1772_Wieland_108 Topic 3

Christoph Martin Wieland

Der Sieg der Natur uber die

Schwarmerei

oder

Die Abenteuer des Don Sylvio von

Rosalva

Eine Geschichte worin alles Wunderbare

naturlich zugeht

Nachbericht des Herausgebers

welcher aus Versehen des Abschreibers

zu einem Vorberichte gemacht worden

Ich muss es dem guten Willen der Leser uberlassen, ob sie glauben wollen oder nicht, dass dieses Buch den Don Ramiro von Z***, der einige Jahre Gesandtschafts-Secretarius bei einem bekannten Spanischen Minister an einem deutschen Hofe gewesen, zum Verfasser habe. Ich meines Orts gestehe, dass ich die spanische Handschrift nicht selbst in Handen gehabt; allein mein Freund, der Herr Ubersetzer, erzahlt mir in einem Schreiben, worin er mir auftragt, die Ausgabe dieses Werks zu besorgen, eine so umstandliche und wohlzusammen hangende Geschichte der besagten Handschrift und ihrer seltsamen Schicksale, der Ursachen warum, ungeachtet des gunstigen Urteils, so der Erzbischof von T*** davon gefallt, dieselbe in Spanien niemalen zum Druck gelangen konnen, und auf was Art sie, vor einigen Jahren in seine Hande gekommen; dass ich mir die Muhe nicht geben mag, an der Wahrheit seiner Erzahlung zu zweifeln. Er versichert mich, dass alle diese und noch viele andre sehr merkwurdige Anecdoten, dieses Buch betreffend, in einer weitlaufigen Zuschrift enthalten seien, welche Don Ramiro an seinen Gonner, den beruhmten Minister Don Richard von W*** gerichtet habe, und die er dem Leser nicht missgonnt haben wurde, wenn er nicht durch viele eingefallene Geschafte an Ubersetzung derselben ware gehindert worden.

Ich lasse alles dieses an seinen Ort gestellt sein. Was ich gewiss sagen kann, ist, dass mich Don Sylvio von Rosalva so sehr belustiget hat als irgend ein Buch von dieser Art, und dass ich bei Durchlesung des Manuscripts so oft und so herzlich lachen musste, dass meine Frau, welche wusste, dass ich allein in meinem Cabinete war, endlich in voller Besturzung herbei gelaufen kam, und mich fragte, was mir fehle; denn sie besorgte in der Tat, ich mochte narrisch geworden sein, eine Besorgnis, womit sie, ich gestehe es, meinem Verstande eben keine Ehre antat. Meine Frau, die eine gute Art von einem Hausweibe ist, und sich ihre Augen eben nicht mit vielem Lesen verderbt, hat, wenn sie gleich kein gelehrtes Frauenzimmer ist, doch so viel Vernunft, dass sie weisst, wenn man lachen und wenn man weinen muss. Ich bat sie also, sie mochte sich zu mir setzen, und da las ich ihr das Capitel vor, wobei sie mich so laut lachen gehort hatte; ich war noch nicht bis in die Mitte gekommen, so fand sie die Einfalle des Pedrillo so schnakisch, dass sie auch zu lachen anfing, und weil sie die Gewohnheit an sich hat, dass sie nicht wieder aufhoren kann, wenn der Anfang einmal gemacht ist, so lachte sie so lang und viel, dass ich selbst auch wieder darein kam, und vor Lachen nicht mehr fortkommen konnte; denn das Lachen ist, wie man weisst, so ansteckend wie das Gahnen. Mein Schreiber wollte eben gewisse Acten in meinem Zimmer holen, wie wir im besten Lachen waren; weil er nun eine gar feierliche, sauertopfische Art von einem Kerl ist, so blieb er, bei unserm Anblick, mit der Feder hinterm Ohr in der Ture stehen, und machte eine Mine gegen uns, als ob er dachte, wir waren dem Tollhause entloffen. Ich sagte ihm warum es zu tun sei, und ersuchte ihn nur ein wenig da zu bleiben und zuzuhoren; ich las fort, und wurde alle Augenblick durch das Kichern meiner Frau und mein eigenes Lachen unterbrochen; Anfangs hielt sich mein Herr vom Dintenfass so gut, dass es nicht besser sein konnte; er machte ein paar Augen wie ein Cato, und veranderte nicht die kleinste von den Falten, in die er sein Gesicht alle Morgen zu legen pflegt, ungeachtet etliche Stellen kamen, bei denen ich und meine Frau uns beinahe aus dem Atem lachten; allein endlich triumphierte doch Pedrillo uber seine stoische Unbeweglichkeit, und eine gewisse Stelle, auf die ich im Lesen kam, wurkte mit einem solchen Nachdruck auf sein Zwerchfell, dass er in ein wieherndes Gelachter ausbrach, welches desto lauter erschallte, je mehr er sich bemuhet hatte es zuruck zu halten; das StubenMensch, die indessen auch an die Ture gekommen war, machte die vierte Stimme in diesem Sardonischen Concerte, und da der Lerm, den wir machten, in kurzem auch die Kochin, und Hans, den Hausknecht, herbei zog, so wurde durch diese neue Verstarkung der Effect unsrer wiehernden Symphonie so heftig, dass die Leute auf der Strasse stehen blieben und mit zu lachen anfingen, ohne dass sie wussten warum? Kurz, es lag nur an mir alle meine Nachbarn mit ins Spiel zu bringen, und wer weisst, ob das Gelachter sich nicht von Gasse zu Gasse fortgewalzt und endlich die ganze Stadt samt den Vorstadten in Erschutterung gesetzt hatte, wenn ich nicht so klug gewesen ware, mein Manuscript wegzulegen, mein Gesinde wegzuschelten, und meine Frau auf ein anders Capitel zu bringen. Ich bitte den geneigten Leser um Verzeihung, dass ich so frei gewesen bin, ihn mit solchen Kleinigkeiten aufzuhalten; ich weiss selbst nicht wie es gekommen ist, dass ich mich so vergessen habe; denn ich kenne die Ehrerbietung sonst ganz wohl, die ein Vorredner dem hochansehnlichen Publico schuldig ist, und ich wollte in der Tat nur sagen, wie gute Hoffnung ich habe, dass Don Sylvio und sein getreuer Pedrillo nicht wenig beitragen werden, der Hypochondrie und dem Spleen Einhalt zu tun, welche, wie ich hore, aus England nach Frankreich, und von den Franzosen, (die nun schon einmal dazu bestimmt sind, uns ihre Galanterien anzuhangen) seit einiger Zeit auch zu uns Deutschen heruber gekommen sein, und sonderlich unter den Damen und jungen Herren bereits starke Progressen gemacht haben sollen.

Weil man aber doch aufrichtig sein, und das eine sagen muss! O wie das andre, so kann ich nicht bergen, dass ich einen gewissen Papefiguier kenne, der dieses Buch in einem ganz andern Lichte betrachtet, und an dem es in der Tat nicht liegt, dass es nicht als ein kleines Ungeheuer in der Geburt erstickt worden. Er ist eine Art von einem Petriner, der, Verstands halben gewiss keine Ketzerei erfinden wird, aber dagegen zum Ersatz einer von den eigensinnigsten Kopfen in der Christenheit. Er geht schon seit dem vorletzten Jubel-Jahr dienstlos herum, und lebt indessen, bis der Jansenismus, wie er hofft, durch ein allgemeines Concilium eingefuhrt sein wird, von der Gutherzigkeit der Christen und vom Nachtisch des benachbarten Adels. Denn er ist ein erklarter bockbeiniger Janseniste, und das ist eben die Quelle seines Unglucks. Allein er hat, wie gesagt, den Mut noch nicht verloren, dass seine Partei die Oberhand gewinnen werde, und er sieht den Fall der Jesuiten in Frankreich als einen glucklichen Vorboten an, dass der Untergang des grossen Drachen vor der Ture sei, welcher bisher, wie er sagt, die ganze Welt verfuhrt habe. Dieser ehrliche Mann, der sich zuweilen zum Mittagessen bei mir einladt, kam neulich in mein Zimmer zu einer Zeit, da ich eben meiner Geschafte wegen keine Acht gehen konnte. Er durchnisterte also indessen meine Papiere, und da kam er, zum Ungluck auf das Manuscript des Don Sylvio. Ich dachte gleich, dass es Handel absetzen werde, und ich betrog mich nicht; er hatte kaum eine Viertelstunde darin herum geblattert, so warf er es wieder auf den Tisch, und geriet in einen so heftigen Eifer uber ein so gottloses und gefahrliches Buch, dass ich Gewalt brauchen musste um ihn zu verhindern, dass er es nicht auf der Stelle ins Camin warf. Er wollte sichs nicht ausreden lassen, dass die Abenteuer des Don Sylvio eine Allegorie oder Parabola sei, wie er es hiess, deren geheimer Sinn und Endzweck auf nichts geringers als auf den Umsturz des Glaubens, des Evangelii des Pater Quesnell und der Wunder des Herrn von Paris abgesehen sei. Mit einem Wort, er machte einen solchen Lermen, dass er mich, als einen Laien, der seiner eignen Einsicht in dergleichen Sachen nicht trauen darf, endlich selbst ungewiss machte, ob ich gleich bei Durchlesung des Manuscripts nicht das mindeste gefunden hatte, das mir die Absichten des Verfassers hatte verdachtig machen konnen. Weil ich nun als der erbetene Herausgeber dieses Buches, den sichersten Weg gehen, und gewiss wissen wollte, woran ich ware, so communicierte ich das Manuscript einem angesehen Geistlichen, welcher dermalen Dechant zu *** ist und bei jedermann den Namen eines der gelehrtesten und frommsten Priestern in unsrer ganzen Revier hat, und bat ihn, er mochte mir seine Gedanken davon offenherzig entdecken, indem ich sehr ungleiche Urteile daruber hatte fallen horen. Dieser rechtschaffene Mann schrieb mir zuruck; "er hatte den Don Sylvio nicht ohne Vergnugen durchlesen, ob er gleich gestehe, dass ohne einen besondern Beruf diese Art von Lectur einem Mann von seinem Stande nicht sonderlich anstandig sei; er vermute sehr, dass der Verfasser kaum eine andre Absicht gehabt habe als sich und seinen Lesern eine Kurzweil zu machen, eine Absicht, die an sich selbst und in ihrer gehorigen Masse und Einschrankung nicht verwerflich sei; die Torheiten der Menschen, ihre Vorurteile und irrige Meinungen, und die Ausschweifungen ihrer Einbildungskraft und ihrer Leidenschaften zu verspotten, sei nicht nur erlaubt sondern so gar nutzlich; und wenn in einem Buch, das mehr zur Belustigung als zum Unterricht geschrieben sei, und worin guter Humor und scherzende Satyre herrsche, der scherzhaft Ton selbst uber ernsthaftere Gegenstande ausgedehnt werde, so sei auch dieses solange die Schranken der Anstandigkeit nicht uberschritten werden, ganz wohl zu dulden, indem die Wahrheit ein jedes Licht vertragen konne, und das Lacherliche niemals an der Wahrheit selbst hafte, sondern vielmehr bloss dazu diene, die falschen Zusatze, womit sie in den Kopfen der Menschen vermengt werde, von ihr abzuschneiden; und wenn auch, im ubrigen, die Absicht des Verfassers gewesen ware in der Person des Don Sylvio die Schwarmerei, und in Pedrillo den Aberglauben und die Leichtglaubigkeit des Pobels, und uberhaupt dasjenige, das Juvenal veteres avias nenne, in ein lacherliches Licht zu stellen, so wurde er der Religion dadurch vielmehr einen Dienst als den geringsten Abbruch getan haben; und ihm eine solche Freiheit ubel auszudeuten, wurde um so viel unbilliger sein, da die heiligen Vater selbst sich meistens keiner andern Waffen als des lachenden Spottes und der beissenden Ironie gegen den herrschenden Aberglauben ihrer Zeiten bedient hatten etc. etc."

Dieses gelinde Urteil von einem Mann, dessen Ausspruche bei mir eine entscheidende Autoritat haben, beruhigte mich wieder vollkommen, und ich gesteh es, dass ich ihm recht dafur verbunden bin, dass ich beim Don Sylvio wieder unbesorgt und nach Herzens Lust lachen darf.

Ich uberlasse es nun den Lesern, was sie tun wollen, ob sie dabei lachen, lacheln, sauer sehen, schmalen oder weinen wollen. Mir liegt weniger daran als dem Verleger; denn dieser hat sich, um die Wahrheit zu gestehen, darauf verlassen, dass Don Sylvio ein lustiges Buch sei, und er wurde sich schwerlich damit abgegeben haben, ein paar tausend Copien von den Einfallen des Hrn. Don Ramiro von Z** auf seine Unkosten machen zu lassen, wenn man ihn nicht versichert hatte, dass die Medici in hypochondrischen und Milz-Krankheiten, in allen Arten von Vaperus, und hysterischen Zufallen, und sogar im Podagra, ihren Patienten kunftig den Don Sylvio statt einer Tisanne einzunehmen verschreiben wurden. R*** am N. den 2. Octob. 1763

P.F.X.D.R.G.N.

und S.S.D.

Erster Teil

Erstes Buch

Erstes Capitel

Character einer Art von Tanten

In einem alten baufalligen Schloss der Spanischen Provinz Valencia lebte vor einigen Jahren ein Frauenzimmer von Stande, die zu derjenigen Zeit, da sie in der folgenden Geschichte ihre Rolle spielte, bereits sechzig Jahre unter dem Namen Donna Mencia von Rosalva sehr wenig Aufsehens in der Welt gemacht hatte.

Diese Dame hatte die Hoffnung, sich durch ihre personliche Annehmlichkeiten zu unterscheiden, schon seit dem Successions- Krieg aufgegeben, in dessen Zeiten sie zwar jung und nicht ungeneigt gewesen war, einen wurdigen Liebhaber glucklich zu machen, aber immer so empfindliche Krankungen von der Kaltsinnigkeit der Mannspersonen erfahren hatte, dass sie mehr als einmal in Versuchung geraten war, in der Abgeschiedenheit einer Kloster-Celle ein Herz, dessen die Welt sich so unwurdig bezeugte, dem Himmel aufzuopfern. Allein, ihre Klugheit liess sie jedesmal bemerken, dass dieses Mittel, wie alle diejenigen, so der Unmut einzugehen pflegt, ihre Absicht nur sehr unvollkommen erreichen, und in der Tat die Undankbarkeit der Welt nur an ihr selbst bestrafen wurden.

Sie besann sich also glucklicher Weise eines andern, welches sie nicht so viel kostete, und weit geschickter war die einzige Absicht zu befordern, die bei so bewandten Umstanden ihrer wurdig zu sein schien. Sie wurde eine Sprode, und nahm sich vor, ihre beleidigten Reizungen an allen den Ungluckseligen zu rachen, welche sie als Wolken ansah, die den Glanz derselben aufgefangen und unkraftig gemacht hatten. Sie erklarte sich offentlich fur eine abgesagte Feindin der Schonheit und Liebe, und warf sich hingegen zur Beschutzerin aller dieser ehrwurdigen Vestalen auf, denen die Natur die Gabe der transcendentalen Keuschheit mitgeteilt hat, und deren blosser Anblick fahig waren, den mutigsten Faunen zu entwaffnen.

Donna Mencia liess es nicht bei der blossen Freundschaft bewenden, die der nahere Umgang, die Sympathie und die Ahnlichkeit ihres Schicksals zwischen ihr und einigen Frauenzimmern von dieser Classe stiftete, mit denen sie zu Valencia, wo sie erzogen worden war, nach und nach Bekanntschaft gemacht hatte. Sie richtete eine Art von Schwesterschaft mit ihnen auf, die in der schonen Welt eben das war, was die Monchs-Orden in der politischen sind, ein Staat im Staat, dessen Interesse ist, dem andern allen moglichen Abbruch zu tun, und die sich den Namen der Anti-Grazien erwarben, indem sie mit dem ganzen Reich der Liebe in einer eben so offenbaren und unversohnlichen Fehde stunden, als die Maltheser-Ritter mit den Musulmannen.

Um ihre Zusammenkunfte auch dem gemeinen Wesen so nutzlich zu machen, als sie ihnen selbst angenehm waren, erwahlten sie die Beforderung der Tugend und guten Sitten unter ihrem Geschlecht zum Gegenstand ihrer grossmutigen Bemuhungen; denn die klagliche Verderbnis desselben war, ihrem Urteil nach, die wahre und einzige Quelle alles Unheils in der Welt. Sie legten zum Grund ihrer Sittenlehre, dass die Besitzerin eines angenehmen Gesichts unmoglich tugendhaft sein konne, und nach diesem Grundsatz wurden alle ihre Urteile uber die Handlungen und den moralischen Wert einer jeden Person ihres Geschlechts bestimmt. Ein Frauenzimmer, welches gefiel, war in ihren Augen eine Ungluckselige, eine verlorne Creatur, eine Pest der menschlichen Gesellschaft, ein Gefass und Werkzeug der bosen Geister, eine Harpye, Hyane, Syrene und Amphisbane, und alles dieses und noch etwas argers, je nachdem es mehr oder weniger von dem ansteckenden Gifte bei sich fuhrte, welches nach dem System dieser Sittenlehrerinnen eben so todlich fur die Tugend als schmeichelhaft fur die Eigenliebe und vefuhrisch fur die armen Mannsleute ist.

In diesem strengen Character hatte sich Donna Mencia bereits uber funfzehn Jahre der schonen Welt zu Valencia furchtbar gemacht, als Don Pedro von Rosalva, ihr Bruder, den Entschluss fasste, Madrit zu verlassen, wo er den Rest eines im Dienst des neuen Konigs aufgewandten Vermogens verzehrt hatte, eine Pension nachzusuchen, die er nicht erhielt, und nun, da es zu spat war, nicht wenig bedaurte, dass er ihn nicht lieber angewendet hatte, ein kleines altes Schloss zwo oder drei Stunden von Xelva, das einzige, was ihm von seinen Voreltern ubrig war, in einen bewohnbaren Stand zu setzen.

Er hatte von einer Gemahlin, die ihm kurzlich gestorben war, einen Sohn und eine Tochter, deren zartes Alter so wohl als die Regierung seines kleinen Hauswesens eine weibliche Aufsicht erforderte. Er ubertrug dieses Amt seiner Schwester, welche leicht zu bewegen war, die Demutigungen, so sie in Valencia erlitten hatte, gegen das Vergnugen zu vertauschen, die vornehmste Frau in einem Dorfe zu sein; eine Denkungsart, die sie vielleicht dem grossen Casar abgelernt haben mochte, der bei seinem Durchzug durch ein elendes Stadtchen in den Pyrenaen seine Freunde versicherte, dass er lieber der erste in diesem armseligen Stadtchen, als der zweite in Rom sein mochte.

Der Gram uber fehlgeschlagene Hoffnungen liess den guten Don Pedro die Annehmlichkeiten der Freiheit und des Landlebens, dessen wahre Vorteile ohnehin seinen Landsleuten noch unbekannt sind, nicht lange geniessen. Er starb, und hinterliess seinem Sohn, Don Sylvio, einen Stammbaum, der sich in den Zeiten des Gargoris und Habides verlor, ein verfallenes Schloss mit drei Turmen, etliche Pacht-Hofe, und die Hoffnung nach dem Tode der Donna Mencia eine Erbschaft von alten Juwelen, Brillen und Rosenkranzen, nebst einem ansehnlichen Vorrat von Ritterbuchern und Romanen mit seiner Schwester zu teilen.

Don Pedro starb desto ruhiger, da er seinen Sohn, ob er gleich das zehnte Jahr kaum erreicht hatte, in den Handen einer so weisen Dame liess, als Donna Mencia in seinen Augen war.

Denn ihre erstaunliche Belesenheit in Chroniken und Ritterbuchern, und die Beredsamkeit, womit sie ihre tiefe Einsichten in die Staats-Wissenschaft und Sittenlehre bei der Mahlzeit und bei andern Gelegenheiten auszulegen pflegte, hatten ihm eine desto grossere Meinung von ihrem Verstande beigebracht, je weniger seine Martialische Lebensart ihm Zeit gelassen hatte, eine mehrere Kenntnis von dem, was man die polite Gelehrtheit heisst, zu erwerben, als etwan das wenige sein mochte, was ihm aus seinen SchulJahren in einem nicht allzugetreuen Gedachtnis ubrig geblieben war.

Zweites Capitel

Was fur eine Erziehung Don Sylvio von seiner Tante

bekommen

Donna Mencia betrog die Hoffnung nicht, welche sich ihr Bruder von ihrer Sorgfalt und Geschicklichkeit gemacht hatte. Denn so bald der junge Sylvio von dem Vicarius des Dorfs so viel Latein gelernt hatte, dass er die Verwandlungen des Ovidius verstehen, und von dem Barbier eines benachbarten Fleckens, dem Amphion der Gegend, so viel Musik, dass er etliche Dutzend alte Balladen auf der Cither accompagnieren konnte; so nahm sie es auf sich selbst, ihn zu allen den ubrigen Eigenschaften auszubilden, welche nach ihren Begriffen einen vollkommenen Cavalier ausmachten.

Das schlimmste war, dass sie diese Begriffe aus dem Pharamond, der Clelia, dem grossen Cyrus und andern Buchern von dieser Classe geschopft hatte, welche nebst den Abenteuern der zwolf Pairs von Frankreich und der Ritter von der runden Tafel den vornehmsten Teil ihrer Bibliothek ausmachten. Ihrer Meinung nach lag in diesen Buchern der ganze Reichtum der erhabensten und nutzlichsten Kenntnisse verborgen. Sie glaubte also ihren Untergebenen nicht besser anweisen zu konnen, als wenn sie ihm die Begriffe und den Geschmack beizubringen suchte, so sie selbst aus so lautern Quellen geschopft hatte, und die glucklichen Fahigkeiten des jungen Don Sylvio begunstigten ihre Absichten so sehr, dass er, ehe er noch das funfzehnte Jahr erreicht hatte, zum wenigsten eben so gelehrt als seine gnadige Tante war. Er besass in diesem zarten Alter bereits eine so ausgebreitete Erkenntnis von der Geschichte, der Natur-Kunde, der Theologie, der Metaphysik, der Sittenlehre, der Staats- und Kriegs-Kunst, den Altertumern und den schonen Wissenschaften als irgend einer von den gelehrtesten Helden des grossen Cyrus, und wusste mit so vieler Beredsamkeit uber die subtilsten Fragen aus diesen Wissenschaften zu perorieren, dass die Bedienten des Hauses, der Vicarius, der Schulmeister, der vorbesagte Barbier und andere Personen von Distinction, die den freien Zutritt im Hause hatten, sowohl die Wunder-Gaben des jungen Herrn, als die weise Erziehungs-Kunst der gnadigen Frau nicht genug bewundern konnten.

Was dieser letztern an ihrem Neffen am besten gefiel, war die ausserordentliche Begierde, wovon er brannte, den erhabnen Mustern nachzuahmen, von deren grossen Taten und Helden Tugenden er bis zur Bezauberung entzuckt war, und womit er seine Einbildungs-Kraft so vertraut gemacht hatte, dass er sich endlich beredete, es wurde ihm nicht mehr Muhe kosten sie auszuuben, als er brauchte sich eine Vorstellung davon zu machen. Donna Mencia zweifelte nicht, dass Don Sylvio mit so edlen Neigungen und einer so heroischen Denkungsart dereinst eine grosse Rolle in der Welt spielen und den Helden, welche sie am meisten bewunderte, an Ruhm und Gluck eben so ahnlich werden musste, als er es ihnen an Schonheit und personlichen Annehmlichkeiten war.

Drittes Capitel

Psychologische Betrachtungen

Man wird sich um so weniger wundern, dass die Einbildungs-Kraft des Don Sylvio von einer so wunderbaren Erziehung einen seltsamen Schwung bekommen musste, wenn wir sagen, dass eine ungemeine Empfindlichkeit, und, was unmittelbar damit verbunden ist, eine starke Disposition zur Zartlichkeit unter die Gaben gehorte, womit ihn die Natur bis zum Ubermass beschenke hatte.

Junge Leute von dieser Art lieben uberhaupt alle Vorstellungen, welche lebhafte Eindrucke auf ihr Herz machen, und Leidenschaften erwecken, die, in einem leichten Schlummer liegend, bereit sind von dem kleinsten Gerausch aufzufahren.

Kommt dann noch hinzu, dass sie fern von der Welt, in einer landlichen Einsamkeit und Einfalt, unter den naturlichen Vergnugungen des Landlebens und frei von den Arbeiten desselben erzogen werden; So erhalten die wunderbaren und passionierten Vorstellungen eine verdoppelte und desto starkere Gewalt uber ihr Herz, je geschaftiger die Phantasie in solchen Umstanden zu sein pflegt, das Leere auszufullen, so die bestandige Einformigkeit der Gegenstande, die sich den Sinnen darstellen, in der Seele zurucklasst. Unvermerkter Weise verwebt sich die Einbildung mit dem Gefuhl, das Wunderbare mit dem Naturlichen und das Falsche mit dem Wahren. Die Seele, welche nach einem blinden Instincte Schimaren eben so regelmassig bearbeitet als Wahrheiten, bauet sich nach und nach aus allem diesem ein Ganzes, und gewohnt sich an, es fur wahr zu halten, weil sie Licht und Zusammenhang darin findet, und weil ihre Phantasie mit den Schimaren, die den grossten Teil davon ausmachen, eben so bekannt ist als ihre Sinnen mit den wurklichen Gegenstanden, von denen sie ohne sonderliche Abwechslung immer umgeben sind.

In diesem Falle befand sich der Jungling, welcher der Held unserer Geschichte sein wird. Die naturliche Lauterkeit seiner Seele war des Argwohns, ob er etwan betrogen werde, unfahig. Seine Einbildung fasste also die schimarischen Wesen, die ihr die Poeten und Romanen-Dichter vorstellten, eben so auf, wie seine Sinnen die Eindrucke der naturlichen Dinge aufgefasset hatten. Je angenehmer ihm das Wunderbare und Ubernaturliche war1, desto leichter war er zu verfuhren, es wurklich zu glauben; zumal da er in die Moglichkeit auch der unglaublichsten Dinge keinen Zweifel setzte. Denn fur den Unwissenden ist alles moglich. Solchergestalt schob sich die poetische und bezauberte Welt in seinem Kopf an die Stelle der wurklichen, und die Gestirne, die elementarischen Geister, die Zauberer und Feen waren in seinem System eben so gewiss die Beweger der Natur, als es die Schwere, die Anziehungs-Kraft, die Elasticitat, das electrische Feuer, und andere naturliche Ursachen in dem System eines heutigen Weltweisen sind.

Die Natur selbst, deren anhaltende Beobachtung das sicherste Mittel gegen die Ausschweifungen der Schwarmerei ist, scheint auf der andern Seite durch die unmittelbaren Eindrucke, so ihr majestatisches Schauspiel auf unsre Seele macht, die erste Quelle derselben zu sein.

Das angenehme Grauen, so uns beim Eintritt in den dunkeln Labyrinth eines dichten Geholzes befallt, beforderte ohne Zweifel den allgemeinen Glauben der altesten Zeiten, dass die Walder und Haine von Gottern bewohnt wurden. Der susse Schauer, das Erstaunen, die gefuhlte Erweiterung und Erhohung unsers Wesens, die wir in einer heitern Nacht beim Anblick des gestirnten Himmels erfahren, begunstigte vermutlich den Glauben, dass dieser schimmervolle, mit unzahlbaren nie erloschenden Lampen erleuchtete Abgrund eine Wohnung unsterblicher Wesen sei.

Aus dieser Quelle kommt es vermutlich, dass die Landleute, denen ihre Arbeiten keine Zeit lassen, die verworrenen Eindrucke, so die Natur auf sie macht, zu deutlicher Erkenntnis zu erhohen, uberhaupt aberglaubischer als andre Leute sind; daher die korperlichen Geister, womit sie die ganze Natur angefullt sehen; daher die unsichtbare Jagden in den Waldern, die Feen, die des Nachts auf den Fluren im Kreise tanzen, die freundlichen und die boshaften Kobolte, der Alp, der die Madchen druckt, die Berg-Geister, die Wasser-Nixen, die Feuer-Manner, und wer weiss, wie viel andre Hirn-Gespenster, von denen sie so vieles zu erzahlen wissen, und deren Wurklichkeit bei ihnen so ausgemacht ist, dass man sie nicht leugnen kann, ohne in den Augen der meisten von ihrer Classe entweder albern oder gottlos zu scheinen.

Nehmen wir nun alle diese Umstande zusammen, welche sich vereinigten, der romanhaften Erziehung unsers jungen Ritters ihre volle Kraft zu geben, so werden wir nicht unbegreiflich finden, dass er nur noch wenige Schritte zu machen hatte, um auf so abenteurliche Sprunge zu geraten, als seit den Zeiten seines Landsmanns, des Ritters von Mancha, jemals in ein schwindlichtes Gehirn gekommen sein mogen.

Viertes Capitel

Wie Don Sylvio mit den Feen bekannt wird

Zum Ungluck fur seine Vernunft befanden sich unter den Buchern, womit eine grosse Kammer des Hauses angefullt war, eine Menge Feen-Marchen, wovon Don Pedro ein grosser Liebhaber gewesen war, ob er gleich von seiner weisen Schwester wegen seines Geschmacks an solchen unnutzen Possen, wie sie es nannte, nicht selten angefochten wurde. Denn in so grossem Ansehen die Ritterbucher bei ihr stunden, welche sie mit den Chroniken, Historien und Reisebeschreibungen in einerlei Classe setzte, so verachtlich waren ihr alle diese kleine Spiele des Witzes, die bloss zur Unterhaltung der Kinder oder zum Zeitvertreib der Erwachsenen geschrieben werden, und durch nichts als die angenehme Art der Erzahlung sich Leuten von Geschmack empfehlen konnen.

Don Pedro gestand ihr willig ein, dass es Schakereien seien; aber sie vertreiben mir, sagte er, doch manche langweilige Stunde; je schnakischer die Einfalle sind, die der narrische Kerl, der Autor, auf die Bahn bringt, desto mehr lach' ich, und das ist alles, was ich dabei suche.

Die weise Donna Mencia, welche, wie alle wunderliche Leute, nur ihre eigene Grillen vernunftig fand, liess sich zwar durch diese Antwort nicht befriedigen; allein die Arabischen und Persianischen Erzahlungen, und die Novellen, und die Feen-Marchen blieben nichts desto weniger in ruhigem Besitz ihres Platzes in der Bibliothek, und da sie meistens nur in blaues Papier geheftet waren, so verbargen sie sich so bescheiden hinter die ehrwurdigen Folianten und QuartBande der Donna Mencia, dass sie nach dem Tode des alten Ritters in kurzem ganzlich vergessen wurden.

Allein, vermutlich wollte die Fee, die sich in das Schicksal des jungen Sylvio mischte, nicht zugeben, dass er seine Bestimmung verfehlen sollte; und da er einst in Abwesenheit seiner Tante, deren Ernsthaftigkeit und ewige Sittenlehren ihm sehr beschwerlich zu werden anfingen, in der Bucher-Kammer herum stoberte, um sich etwas zur Zeitkurzung auszusuchen, so geriet er, es sei nun von ungefahr oder durch den geheimen Antrieb der besagten Fee, auf ein starkes Heft von Feen-Marchen. Er steckte es voller Freude zu sich, und zog sich, so geschwind er konnte, in den Garten zuruck, um den Wert seines Funds ungestort erkundigen zu konnen; denn es schwante ihm schon beim Anblick der Titel, dass es sehr angenehme Sachen sein mussten.

Die Kurze dieser Erzahlungen war das erste, wodurch sie ihm gefielen, so sehr war er der dicken Folianten mude, woraus er seiner Tante taglich etliche Stunden lang vorlesen musste. So bald er aber eine oder zwei davon durchlesen hatte, war nichts dem Vergnugen zu vergleichen, das er daruber empfand, und der Gierigkeit, womit er alle die ubrigen verschlang.

Ein gewisser Instinct, der auch die einfaltigsten unter den jungen Leuten lehrt, was sie ihren Aufsehern sagen durfen oder nicht, warnte ihn, seine liebe Tante nichts von der Entdeckung merken zu lassen, die er gemacht hatte; allein der Zwang, den er sich hieruber antun musste, machte ihm die Feen nur desto lieber, und er wurde die ganze Nacht durch gelesen haben, wenn man, wie Tasso ehmals in seinem Gefangnis wunschte, bei den Augen einer Katze lesen konnte. Denn die Vorsicht der Donna Mencia fur seine Gesundheit, und fur die Ersparung der Kerzen hatte ihm schon von langem her die Mittel zu gelehrten Nacht-Wachen benommen.

Allein, so bald der Tag anbrach, war er schon wieder munter; er nahm sein Heft unter seinem HauptKussen hervor, durchlas mit fliegenden Blicken ein Marchen nach dem andern, und wie er mit der ganzen Sammlung fertig war, fing er wieder von vorn an, ohne es mude zu werden. So oft er konnte, begab er sich in den Garten oder in den angrenzenden Wald, und nahm seine Marchen mit. Die Lebhaftigkeit, womit seine Einbildungskraft sich derselben bemachtigte, war ausserordentlich er las nicht, er sah, er horte, er fuhlte. Eine schonere und wundervolle Natur, als die er bisher gekannt hatte, schien sich vor ihm aufzutun, und die Vermischung des Wundertaren mit der Einfalt der Natur, welche der Charakter der meisten Spielwerke von dieser Gattung ist, wurde fur ihn ein untrugliches Kennzeichen ihrer Wahrheit.

Dieser Punct fand desto weniger Schwierigkeit bei ihm, da er durch seine bisherige Lebensart vollkommen dazu vorbereitet war. Denn seit dem Anfang seiner Studien, der mit den Verwandlungen des Ovidius gemacht worden, war ihm bisher kein einziges Buch in die Hand gekommen, das ihm richtigere Begriffe hatte geben konnen; im Gegenteil verschiedene Schriftsteller aus den Zeiten, da die PythagorischCabbalistische Philosophie durch ganz Europa im Ansehen stund, hatten durch ihre systematische Traumereien von Planetarischen und Elementarischen Geistern, von Beschworungen, geheimnis-vollen Zahlen, und Talismannen, und von jener vorgeblichen Weisheit, die ihren Besitzer zum Meister der ganzen Natur machen konne, ihn so sehr in seinen Einbildungen befestiget, dass selbst die wundervolle Haselnuss der Babiole, und das Stuck Leinwand von vier hundert Ellen, welches der Liebhaber der weissen Katze aus einem Hirsen-Kornlein auspackte, und sechsmal durch das feinste Nadel-Ohr zog, in seinen Augen nichts unbegreifliches hatte.

Es hinderte ihn also nichts, sich dem Vergnugen ganzlich zu uberlassen, welches er aus den Feen-Marchen schopfte, von denen er nach und nach unter der Maculatur, die den Boden der Bucher-Kammer deckte, noch eine grosse Menge hervor zog, wovon immer eines abenteurlicher als das andre war, und worin er eine Unterhaltung fand, die er um alle Lustbarkeiten der Welt nicht vertauschet hatte.

Er konnte nicht so vorsichtig sein, dass seine eben so strenge als scharfaugichte Aufseherin nicht endlich die Ursache seiner haufigen Spaziergange in das Lustwaldchen entdeckt, und ihm eine sehr scharfe, sehr gelehrte und sehr langweilige Strafpredigt deswegen gehalten hatte; allein das diente, wie es zu gehen pflegt, zu nichts anderm, als dass Don Sylvio behutsamer wurde, und sich besser in Acht nahm, seine Neigungen und angehende Entwurfe vor ihr zu verbergen.

Die Wahrheit zu sagen, er hatte sie jederzeit mehr gefurchtet als geliebt; allein seit dem sein Gehirn mit Florinen, Rosetten, Brillianten, Cristallinen, und wer weiss, wie vielen andern uberirdischen und unnaturlich schonen Schonheiten angefullt war, so wurde er nicht selten versucht, die gute alte Tante fur eine Art von Carabosse anzusehen, deren tyrannische OberHerrschaft ihm von Tag zu Tag unertraglicher wurde.

Sie mochte also sagen, was sie wollte, die Bezauberungen, die Schlosser von Diamanten und Rubinen, die verwandelten oder in Turme und unterirdische Palaste eingesperrte Princessinnen und die zartlichen Liebhaber, die unter dem wundertatigen Schutz einer guten Fee den Nachstellungen einer bosen glucklich entgehen, blieben im ganzlichen Besitz seiner Einbildungs-Kraft; er las nichts anders, er staunte und dichtete nichts anders, er ging den ganzen Tag mit nichts anderm um, und traumte die ganze Nacht von nichts anderm.

Funftes Capitel

Seltsame Torheit des Don Sylvio

Seine Liebe zu einer idealischen Princessin

In einer so seltsamen Gemuts-Verfassung konnte nichts naturlicher sein, als dass Don Sylvio endlich auf die Torheit verfiel, sich eben solche Abenteure zu wunschen, wie diejenige, deren Erzahlung ihm in den Marchen so viel Vergnugen machte.

In kurzem ging er noch weiter; er bemuhte sich die Phantasien, womit sein Kopf angefullt war, zu realisieren, und sich, so gut er konnte, in die Feen-Welt zu versetzen.

Er gab deswegen allem was um ihn war, Namen aus seinen Marchen. Ein artiges Hundchen, das er hatte, musste an statt Amorett, wie es vorher hiess, Pimpimp heissen, weil das Hundchen der Princessin Wunderschon so geheissen hatte; und er verstiess eine aschfarbe Katze mit weissen Pfoten, die sein Gunstling gewesen war, um einer ganz weissen willen, die zu Ehren der Princessin Weisskatzgen mit allen ersinnlichen Hoflichkeiten uberhauft wurde.

Alle Morgen und Abend ging er etliche gemalte Fensterscheiben in einer halb eingefallenen Galerie des Schlosses zu besichtigen, in der Hoffnung, gleich dem Prinzen Hockerich Gemalde darauf zu finden, die ihm einigen Aufschluss uber sein kunftiges Schicksal geben wurden; und er durchsuchte wohl zwanzigmal alle Winkel des Schlosses vom Dach bis in den Keller, ob er nicht irgendwo einen bezauberten Schrank oder eine Falltreppe entdecken mochte, die in einen unterirdischen Palast fuhrte. Er fand freilich nichts, und die Fenster-Scheiben wiesen ihm einmal wie das andre nichts als geharnischte Ritter, die mit eingelegten Lanzen wohl ein paar hundert Jahre schon aufeinander zurannten; allein er wusste sich sehr gut deswegen zu trosten. Er war noch nicht vollig achtzehn Jahr alt, und er hatte aus den meisten Marchen gesehen, dass ein Prinz oder Ritter wenigstens achtzehen Jahr alt sein muss, um Abenteuer zu haben.

Inzwischen legte er in einer Ecke seines Gartens eine Art von Laube an, die dem Blumen-Schloss ahnlich sein sollte, worin die Fee Immerschone die sussen Augenblicke, die sie in den Armen ihres geliebten Schafers genoss, vor ihrem Hofe zu verbergen pflegte. Er liess etliche Linden, die er dazu bequem fand, so zurichten, dass ihre Stamme die Grundpfeiler, die untersten Aste den Fussboden, und ihre Wipfel das Dach dieses seltsamen Lusthauses wurden; die Wande waren von Myrthen mit Rosenhecken und Geissblatt durchwunden, und hinter derselben war eine Treppe von Wasen so gut angebracht, dass man sie nicht gewahr wurde.

In diesem grunen Schloss, wie Don Sylvio es zu nennen beliebte, hatte er ein kleines Cabinet angelegt, welches er, um ihm ein desto Feen-massigeres Ansehen zu geben, mit den schonsten Schmetterlingen austapezierte, die er auf seinen Spaziergangen in dem benachbarten Walde und an den Ufern des Guadalaviar, der nicht weit von seinem Garten vorbei floss, gefangen hatte.

In diesem Cabinet brachte er oft halbe Nachte mit Traumereien uber die wunderbaren Begebenheiten zu, die er sich wunschte, und die er in kurzem zu erfahren hoffte. Unvermerkt schlief er uber diesen phantastischen Betrachtungen ein, und gunstige Traume setzten die Abenteuer fort, worin er wachend sich zu verirren angefangen hatte. Eine schone Princessin die er liebte, war gemeiniglich der Gegenstand davon; nur war das beschwerliche dabei, dass er sie allemal in der Gewalt der Fee Fanferlusch oder einer andern neidischen alten Hexe sah, die seiner Liebe die verdriesslichsten Hindernisse in den Weg legte.

Bald musste er sich mit Drachen und fliegenden Katzen herum balgen, bald fand er alle Zugange zu dem Palast, worin sie gefangen gehalten wurde, mit Distel-Kopfen besat, die sich in dem Augenblick, da er sie beruhrte, in eben so viele Riesen verwandelten, und ihm den Weg mit grossen stahlernen Kolben streitig machten. Nun griff er sie zwar an, wie es einem tapfern Ritter zukommt, und hieb auf jeden Streich ein paar Dutzend mitten voneinander; aber kaum war er mit ihnen fertig, und im Begriff als Sieger in den Palast hinein zu gehen, so musste er sehen, wie seine geliebte Princessin auf einem mit Fledermausen bespannten Wagen durch den Schornstein davon gefuhrt wurde. Ein andermal fand er sie auf einer Blumenbank an einer Quelle sitzend, er warf sich zu ihren Fussen, er sagte ihr die zartlichsten Sachen vor, und sie schien ihn mit Vergnugen anzuhoren, allein indem er sie umarmen wollte, (denn man weiss, dass die Liebe in Traumen nicht alle die Gradationen beobachtet, die einem Schafer an den Ufern des Lignon vorgeschrieben sind) so sah er mit Entsetzen, dass er die Gestalt der dicken Maritorne, der Viehmagd des Hauses an seinen Busen druckte, und erhielt von Lippen, die ihm einen Augenblick zuvor lauter Nectar und Ambrosia zu duften schienen, einen von Knoblauch und Kase so kraftig durchwurzten Kuss, dass er vor Ekel und Abscheu des Todes hatte sein mogen.

So nichtig nun immer diese eingebildete Unglucksfalle waren, so lebhaft war gleichwohl der Schmerz, den sie ihm verursachten. Er hielt diese Traume fur bose Vorbedeutungen, und zweifelte nicht, dass er eine machtige Feindin habe, die darauf beflissen sei, ihn in der Liebe unglucklich zu machen, die er bereits in einem hohen Grade fur die bezaubernde Unbekannte empfand, welche er nach dem Schlusse des Schicksals zu lieben bestimmt war.

Sechstes Capitel

Abenteuer mit dem Laubfrosch

Warum Don Sylvio nicht gemerkt, dass der Frosch

keine Fee war?

Der Gedanke einen unsichtbaren Feind von solcher Wichtigkeit zu haben, beunruhigte unsern jungen Helden nicht wenig; jedoch da er in seinen Marchen keinen von Feen oder Zauberern verfolgten Prinzen gefunden hatte, der nicht von einer andern Fee beschutzt worden ware, so ermunterte ihn die Hoffnung wieder, dass er nicht der erste sein werde, an dem diese Regel eine Ausnahme leiden sollte.

Weil es nun in der Feen-Welt eben so wie in unserer Alltags-Welt der Gebrauch ist, dass man selten jemand Dienste zu leisten pflegt, von dem man nicht eben dergleichen oder noch grossere zuruck erwartet; so wunschte sich Don Sylvio nichts so sehnlich, als eine Gelegenheit zu bekommen, sich die Dankbarkeit irgend einer grossmutigen Fee verbinden zu konnen.

Indem er einst in diesen Gedanken an einem Graben in seinem Garten vorbei ging, sah er auf der andern Seite einen Storch, (einige Nachrichten sagen, wiewohl ohne genugsamen Grund, dass es eine Storchin gewesen) im Begriff einen artigen Laubfrosch zu erhaschen, der unbesorgt quakend im Gras herum hupfte.

Don Sylvio wurde auch aus blossem Antrieb seines Herzens, welches sehr gutig und mitleidig war, nicht saumselig gewesen sein, dem notleidenden Frosche zu Hulfe zu kommen, Allein der Gedanke, dass es vielleicht eine Fee und wohl gar eben der wohltatige Frosch sein konnte, so der Princessin Mufette und ihrer Mutter so gute Dienste geleistet hatte, setzte ihm Flugel an; er sprang uber den Graben, und verjagte mit einem Stecken, den er eben in der Hand hatte, den langbeinichten Erbfeind der Frosche in eben dem Augenblick, da er im Begriff war, den kleinen unschuldigen Quaker hinunter zu schlingen. Der Storch liess seinen Raub fallen und entfloh, und das Froschchen sprang in den Graben, ohne sich zu bekummern, wem es seine Rettung zu danken habe.

Don Sylvio blieb an dem Graben stehen und erwartete, dass es in Gestalt einer schonen Nymphe, oder doch mit seiner Rosen Haube auf dem Kopf wieder hervor kommen werde, um sich fur so einen wichtigen Dienst gar schon bei ihm zu bedanken: er wartete uber eine halbe Stunde, aber zu seiner nicht geringen Befremdung wollte weder Frosch noch Nymphe zum Vorschein kommen.

Eine so ungewohnliche Undankbarkeit an einer Fee war ihm unbegreiflich. Wenn es auch, dachte er, die kleine hassliche Magotine, die alte Ragotte, oder die Fee Concombre selbst gewesen ware, so sollte doch ein Dienst von dieser Art vermogend gewesen sein, sie zu einiger Erkenntlichkeit zu bewegen. Konnte es aber nicht sein, besann er sich einen Augenblick darauf, dass es ihr nicht erlaubt ist, mir jetzt in ihrer eigenen Gestalt zu erscheinen, oder, dass sie es, aus andern Ursachen auf eine Gelegenheit verschiebt, da sie mir ihre Dankbarkeit durch eine wurkliche Dienstleistung beweisen kann?

Diese Vermutung schien ihm, weil sie mit seinen grillenhaften Wunschen am besten uberein stimmte, bei mehrerm Nachdenken so wahrscheinlich, dass er voller Zufriedenheit in sein grunes Schloss zuruck ging, und keinen Augenblick langer zweifelte, dass diese Begebenheit in kurzem irgend eine wichtige Veranderung in seinem Schicksal nach sich ziehen wurde.

Vermutlich werden einige Leser sich wundern, wie es moglich sei, dass Don Sylvio albern genug habe sein konnen, um aus dem widrigen Ausgang dieses Abenteuers nicht den Schluss zu ziehen, der am naturlichsten daraus folgte, namlich dass der Frosch keine Fee gewesen sei. Allein sie werden uns erlauben, ihnen zu sagen, dass sie die Macht der Vorurteile und vielleicht ihre eigene Erfahrung nicht genugsam in Erwagung ziehen. Nichts ist unter den Menschen gewohnlicher als diese Art von Trug- Schlussen; das Vorurteil und die Leidenschaft macht keine andre.

Ein alter Geck, der durch seine Freigebigkeit die Treue seiner Liebste zu erkaufen gedenkt, schreibt die funkelnden Augen und die gluhende Wangen, womit sie ihn empfangt, der Freude zu, die ihr seine Ankunft verursache, und bedenkt nicht, wie viel wahrscheinlicher es ware, sie auf die Rechnung eines jungern Buhlers zu setzen, der inzwischen in einem Schranke steckt, und seines leichtglaubigen Unvermogens spottet.

Ein Indianer kauft seinem Bonzen Amulete ab, die wider alle Krankheiten dienen sollen; er wird krank, und die Amulete helfen nichts. Was schliesst er daraus? Vielleicht dass seine Amulete keine solche Heilungs-Kraft haben, und dass der Bonze ein Betruger ist? Nichts weniger; alles was er daraus schliesst, ist, dass er dem Gotzen, dessen Bild er am Halse getragen, nicht Andacht genug bewiesen, und den Bonzen nicht Almosen genug gegeben habe.

Keine Leute sehen mehr Verdienste an sich selbst als diejenige, an denen sonst niemand keine sieht; wer wollte ihnen auch zumuten, die Verachtung, die sie fur eine Wurkung des Neides halten, der weit naturlichern Ursache zuzuschreiben, dass andre unmoglich so parteiisch fur sie sein konnen als sie selbst?

Dergleichen Beispiele liessen sich ins Unendliche haufen. Es ist wohl wahr, die Torheit des Don Sylvio wird dadurch nicht kleiner; aber es ist auch zu seiner Entschuldigung genug, dass er wenigstens keine schlimmere Schlusse macht als andere ehrliche Leute.

Siebendes Capitel

Don Sylvio findet auf eine wunderbare Art das

Bildnis seiner geliebten Princessin

Einige Tage, nachdem sich das Abenteuer mit dem Laubfrosch zugetragen hatte, ging Don Sylvio mit dem Anbruch des Morgens in den Wald, um Schmetterlinge zu suchen, von denen ihm noch einige zu Ausschmuckung seines Cabinets abgingen.

Er hatte sich schon uber eine Stunde weit von seinem Schloss entfernt, als er eines wunderschonen Papilions ansichtig wurde, der sich nur wenige Schritte von ihm auf eine Blume setzte. Seine Flugel waren Lasur-blau, mit einer Einfassung von Purpur verbramt, die in der Sonne wie Gold glanzte. Don Sylvio glaubte ihn schon erhascht zu haben, aber der schone Sommer Vogel schlupfte unter seinem Strohhut weg, und verbarg sich in das dichteste Gebusche.

O, rief Don Sylvio, ich muss dich haben, und wenn ich dich auch bis in das unterirdische Reich des Konig Hammels verfolgen musste, wo es kleine Pastetchen regnet, und gebratne Feldhuhner auf den Baumen wachsen.

Der Sommer-Vogel, der sich auf den Vorteil seiner Flugel verliess, schien ihm eine so weite Reise ersparen zu wollen. Kaum hatte Sylvio ihn aus dem Gesicht verloren, so fand er ihn wieder ein paar Schritte vor sich, auf einem Rosmarin-Strauch sitzen. Er wollte ihn wieder haschen, aber es ging wie das erstemal; der schone Papilion schien seiner nur zu spotten; oft gaukelte er in kleinen Kreisen um ihn herum, dann setzt er sich wieder, aber entwischte allemal, wenn er im Begriff war gefangen zu werden.

Dieses Spiel daurte so lange, bis Don Sylvio endlich merkte, dass er in eine ihm ganz unbekannte Gegend verirrt war.

Jetzt reuete es ihn, dass er sich einem Schmetterling zu lieb so weit eingelassen hatte: allein, da es nun einmal geschehen war, so wollte er doch so viele Muhe nicht umsonst gehabt haben, und liess nicht nach, bis er endlich so glucklich war den Papilion zu erhaschen, der ihm mehr Muhe gemacht hatte, als jemals eine Sprode, seit dem es Sproden gibt, ihrem Liebhaber gemacht hat.

Seine Freude war ungemein, und in der Tat konnte man keinen schonern Sommer-Vogel sehen. Er betrachtete ihn lange mit einem desto lebhaftern Vergnugen, je mehr er ihm Muhe gekostet hatte, und er war jetzt im Begriff ihn in ein kleines Kaficht zu stekken, so er zu diesem Ende bei sich trug, als es ihn deuchte, als ob der gefangne Schmetterling ihn mit einer flehenden Mine und gesenkten Flugeln anschaue. Er bildete sich so gar ein, (denn Einbildungen kosteten ihn nichts) dass er so laut geseufzt habe, als ein Papilion nur immer seufzen kann.

Mehr brauchte es nicht, um ihn auf seine gewohnliche Grille zu bringen, und es kam ihm ganz wahrscheinlich vor, dass es vielleicht eine Fee oder eine verwandelte Princessin sein mochte.

Denn, dachte er, ist die Princessin Burzeline eine Heuschrecke gewesen, so kann eine andre eben so gut ein Sommer-Vogel sein. Er besann sich also keinen Augenblick ihm die Freiheit wieder zu schenken, um die er ihn so beweglich zu bitten geschienen hatte.

Der erledigte Sommer-Vogel flatterte frohlich davon; und Don Sylvio ging ihm nach, voll Erwartung, was daraus werden mochte, als er ein paar Schritte vor sich etwas im Grase blinken sah, welches seine Aufmerksamkeit an sich zog. Er hob es auf, und fand, dass es eine Art von Kleinod war, mit grossen Brillianten besetzt, und an einer Schnur der feinsten Perlen befestiget. Er betrachtete es auf allen Seiten, aber wie gross war sein Erstaunen, als er, von einem ungefahren Druck auf eine Feder, die er nicht bemerkt hatte, einen grossen Turkis in der Mitte auf die Seite springen, und ein kleines sehr kunstlich auf Email gemachtes Brustbild entdecken sah, welches eine junge Schaferin von ungemeiner Schonheit vorstellte.

Er stund etliche Augenblicke unbeweglich, und wusste nicht, ob er seinen Augen trauen sollte; Er besah und befuhlte es immer wieder von neuem, um sich zu uberzeugen, dass es keine Einbildung sei, und je mehr er es betrachtete, desto mehr beredete er sich, dass es das Bildnis einer Gottin, oder doch zum wenigsten der Allerschonsten Sterblichen sei, die jemals gewesen, oder kunftig sein werde.

Unsre schonen Leserinnen werden ihm dieses ubereilte Urteil desto eher zu gut halten, wann sie bedenken, dass er von seiner Tante, die aus bekannten Ursachen sehr wenig Gesellschaft sah, in einer so strengen Einsamkeit erzogen worden war, dass er ausser ihrer eignen angenehmen Person, ihrer Kammerfrau, der Witwe eines Sennor Scudero, welche bereits funf und dreissig Jahr eingestand, der dicken Maritorne, und den Bauerweibern im Dorfe in seinem Leben nichts gesehen hatte, was auch nur im uneigentlichen Verstand zum schonen Geschlecht hatte gerechnet werden konnen. Denn seine Schwester, die in der Tat ein hubsches kleines Madchen gewesen war, hatte sich schon in einem Alter von drei Jahren verloren, und man vermutete, dass sie von einer Zigeunerin gestohlen worden sei, welche jemand um dieselbe Zeit nicht weit vom Schlosse angetroffen haben wollte.

Don Sylvio musste also notwendig von der Schonheit dieser Schaferin ausserordentlich geruhrt werden, da sie unter den Figuren, an die er seine Augen hatte gewohnen mussen, nicht anders ausgesehen hatte, als wie Latona unter den Einwohnern von Delos, als sie in Frosche verwandlt, ihr am Ufer entgegen quakten. Kurz, es deuchte ihn unmoglich, dass Gracieuse, Bellebelle, die Schone mit den goldnen Haaren, oder Venus selbst so schon gewesen sein konnten, und er wurde vom ersten Anblick an so verliebt in dieses Bildnis, als es jemals ein irrender Ritter, oder ein Arcadischer Schafer in seine Dulcinea oder Amyrillis gewesen ist.

Endlich, rief er in seiner Entzuckung aus, endlich hab ich sie gefunden, sie, die ich mit ahnender Sehnsucht uberall suchte, die ich zu lieben bestimmt bin, und o! dass keine zu kuhne Hoffnung mich tausche! sie, die mein gluckliches Schicksal bestimmt hat, mich durch ihre Liebe den Gottern an Wonne gleich zu machen. O! gutige Fee, die du meiner dich annimmst, wer du auch seist, dir allein dank ich dieses uberraschende Gluck! Wer anders als du legte in dieser oden Wildnis, die vielleicht vor mir keines Menschen Fuss betreten hat, dieses himmlische Bildnis in meinen Weg? O! vollende deine Wohltat, zeige dich mir, und lass zu deinen Fussen mich horen, wo ich sie finden kann, sie, deren Schattenbild schon genug ist, eine unausloschliche Liebe in meiner Brust anzuzunden. Denn das schwore ich bei allen Gottern, die der Liebe gunstig sind, und wenn ich sie auch am Quecksilber-See, mitten unter den Ungeheuern der Fee Lionne, im Ringe des Saturnus, ja selbst in der grossen Aquavit-Flasche der Feen suchen musste, bis ich sie gefunden habe, soll kein ruhiger Schlaf auf meine Augen sich senken! Also sagt er und schwur; ihn horten die Nymphen im

Haine,

Und die Feen, und Je nun! wahrhaftig! das sind ja gar Hexameter? Was fur ein ansteckendes Fieber der Enthusiasmus ist! die begeisterte Rede des Don Sylvio ergriff uns, ohne dass wir es gewahr wurden, und wenn uns Apollo nicht in Zeiten beim Ohr gezupft hatte, so konnten unsre armen Leser mit einem ganzen Wolkenbruch von Hexametern geangstiget worden sein, eh wir gemerkt hatten, dass es nicht recht richtig in unserm Kopfe sei. Wir wollen also hier einen Augenblick ruhen, und, ehe wir diese wahrhafte Erzahlung fortsetzen, unserm Blute Zeit lassen, wieder in Prosa zu fliessen.

Achtes Capitel

Reflexionen des Autors und des Don Sylvio

Mancher denkt zu fischen und krebset, sagte der weise Sancho bei einer gewissen Gelegenheit zu seinem Herrn. Nichts begegnet ofters, als dass man etwas anders sucht und etwas anders findet. Saul suchte seines Vaters Eselinnen, und fand eine Crone; Don Sylvio suchte Sommer-Vogel, und fand ein schones Madchen, oder doch ihr Bildnis.

Nun war er verliebt, so verliebt als man sein kann, und einzig darauf bedacht, wie er auch das Urbild seines kleinen Gemaldes finden wolle. Denn ob er jetzt gleich wusste, wie seine Geliebte aussah, so wusste er doch weder wer sie war, noch wo sie sich aufhielt.

Es ist leicht zu erraten, was ein gewohnlicher Mensch an seinem Platz gedacht oder getan hatte; aber davon ist die Rede nicht; Don Sylvio dachte und tat nichts wie gewohnliche Menschen. Die Gedanken, die sich uns andern am ersten darbieten, fielen ihm allemal am letzten und gemeiniglich gar nicht ein; und wenn ihm ein sonderbarer Zufall begegnete, so riet er augenblicklich diejenige Ursache dazu, die es nach dem Lauf der Natur am wenigsten sein konnte.

Wie leicht konnte das kleine Miniatur-Stuckchen eine blosse Phantasie eines Malers gewesen sein? Oder war es nicht eben so moglich, dass es eine Person vorstellte, die langst verstorben war, und konnte sich also Don Sylvio nicht in dem Fall des Prinzen Seif-el-Muluk in den Persianischen Erzahlungen befinden, der sich, ein paar tausend Jahre zu spat, in eine Maitresse des Konigs Salomon verliebte?

Diese oder dergleichen Gedanken kamen unserm Helden nun nicht in den Sinn. Je mehr er der Begebenheit dieses Morgens nachdachte, desto mehr uberzeugten ihn alle Umstande, dass es der Anfang eines so ausserordentlichen Abenteuers sei, als vielleicht jemals einem jungen Prinzen oder Ritter begegnet sein mochte.

Allein was sollte er nun anfangen? wo sollte er die schone Schaferin suchen? Wen sollte er fragen? Der blaue Sommer Vogel, der ihm vermutlich Nachricht von ihr hatte geben konnen, war verschwunden, und ohne eine nahere Anweisung auf Geratwohl in diesem Walde fortzugehen, schien ihm desto gefahrlicher, da eine von seinen unsichtbaren Feindinnen, von deren Bosheit er so viele Proben zu haben glaubte, ihn eben so leicht auf den unrechten, als sein gutes Gluck auf den rechten Weg bringen konnte.

Nach langem Nachdenken, welches durch die Betrachtung seines schonen Bildnisses oft unterbrochen wurde, dauchte ihn zuletzt das sicherste, zuzuwarten, bis er von dem blauen Papilion eine nahere Nachricht von seiner Geliebten erhalten haben wurde. Denn es war nun etwas ausgemachtes fur ihn, dass es eine Fee gewesen sei; und da sie fur die Freiheit, so er ihr geschenkt, sich schon so erkenntlich zu beweisen angefangen, so zweifelte er nicht, dass sie fortfahren wurde, ihn die Wurkungen ihrer Gunst verspuren zu lassen.

Inzwischen hatte Pimpimp, sein Hundchen, der, die Sprache ausgenommen, dem Hundchen der Princessin Wunderschone, ja dem kleinen Toutou selbst weder an Artigkeit noch Verstand etwas nachgab, ihn im ganzen Walde aufgesucht, und die Freude war auf beiden Seiten sehr gross, da er seinen Herrn endlich gefunden hatte.

In der Tat fing Don Sylvio an zu merken, dass es bald Mittagessens-Zeit sein werde, und es war ihm uberaus angenehm, einen Wegweiser bekommen zu haben, der ihn aus diesem Walde, worin er sich noch nie so weit vertieft hatte, wieder nach Hause fuhren konnte. Denn so bezaubert die Liebhaber in den neuern Zeiten immer sein mogen, so ist doch, wie schon ein beruhmter Schriftsteller vor uns angemerkt hat, die Mode, ganze Jahre ohne Essen und Trinken nur von der Liebe allein zu leben, heut zu Tag so sehr abgekommen, dass auch der aller erhabenste und geistigste Verliebte in diesem Stuck ein ausgemachter Epicurer ist! Eine Abanderung, welche wir unsers Orts um so weniger missbilligen konnen, da wir glauben, dass sich das schone Geschlecht nichts desto schlimmer dabei befinden durfte.

Don Sylvio ging also, oder stolperte vielmehr mit dem Schatz, den er so unverhofft gefunden hatte, nach Hause; denn er beschaute ihn im gehen so oft, dass er alle Augenblicke uber einen Stock fiel, oder an einen Baum anstiess.

Unterwegs geriet er im Nachsinnen uber sein Abenteuer auf tausend wunderliche Gedanken; es fiel ihm ein, ob dieses Gemalde nicht vielleicht die Fee selbst vorstelle, die ihm in Gestalt des blauen Sommer-Vogels erschienen war. Vielleicht liebt sie mich, dachte er, (denn es ware doch nicht das erstemal, dass ein Sterblicher diese Ehre gehabt hatte,) und sie hat eine Probe machen wollen, was ihre wahre Gestalt fur einen Eindruck auf mein Herz machen werde.

Diese Einbildung gefiel ihm so wohl, dass er sie eine lange Weile fortsetzte, allein zuletzt musste sie doch wieder einer andern Platz machen, und so ging es an einem fort, bis er zu Hause anlangte. Kurz, der blaue Sommer-Vogel und die schone Schaferin hatten seiner Phantasie einen so ausserordentlichen Schwung gegeben, dass man sich nicht irren kann, wann man in kurzem sehr seltsame Wurkungen davon erwartet.

Es mochte ubrigens scheinen, als ob die Torheit unsers jungen Ritters seit einiger Zeit so stark zugenommen habe, dass der verdachtige Zustand seines Gehirns seiner scharfsichtigen Tante unmoglich habe verborgen bleiben konnen. In der Tat ware es auch nicht anders gewesen, wenn diese Dame Zeit und Musse gehabt hatte, ihren Neffen zu beobachten. Allein ausser dem, dass sie ihn, seitdem er das siebenzehente Jahr zuruck gelegt, aus der engern Aufsicht und der strengern Zucht freigelassen hatte, die sich fur sein Alter nicht mehr schickten; so war sie seit einigen Wochen mit einer gewissen Sache beschaftiget, um derentwillen sie ofters abwesend zu sein, und in das benachbarte Stadtchen zu fahren genotiget war.

Vermutlich musste diese Angelegenheit von nicht geringer Wichtigkeit fur sie sein; denn, wenn sie wieder zuruck kam, schien sie wider ihre Gewohnheit so tiefsinnig und zerstreut, bekummerte sich so wenig um die Geschafte des Hauses, redete so viel mit sich selber, und so wenig in Gesellschaft, und sagte, wenn sie mit den Bedienten zu reden hatte, so oft eines fur das andre, dass ausser ihrem Neffen jedermann uber eine so grosse Veranderung sich nicht genug verwundern konnte.

Es ist leicht zu erachten, dass man uber die Ursache derselben allerlei Vermutungen anstellte; allein die Vorsichtigkeit der Donna Mencia, und die Verschwiegenheit der Dame Beatrix hielten so gut aus, dass die Sache ein Geheimnis blieb; und das wollen wir sie auch so lange bleiben lassen, bis die Zeit, die endlich alles offenbar macht, sie zu demjenigen Punct der Reife gebracht haben wird, worin Geheimnisse von dieser Art sich insgemein selbst zu verraten pflegen.

Neuntes Capitel

Folgen des Abenteuers mit dem Sommer-Vogel

Der Leser wird mit einer neuen Person bekannt

gemacht

Der getreue Pimpimp hatte seine Zeit so wohl genommen, dass er mit seinem Herrn eben anlangte, als es Zeit war zu Tische zu gehen. Ein tiefes Stillschweigen herrschte uber der Tafel, und Don Sylvio war, wie man leicht denken kann, derjenige nicht, der es unterbrochen hatte. Er war zu sehr in seine Angelegenheiten vertieft, als dass er hatte bemerken sollen, wie sehr es seine gnadige Tante in die ihrige war. Eben so wenig beobachtete er, dass sie sich ungewohnlich geputzt hatte, und dass sie von Zeit zu Zeit in einen gegenuberstehenden Spiegel Gesichter machte, welche dem Pedrillo, der bei Tisch aufwartete, so sonderbar vorkamen, dass er sich in die Lippen beissen musste, um nicht uberlaut zu lachen.

Nach dem Essen kundigte Donna Mencia ihrem Neffen an, dass sie in Geschaften genotiget sei, in die Stadt zu fahren und darin uber Nacht zu bleiben.

Don Sylvio war zu hoflich einige Neugierigkeit uber die Natur dieser Geschafte merken zu lassen, und er konnte es desto leichter sein, da er in der Tat keine hatte. Sie schieden also sehr vergnugt von einander, und unser junger Ritter verschwand bald darauf, ohne dass jemand im Hause gewahr wurde, wohin er ging.

Da er gewohnt war, die Sieste in seinem grunen Schloss zu halten, so vermisste man ihn nicht eher als da es Abendessens Zeit war. Man suchte ihn hierauf im Hause, im Garten, in den Feldern, im Wald, aber uberall umsonst; Man rief seinen Namen, aber da war kein Don Sylvio.

Der vorgedachte Pedrillo, ein junger Bursche aus dem Dorfe, der ihm zur Aufwartung gegeben war, eine Kuchenmagd, ein Stallknecht und die schone Maritorne, deren wir schon erwahnt haben, machten in Abwesenheit der Donna Mencia und der Dame Beatrix, ihrer getreuen Kammerfrau, die ganze Hausgenossenschaft aus. Diese vier guten Leute waren nicht wenig betrubt daruber, dass sie nicht wussten, was aus ihrem jungen Herrn geworden sei; denn sie liebten ihn wegen seines angenehmen und leutseligen Wesens recht herzlich. Nachdem sie ihn nun beim Mondschein bis in die spate Nacht umsonst gesucht hatten, kamen sie endlich auf den Gedanken, dass er vielleicht zu seiner Tante gegangen sei; denn das Stadtchen war kaum drei Stunden weit vom Schloss entfernt. Sie gingen also heim und legten sich schlafen.

Allein Pedrillo, der oft genug um seinen Herrn war, dass ihm seine Neigung zur Feerei nicht unbekannt sein konnte, kam bei naherm Nachdenken auf die Vermutung, dass er sich auf einem seiner gewohnten Spaziergangen im Walde, vielleicht uber irgend einem Abenteuer, verirrt haben mochte. Er stund also den folgenden Morgen fruh auf, und durchstoberte nochmals den ganzen Wald, ohne glucklicher zu sein als den Abend zuvor.

Er wollte eben wieder heimkehren, als er in einem Felsen, um welchen etliche Reihen von wilden Lorbeer-Baumen im Cirkel stunden, eine mit Geissblatt bewachsene Hohle gewahr ward.

Pedrillo, dem es ungeachtet seiner ziemlich schafmassigen Mine nicht an Witz fehlte, und der in den Ritterbuchern und Marchen nicht weniger bewandert war als sein Herr, hielt diesen Ort fur Feen-massig genug, dass er ihn vielleicht darin finden konnte. Er betrog sich nicht; denn wie er an den Eingang der Grotte kam, sah er ihn auf einem Lager von Moos und Blumen ausgestreckt in tiefem Schlafe liegen; der kleine Pimpimp schlief zu seinen Fussen, neben ihm lag seine Cither, und an seinem Halse hing das Kleinod mit dem Bildnis der schonen Schaferin.

Pedrillo, der es noch nie gesehen hatte, wurde von dem Glanz der Steine und Perlen, wovon dieses Halsgeschmeide schimmerte, nicht wenig geblendet; und ob er gleich kein grosser Kenner von Juwelen war, so deuchte ihn doch, dass sie wenigstens zehen Dorfer, wie das seinige, wert sein konnten. Er betrachtete sie lang ohne auf das Gemalde Acht zu geben, und konnte nicht begreifen, woher Don Sylvio einen so kostbaren Schmuck bekommen haben mochte. Seine Neugierigkeit wurde endlich so dringend, dass er sich kaum enthalten konnte ihn aufzuwecken. Das tat er nun zwar nicht, denn Pedrillo war ein so hoflicher Bauer-Junge, als irgend einer in Valencia; aber er nahm doch die Cither, und klimperte darauf so laut er konnte, und endlich sang er gar dazu, ohne dass er seine Absicht desto mehr erreichte.

Nun, bei meiner Six! rief er endlich ganz ungedultig aus, das geht nicht naturlich zu; wenn das nicht ein bezauberter Schlaf ist, so versteh ich nichts davon. Vielleicht steckt die Zauberei in diesem Kleinod hier; wenn das ware, so ist es besser, ich nehm' es ihm vom Hals, oder ich zerbrech es gar, wenns notig ist, als dass mein junger Herr hier ein paar tausend Jahre wie ein Murmeltier an einem Stuck verschnarche.

Indem er das sagte, langte er nach dem Kleinod, stiess aber von ungefahr mit dem Ellbogen an den Don Sylvio an, der davon erwachte, und, weil er die Augen noch nicht recht auftun konnte, den Pedrillo nicht sogleich erkannte, sondern nur eine Menschen-Figur sah, die ihm seine geliebte Schaferin stehlen wollte.

Er geriet daruber in eine ausserordentliche Wut. Verfluchte Zauberin, rief er, ist es dir nicht genug, dass du diese unschuldige Princessin ihrer himmlischen Schonheit beraubt und in einen elenden Sommer-Vogel verwandelt hast? Willst du mir auch das einzige rauben, was mir das Ubermass meines Unglucks noch ertraglich machen kann? Aber wisse, vorher musst du dieses Herz ausreissen, worin ihr Bildnis mit feurigen Zugen eingegraben ist.

Ums Himmels willen, Herr, rief Pedrillo, indem er an den Eingang der Grotte zuruck sprang, was meinet ihr mit allem diesem seltsamen Zeug? Ich bin weder ein Zauberer noch ein Schwarzkunstler, Gott sei Dank; ich bin Pedrillo, euer Diener, von alt-christlichem Geschlecht, so gut als einer in unserm Kirchspiel, und es tut mir leid, nachdem ich euch in allen vier Enden der Welt gesucht habe, euch in dieser verfluchten Grotte und in einem solchen Zustand anzutreffen, was sagt ihr da von Zauberern und von dem Ubermass der Sommer-Vogel, die in Princessinnen verwandelt sind? Gott sei es geklagt, ich dachte gleich, dass es nichts Gutes bedeuten werde, wie ich euch hier eingeschlafen fand.

Bist du Pedrillo, versetzte Don Sylvio, der sich in des die Augen gerieben hatte? Wenn du Pedrillo bist, wie deine Gestalt es allerdings zu bezeugen scheint, so bin ich schon zufrieden, und die Vorwurfe gehen dich nichts an, die ich dir machte, indem ich dich fur einen andern ansah. Aber was wolltest du mit diesem Bildnis anfangen.

Mit was fur einem Bildnis, fragte Pedrillo?

Schurke, versetzte Don Sylvio, mit dem Bildnis, das du im Begriff warest, mir zu entwenden, als ich von einer unsichtbaren Hand erweckt wurde, um einem so grossem Unfall zuvor zu kommen.

Beim Element, Herr Don Sylvio, erwiderte Pedrillo, ich glaube ihr traumet, wenn ihr nicht noch was argers tut. Wir suchten euch gestern den ganzen Abend, bis um die Zeit, da, Gott sei bei uns! die Gespenster zu gehen pflegen; aber es war alles umsonst. Diesen Morgen fruh lief ich im ganzen Wald herum, und suchte alle Gestrauche und Busche durch, endlich fand ich euch in dieser Hohle schlafen, und da sah ich dieses Kleinod, und weil ihr so gar fest schliefet, so bildete ich mir ein, dass es vielleicht ein Telesman sein konnte, wodurch ihr in dieser Hohle in einem ewigen Schlaf bezaubert liegen musstet, bis jemand kame, der den Telesman zerbrache, wie ich dergleichen Exempel viel in den grossen dicken Buchern gelesen habe, die in der gnadigen Frauen ihrer Bucher-Kammer stehen; und weil ihr mir nun lieb seid, Herr, und weil ihr mich daurtet, dass ihr wie Damonion, den die Gottin Dina einsmals bezauberte, dass er hundert Jahre lang schlafen musste, damit sie sich recht satt an ihm kussen konnte, die alte verliebte Hexe! ihr wisst ja die Historie, Herr? sie steht in einem alten Buch, das ich aus der Erbschaft meiner Grossmutter fur dreizehn Maravedis annehmen musste, ob es gleich keinen Deckel und kein Titel-Blatt mehr hatte; es waren die Menge gemalter Figuren darin, woran ich mich erlustigte, wie ich noch ein kleiner Junge war, und dann las mir meine Grossmutter die Historien, die daneben stunden, es ist mir, als ob ich sie noch vor mir sitzen sehe, die gute alte Frau, Gott troste sie! Aber was wollt ich sagen? Ja, und seht ihr, weil ihr mich nun halt daurtet, wollt ich sagen, dass ihr so lange schlafen solltet, und so wollte ich den Telesman zerbrechen; das ist das Ganze, seht ihr, und ich denke, da ist nichts, daruber ihr euch erzurnen solltet.

Don Sylvio, so gute Lust er auch hatte, bose zu sein, konnte sich doch des Lachens nicht enthalten, da er den Pedrillo so reden horte. Hore, Pedrillo, sagte er zu ihm, es ist mir schon genug, dass du es nicht ubel gemeint hast, aber ich versichere dich, du warst im Begriff mir einen sehr schlimmen Streich zu spielen. Es ist nur allzugewiss, dass ich von demjenigen bezaubert bin, was du fur einen Talisman angesehen hast; aber lieber wollt ich das Leben verlieren, als zugehen, dass diese Bezauberung aufgelost wurde. Ich habe diese Nacht Sachen von grosser Wichtigkeit erfahren; aber frage mich nicht was es sei, du sollst alles wissen, so bald es Zeit ist; denn ich bin deiner Dienste benotiget: Mehr kann ich jetzt nicht sagen.

Pedrillo verstund kein Wort von diesen Reden; aber das machte ihn eben desto neugieriger. Ich will auch nichts fragen, Herr, sagte er, indem sie nach Hause gingen, ihr habt mir's verboten, und ich weiss den Gehorsam wohl, den ich euch schuldig bin; denn erstlich, so seid ihr mein Junker, weil ich aus eurem Dorfe bin, und dann seid ihr mein Herr, weil ich in eurem Muss und Brot stehe; denn obgleich die gnadige Frau die Haushaltung fuhrt, so weiss ich doch wohl, dass alles aus eurem Beutel geht. O das versprech' ich euch, wenn ich schon einfaltig aussehe, so merk' ich doch wohl, wo der Hase liegt. Ich will also nicht neugierig sein und fragen, was das fur wichtige Dinge sind, die ich nicht fragen darf, weil ihr mir sie nicht sagen konnt, ob ihr schon wolltet, wenn es Zeit ware, dass ich sie wisse? Sagtet ihr nicht so, Herr? Aber es ist doch was seltsames, ich glaube bald, ich bin selbst bezaubert; denn ich verstand euch sonst alles was ihr sagtet; aber seit dem ich diesen Telesman angeruhrt habe, ist mir nicht anders, als ob ihr calecutisch redet. Ich will gleich des Todes sein, wenn ich von allem, was wir da miteinander gesprochen haben, ein Wort verstehe. Ich habe schon oft gehort, viel wissen macht Kopfweh; aber wenn einer wisste, wo ihr diese Nacht gewesen seid, da wir euch in der ganzen Welt suchten, so konnte einer vielleicht erraten, mehr sag' ich nicht, ihr konntet sonst meinen, dass ich vorwitzig sei, und euch fragen wolle, und Vorwitz das ist mein Fehler nicht. Was mich nicht brennt, das blase ich auch nicht. Zum Exempel, wenn ich vorwitzig ware, so hatt' ich wohl erfahren konnen, warum die gnadige Frau seit acht Tagen so oft in die Stadt fahrt; denn unter uns geredt, Herr, ich gelte was bei der Frau Beatrix, ob ihr mirs gleich nicht angesehen hattet; Sie hat es hinter den Ohren, das versprech ich euch, wenn sie schon einen so grossen Rosenkranz am Gurtel hangen hat als ein Waldbruder, und so leise daher tritt, als ob sie auf Eiern gehe. Stille Wasser grunden tief, und es sind nicht alle Koche, die lange Messer tragen. Kurz und gut, Herr, ich ging gestern bei ihrem Zimmer vorbei, und wie sie sah, dass ichs war, denn die Tur war halb offen, so rief sie mir, und bat mich, dass ich ihr das Halstuch heften mochte; und da weiss ich nicht, wie es kam, aber ich, sollt es auf dem Rucken heften, und da heftete ichs vornen, und konnte nie fertig werden; aber sie lachte nur uber meine Ungeschicklichkeit, und, Gott verzeih mirs; ich glaub, ich ware noch dabei, wenn die gnadige Frau nicht geschellt hatte. Das erstemal horten wir nichts, so viel hatte ich zu tun; aber sie schellte wieder und das so stark, dass Frau Beatrix sagte: Ich muss gehen, Pedrillo, sonst werde ich gezankt; wenn ich gewusst hatte, dass du so ungeschickt warest, so hatt ich dich nicht gerufen; denn siehst du, du machst schon so lang, und jetzt muss ichs doch selbst heften. Und da lief sie fort, Herr, und, was ich sagen wollte? Ja, da hatt' ich sie fragen konnen, warum die gnadige Frau so oft in die Stadt fahrt, und zu wem, und dieses und jenes, aber wie ich sagte, uber dem Halstuch hatt' ich alles vergessen. Ihr seht also, dass ich nicht neugierig bin; denn die Dame Beatrix war bei guter Laune, und ich glaube, sie hatte mir alles gesagt.

In diesem Ton fuhr Pedrillo den ganzen Weg lang fort, ohne dass Don Sylvio darauf Acht gab, was er schwatzte, so sehr war er in Gedanken vertieft. Allein, so bald sie zu Hause waren, erinnerte ihn sein Magen, dass er seit gestern Mittag gefastet hatte; denn, wie wir schon bemerkt haben, die Bezauberung erstreckte sich bei ihm niemals bis auf den Magen. Er liess sich also einen Eier-Kuchen und ein paar fricassierte Huhner zum Fruhstuck machen, und ass mit so gutem Appetit, dass Pedrillo wieder Mut schopfte, und eine bessere Meinung von dem Verstande seines Herrn fasste, als er diesen Morgen gehabt, da er ihn von Verwandlungen, Princessinnen, und bezauberten Sommer-Vogeln reden horte.

Zehntes Capitel

Worin Fern, Salamander, Princessinnen und grune

Zwerge auftreten

So bald die grosste Hitze vorbei, begab sich Don Sylvio mit seinem getreuen Pedrillo in den Garten, setzte sich an dem schattenreichesten Ort desselben unter eine Laube von Jasmin, und nachdem er ihm ernstlich untersagt hatte, ihn in seiner Rede nicht zu unterbrechen, wie es so ziemlich seine Gewohnheit war, so erzahlte er ihm umstandlich alles, was ihm, von dem Abenteuer mit dem Laubfrosch an bis auf den Augenblick, da er ihn in der Grotte schlafend gefunden, begegnet war.

Wir ubergehen dasjenige, was unsern Lesern schon bekannt ist, und fangen seine Erzahlung da an, wo die unsrige stille gestanden, namlich bei seiner Entfernung, welche seine Hausgenossen in so grosse Unruhe gesetzt hatte.

So bald meine Tante abgereist war, fuhr Don Sylvio fort, so ging ich wieder in den Wald, um den Ort zu suchen, wo der blaue Papilion verschwunden war, und mir an seiner statt dieses Bildnis hinterlassen hatte, wovon nunmehr das Gluck oder Ungluck meines Lebens abhangt. Ich nahm den kleinen Pimpimp mit mir, weil ich hoffte, dass er den Weg, den wir miteinander gegangen, durch seinen Instinct leichter wieder ausspuren wurde, als ich mich dessen erinnern konnte. Ich betrog mich nicht, ich erkannte den Ort, und nachdem ich ihn aufs sorgfaltigste durchsucht hatte, in der Hoffnung, vielleicht etwas zu finden, das mir einiges Licht geben konnte, wem das Bildnis zugehore, fing ich an allenthalben umher zu laufen, ob ich den blauen Sommer Vogel wieder entdecken mochte, den ich, nachdem was mir begegnet war, fur keinen gewohnlichen Sommer-Vogel halten konnte. Wenn es, dachte ich, eine Fee ist, wie ich zu glauben Ursach habe, so bewegt sie vielleicht die Unruhe, worin sie mich sieht, mir wieder sichtbar zu werden, und mir die Nachrichten zu geben, ohne welche ich nicht langer leben kann.

Ich suchte also den ganzen Wald aus, ich fand Sommer-Vogel genug, aber der blaue war nirgends zu sehen. Die Nacht nahm uberhand, und Pimpimp war so mude, dass er nicht mehr laufen konnte. Ich war es nicht weniger als er, und da ich diese Grotte, wo du mich gefunden hast, gewahr wurde, so beschloss ich die Nacht da zuzubringen. Ich machte mir ein Lager, und Pimpimp schlief neben mir ein, wahrend dass ich den Gedanken nachhing, die meine Umstande mit sich brachten. Der Mond schien so anmutig, dass er mich zu einem Spaziergang unter den Baumen, die vor der Grotte stunden, einzuladen schien.

Ich war nicht lange auf und nieder gegangen, so sah ich einen plotzlichen Glanz, der die Baume und Gestrauche weit umher verguldete. Ich stutzte auf, und erblickte eine feurige Kugel in der Luft, die weit hoher als der Mond zu schweben schien, und sich langsam gegen den Ort, wo ich stund, herab senkte. Du kannst dir nicht vorstellen, Pedrillo, wie gross die Freude war, die ich uber diesen Anblick empfand.

Die Freude? unterbrach ihn Pedrillo, nun wahrhaftig, Herr, ihr seid doch nicht wie andre Leute gemacht; ich wurde uber ein solches Wunderzeichen gleich zu Tode erschrocken sein, und ihr konntet euch freuen? Sagte ich dir nicht, dass ich keine Zwischenreden haben wollte? versetzte Don Sylvio; wenn ich mich freute, so hatte ich eine sehr gute Ursache dazu; denn ich wusste wohl, dass es eine Fee war, und mein Herz sagte mir vor, dass es diejenige sei, die ich suchte. Meine Erwartung betrog mich nicht. Die feurige Kugel, die im Annahern immer grosser wurde, zersprang nah uber mir mit einem grossen Knall, und an ihrer statt sah ich eine wunderschone Dame auf einem Wagen von Carfunkeln, der von zween feuerfarben geflugelten Schlangen gezogen wurde. Um sie her flatterten auf einer kleinen silbernen Wolke eine Menge Salamander, in Gestalt kleiner geflugelten Knaben von uberirdischer Schonheit, ihre Haare schienen gekrauselte Sonnenstrahlen, ihre Flugel Feuerflammen, ihr Leib weisser als der Schnee im Sonnenschein, und die Farbe der Morgenrote schimmerte um ihre Stirn und auf ihren Wangen. Dem ungeachtet wurden sie alle von dem Glanz der Fee verdunkelt, welcher so blendend war, dass mir das Gesicht davon vergangen ware, wenn sie die Vorsicht nicht gebraucht hatte, mich mit ihrem Stabe zu beruhren.

Don Sylvio, sagte sie zu mir, ich bin die Fee Radiante, welcher du neulich in der Gestalt eines kleinen Frosches ein Leben gerettet hast, von welchem so verachtlich es schien, dasjenige abhing, worin du mich jetzt siehest. Du weisst, dass wir alle hundert Jahre acht Tage lang die Gestalt irgend eines Vogels oder Tiers annehmen mussen, dass wir in dieser Zeit den Gebrauch aller unsrer Macht verlieren, und allen Zufallen aus gesetzt sind, denen die tierische Natur unterworfen ist. Die acht Tage, in denen ich genotiget war ein Laubfrosch zu sein, waren bis auf etliche Stunden verstrichen, als das Vergnugen, mich bald wieder in meiner eigenen Gestalt zu sehen, mich unvorsichtig genug machte, meinen Graben zu verlassen, und mich der Gefahr auszusetzen, die mir ohne deine grossmutige Hulfe verderblich gewesen ware. Der Schrecken, den ich in dem Schnabel des Storchs ausgestanden hatte, hielt mich ab, dir sogleich fur meine Errettung zu danken, und da ich in wenigen Stunden meine eigne Gestalt wieder erlangt hatte, notigten mich die Salamander, deren Konigin ich bin, meine ersten Augenblicke ihren Angelegenheiten zu schenken. Allein so bald ich wieder Zeit hatte an die Meinigen zu gedenken, erinnerte ich mich, wie viel ich dir schuldig sei, und dachte auf Mittel, dir meine Dankbarkeit zu beweisen. Meine Bucher, die ich zu Rate zog, belehrten mich, dass du vom Schicksal bestimmt seiest eine gewisse Princessin zu lieben, aber dass deinem Gluck Schwierigkeiten entgegen stunden, die du ohne einen machtigen Beistand schwerlich zu besiegen vermogend sein werdest. Ich komme nun dir diesen Beistand anzubieten. Deine Geliebte wird von der Fee Fanferlusch verfolgt, weil sie sich nicht uberwinden konnte, einen gewissen Zwerg zu heuraten, der ein Neffe dieser Fee ist, und wegen seiner grunen Farbe der grune Zwerg, oder auch, weil er gemeiniglich auf einer Bremse zu reiten pflegt, der BremsenReiter genennt wird. Weil die Princessin unbeweglich blieb, so ist sie vor kurzem von dieser grausamen Fee in einen blauen Papilion mit purpurfarbem Saum verwandelt worden, mit der Bedingung, dass diese Bezauberung nicht eher aufhoren solle, bis sie in diesem Zustand einen geliebten Liebhaber gefunden hatte, der ihr den Kopf und die Flugel abreissen wurde. Unglucklicher Don Sylvio! der blaue Sommer-Vogel, den du diesen Morgen fingest, war deine Princessin; sie sah dich im Walde, und liebte dich so bald sie dich sah; sie floh nur vor dir, weil sie sehen wollte, ob du ihr nachgehen wurdest; und liess sich willig fangen, so bald sie versichert war, dass sie dir selbst in Gestalt eines Sommer-Vogels nicht gleichgultig sei. Als sie sich in deiner Hand sah, bemuhte sie sich dir zu sagen, wie angenehm ihr diese Gefangenschaft sei; aber die grausame Fanferlusch hatte ihr auch die Sprache geraubt, und sie konnte nichts hervor bringen als einen Seufzer, den du unglucklicher Weise fur ein Zeichen hieltest, dass sie den Verlust ihrer Freiheit beklage. Dein mitleidiges Herz bewog dich, sie wieder fliegen zu lassen; sie flatterte traurig fort, wurde aber vermutlich bald wieder zuruck gekehrt sein, wenn sie nicht in eben demselben Augenblick den grunen Zwerg erblickt hatte, der auf seiner Bremse angeritten kam, und die Zahne so ab scheulich gegen sie blockte, dass sie sich vor Angst zehen tausend Flugel wunschte, um desto schneller entfliehen zu konnen.

Zum Gluck fur sie war ich eben im Begriff dich aufzusuchen; ich sah die Gefahr, worin sich die arme Princessin befand, und eilte ihr zu Hulfe, nachdem ich einem meiner Salamander befohlen hatte, das Bildnis der Princessin in deinen Weg zu legen.

Ich setzte dem grunen Zwerge nach, welcher, zu schwach sich mit mir in einen Kampf einzulassen, alle mogliche Gestalten annahm, um mir zu entwischen. Endlich verwandelte er sich in eine kleine Wolke, allein ich ward es so gleich gewahr, und druckte ihn zwischen meinen Handen so fest zusammen, dass er in Tropfen zerfloss. Die Leute, die unten im Feld arbeiteten, sahen dass es Blut regnete, und hielten es fur eine bose Vorbedeutung. Der grune Zwerg befand sich so ubel in dieser Presse, dass er in seine eigene Gestalt zuruck trat; allein er behielt sie nicht lange; ich verwandelte ihn in einen elfenbeinernen Zahnstocher, mit der Bedingung, dass er seine naturliche Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte, bis er gedient hatte, den hintersten Stockzahn eines achtzigjahrigen Madchens auszustochern, die noch eine unbefleckte Jungfer ware.

Beim Element, unterbrach ihn Pedrillo, ich bin der Fee Radamante ihr gehorsamer Diener, aber sie denkt nicht, was sie tut; auf diese Art wird der arme grune Zwerg ewig ein Zahnstocher bleiben; denn seht ihr, Herr Don Sylvio, ich will nicht Pedrillo heissen, wenn ihr mir in der alten und in der neuen Welt eine achtzigjahrige Jungfer finden konnt, die noch Zahne auszustochern hat, oder ein achtzigjahriges Madchen mit Zahnen, die noch eine Jungfer ist.

Dafur lass ich den grunen Zwerg sorgen, versetzte Don Sylvio, wenigstens wird er lange genug suchen mussen, dass ich nichts von ihm zu besorgen habe. Aber sagte ich dir nicht schon zweimal, dass ich nicht unterbrochen sein will? wenn wir gute Freunde bleiben sollen, Herr Pedrillo, so lass michs nicht zum drittenmal sagen.

Gut, Herr, erwiderte Pedrillo, fahret nur fort, und erzurnet euch nicht; ich will so still sein wie eine Maus, ihr wisset, dass ich sonst kein Plauderer bin, aber wie ihr von dem Zahnstocher und von der achtzigjahrigen Jungfer

Zum Henker, rief Don Sylvio, du verfluchtes Plaudermaul, du fangst ja wieder von vornen an

Nein, Herr, sagte Pedrillo, ich wollte nur sagen, dass ich euch nicht mehr unterbrechen will, und dass ich es auch diesmal nicht getan hatte, wenn nicht der Zahnstocher

Ich wollte, schrie Don Sylvio, dass du selbst ein Zahnstocher warest; so hore doch und schweige, oder das soll das letzte Wort sein, das du jemals von mir gehoret hast.

Diese Drohung erschreckte den Pedrillo, der seinen jungen Herrn uberaus lieb hatte; er legte die Hand auf den Mund, zum Zeichen, dass er nichts mehr sagen wolle, und Don Sylvio fuhr also fort:

Die Fee hielt ein wenig inn, nachdem sie ihre Erzahlung geendiget hatte, und ich ergriff diesen Augenblick mich ihr zu Fussen zu werfen, und ihr meine Dankbarkeit in den lebhaftesten Ausdrucken zu bezeugen.

Machtige Fee, setzte ich hinzu, sie haben so viel fur mich getan, vollenden sie ihr Werk; haben sie dem grunen Zwerg die Gestalt eines Zahnstochers geben konnen, was fur Muhe wird es sie kosten, meiner geliebten Princessin ihre eigene wieder zu geben?

Es ist nicht in meiner Macht, erwiderte die Fee, eine Bezauberung aufzulosen, die eine meiner Mitschwestern gemacht hat. Dieses Abenteuer ist fur dich aufgehoben. Versaume keine Zeit, Don Sylvio. Nimm deinen getreuen Pedrillo und den kleinen Pimpimp mit dir, und suche den blauen Sommer-Vogel so lange, bis du ihn findest. Ich besorge sehr, dass die boshafte . Fanferlusch ihren Neffen an ihm und an dir selbst zu rachen; suchen werde; aber lass dich durch keine Schwierigkeiten abschrecken, und sei versichert, dass du meinen Beistand, wo er notig sein wird, nie vergeblich anrufen sollst.

Mit diesen Worten verschwand die Fee, der Wagen, und die Salamander. Ich befand mich so abgemattet, dass ich in einen tiefen Schlaf fiel, und ich schliefe vielleicht noch, wenn du mich nicht aufgeweckt hattest.

Du hast nun gehort, Pedrillo, was mir die Fee befohlen hat; ich habe keine Zeit zu verlieren. Wir mussen uns auf den Weg machen, meine geliebte Princessin zu suchen, und ich hoffe, dass du dich nicht weigern wirst, mich zu begleiten.

Eilftes Capitel

Ein Gesprach zwischen Pedrillo und seinem Herrn

Zurustungen zu der beschlossenen Wanderschaft

Pedrillo hatte seinem Herrn mit grossem Vergnugen zugehort, indem er die Geschichte von der Fee, und von der Princessin und vom grunen Zwerg erzahlte, denn er war ein ungemeiner Liebhaber von Marchen und Wunder-Geschichten. Allein da er horte, dass Don Sylvio Ernst daraus machte, und dass es darum zu tun sei in der Welt herum zu ziehen, um einen blauen Sommer-Vogel aufzusuchen, so wollte ihm die Sache nicht recht einleuchten. Er kratzte hinter den Ohren, zuckte die Achseln, und sagte endlich nach einigem Zaudern:

Bei meinem Leben, Herr Don Sylvio, ich weiss nicht was ich sagen soll, aber mir deucht, dass ihr das alles eben so gut hattet traumen konnen als etwas anders; und wenn ich nicht wisste, dass ihr das ehrlichste Gemut auf der Welt seid, so mochte einer, Gott verzeih mirs, fast denken

Wie? fiel ihm Don Sylvio ein, zweifelst du etwan an der Wahrheit meiner Erzahlung?

Nein wahrhaftig, versetzte Pedrillo, daran zweifle ich im geringsten nicht; aber die feurige Kugel und der Frosch, der eine Fee ist, und der grune Zwerg, der sich in die Princessin verliebte, und der SommerVogel, den ihr heuraten, und in eine schone Princessin verwandeln sollt, und der Zahnstocher Wenn ich euch die Wahrheit gestehen soll, Herr, aber ihr musst es nicht ubel nehmen, seht ihr, so glaub ich, dass euch alles dieses nur im Traum so vorgekommen ist; man traumet oft gar wunderliche Dinge; zum Exempel, mir traumte letzthin

Wahrhaftig, rief Don Sylvio, dem die Geduld ausging, ich habe jetzt nichts zu tun als deine Traume anzuhoren. Sage mir, du unvernunftiges Tier, wenn es ein Traum gewesen ist, dass ich die Fee Radiante gesehen habe, und dass sie mir gesagt hat was ich tun soll, um meine unvergleichliche Princessin zu finden; ist es auch ein Traum, dass ich ihr Bildnis an meinem Halse trage?

Mit diesen Worten nahm er das Kleinod, druckte die Feder, und zeigte dem Pedrillo das kleine Bildnis, welches unter dem grossen Diamant verborgen lag.

Pedrillo machte grosse Augen, in dem er das Bild eines Frauenzimmers sah, das, wie ihn deuchte, tausendmal schoner war als die Frau Beatrix selbst.

Beim Sanct Velten, rief er, nun sag' ich kein Wort mehr; so ist das die Princessin, die euch die Fee Radicante versprochen hat, und die in einen blauen Schmetterling verwandelt ist? Nun muss ichs freilich wohl glauben, dass alles die Wahrheit ist, was ihr mir erzahlt habt; wahrhaftig, wenn ich sie nicht mit meinen eignen Augen sahe, so hatt ichs nicht geglaubt. Das ist wunderbar! Aber von wem konntet ihr es auch sonst haben als von einer Fee? denn ich wollte meinen Kopfwetten, dass der kleinste dieser Steine wohl zehen Bauren-Hofe wert ist. Aber ich habe oft gelesen, dass solche Sachen bei den Feen nur Kleinigkeiten sind; bei ihnen sind die Diamanten so gemein wie die Gassensteine, und ich bin versichert, dass die Frau Rademante an ihrem Nachtgeschirr grossere Edelsteine hat als die Konigin, welche Gott erhalten wolle, an ihrem Halsbande. Beim Element, solche Sachen findt man nicht im Schlaf; ihr musst also wohl gewacht haben, und wenn ihr gewacht habt, so habt ihr nicht traumen konnen, wie ich sagte, und so muss es wohl wahr sein, dass die Princessin ein Sommer-Vogel ist. Lasst sie mich doch noch einmal sehen Meiner Treu, das ist doch recht hubsch! Wie freundlich sie einen ansieht? Wenn einer nicht wusste, dass es nur gemalt ware, so meinte man, es werde gleich den Mund auftun und reden. Der Henker hole die verfluchten Unholden, die so unbarmherzig sein konnten, ein so hubsches kleines Gesichtgen in ein Unziefer zu verwandeln! Wahrhaftig, Herr Bremsen Reiter, solche schone Princessinnen macht man nur gleich fur deines gleichen, dass dich die Kranke! du Mistfinke, du! Meinst du, weil sie so klein ist, dass ein Muckenflugel ihr ganzes Gesichtgen verdecken konnte, so sei sie nur gleich fur einen krummbeinichten, buckligen, grunen Heustroffel gewachsen, wie du bist?

Dummer Junge, fiel ihm Sylvio ein, ich glaube, du bildest dir gar ein, die Princessin sei nicht grosser als sie in diesem Bildnis ist? Sie ist hier nur so klein gemalt, weil es die Kleinheit des Raums nicht anders zuliess, aber das verhindert nicht, dass sie nicht zum wenigsten so gross sei als die Diana, oder die schone Alie, welche gewiss nicht die kleinste gewesen sein muss, da ein so grosser Riese als Moulineau war, sie mit Gewalt zur Frau haben wollte; und gesetzt auch, dass sie etwas kleiner ware, so ware sie nur dadurch den Gratien desto ahnlicher, welche von den Poeten und Malern kleiner vorgestellt werden als andre Gottinnen, um die Anmut und Lieblichkeit dadurch auszudrucken, um derentwillen sie die Ehre verdienen, die Gespielen und Aufwarterinnen der Gottin der Liebe zu sein.

Das ist auch nur billig, versetzte Pedrillo, denn man sagt im Spruchwort, was klein ist, das ist artig, und wenn auch gleich die Princessin nicht grosser ware als eine Pariser-Puppe, so wollt ich doch wetten, dass sie das drolligste kleine Ding ist, das man nur an einem Sommer-Tag sehen mag. Pedrillo, mein Freund, fiel ihm Don Sylvio ein, wir verderben hier die Zeit mit unnutzem Geschwatz, indessen dass meine Geliebte vielleicht in Gefahr ist

Bei meiner Treu, Herr, unterbrach ihn der voreilige Pedrillo, das wollt ich eben sagen; fur eine so schone Princessin konnte auch nichts verdriesslichers sein, als dass sie keinen Augenblick sicher ist, wenn irgend eine verfluchte Dohle oder Krahe daher kommt, und sie ihren Jungen zum Futter wegschnappt, Sapperment, sie wurden sie gewiss so gut aufschnabulieren, als ob sie nur ein gemeines Unziefer und nicht eine grosse Princessin ware, wie ich nun selbst glaube, dass sie ist, seit dem ihr ich Bildnis gesehen habe.

Was du da sagst, erwiderte Sylvio, macht mir keinen Kummer, ich verlasse mich deshalb vollkommen auf den Schutz der Fee Radiante, allein wenn dieser Schutz mehr als hinlanglich ist, sie gegen alle Dohlen und Krahen der Welt sicher zu stellen, so ist er es doch nicht gegen die Nachstellungen der boshaften Fanferlusch; denn du hast gehort, dass die Entzauberung des blauen Sommer-Vogels fur mich allein vorbehalten ist. Was meinst du, Pedrillo, war' es nicht am besten, wenn wir uns jetzt gleich auf den Weg machten, da meine Tante nicht zu Hause ist? Wir sind hier alle beieinander, ich und du und Pimpimp; wir wollen gehen und die Princessin suchen, sie mag auch sein wo sie will; fur das ubrige wird die Fee sorgen.

Ihr seid sehr eilfertig, Gnadiger Herr, erwiderte Pedrillo, aber mir deucht, ihr denkt nicht daran, dass man auf Reisen allerhand Dinge braucht, mit denen man auf den Notfall versehen sein muss

Und mir deucht, unterbrach ihn Don Sylvio, du weisst nicht, was du sagst. Wo hast du jemals gehort oder gelesen, dass ein Prinz oder Ritter, der unter dem Schutz der Feen in der Welt herum reist, eine solche Vorsicht gebraucht hatte? Sie haben alle zeit schone Kleider, feine Wasche und Geld, so viel sie brauchen; sie ubernachten insgemein in bezauberten Palasten, wo sie aufs beste bewirtet werden, und wenn es auch begegnet, dass sie sich in Waldern und Einoden verirren, so steht doch, eh sie sichs versehen, eine Tafel vor ihnen, die von unsichtbaren Handen gedeckt, und mit den niedlichsten Speisen besetzt wird, und sie schlafen in anmutigen Grotten oder unter Lauben, die von den Nymphen gepflanzt worden, auf einem Lager von Blumen ein.

Das ist alles wohl hubsch und gut, sagte Pedrillo, aber, die Wahrheit zu sagen, Gnadiger Herr, ich mochte mich nicht gar zu sehr darauf verlassen. Man hat unter den Feen seine Freunde und seine Feinde, und ich habe wohl eher von Prinzen und Princessinnen gelesen, die auf dergleichen Reisen mit guten Zahnen manchmal ubel gebissen haben. Vorsicht schadet niemalen, pflegte meine Grossmutter zu sagen, ein Sperling in der Hand ist besser als ein HaselHuhn im Busche; Kurz, wenn ihr euch raten lassen wollt, Herr, so will ich gehen, und etwas Wasche, und kalte Kuche und etliche Flaschen Wein in einen Zwerch-Sack zusammen packen; sorget ihr fur einen guten Beutel voll Realen, und wenn das geschehen ist, so wollen wir uns immerhin, weil es nun einmal so sein muss, auf den Weg machen, und gebe der Himmel, dass wir weder blaue noch grune Zwerge antreffen, die uns unsre Princessin streitig machen.

Don Sylvio, welcher, seine Grillen ausgenommen, der beste Mensch von der Welt war, liess sich von Pedrillo uberreden, und ging mit ihm in das Schloss zuruck, nachdem er aus Furcht, den Vorwitz seiner Leute zu erregen, das Kleinod mit dem Bildnis der vermeinten Princessin in seine Tasche gesteckt hatte. Ungeachtet seines Vertrauens auf die Feen, unterliess er doch nicht, indes dass Pedrillo den Keller und die Speiskammer durchnisterte, sich etliche Ringe, die er von seinem Vater geerbt hatte, und seiner ganzen Barschaft zu bemachtigen, welche sich, die Wahrheit zu gestehen, nicht uber zehn oder zwolf Ducaten belief, in seinen Augen aber eine Summe war, mit der er sich unter dem Schutz der Radiante bis zu den Gegenfusslern zu reisen getraute. Er zog sein feinstes Hemd mit Spitzen an, ein Wams von grunem Atlas mit schmalen goldnen Spitzen besetzt, und mit rosenfarbem Taffet gefuttert, rosenfarbe Beinkleider und Strumpfe, und der Federbusch auf dem Hut war von eben dieser Farbe. In diesem Aufzug, worin er es mit allen Narcissen und Hyacinthen der Poeten hatte aufnehmen konnen, wartete er mit Ungeduld auf seinen Reisegefahrten, in der festen Entschliessung, sich noch vor der Wiederkunft seiner Tante heimlich davon zu machen.

Zwolftes Capitel

Unmassgebliche Gedanken des Autors

Wenn wir diese Geschichte ein halb Dutzend Jahrhunderte fruher hatten schreiben konnen, so wurde dieses Capitel uberflussig gewesen sein. Es gibt Zeiten, wo dasjenige, was man Wunderdinge nennt, so alltaglich ist, dass die Leute nichts wunderlichers finden als eine naturliche Begebenheit. Allein in denjenigen, worin wir leben, scheint die entgegengesetzte Denkungs-Art so sehr uberhand genommen zu haben, dass wir kaum hoffen durfen, unter allen, die diese Geschichte vielleicht lesen werden, auch nur einen einzigen zu finden, den wir bereden konnten, dass in dem vorigen Capitel nichts erzahlt worden sei, was nicht alle Tage begegnen konne. Seit der Erfindung der Vergrosserungs-Glaser haben die unsichtbaren Dinge ein boses Spiel, und man braucht nur ein Geist zu sein, um alle Muhe von der Welt zu haben, die Leute von seinem Dasein zu uberzeugen. Kurz, wir mochten sagen was wir wollten, so wurde uns doch niemand glauben, dass eine Fee Radiante sei, oder dass der blaue Papilion eine Princessin, und ein Zahnstocher jemals ein gruner Zwerg gewesen sei.

Bei solchen Umstanden halten wir fur das beste, wenn wir nur frei gestehen, dass wir selbst von allem, was Don Sylvio seinem getreuen Pedrillo erzahlt hat, eben so wenig glauben als von den Gesichten unsrer frommen Landsmannin, der Schwester Maria von Agreda, oder von den Erzahlungen vom roten Mutzchen und irgend einem andern Marchen, womit uns ehmals unsre geliebte Amme einzuschlafern pflegte.

Dem ungeachtet notigt uns die Wahrhaftigkeit, deren wir uns im Lauf dieser ganzen Geschichte befleissigen, zu versichern, dass Don Sylvio in seiner ganzen Erzahlung nichts gesagt habe, was nicht in gewissem Sinn eben so wurklich war, als es die meisten andre Geschichten aus der Geisterwelt sind.

Um dieses scheinbare Paradoxum zu begreifen, mussen wir uns erinnern, dass es eine zweifache Art von Wurklichkeit gibt, welche in concreto nicht allemal so leicht zu unterscheiden ist, als manche Leute denken.

So wie es namlich allen Egoisten zu trotz, Dinge gibt, die wurklich ausser uns sind, so gibt es andre, die bloss in unserm Gehirn existieren. Die erstern sind, wenn wir gleich nicht wissen, dass sie sind; die andre sind nur, in so fern wir uns einbilden, dass sie seien. Sie sind fur sich selbst nichts, aber sie machen auf denjenigen, der sie fur wurklich halt, die namliche Wurkung, als ob sie etwas waren; und ohne dass die Menschen sich deswegen weniger dunken, sind sie die Triebfedern der meisten Handlungen des menschlichen Geschlechts, die Quelle unsrer Gluckseligkeit und unsers Elends, unsrer schandlichsten Laster und unsrer glanzendesten Tugenden.

Welche Fee oder Zauber-Palast ist schimarischer als dieser Nachruhm, von welchem doch die grossten Manner gestanden haben, dass er der Endzweck ihrer schonsten Unternehmungen gewesen sei? Alexander, der den fabelhaften Zug des Bacchus nach Indien realisierte, und sich in tausend freiwillige Gefahren sturzte, damit die Athenienser von ihm zu reden hatten, zog einer eben so unwesentlichen Schimare nach als Don Sylvio, da er auszog um den blauen Papilion zu entzaubern; in den Augen eines kalten Zuschauers der menschlichen Handlungen ist der erste ein so grosser Tor als der andere, und dieser hat wenigstens den Vorzug, dass seine Schimare keinen Schaden tat, da die Schimare des Eroberers von Asien eine halbe Welt unglucklich machte.

Doch wir fangen an zu merken, dass wir uns in Betrachtungen versteigen, die uns weit genug von unsrer Absicht entfernt haben, dass wir verlegen sind einen geschicktern Ubergang zu finden, als den die Miscellanien-Schreiber zu machen pflegen, wenn sie nach einem halben dutzend Digressionen wieder dahin zuruck wollen, woher sie gekommen sind.

Um also wieder zur Sache zu kommen, so werden wir bei der Erzahlung unsers jungen Ritters einen Unterschied machen mussen zwischen demjenigen was ihm wurklich begegnet war, und zwischen dem, was seine Einbildungs-Kraft hinzugetan hatte. Wir haben ihn, wie man sich noch erinnern wird, nach dem Abenteuer mit dem Papilion und dem Bildnis in einem Zustand verlassen, worin seine Phantasie auf einen ausserordentlichen Grad erhoht war. Die Lebhaftigkeit der Bilder, die sich ihm darstellten, nahm mit der Nacht desto mehr zu, je weniger sie von aussern Empfindungen geschwachet wurde; es brauchte nur noch einen Grad, um sie selbst zu einer Art von Empfindungen zu machen. In einer solchen Disposition wurde er eine feurige Kugel gewahr, die in der Luft daher schwebte, und nach einer Weile nicht weit von ihm zersprang. Dieses nicht ungewohnliche Meteor, welches ein Naturforscher mit beobachtenden Augen angesehen hatte, vollendete die Bezauberung eines Don Sylvio. Er erinnerte sich, in seinen Marchen ofters solche flammende Kugeln gefunden zu haben, aus denen allemal eine Fee auf einem diamantnen Wagen, von sechs Schwanen oder vier und zwanzig Hammeln mit goldnem Vliess gezogen, hervor kam. Nach seiner Weise war also diese naturliche Erscheinung der Anfang einer ubernaturlichen, und mehr brauchte es nicht, um die Phantasien, die schon geformt und zur Geburt zeitig in seinem Kopf lagen, in eine Reihe von vermeinten Empfindungen zu verwandeln, die von einem Traum nur darin unterschieden waren, dass er dabei wachte, und durch ihren Zusammenhang mit seinen vorhergehenden und nachfolgenden Ideen desto starker betrogen wurde, sie fur wurklich zu halten.

