1772_Wieland_107 Topic 3

Christoph Martin Wieland

Der goldne Spiegel

oder

Die Konige von Scheschian

Eine wahre Geschichte

aus dem Scheschianischen ubersetzt

Inspicere tanquam

In speculum jubeo

Zueignungsschrift des sinesischen Ubersetzers

an den Kaiser Tai-Tsu

Glorwurdigster Sohn des Himmels!

Ihrer Majestat lebhaftestes Verlangen ist Ihre Volker glucklich zu sehen. Dies ist das einzige Ziel Ihrer unermudeten Bemuhungen; es ist der grosse Gegenstand Ihrer Beratschlagungen, der Inhalt Ihrer Gesetze und Befehle, die Seele aller loblichen Unternehmungen, die Sie anfangen und ausfuhren, und das, was Sie von allem Bosen abhalt, welches Sie nach dem Beispiel andrer Grossen der Welt tun konnten, und nicht tun.

Wie glucklich mussten Sie selbst sein, Bester der Konige, wenn es gleich leicht ware, ein Volk glucklich zu wunschen, und es glucklich zumachen! wenn Sie, wie der Konig des Himmels, nur wollen durften, um zu vollbringen, nur sprechen, um Ihre Gedanken in Werke verwandelt zu sehen!

Aber wie unglucklich wurden Sie vielleicht auch sein, wenn Sie wissen sollten, in welcher Entfernung, bei allen Ihren Bemuhungen, die Ausfuhrung hinter Ihren Wunschen zuruck bleibt! Die unzahlige Menge der Gehilfen von so mancherlei Klassen, Ordnungen und Arten, unter welche Sie genotiget sind Ihre Macht zu verteilen, weil auch den unumschranktesten Monarchen die Menschheit Schranken setzt; die Notwendigkeit, sich beinahe in allem auf die Werkzeuge Ihrer wohltatigen Wirksamkeit verlassen zu mussen, macht Sie erschrecken Sie nicht vor einer unangenehmen aber heilsamen Wahrheit! macht Sie zum abhanglichsten aller Bewohner Ihres unermesslichen Reiches. Nur zu oft steht es in der Gewalt eines Ehrgeizigen, eines Heuchlers, eines Rachgierigen, eines Unersattlichen, doch, wozu haufe ich die Namen der Leidenschaften und Laster, da ich sie alle in Einem Worte zusammen fassen kann? eines Menschen in Ihrem geheiligten Namen gerade das Gegenteil von Ihrem Willen zu tun! An jedem Tage, in jeder Stunde, beinahe durft ich sagen in jedem Augenblick Ihrer Regierung, wird in dem weiten Umfang Ihrer zahlreichen Provinzen irgend eine Ungerechtigkeit ausgeubt, ein Gesetz verdreht, ein Befehl ubertrieben oder ihm ausgewichen, ein Unschuldiger unterdruckt, ein Waise beraubt, ein Verdienstloser befordert, ein Bosewicht geschutzt, die Tugend abgeschreckt, das Laster aufgemuntert.

Was fur ein Ausdruck von Entsetzen wurde mir aus den Blicken Ihrer Hoflinge entgegen starren, wenn sie mich so verwegen reden horten! Wie sollt es moglich sein, dass unter einem so guten Fursten das Laster sein Haupt so kuhn empor heben, und ungestraft so viel Boses tun durfte? Die blosse Voraussetzung einer solchen Moglichkeit scheint eine Beleidigung Ihres Ruhmes, eine Beschimpfung Ihrer glorreichen Regierung zu sein. Vergeben Sie, Gnadigster Oberherr! Ungestraft, aber nicht offentlich und triumphierend, hebt das Laster sein Haupt empor; denn das Angesicht, das es zeigt, ist nicht sein eigenes; es nimmt die Gestalt der Gerechtigkeit, der Gnade, des Eifers fur Religion und Sitten, der Wohlmeinung mit dem Fursten und dem Staate, kurz die Gestalt jeder Tugend an, von welcher es der ewige Feind und Zerstorer ist. Seine Geschicklichkeit in dieser Zauberkunst ist unerschopflich, und kaum ist es moglich, dass die Weisheit des besten Fursten sich gegen ihre Tauschungen hinlanglich verwahren konnte. Ihre Majestat glaubten vielleicht das Urteil eines Ubeltaters zu unterschreiben, und unterschrieben den Sturz eines Tugendhaften, dessen Verdienste sein einziges Verbrechen waren. Sie glaubten einen ehrlichen Mann zu befordern, und beforderten einen schandlichen Gleisner. Doch, dies sind Wahrheiten, wovon Sie nur zu sehr uberzeugt sind. Sie beklagen das ungluckliche Los Ihres Standes. Wem soll man glauben? Tugend und Laster, Wahrheit und Betrug haben einerlei Gesicht, reden einerlei Sprache, tragen einerlei Farbe; ja, der feine Betruger (das schadlichste unter allen schadlichen Geschopfen) weiss das ausserliche Ansehen gesunder Grundsatze und untadeliger Sitten gemeiniglich besser zu behaupten als der redliche Mann. Jener ist es, der die Kunst ausgelernt hat, seine Leidenschaften in die innersten Hohlen seines schwarzen Herzens zu verschliessen, der am besten schmeicheln, am behendesten sich jeder Vorteile bedienen kann, die ihm die schwache Seite seines Gegenstandes zeigt. Seine Gefalligkeit, seine Selbstverleugnung, seine Tugend, seine Religion kostet ihm nichts; denn sie ist nur auf seinen Lippen, und in den ausserlichen Bewegungen, die sein Inwendiges verbergen: er halt sich reichlich fur seine Verstellung entschadiget, indem er unter dieser Maske jeder bosartigen Leidenschaft genug tun, jeden niedertrachtigen Anschlag ausfuhren, und mit einer ehernen Stirne noch Belohnung fur seine Ubeltaten fodern kann. Ist es zu verwundern, o Sohn des Himmels, dass so viele sind, die alle andere Talente verabsaumen, alle rechtmassige und edle Wege zu Ansehen und Gluck vorbei gehen, und mit aller ihrer Fahigkeit allein dahin sich bestreben, es in der Kunst zu betrugen zur Vollkommenheit zu bringen?

Aber wie? Sollte der Furst, der die Wahrheit liebt, wiewohl auf allen Seiten mit Larven und Blendwerken umgeben, verzweifeln mussen, jemals ihr unverfalschtes Antlitz von dem geschminkten Betrug unterscheiden zu konnen? Das verhute der Himmel! Wer die Wahrheit aufrichtig liebt (und was kann ohne sie liebenswurdig sein?), wer auch als dann sie liebt, wenn sie nicht schmeichelt, der hat nur geubte Augen vonnoten, um ihre feineren Zuge zu unterscheiden, welche selten so gut nachgemacht werden konnen, dass die Kunst sich nicht verraten sollte. Und um diese geubten Augen zu bekommen ohne welche das beste Herz uns nur desto gewisser und ofter der arglistigen Verfuhrung in die Hande liefert , ist kein bewahrteres Mittel, als die Geschichte der Weisheit und der Torheit, der Meinungen und der Leidenschaften, der Wahrheit und des Betrugs, in den Jahrbuchern des menschlichen Geschlechts auszuforschen. In diesen getreuen Spiegeln erblicken wir Menschen, Sitten und Zeiten, entblosst von allem demjenigen, was unser Urteil zu verfalschen pflegt, wenn wir selbst in das verwickelte Gewebe des gegenwartigen Schauspiels eingeflochten sind. Oder, wofern auch Einfalt oder List, Leidenschaften oder Vorurteile geschaftig gewesen sind uns zu hintergehen: so ist nichts leichter, als den falsch gefarbten Duft wegzuwischen, womit sie die wahre Farbe der Gegenstande uberzogen haben.

Die echtesten Quellen der Geschichte der menschlichen Torheiten sind die Schriften derjenigen, welche die eifrigsten Beforderer dieser Torheiten waren. Der Missbrauch, den sie von der Bedeutung der Worter machen, betrugt unser Urteil nicht: sie mogen immerhin widersinnige Dinge mit der gelassensten Ernsthaftigkeit erzahlen, selbst noch so stark davon uberzeugt sein, oder uberzeugt zu sein scheinen; dies hindert uns nicht, lacherlich zu finden was den allgemeinen Menschenverstand zum Toren machen will. Immerhin mag ein von sich selbst betrogener Schwarmer die Natur der sittlichen Dinge verkehren wollen, und lasterhafte, ungerechte, unmenschliche Handlungen loblich, heroisch, gottlich nennen, rechtmassige und unschuldige hingegen mit den verhasstesten Namen belegen: nach Verfluss einiger Jahrhunderte kostet es keine Muhe, durch den magischen Nebel, der den Schwarmer blendete, hindurch zu sehen. Kon-Fu-Tsee konnte ihm ein Betruger, und Lao-Kiun ein weiser Mann heissen: sein Urteil wurde die Natur der Sache, und die Eindrucke, welche sie auf eine unbefangene Seele machen muss, nicht andern; der Charakter und die Handlungen dieser Manner wurden uns belehren, was wir von ihnen zu halten hatten.

Aus diesem Grund empfehlen uns die ehrwurdigen Lehrer unsrer Nation die Geschichte der altern Zeiten als die beste Schule der Sittenlehre und der Staatsklugheit, als die lauterste Quelle dieser erhabenen Philosophie, welche ihre Schuler weise und unabhangig macht, und, indem sie das was die menschlichen Dinge scheinen von dem was sie sind, ihren eingebildeten Wert von dem wirklichen, ihr Verhaltnis gegen das allgemeine Beste von ihrer Beziehung auf den besondern Eigennutz der Leidenschaften, unterscheiden lehrt, uns ein untrugliches Mittel wider Selbstbetrug und Ansteckung mit fremder Torheit darbietet; einer Philosophie, in welcher niemand ohne Nachteil ganz ein Fremdling sein kann, aber welche, in vorzuglichem Verstande, die Wissenschaft der Konige ist.

Uberzeugt von dieser Wahrheit widmen Sie, Bester der Konige, einen Teil der Stunden, welche die unmittelbare Ausubung Ihres verehrungswurdigen Amtes Ihnen ubrig lasst, der nutzlichen und ergetzenden Beschaftigung, Sich mit den Merkwurdigkeiten der vergangenen Zeiten bekannt zu machen, die Veranderungen der Staaten in den Menschen, die Menschen in ihren Handlungen, die Handlungen in den Meinungen und Leidenschaften, und in dem Zusammenhang aller dieser Ursachen den Grund des Gluckes und des Elendes der menschlichen Gattung zu erforschen.

Irre ich nicht, so ist die Geschichte der Konige von Scheschian, welche ich hier zu Ihrer Majestat Fussen lege, nicht ganz unwurdig, unter die ernsthaften Ergetzungen aufgenommen zu werden, bei welchen Ihr niemals untatiger Geist von der Ermudung hoherer Geschafte auszuruhen pflegt. Grosse, dem ganzen Menschengeschlecht angelegene Wahrheiten, merkwurdige Zeitpunkte, lehrreiche Beispiele, und eine getreue Abschilderung der Irrungen und Ausschweifungen des menschlichen Verstandes und Herzens, scheinen mir diese Geschichte vor vielen andern ihrer Art auszuzeichnen, und ihr den Titel zu verdienen, womit das hohe Ober-Polizei-Gericht von Sina sie beehrt hat; eines Spiegels, worin sich die naturlichen Folgen der Weisheit und der Torheit in einem so starken Lichte, mit so deutlichen Zugen und mit so warmen Farben darstellen, dass derjenige in einem seltenen Grade weise und gut oder toricht und verdorben sein musste, der durch den Gebrauch desselben nicht weiser und besser sollte werden konnen.

Hingerissen von der Begierde, den Augenblick von Dasein, den uns die Natur auf diesem Schauplatze bewilliget, wenigstens mit einem Merkmale meines guten Willens fur meine Nebengeschopfe zu bezeichnen, hab ich mich der Arbeit unterzogen, dieses merkwurdige Stuck alter Geschichte aus der indischen Sprache in die unsrige uberzutragen; und in dieses Bewusstsein einer redlichen Gesinnung eingehullt, uberlass ich dieses Buch und mich selbst dem Schicksale, dessen Unvermeidlichkeit mehr Trostendes als Schreckendes fur den Weisen hat; ruhig unter dem Schutz eines Konigs, der die Wahrheit liebt und die Tugend ehrt, glucklich durch die Freundschaft der Besten unter meinen Zeitgenossen, und so gleichgultig, als es ein Sterblicher sein kann, gegen 1

Einleitung

Alle Welt kennt den beruhmten Sultan von Indien, Schach-Riar, der, aus einer wunderlichen Eifersucht uber die Negern seines Hofes, alle Nachte eine Gemahlin nahm, und alle Morgen eine erdrosseln liess; und der so gern Marchen erzahlen horte, dass ihm in tausend und einer Nacht kein einziges Mal einfiel, die unerschopfliche Scheherezade durch irgend eine Ausrufung, Frage oder Liebkosung zu unterbrechen, so viele Gelegenheit sie ihm auch dazu zu geben beflissen war.

Ein so unuberwindliches Phlegma war nicht die Tugend oder der Fehler seines Enkels Schach-Baham, der (wie jedermann weiss) durch die weisen und scharfsinnigen Anmerkungen, womit er die Erzahlungen seiner Visire zu wurzen pflegte, ungleich beruhmter in der Geschichte geworden ist, als sein erlauchter Grossvater durch sein Stillschweigen und seine Untatigkeit. Schach-Riar gab seinen Hoflingen Ursache, eine grosse Meinung von demjenigen zu fassen, was er hatte sagen konnen, wenn er nicht geschwiegen hatte; aber sein Enkel hinterliess den Ruhm, dass es unmoglich sei, und ewig unmoglich bleiben werde, solche Anmerkungen oder Reflexionen (wie er sie zu nennen geruhte) zu machen wie Schach-Baham.

Wir haben uns alle Muhe gegeben die Ursache zu entdecken, warum die Schriftsteller, denen wir das Leben und die Taten dieser beiden Sultanen zu danken haben, von Schach-Riars Sohne, dem Vater Schach-Bahams, mit keinem Wort Erwahnung tun: aber wir sind nicht so glucklich gewesen einen andern Grund davon ausfundig zu machen, als weil sich in der Tat nichts von ihm sagen liess. Der einzige Chronikschreiber, der seiner gedenkt, lasst sich also vernehmen: "Sultan Lolo", sagt er, "vegetierte einundsechzig Jahre. Er ass taglich viermal mit bewundernswurdigem Appetit, und ausser diesem, und einer sehr zartlichen Liebe zu seinen Katzen, hat man niemals einige besondere Neigung zu etwas an ihm wahrnehmen konnen. Die Derwischen und die Katzen sind die einzigen Geschopfe in der Welt, welche Ursache haben, sein Andenken zu segnen. Denn er liess, ohne jemals recht zu wissen warum, zwolfhundertundsechsunddreissig neue Derwischereien, jede zu sechzig Mann, in seinen Staaten erbauen; machte in allen grossern Stadten des indostanischen Reiches Stiftungen, worin eine gewisse Anzahl Katzen verpflegt werden musste; und sorgte fur diese und jene so gut, dass man in ganz Asien keine fettern Derwischen und Katzen sieht, als die von seiner Stiftung.2 Er zeugte ubrigens zwischen Wachen und Schlaf einen Sohn, der ihm unter dem Namen Schach-Baham in der Regierung folgte, und starb an einer Unverdaulichkeit." So weit dieser Chronikschreiber, der einzige, der von Sultan Lolo Meldung tut; und, in der Tat, wir besorgen, was er von ihm sagt, ist noch schlimmer als gar nichts.

Sein Sohn Schach-Baham hatte das Gluck bis in sein vierzehntes Jahr von einer Amme erzogen zu werden, deren Mutter eben dieses ehrenvolle Amt bei der unnachahmlichen Scheherezade verwaltet hatte. Alle Umstande mussten sich vereinigen, diesen Prinzen zum unmassigsten Liebhaber von Marchen, den man je gekannt hat, zu machen. Nicht genug, dass ihm der Geschmack daran mit der ersten Nahrung eingeflosst, und der Grund seiner Erziehung mit den weltberuhmten Marchen seiner Grossmutter gelegt wurde: das Schicksal sorgte auch dafur, ihm einen Hofmeister zu geben, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dass die ganze Weisheit der Agypter, Chaldaer und Griechen in Marchen eingewickelt liege.

Es herrschte damals die lobliche Gewohnheit in Indien, sich einzubilden, der Sohn eines Sultans, Rajas, Omras, oder irgend eines andern ehrlichen Mannes von Ansehen und Vermogen, konne von niemand als von einem Fakir erzogen werden. Wo man einen jungen Menschen von Geburt erblickte, durfte man sicher darauf rechnen, dass ihm ein Fakir an der Seite hing, der auf alle seine Schritte, Reden, Mienen und Gebarden Acht haben, und sorgfaltig verhuten musste, dass der junge Herr nicht zu vernunftig werde. Denn es war eine durchgangig angenommene Meinung, dass einer starken Leibesbeschaffenheit, einer guten Verdauung, und der Fahigkeit sein Gluck zu machen, nichts so nachteilig sei, als viel denken und viel wissen; und man muss es den Derwischen, Fakirn, Santonen, Braminen, Bonzen und Talapoinen der damaligen Zeiten nachruhmen, dass sie kein Mittel unversucht liessen, die Volker um den Indus und Ganges vor einem so schadlichen Ubermasse zu bewahren. Es war einer von ihren Grundsatzen, gegen die es gefahrlich war Zweifel zu erregen: Niemand musse kluger sein wollen als seine Grossmutter.

Man wird nun begreifen, wie Schach-Baham bei solchen Umstanden ungefahr der Mann werden musste, der er war. Man hat bisher geglaubt, die einsichtsvollen Betrachtungen, die abgebrochenen und mit viel bedeutenden Mienen begleiteten "das dacht ich gleich" "ich sage nichts, aber ich weiss wohl was ich weiss" oder, "doch was kummert das mich?" und andre dergleichen weise Spruche, an denen er einen eben so grossen Uberfluss hat als Sancho Pansa an Sprichwortern , nebst seinem Widerwillen gegen das, was er Moral, und Empfindung spinnen nennt, waren blosse Wirkungen seines Genies gewesen. Aber einem jeden das Seine! Man kann sicher glauben, dass der Fakir, sein Hofmeister, keinen geringen Anteil daran hatte.

Der Sohn und Erbe dieses wurdigen Sultans, Schach-Dolka, glich seinem Vater an Fahigkeit und Neigungen beinahe in allen Stucken, ein einziges ausgenommen. Er war namlich ein erklarter Feind von allem, was einem Marchen gleich sah, und setzte diesem Hass um so weniger Grenzen, da er bei Lebzeiten des Sultans seines Vaters genotiget gewesen war, ihn aufs sorgfaltigste zu verbergen. Wir wurden uns, nach dem Beispiele vieler beruhmter Schriftsteller, uber diese Ausartung gar sehr verwundern, wenn uns nicht deuchte, dass es ganz naturlich damit zugegangen sei. Sultan Dolka hatte in dem Zimmer der Sultanin seiner Mama (wo Schach-Baham die Abende mit Papierausschneiden, und Anhoren lehrreicher Historien von beseelten Sofas, politischen Bals, und empfindsamen Ganschen in rosenfarbem Domino, zuzubringen pflegte) von seiner Kindheit an so viele Marchen zu sich nehmen mussen, dass er sich endlich einen Ekel daran gehort hatte. Dies war das ganze Geheimnis; und uns deucht, es ist nichts darin, woruber man sich so sehr zu verwundern Ursache hatte.

Vermutlich ist aus dieser todlichen Abneigung vor den Erzahlungen des Visirs Moslem die ausserordentliche Ungnade zu erklaren, welche er auf die Philosophie, und uberhaupt auf alle Bucher, sie mochten auf Pergament oder Palmblatter geschrieben sein, geworfen hatte; eine Ungnade, die so weit ging, dass er nur mit der aussersten Schwierigkeit zuruck gehalten werden konnte, nicht etwa bloss die Poeten (wie Plato), sondern alle Leute, welche lesen und schreiben konnten, aus seiner Republik zu verbannen; selbst die Mathematiker und Sterngucker nicht ausgenommen, welche ihm wegen der aerometrischen und astronomischen Erfindungen des Konigs Strauss im Herzen zuwider waren. Man sagt von ihm, als der vorbelobte Visir die Geschichte des Krieges zwischen dem Genie Gruner als Gras und dem Konige der grunen Lander in seiner Gegenwart erzahlt habe, hatte der junge Prinz, der damals kaum siebzehn Jahre alt war, bei der Stelle, wo der Peruckenkopf einen der vollstandigsten Siege uber den Konig Strauss erhalt, sich nicht enthalten konnen auszurufen: "Das soll mir niemand weismachen, dass jemals ein Peruckenkopf den Verstand gehabt hatte, eine Armee zu kommandieren!" Eine Anmerkung, welche (wie man denken kann) von allen Anwesenden begierig aufgefasst wurde, und, als ein fruhzeitiger Ausbruch eines seltnen Verstandes an einem noch so zarten Prinzen, mit schuldiger Bewunderung am ganzen Hofe widerschallte.

Schach-Dolka rechtfertigte die Hoffnung, welche man sich nach solchen Anzeigungen von seinen kunftigen Eigenschaften machte, auf die ausserordentlichste Weise. Der Neid selbst musste gestehen, dass er seinen Voreltern Ehre machte. Er war der grosste Mann seiner Zeit Distelfinken abzurichten; und in der Kunst Mause aus Apfelkernen zu schneiden hat die Welt bis auf den heutigen Tag seinesgleichen nicht gesehen. Durch einen unermudeten Fleiss3 bracht er es in dieser schonen Kunst so hoch, dass er alle Arten von Mausen, als Hausmause, Feldmause, Waldmause, Haselmause, Spitzmause, Wassermause und Fledermause, auch Ratten, Maulwurfe und Murmeltiere, mit ihren gehorigen Unterscheidungszeichen, in der aussersten Vollkommenheit verfertigte; ja, wenn man dem beruhmten Schek Hamet Ben Feridun Abu Hassan glauben darf, so beobachtete er sogar die Proportionen nach dem verjungten Massstabe mit aller der Genauigkeit, womit Herr Daubenton in seiner Beschreibung des koniglichen Naturalienkabinetts zu Paris sie zu bestimmen sich die lobliche Muhe gegeben hat.

Ausserdem wurde Schach-Dolka fur einen der besten Kuchenbacker seiner Zeit gehalten, wenn ihm anders seine Hofleute in diesem Stucke nicht geschmeichelt haben; und man ruhmt als einen Beweis seiner ungemeinen Leutseligkeit, dass er sich ein unverbruchliches Gesetz daraus gemacht habe, an allen hohen Festen seinen ganzen Hof mit kleinen Rahmpastetchen von seiner eigenen Erfindung und Arbeit zu bewirten. Niemals hat man einen Sultan mit Geschaften so uberhauft gesehen, als es der arme Dolka in dem ganzen Laufe seiner Regierung war. Denn da alle Konige und Fursten gegen Morgen und Abend so glucklich sein wollten, einige Mause von seiner Arbeit in ihren Kunstkabinetten, oder einen Finken aus seiner Schule in ihrem Vorzimmer zu haben; und da Schach-Dolka teils aus Gefalligkeit, teils in Rucksicht auf das launische Ding, das man Ratio status nennt, niemand vor den Kopf stossen wollte: so hatte er wirklich (die Stunden, die er im Divan verlieren musste, mit eingezahlt) vom Morgen bis in die Nacht so viel zu tun, dass er kaum zu Atem kommen konnte.

Der Himmel weiss, ob jemals ein anderes Volk das Gluck hatte, mit vier Prinzen, wie Schach-Riar, Schach-Lolo, Schach-Baham und Schach-Dolka waren, in einer unmittelbaren Folge gesegnet zu werden. "O! O! die guten Herren! die goldnen Zeiten!" riefen ihre Omras und Derwischen.

Allein diese wackern Leute konnen doch auch nicht verlangen, dass es immer nach ihrem Sinne gehen solle. Schach-Gebal, ein Bruderssohn Bahams des Weisen (wie ihn seine Lobredner nannten), welcher seinem Vetter in Ermanglung eines Leibeserben folgte denn Dolka hatte vor lauter Arbeit keine Zeit gehabt an diese Sache zu denken , dieser Schach-Gebal unterbrach eine so schone Folge von gekronten guten Mannern, und regierte bald so gut, bald so schlecht, dass weder die Bosen noch die Guten mit ihm zufrieden waren.

Wir wissen nicht, ob ein Charakter wie der seinige unter regierenden Herren so selten ist, als die Feinde seines Ruhms behaupten. Aber so viel konnen wir mit gutem Grunde sagen: dass, wenn weder der Adel noch die Priester noch die Gelehrten noch das Volk mit seiner Regierung zufrieden waren, Adel, Priester, Gelehrte und Volk nicht immer so ganz Unrecht hatten.

Um eine Art von Gleichgewicht unter diesen Standen zu erhalten, beleidigte er wechselsweise bald diesen bald jenen, und der weise Pilpai selbst hatte ihm nicht ausreden konnen, dass man Beleidigungen durch Wohltaten nicht wieder gut machen konne. In beiden pflegte er so wenig Mass zu halten, so wenig Rucksicht auf Umstande und Folgen zu nehmen, so wenig nach Grundsatzen und nach einem festen Plane zu verfahren, dass er meistens immer den Vorteil verlor, den er sich dabei vorsetzte. Man wusste so viele Beispiele anzufuhren, wo er seine besten Freunde misshandelt hatte, um die ubelgesinntesten Leute mit Gnaden zu uberhaufen, dass es endlich zu einer angenommenen Maxime wurde, es sei nutzlicher sein Feind zu sein als sein Freund. Jene konnten ihn ungestraft beleidigen, weil er schwach genug war sie zu furchten: diesen ubersah er auch nicht den kleinsten Fehltritt. Jene konnten eine Reihe strafwurdiger Handlungen durch eine einzige Gefalligkeit gegen seine Leidenschaften oder Einfalle wieder gut machen: diesen half es nichts ihm zwanzig Jahre lang die starksten Proben von Treue und Anhanglichkeit gegeben zu haben, wenn sie am ersten Tage des einundzwanzigsten das Ungluck hatten, sich durch irgend ein nichtsbedeutendes Versehen seinen Unwillen zuzuziehen.

Den Priestern soll er uberhaupt nicht sehr hold gewesen sein; wenigstens kann man nicht leugnen, dass die Derwischen, Fakirn und Kalender, welche er nur die Hummeln seines Staats zu nennen pflegte, der gewohnlichste Gegenstand seiner bittersten Spottereien waren. Er neckte und plagte sie bei jeder Gelegenheit; aber weil er sie fur gefahrliche Leute hielt, so furchtete er sie, und weil er sie furchtete, so fand er selten so viel Mut in sich, ihnen etwas abzuschlagen. Der ganze Vorteil, den er von diesem Betragen zog, war, dass sie sich ihm fur seine Gefalligkeiten wenig verbunden achteten, weil sie gar zu wohl wussten, wie wenig sein guter Wille Anteil daran hatte. Sie rachten sich fur die unschadliche Verachtung, die er ihnen zeigte, durch den Verdruss, den sie ihm bei hundert bedeutenden Gelegenheiten durch ihre geheimen Ranke und Aufstiftungen zu machen wussten. Sein Hass gegen sie wurde dadurch immer frisch erhalten; aber die Schlaukopfe hatten ausfundig gemacht, dass er sie furchte; und diese Wahrnehmung wussten sie so wohl zu benutzen, dass ihnen seine warmste Zuneigung, kaum eintraglicher gewesen ware. Sie hatten die Klugheit, wenig oder keine Empfindlichkeit uber die kleinen Freiheiten zu zeigen, die man sich unter seiner Regierung mit ihnen heraus nehmen durfte. Man mag von uns sagen was man will, dachten sie, wenn wir nur tun durfen was wir wollen.

Schach-Gebal hatte weniger Leidenschaften als Aufwallungen. Er war ein Feind von allem, was anhaltende Aufmerksamkeit und Anstrengung des Geistes erfoderte. Wenn dasjenige, was seine Hofleute die Lebhaftigkeit seines Geistes nannten, nicht allezeit Witz war, so weiss man, dass es bei einem Sultan so genau nicht genommen wird: aber er wusste doch den Witz bei andern zu schatzen; und so todlich er die langen Reden seines Kanzlers hasste, so hatte er doch Augenblicke, wo man ihm scherzend auch wenig schmeichelnde Wahrheiten sagen durfte. Er wollte immer von aufgeweckten Geistern umgeben sein. Ein schimmernder Einfall hiess ihm allezeit ein guter Einfall; allein dafur fand er auch den besten Gedanken platt, der sonst nichts als Verstand hatte. Nach Grundsatzen zu denken, oder nach einem Plane zu handeln, war in seinen Augen Pedanterei und Mangel an Genie. Seine gewohnliche Weise war, ein Geschaft anzufangen, und dann die Massregeln von seiner Laune oder vom Zufall zu nehmen. So pflegten die witzigen Schriftsteller seiner Zeit ihre Bucher zu machen.

Er hatte ein paar vortreffliche Manner in seinem Divan. Er kannte und ehrte ihre Klugheit, ihre Einsichten, ihre Redlichkeit; aber zum Ungluck konnte er ihre Miene nicht leiden. Sie besassen eine grundliche Kenntnis der Regierungskunst und des Staats; aber sie hatten wenig Geschmack; sie konnten nicht scherzen; sie waren zu nichts als zu ernsthaften Geschaften zu gebrauchen, und Schach-Gebal liebte keine ernsthaften Geschafte. Warum hatten die ehrlichen Manner die Gabe nicht, der Weisheit ein lachendes Ansehen zu geben? Oder konnten sie sich nur nicht entschliessen, ihr zuweilen die Schellenkappe aufzusetzen? Desto schlimmer fur sie und den Staat! Schach-Gebal unternahm zwar selten etwas ohne ihren Rat; aber er folgte ihm wahrend seiner ganzen Regierung nur zweimal, und beide Mal da es zu spat war.

Es war eine seiner Lieblingsgrillen, dass er durch sich selbst regieren wollte. Die Konige, welche sich durch einen Minister, einen Verschnittenen, einen Derwischen, oder eine Matresse regieren liessen, waren der tagliche Gegenstand seiner Spottereien. Gleichwohl versichern uns die geheimen Nachrichten dieser Zeit, dass sein erster Iman, und eine gewisse schwarzaugige Tschirkassierin, die ihm unentbehrlich geworden war, alles was sie gewollt aus ihm gemacht hatten. Wir wurden es fur Verleumdungen halten, wenn wir seine Regierung nicht mit Handlungen bezeichnet sahen, wovon der Entwurf nur in der Zirbeldruse eines Imans oder in der Phantasie einer schwarzaugigen Tschirkassierin entstehen konnte.

Schach-Gebal war kein kriegerischer Furst: aber er sah seine Leibwache gern schon geputzt, horte seine Emirn gern von Feldzugen und Belagerungen reden, und las die Oden nicht ungern, worin ihn seine Poeten uber die Cyrus und Alexander erhoben, wenn er bei Gelegenheit eine Festung ihrem Kommendanten abgekauft, oder seine Truppen einen zweideutigen Sieg uber Feinde, die noch feiger, oder noch schlechter angefuhrt waren als sie selbst, erhalten hatten. Es war eine von seinen grossen Maximen: ein guter Furst musse Frieden halten, solange die Ehre seiner Krone nicht schlechterdings erfodere, dass er die Waffen ergreife. Aber das half seinen Untertanen wenig: er hatte nichts desto weniger immer Krieg. Denn der Mann im Monde hatte mit dem Mann im Polarstern in einen Zwist geraten konnen; Schach-Gebal mit Hulfe seines Itimadulet4 wurde Mittel gefunden haben, die Ehre seiner Krone dabei betroffen zu glauben.

Niemals hat ein Furst mehr weggeschenkt als Gebal. Aber da er sich die Muhe nicht nehmen wollte, zu untersuchen, oder nur eine Minute lang zu uberlegen, wer an seine Wohltaten das meiste Recht haben mochte: so fielen sie immer auf diejenigen, die zunachst um ihn waren, und zum Ungluck konnten sie gemeiniglich nicht schlechter fallen.

Uberhaupt liebte er den Aufwand. Sein Hof war unstreitig der prachtigste in Asien. Er hatte die besten Tanzerinnen, die besten Gaukler, die besten Jagdpferde, die besten Koche, die witzigsten Hofnarren, die schonsten Pagen und Sklavinnen, die grossten Trabanten und die kleinsten Zwerge, die jemals ein Sultan gehabt hat; und seine Akademie der Wissenschaften war unter allen diejenige, worin man die sinnreichsten Antrittsreden und die hoflichsten Danksagungen hielt. Es gehorte ohne Zweifel zu seinen ruhmlichen Eigenschaften, dass er alle schone Kunste liebte; aber es ist auch nicht zu leugnen, dass er dieser Neigung mehr nachhing als mit dem Besten seines Reiches bestehen konnte. Man will ausgerechnet haben, dass er eine seiner schonsten Provinzen zur Einode gemacht, um eine gewisse Wildnis, welche allen Anstrengungen der Kunst Trotz zu bieten schien, in eine bezauberte Gegend zu verwandeln, und dass es ihm wenigstens hunderttausend Menschen gekostet habe, um seine Garten mit Statuen zu bevolkern. Berge wurden versetzt, Flusse abgeleitet, und unzahlige Hande von nutzlichern Arbeiten weggenommen, um einen Plan auszufuhren, wobei die Natur nicht zu Rate gezogen worden war. Die Fremden, welche dieses Wunder der Welt anzuschauen kamen, reiseten durch ubel angebaute und entvolkerte Provinzen, durch Stadte, deren Mauern einzufallen drohten, auf deren Gassen Gerippe von Pferden graseten, und worin die Wohnungen den Ruinen einer ehmaligen Stadt, und die Einwohner Gespenstern glichen, die in diesen verodeten Gemauern spukten. Aber wie angenehm wurden diese Fremden auf einmal von dem Anblicke der kunstlichen Schopfungen uberrascht, welche Schach-Gebal, seinem Stolz und den schonen Augen seiner Tschirkassierin zu Gefallen, wie aus nichts hatte hervor gehen heissen! Ganze Gegenden, durch welche sie gekommen waren, lagen verodet; aber hier glaubten sie, in einem entzuckenden Traum, in die Zaubergarten der Peris versetzt zu sein. Man konnte nichts Schlechteres sehen als die Landstrassen, auf denen sie oft ihr Leben hatten wagen mussen; aber wie reichlich wurde ihnen dieses Ungemach ersetzt! Die Wege zu seinem Lustschlosse waren mit kleinen bunten Steinen eingelegt.

Bei allem diesem sprach Schach-Gebal gern von Okonomie; und die beste unter allen moglichen Einrichtungen des Finanzwesens war eine Sache, woruber er seine ganze Regierung durch raffinierte, und die ihm wirklich mehr kostete, als wenn er den Stein der Weisen gesucht hatte. Eine neue Spekulation war der kurzeste Weg sich bei ihm in Gnade zu setzen; auch bekam er deren binnen wenig Jahren so viele, dass sie schichtenweise in seinem Kabinett aufgeturmt lagen, wo er sich zuweilen die Zeit vertrieb, die Titel und die Vorberichte davon zu uberlesen. Alle Jahre wurde ein neues System eingefuhrt, oder doch irgend eine nutzliche Veranderung gemacht (das ist, eine Veranderung, die wenigstens einigen, welche die Hand dabei hatten, nutzlich war), und die Fruchte davon zeigten sich augenscheinlich. Kein Monarch in der Welt hatte mehr Einkunfte auf dem Papier und weniger Geld in der Kasse. Dies kann, unter gewissen Bedingungen, das Meisterstuck einer weisen Administration sein: aber in Schach-Gebals seiner war es wohl ein Fehler; denn der grosste Teil seiner Untertanen befand sich nicht desto besser dabei. Indessen war er nicht dazu aufgelegt, durch seine Fehler kluger zu werden; denn er betrog sich immer in den Ursachen. Der erste, der mit einem neuen Projekt aufzog, beredete ihn er wisse es besser als seine Vorganger; und so nahm das Ubel immer zu, ohne dass Gebal jemals dazu gelangen konnte die Quelle davon zu entdecken.

Wenn man diese Zuge des Charakters und der Regierung des Sultans Gebal zusammen nimmt, so konnte man auf die Gedanken geraten, das Gluck seiner Untertanen musse, im ganzen betrachtet, nur sehr mittelmassig gewesen sein. In der Tat ist dies auch das gelindeste, was man davon sagen kann. Allein seine Untertanen wurden mehr als zu sehr dadurch gerochen, dass ihr Sultan bei aller seiner Herrlichkeit nicht glucklicher war als der unzufriedenste unter ihnen.

Diese Erfahrung war fur ihn ein Problem, woruber er oft in tiefes Nachsinnen geriet, ohne jemals die Auflosung davon finden zu konnen. Auf dem Wege, wo er sie suchte, hatte er sie ewig vergebens suchen mogen. Denn der Einfall, sie in sich selbst zu suchen, war gerade der einzige, der ihm unter allen moglichen nie zu Sinne kam. Bald dacht er, die Schuld liege an seinen Omras, bald an seinem Mundkoche, bald an seiner Favoritin; er schaffte sich andere Omras, andere Koche und eine andere Favoritin an; aber das wollte alles nicht helfen. Es fiel ihm ein, dass er einmal dieses oder jenes habe tun wollen, welches bisher unterblieben war. Gut, dacht er, das muss es sein! Er unternahm es, amusierte sich damit bis es fertig war, und fand sich betrogen. Ursache genug fur einen Sultan, verdriesslich zu werden! Aber er hatte deren noch andre, die einen weisern Mann als er war aus dem Gleichgewichte hatten setzen konnen. Die Handel, die ihm seine Priester machten, die Intrigen seines Serails, die Zwistigkeiten seiner Minister, die Eifersucht seiner Sultaninnen, das haufige Ungluck seiner Waffen, der erschopfte Zustand seiner Finanzen, und (was noch schlimmer als dies alles zu sein pflegt) das Missvergnugen seines Volkes, welches zuweilen in gefahrliche Unruhen auszubrechen drohte, alles dies vereinigte sich, ihm ein Leben zu verbittern, welches denen, die es nur von ferne sahen, beneidenswurdig vorkam. Schach-Gebal hatte mehr schlaflose Nachte als alle Tagelohner seines Reichs zusammen. Alle Zerstreuungen und Ergetzlichkeiten, womit man diesem Ubel zu begegnen gesucht hatte, wollten nichts mehr verfangen. Seine schonsten Sklavinnen, seine besten Sanger, seine wundertatigsten Luftspringer, seine Witzlinge, und seine Affen selbst verloren ihre Muhe dabei.

Endlich brachte eine Dame des Serails, eine erklarte Verehrerin der grossen Scheherezade, die Marchen der Tausend und Einen Nacht in Vorschlag. Aber Schach-Gebal hatte die Gabe nicht (denn wirklich ist sie ein Geschenk der Natur und keines ihrer schlechtesten), der wunderbaren Lampe des Schneiders Aladdin Geschmack abzugewinnen, oder die weissen, blauen, gelben und roten Fische amusant zu finden, welche sich, ohne ein Wort zu sagen, in der Pfanne braten lassen, bis sie auf einer Seite gar sind, aber, sobald man sie umkehrt, und eine wunderschone Dame, in beblumten Atlas von agyptischer Fabrik gekleidet, mit grossen diamantnen Ohrengehangen, mit einem Halsbande von grossen Perlen und mit rubinenreichen goldnen Armbandern geschmuckt, aus der Mauer hervor springt, die Fische mit einer Myrtenrute beruhrt, und die Frage an sie tut: Fische, Fische, tut ihr eure Schuldigkeit? alle zugleich die Kopfe aus der Pfanne heben, das einfaltigste Zeug von der Welt antworten, und dann plotzlich zu Kohlen werden. Schach-Gebal, anstatt dergleichen Historien, wie sein glorwurdiger Altervater, mit glaubigem Erstaunen und innigstem Vergnugen anzuhoren, wurde so ungehalten daruber, dass man mitten in der Erzahlung aufhoren musste. Man versuchte es also mit den Marchen des Visirs Moslem, in welchen unstreitig ein grosses Teil mehr Witz, und unendliche Mal mehr Verstand und Weisheit, unter dem Schein der aussersten Frivolitat, verborgen ist. Aber Schach-Gebal hasste die dunkeln Stellen darin, nicht weil sie dunkel, sondern weil sie nicht noch dunkler waren; denn er hatte wirklich zu viel gesunden Geschmack, um an Unrat, so fein er auch zubereitet war, Gefallen zu finden; und uberhaupt deuchte ihm die mehr wollustige als zartliche Fee Alles oder Nichts mit ihrer Pruderie und mit ihren Experimenten, der Pedant Taciturne mit seiner Geometrie, der Konig Strauss mit seiner albernen Politik und mit seiner Barbierschussel, und das ungeheure Mittelding von Galanterie und Ziererei, die Konigin der kristallnen Inseln, mit allem was sie sagte, tat und nicht tat, ganz unertragliche Geschopfe. Er erklarte sich, dass er keine Erzahlungen wolle, wofern sie nicht, ohne darum weniger unterhaltend zu sein, sittlich und anstandig waren: auch verlangte er, dass sie wahr und aus beglaubten Urkunden gezogen sein, und (was er fur eine wesentliche Eigenschaft der Glaubwurdigkeit hielt) dass sie nichts Wunderbares enthalten sollten; denn davon war er jederzeit ein erklarter Feind gewesen. Dieses brachte die beiden Omras, deren wir vorhin als wohl denkender Manner Erwahnung getan haben, auf den Einfall, aus den merkwurdigsten Begebenheiten eines ehmaligen benachbarten Reichs eine Art von Geschichtbuch verfertigen zu lassen, woraus man ihm, wenn er zu Bette gegangen ware, vorlesen sollte, bis er einschliefe oder nichts mehr horen wollte. Der Einfall schien um so viel glucklicher zu sein, als er Gelegenheiten herbeifuhrte, dem Sultan mit guter Art Wahrheiten beizubringen, die man, auch ohne Sultan zu sein, sich nicht gern geradezu sagen lasst.

Man dachte also unverzuglich an die Ausfuhrung: und da man den besten Kopf von ganz Indostan (welches freilich in Vergleichung mit europaischen Kopfen nicht viel sagt) dazu gebrauchte; so kam in kurzer Zeit dieses gegenwartige Werk zu Stande, welches Hiang-Fu-Tsee, ein wenig bekannter Schriftsteller, in den letzten Jahren des Kaisers Tai-Tsu, unter dem Namen des goldnen Spiegels ins Sinesische, der ehrwurdige Vater J.G.A.D.G.J. aus dem Sinesischen in sehr mittelmassiges Latein, und der gegenwartige Herausgeber aus einer Kopie der lateinischen Handschrift, in so gutes Deutsch, als man im Jahre 1772 zu schreiben pflegte, uberzutragen wurdig gefunden hat.

Aus dem Vorberichte des sinesischen Ubersetzers lasst sich schliessen, dass sein Buch eigentlich nur eine Art von Auszug aus der Chronik der Konige von Scheschian ist, welche zur Ergetzung und Einschlaferung des Sultans Gebal verfertiget worden war. Er verbirgt nicht, dass seine vornehmste Absicht gewesen, den Prinzen aus dem Hause des Kaisers Tai-Tsu damit zu dienen, denen es (wie er meint), unter dem Schein eines Zeitvertreibs, Begriffe und Maximen einflossen konnte, von deren Gebrauch oder Nichtgebrauch das Gluck der sinesischen Provinzen grossten Teils abhangen durfte. So alt diese Wahrheiten sind, sagt er, so scheint es doch, dass man sie nicht oft genug wiederholen konne. Sie gleichen einer herrlichen Arznei, welche aber so beschaffen ist, dass sie nur durch haufigen Gebrauch wirken kann. Alles kommt darauf an, dass man immer ein anderes Vehikel zu ersinnen wisse, damit sowohl Kranke als Gesunde (denn sie kann diesen als Praservativ, wie jenen als Arznei dienen) sie mit Vergnugen hinab schlingen mogen.

Was die hier und da der Erzahlung eingemischten Unterbrechungen und Episoden, besonders die Anmerkungen des Sultans Gebal betrifft, so versichert zwar Hiang-Fu-Tsee, er hatte sie von guter Hand, und ware vollig uberzeugt, dass die letztern wirklich von besagtem Sultan herruhrten: allein dies hindert nicht, dass der geneigte Leser nicht davon sollte glauben durfen was ihm beliebt. Wenigstens scheinen sie dem Charakter Schach-Gebals ziemlich gemass; und eben daher wurde es unbillig sein, zu verlangen, dass sie so sinnreich und unterhaltend sein sollten, als die Reflexionen Schach-Bahams, des Weisen.

Erster Teil

1.

"Von Scheschian?" rief Schach-Gebal: "mir deucht, ich kenne diesen Namen. Ist es nicht das Scheschian, wo der Hiof-Teles-Tanzai Konig war, dessen verwunschten Schaumloffel ihr Ihr neulich zu verschlingen geben wolltet, wenn ich mich nicht eben so stark dagegen gestraubt hatte, als der Grosspriester Sogrenuzio?"

"Vermutlich, Sire", sagte die schwarzaugige Tschirkassierin, welche schon vor einiger Zeit aufgehort hatte jung zu sein, aber aus dem Verfall ihrer Reizungen unter andern eine sehr angenehme Stimme davon gebracht hatte, und sich eine Angelegenheit daraus machte, den Sultan noch immer so gut zu amusieren, als es die Umstande auf beiden Seiten zulassen wollten. "Ohne Zweifel, Sire", sagte sie, "ist es eben dieses Scheschian; denn es notigt uns nichts, deren zwei anzunehmen, da wir uns mit dem Einen ganz wohl behelfen konnen; welches, nach dem Berichte gewisser alter Erdbeschreiber, in den Zeiten seines hochsten Wohlstandes beinahe so gross gewesen sein muss als das Reich Ihrer Majestat,5 und ostwarts"

"Die Geographie tut nichts zur Sache", fiel Schach-Gebal ein, "in so fern du mir nur dafur gut sein willst, Nurmahal, dass da, wo deine Geschichte anfangt, die Zeit vorbei ist, da die Welt von Feen beherrscht wurde. Denn ich erklare mich ein fur allemal, dass ich nichts von verungluckten Hochzeitnachten, von alten Konkombern, von Maulwurfen, die in der geziertesten Sprache von der Welt nichts sagen, und kurz, nichts von Liebeshandeln horen will, wie der witzigen Mustasche und ihres faden Kormorans, der so schone Epigrammen macht und so schone Rader schlagt. Mit Einem Worte, Nurmahal, und es ist mein volliger Ernst, keine Neadarnen und keinen Schaumloffel!"

"Ihre Majestat konnen Sich darauf verlassen", versetzte Nurmahal, "dass die Feen nichts in dieser Geschichte zu tun haben sollen; und was die Genien betrifft, so wissen Ihre Majestat, dass man gewohnlich sechs bis sieben Konige hinter einander zahlen kann, bis man auf einen stosst, der Anspruch an diesen Namen zu machen hat."

"Auch keine Satiren, Madam, wenn ich bitten darf! Fangen Sie Ihre Historie ohne Umschweife an; und ihr" (sagte er zu einem jungen Mirza, der am Fusse seines Bettes zu sitzen die Ehre hatte) "gebt Acht wie oft ich gahne; sobald ich dreimal gegahnt habe, so macht das Buch zu, und gute Nacht." "Bei irgend einem Volke" (so fing die schone Nurmahal zu lesen an) "die Geschichte seines altesten Zustandes suchen, hiesse von jemand verlangen, dass er sich dessen erinnere, was ihm im Mutterleibe oder im ersten Jahre seiner Kindheit begegnet ist.

Die Einwohner von Scheschian machen keine Ausnahme von dieser Regel. Sie fullen, wie alle andre Volker in der Welt, den Abgrund, der zwischen ihrem Ursprung und der Epoche ihrer Geschichtskunde liegt, mit Fabeln aus; und diese Fabeln sehen einander bei allen Volkern so ahnlich, als man es von Geschopfen vermuten kann, die sich auf der ersten Staffel der Menschheit befinden. Derjenige unter ihnen, der zuerst die Entdeckung machte, dass eine Ananas besser schmecke als eine Gurke, war ein Gott in den Augen seiner Nachkommen.

Die alten Scheschianer glaubten, dass ein grosser Affe sich die Muhe genommen habe, ihren Voreltern die ersten Kenntnisse von Bequemlichkeit, Kunsten und geselliger Lebensart beizubringen."

"Ein Affe?" rief der Sultan: "eure Scheschianer sind sehr demutig, den Affen diesen Vorzug uber sich einzuraumen."

"Diejenigen, bei denen dieser Glaube aufkam, dachten vermutlich nicht so weit", erwiderte die schone Nurmahal.

"Ohne Zweifel", sagte der Sultan: "aber was ich wissen mochte, ist gerade, was fur Leute das waren, bei denen ein solcher Glaube aufkommen konnte."

"Sire, davon sagt die Chronik nichts. Aber wenn es einer Person meines Geschlechts erlaubt sein konnte, uber einen so gelehrten Gegenstand eine Vermutung zu wagen, so wurde ich sagen, dass mir nichts begreiflicher vorkommt. Kein Glaube ist jemals so ungereimt gewesen, zu welchem nicht etwas Wahres den Grund gelegt haben sollte. Konnte nicht ein Affe die altesten Scheschianer etwas gelehrt haben, wenn es auch nur die Kunst auf einen Baum zu klettern und Nusse aufzuknacken gewesen ware? Denn so leicht uns diese Kunste jetzt scheinen, so ist doch viel eher zu vermuten, dass die Menschen sie den Affen, als dass die Affen sie den Menschen abgelernt haben."

"Die schone Sultanin philosophiert sehr richtig", sagte Doktor Danischmend, derjenige von den Philosophen des Hofes, den der Sultan am liebsten um sich leiden mochte, weil er in der Tat eine der gutherzigsten Seelen in der Welt war, und der daher die Gnade genoss, nebst dem vorerwahnten Mirza diesen Vorlesungen beizuwohnen. "Es ist nicht zu vermuten", setzte er hinzu, "dass die ersten Menschen in Scheschian scharfsinniger gewesen sein sollten als Isanagi No Mikotto, einer von den japanischen Gotterkonigen, von welchem ihre Geschichte versichert, dass er die Kunst, mit seiner Gemahlin Ysanami nach der Weise der Sterblichen zu verfahren, von dem Vogel Isiatadakki abgesehen habe."6

Schach-Gebal schuttelte, man weiss nicht warum, den Kopf bei dieser Anmerkung; und Nurmahal, ohne den Einfall des Philosophen Danischmend eines Errotens zu wurdigen, fuhr also fort.

"In dem ersten Zeitpunkte, wo die Geschichte von Scheschian zuverlassig zu werden anfangt, fand sich die Nation in eine Menge kleiner Staaten zerstuckelt, die von eben so vielen kleinen Fursten regiert wurden, so gut es gehen wollte. Alle Augenblicke fiel es zweien oder dreien von diesen Potentaten ein, den vierten mit einander auszurauben; wenn sie mit ihm fertig waren, zerfielen sie uber der Teilung unter sich selbst; und dann pflegte der funfte zu kommen, und sie auf einmal zu vergleichen, indem er bis zu Austrag der Sache den Gegenstand des Streits in Verwahrung nahm.

Diese Befehdungen dauerten, zu grossem Nachteile der armen Scheschianer, so lange, bis etliche von den schwachsten den Vorschlag taten: dass sich die samtlichen Rajas, um der allgemeinen Sicherheit willen, einem gemeinschaftlichen Oberhaupte unterwerfen sollten. Die machtigsten liessen sich diesen Vorschlag belieben, weil jeder Hoffnung hatte, dass die Wahl auf ihn selbst fallen wurde. Aber kaum war diese entschieden: so fand sich, dass man nicht das beste Mittel die Ruhe herzustellen gewahlt hatte.

Der neue Konig war des Vorzugs wurdig, den ihm die Nation beigelegt hatte. Die Achtung fur seine personlichen Verdienste unterstutzte eine Zeit lang seine Bemuhungen, und Scheschian genoss einen Augenblick von Gluckseligkeit, den er dazu anwandte, Gesetze zu entwerfen, welche der grosse Kon-Fu-Tsee nicht besser hatte machen konnen; Gesetze, denen, um vollkommen zu sein, nichts abging, als dass sie nicht (wie man von den Bildsaulen eines gewissen alten Kunstlers sagt) von selbst gingen, das ist, dass es von der Willkur der Untertanen abhing, sie zu halten oder nicht zu halten. Freilich waren auf die Ubertretung derjenigen, von deren Beobachtung die Ruhe und der Wohlstand des Staats schlechterdings abhing, schwere Strafen gesetzt: aber der Konig hatte keine Gewalt sie zu vollziehen. Wenn einer von seinen Rajas zum Gehorsam gebracht werden sollte, so musste er einem andern auftragen, den Raja dazu zu notigen; und auf diese Weise blieben immer die gerechtesten Urteile unvollzogen. Denn keine Krahe hackt der andern die Augen aus, sagt der Konig Dagobert."7

"Wer war dieser Konig Dagobert?" fragte der Sultan den Philosophen Danischmend.

Danischmend hatte bei allen seinen vermeintlichen oder wirklichen Vorzugen einen Fehler, der, so wenig er an sich selbst zu bedeuten hat, in gewissen Umstanden genug ist, den besten Kopf zu Schanden zu machen. Niemals konnte er eine Antwort auf eine Frage finden, auf die er sich nicht versehen hatte. Dieser Fehler hatte ihm vielleicht noch ubersehen werden konnen; aber er vergrosserte ihn insgemein durch einen andern, der in der Tat einem Manne von seinem Geiste nicht zu verzeihen war. Fragte ihn, zum Exempel, der Sultan etwas, das ihm unbekannt war; so stutzte er, entfarbte sich, offnete den Mund und staunte, als ob er sich darauf besanne: man hoffte von Augenblick zu Augenblick, dass er losdrucken wurde; und man konnt es ihm daher um so viel weniger vergeben, wenn er endlich die Erwartung, worin man so lange geschwebt hatte, mit einem armseligen das weiss ich nicht betrog; weil er, wie man dachte, dies eben sowohl im ersten Augenblicke hatte sagen konnen. Dies war nun gerade der Fall, worin er sich itzt befand: kein Mensch in der Welt war ihm unbekannter als der Konig Dagobert.

"Ich hatte Unrecht, eine solche Frage an einen Philosophen zu tun", sagte der Sultan etwas missvergnugt: "lasst meinen Kanzler kommen."

Der Kanzler war ein grosser dicker Mann, welcher unter andern ruhmlichen Eigenschaften gerade so viel Witz hatte, als er brauchte, um auf jede Frage eine Antwort bereit zu halten.

"Herr Kanzler, wer war der Konig Dagobert?" fragte der Sultan. "Sire", antwortete der Kanzler ganz ernsthaft, indem er mit der rechten Hand seinen Wanst, und mit der linken seinen Knebelbart strich, "es war ein Konig, der vor Zeiten in einem gewissen Lande regierte, das man auf keiner indostanischen Landkarte findet; vermutlich weil es so klein war, dass man nicht sagen konnte, welches die Nord- und welches die Sud-Seite davon sei."

"Sehr wohl, Herr Kanzler! Und was sagte der Konig Dagobert?" "Meistens nichts", versetzte der Kanzler, "wenn es nicht im Schlafe geschah, welches ihm zuweilen in seinem Divan begegnete. Sein Kanzler, der, wegen seines kurzen Gesichts, nicht immer gewahr wurde, ob der Konig wachte oder schlummerte, nahm etlichemal das, was er im Schlafe gesagt hatte, fur Befehle auf, und fertigte sie auf der Stelle aus; und, was das Sonderbarste ist, die Geschichtschreiber versichern, dass diese namlichen Verordnungen unter allen, welche wahrend seiner Regierung heraus gekommen, die klugsten gewesen seien."

"Gute Nacht, Herr Kanzler", sagte Schach-Gebal.

"Man muss gestehen", dachte der Kanzler im Weggehen, "dass die Sultanen zuweilen wunderliche Fragen an die Leute tun."

"Es ist eine schone Sache um einen sinnreichen Kanzler", fuhr der Sultan fort, nachdem sich der seinige zuruckgezogen hatte. "Ich weiss wohl, Nurmahal, Ihr seid ihm nie gewogen gewesen; und wenn ich gunstiger fur ihn denke, so geschieht es gewiss nicht weil ich ihn nicht kenne. Ich weiss, dass er, mit aller abgezirkelten Formalitat seiner ganzen Person, welche ein lebendiger Inbegriff aller Gesetze, Ordonnanzen, alten Gewohnheiten und neuen Missbrauche meines Reichs ist, im Grunde doch nur ein Intrigenmacher, ein falscher, unruhiger, unersattlicher, rachgieriger Bube, und ein heimlicher Feind aller Leute ist, von denen ihm sein Instinkt sagt, dass sie mehr wert sind als er. Uberdies weiss ich, dass er sich von einem schelmischen kleinen Fakir regieren lasst, der ihm weisgemacht hat, er besitze ein Geheimnis, ihn sicher uber die Brucke, die nicht breiter ist als die Scharfe eines Schermessers, hinuber zu bringen. Aber wenn er noch zehnmal schlimmer ware als er ist, so musst ich ihm um der Gabe willen hold sein, die er hat, auf jede Frage, so unerwartet und unbequem sie ihm sein mag, eine Antwort aus dem Armel zu schutteln, die er euch mit einer so unverschamten Ernsthaftigkeit fur gut gibt, dass man, gern oder nicht, damit zufrieden sein muss. Aber wir vergessen, dem Konig Dagobert und meinem Kanzler zu Gefallen, den armen Konig von Scheschian, und das ist nicht billig. Der gute Mann dauert mich; wiewohl es in der Tat seine eigene Schuld ist, wenn ihm seine Leute wie die Frosche dem Konig Klotz mitspielen. Wie konnt es ihm einfallen, auf solche Bedingungen Konig zu sein?"

"Ihre Hoheit", sagte Nurmahal, "werden ihm diesen Einfall vielleicht zugute halten, wenn Sie bedenken, dass die Nation einen Konig haben wollte, und dass es, alles uberlegt, doch immer besser ist, dieser Konig selbst zu sein, als es einem andern zu uberlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, dass es ihm an Gelegenheit nicht fehlen wurde, sein Ansehen, so eingeschrankt es anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fahigkeit, sein eigenes Furstentum war eines der betrachtlichsten, und an der Spitze der Partei, die ihn auf den Thron erhob, konnt er sich schmeicheln alles zu vermogen."

"Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?"

"Wie hatt es anders gehen konnen?" versetzte die Sultanin. "Seine Anhanger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Foderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich fur berechtigt, Dienste und Unterwurfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Konige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Konige gemacht hatten, glaubten sie dass er ihnen alles schuldig sei. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen musste Folgen haben, die den Konig und das Volk gleich unglucklich machten. Da er die einmal ubernommene Rolle gut spielen wollte, so musst er notwendig mit seinen Rajas zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hatten als die Rolle eines Konigs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vorteil, den die Rajas uber ihre Konige erhielten, erhohete ihren Ubermut, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freiheit (ein Ding, wovon sie niemals einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen) und die Rechte der Nation (welche niemals ins Klare gesetzt worden waren) gegen willkurliche Anmassungen sicher zu stellen, wurde das konigliche Ansehen nach und nach so eingeschrankt, dass es, wie die Fabel von einer gewissen Nymphe sagt, allgemach zu einem blossen Schatten abzehrte"

Hier gahnte der Sultan zum ersten Male

"bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere Stimme ubrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem hochst elenden Zustande. Von mehr als dreihundert kleinern und grossern Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der grosste Teil einem Lande gleich, das kurzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnot verwustet worden war. Die Natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reizenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Uberfluss und Gluckseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fursten vaterlich regiert wird."

Hier klarte sich die Miene des Sultans einmal wieder auf. Er dachte an seine Lustschlosser, an seine Zaubergarten, an die schonen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Zitronenbaumen besetzten Wege, die ihn dahin fuhrten, und genoss etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omras wollten, dass er dabei denken sollte! "Weiter, Nurmahal", sprach der vergnugte Sultan.

"Allenthalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefuhl fur den Zustand seiner Nebengeschopfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdruckung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der Konig von Scheschian neunzehn von zwanzig Teilen seiner Untertanen Preis zu geben genotigt war, hatten in Absicht der Verwaltung ihrer Landereien eine Denkungsart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, dass sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufallen. Ihr erster Grundsatz schien zu sein, den gegenwartigen Augenblick zum Vorteil ihrer ausschweifenden Luste auszunutzen, ohne sich darum zu bekummern, was die naturlichen Folgen davon sein mochten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem Kopfe noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bei ihnen das Wort geredet hatte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Furst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die ubrigen Tiere, von der Natur hervor getrieben worden waren, fur sie zu arbeiten, und die keinen Anspruch an Ruhe, Gemachlichkeit, und Vergnugen zu machen hatten. So schwer es ist, sich die Moglichkeit einer so unnaturlichen Denkungsart vorzustellen, so ist doch nichts gewisser, als dass sie es dahin gebracht hatten, sich selbst als eine Klasse von hohern Wesen anzusehen, die, gleich den Gottern Epikurs, kein Blut sondern nur gleichsam ein Blut in den Adern rinnen hatten; denen die Natur zu willkurlichem Gebote stehe; denen alles erlaubt sei, und an welche niemand etwas zu fodern habe. Die Knechtschaft der Unglucklichen, die unter ihrem Joche schmachteten, ging so weit, dass sie jeden Fall, wo man ihnen durch eine besondere Ausnahme die allgemeinsten Rechte der Menschheit angedeihen liess, als eine unverdiente Gnade ansehen mussten. Die Folgen einer so widersinnigen Verfassung stellen sich von selbst dar. Eine allgemeine Mutlosigkeit machte nach und nach alle Triebrader der Vervollkommnung stille stehen; der Genie wurde ihm Keim erstickt, der Fleiss abgeschreckt, und die Stelle der Leidenschaften, durch deren beseelenden Hauch die Natur den Menschen entwickelt, und zum Werkzeug ihrer grossen Absichten macht, nahm fressender Gram und betaubende Verzweiflung ein.8 Sklaven, welche keine Hoffnung haben, anders als durch irgend einen seltnen Zufall, der unter zehentausend kaum Einen trifft, sich aus ihrem Elend empor zu winden, arbeiten nur in so fern sie gezwungen werden, und konnen nicht gezwungen werden irgend etwas gut zu machen. Sie verlieren alles Gefuhl der Wurdigkeit ihrer Natur, alles Gefuhl des Edeln und Schonen, alles Bewusstsein ihrer angebornen Rechte"

der Sultan gahnte hier zum zweiten Male

"und sinken in ihren Empfindungen und Sitten zu dem Vieh herab, mit welchem sie genotiget sind den namlichen Stall einzunehmen; ja, bei der Unmoglichkeit eines bessern Zustandes, verlieren sie endlich selbst den Begriff eines solchen Zustandes, und halten die Gluckseligkeit fur ein geheimnisvolles Vorrecht der Gotter und ihrer Herren, an welches den mindesten Anspruch zu machen Gottlosigkeit und Hochverrat ware.

Dies war die tiefe Stufe von Abwurdigung und Elend, auf welche die armen Bewohner von Scheschian herab gedruckt wurden. Eine allgemeine Verwilderung wurde sie in kurzem wieder in den namlichen Stand versetzt haben, aus welchem der grosse Affe, ihrem angeerbten Wahn zu Folge, ihre Stammeltern gezogen hatte: in einen Stand, worin sie sich wenigstens mit der Unmoglichkeit noch tiefer zu sinken hatten trosten konnen; wenn nicht eine unvermutete Staatsveranderung"

hier machte der Mirza die schone Nurmahal bemerken, dass der Sultan unter den letzten Perioden dieser Vorlesung eingeschlafen war.

2.

Der Sultan hatte in vielen Wochen nicht so gut geschlafen als auf die erste Vorlesung, womit er von der Sultanin Nurmahal in der letzten Nacht unterhalten worden war: und hatte der Page, der ihn zum Morgengebet zu wecken pflegte, seine Zeit nicht so ubel genommen, ihn mitten in einem Traume von dem Konig Dagobert, dessen Ausgang zu sehen er begierig war, zu unterbrechen, so wurde Se. Hoheit den ganzen Tag uber bei der besten Laune von der Welt gewesen sein.

Die schone Nurmahal ermangelte also nicht, sich in der folgenden Nacht zur gewohnlichen Zeit wieder einzufinden, um die zweite Probe mit ihrem Opiat zu machen, welches zum ersten Male so wohl angeschlagen, und dabei den Vorzug hatte, das unschadlichste unter allen zu sein, die man hatte gebrauchen konnen.

Wir merken hier ein fur allemal an, dass diese Dame, welche vermutlich die Geschichte von Scheschian schon in ihrem eigenen Kabinette gelesen hatte, und, wie man uns versichert, eine Frau von Geist, Belesenheit und Einsicht war, sich im Lesen nicht so genau an den Text gebunden hielt, um nicht zuweilen die Erzahlung abzukurzen, oder mit ihren eigenen Reflexionen zu bereichern, oder sonst irgend eine Veranderung im Schwung oder Ton derselben vorzunehmen, je nachdem ihr die gegenwartige Verfassung und Laune des Sultans den Wink dazu gab. Man erwarte also, dass sie bald in ihrer eigenen Person sprechen, bald ihren Autor reden lassen wird, ohne dass wir notig finden, jedesmal besondere Anzeige zu tun, wer die redende Person sei; ein Umstand, woran dem Leser wenig gelegen ist, und den wir seiner eigenen Scharfsinnigkeit ruhig uberlassen konnen.

"Ihre Hoheit", fing sie an, "erinnern Sich des Zustandes, worin wir die Scheschianer gestern verlassen haben. Er war so verzweifelt, dass sie nur von einer Staatsveranderung einige Erleichterung ihres Elendes erwarten konnten. Die Gelegenheit dazu konnte nicht lange ausbleiben. Ogul, der Kan einer benachbarten tatarischen Volkerschaft, ersah sich des Augenblicks, da einige Fursten aus wenig erheblichen Ursachen den damaligen Konig vom Throne gestossen hatten, und uber die Erwahlung eines neuen sich unter sich selbst und mit den ubrigen so wenig vergleichen konnten, dass endlich beinahe so viel Konige, als Scheschian Provinzen hatte, aufgeworfen wurden. Da keiner von diesen Nebenbuhlern den andern neben sich dulden wollte, so erfuhr dieses ungluckliche Reich alle Drangsale und Greuel der Anarchie und Tyrannie zu gleicher Zeit: die eine Halfte der Nation wurde aufgerieben, und die andere dahin gebracht, einen jeden, der sie, auf welche Art es auch sein mochte, von ihren Unterdruckern befreien wollte, fur ihren Schutzgott anzusehen. Viele, welche alles hoffen konnten weil sie nichts mehr zu verlieren hatten, schlugen sich auf die Seite des Eroberers; die minder machtigen Rajas und Grossen des Reichs folgten ihrem Beispiel; und die ubrigen wurden um so leichter uberwaltiget, da ihre Uneinigkeit sie verhinderte, mit Nachdruck gegen den gemeinschaftlichen Feind zu arbeiten. Ogul-Kan wurde also in kurzer Zeit ruhiger Besitzer des scheschianischen Reiches. Das Volk, welches in mehr als Einer Betrachtung bei dieser Staatsveranderung gewann, dachte nicht daran, und konnte nicht daran denken, seinem Befreier Bedingungen vorzuschreiben. Die ehmaligen Grossen, welche daran dachten, waren nicht mehr die Leute, die sich eine solche Freiheit mit ihrem Uberwinder hatten heraus nehmen durfen, und mussten sich gefallen lassen, selbst das wenige, was ihnen von ihrer verlornen Grosse gelassen wurde, als eine Gnade aus seinen Handen zu empfangen. Die Verfassung des neuen Reichs von Scheschian war also diejenige einer unumschrankten Monarchie; das ist, das Reich hatte gar keine Verfassung, sondern alles hing von der Willkur des Eroberers ab, oder von dem Grade von Weisheit oder Torheit, Gute oder Verkehrtheit, Billigkeit oder Unbilligkeit, wozu ihn Temperament, Umstande, Laune und Zufall von Tag zu Tage bestimmen mochten.

Zum Glucke fur die Uberwundnen war der Konig Ogul, wie die meisten tatarischen Eroberer, eine ganz gute Art von Fursten"

"Wenn es geschehen konnte ohne Sie zu unterbrechen, Madam", sagte Schach-Gebal, "so mochte ich wohl wissen, was Sie mit Ihrer ganz guten Art von Fursten sagen wollen?"

"Sire", erwiderte die schone Nurmahal, "ich gestehe, dass nichts Unbestimmteres ist als dieser Ausdruck. Das was man gewohnlich eine ganz gute Art von Fursten zu nennen pflegt, durfte wohl ofters eine sehr schlimme Art von Fursten sein; aber so war es nicht in gegenwartigem Falle. Ogul-Kan hatte zwar einige betrachtliche Untugenden. Er war so eifersuchtig auf seine willkurliche Gewalt, dass man gar leicht das Ungluck haben konnte ihn zu beleidigen; beleidigt war er rachgierig, und in seiner Rache grausam. Ausserdem hatte er die schlimme Gewohnheit, alle schone Frauen als sein Eigentum anzusehen; und, wenn er den Wein weniger geliebt hatte, wurde ihm sogar der beruhmte Sultan Salomon in diesem Stucke habe weichen mussen. Aber diese Fehler"

"Es sind sehr wesentliche Fehler", sagte SchachGebal

"Ohne Zweifel, Sire", versetzte Nurmahal: "aber wenige Volker und Zeiten sind so glucklich, mit einem Fursten beseligt zu werden, an welchem selbst seine Fehler liebenswurdig sind; wenn man anders Fehler nennen kann, was allein in dem Ubermass gewisser Vollkommenheiten seine Quelle hat"

"Kleine Schmeichlerin!" sagte Schach-Gebal, indem er sie sanft auf einen ihrer Arme klopfte, dessen schone Form ihre weiten zuruck geschlagenen Armel sehen liessen; ein kleiner Umstand, der die beste Vorlesung am Bette Seiner Hoheit hatte unnutz machen konnen, wenn Zeit und Gewohnheit unsern Sultan nicht zu einem der vollkommensten Stoiker uber diesen Punkt gemacht hatten.

"Diese Fehler also" (fuhr Nurmahal fort) "wurden durch einige sehr wichtige Tugenden vergutet. OgulKan liess sich die Geschafte der Regierung sehr angelegen sein; er brachte den Ackerbau in Aufnahme, stellte die zerstorten Stadte wieder her, legte neue an, lockte aus benachbarten Staaten die Kunste in die seinigen, suchte Talente und Verdienste auf, um sie zu belohnen und Gebrauch von ihnen zu machen, ehrte die Tugend, und konnte es zu gewissen Zeiten wohl leiden, wenn man ihm die Wahrheit sagte."

"Diese letzte Eigenschaft versohnt mich wieder mit euerm Ogul", sagte der Sultan lachelnd. "Wenn er den Wein weniger geliebt hatte, so mochte er einen Platz unter den grossen Mannern seiner Zeit verdient haben."9

"Ogul-Kan besass bei allen diesen guten Eigenschaften noch eine, die unter den gehorigen Einschrankungen einem Fursten viel Ehre macht, wofern er unglucklich genug ist, ihrer vonnoten zu haben. Es begegnete ihm in den Aufwallungen seiner Leidenschaften ziemlich oft, ungerecht und grausam zu sein: aber sobald das Ubel geschehen war, kam er wieder zu sich selbst, und dann pflegte er sein Haupt nicht eher sanft zu legen, bis er demjenigen, der dadurch gelitten, alle nur mogliche Erstattung getan hatte."

"Zum Exempel, wie pflegten es wohl Seine Majestat Ogul-Kan zu halten, wenn Sie einem etwa ohne Ursache den Kopf hatten abschlagen lassen?" fragte Danischmend. "Besassen Sie vielleicht das Geheimnis der magischen Mundkugelchen, womit der Prinz Thelamir seinem Bruder und der schonen Dely ihre Kopfe wieder aufsetzte, als er sie ihnen aus einem Irrtum der Eifersucht abgeschlagen hatte?"

"Wie begierig der Doktor nach diesem Anlass schnappt, seine Belesenheit in den Geistermarchen zu zeigen!" flusterte der junge Mirza dem Sultan zu.

"Danischmend", sagte der Sultan, "hat den kleinen Fehler, die Freiheit unverschamt zu sein, die ihm als einem Philosophen zusteht, zuweilen zu missbrauchen. Man muss es mit diesen Herren so genau nicht nehmen. Aber meinen Freund Ogul soll er ungehudelt lassen, wenn anders ein Philosoph eines guten Rates fahig ist."

"Mit einem Worte", fuhr Nurmahal fort, "Ogul war bei allen seinen Fehlern ein so ruhmwurdiger Furst, dass selbst die damaligen Bonzen in Scheschian in die Wette eiferten, Gutes von ihm zu sagen. 'Nichts mangelte ihm, um der beste unter den Konigen zu sein', sagten sie, 'als dass er, aller Hoffnung ungeachtet, die wir uns von ihm zu machen Ursache hatten, aus der Welt gegangen ist, ohne jemals dem grossen Affen ein Opfer gebracht zu haben.'"

"Wissen Sie auch, meine schon Sultanin", sagte Schach-Gebal, "dass es nicht mehr bedarf, als was Sie uns eben zu melden beliebten, um Ihren Ogul auf die unwiderbringlichste Weise mit mir zu veruneinigen? Beim Barte des Propheten! der Konig, von welchem seine Bonzen in die Wette Gutes reden, muss ich mag nicht sagen was er sein muss. Gehen Sie, gehen Sie, Nurmahal, nichts mehr von Ihrem Ogul! Er muss eine schwache, einfaltige, leichtglaubige, hasenherzige Seele gewesen sein; das ist so klar wie der Tag. Seine Bonzen haben ihn gelobt! Welche Demonstration im Euklides beweist scharfer?"

"Wenn es der Philosophie jemals erlaubt sein konnte", sagte Danischmend mit affektiertem Stottern, "dem Konig der Konige, meinem Herrn"

"Nun, Doktor", unterbrach ihn der Sultan, "lass horen, was du uns im Namen deiner gebietenden Dame zu sagen hast. Ich bin auf eine Impertinenz gefasst. Nur heraus, aber nicht gestottert, Herr Danischmend, oder ich klingle"

Der beste Sultan bleibt doch immer Sultan, wie man sieht. Diese Drohung, mit einer gewissen Miene begleitet, welche wenigstens besorgen liess, dass er fahig sein konnte Ernst daraus zu machen, war nicht sehr geschickt, dem armen Danischmend Mut zu geben. Allein zu seinem Glucke kannte er den Sultan, seinen Herrn. Ohne sich also schrecken zu lassen, sagte er: "Die Philosophie, Sire, ist eine Unverschamte, wie Ihre Hoheit zu sagen geruhet haben; denn sie bedenkt sich keinen Augenblick, den Konigen selbst unrecht zu geben, wenn die Konige unrecht haben. Aber in gegenwartigem Fall ist meine demutige Meinung, Ihre Hoheit und die Philosophie konnten wohl beide recht haben. Das Lob der Bonzen, welches in Ihren Augen der grosste Tadel ist den sich Ogul zuziehen konnte, war es unstreitig, wenn es von Herzen ging.10 Aber dies ist gerade die Frage; oder vielmehr, es ist keine Frage: denn wie konnte es von Herzen gehen, da sie alles Gute, was sie von ihm sagten, mit einem einzigen Aber wieder zuruck nahmen? Was halfen dem guten Konig Ogul alle seine Tugenden? Ging er nicht aus der Welt, ohne dem grossen Affen geopfert zu haben? Ihre Hoheit kennen diese Herren zu gut, um den ganzen Nachdruck eines solchen Vorwurfs nicht zu ubersehen."

"Du gestehst also doch ein", erwiderte der Sultan, "dass sie ihn bis zum Himmel erhoben haben wurden, wenn er sich hatte entschliessen konnen, dem grossen Affen zu opfern?"

"Mit Ihrer Hoheit Erlaubnis", sagte Danischmend, "das gesteh ich nicht ein. In diesem Falle wurden sie leicht einen andern Vorwand gefunden haben, ihr heuchlerisches Lob zu entkraften. Ihre Hoheit wissen, dass es nur ein einziges Mittel gibt, den aufrichtigen Beifall der Bonzen zu erlangen, und Ogul (mit aller Ehrerbietung, die ich ihm schuldig bin, sei es gesagt) scheint mir derjenige nicht zu sein, den jemals der Ehrgeiz geplagt hatte, eine so teure Ware zu kaufen."

"Wie, wenn ich meinen Iman kommen liesse, die Frage zu entscheiden?" sagte der Sultan.

"Sein Ausspruch lasst sich erraten, ohne dass man darum mehr von der Kabbala zu verstehen notig hat als andre", versetzte Danischmend. "Er wurde wider die Bonzen sprechen. Wie sollten Bonzen bei einem Iman recht haben konnen?"

"Ich denke, Danischmend hat sich ganz ertraglich aus der Sache gezogen", sagte Schach-Gebal.

"Ihre Hoheit beweisen durch Ihre Abneigung vor den Bonzen, dass Sie ein guter Musulmann sind", sprach die schone Nurmahal. "Aber der Geschichte getreu zu bleiben, muss ich sagen, dass die Bonzen, wenn sie Gutes von Ogul-Kan sprachen, hinlangliche Ursache dazu hatten. Es ist wahr, dieser Prinz betrog eine vielleicht ausschweifende Hoffnung, die sie auf etwas gegrundet hatten, was vernunftiger Weise keine Grundlage zu einer solchen Hoffnung sein konnte, 'weil es bloss die Frucht weiser Grundsatze der Regierung war'. Aber die Achtung, die er, diesen Grundsatzen zu Folge, ihrem Orden bewies; der Schutz, den sie von ihm genossen; und die behutsame Art, womit er in allen Sachen zu verfahren pflegte, die den unvernunftigen, aber nun einmal eingefuhrten Dienst des grossen Affen betrafen; berechtigten ihn allerdings, wo nicht zur Erkenntlichkeit, doch wenigstens zu einigem Grade von Billigkeit auf Seite der Bonzen. Und gesetzt auch, man wollte ihnen diese Tugend nicht gern ohne Beweis zugestehen; so ist doch zu vermuten, dass sie Klugheit genug hatten, aus Furcht zu tun, was gewohnliche Menschen aus einem edlern Beweggrunde getan hatten."

Unter dieser Rede der schonen Nurmahal entfuhr dem Sultan ein Ton, der ein Mittelding zwischen Seufzen und Gahnen war. Der Mirza gab der Dame das abgeredete Zeichen, und sie war im Begriff abzubrechen, als Schach-Gebal, der gerade bei guter Laune war, durch einen Wink zu erkennen gab, dass er ihrer Erzahlung noch nicht uberdrussig sei.

"Ogul-Kan", fuhr sie fort, "hatte etliche Nachfolger, welche uber die Schaubuhne gingen und wieder verschwanden, ohne irgend etwas so Gutes oder so Boses getan zu haben, dass es der Aufmerksamkeit der Nachwelt zu verdienen schien. Man nannte sie deswegen in den Jahrbuchern von Scheschian die namenlosen Konige; denn die Nation bekam so wenig Gelegenheit ihre Namen zu horen, dass die wenigsten sagen konnten, wie der regierende Sultan heisse. Wenn dieser Umstand der Nachwelt einen nur sehr mittelmassigen Begriff von den Verdiensten dieser Prinzen gibt: so muss man doch gestehen, dass ihre Zeitgenossen sich vielleicht nicht desto schlimmer dabei befanden. Das Stillschweigen der Geschichte scheint wenigstens so viel zu beweisen, dass Scheschian unter ihrer unberuhmten Regierung nicht unglucklich war; und nicht unglucklich sein, ist wenigstens ein sehr leidlicher Zustand"

"Nur kann er nicht lange dauern", sagte Danischmend: "denn dieser leidliche Zustand scheint mir bei einem ganzen Volke eben das zu sein, was bei einem einzelnen Menschen der Mittelstand zwischen Krankheit und Gesundheit ist; eines von beiden muss darauf erfolgen; entweder man wird wieder gesund, oder man schmachtet sich zu Tode."

"Vielleicht wurde dies der Fall der Scheschianer gewesen sein", fuhr Nurmahal fort, "wenn der letzte von diesen namenlosen Konigen nicht das Gluck gehabt hatte, eine Geliebte zu besitzen, durch welche seine Regierung eine der merkwurdigsten und glanzendsten in der Geschichte dieses Reiches geworden ist."

"Vortrefflich!" rief Schach-Gebal mit einer Grimasse: "ich liebe die Konige, welche die Erwahnung, so die Geschichte von ihnen tut, ihren Matressen zu danken haben!"

"Ich muss nicht vergessen, Sire", sagte die schone Nurmahal, "dass die Scheschianer in diesem Stuck eine Gewohnheit haben, worin sie, so viel ich weiss, von allen ubrigen Volkern des Erdbodens abgehen; eine Gewohnheit, welche die Zahl der namenlosen Konige bei allen Nationen betrachtlich vermehren wurde, wenn sie allenthalben eingefuhrt ware. Nichts, was unter der Regierung eines Koniges geschah, wurde dem Konige zugeschrieben, wofern er es nicht selbst getan hatte. Vortreffliche Gesetze und Anstalten konnten gemacht, Schlachten gewonnen, Provinzen erobert, oder (was wenigstens eben so gut ist) erhalten und verbessert werden, ohne dass der Ruhm des Koniges den kleinsten Zuwachs dadurch erhielt. Alles was geschah, Gutes oder Boses, wurde demjenigen zugeschrieben der es getan hatte; und der Konig, der nichts getan hatte, war und blieb ein namenloser Konig, gesetzt auch, dass zu seiner Zeit die grossten Dinge in seinem Reiche geschehen waren."

"Nichts kann billiger sein", sagte der Sultan. "Jedem das Seine! Einem Fursten das Gute zuschreiben, das seine Minister tun (ich nehme den Fall aus, wo sie bloss die Werkzeuge, oder so zu sagen die Gliedmassen sind, durch welche er, als die Seele des ganzen Staatskorpers, wirket) ware eben so viel, als ihm ein Verdienst aus der Fruchtbarkeit seiner Lander zu machen, weil er die Sonne scheinen und Regen fallen lasst."

Nurmahal, Danischmend und der junge Mirza erteilten dieser Anmerkung ihren Beifall in vollem Masse, und mit aller der Bewunderung, welche sie um so mehr verdiente, da sie wirklich uneigennutziger war, als Schach-Gebal selbst sich vielleicht schmeicheln mochte.

"Der gute Konig von Scheschian", fuhr Nurmahal in ihrer Erzahlung fort, "der zu dieser in dem Munde eines grossen Monarchen so preiswurdigen Anmerkung Gelegenheit gegeben hat, was auch sein Name gewesen sein mag, verdient wenigstens das Lob eines guten Geschmacks in der Wahl seiner Gunstlinge; denn die schone Lili, seine Favoritin, war aus allem, was eine Person unsers Geschlechtes liebenswurdig machen kann, zusammen gesetzt. Und sollten ihr auch die Dichter, Maler, Bildhauer und Schaumunzenmacher ihrer Zeit geschmeichelt haben, so ist doch nicht zu leugnen, dass die Nation Ursache hatte, ihr Andenken zu segnen. Niemals ist eine grossere Gonnerin der Kunste gewesen, als die schone Lili. Sie fuhrte den Seidenbau in Scheschian ein, und zog eine Menge persischer, sinesischer und indischer Kunstler herbei, welche durch ihren Vorschub alle Arten von Manufakturen zu Stande brachten. Die Scheschianer lernten unter ihrer Regierung dies ist der eigene Ausdruck der Geschichtschreiber Bequemlichkeiten und Wolluste kennen, von welchen die meisten noch keinen Begriff gehabt hatten. Man glaubte ihr den Genuss eines neuen und unendliche Mal angenehmern Daseins zu danken zu haben. Sie brachte die Schatze in einen belebenden Umlauf, die in den Schatzkammern der vorigen Konige, wie die Leichen der Pharaonen in ihren Pyramiden, auf eine unnutzlich prahlerhafte Weise begraben lagen. Ihr Beispiel reizte die Grossen und Beguterten zur Nachahmung. Die Hauptstadt bildete sich nach dem Hofe, und die Stadte der Provinzen nach der Hauptstadt. Erfindsamkeit und Fleiss bestrebten sich in die Wette, den ganzen Staat in eine so lebhafte als heilsame Tatigkeit zu setzen; denn Erfindsamkeit und Fleiss war der gerade Weg zu Uberfluss und Gemachlichkeit, und wer wunscht nicht so angenehm zu leben als moglich? Die wohltatige Lili machte die Einwohner von Scheschian auch mit den Reizungen der Musik und der Schauspiele bekannt; und so nachteilig in der Folge alle diese Geschenke ihrem Wohlstande wurden, so unleugbar ist es, dass sie anfangs eine sehr gute Wirkung taten. So wie sich das Gefuhl der Scheschianer verfeinerte, so verschonerten sich auch zusehens ihre Sitten. Man wurde geselliger, sanfter, geschmeidiger, man vertrug sich besser, man lernte sich mit einander freuen, und fuhlte sich selbst desto glucklicher, je grosser die Menge der Glucklichen war, die man um sich sah, und so weiter; denn es wurde sehr unnotig sein, Ihrer Hoheit alle die guten Wirkungen des Geschmacks und der Kunste vorzuzahlen, von welchen Sie Selbst ein so grosser Kenner und Beforderer sind. Freilich gab es hier und da milzsuchtige, zur Freude untuchtig gewordene Leute, die ein klagliches Geschrei uber diese Neuerungen erhoben. 'Welche Greuel!' riefen sie, indem sie ihre ubel gekammten Kopfe mit Ungluckweissagender Miene schuttelten. 'Was werden die Fruchte davon sein? Diese Liebe zu Gemachlichkeiten und Ergetzungen, dieser verfeinerte Geschmack, dieser herrschende Hang zur Sinnlichkeit, wird die Nation zu Grunde richten. Uppige Feiertage werden den Gewinn der arbeitsamen Tage, uppiger Aufwand den Uberfluss der sparsamen Massigkeit verzehren; die Wollust wird den Mussiggang, der Mussiggang die ganze verderbliche Brut der Laster herbei ziehen. Die Reichen werden unersattlich werden, und bei aller Verfeinerung ihrer Empfindungen sich kein Bedenken machen, von dem Eigentume der Armen, so viel sie nur konnen, in ihren Strudel hinein zu ziehen. Die Armen werden eben so wenig gewissenhaft sein, alles, wie ungerecht und schandlich es immer sein mag, zu tun und zu leiden, wenn es nur ein Mittel abgeben kann, sich in den beneideten Zustand der Reichen zu schwingen. Ungeheuer von Lastern, unnaturliche Ausschweifungen, Verraterei, Giftmischerei und Vatermord werden durch ihre Gewohnlichkeit endlich das Abscheuliche verlieren, das sie fur die unverdorbene Menschheit haben; und nicht eher, als bis die Nation unwiederbringlich verloren ist, wird man gewahr werden, dass die schone Lili die zauberische und geliebte Urheberin unsers Verderbens war.'

Einige alte Leute, die im Laufe von sechzig oder siebzig Jahren weislich genug gelebt hatten, um im Alter noch nicht allem Anteil an den Freuden des Lebens entsagen zu mussen, sahen die Sache aus einem andern Gesichtspunkt an. 'Unsere milzsuchtigen und nervenlosen Bruder haben nicht ganz unrecht', sagten sie:'Ergetzungen und Wolluste konnen, als die Wurze des Lebens, durch ubermassigen Gebrauch nicht anders als schadlich sein. Die Natur hat sie zur Belohnung der Arbeit, nicht zur Beschaftigung des Mussiggangs bestimmt. Gleichwohl ist unleugbar, dass nicht die schone Lili, sondern die Natur selbst, die Zaubrerin ist, die uns diesen gottlichen Nektar darreicht, den sie mit eigenen Handen fur uns zubereitet hat, und wovon etliche Tropfen genug sind, uns aller Muhseligkeiten des Lebens vergessen zu machen. Oder ist es nicht die Natur, die den Menschen von einem Grade der Entwicklung zum andern fortfuhrt, und, indem sie durch die Bedurfnisse seine Einbildungskraft und durch die Einbildungskraft seine Leidenschaften spielen macht, diese vermehrte Geselligkeit, dieses verfeinerte Gefuhl, diese Erhohung seiner empfindenden und tatigen Krafte hervorbringt, wodurch der Kreis seiner Vergnugungen erweitert, und seine Fahigkeit, des Daseins froh zu werden, mit seinen Begierden zugleich vermehrt wird? Lasst uns also der Natur folgen; einer Fuhrerin, die uns unmoglich irre fuhren kann!

Nicht sie, unsre Ungeduld, unsre Gierigkeit im Geniessen, unsre Unachtsamkeit auf ihre Warnungen, ist es, was uns auf Abwege verleitet. Jede hohere Stufe, welche der Mensch betritt, erfodert eine andere Lebensordnung; und eben darum, weil der grosse Haufe der Sterblichen als unmundig anzusehen ist, und sich nicht selbst zu regieren weiss, muss er dieses Amt einer gesetzgebenden Macht uberlassen, welche immer das Ganze ubersehen, und ihren Untergebenen, mit jeder merklichen Veranderung ihrer Umstande, auch die darnach abgemessenen Verhaltungsregeln vorschreiben soll. Es lebe die schone Lili! Sie hat sich ein Recht an unsre Dankbarkeit erworben, denn sie hat uns Gutes getan. Aber wenn sie sich nun auch gefallen lassen wollte, uns eine so vollkommene Polizei zu geben, als wir bedurfen, wenn uns ihre Geschenke nicht verderblich werden sollen: dann verdiente sie, wenigstens so gut als der grosse Affe, dass wir ihr Pagoden erbaueten!'

Die schone Lili hupfte auf dem blumichten Wege fort, auf den eine wollustige Einbildungskraft sie geleitet hatte, ohne sich um die Drohungen der einen, noch um die Warnungen der andern zu bekummern. Sie genoss des Vergnugens, der Gegenstand der Liebe und Anbetung einer ganzen Nation zu sein. Umflattert von Freuden und Liebesgottern, goss sie uberall, so weit ihre Blicke reichten, susses Vergessen aller Sorgen, Entzucken und Wonne aus. Hierin schien sie ihre eigene vollkommenste Befriedigung zu finden. Aber ihre Wohltatigkeit erstreckte sich nur auf den gegenwartigen Augenblick. Ihre Sinnesart teilte sich unvermerkt der ganzen Nation mit, welches um so leichter geschehen musste, da keine andre dem Menschen naturlicher ist. Man genoss des Lebens, und niemand dachte an die Zukunft."

"Ich liebe diese Lili", rief der Sultan in einem Anstoss von Lebhaftigkeit, den man seit langer Zeit nicht an ihm bemerkt hatte. "Ich muss bekannter mit ihr werden. Gute Nacht, Mirza und Danischmend! Nurmahal soll da bleiben, und mir das Bildnis der schonen Lili machen."

3.

"Unstreitig war Vernunft in der Schutzrede, welche die alten Knaben dem Vergnugen und der schonen Lili hielten", sagte der Sultan, als sich seine gewohnliche Gesellschaft des folgenden Abends in seinem Schlafzimmer versammelt hatte. "Aber ich gestehe, dass ich nicht recht begreife, was sie mit ihrer Lebensordnung sagen wollen, oder was fur eine Polizei das sein soll, wodurch allen den Ubeln vorgebeuget werden konnte, womit uns die schwarzgelben Sittenlehrer so furchterlich bedraut haben. Die Sache liegt mir am Herzen. Ich denke, ich habe alles mogliche getan, um meine Volker glucklich zu machen; aber es sollte mir leid tun, wenn ich ihnen, wider meine gute Absicht, ein gefahrliches Geschenk gemacht hatte."

("Diesen Kummer konnten Sich Ihre Majestat ersparen", dachte Danischmend so leise als moglich.)

"Herr Danischmend" fuhr Schach-Gebal fort "man ist kein Philosoph um nichts! Wie war es, wenn deine Weisheit uns diese Sache ins Klare zu setzen belieben wollte?"

"Sire", antwortete Danischmend, "meine Weisheit ist zu Ihrer Majestat Befehlen. Aber zuvorderst bitte ich demutig um Erlaubnis, eine kleine Geschichte erzahlen zu durfen."

Schach-Gebal nickte ein sultanisches Ja, und der Philosoph fing also an.

"Zu den Zeiten des Kalifen Harun Al Raschid"

"Fi, Herr Doktor", unterbrach ihn der Sultan, "das fangt verdachtig an! Sobald man diesen Kalifen nennen hort, kann man sich nur gleich auf Genien und Verwandlungen gefasst halten, oder auf platte Historien von kleinen Buckligen, schwatzhaften Barbierern, und liederlichen Konigssohnchen, welche, um eine lange Reihe begangener Torheiten mit einem wurdigen Ende zu kronen, sich die Augenbraunen abscheren und Kalender werden."

"Ich stehe Ihrer Hoheit mit meinen Augenbraunen dafur", sagte Danischmend, "dass weder Bucklige noch Kalender in meiner Erzahlung vorkommen, und dass alles so naturlich darin zugehen soll, als man es nur wunschen kann.

Zu den Zeiten des besagten Kalifen also begab sich, dass ein reicher Emir aus Yemen auf seiner Ruckreise von Damask das Ungluck hatte, in den Gebirgen des felsigen Arabiens von Raubern uberfallen zu werden, welche so unhoflich waren, sein Gefolge niederzusabeln, und nachdem sie die schonen Frauen, die er zum Staate mit sich fuhrte, nebst allen Kostbarkeiten, die er bei sich hatte, zu Handen genommen, sich so schnell, als sie gekommen waren, wieder ins Gebirge zuruck zogen. Glucklicher Weise fur den Emir war er gleich zu Anfang des Gefechtes in Ohnmacht gefallen; ein Umstand, der so viel wirkte, dass die Rauber sich begnugten, ihm seine schonen Kleider auszuziehen, und ihn, ohne sich zu bekummern ob er wirklich tot sei, unter den Erschlagenen liegen zu lassen."

"Herr Danischmend", sagte der Sultan, "nicht so umstandlich!

Zur Sache, wenn ich bitten darf. Der Ton, worin du angefangen hast, ist vollkommen der Ton meiner lieben Altermutter, welche bekannter Massen ihre eigenen Ursachen hatte, warum sie ihre Marchen in eine so unbarmherzige Lange zog."

"Um also Ihre Majestat nicht mit Nebenumstanden aufzuhalten", fuhr Danischmend fort, "so kam der gute Emir wieder zu sich selbst, und stellte sehr unangenehme Betrachtungen an, da er sich in einem wilden unbekannten Gebirge auf einmal ohne Zelten, ohne Gerate, ohne seine Weiber und Verschnittenen, ohne Kuche, und sogar ohne Kleider befand; er, der von dem ersten Augenblicke seines Lebens, dessen er sich erinnern konnte, an allen ersinnlichen Gemachlichkeiten niemals einigen Mangel gelitten hatte. Da es zu besserer Verstandnis dieser Geschichte wesentlich ist, dass Ihre Majestat Sich eine lebhafte Vorstellung von diesem Zustande des Emirs machen, so muss ich mir die Freiheit nehmen, Sie zu bitten, Sich an seinen Platz zu setzen, und zu denken, wie Ihnen in einer so verzweifelten Lage zu Mute ware."

"Herr Danischmend", sagte der Sultan ganz trokken, "ich habe gute Lust, mir diese Muhe zu ersparen, und mir dafur von dir erzahlen zu lassen, wie einem Erzahler zu Mute sei, dem ich fur die Bemuhung, mich gahnen zu machen, dreihundert Prugel auf die Fusssohlen geben lasse."

Dieser Anstoss von sultanischer Laune deuchte der schonen Nurmahal so unbillig, dass sie den Sultan bat, den armen Doktor nicht durch Drohungen zu schrekken, welche fahig waren, den besten Erzahler in der Welt aus der Fassung zu bringen. Aber Danischmend kannte die Weise seines Herren. "Alles, warum ich Ihre Majestat bitte", sagte er, "ist, die Gnade zu haben, und mir die versprochenen dreihundert Prugel nicht eher geben zu lassen, bis ich mit meiner Geschichte fertig sein werde; denn, in der Tat, sie ist nicht so ubel als man sich nach ihrem Anfange vorstellen sollte."

"Gut", sagte der Sultan lachend, "so erzahle denn nach deiner eigenen Weise: ich verspreche dir, dass ich dich nicht wieder unterbrechen will."

Danischmend stand auf, warf sich vor dem Sultan zur Erde, kusste den Saum seiner Bettdecke, um seine Dankbarkeit fur dieses gnadige Versprechen zu bezeigen, und fuhr hierauf in seiner Erzahlung also fort.

"Von allen diesen Betrachtungen des Emirs (welche zu verworren und unangenehm waren, als dass es ratsam sein konnte, sie Ihrer Majestat vorzulegen) war das Ende, dass er sich entschliessen musste, eine Sache zu tun, die ihn aus Mangel der Gewohnheit sehr hart ankam, namlich seine Beine in Bewegung zu setzen, und zu versuchen, ob er irgend einen Weg aus dieser Wildnis finden mochte. Die Sonne neigte sich schon stark, als er endlich mit unbeschreiblicher Muhe einen Ort erreichte, wo das Gebirge sich offnete, und ihm die Aussicht in ein Tal zu geniessen gab, welches seine Einbildung selbst sich nicht reizender hatte schaffen konnen. Der Anblick einiger wohl gebauten Wohnungen, die zwischen den Baumen aus dem schonsten Grun hervorstachen, ermunterte ihn seine letzten Krafte zusammen zu raffen, um diese Wohnungen wo moglich noch vor Untergang der Sonne zu erreichen. In der Tat war der ganze Weg, den er schon zuruckgelegt und den er noch vor sich hatte, nicht um zehen Schritte mehr, als was ein junger Landmann alle Tage morgens und abends ohne Murren unternimmt, um seinem Madchen einen Kuss zu geben; aber fur die schlaffen Sehnen und marklosen Knochen des Emirs war dies eine ungeheure Arbeit. Er musste sich so oft niedersetzen, um wieder zu Atem zu kommen, dass es finstre Nacht wurde, eh er die Pforte der nachsten Wohnung erreichte, die einer Art von landlichem Palast ahnlich sah, aber nur von Holze gebaut war. Ein angenehmes Getose, aus Gesang, Saitenspiel und andern Zeichen der Frohlichkeit vermischt, welches ihm schon von fern aus diesen Wohnungen entgegen kam, vermehrte seine Verwundrung, alles dies mitten in dem odesten Gebirge zu finden. Da er keine andre Belesenheit als in Geistermarchen hatte, so war sein erster Gedanke, ob nicht alles, was er sah und horte, ein Werk der Zauberei sei. So furchtsam ihn dieser Gedanke machte, so uberwog doch endlich das Gefuhl seiner Not. Er klopfte an, und bat einen Hausgenossen, welcher heraus kam um zu sehen was es gabe, mit einer so wunderlichen Mischung von Stolz und Demut um die Nachtherberge, dass man ihn vermutlich abgewiesen hatte, wenn die Gastfreiheit ein weniger heiliges Gesetz bei den Bewohnern dieser Gegend gewesen ware. Der Emir wurde mit freundlicher Miene in einen kleinen Saal gefuhrt, wo man ihn ersuchte, sich auf einen unscheinbaren aber sehr weich gepolsterten Sofa niederzulassen. In wenigen Augenblicken erschienen zwei schone Junglinge, um ihn in ein Bad zu fuhren, wo er mit ihrer Beihulfe gewaschen, berauchert, und mit einem netten Anzuge von dem feinsten baumwollenen Zeuge bekleidet wurde. Damit ihm die Weile nicht zu lang wurde, trat ein niedliches Madchen, so schon als er jemals eines in seinem Harem gehabt hatte, mit einer Theorbe in der Hand herein, setzte sich ihm gegenuber, und sang ein Lied, aus dessen Inhalt er so viel abnehmen konnte, dass man uber die Ankunft eines so angenehmen Gastes sehr erfreut sei. Er wusste immer weniger, was er von der Sache denken sollte; aber die Gestalt und die Stimme der jungen Dirne, die er eher fur eine Perise, oder gar fur eine von den Huris des Paradieses zu halten versucht war, liessen ihm keine Zeit zu sich selbst zu kommen. Beides, nebst der freundlichen Aufnahme, die ihm widerfuhr, wirkte so stark auf seine Sinne, dass er unvermerkt aller Ursachen zur Traurigkeit und alles erlittenen Ungemachs vergass, und, durch eine sanfte Gewalt fortgezogen, sich den Eindrucken uberliess, die man auf ihn machen wollte.

Wenn dies die weiseste Entschliessung war, die er in seinen Umstanden nehmen konnte, so muss man auch gestehen, dass er sich sehr wohl dabei befand. Kaum war er angekleidet, so erschien derjenige wieder, der ihn zuerst aufgenommen hatte, und winkte ihm, ohne ein Wort zu sprechen, ihm zu folgen. Der Emir kam in einen grossen mit Wachslichtern stark erleuchteten Saal, aus welchem ihm, so wie die Tur sich auftat, der angenehmste Wohlgeruch von frischen Nelken und Pomeranzenbluten entgegen wehte. Viele niedrige Tafeln, um welche rings herum ein wohl gepolsterter Sofa sich zog, standen mit feinem schneeweissen Leinen gedeckt, welches mit einem breiten Saume von zierlichem Stickwerk eingefasst war. Die Mitte des Saals wimmelte von jungern und altern Personen beiderlei Geschlechts, die ihn mit einem offnen gutherzigen Gesicht empfingen, und ihn insgesamt durch die edle Schonheit ihrer Gestalt und Bildung, und durch einen uber ihr ganzes Wesen ausgegossenen Ausdruck von Gute und Frohlichkeit in die angenehmste Uberraschung setzten. In einer Ecke stand ein schoner Brunnen, wo eine Nymphe, an einem mit Schasmin bewachsenen Felsenstucke auf Moos liegend, aus ihrer Urne kristallhelles Wasser in ein Bekken von schwarzem Marmor goss. Der ganze Saal war mit grossen Blumenkranzen behangen, die von etlichen jungen Madchen von Zeit zu Zeit mit frischem Wasser angespritzt wurden. Alles dies zusammen genommen machte einen sehr angenehmen Anblick; aber es war nicht das Schonste, was sich seinen Augen in diesem bezauberten Orte darstellte. Ein ehrwurdiger Greis, mit silberweissen Haaren, lag, in der Stellung einer gesunden und vergnuglichen Ruhe nach der Arbeit, auf dem obersten Platze des Sofas; ein Greis, wie der gute Emir weder jemals einen gesehen, noch fur moglich gehalten hatte dass es einen solchen geben konnte. Munterkeit des Geistes glanzte aus seinen noch lebhaften Augen; achtzig Jahre eines glucklichen Lebens hatten nur schwache Furchen auf seiner heiter ausgebreiteten Stirne gezogen, und die Farbe der Gesundheit bluhte gleich einer spaten herbstlichen Rose noch auf seinen freundlichen Wangen. 'Dies ist unser Vater', sagten einige junge Personen, die den Emir umgaben, indem sie ihn an der Hand zum Sitze des Alten hinfuhrten.

Der Alte stand nicht auf, machte auch keine Bewegung als ob er aufstehen wollte; aber er reichte ihm die Hand, druckte des Emirs seine mit einer Kraft, welche diesen in Erstaunen setzte, und hiess ihn sehr leutselig in seinem Hause willkommen sein. Aber gleichwohl (sagt mein Autor) sei in dem ersten Blikke, den der Greis auf den Emir geworfen habe, unter den leutseligen Ausdruck der gastfreien Menschenfreundlichkeit etwas gemischt gewesen, welches den Fremden betroffen gemacht habe, ohne dass er sich selbst habe erklaren konnen wie ihm sei. Der Alte hiess ihn Platz an seiner Seite nehmen"

"Ich habe versprochen, dich nicht zu unterbrechen, Doktor", sagte der Sultan: "aber ich mochte doch wissen, was in den Blick des Alten gemischt sein konnte, dass es eine solche Wirkung auf den Emir machte?"

"Gnadigster Herr", versetzte Danischmend, "ich muss Ihrer Majestat bekennen, dass ich diese Geschichte aus einem neuern griechischen Dichter genommen habe, der vermutlich, nach der Weise seiner Zunftgenossen, etwas von dem Seinigen zur Wahrheit hinzu tut, um seine Gemalde interessanter zu machen. 'Es war ein freundlicher Blick', sagt er, 'aber mit einem kleinen Zusatze von etwas, das weder Verachtung noch Mitleiden, sondern eine sanfte Mischung von beiden war. Es war', fahrt er fort, 'der Blick, mit welchem ein Freund der Kunst die gestummelte Bildsaule eines Praxiteles ansieht, mit etwas von dem zurnenden Verdruss untermischt, womit dieser Liebhaber den Goten ansehen wurde, der sie gestummelt hatte.'"

"Das Bild ist fein, und gibt viel zu denken", sagte Nurmahal. "Weiter, Danischmend", sagte der Sultan.

"Inzwischen wurde das Abendessen aufgetragen, wobei der Emir eine neue Erfahrung machte, die ihm, der so wenig gewohnt war uber irgend etwas zu denken, die unbegreiflichste Sache von der Welt zu sein deuchte. Allein, eh ich mich hieruber erklaren kann, seh ich mich genotigt, eine kleine Abschweifung uber den Charakter dieses Emirs zu machen, der eine Hauptfigur in meiner Erzahlung vorstellt, wiewohl es in der Tat nur die Rolle eines Zuschauers ist. Er war von seiner Jugend an dasjenige gewesen, was man einen ausgemachten Wollustling nennt; ein Mensch, der keinen andern Zweck seines Daseins kannte, als zu essen, zu trinken, sich mit seinen Weibern zu ergetzen, und von so muhsamen Arbeiten sich durch eine Ruhe, welche ungefahr die Halfte von Tag und Nacht wegnahm, zu erholen, um zu der namlichen Beschaftigung wieder aufzuwachen. Mit dieser groben Sinnlichkeit verband er einen gewissen Stolz, der sehr geschickt war, die nachteiligen Wirkungen derselben zu beschleunigen. Er setzte ihn darein, die schonsten Frauen, die besten Weine, und die gelehrtesten Koche von ganz Asien zu besitzen: aber auch daran genugte ihm noch nicht; er beeiferte sich auch, der grosste Esser, der grosste Trinker, und der grosste Held in einer andern Art von Leibesubung zu sein, worin er mit Verdruss den Sperling und den Maulwurf fur seine Meister erkennen musste. Wenn ein Mann das Ungluck hat, bei dieser verkehrten Art von Ehrgeiz alle Mittel zu Befriedigung desselben zu besitzen, so wird man ihn bald genug dahin gebracht sehen, zu Kanthariden und Betel und andern solchen Zwangsmitteln seine Zuflucht zu nehmen. Aber die Natur ermangelt nie, sich fur die Beleidigungen, die man ihr zufugt, zu rachen, und pflegt desto grausamer in ihrer Rache zu sein, je weniger Vorwand ihre Wohltatigkeit uns zu Rechtfertigung unsrer Ausschweifungen gelassen hat. Der Emir befand sich also, mit dem reinsten arabischen Blute und der starksten Leibesbeschaffenheit, in seinem dreissigsten Jahre zu dem elenden Zustande herunter gebracht, der ein Mittelstand zwischen Leben und Sterben ist; gepeinigt durch Erinnerungen, welche sein Vergnugen hatten erhohen sollen, und verdammt zu ohnmachtigen Versuchen, den Zorn der Natur durch die Geheimnisse der Kunst zu versohnen, denen er die Verlangerung seines Daseins zu danken hatte. Diese gelehrten Koche, auf die er so stolz war, hatten das Ihrige getreulich beigetragen, zu gleicher Zeit seine Gesundheit zu zerstoren, und die Werkzeuge seiner Empfindung abzunutzen. So wie die Schwierigkeit seinen stumpfen Geschmack zu reizen zunahm, hatte sich ihr verderblicher Eifer verdoppelt, sie durch die Macht ihrer Kunst zu besiegen. Aber ihre Erfindungen hatten selten einen bessern Erfolg, als ihn den erkunstelten Kitzel etlicher Augenblicke mit langen Schmerzen bezahlen zu lassen.

Unser Emir erstaunte, an der Tafel seines betagten Wirtes die Esslust wieder zu finden, die er Jahre lang vergebens gesucht hatte. Zwei gleich ungewohnte Dinge, eine Nuchternheit von vierundzwanzig Stunden, und die starke Bewegung, die er sich hatte geben mussen, trugen ohne Zweifel das meiste dazu bei, dass er an der Tafel der Gunstlinge des Propheten im Paradiese zu sitzen glaubte. Nicht als hatte die Menge und Kostbarkeit der Speisen, oder eine sehr kunstliche Zubereitung das geringste dazu beigetragen; denn es war kein grosserer Uberfluss da, als die Befriedigung des Bedurfnisses, und die Sorge, dem Geschmack einige Wahl zu lassen, erfoderte; und an der Zubereitung hatte die Kunst nicht mehr Anteil, als sie haben muss, um einen unverdorbenen Geschmack ohne Nachteil der Gesundheit zu vergnugen. Es ist wahr, gewisse feine Kunstgriffe waren dabei beobachtet, die entweder ihrer Einfalt wegen den gelehrten Kochen des Emirs unbekannt geblieben waren, oder vielleicht eine Aufmerksamkeit erfoderten, wozu sich diese wichtigen Leute die Muhe nicht nehmen mochten; indessen war es doch hauptsachlich bloss die naturliche Gute der Speisen, und eine Zurichtung, an welcher Avicenna selbst nichts auszusetzen gefunden hatte, was diese Mahlzeit von den prachtigen und teuern Giftmischereien furstlicher Tafeln unterschied. Hingegen musste sich der Emir gestehen, dass der Wein, der vielleicht so alt war als der Wirt, und die Fruchte, womit die Mahlzeit beschlossen wurde, so vortrefflich waren, als die Natur beides nur unter dem glucklichsten Himmelsstriche hervorzubringen vermag.

'Ist alles dies Zauberei?' fragte sich der Emir alle Augenblicke; 'und was fur ein alter Mann ist dies, der bei seinem schneeweissen Bart eine so frische Farbe hat, und dem Essen und Trinken so wohl schmeckt, als ob er erst itzt zu leben anfange?' Er hatte alle Muhe von der Welt seine Verwunderung zuruckzuhalten; aber die angenehmen Gesprache, wozu ausser ihm selbst alle das Ihrige beitrugen, nebst der ungezwungenen und einnehmenden Art, womit man ihm begegnete, machten es unmoglich, die Gedanken, die in seinem Gehirne herum trieben, in einige Ordnung zu bringen.

'Koste diese Ananas', sagte der Alte zu ihm, indem er ihm die vollkommenste Frucht dieser Art anbot, die er jemals gesehen hatte. Der Emir kostete sie, und fand nicht Worte genug, ihren feinen Geschmack und Wohlgeruch zu erheben. 'Ich habe sie selbst mit eigener Hand gezogen', sagte der Alte. 'Seitdem ich zu alt bin, meine Sohne und Enkel zu den Feldarbeiten zu begleiten, beschaftige ich mich mit der Gartnerei. Sie verschafft mir den Grad von Bewegung und Arbeit, den ich notig habe, um so gesund zu bleiben als du mich siehest; und die frische Luft, mit den reinsten Duften der Blumen und Bluten bebalsamt, tragt vermutlich auch das Ihrige dazu bei.' Der Emir hatte nichts hierauf zu antworten: aber das Paar grosse Augen, die er an seinen Wirt machte, hatt ich sehen mogen! Der Alte pflegte gewohnlich frisches Wasser, und nach der Mahlzeit drei kleine Glaser Wein zu trinken: 'Das erste', sagte er lachelnd, 'hilft meinem alten Magen verdauen, das andere ermuntert meine Lebensgeister, und das dritte schlafert sie wieder ein.' Der Emir (welcher kein Wasser trinken konnte, und wenn es aus der Quelle der Jugend gewesen ware) machte dem Weine seines Wirtes Ehre. Er liess sich so oft von einem Glase zum andern verleiten, bis er das Vermogen verlor, zu unterscheiden ob er fuhle oder sich nur einbilde, dass er so munter sei als der Alte selbst.

Nach der Tafel schlich sich der Mann mit den silbernen Locken unbemerkt hinweg, und eine Weile darauf sagte einer von seinen Sohnen: 'Es ist eine Gewohnheit in unserm Hause, alle Abende vor Schlafengehen eine halbe Stunde in dem Schlafzimmer unsers Vaters zuzubringen. Ein Gast wird bei uns nie als ein Fremder gehalten; willst du uns begleiten?' Der Emir liess es sich gefallen, und, um artig zu sein, bat er sich die Ehre aus, der altesten unter den Frauen des Hauses seinen schwachen Arm zu leihen.

Ein Zimmer offnete sich, welches dem Tempel des wollustigen Schlafs ahnlich sah. Verschiedene Blumentopfe von zierlichen Formen dufteten die lieblichsten Geruche aus, und einige Wachslichter, von grunen und rosenfarben Schirmen verborgen, machten eine Art von Dammerung, welche die Augen zum sanften Entschlummern einlud. Gemalte Tapeten, von der Hand eines Meisters, stellten griechische Bilder des Schlafes vor: hier den schonen Endymion, vom Silberglanz der zartlich auf ihn herab schauenden Luna beleuchtet; dort, von einem einsamen Rosengebusche verborgen, die Gottin der Liebe, um deren sanft gluhende Wangen und Lippen ein entzuckender Traum zu schweben schien; oder Amorn auf dem Schoss einer Grazie schlummernd. Der Alte lag bereits auf seinem Ruhebette, und drei angenehme Frauenzimmer schienen beschaftigt, seinen Schlummer zu befordern. Eine, welche dem schonsten Herbsttage glich, den man sehen kann, sass zu seinen Haupten, und fachelte ihm mit einem Strauss von Rosen und Myrten Kuhlung zu; die andern beiden sassen weiter unten zu beiden Seiten des Ruhebettes, diese mit einer Laute, jene mit einem andern Instrumente, welches bloss die Singstimme zu begleiten diente. Beide spielten und sangen, mit sanft gedampftem Tone, bald wechselsweise, bald zusammen, Lieder, aus denen Zufriedenheit und ruhiges Vergnugen atmete; und die Lippen und Stimmen der Sangerinnen waren solcher Lieder wurdig. Das Erstaunen des Emirs stieg auf den hochsten Grad. Unvermerkt entschlummerte der gluckliche Alte am Busen der herbstlichen Schonen, und die ubrige Gesellschaft, nachdem sie eine von seinen sanft herab gesenkten Handen gekusst hatte, schlich sich in ehrerbietiger Stille davon.

