Sophie von La Roche
Geschichte des Frauleins
von Sternheim
Von einer Freundin derselben
aus Original-Papieren und anderen
zuverlassigen Quellen gezogen
Herausgegeben von
C. M. Wieland
An D. F. G. R. V.*****
Erschrecken Sie nicht, meine Freundin, anstatt der Handschrift von Ihrer Sternheim eine gedruckte Copey zu erhalten, welche Ihnen auf einmal die ganze Verraterei entdeckt, die ich an Ihnen begangen habe. Die Tat scheint beim ersten Anblick unverantwortlich. Sie vertrauen mir unter den Rosen der Freundschaft ein Werk Ihrer Einbildungskraft und Ihres Herzens an, welches bloss zu Ihrer eigenen Unterhaltung aufgesetzt worden war. "Ich sende es Ihnen (schreiben Sie mir), damit Sie mir von meiner Art zu empfinden, von dem Gesichtspunkt, woraus ich mir angewohnt habe, die Gegenstande des menschlichen Lebens zu beurteilen, von den Betrachtungen, welche sich in meiner Seele, wenn sie lebhaft geruhrt ist, zu entwikkeln pflegen, Ihre Meinung sagen und mich tadeln, wo Sie finden, dass ich unrecht habe. Sie wissen, was mich veranlasst hat, einige Nebenstunden, die mir von der Erfullung wesentlicher Pflichten ubrig blieben, dieser Gemuts-Erholung zu widmen. Sie wissen, dass die Ideen, die ich in dem Charakter und in den Handlungen des Frauleins von Sternheim und ihrer Eltern auszufuhren gesucht habe, immer meine LieblingsIdeen gewesen sind; und womit beschaftigt man seinen Geist lieber als mit dem, was man liebt? Ich hatte Stunden, wo diese Beschaftigung eine Art von Bedurfnis fur meine Seele war. So entstund unvermerkt dieses kleine Werk, welches ich anfing und fortsetzte, ohne zu wissen, ob ich es wurde zum Ende bringen konnen; und dessen Unvollkommenheit Sie selbst nicht besser einsehen konnen, als ich sie fuhle. Aber es ist nur fur Sie und mich und, wenn Sie, wie ich hoffe, die Art zu denken und zu handeln dieser Tochter meines Geistes gutheissen, fur unsre Kinder bestimmt. Wenn diese durch ihre Bekanntschaft mit jener in tugendhaften Gesinnungen, in einer wahren, allgemeinen, tatigen Gute und Rechtschaffenheit gestarket wurden welche Wollust fur das Herz Ihrer Freundin." So schrieben Sie mir, als Sie mir Ihre Sternheim anvertrauten; und nun, meine Freundin, lassen Sie uns sehen, ob ich Ihr Vertrauen beleidiget, ob ich wirklich ein Verbrechen begangen habe, da ich dem Verlangen nicht widerstehen konnte, allen tugendhaften Muttern, allen liebenswurdigen jungen Tochtern unsrer Nation ein Geschenke mit einem Werke zu machen, welches mir geschickt schien, Weisheit und Tugend die einzigen grossen Vorzuge der Menschheit, die einzigen Quellen einer wahren Gluckseligkeit unter Ihrem Geschlechte und selbst unter dem meinigen zu befordern.
Ich habe nichts vonnoten, Ihnen von dem ausgebreiteten Nutzen zu sprechen, welchen Schriften von derjenigen Gattung, worunter Ihre Sternheim gehort, stiften konnen, wofern sie gut sind. Alle Vernunftigen sind uber diesen Punkt einer Meinung, und es wurde sehr uberflussig sein, nach allem, was Richardson, Fielding und so viele andere hieruber gesagt haben, nur ein Wort zur Bestatigung einer Wahrheit, an welcher niemand zweifelt, hinzuzusetzen. Ebenso gewiss ist es, dass unsre Nation noch weit entfernt ist, an Original-Werken dieser Art, welche zugleich unterhaltend und geschickt sind, die Liebe der Tugend zu befordern, Uberfluss zu haben. Sollte diese gedoppelte Betrachtung nicht hinlanglich sein, mich zu rechtfertigen? Sie werden, hoffe ich, versucht werden, dieser Meinung zu sein, oder wenigstens mir desto leichter verzeihen, wenn ich Ihnen ausfuhrlicher erzahle, wie der Gedanke, Sie in eine Schriftstellerin zu verwandeln, in mir entstanden ist.
Ich setzte mich mit allem Phlegma, welches Sie seit mehrern Jahren an mir kennen, hin, Ihre Handschrift zu durchlesen. Das Sonderbare, so Sie gleich in den ersten Blattern der Mutter Ihrer Heldin geben, war, meinem besondern Geschmack nach, geschickter, mich wider sie als zu ihrem Vorteil einzunehmen. Aber ich las fort, und alle meine kaltblutige Philosophie, die spate Frucht einer vieljahrigen Beobachtung der Menschen und ihrer grenzenlosen Torheit, konnte nicht gegen die Wahrheit und Schonheit Ihrer moralischen Schilderungen aushalten; mein Herz erwarmte sich; ich liebte Ihren Sternheim, seine Gemahlin, seine Tochter, und sogar seinen Pfarrer, einen der wurdigsten unter allen Pfarrern, die ich jemals kennengelernt habe. Zwanzig kleine Misstone, welche der sonderbare und an das Enthusiastische angrenzende Schwung in der Denkungsart Ihrer Sternheim mit der meinigen macht, verloren sich in der angenehmsten Ubereinstimmung ihrer Grundsatze, ihrer Gesinnungen und ihrer Handlungen mit den besten Empfindungen und mit den lebhaftesten Uberzeugungen meiner Seele. Mochten doch, so dacht' ich bei hundert Stellen, mochten meine Tochter so denken, so handeln lernen wie Sophie Sternheim! Mochte mich der Himmel die Gluckseligkeit erfahren lassen, diese ungeschminkte Aufrichtigkeit der Seele, diese sich immer gleiche Gute, dieses zarte Gefuhl des Wahren und Schonen, diese aus einer innern Quelle stammende Ausubung jeder Tugend, diese ungeheuchelte Frommigkeit, welche, anstatt der Schonheit und dem Adel der Seele hinderlich zu sein, in der ihrigen selbst die schonste und beste aller Tugenden ist, dieses zartliche, mitleidsvolle, wohltatige Herz, diese gesunde, unverfalschte Art von den Gegenstanden des menschlichen Lebens und ihrem Werte, von Gluck, Ansehen und Vergnugen zu urteilen kurz, alle Eigenschaften des Geistes und Herzens, welche ich in diesem schonen moralischen Bilde liebe, dereinst in diesen liebenswurdigen Geschopfen ausgedruckt zu sehen, welche schon in ihrem kindischen Alter die susseste Wollust meiner itzigen und die beste Hoffnung meiner kunftigen Tage sind. Indem ich so dachte, war mein erster Einfall, eine schone Abschrift von Ihrem Manuskripte machen zu lassen, um in einigen Jahren unsrer kleinen Sophie (denn Sie sind so gutig, sie auch die Ihrige zu nennen) ein Geschenke damit zu machen; und wie erfreute mich der Gedanke, die Empfindungen unsrer vieljahrigen, wohlgepruften und immer lauter befundenen Freundschaft auch durch dieses Mittel auf unsre Kinder fortgepflanzt zu sehen! An diesen Vorstellungen ergotzte ich mich eine Zeitlang, als mir, ebenso naturlicherweise, der Gedanke aufsteigen musste: Wie manche Mutter, wie mancher Vater lebt itzt in dem weiten Umfange der Provinzen Germaniens, welche in diesem Augenblicke ahnliche Wunsche zum Besten ebenso zartlich geliebter, ebenso hoffnungsvoller Kinder tun! Wurde ich diesen nicht Vergnugen machen, wenn ich sie an einem Gute, welches durch die Mitteilung nichts verliert, Anteil nehmen liesse? Wurde das Gute, welches durch das tugendhafte Beispiel der Familie Sternheim gewurkt werden kann, nicht dadurch uber viele ausgebreitet werden? Ist es nicht unsre Pflicht, in einem so weiten Umfang als moglich Gutes zu tun? Und wie viele edelgesinnte Personen wurden nicht durch dieses Mittel den wurdigen Charakter des Geistes und des Herzens meiner Freundin kennenlernen und, wenn Sie und ich nicht mehr sind, ihr Andenken segnen! Sagen Sie mir, meine Freundin, wie hatte ich, mit dem Herzen, welches Sie nun so viele Jahre kennen und unter allen meinen ausserlichen und innerlichen Veranderungen immer sich selbst gleich befunden haben, solchen Vorstellungen widerstehen konnen? Es war also sogleich bei mir beschlossen, Copeyen fur alle unsre Freunde und Freundinnen, und fur alle, die es sein wurden, wenn sie uns kennten, machen zu lassen; ich dachte so gut von unsern Zeitgenossen, dass ich eine grosse Menge solcher Copeyen notig zu haben glaubte; und so schickte ich die meinige an meinen Freund Reich, ihm uberlassend, deren so viele zu machen, als ihm selbst belieben wurde. Doch nein! So schnell ging es nicht zu. Bei aller Warme meines Herzens blieb doch mein Kopf kalt genug, um alles in Betrachtung zu ziehen, was vermogend schien, mich von meinem Vorhaben abzuschrecken. Niemals, dass ich wusste, hat mich das Vorurteil fur diejenige, die ich liebe, gegen ihre Mangel blind gemacht. Sie kennen diese Eigenschaft an mir, und Sie sind ebensowenig fahig zu erwarten, oder nur zu wunschen, dass man Ihnen schmeicheln soll, als ich geneigt bin, gegen meine Empfindung zu reden. Ihre Sternheim, so liebenswurdig sie ist, hat als ein Werk des Geistes, als eine dichterische Komposition, ja nur uberhaupt als eine deutsche Schrift betrachtet, Mangel, welche den Auspfeifern nicht verborgen bleiben werden. Doch diese sind es nicht, vor denen ich mich in Ihrem Namen furchte. Aber die Kunstrichter auf der einen Seite und auf der andern die ekeln Kenner aus der Klasse der Weltleute soll ich Ihnen gestehen, meine Freundin, dass ich nicht ganzlich ohne Sorgen bin, wenn ich daran denke, dass Ihre Sternheim durch meine Schuld dem Urteil so vieler Personen von so unterschiedlicher Denkungsart ausgestellt wird? Aber horen Sie, was ich mir selbst sagte, um mich wieder zu beruhigen. Die Kunstrichter haben es, in Absicht alles dessen, was an der Form des Werkes und an der Schreibart zu tadeln sein kann, lediglich mit mir zu tun. Sie, meine Freundin, dachten nie daran, fur die Welt zu schreiben oder ein Werk der Kunst hervorzubringen. Bei aller Ihrer Belesenheit in den besten Schriftstellern verschiedener Sprachen, welche man lesen kann, ohne gelehrt zu sein, war es immer Ihre Gewohnheit, weniger auf die Schonheit der Form als auf den Wert des Inhalts aufmerksam zu sein; und schon dieses einzige Bewusstsein wurde Sie den Gedanken, fur die Welt zu schreiben, allezeit haben verbannen heissen. Mir, dem eigenmachtigen Herausgeber Ihres Manuskripts, ware es also zugekommen, den Mangeln abzuhelfen, von denen ich selbst erwarte, dass sie den Kunstrichtern, wo nicht anstossig sein, doch den Wunsch, sie nicht zu sehen, abdringen konnten. Doch, indem ich von Kunstrichtern rede, denke ich an Manner von feinem Geschmack und reifem Urteil, an Richter, welche von kleinen Flecken an einem schonen Werke nicht beleidigt werden und zu billig sind, von einer freiwillig hervorgekommenen Frucht der blossen Natur und von einer durch die Kunst erzogenen, muhsam gepflegeten Frucht (wiewohl, was den Geschmack anbetrifft, diese nicht selten jener den Vorzug lassen muss) einerlei Vollkommenheit zu fordern. Solche Kenner werden vermutlich, ebensowohl wie ich, der Meinung sein, dass eine moralische Dichtung, bei welcher es mehr um die Ausfuhrung eines gewissen lehrreichen und interessanten Hauptcharakters als um Verwicklungen und Entwicklungen zu tun ist, und wobei uberhaupt die moralische Nutzlichkeit der erste Zweck, die Ergotzung des Lesers hingegen nur eine Nebenabsicht ist, einer kunstlichen Form um so eher entbehren konne, wenn sie innerliche und eigentumliche Schonheiten fur den Geist und das Herz hat, welche uns wegen des Mangels eines nach den Regeln der Kunst ausgelegten Plans und uberhaupt alles dessen, was unter der Benennung Autors-Kunste begriffen werden kann, schadlos halten. Eben diese Kenner werden (oder ich musste mich sehr betrugen) in der Schreibart des Frauleins von Sternheim eine gewisse Originalitat der Bilder und des Ausdrucks und eine so gluckliche Richtigkeit und Energie des letztern, oft gerade in Stellen, mit denen der Sprachlehrer vielleicht am wenigsten zufrieden ist, bemerken, welche die Nachlassigkeit des Stils, das Ungewohnliche einiger Redensarten und Wendungen und uberhaupt den Mangel einer vollkommnern Abglattung und Rundung einen Mangel, dem ich nicht anders als auf Unkosten dessen, was mir eine wesentliche Schonheit der Schreibart meiner Freundin schien, abzuhelfen gewusst hatte reichlich zu verguten scheinen. Sie werden die Beobachtung machen, dass unsre Sternheim, ungeachtet die Vorteile ihrer Erziehung bei aller Gelegenheit hervorschimmern, dennoch ihren Geschmack und ihre Art zu denken, zu reden und zu handeln mehr der Natur und ihren eigenen Erfahrungen und Bemerkungen als dem Unterricht und der Nachahmung zu danken habe; dass es eben daher komme, dass sie so oft anders denkt und handelt als die meisten Personen ihres Standes; dass dieses Eigene und Sonderbare ihres Charakters und vornehmlich der individuelle Schwung ihrer Einbildungskraft naturlicherweise auch in die Art, ihre Gedanken einzukleiden oder ihre Empfindungen auszudrucken, einen starken Einfluss haben musse; und dass es eben daher komme, dass sie fur einen Gedanken, den sie selbst gefunden hat, auch selbst auf der Stelle einen eigenen Ausdruck erfindet, dessen Starke der Lebhaftigkeit und Wahrheit der anschauenden Begriffe angemessen ist, aus welchen sie ihre Gedanken entwickelt; und sollten die Kenner nicht geneigt sein mit mir zu finden, dass eben diese vollige Individualisierung des Charakters unsrer Heldin einen der seltensten Vorzuge dieses Werkes ausmacht, gerade denjenigen, welchen die Kunst am wenigsten und gewiss nie so glucklich erreichen wurde, als es hier, wo die Natur gearbeitet hat, geschehen ist? Kurz, ich habe eine so gute Meinung von der feinen Empfindung der Kunstrichter, dass ich ihnen zutraue, sie werden die Mangel, wovon die Rede ist, mit so vielen und so vorzuglichen Schonheiten verwebt finden, dass sie es mir verdenken wurden, wenn ich das Privilegium der Damen, welche keine Schriftstellerinnen von Profession sind, zum Vorteil meiner Freundin geltend machen wollte. Und sollten wir uns etwan vor dem feinen und verwohnten Geschmacke der Weltleute mehr zu furchten haben als vor den Kunstrichtern? In der Tat, die Singularitat unsrer Heldin, ihr Enthusiasmus fur das sittliche Schone, ihre besondern Ideen und Launen, ihre ein wenig eigensinnige Pradilektion fur die Mylords und alles, was ihnen gleich sieht und aus ihrem Lande kommt, und, was noch arger ist als dies alles, der bestandige Kontrast, den ihre Art zu empfinden, zu urteilen und zu handeln mit dem Geschmack, den Sitten und Gewohnheiten der grossen Welt macht scheint ihr nicht die gunstigste Aufnahme in der letztern vorherzusagen. Gleichwohl gebe ich noch nicht alle Hoffnung auf, dass sie nicht, eben darum, weil sie eine Erscheinung ist, unter dem Namen der liebenswurdigen Grillenfangerin, ansehnliche Eroberungen sollte machen konnen. In der Tat, bei aller ihrer moralischen Sonderlichkeit, welche zuweilen nahe an das Ubertriebene, oder was einige Pedanterei nennen werden, zu grenzen scheint, ist sie ein liebenswurdiges Geschopfe; und wenn auf der einen Seite ihr ganzer Charakter mit allen ihren Begriffen und Grundsatzen als eine in Handlung gesetzte Satyre uber das Hofleben und die grosse Welt angesehen werden kann: so ist auf der andern ebenso gewiss, dass man nicht billiger und nachsichtlicher von den Vorzugen und von den Fehlern der Personen, welche sich in diesem schimmernden Kreise bewegen, urteilen kann als unsre Heldin. Man sieht, dass sie von Sachen spricht, welche sie in der Nahe gesehen hat, und dass die Schuld weder an ihrem Verstand noch an ihrem Herzen liegt, wenn sie in diesem Lande, wo die Kunst die Natur ganzlich verdrungen hat, alles unbegreiflich findet und selbst allen unbegreiflich ist.
Vergeben Sie mir, meine Freundin, dass ich Ihnen so viel uber einen Punkt, woruber Sie Ursache haben sehr ruhig zu sein, vorschwatze. Es gibt Personen, bei denen gar niemals eine Frage sein soll, ob sie auch gefallen werden; und ich musste mich ausserordentlich irren, wenn unsre Heldin nicht in diese Klasse gehorte. Die naive Schonheit ihres Geistes, die Reinigkeit, die unbegrenzte Gute ihres Herzens, die Richtigkeit ihres Geschmacks, die Wahrheit ihrer Urteile, die Scharfsinnigkeit ihrer Bemerkungen, die Lebhaftigkeit ihrer Einbildungskraft und die Harmonie ihres Ausdrucks mit ihrer eigenen Art zu empfinden und zu denken, kurz, alle ihre Talente und Tugenden sind mir Burge dafur, dass sie mit allen ihren kleinen Fehlern gefallen wird; dass sie allen gefallen wird, welche dem Himmel einen gesunden Kopf und ein gefuhlvolles Herz zu danken haben; und wem wollten wir sonst zu gefallen wunschen? Doch der liebste Wunsch unsrer Heldin ist nicht der Wunsch der Eitelkeit; nutzlich zu sein, wunscht sie; Gutes will sie tun; und Gutes wird sie tun und dadurch den Schritt rechtfertigen, den ich gewaget habe, sie, ohne Vorwissen und Erlaubnis ihrer liebenswurdigen Urheberin, in die Welt einzufuhren. Ich bin, usw.
Der Herausgeber
Geschichte des Frauleins von Sternheim
Erster Teil
Sie sollen mir nicht danken, meine Freundin, dass ich so viel fur Sie abschreibe. Sie wissen, dass ich das Gluck hatte, mit der vortrefflichen Dame erzogen zu werden, aus deren Lebensbeschreibung ich Ihnen Auszuge und Abschriften von den Briefen mitteile, welche Mylord Seymour von seinen englischen Freunden und meiner Emilia sammelte. Glauben Sie, es ist ein Vergnugen fur mein Herz, wenn ich mich mit etwas beschaftigen kann, wodurch das geheiligte Andenken der Tugend und Gute einer Person, welche unserm Geschlechte und der Menschheit Ehre gemacht, in mir erneuert wird.
Der Vater meiner geliebten Lady Sidney war der Oberste von Sternheim, einziger Sohn eines Professors in W., von welchem er die sorgfaltigste Erziehung genoss. Edelmut, Grosse des Geistes, Gute des Herzens, waren die Grundzuge seines Charakters. Auf der Universitat L. verband ihn die Freundschaft mit dem jungern Baron von P. so sehr, dass er nicht nur alle Reisen mit ihm machte, sondern auch aus Liebe zu ihm mit in Kriegsdienste trat. Durch seinen Umgang und durch sein Beispiel wurde der vorher unbandige Geist des Barons so biegsam und wohldenkend, dass die ganze Familie dem jungen Mann dankte, der ihren geliebten Sohn auf die Wege des Guten gebracht hatte. Ein Zufall trennte sie. Der Baron musste nach dem Tode seines altern Bruders die Kriegsdienste verlassen und sich zu Ubernehmung der Guter und Verwaltung derselben geschickt machen. Sternheim, der von Offizieren und Gemeinen auf das vollkommenste geehrt und geliebt wurde, blieb im Dienste und erhielt darin von dem Fursten die Stelle eines Obersten und den Adelstand. "Ihr Verdienst, nicht das Gluck hat Sie erhoben", sagte der General, als er ihm im Namen des Fursten in Gegenwart vieler Personen das Obersten-Patent und den Adelsbrief uberreichte; und nach dem allgemeinen Zeugnisse waren alle Feldzuge Gelegenheiten, wo er Grossmut, Menschenliebe und Tapferkeit in vollem Mass ausubte.
Bei Herstellung des Friedens war sein erster Wunsch, seinen Freund zu sehen, mit welchem er immer Briefe gewechselt hatte. Sein Herz kannte keine andere Verbindung. Schon lange hatte er seinen Vater verloren; und da dieser selbst ein Fremdling in W. gewesen war, so blieben seinem Sohne keine nahe Verwandte von ihm ubrig. Der Oberste von Sternheim ging also nach P., um daselbst das ruhige Vergnugen der Freundschaft zu geniessen. Der Baron P., sein Freund, war mit einer liebenswurdigen Dame vermahlt und lebte mit seiner Mutter und zwoen Schwestern auf den schonen Gutern, die ihm sein Vater zuruckgelassen, sehr glucklich. Die Familie von P., als eine der angesehensten in der Gegend, wurde von dem zahlreichen benachbarten Adel ofters besucht. Der Baron P. gab wechselsweise Gesellschaft und kleine Feste; die einsamen Tage wurden mit Lesung guter Bucher, mit Bemuhungen fur die gute Verwaltung der Herrschaft und mit edler anstandiger Fuhrung des Hauses zugebracht.
Zuweilen wurden auch kleine Konzerte gehalten, weil das jungere Fraulein das Klavier, die altere aber die Laute spielte und schon sang, wobei sie von ihrem Bruder mit etlichen von seinen Leuten akkompagniert wurde. Der Gemutszustand des altern Frauleins storte dieses ruhige Gluck. Sie war das einzige Kind, welches der Baron P. mit seiner ersten Gemahlin, einer Lady Watson, die er auf einer Gesandtschaft in England geheuratet, erzeugt hatte. Dieses Fraulein schien zu aller sanften Liebenswurdigkeit einer Englanderin auch den melancholischen Charakter, der diese Nation bezeichnet, von ihrer Mutter geerbt zu haben. Ein stiller Gram war auf ihrem Gesichte verbreitet. Sie liebte die Einsamkeit, verwendete sie aber allein auf fleissiges Lesen der besten Bucher, ohne gleichwohl die Gelegenheiten zu versaumen, wo sie, ohne fremde Gesellschaft, mit den Personen ihrer Familie allein sein konnte.
Der Baron, ihr Bruder, der sie zartlich liebte, machte sich Kummer fur ihre Gesundheit, er gab sich alle Muhe, sie zu zerstreuen und die Ursache ihrer ruhrenden Traurigkeit zu erfahren.
Etlichemal bat er sie, ihr Herz einem treuen zartlichen Bruder zu entdecken. Sie sah ihn bedenklich an, dankte ihm fur seine Sorge und bat ihn mit tranenden Augen, ihr ihr Geheimnis zu lassen und sie zu lieben. Dieses machte ihn unruhig. Er besorgte, irgendein begangener Fehler mochte die Grundlage dieser Betrubnis sein, beobachtete sie in allem auf das genaueste, konnte aber keine Spur entdecken, die ihn zu der geringsten Bestarkung einer solchen Besorgnis hatte leiten konnen.
Immer war sie unter seinen oder ihrer Mutter Augen, redete mit niemand im Hause und vermied alle Arten von Umgang. Einige Zeit uberwand sie sich und blieb in Gesellschaft; und eine ruhige Munterkeit machte Hoffnung, dass der melancholische Anfall voruber ware.
Zu diesem Vergnugen der Familie kam die unvermutete Ankunft des Obersten von Sternheim, von welchem diese ganze Familie so viel reden gehort und in seinen Briefen die Vortrefflichkeit seines Geistes und Herzens bewundert hatte. Er uberraschte sie abends in ihrem Garten; die Entzuckung des Barons, und die neugierige Aufmerksamkeit der ubrigen, ist nicht zu beschreiben. Es wahrte auch nicht lange, so flosste sein edles liebreiches Betragen dem ganzen Hause eine gleiche Freude ein.
Der Oberste wurde als ein besonderer Freund des Hauses bei allen Bekannten vom Adel aufgefuhrt und kam in alle ihre Gesellschaften.
In dem Hause des Barons machte er die Erzahlung seines Lebens, worin er ohne Weitlauftigkeit das Merkwurdige und Nutzliche, was er gesehen, mit vieler Anmut und mit dem mannlichen Tone, der den weisen Mann und den Menschenfreund bezeichnet, vortrug. Ihm wurde hingegen das Gemalde vom Landleben gemacht, wobei bald der Baron von den Vorteilen, welche die Gegenwart des Herrn den Untertanen verschafft, bald die alte Dame von demjenigen Teil der landlichen Wirtschaft, der die Familienmutter angeht, bald die beiden Fraulein von den angenehmen Ergotzlichkeiten sprachen, die das Landleben in jeder Jahrszeit anbietet. Auf diese Abschilderung folgte diese Frage:
"Mein Freund, wollten Sie nicht die ubrigen Tage Ihres Lebens auf dem Lande zubringen?"
"Ja, lieber Baron! aber es musste auf meinen eignen Gutern und in der Nachbarschaft der Ihrigen sein."
"Das kann leicht geschehen, denn es ist eine kleine Meile von hier ein artiges Gut zu kaufen; ich habe die Erlaubnis hinzugehen, wenn ich will; wir wollen es morgen besehen."
Den Tag darauf ritten die beiden Herren dahin, in Begleitung des Pfarrers von P., eines sehr wurdigen Mannes, von welchem die Damen die Beschreibung des ruhrenden Auftritts erhielten, der zwischen den beiden Freunden vorgefallen war.
Der Baron hatte dem Obersten das ganze Gut gewiesen und fuhrte ihn auch in das Haus, welches gleich an dem Garten und sehr artig gelegen war. Hier nahmen sie das Fruhstuck ein.
Der Oberste bezeugte seine Zufriedenheit uber alles, was er gesehen, und fragte den Baron: ob es war sei, dass man dieses Gut kaufen konne?
"Ja, mein Freund; gefallt es Ihnen?"
"Vollkommen; es wurde mich von nichts entfernen, was ich liebe."
"O wie glucklich bin ich, teurer Freund", sagte der Baron, da er ihn umarmte; "ich habe das Gut schon vor drei Jahren gekauft, um es Ihnen anzubieten; ich habe das Haus ausgebessert und oft in diesem Kabinette fur Ihre Erhaltung gebetet. Nun werde ich den Fuhrer meiner Jugend zum Zeugen meines Lebens haben."
Der Oberste wurde ausserordentlich geruhrt; er konnte seinen Dank und seine Freude uber das edle Herz seines Freundes nicht genug ausdrucken; er versicherte ihn, dass er sein Leben in diesem Hause zubringen wurde; aber zugleich verlangte er zu wissen, was das Gut gekostet habe. Der Baron musste es sagen und es auch durch die Kaufbriefe beweisen. Der Ertrag belief sich hoher, als es nach dem Ankaufsschilling sein sollte. Der Baron versicherte aber, dass er nichts als seine eigne Auslage annehmen wurde.
"Mein Freund (sagte er) ich habe nichts getan, als seit drei Jahren alle Einkunfte des Guts auf die Verbesserung und Verschonerung desselben verwendet. Das Vergnugen des Gedanken: du arbeitest fur die Ruhetage des Besten der Menschen; hier wirst du ihn sehen und in seiner Gesellschaft die glucklichen Zeiten deiner Jugend erneuern; sein Rat, sein Beispiel, wird zu der Zufriedenheit deiner Seele und dem Besten deiner Angehorigen beitragen. Diese Gedanken haben mich belohnt."
Wie sie nach Hause kamen, stellte der Baron den Obersten als einen neuen Nachbar seiner Frau Mutter und seinen Schwestern vor. Alle wurden sehr froh uber die Versicherung, seinen angenehmen Umgang auf immer zu geniessen.
Er bezog sein Haus sogleich, als er Besitz von der kleinen Herrschaft genommen hatte, die nur aus zweien Dorfern bestund. Er gab auch ein Festin fur die kleine Nachbarschaft, fing gleich darauf an zu bauen, setzte noch zween schone Flugel an beide Seiten des Hauses, pflanzte Alleen und einen artigen Lustwald, alles in englischem Geschmack. Er betrieb diesen Bau mit dem grossten Eifer. Gleichwohl hatte er von Zeit zu Zeit eine dustre Miene, die der Baron wahrnahm, ohne anfangs davon etwas merken zu lassen, bis er in dem folgenden Herbst einer Gemutsveranderung des Obersten uberzeugt zu sein glaubte, bei welcher er nicht langer ruhig sein konnte. Sternheim kam nicht mehr so oft, redete weniger und ging bald wieder weg. Seine Leute bedauerten die ungewohnliche Melancholie, die ihren Herrn befallen hatte.
Der Baron wurde um so viel mehr bekummert, als sein Herz von der zuruckgefallnen Traurigkeit seiner altern Schwester beklemmt war. Er ging zum Obersten, fand ihn allein und nachdenkend, umarmte ihn mit zartlicher Wehmut und rief aus; "O mein Freund ! wie nichtig sind auch die edelsten, die lautersten Freuden unsers Herzens! Lange fehlte mir nichts als Ihre Gegenwart; nun seh' ich Sie; itzt habe ich Sie in meinen Armen und sehe Sie traurig! Ihr Herz, Ihr Vertrauen ist nicht mehr fur mich; haben Sie vielleicht der Freundschaft zu viel nachgegeben, indem Sie hier einen Wohnsitz nehmen? Liebster bester Freund! qualen Sie sich nicht; Ihr Vergnugen ist mir teurer als mein eignes, ich nehme das Gut wieder an; es wird mir wert sein, weil es mir Ihr schatzbares Andenken und Ihr Bild an allen Orten erneuern wird."
Hier hielt er inne; Tranen fullten sein Auge, welches auf dem Gesicht seines Freundes geheftet war. Er sah die grosste Bewegung der Seele in dernselben ausgedruckt.
Der Oberste stund auf und umfasste den Baron. "Edler P., glauben Sie ja nicht, dass meine Freundschaft, mein Vertrauen gegen Sie vermindert sei; noch weniger denken Sie, dass mich die Entschliessung gereue, meine Tage in Ihrer Nachbarschaft hinzubringen. O Ihre Nachbarschaft ist mir lieber, als Sie sich vorstellen konnen! Ich habe eine Leidenschaft zu bekampfen, die mein Herz zum erstenmal angefallen hat. Ich hoffte, vernunftig und edelmutig zu sein; aber ich bin es noch nicht in aller der Starke, welche der Zustand meiner Seele erfordert. Doch ist es nicht moglich, dass ich mit Ihnen davon spreche; mein Herz und die Einsamkeit sind die einzigen Vertrauten, die ich haben kann."
Der Baron druckte ihn an seine Brust; "ich weiss", sagte er, "dass Sie in allem wahrhaft sind, ich zweifle also nicht an den Versicherungen Ihrer alten Freundschaft. Aber warum kommen Sie so selten zu mir? Warum eilen Sie so kalt wieder aus meinem Hause?"
"Kalt, mein Freund! Kalt eile ich aus Ihrem Hause? O P., wenn Sie das brennende Verlangen kennten, das mich zu Ihnen fuhrt; das mich Stunden lang an meinem Fenster halt, wo ich das geliebte Haus sehe, in welchem alle mein Wunschen, all mein Vergnugen wohnt; ach P.! "
Der Baron P. wurde unruhig, weil ihm auf einige Augenblicke der Gedanke kann, sein Freund mochte vielleicht seine Gemahlin lieben und meide deswegen sein Haus, weil er sich zu bestreiten suche. Er beschloss, achtsam und zuruckhaltend zu sein. Der Oberste hatte still gesessen, und der Baron war auch aus seiner Fassung. Endlich fing der letztere an: "Mein Freund, Ihr Geheimnis ist mir heilig; ich will es nicht aus Ihrer Brust erpressen. Aber Sie haben mir Ursache gegeben zu denken, dass ein Teil dieses Geheimnisses mein Haus angehe: Darf ich nicht nach diesem Teile fragen?"
"Nein! Nein, fragen Sie nichts, und uberlassen Sie mich mir selbst." Der Baron schwieg, und reiste traurig und tiefsinnig fort.
Den andern Tag kam der Oberste, bat den Baron um Vergebung, dass er ihn gestern so trocken heimreisen lassen, und sagte, dass es ihn den ganzen Abend gequalt hatte. "Lieber Baron", setzte er hinzu, "Ehre und Edelmut binden meine Zunge! Zweifeln Sie nicht an meinem Herzen, und lieben Sie mich!"
Er blieb den ganzen Tag in P., Fraulein Sophie und Fraulein Charlotte wurden von ihrem Bruder gebeten, alles zu Ermunterung seines Freundes beizutragen. Der Oberste hielt sich aber meistens um die alte Dame und die Gemahlin des Barons auf. Abends spielte Fraulein Charlotte die Laute, der Baron und zween Bediente akkompagnierten sie, und Fraulein Sophie wurde so instandig gebeten zu singen, dass sie endlich nachgab.
Der Oberste stellte sich in ein Fenster, wo er bei halb zugezogenem Vorhang das kleine Familien-Konzert anhorte und so eingenommen wurde, nicht wahrzunehmen, dass die Gemahlin seines Freundes nahe genug bei ihm stund, um ihn sagen zu horen: "O Sophie, warum bist du die Schwester meines Freundes? Warum bestreiten die Vorzuge deiner Geburt die edle, die zartliche Neigung meines Herzens! "
Die Dame wurde besturzt; und um die Verwirrung zu vermeiden, in die er geraten sein wurde, wenn er hatte denken konnen, sie habe ihn gehort, entfernte sie sich; froh, ihrem Gemahl die Sorge benehmen zu konnen, die ihn wegen der Schwermut des Obersten plagte. Sobald alles schlafen gegangen war, redete sie mit ihm von dieser Entdeckung. Der Baron verstund nun, was ihm der Oberste sagen wollte, da er sich wegen des vermeinten Kaltsinns verteidigte, dessen er beschuldigt wurde. "Ware Ihnen der Oberste als Schwager ebenso lieb, wie er es Ihnen als mein Freund ist?" fragte er seine Gemahlin.
"Gewiss, mein Liebster! Sollte denn das Verdienst des rechtschaffnen Mannes nicht so viel Wert haben, als die Vorzuge des Namens und der Geburt!"
"Werte edle Halfte meines Lebens", rief der Baron, "so helfen Sie mir die Vorurteile bei meiner Mama und bei Sophien uberwinden!"
"Ich furchte die Vorurteile nicht so sehr als eine vorgefasste Neigung, die unsre liebe Sophie in ihrem Herzen nahrt. Ich kenne den Gegenstand nicht, aber sie liebt, und liebt schon lange. Kleine Aufsatze von Betrachtungen, von Klagen gegen das Schicksal, gegen Trennung, die ich in ihrem Schreibetische gefunden habe, uberzeugten mich davon. Ich habe sie beobachtet, aber weiter nichts entdecken konnen." "Ich will mit ihr reden", sagte der Baron, "und sehen, ob ihr Herz nicht durch irgendeine Lucke auszuspahen ist."
Den Morgen darauf ging der Baron zu Fraulein Sophie, und nach vielen freundlichen Fragen um ihre Gesundheit nahm er ihre Hande in die seinigen. "Liebe teure Sophie", sprach er, "du gibst mir Versicherung deines Wohlseins; aber warum bleibt dir die leidende Miene? warum der Ton des Schmerzens; warum der Hang zur Einsamkeit! warum entfliehen diesem edeln gutigen Herzen so viele Seufzer? O wenn du wusstest; wie sehr du mich diese lange Zeit deiner Melancholie durch bekummert hast; du wurdest mir dein Herz nicht verschlossen haben !"
Hier wurde ihre Zartlichkeit uberwaltigt. Sie zog ihre Hande nicht weg, sie druckte ihres Bruders seine an ihre Brust, und ihr Kopf sank auf seine Schulter. "Bruder, du brichst mein Herz ! ich kann den Gedanken nicht ertragen, dir Kummer gemacht zu haben! Ich liebe dich wie mein Leben; ich bin glucklich, ertrage mich, und rede mir niemals vom Heiraten."
"Warum das, mein Kind? Du wurdest einen rechtschaffenen Mann so glucklich machen!"
"Ja, ein rechtschaffener Mann wurde auch mich glucklich machen; aber ich kenne " Tranen hinderten sie, mehr zu sagen.
"O Sophie hemme die aufrichtige Bewegung deiner Seele nicht; schutte ihre Empfindungen in den treuen Busen deines Bruders aus Kind! ich glaube, es gibt einen Mann, den du liebst, mit dem dein Herz ein Bundnis hat."
"Nein, Bruder! mein Herz hat kein Bundnis "
"Ist dieses wahr, meine Sophie?"
"Ja, mein Bruder, ja "
Hier schloss sie der Baron in seine Arme. "Ach, wenn du die entschlossne, die wohltatige Seele deiner Mutter hattest!"
Sie erstaunte. "Warum, mein Bruder? was willst du damit? bin ich ubeltatig gewesen?"
"Niemals, meine Liebe, niemals aber du konntest es werden, wenn Vorurteile mehr als Tugend und Vernunft bei dir galten."
"Bruder, du verwirrest mich! in was fur einem Falle sollte ich der Tugend und Vernunft entsagen?"
"Du musst es nicht so nehmen! Der Fall, den ich denke, ist nicht wider Tugend und Vernunft; und doch konnten beide ihre Anspruche bei dir verlieren?"
"Bruder, rede deutlich; ich bin entschlossen nach meinen geheimsten Empfindungen zu antworten."
"Sophie, die Versicherung, dass dein Herz ohne Bundnis sei, erlaubt mir, dich zu fragen: was du tun wurdest, wenn ein Mann, voll Weisheit und Tugend dich liebte, um deine Hand bate, aber nicht von altem Adel ware?"
Sie geriet bei diesem letzten Wort in Schrecken, sie zitterte und wusste sich nicht zu fassen. Der Baron wollte ihr Herz nicht lange qualen, sondern fuhr fort: "Wenn dieser Mann der Freund ware, dem dein Bruder die Gute und Gluckseligkeit seines Herzens zu danken hatte , Sophie; was wurdest du tun?"
Sie redete nicht, sondern ward nachdenkend und wechselsweise rot und blass.
"Ich beunruhige dich, meine Schwester; der Oberste liebt dich. Diese Leidenschaft macht seine Schwermut; denn er zweifelt, ob er werde angenommen werden. Ich bekenne dir freimutig, dass ich wunschte, alle seine mir erwiesne Wohltaten durch dich zu vergelten. Aber wenn dein Herz darwider ist, so vergiss alles, was ich dir sagte."
Das Fraulein bemuhete sich einen Mut zu fassen; schwieg aber eine gute Weile; endlich fragte sie den Baron: "Bruder, ist es gewiss, dass der Oberste mich liebt?" Der Baron erklarte ihr hierauf alles, was er durch seine Unterredungen mit dem Obersten, und endlich durch die Wunsche, welche seine Gemahlin gehort hatte, von seiner Liebe wusste.
"Mein Bruder", sprach Sophie, "ich bin freimutig, und du verdienst alle mein Vertrauen so sehr, dass ich nicht lange warten werde, dir zu sagen, dass der Oberste der einzige Mann auf Erden ist, dessen Gemahlin ich zu werden wunsche."
"Der Unterschied der Geburt ist dir also nicht anstossig?"
"Gar nicht; sein edles Herz, seine Wissenschaft, und seine Freundschaft fur dich, ersetzen bei mir den Mangel der Ahnen."
"Edelmutiges Madchen! du machst mich glucklich durch deine Entschliessung, liebste Sophie! Aber warum batest du mich, dir nichts vom Heiraten zu sagen?"
"Weil ich furchtete, du redetest von einem andern", sagte sie mit leisem Ton, indem ihr gluhendes Gesicht auf der Schulter ihres Bruders lag
Er umarmte sie, kusste ihre Hand; "diese Hand", sagte er, "wird ein Segen fur meinen Freund sein! von mir wird er sie erhalten! Aber, mein Kind, die Mama und Charlotte werden dich bestreiten; wirst du standhaft bleiben?"
"Bruder, du sollst sehen, dass ich ein englandisches Herz habe. Aber da ich alle deine Fragen beantwortete, so muss ich auch eine machen: Was dachtest du von meiner Traurigkeit, weil du mich so oft fragtest?"
"Ich dachte, eine heimliche Liebe, und ich furchtete mich vor dem Gegenstand, weil du so verborgen warest."
"Mein Bruder glaubte also nicht, dass die Briefe seines Freundes, die er uns vorlas, und alles ubrige, was er von dem teuren Mann erzahlte, einen Eindruck auf mein Herz machen konnte?"
"Liebe Sophie, es war also das Verdienst meines Freundes, was dich so beunruhigte? Glucklicher Mann, den ein edles Madchen wegen seiner Tugend liebt! Gott segne meine Schwester fur ihre Aufrichtigkeit! nun kann ich das Herz meines Freundes von seinem nagenden Kummer heilen."
"Tu alles, mein Bruder, was ihn befriedigen kann; nur schone meiner dabei! du weisst, dass ein Madchen nicht ungebeten lieben darf."
"Sei ruhig, mein Kind; deine Ehre ist die meinige."
Hier verliess er sie, ging zu seiner Gemahlin und teilte ihr das Vergnugen dieser Entdeckung mit. Sodann eilte er zum Obersten, welchen er traurig und ernsthaft fand. Mancherlei Unterredungen, die er anfing, wurden kurz beantwortet. Eine todliche Unruhe war in allen seinen Gebarden. "Habe ich Sie gestort, Herr Oberster?" sagte der Baron mit der Stimme der zartlichsten Freundschaft eines jungen Mannes gegen seinen Fuhrer, indem er den Obersten zugleich bei der Hand fasste.
"Ja, lieber Baron, Sie haben mich in der Entschliessung gestort, auf einige Zeit wegzureisen."
"Wegzureisen? und allein? "
"Lieber P., ich bin in einer Gemutsverfassung, die meinen Umgang unangenehm macht; ich will sehen, was die Zerstreuung tun kann."
"Mein bester Freund! darf ich nicht mehr in Ihr Herz sehen? kann ich nichts zu Ihrer Ruhe beitragen?"
"Sie haben genug fur mich getan! Sie sind die Freude meines Lebens. Was mir itzt mangelt, muss die Klugheit und die Zeit bessern."
"Sternheim, Sie sagten letzt von einer zu bekampfenden Leidenschaft. Ich kenne Sie; Ihr Herz kann keine unanstandige, keine bose Leidenschaft nahren; es muss Liebe sein, was die Qual Ihrer Tage macht!"
"Niemals, P., niemals sollen Sie wissen, was meinen itzigen Kummer verursacht."
"Rechtschaffner Freund, ich will Sie nicht langer tauschen; ich kenne den Gegenstand Ihrer Liebe; Ihre Zartlichkeit hat einen Zeugen gefunden; ich bin glucklich: Sie lieben meine Sophie!" Der Baron hielt den Obersten, der ganz ausser sich war, umarmt; er wollte sich loswinden; es war ihm bange.
"P., was sagen Sie? was wollen Sie von mir wissen?"
"Ich will wissen; ob die Hand meiner Schwester ein gewunschtes Gluck fur Sie ware?"
"Unmoglich, denn es ware fur Sie alle ein Ungluck."
"Ich habe also Ihr Gestandnis; aber wo soll das Ungluck sein?"
"Ja, Sie haben mein Gestandnis; Ihre Fraulein Schwester ist das erste Frauenzimmer, welches die beste Neigung meiner Seele hat; aber ich will sie uberwinden; man soll Ihnen nicht vorwerfen, dass Sie Ihrer Freundschaft die schuldige Achtung fur Ihre Voreltern aufgeopfert haben. Fraulein Sophie soll durch mich keinen Anspruch an Gluck und Vorzug verlieren.
Schworen Sie mir, kein Wort mit ihr davon zu reden; oder Sie sehen mich heute zum letztenmal!"
"Sie denken edel, mein Freund; aber Sie sollen nicht ungerecht werden. Ihre Abreise wurde nicht allein mich, sondern Sophien und meine Gemahlin betruben. Sie sollen mein Bruder sein!"
"P., Sie martern mich mit diesem Zuspruch mehr, als mich die Unmoglichkeit marterte, die meinen Wunschen entgegen ist."
"Freund! Sie haben die freiwillige, die zartliche Zusage meiner Schwester Sie haben die Wunsche meiner Gemahlin und die meinige. Wir haben alles bedacht, was Sie bedenken konnen soll ich Sie bitten, der Gemahl von Sophien von P. zu werden?"
"O Gott! wie hart beurteilen Sie mein Herz! Sie glauben also, dass es eigensinniger Stolz sei, der mich unschlussig macht?"
