleich erkannte) bei seinem Anblick aufbrannte, seines eignen Lebens nicht sicher gewesen sein, wenn nicht glucklicher Weise der Erzpriester Agathyrsus der diesen zufalligen Tumult fur den geschicktesten Augenblick hielt, der Gegenpartei in die Flanke zu fallen mit seinem vergoldeten Hammelsfell an einer Stange vor sich her, und mit seiner ganzen Priesterschaft hinterdrein, in eben diesem Momente herbeigekommen ware, dem Aufruhr Einhalt zu tun; indem er dem Pobel die Versicherung gab, dass ihnen genug getan werden sollte, und dass er selbst der erste sei, der darauf antrage, dass die Sache vor dem grossen Rat abgetan werden musse.

Diese offentliche Versicherung des Erzpriesters, und seine Herablassung und Leutseligkeit, zugleich mit der Ehrfurcht, die das abderitische Volk fur das vergoldete Hammelsfell zu tragen gewohnt war, tat eine so gute Wirkung, dass in wenig Augenblicken alles wieder ruhig war, und der ganze Markt von einem lauten: Lebe der Erzpriester Agathyrsus! erschallte. Die Verwundeten schlichen sich ganz geruhig nach Hause, um sich ihre Kopfe verbinden zu lassen. Der ubrige Tross stromte hinter dem zuruckkehrenden Erzpriester her. Der Zunftmeister aber hatte den Verdruss zu sehen, dass ein grosser Teil seiner sonst so treuergebenen Schatten, von der Ansteckung des ubrigen Haufens hingerissen, den Triumph seines Gegners vergrossern half, und in diesem Augenblick des Taumels leicht dahin hatte gebracht werden konnen, allen den wilden Mutwillen, den sie kurz zuvor an ihren vermeintlichen Feinden, den Eseln, auszuuben bereit waren, nun an ihren eignen Freunden, den Schatten, auszulassen.

Neuntes Kapitel

Politik beider Parteien

Der Erzpriester verfolgt seinen erhaltenen Vorteil

Die Schatten ziehen sich zuruck

Der entscheidende Tag wird fest gesetzt

Dieser unvermutete Vorteil, den der Erzpriester uber die Schatten gewann, krankte diese um so viel empfindlicher, da er ihnen nicht nur die Freude und Ehre des Sieges, den sie im Senat erhalten hatten, verkummerte, sondern ihre Partei selbst merklich schwachte und ihnen uberhaupt zu erkennen gab, wie wenig sie sich auf die Unterstutzung eines leichtsinnigen Pobels verlassen durften, der von jedem Wind auf eine andere Seite geworfen wird, und selten recht weiss was er selbst will, geschweige was diejenigen mit ihm machen wollen, von denen er sich treiben lasst.

Agathyrsus, der nun das erklarte Haupt der Esel war, hatte durch seine Emissarien erfahren, dass die Gegenpartei durch nichts mehr bei der gemeinen Burgerschaft gewonnen habe, als durch den Widerstand, den die Beschutzer des Eseltreibers anfanglich taten, da die Sache vor den grossen Rat gespielt werden, sollte.

Da dieser Rat aus vierhundert Mannern bestund, welche als die Reprasentanten der gesamten Burgerschaft von Abdera angesehen wurden, und wovon beinahe die Halfte wirklich blosse Kramer und Handwerksleute waren: so glaubte sich jeder gemeine Mann durch die vermeinte Absicht, die Vorrechte desselben einschranken zu wollen, personlich beleidigt; und die Vorspieglung des Zunftmeisters Pfrieme, dass es auf einen ganzlichen Umsturz ihrer demokratischen Verfassung abgezielt sei, fand desto leichter Eingang.

In der Tat war es auch um das, was in der abderitischen Staatseinrichtung demokratisch schien, blosses Schattenwerk und politisches Gaukelspiel. Denn der kleine Rat, dessen zwei Drittel aus alten Geschlechtern bestunden, machte im Grunde alles was er wollte; und die Falle, wo die Vierhundert zusammenberufen werden mussten, waren in dem abderitischen Grundgesetz auf solche Schrauben gesetzt, dass es beinahe ganzlich von dem Urteil des kleinen Rates abhing, wenn und wie oft sie die Vierhundertmanner zusammenberufen wollten, um zu dem, was jener schon beschlossen hatte, ihre Beistimmung zu geben. Aber eben darum, weil dieses Vorrecht der abderitischen Gemeinen nicht sehr viel zu bedeuten hatte, waren sie desto eifersuchtiger darauf; und um so notiger war es, dem Volk das Gangelband zu verbergen, an welchem man es fuhrte, indem es allein zu gehen glaubte.

Es war also ein wahrer Meisterstreich von dem Erzpriester, dass er sich nun auf einmal und in einem Augenblick, wo die Wirkung davon plotzlich und entscheidend sein musste, dem Volk in einer Sache zu Willen erklarte, auf die es einen so hohen Wert legte. Und da er, anstatt etwas dabei zu wagen, vielmehr dadurch einen starken Riss in den Plan der Gegenpartei machte: so hatte diese letztere alle Ursache, nun auf neue Mittel und Wege zu denken, wie sie den Erzpriester und seinen Anhang wieder aus dem Vorteil heben, und den gunstigen Eindruck ausloschen mochte, den er auf das gemeine Volk gemacht hatte.

Die Haupter der Schatten kamen noch an selbigem Abend in dem Hause der Dame Salabanda zusammen, und beschlossen: dass man, anstatt die Ernennung eines nahen Tages zur Zusammenberufung der Vierhundert bei dem Archon zu betreiben, sich vielmehr (falls es notig sein sollte) verwenden wolle, solche zu verzogern, um dem Volke Zeit zu geben, sich wieder abzukuhlen. Inzwischen wollte man die Burgerschaft unter der Hand und mit aller Gelassenheit zu uberzeugen suchen: wie toricht sie waren, sich von dem Erzpriester und seinen Miteseln als etwas Verdienstliches anrechnen zu lassen, was doch nichts weniger als guter Wille, sondern blosse gezwungne Folge ihrer Schwache sei. Wenn die Esel es in ihrer Gewalt gehabt hatten, die Sache dem grossen Rat aus den Handen zu reissen, so wurden sie es getan, und sich wenig darum bekummert haben, ob es dem Volke lieb oder leid sei. Dieser plotzliche Absprung von ihrem vorigen stadtkundigen Betragen sei ein allzu grober Kunstgriff, die Volkspartei zu trennen, als dass man sich dadurch betrugen lassen konne. Vielmehr habe man um desto mehr Ursache, auf seiner Hut zu sein, da es augenscheinlich darauf angesehen sei, das Volk durch susse Worte einzuschlafern und unvermerkt dahin zu bringen, dass es unwissenderweise ein Werkzeug seiner eignen Unterdruckung werde.

Der Oberpriester Strobylus, der bei dieser Beratschlagung zugegen war, billigte zwar alles, was man tun konnte, um das Ansehen seines Nebenbuhlers bei der Burgerschaft zu vermindern und seine Absichten verdachtig zu machen: "Allein ich zweifle sehr, setzte er hinzu, dass wir die gehofften Fruchte davon erleben werden. Ich bereite ihm aber eine andere und scharfere Lauge zu, die desto besser wirken wird, wenn sie ihm ganz unversehens uber den Kopf kommt. Es ist noch nicht Zeit, mich deutlicher zu erklaren. Lasst mich nur machen! Mag er sich doch eine Weile mit der Hoffnung schmeicheln, den Priester Strobylus im Triumph hinter sich herzuschleppen! Die Freude soll ihm ubel versalzen werden, darauf verlasst euch! Inzwischen wenn wir, wie ich hoffe, ehrlich an einander sind, und wenn es uns Ernst ist, den Sieg uber unsre Feinde zu erhalten, so mussen wir reinen Mund uber das halten, was ich euch von meinem geheimen Anschlag habe merken lassen, und seiner Zeit davon entdecken werde. Agathyrsus muss sicher gemacht werden. Er muss glauben, dass wir nur noch mit einem Flugel schlagen, und dass alle unsre Hoffnung auf unserm Vertrauen, das Ubergewicht im grossen Rate zu machen, beruht." Jedermann fand, dass der Oberpriester die Sache sehr richtig gefasst habe, und die Gesellschaft trennte sich, sehr neugierig, was das wohl fur ein Anschlag sein konne, den er gegen den Erzpriester in Petto behalte, aber auch sehr uberzeugt, dass, wenn es auf den Sturz des letztern angesehen sei, die Sache in keine bessere als in des Priesters Strobylus Hande gestellt werden konne.

Agathyrsus ermangelte inzwischen nicht, aus dem kleinen Siege, den er durch eine ihm eigene Gegenwart des Geistes zu so gelegener Zeit uber seine Gegner erhalten hatte, allen moglichen Vorteil zu ziehen. Er hatte unter den Haufen gemeinen Volks, der ihn bis in den Vorhof des erzpriesterlichen Palasts begleitete, Brot und Wein austeilen lassen, bevor er sie mit einer ernstlichen Vermahnung, ruhig zu sein, wieder nach Hause gehen liess; wo sie nun vom Lobe seiner Person, seiner Leutseligkeit und Freigebigkeit gegen ihre Nachbarn und Bekannten uberflossen. Aber, wiewohl er den Geist der Republiken zu gut kannte, um die Gunst des Pobels fur nichts zu achten, so wusste er doch wohl, dass er damit noch nicht viel gewonnen hatte. Das Notwendigste war, sich der Zuneigung des grossten Teils der Vierhundert ganzlich zu versichern; teils weil itzt auf diese alles ankam, teils weil man, wenn sie einmal gewonnen waren, mehr Staat auf sie machen konnte, als auf das ubrige Volk. Er hatte zwar bereits einen ansehnlichen Anhang unter ihnen; aber ausser einer Anzahl erklarter und eifriger Schatten, mit denen er sich nicht einlassen mochte, befanden sich noch sehr viele und sie bestanden meistens aus den Vermoglichsten und Angesehensten von der Burgerschaft die sich entweder noch gar nicht erklart hatten, oder nur darum gegen die Partei der Schatten hinneigten, weil ihnen die Haupter der Gegenpartei als herrschsuchtige, gewalttatige Leute beschrieben worden waren, die diese ganze lacherliche Onoskiamachie bloss darum angezettelt hatten, um die Stadt in Verwirrung zu setzen, und die Unruhen, wovon sie selbst die Urheber waren, zum Vorwand und zu Werkzeugen ihrer ehrgeizigen Absichten zu gebrauchen.

Diese Leute auf seine Seite zu bringen, schien ihm nun eben so leicht, als es fur den Triumph seiner Partei entscheidend war. Er liess sie alle noch an selbigem Abend zu Gaste bitten. Die meisten erschienen; und der Erzpriester, der eine besondere Gabe hatte, seiner Politik einen Firniss von Offenheit und aufrichtigem Wesen anzustreichen, machte ihnen kein Geheimnis daraus, dass er sie zu sich gebeten habe, um mit Hulfe so braver und verstandiger Manner die Vorurteile zu zerstreuen, die, wie er horte, der Burgerschaft wider ihn beigebracht worden. "Dass man, sagte er, in dem Handel zwischen einem Eseltreiber und einem Zahnarzt, und in einem Handel, wo es bloss um den Schatten eines Esels zu tun sei, einen Mann seines Standes zum Haupt einer Partei machen wolle, komme ihm allzu lacherlich vor, als dass er sich jemals einfallen lassen werde, eine so alberne Beschuldigung von sich abzulehnen. Indessen sei der arme Anthrax ein Schutzverwandter des Jasontempels, und er habe ihm also nicht versagen konnen, sich seiner, so weit als es die Gerechtigkeit erfodre, anzunehmen. Ohne die bekannte auffahrende Hitze des Zunftmeisters Pfrieme, der sich etwas unzeitig zum Sachwalter des Zahnarztes aufgeworfen nicht weil dieser Recht habe, sondern bloss weil er bei den Schustern zunftig sei wurde eine so unbedeutende Sache ohnmoglich zu solcher Weitlauftigkeit gekommen sein. Sei aber einmal ein Feuer angezundet, so fanden sich immer Leute, denen damit gedient sei, es anzublasen und zu nahren. Er seines Orts habe sich immer zum Gesetz gemacht, sich in nichts zu mischen, das ihn nichts angehe. Dass er sich aber dazu verwendet habe, den gefahrlichen Tumult, der diesen Morgen von den Anhangern des Zunftmeisters vor dem Rathause erregt worden, durch seine Dazwischenkunft und gutliche Zureden zu stillen, werde ihm hoffentlich von keinem Billigdenkenden als eine ungeziemende Anmassung, sondern vielmehr als die Tat eines guten Burgers und Patrioten ausgelegt werden; zumal, da es dem Charakter eines Priesters immer anstandiger sei, Friede zu machen und Unordnungen zu verhuten, als Ol ins Feuer zu giessen, wie von manchen bekannt sei, die er nicht zu nennen notig habe. Im ubrigen leugne er nicht, dass er da die Sache mit dem Eselsschatten nun einmal in erster Instanz verdorben worden, und zu einem Handel erwachsen sei, an welchem ganz Abdera Anteil zu nehmen sich gleichsam genotigt sehe immer gewunscht habe, dass die Sache je balder je lieber vor den grossen Rat gebracht wurde; nicht sowohl, damit der arme Anthrax die gebuhrende Genugtuung erhalte (wiewohl nicht zu zweifeln sei, dass ihm solche bei dieser hohen Gerichtsstelle keineswegs werde versagt werden), als damit der zugellose Mutwille der Sykophanten endlich einmal durch irgend ein angemessnes Gesetz eingeschrankt, und dergleichen Handeln, die der Stadt Abdera zu schlechter Ehre gereichten, furs kunftige nach Moglichkeit vorgebaut werden mochte."

Agathyrsus brachte alles dies mit so vieler Gelassenheit und Massigung vor, dass seine Gaste sich nicht genug uber die Ungerechtigkeit derjenigen verwundern konnten, welche einen so gut denkenden Herrn zum vornehmsten Anstifter dieser Unruhen hatten machen wollen. Sie hielten sich nun alle von dem Gegenteil vollkommen uberzeugt; und es gelang ihm in wenigen Stunden, diese wackern Leute, ohne dass es sie selbst merkten, und indem sie noch immer ganz unparteiisch zu sein glaubten, zu so guten Eseln zu machen, als es vielleicht in Abdera gab; zumal nachdem die vortrefflichen Weine womit er sie bei der Abendmahlzeit betraufte, jeden Schatten des Misstrauens vollends ausgeloscht, und jede Seele zur Empfanglichkeit aller Eindrucke, die er ihnen geben wollte, geoffnet hatten.

Man kann sich leicht vorstellen, dass dieser Schritt des Agathyrsus die Gegenpartei nicht wenig beunruhigen musste. Da die Revolution, welche unter demjenigen Teil der Burgerschaft, der bisher gleichgultig geblieben war, dadurch bewirkt worden, bald darauf sehr merklich zu werden anfing, und alle Batterien, die man mit verdoppeltem Eifer dagegen spielen liess, nicht nur ohne Wirkung blieben, sondern gerade die gegenteilige Wirkung taten, und die Ubelgesinntheit der Schatten durch die Vergleichung mit der Massigung und den patriotischen Gesinnungen des Pralaten nur desto auffallender machten: so wurden die besagten Schatten ausserst verlegen gewesen sein, was sie anfangen wollten, um ihrer beinahe ganz gesunknen Partei wieder einen Schwung zu geben, wenn der Priester Strobylus sie nicht bei Mut erhalten, und versichert hatte, dass er, sobald der Gerichtstag festgesetzt sein wurde, dem kleinen Jason (wie er ihn zu nennen pflegte) ein Gewitter uber den Hals schicken wolle, dessen er sich mit aller seiner Schlauheit gewiss nicht versehn, und wodurch die Sache sogleich ein ganz ander Aussehen gewinnen werde.

Die Schatten schienen sich nun so ruhig zu halten, dass Agathyrsus und sein Anhang diese anscheinende Niedergeschlagenheit ihrer Geister sehr wahrscheinlich der wenigen Hoffnung zuschreiben konnten, welche ihnen nach dem uber sie erhaltnen zwiefachen Vorteil ubrig blieb. Sie verdoppelten daher ihre Bemuhungen bei dem Archon Onolaus (dessen Sohn ein vertrauter Freund des Erzpriesters und einer der hitzigsten Esel war), einen nahen Tag zur Versammlung des grossen Rats anzuberaumen; und sie erhielten endlich durch ihr ungestumes Anhalten, dass diese Feierlichkeit auf den sechsten Tag nach der letzten Ratssitzung festgestellt wurde.

Diejenigen, welche die Weisheit eines Plans oder einer genommenen Massregel nach dem Erfolg zu beurteilen pflegen, werden vielleicht die Sicherheit des Erzpriesters bei der plotzlichen Untatigkeit seiner Gegenpartei eines Mangels an Klugheit und Vorsicht beschuldigen, von welchem wir ihn allerdings nicht ganzlich freisprechen konnen. Wir leugnen es nicht, es wurde behutsamer von ihm gewesen sein, diese Untatigkeit vielmehr irgend einem wichtigen Streich, uber welchem sie in der Stille bruteten, als einem zu Boden gesunknen Mute zuzuschreiben. Allein es war einer von den Fehlern dieses Jasoniden, dass er aus allzulebhaftem Gefuhl seiner eignen Starke seine Gegner immer mehr verachtete, als die Klugheit erlaubte. Er handelte fast immer wie einer, der es nicht der Muhe wert halt zu berechnen, was ihm seine Feinde schaden konnen, weil er sich uberhaupt bewusst ist, dass es ihm nie an Mitteln fehlen werde, das Argste, was sie ihm tun konnen, von sich abzutreiben. Indessen ist doch in gegenwartigem Falle zu vermuten, dass tausend andre an seinem Platz, und bei so gunstigen Anscheinungen, eben so gedacht, und, wie er, geglaubt hatten, sehr wohl daran zu tun, wenn sie sich den guten Willen ihrer neuen Freunde zu Nutze machten, bevor er wieder erkaltete, und ihren Feinden keine Zeit liessen, wieder zu sich selbst zu kommen.

Dass der Erfolg seiner Erwartung nicht gemass war, kam von einem Streich des Priesters Strobylus her, den er mit aller seiner Klugheit nicht voraus sehen konnte; und der, so sehr er auch in dem Charakter dieses Mannes gegrundet sein mochte, doch so beschaffen war, dass man nur durch die unmittelbare Erfahrung dahin gebracht werden konnte, ihn dessen fur fahig zu halten.

Zehntes Kapitel

Was fur eine Mine der Priester Strobylus gegen

einen Collegen springen lasst

Zusammenberufung der Zehnmanner

Der Erzpriester wird vorgeladen findet aber Mittel

sich sehr zu seinem Vorteil aus der Sache zu ziehen

Tages vorher, eh der Process uber den Eselsschatten, der seit einigen Wochen die ungluckliche Stadt Abdera in so weit aussehende Unruhen gesturzt hatte, vor dem grossen Rat entschieden werden sollte, kam der Oberpriester Strobylus, mit zween andern Priestern der Latona und verschiedenen Personen aus dem Volke, in grosser Gemutsbewegung und Eilfertigkeit fruhmorgens zu dem Archon Onolaus, um Seiner Gnaden ein Wunderzeichen zu berichten, welches (wie man die hochste Ursache habe zu furchten) die Republik mit irgend einem grossen Ungluck bedrohe.

Es hatten namlich schon in der ersten und zweiten Nacht vor dieser letztern einige zum Latonentempel gehorige Personen zu horen geglaubt, dass die Frosche des geheiligten Teiches, anstatt des gewohnlichen Wreckeckek Koax Koax, welches sie sonst mit allen andern naturlichen Froschen, und selbst mit denen in den stygischen Sumpfen (wie aus dem Aristophanes zu ersehen) gemein hatten, ganz ungewohnliche und klagliche Tone von sich gegeben; wiewohl besagte Leute sich nicht getraut, so nahe hinzuzugehen, um solche genau unterscheiden zu konnen. Auf die Anzeige, die ihm, dem Oberpriester, gestern Abends hievon gemacht worden, habe er die Sache wichtig genug gefunden, um mit seiner untergebnen Priesterschaft die ganze Nacht bei dem geheiligten Teiche zuzubringen. Bis gegen Mitternacht habe die tiefste Stille auf demselben geruht: allein um besagte Zeit habe sich plotzlich ein dumpfes, ungluckweissagendes Geton aus dem Teich erhoben; und da sie naher hinzugetreten, hatten sie insgesamt die Tone: Weh! Weh! Pheu! Eleleleleleu! ganz deutlich unterscheiden konnen. Dieses Wehklagen habe eine ganze Stunde lang gedauert, und sei, ausser den Priestern, noch von allen denen gehort worden, die er als Zeugen eines so unerhorten und hochst bedenklichen Wunders mit sich gebracht habe. Da nun gar nicht zu bezweifeln sei, dass die Gottin ihr bisher geliebtes Abdera durch dieses drohende und wundervolle Anzeichen vor irgend einem bevorstehenden grossen Ungluck habe warnen, oder vielleicht zur Untersuchung und Bestrafung irgend eines noch unentdeckten Frevels auffordern wollen, der den Zorn der Gotter auf die ganze Stadt ziehen konnte: so wolle er, kraft seines Amtes und im Namen der Latona, Seine Gnaden hiemit ersucht haben, das Collegium der Zehnmanner unverzuglich zusammen berufen zu lassen, damit die Sache ihrer Wichtigkeit gemass erwogen, und die weitern Vorkehrungen, die ein solcher Vorfall erfodere, getroffen werden konnten.

Der Archon, der in dem Ruf war, sich in Absicht der geheiligten Frosche ziemlich stark auf die freien Meinungen des Demokritus zu neigen, schuttelte bei diesem Vortrag den Kopf, und stund eine Weile, ohne den Priestern eine Antwort zu geben. Allein der Ernst, womit diese Herren die Sache vorbrachten, und der seltsame Eindruck, den solche bereits auf die gegenwartigen Personen aus dem Volke gemacht zu haben schien, liessen ihn leicht voraussehen, dass in wenig Stunden die ganze Stadt von diesem vorgeblichen Wunder voll sein, und in schreckenvolle Ahndungen gesetzt werden wurde, bei welchen ihm nicht erlaubt sein wurde, gleichgultig zu bleiben. Es war ihm also nichts ubrig, als sogleich in Gegenwart der Priester den Befehl zu geben, dass die Zehnmanner sich wegen eines ausserordentlichen Vorfalls binnen einer Stunde in dem Tempel der Latona versammeln sollten.

Inzwischen hatte, durch Veranstaltung des Oberpriesters, das Gerucht von einem furchtbaren Wunderzeichen, welches seit drei Nachten in dem Haine der Latona gehort werde, sich bereits durch ganz Abdera verbreitet. Die Freunde des Erzpriesters Agathyrsus, die nicht so einfaltig waren, sich durch solches Gaukelwerk tauschen zu lassen, wurden dadurch erbittert, weil sie nicht zweifelten, dass irgend ein boser Anschlag gegen ihre Partei darunter verborgen liege. Verschiedene junge Herren und Damen von der ersten Classe affectierten uber das vorgegebene Wunder zu spotten, und machten Partien, in der nachsten Nacht der neumodischen Trauermusik im Froschteich der Latona beizuwohnen. Aber auf das gemeine Volk und auf einen grossen Teil der Vornehmern, die in Sachen dieser Art allenthalben gemeines Volk zu sein pflegen, machte die Erfindung des Oberpriesters ihre vollstandige Wirkung. Das Pheu Pheu, Eleleleleleu der Latonenfrosche unterbrach auf einmal alle burgerliche und hausliche Beschaftigungen. Alte und Junge, Weiber und Kinder liefen auf den Gassen zusammen, und forschten mit erschrocknen Gesichtern nach den Umstanden des Wunders. Und da beinahe ein jedes die Sache aus dem eignen Munde der ersten Zeugen gehort haben wollte, und der Eindruck, den man dergleichen Erzahlungen auf die Zuhorer machen sieht, eine naturliche Anreizung fur den Erzahler zu sein pflegt, immer etwas, das die Sache interessanter macht, hinzuzutun: so wurde das Wunder in weniger als einer Stunde in den verschiedenen Gegenden der Stadt mit so furchtbaren Umstanden gefuttert, dass den Leuten beim blossen Horen die Haare zu Berge standen. Einige versicherten, die Frosche, als sie den fatalen Gesang angestimmt, hatten Menschenkopfe aus dem Teich emporgereckt; andere, dass sie ganz feurige Augen von der Grosse einer Walnuss gehabt hatten; noch andere, dass man zu eben der Zeit allerlei furchterliche Gespenster, ungeheure heulende Tone von sich gebend, im Hain umherfahren gesehen; wieder andere, dass es bei hellem Himmel ganz erschrecklich uber dem Teich geblitzt und gedonnert habe; und endlich beteuerten einige Ohrenzeugen, dass sie ganz deutlich die Worte: Weh dir Abdera! zu wiederholtenmalen, hatten unterscheiden konnen. Kurz das Wunder wurde, wie gewohnlich, immer grosser, je weiter es sich fortwalzte, und fand desto mehr Glauben, je ungereimter, widersprechender und unglaublicher die Berichte waren, die davon gegeben wurden. Und da man bald die Zehnmanner zu einer ungewohnlichen Zeit in grosser Hast und mit bedeutungsvollen Gesichtern dem Tempel der Latona zueilen sah: so zweifelte nun niemand mehr, dass Begebenheiten von der grossten Wichtigkeit in dem Becher des abderitischen Schicksals gemischt wurden, und die ganze Stadt schwebte in zitternder Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

Das Collegium der Zehnmanner war aus dem Archon, den vier altesten Ratsherren, den zween altesten Zunftmeistern, dem Oberpriester der Latona, und zween Vorstehern des geheiligten Teiches zusammengesetzt, und stellte das ehrwurdigste unter allen abderitischen Tribunalien vor. Alle Sachen, bei denen die Religion von Abdera unmittelbar betroffen war, standen unter seiner Gerichtsbarkeit, und sein Ansehen war beinahe unumschrankt.

Es ist eine alte Bemerkung, dass verstandige Leute durchs Alter gewohnlich weiser, und Narren mit den Jahren immer alberner werden. Ein abderitischer Nestor hatte daher selten viel dadurch gewonnen, dass er zwo oder drei neue Generationen gesehen hatte; und so konnte man ohne Gefahr voraussetzen, dass die Zehnmanner von Abdera, im Durchschnitt genommen, den Ausschuss der blodesten Kopfe in der ganzen Republik ausmachten. Die guten Leute waren so bereitwillig, die Erzahlung des Oberpriesters fur eine Tatsache, die gar keinem Einwurf ausgesetzt sein konne, anzunehmen, dass sie die Abhorung der Zeugen fur eine blosse Formalitat anzusehen schienen, womit man so schnell als moglich fertig zu werden suchen musse. Da nun Strobylus die Herren von der Richtigkeit des Wunders schon zum voraus so wohl uberzeugt fand: so glaubte er um so weniger zu wagen, wenn er ohne Zeitverlust zu demjenigen fortschritte, weswegen er sich die Muhe genommen, die ganze Fabel zu erfinden.

"Von dem ersten Augenblick an, sagte er, da meine eignen Ohren Zeugen dieses Wunderzeichens gewesen sind, welches, wie ich wohl sagen kann, in den Jahrbuchern von Abdera niemals seines gleichen gehabt hat, stieg der Gedanke in mir auf: dass es eine Warnung der Gottin sein konnte vor den Folgen ihrer Rache, die, wegen irgend eines geheimen unbestraften Verbrechens, uber unsern Hauptern schweben mochte; und dies setzte mich in die Notwendigkeit, des Archons Gnaden zu gegenwartiger Versammlung des sehr ehrwurdigen Zehnmannergerichts zu veranlassen. Was damals bloss Vermutung war, hat sich seit einer einzigen Stunde zur Gewissheit aufgeklart. Der Frevler ist bereits entdeckt, und das Verbrechen durch Augenzeugen erweislich, gegen deren Wahrhaftigkeit um so weniger einiger Zweifel vorwaltet, da der Tater ein Mann von zu grossem Ansehen ist, als dass etwas geringeres als die Furcht der Gotter Leute von gemeinem Stande dahin bringen konnte, als Zeugen wider ihn aufzutreten. Sollten Sie es jemals fur moglich gehalten haben, Hochgeachte Herren, dass jemand mitten unter uns verwegen genug sein konne, unsern uralten, von den ersten Stiftern unsrer Stadt auf uns angeerbten, und durch so viele Jahrhunderte unbefleckt erhaltenen Gottesdienst und dessen Gebrauche und heilige Dinge zu verachten, und, ohne Ehrerbietung weder fur die Gesetze noch den gemeinen Glauben und die Sitten unsrer Stadt, mutwilligerweise zu misshandeln, was uns allen heilig und ehrwurdig ist? Mit einem Wort, konnen Sie glauben, dass ein Mann mitten in Abdera lebt, der, dem Buchstaben des Gesetzes zu Trotz, Storche in seinem Garten unterhalt, die sich taglich mit Froschen aus dem Teich der Latona und andern geheiligten Teichen futtern?"

Erstaunen und Entsetzen druckte sich bei diesen Worten auf jedem Gesicht aus. Wenigstens musste der Archon, um nicht der einzige zu sein, der die Ausnahme machte, sich eben so besturzt anstellen, als es seine ubrigen Collegen wirklich waren. Ists moglich? schrieen drei oder vier von den Altesten zugleich; und wer kann der Bosewicht sein, der sich eines solchen Verbrechens schuldig gemacht hat?

"Verzeihen Sie mir, erwiderte Strobylus, wenn ich Sie bitte, diesen harten Ausdruck zu mildern. Ich meines Orts will lieber glauben, dass nicht Gottlosigkeit, sondern blosser Leichtsinn, und was man heut zu Tage, zumal seit Demokritus sein Unkraut unter uns ausgestreut hat, Philosophie zu nennen pflegt, die Quelle dieser anscheinenden Verachtung unsrer heiligen Gebrauche und Ordnungen sei. Ich will und muss dies um so mehr glauben, da der Mann, der des besagten Frevels durch das einhellige Zeugnis von mehr als sieben glaubwurdigen Personen uberwiesen werden kann, selbst ein Mann von geheiligtem Stande, selbst ein Priester, mit einem Wort, da es der Jasonide Agathyrsus ist."

Agathyrsus? riefen die erstaunten Zehnmanner aus einem Munde. Drei oder vier von ihnen erblassten, und schienen verlegen zu sein, einen Mann von solcher Bedeutung, und mit dessen Hause sie immer in gutem Vernehmen gestanden, in einen so schlimmen Handel verwickelt zu sehen.

Strobylus liess ihnen keine Zeit sich zu erholen. Er befahl, die Zeugen hereinzurufen. Sie wurden einer nach dem andern abgehort; und es ergab sich: dass Agathyrsus allerdings seit einiger Zeit zween Storche in seinen Garten unterhielt; dass man sie ofters uber dem geheiligten Teiche schweben, und wirklich einen seiner quakenden Bewohner, der sich eben am Ufer sonnen wollte, die Beute derselben werden gesehen habe.

Wiewohl nun hierdurch die Wahrheit der Beschuldigung ausser allen Zweifel gesetzt schien: so glaubte der Archon Onolaus dennoch, dass es der Klugheit gemass sein wurde, zu Verhutung unangenehmer Folgen, mit einem Manne wie der Erzpriester Jasons sauberlich zu verfahren. Er trug also darauf an, dass man sich begnugen sollte, ihm von Seiten der Zehnmanner freundlich bedeuten zu lassen: "Man sei geneigt fur diesmal zu glauben, dass die Sache, woruber man sich zu beklagen habe, ohne sein Vorwissen geschehen sei; man verspreche sich aber von seiner bekannten billigen Denkart, dass er keinen Augenblick Anstand nehmen werde, die verbrecherischen Storche an die Vorsteher des heiligen Teiches auszuliefern, und den Zehnmannern sowohl als der ganzen Stadt hiedurch eine gefallige Probe seiner Achtung gegen die Gesetze und religiosen Gebrauche seiner Vaterstadt zu geben."

Drei Stimmen von neunen bekraftigten den Antrag des Archon; aber Strobylus und die ubrigen setzten sich mit grossem Eifer dagegen. Sie behaupteten: ausserdem, dass es auf keine Weise zu billigen sei, eine so ubermassige Gelindigkeit gegen einen Burger von Abdera zu gebrauchen, der eines Verbrechens von solcher Schwere uberwiesen sei, so erfodere auch die Gerichtsordnung, dass man ihn nicht eher verurteile, eh er gehort und zur Verantwortung gelassen worden. Strobylus trug also darauf an: dass der Erzpriester vorgeladen werden sollte, unverzuglich vor den Zehnmannern zu erscheinen, und sich auf die wider ihn angebrachte Klage zu verantworten; und dieser Antrag ging, Einwendens ungeachtet, mit sechs Stimmen gegen viere durch. Der Erzpriester wurde also mit allen in solchen Fallen ublichen Formlichkeiten vorgeladen.

Agathyrsus war nicht unvorbereitet, als die Abgeordneten der Zehnmanner in seinem Haus erschienen. Nachdem er sie uber eine Stunde hatte warten lassen, wurden sie endlich in einen Saal gefuhrt, wo der Erzpriester, in seinem ganzen Ornat, auf einem erhohten elfenbeinernen Lehnstuhl sitzend, das stotternde Anbringen ihres Worthalters mit grosser Gelassenheit anhorte. Als sie damit fertig waren, winkte er mit der Hand einem Bedienten, der seitwarts hinter seinem Stuhle stand. Fuhre die Herren, sagte er zu ihm, in die Garten, und zeige ihnen die Storche, von denen die Rede ist, damit sie ihren Principalen sagen konnen, dass sie solche mit eignen Augen gesehen haben; hernach bringe sie wieder hieher. Die Abgeordneten machten grosse Augen; aber die Ehrfurcht vor dem Erzpriester band ihre Zungen, und sie folgten dem Diener stillschweigend und als Leute, denen nicht ganz wohl bei der Sache war. Als sie wieder zuruckgekommen, fragte sie Agathyrsus: ob sie die Storche gesehen hatten? und da sie insgesamt mit Ja geantwortet hatten, fuhr er fort: Nun so geht, macht dem sehr ehrwurdigen Gericht der Zehnmanner mein Compliment, und sagt denen, die euch geschickt haben: ich lasse ihnen wissen, dass diese Storche, wie alles ubrige, was in dem Umfang des Jasontempels lebt, unter Jasons Schutze stehen; und dass ich die Anmassung, einen Erzpriester dieses Tempels vorzuladen, und nach den abderitischen Gesetzen richten zu wollen, sehr lacherlich finde. Und damit winkte er ihnen, sich wegzubegeben.

Diese Antwort deren sich die Zehnmanner um so mehr hatten versehen sollen, da ihnen nicht unbekannt sein konnte, dass der Jasontempel mit seiner Priesterschaft von der Gerichtsbarkeit der Stadt Abdera ganzlich befreit war setzte sie in eine unbeschreibliche Verlegenheit; und der Oberpriester Strobylus geriet daruber in einen so heftigen Zorn, dass er vor Wut gar nicht mehr wusste, was er sagte, und endlich damit endigte, der ganzen Republik den Untergang zu drohen, wofern dieser unleidliche Stolz eines kleinen aufgeblasenen Pfaffen, der (wie er sagte) nicht einmal als ein offentlicher Priester anzusehen sei, nicht gedemutigt, und der beleidigten Latona die vollstandigste Genugtuung gegeben werde.