'Was fur Leute das sind', horte der Emir nicht auf zu sich selbst zu sagen.

Beim Eintritt in das Schlafzimmer, welches ihm selbst angewiesen wurde, fand er die beiden Knaben wieder, die ihn im Bade bedient hatten. Ihr Anblick erinnerte ihn an die schone Dirne, die ihn auf eine so reizende Art willkommen gesungen hatte, und er konnte nicht mit sich selbst einig werden, ob er sich uber ihre Abwesenheit betruben oder erfreuen sollte. Er wurde ausgekleidet, und auf eine so weiche, so elastische, so wollustige Ottomanne gebracht, als jemals von einem Emir gedruckt worden sein mag. Aber kaum hatten sich die Knaben weggeschlichen, so trat die schone Sangerin mit ihrer Theorbe im Arm herein, einen Kranz von Rosenzweigen um ihre los gebundenen Haare, die bis zur Erde herab flossen, und einen Strauss von Rosen vor einem Busen, dessen Weisse die Augen des Emirs blendete. Mit stillschweigendem Lacheln neigte sie sich tief vor ihm, nahm von einem Armsessel neben seinem Ruhebette Besitz, stimmte ihre Theorbe, und sang ihm mit der angenehmsten Stimme von der Welt so zauberische Lieder vor, dass der gute Emir, von ihrer Gestalt, von ihrer Stimme und von dem achtzigjahrigen Wein seines Alten berauscht, alles vergass, was ihn billig hatte erinnern sollen weise zu sein. Die schone Sangerin hatte vermutlich keinen Auftrag, in einem Hause, worin alles glucklich war, einen Unglucklichen zu machen. Aber ach!"

Ein Blick des Sultans, der vielleicht eine ganz andere Bedeutung hatte als Danischmend sich einbildete, machte ihn stutzen. "Sire", fuhr er nach einer kleinen Pause fort, "um nicht in den Fehler des Vesirs Moslem zu fallen, begnuge ich mich zu sagen, dass der Emir Ursache fand, sich von allen Zauberern und Feen der Welt verfolgt zu glauben. 'Beruhige dich', sagte die schone Sklavin mit einem Lacheln, in welches mehr Mitleiden als Verachtung oder Unwillen gemischt war, 'ich will dir ein Adagio vorspielen, auf welches du so gut schlafen sollst, als der glucklichste aller Schafer.' Aber ihr Adagio tat das versprochene Wunder nicht. Der Emir konnte nicht aufhoren sich selbst zu betrugen, bis endlich die Sklavin, welche seinen Eigensinn wirklich unbillig fand, fur besser hielt sich zuruck zu ziehen, indem sie ihm so wohl zu schlafen wunschte als er konnte."

"Danischmend, ich bin mit deiner Erzahlung zufrieden", sagte der Sultan: "morgen wollen wir die Fortsetzung davon horen, und mein Schatzmeister soll Befehl erhalten, dir dreihundert Bahamd'or auszuzahlen." Der Philosoph und der junge Mirza zogen sich hierauf zuruck, und die Pforte des geheiligten Schlafgemachs wurde hinter ihnen zugeschlossen.

4.

Den folgenden Abend setzte Danischmend auf Befehl des Sultans seine Erzahlung also fort.

"Die Geschichte des Emirs und der schonen Sklavin blieb nicht lange geheim, und dieser Prinz hatte die Ehre, der erste Mann von seiner Art zu sein, den man jemals in diesen Gegenden gesehen hatte. Die Einwohner des Hauses, mannliche und weibliche, konnten gar nicht von ihrem Erstaunen uber ihn zuruck kommen. Sie hatten gar keinen Begriff davon, wie man das sein konne was er war. 'Das arme Geschopf!' riefen sie alle mit einem Ton des Mitleidens, welcher nicht sehr geschickt gewesen ware sein Leid zu ergetzen. Wirklich war der ungluckliche Mann in seinem ganzen Leben nie so ubel mit sich selbst zufrieden gewesen als in dieser namlichen Nacht. Die Vergleichung, die er zwischen sich selbst, einem Greise von zweiunddreissig, und diesem silberlockigen Jungling von achtzig anstellte, begleitet von den Vorstellungen, welche ihm die schone Sklavin zuruck gelassen hatte, war mehr als genugsam ihn zur Verzweiflung zu bringen. Er biss die Lippen zusammen, schlug sich vor den Kopf, und verfluchte in der Bitterkeit seines Herzens seinen Harem, seinen Leibarzt, seine Koche, und die jungen Toren, die ihn durch Beispiel und Grundsatze aufgemuntert hatten, sein Leben so eilfertig zu verschwenden. Erschopft von ohnmachtiger Wut, und betaubt von einem Schwall qualender Gedanken, die ihm das Gefuhl seines Daseins zur Marter machten, schlummert' er endlich ein; und da er nach einigen Stunden wieder erwachte, fehlte wenig, dass er nicht alles, was ihm seit seinem letzten Schlafe begegnet war, fur einen blossen Traum gehalten hatte. Wenigstens wandte er alle seine Krafte an, die Erinnerung an den unangenehmsten Teil seiner Begegnisse zu unterdrucken; und in der Hoffnung, dass neue Eindrucke ihm dazu am beforderlichsten sein wurden, offnete er ein Fenster, aus welchem er die Garten vor sich liegen sah, die sich von der Morgenseite um das Haus herum zogen. Eine reine, mit tausend erquickenden Duften erfrischte Luft zerstreute die dustern Wolken, die noch um sein Gehirn hingen; er fuhlte sich gestarkt; dieses Gefuhl fachte wieder einen Funken von Hoffnung in seinem Busen an, und mit der Hoffnung kehrt die Liebe zum Leben zuruck. Indem er diese Garten betrachtete, und, seinem verwohnten Geschmack am Prachtigen und Erkunstelten zu Trotz, sich nicht erwehren konnte, sie bei aller ihrer nutzlichen Einfalt und anscheinenden Wildheit schon zu finden, ward er den Alten gewahr, der, halb von Gestrauchen bedeckt, sich mit kleinen Gartnerarbeiten beschaftigte, welche der Emir nie gewurdiget hatte, sich einen Begriff davon zu erwerben. Die Begierde, alles Befremdende und Wunderbare, das er in diesem Hause gesehen, sich erklaren zu lassen, bewog ihn, in die Garten hinab zu steigen, um sich mit dem Alten in ein Gesprach einzulassen. Nachdem er ihm fur seine leutselige Aufnahme gedankt hatte, fing er an, ihm seine Verwunderung daruber zu bezeigen, dass ein Greis von seinen Jahren noch so gerade, so geschaftig, so lebhaft und so fahig sein konne, an den Vergnugungen des Lebens Anteil zu nehmen. 'Wenn deine silbernen Haare und dein eisgrauer Bart nicht von einem hohen Alter zeugten', setzte er hinzu, 'so musste man dich fur einen Mann von vierzig halten. Ich bitte dich, erklare mir dieses Ratsel. Was fur ein Geheimnis besitzest du, welches solche Wunder wirken kann?'

'Ich kann dir mein Geheimnis mit drei Worten sagen', erwiderte der Alte lachelnd: 'Arbeit, Vergnugen und Ruhe, jedes in kleinem Masse, zu gleichen Teilen vermischt, und nach dem Winke der Natur abgewechselt, wirken dieses Wunder, wie du es zu nennen beliebst, auf die begreiflichste Weise von der Welt. Eine nicht unangenehme Mattigkeit ist der Wink, den uns die Natur gibt, unsre Arbeit mit Ergetzungen zu unterbrechen, und ein ahnlicher Wink erinnert uns von beiden auszuruhen. Die Arbeit unterhalt den Geschmack an den Vergnugungen der Natur, und das Vermogen sie zu geniessen; und nur derjenige, fur den ihre reinen untadelhaften Wolluste allen Reiz verloren haben, ist unglucklich genug, bei erkunstelten eine Befriedigung zu suchen, welche sie ihm nie gewahren werden. Lerne an mir, werter Fremdling, wie glucklich der Gehorsam gegen die Natur macht. Sie belohnt uns dafur mit dem Genuss ihrer besten Gaben. Mein ganzes Leben ist eine lange, selten unterbrochne Kette von angenehmen Augenblicken gewesen; denn die Arbeit selbst, eine unsern Kraften angemessene und von keinen verbitternden Umstanden begleitete Arbeit, ist mit einer Art von sanfter Wollust verbunden, deren wohltatige Einflusse sich uber unser ganzes Wesen verbreiten. Aber um durch die Natur glucklich zu sein, muss man die grosste ihrer Wohltaten, die das Werkzeug aller ubrigen ist, die Empfindung, unverdorben erhalten haben; und zum richtigen Empfinden ist richtig Denken eine unentbehrliche Bedingnis.'

Der Alte sahe seinem Gast an der Miene an, dass er ihn nur mittelmassig verstand. 'Ich werde dir vielleicht verstandlicher sein', fuhr er fort, 'wenn ich dir die Geschichte unsrer kleinen Kolonie erzahle; denn in jeder andern Wohnung, wohin der Zufall dich in diesen Talern hatte fuhren konnen, wurdest du alles ungefahr eben so gefunden haben wie bei mir.' Der Emir bezeigte dass er ihm sehr gern zuhoren wollte. Er hatte ein so ermudetes Ansehen, dass ihm der mitleidige Alte den Vorschlag tat, sich auf einen Sofa in einem mit Zitronenbaumen umpflanzten Gartensaale niederzulassen; wiewohl ihm selbst ein Spaziergang unter den Baumen angenehmer gewesen ware.

Der Emir nahm dies Anerbieten willig an, und wahrend eine schone junge Sklavin sie mit dem besten Kaffe von Moka bediente, fing der muntre Greis seine Erzahlung also an.

'Eine alte Uberlieferung sagt uns, dass unsre Vorfahren von griechischer Abkunft gewesen, und durch einen Zufall, an dessen Umstanden dir nichts gelegen sein kann, vor einigen Jahrhunderten in diese Gebirge geworfen worden. Sie pflanzten sich in diesen angenehmen Talern an, welche die Natur dazu bestimmt zu haben scheint, eine kleine Anzahl von Glucklichen vor der Missgunst und den ansteckenden Sitten der ubrigen Sterblichen zu verbergen. Hier lebten sie, in zufriedener Einschrankung in den engen Kreis der Bedurfnisse der Natur, dem Anschein nach so armselig, dass selbst die benachbarten Beduinen sich um ihr Dasein wenig zu bekummern schienen. Die Zeit loschte nach und nach den grossten Teil der Merkmale ihres Ursprungs aus; ihre Sprache verlor sich in die arabische; ihre Religion artete in einige aberglaubische Gebrauche aus, von welchen sie selbst keinen Grund anzugeben wussten; und von den Kunsten, die der griechischen Nation einen unverlierbaren Rang uber alle ubrige gegeben haben, blieb ihnen nur die Liebe zur Musik, und ein gewisser angeborner Hang zum Schonen und zu geselligen Vergnugungen, welcher die Grundlage abgab, worauf der weise Gesetzgeber ihrer Nachkommen einen kleinen Staat von gluckseligen Menschen aufzufuhren wusste. Begierig, die Schonheit der Formen unter sich zu verewigen, machten sie sich zu einem Gesetze, nur die schonsten unter den Tochtern des benachbarten Yemen unter sich aufzunehmen; und dieser Gewohnheit (welche unser Gesetzgeber wurdig gefunden hat, ihr die Heiligkeit einer unverletzlichen Pflicht zu geben) ist es ohne Zweifel beizumessen, dass du in allen unsern Talern keine Person weder von unserm noch vom andern Geschlechte finden wirst, welche nicht jenseits der Gebirge fur eine seltene Schonheit gelten sollte.

Zu den Zeiten meines Grossvaters kam der vortreffliche Mann, dem wir unsre dermalige Verfassung zu danken haben, der zweite und eigentliche Stifter unsrer Nation, durch eine Kette von Zufallen in diese Gegend. Wir wissen nichts, weder von seiner Abkunft, noch von den Begebenheiten seines Lebens vor dem Zeitpunkte da er zu uns kam. Er schien damals ein Mann von funfzig Jahren zu sein; er war lang, von majestatischer Gestalt, und von so einnehmendem Bezeigen, dass er in kurzer Zeit alle Herzen gewann. Er hatte so viel Gold mit sich gebracht, dass es einem jeden in die Augen fallen musste, er habe keine andre Ursache unter uns zu leben, als weil es ihm bei uns gefiel. Das Sanfte und Gefallige seiner Sitten, die ungekunstelte Weisheit seiner Gesprache, die Kenntnisse, die er von tausend nutzlichen und angenehmen Dingen hatte, verbunden mit einer Beredsamkeit, die auf eine unwiderstehliche Art sich in die Seelen einstahl, gaben ihm nach und nach ein unbegrenzteres Ansehen unter uns, als ein Monarch uber seine angebornen Untertanen zu haben pflegt. Er fand unsre kleine Nation fahig, glucklich zu sein;'und Menschen', sagte er zu sich selbst, 'welche etliche Jahrhunderte sich an dem Unentbehrlichen begnugen lassen konnten, verdienen es zu sein: ich will sie glucklich machen.' Er verbarg sein Vorhaben eine geraume Zeit, weil er weislich glaubte, dass er die ersten Eindrucke durch sein Beispiel machen musse. Er pflanzte sich unter uns an, lebte in seinem Hause so, wie du uns hast leben gesehen, machte unsre Leute mit Bequemlichkeiten und Vergnugungen bekannt, die ihre Begierden reizen mussten, und kaum ward er gewahr dass er diesen Zweck erhalten habe, so legte er die Hand an seinen grossen Entwurf. Ein Freund, der ihn begleitet hatte und von allen schonen Kunsten in einem hohen Grade der Vollkommenheit Meister war, half ihm die Ausfuhrung beschleunigen. Viele von unsern Junglingen, nachdem sie die notige Vorbereitung von ihnen erhalten hatten, arbeiteten unter ihrer Aufsicht mit unbeschreiblicher Begeisterung. Wilde Gegenden wurden angebaut; kunstliche Wiesen und Garten voll fruchttragender Baume bluhten in Gegenden hervor, die mit Disteln und Heidekraut bedeckt gewesen waren; und Felsen wurden mit neu gepflanzten Weinreben beschattet. Mitten auf einer kleinen Anhohe, die das schonste unsrer Taler beherrscht, stieg ein runder auf allen Seiten offner Tempel empor, in dessen Mitte nichts als eine Estrade, um drei Stufen hoher als der Fussboden, und auf diesen drei Bilder von weissem Marmor zu sehen waren; Bilder, die man ohne Liebe und sanftes Entzucken nicht ansehen konnte. Ein Hain von Myrten zog sich in einiger Entfernung um den kleinen Tempel, und bedeckte die ganze Anhohe. Dieses letzte Werk war allen unsern Leuten ein Ratsel, und Psammis (so nannte sich der wunderbare Fremdling) verzog so lange, ihnen die Auflosung davon zu geben, bis er merkte, dass alle die zartliche Ehrerbietung, die sie fur ihn empfanden, nicht langer vermogend war, ihre Ungeduld zuruck zu halten.

Endlich fuhrte er am Morgen eines schonen Tages, welcher seitdem der heiligste unsrer festlichen Tage ist, eine Anzahl der Unsrigen, die er als die geschicktesten zu seinem Vorhaben ausgewahlt hatte, auf die Anhohe, setzte sich mit ihnen unter die Myrten, und gab ihnen zu erkennen: Dass er in keiner andern Absicht zu ihnen gekommen sei, als sie und ihre Nachkommen glucklich zu machen; dass er keine andre Belohnung dafur erwarte, als das Vergnugen, seine Absicht erreicht zu haben; und dass er keine andre Bedingung von ihnen fordere, als ein feierliches Gelubde, die Gesetze unverbruchlich zu halten, die er ihnen geben wurde. 'Es wurde zu weitlauftig sein', fuhr der Alte fort, 'dir zu erzahlen, was er sagte um seine Zuhorer zu uberzeugen, und was er tat um sein angefangenes Werk auszufuhren, und ihm alle die Festigkeit zu geben, welche ein auf die Natur gegrundeter Entwurf durch weise Vorsicht erhalten kann. Eine Probe seiner Sittenlehre, die den ersten Teil seiner Gesetzgebung ausmacht, wird hinlanglich sein, dir davon einigen Begriff zu geben.

Jeder von uns empfangt beim Antritt seines vierzehnten Jahres, an dem Tage, da er in dem Tempel der Huldgottinnen das Gelubde tun muss, der Natur gemass zu leben, einige Tafelchen aus Ebenholz, auf welchen diese Sittenlehre mit goldnen Buchstaben geschrieben ist. Wir tragen sie immer bei uns, und sehen sie als ein Heiligtum und gleichsam als den Talisman an, an welchen unsre Gluckseligkeit gebunden ist. Wer sich unterfinge andre Grundsatze einfuhren zu wollen, wurde als ein Vergifter unsrer Sitten und als ein Zerstorer unsers Wohlstandes auf ewig aus unsern Grenzen verbannt werden. Hore, wenn es dir gefallt, was ich dir davon vorlesen will. 'Das Wesen der Wesen', so spricht Psammis im Eingange seiner Gesetze, 'welches, unsichtbar unsern Augen und unbegreiflich unserm Verstande, uns sein Dasein nur durch Wohltaten zu empfinden gibt, bedarf unser nicht, und fodert keine andre Erkenntlichkeit von uns, als dass wir uns glucklich machen lassen.

Die Natur, die zu unsrer allgemeinen Mutter und Pflegerin von Ihm bestellt ist, flosset uns mit den ersten Empfindungen auch die Triebe ein, von deren Massigung und Ubereinstimmung unsre Gluckseligkeit abhangt. Ihre Stimme ist es, die durch den Mund ihres Psammis mit euch redet; seine Gesetze sind keine andern als die ihrigen.

Sie will, dass ihr eures Daseins froh werdet. Freude ist der letzte Wunsch aller empfindenden Wesen: sie ist dem Menschen, was Luft und Sonnenschein den Pflanzen ist. Durch susses Lacheln kundigt sie die erste Entwicklung der Menschheit im Saugling an, und ihr Abschied ist der Vorbote der Auflosung unsers Wesens. Liebe und gegenseitiges Wohlwollen sind ihre reichsten und lautersten Quellen: Unschuld des Herzens und der Sitten das sanfte Ufer, in welchem sie dahin fliessen.

Diese wohltatigen Ausflusse der Gottheit sind es, was ihr unter den Bildern vorgestellt sehet, denen euer gemeinschaftlicher Tempel heilig ist. Betrachtet sie als Sinnbilder der Liebe, der Unschuld und der Freude. So oft der Fruhling wieder kommt, so oft Ernte und Herbst angehen und geendigt sind, und an jedem andern festlichen Tage versammelt euch in dem Myrtenhaine; bestreuet den Tempel mit Rosen, und kranzet diese holden Bilder mit frischen Blumen; erneuert vor ihnen das unverletzliche Gelubde, der Natur getreu zu bleiben; umarmet einander unter diesen Gelubden, und die Jugend beschliesse das Fest, unter den frohen Augen der Alten, mit Tanzen und Gesang. Die junge Schaferin, wenn ihr Herz aus dem langen Traume der Kindheit zu erwachen beginnt, schleiche sich einsam in den Myrtenhain, und opfre der Liebe die ersten Seufzer, die ihren sanften Busen heben; die junge Mutter mit dem lachelnden Saugling im Arme wandle oft hierher, ihn zu den Fussen der holden Gottinnen in sussen Schlummer zu singen.

Horet mich, ihr Kinder der Natur! denn diesen und keinen andern Namen soll euer Volk kunftig fuhren.

Die Natur hat alle eure Sinne, hat jedes Faserchen des wundervollen Gewebes eures Wesens, hat euer Gehirn und euer Herz zu Werkzeugen des Vergnugens gemacht. Konnte sie euch vernehmlicher sagen, wozu sie euch geschaffen hat?

War es moglich gewesen, euch des Vergnugens fahig zu machen, ohne dass ihr auch des Schmerzes fahig sein musstet, so wurde es geschehen sein. Aber so viel moglich war hat sie dem Schmerz den Zugang zu euch verschlossen. Solang ihr ihren Gesetzen folget, wird er eure Wonne selten unterbrechen; noch mehr, er wird euer Gefuhl fur jedes Vergnugen scharfen, und dadurch zu einer Wohltat werden; er wird in euerm Leben sein was der Schatten in einer schonen sonnigen Landschaft, was die Dissonanz in einer Symphonie, was das Salz an euern Speisen.

Alles Gute loset sich in Vergnugen auf, alles Bose in Schmerz. Aber der hochste Schmerz ist das Gefuhl sich selbst unglucklich gemacht zu haben', (hier holte der Emir einen tiefen Seufzer) 'und die hochste Lust das heitre Zurucksehen in ein wohl gebrauchtes, von keiner Reu beflecktes Leben.

Niemals moge unter euch, ihr Kinder der Natur, das Ungeheuer geboren werden, das eine Freude darin findet, andre leiden zu sehen, oder unfahig ist sich ihrer Freude zu erfreuen! Nein, ein so unnaturliches Missgeschopf kann nicht zum Vorschein kommen, wo Unschuld und Liebe sich vereinigen, den Geist der Wonne uber alles was atmet auszugiessen. Freuet euch, meine Kinder, eures Daseins, eurer Menschheit; geniesset, so viel moglich, jeden Augenblick eures Lebens: aber vergesset nie, dass ohne Massigung auch die naturlichsten Begierden zu Quellen des Schmerzes, durch Ubermass die reineste Wollust zu einem Gifte wird, das den Keim eures kunftigen Vergnugens zernaget. Massigung und freiwillige Enthaltung ist das sicherste Verwahrungsmittel gegen Uberdruss und Erschlaffung. Massigung ist Weisheit, und nur dem Weisen ist es gegonnt, den Becher der reinen Wollust, den die Natur jedem Sterblichen voll einschenkt, bis auf den letzten Tropfen auszuschlurfen. Der Weise versagt sich zuweilen ein gegenwartiges Vergnugen, nicht weil er ein Feind der Freude ist, oder aus alberner Furcht vor irgend einem gehassigen Damon, der daruber zurnte wenn sich die Menschen freuen; sondern, um durch seine Enthaltung sich auf die Zukunft zu einem desto vollkommnern Genusse des Vergnugens aufzusparen.11

Horet mich, ihr Kinder der Natur! Horet ihr unveranderliches Gesetz! Ohne Arbeit ist keine Gesundheit der Seele noch des Leibes, ohne diese keine Gluckseligkeit moglich. Die Natur will, dass ihr die Mittel zur Erhaltung und Versussung eures Daseins als Fruchte einer massigen Arbeit aus ihrem Schosse ziehen sollet. Nichts als eine nach dem Grade eurer Krafte abgemessene Arbeit wird euch die notwendige Bedingung alles Vergnugens, die Gesundheit, erhalten.

Ein kranker oder krankelnder Mensch ist in jeder Betrachtung ein ungluckliches Geschopf. Alle Krafte seines Wesens leiden dadurch; ihr naturliches Verhaltnis und Gleichgewicht wird gestort, ihre Lebhaftigkeit geschwacht, ihre Richtung verandert. Seine Sinne stellen ihm verfalschte Abdrucke der Gegenstande dar; das Licht seines Geistes wird trube; und sein Urteil von dem Werte der Dinge verhalt sich zum Urteil eines Gesunden, wie Sonnenschein zum dustern Schein der sterbenden Lampe in einer Totengruft.

Von dem Augenblick an, und o! mochte dann, wann er kommt, die Sonne auf ewig fur euch verloschen! von dem Augenblick an, da Unmassigkeit oder erkunstelte Wolluste die Samen schleichender und schmerzvoller Krankheiten in euern Adern verbreitet haben werden, verlieren die Gesetze des Psammis ihre Kraft euch glucklich zu machen. Dann werfet sie in die Flammen, ihr Ungluckseligen! denn die Gottinnen der Freude werden sich in Furien fur euch verwandeln. Dann kehret eilends in eine Welt zuruck, wo ihr ungestraft euer Dasein verwunschen konnet, und wenigstens den armseligen Trost geniesset, uberall Mitgenossen euers Elends zu sehen.

Suchet niemals, meine Kinder, einen hohern Grad von Kenntnis als ich euch mitgeteilt habe. Ihr wisst genug, wenn ihr gelernt habt, glucklich zu sein.

Gewohnet euer Auge an die Schonheit der Natur; und aus ihren mannigfaltig schonen Formen, ihren reichen Zusammensetzungen, ihrer reizenden Farbengebung fullet eure Phantasie mit Ideen des Schonen an. Bemuhet euch, allen Werken eurer Hande und eures Geistes den Stempel der Natur, Einfalt und ungezwungene Zierlichkeit, einzudrucken. Alles was euch in euern Wohnungen umgibt, stelle euch ihre Schonheiten vor, und erinnere euch dass ihr ihre Kinder seid!

Alle andere Werke der Natur scheinen nur spielende Versuche und Vorubungen, wodurch sie sich zur Bildung ihres Meisterstucks, des Menschen, vorbereitet. In ihm allein scheint sie alles, was sie diesseits des Himmels vermag, vereiniget, an ihm allein mit Warme und verliebt in ihr eigenes Werk gearbeitet zu haben. Aber sie hat es in unserer Gewalt gelassen, es zu vollenden, oder zu verderben. Warum tat sie das? Ich weiss nichts davon; aber nach dem was Sie getan hat, mussen wir das bestimmen, was Wir zu tun haben. Jede harmonische Bewegung unsers Korpers, jede sanfte Empfindung der Freude, der Liebe, der zartlichen Sympathie verschonert uns; jede allzu heftige oder unordentliche Bewegung, jede ungestume Leidenschaft, jede neidische und ubeltatige Gesinnung verzerrt unsre Gesichtszuge, vergiftet unsern Blick, wurdiget die schone menschliche Gestalt zur sichtbaren Ahnlichkeit mit irgend einer Art von Vieh herab. So lange Gute des Herzens und Frohlichkeit die Seele eurer Bewegungen bleiben, werdet ihr die schonsten unter den Menschenkindern sein.

Das Ohr ist, nach dem Auge, der vollkommenste unsrer Sinne. Gewohnet es an kunstlose, aber seelenvolle Melodien, aus welchen schone Gefuhle atmen, die das Herz in sanfte Bebungen setzen, oder die einschlummernde Seele in susse Traume wiegen. Freude, Liebe, und Unschuld stimmen den Menschen in Harmonie mit sich selbst, mit allen guten Menschen, mit der ganzen Natur. So lang euch diese beseelen, wird jede eurer Bewegungen, der gewohnliche Ton eurer Stimme, eure Sprache selbst wird Musik sein.

Psammis hat euch neue Quellen angenehmer Empfindungen mitgeteilt: durch ihn geniesset ihr, von der taglichen Arbeit ermudet, einer wollustigen Ruhe; durch ihn ergetzen liebliche Fruchte, in diesen fremden Boden verpflanzt, euern Gaumen; durch ihn begeistert euch der Wein, zu hoherer Frohlichkeit, zu offenherzigem Geschwatze und geistreichem Scherz, ohne welche dem geselligen Gastmahle seine beste Wurze fehlt. In der Liebe, die ihr nur unter der niedrigen Gestalt des Bedurfnisses kanntet, hat er euch die Seele des Lebens, die Quelle der schonsten Begeisterung und der reinsten Wollust des Herzens bekannt gemacht. O meine Kinder! welche Lust, welches angenehme Gefuhl sollt ich euch versagen? Keines, gewiss keines das euch die Natur zugedacht hat! Ungleich den schwulstigen Afterweisen, welche den Menschen zerstoren wollen, um eitles lacherliches Bestreben! einen Gott aus seinen Trummern hervor zu ziehen! Ich empfehle euch die Massigung; aber aus keinem andern Grunde, als weil sie unentbehrlich ist, euch vor Schmerzen zu bewahren, und immer zur Freude aufgelegt zu erhalten. Nicht aus Nachsicht gegen die Schwachheit der Natur erlaub ich, nein, aus Gehorsam gegen ihre Gesetze befehl ich euch, eure Sinne zu ergetzen. Ich habe den betruglichen Unterschied zwischen nutzlich und angenehm aufgehoben: ihr wisset, dass nichts den Namen eines Vergnugens verdient, was mit dem Schmerz eines andern, oder mit spater Reue bezahlt wird; und dass das Nutzliche nur nutzlich ist, weil es uns vor Unlust bewahrt, oder eine Quelle von Vergnugen ist. Ich habe den torichten Gegensatz der verschiedenen Arten der Lust vernichtet, und eine ewige Eintracht zwischen ihnen hergestellt, indem ich euch den naturlichen Anteil gelehrt habe, den das Herz an jeder sinnlichen Lust, und die Sinne an jedem Vergnugen des Herzens nehmen. Ich habe eure Freuden vermehrt, verfeinert, veredelt Was kann ich noch mehr tun?

Noch eines, und das wichtigste von allem. Lernet, meine Kinder, die leichte Kunst, eure Gluckseligkeit ins Unendliche zu vermehren; das einzige Geheimnis, sie so nah als moglich der Wonne der Gotter, und, wenn es erlaubt ware so kuhn zu denken, der Wonne des Urhebers der Natur selbst zu nahern!

Erstrecket euer Wohlwollen auf die ganze Natur; liebet alles, was ihr allgemeinstes Geschenk, das Dasein, mit euch teilet!

Liebet einen jeden, in welchem ihr die ehrwurdigen Kennzeichen der Menschheit erblicket, sollten es auch nur ihre Ruinen sein.

Freuet euch mit jedem der sich freuet; wischet die Tranen der Reue von den Wangen der bestraften Torheit, und kusset aus den Augen der Unschuld die Tranen des Mitleidens mit sich selbst.

Vervielfachet euer Wesen, indem ihr euch gewohnet in jedem Menschen das Bild euerer eigenen Natur und in jedem guten Menschen ein andres Selbst zu lieben.

Schmecket so oft ihr konnt das reine gottliche Vergnugen andre glucklicher zu machen; und du, Ungluckseliger, dem von diesem blossen Gedanken das Herz nicht zu wallen anfangt, fliehe, fliehe auf ewig aus den Wohnungen der Kinder der Natur!'"

Schach-Gebal war uber der Sittenlehre des weisen Psammis unvermerkt so gut eingeschlafen, dass die schone Nurmahal fur ratsam hielt, die Fortsetzung der Geschichte des Emirs auf die kunftige Nacht auszusetzen.

5.

"Die Sittenlehre deines wie heisst er? ist eine vortreffliche Sittenlehre", sagte der Sultan zu Danischmenden: "ich habe gut auf sie geschlafen! Aber itzt wurdest du mir, weil ich noch keine Lust zu schlafen habe, einen Gefallen tun, wenn du deine Erzahlung ohne weitere Sittenlehre zu Ende bringen wolltest."

Danischmend antwortete wie es einem demutigen Sklaven zusteht, und setzte seine Erzahlung also fort.

"'Dieses', sagte der Alte, indem er seine Tafelchen wieder zusammen legte, 'sind die Grundsatze, nach welchen wir leben. Wir ziehen sie, so zu sagen, mit der Milch unsrer Mutter ein, und durch Beispiel und Gewohnheit mussten sie uns zur andern Natur werden, wenn sie auch an sich selbst der Natur nicht so ganz gemass waren als sie es sind. Kannst du dich nun noch langer wundern, dass ich in einem Alter von achtzig Jahren fahig bin meinen Anteil an den Vergnugungen des Lebens zu nehmen? dass mein Herz und meine Sinne noch jedem sanften Gefuhl offen stehen, meine Augen noch immer gern auf schonen Formen verweilen; und dass, wenn auch die Natur meinem Alter Freuden versagt, die ich weder verachte noch vermisse, ich zufrieden bin diejenigen zu geniessen, welche sie mir gelassen hat; kurz, dass der letzte Teil meines Lebens dem Abend einer schonen Nacht ahnlich ist, und ich wenigstens in diesem Stucke dem Weisen gleiche, der (um den Ausdruck unsers Gesetzgebers zu wiederholen) den Becher der reinen Wollust bis auf den letzten Tropfen ausschlurft: und, ich schwore bei diesem alles beleuchtenden Auge der Natur, unsrer allgemeinen Mutter, dass ich mit dem letzten Atemzuge, wenn ich anders noch die Kraft dazu habe, den letzten Tropfen davon auf meinen Nagel sammeln und hinunter schlurfen will!'

Der alte Mann sagte dies mit einem so angenehm auflodernden Feuer, dass der Emir daruber lacheln musste; aber es war zu viel Neid und Unmut unter dieses Lacheln gemischt, als dass sein Gesicht in den Augen einer Tochter der Natur viel dabei gewonnen hatte.

'Den ubrigen Teil unsrer Gesetzgebung', fuhr der Alte fort, 'welcher unsre Polizei betrifft, werde ich dir am besten durch eine Beschreibung unsrer Lebensart und unsrer Sitten begreiflich machen. Unsre kleine Nation, welche ungefahr aus funfhundert Stammfamilien besteht, lebt in einer vollkommenen Gleichheit; indem wir keines andern Unterschiedes bedurfen, als den die Natur selbst, die das Mannigfaltige liebt, unter den Menschen macht. Die Liebe zu unsrer Verfassung, und die Ehrerbietung gegen die Alten, welche wir als die Bewahrer derselben ansehen, ist hinlanglich, Ordnung und Ruhe, die Fruchte ubereinstimmender Grundsatze und Neigungen, unter uns zu erhalten. Wir betrachten uns alle als eine einzige Familie, und die kleinen Misshelligkeiten, die unter uns entstehen konnen, sind den Zankereien der Verliebten oder einem voruber gehenden Zwiste zartlicher Geschwister ahnlich. Unsre Festtage sind die einzigen Gerichtstage, die wir kennen; unser ganzes Volk versammelt sich dann vor dem Tempel der Huldgottinnen, und unter ihren Augen werden von unsern Altesten alle Handel beigelegt, und alle gemeinschaftliche Abredungen genommen.

Wir nahren und bekleiden uns von unsern eigenen Produkten, und das Wenige, was uns abgeht, tauschen wir von den benachbarten Beduinen gegen unsern Uberfluss ein. Unsrer Jugend uberlassen wir die Sorge fur die Herden. Vom zwolften bis zum zwanzigsten Jahre sind alle unsre Knaben Hirten, alle unsre Madchen Schaferinnen, denn der weise Psammis urteilte, dass dieses die naturlichste Beschaftigung fur das Alter der Begeisterung und der empfindsamen Liebe sei. Der Ackerbau beschaftigt die Manner vom zwanzigsten bis zum sechzigsten Jahre; und die Gartnerei ist den Alten uberlassen, welche darin von den Junglingen der muhsamsten Arbeiten uberhoben werden. Der Seidenbau, die Verarbeitung der Baumwolle und Seide, die Wartung der Blumen, und die ganze innere Haushaltung gehort unsern Frauen und Tochtern zu. Jede Familie lebt so lange beisammen, als die gemeinschaftliche Wohnung sie fassen und das vaterliche Gut sie ernahren kann. Geht dieses nicht mehr an, so wird eine junge Kolonie errichtet, die sich in einem benachbarten Tale anpflanzt. Denn die Araber (deren Schutz wir mit einem massigen Tribut erkaufen, und welche die Natur in uns um so mehr zu ehren scheinen, als es ihnen wenig nutzen wurde uns auszurotten) haben uns einen grossern Umfang von Land uberlassen, als wir in etlichen Jahrhunderten bevolkern werden. Unser Gesetzgeber urteilte mit gutem Grunde, dass es zu Erhaltung unsrer Verfassung notig sei, immer ein kleines Volk zu bleiben. Er verordnete deswegen, von Zeit zu Zeit eine Prufung mit unsern Junglingen vorzunehmen, und diejenigen, an denen sich ungewohnliche Fahigkeiten, ein unruhiger Geist, eine Anlage zu Ruhmbegierde, oder auch nur ein blosses Verlangen die Welt zu sehen, aussern wurde, von uns zu tun, und jenseits der Gebirge in irgend eine Hauptstadt von Agypten, Syrien, Yemen oder Persien zu schicken, wo sie leicht Gelegenheit finden wurden, ihre Talente zu entwickeln und ihr Gluck zu machen, wie man bei diesen Volkern zu reden pflegt. Wir verlieren auf diese Weise alle zehen Jahre eine betrachtliche Anzahl von jungen Leuten; aber oft begegnet es auch, dass sie, wenigstens im Alter, wieder kommen, um das Ende ihres Lebens in der einzigen Freistatte, welche die schone Natur vielleicht auf dem ganzen Erdboden hat, zu beschliessen; und wenn sie eine sehr scharfe Art von Quarantane ausgehalten haben, und wir versichert sind, dass die Gesundheit unsrer Seelen und Leiber nichts von ihnen zu besorgen hat, werden sie mit Vergnugen aufgenommen. Verschiedene von ihnen haben betrachtliche Reichtumer mit sich gebracht, welche an einem unserm ganzen Volke bekannten und offen stehenden Orte zu gemeinen Bedurfnissen auf kunftige Falle aufbehalten werden, ohne dass jemand daran denken sollte, sich etwas von demjenigen zueignen zu wollen, was allen angehort. Unsre Kinder werden vom dritten bis zum achten Jahre grossten Teils sich selbst, das ist, der Erziehung der Natur uberlassen. Vom achten bis zum zwolften empfangen sie so viel Unterricht, als sie vonnoten haben, um als Mitglieder unsrer Gesellschaft glucklich zu sein. Wenn sie richtig genug empfinden und denken, um unsre Verfassung fur die beste aller moglichen zu halten, so sind sie gelehrt genug. Jeder hohere Grad von Verfeinerung wurde ihnen unnutze sein. Mit Antritt des vierzehnten Jahres empfangt jeder angehende Jungling die Gesetze des weisen Psammis; er gelobet vor den Bildern der Huldgottinnen, ihnen getreu zu sein; und dieses Gelubde wiederholt er im zwanzigsten, da er mit dem Madchen, welches er in seinem Hirtenstande geliebt hat, vermahlt wird. Denn die Liebe allein stiftet unsre Heiraten. Im dreissigsten Jahr ist ein jeder verbunden, zu seiner ersten Frau die zweite, und im vierzigsten die dritte zu nehmen, wofern er nicht hinlangliche Ursachen dagegen anfuhren kann, wovon wir kein Beispiel haben. Diese Vorsicht war vonnoten, weil die naturliche Proportion in der Anzahl der Junglinge und Madchen durch Verschickung eines Teils der ersten betrachtlich vermindert wird. Wir haben Sklaven und Sklavinnen; aber mehr zum Vergnugen, als um einen andern Nutzen von ihnen zu ziehen. Wir erkaufen sie in ihrer ersten Jugend von den Beduinen; eine untadelige Schonheit ist alles worauf wir dabei sehen. Wir erziehen sie wie unsre eigenen Kinder; sie geniessen des Lebens so gut als wir selbst; ihre Kinder sind frei, und sie selbst sind es von dem Augenblick an, da sie uns verlassen wollen. Sie sind in nichts als in ihrer Kleidung von uns unterschieden, welche zierlicher ist als die unsrige; und das einzige Vorrecht, welches wir uns uber sie heraus nehmen, ist, dass sie uns bedienen wenn wir ruhen, und dass ihre vornehmste Beschaftigung ist uns Vergnugen zu machen.

Alle unsre Vergnugungen sind naturlich und ungekunstelt, und alle unsre Gemachlichkeiten tragen das Kennzeichen der Einfalt und Massigung. Wir geniessen die Seligkeit eines ewigen Friedens, und einer Freiheit, die vielleicht fur uns allein ein Gut ist, weil wir ihren Missbrauch nicht kennen. Wir geniessen die Wollust, welche die Natur mit der Befriedigung der Bedurfnisse des Lebens, mit der Liebe, der Ruhe nach der Arbeit, und mit allen geselligen Trieben verbunden hat, vermutlich in einem hohern Grade als die ubrigen Sterblichen; wir werden unsers Daseins vollkommner und langer froh; wir kennen die wenigsten von der unendlichen Menge ihrer Plagen, und auch diese kaum dem Namen nach. Dafur lassen wir ihnen gern ihre wirklichen oder eingebildeten Vorzuge, ihre Pracht, ihre Schwelgerei, ihre langweiligen Zeitvertreibe, ihre Geschaftigkeit einander beschwerlich zu sein, ihre Unzufriedenheit, ihre Laster und ihre Krankheiten. Sollten wir sie um Kunste beneiden, durch deren grenzenlose Verfeinerung sie ihr Gefuhl so lange verzarteln, bis sie nichts mehr fuhlen? oder um Wissenschaften, ohne welche wir uns wohl genug befinden, um den heimlichen Neid des Gelehrtesten unter ihnen zu erregen, wenn er uns kennen sollte? Wir sind so weit entfernt von einem solchen Neide, dass jeder Versuch, den einer von uns machen wollte, etwas an unsrer Verfassung zu bessern, oder uns mit neuen Kunsten und Bedurfnissen zu bereichern, mit einer ewigen Verbannung bestrafet wurde. Ich selbst', setzte der Alte hinzu, 'habe einige Jahre meines Lebens zugebracht, einen grossen Teil des Erdbodens zu durchwandern. Ich habe gesehen, beobachtet, verglichen. Als ich dessen mude war, mit welchem Entzukken dankte ich dem Himmel, dass ich einen kleinen Winkel wusste, wo es moglich war, ungeplagt glucklich zu sein! Mit welcher Sehnsucht flog ich zu den Wohnungen des Friedens und der Unschuld zuruck! Es ist wahr, unser Volk ist, in Vergleichung aller andern, ein Volkchen von ausgemachten Wollustigen; aber desto besser fur uns! Sind wir zu tadeln, dass wir uns nicht aus allen Kraften der Natur entgegen setzen, die uns glucklich machen will?'

Hier endigte der Alte seine Rede. Weil die Sonne schon hoch gestiegen war, fuhrte er seinen Gast in eine bedeckte Halle, welcher hohe dicht in einander verflochtene Kastanienbaume Schatten gaben. Kaum hatten sie hier auf einem Sofa, der rings herum lief, Platz genommen, so sah sich der Alte von einer Menge schoner Enkel umgeben, die, wie schwarmende Bienen, um ihn her wimmelten, ihn zu grussen und an seinen Liebkosungen Anteil zu haben. Die kleinsten wurden von liebenswurdigen Muttern herbei getragen, unter denen keine war, die in ihrem einfachen und reizend nachlassigen Putze, die weiten Armel von ihren schneeweissen Armen zuruck geschlagen, und ihren holdseligen Knaben an den leicht bedeckten Busen gelehnt, nicht das schonste Bild einer Liebesgottin dargestellt hatte. Der Emir vergass uber diesem ruhrenden Anblick eine Menge Fragen, die ihm unter der Erzahlung seines Wirtes aufgestossen waren; und dieser uberliess sich ganzlich dem Vergnugen, sich an den Kindern seiner Kinder zu ergetzen. Der Kontrast des hohen Alters mit der Kindheit, durch die sichtbare Verjungerung des einen und die liebkosende Zartlichkeit der andern, und durch eine Menge kleiner Schattierungen, die sich besser empfinden als beschreiben lassen, gemildert; das gesunde und frohliche Aussehen dieses Greises; die Aufheiterung seiner ehrwurdigen Stirne; das stille Entzucken, das sich beim Anblick so vieler glucklichen Geschopfe, in denen er sich selbst vervielfacht sah, uber alle seine Zuge ausgoss; die liebreiche Gefalligkeit, mit welcher er ihre beunruhigende Lebhaftigkeit ertrug, oder womit er die kleinsten auf den Armen der schonen Mutter mit seinen weissen Haaren spielen liess; alles zusammen machte ein lebendiges Gemalde, dessen Anblick die Gute der Moral des weisen Psammis besser bewies als die scharfsinnigsten Vernunftsgrunde hatten tun konnen. Der Emir selbst, so sehr die ungestume Herrschaft einer groben Sinnlichkeit die sanftern und edlern Gefuhle der Natur in ihm erdruckt hatte, fuhlte bei diesem Anblick sein verhartetes Herz weicher werden, und ein fluchtiger Schimmer von Vergnugen fuhr uber sein Gesicht hin; ein Vergnugen, gleich dem himmlischen Lichtstrahl, der plotzlich in den nachtvollen Abgrund einfallend, den verdammten Seelen einen fluchtigen Blick in die ewigen Wohnungen der Liebe und der Wonne gestatten wurde, um die Qual ihrer Verzweiflung vollkommen zu machen.

Die Urkunde, aus welcher ich diese Erzahlung gezogen habe", fuhr Danischmend fort, "steht hier still, ohne uns von dem Aufenthalt des Emirs bei diesen Glucklichen weitere Nachrichten zu geben. Einige Scholiasten sagen, dass er, in voller Wut uber die trostlose Vergleichung ihres Zustandes mit dem seinigen, sich von einer Felsenspitze herab gesturzt habe. Aber ein andrer, dessen Zeugnis ungleich mehr Gewicht hat, versichert, dass er unmittelbar nach seinem Abschiede von den Kindern der Natur in den Orden der Derwischen getreten sei, und sich in der Folge, unter dem Namen Schek Kuban, den Ruhm eines der grossten Sittenlehrer in Yemen erworben habe. Er unterschied sich, sagt man, besonders durch die Lebhaftigkeit der Abschilderungen, die er von den unseligen Folgen einer zugellosen Sinnlichkeit zu machen pflegte. Man bewunderte die Starke und Wahrheit seiner Gemalde, und niemand, oder nur sehr wenige, welche die Gabe hatten, zu erraten was fur ein Gesicht hinter jeder Maske steckt, begriffen, warum er so gut malen konnte. Er hatte nutzlich sein konnen, wenn er es dabei hatte bewenden lassen. Aber Missgunst und Verzweifelung erlaubten ihm nicht in so bescheidenen Schranken zu bleiben. Er warf sich zum erklarten Feinde aller Freuden und Vergnugungen des Lebens auf. Ohne den naturlichen und weisen Gebrauch derselben von dem sich selbst strafenden Missbrauche zu unterscheiden, schilderte er die Wollust und die Freude als verderbliche Sirenen ab, die den armen Wanderer durch die Sussigkeit ihrer Stimme herbei locken, um ihm das Mark aus den Beinen zu saugen, das Fleisch von den Knochen zu nagen, und, wenn sie nichts mehr an ihm finden, den Rest den Maden zur Speise hinzuwerfen. Er beschrieb die Liebe zum Vergnugen als eine unersattliche Leidenschaft. 'Hoffen, dass man sie werde in Schranken halten konnen', sagte er, 'das ware eben so weise, als wenn einer eine Hyane auf seinem Schoss erziehen wollte, in Hoffnung sie zahm und gutartig zu machen.' Unter diesem Vorwande befahl er alle sinnliche Neigungen auszurotten. Sogar die Vergnugungen der Einbildungskraft hiessen ihm gefahrliche Fallstricke, und die verfeinerte Wollust des Herzens und der Sinne ein kunstlich zubereitetes Gift, dessen Verfertiger mit ewigen Flammen bestraft zu werden verdienten. Diese unbesonnene Sittenlehre, die Frucht seiner verdorbenen Safte, seines ausgetrockneten Gehirns, und des immer wahrenden Grams in welchem seine dustre Seele wohnte, predigte er so lange, bemuhte sich so sehr sie durch tausend sophistische Schlusse sich selbst wahr zu machen, bis er es endlich so weit brachte, sich vollig davon uberzeugt zu glauben. Itzt bildete er sich ein, dass es lauter Menschenliebe sei, was ihn anfeure, alle Leute zu eben so ungluckseligen Geschopfen machen zu wollen, als er selbst war; und nachdem seine Krankheit ihre hochste Stufe erreicht hatte, endigte er damit, die Zerruttung seiner Empfindungswerkzeuge und Begriffe dem hochsten Wesen selbst beizulegen, und den Schopfer des Guten, dessen durch das Unermessliche ausgebreitete Kraft Leben und Wonne ist, als einen gramischen Damon abzuschildern, den die Freude seiner Geschopfe beleidigt, und dessen Zorn nur Enthaltung von allem Vergnugen, nur Seufzer, Tranen und freiwillige Martern besanftigen konnen.

Es liessen sich noch viele merkwurdige Dinge von den Folgen dieser menschenfeindlichen Sittenlehre sagen, und von dem sinnreichen Gebrauche, welchen die Derwischen, Fakirn, Talapoinen, Bonzen und Lamas in allen Teilen von Asien und Indien davon zu machen gewusst haben. Aber ich wurde doch am Ende nur Dinge sagen, die dem Sultan meinem Herrn und der ganzen Welt langst bekannt sind (wiewohl ohne dass die Welt sich dadurch besser zu befinden scheint) und 'es gibt eine Zeit anzufangen, und eine Zeit aufzuhoren', sagt der weise Zoroaster."

Schach-Gebal war (wir wissen nicht warum) mit der Erzahlung des Philosophen Danischmend, besonders mit dem Ende derselben, so wohl zufrieden, dass er sogleich Befehl gab, ihm funfhundert Bahamd'or aus seinem Schatze auszuzahlen. "Sobald", setzte er hinzu, "die Stelle eines Oberaufsehers uber die Derwischen und Bonzen ledig wird, soll sie kein andrer haben als Danischmend!"

Nicht von ungefahr, sondern weil der Sultan von Nurmahal voraus berichtet worden war, dass die Derwischen beim Schlusse der Erzahlung des Doktors ubel wegkommen wurden, hatte der oberste Iman des Hofes Befehl erhalten, sich diese Nacht beim Schlafengehen des Sultans einzufinden. Seine Majestat ergetzten Sich nicht wenig an dem Verdrusse, welchen der Iman, wie Sie glaubten, uber die Verwandlung des Emirs in einen Derwischen empfinden wurde. Aber vermutlich eben darum, weil der Iman, ohne dass er darum schlauer als andre war, merken musste, warum er die Ehre hatte da zu sein, beobachtete er sich selbst so genau, dass ihm nicht das geringste Zeichen von Verdruss entwischte. Indessen konnt er sich doch nicht erwehren die Anmerkung zu machen: Wofern es auch (woran er doch billig zweifle) ein solches Volkchen in der Welt gabe, wie diese so genannten Kinder der Natur, so glaube er doch, dass man besser tun wurde, die Nachrichten davon entweder ganzlich zu unterdrucken, oder wenigstens nicht unter das Volk kommen zu lassen.

"Und aus was fur Ursachen, wenn man Euer Ehrwurden bitten darf?" fragte der Sultan.

"Ich erstrecke diese meine Meinung", versetzte der Iman, "auf alle diese Schilderungen von ich weiss nicht was fur idealischen Menschen, die man unter dem angeblichen Zepter der Natur ein sorgenfreies, aus lauter Wollust und angenehmen Empfindungen zusammen gewebtes Leben zubringen lasst. Je unschuldiger und liebenswurdiger man ihre Sitten vorstellt, desto schadlicher ist der Eindruck, den solche Erdichtungen auf den grossten Haufen machen werden. Aufrichtig zu reden" (fuhr er in einem sanft schleichenden Tone fort, der ausdrucklich fur seine wohl meinende Miene gemacht war) "ich kann nicht absehen, was fur einen Nutzen man davon erwartet; oder wie man sich selbst verbergen kann, dass sie zu nichts anderm dienen konnen, als einen Geist der Weichlichkeit in die Welt auszugiessen, der die Burger des Staats von allen muhsamen Anstrengungen und beschwerlichen Unternehmungen abschreckt, und (indem er das Verlangen allgemein macht, auch so glucklich zu sein als diese angeblichen Gunstlinge der Natur, deren wollustige Moral man uns fur Weisheit gibt) zuwege zu bringen, dass sich endlich niemand mehr willig finden wird, das Feld zu bauen, harte Handarbeiten zu verrichten, und sein Leben zur See oder gegen die Feinde des Staats zu wagen. Uberhaupt erfordert die Vervollkommnung eines jeden Zweiges des politischen Wohlstandes Leute, die keine Arbeit scheuen, und die mit hartnackig anhaltendem Fleisse, dessen keine weichliche Seele fahig ist,12 sich in die Wette beeifern, es in einer gewissen Art von nutzlichen Beschaftigungen zur Vollkommemheit zu bringen. Ist es wohl jemals zu erwarten, dass ein wollustiger Kaufmann reich, ein wollustiger Kunstler geschickt, oder ein wollustiger Gelehrter gross werden konne? Wird diese Anmerkung nicht wenigstens ganz gewiss von den meisten gelten? Oder sollen wir etwann glauben, ein wollustiger Richter werde sein Amt desto punktlicher und gewissenhafter verwalten, oder ein weichlicher Feldherr aus dem Schosse der Uppigkeit desto tapferer hervorgehen, die Beschwerlichkeiten eines Feldzuges desto besser ausdauern, und die Feinde des Sultans unsers Herrn desto schneller und gewisser zu seinen Fussen legen? Sie sehen, Herr Danischmend, dass ich mich der Waffen begeben kann, welche mir mein eigener Stand gegen Sie an die Hand geben konnte."

Wahrend dass der Iman diese schone Rede hielt, sang der Sultan im Tone der langen Weile und mit halb geschlossnen Augen, "la Faridondane la Faridondon, Dondane Dondon Dondane, Dondane Dondane Dondon" denn er wusste sich etwas damit, stark in Gassenhauern zu sein. "Nun, Doktor", rief er, da der Iman fertig war, "lass horen, was du diesen Grunden entgegen zu setzen hast."

"Ich werde", versetzte Danischmend, "mit Ihrer Majestat Erlaubnis weiter nichts tun, als kurzlich zeigen, dass die Grunde des Imans erstens zuviel, zweitens zuwenig, und drittens gar nichts beweisen. Zu viel; denn alle seine Vorwurfe treffen die Natur selbst eben so stark als die Schilderungen oder Erdichtungen, die ihm so gefahrlich scheinen. Die Grundsatze des weisen Psammis, die allgemeinen Wahrnehmungen und Erfahrungen, auf welche seine Sittenlehre gebaut ist, sind keine Erdichtungen. Wenn der Zustand, worein seine Gesetzgebung die Einwohner der glucklichen Taler setzte, unter allen moglichen der Menschheit am angemessensten, wenn er derjenige ist, worin sie am wenigsten leidet, am wenigsten Boses tut, die Wohltaten der Natur am wenigsten missbraucht, und am Ende ihres Laufes sich am wenigsten gereuen lasst gelebt zu haben, wer kann dafur, oder wer hat ein Recht etwas dawider einzuwenden? Sind die angenehmen Empfindungen, die uns die Natur von allen Seiten anbietet, etwa blosse Schaugerichte? Sind es blosse Versuchungen, die uns in einer verdienstlichen Enthaltung uben sollen? Wenn dies ihre Absicht gewesen ist, so muss man gestehen, dass die Natur wunderliche Grillen hat. Kann man uns ubel nehmen, wenn wir geneigter sind diejenigen, welche sie zur Torin machen wollen, fur grillenhafte Leute anzusehen? Oder was sollen wir sagen, wenn wir diese sonderbaren Sterblichen, die das Vergnugen in ganzem Ernste fur einen Fallstrick ihrer Tugend halten, zu Schlachtopfern ihrer peinvollen Bemuhung die Halfte ihres Wesens zu zerstoren werden sehen? Werden sie mit ihrer verdorbenen Galle, mit ihrer Schwermut, mit ihrer angstlichen Furcht alle Augenblicke einen Misstritt zu tun, kurz mit allen den Gespenstern, womit eine verwundete Einbildungskraft sich umgeben sieht, geschickter sein, ihre eigene Vollkommenheit und das Beste der Gesellschaft zu befordern? Euer Ehrwurden, welche Sich in der Lage befinden, ein Tafelgenosse des Sultans von Indien zu sein, uber die innerlichen Angelegenheiten von funf oder sechs der schonsten Damen in Dely die Aufsicht zu fuhren, und alle Monate hundert Bahamd'or in Ihren Beutel fallen zu lassen, welche zu erschwingen hundert arme Landleute sich zu Gerippen arbeiten und hungern mussen, stellen Sich vielleicht den Zustand eines armen Schelms, der von Brotkrumen und Zisternenwasser lebt, und, damit die Schonheit seine Sinne nicht verfuhren konne, sich die Augen an der Sonne ausgebrannt hat, nicht ganz so unbehaglich vor als ich schworen wollte, dass er sein muss."

"Bravo, Danischmend!" sagte der Sultan, mit halber Stimme, und einem aufmunternden Winke, der dem Iman nicht entging.

"Ich sage also" (fuhr der Doktor fort) "wenn die Absicht der Natur nicht gewesen ist, uns durch schone und ergetzende Gegenstande in Fallen zu locken: so beweisen die Grunde des Imans zu viel. Denn die reizendsten Schilderungen konnen unmoglich auch nur die Halfte der Wirkung hervorbringen, welche die besagten Gegenstande selbst tun. Hatte hingegen die Natur wohl gemeinte Absichten, welche nur durch Leichtsinn, falschen Geschmack, oder verderbte Grundsatze von den meisten vereitelt werden: so ist es loblich und nutzlich, sie durch solche Schilderungen, wie diejenigen, die dem Iman zu missfallen das Ungluck haben, auf den Pfad der Natur zuruck zu fuhren, und zu einem weisen Genuss ihrer Wohltaten einzuladen.

Zweitens beweisen seine Grunde zu wenig. Denn wenn auch die ganze Welt mit Gemalden von glucklichen Inseln und glucklichen Menschen angefullt wurde, so sind zehen an eines zu setzen, dass die Leidenschaften, welche zu allen Zeiten die Beweger der sittlichen Welt waren, ihr Spiel nichts desto weniger fortspielen werden. Die Begierde nach einem glucklichen Leben wird, in jedem Staate der auf die Ungleichheit gegrundet ist, die Begierde nach Reichtum, und der Reichtum die Begierde nach Ansehen, Grosse und willkurlicher Gewalt hervorbringen. Diese Leidenschaften werden, je nachdem die Grundverfassung, oder die zufallige Beschaffenheit der Staatsverwaltung, sie mehr oder weniger begunstiget, eine Menge Talente ausbruten; und das Verlangen nach dem angenehmsten Genusse des Lebens, von welchem der Iman eine allgemeine Untatigkeit besorgt, wird gerade das Gegenteil wirken; es wird uns emsige Leute, Erfinder, Verbesserer, Virtuosen und Helden geben so viel und vielleicht mehr als wir vonnoten haben. Die idealischen Schilderungen der Wolluste der Sinne, der Einbildungskraft und des Herzens werden also, vermoge der Natur der Sache, den grossen Zweck machtig befordern helfen, der Sr. Ehrwurden so sehr am Herzen liegt. Man wird sich, wie ich gar nicht zweifle, so lange man sich an solchen Gemalden ergetzt, in diese glucklichen Inseln, Schaferwelten, oder wie man sie nennen will, hinein wunschen, wo das angenehmste Leben so wenig kostet: aber man wird des Wunschens bald uberdrussig sein; und ohne zu hoffen, dass man unversehens einen schonen Muschelwagen mit sechs geflugelten Einhornern vor seiner Ture finden werde, um den Wunscher in die idealischen Welten uberzufuhren wird man sich gefallen lassen, diejenigen Mittel zum glucklich leben anzuwenden, die in unsrer Gewalt sind, und in die Verfassung der Welt eingreifen, worin wir uns befinden. Die Schlusse des Imans beweisen also zu viel und zu wenig, und folglich gar nichts, welches das dritte war, was ich zeigen wollte. Doch, wir wollen den schlimmsten Fall setzen, der sich als eine Folge der Dichtungen oder Schilderungen, wovon die Rede ist, denken lasst: gesetzt, dass sie die Wirkung hatten, alle Volker, die zwischen dem Ganges und Indus wohnen, zum Entschluss zu bringen, ihrer bisherigen Lebensart zu entsagen (wiewohl viel eher zu besorgen ist, dass mein Emir-Derwisch ganz Indostan zu seiner fanatischen Sittenlehre, als dass Psammis nur die kleinste Provinz davon zu der seinigen bekehren werde) aber setzen wir immer den Fall; wie gross meinen Euer Ehrwurden, dass der Schade sein wurde? Psammis hatte alsdann zu Stande gebracht, woran die Weisen aller Volker seit einigen tausend Jahren mit sehr mittelmassigem Erfolge gearbeitet haben; oder suchen diese Herren etwas andres als die Menschen glucklicher zu machen?"

"In der Tat", sagte der Sultan lachend, "ich und der Iman mit seinen Brudern wurden bei einer solchen Verwandlung am meisten zu verlieren haben."

"Die Gefahr scheint grosser als sie ist", sagte Nurmahal: "sechzig Millionen Menschen, wenn gleich ihr Gesetzgeber der Engel Jesrad selber ware, wurden nicht zehen Jahre ohne Sultan und ohne Iman aushalten konnen."

"Das hoffen wir auch", sagte der Sultan. "Indessen bleibt es bei dem, was ich dir versprochen habe, Danischmend. Hier, Iman, sehen Euer Ehrwurden den ernannten Nachfolger des Oberaufsehers uber die Derwischen."

"Die Wahl macht der Weisheit Ihrer Majestat Ehre", versetzte der Iman mit einer Miene, welche ziemlich deutlich das Gegenteil sagte.

"Es kommt einem Sklaven nicht zu, einen andern Wunsch zu haben als den Willen seines Herrn", sagte Danischmend: "aber wenn ich Ihre Majestat um irgend ein andres Dienstchen, wie schlecht es auch ware, bitten durfte"

"Kein Wort mehr", fiel ihm Schach-Gebal ein: "Danischmend ist der Mann, und gute Nacht!"

6.

Des folgenden Abends erinnerte der junge Mirza, dass Danischmend noch die Anwendung seiner Erzahlung schuldig sei.

"Ihr erinnert mich zu rechter Zeit, Mirza", sprach der Sultan. "Er sollte uber etwas seine Meinung sagen, und statt dessen erzahlt' er uns ein Marchen, oder eine Historie, die so gut als ein Marchen ist. Was war es, Danischmend?" "Sire, die Rede war von einer gewissen Polizei, welche vonnoten gewesen ware, damit der Luxus, den die Sultanin Lili in Scheschian einfuhrte, keinen sonderlichen Schaden tun konnte. Ich bat mir die Erlaubnis aus, die Geschichte des Emirs erzahlen zu durfen"

"Gut; und ich merke ungefahr was du damit wolltest. Du schilderst uns ein kleines Volkchen von vieroder funfhundert Familien, die (dank der Sittenlehre des weisen Psammis die mich so gut einschlaferte!) sich gute Tage machen, gut essen und trinken, sich von schonen Madchen in den Schlaf singen lassen, und bei allem dem die unschuldigsten und glucklichsten Leute von der Welt sind. Das alles war recht schon zu horen: aber deine Meinung ist doch nicht, dass die Gesetzgebung des weisen Psammis fur eine Nation, die aus Millionen Familien besteht, brauchbar sein konnte?"

"Ich danke Ihrer Majestat demutigst fur die Gerechtigkeit, die Sie meiner Vernunft angedeihen lassen", erwiderte Danischmend. "Die Geschichte des Emirs und der Kinder der Natur sollte in der Tat nur so viel dartun: dass es ganz verschiedene Sachen seien, ein kleines von der ubrigen Welt abgeschnittenes Volk, und eine grosse Nation, welche in Verbindung mit zwanzig andern lebt, glucklich zu machen. Zwar ist die Gluckseligkeit bei dieser sowohl als bei jenem das Resultat eines der Natur gemassen Lebens. Aber eben darum muss der Unterschied in der Hauptsumme des Guten und Bosen verhaltnisweise desto grosser sein, je weiter ein Volk von der Natur entfernt und je weniger ihm moglich ist, sich mit den blossen Naturgesetzen zu behelfen. Weder Psammis noch Konfucius, noch alle zwolf Imans, die echten Nachfolger unsers Propheten, selbst, hatten eine Gesetzgebung erfinden konnen, wodurch durch alle Angehorige eines grossen Staats so frei, ruhig, unschuldig und angenehm leben konnten als die so genannten Kinder der Natur. Die Ursachen fallen in die Augen. Dieser Zusammenfluss von besondern Umstanden, welche zu den notwendigen Bedingungen des Wohlstandes der letztern gehoren, lasst sich bei keinem grossen Volke denken. Bei diesem sind Freiheit und allgemeine Sicherheit unvertragliche Dinge; und die Gleichheit bringt unzahlige Kollisionen und Zwistigkeiten hervor, welche durch das Recht der Starke entschieden werden; der Starkere unterwirft sich den Schwachern, der Schlaue den Einfaltigen, und so hort die Gleichheit auf. Eben so unmoglich ist es, dass ein grosses Volk die Vorteile der Kunste, die das Leben verschonern und angenehmer machen, geniessen konnte, ohne auch die Ubel zu erfahren, welche den Missbrauch derselben begleiten. Ein sehr kleines Volk kann durch Gesinnungen und Sitten in den Schranken der Massigung und des Mittelstandes erhalten werden, woran seine Gluckseligkeit gebunden ist. Aber ein grosses Volk hat Leidenschaften vonnoten, um in die starke und anhaltende Bewegung gesetzt zu werden, welche zu seinem politischen Leben erfodert wird. Alles was der weiseste Gesetzgeber dabei tun kann, ist, den Schaden zu verhuten, welchen das Ubermass oder der unordentliche Lauf dieser Leidenschaften dem ganzen Staate zuziehen konnte. Einzelne Glieder mogen immer das Opfer ihrer eigenen Torheit werden; das ist ihre Sache. Der Gesetzgeber kann es nicht verhindern; denn dies musste durch Mittel geschehen, wodurch grossere Ubel veranlasst wurden, um kleinere zu verhuten. Aus diesen Betrachtungen halte ich eine Polizei, durch welche der Luxus einer grossen Nation ganz unschadlich werden sollte, fur eine eben so grosse Schimare, als das Projekt des Philosophen Fanfaraschin, welcher vor ungefahr hundert Jahren zwanzig Quartbande schrieb, um Anweisung zu geben, wie man alle Menschenkinder auf dem festen Land und auf den Inseln des Meeres zu Weisen und Virtuosen bilden konne; ein Projekt, wovon die Idee schimmernd, die Unternehmung ruhmlich, aber die Ausfuhrung unmoglich war, und, gegen die Absicht des guten Fanfaraschin, einige schlimme Folgen hatte, an die er nicht gedacht zu haben schien, und die desto schadlicher waren, weil eine lange Zeit niemand merkte, woher das Ubel kam."

"Zum Exempel?" sagte Schach-Gebal.

"Unter andern diese, dass unter funfhundert jungen Leuten, die nach seiner Methode gebildet wurden, sich zum wenigsten hundertundfunfzig fromme, diskrete, schleichende, gleisnerische Schurken bildeten, welche ausgelernte Meister in der Kunst waren, ihre Leidenschaften zu verbergen, ihre schlimmen Neigungen in schone Masken zu vermummen, die Unverstandigen durch eine lauter Tugend und Religion tonende Phraseologie zu tauschen, mit Einem Worte, unter dem Schein der punktlichsten Moralitat mehr Gutes zu verhindern und mehr Boses auszuuben, als sie hatten tun konnen, wenn man sie ihrem Naturell und den Umstanden uberlassen hatte. Ferner, dass aus den besagten funfhundert ungefahr dreihundert heraus kamen, welche, wie abgerichtete Hunde, alle Kunste machten die man sie gelehrt hatte, auf den Wink gingen, alles wieder von sich geben konnten was ihnen eingegossen worden war, uber nichts ihre eigene Empfindung zu Rate zogen, an nichts zweifelten was man ihnen fur wahr gegeben hatte, kurz, in allen Stukken die Affen des weisen Fanfaraschin vorstellten; welches (ich getraue mir es zu behaupten) gerade wider die Absicht der Natur war. Denn diese will, dass ein jeder Mensch seine eigene Person spiele. Es war an Einem Fanfaraschin genug; und dreihundert Personen, welche das gewesen waren, wozu ihre naturliche Anlage sie bestimmte, waren, so schlecht sie auch immer hatten sein mogen, doch noch immer besser gewesen als dreihundert Fanfaraschin; zumal da unter diesen dreihundert wenigstens zweihundertundneunzig misslungene Fanfaraschin waren. Ferner"

"Ich habe genug", fiel ihm der Sultan ein; "wann lebte dieser Fanfaraschin?"

"Zu den Zeiten Schach-Dolkas, Ihrer Majestat Urahnherrns, glorreichesten Andenkens"

"La Faridondane la Faridondon", brummte der Sultan: "aber wir kommen aus dem Zusammenhang, Danischmend; was war es was du sagen wolltest, wenn dir der weise Fanfaraschin nicht zur Unzeit in die Zahne gekommen ware?"

"Dass, wenn gleich nicht ganzlich zu verhindern sei, dass der Luxus einem grossen Volke nichts Boses tun sollte, die Geschichte des Emirs und der Kinder der Natur uns dennoch ein paar Grundmaximen an die Hand geben konnte, durch deren Beobachtung die schone Lili wenigstens den grossten Teil des Ubels, welches ihr die Ungluck-weissagenden Alten angekrahet hatten, zu verhuten fahig gewesen ware. Hatte diese liebenswurdige Dame meine Wenigkeit zu Rate ziehen konnen, so wurde ich mir die Freiheit genommen haben, ihr diese Antwort zu geben:

Bei Auflosung aller Fragen, von welcher Art sie sein mogen, deucht mir die naturlichste und einfaltigste Methode gerade die beste. Diese Maxime gilt vornehmlich, wenn von politischen Aufgaben die Rede ist, wo ganz unfehlbar die verwickelten und weitlaufigen Auflosungen noch unbrauchbarer sind als bei allen andern. Die Frage ist: Was sollen wir tun, damit die ausserste Verfeinerung der Kunste, des Geschmacks, der Leidenschaften, der Sitten und der Lebensart, mit Einem Worte, der Luxus, einer grossen Nation so wenig als moglich schade? Die Natur, Madam, zeigt uns gegen jedes Ubel, dem sie uns unterwurfig gemacht hat, auch ein zulangliches Mittel. Sollte es in diesem Fall anders sein? Ich denke, nein. Wenn wir den grossten und nutzlichsten, folglich den wichtigsten Teil der Nation vor der Ansteckung bewahren konnen, so haben wir sehr viel, und in der Tat alles getan, was man von einer weisen Regierung fodern kann. Zu gutem Glucke ist nichts leichter. Der grosste Teil der Nation von Scheschian ist derjenige, der zum Ackerbau und zur Landwirtschaft bestimmt ist. Die Natur selbst, in deren Schoss er lebt, erleichtert uns die Muhe unendlich; wir haben beinahe nichts zu tun, als ihr nicht vorsetzlich entgegen zu arbeiten. Lassen Sie diese guten Leute ihres Daseins froh werden. Geben Sie nicht zu, dass sich alle ubrige Stande unter unzahligen Vorwanden vereinigen, sie auszurauben und zu unterdrucken; dass das unersattliche Geschlecht der Pachter und Einzieher der koniglichen Einkunfte, dass Beamte, Richter, Prokuratoren und Sachwalter, Edelleute, Bonzen und Bettler, so unbescheiden und unbarmherzig an ihnen saugen, bis ihnen nur die Haut auf den Knochen ubrig bleibt. Lassen Sie dieser unentbehrlichsten und unschuldigsten Klasse von Menschen so viel von den Fruchten ihrer Arbeit, dass sie mit frohem Mut arbeiten, dass sie Zeit zur Ruhe, Zeit zu ihren landlichen Festen und Ergetzungen ubrig haben. Wenn allzu grosser Uberfluss auch diesem Stande, wie allen ubrigen, schadlich ist: so lassen Sie uns nicht vergessen, dass zu wenige oder ungesunde Nahrung, dass Mangel an aller Gemachlichkeit, dass Nacktheit, Kummer und Elend ihm ungleich verderblicher sind. Stimmen wir immer die Gluckseligkeit unsers Landvolkes um etliche Grade tiefer herab als die Gluckseligkeit der Kinder der Natur war; aber lassen wir ihnen so viel, dass es ihnen, ohne alles naturliche Gefuhl verloren zu haben, moglich sei mit ihrem Zustande zufrieden zu sein. Unter uns gesagt, schone Lili, das sind wir ihnen schuldig, in einem unendliche Mal verbindlichern Grade schuldig, als wir es sind unsre Spielschulden zu bezahlen. Aber wenn dies auch nicht ware, so sind wir es dem Staate, dem ganzen Scheschian schuldig. Denn es gibt kein anderes Mittel (ich fordre alle Ihre Staatskunstler, Goldmacher und Projektmacher heraus, mir ein andres zu nennen), den allgemeinen Wohlstand eines grossen Reiches auf einen festen Grund zu setzen als dieses. Wenn das Landvolk Ursache hat zufrieden zu sein, so verlassen Sie Sich wegen des ubrigen auf die Zauberei der Natur. Sie hat fur unverdorbene Sinne Reizungen, deren Macht unsern ausgearteten unbegreiflich ist. Der Landmann zieht die angenehmen Gefuhle, womit sie seine Arbeiten teils verwebet, teils belohnet, darum mit nicht desto weniger Wollust in sich hinein, weil er ihnen keinen Namen geben, oder sie nicht so zierlich beschreiben kann, wie unsre Dichter, die sie vielleicht nur durch die Anstrengung ihrer Einbildungskraft kennen. Welche Behaglichkeit giesst, indem er an die Arbeit geht, ein schoner Morgen und die aufgehende Sonne uber alle seine Glieder aus! Wie erquickt ihn ein frischer, mit den Duften abgemahter Krauter und Feldblumen durchwurzter Wind! Wie angenehm ist ihm der Schatten eines Baumes in der gluhenden Mittagshitze! Wo ist der Reiche, der die teuersten Weine mit der Halfte der Wollust in sich schlurfe, wie der lechzende Schnitter seinen Krug mit sauerlicher Milch? Versuchen Sie es einmal, schone Lili, fuhren Sie diesen gesunden, kernhaften, wohl gebildeten jungen Bauer, diesen echten Sohn der Natur, mitten an den Hof; zeigen Sie ihm alle Ihre Herrlichkeiten, Ihre Pracht, Ihre Feste, Ihre Schauspiele; aber verbergen Sie ihm auch den ewigen Zwang, den Uberdruss, die lange Weile, die Gefahren dieser blendenden Maskerade nicht; wie bange wird ihm ums Herz sein, bis er wieder in seiner Hutte ist! und mit welcher Ungeduld wird er von Ergetzlichkeiten, die ihm beschwerlicher sein werden als die muhseligste Arbeit, zu seinen Schnitterfesten, zu seiner Weinlese, und zu seinen Reihentanzen zuruck fliegen! Wie selig wird er in Vergleichung mit dem unsrigen seinen Zustand preisen! Sie sehen, schone Lili, wie wenig das Gluck der zwei besten Dritteile von Scheschians Einwohnern dem Sultan unserm Herrn kosten wird. Ich verlange nichts fur sie, als Sicherheit bei ihrem Eigentum, und Schutz vor Unterdruckung; die Natur hat alles ubrige auf sich genommen. 'Gut', sagen Sie, 'was werden wir damit gegen die Folgen des Luxus gewinnen?' Sehr viel. Es ist schon viel, wenn wir vier Millionen von sechsen vor der Ansteckung verwahrt haben. Aber dies ist noch nicht alles. Die Vorteile davon werden sich auf mehr als Eine Weise auch uber den angesteckten Teil verbreiten. Von Zeit zu Zeit werden unsre Grossen, werden die reichen und uppigen Bewohner der Hauptstadte, von Uberdruss, langer Weile, und von der Notwendigkeit eine abgenutzte Gesundheit auszubessern, aufs Land gefuhrt werden; unvermerkt werden sie Geschmack an den einfaltigen, aber mit der menschlichen Natur so fein zusammen gestimmten Freuden des Landlebens gewinnen; unvermerkt werden sie eine Menge von Vorurteilen und die dicke Haut der Fuhllosigkeit, die sich gleichsam um ihr Herz gezogen hatte, abstreifen; sie werden sich mit neuen Bildern und nutzlichen Wahrnehmungen bereichert sehen, richtiger empfinden, und besseres Blut machen: und so klein auch der Anteil an diesen Vorteilen sein mag, den die meisten mit sich nehmen; so werden sie doch immer besser in die Stadt zuruck kommen, als sie abgegangen sind. Noch mehr. Die Natur ist fruchtbar. Das Landvolk, sobald es nach seiner Weise glucklich ist, vermehrt sich ins unendliche. Das Land wird eine unerschopfliche Quelle, woraus die Stadte (und bei Gelegenheit vielleicht auch der Adel) mit gesundem frischem Blute wieder angeschwellt werden, welches den Staat in immer wahrender Jugend und Starke erhalt. Aus den jungen Schwarmen, welche diese Bienenstocke ausstossen, werden sich die ubrigen Stande erganzen, und so werden die Verheerungen, die der Luxus anrichtet, beinahe unmerklich bleiben. Dies, schone Lili, wurd ich sagen, ist mein erstes Hausmittel. Das andre"

"Ich mag den Herrn Danischmend ganz gern phantasieren horen", sagte Schach-Gebal; "aber bei allem dem, wenn er sich, was den zweiten und alle folgenden Punkte betrifft, so kurz als moglich aus der Sache ziehen wollte, so wurde mir ein Gefallen geschehen."

"Sire", versetzte Danischmend, "was ich noch zu sagen hatte, betrifft bloss die moralischen Giftmischer. Ich finde deren zwei Gattungen in der Welt. Zur einen rechne ich die uppigen Sittenlehrer, deren Seele bloss in ihrem Blute ist; die den wesentlichen Vorzug des Menschen vor dem Tiere misskennen, und das hochste Gut gefunden zu haben glaubten, wenn sie den Maulwurfen und Meerschweinchen keinen Vorzug eingestehen mussten: zur andern diese gravitatischen Zwitter von Schwarmerei und Heuchelei, welche, unter dem Vorwande die menschliche Natur von ihren Schwachheiten zu befreien, ihre Grundzuge auskratzen, und ihre einfaltig schone Form am einen Orte stummeln, am andern recken und aufblasen, um eine Missgeburt aus ihr zu machen, fur die man keinen Namen finden kann. Beide sind als Storer der geheiligten Gesetze der Natur, und als Verderber des schonsten unter allen ihren Werken anzusehen; und wenn ihre verderblichen Bemuhungen sich mit den naturlichen Folgen und Einflussen des Luxus bei einem Volke vereinigen, wie und wem sollt es moglich sein dieses Volk zwischen so gefahrlichen Klippen unbeschadigt durchzufuhren? Welche von besagten beiden Arten von Vergiftern die schadlichste sei, ist eine Aufgabe, die vielleicht nicht unwurdig ware, von der Akademie Ihrer Majestat entschieden zu werden. Aber, wenn wahr ist, was man bemerkt haben will, dass sich jene gemeiniglich in diese verwandeln, so konnte man auf den Gedanken kommen, die Denkungsart der letztern aus einem hohern Grade von Verderbnis der Natur zu erklaren. Doch, wie dem auch sei, die Frage ist, wie wir diesen schadlichen Geschopfen ihr Gift benehmen wollen? Ich vermute, dass jene in einem wohl polizierten Arbeitshause, bei massiger Kost und einem Spinnrade richtiger philosophieren lernen sollten. Aber was die zweite Gattung betrifft es sei nun, dass sie es, wie der Derwisch Kuban so weit gebracht haben, ihre fiebrischen Traume fur Wahrheit zu halten, oder dass sie nur gewissen Arzten gleichen, welche die Leute krank machen um sich ihre Heilung als ein Verdienst anrechnen zu konnen, so weiss ich der schonen Lili keinen andern Rat zu geben, als diese wackern Leute nach ihren eigenen Grundsatzen zu behandeln. Wir sind aus der Welt ausgegangen, sagen sie: gut, man nehme sie beim Worte! Man messe zu einer jeden Derwischerei und Bonzerei so viel Land, als sie zu ihrem Unterhalte vonnoten haben, ziehe eine hohe Mauer rings umher, und um der Welt alle Gelegenheit abzuschneiden sie in dem edlen Werke ihrer Entkorperung zu storen 13 maure man alles so gleich und eben zu, dass niemand, wer einmal darin ist, wieder heraus konne: so ist allem Bosen vorgebogen, und jedermann kann zufrieden sein."

"Weisst du wohl, Danischmend", sagte der Sultan, "dass ich gute Lust habe, deinen Vorschlag, wenigstens was die Bonzen betrifft, ins Werk zu setzen? Es ist wie du sagst; niemand kann was dagegen einzuwenden haben. Ich selbst und meine Untertanen gewonnen etliche Millionen Taels dabei, die man besser anwenden konnte; und die Bonzen hatten vollkommene Musse, Pagoden zu werden, wie und wenn sie wollten."

Es war glucklich fur die Bonzen, oder vielmehr fur den Sultan selbst, dass dergleichen Einfalle bei ihm keine Folgen hatten; denn er wurde vermutlich in der Ausfuhrung einige Schwierigkeiten gefunden haben.

7.

Um die gewohnliche Zeit fuhr die Sultanin Nurmahal in ihrer Erzahlung der Geschichte von Scheschian also fort:

"Da die schone Lili nicht so glucklich war den weisen Danischmend zum Ratgeber zu haben; so erfolgte nach und nach, was die Missvergnugten und Milzsuchtigen von den Folgen ihrer schimmerden Regierung geweissagt hatten; und die Gegner des Luxus hatten nun den Triumph, sich in ihren schallreichen Deklamationen auf die Erfahrung berufen zu konnen. Indessen wurde doch das Ubel erst unter der folgenden Regierung sichtbar, welche uberhaupt eine der merkwurdigsten ist, die wir aus den Jahrbuchern von Scheschian kennen lernen, weil sie ein erstaunliches Beispiel abgibt, wie viel Boses unter einem gutherzigen Fursten geschehen kann.

Azor, ein Sohn der schonen Lili, bestieg nach dem Tode seines namenlosen Vaters den Thron unter den glucklichsten Vorbedeutungen. Er war der schonste junge Prinz seiner Zeiten, einnehmend in seinem Bezeigen, sanft von Gemutsart, geneigt Vergnugen zu machen, und sich denjenigen vollig zu uberlassen, welche die Werkzeuge des seinigen waren. Das Volk, gewohnt von allem nach dem Eindrucke der auf seine Sinne gemacht wird, zu urteilen, erwartete von der Regierung eines so guten Prinzen goldne Zeiten, und hatte unrecht; es betete ihn zum voraus deswegen an, und hatte unrecht; es hassete und verachtete ihn zwanzig Jahre hernach eben so unmassig als es ihn geliebt hatte, und hatte sehr unrecht."

"Sie erregen meine Neugier", sagte der Sultan: "lassen Sie horen, warum die Scheschianer immer unrecht hatten; unrecht wenn sie ihren Konig liebten, und unrecht wenn sie ihn hassten; aber vergessen Sie nicht, dass ich kein Liebhaber von Wortspielen bin."

"Die Neugier Ihrer Majestat soll befriediget werden", versetzte Nurmahal, "wenn ich anders meine Geschichte lebhaft genug werde erzahlen konnen, um Ihre Aufmerksamkeit zu unterhalten."

"Ich danke fur das Kompliment, das Sie der Grundlichkeit meines Geistes machen", sagte der Sultan: "aber zur Sache!"

"Der junge Azor war wie die meisten Menschen (Prinzen oder nicht) mit einer Anlage geboren, aus welcher, unter den bildenden Handen eines Weisen, ein vortrefflicher Privatmann, und vielleicht sogar ein guter Konig hatte hervorkommen mogen. Freilich war er keiner von diesen machtigen und seltnen Geistern, die sich selbst bilden; die mitten unter einer rohen oder verderbten Nation, in einem unglucklichen Zeitalter, ohne einen andern Anfuhrer oder Gehulfen als ihren eigenen Genius, die Wege der Unsterblichkeit gehen, durch die naturliche Erhabenheit und Scharfsicht ihres Geistes den ganzen Umkreis der menschlichen Angelegenheiten ubersehen, und, kurz, die grossen Grundregeln einer weisen Regierung in ihrem eigenen Verstande, so wie in ihrem Herzen das Urbild jeder koniglichen Tugend finden." "Allergnadigster Herr", sagte Danischmend, "ich bitte um Vergebung; aber es ist mir unmoglich, die schone Nurmahal nicht zu unterbrechen. Der Verfasser, aus dem sie diese prachtige Periode entlehnt hat, glaubte vermutlich etwas sehr Schones gesagt zu haben; aber es ist blosser Schall. Es gibt keine so wundervolle Menschen als er uns bereden will; und Prinzen sind, bei allen ihren Vorteilen vor uns andern, im Grunde doch, wie man sagen mochte, nur eine Art von Menschen. Um der menschlichen Natur und dem guten Sultan Azor das gebuhrende Recht angedeihen zu lassen, wollen wir lieber ohne alle Worterpracht heraus sagen: Er befand sich nicht in den glucklichen Umstanden, welche sich vereinigen mussen, um aus einem jungen Prinzen von der besten Anlage einen vortrefflichen Fursten zu bilden. So war es in der Tat; und ich bin erbotig im Notfall gegen die ganze Akademie von Dely zu behaupten: Dass von Erschaffung der Welt an (welches schon lange sein mag) kein einziger grosser Mann gelebt hat, der sich ohne Anfuhrer, ohne Beispiele, und ohne Gehulfen, bloss durch die Starke seines eigenen Genius gebildet hatte."

"Ich danke dem Philosophen Danischmend im Namen aller Sultanen, meiner guten Bruder, fur eine so trostliche Anmerkung", sagte der Sultan lachelnd. "Allen den Schmeichlern, die mir tausendmal das Gegenteil gesagt haben, zu Trotz, glaube ich, dass er recht hat; und wenn ich nicht besorgte mir einige schale Komplimente zuzuziehen, so wollt ich noch hinzu setzen, dass ich sehr daran zweifle, ob jemals einer von uns nur halb so gut gewesen ist, als er unter gunstigern Umstanden hatte sein konnen."

Es schwebte dem naseweisen Danischmend auf der Zunge, zu sagen: oder nur halb so gut, als er unter den Umstanden sein konnte, worin er sich wirklich befand. Aber zu seinem Glucke besann er sich noch, "dass die Wahrheit, die man einem Grossen sagt, niemals beleidigen soll", und dass es wirklich sehr edel an dem Sultan war, aus eigener Bewegung so viel einzugestehen, als er schon eingestanden hatte. Er begnugte sich also der schonen Nurmahal die preiswurdige Demut seines Herren ruhmen zu helfen; und die Sultanin setzte die Erzahlung also fort.

"Die Erziehung des Prinzen Azor war mehr vernachlassiget worden, als man es von den Einsichten der schonen Lili, seiner Mutter, hatte erwarten sollen. Diese Dame hatte in der Wahl desjenigen, dem sie den vornehmsten Teil seiner Bildung anvertraute, einen kleinen Trugschluss gemacht, der fur ihren Sohn, und fur die Volker, deren Schicksal einst von seiner Art zu denken abhangen sollte, von grossen Folgen war. Sie glaubte, ein Mann, der die Gabe hatte ihr besser als irgend ein anderer die Zeit zu vertreiben, und der uberdies die niedlichsten kleinen Verse machte, musse notwendig auch die Gabe haben einen Konig zu bilden. Der Prinz bekam also einen schonen Geist zum Hofmeister, der nichts vergass um seinen Witz zu scharfen und seinen Geschmack zu verfeinern. Azor lernte die Schonheiten der Dichter empfinden, Szenen aus Tragodien deklamieren, den gemeinsten Dingen sinnreiche Wendungen geben, und zwanzig andre solche Kunste, welche zur Auszierung gehoren, und ihren Wert haben, wenn sie der Schmuck wesentlicher Vollkommenheiten sind. Der Prinz stellte sich auf die edelste und angenehmste Art in einer Gesellschaft dar, er sagte witzige und verbindliche Sachen, er kleidete sich mit dem besten Geschmack, und urteilte besser als jemand von allem was in dem Gebiete des Schonen liegt. Er blies die Flote, malte ganz artig, und tanzte zum Bezaubern. Seine Feinde (denn bei aller seiner Liebenswurdigkeit fehlte es ihm nicht an Feinden) sagten ihm sogar nach, dass er in der Schwarmerei seiner ersten Leidenschaft fur eine Dame des Hofes Verse gemacht habe; Verse, welche ihm die Ungelegenheit zugezogen hatten, von den Poeten seiner Zeit einhellig zu ihrem Schutzgott erwahlt, und im Eingang ihrer Gedichte oder in schallreichen Zueignungsschriften mit hungriger Beredsamkeit um seinen machtigen Beistand und eine Mittagsmahlzeit angerufen zu werden.

Eh ich weiter fortgehe, Sire, muss ich eines Umstandes erwahnen, der in verschiedene Teile der Geschichte von Scheschian einigen Einfluss hat, und einen Zweig der Sitten betrifft, worin die Bewohner dieses Landes von den meisten Volkern in Asien unterschieden sind. Das weibliche Geschlecht genoss bei ihnen von alten Zeiten her aller der Freiheit, in deren Besitz es bei den abendlandischen Volkern ist; und unter der Sultanin Lili, welche sich eine Angelegenheit daraus gemacht hatte, die schonsten und vollkommensten Personen ihres Geschlechtes aus dem ganzen Scheschian um sich her zu versammeln, war der Hof, aus einer finstern Werkstatte der offentlichen Geschafte, ein Schauplatz der angenehmsten Bezauberungen der Liebe und des Vergnugens geworden.

Es konnte dem jungen Prinzen nicht fehlen, in dieser Schule gar bald zu demjenigen ausgebildet zu werden, was die Damen seines Hofes einen liebenswurdigen Mann nannten. Sie beeiferten sich in die Wette, das Werk seiner Erziehung zur Vollkommenheit zu bringen; und es ist zu vermuten, dass ihre Absichten dabei nicht so ganz uneigennutzig waren als sie sich das Ansehen gaben. Azor befand sich eben in der Verlegenheit, sein Herz unter so vielen reizvollen Gegenstanden eine Wahl treffen zu lassen; als ihm der Tod des Konigs seines Vaters eine Krone aufsetzte, von deren Wert er ziemlich romantische Begriffe haben musste, weil sie (wie er zu einer jungen Schonen seines Hofes zu sagen beliebte) nur in so fern einigen Preis in seinen Augen habe, als er sie, zugleich mit seinem Herzen, zu den Fussen dieser kleinen Zaubrerin legen konne. Man kann aus dieser Probe sicher schliessen, wie gut er in den Pflichten, die mit dieser Krone verbunden waren, musse unterrichtet gewesen sein.

In der Tat waren diese Pflichten fur Personen, welche einen so angenehmen Gebrauch von ihrem Leben zu machen wussten, als man es an dem Hofe zu Scheschian gewohnt war, allzu beschwerlich, als dass nicht ein jedes, das man damit beladen wollte, geeilet haben sollte, sich einer so muhsamen Burde so bald nur immer moglich wieder auf die Schultern einer andern Person zu entledigen. Der junge Konig uberliess den grossten Teil davon seiner Mutter; seine Mutter ihrem Gunstlinge; der Gunstling seinem ersten Sekretar; der erste Sekretar seiner Matresse; die Matresse einem Bonzen, welcher, unter dem Vorwand an ihrer Seele zu arbeiten, Gelegenheit fand sich sehr tief in die Angelegenheiten der Welt zu mischen, und endlich eine grosse Rolle zu spielen, ohne einen andern Beruf dazu zu haben, als einen lacherlichen Ehrgeiz, und die Neigung zum Rankeschmieden, die damals ein unterscheidendes Merkmal der Personen seines Standes in Scheschian war. Naturlicher Weise konnte diese Einrichtung der Sachen von keiner langen Dauer sein. Das System anderte sich, so wie die geheimen und unermudeten Bewegungen der Regiersucht und des Eigennutzes eine Verwechselung der Personen veranlasste. Es begegnete also, zum Beispiel, dass die besagten Pflichten zwischen der Konigin-Mutter und einer Matresse des Konigs geteilt wurden; die Matresse ubertrug alsdann ihren Anteil an ihre erste Kammerfrau; diese an ihren Liebhaber; der Liebhaber an seinen vertrautesten Diener, und so fort; und was man von allen diesen Veranderungen am gewissesten sagen konnte, war, dass der Staat gemeiniglich mehr dabei verlor als gewann."

"Ich bin zwar bereits uber zwanzig Jahre Sultan", sagte hier Schach-Gebal lachelnd: "aber ich mochte doch bei dieser Gelegenheit gerne von dir horen, Danischmend, was ihr andern weisen Leute unter den Pflichten eines Konigs versteht."

"Sire", versetzte Danischmend, "ich habe dazu nichts anders vonnoten, als alles das Ruhmliche, was Ihre Majestat getan haben, in allgemeine Satze zu verwandeln"

"Keine Komplimente, ein fur allemal!" sagte der Sultan. "Eure Gedanken von der Sache, mit Vorbehalt meiner Freiheit davon zu denken was mir belieben wird!"

"Die Pflichten eines Konigs also, sind:

Einem jeden sein Recht so bald und so wohlfeil als moglich widerfahren zu lassen, und alle Ungerechtigkeiten, die er nicht verhindern kann, zu bestrafen;

die tauglichsten Personen zu den offentlichen Ehrenstellen und Amtern zu befordern;

die Verdienste zu belohnen;

die Staatseinkunfte weislich anzuwenden;

und seinen Volkern sowohl innerliche Ruhe als Sicherheit vor auswartigen Feinden zu verschaffen.

In so fern alle diese Pflichten wirklich erfullt werden (setzt man hinzu), kann es dem Staate gleichgultig sein, ob sie der Konig durch sich selbst oder durch andere ausubet; genug dass er der erste Beweger aller Triebfedern desselben ist. Indessen hat es doch zu allen Zeiten Fursten gegeben, welche durch ihr Beispiel diese Pflichten um ein Namhaftes erschwert haben. Sie glaubten ihrem Amte nicht anders genug tun zu konnen, als indem sie, mit Hulfe der Weisesten und Besten ihres Volkes, selbst an dem allgemeinen Wohlstande arbeiteten. Sie strebten hierin nach Erreichung eines gewissen Ideals, welches sie sich in ihrem Geiste entworfen hatten, und glaubten nicht eher glucklich zu sein, bis sie sich selbst mit einem hohen Grade von Gewissheit sagen konnten: Nun ist unter allen den Myriaden oder Millionen, deren Gluck mir anvertraut ist, kein einziger, der durch meine Schuld, durch irgend eine meiner Leidenschaften, oder nur durch meine Nachlassigkeit unglucklich ware. Sie begriffen unter dem Umfang ihrer Pflichten eine auf die Grundregeln der Natur und die Bedurfnisse und Umstande ihres Staats gebaute Gesetzgebung; eine vaterliche unmittelbare Fursorge fur die Pflanzschulen des Staats; eine zur moglichsten Vollkommenheit gebrachte Polizei; eine gerechte Schatzung und tatige Beforderung der Wissenschaften und der Kunste, welche die Sitten und das Leben verschonern. Sie liessen sich nicht daran genugen, gleich den alten Konigen Persiens, Augen und Ohren zu bestellen, die in ihrem Namen sehen und horen sollten: sie hielten es fur ihre Schuldigkeit, mit ihren eigenen Augen zu sehen, und, damit sie recht sehen konnten, von allem, was ihrem Urteil unterworfen wurde, sich die notigen Kenntnisse zu erwerben; einen jeden selbst anzuhoren; jeden Entwurf einer Verbesserung oder nutzlichen Unternehmung selbst zu prufen; die Ausfuhrung durch ihre eigene Gegenwart zu beleben; alles Gute, das sie tun konnten, wirklich zu tun; alles Bose, das sie verhindern konnten, wirklich zu verhindern; kurz, sie begriffen so viele und muhsame Arbeiten unter dem was sie ihre Pflicht nannten, dass nur eine heroische Tugend vermogend sein kann, einen Sterblichen zu Annehmung einer Krone, unter solchen Bedingungen, zu bewegen, wenn es anders in seiner Willkur steht, sie anzunehmen oder auszuschlagen."

"Vergiss nicht, Danischmend", sagte der Sultan, nachdem er zweimal hinter einander gegahnt hatte, "mir morgen bei meinem Aufstehen ein Verzeichnis der samtlichen morgen- und abendlandischen Konige vorzulegen, auf welche du in dieser Beschreibung gezielt hast."

"Das Gedachtnis Ihrer Majestat wird durch die Zahl nicht uberladen werden", versetzte Danischmend.14

"Das dacht ich wohl", sprach der Sultan: "aber desto besser! ich liebe eine ausgesuchte Gesellschaft. Um Vergebung, Nurmahal, Sie sollen heute nicht wieder unterbrochen werden."

"Sire", fuhr die Dame fort, "es ist bei dieser Bewandtnis leicht zu erachten, wie gut die Pflichten des koniglichen Amtes unter der Regierung des liebenswurdigen Azors versehen wurden. Er selbst konnte keine Kenntnis davon haben. Er wusste zwar in der aussersten Vollkommenheit, was zur Anordnung eines prachtigen Festes gehorte, welches er einer Geliebten geben wollte: aber wie hatte er wissen konnen, was zur Anordnung eines grossen Staates, zur Besorgung seiner Bedurfnisse, zur Befestigung seiner Sicherheit, zur Bewirkung seines allgemeinen Wohlstandes erfodert wird? Die Natur bildet (ordentlicher Weise wenigstens) keine Fursten; dies ist ein Werk der Kunst, und ohne Zweifel ihr hochstes und vollkommenstes Werk: aber man hatte sich begnugt den guten Azor zu einem liebenswurdigen Edelmanne zu bilden. Da er also genotigt war, seine wichtigsten Geschafte andern zu ubertragen, und da es unmoglich ist, ohne die Kenntnisse, welche ihm mangelten, eine gute Wahl zu treffen: wie konnte sich Azor, jung und unerfahren wie er war, anders helfen, als sie denjenigen zu uberlassen, von denen er am gunstigsten dachte, weil sie die meiste Gewalt uber sein Herz hatten?15 Zum Ungluck befanden sich diese in den namlichen Umstanden wie er selbst. Sie behielten also nur den leichtesten und angenehmsten Teil davon, die Ausubung einer willkurlichen Gewalt, fur sich selbst, und uberliessen das ubrige wieder an andere; und so geschah es sehr oft, dass die wichtigsten Angelegenheiten das Schicksal hatten, nach dem Gutachten eines unwissenden Bonzen, oder eines Kammerdieners, oder einer jungen, grillenhaften Schonen, oder (welches mehr als Einmal geschehen sein soll) durch den Einfall eines Hofnarren entschieden zu werden.

Die Folgen dieser Staatsverwaltung waren so betrubt als man sich vorstellen kann. Die wichtigsten Stellen wurden nach und nach mit untauglichen Personen besetzt; die Gerechtigkeit anfangs heimlich verhandelt, und zuletzt offentlich feil geboten; unter ihrem Namen triumphierte die Schikane; die offentlichen Einkunfte wurden verschwendet, und die Forderungen unersattlicher Gunstlinge unter die Rubrik der Staatsbedurfnisse gebracht. Alle die hohern und muhseligern Pflichten der Regierung, deren Ausubung mit keinem unmittelbaren Privatvorteil verknupft war, wurden vernachlassiget. Das Laster, welches sich den Schutz der Grossen zu verschaffen wusste, blieb unbestraft; ja es wurde nicht selten unter dem Titel des Verdienstes noch durch Belohnung aufgemuntert. In der Tat wird man wenig Regierungen finden, wo die Verdienste so haufig und so ubermassig belohnt worden waren als in dieser. Aber man wunderte sich eine lange Zeit, wie es zugehe, dass sich diese Verdienste immer nur bei den Angehorigen oder Freunden der Gunstlinge fanden; man wunderte sich noch mehr, wie es zugehe, dass die Nation durch lauter Leute von Verdiensten zu Grunde gerichtet werde; und nur eine kleine Anzahl von spekulativen Leuten begriff, dass in allem diesem gar nichts sei, woruber man sich zu wundern habe."

Da der Sultan hier zum dritten Male gahnte, so wurde die Vorlesung durch einen geschickten Ubergang zu einem angenehmern Gegenstande abgebrochen, wovon es dem sinesischen Autor nicht beliebt hat uns Nachricht zu erteilen.

8.

"Inzwischen lebte der junge Konig Azor einige Jahre so glucklich als Jugend, bluhende Gesundheit und unumschrankte Macht einen Sterblichen machen konnen, der seine Gluckseligkeit in einer immer wahrenden Berauschung der Seele, in den ausgesuchtesten Wollusten der Sinne, der Einbildung und des Herzens findet. Azor liebte das Vergnugen uber alles; aber sein edles und gefuhlvolles Herz liebte auch es auszubreiten, und wenn er sich selbst glucklich fuhlte, so wollte er so weit als sein Gesichtskreis sich erstreckte, lauter Gluckliche um sich sehen.

Drei oder vier Jahre gingen auf diese Weise in einer ununterbrochenen Kette von Festen und Ergetzungen voruber, in welchen Witz und Kunst alle ihre Krafte zusammen setzten, die kleine Anzahl angenehmer Ruhrungen, deren die sparsame Natur den Menschen fahig gemacht hat, ins unendliche zu verandern, zu vervielfaltigen, zu vermischen, zu erhohen, und durch tausend geschickt verborgene Handgriffe diese angenehmen Tauschungen hervorzubringen, die den Uberdruss betrugen, und die Seele in einem Wirbel von Freuden so schnell herum drehen, dass ihr nicht so viel Macht uber sich selbst bleibt, Betrachtungen uber das was in ihr vorgeht, und uber den Wert der Gegenstande, in deren angenehmer Gewalt sie ist, anzustellen. Man glaubt neue Sinne zum Gefuhl des Vergnugens zu bekommen, mit jedem Tage zu einem neuen wollustigern Dasein hervor zu gehen; und man wird nicht eher gewahr, dass man sich unter einer Art von Bezauberung und ausserhalb des angewiesenen Kreises der naturlichen Wirksamkeit befindet, bis Erschopfung der Lebensgeister, Erschlaffung der Sinne, oder noch empfindlichere Folgen einer wollustigen Unmassigkeit, die Seele aus ihrem sussen Taumel wekken, um sie dem Gefuhl einer unertraglichen Leerheit und einer Reihe unangenehmer Betrachtungen zu uberliefern, welche auf den Weg der Weisheit fuhren konnten, wenn die Gewohnheit uns nicht bald wieder mit mechanischer Gewalt zu eben diesen Gegenstanden und Vergnugungen zuruck zoge, deren betrugliche Beschaffenheit wir vergebens erfahren haben, weil sie sich nur unter einer neuen Gestalt zeigen durfen, damit wir uns aufs neue von ihnen betrugen lassen."

"Madam", sagte der Sultan, "pflegt man das, was Sie uns eben itzt mit dem melodiosesten Akzent von der Welt vorgelesen haben, nicht eine Tirade zu nennen? Was es auch fur einen Namen haben mag, so erklare ich hiermit, dass ich nur ein sehr mittelmassiger Liebhaber davon bin. Ich bin zwar der Moral nie so gram gewesen als mein werter Oheim Schach-Baham, glorreichen Gedachtnisses: aber gleichwohl werden Sie mich verbinden, wenn Sie kunftig alle Deklamationen dieser Art, denen Ihr Autor aus einem Naturfehler ziemlich haufig unterworfen zu sein scheint, ohne die mindeste Furcht dass ich etwas dabei verlieren mochte, uberhupfen werden. Ich kann nichts in diesem Geschmacke lesen oder horen, ohne dass ich stracks meinen Iman mit seinen aufgezogenen Augenbraunen und blasenden Backen vor mir stehen sehe. Es ist unangenehm, dass unsre Schriftsteller noch immer den rechten Ton so gern verfehlen, und uns aufgedunsene Perioden, worin irgend ein alltaglicher Gedanke in einem gothischen Putz von schallenden Worten und rednerischen Figuren strotzt, fur Philosophie verkaufen wollen."

Nurmahal, nachdem sie vor diesem schlimmen Geschmacke sich sorgfaltig zu huten versprochen hatte, setzte ihre Erzahlung also fort.

"Es war ein Ungluck fur Scheschian, dass die reizende Xerika, auf welche die erste Neigung des jungen Konigs fiel, von derjenigen Art von Seelen war, welche die Natur ausdrucklich fur die Liebe und fur sie allein gebildet zu haben scheint. Das Herz Azors, war er auch ein blosser Schafer gewesen, war das einzige, was einen Wert in ihren Augen hatte; sie war lauter Empfindung, aber nur fur ihn; ihn glucklich zu machen war ihr einziger Wunsch, ihr einziger Stolz, ihr einziger Gedanke. Auch war er's, so lange die Bezauberung der ersten Liebe dauern kann, in einem so hohen Grade, dass, wenn er in irgend einer einsamen Laube zu ihren Fussen lag, und mit dem Kopf auf ihren Schoss zuruck gelehnt seine gierigen Blicke in ihren in Liebe schwimmenden Augen weiden liess,16 der gute Konig seiner Krone und aller Kronen des Erdbodens, mit allen davon abhangenden Rechten und Pflichten, so ganzlich vergass, als ob diese Laube die ganze Welt, und Xerika nebst ihm selbst die einzigen Bewohner derselben gewesen waren. Die Geschafte der Regierung, und dasjenige, was man die Austeilung der Gnaden nannte, befanden sich also in den Handen eines Gunstlings der Sultanin Lili, durch welchen sie wieder stufenweise in so viele andere Hande gespielt wurden, dass (wenn man den geheimen Nachrichten von dieser Regierung glauben darf) sogar Komodianten und Tanzerinnen zu gewissen Zeiten wichtige Personen auf dem Staatstheater von Scheschian vorgestellt haben sollen."

"Um Vergebung, dass ich Sie schon wieder unterbrechen muss", sagte der Sultan: "was war das, was man an diesem so wohl eingerichteten Hofe die Austeilung der Gnaden nannte?"

"Sire", antwortete Nurmahal, "es war schon unter den vorigen Regierungen unvermerkt zur Gewohnheit geworden, alle Arten von Amtern und Bedienungen, mit welchen Ansehen, Gewalt und Einkunfte verbunden waren, nach Gunst und Gefallen auszuteilen. Man pflegte daher die Besetzung einer solchen Stelle eine Gnade zu nennen. Nach und nach erweiterte sich die Bedeutung des Wortes, und es kam zuletzt so weit, dass aller Begriff von Verdienst dadurch verdrangt, und sogar ein Kunstler oder Kaufmann, welcher fur gelieferte Arbeit oder Waren eine Forderung zu machen hatte, seine Bezahlung, nach tausend muhseligen Weitlaufigkeiten und Verzogerungen, durch geheime Ranke, und mit Aufopferung eines betrachtlichen Teils der Forderung, als eine Gnade nachzusuchen genotiget wurde. Es gab zwar schon damals Leute, welche behaupteten: Ein Konig von Scheschian habe so viel zu tun, einem jeden das Seine zu geben, dass ihm wenig oder keine Gnaden zu erteilen ubrig blieben; jede Ehrenstelle oder Bedienung erfodre gewisse Talente und Tugenden, und musse also mit demjenigen besetzt werden, welcher die grossten Proben gegeben habe, dass er diese Talente und diese Tugenden besitze; ja, der Konig sei nicht einmal berechtiget, die Pensionen, welche aus dem offentlichen Schatze bewilliget wurden, als Gnaden anzusehen, weil der offentliche Schatz zu Bestreitung derjenigen Ausgaben geheiliget sein musse, welche die Ausubung des koniglichen Amtes notwendig macht; kurz, der Konig habe keine Gnaden auszuteilen als aus seinem eigenen Beutel; und alles Gute, was er als Konig tue, fliesse aus einer eben so verbindlichen Schuldigkeit ab, als diejenige sei, vermoge welcher die Untertanen ihm Ehrfurcht und Gehorsam zu beweisen, und nach Verhaltnis ihres Vermogens ihren Anteil zu den Einkunften der Krone beizutragen schuldig seien allein diejenigen, welche dergleichen Satze vorbrachten, hatten eben so wohl getan sie fur sich selbst zu behalten; denn sie wurden nicht gehort, und der Hof erhielt sich im Besitze, alles was er tat so sehr aus Gnade zu tun, dass, wie gesagt, das Wort Verdienst in seiner eigentlichen Bedeutung zu den verhassten Wortern herab sank, welche aus der Sprache der guten Gesellschaft verbannt waren; und dass es niemals anders gebraucht wurde, als, um diejenigen Eigenschaften oder Verhaltnisse zu bezeichnen, wodurch man das Gluck hatte, den Personen, welche Gnaden austeilen konnten, angenehm zu sein. In den ersten Jahren der Regierung des Konigs Azor hingen die meisten Gnaden von der Amme der Konigin Lili, von der persischen Tanzerin, welche den Vertrauten des obersten Visirs gefesselt hatte, und von einem gewissen Bonzen ab, der mit grossem Eifer arbeitete, diese Tanzerin von der Religion der Feueranbeter, in welcher sie geboren war, zu der seinigen zu bekehren. Es gab also wahrend dieser Zeit ordentlicher Weise nur dreierlei Arten von Verdiensten oder Wegen, Gnaden zu erhalten: das Verdienst sie bezahlen zu konnen, eine viel versprechende Figur (denn die Tanzerin war sehr uneigennutzig), und das Verdienst der Dummheit.

Azor, dessen Hof in dieser Zeit den Glanz der prachtigsten in Asien auslosche, welcher jahrlich dreihundertundfunfundsechzig Feste gab, und im Besitz der liebenswurdigen Xerika der glucklichste unter allen Unsterblichen zu sein glaubte denn wie hatte er auf einer so hohen Stufe von Gluckseligkeit nicht vergessen sollen, dass ihn seine Mutter sterblich geboren? Azor wusste nichts davon, dass seine Provinzen mit raubgierigen Statthaltern besetzt, seine Gerichtsstellen an unwissende und leichtsinnige Gecken verhandelt, und die Verwaltung der Kroneinkunfte, mittelst gewisser geheimer Vertrage, an Leute uberlassen wurde, die das Arkanum besassen, an jeder Million, welche sie fur den Konig einzogen, den funften Teil fur sich selbst zu gewinnen; eine Kunst, die in der Folge zu einer solchen Vollkommenheit getrieben worden ist, dass die ersten Meister kaum den Namen von Anfangern verdienten. Der gutherzige Azor glaubte, dass seine Volker glucklich waren, weil er es selbst war, weil er sie glucklich zu sehen wunschte, und weil er gewohnt war alle seine Wunsche erfullt zu sehen. Uberdies hatte er so wenig Begriffe von den Erfordernissen der Regierungskunst, dass man nicht ohne Grund vermutet, er habe sich mit eben der Zuversicht darauf verlassen, dass der Staat ohne sein Zutun aufs beste besorgt werden wurde, mit welcher er sich darauf verlassen konnte, dass die Sonne alle Tage auf- und untergehen, die Jahrszeiten wie gewohnlich auf einander folgen, und in allen dreien Reichen der Natur alles geschehen wurde was sich gebuhrt, ohne dass Seine Hoheit Sich im mindesten darum zu bekummern hatte.

Der Uberfluss, welchen Fleiss und Handelschaft noch immer uber den grossten Teil des Reiches verbreiteten, nebst den immer wahrenden Lustbarkeiten, die bei Hofe und in den Hauptstadten herrschten, machten die Folgen einer so ubel besorgten Staatsverwaltung eine Zeit lang im ganzen unmerklich. Wie leicht werden zehen tausend unterdruckte Burger unter einer grossen, geschaftigen, mutvollen, und von Entwurfen einer schimmernden Gluckseligkeit schwellenden Nation ubersehen! Und wie sollte das stumme Seufzen, oder selbst das laute Geschrei dieser zerstreuten Unglucklichen, vor dem noch lautern Getummel der allgemeinen Emsigkeit und Frohlichkeit gehort worden sein, oder sich den Weg zum Ohre des mitleidigen Azors haben offnen konnen?

Aber eine Veranderung des Systems, worin damals die Staaten des ostlichen und mitternachtlichen Teils von Asien verbunden waren, eine Veranderung, wobei der Hof von Scheschian unmoglich gleichgultig bleiben konnte, gab dem jungen Konige Gelegenheit wahrzunehmen, dass seine Geschafte sehr ubel besorgt wurden. Man hatte die Zeit und das Geld, die auf die Zurustungen zu einem unvermeidlichen Kriege verwendet werden sollten, mit Lustbarkeiten und unnutzen Unterhandlungen zugebracht, und die Feinde waren im Begriff in die Grenzen des Reiches einzudringen, als man erst gewahr wurde, dass es sich nicht einmal im Verteidigungsstande befand. Zum Ungluck war auch die konigliche Kasse so erschopft, dass Azor sich genotiget sah, seine Zuflucht zu den Kassen seiner Finanzaufseher und Oberpachter zu nehmen, in welchen eine Fulle herrschte, die mit der Leerheit der koniglichen vermutlich einerlei Ursache hatte. Das Murren der Nation, welche zu Bestreitung der Kriegsunkosten mit gedoppelten Auflagen belegt wurde, und gleichwohl ihre Beschutzung in so schwachen Handen sah, nahm taglich zu; die Feinde bemachtigten sich einer Provinz nach der andern, und der Konig wusste noch immer nichts von dem eigentlichen Zustande der Sachen: als Alabanda (eine Dame des Hofes, die schon seit geraumer Zeit an einem Entwurf arbeitete, die zartliche und untatige Xerika zu verdrangen) sich eines gunstigen Augenblicks bemachtigte, und zum ersten Male Eindruck auf das Herz Azors machte, indem sie sich das Ansehen gab, von einem lebhaften Eifer fur seine Ruhe und fur die Glorie seiner Regierung beseelt zu sein. Diese Frau vereinigte alle die Reizungen in ihrer Person, welche das Herz eines Prinzen wie Azor zu fesseln fahig waren; eine blendende und untadelhafte Schonheit mit der Blute der Jugend, und den angenehmsten Witz mit tausend liebreizenden Grazien. Sie war unwiderstehlich, wenn sie sich vorgesetzt hatte es zu sein; und Azor konnte von dem ersten Augenblick an, da die Gleichgultigkeit, worin Xerika seine Sinne zu lassen anfing, ihm erlaubte ihre Nebenbuhlerin mit Aufmerksamkeit anzusehen, sich nicht genug wundern, wie er so lange von einem so vollkommnen Gegenstande habe ungeruhrt bleiben konnen. Die zartliche Xerika hatte in dem Konige nur Azorn geliebt; Alabanda liebte in Azorn nur den Konig. Zwanzig andre taugten eben so gut oder besser ihre wollustige Sinnesart zu vergnugen: aber ihre Eitelkeit konnte nur durch eine unumschrankte Gewalt uber das ganze Scheschian befriediget werden; und der Plan, den sie zu diesem Ende machte, bewies ihre Klugheit. Sie entdeckte Azorn, wie ubel der Staat unter der Regentschaft seiner Mutter verwaltet worden sei, und uberredete ihn, die Zugel der Regierung kunftig selbst zu fuhren. Der Staatsrat und die obersten Kronbedienungen wurden also mit Kreaturen der schonen Alabanda besetzt: und da nichts Unbestandigeres sein konnte als die Gunst dieser Dame; so veranderte sich der Divan unter ihrer Regierung so oft als ihr Kopfputz, oder als die Farben ihres Anzugs, durch deren taglichen Wechsel sie bewies, dass ihre Schonheit in jedem Lichte sich selbst gleich bleibe, und uber alles triumphiere, was neben ihr glanzen wolle.