"Ich antworte nichts, umarmen Sie mich und nennen Sie mich Ihren Bruder! morgen sollen Sie es sein! Sophie ist die Ihrige. Sehen Sie sie nicht als das Fraulein von P., sondern als ein liebenswurdiges und tugendhaftes Frauenzimmer an, dessen Besitz alle Ihre kunftigen Tage beglucken wird; und nehmen Sie diesen Segen von der Hand Ihres neuen Freundes mit Vergnugen an!"
"Sophie mein? mit einer freiwilligen Zartlichkeit mein? Es ist genug; Sie geben alles; ich kann nichts tun, als auf alles freiwillig entsagen!"
"Entsagen? nach der Versicherung, dass Sie geliebt sind? O meine Schwester, wie ubel bin ich mit deinem vortrefflichen Herzen umgegangen!"
"P., was sagen Sie! und wie konnen Sie mein Herz durch einen solchen Vorwurf zerreissen? Wenn Sie edelmutig sind: soll ich es nicht auch sein? soll ich die Augen uber die Mienen des benachbarten Adels zuschliessen?"
"Sie sollen es, wenn die Frage von Ihrer Freude und Ihrem Gluck ist."
"Was wollen Sie dann, dass ich tun soll?"
"Dass Sie mich mit dem Auftrage zuruckreisen lassen, mit meiner Mutter von meinem Wunsche zu sprechen, und dass Sie zu uns kommen wollen, wenn ich Ihnen ein Billett schicke."
Der Oberste konnte nicht mehr reden; er umarmte den Baron. Dieser ging zuruck, gerade zu seiner Frau Mutter, bei welcher die beiden Fraulein und seine Gemahlin waren. Er fuhrte die altere Fraulein in ihr Zimmer, weil er ihr den Bericht von seinem Besuch allein machen wollte, und bat sie, ihn eine Zeitlang bei der Frau Mutter und Charlotten zu lassen. Hier tat er einen formlichen Antrag fur seinen Freund. Die alte Dame wurde betroffen; er sah es, und sagte: "Teure Frau Mutter! alle Ihre Bedenklichkeiten sind gegrundet. Der Adel soll durch adelige Verbindungen fortgefuhrt werden. Aber die Tugenden des Sternheim sind die Grundlagen aller grossen Familien gewesen. Man hatte nicht unrecht zu denken, dass grosse Eigenschaften der Seele bei Tochtern und Sohnen erblich sein konnten, und dass also jeder Vater fur einen Sohn eine edle Tochter suchen sollte. Auch wollt' ich, der Einfuhrung der Heiraten ausser Stand nicht gerne das Wort reden. Aber hier ist ein besonderer Fall; ein Fall, der sehr selten erscheinen wird: Sternheims Verdienste, mit dem Charakter eines wirklichen Obersten, der schon als adelig anzusehen ist, rechtfertigen die Hoffnung, die ich ihm gemacht habe."
"In Wahrheit, mein Sohn, ich habe Bedenklichkeiten. Aber der Mann hat meine ganze Hochachtung erworben. Ich wurde ihn gern glucklich sehen."
"Meine Gemahlin: Was sagen Sie?"
"Dass bei einem Mann, wie dieser ist, eine gerechte Ausnahme zu machen sei. Ich werde ihn gerne Bruder nennen."
"Ich nicht", sagte Fraulein Charlotte.
"Warum, meine Liebe?"
"Weil diese schone Verbindung auf Unkosten meines Glucks gemacht wird."
"Wie das, Charlotte?"
"Wer wird denn unser Haus zu einer Vermahlung suchen, wenn die altere Tochter so verschleudert ist?"
"Verschleudert? bei einem Mann von Tugend und Ehre, bei dem Freunde deines Bruders?"
"Vielleicht hast du noch einen Universitatsfreund von dieser Tugend, der sich um mich melden wird, um seiner aufkeimenden Ehre eine Stutze zu geben, und da wirst du auch Ursachen zu deiner Einwilligung bereit haben?"
"Charlotte, meine Tochter: was fur eine Sprache?"
"Ich muss sie fuhren, weil in der ganzen Familie niemand auf mich und seine Voreltern denkt."
"So, Charlotte; und wenn man an die Voreltern denkt; muss man den Bruder und einen edelmutigen Mann beleidigen?" sagte die junge Frau von P.
"Ich habe Ihre Ausnahme schon gehort, die Sie fur den edelmutigen Mann machen. Andre Familien werden auch Ausnahmen haben, wenn ihr Sohn Charlotten zur Gemahlin haben wollte."
"Charlotte, wer dich um Sternheims willen verlasst, ist deiner Hand und einer Verbindung mit mir nicht wert. Du siehst, dass ich auf die bose jungere Schwester noch stolz bin, wenn ich schon die gute altere an einen Universitatsfreund verschleudere."
"Freilich muss die jungere Schwester bose sein, wenn sie sich nicht zum Schuldenabtrag will gebrauchen lassen!"
"Wie unvernunftig boshaft meine Schwester sein kann! Du hast nichts von meinen Antragen zu besorgen. Ich werde fur niemand als einen Sternheim reden, und fur diesen ist ein Gemutscharakter, wie der deinige, nicht edel genug, wenn du auch eine Furstin warest."
"Gnadige Mama; Sie horen zu, wie ich wegen des elenden Kerls gemisshandelt werde?"
"Du hast die Geduld deines Bruders gemissbraucht. Kannst du deine Einwendungen nicht ruhiger vorbringen?"
Sie wollte eben reden; aber der Bruder fiel ihr ins Wort; "Charlotte, rede nicht mehr; der Ausdruck elender Kerl hat dir deinen Bruder genommen! Die Sachen meines Hauses gehen dich nichts mehr an. Dein Herz entehrt die Ahnen, auf deren Namen du stolz bist! O wie klein wurde die Anzahl des Adels werden, wenn sich nur die dazu rechnen durften, die ihre Anspruche durch die Tugenden der edlen Seele des Stifters ihres Hauses beweisen konnten!"
"Lieber Sohn, werde nicht zu eifrig, es ware wirklich nicht gut, wenn unsre Tochter so leichte geneigt waren, ausser Stand zu heiraten."
"Das ist nicht zu befurchten. Es gibt selten eine Sophie, die einen Mann nur wegen seiner Klugheit und Grossmut liebt."
Fraulein Charlotte entfernte sich.
"Hast du aber nicht selbst einmal deine dir so lieben Englander angefuhrt, welche die Heirat ausser Stand den Tochtern viel weniger vergeben als den Sohnen, weil die Tochter ihren Namen aufgeben und den von ihrem Manne tragen muss, folglich sich erniedriget?"
"Dies bleibt alles wahr, aber in England wurde mein Freund tausendmal von diesem Grundsatz ausgenommen werden, und das Madchen, das ihn liebte, wurde den Ruhm eines edeldenkenden Frauenzimmers erhalten."
"Ich sehe wohl, mein Sohn, dass diese Verbindung eine schon beschlossene Sache ist. Aber hast du auch uberlegt, dass man sagen wird, du opferst deine Schwester einer ubertriebenen Freundschaft auf, und ich handle als Stiefmutter, da ich meine Einwilligung gebe?"
"Liebe Mama! lassen Sie es immer geschehen, unser Beweggrund wird uns beruhigen, und das Gluck meiner Schwester wird, neben den Verdiensten meines Freundes, allein so deutlich in die Augen glanzen, dass man aufhoren wird, ubel zu denken."
Hierauf wurde Fraulein Sophie von ihrem Bruder geholt. Sie warf sich ihrer Frau Mutter zu Fussen; die gute Dame umarmte sie: "Liebe Fraulein Tochter", sprach sie, "Ihr Bruder hat mich versichert, dass dieses Band nach Ihren Wunschen ware, sonst hatte ich nicht eingewilliget. Es ist wahr, es fehlt dem Manne nichts als eine edle Geburt. Aber, Gott segne Sie beide!"
Indessen war der Baron fort, er holte den Obersten, welcher halb ausser sich in das Zimmer trat, aber gleich zu der alten Dame ging, ihr mit gebognem Knie die Hande kusste und mit mannlichem Anstand sagte:
"Gnadige Frau! glauben Sie immer, dass ich Ihre Einwilligung als eine herablassende Gute ansehe; bleiben Sie aber auch versichert, dass ich dieser Gute niemals unwurdig sein werde."
Sie war so liebreich zu sagen: "Es erfreuet mich, Herr Oberster, dass Ihre Verdienste in meinem Hause eine Belohnung gefunden haben." Er kusste hierauf die Hande der Gemahlin seines Freundes; "wieviel Dank und Verehrung", rief er aus, "bin ich der grossmutigen Vorsprecherin der Angelegenheiten meines Herzens schuldig?"
"Nichts, Herr Oberster! ich bin stolz, zu dem Gluck Ihres Herzens etwas beizutragen; Ihre bruderliche Freundschaft soll meine Belohnung sein."
Er wollte mit seinem Freunde reden; aber dieser wies ihn an Fraulein Sophie. Bei dieser kniete er stillschweigend, und endlich sprach der edle Mann: "Gnadiges Fraulein! mein Herz ist in Verehrung der Tugend geboren; wie war es moglich, eine vortreffliche Seele wie die Ihrige mit allen ausserlichen Annehmlichkeiten begleitet zu sehen, ohne dass meine Empfindungen lebhaft genug wurden, Wunsche zu machen? Ich hatte diese Wunsche erstickt; aber die treue Freundschaft Ihres Bruders hat mir Mut gegeben, um Ihre Zuneigung zu bitten. Sie haben mich nicht verworfen. Gott belohne Ihr liebreiches Herz und lasse mich die Tugend niemals verlieren, die mir Ihre Achtung erworben hat!"
Fraulein Sophie antwortete nur mit einer Verbeugung und reichte ihm die Hand mit dem Zeichen aufzustehen; darauf naherte sich der Baron und fuhrte beide an seinen Handen zu seiner Frau Mutter.
"Gnadige Mama", sagte er, "die Natur hat Ihnen an mir einen Sohn gegeben, von welchem Sie auf das vollkommenste geehrt' und geliebt werden; das Schicksal gibt Ihnen an meinem Freunde einen zweiten Sohn, der aller Ihrer Achtung und Gute wurdig ist. Sie haben oft gewunscht, dass unsre Sophie glucklich sein moge. Ihre Verbindung mit dem geistvollen rechtschaffenen Mann wird diesen mutterlichen Wunsch erfullen. Legen Sie Ihre Hand auf die Hande Ihrer Kinder; ich weiss, dass der mutterliche Segen ihren Herzen heilig und schatzbar ist."
Die Dame legte ihre Hand auf und sagte: "Meine Kinder! wenn euch Gott so viel Gutes und Vergnugen schenkt, als ich von ihm fur euch erbitten werde, so wird euch nichts mangeln." Und nun umarmte der Baron den Obersten als seinen Bruder und auch die gluckliche Braut, welcher er fur die Gesinnungen, die sie gegen seinen Freund bezeugt hatte, zartlich dankte. Der Oberste speiste mit ihnen. Fraulein Charlotte kam nicht zur Tafel. Die Trauung geschah ohne vieles Geprange. Etliche Tage nach der Hochzeit schrieb
Frau von Sternheim an
ihre Frau Mutter
Da mich das schlimme Wetter und eine kleine Unpasslichkeit abhalten, meiner gnadigen Mama selbst aufzuwarten, so will ich doch meinem Herzen das edle Vergnugen nicht versagen, mich schriftlich mit Ihnen zu unterhalten.
Die Gesellschaft meines teuren Gemahls und die Uberdenkung der Pflichten, welche mir in dem neuen Kreise meines Lebens angewiesen sind, halten mich in Wahrheit fur alle andre Zeitvertreibe und Vergnugungen schadlos; aber sie erneuern auch mit Lebhaftigkeit alle ubrigen edlen Empfindungen, die mein Herz jemals genahrt hat. Unter diese gehort auch die dankvolle Liebe, welche Ihre Gute seit so vielen Jahren von mir verdient hat, da ich in Ihrer vortrefflichen Seele alle treue und zartliche Sorgfalt gefunden habe, die ich nur immer von meiner wahren Mutter hatte geniessen konnen. Und doch muss ich bekennen, dass Ihre gnadige Einwilligung in mein Bundnis mit Sternheim die grosste Wohltat ist, die Sie mir erzeigt haben. Dadurch ist das ganze Gluck meines Lebens befestiget worden; welches ich in nichts anderm suche noch erkenne, als in Umstanden zu sein, worin man nach seinem eignen Charakter und nach seinen Neigungen leben kann. Dieses war mein Wunsch, und diesen hab' ich von der Vorsehung erhalten. Einen nach seinem Geist und Herzen aller meiner Verehrung wurdigen Mann; und mittelmassiges, aber unabhangiges Vermogen, dessen Grosse und Ertrag hinreichend ist, unser Haus in einer edlen Genugsamkeit und standesgemass zu erhalten, dabei aber auch unsern Herzen die Freude gibt, viele Familien des arbeitsamen Landmanns durch Hulfe zu erquicken, oder durch kleine Gaben aufzumuntern.
Erlauben Sie, dass ich eine Unterredung wiederhole, welche der teure Mann mit mir gehalten, dessen Namen ich trage.
Nachdem meine gnadige Mama, mein Bruder, meine Schwester und meine Schwagerin abgereiset waren, empfand ich sozusagen das erstemal die ganze Wichtigkeit meiner Verbindung.
Die Veranderung meines Namens zeigte mir zugleich die Veranderung meiner Pflichten, die ich alle in einer Reihe vor mir sah. Diese Betrachtungen, welche meine ganze Seele beschaftigten, wurden, denke ich, durch die ausserlichen Gegenstande lebhafter. Ein anderer Wohnplatz; alle, mit denen ich von Jugend auf gelebt, von mir entfernt; die erste Bewegung uber ihre Abreise usw.
Alles dieses gab mir, ich weiss nicht welch ein ernsthaftes Ansehen, das dem Auge meines Gemahls merklich wurde.
Er kam mit dem Ausdruck einer sanften Freudigkeit in seinem Gesichte zu mir in mein Kabinett, wo ich gedankenvoll sass; blieb in der Mitte des Zimmers stehen, betrachtete mich mit zartlicher Unruhe und sagte:
"Sie sind nachdenklich, liebste Gemahlin! darf ich Sie storen?"
Ich konnte nicht antworten, reichte ihm aber meine Hand. Er kusste sie, und nachdem er sich einen Stuhl zu mir geruckt hatte, fing er an:
"Ich verehre Ihre ganze Familie; doch muss ich sagen, dass mir der Tag lieb ist, wo alle Gesinnungen meines Herzens allein meiner Gemahlin gewidmet sein konnen. Gonnen Sie mir Ihr Vertrauen, so wie Sie mir Ihre Hochachtung geschenkt haben; und glauben Sie, dass Sie mit dem Mann, den Sie andern so edelmutig vorgezogen haben, nicht unglucklich sein werden. Ihr vaterlich Haus ist nicht weit von uns entfernt, und in diesem hier wird Ihr wohlgesinntes Herz sein Vergnugen finden, mich, meine und Ihre Bediente, meine und Ihre Untertanen glucklich zu machen. Ich weiss, dass Sie seit vielen Jahren bei Ihrer Frau Mutter die Stelle einer Hauswirtin versehen haben. Ich werde Sie bitten, dieses Amt, mit allem, was dazu gehort, auch in diesem Hause zu fuhren. Sie werden mich dadurch sehr verbinden; indem ich gesinnet bin, alle meine Musse fur das Beste unsrer kleinen Herrschaft zu verwenden. Ich setze dieses nicht allein darin, Gute und Gerechtigkeit auszuuben, sondern auch in der Untersuchung, ob nicht die Umstande meiner Untertanen in andrer Austeilung der Guter, in Besorgung der Schulen, des Feldbaues und der Viehzucht zu verbessern seien? Ich habe mir von allen diesen Teilen einige Kenntnis erworben; denn in dem glucklichen Mittelstande der menschlichen Gesellschaft, worin ich geboren wurde, sieht man die Anbauung des Geistes und die Ausubung der meisten Tugenden nicht nur als Pflichten, sondern auch als den Grund unsers Wohlergehens an; und ich werde mich dieser Vorteile allezeit dankbarlich erinnern, weil ich Ihnen das unschatzbare Gluck Ihrer Liebe schuldig bin. Ware ich mit dem Rang und Vermogen geboren worden, die ich itzt besitze, so ware vielleicht mein Eifer, mir einen Namen zu machen, nicht so gross gewesen. Was ich aber in dem Schicksal meiner verflossnen Jahre am meisten liebe, ist der Vater, den es mir gab; weil ich gewiss in andern Umstanden keinen so treuen und weisen Fuhrer meiner Jugend gehabt hatte, als er fur mich war. Er verbarg mir aus weiser Uberlegung und Kenntnis meines Gemuts (vielleicht des ganzen menschlichen Herzens uberhaupt) den grossten Teil seines Reichtums; einmal um der Nachlassigkeit vorzubeugen, mit welcher einzige und reiche Sohne den Wissenschaften obliegen; und dann die Verfuhrung zu vermeiden, denen diese Art junger Leute ausgesetzt ist; und weil er dachte, wann ich einmal die Krafte meiner Seele, fur mich und andere, wohl zu gebrauchen gelernt hatte, so wurde ich einst auch von den Glucksgutern einen klugen und edeln Gebrauch zu machen wissen. Daher suchte mich mein Vater zuerst, durch Tugend und Kenntnisse, moralisch gut und glucklich zu machen, ehe er mir die Mittel in die Hande gab, durch welche man alle Gattungen von sinnlichem Wohlstand und Vergnugen fur sich und andre erlangen und austeilen kann. Die Liebe und Ubung der Tugend und der Wissenschaften, sagte er, geben ihrem Besitzer eine von Schicksal und Menschen unabhangige Gluckseligkeit und machen ihn zugleich durch das Beispiel, das seine edle und gute Handlungen geben, durch den Nutzen und das Vergnugen, das sein Rat und Umgang schaffen, zu einem moralischen Wohltater an seinen Nebenmenschen. Durch solche Grundsatze und eine darauf gegrundete Erziehung machte er mich zu einem wurdigen Freund Ihres Bruders; und, wie ich mir schmeichle, zu dem nicht unwurdigen Besitzer Ihres Herzens. Die Halfte meines Lebens ist vorbei. Gott sei Dank, dass sie weder mit sonderbaren Unglucksfallen noch Vergehungen wider meine Pflichten bezeichnet ist! Der gesegnete Augenblick, wo das edle gutige Herz der Sophie P. zu meinem Besten geruhrt war, ist der Zeitpunkt, in welchem der Plan fur das wahre Gluck meiner ubrigen Tage vollfuhrt wurde. Zartliche Dankbarkeit und Verehrung wird die stete Gesinnung meiner Seele fur Sie sein."
Hier hielt er inne, kusste meine beiden Hande und bat mich um Vergebung, dass er so viel geredet hatte.
Ich konnte nichts anders als ihn versichern, dass ich mit Vergnugen zugehort und ihn bate, fortzufahren, weil ich glaubte, er hatte mir noch mehr zu sagen.
"Ich mochte Sie nicht gerne ermuden, liebste Gemahlin; aber ich wunsche, dass Sie mein ganzes Herz sehen konnten. Ich will also, weil Sie es zu wunschen scheinen, nur noch einige Punkte beruhren.
Ich habe mir angewohnt, in allen Stucken, die ich in Erlernung der Wissenschaften oder in meinen Militar-Diensten zu ersteigen hatte, mich sorgfaltig nach allen Pflichten umzusehen, die ich darin in Absicht auf mich selbst, meine Obern und die ubrigen zu erfullen verbunden war. Nach dieser Kenntnis teilte ich meine Aufmerksamkeit und meine Zeit ab. Mein Ehrgeiz trieb mich, alles, was ich zu tun schuldig war, ohne Aufschub und auf das Vollkommenste zu verrichten. War es geschehen, so dachte ich auch an die Vergnugungen, die meiner Gemutsart die gemassesten waren. Gleiche Uberlegungen habe ich uber meine itzigen Umstande gemacht; und da finde ich mich mit vierfachen Pflichten beladen. Die erste gegen meine liebenswurdige Gemahlin, welche mir leicht ist, weil immer mein ganzes Herz zu ihrer Ausubung bereit sein wird. Die zwote gegen Ihre Familie und den ubrigen Adel, denen ich, ohne jemals schmeichlerisch und unterwurfig zu sein, durch alle meine Handlungen den Beweis zu geben suchen werde, dass ich der Hand von Sophien P. und der Aufnahme in die freiherrliche Klasse nicht unwurdig war. Die dritte Pflicht geht die Personen von demjenigen Stande an, aus welchem ich herausgezogen bin. Diese will ich niemals zu denken veranlassen, dass ich meinen Ursprung vergessen habe. Sie sollen weder Stolz noch niedertrachtige Demut bei mir sehen. Viertens treten die Pflichten gegen meine Untergebene ein, fur deren Bestes ich auf alle Weise sorgen werde, um ihrem Herzen die Unterwurfigkeit, in welche sie das Schicksal gesetzt hat, nicht nur ertraglich, sondern angenehm zu machen, und mich so zu bezeugen, dass sie mir den Unterschied, welchen zeitliches Gluck zwischen mir und ihnen gemacht hat, gerne gonnen sollen.
Der rechtschaffene Pfarrer in P. will mir einen wakkern jungen Mann zum Seelsorger in meinem Kirchspiele schaffen, mit welchem ich gar gerne einen schon lang gemachten Wunsch fur einige Abanderungen in der gewohnlichen Art, das Volk zu unterrichten, veranstalten mochte. Ich habe mich grundlich von der Gute und dem Nutzen der grossen Wahrheiten unsrer Religion uberzeugt; aber die wenige Wirkung, die ihr Vortrag auf die Herzen der grossten Anzahl der Zuhorer macht, gab mir eher einen Zweifel in die Lehrart als den Gedanken ein, dass das menschliche Herz durchaus so sehr zum Bosen geneigt sei, als manche glauben. Wie oft kam ich von Anhorung der Kanzelrede eines beruhmten Mannes zuruck, und wenn ich dem moralischen Nutzen nachdachte, den ich daraus gezogen, und dem, welchen der gemeine Mann darin gefunden haben konnte, so fand ich in Wahrheit viel Leeres fur den letztern dabei; und derjenige Teil, welchen der Prediger dem Ruhme der Gelehrsamkeit oder dem ausfuhrlichen, aber nicht allzuverstandlichen Vortrag mancher spekulativer Satze gewidmet hatte, war fur die Besserung der meisten verloren, und das gewiss nicht aus bosem Willen der letztern.
Denn wenn ich, der von Jugend auf meine Verstandskrafte geubt hatte und mit abstrakten Ideen bekannt war, Muhe hatte, nutzliche Anwendungen davon zu machen; wie sollte der Handwerksmann und seine Kinder damit zurechte kommen? Da ich nun weit von dem unfreundlichen Stolz entfernt bin, der unter Personen von Gluck und Rang den Satz erdacht hat, man musse dem gemeinen Mann weder aufgeklarte Religionsbegriffe geben noch seinen Verstand erweitern, so wunsche ich, dass mein Pfarrer, aus wahrer Gute gegen seinen Nachsten, und aus Empfindung des ganzen Umfangs seiner Obliegenheiten, zuerst bedacht ware, seiner anvertrauten Gemeinde das Mass von Erkenntnis beizubringen, welches ihnen zu freudiger und eifriger Erfullung ihrer Pflichten gegen Gott, ihre Obrigkeit, ihren Nachsten und sich selbst notig ist. Der geringe Mann ist mit der namlichen Begierde zu Gluck und Vergnugen geboren wie der grossere und wird, wie dieser, von den Begierden oft auf Abwege gefuhrt. Daher mochte ich ihnen auch richtige Begriffe von Gluck und Vergnugen geben lassen. Den Weg zu ihren Herzen, glaube ich, konne man am ehesten durch Betrachtungen uber die physikalische Welt finden, von der sie am ersten geruhrt werden, weil jeder Blick ihrer Augen, jeder Schritt ihrer Fusse sie dahin leitet. Waren erst ihre Herzen durch Erkenntnis der wohltatigen Hand ihres Schopfers geoffnet, und durch historische Vergleichungen von ihrem Wohnplatz und ihren Umstanden mit dem Aufenthalt und den Umstanden andrer Menschen, die ebenso, wie sie, Geschopfe Gottes sind, zufriedengestellt, so zeigte man ihnen auch die moralische Seite der Welt und die Verbindlichkeiten, welche sie darin zu einem ruhigen Leben fur sich selbst, zum Besten der Ihrigen und zur Versicherung eines ewigen Wohlstands zu erfullen haben. Wenn mein Pfarrer nur mit dem guten Bezeugen der letzten Lebenstage seiner Pfarrkinder zufrieden ist, so werde ich sehr unzufrieden mit ihm sein. Und wenn er die Besserung der Gemuter nur durch sogenannte Gesetz- und Strafpredigten erhalten will, ohne den Verstand zu offnen und zu uberzeugen, so wird er auch nicht mein Pfarrer sein. Wenn er aufmerksamer auf den Fleiss im Kirchengehen ist als auf die Handlungen des taglichen Lebens, so werde ich ihn fur keinen wahren Menschenfreund und fur keinen guten Seelsorger wahren Menschenfreund und fur keinen guten Seelsorger halten.
Auf die Schule der guten Einrichtung derselben und die angemessene Belohnung des Schulmeisters werde ich alle Sorge tragen; mit der notigen Nachsicht verbunden, welche die Schwachheit des kindlichen Alters erfordert. Es soll darin ein doppelter Katechismus gelehrt werden; namlich von den Christenpflichten, wie er eingefuhrt ist, und bei jedem Hauptstuck eine deutliche, einfache Anwendung dieser Grundsatze auf ihr tagliches Leben; und dann ein Katechismus von grundlicher Kenntnis des Feld- und Gartenbaues, der Viehzucht, der Besorgung der Geholze und Waldungen und dergleichen, als Pflichten des Berufs und der Wohltatigkeit gegen die Nachkommenschaft. Uberhaupt wunsche ich, meine Untertanen erst gut gegen ihren Nachsten zu sehen, ehe sie einen Anspruch an das Lob der Frommigkeit machen.
Dem Beamten, den ich hier angetroffen, werde ich seinen Gehalt und die Besorgung der Rechnung lassen; aber zur Justizverwaltung und Aufsicht auf die Befolgung der Gesetze und auf Polizei und Arbeitsamkeit werde ich den wackern jungen Mann gebrauchen, dessen Bekanntschaft ich in P. gemacht habe. Diesem, und mir selbst, will ich suchen, das Vertrauen meiner Untertanen zu erwerben, um alle ihre Umstande zu erfahren und als wahrer Vater und Vormunder ihre Angelegenheiten besorgen zu konnen. Guter Rat, freundliche Ermahnung, auf Besserung, nicht auf Unterdruckung abzielende Strafen sollen die Hilfsmittel dazu sein; und mein Herz musste sich in seiner liebreichen Hoffnung sehr traurig betrogen finden; wenn die sorgfaltige Ausubung der Pflichten des Herrn auf meiner, und eine gleiche Bemuhung des Pfarrers und der Beamten auf ihrer Seite, nebst dem Beispiel der Gute und Wohltatigkeit, nicht einen heilsamen Einfluss auf die Gemuter meiner Untergebenen hatte."
Hier horte er auf und bat mich um Vergebung, so viel und so lange geredt zu haben.
"Sie mussen mude worden sein, teure Sophie", sagte er, indem er einen seiner Arme um mich schlang.
Was blieb mir in der vollen Regung meines Herzens ubrig zu tun, als ihn mit Freudentranen zu umarmen?
"Mude, mein liebster Gemahl? Wie konnte ich mude werden uber die gluckliche Aussicht in meine kunftigen Tage, die von Ihrer Tugend und Menschenliebe bezeichnet sein werden?"
Geliebte Frau Mutter, wie gesegnet ist mein Los? Gott erhalte Sie noch lange, um ein Zeuge davon zu sein. Niemand war glucklicher als Sternheim und seine Gemahlin, deren Fussstapfen von ihren Untertanen verehrt wurden. Gerechtigkeit und Wohltatigkeit wurde in dem kleinen Umkreis ihrer Herrschaft in gleichem Masse ausgeubt. Alle Proben von Landbau-Verbesserung wurden auf herrschaftlichen Gutern zuerst gemacht; alsdann den Untertanen gelehrt, und dem Armen, der sich am ersten willig zur Veranderung zeigte, der notige Aufwand umsonst dazu gereicht; weil Herr von Sternheim wohl einsah, dass der Landmann auch das Nutzlichste, wenn es Geldauslagen und die Missung eines Stucks Erdreichs erforderte, ohne solche Aufmunterungen niemals eingehen werde. Aber was ich ihnen anfangs gebe, sagte er, tragt mir mit der Zeit der vermehrte Zehnte ein, und die guten Leute werden durch die Erfahrung am besten uberzeugt, dass es wohl mit ihnen gemeint war.
Ich kann nicht umhin (ungeachtet es mich von dem Hauptgegenstand meiner Erzahlung noch weiter entfernt), Ihnen zu einer Probe der gemeinnutzlichen und wohltatigen Veranstaltungen, in deren Erfindung und Ausfuhrung dieses vortreffliche Paar einen Teil seiner Gluckseligkeit setzte, einige Nachricht von dem Armenhause zu S** zu geben, welches nach meinem Begriff ein Muster guter Einrichtung ist; und ich kann es nicht besser tun, als indem ich Ihnen einen Auszug eines Schreibens des Baron von P. an seine Frau Mutter uber diesen Gegenstand mitteile. Wie getreu erfullt mein Freund das Versprechen, welches ich Ihnen fur das Gluck unsrer Sophie gemacht habe! Wie angenehm ist der Eintritt in dieses Haus, worin die edelste Einfalt und ungezwungenste Ordnung der ganzen Einrichtung ein Ansehn der Grosse geben! Die Bedienten mit freudiger Ehrerbietung und Emsigkeit auf Ausubung ihrer Pflichten bedacht! Der Herr und die Frau mit dem Ausdruck der Gluckseligkeit, die aus Gute und Klugheit entspringt; beide mich fur meine entschlossene Verwendung fur ihr Bundnis segnend! Und wie sehr unterscheiden sich die zwei kleinen Dorfer meines Bruders von allen grossern und volkreichern, die ich bei meiner zuruckreise von Hofe gesehen habe! Beide gleichen durch die muntere und emsige Arbeitsamkeit ihrer Einwohner zween wohlangelegten Bienenstocken; und Sternheim ist reichlich fur die Muhe belohnt, die er sich gegeben, eine schicklichere Einteilung der Guter zu machen, durch welche jeder von den Untertanen just so viel bekommen hat, als er Krafte und Vermogen haue anzubauen. Aber die Verwendung des neu erkauften Hofguts von dem Grafen A., welches gerade zwischen den zweien Dorfern liegt, dies wird ein segensvoller Gedanke in der Ausfuhrung sein!
Es ist zu einem Armenhause fur seine Untertanen zugerichtet worden. Auf einer Seite, unten, die Wohnung fur einen wackern Schulmeister, der zu alt geworden, dem Unterricht der Kinder noch nutzlich vorzustehen, und nun zum Oberaufseher uber Ordnung und Arbeit bestellt wird; oben die Wohnung des Arztes, welcher fur die Kranken des Armenhauses und der beiden Dorfer sorgen muss. Arbeiten sollen alle nach Kraften, zur Sommerszeit in einer nahe daran angelegten Samerei und einem dazu gehorigen Gemusgarten. Beider Ertrag ist fur die Armen bestimmt. An Regen- und Wintertagen sollen die Weibsleute Flachs und die dazu taugliche Manner Wolle spinnen, welche auch fur ihr und anderer Notleidenden Leinen und Kleidung verwandt wird. Sie bekommen gut gekochtes gesundes Essen. Der Hausmeister betet morgens und abends mit ihnen. Die Weibspersonen arbeiten in einer und die Mannspersonen in der andern Stube, welche beide durch einen Ofen erwarmt werden. In der von den Weiblseuten isst man; denn weil diese den Tisch decken und fur die Naharbeit und die Wasche sorgen mussen, so ist ihre Stube grosser. Diejenige arme Witwe oder alte ledige Weibsperson, welche das beste Zeugnis von Fleiss und gutem Wandel in den Dorfern hatte, wird Oberaufseherin und Anordnerin, so wie es der arme Mann, der ein solches Zeugnis hat, unter den Mannern ist. Zu ihrem Schlafplatz ist der obere Teil des Hauses in zween verschiedne Gange durch eine volle Mauer geteilt, auf deren jedem funf Zimmer sind, jedes mit zween Betten und allen Notdurftigkeiten fur jedes insbesondere; auf einer Seite, gegen den Garten, die Manner; und auf der gegen das Dorf die Weiber; je zwei in einem Gemach, damit, wenn einem was zustosst, das andere Hilfe leisten oder suchen kann. Von der Mitte des Fensters an, geht eine holzerne Schiedwand von der Decke bis auf den Boden, etliche Schuh lang uber die Lange der Bettstellen, so dass beide auf eine gewisse Art allein sein konnen, und auch, wenn eines krank wird, das andre seinen Teil gesunde Luft besser erhalten kann. Auf diese zween Gange fuhren zwo verschiedne Stiegen, damit keine Unordnung entstehen moge.
Unter dem guten Hausmeister stehen auch die Knechte, die den Bau des Feldguts besorgen mussen; und da ihnen ein besserer Lohn als sonstwo bestimmt ist, so nimmt man auch die besten und des Feldbaues verstandigsten Arbeiter, wobei zugleich auf solche, die einen guten Ruf haben, vorzuglich gesehen wird.
Fremden Armen soll ein massiges Almosen abgereicht und dabei Arbeit angeboten werden, wofur sie Taglohn bekommen und eine Stunde fruher aufhoren durfen, um das nachste fremde Dorf, so funfviertel Stunden davon liegt, noch bei Tag erreichen zu konnen. Sternheim hat auf seine Kosten einen schnurgeraden Weg mit Baumen umpflanzt dahin machen lassen: so wie er auch von dem einen seiner Dorfer zum andern getan hat. Nachts mussen die bestellten Wachter der beiden Ortschaften wechselsweise bis ans Armenhaus gehen und die Stunden ausrufen. Meine Schwester will ein klein Findelhaus fur arme Waisen dabei stiften, um Segen fur das Kind zu sammeln, welches sie unter ihrem liebreichen wohltatigen Herzen tragt. Mein Gedanke, gnadige Mama, ist, in meiner grossern und weitlauftigern Herrschaft auch eine solche Armenanstalt zu machen und womoglich mehrere Edelleute, ein gleiches zu tun, zu uberreden.
Fremde und einheimische Bettler bekommen bei keinem Bauren nichts. Diese geben bloss nach Vermogen und freiem Willen nach jeder Ernte ein Almosen in das Haus, und so werden alle Armen menschlich und ohne Missbrauch der Wohltater versorgt. Auf Saufer, Spieler, Ruchlose und Mussigganger ist eine Strafe teils an Fronarbeit, teils an Geld gelegt, welches zum Nutzen des Armenhauses bestimmt ist. Kunftigen Monat werden vier Manns- und funf Weibspersonen das Haus beziehen, meine Schwester fahrt alle Tage hin, um die vollige Einrichtung zu machen. In der Sonntagspredigt wird der Pfarrer uber die Materie von wahrem Almosen und von wurdigen Armen eine Rede halten und der ganzen Gemeinde die Stiftung und die Pflichten derer, welche darin aufgenommen werden, vorlesen. Sodann ruft er die Angenommene mit ihrem Namen vor den Altar und redt ihnen insbesondere zu uber die rechte Anwendung dieser Wohltat und ihr Verhalten in den letzten Tagen ihres Lebens gegen Gott und ihren Nachsten; dem Hausmeister, dem Arzt und der Hausmeisterin desgleichen uber ihre obliegenden Pflichten. Zu diesem Vorgang werden wir alle von P. aus kommen, ich bin's gewiss. Der benachbarte Adel ehrte und liebte den Obersten Sternheim so sehr, dass man ihn bat, auf einige Zeit junge Edelleute in sein Haus zu nehmen, welche von ihren Reisen zuruckgekommen waren und nun vermahlt werden sollten, um den Stamm fortzufuhren. Da wollte man sie die wahre Landwirtschaft eines Edelmanns einsehen und lernen lassen. Unter diesen war der junge Graf Lobau, welcher in diesem Hause die Gelegenheit hatte, das endlich ruhig gewordene Fraulein Charlotte P. kennenzulernen und sich mit ihr zu verbinden.
Herr von Sternheim nahm die edle Beschaftigung, diesen jungen Herren richtige Begriffe von der Regierung der Untertanen zu geben, recht gerne auf sich. Seine Menschenliebe erleichterte ihm diese Muhe durch den Gedanken: vielleicht gebe ich ihnen den so notigen Teil von Mitleiden gegen Geringe und Ungluckliche, deren hartes und muhseliges Leben durch die Unbarmherzigkeit und den Stolz der Grossen so oft erschwert und verbittert wird. Uberzeugt, dass das Beispiel mehr wurkt als weitlauftige Gesprache, nahm er seine junge Leute uberall mit sich, und wie es der Anlass erforderte, handelte er vor ihnen. Er machte ihnen die Ursachen begreiflich, warum er dieses verordnet, jenes verboten, oder diese oder jene andere Entscheidung gegeben; und je nach der Kenntnis, die er von den Gutern eines jeden hatte, fugte er kleine Anwendungen fur sie selbst hinzu. Sie waren Zeugen von allen seinen Beschaftigungen und nahmen Anteil an seinen Ergotzlichkeiten; bei Gelegenheit der letztern bat er sie oft instandig, die ihrigen ja niemals auf Unkosten ihrer armen Untertanen zu suchen; wozu vornehmlich die Jagd einen grossen Anlass gebe. Er nannte sie ein anstandiges Vergnugen, welches aber ein liebreicher, menschlicher Herr allezeit mit dem Besten seiner Untertanen zu verbinden suche. Auch die Liebe zum Lesen war eine von den Neigungen, die er ihnen zu geben suchte, und besonders gab ihm die Geschichte Gelegenheit, von der moralischen Welt, ihren Ubeln und Veranderungen zu reden, die Pflichten der Hof- und Kriegsdienste auszulegen und ihren Geist in der Uberlegung und Beurteilung zu uben. Die Geschichte der moralischen Welt, sagte er, macht uns geschickt, mit den Menschen umzugehen, sie zu bessern, zu tragen und mit unserm Schicksal zufrieden zu sein; aber die Beobachtung der physikalischen Welt macht uns zu guten Geschopfen, in Absicht auf unsern Urheber. Indem sie uns unsre Unmacht zeigt, hingegen seine Grosse, Gute und Weisheit bewundern lehrt, lernen wir ihn auf eine edle Art lieben und verehren; ausser dem, dass uns diese Betrachtungen sehr glucklich uber mancherlei Kummer und Verdrusslichkeiten trosten und zerstreuen, die in der moralischen Welt uber dem Haupte des Grossen und Reichen oft in grosserer Menge gehauft sind als in der Hutte des Bauren, den nicht viel mehr Sorgen als die fur seine Nahrung drucken.
So wechselte er mit Unterredungen und Beispiel ab. In seinem Hause sahen sie, wie glucklich die Vereinigung eines rechtschaffenen Mannes mit einer tugendhaften Frau seie. Zartliche, edle Achtung war in ihrem Bezeugen; und die Dienerschaft ehrfurchtsvoll und bereit, ihr Leben fur die ebenso gnadige als ernstliche Herrschaft zu lassen.
Sternheim hatte auch die Freude, dass alle diese junge Herren erkenntliche und ergebene Freunde von ihm wurden, welche in ihrem Briefwechsel sich immer bei ihm Rats erholten. Der Umgang mit dem verehrungswurdigen Baron P., der ihnen ofters kleine Feste gab, hatte viel zu ihrer Vollkommenheit beigetragen.
Seine Gemahlin hatte ihm eine Tochter gegeben, welche sehr artig heranwuchs und von ihrem neunten Jahr an (da Sternheim das Ungluck hatte, ihre Mutter in einem Wochenbette zugleich mit dem neugebornen Sohne zu verlieren) der Trost ihres Vaters und seine einzige Freude auf Erden war, nachdem auch der Baron P. durch einen Sturz vom Pferde in so schlechte Gesundheitsumstande geraten, dass er wenige Monate darauf ohne Erben verstorben war. Dieser hatte in seinem Testamente nicht nur seine vortreffliche Frau wohl bedacht, sondern nach den Landsrechten die Grafin von Lobau, seine jungere Schwester, und die junge Sophie von Sternheim, als die Tochter der altern Schwester, zu Haupterben eingesetzt; welches zwar dem Grafen und der Grafin als unrecht vorkam, aber dennoch Bestand hatte.
Die alte Frau von P., von Kummer uber den fruhen Tod ihres Sohnes beinahe ganz niedergedruckt, nahm ihren Wohnplatz bei dem Herrn von Sternheim und diente dem jungen Fraulein zur Aufsicht. Der Oberste machte ihr durch seine ehrerbietige Liebe und sein Beispiel der geduldigsten Unterwerfung viele Erleichterung in ihrem Gemute. Der edeldenkende Pfarrer und seine Tochter waren beinahe die einzige Gesellschaft, in welcher sie Vergnugen fanden. Gleichwohl genoss das Fraulein von Sternheim die vortrefflichste Erziehung fur ihren Geist und fur ihr Herz. Eine Tochter des Pfarrers, die mit ihr gleiches Alter hatte, wurde ihr zugegeben, teils einen Wetteifer im Lernen zu erregen, teils zu verhindern, dass die junge Dame nicht in ihrer ersten Jugend lauter dustre Eindrucke sammeln mochte; welches bei ihrer Grossmutter und ihrem Vater leicht hatte geschehen konnen. Denn beide weinten oft uber ihren Verlust, und dann fuhrte Herr von Sternheim das zwolfjahrige Fraulein bei der Hand zu dem Bildnis ihrer Mutter und sprach von ihrer Tugend und Gute des Herzens mit solcher Ruhrung, dass das junge Fraulein kniend bei ihm schluchzte und oft zu sterben wunschte, um bei ihrer Frau Mutter zu sein. Dieses machte den Obersten furchten, dass ihre empfindungsvolle Seele einen zu starken Hang zu melancholischer Zartlichkeit bekommen und durch eine allzusehr vermehrte Reizbarkeit der Nerven unfahig werden mochte, Schmerzen und Kummer zu ertragen. Daher suchte er sich selbst zu bemeistern und seiner Tochter zu zeigen, wie man das Ungluck tragen musse, welches die Besten am empfindlichsten ruhrt; und weil das Fraulein eine grosse Anlage von Verstand zeigte, beschaftigte er diesen mit der Philosophie nach allen ihren Teilen, mit der Geschichte und den Sprachen, von denen sie die englische zur Vollkommenheit lernte. In der Musik brachte sie es, auf der Laute und im Singen, zur Vollkommenheit. Das Tanzen, soviel eine Dame davon wissen soll, war eine Kunst, welche eher von ihr eine Vollkommenheit erhielt, als dass sie dem Fraulein welche hatte geben sollen; denn nach dem Ausspruch aller Leute gab die unbeschreibliche Anmut, welche die junge Dame in allen ihren Bewegungen hatte, ihrem Tanzen einen Vorzug, den der hochste Grad der Kunst nicht erreichen konnte.
Neben diesen taglichen Ubungen, erlernte sie mit ungemeiner Leichtigkeit alle Frauenzimmerarbeiten, und von ihrem sechszehnten Jahre an bekam sie auch die Fuhrung des ganzen Hauses, wobei ihr die Tagund Rechnungsbucher ihrer Frau Mutter zum Muster gegeben wurden. Angeborne Liebe zur Ordnung und zum tatigen Leben, erhoht durch eine enthusiastische Anhanglichkeit fur das Andenken ihrer Mutter, deren Bild sie in sich erneuern wollte, brachten sie auch in diesem Stucke zu der aussersten Vollkommenheit. Wenn man ihr von ihrem Fleiss und von ihren Kenntnissen sprach, war ihre bescheidene Antwort: willige Fahigkeiten, gute Beispiele und liebreiche Anfuhrungen haben mich so gut gemacht, als tausend andre auch sein konnten, wenn sich alle Umstande so zu ihrem Besten vereinigt hatten wie bei mir.
Ubrigens war zu allem, was Englandisch hiess, ein vorzuglicher Hang in ihrer Seele, und ihr einziger Wunsch war, dass ihr Herr Vater einmal eine Reise dahin machen und sie den Verwandten ihrer Grossmutter zeigen mochte.
So bluhte das Fraulein von Sternheim bis nach ihrem neunzehnten Jahre fort, da sie das Ungluck hatte, ihren wurdigen Vater an einer auszehrenden Krankheit zu verlieren, der mit kummervollem Herzen seine Tochter dem Grafen Lobau und dem vortrefflichen Pfarrer in S. als Vormundern empfahl. An den letztern hat er einige Wochen vor seinem Tode folgenden Brief geschrieben.