Dieses ist wenigstens nach unserer Meinung die wahrscheinlichste Erklarung, die man von dergleichen Visionen geben kann; Allein wir sind weit entfernt sie jemanden aufdringen zu wollen. Don Sylvio war allein, da ihm die Fee Radiante erschienen sein soll, und man kann allen Zweiflern, Materialisten, Deisten und Pantheisten kuhnlich Trotz bieten, jemals zu erweisen, dass die Fee Radiante, oder ihre Erscheinung etwas unmogliches sei. Wir konnen also unsre Erklarung fur mehr nicht geben als fur eine blosse Vermutung, und wenn die Liebhaber des Wunderbaren geneigter sein sollten, hieruber dem Don Sylvio selbst zu glauben, welcher unstreitig ein Augen-Zeuge und ausser allem Verdacht eines vorsetzlichen Betrugs ist; so haben wir nicht das geringste dagegen einzuwenden.

Zweites Buch

Erstes Capitel

Ein Exempel, dass Sprodigkeit den Zorn der Venus

reizt

Indessen dass Don Sylvio zu seiner abenteuerlichen Wanderschaft Anstalt machte, war Donna Mencia beschaftiget, ihn durch ein Mittel zuruck zu halten, von welchem er sich eben so wenig traumen liess als sie von seiner Liebe zu einem bezauberten Schmetterling.

Wir haben bereits gemeldet, dass sie seit einiger Zeit haufige Reisen in das benachbarte Stadtchen tat, um welche Don Sylvio sich zwar nichts bekummerte, die aber in der Tat auf nichts anders abzielten, als ihm einen schlimmern Streich zu spielen, als er von der vereinigten Bosheit aller Fanferluschen und Carabossen der ganzen Welt nur immer hatte erwarten konnen.

Man erinnert sich vielleicht noch, dass die Donna Mencia, ungeachtet ihrer ausserordentlichen Sprodigkeit, in ihrer ersten Jugend keine ganzliche Feindin der Liebe gewesen war; und wenn wir die Wahrheit unverblumt sagen sollen, so ist vielleicht niemalen ein Frauenzimmer gewesen, dem die Tugend, wozu die Umbarmherzigkeit der Mannsleute sie verurteilte, beschwerlicher gefallen ware. Man will so gar wissen, dass seit dem sie sich aus der grossen Welt in eine Einsamkeit zuruck gezogen, welche der erzwungenen Sprodigkeit nicht sehr gunstig zu sein pflegt, ihre Bedurfnisse mehr als einmal so dringend geworden, dass sie (wenn wir es anders ohne Beleidigung des Geschlechts, zu dem sie gehorte, sagen konnen) so gar einem gewissen Stall bedienten im Hause, Aufmunterungen gegeben, die vielleicht nicht ohne Wurkung geblieben waren, wenn die Reizungen der jungen Maritorne diesen plumpen Liebhaber nicht gegen alle Vorzuge eines hochadelichen Gerippes unempfindlich gemacht hatten. Was auch an dieser Anecdote sein mag, so ist gewiss, dass sie in diesem Stuck unglucklich genug war, um genotiget zu sein, in den unzulanglichen Tauschungen einer aufgereizten Einbildungs-Kraft den Schatten eines Vergnugens zu suchen, dessen Grosse ihre Unerfahrenheit nach der Wut ihrer Begierden abmass. Der Abscheu, den sie vor den Erzahlungen eines Bocaz und selbst vor den unschuldigsten Scherzen eines Lope de Vega bezeugte, hinderte nicht, dass die Gesprache, die irgend ein moderner Sotades der beruhmten Aloysia Sigea aufgeschoben, das Buch waren, welches allezeit unter ihrem Hauptkussen lag; eine Gewohnheit, die sie vielleicht mit dem Exempel des heiligen Chrysostomus zu rechtfertigen glaubte, welcher den eben so sotadischen Comodien des Aristophanes die namliche Ehre widerfahren liess.

So unanstandig es vielleicht scheinen mochte, dass wir durch Aufdeckung dieser Heimlichkeiten die Vorteile vernichtet haben, welche die Welt von dem erbaulichen Beispiel der keuschen Donna Mencia hatte ziehen konnen, so notig war es, die Pflichten der historischen Treue in diesem Stucke zu erfullen, da eine ubertriebene Discretion die Wahrhaftigkeit unsrer Geschichte, in Absicht dessen, was wir nun zu melden haben, nicht wenig hatte verdachtig machen konnen.

Um also unsre Leser nicht langer aufzuhalten, so war es nur mehr als zu gewiss, dass weder ihre Tugend, noch der Stolz auf ihre Geburt noch sechzig Fruhlinge, die sie bereits erlebt hatte, ihr zartliches Herz gegen die Liebe zu schutzen vermochten, die ein gewisser Procurator von Xelva so glucklich war ihr einzuflossen.

Sie hatte ihn bei einer bejahrten Freundin kennen gelernt, bei der er in Geschaften oftere Besuche ablegte, und die Nachrichten, die sie von seinen Umstanden einzog, schienen dem Anschlag uberaus gunstig zu sein, den sie beim ersten Anblick auf seine Person gemacht hatte.

Dieser wurdige Mann nennte sich Rodrigo Sanchez, und war, sein Talent fur die Rabulisterei ausgenommen, durch seine korperliche Vorzuge merkwurdiger als durch die Annehmlichkeiten seines Geistes. Er war ein untersetzter Mann von mittler Grosse, breit geschuldert, krause Haare, kleine funkelnde Augen, die von grossen schwarzen Augbrauen, wie von einem dunkeln Gebusche, beschattet wurden, eine grosse Habichts-Nase und ein paar Beine, die im Notfall stark genug gewesen waren, einen Atlas zu unterstutzen.

Wir konnen nicht fur gewiss sagen, ob die Figuren von dieser Art den Sproden von Profession uberhaupt so gefahrlich sind als man bemerkt haben will; gewiss ist, dass Herr Rodrigo in den Augen der Donna Mencia ein Adonis war, und die Ehre hatte beim ersten Anblick uber die Abneigung zu siegen, so sie jederzeit gegen den Ehestand hatte spuren lassen, und den Wunsch in ihr zu erregen, mit ihm an dieses Joch gespannt zu werden, ungeachtet er kaum vierzig Jahre hatte, und noch ein Junggeselle war.

Wenn die Augen dieses neuen Adonis nicht dankbar genug waren, in ihr eine Venus zu sehen, so hatte er doch, so bald er merkte, dass es um eine Heurat zu tun sei, einen Beweggrund, der auf Leute von seiner Art eben so kraftig zu wurken pflegt, als die personlichen Reizungen auf Liebhaber von feinerm Metall.

Der Herr Procurator hatte von einem altern Bruder, der ein Juwelen-Handler gewesen war, eine Nichte, Mergelina genannt, die seit dem Tode ihrer Eltern, nebst einem Vermogen von hundert tausend Ducaten unter seiner Vormundschaft stund. So gleichgultig ihm seine Nichte fur ihre eigene Person war, so zartlich liebte er ihre Ducaten, und er hatte schon lang umsonst auf ein gesetzmassiges Mittel studiert, sich derselben, oder doch eines guten Teils davon zu bemachtigen, als die Leidenschaft, die er das Gluck hatte der Donna Mencia einzuflossen, ihm eine erwunschte Gelegenheit zu geben schien, seine Absicht zu erreichen. Seine Nichte, welche unstreitig ein sehr reizendes Vermogen besass, hatte bereits etliche Freier abgewiesen, weil sie nur burgerlich waren; denn sie hatte sichs nun einmal in den Kopf gesetzt, entweder eine Edelfrau zu werden oder als Jungfer zu sterben. Herr Rodrigo zweifelte also nicht sie zu allem zu bereden, was er nur wollte, in so fern er ihr einen Hidalgo zum Mann geben konnte; allein die Schwierigkeit war, einen zu finden, der so gefallig ware, als es Herr Rodrigo haben wollte. Die Nachrichten, die er von der Freundin der Donna Mencia erhielt, machten ihm Hoffnung, dass sich niemand zu seinen Absichten besser schicken konne, als Don Sylvio, welcher ihm als ein junger Edelmann beschrieben wurde, der ohne alle Erfahrung oder Kenntnis der Welt, ungemein grossmutig und dabei gewohnt sei, sich in allem von seiner Base regieren zu lassen. Er beschloss also sein Gluck zu versuchen, und von dem verliebten Anstoss der alten Mencia so viel Vorteil zu ziehen, als nur immer moglich sein mochte. Freilich spielte er die Rolle eines seufzenden Schafers so lacherlich, als man sich vorstellen kann, allein er brachte doch Feuer genug darein, um eine so zartliche Person, als Donna Mencia war, zu uberreden, dass er der Verliebteste unter allen Menschen sei.

Allein, so bald sich diese Dame ihres Sieges gewiss hielt, erinnerte sie sich dessen, was sie ihrer Tugend und ihrem Character schuldig war, und machte so viele Umstande, dass der Herr Procurator, welcher sich wenig auf die Kunst verstund, die Sproden zahm zu machen, die Geduld zehnmal verloren hatte, wenn er durch keine starkere Gewalt als die bejahrten Annehmlichkeiten seiner Grausamen zuruck gehalten worden ware. Das beste fur ihn war, dass es ihr selbst so viel Muhe kostete, die keusche Flamme, wovon sie brannte, zu verbergen, dass sie fur gut befand, seine Probzeit um so mehr abzukurzen, als sie keine Ursache hatte an der Starke seiner Leidenschaft zu zweifeln. Sie willigte also endlich ein den Herrn Rodrigo glucklich zu machen, die zweifache Heurat des Oheims mit der Tante, und des Neffen mit der Nichte wurde beschlossen, und der Herr Procurator setzte einen Contract auf, worin die Vorteile der erstern nicht vergessen waren.

Donna Mencia hatte ihren Neffen allzuwohl gezogen, als dass sie an seiner Einwilligung im geringsten hatte zweifeln sollen. Indes machte ihr der Gedanke doch einige Muhe, dass diese doppelte Verbindung dem Adel ihres Geschlechts, auf den sie immer stolz gewesen war, in den Augen der Welt nicht wenig derogieren wurde; und so sehr auch die Heftigkeit ihrer Leidenschaft durch die blendenden Verdienste des Herrn Rodrigo Sanchez gerechtfertiget zu werden schien, so wurde sie sich doch kaum haben entschliessen konnen, derselben eine so grosse Bedenklichkeit aufzuopfern, wenn Herr Rodrigo, der ein starker Genealogiste war, ihr nicht Hoffnung gemacht hatte, in kurzem einen Stammbaum zu Stande zu bringen, in welchem er den Ursprung seiner Familie in gerader Linie von einem naturlichen Sohn des Castilianischen Konigs Sancho des Grossen herleiten wollte.

Zweites Capitel

Ein Gemalde im Geschmacke des Calot

Don Sylvio, der den Kopf von Schmetterlingen und grunen Zwergen voll hatte, liess sich wenig davon traumen, dass seine gnadige Tante, indes, dass er auf die Befreiung seiner beflugelten Princessin dachte, damit umging, ihn mit einem Burger-Madgen von Xelva zu verheuraten, und, wenn man die Wahrheit sagen soll, mit dem hasslichsten Dinge, das jemals geheuratet worden ist.

Er war also nicht wenig besturzt, da er sie, ehe noch Pedrillo mit den Zurustungen zur Reise fertig war, in Gesellschaft eines Frauenzimmers und einer Mannsperson, die ihm ganzlich unbekannt waren, zuruck kommen sah. Er erstaunte noch mehr, da er diese fremde Figuren in der Nahe betrachtete, und insonderheit kam ihm die junge Dame so ausserordentlich vor, dass er sie Anfangs fur eine angekleidete Meerkatze hielt. Pedrillo, der ihnen aus der Kutsche steigen half, hatte alle Muhe von der Welt, sich beim Anblick derselben des Lachens zu enthalten, und Don Sylvio, so hoflich er sonst war, trat in der ersten Besturzung ein paar Schritte zuruck, ohne die Zufriedenheit zu bemerken, die sich bei seinem Anblick uber ihr liebliches Gesicht ausbreitete.

In der Tat hatte die weise Mencia, um eine Nichte zu haben, die ihren eignen Reizungen keinen Eintrag tate, keine bequemere Person auswahlen konnen als Donna Mergelina.

Wir wollen einen Versuch wagen, ob wir die Einbildungskraft unsrer Leser in den Stand setzen konnen, sich einige Vorstellung von ihr zu machen.

Sie war vollkommen zwei Ellen und vier Daumen hoch, von einer Schulter zur andern bei nahe eben so breit, und uberhaupt so regelmassig gebaut, dass ihr Kopf ungefahr den vierten Teil ihrer Hohe ausmachte, Hals, Brust und Unterleib aber sich so unmerklich in einander verloren, dass man unmoglich sehen konnte, wo eines anfing und das andere aufhorte. Ungeachtet der ausserordentlichen Lange ihres Kinns stellte ihr Gesicht doch ein ziemlich regelmassiges Viereck vor, denn ihre Stirne war gerade um so viel zu niedrig als ihr Kinn zu lang war. Ihre Augen waren so rund, und standen so weit aus dem Kopf hervor, dass das Beiwort, welches Homer der Juno zu geben pflegt, ausdrucklich fur Donna Mergelina gemacht zu sein schien. Ihr Mund war von einer so geraumigen Weite, dass man den Schaumloffel des Prinzen Tanzai, ohne die mindeste Gefahr ihrer breiten Zahne darin hatte hin und wieder schieben konnen, und wenn ihre Lippen jemals von einem Poeten zum Sitz der Gratien gemacht worden sind, so mussen wir gestehen, dass es ein Canape war, auf dem diese Gottinnen Platz genug gehabt hatten, sich im Notfall noch mit etlichen jungen Liebes-Gottern herum zu tummeln. Ihre Nase war in der Tat um etwas zu klein, denn man hatte Muhe zwischen ihren dicken und hangenden Backen etwas erhabenes zu entdecken, welches man endlich an den aufgestulpten Naslochern fur eine Nase gelten lassen musste; allein das war auch das einzige an ihrer ganzen Person, woran sich die Natur zu karg bewiesen hatte. Zum Ersatz hatte sie hingegen einen Rucken, der so hoch war, als sie sich nur wunschen konnte, ein paar hubsche lange Ohren, und die Hande und Fusse so breit, als es notig war, damit sie im Wasser und auf dem Trocknen zugleich leben konnte. Allein, was selbst nach ihrer eigenen Absicht alle diese Schonheiten verdunkeln sollte, war ein Busen, aber ein Busen, wie man, zumal in Spanien, wenige sieht; in der Tat ziemlich weiss, aber von einem so unmassigen Umfang, dass er fur eine Statue der Venus Callipygos sehr fuglich das Modell zu einem ganz andern Teile des Leibes hatte abgehen konnen. Sie schien sich auf diese Art von Schonheit so viel einzubilden, dass sie dieselbe mit einer Freigebigkeit auslegte, welche von strengen Sittenlehrern vielleicht argerlich hatte genennt werden konnen, wenn sie weniger ekelhaft gewesen ware.

Was die Farben betrifft, so die Natur gebraucht hatte, ein solches Meisterstuck auszuschmucken, so waren sie allerdings so wunderbar gemischt, dass sie einem Vandyk zu schaffen gegeben hatten. Sie hatte weder blonde Haare wie Ceres, noch braune wie Venus, noch goldfarbe wie die Schone mit den goldnen Haaren, die ihrige waren feuerfarbig und dabei von Natur so geradlinicht und kurz, dass sie die Kunst und Geduld einer Cypassis2 zu Schanden gemacht hatten. Ihre Augen waren hellgrau, Stirne und Wangen olivenfarbig, und wo es sich gehorte, mit braunrot getuscht, ihr Maul, (wenn es uns fur diesmal erlaubt ist dieses Wort zu gebrauchen) spielte ein wenig auf meergrun, und verlor durch die Schwarze ihrer grossen ungleich gewachsenen Zahne nicht das mindeste von seiner Anmut; und ihre Arme und Hande hatten eine so naturliche Leder-Farbe, dass sie die Ausgabe vollig ersparen konnte, die andre Frauenzimmer auf Hundslederne Handschuhe wenden mussen. Alles dieses nun, welches ohne Zweifel eine Art von Figuren ausmachte, die man selten anderswo als auf Caminen zu sehen bekommt, war durch einen Putz erhoht, der von dem Geschmack der schonen Mergelina eine so gute Meinung erweckte, dass man sie nur anzusehen brauchte, um die ungemeine Harmonie des Leibes und der Seelen in ihr zu bewundern, die nach den Grundsatzen des Pythagoras die hochste Schonheit ausmacht. Sie trug einen Rock von hochgelbem Atlas mit Silber gestickt, ein Corset von grunem Taft, himmelblaue Bander, eine Feuerfarbe Feder, carmesinrote Schuh mit Gold, und rosenfarbe Strumpfe mit silbernen Zwickeln. Diese liebenswurdige Person hatte mit Hulfe des hoflichen Don Sylvio kaum einen kleinen Saal erreicht, in welchem Donna Mencia ihre Besuche anzunehmen pflegte, als ihr erstes war, zu einem Spiegel zu watscheln, um, wie sie sagte, die Unordnung zu verbessern, so die Reise in ihrem Anzug gemacht hatte. Man setzte sich hierauf, und wahrend dass die Dame Beatrix mit einigen Erfrischungen erwartet wurde, schien jede Person in dieser kleinen Gesellschaft verlegen zu sein, was sie mit sich selbst und mit den andern anfangen sollte. Donna Mergelina spielte mit ihrem Facher, oder gaffte in den Spiegel, dem sie sich gegen uber gesetzt hatte, Herr Rodrigo sah bald die jugendliche Mencia bald seine Beine an, Don Sylvio machte grosse Augen und schien zerstreut, und die gute Tante hatte immer den Mund halb offen; ohne dass sie wusste, was sie sagen wollte. Herr Rodrigo war eben im Begriff zu bemerken, dass es schon Wetter sei, als die aufwartsame Beatrix herein trat, um die Conversation mit einem grossen Korb voll frischer, trockner und eingemachter Fruchte zu beleben. Jetzt wurde der Gesellschaft auf einmal leicht ums Herz. Donna Mergelina hatte Anlass ihre gute Erziehung sehen zu lassen, indem sie mit vielen Complimenten und Verneigungen die Ungelegenheit bedaurte, die man sich ihrentwegen mache; Complimente und Grimassen, die von der hoflichen Donna Mencia mit eben so vielen Gegen Complimenten und GegenGrimassen beantwortet wurden. Man machte hierauf die Beobachtung, dass die Erdbeeren sehr gross und die Kirschen von vortrefflichem Geschmack seien, man lobte die eingemachten Nusse und Pfersiche, und Donna Mencia nahm davon Anlass zu einer gelehrten Abhandlung von der Kunst Confituren zu machen, bei welcher der Herr Procurator so lange Weile hatte, dass er sich moglichst angelegen sein liess, den Gegenstand derselben aus dem Wege zu raumen, um das Gesprach auf einen Process lenken zu konnen, den er wurklich unter Handen hatte, und wovon er, sobald er Gelegenheit hatte das Wort zu nehmen, die Damen auf eine sehr galante Art unterhielt.

Drittes Capitel

Gesprach zwischen der Tante und dem Neffen

Nach einiger Weile kam die Dame Beatrix mit verschiedenen Weinen und abgezogenen Wassern wieder in den Saal, und wahrend, dass sie, auf einen Wink ihrer Gebieterin, die Gaste mit ihrem geistreichen Gesprach unterhielt, zog sich diese mit ihrem Neffen in ein anders Zimmer zuruck, um ihm zu erklaren, was dieser Besuch zu bedeuten habe.

Ihr seid ja ganz ausserordentlich geputzt, Don Sylvio, fing sie an; Ihr wusstet doch nicht, dass ich Gesellschaft mitbringen wurde?

Nein, gnadige Tante, erwiderte Don Sylvio, errotend und stotternd, aber ich weiss nicht ich vermutete

Ihr bedurft gar keiner Entschuldigung deswegen, versetzte Donna Mencia, ihr hattet euch zu keiner gelegenern Zeit putzen konnen, und ich bin geneigt es einer Art von Ahnung zuzuschreiben.

Hierauf nahm sie Platz, rausperte sich etlichemal, und eroffnete ihm endlich nach verschiedenen Vorreden, nicht ohne ein wenig zu erroten, ihr gedoppeltes Vorhaben, ihn mit der schonen Mergelina zu vermahlen, und das Eigentums-Recht uber ihre eigne Person dem verdienstvollen Herrn Rodrigo Sanchez abzutreten. Sie unterliess nicht ihm die grossen Vorteile anzupreisen, die ihm aus dieser Vermahlung zugehen wurden, und ihren Reden nach hatte er Ursache, sich ihr fur eine so ausnehmende Probe ihrer Fursorge fur seine Gluckseligkeit noch sehr verbunden zu achten.

Allein Don Sylvio war weit entfernt, so gelehrig und dankbar zu sein, als seine Tante vermutet hatte. Das Erstaunen, das ihn beim Anfang ihrer Rede befiel, verwandelte sich beim Ende derselben in einen Unwillen, den er kaum zuruck halten konnte.

Jedoch tat er sich die ausserste Gewalt an, und sagte endlich nach einer ziemlich langen Pause mit einer Mine, worin mehr Befremdung als Verdriesslichkeit herrschen sollte: Ich gestehe ihnen, Frau Tante, dass ich nicht begreife, was sie mit allem diesem haben wollen. Ich bin kaum achtzehen Jahre alt; meine Geburt und die Erziehung, die sie mir gegeben haben, bestimmen mich in kurzem, diese mussige Landlebens-Art zu verlassen, und auf dem Wege ritterlicher Abenteuer ein anstandiges Gluck zu suchen. Sie selbst haben mir diese Denkungs-Art eingeflosst, und nun wollen sie mich plotzlich mit einem kleinen Burger-Madgen verheuraten, dessen Missgestalt und personliche Mangel fahig waren, auch den geldgierigsten Harpax abzuschrecken, und mit welchem ich lebenslanglich verurteilt sein wurde, mich in dieses elende Dorf zu verbannen, um mein Ungluck und meine Schande vor der ganzen Welt zu verbergen.

Ihr vergesst, erwiderte Donna Mencia, die Ehrerbietung, die ihr mir schuldig seid, und ich gestehe euch, dass ich mehr Gehorsam

Gehorsam? fiel ihr Don Sylvio hitzig ein, wenn sie mich an ein Ungeheuer anfesseln wollen, dessen blossen Anblick zu vermeiden ich bereit ware in den offnen Rachen eines Lowen zu rennen?

Man weisst sehr wohl, erwiderte Donna Mencia mit einem hohnischen Nasenrumpfen dass ihr euch ausserordentlich viel mit eurer Schonheit wisst; aber wir wollen uns in keinen Streit hieruber einlassen. Donna Mergelina verdient die Verachtung gar nicht die ihr fur sie habt, sie ist eine liebenswurdige Person, und wenn sie es auch weniger ware, so ist eine Partei von hundert tausend Ducaten wahrhaftig keine Sache, die ein kleiner Edelmann, der jahrlich kaum hundert Pistolen wert ist, so trotzig ausschlagen kann.

Es ist noch nicht so lange, Gnadige Frau, antwortete Don Sylvio gelassner, dass sie den Wert eines Edelmanns nicht nach seinen Einkunften abwogen; und wenn hundert tausend Ducaten meine Augen nicht genug bezaubern konnen, um diese Person, die sie Donna Mergelina nennen, liebenswurdig zu finden, so ist es ausser dem Himmel, dem ich mein Herz zu danken habe, niemand anders als Donna Mencia, die mich den Reichtum verachten gelehrt hat, so bald er mit Niedertrachtigkeit erkauft werden muss.

Und worin besteht denn, erwiderte sie, das Niedertrachtige, wenn ihr Donna Mergelina heuratet? Sind gleich ihre Voreltern durch Unglucksfalle genotiget worden, eine Abstammung zu verbergen, die vielleicht so edel ist als eine im Konigreich (ich weiss was ich rede, Don Sylvio) so hat doch das Gluck, das ihnen seit dem desto gunstiger gewesen ist, sie in den Stand gesetzt, ihre eigene Familie wieder empor zu heben, und der unsrigen einen Glanz wieder zu geben, den eine schimpfliche Durftigkeit auszuloschen bereit war.

Unverschuldete Durftigkeit ist nie schimpflich, versetzte Don Sylvio, mit Wangen, die von einer edeln Rote gluhten; uberlassen sie es mir, Gnadige Frau, fur den Glanz meines Namens zu sorgen; ich spure Mut genug in mir, dem Ungluck Trotz zu bieten, welches ihn zur Dunkelheit zu verurteilen scheint. Donna Mergelina mag edel sein, wenn sie wollen; aber ich versichere sie, wenn sie auch von dem grossen Cid selbst abstammete, und mir alle Goldgruben von Peru zur Mitgift brachte, so werde ich sie nicht heuraten.

Du wirst sie nicht heuraten? rief Donna Mencia, mit einem Ton, der sich fur einen Untergebenen von zwolf Jahren besser geschickt hatte. Ich sage dir aber, dass du sie heuraten sollst, oder du sollst sehen, ob Donna Mencia das Ansehen zu behaupten weisst, das ihr die Natur und deines Vaters Willen uber dich gegeben haben: du sollst sie heuraten, sag ich oder Keine vergebliche Drohungen, unterbrach sie Don Sylvio mit einer Mine und einem Anstand, der sie ein wenig besturzt machte; ich kenne den Umfang meiner Pflichten gegen sie, und die Grenzen ihrer Rechte uber mich. Heuraten sie immer den Herrn Rodrigo Sanchez, ich werde mir nie einfallen lassen, es ubel zu finden; aber erlauben sie mir in den Jahren, worin ich bin, eine Verbindung abzulehnen, die sich in keiner Betrachtung fur mich schickt.

Bei diesen Worten geriet die alte Dame in Flammen. Ich verstehe dich, rief sie, und klappte etliche faule Zahne zusammen, die noch wie alte Denkmaler hier und da aus ihrem weiten Munde hervor ragten, ich sehe die ganze Bosheit des geheimen Vorwurfs, den ihr mir machen wollt; aber ich verachte euch und alles was ihr sagen konnt. Wie? ein Knabe von eurem Alter sollte besser wissen als ich, was sich schickt, oder was sich nicht schickt? doch es ist unnotig, dass ich mich ereifere. Wenn du noch zu unreif bist, den Wert meiner Fursorge fur dich zu schatzen, so werde ich doch nicht zugeben, dass deine Unbesonnenheit dich eines Glucks verlustig mache, welches alles ubertrifft, was du jemals erwarten konntest. Du machst den Versuch zu fruh, ein Joch abzuschutteln, das ich leichter oder schwerer machen kann, je nachdem ich es notig finde; denn kurz und gut, mein Herr Neffe, ihr steht unter mir, und ich werde mir Gehorsam zu verschaffen wissen.

Ihre Auffuhrung, erwiderte Don Sylvio ganz ergrimmt, beweist, dass graue Haare nicht allezeit sichre Burgen der Weisheit sind. Wissen sie aber hiemit, dass ich weder alt noch jung genug bin, mich zum Opfer ihrer lacherlichen Leidenschaft machen zu lassen. Ich entlasse sie aller Pflicht fur mein Gluck zu sorgen; und wenn ich ihre missgeschaffene Mergelina und die hundert tausend Ducaten, womit sie meine Liebe bestechen will, verschmahe, so glauben sie nur, dass ich meine Ursachen habe (ich weiss auch was ich rede, Donna Mencia!) und dass ich unter dem Schutz, worin ich stehe, alle Drohungen verachten kann, womit sie mich wie einen kleinen Zuchtling zu schrecken gedenken.

Mit diesen Worten eilte er aus dem Zimmer fort, und begab sich in den Garten, wo er vor Unwillen ausser sich selbst hin und wieder lief, und mit Ungeduld auf seinen getreuen Pedrillo wartete.

Viertes Capitel

Mutmassungen des Don Sylvio

Er verabredet seine Entweichung mit dem Pedrillo

Pedrillo, der was er auch sagen mochte, eben so vorwitzig als plauderhaft war, hatte an einer kleinen Seitenture des Zimmers die ganze Unterredung angehort, die sein Herr mit Donna Mencia gehabt hatte.

Wie er nun sahe, dass er im grossten Zorn in den Garten lief, so schlich er ihm nach und traf ihn in einem Gange von Castanien-Baumen an, wo er, die Hande auf dem Rucken gefaltet, mit grossen Schritten hin und wieder ging, und ziemlich laut mit sich selber redete. Er sah so wild aus, dass Pedrillo sich nicht getraute ihm naher zu kommen. Allein so bald Don Sylvio seiner gewahr wurde, rief er ihm und sagte: Ich sehe wohl, dass du dich vor meinen Vorwurfen furchtest; denn wenn deine unzeitigen Sorgen nicht gewesen waren, so waren wir jetzt schon weit von diesem verwunschten Hause entfernt, woraus wir nun, wie ich besorge, ohne den Beistand der machtigen Radiante schwerlich entkommen werden. Aber besorge nichts, mein Freund; ich weiss, dass du keine bose Absicht hattest, und ich bin nicht so unbillig, dass ich dir Begegnisse zur Last legen, sollte, an denen allein mein widriges Schicksal und die Bosheit der Zauberer meiner Feinde schuld ist.

Mit diesen Worten nahm er ihn bei der Hand, fuhrte ihn in eine Laube, und nachdem er ihm befohlen hatte, sich auf allen Seiten umzusehen, ob sie auch allein waren, sagte er mit leiser Stimme zu ihm: Hore, Pedrillo, ich will dir meine innersten Gedanken entdecken; ich bin vollkommen uberzeugt, dass diese alte hagre Frau, die du mit den zweien Ungeheuern aus der Kutsche steigen sahst, nicht meine Tante Donna Mencia ist, ob ich gleich beim ersten Anblick selbst betrogen wurde, sie dafur zu halten. Ganz gewiss ist es die boshafte Fanferlusch, die ihre Gestalt angenommen hat, um desto gewisser die Anschlage zu zerstoren, welche die wohltatige Radiante zu meinem Gluck gemacht hat. Ich habe Merkmale, Pedrillo, die mir keinen Zweifel ubrig lassen, denn so gut auch diese anmassliche Donna Mencia sich zu verstellen wusste, so bemerkte ich doch in der Unterredung, die ich mit ihr hatte, etlichemal etwas grassliches in ihren Augen, das meine Tante niemals gehabt hat. Kurz; denn ich kann mich jetzt nicht umstandlich herauslassen, ich habe uber diesen Punct nicht den mindesten Zweifel.

Fanferlusch wird die Verwandlung des grunen Zwergs erfahren haben, und, um zu verhindern, dass ich mit Hulfe der machtigen Radiante nicht dazu gelange den blauen Papilion zu entzaubern, ist sie in Gestalt der Donna Mencia hieher gekommen, um mich zu einer Heurat zu notigen, die ich verabscheuen wurde, wenn gleich diejenige, die sie mir zur Braut aufdringen will, eben so schon ware als sie abscheulich ist.

Glaubt ihr das, Gnadiger Herr? antwortete Pedrillo, der ihm mit grosser Aufmerksamkeit zugehort hatte, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so dachte ich fast selbst, dass ihr recht haben konnet, denn ich merkte gleich, wie ich sie aussteigen sah, dass es nicht mit rechten Dingen zuging, und seit dem ihr mir eure Gedanken gesagt habt, wollte ich schier wetten, dass diese Donna Schmergelina, oder wie sie heisst, des grunen Zwergs leibliche Schwester ware, wenn sie nicht, Gott behut uns, noch etwas argers ist; denn ich will nicht ehrlich sein, wenn ich in meinem Leben einen so hasslichen Wechsel-Balg gesehen habe. Jetzt reut es mich, dass ich ihr nicht gleich auf die Fusse sah; aber das hab ich doch gesehen, dass sie ganz grun im Gesicht und am Leibe war, und dass sie einen Buckel und ein paar entsetzlich lange Ohren hatte.

Mit allen diesen Schonheiten, versetzte Don Sylvio, verlangt sie nichts geringers, als dass ich sie heuraten soll.

Ihr sollt sie heuraten? rief Pedrillo, heuraten? Ihr ein solches Mondkalb heuraten? Ihr musstet ja gar den Verstand verloren haben; verzeiht mir, gnadiger Herr, dass ich so sage, denn ich weiss doch wohl, dass ihrs nicht tun werdet. Zum Henker! was bildt sich das Affen-Gesicht ein? das ware wohl ewig Schade, wenn ein so hubscher junger Herr einem solchen kleinen Meer- Drachen in den Armen liegen sollte! Beim Element, da wird nichts draus, Jungfer Schmergelina! lass dir heim geigen, oder, wenn du ja geheuratet sein willst, so lass dich den Zwerg Migonnet heuraten, der schickt sich besser fur dich, hi, hi, hi; das wurde mir ein Paar sein, das zusammen taugte! Sapperment, wenn er ein dutzend Finken und Distelvogel auf der Nase sitzen hatte, wie die Historie sagt, so setzte sie ein halb dutzend Meerschweinchen auf ihren breiten Busen! das wurde gut lassen! dass dich die Pest! Ja wohl da! Man heuratet nur gleich solche Leb-KuchenGesichter! Ich habe zwar gehort, dass sie hortreich sein soll, aber wenn sie sich auch von Fuss auf ubergulden liesse, so mocht ich sie nicht, ob ich gleich nur ein armer Kerl bin. Weniger Geld, Jungfer Fanferluschin, und mehr Schonheit, oder sucht eure Heurater anderswo, wenn ihr so gut sein wollt.

Don Sylvio musste uber den Eifer, womit Pedrillo alles dieses narrische Zeug vorbrachte, lachen, so wenig er auch Lust dazu hatte; da er es aber gar zu lange machte, so fiel er ihm endlich ein, und sagte: Mein lieber Pedrillo, die Sache ist ernsthafter als du dir vielleicht einbildest; Fanferlusch ist eine von den schlimmsten und rachgierigsten Feen, die jemals gewesen sind, und ihre Macht ist nicht geringe; wenn sie es ist, die diesen Abend in Gestalt meiner Tante hieher gekommen ist, mir diese ungeheure Mergelina aufzudringen

Sapperment, unterbrach ihn Pedrillo, den diese Worte plotzlich auf einen andern Ton stimmten, wenn die gnadige Frau, eure Tante, nicht eure Tante, sondern, wie ihr sagtet, die verfluchte Fanferlusch ist, so helf uns der Himmel! denn wie wollt ihr, dass wir uns gegen Zauberer und Gespenster helfen sollen?

Hore, Freund Pedrillo, sagte Don Sylvio, es ist kein ander Mittel ubrig, als dass wir uns in dieser Nacht noch aus dem Hause machen.

Diese Nacht noch? rief Pedrillo ganz erschrocken aus; o gnadiger Herr, bedenket doch, was ihr sagt! die Nacht ist ohnehin Niemands Freund, aber in solchen Umstanden, seht ihr, wollt ich keinen Fuss aus dem Hause setzen, und wenn ihr mir auch so viel Quadrupel geben wolltet, als ich Haare auf dem Kopf habe. Ich will des Todes sein, wenn wir nicht bei jedem Tritt ein paar tausend Gespenster, Drachen und Stachelschweine antreffen, die uns allenthalben den Pass verrennen. Ich bitte euch, Herr Don Sylvio

Schweige mit deinen abgeschmackten Possen, sagte Don Sylvio, hab ich nicht das Bildnis der Princessin, deren Anblick gewiss allein schon hinlanglich ist, alle Ungeheuer von Africa in Ehrfurcht zu halten, und auf allen Fall hat uns ja die Fee Radiante ihren Schutz versprochen. Wir werden dem Ansehen nach eine schone heitre Nacht haben, und wenn auch der Mond nicht schiene, so zweifle ich nicht, dass sie uns im Notfall einen von ihren Salamandern oder etliche schicken wird, die unsern Weg beleuchten, und uns gegen alle Verfolgungen der Fanferlusch sicher stellen werden. Mit einem Wort, Pedrillo mein Freund, wenn du mich lieb hast, so sei mir zu meinem Vorhaben behulflich; denn wenn wir diese Gelegenheit zur Flucht versaumen, so weisst der Himmel, ob wir sie jemals wieder finden werden. Sei versichert, dass ich nicht undankbar sein werde. Ich verspreche nicht gern mehr als ich halten kann; aber wenn ich einmal meine Princessin gefunden habe, so darfst du darauf zahlen, dass dein Gluck gemacht sein soll. Willt du mich aber nicht begleiten, so sei versichert, dass ich lieber allein gehen, ja lieber tausendmal den Tod leiden, als noch eine Nacht in diesem verwunschten Schlosse bleiben will.

Pedrillo war ungeachtet seiner Furchtsamkeit der gutherzigste Narr von der Welt, die Tranen kamen ihm in die Augen, da er seinen Herrn so reden horte, und er entschloss sich endlich allen Gespenstern, Fanferluschen und Schmergelinen zu trotz mit ihm davon zu gehen, in welcher Stunde der Nacht es ihm belieben werde.

Funftes Capitel

Ein Spaziergang. Klugheit des Don Sylvio

Sie hatten ihre Abrede kaum genommen, als sich in einiger Entfernung die schmetternde Stimme der Donna Mencia horen liess, die ihre Gaste, frische Luft zu schopfen, in den Garten fuhrte, der zwar aus Mangel an Unterhaltung wild genug aus sah, aber seiner Anlag und Einrichtung nach uberaus anmutig war. Pedrillo hatte kaum so viel Zeit, sich hinter etliche Hecken von Myrthen in einen andern Gang zu schleichen, wo er unbemerkt aus dem Garten kommen konnte; Don Sylvio aber blieb auf seiner Bank sitzen, bis ihm die kleine Gesellschaft naher kam.

Da es ihm, ungeachtet seiner Torheiten, nicht an Vernunft fehlte, so begriff er bei der ersten Uberlegung, dass er um die Entweichung, die er vorhatte, besser zu verbergen, ein Betragen annehmen musse, welches ohne mit der Erklarung, die er seiner anmasslichen Tante gegeben, einen allzustarken Absatz zu machen, doch Hoffnung fassen liesse, dass er nach und nach vielleicht gewonnen werden konnte.

Er ging also der Gsellschaft mit langsamen Schritten und einem Gesicht entgegen, welches weder ganz bewolkt noch ganz heiter war; er mischte sich mit einer guten Art in ihre Gesprache, und verbarg so gut er konnte, den Ekel und das innerliche Grauen, so ihm die Schwester des grunen Zwergs in desto hoherm Grad verursachte, je mehr sie sich Muhe gab ihm zu gefallen, und ihn merken zu lassen, wie sehr er nach ihrem Geschmack sei.

Zu gutem Gluck ersetzte die Eitelkeit der schonen Mergelina alles, was eine Person von feiner Empfindung an seinem Betragen vermisst hatte, so reichlich, dass sie vollkommen mit ihm zufrieden schien, obgleich alles, wozu er sich zwingen konnte, in den Grenzen der gleichgultigen Hoflichkeit blieb, die man einem Gast und dem Geschlecht schuldig ist, wozu sie zu gehoren schien.

Was seine Tante betrifft, so konnte wohl nichts uberflussigers sein, als die Sorge, die er sich machte, dass sie sein Vorhaben nicht argwohnen mochte. Sie wusste, dass er weder Geld noch die mindeste Bekanntschaft in der ganzen Gegend hatte, und es fiel ihr also nur nicht als etwas mogliches ein, dass er mit einer Flucht umgehen konnte, wozu ihm alle Mittel fehlten. Es ist wahr, der Ton, womit er sich unterstanden hatte sich ihr entgegen zu setzen, und besonders die letzten Worte, die ihm im Unwillen entgangen waren, hatten sie stutzen gemacht, und sie hatte sich vorgenommen, sich im Hause zu erkundigen, ob vielleicht in ihrer Abwesenheit etwas vorgegangen sei, das ihn zu einer so ungewohnlichen Sprache veranlasst haben konnte. Allein die Notwendigkeit ihrem geliebten Don Rodrigo (denn zu Rosalva war Herr Rodrigo Sanchez so gut Don, als ein Gusmann) Gesellschaft zu leisten, hatte ihr noch keine Zeit dazu gelassen; und da sie ihren Neffen jetzt so hoflich gegen Donna Mergelina sah, so hoffte sie, dass er sich indes eines bessern besonnen habe, und hielt es fur unnotig sich mehr um Ausdrucke zu bekummern, die, wie sie glaubte, gar wohl, blosse Eingebungen einer unbesonnenen Jugendhitze gewesen sein konnten.

Sechstes Capitel

Don Sylvio wird in die Garten der

Fee Radiante entzuckt

Seltsames qui pro quo so daraus entsteht

Unangenehme Folgen desselben

Unsre kleine Gesellschaft, oder doch wenigstens die Damen, welche die Seele davon ausmachten, befanden den Spaziergang so angenehm, dass die Nacht sie uberschlich, ohne dass sie es merken wollten.

In der Tat war es eine Nacht, welche dazu gemacht schien, die Liebe zu begunstigen, eine so angenehme und heitre Nacht, dass die keusche Diana keine schonere gewahlt haben konnte, den schonen Endymion einzuschlafern, oder die Gottin der Liebe, ihren Adonis glucklich zu machen.

Die zartliche Donna Mencia und ihr Aeneas blieben unvermerkt in einer dicht bewachsenen Laube zuruck, ungeachtet es ziernlich dunkel darin war, und die nicht weniger zartliche Mergelina druckte ihrem Begleiter die Hand mit einem Nachdruck, der geschickter war die Starke ihrer Leidenschaft als die Leichtigkeit ihrer Hand zu beweisen, in der Absicht ihn aus einer Traumerei zu erwecken, worin er sich seit einer geraumen Weile verloren hatte.

Nicht weniger als die ubrigen von den Schonheiten der schlummernden Natur geruhrt, die im dammernden Mondschein, wie in einem Nachtgewand von durchsichtigem Flor, in nachlassiger Anmut ausgestreckt zu liegen schien, hatte der entzuckte Don Sylvio vergessen, wo er war, und wen er neben sich hatte. Er bildete sich ein in die bezauberten Garten der Fee Radiante versetzt zu sein, er glaubte unter gewolbten Gangen von etherischem Jasmin und niemals welkenden Rosen zu wandeln; die Sterne deuchten ihn lauter Salamander und Salamandrinnen, die sich auf dem Azur des Himmels mit Contre- Tanzen belustigten; und die Frosche, die sich in einem benachbarten Graben horen liessen, waren in seinen Ohren eben so viel entzuckende Stimmen, die den Ruhm seiner unvergleichlichen Princessin und das Gluck seiner Liebe besangen. Kurz, er war so sehr ausser sich selbst, dass er in dem Augenblick, da ihn die schone Mergelina die Schwere ihrer Hand fuhlen liess, sich einbildete, seine geliebte Princessin an seiner Seite zu sehen.

Wie? rief er ganz entzuckt aus, darf ich meinen Augen glauben? Gotter! ist es ein Traum, womit mein Sehnsuchtvolles Herz mich tauscht, oder seh ich sie wurklich, schonste Prinzessin, und hat endlich die Starke meiner Leidenschaft die Gewalt einer verhassten Zauberei ubermocht, und ihnen diese himmlische Gestalt wieder gegeben, deren blendender Glanz die abwesende Sonne ersetzt und einen neuen reizendern Tag uber die verschonerte Natur ausbreitet?

In diesem Ton der erhabensten Schwarmerei fuhr er eine gute Weile fort der erstaunten Mergelina Dinge vorzusagen, von denen sie nicht das mindeste verstund, ohne darum weniger davon geruhrt zu werden. Sie merkte doch wenigstens aus dem Ton und der Lebhaftigkeit, womit er sie sagte, dass die Rede von sehr feurigen Empfindungen war, und da sie die Sprache der feinen Welt nur aus Ritterbuchern und schwulstigen Romanen kannte, und uberdies von der Erziehung des Don Sylvio bereits die gunstigsten Vorurteile bekommen hatte, so beredete sie sich leicht, dass dieses die schone Art sei, wie Leute von Stand und feiner Lebensart ihre Liebe zu erklaren pflegten. Denn der Gedanke, dass er ihrer vielleicht nur spotten wolle, so wahrscheinlich er auch einer dritten Person geschienen hatte, war naturlicher Weise der letzte von allen, die einem Frauenzimmer von ihrer Gattung einfallen konnten. Sie horte ihm also ohne Unterbrechung mit desto mehr Vergnugen zu, da sie hoffte, dass die schonen Sachen, die er ihr vorsagte, und die sie ihm in der Tat gerne geschenkt hatte, am Ende doch zu gewissen Erlauterungen fuhren wurden, wovon sie aus dem geheimen Umgang mit einem jungen Kramer in ihrer Nachbarschaft, einem sehr anti-platonischen Gesellen, gewisse Begriffe erhalten hatte, und welche allerdings mit den Begierden, wovon sie gepresst wurde, besser ubereinstimmten als die erhabensten Liebes-Erklarungen. Um inzwischen doch nicht ganz untatig zu sein, und diese erwunschte Augenblicke so viel an ihr war zu beschleunigen, lehnte sie sich mit einer zartlichen Art an ihn, druckte seine Hand an ihren Busen, der von zartlicher Sehnsucht bis an den Hals empor stieg, und drehte ihre glasernen Augapfel so schnell im Kopf herum, dass sie electrisch wurden, und funkelten wie die Augen einer Katze im dunkeln.

Allein, es sei nun, dass die Einbildungs-Kraft unsers Helden durch die ungeheure Menge von Galimathias, womit er seine vermeinte Princessin bewillkommt hatte, erschopft war, oder dass keine Verblendung, Schwarmerei oder Bezauberung stark genug sein konnte, gegen das nahere Anschauen der Donna Mergelina auszuhalten, so warf er kaum, indem sie aus dem Gebusch hervor kamen, und eine lichte Stelle betraten, einen Blick auf seine Gefahrtin, als er mit einem grossen Schrei und einem nicht geringern Entsetzen von ihr zuruck bebte, als dasjenige war, womit die Princessin Ladronnete an statt eines Gemahls, den sie sich schoner als den Liebesgott eingebildet hatte, den scheusslichen grunen Serpentin in ihre Arme verwickelt fand.

Himmel, was seh ich? rief er ganz besturzt aus, was fur eine entsetzliche Verwandlung? ha! verfluchte Fanferlusch, haben die Verfolgungen, die ich schon von dir erleiden musste, deinen ungerechten Hass noch nicht befriedigen konnen? Was hab ich dir getan, dass du in dem Augenblick, da ich meine geliebte Princessin zu umarmen glaubte, diese abscheuliche Zwergin an ihre Stelle schiebst, in deren ekelhaften Umhalsung ich ohne das wohltatige Licht der keuschen Gottin, vielleicht selbst zum Ungeheuer geworden, oder wie vom Anblick der Medusa zum Stein erstarrt ware? Aber glaube nicht, dass ich eine solche Beleidigung ungerochen lassen werde. Rede, du kleine unausgeschaffene Missgeburt, wo ist meine Princessin? dein Leben hangt an deiner Antwort. Ich kenne die lacherliche Anspruche, die du an mein Herz machst; aber wisse, dass du, trotz allen Fanferluschen und grunen Zwergen, unter meinen Fussen wie ein Wurm zermurset werden sollst, wofern du sie nicht in diesem Augenblick wieder in meine Arme lieferst

Wer bei diesen Reden aus den Wolken fiel, war die arme Mergelina. Der grimmige Ton, womit er sie ausstiess, und die drohenden Gebarden, womit sie begleitet waren, erschreckte sie so heftig, dass sie ein furchterliches Geschrei erhub, auf welches Donna Mencia und der edle Rodrigo nicht ermangelten so schleunig herbei zu eilen, als es die Unterredung erlaubte, worin sie begriffen waren.

Man kann leicht erachten, wie sehr sie uber dasjenige erstaunten, was sie sahen und horten. Der Zustand, worin sie den ergrimmten Don Sylvio antrafen, und die Erzahlung, so ihnen die beleidigte Schone nicht ohne grosse Tranen-Gusse von allem demjenigen machte, was vorgegangen war, brachten sie allerseits auf den Schluss, dass er verruckt sein musse; und die Reden, womit er in der Hitze seines Affects gegen sie alle fortfuhr, waren nichts weniger als geschickt, sie auf bessere Gedanken zu bringen.

Inzwischen liefen auf den Lerm, den diese Scene machte, auch die Bedienten des Hauses herbei, und das Ende davon war, dass Don Sylvio, ungeachtet des tapfern Widerstands, den er tat, an Handen und Fussen gebunden in sein Zimmer getragen wurde.

Man kleidete ihn aus, brachte ihn zu Bette, und bestellte den getreuen Pedrillo, auf ihn Acht zu haben, indessen dass Donna Mencia in ihrer kleinen HausApothek beschaftiget war, ein niederschlagendes Pulver fur ihn zurecht zu machen, und die schnellfussige Maritorne abgeschickt wurde, den Barbier zu holen, der ihm eine Ader offnen sollte.

Siebentes Capitel

Don Sylvio kommt wieder zu sich selbst

Unterredung mit Pedrillo

Wie geschickt dieser die vermeinte Fanferlusch zu

hintergehen weisst

So heftig die Anstosse waren, mit denen Don Sylvio zuweilen befallen wurde, so schnell pflegten sie voruber zu gehen, wenn sie ihren nachsten Grund in demjenigen Teil der Seele hatten, welchem der gottliche Plato seinen Sitz zwischen der Brust und dem Zwerchfell angewiesen hat.

Er befand sich also kaum etliche Minuten allein, so erholte er sich wieder und verwunderte sich nicht wenig, sich in seinem Zimmer, und in seinem Bette zu sehen.

Endlich erblickte er in einem Winkel den Pedrillo, der auf die erste Bewegung, die er an seinem Herrn vermerkt, sich verkrochen hatte, aus Besorgnis, er mochte wieder einen Anstoss von Raserei bekommen.

Bist du hier, mein guter Pedrillo, rief ihm Don Sylvio mit einem sanften Ton der Stimme zu, indem er ihm die Hand entgegen bot; ich dachte schon, du hattest mich auch verlassen; aber du hast ein gutes Herz, und es soll dich auch nicht gereuen, dass du so viel Ergebenheit gegen mich zeigst.

Pedrillo weinte vor Freuden, da er seinen jungen Herrn, den er fur rasend gehalten hatte, so gelassen und vernunftig reden horte, und bezeugte ihm seine Freude in den lebhaftesten Ausdrucken, die er in der Eile finden konnte.

Ich begreife weder, was du mir da sagst, antwortete Don Sylvio, noch was mit mir vorgegangen ist. Es sind noch nicht sechs Minuten, so befand ich mich in den Garten der Konigin der Salamander; kannst du mir nicht sagen, wie ich hieher gekommen bin, und wer mir Hande und Fusse so gebunden hat?

Gott steh uns bei, rief Pedrillo halb erschrocken, was sagt ihr da von Salamandern und von der Konigin? die ihr gewiss so wenig gesehen habt, als ich meine Ur-Alter-Mutter? Wisst ihr denn nicht was euch begegnet ist? Aber sie sind auch mit Eu. Gnaden so umgegangen, dass es kein Wunder ist, wenn ihr eine Ohnmacht gekriegt habt. Ich war eben im Begriff meinen Zwerchsack heimlich aus dem Haus zu tragen, als ich den Lermen im Garten horte; ich warf ihn geschwind hinter ein Gebusch und lief, was ich laufen konnte, um zu sehen was es ware, denn es deuchte mich, dass ich euch schreien horte; aber ich kam schon zu spat. Das verfluchte Volk schrie aus einem Halse, ihr waret, mit eurer Erlaubnis zu sagen, im Kopf verruckt, oder gar toll, sie fielen uber euch her, und banden euch, ohne dass ich es wehren konnte. Dass sie die Pest! Jetzt seh ich wohl, dass alles nur erlogen war, und dass ihr so gut bei euren vier Sinnen seid, als ich und ein anderer guter Christ.

Hore Pedrillo, erwiderte Don Sylvio aber lose mir zu erst diese Bande auf, ich kann es nicht langer so ausstehen wenn ich diesen Abend eine starke Vermutung hatte, dass unter der Ankunft dieser Alten, die sich fur meine Tante ausgibt, ein Geheimnis verborgen liege, so weiss ich jetzt gewiss, was ich von der Sache denken soll; es sind mir erstaunliche Dinge begegnet, seit dem du mich im Garten verlassen hast; aber es lasst sich jetzt nicht einmal davon flustern. Wir sind hier nicht sicher, und der Himmel weisst, was uns noch bevor steht, wenn wir uns nicht durch eine schleunige Flucht zu retten suchen.

Aber wie wird das moglich sein, antwortete Pedrillo: sie sind noch alle auf, und die gnadige Frau, die alte Hexe wollt ich sagen, wird alle Augenblicke kommen, um euch, wie sie sagte, ein Terpentin-Pulver einzugeben.

Du willt vielleicht ein Temperier-Pulver sagen, fiel ihm Don Sylvio ein?

Es mag heissen wie es will, sagte Pedrillo, wenn ich Eu. Gnaden raten darf, so werdet ihr nicht ungescheit sein, und es hinunter schlucken; Bosen Leuten ist nie viel Gutes zuzutrauen; sie konnte euch eben so gut Mausgift oder geschabte Nagel als gestossene KrebsAugen eingeben.

Das hab ich wohl am wenigsten zu besorgen, erwiderte Don Sylvio; ich konnte eher vermuten, dass sie mir einen Liebes-Trank beibringen mochte, um mich gegen diese hassliche Zwergin zu entzunden, die, ich weiss selbst nicht, ihre Tochter oder ihre Nichte ist. Aber ich bitte dich, Pedrillo, mein Freund, denke ein Mittel aus, wie ich diese Nacht noch entrinnen konne, ohne weder die Alte noch die Junge wieder zu Gesichte zu kriegen; denn ich versichere dich, der Streich, den sie mir gespielt haben, geht mir so tief zu Gemute, dass ich bei ihrem Anblick unmoglich gelassen bleiben konnte.

Wisst ihr was? sagte Pedrillo, nachdem er sich eine gute Weile besonnen hatte; die Frau Fee Rademante konnte uns hier am besten aus der Not helfen. Wenn sie so sehr eure gute Freundin ist, als sie vorgibt, warum kommt sie nicht, und befreit uns aus den Klauen dieser alten Kupplerin? Wenigstens konnte sie uns doch einen Luft-Wagen oder das Hutchen des Prinzen Kobolt, oder so was schicken, dass wir desto balder davon kamen. Aber so machen es diese grosse Herren und Damen. So lang ihr nichts braucht, versprechen sie euch goldne Berge; aber verlasse sich ein andrer drauf! wenn man sie am notigsten hat, da ist niemand zu Hause. Ich wette gleich was man will, wenn wir in Scorpionen oder Lindwurmer verwandelt sein werden, so wird sie gleich da sein, und ihr Mitleiden mit uns bezeugen, und die Schuld auf das Schicksal oder auf die Constipation der Sterne schieben.

Rede nicht so unvernunftig, fiel ihm Don Sylvio ein; meinst du die Feen haben sonst nichts zu tun, als da zustehen und zu lauren, bis es dir einfallt, dass sie uns aufwarten sollen. Wenn wir uns selbst nicht mehr helfen konnen, so bin ich gewiss, dass Radiante mir ihren Beistand nicht versagen wird. Inzwischen mussen wir das unsrige tun und auf Mittel denken

Gut, gut, unterbrach ihn Pedrillo, ich hore die alte Gabelreuterin auf der Treppe, jetzt ist guter Rat teuer hum! mir fallt was ein! legt euch auf die Seite, und tut als ob ihr schlaft; So! schnarcht ein wenig, fur das ubrige lasst mich sorgen.

Er hatte kaum ausgeredet, so trat Donna Mencia mit ihrem Pulver und einem Glas Wasser in der Hand ins Zimmer. Wie steht es um Don Sylvio, fragte sie den Pedrillo, der ihr auf den Zehen entgegen ging; ich dachte nicht so lange auszubleiben, aber es ist mir

Reden sie nicht so laut, flusterte ihr Pedrillo zu, mein junger Herr ist schon eine gute Weile eingeschlafen, und sie wissen ja, dass man einen schlafenden Lowen nicht aufwecken soll. Die Ruhe tut ihm jetzt besser als alle Pulver und Latwergen der ganzen Welt.

Hat er keinen neuen Anstoss gehabt, seit dem du allein bei ihm bist, fragte die alte Dame.

Nein, gnadige Frau Fanferluschin, antwortete Pedrillo, indem er ihr bald auf die Stirne, bald auf die Fusse sah, er hatte

Was sagtest du da, unterbrach ihn Donna Mencia? Wie nenntest du mich, du alberner Kerl? was soll das bedeuten?

O, ich bitte Eu. Gnaden tausendmal um Verzeihung, erwiderte Pedrillo zitternd, es ist mir so entfahren, ohne dass ich daran dachte; man kann ja leicht eins fur das andre sagen; ich wollte nur sagen; dass es am besten ware, wenn Eu. Gnaden meinen jungen Herrn schlafen liesse; denn es ist noch keine halbe Viertelstunde, da rief er: Pedrillo! Gnadiger Herr, sagte ich, wollt ihr etwas? Hore Pedrillo, sagte er, ich weiss nicht wie mir ist, sagte er, aber ich bin so matt, als ob mir alle Glieder entzwei geschlagen waren; aber ich denke, wenn ich nur schlafen konnte, so wurde mir bald besser werden, sagte er; und damit legte er sich auf die Seite und schlief ein: Hort ihr ihn nicht schnarchen?

Er schlaft, sagte Donna Mencia, nachdem sie ein wenig hinter den Vorhang geguckt hatte; es ist mir lieb, dass er wieder so ruhig ist. Weck ihn ja nicht auf; wenn er aber von sich selbst erwacht, so gib ihm dieses Pulver ein; es wird ihm gewiss wohl tun; indessen kommt der Barbier, der ihm eine Ader offnen soll; denn man kann nicht vorsichtig genug sein; Er ist vermutlich nur aus Mattigkeit eingeschlafen, und das Fieber kommt vielleicht nur desto heftiger, wenn er aufwacht.

Ich glaube, sagte Pedrillo, Eu. Gnaden kann sich deshalb ganz ruhig schlafen legen; ich hoffe, das argste ist vorbei. Indessen will ich schon auf ihn acht haben; aber aufwecken lass ich ihn nicht, und wenn der Barbier von Bagdad in eigener Person kame. Er kann mir wachen helfen; wenn mein junger Herr allenfalls wieder rappelkopfisch werden sollte, so ist es immer besser, es seien unsrer zween, die ihn huten als einer.

Donna Mencia bezeugte sich hiemit zufrieden, und verliess das Zimmer ihres Neffen, um ihre Gaste, die an seinem Unfall nicht wenig Anteil genommen hatten, durch die Nachricht, dass es wieder besser mit ihm stehe, zu beruhigen.

Was fur eine Angst du mir eingejagt hast, sagte Don Sylvio, als sie wieder allein waren, wenn wirst du doch einmal uber deine verwunschte Zunge Meister werden? Konnte auch etwas unbesonnener und dummer sein, als ihr ins Gesicht zu sagen, dass du sie fur die Fee Fanferlusch ansehest?

Erzurnt euch nur nicht, gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, ihr werdet doch selbst gestehen mussen, dass ich meinen Fehler augenblicklich wieder gut gemacht habe; und das ist eben die Kunst. Es kann der klugsten Gans ein Ei entfallen, ich will sagen, es verspricht sich wohl der Pfarrer auf der Canzel, aber gleichwie ich die gnadige Frau oft bei Tische sagen horte, der beste General ware derjenige, der am meisten Fehler macht, nicht doch! der am besten der seine Fehler ich kann jetzt nicht daran kommen, aber es war doch etwas von Fehlern, und es schickte sich recht gut hieher

Ich glaube du redest im Schlaf, unterbrach ihn Don Sylvio? Was fur verteufeltes Zeug plauderst du wieder daher, ohne dich zu bekummern, dass ich jetzt wichtigere Dinge zu tun habe als deinen Albernheiten zuzuhoren? Geh, und schleiche dich, indessen dass ich mich ankleide, leise hinunter, um zu sehen, ob sie sich schlafen legen; wir mussen, wo moglich, noch vorher zu entrinnen suchen, ehe der Barbier kommt, sonst werden wir aufgehalten, und dann ist alles verloren.

Das ist eben die Sache, versetzte Pedrillo, Maritorne ist schon uber eine Stunde weg, und wenn sie ihn zu Hause angetroffen hat, sind wir keinen Augenblick vor seiner Ankunft sicher.

Wir wollen das beste hoffen, sagte der junge Ritter, der schon beinahe angezogen war, geh und tue was ich dir befohlen habe, und wenn du merkst, dass alles im Hause still ist, so schleiche durch die kleine Nebentreppe in den Garten, und erwarte mich beim grunen Schloss, wo es am leichtesten ist uber die GartenMauer zu steigen, denn sie ist dort ziemlich eingefallen.

Wo habt ihr denn, fragte Pedrillo, euren Schlussel aber ja, jetzt besinn ich mich, sie nahmen euch im Garten alles Eisen Werk weg, das sie bei euch fanden, Degen, Messer, Schlussel, so gar euren Flaschenzieher, aus Furcht, ihr mochtet ihnen oder euch selbst damit Schaden tun.

Gut, gut, sagte Don Sylvio, geh und erwarte mich beim grunen Schloss, wir haben keinen Augenblick zu verlieren.

Pedrillo gehorchte, und nach einer kleinen Viertelstunde sah ihn Don Sylvio, dessen Zimmer gegen den Garten lag, einen langen Gang von Pomeranzenbaumen einschlagen, der zum grunen Schloss fuhrte. Er war eben im Begriff ihm zu folgen, als er gewahr wurde, dass er keinen Degen hatte. Ohne Degen auf Abenteuer auszugehen, deuchte ihn eine Unanstandigkeit, die nicht zu entschuldigen ware. Ob ich gleich hoffen darf, dachte er, dass mir die Fee Radiante im Fall der Not einen diamantnen geben wurde, so wurde es doch das Ansehen einer Zagheit haben, wenn ich kein andres Gewehr fuhren wollte als ein bezaubertes. Endlich besann er sich eines alten Reuter- Sabels, der unter andern Altertumern, nicht weit von seinem Zimmer in einer Plunder-Kammer lag, und das Ansehen hatte, seit den Zeiten Konig Ferdinands, des Catholischen, wenig Dienste getan zu haben. Die Schwere dieses ehrwurdigen Seitengewehrs machte ihm die Notwendigkeit, sich dessen zu bedienen, sehr unangenehm; allein da er sich nicht anders zu helfen wusste, so bewaffnete er sich damit, mit dem Vorsatz es bei der ersten Gelegenheit gegen ein bequemers zu vertauschen.

Die allgemeine Stille, die im Hause herrschte, versicherte ihn, dass jedermann schon zu Bette gegangen sei. Er schlich sich also ganz getrost in den Garten, wo dem Pedrillo jeder Augenblick von Verzug eine Stunde deuchte, so sehr besorgte er, dass ihre Flucht von der zuruck kommenden Maritorne allzufruh entdeckt werden mochte. Dieses und die Furcht vor demjenigen, was er in diesem Fall von der Rache der Fee Fanferlusch zu erwarten haben wurde, hatte alle andre Furcht bei ihm verdrungen.

Allein das gute Gluck unsers jungen Ritters hatte schon fur diese Schwierigkeit gesorgt. Maritorne, die sich entweder vor Gespenstern furchtete, oder ihre artige Person bei Nacht nicht allein wagen wollte, hatte ihrem Liebhaber, dem Hausknecht, die Erlaubnis gegeben sie zu begleiten. Unterwegs hatte sich dieses zartliche Paar von der Annehmlichkeit dieser verfuhrerischen Nacht verleiten lassen, sich in einem kleinen Gebusche niederzusetzen. Was sollen wir sagen? Die Gelegenheit war gunstig? der Liebhaber ungestum? die Schone schwach; Kurz, sie taten, was Jupiter selbst in dergleichen Umstanden oft getan hatte; die gute Maritorne vergass, dass sie den Bartier holen sollte, und erinnerte sich dessen erst, da sie von der Morgen Sonne aus dem sussen Schlummer erweckt wurde, worin eine angenehme Ermattung sie nebst ihrem Gefahrten in diesem Gebusche eingewiegt hatte.

Drittes Buch

Erstes Capitel

Heimliche Flucht unsrer Abenteurer;

Wortstreit, der zwischen ihnen wegen eines Baums

entsteht, den Pedrillo fur einen Riesen ansieht

Es war ungefahr eine halbe Stunde nach Mitternacht, als Don Sylvio, unter vielen andachtigen Seufzern an die Gebieterin seines Herzens, in Gesellschaft des getreuen und wohlbepackten Pedrillo seine abenteurliche Wanderschaft antrat. Der kleine Pimpimp, der nach dem Befehl der Fee mit von der Partie war, hupfte munter vor ihnen her, und fuhrte sie, es sei nun aus blossem Instinct, oder durch den geheimen Antrieb irgend einer Fee, den namlichen Weg, auf welchem Don Sylvio das Bildnis seiner Princessin gefunden hatte. Pedrillo machte zwar viele Einwendungen dagegen, und stellte vor, dass sie langst des linken Ufers des Guadalaviar, der sich an dem Walde hinab zog, einen bequemern Weg haben wurden. Allein Don Sylvio blieb dabei, dass er keinen andern Wegweiser haben wolle als Pimpimp, von welchem er zu vermuten anfing, dass er vielleicht wohl selbst eine Art von Fee, oder wenigstens von vernunftigen Tieren sein konnte. Pedrillo musste sich also ergehen, so sehr er sich furchtete bei nachtlicher Weile durch einen Wald zu reisen, wo seine Phantasie alles was er sah, in Gespenster verwandelte. Das schlimmste war, dass sich, nachdem sie kaum eine Stunde lang gewandert waren, der Himmel mit Wolken zu bedecken anfing, die ihnen kaum so viel Heiterkeit ubrig liessen, dass sie einen Weg in dem Geholze finden konnten, ob es gleich keines von den dichtesten war.

Dieser Umstand ermangelte nicht die Einbildung des armen Pedrillo vollends in Verwirrung zu setzen. Es fielen ihm auf einmal alle Gespenster-Historien ein, die er von seiner Kindheit an gehort hatte, er glaubte alle Augenblicke etwas verdachtiges zu sehen, und zitterte bei dem mindesten Gerausch, das er merkte, so laut oder noch lauter als ein Klopfstockischer Teufel.

Du schnatterst ja als ob du das Fieber hattest, sagte endlich Don Sylvio, der schon lange gemerkt hatte, wo es ihm fehlte.

Um des Himmels willen; gnadiger Herr, stotterte Pedrillo, und fasste ihn dabei beim Rock, seht ihr nichts? Ich sehe Baume, so gut als man sie im Dunkeln sehen kann, versetzte Don Sylvio.

Gott steh uns bei! Sagte Pedrillo keuchend, seht ihr dann den greulichen Riesen nicht, der dort auf einmal aus dem Boden hervor kommt, dort linker Hand? Er wird immer grosser und grosser, und streckt, deucht mich, wohl hundert Arme gegen uns aus, seht ihr, er kommt immer naher.

Ich glaube, du bist nicht klug, erwiderte Don Sylvio; tu die Augen besser auf, und schame dich, dass du einen Baum fur einen Riesen ansiehest.

Gott gehe nur, dass es nicht noch etwas argers als ein Riese ist, versetzte Pedrillo. Ein Baum sagt ihr? Wo hat denn ein Baum Arme und Fusse?

Ich sage dir alberner Tropf, antwortete Don Sylvio, dass es ein Baum ist; was du fur Arme ansiehst, sind seine Aste, er scheint immer grosser zu werden, weil der Grund, worauf wir gehen, etwas erhaben ist, und er kommt uns immer naher, weil wir auf ihn zugehen. Wenn du so furchtsam bist, dass du Eichbaume fur Riesen ansiehst, so mocht ich wohl wissen, wofur du die wurklichen Riesen halten wirst, die uns vielleicht noch aufstossen werden? Was mich betrifft, so schwor ich dir, dass alle Baume in diesem Walde zu Riesen werden konnten, ohne dass ich sie furchten wurde.

Ich bitte euch, mein lieber Herr, versetzte Pedrillo, redet nicht so laut; die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich euch so reden hore. Die Riesen konnten euch beim Worte nehmen; glaubt mir Herr, ein einziger wurde euch so viel zu tun geben, dass ihr genug hattet. Ich bitte euch ums Himmels willen, geht ihm aus dem Wege, und tut ihm nichts; es daurte mich nur mein junges Blut; der Popanz wurde keinen Unterschied machen, und ich musste dran glauben, so unschuldig ich immer bin.

Das dachte ich wohl, antwortete Don Sylvio lachend, dass es dir nur um deine eigne Haut ist; aber besorge nichts; die Fee Radiante hat dich ja ausdrukklich zu meinem Gefahrten ernannt, und du stehest also unter ihrem Schutz so gut als ich selbst. Ich sag es dir noch einmal, wenn aus jedem Baum in diesem Walde ein Riese wurde, und aus jedem Blatt ein junger Feldteufel hervor kroche, so hatten wir doch nichts zu besorgen. Aber siehst du denn nicht, dass dein Riese nichts mehr und nichts weniger ist als was ich dir sagte? Wir sind nun ganz nah bei ihm, und wenn du noch nicht glauben willst, dass es ein Baum ist, ein Eichbaum sag ich dir, ein eichener Eichbaum, so gut als es jemals einer gewesen ist, so will ich zur Probe einen Ast davon abhauen.

Ach, mein lieber gnadiger Herr, rief Pedrillo, indem er ihm den Arm zuruck hielt, tut es ja nicht, ich bitte euch; ums Himmels willen, lasst es bleiben, und macht nicht euch und mich durch eure Tollkuhnheit unglucklich. Es mag nun jetzt eine Eiche oder eine Linde sein, so hab ich doch mit meinen Augen gesehen, dass es ein ungeheurer Riese war, ich will eben nicht sagen, ein Riese, Gott weiss, was es gewesen sein mag; aber ich weiss doch, was ich gesehen habe; der Teufel, Gott behut uns! ist ein Tausendkunstler, und er kann eben so gut Weisst du wohl, Pedrillo, fiel ihm Don Sylvio ins Wort, dass ich deiner blodsinnigen Einfalle mude bin? Ich glaube zum Henker, du willst einen Don Quischotte aus mir machen, und mich bereden, Windmuhlen fur Riesen anzusehen? da siehe, wie viel ich mir aus deinen Riesen mache! Mit diesen Worten zog er seinen Sabel, und hieb auf einen Zug einen ziemlichen Ast herunter.

Pedrillo erschrak anfangs so sehr uber diese verwegene Tat, dass er beinahe umgesunken ware; da er aber sah, dass sie keine schlimme Folgen hatte, so fasste er wieder Mut. Ich hatte nicht gemeint, sagte er zu unserm Helden, dass ihr so viel Herz hattet, Herr Don Sylvio; ich glaube, verzeih mirs Gott, ihr waret toll genug, mit dem Teufel und seiner Grossmutter anzubinden. Aber wir wollen nicht zu fruh Triumph singen. Seht einmal ob nicht Blut aus dem Ast heraus fleusst?

Da sieh selbst, sagte Don Sylvio, indem er ihm den Ast darbot, und gesteh einmal, dass du der albernste dumme Junge bist, den ich jemals gesehen habe. Woher nimmst du doch alles das altvettelische Zeug, das du sagst?

Was ich da sagte, gnadiger Herr, ist, meiner Six! nicht so einfaltig als ihr denkt; ich habe dergleichen Dinge mehr gelesen, und was einmal begegnet ist, kann ein andermal wieder begegnen. Zum Exempel, ich besinne mich jetzt gleich eines gewissen Trajanischen Prinzen, ich weiss selbst nicht mehr Coridor oder Isidor3, aber es dort sich so was in seinem Namen, der von einem Mahommetanischen Zauberer in einen Cypressenbaum verwandelt worden war, und da ihn der Pabst Aeneas Sylvius, ich weiss nicht mehr warum, wollte umhauen lassen, da floss bei jedem Hieb Blut heraus, frisches Blut, so rot als man es nur sehen wollte. Die Leute erschraken entsetzlich, wie ihr euch einbilden konnt; allein der Pabst Aeneas, der gleich merkte, dass ein Geheimnis darunter stecken musse, befahl, man sollte nur fortfahren zu hauen, und was meint ihr wohl, was da geschah? Man horte eine Stimme aus dem Baum, eine uberaus klagliche Stimme, welche sagte, dass sie die Seele des Isidorus sei, oder wie er hiess, und wie es ihr ergangen, und wie sie von dem unglaubigen Zauberer in diesen Baum verwandelt worden sei, ohne dass sie vorher habe beichten oder sich vorbereiten konnen; und bat alle Christliche Herzen, die gegenwartig waren, so flehentlich, dass jedermann die helle Zahren weinen musste, dass sie doch zu Linderung ihrer Pein etliche dutzend Ave fur sie beten mochten.

Das muss ich gestehen, sagte Don Sylvio, nachdem Pedrillo mit seiner Erzahlung zu Ende war, dass du eine erstaunliche Belesenheit hast Pedrillo; und was die Gabe der Erzahlung betrifft, so will ich mein Schloss und alles Meinige verloren haben, wenn zu Salamanca oder in irgend einer andern Universitat von Spanien ein Baccalaureus ist, der es mit dir aufnehmen durfte. Ich biete ihnen allen Trotz, dass sie einen Trojanischen Prinzen mit dem Pabst Aeneas Sylvius, oder Pius dem andern zusammen bringen, wie du getan hast, es musste denn in der Holle sein, wohin gewiss Aeneas Sylvius nicht gekommen ist, denn er war einer von den frommsten und gelehrtesten unter allen, die jemals der Kirche vorgestanden sind.

Es beliebt Eu. Gnaden so zu sagen, erwiderte Pedrillo; aber es mag nun euer Ernst sein oder nicht, so versichre ich euch, dass ich mir in diesem Stuck, wenn ich schon nicht gestudiert bin, vor keinem furchte, er mag sein wer er will, und wenn er auch ein dreifacher Bacularius oder gar ein Doctor in allen sieben Facultaten ware. Ich war noch nicht acht Jahr alt, so wusste ich schon alle Historien des Ovidius Nasus, und alle Fabeln in Florians Chronik auswendig; gelt, das hattet ihr nicht hinter mir gesucht? Aber ich hatte ein Gedachtnis wie ein Elephant, und unser alter Pfarrer, trost ihn Gott! sagte meiner Grossmutter oft, wenn man mich studieren liesse, so konnte ich noch wohl einmal, ob Gott wollte, Bischof oder gar General Vicarius werden. Wer weiss auch was geschehen ware! wenn der gnadige Herr, Eu. Gnaden Herr Vater mich nicht ins Schloss genommen hatte, da mich meine Grossmutter eben zu ihrem Bruder tun wollte, der damals Kuster in einem Dorf ohnweit Toledo war, und wie die Leute sagten, sehr viel beim Erzbischof galt. Ihr musst aber nicht meinen, als ob ich damit sagen wolle, dass ich bei diesem Tausch verloren habe. Es ist uberall gut Brot essen. Eu. Gnaden weiss, dass ich euch so zu sagen, von eurer Kindheit an treulich und redlich gedient habe, und ich bin gewiss, dass ihr mein Gluck machen werdet, wenn wir einmal, Gott gebe nur bald! unsre Princessin gefunden haben. Denn ob ihr schon ein so edler Edelmann seid als einer in der Christenheit, so bin ich doch gewiss, dass ihr euer Wort so ehrlich halten werdet, als ob ihr nur ein Bauer waret.

Auf diese Art fuhr der gute Pedrillo noch eine gute Weile fort zu plaudern, ohne dass sein Herr, der in ganz andern Gedanken vertieft war, die geringste Acht darauf gab. Pedrillo schwatzte wie die Kinder im Finstern zu singen pflegen; denn er furchtete sich noch immer so sehr, dass er schwitzte, und es war kein Heiliger im Calender, dem er nicht bei sich selbst ein Gelubde tat, wenn er ihn lebendigen Leibs und unbeschadigt das Tageslicht wieder sehen lassen wurde.

Zweites Capitel

Merkwurdiges Abenteuer mit dem Salamander und

dem Froschgraben

Inzwischen hatten sich unsre Wanderer, ungeachtet der immer zunehmenden Dunkelheit, doch so weit aus dem Walde heraus gearbeitet, dass sie eine offne Stelle gewahr wurden, deren Anblick ein rechter Anstrich fur den armen Pedrillo war. Er lenkte so gleich dahin ein, und seine Freude vermehrte sich nicht wenig, da er in einiger Entfernung ein Licht erblickte, welches er fur ein Zeichen hielt, dass ein Wirtshaus oder Pachthof in der Gegend sei, wo sie den Anbruch des Tages erwarten konnten.

Allein seine Freude verwandelte sich bald wieder in Furcht und Grauen, da er sah, dass dieses Licht plotzlich naher kam, und um ein merkliches grosser wurde. Don Sylvio hingegen wurde es kaum gewahr, als er voller Freuden ausrief: Siehst du nun, Pedrillo, dass ich mir keine vergebliche Hoffnung machte, da ich mich auf den Beistand der grossen Radiante verliess? Was soll ich dann sehen, Herr, fragte Pedrillo? Du musst blinder als Tiresias sein, dass du so fragen kannst? Siehst du denn den Salamander nicht, der in der ganzen schimmernden Pracht eines Bewohners des reinsten Feuer-Kreises auf uns zueilt? Einen Salamander, rief Pedrillo, wo ist er denn, ich bitte euch? denn ich sehe nichts als einen feurigen Mann, der vermutlich bei seinen Lebzeiten in dieser Gegend einen Marchstein verruckt haben wird, und jetzt zur Strafe feurig umgehen muss. Dummkopf, versetzte Don Sylvio ein wenig entrustet; konnen denn deine aberglaubischen Augen allenthalben nichts anders sehen als die Hirngespenste, welche die alte Hure, deine Grossmutter, von ihrer Alter-Mutter geerbt und dir in dein dummes Hirn gesetzt hat? Eben das, was du fur einen feurigen Mann ansiehst, ist ein Salamander, sag ich dir, und einer der schonsten, die den strahlenden Thron der grossen Radiante umglanzen. Siehst du nicht, wie seine Haarlocken gleich gekrauselten Sonnenstrahlen um seinen morgenrotlichen Nacken wallen? Siehst du nicht seine Augen wie zween Morgensterne blitzen? Siehst du die lazurnen mit Licht durchwebten Flugel nicht, mit denen er, wie ein Unsterblicher, in majestatischem Flug, den Ether teilt?

Sapperment, Herr Don Sylvio, schrie Pedrillo, indem er sich mit der Faust vor die Stirne schlug, entweder bin ich ein Narr, oder ihr seid nicht recht klug; ich will geprellt werden, wenn ich von allem, was ihr mir da sagt etwas anders sehe, als einen kleinen Feuerklumpen, der in der Luft schwebt und bald naher kommt, bald wieder zuruckweicht, und dergleichen ich oft gesehen habe; ihr konnt es heissen wie ihr wollt, aber ich habe meine Tage gehort, dass es feurige Manner

Pedrillo, mein Freund, unterbrach ihn Don Sylvio, wenn ich nicht mit deiner Einfalt Mitleiden hatte, so hatte ich gute Lust, dir dein unverschamtes Maul zu stopfen, dass du ein Andenken davon behieltest. Ich dachte doch wahrhaftig, der Herr Pedrillo sollte mir zutrauen, dass ich wissen musse was ein Salamander ist, da ich ihrer mehr als zehen tausend im Gefolg der Fee Radiante gesehen habe. Es ist ein Salamander, sag ich dir nochmal, der vermutlich etwas bei mir auszurichten hat, der vielleicht auch nur abgeschickt ist, uns den Weg zu zeigen; es sei nun das eine oder das andere, so wollen wir ihm nachgehen, das ubrige wird sich bald von selbsten geben.

So mag es denn ein Salamander sein, weil ihr es so haben wollt, erwiderte Pedrillo; ihr musst euch besser auf solche hohe Sachen verstehen als unser einer. Euer Gnaden ist vielleicht an einem Sonntag auf die Welt gekommen, denn man sagt, die Sonntags-Kinder konnen bei hellem Mittag Geister sehen.

Was du da sagst, versetzte Don Sylvio, ist so unrichtig nicht. Es kann eine Gabe sein, womit mich eine Fee bei meiner Geburt beschenkt hat, dass die Elementarischen Geister, die sonst ihrer Natur nach von irdischen Augen nicht gesehen werden konnen, fur mich nicht unsichtbar sind.

Wenn aber dieses ware, sagte Pedrillo, so musste ich jetzt gar nichts sehen. Eurer Beschreibung nach ist dieser Salamander so schon wie ein Cherubin; warum missgonnt er mir dann das Vergnugen, ihn in seiner eigenen Gestalt zu sehen, und warum zeigt er sich mir lieber in der furchterlichen Gestalt eines feurigen Mannes. Daran hat deine verdorbne EinbildungsKraft Schuld, erwiderte Don Sylvio. Wenn du die feurigen Manner nicht schon im Kopfe hattest, so wurdest du ohne Zweifel eben das sehen, was ich sehe; es geht dir jetzt mit dem Salamander, der unser Fuhrer worden ist, wie es dir vor mit der Eiche ging, die du fur einen Riesen ansahest

Sachte, sachte, Herr Don Sylvio, fiel ihm Pedrillo ein, wir wollen diese Saite nicht mehr beruhren; zu geschehenen Dingen muss man das beste reden. Ich dachte, eine Hoflichkeit ware gleichwohl der andern wert, und wenn ich euern Salamander gelten lasse, so konntet ihr meine Riesen wohl auch in ihrem Werte beruhen lassen. Wer weiss ohne dem, ob sie nicht naher mit einander verwandt sind als man sich einbildet, denn die Wahrheit zu sagen, der Grund, auf den uns euer Salamander gefuhrt hat, fangt an ziemlich seichte zu werden; ich besorge immer, er wird es uns nicht besser machen, als ein gemeiner Feuermann; denn diese boshaften Schelmen haben keine grossere Freude, als wenn sie arme Wandersleute zum besten haben, und in einen Morast oder Froschgraben hinein fuhren konnen.

Pedrillo hatte kaum ausgeredt, als Don Sylvio, der immer voraus ging, und dem vermeinten Salamander mit starken Schritten folgte, auf einmal bis an die Knie in einen Graben sank. Pedrillo, der ihm, so bald er ihn platschern horte, zu Hulfe kommen wollte, tat es mit so weniger Behutsamkeit, dass es ihm noch arger ging als seinem Herrn; denn er fiel so lang er war in den dicksten Schlamm hinein. Das jammerliche Geschrei, das er anfing, machte unsern Helden besorgen, er mochte ein Bein verstaucht oder gar gebrochen haben. Was ist dir begegnet, mein guter Pedrillo, dass du so klaglich tust, rief er ihm zu, indem er sich selbst aus dem Morast heraus arbeitete, so gut es die Lange und Schwere seines Seitengewehrs zuliess. Wo seid ihr denn, mein lieber Herr, rief Pedrillo angstlich? Habt ihr noch eure eigene Gestalt, oder sind wir schon in Frosche verwandelt; dass es Gott erbarme! mich deucht, ich hore mich selbst schon quaken, wenn es nicht der Schrecken ist, der mich gar narrisch macht. Da haben wirs nun! sagte ich nicht vorher, es werde so gehen, und werdet ihr so gut sein, und mich ein andermal auch etwas gelten lassen? Wo ist nun der Salamander mit seinen goldfarben Flugeln und lazurnen Haarlocken, und mit seinen Morgensternen in den Augen? Zum Guckguck ist er, und bekummert sich den Henker darum, wie wir wieder aus dem Quark heraus kommen.

Das Ubel ist nicht halb so gross, als du es machst, sagte Don Sylvio, und es mag sein wie es will, so hat der Salamander keine Schuld. Warum sahen wir nicht besser vor uns hin, denn er machte uns hell genug? Und wenn er verschwunden ist, so ist gewiss nichts anders als dein ungewaschenes Maul

O saget das nicht, rief Pedrillo, der indessen aus dem Schlamm wieder hervor gekrochen war; Sapperment! ich denke, es ist gewaschen genug, und mehr als mir lieb ist; ich fiel der Lange nach hinein, und kriegte gleich ein Maul voll, das gewiss nicht nach Muscaten schmeckte, das versichre ich euch.

Genug hievon, sagte Don Sylvio, auf einer Reise wie die unsrige ist, muss man sich alles gefallen lassen. Wenn ich dir aber die Wahrheit sagen soll, so fang ich bald selbst an Zweifel zu bekommen. Ob ich gleich noch immer darauf schworen wollte, dass ich einen Salamander gesehen habe, so ist es doch nicht unmoglich, dass unsere Feinde, weil sie keine offenbare Gewalt gegen uns gebrauchen durfen, eine List versucht haben, uns von der Fortsetzung unserer Unternehmung abzuschrecken.

Wenn ich reden durfte, sprach Pedrillo, so weiss ich wohl was ich sagen mochte.

Und was wolltest du denn sagen?

Dass unsre Feinde vielleicht nicht so gar unrecht haben.

Wie so, wenn ich bitten darf, Herr Pedrillo?

Weil es mich deucht, dass wir nicht recht klug sind, bei Nacht und Nebel so durch dick und dunn herum zu ziehen, und die Kopfe an den Baumen zu zerstossen, und in Sumpfe und Froschgraben hinein zu fallen, um vor einem kleinen Sack, mit hundert tausend Ducaten davon zu laufen, den wir heuraten konnten, ohne dass es uns einen Heller mehr kostete als ein armes Ja.

Der Froschgraben hat, wie ich sehe, eine merkliche Veranderung in deiner Denkungsart hervor gebracht, erwiderte Don Sylvio; aber ehe wir uns tiefer in diese Materie einlassen, mochtest du nicht so gut sein, und mir ein paar Strumpfe aus dem Zwerch-Sack suchen, denn die meinigen sind so nass und ubel zugericht, dass es nicht arger sein konnte.

Eu. Gnaden, antwortete Pedrillo, kann doch immer noch besser mit dem Salamander zufrieden sein als ich; denn ich bin vom Kopf bis zu den Fussen so besasset, dass ich einen ganzen langen Tag brauchen werde, bis ich nur wieder trocken bin.

Mich deucht ich sehe hier eine kleine Anhohe, wo wir uns ein wenig setzen und umkleiden konnen. Seht ihr nun, fuhr er fort, indem er seinen Zwerchsack aufschnurte, ob meine Vorsorge vergeblich gewesen ist? Wir sassen jetzt schon, wenn wir warten mussten, bis uns die Fee Radiante andre Wasche brachte. Aber wieder auf unser a propos zu kommen, ich denke wir haben uns nun genug abgekuhlt, dass wir mit kaltem Blut von der Sache reden konnen. Wie war es, Herr Don Sylvio, wenn wir hier warteten, bis es Tag wird, und dann allgemach wieder zuruck kehrten, wo wir hergekommen sind? Mich deucht, wir haben etwas angefangen, seht ihr, wovon wir kein Ende sehen werden.

Meiner Six, ich wollte lieber eine Stecknadel in einem Heustock suchen als einen Schmetterling in der weiten Welt; und dann noch alle das Ungemach, dem man sich dabei aussetzt, die Dorn ritzen, die Beulen am Kopf, die verstossnen Schienbeine, die Riesen, die Salamander, die Froschgraben und alles das um der schonen Augen eines Schmetterlings willen! beim Velten, das ist ja alles, was man leiden konnte, wenn es um die schone Hecuba aus Griechenland zu tun ware! Freilich ist der Schmetterling eine geborne Princessin; aber seht ihr, Herr, wenn ich sagen soll, wie mirs um Herz ist, denn ich bin immer ein guter offenherziger Narr gewesen, es ist hier ein Aber, das uns das ganze Spiel verderbt. Ein Schmetterling, der eine Princessin ist, ist freilich ein vornehmer Schmetterling; aber, zum Henker, eine Princessin, die nur ein Schmetterling ist, ist noch weniger als eine Princessin in einem Puppenspiel, denn wenn die Princessin Tacamahaca oder Rossabarba mit dem spitzen Kinn, mit ihrer Krone von Flittergold, und mit ihrer langen Schleppe von falschem Silber-Mohr abgetrippelt ist, so findet ihr doch Lolottchen hinter der Scene, die, wenns drum und dran kommt, wohl so gut ist als manche Princessin, und nicht so viel Umstande macht; das werdet ihr mir nicht leugnen konnen? und seht ihr, Herr, was ich sagen wollte

Sa, sa, Pedrillo, das geht ja unvergleichlich, rief Don Sylvio, du sprichst ja wie ein Cicero; fahre nur fort, denn ich mochte doch gerne sehen, was endlich heraus kommen wird, wenn du fertig bist.

Das werdet ihr bald sehen, gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, ich merke wohl, dass ihr meiner spotten wollt, aber es hat doch wohl eher ein Esel einem Propheten einen guten Rat gegeben. Kinder und Narren sagen die Wahrheit, und das Lange und Kurze von der Sache ist, dass der hab ich, immer besser gewesen ist, als der hatt ich; vom Wunschen sagt man im Spruchwort, ist noch keiner reich worden. Die Frau Rademante hat euch freilich viel versprochen; aber versprechen ist eins und halten ist ein anders, sagte Hans zu Peretten, und wenn mans zuletzt beim Licht besieht, so deucht mich, es komme gerade so heraus, als wenn mir jemand einen Schatz schenkte, den ich aber erst noch erheben soll, ohne dass ich weiss wo? Wie war es, wenn wir uns an das hielten, was wir schon haben? Donna Schmergelina ist ein junges Frauenzimmer, das mit alle dem auch nicht zu verachten ist; hundert tausend Ducaten sind meiner Six, ein hubsches Geld, Herr, und wenn es auch zuletzt etliche tausend weniger waren, so ist es doch vielleicht mehr, als das Furstentum wert ist, das euch eure Princessin zubringen wurde. Zudem so hat der letzte auch noch nicht geschossen; wer weiss was Donna Schmergelina ist, wenn man genau nachsieht; sie ist wenigstens immer eine Nichte der Fee Fanferlusch, und Fanferlusch mag im ubrigen so alt, so durr und so schlimm sein als sie will, so ist sie doch eine Fee so gut als eine andre, und kann, wenn sie will, mit einem einzigen Schlag ihrer Zauber-Rute alle Ziegel auf eurem Schloss in Rubinen verwandeln.

Das ist alles wohl gut, erwiderte Don Sylvio; aber du hast mir doch selbst gestanden, dass Donna Schmergelina so hasslich sei, dass man sie unmoglich lieben konne.

Je nun, versetzte Pedrillo, was das anbetrifft, so muss ich bekennen, dass sie eben nicht die schonste ist; aber, wenn ihr darauf Acht gegeben habt, so hat sie doch so was in ihrem Gesicht

Ja wohl, Finnen und Pockengruben so viel du willst, unterbrach ihn Don Sylvio.

Und was tut das zur Sache, Herr? Schonheit ist eine vergangliche Blume; Schonheit vergeht, Tugend besteht; das unansehnliche Veilchen hat einen bessern Geruch als die prachtige aber stinkende Sammetblume. Indessen ist sie doch auch so hasslich nicht als ihr es macht; ich muss gestehen, sie ist was man sagen mochte, so ziemlich bucklicht, und beim ersten Anblick, dachte man, sie hatte rote Haare; aber wenn man sie in einem gewissen Licht betrachtet, so fallen sie eher ins rosenfarbe, und es lasst ihr in der Tat nicht ubel. Kurz und gut, wenn ich an Euer Gnaden Platz ware, so machte ichs wie der Einaugige; um hundert tausend Ducaten willen kann man schon ein Auge zumachen; bei Nacht sind alle Kuhe schwarz; Geld im Beutel ist der Meister, Geld regiert die Welt, kein Geld kein Schweizer, dabei bleib ich, und wenn alle siebenzig Weise aus Morgenland mir das Gegenteil beweisen wollten.

Don Sylvio, der uberhaupt die beste Seele von der Welt, und diesen Morgen bei ausserordentlich guter Laune war, belustigte sich so sehr an den Reden seines schwatzhaften und naseweisen Dieners, dass er ihn immerfort reden liess, ohne ihn zu unterbrechen. Pedrillo fuhr also fort, die Vorteile nach einander her zu rechnen, die ihm die Vermahlung mit der Nichte der Fee Fanferlusch verschaffen wurde; er baute auf Unkosten der hundert tausend Ducaten und der Ziegelsteine, welche die Fee in Rubinen verwandeln sollte, die schonsten Schlosser, die jemals in Spanien gebaut worden sind, und erhitzte uber diesen Vorstellungen seine Einbildung so stark, dass es eine ziemliche Weile anstund, bis er merkte, dass Don Sylvio indessen sanft und ruhig eingeschlafen war. Weil er nun nicht Philosoph genug war, um mit sich allein zu reden, so schwieg er endlich, und nachdem er etliche Zuge aus einer Flasche Wein getan hatte, so machte er sich ein Lager zurechte, und folgte dem Beispiel seines Herren.

Drittes Capitel

Worin Pedrillo auf eine sehr unangenehme Art aus

dem Schlaf gemerkt wird

Der gute Pedrillo schnarchte noch, als Don Sylvio plotzlich aus einem Traum auffuhr, der seinen Schlummer auf eine sehr unangenehme Art unterbrochen hatte. Verdammter Zwerg, rief er, indem er den Pedrillo bei der Gurgel fasste, gib mir mein Bildnis wieder, oder du bist des Todes!

He! Hulfe, Hulfe, Morder, Feuer, Hulfe, schrie Pedrillo, und schlug mit Handen und Fussen um sich, indem er ohne zu wissen wie ihm geschah, so unfreundlich aus dem Schlaferweckt wurde.

Meine Princessin her, rief Don Sylvio nochmals oder

Je, zum Henker, schrie Pedrillo, indem er sich von ihm losriss, seid ihrs, Herr? Reitet euch dann der Teufel, dass ihr mich mit aller Gewalt erdrosseln wollt? Pestilenz! Man ist ja seines Lebens nicht bei euch sicher?

Wie? was ist das? rief Don Sylvio ganz besturzt, bist du es Pedrillo?

Je, zum Teufel, antwortete dieser, ich meine wohl, dass ichs bin, wenn mich meine Mutter nicht mit einem andern verwechselt hat. Ist denn das auch Manier, einen so im Schlaf zu uberfallen? Sackerlot! wenns so gilt, so bedank ich mich fur die Commission, Euer Gnaden Schmetterlinge und Princessinnen suchen zu helfen.

Ich weiss nicht wo ich bin oder was ich sagen soll, erwiderte Don Sylvio, das seh ich nun mit meinen Augen, dass du Pedrillo bist, aber

O grossen Dank, Herr Ritter, Don Sylvio von Rosalva, euer Diener! beim Element! ihr seid sehr gnadig, dass ihr mir es endlich ganz lasst, dass ich meiner Mutter Sohn bin; aber meint ihr, es sei damit gleich ausgerichtet? Meiner Seel, ihr hattet mir den Hals umgedreht haben konnen, ehe ich gewusst hatte, wie es zu gegangen ware. Da, seht nun her, wie ihr mit mir umgegangen seid; Potz Herrich! wenn ihrs euren guten Freunden nicht besser macht Aber ich will gleich wetten, da wird wieder ein Zwerg oder Salamander, dahinter stecken.

Gib dich nur zufrieden, mein lieber Pedrillo, antwortete Don Sylvio, du kannst ja selbst denken, dass meine Absicht nicht war, dir was zu Leide zu tun, und, ich schwore dirs bei dem Leben meiner Princessin, ich begreife noch nicht, wie es zugegangen, dass der verwunschte grune Zwerg, den ich schon in meiner Gewalt hatte, mir wieder entwischt ist, und dich an seine Stelle geschoben hat.

Dacht ichs nicht, rief Pedrillo, da haben wirs; der grune Zwerg; Sagt ich es nicht vorher, wir wurden kaum den Fuss zum Hause hinaus gesetzt haben, so wurde der Diebshenker uns alle Drachen, Riesen, Zwerge und Rohrdommeln der ganzen Welt auf den Hals hetzen? Ich bin euch gut dafur; bei Tag wird uns nichts dergleichen begegnen. Aber hab ich euch recht verstanden, gnadiger Herr, sagtet ihr nicht was vom grunen Zwerg? Ich dachte, der sei in einen Zahnstocher verwandelt worden. Es scheint mit Erlaubnis der Frau Salamander-Konigin dass sie eben keine Sclavin ihrer Worte ist. Gott verzeih mirs, man soll nicht Boses von seinem Nachsten denken, aber, beim Velten! Herr, wenn sie euch nicht fur einen Narren hat, so will ich gelogen haben.

Rede nicht so ungebuhrlich von einer so grossen Fee, sagte Don Sylvio sehr ernsthaft, es wird dich noch gereuen; ich sage es dir zum letzten mal, dass ich die ungezogene Frechheit deines Mauls nicht mehr leiden werde. Hore nur erst, was mir begegnet ist, und dann rede. Musst du dann immer urteilen, eh du einmal weisst, wovon die Rede ist?

Ich glaubte nicht, dass ich mich so sehr verfehlt hatte, antwortete Pedrillo ganz kaltsinnig; ich habe doch so viel Vernunft, dass ich weiss, dass Holzapfel keine Quitten sind. Ich lasse mir eben auch nicht alles weis machen, und ich bin, mit eurer Erlaubnis, nicht so dumm als ich aussehe. Es sind noch nicht funf Minuten, so wolltet ihr mich erwurgen, weil ihr mich, wie ihr sagt, fur den grunen Zwerg ansahet. Nun sag ich so: entweder ist der grune Zwerg ein Zahnstocher, oder er ist keiner; ist er keiner, so hat die Fee ihr wisst schon was; ist er aber einer, zum Henker, seit wenn seh ich dann einem Zahnstocher gleich? das ist ein Schluss, hoffe ich, woran nichts auszusetzen ist; ich mochte wohl sehen, was Euer Gnaden darauf antworten konnte.

Zum Henker, sagte Don Sylvio lachelnd, gibst du dich auch damit ab, Dilemmata zu machen? Wenn du so fortfahrst, so wird ja zuletzt nicht mehr mit dir auszukommen sein. Aber hore nur erst, sag ich dir, und lass mich allein reden, bis ich fertig bin, hernach wollen wir sehen, was fur Schlusse wir daruber zu machen haben.

Viertes Capitel

Was die Einbildung nicht tut!

Nachdem Pedrillo versprochen hatte, dass er seine Zunge im Zugel halten wollte, fing Don Sylvio seine Erzahlung also an: Du warest kaum neben mir eingeschlafen

Holla, gnadiger Herr, fiel ihm Pedrillo ein, mit Erlaubnis, woher konntet ihr das wissen, denn ihr schliefet ja schon lange, da ich noch wachte?

Du haltst dein Versprechen unvergleichlich, sagte Don Sylvio, willt du so gut sein, und mich ohne Unterbrechung reden lassen? Ich wurde bis morgen nicht fertig, wenn ich bei jedem Wort auf deine unverschamte Fragen antworten musste. Ich sage dir, dass ich wachte, und das soll dir genug sein Indem ich nun allem dem was uns begegnet ist, nachdachte, sah ich eine Sylphide vor mir stehen Eine Sylphide? rief Pedrillo, und hielt schnell wieder inne, indem er seinem Herrn steif ins Gesicht sah.

Ja, eine Sylphide, fuhr unser Held ganz gelassen fort, und die schonste Sylphide, die jemals von einem Sterblichen gesehen worden ist. Don Sylvio, sagte sie zu mir, ich weiss wen sie suchen; kommen sie mit mir, ich will sie zu ihrer Geliebten bringen, ich bin schon lange ihre gute Freundin; aber sie sollen doch diese Gefalligkeit nicht ganz umsonst empfangen. O, rief ich, indem ich mich zu ihren Fussen warf, befehlen sie nur, schonste Sylphide, es ist nichts in der Welt, das ich nicht tun will, ihnen meine Dankbarkeit zu bezeugen, wenn sie ihr Versprechen halten. Dasjenige was ich von ihnen dafur verlange, erwiderte die Sylphide, ist eine Kleinigkeit; kommen sie nur, sie sollen erst ihre Princessin sehen, uber das andre werden wir bald einig sein. Hierauf nahm sie eine Rose von ihrem schonen Busen, und warf sie auf den Boden; augenblicklich verwandelte sich die Rose in einen MuschelWagen von Rubin, der mit zwolf Paradiesvogeln bespannt war, von einer Schonheit, dergleichen noch nicht gesehen worden ist. Ich setzte mich neben sie ein, und in wenigen Minuten stiegen wir in dem anmutigsten Ort ab, den sich die Einbildungskraft nur immer vorstellen kann. Ich wurde nicht fertig werden, wenn ich dir eine Beschreibung davon machen wollte.

O gnadiger Herr, sagte Pedrillo, das tut nichts, wenn die Beschreibung lang ist, desto besser; ich wollte euch den ganzen Tag ungegessen zuhoren, ich hore euch gar zu gern erzahlen.

Stelle dir, fuhr Don Sylvio fort, eine unermessliche Ebne vor, in welcher die Zauberkunst irgend einer Fee alle die Annehmlichkeiten vereiniget hatte, welche die Poeten von Tibur und Tarent, von dem Thessalischen Tempe und von den Hainen von Daphne ruhmen; anmutige Gebusche, schlangelnde Silberbache, bluhende Auen, Lustgange von Citronenbaumen, kleine Seen, mit Myrthen eingefasst, Lauben von Jasmin und vielfarbichten Rosen. Kurz, alles, was man sich nur von einem Ort vorstellen kann, der dem Vergnugen und der Liebe geheiliget ist. Scharen von jungen Nymphen in leichtem Gewand flatterten unter den Myrthen umher oder tanzten mit Liebesgottern auf den Fluren, oder badeten in stillen Grotten.

Das muss ich gestehen, Herr Don Sylvio, fiel Pedrillo ein, dass ihr unter einem glucklichen Zeichen geboren seid. Sapperment! es leben die Selphiden, das ist etwas anders als diese vertrackten Salamander, die zu nichts gut sind, als euch in einen Froschgraben hinein zu fuhren! Aber warum habt ihr mich doch nicht auch mitgenommen? Wenn es um ein angenehmes Abenteuer zu tun ist, da denkt niemand an mich.

Hore nur weiter, fuhr Don Sylvio fort; man muss niemand vor dem Ende glucklich preisen, sagte Solon, der Weise, und es scheint nicht anders, als ob ich dazu verhangt sei, eine Erfahrung nach der andern von dieser traurigen Wahrheit zu machen. Indem ich an diesem anmutsvollen Ort mich umsah, erblickte ich eine Nymphe, unter einer Laube sitzend, die mit einem Sommer- Vogel spielte, der an einem goldnen Faden um sie her flatterte. Himmel! wie ward mir, da ich sah, dass es meine geliebte Princessin war, da ich ihn fur eben den blauen Sommervogel erkannte, den wir suchen! Bist du der junge Ritter, sagte die Nymphe zu mir, der unter dem Schutz der Fee Radiante das Abenteuer unternommen hat, den blauen Sommervogel zu entzaubern? Ich bin es, schonste Nymphe, antwortete ich, und bereit ihnen mein Leben selbst O so viel verlang ich nicht, fiel sie mir ins Wort, wenn du mir beweisen kannst, dass du Don Sylvio von Rosalva bist, so ist der Sommervogel dein. Sagen sie nur, womit ich es ihnen beweisen soll, erwiderte ich, ich weiss zu gewiss dass ichs bin, als dass ich vor irgend einer Probe mich scheuen sollte. Zeige mir nur das Bildnis der Princessin, antwortete sie, du musst es haben, wenn du Don Sylvio bist, ich verlange keinen andern Beweis. O! Pedrillo, ich Ungluckseliger! Wo war die Fee, meine Beschutzerin, in diesem fatalen Augenblick? Ich gab ihr das Bildnis, aber kaum hatte sie es in der Hand, so sah ich Himmel! werd ich es aussprechen konnen? mit Entsetzen sah ich an statt der schonen Nymphe den grunen Zwerg vor mir stehen. Das kleine bucklichte Ungeheuer war vor Freude ganz ausgelassen, sprang in die Hohe, drehte das Bildnis in der Hand herum, blockte die Zahne gegen mich, und sagte endlich mit spottischem Gelachter zu mir: Nun hab ich was ich wollte! Wisse du unmachtiger Nebenbuhler, dass niemand als der Besitzer dieses Bildnisses im Stand ist dem blauen Sommervogel seine eigene Gestalt wieder zu geben. Nun sind beide in meinen Handen, und du hast nichts mehr zu hoffen. Geh, dank es meiner Entzuckung, dass ich dir das Leben schenke; aber merke, was ich dir jetzt sage. Ich werde dich aufs genaueste beobachten, und wenn ich dich nur uber einem Gedanken an meine Geliebte ertappe, so bist du des Todes!

Du kannst dir die Wut vorstellen, Pedrillo, worein mich diese Reden und der Anblick dieses hasslichen Gnomen mit dem Bildnis meiner Princessin in seinen Klauen setzen musste; ich fiel uber ihn her, und rang mit ihm, fest entschlossen, entweder mein Leben zu lassen, oder mein Bildnis wieder zu haben.

Der Vorsatz war gut und loblich, sagte Pedrillo, aber warum musste ich mit ins Spiel gemischt werden, und zwar nicht eher, als bis es ums Erdrosseln zu tun war.

Eben das ist es, erwiderte unser Held, was ich selbst nicht begreife; ich rang wie gesagt mit dem Zwerg, und in eben dem Augenblick, da ich im Begriff war ihn zu erwurgen, zeigte mir dein Geschrei und meine Augen, dass du es warst, der unter meinen Handen zappelte. Der Zwerg war verschwunden, und ich befand mich wieder an dem namlichen Ort, wo mich die Sylphide abgeholt hatte.

Und wo blieb dann die Selphide, fragte Pedrillo?

So bald wir an dem Ort anlangten, wo sie mich absteigen hiess, muss sie verschwunden sein, denn ich sahe weder sie noch ihren Wagen mehr.

Das ist eine verzweifelte Historie, sagte Pedrillo, meiner Six, sie fing sich so schon an! es ist Jammerschade, dass sie nicht besser aufhorte. Aber wenn einem einfaltigen Kerl eine Frage erlaubt ist, glaubt ihr also, gnadiger Herr, dass euch das alles wurklich begegnet ist?

Daran ist wohl kein Zweifel, antwortete Don Sylvio, ich wachte ja, da es mir begegnete, ich sahe mit meinen Augen, ich horte mit meinen Ohren, ich hatte den Gebrauch aller meiner Sinnen, ich muss also gewacht haben, und wenn das ist

Ja, ja, das ist eben noch die Frage, versetzte Pedrillo; ich will es eben nicht fur gewiss sagen, aber, wenn ihr schon die Wunderlichkeit an euch habt, und nicht leiden konnt, dass man sage, ihr traumet wie andere ehrliche Leute, so weiss ich doch wohl gesagt will ichs nicht haben, aber ich denke doch was ich denke.

Du denkst es sei nur ein Traum gewesen, Pedrillo; wollte der Himmel, dass es so ware! Aber

Seht ihr, gnadiger Herr, fuhr Pedrillo fort, es ist in allem ein Unterschied zu machen; wie ihr die Erscheinung von der Fee Rademante hattet, da dacht ich auch, es hab euch nur so getraumt, bis ihr mir das reiche Kleinod und das Bildnis zeigtet, so sie euch gegeben hatte; da konnt ich freilich nichts mehr dagegen einwenden. Was die Augen sehen glaubt das Herz. Wenn ihr mir nur eine Feder von einem dieser Paradiesvogel, die euch gezogen haben, aufweisen konntet, so liesse sich noch von der Sache reden; aber, beim Velten! was braucht es da langes und breites, ihr habt ja das Kleinod am Halse hangen, das euch der Zwerg gestohlen haben soll, sucht nur unter eurem Wams, ihr werdet die Princessin gewiss noch am alten Ort finden.

O Wunder, rief Don Sylvio, da er es wurklich auf seiner Brust fand, wie er es zu tragen pflegte, du hast recht, Pedrillo, Dank sei der hulfreichen Radiante, hier ist es

Ich glaube Herr, sagte Pedrillo, diesmal tut ihr der Fee zu viel Ehre an, und ich wette mit euch was ihr wollt, ob ich gleich nichts habe, der grune Zwerg hat den blauen Schmetterling und euer Bildnis so wenig gesehen als ich den Pabst. Hier habt ihr geschlafen, Herr, und da ist euch das alles im Traum vorgekommen, und da seid ihr zuletzt dran erwacht, und da habt ihr mich beim Kopf gekriegt Sapperment! ihr hattet das wohl auch nur traumen konnen wie das ubrige. Ich schwor es euch, ein andermal, wenn wir wieder schlafen wollen, werde ich so gut sein, und mich funfzig oder sechzig Schritte von euch wegmachen.

Ich habe keine Lust, wachend davor zu bussen, wenn euch ein Zwerg im Traum erzurnt hat.

Es fehlte zwar noch viel, dass Don Sylvio den Gedanken seines Gefahrten uber dieses Abenteuer Beifall gab; allein Pedrillo, der diesesmal seine Starke fuhlte, liess nicht ab, bis er es so weit brachte, dass sein Herr es selbst unwahrscheinlich fand, dass der grune Zwerg in so kurzer Zeit seiner Zahnstocherschaft entlediget worden sein konnte; und sie wurden endlich beide des Schlusses einig, dass alles zusammen nur ein Blendwerk gewesen sei, welches Don Sylvio, ohne sich lange zu bedenken, auf die Rechnung der Fee Carabosse schob, die, wie er den Pedrillo versicherte, eine vertraute Freundin der Fanferlusch und des grunen Zwergs sei, und da sie ihm auf keine andere Art beikommen konne, sich eine boshafte Freude daraus mache, ihn wenigstens in Verwirrung zu setzen, und ihm seine Reise beschwerlich zu machen.