Der Konig wunderte sich sehr, da er eine Burde, die er sich so schwer vorgestellt hatte, so leicht fand. Es kostete ihm nur einen Wink, oder hochstens ein blosses Ja zu allem was ihm die schone Alabandain eigener Person oder durch ihre Werkzeuge vorschlug. Nichts konnte bequemer sein; aber Scheschian befand sich auch um nichts besser bei einer Regierung, die dem Konige so leicht gemacht wurde.

Gleich zu Anfang des vorerwahnten Krieges hatte sich der Gunstling der Sultanin-Mutter, in dessen Handen damals die hochste Gewalt lag, genotiget gesehen, die Anfuhrung der Kriegsheere einem erfahrnen Feldherrn zu ubergeben, der zu alt war, um bei dem neuen Hofe in Ansehen zu stehen. Seine Figur, seine Manieren, sein Ton, seine Art sich zu kleiden, und sein Charakter hatten schon lange aufgehort nach der Mode zu sein: aber seine Talente, seine Liebe zum Vaterlande und seine Erfahrung waren Eigenschaften, deren Wert allgemein anerkannt zu werden pflegt, sobald die Zeit kommt, wo man ihrer vonnoten hat. Die dringende Gefahr entschuldigte den Minister, dass er von einem Grundgesetze des Hofes abgehen, und einen so wichtigen Posten einem Manne auftragen musste, der aus einer andern Welt war, und nichts als personliche Verdienste hatte.

Die guten Anstalten, welche der alte Feldherr machte, und die betrachtlichen Vorteile, die er in kurzer Zeit uber die Feinde erhielt, liessen einen glucklichen Fortgang des Feldzuges hoffen. Aber kaum hatte sich Alabanda des Konigs und der Regierung bemachtiget, so wurde der alte Mann, unter dem Vorwande dass er nicht Feuer genug habe, zuruck berufen, und ein sehr artiger junger Herr an seine Stelle geschickt, welcher unstreitig der beste Tanzer am ganzen Hofe war. Er hatte sich durch dieses Talent, und durch die Gabe kleine satirische Verschen uber die Damen zu verfertigen, denen die stolze Alabanda nicht erlauben wollte liebenswurdig zu sein, bei der Favoritin in Achtung gesetzt; und weil seine Finanzen sich damals in der niedrigsten Ebbe befanden, so hatte er sich den Posten eines Oberfeldherrn, als ein Mittel wieder zu Kasse zu kommen, von ihr ausgebeten. Die Feinde gewannen mehr dabei, als wenn sie drei Siege uber den alten General erhalten hatten. Der Unwille des Adels, der Armee und des Volkes uber die unleidlichen Fehler, die dieser eben so unwissende als eigensinnige und raubgierige Heerfuhrer beging, stieg endlich zu einem so hohen Grade, dass sich Alabanda genotigt sah, den Tanzer zuruck zu berufen; welcher, nachdem er einige Millionen gewonnen, und dem Reiche fur zehnmal so viel Schaden zugezogen, so hoffartig und mit solchem Gerausche nach Hofe zuruck kam, als ob er die herrlichsten Taten verrichtet hatte. Auch empfing er die Krone von Pfauenschwanzen, ein Ehrenzeichen, welches die Grossen des Reichs von den niedrigern Klassen des Adels unterschied, aus der eigenen Hand seines Konigs, und tanzte bei dem ersten grossen Ball, der bei Gelegenheit eines von seinem Nachfolger erhaltenen Sieges dem Hofe gegeben wurde, mit so ausserordentlichem Beifalle, dass es nur auf ihn ankam, so viel Herzen zu erobern als er wollte oder behaupten konnte.

Die Vorteile, die der neue Feldherr uber den Feind erhielt, versprachen einen glanzenden Ausgang der Sachen. Aber die Ehre des schonen Tanzers, der durch die Krone von Pfauenschwanzen, und die Beute die er den Scheschianern abgenommen hatte, eine wichtige Person im Reiche geworden war, machte es notwendig, einem so gefahrlichen Nachfolger in Zeiten Einhalt zu tun. Weil der Konig itzt durch sich selbst regierte, so fand man, es schicke sich schlechterdings nicht, dass der Feldherr irgend einen Schritt von Wichtigkeit ohne ausdrucklichen Befehl vom Hofe sollte unternehmen durfen. Er erhielt also, auf seine Anfrage, den Befehl zu einem Treffen gerade zu der Zeit, da die Gelegenheit es mit Vorteil zu liefern voruber war; er musste sich ostwarts ziehen, wenn die gegenwartige Lage ihn westwarts rief, oder einen Posten verlassen, da die Umstande unumganglich erfoderten ihn zu besetzen. Ausser diesem wusste man ihm so viele andre Hindernisse in den Weg zu legen, dass der Heldenmut eines Alexanders daruber hatte ermuden mogen. Bald fehlte es ihm an Truppen, bald an Geld, bald an Proviant, bald an Kriegsvorrat, bald an allem. Gleichwohl uberwand er alle diese Schwierigkeiten durch die Hulfsmittel, die er in seinem Genie und in seiner Ruhmbegierde fand, und er war im Begriffe, durch einen entscheidenden Streich den Krieg auf die ruhmlichste Weise zu Ende zu bringen, als er die Nachricht erhielt dass der Friede geschlossen sei.

Wenn die Bedingungen dieses Friedens dem Konig Azor wenig Ehre brachten, so musste man doch gestehen, dass sie seinen Ministern desto vorteilhafter waren; denn jede Bedingung wurde ihnen mit hunderttausend Unzen Silbers bezahlt. Scheschian verlor zwar dadurch eine seiner besten Provinzen; aber die schone Alabanda gewann einen diamantnen Gurtel, der eine kleine Provinz wert war. Azor hatte den Vorteil, mit der Geographie seines Reichs so wenig bekannt zu sein, dass er nichts verloren zu haben glaubte. Man versicherte ihn, die Provinz, die er abtrat, koste mehr zu erhalten als sie wert sei; und alle Hofbonzen und Hofpoeten wurden dazu gedungen, die uneigennutzige Grossmut des Konigs und sein vaterliches Mitleiden mit seinem Volke in die Wette zu preisen, und zu einer Heldentugend zu erheben, welche die Taten der grossten Eroberer verfinstre."

"Nach diesen Proben von eurem guten Konig Azor zu urteilen", sprach der Sultan, "ist das gelindeste was man von ihm sagen kann, dass er zu einem sehr schwachen Herzen einen noch schwachern Kopf gehabt haben musse. Ich meines Orts gestehe, dass ein Furst, der seinen Namen zu den Ubeltaten seiner Lieblinge herleiht, ein verachtliches Geschopf in meinen Augen ist; und ich sehe gar nicht, warum man ihm die Ehre erweisen soll, ihn gut zu nennen, wenn seine Volker bei aller seiner Gute sich nicht besser befinden als sie tun wurden, wenn er ein Tyrann ware."

"Sire", erwiderte die schone Nurmahal, "erlauben Sie mir zu sagen, dass Sie ein wenig zu strenge mit dem guten Konig Azor verfahren. Er war wirklich einer der liebenswurdigsten Prinzen seiner Zeit. Es mangelte ihm weder an Geist noch an Geschmack, und man hat eine Menge kleiner Anekdoten von ihm, welche das edelste und gutigste Herz beweisen. Eine ungluckliche Erziehung"

"Um Vergebung, Madam", fiel ihr der Sultan in die Rede: "ich wollte nicht gern, dass man den Fursten diese Entschuldigung gelten liesse. Die Erziehung der Personen, die zum Throne geboren werden, ist selten so gut als es zu wunschen ware; und nach Ihrem Grundsatze hatten immer funfundneunzig von hundert meinesgleichen ein Privilegium, so ubel zu regieren, als es ihren Weibern, ihren Bedienten und dem Zufalle belieben mochte. Soll ich euch sagen, wie ich selbst erzogen worden bin? Beim Barte des Propheten! wenn jemals ein Sultan berechtiget war keinen Menschenverstand zu haben, so bin ich's. Weil wir hier unter uns sind, so will ich mir doch das Vergnugen machen, euch ein oder zwei Kapitel aus der Geschichte meiner Jugend zu erzahlen.

Mein Oheim Schach Baham Friede sei mit seinem Staube! vertraute meine Erziehung einem seiner Verschnittenen an, unter dessen Aufsicht ein gewisser Fakir, der loblichen Gewohnheit zu Folge, mich so gelehrt machen sollte, als Schach-Baham glaubte, dass der Sohn des jungern Bruders eines regierenden Sultans zu sein notig habe. Ich erinnere mich noch so lebhaft als ob es erst heute geschehen ware, wie vergnugt der gute Oheim Baham war, als ich es in der Mathematik und Physik so weit gebracht hatte, den Mechanismus der bewundernswurdigen Erfindung seines Freundes des Konigs Strauss, den fliegenden Drachen, mit Hulfe einer Menge furchterlicher Kunstworter, von denen er nichts verstand, erklaren zu konnen. Er beschenkte mich in der Freude seines Herzens mit einer zierlich ausgeschnittenen papiernen Gans in rosenfarbnem Domino, von seiner eigenen Arbeit, ausser einem grossen Korb voll Zuckerwerk, den ich, sobald es moglich war zu entwischen, zu den Fussen meiner kleinen Matresse, einer jungen Sklavin der Sultanin meiner Tante, niederlegte. Im ubrigen war die Theorie des papiernen Drachen der hochste Gipfel, den ich damals in der Erkenntnis der Natur- und Kunst-Lehre erstieg; denn der Fakir Salamalek, mein verdienstvoller Lehrer, war aufrichtig genug zu gestehen, die Erforschung der Natur sei keine Sache fur einen Mann wie er. Aber dafur wusste er sich desto mehr mit meiner Starke in der Geschichte. Ich zahlte alle morgenlandische Konige von Schjan-Ben-Schjan, der einige tausend Jahre vor Sultan Adam, dem ersten Menschen, regierte, bis auf den glorwurdigen Schach-Baham, meinen Oheim, an den Fingern her; ich nannte die Namen aller Frauen und Beischlaferinnen des Propheten Salomon, und wusste eine Menge schoner Historien von Konigen, die in allem was sie unternahmen uberaus glucklich gewesen waren, weil sie schone Moskeen gebaut, und schone Stiftungen zum Unterhalt frommer Derwischen, welche Tag und Nacht nichts zu tun hatten als den Koran zu lesen, gestiftet hatten. Nach diesem Teile meiner Gelehrsamkeit konnt ihr euch vorstellen, was fur eine Moral und Staatswissenschaft das war, was mir der ehrliche Salamalek unter diesem Titel beizubringen suchte. Die arme Seele! Das muss ich ihm nachruhmen: er liess sich's so angelegen sein, dass ihm oft der Schweiss in grossen Tropfen auf der Stirne hing. 'Denn die Geister aller Einwohner von Indostan bis ins tausendste Glied wurden als Anklager gegen mich aufstehen', sagte er, 'wenn ich diesen wichtigsten Teil der Erziehung eines Prinzen, der dem Throne so nah ist, vernachlassigte.' Seine Absicht war gut, wie ihr sehet; und wenn seine Begriffe nicht eben so gut waren, lag die Schuld an ihm? Warum hatte Schach-Baham einen Fakir bestellt, seinen Bruderssohn Moral und Politik zu lehren? Nach Salamaleks Meinung war der grosste und beste aller Sultanen derjenige, der seine funf Gebete und seine gesetzmassigen Waschungen mit der punktlichsten Genauigkeit verrichtete, sich alle Tage seines Lebens vom Wein enthielt, die meisten Derwischereien stiftete, und wenigstens den zehnten Teil seiner Einkunfte unter die Armen austeilte. Er hatte keinen andern Begriff von der Wohltatigkeit eines Fursten; und wenn man ihn uber diesen Artikel predigen horte, so hatte ein Konig nichts zu tun, als seine arbeitsamen Untertanen zu Bettlern zu machen, um den mussigen gute Tage zu verschaffen; eine Methode, die er vermutlich deswegen so vortrefflich fand, weil auf diese Weise Bettelei und Reichtum unaufhorlich zirkulieren, und es einem Fursten nie an Mitteln und Gelegenheit zur Wohltatigkeit fehlen kann, ohne dass es ihm die kleinste Muhe kostet. Diesen feinen Begriffen zu Folge war mein Fakir ein erklarter Feind des Luxus, und behauptete in vollkommnem Ernste: dass es einem Staat unendliche Mal besser ware, wenn die Halfte der Nation ihre Tage auf Unkosten der andern mit Mussiggehen zubrachte, als mit den verderblichen Kunsten, welche die Uppigkeit beforderten. Die ganze Politik des ehrlichen Mannes war von diesem Schlage. 'Der gerechteste und gottgefalligste Krieg', sagte er, 'ist ein Krieg, den man unternimmt, die Feinde des Propheten zu vertilgen, und das islamische Gesetz auf Erden auszubreiten'; und er nannte mir verschiedene Prinzen, welche sichtbarlich gestraft worden waren, weil sie Juden, Christen, Gebern und Banianen in ihre Staaten aufgenommen, und einem jeden Freiheit gelassen hatten, das hochste Wesen nach seiner eigenen Uberzeugung zu verehren. Die Philosophie und die schonen Kunste verachtete er als eitles Spielwerk und profane Erfindungen der alten Heiden; und er schalt mit vielem Eifer auf die Uppigkeit der Abassiden,17 durch deren strafliche Neugier und verkehrten Geschmack diese Greuel sich unter die Rechtglaubigen eingeschlichen hatten. 'Wer den Koran und die Auslegungen der zwolf Imans wohl inne hat', pflegte er zu sagen, 'der allein ist ein wahrer Weiser! Alle diese Theorien der Sittenlehre und Staatswissenschaft, welche man auf die Natur zu grunden vorgibt, sind Blendwerke der bosen Geister, und verdammt sei derjenige', rief er mit gluhenden Wangen und feurigen Augen, 'der die Seelen der Muselmannen mit diesem Gift ansteckt!' Er pflegte oft mit Entzucken von Amru Ben Alas, dem Feldherrn des Kalifen Omar, zu sprechen, der die beruhmte Buchersammlung zu Alexandria zum Einheizen in die offentlichen Bader hatte verteilen lassen, weil, wie er meinte, alle diese Bucher zu nichts besserm taugten, falls nichts darin enthalten ware als was man im Koran kurzer und besser gegeben fande, und des Feuers schuldig waren, wofern sie etwas andres enthielten als der Koran. 'Das waren goldne Zeiten'.' rief er mit einer andachtigen Verzerrung seines plumpen Gesichts. 'Das waren die Zeiten, wo die Angelegenheiten des Islamismus bluhten! wo die Unglaubigen unter unsre Fusse getreten wurden, und das Gesetz des Propheten sich mit einer wundertatigen Schnelligkeit uber den Erdboden ausbreitete!' Urteilet aus diesen Proben", fuhr der Sultan fort, "ob mein Fakir seine Schuldigkeit besser hatte tun konnen, wenn ihm mein Oheim Baham aufgetragen hatte, mich zu einem Fakir zu bilden! Glucklicher Weise fur mich (und fur Indostan, denkeich) war unter den Sklaven, die mir zur Bedienung gegeben waren, ein junger Cyprier, der Genie und Erziehung hatte, und die Begriffe und Maximen meines Fakirs, die ihm ausserst ungereimt vorkamen, auf eine so feine Art zu verspotten wusste, dass es ihm sehr wenig Muhe kostete, die Spuren auszuloschen, die sie vielleicht in meinem Gemute hatten lassen konnen. Da er uberdies die Geschicklichkeit und den guten Willen hatte, mir in meinen kleinen Liebesnoten Dienste zu tun, so bemachtigte er sich meines Vertrauens in einem so hohen Grade, dass ich ihn wie die Halfte meiner Seele liebte. Wir spielten dem alten Verschnittenen und dem weisen Fakir tausend Streiche, auf deren Erfindung und Ausfuhrung wir uns nicht wenig einbildeten. Gleichwohl konnten wir es nicht so fein machen, dass wir nicht dann und wann uber der Tat ertappt und mit grosser Feierlichkeit bei dem Sultan verklagt worden waren. Aber Schach-Baham, wiewohl er den Eifer meiner Vorgesetzten lobte, konnte doch selten dahin gebracht werden, unsern jugendlichen Mutwillen zuchtigen zu lassen. Er lachte gemeiniglich so herzlich uber die Erzahlung, die ihm der Fakir in einem klaglichen Ton und mit tragischen Gebarden davon machte, dass er sich die Seiten mit beiden Handen halten musste; und am Ende musste sich der ehrliche Fakir mit seinem gewohnlichen Sprichworte, Jugend hat nicht Tugend, zufrieden stellen lassen. 'Ich erinnere mich noch ganz wohl', pflegte er mit einer schlauen Miene hinzu zu setzen, 'dass ich es in Gebals Alter nicht besser machte. Ich war immer ein loser Vogel; der Fakir, mein Hofmeister, Gott troste seine Seele! hatte seine liebe Not mit mir, und die Kammerjungfern der Sultanin meiner Mutter konnten nicht genug auf ihrer Hut sein. Gebal ist ein aufgeweckter Kopf; er wird wohl klug werden, wenn er ausgetobt hat', und was dergleichen Spruche mehr waren, an welchen der gute Oheim niemals Mangel hatte. Was dunkt Ihnen nun von meiner Erziehung, Madam? Finden Sie nicht, dass ich unter den Handen eines alten murrischen Negers, eines Fakirs der mir so gute Grundsatze beibrachte, eines leichtfertigen jungen Cypriers, etlicher mutwilliger Kammermadchen, und eines Oheims wie Sultan Baham, vortrefflich vorbereitet werden musste, dem Thron von Indien Ehre zu machen?"

"Sire", sagte Nurmahal lachelnd, "wenn es mir erlaubt ist, meine Meinung so frei zu sagen, so glaube ich, dass gerade diese Umstande sich vortrefflich zusammen schickten, einen Genie wie der Ihrige war, zu entwickeln. Wenn es wahr ist, dass lebhafte junge Leute gemeiniglich einen unwiderstehlichen Trieb in sich finden, immer das Widerspiel von dem was ihre Hofmeister sagen zu tun, wie konnte man Ihnen einen schicklichern Hofmeister wunschen als den Fakir Salamalek? Die artigen Kammermadchen der Sultanin waren schlechterdings unentbehrlich, die Federn Ihrer Einbildungskraft spielen zu machen, und eine sehr nachteilige Stagnation Ihres Herzens, die bei einer so pedantischen Erziehung zu besorgen war, zu verhuten. Der junge Cyprier mag wohl vielleicht der strengen Sittenlehre Ihres Fakirs das Gegengewicht zuweilen mehr als notig war gehalten haben; aber wenn er Ihnen auch zu nichts gedient hatte, als den Unterricht dieses albernen Mentors unschadlich zu machen, so war das schon sehr viel. Allein ich bin gewiss, dass er Ihnen einen noch wichtigern Dienst erwies. Seine Spottereien uber die Grundsatze des Fakirs kamen Ihrer eigenen Vernunft zu Hulfe, und befestigten Sie auf die naturlichste Weise von der Welt in den entgegengesetzten; und es kann nicht fehlen, man hat ein grosses gewonnen, um klug zu werden, wenn man uber die Torheit lachen gelernt hat. Uberdies musste das Beispiel Schach-Bahams und seiner drei Vorganger"

"O, was dies betrifft, Madam", fiel ihr der Sultan lachend ins Wort, "da haben Sie recht! Drei oder vier solche Vorganger sind eine unvergleichliche Schule fur einen Nachfolger, der sie in ihrem gehorigen Lichte zu betrachten weiss. Aber genug fur heute von Konigen und Staatsangelegenheiten; ich bin lange nicht so aufgelegt gewesen zu vergessen, dass ich die Ehre habe Sultan zu sein. Schicken Sie mir etliche von Ihren Odaliken, Nurmahal; ich will versuchen, ob ich mich nicht eben so gut in den Schlaf singen lassen kann, als der alte Weissbart, von dem uns Danischmend letzthin so wunderreiche Dinge vorleierte."

9.

Die kleine Ergetzlichkeit, welche sich Schach-Gebal mit dem Odalisken seiner Favoritin zu machen geruhet hatte, leistete mehr als er davon erwartete. Anstatt ihn einzuschlafern, gelang es einer von diesen jungen Nymphen, seine schlafsuchtige Einbildungskraft zu erwecken, und ihm eine Art von einem Mittelding zwischen Leidenschaft und Geschmack einzuflossen, wovon Anfang, Mittel und Ende, nach der Berechnung des Philosophen Danischmend, drei Tage, einundzwanzig Stunden und sechzehn Minuten dauerte.

Wenn die kurzesten Narrheiten die besten sind, so muss man zur Ehre dieses Sultans sagen, dass er in diesem Stucke nicht unwurdig war, ein Muster aller Herren seines Standes, welche nicht selbst Muster sind, zu sein. Doch, um seiner Weisheit nicht zu viel zu schmeicheln, die Wahrheit von der Sache war, dass die kleine Sangerin weder genug Geist, noch der Sultan Begierden genug hatte, seinem Geschmack fur sie eine langere Dauer zu geben. Er fand sich also nach wenigen Tagen geneigt, die Versammlungen seiner kleinen Akademie, welche durch diese Abwechselung von Zeitvertreib unterbrochen worden waren, wieder zu erneuern; und die Erzahlung der Geschichte des Konigs Azor wurde, auf seinen Befehl, von der gefalligen Nurmahal folgender Massen fortgesetzt.

"Wenn der Sultan Azor eine Handlung von echter koniglicher Grossmut zu tun glaubte, indem er seinen Feinden gerade in dem Augenblicke, wo sich das Gluck fur seine Waffen zu entscheiden anfing, nicht nur Friede, sondern noch eine von seinen besten Provinzen dazu schenkte: so kann man doch nicht in Abrede sein, dass die Begierde, seiner geliebten Alabanda (einer Eroberung, die ihn fur den Verlust von zwanzig Provinzen schadlos gehalten hatte) desto ungestorter zu geniessen, die wahre wiewohl geheime Triebfeder seiner Grossmut war. Wenigstens bewies der Gebrauch, den man von einem so teuer erkauften Frieden machte, dass die Vorteile seines Volkes schwerlich dabei in Betrachtung gezogen worden waren. Denn man dachte weder daran, das Reich auf kunftige Falle in bessere Verfassung zu setzen, noch die Provinzen wieder herzustellen, die durch den Krieg entvolkert und verwustet worden waren. Azor teilte die Geschafte der Regierung unter einige Geschopfe der schonen Alabanda, welche ihn beredeten, dass er selbst regiere, indem er von dieser Zaubrerin und ihren Mitschuldigen unumschrankt regiert wurde. Prachtige Feste und immer abwechselnde Lustbarkeiten, uber deren Erfindung sich alle witzige Kopfe von Scheschian elendiglich erschopften, verschlangen unermessliche Summen, wovon der zehente Teil hinlanglich gewesen ware, die zerstorten Stadte wieder aufzubauen, und jedes traurige Denkmal der Verwustung in den Gegenden, welche der Schauplatz des Krieges gewesen waren, auszuloschen. Zehen tausend in die ausserste Not herunter gebrachte Familien hatten durch die Unkosten einer einzigen Geburtsfeier wieder glucklich gemacht, und in eine dem gemeinen Wesen nutzliche Tatigkeit gesetzt werden konnen: aber weil sich niemand fand, der dem Sultan einen solchen Vorschlag getan hatte, weil die schone Alabanda weit uber die Schwachheit erhaben war, irgend einen neuen Triumph ihrer grenzenlosen Eitelkeit dem Mitleiden oder der Wollust Gutes zu tun aufzuopfern; wie hatte Azor, bei aller seiner naturlichen Gutherzigkeit, auf einen solchen Gedanken verfallen sollen? Er, der keinen Begriff von dem innern Zustande seines Reiches, keine Fertigkeit uber irgend etwas als uber die unmittelbaren Gegenstande seines Vergnugens zu denken, und am allerwenigsten den mindesten anschauenden Begriff von dem Elend hatte, welchem abzuhelfen sein grosser Beruf war! Er hatte in einer unkennbaren Verkleidung, allein, oder nur von einem oder zwei rechtschaffenen Mannern begleitet, sich von den prachtigen Strassen, die zu seinen Lustschlossern fuhrten, entfernen, und in die entlegneren Teile seines Reichs, in die Hutten der Landleute oder unter die Trummern kleiner Stadte, deren bluhender Stand in mutloses Elend verwandelt war, sich hinein wagen mussen, um die Unglucklichen kennen zu lernen, die nach seiner Hulfe seufzeten. Wie unendlich viel Gutes wurde eine einzige solche Reise seinen Volkern getan haben! Aber"

"Mirza", sagte Schach-Gebal in einem plotzlichen Anstoss von empfindsamer Laune zu seinem Gunstlinge, "vergiss nicht, dich morgen fruh mit Pferden fur mich, dich selbst und Danischmenden an der westlichen Pforte des Gartens bereit zu halten. Wir mussen eine solche Lustreise mit einander machen. Aber mit euerm Leben sollt ihr mir alle drei fur das Geheimnis stehen! Weiter, Nurmahal!"

"Sire, der gute Sultan Azor liess sich nichts von einer solchen Lustreise traumen, wie diejenige, wozu Ihre Majestat Sich mit einem so ruhmlichen Feuer entschlossen haben. Wenn er reisete, so geschah es in Begleitung seines ganzen Hofstaats, und mit einem Pomp, der das Bild des triumphierenden Heerzuges eines Weltbezwingers darstellte. Der Aufwand einer einzigen solchen Reise verzehrte die jahrlichen Einkunfte einer ganzen Provinz: und da eine verderbliche alte Gewohnheit18 die Landleute notigte, die Kamele, Pferde und Wagen unentgeldlich herzugeben, welche das Gepacke des Konigs und seines Gefolges fortzuschaffen erfodert wurden; so tat dieser einzige Umstand den Gegenden, durch welche der Zug ging, einen beinahe eben so empfindlichen Schaden als ein feindlicher Uberfall. Im ubrigen vergassen die immer wachsamen Gunstlinge des Sultans und seiner Gebieterin nicht, dafur zu sorgen, dass die koniglichen Augen nirgends durch den Anblick des Mangels, der Nacktheit und des Elends beleidiget werden mochten. Die Mirzas, durch deren Gebiete die Reise ging, stellten, um sich dem Hofe gefallig zu machen, lange zuvor Zurustungen an, ihren Oberherrn auf eine glanzende Art zu empfangen, oder ihn im Vorubergehen mit dem Anblick landlicher Feste und Szenen von Frohlichkeit zu ergetzen, welche dem guten Fursten die betrugliche Freude machten, die geringsten seiner Untertanen fur glucklich zu halten."

"Bald fange ich an Mitleiden mit euerm Azor zu haben", sagte Schach-Gebal. "Ein Konig muss ein Gott sein, oder er muss betrogen werden, wenn alle seine Leute die Abrede mit einander genommen haben, ihn zu betrugen."

"Bei allem diesem", fuhr Nurmahal fort, "hatte Scheschian, im ganzen betrachtet, mehr als jemals das Ansehen eines in seiner vollen Blute stehenden Reiches. Die Natur hatte seine meisten Provinzen mit ihren reichsten Gaben uberschuttet. Fleiss und Handlung belebte die grossern Stadte, und die Kunste stiegen zum Gipfel der Vollkommenheit hinan. Alabanda trat nicht bloss in die Fussstapfen der schonen Lili; sie war zu stolz eine blosse Nachahmerin zu sein, sie wollte die Ehre haben zu erschaffen.

Da sie gewohnt war den Sultan auf die Jagd zu begleiten, so geschah es einsmals, dass sie sich mit ihm in eine von diesen wilden Gegenden verirrte, welche die Natur so ganzlich verwahrloset hat, dass nichts als der magische Stab einer Fee machtig genug scheint, sie zur Schonheit umzubilden. 'Welch eine Gegend', rief Alabanda mit einer Art von Entzucken aus, 'um einen Gedanken darin auszufuhren, der die Regierung meines Sultans auf ewig glanzend und unnachahmlich machen wurde! Welch eine Gegend, um sie zu einem Sitze der Liebesgotter, zu einem Inbegriff aller Bezauberungen der Sinne und der Einbildung umzuschaffen!' Azor sah die Zaubrerin Alabanda mit Erstaunen an: aber er war selbst zu sehr ein Freund des Wunderbaren; und wenn er es auch weniger gewesen ware, so liebte er die schone Alabanda viel zu zartlich, um ihre angenehmen Gedanken durch Einwurfe zu unterbrechen. Er uberliess ihr also die Ausfuhrung eines Einfalls, der an Ausschweifung vielleicht niemals seines gleichen gehabt hat. In wenigen Tagen war sie mit ihrem Entwurfe fertig, und itzt wurden Millionen Hande aufgeboten ihn auszufuhren. Seit den Zeiten der stolzen Konige von Ninive und Memphis hatte man kein ahnliches Werk unternehmen gesehen. Doch was waren die agyptischen Pyramiden, oder die Mauern des alten Babylon gegen die Schopfung der Gottin Alabanda? Gebirge wurden geebnet; unersteigliche Felsen hier gesprengt, dort zu Palasten, kleinen Tempeln, Grotten und reizenden Einsiedeleien, oder zu grossen stufenweise sich erhebenden Terrassen ausgehauen, und in Garten, Alleen, Blumenstucke und Lustwaldchen verwandelt. Entlegene Flusse wurden in diese aus dem Nichts hervorgehende Zauberwelt geleitet, und durch erstaunliche Wasserkunste gezwungen, die Garten und Haine, welche Alabanda in die Luft gepflanzt hatte, mit springenden Brunnen und Wasserfallen, unter tausendfachen Gestalten und Verwandlungen, zu beleben. Mitten unter allen diesen mannigfaltigen Schopfungen erhob sich ein wahrer Feenpalast; Marmor, Jaspis und Porphyr waren die geringsten Materien, woraus er zusammen gesetzt war; und alle Manufakturen von Indien, Sina und Japan wurden zu seiner Ausschmuckung erschopft. Die Garten, die ihn umgaben, prangten mit den schonsten Gewachsen des ganzen Erdbodens, welche mit so guter Ordnung ausgeteilt waren, dass man mit jeder hohern Terrasse, die man bestieg, sich in ein anderes Klima versetzt glaubte. Die schonsten und seltensten Vogel aller Weltteile bewohnten diesen wundervollen Ort, den sie mit ihren mannigfaltigen Stimmen und mit naturlichen oder gelernten Gesangen belebten. Und in der Mitte einer unzahligen Menge kleiner Lustwalder, uber welche dieses Zauberschloss herrschte, beherbergte ein kunstlicher Ozean alle Arten von Wassergeschopfen; ein grosser See, dessen uber Marmor rollende Wellen man oft mit einer Flotte von kleinen vergoldeten Schiffen bedeckt sah, welche an Zierlichkeit und schimmernder Ausschmuckung dasjenige zuruck liessen, worin Kleopatra den Herrn der einen Halfte der Welt zum ersten Male bezauberte. Die Beschreibung, welche Alabanda von den Wundern dieses nach ihrem Namen genannten Ortes verfertigen liess, machte etliche grosse Bande aus, und die billigste Berechnung alles dessen, was diese Wunder gekostet hatten, uberstieg zweimal die jahrlichen Einkunfte des ganzen scheschianischen Reiches; welches in der Tat eine ungeheure Summe war. Unzahlige Fremde wurden durch die Neugier herbei gezogen, sie zu sehen; aber der Vorteil, den das Land von ihnen zog, war nur ein geringer Ersatz des vielfaltigen Schadens, den es durch die Ausschweifungen der schonen Alabanda erlitten hatte. Eine unendliche Menge von Landleuten war dem Feldbau entrissen worden, um als Tagelohner an der Beschleunigung eines Werkes zu arbeiten, welches ihr ungeduldiger Stolz unter ihren Blicken wachsen sehen wollte. Etliche Provinzen befanden sich dadurch in Unordnung und Mangel versetzt; der Preis der Lebensmittel stieg ubermassig; der offentliche Schatz war erschopft, die Einnahme des folgenden Jahres betrachtlich vermindert, und das Reich mit einer ungeheuern Schuld beladen, wovon der grosste Teil fremde Lander bereicherte; weil der ekle Geschmack der launenhaften Alabanda nichts Einheimisches schon genug fand, ungeachtet alle Kunste in Scheschian bluheten.

Zum Ungluck fur die Nation war diese Favoritin kaum mit Ausfuhrung eines solchen Werkes fertig, als ihre unerschopfliche Einbildungskraft schon uber der Idee eines andern brutete, welches, durch die grenzenlose Gefalligkeit ihres Liebhabers, eben so schnell und mit eben so wenig Rucksicht auf die Umstande des Staats zur Wirklichkeit gebracht wurde. Schon im zweiten Sommer, den sie mit dem Konige zu Alabanda zubrachte, bemerkte sie, dass die Gebaude zu weitlaufig, die Garten zu verworren und uberladen, und mit Einem Worte das Ganze eine Art von Karikatur sei, wo die Natur von der Kunst verschlungen werde, und das ermudete Auge in einer unubersehbaren Mannigfaltigkeit sich verliere. Dieser weisen Beobachtung zu Folge wurde in einer der anmutigsten Gegenden des ganzen Reichs ein andrer Lustsitz angelegt, in dessen kleinerem Umfange die schone Alabanda, mit Hulfe einiger poetischen Kopfe des Hofes, bemuht war, die Natur uber alle muhsamen Bestrebungen der Kunst triumphieren zu lassen. Die Natur zeigte sich da mit allen ihren eigentumlichen Reizungen, in dem leichten Gewand einer Nymphe, oder in der reizenden Unordnung einer Schonen, die von ihrem Liebhaber uberrascht zu werden hofft. Man konnte sich wirklich keinen angenehmern Ort traumen lassen; aber es kostete so viel, der schonen Natur diesen Sieg uber ihre Nebenbuhlerin zu verschaffen, dass man sich genotigt sah einen Vorwand zu ersinnen, um die Untertanen mit einer neuen Steuer zu belegen. Auf solche Weise wurde Scheschian nach und nach mit den herrlichsten Denkmalern der uppigen Erfindsamkeit dieser Favoritin angefullt. Die Unternehmer dieser Werke und einige Kunstler, welche weniger wegen ihres vorzuglichen Talents als durch Empfehlungen und Hofranke angestellt wurden, fanden unstreitig ihre Rechnung dabei. Etliche Poeten, die um den zehnten Teil der Einkunfte eines Hofkuchenschreibers gedungen waren, uber alles, was der Hof tat oder getan haben wollte, Oden zu machen, posaunten und leierten von Wundern und goldenen Zeiten. Aber die Provinzen sanken zusehens in einen klaglichen Stand von Entkraftung und Verfall herab, und die Nation hatte sehr grosse Hoffnung, in kurzem einem Virtuoso zu gleichen, der, durch einen kleinen Verstoss gegen die Rechenkunst, in einem sehr zierlichen neu gebauten Palaste, mitten unter einer herrlichen Sammlung von Gemalden, Statuen und Altertumern verhungert."

Nurmahal hielt bei diesem Absatz ein wenig ein, weil sie gewahr wurde, dass der Sultan in Gedanken vertieft schien; als dieser sich auf einmal mit einer auffahrenden Bewegung an Danischmenden wandte. "Glaubst du nicht, Danischmend", fragte ihn SchachGebal, "dass die Sultanen meine Mitbruder sehr vieles, was sie tun, unterlassen wurden, wenn sie einen Freund hatten, der ehrlich genug ware, ihnen die Wahrheit zu sagen?"

"Vielleicht", antwortete Danischmend mit einem kaum merklichen Achselzucken. "Vielleicht auch nicht", murmelte er hinten nach.

"Und warum nicht?" fragte der Sultan.

"Sire", sagte der Philosoph, "wollen Ihre Majestat schlechterdings, dass ich Ihnen die Wahrheit sagen soll?"

"Das bedurfte, nach der Anmerkung die ich eben machte, keiner Frage", sprach der Sultan.

"So sage ich, dass wenigstens drei gegen eins zu wetten ist, dass die meisten Sultanen weder mehr noch weniger tun wurden als ihnen beliebt, wenn sie gleich den Konfucius oder Zoroaster selbst zum Freunde hatten. Denn, gesetzt, zum Exempel, der Konig Azor hatte einen solchen Freund gehabt, so ware es allezeit darauf angekommen, ob dieser den rechten Augenblick zu seiner Vorstellung gewahlt hatte. Denn der geringste Umstand, ein kleiner Nebel, es sei nun in der Luft oder im Gehirne Seiner Hoheit, oder eine kleine Blahung in dem Magen Seiner Hoheit, ein kurzer Wortstreit, den Sie kurz zuvor mit Ihrer Matresse gehabt, ein Traum oder sonst eine Kleinigkeit, die Ihren Schlummer beunruhigte, die schlimme Laune Ihres Affen, oder dir Unpasslichkeit eines Ihrer grossen Hunde, ein einziger von tausend Umstanden von dieser Wichtigkeit ware hinlanglich gewesen, die Wirkung der besten Vorstellung zu vernichten. Doch, gesetzt der Freund hatte den gunstigen Augenblick ergriffen: wie leicht konnte es ihm, bei aller Redlichkeit seiner Absicht, in dem entscheidenden Moment an der Geschicklichkeit, oder an dem Glucke fehlen, seiner Vorstellung die rechte Wendung zu geben! Wie leicht hatte ein einziges Wort, das ihm entschlupft ware, alles wieder verderben konnen, was zwanzig gluckliche Vorstellungen gut gemacht hatten! Und dennoch, setzen wir abermal, es sei ihm gelungen den verlangten Eindruck auf seinen Herrn zu machen: wie bald war es geschehen gewesen, dass dieser Eindruck, eine Viertelstunde darauf, durch eine Gegenvorstellung eines andern wohl meinenden Dieners, oder durch einen einzigen Blick, im Notfalle durch ein einziges kleines erkunsteltes Tranchen einer geliebten Alabanda, wieder ausgeloscht worden ware! Ich stelle mir zum Beispiele vor, die schone Alabanda trate gerade zur namlichen Zeit in das Kabinett ihres Sultans, da der vorbesagte Freund es verlassen hatte; der Freund, dem wir Mut und Eifer genug leihen wollen, gegen irgend eine neue kostbare Grille, wovon die Phantasie der schonen Favoritin kurzlich entbunden worden, im Namen des gemeinen Besten Vorstellungen zu tun.

'Ich komme' (sagt sie mit einem Ausdruck von Vergnugen, der uber ihr ganzes Gesicht einen glanzenden Reiz verbreitet), 'ich komme Ihrer Majestat einige Zeichnungen vorzulegen, und zu vernehmen, welche davon Ihren Beifall hat, um zum Modell des neuen Amphitheaters, wovon wir neulich sprachen, genommen zu werden.'

'Lassen Sie sehen, Madam', sagt der Sultan mit einem Frost, den er ihr und sich selbst gern verbergen mochte.

'Sie sind wirklich alle schon; aber wie finden Sie diese? Ich gestehe, dass ich sie vorziehen wurde, wenn ich zu wahlen hatte. Man kann nichts Grosseres, nichts Prachtigeres denken. Die Ausfuhrung wurde der Zeiten Ihrer Majestat wurdig sein, welche durch so viele unnachahmliche Werke ein Wunder des spatesten Weltalters bleiben werden.'

'Aber, meine liebste Sultanin'

(hier heftet Alabanda einen aufmerksamen Blick, vermischt mit einem kleinen Zusatz von Erstaunen, auf den Sultan.)

'Ich habe Muhe'

'Was fehlt Ihnen, mein liebster Sultan? Sie sehen nicht vollig so aufgeheitert aus als Sie mich diesen Morgen verliessen.'

'Ich kann es nicht von mir erhalten, Ihnen meine Ungeneigtheit zu etwas, das Ihnen Vergnugen macht, zu erkennen zu geben; und doch''Ich verstehe Sie nicht, Sire; erklaren Sie Sich. Kann ich unglucklich genug sein etwas zu wunschen, das Ihnen unangenehm ist?'

'Ungutige Alabanda! wurde ich wohl einen Augenblick anstehen, die ganze Welt zu Ihren Fussen zu legen, wenn ich Herr davon ware?'

'Vergeben Sie meiner Zartlichkeit den Anfang eines schuchternen Zweifels', ruft die Dame mit einer liebkosenden Stimme, und mit einem von diesen Zauberblicken, deren Wirkung ein Liebhaber in allen Atomen seines Wesens fuhlt, indem sie ihre schonen Hande sanft auf seine Schultern druckt.

Der Sultan wir wollen ihn, mit Ihrer Majestat Erlaubnis, so tapfer sein lassen als nur immer moglich ist macht eine Bewegung, als ob er sich ihren Liebkosungen, aus einem Gefuhl sie nicht zu verdienen, entziehen wolle, sieht sie unschlussig an, und arbeitet mit einiger Verlegenheit endlich ein zweites Aber heraus 'Aber, meine Schonste, wie viel meinen Sie wird die Ausfuhrung dieses Entwurfs kosten?'

'Eine Kleinigkeit, Sire; zwei oder hochstens drei Millionen Unzen Silbers.'19

'Man versichert mich, dass die Ausfuhrung des geringsten Plans ungleich hoher zu stehen kommen wurde; und ich gestehe Ihnen, dass verschiedene dringende Bedurfnisse meiner Provinzen'

'Dringende Bedurfnisse?' ruft die Dame in einem traurigen und erstaunten Tone. 'Ist's moglich, dass jemand so ubel gesinnt sein kann, die Ruhe meines geliebten Sultans mit so ungetreuen Berichten zu vergiften? Alle Provinzen Ihres grossen Reiches sind glucklich, und haben keinen andern Wunsch als ewig von dem besten der Konige beherrschet zu bleiben. Und gesetzt der Staat hatte ausserordentliche Bedurfnisse; konnen Sie zweifeln, dass Ihre Schatzkammer nicht reich genug sei, sie zu bestreiten, ohne dass man vonnoten habe, an einer kleinen Summe zu sparen, die zum Vergnugen Ihrer Majestat und zur Verschonerung der Hauptstadt Ihres Reichs angewendet werden soll?'

'Aber, liebste Alabanda, wie viele Tausende konnte ich mit dieser Kleinigkeit, wenn Sie ja etliche Millionen eine Kleinigkeit nennen wollen, glucklich machen?'

'Vergeben Sie mir, liebster Sultan aber ich kann mich kaum von meinem Erstaunen erholen. Es gibt, wie ich sehe, Leute, die sich kein Bedenken machen Ihre Gutigkeit zu missbrauchen. Wer kann Ihnen gesagt haben, dass ein Konig Millionen verschwenden musse, um mussige Bettler oder bettelhafte Mussigganger glucklich zu machen? Doch ich merke wohl was unter der Decke liegt: nicht die Unkosten, nur die Verwendung derselben ist gewissen Leuten anstossig. Es mag sein! Wir wollen das Amphitheater fahren lassen. Ein schones Stift fur ein paar hundert blaue Bonzen'

'Wir wollen gar nicht bauen, Alabanda!'

'Ich bin sehr unglucklich, heute nichts sagen zu konnen, das den Beifall Ihrer Majestat zu erhalten wurdig ware.'

'Wie reizbar Sie sind, Alabanda!'

'Nicht reizbar, aber geruhrt, da mir auf einmal ein trauriges Licht aufgeht. Ach Azor! wozu diese Verstellung? wozu diese Umschweife? Warum entdecken Sie mir nicht lieber auf einmal mein ganzes Ungluck?'

'Sie setzen mich in Erstaunen, Alabanda: wo nehmen Sie diese Einfalle her, meine Schonste?'

'Wie kalt! War es Ihnen moglich so wenig bei der Angst, die Sie in meinen Augen lesen, zu empfinden, wenn meine Besorgnisse nicht allzu wohl gegrundet waren? Ach Azor!' (Hier lasst sie sich in eine trostlose Lage auf den Sofa fallen.) 'Ach! ich bin das elendeste unter allen Geschopfen! Ich habe Ihr Herz verloren. Eine andre glucklichere' hier verliert sich ihre Stimme, Tranen rollen aus ihren schmachtenden Augen, ihr schoner Busen atmet schwer und pocht in verdoppelten Schlagen. Der besturzte, geruhrte, allzu schwache Azor vergisst auf einmal alle Vorstellungen und Berechnungen seines Freundes; er sieht nichts als seine Alabanda in Tranen. Er eilt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Welche Vorstellungen, welche Berechnungen sollten gegen diese Blicke, diese Tranen, diesen Busen aushalten konnen? Er wirft sich zu ihren Fussen, sagt und tut alles was ein schwarmender Liebhaber sagen und tun kann, um eine zweifelnde Geliebte zu beruhigen. Nun sind nicht nur sechs, sechshundert Millionen sind itzt eine Kleinigkeit in seinen Augen kurz, die angenehmste Aussohnung erfolgt (nach keiner langern Weigerung, als die Dame notig glaubt um den Wert davon zu erhohen) auf diesen kleinen Sturm; Alabanda befestiget sich in dem Herzen des zartlichen Sultans; das Amphitheater wird gebaut, und der arme Freund (nach einer eben so langen Weigerung auf Seiten seines koniglichen Freundes) wie billig aufgeopfert, um die Tranen zu rachen, welche durch seine Schuld die schonsten Augen der Welt trube gemacht haben."

"Was sagen Sie zu diesem neuen Talent unsers Freundes Danischmend?" fragte Schach-Gebal die schone Nurmahal mit einem angenommenen Erstaunen. "In der Tat", erwiderte sie, "er hat keine unfeine Gabe, Komodien aus dem Stegreife zu spielen; und wenn mir erlaubt ware einen Vorschlag zu tun, so war es, ihn anstatt zum Oberaufseher uber die Derwischen, zum Oberaufseher uber die Schauspiele in Dely zu machen."

"Es kann beides sehr wohl mit einander gehen", erwiderte der Sultan: "man muss die Talente des Mannes nicht unbenutzt lassen; er mag es sich selbst beimessen, wenn man viel von ihm fodert. Aber in ganzem Ernste, Danischmend, die Erzahlung von den Ausschweifungen, wozu die Prinzessin Alabanda euern armen Azor verleitete, hat mich auf einen Gedanken gebracht, der, wie ich hoffe, den Beifall deiner Philosophie erhalten wird. Mir fiel ein, dass ich meinen Untertanen ein betrachtliches Geschenk machen konnte, wenn ich drei oder vier meiner entbehrlichsten Lustschlosser niederreissen, und die ungeheuern Garten, Lustwalder und Jagdbezirke, die dazu gehoren, zum Anbauen unter sie austeilen liesse."

"Sire", sagte Danischmend mit lachenden Augen (denn er hatte bei aller seiner Philosophie zu viel Lebensart, um dem Trieb zum Lachen, der ihn anwandelte, freien Lauf zu lassen), "der blosse Gedanke wurde dem Herzen Ihrer Majestat unendlich viel Ehre machen, wenn er auch unausgefuhrt bliebe; welches"

"Nein, nein", fiel ihm der Sultan ins Wort, "das soll er nicht! Er soll ausgefuhrt werden; denn was nutzt ein Gedanke, der eine blosse Spekulation bleibt? Ich bekummere mich wenig darum, ob er mir viel oder wenig Ehre macht: aber ich liebe meine Untertanen; ich stelle mir die Freude vor, die ich einigen tausend Haushaltungen dadurch machen konnte, und, ich bekenne euch meine Schwachheit aufrichtig, ich kann dieser Vorstellung nicht widerstehen."

"Liebenswurdige Schwachheit!" rief die schone Nurmahal, indem sie eine von den Handen Seiner Majestat an ihre Lippen druckte.

"Die Frage ist nur", fuhr der Sultan fort, "welche von den vielen, aus denen ich wahlen kann, aufgeopfert werden sollen? In der Tat ist keines, das nicht seine eigenen Schonheiten hat. Doch, das werden wir heute nicht ausmachen. Gute Nacht, meine Kinder! Danischmend, die erste Komodie, die in meiner Gegenwart aufgefuhrt wird, soll von deiner Erfindung sein!"

Der junge Mirza, welcher den Auftrag hatte, sich morgen mit Anbruch des Tages bereit zu halten, um den Sultan auf seiner geheimen Reise zu begleiten, brachte diese Nacht bei einer kleinen Matresse zu, die er in einem sehr artigen kleinen Hause in einer von den Vorstadten von Dely unterhielt. Hier wurde ihm die Zeit so kurz, dass er erst einzuschlafen anfing, als er wieder hatte erwachen sollen. Kurz, er vergass den Auftrag des Sultans so ganzlich, als ob niemals die Rede davon gewesen ware; und es war glucklich fur ihn, dass sich der Sultan eben so wenig daran erinnerte. In der Tat pflegte Se. Hoheit so viele Einfalle dieser Art zu haben, dass es lacherlich gewesen ware, Ernst daraus machen zu wollen. Gleichwohl wurde der letzte Einfall, mit dem er einschlief, Folgen gehabt haben, wenn Schach-Gebal mit sich selbst und mit seinen geheimen Ratgebern hatte einig werden konnen, auf welche von seinen Lustschlossern das Verdammungsurteil fallen sollte. Man sprach so lange von der Sache, bis man endlich nichts mehr zu sagen hatte, und da horte man auf davon zu sprechen. Alles blieb wie zuvor; Schach-Gebal hatte nichts desto weniger das Vergnugen, seinem Herzen mit der grossmutigen Freigebigkeit Ehre zu machen, die er in Gedanken ausgeubt hatte.

10.

"Die erfindsame Phantasie und die verschwenderische Gemutsart der schonen Alabanda" (fuhr Nurmahal fort) "wurde allein schon hinlanglich gewesen sein, die Einkunfte des scheschianischen Reiches, so hoch sie sich auch beliefen, zu erschopfen. Aber die obersten Staatsbedienten, die Finanzaufseher, und das ganze zahlreiche Geschlecht der Gunstlinge (denn jeder Gunstling hat wieder die seinigen) verschlangen zur namlichen Zeit so betrachtliche Summen, dass selbst die Verdoppelung der ehmaligen Abgaben (welche von den Zeiten des Krieges her, gegen das konigliche Wort, noch immer fortdauerte) zu Bestreitung eines so ungeheuern Aufwandes unzulanglich war. Man sah sich also gezwungen, unter allerlei Vorwand alle Jahre neue Auflagen zu machen. Und da die Regierung um nichts weniger besorgt war, als den arbeitsamen und nutzlichen, das ist, den armen Teil der Nation, der dadurch am meisten gedruckt wurde, durch die notige Aufmunterung und Unterstutzung in den Stand zu setzen, so viel von seinem Erwerbe abzugeben: so mussten die Folgen einer so unweisen Staatswirtschaft in wenigen Jahren merklich genug sein, um jeden, der nur einiger Massen das Ganze zu ubersehen fahig war, mit schwermutigen Ahnungen von dem nahen Untergange des Staates zu erfullen.

Was diejenigen, denen das gemeine Wohl zu Herzen ging, am empfindlichsten beleidigte, war die Gleichgultigkeit des Hofes bei solchen Zufallen, wodurch ganze Provinzen, in den klaglichsten Notstand gesetzt wurden. In einigen richtete, zum Exempel, das Austreten gewisser Flusse von Zeit zu Zeit die schrecklichsten Verwustungen an. In andern hatte der Misswachs, aus Mangel gehoriger Vorsorge und Polizei, Hunger und Seuchen veranlasst, wodurch ganze Gegenden zum Grabe ihrer elenden Bewohner wurden. Die Halfte der Unkosten, welche man wahrend dieser offentlichen Not auf die gewohnlichen und auf ausserordentliche Hoflustbarkeiten verwendete, ware hinlanglich gewesen, allem diesem Elende zuvorzukommen;20 einem Elende, dessen blossen Anblick die verzartelten Sinne und die wollustige Einbildungskraft des Sultans und seiner Gebieterin nicht eine Minute lang zu ertragen fahig gewesen waren. Aber weder Azor noch Alabanda wussten, dass diese hunderttausend Unzen Silbers, die an einem einzigen Feste in mutwilliger Uppigkeit verschwendet wurden, den Wert des Brotes ausmachten, welches an eben diesem Tage zweimal hunderttausend Familien hatte sattigen sollen, wenn es nicht mit einer unmenschlichen Hartherzigkeit diesen von Arbeit, Kummer und Durftigkeit entkrafteten Menschen, und ihren vor Hunger weinenden Kindern, aus dem Munde gerissen worden ware, um von demjenigen, der sich ihren allgemeinen Vater nennen liess, in Sardanapalischen Gastmalern verzehrt, und unter die Genossen und Werkzeuge seiner tyrannischen Ausschweifungen verteilt zu werden."

"Dies ist ein so abscheulicher Gedanke", rief Schach-Gebal, "dass ich lieber heute noch in die Kutte eines Derwischen kriechen, oder, wie ein gewisser Konig, sieben Jahre lang ein Ochse sein und Gras fressen, als langer Sultan bleiben wollte, wenn ich Ursache hatte zu glauben, dass ich mich in diesem Falle befinden konnte."

Nach einer so nachdrucksvollen Erklarung wurde es nicht nur sehr unhoflich, sondern wirklich grausam gewesen sein, dem guten Sultan zu entdecken, dass er sich schon oft in diesem Falle befunden habe. Man versicherte ihn also einhellig des Gegenteils, mit dem gebuhrenden Dank fur diese abermalige Probe seiner Menschlichkeit, und Nurmahal fuhr fort.

"Der gute Konig Azor war weit entfernt, den elenden Zustand seiner Provinzen auch nur von ferne zu argwohnen. Seine Visire hatten die sorgfaltigsten Massregeln genommen, dass die Klagen des Volkes nicht zu seinen Ohren dringen konnten. Er sah sich von lauter glucklichen oder glucklich scheinenden Leuten umgeben. Seine Hauptstadt stellte einen Inbegriff der Pracht und der Reichtumer der ganzen Welt, die umliegenden Gegenden ein Land der Bezauberungen, und selbst die Hutten des Landvolkes das Bild des Uberflusses und der Freude dar. Strome von Gold und Silber flossen aus allen Provinzen seines Reichs der Hauptstadt zu; aber, anstatt in tausend schlangelnden Bachen wieder zuruckzukehren, und durch einen regelmassigen Umlauf alle Gliedmassen des grossen Staatskorpers in lebhafter Munterkeit zu erhalten, verloren sie sich dort in einer unzahligen Menge kleiner durch einander laufender Kanale, oder sturzten sich in bodenlose Schlunde, oder verdunsteten in die Luft. Der grosste Teil von dem, was ehmals der Reichtum der Nation gewesen war, zirkulierte itzt unter einer kleinen Anzahl, bei welcher es so schnell im Kreise herum getrieben wurde, so oft und auf so mannigfaltige Art seine Form andern musste, dass die Masse selbst durch eine unmerkliche Abnahme sich zuletzt auf eine sehr merkliche Weise vermindert befand. Aber lange zuvor, ehe man sich entschliessen konnte es gewahr zu werden, fiel der schlechte Zustand des Reichs einem jeden in die Augen, welcher Gelegenheit hatte es von einem Ende zum andern zu durchreisen. Die Grosse des Elendes der Provinzen verhielt sich wie ihre Entfernung von der Hauptstadt. Hunger und Nacktheit nahm mit jeder Tagreise zu; mit jedem neuen Morgen zeigte sich das Land schlechter angebaut, weniger bevolkert, weniger gesittet, und mehr mit Zeichen des Mangels und der Unterdruckung angefullt; bis man endlich nichts als ungeheure Wusten vor sich sah, von welchen der Sultan keinen andern Vorteil bezog, als die Hoffnung, einen auswartigen Feind durch ihren blossen Anblick abzuschrecken, oder ihn wenigstens unfehlbar durch Hunger aufzureiben, eh es ihm moglich ware ins Innere des Reichs einzudringen.

Um das Ungluck von Scheschian vollstandig zu machen, spielten die abgottischen Priester dieses Landes zu Azors Zeiten eine Art von tragikomischem Possenspiele, welches einen ausserst nachteiligen Einfluss auf den Geist, die Sitten und die ausserlichen Umstande der Nation hatte."

Bei diesen Worten wachte die Aufmerksamkeit des Sultans, welche beinahe eingeschlummert war, auf einmal auf; er stutzte sich auf den linken Arm, und sah der schonen Nurmahal mit allen Zeichen der ungeduldigen Erwartung ins Gesicht.

"Ihre Hoheit werden Sich nicht betrogen finden", sagte die Dame, "wenn Sie Begebenheiten erwarten, welche auch dann noch uberraschen, wenn man sich auf das Ausserordentlichste gefasst gemacht hat."

"Ich erwarte nichts andres", sagte der Sultan: "und eben deswegen bin ich so begierig mehr davon zu wissen, dass ich voraus sehe, Eure Erzahlung wird mich diesmal um den Schlaf bringen, den sie mir befordern sollte. Ich habe die blauen Bonzen nicht uberhort, deren die Dame Alabanda in ihrer Unterredung mit dem guten Manne Azor erwahnte. Ich wollte Danischmenden nicht aus dem Zusammenhange bringen; aber itzt, da Ihr selbst auf diesen Gegenstand kommt, hoffe ich genauer mit diesen wackern Leuten bekannt zu werden."

"Das einzige warum ich Ihre Hoheit vorher bitten muss", versetzte Nurmahal, "ist, dass es mir erlaubt werde, mein Amt bei dieser Erzahlung an Danischmenden zu uberlassen, welchen die Starke, die er in diesem Teile der alten Geschichte besitzt, fahig macht, Ihre Neubegierde auf die vollkommenste Weise zu befriedigen."

"Von Herzen gern", sagte der Sultan: "und, was noch mehr ist, er soll die Erlaubnis haben, so umstandlich zu sein als es ihm beliebt; denn ich erwarte Begebenheiten, wovon auch die kleinsten Zuge einem denkenden Kopfe nicht gleichgultig sind."

Danischmend hatte keine Ursachen anzufuhren, welche hinlanglich gewesen waren, die Ablehnung dieses Auftrags zu rechtfertigen. Er unterzog sich also demselben mit guter Art, und, nach einer kleinen Pause, fing er seine Erzahlung folgender Massen an.

"Wiewohl, nach meinem Begriffe, die schlechteste Regierungsform und die schlechteste Religion immer besser ist als gar keine: so gestehe ich doch so willig als irgend jemand, dass eine Nation, wie gross auch ihre Vorteile in andern Stucken sein mochten, unmoglich zu einem gewissen Grade von Vollkommenheit sich erheben konne, wenn sie das Ungluck hat, einer ungereimten Verfassung oder einer unvernunftigen Religion unterworfen zu sein. Das letzte war der Fall, worin sich die Einwohner von Scheschian seit undenklichen Zeiten befanden. Die Verblendung dieses Volkes uber eine Sache von solcher Wichtigkeit wurde allen Glauben ubersteigen, wenn uns die Geschichte der Welt, in altern und neuern Zeiten, nicht so viele abgottische Volker bekannt machte, welche sich eben so handgreiflich haben hintergehen lassen als die Scheschianer. Die alten Agypter stellen uns hierin ein Beispiel dar, welches alle andere uberflussig macht. Das Erstaunen bindet uns die Zunge, und die Gedanken stehen still, wenn wir horen, dass ein so weises Volk fahig war, Affen, Katzen, Kalbern, Krokodillen und Meerzwiebeln, mit allen Verzuckungen einer fanatischen Ehrfurcht, als gottlichen Wesen, oder wenigstens als sichtbaren Bildern gottlicher Wesen, zu begegnen.21 Ich weiss nicht, ob etwas demutigender fur die Menschheit sein kann, als die Gewissheit worin wir sind, dass nichts so Unsinniges und Lacherliches ertraumt werden kann, welches nicht zu irgend einer Zeit oder auf irgend einem Teile des Erdenrundes von einer betrachtlichen Anzahl von Menschen fur wahr, ernsthaft und ehrwurdig ware angesehen worden. Das schlimmste ist, dass wir selbst, bei aller Verachtung, womit wir fremde Torheiten anzusehen gewohnt sind, grosse Ursache haben zu glauben, dass wir an ihrem Platze nicht weiser gewesen sein wurden. Erziehung, Beispiel, Gewohnheit und Nationalstolz wurden sich bei uns so gut als bei jenen vereiniget haben, unsre Vernunft zu fesseln, und dasjenige was wir itzt, mit so gutem Grunde, Unsinn nennen, zum Gegenstand unsrer warmsten Verehrung zu erheben. Gleich den Agyptern wurden wir das Unvermogen, uns irgend einen gesunden Begriff davon zu machen, ein heiliges Dunkel genannt haben, in welches sterblichen Augen nicht erlaubt sei einzudringen.22 Kurz, in den Zeiten der alten Beherrscher des Nils, zu Memphis oder Pelusium geboren, wurden wir, gern oder ungern, Katzen, Krokodille und Meerzwiebeln angebetet haben so gut als jene; und dies zu eben der Zeit, da uns nichts so widersinnig gedeucht hatte, als einen Mohren, in demutsvoller Stellung und mit allen Zeichen eines andachtigen Vertrauens in seinen Gesichtsmuskeln, einen Elefantenzahn oder das Horn eines Ziegenbocks in seiner Not anrufen zu sehen.23

Dieser kleine Eingang, Sire, hat mir notig geschienen, unser Urteil uber den Aberglauben der Scheschianer zu mildern, und, in Betrachtung der Schwachheiten der menschlichen Natur, uns zu einer Nachsicht zu vermogen, ohne welche wenige Erdbewohner ihren Anspruch auf den Titel vernunftiger Wesen behaupten konnten."

"Herr Danischmend", sagte der Sultan, "was geschehen ist, ist geschehen; wir wollen es dabei bewenden lassen; wiewohl ihr euch, alles wohl uberlegt, diese Dissertation hattet ersparen konnen. Denn am Ende haben wir doch nichts weiter daraus gelernt, als dass alle Kopfe unter dem Monde zu Zeiten ein wenig mondsuchtig sind, und dass keine Krahe der andern die Augen aushacken soll, wie Konig Dagobert sagte. Also nichts mehr hiervon, und zur Sache!"

Diesem Befehl zu Folge fuhr der Doktor also fort

Der Herausgeber an die Leser

Lucken, geneigte Leser, sind in allen Arten der menschlichen Kenntnisse, besonders in GeschichtsErzahlungen, eine allzu gewohnliche Sache, als dass es euch befremden sollte, hier in der Erzahlung des so genannten Philosophen Danischmend eine Lucke, und zwar, wie wir nicht bergen, eine betrachtliche Lucke zu finden.

Diese Lucke ist nicht etwann von der Art derjenigen, welche von den Gelehrten Hiatus in Manuscriptis genannt zu werden pflegen. Die Handschrift, aus welcher wir die Geschichte von Scheschian gezogen haben, liegt vollstandig vor uns, und es kam bloss auf uns an, ob wir sie so vollstandig, als der lateinische Ubersetzer sie geliefert, mitteilen wollten oder nicht.

Vielleicht betrugen wir die Neugierde vieler Leser gerade da, wo sie am wenigsten geneigt sind, es uns zu vergeben. Und wirklich hatten wir kein Bedenken tragen sollen, die Geschichte der Religion des alten Scheschians, und der Veranderungen welche sich unter einigen Konigen mit ihr zugetragen, der Welt ohne Lucken vorzulegen, wenn uns das Beispiel des lateinischen Ubersetzers, und die Grunde, womit er sein Verfahren beschonigt hat, hinlanglich geschienen hatten, die Nachfolge desselben zu rechtfertigen.

Er behauptete namlich: Die weisesten Manner waren von jeher der Meinung gewesen, dass es einer von den wichtigsten Diensten, welche man der wahren Religion leisten konne, sei, wenn man dem Aberglauben und der Tartufferei (ihren schadlichsten Feinden, weil sie die Maske ihrer Freunde tragen) diese Maske abziehe, und sie in ihrer naturlichen Ungestalt darstelle. Bloss aus diesem Grunde hatten gelehrte und ehrwurdige Schriftsteller aus den altern Zeiten des Christentums, ein Laktantius, ein Arnobius, ein Augustinus und andere, sich eine ernstliche Angelegenheit daraus gemacht, die Ausschweifungen und Betrugereien der heidnischen Priesterschaft (sogar nicht ohne Gefahr durch Bekanntmachung der argerlichsten Greuel schwachen Gemutern anstossig, zu werden) an das helleste Licht hervor zu ziehen. Sie hatten diese Gefahr als ein kleines, zufalliges und ungewisses Ubel angesehen, welches gegen den grossen Nutzen, den sie der Gottseligkeit und der Tugend von jener Entlarvung der religiosen Betrugerei versprochen, in keine Betrachtung komme. Es ist wahr (setzt er hinzu), Leser, welche mehr Witz als Unterscheidungskraft besitzen, konnten Ahnlichkeiten, und boshafte Leute Anspielungen zu finden glauben, wo keine sind; aber, wenn uns diese Besorgnis aufhalten sollte, welche Geschichte wurde man schreiben durfen? Eine jede wohl geschriebene Geschichte kann, in einem gewissen Sinne, als eine Satire betrachtet werden; und ich fordere den weisesten und unschuldigsten unter allen Sterblichen heraus, uns ein aufrichtiges Gemalde der Gesetze, Sitten, Meinungen und Gebrauche, von welchem Lande in der Welt er will, und sollte es Kappadocia, Pontus, oder Mysia sein, zu liefern, welches nicht voller Anspielungen zu sein scheinen sollte.

Diese und andre Grunde des lateinischen Ubersetzers hatten uns vielleicht zu einer andern Zeit uberzeugen, und bewegen konnen seinem Beispiele zu folgen. Aber in den Tagen, worin wir leben, kann die Behutsamkeit in Dingen dieser Art kaum zu weit getrieben werden. Der kleinste Anlass, den wir wissentlich dem Leichtsinn und Mutwillen unsrer Zeiten gegeben hatten, durch die schalkhaften Wendungen, die auch der mittelmassigste Witz in seiner Gewalt hat, unsrer Erzahlung einen unechten Sinn anzudichten, wurde in unsern Augen alle guten Eindrucke uberwiegen, welche wir uns, ohne ubertriebene Erwartungen zu hegen, von dieser Geschichte der Konige in Scheschian versprechen. Nichts ist in unsern Tagen uberflussiger als Feldzuge gegen Aberglauben und Tartufferei. Es sind Zeiten gewesen (kein Vernunftiger wird es leugnen), wo man sich durch Kampfe mit diesen Feinden der Religion und der burgerlichen Gesellschaft Verdienste machen konnte. Aber sie sind nicht mehr. Andre, in ihren Folgen ungleich mehr verderbliche Ausschweifungen, Geringschatzung der Religion und Ruchlosigkeit, gewinnen unvermerkt immer mehr Grund; die ehrwurdige Grundfeste der Ordnung und der Ruhe der menschlichen Gesellschaft wird untergraben, und unter dem Verwande, einem Ubel, welches grossten Teils eingebildet ist, zu steuern, arbeitet der zugellose Witz, in den Mantel der Philosophie eingehullt, der menschlichen Natur ihre beste Stutze, und der Tugend ihre wirksamste Triebfeder zu entziehen. In einem solchen Zeitpunkte konnen diejenigen, welche es mit der Menschheit wohl meinen, nicht zu vorsichtig sein; und bloss aus dieser Betrachtung haben wir geglaubt, der Welt einen grossern Dienst durch die Unterdruckung der besondern Umstande der Religionsgeschichte von Scheschian als durch die Mitteilung derselben zu erweisen.

Damit aber gleichwohl der Zusammenhang des Ganzen nichts dadurch verliere, haben wir fur notig gehalten, dem Leser einen Auszug aus der Erzahlung des Philosophen Danischmend mitzuteilen, welcher ihn in den Stand setzen moge, von dem schlechten Zustande der alten scheschianischen Verfassung uber diesen Punkt, von den Verdiensten, welche sich der Sultan Ogulum sie erworben, und von dem Zwiespalt, der das Reich zu Azors Zeiten erschutterte, sich wenigstens einen allgemeinen Begriff zu machen. "Nach dem Beispiele der Agypter und andrer abgottischen Volker, verehrten die Scheschianer einen Affen, als den besondern Schutzgott ihrer Nation; und, wie alle asiatischen Lander, wimmelte Scheschian von Bonzen, deren hauptsachlichste Beschaftigung war, das verblendete Volk in der grobsten Verfinsterung des naturlichen Lichtes, und in einem ihnen allein nutzlichen Aberglauben zu unterhalten. Unter den verschiedenen Gattungen derselben, welche Danischmend schildert, begnugen wir uns, nur zweier zu erwahnen, deren Institut uns Europaern unglaublich scheinen musste, wenn wir nicht aus der Sammlung der so genannten Lettres edifiantes, und aus der Kompilation des P. Du Halde benachrichtiget waren, dass sich wenigstens von der einen Gattung noch heutiges Tages eine zahlreiche Nachkommenschaft in der Tatarei und in Sina erhalten hat. Die ersten, sagt Danischmend, nannten sich Ya-faou, oder Nachahmer des Affen, und unterschieden sich von den ubrigen Bonzen durch eine scheinbare Strenge, ein unreinliches Aussehen, eine grosse Fertigkeit sich in Begeisterung zu setzen, und eine Unwissenheit, welche nahe an die tierische grenzte. Wenn man den Feinden dieser Yafaou glauben durfte, so war kein Laster, welches sie unter dem Mantel von Sackleinwand, womit sie ihre Blosse deckten, nicht ungestraft ausgeubt haben sollten. Man beschuldigte sie der Betrugerei, der Rankesucht, der Unmassigkeit, und einer ungezahmten Lusternheit nach dem Eigentume der Scheschianer; Untugenden, welche sie, wie man sagte, unter einer Maske von Einfalt, Redlichkeit, und Verachtung der irdischen Dinge kunstlich zu verbergen wussten. Sie nahren, sagte man, unter dem Scheine der tiefsten Demut den unausstehlichsten Stolz; sie sind rachgierig und grausam bei dem Ansehen einer unuberwindlichen Sanftmut, und allgemeine Feinde der Menschen mit der Miene der Unschuld und Gutherzigkeit. "Diese Beschuldigungen sind zu hart" (fahrt Danischmend fort), "als dass es billig ware ihnen einen unbedingten Glauben beizumessen. Aber dies ist unleugbar, dass die Unnutzlichkeit der Ya-faou der geringste Vorwurf war, der ihnen gemacht werden konnte. Sie hatten allem, was man Vernunft, Wissenschaft, Witz, Geschmack und Verfeinerung nennt, einen unversohnlichen Krieg angekundiget; und ihren unermudeten Bemuhungen war es vornehmlich zuzuschreiben, dass Scheschian in so vielen Jahrhunderten nicht die mindeste Bestrebung zeigte, sich aus dem Wust einer die Menschheit entehrenden Barbarei empor zu arbeiten. In Betrachtung der nachteiligen Folgen einer solchen Tatigkeit, hatte man Ursache gehabt, sich ihnen noch verbunden zu achten, wenn sie sich hatten begnugen wollen, ganz und gar mussig zu sein. Gleichwohl war auch in diesem Falle die Last sie zu futtern keine Kleinigkeit. Denn man rechnete zu Sultan Azors Zeiten uber zwolfmal hunderttausend Ya-faou, und sie waren uberhaupt Leute von vortrefflichem Appetit. Es ist etwas Unbegreifliches, dass diese Nachahmer des Affen zu gleicher Zeit der Gegenstand der lebhaftesten Ehrfurcht und der offentlichsten Verachtung waren. Man trug sich mit einer unendlichen Menge lacherlicher Erzahlungen in Prose und Versen, worin man sich mit ihren Sitten und selbst mit ihrem Stande die grossten Freiheiten nahm; man sprach und schrieb und sang auf offentlicher Strasse von ihnen als von dem verworfensten Auskehricht des menschlichen Geschlechtes; man beschuldigte sie ungescheut aller Ubeltaten, wozu ihre herumschweifende Lebensart ihnen selbst Gelegenheit und ihren Feinden Vorwand gab. Kurz, derjenige wurde lacherlich geworden sein, der in guter Gesellschaft ihren Namen mit dem geringsten Zeichen von Achtung ausgesprochen hatte; und alles dies zu eben der Zeit, da noch eine Menge von Leuten den Staub fur heilig ansahen, in welchen ein Ya-faou seine Fusse gesetzt hatte; da das gemeine Volk sich mit sklavischer Folgsamkeit in allen seinen Geschaften von ihnen regieren liess, und viele nichts Angelegneres hatten, als dafur zu sorgen, dass alles, was von ihrem Vermogen nicht schon bei ihren Lebzeiten von diesen wurdigen Leuten aufgegessen worden war, ihnen wenigstens nach ihrem Tode nicht entgehen mochte.

Ich kann nicht umhin" (fahrt Danischmend fort) "'noch einer Gattung von privilegierten Mussiggangern zu erwahnen, deren Institut, so seltsam es auch beim ersten Anblicke scheint, aus einem gewissen Gesichtspunkt betrachtet, etwas Gemeinnutziges hatte, wodurch es sich uber die ubrigen Gattungen der Yafaou erhob. Man nannte sie scherzweise die Fruchtbringenden; allein sie selbst legten sich, wegen der Unabhanglichkeit, von welcher sie Profession machten, den stolzen Namen Kamfalu, Konige der Meinungen, bei. Ungeachtet ein altes Vorurteil ihnen einen Teil der Vorrechte und des Ansehens der Yafaou beilegte, so scheinen sie doch mehr eine Sekte von Freigeistern als wirkliche Bonzen gewesen zu sein, und in ihren Grundsatzen sowohl als in ihrer Lebensart vieles mit den Cynikern der alten Griechen, mit den Anhangern des Lao-Kiun in Sina, und mit unsern Kalendern gemein gehabt zu haben. Sie lebten zwar auch auf Unkosten des Volkes wie die Ya-faou; aber sie bezahlten gleichsam dafur mit einer Menge kleiner Talente, wodurch sie sich angenehm und beinahe unentbehrlich zu machen wussten. Sie belustigten die Grossen mit ihrem Witze, und sich selbst mit der Leichtglaubigkeit des Volkes. Die Freiheit, die ihnen ihr Orden gab uber alles zu spotten, und ein unerschopflicher Vorrat von mutwilligen Erzahlungen und Anekdoten verschaffte ihnen Zutritt in der schonen Welt; und so gross ist die Macht eines eingewurzelten Vorurteils, dass der Morgenbesuch eines Kamfalu bei einer schonen Frau als eine Sache die nichts zu bedeuten habe angesehen wurde. Aber die Kamfalu kannten den Wert ihrer Vorrechte zu gut, um sich allein auf die vornehme Welt einzuschranken: und wenn sie sich bei der Dame beliebt machten, indem sie ihrem Schosshunde liebkoseten und uber ihre Nebenbuhlerin lasterten; so schmeichelten sie sich der jungen Baurin durch ein sympathetisches Mittel, sich der Treue ihres Mannes zu versichern, ein, oder indem sie ihr aus der Hand weissagten, dass sie funf- oder sechsmal Witwe zu werden Hoffnung habe. Sie waren im Besitz von einer Menge bewahrter Hausmittel gegen alle Zufalle, welche Menschen und Vieh zustossen konnen; sie schlichteten die kleinen Streitigkeiten zwischen Eheleuten, Verwandten und Nachbarn; und es gab wenig Heiraten unter dem Volke, die nicht ein Kamfalu gestiftet hatte. Eine von den Regeln ihres Ordens, die keine Ausnahme zuliess, war, kein Mitglied in denselben aufzunehmen, welches sich nicht durch eine fechtermassige Gestalt und eine bluhende Gesundheit zu dieser Ehre legitimieren konnte. Aber was ihnen am meisten Ansehen und Vorteile verschaffte, war der Ruf, ein besonderes Geheimnis wider die Unfruchtbarkeit zu besitzen. Man versichert, dass in den Zeiten, da die aufs hochste gestiegenen Ausschweifungen ihre schadlichen Folgen zum Nachteil der Bevolkerung am starksten geaussert, die edelsten Geschlechter von Scheschian die Erhaltung ihres Stammes lediglich dem geheimen Mittel der Kamfalu zu danken gehabt hatten. Ein Verdienst, wodurch sie, nach dem Urteile der Staatskundigen, sich ein so starkes Recht an die offentliche Dankbarkeit erwarben, dass selbst der grosse Sultan Tifan, da er alle Arten von herum schweifenden Bonzen ganzlich aufhob, die einzigen Fruchtbringenden, als Leute die dem Staate wichtige Dienste geleistet hatten, bei ihrem alten Vorrecht erhielt, auf Kosten ihrer freiwilligen Wohltater mussig zu gehen."

"Ich finde", sagte Schach-Gebal, "diese Achtung des Sultans Tifan fur die Verdienste der Fruchtbringenden um so lobenswurdiger, da ich versichert bin, dass die Erben, womit der Adel von Scheschian durch ihre Vermittelung versehen wurde, starkere Sennen und frischeres Blut in die Familien brachten, und also tuchtig wurden, die Stammvater einer markigern Nachkommenschaft zu werden. Indessen sollte nichts wundern, wenn die Ya-faou nicht aus dem namlichen Grunde einiges Recht an die Nachsicht des Konigs Tifan gehabt hatten."

"Sire", versetzte Danischmend, "das herbe und abschreckende Aussehen, welches diese letztern sich gaben, scheint ihnen grossten Teils die Gelegenheit, sich um die hohern Klassen des Staats verdient zu machen, abgeschnitten zu haben. Vermutlich fehlte es ihnen an gutem Willen nicht; aber da sie aus der feinen Welt ganzlich ausgeschlossen waren, sahen sie sich genotiget, ihn bei den geringern Klassen gelten zu machen, wo ihr Beistand, wenigstens in Rucksicht auf den Staat, ganzlich in Verlust ging, folglich nichts Verdienstliches haben konnte."

Nachdem Danischmend von den verschiedenen Gattungen und Arten der scheschianischen Bonzen, von ihren Grundsatzen, von ihrem Gotzendienste, von ihrer vorgegebenen Zauberkunst, von dem Orakel der grossen Pagode, und besonders von den Mitteln, wodurch sie sich eine beinahe unumschrankte Gewalt uber die Kopfe und uber die Beutel der Scheschianer zu erwerben gewusst, umstandliche Nachricht gegeben; lasst er sich in eine weitlaufige, und fur jeden andern als den Sultan Gebal todlich langweilige Erzahlung gewisser Streitigkeiten ein, welche um sehr unerheblicher Dinge willen unter diesen Bonzen entstanden sein, und durch die unvorsichtige Teilnehmung des Hofes an denselben Gelegenheit gegeben haben sollen, dass die Nation sich in verschiedene Parteien zerspaltet, aus deren heftigem Zusammenstoss endlich einer der wutendsten Burgerkriege, wovon man jemals ein Beispiel gesehen, entstanden sei. Der ganzliche Untergang des Staates wurde unvermeidlich gewesen sein, wenn nicht glucklicher Weise fur dieses betorte Volk Ogul-Kan dazwischen gekommen, und durch seine Eroberung die tobenden Bonzen genotiget hatte ihrer Privathandel zu vergessen, um auf ihre gemeinschaftliche Erhaltung bedacht zu sein.

"Gut" (ruft hier Schach-Gebal aus), "hier erwartete ich meinen guten Bruder Ogul-Kan. Ich bin sehr begierig zu horen, was er zu den Streitigkeiten der scheschianischen Bonzenschaft gesagt haben mag. Denn bei aller Achtung, die ich fur seine ubrigen Verdienste hege, wird er mir nicht ubel nehmen, wenn ich mir ihn als einen sehr mittelmassigen Metaphysiker vorstelle."

"Sire" (versetzt Danischmend), "der blosse Menschenverstand, von welchem er sich in dieser Sache leiten liess, fuhrte ihn sicherer, als die subtilste Dialektik vielleicht hatte tun konnen. Die tatarische Horde, deren Anfuhrer er war, hatte von ihren Voreltern eine sehr einfaltige Religion geerbt. Sie kannten weder Tempel noch Priester. Sie verehrten einen unsichtbaren Herrn des Himmels, von welchem sie glaubten, dass er die guten Menschen liebe und die bosen nicht hasse, sondern besser mache. Sie hielten es fur unrecht ein Bild von ihm machen zu wollen. Denn (sagten sie in ihrer Einfalt) wenn man auch den grossen Berg Kantal selbst zu seinem Bilde aushauen wollte, so wurde dies dennoch nur eine sehr kindische Vorstellung von der Grosse eines Monarchen geben, der die Sonne in der einen Hand und den Mond in der andern halt. Diesem Begriffe zu Folge begnugten sie sich, in jedem Hause eine schwarze Tafel an der Wand hangen zu haben, worauf mit goldnen Buchstaben geschrieben stand: 'Ehre sei dem Herrn des Himmels!' Vor dieser Tafel pflegten sie taglich etwas Rauchwerk anzuzunden; sie baten dabei den Herrn des Himmels, dass er sie an Leib und Seele gesunderhalten mochte; und hierin bestand ihr ganzer Gottesdienst.24 Es war also nicht wohl anders moglich, als dass sie die Religion von Scheschian zugleich mit Verachtung und mit Abscheu ansehen mussten; und Ogul-Kan konnte mit allem seinem Ansehen nicht verhindern, dass nicht in der ersten Hitze eine grosse Anzahl von Pagoden zerstort worden ware. Dieser Prinz scheint zwar selbst kein Freund des Aberglaubens gewesen zu sein; aber er war ein zu vernunftiger Mann, um zu fodern, dass seine neuen Untertanen auf einmal eben so vernunftig sein sollten wie er. Er wusste, dass die Gewalt eines Monarchen sich nicht uber Gewissen und Einbildung erstreckt; er wusste auch, wie gefahrlich es ist, eine noch unbefestigte Regierung mit Unternehmungen gegen die eingefuhrte Religion anzufangen. Er bezeigte sich also sehr billig, ja sogar gunstig gegen die Priesterschaft von Scheschian; erklarte sich offentlich, dass er sie bei ihren Gerechtsamen und Vorteilen schutzen und nichts gegen ihre Religion unternehmen wolle; und hielt was er versprochen hatte.

Kaum fingen die Bonzen wieder an, der Ruhe zu geniessen, welche sie der Regierung dieses weisen und guten Konigs zu danken hatten: so erinnerten sie sich auch ihrer ehmaligen Streitigkeiten wieder; und auf einmal wurde wieder von allen Seiten zum Treffen geblasen. Aber hier horte die Gefalligkeit des Sultans Ogul auf. Er liess ein Edikt ausgehen, worin einem jeden erlaubt wurde, seine Meinung uber die Gegenstande des Streites mit Bescheidenheit bekannt zu machen; aber er verbot zugleich alle Bitterkeit, und alle Anzuglichkeit im Disputieren; und um seinem Verbot den gehorigen Nachdruck zu geben, setzte er die Strafe von zweihundert Streichen auf die Fusssohlen darauf, wenn sich jemand, wer es auch ware, gelusten liesse, einen andern seiner Meinungen wegen zu schimpfen oder zu verdammen. 'Meinungen uber Dinge, welche ihren Besitzer zu keinem schlimmern Manne machen, sind weder Staatssachen noch Verbrechen', sagte er: 'ich werde mich niemals damit abgeben, sie zu untersuchen, und noch weniger mich bereden lassen, sie zu bestrafen. Gedanken und Traume25 sollen in meinem Reiche frei sein; und man soll keinem Menschen verwehren, seinen Traum zu erzahlen, oder seine Meinung zu sagen, wenn er jemand findet der ihm zuhoren will. Das einzige Mittel, Grillen und Meinungen unschadlich zu machen, ist, wenn man ihnen Luft lasst. Lasst die Bonzen in Scheschian, so lange sie wollen, untersuchen, ob ihr grosser Affe ein Genius oder ein Orang-Outang gewesen, ob er zu Wasser oder zu Lande in Scheschian angekommen, oder ob er aus dem Schweif eines Kometen herab gefallen sei: so lange die Untersuchung eine Privatsache bleibt, und der Streit mit Bescheidenheit gefuhrt wird, kann die Ruhe des gemeinen Wesens nichts davon zu besorgen haben.'26 Aber Ogul-Kan durfte sich nur verleiten lassen, aus solchen Streitfragen eine Staatsangelegenheit zu machen, wenn in wenig Jahren das ganze Reich in Feuer stehen sollte.

"So dachte der weise Ogul" (fahrt Danischmend fort), "und verdient Ehrensaulen dafur, dass er so dachte. Aber diese Politik war nicht nach dem Geschmack der Bonzen. Sie liessen es darauf ankommen, ob er den Ubertretern des Gesetzes sein Versprechen halten wurde. Ogul hielt sein Versprechen punktlich. Ein Ya-faou, der die Meinungen eines gewissen Tulpan, welche vor der Eroberung viele Bewegungen verursacht hatten, offentlich mit grosser Heftigkeit bestritt, und die Anhanger derselben fur unwurdig erklarte von Sonne und Mond beschienen zu werden, empfing auf dem grossten Marktplatze der Stadt Scheschian die ganze Summe der zweihundert Prugel auf die Fusssohlen, ohne dass Einer daran fehlte; und da sein Geschrei und seine Aufhetzungen einen Aufruhr unter dem Pobel verursachten, liess Ogul-Kan die Schuldigen, an der Zahl zweitausend, von seiner tatarischen Leibwache umringen, und den funfzigsten Mann von ihnen, ohne Ansehen der Person, an die kahl gemachten Aste eines hohen Eichbaums aufhangen, der im aussersten Vorhofe der grossen Pagode stand. Diese Justizpflege war ein wenig tatarisch: aber sie brachte ein grosses Gut hervor; denn sie machte die Bonzen vertraglich. Das Volk schrie uber Tyrannei; Sultan Ogul kehrte sich nicht daran; und in kurzem erkannte die Nation mit Dankbarkeit, dass er sie durch eine wohl angebrachte Strenge von einem grossen Ubel befreiet hatte.

Von der Zeit an, da die Bonzen in ihren Streitschriften nicht mehr schimpfen, und durch geheime oder offentliche Beschuldigungen ihren Gegnern keinen Schaden mehr zufugen durften, verloren sie auch die Leidenschaft zum Grubeln und Streiten, wovon sie seit geraumer Zeit besessen gewesen waren. Sie fingen an gewahr zu werden, dass sie sich dadurch bei Vernunftigen nur lacherlich machten, und glaubten weiser zu handeln, wenn sie ihren Witz anwendeten, die Religion von Scheschian mit dem gesunden Menschenverstande ihrer neuen Gebieter auszusohnen. Diesem loblichen Vorsatze zu Folge geschah es, dass sie, indem sie sich bemuhten ihre Grundsatze in das vorteilhafteste Licht zu stellen, unvermerkt auf einen ziemlich einformigen Lehrbegriff gerieten, der den Tatarn immer einleuchtender wurde: und da die Kamfalu zu gleicher Zeit mit gutem Erfolg an der Bekehrung der tatarischen Schonen arbeiteten; so fand sich nach wenigen Jahren, dass die Eroberer (den Konig und einige seiner Vertrauten ausgenommen) die Religion des Landes angenommen hatten, ohne dass man recht sagen konnte, wie es zugegangen war. Aber es fand sich auch zugleich, dass die Wallfahrten nach der grossen Pagode merklich abnahmen. Es entstand aus der Vermischung des scheschianischen Aberglaubens mit dem groben tatarischen Menschenverstand eine Art von Mittelding, welches zwar keine neue Religion vorstellte, aber doch unvermerkt in dem Nationalgeiste, in den Vorurteilen, Gewohnheiten und Sitten von Scheschian eine Veranderung hervorbrachte, welche mit einigem Grund ein Schritt zur Verbesserung genannt werden konnte. Was vermutlich das meiste dazu betrug, war die Freiheit, sich auf die Wissenschaften und schonen Kunste zu legen, welche OgulKan allen seinen Untertanen erteilte. Denn vormals war dies, wie bei den Agyptern, ein ausschliessliches Vorrecht der Priesterschaft gewesen. In einem Zeitlaufe von vierzig bis funfzig Jahren wurden die graubartigen Bonzen gewahr, dass sie sich in einer neuen Welt befanden, welche nicht mehr so leicht zu behandeln war als die alte. Die Marchen, womit sie sonst die Fragen der Neugierigen gestillet hatten, wurden nicht mehr so befriedigend gefunden als ehmals. Die Untersuchungen uber den Grund dessen was die Menschen wahr nennen, uber die Natur, den Zweck und die wesentlichen Rechte der politischen Gesellschaft, und uber andre Dinge von dieser Wichtigkeit, welche immer haufiger angestellt wurden, hatten die Folge, dass vieles, was man fur wahr gehalten hatte, falsch befunden wurde. Und wenn man Gegenstanden, die vor einer aufgeklarten Vernunft keine Gnade finden konnten, noch immer einen Rest von Ehrerbietung bewies, so war sie derjenigen gleich, womit man ein altes Gemalde aus den Kinderjahren der Kunst anzusehen pflegt: man schatzt es, nicht weil es gut, sondern weil es alt ist.

Es war von den Bonzen nicht zu erwarten, dass sie eine so wichtige Veranderung mit Gleichgultigkeit ansehen sollten. Auch taten sie ihr Moglichstes, dem sichtbaren Schaden zu wehren, den die Ausbreitung der Vernunft und der Menschlichkeit ihnen selbst und ihren Pagoden zufugte. Aber da sie merkten, dass die letzten Anstrengungen ihrer Kunst nur den Triumph ihrer Gegnerin zu zieren dienten: so schmiegten sie sich endlich unter ihr Schicksal, und betrugen sich ungefahr so, wie eine handelnde Nation, welche sich genotiget sieht, gewisse Zweige von Gewerbe, wiewohl mit augenscheinlichem Verluste, bloss deswegen fortzufuhren, um nicht die Handlung selbst zu verlieren, und der Hoffnung entsagen zu mussen, durch irgend eine gunstige Wendung der Umstande sich vielleicht dereinst ihres Schadens wieder zu erholen.

Indessen war eine von den heilsamen Folgen dieser Revolution in dem Nationalgeiste von Scheschian, dass die Bonzen selbst sich angelegen sein liessen, an personlichen Verdiensten wieder zu gewinnen, was sie auf einer andern Seite verloren hatten." Danischmend fuhrt hiervon viel Besonderes an, unterlasst aber gleichwohl nicht, die Anmerkung zu machen: sie hatten bei allem dem nicht recht verbergen konnen, dass es ihnen lieber gewesen ware, der Notwendigkeit so viele Verdienste zu haben uberhoben zu sein. "Sie belauerten", sagt er, "mit der scharfsichtigsten Aufmerksamkeit jede Gelegenheit und jedes Mittel, ihren grossen Zweck mit wenigern Unkosten zu befordern; und glucklicher Weise fur sie spielte der leichtsinnige Mutwille, womit einige die Freiheit der damaligen Zeiten zu missbrauchen anfingen, ihnen Waffen in die Hande, welche sie, unter dem scheinbarsten Vorwande, gegen ihre unversohnlichen Feinde, Witz und Vernunft, gebrauchen konnten."27

Danischmend beginnt seine Erzahlung von diesem Aufstand der Bonzen gegen die Usurpation einer tyrannischen Philosophie mit einer allgemeinen Betrachtung, welche nicht so viel benutzt wird als sie es zu verdienen scheint. "Dasjenige", sagt er, "was in allen sittlichen Dingen die Grenzen des Schonen und des Hasslichen, des Guten und des Bosen, des Rechts und des Unrechts bestimmt, ist eine allzu feine Linie, als dass sie nicht alle Augenblicke von der Unwissenheit und dem Leichtsinn ubersehen, oder von den Leidenschaften ubersprungen werden sollte. Daher eine Quelle von Ubeln, welche man nicht verstopfen darf, auch wenn man es konnte, der haufige Missbrauch von Dingen, wovon der rechte Gebrauch der menschlichen Gesellschaft nutzlich ist, und welchem abzuhelfen man bisher noch keine andre Mittel erfunden hat, als solche, die dem Dienste gleichen, den der gutherzige Bar in der Fabel seinem Freunde, dem Eremiten, erweist, da er, um eine Fliege von der Nase seines schlafenden Freundes zu verjagen, einen Stein ergreift, und auf Einen Wurf die Fliege und den Eremiten totet.

Die Scheschianer geben uns hiervon ein merkwurdiges Beispiel. Sie waren unvermerkt kluger geworden als ihre Vorfahren. Ihre Begriffe von der wahren Beschaffenheit der Dinge, von ihrem Verhaltnis gegen die Menschen, und von dem sehr wesentlichen Unterschiede zwischen den Gegenstanden und den Vorstellungen, die man sich davon macht, klarten sich je langer je mehr auf. Die Vorteile dieser glucklichen Veranderung verbreiteten sich uber das ganze Reich, wiewohl sie nur von scharfsichtigen Beobachtern bemerkt wurden. Aber die Nachteile, die damit verbunden waren, wahrzunehmen, dazu reichte das Gesicht des blodesten Kopfes hin. So lange die Nation dumm war, konnte sie nicht missbrauchen was sie nicht hatte. Damals war die Quelle alles Ubels, dass sie ihre Vernunft gar nicht zu gebrauchen wusste. Jtzt, da die Scheschianer, wie junge Vogel, die Schwingen ihres Geistes zu versuchen anfingen, begegnete es oft, dass sie zu hoch fliegen wollten und fielen; oder dass sie sich unvorsichtig in Orter wagten, wo sie sich in verborgene Schlingen verwickelten. Kurz, diejenigen, die entweder wirklich mehr Witz hatten als andre, oder doch dafur angesehen sein wollten mehr zu haben, fuhlten nicht so bald die Freiheit, in welche Ogul-Kan ihre Vernunft gesetzt hatte, als sie schon anfingen sie haufig zu missbrauchen. Es war wohl bei den wenigsten so bose gemeint als es ihnen ausgelegt wurde. Wie leicht war es, in der hupfenden Freude, die einem Menschen naturlich ist, der nach einer langen Gefangenschaft wieder freie Luft atmet und sich seiner Fusse wieder nach eigenem Gefallen bedienen darf, wie leicht war es da, die vorerwahnte Linie zu uberhupfen, und vor lauter Freude nicht mehr dumm zu sein, ein wenig narrisch zu werden! Man hatte den Aberglauben als ein grosses Ubel kennen gelernt; man bildete sich ein, sich nicht weit genug davon verlaufen zu konnen, und verlief sich also in den entgegen gesetzten Abweg. Indessen war dies allerdings kein geringes Ubel, und verdiente die Aufmerksamkeit der Vorsteher des Staats um so mehr, da es von den hohern Klassen unvermerkt auch zu den niedrigern uberging."

Hier fiel der Sultan Danischmenden in die Rede. "Du beruhrst", sagte er, "einen Punkt, uber den ich schon lange gewunscht habe etwas Gewisses bei mir selbst festsetzen zu konnen. Es ist, wie du wohl bemerkt hast, nicht ratsam die Quelle von solchen Ubeln zu verstopfen, die aus dem Missbrauch einer Sache entstehen, wovon der Gebrauch gut ist. Und gleichwohl ist das Ubel, von dem du sprichst, von einer so gefahrlichen Art, dass man schlechterdings genotigt ist seinem Fortgange zu steuern. Ich mochte wohl horen, was du mir in diesem Falle zu tun raten wolltest."

"Sire" (antwortete Danischmend), "die Frage, woruber ich meine Meinung sagen soll, hatte vorlangst besser als zwanzig andre verdient von unsrer Akademie zu einer Preisfrage gemacht zu werden. Ich unterstehe mich nicht zu sagen, dass ich die Auflosung davon gefunden habe; und mir deucht, diejenigen, welche sie so leicht finden, mochten sich wohl nie die Muhe genommen haben, ihre Tiefe zu erforschen. Doch vielleicht ist sie eine von den Fragen, deren Auflosung gar nicht einmal moglich ist, oder, welche sich wenigstens nicht anders als durch einen kuhnen Schnitt auflosen lassen.

Der Fall dunkt mich dieser zu sein: Wir befinden uns zwischen zwei Ubeln, wovon wir schlechterdings genotigt sind eines zu wahlen; es fragt sich also, welches wir wahlen sollen?

Hier, deucht mich, kann zuversichtlich als ein unstreitiger Grundsatz angenommen werden: dass in einem solchen Falle, wenn das eine Ubel einen unendlichen und unheilbaren Schaden tut, das andere hingegen unter gewissen Bedingungen ins unendliche vermindert werden kann, notwendig das letztere gewahlt werden musse.

Dies vorausgesetzt kommen hier zwei Ubel in Betrachtung: der Schade, der aus dem Missbrauch der Vernunft und des Witzes, wenn ihnen vollige Freiheit gelassen wird, entspringen kann und wird; und derjenige, der daher entstehen muss, wenn diese Freiheit durch irgend eine Art von Zwangsmitteln eingeschrankt wird. Nun sage ich: Den Gebrauch der Vernunft und des Witzes in einem Staat einschranken, ist eben so viel, als Unwissenheit und Dummheit mit allen ihren Wirkungen und Folgen in dem besagten Staate verewigen, falls sich die Nation noch in einem barbarischen Zustande befindet; oder, wenn sie sich bereits zu einem gewissen Grade der Erleuchtung empor gehoben hat, sie in Gefahr setzen, von Stufe zu Stufe wieder in diese Barbarei zuruck zu sinken, die den Menschen zu den ubrigen Tieren herab wurdiget, ja gewisser Massen unter sie erniedriget. Denn, wie soll diese Grenzlinie, in welche man Vernunft und Witz einschranken will, gezogen werden? Wer soll sie bestimmen? Was fur Regeln sollen dazu festgesetzt werden? Wer soll Richter sein, ob diese Regeln in jedem vorkommenden Falle beobachtet oder uberschritten werden? Wodurch will man verhindern, dass der Richter nicht seine eigene Denkungsart, seine Vorurteile, seinen personlichen Geschmack, vielleicht auch seine Leidenschaften und besondern Absichten, zur Richtschnur oder zum Beweggrunde seiner Urteile mache? Wird die Vernunft und der Witz der Nation nicht dadurch von dem Grade der Erkenntnis oder Unwissenheit, der Redlichkeit oder Unlauterkeit des Richters, oder von der ungereimten Voraussetzung, dass ihn seine Weisheit und Rechtschaffenheit nie verlassen werde, abhangig gemacht? Wenn wir denken durfen, warum sollten wir nicht uber alles denken durfen? Und ist denken nicht etwas andres als nachsprechen? Kann man denken ohne zu untersuchen? oder untersuchen ohne zu zweifeln? Und wenn sich dieses Recht zu zweifeln bis man untersucht hat, und zu untersuchen eh man irgend ein Urteil fasst, nicht auf alle Gegenstande erstreckt; wenn man annehmen wollte, dass es solche gebe, welche man nicht untersuchen durfe, weil schadliche Folgen daher entspringen konnten: wurde die Nation nicht immer in Gefahr schweben, dass es ihren Obern einmal einfallen konnte, die Untersuchung alles dessen fur schadlich zu erklaren, was sie bloss ihres eignen Vorteils wegen nicht untersucht haben wollten? Die Jahrbucher des menschlichen Geschlechts belehren uns, dass unsre Obern zuweilen Tyrannen gewesen sind, oder wenigstens schwach genug, sich von irrigen Meinungen und von Leidenschaften, eigenen oder fremden, beherrschen zu lassen. Auf welchem seichten Grunde wurde demnach die offentliche Gluckseligkeit stehen, wenn es von der Willkur etlicher weniger Sterblichen abhinge, die grossen Triebfedern des allgemeinen Besten der Menschheit, Vernunft und Tugend, nach ihren besondern Begriffen und Absichten einzuschranken?

Was ich von der Vernunft gesagt habe, gilt in seiner Art auch von dem Witze, dessen wichtigster Gebrauch ist, alles was in den Meinungen, Leidenschaften und Handlungen der Menschen mit der gesunden Vernunft und dem allgemeinen Gefuhl des Wahren und Schonen einen Misslaut macht, das ist, alles was ungereimt ist, als belachenswurdig darzustellen. Jede Einschrankung dieses Gebrauchs ist ein Freiheitsbrief fur die Torheit, und ein stillschweigendes Gestandnis, dass es ehrwurdige Narrheiten gebe. Unvermerkt wurden sich noch andre Torheiten hinter diese verstecken; denn ihre Familie ist zahlreich, und manche sehen einander so ahnlich, dass es sehr leicht ist eine fur die andere anzusehen. Was anders wurde also aus der Einschrankung der Vernunft und des Witzes erfolgen, als dass, unter dem bleiernen Zepter der Dummheit, Aberglaube und Schwarmerei, Tyrannei uber Seelen und Leiber, Verfinsterung der Vernunft, Verderbnis des Herzens, Ungeschliffenheit der Sitten, und zuletzt allgemeine Barbarei und Wildheit die Oberhand gewinnen wurden?

Und dies wurde nicht etwa bloss eine zufallige Folge, es wurde die notwendige und unvermeidliche Wirkung davon sein, wenn man den freien Lauf der Vernunft und des Witzes hemmen, und es in die Gewalt einzelner Personen geben wollte, den Zugel, womit man sie gefesselt hatte, nach ihrem Gutbefinden anzuziehen oder nachzulassen.

Nun lassen Sie uns auf der andern Seite sehen, ob der Schaden, welchen man von dieser Freiheit zu besorgen hat, so betrachtlich ist, dass er gegen den Schaden ihrer Unterdruckung in Betrachtung kommen kann; und ob er nicht vielmehr unter gewissen Bedingungen sich nach und nach ins unendliche vermindern muss?

Es ist wahr, die Freiheit der Vernunft, des Witzes, der Einbildungskraft, und dessen was man Laune nennt, kann und wird zuweilen gemissbraucht werden, um Weisheit und Tugend selbst in ein falsches Licht zu stellen, und vielleicht die ehrwurdigsten Gegenstande, um unwesentlicher Gebrechen willen, lacherlich zu machen. Man hat uberdies einige Beispiele, dass etwas ungereimt Scheinendes bei anwachsender Einsicht wahr befunden worden, und also aufgehort hat ungereimt zu sein.28 Es ist also moglich, dass die Freiheit, welche dem Mutwillen des Witzes gelassen wurde, den Fortgang der Wahrheit selbst aufhalten konnte. Aber alle diese Ubel, so gross man sie auch immer sich einbilden mag, sind zufallig und selten; der Nachteil, den sie der menschlichen Gesellschaft bringen konnen, wird durch tausend entgegen wirkende Ursachen teils verhutet, teils unmerklich gemacht, und, was das wichtigste ist, er muss, vermoge der Natur der Sache, immer abnehmen. Der Krieg zwischen Vernunft und Witz, und ihren ewigen Feinden Unverstand und Dummheit, ist ein Ubel wie alle andre Kriege. Er bringt zwar zufalliger Weise allerlei schadliche Ausbruche hervor, und es sind immer viele, die auf diese oder jene Weise darunter leiden: aber er ist ein notwendiges Ubel, welches durch seine Folgen das grosste Gut befordert. Jede neue Eroberung, die von jenen uber diese gemacht wird, schwacht den Feind, befestigt die rechtmassige Oberherrschaft, und beschleuniget den Anbruch jener gluckseligen Zeiten, deren Unmoglichkeit noch niemand bewiesen hat, und welche (wenn es auch unwahrscheinlich ware, dass sie jemals kommen wurden) dennoch das grosse Ziel aller Freunde der Menschheit sein mussen; der Zeiten, wo Polizei, Religion und Sitten, Vernunft, Witz und Geschmack eintrachtig zusammen wirken werden, die menschliche Gattung glucklich zu machen."

"Danischmend mein Freund" (sagte der Sultan als der Doktor mit seiner Rede fertig war), "alles was du uns hier gesagt hast, mag sehr gut sein, wenn von einem Staat in Utopien die Rede ist, den du mit idealischen Menschen nach Belieben besetzen und regieren kannst, wie es dir gefallt. Aber die Rede ist, mit Erlaubnis deiner Philosophie, nicht von dem, was der menschlichen Gesellschaft uberhaupt, sondern von dem was diesem oder jenem besondern Staate gut ist; und da wirst du vermutlich zugeben, dass sich kein wirklicher Staat, mit Menschen von Fleisch und Blut besetzt, denken lasse, dessen Bewohner die Vorteile, die sie darin geniessen, nicht mit Aufopferung eines Teiles ihrer naturlichen Rechte erkaufen mussten. Du hast uns sehr schon bewiesen, dass es zum Besten der menschlichen Gesellschaft gereiche, wenn der Vernunft und dem Witze, folglich weil du keinen Richter erkennen willst, der in jedem besondern Fall entscheide, was Vernunft und Witz sei auch der Unvernunft und dem Aberwitze volle Freiheit gelassen werde: aber alle deine Grunde sollen mich nicht hindern, dem ersten, der sich die Freiheit nehmen wollte, meine Volker durch seine Schriften zum Missvergnugen und zur Emporung zu reizen, die Ohren abschneiden zu lassen; oder den ersten Philosophen, der sich gelusten lassen wird, das Gesetz unsers Propheten fur ein Werk des Betrugs zu erklaren, mit funfhundert Streichen auf die Fusssohlen zu belohnen. Darauf kannst du dich verlassen. Ich bin der Mann, mein Wort so genau zu halten als Ogul-Kan."

"Sire", erwiderte Danischmend ganz ruhig, "meine Meinung ging nur wider solche Anordnungen, die es von der Einsicht und Willkur einzelner Personen abhangig machen, wie klug oder wie dumm eine Nation sein soll. Indessen, und bis die Akademie oder irgend ein anderer Adept Mittel dem Missbrauche der Freiheit zu wehren, welche der Freiheit selbst unnachteilig sind, ausfundig gemacht haben wird, mochte wohl schwerlich zu verhindern sein, dass das Wort Missbrauch nicht immer zweideutig bleiben sollte; und also wird (mit Ausnahme weniger besonderer und seltener Falle, woruber dem Landesherrn zu erkennen obliegt) doch immer das Sicherste sein, lieber einige Ausschweifungen zu ubersehen, als uns durch eine gar zu strenge Regelmassigkeit in Gefahr zu setzen, des edelsten Vorrechts der Menschheit verlustiget zu werden.29

Wenn mir erlaubt ist" (fuhr Danischmend fort), "die Anwendung der vorgelegten Frage auf die Priester von Scheschian zu machen, so deucht mich, dass nur ein missverstandenes Interesse diese Bonzen verleiten konnte, die Freiheit, welche Ogul-Kan seinen Untertanen zugestanden hatte, so gefahrlich zu finden. Der Staat und die Religion von Scheschian konnten nicht anders als bei dieser Freiheit gewinnen. Ja die Bonzen selbst wurden dabei gewonnen haben. Sie wurden anfanglich aus Notwendigkeit, hernach aus Gewohnheit, zuletzt vielleicht aus Neigung und Wahl sich immer weiter von allem demjenigen entfernt haben, was sie einem gerechten Tadel unterwurfig gemacht hatte. Frei von dem Vorwurf einer unbandigen Begierde zu herrschen und die Guter ihrer Mitburger an sich zu ziehen, geziert mit jeder Tugend ihres Standes, wurde die Hochachtung ihres personlichen Wertes sich mit der Wurde ihres Amtes vereiniget haben, sie durch die allgemeine Zuneigung besser als durch Strafgebote vor unbilligen Misshandlungen sicher zu stellen. Denn ich unterstehe mich zu behaupten, dass es kein Volk auf Erden gibt, welches nicht geneigt sein sollte, einen weisen und tugendhaften Mann eben dadurch, dass er ein Priester ist, doppelt ehrwurdig zu finden. Allein die Bonzen von Scheschian hatten das Ungluck, diese Betrachtung nicht zu machen. Die Verbesserung oder Abstellung alles dessen, was dem gesunden Menschenverstand an ihren Begriffen, Maximen und Sitten anstossig sein musste, war unstreitig der geradeste Weg, sich dem offentlichen Tadel zu entziehen; aber es war auch der beschwerlichste. Lieber wollten sie durch tausend schleichende Wendungen und niedrige Kunstgriffe diejenigen zu unterdrukken suchen, vor deren Fahigkeiten und Einsichten sie sich, auch ohne besondere Ursache, aus einer An von Instinkt, furchteten; und die Sicherheit der scheschianischen Religion diente ihnen bloss zum Vorwande, ihre Rachsucht an einem jeden auszulassen, der gegen ihre offenbarsten Ungereimtheiten und grobsten Missbrauche etwas einzuwenden hatte. Sie liessen keine Gelegenheit entschlupfen, in Gesellschaften, oder unter vier Augen, sonderlich bei Personen von Stand und Ansehen, zu verstehen zu geben, dass solche Leute in billigem Verdachte standen, weder an den grossen Affen noch an den allgemeinen Schutzgeist (wie sie das hochste Wesen nannten) zu glauben. Gestanden sie auch einigen derselben Talente zu, so bedauerten sie doch zugleich in einem seufzenden Tone, dass diese Talente nicht besser angewendet wurden, und beklagten die Gefahr der Nation, wenn solchen Leuten gestattet wurde, ihr susses Gift in unbehutsame Seelen fallen zu lassen. Durch dergleichen Kunste gelang es ihnen bei allen, welche sich mit angeerbten Begriffen behalfen, das ist, bei dem grossten Teile der Nation, sich im Besitz eines gewissen Einflusses zu erhalten, der vielleicht nur desto tiefere Wurzeln schlug, weil sie ihn der sanften Gewalt einschmeichelnder Uberredungen, und tausend feinen Ranken, womit sie die Gemuter zu umspinnen wussten, zu danken hatten. Sie genossen unter einigen schwachen Regierungen das Vergnugen, von Zeit zu Zeit kleine Verfolgungen gegen Witz und Vernunft zu erregen; und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Barbarei, welche unter Ogul-Kan in die Schlupflocher der Ya-faou hatte fluchten mussen, mit schnellen Schritten zuruck gekommen ware, sich des Hofes und der Palaste der Grossen und Reichen wieder zu bemachtigen, wenn die Regierung der schonen Lili nicht zu gutem Glucke der Nation einen andern Schwung gegeben hatte."

"Man muss gestehen", sagte Schach-Gebal, "die Bonzen von Scheschian haben keine sonderliche Ursache, sich Danischmenden fur das Denkmal, das er ihnen stiftet, verbunden zu halten."

"Sire", erwiderte der Doktor, "wenigstens werden mir Ihre Hoheit glauben, dass ich keine Bewegursachen haben kann, sie anders abzuschildern als sie waren. Die Wahrheiten, die ich sage, konnen niemand Schaden tun; aber sie konnen, wofern Ihre Hoheit erlauben die Geschichte von Scheschian bekannt zu machen, noch den spatesten Zeitaltern als ein Spiegel nutzlich werden. Ich halte diese Art von Spiegeln fur eine sehr gute Erfindung; denn am Ende ist doch einem jeden daran gelegen zu wissen wie er aussieht; und so achtsam man auch auf sich selbst ist, so gibt es doch immer einige Flecken wegzuwischen, oder einige kleine Unordnungen an seiner Person zu verbessern. Wer sich keiner grossern Gebrechen bewusst ist, darf getrost hinein sehen; und wer hinein guckt, und uber den Spiegel, oder uber die Fabrik, worin er gegossen worden, schilt, von dem getraue ich mir zu behaupten, dass es ihm sehr an Klugheit fehlen musse."

"Wenn du die Einwilligung meines Imans erhalten kannst", versetzte der Sultan, "so sollst du nicht zu klagen haben, dass ich deiner Spiegelfabrik hinderlich sei. Ich bin immer ein Beforderer der Fabriken gewesen."

Nach der gewohnlichen Unterbrechung fahrt Danischmend, auf Befehl des Sultans, fort, sich den Weg zu den Handeln zu bahnen, welche unter dem Sultan Azor zwischen den Bonzen in Scheschian ausbrachen, und das Ungluck des Reichs vollstandig machten.

"Die Gestalt", sagt er, "welche der Nationalgeist von Scheschian unter der Regierung der Konigin Lili annahm, war dem System und den Absichten der Bonzen nicht sehr vorteilhaft. Der Aberglaube, auf den ihr vormaliges Ansehen gegrundet war, setzt eine gewisse Verfinsterung der Seele als eine notwendige Bedingung voraus, und nimmt also in der namlichen Gradation ab, in welcher die Aufklarung eines Volkes zunimmt. Witz, Geschmack, Geselligkeit, Verfeinerung der Empfindung und der Sitten, sind seine naturlichen Feinde; ihre gegenseitige Antipathie ist unversohnlich; und entweder gelingt es ihm sie zu unterdrucken, oder sie unterdrucken ihn. Die Bonzen von Scheschian sahen sich dem letztern Falle so nah, dass sie endlich, wie es scheint, an der Erhaltung ihres vormaligen Systems zu verzweifeln anfingen. Ein jeder war nun bloss darauf bedacht, anstatt fur die gemeine Sache, fur sich selbst zu arbeiten, und von seinen eigenen Talenten, korperlichen oder geistigen, so viel Vorteil zu ziehen, als er Gelegenheit dazu hatte.