Herr von St.
an den Pfarrer zu S * *
Bald werde ich mit der besten Halfte meines Lebens wieder vereinigt werden. Mein Haus und die Glucksumstande meiner Sophie sind bestellt; dies war das Letzte und Geringste, was mir fur sie zu tun ubrig geblieben ist. Ihre gute und gesegnete Erziehung, als die erste und wichtigste Pflicht eines treuen Vaters, habe ich nach dem Zeugnis meines Herzens niemals verabsaumt. Ihre mit der Liebe zur Tugend geborne Seele lasst mich auch nicht befurchten, dass Sie, in meine Stelle eintretender vaterlicher Freund, den Sorgen und Verdrusslichkeiten ausgesetzt sein werden, welche gemeindenkende Madchen in ihren Familien machen. Besonders wird die Liebe, bei aller der Zartlichkeit, die sie von ihrer wurdigen Mutter geerbt hat, wenig Gewalt uber sie erhalten; es musste denn sein, dass das Schicksal einen nach ihrer Phantasie tugendhaften Mann1 in die Gegend ihres Aufenthalts fuhrte. Was ich Sie, mein teurer Freund, zu besorgen bitte, ist, dass das edeldenkende Herz des besten Madchens durch keine Scheintugend hingerissen werde. Sie fasst das Gute an ihrem Nebenmenschen mit so vielem Eifer auf und schlupft dann uber die Mangel mit so vieler Nachsicht hinweg, dass ich nur daruber mit Schmerzen auf sie sehe. Unglucklich wird keine menschliche Seele durch sie gemacht werden; denn ich weiss, dass sie dem Wohl ihres Nachsten tausendmal das ihrige aufopfern wurde, ehe sie nur ein minutenlanges Ubel auf andre legte, wenn sie auch das Gluck ihres ganzen eignen Lebens damit erkaufen konnte. Aber da sie lauter Empfindung ist, so haben viele, viele die elende Macht, sie zu kranken. Ich habe bis itzt meine Furcht vor dem Gemutscharakter der Grafin Lobau geheimgehalten; aber der Gedanke, meine Sophie bei ihr zu wissen, macht mich schaudern; die ausserliche Sanftmut und Gute dieser Frau sind nicht in ihrem Herzen: der bezaubernd angenehme Witz, der feine gefallige Ton, den ihr der Hof gegeben, verbergen viele moralische Fehler. Ich wollte meiner Tochter niemals Misstrauen in diese Dame beibringen, weil ich es fur unedel und auch, solang ich meiner Gesundheit genoss, fur unnotig hielt. Aber wenn meine teure Frau Schwiegermutter auch unter der Last von Alter und Kummer erliegen sollte so nehmen Sie meine Sophie in Ihren Schutz! Gott wird Ihnen diese Sorge erleichtern helfen, indem ich hoffe, dass er das letzte Gebet eines Vaters erhoren wird, der fur sein Kind nicht Reichtum, nicht Grosse, sondern Tugend und Weisheit erbittet. Vorsehen und verhindern kann ich nichts mehr. Also ubergebe ich sie der gottlichen Gute und der treuen Hand eines versuchten Freundes. Doch trenne ich mich leichter von der ganzen Erde als von dem Gedanken an meine Tochter. Ich erinnere mich hier an eine Unterredung zwischen uns, von der Starke der Eindrucke, die wir in unsrer Jugend bekommen. Ich empfinde wurklich ein Stuck davon mit aller der Macht, die die Umstande dazu beitragen. Mein Vater hatte mir zwo Sachen sehr eingepragt, namlich die Gewissheit des Wiedervergeltungsrechts und den Lehrsatz der Wohltatigkeit unsers Beispiels. Die Grunde, welche er dazu anfuhrte, waren so edel, sein Unterricht so liebreich, dass es notwendigerweise in meiner empfindlichen Seele haften musste. Von dem ersten bin ich seit langer Zeit wieder eingenommen, weil er mir oft sagte, dass der Kummer oder das Vergnugen, die ich ihm geben wurde, durch meine Kinder an mir wurde geracht oder belohnt werden; Gott sei Dank, dass ich durch meine Auffuhrung gegen meinen ehrwurdigen Vater den Segen verdient habe, ein gehorsames, tugendvolles Kind zu besitzen, welches mich an dem Ende meines Lebens das Gluck der Erinnerung geniessen lasst, dass ich die letzten Tage meines Vaters mit dem vollkommensten Vergnugen gekront habe, das ein treues vaterliches Herz empfinden kann, namlich zu sagen "Du hast mich durch keine bose Neigung, durch keinen Ungehorsam jemals gekrankt, deine Liebe zur Tugend, dein Fleiss, deinen Verstand zu uben und nutzlich zu machen, haben mein Herz, so oft ich dich ansah, mit Freude erfullt. Gott segne dich dafur; und belohne dein Herz fur die Erquickung, die dein Anblick deinem sterbenden Vater durch die Versicherung gibt, dass ich meinen Nebenmenschen an meinem Sohn einen rechtschaffnen Mitburger zurucklasse." Dieses Vergnugen, mein Freund, fuhle ich itzt auch, indem ich meiner Tochter das namliche Zeugnis geben kann, in der ich noch eine traurige Gluckseligkeit mehr genossen habe. Ich sage, traurige Gluckseligkeit, weil sie als das wahre Bild meiner seligen Gemahlin das Andenken meiner hochstglucklichen Tage und den Schmerz ihres Verlusts bei jedem Anblick in mir erneuerte. Wie oft riss mich der Jammer von dem Tisch oder aus der Gesellschaft fort, wenn ich in den zwei letzten Jahren (da sie den ganzen Wuchs ihrer Mutter hatte und Kleider nach meinem Willen trug) den eignen Ton der Stimme, die Gebarden, die ganze Gute und liebenswurdige Frohlichkeit ihrer Mutter an ihr sah !
Gott gebe, dass dieses Beispiel des Wiedervergeltungsrechts von meiner Tochter bis auf ihre spateste Enkel fortgepflanzt werde; denn ich habe ihr ebensoviel davon gesprochen, als mein Vater mir! Mit lebhafter Wehmut erinnere ich mich der letzten Stunden dieses edeln Mannes und seiner Unterredungen wahrend den Tagen seiner zunehmenden Krankheit. Das teure Fraulein konnte wenig weinen, sie lag auf ihren Knien neben dem Bette ihres Vaters; aber der Ausdruck des tiefsten Schmerzens war in ihrem Gesicht und in ihrer Stellung. Die Augen ihres Vaters auf sie geheftet eine Hand in den ihrigen; ein Seufzer des Vaters "Meine Sophie!" und dann die Arme des Frauleins gegen den Himmel ausgebreitet, ohne einen Laut aber eine trostlose bittende Seele in allen ihren Zugen! O dieser Anblick des feierlichen Schmerzens, der kindlichen Liebe, der Tugend, der Unterwerfung zerriss uns allen das Herz.
"Sophie, die Natur tut uns kein Unrecht, sechzig Jahre sind nicht zu fruh. Der Tod ist kein Ubel fur mich; er vereinigt meinen Geist mit seinem liebreichen Schopfer und mein Herz mit deiner wurdigen Mutter ihrem! Gonne mir dieses Gluck auf Unkosten des Vergnugens, das dir das langere Leben deines Vaters gegeben hatte."
Sie uberwand ihren Kummer; sie selbst war es, welche ihren Herrn Vater aufs sorgfaltigste und ruhigste pflegte. Er sah diese Uberwindung und bat sie, ihm in den letzten Tagen den Trost zu geben, die Frucht seiner Bemuhungen fur sie in der Fassung ihrer Seele zu zeigen. Sie tat alles. "Bester Vater! Sie haben mich leben gelernt, Sie lernen mich auch sterben; Gott mache Sie zu meinem Schutzgeist, und zum Zeugen aller meiner Handlungen und Gedanken! Ich will Ihrer wurdig sein!"
Wie er dahin war, und sein ganzes Haus voll weinender Untertanen, sein Sterbezimmer voll kniender schluchzender Hausbedienten waren, das Fraulein vor seinem Bette die kalten Hande kussend nichts sagen konnte, bald kniend, bald sich erhebend die Hande rang O meine Freundin! wie leicht grub sich das Andenken dieses Tages in mein Herz! Wieviel Gutes kann eine empfindende Seele an dem Sterbebette des Gerechten sammeln!
Mein Vater sah stillschweigend zu; er war selbst so stark geruhrt, dass er nicht gleich reden konnte. Endlich nahm er das Fraulein bei der Hand: "Gott lasse Sie die Erbin der Tugend Ihres Herrn Vaters sein, zu deren Belohnung er nun gegangen ist! Erhalten Sie in diesen geruhrten Herzen (wobei er auf uns wies) das gesegnete Andenken Ihrer verehrungswurdigen Eltern durch die Bemuhung, in ihren Fussstapfen zu wandeln!"
Die alte Dame war auch da, und dieser bediente sich mein Vater zum Vorwand, das Fraulein aus dem Zimmer zu bringen, indem er sie bat, ihre Frau Grossmutter zur Ruhe zu fuhren. Wie das Fraulein anfing zu gehen, machten wir alle Platz. Sie sah uns an, und Tranen rollten uber ihre Backen; da drangten sich alle und kussten ihre Hande, ihre Kleider; und gewiss, es war nicht die Bewegung, sich der Erbin zu empfehlen, sondern eine Bezeugung der Ehrfurcht fur den Uberrest des besten Herrn, den wir in ihr sahen.
Mein Vater und der Beamte sorgten fur die Beerdigung.
Niemals ist ein solches Leichenbegangnis gewesen. Es war vom Herrn von Sternheim befohlen, dass es nachts und ruhig sein sollte: weil er seine Sophie mit der Marter verschonen wollte, ihn beisetzen zu sehen. Aber die Kirche war Voller Leute; alle feierlich angezogen, der Chor beleuchtet, wie es die traurige Ursache erforderte; alle wollten ihren Herrn, ihren, Wohltater noch sehen. Greise, Junglinge weinten, segneten ihn und kussten seine Hande und Fusse, das Leichentuch, den Deckel des Sarges, und erbaten von Gott, er mochte an der Tochter alles das Gute, so ihnen der Vater bewiesen, belohnen!
Noch lange Zeit hernach war alles traurig zu S. und das Fraulein so still, so ernsthaft, dass mein Vater ihrenthalben in Sorgen geriet; besonders da auch die alte Dame, welche gleich gesagt hatte, dass ihr dieser Fall das Herz gebrochen hatte, von Tag zu Tag schwachlicher wurde. Das Fraulein wartete sie mit einer Zartlichkeit ab, welche die Dame sagen machte: "Sophie, die Sanftmut, die Gute deiner Mutter, ist ganz in deiner Seele! Du hast den Geist deines Vaters, du bist das gluckseligste Geschopf auf der Erde, weil die Vorsicht die Tugenden deiner Eltern in dir vereiniget hat! Du bist nun dir selbst uberlassen und fangst den Gebrauch deiner Unabhangigkeit mit Ausubung der Wohltatigkeit an deiner Grossmutter an. Denn es ist eine edlere Wohltat, das Alter zu beleben und liebreich zu besorgen, als den Armen Gold zu schenken."
Sie empfahl sie auch dem Grafen und der Grafin von Lobau auf das eifrigste, als sie von ihnen noch vor ihrem Ende einen Besuch erhielt. Diese beiden Personen waren dem Ansehen nach gegen das Fraulein sehr verbindlich und wollten sie sogleich mit sich nehmen; aber sie bat sich aus, ihr Trauerjahr in unserm Hause zu halten.
In dieser Zeit bildete sich die vertraute Freundschaft, welche sie in der Folge allezeit mit meiner Schwester Emilia unterhielt. Mit dieser ging sie oft in die Kirche zum Grabstein ihrer Eltern, kniete da, betete, redete von ihnen. "Ich habe keine Verwandten mehr als diese Gebeine", sagte sie. "Die Grafin Lobau ist nicht meine Verwandtin; ihre Seele ist mir fremde, ganz fremde, ich liebe sie nur, weil sie die Schwester meines Oheims war." Mein Vater suchte ihr diese Abneigung, als eine Ungerechtigkeit, zu benehmen und war uberhaupt bemuht, alle Teile ihrer Erziehung mit ihr zu erneuern und besonders auch ihr Talent fur die Musik zu unterhalten. Er sagte uns oft: Dass es gut und wahr ware, dass die Tugenden alle an einer Kette gingen, und also die Bescheidenheit auch mit dabei sei. Und was wurde auch aus der Fraulein von Sternheim geworden sein, wenn sie sich aller ihrer Vorzuge in der Vollkommenheit bewusst gewesen ware, worin sie sie besass?
Der Sternheimische Beamte, ein rechtschaffener Mann, heiratete um diese Zeit meine alteste Schwester; und sein Bruder, ein Pfarrer, der ihn besuchte, nahm meine Emilia mit sich; mit dieser fuhrte unser Fraulein einen Briefwechsel, welcher mir Gelegenheit geben wird, sie kunftig ofter selbst reden zu lassen. Aber vorher muss ich Ihnen noch das Bild meiner jungen Dame malen. Sie mussen aber keine vollkommene Schonheit erwarten. Sie war etwas uber die mittlere Grosse; vortrefflich gewachsen; ein langlich Gesicht voll Seele; schone braune Augen, voll Geist und Gute, einen schonen Mund, schone Zahne. Die Stirne hoch, und, um schon zu sein, etwas zu gross, und doch konnte man sie in ihrem Gesichte nicht anders wunschen. Es war soviel Anmut in allen ihren Zugen, soviel Edles in ihren Gebarden, dass sie, wo sie nur erschien, alle Blicke auf sich zog. Jede Kleidung liess ihr schon, und ich horte Mylord Seymour sagen, dass in jeder Falte eine eigne Grazie ihren Wohnplatz hatte. Die Schonheit ihrer lichtbraunen Haare, welche bis auf die Erde reichten, konnte nicht ubertroffen werden. Ihre Stimme war einnehmend, ihre Ausdrucke fein, ohne gesucht zu scheinen. Kurz, ihr Geist und Charakter waren, was ihr ein unnachahmlich edles und sanftreizendes Wesen gab. Denn ob sie gleich bei ihrer Kleidung die Bescheidenheit in der Wahl der Stoffe auf das ausserste trieb, so wurde sie doch hervorgesucht, wenn die Menge von Damen noch so gross gewesen ware.
So war sie, als sie von ihrer Tante an den Hof nach D. gefuhret wurde.
Unter den Zubereitungen zu dieser Reise, wozu sie mein Vater mit bereden half, muss ich nur eine anmerken. Sie hatte die Bildnisse ihres Herrn Vaters und ihrer Frau Mutter in Feuer gemalt und zu Armbandern gefasst, welche sie niemals von den Handen liess. Diese wollte sie umgefasst haben, und es musste ein Goldarbeiter kommen, mit welchem sie sich allein beredete.
Die Bildnisse kamen wieder mit Brillanten besetzt, und zween Tage vor der Abreise nahm sie meine Emilia und ging zum Grab ihrer Eltern, wo sie einen feierlichen Abschied von den geliebten Gebeinen nahm, Gelubde der Tugend erneuerte und endlich ihre Armbander losmachte, an welchen sie die Bildnisse hatte hohl fassen lassen, so dass sie mitten ein verborgenes Schloss hatten. Dieses machte sie auf, und fullte den kleinen Raum mit Erde, die sie in der Gruft zusammenfasste.
Tranen rollten uber ihre Wangen, indem sie es tat, und meine Emilia sagte: "Liebes Fraulein, was tun Sie? Warum diese Erde?" "Meine Emilie", antwortete sie, "ich tue nichts, als was bei dem weisesten und edelsten Volke fur eine Tugend geachtet wurde; den Stand der Rechtschaffenen zu ehren; und ich glaube, es war ein empfindendes Herz, wie das meinige, welches in spatern Zeiten die Achtung der Reliquien anfing. Dieser Staub, meine Liebe, der die geheiligte Uberbleibsel meiner Eltern bedeckte, ist mir schatzbarer als die ganze Welt und wird in meiner Entfernung von hier das Liebste sein, was ich besitzen kann."
Meine Schwester kam in Sorgen daruber und sagte uns, es hatte sie eine Ahndung von Ungluck befallen; sie furchte, das Fraulein nicht mehr zu sehen. Mein Vater beruhigte uns, und dennoch wurde auch er besturzt, da er erfuhr, das Fraulein sei in den Dorfern, die ihr gehorten, von Haus zu Haus gegangen, hatte allen Leuten liebreich zugesprochen, sie beschenkt, zu Fleiss und Rechtschaffenheit ermahnt, die Almosen fur Witwen, Waisen, Alte und Kranke vermehrt, dem Schulmeister eifrig zugeredet, seine Besoldung verbessert und Preise fur die Kinder ausgesetzt, meinen Schwager, den Amtmann, mit einer Tabatiere und meine Schwester mit einem Ring zum Andenken beschenkt und den ersten um wahre Gute und Gerechtigkeit fur ihre Untertanen gebeten. Wir weinten alle uber diese Beschreibung. Mein Vater sprach uns Mut ein, indem er sagte: Alle melancholischzartliche Charakter hatten die Art, ihren Handlungen eine gewisse Feierlichkeit zu geben, es ware ihm lieb, dass sie mit so starken Eindrucken des wahren Edeln und Guten in die grosse Welt trate, worin doch manche von diesen Empfindungen geschwacht werden durften, also, dass durch eine unmerkliche Mischung von Leichtsinn und glanzender Munterkeit und die Vermehrung ihrer Kenntnis von menschlichen Herzen der Enthusiasmus ihrer Seele gemildert und in den gehorigen Schranken wurde gehalten werden.
Meine Emilia bekam ihr Bildnis und ein artiges Kastgen worin Geld zu einer Haussteuer war. Ihren Bedienten liess sie zuruck, weil er verheiraet war und der Graf von Lobau geschrieben hatte, dass seine Leute zu ihren Diensten sein sollten.
Etliche Tage hernach kam der Graf, ihr Oncle, sie abzuholen, und ich begleitete sie, wie sie sich ausgebeten hatte. Der Abschied von meinem Vater war ruhrend. Sie haben ihn gekannt, den ehrwurdigen Mann, Sie wissen, dass er alle Hochachtung, alle Liebe verdient. Wir reiseten erst auf das Lobauische Gut und von da mit der Grafin nach D.; wo sich nun der fatale Zeitpunkt anfangt, worin Sie diese liebenswurdige junge Dame in Schwierigkeiten und Umstande verwickelt sehen werden, die den schonen Plan eines glucklichen Lebens, den sie sich gemacht hatte, auf einmal zerstorten, aber durch die Probe, auf welche sie ihren innerlichen Wert setzten, ihre Geschichte fur die Besten unsers Geschlechts lehrreich machen. Ich glaube, dass ich am besten tun werde, wenn ich hier, anstatt die Erzahlung fortzusetzen, Ihnen eine Reihe von Originalberichten oder Abschriften, welche in der Folge in die Hande meines geliebten Frauleins gekommen sind, vorlege, aus denen Sie teils den Charakter ihres Geistes und Herzens, teils die Geschichte ihres Aufenthalts in D. weit besser als durch einen blossen Auszug werden kennenlernen.
Fraulein von Sternheim
an Emilien
Ich bin nun vier Tage hier, meine Freundin, und in Wahrheit nach allen meinen Empfindungen, in einer ganz neuen Welt. Das Gerausch von Wagen und Leuten habe ich erwartet; doch plagte es mein an die landliche Ruhe gewohntes Ohr die ersten Tage uber gar sehr. Was mir noch beschwerlicher fiel, war, dass meine Tante den Hoffriseur rufen liess, meinen Kopf nach der Mode zuzurichten. Sie hatte die Gutigkeit, selbst mit in mein Zimmer zu kommen, wo sie meine Haare losband und ihm sagte: "Monsieur le Beau, dieser Kopf kann Ihrer Kunst Ehre machen; wenden Sie alles an; aber haben Sie ja Sorge, dass diese schonen Haare durch kein heisses Eisen verletzt werden".
Diese Schmeichelei meiner Tante nahm ich noch mit Vergnugen an; aber der Friseur argerte mich mit seinen Lobspruchen. Es dunkte meinem Stolz, der Mensch hatte mich sorgfaltig bedienen und stillschweigend bewundern sollen. Aber der Schneider und die Putzmacherin waren noch unertraglicher. Fragen Sie meine Rosine uber ihr albernes Geschwatz und uber die etwas boshafte Anmerkung, die mir einfiel: Die Eitelkeit der Damen in D. musste sehr heisshungrig sein, weil sie diese Leute gewohnt hatte, ihr eine so grobe und mir sehr unschmackhafte Nahrung zu bringen. Das Lob des Schlossers, welches der schonen Montbason so viel besser gefiel als der Hofleute ihres, war von einer ganz andern Art, weil es das Geprage einer wahren Empfindung hatte, die durch den Anblick dieser schonen Frau in ihm entstund, da er, ganz mit seiner Arbeit beschaftigt, ungefahr aufsah, als eben die Dame bei seiner Werkstatt vorbeifuhr. Aber was heisst der Beifall derer, welche ihren Nutzen von mir suchen? Und wie froh bin ich, mit keiner besondern Schonheit bezeichnet zu sein; weil ich diese Art von Ekel fur allgemeinem Lob in mir fuhle.
Diesen Nachmittag habe ich etliche Damen und Kavaliere gesehen, denen meine Tante ihre Ankunft hatte wissen lassen, indem sie die Unterlassung ihres eignen Besuchs mit dem Vorwand einer grossen Mudigkeit von der Reise entschuldigte. Wiewohl die wahre Ursache nichts anders war, als dass die Hof und Stadtkleider noch nicht fertig sind, in welchen ich meine Erscheinung machen soll. Vielleicht stutzen Sie uber das Wort Erscheinung, aber es wurde heute von einem witzigen Kopf in der Tat sehr richtig gebraucht, wiewohl er es nur auf mein Kleid und meine erste Reise in die Stadt anwandte. Sie wissen, Emilia, dass mein teurer Papa mich immer in den Kleidern meiner Mama sehen wollte, und dass ich sie auch am liebsten trug. Diese sind hier alle aus der Mode, und ich konnte nach dem Ausspruch meiner Tante (der ich dieses Stuck von Herrschaft uber meinen Geschmack gerne einraume) kein anderes als das von weissem Taft tragen, welches sie mir zu Ende der Trauer hatte machen lassen. Ende der Trauer, meine Emilia! O glauben Sie es nicht so wortlich; die ausserlichen Kennzeichen davon habe ich abgelegt; aber sie hat ihren alten Sitz in dem Grunde meines Herzens behalten, und ich glaube, sie hat einen Bund mit der geheimen Beobachterin unsrer Handlungen (ich meine das Gewissen) gemacht: denn bei der Menge Stoffe und Putzsachen, die mir letzthin vorgelegt wurden, und wovon dieses zur nachsten Gala, jenes auf den bevorstehenden Ball, ein anderes zur Assemblee bestimmt war, wendete sich, indem ich das eine und andere betrachtete, unter der Bewegung meiner Hande, das Bild meiner Mama an dem Armband, und indem ich, im Zurechtemachen, meine Augen darauf heftete und ihre feine Bildung mit dem simpelsten Aufsatz und Anzug gezieret sah, uberfiel mich der Gedanke, wie unahnlich ich ihr in kurzer Zeit in diesem Stuck sein werde! Gott verhute, dass diese Unahnlichkeit ja niemals weiter als auf die Kleidung gehe! die ich als ein Opfer ansehe, welches auch die Besten und Vernunftigsten der Gewohnheit, den Umstanden und ihrer Verhaltnis mit andern bald in diesem, bald in jenem Stucke bringen mussen. Dieser Gedanke dunkt mich ein gemeinschaftlicher Wink der Trauer und des Gewissens zu sein. Aber ich komme von meiner Erscheinung ab. Doch Sie, mein vaterlicher Freund, haben verlangt, ich soll, wie es der Anlass gebe, das, was mir begegnet und meine Gedanken dabei aufschreiben, und das will ich auch tun. Ich werde von andern wenig reden, wenn es sich nicht besonders auf mich bezieht. Alles, was ich an ihnen selbst sehe; befremdet mich nicht, weil ich die grosse Welt aus dem Gemalde kenne, welches mir mein Papa und meine Grossmama davon gemacht haben.
Ich kam also in das Zimmer zu meiner Tante, da schon etliche Damen und Kavaliere da waren. Ich hatte mein weisses Kleid an, welches mit blauen italienischen Blumen garniert worden war; mein Kopf nach der Mode in D. gar schon geputzt. Meinen Anstand und meine Gesichtsfarbe weiss ich nicht; doch mag ich blass ausgesehen haben; weil kurz nachdem mich die Grafin als ihre geliebte Nichte vorgestellt hatte, ein von Natur artig gebildeter junger Mann mit einem verkehrt lebhaften Wesen sich naherte und, Brust und Achseln mit einer seltsamen Beugung gegen meine Tante, den Kopf aber seitwarts gegen mich mit einer Art Erschrockenheit gewendet, ausrief: "Meine gnadige Grafin, ist es wirklich ihre Niece?" "Und warum wollen Sie meinem Zeugnis nicht glauben?" "Der erste Anblick ihrer Gestalt, die Kleidung und der leichte Sylphidengang, haben mich auf den Gedanken gebracht, es ware die Erscheinung eines liebenswurdigen Hausgespenstes."
"Armer F**", sagte eine Dame; "und Sie furchten sich vielleicht vor Gespenstern?"
"Vor den hasslichen", versetzte der witzige Herr, "habe ich naturlichen Abscheu, aber mit denen, welche dem Fraulein von Sternheim gleichen, getraue ich mir ganze Stunden allein hinzubringen."
"So, und Sie brachten mit diesem schonen Einfall mein Haus in den Ruf, dass es darin spuke!"
"Das mochte ich wohl; um alle ubrige Kavaliere abzuhalten, hieher zu kommen; aber dann wurde ich auch den reizenden Geist zu beschworen suchen, dass er sich wegtragen liesse."
"Gut, Graf F**, gut, das ist artig gesagt!" wurde in dem Zimmer von allen wiederholt.
"Nun meine Nichte, wurden Sie sich beschworen lassen?"
"Ich weiss sehr wenig von der Geisterwelt", antwortete ich; "doch glaube ich, dass fur jedes Gespenst eine eigne Art von Beschworung gewahlt werden musse, und die Entsetzung, die ich dem Grafen bei meiner Erscheinung verursachte, lasst mich denken, dass ich unter dem Schutz eines machtigern Geistes bin, als der ist, der ihn beschworen lernt."
"Vortrefflich, vortrefflich, Graf F**. Wie weiter?" rief der Oberste von Sch***.
"Ich habe doch mehr erraten als Sie alle", antwortete der Graf; "denn wenngleich das Fraulein kein Geist ist, so sehe ich doch, dass sie unendlich viel Geist haben musse."
"Das mogen Sie erraten haben, und das war vermutlich auch der Grund, warum Sie in dieses Schrekken gerieten", sagte das Fraulein von C**, Hofdame bei der Prinzessin von W***, die bisher sehr stille gewesen war.
"Sie misshandeln mich immer, meine ungnadige C**. Denn Sie wollen doch damit sagen, der kleine Geist hatte sich vor dem grosseren zu furchten angefangen."
Ja, dachte ich, in diesem Scherz ist in Wahrheit viel Ernst Ich bin wirklich eine Gattung von Gespenstern, nicht nur in diesem Hause, sondern auch fur die Stadt und den Hof. Jene kommen, wie ich, mit der Kenntnis der Menschen unter sie, und verwundern sich uber nichts, was sie sehen und horen; machen aber, wie ich, Vergleichungen zwischen dieser Welt und der, woher sie kommen, und jammern uber die Sorglosigkeit, womit die Zukunft behandelt wird; die Menschen aber bemerken an ihnen, dass diese Geschopfe, ob sie wohl ihre Form haben, dennoch ihrem innerlichen Wesen nach nicht unter sie gehoren.
Das Fraulein Von C** liess sich hierauf in eine Unterredung mit mir ein, an deren Ende sie mir viele Achtung bewies und den hoflichen Wunsch ausserte, ofters in meiner Gesellschaft zu sein. Sie ist sehr liebenswurdig, etwas grosser als ich, wohl gewachsen, ein grosses Ansehen in ihrem Gang und der Bewegung ihres Kopfs; ein langlicht Gesicht, nach allen Teilen schon gebildet, blonde Haare und die vortrefflichste Gesichtsform; einnehmende Zuge von Sanftmut: nur manchmal dunkte mich, waren ihre freimutige, ganz liebreiche Augen, zu lang und zu bedeutend auf die Augen der Mannsleute geheftet gewesen. Ihr Verstand ist liebenswurdig, und alle ihre Ausdrucke sind mit dem Merkmal des gutgesinnten Herzens bezeichnet. Sie war in der ganzen Gesellschaft die Person, die mir am besten gefiel, und ich werde mir das Anerbieten ihrer Freundschaft zunutze machen.
Endlich kam die Grafin F***, fur welche mir meine Tante viele Achtung zu haben empfohlen hatte, weil ihr Gemahl meinem Oncle in seinem Prozesse viele Dienste leisten konne. Ich tat alles, aber doch fuhlte ich einen Unmut uber die Vorstellung, dass die Gefalligkeit der Nichte gegen die Frau des Ministers die Gerechtsamen des Oheims sollte stutzen helfen. An seinem Platze wurde ich weder meine noch des Ministers Frau in diese Sache mengen, sondern eine mannliche Sache mit Mannern behandeln. Der Minister, den seine Frau fuhrt, steht mir auch nicht an; doch ist alles dieses eine eingefuhrte Gewohnheitssache, woruber der eine nichts klagt und der andre nicht stutzig wird.
Das Fraulein C** und die Grafin F*** blieben beim Abendessen. Die Unterredungen waren belebt, aber so verflochten, dass ich keinen Auszug machen kann. Die Frau von F*** schmeichelte mir bei allen Gelegenheiten, ich mochte reden oder vorlegen. Wenn sie im Sinn hat, sich dadurch bei mir beliebt zu machen, so verfehlt sie ihren Zweck. Denn diese Frau werde ich nimmer lieben, wenn ich der Stimme meines Herzens folge; und dann glaube ich nicht, dass mich eine Pflicht verbinde, meine Abneigung gegen sie zu uberwinden, wie ich bei meiner Tante getan habe; wiewohl auch diese manchmal aufwachte. Aber das Fraulein C** werde ich lieben. Sie war mit mir auf meinem Zimmer, wo wir so freundlich redeten, als kennten wir uns viele Jahre her. Sie sprach viel von ihrer Prinzessin, und wie diese mich lieben wurde, indem ich ganz nach ihrem Geschmack ware. Wie ich meine Laute und meine Stimme horen lassen musste, gab sie mir noch mehr Versicherungen daruber, und ich erhielt uberhaupt viele Lobspruche. Der Ton und die Bezeugung der Hofleute sind in der Tat dadurch angenehm, weil die Eigenliebe eines jeden so wohl in acht genommen wird.
Meine Tante war mit mir zufrieden, wie sie sagte; denn sie hatte befurchtet, ich wurde ein gar zu fremdes, gar zu landliches Ansehen haben. Die Grafin F*** hatte mich gelobt, aber etwas stolz und trocken gefunden. Ich war es auch. Ich kann die Versicherungen meiner Freundschaft und Hochachtung nicht entheiligen. Ich kann niemand betrugen und sie geben, wenn ich sie nicht fuhle. Meine Emilia! mein Herz schlagt nicht fur alle, ich werde in diesem Stocke vor der Welt immer ein Gespenst bleiben. Dies ist meine Empfindung. Kein fliegender unwilliger Gedanke. Ich war billig; ich legte keinem nichts zum Argen aus. Ich sagte zu mir: Eine Erziehung, welche falsche Ideen gibt, das Beispiel, so sie ernahrt, die Verbundenheit wie andere zu leben, haben diese Personen von ihrem eignen Charakter und von der naturlichen sittlichen Bestimmung, wozu wir da sind, abgefuhrt: Ich betrachte sie als Leute, auf die eine Familienkranklichkeit fortgepflanzt ist; ich will liebreich mit ihnen umgehen, aber nicht vertraut, weil ich mich der Sorge, mit ihrer Seuche angesteckt zu werden, nicht enthalten kann.
So wunschen Sie mir dann eine dauerhafte Seelengesundheit, meine liebe Freundin, und lieben Sie mich. Unserm ehrwurdigen Papa alles Gute! wie wird er sich von seiner ihn so zartlich besorgenden Emilie trennen konnen? Aber wie glucklich treten Sie den Kreis des ehlichen Lebens an, da Sie den treuen Segen eines wurdigen Vaters und alle Tugenden Ihres Geschlechts mit sich bringen! Grussen Sie mir den auserwahlten Mann, dessen Eigentum Sie mit allen diesen Schatzen werden.
Zweiter Brief
Es ist mir lieb, meine Emilia, dass Sie diesen Brief noch in dem vaterlichen Hause erhalten, weil er Ihnen eine scheinbare Verwirrung meiner Ideen zeigen wird, wo unser Papa das beste Mittel, sie in Ordnung zu bringen, anzeigen kann. Ich bin bei der Prinzessin von W** und dem ganzen Adel zur Erscheinung gebracht worden und kenne nun den Hof und die grosse Welt durch mich selbst.
Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich beide aus der Abschilderung kenne, so mir davon gemacht worden. Lassen Sie mich dieses Gleichnis noch weiter brauchen; es war meinem Auge nichts fremde. Aber denken Sie sich eine Person voll Aufmerksamkeit und Empfindung, die schon lange mit einem grossen Gemalde von reicher und weitlauftiger Komposition bekannt ist. Oft hat sie es betrachtet, und uber den Plan, die Verhaltnisse der Gegenstande und die Mischung der Farben nachgedacht, alles ist ihr bekannt; aber auf einmal kommt durch eine fremde Kraft das stillruhende Gemalde, mit allem, was es enthalt, in Bewegung; naturlicherweise erstaunt diese Person, und ihre Empfindungen werden auf mancherlei Art geruhrt. Diese erstaunte Person bin ich; die Gegenstande und Farben machen es nicht; die Bewegung, die fremde Bewegung ist's, die ich sonderbar finde.
Soll ich Ihnen sagen, wie ich hier und da aufgenommen wurde? Gut, allenthalben gut! denn fur solche Begebenheiten hat der Hof eine allgemeine Sprache, die der Geistlose ebenso fertig zu reden weiss als der Allervernunftigste. Die Prinzessin, eine Dame von beinahe funfzig Jahren, hat einen sehr feinen Geist; in ihrem Bezeugen und in ihren Ausdrucken herrscht ein Ton von Gute, dessen allgemeine Gefalligkeit mir die Uberbleibsel von einer Zeit zu sein schienen, wo sie die Freundschaft aller Arten von Leuten fur notig halten mochte. Denn ich sehe schlechterdings diesen Beweggrund allein fur fahig an, jene Wirkung in einem edeln Herzen zu machen. Die niedertrachtige Begierde, sich allen ohne Unterschied beliebt zu machen, kann ich ihr unmoglich zuschreiben. Sie unterredete sich lange mit mir und sagte viel Gutes von meinem geliebten Papa, den sie als Hauptmann und Obersten gekannt hatte. Sie nennete mich die wurdige Tochter des rechtschaffenen Mannes und sagte, sie wolle mich ofters holen lassen. Sie glauben nun gewiss, meine Emilia, dass ich diese Furstin um so mehr liebe, weil das Andenken meines Vaters von ihr geehrt wird.
Mehrere Charakter kann ich Ihnen nicht bezeichnen. Die meisten sehen einander ahnlich, insofern man sie in dem Vorzimmer der Furstin oder bei gewohnlichen Besuchen sieht.
Gestern wurde ich im Schreiben unterbrochen, weil Assemblee (wie sie es nennen) bei der Prinzessin angesagt wurde. Da musste ich die Zeit, welche mein Herz der Freundschaft gewidmet hatte, vor dem Putztisch verschwenden.
Glauben Sie wohl, dass meine liebe Rosine ebenso ungeschickt ist, eine methodische Kammerjungfer zu sein, als ich es bin, meinen Damenstand durch die lange Verweilung am Putztisch und durch unschlussige ekle Wahl meiner Kleidung und Schmucks zu beweisen? Meine Tante sucht diesen Fehlern abzuhelfen, und ich muss alle Tage neben dem Friseur eine ihrer Jungfern um mich haben, welche beide durch ihr geziertes Wesen und die vielen Umstande, die sie machen, meine Geduld in einer mir sehr unangenehmen Ubung erhalten. Doch diesmal war ich am Ende wohl zufrieden, weil ich wirklich artig gekleidet war.
Dies ist eine Freude, die Sie noch nicht an mir kannten; Sie sollen auch die Ursache dazu nicht lange suchen; ich will sie aufrichtig sagen, da sie mir bedeutend scheint. Ich war nur deswegen uber meinen wohlgeratnen Putz froh, weil ich von zween Englandern gesehen wurde, deren Beifall ich mir in allem zu erlangen wunschte. Der eine war Mylord G., englischer Gesandter, und der andere Lord Seymour, sein Neffe, Gesandtschafts-Kavalier, der sich unter der Anfuhrung seines Oheims zu dieser Art von Geschaften geschickt machen und die deutschen Hofe kennenlernen will.
Der Gesandte macht mit seiner Figur, einer edeln und geistvollen Physionomie und einer gewissen Wurde, die seine Hoflichkeit begleitet, seinem Charakter Ehre. Ich horte ihn auch allgemein loben.
Den jungen Lord Seymour sah ich eine halbe Stunde in Gesellschaft des Frauleins C**, mit der ich in Unterredung war, und mit welcher er als ein zartlicher und hochachtungsvoller Freund umgeht. Sie stellte mich ihm als ihre neue, aber liebste Freundin dar, von der sie unzertrennlich sein wurde, wenn sie uber ihr eigenes und mein Schicksal zu gebieten hatte. Mylord machte nichts als eine Verbeugung; aber seine Seele redete so deutlich in allen seinen Mienen, dass man zugleich seine Achtung fur alles, was das Fraulein C** sagte, und auch den Beifall lesen konnte, den er ihrer Freundin gab.
Wenn ich den Auftrag bekame, den Edelmut und die Menschenliebe, mit einem aufgeklarten Geist vereinigt, in einem Bilde vorzustellen, so nahme ich ganz allein die Person und Zuge des Mylord Seymour; und alle, welche nur jemals eine Idee von diesen drei Eigenschaften hatten, wurden jede ganz deutlich in seiner Bildung und in seinen Augen gezeichnet sehen. Ich ubergehe den sanften mannlichen Ton seiner Stimme, die ganzlich fur den Ausdruck der Empfindungen seiner edeln Seele gemacht zu sein scheint; das durch etwas Melancholisches gedampfte Feuer seiner schonen Augen, den unnachahmlich angenehmen und mit Grosse vermengten Anstand aller seiner Bewegungen, und was ihn von allen Mannern, deren ich, in den wenigen Wochen, die ich hier bin, eine Menge gesehen habe, unterscheidet, ist (wenn ich mich schicklich ausdrucken kann) der tugendliche Blick seiner Augen, welche die einzigen sind, die mich nicht beleidigten, und keine widrige antipathetische Bewegung in meiner Seele verursachten.
Der Wunsch des Frauleins C*, mich immer um sich zu sehen, verursachte bei ihm die Frage: Ob ich denn nicht in D. bleiben wurde? Meine Antwort war, ich glaubte nicht, weil ich nur auf die Zuruckkunft meiner Tante, der Grafin R. wartete, die mit ihrem Gemahl eine Reise nach Italien gemacht, und mit welcher ich alsdann auf ihre Guter ginge.
"Es scheint mir unmoglich", sagte er, "dass ein lebhafter Geist, wie der Ihrige, bei den immer gleichen Szenen des Landlebens sollte vergnugt sein konnen."
"Und mich dunkt unglaublich, dass Mylord Seymour im Ernste denken sollte, dass ein lebhafter und sich also gern beschaftigender Geist auf dem Lande einem Mangel von Unterhaltung ausgesetzt sei."
"Ich denke keinen ganzlichen Mangel, gnadiges Fraulein, aber den Ekel und die Ermudung, welche notwendigerweise erfolgen mussen, wenn wir unsere Betrachtungen bestandig auf einerlei Vorwurf eingeschrankt sehen."
"Ich bekenne, Mylord, dass ich seit meinem Aufenthalt in der Stadt, bei den Vergleichungen beider Lebensarten, gefunden habe, dass man auf dem Lande die namliche Sorge tragt, seine Beschaftigungen und Ergotzlichkeiten abzuandern, wie ich hier sehe; nur mit dem Unterschied, dass bei den Arbeiten und Belustigungen der Landleute eine Ruhe in dem Grunde der Seele bleibt, die ich hier nicht bemerkt habe; und diese Ruhe dunkt mich etwas sehr Vorzugliches zu sein."
"Ich halte es auch dafur, und ich glaube dabei (sagte er gegen dem Fraulein von C*), nach dem entschlossnen Ton Ihrer verehrungswurdigen Freundin, dass sie diese Ruhe behalten wird, wenn auch hier Tausende durch sie in Unruh gesetzt wurden."
Da er mich nicht ansah, als er dies sagte, und das Fraulein nur lachelte, so blieb ich auch stille; denn einmal fuhlte ich bei dieser Hoflichkeit eine Verwirrung, die ich ungern mochte gezeigt haben; und dann wollte ich ihn nicht langer mit mir in ein Gesprache halten, sondern seiner altern Freundin den billigen Vorzug lassen; zumal, da er sich ganz beflissen gegen sie gewendet hatte.
Sie sagen, ich hore es: warum altere Freundin, Waren Sie denn auch schon seine Freundin, Sie, die ihn erst eine halbe Stunde gesehen hatten?
Ja, meine liebe Emilia, ich war seine Freundin, eh ich ihn sah; das Fraulein C* hatte mit mir von seinem vortrefflichen Charakter gesprochen, ehe er von einer kleinen Reise, die er mit seinem Oncle wahrend der Abwesenheit des Fursten machte, zuruckkam, und was ich Ihnen von ihm geschrieben, war nichts anders, als dass ich alles Edle, alles Gute, so mir das Fraulein von ihm erzahlt, in seiner Physionomie ausgedruckt sah.
Noch mehr, Emilia, ruhrte mich die tiefsinnige Traurigkeit, mit welcher er sich an den Pfeiler des Fensters setzte, wo wir beide auf der kleinen Bank waren, und unsre Unterredung fortfuhrten. Ich deutete dem Fraulein C* auf ihren Freund und sagte leise: "Geschieht dies oft?"
"Ja, dies ist Spleen."
Sie machte mir hierauf allerlei Fragen uber die Art von Zeitvertreiben, welche ich mir, im Ernst, auf dem Lande machen konnte. Ich erzahlte ihr kurz, aber mit vollem Herzen, von den seligen Tagen meiner Erziehung und von denen, welche ich in dem geliebten Hause meines Pflegvaters zugebracht, und versicherte sie: dass ihre Person und Freundschaft das einzige Vergnugen sei, welches ich in D. genossen hatte. Sie druckte mir zartlich die Hand und bezeugte mir ihre Zufriedenheit. Ich fuhr fort und sagte, ich konnte das Wort Zeitvertreib nicht leiden; einmal, weil mir in meinem Leben die Zeit nicht einen Augenblick zu lang worden ware (auf dem Lande, raunte ich ihr ins Ohr), und dann, weil es mir ein Zeichen einer unwurdigen Bewegung der Seele zu sein scheine. Unser Leben ist so kurz, wir haben so viel zu betrachten, wenn wir unsre Wohnung, die Erde, kennen, und so viel zu lernen, wenn wir alle Krafte unsers Geistes (die uns nicht umsonst gegeben sind) gebrauchen wollen; wir konnen so viel Gutes tun dass es mir einen Abscheu gibt, wenn ich von einer Sache reden hore, um welche man sich selbst zu betrugen sucht.
"Meine Liebe, Ihre Ernsthaftigkeit setzt mich in Erstaunen, und dennoch hore ich Sie mit Vergnugen. Sie sind in Wahrheit, wie die Prinzessin sagte, eine ausserordentliche Person."
Ich weiss nicht, Emilia, wie mir war. Ich merkte wohl, dass dieser Ton meiner Gedanken gar nicht der ware, der sich in diese Gesellschaft schickte; aber ich konnte mir nicht helfen. Es hatte mich eine Bangigkeit befallen, eine Begierde, weit weg zu sein, eine innerliche Unruh; ich hatte sogar weinen mogen, ohne eine bestimmte Ursache angeben zu konnen.
Mylord G. naherte sich schleichend seinem Neffen, fasste ihn beim Arm und sagte: "Seymour, Sie sind wie das Kind, das am Rande des Brunnens sicher schlaft. Sehen Sie um sich. (Indem er auf uns beide wies.) Bin ich nicht das Gluck, das Sie erweckt?"
"Sie haben recht, mein Oncle; eine entzuckende Harmonie, die ich horte, nahm mich ein, und ich dachte an keine Gefahr dabei." Wahrend er dies sagte, waren seine Augen mit dem lebhaftesten Ausdruck von Zartlichkeit auf mich gewendet, so dass ich die meine niederschlug und den Kopf wegkehrte. Darauf sagte Mylord auf englisch: "Seymour, nimm dich in acht, diese Netze sind nicht vergeblich so schon und so ausgebreitet." Ich sah seine Hand, die auf meinen Kopf und meine Locken wies; da wurde ich uber und uber rot. Die Koketterie, die er mir zuschrieb, argerte mich, und ich empfand auch den Unmut, den er haben musste, wenn er horte, dass ich Englisch verstunde. Ich war verlegen; doch um ihm und mir mehrere Verwirrung zu ersparen, sagte ich ganz kurz: "Mylord, ich verstehe die englische Sprache." Er stutzte ein wenig, lobte meine Freimutigkeit, und Seymour entfarbte sich; doch lachelte er dabei und wandte sich gleich zum Fraulein C*. "Wollen Sie nicht auch Englisch lernen?"
"Von wem?"
"Von mir, gnadiges Fraulein, und von dem Fraulein von Sternheim; mein Oncle halfe auch Lektionen geben, und Sie sollten bald reden konnen."