Allein der Archon und seine drei Ratsherren erklarten sich: dass Latona (fur deren Frosche sie ubrigens alle schuldige Ehrerbietung hegten) nichts damit zu tun habe, wenn die Zehnmanner die Grenzen ihrer Gerichtsbarkeit uberschritten. Ich hab' euchs vorhergesagt, sprach der Archon; aber ihr wolltet nicht horen. Wurde mein Vorschlag angenommen worden sein, so bin ich gewiss, der Erzpriester hatte uns eine hofliche und gefallige Antwort gegeben, denn ein gut Wort findet eine gute Statt. Aber der ehrwurdige Oberpriester glaubte eine Gelegenheit gefunden zu haben, seinen alten Groll an dem Erzpriester auszulassen; und nun zeigt es sich, dass er und diejenigen, die sich von seinem unzeitigen Eifer hinreissen liessen, dem Gericht der Zehnmanner einen Schandfleck zugezogen haben, den alles Wasser des Hebrus und Nestus in hundert Jahren nicht wieder abwaschen wird. Ich gestehe es, (setzte er mit einer Hitze hinzu, die man in vielen Jahren nicht an ihm wahrgenommen hatte,) ich bin es mude, der Vorsteher einer Republik zu sein, die sich von Eselsschatten und Froschen zu Grunde richten lasst, und ich bin sehr gesonnen, mein Amt, eh es Morgen wird, niederzulegen; aber so lang' ich es noch trage, Herr Oberpriester, sollt ihr mir fur jede Unordnung haften, die von diesem Augenblick an auf den Strassen von Abdera entstehen wird. Und mit diesen Worten, die mit einem sehr ernstlichen Blick auf den betroffnen Strobylus begleitet waren, begab sich der Archon mit seinen drei Anhangern hinweg, und liess die ubrigen in sprachloser Besturzung zurucke.

Was ist nun anzufangen, sagte endlich der Oberpriester, den die Wendung, die das Werk seiner Erfindung wider alles Vermuten genommen hatte, nicht wenig zu beunruhigen anfing; was ist nun zu tun, meine Herren?

Das wissen wir nicht, sagten die beiden Zunftmeister und der vierte Ratsherr, und gingen ebenfalls davon; so dass Strobylus mit den zween Vorstehern des geheiligten Teichs allein blieben, und nachdem sie eine Zeit lang alle drei zugleich gesprochen hatten, ohne selbst recht zu wissen, was sie sagten, endlich des Schlusses eins wurden: fordersamst bei dem einen der Vorsteher die Mittagsmahlzeit einzunehmen, und sodann mit ihren Freunden und Anhangern zu Rate zu gehen, wie sie es nun anzufangen hatten, um die Bewegung, worein das Volk diesen Morgen gesetzt worden war, auf einen Zweck zu lenken, der den Sieg ihrer Partei entscheiden konnte.

Eilftes Kapitel

Agathyrsus beruft seine Anhanger zusammen

Substanz seiner Rede an sie

Er ladet sie zu einem grossen Opferfeste ein

Der Archon Onolaus will sein Amt niederlegen

Unruhe der Partei des Erzpriesters

uber dieses Vorhaben

Durch was fur eine List sie solches vereiteln

Inzwischen liess Agathyrsus, so bald die Abgeordneten der Zehnmanner sich wieder wegbegeben, unverzuglich die Vornehmsten von seinem Anhang im Rat und unter der Burgerschaft, nebst allen Jasoniden, zu sich berufen. Er erzahlte ihnen, was ihm so eben auf Anstiften des Priesters Strobylus mit den Zehnmannern begegnet war, und stellte ihnen vor, wie notwendig es nun fur das Ansehen ihrer Partei so wohl als fur die Ehre und selbst fur die Erhaltung der Stadt Abdera sei, die Anschlage dieses rankevollen Mannes zu vereiteln, und dem Volke, welches er durch die lacherliche Fabel von der Wehklage der Latonenfrosche in Unruhe gesetzt, wieder einen entgegengesetzten Stoss zu geben. Es falle einem jeden von selbst in die Augen, dass Strobylus dieses armselige Marchen nur deswegen ersonnen habe, um die eben so ungereimte, aber wegen der aberglaubischen Vorurteile des Volkes desto gefahrlichere Anklage, die er gegen ihn, den Erzpriester, bei den Zehnmannern angebracht, vorzubereiten, und eine wichtige, die Wohlfahrt der ganzen Republik betreffende Sache daraus zu machen. Aber auch dies sei ihn Grunde doch nur ein Mittel, wozu er in der Verzweiflung gegriffen habe, um seiner darnieder gesunken Partei wieder auf die Fusse zu helfen, und von den Bewegungen, welche in der Stadt dadurch erregt worden, bei der bevorstehenden Entscheidung des Eselsschattenhandels Vorteil zu ziehen. Weil nun aus eben diesem Grunde leicht vorauszusehen sei, dass der unruhige Priester aus dem, was diesen Morgen mit den Zehnmannern vorgegangen, neuen Stoff hernehmen werde, ihn, den Erzpriester, bei dem Volke verhasst zu machen, und im Notfall wohl gar einen abermaligen noch gefahrlichern Aufstand zu erregen: so habe er fur notig gehalten, seine und des gemeinen Wesens zuverlassigste Freunde in den Stand zu setzen, dem Volke und allen, die dessen bedurften, richtigere Begriffe von dem heutigen Vorgang und dessen allenfallsigen Folgen geben zu konnen. Was also die Storche anbelange, so waren solche ohne sein Zutun von selbst gekommen, und hatten sich auf einen Baum seines Gartens ein Nest gebaut. Er habe sich nicht fur berechtigt gehalten, sie darin zu storen; teils weil die Storche seit undenklichen Zeiten bei allen gesitteten Volkern im Besitz einer Art von geheiligtem Gastrechte stunden; teils weil die Freiheit des Jasontempels und der Schutz dieses Gottes alle lebende und leblose Dinge angehe, die sich in dem Umfang seiner Mauern befanden. Das Gesetz, wodurch die Zehnmanner vor einigen Jahren die Storche aus dem Gebiet von Abdera verwiesen hatten, gehe ihn nichts an; indem die Gerichtsbarkeit dieses Tribunals sich nur uber dasjenige erstrecke, was auf den Dienst der Latona und die Gebrauche desselben Bezug habe. Und uberhaupt sei bekannt, dass der Jasontempel nur in so ferne mit der Republik in Verbindung stehe, als sich diese bei dessen Stiftung offentlich verbindlich gemacht, ihn gegen alle gewaltsame Unternehmungen einheimischer oder auswartiger Feinde zu beschutzen, ubrigens aber von allem Gerichtszwange der abderitischen Tribunalien, und von aller Oberherrlichkeit der Republik selbst, vollkommen und auf ewig befreit sei. Er habe also, indem er die unbefugte Vorladung von sich abgewiesen, nichts getan, als was seine Wurde von ihm erfordert; die Zehnmanner hingegen hatten durch diesen unbesonnenen Schritt, wozu die Mehrheit derselben von dem Priester Strobylus verleitet worden, ihn in den Fall gesetzt, von der Republik wegen einer so groben Verletzung seiner erzpriesterlichen Vorrechte, im Namen Jasons und aller Jasoniden die strengste und vollstandigste Genugtuung zu fordern. Die Sache ware von wichtigern Folgen, als die Anhanger des Zunftmeister Pfrieme und Strobylus mit seinen Froschpflegern sich vielleicht vorstellten. Das goldne Vliess, welches die Jasoniden als ihr wichtigstes Erbgut in diesem Tempel aufbewahrten, ware seit Jahrhunderten als das Palladium von Abdera betrachtet und verehrt worden. Die Abderiten hatten sich also wohl vorzusehen, keine Schritte zu tun noch zuzulassen, wodurch sie vielleicht durch eigne Schuld desjenigen beraubt werden konnten, an welches nach einem uralten und zur Religion gewordnen Glauben das Schicksal und die Erhaltung ihrer Republik gebunden sei.

Der Erzpriester empfing auf diesen Vortrag von allen Anwesenden die starksten Versicherungen ihres Eifers sowohl fur die gemeine Sache, als fur die Rechte und Freiheiten des Jasontempels. Man besprach sich uber die verschiednen Massregeln die man nehmen wollte, um die Burgerschaft in ihren guten Gesinnungen zu befestigen, und diejenigen wieder zu gewinnen, die entweder das vorgegebne Wunderzeichen mit den Froschen der Latona irre gemacht, oder Strobylus gegen die Storche des Erzpriesters aufgewiegelt haben wurde. Die Versammlung trennte sich hierauf, und jeder begab sich an seinen Posten, nachdem Agathyrsus sie alle zu einem feierlichen Opfer eingeladen hatte, welches er diesen Abend dem Jason in seinem Tempel bringen wollte.

Wahrend dass dies im Palast des Erzpriesters vorging, war der Archon, ausserst missvergnugt uber die nicht allzuehrenfeste Rolle, die er wider Willen hatte spielen mussen, nach Hause gekommen, und hatte alle seine Verwandte, Bruder, Schwager, Sohne, Tochtermanner, Neffen und Vettern, zu sich berufen lassen, um ihnen anzukundigen: was gestalten er fest entschlossen sei, morgenden Tages vor dem grossen Rat seine Wurde niederzulegen, und sich auf ein Landgut, das er vor einigen Jahren auf der Insel Thasos gekauft hatte, zuruckzuziehen. Sein altester Sohn und noch etliche von der Familie waren bei diesem Familienconvent nicht zugegen, weil sie eine halbe Stunde zuvor zu dem Erzpriester waren gebeten worden. Da nun die ubrigen sahen, dass Onolaus, aller ihrer Bitten und Vorstellungen ungeachtet, unbeweglich auf seinem Vorsatz beharrte: so schlich sich einer von ihnen weg, um der Versammlung im Jasonstempel Nachricht davon zu geben, und sie um ihren Beistand gegen einen so unverhofften widrigen Zufall zu ersuchen.

Er langte eben an, da die Versammlung im Begriff war, auseinander zu gehen. Diejenigen, denen die Gemutsart des Archon von langem her bekannt war, fanden die Sache bedenklicher, als sie beim ersten Anblick den Meisten vorkam. Seit zehn Jahren, sagten sie, ist dies vielleicht das erstemal, dass der Archon eine Entschliessung aus sich selbst genommen hat. Gewiss ist sie ihm nicht plotzlich gekommen! Er brutet schon eine geraume Zeit daruber, und der heutige Vorgang hat nur die Schale gesprengt, die uber kurz oder lang doch hatte brechen mussen. Kurz, diese Entschliessung ist sein eigen Werk; man kann also sicher darauf rechnen, dass es nicht so leicht sein wird, ihn davon zuruckzubringen.

Die ganze Versammlung geriet daruber in Unruhe. Man fand, dass dieser Streich in einem so schwankenden Zeitpunkt, wie der gegenwartige, der ganzen Partei und der Republik selbst sehr nachteilig werden konnte. Es wurde also einhellig beschlossen; dass man zwar so viel von diesem Vorhaben des Archons unter das Volk kommen lassen musste, als vonnoten sei, solches in Furcht und Ungewissheit zu setzen; zugleich aber wollte man auch veranstalten, dass noch vor dem Opfer im Jasonstempel die Angesehensten von den Raten und Burgern beider Parteien sich zu dem Archon begeben, und ihn im Namen des ganzen Abdera beschworen sollten, das Ruder der Republik nicht mitten in einem Sturm zu verlassen, wo sie eines so weisen Piloten am meisten vonnoten hatten.

Der Gedanke, die Vornehmsten von beiden Parteien hierin zu vereinigen, wurde dadurch notwendig, weil man voraus sah, dass ohne dieses alle ihre Arbeit an dem Archon fruchtlos sein wurde. Denn wiewohl er von Jugend an der Aristokratie eifrig ergeben war: so hatte er sich doch zu einem Grundsatz gemacht, nicht dafur angesehen sein zu wollen; und die Popularitat, die er zu diesem Ende schon so lange affectierte, dass sie ihm endlich ganz naturlich liess, war es eben, was ihn beim Volke so beliebt gemacht hatte, als noch wenige von seinen Vorfahren gewesen waren. Besonders aber hatte er, seitdem sich die Stadt in die zwo Parteien der Esel und der Schatten geteilt befand, einen ordentlichen Ehrenpunct darin gesetzt, sich so zu betragen, dass er keiner von beiden Parteien Ursach gabe, ihn zu der ihrigen zu zahlen; und wiewohl beinahe alle seine Freunde und Anverwandte erklarte Esel waren, so blieben die Schatten doch uberzeugt, dass sie nichts dadurch verloren, und die Esel nichts dabei gewonnen, indem diese letztere genotigt waren, alle ihre Schritte vor ihm zu verbergen, und bei jedem Vorteil, den sie uber die Schatten erhielten, sich darauf verlassen konnten, dass er, um die Sachen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, sich auf die Seite ihrer Gegner neigen wurde, wiewohl er keinen einzigen von ihnen personlich liebte.

Die Bekanntmachung der Entschliessung des Archons hatte alle die Wirkung, die man sich davon versprochen hatte. Das Volk geriet daruber in neue Besturzung; die Meisten sagten, man brauche nun weiter nicht nachzuforschen, was die Wehklage der geheiligten Frosche vorbedeute. Wenn der Archon die Republik in dem betrubten Zustande, worin sie sich befinde, verlasse, so sei alles verloren.

Der Priester Strobylus und der Zunftmeister Pfrieme erhielten die Nachricht von dem grossen Opfer, das der Erzpriester veranstalte, und das Geruchte von dem Entschluss des Archon, seine Stelle niederzulegen, zu gleicher Zeit. Sie ubersahen beim ersten Blick die Folgen dieses gedoppelten Streichs, und eilten den einen zu erwidern und dem andern zuvorzukommen. Strobylus liess das Volk zu einer Expiation einladen, welche auf den Abend in dem Tempel der Latona mit grossen Feierlichkeiten angestellt werden sollte, um die Stadt von geheimen Verbrechen zu reinigen, und die schlimme Vorbedeutung des Eleleleleleu der geheiligten Frosche abzuwenden. Der Zunftmeister hingegen ging, die Rate, Zunftmeister und angesehensten Burger von seiner Partei aufzusuchen, und sich mit ihnen zu beraten, wie der Archon auf andere Gedanken zu bringen sein mochte. Die Meisten waren schon durch die geheimen Werkzeuge der Gegenpartei vorbereitet, welche als ein grosses Geheimnis herumgeflustert hatten: man wusste ganz gewiss, dass die Esel sich alle mogliche Muhe gaben, den Archon unter der Hand in seinem Entschluss zu bestarken. Die Schatten hielten sich dadurch uberzeugt, dass ihre Gegner einen aus ihrem Mittel zu der hochsten Wurde in der Republik zu erheben gedachten, und also der Mehrheit im grossen Rat, bei welchem die Wahl stund, schon ganz gewiss sein mussten. Diese Betrachtung setzte sie in so grossen Allarm, dass sie mit einer Menge Volks hinter ihnen her zur Wohnung des Onolaus eilten, und wahrend der Pobel ein Vivat nach dem andern erschallen liess, hinaufgingen, um Seine Gnaden im Namen der ganzen Burgerschaft flehentlich zu bitten, den unglucklichen Gedanken an Resignation aufzugeben, und sie niemals, am wenigsten zu einer Zeit zu verlassen, wo seine Weisheit zu Beruhigung der Stadt unentbehrlich sei.

Der Archon zeigte sich uber diesen offentlichen Beweis der Liebe und des Vertrauens seiner werten Mitburger sehr vergnugt. Er verhielt ihnen nicht, dass kaum vor einer Viertelstunde der grosste Teil der Ratsherren, der Jasoniden, und aller ubrigen alten Geschlechter von Abdera, bei ihm gewesen, und eben diese Bitte in eben so geneigten und dringenden Ausdrucken an ihn getan hatten. So grosse Ursache er auch habe, der beschwerlichen Regierungslast mude zu sein, und zu wunschen, dass sie auf starkere Schultern als die seinigen gelegt werden mochte: so habe er doch kein Herz, das diesem so lebhaft ausgedruckten Zutrauen beider Parteien widerstehen konne. Er sehe diese ihre Einmutigkeit in Absicht auf seine Person und Wurde als eine gute Vorbedeutung fur die baldige Wiederherstellung der gemeinen Ruhe an, und werde seines Orts alles Mogliche mit Vergnugen dazu beitragen.

Als der Archon diese schone Rede geendigt hatte, sahen die Schatten einander aus grossen Augen an, und fanden sich, zu ihrem empfindlichsten Missvergnugen, auf einmal um die Halfte kluger als zuvor. Denn sie merkten nun, dass sie von den Eseln betrogen, und zu einem falschen Schritt verleitet worden waren. Sie hatten, in der Meinung, dass sie diesen Schritt allein taten, den Archon ganz dadurch auf ihre Seite zu ziehen gehofft; und nun befand sichs, dass er ihren Gegnern eben so viel Verbindlichkeit hatte als ihnen; welches just so viel war, als ob er ihnen gar keine hatte. Aber das war noch nicht das Argste. Das hinterlistige Betragen der Esel war ein offenbarer Beweis, wie viel ihnen daran gelegen sei, dass die Stelle des Archons nicht ledig wurde. Nun konnte ihnen aber an der Person des Onolaus selbst nicht viel gelegen sein; denn er hatte nie das Geringste fur ihre Partei getan. Wenn sie also so eifrig wunschten, dass er seinen Platz behalten mochte: so konnt' es aus keiner andern Ursache geschehen, als weil sie sich versichert hielten, dass die Schatten Meister von der Wahl des neuen Archons bleiben wurden. Diese Betrachtungen, die sich ihnen itzt in einem Blick darstellten, waren von einer so verdriesslichen Art, dass die armen Schatten alle Muhe von der Welt hatten, ihren Unmut zu verbergen, und sich, zu grossem Vergnugen des Archons, ziemlich eilfertig wegbegaben, ohne dass es diesem eingefallen ware, sich daruber zu verwundern, oder die Veranderung in ihren Gesichtern wahrzunehmen.

Der heutige Tag war ein grosser Tag fur den weisen und ziemlich schwerbeleibten Onolaus gewesen, und er war nun vollkommen wieder mit Abdera zufrieden. Er befahl also, dass seine Ture geschlossen werden sollte, zog sich in sein Gynaceum zuruck, warf sich in seinen Lehnstuhl, schwatzte mit seiner Frau und seinen Tochtern, ass zu Nacht, ging zeitig zu Bette, und schlief, wohlgetrostet, und unbesorgt um das Schicksal von Abdera, bis an den hellen Morgen.

Zwolftes Kapitel

Der Entscheidungstag

Massregeln beider Parteien

Die Vierhundert versammeln sich, und das Gericht

nimmt seinen Anfang

Philanthropischpatriotische Traume des

Herausgebers dieser merkwurdigen Geschichte

Die verschiedenen Maschinen, welche man diesen Tag uber auf beiden Seiten hatte spielen lassen, brachten den abderitischen Staatskorper, bei dem Anschein der grossten innerlichen Bewegung, durch die Stosse, die er nach entgegengesetzter Richtung erhielt, in eine Art von waagerechtes Schwanken, vermoge dessen um die Zeit, da die Vierhundert zu Entscheidung des Eselsschattenhandels zusammenkamen, sich alles ungefahr in eben dem Stande befand, worin es einige Tage zuvor gewesen war, d.i. dass die Esel den grossten Teil des Rats, die Patricier und die Ansehnlichsten und Vermoglichsten von der Burgerschaft auf ihrer Seite hatten, die Schatten hingegen ihre meiste Starke von der grossern Anzahl zogen. Denn, seit dem grossen feierlichen Umgang um den Froschteich der Latona, welchen Strobylus den Abend zuvor veranstaltet, und dem die samtlichen Schatten, mit dem Nomophylax Gryllus und dem Zunftmeister Pfrieme an ihrer Spitze, sehr andachtig beigewohnt hatten, war der Pobel wieder ganzlich fur die letztere Partei erklart.

Es wurde bei Gelegenheit dieses Umgangs dem Priester Strobylus und den ubrigen Hauptern derselben ein Leichtes gewesen sein, mittelst ihres Ansehens uber einen fanatischen Haufen Volkes, welcher grosstenteils bei ganzlicher Zerruttung der Republik mehr zu gewinnen als zu verlieren hatte, noch an selbigem Abend viel Unheil in Abdera anzurichten. Allein ausserdem, dass der Oberpriester im Namen des Archons noch einmal nachdrucklichst angewiesen worden war, den Pobel in gehoriger Ordnung zu erhalten, und dafur zu sorgen, dass der Tempel und alle Zugange zu dem geheiligten Teiche noch vor Sonnenuntergang geschlossen waren so waren sie auch selbst weit entfernt, die Sache, ohne hochste Not, aufs ausserste treiben, oder die ganze Stadt in Blut und Flammen setzen zu wollen; und so klug waren sie doch, Trotz ihrer ubrigen Abderitheit, um einzusehen, dass, wenn ihnen der Pobel einmal die Zugel aus den Handen gerissen hatte, es nicht mehr in ihrer Gewalt sein wurde, der ungestumen Wut eines so blinden reissenden Tiers wieder Einhalt zu tun. Der Zunftmeister begnugte sich also da der Umgang vorbei war, und die Turen des Tempels geschlossen wurden, dem auseinandergehenden Volke zu sagen: er hoffe, dass sich alle redliche Abderiten morgen um neun Uhr auf dem Markte bei dem Urteil uber den Handel ihres Mitburgers Struthion einfinden, und, so viel an ihnen ware, dazu verhelfen wurden, dass seine gerechte Sache den Sieg davon trage.

Die Einladung war zwar, ungeachtet der glimpflichen, und, seiner Meinung nach, sehr behutsamen Ausdrucke, worin er sie vorbrachte, nicht viel besser, als ein hochst illegales Verfahren eines aufruhrischen Zunftmeisters, der im Notfall die Richter durch die unmittelbare Gefahr eines Tumults notigen wollte, das Urteil nach seinem Sinn abzufassen. Allein dies war es auch, worauf es ankommen zu lassen die Schatten fest entschlossen waren; und da die andere Partei hievon vollig uberzeugt war, so hatten sie ihrerseits alle mogliche Massregeln genommen, sich auf das Ausserste, was begegnen konnte, gefasst zu machen.

Der Erzpriester liess, sobald das Gericht den Anfang nahm, alle Zugange zum Jasontempel von einer Schar handfester Gerber und Fleischer, die mit tuchtigen Knitteln und Messern versehen waren, besetzen; und in den Hausern der vornehmsten Esel hatte man sich in eine Verfassung gesetzt, als ob man eine Belagerung auszuhalten gedenke. Die Esel selbst erschienen mit Dolchen unter ihren langen Kleidern auf dem Gerichtsplatz: und einige von denen, die am lautesten sprachen, hatten die Vorsicht gebraucht, sogar einen Panzer unter ihrem Brustlatz zu tragen, um ihren patriotischen Busen mit desto grosserer Sicherheit den Stossen der Feinde der guten Sache entgegensetzen zu konnen.

Die neunte Stunde kam nun heran. Ganz Abdera stund in zitternder Bewegung, erwartungsvoll des Ausgangs, den ein so unerhorter Handel nehmen wurde; und niemand hatte sein Fruhstuck ordentlich zu sich genommen, wiewohl alles schon mit Tagesanbruch auf den Fussen war. Die Vierhundert versammelten sich auf der Terrasse der Tempel des Apollo und der Diana (dem gewohnlichen Platz, wo der grosse Rat unter freiem Himmel gehalten wurde), dem grossen Marktplatz gegenuber, von welchem man auf einer breiten Treppe von vierzehn Stufen zur Terrasse hinauf stieg. Auch die Parteien mit ihren nachsten Anverwandten und mit ihren beiden Sykophanten hatten sich bereits eingefunden, und ihren gehorigen Platz eingenommen; indessen sich der ganze Markt mit einer Menge Volks anfullte, dessen Gesinnungen durch ein larmendes Vivat, so oft ein Ratsherr oder Zunftmeister von der Schattenpartei einhergestiegen kam, sich deutlich genug verrieten.

Alles wartete nun auf den Nomophylax, der, nach den Gewohnheiten der Stadt Abdera, in allen Fallen, wo die Versammlung des grossen Rates nicht unmittelbare Angelegenheiten des gemeinen Wesens betraf, das Prasidium bei demselben fuhrte. Die Esel hatten zwar alles angewandt, den Archon Onolaus dahin zu bringen, dass er, weil es doch um ein neues Gesetz zu tun ware, den elfenbeinernen Lehnstuhl (der, um drei Stufen uber die Banke der Rate erhoht, fur den Prasidenten gesetzt war) mit seiner eignen ehrwurdigen Person ausfullen mochte. Aber er erklarte sich: dass er lieber das Leben lassen, als sich dazu verstehen wolle, uber ein Eselsschattengericht zu prasidieren. Man hatte sich also gezwungen gesehen, seiner Delicatesse nachzugeben.

Der Nomophylax als ein grosser Anhanger der Etikette, gewohnt, bei dergleichen Gelegenheiten auf sich warten zu lassen hatte dafur gesorgt, dass die Versammlung indessen mit einer Musik von seiner Composition unterhalten, und (wie er sagte) zu einer so feierlichen Handlung vorbereitet wurde. Dieser Einfall, wiewohl er eine Neuerung war, wurde dennoch sehr wohl aufgenommen, und tat, (gegen die Absicht des Nomophylax, der seine Partei dadurch in verstarkte Bewegungen von Mut und Eifer hatte setzen wollen) eine sehr gute Wirkung. Denn die Musik gab denen von der Partei des Erzpriesters zu einer Menge spassiger Einfalle Anlass, uber welche sich von Zeit zu Zeit ein grosses Gelachter erhob. Einer sagte: Dieses Allegro klingt ja wie ein Schlachtgesang zu einem Wachtelkampfe, fiel ein anderer ein. Dafur tont aber auch, sagte ein dritter, das Adagio, als ob es dem Zahnbrecher Struthion und Meister Knieriemen, seinem Schutzpatron, zu Grabe singen sollte. Die ganze Musik, meinte ein vierter, verdiene von Schatten gemacht, und von Eseln gehort zu werden, u.s.w. Wie frostig nun auch diese Scherze waren, so brauchte es doch bei einem so jovialischen und so leicht anzustekkenden Volkchen nichts mehr, um die ganze Versammlung unvermerkt in ihre naturliche komische Laune umzustimmen; eine Laune, die der Parteiwut, wovon sie noch besessen waren, unvermerkt ihren Gift benahm, und vielleicht mehr als irgend etwas anders zur Erhaltung der Stadt in diesem kritischen Augenblicke beitrug.

Endlich erschien der Nomophylax mit seiner Leibwache von armen alten Invalidenhandwerkern, welche, mit stumpfen Hellebarten und mit einer friedsamen Art von eingerosteten Degen bewaffnet, mehr das Ansehen von den lacherlichen Figuren hatten, womit man in Garten die Vogel schreckt, als von Kriegsmannern, die dem Gericht beim Pobel Wurde und Furchtbarkeit verschaffen sollten. Wohl indessen der Republik, die zu Beschirmung ihrer Tore und innerlichen Sicherheit keiner andern Helden notig hat als solcher!

Der Anblick dieser grotesken Milizer, und die ungeschickte possierliche Art, wie sie sich in dem kriegerischen Aufzuge, worein man sie nicht ohne Muhe verkleidet hatte, gebardeten, erweckte bei dem zuschauenden Volke einen neuen Anstoss von Lustigkeit; so dass der Herold viele Muhe hatte, die Leute endlich zu einer leidlichen Stille, und zu dem Respect, den sie dem hochsten Gerichte schuldig waren, zu bringen.

Der Prasident eroffnete nunmehr die Session mit einer kurzen Rede; der Herold gebot ein abermaliges Stillschweigen, und die Sykophanten beider Teile wurden namentlich aufgefodert, sich mit ihrer Klage und Verantwortung mundlich vernehmen zu lassen.

Den Sykophanten, welche fur grosse Meister in ihrer Art passierten, musste die Gelegenheit, ihre Kunst an einem Eselsschatten sehen zu lassen, an sich allein schon eine grosse Aufmunterung sein. Man kann also leicht denken, wie sie sich nun vollends zusammengenommen haben werden, da dieser Eselsschatten ein Gegenstand geworden war, an dem die ganze Republik Anteil nahm, und um dessen willen sie sich in zwo Parteien getrennt hatte, deren jede die Sache ihres Clienten zu ihrer eignen machte. Seit ein Abdera in der Welt war, hatte man noch keinen Rechtshandel gesehen, der so lacherlich an sich selbst, und so ernsthaft durch die Art, wie er behandelt wurde, gewesen ware. Ein Sykophant musste nur ganz und gar kein Genie und keinen Sykophantensinn gehabt haben, der bei einer solchen Gelegenheit nicht sich selbst ubertroffen hatte.

Um so mehr ist es zu beklagen, dass der ubelberuchtigte Zahn der Zeit, dem so viele andere grosse Werke des Genies und Witzes nicht entgehen konnten, noch kunftig entgehen werden, leider! auch der Originale dieser beiden beruhmten Reden nicht verschont hat! wenigstens so viel uns bekannt ist. Denn wer weiss, ob es nicht vielleicht einem kunftigen Fourmont oder Sevin, der auf Entdeckung alter Handschriften ausgeht, dereinst gelingen mag, eine Abschrift derselben in irgendeinem bestaubten Winkel einer alten griechischen Klosterbibliothek aufzuspuren, Oder, wenn dies nicht zu hoffen stunde, wer kann sagen, ob nicht in der Folge der Zeiten Thracien selbst wieder in die Hande christlicher Fursten fallen wird, die sich (nach dem Beispiel einiger grossen Konige unsers philosophischheroischen Alters) eine Ehre daraus machen werden, machtige Beforderer der Wissenschaften zu sein, Akademien zu stiften, versunkne Stadte ausgraben zu lassen, u.s.w. Wer weiss, ob nicht alsdann diese gegenwartige Abderitengeschichte selbst (so unvollkommen sie ist), in die Sprache dieses kunftig bessern Thraciens ubersetzt, die Ehre haben wird, Gelegenheit zu geben, dass ein solcher neuthracischer Musagete auf den Einfall kommt, die Stadt Abdera aus ihrem Schutte hervorgraben zu lassen? Da dann ohne Zweifel auch die Kanzlei und das Archiv dieser beruhmten Republik, und in demselben die samtlichen Originalacten des Processes um des Esels Schatten, nebst den beiden Reden, deren Verlust wir beklagen, sich wieder finden werden, Es ist wenigstens angenehm, sich solchergestalt auf den Flugeln patriotischmenschenfreundlicher Traume in die Zunkunft zu schwingen, und sich an den Gluckseligkeiten zu laben, die unsern Nachkommen noch bevorstehen; Gluckseligkeiten, fur welche die (bekanntermassen) immer steigende Vervollkommnung der Wissenschaften und Kunste, und der von ihnen sich uber alles Fleisch ergiessenden Erleuchtung, Verschonerung und Sublimierung der Denkart, des Geschmacks und der Sitten uns sichre Burgschaft leistet!

Inzwischen gereicht es uns doch zu einigem Troste, dass wir uns im Stande sehen, aus den Papieren, aus welchen gegenwartige Fragmente der Abderitengeschichte genommen sind, wenigstens einen Auszug dieser Reden zu liefern, dessen Echtheit um so weniger verdachtig ist, da kein Leser, der eine Nase hat, den Duft der Abderitheit verkennen wird, der daraus emporsteigt ein innerliches Argument, das am Ende doch immer das beste zu sein scheint, das fur das Werk irgend eines Sterblichen, er sei nun ein Ossian, oder ein abderitischer Feigenredner, sich geben lasst.

Dreizehntes Kapitel

Rede des Sykophanten Physignathus

Der Sykophant Physignathus, der als Sachwalter des Zahnarztes Struthion zuerst redete, war ein Mann von Mittelgrosse, starken Muskeln und breiten Lungenflugeln. Er wusste sich viel damit, dass er ein Schuler des beruhmten Gorgias gewesen war, und machte Anspruche, einer der grossten Redner seiner Zeit zu sein. Aber darin war er, wie in vielen andern Stucken, ein offenbarer Abderit. Seine grosste Kunst bestund darin, dass er, um seinem wortreichen Vortrag durch die manchfaltige Modulation seiner Stimme mehr Lebhaftigkeit und Ausdruck zu geben, in dem Umfang von anderthalb Octaven von einem Intervall zum andern wie ein Eichhorn herumsprang, und so viel Grimassen und Gesticulationen dazu machte, als ob er seinen Zuhorern nur durch Gebarden verstandlich werden konnte.

Indessen wollen wir ihm doch hiemit das Verdienst

nicht ableugnen, dass er mit allen den Handgriffen, womit man die Richter zu seinem Vorteil einnehmen, ihren Verstand verwirren, seinen Gegenteil verhasst, und uberhaupt eine Sache besser als sie ist, scheinen machen kann, ziemlich fertig umzuspringen, auch, bei Gelegenheit, keine unfeine Gemalde zu machen wusste wie der scharfsinnige Leser aus seiner Rede selbst, ohne unser Erinnern, am besten abnehmen wird.

Physignathus trat mit der ganzen Unverschamtheit eines Sykophanten auf, der sich darauf verlasst, dass er Abderiten zu Zuhorern hat, und fing also an:

"Edle, Ehrenfeste und Weise, Grossmogende Vierhundertmanner!

Wenn jemals ein Tag war, an welchem sich die Vortrefflichkeit der Verfassung unsrer Republik in ihrem grossten Glanz enthullt hat, und wenn jemals ich mit dem Gefuhl, was es ist ein Burger von Abdera zu sein, unter euch aufgetreten bin: so ist es an diesem grossen festlichen Tage; da vor diesem ehrwurdigen hochsten Gerichte, vor dieser erwartungsvollen und teilnehmenden Menge des Volks, vor diesem ansehnlichen Zusammenfluss von Fremden, die der Ruf eines so ausserordentlichen Schauspiels scharenweise herbeigezogen hat, ein Rechtshandel zur Entscheidung gebracht werden soll, der in einem minder freien, minder wohleingerichteten Staat, der selbst in einem Theben, Athen oder Sparta, nicht fur wichtig genug gehalten worden ware, die stolzen Verwalter des gemeinen Wesens nur einen Augenblick zu beschaftigen. Edles, preiswurdiges, dreimal gluckliches Abdera! Du allein geniessest unter dem Schutz einer Gesetzgebung, der auch die geringsten, auch die zweifelhaftesten und spitzfundigsten Rechte und Anspruche der Burger heilig sind, du allein geniessest das Wesen einer Sicherheit und Freiheit von denen andere Republiken (was auch sonst die Vorzuge sein mogen, womit sich ihre patriotische Eitelkeit brustet) nur den Schatten zum Anteil haben.

Oder, saget mir, in welcher andern Republik wurde ein Rechtshandel zwischen einem gemeinen Burger und einem der Geringsten aus dem Volke, ein Handel, der dem ersten Anblick nach kaum zwo oder drei Drachmen betragt, ein Handel uber einen Gegenstand, der so unbedeutend scheint, dass die Gesetze ihn bei Benennung der Dinge, welche ins Eigentum kommen konnen, ganzlich vergessen zu haben scheinen, ein Handel uber etwas, dem ein subtiler Dialektiker sogar den Namen eines Dinges streitig machen konnte, mit einem Wort, ein Streit uber den Schatten eines Esels zum Gegenstand der allgemeinen Teilnehmung, zur Sache eines jeden, und also, wenn ich so sagen darf, gleichsam zur Sache des ganzen Staats geworden sein? In welcher andern Republik sind die Gesetze des Eigentums so bestimmt die gegenseitigen Jura vel quasi der Burger vor aller Willkur der obrigkeitlichen Personen so sicher gestellt, die geringfugigsten Anspruche oder Forderungen selbst des Armsten in den Augen der Obrigkeit so wichtig und hoch angesehen, dass das hochste Gericht der Republik selbst es nicht unter seiner Wurde halt, sich feierlich zu versammeln, um uber das zweifelhaft scheinende Recht an einen Eselsschatten zu erkennen? Wehe dem Mann der bei diesem Worte die Nase rumpfen, und aus albernen kindischen Begriffen von dem, was gross oder klein ist, mit unverstandigem Hohnlacheln ansehen kann, was die hochste Ehre unsrer Justizverfassung, der Ruhm unsrer Obrigkeit, der Triumph des ganzen abderitischen Wesens und eines jeden guten Burgers ist! Wehe dem Mann, ich wiederhol' es zum zweitenund drittenmal, der keinen Sinn hat, dies zu fuhlen! Und Heil der Republik, in welcher sobald es auf die Gerechtsame der Burger, auf einen Zweifel uber Mein und Dein, die Grundfeste aller burgerlichen Sicherheit, ankommt auch ein Eselsschatten keine Kleinigkeit ist!