In dieser Lage befanden sich die Sachen, als im zehnten Jahre der Regierung Azors ein Ya-faou, der sich durch seine Bemuhungen um die scheschianischen Altertumer hervor getan hatte, mit einer Entdekkung auftrat, welche so wenig sie auch beim ersten Anblicke zu bedeuten schien, durch ihre Folgen das ganze Reich in Verwirrung setzte. Er hatte namlich gefunden, oder glaubte gefunden zu haben, dass der Name des grossen Affen auf den altesten Denkmalern der Nation niemals Tsai-Faou (wie er seit einigen Jahrhunderten geschrieben und ausgesprochen wurde), sondern allezeit Tsao-Faou geschrieben sei. Da nun Tsai in der scheschianischen Sprache allezeit feuerfarben, Tsao hingegen, vermoge eines mit grosser Gelehrsamkeit von ihm gefuhrten Beweises, von jeher blau bedeutet hatte: so ergab sich der Schluss von selbst, dass der Name des blauen Affen eigentlich der wahre, uralte und charakteristische Name der Schutzgottheit ihres Landes sei.

Gorgorix (so nannte sich der Ya-faou), welcher, nach Art aller Altertumsforscher, eine ungemessene Freude uber diesen Fund hatte, der ihm Gelegenheit gab, Dissertationen zu schreiben, worin er seinen in vielen Jahren muhsam gesammelten Vorrat von Kollektaneen, Lesarten, Verbesserungen, Erganzungen, Mutmassungen, Zeitrechnungen, etymologischen Untersuchungen, und dergleichen, anbringen konnte, glaubte sich nicht genug beschleunigen zu konnen, der Welt eine so wichtige Entdeckung mitzuteilen. Wirklich hatten ihn die Untersuchungen, die er bei dieser Gelegenheit anstellen musste, auf die Spur so vieler andrer antiquarischer und grammatischer Entdeckungen gebracht, und eine jede derselben hatte ihm zu so vielen gelehrten und ausserst interessanten Digressionen Anlass gegeben, dass, ungeachtet des Titels seines Buchs, dasjenige was darin den blauen und feuerfarbnen Affen betraf, kaum den zwanzigsten Teil davon ausmachte. Seine Absicht scheint anfangs nichts weniger gewesen zu sein, als Neuerungen in der Religion seines Landes anzuspinnen; und vielleicht wurde die Sache ohne Folgen geblieben sein, wenn seine Schuler und Freunde weniger eifrig gewesen waren, die Entdeckungen des grossen Gorgorix (wie sie ihn nannten) in allen Zeitungen und Journalen von Scheschian als Dinge von der verdienstlichsten Wichtigkeit anzupreisen. Durch die unbescheidenen Bemuhungen dieser Leute geschah es denn, dass sein Buch endlich die offentliche Aufmerksamkeit rege machte. Verschiedene Bonzen, welche den Ruhm des grossen Gorgorix mit scheelen Augen ansahen, traten mit kritischen Beleuchtungen seines Buches hervor, worin es ihnen nicht sowohl darum zu tun war, zu ergrunden, ob Gorgorix recht oder unrecht habe, als der Welt zu zeigen, dass sie zum wenigsten einen eben so grossen Vorrat von Kollektaneen besassen, und noch scharfsinnigere und gelehrtere Erganzungen, Verbesserungen, Mutmassungen, Zeitrechnungen und Wortableitungen zu machen wussten als Gorgorix. Bald gesellten sich auch einige Ya-faou zu ihnen, welche die Entdeckung dieses Antiquars aus einem ganz andern Gesichtspunkt ansahen, und uber die Gottlosigkeit und Gefahrlichkeit dieser Neuerung ein machtiges Geschrei erhoben. Da es weder diesen noch jenen an Freunden mangelte, die aus mancherlei Ursachen und Absichten offentlich ihre Partei ergriffen, so wurde der Streit immer hitziger und allgemeiner. Die Liebe zum Neuen zog den grossten Teil der jungen Bonzen und Ya-faou auf die Seite des blauen Affen, und Gorgorix sah sich in kurzem an der Spitze eines ansehnlichen Teils der Nation.

Nun bekam er Mut, dasjenige, was er anfangs in einem bescheidenen und problematischen Tone vorgebracht hatte, mit dem herrischen Anstand eines gelehrten Diktators vorzutragen, und allen, welche die Bundigkeit seiner Beweise nicht so einleuchtend fanden als er selbst, mit einer Verachtung zu begegnen, die seinen Gegnern unertraglich war. 'Man muss entweder ein Dummkopf sein', sagte er, 'wenn man die Wahrheit meiner Entdeckungen nicht einsehen kann, oder sehr boshaft, wenn man sie nicht sehen will.' Diese unter den Gelehrten zu Scheschian sehr gewohnliche Art zu disputieren, hatte auch hier ihre gewohnliche Wirkung. Die Gemuter der Streitenden wurden immer mehr erbittert; die Streitfragen selbst vermehrten sich taglich durch die Wut einander nichts einzugestehen; und eine Menge von Leuten erklarte sich mit der grossten Hitze fur die eine oder die andere Partei, ohne untersucht zu haben wer recht habe, oder zu einer solchen Untersuchung geschickt zu sein.

Unvermerkt verwandelte sich diese Fehde aus einem Wortkrieg in einen weit aussehenden Religionsstreit, und jede Partei wandte alles an, sich zu vergrossern: als Kalaf, ein junger Bonze, welcher Mittel gefunden hatte sich bei Hofe in einiges Ansehen zu setzen, das bisher noch zweifelhafte Ubergewicht durch seinen Beitritt auf die Seite des Gorgorix zog. Nicht, als ob er sich im geringsten fur die Sache selbst interessiert hatte; denn er hatte sich nie die Muhe genommen, das Buch dieses Ya-faou zu lesen, und niemand in der Welt bekummerte sich weniger als er, ob der grosse Affe blau, grun oder pomeranzengelb sei. Aber Kalaf war ehrgeizig; er hatte ein Auge auf die Wurde eines Oberbonzen der Hauptstadt Scheschian, welche in kurzem ledig werden musste, und der blaue Affe konnte ihm zu einem Vorhaben beforderlich sein, wozu er sich in dem ordentlichen Laufe der Dinge wenig Hoffnung zu machen hatte. Sein gutes Gluck hatte ihn zu dem Amte erhoben, eine persische Tanzerin, deren ruhmliche Fesseln der Vertraute des ersten Gunstlings der Sultanin Lili trug, von der Religion der Gebern, worin sie erzogen war, zu der scheschianischen, fur welche ihr Liebhaber sich ungemein beeiferte, zu bekehren. Da die Tanzerin grosse Anspruche an Witz machte, so war dies eben kein leichter Auftrag. Allein Kalaf war ein liebenswurdiger Mann, wenigstens in den Augen einer Tanzerin; er fand Mittel sich vor allen Dingen ihres Herzens zu bemeistern, nicht zweifelnd, wenn er einmal dieses gewonnen hatte, wurde sich ihr Kopf nicht lange gegen seine Grunde halten konnen. Er wusste ihrer Eitelkeit so gut zu schonen, und die Augenblikke, welche seiner Unternehmung am gunstigsten waren, so geschickt zu wahlen, dass die Tanzerin endlich gestehen musste, dass er sie uberzeugt habe: aber sie erklarte sich zu gleicher Zeit, wenn sie ja genotiget wurde sich den grossen Mithras unter dem Bilde eines Affen vorzustellen, so sollte es doch schlechterdings kein andrer als ein blauer sein; denn blau war ihre Lieblingsfarbe. Kalaf, zu klug, durch eine unzeitige Unbiegsamkeit in einem Punkte, woran ihm so wenig gelegen war, sich der Frucht so vieler muhsamen Nachtwachen zu berauben, und scharfsichtig genug, um beim ersten Blicke zu sehen was man aus einer Sache machen kann, versicherte sie, dass er selbst immer geneigt gewesen sei sich fur den blauen Affen zu erklaren, und dass er itzt um so eifriger fur ihn arbeiten wurde, da er das gunstige Vorurteil seiner schonen Neubekehrten fur nichts Geringeres als die Wirkung eines ubernaturlichen Einflusses halten konne. Von dieser Stunde an hatte Gorgorix keinen starkeren Verfechter als den Bonzen Kalaf. Der Vertraute des Gunstlings, welcher es unmoglich fand seiner Tanzerin etwas abzuschlagen, war der erste unter den Hofleulen, der fur die neue Meinung gewonnen wurde. Der Vertraute gewann den Gunstling, der Gunstling die Sultanin, die Sultanin den Konig ihren Sohn, und das Beispiel des Konigs den ganzen Hof.

Die erste grosse Folge dieses glucklichen Fortgangs war, dass Kalaf bald darauf zur erledigten Wurde eines Oberbonzen der Stadt Scheschian befordert wurde.

Huktus, ein Bonze von edler Geburt und grossem Ansehen, hatte sich zu dieser Wurde die meiste Hoffnung gemacht, und alles angewandt sie zu erlangen. Unter andern Umstanden wurde Kalaf kein furchtbarer Nebenbuhler fur ihn gewesen sein; aber Kalaf hatte sich einen Augenblick zu Nutze gemacht, da die persische Tanzerin alles vermochte. Es ist wahr, es kostete ihm die Muhe, sie zu einer kleinen Gefalligkeit gegen den Gunstling der Konigin zu uberreden; und die argerliche Chronik sagte sogar, dass er in seinem eigenen Hause Gelegenheit dazu gemacht habe. Ein Beweggrund dieser Art konnte wohl dem Gunstling hinreichend scheinen, Kalaffen, der keine andre als die Verdienste eines geschmeidigen Hoflings aufzuweisen hatte, vor dem Bonzen Huktus, fur den die Wunsche des ganzen Volkes sprachen, den Vorzug zu geben; nur war er nicht hinlanglich, diesen Vorzug vor den Augen der Nation zu rechtfertigen. Huktus verbarg seinen Unmut unter dem Scheine der vollkommensten Gleichgultigkeit; aber sein Herz kochte Rache. Die Streitigkeiten uber Tsai und Tsao, an welchen er bisher aus Klugheit wenig Anteil genommen hatte, schienen ihm Gelegenheit darzubieten, diese Rache unter einem scheinbaren Vorwand auszuuben. Kalaf hatte sich an die Spitze der Partei der Blauen gestellt: Huktus bedachte sich also nicht lange, sich offentlich fur die Feuerfarbnen zu erklaren. Der grosste Teil der altern Bonzen und Ya-faou war auf seiner Seite: und da sich bald darauf auch diejenigen unter den Grossen von Scheschian, die mit der Regierung der Sultanin Lili nicht zufrieden waren, zu ihnen schlugen; so machten sie eine Gegenpartei aus, deren Absichten, Massregeln und Bewegungen ernsthaft genug wurden, um den Staat mit gefahrlichen Unruhen zu bedrauen."

Hier lasst sich Danischmend in eine umstandliche Entwicklung der verschiedenen Vorteile, Nebenabsichten und Leidenschaften ein, welche die eigentlichen Triebrader der offentlichen Handlungen beider Parteien waren, und, wenn anders seine Erzahlung zuverlassig ist, einen Beweis abgeben konnten, dass die Kunst, das Interesse der Religion und des Staats zum Deckmantel unedler Leidenschaften und eigennutziger Forderungen zu machen, nicht unter diejenigen gehore, an deren Erfindung oder Vervollkommnung die Neuern einen gerechten Anspruch zu machen hatten.

"Bisher" (so fahrt er fort) "hatte sich der geringere Teil der scheschianischen Nation in die Handel der Blauen und Feuerfarbnen (wie man die Parteien zu nennen anfing) wenig eingemischet, oder es waren doch nur wenige in ihren angeerbten Begriffen von dem grossen Affen irre gemacht worden. Die meisten begnugten sich uber die Neuerungen des Gorgorix und seiner Freunde den Kopf zu schutteln, und zu beklagen, dass eine so ausgemachte Sache, als der Name und die Farbe ihrer Schutzgottheit ware, vorwitzigen Untersuchungen ausgestellt werden sollte. Aber Kalaf, dessen ungezahmter Ehrgeiz einen vollstandigen Triumph verlangte, ruhete nicht, bis er auch den grossern Teil des gemeinen Volkes von der Blauheit des grossen Affen uberzeugte. Was ihm die erwunschteste Gelegenheit dazu gab, war eine prachtige Pagode von blauem Porzellan mit goldnen Verzierungen, welche auf Veranstaltung der Sultanin Lili dem TsaoFaou zu Ehren aufgefuhrt wurde. Der Eifer dieser Dame, der Nachwelt ein so schones Denkmal ihrer Liebe fur die Kunste zu hinterlassen, verwandelte sich unvermerkt in einen Eifer fur die Sache des blauen Affen selbst. Das Volk, unter dessen Augen dieser schone Tempel empor stieg, wurde von den Anhangern Kalafs in ratselhaften Ausdrucken vorbereitet, ausserordentliche Dinge zu erwarten. Die Blauen liessen in ihrem Gesicht und Ton eine grosse Zuversichtlichkeit sehen, ohne sich uber die Ursache derselben zu erklaren; und Huktus mit seinem Anhang zitterte ohne zu wissen wovor.

Endlich kam der Tag, welchem beide Parteien, jene mit ungeduldigem Verlangen, diese mit unruhiger Erwartung eines gegen sie geschmiedeten Anschlags, entgegen sahen; der Tag, da die blaue Pagode eingeweihet werden sollte. Sobald die Sonne aufgegangen war, fuhrte Kalaf das versammelte Volk in einen nahe bei der Hauptstadt gelegenen Wald, der seit undenklichen Zeiten dem grossen Affen heilig gewesen war. Mitten in diesem Walde war ein grosser runder Platz, und in der Mitte des Platzes eine Art von Thron aufgerichtet, welchen Kalaf bestieg, um diese beruhmte Anrede an das Volk zu halten, von welcher die Geschichtschreiber seiner Partei versichern, dass sie niemals ihresgleichen gehabt habe. Kalaf sagte so erhabene und unbegreifliche Dinge, es strahlte eine so ungewohnliche Begeisterung aus seinem ganzen Wesen, der majestatische Ton seiner Stimme, die Uberzeugung, womit er sprach, die Figuren, wovon er Gebrauch machte, der Strom seiner Worte, rissen die Zuhorer mit solcher Gewalt dahin, dass man ihm Beifall geben musste, ohne das geringste von allem was er gesprochen begriffen zu haben. Die vornehmste Absicht seiner Rede war, das Volk in Erstaunen und in ein zitterndes Erwarten irgend einer wundervollen Entwicklung zu setzen. Niemals hatte ein Redner die Zauberkraft des Galimatias besser studiert als Kalaf. Die Wirkung davon starrte ihm aus jedem Aug entgegen; und um sie auf den hochsten Grad zu treiben, endigte er seine Rede mit einer feierlichen Apostrophe an den grossen Affen, den er beschwor, sein Volk aus der Ungewissheit zu reissen, und durch irgend ein sichtbares Wunder zu zeigen, unter welcher Farbe ihm seine Verehrung am angenehmsten sei.

Kaum hatte Kalaf die letzten Worte ausgesprochen, so sah man auf einmal den Baum, an dessen Stamm der Thron des Oberbonzen befestiget war, in Flammen eingehullt; und unter Blitz und Donner30 stieg vor den besturzten Augen eines unzahligen Volkes ein grosser blauer Affe herab, und setzte sich mit einer so majestatischen Miene auf dem Throne zurechte, dass die Hoffnung Kalafs selbst durch die Geschicklichkeit seines Zoglings ubertroffen wurde.

Dieser Streich war, wie man leicht denken kann, entscheidend. Der hartnackigste Anhanger des feuerfarbnen Affen sah sich gezwungen, dem Zeugnis seiner Sinne gewonnen zu geben. Sogar die Freidenker, welche bei diesem Schauspiele zugegen waren, wurden von dem allgemeinen Schwall mit fortgerissen, und die wenigen, die ihrer Vernunft noch machtig genug blieben um durch ein so grobes Blendwerk hindurch zu sehen, waren aus kluger Furcht die eifrigsten, der Gottheit des blauen Affen zuzujauchzen. Er wurde mit einem alle Einbildung ubersteigenden Triumph in seinen neuen Tempel eingefuhrt; und der Konig Azor selbst, der sich aus blosser Gefalligkeit gegen die Launen seiner Mutter fur die Meinung der Blauen erklart hatte, konnte sich nicht erwehren, die Sultanin an der Spitze des ganzen Hofes zu begleiten, und das erste feierliche Opfer mit seiner Gegenwart zu zieren.

So schrecklich die Nachricht von dieser Begebenheit dem Bonzen Huktus und seinen Freunden war, so zeigte er doch in diesem entscheidenden Augenblicke, dass es ihm nicht an der wichtigsten Eigenschaft mangle, die zum Haupt einer Partei erfordert wird." Ausser vielen andern wohl ausgesonnenen Massregeln, in deren Erzahlung wir Danischmenden nicht folgen konnen, liess er sich vornehmlich angelegen sein, den Eindruck, welchen Kalaf mit seinem blauen Affen auf den unaufgeklarten Teil der Nation gemacht hatte, von Grund aus zu vernichten. Seine Anhanger beschuldigten diesen Oberbonzen offentlich der Zauberei, und eines geheimen Verstandnisses mit den bosen Geistern. Dies war in der Tat ein Einfall, der seinem Erfinder Huktus Ehre macht. Hatten die Feuerfarbnen sich begnugt, dem Volke begreiflich zu machen, dass Kalaf ein Betruger sei, so wurden sie ihm wenig dadurch geschadet haben; denn wie schwach ist die Wirkung der Vernunft gegen Schwarmerei und Aberglauben! Aber dreist versichern, dass er die bosen Geister mit in seine Verschworung gegen den Tsai-Faou gezogen habe, dies hiess ihm wirklich einen gefahrlichen Streich beibringen. Eine solche Anklage hatte Wahrscheinlichkeit in den Augen des gemeinen Volkes: sie zog seine Neigung zum Wunderbaren auf Huktus' Seite; sie gab Gelegenheit zu einer unendlichen Menge unglaublicher Erzahlungen, welche man, mitten unter der Versicherung dass sie unglaublich waren, begierig ausbreitete, mit selbst erfundenen Umstanden glaublicher zu machen beflissen war, und zuletzt wirklich glaubte. Kurz, Huktus erhielt dadurch seine Absicht so vollkommen, dass der Pobel in den meisten Provinzen des Reichs entschlossen war, es eher auf das ausserste ankommen zu lassen, als dem Glauben seiner Voreltern und dem feuerfarbnen Affen untreu zu werden.

"Vermutlich" (fahrt Danischmend fort) "hatte Kalaf am weisesten gehandelt, wenn er diese Beschuldigungen mit kalter Verachtung angesehen, und durch eine zwar standhafte, aber ruhige und langsame Fortfuhrung seines Plans, die Hindernisse, die er in den Vorurteilen der halben Nation fand, zu besiegen gesucht hatte. Aber sein Hochmut und seine Hitze vertrugen sich mit keinen so gelinden Massnehmungen. Stolz auf seine Gewalt uber den Geist der Sultanin Lili, welche damals noch das Steuerruder fuhrte, und verwegen gemacht durch den schwarmerischen Eifer eines zahlreichen Anhangs, glaubte er stark genug zu sein, die Widerspenstigen durch Zwangsmittel zu unterwerfen. Eine konigliche Verordnung, wovon er der Urheber war, erklarte alle diejenigen fur Aufruhrer, welche sich weigern wurden dem blauen Affen zu huldigen. Die Bildnisse des Tsai-Faou wurden aus allen Pagoden weggeschafft, und mit andern von blauem Porzellan ersetzt, wovon in den Vorhofen der blauen Pagode eine schone Fabrik zum Vorteil derselben angelegt war. Alle Pagoden wurden mit Bonzen von Kalafs Anhang besetzt, und diejenigen abgedankt, welche lieber ihren Einkunften als dem feuerfarbnen Affen entsagen wollten. Diese Gewalttatigkeiten hatten den Erfolg, den ein weiserer Mann als Kalaf ihm vorher gesagt hatte, ohne Glauben zu finden. Tausend personliche Beleidigungen, wodurch die Feuerfarbnen taglich zur Rache gereizt wurden, der Ubermut, womit die Blauen, als die siegreiche Partei, mit ihren feuerfarbnen Mitburgern verfuhren, und die offentliche Verfolgung, welche zuletzt uber diese verhangt wurde, erschopften endlich ihre Geduld. Ganze Provinzen ergriffen die Waffen, und kundigten Azorn den Gehorsam auf, wofern er seinen Untertanen nicht zum wenigsten die Wahl lassen wurde, ob sie blau oder feuerfarben sein wollten.

Zum Gluck fur das Reich Scheschian erfolgte um eben diese Zeit eine Veranderung bei Hofe, wodurch Lili von der Staatsverwaltung entfernt, und die schone Alabanda, eine heimliche Gonnerin der Feuerfarbnen, die Vertraute oder vielmehr die unumschrankte Beherrscherin des Sultans Azor wurde. Dieser gunstige Umstand machte den Feuerfarbnen Luft, und verhutete den ganzlichen Ausbruch eines allgemeinen Burgerkrieges. Alabanda hatte zwar grosse Lust ihren Freunden eine vollstandige Rache an den Blauen zu verschaffen; aber Kalafs Anhang war zu gross, und der Ausgang eines Burgerkrieges zu ungewiss, als dass ein solcher Anschlag bei den Hauptern der Feuerfarbnen selbst Eingang gefunden hatte. Man begnugte sich also auf beiden Seiten einen Vertrag zu Stande zu bringen, wodurch die Sachen in eine Art von Gleichgewicht gesetzt wurden. Indessen zeigte sich in der Folge, dass der Altertumsforscher Gorgorix der Nation durch seine Entdeckung eine Wunde geschlagen hatte, welche zwar zugeschlossen, aber nicht von Grund aus geheilt werden konnte. Das immer wahrende Gezanke der Bonzen; der Abscheu, welcher naturlicher Weise beide Parteien gegen einander erfullen musste, wenn sie dem Gegenstand ihrer Verehrung von der andern Partei mit Verachtung begegnen sahen; die Beeiferung sogar in den gleichgultigsten Dingen sich von einander zu unterscheiden: alles vereinigte sich, die Blauen und Feuerfarbnen mit einem unausloschlichen Hasse gegen einander zu entzunden; mit einem Hasse, der nicht nur das zarte Gewebe der feinern Bande der Natur zerriss, sondern stark genug war, um von Zeit zu Zeit die grobern Fesseln der burgerlichen Verhaltnisse zu zerbrechen. Er glich einem schleichenden Gifte, welches die ganze Masse des politischen Korpers ansteckte, und alle andre Gebrechen und Zufalle desselben bosartiger machte, als sie an sich selbst gewesen waren. Bei jeder Veranlassung brach das garende Ubel bald in diesem bald in jenem Teile des Reichs aus: und da der Hof weder machtig genug war, eine von den Parteien ganzlich zu unterdrucken, noch weise genug, ein genaues Gleichgewicht zwischen ihnen zu erhalten; so druckte und verfolgte immer eine die andre wechselsweise, je nachdem sie in einer Provinz oder bei Hofe selbst die Oberhand hatte; und das Ungluck der Nation wurde durch diese neue Klasse von Beschwerden, wie schimarisch auch die erste Quelle derselben war, so vollkommen gemacht, dass die Scheschianer sich endlich zum zweiten Male in der unseligen Lage befanden, das Ende ihres Elendes nur von einer gewaltsamen Staatsveranderung zu erwarten."

Unter den Anmerkungen, womit der Sultan Gebal diese Erzahlung etlichemal unterbrach, hat uns nur Eine wichtig genug geschienen, bemerkt zu werden. Er zweifelt namlich, wie es moglich gewesen, dass eine Nation, die man uns (wenigstens von den Zeiten des Sultans Ogulan) in einem Zustande von Aufklarung und Verfeinerung vorstellt, dumm genug habe sein konnen, sich zum Opfer eines so albernen antiquarischen Streites machen zu lassen?

Die Auflosung, welche Danischmend von diesem Problem gibt, verdient wenigstens gehort zu werden. "Es ist wirklich eine klagliche Sache", spricht er, "Geschopfe unsrer Gattung ihres besten Vorzugs vor den ubrigen Tieren auf eine so demutigende Art beraubt zu sehen. Und gleichwohl habe ich bisher von den Scheschianern nichts gesagt, was nicht, unter gewissen Voraussetzungen, so glaublich ware als irgend eine andre naturlich Begebenheit. Diese Voraussetzungen sind zum Exempel dass kein gewohnlicheres Phanomen in der Welt ist, als Leute mit Vernunft rasen zu sehen; oder auch, zu sehen, dass sie bei tausend Gelegenheiten vernunftig, und in einer einzigen Sache unsinnig sind; dass man zu allen Zeiten und auf allen Teilen dieses Erdenrundes sehr alberne Meinungen und sehr unsinnige Gebrauche im Schwange gesehen hat; dass der Aberglaube, wenn er in Zeiten der Unwissenheit und der rohen Einfalt sich des Gehirns eines Volkes bemachtiget und etliche Jahrhunderte Zeit gehabt hat sich fest zu setzen, durch eine stufenweise zunehmende Aufheiterung zwar geschwacht, aber schwerlich anders als nach Verfluss eines langen Zeitraums, und durch eine ununterbrochene Fortdauer der Ursachen welche seinen Untergang befordern, so ganzlich vernichtet werden kann, dass die Uberbleibsel davon nicht zuweilen in Garung geraten, und wunderliche, auch wohl bosartige Zufalle veranlassen sollten. Uberdies", fahrt er fort, "wurde mir nichts leichter sein, als einen jeden Teil meiner Erzahlung durch historische Beispiele dessen, was unter den abgottischen Volkern des Erdbodens, und zum Teil unter den Moslemim selbst, vorgegangen ist, zu erlautern. Ich sehe nicht, warum die Scheschianer wegen ihrer Verehrung eines feuerfarbnen Affen mehr Vorwurfe verdienen sollten, als die weisen Agypter wegen der Anbetung des Stiers Apis, und so vieler andrer Tiere, worunter auch Affen und Meerkatzen waren; und der Streit uber die Frage, ob der grosse Affe blau oder feuerfarben sei, scheint mir jenen wohl wert zu sein, den die Stadt Oxyrynchus mit der Stadt Kynopolis, ihrer Nachbarin, uber die Gottheit des Anubis und ich weiss nicht was fur eines Meerfisches mit spitziger Schnauze, aus dem Geschlechte der Rochen, gefuhrt haben soll, wenn wir einem der weisesten Manner des alten Graciens glauben durfen. Dieser Fisch, welcher der Schutzgott der Oxyrynchiten war, wurde von den Kynopoliten als ein blosser Fisch behandelt, und also ohne Bedenken gegessen. Die Einwohner von Oxyrynchus, die dies naturlicher Weise sehr ubel nahmen, glaubten ihren Gott nicht besser rachen zu konnen, als indem sie an den Hunden, welche zu Kynopolis heilig waren und auf gemeiner Stadt Unkosten unterhalten wurden, das Wiedervergeltungsrecht ausubten. Es entstand daruber ein so blutiger Krieg zwischen diesen beiden agyptischen Stadten, dass die Romer sich endlich genotigt sahen, die Wutenden mit Gewalt aus einander zu reissen.31 Im ubrigen lasst sich vermuten, dass der denkende Teil der Nation, das ist (nach der billigsten Berechnung) unter tausend Einer, den ganzen Streit eben so ungereimt gefunden haben werde als wir. Hingegen ist nicht weniger zu glauben, dass die meisten von diesem tausendsten Teile sich darum nicht weniger fur einen von beiden Affen interessierten. Es ist mit einem alten Aberglauben eben so wie mit andern alten und unvernunftigen Gewohnheiten beschaffen. Man sieht die Torheit davon ein, man lacht daruber, man beweist sich selbst mit vielen Grunden, dass es Missbrauche sind: aber gleichwohl beobachtet man sie nicht allein um der alten Gewohnheit willen; sondern man rechnet es noch demjenigen als ein Verbrechen an, der sich die Freiheit nehmen wollte davon abzugeben. Privatvorteile und Leidenschaften konnen wohl gar die Ursache sein, dass wir solche Missbrauche, bei der volligsten Uberzeugung dass es Missbrauche sind, mit Eifer und Hitze verfechten. Man unterscheidet in solchen Fallen Theorie und Ausubung. Man behauptet einen nutzlichen Missbrauch, und lacht bei sich selbst der Toren, welche betrogen zu werden verdienen, weil sie betrogen werden wollen."

Wir schliessen diesen Auszug mit den eigenen Worten des weisen Danischmend, und mit einer Betrachtung, die wir von Herzen unterschreiben. "Die Ranke und Kunstgriffe", spricht er, "welche von beiden Parteien angewandt wurden, einander zu schwachen und zu unterdrucken, einander wechselsweise das Vertrauen des Konigs und das Ruder des Staates aus den Handen zu winden, oder sich dem Hofe furchtbar zu machen, und allen seinen Unternehmungen, unter dem Vorwande des gemeinen Besten, unubersteigliche Hindernisse in den Weg zu legen; die Kunste, welche gebraucht wurden, tausend streitende Privatvorteile mit dem Interesse der Parteien in einen wirklichen oder doch anscheinenden Zusammenhang zu bringen; der schandliche Missbrauch, den man zu Beforderung aller dieser Absichten mit den ehrwurdigen Namen der Religion, des koniglichen Ansehens und des allgemeinen Besten trieb; die unzahligen Auftritte von Ungerechtigkeit, Betrug, Verraterei, Undankbarkeit, Raubsucht, Giftmischerei, usw. welche unter diesen ehrwurdigen Masken gespielt wurden: alles dies wurde uberflussigen Stoff zu einem ungeheuern Geschichtbuche geben, welches zu lesen nur die grossten Verbrecher verdammt zu werden verdienen konnten. Unglucklicher Weise ist die Geschichte der polizierten Volker, wenn man ihre Kriege (einen andern Schauplatz von Abscheulichkeiten) abrechnet, beinahe nichts anders als dies. Fur einen Menschen, der an den Schicksalen seiner Gattung wahren Anteil nimmt, ist es Pein, bei diesen ekelhaften und grauenvollen Gemalden zu verweilen. Das Herz des Menschenfreundes schaudert vor ihnen zuruck. Angstlich sieht er sich nach Szenen von Unschuld und Ruhe, nach den Hutten der Weisen und Tugendhaften, nach Menschen die dieses Namens wurdig sind, um; und wenn er in den Jahrbuchern des menschlichen Geschlechtes nicht findet was ihn befriedigen kann32, fluchtet er lieber in erdichtete Welten, zu schonen Ideen, welche, so wenig auch ihr Urbild unter dem Monde zu suchen sein mag, immer Wirklichkeit genug fur sein Herz haben, weil sie ihn (wenigstens so lange bis er durch Bedurfnisse oder unangenehme Gefuhle in diese Welt zuruck gezogen wird) in einen angenehmen Traum von Gluckseligkeit versetzen, oder, richtiger zu reden, weil sie ihn mit dem innigsten Gefuhle durchdringen, dass nur die Augenblicke, worin wir weise und gut sind, nur die Augenblicke, die wir der Ausubung einer edlen Handlung, oder der Betrachtung der Natur und der Erforschung ihres grossen Plans, ihrer weisen Gesetze und ihrer wohltatigen Absichten, oder der Freundschaft und Liebe, und dem weisen Genusse der schuldlosen Freuden des Lebens widmen, dass nur diese Augenblicke gezahlt zu werden verdienen, wenn die Frage ist, wie lange wir gelebt haben."

Der sinesische Herausgeber dieser wahrhaften Geschichte sagt uns, dass der Sultan uber dem letzten Teile der Rede des weisen Danischmend eingeschlafen, und dieser also genotigt worden sei, mit weiterem Moralisieren einzuhalten; ein Umstand, der uns, wie er vermutet, verschiedene schone Betrachtungen entzogen hat, welche der indostanische Philosoph uber diesen Teil der Geschichte von Scheschian noch gemacht haben konnte.

Des folgenden Abends befahl ihm der Sultan, uber den Rest der Regierung des unglucklichen Azors so schnell als nur immer moglich sein wurde, hinweg zu glitschen. "Es gibt" (sprach er) "gewisse Leute, die gar zu dumm sind, wie sogar mein guter Oheim Schach-Baham irgendwo angemerkt hat; und gewiss ist dieser Azor einer aus dieser Klasse. Man kann nicht bald genug mit ihm fertig sein."

11.

Danischmend setzte also die Geschichte der Regierung Azors folgender Massen fort.

"Die klaglichste unter allen den Schwachheiten, welche den Ruhm des guten Konigs Azor verdunkeln, war seinem Alter aufbehalten: eine Schwachheit, welche desto verfuhrerischer ist, weil sie einer Tugend ahnlich sieht; desto schadlicher, weil sie Boses aus guter Absicht tut, und desto schwerer zu vermeiden, da selbst der Weiseste aller morgenlandischen Konige nicht weise genug war, sich ihrer zu erwehren."

"Dies nennt man, denke ich, ein Ratsel", sagte Schach-Gebal. "Ich bilde mir eben nicht ein, in der Kunst Ratsel aufzulosen dem Sultan, dessen du eben erwahntest, gleich zu kommen: aber diesmal wollt ich doch raten, dass die Schwachheit des grossen Azors, die du uns noch aufbehalten hast, entweder Bigotterie ist, oder doch etwas das ihr sehr ahnlich sieht. Hab ich es getroffen, Doktor?"

"Zum Erstaunen", erwiderte Danischmend, indem er in seinen Ton und in seine Gesichtsmuskeln alle die Bewunderung brachte, die er der Scharfsinnigkeit seines gebietenden Herren schuldig war. "Es waren nun zwanzig Jahre", fuhr er fort, "seitdem die schone Alabanda eine unbegrenzte Gewalt uber das Herz, uber den Hof und uber die Schatzkammer des Sultans von Scheschian usurpierte. Gewohnheit und Sattigung hatten ihre Bezauberung endlich aufgelost; und Alabanda sah die Zeit kommen, wo sie sich in der traurigen Notwendigkeit befand, zuzugeben, entweder dass Azor aufgehort habe empfindlich, oder dass sie selbst aufgehort habe reizend zu sein."

"Als ob nicht beides zugleich hatte Platz haben konnen", sagte die schone Nurmahal.

"Wenigstens", versetzte der Doktor, "war es naturlicher an ihr, das erste zu glauben."

"Und an Azorn das andre", sagte der Sultan mit einem spitzfundigen Lacheln.

"Wie dem auch sein mochte", fuhr Danischmend fort, "die gute Dame beging den Fehler, einen Zufall, den man nach Verfluss von zwanzig Jahren einen von den naturlichsten in der Welt nennen kann, fur eine unertragliche Beleidigung anzusehen. So unbillig dies scheinen mag, so unbesonnen war es, den guten Sultan, welcher wirklich ganz unschuldig an der Sache war, so oft er lange Weile hatte (und dies war sehr oft), mit Vorwurfen von Untreue und Undankbarkeit, und mit allen tragikomischen Wirkungen der Eifersucht und bosen Laune zu verfolgen. Denn was konnte sie anders von einem solchen Betragen erwarten, als gerade das, was wirklich erfolgte? namlich, dass er die alte Abgottin seiner Seele, die er seit geraumer Zeit kaum noch liebenswurdig fand, in kurzem unertraglich finden musste. Von diesem Augenblick an hatte die Regierung der schonen Alabanda ihr Ziel erreicht. Azor suchte nun im Wechsel eine Gluckseligkeit, an welche sein Herz gewohnt war: er zerstreute sich dadurch eine Zeit lang; aber die Befriedigung fand er nicht, die ein reizbares Herz von den Sinnen, oder von den launischen Einfallen einer herum flatternden Phantasie vergebens erwartet. Er wurde also dieser Wanderungen des Herzens um so viel eher uberdrussig, da ihn Lili und Alabanda angewohnt hatten, von weiblichen Kopfen, aber von den feinsten und witzigsten weiblichen Kopfen, regiert zu werden.

Die Freiheit, worin die gefalligen Schonen seines Hofes ihn wider seinen und ihren Willen liessen, machte ihm sein Dasein zur beschwerlichsten Last. Mehr als einmal versuchte er's, die schone Alabanda wieder so reizend und zauberisch zu finden, als sie es gewesen war: aber der ungluckliche Erfolg seiner Bemuhungen uberzeugte ihn zuletzt, dass sie wirklich aufgehort haben musse es zu sein; und wozu konnt es ihm helfen, das Unmogliche bewerkstelligen zu wollen?

In dieser Verfassung befand sich Azor, als es der persischen Tanzerin, deren bereits in dieser Geschichte Erwahnung geschehen ist, gelang, ihn die Erfahrung machen zu lassen, dass er den ganzen Zirkel der Torheiten, zu welchen ihn die Schwache seines Herzens fahig machte, noch nicht durchlaufen habe. Diese Kreatur hatte durch ihre Reizungen und durch die Freigebigkeit ihrer Verehrer Mittel gefunden, die Flecken ihres vormaligen Standes auszuloschen, und nach und nach sich bis zum Rang einer Vertrauten der Sultanin Alabanda empor zu schwingen. In dieser Stellung fand Gulnaze (so hiess die verwandelte Tanzerin) haufige Gelegenheiten, die Reizungen ihres Witzes und ihrer ausserst angenehmen Unterhaltung vor den Augen des Sultans auszulegen; Reizungen des Geistes, welche machtig genug waren, in ihrer Gesellschaft vergessen zu machen, dass ihre ersten Liebhaber bereits ehrwurdige Graubarte vorstellten. Nicht als ob sie nicht noch immer liebenswurdig gewesen ware; aber, nachdem sie sich einmal unter der Maske der Freundschaft in Azors Herz hinein gestohlen, wurde sie es auch mit der Halfte ihrer noch ubrigen Annehmlichkeiten in den Augen eines so reizbaren Potentaten gewesen sein. Kurz, Azor, der ohne sie die lange Weile, die ihm Alabanda und alle andre Schonen seines Hofes verursachten, unausstehlich gefunden haben wurde, machte auf einmal die Entdekkung, dass er nicht ohne Gulnaze leben konne. Unvermerkt hatte sie sich aller Zugange seines Herzens bemachtiget; und eben so unmerklich wurde sie aus einer Vertrauten die unumschrankteste Beherrscherin seiner Neigungen. Keine ihrer Vorgangerinnen hatte so viel Gewalt uber ihn gehabt; aber keine hatte ihn auch so wenig fuhlen lassen, dass er Fesseln trug. Alabanda hatte ihn durch die Zauberkraft ihrer Reizungen beherrscht: Gulnaze regierte ihn durch die vollkommene Kenntnis der schwachen Seite seines Kopfes und seines Herzens. Was Wunder, dass ihre Herrschaft vollstandig und dauerhaft war!"

"Wohl angemerkt, Danischmend!" flusterte Nurmahal lachelnd.

"Finden Sie das?" sagte der Sultan, indem er sie auf die Schulter klopfte.

"Der Eifer, den Gulnaze vor mehr als zwanzig Jahren, da ihr Einfluss nur noch mittelbar war, fur die Sache des blauen Affen gezeigt hatte, verdoppelte sich itzt, da das konigliche Ansehen in ihren Handen lag. Die Blauen fassten neuen Mut, und glaubten zu den ausschweifendsten Hoffnungen berechtigt zu sein. Was die Neigung der Favoritin zu der neuen Sekte am starksten unterhielt, war der schlaue Einfall, den ein Ya-faou von den Freunden des Oberbonzen Kalaf gehabt hatte, eine Art von religiosen Festen zu erfinden, wobei die Sinne zum Behuf einer fanatischen Andacht auf die angenehmste Weise unterhalten wurden. Die Einfuhrung derselben war der letzte todliche Streich, welchen Kalaf den Feuerfarbnen beibrachte, deren Andachtsubungen mehr Finstres und Schreckendes als Angenehmes oder Herzruhrendes hatten. Die Anzahl der Blauen vermehrte sich nun taglich; Azor selbst fand immer mehr Geschmack an den Andachten seiner Geliebten; und es wahrte nicht lange, so fielen alle andre Arten von Ergetzungen. Man lud einander auf eine Partie in der blauen Pagode ein, wie vormals zu einer Lustreise aufs Land oder zu einem Maskenball. Unvermerkt wurde ein gewisser Schnitt von Devotion ein unterscheidendes Merkmal der Hofleute, und jedermann, wer an Erziehung und Lebensart Anspruch machte, bestrebte sich, sie zu kopieren so gut er konnte. Ware dies die schlimmste Wirkung des Einflusses der schonen und devoten Gulnaze gewesen, so hatte man Ursache gehabt von Gluck zu sagen; die Erheiterung des scheschianischen Aberglaubens mochte den Ubergang zu einer grundlichen Verbesserung vielmehr befordert als gehindert haben. Aber die Lebhaftigkeit ihrer Leidenschaften erlaubte ihr nicht der Zeit zu uberlassen, was sie durch Zwangsmittel in einem Augenblicke zu bewerkstelligen hoffte. Nicht zufrieden, die Feuerfarbnen so weit herunter gebracht zu haben, dass sie sich glucklich genug schatzten, wenn sie nur geduldet wurden, tat sie dem Tsao-Faou ein feierliches Gelubde, nicht eher zu ruhen, bis sie Scheschian von allen Anhangern seines Nebenbuhlers gereinigt haben wurde. Ein koniglicher Befehl diente zum Vorwand, alle, welche sich weigerten dem blauen Affen zu opfern, als Ungehorsame, und bei dem geringsten Widerstand als Aufruhrer, mit einer Harte zu bestrafen, welche endlich den Blauen selbst anstossig wurde. Grausamkeiten, wovor der Menschlichkeit grauet, und wovon zu wunschen ware dass sie ohne Beispiele sein mochten, wurden, ohne Azors Wissen, in seinem Namen ausgeubt, und sind das einzige was die letzten Jahre seiner Regierung der Vergessenheit entzogen hat; bis er endlich, beladen mit dem allgemeinen Hasse seines Volkes, zu spat fur seinen Ruhm vom Schauplatz abtrat. Ein denkwurdiges Beispiel, dass ein Furst mit allen Eigenschaften eines liebenswurdigen Privatmannes, mit wenig Lastern und vielen Tugenden, durch den blossen Mangel furstlicher Eigenschaften so viel Boses stiften kann als der greulichste Tyrann. Azor war weder ehrgeizig noch begierig nach dem Eigentum seiner Untertanen, weder launisch, noch hartherzig, noch grausam. Weit entfernt zu verlangen, dass seine unuberlegtesten Einfalle fur Gesetze und Gotterspruche gelten sollten, oder, wie viele seines Standes, sich einzubilden, dass Scheschian bloss um seinetwillen aus dem Chaos hervorgegangen sei, und seine Untertanen fur eben so viele Sklaven anzusehen, deren Gluck oder Ungluck, Sein oder Nichtsein, nur in so fern als es sich auf seinen Vorteil beziehe, in Betrachtung komme, war er der leutseligste, der mitleidigste und wohltatigste Furst seiner Zeit. Unwissenheit in den Pflichten seines Standes, Unwissenheit in der Kunst zu regieren, wollustige Tragheit, und allzu grosses Vertrauen zu seinen Gunstlingen, die er als seine Wohltater ansah, weil sie ihm die Last der Regierung abnahmen, Fehler der Erziehung, Schwachheiten des Herzens und des Temperaments, nicht Laster waren es, die ihm die Liebe seiner Volker und die Hochachtung der Nachwelt entzogen haben. Seine grossten Fehler waren, dass er mit eignen Augen bloss durch fremde sah; dass seine Ohren nur angenehme Dinge horen wollten; dass er nur sprach was man ihm auf die Zunge legte; und, wenn er auch, entweder durch die naturliche Scharfe seines Geistes, oder durch die Bemuhungen irgend eines ehrlichen Narren, der seinen Kopf wagte ihm die Augen zu offnen, zuweilen eine gute Entschliessung fasste, zu viel Misstrauen gegen seine eigenen Einsichten und zu viel Gefalligkeit fur seine Gunstlinge hatte, um seiner Entschliessung treu zu bleiben. Indessen muss man gestehen, dass auch das Schicksal nicht ohne alle Schuld an den Fehlern seiner Regierung war. Die Gebrechen und Untugenden Azors wurden wenig geschadet haben, wenn es lauter weise und tugendhafte Personen um ihn her versammelt hatte. Er wurde solche Leute, wenn sie ubrigens eben so witzig und unterhaltend gewesen waren als seine Gunstlinge, eben so wert gehalten haben, sich ihnen eben so ganzlich uberlassen haben, und Scheschian wurde glucklich gewesen sein. Aber freilich zeigt uns die Geschichte des ganzen Erdkreises kein einziges Beispiel, dass ein schwacher und untatiger Furst, durch einen Schlag mit einer Zauberrute, bei seinem Erwachen auf einmal von lauter Walsinghams und Sullys umgeben gewesen ware, und wir sind wohl nicht berechtigt, ein solches Wunder vom Schicksal zu erwarten."

Ende des ersten Teils

Zweiter Teil

1.

"Herr Danischmend, ein paar Worte, ehe wir weiter gehen", sagte der Sultan. "Wenn es ohne der historischen Wahrheit Gewalt anzutun, geschehen konnte, dass du uns auf diesen Azor, der (unter uns!) die Erlaubnis schwach zu sein ein wenig zu sehr missbraucht, diesen Abend einen guten Konig gabest, so wurdest du mir keinen kleinen Gefallen erweisen. Ich weiss wohl, die Geschichte soll den Fursten nicht schmeicheln; und dies aus einem gedoppelten Grunde: erstens, weil es genug ist, dass uns in unserm Leben geschmeichelt wird; und dann, weil die Wahrheit, die man nach unserm Tode von uns sagt, uns nicht mehr schaden, der Welt hingegen nutzen kann. Aber ich mochte doch auch nicht, dass es so heraus kame, als ob ich mir alle Abende in meinem Schlafzimmer eine Satire auf die Sultanen von Scheschian machen liesse. Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben, ein Mensch sollte nichts, was einen Menschen angeht, fur fremd ansehen; und ich sehe nicht ab, warum wir Sultanen uns nicht in dem namlichen Falle befinden sollten. Mit Einem Worte, ich interessiere mich fur die Sache, und dies ist, denke ich, genug."

"Ihre Hoheit befehlen also dass ich den Sultan Isfandiar uberhupfe?" fragte Danischmend

"Eine weise Frage!" antwortete Schach-Gebal. "Ich muss doch wohl zuvor wissen, wer Sultan Isfandiar war, eh ich sie beantworten kann!"

"Er war Azors unmittelbarer Nachfolger, sein einziger Sohn von der schonen Alabanda, und einer von den scheschianischen Sultanen, deren Regierung einer formlichen Satire auf bose Fursten ahnlich sieht."

"Er war also noch schlimmer als Azor?"

"Um Vergebung, Sire! Azor war in der Tat kein boser Furst; er war nur schwach. Isfandiar hingegen"

"Gut, gut", fiel ihm der Sultan ins Wort: "wir wollen immerhin Bekanntschaft mit ihm machen, wenn es auch nur ware, weil er ein Sohn der schonen Alabanda war, die ich, bei allem Bosen was du uns von ihr sagtest, dennoch sehr liebenswurdig finde. Und aus eben diesem Grunde ersuch ich dich, den armen Isfandiar so leicht davon kommen zu lassen als du immer kannst."

"Wofern" (sagte Danischmend) "unter dem Worte Satire eine Rede oder Schrift verstanden wird, worin man zur Absicht hat jemanden verhasst oder lacherlich zu machen: so verhute der Himmel, dass mir jemals der Gedanke einfalle, eine Satire auf Fursten zu machen, und wenn es auch nur uber den Konig Tonos Konkoleros, oder einen der alten Pharaonen in Agypten ware. Aber unglucklicher Weise hat es unter den Grossen zu allen Zeiten einige gegeben, deren Leben eine Satire auf sie selbst war; ich will sagen, die sich durch ihre Torheiten verachtlich und durch den Missbrauch ihrer Gewalt verhasst gemacht haben, ohne dass der Biograph, der den Auftrag erhielt ihre Geschichte zu erzahlen, die mindeste Schuld an der Sache hatte. Ich besorge, der Sultan Isfandiar war in diesem Falle, und daher"

"Immerhin!" rief der Sultan: "das Bose, das du von ihm sagen wirst, bleibt unter uns. Erinnere dich nur, dass ich unnotige Vorreden hasse."

"Sire" (fing Danischmend an), "Isfandiar war, wie gesagt, Azors und Alabandens einziger Sohn, und der jungste von verschiedenen, welche seine Sultaninnen ihm geboren hatten. Er wurde, ungeachtet der Entfernung seiner Mutter von dem Herzen des Koniges, bei Hof erzogen wie die scheschianischen Prinzen damals erzogen zu werden pflegten."

"Dies ist gerade, was wir wissen wollen", sagte Schach-Gebal.

"Er hatte die geschicktesten Lehrmeister in allen den Wissenschaften und Kunsten, welche sich (wie man zu sagen pflegt) fur einen Prinzen schicken. Er lernte von der Mathematik so viel, dass er ein Dreieck kunstmassig von einem Viereck unterscheiden konnte. Er wusste, zum Beweise seiner geographischen Kenntnisse, die Namen aller Flusse, Seen, Berge, Provinzen und Stadte von Scheschian herzusagen; und, um eine Probe seiner Starke in der Philosophie zu geben, verteidigte er in seinem dreizehnten Jahre offentlich einen sehr tiefsinnigen Beweis, dass ein Ding ein Ding ist, und so lang und so fern als es ist was es ist, nicht zugleich etwas andres sein kann als es ist. Sein Lehrer in der Staatswissenschaft hatte nichts Angelegeners, als ihm die ausgebreitetste Kenntnis von dem Umfang und den Rechten der hochsten Gewalt, und von den unzahlbaren Mitteln und Wegen, wie man sich mit guter Art des Eigentums seiner Untertanen bemachtigen kann, beizubringen. Hingegen nahm sich sein Lehrer in der Moral sehr in Acht, die Zartlichkeit seines Ohres durch Erwahnung des unangenehmen Wortes Pflichten zu beleidigen. Er bildete sich ein, es vortrefflich gemacht zu haben, wenn er dem Prinzen, in zierlich gedrehten Perioden oder durch ruhrend ausgemalte Beispiele, Gerechtigkeit und Wohltatigkeit als die hochsten Tugenden eines Fursten vorschilderte. Aber der Ton, worin er von diesen Tugenden schwatzte, das unbesonnene und ubertriebene Lob, womit er einige Fursten wegen ziemlich zweideutiger Handlungen dieser Art unter die Gotter versetzte, musste naturlicher Weise eine verkehrte Wirkung bei seinem Untergebenen tun. Der junge Isfandiar machte sich von Gerechtigkeit und Wohltatigkeit einen Begriff, der fur das Gluck seiner kunftigen Untertanen ganzlich verloren ging. Er glaubte, die Ausubung dieser Tugenden hange bloss von seiner Willkur ab; und er mutmasste auch nicht von ferne, dass sie allein durch ihre unzertrennliche Verbindung zu Tugenden werden, und dass die unermudete Bestrebung, beide in dem ganzen Umfang des Regentenamtes auszuuben, eine so wesentliche Furstenpflicht sei, dass derjenige, welcher sie funfzig Jahre lang in der hochsten Vollkommenheit ausgeubt hatte, beim Schlusse seines Lebens kein andres Lob verdient hatte, als das Zeugnis seine Schuldigkeit getan zu haben. Kurz, der hofische Mentor hatte keinen Begriff davon, dass man einem jungen Fursten die Ausubung aller Tugenden, von welchen das Wohl seiner Untergebenen und die moglichste Vollkommenheit seines Staates abhangt, unter der Gestalt von Verbindlichkeiten vorstellen musse, deren Forderungen eben so dringend als unverletzlich sind; es sei nun, dass man sie von den Gesetzen des hochsten Wesens, als des Konigs uber die Konige, oder von einem gesellschaftlichen Vertrag ableite, vermoge dessen derjenige, der die meisten Rechte zu haben scheint, gerade der ist, der die meisten Pflichten hat."

"Ohne Unterbrechung, Herr Doktor", sagte der Sultan: "ich sollte doch denken, der Sittenlehrer des jungen Prinzen Isfandiar habe nicht so ganz unrecht gehabt, ihm das, was ihr die Pflichten der Fursten nennt, unter einer gefalligen Gestalt zu zeigen. Das Wort Pflicht ist ein hartes Wort: es hat fur die Untertanen selbst einen widrigen Ton; wie sollten wir andere unsere Ohren daran gewohnen konnen? Wir werden die Tugend immer liebenswurdiger finden, wenn unsere Neigung zu ihr freiwillig ist, als wenn sie uns mit Gewalt aufgeburdet wird."

"Um Vergebung, gnadigster Herr", erwiderte der freimutige und unhofische Danischmend. "Es gibt ein weniger gefahrliches Mittel uns unsere Pflichten angenehm zu machen. Anstatt uns zur Tugend durch Lobeserhebungen anzuspornen, welche die Ausubung unserer Schuldigkeit zu einem Gegenstande der Ruhmsucht und Eitelkeit machen, wurde besser getan sein, uns zu uberzeugen, dass die Vollziehung unsrer Pflichten mit den unmittelbarsten und wichtigsten Vorteilen und mit dem reinsten Vergnugen verbunden ist. Immerhin mag auch des Ruhmes, als des naturlichen Begleiters guter Taten, erwahnt werden. Aber zu bedauern ist der Furst, dessen Herz nicht empfindsam genug ist, das Vertrauen und die Liebe seines Volkes allen Lobgedichten, Ehrendenkmalern, Bildsaulen, Schaumunzen und Inschriften vorzuziehen, womit Dankbarkeit oder Schmeichelei seine Taten verewigen konnen. Wie wenig wahre Befriedigung konnen ihm diese geben! denn wie oft sind sie nicht an Tyrannen und namenlose Konige verschwendet worden!"

"Danischmend hat nicht ganz unrecht", sagte der Sultan, der diesen Abend in der Laune war, seinen Philosophen schwatzen zu horen: "der Moralist des Prinzen Isfandiar war, wie es scheint, ein zu guter Hofling, um ein guter Sittenlehrer zu sein."

"Gleichwohl" (fuhr Danischmend fort) "war sein Lehrer in der Geschichte noch schlimmer, wiewohl unstreitig der gelehrteste Mann in seiner Art, den man im ganzen Reiche hatte finden konnen. Die Geschichte war das Lieblingsstudium des Prinzen, und wirklich erwarb er sich eine Fertigkeit darin, womit er bei tausend Gelegenheiten sich und seinem Lehrer Ehre machte. Dieser erhielt zur Belohnung die Stelle eines koniglichen Geschichtschreibers mit einer grossen Pension. Konnte der gute Sultan Azor sich einfallen lassen, dass der Mann, den er so edel belohnte, die Oberstelle auf einer Ruderbank verdient habe? Und doch war nichts gewisser.

Das Amt eines Lehrers der Geschichte bei einem jungen Fursten erfodert einen Mann, der mit der warmsten Rechtschaffenheit einen tief sehenden und viel umfassenden Blick, und das reinste sittliche Gefuhl mit der scharfsinnigsten Unterscheidungskraft vereiniget. Keine geringern Eigenschaften setzt die vollkommene Gerechtigkeit voraus, welche er in Zeichnung der Charakter und in Beurteilung der Handlungen, sowohl aus dem sittlichen als politischen Gesichtspunkt, auszuuben hat. Er muss (wenn es mir erlaubt ist, mich durch ein Beispiel verstandlicher zu machen) in Alexandern einen dieser ausserordentlichen Sterblichen erkennen, welche die Natur zu Ausfuhrung ungewohnlich grosser Dinge gebildet hat; welche, wie die Gotter Homers, eine Mittelklasse zwischen Menschen und hohern Wesen ausmachen, und daher in ihren Lastern wie in ihren Tugenden mehr als gewohnliche Menschen sind. Er muss jedem seiner Vorzuge, jeder seiner Tugenden ihr Recht widerfahren lassen, ohne seiner Laster um jener willen zu schonen, oder die Schonheit von jenen um dieser willen zu misskennen. Er muss fahig sein, in dem grossen Entwurfe dieses wohltatigen Eroberers einen ganz andern Geist zu entdecken, als derjenige war, der die Attilas antrieb den Erdboden zu verheeren. Er muss einem Manne, der zum Beherrscher der Welt geboren war,33 aus der erhabenen Leidenschaft, grosse Taten zu tun, kein Verbrechen machen; einer Leidenschaft, welche an einem kleineren Geist Ehrgeiz gewesen ware, aber bei jenem der angeborne Enthusiasmus einer Heldenseele war. Aber weh ihm, wenn er nicht empfindet, dass der Sieg bei Arbela nicht mehr war, als was zwanzig andre griechische Feldherren eben so gut hatten bewerkstelligen konnen als Alexander; und dass hingegen eine fast ubermenschliche Grosse der Seele dazu erfodert wurde, den Arzneibecher aus der Hand seines Leibarztes zu nehmen und mit ruhig heiterm Lacheln auszutrinken, wahrend er demselben mit der andern Hand den Brief hinreichte, worin ihm entdeckt wurde, dass dieser Arzt durch Versprechungen, welche einen Heiligen verfuhren konnten, bestochen sei, ihm Gift zu geben! Weh ihm, wenn er nicht empfindet, dass Alexander, da er lieber brennenden Durst leiden, als etliche seiner Soldaten des Wassers, welches sie ihren schmachtenden Kindern in ihren Helmen zutrugen, berauben wollte, ein grosserer Mann war, als da er, von Feldherren und Konigen umgeben, zum ersten Mal vom Thronhimmel der persischen Sultanen auf das besiegte Asien herab sah; oder wenn er nicht empfindet, dass der uberwundene Darius, in dem Augenblicke, da er, geruhrt von dem edlen Betragen seines Siegers gegen seine Gemahlin und Kinder, niemand als Alexandern fur wurdig erklarte den Thron des Cyrus zu besteigen, grosser als Alexander war; Alexander hingegen in dem Augenblicke, da er, berauscht von der wollustigen Pracht der persischen Konige, beim Eintritt in das innere Gezelt des Darius ausrief: Dies nenn ich Konig sein! von der Hoheit eines Halbgottes zum gemeinen Erdensohn herunter sank!

Weit entfernt von dieser Feinheit und Warme des sittlichen Gefuhls, urteilte der gelehrte Mann, der den jungen Isfandiar durch die Geschichte zu einem Konige bilden sollte, von den Grossen und ihren Handlungen nach keiner bessern Regel, als nach dem Schein den sie von sich warfen, und (in allen Fallen, wo er keine besondere Ursache hatte zu loben, was er nach seinen Grundsatzen hatte tadeln mussen) nach den Vorurteilen der ubel zusammen hangenden, schwarmerischen, in einigen Stucken uberspannten, in andern allzu schlaffen Sittenlehre, an welche er in den Schulen der Bonzen auf eine mechanische Weise angewohnt worden war. Jeder Eroberer hiess ihm ein Held, jeder freigebige Furst grossmutig, jeder schwache Furst gut. Vornehmlich machte er sich zur Pflicht, dem Prinzen von den Fursten seines Stammes immer die vorteilhaftesten Begriffe zu geben, wiewohl es grossten Teils auf Unkosten der Wahrheit geschehen musste. Er malte alles ins Schone; er vergrosserte ihre guten oder ertraglichen Eigenschaften, stellte ihre Laster in den tiefsten Schatten, und entschuldigte durch sophistische Spitzfindigkeiten was sich nicht verbergen liess. Kurz, er behandelte ihre Geschichte nicht anders, als ob die Begriffe vom Guten und Bosen, sobald sie auf einen Grossen angewendet werden, willkurlich wurden, oder als ob der konigliche Mantel durch eine talismanische Kraft jedes Laster, das er bedeckt, in eine schone Eigenschaft verwandeln konnte. 'Man muss gestehen' (pflegte er von einem offenbaren Tyrannen, oder von einem in Uppigkeit versunkenen Wollustling zu sagen), 'dass dieser grosse Sultan in einigen Handlungen seines Lebens die Strenge, welche durch die Umstande seiner Zeiten notwendig gemacht wurde, etwas weiter getrieben hat als zu wunschen war' oder: 'Es ist nicht zu leugnen, dass seine Neigung zu den Ergetzungen nicht immer in den Schranken der weisesten Massigung blieb; aber diese Schwachheiten' (setzte er hinzu) 'wurden durch so viele grosse Eigenschaften vergutet, dass es eben so unbillig als unehrerbietig ware, sich dabei aufzuhalten.'

Der junge Prinz hatte nicht so schlau sein mussen als er war, wenn er sich nicht einige kleine Grundsatze hieraus gezogen hatte, welche das wenige Gute, das der Unterricht seines Sittenlehrers in seinem Gemute ubrig gelassen hatte, vollends vernichteten; zum Beispiel: Dass die Laster eines Fursten ein Gegenstand seien, von welchem man mit Ehrerbietung reden musse; dass ein Furst um so weniger vonnoten habe seinen schlimmen Neigungen Gewalt anzutun, weil es immer in seiner Macht stehe, das Bose, das er tut, wieder zu verguten; dass man es einem Sultan desto hoher anrechnen musse, wenn es ihm gefallt einige gute Eigenschaften zu haben, weil es bloss an ihm lag, ungestraft so schlimm zu sein als er nur gewollt hatte, und dergleichen mehr. Der junge Isfandiar ermangelte nicht, aus diesen und ahnlichen Satzen, welche aus der verkehrten Weise, wie ihm die Geschichte beigebracht wurde, zu folgen schienen, sich eine geheime Sittenlehre zu seinem eigenen Gebrauch zu bilden, welche desto gefahrlicher war, da sein von Natur wenig empfindsames Herz keine Neigungen hatte, welche seinen Launen und Leidenschaften das Gegengewicht hatten halten konnen.

Ich habe mich, nicht ohne Gefahr dem Sultan meinem Herrn lange Weile zu machen, bei der Erziehung des Prinzen Isfandiar verweilt, weil ich uberzeugt bin, dass sie grossen Teils an den Torheiten und Lastern schuld ist, welche die Regierung dieses unglucklichen Fursten auszeichnen."

"Aber, wenn dies ware", sagte Schach-Gebal, "wie viele Konigssohne in der Welt mussten eben so schlimm sein, als dein Isfandiar! Denn ich bin gewiss, dass unter zehen kaum Einer ist, der sich einer bessern Erziehung ruhmen kann."

"Sire" (antwortete Danischmend), "dieses letzte als eine Erfahrungssache vorausgesetzt, liesse sich schliessen, die meisten Fursten wurden, durch eine besondere Vorsehung welche fur das Beste der Menschheit wacht, mit einer so vortrefflichen Anlage in die Welt geschickt, dass sie alles dessen was die Erziehung an ihnen verderbt ungeachtet, immer noch gut genug blieben, um uns zu zeigen wie vortrefflich sie hatten werden konnen, wenn der Keim der Vollkommenheit in ihnen entwickelt und zur Reife gebracht worden ware."

"Wofern dies nicht etwann Ironie ist", sagte Schach-Gebal lachelnd, "so bedanke ich mich bei dir im Namen aller, die bei dieser sehr verbindlichen Hypothese etwas zu gewinnen haben."

"Ich empfinde meine Pflicht zu stark" (erwiderte Danischmend), "um von einer so ernsthaften Sache anders als in vollem Ernste zu reden. Und ich denke, nichts kann dem hohen Begriff, den wir uns von der Gute des unsichtbaren Regierers der Welt zu machen schuldig sind, gemasser sein, als der Gedanke, dass er (ordentlicher Weise wenigstens) nur die schonsten Seelen zu seinen Unterkonigen in den verschiedenen Teilen des Erdkreises ernenne."

"Wenn mir erlaubt ist meine Meinung uber eine Sache von dieser Wichtigkeit zu sagen", sprach die schone Nurmahal, "so denke ich, Danischmend habe niemals etwas Wahrscheinlicheres gesagt. Ware es nicht so wie er behauptet, so dunkte mich unerklarbar, woher es komme, dass unter zwanzig grossen Herren kaum Einer so schlimm ist, als sie alle zwanzig sein sollten, wenn man bedenkt, was die Lebensart, worin sie aufwachsen, die verkehrten Begriffe, welche sie unvermerkt einsaugen, die Muhe, die man sich gibt, durch Schmeichelei, niedertrachtige Gefalligkeit und schlaue Verfuhrungskunste ihren Kopf und ihr Herz zu verderben, bei gewohnlichen Menschen fur eine Wirkung tun mussten."

"Ich zweifle nicht, meine guten Freunde", sagte der Sultan, "dass alles dies eine abgeredete Schmeichelei ist, die ihr mir sagen wollt. Indessen ist doch wenigstens die Wendung, die ihr dazu genommen habt, zu loben. Aber ich sehe nicht, Danischmend, was der Taugenichts Isfandiar dabei gewinnen kann."

"In der Tat", versetzte Danischmend, "es mangelte ihm, wie ich bereits erwahnte, an dem Kostbarsten, was die Natur einem Sterblichen, sie mag ihn zum Pflug oder zu einer Krone bestimmt haben, geben kann, an einer empfindsamen Seele. Diesen Mangel kann auch die vollkommenste Erziehung nicht ganz ersetzen; aber, da sie doch wenigstens etwas tun kann (denn warum sollte sich die Natur nicht eben sowohl verbessern als verschlimmern lassen?), so sind in einem solchen Falle die Leute, deren Amt dies ist, desto grossere Verbrecher, wenn sie darin saumselig sind."

"Vermutlich fehlten sie mehr aus Ungeschicklichkeit als aus Bosheit", sagte die Sultanin.

"Ich wurde selbst nicht strenger von ihnen geurteilt haben", erwiderte Danischmend, "wenn es weniger gewiss ware, dass diese Herren (wiewohl sie ihre wahre Absicht unter der gewohnlichen Phraseologie von Menschenliebe, Patriotismus und Uneigennutzigkeit verbargen) insgesamt kein hoheres Augenmerk hatten, als ihr Gluck zu machen; ein Zweck, den sie am gewissesten zu erhalten glaubten, wenn sie keine Gelegenheit versaumten, sich durch eine wenig bedenkliche Gefalligkeit in das Herz des kunftigen Thronerben einzustehlen.

So fehlerhaft indessen die Erziehung dieses Prinzen war, so wurde doch der Schade, den sie ihm zufugte, nicht unheilbar gewesen sein, wenn er nicht das Ungluck gehabt hatte, einem gewissen Kamfalu in die Hande zu fallen, der ein Bosewicht aus Grundsatzen, aber der angenehmste Bosewicht war, den man jemals gesehen hatte. Ich werde, um dem Charakter dieses Menschen sein gehoriges Licht zu geben, genotiget sein, eine kleine Digression in die Gelehrtengeschichte der damaligen Zeit zu machen.

Es lebte damals ein Schriftsteller, namens Kador, der sich von dem grossen Haufen der moralischen Schreiber seiner Zeit durch eine Art von Antipathie gegen alles Aufgedunsene und Gezierte in Empfindungen, Begriffen und Sitten, und uberhaupt durch eine merkliche Entfernung von der Kunstsprache sowohl als von den Maximen jenes grossen Haufens unterschieden hatte. Es ist naturlich, dass die besagten Schreiber mit diesem Unterschied um so weniger zufrieden waren, weil das Publikum zwischen ihren Schriften und den seinigen noch einen andern Unterschied machte, der ihrer Eitelkeit nicht gleichgultig sein konnte. Man las namlich seine Werke mit einem Vergnugen, welches immer die Begierde zuruck liess sie wieder zu lesen; da hingegen die ihrigen ordentlicher Weise nur zum Einpacken der seinigen gebraucht wurden. Sie hatten mehr oder weniger als gewohnliche Menschen sein mussen, wenn sie dieses nicht sehr ubel hatten finden sollen. Sie suchten den Grund davon nicht in der schlechten Beschaffenheit der ubel zubereiteten und unverdaulichen Nahrung, welche sie dem Geist ihrer Zeitgenossen vorsetzten, sondern (wie naturlich war) in der Verdorbenheit des menschlichen Herzens, welchem Kador, ihrem Vorgeben nach, auf die unerlaubteste Weise schmeichelte. Denn der scherzende Ton, worin er zuweilen sehr ernsthafte Wahrheiten sagte, und die launige Freimutigkeit, womit er der Heuchelei die Maske abnahm und der Verblendung die Augen offnete, waren in den ihrigen untrugliche Zeichen seines bosen Willens gegen die Tugend. In der Tat dachte Kador von den Tugenden der Sterblichen nicht ganz so gunstig, als diejenigen, welche selbst fur Muster angesehen werden wollen, zu wunschen Ursache haben. Er leitete die meisten praktischen Urteile und Handlungen der Menschen aus den mechanischen Wirkungen physischer Ursachen, oder aus den geheimen Tauschungen der Einbildung und des Herzens her; und je erhabener die Beweggrunde waren, aus welchen jemand zu handeln vorgab, desto grosser war das Misstrauen, welches er entweder in die Redlichkeit dieses Jemands oder in die Gesundheit seines Gehirnes setzte. Wiewohl er uberhaupt eine sehr gute Meinung von der menschlichen Natur hegte, so behauptete er doch, sie sei binnen etlichen tausend Jahren, durch die unaufhorliche Bemuhung an ihr zu kunsteln, zu bessern und zu putzen, so ubel zugerichtet worden, dass es leichter sei an einem verstummelten Gotterbilde die Majestat des Gottes, den es vorgestellt, als in den menschlichen Karikaturen, die sich vor unsern Augen herum bewegen, die ursprunglich schone Form der Menschheit zu erkennen. Indessen gab es doch, seiner Meinung nach, immer eine Anzahl schoner Seelen, welche (durch gluckliche Zufalle, oder, wie er geneigter war zu glauben, durch die geheimen Veranstaltungen einer wohltatigen Gottheit), wo nicht ganz unverstummelt, doch wenigstens nur mit leichten Beschadigungen, noch ganz leidlich davon gekommen waren. Er erklarte sich fur den warmsten Liebhaber dieser schonen Seelen: von ihnen allein dacht er gut; ihnen allein traute er jede edle Gesinnung, und die Fahigkeit, der Tugend grosse Opfer zu bringen, zu. Die ubrigen mochten noch so kunstlich angestrichen, noch so gothisch herausgeputzt, in noch so weite und lang schleppende Mantel eingehullt sein, kurz, sich noch so viele Muhe geben, durch entlehnte Zieraten und ausserliche Formen von Weisheit und Tugend Hochachtung zu erwecken: an ihm verloren sie ihre Muhe. 'Es sind Pagoden', pflegte er lachelnd zu sagen, 'welche sehr wohl tun, sich, wie die sinesischen, in weite Mantel zu hullen; durchsichtiges Gewand wurde ihre Ungestalt zu sichtbar machen.' Kador mochte wohl so unrecht nicht haben, als die Pagoden, seine Gegner, die Welt gern uberredet hatten. Gewiss ist, dass der bessere Teil der Welt sich nicht uberreden lassen wollte, und dass er gerade so viele gesunde Kopfe und schone Seelen, als man ihrer damals in Scheschian zahlte, auf seiner Seite hatte. Selbst diejenigen, welche nicht in allen Stucken seiner Meinung waren, billigten sowohl seine Absichten als die Mittel wodurch er sie ausfuhrte, und erkannten in ihm den aufrichtigen Liebhaber des Wahren, und den wohl meinenden Freund der Menschheit. Aber zufalliger Weise hatte er das Missvergnugen, dass einige seiner Grundsatze von einer Art von Leuten gemissbraucht wurden, denen es gleich stark an feinerem Gefuhle des Herzens und an Richtigkeit der Beurteilung mangelte. Das Wahre grenzt immer so nah an den Irrtum, dass man keinen grossen Sprung vonnoten hat, aus dem sanft sich empor windenden Pfade des einen in die reizenden Irrgarten des andern sich zu verirren. Diese Leute gaben sich das Ansehen, dem besagten Schriftsteller in allem beizustimmen, einen einzigen Punkt ausgenommen. 'Er hat recht', sagten sie, 'so lang er in seinem wahren Charakter bleibt, so lang er das Eitle der menschlichen Begriffe und Leidenschaften schildert, und das Lacherliche ihrer Forderungen an Weisheit und Tugend aufdeckt. Aber er schwarmt selbst, sobald er von schonen Seelen, von der Zauberei der Empfindung, von Sympathie mit der Natur, und von der Gottlichkeit der Tugend fabelt. Es gibt keine schone Seelen, und nur ein Tor glaubt an die Tugend. Was die Menschen Tugend nennen, besteht, wie die Munze in gewissen Landern, in einer Anzahl abgeredeter Zeichen, welche man unter einem gewissen Stempel fur einen gewissen Preis in Handel und Wandel gelten zu lassen ubereingekommen ist. Der innere Wert kommt dabei gar nicht in Betrachtung. Dem Korn nach ist eben so wenig Unterschied zwischen dem Schelm, der gehangen wird, dem Nachrichter, der ihn hangt, und dem Richter, der ihn hangen lasst, als zwischen dem geschmeidigen Europaer, dem aufgeblasenen Perser, dem andachtigen Armenier, dem hoflichen Sinesen, und dem rohen Kamtschadalen. Das Geprage macht den ganzen Unterschied.'

Die Leute, welche so dachten, fanden bald Anhanger genug, um eine zahlreiche Sekte auszumachen. Sie nannten sich die Philosophen, und wer nicht von ihrer Bruderschaft war, hatte die Freiheit von den Titeln Betruger oder Schwarmer welchen er wollte auszuwahlen. Denn nach ihren Grundsatzen musste er notwendig eines von beiden sein. Der ehrliche Kador erfuhr die Krankung, von der kurzsichtigen Menge mit diesen anmasslichen Philosophen in Eine Linie gestellt zu werden, weil sie zuweilen seine Sprache redeten, und in gewissen Stucken eben das zu tun schienen, was Er getan hatte. Man konnte oder wollte nicht gewahr werden, dass nichts verschiedener sein konnte, als der Geist, welcher ihn, und der welcher diese Philosophen beseelte, und als der Endzweck, den Er und Sie sich vorgesetzt hatten. Wenn Er des Schwarmers spottete, und den Afterweisen, den Betruger, oder den Selbstbetrogenen ihrer Anspruche an Weisheit und Tugend entsetzte: so geschah es auf eine Weise, welche in Personen von gesundem Urteile keinen Zweifel veranlassen konnte, dass er es nicht redlich mit Wahrheit und Tugend meine. Wenn Sie hingegen eben dies zu tun schienen, fiel es in die Augen, dass ihre Absicht sei, die Tugend selbst lacherlich zu machen, und den ewigen Unterschied zwischen wahr und falsch, Recht und Unrecht aufzuheben. Der Schmerz, sich mit einer Klasse von Menschen, die er verachtete, vermengt zu sehen, und die Gefahr, durch den Mutwillen der einen und den Unverstand der andern wider seinen Willen Boses zu tun, brachte ihn, ohne dass er sich einen Augenblick bedachte, zu der einzigen Entschliessung, welche in solchen Umstanden eines ehrlichen Mannes wurdig war. Er erklarte sich offentlich, und mit Verachtung des Tadels und der Vorwurfe, welche er von beiden Gattungen zu erwarten hatte, fur die Sache der Tugend. Aber da er, seiner Uberzeugung treu, fortfuhr, keine Tugend gelten zu lassen, welche nicht, zum untruglichen Zeichen ihres innern Wertes, mit dem Stempel der schonen Natur bezeichnet war: so erfolgte was er vorher gesehen hatte. Die besagten Philosophen und der Pobel der Moralisten waren in gleichem Grade unzufrieden mit ihm. Beide fanden in seinen Schriften so viel Vorwand als sie nur wunschen konnten, seine Grundsatze und seine Absichten in ein falsches Licht zu stellen; und am Ende zeigte sich, dass er mit allen seinen Bemuhungen nichts gewonnen hatte, als die kleine Zahl der Vernunftigen in der Uberzeugung zu starken: Dass Blodigkeit des Geistes und Verkehrtheit des Herzens gleich unheilbare Ubel sind; dass es zwar nicht unmoglich ist, durch mechanische Mittel den grossen Haufen der Menschen zu einer ganz leidlichen Art von Tieren zu machen; aber, dass Weisheit und Gute ewig ein freiwilliges Geschenk bleiben werden, welches der Himmel nur den schonen Seelen macht."

"Was du uns hier erzahltest, Danischmend, mochte sich an einem andern Orte ganz gut haben horen lassen", sagte der Sultan: "aber du scheinst daruber vergessen zu haben, dass die Rede nicht von deinem Freunde Kador, sondern von dem Prinzen Isfandiar, und von einem gewissen schelmischen Kamfalu war, den du uns als einen Verfuhrer dieses jungen Menschen bekannt machen wolltest."

"Sire" (war Danischmends Antwort), "Ihre Hoheit ziehen mich in diesem Augenblicke aus keiner geringen Verlegenheit. Ich fing eben an gewahr zu werden, dass ich mich verirret hatte; und wer weiss was fur Wendungen ich hatte nehmen mussen, um mich wieder auf den Punkt zu finden, den ich unvermerkt aus dem Gesichte verlor! Der Kamfalu also, zu welchem Sie mich zuruck zu bringen die Gnade haben, war eines von diesen verzartelten Kindern der Natur, welche sie in einem Anstoss von verschwenderischer Laune mit allen ihren Gaben uberhauft, aber vor lauter Eilfertigkeit die einzige vergessen hat, ohne welche alle ubrige mehr gefahrliche als vorteilhafte Geschenke sind. Er war von schoner Bildung, und der Bau seines Korpers schien Unsterblichkeit anzukundigen. Er besass in einem hohen Grade alles was einen jungen Mann zu einem Gunstling des schonen Geschlechtes zu machen pflegt, und alles was ihn im Besitz ihrer Gunst erhalten kann. Er war lebhaft, feurig, unternehmend, und niemand hatte die Kunstsprache der Zartlichkeit, und alle die schlauen Verfuhrungskunste, wodurch sich die Schonen wissend oder unwissend hintergehen zu lassen gewohnt sind, mehr in seiner Gewalt als er. Das Einnehmende seiner Person, ein unerschopflicher, mit der grossten Leichtigkeit in tausend Gestalten sich verwandelnder Witz, und eine naturliche Beredsamkeit, bei welcher ihm, in gewissen Fallen, seine Begierden die Dienste der hochsten Begeisterung taten, machten ihn zum angenehmsten und gefahrlichsten Gesellschafter von der Welt. Nichts konnte leichtfertiger sein als seine Grundsatze in Beziehung auf die Gebieterinnen unsers Herzens; aber unglucklicher Weise fur das ganze Scheschian waren diese Grundsatze ein Teil des allgemeinen Systems seiner sittlichen Begriffe. Eblis (so nannte sich der Kamfalu), dessen Herz keine Vermutung hatte, dass es eine hohere Art von Wollust gebe als die Befriedigung der Sinne und das eigennutzige Vergnugen des gegenwartigen Augenblicks Eblis hatte sich ein System gemacht, aus welchem Wahrheit, Tugend, Zartlichkeit, Freundschaft, kurz, jedes schonere Gefuhl und jede edlere Neigung, verbannt waren. 'Alles ist wahr', sagte er, 'je nachdem wir es ansehen; von unserer innerlichen Stimmung und von dem Gesichtspunkt, woraus wir sehen, hangt es lediglich ab, ob uns ein Gegenstand schon oder hasslich, gut oder bose scheinen soll. Tugend ist eine Ubereinkunft der feinern Kopfe, durch einen angenommenen Schein von Gerechtigkeit, Uneigennutzigkeit und Grossmut dem grossen Haufen Zutrauen und Ehrfurcht einzuflossen. Sie bedient sich dazu einer gewissen hoch tonenden Sprache, gewisser edler Formen und schlauer Wendungen, welche sie unsern Neigungen und Handlungen gibt, um das Ziel unsrer Leidenschaften desto sicherer zu erhalten, je behutsamer wir es den Augen der Welt zu entziehen wissen. Mussige oder bezahlte Pedanten haben diese Sprache, diese Formen in einen wissenschaftlichen Zusammenhang rasoniert. Blode Kopfe sind einfaltig genug gewesen, diese Zeichen fur Sachen anzusehen, und unter diesen leeren Formen gleichsam einen Korper zu suchen. Narren haben sich zu allen Zeiten vergebens oder auf Unkosten ihrer Vernunft bemuht, uns die Tugend, von welcher jene schwatzten, in ihrem Leben zu zeigen. Aber ein dreifacher Tor musste der sein, der einen Freund auf Unkosten seiner selbst glucklich machen, der den Augenblick, das Einzige was in seiner Gewalt ist, einem Traume von Zukunft aufopfern, oder fur andre leben wollte, wenn er sie notigen kann fur ihn da zu sein!' Diese abscheuliche Moral"

"Ich besorge, Danischmend, es ist die Moral von zwei Funfteln meiner Rajas, Omras und Mollas", sagte der Sultan.

"Das verhute der Himmel", versetzte Danischmend. "Aber dessen bin ich versichert, dass es, wenn unser Herz uns nicht, wider Willen unsrer Kopfe, zu bessern Leuten machte, die Moral aller Erdenbewohner ware."

"Mir deucht", sprach die schone Nurmahal, "nichts beweiset besser, wie wahr es ist, dass nur die schonen Seelen der Tugend fahig sind, als der Ton, in welchem Eblis von dieser ihm unbekannten Gottheit spricht. 'Ein dreifacher Tor musste der sein, der seinen Freund auf Unkosten seiner selbst glucklich machen wollte.' Ja wohl, Eblis! ein dreihundertfacher Tor musst er sein. Aber dies weiss Eblis nicht denn woher sollt er es wissen konnen? dass der Fall, den er setzt, gar nicht moglich ist. Ein Freund kann fur seinen Freund nichts auf Unkosten seiner selbst tun, denn dieser Freund ist er selbst.34 Welchen grossern Gewinn konnt er machen als die Gluckseligkeit seines Freundes? Er konnte sein Leben fur ihn geben, und wurde in dem letzten Augenblicke, der vor diesem sussen Opfer vorher ginge, mehr leben als in zwanzig Jahren, die er bloss sich selbst gelebt hatte."

"Schwarmerin! komm und gib mir einen Kuss", rief der Sultan. "Zweiundzwanzig Jahre, seit ich Sultan bin, verhindern mich nicht zu fuhlen, dass etwas in dieser Schwarmerei ist, das meine ganze Sultanschaft aufwiegt."

"Die Grundsatze des verfuhrerischen Eblis fanden in dem Herzen des Prinzen Isfandiar so wenig Widerstand, dass sie sich ohne grosse Muhe seines Kopfes bemeistern konnten. Eblis hatte das Anstossige, welches sie fur eine jede noch nicht ganz verdorbene Seele haben mussen, so geschickt zu verbergen gewusst, dass der Prinz sich mit vollkommner Sicherheit dem Vergnugen uberliess, seinen Geist, wie er wahnte, von Vorurteilen zu entfesseln, deren Joch nur diejenigen tragen mussten, welche zum Gehorchen geboren waren. Da er ohnehin eine starke Neigung in sich fuhlte, seine Laune zur einzigen Regel seiner Urteile und Handlungen zu machen: so konnt es nicht wohl anders sein, als dass er ein System sehr uberzeugend finden musste, welches ihm, von dem Augenblick an, da er alles konnen wurde was er wollte, die Vollmacht erteilte, alles zu wollen was er konnte.

Die Ungeduld, so viel Jahre als der Konig sein Vater noch zu leben hatte, zwischen sich und dem Ziele seiner feurigsten Wunsche zu sehen, nahm mit jedem Jahre so stark zu, dass sie bei einem Prinzen, der so wenig gewohnt war seinen Leidenschaften zu gebieten, sich endlich zu deutlich verraten musste, um dem alten Azor verborgen zu bleiben. Alle Muhe, die sein Liebling anwandte, ihn zu einem klugern Betragen zu bereden, war vergeblich. Isfandiar tadelte alle Massregeln des Hofes, sprach mit sehr wenig Zuruckhaltung von den Schwachheiten seines Vaters, und begegnete der schonen Gulnaze so, als ob er sich vorgesetzt hatte, sie alle Augenblicke zu erinnern dass sie eine persische Tanzerin gewesen sei.

Azor ertrug diesen Ubermut mit einer Nachsicht, welche zu sehr die Miene einer Schwachheit hatte, um den Prinzen zum Gefuhl seiner Pflicht zuruck zu bringen; und in der Tat wurde ein strengeres Verfahren zu nichts gedient haben, als ihn die Abnahme seines Ansehens und die Ohnmacht einer zum Ende sich neigenden Regierung desto krankender fuhlen zu lassen. Die seinige war so verhasst, dass sein Thronfolger schon dadurch allein, weil er sie offentlich missbilligte, der Abgott des Volkes wurde. Der Hof des letztern vergrosserte sich zusehens; und man sprach endlich so laut von der Notwendigkeit, den alten Konig einer Burde, welche jungere Schultern erfordre, zu entladen; dass Isfandiar vermutlich nicht langer gezogert haben wurde, diese Gesinnungen der Nation zum Vorteil seiner Wunsche anzuwenden, wenn ihn nicht der Tod des Konigs wenigstens dieser letzten Stufe seines Verbrechens uberhoben hatte.

Niemals sind die Erwartungen eines Volkes starker betrogen worden, als an dem Tage, da Isfandiar den Thron von Scheschian bestieg. Aber was fur Ursache hatten auch die Scheschianer mehr von ihm zu erwarten als von seinem Vater? Wie viele Konige, welche sich durch die heiligsten Gelubde verbinden mussen nur fur die Gluckseligkeit ihrer Volker zu leben, erinnern sich dieser Gelubde noch, nachdem sie den ersten Zug aus dem Zauberkelch der willkurlichen Gewalt getan haben? In Scheschian mussten sich die Konige zu nichts verbinden. Das Volk schwor ihnen grenzenlosen Gehorsam, und sie erlaubten, am Tag ihrer Kronung, dem geringsten ihrer Untertanen den Saum ihres Mantels zu kussen. Was fur Erwartungen kann ein Volk auf eine solche Gnade grunden?

Azor hatte vor seiner Thronbesteigung alle Herzen durch Leutseligkeit und Gute gewonnen; man erwartete goldne Zeiten von ihm, und fand sich betrogen.

Isfandiar hatte sich nie die geringste Gewalt angetan, die ungestume Hitze, die Unempfindlichkeit und das Wetterwendische seiner Gemutsart zu verbergen. Niemand wusste einen Zug von ihm anzufuhren, der eine grosse Seele oder ein wohltatiges Herz bezeichnet hatte. Allein man war der langen Regierung seines verhassten Vaters uberdrussig; Isfandiar hatte sich offentlich an die Spitze der Missvergnugten gestellt; man hoffte, dass derjenige besser regieren wurde, der von den Gebrechen der alten Regierung so lebhaft geruhrt schien, und so viele Gelegenheit gehabt hatte durch fremde Fehler weise zu werden. Aber man betrog sich sehr. Isfandiar wurde sich eben so missvergnugt bezeigt haben, wenn Azor der beste der Konige gewesen ware.

Die erste Probe, welche der neue Sultan von seinem Vorhaben ohne Grundsatze zu regieren gab, war die Veranderung, die er bei Hofe und in der Staatsverwaltung vornahm.

In den letzten Jahren Azors hatte man sich durch die ausserste Not gedrungen gesehen, den ubermassigen Aufwand der Hofhaltung einzuschranken, und einige Manner von bewahrter Redlichkeit und Einsicht zu den wichtigsten Staatsbedienungen zu berufen. Es war zu spat fur die Gluckseligkeit von Scheschian; aber noch immer fruh genug, um noch grossere Ubel zu verhuten. Durch die Weisheit und unverdrossene Arbeit dieser ehrwurdigen Alten war die Staatswirtschaft in bessere Ordnung gebracht, und dem Volk, ohne Nachteil der Krone, betrachtliche Erleichterung verschafft worden. Isfandiar zahlte vermutlich beides unter die Missbrauche; denn er setzte seinen Hofstaat auf einen prachtigern Fuss, als er in den glanzendsten Zeiten Azors gewesen war; und die einzigen unter den Staatsbedienten seines Vaters, welche er um jeden Preis hatte kaufen sollen, wurden abgedankt. Sie mussten einem Schlaukopfe Platz machen, der sich durch ein Projekt, die Scheschianer, mittelst eines neu erfundenen Kunstworts, die Luft, welche sie einatmeten, versteuern zu lassen, das Vertrauen Seiner Hoheit erworben hatte.

Isfandiar hatte kaum einige Monate das Vergnugen geschmeckt alles zu tun was ihm beliebte, als er anfing sich seinen Launen mit einer Sorglosigkeit zu uberlassen, welche, ungeachtet des jovialischen Geistes, womit er sie wurzte, in den Augen der Vernunft eine desto anstossigere Art von Tyrannei war, weil sie bewies, dass er fahig sei, mit kaltem Blut und bei volligem Gebrauch seiner Sinne die unsinnigsten Dinge zu tun. Er schien sich sehr viel damit zu wissen, dass er keine erklarte Favoritin hatte wie sein Vater. Aber dafur hielt er eine ungeheure Menge von Hunden, Jagdpferden und Falken; gab unermessliche Summen fur Gemalde aus, ohne den geringsten Geschmack von der Kunst zu haben, und belohnte mit unmassiger Verschwendung alle Abenteurer und Landstreicher, die, mit dem Titel witziger Kopfe, Virtuosen und Besitzer seltsamer Kunststucke, an seinen Hof kamen, weil, wie sie sagten, nur der grosste der Konige wurdig sei, der Besitzer ihrer Talente und Raritaten zu sein.

Ohne irgend eine herrschende Leidenschaft zu haben, hatte er nach und nach alle, und jede mit desto grosserer Wut, weil er vorher sah, sie wurde bald von einer andern verdrangt werden. Das arme Scheschian gewann also wenig bei seiner Massigung in einem einzigen Punkte; einer Massigung, wovon der Grund vielmehr in seiner Unfahigkeit zu lieben, als in seiner Weisheit lag, und welche ihn nicht verhinderte, wenn es ihm einfiel, die Einkunfte einer ganzen Provinz an die erste sinesische Gauklerin, die ihn eine Viertelstunde belustigte, wegzuschenken.

Eben dieselbe wunderliche Laune, welche die Regel seines Geschmacks war, regierte ihn bei Besetzung der wichtigsten oder ansehnlichsten Hofamter und Staatsbedienungen. Er machte in einem solchen Anstoss seinen Pastetenbacker zum ersten Minister, ein andermal seinen Barbier zum Hauptmann uber die Leibwache. Der Reichskanzler wurde abgesetzt, weil er ein schlechter Tanzer war, und ein gewisser Quacksalber schwang sich durch die Erfindung einer Pomade in die Stelle des Oberschatzmeisters, der die Verwegenheit gehabt hatte, Seiner Hoheit vorzustellen, dass zehntausend Unzen Silbers eine zu grosse Belohnung fur die Erfindung einer neuen Pomade sei. Keiner von seinen Dienern konnte eine Stunde lang auf seine Gnade zahlen; und das schlimmste war, dass man sie durch Wohlverhalten eben so leicht als durch Ubeltaten verscherzen konnte. Der einzige Eblis besass das Geheimnis sich ihm unentbehrlich zu machen, und, ohne einen andern als den Titel seines Gunstlings, den Hof und den Staat eben so willkurlich zu regieren als der Sultan selbst. Ich hatte vielleicht unrecht, das Mittel, dessen er sich dazu bediente, ein Geheimnis zu nennen; denn im Grunde kann nichts einfacher sein. Es bestand in der Kunst, sich in alle Launen seines Herrn zu schicken, ihn alles tun zu lassen was er wollte, und fur alle seine Unternehmungen, so ausschweifend sie sein mochten, Mittel zu schaffen."

"Das letzte ist eben so leicht nicht, als du dir einbildest", sagte der Sultan.

"Sire", versetzte Danischmend, "nach des Gunstlings Grundsatzen und Art zu verfahren konnte nichts leichter sein. Nach ihm hatte der Sultan das Recht zu nehmen, so lange seine Untertanen etwas hatten, das ihnen genommen werden konnte."

"Und wenn sie nichts mehr hatten?"

"Dieser Fall war, seiner Meinung nach, so bald noch nicht zu besorgen.

'Der Hunger, und die Begierde nach einem Zustande, worin sie mussig gehen konnen, wird sie schon arbeiten lehren', pflegte er zu sagen, 'und so lange sie arbeiten, konnen sie geben.'"

"Dieser Eblis furchtete sich also nicht vor den Folgen der Mutlosigkeit?"

"Das Ubel war, dass er dem Sultan eine Philosophie beigebracht hatte, welche die menschliche Natur in seinen Augen verachtlich machte. Er sah die Menschen fur nichts besseres als eine Gattung von Tieren an, von welcher sich mehr Vorteile ziehen lassen als von irgend einer andern; und in der Kunst, sie fur ihren Gebieter zu gleicher Zeit so nutzlich und so unschadlich als moglich zu machen, bestand, nach ihm, das grosse Geheimnis der Regierungskunst. Man hatte ihm diesen Grundsatz gelten lassen konnen, wenn er vorausgesetzt hatte, dass der Vorteil des Gebieters und des Staats allezeit einerlei sei. Aber dies war es nicht was er damit wollte.

'Der Mensch', sagte Eblis, 'ist aus zwei entgegen gesetzten Grundneigungen zusammen gesetzt, deren vereinigte Wirkung ihn zu dem macht was er ist: Hang zum Mussiggang und Hang zum Vergnugen. Ohne den letztern wurde ihn jener ewig in einer unuberwindlichen Untatigkeit erhalten; aber so gross sein Abscheu vor Abhanglichkeit und Arbeit ist, so ist doch sein Hang zum Vergnugen noch starker. Um beide zu vereinigen, ist ein Zustand von Unabhanglichkeit, worin er alles mogliche Vergnugen ohne einige Bemuhung genosse, das letzte Ziel seiner Wunsche. Er kennt keine Seligkeit uber dieser. Daher dieser unausloschliche Hang zum Despotismus, der dem armseligsten Erdensohn eben so angeboren ist als dem Erben des grossten Monarchen. In dem ganzen Scheschian ist kein einziger, welcher nicht wunschte, dass alle ubrige nur fur sein Vergnugen beschaftigt sein mussten. Allein die Natur der Sache bringt es mit sich, dass nur ein Einziger dieser Gluckliche sein kann: alle ubrige sind durch die Notwendigkeit selbst dazu verurteilt, sich, so lange sie leben, mehr oder weniger zu diesem letzten Wunsche des Sterblichen empor zu arbeiten; und selbst das Gluck, ihm nahe zu kommen, kann nur Wenigen zu Teile werden. Was soll nun der Einzige hierbei tun, der, mit dem vergotterten Diadem um die Stirne, oben auf der Spitze des Berges steht, und nichts Hoheres zu ersteigen sieht? Soll er sich etwann in dem Genuss seiner Wonne durch albernes Mitleiden mit der wimmelnden Menge storen lassen, welche voll klopfender Begierde sich aus der Tiefe empor zu heben versucht, und, neidische Blicke auf die versagte Gluckseligkeit heftend, bei jedem Tritt auf der schlupfrigen Bahn in Gefahr schwebt, durch das Gedrange ihrer Mitwerber oder ihre eigene Hastigkeit tiefer, als sie empor gestiegen ist, wieder herunter zu glitschen? Soll er vielleicht so hoflich sein, einem unter ihnen Platz zu machen? Wahrhaftig! Sie mogen sehen, wie sie hinauf kommen; dies ist ihre Sache. Die seinige ist, indem sie von Stufe zu Stufe zu ihm empor klettern, sich ihrer Hande zu bedienen, um alle Guter und Freuden der Welt zu den Fussen seines Thrones aufhaufen zu lassen; und wenn ihm der Genuss alles dessen, was die ubrigen wunschen, noch eine Sorge verstatten kann, so ist es, zu verhindern, dass von der wetteifernden Menge keiner hoch genug steige, ihn von seinem Gipfel herab zu drangen. Nichts wurde dem Einzigen gefahrlicher sein, als wenn die Menge alle Hoffnung in einen bessern Zustand zu kommen verlore. Diese Hoffnung ist die wahre Seele eines Staats; mit ihr versiegt die Quelle des politischen Lebens; eine allgemeine Untatigkeit verkundigt, gleich der Todesstille vor einem Sturme, die schrecklichen Wirkungen der Verzweiflung, unter welchen schon so manche Thronen Asiens eingesturzt sind. Aber nichts ist leichter als diesem Ubel zuvorzukommen. Es gibt zwischen dem Tagelohner und dem Sultan so viele Stufen; und jede der hohern Stufen ist fur den, der einige Grade tiefer steht, so beneidenswurdig, dass etliche Beispiele, welche von Zeit zu Zeit die Hoffnung zu steigen in den letztern wieder anfrischen, hinreichend sind, den Staat in dieser Geschaftigkeit zu unterhalten, wodurch alle Glieder desselben, indem sie bloss ihren eigenen Vorteil zu befordern glauben, dem glucklichen Einzigen dienstbar werden.'

Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass nichts seichter sein kann als diese Trugschlusse des sinnreichen Eblis. Die Grundfeste eines Staats besteht in der Zufriedenheit der untersten Klassen mit dem Stande worin sie sich befinden, und sein Untergang ist von dem Augenblick an gewiss, da der Landmann Ursache hat, den mussig gehenden Sklaven eines Grossen zu beneiden.

Die Grundsatze des sinnreichen Eblis hatten drei grosse Fehler. Sie hingen eben so wenig unter sich zusammen, als sie mit der Erfahrung ubereinstimmten; und man konnte sie alle Augenblicke ubertreten, ohne an Grunden Mangel zu haben, welche die Ausnahmen rechtfertigten. Aber sie schmeichelten den Leidenschaften eines Fursten, der keine andre Regel kannte noch kennen wollte, als seine Laune. Isfandiar fand nichts bundiger als die Schlusse seines Lieblings.

Man konnte schwerlich weniger Anlage zu einer mitleidigen Sinnesart haben als dieser Sultan. Das kleinste Ungemach, das ihn selbst betraf, setzte ihn in die heftigste Ungeduld; aber das Leiden andrer fand keinen Zugang zu seinem Herzen. Wie uberflussig war die Bemuhung, einen solchen Fursten noch durch Grundsatze gefuhllos zu machen! Und gleichwohl hatte Eblis nichts Angelegeners, als ihm seine Untertanen bei jeder Gelegenheit in dem verhasstesten Lichte zu zeigen.

'Das Volk', sagte Eblis zum Sultan seinem Herrn, 'ist ein vielkopfiges Tier, welches nur durch Hunger und Streiche gebandiget werden kann. Es ware Unsinn, seine Liebe durch Wohltaten gewinnen zu wollen. Tausend Beispiele von schwachen Fursten, welche die Opfer einer allzu milden Gemutsart geworden sind, beweisen diese Wahrheit. Das Volk sieht alles Gute was man ihm erweist fur Schuldigkeit an, erwartet immer noch mehr als man zu seinem Besten tut, und halt sich von aller Pflicht der Dankbarkeit losgezahlt, sobald es sich in seinen ausschweifenden Erwartungen betrogen sieht. Mit Widerwillen tragt es die Fesseln der Abhanglichkeit; unbestandig in seinen Neigungen, willkurlich in seinen Urteilen, und immer mit dem Gegenwartigen unzufrieden, durstet es nach Neuerungen; Unfalle, welche seinen Gebietern zustossen, sind ihm frohliche Begebenheiten; und wiewohl es selbst unter allgemeiner Not am meisten leidet, sehnt es sich dennoch nach offentlichem Ungluck, um Gelegenheit zu haben zu murren, und seine Vorsteher mit Vorwurfen zu uberhaufen. Wenn eine Gottheit vom Himmel stiege, die Menschen zu beherrschen, sie wurde nicht frei von ihrem Tadel bleiben. Der schlechteste unter ihnen halt sich fur gut genug die Welt zu regieren, und eben darum weil der Pobel nichts weiss, glaubt er alles besser zu wissen als seine Obern. Vergebens wurd es sein, fur die Gluckseligkeit dieser Unersattlichen zu arbeiten: man musste einen jeden von ihnen zu einem Sultan machen konnen, um ihn zufrieden zu stellen; sie bleiben missvergnugt so lange noch etwas zu wunschen ubrig ist. Nichts ist gefahrlicher als sie mit dem Uberfluss und den Wollusten bekannt zu machen; es wurde weniger Gefahr sein einen schlafenden Lowen, als die Begierlichkeit dieser Leute aufzuwecken. Sie mit seidenen Banden oder Blumenketten binden zu wollen, ware eben so viel als eine Hyane mit Spinneweben zu fesseln. Nichts als die eiserne Notwendigkeit, und die Verzweiflung ihre Ketten jemals zerreissen zu konnen, ist vermogend sie in ihren Schranken zu halten; und, gleich andern wilden Tieren, mussen sie ausgemergelt werden und den Stock immer uber ihrem Rucken schweben sehen, um einen Gebieter dulden zu lernen.'"

"Danischmend", sagte der Sultan, "ich gestehe, die Abschilderung, die uns Eblis von dem Volke macht, ist nicht geschmeichelt; aber es ist Wahrheit darin. Ich denke ungern an die Folgen, welche sich daraus ziehen lassen: und gleichwohl wurd es, wie Eblis sagt, gefahrlich sein, sich selbst in einer so wichtigen Sache tauschen zu wollen."

"Gnadigster Herr", versetzte der Philosoph, "ich weiss nicht ob mich meine Gutherzigkeit verhindert hat, den Menschen, den ich seit mehr als funfundzwanzig Jahren studiere, so zu sehen wie er ist. Es mag wohl zu viel Rosenfarbe in meiner Phantasie herrschen. Aber, wie dem auch sein mag, ich kann mich unmoglich uberwinden, die Menschen fur so bosartig anzusehen, als sie in der Theorie dieses Eblis sind. Wenn die Erfahrung fur ihn zu reden scheint, so spricht sie nicht weniger fur mich. Kennen wir nicht kleine Volker, welche im Schosse der Freiheit und der einfaltigen Massigung glucklich sind? Vergleichen wir einmal diese Volker mit denjenigen, welche unter den Bedruckungen der willkurlichen Gewalt einer harten Regierung schmachten! Der erste Anblick wird uns sogleich einen starken Unterschied bemerken lassen. Jene zeigen uns ein gesundes, vergnugtes, frohliches Ansehen. Ihre Wohnungen sind weder weitlaufig noch prachtig; aber auch die armste ihrer Hutten sieht einer Wohnung von Menschen, nicht einem Schlupfwinkel wilder Tiere gleich. Sie sind schlecht gekleidet; aber sie sind doch vor Frost und Nasse beschutzt. Ihre Nahrung ist eben so einfaltig; aber man sieht ihnen wenigstens des Abends an dass sie zu Mittage gegessen haben. Diese schleichen, als lebende Bilder des Elends, mit gesenkten Hauptern umher, und heften aus hohlen Augen gramvolle Blicke auf die Erde, welche sie nicht fur sich und ihre Kinder bauen mussen. Uberall begegnen unserm beleidigten Auge blutlose, ausgehungerte und sieche Korper; schwermutige, dustre, von Sorgen abgezehrte Gesichter; alte Leute, welche sich mit Muhe von der Stelle schleppen, um zur Belohnung einer funfzigjahrigen schweren Dienstbarkeit das wenige Brot, das ihr vom Mangel eingeschrumpfter Magen noch ertragen kann, dem Mitleiden der Vorubergehenden durch Betteln abzunotigen; verwahrloste, nackende, kruppelhafte Kinder, oder wimmernde Sauglinge, welche sich anstrengen, einer hungernden Mutter noch die letzten Blutstropfen aus der ausgemergelten Brust zu ziehen. Halb vermoderte Lumpen, die von den durren Lenden dieser Elenden herab hangen, zeigen wenigstens dass sie den Willen haben ihre Blosse zu decken: aber was wird sie vor der sengenden Sonne, vor Wind und Regen und Kalte decken? Ihre armseligen aus Kot und Stroh zusammen geplackten Hutten stehen jedem Anfall der Elemente offen.

Hierher kriechen sie, wenn die untergehende Sonne sie von der taglichen Arbeit fur gefuhllose Gebieter ausgespannt hat, ermudet zusammen, und schatzen sich noch glucklich, wenn sie so viel Vorrat von einem Brote, welches ihre Herren fur ihre Hunde zu schlecht halten wurden, ubrig finden, als sie vonnoten haben, um nicht hungrig auf einem Lager von faulendem Stroh den letzten Trost des Elenden vergebens herbei zu seufzen."

"Wie du malst, Danischmend!" rief der Sultan mit einer auffahrenden Bewegung aus, indem er sich zu verbergen bemuhte, wie geruhrt er war. "Ich schwore beim Haupte des Propheten, dass ich, ehe der Mond wieder voll sein wird, wissen will, ob innerhalb der Grenzen meines Gebiets solche Ungluckliche leben; und wehe dem Sklaven, dem ich die Sorge fur meine Untertanen anvertraut habe, in dessen Bezirk ein Urbild deiner verfluchten Malerei gefunden wurde! Es ist mein ganzer Ernst, und zum Beweise davon trag ich das Amt dieser Untersuchung dir selbst auf, Danischmend! Morgen, nach dem ersten Gebete, erwart ich dich in meinem Zimmer, damit wir weiter von der Sache sprechen."

Was der gutherzige Danischmend dem Sultan gesagt haben mag, um ihm im Namen aller, welche bei dieser Aufwallung seines koniglichen Herzens interessiert waren, den demutigsten Dank zu erstatten, wollen wir, um uns nicht zu weit von unserm Wege zu entfernen, der Einbildung des Lesers uberlassen.

"Gut", sagte Schach-Gebal, dessen Hitze sich wahrend der Danksagungsrede des Philosophen wieder merklich abgekuhlt hatte, "du weisst meinen Willen! Morgen eine Stunde nach Sonnenaufgang, Danischmend! Itzt will ich noch die Ausfuhrung deiner Einwendungen gegen die Theorie des Gunstlings Eblis horen. Lass sehen, wie du dich aus der Sache ziehen wirst."

"Ich behauptete" (fuhr Danischmend in seinem Vortrage fort), "dass die Erfahrung, auf welche sich Eblis bezieht, um seine hasslichen Gemalde von der Bosartigkeit des Volkes zu rechtfertigen, wenigstens eben so stark fur meine als fur seine Meinung rede; und ich stellte zu diesem Ende eine Vergleichung an, zwischen einem Volke, welches unter einer freien, oder wenigstens unter einer milden Regierung glucklich ist, und einem Volke, dem ein Tyrann wie Isfandiar, mit Hulfe eines Gunstlings wie Eblis, so mitspielt, wie man es von der Vereinigung harter Grundsatze mit einer unempfindlichen Sinnesart erwarten kann. Wenn der Kontrast zwischen dem Wohlstande des einen und dem Elende des andern beim ersten Anblick in die Augen fallt, so wird uns eine fortgesetzte Aufmerksamkeit keinen geringern Abstand zwischen ihrem sittlichen Charakter entdecken lassen. Das gluckliche Volk ist zufrieden mit seinem Zustande; es gewohnet sich mit Vergnugen an ihn, und ist geneigt zu glauben, dass es keinen bessern gebe. Es segnet den guten Fursten, unter dessen Gesetzen es in ungekrankter Sicherheit der Fruchte seines Fleisses und seiner Massigung geniesst. Weit entfernt Veranderungen zu wunschen, ist es im Gegenteil bereit, Gut und Leben alle Augenblicke fur die gegenwartige Verfassung, fur ein Vaterland, worin es glucklich ist, fur einen Fursten, in welchem es seinen allgemeinen Vater erblickt, aufzuopfern. Das unterdruckte Volk, ich gestehe es, sieht dem Bilde sehr ahnlich, welches Eblis unbilliger Weise von dem Volke uberhaupt machte. Aber wie sollt es anders sein konnen? Sollte sich nicht die Menschheit in Geschopfen, welche ihre naturliche Gleichheit mit ihren Unterdruckern fuhlen, gegen solche Krankungen emporen, deren blosser Anblick alle Gesetze der Natur, der Religion und des gesellschaftlichen Lebens zur Rache aufruft? Ist es zu verwundern, wenn die Vergleichung ihres Elends mit dem wollustigen und unbarmherzigen Ubermut ihrer Herren sie endlich wutend macht? Oder was kann man anders erwarten, als dass anhaltende Tyrannei, Sorglosigkeit fur den Staat, Kaltsinn beim Anblicke der allgemeinen Not, und offentliche Verspottung derselben durch die ubertriebenste Uppigkeit, ein Volk, dessen Geduld erschopft ist, endlich zur Verzweiflung treiben werde?

'Das Volk', sagt Eblis, 'ist launisch in seinen Leidenschaften, undankbar fur das Gute, das man ihm erweist, ungestum und unersattlich in seinen Forderungen; es ist neidisch uber die Vorzuge seiner Obern, geneigt alle ihre Massregeln zu tadeln, ungerecht gegen ihre Tugenden, unbillig gegen ihre Fehler; es sieht sie als seine argsten Feinde an, und ergetzt sich an allem, was sie kranken und demutigen kann, als an dem angenehmsten Schauspiele.' Aber sollte wohl jemand die Verwegenheit haben konnen, zu behaupten, die Menschen seien von Natur so bosartige Geschopfe? Wer macht sie dazu? Was fur Gewalt muss der Menschheit angetan worden sein, welche grausame und langwierige Misshandlungen muss sie erlitten haben, bis sie so werden konnte, wie Eblis sie schildert! Ist es nicht der Gipfel der Ungerechtigkeit, die Menschen dafur zu bestrafen, dass sie die verkehrten Geschopfe sind, wozu man sie selbst gemacht hat? Mir deucht, die Unterdrucker der Menschheit haben wohl keine Ursache sich zu beschweren. Die unbegreifliche Geduld, womit die meisten Volker des Erdbodens sich zu allen Zeiten von einer kleinen Anzahl von Isfandiarn und Eblissen haben missbrauchen lassen, ist der starkste Beweis der ursprunglichen Mildigkeit der menschlichen Natur. Wenn wir von Emporungen, Burgerkriegen, und gewaltsamen Staatsveranderungen horen, so konnen wir allemal mit der grossten Wahrscheinlichkeit vermuten, dass unleidliche Beleidigungen den Anlass dazu gegeben haben."

"Nicht allemal, mein guter Danischmend", sagte der Sultan: "dein Eifer fur die Sache des Volks macht dich vergessen, wie viele Beispiele die Geschichte des Erdbodens uns zeigt, dass auch gute Fursten, Fursten, welche wenigstens einige geringe Fehler mit grossen Tugenden verguteten, Schlachtopfer der unbandigen Herrschsucht eines stolzen Priesters, oder der ubermutigen Anmassungen aufruhrerischer Emirn geworden sind."

"Gleichwohl", erwiderte Danischmend, "wurde sich vielleicht in jedem besondern Falle zeigen lassen, dass die Fursten, auf welche Ihre Hoheit zu zielen scheinen, durch sehr wesentliche Fehler in der Regierung, durch allzu grosse Nachsicht gegen die Laster ihrer Gunstlinge, durch haufigen Missbrauch einer willkurlichen Gewalt, durch offenbare Ungerechtigkeiten und ein tyrannisches Verfahren sowohl mit dem Volk als mit den Grossen ihres Reiches, sich die ungluckliche Ehre zugezogen haben, der Nachwelt zu Trauerspielen Stoff zu geben. Ein Konig gewinne nur die Zuneigung seiner Untertanen, er verdiene sich den glorreichesten und sussesten aller Titel, den Namen eines Vaters des Volks: so wird er gewiss sein konnen, in ihrer Liebe zu seiner Regierung und zu seiner Person unerschopfliche Mittel gegen alle Anschlage und Unternehmungen seiner Feinde zu finden. Ich mochte den Priester oder die Emirn sehen, welche die Verwegenheit hatten, sich an einen Fursten zu wagen, dem die Herzen aller seiner Untertanen zur Brustwehr dienen!"

Schach-Gebal hatte vermutlich einige geheime Ursachen, warum er nicht von sich erhalten konnte, die Grunde seines Philosophen uberzeugend zu finden. Indessen schien er doch zu fuhlen, dass er den Streit nicht wurde fortsetzen konnen, ohne seinem Gegner Blossen zu geben, die den Sieg nicht lange unentschieden lassen durften. Er spielte also das Sicherste, und entliess die Gesellschaft fur diesmal, indem er zu der schonen Nurmahal sagte: "In der Tat, es fehlt unserm Freunde Danischmend nichts als etwas mehr Kenntnis der Welt, um (fur einen Philosophen) ganz leidlich zu rasonieren. Er hat den Fehler aller dieser Herren, gern von Dingen zu reden die er nicht versteht: aber er spricht doch gut, und dies ist, zum Zeitvertreib, alles was ich von ihm fordre." Die Achseln des weisen Danischmend waren im Begriff die Antwort auf dieses unerwartete Lob zu geben, als er sich noch zu rechter Zeit erinnerte, dass es nicht erlaubt sei, uber irgend etwas, das ein Sultan sagen kann, die Achseln zu zukken. Er begnugte sich also, wie gewohnlich, seinen ungelehrigen Kopf gegen den Erdboden zu stossen, und schlich davon.

2.

Unsere Leser erwarten ohne Zweifel, dass Danischmend, mit einem Auftrage beladen, der fur die Ruhe Schach-Gebals und fur das Beste der armen Indostaner von der grossten Wichtigkeit war, das Amt, den alten Sultan einzuschlafern, der schonen Nurmahal wieder uberlassen werde. In der Tat hatte SchachGebal mit so vielem Ernst von der Sache gesprochen, dass der ehrliche Philosoph selbst, so gut er sonst die Launen seines Gebieters kannte, diesmal von der Hoffnung, ein Werkzeug der Gluckseligkeit seines Vaterlandes zu werden, sich hintergehen liess. Diese Hoffnung liess die ganze Nacht durch keinen Schlaf in seine Augen kommen; aber sie entschadigte ihn dafur durch die angenehmsten Traume, die jemals die Seele eines Menschenfreundes gewieget haben. Mit der unumschrankten Gewalt des Sultans bekleidet, zweifelte er keinen Augenblick an dem Erfolge seiner Bemuhungen. Denn es war eine von den Maximen, die er immer im Munde zu fuhren pflegte: Die Grossen konnten alles was sie ernstlich wollten. "Welche Wonne!" rief er aus: "in kurzem soll der Mann, der im ganzen Indostan am wenigsten glucklich ist, der Sultan selber sein!"