"Niemals so gut als meine Freundin, der es angeboren ist, denn sie ist eine halbe Englanderin."
"Wie das?" sagte Mylord G., indem er sich zu mir wandte.
"Meine Grossmutter war eine Watson und Gemahlin des Baron P., welcher mit der Gesandtschaft in England war."
Das Fraulein C* bat, er mochte Englisch mit mir reden. Er tat es, und ich antwortete so, dass er meine Aussprache lobte und dem Fraulein C* sagte, sie sollte von mir lernen, ich sprache sehr gut. Wie er sich entfernte, so lag Mylord Seymour dem Fraulein an, sie mochte sich doch die Muhe nehmen, nur lesen zu lernen; sie versprach's und sagte dabei, alle Tage, wo sie den Hofdienst nicht ganz hatte, wollte sie zu mir kommen.
"Dann habe aber ich kein Verdienst dabei", sagte er traurig.
"Sie sollen alle Wochen einmal zuhoren, wieviel ich gelernt habe."
Er antwortete mit einer blossen Verbeugung.
Die Furstin liess mich rufen. Ich musste ihr in ihr Kabinett folgen. "Da haben Sie meine Laute, liebe Sternheim," sagte sie, "alles spielt; lassen Sie mich allein Ihre Stimme und Geschicklichkeit horen." Was konnte ich tun? Ich spielte und sang das erste Stuck, das mir in die Finger kam. Sie umarmte mich; "liebenswurdiges Madchen", sagte sie, "wie beschamen Sie alle bei Hof erzogene Damen durch die vielen Talente, die Sie auf dem Lande gesammelt haben!" Sie fuhrte mich an der Hand zuruck in den Saal; ich musste bis zu Ende der Assemblee bei ihr bleiben, und sie sprach von hundert Sachen mit mir. Mylord Seymour sah mich oft an, und, meine Emilia (lesen Sie dies meinem lieben Pflegevater vor!), seine Achtsamkeit freute mich. Manche Augen gafften nach mir, aber sie waren mir zur Last, weil mich immer dunkte, es ware ein Ausdruck darin, welcher meine Grundsatze beleidigte.
Heute machten wir einen Besuch bei der Grafin F., gegen die ich mich bemuhte gefallig zu sein. Man sieht wohl, dass ihr Gemahl ein Liebling des Fursten ist; denn sie sprach beinahe von nichts als von Gnadenbezeugungen, welche sie genossen, machte auch viel Aufhebens von der Ergebenheit ihres Gemahls gegen einen Herrn, der alles wurdig ware. Diesem folgten grosse Lobeserhebungen des Prinzen; sie ruhmte die Schonheit seiner Person, allerhand Geschicklichkeiten, seinen guten Geschmack in allem, besonders in Festins, seine prachtige Freigebigkeit, worin er eine furstliche Seele zeigte. (Ich dachte, die Dame moge freilich Ursache haben, diese letzte Eigenschaft so sehr anzupreisen.) Von seiner Neigung gegen das schone Geschlecht sagte sie: "Wir sind Menschen; es sind freilich darin Ausschweifungen geschehen; aber das Ungluck war nur, dass der Herr noch keinen Gegenstand gefunden hat, der seinen Geist ebensosehr als seine Augen gefesselt hatte; denn gewiss, eine solche Person wurde Wunder fur das Land und fur den Ruhm des Herrn gewurkt haben."
Meine Tante stimmte mit ein. Ich sass stille und fand in diesem Bilde eines Landesherrn keinen einzigen Zug von demjenigen, welches die Anmerkungen meines Vaters uber den wahren Fursten, bei Durchlesung der Historie, in meinem Gedachtnis gelassen hatten. Zumal, wenn ich es noch dabei nach den Grundzugen des deutschen National-Charakters beurteilte. Ich war froh, dass man meine Gedanken nicht zu wissen verlangte; denn da mich die Grafin in ihr Zimmer fuhrte, um mir sein Bildnis in Lebensgrosse zu weisen, konnte ich wohl sagen, dass die Figur schon sei, wie sie es denn wirklich ist. Ich soll auch gemalt werden, will meine Tante. Ich kann es leiden; und schicke dann meiner Emilia eine Kopie; ich weiss, dass sie mir dafur dankt. Ich bitte mir die Gedanken meines Pflegvaters uber diesen Brief aus.
Dritter Brief
Alles, was Sie in meinem letztern Briefe gesehen haben, ist, dass Mylord Seymour seine beste Freundin in mir gefunden hat; und mein lieber Pflegvater betet fur mich, weil es fur menschliche Krafte das einzige ist, das man nun fur mich tun kann.
Emilia, Sie lieben mich; Sie kennen mich, und Sie dachten nicht an den Kummer, den mir dieser so viel bedeutende Gedanke Ihres Vaters geben konnte?
Ich erkenne alles; die lebhafte Hochachtung, welche ich fur die Verdienste, fur die Vorzuge des Charakters vom Mylord Seymour gezeigt habe, machen Sie besorgt fur mich. Sein Sie ruhig, werte Freunde! Aller Anteil, den ich je an Mylord Seymour nehmen kann, ist der, den mir meine Liebe fur das Fraulein C* gibt; denn diese ist's, die er liebt; diese ist's, die er glucklich machen wird. Der Teil, den ich davon geniesse, ist allein die Freude, die ein edles Herz in der Zufriedenheit seiner Freunde und in der Betrachtung der guten Eigenschaften seiner Nebenmenschen findet.
Noch eins, meine Emilia, ist fur mich dabei: Weil ich von der Wirklichkeit eines vollkommenen edlen, gutigen und weisen liebenswurdigen Mannes uberzeugt bin, so wird der Niedertrachtige oder der blosse Witzling und der nur allein artige Mann niemals, niemals keine Gewalt uber mein Herz erhalten; und dies ist viel Vorteil, den ich von der Bekanntschaft des Mylords habe.
Ich bedaure, dass die Krankheit des rechten Arms Ihres Papa ihm nicht zulasst, selbst an mich zu schreiben; nicht weil ich mit Ihren Briefen unzufrieden bin, sondern weil er mir mehr von seinen eignen Gedanken uber mich sagen wurde als Sie. Ich hoffe, der Zufall verliert sich, und dann bitte ich ihn, es zu tun.
Gestern waren wir bei einer grossen Mittagstafel bei Mylord G. Der Graf F. kam nachmittags dazu, und noch abends spat reiseten alle zum Fursten. Der Graf ist ein angenehmer Mann von vielem Verstand. Seine Gemahlin fuhrte ihn zu mir; "da reden Sie selbst mit meinem Liebling", sprach sie, "und sagen: ob ich unrecht habe, mir eine solche Tochter zu wunschen?" Er sagte mir sehr viel Hofliches; beobachtete mich aber dabei mit einer Aufmerksamkeit, die mich sonderbar dunkte und mich beinahe aus aller Fassung brachte.
Mylord Seymour hatte an der Tafel seinen Platz zwischen dem Fraulein C* und mir bekommen, sich meistens nur mit uns unterhalten, auch beim Kaffee uns beide mit der liebenswurdigsten Galanterie bedient, englische Verse auf Karten geschrieben und mich gebeten, sie dem Fraulein zu ubersetzen. Wie die Grafin F. ihren Gemahl zu ihr fuhrte, entfernten sich beide in etwas und redeten lang an einem andern Fenster. Der Graf begab sich von mir zu Mylord G. und nahm im Weggehen Mylord Seymour am Arm mit sich zu dem ersten hin. Das Fraulein C* und ich gingen, die mit Gemalden und Kupferstichen ausgezierten Zimmer zu besehen, bis man uns zum Spielen holte. In der Zwischenzeit redeten Graf F. und Mylord G. mit mir von meinem Vater, welchen F. sehr wohl gekannt hatte, und von meiner Grossmutter Watson, die er gleich bei ihrer Ankunft gesehen hatte und von welcher er behauptete, dass ich viele Ahnlichkeiten mit ihr hatte. Mylord S. war neben dem Fraulein C*, sah ernsthaft und nachdenklich aus, und es schien mir, als ob seine Augen einigemal mit einer Art von Schmerzen auf mich und die beiden Herren geheftet waren. Das Getrippel vieler Leute, das man auf einmal in der Strasse horete, machte alles an die Fenster laufen. Ich ging an das, wo Mylord Seymour und das Fraulein C* stunden. Es waren Leute, die von einer kleinen, aber sehr artig angestellten Spazierfahrt des Fursten auf dem Wasser zurucke kamen, welche zu sehen sie haufenweise gegangen waren. Da ich sehr viele in armseliger Gestalt und Kleidung und uns hingegen in moglichster Pracht und die Menge Goldes auf den Spieltischen zerstreut sah, das Fraulein C* aber von einem dergleichen Festin erzahlte, dessen Aufwand berechnete und auch die unzahlige Menge Volks anfuhrte, die von allen Orten herzugelaufen, es zu sehen, kam ich in Bewegung und sagte: "O wie wenig bin ich fur diese Ergotzlichkeiten geschaffen!"
"Warum das? wenn Sie es einmal sehen, werden Sie ganz anders denken." (Mylord Seymour war die ganze Zeit still und kalt.) "Nein, meine liebe C*, ich werde nicht anders denken, sobald ich die Pracht des Festins, des Hofes, das auf den Spieltischen verschleuderte Gold neben einer Menge Elender, welche Hunger und Bedurfnis im abgezehrten Gesichte und in den zerrissnen Kleidern zeigen, sehen werde! Dieser Kontrast wird meine Seele mit Jammer erfullen; ich werde mein eignes gluckliches Aussehen und das von andern hassen; der Furst und sein Hof werden mir eine Gesellschaft unmenschlicher Personen scheinen, die ein Vergnugen in dem unermesslichen Unterschied finden, der zwischen ihnen und denenjenigen ist, die ihrem Ubermut zusehen."
"Liebes, liebes Kind; was fur eine eifrige Strafpredigt halten Sie da!" sagte das Fraulein; "reden Sie nicht so stark!"
"Liebe C*, mein Herz ist aufgewallt. Die Grafin F. machte gestern so viel Ruhmens von der grossen Freigebigkeit des Fursten; und heute sehe ich so viele Ungluckliche!"
Das Fraulein hielt meine Hande; "st, st." Mylord Seymour hatte mich mit ernstem, unverwandtem Blick betrachtet und erhob seine Hand gegen mich: "Edles, rechtschaffenes Herz!" sagte er. "Fraulein C*, lieben Sie Ihre Freundin, Sie verdient's! Aber", setzte er hinzu, "Sie mussen den Fursten nicht verurteilen; man unterrichtet die grossen Herren sehr selten von dem wahren Zustande ihrer Untertanen."
"Ich will es glauben", versetzte ich; "aber Mylord, stand nicht das Volk am Ufer, wo die Schiffahrt war? Hat der Furst nicht Augen, die ihm ohne fremden Unterricht tausend Gegenstande seines Mitleidens zeigen konnten? Warum fuhlte er nichts dabei?"
"Teures Fraulein; wie schon ist Ihr Eifer! Zeigen Sie ihn aber nur bei dem Fraulein C*."
Hier rief Mylord G. seinen Neffen ab, und kurz darauf gingen wir nach Hause.
Heute spielte meine Tante eine seltsame Szene mit mir. Sie kam, sobald ich angezogen war, in mein Zimmer, wo ich schon bei meinen Buchern sass. "Ich bin eifersuchtig auf deine Bucher", sagte sie, "du stehst fruh auf und bist gleich angezogen; da konntest du zu mir kommen; du weisst, wie gern ich mich mit dir unterrede. Dein Oncle ist immer mit seinen dustern Prozesssachen geplagt; ich arme Frau muss schon wieder an ein Wochenbette denken, und du unfreundliches Madchen bringst den ganzen Morgen mit deinen trocknen Moralisten hin. Schenke mir die Stunde, und gib mir deine ernsthaften Herren zum Unterpfand."
"Meine Tante, ich will gerne zu Ihnen kommen; aber meine besten Freunde kann ich nicht von mir entfernt wissen."
"Komme immer mit, wir wollen in meinem Zimmer zanken."
Sie setzte sich an ihren Putztisch; da hatte ich auf eine Viertelstunde Unterhalt mit ihren beiden artigen Knaben, die um diese Tagszeit die Erlaubnis haben, ihre Mama zu sehen. Aber sobald sie fort waren, so blieb ich recht einfaltig da sitzen, sah der ausserordentlichen Muhe zu, die sie sich um ihren Putz gab, und horte Hoferzahlungen an, die mir missfielen; Ehrgeiz, und Liebes-Intrigen, Tadel, Satyren, aufgeturmte Ideen zu dem Glucksbau meines Oncles. "Sei doch recht gefallig gegen die Grafin F.", setzte sie hinzu; "du kannst deinem Oncle grosse Dienste tun und selbst ein ahnsehnliches Gluck machen."
"Dies sehe und wunsche ich nicht, meine Tante; aber was ich fur Sie tun kann, soll geschehen."
"Liebste Sophie, du bist eines der reizendsten Madchen; aber der alte Pfarrer hat dir eine Menge pedantische Ideen gegeben, die mich plagen. Lass dich ein wenig davon zuruckbringen."
"Ich bin uberzeugt, meine Frau Tante, dass das Hofleben fur meinen Charakter nicht taugt; mein Geschmack, meine Neigungen gehen in allem davon ab; und ich bekenne Ihnen, gnadige Tante, dass ich froher abreisen werde, als ich hergekommen bin."
"Du kennest ja den Hof noch nicht; wenn der Furst kommt, dann lebt alles auf. Dann will ich dein Urteil horen! und mache dich nur gefasst; du kommst vor kunftigem Fruhjahr nicht aufs Land."
"O ja, meine gnadige Tante, auf den Herbst gehe ich zur Grafin R., sobald sie zuruckgekommen sein wird."
"Und mein Wochenbette soll ich allein ohne dich halten mussen?"
Sie sah mich zartlich an, indem sie dies sagte, und reichte mir die Hand. Ich kusste ihre Hand, versicherte sie, bei ihr zu bleiben, wenn diese Zeit kame.
Vor der Tafel ging ich in mein Zimmer. Da fand ich mein Buchergestelle leer: "Was ist dies, Rosine?" Der Graf, sagte sie, ware gekommen, und hatte alles wegnehmen lassen. Es ware ein Spass von der Grafin, hatte er gesagt.
Ein unartiger Spass, der sie nichts nutzen wird! denn ich will desto mehr schreiben; neue Bucher will ich nicht kaufen, um sie nicht uber meinen Eigensinn bose zu machen. O wenn nur meine Tante R. bald kame! Zu dieser, Emilia, zu dieser geh ich mit Vergnugen. Sie ist zartlich, ruhig, sucht und findet in den Schonheiten der Natur, in den Wissenschaften und in guten Handlungen das Mass von Zufriedenheit, das man hier sucht, wo man es nicht Endet, und daruber das Leben vertandelt.
Mein Fraulein C* hat Lektion im Englischen angenommen; ich denke, sie wird es bald lernen. Sie weiss schon viele, lauter zartliche Redensarten, an denen ich den Lehrmeister erkenne. Sie hat mit uns gespeist. Ich klagte meine Tante, uber ihren Bucherraub, im Scherz an. Das Fraulein stund ihr bei: "Das ist gut ausgedacht", sagte sie, "wir wollen sehen, was der Geist unsrer Sternheim macht, wenn sie ohne Fuhrer, ohne Ausleger, mit uns lebt." Ich lachte mit und sagte: "Ich verlasse mich auf den rechtschaffenen Gelehrten, der einmal sagte: Die Empfindungen der Frauenzimmer waren oft richtiger, als die Gedanken der Manner."2 Darauf erhielt ich die Erlaubnis zu arbeiten. Ich sagte, es ware mir unmoglich, am Putztisch immer zuzusehen, nachmittags allezeit zu spielen oder mussig zu sein; und es wurde eine schone Tapetenarbeit angefangen, woran ich sehr fleissig zu sein gedenke.
Morgen kommt der Furst und der ganze Hof mit ihm; diesen Abend sind die fremden Ministers angekommen. Mylord G. besuchte uns noch spat und brachte Mylord Seymour nebst einem andern Englander, Lord Derby genannt, mit, den er als einen Vetter vorstellte, der durch ihn und Lord Seymour ein grosses Verlangen bekommen, mich zu sehen, besonders weil ich eine halbe Landsmannin von ihm ware. Lord Derby redete mich sogleich auf englisch an. Er ist ein feiner Mann von ungemein vielem Geist und angenehmen Wesen. Man bat diese Herren zum Abendessen; es wurde freudig angenommen, und meine Tante schlug vor, im Garten zu speisen, weil Mondschein sein wurde und der Abend schon sei.
Gleich war der kleine Saal erleuchtet, und meine Tante fing bei der Ture, da sie mit Mylord G. hinausging, ganz zartlich an: "Sophie, meine Liebe, deine Laute bei Mondschein ware recht vielen Dank wert."
Ich befahl, sie zu holen! Lord Derby gab mir die Hand, Seymour war schon mit dem Fraulein C* voraus. Der kleine Saal war am Ende des Gartens, unmittelbar am Flusse, so dass man lange zu gehen hatte. Lord Derby unterhielt mich mit einem ehrerbietigen Ton von lauter schmeichelhaften Sachen, die er von mir gehort hatte. Mein Oncle kam zu uns, und wie wir kaum etliche Schritte uber den halben Weg waren, stiess er mich mit dem Arme und sagte: "Seht, seht, wie der trockne Seymour bei Mondschein so zartlich die Hande kussen kann!" Ich sah auf; und, liebe Emilia, es dunkte mich, ich fuhlte einen Schauer. Es mag von der kuhlen Abendluft gekommen sein; weil wir dem Wasser ganz nahe waren. Aber da mich ein Zweifel daruber ankam, als ob dieser Schauer zweideutig ware, weil ich ihn nur in diesem Augenblick empfand, so mussten Sie es wissen.
Der junge Graf F., Neveu des Ministers, kam auch noch, und da er den Bedienten, der die Laute trug, angetroffen und gefragt hatte, fur wen? nahm er sie und klimperte vor dem Saal, bis mein Oncle hinaussah und ihn einfuhrte. Ich musste gleich noch vor dem Essen spielen und singen. Ich war nicht munter und sang mehr aus Instinkt als Wahl ein Lied, in welchem Sehnsucht nach landlicher Freiheit und Ruhe ausgedruckt war. Ich empfand selbst, dass mein Ton zu geruhrt war; meine Tante rief auch: "Kind, du machst uns alle traurig; warum willst du uns zeigen, dass du uns so gerne verlassen mochtest? Singe was anders." Ich gehorchte still und nahm eine Gartnerarie aus einer Opera, welche mit vielem Beifall aufgenommen wurde Mylord G. fragte: ob ich nicht englisch singen konnte? ich sagte, nein; aber wenn ich was horte, so fiele mir's nicht schwer. Derby sang gleich, seine Stimme ist schon, aber zu rasch. Ich akkompagnierte ihm, sang auch mit. Daraus machte man viel Lobens von meinem musikalischen Ohr.
Die Grafin F. sagte mir Zartlichkeiten; Lord Seymour nichts; er ging oft in den Garten allein und kam mit Zugen einer gewaltsamen Bewegung in der Seele zuruck, redete aber nur mit Fraulein C*, die auch gedankenvoll aussah. G. sah mich bedeutend an, doch war Vergnugen in seinem Gesichte; Lord Derby hatte ein feuriges Falkenauge, in welchem Unruhe war, auf mich gerichtet. Mein Oncle und meine Tante liebkosten mir. Um eilf Uhr gingen wir schlafen, und ich schrieb noch diesen Brief. Gute Nacht, teure Emilia! Bitten Sie unsern ehrwurdigen Vater, dass er fur mich bete! Ich finde Trost und Freude in diesem Gedanken.
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Ich wunsche, dass meine Tante immer kleine Reisen machte, ich wurde sie mit viel mehr Vergnugen begleiten, als ich es unter dem immerwahrenden Kreislauf unserer Hof- und Stadtvisiten tun kann. Mein Oncle hat eine Halbschwester in dem Damenstift zu G., die er wegen einem reichen Erbe, so ihr zugefallen ist, zum Besten seiner Kinder zu gewinnen sucht.
Und aus dieser Ursache musste meine Tante mit ihren beiden Sohnen die Reise zu ihr machen. Sie nahm mich mit und verschaffte mir dadurch einen Teil des Vergnugens, fur welches ich am empfindlichsten bin, abwechselnde Szenen der Natur und Kunst in ihren mannigfaltigen Abanderungen zu betrachten. Ware es auch nichts als der Anblick der auf- und niedergehenden Sonne gewesen, so wurde ich diese Ausflucht von D. geliebt haben; aber ich sah mehr. Der Weg, den wir zuruckzulegen hatten, zeigte mir ein grosses Stuck unsers deutschen Bodens und darin manchmal ein rauhes stiefmutterliches Land; welches von seinen leidenden geduldigen Einwohnern mit abgezehrten Handen angebaut wurde.
Zartliches Mitleiden, Wunsche und Segen erfullten mein Herz, als ich ihren sauren Fleiss und die traurigen, doch gelassnen Blicke sah, mit welchen sie den Zug unsrer zwoen Chaisen betrachteten. Die Ehrerbietung, mit der sie uns als Gunstlinge der Vorsicht grussten, hatte etwas sehr Ruhrendes vor mich; und ich suchte durch Gegenzeichen meiner menschlichen Verbruderung mit ihnen, und auch durch einige Stukke Gelds, die ich den Nachsten an unserm Wege ungebeten zuwarf, ihnen einen guten Augenblick zu schaffen. Besonders gab ich armen Weibern, die bei ihrer Arbeit hie und da ein Kind auf dem Felde sitzen hatten. Ich dachte, meine Tante macht eine Reise zum verhofften Vorteil ihrer Sohne, und diese Frau verrichtet zum Besten der ihrigen eine kummerliche Arbeit; ich will diese Mutter auch eine unerwartete Gute geniessen lassen.
Der reitende Bediente erzahlte uns dann die Freude der armen Leute und den Dank, den sie uns nachriefen.
Reiche Felder, fette Triften und grosse Scheuren der Bauren in andern Gegenden bewiesen mir das Gluck ihrer gunstigen Lage, und ich wunsche ihnen einen guten Gebrauch ihres Segens. Meine Empfindungen waren angenehm, wie sie es allezeit beim ersten Anblick der Kennzeichen des Glucks zu sein pflegen; bis nach und nach aus ihrer Betrachtung der Gedanke der Vergleichung unserer minder guten Umstande entspringt und der bittern Unzufriedenheit einen Zugang in die Seele gibt. Wir kehrten unterwegs auf dem Schlosse des Grafen von W. ein, dessen Beschreibung ich unmoglich vorbeigehen kann. Es ist an der Spitze eines Berges erbaut und hat auf vierzehen Stunden weit die schonste Gegend eines mit Feldern, Wiesen und zerstreuten Bauerhofen gezierten Tales vor sich liegen welches ein fischreicher Bach durchfliesst und waldichte Anhohen umfassen. Auf dem Berge sind weitlauftige Garten und Spaziergange, nach dem edlen Geschmack des vorigen Besitzers angelegt, in welchem ich seinen Lieblingsgrundsatz, "das Angenehme immer mit dem Nutzlichen zu verbinden", sehr schon ausgefuhrt sah.
Dieses und die vollkommene Edelmanns-Landwirtschaft die auserlesene Bibliothek, die Sammlung physikalischer Instrumenten, die edle, von Uppigkeit und Kargheit gleich weit entfernte Einrichtung des Hauses, die Stiftung eines Arztes fur die ganze Herrschaft, der lebenslangliche Unterhalt, dessen sich alle Hausbedienten zu erfreuen haben, die Wahl geschickter und rechtschaffener Manner auf den Beamtungen und eine Menge kluger Verordnungen zum Besten der Untertanen etc., alles sind lebende Denkmale des Geschmacks, der Einsichten und der edlen Denkungsart des vormaligen Besitzers, der, nachdem er mit grosstem Ruhm viele Jahre die erste Stelle an einem grossen Hofe bekleidet hatte, seine letzten Tage auf diesem angenehmen Landsitz verlebte. Seine Gute und Leutseligkeit scheint seinen Erben mit den Gutern eigen geworden zu sein, daher sich immer die beste Gesellschaft der umliegenden Einwohner bei ihnen versammelt. Die sechs Tage uber, welche wir da zubrachten, kam ich durch das Spielen auf eine Idee, die ich gern von Herrn Br. untersucht haben mochte. Es waren viele Fremde gekommen, zu deren Unterhaltung man notwendigerweise Spieltische machen musste. Denn unter zwanzig Personen waren gewiss die meisten von sehr verschiedenem Geist und Sinnesart, welches sich bei der Mittagstafel und dem Spaziergang am starksten ausserte, wo jeder nach seinen herrschenden Begriffen und Neigungen von allen vorkommenden Gegenstanden redete, und wo ofters teils die feinern Empfindungen der Tugend, teils die Pflichten der Menschenfreundlichkeit beleidigt worden waren. Bei dem Spielen aber hatten alle nur einen Geist, indem sie sich denen dabei eingefuhrten Gesetzen ohne den geringsten Widerspruch unterwarfen; keines wurde unmutig, wenn man ihm sagte, dass hier und da wider die Regeln gefehlt worden sei; man gestund es, und besserte sich sogleich nach dem Rat eines Kunsterfahrnen.
Ich bewunderte und liebte die Erfindung des Spielens, da ich sie als ein Zauberband ansah, durch welches in einer Zeit von wenigen Minuten Leute von allerlei Nationen, ohne dass sie sich sprechen konnen, und von Personen von ganz entgegengesetzten Charaktern viele Stunden lang sehr gesellig verknupft werden; da es ohne dieses Hulfsmittel beinahe unmoglich ware, eine allgemeine gefallige Unterhaltung vorzuschlagen. Aber ich konnte mich nicht enthalten, der Betrachtung nachzuhangen: Woher es komme, dass eine Person vielerlei Gattungen von Spielen lernt und sehr sorgfaltig allen Fehlern wider die Gesetze davon auszuweichen sucht, so dass alles, was in dem Zimmer vorgeht, diese Person zu keiner Vergessenheit oder Ubertretung der Spielgesetze bringen kann; und eine Viertelstunde vorher war nichts vermogend, sie bei verschiednen Anlassen von Scherzen und Reden abzuhalten, die alle Vorschriften der Tugend und des Wohlstandes beleidigten. Ein andrer, der als ein edler Spieler geruhmt wurde und in der Tat ohne Gewinnsucht mit einer gleich gelassnen und freundlichen Miene spielte, hatte einige Zeit vorher, bei der Frage von Herrschaft und Untertan, von den letztern als Hunden gesprochen und einem jungen, die Regierung seiner Guter antretenden Kavalier die heftigste und liebloseste Massregeln angeraten, um die Bauren in Furcht und Unterwurfigkeit zu erhalten und die Abgaben alle Jahre richtig einzutreiben, damit man in seinem standesgemassen Aufwand nicht gestoret wurde.
Warum? sagte mein Herz, warum kostet es die Leute weniger, sich den oft bloss willkurlichen Gesetzen eines Menschen zu unterwerfen, als den einfachen, wohltatigen Vorschriften, die der ewige Gesetzgeber zum Besten unsrer Nebenmenschen angeordnet hat? Warum darf man niemand erinnern, dass er wider diese Gesetze fehle? Meiner Tante hatte ich diesen zufalligen Gedanken nicht sagen wollen; denn sie macht mir ohnehin immer Vorwurfe uber meine strenge und zu scharf gespannte moralische Ideen, die mich, wie sie sagt, alle Freuden des Lebens misstonend finden liessen. Ich weiss nicht, warum man mich immer hieruber anklagt. Ich kann munter sein; ich liebe Gesellschaft, Musik, Tanz und Scherz. Aber die Menschenliebe und den Wohlstand kann ich nicht beleidigen sehen, ohne mein Missvergnugen daruber zu zeigen; und dann ist es mir auch unmoglich, an geist- und empfindungslosen Gesprachen einen angenehmen Unterhalt zu finden oder von nichtswurdigen Kleinigkeiten Tage lang reden zu horen.
O fande ich nur in jeder grossen Gesellschaft oder unter den Freunden unsers Hauses in D. eine Person wie die Stiftsdame zu**, man wurde den Ton meines Kopfs und Herzens nicht mehr murrisch gestimmt finden! Diese edelmutige Dame lernte mich zu G. kennen, ihre erste Bewegung fur mich war Achtung, mich als eine Fremde etwas mehr als gezwungene Hoflichkeit geniessen zu lassen. Ich hatte das Gluck, ihr zu gefallen, und erhielt dadurch den Vorteil, den liebenswurdigen Charakter ihres Geistes und Herzens ganz kennenzulernen. Niemals habe ich die Fahigkeiten des einen und die Empfindungen des an dem in einem so gleichen Mass fein, edel und stark gefunden als in dieser Dame. Ihr Geist und die angenehme Laune, die ihren Witz charakterisiert, machen sie zu der angenehmsten Gesellschafterin, die ich jemals gesehen habe; [und beinahe mochte ich glauben, dass einer unsrer Dichter an sie gedacht habe, da er von einer liebenswurdigen Griechin sagte:
Es hatt' ihr Witz auch Wangen ohne Rosen
Beliebt gemacht, ein Witz, dem 's nie an Reiz
gebrach,
Zu stechen oder liebzukosen
Gleich aufgelegt, doch lachelnd, wenn er stach,
Und ohne Gift 3
Sie besitzt die seltene Gabe, fur alles, was sie sagt und schreibt, Ausdrucke zu finden, ohne dass sie das geringste Gesuchte an sich haben; alle ihre Gedanken sind wie ein schones Bild, welches die Grazien in ein leichtes naturlich fliessendes Gewand eingehullt haben. Ernsthaft, munter oder freundschaftlich, in jedem Licht nimmt die Richtigkeit ihrer Denkungsart und die naturliche ungeschmuckte Schonheit ihrer Seele ein; und ein Herz voll Gefuhl und Empfindung fur alles, was gut und schon ist, ein Herz, das gemacht ist, durch die Freundschaft glucklich zu sein und glucklich zu machen, vollendet die Liebenswurdigkeit ihres Charakters.
Nur um dieser Dame willen habe ich mir zum ersten Male alte Ahnen gewunscht, damit ich Anspruche auf einen Platz in ihrem Stifte machen und alle Tage meines Lebens mit ihr hinbringen konnte. Die Beschwerlichkeiten der Prabende wurden mir an ihrer Seite sehr leichte werden.
Urteilen Sie selbst, ob es mir empfindlich war, diese liebenswurdige Grafin wieder verlassen zu mussen; wiewohl sie die Gutigkeit hat, mich durch ihren Briefwechsel fur den Verlust ihres reizenden Umgangs zu entschadigen. Sie sollen Briefe von ihr sehen und dann sagen, ob ich zu viel von den Reizungen ihres Geistes gesagt habe.
Die Bescheidenheit, welche einen besondern Zug des Charakters ihrer Freundin, der Grafin von G., ausmacht, soll mich, da sie diesen Brief nicht zu sehen bekommen kann, nicht verhindern, Ihnen zu sagen, dass diese vortreffliche Dame nachst jener den meisten Anteil an dem Wunsch hatte, mein Leben, wenn es moglich gewesen ware, in dieser glucklichen Entfernung von der Welt hinzubringen. Stilles Verdienst, das nur desto mehr einnimmt: weil es nicht glanzen will, ein feiner, durch Belesenheit und Kenntnisse ausgeschmuckter Geist, verbunden mit ungefarbter Aufrichtigkeit und Gute des Herzens, macht dieser Dame der Hochachtung und der Freundschaft jeder edlen Seele wert. Selbst der dichte Schleier, den ihre beinahe allzugrosse, wiewohl unaffektierte Bescheidenheit uber ihre Vorzuge wirft, erhoht in meinen Augen den Wert derselben. Selten legt sie diesen anderswo als in dem Zimmer der Grafin G. von sich, deren Beifall ihr eine Art von Gleichgultigkeit gegen alles andere Lob zu geben scheint; so wie sie auch der seltenen Geschicklichkeit, womit sie das Klavier spielt, und welche genug ware, hundert andere stolz zu machen, nur darum, weil sie ihrer Freundin dadurch Vergnugen machen kann, einigen Wert beizulegen scheint. Ich kann nicht vergessen, unter den ubrigen wurdigen Damen dieses Stifts, der Grafen T. W., welche alle ihre Tage mit ubenden Tugenden bezeichnet und einen Teil ihrer besondern Geschicklichkeit zum Unterricht armer Madchen in allerlei kunstlichen Arbeiten verwendet und besonders der Furstin, welche die Vorsteherin des Stifts ist, mit der zartlichen Ehrerbietung zu erwahnen, welche sie durch die vollkommenste Leutseligkeit, eine sich selbst immer gleiche Heiterkeit der Seele und die Wurde voll Anmut, womit sich diese Eigenschaften in ihrer ganzen Person ausdrucken, allen, die sich ihr nahern, einflosst. Wenn ich etwas beneiden konnte, so wurde es das Gluck sein, unter der Leitung der erfahrnen Tugend und Klugheit einer so wurdigen mutterlichen Vorsteherin meine Tage hinzubringen.
Ich begnuge mich, Ihnen, was den Hauptpunkt meiner Tante bei dieser Reise betrifft, zu melden, dass er vollkommen erreichet wurde; wir sind nun wieder in D., und der Menge von Besuchen, welche wir zu geben und anzunehmen hatten, messen Sie die Schuld bei, dass Sie so lange ohne Nachricht von mir geblieben sind.
Mylord Seymour
an den Doktor T * *
Lieber Freund, ich horte Sie oft sagen, die Beobachtungen, die Sie auf Ihren Reisen durch Deutschland uber den Grundcharakter dieser Nation gemacht, hatten in Ihnen den Wunsch hervorgebracht, auf einer Seite den Tiefsinn unsrer Philosophen mit dem methodischen Vortrag der Deutschen, und auf der andern das kalte und langsam gehende Blut ihrer ubrigen Kopfe mit der feurigen Einbildungskraft der unsern vereinigt zu sehen. Sie suchten auch lang eine Mischung in mir hervorzubringen, wodurch meine heftigen Empfindungen mochten gemildert werden, indem Sie sagten, dass dieses die einzige Hindernis sei, warum ich in den Wissenschaften, die ich doch liebte, niemals zu einer gewissen Vollkommenheit gelangen wurde. Sie gingen sanft und gutig mit mir um, weil Sie durch die Zartlichkeit meines Herzens den Weg zu der Biegsamkeit meines Kopfs finden wollten; ich weiss nicht, mein teurer Freund, wie weit Sie damit gekommen sind; Sie haben mich das wahre Gute und Schone erkennen und lieben gelehrt, ich wollte auch immer lieber sterben, als etwas Unedles oder Bosartiges tun, und doch zweifle ich, ob Sie mit der Ungeduld zufrieden sein wurden, mit welcher ich das Ansehen meines Oheims uber mich ertrage. Es deucht mir eine dreifache Last zu sein, die meine Seele in allen ihren Handlungen hindert; Mylord G. als Oheim, als reicher Mann, den ich erben soll, und als Minister, dem mich meine Stelle als Gesandtschaftsrat unterwirft. Furchten Sie dennoch nicht, dass ich mich vergesse oder Mylorden beleidige; nein, soviel Gewalt habe ich uber meine Bewegungen; sie werden durch nichts anders sichtbar als eine totende Melancholie, die ich vergebens zu unterdrucken suche; aber warum mache ich so viele Umschweife, um Ihnen am Ende meines Briefs etwas zu sagen, das ich gleich anfangs sagen wollte, dass ich in einer jungen Dame die schone und gluckliche Mischung der beiden Nationalcharaktere gesehen habe. Ihre Grossmutter mutterlicher Seite war eine Tochter des alten Sir Watson und ihr Vater der verdienstvolle Mann, dessen Andenken in dem edelsten Ruhme bluhte. Diese junge Dame ist eine Freundin des Fraulein C*, von welchem ich Ihnen schon geschrieben habe, das Fraulein Sternheim ist aber erst seit einigen Wochen hier, und zwar zum erstenmal; vorher war sie immer auf dem Lande gewesen. Erwarten Sie keine Ausrufungen uber ihre Schonheit; aber glauben Sie mir, wenn ich sage, dass alle mogliche Grazien, deren die Bildung und Bewegung eines Frauenzimmers fahig ist, in ihr vereinigt sind; eine holde Ernsthaftigkeit in ihrem Gesicht, eine edle anstandige Hoflichkeit in ihrem Bezeugen, die ausserste Zartlichkeit gegen ihre Freundin, eine anbetungswurdige Gute und die feinste Empfindsamkeit der Seele; ist dies nicht die Starke des englischen Erbes von ihrer Grossmutter?4 Einen mit Wissenschaft und richtigen Begriffen gezierten Geist, ohne das geringste Vorurteil, mannlichen Mut, Grundsatze zu zeigen und zu behaupten, viele Talente mit der liebenswurdigsten Sittsamkeit verbunden; dieses gab ihr der rechtschaffene Mann, der das Gluck hatte, ihr Vater zu sein. Nach dieser Beschreibung, mein Freund, konnen Sie den Eindruck beurteilen, welchen sie auf mich machte. Niemals, niemals ist mein Herz so eingenommen, so zufrieden mit der Liebe gewesen! Aber was werden Sie dazu sagen, dass man dieses edle, reizende Madchen zu einer Matresse des Fursten bestimmt? dass mir Mylord verboten, ihr meine Zartlichkeit zu zeigen, weil der Graf F. ohnehin befurchtet, man werde Muhe mit ihr haben? Doch behauptet er, dass sie deswegen an den Hof gefuhrt worden sei. Ich zeigte meinem Oncle alle Verachtung, die ich wegen dieser Idee auf den Grafen Lobau, ihren Oncle geworfen; ich wollte das Fraulein von dem abscheulichen Vorhaben benachrichtigen und bat Mylorden fussfallig, mir zu erlauben, durch meine Vermahlung mit ihr, ihre Tugend, ihre Ehre und ihre Annehmlichkeiten zu retten. Er bat mich, ihn ruhig anzuhoren, und sagte mir; er selbst verehre das Fraulein und sei uberzeugt, dass sie das ganze schandliche Vorhaben zernichten werde; und er gab mir die Versicherung, dass, wenn sie ihrem wurdigen Charakter gemass handle, er sich ein Vergnugen davon machen wolle, ihre Tugend zu kronen. "Aber solange der ganze Hof sie als bestimmte Matresse ansieht, werde ich nichts tun. Sie sollen keine Frau von zweideutigem Ruhme nehmen; halten Sie sich an das Fraulein C*, durch diese konnen Sie alles von den Gesinnungen der Sternheim erfahren: ich will Ihnen von den Unterhandlungen Nachricht geben, die der Graf F. auf sich genommen hat. Alle Zuge des Charakters der Fraulein geben mir Hoffnung zu einem Triumphe der Tugend. Aber er muss vor den Augen der Welt erlangt werden."
Mein Oheim erregte in mir die Begierde, den Fursten gedemutigt zu sehen, und ich stellte mir den Widerstand der Tugend als ein entzuckendes Schauspiel vor. Diese Gedanken brachten mich dahin, meine ganze Auffuhrung nach der Vorschrift meines Oheims einzurichten. Mylord Derby hat mir einen neuen Bewegungsgrund dazu gegeben. Er sah sie und fasste gleich eine Begierde nach den seltnen Reizungen, die sie hat; denn Liebe kann man seine Neigung nicht nennen. Er ist mir mit seiner Erklarung schon zuvorgekommen; wenn er sie ruhrt, so ist mein Gluck hin; ebenso hin, als wenn sie der Furst erhielte; dann wenn sie einen Ruchlosen lieben kann, so hatte sie mich niemals geliebt. Aber ich bin elend, hochst elend durch die zartlichste Liebe fur einen wurdigen Gegenstand, den ich unglucklicherweise mit den Fallstricken des Lasters umgeben sehe. Die Hoffnung in ihre Grundsatze und die Furcht der menschlichen Schwachheit martern mich wechselsweise. Heute, mein Freund, heute wird sie in der Hofkomodie dem Blick des Fursten zum erstenmal ausgesetzt; ich bin nicht wohl; aber ich muss hingehen, wenn es mir das Leben kosten sollte.
Ich lebe auf, mein Freund, der Graf von F. zweifelt, dass man etwas uber den Geist des Frauleins gewinnen werde.
Mylord befahl mir, mich in der Komodie nahe an ihn zu halten. Das Fraulein kam mit ihrer unwurdigen Tante in die Loge der Grafin F.; sie sah so liebenswurdig aus, dass es mich schmerzte. Eine Verbeugung, die ich zugleich mit Mylord an die drei Damen machte, war der einzige Augenblick, wo ich mir getrauete, sie anzusehen. Bald darauf war der ganze Adel und der Furst selbst da, dessen lusternes Auge sogleich auf die Loge der Grafin F. gewendet war; das Fraulein verbeugte sich mit so vieler Anmut, dass ihn auch dieses hatte aufmerksam machen mussen, wenn es ihre ubrige Reize nicht getan hatten. Er redete sogleich mit dem Grafen F. und sah wieder auf das Fraulein, die er jetzt besonders grusste. Alle Augen waren auf sie geheftet, aber eine kleine Weile darauf verbarg sich das Fraulein halb hinter der Grafin F. Die Opera ging an; der Furst redete viel mit F., der endlich in die Loge seiner Gemahlin ging, um Mylorden und den Grafinnen zu verweisen, dass sie dem Fraulein den Platz wegnahmen, da sie beide das Spiel schon oft, das Fraulein aber es noch niemals gesehen hatte.
Die Damen sein nicht Ursache, Herr Graf, sagte das Fraulein, etwas ernsthaft; "ich habe diesen Platz gewahlt, ich sehe genug und gewinne dabei das Vergnugen, weniger gesehen zu werden."
"Aber Sie berauben so viele des Vergnugens, Sie zu sehen." Daruber hatte sie nur eine Verbeugung gemacht, die an sich nichts als Geringschatzigkeit seines Kompliments angezeigt habe. Er hatte ihre Meinung von der Komodie begehrt; darauf hatte sie wieder mit einem ganz eignen Ton gesagt: Sie wundere sich nicht, dass diese Ergotzlichkeit von so vielen Personen geliebt wurde.
"Ich wunsche aber zu wissen, wie es Ihnen gefallt, was Sie davon denken? Sie sehen so ernsthaft."
"Ich bewundere die vereinigte Muhe so vieler Arten von Talente."
"Ist das alles, was Sie dabei tun, empfinden Sie nichts fur die Heldin oder den Helden?"
"Nein, Herr Graf, nicht das geringste", hatte Sie mit Lacheln geantwortet.
Man speiste bei der Furstin von W*; der Furst, die Gesandtschaften und ubrigen Fremde, worunter der Graf Lobau, Oncle des Fraulein Sternheims, auch gerechnet wurde. Die Grafin F* stellte das Fraulein mit vielem Geprange dem Fursten vor. Dieser affektierte, viel von ihrem Vater zu sprechen. Das Fraulein soll kurz und in einem geruhrten Tone geantwortet haben. Die Tafel war vermengt, immer ein Kavalier bei einer Dame. Graf F., ein Neffe des Ministers, war an der Seite des Frauleins, welche gerade so gesetzt wurde, dass sie der Furst im Gesicht hatte; er sah sie unaufhorlich an. Ich nahm mich in acht, nicht oft nach dem Fraulein zu sehen; doch bemerkte ich Unzufriedenheit an ihr. Man hob die Tafel bald auf, um zu spielen; die Prinzessin nahm das Fraulein zu sich, ging bei den Spieltischen mit ihr herum, setzte sich auf den Sofa und redete sehr freundlich mit ihr. Der Furst kam, nachdem er eine Tour mit Mylorden gespielt hatte, auch dazu.
Den zweeten Tag sagte Graf F. zu Mylord; er wunschte dem Lobau alles Bose auf den Hals, das Fraulein hieher gebracht zu haben. Sie ist ganz dazu gemacht, um eine heftige Leidenschaft zu erwecken; aber ein Madchen, das keine Eitelkeit auf ihre Reize hat, bei einem Schauspiel nichts als die vereinigte Muhe von vielerlei Talenten betrachtet, an einer ausgesuchten Tafel nichts als eine Apfel-Kompotte isst, Wasser dazu trinkt, an einem Hofe nach dem Hause eines Landpfarrers seufzet und bei allem dem voll Geist und voll Empfindung ist ein solches Madchen ist schwer zu gewinnen!
Gott wolle es, dacht' ich; lange kann ich den gewaltsamen Stand, in dem ich bin, nicht aushalten!
Schreiben Sie mir bald; sagen Sie mir, was Sie von mir denken, und was ich hatte tun sollen.
Das Fraulein von Sternheim
an Emilia
O meine Emilia! wie notig ist mir eine erquickende Unterhaltung mit einer zartlichen und tugendhaften Freundin!