Pedrillo liess sich mit dieser Auskunft befriedigen, und sie setzten unter diesen Gesprachen ihren Weg fort, bis die zunehmende Sonnenhitze sie notigte tiefer im Walde Schatten zu suchen.

Funftes Capitel

Worin die Geschichte nach Rosalva zuruck kehrt

Der wahrhafte Urheber dieser merkwurdigen und kurzweiligen Geschichte, findet hier notig den Lauf seiner Erzahlung einen Augenblick zu unterbrechen, um den Leser zu berichten, was indessen in dem Schlosse zu Rosalva vorgegangen.

Die arme Maritorne, die wir nebst ihrem getreuen Pyramus, auf dem Wege nach dem Barbier, unter dem Schutz der Nymphen und Waldgotter haben einschlafen lassen, erwachte mit dem Anbruch des Morgens nicht so bald, als sie sich erinnerte, dass sie abgeschickt worden war, Meister Blas, den Barbier, abzuholen. Sie besann sich, was sie sagen wollte, wenn man sie um die Ursach ihres langen Aussenbleibens fragen wurde, und da ihr nichts einfallen wollte, so fing sie an sich ihre schonen goldfarben Haare auszuraufen, und ein so klagliches Geschrei zu erheben, dass ihr Liebhaber daran erwachte, und nach der Ursach ihrer Verzweiflung fragte. Hast du nichts als das, mein Schnauzchen, rief er, als sie ihm ihr Anliegen eroffnet hatte, da will ich bald Rat geschafft haben. Ich kenne Meister Blasen sehr wohl, er ist in ein gewisses junges Madchen verliebt, ein hubsches rundes rotbakkichtes Mensch, das eine Viertelstunde weit von seinem Flecken in einem Pachthof wohnt, denn sie ist des Pachters seine leibliche Tochter; und weil er, wie alle Leute sagen, eine gute Cither schlagt, so vergeht keine Nacht, dass er nicht bis Morgens um zwei unter ihrem Kammerfenster sitzt und klimpert, und singt bis ihm die Finger und das Maul abfallen mochten. Du darfst also diesen Morgen nur zu ihm gehen, und sagen, du seiest in der Nacht schon da gewesen, und habest ihn nicht angetroffen; hernach bring ihn mit, und sag der gnadigen Frau, du habest gewartet, bis er heim kommen, oder so was, sie wird nicht so genau nachfragen. Aber das sag ich dir, Maritorne, mein Taubchen, schakre mir nicht mit ihm, siehst du? Meister Blas ist ein loser Kauz, der sich gerne zutappisch macht, und das will ich nicht haben, horst du's? Sapperment, ich verstehe keinen Spass nicht, was das anbetrifft.

Maritorne, welche nun wieder vollkommen getrostet war, sparte nichts ihren Liebhaber uber diesen Punct zu beruhigen, und Jago, auf den der Morgen eben so machtige Einflusse hatte als die Nacht, uberzeugte sie von neuem wie wurdig er ihrer Treue sei. Allein aus Furcht die aufgehende Sonne uber ihr Gluck eifersuchtig zu machen, entriss er sich endlich ihren Armen, und schlich in grosster Stille seinem Stalle zu, wo er auf halb verfaultem Stroh und einem paar alten Maul-Esel-Decken, neben zwei oder drei Gespenstern von ehmaligen Pferden, in Ermanglung eines bessern sein Lager zu haben pflegte. Es war ungefahr morgens um sechs Uhr, als Donna Mencia erwachte, das Verlangen nach dem glucklichen Zeitpunct, von welchem sie, kraft der hohen Meinung, die sie von ihren Reizungen hatte, sich eine angenehmere Art zu erwachen versprach, erinnerte sie an den Anstoss, den ihr Neffe gestern gehabt hatte, und der ihre Sehnsucht mit hochst beschwerlichen Verzogerungen bedraute. Sie stund auf, warf einen Schlafrock um sich, und lief gerade nach seinem Zimmer, um zu sehen, wie er die Nacht zugebracht hatte. Sie riss wie man denken kann ein paar grosse Augen auf, da sie weder von dem Herrn noch von dem Diener die geringste Spur antraf Nachdem sie ihn nun allenthalben, wo er zu suchen war, vergeblich gesucht hatte, rief sie das ganze Haus zusammen, und setzte jedermann durch die Nachricht, dass der junge Herr und Pedrillo unsichtbar worden seien, in die ausserste Besturzung. Diejenige allein, welche jemals geliebt haben, wie Donna Mergelina liebte, konnen sich den Schmerz vorstellen, der bei einer so unverhofften Zeitung ihre zartliche Brust zerriss. Sie wurde, die gute Seele; ohnmachtig hingesunken sein, wenn ihr nicht der Arm ihres besorgten Oheims und das englische Salz der prasumtiven Tante, noch in Zeiten zu Hulfe gekommen waren. Man horte eine gute Weile nichts als Jammern und Wehklagen; allein die Dame Beatrix, welche schon seit geraumer Zeit sehr ernsthafte Absichten auf den Pedrillo hatte, und sich schmeichelte keinen kleinen Anteil an seinem Herzen zu haben, wollte nichts davon horen, dass sie entlaufen sein sollten. Sie werden, sagte sie, irgendwo im Garten oder im grunen Lusthause sein, wo Don Sylvio den Morgen ofters zuzubringen pflegt.

Auf dieses Signal lief jedermann in den Garten, man verteilte sich auf alle Seiten, man durchsuchte alle Stauden und Hecken, man durchnisterte bis auf die Kohlstrauche, und da man niemand fand, so fing man wieder von vorne an. Maritorne, die inzwischen auch angelangt war, mischte sich nebst dem Barbier so herzhaft unter die Suchenden, als ob nichts vorgegangen ware; denn sie hatte die Vorsichtigkeit gebraucht, und ungeachtet des Verbots ihres Liebhabers, sich des Barbiers durch gewisse kleine Gefalligkeiten versichert, wodurch sie den Vorteil, ungezankt durchzuwischen, nicht zu teuer zu erkaufen glaubte. Es fehlte also nicht an Suchern, aber man fand nichts desto mehr; und nachdem man so wohl den Garten als den Park, und einen Teil des angrenzenden Holzes bis gegen den Mittag durchsucht hatte, so sah man sich endlich gezwungen, unverrichteter Dingen in das Schloss zuruck zu kehren, wo Donna Mencia alle Anwesende in einen grossen Saal zusammen berief, um sich uber einen so unvermuteten und hochst betrubten Vorfall zu beratschlagen. Man warf tausenderlei Fragen mit einmal auf, eine jede Person hatte ihre besondere Vermutungen und Vorschlage, und weil alle zugleich redeten, so wurde der Lerm so gross, dass niemand sein eigenes Wort horen konnte: bis endlich das Ansehen des Herrn Rodrigo, wiewohl nicht ohne Muhe, so viel vermochte, dass nach vorhergehndem allgemeinem Stillschweigen, eine Person nach der andern ihre Meinung sagen sollte. Alle nur ersinnliche Moglichkeiten wurden erschopft, und insonderheit taten Herr Rodrigo, der ein starker Dialecticus war, und eine vortreffliche Bassstimme hatte, und Meister Blas der Bartier, der wegen Gelaufigkeit seiner Zunge Obermeister seiner ganzen Zunft zu sein verdiente, sich so sehr hervor, dass die Session bis Nachmittags um zwei Uhr daurte. Allein, wie es darum zu tun war, dass die Stimmen gesammelt und der Schluss angezeigt werden sollte, gab es wieder einen neuen Tumult; ein jedes behauptete seine Meinung, und nachdem sich die Dame Beatrix und der Barbier alle nur ersinnliche Muhe gegeben hatten die Ruhe wieder herzustellen, so wurde man endlich des Schlusses einig, "dass man nicht begreifen konne, wo sie hin gekommen sein mochten." Weil es nun schon drei Uhr war, und jedermann hungerte, so wurde einhellig fur gut befunden, "dass man vorher zu Mittag essen, hernach aber in einer zweiten Session untersuchen wolle, was nunmehr in der Sache zu tun sein mochte."

Der Spanische Autor, der im Gefolg eines bekannten Ministers seiner Nation sich etliche Jahre in D** aufgehalten, nimmt sich die Freiheit, bei dieser Gelegenheit sich uber gewisse kleine Republiken lustig zu machen, von denen er beobachtet haben will, dass die Beratschlagung im Saale der Donna Mencia eine naturliche Copei von der Art und Weise sei, wie man in selbigen die offentlichen Angelegenheiten zu behandeln pflege. Man muss gestehen dass die Anecdoten, die er davon beibringt, nicht sehr geschickt sind, die Republicanische Verfassung anzupreisen; allein von einem Spanier, dessen ganze Freiheit darin besteht, dass er das Recht hat mit zwei oder drei Brillen auf der Nasen und mit verschrankten Beinen vor seinem Hause zu sitzen, sich die Zahne auszustochern und so viel Grillen zu fangen als ihm beliebt, ist freilich nicht zu erwarten, dass er die Gebrechen der politischen Freiheit im gehorigen Verhaltnis mit ihren Vorteilen betrachte; und wie sollte er, der von der vermeinten Erhabenheit seiner Nation und von der Grosse seines Konigs verblendet ist, die Beobachtung machen konnen, dass es oft mehr Geschicklichkeit erfordert, die verwickelten Triebrader eines kleinen Staats von freien Menschen zu regieren als einer halben Welt von Sclaven zu befehlen. Man weisst wie weit auch in diesem Stucke die Vorurteile gehen, und wenn Don Ramiro von Z** uns andern kleinen Republicanern in der Beratschlagung zu Rosalva einen Spiegel vorzuhalten meint, so konnten wir ihm vielleicht Beispiele aus der Geschichte grosser Monarchien entgegen halten, wo nach einer Menge von geheimen Conferenzen zuletzt doch der Einfluss eines Kammer Madchens, eines Comodianten, oder eines Hofnarren die ganze vereinigte Weisheit von einem paar dutzend Spanischen Manteln und langen Perucken uberwogen hat.

Dem sei indessen wie ihm wolle, so wird verhoffentlich niemand dem Ubersetzer ubel ausdeuten, dass ihm der patriotische Geist, wovon er beseelt ist, nicht erlaubt hat eine Stelle zu ubersetzen, welche von den Neidern der Republicanischen Gluckseligkeit nicht wenig hatte missbraucht werden konnen. Die Rucksicht auf unser Vaterland ist eine Pflicht, die sich bis auf unsre kleinsten Handlungen erstreckt, und wenn nur derjenige den Namen eines guten Burgers verdient, der mit dem gegenwartigen Zustande seiner Republik zufrieden ist; so wird man den Abscheu nicht tadeln konnen, welchen man in kleinen freien Staaten gegen alles, was nur von fern die Mine einer politischen Satyre hat, mit so grossem Recht zu bezeugen gewohnt ist. Ferne sei es von uns, die stolze Ruhe und den sussen Schlummer, worin diesfalls unser Vaterland liegt, nur einen Augenblick zu unterbrechen! Don Ramiro mag beobachtet haben was er will, wir hullen uns in unsern Patriotismus ein, beissen die Zahne zusammen und sind zufrieden.

Sechstes Capitel

Unterredung beim Fruhstuck. Eifersucht des Don

Sylvio

Wir haben unsre Abenteurer, denen die kluge Langsamkeit, die bei den Beratschlagungen zu Rosalva prasidierte, sehr wohl zu statten kam, in einem Geholze verlassen, wohin sie sich vor der Sonne zuruck gezogen hatten. Sie waren noch nicht lange unter den Baumen fortgegangen, als Pedrillo seinem Herrn vorstellte, wie nach der Meinung des Asclepiades und anderer beruhmten Naturkundiger, zu glucklicher Fortsetzung einer Reise nichts dienlichers sei, als des Morgens ein gutes Fruhstuck zu sich zu nehmen. Weil nun Don Sylvio nichts erhebliches dagegen einzuwenden hatte, so suchte Pedrillo einen bequemen Platz, wo sie sich setzen konnten, packte seinen Zwerchsack aus, und brachte eine grosse Pastete zum Vorschein, welche die Dame Beatrix zu einem ganz andern Gebrauch von Xelva mitgebracht hatte.

Gelt, Herr, sagte Pedrillo, ich seh euchs an, ihr wundert euch, wie ich zu dieser Pastete gekommen bin? Die arme Dame Beatrix! Sie wird ein paar machtig grosse Augen machen, wenn sie sehen wird, dass der Vogel ausgeflogen ist. Aber da seht ihr doch, was es ist, wenn man umganglich mit den Leuten ist; wenn ich nicht etwas bei der Frau Beatrix galte, so konnten wir jetzt mit einem Stuck Brot und einer Hand voll Haselnusse vorlieb nehmen.

Sie hat dir doch die Pastete nicht selbst gegeben, sagte Don Sylvio?

Das eben nicht, versetzte Pedrillo, aber wie sie gestern Abend in das Proviant-Gewolbe ging, winkte sie mir, dass ich mit ihr gehen sollte, und da schwatzten wir eine weile zusammen, und da wollt ich ihr, ich gesteh es, einen Kuss stehlen (denn das hab ich von unserm alten Pfarrer selbst gehort, dass ein Kuss in Ehren keine Sund ist) aber sie drehte den Kopf so geschwind zuruck, dass ich ihren Mund um ein paar Handbreiten verfehlte; aber meiner Six, es ging mir nicht desto schlimmer, denn ich kam gerad auf ein Fleckchen, wo ihr Halstuch ein wenig offen war, und ich versichere Euer Gnaden, es war weicher als Pflaum und weiss wie Marzipan. Freilich schmalte sie mich aus, dass es eine Art hat, wie ihr leicht denken konnt, sie gab mir, glaub ich, gar eine kleine Ohrfeige oder so was, aber ich besanftigte sie bald wieder, und da gab sie mir zum Zeichen ihrer Versohnlichkeit dieses Stuck eingemachten Cedrat, und da schakerten wir noch eine gute Weile mit einander; denn wie ihr wisst, Gelegenheit macht Diebe, und die Frau Beatrix ist nicht halb so sprode als ihr Gesicht. Wenn sie schon nicht dergleichen tut, so hat sies doch gern, wenn man ein wenig mit ihr haseliert, das kann mir Euer Gnaden auf mein Wort glauben. Bei dieser Gelegenheit zeigte sie mir die Pastete, und andere Sachen, die sie fur unsere Gaste von Xelva mitgebracht hatte, und da warf ich gleich ein Aug auf die Pastete, und denkt nur, gnadiger Herr, wie ich zu ihr gekommen bin, denn das hattet ihr mir gewiss nicht zugetraut.

Seht ihr, Herr Don Sylvio, ich bin gewiss ein ehrlicher Kauz aber dumm bin ich nicht, und Euer Gnaden zu lieb, wollt ich Gott verzeih mirs, dem Pabst zu Rom seinen Pantoffel stehlen, wenn es sein musste.

Und wie hast du es denn gemacht, fragte Don Sylvio; denn sie wird doch den Schlussel zum Gewolbe abgezogen und zu sich genommen haben.

Das ist es eben, sagte Pedrillo, aber man findet fur alles Rat, nur fur den Tod nicht. Wie alles im Hause schlief, schlich ich mich an ihre Kammer, und legte das Ohr ans Schlussel-Loch und lauschte, und wie ich horte, dass sie schnarchte, so machte ich die Tur ganz leise auf, und schlich auf den Zehen an ihr Bette; aber es war so dunkel in der Kammer wie in einer Kuh; da tappte ich so lange herum, bis ich den Bund Schlussel fand, den sie immer an ihrem Gurtel zu tragen pflegt; da nahm ich die Schlussel, und schlich so sachte davon wie die Katze aus dem Taubenschlag. Nun wisst ihr das ganze Geheimnis, denn wie ich einmal die Schlussel hatte, so war die Pastete mein. Sapperment; ich sackte ein, dass es eine Lust war, und damit ihr seht, dass ich nichts vergessen habe, fuhr er fort, indem er eine Flasche aus dem Zwerchsack hervor zog, so versucht einmal diesen Alicanten-Wein, und wenn er nicht so gut ist, dass man alle Finger und die Zehen oben drein darnach schleckt, so will ich mein Lebtag mit den Gansen trinken.

Hier machte Pedrillo eine starke Pause, aber seine Kinnhacken arbeiteten nichts desto weniger, ob er gleich zu reden aufhorte, und er hielt sich so wohl, dass die Pastete in kurzer Frist um ein gutes Drittel leichter wurde. Er vergass nicht, auch der Flasche auf Gesundheit der Frau Beatrix fleissig zuzusprechen, und er wurde nach und nach so lustig, dass er zu pfeifen und zu singen anfing. Hei sa, rief er, indem er die Flasche in die Hohe hielt, es leben die Feen und die bezauberten Princessinnen! Sapperment; es ist ein rechter Spass auf der Feerei herum zu wandern, aber es gehort ein wohl gespickter Zwerchsack dazu, das ist wahr! Nun wie? gnadiger Herr, was habt ihr? Ihr seid ja gar nicht aufgeraumt? Ihr esst und trinkt ja nichts? was soll das sein? Hei sa! der Henker hole die Grillen! Lustig weil wir ledig sind, wer weisst, wenn uns wieder so wohl sein wird; es wird immer Zeit zum Kopfhangen sein, wenn der Vadus mecus und die Flaschen leer sind.

Mein guter Pedrillo, sagte Don Sylvio, sei du immer lustig so gut du kannst, und gib auf mich nicht Acht; ich gonne dir deinen frohlichen Mut von Herzen; du wurdest nicht so frohlich sein, wenn du an meiner Stelle warest.

Und warum das, gnadiger Herr? was ist euch schon wieder uber die Leber gekrochen?

Ach! Pedrillo, versetzte der junge Ritter, wie sollt ich vergessen konnen, wie weit ich noch vom Ziel meiner Wunsche entfernt bin, und was fur Hindernisse, ach! vielleicht unubersteigliche Hindernisse, ich noch vor mir finden werde! Ich versichere dich, wenn die Versprechungen der Fee Radiante mir nicht den Mut erhielten, die Gedanken, die mich in diesem Augenblick qualen, waren fahig, mich zur Verzweiflung zu treiben.

Da sei Gott vor und unsre Frau von Guadalouppe, rief Pedrillo, ihr macht einem ja recht bange. Aber wenn es nur Gedanken sind, warum jagt ihr sie nicht fort? Zum Henker, das heisst ja sich selber qualen! Seht ihr, gnadiger Herr, wenn ich gesund bin und mir nichts weh tut, und ich zu essen und zu trinken habe, so bin ich so lustig wie der Vogel auf dem Zweige, und bekummere mich nicht so viel darum, ob es morgen Regen oder schon Wetter geben wird.

Sage mir einmal, erwiderte Don Sylvio mit einem tiefen Seufzer, wie kann ich aufgeraumt, ja wie kann ich nur ruhig sein, so lange meine geliebte Princessin in der Gestalt eines Sommervogels herum irret, in einer Gestalt, die vielleicht unter allen moglichen fur meine Liebe die gefahrlichste ist?

Gefahrlich, sagt ihr, gnadiger Herr? das begreif ich nicht, was an einem Sommervogel gefahrliches sein kann, denn ihr habt mir ja gesagt, dass sie von den Krahen und Dohlen nichts zu besorgen hat.

Die Fee schmeichelte mir zwar, fuhr Don Sylvio fort, dass die Princessin mich liebe; aber wer versichert mich, dass eine Neigung, die gewisser massen die Frucht eines einzigen fluchtigen Augenblicks war, gegen die Nachstellungen aushalten werde, die ihrem Herzen

Je, zum Deixel, unterbrach ihn Pedrillo, redet ihr im Schlaf, Herr, oder wisst ihr auch was ihr sagt? Die Gestalt eines Sommervogels ist eine gefahrliche Gestalt, und ihr furchtet euch vor den Nachstellungen, womit man, so lange sie ein Schmetterling ist, ihrem Herzen nachstellen wird! Hab ich auch in meinem Leben so was gehort? Es scheint meiner Six wohl! dass verliebt und nicht gescheit sein, ein Ding ist. Eifersuchtig; Ihr musst also auf die Sommervogel eifersuchtig sein, die ihr in dieser Gestalt zu nahe kommen konnten? Verzweifelt! was das fur ein schnakischer Einfall ist. Hi, hi, hi! auf einen Sommervogel eifersuchtig! hi, hi! das kommt ja gerade so heraus, als wenn ihr auf die Flohe eifersuchtig sein wolltet, die sich unter ihren Unterrockchen lustig machen werden, wenn sie wieder eine Princessin ist, hi, hi, hi!

Hore, Pedrillo, mein Freund, versetzte Don Sylvio sehr ernsthaft, ich merke schon lange, dass du den Spassvogel machen willst; aber lass dir ein fur allemal gesagt sein, dass nichts unertraglichers in der Welt ist, als Leute, die zur Unzeit spasshaft sind. Sage mir einmal, hast du die Geschichte des Blatter-Prinzen oder des Prinzen von der Insel des ewigen Fruhlings gelesen?

Des Blatter-Prinz? Nein wahrlich, Herr, antwortete Pedrillo, den kenn ich nicht: das ist das erste mal dass ich seinen Namen hore.

Du kennest also, fuhr Don Sylvio fort, die Insel der Papilions auch nicht?

Die Insel der Papilions, sagt ihr? das ist ja so viel, als wenn einer sagte, die Insel der Sommervogel?

Gewisser massen, antwortete Don Sylvio. Du musst also wissen, dass diese Papilions eine Art von geflugelten Genien sind, an Gestalt und Schonheit den Liebesgottern oder kleinen Sylphen ahnlich, und von ungemein verliebter Natur, aber so fluchtig und unbestandig, dass sie immer von einem Gegenstand zum andern flattern. Kaum hat ein solcher Papilion einer Schonen eine ewige Treue geschworen, so eilt er schon, um einer andern zu sagen, dass er noch nichts geliebt habe als sie; Kurz, der namliche Tag, ja oft die namliche Stunde sieht ihre Flammen entglimmen, brennen und erloschen, und ihre Liebe ist nicht so bald glucklich, so ist sie nicht mehr.

Das ist mir eine narrische Art zu lieben! Sie konnen also reden diese Papilions?

Ich sage dir ja, dass es keine gemeine Papilions, sondern eine Art von Sylphen sind, welche nach dem Bericht eines gewissen Arabischen Naturkundigers aus der verstohlenen Liebe einer gewissen Sylphide zu einem jungen Faunen, entsprungen sein sollen. Die uberirdische Schonheit, die immerwahrende Jugend und die etherische Behendigkeit, womit sie begabt sind, haben sie von mutterlicher Seite her, so wie sie von der vaterlichen ihre Art zu lieben, ihre Verwegenheit und ihren Unbestand geerbt haben.

Ha, ha! Nun besinn ich mich, rief Pedrillo, gut, gut! Nun weiss ich, wovon ihr redet. Ich habe ja in dem grossen Gemalde, das in der gnadigen Frauen ihrem Cabinet hangt, dergleichen geflugelte Bubchen wer weisst wie oft gesehen! ihr kennt es ja, es stellt die Liebe des Florus und der Zephira

Umgekehrt, Herr Pedrillo, du willst sagen, des Zephyrus und der Flora

Ja, ja, so wollt ichs eben sagen, des Florus und der schonen Zephira vor: sie ist in der Tat schon, meiner Six; Ich hatte nie das Herz, es recht anzuschauen; denn unser Vicarius sagt, es sei Sunde, wenn man so was anschaue Aber ich weiss doch wohl, was ich weiss; der hat gut sagen, der allein reden darf; unter uns, gnadiger Herr, der gute Herr Vicarius ist eben auch nicht von Stahl und Eisen, er tate vielleicht nicht ubel, wenn er sich selber ein wenig bei der Nase nehmen wollte. Solltet ihr wohl erraten, bei wem ich ihn neulich von ungefahr (denn gewiss! mit Willen geschah es nicht,) antraf? beider dicken Maritorne! Sapperment, Herr, er betete das Pater noster nicht mit ihr, das konnt ihr mir glauben; ich mag nicht reden, wenn es weiter kame, so konnte sich einer die Zunge verbrennen, dass einer lieber wunschte, er hatte keine Augen gehabt; ich will nur so viel sagen, gnadiger Herr, ihr durft mir gewiss glauben, dass es wahr ist, aber das sag ich, ich gesteh euch kein Wort ein, wenn es weiter kame, nein, hol mich Gott! nicht auf der Folter! Meiner Six, es ist nicht gut, wenn man von solchen Herren zuviel weisst, ihr versteht mich wohl

Aber was hast du denn gesehen, fragte Don Sylvio?

O! Sapperment, gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, verzeiht mir, ich schame michs zu sagen; seht ihr, weil es Maritorne war, so war es auch gar zu arg. Ja wenn es noch Frau Beatrix gewesen ware.

Genug hievon, sagte Don Sylvio errotend, ich will nichts weiter wissen Aber was wolltest du von dem Gemalde sagen?

Ja, von dem Gemalde, wenn ich michs jetzt noch besinnen kann he! Nun fallt mirs ein, ich sagte euch, und ich will nicht ehrlich sein, wenns nicht wahr ist, ich getraute mir nie, dass ichs recht angesehen hatte; es ist so vorgestellt, als ob sie bade, und da konnt ihr leicht denken, weil sie halter meint, dass sie allein sei, und es mitten im Sommer ist, kurz und gut, sie hat, mit Gunst zu sagen, keinen Fetzen am Leibe, nicht einmal eine Bad-Ehre; und da ist ihr Liebhaber, der Florus, auf einer Wolke vorgestellt, und sieht so ernstlich auf sie herab, als ob er sie mit den Augen verschlingen wolle, und da flattern eine ganze Menge von diesen kleinen Bubchen mit Schmetterlings-Flugeln um ihn her; und werfen einander mit Rosen.

Gut, gut, sagte Don Sylvio, du musst aber wissen, dass diese Papilions durch die Gewalt einer Bezauberung, welche Amor, dessen Unwillen sie sich zugezogen, auf sie legte, ihre Gestalt verlieren, so bald sie sich uber die Insel erheben, wo sie geboren werden. Kurz, sie werden Schmetterlinge, oder scheinen es doch zu sein, da ihnen von ihrer eigentumlichen Gestalt nichts als die Flugel ubrig bleiben. In dieser Gestalt mischen sie sich unter die wahren Schmetterlinge, und bedienen sich ohne Scheu der Vorrechte, die eine Vestalin selbst sich kein Bedenken macht, diesen kleinen unschuldigen Tierchen zu lassen; und ihre unwiderstehliche Neigung zu Liebes-Streichen hat sie selbst in dieser Gestalt schon ofters gefahrlicher gemacht als man denken sollte. Denn da sie reden konnen

Reden? Fiel ihm Pedrillo ein, je das muss ja uberaus schnakisch heraus kommen, wenns wahr ist, beim Velten! Ein redender Schmetterling! ich mochte nur einen einzigen haben, der reden konnte; ich versichere euch, ich wollte in vier Wochen so viel Geld mit ihm gewinnen, dass ich den Konig fragen konnte, ob ihm Valencia feil sei. Aber nun merk ich endlich, warum Eu. Gnaden nicht recht wohl bei der Sache ist. Ihr habt, wahrhaftig, so unrecht nicht; ein Papilion, der reden kann, der eine Sylphe ist, der eh man sichs versieht, sich in einen schonen krauslockichten Buben verwandelt, potz Wetter! das ist kein Spass nicht! Es ist doch immer eine Moglichkeit, dass die Princessin in Bekanntschaft mit einem von diesen kleinen bunten Teufelchen kommen konnte; und dann setzten sie sich miteinander auf einen Strauch, und schwatzen eins so lange der Tag ware; und dann gibt eine Rede die andre, sagte das Bauer-Madchen, und dann ruckt man unvermerkt immer naher und naher zusammen, und dann versteht ihr mich, ich will nicht sagen, was weiter geschehen konnte. Aber wir sind alle Menschen, und es kame nur darauf an, dass das arme Ding einen Augenblick vergasse, dass sie eure Liebste ist, so wurden wir ein schones Spiel sehen.

Wenn ich nicht wisste, rief Don Sylvio entrustet, dass du selbst nicht weisst, was du plauderst, so solltest du mir die tolle Frechheit, womit du dich erkuhnest, die Tugend meiner unvergleichlichen Princessin anzuschmitzen, mit jedem Tropfen deines dummen Ochsen-Bluts bezahlen.

Ich bitte Euer Gnaden tausendmal um Vergebung, sagte Pedrillo, indem er etliche Schritte zuruck sprang; ich will gehangen sein, wenn ich es so bos gemeint habe, als ihr mir es aufnehmt; ihr erzurnt euch ja gleich, wenn ich nur ein Wortchen sage. Man kann doch einen Pelz nicht waschen, ohne ihn nass zu machen, Sapperment! Entweder seid ihr eifersuchtig oder nicht; seids ihrs, so musst ihr doch eine Ursach dazu haben, und wenn ihr keine Ursach habt, je! zum Geier, was macht ihr mit der Eifersucht?

Wenn ich eifersuchtig bin, wie du es nennst, versetzte Don Sylvio, so bin ich es bloss uber ihr Herz, nicht als ob ich besorgte, dass sie fahig ware einen Schritt zu tun, der ihre Tugend verdachtig machen konnte; sie ist fur mich bestimmt, dafur hab ich das Wort der Fee Radiante, und die Princessin weisst es, dass sie die meinige werden soll; ich bin also ihrer Person gewiss, und ich wurde mich selbst verachten, wenn nur der Schatten eines Argwohns gegen ihre Ehre in meine Seele kommen konnte; unsere Person ist allezeit in unserer Gewalt, aber unsere Empfindungen sind es nicht; ein andrer konnte ihr Herz besitzen, indem ich nichts als der Besitzer ihrer Schonheit ware.

Ich will nicht ehrlich sein, Herr Don Sylvio, fiel ihm Pedrillo ein, wenn ich verstehe, was ihr da sagt, was wollt ihr denn mit eurem Herzen, und mit eurer Person und mit euren Empfindungen sagen? Je, beim Element! wenn ich die Person habe, so habe ich ihr Herz, und wenn ich das Herz habe, so habe ich die Person, das geht ja nie ohne einander. Seht ihr, Herr, ich verstehe mich nichts auf eure Distillationen, aber ich sage so viel, wenn ich eine Frau hatte, die mich nicht von Herzen lieb hatte, so wurde mir die Stirne verzweifelt jucken, wenn sie gleich die Tugend selbst ware; wer einmal das Herz eines Weibsbilds hat, seht ihr, Sachte! was war das fur ein Gerausch? Hortet ihr nichts, Herr?

Nein; was hortest du denn?

Es war ein Gerausch; dort von jener Seite her, aus dem Gebusche.

Es ist vielleicht ein Vogel gewesen.

Der Himmel gebe nur, dass es kein Raubvogel sei, gnadiger Herr jetzt ist es wieder ganz stille, und, was wollt ich sagen? Wir redeten von eurer Eifersucht; ja, und da sagt ich es rauscht schon wieder heiliger Schutzengel; was kommt da? Gott sei bei uns, Herr, eine Zwergin! eine Unholdin!

Stille, du feige Memme, lispelte ihm Don Sylvio zu, der jetzt sahe, was den guten Pedrillo in einen so grossen Schrecken setzte; es ist, wie ich sehe, eine Fee.

Eine Fee, sagt ihr? Ja von den Feen, die auf der Gabel zum Schornstein hinaus fahren Meiner Treu! Sie sieht einer Hexe ahnlicher als eine Taube ihrem Tauber

Halt ein mit dergleichen Reden, Pedrillo; es ist moglich, dass es eine von meinen guten Freundinnen ist! die schonsten Feen pflegen zuweilen in Gestalt hasslicher alter Weiber zu erscheinen, um zu sehen, wie man ihnen in dieser Gestalt begegnet.

Ha! nun seh ich erst was es ist, rief Pedrillo, ha, ha, hi! Eine Zigeunerin ist es, Herr, seht sie nur recht an, es ist eine Zigeunerin, das ist keine Frage. Sie kommt eben recht, sie soll uns unser gutes Gluck sagen.

Nimm dich in acht, Pedrillo, sagte Don Sylvio leise zu ihm, es ist eine Fee, sag ich dir; wenigstens ist es doch moglich, dass es eine ist, und in solchen Sachen ist immer besser, man gehe den sichersten Weg; sie mag nun sein was sie will, so wollen wir ihr doch als einer Fee begegnen, so wagen wir doch nichts dabei.

Unter diesen Reden naherte sich ihnen die vermeinte Fee, welche in der Tat weder mehr noch weniger als eine alte bucklichte Zigeunerin war, die nicht ohne Ursach in dieser Gegend herum spuckte, und zum wenigsten eben so betroffen war, als unsere Wanderer, da sie eines jungen Menschen von so edlem Ansehen als Don Sylvio war, in diesem Geholz, und in einem solchen Aufzug ansichtig wurde.

Siebentes Capitel

Abenteuer mit der Zigeunerin

So bald die Zigeunerin naher gekommen war, stund Don Sylvio vor ihr auf, grusste sie sehr hoflich, und fragte: Ob er etwas zu ihren Diensten tun konne?

Heilige Barbara! rief sie aus, was macht ein so schoner junger Herr in diesem Walde? Habt ihr euch etwa verirrt, oder sucht ihr vielleicht

He! Frau Zigeunerin, unterbrach sie Pedrillo, nicht so vorwitzig! Haben wir euch doch auch nicht gefragt, was ihr sucht? Wer sagt euch

Schweige, ungezogener Tolpel, rief Don Sylvio, indem er einen zurnenden Blick auf ihn warf In der Tat, meine liebe alte Mutter, ihr konntet euch verwundern, was ich hier mache, wenn ihr nicht, wie es scheint, schon vorher wisstet, was ich suche.

Hei da! Grossmutter, sagte Pedrillo, dem der Wein von Malaga ein wenig in den Kopf gestiegen war, ihr konnt ja wahrsagen, nicht so? Seht ihm einmal in die Hand, und sagt mir, ob er eine gluckliche Physionomie habe?

Ich brauche seine Hand nicht dazu, erwiderte die Alte, das seh ich ihm in den Augen. Gelt, junger Herr mit dem glatten Jungfer-Gesichtchen, so jung ihr seid, so wisst ihr doch schon was die Liebe ist, hi, hi, hi! Ihr werdet rot! hab ichs nicht erraten?

Zum Henker, sagte Pedrillo, das seht ihr ihm an den Augen an, Mutterchen? So seht ihr gewiss auch, dass die Princessin, die er liebt, ein Sommervogel ist, he?

Ein Sommervogel! rief die Zigeunerin aus, hi, hi, hi! das ist so ein guter Einfall, ich glaub es, bei meiner Redlichkeit! dass sie ein Sommervogel ist; ist er schon flicke, junger Herr, hat er schon Federn? hi, hi! Ich verstehe mich auch ein wenig auf diese Art von Sommervogeln, ich; ich weiss die Zeit, da ich zu Sevilla ihrer eine hubsche Anzahl in meinem Kaficht hatte, das konnt ihr mir glauben; Aber es scheint, er sei euch ausgeflogen, weil ihr ihn sucht?

Es deucht mich fast, alte Mutter, sagte Pedrillo, ihr wisst mehr von der Sache als wir selbst. Aber ich bitte euch, weil ihr in seinen Augen so viel gesehen habt, so werdet ihr in seiner Hand noch mehr sehen, das habe ich mein Tage gehort; eure Hand, gnadiger Herr, wenn ihr so gut sein wollt; Seht einmal, Mutterchen, was sagt ihr zu diesen Ligamenten?

Meiner Treu! rief die Zigeunerin, eine feine weisse Hand! horet, mein schoner Herr, wenn ihr einen Ducaten in diese schone Hand legt, so will ich euch wahrsagen, dass es eine Lust sein soll.

Einen Ducaten? sagte Pedrillo! Potz Herrich! Gevatterin! ich glaube, du hast diesen Morgen Schnips getrunken? Einen Ducaten! wenn du noch einen Realen gesagt hattest, das liesse sich endlich dran wagen; denn wir habens eben nicht so notig, dass du uns wahrsagest, verstehst du mich, wir wissen doch schon, was wir wissen.

Das ist noch die Frage, antwortete die Alte, wer weisst was geschehen kann; es ist noch nicht aller Tage Abend, und so viel ich merke

Hier ist der Ducaten, meine gute Mutter, sagte Don Sylvio, kehret euch nicht an das alberne Geschwatz dieses Burschen hier; er ist eine gute Art von einem Jungen, aber er weisst oft selbst nicht was er sagt; man muss ihm nichts ubel nehmen.

Junger Herr, antwortete die Zigeunerin, ihr habt so gute Manieren, dass ich euch wohl mehr zu gefallen tun wollte, als das, wenn ich noch ware, was ich vor Zeiten war; bei St. Jacob, ich hatte auch meine Zeit, das konnt ihr mir glauben, man wird von langem leben alt, wie ihr seht; aber ich erinnere mich der Zeit noch wohl, da ich die artige Zigeunerin hiess; und da sich die jungen Herren von Toledo um die Ehre rauften, mir Standchen zu bringen; ich machte, meiner Treu! eine Teurung in die Saiten, so viel Guitarren und Lauten wurden mir zulieb zerspringt! da regnete es Sonnette! und Pistolen auch, das versichre ich euch.

Gut, gut, sagte Pedrillo ungedultig, wir bekummern uns viel um die Standchen, die man euch vor hundert Jahren gebracht hat, als der Teufel noch ein kleiner Junge war, und ihr eure Zahne noch im Maul hattet. Zur Sache wenn ich bitten darf; ihr habt nun unsern Ducaten, wir wollen jetzt auch von eurer Ware haben eure Hand, gnadiger Herr

Nur noch einen einzigen kleinen Ducaten, mein schoner junger Herr, so will ich euch wahrsagen, dass ihrs nicht besser wunschen sollt.

Hier ist er, sagte Don Sylvio, indem er ihr, so sehr auch Pedrillo murrte, den Ducaten auf seiner Hand darbot.

Eine hubsche Hand, wie ich sagte, eine feine, gluckliche Hand, junger Herr. Hi, hi, hi, sagt ichs nicht? du bist verliebt, Schatzchen, Gelt? das gute Kind! du brauchst nicht rot zu werden, du hast das rechte Alter dazu; ach! es ist eine so hubsche Sache um die Liebe. Wie? lass es einmal sehen! in ein artiges kleines Madchen bist du verliebt, in ein wunderartiges kleines Madchen

Getroffen, mein Seel! rief Pedrillo, in der Tat, wunderartig, und kleine wie eine Puppe.

Noch ein junges Madchen, sehr jung, ein wenig flatterhaft

Flatterhaft, in der Tat, sagte Pedrillo, denn sie flattert uber Stauden und Hecken, dass ihr der Henker nicht nachkommen kann

Das wird sich alles schon geben, man wird alle Tag alter, sie liebt dich doch, nicht wahr?

Das ist es eben, was wir gerne wissen mochten, denn wir haben so einen gewissen kleinen Argwohn, eine gewisse Suspection

Schweige, rief Don Sylvio, kannst denn du dein Maul nicht einen Augenblick halten

Dass sie einen andern liebt? fuhr die Zigeunerin fort; das kleine schelmische Ding! Einen andern; das ist verzweifelt! Aber so sind die jungen Madchen; wer ihnen Tandeleien und Liebkosungen vorsagt, verderbt seine Zeit gewiss bei ihnen nicht. Ja wohl! Sie liebt einen andern! Ich wette gleich, dass es einer von diesen kleinen sussen Herrchen ist, von diesen Papilions, die um alle hubsche Blumen herum flattern, und auf keiner sitzen bleiben

Holla, Frau Zigeunerin, rief Pedrillo, da er sah, dass Don Sylvio bei diesen Worten so blass wie eine Leiche wurde; ihr sagt mehr als wir wissen wollen.

Ich habe genug, sagte Don Sylvio, indem er seine Hand zuruck zog, lasst mich gehen, mein Ungluck ist gewiss; Sie hat es so gar in meiner Hand gelesen.

Was hat das auf sich, unterbrach ihn Pedrillo, wenn man es nur nicht an eurer Stirne liest. Hei da, Grossmutter, wir wollen von was anderm reden; was sagt ihr zu meiner Hand? Da sind zween Realen, ich denke, dafur sollte sich schon was hubsches sehen lassen.

Bei meiner Treu, rief die Alte, nachdem sie ihm einen Augenblick in die Hand geguckt hatte, in was fur einem Zeichen sind diese jungen Leute geboren? ihr seid ja so verliebt wie die Sperlinge! Fi; da sind gleich funf oder sechs Weiber an einem Stiel

Funf oder sechs Weiber? ihr seid nicht klug, Madchen wollt ihr sagen; was wollt ihr, dass ich mit so viel Weibern anfangen soll?

Sie werden gewiss nicht abstehen, auf mein Wort, versetzte die alte, was du nicht brauchst, ist gut fur andre Leute. Du wirst dir doch nicht einbilden, dass du eine hubsche Frau fur dich allein haben wollest? Meiner Treu; ich sehe hier eine, die mir die Mine hat, als ob sie dir gute Freunde machen werde.

Wie? was? Ihr seht die Person, die ich jetzt im Sinn habe in meiner Hand?

Ohne Zweifel.

Das wollen wir doch sehen! Ist sie gross oder klein, alt oder jung, fett oder mager? antworte mir einmal auf das, mein gutes Mutterchen!

Sie ist weder zu gross noch zu klein; Gut! weder zu alt noch zu jung Sapperment! Und was man sagen mochte, eher fett als mager; nicht wahr, es ist so?

Pestilenz; Wie macht ihrs denn, dass ihr alles das in meiner Hand sehen konnt? Seht ihr denn auch die grossen schwarzen Augen, die sie im Kopf hat?

In der Tat, ein paar hubsche schwarze Augen, ein paar freundliche einladende Augen, das gesteh ich! Schwarze Augen, schwarzes Haar, und ein hubsches Maul voll perlenfarber Zahne lasst gut zusammen.

Beim Element! ihr kennt sie ja so gut als ich selbst. Aber weiter; einen hubschen vollen Busen, he?

O! das versteht sich, wenn anders der Schneider

Wie? der Schneider, sagt ihr? Wahrhaftig, da kommt ihr mir recht! Sapperment! es schneidert sich nichts; das konnt ihr mir wieder nachsagen; was das betrifft, so darf sie sich neben einer Infantin sehen lassen, sie mag sein wer sie will, das versprech ich euch! Und was sagt ihr zu ihren Fusschen? Sind sie nicht niedlich? Gelt? und ein paar Waden ihr werdet sie vor dem Rock nicht recht sehen konnen Aber ihr konnt mir sicher glauben, dass man sie nicht schoner drechseln konnte.

In der Tat, du hast recht, es ist ein hubsches, rundes, drolligtes Ding; aber desto schlimmer fur dich, mein Sohn!

Warum desto schlimmer?

O! das ist ja keine Frage! Du wirst es erfahren, denke an mich, du wirst es erfahren, was es auf sich hat, eine hubsche Frau zu haben! Sie wird dir was aufsetzen, denke an mich! Sie wird dir was aufsetzen! mehr will ich nicht sagen.

Ei, potz Gift! rief Pedrillo, ich denke das ist genug gesagt. Sie wird mir was aufsetzen! Ihr wollt sagen, sie werde mir Horner aufsetzen

Ich will eben nicht sagen Horner, aber doch so was so was das die Stirne jucken macht, so eine Art von Sprossen. Kurz und gut, wenn du ein eigenes Haus kriegst, so lass auf mein Wort die Turen so hoch machen als du kannst; in dergleichen Umstanden kann man nie zu vorsichtig sein. Aber ich verderbe hier meine Zeit; ich denke, ihr habt fur euer Geld so viel gehort, dass ihr zufrieden sein konnt; ich habe Geschafte. Lebt wohl, meine Kinder, bis wir uns wieder sehen.

Mit diesen Worten ging die Zigeunerin ihres Weges, und liess den guten Pedrillo in keiner geringen Verlegenheit, was er von ihr denken sollte. Zum Henker, rief er, indem er nach seinem Herrn lief, der sich in grossem Unmut unter einen Baum geworfen hatte, wenn diese alte bucklichte Hexe keine Fee ist, wie ihr sagtet, so redt der bose Feind leibhaftig aus ihr. Das ist einmal gewiss, dass es mit ihrer Wahrsagerei nicht naturlich zugeht. Wie konnte sie wissen, dass ihr in eine Princessin verliebt seid, und dass die Princessin ein Papilion ist? Und hat sie mir nicht die Frau Beatrix so naturlich beschrieben, als ob sie sie selbst gemacht hatte? Und doch ist gewiss, dass sie uns heute zum erstenmal gesehen hat. Was sagt ihr hierzu, gnadiger Herr? Ich fur meine Person gestehe euch, dass ich mich eher zum Gimpel sinnen wurde, eh ich aus allem diesem verfluchten Zeug klug werden konnte.

Don Sylvio, der in tiefen Gedanken da gelegen war, und auf die Reden seines Reisegefahrten keine Acht gegeben hatte, wachte jetzt auf einmal auf. Hore, Pedrillo, sagte er, ich will dir meine Gedanken von dieser Begebenheit sagen, und ich bin gewiss, dass ich mich nicht betruge. Aber, wo ist die Zigeunerin hingekommen.

Verschwunden ist sie, gnadiger Herr, ich weiss selbst nicht wie? ich guckte nur einen Augenblick auf die Seite, und wie ich wieder heruber sah, da war sie weg.

Ich gestehe dir, Pedrillo, fuhr Don Sylvio fort, dass ich nicht gleich im Stande war mich zu fassen, da sie mir die Untreue der Princessin anzukundigen schien; anfangs nicht, denn du hattest es ihr aus Unbedachtsamkeit auf die Zunge geleget; aber der Umstand, dass es ein Papilion sei, dem ich aufgeopfert werde, war eine zu starke Bestatigung meiner vorigen Besorgnisse, als dass ich hatte gelassen bleiben konnen. Allein seit dem ich allem dem, was sie sagte (denn ich erinnere mich noch an jedes Wort) und dem Ton und der Mine, womit sie es sagte, besser nachgedacht habe; bin ich uberzeugt, dass der verstellte Salamander, die Sylphide, mit der ich diesen Morgen reiste, und diese Zigeunerin eine und eben dieselbe Person ist, und dass alle diese Erscheinungen nichts als boshafte Kunstgriffe sind, wodurch meine Feinde mich von der Vollendung meines Vorhabens abzuschrecken suchen. Mit einem Wort, ich zweifle keinen Augenblick daran, dass diese Zigeunerin nichts geringers als die Fee Carabosse selbst war. So viel ist gewiss, dass sie vollkommen die Gestalt hatte; welche die Geschichte dieser Fee beilegt; denn sie war klein, bucklicht, schielend, triefaugicht und ganz schwarzgelb im Gesicht. Dem sei wie ihm wolle, ich bin fest entschlossen, mich durch alle diese Kunstgriffe nicht irre machen zu lassen. Nein, meine teure Princessin, fuhr er mit erhohtem Ton der Stimme fort, indem er ihr Bildnis ansah, und an seinen Mund druckte, nichts ist vermogend, die reine und unsterbliche Flammen zu erstikken, die deine gottliche Schonheit in meiner Brust entzundet hat! Auch kaltsinnig, auch unbestandig, auch ungetreu wurde ich dich nicht weniger lieben. Aber verflucht sei der Gedanke, der dich mir ungetreu vorstellen will, nachdem die gutige Fee, die uns beschutzt, mich deiner Zartlichkeit versichert hat! Ach! vielleicht liegst du in diesem Augenblick, fern von mir, in einer Einode, wohin dein Schmerz oder das Verhangnis dich getrieben hat, im Schosse einer aufbluhenden Rose verborgen, und betauest ihre duftende Brust mit deinen Tranen, und jammerst, dass ich dich verlassen habe! Himmel! ich sollte dich verlassen konnen? Nein, du susse Beherrscherin meiner Seele, der Tod selbst, in der furchtbarsten Gestalt, die ihm die Grausamkeit unserer Feinde geben kann, soll nicht verhindern, dass mein Schatten, von seiner unsterblichen Liebe beseelt, dich uberall suche, dir uberall nachfolge, und, die Gotter um ihre Spharen nicht beneidend, in deiner Brust sein besseres Elysium suche.

Don Sylvio brachte diese pathetische Rede mit so vieler Lebhaftigkeit, mit einem so zartlichen Ton der Stimme und mit so ruhrenden Bewegungen vor, dass dem armen Pedrillo, der mit offnem Maul und Augen zuhorte, die Tranen uber die Backen herab rollten, ohne dass er wusste wie ihm geschah.

Bei meiner Treu, Herr Don Sylvio; rief er aus, und wischte sich die Augen mit der Hand, ihr habt eine ausserordentliche Gabe einen weichherzig zu machen. Wie macht ihrs doch, dass euch alle diese schone Sachen einfallen, die ihr da sagtet? Pestilenz! wenn ihr ein Pfarrer waret, und auf der Canzel so predigen wurdet, das setzte Zahren ab! Meiner Six! es gabe ein Gewasser, dass man mit Nachen in der Kirche fahren musste. Ich wollte was drum gehen, wenn ichs so hatte behalten konnen, wie ihrs gesagt habt; aber ich habe mir doch die aufbluhende Rosen und die duftende Schoss der Tranen und den unsterblichen Schatten gemerkt, und hernach brachtet ihr auch die Spharen und die Gotter drein, und etwas von der Liebe und von der heiligen Elisabeth Sterb ich! wenn ich begreife, wie ihr das alles so zusammen bringen konntet. Aber auf die Hauptsach zu kommen

Gut, gut, unterbrach ihn Don Sylvio, die Hauptsach ist, dass wir den blauen Sommer-Vogel suchen mussen; packe deine Sachen wieder zusammen, und lass uns weiter gehen. Aber ich sehe hier mehr als einen Fussweg durch dieses Geholze; wo ist Pimpimp? Mich deucht, ich habe ihn schon etliche Stunden nicht gesehen.

Diese Frage war ein Donnerschlag fur den Pedrillo, der sich jetzt plotzlich erinnerte, dass er den armen Pimpimp seit dem Abenteuer mit dem Froschgraben, ganzlich aus der Acht gelassen hatte. Allein da ihm zugleich beifiel, dass ihm sein Herr eine solche Nachlassigkeit nicht vergeben wurde, so versicherte er ihn, dass er nicht weit gegangen sein konne. Ich habe ihn diese ganze Nacht auf dem Arm getragen, setzte er hinzu, denn es war so mude, das arme kleine Ding, dass es sich nicht mehr ruhren konnte, und er war diesen Morgen noch da, als die Zigeunerin kam; ich will ihm rufen, er wird sich nicht weit verloffen haben. Pedrillo rief also was er rufen konnte, und sein Herr half ihm rufen und suchen; aber sie waren nicht glucklicher als die Argonauten, da sie den schonen Hylas suchten, den die Nymphen geraubt, und in ihre Grotten unter die Wellen hinab gezuckt hatten; die Suchenden durchstrichen den Hain und das Ufer, und riefen: Hylas, Hylas, dass der Hain und die Ufer ertonten; Umsonst, Hylas lag indes in den Armen der schonsten Nymphe, und horte ihr Rufen nicht. So ging es auch hier, mit dem einzigen Unterschied, dass Pimpimp in diesem Augenblick, an statt am Busen einer schonen Nymphe zu ruhen, in den Armen der schwarzgelben Zigeunerin lag, welche ihn, bald nachdem sie von unsern Reisenden Abschied genommen, halb tot vor Mattigkeit auf der Spur seines Herrn gefunden, und weil er uberaus klein und artig war, mit sich genommen hatte.

Don Sylvio wurde uber diesen neuen Unfall ausserst betrubt, und es fehlte wenig, so hatte er diesmal den Mut ganzlich sinken lassen. Pedrillo hatte keine Muhe ihn zu bereden, dass Pimpimp von der Fee Carabosse gestohlen worden sei, aber desto grossere ihn von hundert tollen Entschliessungen abzubringen, auf die er in seiner Verzweiflung verfiel.

Vielleicht ware dieses der Augenblick gewesen, da er seinem Herrn den Antrag hatte machen konnen, wieder umzukehren; allein seit der Conversation, die er mit der kalten Pastete und der Flasche AlicantenWein gehalten hatte, war wieder eine kleine Veranderung in seiner Denkungs-Art vorgegangen, und er dachte jetzt so wenig ans Wiederkehren, dass es ihm leid gewesen ware, wenn Don Sylvio davon selbst angefangen hatte. Die Wahrheit zu sagen, so kam bei dem guten Pedrillo alles auf die Umstande des gegenwartigen Augenblicks an. Er dachte anders bei Nacht, und anders an einem schonen Sommertag, anders in einem Wald und anders auf freiem Felde, anders in einem Froschgraben, und anders nach einem guten Fruhstuck. Pedrillo war in diesem Stuck ein anderer Seneca, und der ganze Unterschied zwischen ihm und einem Philosophen lag diesfalls bloss darin, dass er sich keine Muhe gab, seine Widerspruche in einen Zusammenhang zu rasonnieren. Er strengte also alle seine Beredsamkeit an, um seinen Herrn zu uberreden, dass noch nichts verloren seie. Pimpimp wird sich wieder finden, eh wirs denken, sagte er, lasst ihr nur die Frau Radiante dafur sorgen; wer weisst, was sie fur Absichten dabei hat, dass er weg ist. Man muss das beste hoffen, gnadiger Herr, das bose kommt von sich selbst. Einmal die Fee, eure gute Freundin, muss als eine brave Frau ihr Wort halten, wir mussen uber lang oder kurz unsere Princessin haben, und damit Punctum!

Dieser kraftige Zuspruch beruhigte das Gemut unsers bekummerten Helden wieder in etwas, und weil eine angenehme Luft, die von der See-Seite her den Wald durchstrich, die Warme ziemlich massigte, so beschlossen sie ihren Weg noch eine Zeitlang unter den Baumen fortzusetzen.

Achtes Capitel

Don Sylvio ermudet sich uber dem Suchen des

blauen Schmetterlings, und schlaft nach einer guten

Feld-Mahlzeit ein

Da die Absicht des Don Sylvio bei dieser wundervollen Wanderschaft ganz allein war den blauen Sommervogel aufzusuchen; so kann man leicht denken, dass beinahe ein jeder Schmetterling, der ihm in den Weg kam, seine Aufmerksamkeit an sich zog.

Diesesmal schien es, nach Pedrillo Beobachtung, nicht anders, als ob die Fanferluschin und Carabosse recht mit Fleiss alle Sommervogel der ganzen Welt zusammen getrieben hatten, um sie im Geholze herum zu sprengen! aus jedem Busche flatterten ihrer ein halb dutzend hervor, und unser Ritter, der alle Augenblick seine Princessin zu sehen glaubte, setzte sich in den Kopf, dass er nicht ruhen wollte, bis er sie erhascht hatte. Pedrillo mochte fluchen wie er wollte, es half alles nichts, er musste seinem Herrn Gesellschaft leisten.

Allein nachdem sie ein paar Stunden lang wie die Unsinnigen hin und wieder geloffen, und so mude waren, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten, so befand sich, dass die verwunschten Schmetterlinge sie nur zum Besten gehabt hatten. Es waren ihrer so viele gewesen, dass man eine Sammlung in ein Cabinet davon hatte machen konnen; gelbe, rote, weissgraue, feuerfarbe, aurora-farbe, bunte, getupfelte, gestrichelte, pfauen-augichte, kurz, Schmetterlinge von allen Farben und Arten, nur kein redender, und keine Princessin.

Herr Don Sylvio, rief endlich Pedrillo keuchend, indem er unter einen Baum hinsank, ich kann nicht mehr. Ich wollte dass die Pestilenz unter alle Schmetterlinge kame, eure Princessin ausgenommen, so hatten wir doch noch Hoffnung sie zu finden. Denn das sag ich euch, wenn sich die Frau Radiante unser nicht besser annimmt als bisher, so geb ich das Suchen auf.

Pedrillo mein Freund, antwortete Don Sylvio mit erstickter Stimme, ich bin so matt, dass ich mich nicht ruhren kann. Sich doch, ich bitte dich, ob du nicht einen bequemen Platz findest, wo wir ausruhen konnen; und wenn ich wieder reden kann, so will ich dir meine Gedanken sagen.

Geht nur noch etliche dutzend Schritte weiter, sagte Pedrillo, wenn ihr anders noch gehen konnt, ich sehe dort einen schonen grunen Platz, der gegen das Feld hinaus offen ist, dort hinter, den Oliven-Baumen; mich deucht, das sollte kein unfeiner Platz sein.

In der Tat befanden sie ihn, da sie hinzu kamen, noch anmutiger, als er von fern geschienen hatte; denn es zog sich ein hohes Gebusche von gelben und weissen Rosen auf der einen Seite um ihn her, und machte eine Art von naturlicher Laube, und wo er offen war, hatte man eine Aussicht uber die schonsten Wiesen, die von bunten Blumen funkelten, und von hundert schlangelnden Bachen durchschnitten waren, deren Rand zu beiden Seiten mit fruchtbaren Baumen besetzt dem entzuckten Auge das Gemalde eines Paradieses darstellte.

Was fur ein angenehmer Ruheplatz, rief Don Sylvio, dem dieser Anblick wieder den Mut erhohte; sollte man nicht denken, dass ihn irgend eine Nymphe oder Fee in diesem Augenblick habe entstehen lassen, damit wir uns wieder erquicken konnen? Aber ich bitte dich, hole mir eine Flasche Wasser aus jenem Bache, der dort zwischen den Rosinen-Strauchen fliesst; ich bin ganz leck vor Durst und Mattigkeit. Indem er dieses sagte, warf er sich auf den Rasen hin, der so weich und zart war wie ein samtner Polster.

Pedrillo kam in der Minute mit seiner Flasche zuruck; Munter, munter, Herr Don Sylvio, rief er ihm zu, hier ist Wassers die Fulle, und was noch mehr ist, hier sind noch ein paar Flaschen Wein von Malaga, in meinem Zwerchsack, die uns nur desto besser schmecken werden, weil wir sie so sauer verdient haben. Hei sa; auf Gesundheit unsrer Princessin; was noch nichts ist, kann etwas werden. Nur gutes Muts, gnadiger Herr, es ist noch nichts verspielt. Wir sind ja noch keinen Tag auf der Reise, und es ware vielleicht besser, wenn wir nicht so gar notig taten. Man weisst ja beim Velten, wie die Weibsleute sind; ich wette, wenn wir ganz ruhig unsre Strasse zogen, und uns Essen und Trinken schmecken liessen, und taten, als ob uns nicht viel daran gelegen ware, sie kame von sich selbst, und liesse sich so willig haschen, als jene Schaferin, die vor einem Hirten, den sie liebte, fliehen wollte, und in eine Grotte lief Zum Henker! wer hat mehr dabei zu gewinnen als sie selbst? Meint ihr, dass sie lieber ein armer blauer Schmetterling ist, als eine Princessin und eure Frau? Das soll sie einem andern weis machen! Es ist also, wie ihr seht, noch nichts versaumt; wir wollen es den verdammten Carabossen zum Trotze tun und lustig sein. Auf, Herr Don Sylvio; Essen und trinken halt Leib und Seele zusammen; kommt und greift zu; Wer weisst, ob wir nicht Morgen mit unsrer Princessin in einem Schloss von Alabaster aus lauter Regenbogen Schusseln zu Mittag essen.

Dieser schone Zuspruch des Pedrillo wurde durch sein Beispiel und den Appetit unsers Helden so nachdrucklich unter stutzt, dass er, wenn uns dieser Jansenistische Ausdruck erlaubt ist, eine unwiderstehliche Wirkung tun musste.

Don Sylvio erfuhr bei dieser Gelegenheit, wie richtig die Anmerkung des weisen Zoroasters ist, welcher in einem seiner verloren gegangenen Buchern versichert, dass ein Pfund weisses Brot, eine kalte Pastete, und eine Flasche Wein von Malaga, bei einer Person, die guten Appetit und lange nichts gegessen hat, ein bewahrtes Mittel gegen allen Kummer sei. Sein Mut nahm nach der namlichen Proportion zu, in welcher die Pastete und die Flasche abnahm; die frohlichen Geister des Weins zerstreuten in kurzer Zeit die schwarzen Dunste, womit sein Gehirn umzogen war, und allmahlich nahmen angenehme Bilder, lachelnde Aussichten und susse Traumereien ihre Stelle ein, bis endlich der Gott des Schlafs, ohne ein Kornchen Mohn-Samen dazu notig zu haben, seiner aufgelosten Sinne sich bemachtigte, und, indem er ihn sanft betaubt ins Gras hin streckte, den Zephyrn Befehle hinterliess, ihn von Zeit zu Zeit mit vertropfenden Rosen zu bestreuen.

Pedrillo folgte in wenigen Augenblicken dem Beispiel seines Herrn, nachdem er die Vorsichtigkeit gebraucht hatte, sich und seinen vielgeliebten Zwerchsack zwanzig oder dreissig Schritte weit von ihm weg hinter ein Gebusch in Sicherheit zu bringen.

Unsre Leser befinden sich vermutlich durch die narcotische Kraft unsrer Erzahlung in den namlichen Umstanden, und damit sie, wenn sie Lust haben, unsern Schlafern Gesellschaft leisten konnen so wollen wir hier eine kleine Pause machen.

Neuntes Capitel

Das artigste Abenteuer in diesem ganzen Buche

Pedrillo hatte ungefahr zwo oder drei Stunden geschlafen, als er wieder aufwachte, und weil er sich wieder vollkommen munter befand, so stund er auf, und schlich aus seinem Busch hervor, um nach seinem Herrn zu sehen. Aber wie gross war sein Erstaunen uber den Anblick, der sich ihm darstellte, da er naher hinzu kam! Eine sprode Schaferin, die in einer Sommerlaube schlummernd von den Freuden getraumt hat, so sie wachend verachtet, kann nicht besturzter sein, wenn sie plotzlich auffahrend sich in die Arme eines kuhnen Liebhabers verwickelt fuhlt, als es Pedrillo war, da er zwoer junger Frauenzimmer gewahr wurde, welche halb vom Rosengebusche versteckt neben seinem Herrn stunden, und ihn aufmerksam zu betrachten schienen.

Beide waren wie Schaferinnen gekleidet, beide schienen nicht uber sechzehen Jahr alt zu sein, und beide deuchten ihn so schon, dass er eine gute Weile zweifelte, ob sie nicht von den Nymphen und Sylphiden seien, die seinem Herrn so gern im Schlafe zu erscheinen pflegten. Traume ich etwan auch, dachte er bei sich selbst, und bilde mirs nur so ein, dass ich wache, oder sehe ich mit meinen leiblichen Augen? Halt einmal, wir wollen bald dahinter kommen; ich will mich in die Arme und in die Waden zwicken Gut, gut, ich bins selbst, das hat seine Richtigkeit das sind ja meine Augen? und ich mag sie reiben wie ich will, so zeigen sie mir doch immer diese zwo schone Creaturen, wenn es anders Creaturen sind; aber ich glaube ganzlich, dass es Feen sind, und von den schonsten Feen, die man nur immer an einem Sommertag sehen kann.

Damit fing er von neuem an mit weitoffnen Augen und gahnendem Maul zu gaffen, als ob er es nicht satt werden konnte, und je mehr er sie betrachtete, desto mehr versicherte er sich, dass er in seinem Leben nichts so schones gesehen habe.

Eine von beiden war etwas grosser und schlanker als die andre, und nicht uber siebenzehn oder achtzehn Jahre alt; sie war ganz weiss gekleidet, und hatte an statt der naturlichen Blumen kleine Strausse von lauter Edelsteinen im Haar und vor dem Busen stekken, deren funkelnder Schimmer jedoch von dem Glanz ihrer schonen Augen eben so sehr als die Weisse ihres Anzugs von dem blendenden Alabaster ihres Nackens und ihrer Arme ubertroffen wurde.

Pedrillo, von so viel Glanz und Schimmer ganz geblendet, zweifelte keinen Augenblick, dass es die Fee Radiante selbst sei, und wurde noch mehr in diesem Gedanken bestarkt, da er in einiger Entfernung ein paar Edelknaben sahe, die so schon waren, und so sehr von Silber schimmerten, dass er sie fur nichts geringers als ein paar Salamander halten konnte. In diesem Augenblick verschwanden alle die kleinen Zweifel, die ihm von Zeit zu Zeit uber die Wurklichkeit dieser Fee und der ganzen Geschichte, die davon abhing, aufgestiegen waren; nun war in seinen Augen nichts gewissers, als dass der blaue Sommervogel eine Princessin war, und die Erscheinung der Fee, von der, wie er nun ganzlich glaubte, die Entwicklung dieses Romans abhing, versicherte ihn vollkommen, dass sein junger Herr in kurzer Zeit uber alle Zwerge und Zwerginnen obsiegen, und der glucklichste Prinz von der Welt werden wurde.

In diesen Hoffnungsvollen Gedanken schlich er wiewohl zitternd und den Atem zuruck haltend, naher hinzu, und da er merkte, dass sie mit einander redeten, so blieb er ganz nahe im Gebusche stehen, und lauschte mit gerecktem Ohr, einem jungen Faunen nicht unahnlich, der ein paar Nymphen belauscht, die mit einander abreden, wo sie diese Nacht sich baden wollen.

Gestehen sie, (horte er die kleinere sagen, eine lebhafte reife Brunette von vier und zwanzig Jahren, bei deren Anblick ihm das Herz pochte, wie es in seinem Leben noch nie gepocht hatte) Gestehen sie, dass sie diesen liebenswurdigen jungen Menschen nicht ohne Bewegung ansehen? Wie schon er da liegt! was fur Locken! was fur ein reizendes Gesicht, lauter Lilien und Rosen! Ich will nicht ehrlich sein, wenn Endymion so schon war als dieser bezaubernde Schlafer. Sehen sie doch, gnadige Frau! Spuren sie nicht einen kleinen Beruf in sich, seine Diana zu werden?

Narrisches Madchen! versetzte die vermeinte Fee, was du fur Einfalle hast! Und doch will ich dir gestehen, Laura In der Tat, er ist schon! aber wenn er aufwachen wurde? das sicherste ist, wir gehen wieder

Da haben Eu. Gnaden recht, erwiderte die Kleinere mit einer boshaften Mine, was machen wir auch hier? Er kann alle Augenblicke aufwachen, und was wird er denken, wenn er sieht, dass wir so vor ihm da stehen, und ihn angaffen, als ob wir noch nie keinen rotbakkichten Buben gesehen hatten.

Aber, versetzte die Fee, ich mochte doch wissen, wer er ist? Seiner Gestalt und seinem Anzug nach scheint er nichts gemeines zu sein

O! das versprech ich ihnen, sagte die Nymphe; eine Carmeliter-Nonne, die ihn an unserm Platz in diesem Rosen-Gebusche angetroffen hatte, wurde ihn zum wenigsten fur einen kleinen Johann Baptist, oder gar fur einen Engel angesehen haben.

Aber wer kann er dann sein? Ich kenne in unsrer ganzen Gegend

Das glaub ich wohl, unterbrach sie die andre; es ist kaum drei Wochen, dass Eu. Gnaden in dieser Gegend sich aufhalten, und ihre Antipathie gegen die gewohnliche Land-adeliche Figuren hat ihnen noch nicht erlaubt, Bekanntschaften zu machen; sie haben ja ausser dem Licentiat Don Gabriel, den sie schon zu Valencia kannten, und ihrem Bruder, mit keiner Seele Umgang gehabt, als mit den Nachtigallen in ihrem Park, und den Lammern auf ihrer Schaferei?

Rede nicht so laut, sagte die andre, ich besorge alle Augenblicke, dass er aufwachen mochte; ich wollte um alles in der Welt nicht, dass er uns sahe Aber sage mir einmal, Laura, begreifst du, was einen jungen Menschen, der dem Ansehen nach von Stande zu sein scheint, so allein hieher gebracht haben kann? Er ist nicht so allein, als ihr denkt, meine schone Damen, rief Pedrillo, der sich nimmer langer halten konnte, da er merkte, dass die Fee eine gnadige Frau, und die Nymphe eine Art von Kammermadchen war.

Der kleine Schrecken, den diese Stimme unsern Schonen machte, weil sie nicht gleich sahen, woher sie kam, verschwand augenblicklich, wie sie den Pedrillo ansichtig wurden, der, ungeachtet seines nicht sehr schimmernden Aufzugs, ein junger Pursche von einer glucklichen Physionomie und von einer Figur war, die einem sprodern Madchen als die schone Laura zu sein schien, hatte Anfechtungen machen konnen.

Ich sehe wohl, fuhr er fort, dass ihr gerne wissen mochtet, was fur eine Gattung von Vogeln mein junger Herr ist, den ihr hier schlafend angetroffen habt. Wenn ihr mir versprecht, dass ihr es bei euch behalten wollt, denn es ist uns viel daran gelegen, dass eine gewisse alte Tante, die wir haben, nichts davon erfahre, wo wir hingekommen sind, es steckt ein Geheimnis darunter, versteht ihr mich? Aber ich denke, so hubschen jungen Damen kann ich es wohl sagen, denn ihr seht mir, beim Velten! weder Nichten noch Basen von der Fee Fanferlusch gleich

Erklart euch ein wenig deutlicher, mein Freund, sagte Laura mit einem Blick, den Pedrillo nicht auf die Erde fallen liess, aber macht es kurz, wir mochten sonst euren Herrn vom Schlaf erwecken

O! daruber macht euch keine Sorgen, antwortete Pedrillo; Er hat die ganze verwichene Nacht kein Auge zugetan, und wenn er einmal ins Schlafen kommt, so konnte der Himmel einfallen, ehe er aufwachen wurde. Er ist vor Mattigkeit eingeschlafen, denn wir haben seit gestern Nachts um zwolf Uhr wenigstens vier und zwanzig Meilen gemacht.

Vier und zwanzig Meilen; und zu Fuss, wie es scheint? sagte Laura, als ob sie sich sehr verwunderte.

Es geht gar schnell, meine schone Jungfer, wenn man auf der Feerei reist, antwortete Pedrillo, man kommt da aus dem Lande, man weisst selbst nicht wie, und ihr habt oft ein paar tausend Meilen gemacht, wenn ihr geschworen hattet, dass ihr nicht vom Fleck gekommen waret.

Das gesteh ich! sagte Laura; aber was nennt ihr denn auf der Feerei reisen, wenn man fragen darf?

Sapperment! gnadiges Fraulein, erwiderte Pedrillo, das ist eine Frage, die sich nicht in einem Augenblick beantworten lasst. Aber um es kurz und gut zu geben, so suchen wir, unter uns gesagt, eine Princessin, oder eigentlich zu reden, einen Schmetterling, in den mein Herr verliebt ist; und wenn wir ihn gefunden haben, so soll ihn mein Herr in eine Princessin verwandeln, und heuraten, das ist das Ganze, seht ihr; aber ich bitte euch, haltet reinen Mund; wir mussen uns vor gewissen Zwergen in Acht nehmen, die einen Anspruch auf unsre Princessin machen, und uns, wenn sie von unserm Vorhaben Wind bekamen, den ganzen Spass verderben konnten.

Was halten Eu. Gnaden von unserm Fund? sagte Laura seitwarts zu der schonen Dame; haben sie in ihrem Leben jemals so reden gehort? Man konnte sichs ja nicht narrischer traumen lassen

Aber wer ist denn dein Herr, fragte die Dame?

O! was das anbetrifft, antwortete Pedrillo, er ist der beste, freundlichste, freigebigste, gutherzigste, gelehrteste und tapferste junge Edelmann in ganz Spanien, das konnt ihr mir glauben; ich muss es doch wohl wissen, weil wir miteinander aufgewachsen sind; er ist mein Milchbruder Gut, gut, fiel ihm die Dame ein, ich frage bloss nach seinem Namen, wie heisst er?

Don Sylvio von Rosalva, heisst er, sprach Pedrillo, sein Schloss ist nur drei kleine Stunden von Xelva, herwarts. Don Sylvio, wie gesagt; sein Vater hiess Don Pedro von Rosalva, er war mein Taufpate, gnadiges Fraulein, und deswegen wurde ich Pedro getauft; aber wie ich klein war, nannten sie mich Pedrillo, und nun heiss ich eben noch Pedrillo und werde wohl Pedrillo sein und bleiben, so lang es Gott gefallt; es ware dann, dass mein gnadiger Herr seine Princessin bald fande, denn da wollt ich keinem davor gut sein, dass ich nicht ein Marquisat, oder eine von den Grafschaften davon tragen konnte, die sie meinem Herrn zum Brautschatz mitbringen wird.

Pedrillo sagte alles dieses mit solchem Ernst und mit einer so aufrichtigen Mine, dass unsre Schonen keinen Augenblick langer zweifelten, dass es mit diesen Leutchen nicht richtig stehen musse. Hier ist ja noch mehr als Don Quixotte, sagte die Zofe zu ihrer Gebieterin; wenn der Herrin einen Schmetterling verliebt ist, und der Diener auf Marquisate Staat macht, so konnen wir noch Freude an ihnen erleben Aber, guter Freund, ihr sagtet uns von einem Schmetterling, in den euer Herr verliebt sei, und den er in eine Princessin verwandeln soll? Ihr wolltet vermutlich sagen, dass er in eine Princessin verliebt sei, die von einem Zauberer in einen Schmetterling verwandelt worden?

Getroffen! rief Pedrillo, das ist eben die Sache, und jetzt soll sie wieder in eine Princessin parafrasiert werden. Aber wenn ich euch die Wahrheit sagen soll, so deucht mich, unter uns, die Fee Rademante, die meinem gnadigen Herrn ihre Production versprochen hat, lasst sich die Sache nicht so angelegen sein als sie wohl konnte, und ich besorge eben immer, es mochte am Ende noch auf ein La mi hinaus gehen

Was ist denn das fur eine Fee, fragt die Zofe; Rademante, sagt ihr?

O! sie mag heissen wie sie will, unterbrach sie die andre Dame mit einer Mine, die in einem minder anmutigen Gesicht verdriesslich ausgesehen hatte; wir haben keine Zeit uns um Feen und Schmetterlinge zu bekummern, es wird Nacht sein, ehe wir zu Lirias sind; was wird mein Bruder von unserm Aussenbleiben denken?

Mit diesen Worten entfernte sie sich, nachdem sie noch einen Blick auf den schonen Schlafer geworfen hatte; einen Blick, der sich, wenn sie allein gewesen ware, vielleicht in einen Kuss verwandelt hatte; wenigstens war dieses eine von den Anmerkungen, welche die schlaue Laura ganz in der Stille bei sich selbst machte.

Pedrillo hielt es fur seine Schuldigkeit, diese schonen Damen bis an den Weg zu begleiten, wo sie ihre Maultiere unter der Aufsicht der zween Edelknaben gelassen hatten; allein, die Wahrheit zu sagen, sein Herz hatte mehr Anteil an diesem Umstand als seine Hoflichkeit. Die kleine Laura hatte in wenigen Augenblicken eine Veranderung in ihm gewurkt, woran die gute Dame Beatrix schon etliche Jahre mit wenig Erfolg gearbeitet hatte; Kurz, er war so verliebt, als es jemals ein Pedrillo gewesen ist. Es deuchte ihn, er hatte seiner schonen Unbekannten noch wer weisst wieviel zu sagen, aber das Herz war ihm so voll, dass er kein Wort heraus bringen konnte, und sie waren schon eine gute Weile unsichtbar geworden, da er noch immer wie an den Boden gefesselt stand, und mit unverwandtem Blick nach der Gegend hinsah, wo er sie aus den Augen verloren hatte.

Zehendes Capitel

Wer die Dame gewesen, welche Pedrillo fur eine Fee

angesehen

Pedrillo, den wir von nun an, oder eigentlicher zu reden, von dem Augenblick an, da ihn die reizende Laura zum erstenmal angelachelt hatte, als einen Menschen betrachten mussen, von dem ohne Unbilligkeit nicht gefordert werden kann, dass er diejenige Gegenwart des Geistes zeigen soll, wodurch einer, der bei sich selbst ist, sich zu unterscheiden pflegt; Pedrillo, sage ich, hatte die beiden Damen, die ihm in dem vorigen Capitel erschienen, schon eine geraume Zeit aus dem Gesicht verloren, ehe es ihm einfiel, dass er nicht ubel getan hatte, sich zu erkundigen, wie sie hiessen, oder wo man sie erfragen konnte.

Weil es aber eben so wenig billig ware, wenn unsre Leser, die vermutlich nicht verliebt sind, diese Zerstreuung des verliebten Pedrillo entgelten mussten; So halten wir uns verbunden, die Neugier zu befriedigen, die wir uns schmeicheln in ihnen erregt zu haben, indem wir ihnen, ohne die geheimnisvolle Zuruckhaltung, womit die Romanen-Dichter uns zuweilen etliche Capitel lang im Zweifel lassen, wer diese oder jene Person sei, mit der sie uns in irgend einem Wirtshaus oder auf der Landgutsche zusammen gebracht haben, jedoch in grosstem Vertrauen, (denn in der Tat darf Don Sylvio noch nichts davon wissen,) entdecken wollen, wer diese Damen waren, und durch was fur einen Zufall sie an den Ort gekommen, wo sie, zum Ungluck fur die Ruhe ihres Herzens, den schonen Sylvio schlafend und seinen getreuen Achates wachend angetroffen.

Diejenige, welche Pedrillo ihrer Gestalt und ihrer Juwelen wegen fur eine Fee angesehen hatte, nannte sich Donna Felicia von Cardena, und befand sich in einem Alter von achtzehn Jahren, die Witwe von Don Miguel von Cardena, der die Discretion gehabt hatte, ungefahr zwei Jahre nach ihrer Vermahlung im siebenzigsten seines Alters zu sterben, und sie als Erbin der unermesslichen Reichtumer zu hinterlassen, mit deren Erwerbung er beinahe sein ganzes Leben in Mexico zugebracht hatte.

Sie wohnten seit ihrer Vermahlung zu Valencia, einer Stadt, die ihrer Schonheit und angenehmen Lage wegen von den Spaniern Vorzugsweise die Schone genannt wird. Allein so bald Donna Felicia durch den Tod ihres Alten Meisterin von sich selbst wurde, entschloss sie sich, aufs Land zu ziehen, wo sie einem gewissen romanhaften Schwung ihrer Phantasie und ihres Herzens sich ungehinderter uberlassen konnte.

Die Poeten hatten bei ihr ungefahr die namliche Wurkung getan, wie die Feen-Marchen bei unserm Helden. Wenn dieser seine Einbildungs-Kraft von Verwandlungen, Zaubereien, Princessinnen, Popanzen und Zwergen voll hatte, so war die ihrige mit poetischen Gemalden, arcadischen Schafereien und zartlichen Liebesbegegnissen angefullt; und sie hatte sich den frostigen Armen eines so unpoetischen Liebhabers als ein Ehmann von siebenzig Jahren ist, aus keiner andern Absicht uberlassen, als weil die Reichtumer, uber welche sie in kurzem zu gebieten hoffte, sie in den Stand setzen wurden, alle die angenehmen Entwurfe zu realisieren, die sie sich von einer freien und glucklichen Lebensart, nach den poetischen Begriffen, machte.

Bei einer seltnen Schonheit besass Donna Felicia alle die Annehmlichkeiten, welche den Mangel der Schonheit ersetzen, und die Schonheit unwiderstehlich machen. Sie spielte die Laute in der aussersten Vollkommenheit, und begleitete sie mit einem Gesang, der desto bezaubernder war, da der blosse Ton ihrer Stimme etwas ruhrendes und musicalisches hatte, welches nach dem Urteil des guten Konigs Lear, ein vortreffliches Ding an einem Frauenzimmer ist. Sie zeichnete, sie malte in Pastell, und damit ihr keine von den Gaben der Musen fehlen mochte, so machte sie auch Sonnette, Idyllen, und kleine Sinngedichte, welche nach dem Urteil ihrer Liebhaber alles ubertrafen, was die Sappho's, die Corinnen, und die neun Musen selbst jemals in dieser Art hervor gebracht hatten.

Man kann sich vorstellen, was fur eine Revolution der Tod ihres Gemahls in der schonen Welt zu Valencia machen musste. Alle Damen zitterten fur die Treue ihrer Liebhaber, alle jungen Herren rusteten sich auf eine so glanzende Eroberung; die Poeten machten ganze Wagen voll Stanzen und Elegien im Vorrat, welche sie bei den Liebhabern der schonen Witwe in billigen Preise anzubringen hofften: Kurz, alle Welt war in Bewegung, diejenige allein ausgenommen, die das Ziel so vieler Anstalten und Absichten war. Ihre Trauerzeit und der Winter waren kaum vorbei, so verliess sie die Stadt, ohne sich zu bekummern, in was fur trostlose Umstande ein so grausamer Entschluss ihre Anbeter setzen werde, und begab sich mit ihrem Bruder nach Lirias, einem schonen Gut, so er in einer der anmutigsten Gegenden besass, die man auf dem Erdboden findet.

Sie erwahlte sich diesen Aufenthalt, teils, weil sie ihren Bruder sehr zartlich liebte, teils des Wohlstands wegen. Denn ob sie gleich selbst ein prachtiges Landgut besass, welches Don Miguel auf ihr Verlangen in der Nachbarschaft von Xelva gekauft hatte; so hielt sie es doch fur anstandiger, unter den Augen eines Bruders zu leben, zumal, da sie keine nahere Verwandte ubrig hatte, und Don Eugenio von Lirias in dem allgemeinen Ruf stund, ein sehr verdienstvoller junger Edelmann zu sein.

Donna Felicia hatte auf ihrem eigenen Gut eine Art von Schaferei angelegt, aus welcher sie nach und nach ein andres Arcadien zu machen gedachte. Sie setzte sich vor, von Zeit zu Zeit einen kleinen Absprung dahin zu machen, und sie war eben im Begriff in Gesellschaft ihrer vertrauten Laura von einer solchen Spazier-Reise nach Lirias zuruck zu kehren, als sie des Rosengebusches ansichtig wurde, unter welchem Don Sylvio eingeschlafen war. Der Ort deuchte sie so anmutig, dass sie abstieg, um etliche Rosen zu brechen, von denen sie, wie alle poetische Seelen, eine grosse Liebhaberin war, und dieses war der Anlass, wobei sie auf eine so unvermutete Art durch den Anblick unsers schlummernden Feen-Ritters uberraschet wurde.

So poetisch, mystisch oder magisch das Wort Sympathie in den Ohren vieler unsrer heutigen Weisen klingen mag, so kennen wir doch kein anders Wort um eine gewisse Art von Zuneigung zu bezeichnen, die wir (die samtlichen Kinder von Adam und Even namlich) zuweilen beim ersten Anblick fur unbekannte Personen empfinden, und welche sich so wohl in ihrer Quelle, als in ihren Wurkungen von allen andern Arten der Zuneigung, Freundschaft oder Liebe nicht wenig unterscheidet.

Zum Exempel: Es waren wohl mehr als funfzig der Liebenswurdigsten jungen Cavaliers in Valencia, die sich alle nur ersinnliche Muhe gaben, das Herz der schonen Felicia zu ruhren, ohne dass sie es so weit bringen konnten, dass sie einem unter ihnen den Vorzug vor den Reichtumern des alten Don Miguel gegeben hatte. Einige von ihren Verehrern hatten wurklich Verdienste; Donna Felicia liess ihnen hieruber vollkommene Gerechtigkeit widerfahren; sie schatzte sie hoch, fand Vergnugen an ihrem Umgang, wurdigte sie ihrer Freundschaft, und wurde vielleicht, (man merke, mit Erlaubnis, dieses vielleicht) unter gewissen Umstanden, in einem gewissen Zeichen des Monds, wenn ein gewisser Wind gegangen ware, an einem gewissen Ort, zu einer gewissen Stunde und in gewissen Dispositionen, so gar fahig gewesen sein, fur irgend einen unter ihnen, der mehr Lebensart gehabt hatte als der kleine Abbe der Frau von Lisban, eine kleine Schwachheit zu haben; denn, (mit Erlaubnis unsrer schonen Landsmanninnen) es gibt nach der Meinung des weisen Avicenna, welcher auch der ehrwurdige Pater Escobar in seiner Moral-Theologie beipflichtet, gewisse Augenblicke, wo ein glucklicher Zufall der Tugend ungemein zu statten kommt. Allein es gelang keinem einzigen unter ihnen, und wurde auch nach einer langern Reihe von Jahren, als die Celadons in der Astraa zu den Fussen ihrer unempfindlichen Gottinnen verseufzen, keinem unter ihnen gelungen sein, ihr diese ausserordentliche und unerklarbare Empfindung beizubringen, welche Don Sylvio, ohne sein Zutun, ohne darum zu wissen, schlafend, und beim ersten Anblick in ihr erregte; eine Empfindung, die ihr in dem zehnten Teil eines Augenblicks mehr sagte, als ihr Herz ihr in ihrem ganzen Leben fur alle ihre Bewunderer gesagt hatte; Kurz, eine Empfindung, die ihr, wenn der ecstatische Zustand, worin sie sich damals befand, einige Aufmerksamkeit auf sich selbst erlaubte, ganz deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie fahig ware diesem unbekannten jungen Schlafer alle die Reichtumer mit Freuden aufzuopfern, denen sie vor wenigen Jahren die liebenswurdigste Jugend von Valencia aufgeopfert hatte.

Was die eigentliche Ursache einer so seltsamen Wurkung, und aller derjenigen sei, wodurch sich die sympathetische Liebe von den ubrigen Arten der Liebe unterscheidet, wurde eine Untersuchung sein, die uns zu weit von unsrer Erzahlung entfernte, und wir uberlassen es unsern Lesern, sich hieruber diejenige Hypothese auszuwahlen, die ihnen die anstandigste ist. Es mag nun sein, dass die Seelen solcher sympathetischen Geschopfe in einem vorherigen Zustande, sich schon gekannt und geliebt haben, oder dass es eine naturliche Verwandtschaft unter Seelen, und wie es ein Englischer Dichter nennt, Schwester-Seelen gibt, oder dass ihre Genii in einem besondern Verstandnis mit einander stehen, oder dass eine musicalische Gleichstimmung ihrer Fibern und Fibrillen auf eine mechanische Art diese Wurkung hervor bringt: Genug, dass diese Sympathie sich eben so wurklich in der Natur befindet, als die Schwere, die Anziehung, die Elasticitat, oder die magnetische Krafte, und dass man es, alles wohl uberlegt, der schonen Donna Felicia eben so wenig ubel nehmen kann, dass sie, von der magischen Gewalt dieses Geheimnisvollen Zugs bezwungen, sich nicht erwehren konnte, fur unsern Helden etwas zu empfinden, das sie noch nie empfunden hatte, als man es einem gewissen Regulo Vasconi ubel auslegen konnte, dass er, nach Scaligers Bericht, das Wasser nicht zuruck halten konnte, so bald er eine Sack-Pfeife horte.

Wir haben Uns, dieses nicht allzu edlen Gleichnisses, ungeachtet wir besorgen mussten, die Delicatesse unsrer schonen so wohl als hasslichen Leserinnen dadurch zu beleidigen, mit gutem Vorbedacht bedient, weil es, im Fall die kunftigen Commentatoren dieser unsrer Geschichte so vorwitzig sein sollten, unsre wahre Meinung von der Sympathie erforschen zu wollen, dazu dienen kann, ihnen einiges Licht hieruber zu geben. Und nunmehr kehren wir, ohne uns langer mit solchen Subtilitaten aufzuhalten, zu unsern beiden Schonen zuruck, welche wir, wie man sich vielleicht noch erinnert, auf dem Ruckwege nach Lirias verlassen haben.

Eilftes Capitel

Eines von den gelehrtesten Capitel in diesem Werte

Der Geschmack der Leute in der Welt ist so verschieden, dass wir nicht davor stehen konnen, ob sich nicht Leser finden werden, die sich fur die Dame Laura, ob sie gleich nur eine Schone von der zweiten Classe, oder, um uns gelehrt auszudrucken, eine Dea minorum Gentium ist, vielleicht starker interessieren als fur ihre Gebieterin selbst. Sollte es solche Liebhaber geben, so werden sie vermutlich nicht wohl auf uns zu sprechen sein, dass wir ihnen nicht auch einen Auszug der Geschichte der schonen Laura mitteilen. Allein wir ersuchen sie; sich zu erinnern, dass wir bereits so viel von diesem jungen Fraueuzimmer gesagt haben, als man notig hatte, um zu sehen, dass sie eine artige, hubsche, witzige und ziemlich lebhafte kleine Person war, und dieses ist, deucht uns, das merkwurdigste, was wir von ihr sagen konnten. Denn was ihre Geschicht betrifft, so war sie ein Kammer-Madchen, und die Geschichte der Kammer-Madchen ist, wie man weiss, wenigstens nach dem ordentlichen Lauf der Natur, in der ganzen Welt eine und eben dieselbige.

Der beruhmte P. Sanchez merket in seinem eben so keuschen als lehrreichen Buche, de Matrimonio an, dass eine angehende Liebe anders auf eine junge Witwe, und anders auf ein junges Madchen wurke; die erste, sagt er, wird davon munter, aufgeweckt, mutwillig; da man hingegen an der andern ein in sich selbst hinein gezogenes Staunen, und eine stille Schwermut bemerkt, welche (setzt dieser vortreffliche Mann hinzu) die Wurkung des geheimen innerlichen Abscheus ist, den die Seele vor der Gefahr empfindt, aus dem glorreichen Stande der Engel herab zu sturzen, und in eine grobe materielle Leidenschaft zu sinken, die in ihren Folgen endlich zu einer so unanstandigen Verkorperung fuhrt, als diejenige ist, wodurch die Welt mit Sunden bevolkert wird.

Wir haben eine zu tiefe Ehrfurcht fur die H. Inquisition, als dass wir uns unterstehen sollten, einen so grossen Mann auch nur des kleinsten Irrtums zu beschuldigen; wir wollen also lieber sagen, die Natur habe sehr unrecht getan, dass sie, ohne die geringste Achtung fur die Autoritat eines Mannes, der so viel neue Sunden erfunden hat, in der schonen Felicia und ihrer Vertrauten gerade das Widerspiel von seiner Beobachtung zu wurken sich erkuhnt habe. Denn so widersinnisch es immer scheinen mag, so gewiss ist es, und so wenig konnen wir leugnen, dass auf der Reise nach Lirias, wovon jetzt die Rede ist, die junge Witwe staunend und stillschweigend, und das Madchen, ungeachtet der Gefahr, vor der ihrer jungfraulichen Seele hatte schauern sollen, so frohlich und bei so guter Laune war, dass die allerseraphischste Schwester der H. Clara in Versuchung hatte geraten mogen, sich an ihren Platz zu wunschen. Sie hatten bereits ein ziemliches Stuck Weges zuruck gelegt, ohne dass Donna Felicia, so begierig auch die muntere Laura auf das Signal wartete, ihren Einfallen Luft zu machen, nur einen einzigen Laut von sich gegeben hatte; es ware dann, dass man einen Seufzer hieher rechnen wollte, der ihr ungefahr entwischte, eigentlich zu reden aber nur ein Fragment von einem Seufzer war, indem sie ihn eben noch fruh genug ertappt hatte, um zwei Drittel davon in ihren verschwiegenen Busen zuruck zudrucken.

Endlich konnte es Laura, die fur ein Kammer-Madchen ausserordentlich lange geschwiegen hatte, nicht langer aushalten; sie machte den Anfang mit einer Frage, die wieder eine andre nach sich zog, und so erhub sich nach und nach zwischen ihr und ihrer Gebieterin oder Freundin, (denn sie war in der Tat beides) eine Unterredung, die wir unsern geehrten Lesern von Wort zu Wort mitteilen wollen, wie Pedrillo sie in der Folge aus den corallenen Lippen seiner Nymphe unmittelbar vernommen zu haben, uns selbst versichert hat.

Zwolftes Capitel

Ein weiblicher Dialogus

Sie sind ungewohnlich tiefsinnig, gnadige Frau.

Tiefsinnig?

Wenn sie es nicht ungnadig nehmen wollen, und bei nahe schwermutig, wenn sich ein so verdriessliches Wort fur ein Gesicht schickte, worin selbst der Unmut reizend ist.

"Ich weiss nicht, was du damit sagen willst; mich deucht ich bin so aufgeraumt, als ich es diesen ganzen Tag gewesen bin."

Nicht ganz so aufgeraumt, gnadige Frau.

"Warum sollt ichs denn nicht sein, wenn man fragen darf?" Das weiss ich nicht; aber mich deucht, ich horte eben jetzt einen kleinen Seufzer

"Einen Seufzer?"

Ja, aber nur einen kleinen, so eine Art von Seufzern, wie ein Madchen von vierzehn Jahren seufzt, wenn sich ein hubscher junger Liebhaber um ihre altere Schwester bewirbt.

"Du hast unverschamte Gleichnisse, Madchen; du verwandelst einen armen unschuldigen Atemzug in einen Seufzer, um einen Einfall anzubringen, auf den du dich seit einer ganzen Viertelstunde besonnen hast."

Ich danke Ihro Gnaden fur das Compliment, das sie meinem Witz machen; aber weil sie weder tiefsinnig aussehen noch geseufzt haben wollen, ob sich gleich noch manches dagegen einwenden liesse, so wollen wir von etwas anderm reden, wenn es Ihnen beliebt.

"Ich bin diesen Abend nicht sehr zum Plaudern aufgelegt."

Es war ein recht angenehmer Ort, wo Ihro Gnaden diese Rosen brachen, welche, die Wahrheit zu sagen, (denn ich bin kein Poet) bereits an Ihrem Busen zu verwelken anfangen es war ein recht angenehmer Ort!

"Das war es."

Ein recht poetischer Ort, in der Tat, und ich hoffe, es hat Ihre Gnaden nicht gereut, dass Sie da abgestiegen sind ungeachtet des kleinen Endymions, den wir da schlafend gefunden haben. Gestehen sie, gnadige Frau, dass man in Valencia nichts so schones sieht.

"Du sprichst mit einer Lebhaftigkeit von ihm, die mich bei nahe glauben macht, dass du verliebt seist."

Vielleicht konnten Ih. Gnaden das eher von mir glauben, wenn ich nichts von ihm sagte.

"Ich verstehe dich; du magst dir aber einbilden, was du willst, so kann ich doch nicht sagen, dass er mir so ubernaturlich schon vorgekommen sei, als du ihn machst."

Ubernaturlich schon? das wollt ich eben nicht sagen, denn ich verstehe mich nicht viel auf ubernaturliche Sachen; aber das werden sie doch zugeben, dass er weit schoner ist als Don Alexis, der doch in Valencia eine so wichtige Person vorstellt, dass die Damen nicht warten konnen, bis er sich ihnen antragt, und dass, (Donna Felicia von Cardena ausgenommen,) keine ist, die nicht dafur angesehen sein wollte, ihn wenigstens ein paar Tage gehabt zu haben.

"Schoner als Don Alexis, sagt nicht so viel als du meinst; ich habe ihn nie fur etwas anders gehalten als fur einen abgeschmackten kleinen Gecken, dessen grosstes Verdienst ist, dass er weiche Hande und weisse Zahne hat, und dass er uns, mit aller nur moglichen Einbildung von sich selbst, eine ungeheure Menge plattes Zeug vorzuschnarren weisst."

Auch weiss ich selbst nicht, warum mir gerade dieser Don Alexis in den Sinn kam; denn in der Tat, ich habe nie begreifen konnen, was unsre Damen an ihm sahen. Er mag sich in Acht nehmen; wenn unser Don Sylvio in Valencia auftreten sollte, so wird ihm nicht einmal so viel Verdienst ubrig bleiben, als er braucht, um ein armes zartliches Kammer-Madchen Herz zu verfuhren.

"Ich weiss nicht, mit was fur Augen du diesen Don Sylvio, wie du ihn nennst, angesehen haben musst; ich gesteh es, er kam mir liebenswurdig vor, aber so sehr schone als du sagst "

Ihre Gnaden haben das rechte Wort gebraucht, liebenswurdig, das ist das Wort, das wollt ich eben sagen; denn in der Tat, was seine Schonheit betrifft, daran liess sich vielleicht manches aussetzen. Blondes Haar

"Castanien-braun, willt du sagen "

Nun ja, Castanien-braun, aber weil er eine so uberaus feine Farbe hat, eine Frauenzimmermassige Farbe, mochte man sagen, so wurde blondes Haar, deucht mich

"Und mich deucht, die Natur habe das besser gewusst als du; sein Haar steht wurklich ungemein gut zu seiner Gesichts-Farbe."

Aber ich denke, er sollte doch mehr mannliches in seinem Gesicht haben; Ich stehe Ihnen davor, wenn man ihn in ein Madchen verkleidete, Donna Leonora von Zuniga selbst, die gewiss eine Kennerin von Mannspersonen ist, wurde betrogen werden.

"Gut, er ist kein Hercules, das ist ausgemacht; aber ungeachtet der vollkommenen Feinheit und Regelmassigkeit seiner Zuge, finde ich doch, dass er etwas grosses und heroisches in seiner Bildung hat, das du notwendig bemerkt haben solltest, da du ihn, wie es scheint, so genau betrachtet hast."

In der Tat scheint es, dass ihn Ih. Gnaden in einem einzigen Augenblick richtiger betrachtet haben, als ich in einer Viertel-Stunde. Aber was sagen sie zu seinem Munde? Ich gestehe, dass er schon ist, aber doch ein wenig zu klein, deucht mich

"Ich mochte nur wissen, warum du affectierst, gerade das an ihme zu tadeln, was er wurklich schones hat."

Ich bitte Ih. Gnaden um Vergebung, ich rede nur, wie es mir vorkommt, und wenn ich nicht besorgte, Ih. Gnaden zu missfallen

"Mir zu missfallen? Ich glaube du bist nicht klug; Aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich selbst nicht viel kluger, dass ich deinen tollen Einfallen so viel Gehor gebe. Was bekummert uns das, ob Don Sylvio schon ist, oder wie schon er ist. "

Das ist auch wahr; genug, dass er liebenswurdig ist, das ist doch immer der Punct, worauf alles ankommt. Mich deucht, ich habe irgendwo gelesen, dass uns nichts so schon vorkommt als was wir lieben.

"Wenn das ist, so musstest du sehr in diesen Unbekannten verliebt sein; denn wenn man dich hort, so ist der Vaticanische Apollo von keiner untadelichern Schonheit als Don Sylvio."

Er hat wenigstens den Vorzug vor ihm, dass er Atem holt, und das ist nach meiner geringen Einsicht, ein grosser Vorzug.

"Wir wollen einmal aufhoren zu tandeln. Sage mir einmal Laura, erinnerst du dich noch, was dieser Pedrillo, oder wie er sich nannte, uns von ihm sagte."

Wenn man diesem Burschen glauben durfte, so ware unser Unbekannter von gutem Hause, ein Sohn von Don Pedro von Rosalva, von dem ich Ih. Gnaden Herrn Vater ofters als von einem wackern Officier sprechen horte. Aber wenn ich meine wahre Meinung sagen soll, so glaube ich, Herr Pedrillo konnte mehr gesagt haben, als er jemals wird beweisen konnen.

"Nun ja, das Ansehen kann betrugen, denn das ist vollkommen auf seiner Seite; aber deine Ursachen, wenn ich bitten darf?"

Wenn wir dem Pedrillo, der mir die Mine eines schnakischen Gesellen hat, glauben sollen, so mussen wir auch glauben, dass Don Sylvio in einen Schmetterling verliebt ist, dass er, der Himmel weisst, was fur einen Zwerg zu einem Nebenbuhler hat, und eine gewisse Fee zur Beschutzerin, durch deren Beistand der Schmetterling in eine Princessin verwandelt werden soll, und so weiter. Das ist nun alles toll genug, deucht mich. Das argste ist, dass der Bauer-Junge alles dies abgeschmackte Zeug mit einer so verwunschten ehrlichen Schafs-Mine vorbrachte, mit einem so trostlosen Ton der Aufrichtigkeit, dass uns alle Hoffnung benommen ist, er mochte es nur zum Spass gesagt haben. Das ist verzweifelt!

"Ich gestehe dir, Laura, und warum sollt ich dir ein Geheimnis daraus machen? ich interessiere mich fur diesen jungen Menschen. Er musste verruckt sein, wenn Pedrillo die Wahrheit gesagt hatte."

Und Pedrillo musste noch verruckter sein, gnadige Frau, denn man kann nicht gelassner von den alltaglichsten Dingen reden, als er von Sommervogeln, Zwergen, Feen, Princessinnen und Marquisaten spricht.

"Es ist etwas unbegreifliches in allem diesem. Aber so viel lasst sich doch aus dem verworrenen Geschwatze des Dieners erraten, dass sich Don Sylvio um einer Liebes-Angelegenheit willen von Hause weggestohlen hat; der Bursche erwahnte einer alten Tante, die vermutlich seiner Liebe Hindernisse in den Weg legt; vielleicht ist er daruber narrisch worden. Eine heftige Leidenschaft kann durch einen unvorsichtigen Widerstand zu seltsamen Ausbruchen getrieben werden."

Das ist gewiss, zumal da ohnehin nichts leichters sein soll, als dass Liebe und Vernunft Handel mit einander kriegen, aber wenn wir nicht voraus setzen, dass Pedrillo eben so verliebt und eben so toll ist als sein Herr, so haben wir mit unsrer Hypothese nichts gewonnen. Ich habe einen wunderlichen Einfall, gnadige Frau, aber er kann doch immer gut sein, bis wir einen bessern haben. Es ist ein so schwermutiger Gedanke, wenn wir uns einen so liebenswurdigen jungen Cavalier verruckt vorstellen sollen! In der Tat, es ware ein Gedanke, der des Seufzers wohl wert ware, der ihnen jetzt entgangen ist Dieses mal wenigstens gestehen sie es nur, dass sie geseufzt haben; es war einer von den Seufzern, die sich nicht verleugnen lassen; ich sah ihm von seiner Empfangnis an zu, wie er sich aus ihrem schonen Busen allgemach empor arbeitete, bis zu dem Augenblick, da er, zwischen ihren halb geoffneten Lippen hervor schlupfend, in Gestalt eines kleinen Amors davon flog.

"Narrisches Ding; Aber was war denn das fur ein Einfall, den du mir sagen wolltest?"

Ich bilde mir ein, Don Sylvio konnte mit Erlaubnis, ein wenig narrisch sein, ohne dass er gerade das sein musste, was man rasend heisst; kurz, er konnte mit einer Art von Narrheit oder Schwarmerei, oder wie mans nennen will, behaftet sein, die ihn nichts desto unwurdiger machte, einer jeden Dame, die ihn unter einem so anmutigen Rosengebusche schlafen gesehen hatte, liebenswurdig vorzukommen.

"Ich merke, Madchen, du hast dir in den Kopf gesetzt, dass ich notwendig in ihn verliebt sein musse aber daruber wollen wir jetzt nicht disputieren. Und worin soll denn diese Schwarmerei bestehen?"

Mich deucht, er konnte eine Art von einem jungen Don Quixotte sein, der, nach Pedrillo Ausdruck, auf der Feerei, wie der Ritter von Mancha auf der irrenden Ritterschaft herum zoge. War es so etwas unbegreifliches, dass ein junger Mensch von lebhafter Gemuts-Art, der die Welt nie gesehen hat, und in seinem Dorfe nichts fand, das der Zartlichkeit seines Geschmacks ein Genugen hatte tun konnen, durch das Lesen der Romanen und Feen-Marchen auf den wunderlichen Einfall geraten ware, die Feen und die bezauberten Palaste mit allen ihren Drachen, Zwergen, Popanzen und blauen Centauren fur wurkliche Dinge zu halten?

"Es ware eine seltsame Art von Schwarmerei, und doch, deucht mich, ich begreife, dass sie moglich sein konnte. Aber was sollen wir in diesem Fall aus seiner Liebe zu der Princessin machen, die in einen Sommervogel verwandelt ist?"

Ich wette gleich was man will, gnadige Frau, diese Princessin ist weder mehr noch weniger als ein hubsches Bauermadchen, das ihm in die Augen gestochen hat; seine bezauberte Phantasie hat sie zuerst zu einer Princessin erhoht, und endlich mit Hulfe eines gelben Zwergs, oder einer bucklichten Magotine in einen Papilion verwandelt, und es wird sonst nichts notig sein, als dass er eine junge Dame zu sehen bekommt, die seiner lebhaften Einbildungs-Kraft genug tut, so wird seine Geliebte, ohne Zauberstab und Talisman, in einem Augenblick wieder ihre erste Gestalt bekommen, und mit Pedrillo zu reden, zwar nicht in eine Princessin, aber doch in ein Bauer-Madchen zuruck metaphrasiert werden.

"Ich gestehe dir, Laura, dass meine Neugierigkeit rege gemacht ist, es reuet mich jetzt, dass ich nicht wartete, bis er erwachte."

Weil er nur wenige Meilen von uns wohnt, so wird es nicht schwer sein, Nachrichten einzuziehen, die uns aus dem Wunder helfen konnen. Und wer weisst, ob die Kobolte, die sich mit seinem Schicksal abgeben, ihn nicht eben so gut nach Lirias fuhren konnen, als sie uns heute in dieses Rosengebusche gefuhrt haben, welches, so wahr ich ein Madchen bin! der bezauberten Laube einer Feen-Konigin so ahnlich sah, als ich in meinem Leben was gesehen habe.

Indem Laura dieses sagte, waren sie in dem innern Schloss-Hofe zu Lirias angelangt, wo wir die Freiheit nehmen wollen uns von ihnen zu beurlauben, um zu sehen, was indessen aus dem Helden unsrer Geschichte geworden ist, den wir, so angenehm uns auch die Gesellschaft der Donna Felicia sein mag, ohne strafwurdige Nachlassigkeit nicht langer aus den Augen lassen konnen.

Viertes Buch

Erstes Capitel

Worin der Autor eine tiefe Einsicht in die

Geheimnisse der Ontologie an den Tag legt

Wenn jemals ein Mensch sich in einer seltsamen Verfassung befunden hat, so war es Pedrillo, nachdem er die schonen Geschopfe, mit denen wir ihn im vorigen Buch zusammen gebracht, aus dem Gesichte verloren hatte. Die Verwirrung, die diese Erscheinung in seinem Kopf und in seinem Herzen zuruck liess, war so gross, dass uns die blosse Bemuhung eine Beschreibung davon zu machen, beinahe in eine eben so grosse Verwirrung setzt. Ob er gewacht oder getraumt habe, ob es Feen oder Sterbliche gewesen, ob sie verschwunden oder davon geflogen seien, das waren Fragen, die er sich immer weniger beantworten konnte, je ofter er sie sich machte. Nachsinnen ist in der Tat nicht jedermanns Sache. Pedrillo wenigstens wusste so wenig damit umzugehen, dass er sich endlich in seinen eigenen Gedanken wie in einem Netze gefangen sah, worin er sich immer desto mehr verwickelte, je mehr er sich bemuhte los zu kommen; kurz, nachdem er eine gute Viertelstunde lang mit sich selbst gestritten hatte, so horte er endlich damit auf, dass er in ganzen Ernst an seinem eignen Dasein zu zweifeln anfing.

Unter allen Zweifeln, denen die arme blodsinnige Vernunft des Menschen ausgesetzt ist, wird man vielleicht keinen finden, der sich weniger in die Lange aushalten lasst als dieser; auch war es dem guten Pedrillo nicht anders dabei zu Mute, als ob er mit der Geschwindigkeit einer Trille oder eines Wind-Muhlen-Rads um seine eigene Achse herum getrieben wurde.

Vielleicht mochte man denken, wenn er ein Cartesianer gewesen ware, so hatte er sich durch das beruhmte, cogito, ergo sum, gar leicht aus seinem Zweifel heraus helfen konnen. Allein in den Umstanden, worin der arme Knabe war, hatte vielleicht Cartesius selbst sein Latein dabei verloren; denn er dachte wurklich gar nichts, und wenn er in einem solchen zustande ja noch fahig gewesen ware, einen Syllogismus zu machen, so wurde doch der Cartesianische Grundsatz zu nichts anderm gedient haben, als ihn aus den Zweifeln an seinem Dasein in die Gewissheit, dass er nicht sei, zu sturzen, welches in der Tat nicht viel besser gewesen ware als ex Scylla in Charybdin oder aus dem Regen unter die Traufe zu kommen.

Man muss gestehen, dass der rohe naturliche Mutterwitz, Instinct, Sensus communis, oder wie man es sonst nennen will, (denn uber Worte werden wir niemalen keinen Streit anfangen) seinem Besitzer zuweilen weit nutzlicher ist als die subtilste Vernunft. Ware Pedrillo ein Metaphysicus gewesen, so wurde er gewiss bei dem Zweifel an seinem Dasein nicht stille gestanden sein; er wurde so lange nachgegrubelt, reflectiert, analysiert, abstrahiert, distinguiert und combiniert haben, bis er sich selbst, und vermutlich auch allen andern Dingen die Wurklichkeit, ja wohl gar die Moglichkeit selbst vollig weggeleugnet hatte; und wer weisst, ob er endlich nicht der Stifter einer neuen philosophischen Secte geworden ware, von der sich nicht ohne Grund vermuten lasst, dass sie, wegen ihrer besondern Bequemlichkeit die schwersten physicalischen und moralischen Problemata ohne die geringste Muhe aufzulosen, alle andere Secten der Dualisten, Materialisten, Pantheisten, Idealisten, Egoisten, Platoniker, Aristoteliker, Stoiker, Epicuraer, Nominalisten, Realisten, Occamisten, Abalardisten, Averroisten, Paracelsisten, Machiavellisten, Rosenkreuzer, Cartesianer, Spinozisten, Wolfianer und Crusianer; in kurzer Zeit verschlungen hatte.

Wir konnen nicht ohne Granen und Erschutterung daran gedenken, was fur verderbliche Folgen eine solche Philosophie in dem System der menschlichen Gesellschaft hatte nach sich ziehen konnen, da es in der Tat unmoglich scheint, dass der Grundsatz der nichtExistenz weder mit irgend einer bekannten Religion, noch mit den eingefuhrten Gesetzen und Gewohnheiten der policierten Nationen in einen ertraglichen Zusammenhang sollte gebracht werden konnen. Denn mit welchem Schein Rechtens konnte man von einem Menschen, der nicht ist, Zehenten, Opfer, oder Jura stol eintreiben, oder wie ware es moglich, denjenigen eines Verbrechens zu uberweisen, der den Richter durch eine lange Demonstration in geometrischer Methode beweisen wurde, dass er zu der Zeit, da er dieses oder jenes getan haben solle, gar nicht einmal existiert habe?