Sobald die ersten Sonnenstrahlen den Horizont roteten, stand Danischmend im Vorzimmer, so munter als ob niemand besser geschlafen hatte als er. Aber es vergingen drei oder vier Stunden, bis Schach-Gebal, wiewohl er in der Tat nichts Wichtigers zu tun hatte, Zeit finden konnte sich seiner zu erinnern. "Ist Danischmend da?" fragte er endlich, nachdem er wohl dreimal war berichtet worden, dass Danischmend da sei. "Lasst ihn herein kommen!" Der arme Philosoph, der inzwischen Zeit genug gehabt hatte aus seinen schonen Traumen zu erwachen (denn zu den Traumen eines Menschenfreundes kann wohl kein unbequemerer Ort sein als ein Vorgemach), schlich mit gesenkten Ohren herbei. "Ha, mein guter Danischmend", rief ihm der Sultan mit einer jovialischen Miene zu, "ich hatte dich ganz vergessen. Was bringst du uns Neues, Danischmend?" Diese Anrede hatte einem feinern Hofling, als unser Philosoph war, die undankbare Muhe erspart, Seine Hoheit an einen unangenehmen Gegenstand zu erinnern, dessen Andenken Sie, wie es schien, glucklich verschlafen hatten. Aber Danischmend hatte so lange an dem Hofe zu Dehly leben konnen als Nestor, ohne jemals ein Hofmann zu werden. Er erinnerte also den Sultan an seinen gestrigen Schwur. Schach-Gebal horte alles was ihm der gute Mann zu sagen hatte, mit vieler Gefalligkeit an. "Aber bedenkst du auch", sagte Gebal, "dass du in drei Jahren nicht fertig werden konntest, wenn du alle meine Provinzen durchreisen, und von Haus zu Haus dich erkundigen wolltest, wie sich die Leute befinden? Ich kann mich unmoglich entschliessen dich so lange zu entbehren. Weisst du was, Danischmend? Das erste Mal, wenn ich auf die Jagd reite, sollst du mich begleiten. Wir werden da leicht Gelegenheit finden, uns von meinen ubrigen Leuten zu entfernen, und dann wollen wir, ohne uns zu erkennen zu geben, die Nacht in irgend einem abgelegnen Dorfe zubringen. Finden wir dort eine lebendige Seele, welche Boses von mir spricht, so soll mir der Emir, in dessen Bezirk der Ort gehort, dafur Rechenschaft geben. Ich will ihn zu einem Beispiel fur die ubrigen machen, und verlass dich darauf, dass es nicht ohne Wirkung sein soll. Indessen konnen wir mit Musse an die Ausfuhrung deiner Entwurfe denken. Aber sage mir, Danischmend, hast du ausfundig gemacht, wer die drei Kalender waren, welche gestern jenseits des Flusses, den Garten meines Serails gegen uber, unter der grossen Cypresse sassen?"

Danischmend hustete noch zu rechter Zeit einen Seufzer weg, der ihm entgehen wollte, und von diesem Augenblick an war die Rede von den drei Kalendern.

3.

In der folgenden Nacht wurde, bis der Sultan einschlief, von den drei Kalendern gesprochen. Nurmahal und der junge Mirza hatten sehr viel von ihnen zu sagen.

Die Nachrichten, welche man uber diesen wichtigen Gegenstand einzog, waren so mannigfaltig, hingen so wenig zusammen, und schienen so viel Geheimnisvolles zu verraten, dass man etliche Nachte hinter einander von nichts anderm reden konnte als von den drei Kalendern. Inzwischen lief doch am Ende alles darauf hinaus, dass man nichts Sonderliches von ihnen wusste, und dass es sich in der Tat der Muhe nicht verlohnte mehr von ihnen wissen zu wollen.

Endlich wurde Schach-Gebal dieses Zwischenspiels uberdrussig.

"Ihr seid mir feine Leute", sagte Schach-Gebal. "Ich will die Geschichte der Konige von Scheschian wissen, und man spricht mir seit sieben Tagen von nichts als von Kalendern. Bin ich etwa ein SchachRiar?"

Es versteht sich von selbst, dass es nur auf Seine Hoheit angekommen war, diese sieben Tage durch mit andern Gegenstanden unterhalten zu werden. Aber, wie jedermann weiss, wurd es sehr unhoflich gewesen sein, den Sultan etwas von dieser Reflexion merken zu lassen.

Danischmend setzte demnach seine Erzahlung von Isfandiar und seinem Gunstlinge folgender Massen fort.

"Den Grundsatzen des sinnreichen Eblis zu Folge war nichts unweiser, als ein so gefahrliches Tier, wie er das Volk abmalte, reich werden zu lassen. Aber zum Ungluck fur die Scheschianer blieb die Bedeutung des Wortes reich so unbestimmt, dass Eblis die armen Leute, so lange sie noch etwas hatten, was sich, wenn das Wort Bedurfnis im engsten Sinne genommen wird, entbehren lasst, immer noch zu reich fand.

Der Adel in Scheschian war von Alters her ein Mittelstand zwischen dem Fursten und dem Volke gewesen. Die Konige hatten die Edeln als ihre gebornen Rate und Gehulfen in der Verwaltung der besondern Teile des koniglichen Amtes betrachtet; und wiewohl das Ansehen des Adels unter dem tatarischen Stamme von Stufe zu Stufe nach eben dem Verhaltnisse, wie das konigliche stieg, gesunken war, so besass er doch wenigstens noch sehr schone Uberbleibsel seiner ehmaligen Vorzuge.

In allen Staaten, wo sich ein solcher Mittelstand zwischen dem Fursten und dem Volke befindet, hat man zu allen Zeiten wahrgenommen, dass sich der Adel auf Unkosten des Volkes, und das Volk sich auf Unkosten des Adels zu vergrossern sucht. Jener, da er wenig Hoffnung hat, seine Rechte auf der Seite des Thrones zu erweitern, sucht sich fur seine Ergebenheit gegen denselben durch Anmassungen uber die Rechte des Volkes zu entschadigen. Dieses, da es sich von allen Seiten gedrangt sieht, und leicht begreift, dass es dem Ubergewicht des Thrones am wenigsten widerstehen kann, wendet alles an, sich wenigstens die kleinen Tyrannen vom Halse zu schaffen, deren Joch desto verhasster ist, je weniger sie ihre Bedruckungen durch den Vorwand des allgemeinen Besten ertraglicher machen konnen. Man gibt dem Fursten williger, weil man weiss, dass die Sorgen fur den ganzen Staat auf seinen Schultern liegen, und weil wenigstens die Vermutung vorwaltet, dass ein Teil der offentlichen Abgaben zu Bestreitung der offentlichen Bedurfnisse angewandt werde. Aber alles was man denjenigen geben muss, welche, dem Konige gegen uber, eben so demutsvolle Untertanen als die ubrigen, in dem Bezirke hingegen, wo sie zu befehlen haben, kleine Monarchen vorstellen, sieht man als unbillige Erpressungen an, welche man seinen eigenen Bedurfnissen abbrechen muss, um den Stolz und die Uppigkeit einer Menschenklasse zu nahren, die man fur sehr entbehrlich halt, weil der Vorteil, den sie dem Ganzen verschaffen, nicht sogleich in die Sinne fallt.

Die Konige haben von jeher sich dieser gegenseitigen Gesinnung des Adels und des Volkes zur Ausdehnung ihrer eigenen Gewalt gar meisterlich zu bedienen gewusst. Sie haben das Volk gebraucht den Adel niederzudrucken; und sobald dieser Zweck erreicht war, dem Adel, dessen Beistand sie gegen den besorglichen Ubermut des Volkes vonnoten zu haben glaubten, die Werkzeuge seiner Unterdruckung Preis gegeben.

Da es zu spat war, wurde Volk und Adel gewahr, dass sie sich zu einer sehr albernen Rolle hatten gebrauchen lassen; dass in einem Staate, wo das Volk im Besitze grosser Vorrechte ist, die Vorzuge des Adels dem Volk eben so heilig sein sollen, als seine eigenen; und dass jeder von diesen beiden Standen nicht nur seine eigene, sondern die allgemeine Sicherheit und den offentlichen Wohlstand untergrabt, wenn er die Rechte des andern zu schwachen oder seinen besondern Nutzen auf Kosten des andern zu vergrossern sucht.

Die Scheschianer waren in diesem Stucke nicht vorsichtiger gewesen als viele andre Volker. Der Hof hatte sich ihre Torheit zu Nutze gemacht, weil das Interesse der Hoflinge ist, die Autoritat eines Herrn, der durch ihre Einflusse regiert wird und in dessen Gewalt sie sich teilen, so unumschrankt zu machen als sie konnen. Sie uberredeten die Konige und nichts kostet weniger Muhe als diese Uberredung , dass ein Furst an Ansehen und Macht gewinne, was sein Adel und sein Volk an Freiheit und Reichtum verliere; und die guten Konige dachten gewiss an nichts weniger, als an die unfehlbare Folge der politischen Operation, wozu sie sich so leicht bereden liessen. Die Erfahrung musste sie belehren, dass ein Despot, dessen Adel aus Hoflingen und dessen Volk aus Bettlern besteht, ein Despot, dessen Stadte ohne Einwohner sind, und dessen Landereien brachliegen und verwildern; ein Despot, der anstatt uber zwanzig Millionen glucklicher Menschen, uber halb so viel trage, missvergnugte und mutlose Sklaven zu gebieten hat; dass dieser Despot ein viel kleinerer Herr sei, als ein eingeschrankter Furst, der nicht spitzfundig genug ist, einen Unterschied zwischen seinem Nutzen und dem Nutzen seiner Untertanen zu machen, sondern einfaltiglich der Stimme seines Menschenverstandes glaubt, die ihn versichert, dass es besser sei, der geliebte Vater von den Bewohnern eines kleinen Landes, als der gefurchtete Tyrann einer ungeheuern Einode zu sein, in welcher hier und da noch hervorragende Trummer das Zeugnis ablegen, dass einst Menschen da gewohnt haben, welche bessere Zeiten sahen als die seinigen.

Die Erfahrung musste die Konige von Scheschian von dieser grossen Wahrheit, dem Grundpfeiler aller wahren Staatskunst, unterrichten; aber, wie Isfandiar vielleicht anfing sie gewahr zu werden war es zu spat.

Unter der Regierung des schwachen Azor war der grosste Teil des Adels durch den ubermassigen Aufwand, wozu er von dem Beispiele des Hofes verleitet und gewisser Massen genotiget wurde, in sehr kurzer Zeit dahin gebracht worden, in den niedrigsten Hofkunsten die Mittel zu suchen, diesen Aufwand auf andrer Leute Unkosten fortzusetzen. Unter Isfandiarn wurde das Werk der vorher gehenden Regierungen und der eigenen Torheit der Edeln vollendet. 'Ubermassige Ungleichheit ist die verderbliche Pest eines Staats', sagte Eblis. Und so musste eine sehr wichtige, aber in den Handen eines verachtlichen Werkzeuges der Tyrannei sehr ubel versorgte Wahrheit zum Vorwande dienen, den Adel zum Volk und beide zu Sklaven herab zu wurdigen. Vor dem blendenden Glanze des Thrones verschwand aller Unterschied. Isfandiar sah den edelsten Emir des Reichs und den niedrigsten Tagelohner gleich weit unter sich, und es war ein Spiel fur ihn, aus einem Reitknechte, wenn es ihm einfiel, einen Fursten zu machen. Dies war das unfehlbare Mittel, jeden Uberrest von Tugend und Ehre, der noch in den ausgearteten Sohnen besserer Vater glimmte, zu ersticken. Die Edeln sanken, so wie sie sich an eine solche Behandlung gewohnen lernten, zu wirklichem Pobel herab; und wenn sie sich noch durch etwas von ihm unterschieden, so war es durch einen hohern Grad von Unwissenheit und Ungezogenheit, durch schlechtere Sitten, und einen vollstandigern Verlust alles moralischen Gefuhls, aller Scheu vor sich selbst, vor dem Urteil ihrer Zeitgenossen, und vor dem furchtbaren und unbestechlichen Gerichte der Nachwelt. Unfahig sich zu dem grossen Gedanken ihrer wahren Bestimmung zu erheben, unfahig sich in dem schonen Lichte geborner Fursprecher des Volkes und Mittler zwischen ihm und dem Thron anzusehen, setzten sie ihre Ehre in eine unbedingte Unterwurfigkeit unter die gesetzlose Willkur des Sultans; sie wetteiferten um den Vorzug, die Werkzeuge seiner schandlichsten Leidenschaften, seiner ungerechtesten Befehle zu sein. Wer am niedertrachtigsten schmeicheln, am wurmahnlichsten kriechen, am geschicktesten betrugen konnte, wer den Mut hatte einer Schandtat mit der unerschrockensten Miene unter die Augen zu gehen, kurz wer sich aller dieser Schwachheiten der menschlichen Natur, die man Scham, Mitleiden und Gewissen nennt, am vollkommensten entlediget, und in der Fertigkeit des Lasters, in der Kunst, es mit dem edelsten Anstande, mit der leichtesten Grazie auszuuben, den hochsten Gipfel erreicht hatte, war der beneidete Mann, den die geringern Bosewichter mit Ehrfurcht ansahen; der Mann, der gewiss war sein Gluck zu machen, und nach welchem jedermann sich zu bilden beflissen war. Zu einem so grasslichen Zustande von Verderbnis hatte das Gift der Grundsatze des sinnreichen Eblis die Scheschianer gebracht; und so gewiss ist es, dass die Menschen, eben so leicht als ein weiser und guter Furst sie zu guten Geschopfen bilden kann, sich von einem Isfandiar zu Ungeheuern umgestalten lassen.

Dieser hassenswurdige Tyrann begnugte sich nicht, durch alle Arten von Rauberei und Unterdruckung seine Untertanen so elend zu machen, als es, ohne sie ganzlich und auf einmal aufzureiben, moglich war: er wollte sie auch dahin bringen, dass sie unfahig waren die Tiefe ihres Elendes einzusehen. Wenn er dabei die Absicht gehabt hatte, ihnen das Gefuhl desselben zu benehmen, indem er machte dass sie es fur ihren naturlichen Zustand hielten, so hatte man es ihm noch fur einen Uberrest von Menschlichkeit gelten lassen konnen. Aber Isfandiar wurde sehr beschamt gewesen sein, zu dem Verdachte, dass er einer solchen Schwachheit fahig ware, Anlass zu geben. Er hatte keine andre Absicht dabei, als es ihnen unmoglich zu machen, auch nur den blossen Gedanken zu fassen, dass Menschen nicht dazu erschaffen sein konnten, sich von einem Menschen so sehr misshandeln zu lassen. Zu diesem Ende wurde Sorge getragen alles von ihnen zu entfernen, was ihnen einen gesunden Begriff von der Bestimmung und den Rechten der Menschheit, von dem Zwecke des gesellschaftlichen Vereins, und von dem unverbruchlichen Vertrage, der dabei zum Grunde liegt, hatte geben konnen. Jede andre als die Philosophie des Eblis wurde aus Scheschian verbannt. Niemand durfte sich zu einem Schriftsteller aufwerfen, ohne vom Hofe dazu bevollmachtiget zu sein, und seine Schrift der Beurteilung desselben unterworfen zu haben; und ein paar ehrliche Enthusiasten, welche der Anblick ihres Vaterlandes dahin gebracht hatte, in einem Anstoss von Verzweiflung Wahrheiten zu sagen, welche man nur unter guten Fursten sagen darf, wurden so grausam wegen dieser aufruhrerischen Vermessenheit gezuchtiget, dass einem jeden, dem seine Ohren und seine Nase lieber waren als sein Vaterland, die Lust vergehen musste ihrem Beispiele nachzufolgen.

Inzwischen herrschte am Hofe Isfandiars und unter den verschiednen Klassen und Ordnungen der Werkzeuge seiner Tyrannei eine alle Einbildung ubersteigende Uppigkeit. Alle Kunste, welche der Wollust dienstbar sind, wurden nach dem Masse ihrer Unnutzlichkeit in eben dem Verhaltnise hochgeschatzt und aufgemuntert, wie die nutzlichern Kunste nach dem Grad ihrer Nutzlichkeit verachtet, gehemmt und abgeschreckt wurden. Und weil die Bestrebung, dem verzartelten Geschmack und den stumpfen Sinnen der Grossen neue Bequemlichkeiten, neue Ersparungen des kleinsten Aufwands ihrer ausgenutzten Krafte, neue Mittel ihre schlaffen Nerven reizbar zu machen, anzubieten, beinahe der einzige Weg war, der dem Volke zu Verbesserung seines Zustandes noch offen stand: so wurden taglich neue Kunste, oder wenigstens neue Werkzeuge der uppigen Weichlichkeit erfunden; und wahrend dass der Ackerbau im klaglichsten Verfalle lag, stiegen jene zu einem Grade von Vollkommenheit, wovon man in den Zeiten der schonen Lili noch keinen Begriff hatte. Eblis triumphierte bei jeder Gelegenheit uber diese herrliche Wirkung seiner Grundsatze. 'Was fur Wunderwerke', pflegte er zu sagen, 'kann Hunger und Gewinnsucht tun! Ich biete allen Zauberern und Feen Trotz, mit allen ihren Staben und Talismanen auszurichten, was ich ganz allein durch diese zwei machtigen Triebrader der menschlichen Natur bewerkstelligen will.'

In der Tat gewannen die meisten, welche Tag und Nacht fur die Uppigkeit des scheschianischen Hofes arbeiten mussten, wenig mehr dabei als den notdurftigsten Unterhalt. Aber auch hier vergass Eblis seine Grundsatze nicht. Von Zeit zu Zeit erhielt ein Mann von Talenten (wie man diese Leute nannte) eine Belohnung, welche die Begierde der ubrigen so heftig anfachte, dass sich Tausende in der Hoffnung eines ahnlichen Gluckes zu Tode arbeiteten. Indessen hutete man sich doch sorgfaltig, kein Talent zu belohnen, bei welchem es nur im mindesten zweideutig sein konnte, dass es nicht etwann wegen eines Vorzugs in demjenigen, was die eigentliche Vollkommenheit desselben ausmacht, sondern bloss als ein Werkzeug der Uppigkeit Isfandiars und seiner Gunstlinge belohnt werde.

Der beliebteste Maler, der Mann dessen Arbeit mit Entzucken angepriesen und mit Golde aufgewogen wurde, war nicht der grosste Meister in der Kunst; sondern derjenige, welcher leichtfertige Gegenstande auf die wollustigste Weise zu behandeln wusste: und eine Sangerin, welche (in der Sprache dieses Hofes zu reden) albern genug war, nur durch die Vollkommenheiten einer schonen Stimme und den Gebrauch derselben zum Ausdruck hoher Empfindungen und tugendhafter Leidenschaften gefallen zu wollen, hatte die Freiheit im Besitz einer frostigen Bewunderung unbedauert zu verhungern; wahrend eine andre, durch die anziehende Kraft ihrer Augen, durch ein gewisses wollustiges Girren und hinsterbende Tone, uppige Bilder in der Phantasie ihrer Zuhorer rege zu machen, mit einem unendlich kleinern Talent der Abgott der Leute von Geschmack war, und den Aufwand einer Prinzessin machen konnte.

Die Weissagungen der verdriesslichen Alten, welche dem scheschianischen Reiche von der goldnen Zeit der Konigin Lili Ungluck und Verderben angedrohet hatten, waren nun in ihre vollstandigste Erfullung gegangen. Der kleinste Teil der Nation fuhrte das Eigentum und den Erwerb des grossern, gleich einem dem Feind abgejagten Raub, durch die ungeheuerste Verschwendung im Triumph auf. Ein grosserer Teil suchte, durch seine Bereitwilligkeit im Dienste der Grossen jedes Laster zu begehen, sich ein Recht an das beneidete Gluck, den Raub mit ihnen zu teilen, zu erwerben. Aber der grosste Teil schmachtete in einem Zustande, den nur die lange Gewohnheit alles zu leiden und die sklavische Mutlosigkeit eines stufenweise zum Vieh herab gewurdigten Volkes, dem Tode vorziehen konnte. Die Verderbnis der Sitten war so gross, dass selbst den wenigen, welche noch einen Uberrest von Rechtschaffenheit, wie aus einem allgemeinen Schiffbruche, gerettet hatten, alle Hoffnung verging, dem Strom entgegen zu schwimmen. Alle Stande hatten ihre wahre Bestimmung vergessen, oder waren unfahig gemacht worden sie zu erfullen. Die niedrigste Klasse horte auf zu arbeiten; das Land und die Stadte wimmelten von ungestumen Bettlern, welche ihren Mussiggang, zur Schande der Regierung, mit dem Mangel der Arbeit entschuldigten. Gleichwohl wurden die fruchtbarsten Provinzen des Reichs aus Mangel an Anbauung nach und nach zu Wildnissen. Die Gewerbe nahmen zusehens ab, der Kreislauf der Lebenssafte des Staats war allenthalben gehemmt, und die Hauptstadt selbst, die schon so lange der Schlund gewesen war, in welchen alle Reichtumer desselben sich unwiderbringlich verloren hatten, stellte den emporenden Kontrast der aussersten Uppigkeit und des aussersten Elendes in einem Grade, der die Menschheit beleidigte, dar. Eine halbe Million hungernder Menschen schrie den Sultan um Brot an, wenn er sich in einem schimmernden Palankin zu einem seiner Grossen tragen liess, um den Ertrag etlicher Provinzen in einem einzigen abscheulichen Gastmahle verschlingen zu helfen und der Larm der Trompeten und Pauken, der dem unglucklichen Volke die grausame Frohlichkeit seiner Tyrannen ankundigte, machte ihr Murren, ihre Verwunschungen unhorbar. Die Grossen, die Gunstlinge, Isfandiar selbst, konnten bei aller Bemuhung, einander vorsetzlich zu verblenden, sich selbst die schreckliche Wahrheit nicht verbergen, dass sich das Reich seinem Untergang nahere. Auch mangelte es nicht an Vorschlagen und Entwurfen, den schadlichsten Missbrauchen abzuhelfen, das Finanzwesen zu verbessern, den Untertanen ihre Last zu erleichtern, den Fleiss wieder aufzumuntern, und so ferner. Aber die einzigen von diesen Entwurfen, die der Ausfuhrung wert waren, wurden entweder als patriotische Traume verworfen, oder unter allerlei Vorwanden dem Privatvorteile gewisser Leute aufgeopfert. Einige angebliche Verbesserungen wurden zwar ins Werk gesetzt; aber sie bestanden in blossen Palliativen, welche die Ausbruche des Ubels eine Zeit lang verbargen, ohne die Wurzel desselben auszurotten. Die missverstandene Maxime, dass man dem allzu tief eingedrungenen Luxus nicht Einhalt tun konne, ohne die ganze Maschine des Staats in die gefahrlichste Stockung zu setzen, war immer die Antwort, womit sich diejenigen abfertigen lassen mussten, welche augenscheinlich bewiesen, dass es lacherlich sei, eine Krankheit, die man vorsetzlich ernahrt, durch schmerzlindernde Mittel heilen zu wollen. Doch gesetzt auch, Isfandiar, da ihn endlich die ersten Erschutterungen des Thrones, dessen Grundfeste untergraben war, geneigt machten, zu allen Rettungsmitteln die Hand zu bieten, gesetzt er hatte einen grossen, durchdachten, das Ganze umfassenden Entwurf einer allgemeinen Verbesserung unternehmen wollen: so mangelte es ihm an geschickten und redlichen Mannern, denen er die Ausfuhrung anvertrauen konnte. Wo hatte er solche Manner suchen sollen? In welcher Schule, durch welche Beispiele hatten sie sollen gebildet werden? Es war schon lange, seit der Geist der Tugend die Scheschianer verlassen hatte. Niemand bekummerte sich um das gemeine Beste; der Name Vaterland setzte das Herz in keine Wallung; ein jeder sah in seinem Mitburger, in seinem Bruder selbst, nichts als einen heimlichen Feind, einen Nebenbuhler, einen Menschen dessen Anteil den seinigen kleiner machte. Jeder dachte nur auf seinen eigenen Vorteil, und (wenige Unbekannte, welche das Verderben ihres Volkes im verborgenen beweinten, ausgenommen) war niemand, der nicht alle Augenblicke bereit gewesen ware, einen betrachtlichen Privatvorteil mit dem Untergang der halben Nation zu erkaufen. Der Luxus hatte die ganze Masse dieses unglucklichen Reiches mit einem so wirksamen Gift angesteckt, dass der Kopf und das Herz, der Geschmack und die Sitten, die Leiber und die Seelen seiner Einwohner, gleich ungesund, und (da das Ubel seiner Natur nach langwierig ist) durch die Lange der Zeit so daran gewohnt waren, dass dieser abscheuliche Zustand ihnen zur andern Natur geworden war. Die Gefuhllosigkeit fur das Elend ihrer Mitburger herrschte nicht nur in den verharteten Herzen der Grossen; sie hatte sich aller Stande bemeistert. Jedermann dachte nur darauf, wie er die allgemeine Not zu seinem eigenen Vorteil benutzen wolle, und das Ubel nahm taglich zu, so wie sich diejenigen vermehrten, die bei dem Untergange des Staats zu gewinnen hofften. Alle Rechtschaffenen hatten sich so weit als moglich von einem Hof entfernt, wo die Weisheit lacherlich und die Tugend ein Verbrechen war; und der ungluckliche Isfandiar sah sich zu einer Zeit, da die Weisesten und Besten kaum hinreichend gewesen waren den Staat zu retten, von einer Bande von Witzlingen, Lustigmachern, Gauklern, Kupplern und Schelmen umgeben, welche, je naher der Augenblick des allgemeinen Untergangs heran nahte, in diesem Gedanken selbst eine neue Aufmunterung zu jedem frohlichen Bubenstucke zu finden, und entschlossen zu sein schienen, dem Verderben in einem Rausch von sinnloser Betaubung entgegen zu taumeln.

Unter den unzulanglichen Mitteln, mit welchen Eblis die Ausbruche der todlichen Krankheit des Staats zu verstopfen suchte, war eines, welches durch seine unvermeidlichen Folgen das Ubel, dem es abhelfen sollte, unendlich verschlimmerte. In allen grossen Staaten, die man jemals auf der Flache des Erdbodens entstehen und verschwinden gesehen hat, zog der ausserste Luxus ubermassige Uppigkeit unter den Grossen und Reichen, und ubermassiges Elend unter den Armen, nach sich. Beides bringt in Absicht auf die Sitten einerlei Wirkung hervor. Die Reichen sturzen sich durch Verschwendung und Mussiggang in die Gefahr arm zu werden; der Anblick dieser Gefahr ist ihnen unertraglich, und um ihr zu entgehen, ist kein Verbrechen, keine Schandtat, keine Unmenschlichkeit, welche sie nicht zu begehen bereit sein sollten. Und warum sollten sie nicht? da der Witz (der bei ihnen die Stelle der Vernunft vertritt) dem Laster schon lange den Weg gebahnt, und mit Hulfe eines verzartelten Geschmackes gearbeitet hat, den Unterschied zwischen Recht und Unrecht aufzuheben, und das angenehme oder nutzliche Verbrechen mit tausend Reizungen, ja selbst mit dem Schein der Tugend auszuschmucken. Die Armen bringt die Verzweiflung, einen andern Ausweg aus ihrem gegenwartigen Elend zu finden, zu dem unglucklichen Entschluss, es durch lasterhafte Mittel zu versuchen. Ein Elender, der nichts zu verlieren hat, lasst sich, um seinen Zustand zu verbessern, zu allem gebrauchen; er wird ein Betruger, ein falscher Zeuge, ein Giftmischer, ein Meuchelmorder, sobald etwas dabei zu gewinnen ist. Andre, welche die Unterdruckung mutlos, und die Mutlosigkeit faul gemacht hat, sturzen sich auf dem abhangigen Wege des Mussiggangs bis in die schandlichsten Laster hinab. Sie werden aus Bettlern Diebe, aus Dieben Strassenrauber und Mordbrenner. Andere finden in dem schimmernden Zustande, worein sie Leute, die eben so wenig Anspruche an Gluck zu machen hatten als sie selbst, durch Aufopferung der Tugend versetzt sehen, einen Reiz, den die Vergleichung desselben mit ihrem gegenwartigen Elend unwiderstehlich macht. Ist es Wunder, wenn der Anblick einer mit Diamanten behangenen Lais, die in einem vergoldeten Triumphwagen den Gewinn ihrer Unzucht zur Schau tragt, tausend junge Dirnen zu Priesterinnen der Venus, oder wenn der Anblick eines zu den hochsten Wurden im Staat empor gestiegenen Kupplers tausend Kuppler macht? Es ging also sehr naturlich zu, wenn zu Isfandiars Zeiten alle Arten von Lastern in Scheschian im Schwange gingen; nichts als ein unaufhorliches Wunderwerk hatte die naturlichen Wirkungen taglich anwachsender Ursachen hemmen konnen. Der Ubergang von einer Stufe des Lasters zur andern ist unmerklich; es kostet unendlich mehr Muhe sich zu der kleinsten vorsetzlichen Ubeltat, wenn es die erste ist, zu entschliessen, als das Argste zu begehen, wenn man einmal die ungluckliche Leichtigkeit, Boses zu tun, erlangt hat. Kommt dann noch die Ansteckung verdorbener Sitten bei einem ganzen Volke, und das haufige Schauspiel der unterdruckten Tugend und des siegprangenden Lasters hinzu; sehen wir den Fursten und die Grossen selbst die Verachtung der Gesetze und der Tugend durch ihr Beispiel aufmuntern: dann ist wahrhaftig der Fall da, wo es eben so barbarisch ist Verbrechen zu bestrafen, als es ungerecht ware, einem Menschen, den man hinterlistiger Weise trunken gemacht, die Ausschweifungen zur Last zu legen, die er in der Abwesenheit seiner Vernunft begangen hatte.

Eblis machte diese Betrachtung nicht. Er sah nur das Ubel; die Quelle wollt er nicht sehen. Aber das Ubel erheischte schleunige Mittel. Die geringern Verbrechen hatten fur die Scheschianer nichts Abschrekkendes mehr, denn die ungeheuersten fingen an alltaglich zu werden. Giftmischerei und Vatermord wurden so gewohnlich, dass sich niemand mehr getraute mit seinem Erben unter Einem Dache zu wohnen. Alle Bande der Gesellschaft waren los; und wie hatten die burgerlichen Gesetze einem Volke, welches die Natur selbst zu misshandeln fahig war, Ehrfurcht einpragen sollen? Keine offentliche Sicherheit, keine Scheu vor der Schande mehr! Es war leichter unter der Klasse, welche sich Leute von Ehre nennen, einen falschen Zeugen oder einen Meuchelmorder, als unter dem Pobel einen Tagelohner zu mieten. Die allgemeine Verderbnis hatte auch die schonere Halfte der Nation alles dessen beraubt, was die Schonheit veredelt und sogar den Mangel derselben verguten kann. Schamhaftigkeit und Unschuld, die lieblichsten Grazien dieses Geschlechts, waren den Scheschianerinnen fremde noch mehr, sie waren ihnen lacherlich geworden. Es war unmoglich, eine ehrliche Frau von einer Metze an etwas anderm zu unterscheiden, als an der seltsamen Affektation, womit diese sich bemuhten wie ehrliche Frauen, und jene wie Metzen auszusehen. Mit einem Buhler davon zu laufen, oder einem Manne, der nicht so viel Gefalligkeit hatte als ein Mann von Lebensart haben sollte, Rattenpulver einzugeben, waren Verbrechen, denen sich ein jeder, der das Ungluck hatte vermahlt zu sein, taglich ausgesetzt sah. Die Justiz hatte ihr moglichstes getan, den unleidlichen Ausbruchen dieses sittlichen Verderbens Einhalt zu tun. Alle Gefangnisse und alle Galgen in Scheschian waren angefullt; aber man verspurte keine Abnahme des Ubels. Die Hauptstadt selbst, ungeachtet der kunstlichen und scharfen Polizei, welche Eblis darin eingefuhrt hatte, sah mehr einem ungeheuern Haufen von schandlichen Hausern und Mordergruben als dem Mittelpunkt eines grossen Reichs ahnlich. 'Verzweifelte Ubel erheischen verzweifelte Heilungsmittel', sagten die politischen Quacksalber an Isfandiars Hofe. Man scharfte also die Strafgesetze, man vermehrte sie ins unendliche, man erfand neue Todesarten, man ermunterte die Angeber geheimer Verbrechen durch ansehnliche Belohnungen, man bemachtigte sich der Personen auf den leichtesten Argwohn, und man war ungemein betroffen, oder stellte sich doch wenigstens so, da man gewahr wurde, dass eine so vortreffliche Justiz die Scheschianer nicht besser machte. Im Gegenteil zeigte sich bald, dass die Kur arger als die Krankheit selbst war. Man wollte die offentliche Sicherheit wieder herstellen, und die allgemeine Gefahr vermehrte sich. Man wollte dem Verbrechen Einhalt tun, und man offnete ihm tausend neue Pforten. Zuvor hatten die Scheschianer nur vor Raubern und Mordern gezittert: itzt zitterte man auch noch vor den Angebern. Zuvor kannte der Unmensch, der durch eines andern Tod gewinnen wollte, kein andres Mittel zu seinem Zwecke zu gelangen als Gift und Dolch: nun gab es ein gesetzmassiges Mittel, wobei wenig Gefahr und viel zu gewinnen war; man machte sich zum Angeber und ging mit seinem Anteile an dem Raube der Justiz im Triumphe davon. Die Scheschianer merkten bald, dass die Profession der Angeber eintraglicher war als irgend eine andre. Sie gab haufige Gelegenheiten sich um die Grossen verdient zu machen, und verschiedene Beispiele eines schleunigen und blendenden Gluckes, welches auf diesem Wege war gefunden worden, reizten die allgemeine Begierlichkeit. Jedermann ward zum Angeber. Das Laster verlor in der Tat die Sicherheit, die es so lange genossen, aber zum Ungluck hatte die Unschuld hierin keinen Vorteil vor ihm. Die Scheschianer fanden, alles gegen einander abgewogen, mehr Vorteil dabei, wenn sie fortfuhren lasterhaft zu sein; und so zeigte sich am Ende, dass man durch diese ubel bedachten Veranstaltungen die Verbrechen nicht abgeschreckt, aber wohl den kleinen Uberrest von Unschuld und Tugend, der den verdorbenen Staat noch vor der Faulnis und ganzlichen Auflosung bewahrte, vollig vernichtet hatte.

Arger konnte wohl eine Staatsoperation von solcher Wichtigkeit nicht misslingen. Aber der schlaue Eblis hatte doch etwas dabei gewonnen, wodurch er uberflussig entschadigt zu sein glaubte. Die unendliche Vermehrung der Strafgesetze hatte ihm, unter dem Schein einer preiswurdigen Fursorge fur die Sitten, einen Weg gezeigt, die Sunden der Scheschianer zu einer reichen Quelle von Einkunften zu machen. Die Ergiebigkeit derselben hatte etwas so Anreizendes, dass man taglich auf die Vervollkommnung dieses edlen Zweiges der Finanzen bedacht war. Insonderheit schien das Verbrechen der beleidigten Majestat ein herrliches Mittel, sich der Guter der Grossen und Reichen mit guter Art zu bemachtigen. Die Rechtsgelehrten von Scheschian (Leute welche fur einen leidlichen Preis alles was der Hof gern sah zu Recht erkannten) erschopften daher alle ihre Scharfsinnigkeit, die Theorie eines so eintraglichen Verbrechens aufs feinste auszuarbeiten; sie setzten alle seine Aste und Zweige bis auf die allerkleinsten Faserchen sehr kunstlich aus einander, und bewiesen zum Schrecken der armen Scheschianer, dass man zu gewissen Zeiten kaum ein Glied ruhren, kaum Atem holen konnte, ohne sich dieses furchtbaren Lasters schuldig zu machen.

Es konnte mit einem blossen Worte, mit einer Miene, in Gedanken, ja sogar im Traume es konnte an dem elendesten Gemalde das den Konig vorstellte, an einem Bedienten der koniglichen Kuche, an einem koniglichen Hunde, an dem Napfe worein der Konig spuckte, begangen werden. Der behutsamste Tadel der Massregeln des Hofes, der kleinste Seufzer, den das Mitleiden mit sich selbst einem Unrecht leidenden Scheschianer auspresste, die leiseste Berufung auf die Rechte der Menschheit, war ein Majestatsverbrechen. Zum Beweise, dass man des Vergnugens zu strafen nicht satt werden konne, schien man nichts Angelegners zu haben, als der Nation taglich neue Gelegenheiten zu geben, sich strafbar zu machen; und niemand, ach niemand! liess sich in den Sinn kommen, dass das strafwurdigste, das ungeheuerste aller Verbrechen die Beleidigung der Menschheit sei."

"Danischmend", rief der Sultan aus, "ich bin deines Isfandiars mude. Der Sultan, sein Gunstling, sein Hof und seine Untertanen sind samt und sonders nicht wurdig, langer von der Sonne beschienen zu werden. Wie wenn du eine hubsche Sundflut kommen liessest, und die ganze ekelhafte Brut vom Erdboden wegspultest?"

"Sire", sagte Danischmend, "dies ist die Sache des Himmels: er wird seine Ursache haben, warum er einer verbrecherischen Welt so lange zusieht."

"Keine Metaphysik, Herr Doktor! Hore was ich dir sagen werde. Ich gebe dir bis morgen Bedenkzeit, ob du sie durch ein Erdbeben, oder durch eine Sundflut, oder durch Heuschrecken und Pest vertilgen willst. Genug, wenn sie mir nur je eher je lieber aus den Augen kommen."

4.

"Die Lebenskrafte eines grossen Reiches" (so fuhr Danischmend des folgenden Abends fort) "sind beinahe unerschopflich; und eine Nation kann sich Jahrhunderte lang ihrem Untergange nahern, kann oft unmittelbar an dem Rande desselben schwanken, und noch Krafte genug haben, sich wieder aufzuraffen und den schrecklichen Augenblick etliche Jahre weiter hinaus zu setzen. Ein weitlaufiges, unter einem gunstigen Himmel liegendes Land, welches eine lange Zeit aufs fleissigste angebaut worden ist, muss lange verwahrloset werden, bis es zur Wildnis wird; und Menschen, welche einmal an gewisse Gesetze, an einen gewissen Grad von Unterwurfigkeit gewohnt sind, konnen unendlich viel leiden, bis das Unvermogen ihren Zustand langer auszustehen die Bezauberung auflost, oder Verzweiflung ihnen wenigstens den Mut gibt zu sterben.

Diese Betrachtung pflegt die Werkzeuge einer ungerechten Regierung bei dem Anblick der zerstorenden Folgen ihrer Tyrannei gleichgultig und sicher zu machen. Das Ubel ist noch nicht so gross, denken sie; der Esel schleppt sich noch immer unter seiner Last fort, er kann noch mehr tragen; und so wird immer noch mehr aufgelegt, bis er zu Boden sinkt und stirbt.35 Indessen ist wahrscheinlich, dass sich eine Wissenschaft erfinden liesse, wie man, unter gegebenen Umstanden, fur jedes Land den Tag, die Stunde, und den Augenblick ausrechnen konnte, wo der Staat unter einer gewissen Summe von Ubeln (die Dazwischenkunft irgend eines wohltatigen Wunderwerks ausbedungen) einsinken musste; und nichts ist mehr zu wunschen, als dass zum Besten des menschlichen Geschlechts ein Preis auf Erfindung eines solchen politischen Barometers gesetzt werden mochte."

Schach-Gebal hatte, wie man vielleicht schon be

merkt haben wird, gewisse Launen, worin er, bei allem seinem Witz, Dinge zu sagen fahig war, welche seinem Oheim Schach-Baham Ehre gemacht hatten. Die Wahrheit zu sagen, er horte zuweilen nur mit halbem Ohr, und dies war gerade, was ihm diesmal begegnete. Sobald er horte, dass Danischmend seinen Diskurs mit einer Reflexion anfing, uberliess er sich, ohne ganz unachtsam darauf zu sein, den Gedanken, die sich von ungefahr anboten, bis ihn der politische Barometer, wie ein elektrischer Schlag, auf einmal wieder zur Aufmerksamkeit weckte. Die Idee gefiel ihm. "Hore Danischmend", rief er, "der Einfall, den du da hattest, ist vortrefflich. Wenn es nur an einem Preise liegt, so setze ich zehntausend Bahamd' or fur den Erfinder aus. Du kannst morgen dem Prasidenten meiner Akademie Nachricht davon geben."

Nurmahal und Danischmend sahen einander verstohlner Weise an; aber der Ton des Sultans war zu ernstlich, als dass es ratsam gewesen ware, ihn mit Lacheln zu beantworten. Sie zogen sich also mit Hulfe einer kleinen Grimasse so gut aus der Sache, als es in der Eile moglich war. Danischmend versicherte Seine Hoheit, der zehente Teil des versprochnen Preises werde hinlanglich sein, die Philosophen von Indostan in Tatigkeit zu setzen; und Schach-Gebal ergetzte sich nicht wenig an dem Gedanken, seine Regierung durch eine so sinnreiche und nutzliche Erfindung verherrlicht zu sehen. Nach einer kleinen Weile fuhr Danischmend, auf Befehl des Sultans, in seiner Erzahlung fort.

"Aus Mangel des politischen Lastenmessers, welcher das Gluck gehabt hat den Beifall Ihrer Hoheit zu erhalten, lasst sich dermalen nicht genau bestimmen, wie lange Scheschian unter Isfandiars Regierung noch hatte schmachten konnen, wofern dieser unweise Furst durch einen Schritt, der in den damaligen Umstanden des Reichs durch nichts gerechtfertiget werden konnte, die fatale Stunde nicht selbst herbei gerufen hatte.

Ihre Hoheit erinnern Sich ohne Zweifel noch der Blauen und Feuerfarbnen, die unter der Regierung Azors so gefahrliche Unruhen in Scheschian angezundet hatten. Isfandiar, der sich bei seiner Thronbesteigung das Gesetz gemacht zu haben schien, alles zu hassen was sein Vater geliebt hatte, nahm einige Jahre lang die Feuerfarbnen aus keinem andern Grund in seinen besondern Schutz, als weil unter der vorigen Regierung die Blauen die Oberhand gehabt hatten. Damit ja niemand an dem Beweggrunde seines Betragens zweifeln konnte, spottete er offentlich und ohne Zuruckhaltung uber den Glauben der einen und der andern. Eblis hatte ihn angewohnt, die Religion uberhaupt in einem falschen Lichte zu betrachten. Nichts konnte kurzer sein als die Metaphysik dieses Gunstlings war. 'Notwendigkeit und Ungefahr', sagte er, 'haben sich in die Regierung der Welt geteilt. Der Mensch schwimmt wie ein Sonnenstaub im Unermesslichen; sein Dasein ist ein Augenblick; dieser Augenblick ist alles was er sein nennen kann, und sich diesen Augenblick zu Nutze zu machen, ist alles was er zu tun hat.' Auf solche Trugschlusse hatte er die ruchlose Sittenlehre und die tyrannische Staatskunst gebaut, wovon der Untergang seines Vaterlandes die Folge war. 'Die Religion', sagte man offentlich an Isfandiars Hofe, 'ist eine nutzliche Erfindung der altesten Gesetzgeber, um unbandige Volker an ein ungewohntes Joch anzugewohnen. Sie ist ein Zaum fur das Volk; die Beherrscher desselben mussen den Zugel in ihrer Hand haben: aber den Zaum sich selbst anlegen zu lassen, ware lacherlich.'

Wenn diese Satze auch in gewisser Masse auf das, was man Staatsreligion nennt, anwendbar waren, so konnte doch nichts unbesonnener sein, als sie laut genug zu sagen, um von jedermann gehort zu werden. Wiewohl Eblis die Religion nur fur ein politisches Mittel gegen die Unbandigkeit des Pobels hielt, so hatte er doch einsehen sollen, dass die gute Wirkung dieses Mittels lediglich von dem Glauben an seine Kraft abhangt; so wie die Amulette, womit die Braminen und Bonzen ihre Anhanger in Ostindien und Sina zu beschenken pflegen, nur durch die hartnackige Zuversicht zu ihren geheimnisvollen Kraften einige Wirkung tun konnen. Dem Volk offentlich sagen dass man es nur betruge, und erwarten dass es sich dem ungeachtet immerfort betrugen lassen werde, setzt eine Geringschatzung des gemeinen Menschenverstandes voraus, welche der Klugheit des witzigen Eblis wenig Ehre macht. Dieses Betragen musste nach der damaligen Lage der Sachen in Scheschian notwendig einen gedoppelten Schaden tun. Auf der einen Seite schlich die Verachtung der Religion von den Grossen und Gelehrten sich nach und nach bis zum Pobel herab, welcher froh zu sein schien, dass seine Beherrscher toricht genug waren, den Damm, der ihnen noch einige Sicherheit gegen den Schwall der allgemeinen Verderbnis verschaffen konnte, selber zu durchstechen. Auf der andern Seite liessen die Bonzen von der blauen Partei, wie leicht zu erachten ist, diesen Anlass, ihre verfallenen Angelegenheiten wieder herzustellen, nicht unbenutzt. Je naher die Gefahr andrang, welche dem scheschianischen Aberglauben den Untergang drohte, desto eifriger waren sie, kein Mittel unversucht zu lassen, das Volk aus seiner schlafsuchtigen Gleichgultigkeit aufzuwecken, und in das wilde Feuer einer fanatischen Andacht zu setzen. Unter den Handen einer weisen Regierung wurde die Gleichgultigkeit der Scheschianer gegen den ungereimten Glauben ihrer Vater das Mittel geworden sein, eine grosse Verbesserung ohne gewaltsame Erschutterungen und auf eine beinahe unmerkliche Weise zu bewerkstelligen. Aber die Unbesonnenheit der anmasslichen Philosophen dieser Zeit, das alte Gebaude einzureissen, ohne ein anderes von festerem Grunde, bessern Materialien und edlerer Bauart auszufuhren, liess, nicht nur diese gluckliche Gelegenheit entschlupfen, sondern vermehrte noch die Ubel, welche die unmittelbaren Fruchte des Unglaubens sind, mit allen den unseligen Folgen des Fanatismus, der (wie uns die Jahrbucher der Menschheit belehren) allemal, wenn Gottlosigkeit und sittliche Verwilderung am hochsten gestiegen sind, seine verwustende Fackel am heftigsten geschwungen, und oft ganze Weltteile das grausame Schicksal eines Landes, das von Feinden und Freunden zugleich verheeret wird, hat erfahren lassen.

Der Hof, dessen einzige Beschaftigung war, die allgemeinen Ubel des Staats in seinen besondern Nutzen zu verwenden, unterliess nicht, alle Bewegungen der Blauen aufs scharfste zu beobachten, und fand desto leichter Gelegenheit ihnen beizukommen, da sie, durch ihre schwarmerische Hitze verblendet, sich stark genug glaubten, ihre Gegner, die Feuerfarbnen, und den Hof der sie beschutzte selbst, heraus zu fordern. Wiewohl sie, der Zahl nach, die kleinere Partei ausmachten, so schien ihnen doch der Reichtum ihrer vornehmsten Glieder eine desto gewissere Uberlegenheit zu geben, da, ordentlicher Weise, der Reichste derjenige ist, der sich die meisten Anhanger zu verschaffen weiss. Aber eben diese Reichtumer waren das, was die Raubsucht Isfandiars und seiner Gehulfen reizte. Man beschloss sich derselben unter einem Vorwande zu bemachtigen, den man entstehen lassen konnte sobald man wollte. Man stellte sich als ob man uber die Bewegungen der Blauen unruhig wurde; man sprach viel von Gefahren, welche uber dem Nakken des Staats schweben sollten; man flusterte von einer ubel gesinnten Partei, von geheimen Anschlagen, von verdachtigen Zusammenkunften; und man endigte damit, dass es vonnoten sein werde, mit einiger Strenge gegen die Blauen zu verfahren. Man hielt mehr als man versprochen hatte, in Hoffnung, die Blauen wurden sich nicht geduldig genug misshandeln lassen, um keine Gelegenheit zu grossern Misshandlungen zu geben; und man fand sich nicht betrogen. Kurz, man ruhete nicht, bis man sie zu einigen Bewegungen aufgereizt hatte, denen man den Namen von Aufruhr und Emporung geben konnte; und nun hatte Eblis seinen Zweck erreicht. Aber er und der ungluckliche Isfandiar genossen diese Freude nicht lange. Die Blauen, angeflammt von einigen schwarmerischen Anfuhrern, welche desto mehr zu gewinnen hofften je weniger sie zu verlieren hatten, emporten sich endlich im ganzen Ernste. Eine unendliche Menge von Missvergnugten aller Arten schlug sich zu ihrer Partei. Das Volk, welches schon lange mit Ungeduld auf ein offentliches Zeichen zum Aufruhr gewartet hatte, rottete sich in verschiedenen Provinzen von Scheschian zusammen, riss allenthalben die Bildsaulen Isfandiars nieder, plunderte seine Kassen, und ermordete alle, die es als Werkzeuge seiner tyrannischen Regierung verabscheute. Der Taumel, worin man am Hofe zu Scheschian zu leben gewohnt war, machte, dass man die ersten Ausbruche eines Aufstandes, von welchem so leicht vorher zu sehen war dass er allgemein werden wurde, mit Verachtung ansah; und Eblis glaubte einen grossen Streich gemacht zu haben, da er die Anfuhrer einer zusammen gelaufnen Rotte, welche in der Hauptstadt selbst Unruh erregt hatte, mit Strafen belegen liess, bei deren blosser Erzahlung allen ubrigen, wie er sagte, die Waffen aus den Handen fallen sollten. Aber er kannte die menschliche Natur nur halb. Das unmittelbare Anschauen dieser Strafen, und der Anblick einiger tausend gedungener Morder, bereit, auf den ersten Wink, wie eben so viele wilde Tiere, unter ein friedsames und schuchternes Volk einzufallen, hatte diese Wirkung allerdings getan: aber die Nachrichten, welche sich von diesen neuen Beweisen der Grausamkeit Isfandiars in den Provinzen verbreiteten, taten eine ganz entgegen gesetzte auf die Einbildungskraft der Scheschianer. Ihr Missvergnugen verkehrte sich in Wut; die Anfuhrer der Emporung fanden sich nun in der unumganglichen Notwendigkeit zu siegen, oder wenigstens nicht ungerochen zu sterben. Der Aufstand, dessen Gefahr Eblis, so lang es moglich war, seinem betrogenen Herrn verborgen hatte, gewann in kurzem eine solche Gestalt, dass man sich gezwungen sah Isfandiarn die Augen zu offnen.

Dieser Prinz, dem es weniger an Mut, als an der Geschicklichkeit ihn zu regieren, fehlte, machte sich fertig, an der Spitze eines Kriegsheers, dessen Treue er durch grosse Geschenke und noch grossere Versprechungen erkauft zu haben glaubte, zum ersten Mal in seinem Leben gegen seine eigenen Untertanen zu Felde zu ziehen. Die Haupter der Emporung hatten inzwischen Zeit genug gehabt, sich in Verfassung zu setzen, Abrede mit einander zu nehmen, und nach einem gemeinschaftlichen Plane zu handeln. Da sie entschlossen waren, die Waffen nicht eher niederzulegen, bis sie die Wohlfahrt des Staats und die Rechte seiner Burger gegen die Anmassungen der willkurlichen Gewalt auf eine dauerhafte Art sicher gestellt hatten: so fanden sie notig alles so viel moglich zu vermeiden, was ihrem Unternehmen das Ansehen eines strafbaren Aufruhrs geben konnte. Das ganze Scheschian sollte uberzeugt werden, dass sie die Waffen nicht gegen ihren rechtmassigen Konig, sondern bloss zu notgedrungner Beschutzung ihrer wesentlichsten Rechte gegen die Eingriffe seiner Ratgeber ergriffen hatten. In dieser Absicht liessen sie eine Art von Manifest an Isfandiarn gelangen, worin sie, nach einer lebhaften Vorstellung aller ihrer Beschwerden, sich erklarten, dass sie sogleich wieder aus einander gehen wollten, sobald der Konig diesen Beschwerden abgeholfen, und, zum Beweise seiner Aufrichtigkeit, den Gunstling Eblis der gerechten Rache einer ganzen beleidigten Nation ausgeliefert haben wurde."

"Dies", sagte Schach-Gebal, "war eine Zumutung, wozu ein Furst, der auf seine Ehre halt, sich nie verstehen wird."

"Auch war Isfandiar weit von einem solchen Gedanken entfernt", fuhr Danischmend fort. "Aber es wahrte nicht lange, so bekam er Ursache sich reuen zu lassen, dass er die Erhaltung eines Einzigen die auf der Waage der Klugheit ein Atom ist, wenn die Wohlfahrt des Staats und die Sicherheit des Thrones in der andern Schale liegt, fur wichtig genug angesehen hatte, sie so teuer zu erkaufen. Eblis wurde bald gewahr, dass die Sachen seines Herrn und seine eigene einer furchtbaren Entscheidung nahe waren. Er fand es zu gefahrlich fur sich selbst, seine eigene Sicherheit von dem Ausgang eines Treffens abhangen zu lassen, von welchem er sich in jeder Betrachtung wenig versprechen konnte. Er bedachte sich also nicht lange. Treue, Dankbarkeit, Freundschaft konnten ihn nicht verhindern, eine schandliche Tat zu tun; denn sie waren fur ihn blosse Namen ohne Bedeutung. Er liess sich in geheime Unterhandlungen mit den Hauptern der Missvergnugten ein, und machte sich anheischig, mit dem grossten Teile des koniglichen Kriegsheeres zu ihnen uberzugehen, wofern sie ihm die Ehre, auf gleichen Fuss mit ihnen selbst an der Wiederherstellung der offentlichen Ruhe zu arbeiten, zugestehen und hinlanglich versichern wurden. Die Emporten gingen alles ein, und Eblis arbeitete inzwischen mit eben so viel Eifer als Behutsamkeit daran, die Truppen und ihre vornehmsten Anfuhrer teils in seinen Anschlag zu ziehen, teils zu unwissenden Werkzeugen desselben zu machen; und dies tat er zu eben der Zeit, da er seinen Herrn durch den Schein der feurigsten Ergebenheit und durch eine Menge falscher Nachrichten in die tiefste Sicherheit zu versenken wusste. Sein Anschlag ging so glucklich von Statten, dass er, in einem Anstosse des Schwindelgeistes, welcher grosse Verbrecher schon so oft zu Werkzeugen ihres eigenen Untergangs gemacht hat, auf einmal sich die stolze Hoffnung traumen liess, in dem Augenblicke, da Isfandiar vom Throne herab sturzen wurde, sich selbst hinauf zu schwingen. Die Emporten hatten bisher noch immer geneigt geschienen, die konigliche Wurde in dem verhassten Isfandiar zu schonen. Aber Eblis stellte ihnen vor, dass es unmoglich sei, so lange der Tyrann lebe, an eine dauerhafte Staatsverbesserung zu denken, oder nur Sicherheit fur ihre eignen Personen und Guter zu hoffen. Er wusste ihnen die Notwendigkeit, das Ubel (wie er sagte) durch einen kuhnen Streich an der Wurzel abzuhauen, so eindringend vorzustellen, dass man ihn auf alle mogliche Weise zu unterstutzen versprach, wofern er die Ausfuhrung dieses Streiches ubernehmen wollte.

Alles schien sich zu vereinigen, den Verrater Eblis des glanzenden Ziels seiner Wunsche teilhaftig zu machen, als er auf einmal (aber zu seinem Ungluck erst da es zu spat war) die Erfahrung machte: dass der Lasterhafte sehr unrecht tut, wenn er von den Werkzeugen seiner Ubeltaten Tugend erwartet. Eblis hatte gehofft, die Wenigen, denen er sein Geheimnis anzuvertrauen genotiget war, durch Eidschwure, Belohnungen und Erwartungen eines schimmernden Glukkes gefesselt zu haben. Aber er betrog sich. Einer von ihnen machte die Bemerkung, dass wahrscheinlicher Weise noch mehr zu gewinnen sei, wenn er dem Sultan die Treulosigkeit seines Vertrauten entdecken wurde. Er tat es eine Stunde zuvor, ehe der Anschlag gegen das Leben des Sultans ausgefuhrt werden sollte. Es war um Mitternacht. Isfandiar, von wutendem Grimm uber die Undankbarkeit eines Gunstlings, fur den er sich selbst aufgeopfert hatte, hingerissen, verschmahte den blossen Gedanken der Flucht. Der Emir, der ihm die Verschworung entdeckte, hatte nicht vergessen, sich vorher eines Teils der Leibwache zu versichern. Von diesen und von allen, auf deren Treue er sich am meisten verlassen zu konnen glaubte, umgeben, befahl Isfandiar, den Verrater Eblis und die ubrigen Zusammenverschwornen in Verhaft zu nehmen. Sie hatten sich eben an einem abgeredeten Orte versammelt, um zur Ausfuhrung ihres Vorhabens zu schreiten, als sie gewahr wurden, dass sie verraten waren. Es brauchte nur einen Augenblick, um das Schreckliche ihrer Lage in seiner ganzen Grosse zu ubersehen. Die Verzweiflung allein konnte ihnen den einzigen Ausweg offnen, der noch moglich war. Sie entschlossen sich zum hartnackigsten Widerstand. 'Der schrecklichste Tod ist uns gewiss', rief Eblis: 'mit den Waffen in der Hand konnen wir, im unglucklichsten Falle, nur sterben; aber es ist eben so wohl moglich, dass wir die Oberhand erhalten.' Wutend schlugen sie sich durch die Trabanten Isfandiars hindurch, drangen mit grossem Geschrei in den Palast ein, und stiessen alles nieder, was sich ihnen entgegen setzte. In wenigen Augenblicken war der ganze Palast in Aufruhr; die meisten schlugen sich auf die Seite der Verschwornen. Der Augenblick kam, da derjenige, zu dessen Fussen vor kurzem Millionen Sklaven im Staube sich walzten, in angstvoller Betaubung nach Hulfe, nach Mitleiden umher sah, und nicht einen einzigen fand, welcher Tugend genug gehabt hatte, seine Brust zum Schilde eines verabscheuten Konigs zu machen. 'Ja', rief er den auf ihn eindringenden Verschworenen entgegen, 'ich will sterben, aber ich will nicht ungerochen fallen.' Mit diesen Worten sturzte er sich mit gezucktem Dolch auf Eblis hin; doch eh er ihn erreichen konnte, fiel er von unzahligen Stichen durchbohrt zu Boden. Inzwischen hatte der Larm, den dieser wilde Auftritt im Palaste verursachte, einen grossen Teil der Hauptstadt aus dem Schlaf erweckt. Das Volk sturmte haufenweise herbei. Dumpfes, grassliches Geschrei: 'Freiheit, Freiheit! weg mit dem Tyrannen und seinen Gehulfen!' schallte furchtbar durch die Hallen des Palasts. Eblis, mit dem Haupte Isfandiars an der Spitze seines Schwerts, hoffte durch diesen Anblick die Raserei des Pobels zu besanftigen: aber das abgerissene Haupt des Sultans in der Hand seines treulosen Gunstlings zu sehen, dieser Anblick veranderte auf einmal den Gegenstand ihrer Wut. Der Verrater wurde in Stucken zerrissen. Alle die ihn verteidigen oder rachen wollten, fielen. Der Palast wurde geplundert und in Flammen gesetzt. Das Feuer ergriff einen Teil der Stadt, und frass desto schneller um sich, da niemand daran dachte, seinen Verwustungen Einhalt zu tun. Alle Greuel eines allgemeinen Aufruhrs vereinigten sich, die ungluckliche Stadt Scheschian etliche Tage lang zu einem Schauplatz von Taten zu machen, von welchen die Menschlichkeit schaudernd ihr Antlitz wendet. Gleichwohl war dies alles nur der Anfang, und, so zu sagen, das Zeichen zur allgemeinen und volligen Auflosung aller Bande, wodurch die Nation bisher noch zusammen gehalten worden war. Isfandiar hinterliess keinen gesetzmassigen Thronfolger; denn er hatte seine Bruder und seine Neffen, die Sohne eines jungern Bruders von Azorn, bald nach seiner Thronbesteigung unter verschiedenem Vorwande aus dem Wege geraumt. Die vornehmsten Stadte des Reichs machten Anstalten sich in Freiheit zu setzen, konnten aber uber die Gestalt der Verfassung, welche sie sich geben wollten, so wenig einig werden, dass sie entweder durch burgerliche Unruhen zu Grunde gingen, oder bald diesem bald jenem von funf oder sechs der machtigsten Emirn, welche um die Krone stritten, sich unterwerfen mussten. Wahrend dieses Streites, der mit aller Wut und Langwierigkeit eines Burgerkrieges gefuhrt wurde, erfuhr Scheschian die Drangsale der Anarchie zum zweiten Mal in einem Grade, der entsetzlich gewesen sein muss, da er mit der Stufe der Verderbnis, zu welcher die Nation herab gesunken war, in Verhaltnis stand. Etliche Jahre lang schien alles Gefuhl von Moralitat in jeder Seele bis auf den letzten Funken erloschen zu sein, und den ungeheuern Leichnam des Staats einer scheusslichen Verwesung uberlassen zu haben. Auch wurde dies, allem Ansehen nach, das Schicksal von Scheschian gewesen sein, wofern nicht der Schutzgeist der Menschheit zu einer Zeit, da man alle Hoffnung aufzugeben anfing, den unglucklichen Rest einer einst so grossen und bluhenden Nation mit mitleidigen Augen angesehen hatte."

"Ich danke dir, Danischmend", sagte SchachGebal, "fur die gute Justiz, welche du, zur Ehre des Thrones und zur Warnung aller kunftigen Isfandiarn und Eblissen (wenn anders die Natur jemals wieder ihresgleichen hervorbringen sollte) an diesen Ungeheuern ausgeubet hast. Im ubrigen will ich dir nicht verhalten, dass du uns eine Art von Genugtuung dafur schuldig bist, uns seit dem ehrlichen Ogul-Kan (der bei allem dem gleichwohl einige grosse Untugenden hatte) mit lauter namenlosen oder schwachen Konigen unterhalten, und die Reihe zuletzt gar mit einem Taugenichts beschlossen zu haben, der in der Tat so hassenswurdig ist, dass der verdienstloseste unter seinen Vorgangern bloss dadurch, weil man gar nichts von ihm sagen kann, in Vergleichung mit ihm zu einem guten Fursten wird. Es ist unangenehm einen so missgestalteten Charakter nur fur moglich zu halten."

"Und noch unangenehmer", sagte Danischmend, "dass schwerlich eine Nation auf dem Erdboden ist, welche sich des Gluckes ruhmen konnte, unter ihren Fursten keinen Isfandiar gehabt zu haben. Gleichwohl deucht mir sogar dieser schlimmste unter den Konigen von Scheschian weniger Hass als Bedauern verdient zu haben. Alle Umstande, in welchen er lebte, schienen von irgend einem feindseligen Genius zu seinem Verderben zusammen geordnet zu sein. Kein tugendhafter, kein ehrlicher Mann unter seinem ganzen Volke, welcher Menschlichkeit genug gehabt hatte, dem verblendeten Fursten wenigstens aus Mitleiden die Wahrheit zu sagen! Lauter abschatzige Sklaven zu seinen Fussen, lauter schandliche der Schamrote unfahige Schmeichler an seinem Ohr! Sollte man es fur moglich halten, dass ein Isfandiar, ein gekronter Missetater, dessen Leben eine Kette von lasterhaften und unsinnigen Ausschweifungen war, von einer Menge von Rednern und Schriftstellern seiner Zeit mit allen Lobspruchen, die nur immer der beste Konig verdienen kann, uberhauft worden sein konnte? Sollte man glauben, dass ein Scheschianer unverschamt genug habe sein konnen, diesen namlichen Isfandiar, in Gegenwart von Tausenden, deren Blicke und Mienen ihn Lugen straften, den wurdigsten und geliebtesten unter den Fursten, den Vater seines Volkes, den wohltatigen Schutzgott seines Reiches zu nennen? Gleichwohl gab es unter den Gelehrten, unter den angeblichen Weisen der Nation solche Elende; und, was beinahe eben so erstaunlich ist, Isfandiar war fahig solchen Unsinn mit Vergnugen anzuhoren, und die dreifachen Sklaven, welche die Verwegenheit hatten mit Wahrheit Tugend und Ehre ein so freches Gespotte zu treiben, auf der Stelle mit Belohnungen zu uberhaufen, welche zu geben und verdient zu haben in gleichem Grade schandlich war. Konnte Isfandiar alles Gefuhl von Recht und Unrecht so ganzlich verloren haben, um die ausschweifendsten Lobreden, Lobreden welche den bittersten Satiren so ahnlich tonten, ohne vor Scham zu vergehen, anzuhoren? Und wenn er es konnte, wie unwurdig der menschlichen Gestalt musste der erst sein, den die Hoffnung eines ehrlosen Gewinsts fahig machte, die Sprache der Empfindung wissentlich zu missbrauchen, um einen weltkundigen Tyrannen in seiner Verhartung zu bestarken! Was fur Elende mussten es sein, welche solche Lobreden anhoren konnten, ohne in allgemeinem Aufstand dem ungeheuern Lugner ins Gesicht zu widersprechen! welche sogar fahig waren, ihm lauten Beifall zuzuklatschen! Man muss gestehen, die Scheschianer verdienten einen Konig wie Isfandiar; und man braucht sich nur einen Augenblick vorzustellen, wer sie waren, um das Mitleid, welches der Anblick des Leidens unsrer Mitgeschopfe naturlicher Weise in uns erweckt, in Freude uber die Zerstorung einer so hasslichen Brut ausgearteter Menschen verwandelt zu fuhlen."

5.

"Danischmend hat uns die Verdorbenheit der scheschianischen Nation so gross und so allgemein vorgestellt", sagte die Sultanin, "dass ich nicht begreife, wo er den Mann hernehmen will, der aus diesem Chaos eine neue Welt zu erschaffen fahig sein sollte. Dies bin ich wenigstens gewiss, dass dieser Mann sich nicht am Hofe zu Scheschian gebildet haben kann."

"Der beste unter allen sinesischen Konigen36 bildete sich unter einem Strohdache", versetzte Danischmend. "Und wie hatte (sagt ein sinesischer Schriftsteller) der tugendhafte Landmann Chun nicht der beste unter den Konigen werden sollen? Sein erster Stand hatte ihn vorher zum Menschen gebildet. Dies ist die Hauptsache. Wie wenige unter denjenigen, die von der Wiege an zu kunftigen Herrschern erzogen werden, konnen sich dieses Vorteils ruhmen!

Tifan, der Wiederhersteller seines Vaterlandes, Tifan, der Gesetzgeber, der Held, der Weise, der Vater seines Volkes, der geliebteste und der glucklichste unter allen Konigen, mit dessen Geschichte ich im Begriff bin den Sultan meinen Herrn zu unterhalten, wurde wahrscheinlicher Weise alles dies nicht gewesen sein, wenn er an dem Hofe seines Vetters Isfandiar, oder an irgend einem andern asiatischen Hofe seiner Zeit, ware gebildet worden.

Von der Natur selbst auf ihrem Schosse erzogen, fern von dem ansteckenden Dunstkreise der grossen Welt, in einer Art von Wildnis, zu einer kleinen Gesellschaft von unverdorbenen, arbeitsamen und massigen Menschen verbannt, ohne einen Schatten von Vermutung, dass er mehr sei als der geringste unter ihnen, brachte er die ersten dreissig Jahre seines Lebens in einem Stande zu, worin sein Herz, ohne es zu wissen, zu jeder koniglichen Tugend gebildet wurde.

Dieses sonderbare Gluck, ohne welches er schwerlich der Stifter der allgemeinen Gluckseligkeit seiner Nation geworden ware, hatte Tifan der Grausamkeit Isfandiars und einem andern eben so glucklichen als ungewohnlichen Zufalle zu danken: namlich, dem Umstande, dass seine erste Jugend dem einzigen tugendhaften Manne, der vielleicht damals im ganzen Scheschian lebte, anvertraut worden war.

Isfandiar hatte bald nach seiner Thronbesteigung alle seine Bruder, nebst den Kindern, welche Temor, der einzige Bruder seines Vaters, hinterlassen hatte, aus dem Wege geraumt. Tifan, der jungste unter den letztern, war damals etwann sieben Jahre alt, und befand sich unter der Aufsicht eines bejahrten Visirs, den sein Vater vorzuglich geliebt hatte. Dschengis (so nannte man diesen Visir) hatte einen einzigen Sohn von gleichem Alter mit dem Sohne des Prinzen Temor; und das einzige Mittel, wodurch er das Leben des jungen Tifan retten konnte, war, seinen eigenen Sohn den von Isfandiarn abgesendeten Mordern Preis zu geben. Dschengis hatte den Mut, der Tugend ein so grosses Opfer zu bringen.

Er gab sein eigenes Kind hin, und zog sich mit dem jungen Tifan, der nun fur seinen Sohn gehalten wurde, in eine unbekannte Gegend der mittaglichen Grenze von Scheschian zuruck. Es war ein fruchtbares aber unangebautes Tal, von Gebirgen und Wildnissen eingeschlossen, und, wie er glaubte, von der Natur selbst zu seiner Freistatte bestimmt fur den Tugendhaften, der sein Gluck in sich selbst findet, und fur einen jungen Prinzen, den das Gluck seine Unbestandigkeit in so zarter Jugend schon erfahren liess.

Hier legte Dschengis eine Art von Pflanzstatte an, indem er einer Anzahl Sklaven beiderlei Geschlechts, die er von den benachbarten Tschirkassiern zu diesem Ende gekauft hatte, die Freiheit unter der Bedingung schenkte, dass sie ihm helfen sollten diese oden Gegenden anzubauen. Die Natur belohnte seinen Fleiss mit dem glucklichsten Erfolge. In wenigen Jahren verwandelte sich der grosste Teil dieser angenehmen Wildnis in Kornfelder, Garten und Auen, von tausend kleinen Bachen gewassert, welche Dschengis und seine Gehulfen aus den benachbarten Gebirgen in ihre aufbluhenden Pflanzungen ableiteten. Die frohen Bewohner lebten im Uberflusse des Notwendigen, und in dieser glucklichen Armut an entbehrlichen Dingen, welche fur den Weisen oder fur den Unwissenden Reichtum ist. Dschengis, wiewohl sie alle seine Sklaven gewesen waren, masste sich keiner Herrschaft uber sie an.

Alle Ungleichheit, welche nicht von der Natur selbst herruhrt, war aus den Hutten dieser Gluckseligen verbannt. Die Vater der samtlichen Haushaltungen machten zusammen eine Art von Gericht aus, das sich uber Dinge, welche die allgemeine Wohlfahrt betrafen, beratschlagte, und die kleinen Streitigkeiten schlichtete, die unter einem so wenig zahlreichen, so frohlichen und so armen Volkchen entstehen konnten.

Im Schosse dieser kleinen Kolonie wuchs, als unter seinesgleichen, der Neffe des grossten und uppigsten aller morgenlandischen Konige in einer Unwissenheit seines Standes auf, welche der weise Dschengis fur notig hielt, was auch das Schicksal uber seinen koniglichen Pflegesohn beschlossen haben mochte. 'Ist er zum Throne bestimmt', dachte er, 'so werden die Volker, die er einst glucklich machen wird, die Asche des ehrlichen Dschengis dafur segnen, dass er ihnen einen Konig erzogen hat, der, in der Gewohnheit die niedrigste Klasse von Menschen als seinesgleichen anzusehen, in der Gewohnheit nichts von andern zu erwarten, was sie nicht auch von ihm fodern konnen, in der Gewohnheit seinen Unterhalt seinem eigenen Fleisse zu danken zu haben, aufgewachsen, des sinnlosen Wahnes unfahig ist, dass Millionen Menschen nur darum in der Welt seien, damit er allein mussig gehen und sich allen seinen Gelusten uberlassen konne. Ist es hingegen sein Schicksal sein Leben in der Dunkelheit zuzubringen, so ist die Unwissenheit seiner Abkunft ein Gut fur ihn selbst: ihm den wohltatigen Irrtum, sich fur den Zustand worin er lebt geboren zu glauben, benehmen wollen, ware in diesem Falle Grausamkeit.'

Tifan liess sich also, wenn er hinter seinen Herden herging, wenig davon traumen, dass ihn die Geburt bestimmt habe, statt des Schaferstabes einen Zepter zu fuhren; und das furstliche Blut, das in seinen Adern floss, sagte ihm so wenig von irgend einem angebornen Vorzuge vor den Leuten mit denen er lebte, dass er vielmehr einen jeden mit einem Gefuhl von Ehrerbietung ansah, welcher besser arbeiten konnte, und also nutzlicher war als er. Oft wenn Dschengis den jungen Prinzen, in seinem Kittel von grober Leinwand, mit beschwitzter Stirne von der Feldarbeit zuruck kommen sah, lachte er bei sich selbst uber die Unverschamtheit jener Schmeichler, welche die Grossen der Welt bereden wollen, als ob sogar in ihrem Blute ich weiss nicht was fur eine geheimnisvolle Zauberkraft walle, die ihrer ganzen Person und allen ihren Trieben und Handlungen eine gewisse Hoheit mitteile, welche sie von gemeinen Menschen unterscheide und diese letztern zu einer unfreiwilligen Ehrfurcht zwinge. 'Wer dachte, dass dieser junge Bauer ein Konigssohn ware?' sagte er zu sich selbst. 'Er ist wohl gebildet; seine Augen sind voller Feuer; seine Zuge bezeichnen eine gefuhlvolle und wirksame Seele: aber bei dem allen erkennt, ausser mir selbst, niemand der ihn sieht etwas anders in ihm, als einen zum Karst und Pfluge gebornen Bauernsohn, und er selbst ist vollkommen uberzeugt, dass Hysum, unser Nachbar, ein ungleich besserer Mann ist als er.'"

"Diese Betrachtung schmeichelt den Furstensohnen nicht", sagte Schach-Gebal, "und ich gestehe, dass ich sie nie gemacht habe; aber nun, da sie gemacht ist, deucht mir, sie hat recht. Die Poeten und Romanschreiber die uns solche Dinge weismachen wollen, verdienten etliche Dutzend Streiche auf die Fusssohlen dafur, denn ich wette, sie glauben selbst kein Wort davon."

"Der junge Tifan verlor bei der Lebensart, worin ihn sein Pflegevater erzog, die feine Lilienfarbe und das schwachliche Ansehen, welches, wenn er am Hofe zu Scheschian erzogen worden ware, ihn vermutlich von gemeinen Erdensohnen unterschieden hatte. Aber er gewann dafur einen starken und dauerhaften Korper, eine mannliche Sonnenfarbe, frisches Blut, und Lippen, in welche er nicht notig hatte zu beissen, um sie roter als reife Kirschen zu machen.

Indessen war der weise Dschengis weit davon entfernt, die angeborne Bestimmung seines Pflegesohns aus den Augen zu verlieren. Tifan hatte ihm zu viel gekostet, als dass er sich hatte begnugen sollen, ihn bloss zu einem guten Landmanne zu bilden; denn alles was der betorte Isfandiar tat, um die Nation so schnell als moglich zu Grunde zu richten, machte es mehr als wahrscheinlich, dass Tifan vielleicht eher als er dazu tuchtig ware, sich aufgefordert finden konnte, sein Recht an die Krone geltend zu machen. Dschengis setzte sich also nichts Geringeres vor und der blosse Vorsatz klingt schon widersinnig, so sehr hat er das allgemeine Vorurteil wider sich , als den jungen Tifan (ohne ihm, bis es Zeit ware, das Geringste von seinem Vorhaben merken zu lassen) mitten unter lauter Hirten und Ackerleuten zu einem guten Fursten zu bilden. Uberzeugt, dass Gute des Herzens ohne Weisheit eben so wenig Tugend, als Wissenschaft ohne Tugend Weisheit ist, bemuhte er sich, zu eben der Zeit, da er sein Gefuhl fur das Schone und Gute und jede sympathische und menschenfreundliche Neigung zu nahren und in Fertigkeit zu verwandeln suchte, seinen Verstand von den eingeschrankten Begriffen, die sich von den Gegenstanden, die ihn umgaben, in seiner Seele abdruckten, stufenweise zu den erhabnen Ideen der burgerlichen Gesellschaft, des menschlichen Geschlechts, der Natur, des Ganzen, und seines geheimnisvollen aber anbetenswurdigen Urhebers zu erheben. Alle sittliche Vollkommenheit eines Menschen, zu welchem besondern Beruf er immer geboren sein mag, hangt davon ab, dass diese Ideen in seinem Verstande, und die Gesinnungen, welche sich aus ihnen bilden, in seinem Herzen die Herrschaft fuhren. Aber fur keinen Menschen ist dies unentbehrlicher als fur denjenigen, der dazu berufen ist, sittliche Ordnung in irgend einem besondern Teile der allgemeinen menschlichen Gesellschaft zu unterhalten. Wehe seinen Untergebenen und ihm selbst, wenn seine Seele von dem Bilde einer allgemeinen Harmonie und Gluckseligkeit nicht in Entzucken gesetzt wird! wenn ihm die Rechte der Menschheit nicht heiliger und unverletzlicher sind als seine eigenen! wenn die Gesetze der Natur, mit tiefen unausloschlichen Zugen in seine Seele gegraben, ihn nicht in allen seinen Handlungen leiten! Mit Einem Worte, wehe dem Volke, dessen Beherrscher nicht lieber der Beste unter den Menschen als der Machtigste unter den Konigen sein mochte! Diese Begriffe sind keine Grillen einsiedlerischer Weltbeschauer. Unglucklich genug fur das menschliche Geschlecht, wenn sie von den Grossen und Machtigen dafur gehalten werden! Aber die Natur der Dinge hangt nicht, wie das Gluck oder Ungluck der Menschheit, von den Begriffen der Grossen ab. Sie konnen nicht verhindern, dass die Strafen der Natur nicht unfehlbar auf die Verachtung eines jeden Gesetzes der Natur folgen;37 und wenn die bisherige Gestalt des Erdbodens noch Jahrtausende dauern sollte, so wird die Geschichte aller kunftigen Alter sich mit der Geschichte aller vergangenen vereinigen, die Konige zu belehren: dass jeder Zeitpunkt, worin jene grossen Grundbegriffe mit Dunkel bedeckt gewesen, jene wohltatigen Grundgesetze nicht fur das was sie sind, fur das unverletzliche Gesetz des Konigs der Konige, anerkannt worden sind, ein Zeitpunkt des offentlichen Elends, der sittlichen Verderbnis, der Unterdrukkung und der allgemeinen Verwirrung, eine ungluckliche Zeit fur die Volker und eine gefahrliche fur die Konige gewesen ist."

Danischmend war, wie wir sehen, in einer vortrefflichen Stimmung, den Konigen Moral zu predigen; aber zum Ungluck ermangelten seine Predigten niemals, den Sultan seinen Herrn einzuschlafern. Der gute Doktor wollte eben einen neuen Anlauf nehmen, als er gewahr wurde, dass seine Zuhorer, jeder in einer eigenen Stellung, in tiefem Schlummer lagen. "Dass doch meine Moral immer und allezeit eine so narkotische Kraft hat!" sprach er zu sich selbst: "ich begreife nichts davon. Einer von den Zauberern, meinen Feinden, muss die Hand im Spiele haben: es ist nicht anders moglich."

6.

"Die Begriffe" (so fuhr Danischmend in der Erzahlung von Tifans Erziehung fort), "welche dieser junge Prinz von dem weisen Dschengis erhielt, konnten nicht anders als auf seinen Verstand und auf sein Herz mit ihrer vollen Kraft wirken, und jenem alles das Licht, so wie diesem alle die Rechtschaffenheit mitteilen, welche sie, vermoge der Natur der Sache, einer unverdorbenen Seele mitteilen mussen. Die Grundsatze I. Alle Menschen sind Bruder, und haben von Natur

gleiche Bedurfnisse, gleiche Rechte, und gleiche

Pflichten. II. Die wesentlichen Rechte der Menschheit konnen

weder durch Zufall, noch Gewalt, noch Vertrag,

noch Verzicht, noch Verjahrung, sie konnen nur

mit der menschlichen Natur verloren werden; und

eben so gewiss lasst sich keine notwendige noch zu

fallige Ursache denken, welche einen Menschen,

unter was fur Umstanden er sich auch befinde, von

seinen wesentlichen Pflichten los zahlen konnte. III. Ein jeder ist dem andern schuldig, was er in den

gleichen Umstanden von ihm erwarten wurde. IV. Kein Mensch hat ein Recht, den andern zu seinem Sklaven zu machen. V. Gewalt und Starke gibt kein Recht, die Schwachen zu unterwerfen, sondern legt ihren Besitzern bloss die naturliche Pflicht auf, sie zu beschutzen. VI. Ein jeder Mensch hat, um einen gerechten Anspruch an Wohlwollen, Mitleiden und Hulfe von Seiten eines jeden Menschen zu haben, keinen andern Titel vonnoten, als dass er ein Mensch ist. VII. Der Mensch, welcher von andern verlangen wollte, dass sie ihn kostlich nahren und kleiden, mit einer prachtigen Wohnung und allen ersinnlichen Bequemlichkeiten versehen, ihm, auf Unkosten ihrer Ruhe, Bequemlichkeit und Notdurft, alles nur mogliche Vergnugen gewahren, unaufhorlich arbeiten um ihn aller Bemuhung zu uberheben, sich bloss mit dem Unentbehrlichen behelfen, damit er seine uppigsten Begierden bis zur Ausschweifung befriedigen konne, kurz, dass sie nur fur ihn leben, und, um ihm alle diese Vorteile zu erhalten, jeden Augenblick bereit sein sollten, sich allen Arten des Ungemachs und Elends, dem Hunger und dem Durst, dem Frost und der Hitze, der Verstummelung ihrer Gliedmassen und den schrecklichsten Gestalten des Todes fur ihn auszusetzen der einzelne Mensch, der an zwanzig Millionen Menschen eine solche Forderung machen wollte, ohne sich schuldig zu halten, ihnen sehr grosse und mit

solchen Diensten in gehorigem Ebenmasse stehende

Gegendienste dafur zu leisten, ware ein Wahn

sinniger, und musste seine Forderung an Leute ma

chen, die es noch mehr als er selbst waren, wenn er

Gehor finden sollte.

Diese und tausend andre Satze, welche sich aus ihnen ableiten lassen, fand der junge Tifan gleichsam mit der eigenen Hand der Natur in seine Seele geschrieben. Es waren eben so viele Gefuhle, welche ihn der weise Dschengis in Grundsatze verwandeln lehrte, deren uberzeugender Kraft seine Vernunft eben so wenig widerstehen konnte, als es in seiner Willkur stand, den Tag fur Nacht, oder warm fur kalt zu halten. Er fand keine Vorurteile in seinem Gemute, welche der vollen Wirkung dieser Wahrheiten entgegen gearbeitet hatten. Alles was ihn umgab, weit entfernt sie zu bestreiten und auszuloschen, erlauterte und bestatigte sie: und da sich Dschengis sorgfaltig hutete, ihm die unselige und hassenswurdige Nachricht zu geben, dass der grosste Teil der Menschen, durch eine beinahe unbegreifliche Verderbnis des Verstandes und Willens, von jeher so gehandelt und sich so habe behandeln lassen, als ob das Gegenteil aller dieser Wahrheiten wahr ware, so gewohnte sich seine Seele dergestalt an diese Art zu denken, dass ihm diejenige, welche damals an dem Hofe zu Scheschian herrschte, eben so widersinnig und ungeheuer vorgekommen ware, als wenn ihm jemand hatte zumuten wollen, den Schnee fur schwarz anzusehen, oder sich von der Mittagssonne in einem gluhenden Ofen abzukuhlen.

Er war schon achtzehn Jahre alt, eh er noch einen Begriff davon hatte, dass man anders denken konne, als die Natur und Dschengis ihn denken lehrte; eh er wusste, was Mangel und Unterdruckung sei, oder sich die mindeste Vorstellung von einer erkunstelten und auf anderer Elend gebauten Gluckseligkeit machen konnte. Dschengis hatte sein Gedachtnis mit einer Menge von Erzahlungen, und mit Liedern und Spruchen aus den besten Dichtern in Scheschian angefullt: aber diese Erzahlungen schilderten lauter unschuldige Sitten; diese Lieder waren lauter Ergiessungen eines unverdorbenen Herzens, diese Spruche lauter Gesetze der Natur und der unverfalschten Vernunft; alles war des goldnen Alters wurdig.

Der junge Prinz hatte nun die Jahre erreicht, wo die Natur durch die Entwicklung des sussesten und machtigsten aller unsrer Triebe gleichsam die letzte Hand an ihr Werk, an den Menschen legt, und indem sie ihn durch das namliche Mittel zum Urheber seiner eigenen Gluckseligkeit und der Erhaltung seiner Gattung macht, ihn auf die uberzeugendste Weise belehrt, sie habe sein besonderes Gluck mit dem allgemeinen Besten dergestalt verwebt, dass es unmoglich sei, eines von dem andern abzulosen ohne beide zu zerstoren. Die Liebe, dieser bewundernswurdige Instinkt, den die Natur zur starksten Triebfeder der besondern und allgemeinen Gluckseligkeit der Menschen bestimmt hat, gesellt sich itzt auf einmal gleich einem himmlischen Genius zu ihm, um ihn auf den Weg seiner irdischen Bestimmung zu leiten, und diesen Weg mit Rosen zu bestreuen. Durch sie erhalt er die ehrwurdigen Namen eines Ehegemahls und Vaters. Sie konzentriert alle seine sympathetischen Neigungen in der Liebe zu einem Weibe, welches die Halfte seines Selbsts wird, und zu Kindern, in denen er dies Selbst verjungt und vervielfaltiget sieht. Sie wird auf diese Weise die Stifterin der Familiengesellschaften, welche die Elemente der burgerlichen sind, und von deren Beschaffenheit das Wohl eines Staates dergestalt abhangt, dass die Verblendung der Gesetzgeber, welche fur dieses grosse Institut der Natur weder so viel Ehrfurcht, als sie ihm schuldig waren, getragen, noch alle die Vorteile, die davon zu ziehen sind, daraus gezogen haben, unbegreiflich ist.

Der tugendhafte und weise Dschengis kannte und ehrte die Natur. Mit Vergnugen sah er dem stufenweisen Fortgange der Neigung zu, welche die Schonheit und Unschuld einer jungen Schaferin, deren Eltern seine Nachbarn waren, dem jungen Prinzen eingeflosst hatte. Er besorgte nicht, dass sie seinem Pflegesohn im Wachstum in jeder Tugend und Vollkommenheit seines kunftigen Berufs hinderlich sein wurde; und der Gedanke, ihr deswegen Einhalt zu tun, weil Tifan ein Prinz und Tili die Tochter eines gemeinen Landmannes war, konnte ihm um so weniger einfallen, weil die Konige von Scheschian sich allezeit mit Tochtern ihrer Untertanen vermahlt hatten. Tili war wirklich so liebenswurdig als es eine Tochter der Natur sein kann. Eine besondere Sympathie, welche von ihrer Kindheit an sich zwischen ihnen geaussert hatte, schien der Beweis, dass sie bestimmt seien eines durch das andere glucklich zu sein. Dschengis unterliess nicht sich diese Stimmung seines Pflegesohns zu Nutze zu machen, um die Fruchte der eben so einfachen als erhabenen Philosophie, womit er seine Seele bisher genahret hatte, zur Reife zu bringen. Er entwikkelte in freundschaftlichen Unterredungen die neuen Empfindungen des jungen Tifan; er zeigte ihm in denselben die Stimme der Natur, die ihn zur Erfullung eines wichtigen Teils seiner Bestimmung rufe, und unterrichtete ihn in den ehrwurdigen und sussen Pflichten desselben. Tifan wurde Gemahl, ohne weniger Liebhaber zu sein; er wurde Vater, und in dem Augenblick, da er die ersten Fruchte einer keuschen Liebe an seine Brust druckte, fuhlte er, dass er, selbst in den Armen der schonen Tili, die susseste Regung der Natur noch nicht gekannt hatte.

Man hat langst bemerkt: der begeisterte Stand, in welchen eine schone Seele durch die erste Liebe gesetzt wird, erhohe sie in jeder Betrachtung weit uber das, was ein Mensch gewohnlicher Weise ist; und es scheint, dass einige Weise des Altertums eben dadurch bewogen worden, in der Liebe eine Art von Genius zu sehen, durch welchen gleichsam neue Sinne fur das Schone und Gute in der Seele eroffnet, und eine Art von unmittelbarer Gemeinschaft zwischen ihr und allem was gottlich ist, hergestellt werde. Dies wenigstens scheint gewiss zu sein, dass wir in dieser Art von Bezauberung eine grossere Empfindlichkeit fur alles Schone, eine grossere Leichtigkeit jede Tugend auszuuben, einen hohern Grad von allgemeiner Sympathie, einen mehr als gewohnlichen Hang zu erhabnen, weit grenzenden und wunderbaren Ideen in uns erfahren; und daher scheint auch kein bequemerer Zeitpunkt zu sein, um begeisternde Vorstellungen von dem hochsten Wesen in einer jungen Seele hervor zu bringen, als eben dieser.

Der weise Dschengis musste diese Betrachtung gemacht haben; denn er wahlte mit Vorsatz diese Zeit, um seinem Pflegesohn die gelauterten und erhabnen Empfindungen der Religion einzuflossen, welche er fur notig hielt, um der Seele einen unbeweglichen Ruhepunkt, den Leidenschaften ein machtiges Gegengewicht, und der Tugend die kraftigste Aufmunterung zu verschaffen. Die richtigsten Begriffe, welche wir aus der Quelle der Natur schopfen konnen, sind ohne die Idee eines unendlich vollkommnen Urhebers und Vorstehers der Natur ausserst mangelhaft. Welch ein Unterschied zwischen dem engen Kreis, in welchen die tierische Sinnlichkeit eingeschlossen ist, und dem grenzenlosen All, in welches der erstaunte Geist hinaus sieht, sobald er einen Schopfer der Welt erkennt, dessen wohltatige Macht ebenso unbegrenzt ist als sein Verstand! Dschengis hegte von dem hochsten Wesen eben diese reinen Begriffe, welche die Weisen der altesten Zeiten einer langen Betrachtung der Natur und vielleicht einem unmittelbaren Umgang mit hohern Wesen zu danken hatten; Begriffe, die sich unter den Philosophen des ostlichen Teils der Erde eine lange Zeit erhalten haben, und selbst durch alle Ungereimtheiten des Aberglaubens und des Gotzendienstes nicht ganzlich ausgeloscht werden konnten.

'Das hochste Wesen', sagte Dschengis zu dem jungen Tifan, 'ist zwar den aussern korperlichen Sinnen, aber nicht dem Geist unsichtbar, der, sobald er reif genug worden ist, Ordnung und Zusammenstimmung, allgemeine Gesetze, wohltatige Endzwecke und weislich gewahlte Mittel in dem grossen Schauplatze der Natur, der uns umgibt, wahrzunehmen, an dem Dasein einer hochsten Weisheit und Gute, welche gleichsam die allgemeine Seele des Ganzen ist, eben so wenig als an dem Dasein seiner eignen Seele, die ihm nicht sichtbarer ist als jene, zweifeln kann. Die Welt ist in allen ihren uns bekannten Teilen zu unvollkommen, um selbst das hochste Wesen zu sein, und, im ganzen betrachtet, zu gross und vortrefflich, um nicht das Werk eines hochsten Wesens zu sein. Ist sie dieses, so ist unser Dasein, so sind die Fahigkeiten zu empfinden, zu denken, zu handeln, und durch den rechten Gebrauch derselben in einem hohen Grade glucklich zu sein, so sind die Beziehungen der ganzen Natur auf die Erhaltung, das Vergnugen und den Nutzen des Menschen, eben so viele unschatzbare Wohltaten, welche wir dem Urheber der Welt zu danken haben; und so weiset uns das Verhaltnis eines allgemeinen Wohltaters den ersten Gesichtspunkt an, aus welchem wir das hochste Wesen zu betrachten haben.

Die Erwagung der wunderbaren Ordnung, in welcher dieses aus einer so unendlichen Menge verschiedener Teile zusammen gesetzte allgemeine Ganze erhalten wird, leitet uns auf den Begriff eines besondern Endzwecks fur jede besondere Gattung, und eines allgemeinen Zwecks fur das ganze System der Schopfung. Diese Verbindung zu gemeinschaftlichen Zwecken fuhret uns auf die mannigfaltigen Verhaltnisse der Wesen gegen einander, und aus beiden entwickelt sich der Begriff besonderer und allgemeiner Gesetze der Natur. Der Mensch, der auf dem besondern Schauplatz, auf den er sich gesetzt befindet, keine vollkommnere Gattung erblickt als seine eigene, sieht sich doch bei allen seinen Fahigkeiten und Vorzugen in einer unvermeidlichen Abhanglichkeit von allem was ihn umgibt. Die ganze Natur muss ihre Krafte vereinigen, um ihn von Augenblick zu Augenblick im Dasein zu erhalten; das elendeste Insekt, das kleinste Sandkorn ist vermogend ihn im Genuss seiner Gluckseligkeit zu storen, ihn zu qualen, ja seinem Leben ein Ende zu machen. Es ist wahr, die ganze Natur ist ihm dienstbar: aber er muss sie gleichsam notigen, es zu sein; und ohne seine Hande, ohne seinen Witz, ohne seinen unverdrossenen Fleiss, wurde dieser Planet, der ihm zur Anbauung angewiesen ist, bald zu einer unwirtbaren Wildnis werden. Aber wie sollte der einzelne Mensch einem solchen Geschafte gewachsen sein? Es ist augenscheinlich, dass die ganze Gattung sich vereinigen muss, um ihre naturliche Herrschaft uber den Erdboden zu behaupten, und dass ein jeder seine besondere Sicherheit, sein besonderes Wohlsein, nur in dem vollkommensten und glucklichsten Zustande der ganzen Gattung findet. Daher diese allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur, welche durch die Absonderung der Menschen in besondere Gesellschaften zwar verdunkelt und auf mannigfaltige Weise verfalscht worden sind, aber, so lange der Mensch kein Mittel findet sich eine andere Natur zu geben, notwendig allgemein verbindliche Gesetze fur die ganze Gattung bleiben. Ein sehr fuhlbarer Beweis, dass sie es sind, liegt darin, weil die Menschen fur jede Ubertretung dieser Gesetze durch die notwendigen Folgen dieser Ubertretung gestraft, weil sie in eben dem Grade, wie sie den Pflichten der Natur untreu sind, unglucklich und elend werden. Diese Betrachtung zeigt das hochste Wesen aus einem neuen Gesichtspunkte. Der Urheber der Natur ist auch der Gesetzgeber der Natur; und eben dadurch, weil die Beobachtung oder Ubertretung seiner Verordnungen die unumgangliche Bedingung der Gluckseligkeit oder des Elendes unsrer Gattung ist, erkennen wir in seiner Gesetzgebung zugleich den Urheber der Natur, den Wohltater des Menschen und den vollkommensten Verstand.

Aber auch hier steht die Vernunft noch nicht still. Der Mensch erfahrt, mitten im Genuss derjenigen Gluckseligkeit, welche ihm der weiseste Genuss der Dinge ausser ihm geben kann, dass sie unfahig sind ihm die vollkommne Gluckseligkeit zu geben, die er wunscht; und seine so oft betrogene Hoffnung erhebt ihre Augen endlich nach einem unverganglichen Gute, nach demjenigen, welches das Urbild und die Quelle alles Schonen und Guten ist. In ihm glaubt sie das letzte Ziel aller ihrer Wunsche, und in der unmittelbaren Vereinigung mit ihm den hochsten Endzweck des Daseins aller empfindenden Wesen zu sehen. Die Seele fuhlt bei diesem grossen Gedanken den Kreis ihrer Tatigkeit sich erweitern, und jenseits der Grenzen dieses Lebens (wovon immer nur der gegenwartige Augenblick wirklich, der zukunftige ungewiss, und alles Vergangene Traum ist) entdeckt sich ihrem verlangenden Auge eine bessere Zukunft. Und so zeigt sich ihr das Wesen der Wesen aus einem dritten Gesichtspunkte, als das hochste Gut und letzte Ziel aller erschaffenen Geister.

Jedes dieser Verhaltnisse der Gottheit gegen die Menschen beweiset bis zum Augenschein, dass die Idee des unendlichen Geistes in dem innern System unsrer Seele eben das ist und sein soll, was die Sonne in dem grossen Kreise der Schopfung, der uns umgibt; dass sie es sein soll, die der Seele Licht und Warme gibt, um jede Tugend, jede Vollkommenheit hervor zu treiben und zur Reife zu bringen. Jener susse Zug der Sympathie, der uns geneigt macht, uns mit andern Geschopfen zu erfreuen oder zu betruben, wird nun etwas ganz anderes als ein blosser animalischer Trieb. Allgemeine Gute, zartliche Teilnehmung an den Schicksalen der Wesen unsrer Gattung, sorgfaltige Vermeidung alles Zusammenstosses, wodurch wir ihre Ruhe, ihren Wohlstand verletzen wurden, lebhafte Bestrebung ihr Bestes zu befordern und mit dem unsrigen zu vereinigen; alles dies, in dem Lichte betrachtet, welches die Idee der Gottheit uber uns verbreitet, sind Gesetze des allmachtigen und wohltatigen Beherrschers aller Welten; Gesetze, von deren Verbindlichkeit uns nichts los zahlen kann; Gesetze, von deren Befolgung die Erfullung des ganzen Endzwecks unsers Daseins abhangt.'

So waren die Begriffe von Religion beschaffen, welche der weise Dschengis in der Seele des jungen Tifan entwickelte, und solchen Begriffen entsprach der Unterricht, den er ihm von dem Dienste des hochsten Wesens gab. 'Dankbarer Genuss seiner Wohltaten, und aufrichtiger Gehorsam gegen seine Gesetze', sagte Dschengis, 'sind der einzige wahre Dienst, den wir einem Wesen leisten konnen, das unser bloss in so fern bedarf, in so fern es uns zu Werkzeugen seiner grossen wohltatigen Absichten erschaffen hat.'"

"Bewundern Sie nicht auch die mannigfaltigen Gaben unsres Freundes Danischmend?" sagte Schach-Gebal zu der schonen Nurmahal. "Ich sehe dass er im Notfall einen so guten Iman abgeben konnte, als vielleicht jemals einer am Hofe eines Sultans gewesen ist. Aber fur heute lass es immer genug sein, Danischmend; und das nachste Mal, wenn von deinem Tifan wieder die Rede sein wird, erinnre dich, dass du mir einen Gefallen erweisen wurdest, so bald als moglich auf die Hauptsache zu kommen."

7.

"So viel ich mich von allem, was du uns mit deiner gewohnlichen, Weitlauftigkeit von der Erziehung des jungen Tifan erzahlt hast, erinnern kann" (sagte Schach-Gebal, als Danischmend sich zu gewohnlicher Zeit anschickte seine Erzahlung fortzusetzen), "so mag unter den Handen des ehrlichen Dschengis eine ganz gute Art von Jungen aus ihm geworden sein; aber noch sehe ich, mit deiner Erlaubnis, nicht, wie er dadurch der grosse Konig werden konnte, den du uns erwarten gemacht hast."

"Sire", versetzte Danischmend, "alles warum ich Ihre Hoheit bitte, ist noch ein wenig Geduld zu haben, und ich bin uberzeugt, es wird Ihnen in wenig Tagen kein Zweifel uber diesen Punkt ubrig bleiben.

Die Grosse und Erhabenheit, wozu Dschengis die Begriffe seines Lehrlings empor zu treiben sich bemuht hatte, machten es notwendig, dass er ihm zu gleicher Zeit eine vollstandige Kenntnis von dem gesellschaftlichen Leben, von dem was man einen Staat nennt, und von der Einrichtung, Polizei und Verwaltung desselben geben musste. Er tat es: und nachdem er dem jungen Tifan gezeigt hatte, wie dieser Erdball, vermoge der richtigen Begriffe von der Natur und Bestimmung des Menschen, aussehen und regiert sein sollte; so machte er ihm nach und nach begreiflich, wie es zugehen konnte, dass alles ganz anders ware als es sein sollte. Von dem anschauenden Begriffe der kleinen Kolonie, in welcher er aufgewachsen war, brachte er ihn stufenweise bis zu dem verwickelten Begriff einer grossen Monarchie, von dem landlichen Hausvater bis zu dem grossen Hausvater von Scheschian. Der Prinz folgte ihm in allen diesen Erorterungen ohne sonderliche Muhe. Aber desto grossere Schwierigkeit hatte es, ihm begreiflich zu machen, wie aus dem allgemeinen Vater einer Nation ein willkurlich gebietender Herr, und aus diesem Herren, mit einer kleinen Veranderung, ein Tyrann habe werden konnen.

Der junge Prinz erschrak nicht wenig, wie er vernahm, dass die schonen Ideen von unschuldigen Menschen und goldnen Zeiten, die mit ihm aufgewachsen waren, nur goldne Traume seien, aus denen ihn eine kleine Reise durch die Welt auf eine sehr unangenehme Art erwecken wurde.

Sein Verlangen eine Reise, welche ihn so viel Neues lehren wurde, zu machen, nahm mit der heftigsten Begierde, allen Drangsalen seiner Mitgeschopfe abzuhelfen, taglich zu; und Dschengis trug um so weniger Bedenken, diesem Verlangen nachzugeben, je notwendiger es war, ihm eine ausfuhrliche und anschauende Kenntnis von allen den Missbrauchen, Unordnungen und daher erwachsenden Ubeln zu verschaffen, welchen (wenigstens in einem betrachtlichen Teile des Erdbodens) ein Ende zu machen, seine grosse Bestimmung war. Uberdies hatten die gesunden Grundsatze seiner Erziehung zu tiefe Wurzeln in seiner Seele gefasst, als dass von der Ansteckung der Welt etwas fur ihn hatte zu besorgen sein sollen. Im Gegenteil erwartete er, dass der Anblick alles des mannigfaltigen Elends, welches sich die Menschen durch Entfernung von den Gesetzen der Natur zugezogen haben, den jungen Tifan von der unumganglichen Notwendigkeit ihrer Befolgung nur desto lebhafter uberzeugen werde.

So viel Muhe Tifan hatte, sich von seiner Geliebten und von seinem kleinen Sohne los zu reissen, so uberwaltigte doch die Ungeduld seiner Neugier, die Welt besser kennen zu lernen, die zartlichen Regungen der Natur. Er entfernte sich also zum ersten Male von den friedsamen Hutten, worin er, der Welt unbekannt, die gluckliche Einfalt seiner Jugend verlebt hatte, und durchwanderte in der Gesellschaft des getreuen Dschengis drei Jahre lang einen grossen Teil von Asien. Er lernte die Natur unter tausend neuen Gestalten kennen, und erstaunte uber die mannigfaltigen Wunder, wodurch die Kunst sie nachzuahmen, ja selbst zu ubertreffen und zu verbessern sucht. Aber er erstaunte noch mehr, wie er sah, dass der elende Zustand der Volker durchgehens desto grosser war, je mehr Natur und Kunst sich zu vereinigen schienen sie glucklich zu machen. Die schonsten und fruchtbarsten Provinzen waren immer diejenigen, in welchen das Volk auf die unbarmherzigste Weise unterdruckt wurde. Tifan sah mit Entsetzen Konige, welche das Vermogen ihrer Untertanen wie einen dem Feind abgejagten Raub in den ungeheuersten Ausschweifungen der Uppigkeit verprassten; Konige, welche das kostbare Blut der Menschen in mutwilligen Kriegen verschwendeten, und sechs bluhende Provinzen zu Einoden verwusteten, um die siebente zu erobern, deren Behauptung es ihnen unmoglich machte, ihren Volkern die Vorteile des Friedens jemals auf zehn Jahre zu versichern. Er sah Konige, welche, aus tiefer Untuchtigkeit zu allen ihren Pflichten, die Verwaltung des Staats Kebsweibern und Gunstlingen uberlassen mussten, und, wahrend dass sie ihr unruhmliches Leben in Mussiggang und sinnlichen Wollusten vertraumten, sich nicht schamten, von hungrigen oder raubgierigen Schmeichlern mit den besten unter den Fursten, ja mit der Gottheit selbst sich vergleichen zu lassen. Er sah kleine Rajas, die ihre Untertanen und sich selbst zu Bettlern machten, um sich eine Zeit lang, unter dem allgemeinen Naserumpfen der Welt, das lacherliche Ansehen zu geben, mit den grossten Monarchen Asiens in die Wette geschimmert zu haben. Er sah einen sehr guten, sehr liebenswurdigen Fursten das Ungluck seiner Staaten bloss dadurch vollkommen machen, weil ihm sein boser Genius ein allgemeines Misstrauen gegen alles was ihn umgab, eingeflosst hatte. Kurz, er lernte die Sultanen, Visire, Omras, Mandarinen, Mollas, Derwischen und Bonzen seiner Zeit kennen, und verwunderte sich nun nicht mehr, warum er den grossten Teil von Asien in einem Verfall sah, welcher einen baldigen allgemeinen Umsturz ankundigte. Bei allem dem machte er tausend nutzliche Beobachtungen, und hier und da, oft unter einem unscheinbaren Dache, die Bekanntschaft eines weisen und rechtschaffenen Mannes, oder eines unbekannten und unbenutzten Talents. Dschengis liess keine Gelegenheit vorbei, wo er ihn die Anwendung seiner Grundsatze zu machen lehren konnte. Er fuhrte ihn allenthalben von den ausserlichen Zufallen auf die Quelle des Ubels, und zeigte ihm, wie vergebens man jenen abzuhelfen sucht, so lange diese nicht verstopft ist, oder welches der Fall vieler Staaten ist nicht verstopft werden kann. Er zeigte ihm durch Beispiele, welche desto lehrreicher sein mussten weil sie unmittelbar unter ihren Augen lagen, dass nichts einfacher sei als die Kunst weislich zu regieren, und dass es weniger Muhe koste, ein Volk geradezu glucklich zu machen, als es, durch tausend krumme Wege, mit einigem Schein von Recht und Billigkeit zu Grunde zu richten. Er zeigte ihm, dass uberall, wo das Volk unterdruckt und der Staat ubel verwaltet wurde, der Furst selbst, von rastloser Gemutsunruhe herum getrieben, von tausend Besorgnissen geangstiget, von allen Seiten mit Schwierigkeiten umringt, zu einer schimpflichen Abhanglichkeiten von der eigennutzigen Treue und den schelmischen Ranken der nichtswurdigsten seiner Sklaven verurteilt, belastet mit dem Hasse seiner Untertanen und mit der Verachtung der Welt, unter allen Unglucklichen, die er machte, selbst der Unglucklichste war. Kurz, diese Reise wurde fur den jungen Tifan eine Schule, worin er sich, ohne es selbst zu wissen, zum kunftigen Regenten ausbildete; und (was hierbei nicht das unbetrachtlichste ist) eine Reise, welche fur ihn so lehrreich und fur Scheschian so nutzlich war, kostete in drei ganzen Jahren kaum so viel, als alle die Kebsweiber, Mohren, Gaukler und Elefanten, welche den Konig von Siam von einem seiner Landhauser zum andern begleiten, in acht Tagen aufzuzehren pflegen."

Hier unterbricht sich der sinesische Autor, dem wir folgen, selbst, um uns zu sagen, dass die Reisen des Prinzen Tifan eine Unterredung zwischen dem Sultan Gebal, der schonen Nurmahal und dem Philosophen Danischmend uber die Reisen junger Fursten veranlasst habe, welche er, da die sinesischen Prinzen, einem uralten Herkommen zu Folge, niemals ausser Landes zu reisen pflegten, zu ubersetzen fur uberflussig erachtet habe. Alles was er uns davon meldet, ist dass, nachdem Schach-Gebal sich, aus vielen Grunden, sehr ernstlich gegen dergleichen furstliche Wanderungen erklart, und bei dieser Gelegenheit seiner Galle durch ziemlich bittre Spottereien uber gewisse Konige seiner Zeit Luft gemacht, welche ihre Blodigkeit und ihre schlechte Erziehung mit ungeheuern Kosten in den vornehmsten Reichen Asiens zur Schau getragen Danischmend, als ob er plotzlich aus einem Traum erwache, an den Sultan seinen Herrn sich gewendet, und gesagt habe: "Aber was wurden Ihre Hoheit von einem grossen Fursten sagen, der den Mut hatte, den Ergetzungen seines Hofes, den Reizungen der Jugend und der Allgewalt, und dem wollustigen Mussiggange, worin junge Fursten die schonste Zeit des Lebens zu verlieren pflegen, sich zu entreissen, und, in Gestalt eines Privatmannes, weitlaufige und beschwerdenvolle Reisen zu unternehmen um weiser und besser zu werden; um die Menschen, die ein Furst gewohnlicher Weise nie anders als in Masken sieht, in ihrer naturlichen Gestalt kennen zu lernen; und um selbst des Vergnugens, ein Mensch zu sein, und seiner personlichen Eigenschaften wegen geliebt zu werden, ungestorter und vollkommner geniessen zu konnen? Was wurden Sie sagen, wenn dieser Furst, in Begleitung weniger Freunde, ohne Pracht, ohne Aufwand, ohne den zwanzigsten Teil des Geschleppes, welches die Grossen gewohnlich nach sich zu ziehen pflegen, in allen seinen Staaten herum reisete, uberall selbst sich erkundigte, wie die Gesetze beobachtet, wie das Recht gehandhabet, wie die Staatswirtschaft bestellt wurde; die Beschwerden eines jeden, der sich an ihn wendete, selbst anhorte, und durch seine Leutseligkeit jedermann zu gleichem Vertrauen einlude; bei den prachtigen Schlossern seiner Omras, wo jedes Vergnugen ihn erwartete, vorbei eilte, um rauhe Gebirge zu besteigen, oder durch unwegsame schneebedeckte Walder in die armseligen Hutten der Durftigkeit hinein zu kriechen, und beim Anblick des elenden Brotes, dessen nur genug zu haben ein Teil seiner nutzlichsten Untertanen sich glucklich achten wurde, Tranen der Menschheit zu weinen? Und was wurden Ihre Hoheit sagen, wenn dieser liebenswurdigste unter den Fursten, gleich einer zu den Menschen herab gestiegenen Gottheit, jeden seiner Tritte mit Wohltaten bezeichnete, und bei jedem seiner Blicke irgend ein Missbrauch abgestellt, irgend ein Gebrechen verbessert, eine Ubeltat bestraft, ein Verdienst aufgemuntert wurde?"

"Danischmend Danischmend!" (rief der Sultan) "was ich sagen wurde? Ich wurde" hier hielt Seine Hoheit eine ziemliche Weile ein, und der schonen Nurmahal pochte das Herz vor Furcht fur den ehrlichen, wohl meinenden, aber, in der Tat, gar zu unbedachtsamen Danischmend. "Ich wurde sagen", fuhr der Sultan endlich fort, "dass du mir den grossen Fursten auf der Stelle nennen sollst, der dies alles getan hat."

"Sire", antwortete Danischmend ganz demutig, "ich gestehe freimutig, dass ich, wofern Ihre Hoheit Sich nicht entschliessen es selbst zu sein, weder unter Ihren Vorgangern noch unter Ihren Zeitgenossen einen kenne, der dies alles getan hatte. Aber mein Herz sagt mir, dass die Idee eines solchen Fursten, die ich in diesem Augenblick, wie durch eine Art von Eingebung, auf einmal in meiner Seele fand, kein Hirngespenst ist. Er wird kommen, und sollt es auch erst in vielen Jahrhunderten sein; ganz gewiss wird er kommen, um zu gleicher Zeit die Ehre der Vorsehung, der Menschheit und des Furstenstandes zu retten, und der Trost eines unglucklichen Zeitalters, das Vorbild der Konige, und die Liebe und Wonne aller Menschen zu sein."

"Gute Nacht, Danischmend", sagte der Sultan lachelnd: "ich sehe du rappelst. Unser Prophet befiehlt uns, Leute in deinen Umstanden mit Ehrerbietung anzusehen; aber gleichwohl konnte, deucht mich, eine Prise Niesewurz nichts schaden, Freund Danischmend!"

8.

Ungeachtet der launischen Art, wie Schach-Gebal seinen so genannten Freund Danischmend zu Bette geschickt hatte, fand er doch so viel Belieben an der Unterhaltung, die ihm die scheschianische Geschichte gab, dass er die Zeit, die dazu ausgesetzt war, diesmal gegen seine Gewohnheit beschleunigte, weil er neugierig war zu horen, wie Danischmend es anfangen wurde, um aus dem jungen Tifan einen so grossen Konig zu machen als er versprochen hatte. Danischmend fuhr also in seiner Erzahlung fort, wie folgt.

"Der junge Tifan hatte auf seiner zweijahrigen Reise viel gelernt; denn er kannte nun die Menschen wie sie sind; und die Festigkeit, zu welcher, ehe sich Dschengis mit ihm in die Welt hinaus wagte, seine aus der Natur eingesogenen Grundsatze gelanget waren, sicherte seinen Kopf und sein Herz gegen alle die schadlichen Eindrucke, welche gewohnlich die Folgen des Kontrastes zwischen dem was ist, und dem was sein sollte, in jungen Gemutern zu sein pflegen. Er uberzeugte sich bis zum innigsten Gefuhl, dass die Menschen unrecht hatten, so zu sein wie sie sind.

'Wenn man ihnen', sagte er zu seinem Mentor, 'den Vorzug der Vernunft vor den ubrigen Tieren nicht absprechen kann, so muss man doch gestehen, dass sie sich derselben so schlecht bedienen, dass es beinahe besser fur sie ware, dieses gefahrlichen Vorzuges gar zu ermangeln. Denn welches Tier ist nicht in seiner Art weniger elend als der Mensch? Sie sind weise in Kleinigkeiten, und Toren in Sachen wovon das Gluck ihres Lebens abhangt; sinnreich, wo es darum zu tun ist sich selbst zu hintergehen, und blode genug sich von andern mit offnen Augen betrugen zu lassen. Sie konnten frei sein, sind geboren es zu sein, beweisen sich's selbst, dass Freiheit eine unentbehrliche Bedingung zur Gluckseligkeit und Vollkommenheit vernunftiger Wesen sei; und sind bei allem dem Sklaven, sind es so sehr, dass sogar unter zwanzig unumschrankten Sultanen kaum Einer sich erwehren kann, der Knecht seiner Weiber, oder desjenigen der ihm seine Weiber hutet, oder irgend eines andern noch verachtlichern Geschopfes zu sein.'"

"Wohl beobachtet, Tifan!" rief der Sultan Gebal, weil ihm in diesem Augenblick ein paar Sultanen einfielen, die das Ungluck hatten, sich in diesem Falle zu befinden, und weil Seine Hoheit uber dem Vergnugen, in eben diesem Augenblick uber allen solchen Schwachheiten empor zu schwimmen, Sich nicht erinnerte, wie oft in Seinem Leben dies auch Sein eigener Fall gewesen war.