Wissen Sie, dass ich den Tag, an dem ich mich zu der Reise nach D. bereden liess, fur einen unglucklichen Tag ansehe. Ich bin ganz aus dem Kreise gezogen worden, den ich mit einer so seligen Ruhe und Zufriedenheit durchging. Ich bin hier niemanden, am wenigsten mir selbst, nutze; das Beste, was ich denke und empfinde, darf ich nicht sagen, weil man mich lacherlich-ernsthaft findet; und so viel Muhe ich mir gebe, aus Gefalligkeit gegen die Personen, bei denen ich bin, ihre Sprache zu reden, so ist doch meine Tante selten mit mir zufrieden, und ich, Emilia, noch seltner mit ihr. Ich bin nicht eigensinnig, mein Kind, in Wahrheit, ich bin es nicht; ich fodere nicht, dass jemand hier denken solle wie ich; ich sehe zu sehr ein, dass es eine moralische Unmoglichkeit ist. Ich nehme keinem ubel, dass der Morgen am Putztische, der Nachmittag in Besuchen, der Abend und die Nacht mit Spielen hingebracht wird. Es ist hier die grosse Welt, und diese hat die Einrichtung ihres Lebens mit dieser Haupteinteilung angefangen. Ich bin auch sehr von der Verwunderung zuruckgekommen, in die ich sonst geriet, wenn ich an Personen, die meine selige Grossmama besuchten, einen so grossen Mangel an guten Kenntnissen sah, da sie doch von Natur mit vielen Fahigkeiten begabt waren. Es ist nicht moglich, meine Liebe, dass eine junge Person in diesem betaubenden Gerausche von larmenden Zeitvertreiben einen Augenblick finde, sich zu sammeln. Kurz, alle hier sind an diese Lebensart und an die herrschenden Begriffe von Gluck und Vergnugen gewohnt und lieben sie ebenso, wie ich die Grundsatze und Begriffe liebe, welche Unterricht und Beispiel in meine Seele gelegt haben. Aber man ist mit meiner Nachsicht, mit meiner Billigkeit nicht zufrieden; ich soll denken und empfinden wie sie, ich soll freudig uber meinen wohlgeratnen Putz, glucklich durch den Beifall der andern und entzuckt uber den Entwurf eines Soupers, eines Balls werden. Die Opera, weil es die erste war, die ich sah, hatte mich ausser mir selbst setzen sollen, und der Himmel weiss, was fur elendes Vergnugen ich in dem Lob des Fursten habe Enden sollen. Alle Augenblicke wurde ich in der Komodie gefragt: "Nun wie gefallt's Ihnen, Fraulein?"
"Gut", sagte ich ganz gelassen; "es ist vollkommen nach der Idee, die ich mir von diesen Schauspielen machte." Da war man missvergnugt und sah mich als eine Person an, die nicht wisse, was sie rede. Es mag sein, Emilia, dass es ein Fehler meiner Empfindungen ist, dass ich die Schauspiele nicht liebe, und ich halte es fur eine Wirkung des Eindrucks, den die Beschreibung des Lacherlichen und Unnaturlichen eines auf dem Schlachtfeld singenden Generals und einer sterbenden Liebhaberin, die ihr Leben mit einem Triller schliesst, so ich im Englischen gelesen habe, auf mich machte. Ich kann auch niemand tadeln, der diese Ergotzlichkeiten liebt. Wenn man die Verbindung so vieler Kunste ansieht, die fur unser Aug und Ohr dabei arbeiten, so ist schon dieses angenehm zu betrachten; und ich finde nichts naturlicher als die Leidenschaften, die eine Aktrice oder Tanzerin einflosst. Die Intelligenz (lassen Sie mir dieses Wort), mit welcher die erste ihre Rolle spielt, da sie ganz in dem Charakter, den sie vorstellt, eintritt, von edlen zartlichen Gesinnungen mit voller Seele redt, selbst schon dabei ist und die ausgesuchte Kleidung, die affektvolleste Musik mit allen Verzierungen des Theaters dabei zu Gehulfen hat wo will sich der junge Mann retten, der mit einem empfindlichen Herzen in den Saal tritt und da von Natur und Kunst zugleich besturmt wird?
Die Tanzerin, von muntern Grazien umgeben, jede Bewegung voll Reiz, in Wahrheit, Emilia, man soll sich nicht wundern, nicht zanken, wenn sie geliebt wird! Doch dunkt mich der Liebhaber der Aktrice edler als der von der Tanzerin. Ich habe irgendwo gelesen, dass die Linie der Schonheit fur den Maler und Bildhauer sehr fein gezogen sei; geht er daruber, so ist sie verloren; bleibt er unter ihr, so fehlt seinem Werk die Vollkommenheit.
Die Linie der sittlichen Reize der Tanzerin dunkt mich ebenso fein gezogen; dann sie schien mir sehr oft ubertreten zu werden.
Uberhaupt bin ich es sehr zufrieden, ein Schauspiel gesehen zu haben, weil die Vorstellung, die ich davon hatte, dadurch ganz bestimmt worden ist; aber ich bin es auch zufrieden, wenn ich keines mehr sehe.
Nach der Komodie speiste ich mit der Prinzessin von W*, da wurde ich dem Fursten vorgestellt. Was soll ich Ihnen davon sagen? Dass er ein schoner Mann und sehr hoflich ist, dass er meinen werten Papa sehr gelobt hat und dass ich missvergnugt damit war. Ja, meine Emilia, ich kann nicht mehr so froh uber die Lobspruche sein, die man ihm gibt; der Ton, worin es geschieht, klingt mir gerade, als wenn man sagte: Ich weiss, dass Sie von Ihrem Vater sehr eingenommen sind, ich sage Ihnen also Gutes von ihm. Und dann, mein Kind, muss ich Ihnen sagen, dass die Blicke, die der Furst auf mich warf, auch das Beste verdorben hatten, das er hatte sagen konnen.
Was fur Blicke, meine Liebe! Gott bewahre mich, sie wieder zu sehen! Wie hasste ich die spanische Kleidung, die mir nichts als eine Palatine erlaubte. Ware ich jemals auf meine Leibesgestalt stolz gewesen, so hatte ich gestern dafur gebusst. Der bitterste Schmerz durchdrang mich bei dem Gedanken, der Gegenstand so hasslicher Blicke zu sein. Meine Emilia, ich mag nicht mehr hier sein; ich will zu Ihnen, zu den Gebeinen meiner Eltern. Die Grafin R. bleibt zu lange weg.
Heute erzahlte mir die Grafin F. mit vielem Wortgeprange das Lob des Fursten uber meine Person und meinen Geist.
Morgen gibt der Graf ein grosses Mittagessen, und ich soll dabei sein. Niemals, seitdem ich hier bin, hatte ich die Empfindungen eines Vergnugens nach meinem Geschmack. Die Freundschaft des Fraulein C* war das einzige, was mich erfreute; aber auch diese ist nicht mehr, was sie war. Sie spricht so kalt; sie besucht mich nicht mehr; wir kommen beim Spiel nicht mehr zusammen; und wenn ich mich ihr oder dem Mylord Seymour nahere, welche immer zusammen reden, so schweigen sie, und Mylord entfernt sich traurig, bewegt; und das Fraulein sieht ihm nach und ist zerstreut. Was soll ich denken? Will das Fraulein nicht, dass ich Mylorden spreche? Geht er weg, um ihr seine vollkommene Ergebenheit zu zeigen? Denn er redt mit keiner andern Seele als mit ihr. O mein Kind, wie fremd ist mein Herz in diesem Lande! Ich, die mein Gluck fur anderer ihres hingabe, ich muss die Sorge sehen, dass ich es zu storen denke. Liebes Fraulein C*, ich will Ihnen diese Unruhe nehmen; denn ich werde meinen Augen das Vergnugen versagen, Mylord Seymour anzuschauen. Meine Blicke waren ohnehin fluchtig genug. Ich will Sie selbst nicht mehr aufsuchen, wenn Sie in einem glucklichen Gesprache mit dem liebenswerten Manne begriffen sind. Sie sollen sehen, dass Sophie Sternheim das Gluck ihres Herzens durch keinen Raub zu erhalten sucht! Emilia, eine Trane fullte mein Auge bei diesem Gedanken. Aber der Verlust einer geliebten Freundin, der einzigen, die ich hier hatte, der Verlust des Umgangs eines wurdigen Mannes, den ich hochschatze, dieser Verlust verdient eine Trane. D. wird mich keine andre kosten; morgen, mein Kind, morgen wunsche ich abzureisen.
Warum sagt mir Ihr Brief nichts von meinem Pflegvater; warum nichts von Ihrer Reise und Ihrem Gesellschafter?
Emilia, Ihre Briefe, Ihre Liebe und Vertrauen sind alles Gute, so ich noch erwarte.
D. hat nichts nichts fur mich.
Mylord Derby
an seinen Freund in Paris
Bald werde ich deinen albernen Erzahlungen ein Ende machen, die ich bisher nur deswegen geduldet, weil ich sehen wollte, wie weit du deine Prahlerei in dem Angesichte deines Meisters treiben wurdest. Auch solltest du heute die Geissel meiner Satyre fuhlen, wenn ich nicht im Sinne hatte, dir den Entwurf einer deutsch-galanten Historie zu zeigen, zu deren Ausfuhrung ich mich fertig mache. Was wollen die Pariser Eroberungen sagen, die du nur durch Gold erhaltst? Dann was wurde sonst eine Franzosin mit deinem breiten Gesicht und hagern Figurchen machen; die Eroberungen der Herren Mylords in Paris, was sind die? Eine Kokette, eine Aktrice, beide artig einnehmend; aber sie waren es schon fur so viel Leute, dass man ein Tor sein muss, sich daruber zu beloben. War ich nicht auch da, meine schone Herren? und weiss ich nicht ganz sicher, dass die wohlerzogene Tochter eines angesehenen Hauses und die geistvolle achtungswerte Frau gar nicht die Bekanntschaften sind, die man uns machen lasst? Also prahle mir nicht mehr, mein guter B*, denn von Siegen wie die eurige ist kein Triumphlied zu singen. Aber ein den Gottern gewidmetes Meisterstuck der Natur und der Kunst zu erbeuten, den Argus der Klugheit und Tugend einzuschlafern, Staatsminister zu betrugen, alle weithergesuchte Vorbereitungen eines gefahrlichen und geliebten Nebenbuhlers zu zernichten, ohne dass man die Hand gewahr wird, welche an der Zerstorung arbeitet, dies verdient angemerkt zu werden!
Du weisst, dass ich der Liebe niemals keine andere Gewalt als uber meine Sinnen gelassen habe, deren feinstes und lebhaftestes Vergnugen sie ist. Daher war die Wahl meiner Augen immer fein, daher meine Gegenstande immer abgewechselt. Alle Klassen von Schonheiten haben mir gefronet; ich wurde ihrer satt und suchte nun auch die Hasslichkeit zu meiner Sklavin zu machen; nach dieser mussten mir Talente und Charakter unterwurfig werden. Wieviel Anmerkungen konnten nicht die Philosophen und Moralisten uber die feinen Netze und Schlingen machen, in denen ich die Tugend oder den Stolz, die Weisheit oder den Kaltsinn, die Koketterie und selbst die Frommigkeit der ganzen weiblichen Welt gefangen habe. Ich dachte schon mit Salomo, dass fur mich nichts Neues mehr unter der Sonne ware. Aber Amor lachte meiner Eitelkeit. Er fuhrte aus einem elenden Landwinkel die Tochter eines Obersten herbei, deren Figur, Geist und Charakter so neu und reizend ist, dass meinen vorigen Unternehmungen die Krone fehlte, wenn sie mir entwischen sollte. Wachsam muss ich sein; Seymour liebt sie; lasst sich aber durch Mylord G. leiten, weil diese Rose fur den Fursten bestimmt ist, bei dem sie einen Prozess fur ihren Oheim gewinnen soll. Der Sohn des Grafen F. bietet sich zur Vermahlung mit ihr an, um den Mantel zu machen; wenn sie ihn aber liebt, so will er die Anschlage des Grafen Lobau und seines Vaters zunichte machen; der schlechte Pinsel! er soll sie nicht haben. Seymour mit seiner schwermutigen Zartlichkeit, die auf den Triumph ihrer Tugend wartet, auch nicht; und der Furst der ist sie nicht wert! Fur mich soll sie gebluht haben, das ist festgesetzt; allem meinem Verstand ist aufgeboten, ihre schwache Seite zu finden. Empfindlich ist sie; ich hab' es ihren Blikken angesehen, die sie manchmal auf Seymouren wirft, wenn es gleich ich bin, der mit ihr redet. Freimutig ist sie auch; dann sie sagte mir, es dunkte sie, dass es meinem Herzen an Gute fehle. "Halten Sie Mylord Seymour fur besser als mich?" fragte ich sie. Sie errotete und sagte, er ware es. Damit hat sie mir eine wutende Eifersucht gegeben, aber zugleich den Weg zu ihrem Herzen gezeigt. Ich bin zu einer beschwerlichen Verstellung gezwungen, da ich meinen Charakter zu einer Harmonie mit dem ihrigen stimmen muss. Aber es wird eine Zeit kommen, wo ich sie nach dem meinigen bilden werde. Dann mit ihr werd' ich diese Muhe nehmen, und gewiss, sie soll neue Entdeckungen in dem Lande des Vergnugens machen, wenn; ihr aufgeklarter und feiner Geist alle seine Fahigkeiten dazu anwenden wird. Aber das Lob ihrer Annehmlichkeiten und Talenten ruhrt sie nicht; die allgemeinen Kennzeichen einer eingeflossten Leidenschaft sind ihr auch gleichgultig. Hoheit des Geistes und Gute der Seele scheinen in einem seltenen Grad in ihr verbunden zu sein; so wie in ihrer Person alle Reize der vortrefflichsten Bildung mit dem ernsthaften Wesen, welches grosse Grundsatze geben, vereinigt sind. Jede Bewegung, die sie macht, der blosse Ton ihrer Stimme, lockt die Liebe zu ihr; und ein Blick, ein einziger ungekunstelter Blick ihrer Augen, scheint sie zu verscheuchen; so eine reine unbefleckte Seele wird man in ihr gewahr. Halt einmal: wie komme ich zu diesem Geschwatz? So lauteten die Briefe des armen Seymour, da er in die schone Y** verliebt war: sollte mich diese Landjungfer auch zum Schwarmer machen? Soweit es zu meinen Absichten dient, mag es sein; aber, beim Jupiter, sie soll mich schadlos halten! Ich habe Mylords G-s zweiten Sekretar gewonnen; der Kerl ist ein halber Teufel. Er hatte die Theologie studiert, aber sie wegen der strengen Strafe, die er uber eine Buberei leiden mussen, verlassen; und seitdem sucht er sich an allen frommen Leuten zu rachen. Es ist gut, wenn man ihren Stolz demutigen kann, sagte er; durch ihn will ich Mylord Seymouren ausforschen. Er kann den letzten wegen der Moral, die er immer predigt, nicht ausstehen. Du siehst, dass der Theologe eine starke Verwandlung erlitten hat, aber so einen Kerl brauche ich itzt, weil ich selbst nicht frei agieren kann; heute nichts mehr, man unterbricht mich.
Fraulein von Sternheim
an Emilia
Emilia! ich erliege fast unter meinem Kummer; mein Pflegvater tot! warum schrieben Sie mir oder doch Rosinen nichts, als da alles vorbei war? Die gute Rosine vergeht vor Jammer. Ich suche sie zu trosten, und meine eigne Seele ist niedergeschlagen. Meine werte Freundin, die Erde deckt nun das Beste, das sie uns gegeben hatte, gutige verehrungswurdige Eltern! Kein Herz kennt Ihren Verlust so wohl als das meinige; ich empfinde Ihren Schmerz doppelt. Warum konnte ich seinen Segen nicht selbst horen? Warum benetzen meine Tranen seine heilige Grabstatte nicht? da ich mit gleichen kindlichen Gesinnungen wie seine Tochter um ihn weine. Die arme Rosine! Sie knieet bei mir, ihr Kopf liegt auf meinem Schosse, und ihre Tranen traufeln auf die Erde. Ich umarme sie und weine mit. Gott lasse durch unsern Kummer Weisheit in unsrer Seele aufbluhen und erfulle dadurch den letzten Wunsch unserer Vater; besonders den, welchen mein Pflegvater fur seine Emilia machte, da seine zitternde Hand noch ihre Ehe einsegnete und sie so dem Schutz eines treuen Freundes ubergab. Tugend und Freundschaft sei mein und Rosinens Teil, bis die Reihe des Loses der Sterblichkeit auch uns in einer gluckseligen Stunde trifft! Mochte alsdann ein edles Herze mir Dank fur das gegebene Beispiel im Guten nachrufen und ein durch mich erquickter Armer mein Andenken segnen! Dann wurde der Weise, der Menschenfreund sagen konnen, dass ich den Wert des Lebens gekannt habe!
Ich kann nicht mehr schreiben, unsre Rosine gar nicht; sie bittet um ihres Bruders und ihrer Schwester Liebe und will immer bei mir leben. Ich hoffe, Sie sind es zufrieden und befestigen dadurch das Band unsrer Freundschaft. Edelmut und Gute soll es unzertrennlich machen. Ich umarme meine Emilia mit Tranen; Sie glauben nicht, wie traurig mir ist, dass ich diesen Brief schliessen muss, ohne etwas an meinen vaterlichen Freund beizusetzen. Ewige Gluckseligkeit lohne ihn und meinen Vater! Lassen Sie uns, meine Emilia, meine Rosina, so leben, dass wir ihnen einmal als wurdige Erbinnen ihrer Tugend und Freundschaft dargestellt werden konnen!
Mylord Seymour
an den Doktor B.
Immer wird mir das Fraulein liebenswurdiger, und ich ich werde immer unglucklicher. Der Furst und Derby suchen ihre Hochachtung zu erwerben; beide sehen, dass dies der einzige Weg zu ihrem Herzen ist. Der doppelte Eigensinn, den meine Leidenschaft angenommen, hindert mich, ein Gleiches zu tun. Ich bin nur bemuht, sie zu beobachten und eine untadelhafte Auffuhrung zu haben. Sie hingegen meidet mich und das Fraulein C*. Ich hore sie nicht mehr reden; aber die Erzahlung des Derby, dem sie Achtung erweiset, sind mir bestandige Beweise des Adels ihrer Seele. Ich glaube, dass sie die erste tugendhafte Bewegung in sein Herz gebracht hat. Denn vor einigen Tagen sagt' er mir: er hatte das Fraulein in eine Gesellschaft fuhren sollen, und wie er in ihr Zimmer gegangen sie abzuholen, habe er ihre Kammerjungfer vor ihr knien gesehen; das Fraulein selbst halb angezogen, ihre schonen Haare auf Brust und Nacken zerstreut, ihre Arme um das kniende Madchen geschlungen, deren Kopf sie an sich gedruckt, wahrend sie ihr mit beweglicher Stimme von dem Wert des Todes der Gerechten und der Belohnung der Tugend gesprochen. Tranen waren aus ihren Augen gerollt, die sie endlich gen Himmel gehoben und das Andenken ihres Vaters und noch eines Mannes fur ihren Unterricht gesegnet hatte. Dieser Anblick hatte ihn staunen gemacht; und wie das Fraulein ihn gewahr worden, habe sie gerufen: "O Mylord, Sie sind gar nicht geschickt, mich in diesem Augenblicke zu unterhalten; haben Sie die Gute zu gehen und mich bei meiner Tante zu entschuldigen; ich werde heute niemand sehen." Das feierliche und ruhrende Ansehen, so sie gehabt, hatte ihm ihren Vorwurf zweifach verbittert, da er die Geringschatzung gefuhlt, die sie fur seine Denkungsart habe. Er hatte auch geantwortet: wenn sie die Ehrfurcht sehen konnte, die er in diesem Augenblicke fur sie fuhlte, so wurde sie ihn ihres Vertrauens wurdiger achten. Da sie aber, ohne ihm zu antworten, ihren Kopf auf den von ihrem Madchen gelegt, ware er fortgegangen und hatte von der Grafin L* gehort, dass ihre Szene den Tod des Pfarrers von P. anginge, der das Fraulein zum Teil erzogen und der Vater ihrer Kammerjungfer gewesen; der Graf Lobau und seine Gemahlin waren froh, dass der schwarmerische Briefwechsel, den das Fraulein mit diesem Manne unterhalten, nun ein Ende hatte und man sie auf eine ihrem Stande gemassere Denkungsart leiten konne. Sie waren auch beide mit ihm zu dem Fraulein gegangen und hatten ihr ihre Traurigkeit und den Entschluss verwiesen, dass sie nicht in die Gesellschaft gehen wolle. "Meine Tante", habe sie geantwortet, "so viele Wochen habe ich der schuldigen Gefalligkeit gegen Sie und den Gewohnheiten des Hofes aufgeopfert; die Pflichten der Freundschaft und der Tugend mogen wohl auch einen Tag haben!" "Ja", habe die Grafin versetzt, "aber deine Liebe ist immer nur auf eine Familie eingeschrankt gewesen; du bist gegen die Achtung und Zartlichkeit, so man dir hier beweist, zu wenig empfindlich." Das Fraulein: "Meine gnadige Tante, es ist mir leid, wenn ich Ihnen undankbar scheine; aber verdiente der Mann, der meine Seele mit guten Grundsatzen und meinen Geist mit nutzlichen Kenntnissen erfullte, nicht ein grosseres Mass von Erkenntlichkeit als der hofliche Fremdling, der mich notigt, an seinen vorubergehenden Ergotzlichkeiten Anteil zu nehmen?" Die Grafin: "Du hattest schicklicher das Wort abwechselnde Ergotzlichkeiten gebrauchen konnen." Das Fraulein: "Alle diese Fehler beweisen Ihnen, dass ich fur den Hof sehr untauglich bin." Die Grafin: "Ja, heute besonders, du sollst auch zu Hause bleiben."
Derby erzahlte mir dieses mit einem leichtsinnigen Ton, aber gab genau auf meine Bewegungen acht. Sie wissen, dass ich sie selten verbergen kann, und in diesem Falle war mir's ganz unmoglich. Der Charakter des Frauleins ruhrte mich. Ich missgonnte Derbyn, sie gesehen und gehort zu haben. Unzufrieden auf mich, meinen Oncle und den Fursten, brach ich in den Eifer aus, zu sagen: "Das Fraulein hat den edelsten und seltensten Charakter; wehe den Elenden, die sie zu verderben suchen!" "Sie sind ein ebenso seltener Mann", erwiderte er, "als das Fraulein ein seltenes Frauenzimmer ist. Sie waren der schicklichste Liebhaber fur sie gewesen, und ich hatte ihr Vertrauter und Geschichtschreiber sein mogen."
"Ich glaube nicht, Mylord Derby, dass Ihnen das Fraulein oder ich diesen Auftrag gemacht hatte", sagte ich. Uber diese Antwort sah ich eine Miene an ihm, die mir ganzlich missfiel; sie war lachelnd und nachdenkend; aber, mein Freund, ich konnte mich nicht enthalten, in meinem Herzen zu sagen, so lachelt Satan, wenn er sich eines giftigen Anschlags bewusst ist.
Fraulein von Sternheim
an Emilien
Ihr Stilleschweigen, meine Freundin, dunket mich und Rosinen sehr lange und unbillig; aber ich werde mich wegen der Unruhe, die Sie mir dadurch gemacht, nicht anders rachen, als Ihnen, wenn ich einmal eine lange Reise mache, auf halbem Wege zu schreiben; denn da ich weiss, wie Sie mich lieben, so konnte ich den Gedanken nicht ertragen, Ihrem zartlichen Herzen den Kummer fur mich zu geben, den das meinige in dieser Gelegenheit fur Sie gelitten. Aber Ihre gluckliche Ankunft in W. und Ihr Vergnugen uber Ihre Aussicht in die Zukunft hat mich dafur belohnt. Auch ohne dies, wie sehr, meine Emilia, bin ich erfreut, dass mir mein Schicksal zu gleicher Zeit einen vergnugten Gegenstand zu etlichen Briefen an Sie gegeben hat! Denn hatte ich fortfahren mussen, uber verdriessliche Begegnisse zu klagen, so ware Ihre Zufriedenheit durch mich gestort worden, da Ihr liebreiches Herz einen so lebhaften Anteil an allem nimmt, was mich und die seltene Empfindsamkeit meiner Seele betrifft. Ich habe in dieser fur mich so durren moralischen Gegend, die ich seit drei Monaten durchwandre, zwei angenehme Quellen und ein Stuck urbares Erdreich angetroffen, wobei ich mich eine Zeitlang aufhalten werde, um bei dem ersten meinen Geist und mein Herz zu erfrischen und fur die Anpflanzung und Kultur guter Fruchte bei dem letztern zu sorgen. Doch ich will ohne Gleichnis reden. Sie wissen, dass die Erziehung, die ich genossen, meine Empfindungen und Vorstellungen von Vergnugen mehr auf das Einfache und Nutzliche lenkte als auf das Kunstliche und nur allein Belustigende. Ich sah die Zartlichkeit meiner Mama niemals in Bewegung als bei Erzahlung einer edeln, grossmutigen Handlung oder einer, so von der Ausubung der Pflichten und der Menschenliebe und andern Tugenden gemacht wurde. Niemals druckte sie mich mit mehr Liebe an ihr Herz, als wenn ich etwas sagte oder etwas fur einen Freund des Hauses, fur einen Bedienten oder Untertanen unternahm, so die Kennzeichen der Wohltatigkeit und Freude uber anderer Vergnugen an sich hatte; und ich habe sehr wohl bemerkt, dass, wenn mir, wie tausend andern Kindern, ungefahr eine feine und schickliche Anmerkung oder ein Gedanke beigefallen, woruber oft die ganze Gesellschaft in Bewunderung und Lob ausgebrochen, sie nur einen Augenblick gelachelt und sofort die Achtung, welche mir ihre Freunde zeigen wollten, auf die Seite des tatigen Lebens zu lenken gesucht, indem sie entweder etwas von meinem Fleiss in Erlernung einer Sprache, des Zeichnens, der Musik oder anderer Kenntnisse lobte, oder von einer erbetenen Belohnung oder Wohltat fur jemand redte, und mir also dadurch zu erkennen gab, dass gute Handlungen viel ruhmwurdiger sein als die feinsten Gedanken. Wie einnehmend bewies mein Papa mir diesen Grundsatz, da er mich in dem Naturreiche auf die Betrachtung fuhrte, dass die Gattungen der Blumen, welche nur zu Ergotzung des Auges dienten, viel weniger zahlreich und ihre Fruchtbarkeit weit schwacher ware5 als der nutzlichen Pflanzen, die zur Nahrung der Menschen und Tiere dienen; und waren nicht alle Tage seines Lebens mit der Ausubung dieses Satzes bezeichnet? Wie nutzlich suchte er seinen Geist und seine Erfahrungen seinen Freunden zu machen? Was tat er fur seine Untergebenen und fur seine Untertanen? Nun, meine Emilie! mit diesen Grundsatzen, mit diesen Neigungen kam ich in die grosse Welt, worin der meiste Teil nur fur Aug und Ohr lebt, wo dem vortrefflichen Geist nicht erlaubt ist, sich anders als in einem vorubergehenden witzigen Einfalle zu zeigen; und Sie sehen, mit wie vielem Fleisse meine Eltern die Anlage zu diesem Talent in mir zu zerstoren suchten.
Ganz ist es nicht von mir gewichen; doch bemerkte ich seine Gegenwart niemals mehr als in einem Anfalle von Missvergnugen oder Verachtung uber jemands Ideen oder Handlungen. Urteilen Sie selbst daruber! Letzthin wurde ich durch meine Liebe fur Deutschland in ein Gesprach verflochten, worin ich die Verdienste meines Vaterlandes zu verteidigen suchte; ich tat es mit Eifer; meine Tante sagte mir nachher, ich hatte einen schonen Beweis gegeben, dass ich die Enkelin eines Professors sei. Dieser Vorwurf argerte mich. Die Asche meines Vaters und Grossvaters war beleidigt, und meine Eigenliebe auch. Diese antwortete fur alle dreie. "Es ware mir lieber, durch meine Gesinnungen den Beweis zu geben, dass ich von edeldenkenden Seelen abstamme, als wenn ein schoner Name allein die Erinnerung gabe, dass ich aus einem ehemals edeln Blute entsprossen sei." Dieses verursachte eine Kalte von einigen Tagen unter uns beiden; doch unvermerkt erwarmten wir uns wieder. Meine Tante, denke ich, weil sie nach dem alt adeligen Stolz fuhlte, wie empfindlich es sein musse, wenn einem der Mangel von Ahnen vorgeworfen wurde; und ich, weil ich meine rachende Antwort missbilligte, die mich just auf eben die niedere Stufe setzte, auf welcher mir meine Tante den unedlen Vorwurf gemacht hatte. Doch es ist Zeit, Sie zu einer von den zwoen Quellen zu fuhren, wovon ich Ihnen nach meiner Liebe zur Bildersprache geredet habe.
Die erste hat sich in Privatbesuchen gezeigt, welche meine Tante empfangt und ablegt, worin ich eine Menge abwechselnder Betrachtungen uber die unendliche Verschiedenheit der Charakter und Geister machen kann, die sich in Beurteilungen, Erzahlungen, Wunschen und Klagen abdrucken. Aber was fur einen Zirkel von Kleinigkeiten damit durchloffen wird; mit was fur Hastigkeit die Leute bemuht sind, einen Tag ihres Lebens auf die Seite zu raumen; wie oft der Hofton, der Modegeist, die edelsten Bewegungen eines von Natur vortrefflichen Herzen unterdruckt und, um das Auszischen der Modeherren und Modedamen zu vermeiden, mit ihnen lachen und beistimmen heisst: dies erfullt mich mit Verachtung und Mitleiden. Der Durst nach Ergotzlichkeiten, nach neuem Putz, nach Bewunderung eines Kleides, eines Meubles, einer neuen schadlichen Speise, o meine Emilia! wie bange, wie ubel wird meiner Seele dabei zumute, weil ich gewohnt bin, allen Sachen ihren eigentlichen Wert zu geben! Ich will von dem falschen Ehrgeiz nicht reden, der so viele niedrige Intrigen anspinnt, vor dem im Glucke sitzenden Laster kriecht, Tugend und Verdienste mit Verachtung ansieht, ohne Empfindung Elende macht. Wie glucklich sind Sie, meine Freundin! Ihre Geburt, Ihre Umstande haben Sie nicht von dem Ziel unserer moralischen Bestimmung entfernt; Sie konnen ohne Scheu, ohne Hindernis alle Tugenden, alle edeln und nutzlichen Talente uben; in den Tagen Ihrer Gesundheit, in den Jahren Ihrer Krafte alles Gute tun, was die meisten in der grossen Welt in ihren letzten Stunden wunschen getan zu haben!
Indessen geniessen dennoch Religion und Tugend ganz schatzbare Ehrenbezeugungen. Die Hofkirchen sind prachtig geziert, die besten Redner sind zu Predigern darinnen angestellt, die Gottesdienste werden ordentlich und ehrerbietig besucht; der Wohlstand im Reden, im Bezeugen wird genau und angstlich beobachtet; kein Laster darf ohne Maske erscheinen; ja selbst die Tugend der Nachstenliebe erhalt eine Art von Verehrung in den ausgesuchten und feinen Schmeicheleien, die immer eines der Eigenliebe des andern macht. Alles dieses ist eine Quelle zu moralischen Betrachtungen fur mich worden, aus welcher ich den Nutzen schopfe, in den Grundsatzen meiner Erziehung immer mehr und mehr bestarkt zu werden. Oft beschaftigt sich meine Phantasie mit dem Entwurf einer Vereinigung der Pflichten einer Hofdame, zu denen sie von ihrem Schicksal angewiesen worden, mit den Pflichten der vollkommenen Tugend, welche zu dem Grundbau unserer ewigen Gluckseligkeit erfodert wird. Es lasst sich eine Verbindung denken; allein es ist so schwer, sie immer in einer gleichen Starke zu erhalten, dass mich nicht wundert, so wenig Personen zu sehen, die darum bekummert sind. Wie oft denke ich, wenn ein Mann, wie mein Vater war, den Platz des ersten Ministers hatte, dieser Mann ware der verehrungswurdigste und glucklichste der Menschen.
Es ist wahr, viele Muhseligkeit wurde seine Tage begleiten; doch die Betrachtung des grossen Kreises, in welchem er seine Talente und sein Herz zum Besten vieler tausend Lebenden und Nachkommenden verwenden konnte; diese Aussicht, die schonste fur eine wahrhaft erhabne und gutige Seele, musste ihm alles leicht und angenehm machen. Die Kenntnis des menschlichen Herzens wurde seinem feinen Geiste den Weg weisen, das Vertrauen des Fursten zu gewinnen; seine Rechtschaffenheit, tiefe Einsicht und Starke der Seele, fanden dadurch ihre naturliche Obermacht unterstutzt, so dass die ubrigen Hof- und Dienstleute sich fur den Zugel und das Leitband des weisen und tugendhaften Ministers ebenso lenksam zeigen wurden, als man sie taglich bei den Unvollkommenheiten des Kopfs und den Fehlern des Herzens derjenigen sieht, von welchen sie Gluck und Beforderung erwarten. So, meine Emilia, beschaftigt sich meine Seele oft, seitdem ich von den Umstanden, dem Charakter und den Pflichten dieser oder jener Person unterrichtet bin. Meine Phantasie stellt mich nach der Reihe an den Platz derer, die ich beurteile; dann messe ich die allgemeinen moralischen Pflichten, die unser Schopfer jedem Menschen, wer er auch sei, durch ewige unveranderliche Gesetze auferlegt hat, nach dem Vermogen und der Einsicht ab, so diese Person hat, sie in Ausubung zu bringen. Auf diese Weise war ich schon Furst, Furstin, Minister, Hofdame, Favorit, Mutter von diesen Kindern, Gemahlin jenes Mannes, ja sogar auch einmal in dem Platz einer regierenden und alles fuhrenden Matresse; und uberall fand ich Gelegenheit, auf mannigfaltige Weise Gute und Klugheit auszuuben, ohne dass die Charakter oder die politische Umstande in eine unangenehme Einformigkeit gefallen waren. Bei vielen habe ich Ideen und Handlungen angetroffen, deren Richtigkeit, Gute und Schonheit ich so leicht nicht hatte erreichen, noch weniger verbessern konnen; aber auch bei vielen war ich mit meinem Kopf und Herzen besser zufrieden als mit dem ihrigen. Naturlicherweise fuhrte mich die Billigkeit nach diesen phantastischen Reisen meiner Eigenliebe auf mich selbst und die Pflichten zuruck, die mir auszurichten angewiesen sind. Sie verband mich, so genau und streng in Berechnung meiner Talente und Krafte fur meinen Wirkungskreis zu sein, als ich es gegen andre war; und dadurch, meine Emilia, habe ich eine Quelle entdeckt, meine Aufmerksamkeit auf mich selbst zu verstarken, Kenntnisse, Empfindung und Uberzeugung des Guten tiefer in mein Herz zu graben und mich von Tag zu Tag mehr zu versichern, wie sehr ein grosser Beobachter der menschlichen Handlungen recht hatte, zu behaupten: "dass sehr wenige Personen sein, welche das ganze Mass ihrer moralischen und physikalischen Krafte nutzten". Denn in Wahrheit, ich habe viele leere Stellen in dem Zirkel meines Lebens gefunden, zum Teil auch solche, die mit verwerflichen Sachen und nichts werten Kleinigkeiten ausgefullt waren. Das soll nun weggeraumt werden, und weil ich nicht unter der glucklichen Klasse von Leuten bin, die gleich von Haus aus ganz klug, ganz gut sind, so will ich doch unter die gehoren, die durch Wahrnehmungen des Schadens der andern weise und rechtschaffen werden, um ja nicht unter die zu geraten, welche nur durch Erfahrung und eignes Elend besser werden konnen.
Fraulein von Sternheim
an Emilien
Ich danke Ihnen, meine wahre Freundin, dass Sie mich an den Teil meiner Erziehung zuruckgewiesen, der mich anfuhrte, mich an den Platz der Personen zu stellen, wovon ich urteilen wollte; aber nicht allein, um zu sehen, was ich in ihren Umstanden wurde getan haben, sondern auch mir die so notige menschenfreundliche Behutsamkeit zu geben, "nicht alles, was meinen Grundsatzen, meinen Neigungen zuwider ist, als bose oder niedrig anzusehen". Sie haben mich daran erinnert, weil Ihnen meine Unzufriedenheit mit den Hofleuten zu unbillig und zu lebhaft und beinahe ungerecht schien. Ich habe Ihnen gefolgt und dadurch die zwote Quelle meiner Verbesserung gefunden, indem ich meine Abneigung vor dem Hofe durch die Vorstellung gemassigt, dass gleichwie in der materiellen Welt alle mogliche Arten von Dingen ihren angewiesenen Kreis haben, darin sie alles antreffen, was zu ihrer Vollkommenheit beitragen kann: so moge auch in der moralischen Welt das Hofleben der Kreis sein, in welchem allein gewisse Fahigkeiten unsers Geistes und Korpers ihre vollkommene Ausbildung erlangen konnen; als z E. die hochste Stufe des feinen Geschmacks in allem, was die Sinnen ruhrt und von der Einbildungskraft abhangt; dahin nicht allein die unendliche Menge Sachen aller Kunste und beinahe aller Notdurftigkeiten von Nahrung, Kleidung, Geratschaft nebst allen Arten von Verzierungen gehoren, deren alle Gattungen von ausserlichen Gegenstanden fahig sind, sich beziehen. Der Hof ist auch der schicklichste Schauplatz, die ausserordentliche Biegsamkeit unsers Geistes und Korpers zu beweisen; eine Fahigkeit, die sich daselbst in einer unendlichen Menge feiner Wendungen in Gedanken, Ausdruck und Gebarden, ja selbst in moralischen Handlungen aussert, je nachdem Politik, Gluck oder Ehrgeiz von einer oder andern Seite eine Bewegung in der Hofluft verursachen. Viele Teile der schonen Wissenschaften haben ihre vollige Auspolierung in der grossen Welt zu erhalten; gleichwie Sprachen und Sitten allein von den da wohnenden Grazien eine ausgesuchte angenehme Einkleidung bekommen. Alles dieses sind schatzbare Vorzuge, die auf einen grossen Teil der menschlichen Gluckseligkeit ihren Einfluss haben und wohl ganz sicher Bestandteile davon ausmachen. Das Pflanzenund Tierreich hat seine Zuge von Schonheit und Zierlichkeit in Form, Ebenmass und Farbenmischung; auch die rauhesten Nationen haben Ideen von Verschonerung. Unser Gesicht, Geschmack und Gefuhl sind auch nicht umsonst mit so grosser Empfindlichkeit im Vergleichen, Wahlen, Verwerfen und Zusammensetzen begabt, so dass es ganz billig ist, diese Fahigkeiten zu benutzen, wenn nur die Menschen nicht so leicht und so gerne uber die Grenzen traten, die fur alles gezogen sind. Doch wer weiss, ob nicht selbst dieses Uberschreiten der Grenzen seine Triebfeder in der Begierde nach Vermehrung der Vollkommenheit unsers Zustandes hat? Einer Begierde, die der grosste Beweis der Gute unsers Schopfers ist, weil sie, so sehr sie in gesunden und glucklichen Tagen irrig und ubel verwendet wird, dennoch im Ungluck, in dem Zeitpunkt der Auflosung unsers Wesens, ihre Aussicht und Hoffnung auf eine andere Welt und dort immer daurende unabanderliche Gluckseligkeiten und Tugenden wendet und dadurch allein einen Trost erteilt, welchen alle andre Hulfsmittel nicht geben konnen. Sie denken leicht, meine Emilia, in wieviel Stunden des Nachdenkens und Uberlegens sich alle diese hier nur fluchtig beruhrte Gegenstande abteilen lassen, und Sie sehen auch, dass mir dabei, neben den ubrigen Zerstreuungen, die mir das Haus meiner Tante gibt, kein Augenblick zu Langerweile bleibt.
Nun will ich Sie zu dem Stuck urbaren Erdreichs fuhren, das ich angetroffen habe. Dieses geschah auf dem Landgute des Grafen von F*. Eine Brunnenkur, deren sich die Grafin bedient, gab Gelegenheit, dass wir auf ein paar Tage zu einem Besuch dahin reisten. Meine Tante hatte die Grafin B* und das Fraulein R. auch hinbestellt, und der Zufall brachte den Lord Derby dazu. Gut, Haus und Garten ist sehr schon. Die Damen hatten viele kleine weibliche Angelegenheiten unter sich auszumachen; man schickte also das Fraulein R. und mich mit Herrn Derby auf einen Spaziergang. Erst durchliefen wir das ganze Haus und den Garten, wo Mylord in Wahrheit ein angenehmer Gesellschafter war, indem er uns von der Verschiedenheit unterhielt, die der Nationalgeist eines jeden Volks in die Bauart und die Verzierungen legte. Er machte uns Beschreibungen und Vergleichungen von englischen, italienischen und franzosischen Garten und Hausern, zeichnete auch wohl eines und das andre mit einer ungemeinen Fertigkeit und ganz artig ab. Kurz, wir waren mit unserm Spaziergang so wohl zufrieden, dass wir Abrede nahmen, den andern Tag nach dem Fruhstuck auf das freie Feld und in dem Dorfe herumzugehen.
Es waren zween gluckliche Tage fur mich. Landluft, freie Aussicht, Ruhe, schone Natur, der Segen des Schopfers auf Wiesen und Kornfeldern, die Emsigkeit des Landmanns. Mit wieviel Zartlichkeit und Bewegung heftete ich meine Blicke auf dies alles! Wieviel Erinnerungen brachte es in mein Herz von verflossenen Zeiten, von genossener Zufriedenheit! Wie eifrig machte ich Wunsche fur meine Untertanen; fur Segen zu ihrer Arbeit und fur die Zuruckkunft meiner Tante R.! Sie wissen, meine Emilia, dass mein Gesicht allezeit die Empfindungen meiner Seele ausdruckt. Ich mag zartlich und geruhrt ausgesehen haben; der Ton meiner Stimme stimmte zu diesen Zugen. Aber Lord Derby erschreckte mich beinahe durch das Feuer, mit dem er mich betrachtete, durch den Eifer und die Hastigkeit, womit er mich bei der Hand fasste, und auf englisch sagte: "Gott! wenn die Liebe einmal diese Brust bewegt und diesen Ausdruck von zartlicher Empfindung in diese Gesichtszuge legt, wie gross wird das Gluck des Mannes sein, der "
Meine Verwirrung, die Art von Furcht, die er mir gab, war ebenso sichtbar als meine vorige Bewegungen; sogleich hielt er in seiner Rede inne, zog seine Hand ehrerbietig zuruck und suchte in allem seinem Bezeugen den Eindruck von Heftigkeit seines Charakters zu mildern, den er mir gegeben hatte.
Wir gingen in die Hauptgasse des schonen Dorfs; da wir in der Halfte waren, mussten wir einem Karrn ausweichen, der hinter uns gefahren kam. Er war mit einer dichten Korbflechte bedeckt, doch sah man eine Frau mit drei ganz jungen Kindern darin. Die ruhrende Traurigkeit, die ich auf dem Gesichte der Mutter erblickte, das blasse, hagere Aussehen der Kinder, die reinliche, aber sehr schlechte Kleidung von allen zeugte von Armut und Kummer dieser kleinen Familie. Mein Herz wurde bewegt; die Vorstellung ihrer Not und die Begierde zu helfen wurden gleich stark. Froh, sie an dem Wirtshause absteigen zu sehen, bedacht ich mich nicht lange. Ich gab vor, ich kennte diese Frau und wollte etwas mit ihr reden, und bat den Lord Derby, das Fraulein R. zu unterhalten, bis ich wiederkame. Er sah mich daruber mit einem ernsthaften Lacheln an und kusste den Teil seines Armels, wo ich im Eifer meine Hand auf seinen Arm gelegt hatte. Ich errotete und eilte zu der armen Familie.
Bei dem Eintritt in das Haus fand ich alle im Gang an einer Stiege sitzen; die Frau mit weinenden Augen beschaftigt, aus einem kleinen Sack ein seiden Halstuch und eine Schurze zu nehmen, die sie der Wirtin zu kaufen anbot, um Geld genug zu bekommen, den Fuhrmann zu bezahlen. Zwei Kinder riefen um Brot und Milch; ich fasste mich, so ausserst geruhrt ich war, naherte mich und sagte der armen Frau mit der Miene einer Bekannten, es ware mir lieb, sie wiederzusehen. Ich tat dieses, um ihr die Verwirrung zu vermeiden, die ein empfindliches Herz fuhlt, wenn es viele Zeugen seines Elends hat, und weil der Ungluckliche eine Art von Achtung, so ihm Angesehene und Beguterte erweisen, auch als einen Teil Wohltat aufnimmt. Ich sagte der Wirtin, sie sollte mir ein Zimmer anweisen, in welchem ich mit der Frau allein reden konnte, und bestellte, den Kindern ein Abendbrot zurechte zu machen. Wahrend ich dieses sagte, machte die Wirtin ein Zimmer auf, und die gute arme Frau stund mit ihrem kleinen Kind im Arm da und sah mich mit fremdem Erstaunen an. Ich reichte ihr die Hand und bat sie, in das Zimmer zu gehen, wohin ich die zwei altern Kinder fuhrte. Da ich die Ture zugemacht, leitete ich die zitternde Mutter zu einem Stuhl, mit dem Zeichen, sich zu setzen, bat sie, ruhig zu sein und mir zu vergeben, dass ich mich ihr so zudringe. Ich wollte auch nicht unbescheiden mit ihr handeln; sie solle mich fur ihre Freundin ansehen, die nichts anders wunsche, als ihr an einem fremden Orte nutzlich zu sein. Eine Menge Tranen hinderten sie zu reden, dabei sah sie mich mit einem von Hoffnung und Jammer bezeichneten Gesichte an.