Allein zum grossten Gluck fur die offentliche Ruhe hatte Pedrillo nicht den geringsten Ansatz zur speculativen Philosophie; und an statt uber seinen beschwerlichen Zustand lange zu rasonnieren, liess er sich nichts angelegener sein, als wie er sich bald davon befreien wolle. Sein Herr, dachte er, der in dieser Sache desto unparteiischer sei, da er diese ganze Zeit uber geschlafen habe, werde ihm am besten aus dem Wunder helfen konnen.

Ob und wie ferne Pedrillo hierin richtig gedacht habe oder nicht, wollen wir dahin gestellt sein lassen, indem uns eine nahere Untersuchung davon unfehlbar in den beruhmten Streit uber den Intellectum agentem und patientem verwickeln konnte, wozu wir uns diesmal um so weniger aufgelegt finden, als wurklich der tiefsinnige Inhalt dieses Capitels unser Gehirn so sehr abgemattet hat, dass wir uns genotiget sehen, mit Erlaubnis des grossgunstigen Lesers eine Pause zu machen.

Zweites Capitel

Ein Beispiel, dass ein Augenzeuge nicht allemal so

zuverlassig ist, als man zu glauben pflegt

Pedrillo weckte also seinen schlafenden Herrn, aber unglucklicher Weise in einem Augenblick, da er in dem angenehmsten Traum begriffen war, den sich ein platonischer Liebhaber, als der Liebhaber eines Schmetterlings ist, nur immer wunschen konnte.

Ungluckseliger, rief der erwachende Don Sylvio, aus was fur einem Traum weckst du mich?

Sapperment, Herr Don Sylvio, schrie Pedrillo, es ist jetzt die Frage nicht von Traumen, es sind ganz andere Dinge auf dem Tapet. Aber ich bitte euch, mein lieber Herr, wenn ihr anders noch ein Funkchen christlicher Liebe fur den armen Pedrillo habt, so sagt mir vor allen Dingen, ob ich wurklich Pedrillo bin oder nicht? Denn, meiner Six, es ist nicht alles wie es sollte, ich will geprellt sein, wenn ich meiner leiblichen Mutter auf ihr blosses Wort glaubte, dass ich meines Vaters Sohn sei.

Was fur eine Tollheit kommt dich an, fragte Don Sylvio, den diese Reden in Verwunderung setzten was fur Ursachen hast du zu denken, dass du ein anderer seist als du selbst?

Sagt mir nur erst, ob ichs bin, erwiderte Pedrillo, die Ursachen werden seiner Zeit schon nachkommen; wir wollen erst den Hauptpunct ausmachen; seid so gut und antwortet mir nur directe auf meine Frage, denn ihr werdet sehen, dass mehr daran liegt als ihr euch jetzt einbildet.

Alberner Junge, sagte Don Sylvio lachelnd, du bist zwanzig Jahrelang immer Pedrillo gewesen, warum solltest du es nicht noch sein?

Seht mich recht an, gnadiger Herr, betrachtet mich von vorn und hinten, und sagt mir die Wahrheit, so wahr ihr ein Edelmann seid.

So wahr ich ein Edelmann bin, antwortete Don Sylvio, du bist Pedrillo, oder du bist ein Esel, eines von beiden ist gewiss

Ein Esel? Hier sind meine Ohren, Herr; es stekken, denk ich, unter mancher Doctor-Mutze langere, und wenn ich so gewiss Pedrillo bin, als ich kein Doctor kein Esel, wollt ich sagen, bin, so geht alles wie es gehen soll. Die Wahrheit zu sagen, Herr, ich hatte selbst so eine Ahnung, so eine Art von Reprehension, dass es nicht wohl anders sein konne, als wie ihr mich versichert; aber wenn einem solche seltsame Dinge begegnen wie mir, so war es kein Wunder, wenn einer endlich seinen eigen Namen daruber vergasse.

Und was ist dir dann begegnet, fragte Don Sylvio? Mach es kurz, wenn ich bitten darf.

Herr, antwortete Pedrillo, das lasst sich nicht in einem Augenblick sagen; ein weiser Mann kann in einem Atemzug mehr fragen, als ein Narr in einem ganzen Tag beantworten kann. Wenn ihr mir Zeit lassen wollt, so will ich euch alles haarklein erzahlen; denn, meiner Six; es ist mir, ich sehe sie noch vor mir, mit ihren grossen braunen Augen, und mit der allerliebsten schelmischen Mine, womit sie mich seitwarts anlachte, wie sie wieder aufsitzen wollte. Sterb ich, wenn mir nicht war, als ob sie mein Herze an einem Bindfaden hinter sich her zoge! Ihr werdet uber mich lachen, Herr; aber ich will nicht ehrlich sein, wenn ich den Maulesel, auf dem sie sass, nicht mit neidischen Augen ansah.

Missbrauche meine Geduld nicht langer, sagte Don Sylvio, der von allem diesem Gewasche nichts begriff; erzahle mir ordentlich und von Anfang an, was dir begegnet ist, seit dem ich eingeschlafen bin.

Gut, gnadiger Herr, das will ich auch, wenn ihr nur Geduld haben konnt; denn, wie ich sagte, ich habe euch so viel zu erzahlen, dass ich nicht weiss, wo ich anfangen soll, ob ich gleich so voll davon bin, dass alles auf einmal heraus platzen mochte. Aber weil ihr verlangt, dass ich die Sache von Anfang an erzahlen soll, so wisset also, Herr, dass ihr noch nicht lange eingeschlafen waret, als mich ein oder zweimal ein so entsetzliches Gahnen ankam, dass ich dachte, ich wurde den ganzen Abend nicht damit fertig werden. Ich merkte daraus, dass sich der Schlaf bei mir anmelden wolle; aber weil ich mir vorgesetzt hatte, bei Eu. Gnaden zu wachen, so wehrte ich mich so gut ich konnte, und tat, um mich munter zu erhalten, noch zwei oder drei Zuge aus der Flasche; vielleicht mochten es viere gewesen sein, ich kann es so eigentlich nicht sagen! Kurz, die Flasche wurde endlich leer, ohne dass ich muntrer wurde; die Auglider fielen mir alle Augenblicke zu, und dann gahnte ich wieder, und so capitulierten wir so lange mit einander, der Schlaf und ich

O! wahrhaftig, rief Don Sylvio, wenn du so erzahlen willst, so wird dein und mein Leben nicht zureichen, bis du fertig bist. Du hast geschlafen, gut, und da bist du wieder aufgewacht, oder sind dir die wunderbare Dinge im Schlaf begegnet, die du mir erzahlen wolltest?

Im Schlaf? Nein wahrlich, Herr, damals wie ich die Erscheinung hatte, war ich schon wieder aufgewacht, wie ich euch gesagt haben wurde, wenn ihr mich nur hattet fortreden lassen. Denn wenn ich die Sachen der Ordnung nach sagen soll, so muss doch eins auf das andere folgen.

Ohne Zweifel, sagte Don Sylvio, aber musst du deswegen alle diese nichts bedeutenden Umstande mit dazu nehmen, wodurch deine Erzahlung so schleppend und einschlafernd wird, als ein altes KunkelStuben-Marchen? Du hast geschlafen, und bist wieder aufgewacht, das ist das ganze Geheimnis; und das hattest du mit dreien Worten sagen konnen. Nun weiter

Ja freilich, zum Henker, nun weiter, wenn ihr mich alle Augenblicke aus dem Concept bringt, da soll ichs gleich wieder finden Wo blieb ich? Ja, bei meinem einschlafen

Du bist ja schon wieder aufgewacht

Man muss doch vorher einschlafen, ehe man wieder aufwachen kann? Aber weil ihrs so haben wollt, so sei es dann! Ich wachte also wieder auf, wie ihr sagtet, und die Wahrheit zu gestehen, ich wurde vielleicht noch schlafen, wenn mich nicht eine gewisse Notwendigkeit ein gewisses ich weiss nicht wie ichs sagen soll, dass es nicht gar zu unhoflich heraus komme, aber dem Gelehrten, sagt das Spruchwort, ist gut predigen Kurz, eine gewisse Angelegenheit, die man durch keinen Procurator verrichten kann, ihr versteht mich ja?

Unvergleichlich, Pedrillo, mache nur, dass du bald wieder davon kommst.

Ein jedes Ding will seine Zeit haben, sagt Salomon. Kurz, und gut, es war ein Geschafte, dass der Corregidor von Xelva, und der Konig selbst gerade auf die namliche Art verrichten muss wie der armste Bauerjunge Und in der Tat, ich habe schon oft gedacht, wenn grosse Herren und Damen der Sache recht nachdenken wollten und es brauchte eben nicht viel Kopfverbrechens es konnte ihnen ein gut Teil von der hohen Einbildung benehmen, als ob sie wer weisst wie viel besser seien, als wie andre gemeine Leute, wenn sie zum Exempel dachten, ich will es aus Respect vor Eu. Gnaden nicht heraus sagen; aber es ist doch gewiss, dass sie weder Bisem noch Ambra machen, und wenn mans beim Licht besieht

Pedrillo, Pedrillo, rief Don Sylvio lachend, wenn du ins moralisieren hinein kommst, so kannst du das Ende nicht wieder finden. Uberhupfe immer die erbaulichen Sachen, die dir bei Gelegenheit, dass du deine Notdurft verrichtet hast, beigefallen sind.

Ha, nun habens Eu. Gnaden selbst gesagt, das war in der Tat nicht verblumt gegeben; ich hatte mich nimmermehr unterstanden, die Sache so deutsch heraus zu sagen, aber da es nun einmal heraus ist, so will ich jetzt ohne weitere Prascription oder Circumherumschweifung sagen, dass ich, nachdem ich die Natur erleichtert hatte, welches, im Vorbeigehen zu sagen, hinter einem dichten Gebusche, funfzig oder sechzig Schritte weit von dem Orte, wo ihr schlieft, geschah

Pedrillo, mein Freund, unterbrach ihn Don Sylvio, ich sehe, dass du in der Laune bist, mich zur Verzweiflung zu treiben. Aber fahre immer fort, weil es nun einmal mein Schicksal ist, dass ich durch die Geduld, die ich mit deiner mordrischen Waschhaftigkeit haben muss, zum Martyrer werden soll Ich will aushalten, so lang es die Natur ausstehen kann.

Gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, es sollte mir von Herzen leid tun, wenn ich Eurer Gnaden Geduld missbrauchte, aber ihr seht ja wie es geht, ein Wort gibt das andre; man fangt oft bei einer Gansspule an, und hort beim Engel Gabriel auf; und zu dem, so durfte ich den bewussten Umstand um des folgenden willen nicht vorbei lassen, weil ihr daraus sehen konnt, dass ich gewiss erwacht und bei volligem Gebrauch meiner Sinnen war. Aber wir wollen uns um deswillen nicht entzweien; denn weil ich jetzt zur Haupt-Sache komme, so will ich schon desto kurzer sein.

Vortrefflich, Pedrillo, nur keine weitere Entschuldigungen.

Wisset also, mein lieber Herr, dass wie ich wieder hinter meinem Busche hervor kam, und gehen wollte, und sehen was ihr machet, da sah ich ratet einmal, gnadiger Herr, was ich gesehen habe?

Da sahst du in einen Bach, und da sahst du den albernsten, dummsten, unverschamtesten, langweiligsten, abgeschmacktesten Schurken von einem Esel, der seit Bileams Zeiten jemals auf zwei Beinen gegangen ist, nicht wahr?

Ihr habt es nicht getroffen, Herr; aber ich will gehangen sein, wenn ihrs nicht erratet, so bald ichs euch sage eine Fee sah ich, eine Fee, aber die schonste, feen-massigste Fee, die man nur an einem Sommertag sehen mag, und die gewiss, wenn sie nicht die Frau Rademante selbst gewesen ist, schoner und glanzender war als alle eure Bellinen, Scharmanten, Amaranten und Rademanten zusammen genommen.

Ein Fee, sagst du, und woher wusstest du, dass es eine Fee war?

Woher ichs wusste? Sapperment, Herr, glaubt ihr denn dass ich gar nichts wisse? ich sollte schon so lang in eurem Dienste sein, und nicht wissen was eine Fee ist? wenn es keine Fee war, so sagt; Pedrillo sei ein Stockfisch, und lasst mich wassern und plauen wie einen Stockfisch, bis es genung ist. Ich sag euch, Herr, ihr Gesicht glanzte, als ob es aus einem einzigen Carfunkelstein geschnitten ware es wurde auf drei oder vier Meilen um sie herum so heiter, als ob ein halb dutzend Sonnen am Himmel waren Wenn das keine Fee war, so konnt ihr kecklich alle eure Feen-Marchen ins Feuer werfen und sagen, dass nie keine Fee gewesen ist, noch sein wird, so lange man Suppen mit Loffeln gegessen hat, und wenn es Gott gefallt, auch noch kunftig essen wird.

Gut, gut, wo sahst du denn die Fee, und was machte sie?

Was sie machte? Sapperment, sie schaute euch an, ihr konnt euch nicht vorstellen, wie sie euch anschaute; nicht anders, als ob man das Sehen bald verbieten wurde; sie stund ganz hart an euch, und buckte sich ein wenig, und sah euch immer wieder an, dass es eine rechte Lust war zuzusehen.

War sie allein?

O! das ist eben der Haupt-Umstand, wenn sie allein gewesen ware, so wurde ich nicht so viel Wesens von ihr machen; aber sie hatte eine andere kleine Fee oder Nymphe, oder ein Sylphen-Madchen, oder wie ihrs heissen wollt, bei sich, das allerdrolligste holdseligste kleine Ding, das ihr in eurem Leben gesehen habt.

Wie sah sie denn aus? Beschreibe sie mir einmal, ob ich vielleicht erraten kann, wer es war?

Wie gesagt, Herr, ein liebliches kleines Ding, beerschwarze Haare

Ich frage, wie die Fee aussah, rief Don Sylvio.

Was ich sage, Herr, wunderartig, nicht zu fett und nicht zu mager, aber frisch und saftig wie eine Morgenrose; ein Gesicht wie Milch und Blut, und einen Hals und Arme ich kanns euch nicht beschreiben, wie mir dabei zu Mute war, aber das schwor ich euch, die Frau Beatrix ist nur eine Meerkatze gegen sie; ich schamte mich recht, dass ich so dumm gewesen war, und mit einer solcher alten, abgestandenen Runkunkel geloffelt hatte; aber ohne Wissen, ohne Sunde; wem, ich diese hatte voraus sehen konnen

Ich will, dass du mir von der Fee reden sollst, und du redst mir immer nur von ihrem Madchen?

Potz Herrich! von was sollt ich auch sonst reden, gnadiger Herr, sie liess mir keine Zeit, die andre recht anzusehen; Ihr hattet sie nur sehen sollen! Sapperment, ich hatte den ganzen langen Tag da stehen und sie angaffen wollen, ohne dass ichs mude geworden ware.

Nun, gut dann! aber die Fee

Die Fee? Ja, was die Fee anbelangt, die stand eben da, wie ich sagte, und schaute euch an, ich kann eben nicht viel von ihr sagen, denn, wie ich sagte, das kleine Ding war immer in Bewegung, und ich sah alle Augenblicke wieder etwas an ihr, das mich aus dem Concept brachte; ich sagte euch ja gleich anfangs, dass es eine uberaus schone Fee war; ich denke, die Diamanten und Carfunkelsteine, die sie an sich hangen hatte, waren wohl zwei oder drei Konigreiche wert, und sie gaben einen Glanz von sich, dass man sie nicht lang ansehen konnte; aber die kleinere

Gut, gut; sprachen sie denn nichts mit einander? Hortest du nichts? Was sagte die Fee?

Was sie sagte? O! sie sagte recht hubsche Sachen, das versichre ich euch; ich lauschte wie ein Habicht, und ich habe mir alles von Wort zu Wort gemerkt. Sapperment, sagte sie, das ist doch ein feiner junger Herr! Gelt, gnadige Frau, sagte die andre, ich will kein ehrliches Madchen sein, wenn wir in Valencia etwas hubschers gesehen haben; ich wette was man will, sagte sie, wenn es nicht ein Sylphe ist, so ist es gar ein Waldgott. Aber wer mag es denn wohl sein, sagte die Fee? Gnadige Frau, sagte die Kleine, er muss nur durch Hexerei hieher gekommen sein, denn wir kennen doch alle Mannsleute auf zehen Meilen in die Runde, und ein so hubscher Junggeselle ist bei meiner Six! keine Sache, die lange verborgen bleiben kann Mit einem Wort, ich mag euch nicht alles wieder sagen, was sie von euch sagten; denn ihr wisst wohl, der Hochmut ist eine von den sieben Todsunden, und ich wollte nicht ein Kaisertum drum nehmen, und es auf meinem Gewissen haben, wenn ihr nur eine Stunde langer im Fegfeuer sitzen musstet, als es Gott gefallen wird.

Aber wenn sie alles das gesagt haben, mein guter Pedrillo, was du da erzahlst, so sind es eher ein paar Landstreicherinnen gewesen, als Feen Wenn haben jemals Feen in einem so pobelhaften Ton gesprochen?

Ich muss euch bekennen, gnadiger Herr, dass ich selbst einen kleinen Scrupel daruber bekam, und das machte mich auch so beherzt, dass ich naher zu ihnen ging und mit ihnen redte. Aber wie ich dem kleinen Madchen wieder in die Augen sah, und wie ich die Juwelen ansah, womit die andre uber und uber behangen war ja, und das hatt ich schier vergessen, sie hatten auch ein paar Salamander bei sich, die wie die helle Sonne glanzten, und bei den Maultieren stunden, auf denen die beide Feen gekommen waren.

Salamander, sagst du?

Ja, Herr, Salamander, leibhafte Salamander, und wie die beide Damen sich wieder auf ihre Maultiere gesetzt hatten, so flogen sie alle mit einander durch die Luft davon, dass ich in einem Augenblick so wenig von ihnen sah, als ob sie nie da gewesen waren.

Pedrillo, mein Freund, rief Don Sylvio aus, entweder, du willt mir die Ehre antun deinen Spass mit mir zu treiben, oder die Dunste des Malaga hatten deine Augen bezaubert, wie du alle diese Dinge sahst. Seit dem es Feen gegeben hat, hat man noch keine auf Maultieren reiten gesehen; wenn du noch gesagt hattest, sie seien in einem goldnen oder elfenbeinernen Wagen mit geflugelten Maultieren davon gefahren, das ginge noch an. Aber dass eine Fee nicht anders reisen soll als wie eines jeden ehrlichen Pachters Frau, das mache einem andern weis, oder bekenne, dass du nichts davon verstehst. Deine Fee ist aufs hochste ein Frauenzimmer, die ein Landgut in dieser Gegend hat; die Nymphe, die dir so wohl gefiel, ihr Kammermadchen, und was du fur Salamander angesehen hast, das werden ein paar Erden-Sohne von kleinen Pagen gewesen sein, die gewiss sehr verlegen sein wurden, wenn sie, wie die wahren Salamander auf einem Sonnenstrahl in sechs oder sieben Minuten von einem Ende der Welt zum andern reiten mussten.

Gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, ich hatte doch gedacht, dass ich ein besseres Zutrauen von euch verdient hatte, als dass ihr glauben sollt, ich wolle euch was weis machen. Wenn die Salamander, die ich bei den Maultieren stehen sah, keine Salamander waren, so ist das ihre Sache und nicht die meinige; was geht das mich an; oder warum soll ich subligiert sein zu wissen, ob sie dieses oder jenes sind? So viel konnt ihr mir glauben, dass der Irrwisch, den ihr vergangene Nacht fur einen Salamander angesehen habt, nicht des zehenten Teils soviel Salamander war als diese da; ich will ein Kohlstrunk sein, wenn er etwas bessers in Vergleichung mit ihnen war als ein Schwefelholzchen gegen ein Windlicht. Und was die Fee anbelangt, so sollen mir weder Artischokeles noch Pluto ausreden, dass sie nichts bessers und nichts schlechters als die Fee Rademante war, wenn es nicht gar eure Princessin gewesen ist; denn in der Tat, sie hatte viel Ahnlichkeit mit dem kleinen Bildnis, das euch die Fee gegeben hat.

Du faselst, mein lieber Pedrillo

Mein Six, gnadiger Herr, es ist, wie ich sage, weist mir einmal die Princessin, wenn ihr so gut sein wollt Pestilenz! es ist nicht anders, als ob es an ihr runter geschnitten ware. Die Grosse ausgenommen (denn in der Tat konnte sie dieses ganze Bildchen auf den Nagel ihres Daumens setzen) wollt ich schworen, dass sie es selber ware.

Hore Pedrillo, sagte Don Sylvio, wenn es nicht der ganze Inhalt deiner albernen Erzahlung schon klar genug machte, so wurde dieser einzige Umstand ein genugsamer Beweis sein, dass du getraumet haben musst. Ich bin so gewiss als ichs von meinem eignen Dasein bin, dass dieses Bildnis niemand in der Welt ahnlich sieht als meiner Princessin. Nun ist unleugbar, dass meine Princessin nicht eher aufhoren kann ein Schmetterling zu sein, bis ich sie gefunden, und ihr Kopf und Flugel ausgerissen habe; Folglich ist es die Unmoglichkeit selbst, dass die Person, die du gesehen zu haben glaubst, meiner Princessin gleich sehe. Das ist eine Demonstration, die so gut ist als die beste im Euclides.

Ich verstehe mich nichts auf eure Remonstration, Herr Don Sylvio, erwiderte Pedrillo, aber was ich gesehen habe, das hab ich gesehen, und wenn der Pabst euer Vetter ware, so konntet ihr mir nicht ubel nehmen, dass ich meinen Augen mehr glaube als euren Schlussen. Wenn ich einen Zwiebel vor mir habe, und es stunden alle Bacularii und Licentiaten von Salamanca, ja alle Patriarchen, Exarchen und Monarchen der ganzen Christenheit da, und bewiesen mir, dass es eine Schops-Keule sei, so wurde ich doch glauben, dass ein Zwiebel ein Zwiebel sei, und warum das? Weil meine Augen meine Augen sind, und weil niemand in der Welt besser wissen kann als ich selbst, ob ich sehe was ich sehe. Kurz und gut, Euer Gnaden kann hievon glauben was ihr beliebt, es wird sich seiner Zeit schon zeigen wer recht hat, das ist mein Trost; denn die Fee, sie mag auch sein, wer sie will, wird es, denk ich, bei diesem ersten Besuch nicht bewenden lassen. Sie machte mir, beim Velten! eine Mine, ob sie nicht viel Gutes im Sinn habe, und es deuchte mich, sie horte es gar nicht gern, dass ihr in einen bezauberten Sommer-Vogel verliebt seid.

Hast du ihr denn das gesagt, Pedrillo?

Wenn ich es nicht hatte sagen sollen, antwortete Pedrillo ein wenig erschrocken, so bitte ich Eu. Gnaden tausendmal um Vergebung; ich weiss selbst nicht, wie mir geschah, aber die kleine Hexe, ihr Madchen machte mich so treuherzig, dass sie mir immer eins nach dem andern heraus lockte; ich muss bezaubert gewesen sein; und zudem dacht ich, wenn sie eine Fee ist, so weisst sie das alles ohnehin, und es wurde sie nur ungehalten machen, wenn ich auf ihre Fragen nicht die rechten Antworten gabe.

Sie fragte dich also aus, und du sagtest ihr alles?

Ja, gnadiger Herr, aber nur uberhaupt, und so verblumt, dass sie nichts hatte davon verstehen konnen, wenn sie keine Fee gewesen ware. Aber wie ich sagte, die Kleine sah mir aus, als ob sie alles schon vorher besser wisse als ich selbst; ich wollte gleich wetten; sie fragte mich nur, um zu sehen, was ich ihr antworten wurde.

Und was sagte denn diejenige dazu, die du fur die Fee ansahst?

Nichts sonderliches; denn sie eilte gar gewaltig fort; wir mussen gehen, sagte sie, und machte ein ziemlich verdriessliches Gesicht dazu, was wird mein Bruder denken, wenn wir so spat nach Hause kommen?

O Himmel! rief hier Don Sylvio aus, und wurde so blass wie ein weisses Tuch; jetzt geht mir auf einmal ein schreckenvolles Licht auf Wie wenn es die Schwester des grunen Zwergs

Potz Gift! gnadiger Herr, schrie Pedrillo, was ihr da fur einen Einfall habt! der Himmel gehe, dass ihrs nicht erraten haben moget. Aber jetzt erinnert ihr mich wieder daran, sie hatte in der Tat einen grunen Unterrock und eine grune Westen an, mit Golde gestickt. Mein Seele! was ich fur ein Dumfkopf bin! Ich dachte an nichts Boses! Aber das verzweifelte kleine Madchen

Je mehr ich alle Umstande deiner Erzahlung uberlege, fuhr Don Sylvio fort, desto mehr find ich mich in meiner Vermutung bestarkt. Es ist nichts gewissers als dass es diese verhasste Donna Mergelina war

Aber die Fee war so schon wie ein Fruhlingstag, und Donna Schmergelina ist, mit Respect vor Eu. Gnaden, der garstigste Sausodel, den ich in meinem Leben gesehen habe. Wie reimt sich das?

Die Fee, ihre Tante, hat Macht genug, ihr, was fur eine Gestalt sie will, zu geben, und es ist gewiss nicht ohne Ursach, dass sie, wie du behauptest, eine Ahnlichkeit mit meiner geliebten Princessin hatte.

Das hatte sie, gnadiger Herr; aber beim Element! wenn sie nun wahlen kann, was fur eine Gestalt sie annehmen will, so war sie eine grosse Narrin, dass sie sich euch nicht lieber anfangs in einer schonen zeigte. Sapperment! sie muss gewaltig in ihren Buckel und in ihren breiten Busen verliebt sein.

Das alles hat seine Ursachen, erwiderte Don Sylvio. Meinst du, diese Zwergin, so abscheulich sie ist, schmeichle sich nicht, eine der liebenswurdigsten Personen ihres Geschlechts zu sein? Oder glaubst du, sie wurde meiner Princessin nur den kleinsten Vorzug vor ihr eingestehen? Die Eigenliebe ist die grosste unter allen Feen, sie braucht weder Zauberstab noch Talismanne, um die seltsamste Verwandlungen zu machen. Wenn ich mich dessen, was mir in den Garten der Fee Radiante begegnet ist, und des neuerlichen Abenteuers mit der Sylphide erinnere, so besorge ich sehr

Wohl dann, gnadiger Herr, fiel ihm Pedrillo wieder ein, wenn die schone Dame, die euch so aufmerksam betrachtete, Donna Schmergelina ist, so kann ich nichts dazu, ich muss es geschehen lassen; Aber fur die Kleine will ich gebeten haben; ich weiss nicht wie es kommt, aber mein Herz sagt mir, dass die Gestalt, die sie hatte, ihre eigne war; ich will mir die Ohren abschneiden lassen, wenn ihr in der ganzen weiten Welt ein paar Augen, oder eine Nase, oder ein kleines Maul findet, die ihr besser liessen als ihre eigene. Mit einem Wort, ich lass ihr nichts geschehen, und wenn ihr sie ja in etwas verwandeln wollt, so musste es in einen Pomeranzen-Baum sein, aber mit der Bedingung, dass ich in eine Biene transferiert werde, und dass ausser mir alle andre Bienen, Hummeln, Wespen, Hornissen, Fliegen und Mucken auf zwei hundert quadrate Cubic-Meilen in die Runde von ihr verbannt sein sollen.

Hei da, Pedrillo, rief Don Sylvio, du bekommst ja ganz poetische Einfalle? was die Liebe nicht tut. Wenn du so fortmachst, so werden wir noch zuletzt ganze Bande voll zartlicher Elegien und Sonnette von deiner Handarbeit zu sehen bekommen. Aber mein guter Freund, schmeichle dir nicht zu viel; es ware nicht das erstemal, dass der grune Zwerg die Gestalt einer schonen jungen Nymphe angenommen hatte; du solltest dich noch wohl erinnern, was mir diesen Morgen begegnet ist, das einzige, was mich noch was bessers hoffen heisst, ist dieses, dass sie mir das Bildnis meiner Princessin gelassen haben.

Gut, Herr, sagte Predillo, wann man recht nachsieht, so werdet ihr das wohl wieder einem gewissen Pedrillo zu danken haben; versichert, sie waren euch schon nahe genug auf dem Leibe, und wer weisst was hatte geschehen konnen, wenn ich nicht in Zeiten dazu gekommen ware; in der Tat machte mir die kleine Spitzbubin eine Mine wie eine kleine Spitzbubin, und zischelte der andern, was weiss ich was in die Ohren, und wies immer mit dem Finger auf euch; aber wie gesagt, ich verruckte ihnen das Concept ein wenig, wie ich hinter meinem Busch hervor kam. Wahrhaftig, meine gute Damen, Pedrillo ist ein feinerer Kauz als ihr euch einbildet, er schneuzt sich nicht am Armel, das konnt ihr versichert sein

Gut, gut, sagte Don Sylvio, indem er aufstand, und sich wieder reisfertig machte, fur diesmal sind wir noch glucklich genug davon gekommen; aber wir wollen uns nicht langer hier auf halten; der Abend ist uberaus anmutig, und wir konnen noch ein paar Stunden reisen, ehe es Nacht wird. Es wird sich vielleicht in kurzem aufklaren, was die Erscheinung, die du gesehen, zu bedeuten hatte.

Pedrillo, der bekannter massen immer das letzte Wort haben musste, nahm von dem unschuldigen Worte Bedeuten Anlass, das Gesprach unvermerkt auf die fruchtbare Materien von Vorbedeutungen, Ahnungen und Anzeichen zu lenken, und regalierte seinen Herrn wahrend dass sie ihren Weg fortsetzten, mit einer sehr umstandlichen Erzahlung aller Historchen von dieser Art, die seit undenklichen Zeiten den Tanten und Grossmuttern in seiner Freundschaft, vermoge einer ununterbrochenen Tradition von Grossmutter zu Grossmutter, begegnet sein sollten. Er merkte nicht, dass Don Sylvio, der mit ganz andern Betrachtungen beschaftigt war, nicht die geringste Aufmerksamkeit auf seine Erzahlung hatte; und wenn ers auch gemerkt hatte, so wurde er vielleicht nichts desto weniger fortgemacht haben; denn denken und reden waren bei dem guten Pedrillo einerlei, und wenn er nur ungehindert plaudern durfte, so bekummerte er sich wenig darum, ob man ihm zuhorte oder nicht; eine Discretion, die ihm mit einem gewissen Poeten von unsrer Bekanntschaft gemein war; der seine Freunde nie besuchte, ohne ein paar starke Hefte von seiner Arbeit bei sich zu haben, die er, so bald er sich gesetzt hatte, vorzulesen anfing; sein Zuhorer hatte inzwischen vollkommene Freiheit, zu gahnen, einzuschlafen, ja, so laut zu schnarchen, als er nur wollte; die Entzukkung unsers Poeten erlaubte ihm nicht, darauf Acht zu geben, und wenn der Zuhorer nach einer Sieste von zwei oder drei Stunden nur fruh genug erwachte, um den Schluss des Gedichts zu horen, und den Beifall zu bekraftigen, den der Poet sich selbst gab, so fiel es diesem nur nicht ein, daran zu zweifeln, dass er seinem Freund die angenehmste Zeitkurzung von der Welt gemacht habe.

Drittes Capitel

Worin Don Sylvio seht zu seinem Vorteil erscheint

Unsre Wanderer waren ungefahr eine halbe Stunde fortgegangen, als etliche Pistolen-Schusse, und zu gleicher Zeit ein angstliches Geschrei aus dem benachbarten Gebusch in ihre Ohren drang.

Das ist eine Stimme, die um Hulfe ruft, sagte Don Sylvio, wir mussen sehen, was es ist.

Pedrillo, der bei Nacht und in den GespensterStunden die feigeste Memme von der Welt war, hatte hingegen Herz wie ein junger Stier aus Andalusien, wenn es darum zu tun war, sich mit Leuten von Fleisch und Blut beim Tagslicht herum zu balgen. Er machte also nicht die geringste Schwierigkeit seinem Herrn zu folgen, und sie waren kaum funfzig oder sechzig Schritte, dem Getummel nach, ins Gebusche hinein gegangen, als ihnen auf einem ziemlich grossen Platz drei junge Manner zu Pferd in die Augen fielen, die mit der aussersten Wut von ihrer sieben angefallen wurden, von denen vier gleichfalls beritten waren. Don Sylvio flog, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, den Schwachern zu Hulfe, unter denen er einen schonen jungen Ritter erblickte, der sich ganz allein gegen drei von seinen Gegnern mit der Tapferkeit eines echten Spaniers, der fur seine Dame ficht, verteidigte. Einen Augenblick spater wurde sein Beistand zu spate gekommen sein; denn einer von den Gegnern des jungen Ritters war im Begriff einen Streich auf ihn zu fuhren, der dem Gefecht auf einmal ein Ende gemacht hatte, wenn Don Sylvio sich nicht in eben dem Augenblick dazwischen geworfen, und den Streich mit seinem Schlachtschwert aufgefasst hatte, welches in der Tat der morderischen Durindana des grossen Orlando weit ahnlicher sah als einem heutigen Stutzer-Degen.

Wahrend dass Don Sylvio, so ungeubt er auch in solchen blutigen Geschaften war, die Feinde durch seine Erscheinung, durch seinen Mut, und durch die gewaltigen Streiche, die er auf sie fuhrte, in kein gemeines Erstaunen setzte, war Pedrillo seines Orts auch nicht mussig. Er hatte zwar kein andres Gewehr bei sich als einen dicken knotichten Stecken von Schwarzdorn, allein er wusste sich dessen mit so vielem Nachdruck und mit solcher Behendigkeit zu bedienen, dass er in wenigen Augenblicken zween der streitbarsten Feinde unter seine Fusse brachte. Kurz, unsre Abenteurer arbeiteten mit so gutem Erfolg, dass sich der Sieg in kurzem fur ihre Partei erklarte, und die Feinde sich genotiget sahen, mit Zurucklassung zweier stark Verwundeten, ihre Sicherheit in der Flucht zu suchen.

So bald das Gefecht geendigt war, sahe sich Don Sylvio nach dem jungen Ritter um, der ihn beim ersten Anblick so sehr interessiert hatte, um ihm seine Freude uber den glucklichen Ausgang dieses gefahrlichen Abenteuers zu bezeugen; aber dieser hatte jetzt nichts angelegeners, als einem jungen Frauenzimmer zuzueilen, welches nicht weit von dem Kampfplatz ohnmachtig in den Armen ihrer Kammerfrauen lag. Man hatte grosse Muhe, sie wieder zu sich selbst zu bringen, und die Art, wie der junge Ritter sich dabei auffuhrte, liess es zweifelhaft, ob sie seine Schwester oder seine Geliebte sei. So bald sie den Gebrauch ihrer Sinnen wieder hatte, sagte er zu ihr: Liebste Hyacinthe, wenn ihnen ihre Befreiung angenehm, und das Leben eines Freundes, der nur fur sie zu leben wunscht, nicht gleichgultig ist, so sehen sie hier den liebenswurdigen jungen Ritter, dessen Grossmut und Tapferkeit ich beides zu danken habe.

Don Sylvio naherte sich bei diesen Worten mit dem edlen und anmutsvollen Anstand, womit ihn die Natur, oder ich weiss nicht was fur eine Fee bei seiner Geburt begabt hatte, und nachdem er die junge Dame durch eine tiefe Verbeugung gegrusst hatte, bezeugte er ihnen seine Freude uber ihre Befreiung in den lebhaftesten Ausdrucken. Es ist wahr, dass sie, seiner Gewohnheit nach, einen ziemlich schwulstigen und romanhaften Schwung hatten, allein die Gemutsbewegung, worin diese beide Personen waren, verhinderte sie, es zu bemerken. Die junge Dame war noch zu schwach und erschrocken, als dass sie ihm ihre Dankbarkeit anders als durch Gebarden hatte zu erkennen geben konnen; aber Don Eugenio, so hiess der junge Cavalier, und Don Gabriel, sein Freund, der unserm Helden nicht weniger fur sein Leben verbunden war, bezeugten ihm die ihrige in desto lebhaftern Ausdrukken, und nachdem sie von Don Sylvio vernommen hatten, dass er unbeschadiget davon gekommen, sagte Don Gabriel zu der schonen Hyacinthe: Unser Beschutzer ist in allen Stucken so sehr einem Schutzengel ahnlich, dass es kein Wunder ist, dass er auch so unverwundbar als ein Engel ist.

Don Sylvio betrachtete indessen die schone junge Dame mit einer Aufmerksamkeit, und mit einer gewissen innerlichen Regung, die ihn selbst befremdete, da er geglaubt hatte, dass kein Frauenzimmer in der Welt reizend genug sein konne, den geringsten Eindruck auf ein Herz zu machen, in welchem das Bildnis seiner Princessin herrschte. Die Schonheit dieser jungen Person, die nicht uber sechszehn Jahre zu haben schien, hatte zwar beim ersten Anblick nichts blendendes; aber diesen zauberischen Reiz, der sich nicht beschreiben lasst, und nach dem Urteil der Kenner noch etwas schoners als die Schonheit selbst ist, konnte man in keinem hohern Grad besitzen. Es war unmoglich ihr nicht vom ersten Blick gewogen zu werden, eine so anziehende Anmut war uber ihre ganze Person ausgebreitet. Ihr gleichgultigster Blick hatte etwas ruhrendes, ihr gewohnlicher Ton der Stimme war Musik, und der Kummer selbst konnte das reizende Lacheln nicht ausloschen, das ihren angenehmen Mund umfloss.

Don Sylvio schien die Wurkung dieser verfuhrischen Reizungen etliche Augenblicke lang so stark zu erfahren, dass Don Eugenio dadurch hatte beunruhiget werden konnen, wenn nicht die Wunden, die er und sein Freund im Gefecht bekommen, und in der ersten Hitze nicht geachtet hatten, stark genug zu bluten angefangen hatten, dass sie notig fanden, sich auf der Stelle verbinden zu lassen. Hyacinthe, die kein Auge von Don Eugenio verwandte, sah kaum das Blut ihres Freundes fliessen, als sie mit einem angstlichen Schrei in eine abermalige Ohnmacht sank.

Dieser Zufall gab unserm Helden Gelegenheit, sich in den Gedanken zu bestarken, dass diese beide Personen nichts anders als ein paar Verliebte sein konnten, und er zweifelte nunmehr nicht daran, dass die junge Dame eine Princessin sei, die ein verhasster Nebenbuhler mit Hulfe irgend eines Zauberers ihrem begunstigten Liebhaber habe entziehen wollen. Diese Vorstellung verdoppelte naturlicher Weise den Anteil, den er bereits an ihrem Schicksal zu nehmen angefangen hatte.

Die Wunde des Don Eugenio war keine von den gefahrlichen, und die Ohnmacht der schonen Hyacinthe so unschadlich als alle Ohnmachten junger Madchen zu sein pflegen, sie mogen nun ihren Grund in einem Ubermass von Schmerz oder Vergnugen haben. Nachdem man also die junge Dame durch englisches Salz wieder hergestellt, und die beiden verwundeten Ritter verbunden hatte, so gut es in der Eile moglich war, so wurde beschlossen, weil die Nacht herein brach, und Donna Hyacinthe der Ruhe benotiget war, in dem nachsten Wirtshause, das man antreffen wurde, stille zu halten. Unser Held erbot sich, sie um mehrerer Sicherheit willen zu begleiten, und Don Eugenio nahm sein Erbieten desto williger an, da er sehr begierig war, zu wissen, wer der eben so liebenswurdige als sonderbare Unbekannte sein mochte, dem er so unverhoffter Weise sein Leben und seine Geliebte schuldig geworden war. Nach einigen hin und wieder gewechselten Complimenten setzte sich also Don Eugenio zu der jungen Dame in den Wagen, und uberliess unserm Ritter sein Reit-Pferd. Pedrillo, der indes uber alles was er sah, grosse Augen gemacht hatte, und sich nicht wenig auf die verbindlichen Sachen einbildete, die ihm Don Gabriel und der Kammerdiener von seiner Tapferkeit sagten, liess sich, wiewohl nicht ohne viele Muhe, bereden, seinen Platz neben der Dame Teresilla zu nehmen, einer jungen Person von funf und dreissig Jahren, welche so schon mit Rot und Weiss bemalt war, und die Jugend ihres Gesichts durch die sittsame Enthullung eines nicht unfeinen Halses so geschickt zu bestatigen wusste, dass Pedrillo in kurzer Zeit stark genug davon uberzeugt wurde, um im Notfall sein Sylphen-Madchen dran zu setzen, dass sie erst zwanzig Jahre habe.

Viertes Capitel

Die Gesellschaft langt in einem Wirtshaus an

Weil die Reise ziemlich langsam ging, so war es bei nahe zehen Uhr, wie sie in einem Wirtshaus anlangten, wo sie ausser einer guten Anzahl leerer Gemacher nicht die geringste Bequemlichkeit antrafen.

Es war ein Vorteil fur unsere Gesellschaft, dass die Haupt-Personen mehr der Ruhe als des Essens benotigt waren, denn der Wirt hatte fur alles, was man verlangte, eine Entschuldigung fertig; das Wildpret war gestern ausgegangen, frisches Fleisch sollte er Morgen bekommen, seine Tauben hatte der Stossvogel geholt, und erst diese Nacht hatte ein kleiner Teufel von einem Marder seinen ganzen Huhnerstall entvolkert, allein bis Morgen Mittag hoffte er so vornehme Gaste besser zu bedienen; denn sein Wirtshaus hatte das Gluck, haufig von grossen Herren besucht zu werden, und nur erst vorgestern hatten sie den Grafen von Leyva, und verwichnen Montag die verwittibte Herzogin von Medina-Sidonia mit einem grossen Gefolge von Damen und Cavaliers gehabt.

In diesem Ton wurde es noch lange fortgegangen sein, wenn ihm jemand hatte zuhoren wollen. Allein da die Dame Teresilla, der Kammerdiener und Pedrillo mit ihren Herrschaften, und diese mit sich selbst zu tun hatten, so musste er sichs gefallen lassen, mitten in dem Mittagessen der Herzogin von Medina-Sidonia, welches er ihren Ohren auftrug, abzubrechen, und zog sich endlich mit vielen Complimenten und Verbeugungen in den Stall zuruck, um dafur zu sorgen, dass die Pferde und Maultiere eben so gut bedient werden mochten, als ihre Herren.

Donna Hyacinthe, welche sich nicht vollig wohl befand, beurlaubte sich von ihren Beschutzern, nachdem sie ihnen, und besonders unserm Helden, fur die Grossmut, womit sie ihr Leben fur sie gewaget, auf eine sehr einnehmende Art gedankt hatte.

Don Sylvio begleitete den Don Eugenio und seinen Freund in ihr Zimmer, um der Verbindung ihrer Wunden beizuwohnen und bediente sich des Vorwands, dass die Ruhe das beste Heil-Mittel fur sie sein werde, um ihnen bald darauf eine gute Nacht zu wunschen.

Diese beide junge Herren, und besonders Don Gabriel hatten sich so viel als der Wohlstand erlaubte, bemuhet, ihn zu Entdeckung seines Namens und Standes zu veranlassen, ohne etwas anders als abgebrochene und geheimnisvolle Ausserungen von ihm zu erhalten, wodurch sie in den Gedanken ziemlich bestatiget wurden, dass er eine Art von Abenteurer sein konnte. Auf der andern Seite hingegen wurden sie durch seine Schonheit, das edle Ansehen seiner Person, seine Tapferkeit und die Hoflichkeit seines Betragens desto starker zu seinem Vorteil eingenommen, da es leicht zu bemerken war, dass er alle diese Vorzuge der Natur allein zu danken hatte. Denn ob er gleich diejenige Art von Hoflichkeit besass, die von dem conventionellen Wohlstand unabhangig ist und daher bei allen Nationen dafur erkannt wird, weil sie bloss in dem Ausdruck einer leutseligen Gemutsart und in der Verbindung einer gewissen Achtung gegen uns selbst mit derjenigen, die wir andern schuldig sind, besteht: So fehlte es doch seinen Manieren ganzlich an dem Ton, der damals unter derjenigen Art von Leuten, die man die gute Gesellschaft nennt, in den vornehmsten Stadten von Spanien herrschte. Eben dieses fiel auch in seiner Kleidung und in seinem Putz in die Augen, und insonderheit machte das grosse Schlachtschwert, das an seiner Seite hing, mit seinem ubrigen Ansehen einen so lacherlichen Absatz, dass man nicht wusste, was man davon denken sollte.

Indessen nun, dass die beiden Ritter ihre Neugier auf den folgenden Tag vertrosteten, erfreute sich Don Sylvio seines Orts nicht wenig, dass er glucklich genug gewesen war, einer von den liebenswurdigsten Princessinnen in der Welt, und einem jungen Prinzen oder Ritter, der ihrer vollkommen wurdig zu sein schien, Dienste zu leisten; und da er nicht zweifelte, dass sich irgend eine grosse Fee ihres Schicksals annehmen werde, so hoffte er, diese neue Bekanntschaft konnte vielleicht in der Folge einen gunstigen Einfluss in seine eigene Angelegenheiten haben. Diese lagen ihm zu nah am Herzen, als dass er sich lange mit andern Betrachtungen hatte beschaftigen konnen; das Bild seiner geliebten Princessin, ihre klagliche Verwandlung, die Nachstellungen der Fee Fanferlusch, kurz, alles was ihm seit einigen Tagen begegnet war, bemachtigte sich also wieder seiner ganzen Einbildungskraft, und nachdem er sich ein paar schlaflose Stunden durch seinen gewohnlichen Traumereien uberlassen, und das Schicksal seiner unglucklichen Princessin und sein eigenes aufs wehmutigste beklagt hatte, schlummerte er endlich in den frohen Aussichten ein, die eine geheime Ahnung ihm naher vorstellte, als ers zu glauben Ursach hatte.

Funftes Capitel

Der Autor hofft, dass dieses Capitel keiner

Kammer-Jungfer in die Hande fallen werde

Indessen, dass wir die Princessinnen und Helden zu Bette gebracht haben, wo wir sie, so lang es ihnen gefallt, ruhig schlafen lassen wollen, hatte Pedrillo, (der, wie wir schon bemerkt haben, jederzeit von dem gegenwartigen Augenblick abhing) der Begierde nicht widerstehen konnen, mit der schonen Teresilla sich etwas genauer bekannt zu machen. Zu gutem Gluck war niemand, der ihm den Vorteil eines Tete a Tete hatte streitig machen wollen; denn der Kammerdiener, der durch einen Streifschuss und zwei oder drei kleine Hiebe im Gefecht verwundet worden war, hatte sich bereits zur Ruhe begeben, und der Kutscher war kein Mann, der sich hatte unterstehen durfen, seine Augen zu einer Kammer-Jungfer zu erheben.

Pedrillo machte sich also die Gelegenheit zu nutze, und unterhielt die Dame Teresilla, wahrend dass eine dicke schmutzige Gallicierin in der Kuche mit Zubereitung eines wohlbezwiebelten Hasenpfeffers von einer alten Hauskatze beschaftiget war.

Die Annehmlichkeiten ihres Umgangs verdoppelten den Eindruck, den die Rosen und Lilien ihres verjungten Gesichts auf einen ehrlichen Bauer-Kerl machen konnten, der sie fur naturlich hielt; und nachdem sie, der grossen Hitze wegen, sich zuletzt gar ihres Halstuchs entlediget hatte, so stieg seine Leidenschaft, mit Uberhupfung aller Grade, wodurch eine platonische Liebe unvermerkt fortzuschleichen pflegt, auf einmal so hoch, dass die schone Teresilla, so gross auch immer ihr Vertrauen auf die Starke ihrer Tugend sein mochte, gar bald Ursache bekam, sich in einiger Gefahr zu glauben.

Dem ungeachtet ist gewiss, dass sie, es seie nun aus guter Meinung von ihrem Gesellschafter, (denn wir haben schon bemerkt, dass er in der Tat ein viel versprechender Bursche war) oder aus jugendlicher Unerfahrenheit, oder aus irgend einer besondern Absicht, sich so mit ihm betrug, als ob sie nicht das geringste von ihm zu befurchten hatte. Das letztere lasst sich um so eher vermuten, weil sie den Vorteil kaum bemerkte, den ihr die Schwachheit des armen Pedrillo zu geben schien, als sie die ganze Macht ihrer Reizungen und ihrer Beredsamkeit anwandte, um den Namen und die Angelegenheiten seines Herrn von ihm heraus zu locken.

Allein Pedrillo, der eine ahnliche Beobachtung gemacht haben mochte, hatte sich vorgenommen, ihr sein Geheimnis so teuer zu verkaufen, als es nur immer moglich sein mochte. Er drang also darauf, dass sie ihm zuerst die Geschichte der Donna Hyacinthe entdecken musste, ehe er nur in Versuchung kommen konne, das ausdruckliche und scharfe Verbot seines Herrn so leichtsinniger Weise zu ubertreten.

Die schone, und wie wir vielleicht bald hinzu setzen mussen, die zartliche Teresilla, welche merkte, dass sie mit einem Menschen zu tun hatte, bei dem durch allzu grosse Strenge nichts auszurichten war, trug nicht das geringste Bedenken, seine Neugier durch eine weitlauflge Erzahlung zu befriedigen, welche, die Hauptumstande ausgenommen, so apocryphisch sein mochte, als gemeiniglich die Erzahlungen sind, so die Kammer-Madchens von den Anecdoten ihrer gnadigen Frauen zu machen pflegen. Pedrillo erfuhr also, dass Donna Hyacinthe weder mehr noch weniger eine Donna sei als irgend eine, die ihre Wasche an einen Zaun aufhangt, dass ihr Gesicht und ihre kleine Person ihren Adel, ihr Vermogen und alle ihre Rechte und Anspruche in sich fasse, und dass man so gar vermute, dass sie ein Findel-Kind sei, dem seine Mutter nicht habe sagen konnen, wem es sein Dasein zu danken habe. Sie habe seit einiger Zeit auf dem Theater zu Grenada ziemlich viel Aufsehens gemacht, und nicht weniger Liebhaber gehabt, als alle die Mannsleute, welche sie gesehen hatten, unter denen sich aber keiner mehr Muhe gegeben habe, ihr Herz zu erobern, als Don Fernand von Zamora, ein sehr reicher junger Cavalier, der einen ungeheuren Aufwand um ihrentwillen gemacht, ohne dass er, so viel man wisse, jemals das mindeste von ihr erhalten konnen. Kurz, unter so vielen, die um sie geseufzet hatten, sei Don Eugenio von Lirias, der einzige, dessen eben so tugendhafte als heftige Leidenschaft sie wo nicht aufzumuntern, doch wenigstens zu dulden geschienen habe. Allein wer die Donna Hyacinthe kenne, sei so blode nicht, sich durch diesen Schein einer strengen Tugend hintergehen zu lassen. Es sei eine ausgemachte Sache, dass sie den Don Eugenio bis zur Ausschweifung liebe, und dass sie nicht lange grausam gegen ihn geblieben sein wurde, wenn sie nicht im Sinn gehabt hatte, ihn so weit zu bringen, dass er endlich die Torheit beginge, sie gar zu heuraten. In dieser Absicht habe sie ihn wurklich uberredet, sie vom Theater wegzunehmen, und auf einige Zeit in ein Closter zu Valencia zu tun, von wannen sie hernach unter einem andern Namen nach und nach in der Welt hatte erscheinen sollen. Allein zu allem Ungluck seie dieses Vorhaben (die Dame Teresilla hatte, wenn sie gewollt hatte, gar wohl sagen konnen, von wem? denn sie war es selbst) dem Don Fernand etliche Wochen vor der Ausfuhrung verraten worden. Dieser habe die Verzweiflung uber seine ungluckliche Leidenschaft und andre Ursachen zum Vorwand genommen, sich von Grenada weg zubegeben, damit er indessen Anstalten machen konnte, sie seinem glucklichern Nebenbuhler zu entreissen. Er musse, wie der Ausgang gezeigt, so gar den Tag gewusst haben, wenn Hyacinthe nach Valencia abgehen wurde, kurz, er habe seine Massregeln so gut genommen, dass er sie eine Stunde von Montesa uberrascht und in seine Gewalt bekommen habe. Seine Absicht sei vermutlich gewesen, sie auf eines seiner Guter in Arragon zu fuhren; allein das gute Gluck ihrer Dame habe gewollt, dass sie unterwegs auf Don Eugenio, den man zu Valencia zu sein geglaubt habe, gestossen seien, da er in Begleitung seines Freundes Don Gabriel, dem Ansehen nach, einen blossen Spazierritt getan, und vermutlich nichts wenigers besorgt habe, als seine Geliebte in den Handen eines Nebenbuhlers anzutreffen. Da sie nun einander so gleich erkannt, habe Don Eugenio, ungeachtet der Uberlegenheit seiner Gegner, sich entschlossen gezeigt, lieber das Leben als seine geliebte Hyacinthe zu verlieren. Wurde aber vermutlich beide zugleich verloren haben, wenn ihm nicht ein gluckliches Ungefahr in der Person des unbekannten jungen Ritters und des tapfern Pedrillo einen Beistand zugeschickt hatte, durch den sich der Sieg in etlichen Augenblicken fur ihn erklart habe.

Nachdem die gefallige Teresilla mit ihrer Erzahlung fertig war, forderte sie, wie billig, eine gleiche Gefalligkeit von ihrem Gesellschafter; aber Pedrillo hatte schon wieder andere Schwierigkeiten in Bereitschaft; er verschanzte sich hinter die Wichtigkeit seines Geheimnisses, die Treue die er seinem Herrn schuldig sei, sein gegebenes Wort und die Gefahr, in die er sich durch eine solche Indiscretion sturzen wurde; kurz, sie verlor alle ihre Wohlredenheit und so gar eine Menge kleiner Gunstbezeugungen an ihm, welche so unerheblich sie auch an sich selbst waren, doch ihrer Meinung nach, mehr als hinreichend hatten sein sollen, ihn zu der lebhaftesten Erkenntlichkeit zu bewegen. Pedrillo bewies ihr mit seiner gewohnlichen Bundigkeit, dass ein Geheimnis von dieser Art sich nur einer Person anvertrauen lasse, fur die man gar nichts geheimes habe; und er ging endlich so weit, auf die Gefalligkeit, die sie von ihm forderte, einen Preis zu setzen, welchen sie, ohne eben eine Lucretia zu sein, hatte ubermassig finden konnen.

Cicero, dem alle Welt eingestehen muss, dass er ein unvergleichlicher Redner, ein grosser Staatsmann, ein mittelmassiger Philosoph, und ein sehr kleiner General war, sagt an einem Ort seiner eben so angenehmen als lehrreichen Schriften, "Dass die Begierde nach Erkenntnis der starkste unter allen naturlichen Trieben des Menschen sei. Der Trieb zum Wissen, sagt er, scheint so wesentlich in uns zu sein, dass wir zu allem, was unsere Kenntnis erweitert, ohne Hoffnung oder Absicht eines besondern Vorteils, von der Natur selbst dahin gerissen werden"; und nachdem er einige Beispiele davon gegeben, setzt er hinzu: Homerus scheine dieses sehr wohl eingesehen zu haben, da er von den Syrenen dichte, dass die zauberische Kraft ihres Gesangs nicht so wohl in der Annehmlichkeit ihrer Stimme, oder der ungewohnlichen Lieblichkeit der Melodie bestanden sei, als in der Versicherung, "dass sie alles wissen, was auf dem ganzen Erdboden geschehe, und in dem Versprechen ihre Zuhorer gelehrter wieder zu entlassen, als sie gekommen seien". Kein geringerer Reiz, glaubt er, hatte einen so grossen Mann als Ulysses war, so sehr dahin reissen konnen, dass, ohne die kluge Veranstaltung, welche die Fee Circe deswegen gemacht, selbst die Gewissheit eines unvermeidlichen Untergangs nicht vermogend gewesen ware, ihn von den fatalen Klippen dieser Zauberinnen zuruck zu halten.

Die junge und tugendhafte Teresilla gibt uns ein merkwurdiges Beispiel, wie richtig diese Beobachtung des angezogenen romischen Schriftstellers ist. Der Preis, den der eigennutzige Pedrillo auf die Entdeckung seines Geheimnisses setzte, machte sie allerdings stutzen; sie ermangelte nicht ihre Bedenklichkeiten den Seinigen entgegen zu setzen, und wandte alles an, um ihn zu einem billigen Nachlass zu bereden: Aber da er hartnackig darauf bestand, dass sich seine Geschichte nirgend als in seiner Kammer erzahlen lasse, so sah sie sich endlich genotiget, alle ihre kleinen Scrupel der Begierde nach einer Erweiterung ihrer Erkenntnisse aufzuopfern, deren Wichtigkeit sie nach der Grosse des Preises abmass. Sie versprach also, jedoch unter der ausdrucklichen Bedingung, dass er eine so ausnehmende Probe ihres Zutrauens nicht missbrauchen wollte, ihn so bald das ganze Haus in Ruhe sein wurde, in seiner Kammer zu besuchen; Pedrillo, der gegen die Billigkeit ihrer Bedingung nichts einwenden konnte versprach ihr alles was sie wollte, und beide hielten ihr Wort so gewissenhaft, wie man sichs einbilden kann.

Sechstes Capitel

Exempel eines merkwurdigen Verhors

Don Sylvio hatte nach einer langen Folge wachender Traume endlich ein paar Stunden geschlummert, als er, wie die Geschichte meldet, von den Flohen aufgeweckt wurde, wovon es in diesem Wirtshause wimmelte. Der gunstige Leser wird so hoflich sein, und die Anfuhrung dieses Umstands als einen abermaligen Beweis der Genauigkeit ansehen, womit wir die Pflichten der historischen Treue zu beobachten beflissen sind, da es uns, wenn wir nur fur die Ehre unsers Witzes hatten sorgen wollen, ein leichtes gewesen ware, unsern Helden durch irgend eine edlere oder wunderbare Veranlassung aufzuwecken.

Indem er nun beschaftigt war, sich vor diesen beschwerlichen Geschopfen einige Sicherheit zu verschaffen, deuchte ihm in dem nachsten Gemach, das nur durch eine Bretterwand von dem seinigen abgesondert war, eine flusternde Stimme zu horen, deren Ton etwas weibliches zu haben schien. Er hielt sein Ohr so nahe an die Wand als moglich war, und glaubte ganz deutlich diese Worte zu horen: Unter keiner andern Bedingung, als wenn ihr mich das Bildnis der Princessin sehen lasst Aber wie soll das moglich sein, horte er eine andere Stimme antworten; wenn ichs auch wagen wollte in sein Zimmer zu schleichen, und es wahrend dass er schlaft, wegzunehmen, so ist es doch unmoglich, weil ers immer am Halse zu tragen pflegt, er wurde erwachen, und dann mochte uns der Himmel gnadig sein O! Keine Ausfluchten, sagte die weibliche Stimme, wahrhaftig, ich hatte nicht geglaubt aber ich sage euch, ich will das Bildnis haben, oder bildet euch nicht ein, dass ich

Hier wurde die Stimme etwas leiser, oder vielmehr Don Sylvio, der bereits zu viel gehort hatte, konnte nicht so viel Gelassenheit behalten, langer aufzuhorchen. Wie? rief er, und sank vor Besturzung zitternd auf sein Kussen zuruck; ein heimlicher Anschlag wider mich? wider das, was mir teurer als mein Leben ist? O! Radiante, jetzt ist es Zeit, dass du mir deinen Beistand leistest, sonst bin ich verloren.

Don Sylvio rief dieses so laut, dass Pedrillo und die wissensbegierige Teresilla nicht ratsam fanden, ihre Unterredung fortzusetzen; und da sie bald darauf zwei oder dreimal Pedrillo rufen horten, so hielt die junge Dame fur das sicherste sich so behend als nur moglich war aus einem Gemach hinweg zu schleichen, wo sie um die halbe Welt nicht von einer dritten Person hatte angetroffen werden mogen. Allein sie konnte doch nicht schnell genug sein, dass Don Sylvio, in dem Augenblick, da er eine kleine Tapeten-Tur, die aus seinem Zimmer in Pedrillo Kammer ging, eroffnete, nicht bei dem truben Schein, den die Morgendammerung durch ein kleines mit Spennengeweben uberhangnes Fenster warf, eine weibliche Gestalt erblickt hatte, die in eben demselben Augenblick aus der andern Tur entschlupfte. Zum Gluck fur die Dame Teresilla vermehrte dieser Umstand seine Besturzung so sehr, dass er lange genug starr und sprachlos an den Boden angefroren stund, um ihr Zeit zu lassen, sich wieder auf den Zehen in das Zimmer ihres Fraulein zu schleichen.

Der subtileste Dialecticus, der sich dermalen in den Umstanden des Pedrillo befunden hatte, wurde vermutlich sehr verlegen gewesen sein, sich mit einer guten Art aus einer so kutzlichen Situation heraus zu wickeln. Alle seine Schlusse in Festino und Barocco wurden ihm nicht halb so gute Dienste geleistet haben, als dem schlauen Pedrillo der blosse Instinct, dessen Eingebung er sich in diesem critischen Augenblick blindlings uberliess.

Seid ihrs, gnadiger Herr, rief er, als ob er nur eben aus einem tiefen Schlaf erwache. Was ist euch begegnet, dass ihr schon so fruh aufsteht?

Kleide dich unverzuglich an, und folge mir in mein Zimmer, antwortete Don Sylvio mit einem Ton, der den armen Pedrillo vom Wirbel bis zu den Zehen zittern machte, und schloss zu gleicher Zeit die ausserste Tur der Kammer zu, welche Teresilla halb offen gelassen hatte.

Ich will in einem Augenblick fertig sein, gnadiger Herr, sagte Pedrillo, wenn ihr mich allein lassen wollt, denn es wurde sich doch nicht schicken, dass ich in Eurer Gnaden Gegenwart die Hosen anzoge.

Du kannst anziehen was du willst, antwortete Don Sylvio; mache nur, dass du bald fertig wirst, oder wir sind am langsten gute Freunde gewesen.

Pedrillo, der nun keinen Augenblick zweifelte, dass sein Herr alles gehort haben werde, was zwischen ihm und der Dame Teresilla vorgegangen war, verfluchte von ganzem Herzen das Jahr, den Monat, den Tag, die Stunde und den Augenblick, da er diese verderbliche Syrene gesehen hatte; sie kam ihm jetzo so alt, so hasslich, so durr und unangenehm vor, als er sie vor etlichen Minuten, jung, schon, artig und appetitlich gefunden hatte, und er hatte sich selber gerne mit Fussen getreten, wenn es nur etwas hatte helfen konnen. Allein da der vorbesagte Instinct ihn versicherte, dass Dreistigkeit und Leugnen das einzige Mittel sei, sich aus diesem schlimmen Handel zu ziehen, so erschien er endlich vor seinem Herrn, mit dem festen Vorsatz, sich eher die Haut uber die Ohren abziehen zu lassen, ehe er das geringste eingestehen wollte.

So bald er in das Zimmer getreten war, befahl ihm Don Sylvio die Ture zu riegeln, und fing hierauf an mit dem Ernst eines General-Inquisitors folgendes Examen mit ihm vorzunehmen.

Wer war die Person, die vorhin in deiner Kammer war?

Was fur eine Person, gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, mit einem Ton, als ob er die Frage nicht begreifen konne?

Spitzbube, rief Don Sylvio, das will ich eben wissen, was fur eine Person es war?

Ich weiss von keiner Person, gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, ausser euer eignen, die ich sah, wie ihr die Ture aufmachtet und mich wecktet; denn ihr werdet doch nicht die Flohe meinen, von denen ich in der Tat zwei oder dreimal hundert tausend zu Bettgesellen hatte; das verfluchte Gesindel weckte mich alle Augenblicke auf; es war nicht anders, als ob sie Compagnienweise aufzogen, und ich will nicht ehrlich sein, wenn sie nicht einen Lermen machten, dass mir die Ohren davon gellten; nichts von einem halben dutzend Katern zu gedenken, die auf dem Dach, das an meinem Fenster anliegt, der jungen Katze vom Hause, wie ich mir einbilde, eine Serenade brachten, und so jammerlich in die Wette heulten, dass mir jetzt noch alle Rippen im Leibe davon weh tun.

Still mit dieser unzeitigen Spasshaftigkeit, sagte Don Sylvio, sie wird dir diesmal nichts helfen. Ich habe eine Person aus deiner Kammer schleichen gesehen, ich habe sie mit dir reden gehort, und ich will wissen, wer es war.

Gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, ich will gleich des Todes sein, wenn ich weiss was ich sagen soll. Wenn ihr was gesehen habt, so verlang ich euch nicht zu widersprechen, ihr seid von den Feen begabt, und seht bei allen Anlassen mehr als unser einer; aber was mich betrifft, wenn ich sagte, dass ich was gesehen hatte, so musst es nur im Schlaf gewesen sein. Denn ich schlief die ganze Zeit uber, ausser wenn mich, wie gesagt, die Flohbisse und die Katzenmusik weckte, mehr kann ich nicht sagen, und wenn es mir das Leben galte.

Nichtswurdiger, rief Don Sylvio, indem er sein furchtbares Schwert entblosste, ich sage dir, dass ich mich mit deinen elenden Ausfluchten nicht abfertigen lassen will; bekenne die reine Wahrheit, oder du bist des Todes.

Ach! mein lieber gnadiger Herr Don Sylvio, schrie Pedrillo, indem er sich ihm zu Fussen warf, um Gottes willen, schonet mein junges Blut; ich will euch ja alles sagen, was ich weiss. Was bewegt euch doch, dass ihr so grausam mit mir umgehen wollt? Ich habe euch schon so viele Jahre gedient, und ihr wisst, dass ich euch durch ein Feuer geloffen ware, wenn ihrs verlangt hattet. Ich bitte euch, gnadiger Herr, steckt doch diesen abscheulichen Sabel ein, ich will euch ja alles bekennen. Es ist doch entsetzlich, dass ich deswegen sterben soll, weil ich nichts gesehen habe! O heiliger Sanct Jago! wenn ich nur diesmal davon komme In der Tat, gnadiger Herr, wenn schon das Kammermadchen der Fraulein Hyacinthe bei mir geschlafen hatte, ihr konntet mirs nicht arger machen.

Ausfluchte! Ausfluchte! rief Don Sylvio; meinst du, ich soll so albern sein, mir einzubilden, die Kammerfrau einer Princessin werde in drei oder vier Stunden gleich so vertraut mit dir werden, dass sie die Nacht in deiner Kammer zubringe? Ich sage dir noch einmal, du hast kein ander Mittel dein Leben zu retten, als wenn du mir die Wahrheit gestehst. Es soll dir kein Leid geschehen, was es auch sein mag; aber ich will die Wahrheit wissen.

Was wollt ihr denn, dass ich sagen soll, gnadiger Herr, antwortete Pedrillo? einmal ich weiss von nichts, als was ich euch schon gestanden habe, und wenn ich mehr sagen soll als ich weiss, so musst ihr mirs nur vorsprechen.

Antworte die reine Wahrheit auf meine Fragen war niemand bei dir in der Kammer?

Zehen tausend Escadronen Flohe, wie ich Eu. Gnaden sagte, sonst keine Seele, so viel ich weiss.

Wer war denn die Person, die ich zu deiner Ture hinaus schlupfen sah, wie ich die meinige offnete?

Das weiss ich nicht, gnadiger Herr; ich wachte eben auf, und war noch ganz schlaftrunken, wie ihr mir riefet. Wenn ihr was gesehen habt, so musst ihr ja am besten wissen, was es war.

Es deuchte mich eine weibliche Gestalt zu sein, aber ich konnte nicht erkennen, wer es sein mochte; sie entfloh oder verschwand in dem namlichen Augenblick, da ich sie gewahr wurde.

Sapperment! gnadiger Herr, so ist es ein Geist gewesen, und das kann auch gar wohl moglich sein. Es sah mir gleich beim Eintritt so gespenstmassig in diesem Hause aus; wenn ihr was gesehen habt, und es ist gleich wieder verschwunden, so war es Gott behut uns! ein Geist, der vielleicht ehemals in dieser Kammer ermordet worden ist. Meiner Six, ich wollte nicht eine Grafschaft darum nehmen, dass ich ihn gesehen hatte, ich hatte gleich vor Angst die Seele ausgeblasen, das versichre ich euch.

Pedrillo sagte dieses mit einer so treuherzigen Mine, dass Don Sylvio zu glauben anfing, er konnte ihn unschuldiger weis im Verdacht haben.

Aber hortest du denn auch niemand, fuhr er fort, wenn du nichts gesehen hast?

Gnadiger Herr, versetzte Pedrillo, man hat, wie ihr wisst, manchmal allerlei Einbildungen, wenn einer des Nachts allein und in einem fremden Hause ist. Ich hatte mir nichts daraus gemacht, denn ich erinnere mich noch wohl, wie ihr mich auslachtet, da ich den Riesen sah, dem ihr gestern fruh einen Ast abhiebet; aber weil ihr selbst glaubt, dass es nicht gar zu richtig in diesem Wirtshaus sei, so will ich euch bekennen, dass ich ungefahr vor einer halben Stund erwachte, und da war mir nicht anders, als ob ein Sack auf mir lage, dass ich kaum Atem holen konnte; und eine Weile darauf deuchte mich, als ob ich etliche Personen miteinander flustern horte; ich hatte sie gerne behorcht, aber es war mir so angst, dass ich mich unter die Decke verkroch, und da schlief ich unvermerkt wieder ein, und da horte ich weiter nichts. Das ist die reine Wahrheit, und wenn ihrs anders findet, so mogt ihr mich umbringen, oder den Flohen vorwerfen, die in diesem Hause so hungrig sind, wie die Wolfe in den Pyrenaen; ich will mir alles gefallen lassen.

Pedrillo, mein Freund, antwortete ihm Don Sylvio mit einem Ton, der ihm das Leben wieder gab, ich bin zufrieden! aber wenn ich dir sagen werde, wie weit die Bosheit gewisser Personen, die ich nicht nennen will, geht, so wirst du dich nicht wundern, dass ich dich anfangs so unfreundlich angelassen habe. Wisse also, dass ich mit diesen meinen Ohren einen Anschlag behorcht habe, der in deiner Kammer gemacht wurde, mir das Bildnis meiner geliebten Princessin zu entwenden. Ich bin uberzeugt, dass du einer so entsetzlichen Verraterei unfahig bist; aber ich schwore dir bei der Ehre eines Ritters, ich horte deine Stimme, und ich zweifle nun keinen Augenblick, dass es meine beide Feindinnen waren, von denen die eine deine Stimme annahm, in der Absicht, wofern ihnen ihr Anschlag auf mein Bildnis fehl schluge, wenigstens so viel zu erhalten, dass ich dich fur den schandlichsten Verrater halten sollte.

Das ist ja verrucht, gnadiger Herr, rief Pedrillo, Sapperment, das heisst den Spass zu weit treiben. Auf solche Art ist ein ehrlicher Kerl so gar im Schlaf nicht sicher, dass nicht irgend ein vertrackter Zwerg oder Hexenmeister seine Person annimmt, und in dieser geborgten Person so viel Spitzbubereien angibt, bis er den armen Teufel in seiner eignen Person an den Galgen bringt. Aber ich bitte euch, Herr, was sagte denn meine Stimme, oder die Hexe, die meine Stimme angenommen hatte.

Gib dich zufrieden, Pedrillo, erwiderte Don Sylvio, ich bin von deiner Unschuld uberzeugt, und wir sind beide hinlanglich dadurch gerochen, dass ihnen ihre gedoppelte Absicht fehl geschlagen ist. Aber mache dich fertig, ich will keinen Augenblick langer in diesem Hause bleiben.

Wollt ihr denn gehen, fragte Pedrillo, ohne von der Dame und dem Ritter Abschied zu nehmen, denen wir gestern das Leben gerettet haben? Sie hatten gestern so viel mit ihren Circumflexen zu tun, die sie in der Schlacht bekommen haben, dass sie sich nicht einmal Zeit nehmen konnten, uns recht dafur zu danken; und ich meine doch einem das Leben retten, ist ein Ritterdienst, der wenigstens einen Vergelts Gott wert ist.

Ich verlange keinen Dank, antwortete Don Sylvio, fur eine Handlung, die meine Schuldigkeit war, ich mag mich als einen Ritter oder bloss als einen Menschen betrachten; ich wurde alle Augenblicke fur einen jeden Turken, Juden oder Heiden des gleichen tun, und ob ich gleich gewunscht hatte, nahere Umstande von ihren Begebenheiten zu erfahren, so notigt mich doch die gefahrliche Entdeckung, die ich diesen Morgen gemacht habe meinen Entschluss zu andern. Welch ein Gluck war es fur mich, dass ich noch zeitig genug erwachte; um ihren Anschlag vereiteln zu konnen! Aber ich bin gewiss, dass mich eine unsichtbare Hand weckte Ich gestehe dir, dass ich mich in diesem Hause keinen Augenblick sicher halte. Die Fee Radiante hat mir ihren Schutz versprochen, in so fern wir meine geliebte Princessin suchen, und wenn du dich besinnst, so wirst du finden, dass uns alle die widrigen Zufalle, die uns auf unsrer Reise befallen haben, wahrend dass wir schliefen oder stille lagen, begegnet sind

Ja, gnadiger Herr, sagte Pedrillo dazwischen, den Froschgraben ausgenommen, in den uns eure Salamander hinein fuhrten.

Und ich sehe es, fuhr Don Sylvio fort, als eine gerechte Strafe an, dafur dass ich mein Gelubde, es sollte, bis ich meine Princessin gefunden hatte kein Schlaf in meine Augen kommen, nicht besser gehalten habe. Mit einem Wort, Pedrillo, ich will keine Minute langer in diesem Hause bleiben, in welchem Fanferlusch vielleicht Freunde oder andere Vorteile hat, die mir unbekannt sind. Packe dein Gerate zusammen, und lasse uns so leise als wir konnen davon schleichen; es fangt kaum an zu tagen, das ganze Haus schlaft, und wenn auch unsre Feinde wachen, so bin ich gewiss, dass Radiante einen bezauberten Nebel um uns her machen wird, hinter welchem uns der hundertaugichte Argus selbst nicht entdecken wurde.

Sei es so, weil ihrs fur gut befindet, antwortete Pedrillo, froh genug, dass er so wohlfeil davon gekommen war. Sapperment! ich dachte doch gleich, wie ich die Flohe so Legionenweis auf mich eindringen sah, dass es nichts gutes bedeuten werde. Ich versichre Eu. Gnaden, ich bin am ganzen Leibe nur eine Wunde, und ich wollte auf ein Buch schworen, dass es keine naturliche Flohe, sondern lauter bezauberte Igel und Stachelschweine waren, mit denen uns dieses boshafte Zaubervolk zu Tode zu hetzen hoffte.

In diesem Tone plauderte Pedrillo so lange fort, als er mit Bepackung seines Zwerchsacks zu tun hatte; denn er besorgte immer, sein Herr mochte, wenn er ihm Zeit zum Nachdenken liesse, hinter die Wahrheit kommen, und so bald er reisefertig war, schlichen sie sich, ohne nach dem Wirt und der Zeche zu fragen, so leise fort, dass selbst die Dame Teresilla, die sich aus Vorsichtigkeit ganz ruhig in ihrem Zimmer hielt, nicht das geringste von ihrer Abreise merkte.

Siebentes Capitel

Eine kleine Abschweifung nach Lirias, wobei der

Autor eine nicht unfeine Kenntnis des weiblichen

Herzens sehen lasst

Don Sylvio bejammerte allemal den Verlust des armen kleinen Pimpimps, so oft es darum zu tun war, welchen Weg sie gehen sollten. Allein, da es nun nicht anders sein konnte, so begnugten sie sich auf demjenigen fortzuwandeln, der sie hieher gebracht hatte.

Es begegnete ihnen einige Stunden lang so wenig merkwurdiges, dass wir, um den Leser nicht immer mit Erzahlung ihrer Gesprache zu ermuden, indessen einen kleinen Absprung nach Lirias machen wollen, wo die Liebenswurdige Donna Felicia mit ihrer wurdigen Vertrauten sehr erstaunt waren, von ihrem Bruder keine andre Nachricht zu erfahren, als dass er mit Don Gabriel ausgeritten sei, ohne jemand anders als seinen Kammerdiener mitzunehmen. Sein Aussenbleiben setzte sie in die grosste Unruhe, und die kluge Laura wusste sich endlich nicht anders zu helfen, als dass sie sich bemuhte, die Aufmerksamkeit ihrer Dame auf einen andern Gegenstand zu lenken.

Sie brachten also beinahe die ganze Nacht mit Gesprachen von Don Sylvio zu, in denen die angehende Liebe, die er so gar im Schlafe glucklich genug gewesen war, der reizenden Felicia einzuflossen, sich nach und nach so lebhaft offenbarte, dass es sehr geziert heraus gekommen ware, wenn sie ihrer Laura ein Geheimnis daraus hatte machen wollen; zumal da dieses Madchen seines Verstands und guten Herzens wegen, des Vertrauens nicht unwurdig war, wodurch seine Gebieterin es beinahe zum Rang einer Freundin zu erheben schien.

Dass dieser unbekannte Schlafer der schonste unter allen Sterblichen sei, das hatten ihnen ihre Augen gesagt, und sie breiteten sich mit desto grossrer Gefalligkeit uber diesen Punct aus, da sie noch keine Gelegenheit gehabt hatten, andre Verdienste an ihm kennen zu lernen. Aber wer er sei, und ob sein Stand und seine moralischen Eigenschaften mit einer so einnehmenden Aussen-Seite ubereinstimme, das war eine Frage, gegen deren Bejahung Donna Felicia tausend Zweifel zu erregen wusste, um das Vergnugen zu haben, sie von Lauren beantwortet zu sehen. Nachdem sie nun alles, was nur moglich war, dafur und dawider gesagt hatten, so wurde man endlich einig, dass es im aussersten Grad unwahrscheinlich sei, dass ein Jungling, dessen Gestalt die Natur mit allem Fleiss dazu gemacht zu haben scheine, um eine vortreffliche Seele anzukunden, nicht der edelste, der tugendhafteste, der tapferste, der angenehmste, mit einem Wort, der liebenswurdigste unter allen, die jemals von Weibern geboren worden sein sollte. Selbst das Zeugnis des Pedrillo, so ungeneigt man war ihm in denjenigen Puncten, die seinem Herrn nicht so sehr zum Vorteil gereichten, einigen Glauben beizumessen, wurde in Absicht des Lobes, so er seinem moralischen Character erteilt hatte, fur desto vollgultiger angesehen, je weniger Bediente sonst gewohnt sind, ihren Herrschaften in diesem Stuck bei fremden Personen zu schmeicheln.

Allein was sollte man aus dem bezauberten Sommervogel der Princessin, den Feen und dem Zwerge machen, welche Pedrillo in seine Geschichte eingeflochten hatte? Was sollte man von der Ernsthaftigkeit, dem aufrichtigen Gesicht und dem zuverlassigen Ton denken, womit dieser Bursche, der die Mine gar nicht hatte, als ob er seinen Zuhorerinnen etwas hatte weis machen wollen, sie versichert hatte, dass sein Herr in eine bezauberte Princessin verliebt sei, die er mit Hulfe einer grossen Fee zu erlosen im Sinn habe?

Uber diesen Punct war Donna Felicia nicht so leicht zu befriedigen, und es wahrete lange, bis die sinnreiche Laura sie endlich uberredete, dass man es eben damit so machen musse, wie vernunftige Muselmanner mit gewissen unglaublichen oder kindischen Erzahlungen des Alcorans; man musse sie fur eine Art von Allegorie ansehen, worunter, so bald man den Schlussel dazu hatte, vermutlich nichts anders als ein ganz naturliches und alltagliches Liebes-Historchen, verborgen liegen werde. Diese Erklarung, so wohl ausgesonnen sie schien, war dennoch nicht vollig nach dem Geschmack der Donna Felicia und Laura hatte Gelegenheit fur sich selbst die Anmerkung zu machen, dass die gute junge Dame ihren Geliebten lieber mit einem noch unversehrten Herzen ein wenig narrisch, als bei vollkommenem Verstand in eine andre verliebt gesehen hatte.

Man endigte also damit, dass Laura sich bemuhen sollte, so bald als moglich nahere Erkundigungen von Don Sylvio von Rosalva einzuziehen. Zu gutem Gluck ersparte ihr der Zufall diese Muhe, indem es sich von ungefahr fugte, dass der namliche Barbier, dessen wir bereits mehrmal Erwahnung getan, und der in der ganzen Gegend fur einen desto bessern Wundarzt gehalten wurde, weil er auf viele Meilen umher der einzige war, gleich den folgenden Morgen nach Lirias kam, um einen Bedienten zu besuchen, der schon etliche Wochen an einem Beinbruch gelegen war.

Laura kam eben in das Zimmer, wo er war, als er, mit der Waschhaftigkeit, die seiner Profession seit undenklichen Zeiten eigen gewesen ist, von der Entweichung des Don Sylvio als einer Neuigkeit erzahlte, wovon bereits in der ganzen Gegend von Rosalva gesprochen werde. Sie hatte also keine Muhe von diesem glaubwurdigen Mann so viel Nachrichten uber unsern Helden einzuziehen, als sie nur wunschen konnte. Sie erfuhr von ihm den Charakter der Tante, die Erziehung und Lebensart des jungen Ritters, die Absichten der Donna Mencia, ihn mit den hundert tausend Ducaten der missgeschaffnen Mergelina Sanchez zu vermahlen, und welchergestalt er mit seinem Diener Pedrillo, vermutlich um eine so unanstandige Heurat auszuweichen, heimlich davon gegangen sei, ohne dass man wisse, wohin. Was seine personliche Eigenschaften betraf, so versicherte der Herr Barbier, dass derjenige noch geboren werden musse, der es ihm an Schonheit, Wissenschaft und Tugend zuvor tun sollte, und er setzte hinzu: er hoffe alles gesagt zu haben, wenn er die Herren und Damen versichere, dass Don Sylvio unter seiner Anfuhrung binnen zween Monaten so wundertatige Progressen im Citherschlagen gemacht habe, dass er selbst sich nicht schame, ihn als seinen Meister darin zu erkennen. Von einem Liebeshandel, worin Don Sylvio jemals verwickelt gewesen sein sollte, wollte der Barbier nicht das geringste wissen; hingegen verschwieg er nicht, dass er in der Tat etwas sonderbares und romanhaftes an sich habe, so ihm jedoch nicht ubel lasse, und dass er aus einem gewissen Gesprach, das sie vor etlichen Wochen mit einander gefuhrt, so viel ersehen hatte, dass Don Sylvio einen ausserordentlichen Geschmack an den Feen-Marchen finde, und sich in den Kopf gesetzt habe, dass es lauter wahrhafte Geschichten seien, dass es wurklich Feen gehe, und dass es gar nichts seltsames sein wurde, wenn ihm selbst dergleichen Dinge begegneten.

Diese Nachrichten enthielten bei nahe alles, was Donna Felicia zu ihrer Beruhigung notig hatte. Allein ob gleich der romanhafte Schwung seiner Einbildungskraft etwas desto angenehmeres fur sie hatte, weil er mit ihrer eigenen Sinnesart sympathisierte; So war sie doch auf der andern Seite nicht sehr vergnugt, dass er die Liebe zur Feerei bis zu einem Grad der Schwarmerei trieb, der ihn zu einer Art von Narren machte. Vielleicht, dachte sie, ist er in eine idealische Princessin verliebt, die er nie gesehen hat, und damit seine Liebe ein desto feenmassigers Ansehen bekomme, hat er sich selbst beredet, dass sie von einer Fee, die sich seines Nebenbuhlers annimmt, in einen Sommervogel verwandelt worden sei. Diese Einbildung deuchte sie narrisch genung; aber wenn Don Sylvio lacherlich war, in eine blosse Idee verliebt zu sein, war es Donna Felicia weniger, da sie uber diese arme Idee eifersuchtig war? In der Tat merkte sie es selbst; denn so vertraut sie sonst mit ihrer Laura zu sein pflegte; so konnte sie ihr doch diese Schwachheit nicht ohne Erroten gestehen. Die Unterredung, die sie daruber mit einander hatten, leitete sie nach und nach auf allerlei Projecte, wie man es anfangen konnte, um bekannter mit Don Sylvio zu werden; aber das schlimmste war, dass sich bei jedem irgend eine Schwierigkeit fand, die man allemal erst entdeckte, wenn man sich lange genug uber die Ausfuhrung desselben gefreuet hatte. Es blieb ihnen also zuletzt nichts anders ubrig, als die Hoffnung, dass der Zufall, dem man in allen menschlichen Angelegenheiten vieles uberlassen muss, vielleicht in kurzem mehr zu Begunstigung ihrer Absichten tun konne, als die ausgesonnensten Entwurfe.

Achtes Capitel

Das hochstklagliche Abenteuer mit den

Gras-Nymphen

Inzwischen setzte Don Sylvio mit seinem getreuen Achates, unter mancherlei Gesprachen, wozu ihre Begebenheiten Anlass gaben, seine irrende Reise fort, und ruhete von Zeit zu Zeit in den anmutigen Gebuschen aus, womit die bezaubernden Landschaften von Valencia, wie mit Kranzen durchwunden sind.

Sie befanden sich wurklich in einem kleinen Cypressen-Wald, wohin sie die zunehmende Hitze getrieben hatte, und wo sie sich an der lachenden Aussicht uber die bluhenden Ebnen ergotzten, die sich zu beiden Seiten des Guadalaviars verbreiteten; als Pedrillo, plotzlich eine Entdeckung machte, welche allen Bekummernissen, Liebesschmerzen und Herumirrungen unsers Helden auf einmal ein erwunschtes Ende zu versprechen schien.

Hei sa, gnadiger Herr, rief er, Freude uber Freude, wir haben unsre Princessin gefunden, oder meine Augen mussen bezaubert sein; seht ihr den blauen Sommervogel nicht, der dort um die Rosenstauden herum flattert?

Pedrillo betrog sich nicht ganzlich; es war wurklich ein blauer Sommervogel, und Don Sylvio wunschte zu sehr, dass es seine Princessin sein mochte, als dass er einen Augenblick daran gezweifelt hatte. Ich will auf diese Seite heruber gehen, gnadiger Herr, sagte Pedrillo, und ihr schleicht indessen allgemach auf ihn zu; er soll uns nicht entwischen, und ich denke, die Princessin braucht euch nur zu sehen, so wird sie euch von selbst in die Hande fliegen.

Der Sommervogel schien wurklich die Hoffnung des Pedrillo zu rechtfertigen; er flog in kleinen Kreisen dem Don Sylvio entgegen, und dieser naherte sich ihm schon mit ausgestreckter Hand, von Freude und Sehnsucht zitternd; als der Unstern unsers armen Liebhabers einen andern weissgrauen Sommervogel herbei fuhrte, der den blauen kaum erblickte, als er mit der Dreistigkeit, die dieser verbuhlten Gattung von Geschopfen eigen ist, auf ihn zuflog, und sich nicht scheute vor den Augen seines Nebenbuhlers sich Freiheiten heraus zu nehmen, zu denen er desto mehr berechtiget zu sein glaubte, da es ihm vermutlich nicht in den Sinn kam, dass seine geflugelte Schone eine Princessin sein konnte.

Don Sylvio geriet, wie man denken kann, uber diese Verwegenheit in eine desto grossere Wut, da er in dem Widerstand des blauen Schmetterlings einen neuen Grund zu sehen glaubte, dass es ganz gewiss seine Princessin sei; er warf sich also dazwischen, und war glucklich genug, seinen mutwilligen Nebenbuhler mit einem Stabe, den er in der Hand hatte, zu Boden zu schlagen. Allein die vermeinte Princessin war indessen in der Angst davon geflogen, und je schneller ihr Don Sylvio und Pedrillo nacheilten, desto schuchterner flatterte sie vor ihnen her, vermutlich, weil sie noch immer von dem weissgrauen Schmetterling verfolgt zu werden glaubte.

Von ungefahr trug sich zu, dass drei oder vier Madchen aus einem benachbarten Dorfe, um von ihrer Arbeit auszuruhen, am Ufer des Flusses sich in den Schatten gesetzt hatten, und sich damit belustigten, aus den Blumen, welche haufig um sie her bluhten, Kranze zu flechten.

Der blaue Schmetterling hatte seine Verfolger so weit hinter sich gelassen, dass sie ihn kaum noch mit den Augen erreichen konnten; und weil er sich jetzt ausser Gefahr glaubte, so fing er an, wieder ruhiger zu werden, und schweifte so lange von Blume zu Blume, bis er einer von den vorbesagten Dirnen in die Hande geriet, die ihn haschte, und zum Zeitvertreib an einem Faden, den sie um seine Fusse band, um sich her flattern liess.

Don Sylvio, der schon nahe genug war um dieses Spiel zu beobachten, sagte zu Pedrillo: Nun hab ich einmal den Aufschluss des Traumgesichts, dessen Erklarung mir gestern Morgen so viel zu schaffen machte; es war eine Warnung der Fee, meiner Freundin, die mich das, was mir jetzo begegnet, im Traum vorher sehen liess, damit ich nicht unvorsichtig in den Schlingen meiner Feinde gefangen wurde. Siehst du die Nymphe, die dort im Schatten sitzt, und den blauen Sommervogel an einem Faden um sich her flattern lasst.

Eine Nymphe, sagt ihr? antwortete Pedrillo; Sapperment Herr Don Sylvio, sie sieht einer Nymphe gerad so gleich als einem Fuder Heu; Es ist ein Grasmadchen, so gut als die andern, die dort im Schatten beisammen sitzen.

Ich bin zu sehr gewohnt, erwiderte Don Sylvio, dass du alles besser wissen willst als ich, als dass ich mich uber deine Unverschamtheit entrusten sollte. Ich weiss, Dank sei der Fee Radiante! was ich davon denken soll, und du magst sie nun fur eine Nymphe oder fur ein Grasmadchen ansehen, so will ich entweder mein Leben verlieren, oder sie soll mir meine Princessin ausliefern.

Gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, wenn die Rede von Salamandern, Sylphen, Rastral-Geistern und andern solchen Dingen ist, die uber den Verstand des gemeinen Mannes gehen, da raum ich Eu. Gnaden herzlich gern ein, dass ihr euch besser darauf versteht; aber mit den Grasmadchen ist es etwas anders, die sind offenbar von meiner Competenz, und es ist auch keine Sache, wobei man sich betrugen kann; man riecht sie ja auf dreissig Schritte. Ich mochte wohl wissen, seit wenn eure Nymphen nach Knoblauch schmecken, oder so zerlumpte Unterrocke tragen, dass die Lappen herunter hangen, und das Hemd aller Orten hervor guckt? Kurz und gut, Herr, es ist eine Baurendirne, und dazu eine von den schmutzigsten, die man sich wunschen kann. Es wird nicht viel Muhe kosten, den blauen Schmetterling von ihr zu kriegen; ihr braucht ihr nur ein paar Maravedis zu gehen, so sagt sie euch noch vergelts Gott dafur.

Don Sylvio, der sich nicht berichten liess, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, wurdigte diese Reden nicht einmal darauf Acht zu gehen; er ging auf die vermeinte Nymphe zu, und verlangte, dass sie ihm seinen Schmetterling wieder geben sollte.

Was gebt ihr mir um ihn, junger Herr, sagte das Grasmadchen lachend?

Alles was du willst, antwortete Don Sylvio

Gut, sagte die Nymphe, so gebt mir das Kleinod, das ihr hier am Halse hangen habt! ich will es meinen kleinen Schwestern nach Hause bringen, und wenn ihr mir noch einen halben Realen dazu gebt, so soll der Schmetterling zusamt dem Faden euer sein.

Verdammter gruner Zwerg, rief Don Sylvio voll Grimms, indem er seinen Sabel zog, hoffe nicht, unter dieser geborgten Gestalt, die ein Beweis deiner Feigheit ist, meiner ungestraft zu spotten. Stirb, Verruchter, oder gib mir den Sommervogel, an den du keinen Anspruch machen kannst, den ich nicht mit Aufopferung meines eigenen Lebens aus deinem verdammten Herzen reissen will.

Man kann sich vorstellen, dass die schone Nymphe auf eine so unhofliche Anrede, die mit so furchterlichen Drohungen begleitet war, weniger nicht tun konnte, als ein jammerliches Geschrei zu erheben. Pedrillo, den die Narrheit seines Herrn bei nahe selbst toll machte, warf sich, weil alles Zureden nichts helfen wollte, zwischen ihn und die Nymphe, und bemuhte sich, ihm seinen Sabel aus den Handen zu winden. Die ubrigen Nymphen, welche sahen, wie ubel man ihrer Gespielin begegnete, lieben auch herzu, und fielen wie Furien uber den Sylvio und Pedrillo her, welche genug zu tun hatten, sich gegen ihre grobe Fauste und lange Nagel zu verteidigen.

Unglucklicher Weise fugte es sich, dass der Liebhaber der jungen Nymphe, die das Ungluck hatte, fur den grunen Zwerg angesehen zu werden, nicht weit davon mit zwei oder drei andern Bauerknechten im Felde arbeitete. Das klagliche Geschrei dieser Weibsleute, und der Anblick seiner Geliebten, welcher Pedrillo im Begriff war einen starken Schopf Haare aus dem Kopf zu reissen, setzte ihn in eine solche Wut, dass er in Begleitung seiner Gesellen herbei eilte, und mit dem Knittel, den er dem Pedrillo aus den Handen riss, so nachdrucklich auf unsre beiden Abenteurer zudreschte, dass sie, ihres mutigen Widerstandes ungeachtet endlich von der Menge der Feinde zu Boden geworfen wurden. Der ergrimmte Liebhaber und die rachschnaubende Gras-Nymphe begnugten sich nicht hiermit, sondern schlugen noch so lange mit geballten Fausten auf sie zu, bis sie besorgten, dass es zu viel sein mochte; und nachdem sich die Nymphe, zum Ersatz ihres Schmetterlings, der gleich zu Anfang des Gefechts entwischet war, des Kleinods unsers atemlosen Helden bemeistert hatte, so gingen sie allerseits davon, und liessen unsre Abenteurer fur tot im Grase liegen.

Ende des ersten Teils

Zweiter Teil

Funftes Buch

Erstes Capitel

Worin der Autor das Vergnugen hat, von sich selbst

zu reden

Wir zweifeln sehr daran, ob, seit dem es Feen-Marchen in der Welt gibt, ein von Feen beschutzter Liebhaber, er mag nun ein Prinz, ein Ritter oder ein Schafer gewesen sein, sich jemals in so fatalen Umstanden befunden habe, als diejenige waren, worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen Buchs verlassen mussten.

Es ist wahr, andre Feen-Helden haben auch ihre Anfechtungen; sie mussen sich oft mit Drachen, Meerwundern und blauen Centauren herum schlagen, sie kommen in Gefahr von Popanzen gefressen zu werden, sie werden von alten zahnlosen Feen entfuhrt, die ihre Tugend auf die gefahrlichsten Proben setzen, und am Ende sie oft gar in Papagaien, Kater oder Grillen verwandeln. Aber dass jemals eine so ausserordentliche Person wie der Gunstling einer Konigin der Salamander und der Liebhaber eines bezauberten Schmetterlings ist, von Gras-Menschern zerkratzt, und von Bauerjungen ware abgeprugelt worden, davon wird man in der vollstandigsten Sammlung aller Geschichten die sich mit Es war einmal anfangen, vergebens ein Beispiel suchen.

Der geneigte Leser wird hieraus die Folge ziehen, und weil er es vielleicht nicht tun mochte, so nimmt der Autor die Freiheit, es ihm hiemit zu verstehen zu geben, dass diese merkliche Verschiedenheit, die sich zwischen der Geschichte des Don Sylvio und andern Feen-Marchen findet, ein uberaus gunstiges Vorurteil fur die historische Treue und Wahrhaftigkeit des Autors erwecken musse. Hatten wir unsern Helden in einem Wagen von Saphir mit Paradies-Vogeln bespannt reisen und alle Abend in einem bezauberten Palast absteigen lassen, hatten wir ihm das rote Hutchen des Prinzen Kobolt, den Pantoffel der Fee Moustasche, den Ring des Gyges, oder die Zauberrute der koniglichen Fee Trusio gegeben, um sich aus allen Noten heraus zu helfen; so hatte ein jedes Madchen von zehen Jahren gemerkt, dass man ihm nur ein Marchen erzahle. Aber ungeachtet unsre Geschichte so seltsam und wunderbar ist als irgend eine von denen, mit deren Anhorung sich der weise Sultan von Indien, Schach Baham, die Zeit zu vertreiben geruhte, so wird man uns doch nicht vorwerfen konnen, dass wir unserm Helden jemals ein Abenteuer aufstossen lassen, welches nicht vollkommen mit dem ordentlichen Lauf der Natur uberein stimme, und dergleichen nicht alle Tage zu begegnen pflegen oder doch begegnen konnten, wie z. Ex. dass ein Frosch in Gefahr komme von einem Storchen verschlungen zu werden, oder dass einer ein Kleinod mit einem Bildnis finde, welches vermutlich jemand anderer vorher verloren hat. Wir haben ihn zu Fuss reisen lassen, und nicht einmal Sorge getragen, ihn vor Sumpfen und Froschgraben zu bewahren; wenn er schlief, so war es auf der harten Erde, oder in einem elenden Dorf-Wirtshause, wo ihm die Flohe keine Ruhe liessen. An statt dass Rosenarmichte Nymphen oder Sylphen mit goldnen Flugeln ihm am blumichten Rande crystallner Brunnen, Nectar und Ambrosia hatten auf tragen sollen, haben wir ihn aus dem Zwerch-Sack des Pedrillo bedient, und ganz neuer Dingen haben wir ihn nicht etwan von Riesen oder bezauberten Mohren, sondern von gemeinen Bauer-Jungen abplauen lassen.

Wir hoffen, das sind Beweise, die fur sich selbst reden, und wir wunschten, dass man von vielen beruhmten Geschichtschreibern mit eben so gutem Fug sagen konnte, dass sie von der betrugerischen Neigung, ihre Gemalde und Charactere zu verschonern, oder ihren Begebenheiten einen Firniss von Wunderbarem zu geben, so entfernt gewesen sein mochten, als wir, die wir uns bei Bekanntmachung dieser wahrhaften und glaubwurdigen Geschichte nicht etwan (wie junge, leichtsinnige Schwindelkopfe sich einbilden mochten) eine eitle Belustigung, sondern das gemeine Beste, und die Beforderung der Gesundheit unsrer geliebten Leser an Leib und Gemut zum Endzweck vorgesetzt haben.

Vielleicht werden einige, deren Scharfsinn nicht tiefer als in die aussere Schale der Dinge einzudringen pflegt, nicht begreifen, wie die Geschichte des Don Sylvio zu einem so heilsamen Zweck sollte dienen konnen. Nun war es uns zwar ein leichtes, sie aus den Schriften grosser Arzte und Naturkundiger zu belehren, dass es ein gewisses Fieber gibt, dem die menschliche Seele vom vierzehenten Jahr ihres Alters bis zum grossen Stufen-Jahre haufig ausgesetzt ist, welches durch keine andere Arznei-Mittel sichrer vertrieben werden kann, als durch solche, die das Zwerchfell erschuttern, das Blut verdunnern, und die Lebensgeister aufmuntern, eben so wie der giftige Biss der Taranteln durch nichts anders als durch die sympathetische Kraft gewisser Tanze, die dem Kranken vorgespielt werden, geheilt werden kann. Wir konnten ihnen auch gar leicht mit vielen Grunden beweisen, dass die vorgedachten heilsamen Krafte in dieser Geschichte verborgen liegen. Allein, da diese gedoppelte Bemuhung, uns zum Missvergnugen aller unsrer ubrigen Leser zu lange von der Fortsetzung der Begebenheiten unsers Helden entfernen wurde; so mussen wir es fur diesmal zwar eines jeden eigenem Belieben uberlassen, was er hievon denken wolle; allein bei einer zweiten Ausgabe (wozu uns, ohne Ruhm zu melden, der gute Geschmack des Publici Hoffnung macht) werden wir nicht unterlassen, ein medicinisches Gutachten uber diese Materie, welches vollig zu unserm Vorteil ausfallen wird, beidrucken zu lassen, und zu dessen besserer Bestatigung ein Verzeichnis verschiedener merkwurdiger Curen beizufugen, die einige Arzte von unserer Bekanntschaft mit unserm Buche gemacht haben.

Inzwischen wunschten wir, dass irgend eine Europaische Academie, und wenn es auch nur die zu Pau in Bearn ware, sich belieben lassen mochte, einen Preis von funfzig Ducaten auf die Untersuchung des manchfaltigen physicalischen, moralischen und politischen Nutzens zu setzen, welchen die menschliche Gesellschaft von Schriften, die (auf eine erlaubte Art) zu lachen machen, ziehen konnte; besonders auf die grundliche Erorterung der Frage: Ob es nicht dem gemeinen Besten so wohl als dem Vorteil der Buchhandlung, die bekanntlich einen so betrachtlichen Zweig des Europaischen Commercii ausmacht, weit zutraglicher ware, wenn, an statt der Menge schlechter und mittelmassiger moralischer Bucher in allen Formaten, welche unter viel versprechenden Titeln die arme Welt mit den alltaglichen Beobachtungen, schiefen, zusammen gerafften und unverdauten Gedanken, frostigen Declamationen und frommen Wunschen ihrer langweiligen Verfasser bedrucken, alle halbe Jahre etliche Dutzend Bucher im Geschmack des Comischen Romans, des Baccalaureus von Salamanca, oder des Findlings, ja wenn es auch im Geschmack des Candid oder des Gargantua und Pantraguel ware, auf die Messen kamen; Bucher, in denen die Wahrheit mit Lachen gesagt, die der Dummheit, Schwarmerei und Schelmerei ihre betrugliche Masken abziehen, die Menschen mit ihren Leidenschaften und Torheiten, in ihrer wahren Gestalt und Proportion, weder vergrossert noch verkleinert abschildern, und von ihren Handlungen diesen Firniss wegwischen, womit Stolz, Selbstbetrug oder geheime Absichten sie zu verfalschen pflegen; Bucher, die mit desto besserm Erfolg unterrichten und bessern, da sie bloss zu belustigen scheinen, und die auch alsdann, wenn sie zu nichts gut waren, als beschaftigten Leuten in ErholungsStunden den Kopf auszustauben, mussige Leute unschadlich zu beschaftigen, und uberhaupt den guten Humor eines Volks zu unterhalten, immer noch tausendmal nutzlicher waren als dieses langst ausgedroschne moralische Stroh, dieser methodische Mischmasch von missgestalteten und buntscheckigten Ideen, diese frostigen oder begeisterten Capucinaden, welche hier gemeint sind, und die (mit Erlaubnis der guten Absichten, wovon ihre Verfasser so viel Wesens machen) weit mehr am Kopf der Leser verderben, als sie an ihrem Herzen bessern konnen, und bloss deswegen so wenig Schaden tun, weil sie ordentlicher Weise nur zum Einpacken anderer Bucher gebraucht werden.

Es ware uns, um gewisser Ursachen willen, lieb gewesen, wenn wir Gelegenheit gefunden hatten, diese Anmerkung irgendwo dem Pedrillo, oder einer andern privilegierten Person von dieser Art in den Mund zu legen: denn einem Pedrillo, Launcellot Gobbo oder Gobbo Launcellot nimmt niemand ubel, wenn er die Wahrheit sagt: Da es aber nicht fuglich sein konnte, so haben wir uns schon entschliessen mussen, sie im Vorbeigehen selbst zu sagen, und wollen deswegen, wo und bei wem es notig ist, hoflichst abgebeten haben.

Zweites Capitel

Worin sich Pedrillo sehr zu seinem Vorteil zeigt

Pedrillo, ungeachtet er in dem unglucklichen Abenteuer mit den Gras-Nymphen die meiste Schlage bekommen hatte, raffte sich, nachdem er eine gute halbe Viertel-Stunde ganz betaubt dagelegen war, dennoch zuerst wieder vom Boden auf, und der erste Gebrauch, den er von seinen wiederkehrenden Sinnen machte, war, dass er alle Nymphen, Faunen und Sylvanen, Zwerge, Princessinnen und Schmetterlinge, nebst allen und jeden Feen-Marchen, die von Erschaffung der Welt an bis auf selbigen Tag geschrieben worden, und noch kunftig bis an der Welt Ende geschrieben werden mochten, mit ihren Verfassern, Gonnern und Erzahlern, und deren samtlichen Angehorigen und Erben in auf- und absteigender Linie, samt und sonders zum T.. wunschte. Er verfluchte die Ganse, mit deren Spulen sie geschrieben, die Lettern, womit sie gesetzt, und die Farbe, womit sie gedruckt worden, und wunschte herzlich, dass die heilige Inquisition alle diejenige zu Staub und Asche verbrennen mochte, die dergleichen verteufeltes Zeug, wodurch der artigste und braveste junge Edelmann von ganz Spanien zum Narren gemacht worden, unter die Leute brachten. Denn die Schlage, die er ohne Zahl und Mass um des blauen Schmetterlings willen empfangen hatte, uberzeugten ihn nun auf einmal, dass alles, was ihm sein Herr von der Fee Radiante und der Bezauberung seiner vermeinten Princessin gesagt hatte, lauter Traume und Einbildungen seien. Je, verflucht; schrie er, wenn hat jemals eine Fee diejenige, die sie in ihren Schutz genommen hat, von Gras-Menschern und Bauerknechten zu tot prugeln lassen? Es sollte mich nicht verdriessen, wenn es noch Popanze oder Feuerspeiende Drachen gewesen waren; aber von solchem Lumpenvolk- Sackerlot! Ich will mich fressen lassen, wenn seine Rademante, die uns alle diese verfluchte Handel gemacht hat, nicht gerade so eine Fee ist, wie die dreifachen Huren, die mir die Augen mit ihren Nageln ausgekratzt haben, Nymphen sind!

In diesem emphatischen Ton fuhr er noch eine gute Weile fort, bis er endlich gewahr wurde, dass sein Herr noch immer ohne Bewegung auf dem Boden ausgestreckt lag. Dieser Anblick und die Furcht, dass er gar tot sein mochte, machten den gutherzigen Tropfen auf einmal seines eignen Ungemachs vergessen; er rief ihm, er ruttelte ihn, und da er noch immer kein Zeichen von sich gab, so fing er eben so jammerlich oder noch jammerlicher zu schreien an, als der bucklichte Sohn des bosen Konigs, da ihn das Gansemadchen nicht heuraten wollte.

Endlich besann er sich in der Angst an eine Flasche Madera-Wein, die er noch in seinem Zwerch-Sack hatte, und zu gutem Gluck hatten die Feinde in der Hitze des Streits den Zwerchsack, den Pedrillo gleich anfangs von sich legte, aus der Acht gelassen. Er holte also die Flasche, und goss sie, ohne sich den Wein dauren zu lassen, fast ganz uber Don Sylvio Gesicht aus. Dieses Mittel tat die gewunschte Wurkung. Don Sylvio erholte sich in kurzem wieder, denn seine Betaubung war von einem einzigen, etwas nachdrucklichen Schlag hergekommen, den er, wiewohl ohne andern Schaden, als eine ziemliche Beule uber den Kopf bekommen hatte; er offnete die Augen und rief mit schwacher Stimme: Wo bin ich? Lebst du noch, Pedrillo?

Ja, mein lieber Herr, rief Pedrillo, und Gott Lob! dass ihr wie ich sehe, auch noch lebt; denn so wahr ich ehrlich bin, wenn ihr tot gewesen waret, wie ich schon zu furchten anfing, ich hatte mich eher in den Fluss gesturzt, eh ich euch hatte uberleben wollen.

Wollte Gott; sagte Don Sylvio, dass ich dein gutes Herz und deine Treue belohnen konnte! Aber, o Himmel! sage mir, wenn du es weisst, was ist aus meiner armen Princessin worden?

Die Princessin? schrie Pedrillo, fort ist sie, zum T.. ist sie, sie flog gleich anfangs davon, wie die pausbackichten Unholden mit ihren langen krummen Nageln uber uns her fielen Sapperment! ich wollte, sie hatt uns Aber was habt ihr denn, Herr ums Himmels willen, gnadiger Herr, was fehlt euch? dass es Gott erbarme! Was ist zu tun? O! die verfluchten Feen!

Pedrillo jammerte so, weil sein Herr, der sich nach dem Bildnis seiner Princessin umgesehen, so bald er fand, dass er es nicht mehr bei sich hatte, vor Schrekken und Herzleid abermal in Ohnmacht gesunken war.

Er hatte grosse Muhe ihn wieder zu sich selbst zu bringen, aber noch grossere, der Verzweiflung Einhalt zu tun, der sich unser Ritter ohne Mass uberliess, so bald er wieder fahig war, die Grosse seines Verlusts zu fuhlen. Pedrillo, so gute Lust er gehabt hatte, uber die Fee Radiante und alle Feen der ganzen Welt loszubrechen, und seinem Herrn die narrische Liebe zu einem Schmetterling auszureden, wusste nicht mehr was er sagen oder anfangen sollte, da er ihn so klaglich jammern horte, und so gar entschlossen sah, den Guadalaviar durch seinen Tod beruhmt zu machen. Er warf sich ihm zu Fussen, er bat, er weinte, er fluchte uber die Feen und die Feerei, aber das erste half nichts, und das andre machte das Ubel noch arger.

Nachdem er nun alles andere versucht hatte, so verfiel er endlich auf das einzige Mittel, wovon man sich in dergleichen Umstanden noch einige Wurkung versprechen kann; er fing an mit ihm in die Wette zu heulen, und ihn, wo moglich, noch darin zu ubertreffen. Er dachte, mein junger Herr wird es doch endlich mude werden, und wenn nur einmal der erste Anstoss von Tollheit voruber ist, so wird er sich hernach schon besser berichten lassen.