"'Die Freiheit' (fuhr Tifan fort), womit sich die Menschen so viel wissen, ist so wenig fur sie gemacht, dass sie, sobald sie Mittel finden, sich ihrer zu bemachtigen, ein so kostbares Gut zu nichts zu gebrauchen wissen, als sich selbst und andern Schaden damit zu tun. Die einzigen freien Menschen, die wir auf unsrer Reise gesehen haben, waren Rauber oder herum streichende Bonzen. Eben so widersinnig gehen sie mit den Gesetzen um, von welchen sie zu glauben vorgeben, dass ohne sie keine Ordnung, keine Sittlichkeit, kein besonderer noch allgemeiner Wohlstand moglich sei. In allen Staaten, die wir gesehen haben, fanden wir die kleinere Zahl einzig bemuht, die Gesetze zu durchbrechen, und die grossere, unbemerkt unter ihnen wegzuschlupfen. Die Religion, horten wir sagen, ist das Ehrwurdigste, das Beste, was der Himmel den Sterblichen geben konnte: aber mir deucht, sie spielen mit ihrer Religion, wie sie mit ihren Gesetzen spielen. Unter allen diesen unzahlbaren Braminen und Bonzen, wovon wir die Lander um den Indus und Ganges wimmeln sahen, mogen wohl einige sehr ehrwurdige Personen sein; aber die meisten widerlegen ihre Lehren so augenscheinlich durch ihre Handlungen, dass man keine andre Wahl hat, als sie entweder fur wissentliche Betruger, oder fur Unsinnige zu halten, die das Gift selbst verschlucken, vor welchem sie andre warnen.

Von welcher Seite ich die Menschen ansehe, finde ich sie in Widerspruch mit sich selbst; und immer machen sie von dem, wodurch sie besser und glucklicher werden konnten, einen so ungeschickten oder unbescheidenen Gebrauch, dass es in ihren Handen ein Werkzeug ihres Elendes wird. Sie stellen sich als ob sie die sinnlichen Wolluste verachteten, und uberfullen sich damit so oft sie nur konnen. Die Tugend, sagen sie, ist des Menschen hochstes Gut; und bei jeder Gelegenheit verkaufen sie ihr hochstes Gut um verachtlichen Gewinst, oder um einen angenehmen Augenblick. Sie haben sich ihrer Sicherheit wegen in grosse Gesellschaften vereiniget; und verlieren in ihnen unvermerkt alles das was sie in Sicherheitbringen wollten. Sie schmeicheln sich, die Herren der ubrigen Geschopfe zu sein; alle Elemente sind uns dienstbar, sagen sie, die Welt ist unser: und unter jeder Million dieser Herren der Welt sind wenigstens neunmal hunderttausend, welche ihren Anteil an diesem prachtigen Titel um den Zustand der Elefanten des Konigs von Siam gern vertauschen wurden.

Was soll man von einer so seltsamen Gattung von Geschopfen denken? Liegt ihre Ahnlichkeit mit den unschuldigen und gutartigen Menschen, unter welchen ich aufgewachsen bin, nur in der ausserlichen Gestalt? Oder wie war es moglich von ihrer ursprunglichen Natur so sehr abzuarten? Was nutzen ihnen alle ihre vermeinten Verbesserungen des naturlichen Zustandes, ihre Gesetze, ihre Polizei, ihre Kunste, wenn sie nur desto unglucklicher sind, je mehr sie Mittel zum glucklichen Leben haben?'

'Der Mensch', antwortete Dschengis, 'kommt unvollendet, aber mit einer Anlage zu bewundernswurdigen Vollkommenheiten aus den Handen der Natur. Die namliche Bildsamkeit macht ihn gleich fahig, sich die Form eines Gottes oder die Missgestalt eines Ungeheuers aufdrucken zu lassen. Alles hangt von den Umstanden ab, in welche er beim Eintritt in die Welt versetzt wurde, und von den Eindrucken, die sein wachsernes Gehirn in der ersten Jugend empfing. Bleibt er sich selbst uberlassen, so wachsen seine Neigungen in wilder Uppigkeit mit ihm auf, und seine edelsten Krafte bleiben unentwickelt. Lebt er in Gesellschaft, so nimmt er unvermerkt die Sprache, die Manieren, die Sitten, die Meinungen, das Interesse und den Geist der besondern Gesellschaft an, die ihn umgibt; und so verbreitet sich das Gift der physischen und sittlichen Verderbnis, wenn es einmal den Zugang in diese Gesellschaft gefunden hat, unvermerkt durch die ganze Masse aus. Der Mensch wird gut oder schlimm, aufrichtig oder falsch, sanft oder ungestum, blodsinnig oder witzig, trag oder tatig, je nachdem es diejenigen sind, von welchen er sich immer umgeben sieht. Und wiewohl keiner ist, der nicht etwas von der besondern Anlage zu einem eigentumlichen Charakter, womit ihn die Natur gestempelt hat, beibehielte; so dient doch dies in grossen Gesellschaften meistens nur die Anzahl der ubel gebildeten und grotesken sittlichen Formen zu vermehren. Je grosser diese Gesellschaften und je grosser die Menge der kleinern ist, aus welchen sie, wie die Zirkel in dem Weltsystem unsrer Sternseher, zusammen gesetzt sind, je mehr diese verschiedenen kleinen Kreise einander drucken und pressen, je haufiger die Leidenschaften, Vorteile und Anspruche in diesem allgemeinen Gewimmel an einander stossen; desto mehr geht von der ursprunglichen Gestalt des Menschen verloren. Eine sehr kleine und von der ubrigen Welt abgeschnittene Gesellschaft erhalt sich ohne Muhe bei der angebornen Einfalt und Gute der Natur. Hingegen ist es eine schlechterdings unmogliche Sache, dass etliche Millionen, welche zusammen in Einem Staate von massiger Grosse, oder etliche hunderttausend, welche in Eine Stadt zusammen gedrangt leben, einander nicht in ziemlich kurzer Zeit sehr verderben sollten, wofern der Gesetzgeber nicht ganz besondere Sorge getragen hat, dem Ubel des Zusammenstosses der Interessen, und dem noch grossern Ubel der sittlichen Ansteckung durch weise Einrichtungen zuvorzukommen.'

'Und wie konnte dies geschehen?' fragte Tifan.

'Durch eine sehr einfache Veranstaltung', antwortete Dschengis. 'Es geschieht, indem man verhindert, dass die Hauptstadt eines ganzen Reiches zu keiner ubermassigen Grosse anwachst; indem man die Stande, deren Unterschied aus der Natur der burgerlichen Gesellschaft entspringt, wohl von einander absondert, und dafur sorget, dass jeder Ursache habe, mit dem seinigen zufrieden genug zu sein, um zu den hohern ohne Neid hinauf zu sehen; indem man allen Ursachen einer allzu grossen Ungleichheit zuvorzukommen oder doch zu wehren sucht; und, was das wichtigste ist, indem man die Vermehrung der Einwohner auf alle nur ersinnliche Weise zu befordern, hingegen Mussiggang, Uppigkeit und allzu grosse Verfeinerung des Geschmacks und der Lebensart eben so eifrig zu verhindern bemuht ist.'

'Aber' (wendete Tifan ein) 'wenn die Menschen desto mehr zur Verderbnis geneigt werden, je zahlreicher sie sind, wie kann die moglichste Bevolkerung des Staats unter die Mittel gegen die Verderbnis gehoren?'

'Nicht die Menge der Burger an sich selbst' (erwiderte Dschengis), 'sondern die allzu grosse Verwicklung ihrer Interessen, der haufige und starke Zusammenstoss ihrer Forderungen, die verhaltniswidrige Ungleichheit unter den Standen sowohl, als unter den Gliedern des namlichen Standes, und die ubermassige Bevolkerung einer einzigen Hauptstadt und Provinz auf Unkosten der ubrigen sind die Ursachen dieser allzu grossen Garung, welche den Staat zur Faulnis geneigt macht. Ein zahlreicher Adel von mittelmassigem Vermogen ist einem grossen Reiche eben so nutzlich, als ihm der unmassige Reichtum einiger wenigen und die Armut der meisten ubrigen schadlich ist. Eben so zieht der Staat viel mehr Vorteile davon, wenn ein Vermogen von zehn Millionen unter hundert Handelsleute verteilt, als wenn es in den Handen eines einzigen ist; und eine Million arbeitsamer Leute, welche Muhe haben das Notwendige zu erwerben, sind dem gemeinen Wesen nutzlicher als hunderttausend, welche im Uberflusse leben. In einem grossen und von der Natur reichlich begabten Staate, wie Scheschian zum Beispiel ist, konnen, wenn er wohl organisiert ist, schwerlich zu viel Menschen sein. Alles kommt darauf an, sie gehorig zu verteilen, und durch Unterhaltung eines Kreislaufs, der jedem Teile seine erforderliche Nahrung zufuhrt, zu verhindern, dass kein Teil auf Unkosten der ubrigen zu einer verhaltniswidrigen Grosse anschwelle.'

Unter tausend solchen Gesprachen, welche, so nutzlich sie fur den jungen Tifan waren, Seiner Hoheit nicht anders als lange Weile machen konnten" "Weiss der Himmel!" rief der Sultan gahnend "kamen Tifan und Dschengis in Scheschian an, wo nach dem Entwurfe des weisen Alten ihre Wanderungen sich endigen sollten. Die unglucklichen Folgen der tyrannischen Regierung Isfandiars hatten damals eben ihre hochste Stufe erreicht. Tifan, so viel Missbrauche, so viel Torheit, so viel Ungerechtigkeit er auch in andern Landern gesehen hatte, konnte sich kaum aus der Besturzung erholen, in welche ihn der elende Zustand von Scheschian setzte. Sein Begleiter versaumte nichts, ihm den ausfuhrlichsten und vollstandigsten Begriff davon zu verschaffen. Er fuhrte ihn von Provinz zu Provinz; er zeigte ihm den gegenwartigen Verfall; er machte ihm begreiflich, in welchem bluhenden Zustande sich jede, nach Verhaltnis ihrer naturlichen Beschaffenheit, Lage und Beziehung auf die ubrigen, unter einer weisen Staatsverwaltung hatte befinden konnen; und entwickelte den Zusammenhang der Ursachen, welche dieses grosse Reich in allen seinen Teilen zu Grunde gerichtet hatten. Bei dieser Gelegenheit erzahlte er ihm die wichtigsten Veranderungen, welche es seit einigen Jahrhunderten erlitten hatte, schilderte den Geist der verschiedenen Regierungen, und zeichnete die wichtigsten Fehler aus, welche seit den Zeiten der Konigin Lili gemacht worden waren. Er zeigte ihm, wie leicht es gewesen ware jedem Missbrauche zu rechter Zeit abzuhelfen; wie naturlich es zugehe, dass diese Missbrauche durch den Aufschub der schicklichsten Hulfsmittel endlich unverbesserlich werden; und wie unvermeidlich der Untergang auch des machtigsten Staates sei, wenn der Luxus seinem eigenen Lauf uberlassen, und den verderblichen Folgen desselben nicht eher, als bis sie die Eingeweide des Staats angefressen haben, und auch alsdann nicht anders als durch hitzige Mittel und gewaltsame Operationen, begegnet werde."

Hier unterbrach Schach-Gebal die Erzahlung durch einen Einwurf, der vermutlich auch auf der Zunge mancher Leser schwebt. "Alles dies", sagte er, "ist ganz gut; aber ich begreife doch nicht recht, wie der ehrliche Tifan, der von seiner Geburt und vermutlichen Bestimmung nichts wusste, alle diese politischen Untersuchungen interessant genug, und uberhaupt wie er begreiflich finden konnte, dass Dschengis sich so viele Muhe gab, ihn aus einem Bauer zu einem Staatsmanne umzubilden."

"Ich gestehe", sagte Danischmend, "dass ich diesem Einwurfe hatte zuvorkommen sollen. Tifan zeigte von seiner ersten Jugend an ungewohnliche Fahigkeiten. Eine gluckliche Empfindlichkeit entwickelte fruhzeitig alle Krafte seiner Seele. Sein Verstand kam den Unterweisungen seines Lehrmeisters auf halbem Wege entgegen. Sein Herz war zur Dankbarkeit, zur Freundschaft und zum Wohltun aufgelegt. Immer empfand er die Freude oder die Schmerzen derjenigen, die er liebte, starker als seine eigenen. Er kannte keine sussern Augenblicke als diejenigen, worin er ihnen Vergnugen machen, oder irgend eine Unlust von ihnen entfernen konnte. Mit einer solchen Seele fuhlt man, sobald man einige Kenntnis der Welt erlangt hat, einen innerlichen Beruf zu der edelsten Art von Tatigkeit. Ich glaube schon bemerkt zu haben, dass der junge Tifan, von der Stunde an, da ihm Dschengis einen Begriff von dem wirklichen Zustande der menschlichen Gattung gegeben hatte, den Geschmack an seinem eigenen Glucke verlor, und vor Begierde brannte, dem Elende seiner Mitgeschopfe abzuhelfen; einer Begierde, die in gewissem Sinn etwas Romanhaftes hat,38 aber dem ungeachtet die Leidenschaft grosser Seelen und die Mutter der schonsten Taten ist. Dschengis bediente sich dieser Augenblikke, den Prinzen zur kunftigen Entdeckung seines Standes vorzubereiten. Er machte ihm Hoffnung, dass er vielleicht bestimmt sein konnte, seines Wunsches in einem hohern Grade, als er nach seinen itzigen Umstanden hoffen durfte, gewahret zu werden; und bestatigte diese Hoffnung durch eine Menge von Beispielen grosser Manner, welche aus der Dunkelheit hervor gegangen waren, um Wohltater des menschlichen Geschlechtes zu werden. 'Die edlen Triebe, die du in dir fuhlst', sagte er zu ihm, 'sind ein angeborner Beruf zu einer erhabenen und wohltatigen Bestimmung. Vielleicht hat die Vorsehung dich zum Werkzeuge grosser Dinge ausersehen. Ist dies ihre Absicht, so wird sie uns Wege dazu eroffnen, von welchen wir uns itzt nichts traumen lassen. Dermalen kommt alles darauf an, dass wir nichts unterlassen was von uns abhangt. Bemuhe dich, mein lieber Tifan, die Kenntnisse, die Geschicklichkeiten, die Tugenden zu erwerben, die eine solche Bestimmung voraussetzt; das ubrige ist die Sache des Himmels.'

Tifan kann also, da er seine Reisen unternahm, als ein junger Mensch betrachtet werden, der eine zwar noch unbestimmte aber doch entschlossene Neigung in sich fuhlt, irgend eine edle Rolle auf dem Schauplatze der Welt zu spielen; und so ist, wie mich deucht, der Einwurf gehoben, den Ihre Hoheit gegen die Schicklichkeit der politischen Erziehung meines jungen Helden zu machen geruht haben."

"Aufrichtig zu sein, Danischmend", sagte der Sultan, "alles was mich an der Sache verdriesst, ist, dass ich nicht so glucklich war, in meiner Jugend einen Dschengis zu finden. Der arme Schach-Baham! Ihm kam es zu, einen solchen Mann fur mich zu suchen. Aber es hatten zehen tausend Dschengisse in Indostan leben konnen, ohne dass er einen einzigen von ihnen ausfundig gemacht hatte. Fur ihn waren alle Menschen gleich, diejenigen ausgenommen, welche Marchen erzahlen und Bilder ausschneiden konnten; denn diese waren die grossen Manner in seinen Augen. Fortgefahren, Herr Danischmend!"

"Dschengis hatte, nach einem Aufenthalte von etlichen Monaten in Scheschian, hohe Zeit mit seinem Untergebenen unsichtbar zu werden; denn die Kundschafter, deren Eblis eine grosse Menge in allen Teilen des Reiches unterhielt, hatten ihm Nachricht von unsern Wanderern gegeben, welche seine argwohnische Aufmerksamkeit rege machten. Aber durch die Vorsichtigkeit des alten Mentors waren sie in ihrer unbekannten Freistatte schon wieder geborgen, als der Befehl zu ihrem Verhaft anlangte.

Der junge Tifan ruhte einige Tage in den Armen seiner geliebten Tili von den Beschwerden einer muhsamen Reise aus. Der Genuss der lang entbehrten hauslichen Gluckseligkeit, das Vergnugen, die Gespielen seiner Kindheit und die Gegenden, wo seine Seele die ersten angenehmen Eindrucke bekommen hatte, wieder zu sehen, schien eine Zeit lang diejenigen ausgeloscht zu haben, welche seine Wanderungen durch Scheschian in seinem Gemute zuruck gelassen hatten. Aber diese Erinnerungen wachten bald nur desto lebhafter auf; sie verfolgten ihn allenthalben; und verbitterten die Wonne seines Lebens. Sein Herz machte ihm Vorwurfe, so oft er sich der Freude uberliess; es war ihm, als ob er einen Genius in seine Seele flustern hore: 'O Tifan! kannst du dich freuen, da Millionen Geschopfe deiner Gattung so elend sind?'

Bald nach seiner Zuruckkunft brachen die offentlichen Unruhen in Scheschian aus. Dschengis, welcher Gelegenheit gefunden hatte, mit einem zuverlassigen alten Freunde das vertraute Verstandnis ihrer jungern Jahre wieder zu erneuern, erhielt von ihm durch geheime Wege die genaueste Nachricht von allem was vorging. Er teilte sie wieder mit dem jungen Tifan, der vor Ungeduld brannte, die gemisshandelten Scheschianer an ihren Tyrannen gerochen zu sehen; und nun glaubte der Alte, dass es Zeit sei einen neuen Schritt zu tun, um den Prinzen zur Mitteilung seines grossen Geheimnisses vorzubereiten. Er entdeckte ihm also, dass er selbst aus einem edeln Geschlechte in Scheschian abstamme; dass er ehmals offentliche Wurden am Hofe des Konigs Azor bekleidet habe, und ein Vertrauter des einzigen Bruders dieses Fursten gewesen sei, aber bald nach dem Tode des letztern, weniger um seiner personlichen Sicherheit willen, als aus ganzlicher Uberzeugung von seiner Unnutzlichkeit unter der neuen Regierung, sich in dieses Gebirge zuruck gezogen habe, um in ungestorter Ruhe der Erziehung seines geliebten Tifan sich widmen zu konnen.

'Aber nun' (rief Tifan mit aller der Warme, worein ihn diese Entdeckung gesetzt hatte) 'was saumen wir, unser Blut einem Vaterlande anzubieten, welches in den letzten Zugen liegt, und alle seine Kinder um Hulfe, oder, wenn Hulfe zu spat kommt, wenigstens um Rache anruft?'

Dschengis hatte einige Muhe dem Prinzen begreiflich zu machen, dass Rechtschaffenheit eben sowohl als Klugheit ihnen nicht eher gestatten konne, eine Partei zu ergreifen, bis auf eine zuverlassige Art entschieden sei, auf welcher Seite sich das starkste Recht befinde. 'Isfandiar', sagte er, 'hat wie ein Tyrann regiert; aber sein Erbrecht an die Krone ist unstreitig und unverletzlich. Die Nation ist schuldig ihn fur ihren Konig zu erkennen. Es ist wahr, sie hat Rechte, welche eben so heilig sind als die seinigen; und sie ist so wenig verbunden alles zu leiden, als er berechtigt ist alles zu tun. Aber vielleicht geht Isfandiar in sich; vielleicht gibt er billigen Vorschlagen Gehor, und vielleicht ist mehr Erbitterung, Rachsucht und Eigennutz als wahre Vaterlandsliebe in den Bewegungsgrunden der Haupter der Emporung. Die Zeit muss uns hieruber Licht geben. Sobald Pflicht und Ehre uns auf die eine oder auf die andere Seite rufen werden, dann wollen wir gehen.'

Der junge Tifan sah einer entscheidenden Nachricht mit Ungeduld entgegen. Aber die Zwischenzeit wurde nicht ungenutzt vorbei gelassen. Dschengis, der sich in seiner Jugend den Ruhm eines guten Officiers erworben hatte, las unter den Gespielen seines Pflegesohns einige der starksten und gewandtesten aus, um sie nebst Tifan in allen Arten von kriegerischen Ubungen zu unterweisen. Er vermehrte sie mit einer Anzahl auserlesener junger Tatarn, welche er durch Geschenke und Hoffnungen in seine Dienste zog. Tifan tat sich bald unter dieser mutvollen Jugend hervor; er gewann ihre Liebe in einem so hohen Grade, und schien ihnen allen so unstreitig der wackerste und beste aus ihrem Mittel zu sein, dass sie ihn einmutig zu ihrem Anfuhrer erwahlten; ein Umstand, der in den Augen des erfreuten Alten von glucklicher Vorbedeutung war. Nach einiger Zeit langte die Nachricht von dem Tode des Konigs an, und von der Zerruttung, in welche das erbenlose Reich dadurch gesturzt worden sei. Nun war es nicht langer moglich den jungen Tifan zuruck zu halten; und nun glaubte Dschengis, dass es Zeit sei, sich seines Geheimnisses zu entledigen."

Schach-Gebal, dem dieses Geheimnis schon bekannt war, erklarte sich, dass er fur diesmal genug habe, und entliess Danischmenden mit der Versicherung, dass es ihm nicht zuwider sein wurde, der Fortsetzung dieser Geschichte zuzuhoren.

9.

Zur gewohnlichen Zeit setzte Danischmend die Geschichte des Prinzen Tifan folgender Massen fort.

"Dschengis sah mit innerlichem Frohlocken das Feuer, welches in Tifans Seele brannte, und die Entschlossenheit, mit welcher er bereit war, sein Leben fur die Sache eines Vaterlandes zu wagen, zu dessen Verteidigung er, als der vermeinte Sohn eines Edeln von Scheschian, einen angebornen Beruf zu haben glaubte, und seine Ungeduld uber jeden Tag, der die Ausubung dieser Pflicht verzogerte. Er genoss des reinen und alle andre Wollust ubertreffenden Vergnugens, seine grossmutigen Bemuhungen dem glucklichsten Erfolge sich taglich nahern zu sehen. Er hatte den Sohn eines Fursten, der sein Freund gewesen war, nicht nur gerettet; er hatte ihn zu einem der besten Menschen gebildet. Jede Tugend, jede Fahigkeit, deren edler Gebrauch den grossen Mann macht, entwickelte sich bei der kleinsten Veranlassung in seiner schonen Seele. Die Natur schien etwas Grosses mit ihm vorzuhaben, und das Gluck eroffnete ihm bei seinem Eintritt in das mannliche Alter einen Schauplatz, wo die Notwendigkeit selbst jedem seine Rolle anweist, wo der Zufall das wenigste tut, und jedes grosse Verdienst in seinem eigentumlichen Glanz erscheint. 'Meine Ahnungen sind erfullt', sagte Dschengis zu sich selbst: 'Tifan ist dazu bestimmt, ein neues besseres Scheschian aus den Trummern des alten hervor zu ziehen. Es ist Zeit ihm zu entdecken, wer er ist, und ihn auf den Weg zu bringen, worauf er werden kann, was er sein soll.'

Die neuesten Nachrichten, welche Dschengis von seinem Freund erhalten hatte, sprachen von einer offentlichen Verbindung einiger Stadte gegen die Edeln, welche sich zu Nebenbuhlern um den Thron aufgeworfen hatten. Die Verbundenen nannten sich die vaterlandische Partei; und wiewohl sie uber die Art und Weise, wie die Verfassung des Reiches furs kunftige eingerichtet werden sollte, unter sich selbst nicht einig waren, so stimmten sie doch alle in dem Hasse der Tyrannei und in dem Grundsatz uberein, keinen Konig zu erkennen, der kein besseres Recht als die Obermacht seiner Waffen hatte.

'Die Krone in Scheschian ist aus Mangel eines gesetzmassigen Thronfolgers der Nation anheim gefallen', sagte Tifan: 'diejenigen, welche sich derselben mit Gewalt bemachtigen wollen, haben keinen andern Beruf dazu, als die Sucht zu herrschen. Die Partei der verbundenen Stadte ist die Partei der Nation; und die Nation allein hat das Recht die Verfassung festzusetzen, durch welche sie sich des Besitzes ihres gerechten Anspruchs an Freiheit und Gluckseligkeit am besten versichern zu konnen glaubt. Dschengis kann es nicht missbilligen, wenn ich gehe, meinem Vaterlande Dienste anzubieten, die ich ihm schuldig bin.'

'Aber was wirst du dazu sagen, Tifan', sprach der Alte, 'wenn ich dir entdecke, dass noch ein Prinz aus dem Hause Ogul-Kans ubrig ist, dessen Anspruche um so weniger zweifelhaft sein konnen, da er ein Sohn des einzigen Bruders des Sultans Azor ist?'

'Und wo ist dieser Prinz?' fragte Tifan mit einer Miene, welche sehr deutlich verriet, dass ihn Dschengis mit einer unwillkommnen Nachricht uberrascht hatte.

'Unsre Nachrichten melden uns nichts von ihm.'

'Wie kann das Dasein eines Prinzen, dessen blosser Name alle Unruhen in Scheschian stillen wurde, ein Geheimnis sein?'

'Jedermann glaubt' (war die Antwort des Alten), 'dass dieser Prinz, so wie die ubrigen von Azors Hause, ein Opfer der misstrauischen Grausamkeit des Tyrannen Isfandiar geworden sei. Aber man betrugt sich: er lebt; und was dich noch mehr in Verwunderung setzen wird, mein Sohn! ich bin der Einzige, der um das Geheimnis seiner Erhaltung weiss.'

'O mein Vater', rief Tifan mit einer immer zunehmenden Unruhe, 'welch ein Geheimnis ist dies! Vielleicht ein ungluckliches fur Scheschian! Wie wenn dieser Prinz die Eigenschaften nicht hatte, die ein Furst haben muss, der ein so sehr zerruttetes, so tief herunter gebrachtes Reich wieder aufrichten, wieder aufs neue bluhend machen soll? Wie wenn er ein zweiter Isfandiar, oder wenigstens ein zweiter Azor wurde? War es in diesem Falle nicht Pflicht Pflicht gegen das Vaterland, gegen die Nachwelt, gegen lebende und ungeborne Millionen , ein so gefahrliches Geheimnis mit ewigem Stillschweigen zu bedecken?'

'Der junge Prinz hat eine sehr gute Anlage', erwiderte Dschengis, 'und sein Recht'

'O mein Vater', fiel ihm Tifan ein, 'welches Recht kann heiliger sein, als das Recht einer ganzen Nation an Gluckseligkeit? Welch ein furchterlicher Gedanke, das Schicksal so vieler von der zweifelhaften Entscheidung des Charakters eines Einzigen abhangen zu lassen!'

'Aber die Nation muss einen Konig haben', erwiderte Dschengis: 'die Regierung vieler Kopfe taugt nichts in einem so weit grenzenden Staate; und Scheschian in eine Menge kleiner Freistaaten zu zerstukken, und diese wieder durch einen so schwachen Faden als ein gemeinschaftliches Bundnis, in ein Ganzes zusammen binden zu wollen, ware fur die Ruhe und den Wohlstand der Nation gefahrlicher, als alles was wir bei einem jungen Monarchen wagen konnen. Mir deucht, dieser Punkt wurde schon lange zwischen uns ausgemacht.'

'Gut', sagte Tifan: 'aber wurde die Nation nicht besser tun, wenn sie durch eine freie Wahl die Regierung demjenigen auftruge, zu dem sie das beste Vertrauen hatte, demjenigen, der sich eines solchen Vertrauens am wurdigsten gezeigt hatte? Der junge Prinz weiss vielleicht nichts von seinem Rechte'

'Er weiss nichts davon', sagte Dschengis

'Und der Nation ist, wie du sagtest, sogar sein Dasein unbekannt', fuhr Tifan fort. 'Es kann also nichts Boses daraus entstehen, wenn man sein Recht ihm selbst und dem Volke unbekannt bleiben lasst. Mir deucht, dies ware doch immer das Sicherste.'

'Aber', versetzte Dschengis, 'wenn mich nicht alles betrugt, so konnen wir uns selbst keinen bessern Fursten geben, als diesen, den uns der Himmel gegeben hat. Er ist der edelmutigste, der liebenswurdigste, der tugendhafteste junge Prinz, den die Welt vielleicht jemals sehen wird.'

'Du sagst dies mit einem so zuversichtlichen Ton', erwiderte Tifan: 'wie war es moglich, dass du ihn so genau kennen lerntest?'

'Sehr moglich', antwortete Dschengis, 'da ich ihn selbst erzogen habe.'

'Du selbst?' rief Tifan mit einer Besturzung, welche zeigte, dass seine Seele der Entwicklung des Geheimnisses aus innerlicher Ahnung entgegen sah.

'Ich selbst, Tifan, unter meinen Augen ist er aufgewachsen, und seit mehr als zwanzig Jahren bin ich nicht von seiner Seite gekommen. Mit Einem Worte, Tifan, Du bist dieser Prinz! Du bist der einzige ubrig gebliebene Bruderssohn Azors, und der rechtmassige Erbe des scheschianischen Thrones.'

'Du bist also nicht mein Vater?' sagte Tifan mit einem traurigen Tone der Stimme, indem seine Augen sich mit Tranen erfullten.

'Nein, bester Tifan', versetzte der alte Dschengis, indem er seine Arme um seinen Hals warf und ihn etlichemal mit grosser Bewegung auf die Stirne kusste, auf welche eine seiner Tranen fiel. 'Du bist der Sohn meines Freundes. Dein Vater war eines Thrones wert. Er hinterliess dich mir als ein kostbares Unterpfand; und teuer teuer, bester Tifan, aber nicht zu teuer, hab ich das Recht eines zweiten Vaters an dich erkauft; denn um dein Leben zu erhalten, gab ich dem Isfandiar meinen einzigen Sohn hin. Er glaubte, dich erwurgt zu haben, und ich entfloh mit dir in diese Freistatte. Unwissend was der Himmel uber dich beschlossen haben konnte, erzog ich deine erste Jugend, als ob der Privatstand dein Los bleiben wurde. 'Wer alles ist, was ein Mensch sein muss, wenn er diesen edeln Namen in seiner wurdigsten Bedeutung fuhren soll, wird allezeit einen guten Fursten abgeben', sprach ich zu mir selbst. Indessen sah ich wohl vorher, dass Isfandiars sinnlose Regierung, zu einer Zeit, wo die behutsame Staatswirtschaft kaum vermogend gewesen ware das sinkende Reich zu erhalten, sich endlich mit dem Umsturz der gegenwartigen Verfassung endigen wurde. Meine Vermutungen sind in Erfullung gegangen. Scheschian ist ohne Haupt; alles Elend und alle Greuel der Anarchie schlagen uber dem unglucklichen Lande zusammen. Itzt ist die Zeit da, wo die Tugend eines einzigen Mannes das Schicksal der ganzen Nation entscheiden kann. Frage dein Herz, Tifan, was sagt es dir in diesem Augenblicke?'

'Ich fuhle eine Verwirrung in mir', erwiderte Tifan, 'aus welcher mich zu sammeln Zeit vonnoten ist. Ich wollte du hattest mich in einem Irrtum gelassen, bei dem ich glucklich war. Und doch! O mein Vater!' (er druckte sein schlagendes Herz an die Brust des Alten, indem er dies sagte) 'ich fuhl es, mein Herz wird immer eben dasselbe bleiben. Ich wollte als Sohn des edeln Dschengis gehen, mein Leben fur die Ruhe meines Vaterlandes zu wagen; konnt ich als Temors Sohn weniger tun? Temors Sohn, sagt ich! O du ehrwurdiger, bester alter Mann, lass mich deinen Sohn bleiben! Ich kann es ohne Undankbarkeit gegen denjenigen sein, dem ich das Leben zu danken habe. Niemand weiss von unserm Geheimnis als du; und wer wurde dir glauben, wenn du es entdecken wolltest? Lass mich deinen Sohn bleiben! Dir hab ich es zu danken, dass ich mich fahig fuhle eine Krone zu verachten! Du bist mein wahrer Vater; und ich will die Ehre verdienen, dein Sohn zu sein. Mein hochster Stolz geht nicht weiter.'

'Eine Krone verachten, Tifan?' rief Dschengis, indem er sich plotzlich aus seinen Armen los machte. 'Nein, Tifan, dies ist nicht der Weg, mich fur das zu belohnen was ich fur dich getan habe! Verachte die wollustige Tragheit, den Mussiggang, die Uppigkeit, den Ubermut, die Schwachheiten und die Laster, wovon die meisten, welche Kronen getragen haben, Sklaven gewesen sind! Sei des Thrones wert, fur welchen du geboren bist! Aber sage nicht, dass du den erhabensten Auftrag verachtest, womit der Himmel einen Sterblichen beehren kann!'

'O mein Vater!' erwiderte Tifan, indem eine edle Schamrote seine mannlichen Wangen uberzog: 'vergib den unbedachten Ausdruck eines Gefuhls das du nicht missbilligen kannst! Du kennest meine Seele, die du selbst gebildet hast, die durch deine Einflusse, durch dein Beispiel, die Tugend lieb gewonnen hat, und allem was schon und gross ist mit ausgespannten Flugeln entgegen eilt! Ich bin alles was du willst. Aber, mein Vater, wer anders als der weiseste und beste Mann im Reich verdient die Ehre an der Spitze der Nation zu stehen? Und wenn dies ist, wer verdient Konig zu sein, wofern es Dschengis nicht verdient?'

'Deine Liebe zu mir macht dich parteiisch', erwiderte der Alte: 'und uberdies ist es nicht um die Ehre, der Erste zu sein, sondern um ein Amt zu tun, dessen Last jungere Schultern erfordert als die meinigen. Meine Erfahrung kann dir nutzen; aber das Feuer, die Tatigkeit, das Anhalten in der Arbeit, wozu dich deine Jugend fahig macht, konntest du mir nicht mitteilen.'

'Indessen bleibt noch eine grosse Schwierigkeit unaufgelost', sagte Tifan. 'Wie willst du den Adel und das Volk von Scheschian uberzeugen, dass ich Temors Sohn sei?'

'Ich?' antwortete Dschengis: 'das will ich nicht! Du selbst, Tifan, Du musst sie uberzeugen. Du hast dein eignes Urteil gesprochen! Die Nation weiss nichts von deinem Geburtsrecht, und es wurde mir unmoglich sein, wenn ich es auch wollte, sie davon zu uberzeugen. Eine freie Wahl muss den Wurdigsten zum Throne rufen. Gehe, Tifan, hilf der Nation dies ihr grosses Recht gegen diejenigen behaupten, welche sich den Weg zum Thron auf den Trummern der Freiheit bahnen, und mit Gewalt an sich reissen wollen, wozu sie kein Recht zu haben fuhlen. Verdiene, von deinen Mitburgern fur den besten Mann der Nation erkannt zu werden und wehe ihnen, wenn sie den misskennen, der, wofern mich nicht alles betrugt, sie glucklich machen wird, wenn sie ihr Gluck in seine Hande stellen!'"

"Danischmend", sagte Schach-Gebal "ich fange an zu merken, dass du im Sinne hast, uns mit einem Romane zu beschenken. Bisher klang der grosste Teil deiner Erzahlung so ziemlich wie eine Geschichte aus dieser Welt. Aber dieser Dschengis, dieser Tifan! Man erinnert sich nicht, solche Leute gekannt zu haben! Nicht als ob ich etwas dawider einzuwenden hatte, dass sie so gute Leute sind! Aber ich hasse alles, was einem Marchen ahnlich sieht, Danischmend!"

"Wenn Ihre Hoheit dies im Ernste meinen", versetzte der Philosoph, "so bin ich genotigt demutigst um meine Entlassung anzusuchen. Denn ich muss gestehen, je weiter wir in der Geschichte Tifans kommen werden, desto weniger wird sie die Miene einer Geschichte aus dieser Welt haben. Aber dem ungeachtet kann ich mir nicht aus dem Kopfe bringen, dass sie eine so wahre Geschichte ist, als immer die Geschichte von Azorn oder Isfandiarn. Tifan ist kein Geschopf der Phantasie; es liegt dem ganzen Menschengeschlechte daran, dass er keines sei. Entweder er ist schon gewesen, oder, wenn er (wie ich denke) nicht unter den itzt Lebenden ist, wird er ganz gewiss kunftig einmal sein."

"Immerhin", sagte der Sultan lachelnd: "wenn dein Tifan auch ein Traum ware, so wollen wir wenigstens sehen, ob es sich vielleicht der Muhe verlohnet, ihn wahr zu machen." "Ich habe Ihrer Hoheit noch so viel davon zu sagen, was Tifan tat als er Konig war, dass ich wohl zu tun glaube, desto kurzer uber das zu sein, was er tat um es zu werden."

"Gut, Danischmend, wir kennen einander. Langweilige Erzahlungen haben die Gabe nicht, mich einzuschlafern; sie machen mich ungehalten. Wir wissen nun einmal, dass du aus deinem Tifan einen Konig machen willst; und da die Sache bloss von dir abhangt, so kannst du mich nicht mehr verbinden, als wenn du die Zurustungen abkurzest, so viel nur immer moglich sein wird."

"Der Name Dschengis" (fuhr Danischmend fort), "welcher bei allen, die noch aus Azors Zeiten ubrig waren, in Ansehen stand, trug nicht wenig bei, den jungen Tifan bei seinem ersten Auftritt in Scheschian in ein vorteilhaftes Licht zu stellen. Die vaterlandische Partei empfing ihn mit offnen Armen; und da er bei jeder Gelegenheit die Meinung rechtfertigte, die man beim blossen Anblick von ihm fasste, so gewann er bald das Vertrauen und die Hochachtung seiner Mitgenossen. Das Ungluck der Zeit schien das erschlaffte sittliche Gefuhl der Scheschianer wieder erweckt zu haben. Tifan stellte ihnen in einem Alter, mit welchem Weisheit beinahe unvertraglich scheint, ein Muster der Vollkommenheit dar, dem sie anfangs ihre Bewunderung und zuletzt ihre Liebe nicht versagen konnten. Er war tapfer ohne Verwegenheit, behutsam ohne Unschlussigkeit, behend ohne Ubereilung. Er forderte immer mehr von sich selbst als von andern, und regierte seine Untergebenen mehr durch sein Beispiel als durch Befehle. Sein Geist entwickelte bei jeder Gelegenheit die Geschicklichkeiten, die das Geschaft voraus setzte. Musste ein Entwurf gemacht werden: Tifan ubersah die ganze Lage der Sache, sah das Verhaltnis seiner Mittel zu den Hindernissen, begegnete zum voraus den Zufallen die seine Anschlage durchkreuzen konnten, und bemachtigte sich aller Vorteile, die sein scharfer Blick in den Umstanden des Geschaftes entdeckte. War es um die Ausfuhrung zu tun: niemand ubertraf ihn an Feuer, an Standhaftigkeit, an unermudlicher Geduld, an Geschicklichkeit unvorhergesehene Zufalle seinem Plane forderlich zu machen, die Fehler seiner Gegner zu benutzen, oder seine eigenen zu verguten. Mit allen diesen Talenten verband er die reinsten Sitten, unverzarteltes Gefuhl, Geringschatzung der korperlichen Wolluste, Gleichgultigkeit gegen alle Reizungen zur Untreue an seinen Pflichten, Leutseligkeit und Sanftmut gegen seine Untergebenen, Ehrerbietung gegen Alter, Weisheit und geprufte Tugend, einnehmende Gefalligkeit gegen seinesgleichen; wiewohl er in der Tat mit allen diesen Eigenschaften der einzige in seiner Art war. Und, was seinem Verdienste die Krone aufsetzte, er fand das Geheimnis, mit so vielen Vollkommenheiten von jedermann geliebt zu werden."

"Dies Geheimnis braucht doch wohl keines fur uns zu sein?" sagte Gebal mit einem Blicke, wodurch er den Erzahler in Verlegenheit setzen zu wollen schien.

"Auf keine Weise", erwiderte Danischmend: "das ganze Geheimnis besteht in einem Hausmittel, das leicht zu entdecken, aber nicht leicht zu gebrauchen ist. Eine ungezwungene Bescheidenheit zog einen Schleier uber seine Vorzuge, der ihren Glanz milderte, ohne verhindern zu konnen dass sie Aufmerksamkeit und Bewunderung erregten. Seine Bemuhung gegen jedermann gerecht zu sein, geringere Verdienste zu sich empor zu heben, und den Belohnungen, welche ihn suchten, auszuweichen, so lange noch jemand da war der ein naheres Recht zu haben glauben konnte; seine Bereitwilligkeit, unter Mannern zu dienen die er an Talenten weit ubertraf; seine Geschicklichkeit ihnen bei entscheidenden Gelegenheiten seine Gedanken, als ob es die ihrigen waren, unterzulegen, und die Uneigennutzigkeit sie den Ruhm geniessen zu lassen, den er fur sie verdient hatte, zufrieden wenn nur das Gute getan wurde, der Anteil, den er selbst daran hatte, mochte bekannt werden oder unbekannt bleiben: alles dies versohnte den Neid und die Eifersucht mit seinen Vorzugen. Seine Tugend warf so viel Glanz auf diejenigen, die um ihn waren, dass jedermann stolz darauf war in irgend einem Verhaltnisse mit ihm zu stehen. 'Dies hat Tifan auf meinen Befehl getan', sagte ein alter Feldherr 'ich focht an seiner Seite', sagte der junge Befehlshaber 'wir hatten Tifan an unsrer Spitze', sagten die Gemeinen , und jeder glaubte sich selbst durch nichts mehr Ehre machen zu konnen, als etwas durch Tifan, oder mit Tifan, oder unter Tifan getan zu haben."

"Wisst Ihr Danischmend", sagte der Sultan, "dass mir Euer Tifan zu gefallen anfangt? Es ist wahr, man merkt je langer je mehr, dass er nur der phantasierte Held eines politischen Romans ist. Aber, beim Bart des Propheten! man kann sich nicht erwehren zu wunschen, dass man dreissig Jahre junger sein mochte, um eine so schone Phantasie wahr zu machen!"

Niemals hatte Schach-Gebal etwas gesagt, das ein recht schones Kompliment von Seiten seiner Gesellschaft besser verdient hatte. Danischmend, der bei solchen Gelegenheiten nicht sparsam zu sein pflegte, trieb, vermoge der gewohnlichen Warme seines Herzens, die Sache beinahe zu weit. Aber Schach-Gebal erklarte sich daruber auf eine Art, die ihn (wenigstens in unsern Augen) wirklich hochachtungswurdig macht. "Ich wunschte", sagte er, "so vollkommen zu sein, dass ihr Schmeichler in die Unmoglichkeit gesetzt waret, zu viel Gutes von mir zu sagen. Aber seid versichert, ich tausche mich selbst nicht. Ich weiss, was an der Sache ist; mehr ist unnotig zu sagen. Wo blieben wir, Danischmend?"

"Bei dem, was nach der damaligen Lage der Umstande die notwendige Folge von Tifans seltnen Verdiensten war. Tifan tat sich unter seiner Partei (zu welcher alles, was noch einen Funken von Redlichkeit und Vaterlandsliebe in sich fuhlte, sich geschlagen hatte) so sehr hervor, dass er in ziemlich kurzer Zeit von Stufe zu Stufe bis zur Wurde eines Feldherrn stieg; und da derjenige, der bisher die Seele der Partei gewesen war, in einem Treffen blieb, ward er, einhellig und ohne einen Nebenbuhler zu haben, an dessen Platz gestellt.

So gross Tifans Vorzuge und Verdienste waren, so muss man doch gestehen, dass er auch von den Umstanden, die zu seiner Erhebung mitwirken mussten, ungewohnlich begunstigt wurde. Das Gluck schien aus Liebe zu ihm seiner naturlichen Unbestandigkeit entsagt zu haben, um ihm in allen seinen Unternehmungen den Weg zu bahnen, alle widrige Zufalle von ihm zu entfernen, und die ubrigen zu Mitteln seiner Erhohung zu machen. Gleichwohl konnte alles was diese, fur ihn allein nicht launische Gottin zu seinem Vorteil tat, nicht verhindern, dass nicht der Erfolg mehr die naturliche Frucht seiner Tugend als ein Geschenk des Zufalls zu sein geschienen hatte. Unser Held war nicht nur selbst tugendhaft; er hatte die Gabe, auch diejenigen so zu machen, die um ihn waren. Was bei edlern Seelen ein sympathetischer Trieb, und ein tiefes Gefuhl der Gottlichkeit der Tugend, die in ihm vermenschlicht schien, zuwege brachte, wirkte bei andern die Begierde seinen Beifall zu verdienen, und eine Eifersucht, die durch ein edles Ziel zu einer ruhmlichen Leidenschaft wird. Sein Anblick, sein blosser Name setzte seine Freunde und Gefahrten in Begeisterung. Von Tifan angefuhrt glaubten sie mehr als gemeine Menschen zu sein und waren auch mehr. Seine Beredsamkeit vollendete das Werk seines Beispiels. Die Scheschianer gleich einem armen Fundling, der, nachdem er sich lange fur einen verwahrloseten Auswurf der Natur angesehen, unverhofft von einem edeln und zartlichen Vater erkannt wird empfanden wieder das Gluck ein Vaterland zu haben; ihre Seelen entzundeten sich bei diesem Gedanken; jeder vergass daruber sein besonderes Selbst, fuhlte dies Selbst nur im Vaterlande, und verlor unvermerkt allen Begriff, anders als durch das allgemeine Gluck glucklich sein zu konnen.

Tifan, indem er auf diese Weise die Scheschianer wieder zum Gefuhl der Tugend erweckte, schien in der Tat eine Art von Wunderwerk gewirkt zu haben; denn was war dies anders als den erstorbenen Staatskorper wieder ins Leben zuruck rufen?

Dies machte die Grundlage von allem ubrigen aus, was er in der Folge zum Besten der Nation zu Stande brachte; ohne dies wurden alle seine Bemuhungen von geringem Erfolge gewesen sein. Aber nachdem es ihm gelungen war, seine Mitburger mit der Liebe des Vaterlandes zu begeistern, so machte sich alles ubrige gleichsam von selbst. Die Anzahl der Wohlgesinnten nahm taglich zu; ein grosser Teil derjenigen, welche das Gift der verdorbenen Sitten zu lange bei sich getragen hatten, als dass man zur ihrer Genesung sich hatte Hoffnung machen durfen, war in den Flammen des Burgerkriegs verzehrt worden. Die Haupter der Gegenparteien fanden sich zu schwach, der Nation, welche wieder unvermerkt in ein Ganzes zusammen geflossen und von Tifans Geiste beseelt war, sich langer mit Gewalt aufzudringen: sie wahlten den Weg der Unterhandlung, und vereinigten sich endlich mit den Stadten und mit dem Uberreste des Adels, die grossen Angelegenheiten des Reiches der Entscheidung einer allgemeinen Nationalversammlung zu uberlassen.

Dschengis hatte alles so gut vorbereitet, dass der Rankesucht keine Zeit gelassen wurde, ihre geheimen Maschinen anzulegen. Der Reichstag kam in kurzer Zeit zu Stande; die Freunde des Vaterlandes machten die grossere Anzahl aus; und Tifan, der uber ihre Herzen schon lange Konig war, wurde durch die allgemeine Stimme seiner Mitburger fur den Wurdigsten erklart, eine Nation zu regieren, die es ihm zu danken hatte dass sie noch eine Nation war, und im Taumel der Freude, womit die Hoffnung bessrer Zeiten sie begeisterte, nicht zu viel zu tun glaubte, wenn sie sich ohne Bedingung in die Arme ihres Erretters wurfe.

Dschengis erhielt den Auftrag, ihm vor der ganzen Versammlung der Stande den Willen der Nation zu eroffnen; und itzt glaubte der ehrwurdige Alte, dass der Augenblick gekommen sei, sein Geheimnis offentlich bekannt zu machen. Das allgemeine Vertrauen, welches er sich erworben hatte, die grosse Meinung von seiner Redlichkeit, der Ton der Wahrheit, mit welchem er sprach, die vaterliche Trane, die uber seine ehrwurdigen Wangen herab rollte, indem er der Aufopferung seines eignen Sohnes erwahnte: alles dies stopfte jedem Zweifel den Mund. Die Nation war entzuckt, in ihrem Liebling den Sohn eines Prinzen zu finden, dessen Andenken sie ehrte. Viele, welche Temorn gekannt hatten, glaubten die Zuge seines Vaters in Tifan zu erkennen. Selbst das Wunderbare, welches in der Sache zu liegen schien, beforderte den allgemeinen Glauben. Man uberzeugte sich, dass eine fur Scheschian wachende Gottheit es so gefugt habe, dass die Nation, indem sie bloss den Besten zu ihrem Haupte zu erwahlen dachte, unwissend auf eben denjenigen sich vereinigen musste, welchen die Geburt zum Thron berechtigte.

Tifan wurde also an dem glucklichsten Tage, den

Scheschian jemals gesehen, unter den frohlockenden Segnungen eines unzahlbaren Volkes, zum Konig von Scheschian ausgerufen. Dschengis, der ihm seine Erwahlung ankundigte, tat es auf eine Art, welche selbst aus Augen, die noch nie geweint hatten, Tranen presste.

'Endlich ist er gekommen', rief er aus, 'der gluckli

che, der feierliche Tag, der mich fur die Arbeit, fur die Sorgen so vieler Jahre, fur das grosste Opfer, welches ein Vater der Liebe zu seinem Fursten bringen kann, belohnen sollte! O Tifan! o du, dessen Leben ich mit dem Blute meines einzigen Sohnes bezahlen musste, sieh in meinen halb erloschnen Augen diese Tranen der Freude und der Zartlichkeit! Ich hab ihn erlebt den grossen Tag, um dessentwillen es der Muhe wert ist, gelebt zu haben! Ich sehe deine Tugend von einem ganzen Volke anerkannt, mit unbegrenztem Vertrauen, mit dem gottlichsten Lose, das einem Sterblichen zufallen kann, mit uneingeschrankter Macht Gutes zu tun, bekront. O Tifan! ich hore auf, dein Vater zu sein, um an Liebe, an Treue der erste deiner Untertanen zu werden. Ich kenne dein grosses, wohltatiges Herz! Welche Lehren konnte die Weisheit dir geben, die nicht der Finger der Natur selbst in deine Seele geschrieben hat! Aber o mein Tifan! geliebtester, bester der Menschen! wie konnt ich vergessen, dass du mit allen deinen Tugenden, mit allen deinen Vorzugen, doch nur ein Mensch bist? dass du Schwachheiten und Bedurfnissen, Irrtumern und Leidenschaften, eben so wie der geringste deiner Untertanen, ausgesetzt bist? Mochtest du uns dies durch die Menge deiner guten Taten, durch den unbefleckten Glanz eines der Tugend geheiligten Lebens vergessen machen! Mochten wir immer in dir das sichtbare Ebenbild einer weisen und wohltatigen Gottheit erkennen, und nur alsdann, wenn wir an deine Sterblichkeit zu denken gezwungen sind, mit Zittern fuhlen, dass du weniger als eine Gottheit bist! Aber, o Tifan! wenn jemals Himmel, lass meine Augen sich auf ewig am Anbruche des traurigen Tages schliessen! wenn jemals deine Seele ihrer eigenen Wurde und ihrer glorreichen Pflichten vergessen, jemals zu einer unedeln Leidenschaft oder zu einer ungerechten Tat herab sinken wollte o Sohn meines koniglichen Freundes und der meinige, mochte dich dann die Erinnerung an deinen Dschengis, wie der Arm eines Genius, vom Rande des Abgrundes zuruck ziehen! Mochte dir dann doch nein! niemals, niemals soll ich schwor es bei der Tugend fur die ich dich gebildet habe, niemals wird die schreckliche Stunde kommen, wo dich das Bild deines Dschengis wie er, vom Blute seines einzigen Sohnes bespritzt, unter der furchtbaren Hulle der Nacht dich auf seinen bebenden Armen tragend, aus Scheschians Mauern entflieht, wo dies um Rache rufende Bild vonnoten ware, den Vater seines Volkes, den Besten der Fursten, zur Tugend zuruck zu schrecken! Nein! bessre Ahnungen, frohe lichtvolle Aussichten stellen sich meiner beruhigten Seele dar. Mit den Segnungen deines Volkes und mit meinen Freudentranen bezeichnet, wird jeder Tag deines koniglichen Lebens zum Himmel empor steigen, die guten Taten, womit du ihn erfullt hast, zu den Fussen des Konigs der Konige niederzulegen. Ich, diese Edlen von Scheschian, die Mitgenossen deines Ruhms, und deine Gehulfen in dem grossen Werke, dein Volk glucklich zu machen, dieses unzahlbare Volk, welches sein Wohl in deine Hande gelegt hat, wir alle werden uns selig preisen, deine Zeiten erlebt zu haben, und, mit einem belohnenden Blick auf mein gluckliches Vaterland und dich, werden sich einst die Augen deines alten Dschengis schliessen.'

Eine feierliche Stille hielt die ganze Versammlung gefesselt, und Tranen funkelten in jedem auf Dschengis und Tifan gehefteten Auge. Der neue Konig, von der Begeisterung seiner Empfindungen auf einen Augenblick uberwaltigt, warf sich mit ausgebreiteten Armen zur Erde; seine Augen, mit den Zeugen der innigsten Ruhrung erfullt, starrten gen Himmel. 'Hore mich', rief er in einer heftigen Bewegung der Seele, 'hore mich, alles vermogender Herr der Schopfung! Wenn jemals'

Hier hielt er inne, als ob seine grosse Seele, durch eine plotzliche Wiederkehr zu sich selbst, gefuhlt hatte, dass es einem Konige nicht gezieme, eine so heftige, wiewohl tugendhafte Bewegung, als diejenige wovon sein Herz erschuttert war, vor den Augen seines Volkes ausbrechen zu lassen. Er schwieg auf einmal aber man sah in seinen aufgehobnen Augen, dass sein Geist unter grossen Empfindungen arbeitete.

Noch immer schwebte stilles Erwarten auf der Versammlung. Endlich raffte sich Tifan wieder auf; er stand mit dem ganzen Anstand eines Koniges, der die Majestat seines ubernommenen Amtes fuhlt, sah mit einem ernsten Blick voll Liebe uber sein Volk hin, und dann sprach er:

'Die Empfindungen, die mein Herz in dieser feierlichen Stunde erfullen, sind zu gross, mit Worten ausgedruckt zu werden. In eben diesem entscheidenden Augenblicke, da ihr, einst meine Bruder und nun meine Kinder, mich fur euern Konig anerkannt habt, wurde mir von dem unsichtbaren Herrn des Himmels und der Erde die Handhabung seiner Gesetze unter euch aufgetragen; dies ist der Augenblick, wo ich in eurer Stimme-Gottes Stimme hore. Ihm werd ich von nun an von der Gewalt Rechenschaft geben mussen, die er durch euch mir anvertraut hat. Ich bin berufen, einen jeden unter euch bei jedem geheiligten Rechte der Menschheit und des burgerlichen Standes zu schutzen; aber ich bin auch berufen, einen jeden unter euch zur Erfullung seiner Burgerpflichten anzuhalten. Ich kenne und fuhle die ganze Wichtigkeit meines Amtes, und im Angesichte der Erde und des Himmels weihe ich ihm alle Krafte meines Lebens. Ihm in seinem ganzen Umfange genug zu tun, erforderte die Krafte einer Gottheit, und ich bin nur ein Mensch. Ohne eure Mitwirkung, ohne eifriges Bestreben eines jeden unter euch, nach den besondern Verhaltnissen seines Standes, mir das gemeine Beste befordern zu helfen, wurden alle meine Bemuhungen fruchtlos sein. Vergebens wurd ich mich unter den Sorgen fur euer Gluck verzehren, wenn ihr nicht so lebhaft als ich selbst von der grossen Wahrheit uberzeugt waret: dass ohne Liebe des Vaterlandes, ohne Gehorsam gegen die Gesetze, ohne Emsigkeit in den Pflichten unsers Berufes, ohne Massigung unsrer Begierden und Leidenschaften, kurz ohne Tugend und Sitten, keine Gluckseligkeit moglich ist. Euch und eure Kinder zu guten Menschen und zu guten Burgern zu machen, soll mein erstes und angelegenstes Geschaft sein; und mein Beispiel soll euch uberzeugen, dass euer Konig der erste Burger von Scheschian ist. Euer Vertrauen zu meiner Tugend hat mir eine eben so unumschrankte Macht anvertraut, als die Konige, meine Vorfahren, besessen haben: aber ich kenne die Menschheit zu gut, um von dieser gefahrlichen Macht einen andern Gebrauch zu machen, als mir selbst und meinen Nachfolgern die Schranken zu setzen, die zu unsrer beiderseitigen Sicherheit vonnoten sind. Der beste Konig kann seiner Pflicht vergessen; ein ganzes Volk kann sein eignes Bestes misskennen. Ich wurde das Amt, fur das eurige zu sorgen, schlecht verwalten, wenn ich euern Konigen die Macht benehmen wollte, die einem Vater uber seine Kinder zusteht. Aber ich wurde auch in dem ersten Augenblicke, da ich euer Konig bin, meiner Menschheit vergessen, wenn ich nicht auf Mittel bedacht ware, mir selbst und meinen Nachfolgern, so viel als moglich, die Freiheit Boses zu tun zu entziehen. Eine vorsichtige Bestimmung der Staatsverfassung, und eine Gesetzgebung, welche die Befestigung der Ruhe, der Ordnung und des allgemeinen Wohlstandes in diesem Reiche zur Absicht haben wird, soll die einzige Ausubung der Vollmacht sein, die ihr mir uberlassen habt; und auch hierin sollen die Weisesten und Besten mir ihre Hande bieten. Ja, ich selbst, von den Gesinnungen, die in meinem Herzen herrschen, ermuntert, ich wag es zu hoffen, redlicher Dschengis, dass deine Sorgfalt mich zur Tugend zu bilden, dass das Opfer, womit du mein Leben erkauft hast, nicht verloren sein wird. Mocht es in dem namlichen Augenblick aufhoren, dieses dem Vaterlande geweihte Leben, wo ich unglucklich genug ware, dem Geringsten meines Volkes einen unverschuldeten Seufzer auszupressen!'"

"Danischmend", rief Schach-Gebal, "ich habe fur diese Nacht genug! Deine Leute sprechen nicht ubel; aber bei dem allen deucht mir, ich wollte lieber horen, was Tifan getan als was er gesprochen hat."

"Sire", erwiderte Danischmend, "wer so spricht wie Tifan, macht sich anheischig sehr viel zu tun."

"Das wollen wir sehen", sagte der Sultan.

10.

"Nach allem, was ich von dem Konige Tifan schon gemeldet habe", fuhr Danischmend fort, "kann man sich fur berechtiget halten, grosse Taten von ihm zu erwarten. Gleichwohl muss ich gestehen (und es ist wohl am besten ich tu es gleich anfangs), dass, wenn Tifan ein grosser Furst war, er es in einem ganz andern Sinn und auf eine ganz andre Weise war, als die Sesostris, die Alexander, die Casar, die Omar, die Mahmud Gasni, die Dschingis-Kan, und andre Helden und Eroberer, unter deren Grosse die Welt gleichsam eingesunken ist. Tifans Grosse war stille Grosse, und seine Taten den Taten der Gottheit ahnlich, welche, gerauschlos und unsichtbar, uns mit den Wirkungen uberrascht, ohne dass wir die Kraft, welche sie hervorbringt, gewahr werden.

Tifans Taten hatten noch eine andre Eigenschaft mit den Verrichtungen der Natur gemein. Sie entwikkelten sich so langsam, sie durchliefen so viele kleine Stufen, und erreichten den Punkt ihrer Reife durch eine so unmerkliche Verbindung unzahliger auf Einen Hauptzweck zusammen arbeitender Mittel, dass man ein scharferes Auge als gewohnlich haben musste, um den Geist, der alles dies anordnete und lenkte, und die Hand, welche allem die erste Bewegung gab, nicht zu misskennen. Eine kurzsichtige Aufmerksamkeit hatte geglaubt, dass sich alles von selbst mache, oder wurde wenigstens nicht wahrgenommen haben, wie viel Muhe es kostete, den Bewegungen eines grossen Staats so viele Leichtigkeit und eine so schone Harmonie zu geben.

Das erste, wozu sich Tifan anheischig gemacht hatte, war eine genauere Bestimmung der Staatsverfassung."

"Gut", rief Schach-Gebal, "dies ist gerade wo ich ihn erwarte. Ich erinnere mich dessen noch ganz wohl, was du ihn gestern davon sagen liessest. Er will sich der Macht nicht berauben, die einem Vater uber seine Kinder zusteht aber er will so wenig als moglich ist Freiheit haben Boses zu tun. Noch verstehe ich nicht recht, was er will oder nicht will. Ich begreife nicht, wie ein Furst unabhangig sein, und Freiheit haben kann alles Gute zu tun was er will, ohne auch die traurige Freiheit Boses zu tun zu behalten."

"Vielleicht wird das, was ich in der Folge melden werde, die Zweifel Ihrer Hoheit auflosen", erwiderte Danischmend. "Tifan folgte in dieser ganzen Sache dem Rate des weisen Dschengis. Ohne diesen wurde er, aus einem zu weit getriebenen Misstrauen gegen sich selbst und seine Nachfolger, den grossten Fehler begangen haben, den ein Monarch begehen kann: denn er war im Begriff dem Adel und dem Volke von Scheschian die gesetzgebende Macht auf ewig abzutreten.

'Der Himmel verhute' (sagte Dschengis, da sie sich mit einander uber diese Sache besprachen), 'dass Tifan aus der Verfassung seines Vaterlandes ein unformliches Mittelding von Monarchie und Demokratie mache, welches, eben darum weil es beides sein will, weder das eine noch das andere ist. Die Nation von Scheschian muss den Konig als ihren Vater, und sich selbst, in Beziehung auf den Konig, als unmundig betrachten. Will sie mehr sein, will sie das Recht haben den Konig einzuschranken, ihm und dem Staat Gesetze vorzuschreiben, und ihre wichtigsten Angelegenheiten selbst zu besorgen, so muss sie sich gar keinen Konig geben. Wer sich selbst regieren kann, hat keinen Vormund, keinen Hofmeister vonnoten. Erkennt sie aber den Konig fur ihren Vater, und sich selbst als Nation fur unmundig, welche Ungereimtheit war es, gerade den wichtigsten Teil der Staatsverwaltung ihrer Willkur uberlassen zu wollen! Welche Ungereimtheit, es auf die Weisheit oder auf das gute Gluck des Unmundigen ankommen zu lassen, was fur Gesetzen, unter welchen Bedingungen, und wie lang er gehorchen wollte! Es geziemt also allein dem Konige, zugleich der Gesetzgeber und der Vollzieher der Gesetze zu sein. Die Regierung eines Einzigen nahert sich durch ihre Natur derjenigen Theokratie, welche das ganze unermessliche All zusammen halt. Wenn wir uns ganz richtig ausdrucken wollen, so mussen wir sagen: Gott ist der einzige Gesetzgeber der Wesen; der blosse Gedanke, Gesetze geben zu wollen, welche nicht aus den seinigen entspringen, oder mit den seinigen nicht zusammen stimmen, ist der hochste Grad des Unsinns und der Gottlosigkeit. Die Natur und unser eignes Herz sind gleichsam die Tafeln, in welche Gott seine unwandelbaren Gesetze mit unausloschlichen Zugen eingegraben hat. Der Regent, als Gesetzgeber betrachtet, hat, wofern er diesen ehrwurdigen Namen mit Recht fuhren will, nichts andres zu tun, als den Willen des obersten Gesetzgebers auszuspahen, und daraus alle die Verhaltungsregeln abzuleiten, wodurch die gottliche Absicht, Ordnung und Vollkommenheit mit ihren Fruchten, der Harmonie und der Gluckseligkeit, unter seinem Volke am gewissesten und schicklichsten erlangt werden konnen.

Hat er mit diesen erhabenen Nachforschungen das besondere Studium seines eigenen Volkes, des Temperaments, der Lage, der Bedurfnisse, kurz, des ganzen physischen und sittlichen Zustandes desselben verbunden, so wird es ihm nicht zu schwer sein, auch die Anstalten ausfundig zu machen, wodurch jene grosse Absicht in welcher das Gluck des einzelnen Menschen, das Wohl jeder Nation, das Beste der menschlichen Gattung, und das allgemeine Beste des Ganzen wie in Einem Punkte zusammen fliessen, auf die moglichste Weise befordert werden konne. Die Geschicklichkeit, alles dieses zu bewerkstelligen, ist leichter bei einem Einzigen, als bei einem ganzen Volk oder bei einem zahlreichen Ausschusse desselben, zu finden; und auch aus diesem Grund ist es der Sache gemasser, die gesetzgebende Macht dem Fursten allein zu uberlassen.'"

"Aber, wie wenn unter Tifans Nachfolgern ein neuer Azor oder Isfandiar aufstande?" sagte SchachGebal.

"Unstreitig", erwiderte Danischmend, "ist die gesetzgebende Macht in den Handen eines Kindes oder eines Unsinnigen ein furchterliches Ubel. Aber diesem Unheil (glaubte Dschengis) konne durch ein gedoppeltes Mittel hinlanglich vorgebogen werden; namlich, durch die Unverbruchlichkeit der einmal von allen angenommenen Gesetzgebung, und durch eine gewisse Anordnung uber die Erziehung der Prinzen des koniglichen Hauses, welche ein Hauptstuck im Gesetzbuche Tifans ausmachen sollte.

Diesen Grundsatzen zu Folge wurde bald nachdem Tifan die Regierung angetreten hatte, eine konigliche Erklarung dieses Inhalts kund gemacht:

1. Da eine mit den unveranderlichen und wohltatigen Absichten des Urhebers der Natur ubereinstimmende Gesetzgebung sowohl dem Fursten als seinen Untergebenen zur unverbruchlichen Richtschnur dienen muss: So wird der Konig vor allen Dingen sein Hauptgeschaft sein lassen, mit Beihulfe derjenigen, welche die Nation selbst fur ihre weisesten und besten Manner erkennt, ein Gesetzbuch zu verfassen, in welchem die Pflichten und Rechte des Konigs, der Nation, und jedes besondern Standes, aufs genaueste bestimmt, und alle die Anordnungen, welche, nach der gegenwartigen Beschaffenheit des Reichs, zu dessen Widerherstellung und Wohlstand am zutraglichsten erachtet werden, zu jedermanns Wissenschaft gebracht werden sollen.

2. Dieses allgemeine Gesetzbuch soll in der scheschianischen Sprache mit einer solchen Deutlichkeit abgefasst werden, dass der gewohnlichste Grad des Menschenverstandes und der Erfahrenheit zureichend sein moge, es zu verstehen. Nichts desto weniger soll veranstaltet werden, dass dieses Gesetzbuch hinfur nicht nur einen Hauptgegenstand der offentlichen Erziehung ausmache, sondern auch von den Priestern jedes Ortes, an gewissen dazu bestimmten Tagen, dem Volke offentlich erklart und eingescharfet werde.

3. Nicht nur alle Edle, Priester und ubrige Einwohner von Scheschian, sondern auch der Konig und seine Nachfolger, sollen schworen, dass sie dieses Gesetzbuch nach allen seinen Artikeln unverletzlich in Ausubung bringen, und weder selbst demselben entgegen handeln, noch, so viel an ihnen ist, zugeben wollen, dass von jemand dagegen gehandelt werde. Diese Unveranderlichkeit soll ein allgemeiner und unausloschlicher Charakter aller in dem Buche der Pflichten und Rechte enthaltenen Gesetze sein; diejenigen Polizei- und Staatswirtschafts-Gesetze allein ausgenommen, die wegen ihrer Beziehung auf zufallige und der Veranderung unterworfene Umstande, dem Gutbefinden des Konigs und des Staatsrates unterworfen bleiben mussen; jedoch mit dem ausdrucklichen Vorbehalte, dass die Veranderungen, welche der Hof jemals in besagten Gesetzen zu machen fur notig erachten wird, den Grundgesetzen des Buches der Pflichten und Rechte niemals auf einige Weise zuwider laufen durfen.

4. Weil aber geschehen konnte, dass die obrigkeitlichen Personen, welchen der Konig einen Teil seiner grossen Pflicht, die Gesetze zu handhaben und zu vollziehen, anvertrauen muss, in Verwaltung ihres Amtes saumselig werden, oder gar wissentlich und mutwillig demselben entgegen handeln mochten; nicht weniger, weil besondere Umstande die Aufmerksamkeit des Gesetzgebers auf diese oder jene einzelne Stadt, Gegend oder Provinz notwendig machen konnen: So soll in jeder Provinz von Scheschian alle funf Jahre ein Ausschuss des Adels, der Priesterschaft, der Stadte und des Landvolks, aus einer bestimmten Anzahl von freiwillig erwahlten und vom Hof unabhangigen Vertretern dieser vier Stande bestehend, in der Hauptstadt der Provinz zusammen kommen, um die Beschwerden der Nation uberhaupt oder eines jeden Standes insonderheit in Erwagung zu ziehen, und im Namen der Provinz schriftlich an den Konig gelangen zu lassen. Und sollte sich, wider Verhoffen, zutragen, dass der Konig auf einen solchen Vortrag der offentlichen Beschwerden nicht achtete, oder zu Abstellung derselben nicht die schleunigste Hulfe leistete: so soll derselbe von dem Ausschuss der Stande seiner koniglichen Pflicht nachdrucklichst erinnert werden. Falls aber der Hof fortfuhre, die Beschwerden der Stande mit Gleichgultigkeit anzusehen: so soll es ihnen gestattet sein, auf diejenige Weise, die fur solche Falle im Gesetzbuche bestimmt werden soll, sich selbst zu helfen.

5. Jede Verordnung der koniglichen Statthalter und des Konigs selbst soll, ehe sie die Kraft eines Gesetzes haben kann, von den Vorstehern der Stande in der Provinz, die es angehet, vorher untersucht und mit dem Buche der Pflichten und Rechte genau verglichen werden. Wurde befunden werden, dass die neue Verordnung mit dem Gesetze nicht bestehen konnte: so haben die Vorsteher der Stande, bei Strafe des Hochverrats wider den Staat, solches dem Statthalter oder dem Konige selbst mit den Grunden ihres Widerspruchs anzuzeigen. Und falls der Hof nichts desto weniger auf der Rechtmassigkeit seiner Verordnung bestande: so sollen die Vorsteher schuldig sein, die Stande selbst zusammen zu berufen; diese aber, wofern sie durch drei Viertel der Stimmen den Widerspruch der Vorsteher fur gegrundet und gesetzmassig erkannt haben wurden, sollen hieruber eine formliche Erklarung an den Hof gelangen lassen, und berechtigt sein, die Kundmachung einer solchen widergesetzlichen Verordnung, im Notfall sogar mit Gewalt, zu verhindern. Denn in Scheschian soll nicht der Konig durch das Gesetz, sondern das Gesetz durch den Konig regieren.

Ihre Hoheit stellen Sich leicht vor", fuhr Danischmend fort, "wie zufrieden die Nation mit dieser Erklarung ihres neuen Konigs gewesen sein muss, aus welcher so stark in die Augen fiel, dass er nichts Angelegners habe, als unverzuglich sich selbst und seine Nachfolger in die Unmoglichkeit zu setzen, Boses zu tun oder nach blosser Willkur zu regieren."

"Ohne Zweifel", sagte Schach-Gebal: "Ich stelle mir's eben so leicht vor, als ich mir vorstelle, dass ich lieber ein Strauss oder ein Truthahn, wie der Konig der grunen Lander und sein Neffe, als ein Sultan sein wollte, wenn ich mich alle Augenblicke mit meinen Untertanen daruber zanken musste, wer recht hatte, ich oder sie."

"Allerdings wurde dies ein gleich unglucklicher Zustand fur einen Konig und fur sein Volk sein", versetzte Danischmend. "Aber wenigstens befand sich Tifan nie in diesem Falle."

"Das kam vermutlich daher, weil er unter einem besonders glucklichen Zeichen geboren war", sagte der Sultan. "Denn gewohnlicher Weise pflegt ein Volk, sobald es das Recht hat seinem Herrn zu widersprechen, sich der Erlaubnis mit solchem Ubermut und so lange zu bedienen, bis das Verhaltnis umgekehrt ist der Herr der Unmundige, und seine getreuen Untertanen der Hofmeister."

"Ich dachte doch", sagte Danischmend, "die Geschichte zeigte uns viel weniger Beispiele, wo das Volk sein Recht, zu widergesetzlichen Verordnungen nein zu sagen, so groblich gemissbraucht hatte, als solche, wo Konige, denen niemand widersprechen durfte, Verordnungen machten, welchen nur Strausse und Truthahne zu gehorchen wurdig sein konnen."

"Herr Danischmend!" sagte der Sultan, und hielt inne.

"Wie dem aber auch sein mag", fuhr der Philosoph ganz gelassen fort, "unter Tifans Regierung (und dies war nicht weniger als in einem Laufe von funfzig Jahren) ereignete sich's kaum zwei- oder dreimal, dass die Stande fur notig erachtet hatten, dem Konige eine solche Vorstellung zu tun. Und jedesmal betraf es bloss Verbesserungen, welche, unter den besondern Umstanden der Provinz, worin sie vorgenommen werden sollten, nicht zu raten waren. Sobald Tifan verstandiget wurde, dass die abgezielte Verbesserung wider seine Absicht Schaden tun wurde: so nahm er seine Verordnung zuruck, und die Vorsteher erhielten ein eigenhandiges Danksagungsschreiben." "Du wurdest mir einen Gefallen tun", sagte Schach-Gebal, "wenn du mir eine Abschrift von einem solchen Danksagungsschreiben verschaffen konntest."

Danischmend versprach, sich alle Muhe deswegen zu geben, und fuhr fort: "Diese gluckliche Harmonie zwischen Tifan und seinem Volke war eben so sehr die Frucht der vortrefflichen Regierungsart dieses Fursten, als der weisen Gesetze, auf die er sie gegrundet hatte. Die Scheschianer waren weder lenksamer noch besser als irgend ein andres Volk in der Welt. Noch vor kurzem hatten sie sich in einem so tiefen Grade von Verderbnis befunden, dass ein Wunderwerk vonnoten schien, um sie wieder zu geselligen Menschen und guten Burgern zu machen; und es ausserten sich, ungeachtet der bessern Seele welche Tifan ihnen bereits eingehaucht hatte, allenthalben noch die Wirkungen des sittlichen Giftes, wovon die ganze Masse des Staats so lange durchdrungen gewesen war. Tifans Nachfolger hatte in diesem Stucke einen grossen Vorteil. Ihm kostete es wenig Muhe, ein wohl gesittetes, an die Ordnung gewohntes, und ein halbes Jahrhundert lang von dem Geist eines weisen und guten Fursten beseeltes Volk, nach Gesetzen, die dem grossten Teil durch die Erziehung zur andern Natur geworden waren, zu regieren. Aber Tifan, dem niemand vorgearbeitet hatte; der das Reich in einem Zustande von Zerruttung und Verwilderung ubernahm; der so vielfaltigen und grossen Ubeln abzuhelfen hatte; der nicht etwann bloss ein wildes Volk zahm oder ein barbarisches gesittet machen, sondern einen durchaus verdorbenen Staat mit frischem Blut und neuen Lebenskraften versehen musste: Tifan konnte ein so grosses Werk nicht anders als durch einen Grad von Tugend, der selten das Los eines Sterblichen ist, zu Stande bringen. Jede Schwachheit, jedes Laster, womit er behaftet gewesen ware, wurde seinen ganzen Plan vereitelt haben.

Aber Natur, Erziehung und standhafter Vorsatz, alle seine Pflichten in der moglichsten Vollkommenheit zu erfullen, vereinigten sich bei ihm, ihn von den gewohnlichen Schwachheiten und Ausschweifungen der meisten Personen seines Ranges frei zu erhalten. Der Natur hatte er ein Herz zu danken, das im Wohltun und in der Freundschaft sein hochstes Vergnugen fand, und seiner Erziehung den unschatzbaren Vorteil, wenig Bedurfnisse zu haben. Nuchternheit, Massigkeit, und Gewohnheit sich immer nutzlich zu beschaftigen, machten ihm Arbeiten, vor welchen andre Fursten gezittert hatten, beinahe zum Spiele. Seine Ergetzlichkeiten waren bloss Erholungen von der Arbeit. Er suchte sie bei den schonen Kunsten, oder im Schosse der Natur und in dem Vergnugen eines zwangfreien, freundschaftlichen Umgangs. Wenig um die Meinung bekummert, die der unverstandige Haufe von ihm haben konnte, und zu gross um durch ausserlichen Pomp und Schimmer diesen Pobel verblenden zu wollen, aber ausserst empfindlich fur das Vergnugen geliebt zu werden, kannte er keinen andern Ehrgeiz, als den Wunsch, der geliebte Vater eines glucklichen Volkes zu sein. Keine Anstrengung, keine Muhe, keine Nachtwache war ihm beschwerlich, um diesen schonsten unter allen furstlichen Titeln zu verdienen.39

Zu allem diesem kam ein Umstand, ohne welchen der beste Wille den tugendhaftesten Fursten von dem Ungluck ubel zu regieren nicht verwahren kann. Tifan hatte beinahe lauter rechtschaffene Leute, Manner von eben so aufgeklartem Geist als edlem Herzen, zu Dienern; und wenn sich auch hier oder da ein Heuchler mit einzuschleichen wusste, so musste ein solcher doch sein Spiel so behutsam spielen, dass der Schade, den er tun konnte, sehr unbetrachtlich war."

"Auch dies ist sehr glucklich", sagte SchachGebal. "Dein Tifan hatte gut alles zu sein was du willst; die ganze Natur scheint sich zum Vorteile seines Ruhms zusammen verschworen zu haben."

"Vielleicht liesse sich wohl behaupten", erwiderte der ehrliche Danischmend, "dass manche Fursten in diesem Stucke mehr glucklich als weise gewesen sind. Zu gutem Gluck fur sie und fur ihre Untertanen traf sich's gerade, dass sie meistens ehrliche Leute aus dem Gluckstopfe zogen; denn so wie sie es anfingen, hatte das Gegenteil eben so leicht begegnen konnen. Aber von Tifan kann man sagen, dass er ausserordentlich unglucklich gewesen sein musste, wenn er und der Staat nicht wohl bedient gewesen waren. Er war zu sorgfaltig in der Wahl seiner Leute, und verstand sich zu gut auf den Wert der Menschen, um leicht betrogen zu werden. Er war zu sehr Meister von sich selbst, um sich durch den Schein einnehmen zu lassen; und wusste zu gut, was fur ein Charakter, was fur Geschicklichkeiten und Tugenden zu jedem Amt erforderlich waren, um in den Fehler so vieler Fursten zu fallen, welche mit den besten Dienern bloss deswegen nichts ausrichten, 'weil sie keinen an seinen rechten Platz zu stellen wissen'.

Schwache und sorglose Regenten verdienen ihr gewohnliches Schicksal, von dem Abschaum des menschlichen Geschlechtes umgeben zu sein. Das bescheidne Verdienst steht von ferne; es scheuet sich vor dem ungestumen Gedrange oder den geheimen Ranken derjenigen, welche den Hof der Fursten nur suchen um ihr eignes Gluck zu machen; es will eingeladen sein. Aber wie sollte ein schwacher Regent es entdecken konnen? Unter einem schlimmen geht es noch arger. Jener ubersieht die Tugend nur; vor diesem muss sie sich verbergen: bei jenem ist sie kein Verdienst, weil er sie nicht kennt; bei diesem ist sie ein Verbrechen, weil er sie zu gut kennt.

Tifans Charakter, seine Grundsatze, seine Tugenden, sein einnehmendes Betragen, zogen, wie durch eine magnetische Kraft, nach und nach alle verstandige und redliche Leute von Scheschian, das ist, alle die ihm ahnlich waren, an sich. Kein Verdienst, kein Talent blieb ihm verborgen; er war zu aufmerksam um sie nicht zu entdecken; und die Begierde, einem so vortrefflichen Fursten bekannt zu werden, erleichterte ihm die Muhe sie zu suchen. Uberdies vermied er in Absicht auf diejenigen, die zunachst um ihn waren, einen gedoppelten Fehler, welchen viele Grosse zu begehen pflegen. Um zu zeigen, dass sie keinen Gunstling haben, um keine Eifersucht unter ihren Dienern zu veranlassen, um ihre vollkommne Unparteilichkeit zu beweisen, begegnen sie einem ungefahr wie dem andern, und das grosste Talent, das wichtigste Verdienst, sieht sich mit einer Menge mittelmassiger und verdienstloser Leute in Einen Klumpen zusammen geworfen. Oft geschieht es, dass ein Regent bloss durch ubertriebene Zuruckhaltung, oder durch das Vorurteil, dass ein Diener, wenn er auch alles getan habe, doch nur seine Schuldigkeit getan habe, seinen redlichsten und besten Dienern den Mut benimmt, ihren Eifer niederschlagt, und eben deswegen nicht die Halfte des Nutzens erhalt, den er und der Staat von ihnen ziehen konnten. Noch andre berauben sich der guten Dienste wurdiger Manner durch die ungluckliche Gemutsart, wegen kleiner Fehler den Wert der wichtigsten Vorzuge zu verkennen; durch immer wahrendes Misstrauen und Geneigtheit, bei allem was Menschen tun, immer die unedelsten Bewegursachen vorauszusetzen; durch die Gewohnheit, ihre Diener um der unerheblichsten Dinge willen zu schikanieren, ihnen kein Verdienst anders als gezwungener Weise, und nur wenn es unmoglich ist noch eine Einwendung dagegen aufzubringen, einzugestehen, usf. In allen diesen Betrachtungen verdiente Tifan von den Regenten zum Vorbilde genommen zu werden. Seine unermudete Aufmerksamkeit; sein aufmunternder Beifall; seine Geneigtheit eher einen Fehler als ein Verdienst zu ubersehen; seine Klugheit jeden in sein gehoriges Licht zu stellen, jeden zu demjenigen zu gebrauchen, wozu er die meiste Tuchtigkeit hatte; die Gerechtigkeit, womit er sein Vertrauen jedem nach dem Grade des personlichen Wertes und der wirklichen Verdienste zumass; sein Bemuhen das Unangenehme in einem Auftrage durch die Leutseligkeit seines Tons oder durch eine verbindliche Wendung zu versussen; die Achtung, womit er seinen Dienern uberhaupt zu begegnen pflegte, und womit er sie desto starker aufmunterte, selbige zu verdienen, weil er gegen alle Fehler, die aus einem schlimmen Herzen oder aus Mangel an Empfindung fur Ehre und Rechtschaffenheit entsprangen, sehr streng war: alle diese Eigenschaften brachten bei seinen Untergebenen eine beinahe wundertatige Wirkung hervor. Niemals ist ein Furst von bessern Leuten, und muntrer, sorgfaltiger, redlicher bedient worden als Tifan. Wer wollte nicht einem so liebenswurdigen Fursten dienen? sagte man: er besitzt das Geheimnis, die beschwerlichsten Pflichten zum Vergnugen zu machen, und ein einziger Blick von ihm belohnt besser als die reichsten Belohnungen eines andern. Kein Wunder also, dass Tifans Regierung ein Muster einer weisen und glucklichen Staatsverwaltung war; dass er so grosse Dinge zu Stande brachte; dass Scheschian unter ihm von der untersten Stufe des Elends bis zum Gipfel der Nationalgluckseligkeit empor stieg. Kein Wunder, da er die Besten seiner Zeitgenossen zu Gehulfen hatte; da er kein Talent unbenutzt, kein Verdienst unbelohnt, aber auch mit eben so vieler Aufmerksamkeit keine Saumseligkeit ungeahndet und keine Bosheit unbestraft liess; da jede wichtigere Stelle mit dem tuchtigsten und redlichsten Manne, den er finden konnte, besetzt war; kurz, da alle Krafte des Staats in der schonsten Ubereinstimmung einander unterstutzten und forderten, um den gemeinschaftlichen Zweck der offentlichen Wohlfahrt zu bearbeiten."

"Danischmend", sagte der Sultan, "ich bin noch nie besser mit dir zufrieden gewesen als heute. Ich fuhle wohl, dass es in gewissem Sinn eine sehr nachteilige Sache ist Sultan zu sein. Aber ich bin doch nicht so sehr Sultan, dass ich mich schamen sollte, noch immer etwas zu lernen. Wenn du mir einen Dienst tun willst, so lass mir die vornehmsten Maximen deines Tifan uber die Wahl seiner Diener und sein Betragen gegen sie, mit goldnen Buchstaben in ein schones Buch zusammen schreiben. Ich gebe dir mein Wort darauf, dass es immer neben meinem Kopfkussen liegen soll."

11.

Der sinesische Ubersetzer bedauert, dass er, alles Nachforschens ungeachtet, das Buch mit den goldnen Buchstaben, welches Danischmend fur den Sultan Gebal verfertigen lassen musste, nicht habe zu Gesichte bekommen konnen. Er vermutet, man habe am Hofe zu Dehly ein Staatsgeheimnis daraus gemacht, oder (welches allerdings noch wahrscheinlicher ist) dass es der goldnen Buchstaben und des prachtigen Bandes wegen in die konigliche Kunstkammer gelegt, und durch diese gar zu grosse Hochschatzung der Welt eben so unnutz gemacht worden sei, als wenn man es unter eine von den Pyramiden bei Kairo vergraben hatte. Da wir also ausser Stande sind, die vermutliche Neugier unsrer Leser durch Mitteilung eines Buches zu befriedigen, welches (wenn es anders bei der bekannten Ausraubung des mogolischen Schatzes durch Thamas Kuli-Kan nicht nach Ispahan gekommen ist) vielleicht noch immer in irgend einem Winkel der kaiserlichen Schatzkammer zu Agra verborgen liegt: so bleibt uns nichts ubrig, als den wohl meinenden Danischmend seine Erzahlung von der Regierung des Konigs Tifan fortsetzen zu lassen so gut er kann.

"Alle Nachrichten", fuhr er fort, "welche sich aus den bluhenden Zeiten des scheschianischen Reiches erhalten haben, vereinigen sich, den Zustand desselben unter Tifans Regierung als den gluckseligsten, worin sich jemals eine Nation befunden habe, abzuschildern. Alles, was uns die alten Fabeln oder Uberlieferungen von dem wonnevollen Leben der altesten Menschen unter der Regierung der Gotter melden, wurde in dieser bewundernswurdigen Regierung wahr gemacht. Die Fremden, welche Scheschian zu Isfandiars Zeit gesehen hatten, und im dreissigsten Jahre der Regierung Tifans wieder dahin kamen, konnten kaum sich selbst bereden, dass dies das namliche Land und das namliche Volk sei. Alle Provinzen dieses weit grenzenden Reichs standen in voller Blute; das Land und die Stadte wimmelten von fleissigen, wohl gesitteten und frohlichen Einwohnern; und unter diesem fast unzahlbaren Volke herrschte eine Ruhe, eine Sicherheit, eine Eintracht, welche, in Verbindung mit der immer regen Tatigkeit und allgemeinen innerlichen Bewegung, unbegreiflich schien. Das Volk ehrte seine Obern, und liebte seinen eignen Zustand; der Adel schien seiner Vorzuge durch die Tugenden wurdig, womit er den Gemeinen vorleuchtete. Kein Richter bog das Recht, kein Finanzeinnehmer stahl, kein Statthalter sog seine Provinz aus. Die Gelehrten hatten Menschenverstand, die Kaufleute Gewissen, und (was Ihre Hoheit zu glauben Muhe haben werden) sogar die Priester Vertraglichkeit und Menschenliebe."

"Nun wahrhaftig", rief Schach-Gebal, "wenn dies nicht durch Feerei zuging, so mochte ich wohl wissen, wie Tifan es machte, solche Verwandlungen zu bewerkstelligen!"

"Durch die einfachste und naturlichste Operation von der Welt", sagte Danischmend "vorausgesetzt, dass ein Furst die Macht, die Einsichten und den guten Willen Tifans, und einen Ratgeber wie Dschengis habe mit Einem Worte: durch gute Gesetze.

Dieser erhabenste Teil des koniglichen Amtes, und in den damaligen Umstanden Scheschians der wichtigste, beschaftigte den Sultan Tifan in den ersten Jahren seiner Regierung mehr als alles ubrige. Er bediente sich hierbei anfangs fast ganz allein der Beihulfe seines alten Freundes. Denn so ein weitschichtiges Werk die Gesetzgebung fur ein ganzes Volk ist, so schickt sich doch kein andres Geschaft weniger dazu, von vielen Kopfen bearbeitet zu werden.40

Die erste Frage war: Ob man sich begnugen sollte, die alten Gesetze und Gewohnheiten des Reichs zu verbessern, oder ob zu Erzielung der allgemeinen Wohlfahrt eine ganz neue Gesetzgebung vonnoten sei?

Dschengis war fur die letzte Meinung. 'Ein altes, ubel gebautes und beinahe schon ganzlich zerfallnes Gebaude', sagte Dschengis, 'muss nicht geflickt, es muss vollends eingerissen, und nach einem bessern Plane neu aufgefuhrt werden.'

Nach diesem Begriffe arbeiteten Tifan und Dschengis das Gesetzbuch aus, dessen ich gestern bereits erwahnte; und sobald, mit Zuziehung eines Ausschusses der rechtschaffensten Manner, welche die Regierung Tifans aus der Verborgenheit hervor gelockt hatte, die letzte Hand daran gelegt worden war, wurde es im dritten Jahre Tifans offentlich kund gemacht, und weil der Konig Mittel gefunden hatte, den ansehnlichsten Teil der Priesterschaft auf seine Seite zu bringen ohne einigen Widerstand in allen Provinzen des Reiches eingefuhrt."

"Du verstehst unter der Priesterschaft vermutlich keine andre", sagte Schach-Gebal, "als die Priester des blauen und des feuerfarbnen Affen. Wir kennen diese Herren; und ich begreife alles eher, als wie es Tifan anfing, um sie auf die Seite der gesunden Vernunft zu bringen. Dein Tifan konnte ein wenig hexen, das lass ich mir nicht ausreden!"

"Freilich trugen die Umstande vieles bei, sein Unternehmen zu erleichtern", versetzte Danischmend. "Die altesten und eifrigsten Verfechter beider Parteien waren teils durch die Verfolgung unter Isfandiarn, teils durch die burgerlichen Unruhen aufgerieben worden. Die jungen Priester, welche nun den grossten Teil des Ordens ausmachten, glaubten an die Gottheit des blauen oder feuerfarbnen Affen nicht starker als die ehmaligen agyptischen Priester an die Gottheit des Apis und des Krokodills; hingegen hatten sie grosse Ursache zu glauben, dass der Rest von Ansehen, worin sie noch bei dem Volke standen, in kurzem vollig verschwinden wurde, wenn sie sich der gesunden Vernunft und dem gemeinen Besten, welche offenbar aus Tifans ganzer Gesetzgebung atmeten, entgegen stemmen wollten. Zudem hatte man nicht vergessen, sie in den geheimen Unterhandlungen, welche vorher mit ihnen gepflogen wurden, zu uberzeugen, dass sie bei der neuen Einrichtung mehr gewinnen als verlieren wurden; und wirklich machte sie die neue Gesetzgebung zu einer so unentbehrlichen, ehrwurdigen und in jeder Betrachtung so glucklichen Klasse, dass sie, ohne offenbar wider sich selbst und den Staat zugleich zu arbeiten, sich nicht entbrechen konnten die Absichten des Konigs zu befordern.

Das Buch der Pflichten und Rechte wurde also"

"Ohne Unterbrechung, Herr Danischmend", rief der Sultan, "besitzt Ihr ein Exemplar von diesem Buche?"

"Bisher", antwortete der Philosoph, "hab ich unter allen indianischen Handschriften in der Bibliothek Ihrer Hoheit weiter nichts als einen unvollstandigen Auszug davon hervor stochern konnen, der aber, wie es scheint, von guter Hand herruhret. Indessen halte ich's fur keine Unmoglichkeit, dass sich nicht in irgend einem Teile der Welt das Buch selbst oder wenigstens eine Ubersetzung davon auftreiben lassen sollte."

"Ich zahle zehntausend Bahamd'or um ein vollstandiges Exemplar davon", sagte Schach-Gebal.

Danischmend war nicht geldgierig; und wenn er es auch gewesen ware, so kannte er den Sultan seinen Herrn. Ich zahle zehntausend Bahamd'or fur dies Buch, wollte in seiner Sprache weiter nichts sagen, als: Weil es, wie ich hore, nicht zu haben ist, so mocht ich es haben, es koste was es wolle!

Der Philosoph versprach also nicht, das Unmogliche zu versuchen (wie man bei einer gewissen Nation, die in allen ihren Komplimenten sehr hyperbolisch ist, zu sagen pflegt), aber doch, alles Mogliche anzuwenden, um die preiswurdige Neugier Seiner Hoheit zu befriedigen. "Inzwischen", fuhr er fort, "da es gleichwohl ungewiss ist, ob dieses Buch uberhaupt noch in der Welt zu finden sein mag, so wird es Ihrer Hoheit, wie ich hoffe, nicht zuwider sein, aus dem besagten Auszug einen ziemlich umstandlichen, und, wenn mich nicht alles betrugt, interessanten Begriff von den vornehmsten Gesetzen und Anordnungen des Konigs Tifan zu erhalten."

"Keinesweges", sagte Schach-Gebal: "je eher, je lieber!"

"Das ganze Gesetzbuch war in zwei Hauptteile abgeteilt. Der erste begriff die Pflichten und Rechte des Koniges; der andere die Pflichten und Rechte der Nation, sowohl uberhaupt, als in allen ihren besondern Gliedern betrachtet.

Der erste Teil bestand aus mehr als zwanzig Hauptstucken. Nichts war darin vergessen, was zur genauesten Bestimmung der koniglichen Vorrechte gehorte. Dem Konige waren darin alle die Grundregeln vorgeschrieben, welchen er in Ausubung dieser von seinem Amte unzertrennlichen Vorrechte genugzutun hatte. Sogar seine Hofhaltung und die Einrichtung seines hauslichen Lebens wurde darin an eine gewisse Form gebunden, welche, ohne die Konige mit einem unanstandigen und unleidlichen Zwange zu belegen, ihren Begierden Schranken setzte, und ihnen gegen die Weichlichkeit und Untatigkeit der meisten morgenlandischen Fursten zum Verwahrungsmittel diente.

'Es ist' (sagte Tifan im Eingange des ersten und wichtigsten Teiles seiner Gesetze), 'es ist ungereimt, wahrend dass man die Rechte und Schuldigkeiten der Burger aufs genaueste aus einander setzt, die Rechte und Pflichten des Fursten, von welchen doch das Wohl des ganzen Staats abhangt, unentschieden und schwankend seiner eigenen Willkur, oder der Auslegung und Bestimmung unzuverlassiger und mit keinem entscheidenden Ansehen bekleideter Rechtsgelehrten zu uberlassen. Es ist ungereimt, wahrend dass dem Privatmanne vorgeschrieben ist, wie er sich in jedem moglichen Verhaltnisse mit seinen Mitburgern zu betragen habe, die besondern Beziehungen des Fursten gegen den Staat zweideutig zu lassen, und, indessen das Gesetz den Burgern in Erwerbung und Verwaltung ihrer Guter alle mogliche Schranken setzt, dem Monarchen das Eigentum seines ganzen Volkes preis zu geben. Belehren uns nicht die Jahrbucher des menschlichen Geschlechtes, wie gefahrlich diese widersinnige Nachlassigkeit insgemein fur das Gluck der Volker, und von Zeit zu Zeit auch fur die Ruhe der Fursten und fur die Sicherheit ihrer Thronen gewesen ist? Es ist falsche Politik, sich einzubilden, dass es gefahrlich sein konnte, der Majestat durch die genaueste Bestimmung ihrer Rechte die Hande zu binden, und das Volk zu einer bestandigen Vergleichung der Handlungen seiner Obern mit der Richtschnur derselben zu berechtigen. Weise Gesetze schranken die konigliche Macht in keine andre Grenzen ein, als ohne welche das gemeine Wesen, dessen oberste Diener die Konige sind, immer in Gefahr ware, von ihnen selbst, oder wenigstens von den Dienern seiner Diener gemisshandelt zu werden. Die ganze Schopfung wird von ihrem Urheber (wiewohl er, und Er allein, im eigentlichsten Verstande ein unumschrankter Herr ist) nach Gesetzen regiert. Welcher irdische Monarch kann sich fur berechtigt halten, willkurlicher regieren zu wollen als Gott selbst? Und wenn dieser oberste Monarch seine Wirksamkeit bloss darum an Gesetze gebunden hat, weil er vollkommen weise und gut ist: aus welchem Bewegungsgrunde konnten Konige, die doch nur Menschen sind und uber ihresgleichen herrschen, ungebundene Hande verlangen? Etwann um Gutes zu tun? Das Gesetz zeichnet ihnen dazu die sichersten Wege vor. Es erspart ihnen die Muhe und die Gefahr, aus tausend Abwegen, die vor ihnen liegen, den rechten Weg auszusuchen; und anstatt sie dem Tadel des Volkes auszusetzen, dient es ihnen zum Schilde gegen alle Missdeutungen, Vorwurfe und Anmassungen desselben.'

Diesem Grundsatze gemass erklart und bestimmt Tifan im ersten Kapitel die Pflichten und Rechte des koniglichen Amtes uberhaupt. Die monarchische Verfassung, in so ferne sie durch weise Gesetze eingeschrankt ist, verdient den Namen der vollkommensten Regierungsart eben darum, weil sie der gottlichen am nachsten kommt. Da es vergebens sein wurde, eine vollkommnere erfinden zu wollen; so verordnet Tifan, dass Scheschian zu ewigen Zeiten durch einen Konig regiert werden solle. 'Der Konig', sagt er ferner, 'hat seine Majestat nicht von der Willkur des Volkes, sondern von dem erhabenen Charakter eines sichtbaren Statthalters des obersten Weltbeherrschers. Alle seine Pflichten entspringen aus diesem Charakter, und alle seine Rechte aus seinen Pflichten. Denn jede Pflicht schliesst ein Recht an alles dasjenige, ohne welches sie nicht ausgeubt werden kann, in sich. Sobald ein Konig von Scheschian unglucklich genug ware, seine Pflichten abzuschutteln, so hatte er in dem namlichen Augenblick auch seine Rechte verloren.

Der Vorzug, selbst der Schopfer seiner Untertanen zu sein, ist ein unterscheidendes Vorrecht der Gottheit. Nichts desto weniger kann der Konig in gewissem Sinne der Schopfer seines Volkes werden, indem er die Vermehrung desselben so viel immer moglich ist begunstiget; und dies ist seine erste Pflicht.

Die zweite, worin er sich nicht weniger als einen Nachahmer der Gottheit zeigt, ist die unverwandte Vorsorge, seinem Volke (vorausgesetzt dass dieses es an der pflichtmassigen Anwendung seiner eigenen Krafte nicht ermangeln lasst) Unterhalt und Uberfluss des Unentbehrlichen zu verschaffen. Wenn auf diesem ganzen Erdenrunde Menschen sind, die an dem Unentbehrlichen Mangel leiden, so liegt es wahrlich nicht an der Kargheit der Natur; denn diese hat Vorrat genug, zehnmal mehr Menschen, als sich jemals zugleich auf ihrer Oberflache befunden haben, reichlich zu ernahren. An den Statthaltern der Gottheit ganz allein liegt die Schuld; denn in ihren Handen liegt die Macht, einer allzu grossen Ungleichheit vorzubauen; dem Mussiggang keine Duldung zu bewilligen; den Fleiss aufzumuntern; fur den moglichsten Anbau der Landereien zu sorgen; Vorratshauser fur kunftige Notfalle zu unterhalten; den Provinzen zum Umsatz und Vertrieb ihrer Produkte alle von ihnen abhangende Bequemlichkeit zu verschaffen; und (was die unentbehrlichste Bedingung der Bevolkerung sowohl als des Wohlstandes eines jeden Staates ist) die Sitten ihrer Volker zu bilden, und, wenn sie einmal gut sind, sie rein und unverdorben zu erhalten.'

Auf diese Weise entwickelt Tifan nach und nach alle ubrige Pflichten, welche aus der grossen Pflicht der Vorsorge fur den Staat entspringen, und deren jeder in der Folge ein eignes Hauptstuck gewidmet ist. Er bezeichnet sie durch kurze allgemeine Formeln, in welchen, mit eben so viel starken Zugen als Worten, der Konig als Gesetzgeber, als Richter, als Verwalter der Staatswirtschaft, als Beschutzer des Staats, als Aufseher der Religion und der Sitten, als Beforderer der Wissenschaften und Kunste, und, was den Grund zu allen diesen Verhaltnissen legt, als der allgemeine Vater und Pfleger der Jugend des Staats, dargestellt wird.

Nichts kann feierlicher sein als die Apostrophe an die Konige seine Nachfolger, womit er dieses Hauptstuck schliesst. 'Welch ein Umfang von grossen, von ausserst wichtigen Pflichten!' ruft der erhabene Gesetzgeber aus. 'Wisset, ihr Konige, die ihr einst auf Tifans Stuhle sitzen, und den furchtbaren Eid der Treue gegen den Konig der Konige, und gegen das Volk, das seine Vorsehung euch anvertrauet hat, auf dieses geheiligte Gesetzbuch schworen werdet, wisset, dass meine Hand zitterte, da ich diese Pflichten niederschrieb; dass ein Schauer meine Seele durchfuhr, da ich ihren ganzen Umkreis uberdachte. Diese Gesetze, welche wir beschworen haben, werden unsre Richter sein! Je nachdem wir unser grosses Amt wohl oder ubel verwaltet haben, wird eine Nachwelt, die uns nichts als Gerechtigkeit schuldig ist, unser Andenken ehren und segnen, oder unsre ruhmlosen Namen mit Verachtung aus dem Buche der Konige ausloschen; und wegen alles Guten, welches wir zu tun unterlassen, wegen alles Bosen, welches wir getan haben, wird dereinst ein unerbittlicher Richter Rechenschaft von unserer Seele fordern!'

In den nachst folgenden Hauptstucken werden die besondern Pflichten des koniglichen Amtes einzeln genauer entwickelt, und die Art und Weise, wie sie auszuuben, durch besondere Gesetze bestimmt. Dieser Ordnung zu Folge macht die gesetzgebende Macht des Konigs den Gegenstand des zweiten Hauptstuckes aus. Es werden darin die Falle angegeben, in welchen der Konig berechtiget ist neue Gesetze zu geben, nachdem sie von den Vorstehern der Stande gepruft und dem Buche der Pflichten und Rechte nicht entgegen stehend befunden worden. Hauptsachlich aber beschaftigt sich Tifan darin mit Anordnung der Mittel, wodurch die Gesetze in jener immer lebhaften Wirksamkeit erhalten werden konnen, ohne welche der Staat von der besten Gesetzgebung wenig Nutzen ziehen wurde. Zu diesem Ende wird nicht nur (wie oben bereits erwahnt worden) dem Ausschusse der samtlichen Stande des Reiches das Recht zugestanden, in ihren gesetzmassigen Versammlungen die Beschwerden, welche durch Ubertretung oder Missbrauch eines Gesetzes veranlasst wurden, dem Konige vorzulegen: sondern es werden auch fur jede Stadt, und jeden der kleinen Bezirke, in welche die Provinzen zu diesem Ende abgeteilt worden, besondere Aufseher angeordnet, deren Amt ist, auf die Befolgung der Gesetze genaue Acht zu haben, jede Verletzung derselben anzumerken, und alle Monate daruber an den Oberaufseher der ganzen Provinz umstandlichen Bericht zu erstatten, damit von diesem sogleich an den Konig selbst berichtet, und dem Ubel mit den gehorigen Mitteln in Zeiten begegnet werden konne.

Ubrigens wird in diesem Hauptstucke allen und jeden Einwohnern von Scheschian bei Strafe der ewigen Landesverweisung untersagt, Auslegungen oder Glossen uber das Buch der Pflichten und Rechte zu verfassen, oder irgend ein darin enthaltenes Gesetz, unter welchem Vorwand es auch geschehen konnte, zu einem Gegenstande der Privatuntersuchung zu machen. Und falls jemals uber den Verstand eines Gesetzes, oder die Anwendung desselben in einem besondern Falle, ein billiger Zweifel entstehen sollte; so kommt zwar dem Konige das Recht der Auslegung oder Erklarung zu: jedoch soll dieselbe in keinem andern, wiewohl ahnlichen, Falle angezogen oder zur Richtschnur genommen werden; es ware denn, dass sie, mit Einwilligung der Stande des Reichs, die Form und Kraft eines ewig gultigen Gesetzes erhalten hatte.

Im dritten Hauptstuck wird die Bevolkerung des Staats als einer der wichtigsten Gegenstande der koniglichen Vorsorge betrachtet. 'Die ganze bisherige Verfassung von Scheschian' (sagt Tifan) 'der Despotismus der Regierung, die Religion der Bonzen, die unmassige Grosse der Hauptstadt, der Mangel an Aufmerksamkeit auf den Zustand der Provinzen, die Unterdruckung und Ausplunderung des Volkes durch Abgaben, die der Einnahme desselben nicht gemass waren und durch die blosse Art des Bezugs schon unertraglich wurden, endlich der zugellose Luxus, und die Verderbnis der Sitten; dieser Zusammenfluss von Ubeln hatte das Reich binnen einem Jahrhundert unvermerkt auf die Halfte seiner ehemaligen Einwohner herab geschmelzt, als die letzten Jahre Isfandiars und die darauf erfolgte Zerruttung das allgemeine Elend vollendeten. Die Entvolkerung der Stadte und der verodete Zustand ganzer Provinzen hat die Einfuhrung fremder Kolonien unentbehrlich gemacht. Aber weder dieses noch irgend ein anderes von den Mitteln, die von einigen Fursten in solchen Fallen angewandt worden sind, kann die abgezielte Wirkung tun, so lange jene Ubel fortdauern, von welchen die Entvolkerung eines Staates die notwendige Folge ist, oder sobald ihnen der Zugang wieder eroffnet wurde. Das grundlichste und unfehlbarste Bevolkerungsmittel ist demnach eine Gesetzgebung, durch welche nicht die Zufalle der Entvolkerung uberpflastert, sondern die Ursachen derselben mit der Wurzel ausgerottet werden.' Dieses war eine der grossen Absichten der Gesetze Tifans: und da das ganze System derselben alle zu Hervorbringung dieser Absicht erforderlichen Mittel in sich fasste; so blieb den folgenden Konigen nichts ubrig, als mit der genauesten Sorgfalt uber der Beobachtung dieser Gesetze zu halten, und jeden Missbrauch, der sie unvermerkt hatte unkraftig machen und untergraben konnen, sogleich im Keime zu ersticken.

Ubrigens lasst sich aus einer Stelle dieses Kapitels schliessen, dass Tifan auch in den Ehegesetzen der Scheschianer betrachtliche Anderungen vorgenommen habe. Allein da sie ein besonderes Hauptstuck des zweiten Teils seines Gesetzbuchs ausmachen: so lasst sich, bis man eine vollstandige Abschrift desselben gefunden haben wird, weiter nichts davon sagen, als dass der ehelose Stand durch Tifans Gesetze niemanden verstattet wurde, der nicht eine angeborne oder zufallige korperliche Untuchtigkeit von der unverbesserlichen Art gerichtlich erweisen konnte."

"Aber, Herr Danischmend", sagte der Sultan, "ich mochte wohl wissen, wie du mir den Zweifel auflosen wolltest, der mir in diesem Augenblicke gegen Tifans Grundsatze uber die Bevolkerung einfallt. Ich setze voraus (was doch in der Tat kaum zu glauben ist), dass er wirklich alle physischen, politischen und sittlichen Hindernisse, welche der Vermehrung eines Volkes nachteilig sind, glucklich aus dem Wege geraumt habe; was wird die Folge davon sein? Seine Scheschianer werden sich vermehren wie die Kaninchen; in kurzem werden sie nicht mehr Raum genug haben neben einander zu wohnen; und der blosse Mangel an Unterhalt wird endlich eine argere Verwustung unter ihnen anrichten, als Despotismus, Schwelgerei, Bonzen, Tanzerinnen, Arzte und Apotheker zusammen genommen nicht anzurichten vermocht hatten. Wie oft, sagt man, muss sich ein Volk ordentlicher Weise verdoppeln, Danischmend?"

"Die Auflosung dieser Frage", versetzte Danischmend, "hangt von einer Menge zufalliger Umstande ab, welche das verlangte allgemeine Zeitmass, in so fern es richtig sein soll, unmoglich zu machen scheinen. Gleichwohl, da sich mit gutem Grunde voraussetzen lasst, dass unter einem Volke, wie wir uns das neue Geschlecht von Menschen, welches die Gesetzgebung Tifans in Scheschian bildete, vorstellen mussen, das ist, unter der gesundesten, nuchternsten, massigsten, frohlichsten und gutartigsten Nation von der Welt, die Leute naturlicher Weise ungleich langer leben, und die Ehen viel langer fruchtbar sind als bei allen andern Volkern: so konnen wir, deucht mich, ohne Bedenken annehmen, dass sich die Anzahl der Einwohner Scheschians unter besagten Umstanden in hundert Jahren wenigstens zweimal verdoppelt haben musse; und dies macht freilich in zweihundert Jahren eine ungeheure Summe aus."

"Und woher sollen alle diese Menschen ihren Unterhalt nehmen?"

"Ich setze (vermoge einer Berechnung, womit es unschicklich ware Ihrer Hoheit beschwerlich zu fallen) voraus, dass Scheschian, auf dem Grade der Vollkommenheit wozu Tifan den Anbau des Landes brachte, vermogend war, wenigstens hundert Millionen arbeitsamer und massig lebender Menschen zu ernahren."

"Dies nenn ich viel, Herr Danischmend, wofern Ihr Euch nicht verrechnet habt. Aber setzen wir immer, dass es so gewesen sei; woher sollen zweihundert, vierhundert, achthundert, sechzehnhundert, und alle die unzahligen Millionen, welche am Ende der zwanzigsten Generation vorhanden sein werden, ihren Unterhalt bekommen? Ich wollte wetten, dass zuletzt nicht einmal Luft genug in der Welt ware, sie zu nahren, wenn sie auch von blosser Luft leben konnten."

"Und dazu kommt noch ein Umstand", sagte die schone Nurmahal, "der dem armen Danischmend eine Gelegenheit entzieht, wodurch er die Anzahl seiner Scheschianer von Zeit zu Zeit merklich hatte vermindern konnen. Wenn Tifans Nachfolger ihrem Vorbilde nur einiger Massen ahnlich waren, und wenn sich also die Verfassung, welche dieses Reich von Tifan empfing, einige Jahrhunderte erhalten hat, wie man von so einer vollkommenen Gesetzgebung nicht anders erwarten kann: so ist nicht begreiflich, wie Scheschian in dieser ganzen Zeit in einen Krieg von einiger Bedeutung hatte sollen verwickelt werden konnen. Wer hatte sich unterstehen wollen, einen solchen Staat anzugreifen oder sich ihn zum Feinde zu machen? Und was in der Welt hatte einen Konig von Scheschian bewegen konnen, selbst der Angreifer zu sein?"

"Die Ehre seiner Krone kann den besten Konig notigen, einen Krieg anzufangen, oder an den Handeln seiner Nachbarn Anteil zu nehmen", sagte Schach-Gebal.41 "Doch, wir wollen diese Betrachtung gelten lassen was sie kann; immer seh ich nicht ab, wie sich Freund Danischmend diesmal aus der Sache ziehen wird."

"Bald wurden mir Ihre Hoheit bange machen", erwiderte der Doktor. "Gleichwohl ist diese Bevolkerungssache so schlimm nicht als sie beim ersten Anblicke scheint. Je mehr sich die Bewohner von Scheschian vervielfaltigen, je mehr Hande haben wir die Natur zu bearbeiten; eine Quelle, welche desto ergiebiger ist, je grosser die Zahl derer ist die aus ihr schopfen. Und wer kann das Mass und die Grenzen ihrer Fruchtbarkeit bestimmen? Uberdies nimmt auf der einen Seite mit der Zahl der Menschen auch die Summe ihrer Bedurfnisse, und folglich auch der Hande zu, die ihrentwegen in Arbeit gesetzt werden mussen und von dieser Arbeit leben; so wie auf der andern Seite Fleiss und Erfindsamkeit durch die immer nahe Gefahr des Mangels angespornt werden, die Kunste zu einer Vollkommenheit zu bringen, wodurch ihnen vermittelst des auswartigen Handels eine Menge andrer Volker zinsbar wird. Reicht endlich alles dies nicht zu; nun so werden wir uns freilich entschliessen mussen, die Bienen zum Muster zu nehmen, und von Zeit zu Zeit die jungen Schwarme zu notigen, sich andre Wohnsitze auszusuchen: es sei nun, indem ein grosser Teil der Scheschianer sich einzeln in fremde Lander zerstreut, wo fleissige und geschickte Ankommlinge allezeit willkommen sein werden; oder indem der Staat selbst Kolonien aussendet, welche sich auf entlegnen Kusten niederlassen, Kunste und Sitten zu barbarischen Volkern tragen, und durch das namliche Mittel, wodurch sie ihren eigenen Zustand verbessern, zugleich Wohltater des menschlichen Geschlechts werden. Wie viele und grosse Inseln, wie viele bewohnbare Gegenden des festen Landes liegen entweder noch ganz ode, oder sind doch lange nicht so bewohnt und angebaut, dass sie nicht noch Raums genug fur viele Millionen neuer Ankommlinge haben sollten, welche, anstatt ihren Unterhalt durch die Jagd in unermesslichen Wildnissen zu suchen, die Werkzeuge des Ackerbaues und der Kunste mit sich bringen, wodurch der zehnte Teil des Bezirks worin hundert Wilde kummerlich ihrem Hunger wehren, zu einer reichen Vorratskammer fur hundertmal so viel gesittete Familien gemacht wird!"

"Sehr wohl, sehr wohl", sagte der Sultan lachelnd: "und wenn auch dies nicht zureicht, Herr Danischmend, nun, so haben wir ja auf den Notfall noch Heuschrecken, Pestilenz, Erdbeben und Uberschwemmungen, welche uns die Muhe ersparen konnen, eine kleine Abanderung in den Gesetzen des weisen Tifan zu machen."

"Ich hoffe, wir werden nicht vonnoten haben, die Natur um eine so grausame Hulfe anzurufen. Sie hat schon auf eine andre Weise dafur gesorgt, dass, bei allen moglichen sittlichen Beforderungsmitteln der Bevolkerung, dennoch nicht leicht ein gefahrliches Ubermass derselben zu besorgen ist. Die Vermehrung steht, nach einer allgemeinen Beobachtung, in einem selten ungleichen Verhaltnisse mit der mehrern oder mindern Leichtigkeit, die das Volk hat, seinen Unterhalt zu gewinnen. Und gesetzt auch, einer von Tifans Nachfolgern hatte sich endlich genotiget gesehen, dem Verbot des ehelosen Standes etwas weitere Grenzen zu setzen: wurde nicht diese Notwendigkeit selbst den starksten Beweis von der Vortrefflichkeit der Gesetze Tifans ausgemacht haben?"