Aber, indem ich solchergestalt auf der einen Seite mit aller Warme eines Patrioten, allem gerechten Stolz eines echten Abderiten, fuhle und erkenne, welch ein glorreiches Zeugnis von der vortrefflichen Verfassung unsrer Republik sowohl, als von der unparteiischen Festigkeit und nichts ubersehenden Sorgfalt, womit unsre ruhmwurdigst regierende Obrigkeit die Waage der Gerechtigkeit handhabet, dieser vorliegende Handel bei der spatesten Nachkommenschaft ablegen wird: wie sehr muss ich auf der andern Seite die Abnahme jener treuherzigen Einfalt unsrer Voraltern, das Verschwinden jener mitburgerlichen und freundnachbarlichen Sinnesart, jener gegenseitigen Dienstgeflissenheit, jener freiwilligen Geneigtheit, aus Liebe und Freundschaft, aus gutem Herzen, oder wenigstens um des Friedens willen, etwas von unserm vermeinten strengen Recht fahrenzulassen wie sehr, mit einem Wort, muss ich den Verfall der guten alten abderitischen Sitten beklagen, der die wahre und einzige Quelle des unwurdigen, des schamvollen Rechtshandels ist, in welchem wir heute befangen sind! Wie? werd ichs ohne gluhende Schamrote heraus sagen konnen? O du einst so beruhmte Biederherzigkeit unsrer guten Alten, ist es dahin mit dir gekommen, dass abderitische Burger sie, die bei jeder Gelegenheit, aus vaterlandischer Treue und nachbarlicher Freundschaft, bereit sein sollten, das Herz im Leibe mit einander zu teilen so eigennutzig, so karg, so unfreundlich, was sag' ich, so unmenschlich sind, einander sogar den Schatten eines Esels zu versagen?

Doch verzeiht mir, werte Mitburger ich irrte mich in dem Worte verzeiht mir eine unvorsetzliche Beleidigung. Derjenige, der einer so niedrigen, so rohen und barbarischen Denkart fahig war, ist keiner unsrer Mitburger! Es ist ein blosser geduldeter Einwohner unsrer Stadt, ein blosser Schutzverwandter des Jasontempels, ein Mensch aus den dicksten Hefen des Pobels, ein Mensch, von dessen Geburt, Erziehung und Lebensart nichts bessers zu erwarten war, mit einem Wort, ein Eseltreiber der, ausser dem gleichen Boden und der gemeinsamen Luft, die er atmet, nichts mit uns gemein hat, als was uns auch mit den wildesten Volkern der hyperboreischen Wusten gemein ist. Seine Schande klebt an ihm allein; uns kann sie nicht besudeln. Ein abderitischer Burger, ich unterstehe michs zu sagen, hatte sich keiner solchen Untat schuldig machen konnen.

Aber nenn ich sie vielleicht mit einem zu strengen Namen, diese Tat? Stellet euch, ich bitte, an den Platz eures guten Mitburgers Struthion, und fuhlet!

Er reiset in seinen Geschaften, in Geschaften seiner edeln Kunst, die es bloss mit Vermindrung der Leiden seiner Nebenmenschen zu tun hat, von Abdera nach Gerania. Der Tag ist einer der schwulsten Sommertage. Die strengste Sonnenhitze scheint den ganzen Horizont in den hohlen Bauch eines gluhenden Backofens verwandelt zu haben. Kein Wolkchen, das ihre sengende Strahlen dampfe! Kein wehendes Luftchen, den verlechzten Wandrer anzufrischen. Die Sonne flammt uber seinem Scheitel, saugt das Blut aus seinen Adern, das Mark aus seinen Knochen. Lechzend, die durre Zung' am Gaumen, mit truben, von Hitze und Glanz erblindenden Augen, sieht er sich nach einem Schattenplatz, nach irgend einem einzelnen mitleidigen Baum um unter dessen Schirm er sich erholen, er einen Mund voll frischerer Luft einatmen, einen Augenblick vor den gluhenden Pfeilen des unerbittlichen Apollo sicher sein konnte.

Umsonst! Ihr kennet alle die Gegend von Abdera nach Gerania. Zwei Stunden lang, zur Schande des ganzen Thraciens sei es gesagt! kein Baum, keine Staude, die das Auge des Wandrers in dieser abscheulichen Flache von magern Brach und Kornfeldern erfrischen, oder ihm gegen die mittagliche Sonne Zuflucht geben konnte!

Der arme Struthion sank endlich von seinem Tier herab. Die Natur vermocht' es nicht langer auszudauern. Er liess den Esel halten, und setzte sich in seinen Schatten. Schwaches, armseliges Erholungsmittel! Aber so wenig es war, war es doch etwas!

Und welch ein Ungeheuer musste der Gefuhllose, der Felsenherzige sein, der seinem leidenden Nebenmenschen, in solchen Umstanden, den Schatten eines Esels versagen konnte? War' es glaublich, dass es einen solchen Menschen gebe, wenn wir ihn nicht mit eignen Augen vor uns sahen, Aber hier steht er, und, was beinahe noch arger, noch unglaublicher als die Tat selbst ist er bekennt sich von freien Stucken dazu; scheint sich seiner Schande noch zu ruhmen; und, damit er keinem seines gleichen der kunftig geboren werden mag, eine Moglichkeit, ihm an schamloser Frechheit gleich zu kommen, ubrig lasse, treibt er sie so weit, nachdem er schon von dem ehrwurdigen Stadtgericht in erster Instanz verurteilet worden, sogar vor der Majestat dieses hochsten Gerichtshofes der Vierhundertmanner zu behaupten, dass er Recht daran getan habe. 'Ich versagte ihm den Eselsschatten nicht, spricht er, wiewohl ich nach dem strengen Recht nicht schuldig war, ihn darin sitzen zu lassen; ich verlangte nur eine billige Erkenntlichkeit dafur, dass ich ihm, zu dem Esel, den ich ihm vermietet hatte, nun auch den Schatten des Esels uberlassen sollte, den ich nicht vermietet hatte.' Elende, schandliche Ausflucht! Was wurden wir von dem Manne denken, der einem halbverschmachtenden Wandrer verwehren wollte, sich ohnentgeltlich in den Schatten seines Baumes zu setzen, Oder wie wurden wir denjenigen nennen, der einem vor Durst sterbenden Fremdling nicht gestatten wollte, sich aus dem Wasser zu laben, das auf seinem Grund und Boden flosse?

Erinnert euch, o ihr Manner von Abdera, dass dies allein, und kein andres, das Verbrechen jener lycischen Bauren war, die der Vater der Gotter und der Menschen zur Rache wegen einer gleichartigen Unmenschlichkeit, die diese Elenden an seiner geliebten Latona und ihren Kindern ausubten zum schrecklichen Beispiel aller Folgezeiten, in Frosche verwandelte. Ein furchtbares Wunder, dessen Wahrheit und Andenken mitten unter uns in dem heiligen Hain und Teich der Latona, der ehrwurdigen Schutzgottin unsrer Stadt, lebendig erhalten, verewigt, und gleichsam taglich erneuert wird! Und du, Anthrax, du ein Einwohner der Stadt, in welcher dieses furchtbare Denkmal des Zorns der Gotter uber verweigerte Menschlichkeit ein Gegenstand des offentlichen Glaubens und Gottesdienstes ist, du scheutest dich nicht, ihre Rache durch ein ahnliches Verbrechen auf dich zu ziehen?

Aber, du trotzest auf dein Eigentumsrecht 'Wer sich seines Rechts bedient, sprichst du, der tut niemand Unrecht. Ich bin einem andern nicht mehr schuldig, als er um mich verdient. Wenn der Esel mein Eigentum ist, so ist es auch sein Schatten.'

Sagst du das? Und glaubst du, oder glaubt der scharfsinnige und beredte Sachwalter, in dessen Hande du die schlimmste Sache, die jemals vor ein Gotter- oder Menschengericht gekommen, gestellt hast, glaubt er, mit aller Zauberei seiner Beredsamkeit, oder mit allem Spinngewebe sophistischer Trugschlusse unsern Verstand dergestalt zu uberwaltigen und zu umspinnen, dass wir uns uberreden lassen sollten, einen Schatten fur etwas Wirkliches, geschweige fur etwas, an welches jemand ein directes und ausschliessendes Recht haben konne, zu halten?

Ich wurde, grossmogende Herren, eure Geduld missbrauchen, und eure Weisheit beleidigen, wenn ich alle Grunde hier wiederholen wollte, womit ich bereits in der ersten Instanz, actenkundigermassen, die Nichtigkeit der gegnerischen Scheingrunde dargetan habe. Ich begnuge mich, fur itzt, nach Erfordernis der Notdurft, nur dies Wenige davon zu sagen. Ein Schatten kann, genau zu reden, nicht unter die wirklichen Dinge gerechnet werden. Denn das, was ihn zum Schatten macht, ist nichts Wirkliches und Positives, sondern gerade das Gegenteil; namlich, die Entziehung desjenigen Lichtes, welches auf den ubrigen, den Schatten umgebenden Dingen liegt. In vorliegendem Fall ist die schiefe Stellung der Sonne und die Undurchsichtigkeit des Esels (eine Eigenschaft, die ihm nicht, in so fern er ein Esel, sondern in so fern er ein opaker Korper ist, anklebt) die einzige wahre Ursache des Schattens, den der Esel zu werfen scheint, und den jeder andre Korper an seinem Platze werfen wurde; denn die Figur des Schattens tut hier nichts zur Sache. Mein Client hat sich also, genau zu reden, nicht in den Schatten eines Esels, sondern in den Schatten eines Korpers gesetzt; und der Umstand, dass dieser Korper ein Esel, und der Esel ein Hausgenosse eines gewissen Anthrax aus dem Jasontempel zu Abdera war, ging ihn eben so wenig an, als er zur Sache gehorte. Denn, wie gesagt, nicht die Asinitat oder Eselheit (wenn ich so sagen darf), sondern die Korperlichkeit und Undurchsichtigkeit des mehrbesagten Esels ist der Grund des Schattens, den er zu werfen scheint.

Allein, wenn wir auch zum Uberfluss zugeben, dass der Schatten unter die Dinge gehore: so ist aus unzahligen Beispielen klar und weltbekannt, dass er zu den gemeinen Dingen zu rechnen ist, an welche ein jeder so viel Recht hat, als der andre, und an die sich derjenige das nachste Recht erwirbt, der sie zuerst in Besitz nimmt.

Doch, ich will noch mehr tun; ich will sogar zugeben, dass des Esels Schatten ein Zubehor des Esels sei, so gut als es seine Ohren sind: was gewinnt der Gegenteil dadurch? Struthion hatte den Esel gemietet, folglich auch seinen Schatten. Denn es versteht sich bei jedem Mietcontract, dass der Vermieter dem Abmieter die Sache, wovon die Rede ist, mit allem ihrem Zubehor und mit allen ihren Niessbarkeiten zum Gebrauch uberlasst. Mit welchem Schatten eines Rechts konnte Anthrax also begehren, dass ihm Struthion fur den Schatten des Esels noch besonders bezahle? Das Dilemma ist ausser aller Widerrede: Entweder ist der Schatten des Esels ein Teil und Zubehor des Esels, oder nicht. Ist er es nicht: so hat Struthion und jeder andre eben so viel Recht daran als Anthrax. Ist er's aber: so hatte Anthrax, indem er den Esel vermietete, auch den Schatten vermietet; und seine Forderung ist eben so ungereimt, als wenn mir einer seine Leier verkauft hatte, und verlangte dann, wenn ich darauf spielen wollte, dass ich ihm auch noch fur ihren Klang bezahlen musste.

Doch wozu so viele Grunde in einer Sache, die dem allgemeinen Menschensinn so klar ist, dass man sie nur zu horen braucht, um zu sehen, auf welcher Seite das Recht ist? Was ist ein Eselsschatten? Welche Unverschamtheit von diesem Anthrax, wofern er kein Recht an ihn hat, sich dessen anzumassen, um Wucher damit zu treiben? Und wofern der Schatten wirklich sein war: welche Niedertrachtigkeit, ein so weniges, das Wenigste was sich nennen oder denken lasst, etwas in tausend andern Fallen ganzlich Unbrauchbares, einem Menschen, einem Nachbar und Freunde, in dem einzigen Falle zu versagen, wo es ihm unentbehrlich ist?

Lasset, Edle und Grossmogende Vierhundertmanner, lasset nicht von Abdera gesagt werden, dass ein solcher Mutwille, ein solcher Frevel, vor einem Gericht, vor welchem (wie vor jenem beruhmten zu Athen) Gotter selbst nicht erroten wurden, ihre Streitigkeiten entscheiden zu lassen, Schutz gefunden habe! Die Abweisung des Klagers mit seiner unstatthaften, ungerechten und lacherlichen Klage und Appellation, die Verurteilung desselben in alle Kosten und Schaden, die er dem unschuldigen Beklagten durch sein unbefugtes Betragen in dieser Sache verursacht hat, ist itzt das Wenigste, was ich im Namen meines Clienten fodern kann. Auch Genugtuung, und wahrlich eine ungeheure Genugtuung, wenn sie mit der Grosse seines Frevels in Ebenmasse stehen soll, ist der unbefugte Klager schuldig! Genugtuung dem Beklagten, dessen hausliche Ruhe, Geschafte, Ehre und Leumund von ihm und seinen Beschutzern wahrend dem Lauf dieses Handels auf unzahlige Art gestort und angegriffen worden! Genugtuung dem ehrwurdigen Stadtgerichte, von dessen gerechtem Spruch er, ohne Grund, an dieses hohe Tribunal appelliert hat! Genugtuung diesem hochsten Gerichte selbst, welches er mit einem so nichtswurdigen Handel mutwilligerweise zu behelligen sich unterstanden! Genugtuung endlich der ganzen Stadt und Republik Abdera, die er bei dieser Gelegenheit in Unruhe, Zwiespalt und Gefahr gesetzt hat!

Fodre ich zu viel, Grossmogende Herren! fodre ich etwas Unbilliges? Sehet hier das ganze Abdera, das sich unzahlbar an die Stufen dieser hohen Gerichtsstatte drangt, und im Namen eines verdienstvollen schwergekrankten Mitburgers, ja im Namen der Republik selbst, Genugtuung erwartet, Genugtuung fordert. Bindet die Ehrfurcht ihre Zungen: so funkelt sie doch aus jedem Auge, diese gerechte, diese nicht zu verweigernde Forderung! Das Vertrauen der Burger, die Sicherheit ihrer Gerechtsame, die Wiederherstellung unsrer innerlichen und offentlichen Ruhe, die Begrundung derselben auf die Zukunft, mit einem Worte, die Wohlfahrt unsers ganzen Staats, hangt von dem Ausspruch ab, den ihr tun werdet, hangt von Erfullung einer gerechten und allgemeinen Erwartung ab. Und wenn in den ersten Zeiten der Welt ein Esel das Verdienst hatte, die schlummernden Gotter bei dem nachtlichen Uberfall der Titanen mit seinem Geschrei zu wecken, und dadurch den Olympus selbst vor Verwustung und Untergang zu retten: so moge itzt der Schatten eines Esels die Gelegenheit, und der heutige Tag die gluckliche Epoke sein, in welcher diese uralte Stadt und Republik nach so vielen und gefahrvollen Erschutterungen wieder beruhiget, das Band zwischen Obrigkeit und Burgern wieder fest zusammengezogen, alle vergangne Misshelligkeiten in den Abgrund der Vergessenheit versenkt, durch gerechte Verurteilung eines einzigen frevelhaften Eseltreibers der ganze Staat gerettet, und dessen bluhender Wohlstand auf ewige Zeiten sicher gestellt werde!"

Vierzehntes Kapitel

Antwort des Sykophanten Polyphonus

Sobald Physignathus zu reden aufgehort hatte, gab das Volk, oder vielmehr der Pobel, der den Markt erfullte, seine Beistimmung mit einem lauten Geschrei, welches so heftig und anhaltend war, dass die Richter endlich zu besorgen anfingen, die ganze Handlung mochte dadurch unterbrochen werden. Die Partei des Erzpriesters geriet in Verlegenheit. Die Schatten hingegen, wiewohl sie im grossen Rat die kleinere Zahl ausmachten, fassten neuen Mut, und versprachen sich von dem Eindruck, den dieses Vorspiel auf die Esel machen musste, einen gunstigen Erfolg. Indessen ermangelten die Zunftmeister nicht, das Volk durch Zeichen zur Ruhe zu vermahnen; und nachdem der Herold endlich durch einen dreimaligen Ruf die allgemeine Stille wieder hergestellt hatte, trat Polyphonus, der Sykophant des Eseltreibers, ein untersetzter stammichter Mann, mit kurzem krausem Haar und dicken pechschwarzen Augenbraunen, auf, erhob eine Bassstimme, die auf dem ganzen Markt widerhallte, und liess sich folgendermassen vernehmen:

"Grossmogende Vierhundertmanner!

Wahrheit und Licht haben das vor allen andern Dingen in der Welt voraus, dass sie keiner fremden Hulfe bedurfen, um gesehen zu werden. Ich uberlasse meinem Gegenpart willig alle Vorteile, die er von seinen Rednerkunsten zu ziehen vermeint hat. Dem, der Unrecht hat, kommt es zu, durch Figuren und Wendungen, und Fechterstreiche, und das ganze Gaukelspiel der Schulrhetorik Kindern und Narren einen Dunst vor die Augen zu machen. Gescheute Leute lassen sich nicht dadurch blenden. Ich will nicht untersuchen, wie viel Ehre und Nachruhm die Republik Abdera bei diesem Handel uber einen Eselsschatten gewinnen wird. Ich will die Richter weder durch grobe Schmeicheleien zu bestechen, noch durch versteckte Drohungen zu schrecken suchen. Noch viel weniger will ich dem Volk durch aufwiegelnde Reden das Signal zu Larmen und Aufruhr geben. Ich weiss, warum ich da bin, und zu wem ich rede. Kurz, ich werde mich begnugen zu beweisen, dass der Eseltreiber Anthrax Recht hat. Der Richter wird alsdann schon wissen, was seines Amtes ist, ohne dass ich ihn daran zu erinnern brauche."

Hier fingen einige wenige vom Pobel, die zunachst an den Stufen der Terrasse standen, an, den Redner mit Geschrei, Schimpfreden und Drohungen zu unterbrechen. Da aber der Nomophylax von seinem elfenbeinernen Thron aufstund, der Herold abermals Stille gebot, und die Burgerwache, die an den Stufen stund, ihre langen Spiesse lupfte: so ward plotzlich alles wieder stille, und der Redner, der sich nicht so leicht aus der Fassung bringen liess, fuhr also fort:

"Grossmogende Herren, ich stehe hier nicht als Sachwalter des Eseltreibers Anthrax, sondern als Bevollmachtigter des Jasontempels, und von wegen des Erlauchten und sehr Ehrwurdigen Agathyrsus, zeitigen Erzpriesters und Obervorstehers desselben, Huters des wahren goldnen Vliesses, obersten Gerichtsherrn uber alle dessen Stiftungen, Guter, Gerichte und Gebiete, Oberhaupts des hochedeln Geschlechts der Jasoniden etc. um im Namen Jasons und seines Tempels von euch zu begehren, dass dem Eseltreiber Anthrax Genugtuung geschehe, weil er im Grunde doch am meisten Recht hat; und dass ers habe, hoffe ich, trotz allen den Kniffen, die mein Gegner von seinem Meister Gorgias gelernt zu haben ruhmt, so klar und laut zu beweisen, dass es die Blinden sehen, und die Tauben horen sollen. Also, ohne weitere Vorrede, zur Sache!

Anthrax vermietete dem Zahnarzt Struthion seinen Esel auf einen Tag; nicht zu selbst beliebigem Gebrauch, sondern um ihn, den Zahnarzt, mit seinem Mantelsack, halbenweges nach Gerania zu tragen, welches, wie jedermann weiss, acht starke Meilen von hier entfernt liegt.

Bei der Vermietung des Esels dachte naturlicherweise keiner von beiden an seinen Schatten. Aber als der Zahnarzt mitten auf dem Felde abstieg, den Esel, der wahrlich von der Hitze noch mehr gelitten hatte als er, in der Sonne halten liess, und sich in dessen Schatten setzte, war es ganz naturlich, dass der Herr und Eigentumer des Esels dabei nicht gleichgultig blieb.

Ich begehre nicht zu leugnen, dass Anthrax eine alberne und eselhafte Wendung nahm, da er von dem Zahnbrecher verlangte, dass er ihm fur des Esels Schatten deswegen bezahlen sollte, weil er ihm den Schatten nicht mit vermietet habe. Aber dafur ist er auch nur ein Eseltreiber von Voraltern her, d.i. ein Mann, der eben darum, weil er unter lauter Eseln aufgekommen ist, und mehr mit Eseln als ehrlichen Leuten lebt, eine Art von Recht hergebracht und erworben hat, selbst nicht viel besser als ein Esel zu sein. Im Grunde war's also bloss der Spass eines Eseltreibers.

Aber in welche Classe von Tieren sollen wir den setzen, der aus einem solchen Spass Ernst machte? Hatte der Herr Struthion wie ein verstandiger Mann gehandelt, so brauchte er dem Grobian nur zu sagen: 'Guter Freund, wir wollen uns nicht um eines Eselsschattens willen entzweien. Weil ich dir den Esel nicht abgemietet habe, um mich in seinen Schatten zu setzen, sondern um darauf nach Gerania zu reiten: so ist es billig, dass ich dir die etlichen Minuten Zeitverlust vergute, die dir mein Absteigen verursacht; zumal da der Esel um so viel langer in der Hitze stehen muss, und dadurch nicht besser wird. Da, Bruder, hast du eine halbe Drachme; lass mich einen Augenblick hier verschnaufen, und dann wollen wir uns, in aller Frosche Namen, wieder auf den Weg machen.'

Hatte der Zahnarzt aus diesem Tone gesprochen, so hatt' er gesprochen wie ein ehrliebender und billiger Mann. Der Eseltreiber hatte ihm fur die halbe Drachme noch Vergelts Gott! gesagt; und die Stadt Abdera ware des ungewissen Nachruhms, den ihr mein Gegenteil von diesem Eselsprocess verspricht und aller der Unruhen, die daraus entstehen mussten, sobald sich so viele grosse und angesehene Herren und Damen in die Sache mischten uberhoben gewesen. Statt dessen setzt sich der Mann auf seinen eignen Esel, besteht auf seinem bodenlosen Recht, sich vermoge seines Mietcontracts in des Esels Schatten zu setzen, so oft und so lange er wolle, und bringt dadurch den Eseltreiber in die Hitze, dass er vor den Stadtrichter lauft, und eine Klage anbringt, die eben so abgeschmackt und unsinnig ist, als die Verantwortung des Beklagten.

Ob es nun nicht, zu Statuierung eines lehrreichen Beispiels, wohl getan ware, wenn dem Sykophanten Physignathus, meinem wertesten Collegen als dessen Aufhetzung es ganz allein zuzuschreiben ist, dass der Zahnbrecher den von dem ehrwurdigen Stadtrichter Philippides vorgeschlagnen billigen Vergleich nicht eingegangen fur den Dienst, den er dem abderitischen gemeinen Wesen dadurch geleistet, die Ohren gestutzt, und allenfalls, zum ewigen Andenken, ein paar Eselsohren dafur angesetzt wurden; imgleichen, was fur einen offentlichen Dank der ehrwurdige Zunftmeister Pfriem, und die ubrigen Herren, die durch ihren patriotischen Eifer Ol ins Feuer gegossen, fur ihre Muhe verdient haben mochten: uberlasst der erlauchte Erzpriester, mein Principal, dem eignen einsichtsvollen Ermessen des hochsten Gerichts der Vierhundert. Er, seines Ortes, wird, als angeborner Oberherr und Richter des Eseltreibers Anthrax, nicht ermangeln, ihm, zu wohlverdienter Belohnung seines in diesem Handel bewiesenen Unverstands, unmittelbar nach geendigtem Process, funf und zwanzig Prugel geben zu lassen. Da aber darum das Recht des mehrbesagten Eseltreibers, wegen der von dem Zahnarzt Struthion erlittnen Ungebuhr, wegen des Missbrauchs, den dieser von seinem Esel gemacht, und wegen der Weigerung einer billigen Vergutung des dadurch verursachten Zeitverlusts und Deterioration seines lastbaren Tieres, Genugtuung zu fordern, nichts destoweniger in seiner ganzen Kraft besteht: so begehret und erwartet der erlauchte Erzpriester von der Gerechtigkeit dieses hohen Gerichts, dass seinem Untertanen, ohne langern Aufschub, die gebuhrende vollstandigste Entschadigung und Genugtuung verschafft werde.

Euch aber (setzte er hinzu, indem er sich umdrehte und gegen das Volk kehrte) soll ich im Namen Jasons ankundigen, dass alle diejenigen, die auf eine ungebuhrliche und aufruhrische Art an der bosen Sache des Zahnbrechers Anteil genommen, so lange, bis sie dafur gebuhrenden Abtrag getan haben werden, von den Wohltaten, die der Tempel Jasons alle Monate den armen Burgern zufliessen lasst, ausgeschlossen sein und bleiben sollen. Dixi."

Funfzehntes Kapitel

Bewegungen, welche die Rede des Polyphonus

verursachte

Nachtrag des Sykophanten Physignathus

Verlegenheit der Richter

Diese kurze und unerwartete Rede brachte auf einige Augenblicke ein tiefes Stillschweigen hervor. Der Sykophant Physignathus schien zwar grosse Lust zu haben, sich uber die Stelle, die ihn personlich betroffen hatte, mit Hitze vernehmen zu lassen. Allein, da er die Niedergeschlagenheit bemerkte, die der Inhalt der letzten Periode seines Gegners unter dem gemeinen Volke hervorgebracht zu haben schien: so begnugte er sich, gegen die ehrenruhrige Stelle vom Ohrenabschneiden und andre Anzuglichkeiten sich quaevis competentia vorzubehalten, zuckte die Achseln, und schwieg.

Das Licht, in welches der Sykophant Polyphonus den wahren Statum controversiae gestellt hatte, tat einen so guten Effect, dass unter den samtlichen Vierhundertmannern kaum ihrer zwanzig uberblieben, die, nach abderitischer Gewohnheit, nicht versicherten, dass sie die Sache gleich vom Anfang an eben so angesehen; und es wurde in ziemlich lebhaften Ausdrukken gegen diejenigen gesprochen, welche Schuld daran hatten, dass eine so simple Sache zu solchen Weitlauftigkeiten getrieben worden sei. Die Meisten schienen darauf anzutragen: dass dem Erzpriester nicht nur die fur seinen Angehorigen verlangte Entschadigung und Genugtuung zugesprochen, sondern auch eine Commission aus dem grossen Rat niedergesetzt werden sollte, um nach der Scharfe zu untersuchen: wer die ersten Anstifter und Verhetzer dieses Handels eigentlich gewesen seien.

Dieser Antrag brachte den Zunftmeister und diejenigen, die ihre Partei mit ihm gegen allen Erfolg zum voraus genommen hatten, auf einmal wieder in Harnisch. Der Sykophant Physignathus, der dadurch wieder Mut bekam, verlangte von dem Nomophylax noch einmal zum Gehor gelassen zu werden, weil er auf die Rede seines Gegenteils etwas neues vorzubringen habe; und da ihm dieses, den Rechten nach, nicht versagt werden konnte, so liess er sich folgendermassen vernehmen:

"Wenn das gerechte Vertrauen zu einem so ehrwurdigen Gericht, wie das gegenwartige, den verhassten Namen einer bestechenden Schmeichelei, womit mein Gegenteil solches zu belegen sich nicht gescheut hat, verdient so muss ich mich darein ergeben, einen Vorwurf auf mir sitzen zu lassen, den ich nicht vermeiden kann; und ich glaube allenfalls durch eine allzuhohe Meinung von Euch, Grossmogende Herren, weniger zu sundigen, als mein Gegner durch die Einbildung, Eure Gerechtigkeit und Einsicht in einer so groben Schlinge zu fangen, als diejenige ist, die er Euch gelegt hat. Der Schein von gesunder Vernunft womit er seine plumpe Vorstellungsart der Sache uberstrichen und ein Ton, den er seinem Clienten abgeborgt zu haben scheint, konnen hochstens eine augenblickliche Uberraschung wirken; aber dass sie die Weisheit des obersten Rats von Abdera ganz umzuwerfen vermogend waren, ware an mir Lasterung zu furchten, und war Unsinn an ihm, zu hoffen. Wie? Polyphonus, anstatt die gerechte Sache seines Clienten zu behaupten, wie er vor dem ehrwurdigen Stadtgerichte und bisher immer hartnackig getan hat, gesteht nun auf einmal selbst ein, dass der Eseltreiber unrecht und unsinnig daran getan habe, seine gegen den Zahnarzt Struthion erhobne Klage auf sein vermeintes Eigentumsrecht an den Eselsschatten zu grunden er bekennt offentlich, dass der Klager eine unbefugte, ungegrundete, frivole Klage erhoben habe: und er untersteht sich von Recht an Schadloshaltung zu schwatzen, und in dem trotzigen Tone eines Eseltreibers Genugtuung zu fordern? Was fur eine neue unerhorte Art von Rechtsgelehrsamkeit, wenn der unrechthabende Teil damit durchkame, dass er am Ende, wenn er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, selbst gestunde, er habe Unrecht, und mit funfundzwanzig Prugel, die er sich dafur geben liesse (und die ein Kerl, wie Anthrax, schon auf seinen Buckel nehmen kann), sich noch ein Recht an Entschadigung und Satisfaction erwerben konnte? Gesetzt auch, des Eseltreibers Fehler bestunde bloss darin, dass er nicht die rechte Action instituiert: was geht das den unschuldigen Gegenteil oder den Richter an? Jener muss sich mit seiner Verantwortung nach der Klage richten; und dieser urteilt uber die Sache, nicht wie sie vielleicht in einem andern Licht und unter einem andern Gesichtspunct erscheinen konnte, sondern wie sie ihm vorgetragen worden. Ich verspreche mir also im Namen meines Clienten, dass, der gegenteilischen Luftstreiche ungeachtet, die vorliegende Sache nicht nach dem neuen und allen bisherigen Verhandlungen zuwiderlaufenden Schwunge, den ihr Polyphonus zu geben gesucht, sondern nach Beschaffenheit der Klage und des Beweises abgeurteilt werde. Die Rede ist in gegenwartigem Rechtsstreit nicht von Zeitverlust und Deterioration des Esels, sondern von des Esels Schatten. Klager behauptete, dass sein Eigentumsrecht an den Esel sich auch auf dessen Schatten erstrecke, und hat es nicht bewiesen. Beklagter behauptete, dass er so viel Recht an des Esels Schatten habe, als der Eigentumer, oder was allenfalls daran abgehen konnte, hab' er durch den Mietcontract erworben; und was er behauptete, hat er bewiesen.

Ich stehe also hier, Grossmogende Herren, und verlange einen richterlichen Spruch uber das, was bisher den Gegenstand des Streits ausgemacht hat. Um dessentwillen allein ist gegenwartiges hochstes Gericht niedergesetzt worden! Dies allein macht itzt die Sache aus, woruber es zu erkennen hat! Und ich unterstehe michs, vor diesem ganzen mich horenden Volke zu sagen: entweder ist kein Recht in Abdera mehr, oder meine Forderung ist gesetzmassig, und die Rechte eines jeden Burgers sind darunter befangen, dass meinem Clienten das seinige zugesprochen werde!"

Der Sykophant schwieg, die Richter stutzten, das Volk fing von neuem an zu murmeln und unruhig zu werden, und die Schatten reckten ihre Kopfe wieder empor.

Nun, sagte der Nomophylax, indem er sich an Polyphonus wandte, was hat der klagerische Anwalt hierauf beizubringen?

"Hochgeachter Herr Oberrichter, erwiderte Polyphonus, Nichts als Alles von Wort zu Wort, was ich schon gesagt habe. Der Process uber des Esels Schatten ist ein so boser Handel, dass er nicht bald genug ausgemacht werden kann. Der Klager hat dabei gefehlt, der Beklagte hat gefehlt, die Anwalte haben gefehlt, der Richter der ersten Instanz hat gefehlt, ganz Abdera hat gefehlt! Man sollte denken, ein boser Wind habe uns alle angeblasen, und es sei nicht so ganz richtig mit uns gewesen, als wohl zu wunschen ware. Kam' es schlechterdings darauf an, uns noch langer zu prostituieren: so sollte mirs wohl auch nicht an Atem fehlen, fur das Recht meines Clienten an seines Esels Schatten eine Rede zu halten, die von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang dauren sollte. Aber, wie gesagt, wenn die Komodie, die wir gespielt haben, so lange sie bloss Komodie blieb, noch zu entschuldigen ist: so war' es doch, dunkt mich, auf keine Weise recht, sie vor einem so ehrwurdigen Gerichte, wie der hohe Rat von Abdera, langer fortzuspielen. Wenigstens habe ich keine Instruction dazu, und uberlasse Euch also, Grossmogende Herren, unter nochmaliger Wiederholung alles dessen, was ich im Namen des erlauchten und sehr ehrwurdigen Erzpriesters zu Recht gefordert habe, den Handel nun abzuurteln und auszumachen wie es Euch die Gotter eingeben werden."

Die Richter befanden sich in grosser Verlegenheit; und es ist schwer zu sagen, was fur ein Mittel sie endlich ergriffen haben wurden, um mit Ehren aus der Sache zu kommen, wenn der Zufall, der zu allen Zeiten der grosse Schutzgott aller Abderiten gewesen ist, sich ihrer nicht angenommen, und diesem feinen burgerlichen Drama eine Entwicklung gegeben hatte, deren sich einen Augenblick vorher kein Mensch versah, noch versehen konnte.

Sechzehntes Kapitel

Unvermutete Entwicklung der ganzen Komodie und

Wiederherstellung der Ruhe in Abdera

Der Esel, dessen Schatten zeither (nach dem Ausdruck des Archon Onolaus) eine so seltsame Verfinsterung in den Hirnschadeln der Abderiten angerichtet hatte, war bis zu Austrag der Sache in den offentlichen Stall der Republik abgefuhrt, und bisher daselbst notdurftig verpflegt worden.

Das Beste, was man davon sagen kann, ist, dass er nicht fetter davon geworden war.

Diesen Morgen nun war es den Stallbedienten der Republik, welche wussten, dass der Handel zu Ende gehen sollte, auf einmal eingefallen: der Esel, der gleichwohl eine Hauptperson bei der Sache vorstellte, sollte doch billig auch von der Partie sein. Sie hatten ihn also gestriegelt, mit Blumenkranzen und Bandern herausgeputzt, und brachten ihn nun, unter der Begleitung und dem Nachjauchzen unzahliger Gassenjungen, in grossem Pomp herbei.

Der Zufall wollte, dass sie in der nachsten Gasse, die zum Markt fuhrte, anlangten, als Polyphonus eben seinen Nachtrag geendigt hatte, und die armen Richter sich gar nicht mehr zu helfen wussten, das Volk hingegen zwischen der Furcht vor dem Erzpriester und dem neuen Stoss, den ihm die zwote Rede des Sykophanten Physignathus gegeben, in einer ungewissen und unmutigen Art von Bewegung schwankte.

Der Lerm, den die besagten Gassenjungen um den Esel her machten, drehte jedermanns Augen nach der Seite, woher er kam. Man stutzte und drangte sich hinzu.

Ha! rief endlich einer aus dem Volke, da kommt der Esel selbst! Er wird den Richtern wohl zu einem Ausspruch helfen wollen, sagte ein andrer. Der verdammte Esel, rief ein dritter, er hat uns alle zu Grunde gerichtet! Ich wollte, dass ihn die Wolfe gefressen hatten, eh er uns diesen gottlosen Handel auf den Hals zog! Heida! schrie ein Kesselflicker, der immer einer der eifrigsten Schatten gewesen war; was ein braver Abderit ist, uber den Esel her! Er soll uns die Zeche bezahlen! Lasst nicht ein Haar aus seinem schabigten Schwanz von ihm ubrig bleiben!