Ich reichte ihr wehmutig die Hand. "Sie leiden fur Sie und Ihre Kinder unter einem harten Schicksal", sagte ich; "ich bin reich und unabhangig, mein Herz kennt die Pflichten, welche Menschlichkeit und Religion den Beguterten auflegen; gonnen Sie mir das Vergnugen, diese Pflichten zu erfullen und Ihren Kummer zu erleichtern." Indem ich dieses sagte, nahm ich von meinem Gelde, bat sie, es anzunehmen und mir den Ort ihres Aufenthalts zu sagen. Die gute Frau rutschte von ihrem Stuhle auf die Erde und rief mit ausserster Bewegung aus:
"O Gott, was fur ein edles Herz lasst du mich antreffen!"
Die zwei grossern Kinder liefen der Mutter zu, fielen um ihren Hals und fingen an zu weinen. Ich umarmte sie, hob sie auf, umfasste die Kinder und bat die Frau, sich zu fassen und stille zu reden. Es sollte hier niemand als ich ihr Herz und ihre Umstande kennen; sie sollte glauben, dass ich mich glucklich achten wurde, ihr Dienste zu beweisen; voritzt aber wollte ich nichts als den Ort ihres Aufenthalts wissen und ihr meinen Namen aufschreiben, welches ich auch sogleich mit Reissblei tat und ihr das Papier uberreichte.
Sie sagte mir, dass sie wieder nach D*, wo ihr Mann ware, zuruckginge, nachdem sie von einem Bruder, zu dem sie Zuflucht hatte nehmen wollen, abgewiesen worden ware. Sie wollte mir alle Ursachen ihres Elends aufschreiben und sich dann meiner Gute in Beurteilung ihrer Fehler empfehlen. Nach diesem las sie mein Papier. "Sind Sie das Fraulein von Sternheim? O was ist der heutige Tag fur mich? Ich bin die Frau des unglucklichen Rats T. Wenn Sie mich Ihrer Tante, der Grafin L. nennen, so verliere ich vielleicht Ihr Mitleiden; aber verdammen Sie mich nicht ungehort!" Dies sagte sie mit gefalteten Handen. Ich versprach es ihr gerne, umarmte sie und die Kinder und nahm Abschied mit dem Verbot, dass sie nichts von mir reden und die Wirtin glauben lassen sollte, dass wir einander kenneten. Im Weggehen befahl ich der Wirtin, der Mutter und den Kindern gute Betten, Essen und den folgenden Morgen eine gute Kutsche zu geben, ich wollte fur die Bezahlung sorgen. Mylord und das Fraulein R. waren in dem Garten des Wirtshauses, wo ich sie antraf und ihnen fur die Gefalligkeit dankte, dass sie auf mich gewartet hatten. Mein Gesicht hatte den Ausdruck des Vergnugens, etwas Gutes getan zu haben; aber meine Augen waren noch rot von Weinen. Der Lord sah mich oft und ernsthaft an und redete den ganzen ubrigen Spaziergang sehr wenig mit mir, sondern unterhielt das Fraulein R.; dies war mir desto angenehmer, weil es mich an einen Entwurf denken liess, dieser ganzen Familie so viel mir moglich aufzuhelfen, und dies, meine Emilia, ist das Stuck urbaren Erdreichs, so ich angetroffen: wo ich Sorgen, Freundschaft und Dienste aussaen will. Die Ernte und der Nutzen soll den drei armen Kindern zugute kommen. Denn ich hoffe, dass die Eltern der Pflichten der Natur getreu genug sein werden, um davon keinen andern Gebrauch, als zum Besten ihrer unschuldigen und unglucklichen Kinder zu machen. Gelingt mir alles, was ich tun will und was mir mein Herz angibt, so will ich meinen Aufenthalt segnen; dann nun achte ich die Zeit, die ich hier bin, nicht mehr fur verloren. Ich soll in wenigen Tagen von den Ursachen des Unglucks dieser Familie Nachricht erhalten, nach dem werde ich erst eigentlich wissen, was ich zu tun habe. Der Rat T* ist sehr krank, deswegen konnte die Frau noch nicht schreiben. Vorgestern kamen wir zuruck.
Mylord Derby
an Mylord B * in Paris
Du bist begierig, den Fortgang meiner angezeigten Intrige zu wissen. Ich will dir alles sagen. Weil man doch immer einen Vertrauten haben muss, so kannst du diese Ehrenstelle vertreten und dabei fur dich selbst lernen.
Lass dir nicht einfallen, zur Unzeit ein dummes Gelachter anzufangen, wenn ich dir frei bekenne, dass ich noch nicht viel wurde gewonnen haben, wenn der Zufall nicht mehr als mein Nachdenken und die feinste Wendung meines Kopfs zu Beforderung meiner Absichten beigetragen hatte. Ich bin damit zufrieden; denn meine Liebesgeschichte stehet dadurch in der namlichen Klasse wie die Staatsgeschafte der Hofe; der Zufall tut bei vielen das meiste, und die Weisheit manches Ministers besteht allein darin, durch die Kenntnis der Geschichte der vergangenen und gegenwartigen Staaten diesen Augenblick des Zufalls zu benutzen und die ubrige Welt glauben zu machen, dass es die Arbeit seiner tiefen Einsichten gewesen sei6. Nun sollst du sehen, wie ich diese Ahnlichkeit gefunden und wie ich mir eine unvorgesehene Gelegenheit durch die Historie der Leidenschaften und die Kenntnisse des weiblichen Herzens zu bedienen gewusst habe.
Ich war vor einigen Tagen in einer ungeduldigen Verlegenheit uber die Auswahl der Mittel, die ich brauchen musste, um das Fraulein von Sternheim zu gewinnen. Hatte sie nur gewohnlichen Witz und gewohnliche Tugend, so ware mein Plan leicht gewesen; aber da sie ganz eigentlich nach Grundsatzen denkt und handelt, so ist alles, wodurch ich sonst gefiel, bei ihr verloren. Besitzen muss ich sie, und das mit ihrer Einwilligung. Dazu gehort, dass ich mir ihr Vertrauen und ihre Neigung erwerbe. Nun bleibt mir nichts ubrig, als mir, wie der Minister, zufallige Anlasse nutzlich zu machen. Von beiden erfuhr ich letzthin die Probe auf dem Landgut der Grafin F*. Ich wusste, dass das Fraulein mit ihrer Tante auf etliche Tage hinging, und fand mich auch ein. Ich kam zweimal mit meiner Gottin und dem Fraulein R. allein auf den Spaziergang und hatte Anlass, etwas von meinen Reisen zu erzahlen. Du weisst, dass meine Augen gute Beobachter sind und dass ich manche halbe Stunde ganz artig schwatzen kann. Der Gegenstand war von Gebauden und Garten. Das Fraulein von Sternheim liebt Verstand und Kenntnisse. Ich machte mir ihre Aufmerksamkeit ganz vorteilhaft zunutze und habe ihre Achtung fur meinen Verstand so weit erhalten, dass sie eine Zeichnung zu sich nahm, die ich wahrender Erzahlung von einem Garten in England machte. Sie sagte dabei zu Fraulein R.: "Dieses Papier will ich zu einem Beweis aufheben, dass es Kavaliere gibt, die zu ihrem Nutzen und zum Vergnugen ihrer Freunde reisen." Dies ist ein wichtiger Schritt, der mich weit genug fuhren wird. Keine lacherliche Grimasse, dummer Junge, dass du mich uber diese Kleinigkeit froh siehst, da ich es sonst kaum uber den ganzen Sieg war; ich sage dir, das Madchen ist ausserordentlich. Aus ihren Fragen bemerkte ich eine vorzugliche Neigung fur England, die mir ohne meine Bemuhung von selbst Dienste tun wird. Ich redete vergnugt und ruhig fort; denn da sie durch die gleichgultige Gegenstande unserer Unterredung zufrieden und vertraut wurde, so hutete ich mich sehr, meine Liebe und eine besondere Aufmerksamkeit zu entdecken. Aber bald ware ich aus meiner Fassung geraten, weil ich eine Veranderung der Stimme und Gesichtszuge des Frauleins von Sternheim wahrnahm. Sie schien bewegt; ihre Antworten waren abgebrochen; ich redete aber mit Fraulein R., soviel ich konnte, gleichgultig fort, beobachtete aber die Sternheim genau. Indem brachte uns ein erhoheter Gang in dem Garten auf einen Platz, wo man das freie Feld entdeckte. Wir blieben stehen. Das bezaubernde Fraulein von Sternheim heftete ihre Blikke auf eine gewisse Gegend; eine feine Rote uberzog ihr Gesicht und ihre Brust, die von der Empfindung des Vergnugens eine schnellere Bewegung zu erhalten schien. Sehnsucht war in ihrem Gesicht verbreitet, und eine Minute darauf stund eine Trane in ihren Augen. B*, alles, was ich jemals Reizendes an andern ihres Geschlechts gesehen, ist nichts gegen den einnehmenden Ausdruck von Empfindung, der uber ihre ganze Person ausgegossen war. Kaum konnte ich dem gluhenden Verlangen widerstehen, sie in meine Arme zu schliessen. Aber ganz zu schweigen war mir unmoglich. Ich fasste eine ihrer Hande mit einem Arme, der vor Begierde zitterte, und sagte ihr auf englisch: ich weiss nicht mehr was; aber die Wut der Liebe muss aus mir gesprochen haben; denn ein angstlicher Schrecken nahm sie ein und entfarbte sie bis zur Totenblasse. Da war's Zeit mich zu erholen, und ich befliss mich, den ganzen ubrigen Abend recht ehrerbietig und gelassen zu sein. Mein Taubchen ist noch nicht kirre genug, um das Feuer meiner Leidenschaft in der Nahe zu sehen. Dieses loderte die ganze Nacht in meiner Seele; keinen Augenblick schlief ich; immer sah ich das Fraulein vor mir, und meine Hand schloss sie zwanzigmal mit der namlichen Heftigkeit zu, mit welcher ich die ihrige gefasst hatte. Rasend dachte ich, Sehnsucht und Liebe in ihr gesehen zu haben, die einen Abwesenden zum Gegenstand hatten; aber ich schwur mir, sie mit oder ohne ihre Neigung zu besitzen. Wenn sie Liebe, feurige Liebe fur mich bekommt, so kann es sein, dass sie mich fesselt; aber auch kalt soll sie mein Eigentum werden.
Der Morgen kam und fand mich wie einen tollen brennenden Narren mit offener Brust und Verstorten Gesichtszugen am Fenster. Der Spiegel zeigte mich mir unter einer Satansgestalt, die fahig gewesen ware, das gute furchtsame Madchen auf immer vor mir zu verscheuchen. Wild uber die Gewalt, so sie uber mich gewonnen, und entschlossen, mich dafur schadlos zu halten, warf ich mich aufs Bette und suchte einen Ausweg aus diesem Gemische von neuen Empfindungen und meinen alten Grundsatzen zu finden. Geduld brauchte es auf dem langweiligen Weg, den ich vor mir sah; weil ich nicht wissen konnte, dass der Nachmittag mir zu einem grossen Sprung helfen wurde. Als ich wieder in ihre Gesellschaft kam, war ich lauter Sanftmut und Ehrfurcht; das Fraulein stille und zuruckhaltend. Nach dem Essen liess man uns junge Leute wieder gehen, weil die Tante und die Grafin F* die Karte noch vollends zu mischen hatten, mit welcher sie das Fraulein dem Fursten zuspielen wollten. Nach unserer Abrede vom vorigen Tage gingen wir in das Dorf. Als wir gegen das Wirtshaus kamen, wo meine Leute einquartieret waren, begegnete uns ein kleiner Wagen mit einer Frau und Kindern beladen, der langsam vorbeiging und uns hinderte vorzukommen. Meine Sternheim sieht die Frau starr an, wird rot, nachdenklich, betrubt, alles schier in einem Anblick, und sieht dem Wagen melancholisch nach. Dieser halt an dem Wirtshause, die Leute steigen aus; die Blicke des Frauleins sind unbeweglich auf sie geheftet; Unruhe nimmt sie ein; sie sieht mich und das Fraulein R* an, wendet die Augen weg, endlich legt sie ihre Hand auf meinen Arm, und sagt mir auf englisch mit einem verschonerten Gesichte und bittender zartlicher Stimme: "Lieber Lord, unterhalten Sie doch das Fraulein R* einige Augenblicke hier, ich kenne diese Frau und will ein paar Worte mit ihr reden." Ich stutzte, machte eine einwilligende Verbeugung und kusste den Platz meines Rocks, wo ihre Hand gelegen war und mich sanft gedruckt hatte. Sie sieht dieses. Brennendrot und verwirrt eilt sie weg. Was T- dachte ich, muss das Madchen mit dem Weibe haben; sie mag wohl irgend einmal Brieftragerin oder sonst eine dienstfertige Kreatur in einem verborgenen Liebeshandel gewesen sein. Gestern nach meiner zartlichen Anrede war das Madchen stutzig; heute den ganzen Tag trocken, hoch, sah mich kaum an; ein Bettelkarrn fuhrt eine Art Kupplerin herbei, und ihre Gesichtszuge verandern sich, sie hat mit sich zu kampfen, und endlich werde ich der liebe Lord, auf den man die schone Hand legt, seinen Arm zartlich druckt, die Stimme, den Blick beweglich macht, um zu einer ungehinderten Unterredung mit diesem Weibe zu kommen. Hm! Hm! wie sieht's mit dieser strengen Tugend aus? Ich hatte das Fraulein R* in der Mistpfutze ersaufen mogen, um mich in dem Wirtshause zu verbergen und zuzuhoren. Diese sieht der Sternheim nach; und sagt: "Was macht das Fraulein in dem Wirtshause?" Ich antwortete kurz: sie hatte mir gesagt, dass sie diese Bettelfrau kenne und mit ihr etwas zu reden hatte. Sie lacht, schuttelt den Kopf mit der Miene des Affengesichts, das lang uber die Vorzuge der Freundin neidisch war, nichts tadeln konnte, und nun eine innerliche Freude uber den Schein eines Fehlers fuhlte. "Es wird wohl eine alte gute Bekanntin vom Dorfe P. sein", zischte die Natter, mit einem Ansehen, als ob sie ganz unterrichtet ware. Ich sagte ihr: ich wollte einen meiner Leute horchen lassen, denn ich ware selbst uber diesen Vorgang in Erstaunen; schickte auch einen nach ihr und suchte indessen die R* folgends auszulocken: was sie wohl von Fraulein Sternheim denke?
"Dass sie ein wunderliches Gemische von burgerlichem und adeligem Wesen vorstellt und ein wunderlich Gezier von Delikatesse macht, die sie doch nicht souteniert. Denn was fur ein Bezeugen von einer Person vom Stande ist das, von einer Dame und einem Kavalier wegzulaufen, um ich weiss nicht, wie ich sagen soll eine Frau zu sprechen, die sehr schlecht aussieht und die vielleicht am besten die Art angeben konnte, wie dieses Herz zu gewinnen ist, ohne dass die vielen Anstalten und Vorkehrungen notig waren, die man mit ihr macht."
Ich sagte wenig darauf, doch so viel, um sie in Atem zu halten, weiterzureden. Die Genealogie des Frauleins Sternheim wurde also vorgenommen, ihr Vater und ihre Mutter verleumdet und die Tochter lacherlich gemacht; mehr habe ich nicht behalten, der Kopf war mir warm. Die Sternheim blieb ziemlich lange weg. Endlich kam sie mit einem geruhrten, doch zufriednen Gesichte, etwas verweinten Augen und ruhigem Lacheln gegen uns, und mit einem Ton der Stimme, so weich, so voll Liebe, dass ich noch toller als vorher wurde und gar nicht mehr wusste, was ich denken sollte.
Das Fraulein R* betrachtete sie auf eine beleidigende Weise, und meine Gottin mochte unsere Verlegenheit gemerkt haben, denn sie schwieg, wie wir, in einem fort, bis wir wieder zu Hause kamen. Ich eilte abends fort, um meine Nachrichten zu horen. Da erzahlte mir mein Kerl: Er hatte die Wirtin und die Frau heulend uber die Gute des Frauleins angetroffen; die Frau sei dem Fraulein ganz fremd gewesen, hatte sich uber das Anreden dieser Dame verwundert und ware ihr mit sorgsamem Gesicht in die Stube gefolgt, wohin sie sie mit den Kindern gefuhrt. Da hatte ihr das Fraulein zugesprochen, sie um Vergebung fur ihr Zudringen gebeten und Hulfe angeboten, auch wirklich Geld gegeben, und nachdem sie erfahren, dass sie nach D* gehe und dort wohne, hatte sie ihren Namen und Aufenthalt der Frau aufgeschrieben und ihr auf das liebreichste fernere Dienste versichert, auch bei der Wirtin eine gute Kutsche bestellt, welche die Frau und Kinder nach Hause bringen sollte.
Ich dachte, mein Kerl oder ich musste ein Narr sein und widersprach ihm alles; aber er fluchte mir die Wahrheit seiner Geschichte; und ich fand, dass das Madchen den wunderlichsten Charakter hat. Was Twird sie rot und verwirrt, wenn sie etwas Gutes tun will; was hatte sie uns zu belugen, sie kenne die Frau; besorgte sie, wir mochten Anteil an ihrer Grossmut nehmen?
Aber diese Entdeckung, das Ungefahr, werde ich mir zunutze machen; ich will die Familie aufsuchen und ihr Gutes tun, wie Englander es gewohnt sind, und dieses, ohne mich merken zu lassen, dass ich etwas von ihr weiss. Aber gewiss werde ich keinen Schritt machen, den sie nicht sehen soll. Durch diese Wohltatigkeit werde ich mich ihrem Charakter nahern, und da man sich allezeit mit einer gewissen zartlichen Neigung an die Gegenstande seines Mitleidens und seiner Freigebigkeit heftet, so muss in ihr notwendigerweise eine gute Gesinnung fur denjenigen entstehen, der, ohne ein Verdienst dabei zu suchen, das Gluck in eine Familie zuruckrufen hilft. Ich werde schon einmal zu sagen wissen, dass ihr edles Beispiel auf mich gewirkt habe, und wenn ich nur eine Linie breit Vorteil uber ihre Eigenliebe gewonnen habe, so will ich bald bei Zollen und Spannen weitergehen.
Sie beobachtet mich scharf, wenn ich nahe bei ihr in ein Gesprach verwickelt bin. Dieser kleinen List, mich ganz zu kennen, setzte ich die entgegen, allezeit, wenn sie mich horen konnte, etwas Vernunftiges zu sagen oder den Diskurs abzubrechen und recht altklug auszusehen. Aber ob schon ihre Zuruckhaltung gegen mich schwacher geworden ist, so ist es doch nicht Zeit von Liebe zu reden; die Waagschale zieht noch immer fur Seymour. Ich mochte wohl wissen, warum das gesunde junge Madchen den blassen traurigen Kerl meiner frischen Farbe und Figur vorzieht und seinen krachzenden Ton der Stimme lieber hort als den muntern Laut der meinigen, seine toten Blicke sucht und mein redendes Auge flieht? Sollte soviel Wasser in ihre Empfindungen gegossen sein? Das wollen wir beim Ball sehen, der angestellt ist, denn da muss eine Lucke ihres Charakters zum Vorschein kommen, wenigstens sind alle moglichen Anstalten gemacht worden, um die tiefschlafendsten Sinnen in eine muntere Geschaftigkeit zu bringen. Deinem Freund wird das Erwachen der ihrigen nicht entgehen, und dann will ich schon Sorge tragen, sie nicht einschlummern zu lassen.
Fraulein von Sternheim
an Emilia
Ich komme von der angenehmsten Reise zuruck, die ich jemals mit meiner Tante gemacht habe. Wir waren zehn Tage bei dem Grafen von T*** auf seinem Schlosse, und haben da die verwitibte Grafin von Sch*, welche immer da wohnt, zwei andere Damen von der Nachbarschaft und zu meiner unbeschreiblichen Freude den Herrn ** gefunden, dessen vortreffliche Schriften ich schon gelesen und soviel Feines fur mein Herz und meinen Geschmack daraus erlernt hatte. Der ungezwungene ruhige Ton seines Umgangs, unter welchen er seinen Scharfsinn und seine Wissenschaft verbirgt; und die Gelassenheit, mit welcher er sich in Zeitvertreibe und Unterredungen einflechten liess, die der Grosse seines Genies und seiner Kenntnissen ganz unwurdig waren, erregten in mir fur seinen leutseligen Charakter die namliche Bewunderung, welche die ubrige Welt seinem Geiste widmet. Immer hoffte ich auf einen Anlass, den man ihm geben wurde, uns allen etwas Nutzliches von den schonen Wissenschaften, von guten Buchern, besonders von der deutschen Literatur zu sagen, wodurch unsere Kenntnisse und unser Geschmack hatte verbessert werden konnen; aber wie sehr, meine Emilia, fand ich mich in meiner Hoffnung betrogen! Niemand dachte daran, die Gesellschaft dieses feinen, gutigen Weisen fur den Geist zu benutzen; man missbrauchte seine Geduld und Gefalligkeit auf eine unzahlbare Art mit geringschatzigen Gegenstanden, auf welchen der Kleinigkeitsgeist haftet, oder mit neu angekommenen franzosischen Broschuren, wobei man ihm ubelnahm, wenn er nicht daruber in Entzuckung geriet, oder wenn er auch andere Sachen nicht so sehr erhob, als man es haben wollte. O! wie geizte ich nach jeder Minute, die mir dieser hochachtungswerte Mann schenkte; wenn er mit dem liebreichsten, meiner Wissbegierde und Empfindsamkeit angemessnen Tone meine Fragen beantwortete, oder mir vorzugliche Bucher nannte und mich lehrte, wie ich sie mit Nutzen lesen konne. Mit edler Freimutigkeit sagte er mir einst: Ob sich schon Fahigkeiten und Wissensbegierde in beinahe gleichem Grade in meiner Seele zeigten, so ware ich doch zu keiner Denkerin geboren; hingegen konnte ich zufrieden sein, dass mich die Natur durch die glucklichste Anlage, den eigentlichen Endzweck unsers Daseins zu erfullen, dafur entschadigt hatte; dieser bestehe eigentlich im Handeln, nicht im Spekulieren;7 und da ich die Lucken, die andre in ihrem moralische Leben und in dem Gebrauch ihrer Tage machen, so leicht und fein empfande, so sollte ich meine Betrachtungen daruber durch edle Handlungen, deren ich so fahig sei, zu zeigen suchen.8
Niemals, meine Emilia, war ich glucklicher als zu der Zeit, da dieser einsichtsvolle Ausspaher der kleinsten Falten des menschlichen Herzens dem meinigen das Zeugnis edler und tugendhafter Neigungen beilegte. Er verwies mir, mit der achtsamsten Gute, meine Zaghaftigkeit und Zuruckhaltung in Beurteilung der Werke des Geistes und schrieb mir eine richtige Empfindung zu, welche mich berechtigte, meine Gedanken so gut als andre zu sagen. Doch bat er mich, weder im Reden noch im Schreiben einen mannlichen Ton zu suchen. Er behauptete, dass es die Wirkung eines falschen Geschmacks sei, mannliche Eigenschaften des Geistes und Charakters in einem Frauenzimmer vorzuglich zu loben. Wahr sei es, dass wir uberhaupt gleiche Anspruche, wie die Manner, an alle Tugenden und an alle die Kenntnisse hatten, welche die Ausubung derselben befordern, den Geist aufklaren oder die Empfindungen und Sitten verschonern; aber dass immer in der Ausubung davon die Verschiedenheit des Geschlechts bemerkt werden musse. Die Natur selbst habe die Anweisung hiezu gegeben, als sie, z. E. in der Leidenschaft der Liebe, den Mann heftig, die Frau zartlich gemacht; in Beleidigungen jenen mit Zorn, diese mit ruhrenden Tranen bewaffnet; zu Geschaften und Wissenschaften dem mannlichen Geiste Starke und Tiefsinn, dem weiblichen Geschmeidigkeit und Anmut; in Unglucksfallen dem Manne Standhaftigkeit und Mut, der Frau Geduld und Ergebung vorzuglich mitgeteilt; im hauslichen Leben jenem die Sorge fur die Mittel der Familie zu erhalten, und dieser die schickliche Austeilung derselben aufgetragen habe usw. Auf diese Weise, und wenn ein jeder Teil in seinem angewiesnen Kreise bliebe, liefen beide in der namlichen Bahn, wiewohl in zwoen verschiedenen Linien, dem Endzweck ihrer Bestimmung zu; ohne dass durch eine erzwungene Mischung der Charakter die moralische Ordnung gestort wurde. Er suchte mich mit mir selbst und meinem Schicksale, uber welches ich Klagen fuhrte, zufriedenzustellen und lehrte mich, immer die schone Seite einer Sache zu suchen, den Eindruck der widrigen dadurch zu schwachen und auf diese nicht mehr Aufmerksamkeit zu wenden, als vonnoten sei, den Reiz und Wert des Schonen und Guten desto lebhafter zu empfinden.
O Emilia! in dem Umgang dieses Mannes sind die besten Tage meines Geistes verflossen! Es ist etwas in mir, das mich empfinden lasst, dass sie nicht mehr zuruckkommen werden, dass ich niemals so glucklich sein werde, nach meinen Wunschen und Neigungen, so einfach, so wenig fodernd sie sind, leben zu konnen! Schelten Sie mich nicht gleich wieder uber meine zartliche Kleinmutigkeit; vielleicht ist die Abreise des Herrn* * daran Ursache, die fur mich eine abscheuliche Leere in diesem Hause lasst. Er kommt nur manchmal hieher. Wie Pilgrime einen verfallenen Platz besuchen, wo ehemals ein Heiliger wohnte, besucht er dieses Haus, um noch den Schatten des grossen Mannes zu verehren, der hier lebte, dessen grossen Geist und erfahrne Weisheit er bewunderte, der sein Freund war und ihn zu schatzen wusste.
Den Tag nach seiner Abreise langte ein kleiner franzosischer Schriftsteller an, den ein Mangel an Pariser Gluck und die seltsame Schwachheit unsers Adels, "die franzosische Belesenheit immer der Deutschen vorzuziehen", in dieses Haus fuhrte. Die Damen machten viel Wesens aus der Gesellschaft eines Mannes, der geraden Weges von Paris kam, viele Marquisinnen gesprochen hatte und ganze Reihen von Abhandlungen uber Moden, Manieren und Zeitvertreiber der schonen Pariser Welt zu machen wusste; der bei allen Frauenzimmerarbeiten helfen konnte und der galanten Witib sein Erstaunen uber die Delikatesse ihres Geistes und uber die Grazien ihrer Person und ihrer gar nicht deutschen Seele in allen Tonen und Wendungen seiner Sprache vorsagte.
So angenehm es mir anfangs war, ein Urbild der Gemalde zu sehen, die mir schon oft in Buchern von diesen Mietgeistern der Reichen und Grossen in Frankreich vorgekommen waren; so wurde ich doch schon am vierten Tag seiner leeren und nur in andern Worten wiederholten Erzahlungen von Meubles, Putz, Gastereien und Gesellschaften in Paris herzlich mude. Aber die Szene wechselte bei der Ruckkunft des Herrn**, der sich die Muhe nahm, diesen aus Frankreich berufenen Hausgeist an den Platz seiner Bestimmung zu setzen.
Das Geprange, womit das sklavische Vorurteil, so unser Adel fur Frankreich hat, dem Herrn** den Pariser vorstellte; das Gezier, die Selbstzufriedenheit, womit der Franzose sich als den Autor sehr artiger und beliebter Buchergen anpreisen horte, wurde meine Emilia, wie mich, geargert haben.
Aber wie schon leuchtete die Bescheidenheit unsers weisen Landmanns hervor, der mit der Menschenfreundlichkeit, womit der echte Philosoph die Toren zu ertragen pflegt, den Eindruck verhehlte, den der fade Bel-esprit auf ihn machen musste, ja sogar sich mit wahrer Herablassung erinnerte, eines von seinen Schriftchen gelesen zu haben.
Mir schien der ganze Vorgang, als ob ein armer Prahler mit lacherlichem Stolze den edeln Besitzer einer Goldmine ein Stuckgen zackicht ausgeschnittenes Flittergold zeigte, es zwischen seinen Fingern hin und her wendete und sich viel mit dem Gerausche zugute tate, so er damit machen konnte, und wozu freilich der Vorrat gediegenen Goldes des edelmutigen Reichen nicht tauglich ist; aber dieser lachelte den Toren mit seinem Spielwerk leutselig an und dachte, es schimmert und tont ganz artig, aber du musst es vor dem Feuer der Untersuchung und dem Wasser der Widerwartigkeit9 bewahren, wenn dein Vergnugen dauerhaft sein soll.
Herr** fragte den Bel-esprit nach den grossen Mannern in Frankreich, deren Schriften er gelesen hatte und hochschatzte; aber er kannte sie, wie wir andern, nur dem Namen nach und schob immer anstatt eines Mannes von gelehrten Verdiensten den Namen eines reichen oder grossen Hauses ein.
Ich, die schon lange uber den ubeln Gebrauch, den man von der Gesellschaft und Gefalligkeit des Herrn** machte, erbost war, zumal da ihn dem ungeachtet alle um sich haben wollten und mich wie neidischsumsende Wespen hinderten, etwas Honig fur mich zu sammeln, auch nur den Pariser immer reden machten: ich warf endlich die Frage auf: Was fur einen Gebrauch die franzosischen Damen von dem Umgang ihrer Gelehrten machten? Ich vernahm aus der Antwort, sie lernten von ihnen:
Die Schonheiten der Sprache und des Ausdrucks;
Von allen Wissenschaften eine Idee zu haben, um hie und da etliche Worte in die Unterredung mischen zu konnen, die ihnen den Ruhm vieler Kenntnisse erhaschen halfen;
Wenigstens die Namen aller Schriften zu wissen und etwas, das einem Urteil gleiche, daruber zu sagen;
Sie besuchten auch mit ihnen die offentlichen physikalischen Lehrstunden, wo sie ohne viele Muhe sehr nutzliche Begriffe sammelten;
Ingleichem die Werkstatte der Kunstler, deren Genie fur Pracht und Vergnugen arbeitet, und alles dieses truge viel dazu bei, ihre Unterredungen so angenehm und abwechselnd zu machen.
Da fuhlte ich mit Unmut die vorzugliche Klugheit der franzosischen Eigenliebe, die sich in so edle nutzliche Auswuchse verbreitet. Immer genug, wenn man begierig ist, die Blute der Baume zu kennen; bald wird man auch den Wachstum und die Reife der Fruchte erforschen wollen.
Wieviel hat diese Nation voraus, denn nichts wird schneller allgemein als der Geschmack des Frauenzimmers.
Warum brachten seit so vielen Jahren die meisten unserer Kavaliere von ihren Pariser Reisen ihren Schwestern und Verwandtinnen, unter tausenderlei verderblichen Modenachrichten, nicht auch diese mit, die alles andere verbessert hatte? Aber da sie fur sich nichts als lacherliche und schadliche Sachen sammeln, wie sollten sie das Anstandige und Nutzbare fur uns suchen?
Ich berechnete noch uberdies den Gewinn, den selbst das Genie des Gelehrten durch die Fragen der lehrbegierigen Unwissenheit erhalt, die ihn oft auf Betrachtung und Nachdenken uber eine neue Seite gewisser Gegenstande fuhrt, die er als gering ubersah, oder die, weil sie allein an das Reich der Empfindungen grenzte, von einem Frauenzimmer eher bemerkt wurde als von Mannern. Gewiss ist es, dass die Bemuhung, andere in einer Kunst oder Wissenschaft zu unterrichten, unsere Begriffe feiner, deutlicher und vollkommener macht. Ja, sogar des Schulers verkehrte Art, etwas zu fassen, die einfaltigsten Fragen desselben, konnen der Anlass zu grossen und nutzlichen Entdeckungen werden; wie diese von dem Gartner zu Florenz, uber die bei abwechselnder Witterung bemerkte Erhohung oder Erniedrigung des Wassers in seinem Brunnen, die vortreffliche Erfindung des Baromets veranlasste. Aber ich komme zu weit von dem liebenswurdigen Deutschen weg, dessen feines und mit unendlichen Kenntnissen bereichertes Genie in unserer aus so verschiednen Charaktern zusammengesetzten Gesellschaft moralische Schattierfarben zu seinen reizenden Gemalden der Menschen sammelte. Er sagte mir dieses, als ich seine Herablassung zu manchen nichtsbedeutenden Gesprachen lobte.
Mit Entzuckung lernte ich in ihm das Bild der echten Freundschaft kennen, da er mir von einem hochachtungswurdigen Manne erzahlte, der von dem ehemaligen Besitzer dieses Hauses erzogen worden und als ein lebender Beweis der unzahligen Fahigkeiten unsers Geistes anzufuhren sei, weil er die Wissenschaft des feinsten Staatsmannes mit aller Gelehrsamkeit des Philosophen, des Physikers und des schonen Geistes verbande, alle Werke der Kunst grundlich beurteilen konnte, die Staatsokonomie und Landwirtschaft in allen ihren Teilen verstehe, verschiedene Sprachen gut rede und schreibe, ein Meister auf dem Klavier und ein Kenner aller schonen Kunste sei und mit so vielen Vollkommenheiten des Geistes das edelste Herz und den grossen Charakter eines Menschenfreundes in seinem ganzen Umfang verbindete
Sie sehen aus diesem Gemalde, ob Herr** Ursache hat, die Freundschaft eines solchen Mannes fur das vorzugliche Gluck seines Lebens zu halten! Und Sie werden sich mit mir uber die Entschliessung freuen, welche er gefasst hat, den altesten Sohn seines Freundes an den seit kurzem veranderten Ort seiner Bestimmung mitzunehmen. Durch die halbe Lange Deutschlands von den Freunden seines Herzens entfernt, will er alle die Gesinnungen, die er fur die Eltern hat, auf das Haupt dieses Knaben versammeln: ihn zu einem tugendhaften Mann erziehn und dadurch, weit von seinen Freunden, die Verbindung seines Herzens mit den ihrigen unterhalten. O Emilia! Was ist Gold? Was sind Ehrenstellen, die die Fursten manchmal dem Verdienste zuteilen, gegen diese Gabe der Freundschaft des Herrn ** an den Sohn seiner glucklichen Freunde? Wie sehr verehrt ihn mein Herz! Wie viele Wunsche mache ich fur seine Erhaltung! Und wie selig mussen seine Abendstunden nach so edel ausgefullten Tagen sein!
Mein Brief ist lang; aber meine Emilia hat eine Seele, die sich mit Ergotzen bei der Beschreibung einer ubenden Tugend verweilt und mir Dank dafur weiss. Herr ** reiste abends weg und wir, zu meinem Vergnugen, den zweeten Morgen darauf. Denn jeder Platz des Hauses und Gartens, wo ich ihn gesehen hatte und jetzt mit Schmerzen vermisste, sturzte mich in einen Abfall innerlicher Traurigkeit, die mir an unserm Hof nicht vermindert wird. Doch ich will nach seinem Rat immer die schone Seite meines Schicksals suchen und Ihnen in Zukunft nur diese zeigen.
Nun muss ich mich zu einem Fest anschicken, welches Graf F* auf seinem Landgut geben wird. Ich liebe die aufgehauften Lustbarkeiten nicht; aber man wird tanzen, und Sie wissen, dass ich von allen andern Ergotzungen fur diese die meiste Neigung habe.
Mylord Derby
an seinen Freund B *
Ich schreibe dir, um der Freude meines Herzens einen Ausbruch zu schaffen; denn hier darf ich sie niemand zeigen. Aber es ist lustig zu sehen, wie alle Anstalten, die man dem Fursten zu Ehren macht, sich nur alleine dazu schicken mussen, das schone schuchterne Vogelchen in mein verstecktes Garn zu jagen. Der Graf F*, der den Oberjagermeister in dieser Gelegenheit macht, gab letzthin dem ganzen Adel auf seinem Gute ein recht artig Festin, wobei wir alle in Bauerkleidungen erscheinen mussten.
Wir kamen nachmittags zusammen, und unsre Bauerkleider machten eine schone Probe, was naturlich edle oder was nur erzwungene Anstalten waren. Wie manchem unter uns fehlte nur die Grabschaufel oder die Pflugschare, um der Bauerknecht zu sein, den er vorstellte; und gewiss, unter den Damen war auch mehr als eine, die mit einem Huhnerkorbe auf dem Kopfe oder bei Melkerei nicht das geringste Merkmal einer besondern Herkunft oder Erziehung behalten hatte. Ich war ein schottischer Bauer und stellte den kuhnen entschlossnen Charakter, der den Hochlandern eigen ist, ganz naturlich vor; und hatte das Geheimnis gefunden, ihn mit aller der Eleganz, die, wie du weisst, mir eigen ist, ohne Nachteil meines angenommenen Charakters, zu verschonern. Aber diese Zauberin von Sternheim war in ihrer Verkleidung lauter Reiz und schone Natur; alle ihre Zuge waren unschuldige landliche Freude; ihr Kleid von hellblauem Taft, mit schwarzen Streifen eingefasst, gab der ohnehin schlanken griechischen Bildung ihres Korpers ein noch feineres Ansehen und den Beweis, dass sie gar keinen erkunstelten Putz notig habe. Alle ihre Wendungen waren mit Zauberkraften vereinigt, die das neidische Auge der Damen und die begierigen Blicke aller Mannsleute an sich hefteten. Ihre Haare, schon geflochten und mit Bandern zuruckgebunden, um nicht auf der Erde zu schleppen, gaben mir die Idee, sie einst in der Gestalt der Miltonischen Eva zu sehen, wenn ich ihr Adam sein werde. Sie war munter und sprach mit allen Damen auf das gefalligste. Ihre Tante und die Grafin F* uberhauften sie mit Liebkosungen, sie dachten dadurch das Madchen in der muntern Laune zu erhalten, in welcher sie ihre Gefalligkeit auch auf den Fursten ausbreiten konnte.
Seymour fuhlte die ganze Macht ihrer Reizungen, verbarg aber, nach der politischen Verabredung mit seinem Oncle, seine Liebe unter einem Anfall von Spleen, der den sauertopfischen Kerl, stumm und unruhig, bald unter diesen, bald unter jenen Baum fuhrte, wohin ihm Fraulein C*, als seine Bauerin, wie ein Schatten folgte. Meine Leidenschaft kostete mich herkulische Muhe, sie im Zugel zu halten; aber schweigen konnte ich nicht, sondern haschte jede Gelegenheit, wo ich an dem Fraulein von Sternheim vorbeigehen und ihr auf englisch etwas Bewunderndes sagen konnte. Aber etlichemal hatte ich sie zerquetschen mogen, da ihre Blicke, wiewohl nur auf das fluchtigste, mit aller Unruh der Liebe nach Seymour gerichtet waren. Endlich entschlupfte sie unter dem Volke, und wir sahen sie auf die Ture des Gartens vom Pfarrhofe zueilen; man beredete sich daruber, und ich blieb an der Ecke des kleinen Milchhauses stehen, um sie beim Zuruckkommen zu beobachten. Ehe eine Viertelstunde vorbei war, kam sie heraus. Die schonste Karminfarbe und der feinste Ausdruck des Entzuckens war auf ihrem Gesicht verbreitet. Mit leutseliger Gute dankte sie fur die Bemuhung etlicher Zuseher, die ihr Platz geschafft hatten. Niemals hatte ich sie so schon gesehen als in diesem Augenblick, sogar ihr Gang schien leichter und angenehmer als sonst. Jedermann hatte die Augen auf sie gewandt; sie sah es; schlug die ihre zur Erden und errotete ausserordentlich. In dem namlichen Augenblick kam der Furst auch mitten durch das Gedrange des Volks aus dem Pfarrgarten heraus. Nun hattest du den Ausdruck des Argwohns und des boshaften Urteils der Gedanken uber die Zusammenkunft der Sternheim mit dem Fursten sehen sollen, der auf einmal in jedem sproden, koketten und devoten Affengesicht sichtbar wurde; und die albernen Scherze der Mannsleute uber die Rote, da sie der Furst mit Entzucken betrachtete. Beides wurde als ein Beweis ihrer vergnugten Zusammenkunft im Pfarrhaus aufgenommen, und alle sagten sich ins Ohr: wir seien das Fest der Ubergabe dieser fur unuberwindlich gehaltenen Schonen. Die reizende Art, mit welcher sie dem Fursten etwas Erfrischung brachte; die Bewegung, mit der er aufstund, ihr entgegenging und bald ihr Gesichte, bald ihre Leibesgestalt mit verzehrenden Blicken ansah, und nachdem er den Sorbet getrunken hatte, ihr den Teller wegnahm und dem jungen F* gab, sie aber neben ihn auf die Bank sitzen machte; die Freude des alten von F*, der Stolz ihres Oncles und ihrer Tante, der sich schon recht sichtbar zeigte alles bestarkte unsre Mutmassungen. Wut nahm mich ein, und im ersten Anfall nahm ich Seymourn, der ausser sich war, beim Arm und redete mit ihm von dieser Szene. Die heftigste ausserste Verachtung belebte seine Anmerkungen uber ihre vorgespielte Tugend und die elende Aufopferung derselben; uber die Frechheit, sich vor dem ganzen Adel zum Schauspiel zu machen und die vergnugteste Miene dabei zu haben. Dieser letzte Zug seines Tadels brachte mich zur Vernunft. Ich uberlegte, der Schritt ware in Wahrheit zu frech und dabei zu dumm; die Szene des Wirtshauses in F* Gel mir ein; ein Zweifel, der sich daruber bei mir erhob, machte mich meinen Will rufen. Ich versprach ihm hundert Guineen, um die Wahrheit dessen zu erfahren, was im Pfarrhause zwischen dem Fursten und der Sternheim vorgegangen. In einer Stunde, wovon mir jede Minute ein Jahr dunkte, kam er mit der Nachricht, dass die Fraulein den Fursten nicht gesehen, sondern allein mit dem Pfarrer gesprochen und ihm zehn Karolinen fur die Armen des Dorfs gegeben habe, mit der instandigsten Bitte, ja niemand nichts davon zu sagen. Der Furst ware nach ihr gekommen und hatte dem Adel von weitem zusehen wollen, wie sie sich belustigten, ehe er komme, um sie desto ungestorter fortfahren zu machen.
Da stund ich und fluchte uber die Schwarmerin, die uns zu Narren machte. Und dennoch war das Madchen wirklich edler als wir alle, die wir nur an unser Vergnugen dachten; wahrend sie ihr Herz fur die armen Einwohner des Dorfs eroffnete, um einen der Freude gewidmeten Tag bis auf sie auszudehnen. Was war aber ihre Belohnung davor? Die niedertrachtigste Beurteilung ihres Charakters, wozu sich das elendeste Geschopf unter uns berechtigt zu sein glaubte. In Wahrheit, eine schone Aufmunterung zur Tugend! Willst du mir sagen, dass die innerliche Zufriedenheit unsre wahre Belohnung sei, so darf ich nur denken, dass just der Ausdruck dieser Zufriedenheit auf dem Gesichte des englischen Madchens, da es vom Pfarrhof zuruckkam, zu einem Beweis ihres Fehlers gemacht wurde. Aber wie dankte ich meiner Begierde, die Sache ganz zu wissen, die mich berufenen Bosewicht zu der besten Seele der ganzen Gesellschaft machte; denn ich allein wollte die Sache ergrunden, ehe ich ein festes Urteil uber sie fasste, und siehe, ich wurde auf der Stelle fur diese Tugend mit der Hoffnung belohnt, das liebenswerte Geschopfe ganz rein in meine Arme zu bekommen; dann nun soll es nur ihr oder mein Tod verhindern konnen; mein ganzes Vermogen und alle Krafte meines Geistes sind zu Ausfuhrung dieses Vorhabens bestimmt.