"Bei allem dem", fuhr Schach-Gebal in seinem einmal angenommenen Tone fort, "mag es in Scheschian jahrlich eine hubsche Anzahl Fundelkinder gegeben haben, Herr Danischmend?"

"Eine sehr ansehnliche, allem Vermuten nach", sagte der Philosoph: "aber desto besser fur den Konig, oder, eigentlicher zu reden, fur den Staat!"

"Wie so?" fragte der Sultan.

"Um Ihre Hoheit nicht mit Ratseln aufzuhalten, muss ich sagen, dass es, von Tifans Zeiten an, eigentlich gar keine Fundelkinder in Scheschian gab; denn von unehelichen war die Rede nicht mehr. Tifans Gesetze hatten dafur gesorgt, dass Natur und Liebe sich niemals in der traurigen Notwendigkeit befinden konnten, das Susseste und Werteste, was beide haben, verleugnen zu mussen. Aber in allen Stadten und andern schicklichen Platzen waren Hauser angelegt, wo die Kinder der Tagelohner und der Durftigen (sobald die Last der Ernahrung und Erziehung derselben den Eltern zu schwer fiel) auf Unkosten des Konigs erzogen wurden."

"Dein Tifan war ein seltsamer Kameralist", rief Schach-Gebal aus.

"Dies war er auch in der Tat, wie Ihre Hoheit aus einem der folgenden Kapitel seiner Gesetze sehen werden. Indessen fiel diese Einrichtung, durch die Art wie sie veranstaltet war, dem Staate gar nicht schwer, und verschaffte ihm hingegen einen vielfachen betrachtlichen Nutzen. In den meisten andern Staaten vereinigen sich Durftigkeit, ungesunde Nahrung, und durchgangige Verwahrlosung der Leiber und der Seelen, aus den Kindern der Tagelohner und der untersten Klasse der Handwerksleute eine Art von Geschopfen zu machen, die von der dummsten Art von Vieh kaum durch etwas andres als einige, wiewohl ofters sehr unvollkommene, Ahnlichkeit mit der menschlichen Gestalt zu unterscheiden sind. In Scheschian war es ganz anders. Da die Eltern dieser Kinder (ausser einem geringen Beitrage, den sie zum Unterhalt derselben bis ins siebente Jahr das ist, bis sie durch die Arbeit, wozu sie angehalten wurden, ihre Nahrung selbst verdienen konnten von ihrem Verdienste abgeben mussten) bloss fur ihren eigenen Unterhalt zu sorgen hatten, den sie durch eine nicht ubermassige Arbeit reichlich erwerben konnten: so brachten sie zu einem Geschafte, welches die Natur zum Besten der Menschheit mit so vielem Reize verbunden hat, mehr Lust, Munterkeit und Krafte, als man von andern ihresgleichen, unter den elenden und druckenden Umstanden, worin sie in den meisten Landern schmachten, erwarten kann. Sie zeugten also auch gesundere, starkere und schonere Kinder; und die weisen Anstalten, welche Tifan zu Erziehung derselben getroffen hatte, waren eben so viele Pflanzschulen, worin dem gemeinen Wesen nutzliche Mitglieder von allen Arten gebildet wurden.

In den meisten andern Staaten wurden solche Anstalten, aus Mangel kluger Einrichtung und guter Aufsicht, in kurzem ausarten, und den gemeinnutzigen Zweck nur auf eine sehr unvollkommene Weise befordern. Aber hier hatte Tifan fur alles gesorgt. Alle in dergleichen offentlichen Erziehungshausern sonst gewohnliche Missbrauche waren unmoglich gemacht. Diese Kinder genossen unter dem Namen der Pflegekinder des Konigs den unmittelbaren koniglichen Schutz. Die Konige selbst, welche das Gesetz nach dem Beispiele Tifans zu bestandigen Reisen durch die verschiedenen Provinzen des Reichs verpflichtete, kamen von Zeit zu Zeit, den Zustand ihrer Pflegekinder zu untersuchen, und die geringste Untreue oder Saumseligkeit auf Seiten der Personen, welche als Bediente oder als Lehrmeister und Aufseher bei diesen Hausern angestellt waren, wurde so scharf bestraft, ein pflichtmassiges Betragen hingegen, nach Verfluss einer gewissen Zeit, so wohl belohnt, dass Fremde, welche diese sonderbaren Stiftungen sahen, sich nicht genug daruber wundern konnten dass es so leicht sei, gute Anstalten in der besten Ordnung zu erhalten."

"In der Tat, ich lasse mir diese Einrichtung gefallen", sagte Schach-Gebal. "Aber was machte Tifan mit so vielen Pflegekindern?"

"Es scheint nicht, dass er jemals uber ihre Menge verlegen gewesen sei", antwortete Danischmend. "Die starksten aus ihnen wurden zum Soldatenstand, oder zu andern Verrichtungen, welche vorzugliche Leibeskrafte erfordern, erzogen; und die unfahigsten waren doch immer zu irgend einer mechanischen Arbeit gut genug. Ein grosser Teil ging als Dienstboten in die Hauser der Edeln und Beguterten uber; mit einem andern Teile wurden die Fabriken besetzt, welche Tifan in grosser Anzahl angelegt hatte; und diejenigen, bei denen man eine Anlage zu hohern Talenten, oder den Genie irgend einer schonen Kunst entdeckte, wurden in dem gehorigen Alter ausgeschossen, und in andern ihrer Fahigkeit angemessenen Anstalten zu ihrer Bestimmung zubereitet."

"Danischmend", sagte der Sultan, "merke dir, dass wir nachstens das weitere von dieser Sache sprechen wollen. Du sollst mir einen Plan vorlegen, verstehst du mich? Gute Beispiele verdienen Nachfolger. Fur heute haben wir genug."

12.

Der sinesische Ubersetzer, ohne der besondern Unterredungen des Sultans Gebal mit seinem Hofphilosophen, und der Entwurfe oder wirklichen Anstalten, welche vermutlich die Fruchte davon waren, weiter Erwahnung zu tun, begnugt sich auf seinem bisherigen Wege fortzuschreiten, und berichtet uns, dass der Sultan des folgenden Abends, da die Rede wieder von Tifan und seiner Gesetzgebung gewesen, das Gesprach auf seinen Lieblingsgegenstand, auf die Staatswirtschaft, gelenkt, und ein grosses Verlangen bezeigt habe, zu wissen, wie dieser Furst so grosse Ausgaben, als er, nach einigen Proben zu urteilen, sich selbst aufgelegt, habe bestreiten konnen? Diese Neugier Seiner Hoheit hatte zu einer sehr umstandlichen Erorterung der Sache gefuhrt, wovon er, da einem sinesischen Prinzen uber diese Rubrik nichts gesagt werden konne was er nicht zu Hause eben so gut finde, sich begnugen wurde, folgenden Auszug zu liefern.

"Die Schriftsteller", sagte Danischmend, "aus welchen ich meine Nachrichten von Tifans Grundsatzen uber das Finanzwesen und die Staatsokonomie gezogen habe, erzahlen uns davon Dinge, die beim ersten Anblicke sehr seltsam, wo nicht gar unglaublich klingen. Tifan ruhmte sich (sagen sie) wenige Tage vor seinem Tode gegen seinen Nachfolger, dass er ihm einen Schatz hinterlasse, dergleichen kein einziger von allen Konigen Asiens aufzuweisen habe. 'Es ist wahr', sagte er, 'in meiner Kasse wirst du keinen grossen Vorrat antreffen: aber ich hinterlasse dir sechzig Millionen vergnugte, wohl genahrte, wohl gekleidete, wohl gesittete, fleissige und unsrer Regierung wohl geneigte Untertanen, welche, sobald du sie zum Besten des Staats vonnoten hast, mit allen ihren Fahigkeiten, mit allem ihrem Vermogen, mit allem Blut in ihren Adern, freiwillig dein eigen sind. Ich hinterlasse dir Stadte, die von arbeitsamen und geschaftigen Menschen wimmeln, und Landschaften, die einem bluhenden Garten ahnlich sind. Wie sehr anders sah dies alles aus als ich Konig wurde! Aber funfzig Jahre, mein Sohn, sind eine schone Zeit fur einen Konig, der den Willen hat Gutes zu tun, und der alle seine Untertanen zu Gehulfen zu machen weiss. Auch hoffe ich, du wirst in diesem ganzen Reiche keine verfallene Stadt wieder herzustellen, keinen Sumpf auszutrocknen, keine Einode zu bevolkern und anzupflanzen ubrig finden. Die Provinzen deines Reichs sind wie die Glieder eines gesunden und voll bluhenden Korpers; ein gemeinschaftlicher Lebenssaft stromet durch sie hin; jede dient der andern, jede unterstutzt die andre; jede tragt das ihrige bei, das Ganze vollkommen zu machen, und erhalt vom Ganzen Lebenswarme und Nahrung, und jeden Beistand dessen sie benotigt sein kann. Jede Klasse des Staates ist was sie sein soll, und Ein durch sie alle ausgegossener Geist der Eintracht und Vaterlandsliebe verbindet sie zum allgemeinen Besten. Die Jugend einer jeden Klasse wird zu ihrer kunftigen Bestimmung erzogen. Alle eitle Gelehrsamkeit ist aus Scheschian verbannt; die Akademie der Wissenschaften ist in eine Werkstatt nutzlicher Erfindungen, in eine Schule der Weisheit, der Tugend und des Geschmacks verwandelt. Nenne mir eine Geschicklichkeit und Kunst, die zum Wohlstand eines Volkes anwendbar ist, und in Scheschian nicht Aufmunterung und Belohnung finde. Und nun, mein Sohn, gestehe, dass dein Vater ein guter Wirtschafter war, und folge seinem Beispiele.'

Die Wahrheit von der Sache war, dass Tifans Nachfolger an dem Tage da er den Thron bestieg, zwar keine Schulden, aber wirklich kaum so viel Geld in der Schatzkammer fand, als der reichste Kaufmann zu Scheschian in seiner Kasse liegen hatte. Welch eine Wirtschaft!

Bei den meisten andern Fursten ist nichts willkommner, als ein Projekt, aus hundert Taels, die in die Schatzkammer fliessen, zweihundert zu machen. Bei Tifan wurde mit allen Projekten, wobei es darauf ankam die Untertanen armer zu machen, nichts als ein Platz im Zuchthause zu verdienen gewesen sein. 'Bringt mir Vorschlage', pflegte er zu sagen, 'die Scheschianer kluger, besser, arbeitsamer, geschickter und glucklicher zu machen! Je mehr sie alles dies sind, desto reicher werden sie sein: und bin ich nicht reich genug, wenn es meine Scheschianer sind?'

Noch eine Seltsamkeit! In allen andern Staaten, oder doch beinahe in allen, pflegen die Auflagen auf das Volk unvermerkt (oft auch sehr merklich) zuzunehmen. Die Bedurfnisse des Staats, sagt man, werden immer grosser: und da in den meisten das Vermogen des Volkes in eben der Masse abnimmt wie die Staatsbedurfnisse zunehmen; so kommt zuletzt der Augenblick, wo das Volk, gerade wann der Staat am meisten bedarf, nichts mehr zu geben hat. In Scheschian war dies ganz anders eingerichtet. Tifan verstand die Kunst grosse Dinge mit wenigen Kosten zu tun; welches ungefahr eben so viel ist, als die Kunst der alten Helden, mit kleinen Heeren grosse Siege zu erfechten. Gleichwohl war es nicht anders moglich, als dass die Scheschianer anfangs alle ihre Krafte aufbieten mussten, um die grossen Summen zu erschwingen, die zur Ausfuhrung seiner Anstalten zum gemeinen Besten vonnoten waren. Aber schon im zehnten Jahre seiner Regierung sah er sich im Stande, die Last des Volkes merklich zu vermindern; und in den letzten Jahren bezahlten die Scheschianer dem Staate kaum den dritten Teil dessen, was ihnen unter Sultan Azorn abgenommen worden war; und gleichwohl war der offentliche Schatz nicht um eine Unze leichter als in den ersten Jahren Tifans, und wenigstens um neunzehn Teile von zwanzig reicher als unter Azorn."

"Wie ging dies zu?" fragte Gebal.

"Durch die einfachste Operation von der Welt", antwortete Danischmend. "Im zehnten Jahre Tifans waren ungefahr dreissig Millionen Menschen in Scheschian, welche zusammen zweihundert Millionen Unzen Silbers in die Schatzkammer bezahlten. Im funfzigsten Jahr eben dieses Konigs zahlte man uber sechzig Millionen Einwohner, welche, um die namliche Summe zusammen zu bringen, nur halb so viel bezahlten als ihre Vorganger, aber noch immer in die Schatzkammer. Hingegen befanden sich in den letzten Jahren Azors vierzig Millionen Einwohner in Scheschian, welche drei- und zuletzt viermal so viel bezahlen mussten; aber unglucklicher Weise das meiste weder an die Schatzkammer noch an den Konig, sondern an die ungeheure Anzahl der Pachter und Einnehmer, an die Matressen des Konigs, an die Gunstlinge und Hoflinge, an die konigliche Kuche, an die konigliche Garderobe, an die koniglichen Pferde, Hunde, Katzen, Elefanten, Riesen, Zwerge, Affen und Papageien, und an eine unendliche Menge anderer entbehrlicher Geschopfe, die zum Hofstaat Seiner Majestat gehorten, und insgesamt sehr grosse Bedurfnisse hatten. Alle diese Teilnehmer an den Staatseinkunften nahmen soviel davon zum voraus weg, dass ein massig starker Esel wenig Muhe hatte, den Rest in die konigliche Schatzkammer zu tragen; und dieser einzige Umstand loset, deucht mich, das ganze Geheimnis auf."

Es gefiel dem Sultan Gebal, bei dieser Stelle in ein so starkes Gelachter auszubrechen, dass Danischmend inne halten musste. "Der arme Azor", rief er einmal uber das andere aus, "der arme Mann! Kann man auch ein armerer Schelm sein als Azor!"

"In der Tat", sagte Danischmend, "der gute Azor war beinahe noch armer als seine armen Untertanen." "Du hast recht, Danischmend", versetzte Schach-Gebal: "die guten Leute sind wirklich zu bedauern! Aber wo blieben wir? Die Wahrheit zu sagen, ich sehe noch nicht sehr hell in der Haushaltung deines Tifan."

"In kurzem, hoffe ich, soll Ihrer Hoheit alles sehr deutlich werden", erwiderte der Philosoph. "Sultan Tifan machte in seinem Gesetzbuch eine merkwurdige Distinktion zwischen den Bedurfnissen des Konigs und den Bedurfnissen des Staats, und folglich auch zwischen dem Beutel des einen und des andern. Zu jenen bestimmte er eine betrachtliche Anzahl von Krongutern, welche seit den Zeiten Ogul-Kans die Domanen des Konigs ausgemacht hatten. Er vermehrte sie, mit Bewilligung der Nation, durch einen Teil der verodeten Gegenden, welche, von den burgerlichen Unruhen her, aus Mangel an Bewohnern unangebaut lagen, und als dem Staat anheim gefallen betrachtet, von Tifan aber mit fremden Kolonisten bevolkert und in wenig Jahren in einen sehr ergiebigen Stand gesetzt wurden. Ausserdem waren die Einkunfte von den Bergwerken und Salzgruben von jeher als konigliche Guter angesehen worden; und Tifan liess es um so mehr dabei bewenden, weil er sich und seinen Nachfolgern das Vermogen auch willkurlich Gutes zu tun nicht entziehen wollte; eine Idee, welche sich mit der menschlichen Schwachheit vielleicht entschuldigen lasst, wiewohl sie durch ihre Folgen in spatern Zeiten dem scheschianischen Reiche verderblich geworden ist.

Alle diese Einkunfte betrugen durch die gute Wirtschaft des Konigs Tifan in seinen letzten Jahren ungefahr neun bis zehn Millionen Unzen Silbers, welche der Konig verwalten konnte wie er wollte, ohne jemand deswegen Rechenschaft zu geben. Hingegen musste er davon seine ganze Hofhaltung, alle seine Privatausgaben, und, nach Tifans ausdrucklicher Verordnung, selbst alle diejenigen bestreiten, welche die Majestat des Thrones erfordert. Da nun diese Summe, so betrachtlich sie war, gar leicht fur die Begierden eines schwachen oder ausschweifenden Fursten unzulanglich hatte sein konnen: so verordnete Tifan in einem besondern Abschnitte seines Gesetzbuches, wie der Hofstaat des Konigs, seine Tafel, und alles was zu seiner Haushaltung gehorte, eingerichtet sein sollte. Eine edle Einfalt und eine sehr grosse Massigung war der Geist dieser Verordnungen. 'Wenn der Luxus', sagte Tifan, 'einem wohl eingerichteten Staate verderblich, und nur in einem sehr verdorbenen eine Zeit lang ein notwendiges Ubel ist; wenn der grosste Reichtum desselben in der Menge arbeitsamer Einwohner besteht, und die Bevolkerung, ohne Massigung der Begierden und des Aufwands, unmoglich so weit gehen kann als sie sonst naturlicher Weise gehen wurde: so fallt in die Augen, wie notwendig es ist, dass der Hof dem ganzen Staat ein fortdauerndes Beispiel einer Tugend gebe, welche die starkste Schutzwehre der guten Sitten ist. Nach dem Hofe bilden sich die Grossen und der Adel: und vereinigen sich diese, dem Volke mit dem Beispiel einer einformigen, in die Schranken der Anstandigkeit und einer guten Wirtschaft eingeschlossenen Lebensart vorzuleuchten; so wird das Volk desto weniger der Gefahr ausgesetzt sein, den Geist seines Standes und den Geschmack an der Einfalt seiner eigenen Lebensart zu verlieren. Diese Einformigkeit ist nur solchen Leuten zuwider, in welchen der Mussiggang ausschweifende Begierden und einen grillenhaften Geschmack ausbrutet: in Scheschian kann es keine solche Leute geben; denn das Gesetz duldet keine Mussigganger. Vom Konig an bis zum Tagelohner ist jedermann mit den Pflichten seine Standes oder mit der Ausubung seiner Talente beschaftigt; und beschaftigte Leute, fur welche die blosse Ruhe schon eine Art von Vergnugen ist, haben nur einfache und ungekunstelte Ergetzungen vonnoten, weil die Ergetzungen fur sie keine Beschaftigung, sondern nur Erholungsmittel nach der Arbeit sind.'

Eine nach diesen Begriffen eingerichtete Hofhaltung konnte, wiewohl das Anstandige, und bei gewisser Gelegenheit selbst das Glanzende, nirgends vermisst wurde, nicht so viel kosten, dass der Konig nicht noch grosse Summen in Handen behalten hatte, wovon er einen edeln, wohltatigen und gemeinnutzigen Gebrauch machen konnte. Tifan, zum Beispiel, der ein grosser Liebhaber der Naturforschung war, wendete einen betrachtlichen Teil seiner eigenen Einkunfte auf physische Versuche, auf mathematische Werkzeuge, und auf Belohnung derjenigen, welche in diesem Fache sich vorzuglich verdient machten. Er stiftete aus seiner eigenen Kasse eine Akademie der schonen Kunste, deren immer zunehmendes Wachstum eine seiner angenehmsten Ergetzungen ausmachte. Uberdies setzte er fur alle Arten nutzlicher Bemuhungen jahrlich eine betrachtliche Anzahl von Preisen aus. Alle Unternehmungen, von welchen dem Staat Ehre oder irgend ein andrer Nutzen zugehen konnte, fanden in ihm einen grossmutigen aber zugleich einsichtsvollen Beforderer, welcher Schein und Wahrheit sehr genau zu unterscheiden wusste. Hauptsachlich aber standen alle jungen Leute, welche sich durch Proben ausserordentlicher Fahigkeiten hervortaten, unter seinem unmittelbaren Schutze. Er hielt ein Verzeichnis uber alle, die zu dieser Klasse gehorten; er verschaffte ihnen Gelegenheit sich vollkommen zu machen; und da er sie genau genug kennen lernte, um ihre mannigfaltigen Talente aufs beste benutzen zu konnen, so mag es wohl diesem Umstande vornehmlich zuzuschreiben sein, dass er im Stande war, die vortreffliche Staatswirtschaft zu fuhren, deren er sich gegen seinen Nachfolger ruhmte.

Bei einem solchen Gebrauch, als Tifan von seinen eigenen Einkunften machte, lasst sich leicht begreifen, warum er seinem Sohne keinen grossen Vorrat an barem Gelde hinterliess; wiewohl unter allen Rubriken seiner Ausgaben keine einzige war, uber die er zu erroten Ursache gehabt hatte. Aber dass es auch mit dem offentlichen Schatze die namliche Bewandtnis hatte, wurde gegen seine gute Wirtschaft einigen Verdacht erwecken konnen, wenn Tifan sich nicht zum Grundsatz gemacht hatte, die Einnahme und Ausgabe des Staats so genau gegen einander abzuwagen, dass beim Schlusse jedes Jahres, nach Abzug der letzten von der ersten, wenig oder nichts ubrig blieb.42 Dieser offentliche Schatz bestand aus den Abgaben, welche teils von den Eigentumern aller liegenden Grundstucke, teils von dem beweglichen Vermogen und Erwerb aller ubrigen Einwohner des Reichs erhoben wurden. Er betrug unter Tifans Regierung ordentlicher Weise niemals uber zweihundert Millionen Unzen Silbers, und durfte auf nichts andres als die unumganglichen Ausgaben des Staats, oder auf solche, welche augenscheinlich zum Besten desselben gereichten, und im Gesetzbuch ausdrucklich benannt waren, verwendet werden. 'Der Konig', sagt Tifan, 'hat nicht die mindeste willkurliche Gewalt uber das Vermogen seiner Untertanen: er ist schuldig sie dabei zu schutzen; aber er ist so wenig als irgend ein andrer Mensch befugt, ihnen nur den Wert einer Stecknadel wider ihren Willen wegzunehmen. Hingegen sind die samtlichen Burger des Staats verbunden, zu den Bedurfnissen desselben und zu gemeinnutzigen Anstalten nach Verhaltnis ihres Vermogens oder Einkommens beizutragen; und da keiner ohne Unsinn diese Schuldigkeit misskennen, noch ohne ein Verbrechen gegen den Staat sich derselben entziehen kann, so kommt alles bloss darauf an:

dass der Nation dieser Beitrag auf alle mogliche Art

erleichtert, und dass ihr die vollstandigste Sicherheit

wegen gesetzmassiger Verwendung desselben gege

ben werde.'

Die Verordnungen Tifans zu Erreichung dieser zweifachen Absicht sind so einfach, als man sie von einem Gesetzgeber erwarten kann, der immer den nachsten Weg gehen konnte; weil keine Hindernisse, die er hatte schonen mussen, in seinem Wege lagen, und weil er keine andre Absicht hatte, als je eher je lieber zum Zweck zu gelangen. Vermoge dieser Verordnungen mussten alle Klassen der Einwohner von Scheschian dem Staate jahrlich einen festgesetzten sehr massigen Beitrag entrichten, der uberhaupt so bestimmt war, dass die reichste Klasse am meisten, die armste hingegen beinahe nichts bezahlte. In jedem Dorfe und Flecken, so wie in jeder kleinen Stadt, war in der Vorhalle des Tempels ein wohl verwahrter Kasten, in welchen jeder Kontribuent monatlich seinen Beitrag in einem Papier, auf welchem sein Name angemerkt war, durch eine zu diesem Zweck angebrachte Offnung hinein steckte.43 Wer sich hierin saumselig finden liess, ohne eine von den wenigen im Gesetze fur gultig anerkannten Ursachen zum Erlass anfuhren zu konnen, wurde sofort mit Gewalt zu seiner Schuldigkeit gebracht. Zwei besonders hierzu angestellte obrigkeitliche Personen fuhrten Rechnung uber diese Einnahme, und lieferten das Eingegangene alle Monate von den Dorfern und Flecken in die nachste Stadt, an welche sie angewiesen waren. Aus den kleinern Stadten wurde diese Kontribution in die Hauptstadt der Provinz geliefert, und von da alle drei Monate an die Schatzkammer des Staats zu Scheschian Rechnung abgelegt. An jedem Ort, in jeder Stadt und Provinz hatten die bestellten Einnehmer ein Verzeichnis der Kontribuenten ihres Ortes, ihrer Stadt, und ihrer Provinz, so wie die Obereinnehmer zu Scheschian das ihrige von dem, was jede Provinz nach dem einmal festgesetzten Anschlage beizutragen schuldig war. Dieser Anschlag bezog sich teils auf die Landereien und Hauser, welche, nach Tifans Verordnung, so lange auf dem namlichen Fuss angesetzt blieben, bis der Konig und die Stande der Nation gemeinschaftlich eine Erhohung desselben dem Staate zutraglich oder notwendig finden wurden; teils auf alle einzelne Bewohner des Staats (mit Ausnahme der Dienstboten und der Kinder in den untersten Klassen), deren jeder, nach der Klasse zu welcher er gehorte, mit einer unveranderlichen Schatzung belegt war. Da nun alle Monate ein genaues Verzeichnis aller Gebornen und Gestorbenen jedes Ortes an die Vorsteher jeder Provinz, und von diesen jedesmal nach Verfluss dreier Monate an den Hof eingeschickt werden musste: so war nichts leichter, als die Berichtigung dessen was jede Provinz monatlich zu bezahlen hatte. Und weil keine Reste geduldet, sondern in gewissen Fallen, wo das Unvermogen des Kontribuenten erweislicher Massen unverschuldet war, der monatliche Ansatz lieber ganzlich erlassen wurde: so ging die ganze Operation immer in gleicher Ordnung fort, liess sich immer gleichsam mit Einem Blicke ubersehen, und war von allen nachteiligen Folgen einer verwickeltern Art von Einrichtung frei."

"Herr Danischmend", sagte der Sultan, "es ware sehr viel uber diese Sache zu sprechen. Simplizitat ist in allen mechanischen Veranstaltungen eine schone Eigenschaft. Aber Tifans Finanzeinrichtung setzt etwas voraus, welches sich nirgends als in einem idealen Staate voraussetzen lasst. Wenn nicht alle seine Kontribuenten und Einnehmer die ehrlichsten Leute von der Welt waren, so wollte ich ihm keinen kupfernen Baham um seine ganze Operation gegeben haben."

"In der Tat", erwiderte Danischmend, "ist Tifans ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung auf die Sitten gebaut; aber man muss auch gestehen, dass er nichts unterlassen hat, um seinen Untertanen Sitten zu geben. Liebe zum Vaterlande, zu den Gesetzen, zur Ordnung, waren Tugenden, zu welchen die Scheschianer unter seiner Regierung von Kindheit an gebildet wurden. Die Verbindung des Begriffs der Ehre mit der genauesten Erfullung jeder burgerlichen Pflicht, und des Gefuhls der Schande mit jeder Unterlassung derselben wurde ihnen zuletzt so naturlich und mechanisch, dass der gemeinste Mann, im Notfall, sich lieber etwas von seiner Nahrung entzogen als der Schande sich ausgesetzt hatte, zur Entrichtung des Beitrags, den er dem Staate schuldig war, mit Gewalt angehalten zu werden. Was die Einnehmer der Staatseinkunfte betrifft, so wurden sie aus einer Klasse gezogen, bei welcher das Gefuhl der Ehre eine vorzuglich starke Triebfeder ist. Aber wenn es auch bei einigen weniger wirksam gewesen ware, so war es, nach Tifans Einrichtung, nicht leicht sich einer Untreue schuldig zu machen, und sehr schwer unentdeckt zu bleiben. In diesem Falle wartete eine ausserst schimpfliche Strafe auf sie; und so wie Tifan die Scheschianer gewohnt hatte, gab es wenige, welche nicht lieber das Leben als ihre Ohren hatten verlieren wollen.

Es ist vielleicht niemals eine Monarchie gewesen, worin die Untertanen der Schatzkammer weniger bezahlt hatten, als die Scheschianer unter Tifan und seinem ersten Nachfolger. Aber der Hauptgrundsatz, worauf dieser Furst seine Staatsokonomie grundete, war: Der hochste Wohlstand eines so grossen Staates als der scheschianische hange von der moglichsten Bevolkerung ab; die moglichste Bevolkerung von der Leichtigkeit Unterhalt zu finden; diese von dem moglichst geringen Preise aller Erfordernisse des Lebens; und das letztere zu erzielen, hielt er fur das einfachste Mittel, die Abgaben des Volkes so leicht zu machen als moglich, die unentbehrlichsten Lebensmittel hingegen auf einen festen Preis zu setzen, welchen die Eigentumer der Landereien, ohne ausdruckliche Bewilligung des Konigs und der Stande, nicht erhohen durften.

Wahrend der Regierungen Azors und Isfandiars hatten die Scheschianer, unter unzahligen Titeln und Rubriken, welche zu unzahligen Bedruckungen des Volkes Anlass gaben, nach und nach vierzig, dann funfzig, und zuletzt sechzig bis siebzig vom Hundert ihres jahrlichen Einkommens oder Verdienstes abgeben mussen. Tifan schaffte alle diese Rubriken ab. 'Ein Furst', sagte er, 'der alles, was seine Untertanen besitzen, fur sein Eigentum ansieht, mag wohl vonnoten haben, auf Kunstgriffe zu denken, wie er sich desselben auf die unmerklichste Art bemachtigen wolle; und freilich ist ein Unterschied, ob ich einen Korper durch kleine aber oft widerholte Ausleerungen langsam abmergele, oder ob ich ihm sein Blut auf Einmal abzapfe: aber am Ende erfolgt in jenem Falle was in diesem; ein wenig Zeit ist alles was man dabei gewinnt. Nach meinen Grundsatzen' (fugte er hinzu) 'ist die Frage niemals, was ist des Hofes Interesse? Aber, wenn ich auch, wie Isfandiar, alle Einwohner von Scheschian mit den Rindern und Schafen auf den Triften meiner Kammerguter in die namliche Klasse setzte, so musste ich dennoch anders mit ihnen verfahren als Isfandiar. Bin ich mit hunderttausend Untertanen, deren jeder mir, ohne sich zu entkraften, dreimal so viel geben konnte, als ich von ihm fordre, nicht unendliche Mal reicher als mit funfzigtausend Bettlern, die mir endlich nichts mehr zu geben haben, als die Haut die noch um ihre marklosen Knochen hangt?'

Ausser den besagten Personal- und Vermogenssteuern hatte die Schatzkammer in Scheschian keine Einkunfte. Alle Zolle auf ein- und ausgefuhrte Waren waren mit Tifans wirtschaftlichen Begriffen unvertraglich. Getreide und andere Naturalien, oder unverarbeitete Waren in fremde Lander auszufuhren, war bei angemessnen Strafen verboten: denn der erstern hatte ein so weitlaufiger und volkreicher Staat wie Scheschian fur sich selbst vonnoten, und ohne die ausserste Verarbeitung aller moglichen Produkte der Natur wurde es unmoglich gewesen sein, ein unzahlbares Volk hinlanglich zu beschaftigen. Hingegen konnte, seiner Meinung nach, ein Zoll auf die ausgefuhrten verarbeiteten Waren zu nichts dienen, als die Manufakturen und den Handel zu kranken und zu hemmen, welche doch von einer weisen Regierung auf alle nur ersinnliche Art aufgemuntert werden. Auf der andern Seite blieb die Einfuhrung fremder verarbeiteter Waren aus einem doppelten Grunde frei: erstens, weil die scheschianischen wohlfeiler und besser waren; und dann, weil Tifan die beguterten Scheschianer durch ein solches Verbot nicht unnotiger Weise zum Ungehorsam reizen wollte. Die Einfuhrung aber solcher rohen Waren, an welchen sein Land Mangel hatte, mit Abgaben zu belegen, hielt er fur unschicklich, weil es vorteilhafter war, sie zum Behuf der einheimischen Manufakturen und Gewerbe auf alle mogliche Weise zu begunstigen. Endlich hatte Tifan noch einen vortrefflichen Grund fur die Abschaffung aller Arbeiten von Abgaben, ausser der einzigen monatlichen Steuer; und dieser war weil der Staat ihrer nicht vonnoten hatte. Denn zu allen gewohnlichen Ausgaben reichten die ordentlichen Einkunfte zu; und bei ausserordentlichen Erfordernissen waren die Stande bereit, dem Konig alles zu bewilligen was er notig haben konnte."

"Tifan hatte doch auch ein Kriegsheer?" fragte Schach-Gebal.

"Die notige Beschutzung eines so weitlaufigen Reiches erforderte nicht weniger als ein stehendes Heer von zweimal hunderttausend Mann, welche gut diszipliniert und besoldet waren, aber ihren Unterhalt, wie billig, dem Staate durch die friedsamen Dienste abverdienten, wozu sie sich (da ein ununterbrochener Friede ihre Arme zur Verteidigung desselben unnotig machte) gebrauchen lassen mussten. Landstrassen, dergleichen man erst in spatern Zeiten unter der Romer Herrschaft wieder sah, schiffbare Kanale zum Vorteil des einheimischen Handels, abgeleitete Flusse, ausgetrocknete Sumpfe, ausgestockte Walder und dergleichen, waren die ruhmlichen Beweise, dass Tifan wusste, wozu zweimal hunderttausend starke, wohl genahrte Mussigganger brauchbar sind."

"Abermal ein Notabene in Eure Schreibtafel gemacht, Herr Danischmend", sagte der Sultan. "Man lernt doch immer etwas, woran man nicht gedacht hatte. Dieser Tifan war wirklich ein Mann, wie ich einen Minister haben mochte!"

"Ausserdem machte er"

"Gut, gut", rief der Sultan: "er hat die Miene noch sehr viel gemacht zu haben; aber fur heute genug!"

13.

Danischmend hatte sich vorgesetzt, den Sultan seinen Herrn das nachste Mal noch mit verschiedenen Anordnungen Tifans, die sich auf die Staatswirtschaft in Scheschian bezogen, zu unterhalten: aber SchachGebal, dem, sobald er ihn ansichtig wurde, die zweimal hunderttausend starke wohl genahrte Mussigganger wieder zu Kopfe stiegen, liess ihm keine Zeit dazu. "Herr Danischmend", sagte der Sultan, "bei Gelegenheit der Mussigganger, von welchen gestern die Rede war was machte wohl mein guter Bruder Tifan mit der ungeheuern Menge von Ya-faou, die, wenn ich mich noch recht erinnere, unter dem schwachen Azor das Land ausfressen halfen? Und was wurde aus den blauen und feuerfarbnen Bonzen uberhaupt? Ihr wisst, ich interessiere mich fur die guten Leute, und ich will keinen Augenblick langer uber ihr Schicksal in Ungewissheit schweben."

"Eh ich Ihre Hoheit uber die erste Frage befriedigen kann", war Danischmends Antwort, "muss ich bemerken, dass eine von Tifans ersten Sorgen war, die Bewohner seines Staates zu klassifizieren, und sowohl die Pflichten als die Gerechtsamen einer jeden Klasse genau zu bestimmen. Ein grosser Teil seines Gesetzbuches ist mit diesem wichtigen Gegenstand angefullt. Die Landleute, das ist, alle, die sich mit dem Feldbaue, der Viehzucht, und irgend einem andern zur Landwirtschaft gehorigen Teile hauptsachlich beschaftigten, machten den grossten Teil der ersten Klasse aus. Sie genossen der Ehre, dass der Konig selbst zu ihrer Zunft gehorte, indem er, zum offentlichen Zeichen, dass der Bauerstand, als die wahre Grundlage der ganzen burgerlichen Gesellschaft, vorzuglich ehrenwert sei, jahrlich an einem der ersten Fruhlingstage in eigener Person einen Baum pflanzte, und ein Stuck Feldes ackerte. Dieser Tag, mit welchem alle Feldarbeiten in Scheschian angefangen wurden, war einer ihrer hochsten Festtage, und der oberste Vorsteher jedes Ortes durch das ganze Reich war verbunden an demselben das namliche zu tun was der Konig, dessen Person er bei dieser feierlichen Handlung vorstellte. Die Landleute in Scheschian genossen durch Tifans Gesetzgebung aller Vorzuge frei geborner Burger: und wiewohl sie grossen Teils eine Art von Pachtern der Edelleute oder des Konigs selbst waren; so machten sie doch durch die Befreiung von aller willkurlichen und tyrannischen Gewalt, und durch die Massigkeit der Abgaben, die sie dem Staat und ihren Grundherren zu entrichten hatten, ohne Zweifel die glucklichste Klasse der Einwohner von Scheschian aus; besonders in einigen Provinzen, wo ein milderer Himmel den Geist der Freude und der sanfteren Gefuhle uber das Landvolk ausgegossen hatte, und die ungemeine Fruchtbarkeit der Natur ihre Arbeiten beinah in Spiele verwandelte.

Die zweite Klasse, die aus allen den Burgern bestand, welche sich mit den Handwerken und mechanischen Kunsten beschaftigten, und in den Flecken und Stadten ihren eigentlichen Sitz hatten, war zwar, besserer Ordnung wegen, in so viele besondere Zunfte, als es verschiedene Arten der mechanischen Kunste und Hantierungen gibt, abgeteilt: aber alle alte Gebrauche oder Gesetze, welche die Ausubung derselben mit einem Zwange belegten, der das Talent fesselte, den Fleiss niederschlug, und den Fortgang der Kunst hemmte, fanden eben so wenig Schutz bei Tifan als die anmasslichen Freiheiten, wodurch jedes Handwerk ehmals ein kleiner Staat im Staate und berechtiget gewesen war, alle ubrige Burger nach Gefallen zu bedrucken. Tifans hauptsachliches Augenmerk bei der Polizei dieser Klasse war, auf der einen Seite den Vorteil zu erhalten, dass alle Arten von Manufakturen so gut als moglich gearbeitet, zugleich aber auch ihrer Verfeinerung gewisse Schranken gesetzt wurden. Der Luxus verwandelt unvermerkt die Handwerke, welche ganz allein, oder doch hauptsachlich zur Verfertigung der unentbehrlichsten Bequemlichkeiten bestimmt sind, in schone Kunste; der Grobschmied, der Schlosser, der Tischler, wird durch ihn zum Nebenbuhler des Goldarbeiters, des Bildschnitzers, des Malers usf. Die Kunste arten aus; das Nutzliche wird dem Schonen, das Zweckmassige dem Launischen der Mode, die einfaltige Zierlichkeit der Formen einer ubertriebenen Feinheit der Ausarbeitung aufgeopfert. Diese Uppigkeit der Kunste unterhalt den Luxus, der sie ausbrutete, und die Kunst selbst gerat in Verfall. Tifan, in dessen Augen der Luxus ein auszehrendes Fieber fur jeden Staat war, liess sich nicht daran genugen, alle Kunste, welche keinen andern Zweck noch Nutzen als die Beforderung des Mussiggangs und der Uppigkeit haben, aus Scheschian zu verbannen; er bemuhte sich auch die Ausartung derjenigen, welche nutzlich und unentbehrlich waren, zu verhindern; und eine Frucht dieses Zweiges seiner Polizei war, dass man alle Arten von Hausgerate, Werkzeuge, Eisen- und Stahlarbeit, Wollen- und Seiden-Manufakturen, und selbst solche Verarbeitungen, welche bloss zur Pracht und Zierlichkeit dienen, nirgends weder besser noch in geringerm Preise haben konnte als in Scheschian. Die Scheschianischen Kunstler lernten die innere und wesentliche Gute mit dem Schonen und Gefallenden vereinigen; und daher erhielten sich ihre Arbeiten auch ausser Landes lange Zeit in dem Besitz eines Vorzugs, den ihnen keine andre Nation streitig machen konnte.

Die dritte Klasse"

"Bestand sie aus Bonzen und Ya-faou?" fiel Schach-Gebal ungeduldig ein

"Nein, Sire"

"So erweise mir den Gefallen", sagte der Sultan, "und springe uber sie weg, und uber alle andre, so viel ihrer noch sein mochten, mit deren Polizei du mich hier sehr unnotiger Weise aufhaltst, wahrend dass ich ganz andre Dinge wissen will. In welcher Klasse waren die Ya-faou? Dies ist der grosse Punkt!"

"Die Wahrheit zu sagen, gnadigster Herr, in gar keiner Klasse", versetzte Danischmend: "und der Grund, warum Tifan fur notig, oder wenigstens fur sehr nutzlich hielt, sie aus dem Verzeichnisse der Geschopfe die in Scheschian geduldet wurden (denn Burger waren sie nie gewesen), auszuloschen, scheint in der Tat nicht unerheblich. 'Ein Staat' (sagt er in seinem Gesetzbuche) 'kann mit nichts fuglicher verglichen werden als mit einer grossen Pflanzung. Diese besteht aus einer Menge von allerlei Arten von Gewachsen, Baumen, Stauden, Blumen, Krautern und Grasern. Einige Baume geben Bauholz, andere dienen zum Brennen, andere zu Verfertigung allerlei notiger Geratschaft; andere tragen Fruchte zur Erfrischung des Menschen, andere Speise fur das Vieh. Einige Pflanzen dienen zur Nahrung, andere zur Arznei, viele nutzen bloss zum Vergnugen; sie ergetzen das Auge und den Geruch; ein schlechtes Krautchen verbirgt oft unter einer unscheinbaren Gestalt die herrlichsten Krafte. Alles was zum Nutzen oder zur Verschonerung der ganzen Pflanzung etwas beitragt, hat seinen Wert, und wird ein Gegenstand der aufmerksamen Sorgfalt des Besitzers. Aber Unkraut und Trespe, und schmarutzerische Pflanzen, welche bloss darum sich um die nutzlichen Gewachse herum winden, um ihnen die besten Nahrungssafte zu entziehen, kurz, alles was nicht nur an sich selbst zu nichts taugt, sondern im Gegenteile durch seine Ausbreitung das Wachstum und die Vermehrung der nutzlichen Gewachse hemmet, wird sorgfaltig ausgerauft, und bis auf die kleinsten Faserchen seiner Wurzeln ausgerottet. Eben so verhalt es sich mit einem wohl geordneten Staate. Ein Teil der Burger beschaftiget sich die ubrigen zu nahren, ein andrer sie zu bekleiden, ein dritter ihre Wohnungen zu erbauen, ein vierter sie mit tausend notigen Geratschaften und Bequemlichkeiten zu versehen, ein funfter den Umsatz und Vertrieb dieser Dinge zu erleichtern; einige dienen dem gemeinen Wesen mit ihren Handen, andre mit ihrem Kopfe, andre sogar mit ihrem Blut und Leben. Verschiedene, wenn sie auch keine andere Kunst gelernt haben, besitzen wenigstens die Gabe ihren Mitburgern Vergnugen zu machen. Alle diese Arten von Einwohnern sind dem gemeinen Wesen entweder unentbehrlich oder doch zu irgend etwas gut: aber wozu ein Ya-faou, in so fern er ein Ya-faou ist, gut sei, dies', sagt Tifan, 'habe ich mit allem Nachsinnen nicht heraus bringen konnen. Ich sehe alle Platze, worin man dem Staate Dienste leisten kann, schon besetzt; und indem ich alle mogliche Arten von Bedurfnissen uberzahle, find ich keines, worauf der Stand der Ya-faou sich bezoge. Vielleicht mogen sie zu einer Zeit, da die Scheschianer, noch zwischen Wildheit und Barbarei schwebend, an Vernunft und Sitten wenig besser als die ubrigen Tiere waren, vielleicht mogen sie damals einigen zweideutigen Nutzen geleistet haben. Aber diese elenden Zeiten, wo die Verwilderung und Abwurdigung der menschlichen Natur gross genug war, um die Dienste der Ya-faou vonnoten zu haben, sind, Dank sei dem Himmel, vorbei. In dem angebauten, gesitteten, aufgeklarten und polizierten Scheschian mussen sie entweder, gleich mussigen Hummeln, verdienstlos die Fruchte des Fleisses der arbeitsamen Burger verzehren, oder, wenn sie etwas tun wollten, wurde ihre Geschaftigkeit schadlicher als ihr Mussiggang sein. Der grosste Teil von ihnen hat durch seine rohe Unwissenheit, durch die Verachtung und Verunglimpfung alles dessen was ein Mittel zur Verbesserung des Nationalzustandes werden konnte, durch die eifrigste Beforderung des Aberglaubens, der Dummheit und einer knechtischen Unterwurfigkeit der Geister unter das Joch sinnloser Vorurteile, den Fortgang alles Guten in Scheschian gehemmt; ihre Grundsatze, ihr Beispiel und ihre Bemuhungen vereinigten sich, dem gesunden Menschenverstande, der Tugend und den Sitten auf ewig den Zutritt in dieses ungluckliche Land zu versperren; und Tifan sollte sie dulden? Nein, bei allem was heilig und gut ist! Sie sollen verschwinden aus unsern Grenzen, und ihre Statte soll nicht mehr gefunden werden! Aber' (setzt der weise und menschenfreundliche Gesetzgeber hinzu) 'verhute der Himmel, dass, indem wir die ganze Gesellschaft der Ya-faou zum Nichtsein verdammen, wir gegen die einzelnen Mitglieder derselben ungerecht sein sollten! Ohne Zweifel gibt es Manner von Verdiensten, eines bessern Namens und Platzes wurdige Manner, unter ihnen, wurdig des Schutzes der Gesetze und der Achtung ihrer Mitburger, denen sie nutzlich zu sein eben so fahig als willig sind. Fern sei es von uns, diese Rechtschaffenen das Schicksal oder die Zusammenkettung von Zufalligkeiten, wodurch sie unter die Ya-faou sich verirret haben, entgelten zu lassen! Sie sollen aus einer Gemeinschaft, die ihrer so unwurdig ist, heraus gehoben, und in einer Gestalt, worin sie den ubrigen Burgern von Scheschian ahnlich sehen, an Platze gestellt werden, wo sie ihre Fahigkeiten und Tugenden ungehindert, unverfolgt vom Neid und von der Dummheit ihrer Mitbruder, in volliger Tatigkeit zum gemeinen Besten anwenden konnen. Auch den ubrigen, wofern sie lieber in die Zahl der guten Burger zuruckkehren, als sich freiwillig aus ihrem Vaterlande verbannen wollen, soll der Eintritt in irgend eine fur sie schickliche Klasse unbenommen sein. Es soll ihnen frei stehen, ob sie den Karst, oder die Axt, oder den Hammer ergreifen, ob sie graben, weben oder spinnen wollen; wozu uns immer die Starke ihrer Gliedmassen oder die Beschaffenheit ihres Geistes sie am tuchtigsten macht. Aber Burger sollen sie sein, und gute Burger, oder Scheschian hat weder Luft noch Erde fur sie!'"

"Danischmend", rief der Sultan in volliger Entzukkung, "lass deine erste Sorge sein mir das Bildnis dieses unvergleichlichen Mannes zu verschaffen. Dies nenn ich einen Konig! Ich muss schlechterdings sein Bildnis haben. Ich will es in allen ersinnlichen Grossen und Stellungen malen lassen; es soll in allen meinen Zimmern stehen; es soll mir aus Marmor gehauen und von Golde gegossen werden; ich will es in meinem Ring und in meiner Beteldose tragen; ich will es auf meine Kleider sticken und sogar in meine Schnupftucher wirken lassen"

"Vortrefflich", dachte Danischmend; "und noch besser war es, wenn Ihre Hoheit den Mut hatten, selbst ein Tifan zu sein."

"Der anbetenswurdige Mann!" rief Schach-Gebal von neuem. "Aber wie gebardeten sich die armen Ya-faou dabei? Gab es keine Bewegungen zu ihrem Vorteil? Es soll mich sehr wundern, wenn Tifan eine so schwierige Unternehmung ohne gewaltsame Erschutterung des Staats ausfuhren konnte."

"Er hatte seine Massregeln so gut genommen", sagte Danischmend, "dass die Aufhebung des ganzen Ordens nicht mehr Bewegung machte, als wenn alle Raupennester in Scheschian auf Einen Tag vernichtet worden waren. Alles war dazu vorbereitet. Die Klassifikation aller Einwohner des Reiches war gemacht, und einer jeden Klasse ihr gehoriger Rang und ihr eigener Kreis der Wirksamkeit angewiesen. Die Scheschianer fingen itzt von selbst an, die Betrachtung zu machen, dass die Ya-faou entbehrliche Leute sein konnten; und nun war es leicht, sie nach und nach auf die Bemerkung zu bringen, dass diese entbehrlichen Geschopfe nicht nur sehr beschwerlich, sondern wirklich sehr schadlich waren. Die Verachtung, welche sie schon seit den Zeiten Azors und Isfandiars druckte, erleichterte die naturliche Wirkung aller dieser Bemerkungen. Kurz, die Nation wurde gewahr, dass das, womit sie so lange gebunden gewesen, keine Fesseln, sondern nur eine Menge einzelner Faden waren: indem man einen nach dem andern entzwei riss, fand sich zu allgemeiner Verwunderung dass man frei war; und nun erstaunte man erst, wie man so lange hatte warten konnen, sich selbst diese Erleichterung zu verschaffen."

"Freund Danischmend", sprach der Sultan, "so ein weiser Mann du bist, so wollt ich doch wetten, dass du dir nicht einfallen lassest, wie viel das was du eben sagtest, zu bedeuten hat?"

"Ich dachte doch", wollte der Philosoph zu antworten anfangen, wenn ihm Schach-Gebal Zeit gelassen hatte

"Alles was du willst, Danischmend; aber gewiss nicht, dass dir diese Bindfaden, die du mich zerreissen gelehrt hast, die Stelle meines Itimadulet eintragen wurden? Sultanin", fuhr Seine Hoheit zu der schonen Nurmahal fort; "ich bin schon seit etlichen Wochen in Verlegenheit, den Mann zu finden, der fur einen so wichtigen Platz gemacht ist: und nun geht es mir gerade wie den Scheschianern; mich wundert, wie ich nicht schon lange gewahr wurde, dass er bereits gefunden ist."

"Ihre Hoheit hatten keine Wahl treffen konnen, welche Ihrer Regierung mehr Ehre machte", erwiderte die Sultanin.

"Beim grossen Propheten", rief Danischmend, indem er dem Sultan zu Fussen fiel: "ich beschwore Ihre Hoheit, zu bedenken was Sie tun wollen! Ich Itimadulet? Ich zittre vor dem blossen Gedanken. Machen Sie mich zu allem andern, zum Aufseher uber Ihr Schmetterlingskabinett, oder zum Vorsteher Ihrer Akademie, oder zum Vorsteher Ihrer Truthuhner, wofern ich ja ein Vorsteher sein soll; zu allem in der Welt, nur nicht zum Itimadulet! Ich sehe den ganzen Umfang eines solchen Amtes zu sehr ein"

"Narrischer Mensch", rief der Sultan, "eben darum sollst du es haben! Du hast meinen Willen gehort; morgen stell ich dich im Divan vor, und kein Wort weiter!"

14.

Die Welt wird durch so wenig Weisheit als nur immer moglich ist, oder, um uns gelehrt auszudrucken, durch ein Minimum von Weisheit regiert. Dies ist ein Satz, der von Nimrod und seinem Itimadulet an bis auf diesen Tag, durch eine ununterbrochene Uberlieferung von einem Sultan und Itimadulet auf den andern fortgepflanzt worden sein soll, und der (wofern er so richtig ist als diejenigen, die es am besten wissen konnen, behaupten) vermoge des beruhmten Grundsatzes der moglichsten Ersparung, in der Tat beweisen wurde, dass die Welt unverbesserlich regiert werde. In der Tat gehen die Kenner so weit, uns zu versichern: Wenn es auch zuweilen begegne, dass ein Epiktet unter dem Namen Antoninus ein Imperator, oder unter dem Namen Thomas Morus ein Grosskanzler werde; so lehre die Erfahrung, dass, trotz aller Weisheit dieser vortrefflichen Manner, die Sachen in der Welt gleichwohl nicht merklich besser gingen als unter den gewohnlichen Imperatoren und Grosskanzlern; zum offenbaren Beweise, dass eine gewisse Fatalitat, welche aller menschlichen Weisheit zu stark ist, die Umstande und mitwirkenden Ursachen so fein zu verbinden wisse, dass die Weisheit der besagten Epiktete immer, oder doch meistens wie eine Kugel, die durch den unterwegs erlittenen Widerstand entkraftet worden wenige Schritte vor dem Ziele matt und kraftlos zu Boden sinke, und also am Ende dennoch das oben bemeldete Minimum heraus komme, welches nach den Gesetzen und dem ordentlichen Laufe der Natur hinlanglich ist, die Welt im Gange zu erhalten.

Dieses vorausgesetzt wird man es wenigstens nicht ganz unbegreiflich finden, dass der neue Itimadulet Danischmend ungeachtet er, die Wahrheit zu sagen, von allen zu diesem hohen Amte erforderlichen Eigenschaften, die Gutherzigkeit und Aufrichtigkeit ausgenommen, wenig oder nichts besass, und (wie unsre scharfsichtigen Leser bemerkt haben werden) von der Regierungskunst nicht viel mehr verstand als ein Blinder von Farben mit Hulfe seines guten Genius und des Zufalls gleichwohl seine Rolle ganz ertraglich spielte, und sie vielleicht mit der Zeit wohl gar vortrefflich zu spielen gelernt haben wurde, wenn die Derwischen und Bonzen (die sich's nicht aus dem Kopfe bringen liessen, dass er bose Absichten wider sie im Schilde fuhre) nicht Mittel gefunden hatten, ihn dem Sultan seinem Herrn verdachtig zu machen. In der Tat geschah dem ehrlichen Danischmend Unrecht: denn niemand konnte von irgend einer ubeltatigen Absicht gegen sie entfernter sein als er; er, der den blossen Schatten des Unrechts todlich verabscheuete, und nicht fahig gewesen ware, den geringsten unter allen Fakirn ohne Regungen der Menschlichkeit leiden zu sehen. Aber bei diesen Herren war es eine ausgemachte Sache, dass ein Mann, der sie gern zu bessern Leuten machen wollte, als sie zu sein Lust hatten, ihr geschworner Feind sei:44 und da sie unter Schach-Gcbals Regierung einen desto grossern Einfluss hatten, je abgeneigter ihnen der Sultan war; so war es noch immer viel Gluck fur den guten Danischmend, dass er mit dem Verlust seiner Ehrenstelle und einer kleinen Entschadigung davon kam, die ihn in den Stand setzte, in seinen alten Tagen, fern vom Hofe und vom Gerausche des geschaftigen Lebens, seinen Betrachtungen uber eine Welt, die ihn vergessen hatte, nachzuhangen, und oft bei sich selbst, so herzlich als Demokritus, zu lachen, wenn er sich an alles, was er gesehen hatte, erinnerte; besonders wenn ihm wieder einfiel, dass er Hofphilosoph bei SchachGebal, Aufseher uber die Bonzen und uber das konigliche Theater, Biograph der Konige von Scheschian, und, was das Lustigste unter allen war, etliche Monate lang sogar Itimadulet von Indostan gewesen war.

Wir hoffen, Freund Danischmend werde sich durch seine Betrachtungen, durch die Episode von dem Emir und den Kindern der Natur, und durch den guten Willen, der aus seiner Erzahlung von den Konigen in Scheschian allenthalben hervorsticht, dem geneigten Leser schon so wohl empfohlen haben, dass diese kleine Abschweifung, wozu er uns veranlasst hat, keiner Abbitte vonnoten haben werde. Und so lenken wir ohne weiteres wieder in den Weg unsrer Geschichte ein.

Die Beforderung des weisen Danischmend zum ersten Minister machte keine Veranderung in seinem Amte, den Schlaf des Sultans seines Herrn durch Erzahlung der Denkwurdigkeiten von Scheschian zu befordern. Die Geschichte der von Tifan ausgefuhrten Staatsverbesserung wurde also bei der ersten Gelegenheit wieder vorgenommen; und da Schach-Gebal nochmals sein Verlangen ausserte, zu horen wie es den blauen und feuerfarbnen Bonzen dabei ergangen sei, so befriedigte Danischmend seinen Willen durch folgenden Bericht.

"Die Grundsatze und die gereinigten Empfindungen, welche der weise Dschengis seinem Pflegesohn uber den erhabensten Gegenstand, der die menschliche Seele beschaftigen kann, uber die Religion, beigebracht hatte, lassen nicht weniger erwarten, als dass Tifan, sobald er den offentlichen Ruhestand im Reiche hergestellt und die dringendsten Angelegenheiten desselben besorgt hatte, sich mit allem Eifer einer aufgeklarten Frommigkeit dazu verwendet haben werde, den Volkern von Scheschian, statt des elenden Aberglaubens worin sie seit so vielen Jahrhunderten von ihren Priestern unterhalten worden waren, eine vernunftige und dem wahren Besten der Menschheit angemessene Religion zu geben; und man muss gestehen, dass er hierin alles getan hat, was man billiger Weise von einem Gesetzgeber fordern kann, dessen Schuld es nicht war, etliche tausend Jahre vor der Geburt unsers grossen Propheten in die Welt gekommen zu sein.

Um zu seinem Zwecke zu gelangen, musste er zwei grosse Dinge zu Stande bringen, den Aberglauben vernichten, der noch immer dem grossern Teile seines Volkes in dem feuerfarbnen oder in dem blauen Affen den geheiligten Gegenstand einer verjahrten Anbetung zeigte; und schickliche Mittel finden, die Scheschianer an wurdige Begriffe von dem hochsten Wesen und an einen vernunftigen Gottesdienst zu gewohnen. Beides wurde manchem andern Regenten unendlich schwer und vielleicht ganz unmoglich gefallen sein. Aber Tifan, der in dieser wichtigen Sache ohne Nebenabsichten, nach Grundsatzen die aus der tiefsten Kenntnis des Menschen geschopft waren, und nach einem durchdachten Plane, langsam, aber anhaltend und standhaft verfuhr, Tifan erreichte seinen Zweck, und was in einem Geschafte dieser Art das Ausserordentlichste ist, aber die naturliche Folge seines klugen Verfahrens war erreichte ihn, ohne dass eine so grosse Veranderung die geringste Erschutterung im Staate verursacht, oder irgend einem Scheschianer einen Tropfen Blut gekostet hatte.

Der erste Schritt, den er zu diesem Ende tat, war eine Verordnung, in welcher beide Teile, Blaue und Feuerfarbne, zum Frieden und zu gegenseitiger Duldung angewiesen wurden. Tifan schilderte darin mit wenigen aber starken Zugen den Abgrund von Elend, worein die Nation unter Azorn und Isfandiarn durch schwarmerischen Eifer und unduldsame Grundsatze gesturzt worden. Er stellte den Geist der Verfolgung in seiner ganzen abscheulichen Ungestalt dar: er fuhrte an, dass die Begriffe der Menschen weder von ihrer eigenen Willkur noch von den Befehlen eines Obern abhangen; dass Irrtum niemals ein Verbrechen sei; dass kein Mensch, kein Priester, keine Obrigkeit in der Welt ein Recht haben konne, andere zu zwingen, ihrer Uberzeugung und ihrem Gewissen zuwider zu handeln; und dass der Weg des sanftesten Unterrichts und eines guten Beispiels der einzige sei, auf welchem Verirrete in die Arme der Wahrheit und der Tugend zuruck gefuhrt werden konnen. Diesen Grundsatzen zu Folge versicherte er nicht nur beiden Teilen seinen koniglichen Schutz fur die ungekrankte Ausubung desjenigen Gottesdienstes, zu welchem sie sich in ihrem Gewissen verbunden hielten; sondern gewahrte auch einem jeden, welcher itzt oder kunftig von der besten Art das hochste Wesen zu verehren andere Begriffe hegen wurde, als diejenigen welche bisher in Scheschian geherrschet hatten, aus gleichem Grunde vollige Freiheit, hierin seinem Gewissen zu folgen: indem er sich ein- fur allemal erklarte, dass alle Meinungen, welche mit der Ruhe des Staats und mit den guten Sitten nicht unvertraglich waren, sich seines Schutzes auf gleiche Weise zu erfreuen haben sollten.

Von dieser allgemeinen Duldung waren diejenigen allein ausgenommen, welche unglucklich genug sein sollten, sich verbunden zu glauben, die Duldung, welche sie fur sich selbst verlangten, niemandem, der anders dachte als sie, angedeihen zu lassen. 'Solche allein', sagt Tifan, 'sprechen sich ihr Urteil selbst: indem sie ihre storrige Unvertraglichkeit offentlich zu Tage legen, beweisen sie auf die unleugbarste Weise ihre ganzliche Unfahigkeit zum geselligen Leben. Ferne sei es gleichwohl von uns, sie, die durch eine solche Denkungsart schon elend genug sind, mit einiger Strafe an Vermogen, Ehre, oder Freiheit deswegen zu belegen! Aber dass wir sie fur Glieder unsers gemeinen Wesens erkennen, dies konnen sie ohne offenbare Unbilligkeit nicht erwarten. Sie mogen, so viel ihrer sind, ohne einige Bedruckung von uns und unsern Untertanen, mit Hab und Gut aus unsern Grenzen ziehen, und sich Wohnungen suchen wo sie wollen. Aber in Scheschian kann und soll niemand geduldet werden, der nicht bereit ist seinen Nebenmenschen und Mitburgern alles Gute zu erweisen, was er will dass sie ihm erweisen sollen.'" "Itimadulet", sagte Schach-Gebal, "die Verordnungen meines guten Bruders Tifan haben einen ganz eigenen Ton, der nicht der gewohnliche Kanzleiton ist; aber ich dachte, dass dies der gute Ton ist. Er begnugt sich nicht zu befehlen; er uberzeugt den Menschenverstand, dass seine Befehle gerecht und billig sind. Dies muss notwendig eine gute Wirkung tun."

"Tifans Verordnung tat eine sehr gute", versetzte Danischmend. "Sie bahnte ihm den Weg zu seinem grossen Vorhaben, und setzte die Gemuter unvermerkt in die Fassung, Neuerungen, zu welchen ein Teil der Scheschianer ohnehin schon gestimmt war, ohne Widerwillen anzusehen.

Bald darauf ging er weiter. Er hatte, seitdem er in Scheschian lebte, unter den Bonzen und sogar unter den Ya-faou selbst nicht wenige angetroffen, welche besser dachten als die ubrigen, und nicht ohne innerliche Beschamung sich als die niedrigen Werkzeuge betrachteten, wodurch Dummheit und Aberglauben in ihrem Vaterlande verewiget wurden. Es kostete ihm wenig Muhe, alle Priester von diesem Schlage in kurzer Zeit zu seinem Vorhaben zu gewinnen; und nachdem er sich einmal einer ziemlichen Anzahl derselben vollig versichert hatte, konnte er sie ohne Bedenken den Anfang machen lassen, dem Volke stufenweise Begriffe beizubringen, von welchen man mit der Zeit eine heilsame Umstimmung der Gemuter hoffen konnte. Aber auch hier ging er mit aller der Vorsicht zu Werke, womit man verfahren muss, wenn man eingewurzelte Vorurteile ohne gewaltsame Mittel ausrotten will. Eine Zeit lang begnugte man sich, durch Unterricht in denjenigen Wahrheiten, die zum Glauben des Daseins und der Vollkommenheiten des hochsten Wesens und seines Verhaltnisses gegen die Menschen leiten, und durch Verbindung dieser Wahrheiten mit einer gereinigten Sittenlehre, einen hohern Grad von Licht und Warme in die Seelen der Scheschianer zu bringen; und erst dann, da man gewahr wurde, dass sie uber die Ungereimtheit ihres bisherigen Gotzendienstes selbst betroffen zu sein anfingen, erleichterte man ihrer noch ungeubten Vernunft die Arbeit, und bewies ihnen geradezu, dass sie bisher irre gefuhrt worden seien. Dieses konnte nun freilich ohne einige Bewegungen nicht geschehen. So unbegreiflich es einem jeden scheinen muss, der die Macht der Vorurteile nicht genugsam erwogen hat, so ist doch gewiss dass die beiden Affen noch immer Anhanger behielten, welche fur ihre Erhaltung mit einem Eifer arbeiteten, der einer bessern Sache wurdig war. Aber Tifan begnugte sich sie zu beobachten, und ihrem Eifer, sobald er die Schranken der Massigung uberschreiten wollte, durch die gelindesten Mittel Einhalt zu tun; hingegen trug er kein Bedenken, sie mit gleicher Unparteilichkeit gegen alle Storungen ihrer Gegner zu schutzen: und anstatt dass dieses kluge Betragen den Fortgang der guten Sache gehemmt haben sollte, war es derselben vielmehr beforderlich; indem dadurch die Hindernisse unvermerkt aus dem Wege geraumt wurden, und, was bei einem andern Verfahren ein Werk des Zwanges oder einer schwarmerischen Hitze gewesen ware, nun das langsam reifende, aber desto vollkommnere und dauerhaftere Werk der Uberzeugung war.

Die Geschichtschreiber von Scheschian erwahnen bei dieser Gelegenheit eines geheimen Gottesdienstes, welchen Tifan, mit Hulfe der Priester seiner Partei, fur alle diejenigen, welche sich geneigt erklarten den Dienst der beiden Affen zu verlassen, angeordnet habe. Sie drucken sich aber so dunkel uber diese Sache aus, dass es unmoglich ist, etwas Genaues davon zu sagen. Alles was sich davon vermuten lasst, ist, dass dieser geheime Gottesdienst mit den Mysterien bei den Agyptern und Griechen viele Ahnlichkeit, und zum hauptsachlichen Gegenstand gehabt habe, diejenigen, welche in dieselben eingefuhrt wurden, teils durch symbolische Vorstellungen, teils durch deutlichen Unterricht, von der Eitelkeit des Gotzendienstes zu uberzeugen, und, vermittelst einer Art von feierlicher Verpflichtung auf die Grundwahrheiten der naturlichen Religion, zu besserer Erfullung ihrer menschlichen und burgerlichen Pflichten verbindlich zu machen. Insbesondere mussten die Eingeweihten eine allgemeine Sanftmut und Duldung der Irrenden, in Absicht alles andern aber, was sie bei diesen Mysterien gesehen und gehort hatten, so lange bis die Abgotterei aus Scheschian verschwunden sein wurde, ein unverletzliches Stillschweigen angeloben. Diese Veranstaltung (sagen die Geschichtschreiber) wirkte mehr als alles ubrige, die grosse Absicht des weisen Tifan zu befordern. Die Begierde, zu diesen Mysterien zugelassen zu werden, wurde nach und nach eine Leidenschaft bei den Scheschianern; und je mehr Schwierigkeiten ihnen dabei gemacht wurden, desto heftiger war das Verlangen, Anteil an einer Sache zu nehmen, die ihnen, durch die geheimnisvolle und feierliche Art womit sie behandelt wurde, von unendlicher Wichtigkeit zu sein schien. In der Tat musste Tifan, indem er daran arbeitete, den Scheschianern die sinnlichen Gegenstande ihres bisherigen vermeinten Gottesdienstes zu entziehen, etwas anderes, welches ihre Sinne und ihre Einbildungskraft gehorig zu ruhren geschickt war, an dessen Stelle setzen; und ich zweifle sehr, ob er in dieser Absicht auf ein zweckmassigeres und zugleich unschuldigeres Mittel hatte verfallen konnen. Vielleicht mochten seine Mysterien in der Folge diese letztere Eigenschaft verloren haben, wenn er nicht die Vorsicht gebraucht hatte, von dem Augenblick an, da der Dienst des hochsten Wesens in Scheschian der herrschende war, die Pflicht des Stillschweigens aufzuheben. Und glucklich war es fur dieses Reich gewesen, wofern er eben so viele Behutsamkeit in Bestimmung des Amtes der Priester gezeigt, und nicht durch eben dasjenige, wodurch er sie zu nutzlichen Burgern des Staates zu machen dachte, ihnen die gefahrliche Gelegenheit gegeben hatte, in der Folge sich unvermerkt zu Herren desselben zu machen."

"Ei, ei, ei!" sagte Schach-Gebal, den Kopf schuttelnd, "was hore ich! Wer hatte so etwas von einem Sultan wie Tifan vermutet!"

"In der Tat lasst sich nicht leugnen, dass ihn seine gewohnliche Klugheit in diesem Stuck ein wenig verlassen habe. Indessen kann gleichwohl zu seiner Entschuldigung dienen, dass es, in seinen Umstanden, schwer war, es besser zu machen; und, wenn auch dies nicht zureicht, welcher Gesetzgeber hat Weisheit genug gehabt, jeden moglichen Missbrauch seiner Anordnungen voraus zu sehen, und durch entgegen wirkende Mittel im Keime zu ersticken? Tifan hatte, aus erheblichen Grunden, den Bonzen die Muhe der offentlichen Erziehung der Jugend abgenommen, und glaubte verbunden zu sein, sie dafur durch ein anderes Amt zu entschadigen, welches sie bei gebuhrendem Ansehen erhalten, aber zugleich in die Notwendigkeit setzen wurde, gern oder nicht, das gemeine Beste zu befordern. Er bestellte sie also (wie ich neulich schon erwahnt zu haben glaube) zu offentlichen Lehrern des Buchs der Pflichten und Rechte. Er glaubte den Gesetzen den Charakter der Unverletzlichkeit nicht tiefer eindrucken zu konnen, als indem er den Unterricht in denselben zu einem wesentlichen Teile des Gottesdienstes machte; und die nachteiligen Folgen, die von dieser Einrichtung etwa zu besorgen sein mochten, glaubte er verhutet zu haben, indem er im Gesetzbuche selbst die Priester gemessenst anwies, sich aller willkurlichen Auslegungen, Ausdehnungen oder Einschrankungen, so wie aller spitzfundigen Fragen und Unterscheidungen, ganzlich zu enthalten, und sich bloss auf die buchstabliche Erklarung der Gesetze, auf eine ihrem Geiste gemasse praktische Anwendung derselben, und auf die Sorge einzuschranken, die Beweggrunde zu ihrer getreuen Erfullung dem Volke mit der ruhrendsten Beredsamkeit einzuscharfen. Kurz, nach seiner Vorschrift sollte das Gesetzbuch bloss der Text zum moralischen Unterrichte der Burger sein. Aber, da es schwer, wo nicht ganz untulich war, die Priester in eine physische Unmoglichkeit zu setzen, aus den ihnen vorgeschriebenen Grenzen heraus zu treten: so begab sich's (wiewohl sehr lange nach Tifans Zeiten), dass die Priester Mittel fanden, aus Lehrern des Gesetzes unvermerkt Ausleger, aus Auslegern Richter, und aus Richtern, zu grossem Nachteile der Scheschianer, zuletzt selbst Gesetzgeber zu werden; wie ich, wofern Ihre Hoheit an der Fortsetzung dieser Geschichte Gefallen tragen sollten, zu seiner Zeit umstandlich zu erzahlen die Ehre haben werde.

Indessen scheint Tifan alles dies, wenigstens einiger Massen, vorausgesehen, und daher die Notwendigkeit empfunden zu haben, alle Glieder eines Ordens, der einen so wichigen Einfluss in den Staat hatte, so viel nur immer moglich, zu rechtschaffenen Burgern zu bilden. Er wendete deswegen, nachdem er die Erblichkeit des Priesterstandes auf ewig aufgehoben hatte, eine ganz besondere Vorsorge auf die Erziehung der kunftigen Priester; und seinen unverbesserlichen Anstalten ist es ohne Zweifel zuzuschreiben, dass er selbst noch in seinem Alter das Vergnugen hatte, eine Zucht von Priestern aus seiner Schule hervor gehen zu sehen, dergleichen die Welt vor ihm und nach ihm nur selten gesehen hat. Wurdige Diener einer wohltatigen Gottheit, schienen sie keinen andern Wunsch zu kennen als Gutes zu tun. Die Wichtigkeit ihres Amtes erhob und veredelte ihren sittlichen Charakter, ohne sie aufzublahen; und das Beispiel ihres Lebens machte beinahe allen andern Unterricht uberflussig. Ihre Weisheit war bescheiden, sanft, herablassend; ihre Tugend unerkunstelt, ungefarbt und ohne hinterlistige Absichten, die Frucht der glucklichen Harmonie ihres Herzens mit ihrer Uberzeugung; sie leuchtete andern vor ohne Begierde gesehen zu werden, und hatte der Folie eines gleisnerischen Ernstes nicht vonnoten. Menschenliebe und patriotischer Geist waren die allgemeine Seele ihres ganzen Ordens. Jedes gemeinnutzige Unternehmen fand in ihnen seine eifrigsten Beforderer. Die sich selbst immer gleiche Heiterkeit ihres Geistes, die grossen und edeln Gesinnungen wovon sie belebt waren, die Gewohnheit sich in einem von allen Sorgen des Lebens befreiten Zustande bloss mit Betrachtung der Wahrheit und Ausubung der Tugend zu beschaftigen, die Leichtigkeit, womit sie jede Pflicht ausubten, und der sittliche Reiz, der sich dadurch uber ihr ganzes Leben ausbreitete, vereinigten sich, sie zu wurdigen Lehrern der Nation, zu wahren Weisen, zu Vorbildern einer unverfalschten Tugend, zu Schutzgottern der guten Sitten, und zu Gegenstanden der allgemeinen Verehrung zu machen." "Itimadulet", sagte Schach-Gebal, "schaffe mir solche Priester, und dann soll man sehen ob ich ein Feind ihres Ordens bin, wie boshafte Leute vorgeben! Du hast das Rezept, wie man sie machen kann; warum sollte in Indostan nicht moglich sein was in Scheschian moglich war?"

"Sire", versetzte Danischmend, "was ich im Begriffe bin zu sagen, wird Ihrer Hoheit einer von den paradoxesten Satzen scheinen, die vielleicht jemals von einem Philosophen behauptet worden sind; aber nichts desto weniger hat es seine vollige Richtigkeit damit. Sollten Ihre Hoheit wohl glauben, dass eben dieser vortreffliche Charakter der scheschianischen Priesterschaft in der Folge eine der wirksamsten Ursachen des Untergangs der Gesetzgebung Tifans wurde, und durch eine lange Reihe von Mittelursachen zuletzt den Untergang des ganzen Reichs beforderte?"

"Und wie kann dies zugegangen sein, Herr Danischmend?"

"Auf die naturlichste Weise von der Welt. Priester, die so weise, so rechtschaffen, so liebenswurdig waren, als diejenigen, welche Tifans Veranstaltungen hervorbrachten, mussten durch eine unfehlbare Notwendigkeit nach und nach zu einer Stufe von Ansehen gelangen, welche sie unvermerkt zu Meistern aller Herzen machte. Man beeiferte sich um ihre Freundschaft, man suchte ihren Umgang, man erbat sich ihren Rat, man unternahm endlich weder Grosses noch Kleines ohne einen Priester beizuziehen. Sie wurden die Schiedsrichter aller Zwistigkeiten, die Ratgeber der Grossen, und einige von ihnen stiegen durch den Ruf ihrer Tugend und ihrer Talente sogar zu den hochsten Wurden des Reiches. Ich denke dies ist genug gesagt, das Ratsel aufloslich zu machen. Man weiss nun wie es weiter ging. Die Priester von Scheschian waren Menschen was wollen wir mehr?"

"Verzweifelt!" rief Schach-Gebal, indem er eine gewisse Miene von komischem Unwillen annahm, welche Seiner Hoheit nicht ubel zu lassen pflegte: "man ist doch wirklich ubel mit diesen Herren dran! Sind sie schlimm, so sind sie es insgemein in einem so hohen Grade, dass man nicht weiss, wie man ihnen genug wehren soll; sind sie gut, so werden sie dem Staate durch ihre Tugenden gefahrlich! In der Tat, ich wollte zu Gott aber was hilft wunschen? Unentbehrlich sind sie nun einmal! Denn, unter uns, Danischmend, ich habe mir schon mehr als Eine Nacht in meinem Leben mit Nachdenken verdorben, wie es anzufangen ware, damit man sich fur ihre ferneren Dienste ein- fur allemal bedanken konnte: aber ich bin uberzeugt dass nicht weiter daran zu denken ist; man kann ihrer eben so wenig entubriget sein, als" hier hielt der Sultan ein, und setzte nach einer langen Pause nichts weiter hinzu.

"Ihre Hoheit wollen sagen, als aller andern Stande, von den Sultanen und ihren Visiren an bis zu den Wassertragern und Holzhackern. Aber welche Klasse von Menschen kann lange das bleiben was sie sein sollte? Die Priester von Scheschian waren nicht die einzigen im Staate, welche nach und nach ausarteten; und nimmermehr wurden sie ihm so verderblich geworden sein, wenn die ubrigen Klassen ihrem Charakter und ihren Pflichten treu geblieben waren. Indessen ist zur Ehre des Priesterstandes und der Gesetzgebung Tifans genug, dass sie mehr als hundert Jahre nach seinem Tode noch immer die besten unter allen Scheschianern, und uberhaupt (wenn man das Landvolk ausnimmt) die letzten waren, die dem Hange zur Verderbnis nachgaben, der sich unter den Nachfolgern Tifans allmahlich des Hofes, der Hauptstadt, und endlich der ganzen Nation bemachtigte.

Die Verbesserung, welche Tifan in der Religion seines Reiches so glucklich zu Stande brachte, war ohne Zweifel der wichtigste Dienst, den er seinen Untertanen leisten konnte. Er stellte dadurch eine friedsame Eintracht zwischen Religion und Staat, zwischen den Pflichten der ersten und dem Interesse des andern, zwischen Glauben, Vernunft und Sitten her; eine Eintracht, welche die Quelle von unendlich vielem Guten, und dadurch allein schon ein unschatzbares Gut war, weil sie alles das Bose verschwinden machte, was der Mangel einer solchen Harmonie in den meisten Staaten zu verursachen pflegt. Man muss auch gestehen, dass die Klugheit, womit er in dieser Sache zu Werke ging, die Aufmerksamkeit aller Fursten verdient, welche sich in einem ahnlichen Falle befinden konnten. Indessen wurde er dennoch seinen Zweck entweder gar nicht oder nur sehr unvollkommen erreicht haben, wenn er nicht, durch eine der merkwurdigsten Verordnungen seines Gesetzbuches, alle darin nicht gebilligte Klassen und Gemeinheiten, unter welchen die Ya-faou die ersten waren, ganzlich aufgehoben hatte.

So viel sich aus einigen Umstanden abnehmen lasst, musste eine ausfuhrliche Erzahlung, wie er dieses bewerkstelligte, etwas sehr Unterhaltendes sein; aber unglucklicher Weise findet sich hier in den Handschriften eine Lucke"

"Schon wieder eine Lucke!" rief Schach-Gebal ungeduldig, "und immer eine Lucke, wo mir am meisten daran gelegen ist, die Sachen recht zu wissen! Ich erklare hiermit, dass ich dieser Lucken ausserst uberdrussig bin, und mit Einem Worte, Freund Danischmend, ich will nichts dabei verlieren, verstehst du mich? Wenn eine Lucke in deinen Handschriften ist, so magst du sie erganzen wie du kannst; kurz ich will binnen drei Tagen den ganzen Entwurf, wie Tifan in dieser Sache zu Werke gegangen, auf meinem Tische liegen haben, oder ich wasche meine Hande uber die Folgen die daraus entstehen mogen!"

Der Itimadulet versprach, indem er seine Hand auf seinen Kopf legte, dem Willen seines gebietenden Herrn Genuge zu tun; und er entwarf zu diesem Ende einen weitlaufigen Plan, woruber der Sultan, da er ihn durchblatterte und die Anzahl der Blatter zahlte, ein grosses Behagen ausserte. Gleichwohl ist zweifelhaft, ob Seine Hoheit diesen Plan jemals zu lesen Zeit gewinnen konnte. So viel ist gewiss, dass der Derwisch Zikzak, der dem weisen Danischmend in der Wurde eines Itimadulet folgte, diesen namlichen Plan unter den Papieren, welche der Sultan von Zeit zu Zeit von seinem Tische wegraumen liess, unversehrt und in vergoldetes Leder eingebunden liegen fand, und dass von diesem Augenblick an weiter nichts davon gehort worden ist.

15.

In einigen der folgenden Nachte unterhielt Danischmend den Sultan seinen Herrn mit einer ziemlich umstandlichen Erzahlung, wie Tifan die offentliche Erziehung eingerichtet habe. Dieser Gegenstand, der wichtigste in den Augen des scheschianischen Lykurgus, machte einen betrachtlichen Teil seines Gesetzbuches aus. In den Tagen, worin die gegenwartige Geschichte ans Licht tritt, ist uber diese Sache so viel geschrieben worden, dass es unmoglich scheint etwas Neues davon zu sagen; und beinahe sollte man Bedenken tragen, irgend etwas davon zu sagen, da nicht ohne Grund zu besorgen ist, das mit Schriften von der Erziehungskunst uberfullte Publikum mochte sich zuletzt des Ekels, der eine naturliche Folge der Uberladung ist, nicht langer erwehren konnen, und gar nichts mehr davon horen wollen; welches denn ein sehr einfaches Mittel ware, die Fruchte aller der grossen Bemuhungen, die bisher auf die Verbesserung dieses wichtigen Teils der Staatsokonomie verwendet worden, in der Blute zu ersticken. Aus dieser Betrachtung sowohl, als weil wirklich alles Gute, was sich von dieser Materie uberhaupt sagen lasst, unsern Lesern schon aus andern Quellen bekannt sein muss, glauben wir sie uns verbindlich zu machen, wenn wir die weitlaufigen Nachrichten des schwatzhaften Danischmend so kurz als nur immer moglich sein wird zusammen ziehen.

"'Ein Staat', sagt Tifan im Eingange des Kapitels von der Erziehung, 'konnte mit den besten Gesetzen, mit der besten Religion, bei dem bluhendsten Zustande der Wissenschaften und der Kunste, dennoch sehr ubel bestellt sein, wenn der Gesetzgeber die Unweisheit begangen hatte, einen einzigen Punkt zu ubersehen, auf welchen in jedem gemeinen Wesen alles ankommt, die Erziehung der Jugend. Die vortrefflichste Einrichtung des Justizwesens macht einen Sachwalter nicht gewissenhaft, einen Richter nicht unbestechlich; die beste Religion kann nicht verhindern, von unwurdigen Dienern zum Deckmantel der hasslichsten Laster gemacht, und zur Beforderung der schadlichsten Absichten gemissbraucht zu werden; die herrlichsten Polizeigesetze konnen wenig Wirkung tun, wenn Vaterlandsliebe, Liebe zur Ordnung, Massigung, Redlichkeit und Aufrichtigkeit, den Burgern fremde Tugenden sind; und die weiseste Staatsverfassung kann dem Monarchen nicht verwehren, durch einen unruhigen Geist, oder durch Tragheit und Schwache der Seele, oder irgend eine ausschweifende Leidenschaft, seine Volker unglucklich zu machen. Alles hangt davon ab, dass ein jeder zu den Tugenden seines Standes und Berufs gebildet werde; und wann soll, wann kann diese Bildung vorgenommen werden, wofern es nicht in dem Alter geschieht, wo die Seele, jedem Eindruck offen und zwischen Tugend und Laster unschlussig in der Mitte schwebend, sich eben so leicht mit edeln Gesinnungen erfullt, an richtige Grundsatze gewohnt, in tugendhaften Fertigkeiten bestarkt als, dem Mechanismus der sinnlichen Triebe, dem Feuer der Leidenschaften und der Ansteckung verfuhrerischer Beispiele uberlassen, die ungluckliche Fertigkeit der Torheit und des Lasters annimmt? Der Wohlstand eines Staates, die Gluckseligkeit einer Nation hangt schlechterdings von der Gute der Sitten ab. Gesetzgebung, Religion, Polizei, Wissenschaften, Kunste, konnen zwar zu Beforderungsmitteln und Schutzwehren der Sitten gemacht werden: aber sind erst die Sitten verdorben, so horen auch jene auf wohltatig zu sein; der Strom der Verderbnis reisst diese Schutzwehren ein, entkraftet die Gesetze, verunstaltet die Religion, hemmt den Fortgang jeder nutzlichen Wissenschaft, und wurdiget die Kunste zu Sklavinnen der Torheit und Uppigkeit herab. Die Erziehung allein ist die wahre Schopferin der Sitten; durch sie muss das Gefuhl des Schonen, die Gewohnheit der Ordnung, der Geschmack der Tugend, durch sie muss vaterlandischer Geist, edler Nationalstolz,45 Verachtung der Weichlichkeit und alles Geschminkten, Gekunstelten und Kleinfugigen, Liebe der Einfalt und des Naturlichen, mit jeder andern menschenfreundlichen, geselligen und burgerlichen Tugend, von den Herzen der Burger Besitz nehmen; durch sie mussen die Manner zu Mannern, die Weiber zu Weibern, jede besondere Klasse des Staats zu dem was sie sein soll, gebildet werden. Die Erziehung horet es, o ihr, die nach Tifan auf seinem Throne sitzen werden! sie ist die erste, die wichtigste, die wesentlichste Angelegenheit des Staats, die wurdigste, die angelegenste Sorge des Fursten! Alles ubrige wird ein Spiel, wenn die offentliche Erziehung die moglichste Stufe ihrer Vollkommenheit erreicht hat. Die Gesetze gehen alsdann von selbst; die Religion, in ihrer Majestat voll Einfalt, bleibt was sie ewig bleiben sollte, die Seele der Tugend und der feste Ruhepunkt des Gemutes; die Wissenschaften werden zu unerschopflichen Quellen wahrer Vorteile fur das gemeine Wesen; die Kunste verschonern das Leben, veredeln die Empfindung, werden zu Aufmunterungsmitteln der Tugend. Jede Klasse von Burgern bleibt ihrer Bestimmung treu; allgemeine Emsigkeit, von Massigkeit und guter Haushaltung unterstutzt, verschafft einem unzahlbaren Volke Sicherheit vor Mangel und Zufriedenheit mit seinem Zustande. Von dem Augenblick an, da ihr die Veranstaltungen, von deren vollkommenster Einrichtung und ofterer Wiederbelebung so grosse Vorteile abhangen, vernachlassiget, werden unvermerkt alle ubrige Rader des Staats in Unordnung geraten; der Verfall der Erziehung wird die Ausartung der Sitten, und diese, wofern ihr nicht weise genug sein werdet die Quelle des Ubels in Zeiten zu entdecken und zu verstopfen, unfehlbar den Verfall des Staats nach sich zu ziehen.'

Nach Tifans Begriffen war es also bei der Erziehung viel weniger darum zu tun, den kunftigen Burgern gewisse Kenntnisse und Geschicklichkeiten beizubringen wiewohl auch dieser Teil, nach Massgebung der kunftigen Bestimmung eines jeden, keinesweges verabsaumt wurde als, jede besondere Klasse zu den Tugenden ihres kunftigen Standes, und uberhaupt Alle zu jeder Tugend des gesellschaftlichen und politischen Lebens zu bilden. Auf diesen grossen Zweck war der ganze Erziehungsplan angelegt. Alles in demselben war praktisch: die Schule machte nicht, wie in den meisten ubrigen Staaten, ein besonderes fur sich bestehendes Institut aus, welches mit dem gemeinen Wesen nur durch einzelne schwache Faden zusammen hangt; alles bezog sich in den scheschianischen Schulen auf den kunftigen Gebrauch, und die Jugend wurde nichts gelehrt, was sie ohne Schaden wieder vergessen konnte.

Tifan verordnete, dass in dem ganzen scheschianischen Reiche die Knaben offentlich, die Tochter hingegen, deren Bestimmung ordentlicher Weise in den engern Zirkel des hauslichen Lebens eingeschrankt ist, absonderlich von ihren Muttern oder nachsten Verwandten erzogen werden sollten. Unter jenen waren nur die Sohne des Konigs, und unter diesen allein diejenigen, welche in besonderem Verstande die Pflegetochter der Konigin genannt wurden, von der allgemeinen Regel ausgenommen. Denn diese letztern wurden, eben so wie die Knaben, in besonders dazu eingerichteten Erziehungshausern, unter eigener oberster Aufsicht der Konigin, zu der einfaltigen, arbeitsamen und schuldlosen Lebensart, die ihrer Bestimmung angemessen war, und zu allen Tugenden, ohne welche es unmoglich ist eine rechtschaffene Ehegattin und eine gute Mutter zu sein, auferzogen. Alles was man gemeiniglich gegen dergleichen Anstalten einzuwenden pflegt, fand bei diesen nicht Statt; sie waren so vorsichtig und in allen Betrachtungen so zweckmassig eingerichtet, dass (den Fall einer allgemeinen Verderbnis der Sitten in Scheschian ausgenommen) eine merkliche Verschlimmerung derselben unmoglich war.

Die Hauptquelle der Gebrechen solcher offentlichen Anstalten liegt darin, dass man so wenig als moglich darauf verwenden will. Die Leute, die dabei gebraucht werden, sind oft selbst rohe und mit den Eigenschaften zu einem so edeln Beruf gar nicht begabte Leute. Sie haben so wenig, Anspruch an einige Achtung der Welt zu machen, dass es kein Wunder ist, wenn sie meistens schlecht denkende Geschopfe sind; und sie werden so armselig belohnt, dass es noch weniger zu verwundern ist, wenn Leute ohne Grundsatze und Tugend ihren eigenen Zustand auf Unkosten ihrer Untergebenen zu verbessern suchen; welches denn, da diesen letztern ohnehin alle ihre Bedurfnisse so sparsam als moglich zugemessen werden, nicht geschehen kann, ohne sie an dem Unentbehrlichen Mangel leiden zu lassen. Tifans Veranstaltungen fur die Erziehung armer Kinder von beiderlei Geschlecht verdienten den Namen koniglicher Anstalten im eigentlichen Verstande. Nichts, was zu ihrer Vollkommenheit gehorte, war dabei gespart. Die dazu gewidmeten Hauser waren weitlaufige wohl eingeteilte Gebaude, von gesunder Lage, mit Garten und Spaziergangen versehen. Jedes derselben hatte seinen eigenen Arzt, der zugleich der oberste Aufseher der ganzen Anstalt, und ein Mann von gepruftem Werte war. Die Nahrung der Kinder war gesund, zureichend, und wohl zubereitet; ihre Kleidung einfach aber zierlich; und fur ihre Gesundheit und Reinlichkeit wurde, wiewohl sie nur die Kinder von Tagelohnern und armen Leuten waren, eben so viele Sorge getragen, als ob sie von dem besten Adel in Scheschian gewesen waren; 'denn Reinlichkeit', sagte der weise Tifan, 'ist eine notwendige Bedingung der Gesundheit, und ohne Gesundheit ist ein Mensch sich selbst und der Welt zu nichts gut.'

Mir deucht, Tifan zeigte sich in allem diesem als ein wahrer Vater seines Volkes; und den Fursten, welche bei Anstalten von dieser Art weniger Aufmerksamkeit auf die Einrichtung derselben wenden als er, wollte ich demutig raten, sie lieber gar eingehen zu lassen.46

Ausser diesem ordnete Tifan fur jede wichtigere Klasse der Burger eine besondere Erziehung an. Die Kinder der Landleute hatten, seiner Meinung nach, keiner kunstlichen Bildung vonnoten. Die Natur tut bei ihnen das beste. Die Verderbnis der Sitten in einem Staate ruhrt niemals von ihnen her. Alle Tugenden, deren sie vonnoten haben, sind gewisser Massen die naturlichen Fruchte ihrer Lebensart; und wenn sie nicht durch Harte und Unterdruckung boshaft gemacht, oder durch das bose Beispiel der Stadte angesteckt werden, sind sie mit den einfaltigen aber gesunden Begriffen und Gesinnungen, die sie der Natur und dem Menschenverstand allein zu danken haben, die unschuldigsten Leute von der Welt. Ihre Unwissenheit selbst ist fur sie ein Gut, weil sie eine notwendige Bedingung der Tugenden ihres Standes und ihrer Zufriedenheit mit demselben ist. Entwickelte Begriffe, verfeinerte Empfindungen, physische und mechanische Kenntnisse, oder eine gelehrte Theorie der Landwirtschaft, sind entweder gar nicht fur sie gemacht, oder wurden ihnen doch wenig nutzen. Der junge Bauer kann die Regeln des Feldbaues und der landlichen Wirtschaft von seinem Vater und Grossvater besser lernen als von dem gelehrtesten Naturforscher; und ihm diese Regeln auf eine wissenschaftliche Art beizubringen, ware weniger weise gehandelt, als wenn man ihn die Redekunst und die Logik lehren wollte, damit er sich ausdrucken und Schlusse machen lerne. Diesen Begriffen zu Folge schrankte Tifan den Schulunterricht, der sich fur das Landvolk schickt, auf die Kunst zu lesen, zu schreiben und zu rechnen, auf die einfachsten Begriffe und Maximen der Religion und Sittlichkeit, und auf die Erklarung eines sehr vortrefflichen Kalenders ein, den er durch die Akademie der Wissenschaften fur sie machen liess. Alles ubrige was zu tun war, um die Landleute von ihrem Verhaltnis gegen den Staat, von ihren Gerechtsamen, und von ihren burgerlichen sowohl als hauslichen Pflichten zu belehren, war dem Priester ubertragen, mit welchem Tifan jedes Dorf versah. Dieser Priester stellte zugleich die erste obrigkeitliche Person des Dorfes vor, und war durch eine sehr genau bestimmte Vorschrift angewiesen, wie er sein zweifaches Amt zu verwalten habe.

Was hingegen die Bewohner der Stadte betrifft, welche durch ihre Lebensart und Bestimmung viel weiter als das Landvolk von dem ursprunglichen Stande der Natur entfernt werden, von diesen urteilte Tifan, dass sie uberhaupt einen hohern Grad der Aufklarung, mehr Entwickelung, Verfeinerung und Polierung vonnoten hatten. 'Je grosser die Anzahl der Menschen ist' (spricht er), 'die in einerlei Ringmauern beisammen leben; je starker die innerliche Garung und der Zusammenstoss ist, welche aus der Verschiedenheit ihrer Neigungen, Leidenschaften, Absichten und Vorteile entspringen mussen; je schwerer es ist, mitten unter so vielerlei Dissonanzen die zum Wohl des Ganzen notige Harmonie zu erhalten; je leichter jede Art von Verderbnis sich unter sie einschleicht, und je schneller sie durch die sittliche Ansteckung fortgepflanzt und bosartig gemacht wird: desto augenscheinlicher ist die Notwendigkeit, die Erziehung in den Stadten zu einem politischen Institut zu machen, und alles darin auf den grossen Zweck zu richten, die stadtische Jugend aufs sorgfaltigste zu geselligen Menschen und zu guten Burgern zu bilden.' Aus diesem Grunde machte der Unterricht in der Sittenlehre, und in der Verfassung, den Gesetzen und der Geschichte von Scheschian, den wesentlichsten Teil derjenigen Erziehung aus, welche allen jungen Burgern gemein war: und obgleich die Art des Vortrags und die Grade der Ausfuhrlichkeit des Unterrichts dem Unterschied der Stande und der kunftigen Bestimmung angemessen waren; so wurde doch selbst bei der Jugend von den untern Klassen auf keinen geringern Zweck gearbeitet, als sie zu eifrigen Liebhabern eines Vaterlandes, dessen gegenwartiger Zustand sich dem Ideal der offentlichen Gluckseligkeit naherte zu gehorsamen Befolgern einer Gesetzgebung, deren Weisheit ihrem Verstand einleuchtete und zu willigen Beforderern des gemeinen Besten, mit welchem sie ihr eigenes unzertrennlich verbunden sahen, zu machen.

Ausserdem hielt Tifan fur notig und anstandig, dass alle Burger, zu welcher Klasse sie gehoren mochten, in ihrer Muttersprache unterrichtet, und gelehrt wurden, einige der besten Nationalschriftsteller, die er zu diesem Ende fur klassisch erklarte, mit Verstand und Geschmack zu lesen. Er urteilte mit sehr gutem Fuge, dass ein Volk, welches berechtiget sein wolle, sich fur besser als Samojeden und Kamtschadalen anzusehen, seine eigene Nationalsprache richtig und zierlich zu reden gelernt haben musse; und da die jungen Scheschianer das Gluck hatten, keine fremde Sprache erlernen zu mussen, so war es um so viel leichter, von ihrer eigenen in einem Grade Meister zu werden, dessen sich, bei andern Volkern, sogar unter den Gelehrten nur die wenigsten ruhmen konnen.

Noch ein andrer Umstand, der die Schulen von Tifans Einsetzung auszeichnet, war, dass dieser Gesetzgeber den Unterricht und die Ubung in der Hoflichkeit zu einem wesentlichen Teile der offentlichen Erziehung machte. Er sah die Hoflichkeit fur eine Vormauer der offentlichen Ruhe, fur den starksten Damm gegen alle Arten von Beleidungen und gewalttatigen Ausbruchen der Leidenschaften, und also fur das sicherste Mittel an, der Obrigkeit die unangenehme Muhe und dem Staate den schadlichen Einfluss haufiger Bestrafungen zu ersparen; und man muss gestehen, unter einem sehr zahlreichen Volke scheint sie, besonders fur die geringern Klassen, eine der notwendigsten politischen Tugenden zu sein. In dieser Rucksicht verfasste Tifan ein besonderes Ceremonial fur alle Stande, Klassen, Geschlechter, Alter, Verhaltnisse und Vorfallenheiten, an welches die Scheschianer so mechanisch und punktlich angewohnt wurden, dass es ihnen endlich zur andern Natur ward. Vielleicht haben die Sineser, welche dieses Institut von jenen borgten, die Sache, nach Art aller Nachahmer, zu weit getrieben; aber die grossen Vorteile, die ihrer Polizei davon zugehen, konnen uns begreiflich machen, wie schon und nutzlich dieser Teil von Tifans Gesetzgebung in seiner ursprunglichen Beschaffenheit gewesen sein musse.

Vermoge eines zur Grundverfassung von Scheschian gehorigen Gesetzes blieben die Kinder ordentlicher Weise in der Hauptklasse ihres Vaters. Diese Hauptklassen waren auf sieben festgesetzt. Sie bestanden aus dem Adel oder den Nairen, den Gelehrten, den Kunstlern, den Kaufleuten, den Handwerkern, dem Landvolke, und den Tagelohnern; und jede der sechs erstern teilte sich wieder in verschiedne besondere: die letzte aber, welche Tifan als die vornehmste Werkstatte der Bevolkerung ansah, und deren Kinder, als dem Staate vorzuglich angehorig (wie schon gemeldet worden), auf offentliche Unkosten erzogen wurden, waren auf gewisse Weise von besagtem Gesetz ausgenommen. Der Adel, der sich wieder in den hohern und niedern teilte, konnte von dem Konige niemanden mitgeteilt werden. Wenn ein adeliches Geschlecht erlosch, so versammelten sich die Haupter aller ubrigen, und erwahlten aus der zweiten oder dritten Klasse den Mann, der sich durch die grossten Verdienste und den edelsten Charakter der Ehre, in ihren Orden aufgenommen zu werden, am wurdigsten gezeigt hatte. Dieser ging dann sofort in die Klasse der Edeln uber, und fullte die Lucke durch ein neues Geschlecht aus, welches, von dem Augenblicke seiner Aufnahme an, alle Rechte des Adels eben so vollstandig genoss, als ob es so alt als die Welt gewesen ware. Hingegen hatte der Konig das Recht, an den Platz jedes erloschenen Stammes aus dem hohern Adel denjenigen aus dem niedern, den er fur den Wurdigsten achtete, eigenmachtig auszuwahlen. Die Kinder aus den vier folgenden Hauptklassen waren nur in dem Falle einer erweislichen Untuchtigkeit zu den Bestimmungen ihrer Klasse, oder einer entschiedenen Neigung und Tuchtigkeit zu den Geschaften einer andern, von dem Gesetze losgezahlt; und aus der sechsten Klasse war es, ohne ausdruckliche konigliche Erlaubnis (welche im Gesetz auf besondere Falle eingeschrankt war) gar nicht erlaubt, in die zweite, dritte oder vierte uberzugehen. Und auf gleiche Weise waren auch die Heiraten aus einer Hauptklasse in die andere durch ein Grundgesetz, von welchem der Konig nur selten befreien konnte, untersagt.

Da nun solcher Gestalt die Stande in diesem Reiche gehorig abgesondert waren welches Tifan fur unumganglich notig hielt, wenn jeder den ihm eigentumlichen Charakter unvermischt beibehalten sollte: so war eine notwendige Folge hiervon, dass auch jede Klasse ihre eigene Erziehung bekommen musste.

Die Sohne aus der dritten, vierten und funften erhielten die ihrige teils in dem vaterlichen Hause, teils in den fur sie angeordneten offentlichen Schulen, teils bei den Meistern ihrer Profession, bei welchen sie sich ausserhalb ihres Geburtsortes, sechs Jahre lang (vom sechzehnten an gerechnet) in derselben uben mussten. Fur die Kaufleute, Kunstler und feinern Handarbeiter war uberdies in allen grossern Stadten des Reichs eine Art von Akademie angelegt, wo jeder die Theorie seiner Kunst, mit der wirklichen Ausubung verbunden, in moglichster Vollkommenheit und unter Anfuhrung der erfahrensten Meister, zu erlernen Gelegenheit hatte. Aber die Besuchung dieser Akademie war vom Gesetze nur denjenigen als eine Schuldigkeit auferlegt, welche sich in einer von den Hauptstadten des Reichs niederlassen wollten.

Die Klasse der Gelehrten, oder, wie sie der sinesische Ubersetzer nennt, der Mandarinen, begriff wieder sechs besondere Ordnungen unter sich: die Akademisten, die Priester, die Schullehrer, die Arzte, die Richter, Polizeiaufseher und andre obrigkeitliche Personen, und die Sachwalter. Die Ordnung, in welcher sie hier genannt werden, bestimmte in Scheschian ihren Rang. Diese samtlichen Abteilungen genossen vom zehnten bis zum sechzehnten Jahre einer gemeinschaftlichen offentlichen Erziehung in besonders dazu gestifteten Hausern, deren ausserliche Einrichtung von denjenigen, worin die Pflegekinder des Konigs und der Konigin erzogen wurden, wenig unterschieden war. Jedes derselben hatte einen Akademisten, einen Priester und einen Arzt zu Oberaufsehern. Eine der vornehmsten Obliegenheiten dieser Aufseher war, die Gemutsart, den Genie und das Mass der Fahigkeiten der jungen Leute aufs genaueste zu erforschen. Ihre Wahrnehmungen daruber mussten sie, mit eben so vieler Genauigkeit, als ob es atmospharische oder astronomische Beobachtungen gewesen waren, von Tag zu Tag aufzeichnen, und daraus, zu Ende der beiden letzten Jahre, einen mit verschiedenen Probestucken begleiteten Bericht an den Statthalter der Provinz einsenden. Dieser setzte eine Kommission von sechs Akademisten zu Untersuchung derselben nieder; und nach dem Gutachten der letztern wurde jeder Jungling in diejenige unter den sechs vorbenannten Ordnungen, zu welcher ihn Neigung und Fahigkeit vorzuglich bestimmten, und zugleich in diejenige hohere Schule versetzt, worin die besondere Ordnung, in welche er nun gehorte, zu ihrem kunftigen Amte ausgebildet und vollkommen gemacht wurde.

In der Auswahl der kunftigen Priester wurde vornehmlich auf diejenige gluckliche Mischung des Temperaments gesehen, welche ihrem Besitzer eine vorzugliche Anlage zu Weisheit und Tugend gibt. Alle sehr feurige, unruhige, ruhmbegierige und unternehmende Geister, alle junge Leute von ausserordentlich lebhafter Empfindung und Einbildungskraft wurden von einem Stande ausgeschlossen, dessen wesentlichste Pflicht war, dem Volke mit dem Beispiel untadeliger Sitten vorzuleuchten, und die Religion durch ihren Wandel ehrwurdig zu machen. Auf diesen Hauptzweck war ihre ganze Erziehung eingerichtet. Von den Wissenschaften, welche nicht unmittelbar weiser und besser machen, wurde ihnen nur so viel beigebracht, als vonnoten war, um keine Verachter derselben zu sein. Hingegen wurde auf die Bildung ihres Geschmacks besondere Aufmerksamkeit gewendet; denn Tifan behauptete, dass ein feines und gelehrtes Gefuhl des Schonen und Guten ein wesentliches Stuck der Weisheit sei. Die Religion, zu deren besonderem Dienste sie in diesen Schulen vorbereitet wurden, war nicht mehr der alte armselige Affendienst der Scheschianer: es war diejenige, welche Dschengis ehmals dem jungen Tifan eingeflosst, und dieser zur Grundfeste seiner ganzen Gesetzgebung gemacht hatte. Da sie durchaus praktisch war, da alles Grubeln uber die Natur des hochsten Wesens durch ein ausdruckliches Strafgesetz untersagt war: so machte sie auf einer Seite bloss ein politisches Institut, und auf der andern eine Angelegenheit des Herzens aus; oder, mit andern Worten, es war bloss darum zu tun, durch sie ein besserer Burger, und ein glucklicherer Mensch zu werden, als man ohne sie hatte sein konnen. Aus diesen Gesichtspunkten allein lehrte man die jungen Priester die Religion von Scheschian betrachten; und aus eben diesem Grunde machte die Moralphilosophie und das Studium der Gesetze die Hauptbeschaftigung ihrer Vorbereitungszeit aus.

Gleich sorgfaltig wurden auch die Schullehrer in besondern fur sie angeordneten Pflanzschulen zu ihrer kunftigen Bestimmung zubereitet. Diejenigen, welche zu diesem Stande ausgewahlt wurden, mussten Beweise der grossten Fahigkeiten, eines scharfen Beobachtungsgeistes, einer grossen Geschmeidigkeit der Seele, und eines edeln Herzens gegeben haben. Tifan glaubte, dass man nur den vortrefflichsten Mannern der Nation die Sorge fur den kostbarsten Schatz derselben anvertrauen konne. Aber eben darum machten sie auch eine der angesehensten Klassen aus, wurden nachst den Akademisten und Priestern als die vornehmsten Staatsbedienten betrachtet, waren fur ihre Arbeit reichlich belohnt, und genossen, wenn sie dem Staate funfundzwanzig Jahre lang gedient hatten, fur ihr ubriges Leben einer zwar nicht ganz unbeschaftigten, aber doch ruhigen und mit grossem Ansehen verknupften Unabhangigkeit. Diejenigen, welche man einem so wichtigen Stande widmete, wurden, von ihrem sechzehnten Jahr an, zehn Jahre lang in allen Wissenschaften, die zu einer vollstandigen Kenntnis des Menschen gehoren, und in allen nur moglichen Fertigkeiten, wodurch sie zu ihrem Amte geschickter gemacht werden konnten, geubt. Sie waren uberhaupt in zwei Ordnungen abgeteilt, in die Lehrer der niedern und in die Lehrer der hohern Schulen; und fur jede Ordnung waren in jeder Provinz besondere Vorbereitungsanstalten.

Da Tifan sich eine so grosse Angelegenheit daraus machte, jeder wichtigern Klasse von Burgern, und besonders denjenigen, welche zur Verwaltung ihres Amtes einen gelehrten Unterricht in den Wissenschaften oder in den Gesetzen von Scheschian vonnoten hatten, ihre eigene Erziehung zu geben: so stellt man sich leicht vor, dass er fur die Erziehung des jungen Adels nicht weniger Sorge getragen haben werde. Die Adelichen in Scheschian besassen nicht nur den grossten Teil der Landereien eigentumlich, wiewohl ohne Gerichtsbarkeit: sondern ihre ehmals sehr ubertriebenen, unter Azorn und Isfandiarn aber nach und nach unendlich verminderten Vorzuge waren durch Tifans Gesetzgebung wieder zu einem solchen Glanze hergestellt worden, dass sie nun, sowohl durch ihren Reichtum als durch ihre Vorrechte, die ansehnlichste Kaste im Staate ausmachten. Ausser dem wesentlichen Anteil, der ihnen an der Garantie der Gesetze und Nationalrechte zukam, hatte der hohe Adel in Scheschian, der aus den altesten und begutertsten Familien bestand, ein angebornes Recht an alle obersten Staatsund Kriegsbedienungen. Der Konig erwahlte zwar dazu wen er wollte; aber das Gesetz verband ihn, aus dem Adel zu wahlen. So vorzugliche Rechte konnten, nach den Begriffen unsers Gesetzgebers, nicht anders als mit eben so grossen Pflichten verbunden sein. Weil die Edeln in Scheschian die reichste Klasse ausmachten, so trugen sie auch zu den Bedurfnissen des Staats am meisten bei; und weil sie die vornehmsten Gehulfen des Koniges in der Regierung waren, so mussten sie auch die Geschicklichkeiten und die Tugenden besitzen, die eine so edle Bestimmung voraussetzt. Tifan fand dass es etwas mit dem Besten des Staats ganz Unvertragliches ware, dem freien Belieben der Edelleute zu uberlassen, ob sie mussig gehen, oder sich nutzlich beschaftigen; ob sie rohe Verachter der Wissenschaften, deren Wert sie nicht verstehen, und anmassliche Despoten der schonen Kunste, deren erste Grundbegriffe ihnen fremde sind, oder aufgeklarte Freunde und Kenner der einen und der andern; ob sie ungeschliffen und ausgelassen in ihren Sitten, verdorben in ihren Grundsatzen, anstossig und ubeltatig in ihren Handlungen, oder ob sie tugendhafte, nach grossen Grundsatzen handelnde Patrioten und Menschenfreunde sein; mit Einem Wort, ob sie, ihrem innern Werte nach, die verachtlichste, oder, ihrer Bestimmung gemass, die schatzbarste Klasse des Reichs vorstellen wollten. Er glaubte, verzehren was andre arbeiten, sei kein genugsames Verdienst um den Staat; und es sei widersinnig, mit einer niedrigen Seele an den Ruhm und die Rechte edler Voreltern Anspruch machen, und unertraglich, wenn ein verdienstloser Mensch, bloss um eines von ungefahr ihm zugefallnen adelichen Namens willen, auf die nutzlichen und an innerlichem Wert edlen Glieder des Staats verachtlich herab zu sehen sich berechtigt halt. Um den Adel von Scheschian vor einer so schimpflichen Ausartung zu verwahren, um ihn wirklich zu dem was er sein sollte zu bilden, ordnete Tifan fur die adeliche Jugend seines Reichs eine offentliche Erziehung an, bei welcher die Mittel, die zu ihrer Vervollkommnung angewandt wurden, den ganzen Umfang seines grossen Zweckes umfassten. Nicht Sklaven, aber zuverlassige Stutzen des Throns, weise Vorsteher der Nation, mutige Verteidiger ihrer Ruhe und standhafte Vertreter ihrer Rechte, voll edlen Gefuhls ihrer Unabhangigkeit gegen alle Anmassungen einer willkurlichen Gewalt, aber gehorsam gegen die Gesetze; unfahig eine Unwahrheit zu sagen oder eine Niedertrachtigkeit zu tun, grossmutig und bescheiden in Verwendung ihres Vermogens, aber Verachter des Reichtums der ein Sold der Knechtschaft und des geschmeidigen Lasters ist, und stolz auf eine Armut, welche durch den Schatten, den sie auf die Tugend wirft, den Glanz derselben mehr erhebt als verdunkelt; Beforderer aller nutzlichen Kunste, aber vorzuglich geborne Beschutzer des Ackerbaues, dem sie ihre eigene Unabhangigkeit zu danken haben; mit Einem Worte, Vorbilder der ubrigen Stande in jeder Tugend des geselligen und burgerlichen Lebens, und geschickt, die Vorzuge ihres Standes, wofern sie ihnen nicht angeerbt gewesen waren, durch personliche Verdienste zu erwerben: dies sollten die Edeln von Scheschian sein, und dies wurden sie durch Tifans weise Veranstaltung. Die Schulen, in welchen sie erzogen wurden, standen unter der unmittelbaren Aufsicht des Konigs und der Reichsstande. Die geschicktesten Akademisten wurden zu ihren Lehrern und Aufsehern bestellt. Nichts was den Korper, den Geist und das Herz vervollkommnen kann, wurde in ihrer Erziehung verabsaumt. Sie fing sich mit dem funften Jahre des Alters an, und endigte sich erst mit dem einundzwanzigsten. Kein Sohn eines scheschianischen Edeln war einiger Beforderung fahig, der diese offentliche Erziehung nicht genossen hatte. In den funf letzten Jahren derselben mussten dem Konige von Zeit zu Zeit die Beobachtungen der Aufseher uber die Fahigkeiten und Sitten ihrer Untergebenen, und Proben ihres Fleisses eingeschickt werden. Alle Jahre wurden diejenigen, deren Zubereitungszeit verflossen war, dem Konige vorgestellt. Er behielt die vorzuglichsten an seinem Hofe, und die ubrigen wurden, jeder in seiner Provinz, stufenweise zu den Geschaften und Ehrenstellen, die ihrem Stande zukamen, befordert."

"Itimadulet", sagte Schach-Gebal, "was mir an den Erziehungsanstalten deines Tifan am besten gefallt, ist die Anordnung dieser mit wirklichen Proben belegten Berichte uber die Talente und Sitten der jungen Leute von den hohern Klassen. Auf diese Weise blieb ihm kein guter Kopf, kein vorzuglicher Charakter in seinem ganzen Reiche unbekannt. Er war nicht in dem Falle, worin wir andern uns zu befinden pflegen, seine Leute aus einem Gluckstopfe ziehen zu mussen, wie du neulich sagtest. Sein Staat glich einer kunstlichen Maschine, von deren Wirkung der Meister gewiss ist, weil er weiss, dass er seine Federn, Hebel, Rader, Schrauben und wie alle die Dinge heissen, jedes an seinen Platz gestellt hat. Ich denke, Freund Danischmend, diese Kunst sollte sich ihm ablernen lassen denn wir wollen uns nicht zu weise dunken, von einem solchen Meister zu lernen."

"Unstreitig", erwiderte der neue Itimadulet, "sind unter seinen Verordnungen und Anstalten manche, wovon sich auch in den Staaten des Sultans meines Herren guter Gebrauch machen liesse; zum Beispiel" (setzte er mit einer halb ironischen Miene hinzu) "die vortreffliche Art, wie er Scheschian von dem schadlichen Ungeziefer, den Ya-faou"

"Aber bei allem dem", fiel Gebal plotzlich ein, "muss diese treffliche Kunstmaschine, deren Lob ich so eben aus vollem Herzen anstimmte, irgend einen verborgenen Kapitalfehler gehabt haben, dass sie, wie du schon mehr als Einmal etwas voreilig zu verstehen gegeben hast, in so kurzer Zeit ins Stocken geriet, und endlich gar so ganzlich zu Grunde ging, dass weder Tifan noch sein Reich unsern Universalhistorikern auch nur dem Namen nach bekannt ist."

"In der Tat", versetzte Danischmend, "war es, wie Ihre Hoheit sagen, etwas voreilig von mir"

"Hat nichts zu bedeuten, Herr Danischmend! Im Gegenteil, du hast mir einen Gefallen getan, mich auf diesen Punkt aufmerksam zu machen. Ich glaube nun deinen Tifan und seine Gesetzgebung mit seiner ganzen Art zu regieren so gut zu kennen als meine eignen Angelegenheiten."