Wie er nun sah, dass Don Sylvio wieder stille wurde, so fing er an, obgleich wider seine eigene Uberzeugung, alle nur ersinnliche Vorstellungen hervor zu suchen, die, wie er glaubte, ihn sollten beruhigen konnen. Er versicherte ihn dass wenn auch, wider bessers Hoffen, das Bildnis der Princessin in den Handen des grunen Zwergs sein sollte, so sei doch die Princessin selbst in Sicherheit; denn die habe er samt dem Faden mit seinen eignen Augen davon fliegen gesehen. Glaubet mir, mein lieber Herr, sagte er, die Fee Rademante will nur eure Geduld auf die Probe setzen, es kann in kurzer Zeit alles ein ganz anders Gesicht bekommen. Man muss hoffen, so lange man noch Atem hat. Denket, dass es andern Prinzen und Rittern auch nicht besser oder wohl noch arger gegangen ist. Was hat nicht der blaue Vogel ausstehen mussen, bis er der garstigen Forelle los war, und seine liebe Florine in seinen Arm bekam? Wie sauer ist es dem guten Prinzen Hockerich gemacht worden, bis er zum Besitz der schonen Brilliante gelangte, die der schwarze Zauberer in eine Heuschrecke verwandelte, ob sie gleich so gut eine Princessin war als andre, die ich nicht nennen will. Ihr seid doch noch nicht in einem Keller voller Kroten und Eidexen bis an den Hals im Wasser gestanden, wie die Bruder der Princessin Rosette; ihr seid doch in kein Tier verwandelt worden, wie der Prinz der glucklichen Insel, und ihr seid noch nie in Gefahr gewesen von Popanzen und Unholden gefressen zu werden, wie der Prinz Amatus; mit einem Wort, gnadiger Herr, bedenkt, dass ich Ursache genug hatte, mich so arg zu beklagen als einer. Ich weiss nicht, warum es die Frau Rademante so gut mit mir meint, aber ich habe zehenmal mehr Prugel und Stosse in den Hintern gekriegt als ihr, und die Princessin soll noch geboren werden, die mich deswegen trosten wird. Wenn ihr etwas leidet, so wisst ihr doch warum? Aber dem armen Pedrillo, der bei allen schlimmen Abenteuern das meiste davon tragt, gibt niemand kein gutes Wort darum. Sei es! Ich will mich nicht beschweren, ob mir gleich die verdammten Bengel den Rucken so weich geschlagen haben als den Bauch; es ist nun einmal mein Schicksal; wenn ihr nur wieder zufrieden sein wollt, so will ich mit Eu. Gnaden aushalten, so lang Gott will, und ich noch eine Rippe habe, die ich mir in euerm Dienst entzwei schlagen lassen kann.

Diese Vorstellungen, denen das gute Herz des Pedrillo keinen geringen Nachdruck gab, und die Gewissheit, dass die Princessin noch lebe und in Freiheit sei, wurkten nach und nach so kraftig auf unsern Helden, dass er sich wieder fasste, und dem Pedrillo fur die Ergebenheit, die er gegen ihn zeigte, sehr verbindliche Dinge sagte, mit der Versicherung, dass er, wenn er noch glucklich genug sein sollte das Ziel seiner Wunsche zu erreichen, seine erste Sorge sein lassen wollte, ihn fur seine Treue und fur alles Ungemach, so er ihm zuliebe ausgestanden, so reichlich zu belohnen, dass ihm nichts zu wunschen ubrig bleiben sollte. Diese trostlichen Versprechungen, so wenig auch die dermaligen Umstande zu ihrer Erfullung Hoffnung machten, erfreuten den dankbaren Pedrillo so sehr, dass er der empfangnen Schlage auf einmal vergessen hatte, wenn sein Rucken nicht so unhoflich gewesen ware, ihn alle Augenblicke daran zu erinnern.

Indessen bot er doch allen seinen Kraften auf, um seinen Herrn wieder aufzumuntern, und nachdem er den schattigsten Platz am Flusse ausgesucht hatte, so wurde beschlossen, sich so lange da aufzuhalten, bis sie sich vollig erholt haben wurden.

Don Sylvio fuhlte den Schmerz das Bildnis seiner Geliebten verloren zu haben, allzustark, als dass er andre Schmerzen hatte fuhlen konnen; er fing alle Augenblicke an, neue Klagen anzustimmen, und es wahrete ziemlich lang, bis ihn das Beispiel des Pedrillo und sein eigener Hunger vermogen konnten, den Vorrat aufzehren zu helfen, der sich noch im Zwerchsack fand. Es war unter anderm noch eine Flasche Malaga vorhanden, die ihnen in so betrubten Umstanden sehr zu statten kam, und in kurzer Zeit den ehrlichen Pedrillo so guten Humors machte, dass er nicht leiden konnte, seinen Herrn mit einer so trostlosen Mine da sitzen zu sehen. Herr Don Sylvio, sagte er, im Ungluck muss man Mut haben. Sapperment; Es ist keine Kunst zufrieden zu sein, wenn euch alles nach Wunsch und Willen geht.

Nur herzhaft, gnadiger Herr! Ein feiges Herz freit keine schone Frau. Das Gluck ist kugelrund; heute mir, morgen dir, heut Regen, Hagel und Prugelsuppen, morgen Sonnenschein, Freude und Wohlleben. Es ist die Welt, pflegte meine Grossmutter zu sagen, jeder Tag hat seine eigene Plage; aber es wird alles besser, wenn man nur der Zeit erwarten kann; Zeit bringt Rosen, und man redt so lange von der Kirmes, bis sie kommt. Es ist mir, ich seh es schon, wie froh ihr sein werdet, wenn wir einmal unsere Princessin haben, aber nicht mehr als einen elenden Schmetterling, versteht sich, sondern in Lebensgrosse, wie sie aus Mutterleibe gekommen ist, ich will sagen, als eine wurkliche Princessin, versteht ihr mich, mit einer reichen goldnen Krone auf dem Kopf und in einem langen Talar; uber und uber mit Perlen und Carfunkeln besetzt, dass sie wie die helle Sonne glanzen wird. Hei sa! da wirds zugehen! da wird der Himmel voller Geigen hangen, da werden wir alle Tage Feiertag haben, und essen und trinken, und tanzen und springen, und lachen und frohlich sein, dass die Carabossen und Fanferluschen vor Neid bersten mochten, wenn sie uns so lustig sehen. Nur gutes Muts, sag ich! Sapperment, wenn wir die Princessin selbst haben, was bekummern wir uns um ihr Bild. So dachte ich, wenn es meine Sache ware. Zudem so wollt ich gleich schworen, dass der grune Zwerg euer Kleinod so wenig gesehen hat, als die achtzigjahrige Jungfer, der er die Zahne ausstochern soll. Ich hatte meine Augen weit genug offen, und ich sehe Gott Lob! noch wohl, dass eine Mistgabel kein Ohrloffelchen ist. Die Nymphe war ein Grasmensch, gnadiger Herr, ein Kuhmensch, das weiss ich so gewiss, als ob ich sie selbst gemacht hatte. Und wenn ihrs nicht glauben wollt, so ist bald ein Mittel da, hinter die Sache zu kommen, das Dorf kann nicht hundert Meilen von hier sein, wo sie zu Hause ist. Wir wollen diesen Abend noch hingehen, und von Tur zu Tur suchen, bis wir sie gefunden haben; sie muss das Kleinod wieder heraus geben, oder es musste keine Justiz mehr im Lande sein.

Aber wenn es so ware, sagte Don Sylvio, woher kame die wunderbare Ubereinstimmung zwischen dieser Begebenheit und meinem gestrigen Traum?

Gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, ich erinnere mich euers Traums noch so wohl, als ob ich ihn selbst getraumet hatte; aber ich kann die Ubereinstimmung nicht finden, die ihr darin seht. Wo ist denn hier die Sylphide, die euch erschien, und wo ist der Rosenwagen mit zwolf rubinenen Paradies-Vogeln, der euch in die bezauberte Insel fuhrte? das ist doch ein HauptUmstand, der hier ganzlich mangelt. Und dann sagtet ihr, die Nymphe habe den blauen Schmetterling an einem goldnen Faden flattern lassen, das trifft wieder nicht ein, denn der Faden, den die Gras Nymphe dazu brauchte, war ein grober hanfener Faden, womit sie, denk ich, die Locher in ihrem Hemde hatte stoppen wollen; und sie hatte meiner Six, wohl daran getan, denn die blosse Haut guckte ihr allenthalben hervor; ich will nicht ehrlich sein, wenn sie nicht so schwarz wie Erde war, und ich habe doch mein Tage gehort, dass eine Nymphe lauter Lilien und Rosen ist. Doch sie mag gewesen sein was sie will, so viel weiss ich gewiss, dass wir die Schlage, die uns die groben Lummels gaben, gewiss nicht im Traume gekriegt haben doch, das ist nun vorbei, und zu geschehenen Dingen muss man das beste reden. Auf die Gesundheit der Princessin, wo sie auch sein mag! Ich hoffe, sie wird es uns seiner Zeit auch entgelten lassen, dass wir so viel um ihrentwillen ausgestanden haben.

Drittes Capitel

Innerliche Anfechtungen des Don Sylvio

Don Sylvio, dem das Gewasche des Pedrillo beschwerlich war, bediente sich des Vorwands, dass er wahrend der Nachmittags Hitze ein paar Stunden ruhen mochte, um ihn zum schweigen zu bringen. Er stellte sich als ob er schliefe, und Pedrillo folgte seinem Beispiel bald darauf in vollem Ernst; aber Don Sylvio war zu unruhig, als dass er hatte schlafen konnen. Tausend qualende Gedanken, die wider seinen Willen in ihm aufstiegen, brachten ihn endlich so weit, dass er zum erstenmal ein Misstrauen in die Wahrheit seiner Einbildungen zu setzen anfing. Wie? dacht er, wenn die Erscheinung, die ich von der Fee Radiante zu haben glaubte; ein blosses Spiel einer erhitzten Phantasie gewesen ware? Je mehr er dieser Vermutung nachsann, je wahrscheinlicher fand er sie, und die ungluckliche Begebenheit mit den Gras-Nymphen, die er nun ziemlich geneigt war fur das zu halten, was sie wurklich waren, trieb diese Wahrscheinlichkeit in etlichen Minuten bis zur Gewissheit hinauf; denn es schien ihm unbegreiflich, dass ihn die Fee Radiante den Fausten und Knitteln dieses groben Bauergesindels preis gegeben haben wurde, wenn sie ihm wurklich ihren Schutz versprochen hatte.

Diese Zweifel angsteten ihn unaussprechlich, er raffte alle seine Krafte zusammen, sich ihrer zu erwehren, aber sie kamen immer mit verdoppelter Starke wieder, und der Aufruhr, den sie in einem Gehirn erregten, ward zuletzt so wild, dass der Uberrest von Vernunft, den ihm die Feerei noch gelassen hatte, in grosster Gefahr war, vollends daruber verloren zu gehen.

In diesen betrubten Umstanden war das Bild seiner geliebten Schaferin das einzige, was in seiner von Zweifeln gleichsam uberschwemmten Seele noch empor ragte, und im allgemeinen Umsturz seiner Ideen unerschuttert blieb. Wenn auch alles andre Einbildung ist, rief er, so weiss ich doch gewiss, o! du namenlose Unbekannte, dass es keine Einbildung ist, dass ich dich liebe. Es mag nun eine Fee sein, die dein Bild in meinen Weg gelegt hat, oder ein gluckliches Ungefahr mag es dahin geworfen haben, du magst eine Princessin oder Schaferin sein, du magst fur mich bestimmt sein, oder einst von einem glucklichern, als ich geliebt werden, du, die jetzt die schonste unter den Nymphen des Himmels bist: Wenn mein Verhangnis es so will, dass ich, deiner beraubt in Hoffnungloser Liebe verschmachten soll, so ist doch keine Gewalt, die dein Bild aus meiner Seele reissen kann. Ich will dich suchen, durch alle Lander und Meere des Erdkreises, von einem Pol zum andern, vom ewigen Schnee der Cimmerischen Geburge, bis in die gluhenden Zonen, wo kein schattender Baum, keine kuhle Quelle die brennende Hitze mildert, und wenn ich dich nicht finde, und die Erde dich, ihre schonste Zierde schon verloren hat; was kann mich hindern, dass mein verlangender Geist von der Gewalt seiner unsterblichen Liebe empor gezogen, von Sphare zu Sphare irre, dich da zu suchen, wo deine Schonheit alle die namenlose Schonheiten des Ethers verdunkelt, oder herab in die unterirdischen Gegenden steige, und unter den Schatten dich suche, die von deinen Augen angestrahlt den Verlust des Tages nicht mehr beklagen, und ein susses Vergessen aller andern Wunsche aus deinen Blicken saugen.

Diese Dithyrambische Einfalle, so narrisch sie unsern weisen Lesern vorkommen mogen, machten eine sehr heilsame Wurkung auf unsern Helden; denn er schlummerte unvermerkt daruber ein, und das war in seinen dermaligen Umstanden das beste, was ihm begegnen konnte. Denn was kann der Ungluckliche bessers tun als schlafen?

Don Sylvio fand diesmal in seinem Schlummer einen gedoppelten Vorteil, das Vergessen seines Kummers, und die Gluckseligkeit eines angenehmen Traums, der wenigstens so lang er daurte, alle Wurkungen der Wahrheit hatte. Es deuchte ihm, er sehe seine geliebte Princessin, aber nicht in Gestalt einer Schaferin oder eines Sommervogels, sondern in ihrer eigenen, wie eine Gottin geschmuckt; sie lag auf einer rosenfarben Wolken, die nahe bei ihm uber dem Boden schwebte, und besprach sich eine geraume Zeit mit ihm; sie munterte ihn auf, den Mut nicht sinken zu lassen, und den Hindernissen grossmutig zu widerstehen, die ihre Feinde ihrem Gluck in den Weg legten; sie versicherte ihn, dass die Zeit nicht lange mehr verziehen werde, da sie die Gestalt, worin sie ihm jetzt sich zeige, durch ihn selbst wieder erhalten wurde, und setzte auf eine eben so zartliche als verbindliche Art hinzu, sie wunschte noch tausendmal liebenswurdiger zu sein, um ihn fur alles Ungemach belohnen zu konnen, womit er ihren Besitz erkaufen musse. Don Sylvio wollte ihr eben diejenige Antwort hierauf geben, die ein jeder Liebhaber auf eine so schmeichlende Erklarung bereit hatte, als sie wieder verschwand.

Dieser Umstand war freilich gerade der unangenehmste in seinem ganzen Traume; aber das Vergnugen sie gesehen zu haben, und der liebliche Ton ihrer Trostungen, der noch um sein entzucktes Ohr sauselte, machte ihn fur alles schmerzhafte unempfindlich. Er vergass aller seiner uberstandenen Trubsale, verachtete alle kunftige, und war jetzt nur begierig eine Reise fortzusetzen, wovon jeder Schritt ihn dem Ziele seiner Sehnsucht naher brachte. Er weckte also den Pedrillo, und nachdem er ihm voller Freuden seinen Traum erzahlt hatte, befahl er ihm sich unverzuglich reisefertig zu machen.

Beim Sanct Velten, rief Pedrillo, das ist doch artig, wie unsre Traume in einander passen! Ihr habt eine Erscheinung von der Princessin gehabt und ich vom Sylphen-Madchen. Es kam mir vor, ich fande sie an dem namlichen Orte, wo ihr gestern schliefet, unter den Rosen liegen; aber ihre Frau, die Fee, war nicht dabei, und jetzt reuet es mich, dass ich sie nicht nach ihrem Namen fragte; aber wir hatten so viel andere Dinge zu schwatzen, dass ich es vergass. Sapperment! die Zeit verging, dass ich nicht wusste, wo sie hinkam; wir waren wohl drei bis vier Stunden beisammen, denn die Sonne ging unter, ohne dass wirs gewahr wurden, und doch deuchte michs nur ein Augenblick; es war mir nicht anders als ob ich selbst ein Sylphe ware; wenn es mir das Leben galte, so konnt ich euch nicht beschreiben, wie mir war, aber das ist gewiss, dass mir in meinem Leben nie so zu Mute gewesen ist. Sagt ich nicht, das Gluck wurde uns auch einmal wieder anlachen? Diese Traume kamen gewiss nicht so von ungefahr; wer weiss was geschehen kann? Die Frau Rademante will es vielleicht auf einmal wieder einbringen, was sie bisher versaumt hat. Wir wollen sehen, sagte der Blinde: das Blatt kann sich schnell wenden. So viel versichere ich euch, Herr, wenn ich einmal den grunen Zwerg unter mich kriege, wie ich hoffe und glaube, so soll er die Rippen-Stosse mit Wucher wieder kriegen, womit er uns heute bedient hat, darauf kann er sich verlassen.

Viertes Capitel

Die Weissagungen des Pedrillo fangen an in

Erfullung zu gehen

Wahrend dass Pedrillo seinem sprudelnden Humor gewohnlicher massen Luft machte, setzten sie ihren Weg durch einen Wald von Castanien-Baumen fort, welcher, je weiter sie kamen, immer mehr das Ansehen eines Parks bekam. Hier und da sahen sie grosse Sommerlauben, Springbrunnen, Urnen, Grotten und Ruinen, die aus Gebuschen von Rosen, Jasmin oder Geissblatt hervor ragten, und nachdem sie eine kleine halbe Stunde fortgegangen waren, so befanden sie sich in einer Art von Labyrinth von Rosen und Myrthenhecken, dessen Gange so kunstlich durch einander geschlungen waren, dass sie einige Muhe hatten sich heraus zu finden.

Diese Anscheinungen liessen unsre Wanderer nicht zweifeln, dass sie sich in der Nahe eines Feen-Schlosses und am Anfang eines sehr merkwurdigen Abenteuers befanden.

Pedrillo rief einmal ubers andre, sagt ichs nicht, sagt ichs nicht vorher, die Fee Rademante wurde sich besser halten? Da seht nun einmal, gnadiger Herr, ob es wohl getan gewesen ware, wenn wir uns, dem verfluchten Zaubergeschmeiss zu Gefallen, ins Wasser gesturzt hatten, wie ihr ganz gewiss getan hattet, wenn ich nicht gewesen ware. Das Beste was wir davon gehabt hatten, ware etwan gewesen, dass uns irgend eine Nymphe oder Syrene in Wasserschlangen oder Meerschweine verwandelt hatte; an statt dass wir jetzt Hoffnung haben, in einem crystallenen oder diamantnen Schlosse zu ubernachten, auf seidenen Matratzen zu liegen, und von lauter schonen Sylphiden bedient zu werden, von denen die schlechteste so viel Perlen und Edelsteine an sich hangen hat, dass man ein kleines Konigreich darum kaufen konnte.

Indem er dieses sagte, befanden sie sich in einem grossen Spaziergang von Pomeranzen-Baumen, an dessen Ende sie einen prachtigen Pavillion erblickten, dessen halb geoffnete Flugelturen in einen grossen Saal sehen liessen, aus dem, weil die sinkende Sonne ihm gegen uber stand, ein Schimmer von Spiegeln, Vergoldungen und reichem Gerate von ferne schon die Augen des Pedrillo blendete.

So erfreut er uber diesen Anblick war, so fing ihn doch an ein wenig zu schauern, wenn er dachte, dass er sich in einem Orte befande, wo alles durch Zauberei zuginge, und das Herz schlug ihm immer starker, je naher sie dem Pavillion kamen. Don Sylvio selbst, der sonst nicht der furchtsamste war, schien eine Weile unentschlossen was er tun sollte, denn er hatte schon so viele Proben von der Arglist und unermudeten Bosheit seiner Feinde, dass er nicht wusste, ob nicht etwan eine neue List unter diesen schonen Anscheinungen verborgen liege. Allein die trostlichen Versprechungen, die ihm seine geliebte Princessin so kurzlich erst gegeben hatte, verbannten alle diese Besorgnisse bald wieder, und ob er gleich ausser einigen Papagaien, die auf dem vergoldeten Gelander, das den Saal umgab, herum hupften, kein lebendiges Wesen gewahr wurde, so beschloss er doch, nach einer kleinen Uberlegung hinein zu gehen, und zu erwarten, was aus diesem Abenteuer werden mochte.

Aber wie gross war sein Erstaunen, als er beim Eintritt in den Saal, dessen Schonheit und kostbare Auszierung einer Fee wurdig schien, eine Menge Katzen von allen Farben erblickte, die sich nicht anders gebardeten, als ob sie die einzigen Bewohner dieses prachtigen Ortes waren! Einige lagen auf Polstern von goldnem Brocat, andre spazierten ganz gelassen zwischen den Blumen-Gefassen und schinesischen Pagoden, womit der Camin ausgezieret war, herum, indem noch andre sich um ein wunderartiges schneeweisses Katzchen geschaftig zeigten, welches mit Perlenschnuren umwunden, in einer anmutig-nachlassigen Stellung, auf einem Sopha von rosenfarbem Damast mit Silber ausgestreckt lag.

Bei einem solchen Anblick hatte sich wohl ein weiserer Mann als Don Sylvio war, des Palasts der weissen Katze, aus einem der artigsten Marchen, die man hat, erinnern konnen. Aber da die Katzen, die auf den Polstern lagen, so bald er den Fuss in den Saal setzte, ihn mit einer Symphonie nach ihrer Art bewillkommten; so war nunmehr, nach seiner Weise zu schliessen, nichts gewissers, als dass er sich in dem namlichen Palast befand, worin ein gewisser Prinz, dem die Geschichte keinen Namen gibt, in Gesellschaft einer sehr geistreichen, zartlichen und tugendhaften weissen Katze, die sich in der Folge eine eben so schone Princessin befand, drei Jahre zubrachte, die ihm nur einzelne Tage deuchten.

Seine Freude uber einen so glucklichen Zufall war ungemein; denn ausser der verbindlichen Aufnahme, die er sich in diesem Schlosse versprechen konnte, war ihm das gute Herz und die Grossmut der weissen Katze so wohl bekannt, dass er sich versichert hielt, sie werde ihm zu glucklicher Vollendung seines Vorhabens allen Beistand leisten, den er sich nur wunschen konne.

In diesen Gedanken naherte er sich dem Sopha, wo das schone weisse Katzchen sass, und war im Begriff, sie mit aller der Ehrfurcht, die einer Katze von so hoher Geburt und ausserordentlichen Eigenschaften gebuhrte, anzureden: als sich plotzlich eine Ture offnete, aus welcher zu grossem Erstaunen des Pedrillo die kleine Sylphide herein guckte, die er gestern im Walde gesehen hatte. Wenn eine so unvermutete Erscheinung den Pedrillo in Besturzung setzte, so tat sie auf die Sylphide keine geringere Wurkung. Kaum wurde sie unsrer Abenteurer gewahr, als sie den Kopf mit einem Schrei zuruck zog, die Ture wieder zuschlug, und so eilfertig zuruck lief, als ob sie ein Gespenst gesehen hatte.

Don Sylvio wusste nicht, was er aus dieser seltsamen Art zu erscheinen und wieder zu verschwinden machen sollte! aber Pedrillo half ihm augenblicklich aus dem Wunder. Da haben wirs, rief er, Gluck zu, gnadiger Herr, unser Traum ist erfullt; seid nur unbekummert, sie wird bald wieder kommen; sie lief nur, um der Fee zu sagen, dass wir da sind.

Von wem redst du, fragte Don Sylvio leise, indem er ihn auf die Seite nahm.

Sapperment, von der Sylphide, die eben jetzt zu dieser Ture herein guckte, und die, wie ich Eu. Gnaden schworen kann, eben dieselbe Sylphide ist, die ich gestern unter der Rosenlaube neben euch antraf, und die mir heut im Traum erschienen ist.

Pedrillo, sagte Don Sylvio, es musste mich alles betrugen, oder wir befinden uns im Schlosse der weissen Katze, welche eine grosse Princessin und zugleich eine Fee ist; wenn die Sylphide, die du kennest, zu diesem Palast gehort, so war die Fee, die du gestern sahest, vermutlich die weisse Katze selbst.

Ich weiss nicht, was ihr mit eurer weissen Katze haben wollt, antwortete Pedrillo; ihr werdet doch, zum Deixel! nicht denken, dass das Pusschen, das dort auf dem Sopha sitzt und Gesichter schneidt, die Fee ist

Rede nicht so laut, unterbrach ihn Don Sylvio, und lass dir ein fur allemal sagen, dass man an solchen Orten, wie der, wo wir uns jetzo befinden, nicht vorsichtig und bescheiden genug sein kann.

Don Sylvio hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen, als Pedrillo einen grossen Schrei tat, und mit beiden Handen wie ein Unsinniger um sich schlug; denn einer von den Papagaien, die den Katzen in diesem Zimmer Gesellschaft leisteten, hatte entweder, weil ihm seine Physionomie nicht anstandig war, oder aus einer andern Ursache, die er (so viel wir wissen) niemalen entdeckt hat, fur gut befunden, ihm, indem er hinter ihm vorbei flog, einen kleinen Bakkenstreich mit seinen Krallen zu versetzen, den Pedrillo, weil er den Urheber davon nicht sah, mit grossen Beteurungen, von irgend einem Kobolt oder unsichtbaren Zwerg empfangen zu haben versicherte.

Nimm es, sagte Don Sylvio, als den Lohn fur dein unbescheidenes Geplauder an, es wird weiter nichts als eine kleine Zuchtigung gewesen sein, die dir eine von den unsichtbaren Handen gegeben hat, von denen man in diesem Palast bedient zu werden pflegt.

Potz Herrich, sagte Pedrillo, das ist eine vertrackte Art die Leute zu bedienen. Wenn es eine Hand war, so muss sie sich die Nagel in sieben Jahren nicht beschnitten haben; ich versichere Eu. Gnaden, dass ein Griff von einem jungen Waldteufel nicht tiefer einschneiden konnte. Sapperment! wenn man fur ein jedes Wort, womit man sich hier verfehlt, einen solchen Circumflex bekommt, so muss ich mir das Maul zunahen lassen, oder die boshaften Kobolte werden mir bis Morgen das ganze grosse und kleine Alphabet in mein Gesicht hinein gekratzt haben.

In der Tat, sagte Don Sylvio, du wurdest am besten tun wenn du einen vollkommenen Stummen vorstelltest; denn so wie du dich auffuhrst, steh ich dir nicht davor, dass dir nicht noch unangenehmere Dinge begegnen konnten; nichts davon zu sagen, dass du mir mit deiner ungezogenen Waschhaftigkeit und mit deinen pobelhaften Schwuren und Ausdrucken sehr wenig Ehre machen wirst.

Nun gut, Herr, versetzte Pedrillo, ein guter Rat findet eine gute Statt; ich will, weil ihrs fur gut anseht, so stumm sein als ein Karpe; ich will euch einen Stummen agieren, dass ihr eure Lust daran sehen sollt. Aber, hum! ich hore jemand kommen he! sagt ichs nicht? Es ist die Fee selbst. St!

Funftes Capitel

Erscheinung der Fee

Wie gefahrlich es ist, wenn einer ein Frauenzimmer

antrifft, das seiner Liebste gar zu ahnlich sieht

Es ist, geneigter Leser, bereits zwei und vierzig Minuten, achtzehen Secunden, richtig an einer zu Genf fabricierten Londner-Uhr abgezahlt, dass wir einem halben dutzend schonen neuen Gleichnissen nachsinnen, wodurch ein Poet benotigten Falls den hochsten Grad des Erstaunens und der Besturzung abzuschildern versuchen konnte, ohne dass wir so glucklich gewesen sind, nur ein einziges zu finden, welches nicht durch die vielen Hande, wodurch es seit den Zeiten des alten Homers bis auf diesen Tag gegangen, so abgenutzt worden ware, dass es wurklich zu nichts mehr zu gebrauchen ist.

Wir wissen uns also fur diesmal nicht anders zu helfen, als durch eine gewisse rhetorische Figur, die wir einem der geschicktesten Zueignungs-SchriftenMachern unsrer Zeit abgesehen haben, und sagen also: Weder der Schrecken eines unvorsichtigen Knaben, der seine Hand in eine Hohle gesteckt hat, und unversehens eine Schlange ergreift, noch das Entsetzen jenes Brautigams, der des Morgens nach seiner Hochzeit-Nacht an statt der schonen Schwester, die er liebte, die hassliche an seiner Seite fand, noch die Besturzung eines Richters bei Erblickung eines silbernen Waschbeckens voll Cremnitzer Ducaten, womit ihm ein Client, der zu leben weisst, die Gerechtigkeit seiner Sache begreiflich gemacht hat sind hinlanglich uns nur den zehnten Teil der Besturzung vorzubilden, in welche Don Sylvio geriet, da er in der Fee dieses Zauberschlosses das Urbild seiner geliebten Schaferin erblickte Doch wir sagen zu viel; denn da er sich seit seinem letzten Traum von neuem uberredet hatte, dass sie noch ein Sommervogel sei, so war er bloss daruber besturzt, wie es zugehe, dass eine so erstaunliche Ahnlichkeit zwischen ihr und dieser Fee sein konne.

Donna Felicia (denn wir konnen und wollen es nicht langer verbergen, dass wir zu Lirias sind) hatte Sorge getragen, sich unserm Helden in einem Anzug zu zeigen, der, indem er ihre Annehmlichkeiten auf die vorteilhafteste Art entwickelte, ihr zugleich ein so sonderbares Ansehen gab, dass ihr nur ein Stabchen von Ebenholz fehlte, um eine vollkommene Luminose vorzustellen.

Sie hatte sich wurklich an ihrem Nacht-Tische befunden, um sich auf die Ankunft ihres Bruders auszuputzen, der sie auf eine unerwartete Gesellschaft vorbereitet hatte, als ihr Laura die uberraschende Zeitung brachte, dass Don Sylvio, sie wisse nicht wie, in ihrem Saal sichtbar geworden sei, und der gluckliche Instinct, der bei den Beherrscherinnen unsrer Herzen die Stelle unsrer langsamen Vernunft einnimmt, hatte ihr in einem Augenblick begreiflich gemacht, dass sie nicht Feen-massig genug aussehen konne, um den Eindruck zu befordern, den sie auf ihn zu machen wunschte.

Sie bewillkommte ihn mit dem edlen und anmutsvollen Anstand, der ihr eigen war, ob sie sich gleich Gewalt antun musste, die Unruhe zu verbergen, die in ihrem schonen Busen pochte. Sie bezeugte sich dem Zufall sehr verbunden, der einen jungen Ritter, dessen Ansehen keine gemeine Verdienste ankundigte, in ihr Schloss gefuhrt hatte, und versicherte ihn, dass ihr Bruder, dessen Ankunft sie alle Augenblicke erwartete, sehr erfreut sein wurde, eine so angenehme Bekanntschaft zu machen.

Hatte Don Sylvio nichts als die Besturzung uber eine unverhoffte Ahnlichkeit zu bekampfen gehabt, so mochte es wohl nicht schwer gewesen sein, sich in der gehorigen Fassung zu erhalten. Allein die Natur, die ihre Rechte nie verliert, und am Ende doch allemal den Sieg uber die Einbildungs-Kraft davon tragt, spielte ihm in diesem critischen Augenblick einen andern Streich, gegen den es so viel als unmoglich war, sich zu verteidigen.

Der gute Sylvio hatte die Eindrucke, die das Bildnis seiner vermeinten Princessin auf ihn gemacht, und die Wunsche, die es in seinem Herzen erregt hatte, fur Liebe gehalten; er hatte sich geirrt; es war nur eine schwache Vorempfindung, nur ein armes SchattenBild der Liebe, die ihm das Urbild selbst ein flossen wurde.

Ihr erster Blick, der dem Seinigen begegnete, schien ihre Seelen auszutauschen. Die ganze Gewalt dieser unbeschreiblichen Entzuckung, womit eine sympathetische Liebe, zumal wenn es die erste ist, bei Erblickung ihres Gegenstands, eine empfindliche und zu dieser glucklichen Art von Schwarmerei aufgelegte Seele berauschen kann, durchdrang, erfullte, uberwaltigte sein ganzes Wesen Alle seine vorige Ideen schienen ausgeloscht, neue Sinnen schienen plotzlich in seinem Innersten sich zu entwickeln, um alle diese unzahliche Reizungen aufzufassen, die ihm entgegen strahlten Kurz, er war so sehr ausser sich selbst, dass er die verbindliche Anrede der vermeinten Fee mit nichts anderm als stammlenden und abgebrochenen Sylben zu beantworten vermochte.

Donna Felicia wurde vermutlich mit dem zierlichsten und wohl gesetztesten Compliment nicht halb so gut zufrieden gewesen sein, als sie es mit der weit beredtern Verwirrung war, worin sie ihn sah. Dasjenige, was in ihrem eigenen Herzen vorging, erganzte ihr bis zum Uberfluss, was in der Anrede unsers Helden mangelhaft und unverstandlich war; aber weil sie mehr Gewalt uber sich selbst hatte, oder, um uns richtiger auszudrucken, weil sie ein Frauenzimmer war, so wusste sie nicht nur ihre eigene Unruhe zu verbergen, sondern sie hatte auch so viel Gefalligkeit, und gab ihm Zeit sich selbst wieder zu erholen, indem sie sich so gleich auf den Sopha niedersetzte, und nachdem sie ihn ersucht einen Lehnstuhl neben ihr einzunehmen, von dem weissen Katzchen, das seinen Platz auf ihrem Schosse genommen hatte, Anlass nahm, uber die Gedanken zu scherzen, die beim Eintritt in diesen Saal in ihm hatten veranlasst werden mussen. Gestehen sie mir, Don Sylvio, sagte sie, dass sie, bei Erblickung einer so ansehnlichen Gesellschaft von Katzen, die bei meinem kleinen Liebling Cour zu machen schien, sich kaum erwehren konnten zu glauben, dass sie in dem Palast der weissen Katze seien?

Man kann auf keine glucklichere Art betrogen werden, schonste Fee, erwiderte Don Sylvio. Mochten sie mit eben der Scharfsichtigkeit, womit sie meinen ersten Gedanken, der, ehe ich sie selbst zu sehen das Gluck hatte, naturlich genug war, zu entdecken wussten, in das Innerste meiner Seele schauen, und darin zu lesen wurdigen, was ich weder Kuhnheit noch Vermogen habe, auszusprechen.

Donna Felicia fand fur gut, an statt auf diese ehrfurchts-volle Liebes-Erklarung zu antworten, ihn mit der Lebens-Geschichte und den bewundernswurdigen Tugenden der kleinen weissen Katze zu unterhalten; und so geringfugig dieser Gegenstand an sich selbst war, so wichtig wurde er, zumal fur einen so geneigten Zuhorer als Don Sylvio war, auf den schonen Lippen der Donna Felicia, und durch den Reiz, den sie uber alles was sie sagte oder tat, auszugiessen wusste. Don Sylvio erfuhr es nur allzusehr. Jeder ihrer Blicke, jedes Wort, das sie sprach, jede kleine Bewegung, die sie machte, vermehrte die Entzuckung, worin er ganz verloren schien. Seine Einbildungs-Kraft, unfahig etwas vollkommeners zu erstreben, als sich seinen Augen darstellte, wurde nun auf einmal ihrer vorigen Macht beraubt, und diente zu nichts als den Sieg der Empfindung vollkommen zu machen. Alle diese schonen Phantomen, womit sie angefullt gewesen war, verschwanden wie die leichten Dunste eines Fruhlings-Morgens vor der aufgehenden Sonne; er erinnerte sich seines vorigen Zustands nur wie eines Traums, oder, richtiger zu reden, er vergass ihn und alles was er kurz vorher gedacht, geliebt, gehofft und gefurchtet hatte, so lang er Donna Felicia vor sich sah, so ganzlich, als ob er den ganzen Lethe ausgetrunken hatte.

Dieser Zustand mochte fur ihn selbst angenehm genug sein, aber er machte ihn nicht sehr kurzweilig fur seine Gesellschafterin, und nachdem alles, was sich von ihren Katzen nur immer sagen liess, vollig erschopft war, so wurde die Conversation ziemlich matt geworden sein, wenn die Papagaien, die von Zeit zu Zeit in den Saal gehupft kamen, und uberaus witzig und schwatzhaft waren, sich nicht zuweilen in das Gesprach gemischt hatten.

Sechstes Capitel

Unverhoffte Zusammenkunft

Donna Felicia bezeugte eben einige Unruhe uber das Aussenbleiben ihres Bruders, der ihr, wie sie sagte, Hoffnung gegeben hatte, ihr eine liebenswurdige Gesellschaft mit zubringen: als sich die innere Ture des Saals offnete, und Don Eugenio von Lirias mit der schonen Hyacinthe und seinem Freunde Don Gabriel herein trat, und unserm Helden in dem Unbekannten, dem er das Leben oder wenigstens seine Geliebte gerettet hatte, den Bruder seiner angebeteten Fee zeigte.

Die Uberraschung war auf beiden Seiten gleich angenehm, und mit einer gleich grossen Verwunderung auf Seiten des Bruders und der Schwester begleitet. Allein da es sich jetzt nicht schickte, diese letztere Regung merken zu lassen, so begnugte sich Don Eugenio, nachdem er seiner Schwester die schone Hyacinthe vorgestellt, und empfohlen hatte, seine Freude daruber zu bezeugen, dass er unsern Helden, dessen unerwartete heimliche Abreise aus dem Wirtshause ihn nicht wenig befremdet hatte, so unverhofft in seinem eigenen Hause wieder finde. Sie wissen vielleicht nicht, sagte er zu Donna Felicia, wie viel wir dem Don Sylvio schuldig sind. In kurzem sollen sie den ganzen Zusammenhang einer Geschichte erfahren, die ihnen kein Geheimnis mehr sein darf Alles was ich Ihnen jetzt davon melden kann, ist, dass Sie in der Person dieses liebenswurdigen Unbekannten denjenigen sehen, der durch grossmutige Wagung seines eigenen Lebens Ihnen einen Bruder erhalten hat.

Sie vergrossern, erwiderte unser Held, den Wert eines Beistands, den ihre und ihres Freundes Tapferkeit uberflussig machte, und wozu ich durch Gesinnungen, die ihr erster Anblick mir einflosste, hingerissen wurde. Hatte ich damals wissen konnen, was dieser gluckliche Augenblick mich gelehrt hat, so wurde ich, wenn auch jede meiner Adern ein eigenes Leben hatte, jedes derselben mit Vergnugen aufgeopfert haben, um ein so kostbares Leben zu erhalten.

Don Eugenio wurde vermutlich uber dieses hyperbolische Compliment ein wenig gestutzt haben, wenn die Aufmerksamkeit, die er anwandte, die Eindrucke, welche Hyacinthe auf seine Schwester machte, zu beobachten, ihm zugelassen hatte, auf irgend etwas anders aufmerksam zu sein.

Donna Felicia, welche ziemlich verlegen gewesen war, wie sie ihre Neigung zu unserm Helden, und den Plan, den sie seit einer halben Stunde mit der Behendigkeit, die allen Wurkungen der Liebe eigen ist, bei sich selbst entworfen hatte, ihrem Bruder verbergen oder gefallig machen mochte, war vor Vergnugen ausser sich, da sie horte, was fur Verdienste sich Don Sylvio bereits um ihn gemacht hatte. Dieser gluckliche Umstand rechtfertigte nicht nur die Lebhaftigkeit ihrer Achtung fur den Erretter eines Bruders, den sie so zartlich liebte, sondern, da er ihr in Verbindung mit den ubrigen Umstanden einiges Licht uber die geheime Geschichte, worinne Hyacinthe vermutlich keine Neben-Rolle zu spielen hatte, zu geben schien, so hoffte sie nun, dass sie wenig Muhe haben wurde, den Beifall ihres Bruders fur ihre Liebe zu erhalten, da er vermutlich den ihrigen fur die Seine notig haben wurde. Sie verdoppelte also die Ausdrucke des Wohlgefallens und der Zuneigung, welche ihr die Liebenswurdigkeit der jungen Hyacinthe ohnehin eingeflosst haben wurde, da sie aller Zuruckhaltung des Don Eugenio ungeachtet, nur allzudeutlich sah, wie heftig er sie liebte; und Don Eugenio, der alle diesen Liebkosungen ganz allein auf die Rechnung der Vorzuge seiner Geliebten schrieb, war daruber so erfreut, dass er den Augenblick kaum erwarten konnte, sich seines Geheimnisses in ihren schwesterlichen Busen zu entladen.

Niemals hat vielleicht in einer Gesellschaft von Personen, die einander, teils ganzlich, teils bei nahe unbekannt waren, so viel Sympathie und eine solche Mannigfaltigkeit von verborgnen zartlichen Regungen geherrschet, als in dieser. Naturlicher Weise konnten so liebenswurdige Personen, als sich hier zusammen gefunden hatten, einander nicht gleichgultig sein; aber die geheimen, obgleich noch unentwickelten Verhaltnisse, worin sie gegen einander stunden, machten sie einander noch unendlichmal interessanter, und Amor, und die Natur, die hier in geheim ihr Spiel hatten, brachten eine Harmonie und eine Vertraulichkeit, wozu sonst eine Reihe von Wochen erfordert wird, in eben so vielen Minuten hervor.

Don Gabriel war der einzige, der ohne eigennutzige Absichten an dem allgemeinen Vergnugen Anteil nahm. Die Ruhe seines eigenen Herzens erlaubte ihm die ubrigen mit der Scharfsichtigkeit eines Weisen und mit der Gute eines Menschenfreunds zu beobachten, und ob gleich ein Teil von dem, was er zu bemerken glaubte, ein Ratsel fur ihn war, so sah er doch, dass in kurzem sehr artige Geheimnisse sich entwikkeln wurden.

Inzwischen erschienen ein paar prachtig gekleidete kleine Mohren, um die Gesellschaft mit Erfrischungen zu bedienen und Don Gabriel, der einen naturlichen Beruf dazu zu haben glaubte, hatte die Gefalligkeit, durch die Munterkeit seines Witzes zu verhindern, dass die Conversation nicht von Zeit zu Zeit in ein gedoppeltes, wiewohl stillschweigendes Tete-a-Tete ausartete.

Ungeachtet einer gewissen phantastischen Wendung, die beinahe in allem was Don Sylvio sagte oder tat, in die Augen fiel, wurde doch Don Eugenio je langer je mehr von ihm eingenommen, und bei den Verbindlichkeiten, die er ihm hatte, konnte er ohnehin nicht weniger tun, als sich die Ehre seines Aufenthalts zu Lirias auf einige Zeit auszubitten, um, wie er sagte, einer Bekanntschaft, die sich auf eine so ausserordentliche Art angefangen, Zeit zu lassen, zu derjenigen vollkommenen Freundschaft zu reifen, deren er sich nicht unwurdig zu zeigen hoffte.

Don Sylvio nahm eine so verbindliche Einladung mit grosstem Vergnugen an, ohne einen Augenblick mehr Umstande zu machen, als die Prinzen in den Feen-Marchen zu machen pflegen, wenn ihnen ein Nacht-Quartier in einem bezauberten Schlosse angeboten wird.

Donna Felicia entfernte sich hierauf mit der schonen Hyacinthe, und Don Eugenio fuhrte seinen Gast in ein prachtiges Zimmer, welches er ihn als das seinige anzusehen bat, so lang er ihn mit seinem Aufenthalt in Lirias beglucken wurde. Er verliess ihn hierauf bis zum Abend-Essen, und wartete mit Ungeduld, bis Laura ihm die Nachricht brachte, dass seine Schwester sich in ihrem Cabinet allein befinde.

Siebendes Capitel

Gegenseitige Gefalligkeiten

Es ist schon langst beobachtet worden, dass das terentianische: Tu si hic esses, aliter sentias, wenn der gehorige Gebrauch davon gemacht wurde, ein fast allgemeines Mittel gegen alle die Widerspruche, Irrungen und Zwistigkeiten ware, die aus der Verschiedenheit und dem Zusammenstoss der menschlichen Meinungen und Leidenschaften taglich zu entstehen pflegen.

Fur einen blossen Zuschauer der menschlichen Torheiten, wenn es anders einen solchen gibt, kann nichts lustigers sein, als eine ganze wohl policierte Gesellschaft von moralischen Egoisten beisammen zu sehen, wovon immer einer dem andern seine Personalitat streitig macht, und nichts geringers zu fordern scheint, als dass alle andre in allen Sachen und zu allen Zeiten gerade so empfinden, denken, urteilen, glauben, lieben, hassen, tun und lassen sollen, wie er: welches, in der Tat, eben so viel sagen will, dass sie keine fur sich selbst bestehende Wesen, sondern blosse Accidentia und Bestimmungen von ihm selbst sein sollen.

Es ist wahr, unter allen diesen Egoisten ist keiner unverschamt genug diese Forderung geradezu zu machen; aber, indem wir alle Meinungen, Urteile oder Neigungen unserer Nebengeschopfe fur toricht, irrig und ausschweifend erklaren, so bald sie mit den unsrigen in einigem Widerspruch stehen: was tun wir im Grund anders, als dass wir ihnen unter der Hand zu verstehen geben, dass sie unrecht haben, ein paar Augen, ein Gehirn und ein Herz fur sich haben zu wollen?

"Warum gefallt ihnen das, mein Herr?"

Ich kann ihnen keine andre Ursach davon geben, als, weil es mir gefallt.

"Aber ich kann doch unmoglich begreifen, was sie denn daran sehen, das ihnen so sehr gefallt? Ich fur meinen Teil "

Gut, mein Herr, das beweist nichts, als dass mir etwas gefallen kann, das ihnen missfallt.

"Ich will eben nicht sagen, dass es mir schlechterdings missfalle, aber ich kann doch auch nicht sagen, dass ich es so gar vortrefflich, so gar ungemein finden sollte, wie sie."

Gesetzt aber, es kame mir so vor?

"So hatten sie unrecht."

Und warum das, mein Herr?

"Weil es nicht so ist."

Und warum ist es nicht so?

"Eine seltsame Frage, mit ihrer Erlaubnis. Hab ich denn nicht so gute Augen wie sie? Ist mein Geschmack nicht eben so richtig? Kann ich nicht eben so gut von dem Wert einer Sache urteilen wie sie? Wenn es so vortrefflich ware, wie sie sich einbilden, so musste ichs ja auch so finden."

Alles dieses kann ich mit so gutem Rechte sagen wie sie. Es mag nun hier das Auge, der Verstand oder die Einbildung entscheiden, warum soll ich ihren Augen, ihrem Verstand, oder ihrer Einbildung mehr zutrauen als den meinigen? Das mocht ich doch wissen!

"Das kann ich ihnen gleich sagen. Ich sehe die Sache wie sie ist, und Sie sind durch den Affect verblendet."

Gut, mein Herr, da kommen sie mir gerade, wo ich sie erwartete. Wenn der Affect zuweilen verblendet (und das tut er nur alsdann, wenn er raset, welches nie lange dauren kann) so ist hingegen eben so gewiss, dass er ordentlicher Weise das Gesicht scharft. Wie konnen sie erwarten, dass der fluchtige, unachtsame und ungefahre Blick, den die Gleichgultigkeit auf einen Gegenstand wirft, so viel an ihm entdecken, oder die Grade seines Werts so richtig bemerken soll als der Affect, der ihn mit der aussersten Aufmerksamkeit von allen Seiten und Gesichtspuncten betrachtet?

"Aber die Einbildung, die sich unvermerkt in seine Beobachtungen mischt

Belieben Sie zu bedenken, mein Herr, dass nur ein Narr seine Einbildungen fur wurkliche Empfindungen halt; warum wollen sie lieber auf einer Voraussetzung bestehen, wodurch sie die Gesundheit meines Hirns verdachtig machen, als gestehen, dass es eine Sache geben kann, die ich besser kenne als sie, oder die, zum wenigsten, mir aus guten Ursachen anders vorkommt als ihnen?"

Erhitzen Sie sich nicht, meine Herren, sagte ein dritter, der diesem Streit zwischen Ich und Du zugehort hatte; Sie konnten noch einen halben Tag disputieren, ohne dass einer den andern bekehren wurde und wissen sie wohl warum? die Ursache ist ganz naturlich weil sie beide recht haben. Tu si hic esses sagt Terentz: Sie urteilen wie ein Liebhaber, und so haben sie recht; und Sie urteilen wie ein Gleichgultiger, und so haben sie auch recht.

"Aber, mein Herr Schiedsrichter, die Frage ist: Ob er recht habe, ein Liebhaber von etwas zu sein, das in der Tat "

Ihnen gleichgultig ist, wollen sie sagen?

"Nein mein Herr das den Grad der Liebe nicht verdient, den er "

Das ist eben die Frage, die sich nicht ausmachen lasst, mein Herr; Auf diesem Wege geraten wir wieder in den vorigen Cirkel, und da konnen wir ewig herum traben, ohne jemals an ein Ende zu kommen. Ihr Streit ist von einer Art, der nur durch einen gutlichen Verglich ausgemacht werden kann. Gestehen sie einander ein, dass Ich gar wohl berechtiget ist, nicht Du zu sein; hernach setzen Sie sich jeder an des andern Platz; ich will verloren haben was sie wollen, wenn Sie nicht eben so dachten wie er, wenn sie er oder in seinen Umstanden waren, und so hat der Streit ein Ende.

Es ist (wie vermutlich Aristoteles schon vor uns bemerkt haben wird) keine verdriesslichere Situation in der Welt, als diejenige, worin ein Liebhaber ist, der einer dritten Person, zumal wenn sie nur wenig empfindlich ist, von seiner Neigung Rechenschaft geben soll. Donna Felicia und ihr Bruder befanden sich dermalen beide in diesem critischen Umstande, und, bei einer andern Lage der Sachen, wurde vermutlich ein jedes grosse Schwierigkeiten gehabt haben, den Beifall des andern zu erhalten. Ohne diesen glucklichen Zufall hatte Donna Felicia oder Don Eugenio sich, so viel sie gewollt hatten, auf das tu si hic esses, berufen mogen; sie wurden vermutlich nicht halb so viel damit gewonnen haben, als jetzt, da sich jedes wurklich an des andern Platz befand; so gross ist der Unterschied zwischen der Wurkung, die eine fluchtige Abstraction und ein wahres Gefuhl auf uns macht. Es ist wahr, wenn sie einander hatten schicannieren wollen, oder von der unverschamten Art von Leuten gewesen waren, die allein das Recht haben wollen Schellen an ihren Kappen zu tragen, so wurden sie noch immer Stoff genug gefunden haben, einander Handel zu machen. Aber bei der guten Vernunft und gefalligen Gemuts-Art, die sie mit einander gemein hatten, brauchte nur das Hindernis aus dem Wege geraumt zu werden, das aus der Gleichgultigkeit des einen Teils naturlicher Weise hatte entstehen mussen. Wir wollen einmal setzen, Donna Felicia hatte die Nachsicht ihres Bruders nicht fur sich selbst notig gehabt, wie viele Einwendungen hatte sie nicht gegen seine Liebe zu einem Madchen ohne Namen, ohne Vermogen, ja selbst ohne schimmernde personliche Eigenschaften, zu einer Person, die vielleicht Ursach hatte uber ihre Herkunft zu erroten, und mit der sich seine Bekanntschaft auf dem Theater angefangen hatte, einwenden konnen? Ich gestehe Ihnen alles ein, wurde Don Eugenio geantwortet haben, alle diese Einwurfe, alles, was sie, meine Freunde und die Welt nur immer dagegen sagen konnen, hat mir meine eigene Vernunft tausendmal gesagt, und so toricht ich ihnen scheinen mag, so bin ich es doch nicht genug, um nicht ganz deutlich einzusehen, dass Sie und meine Vernunft recht haben; aber was vermag das alles gegen die Stimme meines Herzens? gegen einen unwiderstehlichen Zug, von dem ich nicht Meister bin, noch zu sein wunschen kann? Die Halfte aller dieser Um stande wurde mehr als zulanglich sein eine gewohnliche Leidenschaft zu dampfen. Aber die Gewalt der Sympathie, liebste Schwester Man muss sie selbst erfahren haben, um zu wissen, wie unmoglich es von dem ersten Augenblick an, da man sie erfahrt, ist, ihr zu widerstehen.

Donna Felicia wurde diesen Grund sehr geringhaltig gefunden haben, wenn sie diese Sympathie, womit Don Eugenio, (es sei nun mit Recht oder Unrecht) seine Torheit oder Schwachheit, oder wie es die weisen Leute, die uber solche Ausschweifungen hinweg gesetzt sind, nennen wollen, zu rechtfertigen vermeinte; nicht aus eigener Erfahrung gekannt hatte; und in der Tat hatte es ihr kaum anders als ungereimt vorkommen konnen, dass eine betrugliche, ungewisse und unerklarbare Empfindung, ein ich weiss nicht was, das vielleicht nur ein Gespenst der Einbildungs-Kraft ist, fur hinlanglich gehalten werden solle, die Stimme der Vernunft, der Klugheit und der Ehre zu uberwiegen. Allein zum Vorteil ihrer beiderseitigen Leidenschaft befanden sie sich beide in dem namlichen oder doch einem sehr ahnlichen Falle. Was Donna Felicia fur den Don Sylvio empfand, erklarte ihr vollkommen, was Don Eugenio seine Sympathie fur Hyacinthen nannte, und Don Eugenio konnte nicht so unbillig sein, von seiner Schwester die Unterdruckung einer Neigung zu verlangen, die er selbst fur unwiderstehlich erklart hatte. Sie schenkten also einander die Einwurfe, die eines jeden eigene Vernunft so gut als des andern seine gegen den Entschluss ihres Herzens zu machen wusste, und richteten ihre vereinigte Aufmerksamkeit bloss darauf, wie die Hindernisse, die ihren Wunschen im Wege stunden am besten gehoben werden konnten. Die Gefalligkeit, die Donna Felicia in diesem Stucke fur die Leidenschaft ihres Bruders zeigte, verdiente alle nur ersinnliche Erkenntlichkeit auf seiner Seite, und da in der Tat die uberspannte Phantasie unsers Helden das einzige war, was ihn ihrer Liebe unwurdig machen konnte: So schien alles bloss darauf anzukommen, wie man es anzufangen hatte, um sein Gehirn wieder in seine naturliche Falten zu legen. Die Nachrichten des Bartiers wurden hiebei zum Grunde gelegt, und Don Eugenio urteilte, dass es nicht sehr viel Muhe brauchen werde, einen jungen Menschen, dessen Torheit bloss in einer Art von Schwarmerei bestund, die aus zufalligen Ursachen einen so seltsamen Schwung genommen hatte, in kurzer Zeit zurechte zu bringen. Ich habe bemerkt, sagte er, dass sie ihm nichts weniger als gleichgultig sind. Es ist wahr, sie haben eine Rivalin, aber da sie nur ein Sommervogel ist, und erst noch in eine eingebildete Princessin verwandelt werden soll, so wird sie ihnen den Sieg nicht lange streitig machen. Lassen sie uns anfangs so viel Nachsicht gegen seine Torheit brauchen als notig ist, um sein Vertrauen zu erwerben; die Natur und die Liebe werden das meiste tun; die Phantasie wird nach und nach der Empfindung Platz machen, und wenn nur diese einmal die Oberhand hat, so wird es leicht sein, ihm Vorurteile und irrige Begriffe zu benehmen, die keinen Fursprecher mehr in seinem Herzen haben.

Donna Felicia war sehr erfreut ihre eigene Ideen von ihrem Bruder gerechtfertiget zu sehen, und unterliess nicht ihm ihre Dankbarkeit dadurch zu bezeugen; dass sie so viel Gutes von seiner geliebten Hyacinthe sagte, als er nur immer wunschen konnte. Sie versicherte ihn so gar, dass sie in ihrer Person und Denkungsart allzuviel edles habe, als dass das Geheimnis ihrer Geburt sich anders als zu ihrem Vorteil enthullen konne; und Don Eugenio, dem dieser Gedanke nichts neues war, hatte ihn jederzeit dem Vorteil seines Herzens zu gunstig gefunden, um seinen Witz zu Einwurfen dagegen zu missbrauchen.

Nachdem sie sich also uber die Massregeln, die sie zu Beforderung ihrer Absichten mit Don Sylvio nehmen wollten, verglichen und fur gut befunden hatten, der schonen Hyacinthe und dem Don Gabriel einen Teil des Geheimnisses anzuvertrauen: So schieden sie so vergnugt von einander als sie es jemals gewesen waren, und begaben sich in den Saal, um ihren Gasten bis zum Abendessen Gesellschaft zu leisten.

Achtes Capitel

Streit zwischen der Liebe zum Bilde und der Liebe

zum Original

Die schimmernde Pracht des Speisesaals, worin man sich versammlete, die Menge der Wachslichter, womit er erleuchtet war, die Kostbarkeit des Tischgerates, die Niedlichkeit der Mahlzeit, die Verschiedenheit der ausgesuchtesten Weine, alles dieses wurde unsern Helden, der in einem Feen-Schlosse zu sein glaubte, auch in andern Umstanden nicht in die geringste Verwunderung gesetzt haben, ob es gleich das erstemal war, dass er eine solche Pracht ausserhalb seiner Einbildung sah. Nun aber, da Donna Felicia sich seiner ganzen Aufmerksamkeit bemachtiget hatte, ware er leicht zu bereden gewesen, in einer Stroh Hutte, worin er sie gesehen hatte, sich im Palast der Fee Luminose zu glauben.

Die schone Felicia konnte nicht die letzte Person sein, die den Eindruck bemerkte, den sie auf ihn machte; und weil sie sich ihres Sieges nicht genug versichern zu konnen glaubte, so nahm sie sich vor, alle ihre Reizungen zu vereinigen, um ihm eine schlaflose Nacht zu machen. Eine angenehme Symphonie, die sich unter der Tafel horen liess, ohne dass man sah woher, und wovon also Don Sylvio ohne Anstand den Sylphen die Ehre gab, von denen die FeenPalaste bedient zu werden pflegten, gab ihr Gelegenheit, nach Endigung der Mahlzeit, ihre eigene Geschicklichkeit horen zulassen. Die junge Hyacinthe glaubte sich ubertroffen zu sehen, und wurde sich also niemals haben einfallen lassen, der Donna Felicia das unbegrenzte Lob streitig zu machen, womit sie der bezauberte Sylvio uberschuttete. Aber Don Eugenio war zu eifersuchtig uber die Lieblings-Talente seiner jungen Freundin, um seine Schwester in dem ruhigen Besitz eines so grossen und ungeteilten Beifalls zu lassen.

Er liess also nicht ab, bis sie sich erbitten liess sich mit der schonen Felicia in einen Wettstreit einzulassen, der in einer Gesellschaft wie diese war, nicht anders als das allgemeine Vergnugen befordern konnte. Die beiden Damen schienen wider die Gewohnheit ihres Geschlechts einander den Vorzug mit einer so ungezwungenen Gutherzigkeit beizulegen, dass man Muhe hatte, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln; Don Gabriel fand, dass es dem Paris leichter gewesen unter den drei Gottinnen einer den goldnen Apfel zuzusprechen, als den Ausspruch zu tun, welche unter diesen zweien allzu liebenswurdigen Musen an Schonheit der Stimme und des Gesangs, an Behendigkeit der Finger und an Geschicklichkeit sich aller ZauberKrafte der Harmonie nach ihrem Belieben zu bedienen, einen Vorzug vor der andern habe, und selbst die Liebhaber, so ausgemacht dieser Punct bei jedem war, gestunden doch, dass wenn es ja moglich sei eine von beiden zu ubertreffen, Donna Felicia nur von Hyacinthen, und Hyacinthe nur von Donna Felicia ubertroffen werden konne.

Unsere kleine Gesellschaft hatte so wenig lange Weile, bei dieser Art von Unterhaltung, und die Damen waren so gefallig, dass die anbrechende Morgen-Dammerung sie endlich erinnern musste, dass es Zeit sei schlafen zu gehen.

Wir wissen nicht, ob ausser Don Gabriel, der sich in einem Alter von vierzig Jahren bereits uber die bewolkte und sturmische Gegend der Leidenschaften in die immer heitere Hohe einer beinahe stoischen Seelen-Ruhe empor gearbeitet hatte, sich jemand von den ubrigen die guten Wunsche zu Nutze gemacht, die sie einander deswegen taten. Was wir gewiss wissen, ist, dass Don Sylvio sich noch niemals in einem Zustande befunden hatte, der dem Schlaf weniger gunstig gewesen ware. In der Entzuckung, die ihm noch immer gebunden hielt, merkte er nicht einmal, dass sich, an statt des guten ehrlichen Pedrillo, den er weder sah noch vermisste, ein paar junge Edelknaben in seinem Vorzimmer befanden, die sich der Ehre anmassten ihn auszukleiden, und er war es wurklich schon, ehe er sich besann, dass er nicht ausgekleidet sein wollte. Nachdem er nun die Knaben, die er seiner Gewohnheit nach zu Sylphen erhob, entlassen hatte, kleidete er sich wieder an, warf sich, der Morgen-Rote gegen uber in einen weichen Lehnstuhl, und uberliess sich noch eine geraume Zeit, mit einem Vergnugen, wovon nur wenige sich einen Begriff machen konnen, dem Anschauen des reizenden Gegenstandes, der noch immer, wie gegenwartig vor seiner bezauberten Seele schwebte. Allein er musste doch endlich aus dieser wachenden Traumerei erwachen, und nachdem er wieder zu sich selbst gekommen war, fing er an sich zu befragen, was er von allem dem, was ihm in diesem Palast begegnet war, denken sollte. Er glaubte sichs bewusst zu sein, dass es weder ein Traum, noch eine Erscheinung von derjenigen Art, wie er schon gehabt hatte, gewesen sei. Aber was er aus der Beherrscherin dieses Palasts machen sollte, ob es eine Fee, eine Sterbliche, eine Gottin, oder wohl gar seine Princessin selbst sei, wie die Ahnlichkeit, die sie mit dem verlornen Bildnis hatte, ihn zu bereden schien, daruber konnte er sich nicht mit sich selbst vergleichen; Zwar stimmte diese letzte Vermutung so sehr mit seinen Wunschen uberein, dass er sich eine gute Weile bemuhte, sie wahrscheinlich zu finden; allein bei genauerer Uberlegung, fand er diese Hypothese mit so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass er sie wieder fahren liess. Vielleicht ist sie eine Anverwandte meiner Princessin, dachte er, oder in der namlichen Constellation und unter den Einflussen der namlichen Aspecten geboren, oder sie hat diese Ahnlichkeit aus geheimen Ursachen nur angenommen, oder es ist wohl gar nur ein susser Irrtum meines Herzens, das von irgend einem ahnlichen Zug verfuhrt, diejenige zu sehen glaubt, die es uberall zu sehen wunscht. Nach langem Nachdenken schien ihm das letztere das wahrscheinlichste, weil es mit der Treue, die er seiner Geliebten zu halten entschlossen war, sich am besten zu vertragen schien. Auf diese Art bewunderte er bloss seine Princessin in Donna Felicia, und er schloss sehr scharfsinnig, wie reizend, bezaubernd, uberirdisch, gottlich, und wofern es moglich ware, mehr als gottlich die Vollkommenheiten seiner Princessin sein mussten, da eine schwache Ahnlichkeit mit ihr diese Fee schon so reizend in seinen Augen machte.

Um diesem Schlusse desto mehr Starke zu geben, strengte er die ausserste Macht seiner Phantasie an, sich die vermeinte Princessin noch reizender, liebenswurdiger und vollkommener einzubilden als Donna Felicia; aber, es sei nun, dass die Einbildungs-Kraft nicht im Stande ist etwas vollkommeners hervor zu bringen als die Natur, oder dass ihm die Liebe hierin einen ihrer gewohnlichen Streiche spielte: gewiss ist, das Bild der schonen Felicia stand jedesmal an der Stelle der Princessin, und alle seine Bestrebungen, sich dieselbe unter andern Zugen vorzustellen, waren vergeblich.

Dieser Umstand setzte ihn in keine geringe Verlegenheit, ohne sein eigenes Herz in Verdacht zu ziehen, fing er an, uber die Bezauberung, welche Donna Felicia uber seine Seele auszuuben schien, misstrauisch zu werden. Er geriet auf allerlei seltsame Einfalle, die er wechselsweise bald verwarf, bald wahrscheinlich fand, und nachdem er sich lange uber die Massregeln, die er zu nehmen hatte, bedacht, deuchte ihn zuletzt das sicherste zu sein, sich so bald als moglich, oder wenigstens, so bald als er Ursache finden wurde seinen Argwohn fur gegrundet zu halten, aus diesem gefahrlichen Schlosse zu entfernen.

Neuntes Capitel

Was fur gefahrliche Leute die Philosophen sind

Unter diesen einsamen Betrachtungen war es heller Tag geworden; Don Sylvio begab sich, um seinen Gedanken desto besser nachhangen zu konnen in den Garten, und wir wissen nicht, wohin sie ihn endlich gefuhrt hatten, wenn Don Gabriel, der die Morgenstunden gewohnlicher Weise mit einem Buch im Garten zubrachte, ihn nicht in den Gangen des Labyrinths angetroffen hatte.

Von ungefahr war das Buch, das Don Gabriel in der Hand hatte, ein physicalisches, und dieses fuhrte sie nach und nach in ein Gesprach uber die Natur, worin Don Sylvio seine cabbalistischen Begriffe und Grundsatze mit so vieler Scharfsinnigkeit und mit einer so lebhaften Beredsamkeit behauptete, dass Don Gabriel die Schonheit seines Geistes und die durchgangige Falschheit seiner Ideen gleich viel zu bewundern Ursache hatte.

Man musste so sehr Philosoph sein, als es Don Gabriel war, um den Mut, uber eine so tiefeingewurzelte Schwarmerei endlich Meister zu werden, nicht auf einmal zu verlieren. Allein durch die Gefalligkeit, die er gegen die Vorurteile unsers Helden hatte, hoffte er mit gutem Grunde ihn, ohne seine Grundsatze gerade zu bestreiten, unvermerkt so weit zu bringen, dass er selbst an der Wahrheit derselben zweifeln musste.

Unsre Leser und Leserinnen (denn ungeachtet des strengen Verbots des Herrn Rousseau werden wir ganz gewiss dergleichen haben) unter denen schwerlich ein einziges notig hat von Zoroastrischen, Plotinischen, Cabbalistischen, Paracelsischen und Rosenkreuzerischen Irrtumern geheilt zu werden, wurden uns vermutlich fur die Mitteilung einer so tiefsinnigen metaphysischen Unterredung wenig Dank wissen, zumal da es von Morgens sechs Uhr bis um die Zeit, da die Gesellschaft sich in einem kleinen Garten-Saal zum Fruhstuck versammlete, fortgesetzt wurde. Wir begnugen uns also ihnen zu melden, dass Don Gabriel, mit aller nur ersinnlichen Hochachtung, die er fur die Weisen, welche die Natur im Ganzen und en detail durch Geister bewegen lassen, zu hegen vorgab, so starke Einwurfe gegen diese wundervolle Natur-Lehre vorbrachte, dass Don Sylvio, wo nicht vollig wankte, doch ziemlich erschuttert wurde, und (so vorsichtig auch der Philosoph gewesen war, den Feen nicht zu nahe zu treten) nicht wenig besorgt zu werden anfing, was aus allen seinen Marchen und aus seinen eigenen Abenteuren werden mochte, wenn die Grundsatze des Don Gabriel, die dieser zwar fur blosse Hypothesen gab, sich in facto wahr befinden sollten.

Nun half sich zwar Don Sylvio mit dem gewohnlichen Schlusse, den die Schwarmerei zu machen pflegt, wenn sie von der gesunden Vernunft in die Enge getrieben wird; er verwies sich selbst auf seine Erfahrungen, und schloss, dass Grundsatze, die seiner Erfahrung widersprachen, notwendig falsch sein mussten. Allein es regte sich doch, wir wissen nicht was, in seinem Kopfe, das ihn bei diesem Schlusse nicht so ruhig sein liess, als man es bei einer geometrischen Demonstration zu sein pflegt; und da er ein ungemeiner Liebhaber von Speculationen von dieser Gattung war, so willigte er mit Vergnugen ein, dieses Gesprach zu einer andern gelegenen Zeit in der Bibliothek des Don Eugenio fortzusetzen.

Zehendes Capitel

Wie kraftig die Vorsatze sind, die man gegen die

Liebe fasst

Don Sylvio hatte sich unter anderm vorgenommen, den Eindrucken mannlich zu widerstehen, welche, wie er sich selbst zu bereden suchte, die Ahnlichkeit der Donna Felicia mit seiner Princessin aufsein Herz machte. Dieser heldenmutige Entschluss gab ihm anfangs, wie er mit Don Gabriel zur Gesellschaft kam, ein so gezwungenes und entlehntes Aussehen, als nur immer ein Mittelding von einem Knaben und Jungling haben kann, der nur erst neulich dem Collegio entwischt ist, und jetzt zum erstenmal in guter Gesellschaft erscheint. Donna Felicia bemerkte es beim ersten Anblick, ohne dass sie darauf acht zu geben schien; sie erriet die Ursache davon mit dieser ausserordentlichen Scharfsinnigkeit, welche die Liebe zu geben pflegt, und hoffte nicht ohne Ursache, dass ihre Gegenwart den Streit zwischen seiner Phantasie und seinem Herzen bald entscheiden werde.

Die Moralisten habens uns schon oft gesagt, und werdens noch oft genug sagen, dass es nur ein einziges bewahrtes Mittel gegen die Liebe gebe, und dieses ist, sagen sie, so bald man sich getroffen fuhlt, so schnell davon zu laufen als nur immer moglich ist. Dieses Mittel ist ohne Zweifel vortrefflich; wir bedauren nur, dass es diesen weisen Mannern nicht auch gefallen hat, das Geheimnis zu entdecken, wie man es dem Patienten beibringen solle. Denn man will bemerkt haben, dass ein Liebhaber naturlicher Weise, eben so wenig fahig sei vor dem Gegenstande seiner Leidenschaft davon zu laufen, als ob er an Handen und Fussen gebunden oder an allen Nerven gelahmt ware; ja man behauptet so gar, nach einer unendlichen Menge von Erfahrungen, worauf man sich beruft, dass es in solchen Umstanden nur nicht einmal moglich sei, zu wunschen, dass man mochte fliehen konnen.

Es ist wahr, Don Sylvio hatte eine Art von Entschluss gefasst, dass er (so bald es notig sein sollte) fliehen wolle; allein wie man sieht, war dieser Entschluss nur bedingt, und die Liebe blieb allezeit Richterin daruber, ob es notig sei zu fliehen oder nicht, und uber dies war die schone Felicia nicht dabei, wie er diesen Entschluss fasste.

Die Gegenwart des geliebten Gegenstandes verbreitet eine Art von magischer Kraft, oder (um uns eines eben so unverstandlichen aber unsers philosophischen Jahrhunderts wurdigern Ausdrucks zu bedienen) eine Art von magnetischen Ausflussen rund um sich her, und der Liebhaber tritt nicht so bald in diesen magnetischen Wirbel, so fuhlt er sich von einer unwiderstehlichen Gewalt ergriffen, die ihn, in einer Art von Spiral-Linie so lange um denselben herum zieht, bis er Wir uberlassen es der Scharfsinnigkeit des geneigten Lesers, die Allegorie so weit zu treiben als er will, oder als sie gehen kann, und bemerken nur noch, dass diese anziehende Kraft einer Geliebten, ausser denen, die ihr mit den naturlichen und kunstlichen Magneten gemein sind, noch die besondere Eigenschaft hat, alle Gedanken, Einbildungen, Erinnerungen oder Entschliessungen, die ihre Wurkung entkraften konnten, auf einmal in der Seele des angezogenen Korpers auszuwischen.

Don Sylvio wurde in wenigen Minuten ein Beispiel dieser physicalischen Beobachtung. Er hatte sich vorgenommen Donna Felicia gar nicht anzusehen; er konnte sich aber doch nicht enthalten sie ein wenig von der Seite anzuschielen. Bald darauf wagte er einen directen Blick, aber so schuchtern, als ob er besorgt hatte, sie mochte Basilisken in den Augen haben. Dieser Versuch lief so glucklich ab, dass er kuhner wurde, und er versuchte es so lange, bis er gar nicht mehr daran gedachte, noch daran gedenken konnte, die Augen von ihr wieder abzuziehen. Kurz die vorbesagte magnetische Kraft tat ihre Wurkung so gut, dass er sich dem Anschauen seiner Gottin wieder so ganzlich, so ruhig und mit solchem Entzucken uberliess, als ob nie keine Radiante, kein blauer Sommervogel und keine bezauberte Princessin innerhalb der kleinen Welt seines Hirnschadels existiert hatte.

Die schone Felicia befand sich, in Absicht ihres Herzens, ungefahr in den namlichen Umstanden. Don Sylvio hatte zum wenigsten eine eben so starke magnetische Kraft fur sie als sie fur ihn; ja, wenn wir dem Albertus Magnus und andern Naturforschern (des guten alten blinden Teresias nicht zu gedenken, der, weil er wechselsweise Mann und Weib gewesen war, aus Erfahrung von der Sache sprechen konnte) wenn wir, sage ich, diesen Weisen glauben sollen, so musste die Anziehung, die sie selbst erfuhr, wurklich um ein gutes Teil starker sein, ob sie gleich vermittelst einer gewissen vis inerti, womit die Natur oder die Erziehung ihr Geschlecht zu begaben pflegt, die Wurkung derselben, nach Massgabe der Umstande, so viel es notig war, zu schwachen wusste. Diese gegenseitige Anziehung beschleunigte naturlicher Weise die wundervolle Concentration, die daraus zu erfolgen pflegt, und indem beide zu gleicher Zeit anzogen und angezogen wurden, so befand sichs, dass, ehe sie es selbst gewahr wurden, ihre Seelen einander schon in allen Puncten beruhrten, und also nicht viel leichter wieder von einander zu scheiden waren, als ein paar Tautropfen, die im Schoss einer halb geoffneten Rose zusammen geflossen sind.

In einer so sympathetischen Gesellschaft wie diese war, konnte die Conversation nicht lange gleichgultig bleiben. Das Gesprach lenkte sich unvermerkt auf den sonderbaren Zufall, der unsern Helden und Don Eugenio mit einander bekannt gemacht hatte, und der Anteil, den die schone Hyacinthe an diesem Abenteuer hatte, erweckte bei denen, die von ihrer Geschichte noch nicht umstandlich unterrichtet waren, eine desto gerechtere Neugier, da ihre liebenswurdige Eigenschaften bereits jedes Herz fur sich eingenommen hatten. Denn selbst Don Sylvio, so gleichgultig ihn seine Leidenschaft fur die Donna Felicia gegen alle andere Reizungen hatte machen sollen, empfand wider seinen Willen eine Art von Zuneigung fur sie, die er sich selbst nicht recht erklaren konnte, und die ohne die Unruhe, das Feuer, und die Begierde der Liebe zu haben, alle Zartlichkeit derselben zu haben schien.

Die schone Hyacinthe hatte keine Ursache vor einer von den gegenwartigen Personen ein Geheimnis aus ihrer Geschichte zu machen und hingegen sehr wichtige, sie zu entdecken. Die Leidenschaft des Don Eugenio, dasjenige, was er schon fur sie getan, die Absichten die er mit ihr hatte, und vermutlich auch die Hauptumstande ihres Lebens waren wurklich schon bekannt, und so gross auch die Achtung war, womit ihr Donna Felicia begegnete, so besorgte sie doch, dass man Vorurteile gegen sie gefasst haben konnte, welche sie desto mehr zu vernichten begierig war, da sie einen so festen Entschluss, als eine Verliebte nur immer fassen kann, gefasst hatte, ihrem Verstandnis mit Don Eugenio ein Ende zu machen. Sie machte also keine Schwierigkeiten, der Bitte ihres Liebhabers, die von Donna Felicia und Don Sylvio unterstutzt wurde, durch Erzahlung ihrer Begebenheiten genug zu tun, auf welche unser Held desto begieriger war, da er nicht zweifelte, dass die Feen keinen geringen Anteil an demselben haben wurden.

Eilftes Capitel

Geschichte der Hyazinthe

Wenn es richtig ist, wie ich zu glauben geneigt bin, fing die schone Hyacinthe ihre Erzahlung an, dass ein Frauenzimmer desto schatzbarer ist, je weniger sie von sich zu reden macht so bin ich unglucklich genug, dass ich in einem Alter, worin die meisten kaum angefangen haben unter den Flugeln einer zartlichen Mutter schuchtern hervor zu schleichen, eine Erzahlung meiner Begebenheiten zu machen habe; und ich wurde in der Tat untrostbar deswegen sein, wenn ich die Schuld davon mir selbst beizumessen hatte.

Alles was ich Ihnen von meiner Abkunft sagen kann, ist, dass ich nichts davon weiss. Ich erinnere mich zwar, wiewohl nur ganz dunkel, der Zeit, da mich eine schon bejahrte Zigeunerin, von der ich erzogen worden bin, in ihre Gewalt bekam; ich war noch sehr klein, und mich deucht, dass ich in einem grossen Hause gewesen war, und etliche Weibsleute und einen kleinen Bruder um mich gehabt hatte, den ich sehr zartlich liebte. Aber auch diese wenigen Erinnerungen sind so schwach und erloschen, dass ich mir nicht getraue Sie zu versichern, dass es wurklich so gewesen sei.

Die Zigeunerin, die sich fur meine Grossmutter ausgab, ohne dass sich mein Herz jemals uberreden lassen wollte es zu glauben, wandte allen nur moglichen Fleiss an, mich zu den Absichten, die sie mit mir hatte, zu erziehen. Ich war kaum sieben Jahr alt, da die gute Art, wie ich zu meiner kleinen Biscayer-Trommel tanzte, die naiven Antworten, die ich gab, und tausend kleine Gaukeleien, die ich zu machen wusste, mir allenthalben, wo wir hinkamen, die Gunst der Leute erwarben, und meiner alten Pfleg-Mutter ihre Realen zufliegen machten. Dieser Success munterte sie auf, dass sie nichts ermangeln liess, die Talente, die sie in mir zu finden glaubte, zu entwickeln. In meinem zwolften Jahre spielte ich die Cither und die Theorbe, sang eine unendliche Menge von Liedern und Romanzen, und prophezeite aus der Hand und aus dem Caffee-Satz, so gut als irgend eine Zigeunerin in der Welt.

Die Aufmerksamkeit, die ich ungeachtet meiner anscheinenden Flatterhaftigkeit auf alles hatte, was ich sah und horte, machte mich einsmal, da wir auf einem Feste zu Toledo waren, bemerken, dass unter einem Haufen von Zuschauern die ich nebst etlichen andern jungen Madchen, zum Vorteil unsrer Alten, durch Tanze und Balladen belustigen musste, ein paar Manner von ernsthaftem Ansehen stunden, die mich mit mitleidigen Augen anzusehen schienen. Wie Schade, sagte einer, dass sie eine Zigeunerin ist! Wie bald wird diese sich selbst noch unbewusste Anmut die Beute der Verfuhrung werden. Glaubet mir, sagte der andere, sie hat mir eher die Mine andre zu verfuhren, als sich verfuhren zu lassen. Desto mehr ist sie zu bedauren, erwiderte der erste, in ihrem Stand ist die Tugend, die in jedem andern ein Verdienst ist, ein Fehler, der sie nur desto unglucklicher machen wurde. Diese Reden, die ich, ohne dass sie es merkten, auffasste, machten einen tiefen Eindruck auf mein Gemut, und je weniger ich ihren Sinn verstehen konnte, desto mehr bemuhte ich mich ihn auszugrubeln.

Die alte Zigeunerin, die nur darauf dachte, wie sie mich reizend machen wollte, hatte sich wenig bekummert, mich die Tugend kennen zu lehren; und wie hatte sie es sollen, da sie selbst weder Begriff noch Gefuhl davon hatte. Dem ungeachtet war ich nicht ganzlich ohne moralische Begriffe. Ein gewisser Instinct, der sich durch meine Aufmerksamkeit auf die Handlungen unserer kleinen Gesellschaft und auf die Bewegungen meines eigenen Herzens nach und nach entwickelte, sagte mir, dass dieses oder jenes schon oder hasslich sei, ohne dass ich eine andere Ursache hatte angeben konnen, als meine Empfindung. Die Romanzen und Marchen, von denen ich eine grosse Menge auswendig wusste, waren eine andere Quelle, aus der ich mir eine Art von Sittenlehre zog, die vielleicht nicht die sicherste war; aber sie war doch immer besser als gar keine. Dieser Instinct, diese verworrene Begriffe von sittlicher Schonheit, und die obigen Reden der beiden Toledaner, die mir immer wieder einfielen, flossten mir endlich einen lebhaften Abscheu vor meinem Stand und der Lebensart, die wir fuhrten, ein, so unschuldig sie immer in gewissem Sinne genennt werden konnte. Ich muss unglucklich sein, sagte ich zu mir selbst, weil man mich bedaurenswurdig findt, und bin ich es nicht, da ich fur einen kleinen elenden Gewinnst mich allenthalben zur Schau aussetzen, mich von jeden unverschamten Auge begaffen lassen, und Leuten die ich nicht kenne, zum Spielzeug dienen muss? Dieser Gedanke machte mich nach und nach in meinen eigenen Augen so verachtlich, dass ich den Geschmack an den kleinen Ergotzlichkeiten, aus denen bisher mein Leben zusammen gewebt gewesen war, ganzlich verlor.

Ich war eben in dieser Gemuts-Verfassung, als uns einst die Alte in ein schones Schloss fuhrte, wo sie durch die Talente ihrer vorgeblichen Tochter, (denn sie hatte unser funfe oder sechse, von denen die alteste kaum vierzehn Jahr alt war,) einige Ducaten zu erschleichen hoffte. Die Dame des Schlosses war eine Witwe von dreissig Jahren, die ihr vornehmstes Geschafte daraus machte, eine sehr artige Tochter zu erziehen, die ungefahr in meinem Alter war. Diese Dame schien von meiner Unschuld, und von dem stillen Kummer, der in meinen Augen schmachtete, geruhrt zu werden. Sie nahm mich beiseite, tat verschiedene Fragen an mich, und schien mit meinen Antworten sehr vergnugt zu sein. Zuletzt fragte sie mich, ob ich nicht Lust hatte, bei ihr zu bleiben. Ihr edles Ansehen und ihre leutselige Mine bezauberte mich so sehr, dass sie meine Antwort in meinem Gesichte lesen konnte, eh ich Worte fand, ihr meine Freude daruber auszudrucken. Sie wiederholte diesen Antrag gegen die alte Zigeunerin, und vergass nichts, was sie hatte uberreden konnen, mich aufs beste bei ihr versorgt zu glauben. Aber die Alte, welche ganz andere Absichten mit mir hatte, war unerbittlich. Endlich sagte sie, dass ich ihr zu nutzlich ware, als dass sie sich entschliessen konnte, mich ohne einen betrachtlichen Ersatz von sich zu lassen. Zum Ungluck war die grossmutige Dame, die bereits mein ganzes Herz eingenommen hatte, nicht reich genug, die ausschweifende Forderung der Alten zu befriedigen, und diese bemerkte es kaum, so eilte sie, was sie konnte, bis wir wieder aus dem Hause waren. Meine Tranen ruhrten die gutige Dame so sehr, dass sie sich bei nahe entschlossen hatte Gewalt zu brauchen; allein die Alte berief sich, auf ihre mutterliche Rechte, die ich nicht widersprechen konnte, so wenig sie auch mein Herz bestatigte. Kurz, wir mussten scheiden, und die Besorgnis, dass man uns nachsetzen mochte, machte die Alte so behutsam, dass sie uns durch lauter Walder, Umwege und abgelegene Orter fuhrte, bis wir endlich zu Sevilla anlangten. Ich war untrostbar, und die Alte sahe sich genotiget, meinen Schmerz austoben zu lassen, ehe sie es versuchen wollte mir mein Schicksal in einem angenehmen Lichte vorzustellen. Ich war zu jung und zu sehr zur Frohligkeit geneigt, als dass die Traurigkeit, der ich mich ohne Mass uberlassen hatte, von langer Dauer hatte sein konnen. Unsre Ankunft zu Sevilla veranderte die Scene unsrer Lebens-Art; die Alte mietete ein geraumiges Haus, raumte mir ein eigenes Zimmer ein, und verdoppelte die Freundlichkeit, mit der sie mir immer begegnet war. Sie gab mir Meister, die mich in der Musik vollkommen machen sollten, und machte mir alle Tage Geschenke von Bandern und andern artigen Kleinigkeiten.

Endlich da sie mich eines Morgens aufgeraumter sah als gewohnlich, hielt sie mir, nachdem sie sich den Weg zu meinem Herzen durch Liebkosungen und Schmeicheleien eroffnet zu haben glaubte, eine lange Rede, worin sie mir sagte: dass die Zeit nun herbei rucke, da sie die Fruchte der Bemuhungen, so sie auf mich gewandt, zu sehen hoffte. Sie erhob meine Reizungen, und versicherte mich, dass die Gluckseligkeit meines Lebens bloss von dem klugen Gebrauch abhangen werde, den ich davon zu machen lernen wurde. Du siehst an mir, mein Tochterchen, sagte sie, dass man alle Tage alter wird; die Blute der Jugend ist die Zeit, die man sich zu nutze machen muss, wenn sie einmal versaumt ist, so ist der Schade unersetzlich. Ich kann dir keine Reichtumer hinterlassen, deine Gestalt und deine Gaben sind alles, was du hast; aber sei unbesorgt, sie werden dich, wenn du klug bist, in einen goldnen Regen setzen. Nach dieser viel versprechenden Vorrede fing sie einen Discours von der Liebe an, wobei sie den Vorteil zu haben glaubte, mich desto leichter zu uberreden, je unerfahrner ich war. Sie erschopfte ihre eigene Einbildungs-Kraft um die meinige zu erhitzen; aber die kalte Gleichgultigkeit, worin ich blieb, versicherte sie, dass ihre Schildereien nicht den mindesten Eindruck auf mich machten. Vermutlich dachte sie, dass dieser Kaltsinn mehr meiner vollkommenen Unwissenheit in solchen Sachen als einer absoluten Unempfindlichkeit zuzuschreiben sei. Sie glaubte, ein artiger junger Lehrmeister wurde geschickter sein als sie selbst, mir die neue Kunst, wozu sie mich anfuhren wollte, angenehm zu machen; und es wahrte nicht lange, so brachte sie einen jungen Cavalier von Sevilla in mein Zimmer, der, wie er sagte, das Vergnugen haben wollte mit mir bekannt zu werden. Bald darauf gab sie, ich weiss nicht was fur Geschafte vor, und liess uns allein. Der junge Herr fing die Conversation mit einigen Complimenten an, die er aus einem alten Ritterbuch gelernt haben mochte; auf diese folgte eine uberaus feurige Liebes Erklarung, und aus Besorgnis, ich mochte ihn nicht recht verstanden haben, endigte er damit, dass er sich einige kleine Freiheiten heraus nehmen wollte. Ich erschrak anfangs und stiess ihn ziemlich unhoflich zuruck; aber ein Augenblick von Uberlegung, oder vielmehr der besagte Instinct, der wenigstens bei mir (denn ich getraue mir nicht von mir auf unser ganzes Geschlecht zu schliessen) sehr oft die Stelle der Uberlegung vertritt, zeigte mir so gleich, dass Ernst und Unwille mir hier wenig helfen wurde. Ich sagte ihm also mit einer angenommenen Munterkeit: Sie sind allzu voreilig, mein Herr; ich will nicht mit ihnen daruber disputieren, ob es wahr ist, dass sie mich lieben; es mag wahr sein oder nicht, so werden sie mir doch eingestehen mussen, dass es nun darauf ankommt, ob ich sie wieder lieben will, und wenn ich auch wollte, ob ich es kann, denn das hangt nicht allemal von unserer Willkur ab. Sie verlieben sich, wie es scheint, sehr eilfertig, das ist ihre Manier; ich, bin um ein ziemliches langsamer, das ist die meinige; meine Gunstbezeugungen gehen mit meinem Herzen, und dieses ist nicht so leicht zu gewinnen als sie denken; es ergibt sich, mit ihrer Erlaubnis, nicht auf die erste Aufforderung. Wenn sie mich aber so sehr lieben, als sie mich bereden wollen, so kann es sie nicht viel kosten, so viel Gefalligkeit fur mich zu haben, und in Geduld abzuwarten, wozu sich mein eigensinniges Herz mit Zeit und Weile entschliessen wird. Kommen sie, mein schoner Herr, fuhr ich fort, ich will ihnen indessen, zu Linderung ihrer Qual eine Romanze vorsingen, von der sie gewiss gestehen sollen, dass sie die schonste ist, die sie jemals gehort haben. Indem ich dies es sagte, hupfte ich ohne ihm Zeit zur Antwort zu lassen, zu meiner Theorbe, leirte indes, dass ich sie stimmte, ein Praludium, und sang ihm darauf eine altfrankische Ballade von mehr als hundert und funfzig Strophen, die eine so einschlafernde Melodie hatte, dass die Lebhaftigkeit eines Franzosen nicht zugereicht hatte, dagegen auszuhalten. Mein junger Herr sass da, sah mich mit einer Art von dummer Verwunderung an, und rief von Zeit zu Zeit gahnend: schon! ruhrend; unvergleichlich! Allein endlich kriegte ers doch genug, und wie er sah, dass die Romanze kein Ende nehmen wollte, so nahm er seinen Hut, machte seinen Reverenz, und zog mit der trostlichen Versicherung ab, dass er bald wieder kommen wollte.

Sie werden denken, dass ich bei diesem Anlass keine unfeine Anlage zur Coquetterie gezeigt habe; allein meine Absicht ist, ihnen die Wahrheit zu erzahlen, sie mag zu meinem Vorteil gereichen oder nicht.

Bald darauf kam die Alte, und ich merkte aus ihren Reden, dass der junge Herr nicht ganz vergnugt mit mir hinweg gegangen war. Sie war es hingegen desto mehr, da ich ihr erzahlte, auf was Art ich seine kleine Lebhaftigkeit gedampft hatte. Sie lobte mich, und hoffte mit solchen Dispositionen noch Freude an mir zu erleben. Es ist eben nicht notig, sagte sie mir, dass man alle, die uns lieben, wieder liebe; im Gegenteil, es ist nichts in der Welt, wovon eine junge Person, die ihr Gluck durch sich selbst machen soll, sich mehr in Acht nehmen muss, als eine ernsthafte Leidenschaft. Gefalligkeit, mein Tochterchen, ist alles, was man von dir verlangt. Indessen tust du wohl, dass du auf deine gleichgultigsten Gunstbezeugungen einen hohen Preis setzest; ein Madchen ist wert was sie sich gelten macht; es ist jetzt deine Zeit, mein Kind, und man ist nicht immer vierzehen Jahr alt In diesem Ton fuhr die Alte noch eine gute Weile fort.

Aus euren Reden (unterbrach ich sie endlich) muss ich schliessen, dass ihr meinet, ich solle diesen jungen Menschen noch ofter sehen? Warum nicht? versetzte die Alte, und noch zwanzig andere dazu, die dir vielleicht besser gefallen werden. Man sieht alle, und weist niemand ab; man wahlt sich einen aus, und amusiert indes die andern, bis die Reihe an sie kommt. An statt diese Reden zu beantworten, brach ich in einen Strom von Tranen aus; ich sagte der Alten schluchzend, dass ich keine Neigung zu einer solchen Lebens-Art hatte, und machte ihr bittere Vorwurfe, dass sie mich nicht bei der guten Dame gelassen hatte, die mich so gerne bei sich behalten hatte. Wenn ich euch zur Last bin, sagte ich O! das sollst du nicht, unterbrach mich die Alte, du sollst mir und dir nutzlich sein Aber wie soll das zugehen, fragte ich? Wir singen und tanzen nicht mehr, weder in den Hausern, noch auf den Markten, oder an den Festtagen; und wenn ich euch sagen soll, wie ich denke, so wollte ich auch lieber sterben, als in dem Alter, worin ich bin, langer herum ziehen, und wie ein kleiner Affe die Leute fur Geld durch meine Sprunge belustigen; Ich wurde mich zu Tode schamen und ich sage euch, es ist nichts in der Welt, das ich nicht lieber Sei nur unbekummert, fiel mir die Alte ein, du sollst auch nicht. Wie du noch ein Kind warest, da war das alles schon und gut; jetzt da du gross bist, und wie ein junges Rosenknospchen aufzugehen anfangst; jetzt taugst du zu was besserm; eine Rose ist nur dazu da, dass man sie pflucke, und die Rosen von deiner Art haben das besondere, dass sie nur desto schoner bluhen, wenn sie gepfluckt sind. Wie du noch selbst ein Kind warest, war es dir ganz anstandig, andere durch Kinderspiele zu ergotzen; jetzt ist es Zeit zu einer andern Art von Spielen. Deine Jugend, deine Figur, und deine Gaben werden dir so viele Liebhaber verschaffen, als du nur willst. Ich will aber keine Liebhaber, sag ich euch, und wills euch tausendmal hinter einander sagen, wenn ihr mirs dann glauben wollt Du willt keine Liebhaber, versetzte die alte, und lachte uberlaut, du albernes, einfaltiges Ding! du willt keine Liebhaber? das wollen wir einmal sehen. Ich kenne dich besser als du selbst; wir wollen in acht Tagen wieder davon reden; du glaubst, weil dir der erste, den du gesehen hast, gleichgultig war Aber wie ich sagte, wenn du, ehe acht Tage in die Welt gekommen sind, nicht einen Liebhaber hast, in den du so verliebt bist, wie ein junges Katzchen so will ich mein Handwerk aufgeben. Mit diesen Worten ging sie fort, ohne darauf acht zu geben, dass ich vor Scham und Unwillen bis aufs Weisse im Auge rot war. Ich war ausser mir selbst, ich warf mich auf einen Stuhl, ich stand wieder auf, rang die Hande, weinte, schrie, und dachte in einer Verwirrung, worin es unmoglich war zu denken, auf ein Mittel, wie ich aus der Gewalt des bosen alten Weibes entkommen wollte. Die gute liebenswurdige Dame fiel mir immer ein; sie wurde mich gewiss aufnehmen, dachte ich, wenn ich nur ein Mittel finde zu entwischen. Das schlimmste, meiner Einbildung nach, war, dass ich ihren Namen nicht wusste, noch wie der Ort hiess, wo sie wohnte; denn die Alte hat mir ihn niemals sagen wollen. Allein ich erinnerte mich doch so viel, dass das Schloss nur wenige Meilen von Calatrava liege, und ich zweifelte nicht, dass ich sie erfragen wurde, wenn ich nur ein mal wieder zu Calatrava ware. Diese Gedanken beruhigten mich wieder in etwas, und da ich nun meine Flucht fest bei mir beschlossen hatte, so nahm ich mir vor, sie bei der ersten Gelegenheit ins Werk zu setzen.

Zwolftes Capitel

Fortsetzung der Geschichte der Hyacinthe

Meine ehmaligen Gespielen, die ich seit einiger Zeit selten zu sehen bekam, hatten sich, wie ich in der Folge merkte, gelehriger finden lassen, die Absichten der Alten zu begunstigen. Man hatte bisher Sorge getragen, alles, was im Hause vorging, vor mir zu verhehlen; aber jetzt fand die Alte fur gut, den Vorhang aufzuziehen. Die armen jungen Geschopfe, die von ihrer neuen Lebensart nur die angenehme Seite sahen, schienen ganz davon bezaubert zu sein; sie konnten nicht Worte genug finden, mir ihre Gluckseligkeit anzupreisen, und die alteste hatte es schon so weit gebracht, dass sie meine Sprodigkeit, wie sie es nannte, sehr beissend zu verspotten wusste. Ich machte eine ziemlich alberne Figur unter diesen Madchen; aber meine Verwirrung nahm nicht wenig zu, wie ich nach und nach eine Anzahl junger Mannsleute ankommen sah, die beim ersten Eintritt in ein ab gelegenes Zimmer, wo wir waren, so bekannt taten, als ob sie da zu Hause waren. Weil ihnen mein Gesicht neu war, so hatte ich gleich den ganzen Schwarm um mich her, und sie schienen es abgeredt zu haben, mich durch ausschweifende Lobspruche in Verlogenheit zu setzen. Die Alte merkte meine Besturzung; sie nahm mich bei Seite, und sagte mir, dass es Leute vom Stande waren, welche ihr die Ehre taten, den Abend zuweilen bei ihr zuzubringen; sie versicherte mich, dass es sehr wohl, gesittete junge Herren seien, deren Absicht nicht weiter als auf eine unschuldige Ergotzung gehe; ein aufgewecktes Gesprach, ein Spiel, eine Collation, und ein Tanz sei alles, was sie bei uns suchten; sie bezahlten dafur wie Prinzen, und da ihr Haus eine Caffee-Schenke sei, so konne es niemand in der Welt ubel finden, dass sie so gute Gesellschaft bei sich sehe. Ich musste mich hiemit befriedigen lassen, und in der Tat fuhrten sie sich bis zum Nachtessen so anstandig auf, dass die Furcht, die ich anfangs vor ihnen gehabt hatte, allmahlich meiner gewohnlichen Munterkeit Platz machte. Ich liess mich nicht lange bitten, ihnen so viel Romanzen zu singen, als sie nur wollten, und ich gestehe ihnen, dass meine kleine Eitelkeit nicht ganz unempfindlich gegen die Schmeicheleien war, die mir vorgesagt wurden. Allein unter dem Nachtessen, und nachdem ihnen der Wein zu Kopfe gestiegen war, fingen sie an, sich fur den Zwang, den sie sich bisher angetan hatten, schadlos zu halten. Die unbesonnene Lebhaftigkeit meiner ehmaligen Gespielen schien sie zu den Freiheiten heraus zu fordern, die sie sich mit ihnen heraus nahmen; Zungen, Augen und Hande wurden immer freier, und ehe man sichs versah, hatte die trunkene Ausgelassenheit eines Bacchanals die Stelle der anstandigen Frohlichkeit eingenommen. Ich wurde vergeblich Worte suchen, um ihnen eine Beschreibung von dem Zustande zu machen, worin mich dasjenige, was ich sah und horte, setzte. Mein Erroten, meine Verwirrung wurde der Gegenstand ihrer Spotterei; ein paar Gecken von unsrer edlen Gesellschaft nahmen es auf sich, mich, wie sie sagten, zahm zu machen, und ihre Nymphen, die man gewiss der Sprodigkeit nicht beschuldigen konnte, munterten sie selbst dazu auf. Ich wollte entfliehen, aber ein paar andere verrannten mir die Ture; ich lief zu der Alten, warf mich zu ihren Fussen, und bat sie, mich zu retten; aber sie lachte nur uber mich. Meinst du denn, sagte sie, dass es dir das Leben kosten werde; Fi! wie unartig du bist! wer verlangt dir dann was zu Leide zu tun? du solltest dir es zur Ehre rechnen, dass so artige junge Cavaliers mit dir scherzen mogen, und du weinst und zitterst und schlotterst wie eine kleine Narrin. Kommen sie Don Fernand, und trosten sie das gute Kind Diese Reden verwandelten meine Angst in eine Art von Verzweiflung; ich stund auf, lief wie eine Unsinnige zum Tisch, bemachtigte mich eines Messers, und drohte mich zu ermorden, wenn jemand sich unterstunde mich anzuruhren. O! das fangt an tragisch zu werden, rief einer von unsern Gecken; hat man jemals so was gesehen? Das ist noch mehr als Lucretia, denn die wollte doch erst versuchen, ob es der Muhe wert ware sich zu erstechen Dieser vermeinte witzige Einfall zog eine unendliche Menge anderer nach sich, worin immer einer den andern ubertreffen wollte, und es erhob sich ein grosser Streit, wer, wie sie sagten, das Abenteuer mit dem kleinen feuerspeienden Drachen bestehen sollte, bis zuletzt einer den Vorschlag tat, es durch Wurfel auszumachen. Eine so niedertrachtige Begegnung schmerzte mich so sehr, dass ich ganz atemlos in einen Lehnstuhl sank, und alle Augenblick dachte, das Herz wurde mir zerbersten. Ich weiss nicht, was in diesem Zustand aus mir geworden ware, wenn nicht einer aus der Gesellschaft, vor dem die ubrigen eine Art von Ehrerbietung zu haben schienen, und der diesen ganzen Abend sehr aufmerksam auf mich gewesen war, sich auf einmal zu meinem Beschutzer aufgeworfen hatte. Er sagte den ubrigen mit einem Ton, der seine Wurkung tat, dass ich keine solche Begegnung verdiene; und zu gleicher Zeit gab er der Alten einen Wink mich wegzufuhren. Sie brachte mich in ein kleines Zimmer, wo ich mich auf ein Ruhbette warf, und durch einen Strom von Tranen meinem Herzen leichter machte. Die Alte liess mich hier uber eine Stunde allein, und so bald ich wieder zu mir selbst gekommen war, fing ich wieder an, auf meine Flucht zu denken. Alles, was mir vormals unuberwindliche Hindernisse geschienen hatte, war jetzt nichts in meinen Augen; die Fragen, wohin ich fliehen, oder wie ich ohne Geld, unter lauter unbekannten Leuten, und so jung als ich war, fortkommen wollte, fielen mir nur nicht einmal ein. Wenn ich nur aus diesem Hause ware, dachte ich, so mochte der Himmel fur das ubrige sorgen. Meine Ungeduld wurde so gross, dass ich keinen Augenblick langer warten wollte, mein Vorhaben, was auch daraus entstehen mochte, ins Werk zu setzen. Aber wie gross war mein Schmerz, da ich die Tur verschlossen fand! Ich lief nach den Fenstern, aber sie waren so hoch, dass ich sie nicht erreichen konnte, und zum Uberfluss mit eisernen Gittern verwahrt. Ich schrie so laut als ich konnte, damit man mich auf der Strasse horen mochte; aber das Zimmer war weit von der Strasse entfernt, und niemand horte mich. Ich warf mich wieder auf mein Ruhbette, raufte mir die Haare aus, schrie und winselte wie eine Unsinnige, und klagte den Himmel an, dass er mich mit einem Herzen, das fur meine Umstande zu edel war, die Tochter einer Zigeunerin hatte werden lassen, oder wenn ich es nicht seie, dass er mich in Umstande hatte geraten lassen, die mich so unertraglichen Beschimpfungen aussetzten. O! gewiss bin ich fur einen so schmahlichen Stand nicht geboren, dachte ich: Wenn es auch meine Gestalt und Farbe nicht zu verraten schiene, so sagt mirs mein Herz, dass ich keine Enkelin dieser schandlichen Kupplerin bin, die mich, der Himmel weisst durch was fur Mittel in ihre Gewalt bekommen hat. Ach! ich bin vielleicht von edeln Eltern geboren, und die zartliche Mutter, die mich gebar, beweint vielleicht noch jetzt den Verlust einer Tochter, welche sie liebenswurdig und glucklich zu machen hoffte.

Meine erregte Phantasie setzte diesen Gedanken lange fort, ob es gleich nicht das erstemal war, dass er mir zu gleicher Zeit meinen Zustand unertraglich machte, und einen gewissen Mut einflosste, mich durch meine Gesinnungen uber ihn zu erheben; ich bestrebte mich, so tiefe Blicke in meine Kindheit zu tun, als mir moglich war, um in den schwachen Spuren erloschener Erinnerungen eine Bekraftigung meiner wunsche zu finden; und so eitel und ungewiss auch die Einbildungen waren, womit ich mich selbst zu betrugen suchte, so dienten sie doch dazu, mich in dem Vorsatz zu bestarken, in was fur Umstande ich auch kommen mochte, meine Ehre eben so sorgfaltig in Acht zu nehmen, als ob das edelste Blut von Castilien in meinen Adern flosse. Ich war noch in diese Gedanken vertieft, als die Alte wieder kam, und mir mit ungemeiner Freundlichkeit sagte, dass ich mich fertig machen sollte, ihr in eine andere Wohnung zu folgen, weil mir, dem Ansehen nach, die ihrige so ubel gefalle. Sie setzte hinzu, dass ich dort, an statt von jemand abzuhangen, ganz allein zu befehlen haben wurde, und noch viel anders, was mir eine grosse Meinung von dem Glucke, das mir bevor stehe, geben sollte. Sie wollte mich bereden, ihre Absicht sei diesen Abend nur gewesen, mich auf eine Probe zu setzen; sie lobte mein Betragen, und sagte, dass ich demselben die gluckliche Veranderung zu danken habe, worin ich noch in dieser Nacht mich sehen wurde. Der junge Cavalier fiel mir so gleich ein, der sich meiner angenommen hatte; ich fragte die Alte, aber sie gab mir lauter unbestimmte Antworten auf meine Fragen. Meine Begierde, aus einem so schandlichen Hause zu kommen, verkleinerte die neue Gefahren, worein ich geraten konnte, zu sehr, als dass eine ungewisse Furcht den Abscheu vor einem Schicksal, das in diesem Hause fast unvermeidlich schien, hatte uberwiegen konnen; und zudem, so hatte mir, da ich nun einmal in ihren Handen war, die Weigerung mit ihr zu gehen, wenig helfen konnen. Ich liess es mir also gefallen; sie putzte mich so gut auf, als es in der Eile moglich war, warf einen Schleier uber mich und sich selbst, und fuhrte mich aus dem Hause. Es war um Mitternacht, und der Mond schien unter einem leichten Gewolk hervor. Nachdem wir einige kleine Gassen durchkrochen hatten, fanden wir eine Kutsche, die auf uns wartete. Wir stiegen ein, und ich war ein wenig besturzt, wie ich eine von meinen vormaligen Gespielen zu uns einsteigen sah, die, wie mir die Alte sagte, mein Aufwartmadchen vorstellen sollte, bis ich ein anders hatte. Indes war es mir doch angenehm, dass sie Sorge getragen hatte, diejenige auszuwahlen, die mir immer die liebste gewesen, und die in der Tat, eine einzige Schwachheit ausgenommen, das beste Ding von der Welt war. Wir wurden eine ziemliche Zeit hin und wieder gefuhrt, bis endlich unser Wagen vor einem kleinen Hause still hielt, das kein sonderliches Ansehen hatte. Die Ture offnete sich, wir gingen hinein, und wurden von einer etwas bejahrten Frau empfangen, die uns mit Lichtern entgegen kam. Sie war in schlechtem grauen Zeug gekleidet, hatte eine von den grossten Brillen auf der Nase, und einen Rosenkranz an ihrem Gurtel, der ihr bis auf die Fusse herab hing; dieser Aufzug, und ein rundes rotliches Gesicht, das aus einer alt-modischen Schleier-Haube hervor guckte, mit einem paar kleinen Augen, die sie auf eine andachtige Art im Kopf herum drehte, gab ihr so vollig das Ansehen einer Beate, dass ich anfangs in ein Kloster zu kommen meinte. Aber diese Vorstellung verlor sich bald, da sie mich in ein Gemach von vier in einander gehenden Zimmern fuhrte, welches, wie sie sagte, meine kunftige Wohnung sein sollte.

Diese Zimmer waren immer eines prachtiger als das andere; Tapeten, Spiegel, Porcellan, Gemalde, Schnitzwerk, Vergoldungen, alles war so schon, dass ich etliche Augenblicke davon verblendet wurde. Die Alte, die mich bis hieher begleitet hatte, wartete nicht, bis ich mich aus der ersten Besturzung, worin (die Wahrheit zu sagen) Furcht und Vergnugen zu gleichen Teilen vermischt war, erholen konnte. Ich uberlasse dich nun dir selbst, meine liebe Hyacinthe, sagte sie zu mir, nachdem sie mich auf die Seite genommen hatte; du bist liebenswurdig, und hast dir in den Kopf gesetzt, auch tugendhaft zu sein; der Einfall ist gut, und wenn du dich dessen zu bedienen weisst, so kann dir deine Tugend hundertmal so viel wert sein, als mir deine Jugend und Schonheit. Mit diesen Worten verliess sie mich, ohne eine Antwort zu erwarten. Die Beate folgte ihr, nachdem sie mir mit einer tiefen Verbeugung eine gute Nacht gewunscht hatte. So bald ich allein war, fing ich an diesem Abenteuer nachzudenken. Ich fragte die kleine Stella, die bei mir geblieben war, und ob sie mir gleich nichts anders sagen konnte, als dass der Marquis von Villa Hermosa, (eben derjenige, der sich diesen Abend meiner angenommen hatte) sich bald nach meiner Entfernung mit der Alten weg begeben, und erst nach einer Stunde wieder gekommen sei; so schien es mir doch genug, mich in der Vermutung zu bestarken, dass ich von der alten Kupplerin diesem jungen Herrn ausgeliefert worden sei. Ich brachte den Rest der Nacht in einer unruhigen Verwirrung hin und wieder laufender Gedanken auf einem Sopha zu. Ich stellte mir vor, wie ich mich gegen den Marquis bezeugen wollte, meine Einbildung malte mir eine Menge von Abenteuern vor, die ich in alten Romanen gelesen hatte, und meine kleine Eitelkeit fand sich durch den Gedanken geschmeichelt, dass ich vermutlich selbst die Heldin eines Romans werden konnte. Ohne Zweifel, dachte ich, liebt mich der Marquis; und wenn er mich liebt, so bin ich wenigstens gewiss, dass er mir anstandig begegnen wird. Vielleicht denkt er, mich durch Geschenke, Juwelen, reiche Kleider und eine wollustige Lebensart zu gewinnen; aber er wird es anders finden. Der blosse Gedanke, dass ein Preis in der Welt sein sollte, um den Hyacinthe sich selbst dahin gabe, emport mein ganzes Wesen. Von dieser Seite hab ich nichts zu besorgen. Aber wie wenn er liebenswurdig ware? Wenn mein eigenes Herz mich unvermerkt verfuhrte, oder wenn es wahr ware, dass die Liebe nicht in unsrer Gewalt ist? So ist es doch in meiner Gewalt, es ihm zu verbergen, und wenn ers auch zuletzt entdeckte, so werd ichs ihm dennoch weder eingestehen, noch seinen Antragen Gehorgeben, bis ich entdeckt habe, wem ich mein Dasein schuldig bin. O! ihr, deren Blut dieses Herz belebt, rief ich, wer ihr auch sein moget, mein Herz sagt mir, dass ihr einer Tochter wurdig seid, die ihr einst ohne zu erroten dafur erkennen durfet.