Mit triumphierendem Gesichte eilte ich zur Gesellschaft, nachdem ich Willen verboten, keiner Seele nichts von seiner Entdeckung zu sagen, und ihm noch hundert Guineen fur sein Schweigen versprochen hatte. Du wirst fodern, dass ich meine Entdeckung zum Besten des Frauleins hatte mitteilen sollen. Dann, meinst du, ware mein Triumph edel gewesen! Sachte, mein guter Herr! sachte! Ich konnte auf dem Weg der guten Handlungen nicht so eilend fortwandern, noch weniger gleich mein ganzes Vergnugen aufopfern. Und wozu hatte meine Entdeckung gedient, als des Fursten und meine Beschwerlichkeiten zu vergrossern? Wie vielen Spasses hatte ich mich beraubt, wenn ich die Unterredungen des vorigen Stoffs unterbrochen hatte? Denn indes ich weg war, hatte eine missverstandne Antwort des Fursten die ganze Sache ins reine gebracht. Denn da der Graf F* den Fursten gefragt: ob er das Fraulein im Pfarrgarten gesehen habe? und der Furst ihm ganz kurz mit Ja antwortete und die Augen gleich nach ihr kehrte, da war der Vorgang gewiss, ja sie war, weil man doch auch dem Pfarrer eine Rolle dabei zu spielen geben wollte, zur linken Hand vermahlt, und viele bezeugten ihr schon besondere Aufwartungen als der kunftigen Gnaden-Ausspenderin. Der Graf F*, seine Frau, der Oncle und die Tante des Frauleins fuhrten den Reihen dieser wahnsinnigen Leute. Selbst Mylord G. spielte die Rolle mit, ob sie gleich etwas gezwungen bei ihm war. Aber Seymour, durch die Beleidigung seiner Liebe und der Vollkommenheit des Ideals, das er sich von ihr in den Kopf phantasiert hatte, in einen unbiegsamen Zorn gebracht, konnte sich kaum zu der gewohnlichen Hoflichkeit entschliessen, einen Menuet mit ihr zu tanzen; sein frostiges storriges Aussehen, womit er die freundlichsten Blicke ihrer schonen Augen erwiderte, machte endlich, dass sie ihn nicht mehr ansah; aber goss zugleich eine Niedergeschlagenheit uber ihr ganzes Wesen aus, welche die edle Anmut ihres unnachahmlichen Tanzes auf eine entzuckende Art vergrosserte. Jeder Vorzug, den ihm ihr Herz gab, machte mich rasend, aber verdoppelte meine Aufmerksamkeit auf alles, was zu Erhaltung meines Endzwecks dienen konnte. Ich sah, dass sie die ausserordentlichen Bemuhungen und Schmeicheleien der Hofleute bemerkte und Missfallen daran hatte. Ich nahm die Partie, ihr lauter edle feine Ehrerbietung zu beweisen; es gefiel ihr, und sie redete in schonem Englischen mit mir recht artig und aufgeweckt vom Tanzen als der einzigen Ergotzlichkeit, die sie liebte. Da ich die Vollkommenheit ihrer Menuet lobte, wunschte sie, dass ich dieses von ihr bei den englischen Landtanzen sagen mochte, in denen sie die schone Mischung von Frohlichkeit und Wohlstand ruhmte, die der Tanzerin keine Vergessenheit ihrer selbst und dem Tanzer keine willkurliche Freiheiten mit ihr erlaubte; wie es bei den deutschen Tanzen gewohnlich sei. Mein Vergnugen uber diese kleine freundschaftliche Unterredung wurde durch die Wahrnehmung des sichtbaren Verdrusses, den Seymour daruber hatte, unendlich vergrossert. Der Furst, dem es auch nicht gefiel, naherte sich uns, und ich entfernte mich, um dem Grafen F* zu sagen, dass das Fraulein gerne englisch tanze. Gleich wurde die Musik dazu angefangen, und jeder suchte seine Bauerin auf. Der junge F*, als Kompagnon des Fraulein von Sternheim, stellte sich in der halben Reihe an; aber sein Vater machte alle Paare zurucktreten, um dem Fraulein den ersten Platz zu geben, die ihn mit Erstaunen annahm und die Reihe mit der seltensten Geschwindigkeit und vollkommensten Anmut durchtanzte. Ich blieb bei der ersten Partie mit Fleiss zuruck und ging an der Reihe mit Mylord G. und dem Fursten auf und ab. Dieser hatte kein Auge als fur Fraulein Sternheim und sagte immer: tanzt sie nicht wie ein Engel? Da nun Lord G. versicherte, dass eine geborne Englanderin Schritt und Wendungen nicht besser machen konnte, so bekam der Furst den Gedanken, das Fraulein sollte mit einem Englander tanzen. Ich trat in ein Fenster, um zu warten, auf wem die Wahl kommen wurde; als einige Ruhezeit vorbei war, ersuchte der Furst das Fraulein um die Gefalligkeit, noch mit der zweiten Reihe, aber mit einem von uns zween Englandern zu tanzen. Eine schone Verbeugung und das Umsehen nach uns zeigte ihre Bereitwilligkeit an. Wie zartlich ihr Bild den sproden Seymourn auffoderte, dem es F* zuerst, als Mylord G. Nepoten, antrug, und der es verbat. Die jahe Errotung des Verdrusses farbte ihr Gesicht und ihre Brust; aber sogleich war eine freundliche Miene fur mich da, der ich mit ehrerbietiger Eilfertigkeit meine Hand anbot; aber diese Miene hielt mich nicht schadlos und presste mir den Gedanken ab: O Sternheim! eine solche Empfindung fur mich hatte dir und der Tugend mein Herz auf ewig erworben! Die Bemuhung, dich andern zu entreissen, vermindert meine Zartlichkeit; Begierde und Rache bleiben mir allein ubrig. Mein ausserliches Ansehen sagte nichts davon; ich war lauter Ehrfurcht. Sie tanzte vortrefflich; man schrieb es der Begierde zu, dem Fursten zu gefallen. Ich wusste allein, dass es eine Bemuhung ihrer beleidigten Eigenliebe war, um den Seymour durch die Schonheit und Munterkeit ihres Tanzes uber seine abschlagige Antwort zu strafen. Und gestraft war er auch! Sein Herz voll Verdruss war froh, bei mir Klagen zu fuhren und sich selbst zu verdammen, dass er, ungeachtet sie alle seine Verachtung verdiente, sich dennoch nicht erwehren konnte, die zartlichste Empfindlichkeit fur ihre Reizungen zu fuhlen.
"Warum hast du denn nicht mit ihr getanzt?"
"Gott bewahre mich", sagte er; "ich ware gewiss unter dem Kampfe zwischen Liebe und Verachtung an ihrer Seite zu Boden gesunken." Ich lachte ihn aus und sagte: er sollte lieben wie ich, so wurde er mehr Vergnugen davon haben, als ihm seine ubertriebene Ideen jemals gewahren wurden.
"Ich fuhle, dass du glucklicher bist als ich", sagte der Pinsel, "aber ich kann mich nicht andern." Verdammt sei die Liebe, dacht' ich, die diesen und mich zu so elenden Hunden macht. Seymour, zwischen dem Schmerz der Verachtung fur einen angebeteten Gegenstand und allen Reizungen der Sinne herumgetrieben, war unglucklich, weil er nichts von ihrer Unschuld und Zartlichkeit wusste. Ich, der meiner Hochachtung und Liebe nicht entsagen konnte, war ein Spiel des Neides und der Begierde, mich zu rachen, und genoss wenig Freude dabei, als diese, andern die ihrige sicher zu zerstoren, es folge daraus, was da wolle. Arbeit habe ich! Denn so kunstlich und sicher ich sonst meine Schlingen zu flechten wusste, so nutzen mich doch meine vorigen Erfahrungen bei ihr nichts, weil sie so viele Entfernung von allen sinnlichen Vergnugungen hat. Bei einem Ball, wo beinahe alle Weibspersonen Koketten und auch die Besten von der Begierde zu gefallen eingenommen sind, hangt sie der Ubung der Wohltatigkeit nach. Andre werden durch die Versammlung vieler Leute und den Larmen eines Festes, durch die Pracht der Kleider und Verzierungen betaubt, durch die Musik weichlich gemacht und durch alles zusammen den Verfuhrungen der Sinnlichkeit blossgegeben, sie wird auch geruhrt, aber zum Mitleiden fur die Armen; und diese Bewegung ist so stark, dass sie Gesellschaft und Freuden verlasst, um ein Werk der Wohltatigkeit auszuuben. Ha! wenn diese starke und geschaftige Empfindlichkeit ihrer Seele zum Genuss des Vergnugens umgestimmt sein wird, und die ersten Tone fur mich klingen werden! dann, B., dann werde ich dir aus Erfahrung von der feinen Wollust erzahlen konnen, die Venus in Gesellschaft der Musen und Grazien ausgiesst. Aber ich werde mich dazu vorbereiten mussen. Wie Schwarmer, die in den personlichen Umgang mit Geistern kommen wollen, eine Zeitlang mit Fasten und Beten zubringen, muss ich, dieser enthusiastischen Seele zu gefallen, mich aller meiner bisherigen Vergnugungen entwohnen. Schon hat mir meine Von ungefahr entdeckte Wohltatigkeit an der Familie T* grosse Dienste bei ihr getan; nun muss ich sie einmal in diesem Hause uberraschen. Sie geht manchmal hin, den Kindern Unterricht und den Eltern Trost zu geben. Dennoch hat alle ihre Moral den Einfluss meiner Guineen nicht verhindern konnen, durch die ich bei diesen Leuten Gelegenheit Enden werde, sie zu sehen und einen Schritt zu ihrem Herzen zu machen; wahrend dass ich auf der andern Seite die magische Sympathie der Schwarmerei zu schwachen suche, die in einem einzigen Augenblick zwischen ihr und Seymourn entstehen konnte, wenn sie jemals einander im Umgang nahe genug kamen, den so gleich gestimmten Ton ihrer Seelen zu horen. Doch dem bin ich ziemlich zuvorkommen, indem sich Seymour just des Sekretars seines Oncles, der mein Sklave ist, bedient, um Nachrichten einzuziehen, die dieser bei mir holt, ohne mit mir zu reden. Denn wir schreiben uns nur und stecken unsre Billetts hinter ein alt Gemalde im obern Gang des Hauses. Dieser Junger des Luzifers leistet mir vortreffliche Dienste. Doch muss ich Seymourn die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er uns die Muhe, soviel an ihm ist, erleichtert. Er flieht die Sternheim wie eine Schlange, ungeachtet er sich um alle ihre Bewegungen erkundigt; und diese werden durch die Farbe, welche ihnen meine Nachrichten geben, schielend und zweideutig genug, um auf seinen schon eingenommenen Kopf alle Wirkung zu machen, die ich wunsche. Den Fursten furchte ich nicht; jeder Schritt, den er machen wird, entfernt ihn vom Ziel. Von allem, was Fursten geben konnen, liebt sie nichts. Das Madchen macht eine ganz neue Gattung von Charakter aus!
Mylord Seymour
an den Doktor B.
Ich bin seit vier Stunden von einem prachtigen und wohlausgesonnenen Feste zuruckgekommen; und da ich, ungeachtet der heftigen Bewegungen, die meine Lebensgeister erlitten, keinen Schlaf Enden kann, so will ich wenigstens die Ruhe suchen, welche eine Unterredung mit einem wurdigen Freund einem bekummerten Herzen gibt. Warum, o mein teurer Lehrmeister, konnte Ihre erfahrne Weisheit kein Mittel Enden, meine Seele gegen die Heftigkeit guter Eindrucke zu bewaffnen, so wie Sie eins gefunden haben, mich gegen das Beispiel und die Aufmunterung der Bosheit zu bewahren. Ich will Ihnen die Ursache erzahlen; so werden Sie selbst sehen, wie glucklich ich durch eine vernunftige Gleichgultigkeit geworden ware.
Der erste Minister des Hofs gab dem Adel, oder vielmehr der Furst gab unter dem Namen des Grafen F* dem Fraulein von Sternheim eine Fete auf dem Lande, welche die Nachahmung auf den hochsten Grad der Gleichheit fuhrte, denn die Kleidungen, die Musik, der Platz, wo die Lustbarkeit gegeben wurde, alles bezeichnete das Landfest. Mitten auf einer Matte waren eigne Bauerhauser und eine Tanzscheure erbaut. Der Gedanke und die Ausfuhrung entzuckte mich, in den ersten zwo Stunden, da ich nichts als die Schonheit des Festes und die alles ubertreffende Liebenswurdigkeit des Frauleins von Sternheim vor mir sah. Niemals, mein Freund, niemals wird das Bild der lautern Unschuld, der reinen Freude wieder so vollkommen erscheinen, als es diese zwo Stunden durch in der edeln schonen Figur von Sternheim abgezeichnet war! Verdammt sein die Kunste, welche es an ihr auszuloschen wussten! Aber in einer Person von so vielem Geiste, von einer so vortrefflichen Erziehung muss der Wille dabei gewesen sein; es war unmoglich, sie zu berucken; unmoglich ist es auch, dass es allein die Wirkung ihrer von Musik, Pracht und Gerausch emporten Sinnen gewesen sei. Ich weiss wohl, dass man bei diesen Umstanden unvermerkt von der Bahn der moralischen Empfindungen abweicht und sie aus dem Gesichte verliert. Aber da sie die letzte Warnung ihres guten Genius verwarf und wenige Minuten darauf der angestellten Unterredung mit dem Fursten entgegeneilte und sich dadurch die Geringschatzung des Elendesten unter uns zuzog: da hatte ich Muhe, den hohen Grad von Verachtung und Abscheu, die mich gegen sie einnahmen, zu verbergen. Ich muss Ihnen erklaren, was ich unter dem letzten Wink ihres Genius verstehe. Es war eine Bilderbude da, wo die Damen Lotteriezettel zogen; sagen Sie, ob es wohl ein blosses Ungefahr oder nicht ein letzter Wink der Vorsicht war, dass das Fraulein von Sternheim die vom Apollo verfolgte Daphne bekam! Die Partie des Fursten sah es nicht gerne; sie dachte, es wurde ihre Widerspenstigkeit bestarken. Ihr gefiel es, sie wies es jedermann, und redete es als eine gute Kennerin von der Zeichnung und Malerei. Meine Freude war nicht zu beschreiben; ich hielt die Besorgnisse der Hofleute gegrundet, und die Freude des Frauleins bekraftigte mich in der Idee, dass sie durch ihre Tugend eine neue fliehende Daphne sein wurde. Aber wie schmerzhaft, wie niedertrachtig hat mich nicht ihre Scheintugend betrogen, da sie sich gleich darauf dem Apollo in die Arme warf! Ich sah sie mit ihrer ehrlosen Tante und der Grafin F* einige Zeit auf und ab gehen; die zwo elenden Unterhandlerinnen schmeichelten ihr in die Wette. Endlich merkte ich, dass sie mit einer zartlichen und sorgsamen Miene bald die Gesellschaft, bald die Ture des Pfarrgartens ansah und auf einmal mit dem leichtesten, freudigsten Schritt durch die Zuseher drang und in den Garten eilte. Lang war sie nicht darin, aber ihr Hineingehen hatte schon Aufsehen erweckt. Wie vieles verursachte erst der Ausdruck von Zufriedenheit und Beschamung, mit welchem sie zuruckkam; da der Furst bald nach ihr heraustrat, der sein Vergnugen uber sie nicht verbergen konnte und seine Leidenschaft in vollem Feuer zeigte. Mit wieviel niedertrachtiger Gefalligkeit bot sie ihm Sorbet an, schwatzte mit ihm, tanzte ihm zuliebe englisch mit einem Eifer, den sie sonst nur fur die Tugend zeigte. Und wie reizend, o Gott, wie reizend war sie! Wie unnachahmlich ihr Tanz; alle Grazien in ihr vereinigt, so wie es die Furien in meinem Herzen waren! denn ich fuhlte es von dem Gedanken zerrissen, dass ich, der ihre Tugend angebetet hatte, der sie zu meiner Gemahlin gewunscht, ein Zeuge sein musste, wie sie Ehre und Unschuld aufgab und im Angesichte des Himmels und der Menschen ein triumphierendes Aussehen dabei hatte. Unbegreiflich ist mir eine Beobachtung uber mein Herz in dieser Gelegenheit. Sie wissen, wie heftig ich einst eine unserer Schauspielerinnen liebte; ich wusste, dass ihre Gunst zu erkaufen war und dass sie fur ihr Herz ganz keine Achtung verdiente. Ich hatte auch keine, und dennoch dauerte meine Leidenschaft in ihrer ganzen Starke fort. Itzt hingegen verachte, verfluche ich diese Sternheim und ihr Bild. Ihre Reize und meine Liebe liegen noch in dem Grunde meiner Seele; aber ich hasse beide und mich selbst, dass ich zu schwach bin, sie zu vernichten.
Mein Oncle redete mir im Nachhausefahren zu, wie ein Mann dessen Leidenschaften schon lange gesattigt sind und der, wenn er als Minister zu Vergnugung des Ehrgeizes seines Fursten tausend Schlachtopfer fur nichts achtet, naturlicherweise die Aufopferung der Tugend eines Madchens zu Befriedigung der Leidenschaft eines Grossen fur eine sehr wenig bedeutende Kleinigkeit ansehen muss. O ware sie ein gemeines Madchen mit Papageien-Schonheit und PapageienVerstand gewesen, so konnte ich es ansehen wie er! Aber die edelste Seele und Kenntnisse zu besitzen; an die Verehrung der ganzen Welt Anspruch zu haben und sich hinzuwerfen! Sie soll zur linken Hand vermahlt worden sein. Elende lacherliche Larve, eine verstellte Tugend vor Schande sicherzustellen! Alle schmeichelten ihr; Sie, mein Freund, kennen mich genug, um zu wissen, ob ich es tat. Ich werde nicht an den Hof gehen, bis ich ruhiger bin; niemals liebte ich das Hofleben ganz, nun verabscheue ich es! Die Reisen meines Oncles will ich aushalten; aber meine Frau Mutter soll nicht fodern, dass ich Hofdienste nehme oder mich verheirate; das Fraulein von Sternheim hat mich beidem auf ewig entsagen gemacht. Derby, der ruchlose Derby, verachtet sie auch, aber er hilft sie betauben; denn er erzeigt ihr mehr Ehrerbietung als sonst. Der Bosewicht!
Fraulein von Sternheim
an Emilien
Kommen Sie, meine Emilia, Sie sollen auch einmal eine aufgeweckte Erzahlung von mir erhalten. Sie wissen, dass ich gerne tanze und dass F* einen Ball geben wollte. Dieser ist nun vorbei, und ich war so vergnugt dabei, dass das Andenken davon mir noch itzt angenehm ist. Alle Anstalten dieses niedlichen Festins waren vollig nach meinem Geschmack, nach meinen eigensten Ideen eingerichtet. Landliche Einfalt und feine Hofkunste fanden sich so artig miteinander verwebt, dass man sie nicht trennen konnte, ohne dem einen oder dem andern seine beste Annehmlichkeit zu rauben. Ich will versuchen, ob eine Beschreibung davon diese Vorstellung bei Ihnen bekraftigen wird.
Der Graf F* wollte auf dem Gut, wo seine Gemahlin die Kur gebraucht und die Besuche des ganzen Adels empfangen hatte, zum Beweis seiner Freude uber das Wohlsein der Grafin und seines Danks fur die ihr bewiesene Achtung, an dem namlichen Orte eine Ergotzung fur uns alle anstellen. Wir wurden acht Tage voraus geladen und gebeten, paarweise in schonen Bauerkleidungen zu erscheinen, weil er ein Landfest vorstellen wollte. Der junge Graf F*, sein Nepote, wurde in der Liste ein Bauer und ich bekam die Kleidung eines Alpen-Madchens; lichtblau und schwarz; die Form davon brachte meine Leibesgestalt in das vorteilhafteste Ansehen, ohne im geringsten gesucht oder gezwungen zu scheinen. Das feine ganz nachlassig aufgesetzte Strohhutgen und meine simpel geflochtnen Haare machten meinem Gesicht Ehre. Sie wissen, dass mir viele Liebe fur die Einfalt und die ungekunstelten Tugenden des Landvolks eingeflosst worden ist. Diese Neigung erneuerte sich durch den Anblick meiner Kleidung. Mein edel einfaltiger Putz ruhrte mich; er war meinem die Ruhe und die Natur liebenden Herzen noch angemessner als meiner Figur, wiewohl auch diese damals, in meinen Augen, im schonsten Lichte stund. Als ich vollig angezogen den letzten Blick in den Spiegel warf und vergnugt mit meinem landlichen Ansehen war, machte ich den Wunsch, dass, wenn ich auch diese Kleidung wieder abgelegt haben wurde, doch immer reine Unschuld und unverfalschte Gute meines Herzens den Grund einer heitern wahren Freude in meiner Seele erhalten mochte! Mein Oncle, meine Tante, und der Graf F* horten nicht auf, mein zartliches und reizendes Aussehen zu loben, und so kamen wir auf das Gut, wo wir in der halben Allee, die auf schonen Wiesengrund gepflanzt ist, abstiegen und gleich den Ton der Schalmei horten, verschiedene Paare von artigen Bauren und Bauerinnen erblickten und im Fortfahren bald eine Maultrommel, bald eine kleine Landpfeife, oder irgendein andres Instrument dieser Art, das vollige Landfest ankundigen horten. Simpel gearbeitete holzerne Banke waren zwischen den Baumen gesetzt und zwei artige Bauerhauser an beiden Seiten der Allee erbaut, wo in einem auf alle mogliche Art zubereitete Milch und andre Erfrischungen in kleinen porcelainen Schusselchen bereit waren. Jedes hatte seinen holzernen Teller und seinen Loffel von Porcelain. Unter der Ture dieses Hauses war die Grafin F*, als Wirtin gekleidet, und bewillkommte die Gaste mit einer reizenden Gefalligkeit. Alle Bedienten des Hauses waren als Kellerjungen oder Schenkknechte und auch die Musikanten nach bauerischer Art angezogen; auf einem Platz waren Backer und Bilderkramer, wo unsre Bauren uns hinfuhrten und eine Bauerin eine Prezel oder sonst ein Stuck aus feiner Pastille gearbeitetes Brot bekam, welches der Bauer zerbrach und dann entweder ein Stuck Spitzen, Bander oder andre artige Sachen darin fand. Bei dem Bilderkramer bekamen wir niedliche Miniatur-Gemalde zu sehen, welche wie aus einer Lotterie gezogen wurden. Ich bekam die vom Apollo verfolgte Daphne, ein feines niedliches Stuck; es schien auch, dass mich andere darum beneideten, weil es fur das schonste gehalten wurde. Es dunkte mich, vielerlei Veranderungen und Ausdrucke auf den Gesichtern einiger Damen zu lesen, da sie es ansahen.
Wie der ganze Adel beisammen war, wurden wir junge Fraulein gebeten, die alteren Damen und Kavaliere mit Erfrischungen bedienen zu helfen; unsre Geschaftigkeit war artig zu sehen; fur eine fremde Person aber mussten die forschenden, halb verborgnen Blicke, die immer eine Dame nach der andern schickte, zu vielen kleinen Betrachtungen Anlass gegeben haben. Ich war voll herzlicher Freude; es war Grasboden, den ich betrat, Baume, unter deren Schatten ich eine Schussel Milch verzehrte, frische Luft, was ich atmete, ein heitrer offner Himmel um mich her, nur zwanzig Schritte von mir ein schoner Bach und wohlangebaute reiche Kornfelder! Mir schien's, als ob die unbegrenzte Aussicht in das Reich der Natur meinen Lebensgeistern und Empfindungen eine freiere Bewegung verschaffte, sie von dem einkerkernden Zwang des Aufenthalts in den Mauren eines Palastes voller gekunstelten Zieraten und Vergoldungen in ihre naturliche Freiheit und in ihr angebornes Element setzte. Ich redete auch mehr und freudiger als sonst und war von den ersten, die Reihentanze zwischen den Baumen anfingen. Diese zogen alle Einwohner des Dorfs aus ihren Hutten, um uns zuzusehen. Nach einigem Herumhupfen ging ich mit meiner Tante und der Grafin F*, die mich sehr lobten und liebkosten, auf und ab; wo mir dann bald der frohliche und glanzende Haufen von Landleuten, die wir vorstellten, in die Augen fiel, bald auch der, welchen unsre Zuseher ausmachten, darunter ich viele arme und kummerhafte Gestalten erblickte. Ich wurde durch diesen Kontrast und das gutherzige Vergnugen, womit sie uns betrachteten, sehr geruhrt, und sobald ich am wenigsten bemerkt wurde, schlupfte ich in den Pfarrgarten, der ganz nahe an die Wiese stosst, wo wir tanzten, und gab dem Pfarrer etwas fur die Armen des Dorfs und ging mit einem glucklichen Herzen zuruck in die Gesellschaft. Mylord Derby schien auf meine Schritte gelauert zu haben; denn wie ich aus dem Pfarrgarten heraustrat, sah ich, dass er an dem einen Ende des Milchhauses stand und seine Augen unverwandt auf die Ture des Gartens geheftet hatte, mit forschenden und feurigen Blicken sah er mich an, ging mir hastig entgegen, um mir einige ausserordentliche, ja gar verliebte Sachen uber meine Gestalt und Physionomie zu sagen. Dieses und die neugierige Art, womit mich alle ansahen, machte mich erroten und die Augen zur Erde wenden; als ich sie in die Hohe hob, war ich einem Baume, an welchen sich Mylord Seymour ganz traurig und zartlich aussehend lehnte, so nahe, dass ich dachte, er musste alles gehoret haben, was Mylord Derby mir gesagt hatte. Ich weiss nicht ganz, warum mich diese Vorstellung etwas verwirrte; aber besturzt wurde ich, da ich alles aufstehen und sich in Ordnung stellen sah, weil der Furst eben aus dem Pfarrgarten kam. Der Gedanke, dass er mich da hatte antreffen konnen; machte mir eine Art Entsetzen, so dass ich zu meiner Tante floh, gleich als ob ich furchtete, allein zu sein. Aber meine innerliche Zufriedenheit half mir wieder zu meiner Fassung, so dass ich dem Fursten meine Verbeugung ganz gelassen machte. Er betrachtete und lobte meine Kleidung in sehr lebhaften Ausdrucken. Die Grafin F*, welche mich notigte, ihm eine Schale Sorbet anzubieten, brachte mich in eine Verlegenheit, die mir ganz zuwider war; denn ich musste mich zu ihm auf die Bank setzen, wo er mir uber meine Person und zum Teil auch uber den ubrigen Adel, ich weiss nicht mehr, was fur wunderliches Zeug vorsagte. Die meisten fingen an einsam spazieren zu gehen. Da ich ihnen mit Aufmerksamkeit nachsahe, fragte mich der Furst: Ob ich auch lieber herumgehen als bei ihm sein wollte? Ich sagte ihm, ich dachte, es wurden wieder Reihen getanzt und ich wunschte dabeizusein. Sogleich stund er auf und begleitete mich zu den ubrigen. Ich dankte mir den Einfall und mengte mich eilends unter den Haufen junger Leute, die alle beisammenstunden. Sie lachelten uber mein Eindringen, waren aber sehr hoflich, bis auf Fraulein C*, die immer ganz murrisch den Kopf nach einer Seite kehrte. Ich wandte mich auch hin und erblickte Seymourn und Derby, die einander am Armfahrten und mit hastigen Schritten am Bach auf und nieder gingen. Indessen wurde es etwas dunkel, und man lud uns zu dem Abendessen, welches in der andern Bauerhutte bereitstund. Man blieb nicht lange bei Tische; denn alles eilte in den Tanzsal, der in einer dazu aufgebaueten Scheuer versteckt war. Niemand konnte uber das Ende der Tafel froher sein als ich; denn als die Ranglose gezogen wurden, setzte mich mein widriges Geschicke gleich an den Fursten, der bestandig mit mir redte und mich alle Augenblikke etwas kosten machte. Dieser Vorzug des Ungefahr10 zeigte mir die Hofleute in einem neuen aber sehr kleinen Lichte; denn ihr Betragen gegen mich war, als ob ich eine grosse Wurde erhalten hatte und sie sich mir gefallig machen mussten. Es war niemand, der mir nicht irgendeine schickliche oder unschickliche Schmeichelei sagte, den einzigen Seymour ausgenommen, welcher nichts redete. Sein Oncle G. und Mylord Derby sagten mir dagegen desto feinere Hoflichkeiten vor; besonders hatte dieser die gefalligste Ehrerbietung in seinem ganzen Bezeugen gegen mich. Er sprach vom Tanzen mit dem eigentlichen Ton, der fur diesen Gegenstand gehort, so dass er mir aufs neue Achtung fur seine Talente und Bedauern uber die schlimme Verwendung derselben einflosste. Ich fand bei dem Tanzen, dass es nicht fur alle vorteilhaft ist, dass der Ball sich mit Menuetten anfangt, weil dieser Tanz so viel Anmut in der Wendung und so viel Nettigkeit des Schritts erfodert, dass es manchen Personen sehr schwer fiel, diesen Gesetzen Genuge zu leisten. Der ausserordentliche Beifall, den ich erhielt, fuhrte mein Herz auf ein zartliches Andenken meiner teuren Eltern zuruck, die unter andern liebreichen Bemuhungen fur meine Erziehung auch das fruhzeitige und oftere Tanzen betrieben, weil mein schnelles Wachsen eine grosse Figur versprach, und mein Vater sagte: dass der fruhe Unterricht im Tanzen einer grossen Person am notigsten sei, um durch die Musik ihre Bewegungen harmonisch und angenehm zu machen, indem es immer bemerkt worden sei, dass die Grazien sich leichter mit einer Person von mittlerer Grosse verbinden, als mit einer von mehr als gewohnlicher Lange. Dieses war die Ursache, warum ich alle Tage tanzen und bei meinen Handarbeiten, wenn wir alleine waren, eine Menuet-Arie singen musste, denn mein Vater behauptete, dass durch diese Ubung unvermerkt alle meine Wendungen naturliche Grazien erhalten wurden. Sollte ich alles Lob glauben, das man meinem Tanzen und Anstand gibt, so sind seine Vermutungen alle eingetroffen; so wie ich seinen Ausspruch uber den Vorzug der Anmut vor der Schonheit ganz wahr gefunden habe, weil ich gesehen, dass die holdselige Miene der mit sehr wenig Schonheit begabten Grafin Zin*** ihr beinahe mehr Neiderinnen zuzog, als die Fraulein von B* mit ihrer Venus-Figur nicht hatte; und die Neiderinnen waren selbst unter der Zahl der Frauenzimmer von Verdiensten. Woher dieses Emilia? Fuhlen etwan vernunftige Personen den Vorzug der Anmut vor der Schonheit starker als andre und wunschen sie daher begieriger zu ihrem Eigentum? Oder kam dieser Neid von der Beobachtung, dass die ganz anmutsvolle Grafin Z*** die hochachtungswurdigste Mannspersonen an sich zog? Oder wagt die feine Eigenliebe eher einen Anfall auf Reize des Angenehmen als auf die ganze Schonheit, weil jene nicht gleich von allen Augen bemerkt werden und der Mangel der aussersten Vollkommenheit sehr leicht mit dem Gedanken eines fehlerhaften Charakters oder Verstandes verbunden wird und also der Tadlerin wohl noch den Ruhm eines scharfen Auges geben kann, da hingegen die kleinsten Schmahungen uber ein schones Frauenzimmer von jedem Zuhorer an die Rechnung des Neides kommen? Edle und kluge Eigenliebe sollte sich immer die Gunst der Huldgottinnen wunschen, weil sie ihre Geschenke niemals zurucknehmen und weder Zeit noch Zufalle uns derselben berauben konnen. Ich gestehe ganz aufrichtig, dass wenn ich in den schonen griechischen Zeiten geboren gewesen ware, so hatte ich meine besten Opfer dem Tempel der Grazien geweiht. Aber ich sehe, meine Emilia, ich errate, was sie denkt; denn indem sie dieses Schreiben liest, fragt der Ausdruck ihrer Physionomie: "War meine Freundin Sternheim so fehlerfrei, weil sie die von den andern so dreuste bezeichnet? Neid mag sie nicht gehabt haben, denn der Plan, dem sich ihre Eitelkeit nachzugehen vorgenommen hatte, meint durch nichts gestort worden zu sein; der Dank fur die Tanzubungen in ihrer Erziehung zeigt es an; oft ist es bloss ein grosser Grad der Zufriedenheit mit sich selbst, was uns vom Neide frei macht, anstatt, dass es die wahre Tugend tun sollte."
Sein Sie ruhig, meine liebe strenge Freundin, ich empfinde, dass Sie recht haben; ich war eitel und sehr mit mir zufrieden; aber ich wurde dafur gestraft. Ich hielt mich fur ganz liebenswurdig, aber ich war es nicht in den Augen desjenigen, bei dem ich es vorzuglich zu sein wunschte. Ich befliss mich so sehr gut englisch zu tanzen, dass Mylord G. und Derby zu dem Fursten sagten, eine geborne Englanderin konnte den Schritt, die Wendungen und den Takt nicht besser treffen. Man bat mich, mit einem Englander eine Reihe durchzutanzen. Mylord Seymour wurde dazu aufgefodert, und, Emilia! er schlug es aus; mit einer so unfreundlichen, beinahe verachtlichen Miene, dass es mir eine schmerzliche Empfindung gab. Mein Stolz suchte diese Wunde zu verbinden; doch beunruhigte mich sein dustres Bezeugen gegen alle Welt am allermeisten; er redete mit gar niemand mehr als mit seinem Oncle und Herrn Derby, welcher mit entzuckter Eilfertigkeit der Auffoderung entgegenging. Ich suchte ihn auch dafur durch mein bestes Tanzen zu belohnen und zugleich Seymourn durch meine Munterkeit zu zeigen, dass mich sein Widerwille nicht geruhrt habe. Sie kennen mich. Sie urteilen gewiss, dass dieser Augenblick nicht angenehm fur mich war; aber meine voreilige Neigung verdiente eine Strafe! Warum liess ich mich durch die Lobreden der Liebhaberin des Mylord Seymour so sehr zu seinem Besten einnehmen, dass ich die Gerechtigkeit fur andre daruber vergass und auf dem Wege war, die Achtung fur mich selbst zu vergessen? Aber ich habe ihm Dank, dass er mich zum Nachdenken und Uberlegen zuruckfuhrte; ich bin nun ruhiger in mir selbst, billiger fur andre und habe auch deswegen neue Ursache, mit diesem Feste vergnugt zu sein. Ich habe fur meinen Nachsten eine Pflicht der Wohltatigkeit ausgeubt und fur mich eine Lektion der Klugheit gelernt, und nun hoffe ich, meine Emilia ist mit mir zufrieden und liebt mich wie sonst.
Fraulein von Sternheim
an Emilia
Nun habe ich den Brief, den mir die arme Madam T* auf dem Gute des Grafen F* versprochen und worin sie mir die Ursachen ihres Elends erzahlt; er ist so weitlaufig und auf so dichtes Papier geschrieben, dass ich ihn nicht beischliessen kann. Sie werden aber aus dem Entwurf meiner Antwort das meiste davon sehen, und einige Hauptzuge will ich hier bemerken.
Sie ist aus einer guten, aber armen Rats-Familie entsprossen; ihre Mutter war eine rechtschaffene Frau und sorgfaltige Hauswirtin, die ihre Tochter sehr gering in Speise und Kleidung hielt, wenig aus dem Hause gehen liess und zu bestandigem Arbeiten anstrengte, auch ihnen immer von ihrem wenigen Vermogen redete, welches die Hindernis sei, warum sie und die Ihrigen in Kleidung, Tisch und ubrigem Aufwande andern, die reicher und glucklicher waren, nicht gleichkame. Die Kinder liessen sich's, wiewohl ungern, gefallen. Die Mutter stirbt, der Rat T* wirbt um die zwote Tochter und erhalt sie sehr leicht, weil man wusste, dass er ein artiges Vermogen von seinen Eltern ererbt hatte. Der junge Mann will seinen Reichtum zeigen, macht seiner Frau schone Geschenke, die Einrichtung seines Hauses wird auch so gemacht, sie geben Besuche, laden Gaste ein, und diese werden nach der Art beguterter Leute bedient; sie ziehen sich dadurch eine Menge Tischfreunde zu, und die gute Frau, welche in ihrem Leben nichts als den Mangel dieser Gluckseligkeiten des Reichtums gekannt hatte, ubergibt sich mit Freuden dem Genuss des Wohllebens, der Zerstreuung in Gesellschaften und dem Vergnugen schoner und abwechselnder Kleidung. Sie bekommt Kinder; diese fangt man auch an standesmassig zu erziehen; und das Vermogen wird aufgezehrt; man macht Schulden und fuhrt mit entlehntem Gelde den gewohnten Aufwand fort, bis die Summe so gross wird, dass die Glaubiger keine Geduld mehr haben und sie mit ihren Mobilien und dem Hause selbst die Bezahlung machen mussen; und nun verschwanden auch alle ihre Freunde. Die Gewohnheit eines guten Tisches und die Liebe zu schoner Kleidung nahm ihnen das ubrige. Das Einkommen von seinem Amte wurde in den ersten Monaten des Jahres verbraucht, in den andern fand sich Mangel und Kummer ein; der Mann konnte seinen Stolz, die Frau ihre Liebe zur Gemachlichkeit nicht vergnugen; bei ihm fehlte der Wille, bei ihr die Klugheit, sich nach ihren Umstanden einzurichten; es wurden Wohltater gesucht; es fanden sich einige; aber ihre Hulfe war nicht zureichend. Der Mann wurde unmutig, machte den Leuten, welche seine Freunde gewesen, Vorwurfe, beleidigte sie, und sie rachten sich, indem sie ihn seines Amts verlustig machten. Nun war Verzweiflung und Elend in gleichem Mass ihr Anteil; beides wurde noch durch den Anblick von sechs Kindern vergrossert. Alle Verwandten hatten die Hande abgezogen, und da ihr Elend sie zu allerhand kleinen, oft niedertrachtigen Hulfsmitteln zwang, so wurden sie endlich ein Gegenstand der Verachtung und des Hasses. In diesem Zustande lernte ich sie kennen und bot ihnen meine Hulfe an. Geld, Kleidung und Leinengerate und andrer notiger Hausrat war der Anfang davon. Ich sehe aber wohl, dass dieses nicht hinreichen wird, wenn das Ubel nicht in der Wurzel gehoben und ihre Denkensart von den falschen Begriffen von Ehre und Gluck geheilt wird. Ich habe einen Entwurf dazu gemacht, und Ihren rechtschaffenen Mann, den einsichtvollen Herrn Br*, bitte ich, ihn auszuarbeiten und zu verbessern. Denn ich sehe wohl ein, dass die Erfahrung und das Nachdenken eines zwanzigjahrigen Madchens nicht hinreichend ist, die dieser Familie auf allen Seiten notige Anweisung zu einer richtigen Denkungsart zu geben. Sie, meine Emilia, werden sehen, dass meine Gedanken meistens Auszuge aus den Papieren meiner Erziehung sind, die ich auf diesen Fall anzupassen suchte. Es ist fur den Reichen schwer, dem Armen einen angenehmen Rat zu geben; denn dieser wird den Ernst des erstern bei seinen moralischen Ideen immer in Zweifel ziehen und seine Ermahnungen zu Fleiss und Genugsamkeit als Kennzeichen annehmen, dass er seiner Wohltatigkeit mude sei; und dieser Gedanke wird alle gute Wirkungen verhindern. Zwei Tage von Zerstreuung haben mein Schreiben, wo ich bei dem Rat T* stehenblieb, unterbrochen. Wollte Gott, ich hatte ihn reich machen konnen und hatte nur die Bitte zu dieser Gabe setzen durfen, sie mit Klugheit zu brauchen. Das Wohlergehn dieser Familie hat mich mehr gekostet, als wenn ich ihnen die Halfte meines Vermogens gegeben hatte. Ich habe ihr einen Teil meiner Denkungsart aufgeopfert; der Rat T* lag mir sehr an, ihm durch meinen Oncle wieder ein Amt zu verschaffen. Ich sagte es diesem, und er antwortete mir: er konne die Gnade, welche er wieder anfange, bei dem Fursten zu geniessen, fur niemand als seine Kinder verwenden, indem er seinen Familien-Prozess zu gewinnen suchte. Ich war daruber traurig, aber meine Tante sagte mir: ich sollte bei nachster Gelegenheit selbst mit dem Fursten sprechen; ich wurde finden, dass er gerne Gutes tue, wenn man ihm einen wurdigen Gegenstand dazu zeigte, und ich wurde gewiss keine Fehlbitte tun. Nachmittags kamen der Graf F* und seine Gemahlin zu uns; mit diesen beredete ich mich auch und ersuchte beide, sich bei dem Fursten dieser armen Familie wegen zu verwenden; aber auch sie sagten mir: weil es die erste Gnade ware, die ich mir ausbate, so wurde ich sie am leichtesten durch mich selbst erhalten. Zudem wurde er es, der Seltenheit wegen, zusagen, weil sich noch niemals eine junge muntere Dame mit so vielem Eifer um eine verungluckte Familie angenommen habe, und dieser neue Zug meines Charakters wurde die Hochachtung vermehren, die er fur mich zeigte. Ich wurde unmutig, keine Hand zu finden, die sich mit der meinigen zu diesem Werk der Wohltatigkeit vereinigen wollte; mit dem Fursten redete ich sehr ungern, ich konnte auf seine Bereitwilligkeit zahlen, denn seine Neigung fur mich hatte ich schon deutlich genug gesehen, aber eben daher entstund meine Unschlussigkeit, ich wunschte, immer in einer Entfernung von ihm zu bleiben, und meine Furbitte, seine Zusage und mein Dank nahern mich ihm und seinen Lobspruchen, nebst den Erzahlungen, die er mir schon von neuen, ihm bisher unbekannten Gesinnungen, die ich ihm einflosste, zweimal gemacht hat. Etliche Tage kampfte ich mit mir, aber da ich den vierten Abend einen Besuch in dem trostlosen Hause machte, die Eltern froh uber meine Gaben, das Haus aber noch leer von Notdurftigkeiten und mit sechs teils grossen, teils kleinen Kindern besetzt sahe, o da hiess ich meine Empfindlichkeit fur meine Ruhe und Ideen derjenigen weichen, welche mich zum Besten dieser Kinder einnahm; sollte die Delikatesse meiner Eigenliebe nicht der Pflicht der Hulfe meines notleidenden Nachsten Platz machen, und der Widerwille, den mir die aufglimmende Liebe des Fursten erreget, sollte dieser das Bild der Freude verdrangen, welche durch die Erhaltung eines Amts und Einkommens in diese Familie kommen wurde. Ich war der Achtung gewiss, die er fur denselben hatte; und was dergleichen mehr war. Man hatte mich der Hulfe versichert; mein Herz wusste, dass mir die Liebe des Fursten ohne meine Einwilligung nicht schadlich sein konnte; ich fuhrte also gleich den andern Tag meinen Entschluss aus, da wir bei der Prinzessin von W* im Konzert waren und ich meine Stimme horen lassen musste. Der Furst schien entzuckt und ersuchte mich einigemal, mit ihm im Saal auf und ab zu gehen. Sie konnen denken, dass er mir viel von der Schonheit meiner Stimme und der Geschicklichkeit meiner Finger redete, und dass ich diesem Lob einige bescheidne Antworten entgegensetzte; aber da er den Wunsch machte, mir seine Hochachtung durch etwas anders als Worte beweisen zu konnen, so sagte ich, dass ich von seiner edeln und grossmutigen Denkungsart uberzeugt ware und mir daher die Freiheit nahme, seine Gnade fur eine ungluckliche Familie zu erbitten, die der Hulfe ihres Landesvaters hochst bedurftig und wurdig sei.
Er blieb stillestehen, sahe mich lebhaft und zartlich an: "Sagen Sie mir, liebenswurdiges Fraulein Sternheim: wer ist diese Familie? was kann ich fur sie tun?" Ich erzahlte ihm kurz, deutlich und so ruhrend, als ich konnte, das ganze Elend, in welchem sich der Rat T* samt seinen Kindern befanden, und bat ihn um der letztern willen, Gnade und Nachsicht fur den erstern zu haben, der seine Unvorsichtigkeit schon lange durch seinen Kummer gebusset hatte. Er versprach mir alles Gute, lobte mich wegen meinem Eifer und setzte hinzu, wie gerne er Unglucklichen zu Hulfe komme; aber, dass er wohl einsehe, dass diejenigen, die ihn umgaben, immer zuerst fur sich und die Ihrigen besorgt waren; ich wurde ihm vieles Vergnugen machen, wenn ich ihm noch mehr Gegenstande seiner Wohltatigkeit anzeigen wollte.
Ich versicherte ihn, dass ich seine Gnade nicht missbrauchen wurde, wiederholte nochmals ganz kurz meine Bitte fur die Familie T*.
Er nahm meine Hand, druckte sie mit seinen beiden Handen und sagte mit bewegtem Ton: "Ich verspreche Ihnen, meine liebe, eifrige Furbitterin, dass alle Wunsche Ihres Herzens erfullt werden sollen, wenn ich erhalten kann, dass Sie gut fur mich denken."
Diesen Augenblick verwunschte ich beinahe mein mitleidendes Herz und die Familie T*; denn der Furst sah mich so bedeutend an, und da ich meine Hand wegziehen wollte, so hielt er sie starker und erhob sie gegen seine Brust. "Ja, wiederholte er, alles werde ich anwenden, um Sie gut fur mich denken zu machen."
Er sagte dieses laut und mit einem so feurigen und unruhvollen Ausdruck in seinem Gesichte, dass sich viele Augen nach uns wendeten und mich ein kalter Schauer ankam. Ich riss meine Hand los und sagte mit halb gebrochner Stimme, dass ich nicht anders als gut von dem Fursten denken konne, der so willig ware, seinen unglucklichen Landeskindern vaterliche Gnade zu beweisen; machte dabei eine grosse Verbeugung und stellte mich mit etwas Verwirrung hinter den Stuhl meiner Tante. Der Furst soll mir nachgesehen und mit dem Finger gedroht haben. Mag er immer drohen; ich werde nicht mehr mit ihm spazierengehen und will meinen Dank fur seine Wohltat an T* nicht anders als mitten im Kreis ablegen, den man allezeit bei seinem Eintritt im Saal bei Hofe um ihn schliesst.
Alle Gesichter waren mit Aufmerksamkeit bezeichnet, und noch niemals hatte ich an den Spieltischen eine so allgemeine Klage uber zerstreute Spieler und Spielerinnen gehort. Ich fuhlte, dass ihre Aufmerksamkeit auf mich und den Fursten Ursache daran war und konnte mich kaum von meiner Verwirrung erholen. Mylord Derby sah etwas traurig aus und schien mich mit Verlegenheit zu betrachten; er war in ein Fenster gelehnt und seine Lippen bewegten sich wie eines Menschen, der stark mit sich selbst redet; er naherte sich dem Spieltische meiner Tante just in dem Augenblick, da sie sagte:
"Sophie, du hast gewiss mit dem Fursten fur den armen Rat T* gesprochen; denn ich sehe dir an, dass du bewegt bist."