"Das mag wohl sein!" dachte Danischmend, mit einem Seufzer, den er noch zu rechter Zeit in einen kleinen Husten verwandelte.

"Seine Staatseinrichtung, wie gesagt, ist ein Meisterwerk", fuhr der Sultan fort: "aber, ohne mir selbst ein Kompliment zu machen, ich hatte eine Art von Ahndung, dass sie von keiner langen Dauer sein konnte. Indessen muss es doch die Muhe verlohnen, von dir zu horen wie es damit zuging; und dies ist, unter uns gesagt, das einzige, was mich an deiner Geschichte von Scheschian noch interessieren kann. Richte dich also darauf ein, Itimadulet, wenn ich dich wieder rufen lasse, meine Neugier hieruber zu befriedigen."

16.

"Es ist ein trauriges Los aller guten Dinge in der Welt", fing Danischmend an, als er nach einigen Tagen wieder an das Bette Seiner Hoheit gerufen wurde, "dass sie unter den Handen der Menschen nicht lange unbeschadigt und unverdorben bleiben konnen. Leider gilt dies von Gesetzgebungen, Staatsverfassungen und Regierungen ganz vorzuglich. Wie vollkommen auch die gesetzmassige Verfassung eines Staats sein mag, bei der Vollziehung kommt alles auf die Beschaffenheit der Menschen an, in deren Handen die Gewalt ist, welche der Staat dem Fursten, und der Furst wieder teilweise denen, die ihm regieren helfen sollen, anzuvertrauen genotigt ist. Wie angelegen liess sich's nicht der guten Tifan sein, seiner Gesetzgebung eben dadurch die Krone der Vollkommenheit aufzusetzen, dass er ihr die moglichste Dauerhaftigkeit zu geben suchte! Eben darum, weil er einsah, wie sehr alles auf die sittliche Beschaffenheit der Regierten sowohl als der Regierenden ankommt, machte er die moralische Bildung der Scheschianer zum Hauptzweck seiner Erziehungsanstalten, und die Erhaltung der Sitten in der moglichsten Lauterkeit zum Augenmerk aller seiner Verordnungen. Aber eben darum, weil es unmoglich ist unter einem grossen Volke die Sitten lange unverdorben zu erhalten, konnt er mit aller seiner Vorsicht mehr nicht bewirken, als dass es mit der sittlichen Verderbnis seines Volkes langsamer zuging, und also der Zeitpunkt des politischen Todes, welchem sich jeder Staat mit immer zunehmender Geschwindigkeit nahert, von dem seinigen etwas weiter entfernt wurde, als es ohne seine Vorkehrungen geschehen ware.

Ohne Zweifel liegt diese Tendenz zum schlechter werden so tief in der menschlichen Natur, dass ihre Wirkung durch keine menschliche Veranstaltung ganzlich aufgehoben werden kann. Auf diesen Punkt scheint der gute Tifan zu wenig Rucksicht genommen, und uberhaupt den Menschen, die er (ohne sich dessen vielleicht bewusst zu sein) zu viel nach seinem eigenen Herzen beurteilte, bei aller seiner Vorsicht, noch immer mehr Gutes zugetraut zu haben, als er mit Recht erwarten konnte: und dieser Umstand ist vielleicht allein der Grund, warum einige seiner Gesetze den Keim ihrer Verderbnis bereits in sich trugen, und die Entwicklung desselben unvermerkt beforderten. So hatte er, zum Beispiel, in der besten Absicht von der Welt die scheschianische Priesterschaft, um sie zu veredeln und dem Staate nutzlich zu machen, zu offentlichen Lehrern des Gesetzbuches bestellt, und zu diesem Endzweck alle nur ersinnliche Sorge getragen, sie zu vortrefflichen Menschen und guten Burgern zu bilden. Aber, was er nicht vorher gesehen hatte, war, dass er gerade dadurch diesem Stand ein Ansehen und einen Einfluss verschaffte, dessen sich in der Folge wenn die Sitten nach und nach schlaffer geworden sein, und die Gesetze also einen Teil der Kraft, die sie von jenen erhalten, verloren haben wurden ehrgeizige und heuchlerische Menschen bedienen wurden, selbstsuchtige Plane zum Nachteil des Staats durchzusetzen. Aus einer ahnlichen Ursache hatte er, wiewohl anfangs eine ganzliche Umschaffung der scheschianischen Landesverfassung zu seiner grossen Absicht notig schien, den erblichen Adel als eine besondere Klasse von Staatsburgern beibehalten, und ihn nicht nur im Besitz eines Teils seiner ehmaligen Vorzuge gelassen, sondern ihn noch durch das ausschliessliche Recht an die obersten Staats- und Kriegsbedienungen so hoch uber alle ubrige Klassen erhoben, dass es kaum begreiflich ist, wie Tifan die kunftigen Folgen einer so auffallenden Ungleichheit sich selbst habe verbergen konnen. Was auch immer uber diesen Punkt zu seiner Rechtfertigung oder Entschuldigung gesagt werden konnte, gewiss ist, dass dies einer der grossten Fehler seiner Gesetzgebung war, und vielleicht mehr als alle ubrige zum Untergang derselben beitrug. Denn wie konnte er erwarten, dass ein Volk, das durch eben diese Staatseinrichtung zu der hochsten Stufe der Ausbildung, deren die Menschheit fahig scheint, gelangen musste, ein so unbilliges Vorrecht einer verhaltnismassig kleinen Anzahl in die Lange dulden, oder dass diejenigen, die im Besitz desselben waren, sich dessen gutwillig begeben wurden?

Endlich ist nicht zu leugnen, dass Tifan, wiewohl es sein ernstlicher Wille war, sich selbst und seinen Nachfolgern die Freiheit Boses zu tun so viel moglich zu entziehen, dennoch durch Betrachtungen, an welchen sein Herz mehr Anteil hatte als seine Vorsicht, sich verleiten liess, den Konigen von Scheschian eine grossere Macht einzuraumen, als mit der Sicherheit seiner Gesetzgebung, von welcher doch die Sicherheit seines Volkes abhing, in die Lange bestehen konnte."

"Wie meinst du das, Freund Danischmend?" fragte Schach-Gebal mit einem bedenklichen Zucken der Augenbraunen.

"Ich will damit so viel sagen: Als Tifan sich und seinen Thronfolgern das Vermogen auch willkurlich viel Gutes zu tun nicht entziehen wollte, und diesem zu Folge der Krone ein unabhangiges jahrliches Einkommen von zehen Millionen Unzen Silbers zueignete, woruber der Konig nach seinem Belieben schalten konnte; so geschah es unstreitig aus dem loblichsten Bewegungsgrund, und konnte, so lange sein Geist auf seine Nachfolger forterbte, dem Staate nicht anders als erspriesslich sein. Nur scheint er vergessen zu haben, dass eine grosse willkurliche Macht Gutes zu tun ihrem Besitzer notwendiger Weise auch eine eben so grosse Macht Boses zu tun erteilt; und dass also alle Konige nach ihm lauter Tifane gewesen sein mussten, wenn dieser Teil seiner Anordnungen nicht zu verderblichen Missbrauchen Anlass und Mittel hatte geben sollen."

"Was du da sagst, Itimadulet, gilt wohl von der ganzen Gesetzgebung und Staatsverwaltung deines Tifan. Augenscheinlich war alles auf seine personliche Denk- und Sinnesart berechnet. Die Scheschianer, um das zu bleiben was er aus ihnen machte, hatten immer einen Tifan an ihrer Spitze haben mussen. Wie konnte er so ubermassig bescheiden sein, so etwas als moglich vorauszusetzen?"

"In der Tat", versetzte Danischmend, "glaubte er durch die ausserst sorgfaltige Erziehung, welcher die kunftigen Thronfolger nach dem Gesetz unterworfen sein sollten, sein moglichstes getan zu haben, um seinem Reich eine lange Folge eben so guter Konige, als er selbst war, zu versichern. Aber auch dies hing doch ganzlich von der Beschaffenheit derjenigen ab, denen die Vollziehung dieses wichtigsten Teils seiner Gesetzgebung anvertraut werden musste. Es lasst sich kaum denken, dass er alles dies, und was daraus folgt, nicht vorher gesehen haben sollte. Aber vermutlich war seine Meinung auch nur, selbst das moglichste Gute zu schaffen, und, nachdem er alle Vorsicht, deren ein weder unfehlbares noch allvermogendes Wesen fahig war, fur die Zukunft angewandt hatte, es nun dem Schicksal zu uberlassen, wie lange sein Werk, und die Bewegung die er ihm einmal gegeben hatte, dauern wurde. Zum Ungluck fur Scheschian blieb der eben so weise als gute, und eben so tatige als weise Tifan, der (wie Ihre Hoheit so richtig urteilten) gleich dem Phonix der Fabel in jedem seiner Nachfolger wieder hatte aufleben mussen"

"Ich bedanke mich in Parenthesi fur die Verschonerung meiner Anmerkung", sagte der Sultan mit einem etwas zweideutigen Lacheln.

"unter zweiundzwanzig Konigen, aus welchen die Tifanische Dynastie bestand, der einzige in seiner Art; seinen Sohn Temor ausgenommen, der unter der langen Regierung seines Vaters Zeit genug gehabt hatte sich zu uberzeugen, dass er, wenn die Reihe dereinst an ihn kame, gegen die Gewohnheit der Thronfolger, nichts besseres tun konne, als sich so zu betragen, dass die Scheschianer noch immer von Tifan regiert zu werden glauben mochten. Dieser Temor wurde, seiner vortrefflichen Erziehung ungeachtet, in einer Epoke wie jene, worin sein Vater einen so grossen Charakter entfaltet hatte, nur eine mittelmassige Rolle gespielt haben: in den glucklichen Umstanden hingegen, worin er den Thron bestieg, war er gerade deswegen, weil er funfzig Jahre lang Tifans bester Untertan gewesen war, der wurdigste Nachfolger dieses grossen Konigs. Allein mit ihm endigte sich auch das wirkliche goldne Alter der Scheschianer. Nach einer dreissigjahrigen Regierung hinterliess Sultan Temor den Thron seinem Sohne Turkan, der das Feuer des Geistes, den Mut und die Tatigkeit seines Grossvaters geerbt zu haben schien, aber, da ihm sowohl die Anlage zu den sanftern Tugenden, als der Vorteil, von einem Dschengis in der Dunkelheit des Privatstandes erzogen zu sein, mangelte, eben darum weil er nur zur Halfte Tifan war, der glucklichen Verfassung seines Vaterlandes die erste Wunde schlug. Nach den Versuchen zu urteilen, die er in den ersten Jahren seiner Regierung machte, die Reichsstande zu verschiedenen Anderungen in den Gesetzen Tifans zu bewegen Anderungen, welche unter dem Anschein des gemeinen Besten die Macht der Krone betrachtlich vermehrt haben wurden , hatte sein unruhiger Geist sich schwerlich an dem bescheidenen Ruhme seines Vaters begnugt, wenn ihm ein langwieriger Krieg mit dem Konige von Katay nicht einen andern Tummelplatz eroffnet hatte. Er horte sich zwar gern den zweiten Tifan nennen; aber er wollte es auf seine eigene Art sein"

"Was du ihm doch nicht ubel nehmen wirst?" fiel Schach-Gebal ein

"Ich nicht; aber die Scheschianer hatten gegen diese eigene Art manches einzuwenden."

"Danischmend mein Freund, von einem Itimadulet sollte man billig erwarten, dass er das Volk besser kennen musste, um aus diesem Umstand etwas zum Nachteil Turkans zu folgern. Deine Scheschianer machten es, denke ich, wie alle ihresgleichen wenn es ihnen zu wohl geht: sie wurden ubermutig."

"Sire", erwiderte Danischmend, "wofern dies der Fall war, so liess es Turkan nicht an sich fehlen, den Exzess ihres Wohlbefindens nach Moglichkeit zu massigen. Denn er fuhrte Krieg beinahe seine ganze Regierungszeit durch, und Scheschian hatte den ganzen Wohlstand vonnoten, der die Frucht einer achtzigjahrigen Ruhe unter der besten Staatsverwaltung war, um von den Folgen seiner glanzenden Unternehmungen nicht zu Boden gedruckt zu werden. Katay war damals nach Scheschian das machtigste Reich im Osten; es besass, wie jenes, einen grossen Uberfluss an den kostbarsten Naturgutern: aber seiner innern Verfassung nach stand es weit hinter jenem zuruck, und der grosse Handelsverkehr, der zwischen beiden Volkern vorwaltete, war ganzlich zum Vorteil der Scheschianer. Ubrigens konnte man diesen Krieg in so fern gerecht auf Seiten der Scheschianer nennen, als die erste Veranlassung nicht von ihnen herruhrte: aber wahrscheinlich wurde Tifan an dem Platze seines Enkels Mittel gefunden haben, auf eine oder andere Weise den Ausbruch desselben zu verhuten."

"Herr Danischmend", fiel der Sultan ein, "wenn der Hof von Katay die Gelegenheit gegeben hatte, so erforderte doch wohl die Ehre der scheschianischen Krone eine Beleidigung nicht ungestraft hingehen zu lassen? Aber worin bestand denn die Beleidigung?"

"Eine von den tatarischen Horden, die unter dem Schutze des Konigs von Katay standen, hatte eine scheschianische Karawane geplundert. Turkan forderte im Namen seiner Untertanen Genugtuung; der Hof von Katay zogerte; Turkan erneuerte seine Forderungen mit Hitze und Stolz, und da er immer kaltere Antworten erhielt, so eilte er (in der Tat viel rascher als er getan haben wurde wenn es ihm um Beibehaltung des Friedens zu tun gewesen ware), seinen nicht weniger stolzen Nachbar die Uberlegenheit seiner Macht auf die nachdrucklichste Art fuhlen zu lassen. Nach der Grundverfassung des Reichs konnte der Konig keinen Krieg ohne Einstimmung der Nation unternehmen. Aber diesmal fand Turkan eine grosse Mehrheit derselben willig, seinen Antrag aus allen Kraften zu unterstutzen: das Volk, weil es die erlittene Beleidung um so hoher empfand, je lebhafter es seine Vorzuge uber die Katayer fuhlte; und den Adel, weil ein grosser Teil desselben sich Ruhm, Ehrenstellen, und andere ansehnliche Vorteile von dieser Gelegenheit versprach. Der Krieg wurde also beschlossen, und die in Feuer gesetzten Scheschianer beeiferten sich, ihren jungen Konig, der an der Spitze seines Heers die Miene hatte einem gewissen Sieg entgegen zu eilen, durch Verdoppelung der gewohnlichen Kriegsmacht und freudige Bewilligung ausserordentlicher Beitrage so lange zu unterstutzen, bis er den gedemutigten Feind zu einem ruhmlichen Frieden gezwungen haben wurde. Dieser wurde auch vermutlich in wenigen Feldzugen erhalten worden sein, wenn Turkan und sein Volk sich der Vorteile, die ihnen das Gluck anfangs zuwandte, mit etwas mehr Massigung hatten bedienen wollen. Aber kaum hatte ihnen der erste Sieg einen Teil der feindlichen Grenzen unterworfen, so mischte sich schon die Eroberungssucht ins Spiel; und eine der schonsten Provinzen des Katayschen Reichs, welche Turkan dem seinigen einzuverleiben beschlossen hatte, und die er wechselsweise bald einnahm bald wieder verlor, blieb nicht nur das Ziel eines Krieges, der mit abwechselndem Glucke beinahe seine ganze Regierung durch wahrte, sondern auch, nachdem sie ihm abgetreten worden war, auf lange Zeit die Quelle eines unversohnlichen Hasses und oft erneuerter Fehden zwischen den Konigen von Katay und Scheschian.

Turkan genoss die Ruhe nicht lange, die er seinem erschopften Volk endlich wieder verschafft hatte. Von seinen vier Sohnen waren drei auf dem Bette der Ehre gestorben; und so folgte ihm Akbar, der jungste, in einem Alter, worin es, selbst bei einer Erziehung wie die scheschianischen Konigssohne erhielten, schwer ist, ein grosses Volk und noch schwerer sich selbst zu regieren."

"Keine Satiren mehr, Herr Danischmend!" unterbrach der Sultan den Erzahler abermals: "vergiss nicht, dass mich nach dem Ende deiner Erzahlung verlangt"

"Wenn dies ist", sagte Danischmend, dem die sonderbare Laune seines Herren aufzufallen anfing, "so verdient Sultan Akbar Dank; denn seine Regierung war ein starker Schritt, wo nicht zum Ende der Geschichte von Scheschian, wenigstens zu einer Abanderung seiner Verfassung, die dasselbe nicht wenig beschleunigte. Akbar liebte die Kunste, die nur im Frieden gedeihen, nicht weniger leidenschaftlich, als sein Vater die kriegerischen geliebt hatte: aber er begnugte sich nicht, die Spuren der Verwustungen eines langwierigen Krieges in seinem Reich auszuloschen und dessen ehmaligen Wohlstand wieder herzustellen. Er wollte noch mehr tun als Tifan und Temor, und wurde nicht gewahr, dass er, wahrend er sich uberredete den hochsten Flor des Reichs zum einzigen Augenmerk zu haben, bloss fur seine Lieblingsleidenschaften arbeitete. Von lauter Kunstlern und Virtuosen, Kennern und Dilettanten umgeben, deren Interesse war seine Leidenschaft vielmehr anzufeuern als zu massigen, horte er in seinem ganzen Leben nichts was ihn aus dieser sussen Tauschung hatte wecken konnen. Azor, Lili, und Alabanda selbst blieben in allem, was sie fur die schonen Kunste taten, weit hinter ihm zuruck: denn man musste ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er sie nicht, nach Gewohnheit der meisten Fursten, zu blossen Sklaven seines Vergnugens herab wurdigte, sondern sie um ihrer selbst willen liebte, und nur an der Vollkommenheit ihrer Werke Vergnugen fand. Auch daruber hatte sich keine zu beklagen, dass er sie etwa aus Vorliebe zu einer andern vernachlassige; jede schien vielmehr berechtigt sich fur die vorzuglich begunstigte zu halten. Indessen war doch gewiss, dass die Baukunst, weil sie mit seiner Liebe zum Schonen zugleich seine Prachtliebe und Eitelkeit am meisten befriedigte, den ersten Rang in seiner Zuneigung behauptete; wenigstens konnte man nicht anders urteilen, wenn man die Menge und Herrlichkeit aller Arten von offentlichen Gebauden sah, womit er die Residenz Scheschian und alle Hauptstadte seiner Provinzen angefullt hatte. Naturlich reichten die Einkunfte der koniglichen Domanen, so gross sie auch waren, bei weitem nicht zu, eine so kostbare und unersattliche Leidenschaft zu befriedigen: und kaum fuhlte man diese Unzulanglichkeit, so entstand eben so naturlich das Verlangen ihr abzuhelfen. Das kurzeste Mittel war, einen kleinen Bruch in das Gesetzbuch Tifans zu machen, und Seiner Hoheit nicht nur die willkurliche Verwaltung des offentlichen Schatzes, sondern auch die Macht nach Gutdunken neue Zuflusse in denselben zu leiten, auf eine gute Art in die Hande zu spielen. Die Sache lag dem guten Akbar zu sehr am Herzen, als dass sich unter den Kunstliebhabern, von welchen sein Hof wimmelte, nicht gar bald einer gefunden hatte, der sein Haupt nicht eher zur Ruhe legte, bis er ein wohl berechnetes Planchen, wie das alles am sichersten zu bewerkstelligen ware, ausgearbeitet hatte. Alles kam darauf an, den Adel und die Priesterschaft dahin zu bringen, dass sie sich, gegen eine billige Entschadigung, eine so ungeheure Ausdehnung der koniglichen Gewalt gefallen liessen. Denn diese beiden mussten schlechterdings gewonnen werden: der Adel, wegen des entscheidenden Einflusses, den ihm die Staatsverfassung gab; die Priesterschaft, weil sie unmittelbarer auf das Volk wirkte und durch ihr Ansehen alles uber dasselbe vermochte. Beides hatte grosse Schwierigkeiten, wofern Akbar versucht worden ware seine Absichten durch gewaltsame Mittel erreichen zu wollen: aber beide Stande konnte man zu gewinnen hoffen, wenn man ihre Mitwirkung unter keiner andern Bedingung verlangte, als in so fern sie ihnen selbst vorteilhafter ware als die Anhanglichkeit an die Tifanische Konstitution. In dieser Rucksicht glaubte man von den zehen Millionen Unzen Silbers, die der Konig aus seinen unabhangigen Domanen zog, keinen nutzlichern Gebrauch machen zu konnen, als dass man sie zu Hebung der Skrupel verwendete, welche sich naturlicher Weise beim Antrag einer so wesentlichen Verschlimmerung der beschwornen Staatsverfassung in dem zarten Gewissen derjenigen erheben mussten, deren erste Pflicht die Erhaltung dieser Verfassung war. In der Tat hatten beide Stande eines hohern Grades von Uneigennutzigkeit, als man von gewohnlichen Menschen erwarten darf, vonnoten gehabt, wenn sie eine so gunstige Gelegenheit hatten versaumen sollen die einen, ihre durch den letzten Krieg und durch die Nachahmung der Kunst- und Prachtliebe des jungen Konigs erschopften Finanzen wieder herzustellen , die andern, welche sich seit Tifans Zeiten mit sehr sparlich zugemessnen Einkunften behelfen mussten, die ihrigen zu verbessern und ihren Wunschen so viel moglich gleich zu machen. Man trat also in aller Stille mit den vornehmsten Gliedern des Ausschusses der Reichsstande in geheime Unterhandlungen; die Herren machten ihre Bedingungen; man wurde des Handels eins. Aber, was der Hof als den ersten Praliminarpunkt zugestehen musste, war: Dass es, um die Nation nicht zu sehr zu erschrecken, schlechterdings notig sei, die alte Form der Verfassung beizubehalten, und sich vor der Hand an der unbegrenzten Bereitwilligkeit der Stande, dem Konig alles was er verlangen wurde zu bewilligen, um so mehr zu begnugen, da die zugleich stillschweigend erteilte Freiheit, den Staat mit so viel Schulden zu belasten, als die vaterliche Sorge Seiner Hoheit fur den moglichsten Flor desselben bei Gelegenheit etwa fur notig erachten mochte, die zu Dero gnadigstem Befehl stehenden Summen nach Gutbefinden duplieren und triplieren konnte.

Die edeln und ehrwurdigen Patrioten, mit welchen dieser geheime Traktat geschlossen wurde, nahmen es auf sich, ihre ubrigen Kollegen, unter den zugestandenen Bedingungen, auf ihre Seite zu bringen, und fanden weniger Widerstand als sie sich selbst vorgestellt hatten: so viel hatten bereits seit Tifans Zeiten die Sitten an ihrer Einfalt und die Gesetze an ihrer Energie verloren!

Akbar berief nun die Stande, um, wie er sagte, uber die gegenwartige Lage und Bedurfnisse des Vaterlandes sich mit ihnen zu beraten. Der Friede, hiess es in der koniglichen Rede vom Throne, habe zwar, zu grosser Freude Seines vaterlichen Herzens, alle Quellen des gemeinen Wohlstandes wieder reichlicher als jemals fliessen gemacht: aber die ganzliche Ausheilung aller Wunden, die ein beinahe zwanzigjahriger Krieg dem Staate geschlagen habe, und sowohl die Sicherstellung desselben gegen seine naturlichen Feinde, die nur durch eine entschiedene Uberlegenheit von neuen Unternehmungen abgeschreckt werden konnten, als die Erhaltung der so teuer errungenen Fruchte des Sieges, machten mehr als gewohnliche, wiewohl die Krafte der Nation nicht ubersteigende Anstrengungen vonnoten; zu welchen Seine Hoheit Ihre getreuen Stande um so bereitwilliger zu finden hofften, da Sie es ihrer Weisheit ganzlich uberliessen, fur die notige Vermehrung der Staatseinkunfte durch solche Mittel und Wege zu sorgen, die den Untertanen, besonders der ehrwurdigen Klasse der Landleute, die wenigste Beschwerde verursachen wurden.

Die Stande blieben Seiner Hoheit in ihrer Antwort nichts schuldig: denn wiewohl der Geist der Zeiten Tifans von Scheschian gewichen war, so hatte man doch die Sprache derselben beibehalten; und der Kanzleistil jener Zeit blieb immer eben derselbe, auch nachdem es so weit gekommen war, dass man durch die wechselseitigen Komplimente, die der Konig dem Volke, und die Reprasentanten des Volkes dem Konige machten, des offentlichen Elendes nur zu spotten schien. Seine getreuen Stande fuhlten sich unvermogend, sagten sie, einem so huldreichen und so unermudet fur das Gluck Seiner Volker arbeitenden Monarchen den ganzen Umfang des Vertrauens und der Anhanglichkeit, wovon sie durchdrungen waren, zu beweisen. Was konnten sie, um nicht gar zu weit hinter ihrer Pflicht zuruck zu bleiben, weniger tun, als den Beschluss fassen, Sein Vermogen Gutes zu tun Seiner grenzenlosen Tatigkeit gleich zu machen? Diesem zu Folge ubertrugen sie ihm volle Machtgewalt, uber die Verwendung des offentlichen Schatzes eben so unbeschrankt zu gebieten als uber seine eigene Kasse; und um den grossmutigsten der Fursten in den Stand zu setzen, seinen wohltatigen Wunschen einen desto freiern Spielraum zu geben, ordneten sie verschiedene neue Abgaben an, wovon man zwar seit mehr als hundert Jahren in Scheschian nichts gewusst hatte, die sich aber um so leichter rechtfertigen liessen, da das Reich durch die naturlichen Folgen der Tifanischen Einrichtungen sich augenscheinlich auf einer Stufe von allgemeinem Wohlstand befand, der eine namhafte Vermehrung der Staatseinkunfte ohne merkliche Bedruckung des Volkes moglich und zulassig zu machen schien. Dagegen bewies aber auch Sultan Akbar seine Dankbarkeit fur das in ihn gesetzte Vertrauen durch die schonsten Versprechungen: und als eine tatige Probe seines guten Willens gab er sogleich zwei Gesetze, wovon das eine den Adel, zu einiger Entschadigung fur die grossen Opfer, die er dem Staat in dem Katayschen Kriege gebracht hatte, auf eine unbestimmte Zeit von allen Abgaben befreite; das andere den Verdiensten des Priestertums, durch verhaltnismassige Erhohung des Einkommens der verschiedenen Priesterklassen und Stiftung einer Anzahl neuer reich begabter Tempel und Ordenshauser, gebuhrende Gerechtigkeit widerfahren liess."

"Vortrefflich!" rief Schach-Gebal: "das konnt ich mir voraus vorstellen, dass die Herren die Baulust meines guten Bruders Akbar nicht unbenutzt lassen wurden. Aber das Volk, auf dessen Unkosten dieser ganze schone Handel abgeschlossen wurde, was sagte das dazu?"

"Sire", erwiderte Danischmend, "das Volk ist, wie Ihre Hoheit wissen, ein gar launiges, grillenhaftes Tier: zur einen Zeit duldet es die auffallendsten Eingriffe in seine Rechte mit der kaltblutigsten Gleichgultigkeit, zur andern gerat es uber die unbedeutendste Kleinigkeit in Feuer; heute kann man alles von ihm erhalten, morgen vielleicht gar nichts. Die Scheschianer hatten sich in einigen ruhigen Jahren vollig wieder hergestellt; Akbars Prachtliebe, und die grossen Werke, wodurch er alle Arten von Kunstlern und Arbeitern in Beschaftigung und ungeheure Summen in den schnellsten Umlauf setzte, machten seinen Namen und seine Regierung der Nation beliebt; der allgemeine Wohlstand, der fur den Augenblick dadurch befordert wurde, erhohte ihren Mut, und machte sie geneigt, dem Fursten, und den seinem Beispiele nacheifernden Grossen einen Teil dessen, was sie von ihnen gewannen, ohne eine allzu genaue Berechnung wieder zu geben. Uberdies hielt man es fur billig, dass der Adel, der im Kriege sich um die Nation verdient gemacht und zum Teil wirklich viel dabei eingebusst hatte, belohnt und entschadiget wurde; und die Priesterschaft stand, ihrer Weisheit und reinen Sitten wegen, in einem so hohen Ansehen bei dem Volke, dass es von freien Stucken noch mehr fur sie zu tun geneigt war als Akbar vorschlug. Bei allem dem fehlte es doch hier und da nicht an Widerspruch und Missvergnugen, und viele Alte, die von ihren Vatern das Gluck der Zeiten Tifans ruhmen gehort hatten, weissagten der Nachkommenschaft wenig Gutes von der kuhnen Anmassung, eine Konstitution, welche mehr das Werk einer wohltatigen Gottheit als eines Sterblichen schien, so leichtsinnig verbessern zu wollen. Aber sie wurden uberstimmt, und manche Generation ging vorbei, ehe die Folgen der Ubel, zu welchen jetzt der Grund gelegt wurde, den Scheschianern zu spat die Augen offneten.

Es bedarf vielleicht vieler Jahrhunderte, bis so ein Gebaude, wie Tifan errichtet hatte, vor Alter und Baufalligkeit zusammen sinkt. Gleichwohl hatte dieser Augenblick endlich kommen mussen; denn dass eine unzerstorbare Staatsverfassung unter die unmoglichen Dinge gehore, ist noch von niemand geleugnet worden."

"So hatte ich grosse Lust der erste zu sein", sagte Gebal lachend. "Warum war es denn so unmoglich, ein Staatsgebaude aufzufuhren, das wenigstens eben so dauerhaft ware als die Pyramiden in Agypten, die schon einige tausend Jahre stehen, und wahrscheinlich so lange stehen werden, als der Elefant, der die Erde tragt, auf der grossen Schildkrote, und die Schildkrote auf der zusammen geringelten Schlange?"

"O gewiss", sagte Danischmend: "man brauchte zur Auffuhrung eines solches Staats nur die Pyramiden zum Muster zu nehmen. Auch ist dies, dunkt mich, bei unsern ostlichen Staatsverfassungen bereits geschehen; und es erklart sich daraus, warum, zum Beispiele, das sinesische Reich, wiewohl es schon so oft durch Eroberung unter fremde Oberherren gekommen ist, dennoch seine innere Verfassung bei jeder Revolution unverandert erhalten hat. Ich hatte mich also genauer ausdrucken, und sagen sollen, dass meine Behauptung nur von Staaten gelte, deren Burger (wie die Scheschianer unter Tifan) freie Menschen sind. Ich zweifle sehr, ob fur solche jemals eine bessere Konstitution als die Tifanische diesseits des Mondes gesehen worden ist; und doch ist leicht zu zeigen, dass gerade in dem was ihre Vortrefflichkeit ausmachte, die Ursache ihres Untergangs lag."

"Wie kame das?" fragte der Sultan mit einer ironischen Miene von unglaubiger Verwunderung.

"Die Tifanische Konstitution", antwortete Danischmend, "grundete sich einer Seits auf die Einschrankung der Monarchie durch eine solche Verteilung der hochsten Gewalt zwischen dem Konig, dem Adel und den Stellvertretern des Volks, wodurch keines dieser politischen Gewichte, von deren richtigem Zusammenwirken der Wohlstand des Staats abhing, ein merkliches Ubergewicht uber die andern sollte erhalten konnen; andrer Seits auf die Gute der Sitten, und auf eine Kultur, wodurch Tifan die Dauer seiner Gesetze zu einer naturlichen Folge der freien Uberzeugung des Volkes von ihrer einleuchtenden Vernunftmassigkeit zu machen hoffte. Auf diesen zwei Hauptpfeilern ruhte sein ganzes Gebaude; aber jeder dieser Pfeiler selbst stand auf einem sandigen Grunde, der unter einem so schweren Gewicht unvermerkt weichen musste. Niemals wird in irgend einem Staate derjenige, der mit irgend einem Anteil an Macht und Ansehen bekleidet ist, sich lange in der Einschrankung halten, die ihm das Gesetz vorgeschrieben hat. Gibt das Gesetz die hochste Gewalt in die Hand eines Einzigen; so wird dieser Einzige nicht ruhen, bis er sich uber das Gesetz erhoben, und es dahin gebracht hat, dass sein Wille, nicht der allgemeine, das hochste Gesetz ist. Verteilt es dieselbe unter mehrere durch einander eingeschrankte Machte; so wird jede von ihnen, so gut wie jener Einzige, sich so lange auszudehnen streben, bis sie den Damm, der sie einzwangen soll, durchbrochen hat: und ist das Gesetz einer jeden, fur sich allein, zu machtig; so werden sie sich gegen dasselbe vereinigen, oder in geheime Unterhandlungen mit einander treten, und unter der Bedingung sich in die Vorteile, die sich keine allein zuzueignen vermag, bruderlich zu teilen die schicklichsten Mittel das Gesetz unkraftig zu machen mit einander abreden. Dieser Umstand ist fur sich allein schon mehr als hinlanglich, den immer zunehmenden Verfall und endlich, die ganzliche Auflosung jeder politischen Gesellschaft zu bewirken: aber auch ohne ihn wurde bloss die Kultur (ich meine eine solche, wozu Tifan durch seine Gesetze den Grund legte) mit der Zeit die namliche Wirkung hervorbringen."

"Danischmend ist heute zu paradoxen Behauptungen aufgelegt", sagte der Sultan: "aber ich seh ihn kommen"

"Ihre Hoheit halten mir zu Gnaden", fuhr dieser fort, "wenn ich Ihnen etwas sehr Einfaltiges zu sagen scheinen werde, das aber darum nicht weniger wahr ist. Damit ein Volk sich gutwillig einer Regierung unterwerfe, welche, vermoge der Natur der Sache und des Menschen, ewig nach ungebundener Willkurlichkeit strebt, muss besagtes Volk sich in einem Zustande von Dumpfheit, Einfalt und Unmundigkeit befinden, der genau so lange und keinen Augenblick langer dauern kann, als es in Unwissenheit und Vorurteile, gleich einem Wickelkinde, um und um eingewickelt bleibt: und wofern ein gewisser Grad von Kultur sich mit diesem Zustande vertragen soll; so muss die vereinigte Gewalt der Gesetze, der Erziehung, der Sitten und der Gebrauche, im Notfall durch die Schrecken eines eisernen Despotismus verstarkt, zusammen wirken, jeden Fortschritt zu hohern Stufen unmoglich zu machen. Ist aber dieser Fortschritt frei gelassen, wird er durch die Verfassung sogar befordert: so ist nichts naturlicher, als dass endlich die Zeit kommen muss, wo das besagte Volk mit seinen Befugnissen und Rechten, und uberhaupt mit seinem wahren Interesse so bekannt wird, dass es sich nicht langer zum leidenden Gehorsam bequemen will, geschweige dass die Blendwerke, Gaukeleien und Zauberformeln langer bei ihm anschlagen sollten, womit es sich ehmals in seiner Dumpfheit bemaulkorben und nach der Pfeife seines Fuhrers tanzen machen liess. Es wird also"

"Erspare dir die Muhe uns zu sagen was es tun wird, Itimadulet", fiel ihm der Sultan ins Wort "wir kennen das! Aber meinst du nicht auch, dass sich aus dem, was du uns eben da zu sagen beliebt hast, ein vortreffliches Argument gegen deine fortschreitende Kultur ziehen liesse?"

"O gewiss ein vortreffliches", sagte Danischmend mir einer lachelnden Grimasse, die nicht ganz so ehrerbietig war als einem ersten Minister, der seinem Gebieter antwortet, geziemen will.

"Nicht dass ich etwas gegen die Kultur hatte", fuhr der Sultan ganz kaltblutig fort: "im Gegenteil! Nur mit deiner fortschreitenden Kultur, Herr Danischmend, die so lange fortschreitet bis sich die Leute gar nicht mehr regieren lassen wollen, mit der wurde ich mich schwerlich recht vertragen konnen. Ich liebe Ordnung und Ruhe in meinem Lande; das Ei soll nicht kluger sein wollen als die Henne; und wer zum Dreschflegel, zum Hammer, zur Nadel und zur Ahle geboren ist, soll sich den Kopf nicht damit zerbrechen, was er tun wollte, wenn er Oberrichter, Statthalter, Itimadulet, oder Herr des weissen Elefanten ware. Das ist meine Meinung von der Sache; und nun weiter im Text, Freund Danischmend!"

"Die gar zu schone, gar zu gute, gar zu vernunftige, und eben darum (wie Ihre Hoheit weislich bemerkt haben) fur so alberne Tiere als die Menschen sind gar nicht passende Verfassung, welche Tifan der Einzige den Scheschianern gab, wurde also, wenn man sie auch ihre naturliche Zeit hatte ausleben lassen, endlich doch ein Ende genommen haben, sagte ich: aber die Massregeln, die der Pracht und Kunst liebende Akbar mit seinen getreuen Standen nahm, liessen es dazu nicht kommen, sondern beschleunigten den fatalen Zeitpunkt um einige Jahrhunderte. Der erste und gefahrlichste Schritt war nun glucklich gemacht. Der Hof hatte das Vergnugen zu sehen, dass ein so gewaltiger Bruch in die Tifanische Grundverfassung nicht nur ohne die geringste Erschutterung, sondern sogar mit fast allgemeinem Beifall, gemacht worden war: so eifrig hatten sich's die dankbaren und in aller Stille nach hohern Dingen strebenden Priester angelegen sein lassen, das Gluck der Regierung Akbars, und die unendlichen Vorteile, die dem Reich aus den neuen Einrichtungen zuwachsen wurden, dem glaubigen Volke von ihren Lehrstuhlen sowohl als bei allen andern Gelegenheiten anzupreisen. Von nun an wusste der Hof, der Adel und die Klerisei wie sie mit einander standen; jener wusste dass er durch diese, diese dass sie durch jenen erhalten konnten was sie wollten. Das alles machte sich anfangs mit der grossten Leichtigkeit. Die hochst einfachen Formeln 'Was wird uns fur unsre Gefalligkeit?' und 'was verlangen die Herren?' machten die ganze Prozedur aus. Nichts war trostlicher, als die Harmonie und Eintracht zu sehen, die zwischen dem Hof und dem Ausschusse der getreuesten Stande vorwaltete; nichts bewundernswurdiger, als der leichte und rasche Gang aller Unternehmungen des erstern, die ohne die geringste Friktion von Statten gingen und in der moglichst kurzesten Zeit in grosster Vollkommenheit zu Stande kamen; nichts auffallender, als der Glanz, die bluhende Gestalt, das Ansehen von Wohlhabenheit, Uberfluss und Reichtum, welche Akbars Regierung uber das ganze Reich verbreitete. Unglucklicher Weise konnte nur alle diese Herrlichkeit von keiner langen Dauer sein. Denn wie hatten nicht beide Teile bald genug ausfundig machen sollen, dass ihr besonderes Interesse bei diesem Handel, den sie auf Unkosten des allgemeinen Besten mit einander geschlossen hatten, nicht so ganz eben dasselbe sei? Augenscheinlich erforderte es der Vorteil des Hofes, die Gefalligkeiten, die er verlangte, recht wohlfeil zu haben; umgekehrt hingegen verhielt es sich mit dem Interesse der Stande und ihrer Stellvertreter; denn dieses war naturlicher Weise, ihre Ware so teuer zu verkaufen als moglich. In der Tat war der Appetit der letztern so stark, dass das Doppelte von allen Einkunften des Konigs kaum zugereicht hatte, ihre bescheidenen Wunsche zu befriedigen. Dagegen hatte auf der andern Seite der Hof, dessen Kasse dem Fasse der Danaiden glich, immer so viele und dringende Bedurfnisse, dass die Reichtumer des ganzen Staates zu ihrer Befriedigung noch unzulanglich schienen. Es konnte also nicht fehlen, dass jene gute Harmonie in der Folge von beiden Seiten durch Schwierigkeiten, Zogerungen und Verweigerungen von Zeit zu Zeit unterbrochen werden musste. Die Kunst einander auf eine feine Art wechselseitig zu hintergehen und zu ubervorteilen, wurde nun das Hauptstudium der Hoflinge und der Stellvertreter der Nation: aber auch diese verachtliche Art von Politik reichte nicht lange zu; und die Herren des Ausschusses, durch die gutmutige Geduld des Volkes immer kuhner gemacht, fanden zu wichtige Vorteile bei einer unbegrenzten Gefalligkeit gegen die Forderungen des Hofes, als dass die Betrachtung, wie wohl oder ubel die armern Volksklassen sich dabei befanden, sie langer zuruck gehalten hatte. Im Gegenteil, man suchte sich selbst uber diesen Punkt durch die gewohnlichen Trugschlusse zu tauschen. 'Der Augenschein zeigt ja', sagte man, 'dass die Quellen sich mit den Abgaben zugleich vermehren. Ein zu grosser Wohlstand ist den untern Klassen mehr nachteilig als vorteilhaft; denn er reizt sie nur zu Mussiggang und Uppigkeit. Sie arbeiten immer nur so viel sie mussen. Grossere Abgaben ermuntern die Industrie, und dies in dem Masse, wie sie die Wohlhabenheit und selbst die Subsistenz erschweren' und was dergleichen halb wahre Kameralweidspruche mehr sind. In der Tat schien die noch immer zunehmende Lebhaftigkeit der Zirkulation, die hohe Vollkommenheit wozu die Fabriken und Handarbeiten getrieben wurden, und der bluhende Zustand des auswartigen Handels, die neuen Maximen eine Zeit lang zu bestatigen. Was fur Tifans Zeiten schicklich und sogar notwendig war, hiess es, passt nicht mehr auf die unsrige. Unvermerkt gewohnte man sich daran, die Quelle, aus welcher man immer unbescheidener schopfte, fur unerschopflich zu halten; und so erschwerte man die Subsistenz der Armen, in der wohltatigen Absicht ihre Emsigkeit aufzumuntern, so lange, bis endlich Mangel, ubermassige Arbeit, und die Verzweiflung sich jemals zu einem bessern Zustand hinauf zu arbeiten, ihnen zuletzt das Dasein selbst unertraglich zu machen anfing; ein furchterlicher Augenblick, der bei einer grossen Nation sich gewohnlich damit endiget, dass sie in einem allgemeinen Aufstand ihre letzten Krafte zusammen rafft, um sich entweder selbst zu helfen, oder sich zugleich mit ihren Unterdruckern unter den Trummern des Staats zu begraben.

Von diesem verzweifelten Zustande waren die Scheschianer zwar unter Akbars glanzender Regierung noch weit entfernt: aber, nachdem durch ihre eigene unverzeihliche Nachlassigkeit die Schranken, in welche Tifan die koniglichen Prarogative eingeschlossen hatte, einmal durchbrochen waren, eilte der Staat unter seinen Nachfolgern dem Untergange mit immer schnellern Schritten entgegen. Denn nun folgte eine Reihe namenloser Konige, die das Ruder der Regierung, welches sie selbst zu fuhren unvermogend oder unlustig waren, bald einer Bande zusammen verschworner Minister, bald einem unersattlichen Gunstlinge, bald einer ausschweifenden Buhlerin, bald einem herrschsuchtigen Priester, bald dem ersten besten der sich dessen bemachtigen wollte, uberliessen. Tifans offentliche Anstalten gerieten zusehens in Verfall, seine wichtigsten Gesetze kamen nach und nach ausser Ubung, und wurden zuletzt ein blosser Gegenstand akademischer Streitfragen; und was etwa von seinen Einrichtungen noch beibehalten wurde, erhielt unter den Handen der Priester unvermerkt eine so veranderte Form und Richtung, dass der reine wohltatige Geist des Stifters ganzlich dabei verloren ging, und vielmehr gerade das Gegenteil von dem heraus kam, was er dadurch hatte bewirken wollen.

Wenn die Priesterschaft von Scheschian, wie ich neulich bereits erwahnte, unter die letzten gehorte, die dem einbrechenden Schwall der Sittenverderbnis nachgaben; so darf ich nicht vergessen, zur Steuer der Wahrheit hinzu zu setzen: dass es schwer gewesen ware den Zeitpunkt zu bestimmen, worin diese ehrwurdigen, exemplarischen Lehrer des Tifanischen Gesetzbuchs die Bemerkung machten, dass man mit dem ausserlichen Scheine der Weisheit und Heiligkeit beim Volk ungefahr eben so weit, und oft noch weiter komme als mit der Realitat, und dass das erstere den Neigungen und Leidenschaften der menschlichen Natur ungleich bequemer sei. Genug, die scheschianischen Bonzen machten diese Bemerkung ungefahr um eben die Zeit, oder bald nachher, da der grossmutige Akbar sich ihres guten Willens, durch die vorerwahnten ansehnlichen Vermehrungen ihres Anteils an den Gutern dieser Welt, versichert hatte; und nachdem sie einmal gemacht war, wahrte es nicht lange, dass mit der Sinnesart und den Tugenden der ehmaligen Priester von Tifans Schopfung auch die letzte Stutze seiner Gesetze verschwand, und diese Klasse von Staatsburgern durch die Heuchelei und den blendenden Schein, womit sie ihre unbandige Herrschsucht und ihre ubrigen Laster zu verdecken wusste, dem Reiche wieder eben so schadlich wurde, als ihre Vorfahren unter Azor und Isfandiar.

Indessen, da es damit vermoge der Natur der Sache langsamer herging, und die Priester ihr Spiel mehr als andere verbergen mussten, gewann der scheschianische Adel einen starken Vorsprung. Sein Reichtum und sein Ansehen stieg unter jeder neuen Regierung; er bemachtigte sich aller Civil- und Militaramter, die ihm Gelegenheit verschafften noch reicher zu werden; er besetzte alle subalterne Stellen mit seinen Kreaturen, und ubte uber den Hof selbst eine Art von Tyrannei aus, die endlich sogar einem der schwachsten unter allen namenlosen Konigen unertraglich zu werden anfing. Dieser Konig, zu seiner Zeit Tifan der Zweite genannt, wurde solang er lebte von der Konigin seiner Gemahlin, und die Konigin seine Gemahlin"

"Wie hiess sie?" fragte Schach-Gebal

"Dulika, wenn Ihrer Hoheit etwas an ihrem Namen gelegen ist"

"Warum nicht, da man mir sogar den namenlosen Konig ihren Gemahl genannt hat? Ich liebe Konsequenz, auch selbst in Kleinigkeiten, Herr Danischmend."

"Wollte Gott", dachte Danischmend, "Ihre Hoheit liebten sie in wichtigern Dingen!" Aber er hutete sich diesmal es laut zu denken.

"Der Konig also wurde, wie gesagt, von seiner Gemahlin Dulika, und die Konigin Dulika, die ihrem Gemahl an Bestandigkeit in ihren Zuneigungen nichts nachgab, ihre ganze Regierung durch fast eben so unbeschrankt von Kolaf, dem Oberbonzen der Stadt Scheschian, regiert."

Gebal warf einen Blick auf die Sultanin Nurmahal, offnete den Mund, biss sich in die Lippen, und sagte nichts.

Danischmend fuhr fort, ohne zu tun als ob er es bemerkt hatte: "Tifan der Zweite gehorte weder unter die bosartigen noch unter die blodsinnigsten Fursten seiner Zeit; im Gegenteil, er war ein strenger Freund von Zucht, Ordnung und Gerechtigkeit, hasste den Mussiggang, und liebte sein Volk: aber zum Ungluck war er ein noch grosserer Liebhaber von Schmetterlingen. Der schlaue Bonze bediente sich dieser unschuldigen Schwachheit, Seiner Hoheit beizubringen, dass es keine koniglichere Leidenschaft gebe als die Liebe zur Naturgeschichte; dafur gestand er aber auch sehr gern, dass die Schmetterlingsgeschichte der interessanteste Zweig dieser weitlaufigen Wissenschaft sei, und dass eine vollstandige Sammlung aller Schmetterlingsarten in der Welt ein beneidenswurdiger Schatz ware, wodurch sich ein Konig von Scheschian uber alle Volkerhirten gegen Morgen und Abend erheben wurde. Die Naturgeschichte war um diese Zeit gerade das Lieblingsstudium der Gelehrten und Ungelehrten in Scheschian. Der Oberbonze Kolaf hatte also wenig Muhe, mit Hulfe aller jungen Bonzen denen an seiner Gunst gelegen war, das Schmetterlingskabinett Seiner Hoheit in kurzer Zeit ansehnlich zu erweitern. Tifan der Zweite beschaftigte sich in eigener Person sowohl mit allen zur Aufbehaltung seiner Sommervogel notigen Arbeiten, als mit ihrer Anordnung und zierlichen Aufstellung.

Nach und nach dehnte sich seine Liebhaberei uber alle ubrigen Insekten, und als er auch damit fertig war, erst uber die zweifussigen Vogel, und zuletzt (wie es mit solchen Leidenschaften zu gehen pflegt) uber alle lebendige und leblose Naturprodukte, auf, uber und unter der Erde, aus; und das alles machte dem guten Konige so unendlich viel zu tun, dass er taglich dem Himmel dafur dankte, die Sorge fur sein Reich einer so klugen Frau, wie seine Gemahlin in seinen Augen war, mit ruhigem Herzen uberlassen zu konnen.

Kolaf bediente sich inzwischen seiner Gewalt uber den Geist der Konigin, sie auf das ungeheure Ubergewicht des Adels und die Abnahme des koniglichen Ansehens aufmerksam zu machen, und sie zu uberzeugen, wie notwendig es sei, den Ubermut dieser stolzen Untertanen zu dampfen, und der Krone die verlorne Obermacht wieder zu verschaffen. Er schlug dazu zwei sehr zweckmassige Mittel vor. Das eine war, einen Krieg anzufangen, der den zahlreichen Adel vermindern und ihm Gelegenheit geben wurde, sich durch seine auch im Felde nicht eingeschrankte Uppigkeit und Prachtliebe zu Grunde zu richten; das andere, den Priesterstand, dessen Ansehen beim Volke seine Anhanglichkeit an die Krone um so verdienstlicher mache, mehr als bisher zu begunstigen, und die ansehnlichern Civilbedienungen, die bisher grossten Teils in den Handen unwissender, schlecht erzogener und lasterhafter Menschen ubel genug verwaltet worden, mit wurdigen Mannern aus dem gelehrten Stande zu besetzen. Zum erstern fand sich gar bald eine Veranlassung; denn nichts ist leichter als Handel zu haben wenn man sie sucht: und zum letztern wusste Kolaf ebenfalls zu rechter Zeit Rat zu schaffen.

In der Tat hatte er dem grossten Teile des scheschianischen Adels durch die Beschuldigung der Unwissenheit und schlechten Erziehung kein Unrecht getan. Schon lange waren die Gesetze Tifans, die sich auf die Erziehung des Adels bezogen, ausser Ubung gekommen. Diese von jenem weisen Fursten, mehr als dem Staate und ihr selbst zutraglich war, begunstigte Kaste, hatte seit der Regierung der Konige Turkan und Akbar ihre erhabene Bestimmung, den einzigen Grund ihrer Vorrechte, ganzlich aus den Augen verloren. Zu hoch uber ihre Mitburger hinauf gesetzt um nicht hoffartig, und zu reich um nicht ubermutig zu sein, uberliessen sich die scheschianischen Nairen in den Jahren, worin sie zur Erfullung ihrer kunftigen grossen Pflichten gebildet werden sollten, dem uppigsten Mussiggang und allen Ausschweifungen einer unbandigen Jugend. Sie blieben unwissend, und gewohnten sich, Gelehrsamkeit und alles was Fleiss und Anstrengung des Geistes erfordert, als Dinge die weit unter ihnen waren, anzusehen. Alle Zweige der Wissenschaften blieben also den Priestern und ubrigen Gelehrten von Profession uberlassen: und da die erstern vermoge der Konstitution zu Lehrern des Tifanischen Gesetzbuches bestellt waren, und durch ihre vielfachen Verhaltnisse gegen das Volk die beste Gelegenheit hatten, sowohl den Charakter als die jedesmalige Lage, Bedurfnisse und Gesinnungen desselben besser als andere kennen zu lernen; so konnte der Oberbonze Kolaf mit gutem Fug erwarten, dass sein Plan, die Bonzen, die das Vertrauen des Volkes besassen, nach und nach an die Platze des allgemein verhassten Adels zu bringen, den vollen Beifall des grossern Teils der Nation erhalten wurde.

Sobald er also einen ansehnlichen Teil der Nairen durch einen Krieg, den er selbst in geheim angezettelt hatte, aus Scheschian entfernt sah, wusste er es durch seine im ganzen Reiche verbreiteten Freunde und Ordensgenossen so einzuleiten, dass von allen Seiten grosse Klagen einliefen, uber Untuchtigkeit, Unredlichkeit, Missbrauch der obrigkeitlichen Gewalt, Versagung der Justiz, Verdrehung der Gesetze, Bestechungen, kurz uber alle Arten von Verbrechen, deren die bisherigen Justiz- und Polizei-Stellen, Distriktsaufseher, Statthalter der Provinzen und andere Staatsbeamte aus der Kaste der Nairen sich schuldig gemacht hatten. Da es toricht gewesen ware die Habichte bei den Geiern zu verklagen, so wurden alle diese Beschwerden unmittelbar vor den Thron gebracht. Sie verursachten scharfe Untersuchungen; man fand, sowohl des Beispiels wegen, als um das aufgebrachte Volk zufrieden zu stellen, fur notig, gegen die schuldig Befundenen mit der aussersten Strenge zu verfahren; und das letzte Resultat von allen diesen mit vieler Klugheit in einander gepassten Operationen war: dass Kolaf zum ersten Minister des Konigs, oder, eigentlicher zu reden, der Konigin erhoben wurde, und dass binnen wenig Jahren die ansehnlichsten und eintraglichsten Staatsbedienungen in den Handen solcher Priester waren, die sich durch Talente, Wissenschaft und einen Schein strenger Tugend und tadelloser Sitten ausgezeichnet hatten. Die Wahl des Hofes wurde dadurch in den Augen der Nation so vollstandig gerechtfertigt, dass die Konigin, unter dem Schirm der allgemeinen Liebe, welche sie sich durch diese Staatsverbesserung erwarb, nun freie Hande hatte, die wieder hergestellte konigliche Autoritat so weit auszudehnen als sie wollte.

Dieses Ungewitter, zu welchem Kolaf und seine Anhanger die Zurustungen in grosster Stille gemacht hatten, fand bei seinem Ausbruche die Herren von der adelichen Kaste so wenig vorbereitet, dass ihnen nichts ubrig blieb als sich in die Zeit zu schicken, und durch das zweideutige Verdienst des leidenden Gehorsams, womit sie sich den Verfugungen des Hofes unterwarfen, von ihren ehmaligen Vorrechten noch so viel zu retten, dass sie unter gunstigern Umstanden auch das Verlorne wieder zu gewinnen hoffen konnten."

So weit war Danischmend, als der Bramine der Sultanin Nurmahal, welcher seit einigen Tagen die Erlaubnis hatte bei dieser Unterhaltung zugegen zu sein, ihn bemerken liess, dass der Sultan unter seiner Erzahlung unvermerkt eingeschlafen war. Der Erzahler empfahl sich also, und schlich in aller Stille nach Hause, um uber eine und andere Bemerkung, die er diesen Abend gemacht hatte, seine Betrachtungen anzustellen. Es hatte ihm nicht entgehen konnen, dass Schach-Gebals Angesicht und Benehmen gegen ihn seit kurzem nicht mehr war wie sonst: und besonders an diesem Abend war die Laune, womit er ihn ofter als gewohnlich unterbrach, so auffallend gewesen; der Sultan hatte so wenig verbergen konnen oder verbergen wollen, dass er etwas gegen ihn auf dem Herzen habe; auch hatte er in Nurmahals Gesicht etwas so zuruck Gehaltenes, und an dem ubermassig freundlichen Braminen von Zeit zu Zeit eine so tuckische Schadenfreude aus den halb geschlossenen Augen hervor blikken sehen. Das alles waren keine Zeichen von guter Vorbedeutung. Je mehr er allen Umstanden nachdachte, desto mehr Licht ging ihm auf, und desto weniger blieb es ihm zweifelhaft, dass man uber einem geheimen Anschlag gegen ihn brute, und dass seine Itimaduletschaft, allem Ansehen nach, ihrem Ende nahe sei.

Danischmend hatte diese, ihm von Schach-Gebal in einem seltsamen Anstoss von sultanischer Laune aufgedrungene hohe Ehrenstelle zwar noch nicht lange genug bekleidet, um etwas getan zu haben, was ihm die Ungnade seines Herren oder der schonen Nurmahal und ihres Braminen hatte zuziehen konnen: aber er hatte desto mehr gedacht und gesprochen; und wenn die Derwischen, Bonzen und Fakirn nicht viel Gutes von ihm erwarteten, so sagte ihm sein Gewissen, dass sie alle Ursache dazu hatten. Er hatte sogar bereits von seinen Anschlagen gegen diese wackern Leute von welchen er (wie wir wissen) nicht so gunstig dachte, als sie es von einem Itimadulet von Indostan billig wunschen mochten manches gegen den Sultan fallen lassen; und er kannte Seine Hoheit zu gut, um nicht voraus zu sehen, dass sein Geheimnis unverzuglich in den Schoss der schonen Nurmahal niedergelegt worden sei. Er begab sich also mit einer Art von Gewissheit zu Bette, dass es eine zwischen der Sultanin und dem Braminen bereits abgekartete Sache sei, ihn baldmoglichst vom Hofe zu entfernen: aber dass der Augenblick der Ausfuhrung schon so nahe sei, das hatte er sich nicht traumen lassen.

Die Uberraschung war daher nicht gering, als er um die Zeit des ersten Morgengebets durch ein grosses Getummel in seinem Hause aus einem sehr ruhigen Schlummer geweckt wurde, und gleich darauf die Tur seines Schlafzimmers aufgehen und einen Officier von der Leibwache hereintreten sah, der ihm im Namen des Sultans ankundigte, dass er sein Gefangener sei.

Da auf ein solches Kompliment nichts anders zu antworten war, so stand Danischmend, beinahe so ruhig als er sich niedergelegt hatte, auf, kleidete sich hurtig an, und folgte dem Officier, der ihn durch einen Labyrinth von Gangen, Treppen und Gewolben endlich in einem kleinen, mit eisernen Gittern verwahrten Zimmerchen absetzte, ihm wohl zu leben wunschte, und, nachdem er die Tur abgeschlossen hatte, ein paar so schwere Riegel vorschob, dass er von dieser Seite seines Gefangenen halben vollig sicher sein konnte.

Danischmend, der sich gleich bei seiner Erhebung zum Itimadulet vorgestellt hatte, dass die Komodie ungefahr einen solchen Ausgang nehmen wurde, schickte sich in seine neue Lage (wiewohl er das Unangenehme derselben so lebhaft als ein andrer fuhlte) wie ein weiser Mann, hoffte das Beste, war auf das Argste gefasst, und fand bei dieser raschen Veranderung seines Schicksals wenigstens den Umstand trostlich, dass er dadurch des Frondienstes, Seine Hoheit mit der Geschichte der Konige von Scheschian einzuschlafern, uberhoben wurde.

Desto unzufriedener bezeigt sich daruber der sinesische Ubersetzer dieser Geschichte, dem die dadurch verursachte Unvollstandigkeit eines so wichtigen Werkes so sehr zu Herzen geht, dass er sich nicht enthalten kann, in eine bittre Strafrede gegen die Sultanen, Tschirkassierinnen, Braminen, Fakirn und Bonzen auszubrechen, die an diesem Unheil, wie er sagt, ungefahr zu gleichen Teilen Schuld waren.

Wiewohl nun (fahrt er, nachdem er seiner Galle Luft gemacht, in einem ruhigern Tone fort) der Verlust, den die Welt dadurch erleide, unersetzlich sei; so habe er sich doch, um die Wissbegierde der Leser nicht ganz unbefriedigt zu lassen, alle nur ersinnliche Muhe gegeben, uber den Ausgang dieser Geschichte, die sich nicht eher als mit dem scheschianischen Reiche selbst hatte enden sollen, einiges Licht zu erhalten; und es sei ihm endlich gegluckt, aus alten Sagen und glaubwurdigen Urkunden so viel davon heraus zu bringen, dass er sich im Stande finde, nachdenkenden Lesern einiger Massen begreiflich zu machen, wie besagtes Reich unter der ungeheuern Last von Ubeln, die von einer langen Reihe namenloser oder heilloser Konige uber demselben zusammen gehauft worden, endlich notwendig habe einsinken und zu Grunde gehen mussen.

Ob der lateinische Ubersetzer diesen von seinem sinesischen Vorganger mit so muhsamem Fleiss ausgearbeiteten Anhang nicht fur interessant genug gehalten habe, oder ob er durch irgend einen Zufall an Verdolmetschung desselben gehindert worden, ist unbekannt. Genug, dass wir in seiner Handschrift nichts als eine Note am Schluss des Werkes gefunden haben, worin er sich begnugt, seinen Lesern die Resultate der Geschichtserzahlung des Sinesers in einem kurzen Auszuge folgender Massen mitzuteilen. Der Oberpriester Kolaf und seine Ordensbruder genossen des Sieges, den sie uber den scheschianischen Adel erhalten hatten, nicht so lange als sie zu Ausfuhrung aller ihrer Plane wunschten; der unvermutete Tod der Konigin Dulika beraubte sie einer Stutze, die ihnen dazu unentbehrlich war.

Vermog eines von Tifan gegebenen Gesetzes musste sich der Konig eine neue Gemahlin aus den zwolf schonsten Madchen wahlen, welche von den Stellvertretern der zwolf Hauptprovinzen des Reichs nach einer vorgeschriebenen Ordnung fur ihn ausgesucht wurden.

Kolaf konnte und wollte auf die Wahl der neuen Konigin keinen Einfluss haben; aber er besass ein unfehlbares Mittel, das Herz des Konigs fur diejenige zu bestimmen, zu welcher er selbst das beste Vertrauen hatte. Der Gewohnheit nach mussten die zwolf Jungfrauen dem Konige bei ihrer Vorstellung ein kleines Geschenk darbringen. Zili, die Tochter eines Oberpriesters, der ein vertrauter Freund des ersten Ministers war, begluckte Seine Hoheit mit einem ausserst seltnen Schmetterling, der seiner prachtigen Sammlung noch fehlte, und dem er schon lange nachgetrachtet hatte, und Tifan der Zweite, vor Freude ausser sich, erklarte die schone Zili auf der Stelle zur Konigin seines Herzens und des Reichs.

Kolaf rechnete, wie billig, auf die Dankbarkeit der neuen Konigin, welche den Talisman, dem sie ihre Erhebung schuldig war, heimlich von ihm empfangen hatte. Aber die Hofleute machten bald die schwache Seite der jungen Zili ausfundig. Ein wunderschoner junger Nair, der auf einmal durch ihre Veranstaltung am Hof erschien, bemachtigte sich der Zuneigung der Konigin Zili durch seine Gestalt, und durch ein Geheimnis die Federn ausgestopfter Vogel in ihrer ganzen Schonheit zu erhalten, der Gunst des Konigs, in einem so hohen Grade, dass Kolaf seinen Platz nicht langer haltbar fand, und sich mit einem grossen Gehalt und der Wurde eines Hohenpriesters von ganz Scheschian, welche ausdrucklich fur ihn kreiert wurde, vom Hofe zuruck zog.

Von dieser Zeit an stellte der Adel sein verlornes Ansehen nach und nach so gut wieder her, dass die Priesterschaft, wiewohl sie sich vom Hofe fast ganz unabhangig gemacht hatte, es doch der Klugheit am gemassesten fand, sich an der billigen Teilung zu begnugen, welche ihr von ihren Nebenbuhlern um die Oberherrschaft angeboten wurde; ein Vertrag, der (wie leicht zu erachten) von beiden Seiten nicht so gewissenhaft gehalten wurde, dass nicht jeder Teil beflissen gewesen sein sollte, den andern, so oft sich die Gelegenheit dazu anbot, nach Moglichkeit zu ubervorteilen und auszustechen.

Solcher Gestalt bildete sich aus diesem geheimen Einverstandnis der machtigsten Familien des Adels und der Oberpriester eine Art von Aristokratie, worin der Name des Konigs und die aussern Formen der Monarchie nur deswegen beibehalten wurden, weil man sich des koniglichen Ansehens bedienen konnte, das Volk desto bequemer und ungestrafter zu unterdrucken.

Die Regierung Tifans des Zweiten war eine der langsten in dieser Dynastie, und die neue Ordnung oder Unordnung der Dinge hatte nicht nur Zeit genug sich zu befestigen, sondern erhielt sich auch durch die Klugheit der Haupter beider Parteien in einem ziemlichen Gleichgewichte.

Aber unter seinen Nachfolgern wurde diese friedliche Eintracht haufig unterbrochen. Der Hof des Konigs und der geheiligte Palast des Hohenpriesters waren fast immer bald in geheimer bald in offentlicher Opposition; das Ubergewicht der Macht schwankte zwischen beiden hin und her; einige Male kam es sogar zu einem Bruch, der die Ruhe des Reichs erschutterte. Indessen musste doch zuletzt wieder Friede gemacht werden, und immer war es das Volk ganz allein, das die Unkosten der Aussohnung tragen musste.

Die schlechte Haushaltung des Hofes die kostbaren Launen und grenzenlosen Verschwendungen der Gunstlinge von beiderlei Geschlechte die unersattliche Habsucht der Grossen, als naturliche Folge eines ubermutigen Luxus, der, wiewohl von dem Blut und Mark des Volkes genahrt, niemals genug an sich ziehen konnte um einen bodenlosen Schlund zu fullen unnotige und ungerechte Kriege, wobei nur Feldherren, Kommissarien und Lieferanten sich bereicherten, wahrend Myriaden unschuldiger Familien zu Grunde gerichtet und der Staat durch die Eroberungen selbst immer armer wurde torichte aber kostspielige Unternehmungen, wobei man ohne Plan und Uberschlag des Aufwands und der Krafte verfuhr, und oft dreimal mit grossen Unkosten wieder einreissen musste, was man mit noch grossern gebaut hatte diese und hundert andere Artikel von gleichem Schlage vermehrten die so genannten Staatsbedurfnisse auf eine so ungeheure Art, dass, ungeachtet die Abgaben, womit das Volk nach und nach unter allen nur ersinnlichen Titeln belastet worden war, den arbeitenden Klassen zu ihrem notdurftigsten Auskommen kaum das Unentbehrlichste ubrig liessen, die Zinsen der Staatsschulden zuletzt beinahe die ganze Summe der Einkunfte aufzehrten, und zu Bestreitung der ubrigen Ausgaben taglich neue Schulden gemacht werden mussten.

Die Unzufriedenheit des Volkes, welche man lange keiner Aufmerksamkeit wurdigte, die immer naher kommende Gefahr eines unvermeidlichen Staatsbankrutts, und die schrecklichen Folgen, die er nach sich ziehen musste, machten endlich einige redliche Manner, denen das Vaterland am Herzen lag, so kuhn, sich zu Vormundern der Nation aufzuwerfen, und ihre Beschwerden der Regierung in einem anstandigen aber mannlichen Tone vorzutragen. Man verglich den gegenwartigen Zustand von Scheschian mit dem, was er in den Zeiten des grossen Tifan gewesen war, und was er noch itzt in einem ungleich hohern Grade sein konnte, wenn der Ehrgeiz und Eigennutz derjenigen, denen die Nation ihre Wohlfahrt anvertraute, das wohltatige Joch seiner Gesetze nicht abgeschuttelt hatte; man sprach laut und nachdrucklich von den Rechten des Volks und von den Pflichten der Regenten; man liess keinen Missbrauch ungerugt, keine Quelle des allgemeinen Elends unentdeckt; man zeigte deutlich und grundlich was anders werden musse, und wie es besser werden konne. Aber diejenigen, die man dadurch zum Nachdenken erwecken wollte, horten und lasen entweder nichts, oder hatten zu viel Eigendunkel um sich raten zu lassen, oder affektierten wohl gar Warnungen fur Drohungen anzusehen, und ermachtigten sich, die Stimme der Vernunft und der Vaterlandsliebe in dumpfen Kerkern ungehort verhallen zu lassen.

Bald wurde die kleine Zahl der redlich gesinnten Fursprecher des Volks von einer Menge andrer verdrangt, die (nach ihren Grundsatzen und nach dem Ton ihres Vertrags zu urteilen) keine andre Absicht haben konnten, als die Missvergnugten noch mehr aufzuhetzen und eine Revolution zu beschleunigen, in welcher sie eine bedeutende Rolle zu spielen hofften.

Die Garung der Gemuter wurde nun zusehens immer starker und allgemeiner; das Volk fand seinen Zustand unertraglich, und fing an furchtbare Zeichen zu geben, dass es ihn nicht langer ertragen wolle. Die Regierung hatte sein Zutrauen unwiederbringlich verloren; alle Bande des gesellschaftlichen Vereins waren aufgelost, alle Springfedern der Regierung ohne Spannung; der Adel und die Haupter der Priesterschaft vom allgemeinen Hasse zu den ersten Opfern seiner Rache bestimmt: mit Einem Worte, das Mass des Unsinns, des Ubermuts, der Verbrechen, der Tyrannei, und der Geduld war voll; nur Ein Tropfen mehr, und es lief uber.

Sollte man es fur moglich halten, dass diejenigen, die am Ruder des Staats sassen, unter solchen Umstanden, wahrend ein jeder, der sich die Ohren nicht geflissentlich zustopfte, den Orkan schon von ferne brausen horte, sorgloser als jemals schlummerten und von keiner Gefahr sich traumen liessen? Aber sie wurden auf eine schreckliche Art erweckt.

Ein Edikt, worin, unter dem Vorwande dringender Staatsbedurfnisse, dem Volk eine neue Abgabe zugemutet wurde, und welches der Hof in einem Zeitpunkt ergehen liess, da, entweder zufalliger Weise oder durch geheime Veranstaltungen der Ubelgesinnten, ein schnell uberhand nehmender Mangel der notdurftigsten Lebensmittel die untern Volksklassen in die lebhafteste Unruhe setzte, dieses Edikt war das Signal zum allgemeinen Aufstande. Im ganzen Reiche drangte sich der Pobel in grossen Massen zusammen, schwarmte, von den Verwegensten und Ruchlosesten aus seinem Mittel angefuhrt, uberall umher, ermordete alle die es fur seine Tyrannen oder fur Werkzeuge der Tyrannei ansah, plunderte und zerstorte die Schlosser und Landsitze der Nairen, verbrannte die Zollhauser, raubte die offentlichen Kassen aus, und beging alle Arten von Ausschweifungen und Greueltaten. Die Hauptstadt, in welcher die Emporung zuerst ausgebrochen war, ging in allem diesem den ubrigen mit ihrem Beispiele vor. Die ihrer Schuld sich bewussten und durch Weichlichkeit und Ausschweifungen entnervten Nairen hatten weder Mut noch Kraft zum Widerstand; viele retteten ihr Leben durch eine schnelle Flucht; die meisten fielen ihren Feinden in die Hande und starben eines schmahlichen Todes. Der namenlose Konig, der letzte und verdienstloseste von Tifans Abkommlingen, wurde, mit den wenigen die ihn nicht verlassen hatten, in seinem eigenen Palast eingekerkert, und, bei einem misslungenen Versuch zu entfliehen, der Wut des Pobels Preis gegeben.

Das Volk, das sich anfangs ohne Plan und Zweck bloss den ungestumen Eingebungen der Verzweiflung, der Rache und Mordlust uberlassen hatte, fing endlich an, der Stimme einiger Manner von Talenten und Einsichten Gehor zu geben, die sich zu Wiederherstellung der Ordnung zusammen taten, und durch ihre Popularitat das Vertrauen desselben gewonnen hatten. Aber da war kein Dschen-gis, kein Tifan mehr, der mit uberwiegenden Geisteskraften Weisheit und Tugend genug vereinigt hatte, um sich alle Gemuter zu unterwerfen, und diese Obermacht, ohne eigennutzige Absichten, bloss zum Besten des Ganzen anzuwenden. Der kleinen Anzahl der Wohlgesinnten fehlte es teils an Mut und Beharrlichkeit, teils hofften sie irriger Weise durch die Macht der Vernunft auszurichten, was ihre Gegner, die sich aus Ehrgeiz und Herrschsucht zu Anfuhrern des Volks aufgeworfen hatten, auf einem viel kurzern Wege dadurch erhielten, dass sie sich alles erlaubten und vor keiner Abscheulichkeit zuruck bebten, wenn sie nur ein Mittel zu ihrer Absicht war.

Notwendig behielten also die letztern die Oberhand: aber da jeder nur seinen eigenen Zweck verfolgte, keiner dem andern traute, jeder allein herrschen und keiner gehorchen, keiner der Zweite oder Dritte sein wollte, so zerfielen sie unter sich selbst; und wahrend das Reich von einer Menge Faktionen zerrissen wurde, wovon immer eine die andre aufrieb, fielen die benachbarten Konige, nach einem in geheim abgeredeten Plane, zu gleicher Zeit uber das zerruttete und an seinen selbstmorderischen Wunden sich verblutende Scheschian her, und bemachtigten sich, beinahe ohne Widerstand, der Provinzen, die sich ein jeder zu seinem Anteil ausbedungen hatte.

Die unglucklichen Scheschianer, teils unter hundert fremde Volker zerstreut, teils stuckweise den angrenzenden Staaten einverleibt, verloren mit ihrer politischen Existenz zugleich ihren uralten Namen; und eines der machtigsten Konigreiche des Orients verschwand so ganzlich von der Erde, dass es, schon zu den Zeiten des sinesischen Kaisers Tai-Tsu, den gelehrtesten Altertumsforschern unmoglich war, die ehmaligen Grenzen desselben zuverlassig anzugeben.

Ende des goldnen Spiegels

Fussnoten

1 Hier bin ich genotiget gewesen eine Lucke zu lassen, welche sich zwar in meinem sinesischen Exemplare nur zufalliger Weise befand, die ich aber aus Mangel eines andern Exemplars nicht erganzen konnte. Allem Ansehen nach wird das, was Hiang-Fu-Tsee noch sagen wollte, eine Rodomontade gegen den bekannten Zoilus sein, woran es die sinesischen Autoren eben so wenig als die unsrigen in ihren Vorreden fehlen zu lassen pflegen; und der Leser verliert also nichts durch diesen Mangel.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

2 Ein gewisser persischer Autor gerat bei Erwahnung dieser Stiftungen Schach-Lolos in eine seltsame Aufwallung. "Kann man", ruft er aus, "sich sogar im heissesten Fieber einfallen lassen, solche Stiftungen zu machen? Es gehort doch wohl zum Wesen einer Stiftung, dass sie dem Staate nutzlich sei? Sultan Lolos Stiftungen mussten gerade die entgegen gesetzte Wirkung tun. Hatte er seine Derwischen und seine Katzen ihrem Schicksal uberlassen, so ist Hundert an Eins zu setzen, jene hatten arbeiten mussen, und diese Ratten gefangen, und so hatten beide dem Staat Dienste mussig gingen! Gleichwohl was die Katzen betrifft, mocht es noch hingehen; ihr Fett ist doch zu etwas nutze. Aber Derwischenfett! Was soll man mit Derwischenfett anfangen?"

Schek Seif al Horam,

Geschichte der Torheit 364. Teil S. 538.

3 Wir konnen nicht umhin, die Anmerkung zu machen, dass die Neigung sich zu beschaftigen und ein anhaltender Fleiss unter die seltensten und schatzbarsten Tugenden gehoren, die ein grosser Herr besitzen kann. Nur um dieser willen verdient, unsers Erachtens, Schach-Dolka einen Platz unter den besten Fursten, die jemals den Thron gezieret haben. Was hatte er erst verdient, wenn er diesen unverdrossenen Fleiss auf die Ausubung seiner koniglichen Pflichten zu verwenden hatte geruhen wollen? Seine koniglichen Pflichten? Gegen wen? Wo hatte Schach-Dolka hernehmen sollen, dass ein Konig Pflichten habe? Anmerk. des latein.Ubersetzers 4 Allgemeiner Name der ersten Minister der indostanischen Konige der Zeiten, wovon hier die Rede ist. 5 Die Wahrheit ist, dass es weit grosser war; aber die schone Tschirkassierin hatte zu viel Lebensart, um dem Sultan eine solche Unhoflichkeit zu sagen. Beiwagen darf. Anmerk. des sines. Ubersetzers 6 S. Kampfers Beschreibung des japanischen Reichs, I.T. 7. Kap. S. 112. 7 Die schone Nurmahal oder ihre Chronik irrt sich in der Person. Wenn sie sich die Muhe hatte geben wollen, den ehrlichen Gregor von Tours selbst nachzuschlagen, so wurde sie im sechsten Buche (wir erinnern uns nicht in welchem Kapitel) gefunden haben, dass es der Konig Chilperich war; wiewohl man gestehen muss, dass ihr, und dem Sultan Gebal, und dem ganzen Indien, Dagobert und Chilperich vollig gleich viel sein konnten.

Anmerk, des latein. Ubersetzers

8 "Hier", sagt der sinesische Ubersetzer, "habe ich eine Anmerkung des indischen Herausgebers dieses Werkes gefunden, die ich mich nicht entschliessen kann auszulassen, ungeachtet meine Leser keinen unmittelbaren Gebrauch davon machen konnen. 'Ich wunschte', sind die Worte des Indiers, 'dass alle unsre Grossen und Edeln dieser Periode (von den Worten Eine allgemeine usw. bis zu Verzweiflung ein) die Ehre antun mochten, sich derselben zu Prufung der Fakirn, denen sie ihre Sohne anvertrauen wollen, zu Fakir die Periode vorzulegen, und sich eine Erklarung derselben, und die Entwicklung der darin enthaltnen Begriffe und Satze von ihm auszubitten. Allenfalls konnten sie, um ihrer Sache desto gewisser zu sein, einen Philosophen von unverdachtigen Einsichten mit zu dieser Prufung ziehen. Versteht der Fakir die Periode: nun, so sei es denn! Versteht er sie nicht oder rasoniert er daruber wie ein Truthahn: so konnen Sich Ihre Exzellenzen, Gnaden, Hoch- und Wohlgeboren usw. darauf verlassen, dass er ein vortreffliches Subjekt ist, wenn Ihre Absicht dahin geht, dass Ihr Sohn nicht zu vernunftig werden solle.'" 9 Es bedarf kaum der Anmerkung, dass Schach-Gebal der nuchternste Sultan seines Jahrhunderts, und ein todlicher Feind der Trunkenheit an andern war. Seine Feinde haben nicht unterlassen, auch von dieser Tugend, welche sie ihm nicht absprechen konnten, wenigstens den Wert zu verringern, indem sie ihr alles raubten, was sie hatte verdienstlich machen konnen. Aber wir finden nicht notig, die Wirkung ihrer Bosheit durch Anfuhrung ihrer unartigen Vermutungen fortzupflanzen. Der arme Schach-Gebal besass nicht so viel Tugenden, dass es billig sein konnte, ihm auch die wenigen, die er besass, zweifelhaft machen zu wollen. Anmerk, des sines. Ubersetzers 10 Gewissen sinnreichen Kopfen zum besten mussen wir hier eine dreifache Anmerkung machen: namlich erstens, dass die Worte Bonze, Fakir und Derwisch, so oft sie in dieser Geschichte vorkommen, allezeit in der engsten Bedeutung genommen werden, und weiter nichts bedeuten als Bonzen, Fakirn und Derwischen; zweitens, dass Danischmend hier nicht von allem Verdacht einer schmeichlerischen Gefalligkeit gegen die unbillige Denkungsart seines Herrn frei gesprochen werden konne; und drittens, dass die angebliche Demonstration des Sultans sich augenscheinlich auf einen Trugschluss grundet, und also die Bonzen (welche wir ubrigens verteidigen zu wollen weit entfernt sind) keineswegs treffen konne.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

Gleichwohl konnte, alles wohl erwogen, dem Sultan nicht zugemutet werden, anders zu schliessen. Er schloss so: Meine Bonzen reden ubel von mir, und ich mache mir eine Ehre aus ihrem Tadel; also ist ihr Lob unruhmlich: denn war es ruhmlich, so ware mir's Schande, es nicht zu verdienen. Nun ist dies aber ein Gedanke, den ich nicht leiden kann; er ist also falsch; und was von mir gilt, das gilt auch von Ogul-Kan: denn, erweise ich ihm nicht die ausserste Ehre, die nur moglich ist, wenn ich ihn fur meinesgleichen gelten lasse? Diese Art zu schliessen lasst sich freilich weder durch die Logik des Aristoteles noch der Herren von Port-Royal rechtfertigen. Aber seit die Welt in ihren Angeln geht, hat die Eigenliebe nie bessere Schlusse gemacht.

Anmerk. des deutschen Ubersetzers

11 Diese Periode sagt beinahe mit den namlichen Worten, was Xenophon seinen Cyrus im I. Buche der Cyropadie (p.m. 52) sagen lasst. Vielleicht hat Psammis diese Stelle wirklich im Sinne gehabt. Wenigstens ist dies nicht die einzige, aus welcher sich erweisen liesse, dass seine Moral echte sokratische Moral ist. 12 Wiewohl nicht zu leugnen ist, dass der Iman hier einige Wahrheiten oder Halbwahrheiten vorbringt, so konnen wir doch nicht unangemerkt lassen, dass dieser letzte Satz ganz falsch ist. Solon, Pisistratus, Alcibiades, Demetrius Poliorcetes, Julius Casar, Antonius, und zehen tausend andre Beispiele haben zu allen Zeiten das Gegenteil bewiesen. Aber freilich mochte dieser Iman, wie viele seinesgleichen, nicht sonderlich in der Geschichte bewandert sein. Anmerk, des latein. Ubersetzers 13 Es ist aus den Reisebeschreibungen und MissionsNachrichten bekannt, dass das Institut der Derwischen sowohl als der Bonzen und Talapoinen sich auf eine Torheit in den Berichten unsrer Missionarien haufig geruget wird. Die strengern unter den Bonzen haben bei ihren Andachtsubungen und Kasteiungen nichts geringers im Sinne, als Pagoden, d.i. Gotter, nach ihrem Tode zu werden. Anmerk. des latein. Ubersetzers 14 Wofern Danischmend sich hier nicht uberzahlt hat, so ist wenigstens zu vermuten, dass die meisten Fursten alsdann, wenn der Tod im Begriff ist die Gleichheit zwischen ihnen und dem geringsten ihrer Untertanen wieder herzustellen, so denken wie Ludwig VI. von Frankreich, da er sterbend zu seinem jungen Thronfolger sagte: Vergiss niemals, mein Sohn, dass die konigliche Autoritat nur ein offentliches Amt ist, wovon du nach deinem Tode (Gott und der Nachwelt) eine genaue Rechnung abzulegen hast.

Anmerk, des latein. Ubersetzers

15 Das Vertrauen eines Fursten zu einem Minister, fur welchen er keine besondere personliche Zuneigung hat, macht ordentlicher Weise (denn es gibt auch hier Ausnahmen) sowohl dem Fursten als dem Minister Ehre. Es beweiset bei diesem vorzugliche Verdienste, bei jenem die Fahigkeit sie zu schatzen, und die konigliche Tugend seine Privatneigungen dem Nutzen des Staates nachzusetzen.

Anmerk. des sines. Ubersetzers

16 Dieses Bild erinnert uns an eines der vollkommensten Gemalde des Tasso, auf welches man diese Stelle fur eine Anspielung halten wurde, wenn Nurmahal nicht etliche Jahrhunderte fruher gelebt hatte als der walsche Dichter.

Ecco tra fronde e fronde il guardo avante

Penetra e vede, o pargli di vedere:

Vede pur certo il vago e la diletta,

Ch' egli e in grembo a la donna, essa a l'erbetta:

Ella dinanzi al petto ha il vel diviso

E'l crin sparge incomposto al vento estivo:

Langue per vezzo, e'l suo infiammato viso

Fan biancheggiando i bei sudor piu vivo.

Qual raggio in onda, le scintilla un riso

Ne gli umidi occhi tremulo e lascivo,

Sovra lui pende ed ei nel grembo molle

Le posa il capo e'l volto al volto attolle.

E i famelici sguardi avidamente

In lei pascendo si consuma e strugge, etc.

GOFFREDO, C. XVI. 17, 18, 19.

17 Vermutlich sind die Kalifen Harun Al Raschid und sein Sohn Almamon hier gemeint, unter welchen, wie bekannt ist, die griechischen Wissenschaften und Kunste in das sarazenische Reich verpflanzt wurden.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

18 Die meisten alten Gewohnheiten sind verderblich, bloss weil sie alte Gewohnheiten sind. Sie mochten zu ihrer Zeit, unter gewissen Umstanden, gut oder doch zu rechtfertigen sein; aber diese Umstande haben aufgehort, und die Gewohnheit, welche dennoch fortdauert, wird schadlich. Daher ist uberhaupt nichts so albern als das gewohnliche Geschrei der Dummkopfe uber Neuerungen.

Anmerk. eines Ungenannten

19 Man kann aus Mangel zuverlassiger Nachrichten nicht fur gewiss sagen, ob die Scheschianer das Geld nach Unzen Silbers, wie die Sinesen, berechnet, oder ob sie sich goldner und silberner Munzen bedient haben. Wenigstens finden sich, unsers Wissens, keine scheschianischen Munzen in irgend einem europaischen Munzkabinette. Vermutlich aber hat der sinesische Ubersetzer, um seinen Landsleuten verstandlich zu sein, die scheschianische Art das Geld zu berechdabei gelassen, weil es wirklich in Berechnungen die bequemste unter allen ist.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

20 Dieses Zuvorkommen ist ein Wort von wichtiger Bedeutung, welches wir den Grossen zu gelegentlichem Nachdenken bestens empfehlen. "Wenn sie" (sagt unser gottlicher Konfucius) "solchen Ubeln, die sich durch menschliche Klugheit nicht vorher sehen lassen, mit Hulfe entgegen eilen, so bald sie von dem Dasein derselben benachrichtiget sind: so ist dies in solchen Fallen alles was man von ihnen fodern kann. Aber es gibt eine Menge unglucklicher Zufalle, welche sich erraten lassen, und Ubel, welche man mit Gewissheit vorher sagen kann, weil sie die notwendigen Folgen unsrer eigenen Begehungen oder Unterlassungen sind. Diesen erst alsdann abzuhelfen suchen, wenn sie den grossten Teil ihrer schadlichen Wirkungen schon getan haben, ist das Betragen einer unweisen Obrigkeit. Es ist die Schuldigkeit unsrer Obern, solchen Ubeln zuvorzukommen; und eben darin liegt eine von den wesentlichsten Ursachen, warum man Obrigkeiten vonnoten hat."

Anmerk. des sines. Ubersetzers

21 Der indische Verfasser spricht hier der herrschenden Meinung gemass, nach welcher man sich ich weiss nicht welchen seltsamen Begriff von der Weisheit der Agypter macht, weil dieses Volk (wenn man das sinesische ausnimmt)A1 das erste war, welches Gesetze, Religion und Sitten hatte. In dieser Voraussetzung hat man freilich Ursache sich zu wundern, wie eine so weise Nation so unweise habe sein konnen. Aber wurde es nicht einer naturlichern Art zu schliessen gemass sein, wenn wir sagten: ein Volk, welches fahig war, Kalber, Affen und Krokodille anzubeten usw. war kein weises, sondern ein sehr albernes Volk. Freilich horte dann die Gelegenheit sich zu wundern auf; und viele Leute finden ein so grosses Behagen daran, wenn sie den Mund aufreissen und sich wundern konnen.

Anmerk. des sines. Ubersetzers

22 Danischmend scheint hier die beruhmte Inschrift vor Augen gehabt zu haben, welche zu Sais im Tempel der Isis gelesen wurde: "Ich bin alles was ist, was war und was sein wird; und meinen Schleier hat noch kein Sterblicher aufgedeckt." In diesem Falle hat er unrecht gehabt, nicht zu empfinden, dass uns diese Inschrift von der unermesslichen Grosse und der majestatischen Unbegreiflichkeit der Natur das erhabenste Bild gibt, das jemals in der Seele eines Sterbli23 Von der Wahrheit des seltsamen Aberglaubens, den die Mohren mit ihren Fetischen oder Schutzgottern treiben, kann sich, wer daran zweifeln sollte, aus der Allgemeinen Geschichte der Reisen, und aus der gelehrten Abhandlung du Culte des Dieux fetiches, uberzeugen. Ubrigens konnen wir diese Reflexion des Philosophen Danischmend nicht ohne eine Anmerkung lassen. Der Satz, dass keine Nation an dem Platz und in den Umstanden welches andern Volkes man will, viel kluger als dieses andere Volk sein wurde, scheint seine unzweifelhafte Richtigkeit zu haben: und wenn man keinen andern Gebrauch davon macht, als den unbescheidenen Stolz einiger Volker auf Vorzuge, welche nichts weniger als das Werk ihrer eignen Weisheit sind, dadurch zu demutigen, und sie empfinden zu machen, wie sehr eine gegenseitige Duldung, auch aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, in der naturlichen Billigkeit gegrundet sei; so scheint er unter die Wahrheiten zu gehoren, an welche es nutzlich ist die Menschen zuweilen zu erinnern. Allein es ist in unsern Tagen gewohnlich worden, von eben diesem Satze, mittelst gewisser Wendungen, einen sehr schlimmen Gebrauch zu machen. Man hat daraus folgern wollen, die verschiedenen Volker hatten keine andre als subjektive Grunde ihres verschiednen Glaubens, und alle Religionen konnten daher als gleichnen weisen Mann, sich fur irgend eine Religion mehr zu interessieren, als in so weit es die Gesetze seines Landes und seine ubrige Konvenienz erforderten. Diese verderblichen Grundsatze, welche beinahe zu allen Zeiten die Religion eines grossen Teils der Weltleute ausgemacht haben, sind indessen nichts weniger als notwendige Folgen aus der Reflexion des weisen Danischmend. Eine Religion aus allen kann nichts desto weniger, aus innerlichen sowohl als ausserlichen uberzeugenden Beweisgrunden, die wahre sein, oder unbetrugliche Kennzeichen eines gottlichen Ursprungs haben: und da wir Christen mit dem grossten Grade der Gewissheit behaupten konnen, dass unsre Religion wirklich die einzige sei, welche mit allen diesen Kennzeichen versehen ist; so sind wir nicht nur wohl berechtiget, sondern schlechterdings verbunden, alle ubrigen, in so weit sie der unsrigen entgegen stehen, fur irrig und verwerflich zu erklaren. Die Betrachtung, dass wir, zum Beispiel in den Umstanden der alten Agypter, oder unsrer eigenen abgottischen Vorfahren, eben so abgottisch und aberglaubisch als sie gewesen sein wurden, kann und soll also, vernunftiger Weise, zu nichts anderm dienen, als eines Teils uns Mitleiden mit den Gebrechen der Menschheit und Nachsicht gegen die Irrenden und Verfuhrten einzuflossen; andern Teils uns zu Gemute zu fuhren, dass wir es nicht den Vorzugen unsers Verstandes, sondern bloss der gottlichen Gute beizumessen haben, dass wir so glucklich sind, eine reinere Erkenntnis des hochsten Wesens und (wie der Heil. Paul sagt) einen vernunftigen Gottesdienst vor so vielen andern Volkern des Erdkreises zu besitzen.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

24 Siehe den Auszug aus des Marko Polo Reisen in der Allgem. Hist. der Reisen, T. VII. S. 472. Auch die Religion der Mantschuischen Tatarn kommt in der Hauptsache mit dieser uberein. S. Du Halde Beschr. des sines. Reichs, T. IV. S. 37. 25 Wenn man von einem rohen tatarischen Heerfuhrer, wie Ogul-Kan war, Belesenheit vermuten konnte, so sollte man glauben, dass hier eine Anspielung auf den Tyrannen Dionysius von Syrakus ware, der den Marsyas, einen seiner Staatsbedienten, hinrichten liess, weil diesem Marsyas getraumt hatte, er habe dem Tyrannen die Kehle abgeschnitten. Plutarch im Leben Dions, Tom. V.p. 167. edit. Londin. de 1724. Plutarch gibt zum Grunde dieses strengen Verfahrens an: Dionysius habe geglaubt, Marsyas wurde schwerlich so gefahrlich getraumt haben, wenn er nicht wachend mit dergleichen Gedanken umgegangen ware; und Montesquieu findet diesen Grund (wenn der unbundige Schluss, auf den er sich stutzt, auch richtig ware) nicht hinlanglich, das Verfahren des Dionysius zu entschuldigen. Esprit des Loix, Tom. I.L. XII. ch. XI. Der Gedanke, sagt er, musste, um strafbar zu werden, mit irgend einer Handlung verbunden gewesen sein. Aber dies war eben die Sache. Woher konnte Dionys wissen was Marsyas traumte? Marsyas hatte seinen Traum erzahlt; und dies schien entweder einen bosen Willen gegen den Fursten, oder doch einen Grad von Unvorsichtigkeit voraus zu setzen, den ein so argwohnischer und furchtsamer Furst, wie Dionysius war, strafwurdig finden musste. Es war ihm daran gelegen, den Syrakusern zu zeigen, dass man sich auch sogar im Traume nicht ungestraft an seiner Person vergreifen konne. 26 Es gibt, mit Erlaubnis des Sultans, Falle, wo man sich nicht entbrechen kann, spekulative Meinungen als eine Staatssache zu behandeln. Aber desto grosser muss auch alsdann die Vorsichtigkeit sein, um einen Funken, durch allzu grosse Geschaftigkeit ihn zu ersticken, nicht erst zu einer Flamme aufzustieren. 27 Die Geschichte der ausserordentlichen Bemuhungen, welche Jamblichus, Plotinus, Porphyrius und ihre Anhanger in einer Art von Verzweiflung fruchtlos angewandt, dem unterliegenden Heidentum gegen die siegreiche Obermacht der christlichen Religion zu Hulfe zu kommen, ist das vollstandigste Beispiel, das uns die Historie an die Hand gibt, um den Charakter und das Betragen der Bonzen von Scheschian, in einem gewisser Massen ahnlichen Falle, zu erlautern. Was liessen diese von dem seltsamsten Eifer gluhen Schwarmer unversucht, um wenigstens die letzten Augenblicke des sterbenden Aberglaubens zu verlangern? Orakel, Wunder, wiederkommende Seelen, alles, was ausserordentlich war, wurde aufgeboten, Pythagoras und Apollonius wurden zu gottlichen Mannern und Theurgen erhoben, um sie mit einigem Schein dem grossen Stifter der wahren Religion entgegen zu setzen. Das ganze Heidentum wurde umgeschmolzen, die ungereimtesten Fabeln zu allegorischen Hullen der erhabensten Wahrheiten gemacht, und das Werk des Betrugs und des Aberglaubens in eine Theosophie verwandelt, deren Entdeckungen und Versprechungen einen blendenden Glanz von sich warfen, und unbehutsame Gemuter durch den Schein eines gottlichen Ursprungs tauschten. Man belegte die christlichen Weisen, welche allen diesen Blendwerken Vernunft entgegen setzten, mit dem verhassten Namen der Freigeister und Atheisten; kurz, man wagte in der Verzweiflung alles. Aber vergebens traten Aberglauben, Schwarmerei und Philosophie in ein unnaturliches Bundnis: die Wahrheit siegte; und eben dieser Sieg bewies, dass sie Wahrheit war.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

28 Ein sehr nachdruckliches Beispiel hiervon ist der Satz, dass es Antipoden, oder Gegenfussler gebe, welcher dem Bischof zu Salzburg Virgilius (wofern es nicht ein andrer Virgilius war, wie aus einigen Umstanden sich vermuten lasst) so schlimme Handel machte. Diese Lehre war so unerhort und dem damaligen gemeinen Menschenverstande so anstossig, dass selbst die weisesten Manner sich nicht darein finden konnten. "Man legte es ihm so aus" (sagt Aventinus in seinen Baierischen Jahrbucher), "als ob er eine andre Welt, andre (das ist vermutlich nicht von Adam und Eva entsprungne) Menschen, eine andre Sonne und einen andern Mond behaupte. Bonifacius widerlegt diese Satze als gottlos und der christlichen Philosophie entgegen laufend, bestraft Virgilen deswegen offentlich und absonderlich, verlangt von ihm, dass er diese albernen Kindereien (Naenias) widerrufe, und die einfaltige und lautere Weisheit des Christentums nicht langer mit dergleichen unsinnigen Traumen beflecke." Der damalige Papst Zacharias, vor welchen diese Sache, ihrer vermeintlichen Wichtigkeit wegen, gebracht wurde, sah sie nicht mit gelindern Augen an als Bonifacius. Er nennt die Lehre von andern Menschen unter der Erde eine verkehrte Lehre, welche Virgilius gegen Gott und seine Seele ausgesprochen Herzog Utilo zu (der, wie es scheint, den guten Virgil in seinen Schutz genommen hatte), den gefahrlichen Mann nach Rom zu senden, damit er aufs scharfste examiniert, und, wenn er seines Irrtums uberwiesen worden ware, nach den kanonischen Gesetzen gestraft werden konne. Baron. ad annum 748. Uns dunkt nicht, dass man hinlangliche Ursache habe, den ehrwurdigen Bischofen, welche diese Antipodensache mit so vieler Strenge behandelt haben, deswegen so hassliche Vorwurfe zu machen, als viele getan haben. Man hat nicht einmal vonnoten, zu ihrer Entschuldigung die Wendung zu gebrauchen, deren sich der beruhmte Augsburgische Patrizier, Marx Welser, in seiner Baierischen Geschichte bedient, namlich zu sagen: dass diejenigen, welche den Virgilius behaupten gehort, die Erde sei rund und auch auf der andern Halbkugel bewohnt usw. seine Meinung unrecht verstanden, und sie also dem Heil. Bonifacius falschlich hinterbracht hatten. Es ist genug, dass in den damaligen Zeiten das allgemeine Vorurteil, selbst der Gelehrten, in dem Begriffe von Antipoden etwas hochst Ungereimtes fand. Lange zuvor hatte Kosmas der Indienfahrer, ein agyptischer Monch, in seiner christlichen Topographie (welche uns Montfaucon im zweiten Teile seiner Sammlung griechischer Kirchenskribenten geliefert hat) versichert, dass die Erde platt sei, und das himmlische Gewolbe an ihren aussersten Enden aufstehe. Dies war zu einer Zeit, wo das Studium der Natur als eitel und profan ganzlich vernachlassiget wurde, die allgemeine Meinung; und ein Satz, wie der, den Virgilius behauptet haben soll, musste notwendig frommen Ohren anstossig sein.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

29 Gegen irgend einen Zweig der Freiheit von dem Missbrauche, der davon gemacht werden kann, argumentieren, ist eben so viel als gegen die Freiheit uberhaupt schliessen; denn alles kann gemissbraucht werden, sagt der weise Verfasser der Letters from a Persian in England, p. 159. 30 Wir wollen nicht hoffen, dass sich jemand unter unsern Lesern in dem Falle befinden konne, in welchen der ehrliche Klaus Zettel in Shakspeares MidSummer-Nights-Dream die Damen zu Athen zu setzen besorgt, wenn er, in dem Schauspiele von Pyramus und Thisbe (welches er und seine Gesellen an dem Hochzeitfeste des Theseus auffuhren wollen), als Lowe auf den Schauplatz kommen, und seine furchtbare Stimme horen lassen wurde. "Ich werde", spricht er, "nicht ermangeln ihnen zu sagen: Erschrecken Sie nicht, meine schonen Damen; ich bin kein wirklicher Lowe, wie Sie etwann denken mochten, sondern wirklich und bei meiner Ehre Klaus Zettel, der Weber, und ein Mann, der sich das grosste Gewissen daraus machen wurde, das Herz einer schonen Dame zu betruben." Aus eben dieser Gemutszartlichkeit erklaren wir also auf allen Fall: dass dies Wetter, womit uns Kalaf erschrecken will, bloss gemachtes Wetter war. 31 Plutarch in seiner Abhandlung von Isis und Osiris. Juvenal macht uns von einem ahnlichen Religionskriege zwischen den Ombiten und Tentyriten, welcher daher entstand,

Quod numina vicinorum

Odit uterque locus, cum solos credat

habendos

Esse Deos quos ipse colit

in seiner funfzehnten Satire ein schreckliches Gemalde. Die eine dieser Stadte uberfiel die andre zur Zeit eines grossen Festes, wo man sich eines feindlichen Uberfalls am wenigsten versah. Die Partie war sehr ungleich, sagt der Dichter; die guten Ombiten waren wohl bezecht, rosenbekranzt, von Salben triefend, und vom Tanzen mude; ihre Feinde hingegen desto erbitterter, weil sie nuchtern waren (hinc jejunum odium). Der Anfang der Feindseligkeiten wurde mit Worten gemacht; von den Worten kam es bald zu den Fausten; auf beiden Seiten blieben wenig Nasen unbe"deucht den Unsinnigen nur ein Spiel; sie wollen nicht nur Blut, sie wollen Leichen sehen. Man wirft also eine Zeit lang mit Steinen auf einander; endlich ziehen die Tentyriten ihre Schwerter. Die Ombiten fliehen in zitternder Verwirrung; die Furcht beflugelt ihre Flucht; nur Einer hat das Ungluck den erbosten Feinden in die Hande zu fallen; dieser Ungluckselige wird sofort in Stucke zerrissen und mit Haut und Haar bis auf die Knochen aufgegessen. Sie nehmen sich nicht einmal die Zeit ihn zu kochen, sie fressen ihn mit hungriger Gierigkeit roh hinein, und wer glucklich genug ist ein Stuckchen von diesem abscheulichen Frass zu erwischen, glaubt niemals was Wohlschmeckenderes gekostet zu haben." Ob ubrigens dieser Religionskrieg der Ombiten und Tentyriten von jenem zwischen den Kynopoliten und Oxyrynchiten verschieden gewesen, oder ob nicht Juvenal vielmehr den letztern unter dem Namen der erstern, weil sie besser in den Vers passen, geschildert habe, wie Salmasius aus sehr gelehrten Grunden vermutet (in Solin. T.I.p. 31721), ist eine Aufgabe, die wir primo occupanti uberlassen, wofern sie anders ihren Meister nicht schon gefunden hat.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

32 Wiewohl unstreitig etwas Wahres an diesem Gedarum auf der andern Seite nicht weniger wahr, dass die Geschichte, mit beobachtenden Augen durchforscht, und mit philosophischem Blick aus erhabenen Standpunkten ubersehen, eine Quelle sehr nutzlicher Kenntnisse fur den Burger, fur den Staatsmann, und selbst fur den blossen Weltbeschauer ist. Ein gelassner und aufgeklarter Geist sieht durch das verworrene Gewebe der menschlichen Torheiten hindurch, und entdeckt in dem Zusammenhang und in der stufenweisen Entwicklung der grossen Weltbegebenheiten den festen Plan einer alles leitenden hohern Weisheit; er ergetzt, ermuntert, und bessert sich bei dem Anblick des immer wahrenden Kampfes der Tugend mit dem Laster, der Vernunft mit den Leidenschaften, der Wahrheit mit dem Irrtum und Betrug, der Wissenschaften mit der Unwissenheit, des Geschmacks mit der Barbarei, und erkennt mit Anbetung die verborgene Hand des grossen Urhebers der Natur, der aus diesem ewigen Streit in den Teilen, Ordnung und Harmonie im Ganzen hervorzubringen weiss. Die Geschichte des menschlichen Verstandes, die Geschichte der Tugend, die Geschichte der Religion, der Gesetzgebung, der Kunste, der Handelschaft, des Geschmacks, des Luxus, und so ferner, sind eben so viele fruchtbare Gegenden der allgemeinen Geschichte, deren besserer Anbau die herrlichsten Vorteile fur die spekulativen und praktischen Wissenschaften verspricht. Weit entfernt also die Gesschichtskunde gering zu achten, wunschten wir vielmehr, es allen Studierenden, und uberhaupt allen, welche weiser und besser zu werden wunschen, einleuchtend machen zu konnen, dass die Geschichte, mit wahrer Sokratischer Philosophie verbunden, das hochste und wichtigste Studium eines Menschen ist, der mehr als eine tierische Maschine sein will; und wir haben diese Anmerkung bloss darum beigefugt, um so viel an uns ist zu verhindern, dass niemand einen unbescheidenen und ubertriebenen Hang zu Romanen und Feenmarchen mit dieser Stelle des weisen Danischmend zu rechtfertigen vermeine. So gewiss indessen der hohe Wert der Geschichtskunde ist, so ist doch nicht zu leugnen, dass die gerumpfte Nase, womit gewisse Geschichtsforscher auf alles was die Form der Erdichtung hat herab sehen, Unbilligkeit und lacherliche Pedanterei ist. Den Wenigen, denen ihr Beruf zu erforschen was geschehen ist keine Erholungsstunden ubrig lasst, ist es wohl zu gonnen, wenn sie abgehartet genug sind, die Abscheulichkeiten der Byzantinischen Historie oder der Regierung einer Maria von England mit eben dem kalten Blute zu lesen, womit ein Zeitrechner untersucht, in welchem Jahre der Welt der Konig Misfragmuthosis zu Diospolis regiert habe. Aber ihr Beispiel oder ihr Geschmack macht keine Regel; und empfindsame Seelen werden beim Anblick alles des Bosen, was auf diesem Sonnenstaube, den wir bewohnen, Geschopfe von einerlei Gattung getan haben, um einander ein Leben von etlichen Augenblicken zu rauben oder zu verbittern sich nur allzu oft genotigt fuhlen, mit dem weisen Danischmend in die moglichen Welten der Dichter zu fliehen; und sie konnen deswegen hinlanglich gerechtfertiget werden, auch ohne dass man den Platonischen Grundsatz, welchen Bacon von Verulam zum Vorteile der Dichtkunst geltend macht, dazu vonnoten hat, vermoge dessen das, was wir hier nur fur ein Erholungsmittel geben, sogar zu einer sehr wesentlichen Beschaftigung wird. 33 So wie der Vernunftige naturlicher Weise des Toren Meister ist, so hat der vollkommenste Mann ein angebornes Recht uber die ubrigen zu herrschen: es ist ein Gesetz der Natur, sagte Aristoteles, der Lehrer des grossten unter den Konigen. 34 Siehe den vortrefflichen Diskurs von der Freundschaft in Montaignes Essays, L.I. ch. 27, besonders die Stellen wo er von seinem Freunde spricht. Zum Exempel: "En l'amitie de quoy je parle, les ames se meslent et se confondent l'une et l'autre d'un meslange si universel, qu'elles effacent et ne retrouvent plus la cousture qui les a jointes. Si on me presse dire pourquoy je l'aymois, je sens que cela ne se peut exprimer qu'en respondant: parceque c'etoit luy, parceque c'etoit moy." Die Freundschaft ist Eine Seelein zwei Leibern, sagt-nicht der schwarmerische Plato, sondern der grundliche, der tiefsinnige, der kalte Aristoteles; und von allem, was dieser grosse Mann gesagt hat, macht nichts seinem Herzen mehr Ehre als dies. 35 Wir finden den namlichen Gedanken unter dem namlichen Bilde in einem vor kurzem ans Licht getretenen wunderbaren Buche, welches seinem Verfasser vielleicht im Jahre 2440 mehr Ehre, als im Jahre 1772 Nutzen bringen wird. Dieses ungefahre Zusammentreffen wird, wie wir hoffen, dem guten Danischmend nicht zur Sunde angerechnet werden. Der ehrliche Traumer, dessen wir erwahnten, mag wohl ein wenig mehr schwarze Galle in seinem Blute haben, als ein Mann, dem seine Ruhe lieb ist, sich wunschen soll. Aber es ist doch immer schwer, einem Menschen nicht gut zu sein, der seine Mitgeschopfe so lieb hat, dass ihn weder Bastille noch Bicetre abhalten kann, alles heraus zu sagen was er auf dem Herzen hat. Der Leser beliebe nie zu vergessen, dass diese Anmerkung, so wie dieses ganze Werk, im Jahre 1771 und 72 geschrieben ist. 36 Chun, der Mitregent und Nachfolger des guten Kaisers Yao. Siehe Du Haldes Beschreibung des sinesischen Reichs I.T.S. 263 der deutschen Ubersetzung. Im ubrigen ist nicht zu bergen, dass die Geschichte der sinesischen Kaiser Yao und Chun, allem Ansehen nach, nicht mehr historische Wahrheit hat, als die Geschichte des scheschianischen Konigs Tifan. 37 "Die vollkommensten Gesetze", sagte Sokrates, "sind diejenigen, welche man nicht ungestraft ubertreten kann, weil sie uns durch die naturlichen und unvermeidlichen Folgen ihrer Ubertretung bestrafen"; und er beweiset dem Sophisten Antiphon, dass die Gesetze der Natur, oder, welches eben so viel sei, die allgemeinen Gesetze Gottes, diese unterscheidende Eigenschaft haben. Siehe Xenophons Charakter und merkwurdige Reden des Sokrates B. IV. Die Gesetze der Natur und des gesellschaftlichen Lebens sind die Regel der Konige, von welcher sie niemals ungestraft abweichen konnen. Die ganze allgemeine Staatsgeschichte ist ein Kommentarius uber diese grosse Wahrheit; und ohne weit in die alten Zeiten zuruck zu gehen, wird uns zum Exempel das Leben eines Philipps II. und Ludwigs XIV., der tragische Tod Karls I. von England, und der Fall seines Sohnes Jakobs II. Beispiele genug darstellen, sie zu erlautern und zu bestarken. 38 In der Tat fallt das Ungereimte in dem Verhaltnis der Krafte eines einzelnen Menschen, gegen die ungeheure Unternehmung allen Unbilden und Fehden in der Welt steuern zu wollen, einem jeden in die Augen. Und gleichwohl ist nichts wahrscheinlicher, als dass ein Dutzend Don Quichotten, die sich mit einander verstanden, und, anstatt auf die Feinde des Don Gaiferos und der schonen Melisandra, auf die Feinde des menschlichen Geschlechtes mit eben dem Mute, mit welchem der Held von Mancha seine schimarischen Gegner bekampfte (nur freilich mit einem gesundern Kopfe als der seinige war), los gingen, die Gestalt unsrer sublunarischen Welt binnen einem Menschenalter machtig ins Bessere verandern wurden. 39 Sollt es moglich sein, dass unter allen kunftigen Regenten, denen diese Geschichte in einem Alter, da ihr Kopf noch nicht zu sehr verschroben und ihr Herz noch nicht ganz versteinert ist, in die Hande kame, auch nur Einer ware, der, nachdem er diesen Tifan kennen gelernt, den Gedanken ertragen konnte, einen solchen Charakter ein blosses Ideal bleiben zu lassen?

Anmerk. eines Ungenannten

40 Die Erfahrungen, welche die franzosische Nation hiervon seit funf Jahren gemacht hat, bestatigen die Wahrheit dieses Satzes auf die einleuchtendste Weise. 41 Die Erfahrungen, welche die franzosische Nation hiervon seit funf Jahren gemacht hat, bestatigen die 42 Man wurde die Absicht des Herausgebers dieser Geschichte sehr verfehlen, wenn man dasjenige, was hier und an andern Stellen von den Einrichtungen oder Maximen des Konigs Tifan gesagt wird, fur einen indirekten Tadel weiser und mit den tiefsten Einsichten in die Regierungskunst begabter Fursten ansehen wollte. In einem idealen Staate kann man alles einrichten wie man will; in einem wirklichen ist der grosste Monarch nicht allezeit noch in allen Stukken Herr uber die Umstande. Was in Scheschian schicklich war, oder es durch Tifans Gesetzgebung wurde, ja, was an sich selbst und im allgemeinen als vorteilhaft fur alle Staaten gelten kann, kann in einem gewissen Staate, besonderer Umstande und Verhaltnisse wegen, nachteilig, unschicklich oder gar unmoglich sein. 43 Im Jahre 2440 soll (wenn Merciers patriotischer Traum noch in Erfullung ginge) eine ahnliche Einrichtung in Frankreich zu sehen sein. Vielleicht hat die Revolution, welche sich der Traumer wohl nicht so nahe vorstellte, die 645 Jahre, die bis dahin noch hatten verfliessen sollen, betrachtlich abgekurzt. 44 Es gibt noch mehr Klassen, bei denen dies eine eben so ausgemachte Sache ist. Jeder greife in seinen eigenen Busen, und richte sich selbst! 45 Es gibt einen albernen, kindischen Nationalhochmut, der unstreitig ein eben so lacherliches als schadliches und also ein sehr hassliches Nationallaster ist: aber es gibt auch einen edeln tugendhaften Nationalstolz, ohne welchen die Griechen niemals die Zeiten des Perikles, die Romer niemals die Zeiten der Scipionen, die Englander niemals die Zeiten ihrer guten Konigin Elisabeth gesehen hatten; ohne welchen eine Nation nur eine grosse Rotte von Menschen ist, die sich von ungefahr, wie Reisende auf einer Landkutsche, beisammen finden; ein verachtlicher Haufe ohne Charakter, ohne Starke, ohne Mut, ohne Geschmack, ohne irgend etwas, das sie aus dem Dunkel, das schon so viele Volker verschlungen hat, hervorstechen machen konnte. 46 Es gibt in der Haushaltungskunst gewisse hochst einfaltige Regeln, deren Verachtung gleichwohl von grosser Betrachtlichkeit ist. Ein Regent wendet, zum Beispiele, zehntausend Taler zu einer gewissen Absicht an, welche durch diese Summe nur sehr unvollkommen, d.i. wenig besser als gar nicht, erreicht wird. Zweitausend Taler mehr wurden alles gut machen; aber diese will man ersparen: man muss sich behelfen, heisst es, und uberlegt nicht, dass man, um diese zweitausend Taler zu behalten, zehen tausend verliert, weil die Vorteile, die man damit zu gewinnen A1 Hier betrugt vielleicht den ehrlichen Hiang

Fu-Tsee sein Patriotismus ein wenig. Die Sine

ser haben (wie uns ein grosser Kenner der agypti

schen Altertumer bewiesen hat) eben sowohl wie

die Griechen ihre Polizei und Wissenschaften

agyptischen Kolonien oder auf Abenteuer ausge

henden Wanderern dieser Nation zu danken ge

habt.

Anmerk. des latein. Ubersetzers

Die grossten Kenner der agyptischen Altertumer wissen, im Grunde, bei aller ihrer Belesenheit und Scharfsinnigkeit nicht viel mehr davon als andere. Ihre Hypothesen sind daher auch eben der Hinfalligkeit unterworfen, welche von jeher das Schicksal der wissenschaftlichen Hypothesen gewesen ist. Vor wenigen Jahren bewies man uns, dass die Sineser von den Agyptern abstammeten: nun hat uns Herr v.P. bewiesen, "dass weder diese von jenen, noch jene von diesen abstammen"; und so gewinnen wir doch so viel dabei, zu wissen, dass wir nichts von der Sache wissen; und dies ist, nach dem Urteil des weisen Sokrates, immer viel gewonnen.