In einem Augenblick sturzte sich die ganze Menge auf das Tier, und, ehe man eine Hand umkehren konnte, war es in tausend Stucke zerrissen. Jedermann wollte auch einen Bissen davon haben. Man riss, schlug, zerrte, kratzte, balgte und raufte sich darum mit einer Hitze, die gar nicht ihres gleichen hatte. Bei einigen ging die Wut so weit, dass sie ihren Anteil auf der Stelle roh und blutig auffrassen; die meisten aber liefen mit dem, was sie davon gebracht, nach Hause; und da ein jeder eine Menge hinter sich her hatte, die ihm seinen Raub mit grossem Geschrei abzujagen suchten: so wurde der ganze Markt in wenig Minuten so leer als um Mitternacht.

Die Vierhundertmanner waren im ersten Augenblick dieses Aufruhrs, wovon sie die Ursache nicht sogleich sehen konnten, in so grosse Besturzung geraten, dass sie alle, ohne selbst zu wissen, was sie taten, die Dolche hervorzogen, die sie heimlich unter ihren Manteln bei sich fuhrten; und die Herren sahen einander mit keinem kleinen Erstaunen an, da auf einmal, vom Nomophylax bis zum untersten Beisitzer, in jeder Hand ein blosser Dolch funkelte. Als sie aber endlich sahen und horten was es war, steckten sie geschwinde ihre Messer wieder in den Busen, und brachen allesamt, gleich den Gottern im ersten Buch der Ilias, in ein unausloschliches Gelachter aus.

Dank sei dem Himmel, rief endlich, nachdem die sehr ehrwurdigen Herren wieder zu sich selbst gekommen waren, der Nomophylax lachend aus: mit aller unsrer Weisheit hatten wir der Sache keinen schicklichern Ausgang geben konnen. Wozu wollten wir uns nun noch langer die Kopfe zerbrechen? Der Esel, der unschuldige Anlass dieses leidigen Handels, ist (wie es zu gehen pflegt) das Opfer davon geworden; das Volk hat sein Mutchen an ihm abgekuhlt; und es kommt itzt nur noch auf eine gute Entschliessung von unsrer Seite an: so kann dieser Tag, der noch kaum so aussah, als ob er ein trubes Ende nehmen wurde, ein Tag der Freude und der Wiederherstellung der allgemeinen Ruhe werden. Da der Esel selbst nicht mehr ist, was hulf' es, noch lange uber seinen Schatten zu rechten? Ich trage also darauf an: dass diese ganze Eselssache hiemit offentlich fur geendigt und abgetan genommen, beiden Teilen, unter Vergutung aller ihrer Kosten und Schaden aus dem Stadtarario, ein ewiges Stillschweigen auferlegt, dem armen Esel aber auf gemeiner Stadt Kosten ein Denkmal aufgerichtet werde, das zugleich uns und unsern Nachkommen zur ewigen Erinnerung diene, wie leicht eine grosse und bluhende Republik sogar um eines Esels Schatten willen hatte zu Grunde gehen konnen.

Jedermann klatschte dem Antrag des Nomophylax seinen Beifall zu, als dem klugsten und billigsten Auswege, den man, nach Gestalt der Sachen, treffen konne. Beide Parteien konnten damit zufrieden sein, und die Republik erkaufte ihre Beruhigung und Verhutung grosseren Schimpfs und Unheils noch immer wohlfeil genug. Der Schluss wurde also von den Vierhundertmannern einhellig diesem Vortrag gemass abgefasst, wiewohl es einige Muhe kostete, den Zunftmeister Pfrieme dahin zu bringen, dass er nicht den Ungeraden machte; und der grosse Rat, mit seiner martialischen Burgerwache im Vor- und Hintertreffen, begleitete den Nomophylax bis vor seine Wohnung zuruck, wo er die Herren Collegen samt und sonders auf den Abend zu einem grossen Concert einlud, welches er ihnen, zu Befestigung der wiederhergestellten Eintracht zum Besten geben wollte.

Der Erzpriester Agathyrsus erliess dem Eseltreiber nicht nur die versprochnen funf und zwanzig Prugel, sondern schenkte ihm noch obendrein drei schone Maulesel aus seinem eignen Stalle, mit dem ausdrucklichen Verbot, keine Schadloshaltung aus dem abderitischen Aerario anzunehmen. Des folgenden Tages gab er den samtlichen Schatten aus dem kleinen und grossen Rat ein prachtiges Gastmahl; und am Abend liess er unter die gemeinen Burger von allen Zunften eine halbe Drachme auf den Mann austeilen, um dafur auf seine und aller guten Abderiten Gesundheit zu trinken. Diese Freigebigkeit gewann ihm auf einmal wieder aller Herzen; und da die Abderiten ohnehin (wie wir wissen) Leute waren, denen es nichts kostete, von einer Extremitat zur andern uberzugehen: so ist sich, bei einem so edeln Betragen des bisherigen Oberhaupts der starkern Partei, nicht zu verwundern, dass die Namen von Eseln und Schatten in kurzem gar nicht mehr gehort wurden. Die Abderiten lachten itzt selbst uber ihre Torheit als einen Anstoss von fiebrischer Raserei, der nun, Gottlob! voruber sei. Einer ihrer Balladenmanner (deren sie sehr viele und sehr schlechte hatten) eilte was er konnte, die ganze Geschichte in ein Gassenlied zu bringen, das sogleich auf allen Strassen gesungen wurde; und der Dramenmacher Thlaps ermangelte nicht, binnen wenigen Wochen sogar eine Komodie daraus zu verfertigen, wozu der Nomophylax eigenhandig die Musik componierte.

Dieses schone Stuck wurde offentlich mit grossem Beifall aufgefuhrt, und beide ehmalige Parteien lachten so herzlich darin, als ob die Sache sie gar nichts anginge.

Demokritus, der sich von dem Erzpriester hatte bereden lassen, mit in dies Schauspiel zu gehen, sagte beim Herausgehen: Diese Ahnlichkeit mit den Atheniensern muss man den Abderiten wenigstens eingestehen, dass sie recht treuherzig uber ihre eigne Narrenstreiche lachen konnen. Sie werden zwar nicht weiser darum; aber es ist immer schon viel gewonnen, wenn ein Volk leiden kann, dass ehrliche Leute sich uber seine Torheiten lustig machen, und mitlacht, anstatt, wie die Affen, tuckisch daruber zu werden.

Es war die letzte abderitische Komodie, in welche Demokritus in seinem Leben ging: denn bald darauf zog er mit Sack und Pack aus der Gegend von Abdera weg, ohne einem Menschen zu sagen, wo er hinginge; und von dieser Zeit an hat man keine weitere Nachrichten von ihm.

Funftes Buch

oder

die Frosche der Latona

Erstes Kapitel

Erste Quelle des Ubels, welches endlich den

Untergang der abderitischen Republik nach sich zog

Politik des Erzpriesters Agathyrsus

Er lasst einen eignen offentlichen

Froschgraben anlegen

Nahere und entferntere Folgen dieses

neuen Instituts

Die Republik Abdera genoss einige Jahre auf die eben so gefahrlichen als Dank ihrem gutlaunigen Genius! so glucklich abgelaufnen Bewegungen wegen des Eselsschatten der vollkommensten Ruhe von innen und aussen; und wenn es naturlicherweise moglich ware, dass Abderiten sich lange wohl befinden konnten: so hatte man, dem Anschein nach, ihrem Wohlstande die langste Dauer versprechen sollen. Aber, zu ihrem Ungluck, arbeitete eine ihnen allen verborgene Ursache ein geheimer Feind, der desto gefahrlicher war, weil sie ihn in ihrem eignen Busen

Die Abderiten verehrten (wie wir wissen) seit undenklichen Zeiten die Latona als ihre Schutzgottin.

So viel sich auch immer mit gutem Fug gegen den Latonendienst einwenden lasst: so war es nun einmal ihre von Voraltern auf sie geerbte Volks- und Staatsreligion; und sie waren in diesem Stucke nicht schlimmer dran, als alle ubrigen griechischen Volkerschaften. Ob sie, wie die Athenienser, Minerven, oder Juno, wie die von Samos, oder Dianen, wie die Ephesier, oder die Grazien, wie die Orchomenier, oder ob sie Latonen verehrten, darauf kam's nicht an: eine Religion mussten sie haben, und in Ermangelung einer bessern war eine jede besser als gar keine.

Aber der Latonendienst hatte auch ohne den geheiligten Froschgraben bestehen konnen. Wozu hatten sie notig, den einfaltigen Glauben der alten Tejer, ihrer Voraltern, durch einen so gefahrlichen Zusatz aufzustutzen? Wozu die Frosche der Latona, da sie die Latona selbst hatten? Oder, wenn sie ja ein sichtbares Denkmal jener wundervollen Verwandlung der lycischen Bauern zur Nahrung ihres abderitischen Glaubens bedurften: hatten ein Halbdutzend ausgestopfte Froschhaute, mit einer schonen goldnen Inschrift, in einer Kapelle des Latonentempels aufgestellt, mit einem brokatnen Tuch umschleiert, und alle Jahr mit gehorigen Feierlichkeiten dem Volke vorgezeigt, ihrer Einbildungskraft nicht die namlichen Dienste getan?

Demokritus, ihr guter Mitburger, aber zum Ungluck ein Mann, dem man nichts glauben konnte, weil er in dem bosen Rufe stand, dass er selbst nichts glaube, hatte, wahrend er sich unter ihnen aufhielt, bei Gelegenheit zuweilen ein Wort davon fallen lassen: dass man des Guten, zumal wo Frosche mit im Spiele waren, leicht zu viel tun konne; und da seine Ohren, nach einer zwanzigjahrigen Abwesenheit, an das liebliche Brekekekek Koax Koax, das ihm zu Abdera bei Nacht und Tag um die Ohren schnarrte, nicht so gewohnt waren, als die etwas dicken Ohren seiner Landesleute: so hatte er ihnen einigemal nachdruckliche Vorstellungen gegen ihre Deisibatrachie (wie ers nannte) getan, und ihnen ofters bald im Scherz, bald im Ernst vorhergesagt, dass, wenn sie nicht in Zeiten Vorkehrung taten, ihre quakenden Mitburger sie endlich aus Abdera hinausquaken wurden. Die Vornehmern konnten uber diesen Punct sehr gut Scherz vertragen; denn sie wollten wenigstens nicht dafur angesehen sein, als ob sie mehr von den Froschen der Latona glaubten, als Demokritus selbst. Aber das Ubel war, dass er sie weder durch Schimpf noch Ernst dahin bringen konnte, die Sache aus einem vernunftigen Gesichtspuncte zu beherzigen. Scherzte er daruber, so scherzten sie mit; sprach er ernsthaft, so lachten sie uber ihn, dass er uber so was ernsthaft sein konne. Und so blieb es denn, Einwendens ungeachtet, wie in allen Dingen, so auch hierinnen zu Abdera immer beim alten Brauch.

Indessen wollte man doch zu Demokritus Zeiten eine gewisse Lauigkeit in Absicht auf die Frosche unter der edeln abderitischen Jugend wahrgenommen haben. Gewiss ist, dass der Priester Strobylus ofters grosse Klaglieder daruber anstimmte, dass die meisten guten Hauser die Froschgraben, die sie von Alters her in ihren Garten unterhalten hatten, unvermerkt eingehen liessen; und dass der gemeine Mann beinahe der einzige sei, der in diesem Stucke noch fest an dem loblichen alten Brauch hange, und seine Ehrfurcht fur den geheiligten Teich auch durch freiwillige Gaben zu Tage lege.

Wer sollte nun bei so bewandten Sachen vermutet haben, dass gerade unter allen Abderiten derjenige, auf den am wenigsten ein Verdacht, dass er an der Deisibatrachie krank sei, fallen konnte kurz, dass der Erzpriester Agathyrsus der Mann war, der, bald nach Endigung der Fehde zwischen den Eseln und Schatten, dem erkalteten Eifer der Abderiten fur die Frosche wieder ein neues Leben gab?

Gleichwohl ist es unmoglich, ihn von diesem seltsamen Widerspruch zwischen seiner innern Uberzeugung und seinem ausserlichen Betragen freizusprechen; und wenn wir nicht bereits von seiner Art zu denken unterrichtet waren, wurde das Letztere kaum zu erklaren sein. Aber wir kennen diesen Priester als einen ehrgeizigen Mann. Er hatte sich wahrend der letzten Unruhen an der Spitze einer machtigen Partie gesehen, und hatte keine Lust, dieses Vergnugen gegen ein geringeres Aequivalent zu vertauschen, als einen fortdaurenden Einfluss auf die ganze nun wieder beruhigte Republik eine Sache, die er nunmehr durch kein gewissers Mittel erhalten konnte, als durch eine grosse Popularitat, und durch eine Gefalligkeit gegen die Vorurteile des Volks, die ihn um so weniger kostete, da er (wie so viele seines gleichen) die Religion bloss als eine politische Maschine ansah, und im Grunde ausserst gleichgultig daruber war, ob es Frosche oder Eulen oder Hammelsfelle seien, was ihm die freieste und sicherste Befriedigung seiner Lieblingsleidenschaften gewahrte.

Diesemnach also, und um sich auf die wohlfeilste Art bei dem Volke im Ansehen und Einfluss zu erhalten, verbannte er bald nach Endigung des Schattenkriegs nicht nur die Storche, uber welche die Froschpfleger Klage gefuhrt hatten, aus allen Gerichten und Gebieten des Jasontempels; sondern trieb die Gefalligkeit gegen seine neuen Freunde so weit, dass er mitten auf einer Esplanade (die einer seiner Vorfahren zu einem offentlichen Spazierplatz gewidmet hatte) einen Canal graben liess, und sich zu Besetzung desselben auf eine sehr verbindliche Art einige Fasser mit Froschlaich aus dem geheiligten Teiche von dem Oberpriester Strobylus ausbat; welche ihm denn auch, nach einem der Latona gebrachten feierlichen Opfer in Begleitung des ganzen abderitischen Pobels mit grosser Feierlichkeit zugefuhret wurden.

Von diesem Tage an war Agathyrsus der Abgott des Volks, und ein Froschgraben, zu rechter Zeit angelegt, verschaffte ihm, was er sonst mit aller Politik, Wohlredenheit und Freigebigkeit nie erlangt haben wurde. Er herrschte, ohne die Ratsstube jemals zu betreten, so unumschrankt in Abdera als ein Konig; und weil er den Ratsherren und Zunftmeistern alle Wochen zwei- oder dreimal zu essen gab, und ihnen seine Befehle nie anders als in vollen Bechern von Chierwein insinuierte: so hatte niemand etwas gegen einen so liebenswurdigen Tyrannen einzuwenden. Die Herren glaubten nichts destoweniger auf dem Rathause ihre eigne Meinung zu sagen, wenn ihre Vota gleich nur der Widerhall der Schlusse waren, welche Tages zuvor im Speisesaal des Erzpriesters abgefasst wurden.

Agathyrsus war der erste, der sich, unter guten Freunden, uber seinen neuen Froschgraben lustig machte. Aber das Volk horte nichts davon. Und da sein Beispiel auf die Edeln von Abdera mehr wirkte, als seine Scherze: so hatte man den Wetteifer sehen sollen, womit sie, um ebenfalls Proben von ihrer Popularitat abzulegen, entweder die vertrockneten Froschgraben in ihren Garten wieder herstellten, oder neue anlegten, wo noch keine gewesen waren. Wie in Abdera alle Torheiten ansteckend waren, so blieb auch von dieser niemand frei. Anfangs war es nur Mode, eine Sache die zum guten Ton gehorte. Ein Burger von einigem Vermogen wurde sichs zur Schande gerechnet haben, hierin hinter seinem vornehmern Nachbar zuruckzubleiben. Aber unvermerkt wurde es ein unvermeidliches Requisitum eines guten Burgers; und wer nicht wenigstens eine kleine Froschgrube innerhalb seiner vier Pfahle aufweisen konnte, wurde fur einen Feind Latonens und fur einen Verrater am Vaterlande ausgeschrien worden sein.

Bei einem so warmen Eifer der Privatpersonen ist leicht zu erachten, dass der Senat, die Zunfte und ubrigen Collegien nicht die letzten waren, der Latona gleichmassige Beweise ihrer Devotion zu geben. Jede Zunft liess sich ihren eignen Froschzwinger graben. Auf jedem offentlichen Platz der Stadt, ja gar vor dem Rathause selbst (wo die Krauter- und Eierweiber ohnehin Lerms genug machten), wurden grosse mit Schilf und Rasen eingefasste Bassins zu diesem Ende angelegt; und das Policeicollegium, dem hauptsachlich die Verschonerung der Stadt in seine Pflichten gegeben war, kam endlich gar auf den Einfall, durch die Alleen, womit Abdera ringsumgeben war, zu beiden Seiten schmale Canale ziehen, und mit Froschen besetzen zu lassen. Das Project wurde vor Rat gebracht, und passierte ohne Widerspruch; wiewohl man sich genotigt sah, um diese Canale und die ubrigen offentlichen Froschteiche mit dem benotigten Wasser zu versehen, den Fluss Nestus beinahe ganzlich abgraben zu lassen. Weder die Kosten, die durch alle diese Operationen dem Aerario aufgeladen wurden, noch der vielfaltige Nachteil, der aus dem Abgraben des Flusses entstund, wurden in die mindeste Betrachtung gezogen; und als ein junger Ratsherr nur im Vorbeigehn erwahnte, dass der Nestus nahe am Eintrocknen ware desto besser, rief einer von den Froschpflegern; so haben wir einen grossen Froschgraben mehr, ohne dass es der Republik einen Heller kostet.

Wer sich bei diesem freilich nur in Abdera moglichen Enthusiasmus fur die Verschonerung der Stadt durch Froschgraben am besten befand, waren die Priester des Latonentempels. Denn, ungeachtet sie den Laich aus dem heiligen Teiche sehr wohlfeil, namlich den abderitischen Cyathus (der ungefahr ein Nossel unsers Masses betragen mochte) nur fur zwo Drachmen verkauften: so wollte doch jemand berechnet haben, dass sie in den ersten zwei bis drei Jahren, da die Schwarmerei am wirksamsten war, uber funftausend Dariken damit gewonnen hatten. Die Summe scheint uns bei allem dem zu hoch angesetzt; wiewohl nicht zu leugnen ist, dass sie sich fur den Laich, den sie der Republik ablieferten, das Duplum aus der Baucasse bezahlen liessen.

Ubrigens dachte in ganz Abdera niemand an die Folgen dieser schonen Anstalten. Die Folgen kamen, wie gewohnlich, von sich selbst. Aber weil sie nicht auf einmal da stunden, so wahrte es nicht nur eine geraume Zeit, bis man sie bemerkte; sondern, da sie endlich auffallend genug wurden, um nicht langer, sogar von Abderiten, ubersehen zu werden: so konnten diese doch, trotz ihrem bekannten Scharfsinn, die Quelle derselben nicht ausfindig machen. Die abderitischen Arzte zerbrachen sich die Kopfe, um zu erraten, woher es kame, dass Schnuppen, Flusse und Hautkrankheiten aller Arten von Jahr zu Jahr so machtig uberhand nahmen, und so hartnackig wurden, dass sie aller ihrer Kunst und aller Niesewurz von Anticyra Trotz boten. Kurz, Abdera mit der ganzen Gegend umher war beinahe in einen allgemeinen unabsehbaren Froschteich verwandelt, eh es einem ihrer Philosophen einfiel, die Frage aufzuwerfen: ob eine grenzenlose Vermehrung der Froschmenge einem Staat nicht vielleicht mehr Schaden tun konnte, als die Vorteile, die man sich davon verspreche, jemals wieder gut zu machen vermochten?

Zweites Kapitel

Charakter des Philosophen Korax

Nachrichten von der Akademie der Wissenschaften

zu Abdera

Korax wirft in derselben eine verfangliche Frage, in

Betreff der Latonenfrosche, und sich selbst zum

Haupt der Gegenfroschler auf

Betragen der Latonenpriester gegen diese Secte,

und wie sie bewogen wurden, selbige fur

unschadlich anzusehen

Der merkwurdige Kopf, der zuerst die Wahrnehmung machte, dass die Menge der Frosche in Abdera in der Tat ubermassig sei, und mit der Anzahl und dem Bedurfnis der zweibeinigten unbefiederten Einwohner ganz und gar in keinem Verhaltnis stehe, nannte sich Korax. Es war ein junger Mann von gutem Hause, der sich etliche Jahre zu Athen aufgehalten, und in der Akademie (wie die von Plato gestiftete Philosophenschule bekanntermassen genennt wurde) gewisse Grundsatze eingesogen hatte, die den Froschen der Latona nicht allzugunstig waren. Die Wahrheit zu sagen, Latona selbst hatte durch seinen Aufenthalt zu Athen so viel bei ihm verloren, dass es kein Wunder war, wenn er ihre Frosche nicht mit aller der Ehrfurcht ansehen konnte, die von einem rechtdenkenden Abderiten gefodert wurde. "Eine jede schone Frau ist eine Gottin, pflegte er zu sagen: wenigstens eine Gottin der Herzen; und Latona war unstreitig eine sehr schone Frau; aber was geht das die Frosche, und die Sache bloss menschlich und im Lichte der Vernunft betrachtet was gehen am Ende die Frosche Latonen an? Und gesetzt auch, die Gottin fur die ich ubrigens so viel Ehrfurcht hege, als einer schonen Frau und einer Gottin gebuhrt gesetzt, sie habe die Frosche vor allem andern Geziefer und Ungeziefer der Welt in ihren besondern Schutz genommen: folgt denn daraus, dass man der Frosche nie zuviel haben konne?"

Korax war, als er so zu raisonnieren anfing, ein Mitglied der Akademie, welche in Abdera zur Nachahmung der atheniensischen gestiftet worden war. Denn die Abderiten waren, wie wir wissen, schon von langem her darauf gestellt, alles wie die Athenienser haben zu wollen. Diese Akademie war ein kleiner in Spaziergange ausgehauener Wald, ganz nahe bei der Stadt; und da sie unter dem Schutz des Senats stund, und auf Kosten des Aerariums angelegt worden war: so hatten die Herren von der Polizeicommission nicht ermangelt, sie reichlich mit Froschgraben zu versehen. Die Glieder der Akademie fanden sich zwar nicht selten durch den eintonigen Chorgesang dieser quakenden Philomelen in ihren tiefsinnigen Betrachtungen gestort. Allein, da dies an jedem andern Orte in und um die Stadt Abdera eben so wohl der Fall gewesen ware: so hatten sie sich immer in Geduld darein ergeben; oder, richtiger zu reden, man war des Froschgesangs in Abdera so gewohnt, dass man nicht mehr davon horte, als die Einwohner von Katadupa von dem grossen Nilfall, in dessen Nachbarschaft sie leben, oder als die Anwohner irgend eines andern Wasserfalls in der Welt.

Allein mit Korax, dessen Ohren durch seinen Aufenthalt zu Athen die Empfindlichkeit, die allen gesunden menschlichen Ohren naturlich ist, wieder erlangt hatten, war es eine andre Sache. Man wird es also nicht befremdlich finden, dass er gleich bei der ersten Sitzung, der er beiwohnte, die spitzige Anmerkung machte: er glaube, das Kauzlein der Minerva qualificiere sich ungleich besser zu einem ausserordentlichen Mitgliede der Akademie, als die Frosche der Latona. "Ich weiss nicht, meine Herren, wie Sie die Sache ansehen, setzte er hinzu: aber, mich deucht, die Frosche haben seit einigen Jahren auf eine ganz unbegreifliche Art in Abdera zugenommen."

Die Abderiten waren ein dumpfes Volklein, wie wir alle wissen; und es gab vielleicht (eine einzige beruhmte Nation allenfalls ausgenommen) kein anderes in der Welt, das in der sonderbaren Eigenschaft, "den Wald vor lauter Baumen nicht sehen zu konnen", ihnen den Vorzug streitig machen konnte. Aber dies musste man ihnen lassen, sobald es nur einem unter ihnen einfiel, eine Bemerkung zu machen, die jedermann eben so gut hatte machen konnen als er, wiewohl sie niemand vor ihm gemacht hatte: so schienen sie allesamt plotzlich aus einem langen Schlaf zu erwachen, sahen nun auf einmal was ihnen vor der Nase lag, verwunderten sich der gemachten Entdekkung, und glaubten demjenigen sehr verbunden zu sein, der ihnen dazu verholfen hatte. In der Tat, antworteten die Herren von der Akademie, die Frosche haben seit einiger Zeit auf eine ganz unbegreifliche Art zugenommen.

"Wenn ich sagte, auf eine ganz unbegreifliche Art, (versetzte Korax,) so will ich damit keineswegs gesagt haben, dass etwas ubernaturliches in der Sache sei. Im Grunde ist nichts begreiflicher, als dass die Frosche sich auf eine ganz ungeheure Art an einem Orte vermehren mussen, wo man solche Anstalten zu ihrer Unterhaltung vorkehrt, wie zu Abdera: das Unbegreifliche liegt, meiner geringen Meinung nach, bloss darin, wie die Abderiten einfaltig genug sein konnen, diese Anstalten vorzukehren?"

Die samtlichen Mitglieder der Akademie stutzten uber die Freiheit dieser Rede, sahen einander an, und schienen verlegen zu sein, was sie von der Sache denken sollten.

"Ich rede bloss menschlicher Weise", sagte Korax.

Wir zweifeln nicht daran, versetzte der Prasident der Akademie, der ein Ratsherr und einer von den Zehnmannern war; allein die Akademie hat sichs bisher zum Gesetz gemacht, dergleichen schlupfrige Materien, auf welchen die Vernunft so leicht ausglitschen kann, lieber gar nicht zu beruhren.

"Die Akademie zu Athen hat sich kein solches Gesetz gemacht, fiel ihm Korax ein; wenn man nicht uber alles philosophieren darf, so war's eben so gut, man philosophierte uber gar nichts."

Uber alles, sagte der Prasident Zehnmann mit einer bedenklichen Miene, nur nicht uber Latonen, und

Ihre Frosche? setzte Korax lachelnd hinzu. Dies war's auch wirklich, was der Prasident hatte sagen wollen; aber bei dem Wortchen und uberfiel ihn eine Art von Beklemmung, als ob er wider Willen fuhlte, dass er im Begriff sei, eine Sottise zu sagen; und so hielt er plotzlich mit offnem Munde still, und uberliess es dem Korax, die Periode zu vollenden.

"Ein jedes Ding kann von sehr vielerlei Seiten, und in mancherlei Lichte betrachtet werden, fuhr Korax fort; und dies zu tun, ist, deucht mich, just, was dem Philosophen zukommt, und was ihn von dem dummen undenkenden Haufen unterscheidet. Unsere Frosche, zum Exempel, konnen als Frosche schlechtweg, und als Frosche der Latona betrachtet werden. Denn in so fern sie Frosche schlechtweg sind, sind sie weder mehr noch weniger Frosche als andre. Ihr Verhaltnis gegen die Abderiten ist in so fern ungefahr das namliche, wie das Verhaltnis aller ubrigen Frosche zu allen ubrigen Menschen; und in so fern kann nichts unschuldigers sein, als zu untersuchen, ob z.E. die Froschmenge in einem Staat mit der Volksmenge in gehorigem Verhaltnis stehe oder nicht? und wofern sich fande, dass der Staat einen grossen Teil mehr Frosche ernahren musste, als er notig hatte die diensamsten Mittel vorzuschlagen, wodurch ihre ubermassige Menge vermindert werden konnte."

Korax spricht verstandig, sagten etliche junge Akademisten.

"Ich rede bloss menschlicherweise von der Sache", sagte Korax.

Ich wollte lieber, dass wir gar nicht davon angefangen hatten, sagte der Prasident.

Dies war der erste Funke, den Korax in die schwindlichten Kopfe einiger speculativen jungen Abderiten warf. Unvermerkt wurde er zum Haupt und Worthalter einer philosophischen Secte, von deren Grundsatzen und Meinungen in Abdera nicht allzuvorteilhaft gesprochen wurde. Sie wurden, nicht ohne Grund, beschuldiget, dass sie nicht nur unter sich, sondern sogar in grossen Gesellschaften und auf den offentlichen Spazierplatzen behaupteten: "es lasse sich mit keinem einzigen triftigen Grunde beweisen, dass die Frosche der Latona etwas bessers als gemeine Frosche waren; die Sage, dass sie von den milischen Froschbauern, oder Bauerfroschen abstammten, ware ein albernes Volksmarchen; und selbst die alte Tradition, dass Jupiter die milischen Bauern, weil sie Latonen mit ihren Zwillingen nicht aus ihrem Teiche hatten trinken lassen wollen, in Frosche verwandelt habe, sei etwas, woran man allenfalls zweifeln konnte, ohne sich eben darum an Jupitern oder Latonen zu versundigen. Es mochte aber auch damit sein wie es wollte, so sei es doch ungereimt, aus Devotion gegen die schone Latona, die ganze Stadt und Republik Abdera zu einer Froschpfutze zu machen" und was dergleichen Behauptungen mehr waren, die, so simpel und vernunftmassig sie uns heutiges Tages vorkommen, zu Abdera gleichwohl, zumal in den Ohren der Latonenpriester, sehr ubelklingend gefunden wurden, und dem Philosophen Korax und seinen Anhangern den verhassten Namen Batrachomachen oder Gegenfroschler zuzogen; ein Titel, dessen sie sich jedoch um so weniger schamten, weil es ihnen gelungen war, beinahe die ganze junge und schone Welt mit ihren freien Meinungen anzustecken.

Die Priester des Latonentempels und das Collegium der Froschpfleger ermangelten nicht, bei jeder Gelegenheit ihr Missfallen an dem mutwilligen Witze der Gegenfroschler zu zeigen; und der Oberpriester Stilbon vermehrte, aus dieser Veranlassung, sein Buch von den Altertumern des Latonentempels mit einem grossen Kapitel uber die Natur der Latonenfrosche. Indessen hatten sie einen sehr wesentlichen Beweggrund, es dabei bewenden zu lassen; und dieser war: dass, ungeachtet der freigeisterischen Denkart uber die Frosche, welche Korax in Abdera zur Mode gemacht hatte, nicht ein einziger Froschgraben in und um die Stadt weniger zu sehen war als zuvor. Der Philosoph Korax und seine Anhanger waren schlau genug gewesen, zu merken, dass sie sich die Freiheit, "von den Froschen uberlaut zu denken, was sie wollten", nicht wohlfeiler erkaufen konnten, als wenn sie es, was die Ausubung betraf, gerade eben so machten, wie alle andre Leute. Ja, der weise Korax, als derjenige, auf den man am meisten Acht gab, hatte fur schicklich angesehen, lieber zu viel als zu wenig zu tun; und also, gleich nach seiner Aufnahme in die Akademie, auf seinem angeerbten Grund und Boden einen der schonsten Froschgraben in ganz Abdera angelegt, und mit einer betrachtlichen Menge schoner wohlbeleibter Frosche aus dem geheiligten Teich besetzt, wovon er den Priestern jedes Stuck mit vier Drachmen bezahlte. Dies war eine Hoflichkeit, fur welche diese Herren, so wenig sie sich ihm auch sonst dafur verbunden halten mochten, doch, um des guten Beispiels willen, nicht umhin konnten, dankbar zu scheinen; zumal da diese namliche Handlung des sogenannten Philosophen hinlanglichen Vorwand gab, diejenigen, die sich an seinen freien Meinungen und witzigen Einfallen hatten argern mogen, zu uberzeugen, dass es ihm nicht Ernst damit sei. Seine Zunge ist schlimmer als sein Gemut pflegten sie zu sagen; er will dafur angesehen sein, als ob er zu viel Witz hatte, um zu denken wie andre Leute; aber im Grunde ists blosse Ziererei. Wenn er nicht im Herzen eines Bessern uberzeugt ware, wurde er wohl seine freigeisterischen Meinungen durch seine Handlungen widerlegen? Man muss solche Leute nicht nach dem, was sie sprechen, beurteilen, sondern nach dem, was sie tun.

Bei allem dem ist nicht zu leugnen, dass Korax unter der Hand mit keinem geringern Anschlag umging, als, gleich einem neuen Herkules, Theseus oder Harmodius, sein Vaterland von den Froschen zu befreien, von welchen es, wie er zu sagen pflegte, mit grosserm Unheil bedroht wurde, als alle die Ungeheuer, Rauber und Tyrannen, von denen jene Heroen das ihrige befreiten, jemals im ganzen Griechenlande angerichtet hatten.

Drittes Kapitel

Ein unglucklicher Zufall notigt den Senat, von der

unmassigen Froschmenge

in Abdera Notiz zu nehmen

Unvorsichtigkeit des Ratsherrn Meidias

Die Majora beschliessen, ein Gutachten der

Akademie einzuholen

Der Nomophylax Hypsiboas protestiert gegen,

diesen Schluss, und eilt, den Oberpriester Stilbon

dagegen in Bewegung zu setzen

Das Ungemach, das die Abderiten von der ungeheuren Vermehrung ihrer heiligen Frosche erduldeten, wurde inzwischen von Tag zu Tag druckender, ohne dass der damalige Archon Onokradias (ein Schwestersohn des beruhmten Onolaus, und, die Wahrheit zu sagen, der lockerste Kopf, der jemals am Ruder von Abdera gewackelt hatte) vermocht werden konnte, die Sache vor den Senat zu bringen bis bei einer grossen Feierlichkeit, wo der Rat und die ganze Burgerschaft in Procession durch die Hauptstrassen ziehen musste, das Ungluck begegnete, "dass ein paar Dutzend Frosche, die sich zu weit aus ihren Graben herausgewagt hatten, im Gedrange des Volks zertreten wurden, und, aller schleunig vorgekehrten Hulfe ungeachtet, jammerlich ums Leben kamen."

Dieser Vorfall schien so bedenklich, dass sich der Archon genotiget fand, eine ausserordentliche Ratsversammlung ansagen zu lassen, um sich zu beraten, was fur eine Genugtuung die Stadt fur dieses zwar unvorsetzliche, aber nichts desto weniger hochst ungluckliche Sacrilegium der Latona zu leisten hatte, und durch was fur Vorkehrungen einem ahnlichen Unglucke furs kunftige vorgebaut werden konnte?

Nachdem eine gute Weile viel abderitische Plattheiten uber die Sache vorgetragen worden waren, platzte endlich der Ratsherr Meidias, ein Verwandter und Anhanger des Philosophen Korax, heraus: "Ich begreife nicht, warum die Herren um ein halb Schock Frosche mehr oder weniger ein solches Aufheben machen mogen. Jedermann ist uberzeugt, dass die Sache ein blosser Zufall war, den uns Latona unmoglich ubel nehmen kann; und weil das Schicksal, das uber Gotter, Menschen und Frosche zu befehlen hat, doch nun einmal den Untergang einiger quakenden Geschopfe bei dieser Gelegenheit verhangen wollte: mochten's doch anstatt vier und zwanzig eben so viele Myriaden gewesen sein!"

Es waren im ganzen Senat vielleicht nicht funfe, die in ihrem Hause, oder in Privatgesellschaften, (wenigstens seit Korax die erste Entdeckung gemacht,) nicht tausendmal uber die allzugrosse Vermehrung der Frosche geklagt hatten. Gleichwohl da es in vollem Senat noch nie daruber zur Sprache gekommen war, stutzte jedermann uber die Kuhnheit des Ratsherrn Meidias, nicht anders, als ob er der Latona selbst an die Kehle gegriffen hatte. Einige alte Herren sahen so erschrocken aus, als ob sie erwarteten, dass ihr Herr College fur diese verwegene Rede auf der Stelle zum Frosch werden wurde.

"Ich hege alle gebuhrende Achtung fur den geheiligten Teich" (fuhr Meidias, der alles wohl bemerkte, ganz gelassen fort); "aber ich berufe mich auf die innere Uberzeugung aller Menschen, deren Mutterwitz noch nicht ganz eingetrocknet ist, ob jemand unter uns ohne Unverschamtheit leugnen konne, dass die Menge der Frosche in Abdera ungeheuer ist?"

Die Ratsherren hatten sich indessen von ihrem ersten Schrecken wieder erholt; und wie sie sahen, dass Meidias noch immer in seiner eignen Gestalt da sass, und ungestraft hatte sagen durfen, was sie im Grunde allesamt als Wahrheit fuhlten: so fing einer nach dem andern an zu bekennen; und nach einer kleinen Weile zeigte sichs, dass der ganze Senat einhellig der Meinung war: es ware zu wunschen, dass der Frosche in Abdera weniger sein mochten.