Unter allen den Gedanken, die diese Zeit uber in meinem Kopf herum schwarmten, war dieser ohne Zweifel der beste; er entsprang aus meinem Herzen, ich fand ein unbeschreibliches Vergnugen, ihm nachzuhangen, und fuhlte, dass er mir eine gewisse Starke mitteilte, die mich uber mein Alter und die Niedrigkeit meiner Umstande erhob.

In einer solchen Verfassung fand mich der Marquis, da er bei seinem ersten Besuch mir seine Absichten eroffnete. Ich hatte ihn des Abends zuvor, anfangs gar nicht von den ubrigen unterschieden, und hernach nur mit einem zerstreuten Blick und in einer angstlichen Unruhe, worin ich keiner Aufmerksamkeit fahig war, angesehen. Jetzt, da ich ihn genauer betrachtete, fand ich ihn vollkommen schon; aber mein Herz blieb gleichgultig, und sagte mir kein Wortchen zu seinem Vorteil. Er schien sich so viel mit seiner Figur zu wissen, dass es ihm nur nicht einfiel, dass man ihm sollte widerstehen konnen. Dieser Stolz beleidigte den meinigen, und freilich konnte der Marquis nicht vermuten, bei einem kleinen ZigeunerMadchen Stolz zu finden. Ich will ihre Geduld durch keine umstandliche Erzahlung der Erklarungen, die er mir machte, und der Antworten, die ich ihm gab, ermuden. Die Offenherzigkeit, womit ich ihm meine Gleichgultigkeit gegen seine Reizungen zu erkennen gab, und die stolze Bescheidenheit, womit ich einen schonen Schmuck von Diamanten ausschlug, welche (wie er sehr sinnreich sagte) nur dazu dienen sollten, von dem Glanz meiner schonen Augen verdunkelt zu werden schien ihn ganz aus seiner Fassung zu bringen. Ich sagte ihm, dass er mich durch nichts in der Welt verpflichten konne, als wenn er mich einer Dame von seinen Verwandten oder Freundinnen empfehlen wollte, um in ihre Dienste aufgenommen zu werden. Er konnte eine so niedertrachtige Bitte mit dem Stolz, den er in meinen ubrigen Gesinnungen fand, nicht zusammen reimen; und nachdem er viele vergebliche Muhe gehabt hatte, mich auf andere Gedanken zu bringen so verliess er mich endlich, in der Hoffnung, wie er sagte, dass die Abgeneigtheit, die seine Figur das Ungluck habe mir einzuflossen, nicht unuberwindlich sein werde. Allein seine Hoffnung betrog ihn diesesmal. Er fand nach etlichen andern Besuchen, die er mir machte, dass ich wurklich keine Seele haben musse. Ich bestund schlechterdings darauf, dass er mir meine Freiheit wieder geben sollte. Und was willt du denn mit deiner Freiheit anfangen, kleine Narrin, sagte er? Gnadiger Herr, antwortete ich, es ist mir unmoglich, ihnen Hoffnungen zu machen, die mein Herz verleugnet. Ich weiss es gewiss, dass ich sie in acht Tagen, oder in acht Wochen, wenn sie wollen, eben so wenig lieben werde als jetzt. Darauf konnen sie sich verlassen, und das ist alles, was sie jemals von mir zu erwarten haben. Ist das alles, erwiderte der Marquis hohnisch? Du bist sehr offenherzig, Hyacinthe, und ich kann mich wenigstens nicht beklagen, dass du mich in Ungewissheit schmachten lassest. Eine andere an deinem Platz wurde mich bereden, dass sie mich liebe, wenn es auch nicht wahr ware.

Ich weiss nicht was eine andere tate, versetzte ich: Aber das weiss ich, dass ich hier nicht an meinem Platze bin, und dass ich nicht begreife, was sie mit mir wollen, nachdem ich ihnen gesagt habe, dass ich sie niemals lieben werde. Hore, Hyacinthe, sagte mir der Marquis, es ist billig, dass ich deine Aufrichtigkeit erwidere; ich habe dich in einem Hause gefunden, wo man keine Sproden sucht, und wo du mir nicht hattest ubel nehmen konnen, wenn ich dir eben so begegnet ware, wie die jungen Leute, von deren ungestumen Mutwillen ich dich befreite. Ich sahe aber, dass es unbillich ware, dich mit deinen gefalligen Schwestern in eine Classe zu setzen. Du gefielst mir, deine Unschuld nahm mich ein, kurz, ich fand dich liebenswurdig, und beschloss dich unverzuglich aus einem Hause zu befreien, wo du gewiss noch viel weniger an deinem Platze zu sein schienest als hier. Ich handelte dich deiner Mutter ab Was sagen sie, gnadiger Herr, rief ich? Sie haben mich abgehandelt? Ja, antwortete er, und teuer genug, dass du nicht verlangen kannst, dass ich mein Geld umsonst ausgegeben haben soll. Aber wissen sie auch, sagte ich, dass diese Alte, die sich fur meine Grossmutter ausgibt, nichts weniger ist? und wer sind denn deine Eltern, fragte der Marquis? Das weiss ich nicht, antwortete ich; vielleicht sind es rechtschaffene Leute, vielleicht auch ist es mir besser sie nicht zu kennen; aber ich sage ihnen, dass ich in der Ungewissheit, worin ich hieruber bin, fur das sicherste halte, mir einzubilden, dass ich vielleicht von gutem Hause sei; und so lacherlich ihnen diese Einbildung vorkommen mag, so vermag sie doch so viel uber mich, dass die glanzendsten Verheissungen und die grausamsten Schrecknisse mich nicht von dem Entschluss abbringen sollen, ein ehrliches Madchen zu bleiben, wie ich bisher gewesen bin, so gerecht auch immer das Vorurteil ist, das meine Umstande gegen mich erwecken. Die Alte hatte kein Recht mich ihnen zu verkaufen, und es ist in ihrer Gewalt, sie zur Ruckgabe eines so unerlaubten Gewinnstes zu notigen.

Meinst du das, sagte der Marquis spottend? Ich sage dir aber, ich, dass ich keine Lust dazu habe, und dass du, mit Erlaubnis aller der schonen Einbildungen, die du dir in den Kopf gesetzt hast mein sein sollst, du magst wollen oder nicht. Siehst du, Hyacinthe, ich glaube nicht an die Tugend eines Madchens von funf zehen Jahren, und du wirst doch nicht unter unzahlichen die erste unerbittliche sein, die ich gefunden habe; ich versichere dich, dass bessere als du bist, nicht halb so viel Umstande mit mir gemacht haben. Ich antwortete nur mit einem Strom von Tranen auf diese Rede, und der Marquis schien verlegen zu sein, was er mit mir anfangen sollte. Ich warf mich zu seinen Fussen, und bat ihn aufs beweglichste, dass er mich in Freiheit setzen, und meinem Schicksale uberlassen mochte. Meine Bitten wurkten gerade das Widerspiel. Er hob mich in einer ausserordentlichen Bewegung auf, warf sich zu meinen Fussen nieder, und sagte mir alles was die heftigste Leidenschaft eingeben kann. Ich glaube, dass etwas ansteckendes in heftigen Leidenschaften ist, und dasjenige, was die Zuschauer bei der lebhaften und wahren Vorstellung einer Leidenschaft auf dem Schauplatz erfahren, scheint eine Bestatigung meiner Meinung zu sein. Ich liebte den Marquis nicht; aber ich konnte mich nicht erwehren, von der Heftigkeit seiner Liebe beunruhiget zu werden. Er hatte sich meiner Hande bemachtiget, und er fuhlte vermutlich, dass mein Puls hurtiger schlug, er sah eine mehr als gewohnliche Rote auf meinen Wangen, und da die Sinnen mehr Anteil an seiner Liebe hatten als das Herz, so glaubte er, dass dieses der Augenblick sei, da er mich uberraschen konnte. Es wurde lacherlich sein, wenn ich sie uberreden wollte, dass ich keiner Schwachheit fahig sei; die Tugend besteht, meiner Meinung nach, in gewissen Umstanden weniger in einer volligen Unempfindlichkeit, die niemals ein Verdienst ist, als in dem Sieg einer starkern Empfindung oder Leidenschaft uber die Regungen der Natur. Dem sei wie ihm wolle, so erfreue ich mich, ihnen sagen zu konnen, dass der erste Versuch, den der Marquis machte, von meiner Verwirrung Vorteil zu ziehen, mir auf einmal meine erste Starke wieder gab. Ich riss mich von ihm los, und sagte ihm, dass ich nichts mehr von einer Liebe horen wolle, die ich in keinerlei Betrachtung aufzumuntern Willens sei. Ich setzte so vieles hinzu, ihn ganzlich hievon zu uberzeugen, dass ihm endlich die Geduld ausging. Er erzurnte sich heftig uber mich, er beschuldigte mich, dass meine Sprodigkeit ein blosser Kunstgriff sei, wodurch ich ihn zu der Torheit zu bringen hoffte, mir seine Ehre aufzuopfern, und schwur, dass er mich allen meinen Ahnen zu Trotz auf einen wohlfeilern Fuss haben wollte, und wenn ich auch in gerader Linie von dem Egyptischen Konige Misphragmuthosis abstammte. Sein Zorn und seine Drohungen schreckten mich so sehr, dass ich allen meinen Witz anstrengte, ihn durch glimpfliche Worte wieder zu besanftigen; ich bediente mich so gar einiger, die er ohne Zwang so auslegen konnte, dass sie ihn von der Zeit gunstigere Gesinnungen hoffen liessen. Er schien sich nach und nach zufrieden zu geben, und verliess mich endlich mit dem Versprechen, dass, wofern ich nach dreien Tagen, die er mir zur Bedenkzeit gebe, auf meiner Abneigung gegen ihn beharrete, er sich meiner Entfernung nicht langer widersetzen wollte. Er sagte mir das mit einer so ungezwungenen Art, dass ich ihm glaubte. Ich brachte also den ubrigen Abend ganz ruhig zu, und war nicht wenig uber den Sieg vergnugt, den ich mir schmeichelte uber ihn erhalten zu haben. Ich nahm meine Theorbe, sang, scherzte mit der kleinen Stella, ass zu Nacht, und legte mich ganz ruhig zu Bette. Ich war noch nicht eingeschlafen, und ein Wachslicht brannte noch auf meinem Gueridon vor meinem Bette, als ich auf einmal die Tur meines Schlafzimmers aufgehen horte. Ich wurde sehr erschrocken sein, wenn ich ein Gespenst vor mir gesehen hatte; aber ich erschrak noch weit mehr, da ich sah, dass es der Marquis war. Er war nur in einem leichten Nachtgewande, und hatte etwas so wildes in seinen Blicken und Gebarden, dass ich vor Angst schlotterte, als ich ihn auf mich zugehen sah. Ich wollte geschwind aus dem Bette springen, denn ich kleidete mich niemals vollig aus, aber er hielt mich zuruck, und schwur, dass ich mich ergeben musste, es mochte auch kosten was es wolle. Ich erhub ein entsetzliches Geschrei, und wehrte mich, ob er sich gleich bemuhte mir den Mund mit Kussen zu verstopfen, mit einer solchen Wut, dass er sich genotiget sah einen Augenblick Atem zu schopfen. Ich fing von neuem an zu schreien, und machte es laut genug, dass Stella, die in dem vierten Zimmer von dem meinigen schlief, davon erwachte, und in einem Anzug, der von ihrem Schrecken zeugte, mir zu Hulfe eilte. Ihr Anblick verdoppelte meinen Mut, so schwach auch der Beistand war, den ich von ihr erwarten konnte; ich stiess den Marquis mit einer solchen Starke zuruck dass er uber die kleine Stella hinweg taumelte, und mit ihr zu Boden fiel. Dieser Umstand, so gering er an sich selbst scheinen mag, war diesesmal mein Gluck.

Das gute Madchen hatte keines von den Gesichten, die man in Spanien schon nennt, ob ihr gleich unter den Caffern vielleicht nichts als die Farbe des Landes gefehlt hatte, um eine Gratie zu sein; Allein zum Ersatz entdeckte die Unordnung, worein ihr Fall ihre ohnehin sehr leichte Bekleidung brachte, dem erhitzten Marquis andre Schonheiten, wodurch die Natur sie wegen ihres Gesichts vollkommen entschadiget zu haben schien. Er wurde so sehr dadurch geruhrt, dass er plotzlich den Entschluss fasste sie zum Werkzeug seiner Rache an meiner Sprodigkeit zu machen. Er entdeckte ihr, indem er sie aufhub, den Eindruck, den ihre Reizungen auf ihn gemacht hatten, in so lebhaften Figuren, dass sie nicht lange einen Scherz daraus machen konnte; sie floh wie Daphne, und er verfolgte sie wie Apollo, aber mit besserm Erfolg. Mit einem Wort, er verschloss sich in ihre Kammer, und erinnerte sich vermutlich in wenig Augenblicken nicht mehr, dass eine Hyacinthe in der Welt war. Diese unverhoffte Veranderung der Scene gab mir einen Einfall ein, den ich unverzuglich ins Werk zu richten beschloss. Ich kleidete mich vollig an, und nachdem ich eine Weile gewartet hatte, schlich ich an Stella Ture, um zu horchen, ob ich mich sicher glauben konne. Keinen gunstigern Augenblick zur Flucht konnte ich niemals wieder hoffen. Die alte Beguine hatte sich, weil sie wusste, dass der Marquis selbst im Hause war, ganz sorgenlos zur Ruhe begehen, und dieser war so sehr mit seiner neuen Eroberung beschaftigt, dass er mich vielleicht nicht gehort hatte, wenn ich auch weniger behutsam gewesen ware. Ich schlich also, wiewohl so furchtsam, dass ich mir kaum Atem zu holen getrauete, aus meinem Zimmer, und kam endlich nach einer guten Weile, (denn es war sehr dunkel, und ich besorgte alle Augenblicke anzustossen oder ein Gerausch zu machen) bis an die Hausture, die ich verschlossen fand. Ich tappte so lange herum, bis ich eine Art von einer kleinen Kammer offen fand, die gegen die Strasse eine Offnung hatte, so statt der Fenster mit eisernen Staben verwahrt war. Ich fand sie weit genung von einander, um mich durchpressen zu konnen; und es gelang mir endlich wiewohl mit vieler Muhe und Schmerzen.

Sie konnen sich die Freude kaum vorstellen, die ich hatte, wie ich mich auf der Strasse sah. Ich lief, was ich konnte, ohne zu wissen wohin, und weil das Haus, worinne ich war, in einer von den Vorstadten stund, so befand ich mich in kurzer Zeit auf dem freien Felde. Niemals hatte mir der gestirnte Himmel so schon geschienen als jetzo, da er meine Flucht beforderte. Ich befahl mich den unsichtbaren Beschutzern der Unschuld, und so bald ich merkte, dass ich auf der Landstrasse war, so lief ich so schnell davon, als ob ich Flugel an den Fersen hatte. Wie die Sonne aufging, war ich schon drei Stunden von Sevilla entfernt. Ich tauschte meine Kleider mit einem jungen BauerMadchen von meiner Grosse, die mir begegnete, und nachdem ich mich in einem Dorfe mit Brot, und meinen Kruge mit frischer Milch versehen hatte, setzte ich meine Reise fort; ich ruhte den Tag uber in dichten Gebuschen aus, und ging des Abends, bis ich ein Wirtshaus antraf, wo ich die Nacht zubringen konnte. Ich richtete meine Reise nach Calatrava, wo ich die gute Dame zu erfragen hoffte, auf deren Grossmut und Neigung zu mir ich alle meine Hoffnungen grundete; aber weil ich gezwungen war, zu Fusse zu gehen, (denn ich hatte aus einer vielleicht ubertriebenen Bedenklichkeit nichts mit mir genommen, als das wenige Geld, so ich bei mir trug, wie ich das Haus der Zigeunerin verliess, und dieses reichte kaum zu meiner Reise-Zehrung zu,) so ging meine Wanderschaft uberaus langsam, und ich hatte Zeit genug meinen vergangenen Begebenheiten und meinem kunftigen Schicksal nachzudenken. So ungunstig auch das gegenwartige aussah, so blieb ich doch immer munter; der Gedanke, dass ich meine Unschuld aus so schlupfrigen Umstanden davon gebracht hatte, machte mich leicht und frohlich, und von allem, was mir in dem kleinen Hause des Marquis zu Dienste gestanden war, bedaurte ich nichts als meine schone Theorbe von Sandelholz, womit ich mir unterwegs die Zeit hatte verkurzen konnen. Ich sang nichts desto minder, so lange der Tag war, und machte mir eine Zeitkurzung daraus, den Gesang der Nachtigallen nachzuahmen, worin ich, ohne Ruhm zu melden, eine so grosse Meisterin wurde, dass ich die Nachtigallen selbst eifersuchtig machen konnte.

Auf diese Art kam ich endlich glucklich, und ohne dass mir ein merkwurdiges Abenteuer zugestossen ware, im Schloss an, wo die Dame, die ich suchte, gewohnt hatte; aber, urteilen sie, wie gross meine Besturzung war, da man mir sagte, das junge Fraulein, ihre einzige Tochter, sei vor etlichen Monaten an den Pocken gestorben, und ihre Mutter hatte sich aus Betrubnis uber den Verlust eines Kindes, das ihr einziges Vergnugen gewesen war, bald darauf in ein Kloster unweit Toledo vergraben. Diese Nachrichten schlugen mir den Mut so sehr nieder, dass ich ein paar Tage ganz krank davon wurde. Meine Umstande konnten nicht verzweifelter sein, ich war ohne Geld, unter lauter Unbekannten, und in dem schlechten Aufzug, den ich machte, um so mehr vielen Unbequemlichkeiten ausgesetzt, da man gar leicht sah, dass ich verkleidet war. Ich hatte keinen andern Ausweg, als bei irgend einer Dame Dienste zu suchen, aber die Schwierigkeit war, jemand zu finden, der es auf sich nehmen wollte mich in einem guten Hause zu empfehlen.

Indem ich in dieser Verlegenheit nicht wusste, wohin ich mich wenden sollte, begegnete es, dass eine kleine Gesellschaft von Comodianten in das Wirtshaus kam, wo ich mich aufhielt. Die Frau des Vorstehers, eine Person von feinem Ansehen und sehr einnehmenden Manieren, machte Bekanntschaft mit mir; wir gefielen einander beim ersten Anblick, und es wahrete nicht lange, so hatte sie mein Vertrauen so sehr gewonnen, dass ich ihr meine Geschichte und meine dermaligen Umstande entdeckte. Sie hatte eben eine junge Person notig, um die Stelle ihrer besten Schauspielerin zu ersetzen, welche ihr der Graf von L. erst kurzlich entfuhrt, und ihrer Gesellschaft dadurch keinen geringen Schaden zugefugt hatte. Sie machte mir den Antrag, ob ich nicht Lust hatte mich dem Theater zu widmen, und sparte keine Vorstellungen und Uberredungen, um mir Lust dazu zu machen. Naturlicher Weise hatte ein Madchen, das bisher die Person einer kleinen Zigeunerin gespielt hatte, sich durch die Ehre zu einer Theater-Heldin erhoben zu werden sehr geschmeichelt finden sollen; Allein so jung ich war, so wusst ich doch wohl, dass in den Augen der Welt der Unterschied zwischen einer Comodiantin und einer Zigeunerin nicht so gross ist als sich die Theater-Princessinnen einbilden, und die gute Dame Arsenia hatte sehr vieles zu tun, bis sie mit allen meinen Bedenklichkeiten fertig war. Sie schien von meinen Gesinnungen ganz bezaubert, und verdoppelte ihre Liebkosungen und Zureden, um mich zu einer Lebensart zu bewegen, die ihrer Meinung nach, an sich selbst nichts unedles oder verachtliches habe, und bloss durch die schlechte Sitten der meisten, welche sie treiben, in einen etwas zweideutigen Ruf gekommen sei. Sie sagte mir zum Beweis dieses Satzes sehr vieles, das mir einen grossen Schein der Wahrheit zu haben schien, und ob sie gleich nicht in Abrede war, dass eine junge Schauspielerin mehr Versuchungen ausgesetzt sei als andre Frauenzimmer, so behauptete sie hingegen, dass sie desto mehr Ehre davon habe, wenn sie den Mut und die Standhaftigkeit besitze, in einem Stande, worin man ihr so viel zu gut halten wurde, wurklich tugendhaft zu sein. Kurz, die Vorstellungen der Arsenia, ihre Liebkosungen, ihre Bitten, die Freundschaft, die sie mir versprach, und meine gegenwartige Not, die mir keine Wahl ubrig liess, uberwanden endlich meine Bedenklichkeiten ohne sie zu heben, und ich erklarte mich fur eine Profession, zu der sie ein ganz besonderes Talent bei mir entdeckt haben wollte. Ich wurde also mit allgemeinem Beifall in die Gesellschaft aufgenommen, und nachdem mich Arsenia in den Geheimnissen ihrer Kunst unterrichtet hatte, wurde Corduba zum Ort ausersehen, wo ich meinen ersten offentlichen Auftritt machen sollte. Die Zuschauer urteilten eben so gunstig von mir als von Arsenia, und ich gestehe ihnen, dass das frohe Geklatsch und der lebhafte Ausdruck eines allgemeinen Vergnugens, der einer gefallenden Schauspielerin, so bald sie nur erscheint, von allen Seiten entgegen lachelt, ein susser und gefahrlicher Augenblick fur die Eitelkeit eines jungen Madchens ist.

Indes konnte doch die Empfindlichkeit, die ich, so lange das Schauspiel daurte, fur einen Beifall hatte, wovon ich vielleicht das meiste der Neuheit meiner Figur zu danken hatte, die demutigenden Vorwurfe nicht verhindern, die ich mir selbst machte, so bald ich aufhorte Ines oder Roxelane zu sein. Ich errotete vor mir selbst, wenn ich dachte, dass ich unverschamt genug gewesen war, mich gleichsam den Augen des Publici Preis zu geben, und in einer angenommenen Person Leidenschaften zu erregen, die einer zugellosen Jugend eine Art von Recht zu geben schienen, von mir zu erwarten, dass ich in meiner eigenen Person die ihrigen begunstigen sollte. Diese Betrachtungen, indem sie mir alle Annehmlichkeiten meines Standes verbitterten, machten mich desto behutsamer in meiner Auffuhrung. Mein Herz, welches niemals schlimme Neigungen gehabt hatte, machte mirs leicht, mich vor der Verfuhrung zu bewahren; aber die Schwierigkeit war, in einer so schlupfrigen Lebens-Art auch den Schein zu vermeiden, und die schalksaugige Verleumdung selbst zu notigen, mein Betragen wenigstens durch ihr Stillschweigen fur untadelhaft zu erklaren. Ich weiss nicht in wie weit ich hierin glucklich gewesen sein mag; aber ich wurde undankbar sein, wenn ich vergasse, ihnen zu sagen, dass Arsenia, die ich meiner Hochachtung immer wurdiger fand je besser ich sie kennen lernte, indem sie die Stelle einer Mutter bei mir vertrat, mir zu Erreichung meiner Absicht unendlich nutzlich war. Ich verlor mich niemals aus ihren Augen, ich ass und schlief bei ihr, ihr Umgang und Beispiel entwickelte und unterhielt meine Gesinnungen, und ihr Character, dem alle Welt Gerechtigkeit widerfahren lassen musste, schutzte mich vor der Bosheit derjenigen, die als eine Grundregel annahmen: dass eine Person, welche tugendhaft zu sein scheint, in der Tat nur behutsam sei. Wir verliessen Corduba in wenig Wochen, und begaben uns nach Grenada, wo wir uns bei nahe ein Jahr lang aufhielten, und eines ununterbrochenen Beifalls genossen. Hier hatte ich das Gluck mit Don Eugenio bekannt zu werden. Die Hochachtung, worin er seiner Verdienste und Sitten wegen stund, unterschied ihn zu sehr von dem grossen Haufen des jungen Adels, als dass Arsenia sich hatte ein Bedenken machen konnen von ihm und einer kleinen Anzahl seiner Freunde Besuche anzunehmen, die an statt uns Tadel zuzuziehen, vielmehr fur einen Beweis angesehen wurden, dass wir schatzbarer sein mussten als unser Stand anzukundigen schien. In einer Gesellschaft wie diese, und wo die allzu gutige Parteilichkeit des Don Eugenio fur mich kein Geheimnis sein kann, wird es mir erlaubt sein zu sagen, dass ich ganz unempfindlich hatte sein mussen, um von seinen Gesinnungen nicht geruhrt zu werden. Ich errote nicht ihnen zu gestehen, dass ich vom Anfang unsers Umgangs an eine Achtung fur ihn empfand, die ich vorher fur niemand empfunden hatte, und wie ich glaube, fur keinen andern jemals empfinden werde. Wenn ich auf etwas stolz zu sein berechtiget ware, so musste es auf die Freundschaft sein, womit er mich beehret hat. Die Welt, die immer urteilt ohne zu kennen oder sich die Muhe der Untersuchung zu geben, hat mir kunstliche Absichten beigemessen, deren die Aufrichtigkeit meiner Seele nie fahig gewesen ist. Allein ich habe mich jederzeit damit beruhiget, dass Don Eugenio mich besser kennt, und die Ausfuhrung eines Entschlusses, der schon lange fest bei mir steht, wird, wie ich hoffe, die Freundschaft am besten rechtfertigen, deren er mich nicht unwurdig gefunden hat.

Dreizehntes Capitel

Don Eugenio setzt die Erzahlung der Hyacinthe fort Die liebenswurdige Hyacinthe schien, indem sie dieses sagte, so geruhrt zu werden, dass sie, so sehr sie sich auch bemuhte es zu verbergen, ein wenig inne halten musste. Erlauben Sie, schone Hyacinthe, sagte Don Eugenio, ohne dass er ihre Beunruhigung zu merken schien, dass ich ihre Erzahlung fortsetze, da sie nun auf denjenigen Teil ihrer Geschichte gekommen sind, wo sie mit der meinigen verwickelt zu sein anfangt.

Es ist bei nahe ein Jahr, fuhr er fort, dass ich mit Don Gabriel nach Grenada reiste, wo ich verschiedene Angelegenheiten in Ordnung zu bringen hatte. Ich besuchte einsmals die Comodie und sah Hyacinthe; sie gefiel mir, und ruhrte mich. Das erste war eine naturliche Folge der Annehmlichkeiten ihrer Person, denn wem gefiel sie nicht? Und das andere schien mir eine eben so naturliche Wurkung der Rolle zu sein, die sie damals spielte. Der allgemeine Beifall, in dessen Besitz sie war, und der mir ihre eigene Person mit denen, die sie annehmen musste, zu vermengen schien, blendete mich nicht, ich bemerkte, dass sie nur eine mittelmassige Schauspielerin war. Es ist wahr, in einigen Stellen, wo sie edle Gesinnungen oder wahre und ungekunstelte Empfindungen der Natur zu sagen hatte, schien sie unverbesserlich; aber der Poet hatte dafur gesorgt, dass sie nur selten Anlass hatte, es zu sein, und in allen ubrigen glaubte ich zu bemerken, dass sie sich zwingen musste Gesinnungen oder Gemuts-Bewegungen anzunehmen, die nicht ihr eigene waren. Diese Beobachtung war ihr sehr vorteilhaft bei mir, und ich glaube in der Tat, dass sie mir denselben ganzen Abend nie besser gefiel, als wenn sie, als eine Schauspielerin betrachtet, am wenigsten hatte gefallen sollen. Ich ging aus der Comodie, und war betroffen, wie ich fand, dass mir das Bild dieses jungen Madchens uberall folgte, ich sahe sie diesen ganzen Abend vor mir; der ruhrende Klang ihrer Stimme tonte noch immer in meinen Ohren, und alle Zerstreuungen der Gesellschaft, wo ich den Abend zubrachte, waren nicht zulanglich, diesen Eindrucken das mindeste von ihrer Lebhaftigkeit zu benehmen. Ich gab eine Zeit lang keine Acht darauf, und bemuhte mich endlich diese Ideen zu zerstreuen; aber sie kamen immer wieder, und ich hatte ein paar Tage notig, bis sie andern Vorstellungen Platz machten, mit denen ich damals beschaftiget war.

Nach einigen Tagen kam ich wieder in die Comodie, und erwartete vergeblich, dass Hyacinthe auftreten wurde. Sie wurde diesesmal durch eine andere ersetzt, die das Talent sich in alle mogliche Gestalten zu verwandeln, welches eigentlich den guten Schauspieler macht, in einem weit hohern Grade besass. Aber sie missfiel mir, ohne dass ich einen andern Grund hatte angeben konnen, als weil sie nicht Hyacinthe war, und niemals hatte ich so ungedultig auf den letzten Aufzug gewartet. Ich erkundigte mich bei einem meiner Freunde nach Hyacinthen, und erfuhr von ihm den Character der Arsenia, die fur ihre Tante gehalten wurde, und die ein gezogene Lebensart, die sie fuhrten. Diese Nachrichten vermehrten meine Neugier; ich beschloss mich mit ihnen bekannt zu machen, ich besuchte sie und fand, dass mir mein Freund nicht zu viel Gutes von Arsenien gesagt hatte. Man ist so wenig gewohnt, Tugend, Grundsatze und edle Gesinnungen bei Schauspielerinnen zu suchen, dass man sich, wenn man sie bei ihnen findet, nicht erwehren kann, diesen Character eben so sehr fur ein Werk ihrer Kunst zu halten, als die ubrigen, die ihnen die Poeten zu spielen auferlegen. Ich beobachtete Arsenien eine geraume Zeit mit allem dem Misstrauen, welches ihr Stand notwendig zu machen schien, und sie gewann so viel dadurch, als vielleicht manche, die ein grosses Gerausch mit ihrer Tugend macht, dabei verlieren wurde. Urteilen sie, ob ich weniger Aufmerksamkeit auf Hyacinthen gehabt haben werde. Ihre Jugend schien sie zwar von allem Verdacht loszusprechen, als ob Verstellung und Kunst einen Anteil an der Unschuld haben konnte, die aus ihrem ganzem Wesen zu atmen schien; es war unmoglich sie mit einem misstrauischen Auge anzusehen: Aber das Vergnugen, so ich darin fand, mich immer mehr in der Idee bestarkt zu sehen, die ich mir beim ersten Anblick von ihr gemacht hatte, machte dass sie mit einer Scharfsichtigkeit, der nichts entging, beobachtet wurde. Eben diese Aufrichtigkeit und liebenswurdige Einfalt des Herzens, welche sie aller der kleinen Kunstgriffe unfahig machte, wodurch die Schonen aus Eitelkeit oder anderen Absichten unsern Herzen nachzustellen pflegen, liess sie auch nicht bemerken, dass sie beobachtet wurde. Sie dachte eben so wenig daran sich zu verbergen, als sich zu zeigen. Sie gefiel ohne gefallen zu wollen, und die Anmut, die ihre kleinsten Bewegungen anzuglich machten, war eben so naturlich und ungeschminkt als ihre Gesichtsfarbe. Ihre Handlungen hatten nie mehr als eine Absicht, und nie eine andere als die sie naturlicher Weise haben sollten. Sie schien nicht zu wissen, dass man die Augen, so beseelt auch die ihrigen von Natur waren, zu etwas anderm als zum sehen gebrauchen konne; sie lachte niemals um ihre schone Zahne zu zeigen, und liess oft in einer einzigen Stunde zwanzig Gelegenheiten entgehen, wo eine andere sich das Vergnugen gemacht hatte, die Anwesenden von der Schonheit eines wohlgestalten Arms, oder von der verfuhrerischen Artigkeit eines kleinen Fusses zu uberweisen. Ihre Gegenwart, Hyacinthe, macht es uberflussig ein Gemalde fortzufuhren, womit ich ohnehin nie zufrieden sein wurde. Die Unschuld hat eine unendliche Menge Annehmlichkeiten, die eben so wenig beschrieben, als von der Kunst nachgeahmt werden konnen, und deren Eindruck desto gefahrlicher ist, da er so sanft und unschuldig zu sein scheint als sie selbst. Mein Herz war schon vollig von ihr eingenommen, ehe ich daran dachte, wie weit mich die Gesinnungen fuhren konnten, die sie mir, wiewohl ohne ihr Zutun einflosste. Unvermerkt wurde ich es gewohnt, sie alle Tage zu sehen, unvermerkt verlor alles andere, was mir sonst angenehm gewesen war, seinen Reiz fur mich; ihre blosse Gegenwart setzte mich in Entzucken, und ohne sie machte mir alles Langeweile. Ich entzog mich nach und nach allen Gesellschaften, Lustbarkeiten und Zerstreuungen, um des einzigen Vergnugens ungestort zu geniessen, dessen jetzt mein Herz fahig war. Jeder Augenblick, um den irgend ein Zufall mich notigte sie spater als gewohnlich zu sehen, dehnte sich in eine todliche Lange aus, und ein ganzer Abend, den ich in ihrer und Arseniens Gesellschaft zubrachte, (denn allein sah ich sie niemals) schien mir ein Augenblick, wenn er voruber war.

Die Vorwurfe meiner Freunde notigten mich endlich ihnen von einer Neigung Rechenschaft zu geben, die alle andere in meinem Herzen ausgeloscht zu haben schien; und die kleinen Streitigkeiten, die wir daruber mit einander bekamen, entdeckten mir, dass diese Neigung, an statt, wie man fur recht und billig hielt, ein blosser Zeitvertreib und fluchtiger Geschmack zusein, eine Leidenschaft war, die das Gluck oder Ungluck meines Lebens entscheiden wurde. Ich will Ihnen durch keine umstandliche Beschreibung alles dessen, was von dieser Entdeckung an in meinem Herzen vorging, beschwerlich fallen. Diejenigen, welche glauben, dass man die Liebe mit Erfolg bekampfen konne, reden von einer Liebe, die nur in sehr uneigentlichem Verstande so genennt zu werden pflegt. Diese auflodernde Flammen, die bloss durch die Schonheit oder ein beidseitiges Bedurfnis angezundet und durch die Begierden unterhalten werden; diese willkurlichen Verbindungen, an denen das Herz keinen Anteil hat, die man aus Eitelkeit, Langerweile, Vorwitz, Caprice, Gewohnheit oder Convenienz eingeht und wieder aufhebt, wie und wenn man will, und die man, so wenig sie mit der Liebe gemein haben, bloss darum Liebe nennt, um ihnen einen ehrbaren Namen zu geben; diese mogen wohl ohne Muhe bekampft und besiegt werden. Aber uber eine wahre Liebe, die sich auf ein geheimes Verstandnis der Herzen grundet, und mit gegenseitiger Hochachtung verbunden ist, ist noch nie kein Sieg erhalten worden, und die Schwierigkeiten, die ihr in den Weg gelegt werden, dienen zu nichts, als den ihrigen zu befordern. Ich machte mir selbst alle nur ersinnliche Einwurfe, ich fuhlte ihre Starke, ich wusste nur gar zu wohl, dass man die Vorurteile, die meiner Liebe das Urteil sprachen, nicht ungestraft verachten konne. Aber was vermochten alle diese Betrachtungen gegen eine Neigung, die fur mein Herz die Quelle einer innerlichen Gluckseligkeit war, der ich alle Augenblick bereit war alles andere Gluck aufzuopfern? Ein Opfer, wofur derjenige, der wahrhaftig liebt, sich durch einen einzigen Blick, eine einzige Trane der Zartlichkeit fur entschadiget halten wurde. Doch, ich weiss eben so wohl, dass ich in dieser kleinen Gesellschaft von Freunden keine Entschuldigung notig habe, als dass diejenigen, die das Ungluck haben, dieser Art von Gesinnungen selbst unfahig zu sein, keine Entschuldigung gelten lassen.

Ich entschloss mich also mit aller nur moglicher Unerschrockenheit in den Augen dieser letztern ein Tor zu sein, und richtete jetzt alle meine Bemuhungen allein dahin, mich einer Gegenliebe zu versichern, von der die Gluckseligkeit meines Lebens abhangen sollte. Mein Umgang mit Hyacinthe daurte bereits etliche Monate, und meine Absichten waren bei mir selbst fest gesetzt, ohne dass sie Ursache hatte mich als einen Liebhaber anzusehen. Mein Betragen war so zuruck haltend, und die Zartlichkeit, die ich fur sie zeigte, derjenigen so ahnlich, die ein Bruder fur eine Schwester haben kann, dass Arsenia endlich einen kleinen Argwohn uber meine Absichten bekam. Sie erriet zwar, dass ich das Vergnugen haben wollte, eine gewisse Sympathie, die zwischen unsern Herzen zu sein schien, sich in dem ihrigen nach und nach und von sich selbst entwickeln zu lassen, aber sie zweifelte zuweilen, ob der Gebrauch, den ich einst davon machen wurde, so unschuldig sein mochte, als sie es aus Liebe zu ihrer Hyacinthe wunschte. Sie hatte zwar Ursache sich zu meiner Denkungsart und zu meinen Grundsatzen das beste zu versehen; aber auf der andern Seite setzten die Vorurteile der Welt, oder vielleicht die Betrachtung meines eigenen Glucks eine so weite Kluft zwischen uns, dass sie mir nicht Mut oder Liebe genug zutrauen konnte, sie zu uberspringen. Sie wusste, dass die Welt weit geneigter sein wurde, mir eine Verbindung, wobei nur Hyacinthe aufgeopfert wurde, zu gut zu halten, als eine solche, wodurch nach den Maximen des grossen Haufens meine eigene Ehre verdunkelt wurde, und was meine Denkungsart betraf, so kannte sie die Menschen zu gut, als dass sie die Grundsatze eines jungen Mannes fur eine hinlangliche Gewahr gegen seine Leidenschaften hatte halten sollen. Diese Betrachtungen, die sie mir in der Folge selbst entdeckte, schienen ihr zwar nicht dringend genug, die unschuldige Neigung, die durch fast unmerkliche Grade in dem Herzen ihrer jungen Freundin sich entwickelte, durch voreilige Besorgnisse zuruck zu schrecken, aber sie verdoppelten doch ihre Aufmerksamkeit auf mich, und bewogen sie, mir, wiewohl auf eine sehr feine Art, Gelegenheit zu machen, wo ich, wie sie glaubte, meine Gesinnungen deutlicher verraten sollte.

Unter einer Menge von jungen Leuten, die sich zu erklarten Verehrern der liebenswurdigen Hyacinthe aufgeworfen hatten, und sich ihres vermeinten Rechts bedienten, sie hinter der Scene mit allem dem Unsinn zu ermuden, den sie ihr vorsagten, waren verschiedene, die ihre Absichten gerne weiter getrieben hatten, wenn sie, so lang ich ihnen ihrer Meinung nach im Wege stund, sich einigen Erfolg davon hatten versprechen konnen. So unangenehm es mir war, dass ich Hyacinthe nicht von diesem ganzen beschwerlichen Schwarm befreien konnte, so wenig hatte ich Ursache zu besorgen, dass irgend einer von ihnen ihrem Herzen gefahrlich sein konnte; es ist, dachte ich, eine naturliche Unbequemlichkeit, der die Rose ausgesetzt ist, dass sie allerlei Ungeziefer um sich her sumsen lassen muss; und das Betragen der Hyacinthe, welche diesen Gecken eine Art von Ehrfurcht, uber die sie selbst erstaunte, einzuflossen wusste, machte mich uber diesen Punct so ruhig, als ich nur immer hatte sein konnen, wenn sie mir ganz gleichgultig gewesen ware. Allein Don Fernand von Zamora, der um diese Zeit nach Grenada kam, und vom erstenmal, da er Hyacinthen auf dem Theater sah, eine heftige Leidenschaft nach seiner Art fur sie fasste, liess mich nicht lange in dieser stolzen Ruhe. Ein Rival, der die Schonheit eines Narcissus mit der frechen Ausgelassenheit eines Satyren verband, der gewohnt war seinen Leidenschaften den Zugel zu verhangen, und die unermesslichen Reichtumer, uber die ihn der Tod seiner Eltern zum Herrn gemacht hatte, zu Befriedigung seiner Begierden unmassig verschwendte, ein solcher Rival, so wenig ich auch fur Hyacinthens Herz von ihm besorgte, war doch in verschiedenen andern Absichten nicht als gleichgultig anzusehen. Er machte seine erste Liebes Erklarung mit Geschenken, die vielleicht manche sprode und stolze Tugend in Versuchung hatten fuhren konnen. Hyacinthe schickte sie zuruck, ohne zu glauben, dass sie ihrer Unschuld oder meiner Liebe, die ihr, ungeachtet ich noch immer in den Grenzen der Freundschaft zu bleiben schien, kein Geheimnis war, ein betrachtliches Opfer gebracht habe; allein sie konnte sich doch mit guter Art nicht erwehren, seine Besuche anzunehmen, und an den ausschweifenden prachtigen Lustbarkeiten, die er seiner Eitelkeit zu Ehren, anstellte, mit Arsenien und andern von ihren theatralischen Freundinnen Anteil zu nehmen. So schwer es meinem Herzen wurde, so beschloss ich doch sie in dieser Gefahr, wenn es eine war, ganzlich dem ihrigen zu uberlassen.

Don Fernand, dem ganz Grenada sagen konnte, dass ich sie niemals anders als in Arseniens oder anderer Gesellschaft sah, konnte sich um so weniger bereden, dass ich sein Rival sei, da er durch die genaueste Beobachtung nichts in meinem Betragen entdeckte, das mich hatte verdachtig machen konnen; und wenn er auch einigen Verdacht gehabt hatte, so wurde ihn das nur desto eifriger gemacht haben, seine Anfalle auf ihr Herz zu verdoppeln. Allein weder seine Schonheit noch sein schimmernder Aufzug, noch seine Geschenke, noch seine Feste, noch die ungeheure Menge von Oden und Elegien, in denen er uber die diamantne Harte ihres Herzens klagte, oder sich wunderte, wie der warme Schnee ihres schonen Busens so kalt sein konne, waren nicht vermogend aus diesem kleinen Felsen-Herzen ein einziges armes Funkchen von Mitleiden heraus zu schlagen, so klaglich auch die ganze poetische Zunft von Grenada auf seine Unkosten darum winseln musste, und Don Fernand von Zamora fand endlich fur gut, sein Herz, seine Geschenke und seine Elegien einer andern Schauspielerin anzubieten, welche die Sprodigkeit, (wie sie es nannte,) ausgenommen, in allen andern Stucken mit Hyacinthen in die Wette eiferte. So sehr ich nun Ursache hatte, mit dem Ausgang dieses Abenteuers zufrieden zu sein, so ungedultig hatten mich die Unbequemlichkeiten des theatralischen Lebens, denen ich Hyacinthe bei dieser Gelegenheit ausgesetzt sehen musste, gemacht, sie davon zu befreien. Ich glaubte nunmehr ihres Characters und Herzens so gewiss zu sein, dass ich eine langere Beobachtung fur uberflussig hielt, und ich ging wurklich damit um, mich Arsenien zu entdecken, und die Mittel zur Ausfuhrung meines Entwurfs mit ihr abzureden, als eine auszehrende Krankheit, deren schneller Anwachs sie gar bald an ihrer Wiedergenesung zweifeln machte, sie veranlasste mir zuvor zukommen. Sie bat sich eine Unterredung mit mir aus, wovon ausser einer kurzen Erzahlung ihrer eigenen Schicksale, Hyacinthe der einzige Gegenstand war. Ich liebe sie, sagte diese hochachtungswurdige Frau zu mir, als ob sie mein eigenes Kind ware, und die Umstande, worin ich sie verlassen muss, sind das einzige, was mir die Verlangerung eines Lebens angenehm gemacht hatte, das mir durch eine lange Kette von Unglucks-Fallen und einen Gram, den nur mein Tod enden kann, schon lange zu einer beschwerlichen Burde worden ist. Meine Liebe zu ihr ist desto unparteiischer, da sie kein Werk eines mechanischen Triebs ist, sondern sich allein auf die Eigenschaften ihres Herzens grundet. Wie wurdig ist sie eines bessern Schicksals, und wie wenig Hoffnung darf ich mir machen, dass ihr Gluck jemals mit ihrem Wert ubereinstimmen werde! In ihren Umstanden kann sie keine Lebensart erwahlen die nicht ihre eigene Gefahren hat. Jugend und Unschuld von so vielen Annehmlichkeiten begleitet, sind ohne die Vorteile der Geburt oder des Glucks, gefahrliche Gaben fur unser Geschlecht; eben diese Unschuld, eben diese Reizungen, die an einer jungen Person von Stande, oder an einer reichen Erbin eine ehrerbietige Liebe oder doch wenigstens rechtmassige Absichten einflossen wurden, machen ein Madchen, die dem Gluck nichts zu danken hat, zu einem blossen Gegenstand von Begierden, die auf ihr Verderben zielen; und eben derjenige, der sich nicht schamt, zu ihren Fussen hingeworfen, sie in der Sprache der Schwarmerei und Anbetung fur die Gottin seines Herzens zu erklaren, wurde sich durch den blossen Verdacht, dass er ehrliche Absichten auf sie haben konnte, fur beleidigt halten. Urteilen sie nun selbst, Don Eugenio, ob ich uber Hyacinthens Schicksal ruhig sein kann. Sie ist fur die Umstande nicht gemacht, wo zu ihr Ungluck sie verurteilt hat; sie ist liebenswurdig, und wie ich glaube, durch ihre Unschuld und sanfte Gemutsart nur desto fahiger, geruhrt zu werden. Ich besorge nichts fur sie von allen diesen schimmernden Gecken, die um sie herum flattern, und gleich unfahig sind Liebe zu empfinden und einzuflossen; aber wenn sie einen Mann findet, der mit den Eigenschaften eines edlen Gemuts, mit tugendhaften Gesinnungen und einer ehrerbietigen Zartlichkeit sich ihre Hochachtung erwirbt, der seine Begierden unter uneigennutzigen Empfindungen zu verbergen, und die Liebe unter dem Namen und in Gestalt der Freundschaft heimlich in ihr Herz einzufuhren weiss, der Geduld genug hat, den Zeitpunct abzuwarten, da sie durch das Vertrauen, das sie ihm schuldig zu sein glaubt, durch die Unschuld ihrer eigenen Empfindungen, durch den zauberischen Reiz der Sympathie und gewisser geheimer Triebe, die sie in der unerfahrnen Einfalt ihres Herzens mit den zartlichen Regungen desselben vermengt, entwaffnet, unbesorgt und ganz in Liebe aufgelost, als ein williges Opfer seinen Begierden uberliefert wird

Ach! Don Eugenio! wie sehr besorge ich, dass sie diesen Mann schon gesehen hat! Vergeben sie mir, mein edler Freund; die Umstande, worin ich bin, berechtigen mich freimutig zu sein; eine Person, die in kurzem von den Menschen nichts mehr zu furchten noch zu hoffen hat, sieht durch alle die Blendwerke durch, die unsere Urteile zu betoren, zu verfalschen, oder zuruck zu halten pflegen, so lange wir noch selbst in die menschliche Angelegenheiten verwickelt sind. Sie werden nicht daran zweifeln, dass ich schon lange weiss, dass sie Hyacinthen lieben, und sie mussen es so gut wissen als ich, dass sie ihre Absichten auf das zartlichste und beste aller Herzen nur gar zu gut erreicht haben. Ich schatze sie hoch, Don Eugenio, und noch vor wenig Tagen wurde ich es fur beleidigend angesehen haben, ihnen das geringste Misstrauen sehen zulassen; aber was wollen sie, dass ich jetzt, da Hyacinthens Sicherheit meine einzige Sorge ist, von ihrer Neigung denken soll? Hier fuhr die redliche Arsenia fort mir ihre Besorgnisse zu entdekken, und endigte ihre Rede endlich damit, dass sie mich mit vielen Tranen beschwur, der Unschuld ihrer jungen Freundin zu schonen. Sie sah mich so lebhaft geruhrt, dass sie unmoglich in die Wahrheit der Erklarungen, die ich ihr hierauf gab, einen Zweifel setzen konnte. Ich entdeckte ihr umstandlich, was von dem ersten Augenblick an, da ich Hyacinthen gesehen hatte, in meinem Herzen vorgegangen war, wie sehr jederzeit das Verlangen sie glucklich zu sehen, die Begierde mich selbst durch sie glucklich zu machen uberwogen habe, und wie fest ich nunmehr entschlossen sei, alle andere Betrachtungen, so wichtig sie immer an sich selbst sein mochten, unserer gemeinschaftlichen Gluckseligkeit aufzuopfern. Ich bat sie, Hyacinthe hieruber vorzubereiten, und alsdann zu gestatten, dass ich in ihrer Gegenwart mich gegen sie erklaren durfte. Beides geschah, und die liebenswurdige Hyacinthe machte sich kein Bedenken, mich sehen zu lassen, wie geruhrt sie davon war. Diese Zeichen des vollkommenen Vertrauens, das ich in ihre Rechtschaffenheit setze, sagte sie, indem sie mich mit tranenden Augen ansah, diese Tranen, die ich mich nicht bemuhe vor ihnen zu verbergen, bin ich ihren allzugrossmutigen Gesinnungen schuldig: Aber das ist alles, was die ungluckliche Hyacinthe tun kann, ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Sie entdeckte mir hierauf mit einer Offenherzigkeit, die sie noch tausendmal liebenswurdiger in meinen Augen machte, die ganze Geschichte ihres Lebens.

Urteilen sie jetzt selbst, Don Eugenio, fuhr sie fort, wie sie damit zu Ende war, ob ich nicht die unwurdigste Creatur ware, wenn ich das Ubermass ihrer Gutigkeit fur mich missbrauchen wollte, so lang ich nicht eine vollige Gewissheit dessen habe, was vermutlich eine blosse Eingebung meiner Eitelkeit ist, wenn ich mir schmeichle, dass ich vielleicht weniger Ursache habe uber meinen Ursprung zu erroten, als die Zigeunerin, die mich erzogen hat, mich bereden wollte. Arsenia vereinigte sich vergebens mit mir, sie zu uberzeugen, dass ihre Bedenklichkeit zu weit getrieben sei; sie blieb unbeweglich bei ihrem Entschlusse, wenn sie Arsenien verlieren sollte, sich in ein Kloster zu begeben; und alles, was ich endlich von ihr erhalten konnte, war, dass sie mir die Wahl des Orts uberliess, und feierlich versprach, sich ohne meine Einstimmung durch kein Gelubde binden zu wollen. Ich schrieb so gleich an einen Freund zu Sevilla, um Nachrichten von der alten Zigeunerin einzuziehen; erfuhr aber, dass die Aufmerksamkeit, die der Corregidor auf ihr Haus zu wenden angefangen, sie vor kurzem genotiget habe sich durch eine schleunige Flucht in Sicherheit zu bringen. So verdriesslich mir dieser Umstand war, so gab ich doch die Hoffnung nicht auf, durch die Massregeln, die ich deswegen nahm, die Alte noch endlich aufzutreiben, die ich alsdann unfehlbar zum Gestandnis, wie sie zu Hyacinthen gekommen sei, zu bringen hoffte; und im Fall sie mir entgehen wurde, so schmeichelte ich mir doch, Hyacinthens Entschluss endlich durch meine Bestandigkeit zu erweichen. Inzwischen notigten mich die Angelegenheiten meiner Schwester, die meine Gegenwart zu Valencia schlechterdings erforderten, von Grenada abzureisen, und meine Geliebte bei einer wurdigen Freundin zuruck zu lassen, von der sie sich durch nichts als den Tod trennen lassen wollte, und deren taglich abnehmendes Leben mir wenig Hoffnung uberliess, sie jemals wieder zu sehen.

Vierzehntes Capitel

Beschluss der Geschichte der Hyacinthe

Eine Vermutung des Don Sylvio

Vorbereitungen zu einem Intermezzo, wobei wenige

Leute lange Weile haben werden

So interessant vermutlich die Liebesgeschichte des Don Eugenio und der schonen Hyacinthe ihnen selbst und vielleicht auch ihren unmittelbaren Zuhorern gewesen sein mag, so wenig konnen wir unsern Lesern ubel nehmen, wenn sie das Ende davon zu sehen wunschen. Es ist in der Tat fur ehrliche Leute, die bei kaltem Blut sind, kein langweiligeres Geschopf in der Welt als ein Liebhaber, der die Geschichte seines Herzens erzahlt. Wir wollen uns also begnugen, ihnen zu sagen, dass Hyacinthe das Wort wieder nahm, und ihre eigene Begebenheiten von dem Tod ihrer Freundin an, bis zu dem Augenblick fortsetzte, da Don Eugenio und Don Gabriel, von unserm Helden unterstutzt, sie den rauberischen Handen des Don Fernand von Zamora entrissen. Sie erganzte, was ihr selbst bisher in diesen Begebenheiten unbegreiflich gewesen war, aus dem Gestandnis, welches die getreue Teresilla sich genotigt gesehen hatte, ihrer Gebieterin von ihrem geheimen Briefwechsel mit Don Fernand und von allen den kleinen Verratereien zu machen, die sie seit geraumer Zeit gespielt hatte. Denn unglucklicher Weise fur diese wurdige Kammer-Jungfer hatte sich ein Briefchen des Don Fernand, so sie an statt es zu verbrennen, in ihrem Unterrockchen wohl verwahrt zu haben glaubte, man weisst nicht wie? in Pedrillo Kammer aus ihrem Sack verloren, und, wie sich alles zusammen schicken muss, wenn eine Schelmerei zur Entdeckung reif ist, so war es dem Don Eugenio in die Hande gefallen, da er an dem namlichen Morgen, als unser Held das Wirtshaus so plotzlich verlassen hatte, von ungefahr in diese Kammer trat.

Sie erzahlte also, wie Don Fernand von Zamora, an statt seine Absichten, wie er Mine gemacht hatte aufzugeben, Mittel gefunden ihre Aufwarterin auf seine Seite zu bringen; was fur Entwurfe er mit Teresillen gemacht, um auf ihrer Reise nach Valencia, wozu sie gleich nach Arseniens Tode Anstalt gemacht, sich ihrer Person zu bemachtigen; auf was Art er dieses Vorhaben ins Werk gerichtet, wie sehr er sich bemuht sie zu besanftigen, und durch eine ehrerbietige Zuruckhaltung ihr eine bessere Meinung von seinen Absichten beizubringen, und wie endlich der gluckliche Umstand, dass Don Eugenio an statt zu Valencia zu sein, wie sie selbst geglaubt hatte, zu Lirias gewesen, und durch einen noch glucklichern Zufall auf einem Spazierritt zwischen Julilla und Lirias auf sie gestossen, ihre Befreiung veranlasst habe.

Die schone Hyacinthe vergass bei dieser Gelegenheit nicht unserm Helden von neuem fur die Grossmut zu danken, womit er sich fur sie und Don Eugenio gewaget hatte, und Don Sylvio erwiderte diese Hoflichkeit im Ton der Galanterie, der Ritter vom Graal und von der runden Tafel. Er bezeugte sich ihr sehr verbunden, dass sie ihm erlaubt hatte einen Zuhorer ihrer Geschichte abzugeben, und versicherte sie, dass man sie nur zu sehen und zu horen brauche, um uberzeugt zu sein, dass ihre Abkunft, ungeachtet des geheimnisvollen Dunkels, womit sie noch bedeckt sei, eben so erhaben und glanzend sein musse, als ihre personliche Verdienste. Indessen konnte er doch nicht umhin, seine Verwunderung daruber zu bezeugen, dass in einer Geschichte, die ihm ausserordentlich genug schien, die Feen nicht das geringste zu tun gehabt haben sollten, und er fragte sie ganz ernsthaft; woher es komme, dass sie uber diesen Punct ein so genaues Stillschweigen beobachtet habe, da es doch ganz und gar nicht begreiflich sei, dass die Feen und Zauberer an den Begebenheiten einer so vollkommenen jungen Dame keinen Anteil gehabt haben sollten? Die ernsthafte Mine, womit er diese Frage tat, machte, dass die beiden Damen, ungeachtet ihres Vorsatzes alle mogliche Achtung fur seine Schwarmerei zu zeigen, sich des Lachens nicht enthalten konnten. Wollten sie dann, sagte Hyacinthe, dass ich ein Feen-Marchen aus meiner Geschichte gemacht haben sollte, warum liessen sie mir nichts davon merken? Wenn ich geglaubt hatte, sie ihnen dadurch angenehm zu machen, so ware es mir ein leichtes gewesen, die alte Zigeunerin in eine Carabosse, die gute Dame zu Calatrava in eine Luminose, und Don Fernand von Zamora, wo nicht zu einem schelmischen Zwerg, doch wenigstens zu einem Sylphen oder Salamander zu machen.

Vergeben sie mir, sagte Donna Felicia, aber meines Erachtens wurde ihre Erzahlung sehr dabei gewonnen haben. Denken sie einmal, wie frostig es klingen wurde, wenn ein Dichter sich begnugen wollte zu sagen: Daphnis oder Coridon setzte sich in den Schatten, und schopfte frische Luft; oder, er loschte seinen Durst aus einer Quelle; aber so bald er sagt: Freiwillige Blumen drangen auf Flora's Befehl hervor, den schonen Seladon zum weichen Polster zu dienen, gaukelnde Zephirs fachelten ihm mit ihren Rosenflugeln, Kuhlung und ambrosische Geruche zu, und eine Nymphe, reizend wie die junge Hebe, bot ihm freundlichlachelnd crystallenes Wasser in einer Perlenmuschel dar dann glauben wir erst, dass der Poet sein Amt getan, und die Natur geschildert habe, wie er soll. Vermutlich, sagte Don Gabriel, welcher merkte, dass unser Held ein wenig betroffen war, und nicht wusste, wie er die Scherze der beiden Damen aufnehmen sollte, ist die Absicht der schonen Hyacinthe gewesen, uns nur dasjenige, was man einen summarischen Begriff nennen mochte, von ihren Abenteuern zu gehen. Die Feen konnen dem ungeachtet, wie ich nicht zweifeln will, die geheimen Treibfedern aller ihrer wundervollen Zufalle gewesen sein, und wenn ich bedenke Vergeben sie mir, Don Gabriel, fiel ihm Hyacinthe ein, ich schwore ihnen im ganzen Ernst, dass die Feen, so viel mir bekannt ist, nicht die geringste Muhe mit mir gehabt haben. Sie werden mich doch nicht bereden wollen, hoffe ich, dass alle diese schimarischen Wesen, die in den Marchen so viel zu tun haben, jemals ausser den Marchen existiert haben? Ist es moglich, rief Don Sylvio, dass sie hieran zweifeln konnen? Sehen sie denn nicht, dass man allen historischen Glauben aufgeben musse

Erhitzen sie sich nicht, mein lieber Don Sylvio, fiel ihm Don Gabriel lachelnd ins Wort, sie sehen ja, dass Hyacinthe nur gescherzt hat, und wenn es auch ihr Ernst gewesen ware, so wollen wir sie bald auf andere Gedanken bringen. Sie kennt vielleicht nur das Marchen vom blauen Bart, oder vom roten Mutzchen und von der guten kleinen Maus; sie wurde ganz anders reden wenn sie, zum Exempel, die Geschichte des Prinzen Biribinker horen wurde, die eine unzweifelhafte Glaubwurdigkeit vor sich hat, da sie aus dem sechsten Buche der unglaublichen Geschichten des beruhmten Palaphatus genommen ist. Ich gestehe ihnen, sagte Don Sylvio, dass mir dieser Prinz, dessen sie erwahnen, ganzlich unbekannt ist, und dass ich sehr begierig ware- Sie wurden es noch viel mehr sein, unterbrach ihn Don Gabriel, wenn sie sich zum voraus vorstellen konnten, wie ausserordentlich und interessant seine Begebenheiten sind. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich sie versichere, dass sie alles ubertreffen, was man jemals in den Geschichten der Feen gesehen hat. Sie machen mich selbst begierig, sagte Don Eugenio; die unglaublichen Geschichten eines Schriftstellers, der dem Homer den Vorzug des Altertums streitig macht, sind unstreitig eine Gewahr, die niemand sich einfallen lassen wird fur unsicher zu halten, und wenn schon das sechste Buch davon, fur die Welt langst verloren gegangen ist, so folgt doch nicht daraus, dass Don Gabriel, dessen Starke in der geheimen Philosophie uns bekannt ist, nicht mehr davon wissen konne, als andere. Ich bin ihrer Meinung, sagte Donna Felicia; ich wollte wetten, wenn dieses sechste Buch auch nie geschrieben worden ware, so wurde die tiefe Wissenschaft des Don Gabriel mehr als zulanglich sein, uns die Geschichte des Prinzen Biribinker von Wort zu Wort eben so zu erzahlen, wie er sie in diesem sechsten Buch gefunden hatte, wenn es geschrieben worden ware. Es beliebt ihnen zu scherzen, Donna Felicia, sagte Don Gabriel ganz ernsthaft; ich gestehe, dass die Geschichte des Prinzen Biribinker bisher noch unbekannt gewesen ist, aber das benimmt ihrer Wahrheit nichts, und Don Sylvio soll, mit Eu. Gnaden Erlaubnis, Richter daruber sein, ob etwas darin ist, das die Glaubwurdigkeit des Geschichtschreibers verdachtig machen konnte. Wir wollen sehen, erwiderte Donna Felicia, denn ich hoffe doch, sie werden uns ubrigen erlauben, Zuhorer abzugeben, wenn wir uns gleich nicht anmassen durfen, Richter zu sein. Weil sich nun jedermann begierig zeigte, eine Geschichte zu wissen, von welcher der blosse Name Biribinker sehr viel merkwurdiges zu versprechen schien, so wurde abgeredet, dass man sich Abends nach der Sieste in dem Myrthen-Waldchen versammeln wollte, um sie anzuhoren; und weil die Sonne anfing beschwerlich zu werden, so begab sich die Gesellschaft durch einen bedeckten grunen Gang in das Wohnhaus zuruck.

Unser Held hatte wahrend dass Hyacinthe ihre Geschichte erzahlte, einen Einfall bekommen, den er dem Don Eugenio entdeckte, so bald sie sich allein sahen. Was wurden sie dazu sagen, Don Eugenio, fing er an, wenn Hyacinthe meine Schwester ware? Ihre Schwester, versetzte Don Eugenio, haben sie denn eine Schwester verloren? Ich hatte eine, antwortete Don Sylvio, die sich in ihrem dritten Jahr verlor, ohne dass man erfahren konnte, was aus ihr geworden sei. Himmel! rief Don Eugenio, wie glucklich ware ich, wenn ihre Mutmassung sich wahr befande! Und in der Tat nun wundert michs erst, wie gewisse Gesichts-Zuge die Hyacinthe mit ihnen gemein hat, mich nicht selbst auf diesen Gedanken gebracht haben. Aber erinnern sie sich keiner Umstande wissen sie keine Merkmale, die unsere Vermutung zu einer Gewissheit leiten konnten? Wenn der Instinct nicht betruglich ware, antwortete Don Sylvio, so wurde ich geneigt sein, die Anmutung, die ich beim ersten Anblick fur sie empfand, fur die Stimme des Blutes zu halten Aber ich besorge, Don Eugenio, dass ich mir mit einer unzeitigen Hoffnung geschmeichelt habe. Und warum, fragte Don Eugenio ungedultig? Ich finde einen Umstand in Hyacinthens Geschichte, antwortete jener, der mich in Verlegenheit setzt. Ich bitte sie, erklaren sie sich, rief Don Eugenio, ich bin auf der Folter, so lange sie mich im Zweifel schweben lassen. Hyacinthe ist von einer Zigeunerin erzogen, und wie sie vermutet, ihren wurklichen Eltern entwendet worden, fuhr Don Sylvio fort; die Zeiten und das Alter kommen uberein; meine Schwester hatte ungefahr drei Jahre, wie sie unsichtbar wurde, und sie wurde jetzo Hyacinthens Alter haben; die Verschiedenheit der Namen, (denn meine Schwester hiess Seraphine,) tut nichts zur Sache, man konnte ihren Namen andern; aber der Umstand mit der Zigeunerin verderbt alles. Man vermutete zwar in meinem Hause, dass meine Schwester von einer Zigeunerin gestohlen worden sei, aber ohne genugsamen Grund; und ich habe eine Menge der wichtigsten Ursachen, die mich uberzeugen, dass es eine Fee gewesen ist.

Hier war Don Eugenio im Begriff die Geduld zu verlieren, und er hatte alle nur ersinnliche Muhe seine erste Bewegungen zuruck zu halten. Wenn sie keine andere Bedenklichkeit haben, sagte er endlich, nachdem er sich wieder gefasst hatte, so haben wir nicht notig uns hieruber zu beunruhigen. Was hindert uns zu glauben, dass die Zigeunerin, die Hyacinthen raubte, die Fee gewesen sei, die ihre Schwester unsichtbar gemacht hat? Wir wollen uns nicht bei dem Namen aufhalten. Glauben sie mir, alle ihre Carabossen, Fanferluschen, Concumbern und Magotinen sind nicht mehr noch weniger Feen gewesen als diese Zigeunerin, und wer weisst, ob sich nicht am Ende zeigen wird, dass die Feerei an Hyacinthens Geschichte mehr Anteil gehabt, als sie sich selbst einbildet? Don Sylvio fand diese Idee sehr gut, und beide strengten nunmehr allen ihren Witz an, sich in einer Einbildung zu bestarken, die ihren Neigungen schmeichelte. Unser Held zweifelte nicht, dass sich das Geheimnis in kurzem, und ehe man sich dessen versehen wurde, durch die plotzliche Erscheinung der Feen von selbst aufklaren werde; und Don Eugenio machte von neuem Anstalten, die Zigeunerin, von der er uber die Genealogie seiner geliebten Hyacinthe mehr Licht erwartete als von allen Feen der ganzen Welt, herbei zu schaffen, sie mochte sich auch verkrochen haben, wohin sie wollte.

Wahrend dieser Unterredung hatte sich Donna Felicia in ihr Cabinet begeben, wo sie, indessen dass Laura mit Hyacinthens Aufputz beschaftiget war, das Vergnugen hatte ihren Gedanken ungestort Gehor zu geben. Ohne Zweifel hatte sie Ursache genug mit den Vorteilen zufrieden zu sein, die sie bereits uber sein Herz erhalten hatte. Sie wurde es auch vielleicht gewesen sein, wenn ihr Herz weniger Anteil an ihren Absichten gehabt hatte, als ihre Eitelkeit. Aber die Liebe ist, wie man weisst, so furchtsam, dass sie sich oft am weitesten von ihrem Gluck entfernt zu sein glaubt, wenn sie ihm am nachsten ist. Donna Felicia befand sich diesesmal in diesem Fall, und die ubertriebene Vorstellung, die sie sich von der Schwierigkeit machte, den blauen Schmetterling aus seinem Herzen zu verdrangen, beredete sie, dass es unumganglich notwendig sei ihn mit starkern Waffen zu bekampfen als bisher. Insonderheit hielt sie es fur sehr nachteilig, wenn sie ihm Zeit lassen wurde, sich in Gegen-Verfassung zu setzen; ihrer Meinung nach konnte sein Herz nicht anders als mit Sturm erobert werden, und eine jede Minute, worin es nicht von ihren Blicken beschossen wurde, schien ihr die Lukken wieder zu erganzen, so sie darinne gemacht haben konnten. Unter diesen Betrachtungen fiel ihr ein, ihn zu ihrer Toilette rufen zu lassen, und nachdem sie diesen Gedanken in weniger als einer Viertelstunde wohl zwanzigmal gebilliget und wieder verworfen hatte, so behielt er doch zuletzt die Oberhand, und Laura bekam einen Wink, ihm, (wiewohl nur in ihrem eigenen Namen) zu verstehen zu geben, dass ihre Dame sichtbar sei.

Wir hatten hier einen schonen Anlass unsere Geschicklichkeit so wohl in Gemalden, die eine gewisse Delicatesse des Pinsels erfordern, als in Zergliederung der Empfindungen und Entwicklung der zartesten Treibfedern des menschlichen Herzens zu zeigen, wenn wir uns in eine Beschreibung alles dessen einlassen wollten, was bei diesem Besuch, wobei Hyacinthe und Laura gegenwartig waren, vorgegangen. Allein da unsere Eitelkeit durch die Proben, die wir unsern Leser bereits hievon gegeben zu haben glauben, schon hinlanglich befriediget ist, so werden sie erlauben, dass wir, ohne unsre Bequemlichkeit ihrem Vergnugen aufzuopfern, uns fur diesmal begnugen, ihnen zu sagen, dass die schone Felicia ihre Absichten vollkommen erreicht habe, oder, wenn dieser Ausdruck zu unbestimmt scheinen mochte, dass alle die phantastischen Entzuckungen, worein die Feen und die Liebe eines schimarischen Gegenstandes unsern Helden von Zeit zu Zeit gesetzt hatten, sich gegen diejenige, die er bei dieser Gelegenheit erfuhr, gerade so verhielten, wie ein Schmetterling gegen eine reizende Witwe von achtzehen Jahren.

Wenn Donna Felicia bei ihrer Toilette Anlass gehabt hatte unserm Helden ihre materielle Schonheit in dem mannigfaltesten und vorteilhaftesten Lichte zu zeigen, so unterliess sie nicht uber der Tafel seine Bezauberung durch die intellectualischen Reizungen ihres Geistes, die unter dem Flor der sichtbaren Schonheit so verfuhrerisch sind, auf den hochsten Grad zu treiben. Die Nachmittags-Hitze war dieses mal so ertraglich, dass man uber dem Vergnugen einer aufgeweckten Conversation die gewohnliche Sieste vergass, und Don Sylvio, der lauter Aug, Ohr und Seele fur seine Gottin war, wurde so gar das Marchen vergessen haben, womit Don Gabriel die Gesellschaft zu regalieren versprochen hatte, wenn er, bei einem Spaziergang, den man des Abends in dem MyrthenWaldchen machte, nicht von Hyacinthen daran erinnert worden ware. Weil die Absicht dabei war eine Probe zu machen, wie weit das Vorurteil und die Einbildung bei unserm Helden gehe, so hatte Don Gabriel die ubrigen schon vorbereitet, von seinem Marchen den hochsten Grad des Abenteuerlichen und Ungereimten zu erwarten. Allein dieses machte sie nur desto begieriger zu sehen, wie er sich aus der Sache ziehen wurde. Hyacinthe hatte also kaum des Prinzen Biribinker erwahnt, so vereinigte sich die ganze Gesellschaft ihm anzuliegen, dass er ihre Ungeduld nach der versprochenen Geschichte befriedigen mochte, und Don Sylvio selbst erwachte, so bald er horte, dass von einem Feen-Marchen die Rede war, aus der sussen Traumerei, worein ihn die schone Donna Felicia schon eine geraume Weile gesetzt hatte; so gross ist die Macht der Gewohnheit, und so wenig kann der vollkommenste Gegenstand von unserer Aufmerksamkeit Meister bleiben, so bald sich uns ein anderer, so klein und eitel er immer vergleichungsweise sein mag, darstellt, der einmal im Besitz ist, eine gewisse Gewalt uber unsere Einbildung oder unsere Sinnen auszuuben. Nachdem sie also in einer dicht mit Jasmin bewachsenen Sommerlaube Platz genommen, so fing Don Gabriel, nach einer kurzen Vorrede zum Lobe des glaubwurdigen Geschichtschreibers Palaphatus, diejenige Erzahlung an, womit wir den geneigten Leser in dem folgenden Buche zu unterhalten gedenken.

Sechstes Buch

Erstes Capitel

Geschichte des Prinzen Biribinker

In einem Lande, dessen weder Strabo noch Martiniere Erwahnung tun, lebte einst ein Konig, der den Geschichtschreibern so wenig zu verdienen gab, dass sie aus Rachbegierde mit einander einig wurden, so gar seine Existenz bei der Nachwelt zweifelhaft zu machen. Allein alle ihre boshaften Bemuhungen haben nicht verhindern konnen, dass sich nicht einige glaubwurdige Urkunden erhalten hatten, in denen man alles findet, was sich ungefahr von ihm sagen liess. Diesen Urkunden zufolge war er eine gute Art von einem Konige, machte des Tages seine vier Mahlzeiten, hatte einen guten Schlaf, und liebte Ruhe und Frieden so sehr, dass es bei hoher Strafe verboten war, die blossen Namen Degen, Flinte, Canone und dergleichen in seiner Gegenwart zu nennen. Das merkwurdigste an seiner Person, (sagen die bemeldten Urkunden) war ein Wanst von einer so majestatischen Peripherie, dass ihm die grossten Monarchen seiner Zeit hierin den Vorzug lassen mussten. Ob ihm der Beiname des Grossen, den er bei seinen Lebzeiten gefuhrt haben soll, um dieses namlichen Wanstes oder einer andern geheimen Ursache willen gegeben worden, davon lasst sich nichts gewisses sagen; so viel aber ist ausgemacht, dass in dem ganzen Umfange seines Reichs niemand war, den dieser Beiname einen einzigen Tropfen Bluts gekostet hatte. Wie es darum zu tun war, dass seine Majestat aus Liebe zu dero Volkern und zu Erhaltung der Thron Folge in dero Familie, sich vermahlen sollte, so hatte die Academie der Wissenschaften nicht wenig zu tun, vermittelst der gegebenen Grosse des koniglichen Wanstes und einiger anderer Verhaltnisse die Figur derjenigen Princessin zu bestimmen, welche man wurdig halten konnte, die Hoffnungen der Nation zu erfullen. Nach einer langen Reihe von academischen Sitzungen wurde endlich die verlangte Figur, und durch eine grosse Menge von Gesandtschaften, die an alle Hofe von Asien geschickt wurden, die Princessin ausfindig gemacht, die mit dem gegebenen Modell ubereinstimmte. Die Freude uber ihre Ankunft war ausserordentlich, und das Beilager wurde mit so grosser Pracht vollzogen, dass sich wenigstens funfzig tausend Paare von den koniglichen Untertanen entschliessen mussten ledig zu bleiben, um seiner Majestat die Unkosten von dero Hochzeit bestreiten zu helfen. Der Prasident der Academie, der ungeachtet er der schlechteste Geometer seiner Zeit war, sich alle Ehre der obgedachten Erfindung beizulegen gewusst hatte, glaubte mit gutem Grunde, dass nunmehr sein ganzes Ansehen von der Fruchtbarkeit der Konigin abhange, und weil er in der Experimental-Physik ungleich starker war, als in der Geometrie, so fand er, man weisst nicht was fur ein Mittel, die Berechnungen der Academie zu verificieren. Kurz, die Konigin gebar zu gehoriger Zeit den schonsten Prinzen, der jemals gesehen worden ist, und der Konig hatte eine so grosse Freude daruber, dass er den Prasidenten auf der Stelle zu seinem ersten Vezier ernannte.

So bald der Prinz geboren war, versammelte man

zwanzig tausend junge Madchen von ungemeiner Schonheit die man zum voraus aus allen Enden des Reichs zusammen berufen hatte, um eine Saugamme fur ihn auszuwahlen. Man muss gestehen, dass unter allen diesen jungen Madchen nicht eine einzige Jungfer war; allein man glaubte, sie wurden sich nur desto besser zu dem ehrenvollen Amte schicken, wozu man sie notig hatte, und wozu sich jede die meiste Hoffnung machte, weil der erste Leibarzt ausdrucklich verordnet hatte, dass die Wahl auf die schonste fallen sollte. Aus zwanzig tausend schonen die schonste auszuwahlen, ist keine so leichte Commission, als man denken mochte; auch hatte der Leibarzt, ungeachtet er eine gute Brille auf der Nase sitzen hatte, so viel Muhe, einen zureichenden Grund zu finden, warum er einer vor der andern den Vorzug geben sollte, dass bereits der dritte Tag sich zum Ende neigte, ehe er es nur so weit gebracht hatte, die Candidatinnen von zwanzig tausend auf vier und zwanzig zu bringen. Allein, da doch endlich eine Wahl getroffen werden musste, so war er eben im Begriff unter den vier und zwanzig einer grossen Brunette den Vorzug zu geben, weil sie unter allen den kleinsten Mund und die schonste Brust hatte, Eigenschaften, die, wie er versicherte, Galenus und Avicenna schlechterding von einer guten Amme fordern; als man unvermutet eine gewaltig grosse Biene nebst einer schwarzen Ziege ankommen sah, welche vor die Konigin gelassen zu werden begehrten.

Frau Konigin, sprach die Biene, ich hore, sie brauchen eine Amme fur ihren schonen Prinzen. Wenn sie das Vertrauen zu mir haben wollten, mir vor diesen zweibeinigten Creaturen den Vorzug zu geben, so sollte es sie gewiss nicht gereuen. Ich will den Prinzen mit lauter Honig von Pomeranzen-Bluten saugen, und sie sollen ihre Lust daran sehen, wie gross und fett er dabei werden soll. Sein Atem soll so lieblich riechen wie Jasmin, sein Speichel soll susser sein als Canarien-Sect, und seine Windeln

Gestrenge Frau Konigin, fiel ihr die Ziege ins Wort, nehmen sie sich vor dieser Biene in Acht, das will ich ihnen als eine gute Freundin geraten haben. Es ist wahr, wenn ihnen sehr viel daran gelegen ist, dass ihr junges Herrchen suss werde, so taugt sie dazu besser als irgend eine andere; aber es laurt, wie das Spruchwort sagt, eine Schlange unter den Blumen. Sie wird ihn mit einem Stachel begaben, der ihm unendlich viel Ungluck zuziehen wird. Ich bin nur eine schlechte Ziege; aber ich schwore eurer Majestat bei meinem Bart, meine Milch wird ihm weit besser zuschlagen als ihr Honig; und wenn er schon weder Nectar noch Ambrosia machen wird, so versprech ich ihnen hingegen, dass er der tapferste, der weiseste und der glucklichste unter allen Prinzen sein soll, die jemals Ziegenmilch getrunken haben.

Jedermann verwunderte sich, da man die Ziege und die dicke Biene so reden horte. Allein die Konigin merkte gleich, dass es zwo Feen sein mussten, und dieses machte sie eine ziemliche Weile unschlussig, was sie tun sollte. Endlich erklarte sie sich fur die Biene; denn weil sie ein wenig geizig war, so dachte sie: Wenn die Biene ihr Wort halt, so wird der Prinz allenthalben so viel Sussigkeiten von sich geben, dass man das Confect fur die Tafel wird ersparen konnen. Die Ziege schien es sehr ubel zu nehmen, dass sie abgewiesen wurde: sie meckerte dreimal etwas unverstandliches in ihren Bart hinein, und siehe! da erschien ein prachtig lackierter und vergoldeter Wagen von acht Phonixen gezogen; die schwarze Ziege verschwand in dem namlichen Augenblick, und an ihrer statt sahe man ein kleines altes Weibchen in dem Wagen sitzen, die mit vielen Drohungen gegen die Konigin und den jungen Prinzen, durch die Luft davon fuhr. Der Leib-Medicus war uber eine so seltsame Wahl nicht weniger missvergnugt, und wollte der Brunette mit dem schonen Busen den Antrag machen, ob sie nicht Lust hatte, die Stelle einer Hausmeisterin bei ihm einzunehmen; allein zum Ungluck kam er schon zu spat, und musste sichs gefallen lassen mit einer von den ubrigen neunzehn tausend, neun hundert und sechs und siebenzig vorlieb zu nehmen; denn die vier und zwanzig waren alle schon bestellt.

Inzwischen machten die Drohungen der schwarzen Ziege dem Konige so bang, dass er noch an dem namlichen Abend seinen Staats-Rat versammlete, um sich zu beraten, was bei so gefahrlichen Umstanden zu tun sein mochte; denn weil er gewohnt war, sich alle Nacht mit Marchen einschlafern zu lassen, so wusste er wohl, dass die Feen nicht fur die Langeweile zu drohen pflegen. Nachdem nun die weisen Manner alle bei einander waren, und ein jeder seine Meinung gesagt hatte, so befand sichs, dass sechs und dreissig Rate in grossen viereckichten Perucken, nicht weniger als sechs und dreissig Vorschlage getan hatten, wovon an jedem wenigstens sechs und dreissig Schwierigkeiten ausgesetzt wurden; man stritt in mehr als sechs und dreissig Sessionen mit vieler Lebhaftigkeit, und der Prinz wurde vermutlich mannbar geworden sein, ehe man eines Schlusses hatte einig werden konnen, wenn nicht der Favorit-Hof-Narre seiner Majestat den Einfall gehabt hatte, dass man eine Gesandtschaft an den grossen Zauberer Caramussal schicken sollte, der auf der Spitze des Berges Atlas wohnte, und von allen Orten her wie ein Orakel um Rat gefragt wurde. Weil nun der Hofnarr das Herz des Konigs hatte, und in der Tat fur den feinsten Kopf des ganzen Hofes gehalten wurde, so fiel ihm jedermann bei, und in wenig Tagen wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, welche, die Taggelder zu ersparen, mit so grosser Geschwindigkeit reiseten, dass sie in drei Monaten auf der Spitze des Berges Atlas anlangten, ob er gleich bei nahe zwei hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt war.

Sie wurden so gleich vor den grossen Caramussal gelassen, der in einem prachtigen Saal auf einem Throne von Ebenholz sitzend, den ganzen Tag genug zu tun hatte, auf alle die wunderlichen Fragen Antwort zu geben, die aus allen Teilen der Welt an ihn gebracht wurden. Der erste Abgesandte nachdem er sich den Bart gestrichen und dreimal gerauspert hatte, offnete eben einen ziemlich grossen Mund um eine schone Anrede herzusagen, die ihm sein Secretair aufgesetzt hatte, als ihn Caramussal unterbrach; Herr Abgesandter, sagte er, ich schenke ihnen ihre Rede, ob ich es ihnen gleich an ihrer Physionomie ansehe, dass sie sehr hubsch gelautet haben wurde; ich habe selbst den ganzen Tag so viel zu reden, dass mir keine Zeit zum horen ubrig bleibt; und zu dem, so weiss ich schon voraus, was sie bei mir anzubringen haben. Sagen sie dem Konig, ihrem Herrn, er habe sich an der Fee Caprosine eine machtige Feindin gemacht; indessen sei es doch nicht unmoglich, die Zufalle, so sie dem Prinzen angedroht habe, auszuweichen, wenn man die gehorige Vorsicht gebrauche, dass er vor seinem achtzehnten Jahre kein Milchmadchen zu sehen bekomme. Weil es aber, aller Vorsicht ungeachtet, eine sehr schwere, wo nicht unmogliche Sache ist, seinem Schicksal zu entgehen, so seie mein Rat, dass man, um auf alle Falle gefasst zu sein, dem Prinzen den Namen Biribinker gebe, dessen geheime Krafte allein machtig genug sind, ihn aus allen den Abenteuern, die ihm zustossen konnten, glucklich heraus zu fuhren. Mit diesem Bescheid entliess Caramussal die Gesandtschaft, welche nach Verfluss abermaliger drei Monate, unter allgemeinem Zujauchzen des Volks wieder in der Hauptstadt ihres Landes anlangte.

Der Konig fand die Antwort des grossen Caramussal so ungereimt, dass er grosse Lust hatte, daruber bose zu werden. Bei meinem Bauch, rief er, (denn das war sein grosser Schwur) ich glaube, der grosse Caramussal hat seinen Spass mit uns Biribinker! was fur ein verfluchter Name das ist! Hat man auch jemals gehort, dass ein Prinz Biribinker geheissen hatte? Ich mochte doch wohl wissen, was fur eine geheime Kraft in diesem narrischen Namen stecken soll? Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, das Verbot, ihm vor seinem achtzehnten Jahre kein Milchmadchen sehen zu lassen, deucht mich nicht viel gescheiter. Warum dann gerade kein Milchmadchen? Und seit wenn sind die Milchmadchen gefahrlicher als andere Madchen? Wenn er noch gesagt hatte, keine Tanzerin oder kein Kammerfraulein von der Konigin, das wollt ich noch gelten lassen; denn, unter uns, ich wollte nicht gut dafur sein, dass ich nicht selbst gelegenheitlich eine kleine Anfechtung von dieser Art bekommen konnte. Indessen, weil es der grosse Caramussal nun einmal so haben will, so mag der Prinz immerhin Biribinker heissen; er wird wenigstens der erste dieses Namens sein, und das gibt einem doch immer ein gewisses Ansehen in der Historie; und was die Milchmadchen anbetrifft, so will ich schon Anstalt machen, dass auf funfzig Meilen um meine Residenz weder Kuh noch Ziege, Melk-Kubel noch Milchmadchen zu finden sein soll.

Der Konig, dessen geringste Sorge war die Folgen seiner Entschliessungen vorher zu uberlegen, war wurklich im Begriff ein Edict deshalb ergehen zu lassen, als ihm sein Parlament durch eine zahlreiche Deputation vorstellen liess, dass es sehr hart, um nicht gar tyrannisch zu sagen, heraus kommen wurde, wenn Sr. Majestat getreue Untertanen gezwungen werden sollten, den Caffee kunftig ohne Milchrahm zu trinken; und weil die vorlaufige Nachricht von diesem Edict wurklich schon ein grosses Murren unter dem Volk erregte: so mussten sich Seine Majestat endlich entschliessen, nach dem Beispiele so vieler andern Konige in den Feen-Geschichten, dero Cron-Prinzen unter der Aufsicht seiner Amme, der Biene, von sich zu entfernen, und es ihrer Klugheit zu uberlassen, wie sie ihn vor den Nachstellungen der Fee Caprosine und vor den Milchmadchen sicher stellen wollte.

Die Biene brachte also den kleinen Prinzen in einen grossen Wald, der wenigstens zwei hundert Meilen im Umfang hatte, und so unbewohnt war, dass man in seinem ganzen Bezirk nur nicht einen Maulwurf gefunden hatte. Sie baute durch ihre Kunst einen unermesslichen Bienenkorb von rotem Marmor, und legte um denselben einen Park von Pomeranzen-Baumen an, der sich uber funf und zwanzig Meilen in die Lange und Breite erstreckte. Ein Schwarm von hundert tausend Bienen, deren Konigin sie war, beschaftigte sich fur den Prinzen und das Serail der Konigin Honig zu machen, und damit man seinetwegen vollkommen sicher sein konnte, so wurden rings um den Wald alle funf hundert Schritte Wespen-Nester angelegt, welche Befehl hatten, die Grenzen aufs scharfste zu bewachen.

Indessen wuchs der Prinz heran, und ubertraf durch seine Schonheit und wunderbare Eigenschaften alles, was jemals gesehen worden ist. Er spuckte lauter Syrup, er pisste lauter Pomeranzen-Blut-Wasser, und seine Windeln enthielten so kostliche Sachen, dass sie von Zeit zu Zeit der Konigin zugeschickt werden mussten, damit sie an Gala-Tagen ihren Nach-Tisch daraus verbessern konnte. So bald er zu reden anfing, lallte er Concetti und Epigrammata, und sein Witz wurde nach und nach so stachlicht, dass ihm keine Biene mehr gewachsen war, ob gleich die dummste im ganzen Korbe zum wenigsten so viel Witz hatte als einer von den vierzigen der Academie Francoise.

Allein so bald er das siebenzehnte Jahr erreicht hatte, regte sich ein gewisser Instinct bei ihm, der ihm sagte, dass er nicht dazu gemacht seie, sein Leben in einem Bienenkorbe zuzubringen. Die Fee Melisotte, (so nannte sich seine Amme) wandte zwar alles an, ihn aufzumuntern und zu zerstreuen; sie verschrieb ihm eine Anzahl sehr geschickter Katzen, die ihm alle Abend ein Franzosisches Concert oder eine Opera von Lulli vormauen mussten; er hatte ein Hundchen, das auf dem Seil tanzte, und ein dutzend Papagaien und Elstern, die sonst nichts zu tun hatten, als ihm Marchen zu erzahlen, und ihn mit ihren Einfallen zu unterhalten; allein das wollte alles nichts helfen; Biribinker sann Tag und Nacht auf nichts anders, als wie er aus seiner Gefangenschaft entwischen mochte. Die grosste Schwierigkeit, die er dabei sah, waren die verwunschten Wespen, die den Wald bewachten, und in der Tat kleine Tierchen waren, die einen Herkules hatten erschrecken konnen, denn sie waren so gross wie junge Elephanten, und ihr Stachel hatte die Figur und bei nahe auch die Grosse der Morgensterne, deren sich die alten Schweizer mit so gutem Erfolg zu Behauptung ihrer Freiheit zu bedienen pflegten. Da er sich nun einsmals voller Verzweiflung uber seine Gefangenschaft unter einen Baum geworfen hatte, naherte sich ihm eine Hummel, die wie alle ubrigen mannlichen Bewohner des Bienenstocks die Grosse eines halb gewachsenen Baren hatte.

Prinz Biribinker, sagte die Hummel, wenn sie Langeweile haben, so versichere ich sie, dass es mir noch schlimmer geht: Die Fee Melisotte, unsre Konigin, hat mir seit etlichen Wochen die Ehre angetan, mich zu ihrem Liebling zu erkiesen; aber ich gestehe ihnen, dass ich der Last meines Amtes nicht gewachsen bin. Sie hat, unter uns geredet, uber funftausend Hummeln in ihrem Serail, die gewiss nicht mussig sind; ich wollte mich nicht beschweren, wenn sie mich den ubrigen gleich hielte; aber, Sapperment! der Vorzug, den sie mir gibt, fangt mir an beschwerlich zu fallen; ich sage ihnen, dass es nicht langer auszustehen ist. Wenn sie wollten, Prinz, so ware es ihnen ein leichtes sich selbst und mir die Freiheit zu verschaffen. -Was ist denn zu tun, fragte der Prinz? Ich bin nicht allzeit eine Hummel gewesen, antwortete der missvergnugte Liebling, und sie allein sind im Stande mir meine erste Gestalt wieder zu geben. Setzen sie sich auf meinen Rucken; es ist Abend, und die Konigin ist in ihrer Celle in Geschaften begriffen, die ihr keine Freiheit lassen, sich um etwas anders zu bekummern. Ich will mit ihnen davon fliegen; aber sie mussen mir versprechen, dass sie tun wollen, was ich von ihnen verlange. Der Prinz versprach es ihm, ersetzte sich ohne Bedenken auf, und die Hummel flog so schnell mit ihm davon, dass sie in sieben Minuten aus dem Walde waren. Nunmehro, sprach die Hummel, sind sie in Sicherheit. Die Macht des alten Zauberers Padmanaba, der mich in diese Umstande gebracht hat, erlaubt mir nicht weiter mit ihnen zu gehen; aber horen sie was ich ihnen sagen werde. Wenn sie auf diesem Wege linker Hand fortgehen, so werden sie endlich in eine grosse Ebene kommen, wo sie eine Herde himmelblauer Ziegen sehen werden, die um eine kleine Hutte herum weiden. Nehmen sie sich ja in acht, dass sie nicht in die Hutte hinein gehen, oder sie sind verloren. Halten sie sich immer linker Hand, und gehen sie fort, bis sie endlich zu einem verfallenen Palast kommen, dessen noch ubrige Pracht ihnen beweisen wird, was er ehmals gewesen ist. Sie werden durch etliche Hofe an eine grosse Treppe von weissem Marmor kommen, welche sie in einen langen Gang fuhren wird, wo sie zu beiden Seiten eine Menge prachtiger und hell erleuchteter Zimmer finden werden. Gehen sie ja in keines derselben hinein, sonst schliesst es sich augenblicklich von selbst wieder zu, und keine menschlische Gewalt kann sie wieder heraus bringen. Sie werden aber eines davon verschlossen finden, und dieses wird sich offnen, so bald sie den Namen Biribinker aussprechen. In diesem Zimmer bringen sie die Nacht zu, das ist alles, was ich von ihnen verlange. Gluckliche Reise, gnadiger Herr, und wenn sie sich bei meinem Rat wohl befinden, so vergessen sie nicht, dass ein Dienst des andern wert ist.

Mit diesen Worten flog die Hummel davon, und liess den Prinzen in keiner mittelmassigen Erstaunung uber alles, was sie ihm gesagt hatte. Voller Ungeduld nach den wundervollen Begebenheiten, die ihm bevor stunden, ging er die ganze Nacht durch, denn es war Mondschein und mitten im Sommer. Des Morgens erblickte er die Wiese, die Hutte und die himmelblauen Ziegen. Er erinnerte sich des Verbots gar wohl, das die Hummel ihm so nachdrucklich eingescharft hatte, allein er fuhlte beim Anblick der Ziegen und der Hutte eine Art von Anziehung, der er nicht widerstehen konnte. Er ging also in die Hutte hinein, und fand niemand darin als ein junges Milchmadchen in einem schneeweissen Leibchen und Unterrock, die im Begriff war etliche Ziegen zu melken, die an einer diamantnen Krippe angebunden stunden. Der Melk-Kubel, den sie in ihrer schonen Hand hatte, war aus einem einzigen Rubin gemacht, und statt des Strohes war der Stall mit lauter Jasmin und Pomeranzen-Bluten bestreut. Alles dieses war freilich bewundernswurdig genug, allein der Prinz bemerkte es kaum, so sehr hatte ihn die Schonheit des jungen Madchens geblendet. In der Tat Venus in dem Augenblick, da sie von den Zephyren ans Gestade von Paphos getragen wurde, oder die junge Hebe, wenn sie halb aufgeschurzt den Gottern Nectar einschenkte, waren weder schoner noch reizender als dieses Milchmadchen. Ihre Wangen beschamten die frischesten Rosen, und die Perlenschnuren, womit ihre Arme und ihre kleinen netten Fusschen umwunden waren, schienen nur dazu zu dienen, die blendende Weisse derselben zu erhohen. Nichts konnte zierlicher und reizender sein als ihre Gesichts-Zuge und ihr Lacheln, uber ihr ganzes Wesen war ein Ausdruck von Zartlichkeit und Unschuld ausgebreitet, und ihre kleinsten Bewegungen hatten diesen namenlosen Reiz, dem die Herzen beim ersten Anblick entgegen fliegen. Diese bezaubernde Person schien auf eine eben so angenehme Art uber den Prinzen Biribinker betroffen, als er uber sie; halb unschlussig, ob sie bleiben oder fliehen wollte, blieb sie stehen, und betrachtete ihn mit einem verschamten Blicke, worinne Schuchternheit und Vergnugen sich zu vermischen schienen. Ja, ja, rief sie endlich aus, indem sich der Prinz zu ihren Fussen warf, er ist es, er ist es! Wie? rief der entzuckte Prinz, der aus diesen Worten schloss, dass sie ihn schon kenne, und dass er ihr nicht gleichgultig seie; ist der allzugluckliche Biribinker Gotter! schrie das Milchmadchen, indem sie ganz besturzt zuruck bebte, was fur einen verhassten Namen hore ich! wie sehr haben meine Augen und mein voreiliges Herz mich betrogen! Fliehe, fliehe, ungluckliche Galactine -Mit diesen Worten floh sie wurklich so schnell aus der Hutte als ob sie der Wind davon fuhrete. Der besturzte Prinz, der den Abscheu nicht begreifen konnte, den sie vor seinem Namen hatte, lief ihr nach so schnell als er konnte; allein das Milchmadchen flog, dass ihre Fusssohlen kaum die Spitzen des Grases beruhrten. Umsonst beflugelten die Schonheiten, die ihr flatterndes Gewand in jedem Augenblick entdeckte, die Begierden und die Fusse des nacheilenden Prinzen; er verlor sie in einem dichten Gebusche, wo er den ganzen Tag hin und wieder lief, und jedem Rasseln und Flustern, das er horte, nachging, ohne dass er die mindeste Spur von ihr finden konnte.

Indessen war die Sonne untergegangen, und er befand sich unvermerkt an der Pforte eines alten Schlosses, welches halb eingefallen schien. Denn es ragten allenthalben Mauerstucke von Marmor und umgesturzte Saulen von den kostbarsten Edelsteinen aus dem Gestrauch hervor, und er stiess sich alle Augenblicke an Trummern, wovon der schlechteste eine Insel auf dem festen Lande wert war. Er merkte hieraus, dass er bei dem Palast sei, wovon ihm sein guter Freund, die Hummel gesagt hatte, und hoffte, (wie die verliebten hoffnungsvolle Leute zu sein pflegen) sein holdseliges Milchmadchen vielleicht hier zu finden. Er arbeitete sich durch drei Vorhofe durch, und kam endlich an die Treppe von weissem Marmor. Zu beiden Seiten stund auf jeder Stufe, deren zum wenigsten sechzig waren, ein grosser geflugelter Lowe, der bei jedem Atemzug so viel Feuer aus seinen Naslochern schnaubte, dass es heller als bei Tag davon wurde; aber es versengte ihm nur nicht ein Haar, und die Lowen sahen ihn nicht so bald, so spannten sie ihre Flugel aus, und flohen mit grossem Gebrull davon.

Der Prinz Biribinker ging also hinauf, und kam sogleich in eine lange Galerie, wo er die offnen Zimmer fand, wovor ihn die Hummel gewarnt hatte. Ein jedes derselben fuhrte in zwei oder drei andere, und die Pracht, womit sie eingerichtet und ausgeschmucket waren, ubertraf alles, was sich seine EinbildungsKraft vorstellen konnte, ungeachtet ihm die Feerei nichts neues war. Allein dieses mal nahm er sich wohl in acht, seiner Neugier, o den Zugel zu lassen, und ging so lange fort, bis er an eine verschlossene Ture von Ebenholz kam, an welcher ein goldener Schlussel steckte. Er versuchte lange vergeblich ihn umzudrehen; aber so bald er den Namen Biribinker ausgesprochen hatte, sprang die Ture von sich selbst auf, und er befand sich in einem grossen Saal, dessen Wande ganz mit crystallenen Spiegeln uberzogen waren. Er wurde von einem diamantnen Cronleuchter erhellt, an welchem in mehr als funf hundert Lampen lauter ZimmetOl brannte. In der Mitte stund ein ovaler Tisch von Elfenbein mit smaragdenen Fussen, fur zwo Personen gedeckt, und zur Seiten zween Schenktische von Lasur-Stein, die mit goldenen Tellern, Bechern, Trinkschalen und anderm Tisch Gerate versehen waren. Nachdem er alles, was sich in diesem Saale seinen Augen darbot, eine gute Weile voller Erstaunen betrachtet hatte, erblickte er eine Ture, durch die er in verschiedene andere Zimmer kam, wovon immer eines das andere an Pracht der Auszierung uberglanzte. Er besah alles Stuck vor Stuck, und wusste nicht mehr, was er davon denken sollte. Die Zugange zu diesem Palast hatten ihm ein zerstortes Schloss angekundiget; das Inwendige schien keinen Zweifel ubrig zu lassen, dass es bewohnt sei; und doch sah und horte er keine lebendige Seele. Er durchging alle diese Zimmer noch einmal, er suchte uberall, und entdeckte endlich in dem letzten noch eine kleine Ture in den Tapeten. Er offnete sie, und befand sich in einem Cabinet, worin die Feerei sich selbst ubertroffen hatte. Ein angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es, ohne dass man die Quelle dieser zauberischen Dammerung entdecken konnte. Die Wande von poliertem schwarzem Granit stellten, wie eben so viele Spiegel, verschiedene Scenen von der Geschichte des Adonis und der Venus mit einer Lebhaftigkeit vor, die der Natur gleich kam, ohne dass man erraten konnte, durch was fur eine Kunst diese lebende Bilder sich dem Stein einverleibet hatten. Liebliche Geruche wie von Fruhlingswinden aus frisch aufbluhenden Blumenstocken herbei geweht, erfullten das ganze Gemach, ohne dass man sah, woher sie kamen, und eine stille Harmonie, wie von einem Concert, das aus tiefer Ferne gehort wird, umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr, und schmelzte das Herz in zartliche Sehnsucht. Ein wollustiges Ruhebett, von welchem ein marmorner Liebes-Gott, der zu atmen schien, den wallenden Vorhang halb hinweg zog, war das einzige Gerate in diesem anmutsvollen Ort, und erweckte in dem Herzen unsers Prinzen ein gehemmisvolles Verlangen nach etwas, wovon er, so neu als er noch war, nur dunkle Begriffe hatte, ob ihm gleich die Tapeten, die er sehr aufmerksam und nicht ohne eine susse Unruhe betrachtete, einiges Licht zu geben anfingen. In diesen Augenblicken stellte sich ihm das Bild des schonen Milchmadchens mit einer neuen Lebhaftigkeit dar, und nachdem er eine Menge vergeblicher Klagen uber ihren Verlust angestimmt hatte, fing er von neuem an zu suchen, bis er es mude wurde. Weil er nun diesesmal nicht glucklicher war als vorher, so begab er sich wieder in das Cabinet mit dem Ruhebette, zog seine Kleider aus, und war im Begriff sich niederzulegen, als eines der unvermeidlichsten Bedurfnisse der menschlichen Natur ihn notigte, sich unter dem Bette umzusehen. Er fand wurklich ein Gefass von Crystall, an welchem noch Merkmale zu sehen waren, dass es vor Zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient hatte. Der Prinz fing schon an es mit Pomeranzen-Blut- Wasser zu begiessen, als er, o Wunder, das crystallene Gefass verschwinden, und an dessen statt eine junge Nymphe vor sich stehen sah, die so schon war, dass es unmoglich hatte scheinen sollen, so sehr uber sie zu erschrecken, als der Prinz wurklich erschrak. Sie lachte ihn so freundlich an, als ob sie einander schon langst gekannt hatten, und ehe er sich noch aus seiner Besturzung erholen konnte, sagte sie zu ihm: Willkommen Prinz Biribinker! Lassen sie sichs nicht verdriessen einer jungen Fee einen Dienst getan zu haben, die ein barbarischer Eifersuchtiger uber zwei Jahrhunderte lang zu einem Werkzeug der niedrigsten Bedurfnisse missbraucht hat. Reden sie aufrichtig, Prinz; finden sie nicht, dass mich die Natur zu einem edlern Gebrauch bestimmt hat? Sie sagte dieses mit einem gewissen Blick, dessen Directions-Linie den bescheidenen Biribinker in einige Verwirrung setzte. Er hatte, wie wir wissen, so viel Witz als man haben kann, aber wir mussen hinzu setzen, eben so viel Unbesonnenheit; er merkte, dass er der Fee etwas verbindliches sagen sollte; weil er aber gewohnt, alles was er sprach, mit einem gewissen Schwung zu sagen, so konnte all sein Witz diesmal nicht verhindern, dass er nicht etwas sehr dummes sagte. Es ist ein Gluck fur sie, schonste Nymphe, antwortete er ihr, dass ich die Absicht nicht haben konnte, ihnen den seltsamen Dienst zu leisten, den ich ihnen unwissender Weise geleistet habe; denn ich versichere sie, dass ich sonst allzuwohl gewusst hatte, was der Wohlstand

O! machen sie nicht so viel Complimente, erwiderte die Fee, in den Umstanden, worin sich unsere Bekanntschaft anfangt, sind sie sehr uberflussig. Ich habe ihnen nichts geringers als mich selbst zu danken, und da wir nicht langer als diese Nacht beisammen bleiben werden, so musste ich mir selbst Vorwurfe machen, wenn ich ihnen Anlass gabe, die Zeit mit Complimenten zu verderben. Ich weiss, dass sie der Ruhebedurftig sind; sie sind schon ausgekleidet, legen sie sich immer zu Bette. Es ist zwar das einzige, das in diesen Gemachern ist, aber es steht ein Sopha in dem grossen Saal, auf dem ich die Nacht ganz bequem werde zubringen konnen.

Madame, versetzte der Prinz, ohne dass er selbst recht wusste, was er sagte, ich wurde in diesem Augenblick der glucklichste unter allen Sterblichen sein, wenn ich nicht der unglucklichste ware. Ich muss ihnen gestehen, ich finde was ich nicht gesucht habe, indem ich suchte, was ich verloren hatte, und wenn nicht der Schmerz, sie gefunden zu haben, die Freude meines Verlusts Nein, die Freude, wollt ich sagen, sie gefunden zu haben

Je nun, wahrhaftig, fiel ihm die Fee ins Wort, ich glaube sie schwarmen! Was wollen sie mir mit allem dem Galimathias sagen? Kommen sie, Prinz Biribinker, gestehen sie mir in guter Prosa, dass sie in ein Milchmadchen verliebt sind.

Sie raten so glucklich, sagte der Prinz, dass ich ihnen gestehen muss

O! daraus haben sie gar kein Bedenken zu machen, fuhr die Fee fort; und in ein Milchmadchen, das sie diesen Morgen in einer schlechten Hutte angetroffen haben, in einem Stall, was man sagen mochte.

"Aber, ich bitte sie, woher wie konnen sie "

Und die auf einer Streu von Pomeranzen-Bluten im Begriff war eine himmelblaue Ziege in einen Kubel von Rubin zumelken nicht wahr?

Wahrhaftig! rief der Prinz, fur eine Person, die vor einer Viertelstunde (nehmen sie mirs nicht ungnadig) noch ich will nicht sagen was? war, wissen sie erstaunlich viel

"Und die davonlief, so bald sie den Namen Biribinker horte "

Aber, ich bitte sie, Madame, woher konnen sie das alles wissen, da sie doch, wie sie sagen, schon zwei hundert Jahre in dem sonderbaren Stande gewesen sind, worin ich die Ehre gehabt habe, sie so unverhofft kennen zu lernen.

Nicht so unverhofft auf meiner Seite als sie sich einbilden, antwortete die Fee; Aber heissen sie ihre Neugierigkeit noch einen Augenblick ruhen. Sie sind abgemattet, und haben den ganzen Tag nichts gegessen; kommen sie mit mir in den Saal, es ist schon fur uns beide gedeckt, und ich hoffe, ihre Treue gegen ihr schones Milchmadchen werde ihnen doch erlauben, mir wenigstens bei Tische Gesellschaft zu leisten. Biribinker merkte den geheimen Verveis sehr wohl, der in diesen Worten lag, er tat aber nicht dergleichen, und begnugte sich mit einem tiefen Reverenz ihr in den Speissaal zu folgen.

So bald sie hinein gekommen waren, ging die schone Cristalline, (so hiess die Fee) zum Camin, und bemachtigte sich eines kleinen Stabs von Ebenholz, an dessen beiden Enden ein diamantner Talisman befestiget war. Nun habe ich nichts weiter zu besorgen, sagte sie, setzen sie sich, Prinz Biribinker; ich bin nun Meisterin von diesem Palast und von vierzig tausend elementarischen Geistern, die der grosse Zauberer, der ihn vor funfhundert Jahren erbaute, zum Dienst desselben bestimmt hat.

Mit diesen Worten schlug sie dreimal an den Tisch, und in dreien Augenblicken sahe Biribinker mit Erstaunen, dass er mit den niedlichsten Speisen besetzt war, und dass die Flaschen auf dem Schenktisch sich von selbst mit Wein anfullten.

Ich weiss, sagte die Fee zum Prinzen, dass sie nichts als Honig essen; versuchen sie einmal von diesem hier, und sagen sie mir, ob sie jemals dergleichen gekostet haben. Der Prinz ass davon und schwur, dass es nichts geringers als das Ambrosia der Gotter sein konne. Er wird, sagte sie, aus den reinsten Duften der unverwelklichen Blumen bereitet, die in den Garten der Sylphen bluhen. Und was sagen sie zu diesem Wein, fuhr sie fort, indem sie ihm eine volle Trinkschale darbot? Ich schwore ihnen, rief der entzuckte Prinz, dass die schone Ariadne dem jungen Bacchus keinen bessern eingeschenkt hat. Er wird, versetzte sie, aus den Trauben gedruckt, die in den Garten der Sylphen wachsen, und dem Gebrauch desselben haben diese schone Geister die unsterbliche Jugend und Munterkeit zu danken, die in ihren Adern wallt.

Die Fee sagte nichts davon, dass dieser Nectar noch eine andere Eigenschaft hatte, die der Prinz gar bald zu erfahren anfing. Je mehr er davon trank, je reizender fand er seine schone Gesellschafterin. Beim ersten Zug bemerkte er, dass sie sehr schone blonde Haare hatte; beim andern wurde er von der Schonheit ihrer Arme geruhrt, beim dritten entdeckte er ein Grubchen in ihrem linken Backen, und beim vierten entzuckte ihn die Weisse und Fulle eines gewissen Busens, der unter dem Nebel eines dunnen Flors seinen Augen nachstellte. Ein so reizender Gegenstand und eine Trinkschale, die sich immer wieder von sich selbst anfullte, waren mehr als er notig hatte, um seine Sinnen in ein susses Vergessen aller Milchmadchen der ganzen Welt einzuwiegen. Was sollen wir sagen? Biribinker war zu hoflich, eine so schone Fee auf dem Sopha schlafen zu lassen, und die schone Fee zu dankbar, als dass sie ihm in einem Hause, wo vierzig tausend Geister herum spukten, ihre Gesellschaft hatte abschlagen konnen. Kurz, die Hoflichkeit wurde auf der einen, und die Dankbarkeit auf der andern Seite so weit getrieben, als es moglich war, und Biribinker bewies sich der guten Neigung vollkommen wurdig, welche Cristalline beim ersten Anblick von ihm gefasst hatte.

Die Fee erwachte, wie die Geschichte sagt, zuerst, und konnte den Ubelstand nicht ertragen, einen so ausserordentlichen Prinzen in so guter Gesellschaft schlafen zu sehen. Prinz Biribinker, sagte sie zu ihm, nachdem sie ihn, man weisst nicht wie erweckt hatte, ich habe ihnen keine gemeine Verbindlichkeiten. Sie haben mich von der unanstandigsten Bezauberung, die jemals ein Frauenzimmer erlitten hat, befreit; sie haben mich an meinem Eifersuchtigen gerochen; nun ist nur noch eins ubrig, und sie konnen sich auf die unbegrenzte Dankbarkeit der Fee Cristalline Rechnung machen.

Und was ist dann noch ubrig, fragte der Prinz, indem er sich die Augen rieb?