Man ist in seinem eignen Hause nicht mehr vor ihnen sicher, sagte einer. Man kann nicht uber die Strasse gehen, ohne Gefahr zu laufen, einen oder ein paar zugleich mit jedem Tritte zu zerquetschen, sagte ein andrer. Man hatte der Freiheit, Frosch graben anzulegen, gleich Anfangs Schranken setzen sollen, sagte ein dritter. War ich damals im Senat gewesen, da die Stiftung der offentlichen Froschteiche beschlossen wurde, ich wurde meine Stimme nimmermehr dazu gegeben haben, sagte ein vierter. Wer hatte aber auch gedacht, dass sich die Frosche in wenig Jahren so unmenschlich vermehren wurden? sagte ein funfter. Ich sah es wohl vorher, sagte der Prasident der Akademie; aber ich habe mir zum Gesetze gemacht, mit den Priestern der Latona in Frieden zu leben.

Ich auch, sagte Meidias; aber unsre Umstande werden dadurch nichts gebessert.

Was ist also bei so gestalten Sachen anzufangen, meine Herren? frug endlich in seinem gewohnlichen nieselnden Tone der Archon Onokradias.

Da sitzt eben der Knoten, antworteten die Ratsherren aus einem Munde! Wenn uns nur jemand sagen wollte, was anzufangen ist?

Was anzufangen ist? rief Meidias hastig, und hielt plotzlich wieder inne.

Es erfolgte eine allgemeine Stille in der Ratsstube. Die weisen Manner liessen ihre Haupter auf die Brust fallen, und schienen, mit Anstrengung aller ihrer Gesichtsmuskeln nachzusinnen, was anzufangen sei.

Aber wofur haben wir denn eine Akademie der Wissenschaften in Abdera? rief nach einer Weile der Archon zu allgemeiner Verwunderung aller Anwesenden. Denn man hatte ihn seit seiner Erwahlung zum Archontat noch nie seine Meinung in einer rhetorischen Figur vorbringen horen.

Der Gedanke Seiner Hochweisheit ist unverbesserlich, versetzte der Ratsherr Meidias; man trage der Akademie auf, ihr Gutachten zu geben, durch was fur Mittel

Das ists eben, was ich meine, unterbrach ihn der Archon; wofur haben wir eine Akademie, wenn wir uns mit dergleichen subtilen Fragen die Kopfe zerbrechen sollen?

Vortrefflich! riefen eine Menge dicker Ratsherren, indem sie sich alle zugleich mit der flachen Hand uber ihre platten Stirnen fuhren die Akademie! die Akademie soll ein Gutachten stellen!

Ich bitte Sie, meine Herren, rief Hypsiboas, einer der Haupter der Republik; denn er war zur Zeit Nomophylax, erster Froschpfleger, und Mitglied des ehrwurdigen Collegiums der Zehnmanner. Aller dieser Wurden ungeachtet lebte schwerlich im ganzen Abdera ein Mann, der an Latonen und ihren Froschen im Herzen weniger Anteil nahm als er. Aber weil ihm der Jasonide Onokradias bei der letzten Archonswahl vorgezogen worden war, so hatte er sichs zum Grundsatz gemacht, dem neuen Archon immer und in allem zuwider zu sein. Er wurde daher von den Jasoniden und ihren Freunden nicht unbillig beschuldiget: dass er ein unruhiger Kopf sei, und mit nichts geringerm umgehe, als eine Partei im Rate zu formieren, welche sich allen Absichten und Schlussen der Jasoniden (die freilich seit langer Zeit den Meister in der Stadt gespielt hatten) entgegen setzen sollte. "Ich bitte Sie, meine Herren, ubereilen Sie sich nicht", rief Hypsiboas; "die Sache gehort nicht vor die Akademie, sie gehort vor das Collegium der Batrachotrophen. Es ware wider alle gute Ordnung, und wurde von den Priestern der Latona als die grobste Beleidigung aufgenommen werden mussen, wenn man eine Frage von dieser Natur und Wichtigkeit der Akademie auftragen wollte!"

Es betrifft aber keine blosse Froschsache, Hochgeachteter Herr Nomophylax, sagte Meidias mit seiner gewohnlichen spottelnden Gelassenheit; leider! ists, Dank sei es den schonen Anstalten, die man seit einigen Jahren getroffen hat, eine Staatssache

Und vielleicht die wichtigste, die jemals ein allgemeines Zusammentreten aller vaterlandischgesinnten Gemuter notwendig gemacht hat, fiel ihm Stentor ins Wort; Stentor, einer der heissesten Kopfe in der Stadt, und der seiner polternden Stimme wegen viel im Senat vermochte. Die Jasoniden hatten ihn, wiewohl er nur ein Plebejer war, durch die Vermahlung mit einer naturlichen Tochter des verstorbenen Erzpriesters Agathyrsus, auf ihre Seite gebracht, und pflegten sich gewohnlich seiner guten Stimme zu bedienen, wenn etwas gegen den Nomophylax Hypsiboas durchzusetzen war, der eine eben so starke, wiewohl nicht vollig so polternde Stimme hatte als Stentor.

Wohl bekam es diesmals den Ohren der abderitischen Ratsherren, dass sie durch das ewige Koax Koax ihrer Frosche ein wenig dickhautig geworden waren; sie wurden sonst in Gefahr gewesen sein, bei dieser Gelegenheit vollig taub zu werden. Aber man war solcher Artigkeiten auf dem Rathause zu Abdera schon gewohnt, und liess also die beiden machtigen Schreier, gleich zween eifersuchtigen Bullen, einander so lange anbrullen, bis sie vor Heiserkeit nicht mehr schreien konnten.

Da es von diesem Augenblick an nicht mehr der Muhe wert war, ihnen zuzuhoren, so fragte der Archon den Stadtschreiber: wieviel die Uhr sei? und auf die Versicherung, dass die Mittagsessenszeit herannahe, wurde unverzuglich zur Umfrage geschritten.

Hier beliebe man sich zu erinnern, dass es auf dem Rathause zu Abdera bei Abfassung eines Schlusses niemals darum zu tun war, die Grunde, welche fur oder wider eine Meinung vorgetragen worden waren, kaltblutig gegen einander abzuwagen, und sich auf die Seite desjenigen zu neigen, der die besten gegeben hatte: sondern man schlug sich entweder zu dem, der am langsten und lautsten geschrien hatte, oder zu dem, dessen Partei man hielt. Nun pflegte zwar die Partei des Archon in currenten Sachen fast immer die starkere zu sein; aber diesesmal, da es (mit dem Prasidenten der Akademie zu reden) eine so schlupfrige Sache betraf, wurde Onokradias schwerlich die Oberhand erhalten haben, wenn Stentor seine Lungenflugel nicht so ausserordentlich angegriffen hatte. Es wurde also mit 28 Stimmen gegen 22 beschlossen: dass der Akademie ein Gutachten abgefodert werden sollte, durch was fur Mittel und Wege der ubermassigen Vermehrung der Frosche in und um Abdera (jedoch der schuldigen Ehrfurcht fur Latonen und den Rechten ihres Tempels in alle Wege unbeschadet) Einhalt getan werden konnte?

Die Clausel hatte der Ratsherr Meidias ausdrukklich einrucken lassen, um die Partei des Nomophylax entweder zu gewinnen oder ihr wenigstens keinen Vorwand zu lassen, dessen sie sich bedienen konnte, das Volk gegen die Majoritat aufzuwiegeln. Aber der Nomophylax und sein Anhang versicherten, dass sie nicht so einfaltig waren, sich durch Clauseln eine Nase drehen zu lassen. Sie protestierten gegen den Schluss ad Protocollum, liessen sich davon Extractum in forma probante erteilen, und begaben sich unverzuglich in Procession zu dem Oberpriester Stilbon, um ihn von diesem unerhorten Eingriffe in die Rechte der Batrachotrophen und des Latonentempels Nachricht zu geben, und die Massnehmungen abzureden, welche zu Aufrechthaltung ihres Ansehens schleunigst ergriffen werden mussten.

Viertes Kapitel

Charakter und Lebensart des Oberpriesters Stilbon

Verhandlung zwischen den Latonenpriestern und

den Ratsherren von der Minoritat

Stilbon sieht die Sache aus einem eignen

Gesichtspunct an, und geht, dem Archon selbst

Vorstellungen zu machen

Merkwurdige Unterredung zwischen den

Zuruckgebliebnen

Der Oberpriester Stilbon war bereits der dritte, der dem ehrwurdigen Strobylus (dessen Asche im Frieden ruhe!) in dieser Wurde gefolgt war. In den Charakteren dieser beiden Manner war, den Eifer fur die Sache ihres Ordens ausgenommen, sonst wenig ahnliches. Stilbon hatte von Jugend an die Einsamkeit geliebt, und sich in den unzugangbarsten Gegenden des Latonenhains, oder in den abgelegensten Winkeln ihres Tempels mit Speculationen beschaftigt, die desto mehr Reiz fur seinen Geist hatten, je weiter sie sich uber die Grenzen der menschlichen Erkenntnis zu erheben schienen; oder, richtiger zu reden, je weniger sich der mindeste praktische Gebrauch zum Vorteil des menschlichen Lebens davon machen liess. Gleich einer unermudeten Spinne sass er im Mittelpunct seiner Gedanken- und Wortgewebe; ewig beschaftigt, den kleinen Vorrat von Ideen, den er in dem engen Bezirke des Latonentempels und bei einer so abgeschiedenen Lebensart hatte erwerben konnen, in so klare und dunne Faden auszuspinnen, dass er alle die unzahlbaren leeren Zellen seines Gehirns uber und uber damit austapezieren konnte.

Ausser diesen metaphysischen Speculationen hatte er sich am meisten mit den Altertumern von Abdera, Thracien und Griechenland, und besonders mit der Geschichte aller festen Lander, Inseln und Halbinseln, die (nach uralten Traditionen) einst da gewesen, aber seit undenklichen Zeiten nicht mehr da waren, zu tun gemacht. Der ehrliche Mann wusste kein Wort davon, was zu seiner eignen Zeit in der Welt vorging, und noch weniger, was 50 Jahre vor seiner Zeit darin vorgegangen; sogar die Stadt Abdera, an deren einem Ende er lebte, war ihm wenig bekannter als Memphis oder Persepolis. Dafur aber war er desto einheimischer in dem alten Pelasgerlande, wusste genau, wie jedes Volk, jede Stadt und jeder kleine Flecken geheissen, ehe sie ihren gegenwartigen Namen fuhrten; wusste, wer jeden in Ruinen liegenden Tempel gebauet hatte, und zahlte die Successionen aller der Konige an den Fingern her, die vor der Uberschwemmung Deukalions unter den Toren ihrer kleinen Stadte sassen, und jedem Recht sprachen, der sichs nicht selbst zu verschaffen im Stande war. Die beruhmte Insel Atlantis war ihm so bekannt, als ob er alle ihre herrlichen Palaste, Tempel, Marktplatze, Gymnasien, Amphitheater u.s.w. mit eignen Augen gesehen hatte; und er wurde untrostbar gewesen sein, wenn ihm jemand in seinem dicken Buche von den Wanderungen der Insel Delos, oder in irgend einem andern von den dicken Buchern, die er uber eben so interessante Materien hatte ausgehen lassen, die kleinste Unrichtigkeit hatte zeigen konnen.

Mit allen diesen Kenntnissen war Stilbon freilich ein sehr gelehrter, aber auch, ungeachtet derselben, ein sehr beschrankter, und in allen Sachen, die das praktische Leben betrafen, hochsteinfaltiger Mann. Seine Begriffe von den menschlichen Dingen waren fast alle unbrauchbar, weil sie selten oder nie auf die Falle passten, wo er sie anwandte. Er urteilte immer schief von dem, was gerade vor ihm stund, schloss immer richtig aus falschen Vordersatzen, wunderte sich immer uber die naturlichsten Ereignisse, und erwartete immer einen glucklichen Erfolg von Mitteln, die seine Absichten notwendig vereiteln mussten. Sein Kopf war und blieb, so lang er lebte, ein Sammelplatz aller popularen Vorurteile. Das blodeste alte Mutterchen in Abdera war nicht leichtglaubiger als er; und, so ungereimt es vielen unsrer Leser scheinen wird, so gewiss ist es, dass er vielleicht der einzige Mann in Abdera war, der in vollem Ernst an die Frosche der Latona glaubte.

Bei allem dem wurde der Oberpriester Stilbon durchgehends fur einen wohlgesinnten und friedliebenden Mann gehalten und in so ferne man ihm die negativen Tugenden, die eine notwendige Folge seiner Lebensart, seines Standes und seiner Neigung zum speculativen Leben waren, fur voll anrechnete: so konnte er allerdings fur weiser und besser gelten, als irgend einer seiner Mitabderiten. Diese letztern hielten ihn fur einen Mann ohne Leidenschaften, weil sie sahen, dass nichts von allem, was die Begierden andrer Leute zu reizen pflegt, Gewalt uber ihn hatte. Aber sie dachten nicht daran, dass er auf alle diese Dinge keinen Wert legte: entweder, weil er sie nicht kannte; oder, weil er durch eine lange Gewohnheit, bloss in Speculationen zu leben, sich Untuchtigkeit und Abneigung zu allem, was andre Gewohnheiten voraussetzt, zugezogen hatte.

Indessen hatte der gute Stilbon, wiewohl ohne es selbst zu wissen, eine Leidenschaft, welche ganz allein hinreichend war, soviel Unheil in Abdera anzustiften, als alle ubrigen, die er nicht hatte und das war die Leidenschaft fur seine Meinungen. Selbst aufs vollkommenste von ihrer Wahrheit uberzeugt, konnte er nicht begreifen, wie ein Mensch, wenn er auch nichts als seine blossen funf Sinne und den allgemeinsten Menschenverstand hatte, uber irgend etwas eine andre Vorstellungsart haben konne, als er. Wenn sich also dieser Fall zutrug, so wusste er sich die Moglichkeit desselben nicht anders zu erklaren, als durch die Alternative: dass ein solcher Mensch entweder nicht bei Sinnen oder dass er ein boshafter, vorsetzlicher und verstockter Feind der Wahrheit, und also ein ganz verabscheuenswurdiger Mensch sein musse. Durch diese Denkart war der Oberpriester Stilbon, mit aller seiner Gelehrsamkeit und mit allen seinen negativen Tugenden, ein gefahrlicher Mann in Abdera; und wurde es noch ungleich mehr gewesen sein, wenn seine Indolenz und sein entschiedener Hang zur Einsamkeit nicht alles, was um ihn her geschah, so weit von ihm entfernt hatte, dass es ihm selten bedeutend genug vorkam, um die mindeste Kenntnis davon zu nehmen.

Ich habe nie gehort, dass man Ursache haben konnte, sich uber eine allzugrosse Menge der Frosche zu beklagen, sagte Stilbon ganz gelassen, als der Nomophylax mit seinem Vortrag zu Ende war.

Davon soll itzt die Rede nicht sein, Herr Oberpriester, versetzte jener. Der Senat ist uber diesen Punct so ziemlich einer Meinung, und, ich denke, die ganze Stadt dazu. Aber dass der Akademie aufgetragen worden, die Mittel und Wege, wodurch der ubermassigen Froschmenge am fuglichsten abgeholfen werden konne, vorzuschlagen: das ists, was wir niemals zugeben konnen.

Hat der Senat der Akademie einen solchen Auftrag getan? fragte Stilbon.

"Sie horen ja, rief Hypsiboas etwas ungeduldig; das ists ja eben, was ich Ihnen sagte, und warum wir da sind."

So hat der Senat einen Schritt getan, wobei ihn seine gewohnliche Weisheit ganzlich verlassen hat, erwiderte der Priester eben so kaltblutig wie zuvor. Haben Sie den Ratschluss bei sich?

"Hier ist eine Abschrift davon!"

Hm, hm, sagte Stilbon und schuttelte den Kopf, nachdem er ihn sehr bedachtlich ein- oder zweimal uberlesen hatte; hier sind ja beinahe so viel Absurditaten als Worte! Primo: muss erst erwiesen werden, dass zu viel Frosche in Abdera sind; oder vielmehr, dies kann in Ewigkeit nicht erwiesen werden. Denn, um bestimmen zu konnen, was zu viel ist, muss man erst wissen, was genug ist; und dies ist gerade, was wir unmoglich wissen konnen, es ware denn, dass der delphische Apollo, oder seine Mutter Latona selbst, uns durch ein Orakel daruber verstandigen wollte. Die Sache ist sonnenklar. Denn da die Frosche unmittelbar unter dem Schutz und Einfluss der Gottin stehen: so ist es ungereimt zu sagen, dass ihrer jemals mehr seien, als der Gottin beliebt; und also braucht die Sache nicht nur gar keiner Untersuchung, sondern sie lasst auch keine Untersuchung zu. Secundo: gesetzt, dass der Frosche wirklich zu viel waren, so ist es doch ungereimt, von Mitteln und Wegen zu reden, wodurch ihre Anzahl vermindert werden konnte. Denn es gibt keine solche Mittel und Wege, wenigstens keine, die in unsrer Willkur stehen, welches eben so viel ist, als ob es gar keine gebe. Tertio: ist es ungereimt, der Akademie einen solchen Auftrag zu machen. Denn die Akademie hat nicht nur kein Recht, uber Gegenstande von dieser Wichtigkeit zu erkennen, sondern sie besteht auch, wie ich hore, grosstenteils aus Witzlingen und seichten Kopfen, die von solchen Dingen gar nichts verstehen; und zum klaren Beweis, dass sie nichts davon verstehen, sollen sie, wie ich hore, sogar albern genug sein, daruber zu scherzen und zu spotten. Ich traue diesen armen Leuten zu, dass es aus Unverstand geschieht. Denn, hatten sie mein Buch von den Altertumern des Latonentempels mit Bedacht gelesen: so mussten sie entweder aller Sinne beraubt, oder offenbare Bosewichter sein, wenn sie der Wahrheit, die ich darin sonnenklar dargelegt habe, widerstehen konnten. Das Senatusconsultum ist also, wie gesagt, durchaus ungereimt, und kann folglich von keinem Effect sein, indem ein absurder Satz eben so viel ist, als gar kein Satz. Sagen Sie dies unsern gnadigen Herren in der nachsten Session, hochgeachteter Herr Nomophylax! . Unsre gnadigen Herren werden sich unfehlbar eines Bessern besinnen; und solchenfalls werden wir am besten tun, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

"Herr Oberpriester", antwortete ihm Hypsiboas, "Sie sind ein grundgelehrter Mann, das wissen wir alle. Aber, nehmen Sie mir nicht ubel, auf Welthandel und Staatssachen verstehen Sich Ew. Ehrwurden nicht. Die Majora im Senat haben einen Schluss gefasst, der den Gerechtsamen der Batrachotrophen prajudicierlich ist. Indessen nach der Regel "Majora concludunt" bleibts bei diesem Ratsschlusse, und der Archon wird ihn zur Execution gebracht haben, eh ich in der nachsten Session Ihre logikalischen Einwendungen vortragen konnte, wenn ich mich auch damit beladen wollte."

Es kommt aber ja in solchen speculativen Dingen nicht auf die Majora, sondern auf die Saniora an, sagte Stilbon.

"Vortrefflich, Herr Oberpriester", versetzte der Nomophylax. "Das ist ein Wort! Die Saniora! die Saniora haben ohnstreitig Recht. Die Frage ist also itzt nur, wie wir es anzugreifen haben, dass sie auch Recht behalten. Wir mussen auf ein schleuniges Mittel denken, die Vollstreckung des Ratsschlusses zu suspendieren.

Ich will Sr. Gnaden, dem Archon, augenblicklich mein Buch von den Altertumern des Latonentempels schicken. Er muss es noch nicht gelesen haben. Denn in dem Kapitel von den Froschen ist alles, was uber diesen Gegenstand zu sagen ist, ins Klare gesetzt."

Der Archon hat in seinem Leben kein Buch gelesen, Herr Oberpriester, (sagte einer von den Ratsherren lachend,) als das abderitische Intelligenzblatt; dies Mittel wird nicht anschlagen, dafur bin ich Ihnen gut!

Desto schlimmer, erwiderte Stilbon. In was fur Zeiten leben wir, wenn das wahr ist? Wenn das Oberhaupt des Staats ein solches Beispiel gibt Doch, ich kann unmoglich glauben, dass es schon so weit mit Abdera gekommen sei.

"Sie sind auch gar zu unschuldig, Herr Oberpriester, sagte der Nomophylax. Aber lassen wir das auf sich beruhen! Es stunde noch gut genug, wenn das der grosste Fehler des Archons ware."

"Ich sehe nur ein Mittel in der Sache, sprach itzt einer von den Priestern, Namens Pamphagus; das hochpreisliche Collegium der Zehnmanner ist uber den Senat folglich "

Um Vergebung, fiel ihm ein Ratsherr ins Wort, nicht uber den Senat, sondern nur

"Sie haben mich nicht ausreden lassen, sagte der Priester etwas hitzig. Die Zehnmanner sind nicht uber den Senat, in Justiz- Staats- und Policeisachen. Aber da alle Sachen, wobei der Latonentempel betroffen ist, vor die Zehnmanner gehoren, und von ihrer Entscheidung nicht weiter appelliert werden kann: so ist klar, dass "

Die Zehnmanner nicht uber den Senat sind; fiel jener ein; denn der Senat behangt sich mit Latonensachen gar nicht, und kann also nie mit den Zehnmannern in Collision kommen.

"Desto besser fur den Senat, sagte der Priester. Aber, wenn sich denn ja einmal der Senat beigehen liesse, uber einen Gegenstand, der dem Dienst der Latona wenigstens sehr nahe verwandt ist, erkennen zu wollen, wie dermalen wirklich der Fall ist: so sehe ich kein ander Mittel, als die Zehnmanner zusammenberufen zu lassen."

Das kann nur der Archon, wandte Hypsiboas ein, und naturlicherweise wird er sich dessen weigern.

"Er kann sich nicht weigern, wenn er von dem Collegio der Priester darum angegangen wird", sagte Pamphagus.

Herr College, ich bin nicht Ihrer Meinung, fiel der Oberpriester ein. Es ware wider die Wurde der Zehnmanner, und sogar wider die Ordnung, wenn wir in vorliegendem Falle auf ihre Zusammenberufung dringen wollten. Die Zehnmanner konnen und mussen sich versammeln, wenn die Religion wirklich verletzt worden ist. Wo ist aber hier die Verletzung? Der Senat hat einen absurden Schluss gefasst, das ist alles. Es ist schlimm, aber nicht schlimm genug; Sie mussten denn erweisen konnen, dass die Zehnmanner darum da seien, den Senat zu syndicieren, wenn er ungereimte Schlusse macht.

Der Priester Pamphagus biss die Lippen zusammen, drehte sich nach dem Sitze des Nomophylax, und murmelte ihm etwas ins linke Ohr.

Stilbon, ohne darauf Acht zu geben, fuhr fort: ich will stehenden Fusses selbst zum Archon gehen. Ich will ihm mein Buch von den Altertumern des Latonentempels bringen. Er soll das Kapitel von den Froschen lesen! Es ist unmoglich, dass er nicht sogleich von der Ungereimtheit des Ratsschlusses uberzeugt werde.

"So gehen Sie dann und versuchen Sie Ihr Heil", sagte der Nomophylax. Der Oberpriester ging unverzuglich.

Was das fur ein Kopf ist! sagte der Priester Pamphagus, wie er weggegangen war.

Er ist ein sehr gelehrter Mann, versetzte der Ratsherr Bucephalus; aber

Ein gelehrter Mann? (sagte jener.) Was nennen Sie gelehrt? Gelehrt in lauter Dingen, die kein Mensch zu wissen verlangt

Davon konnen Ew. Ehrwurden besser urteilen als unser einer, erwiderte der Ratsherr; ich verstehe nichts davon; aber es ist mir doch immer unbegreiflich vorgekommen, dass ein so gelehrter Mann in Geschaftssachen so einfaltig sein kann wie ein kleines Kind.

Es ist unglucklich fur den Latonentempel, sagte ein andrer Priester

Und fur den ganzen Staat, setzte ein dritter hinzu.

Das weiss ich eben nicht, sprach der Nomophylax mit einem spitzfundigen Naserumpfen; wir wollen aber bei der Sache bleiben. Die Herren scheinen mir samtlich der Meinung zu sein, dass die Zehnmanner zusammenberufen werden mussten

Um so mehr, sagte einer der Ratsherren weil wir gewiss sind, die Majora gegen den Archon zu machen.

Wenn wir uns nicht besser helfen konnen, fuhr der Nomophylax fort, so bin ichs zufrieden. Aber sollten wir in einer Sache, wobei Latona und ihre Priesterschaft auf unsrer Seite sind, uns nicht noch besser helfen konnen? Machen wir nicht beinahe die Halfte des Rats aus? Wir sind bloss mit sechs Stimmen majorisiert worden; und wenn wir fest zusammenhalten

Das wollen wir, schrien die Ratsherren aus voller Kehle.

"Ich habe einen Gedanken, meine Herren; aber ich muss ihn reifer werden lassen. Erkiesen Sie zwei oder drei aus Ihrem Mittel, mit denen ich mich diesen Abend auf meinem Gartenhause naher von der Sache besprechen konne. Es wird sich inzwischen zeigen, wie weit es der Oberpriester mit dem Archon Onokradias gebracht haben wird."

Ich wette meinen Kopf gegen eine Melone, sagte der Priester Charox, er wird aus arg arger machen.

Desto besser, sagte der Nomophylax.

Funftes Kapitel

Was zwischen dem Oberpriester und dem Archon

vorgefallen eines der lehrreichsten Kapitel in

dieser ganzen Geschichte

Wahrend dass dies in dem Vorsaal des Oberpriesters verhandelt wurde, hatte sich dieser in eigner Person zum Archon erhoben, und uber eine Sache, woran dem Archon viel gelegen sei, Audienz verlangt.

O, das wird ganz gewiss die Frosche betreffen, sagte der Ratsherr Meidias, der eben allein bei dem Archon war, und ihm berichtet hatte, dass man den Nomophylax mit seinem ganzen Anhang nach dem Latonentempel gehen gesehen habe.

Dass doch der Henker verzeih mirs Latona! alle Frosche hatte, rief Onokradias ungeduldig; da wird mir der sauertopfische Pfaffe die Ohren so voll Warums und Darums schwatzen, dass ich am Ende nicht wissen werde, wo mir der Kopfsteht! Helfen Sie mir, ich bitte Sie, von dem gespenstmassigen alten Kerl!

Meidias lachte uber die Verlogenheit des Archons. Horen Sie ihm immer an, sagte er; aber halten Sie fest uber Ihrem Ansehen, und an dem Grundsatze, dass Not kein Gesetz hat. Wir konnen uns doch wahrlich nicht von Froschen auffressen lassen; und wenn's so fortgehen sollte wie bisher, so mochte uns Latona eben sowohl allzumal in Frosche verwandeln. Es ware immer noch das Glucklichste, was uns widerfahren konnte, wenn uns nicht bald auf andre Weise geholfen wird. Allenfalls kann's auch nicht schaden, wenn Ew. Gnaden dem Priester zu verstehen geben, dass Jason auch einen Tempel zu Abdera hat, und dass Gotter nur in so fern Gotter sind als sie Gutes tun.

Schon, schon, sagte der Archon. Wenn ich nur alles so behalten konnte, wie Sie mir's da gesagt haben! Aber ich will mich schon zusammennehmen. Lasst den Priester nur anrucken! Gehn Sie indessen in mein Cabinet, Meidias. Sie werden eine feine Anzahl kleiner Stucke vom Parrhasius darin finden, die man nicht uberall sieht Aber sagen Sie meiner Frau nichts davon! Sie verstehen mich doch?

Meidias schlich sich in das Cabinet; der Archon stellte sich in Positur, und Stilbon wurde vorgelassen.

"Gnadiger Herr Archon, sagte er, ich komme Ew. Gnaden einen guten Rat zu geben, weil ich eine grosse Meinung von Dero Weisheit hege, und gerne Unheil verhuten mochte."

Ich danke Ihnen fur beides, Herr Oberpriester! Ein guter Rat findet, wie Sie wissen, eine gute Statt. Was haben Sie anzubringen?

"Der Senat, fuhr Stilbon fort, hat sich, wie ich hore, in Sachen, die Frosche der Latona betreffend, eines ubereilten Schlusses schuldig gemacht"

Herr Oberpriester!

"Ich sage nicht, dass sie es aus bosem Willen getan. Die Menschen sundigen bloss, weil sie unwissend sind. Hier bringe ich Ew. Gnaden ein Buch, woraus Sie sich belehren konnen, was es mit unsern Froschen fur eine Bewandtnis hat. Es hat mir viele Muhe und Nachtwachen gekostet. Sie konnen daraus lernen, dass die Akademie, die von gestern her ist, kein Recht haben kann uber Frosche zu erkennen, die so alt sind, als die Gottheit der Latona. Die Frosche zu Abdera sind, wie wir alle wissen sollten, ganz ein ander Ding als die Frosche anderer Orte in der Welt. Sie gehoren der Latona an. Sie sind niemals aussterbende Zeugen und lebendige Documente ihrer Gottheit. Es ist Unsinn, zu sagen, dass ihrer zu viel sein konnten, und ein Sacrilegium, von Mitteln zu reden, wodurch ihre Anzahl vermindert werden soll."

Ein Sacrilegium, Herr Oberpriester?

"Ich verdiente nicht Oberpriester zu sein, wenn ich zu solchen Dingen schweigen wollte. Denn wenn wir einmal zugelassen hatten, dass die Anzahl der Latonenfrosche vermindert werden durfe: so mochten unsre noch schlimmern Nachkommen wohl gar so weit verfallen, sie ganzlich ausrotten zu wollen. Wie gesagt, in diesem Buche werden Ew. Gnaden alles finden, was von der Sache zu glauben ist. Sorgen Sie dafur, dass Abschriften davon gemacht, und jedes Haus mit einem Exemplar versehen werde. Ist dies geschehen, dann wird das Sicherste sein, gar nicht mehr uber die Sache zu raisonnieren. Die Akademie mag sonst Gutachten stellen woruber sie immer will. Die ganze Natur liegt vor ihr offen. Sie kann reden vom Elephanten bis zur Blattlaus, vom Adler bis zur Wassermotte, vom Walfisch bis zur Schmerle, und von der Zeder bis zum Lykopodion; aber von den Froschen soll sie schweigen!"

Herr Oberpriester, sagte der Archon, die Gotter sollen mich bewahren, dass ich mir jemals einfallen lasse zu untersuchen, was es mit ihren Froschen fur eine Bewandtnis hat. Ich bin Archon, um alles in Abdera zu lassen wie ich es gefunden habe. Indessen liegt am Tage, dass wir uns vor lauter Froschen nicht mehr ruhren konnen; und diesem Unwesen muss gesteuert werden. Denn schlimmer darfs nicht mit uns werden, das sehen Sie selbst. Unsre Voraltern begnugten sich, den geheiligten Teich zu unterhalten, und wer seinen eignen Froschgraben haben wollte, dem stund's frei. Dabei hatte man's lassen sollen. Da es aber nun einmal so weit mit uns gekommen ist, dass wir nachstens in Gefahr sind, lebendig oder tot von Froschen gegessen zu werden: so werden uns Ew. Ehrwurden doch wohl nicht zumuten wollen, dass wirs darauf ankommen lassen sollen? Denn wenn einer von Froschen gegessen wurde, so mocht's ihm wohl ein schlechter Trost sein, zu denken, dass es keine gemeine Frosche seien. Kurz und gut, Herr Oberpriester! die Akademie soll ihr Gutachten stellen, weil ihr's vom Senat aufgetragen worden ist, und mit aller Achtung, die ich Ew. Ehrwurden schuldig bin, ich werde Ihr Buch nicht lesen; und es soll mir ein fur allemal ausgemacht werden, ob die Frosche um der Abderiten willen, oder die Abderiten um der Frosche willen da sind. Denn sobald die Republik durch die Frosche in Gefahr gesetzt wird, sehen Sie, so wird eine Staatssache daraus, und da haben die Priester der Latona nichts drein zu reden, wie Sie wissen. Denn Not hat kein Gesetz, und mit einem Wort Herr Oberpriester, wir wollen uns nicht von Ihren Froschen essen lassen. Sollten Sie aber wider Verhoffen darauf bestehen: so tate mirs leid, wenn ich Ihnen sagen musste, dass der Latonentempel nicht der einzige in Abdera ist, und das goldne Vliess, dessen Verwahrung die Gotter meiner Familie anvertraut haben, konnte vielleicht eine bisher noch unerkannte Tugend aussern, und Abdera auf einmal von aller Not befreien. Mehr will ich nicht sagen. Aber merken Sie sich das, Herr Oberpriester! Der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht.

Der gute Oberpriester wusste nicht, ob er wache oder traume, da er den Archon, den er immer fur einen wohldenkenden und exemplarischen Regenten gehalten hatte, eine solche Sprache fuhren horte. Er stund eine Weile da, ohne ein Wort hervorbringen zu konnen; nicht weil er nichts zu sagen wusste, sondern weil er soviel zu sagen hatte, dass er nicht wusste, wo er anfangen sollte. Das hatte ich nimmermehr fur moglich gehalten, fing er endlich an, dass ich die Zeit erleben sollte, wo der Oberpriester der Latona aus dem Munde eines Archons horen musste, was ich gehort habe!

Dem Archon fing bei diesen Worten an unheimlich zu werden. Denn, weil er selbst nicht mehr so eigentlich wusste, was er dem Oberpriester gesagt hatte, so wurde ihm bange, dass er mehr gesagt haben mochte, als sich geziemte. Er sah mit einiger Verlegenheit nach der Kabinetture, als ob er seinen geheimen Rat Meidias gerne zu Hulfe gerufen hatte. Da er sich aber diesmal allein helfen musste, so zupfte er sich wechselsweise bald an der Nase, bald am Bart, hustete, rausperte sich, und erwiderte endlich dem Oberpriester mit aller Wurde, die er sich in der Eile geben konnte: Ich weiss nicht wie ich das nehmen soll, was Sie mir da sagten. Aber das weiss ich, wenn Sie was gehort zu haben glauben, das Sie nicht hatten horen sollen, so mussen Sie mich ganz unrecht verstanden haben. Sie sind ein sehr gelehrter Mann, und ich trage alle mogliche Achtung fur Ihre Person und Ihr Amt

Sie wollen also mein Buch lesen? fragte Stilbon.

"Das eben nicht aber wenn Sie darauf bestehen wenn Sie glauben, dass es schlechterdings "

Man soll das Gute niemand aufdringen, sagte der Priester mit einer Empfindlichkeit, uber die er nicht Meister war. Ich will es Ihnen da lassen. Lesen Sie es oder nicht! Desto schlimmer fur Sie, wenn Ihnen gleichgultig ist, ob Sie richtig oder unrichtig denken

Herr Oberpriester, fiel ihm der Archon, der endlich auch warm zu werden anfing, ins Wort, Sie sind ein empfindlicher Mann, wie ich sehe. Ich verdenk' es Ihnen zwar nicht, dass Ihnen die Frosche am Herzen liegen, denn dafur sind Sie Oberpriester. Sie sollten aber auch bedenken, dass ich Archon uber Abdera und nicht uber einen Froschteich bin. Bleiben Sie in Ihrem Tempel, und regieren Sie dort wie Sie wollen und konnen; auf dem Rathause lassen Sie uns regieren. Die Akademie soll ihr Gutachten uber die Frosche stellen, dafur geb' ich Ihnen mein Wort- und es soll Ihnen communiciert werden, eh der Senat einen Schluss daruber fasst, darauf konnen Sie sich auch verlassen!

Der Oberpriester verschlang seinen Unwillen uber den ganz unerwarteten schlechten Erfolg seines Besuchs so gut er konnte, machte seinen Buckling, und zog sich zuruck, mit der Versicherung, dass er vollkommen uberzeugt sei, dass der Senat nichts in Sachen weiter verfugen werde, ohne mit den Priestern des Latonentempels vorher einverstanden zu sein. Der Archon versicherte ihm dagegen zuruck, dass ihm die Rechte des Latonentempels so heilig seien, als die Rechte des Senats und das Beste der Stadt Abdera; und somit schieden sie, nach Gestalt der Sachen, noch ziemlich hoflich von einander.

Der hat mir warm gemacht, sagte der Archon zum Ratsherrn Meidias, indem er sich mit seinem Schnupftuch die Stirne wischte.

Sie haben sich aber auch tapfer gehalten, versetzte der Ratsherr. Das Pfaffchen wird Gift und Galle kochen; aber seine Blitze sind nur von Barenlappen. Man braucht nur sich auf seine Distinctionen und Syllogismen nicht einzulassen, so ist er geschlagen, und weiss weder wo aus noch wo ein.

Ja, wenn der Nomophylax nicht hinter ihm stake, erwiderte der Archon. Ich wollte, dass ich mich nicht so weit herausgelassen hatte. Aber was das auch fur eine Zumutung ist, das dicke Buch zu lesen, woran sich der hohlaugige alte Kerl blind geschrieben hat! Wer hatte nicht ungeduldig werden sollen?

Sorgen Sie fur nichts, Herr Archon! Wir haben die Akademie fur uns, und in wenig Tagen sollen auch die Lacher in ganz Abdera auf unsrer Seite sein. Ich will Liedchen und Gassenhauer unter das Volk streuen. Der Balladenmacher Lelex soll mir die Geschichte der lycischen Froschbauern in eine Ballade bringen, uber die sich die Leute krank lachen sollen. Man muss die Herren mit ihren Froschen lacherlich machen. Auf eine feine Art, versteht sich; aber Schlag auf Schlag, Gassenhauer auf Gassenhauer! Sie sollen sehen, wie das Mittel anschlagen wird.

Ich will es herzlich wunschen, sagte der Archon; denn Sie konnen sich kaum vorstellen, wie mir die verwetterten Frosche diesen Sommer uber meinen Garten zugerichtet haben! Ich kann den Jammer gar nicht mehr ansehen Es fehlt uns nichts, als dass nachstens ein trocknes Jahr kame, und uns noch eine Armee von Feldmausen und Maulwurfen uber den Hals schickte!

Furs erste wollen wir uns die Frosche vom Leibe schaffen, versetzte Meidias: fur die Mause, die noch kommen sollen, wirds dann auch Mittel geben!

Aber was, zum Henker, soll ich mit dem dicken Buche machen, das mir der Oberpriester zuruckgelassen hat? sagte der Archon Sie werden mir doch nicht zumuten wollen, dass ichs lesen soll?

Da sei Jason und Medea fur, Herr Archon, versetzte Meidias. Geben Sie mir's. Ich will's meinem Vetter Korax bringen, dem ohne Zweifel die Ausfertigung des Gutachtens von der Akademie aufgetragen werden wird. Er wird guten Gebrauch davon machen, dafur bin ich Ihnen Burge. Es mag schones Zeug drin stehen sagte der Archon. Wenn's sonst zu nichts zu gebrauchen ist, erwiderte der Ratsherr, so machen wir's zu Pulver, und geben's den Ratten ein, die, nach Ew. Gnaden Weissagung, noch kommen sollen. Es muss ein herrliches Rattenpulver geben!

Sechstes Kapitel

Was der Oberpriester Stilbon tat, als er wieder nach

Hause gekommen war

Das erste was der Oberpriester Stilbon tat, als er wieder in seiner Zelle angelangt war, war, dass er sich hinsetzte, und sein Werk von den Altertumern des Latonentempels vor die Hand nahm, in der Absicht, das Kapitel von den Froschen, welches das grosste Kapitel in dem ganzen Buche war, wieder zu durchlesen; und zwar (wie er sich wenigstens schmeichelte) mit aller Unparteilichkeit eines Richters, der kein ander Interesse bei der Sache hat, als die Entdeckung der Wahrheit. Denn so uberzeugt er auch von den Resultaten seiner Untersuchungen war, so hielt er doch fur billig und notig, eh er sich weiter einliesse, sein ganzes System und die Beweise desselben noch einmal Punct vor Punct zu prufen; um es, wenn er's auch bei dieser neuen und scharfen Untersuchung wahr befande, desto zuversichtlicher gegen alle Anfechtungen des Witzes und der Modephilosophie seiner Zeit behaupten zu konnen.

Armer Stilbon! wenn du (wie ich lieber glauben als nicht glauben will) aufrichtig warst, was fur ein betrugliches Ding ist es um eines Menschen Vernunft! und was fur eine glatte verfuhrerische Schlange ist die grosse Erzzauberin Eigenliebe!

Stilbon durchlas sein Kapitel von den Froschen mit aller Unparteilichkeit, deren er fahig war; prufte jeden Satz, jeden Beweis, jeden Syllogismus mit der Kaltblutigkeit eines Arcesilas, und fand: "dass man entweder dem allgemeinen Menschensinn entsagen, oder von seinem System uberzeugt werden musse."

Das kann nicht moglich sein, sagt ihr? Um Verzeihung, das kann sehr moglich sein; denn es ist geschehen, und geschieht noch immer alle Tage. Nichts ist naturlicher. Der gute Mann liebte sein System wie sein eigen Fleisch und Blut. Er hatte es aus sich selbst gezeugt. Es war ihm statt Weib und Kind, statt aller Guter, Ehren und Freuden der Welt, auf die er bei seinem Eintritt in den Latonentempel Verzicht getan hatte; es war ihm uber Alles. Als er sich hinsetzte, es von neuem zu prufen, war er bereits so vollkommen von der Wahrheit und Schonheit desselben uberzeugt, als von seinem eignen Dasein. Es erging ihm also naturlicherweise eben so, als wenn er sich hingesetzt hatte, um mit aller Kaltblutigkeit von der Welt zu untersuchen, ob der Schnee auf dem Gipfel des Hamus weiss oder schwarz sei?

"Dass die milischen Bauren, die der durstenden Latona aus ihrem Teiche zu trinken verwehrten, in Frosche verwandelt worden", (sagte Stilbon in seinem Buche,) "das ist Tatsache

Dass eine Anzahl dieser Frosche, auf die Art und Weise, wie die Tradition berichtet, nach Abdera in den Teich des Latonenhains versetzt worden, ist Tatsache.

Beide Facta grunden sich auf das, worauf sich alle historische Wahrheit grundet, auf menschlichen Glauben an menschliches Zeugnis; und so lange Abdera steht, hat sich kein vernunftiger Mensch einfallen lassen, dem allgemeinen Glauben der Abderiten an diese Facta zu widersprechen. Denn wer sie leugnen wollte, musste ihre Unmoglichkeit beweisen konnen; und wo ist der Mensch auf Erden, der dies konnte?

Aber, ob die Frosche, die sich zu unsern heutigen Zeiten in dem geheiligten Teiche befinden, eben diejenigen seien, die von Latonen, oder (was auf Eines hinauslauft) von Jupitern auf Latonens Bitte, in Frosche verwandelt worden: daruber sind bisher verschiedene Meinungen gewesen.

Unsre Gelehrten haben grosstenteils davor gehalten, dass die Unterhaltung des geheiligten Teichs als blosses Institut unsrer Voraltern, und die darin aufbewahrten Frosche, als blosse Erinnerungszeichen der Macht unsrer Schutzgottin, mit gebuhrender Ehre anzusehen seien.

Das gemeine Volk hingegen hat von diesen Froschen immer eben so gesprochen und geglaubt, als ob sie die namlichen waren, an denen das bekannte Wunder geschehen sei.

Und Ich Stilbon, von Jupiters und Latonens Gnaden, zur Zeit Oberpriester von Abdera, habe nach reiflicher Erwagung der Sache befunden, dass dieser Glaube des Volks sich auf unumstossliche Grunde stutzt; und hier ist mein Beweis! " Der geneigte Leser wurde sich wahrscheinlicherweise schlecht erbaut finden, wenn wir ihm diesen Beweis, so weitlauftig als er in besagtem Buch des Oberpriesters Stilbon vorgetragen ist, zu lesen geben wollten; zumal da wir alle von dem Ungrund desselben zum voraus wenigstens eben so vollkommen uberzeugt sind, als es der gute Stilbon von dessen Grundlichkeit war. Wir begnugen uns also nur mit zwei Worten zu sagen: dass sich sein ganzes System uber die mehrbesagten Frosche um eine heutigs Tages sehr gemeine, damals aber (in Abdera wenigstens) ganz neue, und (nach Stilbons ausdrucklicher Versicherung) von ihm selbst erfundene Hypothese drehte; namlich um die Lehre: "dass alle Zeugung nichts anders als Entwicklung ursprunglicher Keime sei. " Stilbon fand diese Entdekkung, als er sie zuerst machte, so schon, und wusste sie mit so vielen dialektischen und moralischen Grunden (denn die Physik war seine Sache nicht) zu unterstutzen, dass sie ihm mit jedem Tage wahrscheinlicher vorkam.

Endlich glaubte er sie auf den hochsten Grad der Wahrscheinlichkeit gebracht zu haben. Da nun von dieser zur Gewissheit nur noch ein leichter Sprung zu tun ist: was Wunder, dass ihm eine so sinnreiche, so subtile, so wahrscheinliche Hypothese eine Hypothese, die er selbst erfunden, mit so vieler Muhe ausgearbeitet, mit allen seinen ubrigen Ideen in Verbindung gesetzt, und zur Grundlage eines neuen durchaus raisonnierten Systems uber die Latonenfrosche gemacht hatte, zuletzt eben so gewiss, anschaulich und unzweifelhaft vorkam, als irgend ein Lehrsatz im Euklides?

"Als die milischen Bauren verwandelt wurden, (sagte Stilbon,) fuhrten sie die Keime aller Bauren und Nichtbauren, die von damals an bis auf diesen Tag, und von diesem Tage bis ans Ende der Tage nach dem ordentlichen Lauf der Natur von ihnen entspringen konnten und sollten, in eben soviel ineinandergeschobenen Keimen bei sich; und in dem Augenblick, da besagte milische Bauren zu Froschen wurden, wurden auch die samtlichen Menschenkeime, die jeder bei sich fuhrte, in Froschkeime verwandelt. Denn (sagt er) entweder wurden diese Keime vernichtet, oder sie wurden ranificiert, oder sie wurden gelassen wie sie waren. Das erste ist unmoglich, weil aus Etwas eben so wenig Nichts, als aus Nichts Etwas werden kann. Das dritte lasst sich auch nicht denken; denn waren die besagten Keime Menschenkeime geblieben, so mussten die milischen oder Menschenfrosche wirkliche Menschen gezeugt haben, welches wider die historische Wahrheit, und an sich selbst in alle Wege ungereimt ist. Es bleibt also nur das zweite ubrig, namlich: sie sind ranificiert, d.i. in Froschkeime verwandelt worden; und man kann also mit vollkommner Richtigkeit sagen: dass die Frosche, die sich auf diesen Tag in dem geheiligten Teiche befinden, und alle ubrigen, deren Abstammung von denselben erweislich ist, folglich die samtlichen Frosche in Abdera, eben diejenigen sind, welche von Latonen in Frosche verwandelt worden; namlich in so fern sie damals in den froschwerdenden Bauern im Keim vorhanden waren, und zugleich uno eodemque actu mit ihnen verwandelt wurden."

Dies nun ein fur allemal als erwiesene Wahrheit angenommen, schien dem ehrlichen Stilbon nichts sonnenklarer (wie er zu sagen pflegte) als die Folgerungen, die gleichsam von selbst daraus abflossen. "So wie, zum Beispiel, eine vom Strahl getroffne Eiche, als eine Res sacra, als dem Donnerer Zeus angehorig und geheiligt, mit schaudernder Ehrfurcht angesehen wird: eben so mussen, sagte er, die von Latonen oder Jupitern verwandelten Menschenfrosche, nebst allen ihren im Keim mitverwandelten Abkommlingen bis ins tausendste und zehntausendste Glied, als eine Art wundervoller der Latona angehoriger Mittelwesen angesehen, und also auch als solche behandelt und geehret werden. Sie sind zwar, dem Ausserlichen nach, Frosche wie andre; aber sie sind gleichwohl auch keine Frosche wie andre. Denn, da sie von Geburt und Natur Menschen gewesen waren, und alles was wir von Natur und Geburt sind uns einen unausloschlichen Charakter gibt: so sind sie nicht sowohl Frosche als Froschmenschen, und also in gewissem Sinne noch immer unsers Geschlechts, unsre Bruder, unsre verungluckten Bruder, zu unsrer Warnung mit dem furchtbaren Stempel der Rache der Gotter bezeichnet, aber eben darum unsers zartlichsten Mitleidens wurdig. Doch nicht nur unsers Mitleidens (setzte Stilbon hinzu), sondern auch unsrer Ehrerbietung; da sie fortdaurende unverletzliche Denkmaler der Macht unsrer Gottin sind, an denen man sich nicht vergreifen kann, ohne sich an ihr selbst zu vergreifen; indem ihre Erhaltung durch so viele Jahrhunderte der redendste Beweis ist, dass sie solche erhalten wissen wolle."

Der gute Oberpriester ein Mann, der unsern Lesern so gar verachtlich, wie er ihnen vermutlich ist, nicht vorkommen wurde, wenn sie sich recht an seinen Platz zu stellen wussten hatte den ganzen Abend mit Durchlesung und Uberdenkung seines Kapitels uber die Frosche zugebracht, und sich in die Bestrebung, sein System mit neuen Grunden zu befestigen, so vertieft, dass ihm ganzlich aus dem Sinne gekommen war, wie er dem Nomophylax versprochen habe, ihm von dem Erfolg seines Besuchs bei dem Archon Nachricht zu geben. Er erinnerte sich dessen nicht eher, als da er um die Dammerungszeit die Ture seiner Zelle aufgehen horte, und den Nomophylax in eigner Person vor sich stehen sah.

"Ich habe Ihnen nicht viel trostliches zu berichten, rief er ihm entgegen; wir sind in schlechtern Handen als ich mir jemals vorgestellt hatte. Der Archon weigerte sich, mein Buch zu lesen, vielleicht weil er uberall gar nicht lesen kann."

Dafur wollt' ich nicht Burge sein, sagte Hypsiboas.

"Und er sprach in einem Tone, dessen ich mich zu einem Oberhaupte der Republik nimmermehr versehen hatte."

Was sagte er denn?

"Ich danke dem Himmel, dass ich das Meiste wieder vergessen habe, was er sagte. Genug, er bestand darauf, dass die Akademie ihr Gutachten geben musste "

Das soll sie wohl bleiben lassen mussen, fiel der Nomophylax ein; die Gegenfroschler sollen mehr Widerstand finden, als sie sich vermuten waren. Aber, damit man uns nicht beschuldigen konne, dass wir gewalttatig zu Werke gehen, eh wir die gelindern Mittel versucht haben, ist die samtliche Minoritat entschlossen, dem Senat ungesaumt eine schriftliche Vorstellung zu tun, wofern die Latonenpriesterschaft geneigt ist, gemeine Sache mit uns zu machen.

"Von Herzen gerne, sagte Stilbon ich will die Vorstellung selbst aufsetzen; ich will ihnen dartun"

Vor der Hand, unterbrach ihn der Nomophylax, kann es an einem kurzen Promemoria, welches ich bereits, sub spe rati et grati, aufgesetzt habe, genug sein. Wir mussen eine so gelehrte Feder wie die Ihrige auf den letzten Notfall aufsparen.

Der Oberpriester liess sich zwar berichten; setzte sich aber vor, noch in dieser Nacht an einem kleinen Tractatchen zu arbeiten, worin er sein System uber die Latonenfrosche in ein neues Licht setzen, und auf eine noch feinere Art, als es in seinem Werke von den Altertumern des Latonentempels geschehen war, allen Einwendungen zuvorkommen wollte, welche der Philosoph Korax dagegen machen konnte. Vorgesehene Pfeile schaden desto weniger, sagte er zu sich selbst. Ich will die Sache so klar und deutlich hinlegen, dass auch die Einfaltigsten uberzeugt werden sollen. Es musste doch wahrlich nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn die Wahrheit ihre naturliche Macht uber den Verstand der Menschen nur gerade in diesem Falle verloren haben sollte!

Siebentes Kapitel

Auszuge aus dem Gutachten der Akademie

Ein Wort uber die Absichten, welche Korax dabei

gehabt, mit einer Apologie, woran Stilbon und

Korax gleichviel Anteil nehmen konnen

Inzwischen hatte, wahrend aller dieser Bewegungen unter der Minoritat des Senats und unter den Latonenpriestern, die Akademie eine Weisung bekommen, ihr Gutachten, "durch was fur diensame Mittel der ubermassigen Froschmenge (den Gerechtsamen der Latona unbeschadet) aufs schleunigste gesteuert werden konnte", binnen sieben Tagen an den Senat abzugeben.

Die Akademie ermangelte nicht, sich den nachstfolgenden Morgen zu versammeln. Da die Gegenfroschler zur Zeit den grossten Teil derselben ausmachten: so wurde die Ausfertigung des Gutachtens dem Philosophen Korax aufgetragen; jedoch von Seiten des Prasidenten mit der ausdrucklichen Erinnerung: dass er sich aufs sorgfaltigste huten mochte, die Akademie in keine bose Handel mit der Latonenpriesterschaft zu verwickeln.

Korax versprach, dass er alle seine Weisheit aufbieten wolle, die Wahrheit, wo moglich, auf eine unanstossige Art zu sagen. Denn zum Unmoglichen, setzte er hinzu, ist, wie meine Hochgeehrten Herren wissen, niemand in keinem Falle verbunden.

Darin haben Sie recht, versetzte der Prasident: meine Meinung ging auch bloss dahin, dass Sie sich moglichst in Acht nehmen sollten. Denn der Wahrheit darf die Akademie freilich so viel moglich nichts vergeben.

Das ists was ich immer sage, erwiderte Korax.

"In was fur eine seltsame Lage doch ein ehrlicher Mann kommen kann, sobald er das Ungluck hat, ein Abderit zu sein!" sagte Korax zu sich selbst, da er sich anschickte, das Gutachten der Akademie uber die Froschsache zu Papier zu bringen. "In welcher andern Stadt auf dem Erdboden wurde man sichs einfallen lassen, einer Akademie der Wissenschaften eine solche Frage Vorzulegen? Und gleichwohl ists dem Senat noch zum Verdienste anzurechnen, dass er noch so viel Verstand und Mut gehabt hat, die Akademie zu fragen. Es gibt Stadte in der Welt, wo man so was nicht auf die Akademie ankommen lasst. Man muss gestehen, dass die Abderiten zuweilen vor lauter Narrheit auf einen guten Einfall stossen!"

Korax setzte sich also an seinen Schreibtisch, und arbeitete mit so viel Lust und Liebe zum Ding, dass er noch vor Sonnenuntergang mit seinem Gutachten fertig war.

Da wir dem geneigten Leser eine, wo nicht ausfuhrliche, doch hinlangliche Nachricht von dem System des Oberpriesters Stilbon gegeben haben: so erfodert die Unparteilichkeit, welche die erste Pflicht eines Geschichtschreibers ist, dass wir ihnen auch von dem Inhalt dieses akademischen Gutachtens wenigstens so viel mitteilen, als zum Verstandnis dieser merkwurdigen Geschichte vonnoten zu sein scheint.

"Der hohe Senat, sagte Korax im Eingang seiner Schrift, setzt in dem der Akademie zugefertigten verehrlichen Ratsschlusse voraus, dass die Froschmenge in Abdera die Volksmenge dermalen in einem unmassigen und enormen Grade ubersteige; und uberhebt dadurch die Akademie der unangenehmen Arbeit, erst beweisen zu mussen, was als eine stadt- und weltkundige Tatsache vor jedermanns Augen liegt.

Es gewinnt demnach das Ansehen, als ob die Akademie, bei so bewandter Sache, sich bloss uber die Mittel zu erklaren hatte, wodurch diesem Unwesen am schleunigsten abgeholfen werden kann.

Allein, da die Frosche in Abdera, vermoge eines uralten und ehrwurdig gewordnen Instituts und Glaubens unsrer Voraltern, Vorrechte erlangt haben, in deren Besitze sie zu storen vielen bedenklich, und manchen wohl gar unerlaubt scheinen mag; und da es, vermoge der Natur der Sache, leicht geschehen konnte, dass die einzigen diensamen Mittel, welche die Akademie in dem gegenwartigen aussersten Notstande des gemeinen Wesens vorzuschlagen haben mochte, jenen wirklichen oder vermeinten Gerechtsamen der abderitischen Frosche Abbruch zu tun scheinen konnten: so wird es eben so zweckmassig als unumganglich sein, eine historisch-pragmatische Beleuchtung der Frage: 'was es mit unsern besagten Froschen fur eine besondere Bewandtnis habe', vorauszuschicken.

Die Akademie bittet sich also bei diesem theoretischen Teile ihres untertanigsten und unmassgeblichen Gutachtens von allen hoch- und wohlansehnlichen Mitgliedern des hohen Senats um so mehr geneigte Aufmerksamkeit aus, als der gluckliche Erfolg dieser ganzen der Republik so hoch angelegnen Sache lediglich von Berichtigung der Praliminarfrage abhangt: ob und in wiefern die Frosche zu Abdera als wirkliche Frosche anzusehen seien oder nicht?"

Diese Berichtigung nimmt in dem Gutachten selbst mehr als zwei Drittel des Ganzen ein. Der schlaue Philosoph, wohl eingedenk dessen, was er dem vorsichtigen Prasidenten versprochen, erwahnt der Verwandlung der milischen Bauern nur im Vorbeigehen, und mit aller Ehrerbietung, die man einer alten Volkssage schuldig ist. Er setzt sie, mit Beziehung auf das Buch des Oberpriesters Stilbon von den Altertumern des Latonentempels, als eine Sache voraus, die keinem mehrern Zweifel ausgesetzt ist, als die Verwandlung des Narcissus in eine Blume, des Cyknus in einen Schwan, der Daphne in einen Lorbeerbaum, oder irgend eine andre Verwandlung, die auf einem eben so festen Grunde beruhet. Wenn es auch nicht unzulassig und unanstandig ware, dergleichen uralte Sagen leugnen zu wollen: so ware es, meint er, unverstandig. Denn da es auf der einen Seite unmoglich sei, ihre Glaubwurdigkeit durch historische Zeugnisse umzustossen, und auf der andern kein Naturforscher in der Welt im Stande sei, ihre absolute Unmoglichkeit zu erweisen: so werde jeder Verstandige sich um so lieber enthalten sie zu bezweifeln, als er doch weiter nichts dagegen sagen konnte, als die gemeinen Plattheiten, "es ist unglaublich, es ist wider den Lauf der Natur" und dergleichen Formeln, die auch dem schalsten Kopfe beim ersten Anblick eben so gut einfallen mussten. Er betrachte also die Umgestaltung der milischen Bauern in Frosche als eine auf sich beruhende Sache; behaupte aber, dass ihre Wahrheit bei der vorliegenden Frage vollkommen gleichgultig sei. Denn es werde doch wohl niemand leugnen wollen, dass diese milischen Menschfrosche schon ein paar tausend Jahre wenigstens tot und abgetan seien und gesetzt auch, dass die abderitischen Frosche ihre Abstammung von denselben genuglich erweisen konnten; so wurden sie damit doch weiter nichts erwiesen haben, als dass sie seit undenklichen Zeiten von Vater zu Sohn wahre echtgebrochne Frosche seien. Denn so wie die mehrbesagten milischen Bauern durch ihre Verwandlung, und von dem Augenblick ihrer Einfroschung an, aufgehort hatten, Menschen zu sein, so hatten sie auch, von solchem Augenblick an, nichts anders als ihres gleichen, namlich leibhafte naturliche Frosche zeugen konnen. Mit einem Wort, Frosche seien Frosche, und der Umstand, dass ihre ersten Stammvater vor ihrer Verwandlung milische Bauern gewesen, verandre eben so wenig an ihrer gegenwartigen Froschnatur, als wenig ein von zwei und dreissig Ahnen her geborner Bettler fur einen Prinzen angesehen werde, wenn gleich erweislich ware, dass der erste Bettler seines Stammbaums in gerader Linie von Ninus und Semiramis entsprossen sei. Die Anhanger der entgegenstehenden Meinung schienen dieses auch selbst so gut einzusehen, dass sie, um die vorgebliche hohere Natur der abderitischen Frosche zu begrunden, ihre Zuflucht zu einer Hypothese nehmen mussten, deren blosse Darstellung alle Widerlegung uberflussig mache.

Der scharfsinnige Leser (und es versteht sich von selbst, dass ein Werk wie dies keine andre Leser haben kann) wird sogleich ohne unser Erinnern bemerkt haben, dass Korax durch diese Einlenkung auf des Oberpriesters Stilbon System von den Keimen kommen wollte, welches er ehe er es wagen durfte, mit seinem Vorschlag wegen Verminderung der Frosche hervorzurucken entweder widerlegen oder lacherlich machen musste.

Da von diesen zween Wegen der letzte zugleich der

bequemste und der Fahigkeit der Hoch- und Wohlweisheiten, mit denen er's zu tun hatte, der angemessenste war: so begnugte sich Korax, das Unbegreifliche dieser Hypothese durch eine komische Berechnung der unendlichen Kleinheit der angeblichen Keime zum Ungereimten zu treiben.

"Wir wollen, sagte er, um die Aufmerksamkeit des

hohen Senats nicht ohne Not mit arithmetischen Subtilitaten zu ermuden, annehmen, der Sohn des grossten und dicksten von den froschgewordnen Miliern habe sich in seinem Keimstande zu seinem Vater verhalten wie 1 zu 10,000000. Wir wollen es, bloss um der runden Zahl willen, so annehmen; wiewohl ohne grosse Muhe zu erweisen ware, dass der grosste unter allen Homunculis, als ein Keim, wenigstens noch zehnmal kleiner ist, als ich angegeben habe. Nun steckt, nach des Priester Stilbons Meinung, in diesem Keim, nach gleicher Proportion verkleinert, der Keim des Enkels, im Keim des Enkels der Keim des Urenkels, und so in jedem folgenden Abkommling bis ins tausendste Glied, immer mit jedem Grad 10 millionenmal kleiner, der Keim des nachstfolgenden; so dass der Keim eines itzt lebenden abderitischen Frosches, gesetzt dass er auch nur im dreissigsten Grade von seinem Stammvater dem milischen Froschmenschen entfernt ware, damals da er sich als Keim in seinem besagten Stammvater befand, um so viele Millionen, Billionen, Trillionen u.s.w. kleiner als eine Kasemilbe hatte gewesen sein mussen, dass der geschwindeste Schreiber, den der hohe Senat von Abdera in seiner Kanzlei hat, in zweihundert Jahren mit allen den Nullen, die er, um diese Zahl zu bezeichnen, schreiben musste, kaum fertig werden konnte; und das ganze Gebiet der preiswurdigen Republik (so viel namlich davon noch nicht in Froschgraben verwandelt ist) schwerlich Raum genug fur das Papier oder Pergament hatte, welches diese ungeheure Zahl zu fassen gross genug ware. Die Akademie uberlasst es dem Ermessen des Senats, ob das allerwinzigste aller kleinen Tierchen in der Welt winzig genug sei, sich von einer solchen unaussprechlich winzigen Kleinheit einen Begriff zu machen? und ob man also anders glauben konne, als dass dem ehrwurdigen Oberpriester etwas Menschliches begegnet sein musse, da er die Hypothese von den Keimen erfunden, um der vorgeblichen Heiligkeit der abderitischen Frosche eine zwar nicht sehr scheinbare, aber wenigstens doch sehr dunkle und unbegreifliche Unterlage zu geben?

Die Akademie hat mit allem Fleiss die Einbildungskraft der erlauchten Vater des Vaterlandes nicht uber die Gebuhr anstrengen wollen. Wenn man aber bedenkt, wie kurz das naturliche Leben eines Frosches ist, und dass unsre dermaligen Frosche, nach der Voraussetzung, wenigstens im funfhundertsten Grade von den milischen Bauern abstammen: so verliert sich die Hypothese des sehr ehrwurdigen Oberpriesters in einem solchen Abgrund von Kleinheit, dass es ungereimt, und, die Wahrheit zu sagen, grausam ware, nur ein Wort weiter davon zu sagen.

Die Natur ist (wie die beruhmte Aufschrift zu Sais sagt) alles was ist, was war und was sein wird, und ihren Schleier hat noch kein Sterblicher aufgedeckt. Die Akademie, von dieser grossen Wahrheit tiefer als sonst irgend jemand durchdrungen, ist weit entfernt, sich einiger besondern und genauern Einsicht in Geheimnisse, welche unergrundlich bleiben sollen, anzumassen. Sie glaubt, dass es vergebens sei, von der Entstehungsart der organisierten Wesen mehr wissen zu wollen, als was die Sinnen bei einer anhaltenden Aufmerksamkeit davon entdecken. Und wenn sie es ja fur erlaubt halt, dem angebornen Triebe des menschlichen Geistes sich alles begreiflich machen zu wollen durch Hypothesen nachzuhangen: so findet sie diejenige noch immer die naturlichste, vermoge deren die Keime der organischen Korper durch die geheimen Krafte der Natur erst alsdann gebildet werden, wenn sie ihrer wirklich vonnoten hat. Dieser Erklarungsart zufolge, ist der Keim eines jeden itztlebenden quakenden Geschopfes in allen Sumpfen und Froschgraben von Abdera nicht alter als der Moment seiner Zeugung, und hat mit dem individuellen Frosche, der zur Zeit des trojanischen Krieges quakte, und von welchem der itztlebende in gerader Linie abstammt, weiter nichts gemein, als dass die Natur beide nach einem gleichformigen Modell, durch gleichformige Werkzeuge, und zu gleichformigen Absichten gebildet hat."

Der Philosoph Korax, nachdem er ein langes und breites zu Befestigung dieser Meinung vorgebracht, zieht endlich die Folgerung daraus: dass die abderitischen Frosche eben so naturliche, gemeine und alltagliche Frosche seien als alle ubrige Frosche in der Welt; und dass also die sonderbaren Vorrechte, deren sie sich in Abdera zu erfreuen hatten, sich nicht auf irgend eine Vorzuglichkeit ihrer Natur und vorgebliche Verwandtschaft mit der menschlichen, sondern bloss auf einen popularen Glauben grundeten, welchen man, zu grosstem Nachteil des gemeinen Wesens, allzulange unbestimmt und in einem Dunkel gelassen habe, unter dessen Begunstigung die Einbildungskraft der einen und der Eigennutz der andern freien Spielraum gehabt habe, mit diesen Froschen eine Art von Unfug zu treiben, wovon man ausserhalb Aegypten schwerlich ein ahnliches Beispiel in der Welt finden werde.

"Die Altertumer von Abdera (fahrt er fort) liegen, ungeachtet alles Lichtes, welches der ehrwurdige und gelehrte Stilbon so reichlich uber sie ausgegossen, noch immer wie die Altertumer aller andern Stadte in der Welt in einem Nebel, dessen Undurchdringlichkeit dem wahrheitsbegierigen Forscher wenig Hoffnung lasst, seine Begierde jemals befriediget zu sehen. Aber, wozu hatten wir denn auch vonnoten, mehr davon zu wissen als wir wirklich wissen? Was es auch mit dem Ursprung des Latonentempels und seines geheiligten Froschgrabens fur eine Bewandtnis haben mag, wurde etwa, wenn wir diese Bewandtnis wussten, Latona mehr oder weniger Gottin, ihr Tempel mehr oder weniger Tempel, und ihr Froschgraben mehr oder weniger Froschgraben sein? Latona soll und muss in ihrem uralten Tempel verehrt, und ihr uralter Froschgraben soll und muss in gebuhrenden Ehren gehalten werden. Beides ist Institut unsrer altesten Vorfahren, ehrwurdig durch das graueste Altertum, befestigt durch die Gewohnheit so vieler Jahrhunderte, unterhalten durch den ununterbrochnen fortgepflanzten allgemeinen Glauben unsers Volkes, geheiligt und unverletzlich gemacht durch die Gesetze unsrer Republik, welche die Bewachung und Beschutzung desselben dem ansehnlichsten Collegio des Staats anvertraut haben. Aber, wenn Latona, oder Jupiter um Latonens willen, die milischen Bauren in Frosche verwandelt hat: folgt denn daraus, dass alle Frosche der Latona heilig sind, und sich des priesterlichen Vorrechts der personlichen Unverletzlichkeit anzumassen haben? Und, wenn unsre wackern Vorfahren fur gut befunden haben, zum ewigen Gedachtnis jenes Wunders, im Bezirk des Latonentempels einen kleinen Froschgraben zu unterhalten: folgt denn daraus, dass ganz Abdera in eine Froschlache verwandelt werden muss?

Die Akademie kennt sehr wohl die Achtung, die man gewissen Meinungen und Gefuhlen des Volks schuldig ist. Aber dem Aberglauben, in welchen sie immer auszuarten bereit sind, kann doch nur so lange nachgesehen werden, als er die Grenzen der Unschadlichkeit nicht gar zu weit uberschreitet. Frosche konnen in Ehren gehalten werden; aber die Menschen den Froschen auf zuopfern ist unbillig. Der Zweck, um dessentwillen die Abderiten, unsre Vorfahren, den geheiligten Froschteich einsetzten, hatte freilich auch durch einen einzigen Frosch erreicht werden konnen. Doch, lass es sein, dass ein ganzer Teich voll gehalten wurde; wenn es nur bei diesem einzigen geblieben ware! Abdera wurde darum nicht weniger bluhend, machtig und glucklich gewesen sein. Bloss der seltsame Wahn, dass man der Frosche und Froschteiche nicht zuviel haben konne, hat uns dahin gebracht, dass uns nun wirklich keine andre Wahl ubrig bleibt als, uns entweder dieser uberlastigen und allzufruchtbaren Mitburger ungesaumt zu entladen, oder alle insgesamt mit blossen Hauptern und Fussen nach dem Latonentempel zu wallen, und mit fussfalligem Bitten so lange bei der Gottin anzuhalten, bis sie das alte Wunder an uns erneuert, und auch uns, so viel unsrer sind, in Frosche verwandelt haben wird.

Die Akademie musste sich sehr groblich an der Weisheit der Haupter und Vater des Vaterlandes versundigen, wenn sie nur einen Augenblick zweifeln wollte, dass das Mittel, welches sie in einer so verzweifelten Lage vorzuschlagen aufgefodert worden, und das einzige, welches sie vorzuschlagen im Stande ist, nicht mit beiden Handen ergriffen werden sollte. Dieses Mittel hat alle von dem hohen Senat erforderten Eigenschaften; es ist in unsrer Gewalt, es ist zweckmassig und von unmittelbarer Wirkung; es ist nicht nur mit keinem Aufwand, sondern sogar mit einer namhaften Ersparnis verbunden; und weder Latona noch ihre Priester konnen, unter den gehorigen Einschrankungen, etwas dagegen einzuwenden haben."

Und nun rate der geneigte Leser, was fur ein Mittel das wohl sein konnte? Es ist, um ihn nicht lange aufzuhalten, das simpelste Mittel von der Welt. Es ist etwas in Europa von langen Zeiten her bis auf diesen Tag sehr gewohnliches; eine Sache, woruber in der ganzen Christenheit sich niemand das mindeste Bedenken macht und wovor gleichwohl, wie diese Stelle des Gutachtens im Senat zu Abdera abgelesen wurde, der Halfte der Ratsherren die Haare zu Berge stunden. Mit einem Worte, das Mittel, das die Akademie von Abdera vorschlug, um der uberzahligen Frosche mit guter Art los zu werden, war sie zu essen.