So horen sie dann, antwortete die Fee. Dieser Palast gehorte, wie ich ihnen schon gesagt habe, einem Zauberer, dem seine Wissenschaft eine fast unumschrankte Macht uber alle Elemente gab. Allein seine Macht uber die Herzen war desto eingeschrankter. Zum Ungluck war er, trotz seinem hohen Alter und einem schneeweissen Bart, der ihm bis an die Gurtel herab hing, eine der verliebtesten Seelen, die jemals gewesen sind. Er verliebte sich in mich, und ob er gleich die Gabe nicht hatte sich wieder lieben zu machen, so hatte er doch Macht genug um gefurchtet zu werden. Bewundern sie die Wunderlichkeit des Schicksals; ich versagte ihm mein Herz, welches zu gewinnen er sich alle nur ersinnliche Muhe gab, und uberliess ihm meine Person, die ihm zu nichts nutze war. Vor langer Weile wurde er endlich eifersuchtig, aber so eifersuchtig, dass es nicht auszustehen war. Er hatte die schonsten Sylphen zu seiner Bedienung, und doch argerte er sich uber die unschuldigsten Freiheiten, die wir mit einander nahmen. Er brauchte einen nur in meinem Zimmer oder auf meinem Sopha anzutreffen, so war ich schon gewiss dass ich ihn nicht wieder zu sehen bekam. Ich verlangte von ihm, dass er sich auf meine Tugend verlassen sollte, aber auch diese schien dem Unglaubigen keine hinlangliche Burgschaft gegen ein Schicksal, das er so wohl zu verdienen sich bewusst war. Kurz, er schaffte alle Sylphen ab, und nahm zu unsrer Bedienung lauter Gnomen an, kleine missgeschaffene Zwerge, bei deren blossen Anblick ich vor Ekel hatte ohnmachtig werden mogen. Allein wie die Gewohnheit endlich alles ertraglich macht, so versohnte sie mich nach und nach mit der Figur dieser Gnomen, und machte, dass ich zuletzt possierlich fand, was mir anfangs abscheulich vorgekommen war. Es war keiner unter allen, der nicht etwas ubermassiges in seiner Bildung gehabt hatte. Der eine hatte einen Hocker wie ein Camel, der andere eine Nase, die ihm bis uber den Mund herab hing, der dritte Ohren wie ein Faun, und ein Maul, das ihm den Kopf in zwo Halbkugeln spaltete, der vierte einen ungeheuren Wanst; kurz, eine Chinesische Einbildungskraft kann nichts abenteurlichers erfinden als die Gesichter und Figuren dieser Zwerge. Allein der alte Padmanaba hatte nicht bemerkt, dass sich unter seinen Aufwartern einer befand, der in einem gewissen Sinn gefahrlicher war als der schonste Sylphe von der Welt. Nicht, dass er weniger hasslich gewesen ware, als die ubrigen; aber durch ein seltsames Spiel der Natur war bei ihm ein Verdienst, was bei andern zu nichts diente als die Augen zu beleidigen.

Ich weiss nicht, ob sie mich verstehen, Prinz Biribinker?

Nicht allzuwohl, versetzte der Prinz, aber erzahlen sie nur weiter, vielleicht werden sie in der Folge deutlicher werden.

Es stund nicht lange an, fuhr die schone Cristalline fort, so hatte Grigri, (so hiess der Gnome) Ursache zu glauben, dass er mir weniger missfalle als seine Gesellen. Was wollen sie? Man gerat auf allerlei Einfalle, wenn man lange Weile hat, und Grigri hatte eine ausserordentliche Gabe missvergnugten Damen die Zeit zu vertreiben. Mit einem Wort, er wusste meine mussige Stunden (und ich hatte ihrer in der Tat sehr viele) auf eine so angenehme Art auszufullen, dass man nicht zufriedener sein kann als ich es war. Padmanaba bemerkte endlich die ungewohnte Frohlichkeit, die aus meinem Gesicht und aus meinem ganzen Wesen hervor schimmerte. Er zweifelte nicht, dass sie eine andere Ursache haben musste als das Vergnugen, so er selbst mir machte; aber er konnte nicht erraten, was es fur eine sein mochte. Zum Ungluck war er ein grosser Meister in derjenigen Art von Schlussreden, die man Soriten nennt. Er geriet durch eine lange Kette von Schlussen endlich auf die Vermutung, die ihm das ganze Geheimnis anfzuschliessen schien. Er beschloss uns zu beobachten, und nahm seine Zeit so wohl, dass er uns in eben diesem Cabinet bei einem Spiel uberraschte, welches die unerschopfliche Geschicklichkeit des kleinen Grigri ausserordentlich interessant zu machen wusste. Hatten sie es geglaubt, mein Prinz, dass man ein so schlimmes Herz haben konnte, als der alte Zauberer bei dieser Gelegenheit zeigte? An statt grossmutig an meinem Vergnugen Anteil zu nehmen, erzurnte er sich daruber, der Niedertrachtige! Er hatte sich immer erzurnen mogen, dass er nicht Grigri war, aber was konnte unbilliger sein als uns deswegen zu strafen?

In der Tat, sagte Biribinker, nichts unbilligers! denn wenn er nur in einem einzigen Punct Grigri gewesen ware, so bin ich gewiss, dass sie ihm ungeachtet seines langen weissen Bartes den Vorzug vor einem kleinen hasslichen Zwergen gegeben hatten.

Was sagen sie mir von einem kleinen hasslichen Zwerg, erwiderte Cristalline; ich versichere sie, in dem Augenblick, wovon wir reden, war Grigri ein Adonis in meinen Augen. Aber horen sie nur, wie es weiter ging. Nachdem der Alte unsichtbarer Weise unsern Spielen eine Weile zugesehen hatte, trat er endlich hervor und setzte uns in einen Schrecken, der sich leichter einbilden als beschreiben lasst. Er schuttete die ganze Wut uber uns aus, in die ihn ein Anblick gesetzt hatte, der seines Unvermogens zu spotten schien. Ich schame mich ihnen die Complimente zu wiederholen, die er mir bei dieser Gelegenheit machte. Kurz, (denn ich muss Zeit sparen) er verwandelte mich sie wissen wohl worein, und den armen Grigri in eine Hummel.

In eine Hummel, rief Biribinker, das ist sonderbar; so ist vielleicht Herr Grigri von meiner Bekanntschaft.

Mit der Bedingung, fuhr Cristalline fort, dass ich meine Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte, bis ich dem Prinzen Biribinker verzeihen sie meiner Schamhaftigkeit, dass ich den Umstand nicht nenne, worin ich zu erst das Vergnugen hatte sie kennen zu lernen, und in der Tat, ohne ihnen zu schmeicheln, so sehr zu ihrem Vorteil, dass ich in der ersten Besturzung im Begriff war, sie fur den armen Grigri selbst zu halten.

Sie erweisen mir allzuviel Ehre, erwiderte Biribinker, und wenn ich gewusst hatte, dass ihr Herz fur einen so wurdigen Gegenstand eingenommen ware

Ich bitte sie, sagte die Fee, gewohnen sie sich doch die unzeitlichen Complimente ab, die sie so gern zu machen pflegen; sie konnen nicht glauben, wie gezwungen und wunderlich es ihnen lasst. Ich sage ihnen, dass ich die beste Meinung von ihrer Bescheidenheit habe, und ich denke, ich gebe ihnen eine sehr starke Probe davon, da ich mich so nahe bei ihnen sicher glaube. Ich erinnere mich zwar nicht allzuwohl, wie es zugegangen ist, dass wir so vertraulich mit einander worden sind; denn ich gestehe, dass ich aus Vergnugen uber unsere so lang gewunschte Zusammenkunft ein paar Glaser mehr getrunken als ich zu trinken pflege; aber ich hoffe doch, sie werden sich in den Schranken

In der Tat schone Cristalline, fiel ihr der Prinz ins Wort, ich finde ihr Gedachtnis so ausserordentlich als die Tugend, worauf sie wollten, dass der alte Padmanaba sich verlassen sollte; aber sagen sie mir doch, wenn sie es nicht auch vergessen haben, was wurde denn aus der Hummel?

Sie erinnern mich eben recht daran, antwortete die Fee; der arme Grigri! ich hatte ihn wurklich vergessen es ist mir leid, aber der grausame Padmanaba hat seine Befreiung auf eine so ungereimte Bedingung gesetzt, dass ich nicht weiss, wie ich es ihnen werde sagen konnen

Und was kann denn das fur eine Bedingung sein, fragte Biribinker?

Ich begreife nicht, antwortete Cristalline, was sie dem alten Zauberer getan haben konnen, dass er sie in diese Handel eingemischt hat; denn das ist gewiss, dass damals, da alle diese Verwandlungen vorgingen, ihre Alter-Mutter noch nicht einmal geboren war. Mit einem Wort, Grigri soll seine vorige Gestalt nicht wiederbekommen, bis sie Nein! die Delicatesse meiner Empfindungen lasst mir nicht zu, es ihnen zu sagen, und ich begreife nicht, wie ich fahig sein werde, mich dazu zu verstehen; denn sie werden, denk ich, an der Rote, womit der blosse Gedanke daran mein Gesicht uberzieht, schon erraten haben, was es ist.

Ich will selbst gleich zue inem dreifachen Hummel werden, rief Biribinker, wenn ich errate, was sie haben wollen; ich bitte sie, machen sie nicht so viel Umschweife; es ist schon heller Tag, und ich kann mich nicht mehr aufhalten

Wie? sagte die Fee, wird ihnen die Zeit so lange bei mir? bin ich nicht fahig, ihnen ein Milchmadchen nur fur etliche Stunden aus dem Sinn zu bringen? Sie sollten mir wenigstens aus Eigennutz ein wenig den Hof machen; denn ich kann mehr zu ihrem Glucke beitragen als sie sich einbilden.

So sagen sie mir dann geschwind, was ich tun soll, erwiderte Biribinker.

Wie ungedultig sie sind, rief die Fee! Wissen sie also, dass der arme Grigri nicht eher wieder Grigri werden soll, bis der Prinz Biribinker Nun! so raten sie doch Aber das versichere ich ihnen, wenn es nicht um die Wiederherstellung eines alten guten Freundes zu tun ware, ich konnte mich nimmermehr dazu verstehen, das Opfer der Rache zu werden, welche Padmanaba durch ihren Beistand an dem armen Grigri nehmen will.

Er will doch nicht, dass ich ihnen das Leben nehmen soll, sagte der Prinz?

Nun, das muss ich gestehen, antwortete Cristalline, dass sie heute mit einem ausserordentlich harten Kopf aufgewacht sind; Glauben sie denn nicht, dass ein recht eingenommener Liebhaber seine Geliebte lieber sterben als in eines andern Armen sehen wurde?

Ha, ha! Nun versteh ich sie endlich, Madam, sagte Biribinker ganz kaltsinnig; wahrhaftig! ihre Schamhaftigkeit hatte nicht notig gehabt sich so viel Bedenken zu machen, die Sache gerade heraus zu sagen. Aber erlauben sie mir ihrem Gedachtnis ein wenig nachzuhelfen, und sie zu erinnern, dass wenn es mir hieran lage, Grigri schon lange enthummelt sein musste. Es sind noch nicht drei Stunden

Ich glaube, sie haben Zerstreuungen, unterbrach ihn die Fee!

Indessen mussen sie wissen, dass Padmanaba sehr streng uber dem Recht der Wiedervergeltung halt, und dass Grigri nicht eher zu seiner ersten Gestalt gelangen kann, bis sie ihm alle die Beleidigungen wieder geben, welche der Zauberer von ihm empfangen zu haben glaubt.

O! Madame, rief der Prinz, indem er aus dem Ruhebette sprang, ich bin des Herrn Padmanaba gehorsamer Diener; aber wenn es nur auf diesen kleinen Umstand ankommt, so werden sie unter den zehen tausend Gnomen, die ihnen zu Diensten stehen, einen neuen Grigri suchen mussen, um ihren graubartigen Gecken an seinem wundertatigen Nebenbuhler zu rachen (denn daran wird ihnen vermutlich mehr gelegen sein, als dass ihr kleiner Zwerg seine vorige Schonheit wieder bekomme). Was mich betrifft, so denke ich, sie sollten zufrieden sein, dass ich ihnen die ihrige wieder gegeben. Ich sage das nicht, als ob ich mich durch die Gutigkeiten, die sie fur mich gehabt haben, nicht uberflussig fur einen Dienst belohnt halte, der mich so wenig gekostet hat; ich wollte sie nur erinnern, dass die Hauptsache doch immer in dem Umstande liegt, dass sie, an statt ein crystallener Nachttopf zu sein, wieder die Fee Cristalline sind, und dass die Gewalt, die ihnen der Zauberstab des alten Padmanaba gibt, sie gar leicht wegen des Verlusts eines einzigen sollte trosten konnen.

Ich hoffe doch nicht, versetzte Cristalline, dass sie meine Sorge fur den armen Grigri einer eigennutzigen Absicht beimessen? Sie mussten in der Tat weder die Feinheit meiner Empfindungen, noch die Pflichten der Freundschaft kennen, wenn sie nicht begreifen konnten, dass man sich fur einen Freund beeifern kann, ohne einen andern Bewegungs-Grund zu haben, als das Beste dieses Freunds, und ich musste sie bedauren

O! Madame, erwiderte Biribinker, der sich indessen angekleidet hatte, ich bin von der quintessenz-massigen Feinheit ihrer Empfindungen so uberzeugt, als sie es nur verlangen konnen; aber sie sehen, wie bequem dieser Morgen ist, meine Reise fortzusetzen. Sein sie so gutig, sie, deren Herz einer so uneigennutzigen Freundschaft fahig ist, und entdecken mir, auf welchem Weg ich meine geliebte Galactine wieder finden kann: So will ich gegen alle und jede behaupten, dass sie die grossmutigste, die uneigennutzigste, und wenn sie wollen, auch die sprodeste unter allen Feen des Erdkreises sind.

Sie sollen befriediget werden, antwortete Cristalline; gehen sie, und suchen ihr Milchmadchen, weil es doch ihr Schicksal so haben will; ich hatte vielleicht Ursache mit ihrer Auffuhrung nicht allzu sehr zufrieden zu sein, aber ich sehe wohl, dass man es mit ihnen nicht so genau nehmen muss. Gehen sie, Prinz, sie werden im Hof ein Maultier antreffen, welches so lange mit ihnen davon trotten wird, bis sie ihre Galactine gefunden haben; und wofern ihnen wider Vermuten etwas unangenehmes zustossen sollte, so werden sie in dieser Erbsen-Schote ein unfehlbares Mittel dagegen finden.

Wie froh bin ich, unterbrach Don Eugenio die Erzahlung seines Freundes, dass sie ihren Biribinker endlich aus diesem verwunschten Schlosse heraus fuhren! Ich gestehe ihnen, dass ich dieser Cristalline endlich uberdrussig worden bin. Was fur eine abgeschmackte Creatur! Sagen sie nur, sie ist eine Fee, versetzte Don Gabriel, das ist alles gesagt. Sie wollen vermutlich, sagte Don Sylvio, mit grossem Ernst, hiemit nicht zu verstehen geben, als ob es keine hochachtungswurdige Feen gebe; denn es ist unleugbar, dass es solche gibt; indessen ist doch gewiss, dass vielleicht die meisten irgend etwas seltsames und ungereimtes an sich haben, wodurch sie sich von den Sterblichen unterscheiden wollen; wenn anders der Fehler nicht an uns liegt, dass wir sie nach Regeln beurteilen, denen sie als Wesen von einer andern Classe nicht unterworfen sind. Aber ihr Gewasche, sagte Don Eugenio, die Delicatesse ihrer Empfindungen, ihre Tugend! Was sagen sie dazu? Ich halte es fur eine so kitzliche Sache von Feen zu urteilen, dass ich lieber nichts davon sagen will, antwortete Don Sylvio; und das bei dieser Gelegenheit um so mehr, als in der Tat die Geschichte des Prinzen Biribinker in allen Betrachtungen die ausserordentlichste Feen-Geschichte ist, die ich jemals gehort habe. Was den Character der Fee Cristalline betrifft, sagte Don Gabriel, so gibt ihn der Geschichtschreiber fur nichts bessers als er ist, und ich glaube, dass man ihn allenfalls tadelhaft finden konnte, ohne der Ehrfurcht gegen die Feen zu nahe zu treten; im ubrigen werden sie doch gestehen, Don Eugenio, dass ihr Gewasche nicht halb so langweilig ist, als es ihnen aus meinem Munde gewesen sein mag, so bald sie sich an des Prinzen Stelle setzen. Man hort eine schone Person allemal gern, wenn man sie sieht, und wenn sie eine wohl klingende Stimme hat; sie uberzeugt und ruhrt, ohne dass man darauf acht gibt was sie sagt, und wurde gemeiniglich nicht viel dabei gewinnen, wenn man darauf acht gabe. Wenn sie unserm Geschlecht keine schonere Complimente zu machen haben, sagte Donna Felicia, so taten sie besser ihre Erzahlung fortzusetzen, so langweilig sie immer sein mag.

Don Gabriel versprach, sein moglichstes zu tun, um sie kurzweiliger zu machen, und fuhr also fort: Der Prinz Biribinker steckte die Erbsen-Schote zu sich, bedankte sich gegen die Fee fur alle ihre Gutigkeiten, und stieg in den Hof herab. Sehen sie hier, sagte Cristalline, die ihn begleitete, sehen sie hier ein Mauleier, das vielleicht wenige seines gleichen hat. Es stammt in gerader Linie von dem beruhmten trojanischen Pferd und der Eselin des Silenus ab. Von der vaterlichen Seite hat es die Eigenschaft dass es von Holz ist, und weder Futter noch Streue noch Striegel notig hat, und von der mutterlichen, dass es einen uberaus sanften Trab geht, und so gedultig ist wie ein Schaf. Steigen sie auf, und lassen es gehen, wohin es will; es wird sie zu ihrem geliebten Milchmadchen bringen, und wenn sie nicht so glucklich sein werden als sie wunschen, so wird die Schuld nur an ihnen selbst sein.

Der Prinz besahe dieses ausserordentliche Tier von allen Seiten und hatte alle die Wunderdinge, die ihm in diesem Schloss begegnet waren notig, um ihm so viel Gutes zuzutrauen, als ihm die Fee nachgeruhmt hatte. Indessen, dass er aufstieg, wollte ihm Cristalline noch eine Probe geben, dass sie nicht zu viel von ihrer Macht gesagt hatte. Sie schlug mit ihrem Stab dreimal in die Luft, und siehe! auf einmal erschienen alle zehen tausend Sylphen, welche ihr der Stab des Padmanaba untertanig machte; der Hof, die Treppe, die Galerie, und sogar die Dacher und die Luft wimmelte von geflugelten Junglingen, wovon der geringste den vaticanischen Apollo an Schonheit ubertraf. Bei allen Feen, rief Biribinker, von diesem Anblick ausser sich selbst gesetzt, was fur einen glanzenden Hof sie haben! Lassen sie den kleinen Grigri immer eine Hummel bleiben, Madame, und halten sie sich an diese hier; es musste unglucklich sein, wenn unter allen diesen Liebes-Gottern keiner fahig sein sollte, ihnen einen Gnomen zu ersetzen, der ihrem eigenen Gestandnis nach keinen andern Vorzug vor seinen missgeschaffnen Gesellen hatte, als dass er auf eine kurzweiligere Art ungestalt war. Sie sehen wenigstens, versetzte Cristalline, dass es mir nicht an Gesellschaft fehlt, die mich wegen ihrer Unbestandigkeit trosten kann, wenn es mir jemals einfallen sollte, dass ich getrostet sein wollte.

Mit diesen Worten wunschte sie ihm eine gluckliche Reise, und Biribinker trabte auf seinem holzernen Maultier davon, indem er allem demjenigen nachdachte, was ihm in diesem wundervollen Schlosse begegnet war.

Zweites Capitel

Fortsetzung der Geschichte des Prinzen Biribinker

Ich will ihnen, fuhr Don Gabriel in seiner Erzahlung fort, die manchfaltigen Betrachtungen erlassen, welche Biribinker unterwegs mit sich selbst anstellte, um ihnen zu sagen, dass er gegen Mittag, da die Hitze unertraglich zu werden anfing, an dem Eingang eines Waldes abstieg, und sich an den Rand eines kleinen Bachs setzte, der von Baumen und Gebuschen umschattet war. Nicht lange so erblickte er eine Schaferin, die eine kleine Herde rosenfarber Ziegen vor sich her trieb, um sie an dem Bache zu tranken, wo Biribinker im Schatten lag.

Denken sie, Don Sylvio, wie gross seine Entzukkung sein musste, als er in dieser jungen Hirtin sein geliebtes Milchmadchen erkannte! Sie kam ihm noch zehenmal schoner vor, als da er sie das erstemal gesehen hatte; aber was ihn am meisten erfreute, war, dass sie an statt vor ihm zu fliehen immer naher herbei kam, und sich endlich, (wie es schien) ohne ihn zu bemerken, nicht weit von ihm ins Gras setzte. Der Prinz unterstund sich nicht sie anzureden, aber er sahe sie mit so durchdringenden feurigen Blicken an, dass die Steine im Bache bei nahe davon in Glas verwandelt worden waren. Die schone Schaferin, welche sehr kalter Natur sein musste, um von so kraftigen Blicken nicht gerostet zu werden, flochte indessen ganz gelassen einen Blumenkranz, und unterliess nicht von Zeit zu Zeit einen Seitenblick auf ihn zu werfen, worin er nichts weniger als Unwillen zu entdecken vermeinte. Dieses machte ihn so kuhn, dass er naher zu ihr ruckte, ohne dass sie es wahrnahm; den sie spielte eben mit einer kleinen Ziege, die an statt der Haare lauter Silberfaden hatte, und mit Blumenkranzen und rosenfarben Bandern aufs artigste geziert war. Seine Augen sagten ihr aus diesem neuen Stand-Punct nicht weniger schones als zuvor, und die ihrigen antworteten von Zeit zu Zeit so hoflich, dass er sich endlich nicht langer halten konnte, sich zu ihren Fussen zu werfen, und ihr (nach seiner Gewohnheit) in sehr poetischen Redensarten zu wiederholen, was er vorher in einer weit verstandlichern und uberzeugendern Sprache gesagt hatte. Nachdem seine zartliche Elegie zu Ende war, antwortete ihm die schone Schaferin, mit einem Blick, welcher kaltsinniger anfing als aufhorte: Ich weiss nicht ob ich sie recht verstanden habe, wollten sie mir alle diese Weile her nicht sagen, dass sie mich lieb hatten? Himmel! dass ich sie liebe! rief der entzuckte Biribinker, sagen sie, dass ich sie anbete, dass ich meine schmachtende Seele zu ihren Fussen aushauche. Sehen sie, antwortete die Schaferin, ich bin nur ein ganz einfaltiges Madchen, ich verlange nicht, dass sie mich anbeten sollen, und sie sollen auch ihre Seele nicht aushauchen, denn ich denke nicht, dass sie zu viel davon haben; ich wurde wohl zufrieden sein, wenn sie mich nur liebten. Aber ich gestehe ihnen, dass ich schwerer zu uberzeugen bin, als die Fee, mit der sie die vergangene Nacht zugebracht haben Gotter! rief der besturzte Prinz, was hore ich? Wie ist es moglich Wer kann ihnen Woher wissen sie ich weiss nicht was ich sage O! ungluckseliger Biribinker.

Die schone Schaferin tat einen grossen Schrei, ehe er diesen fatalen Namen noch ganz ausgesprochen hatte. Ja wohl ungluckseliger Biribinker, rief sie aus, indem sie sich mit grosser Hastigkeit vom Boden aufraffte; mussen sie mein Ohr schon wieder mit diesem schandlichen Namen beleidigen? Sie zwingen mich sie zu hassen und zu fliehen, da ich Hier wurde die erzurnte Galactine plotzlich von einem Anblick unterbrochen, der dem Prinzen und ihr selbst auf einmal alle andere Gedanken benahm. Sie sahen einen Riesen auf sie zu kommen, der an statt eines Kranzes ein paar junge Eichbaume um den Kopf geflochten hatte, und sich unterm Gehen die Zahne mit einem Zaunpfahl ausstocherte. Er ging gerade auf die Schaferin zu, und donnerte sie mit einer so entsetzlichen Stimme an, dass mehr als zwei hundert Dohlen, die ihre Nester in seinem Bart hatten, mit grossem Gekrachze heraus geflogen kamen. Was hast du hier, rief er, mit diesem kleinen Zwerg, Puppchen? Folge mir augenblicklich, oder ich hacke dich zu kleinen Pastetchen; und du, sagte er zu dem Prinzen, indem er ihn in einen grossen Sack steckte herein in meinen Sack; Nach diesem sehr laconischen Gruss schnurte er den Sack zu, nahm die Schaferin auf den Arm, und trabte davon. Biribinker glaubte in den leeren Raum gesturzt worden zu sein, denn er fiel und fiel immer fort, ohne dass es ein Ende nehmen wollte. Endlich kam er doch auf den Boden, aber stiess den Kopf so stark an einem Weberknopf an, dass er etliche Minuten ganz betaubt da lag, und die Hirnschale gebrochen zu haben glaubte. Nach und nach erholte er sich wie der, und da besann er sich an die Erbsen-Schote, die ihm Cristalline gegeben hatte; er brach sie auf, fand aber nichts als ein kleines Messer von Diamant mit einem Heft von einer Greifen Klaue, kaum so gross, dass man es mit drei Fingern fassen konnte. Ist das alles, dachte er, was die Fee Cristalline fur mich tut? Was will sie, dass ich mit diesem Spielzeug machen soll? Es ist kaum gross genug, dass ich mir die Kehle damit abschneiden konnte und vielleicht ist das auch ihre Meinung. Aber man muss doch alles andere vorher versuchen, ehe man sich die Kehle abschneidt. Ich kann mit diesem Messerchen ein Loch in den Sack bohren, ob es gleich Muhe kosten wird, und wenn ich schon einen Sprung wagen muss, so will ich doch lieber alles wagen als Gefahr laufen, dass dieser verfluchte Popanz kleine Bratwurstchen fur seine Popanzchen aus mir macht. In dieser grossmutigen Entschliessung arbeitete der Prinz Biribinker, oder vielmehr das kleine Messer, worauf ein Talisman eingegraben war, so nachdrucklich, dass er in kurzer Zeit eine ziemliche Offnung in den Sack machte, ungeachtet die Faden des Gewebes so dick waren wie ein Anker-Seile. Er bemerkte, dass die Reise eben durch einen Wald ging, und dachte seine Zeit so gut in Acht zu nehmen, dass er, indem er sich aus dem Sack heraus sturzte, an dem Wipfel eines hohen Baums sich halten konnte. Diesen Anschlag setzte er ungesaumt ins Werk, ohne dass es der Riese gewahr wurde; allein der Ast, an den er sich halten wollte, brach mit ihm, und der gute Biribinker fiel in ein ziemlich tiefes marmornes Brunnen-Becken voll Wassers, welches zu allem Gluck unter ihm lag, denn was er fur einen Wald angesehen hatte, befand sich ein sehr schoner Park, der zu einem nicht weit davon gelegenen Schloss gehorte. Er dachte, indem er untertauchte, zum wenigsten in das Caspische Meer gefallen zu sein, oder besser zu sagen, er dachte gar nichts, so betaubt von Schrecken lag er da, und vermutlich wurde er in seinem Leben das Trockne nicht wieder gesehen haben, wenn nicht eine Nymphe, die sich eben in diesem Brunnen badete, zu seiner Rettung herbei geschwommen ware. Die Gefahr, worin sie einen so schonen jungen Menschen sah, machte sie vergessen, in was fur einem Zustande sie selbst war, und in der Tat hatte er leicht ertrinken konnen, ehe sie ihre Kleider angezogen hatte. Kurz, Biribinker fuhlte, da er zu sich selbst kam, dass sein Gesicht an dem schonsten Busen lag, der jemals gewesen ist, und da er die Augen auftat, sahe er sich am Rande eines grossen Brunnens in den Armen einer Nymphe, die ihm, in dem ungekunstelten Aufzug, worin er sie sah, beim ersten Anblick so viel und noch mehr Leben wieder gab, als er brauchte.

Dieses Abenteuer setzte ihn in ein so angenehmes Erstaunen, dass er kein Wort hervor bringen konnte. Allein die Nymphe merkte kaum, dass er wieder lebte, so riss sie sich von ihm los, und sprang ins Wasser. Biribinker, der sich einbildete, dass sie ihm entfliehen wolle, erhub ein so klagliches Geschrei, als ein kleiner Junge nur immer machen kann, wenn man ihm eine neue Puppe nehmen will. Die schone Nymphe war wohl sehr weit von einem so grausamen Vorhaben entfernt; denn in wenigen Augenblicken sah er sie schon wieder mit einem Rucken, der die Lilien an Glanz ubertraf, aus dem Wasser hervor ragen. Sie hob den Kopf ein wenig empor, aber kaum erblickte sie den Prinzen, so tauchte sie wieder unter, und platscherte unter dem Wasser fort, bis sie an die andere Seite des Brunnens kam, wo ihre Kleider lagen. Allein da sie sah, dass ihr der Prinz folgte, erhub sie sich mit halbem Leib, aber ganz in ihre lange gelbe Haare eingehullt, die ihr in dichten wallenden Locken bis zu den Fussen herab flossen, und seinen lusternen Augen den Anblick von Schonheiten entzogen, welche fahig waren, einen Titon zu verjungen.

Sie sind sehr unbescheiden, Prinz Biribinker, sagte sie, dass sie sich in solchen Augenblicken aufdringen, da man allein sein will.

Vergeben sie mir, schonste Nymphe, antwortete der Prinz, wenn mir ihre Bedenklichkeiten ein wenig unzeitig vorkommen; nach dem Dienst, den sie mir so grossmutig geleistet haben, dachte ich

Man sehe doch, rief die Nymphe aus, was fur einen Ubermut diese Mannsleute haben! Man untersteht sich nicht ihnen die mindeste kleine Hoflichkeit zu erzeigen, ohne dass sie ihre Glossen daruber machen; und ein blosses Werk der Grossmut und des Mitleidens ist in ihren Augen schon eine Aufmunterung, wodurch sie berechtiget zu sein glauben, sich Freiheiten mit uns heraus zu nehmen. Wie? weil ich gutig genug gewesen bin, ihnen das Leben zu retten, so glauben sie vielleicht

Sie sind sehr grausam, unterbrach sie der Prinz, dass sie dasjenige einem unbescheidenen Ubermut beimessen, was eine notwendige Wurkung der Zauberei ihrer Reizungen ist. Wenn sie mir das Leben wieder nehmen wollen, das sie mir gerettet haben (denn wer kann sie gesehen haben, und die Beraubung eines so entzuckenden Anblicks ertragen?) so toten sie mich wenigstens auf eine grossmutige Art; machen sie ein Denkmal ihrer alles bezwingenden Schonheit aus mir, und lassen mich hier in ihrem Anschauen zum Marmorbilde erstarren.

Sie haben, wie ich hore, eine hubsche Belesenheit in den Poeten, versetzte die Nymphe; wo nahmen sie doch diese Anspielung? War nicht einmal eine gewisse Medusa Sie haben ihren Ovidius gelesen, das ist gewiss, und man muss gestehen, dass sie ihrem Schulmeister Ehre machen.

Grausame! rief Biribinker mit Ungeduld, was fur ein Belieben finden sie, die Sprache meines Herzens, welches keinen Ausdruck fur seine Empfindungen stark genug findet, mit den Figuren eines schulerhaften Witzes zu verwechseln? Sie nehmen ihre Zeit sehr ubel, wenn sie disputieren wollen, fiel ihm die Nymphe ein, sehen sie denn nicht, wie viel Vorteile ich in dem Element, worin ich bin, uber sie habe? Aber ich bitte sie, gehen sie hinter diese MyrthenHecken, und erlauben sie mir, dass ich mich ankleide, wenn sie so gut sein wollen Wurde es aber nicht grossmutiger von ihnen sein, wenn sie mir erlaubten, dass ich sie ankleiden hulfe? Glauben sie das? erwiderte die Nymphe; ich danke ihnen fur ihre Dienstfertigkeit; aber ich mochte ihnen nicht gerne Muhe machen, und sie sehen auch, dass ich Leute genug habe, die diese Arbeit besser gewohnt sind als sie.

Mit diesen Worten blies sie in ein kleines Ammons-Horn, so ihr an einer Schnur der grossten und feinsten Perlen am Halse hing, und in einem Augenblick erfullte sich der ganze Brunnen mit jungen Nymphen, die platschernd aus dem Wasser herauf fuhren, und einen Kreis um ihre Gebieterin machten. Biribinker konnte sich jetzt noch weniger entschliessen als zuvor auf die Seite zu gehen; aber die Nymphen erblickten ihm kaum, so spritzten sie ihm eine solche Menge Wassers ins Gesicht, dass er, aus Furcht ein anderer Actaon zu werden, so eilfertig davon lief, als ob er schon Hirschlaufte hatte. Er fuhlte sich alle Augenblicke an die Stirne, da er aber weder Geweih noch Sprossen merkte, so schlich er wieder zuruck, um hinter den Myrthen-Hecken der Ankleidung seiner schonen Nymphe zuzusehen. Allein er kam schon zu spat, die Nymphen waren wieder verschwunden, und indem er hinter der Hecke hervor gehen wollte, fehlte es nicht viel, dass er mit dem Kopf an die Stirne seiner Erretterin angeschlagen hatte; die im Begriff war, ihn zu suchen. Er erstaunte ungemein, da er sie sahe. Wie? Madame, rief er aus, nennen sie das angekleidet sein?

Warum nicht? antwortete die Nymphe; sehen sie denn nicht, dass ich in einen siebenfachen Schleier von Leinwand eingewickelt bin? Das gestehe ich, sagte der Prinz; wenn das Leinwand ist, so mochte ich wohl denjenigen sehen, der sie gewebt hat; denn das feinste Spinnen-Gewebe ist Segeltuch gegen dieses. Ich hatte geschworen, dass es Luft ware. Es ist die feinste Art von gewebtem Wasser, versetzte sie, von einer Art trocknem Wasser, welches von Polypen gesponnen, und von unsern Madchen gewebt wird; es ist die gewohnliche Kleidung, die wir andern Ondinen zu tragen pflegen. Was fur eine andere wollen sie, dass wir haben sollen, da wir uns weder vor Frost noch Hitze zu verwahren brauchen? Der Himmel verhute, sagte Biribinker, dass ich ihnen eine andere wunsche; aber mich deucht, wenn sie es nicht ungnadig nehmen wollen, sie hatten vorhin nicht notig gehabt, so viel Umstande zu machen, wie sie aus dem Bade steigen wollten Horen sie, mein Herr von Honigseim, sagte die Nymphe mit einem kleinen spottischen Naserumpfen, das ihr sehr gut liess; wenn ich ihnen raten durfte, so gewohnten sie sich das moralisieren ab, denn es ist gerade das, worauf sie sich am wenigsten verstehen. Wissen sie denn nicht, dass der Gebrauch uber die Anstandigkeit entscheidet? Man sieht wohl, dass sie die Welt nie anders als in einem Bienen-Korbe gesehen haben, und sie wurden sehr wohl tun, wenn sie nach dem Rat des weisen Avicenna uber nichts urteilten, was sie zum erstenmal sehen. Aber lassen sie uns von etwas anderm reden. Sie haben noch nicht zu Mittag gegessen, nicht wahr? und so verliebt sie immer, mit gewissen Ausnahmen, in ihr Milchmadchen sind, so weiss ich doch wohl, dass sie nicht gewohnt sind, von Seufzern zu leben.

Nach diesen Worten blies sie wieder in ihr kleines Ammonshorn, und augenblicklich stiegen drei Nymphen aus dem Brunnen hervor. Die erste brachte einen kleinen Tisch von Bernstein, der von drei Gratien empor gehoben wurde, die aus einem einzigen Amethyste geschnitten waren. Die andere breitete eine Matte von den feinsten gespaltenen Binsen daruber aus, und die dritte trug ein Korbchen auf dem Kopfe, aus dem sie verschiedene bedeckte Muscheln auf den Tisch stellte. Man sagt mir, sie essen nichts als Honig, sprach die Nymphe zu Biribinker, sie sollen einen kosten, der nicht der schlimmste ist, ob er gleich aus lauter Seegewachsen gezogen wird. Der Prinz versuchte ihn, und fand ihn so gut, dass er bei nahe die Schale mit verschluckt hatte. Wie sie abgespeist hatten, erschienen zwo andere Najaden mit einem kleinen Schenktisch von Saphir, der mit einer Menge Trinkschalen aufgesetzt war. Sie waren alle aus gediegenem Wasser geschnitzt, hart wie Diamant, durchsichtig wie Cristall, und wie es schien mit lauter Brunnenwasser angefullt. Aber wie Biribinker davon kostete, befands sichs, dass die besten persischen Weine Phlegma dagegen waren. Gestehen sie, sagte die Ondine, dass sie hier nicht schlimmer sind, als bei der Fee Cristalline, bei der sie die vergangene Nacht zugebracht haben.

Sie sind allzubescheiden, schonste Ondine, antwortete der Prinz, dass sie sich mit einer Fee vergleichen, die in allen Stucken so weit unter ihnen ist.

Wieder ubel geschlossen! erwiderte die Nymphe; ich sagte das nicht aus Bescheidenheit, sondern nur, um zu horen, was sie mir darauf antworten wurden.

Aber ich bitte sie; meine Gottin, sagte der Prinz, wie geht es zu, dass sie so gute Nachrichten von mir haben? So bald sie mich sehen, nennen sie mich bei meinem Namen Sie sehen daraus, antwortete die Nymphe, dass ich eine so gute Kennerin bin als die Fee Cristalline "Sie wissen, dass ich in einem Bienen-Korb erzogen worden bin" das riecht man ihnen auf zwanzig Schritte weit an-"dass ich ein Milchmadchen liebe" O! ja, wie man noch nie geliebt hat, und dass sie noch verliebter sind, seit dem sie eine Schaferin worden ist; und wer weisst, wie weit sie ihr Gluck getrieben hatten, wenn nicht der Riese Caraculiamborix Aber haben sie keinen Kummer; sie sollen sie wieder sehen, und so glucklich sein, als man in Besitz eines Milchmadchens nur immer sein kann.

O! rief Biribinker, bei dem die Getranke der Ondine machtig zu wurken anfingen, kann man etwas anders zu sehen oder zu besitzen wunschen, nachdem man sie gesehen hat, gottliche Ondine? Ich erinnere mich nur nicht mehr, dass ich vorher Augen hatte, und der Augenblick, da ich sie zum erstenmal sah, ist der Anfang meines Daseins. Ich kenne und wunsche mir keine andere Gluckseligkeit, als zu ihren Fussen von dem Feuer verzehrt zu werden, das ihr erster Blick in meiner Brust entzundet hat.

Prinz Biribinker, antwortete die Ondine, sie haben einen schlimmen Lehrmeister in der Redekunst gehabt; Ich hatte gedacht, die Fee Cristalline sollte ihnen die lacherliche Meinung benommen haben, dass man uns Unsinn vorsagen musse, um uns die Heftigkeit seiner Leidenschaft zu beweisen. Ich wette was sie wollen, dass es nicht wahr ist, dass sie zu meinen Fussen verzehrt zu werden wunschen; glauben sie mir, ich weiss besser was sie wunschen, und sie wurden mehr dabei gewinnen, wenn sie naturlich mit mir reden wollten. Diese schwulstige Sprache, die sie sich angewohnt haben, ist vielleicht gut, Milchmadchen zu ruhren; aber, lassen sie sich ein fur allemal sagen, dass man uns nicht nach einerlei Methode behandeln muss. Ein Frauenzimmer, das den Averroes so lange studiert hat, wie ich, wird durch keine poetische Blumchen gewonnen; man muss uns uberzeugen konnen, wenn man uns ruhren will, und die Macht der Wahrheit ist das einzige, was uns notigen kann, uns zu ergeben.

Biribinker war es zu sehr gewohnt von den Damen, denen er in die Hande fiel, gehofmeistert zu werden, als dass er sich durch einen Verweis hatte kleinmutig machen lassen sollen, der ihm die Mittel zeigte, wodurch man bei den Schulerinnen des Averroes glucklich werden kann; und in der Tat fuhlte er, dass es ihn weit weniger Muhe kosten werde, sie durch die Energie der Wahrheit, als durch spitzfundige und schwulstige Liebes Erklarungen zu uberwaltigen. Die Reizungen der Ondinen ubertreffen, nach dem vollgultigen Zeugnis des Grafen von Gabalis, alles, was den Besitz der schonsten unter den Tochtern der Menschen begehrenswurdig macht. Kurz, Biribinker wurde nach und nach so naturlich und uberzeugend, als sie es nur wunschen konnte, und ob sie gleich eine genaue Beobachterin dessen war, was man Gradationen nennt, so wusste sie doch die Zeit so gut einzuteilen, dass es eben Nacht wurde, wie der Prinz die Uberzeugung bis zu derjenigen Evidenz trieb, die keinen Zweifel ubrig lasst. Die Geschichte sagt weiter nichts von dem, was zwischen ihnen vorgegangen, als dass sich Biribinker des Morgens, da er erwachte, zu seinem nicht geringen Erstaunen, auf eben dem Ruhebette, in eben dem Zimmer, in eben dem Palast, und in dem namlichen Zustande befand, worin er des Morgens zuvor gewesen war.

Die schone Ondine, welche, man weisst nicht warum? sich nicht weit von ihm befand, merkte kaum, dass er erwacht war, als sie ihn, mit einer Anmut, die ihn vor etlichen Stunden eben so sehr entzuckt hatte, als sie ihn jetzt gleichgultig liess, also anredete: Das Schicksal, mein lieber Biribinker, hat sie dazu ausersehen, sich ungluckliche Feen verbindlich zu machen. Da ich das Vergnugen habe, eine davon zu sein, so ist es billig, dass ich sie berichte, wer ich bin, und wie viel ich ihnen zu danken habe. Wissen sie also, dass ich eine von denjenigen Feen bin, die man Ondinen nennt, weil sie das Element des Wassers bewohnen, aus dessen subtilesten Atomen ihr Wesen zusammen gesetzt ist. Man nannte mich Mirabella, und der Stand einer Fee mit dem Rang, den mir meine Geburt unter den Ondinen gab, hatte mich glucklich machen konnen, wenn irgend etwas fahig ware, uns gegen die Einflusse eines feindseligen Gestirns zu schutzen. Das meinige verurteilte mich, von einem alten Zauberer geliebt zu werden, dem seine tiefe Wissenschaft eine unbegrenzte Gewalt uber die elementarischen Geister gab. Allein bei allem dem war er der unangenehmste Mensch von der Welt, und ohne die Freundschaft eines Salamanders, der ein Gunstling des alten Padmanaba war

Wie? rief der Prinz, Padmanaba, sagen sie? der Mann mit dem schneeweissen Ellenlangen Bart, der arme Madchens, die Langeweile haben, in Nachtgeschirre und kurzweilige Gnomen in Hummeln verwandelt?

Eben dieser, versetzte die Ondine, war es, der sich die Rechte eines Ehemanns uber mich anmasste, ohne zu den Pflichten dieses Characters die mindeste Tuchtigkeit zu haben. Eine meiner Vorgangerinnen, die er in den Armen eines hasslichen Gnomen uberraschte, hatte ihn so misstrauisch gemacht, dass er auf seinen eigenen Schatten eifersuchtig war. Er hatte alle Gnomen abgeschafft, und dafur lauter Salamander angenommen, deren feurige Natur, wie er dachte, geschickter war, Schrecken als Liebe einzuflossen. Sie erinnern sich ohne Zweifel aus ihrem Ovidius an die schone Semele, die in der Umarmung eines Salamanders zu Asche wurde. Aber der gute Alte vergass mit aller seiner Vorsichtigkeit, dass die wasserichte Natur der Ondinen sie vor einer solchen Gefahr vollkommen sichert, und das gedampfte Feuer der Salamander zu einer sanften Hitze massiget, die der Liebe nicht wenig gunstig ist. Padmanaba verliess sich so vollig auf seinen Gunstling, dass er uns alle Freiheit liess, die wir nur wunschen konnten. Sie bilden sich vielleicht ein, Prinz Biribinker, dass wir uns diese Gelegenheit nach der Weise materieller Liebhaber zu Nutze gemacht haben wurden; aber sie irren sich. Flox, so hiess mein Freund der Salamander, war zu gleicher Zeit der zartlichste und der geistigste Liebhaber von der Welt. Er merkte gleich, dass mein Hetz nur durch den Verstand gewonnen werden konne, und trieb seine Gefalligkeit gegen meine Delicatesse so weit, dass er gar nicht einmal zu bemerken schien, dass ich, wie sie sehen, eine ziemlich feine Haut, eine nicht ganz gleichgultige Figur, und ein paar niedliche kleine Fusschen hatte, mit denen ich im Notfall so fertig zu reden wusste, als eine andere mit den Augen. Mit einem Wort, er ging mit mir um, als ob ich lauter Geist gewesen ware. An statt wie andere Liebhaber mit mir zu tandeln, analysierte er mir die geheimnisvollen Schriften des Averroes; wir sprachen ganze Tage lang von unsern Empfindungen, und ob es gleich im Grund immer eben dieselbigen waren, so wussten wir ihnen doch so vielerlei Wendungen zu geben, dass wir immer etwas neues zu sagen schienen, wenn wir in der Tat immer einerlei sagten. Sie sehen, mein Prinz, dass nichts unschuldigers sein konnte, als unsere Freundschaft, oder, wenn sie es so nennen wollen, unsere Liebe. Und doch konnte uns weder die Lauterkeit unsrer Absichten, noch die Vorsichtigkeit einer jungen Gnomide, die in meinen Diensten, und in der Tat, ein dummes kleines Ding war, vor den boshaften Beobachtungen so vieler Augen, die der Neid auf uns offen hielt, sicher stellen. Verschiedene Salamander, von den Vorzugen beleidigt, die ich meinem Freund uber sie gab, unterstunden sich, uber unsern Umgang gewisse Glossen zu machen, die sich (ihrem Vorgehen nach) auf gewisse Vertraulichkeiten grundeten, die sie zwischen uns wahrgenommen haben wollten. Der eine bemerkte, dass ich ausserordentlich munter sei, und dass ein gewisses Feuer in meinen Augen blitze, welches lange Zeit darin erloschen gewesen war; ein anderer konnte nicht begreifen, dass meine Lust zur Philosophie gross genug sein konne, um mir so gar in meinem Schlafzimmer Lectionen darin geben zu lassen; ein dritter wollte eine gewisse Sympathie unserer Knien und Ellenbogen, und ein vierter ich weiss nicht was fur ein geheimes Verstandnis zwischen unsern Fussen entdeckt haben. Sie sehen, mein Prinz, dass, wenn auch in einer von den Zerstreuungen, denen die metaphysischen Seelen am haufigsten unterworfen sind, etwas dergleichen vorgegangen ware, man doch die Bosheit und materielle Denkungs-Art unserer Feinde haben musste, um solche Kleinigkeiten zum Nachteil einer Tugend auszudeuten, die sich jederzeit durch die strengsten Grundsatze in der Sittenlehre in einem festgesetzten Ansehen erhalten hatte.

Inzwischen wurde das Gemurmel unserer Missgunstigen so laut, dass es endlich auch vor den alten Padmanaba kam, der nur allzu geneigt war, dergleichen Eingebungen ein aufmerksames Ohr zu leihen. Er wurde desto starker dadurch aufgebracht, je grosser die Meinung gewesen war, die er von meiner Tugend oder wenigstens von der Kalte meines Bluts gefasst hatte. Man machte einen Anschlag, uns zu uberraschen, und es gelung endlich unsern Feinden, uns in einer von den obgedachten Zerstreuungen anzutreffen, die, zum Ungluck, stark genug war, dass wir etliche Augenblicke den Gebrauch unserer Sinne verloren zu haben schienen. Die donnernde Stimme des furchtbaren Padmanaba weckte mich endlich aus einer Art von Entzuckung, worin es sehr unangenehm ist, unterbrochen zu werden, sie konnen sich vorstellen, ob ich betroffen war, da ich in einem so delicaten Umstand, mich von so vielen Augen beleuchtet sah. Indes verliess mich doch die Gegenwart des Geistes nicht ganz; ich bat meinen alten Gemahl, mich nicht eher zu verurteilen, bis er meine Rechtfertigung gehort hatte, und war im Begriff, ihm aus dem siebenten Capitel der Metaphysik des Averroes zu beweisen, wie betruglich das Zeugnis der Sinne sei, als er mich mit diesen Worten unterbrach: Ich habe dich zu sehr geliebt, Undankbare, als dass ich fahig ware, die Rache an dir zu nehmen, die meine beleidigte Ehre fordert. Deine Strafe soll nichts anders als eine Probe der Tugend sein, an welche du noch Anspruche zu machen verwegen genug bist. Ich verbanne dich, fuhr er fort, indem er mich mit seinem Stab beruhrte, in die Bezirke des Parks, der dieses Schloss umgibt; behalte deine Gestalt und die Vorrechte deines Feen-Standes, aber verliere beides, und verwandle dich in das hasslichste Crocodil, so oft du mit jemand, wer er auch sei, in eine Zerstreuung fallst wie diejenige war, worin ich dich hier gefunden habe. Wie sehr bedaure ich, dass es nicht in meiner Gewalt ist, diese Bezauberung unaufloslich zu machen! Aber die Zukunft wird, wie ich besorge, einen Prinzen hervor bringen, dessen wunderbares Gestirn aller meiner Macht Trotz bietet.

Alles, was ich tun kann, ist, die Auflosung meiner Bezauberungen an die Talismanische Kraft eines so seltsamen Namens zu binden, dass er vielleicht in vielen Jahrtausenden in keiner Sprache des Erdbodens wird gehort werden. Nachdem Padmanaba diese geheimnisvollen Worte gesprochen hatte, ward ich durch eine unsichtbare Gewalt in den Brunnen versetzt, wo sie mich zuerst gesehen haben, und bald darauf erfuhr ich, dass der Alte aus Verdruss uber meine vermeinte Untreue das Schloss verlassen habe, ohne dass man wisse, was aus ihm oder meinem geliebten Salamander geworden sei. Ich war untrostbar uber den Verlust des letztern, und machte meinen Nymphen etliche Tage lang so abscheuliche Gesichter, dass einige davon in Gichter fielen, und andere vor Angst auf der Stelle nieder kamen. Allein wie kein heftiger Schmerz langwierig sein kann, so wahrete auch der meinige nur so lange, bis ich mich erinnerte, dass mir Padmanaba doch ein Mittel gelassen hatte, die Ehre meiner Tugend zu retten. Was soll ich ihnen sagen, Prinz Biribinker? Mehr als funfzig tausend Prinzen und Ritter haben seit mehr als einem Jahrhunderte das Abenteuer vergeblich unternommen, das sie allein fahig waren, zu Stande zu bringen. Von was fur Klagen, was fur Verwunschungen erschallte nicht dieser Wald, wenn diese Unglucklichen statt einer reizenden Nymphe, die sie umfangen wollten, plotzlich ein ungeheures Crocodil der Abscheu, den eine so demutigende Erinnerung mir verursacht, lasst mich nicht weiter reden; es ist wahr, diese hassliche Verwandlung horte sogleich wieder auf, aber jeder neuer Versuch, den sie machen wollten, sie aufzulosen, hatte jedesmal den namlichen Erfolg. Dieser Brunnen, welcher ehemals die gewohnliche Grosse hatte, ist allein durch ihre Tranen so gross und tief geworden, dass er, wie sie gesehen haben, einem kleinen See ahnlich sieht; und viele, die sich aus Verzweiflung hinein sturzten, wurden einen feuchten Tod darin gefunden haben, wenn meine Nymphen sie nicht aufgefangen, und wieder mit dem Leben ausgesohnt hatten. Sie allein, glucklicher Biribinker, waren machtig genug, eine Bezauberung zu vernichten, die mich in die traurige Notwendigkeit setzte, so viele tausende zu Zeugen meines Unglucks zu machen.

Aber eben das ist etwas, das ich noch nicht recht einsehe, sagte der Prinz. Wozu hatten sie alle diese Zeugen notig? Mir deucht, die Ehre ihrer Tugend, wie sie es nennen, ware am besten gerechtfertiget worden, wenn sie sich nie in den Fall gesetzt hatten ein Crocodil zu werden. So schliessen sie und ihres gleichen, erwiderte Mirabella. Sagen sie mir einmal, was fur Ehre kann eine erzwungene Tugend machen? Welches Frauenzimmer ist nicht fahig, ihren Begierden Gewalt anzutun, wenn sie zu gleicher Zeit die Unmoglichkeit, sie zu befriedigen, und eine schimpfliche Strafe vor Augen sieht? Aber der Liebe zur Tugend die Furcht der Schande, ja in gewissem Sinn die Tugend selbst aufopfern, das ist ein Grad von moralischem Heldenmut, dessen nur die edelsten Seelen fahig sind.

Erklaren sie mir doch das deutlicher, sagte Biribinker, ich bin sonst eben nicht der dummste, aber ich will gehangen sein, wenn ich ein Wort von allem, was sie da sagten, verstanden habe.

Unsere Tugend, erwiderte die Fee, ist nur alsdann ein Verdienst, wenn es in unserer Willkur stehet, ob wir sie behalten oder verlieren wollen. Lucretia wurde nie als ein Muster der Keuschheit aufgestellt worden sein, wenn sie den jungen Tarquinius in die Unmoglichkeit gesetzt hatte, einen Versuch auf ihre Ehre zu machen. Eine alltagliche Tugend wurde ihr Schlafzimmer verriegelt haben; die erhabene Lucretia liess es offen. Sie tat noch mehr, sie ergab sich so gar, um Gelegenheit zu haben, durch das grosse Opfer, das sie der beleidigten Tugend brachte, der Welt zu zeigen, dass der kleinste Flecken, der ihren Glanz verdunkelt, mit Blut ausgeloscht zu werden verdient.

Sie sehen aus diesem Beispiel, mein Prinz, wie weit die gelauterte Denkart grosser Seelen uber die gemeinen Begriffe des moralischen Pobels erhaben ist. Um eine Bezauberung aufzulosen, die meiner Tugend ihren grossten Wert, die Freiwilligkeit und das Vergnugen der besiegten Schwierigkeit raubte, musste ich mich so oft in den Fall setzen sie zu beleidigen, bis ich denjenigen gefunden hatte, der mich von einer Strafe befreien konnte, wovon die blosse Vorstellung meiner edlen Denkungsart unertraglich war. Nun verstehen sie mich doch, hoffe ich?

Unvergleichlich, rief Biribinker aus, sie erklaren sich immer dunkler. Aber das muss ich gestehen, dass sie, wenn sie es nicht ubel nehmen wollen, die allersonderbarste Preciose sind, die man vielleicht jemals in der Welt gesehen hat. Was sagen sie, versetzte die schone Ondine sehr lebhaft? Wie? eine Preciose? ich? eine Preciose, sagen sie? Wahrhaftig sie kennen mich sehr schlecht, oder sie mussen in ihrem Leben keine Preciose gesehen haben. Was finden sie geziertes oder gekunsteltes an meiner Person, an meinen Manieren, an meiner Kleidung, an meiner Art, mich auszudrukken? Was ist gezwungenes Mit einem Wort, wollen sie, dass ich ihnen Proben gebe, dass ich keine Preciose bin? Biribinker erschrak uber diesen unverhofften Antrag so sehr als uber die Art, wie sie ihm bewies, dass es ihr Ernst sei. O! Madam, erwiderte er, ich glaube alles, was sie wollen! Ich brauche keine Probe, und ich sehe auch nicht wie ihre Tugend Meine Tugend, rief die Fee! Eben meine Tugend fordert von mir, sie zu uberzeugen, dass ich keine Preciose bin. Wenn sie keine Preciose sind, antwortete Biribinker, so schwore ich ihnen, dass ich kein Salamander bin, und dass meine Natur nicht feurig genug ist

Fi, sagte die Ondine, schamen sie sich nicht, vor einem Frauenzimmer so unanstandig zu reden? Was bilden sie sich ein? Wer fordert denn etwas von ihrer Natur, oder was geht es mich an, ob sie kalt oder feurig ist? Lassen sie sich sagen, dass sie ein Mensch ohne Delicatesse sind, der weder die Ohren noch die Wangen einer Dame zu schonen weisst. Wissen sie denn nicht, dass es ein Verbrechen ist, ein Frauenzimmer um einer Kleinigkeit willen erroten zu machen. Unsere Tugend O! Madame, fiel ihr Biribinker in die Rede, ich bitte sie, nennen sie mir dieses Wort nicht mehr! Wenn sie nur wussten, wie es ihren schonen Mund verzerrt! Und erlauben sie mir, ihnen mit aller der Delicatesse, deren ich fahig bin, zu sagen, dass ich so viel getan zu haben glaube, als man von einem braven Mann fordern kann, indem ich ein Abenteuer zu Stande gebracht, woran funfzig tausend tapfere Helden zu kurz gefallen sind. Was noch mehr zu tun sein mag, uberlasse ich den Salamandern, Sylphen, Gnomen, Faunen und Tritonen, welche nunmehr ein offenes Feld haben, ihre Tugend im Atem zu erhalten. Alles, warum ich sie bitte, ist ihr Schutz und meine Entlassung.

Was ihre Entlassung betrifft, antwortete die schone Mirabella, die konnen sie sich selbst geben, denn sie wissen, dass ich sie nicht gerufen habe. Wenn sie aber meinen Schutz verlangen, so kann ich ihnen nicht bergen, dass ihr Gluck von ihrer eigenen Auffuhrung abhangt. Wenn sie so fortfahren, so wird der Schutz aller Feen der ganzen Welt an ihnen verloren sein. Hat man jemals einen Liebhaber gesehen, wie sie sind? Sie ziehen den ganzen Tag in der Welt herum, ihre Geliebte zu suchen, und bringen die ganze Nacht in den Armen einer andern zu; den folgenden Morgen geht ihre Liebe wieder an, und den Abend drauf ihre Untreue. Was wollen sie, dass aus einer solchen Auffuhrung endlich werden soll? Ihre Schaferin musste ausserordentlich gedultig sein, wenn sie sich diese neue Art zu lieben gefallen lassen wollte Wahrhaftig! rief der Prinz, es steht ihnen recht wohl an, mir Vorwurfe von dieser Art zu machen! Ich mag nicht reden Aber glauben sie mir, ihr moralisieren fangt mir an beschwerlich zu werden, so eine grosse Meisterin sie immer darin sein mogen. Sagen sie mir lieber, wie ich meine geliebte Galactine aus den Handen des verfluchten Riesen befreien kann, der sie gestern davon fuhrte.

Bekummern sie sich nicht um den Riesen, sagte die Fee; ein Nebenbuhler, der sich die Zahne mit einem Zaunpfahl ausstochert, ist nicht halb so furchterlich, als sie sich einbilden, und ich kenne einen gewissen Gnomen, der ihnen, so klein er ist, mehr Eintrag tun konnte als Caraculiamborix, wenn er gleich noch etliche hundert Ellen langer ware als er ist. Kurz, sorgen sie fur nichts, als wie sie ihre Schaferin wieder besanftigen wollen, das ubrige wird sich von selbst geben; und sollten sie ja in Umstande kommen, wo sie meiner Hulfe benotiget waren, so zerbrechen sie nur dieses Straussen-Ei, das ich ihnen gebe; es wird ihnen, auf mein Wort, keine geringere Dienste tun als die Erbsen-Schote der Fee Cristalline.

Kaum hatte Mirabella das letzte Wort ausgesprochen, so verschwand sie, das Cabinet und der Palast, und Biribinker befand sich, ohne zu wissen, wie es zuging, an dem namlichen Orte, wo ihn der Riese Caraculiamborix bei seiner Schaferin uberfallen hatte. Man kann nicht erstaunter sein, als er es uber die seltsame Dinge war, die ihm seit seiner Flucht aus dem grossen Bienenkorbe begegnet waren. Er rieb sich die Augen, kneipte sich in die Arme, zog sich bei der Nase, und hatte gerne gefragt, ob er oder ein anderer der Prinz Biribinker sei, wenn er jemand hatte fragen konnen. Je mehr er nachdachte, desto wahrscheinlicher kam es ihm vor, dass alles nur ein Traum gewesen sei; und er fing schon an, sich in dieser Meinung zu bestarken, als er eine Jagerin aus dem Gebusch hervor kommen sahe, die an Gestalt und Anstand nichts geringers als Diana selbst zu sein schien. Ihr grunes Gewand, mit goldnen Bienen durchwurkt, war bis an die Knie aufgeschurzt, und unter ihrem Busen mit einem Gurtel von Diamanten gebunden; ein Teil ihrer schonen Haare war mit einer Perlenschnur in einen Knoten geknupft, der Rest flatterte in kleinen Locken um ihre weisse Schultern. In der Hand trug sie einen Jagdspiess, und ein goldner Kocher klang auf ihrem Rucken. Diesmal, dachte Biribinker, weiss ich es doch gewiss, dass ich nicht traume, und indem er das dachte, kam ihm die Jagerin so nahe, dass er seine geliebte Galactine in ihr erkannte. Noch niemals war sie ihm so bezaubernd vorgekommen, als in diesem Aufzug, der ihr das Ansehen einer Gottin gab. Er vergass auf einmal der Cristallinen und Mirabellen, die ihn vor kurzem so sehr bezaubert hatten, und indem er sich zu ihren Fussen warf, bezeugte er sein Vergnugen, sie wieder gefunden zu haben, in so lebhaften Ausdrucken, dass es der getreueste unter allen Liebhabern nicht besser hatte machen konnen. Allein die schone Galactine wusste mehr von seinen Begebenheiten, als er sich einbildete. Wie? sagte sie, indem sie ihr anmutiges Gesicht mit einem Unwillen, der ihm nur neue Reizungen gab, von ihm wegwandte; unterstehst du dich noch, vor meine Augen zu kommen, nachdem du dich durch wiederholte Beleidigungen der Gnade verlustig gemacht, die ich dir schon einmal widerfahren liess? Gottliche Galactine, antwortete ihr Biribinker, zurnen sie nicht mit mir, wenden sie ihre Augen nicht so von mir ab, wenn sie nicht wollen, dass ich auf der Stelle zu ihren Fussen sterben soll. Weg mit diesem Unsinn, sagte die schone Jagerin, den du gewohnt bist an eine jede zu verschwenden, die dir in den Weg kommt; du hast mich nie geliebt, Wankelmutiger; wer alle liebt, liebt keine.

Niemals, rief Biribinker, mit tranenden Augen, niemals hab ich eine andere geliebt als sie; und das ist so wahr, dass ich darauf schworen wollte, dass alles nur ein Traum war, was mir in einem gewissen Schlosse begegnet ist. Wenigstens versichere ich Ihnen, dass die Zerstreuungen, die sie mir so ubel auslegen, ein blosses Spiel der Sinnen waren, woran mein Herz nicht den geringsten Anteil hatte. Eine feine Distinction, erwiderte die Jagerin; Zerstreuungen nennen sie das? ich sage ihnen, dass ich keinen Liebhaber verlange, der solchen Zerstreuungen unterworfen ist. Ich habe die Philosophie des Averroes nie studiert, und ich bin eine so materielle Creatur, dass ich nicht begreifen kann, wie das Herz meines Liebhabers unschuldig sein kann, wenn mir seine Sinnen untreu sind

Vergeben sie mir nur noch dieses einzige mal, sagte Biribinker schluchzend Ich, ihnen vergeben? unterbrach ihn die schone Galactine; und warum sollte ich ihnen vergeben? Sehen sie mich einmal an; ist man vielleicht mit einem Gesicht, wie das meinige, zum Vergeben genotigt? Oder meinen sie, dass ich, um Liebhaber zu haben, wenn ich ihrer haben will, so gedultig sein musse, als sie mich gerne finden mochten? Glauben sie mir, es liegt nur an mir, unter zwanzig andern, zu wahlen, die den Wert eines Herzens, das sie so mutwillig von sich werfen, besser zu schatzen wissen.

Diese Worte, ob sie gleich mit einem Blick begleitet waren, der ihre Strenge zum wenigsten um die Halfte milderte, brachten den armen Biribinker vollends zur Verzweiflung. Was hor ich, rief er, Grausame? So wollen sie dann meinen Tod? Konnen meine Tranen sie nicht erweichen? Nein, bei allen Gottern! ehe ich zugeben werde, dass ein anderer als Biribinker O! verhasstestes unter allen Ungeheuern, rief die ergrimmte Galactine, lassest du mich noch einmal diesen abscheulichen Namen horen, der mir schon zweimal die Seele durchbohrt hat? Flieh auf ewig aus meinen Augen, oder erwarte das argste von dem immerwahrenden Hass, den ich dir und deinem unseligen Namen geschworen habe.

Biribinker zitterte an allen Nerven, wie er seine Schone auf einmal in eine so heftige Wut ausbrechen sah; er verfluchte im Ubermass seines Schmerzens den Namen Biribinker, und denjenigen, der ihm denselben gegeben hatte; und er wurde vielleicht (denn fur gewiss will ich es eben nicht sagen,) mit dem Kopf wider die nachste Eiche angeloffen sein, wenn er nicht in eben dem Augenblicke sechs wilde Manner erblickt hatte, die in vollem Lauf aus dem Wald hervor sturmten, und vor seinen Augen sich der schonen Jagerin bemachtigten. Diese Wilden hatten eine mehr als menschliche Statur, um das Haupt und die Lenden waren sie mit Eichen-Zweigen bekranzt, auf der linken Schulter trugen sie eine stahlerne Keule, und Biribinker fand sie in diesem Aufzug so furchterlich, dass er, seiner angebornen Tapferkeit ungeachtet, allen Mut verlor, seine Geliebte aus ihren Handen zu retten. In dieser dringenden Not erinnerte er sich an das Straussen-Ei, das ihm die Fee Mirabella gegeben hatte, er zerbrach es mit bebender Hand, und erstaunte, wie man denken kann, so sehr als jemals, da er eine unendliche Menge von kleinen Nymphen, Tritonen und Delphinen heraus wimmeln sah, die sich augenblicklich in Lebens-Grosse ausdehnten, und die einen aus ihren Wasser-Krugen, die andern aus ihren Naslochern eine so ungeheure Menge Wassers ausgossen, dass in weniger als einer Minute ein See um ihn her entstund, der den ganzen Horizont erfullte. Er selbst befand sich auf dem Rucken eines Delphins, der so sanft mit ihm davon schwamm, dass er keine Bewegung spurte, und die Nymphen und Tritonen, die um ihn her platscherten, bemuhten sich, ihm durch Musik und mutwillige Spiele eine Lust zu machen. Aber Biribinker sahe nur nach dem Orte, wo er seine geliebte Galactine den Wilden hatte uberlassen mussen, und da er, so weit sein scharfster Blick reichte, um und um nichts als Wasser sahe, betrubte er sich so herzlich, dass er sich etliche mal in die See sturzen wollte. Er wurde es auch gewiss getan haben, wenn er nicht besorgt hatte, einer von den Nymphen, die um seinen Delphin schwammen, in die Arme zu fallen; welches ihn, (wie er sehr weislich davor hielt,) leicht in eine Versuchung hatte setzen konnen, worin die ewige Treue, die er seiner Schonen nunmehr angelobt hatte, in Gefahr gekommen ware. Er trieb diesmal die Vorsichtigkeit so weit, dass er sich ein seidenes Schnupftuch um die Augen band, aus Furcht, von den Schonheiten zu sehr geruhrt zu werden, die durch tausend verfuhrerische Bewegungen seinen Augen nachstellten.

Auf diese Weise war er ohne den geringsten widrigen Zufall schon ein paar Stunden fort geschwommen, als er es endlich wagte, das Schnupftuch ein wenig weg zuschieben, um zu sehen, wo er ware. Er fand zu seiner grossen Beruhigung, dass die Nymphen verschwunden waren; hingegen gewahrete er in der Ferne etwas, das wie der Rucken eines grossen Geburges uber die Wellen hervor ragte; er merkte auch, dass die See ausserordentlich ungestum wurde, und bald darauf erhub sich ein so entsetzlicher Sturmwind mit so gewaltigen Regengussen, dass es nicht anders war, als ob ein ganzer Ocean aus der Luft herab sturzte.

Der Urheber dieses Unwesens war ein Walfisch, aber ein Walfisch, dergleichen man nicht alle Tage sieht; denn diejenigen, die man an den Gronlandischen Kusten zu fangen pflegt, waren in Vergleichung mit ihm nicht viel grosser als die winzigen Tierchen, die man durch Vergrosserungs-Glaser bei vielen tausenden in einem Tropfen Wassers herum schwimmen sieht. So oft er schnaubte, welches gemeiniglich alle vier Stunden geschah, so entstund ein Sturmwind, und die Wasserstrome, die er aus seinen Naslochern ausspritzte, verursachten Platzregen und Wolkenbruche auf funfzig Meilen in die Runde. Die Bewegung des Meers war so heftig, dass Biribinker sich nicht langer auf seinem Delphin erhalten konnte, sondern sich den Wellen uberlassen musste, die ihn wie einen Ball herum schleuderten, bis er zuletzt von der Luft, die der Walfisch einatmete, wie von einem Wirbelwind ergriffen, und durch eines von den Naslochern des Ungeheuers hinab gezogen wurde. Er fiel ein paar Stunden lang in einem fort, ohne dass er in der Betaubung wusste, wie ihm geschah; endlich aber merkte er, dass er in ein grosses Gewasser fiel, womit eine Hohle im Bauch des Walfisches angefullt war. Es war ein kleiner See, der etwan funf bis sechs deutsche Meilen im Umkreis hatte; und vermutlich wurde Biribinker das Ende aller seiner Abenteuer darin gefunden haben, wenn er nicht zu gutem Gluck, sich so nah am Ufer einer Insel oder Halbinsel gesehen hatte, dass er kaum zwei hundert Schritte zu schwimmen hatte, um auf dem Trocknen zu sein.

Die Not, die Erfinderin aller Kunste, lehrte ihn diesmal schwimmen, ob es gleich das erstemal in seinem Leben war. Er kam glucklich ans Ufer, und nachdem er sich auf einem Felsen, der zwar wie andere Felsen von Stein, aber so weich wie ein Polster war, zurecht gesetzt hatte, erquickte er sich, indes dass seine Kleider an der Sonne trockneten, an den lieblichen Geruchen, die ihm ein kuhler Landwind aus einem Wald von Zimmet-Stauden, der das Ufer bekranzte, entgegen wehte. Weil er aber begierig war, das Land in Augenschein zu nehmen, und sich zu erkundigen, ob und von wem es bewohnt sei, so stieg er, so bald er sich in etwas erholt hatte, von seinem Felsen herab, und strich eine halbe Stunde lang im Wald herum, bis er endlich in einen grossen Lustgarten kam, worin alle mogliche Baume, Stauden, Gewachse, Blumen und Krauter des ganzen Erdbodens in der anmutigsten Unordnung durch einander geworfen waren. Die Kunst war in der Anlegung desselben so versteckt, dass alles ein blosses Spiel der Natur zu sein schien. Hier und da sahe er Nymphen von blendender Schonheit unter Gebuschen oder in Grotten liegen, und kleine Bache aus ihren Urnen giessen, die den Garten durchschlangelten, an vielen Orten in allerlei Figuren in die Hohe spielten, an andern Wasserfalle machten, oder in marmorne Becken sich sammelten. Diese Brunnen wimmelten von allen Arten von Fischen, welche, wider die Gewohnheit der Geschopfe von ihrer Gattung, so lieblich sangen, dass Biribinker ganz davon bezaubert wurde. Insonderheit bewunderte er einen gewissen Karpfen, der die schonste Discant Stimme von der Welt hatte, und einen Triller schlug, der dem besten Castraten Ehre gemacht hatte. Der Prinz horte ihm eine geraume Weile mit grosstem Vergnugen zu; da ihn aber alle diese Wunderdinge nur desto begieriger machten, zu erfahren, wem diese bezauberte Insel gehore, und ob er sich wurklich, wie er glaubte, in der unterirdischen Welt befinde, so tat er deswegen verschiedene Fragen an die besagten Fische; denn er dachte, weil sie so schon sangen, so wurden sie vermutlich auch reden konnen. Allein die Fische sangen immer fort, ohne ihm zu antworten, oder nur Acht darauf zu geben, was er sagte.

Er gab es also endlich auf, und ging immer weiter fort, bis er in einen grossen Krautgarten kam, der mit allen Arten von Salat, Wurzel-Werk, Schoten- und Ranken-Gewachsen besetzt war, die dem Ansehen nach, ohne Pflege, wiewohl so schon als nur moglich ist, in regellosem Uberfluss hervor wuchsen. Indem er sich nun so gut er konnte, einen Weg durch diese Wildnis machte, stiess er von ungefahr mit dem rechten Fuss an einen grossen Kurbis, der so ziemlich dem Wanst eines schinesischen Mandarins gleich sahe, und den er unter seinen breiten Blattern nicht gleich wahrgenommen hatte.

Herr Biribinker, rief ihm der Kurbis zu, ein andermal sein sie so gut, und schauen ein wenig unter ihre Fusse, eh sie einem ehrlichen Kurbis auf den Nabel treten. Ich bitte sehr um Vergebung, Herr Kurbis, sagte Biribinker; es geschah in der Tat nicht aus Vorsatz, und ich wurde mich gewiss besser vorgesehen haben, wenn ich hatte vermuten konnen, dass die Kurbisse in dieser Insel so wichtige Personen sind, als ich nun sehe. Indes bin ich doch erfreut, dass mir dieser kleine Zufall das Vergnugen verschafft hat, mit ihnen Bekanntschaft zu machen; denn ich hoffe, sie werden mir die Gefalligkeit nicht versagen, mich zu belehren, wo ich bin, und was ich aus allem machen soll, was ich hier sehe und hore?

Prinz Biribinker, antwortete der Kurbis, ihre Gegenwart ist mir allzu angenehm, als dass ich mir nicht das grosste Vergnugen daraus machen sollte, ihnen alle die kleinen Dienste zu leisten, die von mir abhangen. Sie befinden sich im Bauch eines Walfisches, und diese Insel Im Bauch eines Walfisches, rief Biribinker, indem er ihn unterbrach das ubertrifft noch alles, was mir bisher begegnet ist. Nun schwore ich ihnen, Herr Kurbis, dass ich mich in meinem Leben uber nichts mehr verwundern will. Wahrhaftig! wenn es im Bauch eines Walfisches Luft und Wasser, Inseln und Lustgarten, ja wie ich merke, Sonne, Mond und Sterne gibt, wenn die Felsen darin so weich wie Polster sind, die Fische singen, und die Kurbisse reden Was diesen Punct betrifft, unterbrach ihn der Kurbis gleichfalls so belieben sie sich sagen zu lassen, dass ich hierin einen Vorzug vor allen andern Kurbissen, Gurken und Melonen in diesem Garten habe; sie hatten hundert andere mit Fussen treten konnen, ohne nur einen Ton von ihnen heraus zu bringen

Ich bitte sie nochmals um Vergebung, erwiderte der Prinz

Das haben sie gar nicht notig, sagte der Kurbis; ich versichere ihnen, es ware mir leid, wenn es mir nicht begegnet ware; ich warte hier schon so lange auf ihre Ankunft, und die Zeit wurde mir endlich so lange, dass ich schon zu verzweifeln anfing, diese gluckliche Begebenheit jemals zu erleben. Glauben sie mir fur einen, der nicht dazu geboren ist, ist es eine verdriessliche Sache, hundert Jahre lang ein Kurbis zu sein, zumal wenn man die Conversation liebt und gute Gesellschaft gewohnt ist. Aber die Zeit ist nun gekommen, da sie mich an dem verfluchten Padmanaba rachen werden. Was sagen sie mir von Padmanaba? rief Biribinker; Meinen sie den Zauberer, der die schone Cristalline in einen Nacht-Topf verwandelte, und die noch schonere Mirabella verurteilte, ein Crocodil zu werden, so oft sie ihre Tugend auf die Probe setzen wollte? Diese Frage, erwiderte der Kurbis, versichert mich, dass ich mich nicht betrogen habe, da ich sie fur den Prinzen Biribinker hielt; ich sehe daraus, dass die Halfte der Bezauberungen des alten Gecken schon vernichtet sind, und dass der Augenblick meiner Befreiung da ist Haben sie sich also auch uber ihn zu beklagen, fragte Biribinker?

Nehmen sie mir nicht ubel, antwortete der Kurbis, wenn mich diese Frage zu lachen macht, (und in der Tat lachte er so laut, dass er wegen seines kurzen Atems, der eine Folge seines gewaltigen Schmerbauchs war, eine gute Weile keuchen und husten musste, bis er wieder reden konnte.) Merken sie dann nicht, fuhr er fort, dass ich etwas bessers sein muss, als ich aussehe? Hat ihnen die schone Mirabella nicht von einem gewissen Salamander gesagt, der das Gluck hatte in gewissen Umstanden von dem alten Padmanaba uberrascht zu werden Ja wohl, sagte Biribinker, sie sprach mir von einem gewissen geistigen Liebhaber, der ihre Seele mit den Geheimnissen der Philosophie des Averroes unterhielt, damit sie die kleinen Experimente nicht beobachten mochte, die er indessen Sachte, sachte, rief der Kurbis, ich sehe, dass sie mehr von mir wissen, als sie allenfalls notig gehabt hatten; ich bin dieser Salamander, dieser Flox, der, wie ich sagte, und wie sie schon wussten, so glucklich war, die schone Mirabella wegen der frostigen Nachte zu entschadigen, die sie mit dem alten Zauberer zuzubringen genotiget war. Die vorerwahnte Scene, wobei er die Torheit hatte, einen ungebetenen Zuschauer abzugeben setzte ihn in eine Art von Verzweiflung, ohne ihn von der Liebes-Krankheit zu heilen, womit er lacherlicher Weise behaftet war. Sein Palast, ja ein jeder anderer Aufenthalt, den er, in welchem Element er gewollt hatte, wahlen konnte, wurde ihm verhasst; er traute weder Sterblichen noch Unsterblichen; Gnomen und Sylphen, Tritonen und Salamander waren ihm alle gleich verdachtig; und er hielt sich nirgends sicher als in einer ganzlichen und umzugangbaren Einsamkeit. Nach vielen andern Projecten, die er eben so bald verwarf als machte, fiel ihm endlich ein, sich in den Bauch des Walfisches zuruck zu ziehen, wo ihn, dacht er, gewiss niemand suchen wurde. Er liess sich durch eine Anzahl Salamander einen Palast darin erbauen, und damit sie ihn nicht verraten konnten, so verwandelte er sie, nebst mir, in eben so viele Kurbisse, mit der Bedingung es so lange zu bleiben, bis der Prinz Biribinker uns unsere erste Gestalt wieder geben wurde. Ich war der einzige von allen, dem er den Gebrauch der Vernunft und der Sprache liess, wovon die erste, wie er glaubte, mir zu nichts nutzen konnte, als mich durch die Erinnerungen meiner verlorenen Gluckseligkeit zu peinigen, und die andere zu nichts als manchem eiteln Ach! und O! oder Gesprachen, worin ich die Muhe nehmen musste, mir die Antworten selbst zu geben. Allein in diesem Stuck betrog sich der weise Mann ein wenig, denn so ungunstig auch immer die Figur und Organisation eines Kurbis zu Beobachtungen sein mag, so geschickt ist sie hingegen zu Betrachtungen a priori; und mit alle dem entdeckt man doch in hundert Jahren nach und nach eines oder anders, was entweder unsere schon gefasste Hypothesen bestatiget, oder uns auf die Spur einer neuen bringt. Kurz, ich bin der kleinen Angelegenheiten des Herrn Padmanaba so unkundig nicht als er vielleicht denkt, und ich hoffe ihnen Anleitungen zu geben, wodurch sie in den Stand gesetzt werden sollen, alle seine Vorsichtigkeit zu vereiteln.

Ich wurde ihnen sehr dafur verbunden sein, erwiderte der Prinz; ich weiss nicht was fur einen sonderbaren Beruf ich in mir spure, dem guten Padmanaba Streiche zu spielen; vermutlich ist es der Einfluss meines Gestirns, der mich dazu dahin reisst; denn ich wusste nicht, dass er mich jemals in seinem Leben personlich beleidiget haben sollte. Ist es nicht Beleidigung genug, sagte der Kurbis, dass er Ursache ist, dass ihnen der grosse Caramussal, der auf der Spitze des Berges Atlas wohnt, den Namen Biribinker gegeben hat? einen Namen, der ihnen bei ihrem geliebten Milchmadchen schon dreimal so fatal gewesen ist? So ist also der alte Padmanaba schuld daran, dass ich Biribinker heisse? fragte der Prinz voller Verwunderung; erklaren sie mir doch ein wenig, wie diese Dinge zusammen hangen; denn ich gestehe ihnen, dass ich mir den Kopf schon oft vergeblich zerbrochen habe, um hinter das Geheimnis meines Namens zu kommen, welchem ich, wie es scheint, alle meine seltsame Begebenheiten zu danken habe. Insonderheit mochte ich doch wissen, wie es zugeht, dass jedermann, wo ich hinkomme, bis auf die Kurbisse, mich gleich bei meinem Namen nennt, und von allen Umstanden meiner Geschichte so gut benachrichtiget ist, als ob sie mir an der Stirne geschrieben stunden.

Es ist mir noch nicht erlaubt, antwortete der Kurbis, ihre Neugier uber diesen Punct zu befriedigen; genug, dass es nur von ihnen abhangt, sich vielleicht nach dieser Abrede ins Klare zu setzen. Die grosste Schwierigkeit ist nun einmal uberstanden; Padmanaba dachte wohl nicht, dass sie ihn im Bauch seines Walfisches finden wurden. Ich bekenne ihnen aufrichtig, unterbrach ihn Biribinker, dass ich noch weniger daran dachte, und sie werden gestehen mussen, dass er wenigstens alles getan hat, was moglich war, um seinem Schicksal zu entgehen. Aber sie erwahnten eines Palasts, den sich ihr Alter von Salamandern in dieser Insel habe bauen lassen; ich denke wir sind hier in den Garten, die dazu gehoren, warum sehe ich denn nirgends keinen Palast? Die Ursache ist ganz naturlich, antwortete der Kurbis; sie wurden ihn unfehlbar sehen, wenn er nicht unsichtbar ware. Unsichtbar, rief Biribinker; so wird er doch nicht unfuhlbar sein, hoffe ich? Das nicht, antwortete Flox, aber da er aus gediegenen Flammen erbaut ist

Sie sagen mir von einem seltsamen Palast, unterbrach ihn Biribinker abermal; aber wenn er aus Flammen erbaut ist, wie kann er denn unsichtbar sein? Darin besteht eben das wunderbare von der Sache, antwortete der Kurbis; es mag nun moglich oder unmoglich sein, so ist es nicht anders; sie konnen den Palast nicht sehen, wenigstens nicht in dem Stande, worin sie jetzt sind; aber gehen sie nun ungefahr zwei hundert Schritte gerade fort, so wird die Hitze, die sie empfinden werden, sie bald genug uberzeugen, dass ich ihnen die Wahrheit sage.

Die ausserordentliche Dinge, welche Biribinker bereits im Bauche des Walfisches gesehen hatte, (und was kann man auch im Bauch eines Walfisches anders erwarten als ausserordentliche Dinge?) hatten ihn billig geneigt machen sollen, alles glaubwurdig zu finden, was man ihm sagte; dem ungeachtet war er diesmal so eigensinnig, dass er nur sich selbst glauben wollte. Er ging also auf den unsichtbaren Palast zu; aber kaum war er hundert Schritte fortgegangen, so spurte er bereits einen merklichen Grad von Hitze, die ihm mit einem gewissen unsichtbaren Glanz, der ihm die Augen ubergehen machte, entgegen kam. Die Warme und der Glanz nahmen immer zu, je weiter er fortging, bis beide in kurzem so durchdringend wurden, dass es nicht langer auszustehen war. Er ging also wieder zuruck, und suchte seinen Freund, den Kurbis, der ihm, so bald er ihn wieder kommen horte, entgegen rief: Nun, Prinz Biribinker, werden Sie mir kunftig glauben, wenn ich ihnen etwas sage? Wenigstens begreifen sie doch, hoffe ich, dass nichts naturlichers sein kann, als dass ein Palast von gediegenen Flammen vor Hitze unzugangbar, und vor lauter Glanz und Schimmer unsichtbar ist.

Ich begreife das in der Tat viel besser, antwortete Biribinker, als wie ich hinein kommen werde; denn das sag ich ihnen, ich spure eine unwiderstehliche Begierde in mir, in diesen Palast hinein zu gehen, und wenn es mir auch das Leben kosten sollte, so kann ich So viel soll es sie nicht kosten, fiel ihm der Kurbis in die Rede. Wenn sie sich gefallen lassen wollen, zu tun was ich ihnen sage, so wird ihnen der Palast sichtbar werden, und sie werden eben so sicher hinein gehen konnen, als ob es eine Strohhutte ware. Sie brauchen nur ein ganz leichtes Mittel dazu, und das ihnen nicht mehr kosten wird als einen einzigen kleinen Sprung Halten sie mich nicht lange mit Ratseln auf, Herr Kurbis, sagte Biribinker; was ist zu tun? es mag nun etwas leichtes oder schweres sein, so sehen sie mich bereit alles zu wagen um in ein Schloss zu kommen, das von lauter Glanz unsichtbar ist.

Ungefahr sechzig Schritte hinter jenen Granatbaumen, versetzte der Kurbis, werden sie in einem kleinen Labyrinth von Jasmin und Rosenhecken einen Brunnen finden, der sich von einem andern Brunnen durch nichts unterscheidet, als dass er statt des Wassers mit Feuer angefullt ist. Gehen sie, Prinz, baden sie sich in diesem Brunnen, und in einer Viertelstunde ungefahr kommen sie wieder, und sagen mir, wie ihnen das Bad zugeschlagen hat.

Sonst nichts als das? sagte Biribinker, mit einer Mine, die mehr verdriesslich als hohnisch war; ich glaube, sie sind nicht klug, Herr Kurbis ich soll mich in einem feurigen Brunnen baden, und hernach wieder kommen, und ihnen sagen, wie mir das Bad bekommen hat? Hat man auch jemals so was tolles gehort! Ereifern sie sich nur nicht so, versetzte der Kurbis, es steht ja bei ihnen, ob sie in den unsichtbaren Palast kommen wollen oder nicht, und wenn sie sich nicht so entschlossen erklart hatten, wie sie getan haben, so ware mirs in der Tat nie eingefallen, ihnen einen solchen Antrag zu machen.

Kurbis, mein guter Freund, erwiderte Biribinker, ich merke, dass ihr euch ein wenig lustig mit mir machen wollt, aber ich muss euch sagen, dass ich jetzt nicht im Humor bin, Spass zu verstehen. Ich verlange nicht als eine abgeschiedene Seele in den Palast zu kommen Das sollen sie auch nicht, sagte der Kurbis! das feurige Bad, das ich ihnen vorschlage, ist nicht so gefahrlich als sie sichs einbilden, und Padmanaba selbst bedient sich desselben alle drei Tage; sonst wurde er eben so wenig in einem Palast von gediegenem Feuer wohnen konnen, als sie. Denn ob er gleich, ausser dem grossen Caramussal, der auf der Spitze des Berges Atlas wohnt, der grosste Zauberer in der ganzen Welt ist, so ist er doch von eben so irdischer Natur und Abkunft als sie. Ja er wurde, ohne den Gebrauch dieses Brunnens, der eines der grossten Geheimnisse seiner Kunst ist, nicht einmal der kleinen Gluckseligkeit fahig sein, die er jetzt bei der schonen Salamandrin, die er in seinem Palast eingeschlossen halt, geniesst, oder doch zu geniessen glaubt; wenn anders der Gebrauch, den ein Titon von seiner Aurora zu machen fahig ist, ein Genuss genennt zu werden verdient. Er hat also eine schone Salamandrin bei sich? fragte Biribinker. Warum nicht, antwortete der Kurbis; meinen sie, dass man sich umsonst in den Bauch eines Walfisches verschliesst?

Ist sie sehr schon, fuhr Biribinker fort? Sie mussen wohl nie keine Salamandrin gesehen haben, erwiderte der Kurbis, weil sie das fragen konnen. Wissen sie denn nicht, dass die schonste Sterbliche gegen die geringste von unsern Schonen nicht besser als wie ein Affenweibchen aussehen wurde? Es ist wahr, ich kenne eine Ondine, die vielleicht der schonsten Salamandrin den Vorzug streitig machen konnte; allein es ist unter allen Ondinen nur eine Mirabella O! was das anbetrifft, unterbrach ihn Biribinker, wenn die Salamandrin des alten Padmanaba nicht schoner als Mirabella ist, so hatten sie nicht notig gehabt die sterblichen Schonen so weit unter sie herunter zu setzen. Ich gestehe, dass sie reizend ist, aber ich kenne ein gewisses Milchmadchen in welches sie so verliebt sind, fiel ihm der Kurbis hohnisch in die Rede, dass sie der schonen Mirabella beim ersten Anblick schwuren, sie nie gesehen zu haben. Die Wurkung zeugt am besten von der Ursache, und wenn man ihre Leidenschaft nach diesem Grundsatz beurteilen wollte

O wahrhaftig! rief Biribinker ungeduldig, ich bin, glaube ich, nur hieher gekommen, um einen Kurbis philosophieren zu horen. Sagen sie mir lieber, wie ich in den unsichtbaren Palast kommen kann, denn ich sterbe vor Ungeduld, wenn es nicht geschieht; ist denn kein anders Mittel, als das verwunschte feurige Bad, worin sie mich gerne zu einer Carbonnade gemacht sehen mochten? Sie sind wunderlich, mit Erlaubnis, antwortete der Kurbis; Ich sagte ihnen ja schon, dass mir selbst alles daran gelegen ist, dass sie in den unsichtbaren Palast kommen, wo, allen Umstanden nach eines der ausserordentlichsten Abenteuern auf sie wartet. Meinen sie denn, dass ich fur meinen Spass ein Kurbis bin, und dass ich mich nicht je balder je lieber von diesem verfluchten unbequemen Wanst befreit sehen werde, der sich so ubel fur einen so speculativen Geist schickt als ich bin? Ich sage ihnen noch einmal, sie haben kein anders Mittel in den Palast zu kommen, ohne von der Glut desselben verzehrt zu werden, als das feurige Bad, welches ich ihnen vorschlug. Ehe sie vor Ungeduld sterben, wie sie sagen, konnten sie es ja ein paar Minuten versuchen; kommen sie auch darin um, wofur ich ihnen doch gut stehe, so ist es nur eine Todesart fur die andere, und das kommt zuletzt auf Eines hinaus. Gut, sagte Biribinker, wir wollen sehen was zu tun sein wird! Vielleicht sollte ich nicht so viel Zutrauen in sie setzen als ich tue; allein der Zug meines Schicksals ist starker als meine Vernunft; ich will gehen, und wenn sie binnen einer Viertelstunde nichts von mir horen, so ergeben sie sich nur gedultig darein, ein Kurbis zu bleiben, bis Padmanaba von sich selbst entweder verliebt oder eifersuchtig zu sein aufhort.

Mit diesen Worten machte er dem Kurbis sein Compliment, und ging dem Labyrinth zu, wo der feurige Brunnen sein sollte. Er fand ein grosses rundes Becken, mit breiten Steinen von Diamant ausgemauert, und mit einem Feuer angefullt, welches, ohne von irgend einer sichtbaren Materie genahrt zu werden, in schlangelnden Blitzen empor loderte, und unschadlich die dichten Busche von Rosen leckte, die rings umher uber den Brunnen sich wolbten. Unzahliche Farben spielten mit der anmutigsten Abwechslung in diesen wundervollen Flammen, und statt des Rauchs ergoss sich ein lauer unsichtbarer Dampf von den lieblichsten Geruchen umher. Biribinker betrachtete dieses Wunder eine geraume Zeit mit einer Unschlussigkeit, die einem Feen-Helden wenig Ehre macht, und er wurde vielleicht noch immer am Rande des Brunnens stehen, wenn ihn nicht, da er sichs am wenigsten versah, eine unsichtbare Gewalt mitten in die Flammen geworfen hatte. Er erschrak so sehr, dass er vor Angst nicht schreien konnte; aber da er spurte, dass ihm dieses Feuer kein Haar versengte, und an statt ihm nur den geringsten Schmerz zu verursachen, sein ganzes Wesen mit einer wollustigen Warme durchdrang, so fasste er sich bald wieder, und in kurzem gefiel es ihm so wohl darin, dass er in den feurigen Wellen herum platscherte, wie ein Fisch in frischem Wasser. Vielleicht wurde er weit langer als die vorgeschriebene Zeit in einem so angenehmen Bade zugebracht haben, wenn ihn nicht die immer zunehmende Hitze zuletzt heraus getrieben hatte. Er sprang also wieder heraus, aber wie sehr erstaunte er, da er sich nicht nur so leicht und unkorperlich fuhlte, dass er wie ein Zephyr uber dem Boden hin schwebte, sondern auf einmal einen Palast erblickte, dessen Glanz und Schonheit alles ubertraf, was ein menschliches Auge jemals gesehen hat. Er stund eine gute Weile wie ausser sich selbst, und sein erster Gedanke, da er wieder denken konnte, war an die Schonheit, die ein so herrlicher Palast in sich schliessen musse; denn da Diamanten und Rubinen ihn nur Gassensteine gegen die Materialien deuchten, woraus dieses Schloss erbaut war, so zweifelte er nicht, dass die schone Salamandrin sich gegen die Schonen, die er bisher gekannt hatte, zum wenigsten eben so verhalten wurde, wie dieser Palast gegen die gewohnlichen Feenschlosser, die man prachtig genug gebaut zu haben glaubt, wenn man die Mauren von Diamanten oder Smaragden auffuhrt, das Dach mit Rubinen deckt, den Fussboden mit Perlen einlegt, und was dergleichen mehr ist, welches doch alles in Vergleichung mit diesem feurigen Palast nichts bessers als eine elende Hutte vorgestellt hatte. Unter diesen Gedanken naherte er sich demselben unvermerkt, und war schon durch den ersten Hof, dessen glanzende Pforte sich von selbst vor ihm auftat, hinein gegangen, als ihm einfiel, dass ihm der Kurbis ausdrucklich gesagt hatte, er sollte nach dem Bad im feurigen Brunnen wieder zu ihm kommen. Vermutlich, dachte er, hat er mir Nachrichten zu geben, ohne die es gefahrlich sein konnte, sich in ein solches Schloss zu wagen, und da ich mich bisher bei seinen Anweisungen so wohl befunden habe, so wurde es weder klug noch dankbar sein, wenn ich mir einbilden wollte, dass ich seiner nicht mehr notig habe. Man sehe doch, wie seltsam es kommen kann! Wer hatte jemals gedacht, dass ein Kurbis ein Ratgeber eines Prinzen sein wurde!

Biribinker schlich sich also nicht ohne Furcht entdeckt zu werden, zu seinem Kurbis zuruck; Ha! rief ihm dieser auf zwanzig Schritte entgegen, ich sehe, dass ihnen das Bad unvergleichlich wohl zugeschlagen hat; sie sind ja zum bezaubern; ich schwore ihnen bei der Tugend meiner geliebten Mirabella, dass keine Salamandrin ist, die ihnen, so wie sie jetzt aussehen, nur eine Minute widerstehen wird. Aber was wird aus ihrer Treue gegen das Milchmadchen werden? Herr Kurbis, sagte Biribinker, lassen sie sich mit aller der Achtung, die ich ihnen ubrigens schuldig bin, sagen, dass sie besser getan hatten, mich in den Umstanden, worein mich ihr Bad gesetzt hat, mit dergleichen unzeitigen Erinnerungen zu verschonen Ich bitte um Verzeihung, antwortete der Kurbis, ich wollte nur so viel sagen Gut, gut, unterbrach ihn der Prinz, ich weiss wohl, was sie sagen wollten, und ich antworte ihnen darauf, dass ich ohne ihre Warnungen, die ein beleidigendes Misstrauen in meine Standhaftigkeit setzen, durch die blosse Erinnerung an mein himmlisches Milchmadchen gegen die vereinigten Reizungen aller ihrer feurigen Schonen so sicher zu sein glaube, als ich es mitten unter den hasslichsten Gnomiden sein konnte. Es wird sich zeigen, sagte der Kurbis, ob sie diese edle Gesinnungen zu behaupten wissen werden; ich habe eine so gute Meinung von ihnen, als man, nach allem was in einem gewissen Schloss vorgegangen ist, nur immer haben kann; aber bei alle dem, kann ich doch nicht leugnen, dass ich ihre Treue in keine kleine Gefahr gesetzt sehe, wenn sie in den Palast hinein gehen. Es steht noch bei ihnen, ob sie es wagen wollen oder nicht; bedenken sie sich wohl, oder

Mein lieber Herr Kurbis, unterbrach ihn Biribinker, ich sehe, dass sie eine eben so verzweifelte Wut zum raisonnieren haben, als die tugendhafte und preciose Mirabella, ihre Geliebte. Warum haben sie denn verlangt, dass ich in dem feurigen Brunnen baden sollte, wenn ich nicht in den Palast hinein gehen darf? Noch einmal, mein lieber Freund, sorgen sie nicht fur meine Treue, und sagen sie mir lieber: wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich in den Palast komme? Sie haben hiezu wenig Unterricht notig, antwortete der Kurbis, denn sie werden nirgend keinen Widerstand finden; alle Turen werden sich ihnen von selbst eroffnen, und wenn sie irgend etwas zu besorgen haben, so muss es nur (wie ich schon gesagt, und wie sie sich so ungern sagen lassen) von ihrem eigenen Herzen sein. Aber was fur eine Mine, denken sie, dass mir der alte Padmanaba machen werde, fragte der Prinz? So viel ich an der Bewegung der Gestirne merke, erwiderte der Kurbis, so ist es bereits um Mitternacht, um welche Zeit der Alte in tiefem Schlaf zu liegen pflegt. Allein gesetzt auch, dass er aufwachen sollte, so haben sie von seinem Zorn nichts zu besorgen; alle seine Macht vermag nichts gegen die Zauber-Kraft ihres Namens, und nach den Vorteilen, die sie bisher uber ihn erhalten haben, zu urteilen, konnen sie allerdings hoffen, diesesmal nicht weniger glucklich zu sein.

Es mag gehen wie es will, versetzte Biribinker, so bin ich entschlossen das Abenteuer mit dem unsichtbaren Schloss zu bestehen; denn es liesse sich doch sonst keine vernunftige Ursache angeben, warum ich in des Walfisches Bauch gekommen sein sollte. Gute Nacht, Herr Kurbis, bis wir uns wieder sehen.

Viel Glucks, tapferer und liebenswurdiger Biribinker, rief ihm der wortreiche Kurbis nach; fahre wohl, du Blume und Zierde aller Feen-Ritter, und moge das Abenteuer, dem du so mutig entgegen gehst, einen Ausgang gewinnen, dergleichen noch kein Marchen gehabt hat, seitdem es Feen und Ammen in der Welt gibt. Gehe, weiser Konigs-Sohn, wohin dich dein Schicksal zieht; aber hute dich die Warnungen eines Kurbis zu verachten, der dein guter Freund ist, und vielleicht tiefere Blicke in die Zukunft tut, als irgend ein Calender-Macher in der Christenheit.

Der Kurbis merkte nicht, indem er diese schone Abschieds-Rede hielt, dass der Prinz schon durch den ersten Schlosshof gegangen war, ehe er noch zu reden aufgehort hatte. Biribinker war jetzt ganz und gar von dem Abenteuer eingenommen, das er vor sich hatte, und seine Einbildungs-Kraft, die in dem feurigen Bad einen ausserordentlichen Schwung erhalten hatte, stellte ihm die schone Salamandrin, die er bald zu sehen hoffte, mit so unwiderstehlichen Reizungen vor, dass er sich des Wunsches nicht enthalten konnte, seinem Milchmadchen nur dieses einzige mal noch ungetreu sein zu konnen. Unter diesen Gedanken kam er durch den zweiten Hof in ein Vorhaus, aus welchem ihm ein grosses Getummel entgegen schallte. Er lauschte ein wenig, und vernahm, dass es eine Menge von krachzenden Weiber-Stimmen waren, die in einem heftigen Wortwechsel begriffen schienen. So neugierig als er von Kindheit auf gewesen war, konnte er sich nicht enthalten, zu sehen, wem diese anmutigen Stimmen zugehorten. Er offnete die Tur eines grossen und uberaus prachtigen Saals, und entsetzte sich nicht wenig, da er ihn mit funfzig oder sechzig der allerhasslichsten kleinen Zwerginnen angefullt sah, die nur immer die burleske Einbildung eines Calot oder Hogarth zu ersinnen fahig ware.

Der arme Biribinker glaubte beim ersten Anblick, dass er zu einem Hexen-Sabbath gekommen sei, und er wurde unfehlbar vor Abscheu in Ohnmacht gefallen sein, wenn er nicht zu gleicher Zeit vor Lachen uber so possierliche Figuren hatte bersten mogen. Diese schonen Nymphen, die in der Tat nichts geringers als junge Gnomiden waren, von denen die jungste kaum achtzig Jahre haben mochte, wurden seiner kaum gewahr, so eilten sie alle auf ihn zu, so schnell als es ihre krummen Beine zuliessen. Sie kommen eben recht, Prinz Biribinker, rief ihm eine von den hasslichsten entgegen, einen Streit zu entscheiden, woruber wir einander beinahe in die Haare gekommen waren. Sie zanken sich doch nicht, hoffe ich, welche unter ihnen die schonste sei? Sagte Biribinker. Und warum nicht? erwiderte die Gnomide; sie haben es ersten Streichs erraten. Aber denken sie nur, mein schoner Prinz, nachdem ich es wurklich schon dahin gebracht habe, dass mir alle ubrige den Vorzug eingestehen, so untersteht sich dieses Fratzen-Gesicht, diese kleine Pagode hier mir den goldnen Apfel noch streitig zu machen. O! mein angenehmster junger Prinz, schrie die Angeklagte, indem sie ihn in die Waden kneipte, welches vermutlich, ihrer Absicht nach, eine Liebkosung sein sollte; ich darf es kuhnlich auf ihr Urteil ankommen lassen. Sehen sie uns beide nur recht an, betrachten sie uns Stuck vor Stuck, und tun sie den Ausspruch nach ihrem Gewissen, wofern ich mir zu viel schmeichlen wurde, wenn ich sagte nach ihrem Herzen. Begreifen sie, Prinz Biribinker, sagte die erste, wie man die Unverschamtheit so weit treiben kann? Furs erste, so ist sie kaum eines Daumens Breite kleiner als ich, und sie werden gestehen, dass das keinen Unterscheid macht; was ihren Buckel betrifft, so hoffe ich, der meinige darf sich noch immer neben dem ihren sehen lassen, und meine Fusse sind, wie sie sehen, immer so breit und wohl um zwei gute Mannsdaumen langer als die ihrige. Ich weiss wohl, dass sie sich sehr viel auf den Umfang und die Schwarze ihres Busens zu gut tut, aber sie werden doch bekennen mussen, fuhr sie fort, indem sie ihr Halstuch abnahm, dass der meinige, wo nicht vollig so ansehnlich, doch ungleich schwarzer ist als der ihrige. Mag er doch! Rief die andere, einen so kleinen Vorzug kann ich dir leicht eingestehen, da ich in allen andern Stucken den Vorteil uber dich habe.

Sie lachen, mein liebster Prinz Biribinker, und es kann in der Tat nichts lacherlicher sein, als die Eitelkeit dieser Meerkatze hier. Ich schame mich, dass ich genotiget sein soll, mich selbst zu loben, aber sehen sie einmal, um wie viel meine Beine krummer und stumpichter sind als die ihrigen? Ich will von allem ubrigen nichts sagen; man musste nur blind sein, wenn man nicht beim ersten Anblick sehen sollte, dass meine Augen kleiner und matter sind als die ihrigen, dass meine Backen um die Halfte aufgedunsener sind, und meine Unter-Lippe viel weiter herunter hangt; auch nichts von der ungleich grossern Lange meiner Ohren zu gedenken, und dass ich wenigstens funf oder sechs Warzen mehr im Gesicht habe als sie, und dass die Haare an den meinigen langer sind; wir wollen auf einen Augenblick das alles beiseite setzen, und nur von der Nase reden. Es ist wahr, die ihrige ist eine von den grossten, die man sehen mag, und man konnte in Versuchung geraten, sie die Schonste zu nennen, wenn man die meinige nicht gesehen hat: Aber man braucht ja keinen Massstab, um zu finden, dass meine Nase wenigstens einer halben Spanne lang weiter uber den Mund herab hangt als die ihrige. Die Schamhaftigkeit erlaubt mir nicht, setzte sie mit einem entsetzlich zartlichen Blick hinzu, von andern Schonheiten zu reden, die nur einem glucklichen Liebhaber sichtbar werden durfen; aber sie konnen versichert sein, dass ich in diesem Stuck nicht weniger Ursache habe, mich der Freigebigkeit der Natur zu beruhmen, als in Absicht dessen, was ihnen in die Augen fallt, und ich hoffe Mademoiselle, rief Biribinker, so bald er vor Lachen reden konnte; ich unterstehe mich eben nicht, mich fur einen Kenner auszugeben; aber in der Tat, es kann ihrer Freundin nicht Ernst sein, wenn sie sich, was die Schonheit betrifft, mit ihnen in einen Wettstreit einlassen will; der Vorzug, den sie in diesem Stuck haben, ist augenscheinlich, und es ist unmoglich, dass der gute Geschmack der Herren Gnomen ihnen hieruber nicht vollkommene Gerechtigkeit widerfahren lassen sollte.

Die erste Gnomide schien durch diese Entscheidung nicht wenig beleidiget zu sein, allein Biribinker, der vor Ungeduld brannte, die schone Salamandrin zu sehen, bekummerte sich wenig um alles, was sie zwischen ihren langen Zahnen murmelte, und zog sich wieder zuruck, nachdem er der ganzen liebreizenden Gesellschaft eine gute Nacht gewunscht hatte. Statt der Antwort schickten sie ihm ein lautes Gelachter nach, um dessen Bedeutung er sich wenig bekummerte, da er jetzo den Palast vor sich stehen sahe, dessen unbegreifliche Schonheit seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Nachdem er ihn eine geraume Weile voller Bewunderung betrachtet hatte, sahe er, dass die beiden Flugel der Pforte sich auftaten. Er konnte dieses nicht anders als fur ein Zeichen ansehen, dass seine Unternehmung mit dem glucklichsten Ausgang bekront werden wurde. Er ging also mit hoffnungsvollem Mut hinein, und befand sich, nachdem er eine Treppe hinauf gestiegen war, in einem grossen Vorsaal, aus dem er in eine Reihe von Zimmern kam, von deren Schimmer er, ungeachtet der Veranderung, die das Feuer-Bad in seiner Natur hervor gebracht hatte, fast verblendet wurde.

Allein so mannigfaltig und ausserordentlich alle die schonen Dinge waren, die von allen Seiten seinen Augen entgegen strahlten, so vergass er doch alles andere uber den Gemalden einer unvergleichlich schonen jungen Salamandrin, womit alle diese Zimmer behangen waren. Er zweifelte nicht, dass es die Geliebte des alten Padmanaba sein werde, und diese Copien, worein sie in allen nur ersinnlichen Stellungen, Anzugen und Gesichtspuncten, bald wachend, bald schlafend, bald als Diana bald als Venus, Hebe, Flora, oder eine andere Gottin vorgestellt war, gaben ihm eine solche Idee von dem Urbilde, dass er bei der blossen Erwartung seiner bevorstehenden Gluckseligkeit vor Entzuckung und Wonne hatte zerfliessen mogen. Ins besondere konnte er nicht satt werden, eine grosse Tafel anzuschauen, worin sie in einem Bade von Flammen sass, von Liebesgottern bedient, die durch das Anschauen ihrer uberirdischen Schonheit ausser sich selbst gesetzt schienen. Biribinker wusste nicht, ob er die Schonheit des Gegenstands, oder die Kunst der Malerei am meisten bewundern sollte, und musste sich selbst gestehen, dass Titian und Guido gegen die Salamandrischen Maler in Absicht der Colorit nur Sudler seien. Der Eindruck den dieses Gemalde auf ihn machte, war so lebhaft, dass er mit ausserster Ungeduld diejenige zu sehen wunschte, die in einem leblosen Nachbilde schon so unwiderstehliche Begierden einflosste. Er durchsuchte also eine Menge von Zimmern, ohne dass er jemand fand, er durchsuchte den ganzen Palast von oben bis unten, und wiederholte es zwei oder dreimal; aber da war keine Seele zu horen noch zu sehen. Endlich ward er einer halb geoffneten Ture gewahr, die in den ausserordentlichsten Lustgarten fuhrte, den er jemals gesehen hatte. Alle Baume, Gewachse und Blumen, Alleen, Lauben und Springbrunnen in diesem Garten waren von lauterm Feuer, jedes brannte in seiner naturlichen Farbe, mit einem eben so anmutigen als durchdringenden Glanz, und die Wurkung, die das Ganze machte, ubertraf in der Tat alles, was sich die Einbildungs-Kraft prachtiges vorstellen kann.

Biribinker warf nur einen fluchtigen Blick auf dieses majestatische Schauspiel, denn er gewahrte am Ende des Gartens einen Pavillion, in welchem er seine schone Salamandrin zu finden hoffte. Er flog dahin, und die Ture offnete sich abermal von selbst, um ihn durch einen grossen Saal in ein Cabinet einzulassen, wo er niemand sah als einen Greisen von majestatischem Ansehen, mit einem langen schneeweissen Bart, der auf einem Ruhebette in tiefem Schlafe zu liegen schien. Er zweifelte nicht, dass es der alte Padmanaba sei, und ob er gleich versichert war, dass er keine Gewalttatigkeit von ihm zu besorgen hatte, so konnte er sich doch nicht erwehren, ein wenig zu zittern, da er sich, mit den Absichten, die er hatte, so nah bei diesem Zauberer und an einem Orte sah, wo alles demselben zu Gebot stund. Doch der Gedanke, dass ihn das Schicksal nun einmal dazu ausersehen habe, die Bezauberungen des Padmanaba zu zerstoren, und das Verlangen, die schone Salamandrin zu sehen, gaben ihm in wenig Augenblicken seinen ganzen Mut wieder. Er war im Begriff sich dem Ruhebette zu nahern, um sich eines Sabels zu bemachtigen, der neben dem Alten auf einem Kussen lag, als er merkte, dass er mit dem Fuss an etwas stiess, ob er gleich nicht sahe, was es sein konnte. Er stutzte, und da er die Hande zu Hulfe nahm, so fuhlte er den artigsten kleinen Fuss, der je gewesen ist, auf einem Polster ausgestreckt. Eine so unverhoffte Entdeckung machte ihn neugierig, das Bein kennen zu lernen, dem ein so artiger Fuss zugehorte, denn Biribinker schloss in diesem Falle wie Sanct Thomas von Aquino selbst geschlossen haben wurde, namlich, dass, wo man einen, Fuss finde, man nach dem ordentlichen Lauf der Natur berechtiget sei ein Bein zu erwarten. Er setzte also seine Beobachtungen fort, und entdeckte endlich von Schonheit zu Schonheit in der unsichtbaren Figur, die er vor sich hatte, ein junges Frauenzimmer, die in einem tiefen Schlaf versenkt zu sein schien, und (nach dem Zeugnis des einzigen Sinnes, der ihm ihr Dasein verraten hatte, zu urteilen) von einer so vollkommenen Schonheit war, dass sie nichts geringers als entweder Venus oder die schone Salamandrin selbst sein konnte. In dem namlichen Augenblick, da er diese Entdeckung machte, liess sich eine muntere Symphonie von allen moglichen Instrumenten horen, ohne dass man weder Instrumente noch Musicanten sah.