Der Verfasser des Gutachtens beteuerte, dass er auf seinen Reisen zu Athen und Megara, zu Korinth, in Arkadien und an hundert andern Orten Froschkeulen essen gesehen und selbst gegessen habe. Er versicherte, dass es eine sehr gesunde nahrhafte und wohlschmeckende Speise sei, man mochte sie nun gebakken oder mariniert, frikassiert oder in kleinen Pastetchen auf die Tafel bringen. Er berechnete, dass auf diese Weise die ubermassige Froschmenge in kurzer Zeit auf eine sehr gemassigte Zahl gebracht, und dem gemeinen und Mittelmann, bei dermaligen klemmen Zeiten, keine geringe Erleichterung durch diese neue Essware verschafft werden wurde. Und wiewohl der daher entstehende Vorteil sich vermoge der Natur der Sache von Tag zu Tage vermindern musste: so wurde hingegen der Abgang um so reichlicher ersetzt werden, indem man nach und nach einige tausend Froschteiche und Graben austrocknen und wieder urbar machen konnte; ein Umstand, wodurch wenigstens der vierte Teil des zu Abdera gehorigen Grund und Bodens wieder gewonnen werden und den Einwohnern zu Nutzen gehen wurde. Die Akademie (setzt er hinzu) habe die Sache aus allen moglichen Gesichtspuncten betrachtet, und konne nicht absehen, wie von Seiten der Latona oder ihrer Priester die mindeste Einwendung dagegen sollte gemacht werden konnen. Denn was die Gottin selbst betreffe, so wurde sie sich ohne Zweifel durch den blossen Argwohn, als ob ihr an den Froschen mehr als an den Abderiten gelegen sei, sehr beleidiget finden. Von den Priestern aber sei zu erwarten, dass sie viel zu gute Burger und Patrioten seien, um sich einem Vorschlag zu widersetzen, durch welchen dasjenige, was bisher das grosste Ubel und Drangsal des abderitischen gemeinen Wesens gewesen, bloss durch eine geschickte Wendung in den grossten Nutzen desselben verwandelt wurde. Da es aber nicht mehr als billig sei, sie, die Priester, um des gemeinen Bestens willen nicht zu beschadigen: so hielte die Akademie ohnmassgeblich davor, dass ihnen nicht nur die Unverletzlichkeit des uralten Froschgrabens am Latonentempel von neuem zu garantieren, sondern auch die Verordnung zu machen ware: dass von dem Augenblick an, da die abderitischen Froschkeulen fur eine erlaubte Essware erklart sein wurden, von jedem Schock derselben eine Abgabe von 2 oder 3 Obolen an den Latonentempel bezahlt werden musste. Eine Abgabe, die, nach einem sehr massigen Uberschlag, in kurzer Zeit eine Summe von dreissig bis vierzig tausend Drachmen abwerfen, und also den Latonentempel wegen aller andern kleinen Vorteile die durch die neue Einrichtung aufhorten, reichlich schadlos halten wurde.

Endlich beschloss der Philosoph Korax sein Gutachten mit diesen merkwurdigen Worten: "Die Akademie glaube durch diesen eben so notgedrungnen als gemeinnutzigen Vorschlag ihrer Schuldigkeit genug getan zu haben. Sie sei nun wegen des Erfolgs ganz ruhig, indem sie dabei nicht mehr betroffen sei, als alle ubrigen Burger von Abdera. Aber da sie uberzeugt sei, dass nur ganz erklarte Batrachosebisten fahig sein konnten, sich einer so unumganglichen Reformation entgegen zu setzen: so hoffte sie, die preiswurdigen Vater des Vaterlandes wurden nicht zugeben, dass eine so lacherliche Secte die Oberhand gewinnen, und vor den Augen aller Griechen und Barbaren den abderitischen Namen mit einem Schandflekken beschmitzen sollte, den keine Zeit wieder ausbeizen wurde."

Es ist schwer, von den Absichten eines Menschen aus seinen Handlungen zu urteilen, und hart, schlimme Absichten zu argwohnen, bloss weil eine Handlung eben so leicht aus einem bosen als guten Beweggrunde hergeflossen sein konnte; aber einen jeden, dessen Vorstellungsart nicht die unsrige ist, bloss darum fur einen schlimmen Mann zu halten, ist dumm. Wiewohl wir also nicht mit Gewissheit sagen konnen, wie rein die Absichten des Philosophen Korax bei Abfassung dieses Gutachtens gewesen sein mochten: so konnen wir doch nicht umhin zu glauben, dass der Priester Stilbon in seiner Leidenschaft zu weit gegangen, da er besagten Korax dieses Gutachtens wegen fur einen offenbaren Feind der Gotter und der Menschen erklarte, und ihn einer augenscheinlichen Absicht alle Religion uber den Haufen zu werfen beschuldigte. So uberzeugt auch immer der Hohepriester Stilbon von seinem System war: so ist doch, bei der grossen und unwillkurlichen Verschiedenheit der Vorstellungsarten unter den armen Sterblichen, nicht unmoglich, dass Korax von der Wahrheit seiner Meinungen eben so aufrichtig uberzeugt war; dass er die abderitischen Frosche im Innersten seines Herzens fur nichts mehr als blosse naturliche Frosche hielt, und durch seinen Vorschlag seinem Vaterlande wirklich einen wichtigen Dienst zu leisten glaubte. Indessen bescheidet sich Schreiber dieses ganz gerne, dass es fur uns Itztlebende, und in Betrachtung, dass die allgemein in Europa angenommenen Grundsatze den Froschen wenig gunstig sind, eine ausserst delicate Sache ist, uber diesen Punkt ein vollkommen unparteiisches Urteil zu fallen.

Wie es also auch um die Moralitat der Absichten des Philosophen Korax stehen mochte, so viel ist wenigstens gewiss, dass er so wenig ohne Leidenschaften war als der Oberpriester, und dass er sich die Vermehrung seiner Anhanger viel zu eifrig angelegen sein liess, um nicht den Verdacht zu erwecken, dass die Eitelkeit das Haupt einer Partei zu sein, die Begierde uber Stilbon den Sieg davon zu tragen, und der stolze Gedanke in den Annalen von Abdera dereinst Figur zu machen, wenigstens eben so viel zu seiner grossen Tatigkeit in dieser Froschsache beigetragen, als seine Tugend. Aber dass er alles, was er getan, aus blosser Nascherei getan habe, halten wir fur eine Verleumdung schwachkopfiger und passionierter Leute, woran es bekanntermassen bei solchen Gelegenheiten (zumal in kleinen Republiken) nie zu fehlen pflegt.

Korax hatte solche Massregeln genommen, dass sein Gutachten bei der zweiten Zusammenkunft der Akademie einhellig genehmigt wurde. Denn der Prasident, und drei oder vier Ehrenmitglieder, die sich nicht bloss geben wollten, hatten Tags zuvor eine Reise aufs Land getan.

Achtes Kapitel

Das Gutachten wird bei Rat verlesen, und nach

verschiednen heftigen Debatten, einhellig

beschlossen, dass es den Latonenpriestern

communiciert werden sollte

Das Gutachten wurde in der vorgeschriebenen Zeit dem Archon eingehandigt, und bei der nachsten Sitzung des Senats von dem Stadtschreiber Pyrops, einem erklarten Gegenfroschler, aus voller Kehle, und mit ungewohnlich scharfer Beobachtung aller Komma's und ubrigen Unterscheidungszeichen, abgelesen.

Die Minoritat hatte zwar indessen bei dem Archon grosse Bewegungen gemacht, um ihn dahin zu bringen, die Execution des Ratsschlusses aufzuschieben, und es in einer ausserordentlichen Ratsversammlung noch einmal auf die Mehrheit ankommen zu lassen, ob die Sache nicht, mit Vorbeigehung der Akademie, dem Collegio der Zehnmanner ubergeben werden sollte. Onokradias hatte auch diesen Antrag auf Bedenkzeit angenommen, aber ungeachtet des taglichen Anhaltens der Gegenpartei seine Antwort um so mehr aufgeschoben, da er versichert worden war, dass das Gutachten bis zum nachsten gewohnlichen Ratstage fertig sein sollte.

Der Nomophylax Hypsiboas und seine Anhanger fanden sich also nicht wenig beleidigt, da, nachdem die gewohnlichen Geschafte abgetan waren, der Archon ein grosses Heft unter seinem Mantel hervorzog, und dem Senat berichtete, dass es das Gutachten sei, welches, vermoge des letzten Ratsschlusses, der Akademie in der bekannten leidigen Froschsache aufgetragen worden. Sie stunden alle auf einmal mit Ungestum auf, beschuldigten den Archon, dass er hinterlistig zu Werke gegangen, und erklarten sich, dass sie die Verlesung des Gutachtens nimmermehr zugeben wurden.

Onokradias, der unter andern kleinen Naturfehlern auch diesen hatte, immer hitzig zu sein wo er kalt, und kalt wo er hitzig sein sollte, war im Begriff, eine sehr hitzige Antwort zu geben, wenn ihn der Ratsherr Meidias nicht gebeten hatte, ruhig zu sein, und die Herren schreien zu lassen. Wenn sie alles gesagt haben werden, flusterte er ihm zu, so werden sie nichts mehr zu sagen haben, und dann mussen sie wohl von selbst aufhoren.

Dies war auch was geschah. Die Herren larmten, krahten und fochten mit den Handen, bis sie es mude waren; und da sie endlich merkten, dass ihnen niemand zuhorte, setzten sie sich brummend wieder hin, wischten den Schweiss von der Stirne und das Gutachten wurde verlesen.

Wir kennen die Art der Abderiten, so schnell wie man die Hand umdreht vom Tragischen zum Komischen uberzugehen, und uber der kleinsten Gelegenheit zum Lachen die ernsthafte Seite eines Dinges ganzlich aus den Augen zu verlieren. Kaum war der dritte Teil des Gutachtens gelesen, so zeigte sich schon die Wirkung dieser jovialischen Laune sogar bei denjenigen, die kurz zuvor so laut dagegen geschrieen hatten. Das nenn ich doch beweisen, sagte einer der Ratsherren zu seinem Nachbar, wahrend dass Pyrops innhielt, um nach damaliger Gewohnheit eine Prise Nieswurz zu nehmen. Man muss gestehen, sagte ein andrer, das Ding ist meisterhaft geschrieben. Ich will gerne sehen, sagte ein dritter, was man gegen den Beweis, dass Frosche am Ende doch nur Frosche sind, wird einwenden konnen. Ich habe schon lange so was gemerkt, sagte ein vierter mit einer schlauen Miene, aber es ist doch angenehm, wenn man sieht, dass gelehrte Leute mit uns einer Meinung sind.

Nur weiter, Herr Stadtschreiber, sagte Meidias, denn das Beste muss noch erst kommen.

Pyrops las fort. Die Ratsherren lachten dass sie die Bauche halten mussten uber die Berechnung der Kleinheit der Keime des Priesters Stilbon; wurden aber auf einmal wieder ernsthaft, da die traurige Alternative vorkam, und sie sich vorstellten, was fur ein Jammer das ware, wenn sie in Corpore, den regierenden Archon an der Spitze, nach dem Latonentempel ziehen und sichs noch zur besondern Gnade anrechnen lassen mussten, in Frosche verwandelt zu werden. Sie reckten die dicken Halse und schnappten nach Odem, bei dem blossen Gedanken, wie ihnen bei einer solchen Katastrophe zu Mute sein wurde, und waren von Herzen geneigt, jedes Mittel gut zu heissen, wodurch ein solches Ungluck verhutet werden konnte.

Aber wie das Geheimnis nun heraus war; wie sie horten, dass die Akademie kein ander Mittel vorzuschlagen hatte, als die Frosche, deren sie einen Augenblick zuvor um jeden Preis los zu werden gewunscht hatten, zu essen welche Zunge vermochte das Gemisch von Erstaunen, Entsetzen, und Verdruss uber fehlgeschlagene Erwartung zu beschreiben, das sich auf einmal in den verzerrten Gesichtern der alten Ratsherren malte, welche beinahe die Halfte des Senats ausmachten? Die Leute sahen nicht anders aus, als ob man ihnen zugemutet hatte, ihre eignen leiblichen Kinder in kleine Pastetchen hacken zu lassen. Auf einmal von der unbegreiflichen Macht des Vorurteils uberwaltigt, fuhren sie alle mit Entsetzen auf und erklarten: dass sie nichts weiter horen wollten, und dass sie sich einer solchen Gottlosigkeit zu der Akademie nimmermehr versehen hatten.

Sie horen aber ja, dass es nur gemeine naturliche Frosche sind die wir essen sollen, rief der Ratsherr Meidias. Essen wir doch Pfauen und Tauben und Ganse, ungeachtet jene der Juno und Venus, und diese dem Priapus selbst heilig sind. Bekommt uns denn etwa das Rindfleisch schlechter, weil die Prinzessin Io in eine Kuh verwandelt worden? Oder machen wir uns das mindeste Bedenken, alle Arten von Fischen zu essen, ungeachtet sie unter dem Schutze aller Wassergotter stehen?

Aber die Rede ist weder von Gansen noch Fischen, sondern von Froschen, schrieen die alten Ratsherren und Zunftmeister; das ist ganz was anders. Gerechte Gotter! die Frosche der Latona zu essen! Wie kann ein Mensch von gesundem Kopfe sich so etwas nur zu Sinne kommen lassen?

So fassen Sie sich doch, meine Herren, schrie ihnen der Ratsherr Stentor entgegen; Sie werden doch nicht solche Batrachosebisten sein wollen.

Lieber Batrachosebisten als Batrachophagen, rief der Nomophylax, der diesen glucklichen Augenblick nicht entwischen lassen wollte, sich zum Haupt einer Partei aufzuwerfen, auf deren Schultern er sich in kurzem zum Archontat erhoben zu sehen hoffte.

Lieber alles in der Welt als Batrachophagen, schrieen die Ratsherren von der Minoritat, und ein Paar graubartige Zunftmeister, die sich zu ihnen schlugen.

"Meine Herren, sagte der Archon Onokradias, indem er mit einiger Hitze von seinem elfenbeinernen Stuhl auffuhr, da die Batrachosebisten so laut zu schreien anfingen, dass ihm um sein Gehor bange wurde; ein Vorschlag der Akademie ist noch kein Ratsschluss. Setzen Sie sich und horen Sie Vernunft an, wenn Sie konnen! Ich will nicht hoffen, dass hier jemand ist, der sich einbildet, dass mir so viel daran gelegen sei, Frosche zu essen. Auch werd' ich noch wohl Rat zu schaffen wissen, dass sie mich nicht fressen sollen. Aber die Akademie, die aus den gelehrtesten Leuten in Abdera besteht, muss doch wohl wissen was sie sagt

(Nicht immer, murmelte Meidias zwischen den Zahnen.)

Und da das gemeine Beste allem vorgeht, und nicht billig ist, dass die Frosche den Menschen dass die Menschen, sage ich, den Froschen aufgeopfert werden, wie die Akademie sehr wohl erwiesen hat: so ist meine Meinung dass das Gutachten ohne weiters der ehrwurdigen Latonenpriesterschaft communiciert werde. Konnen Sie einen bessern Vorschlag tun, so will ich der erste sein, der ihn unterstutzen hilft. Denn ich habe fur meine Person nichts gegen die Frosche, in so fern sie keinen Schaden tun."

Da der Antrag des Archons nichts anders war, als worauf beide Parteien ohnehin hatten antragen mussen, so wurde die Communication des Gutachtens zwar einhellig beliebt; aber die Ruhe im Senat wurde dadurch nicht hergestellt; und von dieser Stunde an fand sich die arme Stadt Abdera wieder, unter andern Namen, in Esel und Schatten geteilt.

Neuntes Kapitel

Der Oberpriester Stilbon schreibt ein sehr dickes

Buch gegen die Akademie

Es wird von Niemand gelesen; im ubrigen aber

bleibt vor der Hand alles beim Alten

Jedermann bildete sich ein, dass der Oberpriester uber das Gutachten der Akademie Feuer und Flammen spruhen werde, und man war nicht wenig verwundert, da er, dem Anschein nach, so gelassen dabei blieb, als ob ihn die Sache gar nichts anginge.

Was fur armselige Kopfe! sagte er den seinigen schuttelnd, indem er das Gutachten mit fluchtigem Blicke uberlief; und gleichwohl sollte man denken, sie mussten mein Buch von den Altertumern gelesen haben, worin alles so augenscheinlich dargelegt ist. Es ist unbegreiflich, wie man mit funf gesunden Sinnen so dumm sein kann. Aber ich will ihnen noch wohl das Verstandnis offnen. Ich will ein Buch schreiben ein Buch, das mir alle Akademien der Welt widerlegen sollen wenn sie konnen.

Und Stilbon, der Oberpriester, setzte sich hin und schrieb ein Buch, dreimal so dick als das erste, das der Archon Onokradias nicht lesen wollte; und er bewies darin: dass der Verfasser des Gutachtens keinen Menschenverstand habe; dass er ein Unwissender sei, der nicht einmal gelernt habe, wie nichts gross und nichts klein in der Natur sei; nicht wisse, dass die Materie ins Unendliche geteilt werden konne, und dass die unendliche Kleinheit der Keime (wenn man sie auch noch unendlich kleiner annehme als Korax in seiner ganz lacherlich ubertriebnen Berechnung getan habe,) gegen ihre Moglichkeit nicht ein Minimum beweise. Er unterstutzte die Grunde seines Systems von den abderitischen Froschen mit neuen Grunden, und beantwortete mit grosser Genauigkeit und Weitlauftigkeit alle mogliche Einwurfe die er sich selbst dagegen machte. Seine Einbildung und seine Galle erhitzte sich unterm Schreiben unvermerkt so sehr, dass er in sehr bittere Sarkasmen gegen seine Gegner ausbrach, sie eines vorsetzlichen und verstockten Hasses gegen die Wahrheit anklagte, und ziemlich deutlich zu verstehen gab, dass solche Menschen in einem wohlpolizierten Staat gar nicht geduldet werden sollten.

Der Senat von Abdera erschrak, da der Archon nach etlichen Monaten (denn eher hatte Stilbon, wiewohl er Tag und Nacht schrieb, nicht mit seinem Buche fertig werden konnen,) die Gegenschrift des Oberpriesters vor Rat brachte, die so voluminos war, dass er sie, um die Sache kurzweiliger zu machen, durch zween von den breitschultrigsten Sacktragern von Abdera auf einer Trage herein schleppen und auf den grossen Ratstisch legen liess. Die Herren fanden, dass es keine Moglichkeit sei eine so weitlauftige Deduction verlesen zu lassen. Es wurde also durch die Mehrheit der Stimmen beschlossen, das Werk geradenwegs dem Philosophen Korax zuzuschicken, mit dem Auftrag, dasjenige was er etwa dagegen zu erinnern hatte schriftlich und sobald als moglich an den regierenden Archon gelangen zu lassen.

Korax stund eben mitten unter einem Haufen nasenweiser abderitischer Junglinge in der Vorhalle seines Hauses, als die Sacktrager mit ihrer gelehrten Ladung bei ihm anlangten. Als er nun von dem mitkommenden Ratsboten vernommen hatte, warum es zu tun sei, entstund ein so unmassiges Gelachter unter der gegenwartigen Versammlung, dass man es uber drei oder vier Gassen bis in der Ratsstube horen konnte. Der Priester Stilbon hat einen schlauen Genius, sagte Korax; er hat gerade das unfehlbarste Mittel ergriffen, um nicht widerlegt zu werden. Aber er soll sich doch betrogen finden! Wir wollen ihm zeigen, dass man ein Buch widerlegen kann, ohne es gelesen zu haben.

Wo sollen wir denn abladen, fragten die Sacktrager, die schon eine gute Weile mit ihrer Trage dagestanden waren, und von allen den scherzhaften Einfallen der gelehrten Herren nichts verstanden.

In meinem Hauschen ist kein Platz fur ein so grosses Buch, sagte Korax.

Wissen Sie was, fiel einer von den jungen Philosophen ein: weil das Buch doch geschrieben ist um nicht gelesen zu werden, so stiften Sie es auf die Ratsbibliothek. Dort liegt es sicher, und wird unter dem Schutz einer Kruste von fingerdickem Staub ungelesen und wohlbehalten auf die spate Nachwelt kommen.

Der Einfall ist trefflich, sagte Korax. Gute Freunde, fuhr er fort, sich an die Sacktrager wendend, hier sind zwo Drachmen fur eure Muhe; tragt eure Ladung auf die Ratsbibliothek, und bekummert euch weiter um nichts; ich nehme die ganze Sache auf meine Verantwortung.

Stilbon, dem das Schicksal eines Buches, das ihm so viele Zeit und Muhe gekostet hatte, nicht lange verborgen bleiben konnte, wusste vor Erstaunen und Ingrimm weder was er denken noch tun sollte. Grosse Latona, rief er einmal ubers andre aus, in was fur Zeiten leben wir! Was ist mit Leuten anzufangen, die nicht horen wollen? Aber sei es darum! Ich habe das Meinige getan. Wollen sie nicht horen, so mogen sie's bleiben lassen! Ich setze keine Feder mehr an, ruhre keinen Finger mehr fur ein so undankbares, ungeschliffnes und unverstandiges Volk.

So dachte er im ersten Unmut; aber der gute Priester betrog sich selbst durch diese anscheinende Gelassenheit. Seine Eigenliebe war zu sehr beleidigt, um so ruhig zu bleiben. Je mehr er der Sache nachdachte, (und er konnte die ganze Nacht an nichts anders denken,) je starker fuhlte er sich uberzeugt, dass ihm nicht erlaubt sei bei einer so lauten Aufforderung fur die gute Sache stille zu sitzen.

Der Nomophylax und die ubrigen Feinde des Archons Onokradias ermangelten nicht, seinen Eifer durch ihre Aufstiftungen vollends zu entflammen. Man hielt fast taglich Zusammenkunfte, um sich uber die Massregeln zu beratschlagen, welche man zu nehmen hatte, dem einreissenden Strom der Unordnung und Ruchlosigkeit (wie es Stilbon nannte) Einhalt zu tun.

Aber die Zeiten hatten sich wirklich sehr geandert. Stilbon war kein Strobylus. Das Volk kannte ihn wenig, und er hatte keine von den Gaben, wodurch sich sein besagter Vorganger mit unendlichmal weniger Gelehrsamkeit so wichtig in Abdera gemacht hatte. Beinahe alle junge Leute beiderlei Geschlechts waren von den Grundsatzen des Philosophen Korax angesteckt. Der grossere Teil der Ratsherren und angesehenen Burger neigte sich ohne Grundsatze auf die Seite wo es am meisten zu lachen gab. Und sogar unter dem gemeinen Volke hatten die Gassenlieder, womit einige Versifexe von Koraxens Anhang die Stadt angefullt hatten, so gute Wirkung getan, dass man sich vor der Hand wenig Hoffnung machen konnte, den Pobel so leicht als ehmals in Aufruhr zu setzen. Aber was noch das allerschlimmste war, man hatte Ursache zu glauben, dass es unter den Priestern selbst einen und den andern gebe, der ingeheim mit den Gegenfroschlern in Verbindung stehe. Es war in der Tat mehr als blosser Argwohn, dass der Priester Pamphagus mit einem Anschlag schwanger gehe, sich die gegenwartigen Umstande zu Nutze zu machen, und den ehrlichen Stilbon von einer Stelle zu verdrangen, welcher er (wie Pamphagus unter der Hand zu verstehen gab) wegen seiner ganzlichen Unerfahrenheit in Geschaften in einer so bedenklichen Krisis auf keine Weise gewachsen sei.

Bei allem dem machten gleichwohl die Batrachosebisten eine ansehnliche Partei aus, und Hypsiboas hatte Geschicklichkeit genug, sie immer in einer Bewegung zu erhalten, welche mehr als einmal gefahrliche Ausbruche hatte nehmen konnen, wenn die Gegenpartei zufrieden mit ihren erhaltenen Siegen und ungeneigt das Ubergewicht in dessen Besitz sie war in Gefahr zu setzen nicht so untatig geblieben, und alles was zu ungewohnlichen Bewegungen hatte Anlass geben konnen, sorgfaltig vermieden hatte. Denn, wiewohl sie sich des Namens der Batrachophagen eben nicht zu weigern schienen, und die Frosche der Latona den gewohnlichsten Stoff zu lustigen Einfallen in ihren Gesellschaften hergaben: so liessen sie es doch, nach echter abderitischer Weise, dabei bewenden, und die Frosche blieben trotz dem Gutachten der Akademie und den Scherzen des Philosophen Korax noch immer ungestort und ungegessen im Besitz der Stadt und Landschaft von Abdera.

Zehntes Kapitel

Seltsame Entwicklung des ganzen abderitischen

tragikomischen Possenspiels

Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden die Frosche der Latona dieser Sicherheit noch lange genossen haben, wenn nicht unglucklicherweise im nachsten Sommer eine unendliche Menge Mause und Ratten von allen Farben auf einmal die Felder der unglucklichen Republik uberschwemmt, und dadurch die ganze unschuldige und ungefahre Weissagung des Archons Onokradias auf eine unvermutete Art in Erfullung gebracht hatten.

Von Froschen und Mausen zugleich aufgegessen zu werden, war fur die armen Abderiten zuviel auf einmal. Die Sache wurde ernsthaft.

Die Gegenfroschler drangen nun ohne weiters auf die Notwendigkeit, den Vorschlag der Akademie unverzuglich ins Werk zu setzen.

Die Batrachosebisten schrieen: die gelben, grunen, blauen, blutroten, und flohfarben Mause, die in wenig Tagen die greulichste Verwustung auf den abderitischen Feldern angerichtet hatten, seien eine sichtliche Strafe der Gottlosigkeit der Batrachophagen, und augenscheinlich von Latonen unmittelbar abgeschickt, die Stadt, die sich des Schutzes der Gottin unwurdig gemacht, ganzlich zu verderben.

Vergebens bewies die Akademie, dass gelbe, grune und flohfarbe Mause darum nicht mehr Mause seien als andre; dass es mit diesen Mausen und Ratten ganz naturlich zugehe; dass man in den Jahrbuchern aller Volker ahnliche Beispiele finde; und dass es nunmehr, da besagte Mause entschlossen schienen, den Abderiten ohnehin nichts anders zu essen ubrig zu lassen, um so notiger sei, sich des Schadens, den beiderlei gemeine Feinde der Republik verursachten, wenigstens an der essbaren Halfte derselben, namlich an den Froschen, zu erholen.

Vergebens schlug sich der Priester Pamphagus ins Mittel, indem er den Vorschlag tat, die Frosche kunftig zu ordentlichen Opfertieren zu machen, und, nachdem der Kopf und die Eingeweide der Gottin geopfert worden, die Keulen als Opferfleisch zu ihren Ehren zu verzehren.

Das Volk, besturzt uber eine Landplage, die es sich nicht anders als unter dem Bilde eines Strafgerichts der erzurnten Gotter denken konnte, und von den Hauptern der Froschpartei emport, lief in Rotten vor das Rathaus, und drohte, kein Gebein von den Herren ubrig zu lassen, wenn sie nicht auf der Stelle ein Mittel fanden die Stadt vom Verderben zu erretten.

Guter Rat war noch nie so teuer auf dem Ratshause zu Abdera gewesen als jetzt. Die Ratsherren schwitzten Angstschweiss. Sie schlugen vor ihre Stirne; aber es hallte hohl zuruck. Je mehr sie sich besannen, je weniger konnten sie finden was zu tun ware.

Das Volk wollte sich nicht abweisen lassen, und schwur, Froschlern und Gegenfroschlern die Halse zu brechen, wenn sie nicht Rat schafften.

Endlich fuhr der Archon Onokradias auf einmal wie begeistert von seinem Stuhl auf. Folgen Sie mir, sagte er zu den Ratsherren, und ging mit grossen Schritten auf die marmorne Tribune hinaus, die zu offentlichen Anreden an das Volk bestimmt war. Seine Augen funkelten von einem ungewohnlichen Glanz; er schien eines Haupts langer als sonst, und seine ganze Gestalt hatte etwas Majestatischers als man jemals an einem Abderiten gesehen hatte. Die Ratsherren folgten ihm stillschweigend und erwartungsvoll.

"Horet mich, ihr Manner von Abdera, sagte Onokradias mit einer Stimme die nicht die seinige war; Jason, mein grosser Stammvater, ist vom Sitz der Gotter herabgestiegen, und gibt mir in diesem Augenblick das Mittel ein, wodurch wir uns alle retten konnen. Gehet, jeder nach seinem Hause, packet alle eure Geratschaften und Habseligkeiten zusammen, und morgen bei Sonnenaufgang stellet euch mit Weibern und Kindern, Pferden und Eseln, Rindern und Schafen, kurz mit Sack und Pack, vor dem Jasonstempel ein. Von da wollen wir mit dem goldnen Vliesse, dem heiligen Palladium der Abderiten an unsrer Spitze, ausziehen, diesen von den Gottern verachteten Mauren den Rucken wenden, und in den weiten Ebnen des fruchtbaren Macedoniens einen andern Wohnort suchen, bis der Zorn der Gotter sich gelegt haben, und uns oder unsern Kindern wieder vergonnt sein wird, unter glucklichen Vorbedeutungen in die schone Abdera zuruckzukehren. Die verderblichen Mause, wenn sie nichts mehr zu zehren finden, werden sich unter einander selbst auffressen, und was die Frosche betrifft denen mag Latona gnadig sein! Geht, meine Kinder, und macht euch fertig. Morgen, mit Aufgang der Sonne, werden alle unsre Drangsale ein Ende haben."

Das ganze Volk jauchzte dem begeisterten Archon Beifall zu, und in einem Augenblick atmete wieder nur Eine Seele in allen Abderiten. Ihre leichtbewegliche Einbildungskraft stund auf einmal in voller Flamme. Neue Aussichten, neue Scenen von Gluck und Freuden tanzten vor ihrer Stirne. Die weiten Ebnen des glucklichen Macedoniens lagen wie fruchtbare Paradiese vor ihren Augen ausgebreitet. Sie atmeten schon die mildern Lufte, und sehnten sich mit unbeschreiblicher Ungeduld aus dem dicken froschsumpfichten Dunstkreise ihrer ekelhaften Vaterstadt heraus. Alles eilte, sich zu einem Auszug zu rusten, von welchem wenige Augenblicke zuvor kein Mensch sich hatte traumen lassen.

Am folgenden Morgen war das ganze Volk von Abdera reisefertig. Alles was sie von ihren Habseligkeiten nicht mitnehmen konnten, liessen sie ohne Bedauren in ihren Hausern, so ungeduldig waren sie an einen Ort zu ziehen, wo sie weder von Froschen noch Mausen mehr geplagt werden wurden.

Am vierten Morgen ihrer Auswanderung begegnete ihnen der Konig Kassander. Man horte das Getose ihres Zugs von weitem, und der Staub, den sie erregten, verfinsterte das Tageslicht. Kassander befahl den Seinigen Halt zu machen, und schickte jemand aus sich zu erkundigen was es ware.

Sire, sagte der zuruckkommende Abgeschickte, es sind die Abderiten, die vor Froschen und Mausen nicht mehr in Abdera zu bleiben wussten, und einen andern Wohnplatz suchen.

Wenn's dies ist, so sind's gewiss die Abderiten, sagte Kassander.

Indem erschien Onokradias an der Spitze einer Deputation von Ratsmannern und Burgern, dem Konig ihr Anliegen vorzutragen.

Die Sache kam Kassandern und seinen Hoflingen so lustig vor, dass sie sich, mit aller ihrer Hoflichkeit, nicht enthalten konnten, den Abderiten uberlaut ins Gesicht zu lachen; und die Abderiten, wie sie den ganzen Hof lachen sahen, hielten es fur ihre Schuldigkeit mitzulachen.

Kassander versprach ihnen seinen Schutz, und wies ihnen einen Ort an den Grenzen von Macedonien an, wo sie sich so lange aufhalten konnten, bis sie Mittel gefunden haben wurden, mit den Froschen und Ratten ihres Vaterlandes einen billigen Vergleich zu treffen.

Von dieser Zeit an weiss man wenig mehr als nichts von den Abderiten und ihren Begebenheiten. Doch ist so viel gewiss, dass sie einige Jahre nach dieser seltsamen Auswanderung (deren historische Gewissheit durch das Zeugnis des vom Justinus in einen Auszug gebrachten Geschichtschreibers Trogus Pompejus L. XV, C. 2. ausser allen Zweifel gesetzt wird) wieder nach Abdera zuruck gezogen. Allem Vermuten nach mussen sie die Ratten in ihren Kopfen, die sonst immer mehr Spuk darin gemacht als alle Ratten und Frosche in ihrer Stadt und Landschaft, in Macedonien zuruckgelassen haben. Denn von dieser Epoche an sagt die Geschichte weiter nichts von ihnen, als dass sie, unter dem Schutze der macedonischen Konige und der Romer, verschiedene Jahrhunderte durch ein stilles und geruhiges Leben gefuhrt; und, da sie weder witziger noch dummer gewesen als andre Municipalen ihres Gleichens, den Geschichtschreibern keine Gelegenheit gegeben weder Boses noch Gutes von ihnen zu sagen.

Um ubrigens unsern geneigten Lesern eine vollkommne Probe unsrer Aufrichtigkeit zu geben, wollen wir ihnen unverhalten lassen, dass wofern der altere Plinius und sein aufgestellter Gewahrsmann Varro hierin Glauben verdienten, Abdera nicht die einzige Stadt in der Welt gewesen ware, die von so unansehnlichen Feinden, als Frosche und Mause sind, ihren naturlichen Einwohnern abgejagt worden. Denn Varro soll nicht nur einer Stadt in Spanien erwahnen, die von Kaninchen, und einer andern, die von Maulwurfen zerstort worden, sondern auch einer Stadt in Gallien, deren Einwohner, wie die Abderiten, den Froschen hatten Platz machen mussen. Allein, da Plinius weder die Stadt, welcher dies Ungluck begegnet sein soll, mit Namen nennt, noch ausdrucklich sagt, aus welchem von den unzahligen Werken des gelehrten Varro er diese Anekdote genommen habe: so glauben wir der Ehrerbietung, die man diesem grossen Manne schuldig ist, nicht zu nahe zu treten, wenn wir vermuten, dass sein Gedachtnis (auf dessen Treue er sich nicht selten zu viel verliess) ihm fur Thracien Gallien untergeschoben habe; und dass die Stadt, von welcher beim Varro die Rede war, keine andre gewesen, als unser Abdera selbst.

Und hiemit sei dann der Gipfel auf das Denkmal gesetzt, welches wir dieser einst so beruhmten und nun schon so viele Jahrhunderte lang wieder vergessnen Republik zu errichten ohne Zweifel von einem fur ihren Ruhm sorgenden Damon angetrieben worden: nicht ohne Hoffnung, dass es, ungeachtet es aus so leichten Materialien als die seltsamen Launen und jovialischen Narrheiten der Abderiten sind, zusammengesetzt ist, so lange dauren werde, bis unsre Nation den glucklichen Zeitpunkt erreicht haben wird, wo diese Geschichte niemand mehr angehen, niemand mehr unterhalten, niemand mehr verdriesslich und niemand mehr aufgeraumt machen wird; mit einem Wort, wo die Abderiten niemand mehr ahnlich sehen, und also ihre Begebenheiten eben so unverstandlich sein werden, als uns Geschichten aus einem andern Planeten sein wurden: ein Zeitpunct, der nicht mehr weit entfernt sein kann, wenn die Knaben in der ersten Generation des neunzehnten Jahrhunderts nur um eben so viel weiser sein werden, als die Knaben im letzten Viertel des achtzehnten sich weiser als die Manner des vorgehenden dunken oder wenn alle die Erziehungsbucher, womit wir seit zehn Jahren so reichlich beschenkt worden sind und taglich noch beschenkt werden, nur den zehnten Teil der herrlichen Wirkungen tun, die uns die wohlmeinenden Verfasser hoffen lassen.

Der Schlussel zur Abderitengeschichte

Als Homers Gedichte unter den Griechen bekannt worden waren, hatte das Volk, das in vielen Dingen mit seinem schlichten Menschenverstand richtiger zu sehen pflegt als die Herren mit bewaffneten Augen, gerade Verstand genug, um zu sehen, dass in diesen grossen heroischen Fabeln, ungeachtet des Wunderbaren, Abenteuerlichen und Unglaublichen, womit sie so reichlich durchwebt sind, dass eine Amme Marchen genug um ihr Kind in Schlaf zu singen daraus machen konnte, mehr Weisheit und Unterricht furs praktische Leben liege, als in einem milesischen Ammenmarchen; und wir sehen aus Horazens Brief an Lollius, und aus dem Gebrauch, welchen Plutarch von Homers Gedichten macht und zu machen lehrt, dass noch viele Jahrhunderte nach Homer die verstandigsten Weltleute unter Griechen und Romern der Meinung waren, dass man was recht und nutzlich, was unrecht und schadlich sei, und wie viel ein Mann durch Tugend und Weisheit vermoge, so gut und noch besser aus Homers Fabeln lernen konne, als aus den subtilsten oder beredtesten stoischen Sittenlehrern. Man uberliess es alten Kindskopfen (denn die Jungen belehrte man eines Bessern,) an dem blossen materiellen Teil der Dichtung kleben zu bleiben; verstandige Leute fuhlten und erkannten den Geist, der in diesem Leibe atmete, und liessen sichs nicht einfallen, scheiden zu wollen, was die Muse untrennbar zusammengefugt hatte, das Wahre unter der Hulle des Wunderbaren, und das Nutzliche durch eine Mischungskunst, die nicht allen geoffenbart ist, vereinbart mit dem Schonen und Angenehmen.

Wie es bei allen menschlichen Dingen geht, so ging es auch hier. Nicht zufrieden, in Homers Gedichten warnende oder aufmunternde Beispiele, einen lehrreichen Spiegel des menschlichen Lebens in seinen mancherlei Standen, Verhaltnissen und Scenen zu finden, wollten die Gelehrten spaterer Zeiten noch tiefer eindringen, noch mehr sehen, als ihre Vorfahren; und so entdeckte man (denn was entdeckt man nicht, wenn man sichs einmal in den Kopf gesetzt hat, etwas zu entdecken) in dem was nur Beispiel war, Allegorie, in allem, sogar in den blossen Maschinen und Decorationen des poetischen Schauplatzes, einen mystischen Sinn, und zuletzt in jeder Person, jeder Begebenheit, jedem Gemalde, jeder kleinen Fabel, Gott weiss was fur Geheimnisse von hermetischer, orphischer und magischer Philosophie, an die der gute Dichter in der Unschuld seines Herzens gewiss so wenig gedacht hatte, als Virgil, dass man zwolf hundert Jahre nach seinem Tode mit seinen Versen die bosen Geister beschworen wurde.

Immittelst wurde es unvermerkt zu einem wesentlichen Requisit eines epischen Gedichts (wie man die grossern und heroischen poetischen Fabeln zu nennen pflegte,) dass es ausser der naturlichen Sinn und der Moral, die es beim ersten Anblick darbot, noch einen andern geheimen und allegorischen haben musse wenigstens gewann diese Grille bei den Italianern und Spaniern die Oberhand; und es ist mehr als lacherlich, zu sehen, was fur eine undankbare Muhe sich die Ausleger oder auch wohl die Dichter selbst geben, um aus einem Amadis und Orlando, aus Trissins befreitem Italien oder Camoens Lusiade, ja sogar aus dem Adone des Marino, alle Arten von metaphysischer, politischer, moralischer, physikalischer und theologischer Allegorien herauszuspinnen. Da es nun nicht die Sache der Leser war, in diese Geheimnisse aus eigner Kraft einzudringen: so musste man ihnen, wenn sie so herrlicher Schatze nicht verlustigt werden sollten, notwendig einen Schlussel dazu geben; und dieser Schlussel war eben die Exposition des allegorischen oder mystischen Sinnes; wiewohl der Dichter, gewohnlicherweise, erst wen er mit dem ganzen Werk fertig war, daran dachte, was vor versteckte Ahnlichkeiten und Beziehungen sich etwa aus seinen Dichtungen herausholen lassen konnten.

Was bei vielen Dichtern blosse Gefalligkeit gegen eine herrschende Mode war, uber welche sie sich nicht hinwegzusetzen wagten, wurde fur andre wirklicher Zweck und Hauptwerk. Der beruhmte Zodiacus vitae des sogenannten Palingenius, die Argenis des Barcley, die Feenkonigin des Spencer, die neue Atlantis der Dame Manley, die malabarischen Prinzessinnen, das Marchen von der Tonne, die Geschichte von Johann Bull und eine Menge andrer Werke dieser Art, woran besonders das sechzehnte und siebenzehnte Jahrhundert fruchtbar gewesen ist, waren ihrer Natur und Absicht nach allegorisch, und konnten also ohne Schlussel nicht verstanden werden, wiewohl einige derselben, z.B. Spencers Feenkonigin, und die allegorischen Satyren des D. Swift, so beschaffen sind, dass eine jede verstandige und der Sachen kundige Person den Schlussel dazu ohne fremde Beihulfe in ihrem eignen Kopfe finden kann.

Diese kurze Deduction wird mehr als hinlanglich sein, um denen, die noch nie daran gedacht haben, begreiflich zu machen, wie es zugegangen sei, dass sich unvermerkt eine Art von gemeinem Vorurteil und wahrscheinlicher Meinung in den meisten Kopfen festgesetzt hat, als ob ein jedes Buch, das einem satyrischen Roman ahnlich sieht, mit einem versteckten Sinn begabt sei, und also einen Schlussel notig habe. Daher hat auch der Herausgeber der gegenwartigen Geschichte, wie er gewahr wurde, dass die meisten unter der grossen Menge von Lesern, welche sein Werk zu finden die Ehre gehabt hat, sich fest uberzeugt hielten, dass noch etwas mehr dahinter stecken musse, als was die Worte beim ersten Anblick zu besagen scheinen, und also einen Schlussel zu der Abderitengeschichte, als ein unentbehrliches Bedurfnis zu vollkommner Verstandnis eines so interessanten Buches zu erhalten wunschten, sich dieses ihm haufig zu Ohren kommende Verlangen seiner werten Leser keineswegs befremden lassen; sondern er hat es im Gegenteil fur eine Aufmerksamkeit die er ihnen schuldig ist gehalten, bei gegenwartiger neuer und vollstandiger Originalausgabe, demselben, so viel an ihm ist, ein Genuge zu tun, und ihnen, als einen Schlussel oder statt des verlangten Schlussels (welches im Grunde auf eins hinauslauft) alles mitzuteilen, was zu grundlicher Verstandnis und nutzlichem Gebrauch dieses zum Vergnugen aller Klugen, und zur Lehre und Zuchtigung aller N**n geschriebenen Werkes, dienlich sein kann.

Zu diesem Ende findet er notig, ihnen vor allen Dingen die Geschichte der Entstehung desselben, unverfalscht und mit den eigen Worten des Verfassers, eines zwar wenig bekannten, aber seit dem Jahr 1753 sehr stark gelesenen Schriftstellers, mitzuteilen.

"Es war (so lautet sein Bericht) es war ein schoner Herbstabend im Jahr 177*; ich befand mich allein in dem obern Stockwerk meiner Wohnung und sah denn ich schame mich nicht zu bekennen, wenn mir etwas menschliches begegnet vor langer Weile zum Fenster hinaus; denn schon seit vielen Wochen hatte mich mein Genius ganzlich verlassen. Ich konnte weder denken noch lesen. Alles Feuer meines Geistes schien erloschen, alle meine Laune, gleich einem fluchtigen Salze, verduftet. Ich war dumm, aber ach! ohne an den Seligkeiten der Dummheit Teil zu haben, ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit sich selbst, dieser unerschutterlichen Uberzeugung, welche gewisse Leute versichert, dass alles, was sie denken, sagen, traumen und im Schlaf reden, wahr, witzig, weise, und in Marmor gegraben zu werden wurdig sei einer Uberzeugung, die den echten Sohn der grossen Gottin, wie ein Muttermal, kennbar und zum glucklichsten aller Menschen macht. Kurz, ich fuhlte meinen Zustand, und er lag schwer auf mir; ich schuttelte mich vergebens; und es war, wie gesagt, so weit mit mir gekommen, dass ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die Welt hinaus guckte, ohne zu wissen was ich sah, oder etwas zu sehen, das des Wissens wert gewesen ware. Auf einmal war mir, als hore ich eine Stimme ob es Wahrheit oder Tauschung war, will ich nicht entscheiden die mir zurief: setze dich und schreibe die Geschichte der Abderiten! Und plotzlich ward es Licht in meinem Kopfe. Ja, ja, dacht ich, die Abderiten! Was kann naturlicher Sein? Die Geschichte der Abderiten will ich schreiben! Wie war es doch moglich, dass mir ein so naturlicher Einfall nicht schon langst gekommen ist? Und also setzt ich mich und schrieb, und schlug nach, und compilierte, und ordnete zusammen, und schrieb wieder, und es war eine Lust zu sehen, wie mir das Werk von den Handen ging.

Indem ich nun so im besten Schreiben war, (fahrt unser Verfasser in seiner treuherzigen Beichte fort,) kam mir in einem Anstoss von Capriccio, oder Laune, oder wie man's sonst nennen will, der Einfall, meiner Phantasie den Zugel schiessen zu lassen, und die Sachen so weit zu treiben, als sie gehen konnten. Es betrifft ja nur die Abderiten, dacht ich, und an den Abderiten kann man sich nicht versundigen: sie sind ja doch am Ende weiter nichts als ein Pack Narren; die Albernheiten, die ihnen die Geschichte zur Last legt, sind gross genug, um das Ungereimteste, was du ihnen andichten kannst, zu rechtfertigen. Ich gesteh es also unverhohlen und wenn's unrecht war, so verzeihe mirs der Himmel! ich strengte alle Strange meiner Erfindungskraft bis zum Reissen an, um die Abderiten so narrisch denken, reden und sich betragen zu lassen, als es nur moglich ware. Es ist ja schon uber zweitausend Jahre, dass sie allesamt tot und begraben sind, sagte ich zu mir selbst; es kann weder ihnen noch ihrer Nachkommenschaft schaden; denn auch von dieser ist schon lange kein Gebein mehr ubrig. Zu diesem allem kam noch eine andre Vorstellung, die mich durch einen gewissen Schein von Gutherzigkeit einnahm. Je narrischer ich sie mache, dachte ich, je weniger habe ich zu besorgen, dass man die Abderiten fur eine Satyre halten, und Anwendungen davon auf Leute machen wird, die ich doch wohl nicht gemeint haben kann, da mir ihr Dasein nicht einmal bekannt ist. Aber ich irrte mich sehr, indem ich so schloss. Der Erfolg bewies, dass ich unschuldigerweise Abbildungen gemacht hatte, da ich nur Phantasie zu malen glaubte."

Man muss gestehen, dies war einer der schlimmsten Streiche, die einem Autor begegnen konnen, der keine List in seinem Herzen hat, und, ohne irgend eine Seele argern oder betruben zu wollen, bloss sich selbst und seinem Nebenmenschen die Langeweile zu vertreiben sucht. Gleichwohl war dies was dem Verfasser der Abderiten schon mit den ersten Kapiteln seines Werkleins begegnete. Es ist vielleicht keine Stadt in Deutschland, und so weit die naturlichen Grenzen der deutschen Sprachen gehen (welches, im Vorbeigehen gesagt, eine grossere Strecke Landes ist, als irgend eine andre europaische Sprache inne zu haben sich ruhmen kann), wo die Abderiten nicht Leser gefunden haben sollten; und wo man sie las, da wollte man die Originale zu den darin vorkommenden Bildern gesehen haben. "In tausend Orten (sagt der Verfasser) wo ich weder selbst jemals gewesen bin, noch die mindeste Bekanntschaft habe, wunderte man sich, woher ich die Abderiten, Abderitinnen und Abderitismen dieser Orte und Enden so genau kenne; und man glaubte, ich musste schlechterdings einen geheimen Briefwechsel oder einen kleinen Cabinetsteufel haben, der mir Anekdoten zutruge, die ich mit rechten Dingen nicht hatte erfahren konnen. Nun wusste ich (fuhr er fort) nichts gewisser, als dass ich weder diesen noch jenen hatte: folglich war klar wie Taglicht, dass das alte Volklein der Abderiten nicht so ausgestorben war, als ich mir eingebildet hatte."

Diese Entdeckung veranlasste den Autor, Nachforschungen anzustellen, die er fur unnotig gehalten hatte, so lange er bei Verfassung seines Werkes mehr seine eigne Phantasie und Laune als Geschichte und Urkunden zu Rate gezogen hatte. Er durchstoberte manche grosse und kleine Bucher ohne sonderlichen Erfolg, bis er endlich in der sechsten Dekade des beruhmten Hafen Slawkenbergius p. m. 864. folgende Stelle fand, die ihm einigen Aufschluss uber diese unerwartete Ereignisse zu geben schien.

"Die gute Stadt Abdera in Thracien (sagt Slawkenbergius am angefuhrten Orte), ehmals eine grosse, volkreiche, bluhende Handelsstadt, das thracische Athen, die Vaterstadt eines Protagoras und Demokritus, das Paradies der Narren und der Frosche diese gute schone Stadt Abdera ist nicht mehr. Vergebens suchen wir sie in den Landcharten und Beschreibungen des heutigen Thraciens; sogar der Ort, wo sie ehmals gestanden, ist unbekannt, oder kann wenigstens nur durch Mutmassungen angegeben werden. Aber nicht so die Abderiten! diese leben und weben noch immer fort, wiewohl ihr ursprunglicher Wohnsitz langst von der Erde verschwunden ist. Sie sind ein unzerstorbares, unsterbliches Volkchen; ohne irgendwo einen festen Sitz zu haben, findet man sie allenthalben; und wiewohl sie unter allen andern Volkern zerstreut leben, haben sie sich doch bis auf diesen Tag rein und unvermischt erhalten, und bleiben ihrer alten abderitischen Art und Weise so getreu, dass man einen Abderiten, wo man ihn auch antrifft, nur einen Augenblick zu sehen braucht, um eben so gewiss zu sehen und zu horen, dass er ein Abderit ist, als man es zu Frankfurt und Leipzig, Constantinopel und Aleppo einem Juden anmerkt, dass er ein Jude ist. Das Sonderbarste aber, und ein Umstand, worin sie sich von den Israeliten, Beduinen, Armeniern und allen andern unvermischten Volkern wesentlich unterscheiden, ist dieses: dass sie sich ohne mindeste Gefahr ihrer Abderitheit mit allen ubrigen Erdbewohnern vermischen, und ungeachtet sie allenthalben die Sprache des Landes, wo sie wohnen, reden, Staatsverfassung, Religion und Gebrauche mit den Nichtabderiten gemein haben, auch essen und trinken, handeln und wandeln, sich kleiden und putzen, sich frisieren und parfumieren, purgieren und klysterisieren lassen, kurz, alles was zur Notdurft des menschlichen Lebens gehort ungefahr eben so machen wie andre Leute dass sie, sage ich, nichts destoweniger in allem was sie zu Abderiten macht sich selbst so unveranderlich gleich bleiben, als ob sie von jeher durch eine diamantne Mauer, dreimal so hoch und dick als die Mauern des alten Babylons, von den vernunftigen Geschopfen auf unserm Planeten abgesondert gewesen waren, alle andre Menschenarten verandern sich durch Verpflanzung, und zwo verschiedne Arten bringen durch Vermischung eine dritte hervor. Aber an den Abderiten, wohin sie auch verpflanzt wurden und soviel sie sich auch mit andern Volkern vermischt haben, hat man nie die geringste wesentliche Veranderung wahrnehmen konnen. Sie sind immer noch die namlichen Narren die sie vor zweitausend Jahren zu Abdera waren; und wiewohl man schon langst nicht mehr sagen kann: siehe hie ist Abdera oder da ist Abdera: so ist doch in Europa, Asia, Africa und America, soweit diese grosse Erdviertel policiert sind, keine Stadt, kein Marktflecken, Dorf noch Dorfchen, wo nicht einige Glieder dieser unsichtbaren Genossenschaft anzutreffen sein sollten." So weit besagter Hafen Slawkenbergius.

"Nachdem ich diese Stelle gelesen hatte, fahrt unser Verfasser fort, so hatte ich nun auf einmal den Schlussel zu den vorbesagten Erfahrungen, die mir ersten Anblicks so unerklarbar vorgekommen waren; und so wie der Slawkenbergische Bericht das was mir mit den Abderiten begegnet war, begreiflich machte, so bestatigte dieses hinwieder die Glaubwurdigkeit von jenem. Die Abderiten hatten also einen Samen hinterlassen, der in allen Landen aufgegangen war und sich in eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft ausgebreitet hatte; und da man beinahe allenthalben die Charaktere und Begebenheiten der alten Abderiten fur Abbildungen und Anekdoten der neuen ansah: so erwies sich dadurch auch die seltsame Eigenschaft der Einformigkeit und Unveranderlichkeit, welche dieses Volk, nach dem angefuhrten Zeugnis, von andern Volkern des festen Landes und der Inseln des Meeres unterscheidet. Die Nachrichten, die mir hieruber von allen Orten zukamen, gereichten mir aus einem doppelten Grunde zu grossem Troste: erstens, weil ich mich nun auf einmal von allem innerlichen Vorwurf den Abderiten vielleicht zuviel getan zu haben erleichtert fand; und zweitens, weil ich vernahm, dass mein Werk uberall, auch von den Abderiten selbst, mit Vergnugen gelesen, und besonders die treffende Ahnlichkeit zwischen den alten und neuen bewundert werde, welche den letztern, als ein augenscheinlicher Beweis der Echtheit ihrer Abstammung, allerdings sehr schmeichelhaft sein musste. Die Wenigen, welche sich beschwert haben sollen, dass man sie zu ahnlich geschildert habe, kommen in der Tat gegen die Menge derer die zufrieden sind in keine Betrachtung; und auch diese Wenigen taten vielleicht besser, wenn sie die Sache anders nahmen. Denn da sie, wie es scheint, nicht gerne fur das angesehen sein wollen was sie sind, und sich deswegen in die Haut irgend eines edlern Tieres gesteckt haben: so erfodert die Klugheit, dass sie ihre Ohren nicht selbst hervorstrecken, um eine Aufmerksamkeit auf sich zu erregen, die nicht zu ihrem Vorteil ausfallen kann.

Auf der andern Seite aber liess ich mir auch den Umstand, dass ich die Geschichte der alten Abderiten gleichsam unter den Augen der neuern schrieb, zu einem Beweggrund dienen, meine Einbildungskraft, die ich anfangs bloss ihrer Willkur uberlassen hatte, kurzer im Zugel zu halten, mich vor allen Karikaturen sorgfaltig zu huten, und den Abderiten in allem was ich von ihnen erzahlte, die strengste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denn ich sah mich nun als den Geschichtschreiber der Altertumer einer noch fortbluhenden Familie an, welche berechtigt ware, es ubel zu vermerken, wenn man ihren Vorfahren irgend etwas ohne Grund und gegen die Wahrheit aufburdete."

Die Geschichte der Abderiten kann also mit gutem Grunde als eine der wahresten und zuverlassigsten, und eben darum als ein getreuer Spiegel betrachtet werden, worin die Neuern ihr Antlitz beschauen, und, wenn sie nur ehrlich gegen sich selber sein wollen, genau entdecken konnen, in wiefern sie ihren Vorfahren ahnlich sind. Es ware sehr uberflussig, von dem Nutzen, den das Werk in dieser Rucksicht so lange als es noch Abderiten geben wird und dies wird vermutlich sehr lange sein stiften kann und muss, viele Worte zu machen. Wir bemerken also nur, dass es beilaufig auch noch den Nutzen haben konnte, die Nachkommlinge der alten Teutschen unter uns behutsamer zu machen, sich vor allem zu huten was den Verdacht erwecken konnte, als ob sie entweder aus abderitischen Blute stammten, oder aus ubertriebner Bewundrung der abderitischen Art und Kunst und daher entspringender Nachahmungssucht, sich selbst Ahnlichkeiten mit diesem Volke geben wollten, wobei sie aus vielerlei Ursachen wenig zu gewinnen hatten.

Und dies, werte Leser, ware also der versprochne Schlussel zu diesem merkwurdigen Originalwerke, mit beigefugter Versicherung, dass nicht das kleinste geheime Schubfach darin ist, welches Sie sich mit diesem Schlussel nicht sollten aufschliessen konnen; und wofern Ihnen jemand ins Ohr raunen wollte, als ob noch mehr darin verborgen sei, so konnen Sie sicherlich glauben, dass er entweder nicht weiss was er sagt, oder nichts Gutes im Schilde fuhrt.

SAPIENTIA PRIMA EST STULTITIA

CARUISSE

Fussnoten

1 Solin. Polyhist. c. X. 2 Palaphatus in seinem Buche von Unglaublichen Dingen erklart auf diese Weise die Fabel, dass dieser Furst seine Pferde mit Menschenfleisch gefuttert habe, und ihnen endlich selbst vom Herkules zur Speise vorgeworfen worden sei. 3 Herodot. I. 43. 6 Juvenal. Satyr. X. v. 50. 8 Ein beruhmter Sophiste von Abdera (etwas alter als Demokritus), welchen Cicero dem Hippias, Prodikus, Gorgias, und also den grossten Mannern seiner Profession an die Seite setzt. 9 Was hier von den Abderiten gesagt wird, erzahlen andere alte Schriftsteller von der Stadt Alabandus. S. Coel. Rhodog. Lect. Ant. L. XXVI. Cap. 25. 10 Plato de Republ. L. III. Tom. opp. II. p. 398. 11 Plin. Naturgesch. B. IV. 12 Solin. C. XXX. auch Plinius, Mela, und andere Alte und Neuere, welche uns alle die Wundermenschen, von denen hier die Rede ist, fur wirkliche Geschopfe Gottes zu gehen kein Bedenken tragen. 13 Solinus aus dem Ktesias. 14 Ebenderselbe. 16 Parmenides von Elea wird fur den Erfinder der Lehre von den Ideen oder wesentlichen Urbildern gehalten, welche Plato in sein System aufgenommen, und sich so eigen gemacht hat, dass man sie gewohnlich nach seinem Namen zu nennen pflegt. 17 Ein sehr gewohnlicher Griff der abderitischen Gelehrten und Kunstrichter. 18 Griechische Possenspiele, die mit der Opera buffa der Welschen einige Ahnlichkeit hatten, und wovon uns der Cyklops des Euripides, das einzige ubrig gebliebene Stuck dieser Art, einen Begriff gibt. 19 Aelian. Var. Hist. III. 36. 20 Die Athenienser hatten zu ihrem Kriege mit Megara keinen bessern Grund (wenn man dem Aristophanes glauben durfte,) als dass etliche junge Herren von Megara, um die Entfuhrung einer megarischen Courtisane zu rachen, ein paar junge Dirnen von der namlichen Profession aus Aspasiens Pflanzschule entfuhrt hatten. Aspasia vermochte alles uber den Perikles, Perikles alles in Athen, und so wurde den MegaPerikles. 21 Ob diese Stelle, der Gasthofe wegen, fur unecht und eingeschoben zu halten sei, uberlasst man dem Urteile derjenigen, welche die Rem cauponariam Veterum grundlich untersucht haben. 22 Ein fremdes Wort! Ich bitte es den Puristen ab. Aber weder Lage, noch Stellung, noch Gebarde druckt das aus was Attitude; und so oft es uns an unentbehrlichen einheimischen Worten gebricht, werden wir wohl genotiget bleiben, fremde zu borgen. Und von wem konnen wir solchenfalls schicklicher borgen als von derjenigen lebenden Sprache, welche die polierteste und allgemeinste ist? So machten es die alten Romer mit der griechischen; und warum sollten deutsche Schriftsteller, mit gleicher Bescheidenheit, nicht tun durfen, was sogar Cicero, dem seine Muttersprache so viel zu danken hatte, fur erlaubt hielt? 23 Die offentliche Ehrbarkeit diente ihnen statt eines Schleiers, sagt, ich weiss nicht welcher Alter, von den spartanischen Tochtern. 24 Frau Salabanda hat Recht. Lange vor dem Hammel der Madame Dannoy machte Lucian in seiner wahren Geschichte, und lange vor Lucian machten die griechischen Komodiendichter, Metagenes, Pherckrates, Teleklides, Krates und Kratinus, Beschreibungen vom Schlaraffenlande und vom Schlaraffenleben, worin sie sich in die Wette beeiferten, der ausschweifendsten Einbildungskraft eines neuern Marchenmachers nichts ubrig zu lassen. Die kuhnsten Zuge im Gemalde, welches Demokritus davon macht, sind aus den Fragmenten genommen, die uns Athenaus im sechsten Buche seines Gastmahls der Sophisten davon aufbehalten hat. 25 Um denjenigen Lesern, welche weder den Diogenes Laertius, noch des Deslandes, oder Bruckers kritische Geschichte der Philosophie, noch die Compendien des Herrn Formey oder D. Buschings, gelesen haben, irrige Vermutungen zu ersparen, erinnert der Verfasser, dass alle hier vorkommende Hypothesen sich eines sehr ehrwurdigen Altertums, und zum Teil einer Menge Verfechter und Anhanger ruhmen konnen. Die Meinung unsers Demokritus ist die einzige, welche, vermutlich bloss weil sie die vernunftigste ist, keine Secte gemacht hat. 26 Dieser Philosoph war also ein Cartesianer vor dem Cartesius. 27 Xerxes, der bei seinem Kriegszuge gegen die Griechen einige Tage zu Abdera bei dem Vater des Demokritus sein Hauptquartier gehabt, hatte den damals noch sehr jungen Demokritus lieb gewonnen, und zu die er bei sich hatte, zuruckgelassen. Diogen. Laert 28 S. Lucian im Philopseudes. 29 Epopten hiessen diejenigen, welche nach ausgestandner Prufung zum Anschauen der grossen Mysterien zu Eleusis zugelassen wurden. S. Warburtont's Divine Legation Vol. I. p. 155 der 4ten Ausgabe. 30 Ein Mann, von dessen wunderbarer Leibesstarke und Gefrassigkeit die fabelhaften Graeculi erstaunliche Dinge zu erzahlen wissen; z.E. dass er einen wohlgemasteten Ochsen dreihundert Schritte weit auf den Schultern getragen, und, nachdem er ihn mit einem einzigen Faustschlag tot gemacht, in einem Tage aufgegessen habe. 31 Eine der Halfte des menschlichen Geschlechts verhasste Sagacitat nennt dies Joh. Chrysostomus Magnenus, in seinem Leben des Demokritus. 32 Plinius, der in seiner Natur- und Kunstgeschichte Wahres und Falsches ohn Unterschied zusammengetragen hat, erzahlt, im Capit. 49 seines zehnten Buchs, in ganzem Ernst: Demokritus habe in einer seiner Schriften gewisse Vogel benennet, aus deren vermischtem Blut eine Schlange entstehe, welche die Eigenschaft habe, dass derjenige, der sie esse, (ob mit Essig und Ol? sagt er nicht) von Stund an alles verund anderer ahnlicher Albernheiten, wovon (wie er sagt) die Schriften des Demokritus wimmeln, liest er ihm an einem andern Orte seines Werkes den Text sehr schulmeisterhaft. Aber Gellius (Noct. Atticar. L. X. Cap. 12.) verteidigt unsern Philosophen mit besserm Grund, als Plinius ihn verurteilt. Was konnte Demokritus dafur, dass die Abderiten dumm genug waren, alles, was er im Ernste sagte, fur Ironie, und alles, was er scherzweise sagte, fur Ernst zu nehmen? Oder wie konnt' er verhindern, dass nicht lange nach seinem Tode abderitische Kopfe tausend Albernheiten, an die er nie gedacht hatte, unter seinem Namen und Ansehen an andre Abderiten verkauften? Was fur klagliches Zeug liess ihn nicht erst im Jahr 1646 Magnenus in seinem Democritus redivivus sagen? Und was mussen nicht die Leute in der andern Welt von sich sagen lassen? 33 Dies ist wohl ein Irrtum des Ubersetzers. Denn wer weiss nicht, dass die Truthuhner dem Aristoteles selbst unbekannt waren, und unbekannt sein mussten, weil sie erst aus Westindien zu uns und in die ubrigen Teile unsrer Halbkugel gekommen sind? S. Buffon Histoire naturelle des Oiseaux, T. 3. p. 187 u. f. 34 Nichts ist moglicher, als dass Sokrates wirklich einmal etwas gesagt haben konnte, das zu dieser Turlipinade Anlass gegeben. Er durfte nur in einer Gesellschaft, wo die Rede von Grosse und Kleinheit war, den Irrtum angemerkt haben, den man gewohnlich begeht, da man von Gross und Klein als von wesentlichen Eigenschaften spricht, und nicht bedenkt, dass es bloss auf den Massstab ankommt, ob etwas gross oder klein sein soll. Er konnte nach seiner scherzhaften Art gesagt haben: man habe Unrecht, den Sprung eines Flohs nach der attischen Elle zu messen; man musse, um die Schnellkraft des Flohs mit derjenigen eines Luftspringers zu vergleichen, nicht den menschlichen Fuss, sondern den Flohfuss zum Mass nehmen, wenn man anders den Flohen Gerechtigkeit widerfahren lassen wolle und dergleichen. Nun brauchte nur ein Abderite in der Gesellschaft zu sein, so konnen wir sicher darauf rechnen, dass er es als eine grosse Ungereimtheit, die dem Philosophen entfahren sei, nach seiner eignen Art wieder erzahlt haben werde; und wenn gleich Aristophanes klug genug war, zu begreifen, dass Sokrates etwas kluges gesagt hatte, so war es doch fur einen Mann von seiner Profession und zu seiner Absicht, den Philosophen lacherlich zu machen, schon genug, dass man diesem Einfall eine Wendung geben konnte, wodurch er geschickt wurde, die Zwerchfelle der Athenienser, welche (den Geschmack und den Witz abgerechnet) ziemlich Abderiten waren, einen Augenblick zu erschuttern. 35 Perpetuo risu pulmonem agitare solebat Democritus. Juvenal. Sat. X. 33. 36 De Tranquill. animi c. 15. 37 Bei allem dem erklart sich doch Seneca bald darauf, dass es noch besser und einem weisen Manne anstandiger sei, die herrschenden Sitten und Fehler der Menschen sanft und gleichmutig zu ertragen, als daruber zu lachen oder zu weinen. Mich dunkt, er hatte mit wenig Muhe finden konnen, dass es noch was bessers gibt als dies Bessere. Warum immer lachen, immer weinen, immer zurnen, oder immer gleichgultig sein? Es gibt Torheiten, welche belachenswert sind; es gibt andere, die ernsthaft genug sind, um dem Menschenfreund Seufzer auszupressen; andre, die einen Heiligen zum Unwillen reizen konnten; endlich noch andre, die man der menschlichen Schwachheit zu gut halten soll. Ein weiser und guter Mann (nisi pituita molesta est, wie Horaz weislich ausbedingt,) lacht oder lachelt, bedaurt oder beweint, entschuldigt oder verzeiht, je nach dem es Personen und Sachen, Ort und Zeit mit sich bringen. Denn lachen und weinen, lieben und hassen, zuchtigen und loslassen, hat seine Zeit, sagt Salomo, welcher alter, kluger und besser war als Seneca mit allen seinen Antithesen. 40 Apolog. C. 46. 41 Memorab. Socrat. Lib. 1. Cap. 3. Num. 14. 42 Brucker; vom Magnenus, der den Demokritus nach seiner eignen Phantasie raisonnieren und deraisonnieren lasst, nichts zu sagen! 43 Bruck. Histor. Crit. Philos. T. 1. p. 1190. 44 Hier scheint sich eine Unrichtigkeit in den Text eingeschlichen zu haben. Der Pfau war vor Alexanders Eroberung des persischen Reiches ein unbekannter Vogel in Griechenland. Und da er nachmals aus Asien nach Europa uberging, war er anfangs so selten, dass man ihn zu Athen um Geld sehen liess. Jedoch wurde er in kurzer Zeit (nach dem Ausdruck des Komodienschreibers Antiphanes) so gemein als die Wachteln. In der uppigen Epoche von Rom wurde deren eine unendliche Menge daselbst erzogen, und der Pfau machte ein vorzugliches Gerichte auf den romischen Tafeln aus. Woher der Herr von Buffon genommen hat, dass die Griechen keine Pfauen gegessen, weiss ich nicht; das Gegenteil hatte ihm eine Stelle aus dem Poeten Alexis beim Athenaus beweisen konnen. Indessen ware doch, wenn es vor Alexandern keine Pfauen in Europa gegeben hatte, gewiss, dass Demokritus dem Priester Strobylus keinen gebratnen Pfauen hatte schicken konnen; man musste denn voraussetzen, dass dieser Naturforscher unter andern Seltenheiten sollte man dies nicht voraussetzen konnen? Im Notfall konnten uns auch die alten samischen Munzen, auf denen man neben der Juno einen Pfau abgebildet sieht, aus der Schwierigkeit helfen wenn es der Muhe wert ware. 45 Eine persische Goldmunze, die von Cyaxares 11, oder Darius aus Medien, nach der Eroberung Babylons zuerst soll geschlagen worden sein. 46 Wie ungleich sich doch das namliche Factum erzahlen lasst. Von eben dieser Tat, die unser Sykophant fur den vollstandigsten Beweis eines verruckten Gehirnes halt, spricht Plinius als von einer hochst edeln und der Philosophie Ehre machenden Handlung. Demokritus war viel zu gutherzig, um sich auf Unkosten andrer, die nicht so viel entbehren konnten wie er, bereichern zu wollen. Ihre angstliche Unruhe und Verzweiflung, einen so grossen Gewinnst verfehlt zu haben, ruhrte ihn; er gab ihnen ihr Ol, oder das daraus geloste Geld zuruck, und begnugte sich, den Abderiten gezeigt zu haben, dass es nur von ihm abhange, Reichtumer zu erwerben, wenn er es fur der Muhe wert hielte. In diesem Lichte sieht Plinius die Sache an; und in der Tat muss man ein Abderite, ein Sykophant, und ein Schurke zugleich sein, um so wie unser Sykophant davon zu sprechen. 47 Es befindet sich noch etwas unter dieser Rubrik in den Ausgaben der Werke des Hippokrates. Es ist aber ohne allen Zweifel untergeschoben, und die Arbeit irgend eines schalen Graculus spaterer Zeiten; so wie die ganze Erzahlung von der Zusammenkunft dieses Arztes mit dem Demokritus in einem der unechten Briefe, die den Namen des erstern fuhren. 48 Denen, welche sich etwan hieruber verwundern mochten, dienet zur Nachricht, dass die Lorgnetten damals noch nicht erfunden waren. 49 Zum Ungluck sind alle seine Werke verloren gegangen. V. Recherches sur Hecatee de Milet, Tom. IX. des Mem. de Litterat. 50 Ovid. Metamorph. L. V, v. 218. 52 Es nannte sich Eugamia, oder die vierfache Braut. Eugamia war von ihrem Vater an einen, von der Mutter an den andern, und von einer Tante, an deren Erbschaft ihr gelegen war, an den dritten Mann versprochen worden. Am Ende kam heraus, dass das voreilige Madchen sich selbst in aller Stille bereits an einen vierten verschenkt hatte. 55 Ein Ausdruck, der vor kurzem von einem franzosischen Schriftsteller bei einer solchen Gelegenheit gebraucht worden ist, dass er nun fur unwiederbringlich einem Possenspiel auszustehen ist. 58 Es ist bekannt, dass dieses hassliche Laster dem Euripides, wiewohl unverdienter Weise, Schuld gegeben wurde. 59 Der Ratsherr war einer von den Fursorgern des geheiligten Froschgrabens, welches in Abdera eine sehr ansehnliche Stelle war. Man nannte sie die Batrachotrophen, welches zu deutsch sehr fuglich durch Froschpfleger gegeben werden kann. 62 Der Apostel Paul bedient sich des von diesem Worte abgeleiteten Beiworts, da er die Athenienser, ironischer oder wenigstens zweideutiger Weise, wegen ihrer unbegrenzten Religiositat zu loben scheint. Apost. Gesch. XVII. 22. Man konnte es Gotterfurcht oder Damonenfurcht ubersetzen. 63 Es versteht sich von selbst, dass der Dichter das Seinige getan haben muss, um die Illusion zu bewirken und zu unterhalten; denn sonst hat er freilich kein Recht, von uns zu verlangen, dass wir, ihm zu gefallen, tun sollen, als ob wir sahen, was er uns nicht zeigt, fuhlten, was er uns nicht fuhlen macht, u.s.w. 64 Aufrichtig zu reden, dieser Vers ist der einzige ruhrende in dem ganzen Fragment der Rede des Perseus, das zufalliger Weise noch vorhanden ist, wie mogen denn so lauten die Worte: ' , , , , ,

, . . . 65 Wir wissen wohl dass dies nicht a la grecque gesprochen ist; aber die Dame Struthion ist wie Frau Damon in unsern Komodien: und was liegt dem Leser daran, wie die Zahnarztin mit ihrem eigenen Namen geheissen haben mag