Biribinker erschrak und bebte von der schonen Unsichtbaren zuruck, denn sein erster Gedanke war, dass dieses Getose den schlafenden Zauberer aufwecken wurde; aber er entsetzte sich noch weit mehr, da er sah, dass Padmanaba verschwunden war.

Dieser Zauberer war alt genug um klug zu sein; er wusste schon lange, wie gefahrlich ihm Biribinker einst sein wurde, und die Furcht vor einem Prinzen, der dazu geboren schien, seine Bezauberungen aufzulosen, war der starkste Beweggrund gewesen, warum er seine Residenz in des Walfisches Bauch aufgeschlagen hatte. Allein auch in dieser Freistatt hielt er sich und seine schone Salamandrin, die nun der einzige Gegenstand seiner Sorgen war, nicht fur sicher genug; und da ihm eine geheime Ahnung vorher sagte, dass ihn Biribinker bis in des Walfisches Bauch verfolgen wurde, so glaubte er nicht genug Vorsicht gebrauchen zu konnen, um das Ungluck zu verhuten, womit ihn die uberraschende Erscheinung eines so furchtbaren Gegners bedraute. In dieser Absicht hatte er seine Geliebte mit einem geheimnisvollen Talisman bewaffnet, der die gedoppelte Eigenschaft hatte, sie allen andern Augen als den seinigen unsichtbar zu machen, und so bald er beruhrt wurde, eine zauberische Musik hervor zu bringen. Kame auch Biribinker, (dachte der alte Padmanaba) aller Schwierigkeiten ungeachtet, in den Bauch des Walfisches, ja selbst in den unsichtbaren Palast, so wurde ihm doch die schone Salamandrin unsichtbar sein; und entdeckte er sie auch, trotz ihrer Unsichtbarkeit, so wurde doch, so bald er den Talisman beruhrte, das musicalische Getose sein Dasein verraten, und ihn Padmanaba noch zeitig genug in den Stand setzen, seinem Unstern zuvor zu kommen. Diese Vorsicht war desto notiger, da der gute Alte seit mehrern Jahren mit einer Art von Schlafsucht behaftet war, die ihn notigte, alle Tage wenigstens sechszehen Stunden von vier und zwanzig zu verschlafen. Das geringe Zutrauen, das ihm seine vorige Liebste zu ihrem ganzen Geschlecht ubrig gelassen hatte, bewog ihn, die schone Salamandrin wahrend der ganzen Zeit seines Schlummers in einen bezauberten Schlaf zu versenken, aus welchem niemand als er sie erwecken konnte. Der einzige Biribinker wurde unter gewissen Umstanden und Bedingungen, die namliche Macht gehabt haben, und Padmanaba, (so wollt es das Schicksal!) wurde in eben demselben Augenblick die seinige, wenigstens uber die schone Salamandrin ganzlich verloren haben; und da alles dieses wahrend dass der Alte schlief, gar leicht hatte begegnen konnen, so hatte er den Talisman, der ihn erwecken sollte, so weislich angebracht, dass Biribinker, (in so fern man ihm auch nur eine mittelmassige Neugierigkeit zutrauen konnte) ihn notwendig finden musste.

Hier konnte Don Sylvio sich nicht enthalten die Erzahlung des Don Gabriel zu unterbrechen, indem er ihn ersuchte, sich uber den Umstand mit dem Talisman etwas deutlicher zu erklaren; ich finde sie, wider ihre Gewohnheit, eine Weile her etwas dunkel, (setzte er hinzu) und ich gestehe ihnen, dass ich von allem, was sie bei Gelegenheit der Erwachung des alten Padmanaba sagten, kaum die Halfte verstanden habe. Die ganze Gesellschaft, selbst die schone Hyacinthe nicht ausgenommen, lachelte uber diese Anmerkung, und Don Gabriel wusste sich nicht anders zu helfen, als dass die Dunkelheit, woruber Don Sylvio sich beklagte, in der Sache selbst liege, und dass uberhaupt wenige Feen-Geschichten gefunden werden, welche durchaus so deutlich und begreiflich seien, als es zu wunschen ware. Weil nun Don Sylvio sich mit dieser Entschuldigung zu begnugen schien, so fuhr Don Gabriel in seiner Erzahlung also fort:

Kaum hatte Biribinker, in dem namlichen Augenblick, da er entdeckte, dass der schone Fuss (der zu diesem Abenteuer Anlass gegeben) einem eben so schonen jungen Frauenzimmer zugehore, den fatalen Talisman beruhrt, so fing wie schon gemeldet worden, der Talisman zu musicieren an, und Padmanaba erwachte. Er warf, wie leicht zu erachten ist, keinen sehr freundlichen Blick auf unsern Prinzen; allein, da er mit Gewalt nichts gegen ihm vermochte, so blieb ihm nichts ubrig, als sich auf der Stelle unsichtbar zu machen, und mit aller nur moglichen Eilfertigkeit auf die Verhinderung des Vorhabens bedacht zu sein, welches er, ohne in einem ubertriebenen Grad argwohnisch zu sein, bei Biribinker voraus setzen konnte.

Inzwischen hatte sich dieser Prinz, dem es bei Gelegenheit nicht an Mut fehlte, wieder aus der ersten Besturzung erholt, worein ihn das unsichtbare Concert und die Verschwindung des Padmanaba gesetzt hatte. So gefahrlich als es ihm schien, in einem solchen Ort gar zu neugierig zu sein, so wollte er doch wissen, was aus dem alten Zauberer geworden sei. Er suchte ihn also im Garten so wohl als in allen Zimmern und Winkeln des Schlosses, nachdem er die Vorsicht gebraucht hatte, sich vorher mit dem Sabel zu bewaffnen, den Padmanaba zuruck gelassen hatte, und auf dessen beiden Seiten er so viel talismannische Figuren eingegraben fand, dass er sich mit diesem Gewehr vor dem Zauberer Merlin selbst nicht gefurchtet hatte. Da er aber weder den Alten noch jemand andern finden konnte, so zweifelte er nun nicht langer, dass Padmanaba entflohen sei, und ihm seinen Palast und seine Schone zur Beute uberlassen habe. In diesen Gedanken kehrte er triumphierend zuruck, warf seinen Sabel auf das Ruhebette, und sich selbst zu den Fussen der liebenswurdigen Unsichtbaren, die er zu seiner unbeschreiblichen Freude noch immer schlafend fand, ungeacht die Musik des beruhrten Talismans mit der angenehmsten Abwechslung von Allegro und Andante immer fort daurte. Man weisst nicht, ob es den zauberischen Einflussen eines von diesen Andante, (welches in der Tat nicht zartlicher hatte sein konnen, wenn es von Jomelli selbst gesetzt gewesen ware) oder einem Zweifel, der (wie es zu gehen pflegt) bei ihm entstund, ob er auch dem Zeugnis eines einzigen Sinnes glauben durfe, und ob nicht diese unvergleichliche Schone, die er auf dem Sopha gefunden zu haben glaubte, ein blosses Blendwerk sein mochte, dergleichen in bezauberten Palasten nicht ungewohnlich sind Man weisst nicht, sage ich, ob es der einen oder der andern von diesen Ursachen zuzuschreiben war, dass Biribinker durch neue Beobachtungen sich der Wahrheit eines so ausserordentlichen Phanomenons zu versichern anfing. In kurzem fugte er auch noch Versuche hinzu, und beides so wohl, als die heftigste Symptomen einer Leidenschaft, die in kurzem bis zum aussersten Grad der Schwarmerei und des Taumels stieg, liessen ihm endlich keinen Zweifel mehr ubrig, dass er wurklich die schone Salamandrin in seinen Armen habe, deren sichtbare Gestalt ihn in den Zimmern des Palasts so sehr entzuckt hatte. Dieser Gedanke, und das bezaubernde Colorit, womit sein Gedachtnis die Unvollkommenheit des funften Sinnes erganzte, dessen er sich allein bedienen konnte, setzte ihn zu sehr ausser sich selbst, als dass er sich in diesen Augenblicken seines geliebten Milchmadchens, seiner Entschliessungen, und der Warnungen des Kurbis hatte erinnern konnen. Kurz, er wurde immer kuhner, und die zunehmende Dunkelheit des Zimmers, die er fur eine Aufmunterung seiner Unternehmungen hielt, mit der Musik des Talismans, welche immer zartlicher wurde, war in der Tat nicht geschickt, seine Entzuckung auf einen massigern Grad herab zu stimmen. Es findet sich hier eine abermalige kleine Lucke in dem Original dieser merkwurdigen Geschichte, deren Ausfullung wir den Bentleys und Scribleris unserer Zeit uberlassen wollen, ohne uns auch nur mit Vermutungen uber den Inhalt derselben aufzuhalten. Biribinker, fahrt die Geschichte fort, erwachte eben aus einer Betaubung, welche gewissen Indianischen Philosophen so angenehm zu sein scheint, dass sie in eine immerwahrende Dauer derselbigen den hochsten Grad der Gluckseligkeit setzen, als er gewahr wurde, dass die schone Unsichtbare alle seine Liebkosungen mit ungemeiner Lebhaftigkeit erwiderte. Er schloss hieraus, dass sie erwacht sein musse, und unterliess nicht, ihr in der erhabenen Sprache, die er sich im Bienenstock der Fee Melisotte angewohnt hatte, alle die zartlichen Sachen vorzusagen, welche Cristalline und Mirabella in ahnlichen Umstanden von ihm gehort hatten. Die Unsichtbare beantwortete diese schonen Erklarungen, Lobspruche, Ausrufungen und Beteurungen mit Seufzern, Verkleinerung ihrer Reizungen und Zweifeln an seiner Bestandigkeit, die ein weniger entzuckter Liebhaber als es Biribinker war, hatte unzeitig und im Mund einer so liebenswurdigen Person unnaturlich finden konnen. Allein der Prinz, der in diesen Augenblicken gar nicht aufgelegt war Schlusse zu machen, begnugte sich bloss, in dem gewohnlichen Wege, wie man dergleichen Zweifel zu zerstreuen pflegt, die Beweise seiner Zartlichkeit zu verdoppeln. Sie gab ihm alle Aufmerksamkeit, die er nur immer wunschen konnte, ohne desto besser uberzeugt zu sein. Haben sie nicht, sagte sie ihm, Mirabellen und Cristallinen eben so geliebt wie mich? Haben sie nicht einer jeden von ihnen eben so viel zartliches vorgesagt, eben so viel Beteurungen gemacht, eben so viele Beweise gegeben, ohne dass weder die eine noch die andere, so reizend sie ihnen auch in der ersten Berauschung ihrer Sinnen vorkamen, fahig war, uber das Milchmadchen, das sie sich in den Kopf gesetzt haben, nur einen einzigen Tag lang die Oberhand zu behalten. Ach! Biribinker! das Schicksal meiner Vorgangerinnen sagt mir nur allzu deutlich, was das meinige sein wird; und wie konnen sie verlangen, dass ich bei einer so traurigen Gewissheit, sie in wenigen Stunden wieder zu verlieren, gleichgultig bleiben soll? Biribinker antwortete ihr hierauf mit den lebhaftesten und feierlichsten Versicherungen einer ewigen und eben so unbegrenzten Liebe, als es ihre Reizungen seien. Er behauptete, dass sie sich selbst beleidige, indem sie sich mit den beiden Feen vergleiche, die, wie er sagte, nicht liebenswurdig genug gewesen waren, ihm etwas mehr als einen fluchtigen Geschmack beizubringen, und schwur ihr bei allen Liebesgottern, dass von dem Augenblick an, da er das Gluck gehabt habe, ihr Bild im grossen Saal zu erblicken, das Milchmadchen, welches sie in so unnotige Besorgnisse setze, nicht mehr Gewalt uber sein Herz gehabt habe, als ein jedes anders Milchmadchen in der Welt. Diese Versicherungen beruhigten die schone Unsichtbare nur schwach, und Biribinker sahe sich genotigt alle seine Figuren zu erschopfen, um die Hartnackigkeit ihres Unglaubens zu uberwinden. O! rief er, schonste Unsichtbare, warum kann ich nicht den ganzen Erdkreis und alle vier Elemente mit ihren Bewohnern auf einmal zu Zeugen der unveranderlichen Treue machen, die ich ihnen schwore! Wir alle sind Zeugen, rief eine Menge von weiblichen und mannlichen Stimmen, die ihm von Personen, die um ihn herum stunden, in die Ohren schallten. Biribinker, der wohl nicht vermutet hatte, dass man ihn beim Wort nehmen wurde, fuhr mit einiger Besturzung auf, und wollte sehen, woher diese Stimmen kamen; aber o! Himmel! welche Zunge konnte beredt genug sein, die Besturzung und das Entsetzen auszudrucken, worein ihn der Anblick setzte, den eine plotzliche Erheiterung des Zimmers seinen weit offnen Augen darstellte? Er sah, o! Wunder! o! Abenteuer! o! schreckenvoller Anblick! er sahe sich in eben dem Cabinet, welches schon zweimal ein Zeuge seiner treulosen Unbestandigkeit gewesen war; an statt der schonen Salamandrin fand er sich in die Arme der hasslichen Gnomide verwickelt, welcher er vor etlichen Stunden den Preis zuerkannt hatte; und was seine Beschamung und seinen Schmerz hatte todlich machen mogen, er sah sich um und um von allen denjenigen umgeben, die er sich am wenigsten zu Zuschauern wunschen konnte, und sie waren grausam genug, in eben dem Augenblick, da er sich mit grauemvollem Ekel aus den Armen seiner missgeschaffnen Schonen los wickeln wollte, in ein so lautes Gelachter auszubrechen, dass der ganze Palast davon widerhallte. Zur Rechten des Ruhbettes sahe er (o! wie gern hatte er sich in diesem Augenblick blind und unsichtbar zu sein gewunscht!) die Fee Cristalline, welche den kleinen Grigri an der Hand hatte; zur Linken die schone Mirabella mit ihrem geliebten Flox, der in der Tat als Salamander eine bessere Mine hatte als in der Gestalt eines dicken Kurbis; aber was die Qual des unglucklichen Biribinkers auf den aussersten Grad vermehrte, war der Anblick der Fee Caprosine mit seinem schonen Milchmadchen, und des alten Padmanaba mit der schonen Salamandrin an der Hand; welche beiderseits auf einer goldfarbigen Wolke, die von kleinen Sylphen getragen wurde, sassen, und mit hohnischem Lacheln auf ihn hinunter sahen. Gluck zu! Prinz Biribinker, sagte die Fee Cristalline; in der Tat, nun vergebe ich ihnen, dass sie so ungedultig von mir wegeilten; wer einer solchen Eroberung zueilt, kann sich nicht genug beschleunigen. Sie erinnern sich noch wohl, Prinz Biribinker, nahm jetzt Grigri das Wort, dass ich eben keine Ursache habe mich ihnen verpflichtet zu glauben; so denn wenn es an ihnen gelegen ware, so mochte ich wohl ewig eine Hummel geblieben sein; aber es ware zu grausam, ihrer in den Umstanden, worin sie sind, noch zu spotten. Sehen sie selbige als eine Strafe an, die sie in mehr als einer Betrachtung verdient haben. Wenn auch die Schone, bei der wir sie auf eine so unvermutete Art uberraschen, ihrer nicht von allen Seiten so wurdig ware, als sie ist, fuhr Mirabella mit einer boshaften Mine fort, so haben sie wenigstens den Vorteil, dass sie keine Preciose ist. Was mich betrifft, setzte der gewesene Kurbis hinzu, so konnte ich zwar bedauren, dass ich meine wieder erlangte Gestalt und den Besitz der schonen Mirabella ihrem Ungluck zu danken habe; allein nachdem ich als Kurbis grossmutig genug gewesen war, sie vor den Folgen einer neuen Untreue zu warnen, so werden sie mich nicht verdenken konnen, wenn ich mich als Salamander erfreue, dass sie meine Warnungen verachtet haben. Siehe, Unglucklicher, aber mit Recht bestrafter Biribinker, meckerte jetzt die Fee Caprosine, wiewohl dich Caramussal gegen meinen Zorn geschutzt hat. Siehe hier die liebenswurdige Princessin Galactine, die du als Milchmadchen liebtest, und deren Besitz ein allzu gunstiges Schicksal, alles meines Hasses ungeachtet dir zugedacht hatte, wenn du durch eine dreimal wiederholte Untreue dich ihrer nicht selbst unwurdig gemacht hattest. Wenn Mitleiden dir helfen konnte, armer Prinz, sagte das schone Milchmadchen, so wurdest du, so wenig du es auch von mir verdient haben magst, weniger unglucklich sein; denn ich sehe wohl, dass deine Strafe harter ist als dein Verbrechen, und dass die Feen und Zauberer wenigstens eben so viel Schuld an deinem Unfall haben, als du selbst. Bei diesen Worten sahe der allzu ungluckliche Biribinker auf, heftete einen Blick voll unbeschreiblicher Empfindungen auf sein geliebtes Milchmadchen, und sank mit einem Seufzer, worin er seine Seele auszuhauchen schien, wieder zuruck, ohne das Vermogen zu haben, nur ein Wort hervor zu bringen. Lerne, rief ihm der alte Padmanaba von der andern Seite zu, lerne bewundernswurdiger Biribinker, seltnes Muster der Weisheit und der Bestandigkeit, dass der alte Padmanaba nicht alt genug ist, deine Verwegenheit unbestraft zu lassen; und moge deine Geschichte, in immerwahrender Zeitfolge von einer Amme der andern uberliefert, der spaten Nachwelt zum Beispiel dienen, wie gefahrlich es ist, den grossen Caramussal um sein Schicksal zu befragen, und vor seinem achtzehnten Jahr ein Milchmadchen zu sehen.

Kaum hatte Padmanaba den Mund wieder zugetan, so horte man auf einmal ein furchterliches Donnern, mit Sturmwind und Blitzen begleitet, wodurch der ganze Palast, wie in einem Erdbeben erschuttert, und die ganze Gesellschaft, den einzigen verzweiflungsvollen Biribinker ausgenommen, in Furcht gesetzt wurde! denn selbst der alte Padmanaba merkte, dass dieses Ungewitter von einer Macht herkomme, die der seinigen uberlegen war. Auf einmal flog die Decke des Zimmers und das ganze Dach des Palasts hinweg, und man sah, unter Donnern und Blitzen, den grossen Caramussal, auf einem Hippogryfen sitzend, herab steigen, und zwischen der Fee Caprosine und dem alten Padmanaba seinen Platz auf einer Wolke nehmen. Der Prinz Biribinker ist genug gestraft, rief Caramussal mit majestatischer Stimme; Das Schicksal ist befriediget, und ich nehme ihn in meinen Schutz. Verschwinde nichtswurdiger Wechselbalg, fuhr er fort, indem er die Gnomide mit seinem Stab beruhrte, und sie, Prinz Biribinker, wahlen sie unter diesen vier Schonen, welche sie wollen; die Salamandrin, die Sylphide, die Ondine, oder die Sterbliche; diejenige, so ihr Herz wahlen wird, soll ihre Gemahlin sein, und sie von der Unbestandigkeit heilen, die bisher, wie man gestehen muss, ihr Fehler gewesen ist Padmanaba wurde, vor Verdruss uber eine so unerwartete Entwicklung gerne mit den Zahnen geknirscht haben, wenn er welche gehabt hatte; Was die Schonen betrifft, so hatten sie alle ihre Augen mit Erwartung auf den Prinzen geheftet, und besonders sahe man der jungen Salamandrin, die noch kein Wort gesprochen hatte, ganz deutlich an, dass sie lieber gesehen hatte, wenn der alte Padmanaba, an statt die garstige Gnomide an ihren Platz zu schieben, ihr erlaubt hatte, ihre eigene Stelle selbst zu vertreten. Aber Biribinker, der in einem Augenblick von dem aussersten Grad der Scham und der Verzweiflung auf den hochsten Grad der Gluckseligkeit uberging, bedachte sich keinen Augenblick, wie er wahlen wollte. Ob gleich die elementarischen Damen sein Milchmadchen an Schonheit weit hinter sich zuruck liessen, so konnten doch alle ihre Reizungen in Gegenwart seiner geliebten Galactine mehr nicht als einen fluchtigen Blick von ihm erhalten. Er warf sich vor dieser anmutsvollen Creatur nieder, und bat mit den Ausdrucken einer so aufrichtigen Reue, einer so wahren Liebe um die Vergebung seiner Schuld, dass sie nicht so unbarmherzig sein konnte, ihm nicht wenigstens die Hoffnung, dass sie sich noch erbitten lassen werde, zu erlauben. Caramussal, dem er sich gleichfalls zu Fussen warf, hob ihn auf, nahm ihn bei der Hand, und fuhrte ihn der Princessin Galactine zu. Empfangen sie hier, liebenswurdige Princessin, den Prinzen Cacamiello von meiner Hand, denn dieses ist nunmehr sein Name, da die Absichten, warum ich ihm den andern geben liess, erfullt sind; Biribinker und Milchmadchen sind nun nicht mehr, und nachdem beide dem Eigensinn ihres Gestirns genug getan, und der Feerei ihre Gebuhr bezahlt haben, so bleibt mir nichts ubrig, als den Prinzen Cacamiello seinen koniglichen Eltern zuruck zu geben, und durch ein ewiges Band mit der Princessin Galactine zu vereinigen. Ihr, schone Feen, fuhr er fort, indem er sich zu Cristallinen und Mirabellen wandte, habt, wie ich hoffe, Ursache mit mir vergnugt zu sein, da ihr durch meine Veranstaltung eure Gestalt und eure Liebhaber wieder erhalten habt; weil es aber unbillig ware, dass ich allein leer ausginge, so entlade ich hier den alten Padmanaba aller seiner Sorgen, indem ich die schone Salamandrin, die bei ihm nichts zu tun hat, als unsichtbar zu sein und zu schlafen, zur Belohnung meiner Muhe, fur mich selbst behalte.

Mit diesen Worten schlug der grosse Caramussal mit seinem Stabe dreimal in die Luft, und auf einmal befand er sich mit dem Prinzen und der Princessin im Cabinet des Konigs, der, wie man denken kann, eine grosse Freude hatte, seinen Sohn und Erben so gross und schon mit einer so schonen Princessin und mit einem so schonen Namen wieder zu sehen. Bald darauf wurde das Beilager mit grosser Feierlichkeit und Pracht vollzogen; das neue Ehepaar liebte sich so lange als es konnte, und zeugete Sohne und Tochter; und nachdem endlich der alte Konig in die neunzehnte Welt abgereist war, so regierte Konig Cacamiello so weislich an seiner statt, dass die Untertanen keinen Unterschied spurten. Er machte seinen Freund Flox, zur Belohnung der guten Dienste, die er ihm als Kurbis geleistet hatte, zu seinem ersten Vezier, und die schone Mirabella nebst der Fee Cristalline unterliessen niemals bei Hofe zu erscheinen, so oft die Konigin in die Wochen kam. Sie brachten jedesmal den kleinen Grigri mit, welcher ungeachtet seiner Hasslichkeit, bei den meisten Hof-Damen einen Beifall erhielt, der ihren Liebhabern nicht gleichgultig war. Das muss man gestehen, sagten sie alle aus einem Munde, dass Grigri mit aller seiner Hasslichkeit der kurzweiligste Gesellschafter von der Welt ist!

Und hier endet sich die eben so lehrreiche als wahrhafte Geschichte des Prinzen Biribinkers, (setzte Don Gabriel hinzu) bei der ich meinen Zweck vollkommen erreicht habe, wenn sie ihnen keine lange Weile gemacht, und die schone Hyacinthe von ihrem Vorurteil gegen die Feerei zuruck gebracht haben kann.

Drittes Capitel

Anmerkungen uber die vorstehende Geschichte

Wenn das ihre Absicht gewesen ist, Don Gabriel, sagte Hyacinthe, so bedaure ich, dass sie solche so wenig erreicht haben, als nur moglich ist. Wenn ich ihnen die Wahrheit sagen soll, so halte ich es fur unmoglich, das abenteurliche und ungereimte weiter zu treiben, und Don Sylvio musste wohl sehr gut sein, wenn er nicht schon lange gesehen hatte, dass ihre Absicht ist, die Feen um allen ihren Credit bei ihm zu bringen. Sie urteilen sehr strenge, versetzte Don Eugenio; es ist wahr, dass die Natur in dieser ganzen Geschichte vom Anfang bis zum Ende auf den Kopf gestellt ist, dass die Characters eben so ungereimt als die Begebenheiten unglaublich sind, und dass, wenn man die einen und die andern nach den Gesetzen der Vernunft, der Wahrscheinlichkeit und der Sittlichkeit beurteilen wollte, nichts tollers erdacht werden kann. Allein das ware nicht billiger, als wenn man das Clima von Siberien nach dem Clima von Valencia, oder die Hoflichkeit der Schineser nach der unsrigen beurteilen wollte. Das Land der Feerei liegt ausserhalb der Grenzen der Natur, und wird nach seinen eigenen Gesetzen, oder richtiger zu sagen, (wie gewisse Republiken, die ich nicht nennen will) nach gar keinen Gesetzen regiert. Man kann ein Feen-Marchen nur nach andern Feen-Marchen beurteilen, und in diesem Gesichtspunct finde ich den Biribinker nicht nur so wahrscheinlich und lehrreich, sondern in allen Betrachtungen weit interessanter, (die vier Facardins vielleicht allein ausgenommen) als irgend ein anders Marchen in der Welt. Ich mochte doch, zum Exempel, wissen, was sie lehrreiches in diesem Marchen finden, fragte Hyacinthe. Moralisten von Profession, erwiderte Don Eugenio, Leute, die im Stande sind, ein ganzes System von Sittenlehre aus einer Elegie des Tibullus auszuziehen, wurden ohne Zweifel geschickter sein als ich, diese Frage zu beantworten. Aber, damit ich meinen Satz nicht ganz unerwiesen lasse, wird nicht in dieser Geschichte die Ausschweifung und das Laster durchgangig bestraft? wird nicht die Unschuld in der Person des Milchmadchens am Ende belohnt? und ist nicht das Ganze eine sehr uberzeugende Bestatigung der moralischen Maxime: Dass der Vorwitz uber unser kunftiges Schicksal, in der Absicht, uns demselben zu entziehen, toricht und gefahrlich sei. Hatte der Konig mit dem grossen Wanst den grossen Caramussal unbefragt gelassen, so wurde man nie gewusst haben, dass es gefahrlich fur den Prinzen seie, vor seinem achtzehnten Jahr ein Milchmadchen zu sehen, und so wurde er auch den Namen Biribinker nie bekommen haben. Er wurde wie andere Prinzen am Hofe seines Vaters aufgewachsen sein, und wenn es Zeit gewesen ware ihn zu vermahlen, so wurde man durch Gesandte um die Princessin Galactine haben werben lassen, und alles ware den naturlichen Gang fortgegangen. Der Vorwitz des Konigs und das fatale Oraculum des grossen Caramussal war ganz allein an allem Unheil schuld. Die Mittel, wodurch man ihn vor dem Milchmadchen verwahren wollte, dienten zu nichts, als sie desto balder zusammen zu bringen, und der Name Biribinker, der ihm freilich aus allen seinen Abenteuern heraus half, wurde das nicht notig gehabt haben, weil der Prinz nie in diese Abenteuer verwickelt worden ware, wenn er nicht Biribinker geheissen hatte. Sie haben hierin vollkommen recht, sagte Donna Felicia, aber eben darin besteht das Lustige von der ganzen Comodie, oder vielmehr wenn man diesen einzigen Umstand wegtate, so wurde die ganze Geschichte des Prinzen Biribinkers an statt eines der possierlichsten Feen-Marchen, eine Alltags-Historie sein, die aufs hochste gut genug gewesen ware, einen Artikel in den Zeitungen seiner Zeit auszufullen. Und das ware wohl Schade gewesen. Kurz, ungereimt oder nicht, ich nehme den Prinzen Biribinker in meinen Schutz, und wenn ich die Ehre hatte Hut und Degen zu tragen, so wollte ich gegen alle und jede behaupten, dass die Liebe des Prinzen Biribinkers, die Tugend der Dame Cristalline, die Delicatesse der schonen Mirabella, ihre Kleidung von trocknem Wasser und ihre Zerstreuungen, der Riese Caraculiamborix, das StraussenEi, der Walfisch, die Seen, Inseln und bezauberten Schlosser, die er im Leibe hat, der Palast von gediegenem Feuer, und der redende Kurbis, der sich auf den Lauf der Sterne versteht, mit allen andern wundervollen und unerwarteten Dingen, wovon es in diesem Marchen wimmelte, alles hubsch untereinander gemischt, das aller drolligste Zeug ausmachen, das ich in meinem Leben gehort habe. Sie haben den Karpfen vergessen, der so schone Opern-Arien singt, sagte Hyacinthe, das Hundchen das auf dem Seil tanzte, und die feurige Blicke, womit Biribinker die Steine am Bach, wo sein Madchen sass, in Glas verwandelte. Erlauben sie mir noch hinzu zu setzen, sagte Don Gabriel, dass man schwerlich ein Marchen finden wird, wo die kostbarsten Materialien so sehr verschwendet waren. Ich bin gewiss, dass man in keiner RaritatenKammer von Europa einen Melkkubel von Rubin antreffen wird, und ich kenne keine bezauberte Garten, worin so gar die Brunnen mit diamantnen Quaderstucken gepflastert waren.

Don Sylvio hatte sich bisher begnugt, demjenigen was gesagt wurde aufmerksam zuzuhoren; Wie aber alle ihre Meinung gesagt hatten, und er merkte, dass man nun auf seine Entscheidung warte, so sagte er ganz ernsthaft: Ich muss gestehen, dass ich gewunscht hatte, der Prinz Biribinker ware entweder seinem Milchmadchen, die in der Tat eine sehr liebenswurdige Person ist, getreuer gewesen, oder er wurde fur seine Ausschweifungen scharfer gestraft worden sein; aber (diesen einzigen Umstand und die Character so wohl als die Auffuhrung einiger anderer Personen, die niemand billigen wird, ausgenommen) sehe ich nicht, was in der ganzen Geschichte dieses Prinzen ungereimtes, geschweige dann unnaturliches und unmogliches sein sollte. Wie? Don Sylvio, sagte Hyacinthe, sie finden alle diese Wunderdinge, den Riesen, der sich die Zahne mit einem Zaunpfahl ausstochert, den Walfisch, der auf funfzig Meilen in die Runde Wolkenbruche aus seinen Naslochern spritzt, die weichen Felsen, die singenden Fische, und die redende Kurbisse naturlich und moglich? Ohne Zweifel, schone Hyacinthe, gab Don Sylvio zur Antwort; wenn wir anders nicht den unendlich kleinen Teil der Natur, den wir vor Augen haben, oder das, was wir alle Tage begegnen sehen, zum Massstab dessen, was der Natur moglich ist, machen wollen. Es ist wahr, Caraculiamborix ist in Vergleichung mit einem gewohnlichen Menschen, ein Ungeheuer, aber er wird selbst zum Pygmeen, wenn wir ihn mit den Einwohnern des Saturnus vergleichen, die nach dem Bericht eines grossen Astronomi mit Meilenstaben ausgemessen werden mussen. Warum sollte es nicht einen Walfisch geben konnen, welcher gross genug ware, um Seen und Inseln in sich zu halten, da es kleine Wassertiere gibt, gegen welche ein gewohnlicher Gronlandischer Walfisch zum wenigsten so gross ist, als jener gegen diese? Was den Walfisch betrifft, unterbrach ihn Don Gabriel, so kann seine Moglichkeit keine Frage sein, da es allen Umstanden nach der namliche ist, von welchem Lucian in seinen wahrhaften Geschichten eine umstandliche Beschreibung macht, und worin er selbst ein grosses Land entdeckt hat, welches damals von funf oder sechs verschiedenen Nationen bewohnt war, die immer gegen einander zu Felde lagen, und vermutlich zu der Zeit, da Padmanaba sich einen Palast in den Bauch des Walfisches bauen liess, einander schon aufgerieben hatten. Das einzige, was die Sache unglaublich machen konnte, ist der Umstand, dass Biribinker Sonne, Mond und Sterne darin gesehen haben soll Ich glaube nicht, sagte Don Sylvio, dass das so viel sagen soll, als ob eine wurkliche Sonne und wurkliche Sterne ihren Lauf in des Walfisches Bauch gehalten hatten, sondern nur, dass es den Prinzen so dauchte, welches Padmanaba durch seine Kunst leicht zuwege bringen konnte. Diese Sonne und diese Sternen konnten, zum Exempel, eben so viele Salamander sein, die Padmanaba notigte in gewissen angewiesenen Entfernungen und Kreisen zu leuchten, und ihren Lauf zu halten, und ich vermute aus allen Umstanden, dass es wurklich so gewesen ist. Ich mochte wohl wissen, sagte Hyacinthe, was Don Sylvio unmoglich heisst, denn so wie er die Grenzen der Moglichkeiten ausdehnt, sollte, deucht mich, alles moglich sein, was man sich in der Schwarmerei eines hitzigen Fiebers einbilden kann. Wenn es gediegenes Feuer und trokkenes Wasser gibt, so sollte es auch bleiernes Gold und einen viereckichten Cirkel geben konnen. Vergeben sie mir, Hyacinthe, versetzte Don Sylvio, das schliesst nicht so gut, wie sie zu glauben scheinen; die Runde gehort zum Wesen des Cirkels, und es ist also an sich selbst unmoglich, sich einen viereckichten Cirkel einzubilden, aber woher lasst sichs erweisen, dass die Flussigkeit eine wesentliche Eigenschaft des Wassers und des Feuers sei? Sehen wir nicht im Winter Eis welches nichts anders als festes oder gediegenes Wasser ist, warum sollte die Macht oder die Kunst der elementarischen Geister nicht auch trocknes Wasser oder festes Feuer hervor bringen konnen? Mich deucht, (fuhr er fort) die wahre Quelle der irrigen Urteile, die man uber alles dasjenige, was man wunderbare Begebenheiten heisst, zu fallen pflegt, entspringe aus der falschen Einbildung, als ob alles unmoglich sei, was sich nicht aus korperlichen und in die Sinne fallenden Ursachen erklaren lasst; gleich als ob die Krafte der Geister, von denen die korperlichen Dinge bloss tote und grobe Werkzeuge sind, nicht notwendiger Weise die mechanischen und geborgten Krafte eben dieser Werkzeuge unendlich ubersteigen mussten. In dieser Betrachtung glaube ich allerdings, dass unzahliche Dinge moglich sind, die wir aus keinem bessern Grunde fur unmoglich halten, als weil sie unserer Unwissenheit unbegreiflich vorkommen; worin wir ungefahr eben so weise sind, als ein Wilder, der die bezaubernde Modulation, die ein Meister aus einer Quer-Flote hervor bringt, fur unmoglich halten wollte, weil er selbst aus seinem Haberrohr nur heisere und einformige Tone erzwingen kann. Ich finde also in der Geschichte des Prinzen Biribinkers nichts unmogliches, und (die Glaubwurdigkeit des Geschichtsschreibers voraus gesetzt) sehe ich nicht, warum sie nicht von einem Ende zum andern eben so wurklich begegnet sein, und eben so viel Glauben verdienen sollte als irgend eine andere Geschichte. Jetzt haben sie den rechten Punct beruhrt, sagte Don Gabriel; auf die Glaubwurdigkeit der Zeugen kommt alles an; denn ob wir gleich allen den Wunderdingen, womit die Geschichtschreiber und die Dichter die Welt angefullt haben, oder doch dem grossten Teil davon, eine bedingte Moglichkeit einraumen konnen, so sind sie doch um des willen nicht weniger blosse Schimaren, so lange nicht bis zur Uberzeugung der Vernunft erwiesen werden kann, dass sie wurklich existieren oder existiert haben. Und das gestehe ich ihnen, dass es sehr schlecht um die historische Wahrheit der Feen- und Geister-Geschichten steht, wenn sie keine bessere Gewahr ihrer Wahrheit aufzuweisen haben als Biribinker. Warum das, fragte Don Sylvio? Weil diese ganze Geschichte von meiner eigenen Erfindung ist, antwortete Don Gabriel. Von ihrer Erfindung? rief jener etwas betroffen aus. O! Don Gabriel, das hatte ich ihnen nicht zugetraut! Sie nannten uns ja einen Geschichtschreiber, woraus sie hergenommen sein sollte? Vergeben sie mir, Don Sylvio, erwiderte der andere, es ist nicht anders als wie ich sage. Ich wollte einen Versuch machen, wie weit ihre Vorurteile fur die Feerei gehen konnten, ich strengte (nehmen sie mirs nicht ubel auf) allen Aberwitz dessen ich fahig bin, an, um eine so widersinnische und ungereimte Wunder-Geschichte zu erdenken, als man nur jemals gehort haben mochte, und so entstund der Prinz Biribinker; aber ich gestehe ihnen freilich, dass es mir nicht moglich war, etwas so ungereimtes zu ersinnen, das nicht in allen andern Feen-Marchen seines gleichen hatte, und ich hatte voraus sehen konnen, dass diese Analogie sie verfuhren wurde. Glauben sie mir, Don Sylvio, die Urheber der Feen-Marchen und der meisten Wunder-Geschichten haben so wenig im Sinn, klugen Leuten etwas weis zu machen, als ich es haben konnte; ihre Absicht ist die Einbildungs-Kraft zu belustigen, und ich gestehe ihnen, dass ich selbst ein grosserer Liebhaber von Marchen als von metaphysischen Systemen bin. Ich kenne unter den Alten und Neuern Leute von grossen Fahigkeiten, und selbst Leute von Ansehen, die sich in mussigen Stunden damit abgegeben haben, Marchen zu schreiben, und viele grossere Manner als ich bin, und die einen ernsthaftern Character behaupteten, als ich jemals zu behaupten verlange, die diese Spielwerke allen andern Werken des Witzes vorzogen. Wer liebt nicht zum Exempel, den Orlando des Ariost, der doch in der Tat nichts anders als ein Gewebe von Feen-Marchen ist? Ich konnte noch vieles zum Vorteil derselben sagen, wenn es jetzt darum zu tun ware, ihnen eine Lobrede zu halten. Aber bei dem allen bleiben Marchen doch immer Marchen, und so viel Vergnugen als uns unter den Handen eines Dichters, der damit umzugehen weisst, die Salamander und Sylphiden, die Feen und Cabbalisten machen konnen, so bleiben sie nichts desto weniger schimarische Wesen, fur deren Wurklichkeit man nicht einen einzigen bessern Grund hat, als ich fur einen Biribinker anzufuhren im Stande ware. Sie scheinen nicht zu bedenken, sagte Don Sylvio, dass sie die Feen und elementarischen Geister, nebst der Cabbala, oder geheimen Philosophie, die den Weisen die Macht gibt, sich diese Geister unterwurfig zu machen, nicht leugnen konnen, ohne den Grund aller historischen Wahrheit umzustossen. Denn wie durchgangig und ubereinstimmend ist nicht das Zeugnis der ganzen Geschichte zu ihrem Vorteil? Sie haben vermutlich die Nachrichten von dem Grafen von Gabalis gelesen, erwiderte Don Gabriel, worin dieses Argument auf den hochsten Grad der Starke getrieben ist, die es haben kann. Aber alles was man damit beweisen kann, ist weder mehr noch minder, als dass die Geschichte mit Fabeln und Unwahrheiten untermischt ist; ein grosses Ubel, welches dem schwachen Verstand oder dem bosen Willen, oder wenigstens der Eitelkeit der Geschichtschreiber zu Schulden liegt, und in meinen Augen die wahre Quelle so vieler schadlichen Irrtumer ist, womit wir die verschiedenen Gesellschaften der Menschen behaftet sehen. Glauben sie, zum Exempel, dass Biribinker nur um den vierten Teil eines Grans glaubwurdiger ware, wenn er von Wort zu Wort von dem Geschichtschreiber Palaphatus erzahlt wurde? Woher konnten wir wissen, ob ein Autor, der vor drei tausend Jahren gelebt hat, und dessen Geschichte und Character uns ganzlich unbekannt ist, nur im Sinn gehabt habe uns die Wahrheit zu sagen. Und gesetzt, er hatte sie, konnte er nicht leichtglaubig sein? Konnte er nicht aus unlautern Quellen geschopft haben? Konnte er nicht durch vorgefasste Meinungen oder falsche Nachrichten selbst hintergegangen worden sein? Oder gesetzt, das alles fande nicht bei ihm statt; kann nicht in einer Zeitfolge von zwei oder drei tausend Jahren seine Geschichte unter den Handen der Abschreiber verandert, verfalscht, und mit unterschobenen Zusatzen vermehrt worden sein? So lange wir nicht im Stande sind, von jedem besondern Abenteuer des Biribinkers, und so zu reden, von Zeile zu Zeile zu beweisen, dass keiner von allen diesen moglichen Fallen dabei Platz finde, so wurde Herodot selbst kein hinlanglicher GewahrsMann fur die Wahrheit dieser anmasslichen Geschichte sein. Ich gestehe ihnen, das Zeugnis eines Tacitus oder Hume4 wurde der Existenz der Elementar-Geister und eines jeden andern Dings, das nicht innerhalb des bekannten Cirkels der allgemeinen menschlichen Erfahrung liegt, sehr zu statten kommen, allein, zum Ungluck fur das Wunderbare, konnen sie sich keiner so vollgultigen Zeugen ruhmen. Und gesetzt auch, es fanden sich unter der unendlichen Menge von Wunderdingen dieser Art, die seit dem Anbeginn der Welt bei allen Volkern des Erdbodens erzahlt, und zum Teil geglaubt worden sind, einige wenige, die ein unverwerfliches Ansehen vor sich hatten; so wurde dieses weder die ubrigen glaubwurdiger machen, noch den allgemeinen Grundsatz entkraften konnen: Dass alles und jedes, was keine Analogie mit dem ordentlichen Lauf der Natur, in so fern sie unter unsern Sinnen liegt, oder mit demjenigen hat, was der grosste Teil des menschlichen Geschlechts alle Tage erfahrt, eben deswegen die allerstarkste und gewisser massen eine unendliche Prasumtion der Unwahrheit wider sich habe; ein Grundsatz, den das allgemeine Gefuhl des menschlichen Geschlechts rechtfertiget, ob er gleich der ganzen Feerei mit allen ihren Zubehorden auf einmal das Leben abspricht.

Die Damen hatten sich zuruck gezogen, so bald sie sahen, dass die Conversation einen scientifischen Schwung nehmen wurde. Don Sylvio ergab sich nicht so leicht als sein Gegner erwartet haben mochte. Er bediente sich aller Vorteile, die ihm die scheinbare Verwandtschaft dieser Materie mit andern, wo Don Gabriel, nach Husaren-Art, nur fliehend fechten konnte, zu geben schien; allein, nachdem er sich endlich durch die uberwiegende Geschicklichkeit seines Gegners aus allen seinen Schlupfwinkeln heraus getrieben sah, so blieb ihm endlich nichts ubrig, als sich gleichfalls auf die Erfahrung zu berufen, durch welche ihn jener zu uberweisen gedacht hatte. Doch er fand bald, dass er wenig gewinnen wurde, einen Philosophen wie Don Gabriel, mit seinen eigenen Waffen anzugreifen; man bewies ihm, dass besondere und ausserordentliche Erfahrungen, so bald sie der Analogie der allgemeinen Erfahrung widersprechen, allezeit verdachtig sind; und dass zu einer Evidenz, der sich die Vernunft ergeben musste, ein so scharfer Beweis erfordert wurde, dass unter tausend solchen ausserordentlichen Erfahrungen kaum eine zu finden sei, die bei genauer Untersuchung, nur so viel Wahrscheinlichkeit ubrig behalte, als zu einer starken Prasumtion erfordert werde. Er nahm, zu Erlauterung seiner Lehrsatze die Visionen der Schwester Maria von Agreda zum Beispiel, und vertiefte sich unvermerkt in Speculationen, die der Ubersetzer fur die meisten Leser dieses Buchs zu tiefsinnig gehalten, und um so lieber weg gelassen hat, als aus dem Vorbericht, der dem spanischen Manuscript voran gesetzt ist, erhellet, dass der ehrwurdige Dominicaner-Monch, dem selbiges zur Censur gegeben worden, von diesem Discurs den unschuldigen Anlass genommen, den Druck des ganzen Werks zu untersagen. Dem sei wie ihm wolle, so fand Don Eugenio selbst fur gut, die Fortsetzung dieser allzu metaphysischen Untersuchungen zu hemmen. Ich glaube kaum, sagte er, dass es zum Beweis, wie leicht uns in diesem Stuck unsere vorgefasste Meinungen oder eine allzuwurksame Phantasie hintergehen kann, etwas anders braucht, als sich auf Don Sylvio eigene Erfahrung zu berufen. Ich wette was man will, sie glaubten beim Eintritt in diese Garten, und beim Anblick des Pavillions, in einen Feen-Sitz gekommen zu sein; und doch ist nichts gewissers, als dass sie in eben diesem Lirias sind, welches mein Grossvater Gilblas von Santillane der dankbaren Grossmut des Don Alphonso von Leyva zu danken hatte, und welches seit dem, teils von ihm, teils von meinem Vater Don Felix von Lirias erweitert und verschonert worden. Sie scheinen noch so wenig von der wurklichen Welt gesehen zu haben, dass die Ahnlichkeiten, die sie zwischen den Garten und Gebauden zu Lirias mit denen, womit ihre Einbildungs-Kraft in den Marchen bekannt worden ist, gefunden haben, sie leicht verfuhren konnten, dasjenige, was von ganz alltaglichen Menschen-Handen gemacht ist, fur ein Werk der Geister und der Feerei zu halten. Gestehen sie, Don Sylvio, dass sie bei Erblickung meiner Schwester keinen Augenblick anstunden, sie fur eine Fee zu halten; und doch kann ihnen mein Pfarrer mit dem Tauf-Register beweisen, dass sie eine Sterbliche ist, und von guten alten Christen abstammt, die niemalen der Magie verdachtig gewesen sind; eine Enkelin der liebenswurdigen Dorothea von Jutella, welche bestimmt war, meinem Grossvater den Verlust seiner geliebten Antonia zu ersetzen, und mit der sie in der Tat eine so grosse Ahnlichkeit hat, dass man das Bildnis der einen fur der andern ihres halt. Diese einzige Induction wurkte mehr als alle Schlussreden des Don Gabriel. Don Sylvio hatte ausser einem Compliment, das er bei diesem Anlass den Reizungen der Donna Felicia machte, so wenig grundliches darauf zu antworten, dass er allmahlich stille wurde, und, wie es schien, in Gedanken verfiel, die seinen Kopf merklich verdusterten. Zu gutem Gluck war es eben Zeit, in eine Comodie zu gehen, welche Don Eugenio durch eine herum wandernde kleine Schauspieler-Gesellschaft, die er etliche Wochen bei sich behielt, veranstaltet hatte. Diese angenehme Zerstreuung und die Gegenwart der Donna Felicia, die er den ganzen ubrigen Abend genoss, stellten nach und nach den guten Humor unsers Helden wieder her; die aufmunternde Freundlichkeit, oder sollen wir die Zartlichkeit sagen, die in ihrem ganzen Betragen gegen ihn herrschte, machte ihn gar bald lebhaft, gesprachig und begierig zu gefallen, und der Ton der scherzenden Frohlichkeit, worein sie uber dem Nachtessen die ganze Gesellschaft stimmte, wurkte zuletzt so machtig auf ihn, dass er unvermerkt die Rolle vergass, die er zu spielen ubernommen hatte, und mit dem Prinzen Biribinker und seinen Feen so lustig machte, als ob er nie keine Feen geglaubt, und keinen Sommervogel geliebt hatte.

Siebentes Buch

Erstes Capitel

Merkwurdige Entdeckung

Sonderbare Verschwiegenheit des Pedrillo

Der spanische Autor fangt dieses Buch mit einer Art von Entschuldigung an, die er an diejenigen von seinen Lesern richtet, welche (wie er sagt,) einen kleinen Unwillen daruber bezeugt haben, dass seit dem Augenblick, da Donna Felicia und Don Sylvio sich in dem Pavillion zu Lirias so unverhofft zusammen gefunden, der gute Pedrillo bisher so ganzlich bei Seite gesetzt worden, dass man ihn nur nicht ein einziges mal habe auftreten lassen, um die Gesellschaft und den geneigten Leser mit seinen Einfallen zu belustigen.

Wir halten es, sagt unser Autor, fur keinen kleinen Fehler eines Schauspiels, wenn der Dichter, der es ubernommen hat, die Character, Leidenschaften, Tugenden oder Torheiten seiner Personen durch den Labyrinth verwickelter Zufalle zu dem vorgesetzten Ziele fortzufuhren, an statt seine ganze Aufmerksamkeit mit ihnen allein zu beschaftigen, sich alle Augenblicke an die Zuschauer erinnert, fur die er arbeitet, ja wohl gar durch ein ad spectatores, so er bald dieser bald jener handelnden Person in den Mund legt, der schlechten Anlegung seines Plans oder einer hinkenden Entwicklung nachzuhelfen genotigt ist. Unsers Bedunkens hat es mit einer Geschichte wie die unsrige ist, die namliche Bewandtnis. Ja, wenn Pedrillo, wie die lustige Personen in gewissen Comodien nur darum da ware, die Leser lachen zu machen, da konnte man uns billig einen Vorwurf machen, dass wir vielleicht mehr als eine Gelegenheit entgehen lassen, wo er seine Bestimmung zum Zeitvertreib seiner Gonner hatte erfullen konnen. Allein Pedrillo hat, wie man langst bemerkt haben sollte, eine weit wichtigere Rolle zu spielen; und wenn auch bei seiner Einfuhrung in diese Geschichte unsere Absicht zum Teil mit auf die Belustigung des Lesers gegangen ist, so ist doch gewiss, dass dieses (um uns gelehrt auszudrukken) nur ein finis secundarius war, der, wie man weisst, dem Haupt-Endzweck allemal Platz machen muss, wenn nicht Raum genug fur beide da ist. Pedrillo kommt also oder geht, plaudert oder schweigt, ist geschaftig oder mussig oder gar unsichtbar, je nachdem es die Natur seines Dienstes oder sein Verhaltnis gegen seinen Herrn mit sich bringt. Da er ihn auf seiner wundervollen Wanderschaft begleitete, so hatte er das Recht zu plaudern, wie und was er wollte, so lange Don Sylvio keine bessere Gesellschaft hatte; und er tritt ab, und zieht sich in die Lakaien-Stube, oder in das Zimmer der schonen Laura zuruck, so bald sein Herr bessere Gesellschaft hat. Es ist wahr, man konnte uns das Exempel des Sancho Pansa einwenden, welcher in dem Schlosse, wo sein Herr (Trotz seinen Feinden, den Zauberern und Mohren) so wohl aufgenommen wurde, allezeit mit von der Gesellschaft war, allenthalben freien Zutritt und so gar die Ehre hatte, der Frau Herzogin mehr als einmal unter vier Augen zu sprechen. Allein man muss sich erinnern, dass es dort darum zu tun war, mit der feierlichen Narrheit des Ritters und der schalkhaften Dummheit des Stallmeisters sich lustig zu machen; da hingegen in dem Schlosse zu Lirias alles angewandt wird, unsern Helden von der Bezauberung seines Gehirns je balder je lieber zu befreien, ohne dass man sich das mindeste darum bekummert, ob unsere werten Leser, die ihn vielleicht lieber narrisch sehen wurden, dabei verlieren oder nicht.

Damit man uns indessen den Vorwurf nicht machen konne, als ob wir den guten Pedrillo, so bald wir seiner nicht mehr notig gehabt, undankbarer Weise weggeworfen hatten, so haben wir einen Teil dieses Capitels dazu bestimmt, seinen besagten Gonnern eine kurze Nachricht zu geben, wie er seit seiner Ankunft zu Lirias seine Zeit zugebracht.

Man erinnert sich vermutlich noch, dass die angenehme Laura schon damals, da sie ihm in Gestalt einer Sylphide zum erstenmal erschien, sein Herz mit sich hinweg nahm, ohne dass er selbst begreifen konnte, wie es zuging. Man muss gestehen, fur einen Liebhaber, der sich in der ersten Warme einer angehenden Leidenschaft befindet, war die Zerstreuung ziemlich stark, wozu ihn noch an dem namlichen Abend die Dame Teresilla verleitete: Allein in diesem Stuck war Pedrillo ein anderer Biribinker, wenn er gleich seiner ersten Liebste nicht ofter untreu wurde, als er Anlass dazu hatte, so schien es doch als ob jede neue Untreue seine Liebe nur desto starker anfache, und er brauchte die wahre Beherrscherin seines Herzens nur wieder zu sehen, um auf einmal zu vergessen, dass ihm eine andere hatte gefallen konnen. Bei so bewandten Umstanden wird sich niemand wundern, dass es wenig Muhe kostete, ihn einen oder zween Tage von seinem Herrn entfernt zu halten. Laura, welche diesen Befehl von ihrer Gebieterin hatte, fand die Vollziehung desselben desto leichter, da Pedrillo von dem Vergnugen sie zu sehen und mit ihr zu schakern, (wie er es nannte) so berauscht war, dass er vielleicht in einer noch langern Zeit nicht an Don Sylvio gedacht hatte, wenn die Sylphide nicht selbst die erste gewesen ware, ihn daran zu erinnern.

Die Zartliche Neigung, welche Pedrillo so glucklich gewesen war, dieser jungen Nymphe einzuflossen, bewog sie, die Gelegenheiten nicht auszuweichen, wo sie mit ihm allein sein konnte, ohne Aufsehen zu machen oder vermisst zu werden, und so geschah es, dass sie an dem andern Tag seit seiner Ankunft, zu eben der Zeit da die Herrschaft in einem Saale des GartenPavillions sich mit Gesprachen unterhielt, und der grosste Teil des Hauses des nachmittaglichen Schlummers pflegte, beide, ohne sich bestellt zu haben, und also von ungefahr oder durch eine Wurkung der magnetischen Krafte, deren wir an einem andern Orte Erwahnung getan, in einer dicht verwachsenen Laube des Labyrinths zusammen kamen. Die beiderseitige Absicht war, die Sieste hier zu machen; da sie aber einander eben so unverhofft antrafen als Dido und der trojanische Held in einer gewissen Hohle, so war nichts naturlichers, als dass sie, an statt zu schlafen, sich zusammen setzten, und mit einander schwatzten. Die Hitze tut nicht auf alle Leute die namliche Wurkung, und wenn gleich die Naturkundiger beweisen, dass ein grosser Grad derselben die Lebensgeister zerstreue, und die Fibern abspanne, so war doch Pedrillo noch niemal in einer Verfassung gewesen, die ihn zu einem gefahrlichern Liebhaber hatte machen konnen als damals. Laura wurde es gar bald gewahr, und da sie, wider die Gewohnheit der spanischen Kammermadchen, weder galant war, noch die Sprode machte, so sahe sie sich endlich genotiget ihm zu verstehen zu geben, dass ein Liebhaber sie durch nichts als durch seine Bescheidenheit von der Wahrheit seiner Liebe uberzeugen konne. Die Furcht sie erzurnt zu haben, tat bei dem guten Pedrillo, was nach dem System der Naturkundiger die Hitze hatte tun sollen; er wurde auf einmal so schuchtern und so demutig, als der demutigste von den Verehrern der Konigin der Cristall-Inseln, und versprach ihr, wenn sie ihn nur nicht gar aus ihrer Gegenwart verbannen wollte, so zahm und unschuldig zu sein als ein Lamm. Unter dieser Bedingung willigte die schone Laura ein, ihn bei sich zu behalten, und damit sie seine Aufmerksamkeit auf ihre Reizungen ein wenig zerstreuen mochte, vermochte sie ihn nach und nach durch Frag und Antwort zu einer umstandlichen Erzahlung alles dessen, was ihm von der Geschichte seines jungen Herrn bekannt war. Sie erfuhr also den Umstand mit dem Bildnis der bezauberten Princessin, und er sah aus der Beschreibung desselben, dass es eben dasjenige Halsgeschmeide war, welches ihre Dame vor etlichen Tagen auf einer Spazierreise nach ihrem kleinen Arcadien verloren hatte. Sie entdeckte dieses dem Pedrillo, und auf die fernere Nachricht, auf was fur eine Weise Don Sylvio desselben beraubt worden war, machte sie sich in Gesellschaft ihres neuen Freundes unverzuglich auf, es wieder herzubringen. Sie zweifelten nicht, dass es sich in den Handen einer von den Bauer-Dirnen befinden wurde, die auf den Schloss-Gutern arbeiteten; und ihre Vermutung traf richtig ein. Das Kleinod wurde gegen ein Geschenk von etlichen Maravedis ausgeliefert, und noch an dem namlichen Abend der Donna Felicia eingehandiget, welche uber die Nachrichten und Erlauterungen, die ihr Laura aus Pedrillo Munde daruber gab, noch mehr Vergnugen empfand, als uber das Geschmeide selbst, ob es gleich von grossem Wert war. Sie glaubte nunmehr den Talisman in Handen zu haben, durch welchen die Entzauberung ihres geliebten Don Sylvio zu Stande gebracht werden konnte; und setzte sich vor, den Gebrauch, den sie davon machen wollte, nicht langer als bis an den folgenden Morgen zu verschieben.

Inzwischen wurde dem Pedrillo durch seine gebietende Dame, Laura, aufs nachdrucklichste eingescharft, seinem Herrn nichts von diesem Geheimnis zu sagen, und Pedrillo konnte es folglich kaum erwarten, bis er eine Gelegenheit erschleichen wurde, die alte Beobachtung zu rechtfertigen: dass kein gewisseres Mittel ist, die Leute zu etwas anzuspornen, als wenn man es verbietet. Diese Gelegenheit bot sich gleich des folgenden Tages an. Der Herr und der Diener waren beide verliebt, und schliefen folglich beide sehr wenig. Pedrillo wurde gewahr, dass Don Sylvio mit anbrechendem Morgen in den Alleen des Gartens tiefsinnig hin und wieder ging, und weil Laura, die sonst genau auf ihn Acht gab, damals vermutlich noch in angenehmen Morgen-Traumen begriffen war, so schlich er sich ganz leise aus einem Zimmerchen, so man ihm unter dem Dach eingeraumt hatte, herab, und suchte seinen Herrn auf.

Don Sylvio hatte einen guten Teil der Nacht mit Betrachtungen zugebracht, welche den Feen nicht sehr vorteilhaft waren. Die Wahrheit zu sagen, seit dem kleinen Betrug, den ihm Don Gabriel mit dem Marchen vom Prinzen Biribinker gespielt hatte, hatte sein Glaube an diese Damen und ihre Geschichtschreiber keine geringe Erschutterung erlitten. Die Geschichte des Herrn Biribinkers kam ihm jetzt selbst so abgeschmackt vor, dass er nicht begreifen konnte, wie es zugegangen, dass er den Betrug nicht augenblicklich gemerkt habe. Er fand endlich, dass die wahre Ursache davon schwerlich eine andere sein konne, als die Ahnlichkeit dieses Marchens mit den ubrigen, und das Vorurteil, so er einmal fur die Wahrheit der letztern gefasst hatte. Er konnte sich selbst nicht langer verbergen, dass, wenn auch die Ungereimtheiten im Biribinker um etwas weiter getrieben waren als in andern Marchen, dennoch die Analogie zwischen dem ersten und den letztern gross genug sei, um ihm, zumal in Betrachtung alles dessen, was Don Gabriel und Don Eugenio dagegen eingewandt hatten, alle Marchen ohne Ausnahm verdachtig zu machen. Unter dergleichen Betrachtungen war er endlich eingeschlafen, und nach einem Schlummer von drei Stunden, in welchem er an einem fort von Donna Felicia getraumt hatte, war er wieder aufgestanden, um bei einem einsamen Spaziergang in der Kuhle des Morgens seine Betrachtungen uber eine fur ihn so wichtige Sache mit desto besserm Erfolg fortsetzen zu konnen.

Es wahrete eine geraume Zeit, bis ihn Pedrillo fand; denn er hatte sich, indessen dass sich dieser ankleidete, und herunter stieg, in den Alleen des Labyrinths vertieft, welches wegen seiner Grosse und der Mannigfaltigkeit der Gange, Sommerlauben, kleinen Lustwaldchen, Cascaden, griechischen Tempeln, Pagoden, Bildsaulen und andern Dingen, die geschickt waren ihm ein romantisches Ansehen zu geben, den angenehmsten Ort von der Welt ausmachte. Unser Held, der nicht langer zweifeln konnte, dass alles dieses, so sehr es einer bezauberten Gegend gleich sahe, ein Werk der Kunst seie, die, von einer dichterischen Imagination geleitet, aus der geschickten Verbindung der verschiedenen Schonheiten der Natur und der nachahmenden Kunste ein so angenehmes Ganzes hervor zu bringen gewusst habe; kam beim ersten Eintritt in diesen anmutsvollen Hain auf den Gedanken: dass die Phantasie vielleicht die einzige und wahre Mutter des Wunderbaren sei, welches er bisher, aus Unerfahrenheit, fur einen Teil der Natur selbst gehalten hatte. Er hatte diesem Gedanken schon eine ziemliche Weile mit dem Vergnugen, womit lebhafte Geister eine neue Entdeckung zu verfolgen pflegen, nachgehangen, als er auf einmal den Pedrillo ansichtig wurde, der hinter einem Gebusche von wildem Lorbeer, so sich um die Ruinen eines kleinen Tempels herum zog, mit grosser Freude auf ihn zugelaufen kam. Je, guten Morgen, Herr Don Sylvio, schrie ihm dieser entgegen, so bald er ihn erblickte, lebt ihr auch noch! Sapperment! gnadiger Herr, man kriegt euch ja den ganzen Tag nicht einen Augenblick zu sehen; wenn ich nicht von der Jungfer Laura gehort hatte, dass ihr noch da waret, ich hatte, verzeih mirs Gott, denken mogen, dass euch die Feen durch die Luft davon gefuhrt hatten. Ich habe weit mehr Ursache mich uber dich zu beschweren, versetzte Don Sylvio lachend: Du musst sehr von deiner Sylphiden bezaubert sein, dass ich dich seit dem Augenblick, da du bei der Ankunft der Donna Felicia aus dem Saale weg gingst, nicht zu sehen gekriegt habe. Gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, ich glaube, ihr irrt euch nicht um die Halfte, wenn ihr denkt, dass ich bezaubert bin; man sagt, die Bezauberten essen und trinken nichts, ohne dass sie um ein Quintchen magerer werden als sie gewesen sind; ich will gleich gehangen sein, aber versteht mich recht, nur an meines Madchens Hals, meine ich, wenn ich seit vorgestern so viel gegessen habe als eine Fliege auf ihren Flugeln wegtragen konnte. Seht ihr, wenn wir bei Tische sitzen so sitze ich allemal der Jungfer Laura gegen uber, und da gaffe ich sie halt eines Gaffens an, und da gibt es alle Augenblick etwas anders, und da sehe ich ihr zu, wie ihr das Essen so wohl ansteht, und gucke ihr in ihr kleines Maul, denn sie hat ein Maul voll Zahne, dass es eine Lust ist, so weiss und gleich gesetzt, wie eine Schnur Perlen, und was ich sagte, da neckt sie mich alle Augenblick, oder winkt mir, oder tritt mich mit dem Fuss, oder macht etwas an ihrem Halstuch zu rechte, und mit alle dem Spass vergass ich, meiner Six! Essen und Trinken, wenn sie mir nicht zuweilen selbst einen Bissen ins Maul steckte. Und doch bin ich wie Eu. Gnaden sieht, so frisch und stark, als ob ich mit dem Bel zu Babel in die Wette frasse. Das macht die gute Gesellschaft; Beim Velten! man sieht Eu. Gnaden auch keinen Mangel an; ihr seht so frisch und rotbackicht wie ein Brautigam, und doch wollt ich wetten, dass Eu. Gnaden heute Nacht nicht viel geschlafen hat. Das macht, wie du sagst, die gute Gesellschaft, erwiderte Don Sylvio; aber wie gefallt es dir denn in diesem Schlosse, Pedrillo? Wollen wir uns nicht bald wieder auf den Weg machen? Auf den Weg machen? rief Pedrillo, indem er einen Sprung zuruck tat, und seinen Herrn mit einer schelmischen Mine ansah, Sapperment! wir wollen erst recht ankommen, ehe wir wieder ans Weggehen denken. Wir haben nicht so sehr zu eilen, gnadiger Herr, man trifft nicht hinter allen Zaunen ein Quartier an wie dieses, und hernach, wenn mirs Eu. Gnaden nicht ubel nehmen will, die Feen mogen sagen was sie wollen, so denk ich halt, es ist doch immer besser unter Christen-Menschen zu leben, als unter solchem Zaubervolk, unter Kobolten und Geistern wo man nie gewiss weisst, wen man vor sich hat. Die Dame Laura gefiel mir gleich das erstemal, ob ich sie gleich fur ein Sylphen-Madchen ansah, ich kann euch nicht sagen wie wohl; aber seit dem ich weiss, dass sie eine gute catholische Christin ist, und Fleisch und Blut hat wie andere ehrliche Leute, und dass sie weder Sylphin noch Gnomin, sondern Jungfer Laura, der gnadigen Frau Donna Felicia von Cardena ihr Kammer-Madchen ist; seitdem ist sie mir noch tausendmal lieber. Mit einem Wort, Herr Don Sylvio, ich hoffe, dass es Euer Gnaden nicht Ernst war, dieses Schloss schon wieder zu verlassen, wo es uns so wohl geht, dass wir es nicht besser wunschen konnten. Wenn es schon weder von Saphir noch Diamant Steinen gebaut ist, so ist es doch, wie mir Laura versichert hat, eines von den schonsten in der ganzen Provinz, und mir deucht, ich wollte mir mein Lebenlang kein schoners wunschen, wenn ich an eurem Platz ware. Ich weiss schon was ich weiss, wenn ich schon nicht dergleichen tue; aber man findet manchmal mehr als man sucht, und ein Waldschnepfe lasst sich wohl gegen einen Auerhahnen tauschen. Ich will nichts gesagt haben, aber denkt an mich, gnadiger Herr, ob wir nicht zwei oder drei Hochzeiten erleben, ehe wir aus diesem Schlosse kommen; ich bitte Eu. Gnaden sich seiner Zeit daran zu erinnern, dass ichs vorher gesagt habe. Ich mochte doch wohl wissen, sagte Don Sylvio, was das vor Geheimnisse sind, die dich, wie es scheint, so stark drucken, dass du es kaum erwarten kannst, bis du dich ihrer erlediget hast? Wenn mich Eu. Gnaden fur einen solchen Schwatzer ansieht, erwiderte Pedrillo, so hatte ich gute Lust, dass ich meinen Kopf auch setzte, und euch fein hubsch nichts sagte. Ihr konntet euch leicht einbilden, als ob ich nichts bei mir behalten konnte; und hernach hab ich noch meine besondere Ursachen, und ich denke, Jungfer Laura hatte die ihrigen auch, da sie mir so scharf verboten, dass ich euch nichts davon sagen sollte, dass die Princessin Sapperment! Schier hatt ichs entwischen lassen; aber ich ertappte mich selbst noch zu rechter Zeit; nur noch eine kleine Geduld, gnadiger Herr; Die Birnen fallen von sich selbst, wenn sie reif sind, es werden, ehe es lange wahren wird, seltsame Dinge an den Tag kommen. Aber das muss ich gestehen, gnadiger Herr, dass ihr in einem gluckseligen Zeichen geboren seid; Sapperment! Es leben die Feen und die bezauberten Schmetterlinge; denn das ist nun einmal richtig, wenn wir nicht Narren gewesen und den blauen Schmetterling gesucht hatten Mehr sag ich nicht! Genug, dass ich weiss was ich weiss, und dass Eu. Gnaden sieht, dass ich schweigen kann. Gelt? wenn ich ein solcher Plauderer ware, wie ihr immer sagt, so hatt ich es sauber bei mir behalten konnen, dass wir das Bild mit samt der Princessin gefunden haben? Was sagst du? unterbrach ihn Don Sylvio; Du hast das Bildnis meiner Princessin gefunden? wo ist es? wo ist es? Ich bitte Eu. Gnaden um Vergebung, antwortete Pedrillo mit der grossten Gleichmutigkeit von der Welt! ich habe kein Bildnis, und ich sagte auch nicht dass ich das Bildnis eurer Princessin gefunden habe, und ich wurde auch lugen, wenn ich das sagte Was plauderst du dann von einem Bild und von einer Princessin, die man gefunden habe? sagte Don Sylvio Ihr habt mich nicht recht verstanden, gnadiger Herr, erwiderte Pedrillo; das sagt ich gewiss nicht, denn das ist eben das Geheimnis, seht ihr; und weil ich nun einmal versprochen habe, dass ich nichts verraten wolle, so soll es auch nicht aus meinem Munde kommen, und wenn ihr mir goldene Berge davor verhiesset. Ich bitte euch, gnadiger Herr, fragt mich nicht; der Teufel ist ein Schelm, es konnte einem unversehens ein Wort entwischen Kurz und gut, Herr Don Sylvio, ich sage so viel, wenn wir gewusst hatten, was ich jetzt weiss, so hatte uns die Fee Rademante die Muhe dem blauen Schmetterling durch dick und dunn nachzulaufen, und eine gute Tracht Schlage, die wir um seinetwillen bekommen haben, ersparen, und uns fein sauber zu Hause lassen konnen Aber bin ich nicht ein Narre? dann hatten wir unsere Princessin nicht gefunden Das ist auch wahr, und man mag sagen was man will, wenn sie gleich nur eine Sachte! da war mirs beim Element! schon wieder auf der Zunge Was dann, du abgeschmackter Dummkopf, rief Don Sylvio ungedultig? Entweder schweige gar, oder rede, dass man begreifen kann was du willst? Sei ich ein Esel, Herr Don Sylvio, sagte jener, wenn ich selbst etwas davon begreife. Wenn man die Sache auf der einen Seite ansieht, so meinte man, die Fee habe euch nur zum besten gehabt und doch ist es auf der andern Seite richtig, dass sie ihr Wort gehalten hat; das Bildnis ist da, das hat seine Richtigkeit, und die Princessin ist auch da, ob sie gleich eigentlich zu reden, weder ein blauer Schmetterling, noch was man sagen mochte, eine Princessin ist; der Henker mag dieses verworrene Zeug auseinander lesen; denn etwas muss man doch sein, und wenn das Bildnis ich weiss selbst nicht was ich sagen wollte, der Kopf wird mir ganz warm davon, wenn ich unsern Begebenheiten nachsinne; dass Feerei darin ist, das lass ich mir nicht ausreden; denn man kann es, meiner Six, mit Handen greifen, dass sich das alles nicht von ungefahr so wunderlich zusammen fugen konnte Aber wenn ich recht sehe, so kommt dort die Princessin Donna Felicia wollt ich sagen; Sapperment! sie kommt eben recht; wenn sie nur eine Minute spater gekommen ware, so hatte ich, glaub ich selbst, mit alle dem Plaudern zuletzt das ganze Geheimnis ausgeplaudert. Mit diesen Worten entfernte er sich von Don Sylvio, welcher, so bald er seine Schone erblickte, auf einmal der Neugier vergass, die der geheimnisvolle Pedrillo in ihm erregt hatte, und mit schnellen Schritten einen andern Gang einschlug, wo er ihr zu begegnen hoffte.

Zweites Capitel

Anfang der Entwicklung

Wenn Verliebte einander ausweichen, so geschieht es gemeiniglich um eifriger gesucht und balder gefunden zu werden. Donna Felicia hatte, so bald sie unsern Helden erblickte, einen entgegen gesetzten Weg genommen, aber doch nicht ohne sich mehr als einmal umzusehen, und so bald sie sah, dass er sie suchte, so lenkte sie unvermerkt in einen Gang ein, wo er sie finden musste. Beide schienen sich zu verwundern, einander so fruh im Garten anzutreffen, aber Donna Felicia war nicht so aufrichtig die wahre Ursache davon zu gestehen als Don Sylvio. Sie schutzte die Annehmlichkeit des Morgens vor, da hingegen dieser ganz offenherzig bekannte, dass er sich um keiner andern Ursache willen so fruh in den Garten begeben habe, als seinen Gedanken desto freier nachzuhangen. Ein viel bedeutender Blick, den er bei diesen Worten auf sie heftete, und ein ubel verhaltener Seufzer erganzten und bestimmten, was darin undeutlich war; aber Donna Felicia, die es nichts desto besser verstund, oder doch nicht der gleichen tun wollte, lenkte die Unterredung auf die Feen, indem sie ihn fragte, ob ihm die Geschichte des gestrigen Abends nicht im Traum vorgekommen sei. Ich fur meine Person, gestehe ihnen, sagte sie, dass ich die ganze Nacht durch in des Walfisches Bauch herum gewandert bin, und wenn sie neugierig sind mehr davon zu wissen, so kann ich ihnen vielleicht Nachrichten geben, die ihnen nicht gleichgultig sein werden. Don Sylvio antwortete ihr hierauf mit dem ganzen Ernst eines Liebhabers von siebenzehen Jahren, dass, da er seit dem er sie gesehen habe, wachend nichts anders sehe als sie, seine Seele sich im Traum noch weniger mit einem andern Gegenstande beschaftigen konne. Er gestund auch, dass dasjenige, was in ihm vorgehe, seitdem er sie kenne, ihn beinahe ganzlich uberzeuge, dass es keine andere Bezauberung gehe als die Liebe. O! warum kann ich keine Worte finden, rief er, ihnen eine Beschreibung davon zu machen! Sie haben mir ein neues Wesen gegeben. Ihre Gegenwart verbreitet einen Glanz um mich her, der die ganze Natur in meinen Augen schoner und ruhrender macht; ich glaube in einer andern Welt zu sein, alles was ich sehe, scheint mir einen Widerschein ihrer Reizungen entgegen zu werfen, die leblosesten Dinge scheinen beseelt und atmen den Geist der Liebe aus; Selbst abwesend bleibt eine Spur an jedem Ort, wo ich sie gesehen habe, ein zauberischer Reiz zuruck, und ich glaube es zu fuhlen, dass sie auch unsichtbar noch immer gegenwartig sind Don Sylvio, unterbrach ihn Felicia mit einem zartlichen Blick, den sie sich bemuhte unter einem scherzhaften Lacheln zu verbergen. Versuchen sie mich nicht ihnen zu sagen, dass sie in den Poeten wenigstens so belesen sind als der Prinz Nennen sie ihn nicht, Donna Felicia, sagte unser Held, den diese Worte, so wenig sie bose gemeint waren, so sehr bewegten, dass ihm die Tranen in die Augen traten; beleidigen sie die Aufrichtigkeit meiner Seele nicht durch eine Vergleichung, die ich so wenig verdiene; ich sage ihnen was ich erfahre, und ich wunschte es ihnen in einer Sprache sagen zu konnen, die nicht so weit unter der Wahrheit meiner Empfindungen ware. Was ich empfinde, seit dem ich sie sehe, ist unendlich weit von den Wurkungen einer erhitzten Phantasie unterschieden; Ihr erster Anblick hat das ganze Feuer meiner Einbildungs-Kraft ausgeloscht, ich erinnere mich meines vorhergehenden Lebens nur wie eines eiteln Traums; von dem glucklichen Augenblick, da ich sie zum erstenmal sah, fangt sich mein wahres Dasein an, und o! mochte es Hier hielt der allzuschuchterne Jungling inne, und liess einen Blick, der bis in die Seele der schonen Felicia drang, vollenden, was er nicht kuhn genug gewesen war auszusprechen. Vielleicht konnte ich, erwiderte Donna Felicia, sie mit gutem Grunde beschuldigen, dass sie nicht so ganz aufrichtig gegen mich sind, als sie mich bereden wollen; aber ich will ihnen keinen Vorwurf machen, und ich bin auch nicht dazu berechtiget. Sie haben mir die Ehre angetan, Don Sylvio, mich fur eine Fee zu halten; erlauben sie mir, ihnen eine Probe zu geben, dass ich ihrer Radiante wenigstens in einem Stucke gleiche; sehen sie hier das Bildnis ihrer Geliebten, das sie verloren, ich stelle es ihnen wieder zu, wie sie es aus ihren Handen empfangen haben. Mit diesen Worten gab sie ihm die Perlenschnur mit dem Bildnis, und ergotzte sich nicht wenig an der Besturzung worein sie ihn durch ein so unerwartetes Geschenk setzte. Er nahm es mit zitternder Hand, er sah es an, dann betrachtete er Donna Felicia, sahe das Bildnis wieder an, und rief endlich aus: Woher auch dieses Bildnis seie, oder wen es vorstellen mag, so sagt mir mein Gesicht, dass es das ihrige ist, und mein Herz, dass es alle die Gewalt, die es uber mich hatte, allein von dieser wunderbaren Ahnlichkeit mit ihnen empfangen hat. Ich erhielt es nicht aus den Handen einer Fee, wie sie sagten; ich fand es in dem Walde, der an den Park von Rosalva grenzt; dieser Umstand, und dass es, nachdem es mir geraubt worden, wieder in ihre Hande gekommen ist, scheint ein Geheimnis zu verbergen. Erklaren sie mirs, schonste Felicia; es ist ganz gewiss ihr eigen Bildnis; so bald ich es sah, bemeisterte es sich meiner ganzen Seele; ich fuhlte es an der unaussprechlichen Liebe, die es mir einflosste, dass es diejenige vorstellte, die mich allein glucklich machen kann, mein Herz erkannte den Gegenstand aller seiner Wunsche darin Aber o! wie unendlich lebhafter war diese Empfindung, da ich das Urbild erblickte! Nehmen sie sich in Acht, sagte Donna Felicia lachelnd, ihr Herz konnte ihnen einen kleinen Streich gespielt haben; ich versichere sie, dass dieses Bildnis, ungeachtet der Ahnlichkeit, die sie zu sehen glauben, nicht das meinige ist.

Sie waren unter diesen Gesprachen immer fort gegangen, und befanden sich, indem Felicia dieses sagte, bei dem Pavillion. Sie bemerkte die Verlegenheit, worein ihre Versicherung den guten Don Sylvio setzte, ob er gleich immer fort behauptete, dass er in diesem Bildnis, es mochte nun auch vorstellen sollen wen es wollte, niemand als sie selbst geliebt habe. Er schrieb es der Wurkung einer geheimen Vorempfindung zu, ob er gleich gestund, dass ihm die Umstande, worin er es bekommen habe, noch immer ein Ratsel seien. Donna Felicia konnte nicht so grausam sein ihn langer in einer Verwirrung zu lassen, die zu nichts hatte dienen konnen, als ihre Eitelkeit zu vergnugen; sie fuhrte ihn also durch den Saal des Pavillions in ein Cabinet, bei dessen Offnung ihm so gleich zwei grosse Bildnisse in Lebens-Grosse in die Augen fielen, welche neben einander hingen, und einander so vollkommen ahnlich waren, dass man sie durch nichts anders unterscheiden konnte, als eine kleine Verschiedenheit des Colorits, die nur dem scharfsten Kenner merklich sein konnte. Eines von diesen Bildnissen ist das meinige, sagte sie; raten sie, Don Sylvio, welches von beiden. Beide sinds, rief Don Sylvio, denn es deucht mich augenscheinlich, dass dieses hier eine Copei von jenem ist. Sie irren sich, Don Sylvio, erwiderte Felicia; dieses hier, welches sie fur das meinige ansehen, ist wenigstens sechzig Jahre alter. Es stellt meine Grossmutter Donna Dorothea von Jutella vor, so wie sie in einem Alter von sechzehen Jahren war; hier, fuhr sie fort, indem sie ihm ein kleines Mignatur-Gemalde wies, das unter dem grossen Portrait hing, sehen sie ein anders, das ungefahr um die namliche Zeit von ihr gemacht wurde; es ist dem grossern vollkommen ahnlich, und nach diesem wurde das kleine Bildnis gemalt, das die Gelegenheit zu einer so seltsamen Intrigue gegeben hat. Die ausserordentliche Ahnlichkeit, die mein Vater zwischen mir und Donna Dorothea fand, bewog ihn, mich, da ich sechszehen Jahre hatte, in der namlichen Kleidung und Stellung abmalen zu lassen; und jedermann sagt, dass mein Bild mir selbst eben so vollkommen gleiche als meiner Grossmutter. Mein Grossvater, der seine Gemahlin ausserordentlich liebte, liess das kleine Gemalde machen, das in ihre Hande gekommen ist, und pflegte es, nach der Mode seiner Zeit an einer goldnen Kette zu tragen. Er hinterliess es meiner Mutter, und da es von dieser auf mich kam, so hing ich es an diese Perlen-Schnur, und trug es so lange als ein Halsgeschmeide, bis ich es vor etlichen Tagen in dem namlichen Walde verlor, wo sie es bald darauf gefunden haben mussen. Dieses ist die Entwicklung des ganzen Knotens, und nun, setzte sie lachelnd hinzu, uberlasse ich ihnen, da die Grossmutter und die Enkelin gleich viel Recht an ihre Neigung hat, fur welche von beiden sie sich erklaren wollen.

Don Sylvio war vor Freude uber eine Entwicklung, die seinem Herzen so gemass war, ausser sich; er warf sich zu ihren Fussen, und sagte ihr, in der ruhrenden Unordnung, welche die wahre Beredsamkeit der Liebe ist Sachen, die unsern werten Lesern eben so toricht vorkommen wurden, als sie der geruhrten Donna Felicia angenehm sein mussten. In der Verfassung, worin ihr eigenes Herz war, hort man einem Liebhaber, wie Don Sylvio, so gerne zu, dass es eine ziemliche Weile wahrte, bis sie sich besann, dass sie seiner Entzuckung ein wenig Einhalt tun musste. Sie bat ihn also aufzustehen, und ihr in den Saal zu folgen, wo sie ihre Unterredung bequemer fortsetzen konnten. Don Sylvio erzahlte ihr jetzt sein ganzes Feen-Marchen, die Geschichte des Sommer-Vogels, und die Erscheinung der Fee Radiante; und er gestund desto williger, dass seine mit Feen-Wundern angefullte Einbildungs-Kraft einen grossen Anteil an diesem vermeinten Gesichte gehabt habe, da ihn Donna Felicia auf der andern Seite nicht ohne Vergnugen erlaubte die andere Halfte dieses sonderbaren Phanomeni auf die Rechnung einer geheimen Divination oder Vorwissenschaft seiner Seele zu schreiben, der es ahnete, dass er in kurzem das Urbild dieses geliebten Schattenbildes finden wurde. Wenn die Feen auch nur Geschopfe unserer Einbildungskraft sind, sagte er; so werde ich sie doch immer als meine grosste Wohltaterinnen ansehen, da ich ohne sie noch immer in der Einsamkeit von Rosalva schmachtete, und vielleicht auf ewig der Gluckseligkeit entbehrt hatte, diejenige zu finden, die mein verlangendes Herz, seit dem es sich selbst fuhlt, zu suchen schien. Er fuhr nunmehr fort, mit der volligen Begeisterung eines wahrhaftig eingenommenen Liebhabers, der aufmerksamen Felicia seine Empfindungen abzuschildern, und diese junge Dame fand sich unvermerkt so sehr davon geruhrt, dass sie, ihres anfangs gefassten Vorsatzes uneingedenk sich nicht enthalten konnte, ihm zu erzahlen, wie sie ihn in der Rosenlaube schlafend gefunden, und von diesem Augenblick an sich nicht erwehren konnen, einen Anteil an diesem Unbekannten zu nehmen, der ihr die Gesinnungen, die ihr Bildnis und sie selbst ihm eingeflosst, desto angenehmer mache. Dieses Gestandnis setzte unsern Helden in eine Entzuckung, die er eine geraume Zeit durch nichts anders ausdrucken konnte, als dass er sich zu ihren Fussen warf, und ihre schonen Hande, eine nach der andern mit Kussen uberhaufte, in denen er seine Seele hatte ausatmen mogen. Fur eine zartliche Schone von Feliciens Alter ist vielleicht nichts gefahrlicher als der Anblick der Gluckseligkeit, womit ihre erste Gutsbezeugungen ihren Liebhaber berauschen; und man muss gestehen, dass die Gefahr nichts desto kleiner ist, wenn dieser Liebhaber so jung, so schon und so feurig ist als es Don Sylvio war.

In dieser Betrachtung, hoffen wir, werde man es der liebenswurdigen Felicia zu gut halten, dass sie vielleicht zu viel Nachsicht gegen ihren ecstatischen Anbeter hatte. In dieser sussen Trunkenheit der Seele, da sie ganz in Liebe und Wonne aufgelost, die lebhaftesten Ausdrucke ihrer Empfindung noch zu schwach findet, kann man ohne Unbilligkeit nicht fordern, dass sie geschickt sein soll, sich in diesem Gleichgewicht zu erhalten, welches uns die Weisheit der Moralisten vorschreibt. Diese erhabene Leute fordern freilich mit Recht, dass man nie zu viel tun solle; aber die Frage ist, was in dem Falle, wovon wir reden, zu viel sei, und durch was fur, bisher noch unbekannte Mittel moglich sei, Weisheit und Liebe in so genauen Parallel-Linien fortlaufen zu machen, dass sich diese niemals von jener entfernen konne.

Fur ein paar junge Leute, wie Don Sylvio und die schone Felicia in der vorbemeldten Verfassung ihres Herzens waren, ist die Zeit keine Folge von Augenblicken, sondern ein einziger unbeweglicher Augenblick, welcher ganze Jahre unbemerkt verschlingen wurde, wenn sie nicht von ausserlichen Ursachen, oder der Erschopfung ihrer eigenen Lebensgeister, aus einer so zauberischen Entzuckung aufgeweckt wurden. Sie befanden sich noch so wenig in dem letztern Falle, dass sie sehr erstaunt waren, von der Dame Laura zu vernehmen, dass es schon Zeit zum Fruhstukken sei. Dieser Anzeige zufolge wurde beliebt, dass sich Don Sylvio auf eine kleine Weile beurlauben sollte, und so wenig hatte ihn das Anschauen seiner geliebten Felicia in vier ganzen Stunden sattigen konnen, dass es ihm fast unmoglich schien, sich nur auf etliche Augenblicke davon los zu reissen.

Eine Weile darauf fand sich die ganze kleine Gesellschaft beim Tee-Tische der Donna Felicia zusammen. Don Eugenio und Don Gabriel bewunderten die sichtbare Verwandlung nicht wenig, die mit unserm Helden vorgegangen war; der erste hatte sich schon mit einer ganzen Rustung von Grunden gewaffnet, um die Feen aus ihren letzten Verschanzungen in seinem Gehirn heraus zu treiben; allein er fand zu nicht geringer Beschamung seiner Philosophie gar bald, dass alle Arbeit schon verrichtet war, und musste sich selbst gestehen, dass ein paar schone Augen in etlichen Minuten starker uberzeugen und schneller bekehren, als die Academie, das Lyceum und die Stoa mit vereinigten Kraften kaum in eben so viel Jahren zu tun vermochten.

Drittes Capitel

Abermalige Entdeckungen

Die Gesellschaft hatte sich nach genommenem Fruhstuck in die Bibliothek begeben, wo Don Gabriel sich eben beschaftigte, seinem jungen Freund und den Damen verschiedene physicalische Experimente vorzuzeigen, als man eine Art von Kutsche uber den Schlosshof rollen horte, welche die Aufmerksamkeit der Schuler unsers Philosophen unterbrach. Man denke, wie angenehm die Besturzung des Don Sylvio war, da er nach einer kleinen Weile seine geliebte Tante Donna Mencia in das Zimmer treten sah.

Damit einem kunftigen Kunstrichter, welcher sich vielleicht die ruhmliche Muhe geben wird, dieses unser Werk gegen den tadelhaftigen Zahn des Zoilus und seiner Bruder, namlich, aller und jeder, welche sich (zu empfindlichster Krankung unserer gerechten vaterlichen Liebe zu diesem Kind unsers Witzes) unterfangen mogen, die Mangel und Gebrechen desselben boshafter Weise aufzudecken, zu schutzen, damit, sagen wir, diesem gelehrten und vortrefflichen Manne, (dem wir hiemit fur seine grossmutige Bemuhung zum Voraus offentlichen Dank erstatten) wenigstens die Arbeit erspart werde, (denn er wird ohne das genug zu tun finden) uns gegen den Vorwurf zu verteidigen, als ob wir, wider alle Wahrscheinlichkeit, die weise und ehrwurdige Donna Mencia wie einen Deum ex machina, in einer mit zween ausgemergelten Dorf-Kleppern bespannten Kalesche nach Lirias geschleppt hatten, ohne eine bessere Ursache davon anzugeben, als weil wir ihrer daselbst notig haben: So sehen wir uns genotiget, dem geneigten Leser, ehe wir weiter gehen, zu sagen; dass diese unerwartete Erscheinung in der Tat nicht aus unserm Antrieb sondern aus Veranlassung des beruhmten Barbiers bewerkstelliget worden, der in dieser Geschichte schon mehr als einmal aufgetreten ist. Dieser hatte bei einem abermaligen Besuch, den er Tages zuvor seinem Patienten zu Lirias gemacht, die Ankunft des Don Sylvio, und durch die Waschhaftigkeit des verschwiegenen Pedrillo verschiedene kleine Umstande erfahren, die ihn auf die Vermutung brachten, dass ein Geheimnis hinter der Sache stecke. Mit diesen Neuigkeiten war Meister Blas spornstreichs nach Rosalva gerannt, wo man bereits Anstalt machte, unsern Helden in allen benachbarten Orten aufsuchen zu lassen. Donna Mencia war dadurch in keine mittelmassige Unruhe gesetzt worden, denn da die Verbindung ihres Neffen mit der schonen Mergelina eine Clausul war, ohne welche die ihrige mit dem Herrn Rodrigo Sanchez von sich selbst zerfiel, so konnte sie unmoglich gleichgultig bleiben, da ihr Meister Blas mit einer geheimnisvollen Mine in die Ohren zischelte, dass, so viel er aus allen Umstanden abnehmen konne, Don Sylvio nicht umsonst zu Lirias sein musse. Kurz, sie hatte die Sache wichtig genug gefunden, ihn in eigener Person zu reclamieren, und wenn man noch die tiefe Verachtung dazu nimmt, die ihr das graue Altertum ihres eigenen Hauses gegen den neuen Adel einflosste, so wird man sich vorstellen, dass die Mine, die sie beim Eintritt in das Schloss zu Lirias machte, keine von den angenehmsten sein konnte. Allein, wie sie ihren Neffen noch vollends in einer so gefahrlichen Gesellschaft sah, als Donna Felicia und Hyacinthe nach ihren bekannten Grundsatzen waren, so stieg ihr Unmut auf einen Grad, der ihrem Gesicht (welches ohnehin geschickter war, die Strenge der Tugend als ihre Schonheit auszudrucken) ein so Furienmassiges Ansehen gab, dass ihr zu ihrer hagern Gestalt nur noch etliche Schlangen um den Kopf und eine Fackel in der Hand fehlte, um eine von den grinsenden Grazien der Holle vorzustellen. Allein da sie, aller dieser Annehmlichkeiten ungeachtet die Tante des Don Sylvio war, so wurde sie auf eine so ehrerbietige und verbindliche Art empfangen, dass sie sich genotiget sah, das furchterliche und drohende, womit sie ihr Angesicht bewaffnet hatte, um etliche Grade zu mildern; ja die Schonheit und feine Gestalt des Don Eugenio besanftigte sie endlich so sehr, dass die beiden Damen, die sich auf den ersten Blick, den sie ihnen verlieh, gegen das andere Ende des Saals zuruck gezogen hatten, wieder Mut fassten, und sich allmahlich dem Sopha, wo Donna Mencia auf Bitten des Don Eugenio sich nieder gelassen, naherten, doch nicht ohne die Vorsichtigkeit, dass sie ihre Platze nahe genug bei der Ture nahmen, um im Notfall sich durch eine schleunige Flucht retten zu konnen. Donna Mencia eroffnete nach einer kurzen Vorrede die Ursache, warum sie da sei, und bezeugte keine kleine Verwunderung uber dasjenige, was die Ursache sein konne, dass sie ihren Neffen zu Lirias finde. Don Eugenio antwortete ihr, dass er dieses Vergnugen einem blossen Zufall schuldig sei, und erzahlte ihr hierauf, wiewohl mit Auslassung einiger Neben-Umstande, die Begebenheit, wo ihm der tapfere Beistand des Don Sylvio so notig gewesen war. Donna Mencia bezeugte eine so grosse Zufriedenheit daruber, dass sich ihr Neffe bei einer so schonen Gelegenheit des ritterlichen Blutes, das in seinen Adern floss, wurdig bewiesen; dass die junge Hyacinthe sich aufgemuntert fand, ihren Anteil zum Lob unsers Helden beizutragen.

Die erhabene Mencia liess sich jetzt zum erstenmal herab, diese kleinen Geschopfe mit einem zerstreuten Blick anzusehen. Wir haben ehemals schon bemerkt, dass Hyacinthe weder die Grosse, noch die Regelmassigkeit der Zuge, noch die vollkommene Feinheit der Gesichts-Farbe hatte, die zu einem gerechten Anspruch an das Pradicat der Schonheit gehoren; die ungemeine Anmut ihrer Bildung und ihrer ganzen Person war alles, was sie beim ersten Anblick gefallig machte; und da Donna Mencia, was die Annehmlichkeit betrifft, vollkommen mit sich selbst zufrieden war, und uber das noch den Vorzug einer majestatischen Grosse vor ihr hatte: so machte dieses alles zusammen genommen, dass Hyacinthe Gnade vor ihren Augen fand. Nach und nach beehrte sie dieselbige so gar mit einer Art von Aufmerksamkeit, und machte nur eben die Anmerkung, dass sie noch niemand gesehen habe, der sie so lebhaft an ihre verstorbene Schwagerin, Donna Isidora erinnere, wie dieses junge Frauenzimmer: als Don Sylvio, (der sich nicht getraut hatte ihr gleich unter die Augen zu kommen) mit Don Gabriel in das Zimmer trat. Das Lob, welches er kurz zuvor erhalten hatte, die gute Art, womit er sie begrusste, und vielleicht auch die Figur seines Begleiters, die eine von denen war, womit man wenig Muhe hatte sich ein gunstiges Auge von ihr zu erwerben, taten eine so gute Wurkung, dass Don Sylvio besser empfangen wurde, als er gehofft hatte. Don Gabriel kannte den Character der Dame von langem her, und da er boshaft genug war, ihr die schonsten Dinge von der Welt in der Mode-Sprache der Zeiten Carls des 2ten vorzusagen, so sahe er sich, zu grosser Belustigung der ubrigen Gesellschaft, unvermerkt mit der kurzweiligen Rolle eines erklarten Verehrers und Gunstlings beladen. Jedermann trug das seinige bei, sie durch schwulstige Lobspruche und Complimente im Geschmack des Amadis zu unterhalten; die Herren hatten fur niemand Augen als fur sie, und die jungen Damen affectierten ein so schuchternes und kindisches Wesen, dass sie aufgemuntert wurde, sich selbst um zwanzig Jahre junger anzusehen. Sie tat es, und wurde wurklich nach und nach so munter, so gesprachig und so tandelnd, dass es ein Jammer war.

Man hatte diese Comodie bereits eine geraume Zeit gespielt, und die nochmalige Anmerkung, welche Donna Mencia uber die Ahnlichkeit der Hyacinthe mit Donna Isidora von Rosalva machte, hatte sie in eine umstandliche Erzahlung ihrer eigenen jugendlichen Begebenheiten verwickelt, womit sie die Aufmerksamkeit ihrer Zuhorer schon eine gute halbe Stunde abgemattet hatte; als man plotzlich ein grosses Geschrei und Getummel horte, das sich die Treppe herauf zu ziehen schien; Man unterschied gar bald die Stimme des Pedrillo, und in einem Augenblick darauf zeigte er sich personlich, oder vielmehr er sturmte, ohne die geringste Achtung fur die hohen Herrschaften, in das Zimmer hinein und schrie: Freude uber Freude, gnadiger Herr, Pimpimp ist gefunden, Pimpimp ist wieder da Meiner Six, ich kannte die verfluchte Carabosse den ersten Augenblick auf funfzig Schritte; aber sie will ihn nicht her geben; sie hat ihn nicht gestohlen, sagt sie, und hangt mir noch, wer weisst, wie viel lose Reden an, ich mochte sie vor einer so ehrbaren Gesellschaft nicht wiederholen; aber Sapperment! ich blieb ihr nichts schuldig, Wurst wider Wurst, ich wusch ihr das Maul, wie sichs gehorte; die alte Vettel! sie hat ihn nicht gestohlen, sagt sie; sie will ihn niemand als Euer Gnaden selbst in die Hande geben, sagt sie; Sie will fur den T. dass man sie selbst vor den gnadigen Herrn Don Eugenio lassen soll; und da sagte ich: es ist Gesellschaft da, man hat keine Zeit sich von dir in die Hande gucken zu lassen, sagte ich, man weisst schon, alles was man wissen soll, sagte ich, gib du nur den Pimpimp her, und packe dich, oder beim Sapperment! sagte ich, ich will dir alle die Maulschellen und Stosse und Puffe in den Hintern dreifach wieder geben, die ich vorgestern auf deine oder deiner Gevatterin, der alten Fanferluschin, ihre Anstiftung gekriegt habe, sagte ich; aber es half alles nichts, und sie wurde mit Gewalt in das Zimmer hinein gedrungen sein, wenn ich sie nicht beim Flugel gekriegt, und uber sechs oder acht Stufen die Treppe hinunter geschmissen hatte.

Wovon ist denn die Rede, mein Freund, fragte Don Eugenio? Wer ist die alte Frau, oder sagt sie nichts, das sie anzubringen habe? Gnadiger Herr, antwortete Pedrillo, wer sie ist, das wird sie selbst am besten sagen konnen; mein gnadiger Herr, Don Sylvio, behauptete fur den Deixel, dass es die Fee Carabosse sei; aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, so glaube ich, dass sie, mit Respect vor Eu. Gnaden zu sagen, eine Zigeunerin ist Don Eugenio horte kaum das letzte Wort, als er hastig von seinem Sitz auffuhr, und zum Zimmer hinaus eilte. Die Zigeunerin konnte vielleicht diejenige sein, die er suchte, und zu gutem Glucke, betrog er sich diesesmal nicht in seiner Hoffnung.

Die vermeinte Carabosse, welche unsern Helden des Morgens nach seiner Entweichung im Walde angetroffen hatte, war eben diese Zigeunerin, die wir eine Hauptperson in der Geschichte der Hyacinthe vorstellen gesehen haben. Der Leser erinnert sich vielleicht noch, dass der indiscrete Vorwitz des Corregidor von Sevilla diese wurdige alte Dame genotigt hatte, sich so weit als moglich von dieser Hauptstadt zu entfernen. Zum Ungluck waren ihr Name, ihre Person und ihre Verdienste in jeder andern Provinz von Spanien so ruhmlich bekannt, dass sie nicht wusste, wohin sie fliehen sollte, um nicht dem namlichen Schicksal, dem sie entgehen wollte, in die Hande zu laufen. In dieser Not fiel ihr Hyacinthe ein, von der sie durch eine von ihren alten Freundinnen erfahren hatte, dass sie auf dem Theater zu Grenada im Besitz der allgemeinen Bewunderung sei. Sie machte sich so unkenntlich als sie konnte, und kam an dem namlichen Tage in Grenada an, da Hyacinthe abgereist war. Sie erfuhr von einer Schauspielerin alles, und einen guten Teil mehr als das, was man von des Don Eugenio Neigung und Absichten fur Hyacinthen wusste. Diese Nachricht zeigte ihr ein Mittel, sich durch den Dienst, den sie im Stande war, diesem jungen Cavalier zu leisten, einen Beschutzer und eine sichere Zuflucht zu verschaffen. Sie eilte also so sehr als sie konnte, um noch vor Hyacinthen zu Valencia anzukommen, und sie war wurklich auf dieser Reise begriffen, als sie von ungefahr mit unserm Abenteuer zusammen kam. Einige Meilen uber Xelva traf sie durch einen ahnlichen Zufall in dem Wirtshause, wo sie ubernachtete, einen Verwalter des Don Eugenio an, der im Begriff war von einem Gut, so sein Herr in der Nahe von Valencia hatte, nach Lirias abzugehen. Von diesem erfuhr sie, dass sie nichts zu tun hatte als wieder umzukehren, wenn sie seinen Herrn sprechen wollte; und da sie ihm Sachen von der aussersten Wichtigkeit zu entdecken haben wollte, so war der Verwalter hoflich genug, ihr seine Gesellschaft anzubieten. Sie kam also zu Lirias an, und das Schicksal wollte, dass es gerade zu einer solchen Zeit geschah, da die Anwesenheit der Donna Mencia ihre Entdeckungen gultig machen konnte. Don Eugenio kam in wenigen Augenblicken mit der Zigeunerin zuruck. Hier bringe ich ihnen, sagte er zu Donna Mencia, eine Frau, die sich davor ausgibt, dass sie Eu. Gnaden eine verlorne Nichte wieder zustellen konne. Die liebenswurdige Hyacinthe tat vor Besturzung einen Schrei, wie sie ihrer Pfleg-Mutter ansichtig wurde, und diese fiel, so bald sie Donna Mencia erblickte, zu ihren Fussen, und bat um die Vergebung einer grossen Ubeltat, deren sie gegen diese Dame schuldig zu sein bekannte. Sie erzahlte hierauf mit allen Umstanden des Orts und der Zeit, auf was fur eine Weise es ihr gegluckt habe, ihre Nichte, Donna Seraphina, als ein dreijahriges Kind wegzustehlen; dass das junge Frauenzimmer, welches sie glucklich genug sei unter dem Namen Hyacinthe in dieser Gesellschaft wieder zu finden, eben diese Donna Seraphina sei, und dass sie zu dessen vollgultigem Beweis eine kleine goldene Kette mit einem Creuz aufbewahrt habe, welches die kleine Seraphina am Halse getragen, als sie selbige geraubt habe. Man kann sich die Gemuts-Bewegungen, die eine so gluckliche Entdeckung in unserer Gesellschaft erregen musste, leichter vorstellen, als sie sich beschreiben lassen. Don Eugenio, der vor Freude ausser sich selbst war, wurde der Zigeunerin gerne allen Beweis ihrer Aussage geschenkt haben: Aber Donna Mencia war nicht so voreilig; sie examinierte die Zigeunerin uber die kleinsten Umstande der Entfuhrung mit der scharfsten Genauigkeit, und da sie durch die Antworten derselben vollig befriediget war, so betrachtete sie auch die Halskette, die sie fur eben diejenige erkannte, womit sie selbst der kleinen Seraphina ein Geschenke gemacht hatte, da der alte Don Pedro sie ihrer Aufsicht ubergeben. Kurz, nach einer Untersuchung, die uber eine halbe Stunde daurte, wurde Hyacinthe fur Donna Seraphina von Rosalva erkannt, und in dieser Qualitat von ihrer Tante und von unserm Helden mit so vieler Zartlichkeit umarmt, als jede dieser beiden Personen fahig war. Diese Entdeckung verbreitete eine ausserordentliche Freude durch das ganze Haus, und Don Eugenio, welcher die seinige uber die ganze Natur hatte ausgiessen mogen, erteilte so gleich Befehle, noch diesen Tag und etliche folgende, durch alle nur ersinnliche Freudenbezeugungen zu Festtagen zu machen.

Viertes Capitel

Beschluss dieser Geschichte

Wir haben nunmehr, geneigter Leser, die Geschichte unsers Helden bis zu dem Zeitpunct fortgefuhrt, wo sie aufhort wunderbar zu sein, oder, welches eben so viel ist, wo sie in den ordentlichen und allgemeinen Weg der menschlichen Begebenheiten einzuschlagen anfangt, und also aufhort zu den Absichten geschickt zu sein, die wir uns in diesem Werke vorgesetzt haben. Don Sylvio, der nunmehr keine andere Feen erkennt als seine angebetete Felicia, und keine andere Bezauberung als die aus ihren Augen entspringt, ist auf dem Wege, glucklich, seines Gluckes wurdig, und wenn er anders, (wie wir hoffen,) lange genug lebt, seiner Zeit auch so gar weise zu werden. Wir konnten ihn also in so angenehmen Umstanden mit bestem Fuge seiner Liebe und seinem glucklichen Gestirn uberlassen, wenn wir nicht vermutlich einige Leser oder Leserinnen hatten, die zu trage sind, sich die ganzliche Entwicklung dieser wundervollen Geschichte, so leicht es auch ist, sie zu erraten, ohne unser Zutun, selbsten vorzustellen. Diesen melden wir also, dass noch an eben diesem Tage Don Sylvio seiner gnadigen Tante so wohl von den Verdiensten, so sich Don Eugenio um seine wieder gefundene Schwester gemacht, und von ihrer gegenseitigen Neigung, als von dem wunderbaren Anfang und glucklichen Success seiner eigenen Leidenschaft fur die schone Felicia von Cardena umstandliche Nachricht gab. Es kostete wenig Muhe, die Einwilligung dieser Dame (bei welcher der Stolz uber eine gewisse andere Leidenschaft ordentlicher Weise die Oberhand hatte,) zu der doppelten Verbindung, die ihr von Don Eugenio und von ihrem Neffen vorgeschlagen wurde, zu erhalten. Sie errotete nun vor sich selbst, dass hundert tausend Ducaten sie fahig gemacht hatten, einen Procurator von Xelva und seine missgeborne Nichte einer Verbindung mit ihrer Familie wurdig zu achten; und da sie eine gute Rechnerin war, so fand sie, dass mit vierzig tausend Ducaten jahrlicher Einkunfte, welche Donna Felicia ihrem geliebten Don Sylvio zubrachte, der Glanz ihres Hauses viel besser wieder hergestellt werden konne. Diese Uberzeugung wurde nicht wenig durch einen Artikel der Ehe-Pacten ihres Neffen befordert, worin ihr, so lange sie lebte, eine jahrliche Pension von sechs tausend Ducaten angewiesen wurde; ein kleines Einkommen, mit dessen Hulfe sie im Fall der Not den Abgang des Herrn Rodrigo Sanchez wurdiglich ersetzen zu konnen hoffte.

So grosse Ursache man auch hatte zu glauben, dass unser Held von den Wurkungen, welche die Feerei auf sein Gehirn gemacht, vollig hergestellt sei, so notig fand man, den leeren Raum, den die Verbannung der Feen darin gelassen hatte, nunmehr mit den Ideen wurklicher Dinge anzufullen. Er entschloss sich also, durch eine Reise, die er in die vornehmsten Teile von Europa machen wollte, sich des Besitzes der schonen Felicia wurdiger zu machen: Don Eugenio trieb die Freundschaft so weit, sich zu seinem Begleiter und Fuhrer anzubieten, und unsere beiden Schonen waren mehr als grossmutig genug, in eine Trennung von zwei Jahren einzuwilligen, welche ihnen in einem Kloster zu Valencia, so sie indes zu ihrem Aufenthalt erwahlten, durch haufige Briefe von ihren Liebhabern versusst wurden. Diese zwei Jahre gingen endlich voruber, und Don Eugenio und Don Gabriel brachten ihren Freund in einer Vollkommenheit zuruck, die ihn fur eine jede andere Person als seine Felicia unkennbar gemacht hatte; denn sie schien nichts weniger als erstaunt, durch die grosse Welt, und alle die Gelegenheiten, die er gehabt hatte, diese glucklichen Fahigkeiten entwickelt zu sehen, die ihr von Anfang an alles, was nur liebenswurdig heisst, von ihm versprochen hatten.

Diese liebenswurdige junge Witwe, und ihre wurdige Freundin Donna Seraphina, welche sich in dem Umgang mit Felicia und andern Personen von Verdiensten gleichfalls zu der vollkommenen Liebenswurdigkeit ausgebildet hatte, deren sie fahig war, willigten nun mit Vergnugen ein, ihre Sehnsuchtsvollen Liebhaber glucklich zu machen; und der ehrliche Pedrillo, der seinen Herrn begleitet hatte, und eben so aufgeweckt, sinnreich und spasshaft, obgleich um ein gutes Teil hoflicher und artiger als vorher zuruck gekommen war, erhielt, zur Belohnung der Leiden, die er um seines Herrn willen auf der ehmaligen Wanderschaft nach dem bezauberten Schmetterling ausgestanden, und zur Vergeltung der getreuen Dienste, die er ihm auf seinen Reisen durch Europa geleistet, die schone und kluge Laura, mit der Stelle eines Haushofmeisters, die er vermutlich noch jetzo, da wir dieses schreiben, in der liebenswurdigsten und glucklichsten Familie von ganz Spanien bekleidet.

Ende

Fussnoten

1 ut omne Humanum genus est avidum nimis auricularum. Lucret 2 Ponendis in mille modis perfecta capillis Comere sed solas digna, Cypassi, Deas. Ovid. 3 Seh. Virgil. neid. L. III. v. 20. seq. 4 Der geneigte Leser wird hier einen ziemlichen Anachronismus bemerken, der, zum Ungluck, nicht der einzige in diesem Werke ist, und vielleicht einigen Zweifel gegen die Glaubwurdigkeit dieser ganzen Geschichte erwecken konnte, dessen Hinwegraumung wir den Criticis uberlassen. Anmerk. des Herausg.