Niemals war mir meine Tante lieber als diesen Augenblick, da sie meinen Wunsch erfullte, dass alle wissen mochten, was der Inhalt meines Gesprachs mit dem Fursten gewesen sei. Ich sagte auch ganz munter: er hatte meine Bitte in Gnaden angehort und zugesagt. Die Dusternheit des Mylords Derby verlor sich und blieb nur nachdenkend, aber ganz heiter, und die ubrigen zeigten mir ihren Beifall uber meine Furbitte mit Worten und Gebarden. Aber was denken Sie, meine Emilia, wie mir war, als ich nach der Gesellschaft mich nur auszog und einen Augenblick mit meiner Rosine in einem Tragsessel mich zum Rat T* bringen liess, der gar nicht weit von uns wohnt; ich wollte den guten Leuten eine vergnugte Ruhe verschaffen, indem ich ihnen die Gnade des Fursten versicherte. Ich hatte mich nahe an das Fenster, welches in eine kleine Gasse gegen einen Garten geht, gesetzt. Eltern und Kinder waren um mich versammelt; der Rat T* hatte auf mein Zureden neben mir auf der Bank Platz genommen, und ich zog die Frau mit meiner Hand an mich, indem ich beiden sagte: "Bald, meine lieben Freunde, werde ich Sie mit einem vergnugten Gesichte sehen, denn der Furst hat dem Herrn Rat ein Amt und andre Hulfe versprochen."
Die Frau und die zwei altesten Kinder knieten vor mich hin mit Ausrufung voll Freude und Danks. Im namlichen Augenblick pochte jemand an den Fensterladen; der Rat T* machte das Fenster und den Laden auf, und es flog ein Paket mit Geld herein, das ziemlich schwer auffiel und uns alle besturzt machte. Eilends naherte ich meinen Kopf dem Fenster und horte ganz deutlich die Stimme des Mylords Derby, der auf englisch sagte: "Gott sei Dank, ich habe etwas Gutes getan, mag man mich wegen meiner Lustigkeit immer fur einen Bosewicht halten!"
Ich bekenne, dass mich seine Handlung und seine Rede in der Seele bewegte, und mein erster Gedanke war: Vielleicht ist Mylord Seymour nicht so gut, als er scheint, und Derby nicht so schlimm, als von ihm gedacht wird. Die Frau T* war an die Hausture geloffen und rief: "Wer sind Sie?" Aber er eilte davon wie ein fliehender Vogel. Das Paket wurde aufgemacht und funfzig Karolinen darin gefunden. Urteilen Sie von der Freude, die daruber entstand. Eltern und Kinder weinten und druckten sich wechselsweise die Hande; wenig fehlte, dass sie nicht das Geld kussten und an ihr Herz druckten. Da sah ich den Unterschied zwischen der Wirkung, welche die Hoffnung eines Glucks und der, die der wirkliche Besitz desselben macht. Die Freude uber das versprochene Amt war gross, doch deutlich mit Furcht und Misstrauen vermengt; aber funfzig Karolinen, die man in die Hande fasste, zahlte und ihrer sicher war, brachten alle in Entzuckung. Sie fragten mich: was sie mit dem Gelde anfangen sollten? Ich sagte zartlich: "Meine lieben Freunde, gebrauchen Sie es sorgfaltig, als wenn Sie es mit vieler Muhe erworben hatten und als ob es der ganze Rest Ihres Glucks ware, denn wir wissen noch nicht, wann oder wie der Furst fur Sie sorgen wird." Ich ging sodann nach Hause und war mit meinem Tage vergnugt.
Ich hatte durch meine Furbitte die Pflicht der Menschenliebe ausgeubt und den Fursten zu einer Ausgabe der Wohltatigkeit gebracht, wie ihn andre zu Ausgaben von Wollust und Uppigkeit verleiteten. Ich hatte die Herzen trostloser Personen mit Freude erfullt und das Vergnugen genossen, von einem fur sehr boshaft gehaltenen Mann eine edle und gute Handlung zu sehen. Denn wie schnell hat Mylord D. die Gelegenheit ergriffen, Gutes zu tun? An dem Spieltische meiner Tante hort er ungefahr von einem mitleidenswurdigen Hause reden und erkundigt sich gleich mit so vielem Eifer darnach, dass er noch den namlichen Abend eine so freigebige, wahrhaftig englandische Hulfe leistet.
Er dachte wohl nicht, dass ich da ware, sondern zu Hause an der Tafel sitzen wurde, sonst sollte er nicht englisch geredet haben. In Gesellschaften horte ich ihn oft gute Gesinnungen aussern; aber ich hielte sie fur Heucheleien eines feinen Bosewichts; allein die freie, allen Menschen unbekannte Handlung kann unmoglich Heuchelei sein. O mochte er einen Geschmack an der Tugend finden und ihr seine Kenntnisse weihen! Er wurde einer der hochachtungswurdigsten Manner werden.
Ich kann mich nun nicht verhindern, ihm einige Hochachtung zu bezeugen, weil er sie verdient. Seinen feinen Schmeicheleien, seinem Witz und der Ehrerbietung, die er mir beweist, hatte ich sie niemals gegeben. Es kann oft geschehen, dass ausserliche Annehmlichkeit uns die Aufwartung und vielleicht die starkste Leidenschaft des grossten Bosewichts zuzieht. Aber wie verachtungswert ist ein Frauenzimmer, die einen Gefallen daran bezeugt und sich wegen diesem armen Vergnugen ihrer Eigenliebe zu einer Art von Dank verbunden halt. Nein! niemand als der Hochachtungswurdige soll horen, dass ich ihn hochschatze. Zu meiner Hoflichkeit ist die ganze Welt berechtigt; aber bessere Gesinnungen mussen durch Tugenden erworben werden.
Nun glaube ich aber notig zu sagen, dass mein ganzer Plan fur die Familie T* umgearbeitet werden musse, wenn sie ein sicheres Einkommen erhalten. Ich uberlasse es Ihrem gutdenkenden und aller Klassen der Moral und Klugheit kundigen Manne, diesen Plan brauchbar zu machen. Ich bitte Sie aber bald darum. Und da meine Augen vor Schlaf zufallen, wunsche ich Ihnen, meine teure Emilia, gute Nacht.
Fraulein von Sternheim
an Frau T*
Ich danke Ihnen, werte Madam T*, fur das Vergnugen, welches Sie mir durch Ihre Offenherzigkeit gemacht haben; ich versichre Sie dagegen meiner wahren Freundschaft und eines unermudeten Eifers, Ihnen zu dienen.
Sie wissen von meinem letzten Besuch, dass das Verlangen des Herrn T* nach einem Amte durch die gnadigen Gesinnungen Ihres Fursten zufriedengestellt wird. Sie kennen meine Freude uber den Gedanken, Sie bald aus dem sorgenvollen Stande gezogen zu sehen, in welchem Sie schmachten. Darf ich Ihnen aber auch sagen, dass diese Freude mit dem Wunsch begleitet ist: dass Sie sich bemuhen mochten, Ihren kunftigen Wohlstand fur Sie und Ihre Kinder dauerhaft zu machen. Die Vergleichung Ihres vorigen Wohlstandes und der kummervollen Jahre, die darauf erfolgten, konnte die Grundlage eines Plans werden, den Sie itzt mit Ihren Kindern befolgten. Die Geschenke des Lord Derby haben Sie in den Stand gesetzt, sich mit Kleidung und Hausgerate zu besorgen, so dass das Einkommen Ihres Amts ganz rein zu Unterhaltung und Erziehung Ihrer Kinder gewidmet werden kann.
Ich trauete meinen jungen Einsichten nicht zu, den Entwurf eines solchen Plans zu machen, und habe einen Freund geistlichen Standes darum gebeten, der mir folgendes zuschrieb.
Bei den drei altern Kindern ist (wie ich aus der Nachricht ersehe) der Verstand und die Empfindung reif genug, um jene Vergleichung in ihrer Starke und Nutzbarkeit einzusehen. Wenn Sie ihnen sodann die Berechnung Ihres Einkommens und der notigen Ausgaben machen, werden sie sich gerne nach Ihrem Plan fuhren lassen. Sagen Sie ihnen alsdann:
Gott habe zwo Gattungen Gluckseligkeit fur uns bestimmt, wovon die erste ewig fur unsre Seele verheissen ist und deren wir uns durch die Tugend wurdig machen mussen.11 Die zwote geht unser Leben auf dieser Erde an. Diese konnen wir durch Klugheit und Kenntnisse erhalten. Reden Sie ihnen von der Ordnung, die Gott unter den Menschen durch die Verschiedenheit der Stande eingesetzt hat. Zeigen Sie ihnen die hohere und reichere, aber auch die armere und niedrigere als Sie sind. Reden Sie von den Vorteilen und Lasten, die jede Klasse hat, und lenken Sie alsdenn Ihre Kinder zu einer ehrerbietigen Zufriedenheit mit ihrem Schopfer, der sie durch die Eltern, die er ihnen gab, zu einem gewissen Stande bestimmte und ihnen darin ein eignes Mass besondrer Pflichten zu erfullen auflegte; sagen Sie ihnen, zu den Pflichten der Tugend und der Religion sei der Furst wie der Geringste unter den Menschen verbunden.
Der erste Rang des Privatstandes habe die edle Pflicht, durch nutzliche Kenntnisse und Gelehrsamkeit auf den verschiedenen Stufen offentlicher Bedienungen oder in der hohern Klasse des Kaufmannsstandes dem gemeinen Wesen nutzlich zu sein.
Von diesem Begriffe machen Sie die Anwendung, dass Ihre Sohne durch den Stand des Herrn Rat T* in den ersten Rang der Privatpersonen gehoren, darin sie nach Erfullung der Pflichten fur ihr ewiges Wohl auch denen nachkommen mussen, ihre Fahigkeiten des Geistes durch Fleiss im Lernen und Studieren so anzubauen, dass sie einst als geschickte und rechtschaffene Manner ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen konnten. Der Ursprung des Adels ware kein besonderes Geschenk der Vorsicht, sondern die Belohnung der zum Nutzen des Vaterlandes ausgeubten vorzuglichen Tugenden und Talente gewesen. Der Reichtum sei die Frucht des unermudeten Fleisses und der Geschicklichkeit; es stunde bei ihnen, sich auch auf diese Art vor andern ihresgleichen zu zeigen, weil Tugend und Talente noch immer die Grundsteine der Ehre und des Glucks sein.
Ihren Tochtern sollen Sie sagen, dass sie neben den Tugenden der Religion auch die Eigenschaften edelgesinnter liebenswurdiger Frauenzimmer besitzen mussen und dass sie dieses ohne grossen Reichtum werden und bleiben konnten.
Unser Herz und Verstand sind dem Schicksal nicht unterworfen. Wir konnen ohne eine adelige Geburt edle Seelen und ohne grossen Rang einen grossen Geist haben; ohne Reichtum glucklich und vergnugt und ohne kostbaren Putz durch unser Herz, unsern Verstand und unsre personliche Annehmlichkeiten sehr liebenswurdig sein und also durch gute Eigenschaften die Hochachtung unsrer Zeitgenossen als die erste und sicherste Stufe zu Ehre und Gluck erlangen.
Dann sagen Sie ihnen ihre Einkunfte und die Anwendung, die sie davon, nach den Pflichten fur die Bedurfnisse ihres Korpers in Nahrung und Kleider, fur die Bedurfnisse ihres Geistes und Vergnugens an Lehrmeistern, Buchern und Gesellschaften machen wollten. Nennen Sie auch den zurucklegenden Pfennig als eine Pflicht der Klugheit fur kunftige Zufalle.
Wir brauchen Nahrung, um die Krafte unsers Korpers zu unterhalten. Und diesen Endzweck der Natur konnen wir durch die simpelsten Speisen am leichtesten erreichen. Diese werden von dem kleinen Einkommen nicht zuviel wegnehmen und wir folgen dadurch der Stimme der Natur fur unsre Gesundheit und geben zugleich unserm Schicksal nach, welches uns die Ausschweifungen unsrer Einbildung ohnehin nicht erlaubte. Und da der Reiche nach dem schwelgerischen Genuss des Uberflusses seine Zuflucht zu einfachen Speisen und Wasser nehmen muss, um seine Gesundheit wiederherzustellen, warum sollten wir uns beklagen, weil wir durch unser Verhangnis gezwungen sind, in gesunden Tagen den einfachen Foderungen der Natur gemass zu leben? Kleider haben wir zur Bedeckung und zum Schutz gegen die Anfalle der Witterung notig; diesen Dienst erhalten wir von den geringen und wohlfeilen Zeugen wie von den kostbaren. Die meinem Gesichte anstandige Farbe und die Schonheit der Form muss bei dem ersten wie bei dem letzten gesucht werden; habe ich diese, so habe ich die erste Zierde des Kleides. Ein edler Gang, eine gute Stellung, die Bildung, so mir die Natur gab, konnen meinem netten einfachen Putz ein Ansehen geben, das der Reiche bei alle seinem Aufwand nicht allezeit erhalt; und bei Vernunftigen wird mir meine Massigung ebensoviel Ehre machen, als der Reiche in dem Wechsel seiner Pracht immer finden kann.
Mussen wir in unserm Hausgerate den Mangel vieles Schonen und Gemachlichen ertragen, so wollen wir in dem hochsten Grade der Reinlichkeit den Ersatz des Kostbaren suchen und uns gewohnen, wie der weise Araber, froh zu sein, dass wir zu unserm Gluck den Uberfluss nicht notig haben. Und wie edel konnen einst die Tochter des Herrn Rats die Wurde ihres Hauses zieren, wenn die Zimmer mit schonen Zeichnungen, die Stuhle und Ruhebanke mit Tapetenarbeit von ihren geschickten Handen bekleidet sein werden! Sollten Sie nach dieser edelmutigen Ergebung in Ihr Schicksal durch den Anblick des Reichen in eine traurige Vergleichung zwischen Ihren und seinen Umstanden verfallen, so halten Sie sich nicht bloss an die Idee des Vergnugens, das der Reiche in seiner Pracht und Wollust geniesst, sondern wenden Sie Ihre Gedanken auf den Nutzen, den Kaufleute, Kunstler und Handarbeiter davon haben; denn bei dem ersten Gedanken fuhlen Sie nichts als Schmerzen der Unzufriedenheit mit Ihrem Geschicke, welches Sie alle dieser Freuden beraubte; aber bei der zweiten Betrachtung empfinden Sie das Vergnugen einer edeln Seele, die sich uber das Wohl ihres Nachsten erfreut, und je kleiner Ihr Anteil an allgemeinem Gluck ist, desto edler ist Ihre Freude.
Prufen Sie das Mass der Fahigkeiten Ihrer Kinder, lassen Sie keines unbebauet, und so bescheiden sie in Kleidung und anderm Aufwand von Personen Ihres Standes sein mogen, so verwenden Sie alles auf die Erziehung. Zeichnen, Musik, Sprachen, alle schonen Arbeiten des Frauenzimmers fur Ihre Tochter; fur Ihre Sohne alle Kenntnisse, die man von wohlerzognen jungen Mannsleuten fodert. Flossen Sie beiden Liebe und Geschmack fur die edle und unserm Geiste so nutzliche Beschaftigung des Lesens ein, besonders alles dessen, was zu der besten Kenntnis unsrer Korperwelt gehort. Es ist eine Pflicht des guten Geschopfs, die Werke seines Urhebers zu kennen, von denen wir alle Augenblicke unsers Lebens soviel Gutes geniessen; da die ganze physikalische Welt lauter Werke und Zeugnisse der Wohltatigkeit und Gute unsers Schopfers in sich fasst, deren Anblick und Kenntnis das reinste und vollkommenste, keinem Zufall, keinem Menschen unterworfene Vergnugen in unsre Seele giesst. Je mehr Geschmack Ihre Kinder an der naturlichen Geschichte unsers Erdbodens, je mehr Kenntnisse sie von seinen Gewachsen, Nutzbarkeit und Schonheit erlangen, je sanfter ihre Gesinnungen, Leidenschaften und Begierden sein, und um so viel mehr wird ihr Geschmack am Edeln und Einfachen gestarkt und befestigt werden, und um so weiter entfernen sie sich Von der Idee, dass Pracht und Wollust das grosste Gluck sei.
Die Geschichte der moralischen Welt sollen Ihre Kinder auch kennen; die Veranderungen, welche ganze Konigreiche und erhabne Personen betroffen, werden sie zu Betrachtungen leiten, deren Wirkung die Zufriedenheit mit ihren eingeschrankten Umstanden sein und den Eifer fur die Vermehrung der Tugend ihrer Seele und der Kenntnisse ihres Geistes vergrossern wird; weil sie durch die Geschichte Enden werden, dass, Tugend und Talente allein die Guter sind, welche Verhangnis und Menschen nicht rauben konnen.
Heute abend sollen Ihre Kinder alle Bucher erhalten, welche zu Erlangung dieses Nutzens erforderlich sind. Der beste Segen meines Herzens wird den Korb begleiten, damit diese Arbeiten wohltatiger und liebenswurdiger Manner auch fur sie eine Quelle nutzbarer Kenntnisse und der besten Vergnugungen ihres Lebens werden, gleichwie sie es fur mich sind.
Noch eins bitte ich Sie, teure Madam T*. Suchen Sie ja keine Tischfreunde mehr. Beweisen Sie denen, so Ihnen in Ihrem Unglucke dienten, Ihre Dankbarkeit und Achtung, Freundschaft und alle Gesinnungen der Ehre; tun Sie nach allen Ihren Kraften andern Notleidenden Gutes und leben Sie mit Ihren Kindern ruhig und einsam fort, bis Ihr Umgang von Rechtschaffnen gesucht wird. Halten Sie Ihre heranwachsende Tochter, je mehr Schonheit, je mehr Talente sie haben werden, je mehr zu Hause; das Lob ihrer Lehrmeister und die Bescheidenheit und Klugheit ihrer Lebensart soll sie bekannt machen, ehe man mit ihren Gesichtern sehr bekannt sein wird. Ich bin uberzeugt, dass Sie einst sehr zufrieden sein werden, dieser Phantasie Ihrer Freundin gefolgt zu haben.
Mylord Derby an seinen Freund in Paris
Heida, Bruderchen, rufen sich die Landsleute meiner Sternheim zu, wenn sie sich recht lustig machen wollen. Und weil ich meine englischen Netze auf deutschem Boden ausgesteckt habe, so will ich dir auch zurufen! Heida, Bruderchen! die Schwingen meines Vogelchens sind verwickelt! Zwar sind Kopf und Fusse noch frei, aber die kleine Jagd, welche auf der andern Seite nach ihr gemacht wird, soll sie bald ganz in meine Schlingen treiben und sie sogar notigen, mich als ihren Erretter anzusehen. Vortrefflich war mein Gedanke, mich nach ihrem Geiste der Wohltatigkeit zu schmiegen und dabei das Ansehen der Gleichgultigkeit und Verborgenheit zu behalten. Beinahe hatte ich es zu lange anstehen lassen und die beste Gelegenheit versaumt, mich ihr in einem vorteilhaften Lichte zu zeigen; aber die Geschwatzigkeit ihrer Tante half mir alles einbringen.
In der letzten Gesellschaft bei Hofe wurden wir alle durch ein langes Gesprach der Sternheim mit dem Fursten besonders aufmerksam gemacht; ich hatte ihren Ton behorcht, welcher suss und einnehmend gestimmt war, und da ich nachdachte, was das Madchen vorhaben mochte, sah ich den Fursten ihre Hande ergreifen und, wie mich dunkte, eine kussen. Der Kopf wurde mir schwindlicht, ich verlor meine Karten und legte mich voll Gift an ein Fenster; aber wie ich sie zum Spieltische ihrer Tante eilen und ihre Augen voller Bewegung und verwirrt auf das Spiel richten sah, naherte ich mich. Sie warf einen heftigen halbscheuen Blick nach mir. Ihre Tante Eng an: Sie sahe ihr an, dass sie mit dem Fursten fur den Rat T* geredet habe: das Fraulein bejahte es, sagte freudig, dass er ihr Gnade fur die Familie versprochen, und setzte etwas von dem Notstande dieser Leute hinzu. Dieses fasste ich mir, um gleich den andern Tag etwas fur sie zu tun, ehe der Furst die Bitte der Sternheim erfullte. Ich ging nach meiner Gewohnheit in dem Uberrock meines Kerls an die Fenster des Speisesaals vom Grafen Lobau, weil ich alle Tage wissen wollte, wer mit meiner Schonen zu Nacht esse; kaum war ich in der Gasse, so sah ich Tragsessel kommen, die an dem Hause hielten, zwo ziemlich verkappte Frauenzimmer kamen an die Tur und ich horte die Stimme der Sternheim deutlich sagen, zu Rat T* am S*** Garten. Ich wusste das Haus, lief in mein Zimmer, holte mir Geld und warf es, da sie noch da war, bei dem Rat T* durchs Fenster, an welchem das Fraulein sass, murmelte einige Worte von Freude uber die Wohltatigkeit, und als man an die Ture kam, eilte ich davon. Zauberkraft war in meinen Worten; denn da ich zween Tage darauf dem Fraulein in Graf F-s Hause entgegenging, um ihr meine angenommene Ehrerbietung zu bezeugen, bemerkte ich, dass ihr schones Auge sich mit einem Ausdruck von Achtung und Zufriedenheit auf meinem Gesichte verweilte; sie fing an, mir etliche Worte auf englisch zu sagen, aber da sie sehr spat gekommen war, wurde ihr gleich vom jungen Grafen F* eine Karte zu ziehen angeboten; sie sah sich unschlussig, wie durch eine Ahndung, um und zog einen Konig, der sie zur Partie des Fursten bestimmte.
"Musste ich just diese ziehen", sagte sie, mit unmutiger Stimme; aber sie hatte lange wahlen konnen, sie wurde nichts als Konige gezogen haben, dann der Graf F* hatte keine andre Karten in der Hand, und ihre Tante war mit Bedacht spat gekommen, da alle Spieltische besetzt und der Furst just als von ungefahr in die Gesellschaft gekommen und so hofisch war, keinem sein Spiel nehmen zu wollen, sondern dem Zufall unter der Leitung des diskreten F. die Sorge ubertrug, ihm jemand zu schaffen. Der franzosische Gesandte und die Grafin F* machten die Partie mit; mein Pharaon erlaubte mir manchmal, hinter den Stuhl des Fursten zu treten und meine Augen dem Fraulein etwas sagen zu lassen; bezaubernde, unnachahmliche Anmut begleitete alles, was sie tat; der Furst fuhlte es einst, als sie mit ihrer schonen Hand Karten zusammenraffte, so stark, dass er hastig die seinige ausstreckte, einen ihrer Finger fasste und mit Feuer ausrief: "Ist es moglich, dass in P** alle diese Grazien erzogen wurden? Gewiss, Herr Marquis, Frankreich kann nichts Liebenswurdigers zeigen."
Der Gesandte hatte kein Franzose und kein Gesandter sein mussen, wenn er es nicht bekraftiget hatte, ware er auch nicht davon uberzeugt gewesen; und meine Sternheim gluhete von Schonheit und Unzufriedenheit. Denn die Blicke des Fursten mogen noch lebhafter gewesen sein als der Ton, mit welchem er redete. Mein Madchen mischte die Karte mit niedergeschlagenem Auge fort. Als sie selbige austeilte, machte ich eine Wendung; sie blickte mich an; ich zeigte ihr ein nachdenkendes, trauriges Gesichte, mit welchem ich sie ansah, meine Augen auf den Fursten heftete und mit schnellem Schritte mich an den Pharao-Tisch begab, wo sie mich spielen sehen konnte. Ich setzte stark und spielte zerstreut; meine Absicht war, die Sternheim denken zu machen, dass meine Beobachtung der Liebe des Fursten gegen sie Ursache an der Nachlassigkeit fur mein Gluck und der scheinbaren Zerstreuung meiner Gedanken sei. Dieses konnte sie nicht anders als der Starke meiner Leidenschaft fur sie zuschreiben, und es ging, wie ich es haben wollte. Sie war auf alle meine Bewegungen aufmerksam. Als die Spiele geendigt waren, ging ich schwermutig zu dem Piquet, eben da das Fraulein ihr gewonnenes Geld zusammenfasste; es war viel und alles von dem Fursten.
"Heute noch", sagte sie, "sollen es die Kinder des Rats T* bekommen, denen ich sagen werde, dass Euere Durchlaucht ihnen zulieb es so grossmutig verloren haben."
Der Furst sah sie lachelnd und vergnugt an, und ich riss mich aus dem Zimmer weg, mit dem Entschluss auf sie zu lauren, wenn sie zum Rat T* ginge, um mich dort einzudringen und ihr von meiner Liebe zu reden. Den ganzen Nachmittag hatte sie mich mit Tiefsinn und Heftigkeit wechselsweise behaftet gesehen; mein Eindringen konnte auf die Rechnung meiner starken Leidenschaft geschrieben werden. Ich habe ohnehin wahrend meinem Aufenthalt in Deutschland gefunden, dass ein gunstiges Vorurteil fur uns darin herrschet, kraft dessen man von unsern verkehrtesten Handlungen auf das gelindeste urteilt, ja, sie noch manchmal als Beweise unsrer grossen und freien Seelen ansieht.
Bei dieser Kunst, den Augenblick des Zufalls zu benutzen, habe ich mehr gewonnen, als ich durch ein ganzes Jahr Seufzen und Winseln erhalten hatte. Lies diese Szene und bewundere die Gegenwart des Geistes und die Gewalt, die ich uber meine sonst unbandige Sinnen in der ganzen halben Stunde hatte, die ich allein, ganz allein mit meiner Gottin in einem Zimmer war und ihre schone Figur in der allerreizendsten Gestalt vor mir sah. Sie war nach Hause gegangen, um ihr Oberkleid und ihren Kopfputz abzulegen und warf nur einen grossen Mantel und eine Kappe uber sich, als sie sich zu Rat T* tragen liess. Die Kappe, welche sie abzog, nahm allen Puder von ihren KastanienHaaren hinweg und brachte auch die Locken etwas in Unordnung; ein kurzes Unterkleid und die schone erhohete Farbe, die ihr mein Anblick und meine Unterredung gab, machten sie unbeschreiblich reizend.
Als sie einige Minuten da war, pochte ich an die Ture und rief sachte nach der Madam T*. Sie kam; ich sagte ihr, dass ich Sekretar bei Mylord G. ware, der mich mit einem Geschenk fur ihre Familie zu dem Fraulein von Sternheim geschickt hatte, der ich es selbst ubergeben solle und mit ihr deswegen zu reden habe; die Frau hiess mich einen Augenblick warten und lief hin, ihren Mann und ihre Kinder in ein ander Zimmer zu schaffen; sie winkte mir sodann. Ich Narr zitterte beinahe, als ich den ersten Schritt in die Ture trat; aber die kleine Angst, die das Madchen befiel, erinnerte mich noch zu rechter Zeit an die Oberherrschaft des mannlichen Geistes, und eine uberbleibende Verwirrung musste mir dazu dienen, mein gezwungenes Eindringen zu beschonen. Ehe sie sich von ihrem Erstaunen, mich zu sehen, erholen konnte, war ich zu ihren Fussen; machte in unsrer Sprache einige lebhafte Entschuldigungen wegen des Uberfalls und wegen des Schreckens, den ich ihr verursacht, aber es sei mir unmoglich gewesen, noch langer zu leben, ohne ihr das Gestandnis der lebhaftesten Verehrung zu machen, und dass, da mir durch Mylord G. die vielen Besuche in dem Hause ihres Oncles untersagt worden, und ich gleichwohl mit Augen gesehen, dass andere die Kuhnheit hatten, ihr ihre Gesinnungen zu zeigen, so wollte ich nur das Vorrecht haben, ihr zu sagen, dass ich sie wegen ihrem seltenen Geist verehrte, dass ich Zeuge von ihrer ausubenden Tugend gewesen ware und sie allein mich an den Ausspruch des Weisen erinnert hatte, der gesagt, dass wenn die Tugend in sichtbarer Gestalt erschiene, niemand der Gewalt ihrer Reizungen wurde widerstehen konnen; dass ich dieses Haus als einen Tempel betrachtete, in welchem ich zu ihren Fussen die Gelubde der Tugend ablegte, welche ich durch sie in ihrer ganzen Schonheit hatte kennenlernen, dass ich mich nicht wurdig schatzte, ihr von Liebe zu reden, ehe ich mich ganz umgebildet hatte, wobei ich ihr Beispiel zum Muster nehmen wurde. Meine Erscheinung und der Jast der Leidenschaften, in welchem ich zu ihr sprach, hatte sie wie betaubt und auch anfangs etwas erzurnt; aber das Wort Tugend, welches ich etlichemal aussprach, war die Beschworung, durch welche ich ihren Zorn besanftigte und ihr alle Aufmerksamkeit gab, die ich notig hatte, um mir ihre Eitelkeit gewogen zu machen. Ich sah auch, wie mitten unter den Runzeln, die der Unmut der jungfraulichen Sittsamkeit uber ihre Stirne gezogen hatte, da sie mich etlichemal unterbrechen und forteilen wollte, mein Plato mit seiner sichtbar gewordenen Tugend diese ernsthaften Zuge merklich aufheiterte und der feinste moralische Stolz auf ihren zur Erde geschlagnen Augen sass. Diese Bemerkung war mir fur diesmal genug, und ich endigte meine ganz zartlich gewordene Rede mit einer wiederholten demutigen Abbitte meiner Uberraschung.
Sie sagte mit einer etwas zitternden Stimme: Sie bekenne, dass mein Anblick und meine Anrede ihr sehr unerwartet gewesen sei, und dass sie wunschte, dass mich meine Gesinnungen, wovon ich ihr redete, abgehalten hatten, sie in einem fremden Hause zu uberraschen.
Ich machte einige bewegliche Ausrufungen, und mein Gesicht war mit der Angst bezeichnet, ihr missfallen zu haben; sie betrachtete mich mit Sorgsamkeit und sagte: "Mylord, Sie sind der erste Mann, der mir von Liebe redt und mit dem ich mich allein befinde; beides macht mir Unruhe; ich bitte Sie, mich zu verlassen und mir dadurch eine Probe der Hochachtung zu zeigen, die Sie fur meinen Charakter zu haben vorgeben."
"Vorgeben! O Sternheim, wenn es vorgebliche Gesinnungen waren, so hatte ich mehr Vorsicht gebraucht, um mich gegen Ihren Zorn zu bewahren. Anbetung und Verzweiflung war's, die mich zu der Verwegenheit fuhrten, hieher zu kommen; sagen Sie, dass Sie mir meine Verwegenheit vergeben und meine Verehrung nicht verwerfen."
"Nein, Mylord, die wahre Hochachtung des rechtschaffenen Mannes werde ich niemals verwerfen; aber wenn ich die Ihrige erhalten habe, so verlassen Sie mich."
Ich erhaschte ihre Hand, kusste sie und sagte zartlich und eifrig: "Gottliches, anbetungswurdiges Madchen! ich bin der erste Mann, der dir von Liebe redet: O wenn ich der erste ware, den du liebtest!"
Seymour fiel mir ein, es war gut, dass ich ging; an der Tur legte ich mein Paket Geld hin und sagte zuruck: "Geben Sie es der Familie."
Sie sah mir mit einer leutseligen Miene nach; und seitdem habe ich sie zweimal in Gesellschaften gesehen, wo ich mich in einer ehrerbietigen Entfernung halte und nur sehr gelegen etliche Worte von Anbetung, Kummer oder so etwas sage und, wenn sie mich sehen oder horen kann, mich sehr weislich und zuchtig auffuhre.
Von Mylord G. weiss ich, dass man bei Hof verschiedene Anschlage macht, ihren Kopf zu gewinnen; das Herz, denken sie, haben sie schon, weil sie gerne Gutes tut und ihr der Furst alles bewilligen wird. Man halt in ihrer Gegenwart immer Unterredungen von der Liebe und galanten Verbindungen, die man leicht, und was man in der Welt philosophisch heisst, beurteilt. Alles dieses dient mir; denn je mehr sich die andern bemuhen, ihre Begriffe von Ehre und Tugend zu schwachen und sie zum Vergessen derselben zu verleiten; je mehr wird sie gereizt, mit allem weiblichen Eigensinn ihre Grundsatze zu behaupten. Die trockne Hoflichkeit des Mylord G., die argwohnische und kalte Miene des Seymour beleidigt die Uberzeugung, die sie von dem Werte ihrer Tugend hat. Ich beweise ihr Ehrerbietung; ich bewundere ihren seltnen Charakter und achte mich nicht wurdig, ihr von Liebe zu reden, bis ich nach ihrem Beispiel umgebildet sein werde; und so werde ich sie, in dem Harnisch ihrer Tugend und den Banden der Eigenliebe verwickelt, zum Streit mit mir untuchtig sehen; wie man die Anmerkung von den alten Kriegsrustungen machte, unter deren Last endlich der Streiter erlag und mit seinem schonen festen Panzer gefangen wurde. Sage mir nichts mehr Von der fruhen Sattigung, in welche mich der so lange gesuchte Genuss der schonen frommen *** brachte, und dass mich, nach aller Muhe, mit dieser Tugend das namliche Schicksal erwarte. Du bist weit entfernt, eine richtige Idee von der seltenen Kreatur zu haben, von der ich dir schreibe. Eine zartliche Andachtige hat freilich ebensoviel ubertriebne Begriffe von der Tugend als meine Sternheim, und es ist angenehm, alle diese Gespenster aus einer liebenswurdigen Person zu verjagen; aber der Unterschied ist dieser: so wie die Devote bloss aus Zartlichkeit fur sich selbst den schrecklichen Schmerzen der Holle durch Frommigkeit zu entfliehen und hingegen den Genuss der ewigen Wonne zu erhalten sucht, folglich aus lauter Eigennutz tugendhaft ist, und Furcht der Holle und Begierde nach dem Himmel allein aus dem feinen Gefuhl ihrer Sinnen quillt, so kann auch ihre Ergebung an einen Liebhaber allein aus der Vorstellung des Vergnugens der Liebe kommen; denn wenn die Sinnen nicht so viel bei frommen Leuten galten, woher kamen wohl die sinnlichen Beschreibungen ihrer himmlischen Freuden und woher die entzuckte Miene, mit welcher sie Leckerbissen verkauen?
Aber meine Moralistin ist ganz anders gestimmt; sie setzt ihre Tugend und ihre Gluckseligkeit in lauter Handlungen zum Besten des Nebenmenschen. Pracht, Gemachlichkeit, delikate Speisen, Ehrenbezeugungen, Lustbarkeiten nichts kann bei ihr dem Vergnugen, Gutes zu tun, die Waagschale halten, und aus diesem Beweggrunde wird sie einst die Wunsche ihres Verehrers kronen, und das namliche Nachdenken, das sie hat, alles Ubel der Gegenstande ihrer Wohltatigkeit zu erleichtern und neues Gluck fur sie zu schaffen, dieses Nachdenken wird sie auch zur Vergrosserung meines Vergnugens verwenden, und ich halte fur unmoglich, dass man ihr satt werden sollte. Doch in kurzer Zeit werde ich dir Nachricht davon geben konnen, denn die Komodie eilt zum Schlusse, weil die Leidenschaft des Fursten so heftig wird, dass man die Anstalten zu ihrer Verwicklung eifriger betreibt und Feste uber Feste veranstaltet.
Fraulein von Sternheim
an Emilia
Wurden Sie, liebste Emilia, jemals geglaubt haben, dass es eine Stunde meines Lebens geben konnte, in der mich reuete, Gutes getan zu haben? Und sie ist gekommen, diese Stunde, in welcher ich mit dem warmen Eifer meines Herzens fur das verbesserte Wohlergehen meines Nachsten unzufrieden war und den Streit zwischen Mein und Dein empfunden habe. Sie wissen aus meinen vorigen Briefen, was es mich kostete, den Fursten um eine Gnade fur die Familie T* zu bitten. Sie kennen die Beweggrunde meiner Abneigung und Uberwindung derselben; aber die verdoppelte Beunruhigung, die mir damit durch den Fursten und Mylord Derby zugekommen ist, gab mir die Starke des Unmuts, der mich zur Unzufriedenheit mit meinem Herzen brachte. Der Furst, welcher mich in Gesellschaften mit seinen Blicken und Unterredungen mehr als zuvor verfolgt, scheute sich nicht, bei einem Piquet, das ich mit ihm spielte, Ausrufungen uber meine Annehmlichkeiten zu machen, und dieses mit einem Ton, worin Leidenschaft war und der alle Leute aufmerksam machte. Mylord Derby war eben vom Pharao-Tisch zu uns gekommen, und da ich in der Verwirrung, in die ich aus Zorn und Verlegenheit uber die Auffuhrung des Fursten geriet, ungefahr meine Augen auf Derby richtete, sah ich wohl den Ausdruck einer heftigen Bewegung in seinem Gesicht, und dass er sich, nachdem seine Augen den Fursten etwas wild angesehen, wegbegab und wie ein verwirrter Mensch spielte: Aber das konnte ich nicht sehen, dass ich von ihm noch den namlichen Abend auf das ausserste beunruhigt werden sollte. Der Furst verlor viel Geld an mich; ich hatte bemerkt, dass er mit Vorsatz schlecht spielte, wenn er allein gegen mich war; dieses verdross mich; seine Absicht mag gewesen sein, was sie will, sein Geld freute mich nicht, und ich sagte: dass ich es den Kindern des Rats T* noch den Abend geben wollte. Derby musste es gehort haben und fasste den Entschluss, mich zu belauschen und bei dem Rat T* zu sprechen. Listig fing er es an; denn als ich eine kleine Weile da war, kam er an das Haus, fragte nach der Frau T* und sagte dieser: er sei Sekretar bei Mylord G. und hatte mir etwas fur ihre Familie zu bringen. Die Frau, von der Hoffnung eines grossen Geschenks eingenommen, holte ihren Mann und Kinder samt der Rosine aus dem Zimmer, wo ich war, und ehe ich sie fragen konnte, was sie wollte, trat sie mit Mylord Derby herein, meldete mir ihn als Sekretar, redete von seinem an sie habenden Geschenke und begab sich weg. Erstaunen und Unmut betaubten mich lange genug, dass Mylord zu meinen Fussen knien und mir seine Entschuldigungen und Abbitten machen konnte, ehe ich fahig war, uber sein Eindringen meine Klage zu fuhren. Ich tat es mit wenigen ernsthaften Worten; da fing er an, von einer langen verborgnen Leidenschaft und der Verzweiflung zu reden, in welche ihn Mylord G. sturzte, da er ihm verboten, nicht mehr in unser Haus zu gehen, und er doch sehen musste, dass andre mir von ihrer Liebe redeten. Mylords G. Verbot machte mich stutzend und nachdenkend; Derby redete immer in der heftigsten Bewegung fort; ich dachte an den Jast, worin ich ihn den ganzen Abend in der Gesellschaft gesehen hatte, und meine Verlegenheit vergrosserte sich dadurch. Ich foderte, dass er mich verlassen sollte, und wollte zugleich der Ture zugehen; er widersetzte sich mit sehr ehrerbietigen Gebarden, aber mit einer Stimme und Blicken so voll Leidenschaft, dass mir bange und ubel wurde. Dies war der Augenblick, wo ich bose auf mein Herz war, dass es mich gerade diesen Abend noch mein Spielgeld den Kindern bringen hiess und mich dadurch dieser Verlegenheit ausgesetzt hatte.
Ich erholte mich endlich, da ich ihn den geheiligten Namen der Tugend aussprechen horte, in welchem er mich beschwur, ihn nur noch einen Augenblick reden zu lassen. Wiederholen kann ich nichts, aber er redete gut; wenig von meinen ausserlichen Annehmlichkeiten, aber er behauptete, meinen Charakter zu kennen, den er als selten ansieht, und am Ende legte er auf eine ruhrende Weise eine feierliche Gelubde von Tugend und Liebe ab.
Unzufrieden mit ihm und mit mir selbst, besturzt und bewegt, machte ich an ihn die Bitte, mir den Beweis von seinen Gesinnungen zu geben, dass er mich verliesse. Er ging gleich mit ermunterter Abbitte seines Uberraschens und legte an der Tur noch ein schweres Paket Geld fur die arme Familie hin.
Ein ungewohnlicher Kummer beklemmte mein Herz; das beste Gluck, das ich mir in dieser Minute wunschte, war, einsam zu sein. Aber die Frau T* kam herein, ich ubergab ihr das Geschenk samt dem gewonnenen Gelde. Ihre Freude erleichterte mich ein wenig, aber ich eilte mit dem festen Vorsatz fort, dieses Haus nicht mehr zu betreten, solange Mylord Derby in D* sein wurde. Mein Oncle und meine Tante spielten noch, als ich nach Hause kam, und ich legte mich zu Bette. Traurige Nachte hatte ich schon durch meinen an Eltern und Freunden erlittenen Verlust gehabt; aber die mit Unruhe und Schmerzen der Seele erfullte schlaflose Stunden habe ich niemals gekannt, welche auf die Betrachtung folgten, dass mein Schicksal und meine Umstande meinen Wunschen und meinem Charakter vollig entgegen sind. Meine ausserste Bemuhung war immer, unstraflich in meiner Auffuhrung zu sein, und doch wurde ich durch Mylord Derby der Nachrede einer Zusammenkunft ausgesetzt. Mylord G., dessen Achtung ich zu verdienen glaubte, verbietet seinen Verwandten den vorzuglichen Umgang mit mir. Ich hatte die Freundschaft eines tugendhaften Mannes gewunscht, und dieser flieht mich, wahrend dass mich der Furst und der Graf F* zu verfolgen anfangen. Und was soll ich von Mylord Derby sagen: Ich bekenne, die Liebe eines Englanders ist mir vorzuglich angenehm, aber Und doch; warum wahlte ich einen und verwarf den andern, ehe ich sie kannte; ich war gewiss voreilig und unbillig. Derby ist rasch und unbesonnen; aber voller Geist und Empfindsamkeit. Wie schnell, wie eifrig tut er Gutes? Sein Herz kann nicht verdorben sein, weil er so viele Aufmerksamkeit fur gute Handlungen hat; ich mochte bald hinzusetzen, weil er mich und meine Denkungsart lieben kann. Aber alle halten ihn fur einen bosen Menschen; er muss Anlass zu einer so allgemeinen Meinung gegeben haben; und gleichwohl hat die Tugend Anspruche auf sein Herz. Emilia! wenn ihn die Liebe ganz von Irrwegen zuruckfuhrte, wenn sie es um meinetwillen unternahme: Ware ich ihr da nicht das Opfer des Vorzugs schuldig, den ich einem andern ohne sein Verlangen gab? Aber itzt wunschte ich, aller Wahl uberhoben zu sein und dass meine Tante R. bald kame. Vergeblicher Wunsch! Sie ist in Florenz und wird da ihre Wochen halten. Sie sehen also, dass alle Umstande wider mich sind. Der landliche Frieden, die Ruhe, die edle Einfalt, welche mein einsames S*** bewohnen, waren meinem armen Kopfe und Herzen so erquickend, als Hofleuten der Anblick einer freien Gegend ist, wenn sie lange in Kunstgarten herumgeirrt und ihr Auge durch Betrachtungen der gesuchten und gezwungenen Schonheiten ermudet haben. Wie gerne stellten sie ihre durch zerstossnen Marmor ermattete Fusse auf ein mit Moos bewachsnes Stuck Erde und sehen sich in dem unbegrenzten schonen Gemische von Feld, Waldungen, Bachen und Wiesen um, wo die Natur ihre besten Gaben in reizender Unordnung verbreitet! Bei vielen beobachtete ich in dieser Gelegenheit die Starke der reinen ersten Empfindungen der Natur. Sogar ihr Gang und ihre Gebarden wurden freier und ungezwungener, als sie in den sogenannten Lustgarten waren; aber einige Augenblicke darauf sah ich auch die Macht der Gewohnheit, die, durch einen einzigen Gedanken rege gemacht, die sanfte Zufriedenheit storte, welche die Herzen eingenommen hatte. Urteilen Sie, meine Emilia, wie ermudet mein moralisches Auge uber den taglichen Anblick des Erkunstelten im Verstande, in den Empfindungen, Vergnugungen und Tugenden ist! Dazu kommt nun der Antrag einer Verbindung mit dem jungen Grafen F*, die ich, wenn mir auch der Mann gefiele, nicht annehmen wurde, weil sie mich an den Hof fesseln wurde. So sehr auch diese Fesseln uberguldet und mit Blumen bestreut waren, so wurden sie doch mein Herz nur desto mehr belastigen. Ich leide durch den Gedanken, jemand eine Hoffnung von Gluck zu rauben, deren Erfullung in meiner Gewalt steht; aber warum machen die Leute keine Vergleichung zwischen ihrer Denkart und der meinigen? Sie wurden darin ganz deutlich die Unmoglichkeit sehen, mich jemals auf den Weg ihrer Gesinnungen zu lenken. Mein Oncle und meine Tante machen mich erstaunen. Sie, die meine Eltern und meine Erziehung kannten, sie, die von der Festigkeit meiner Ideen und Empfindungen uberzeugt sind, sie dachten mich durch glanzende Spielwerke von Rang, Pracht und Ergotzlichkeiten zur Ubergabe meiner Hand und meines Herzens zu bewegen? Ich kann nicht bose uber sie werden; sie suchen mich nach ihren Begriffen von Gluck durch eine vornehme Verbindung glucklich zu machen und geben sich alle ersinnliche Muhe, mir den Hof von seiner verfuhrerischen Seite vorzustellen. Sie haben gesucht, meine Liebe zur Wohltatigkeit als eine Triebfeder anzuwenden. Weil der Graf F* versicherte, dass mich der Furst sehr hochschatze, dass er mit Vergnugen alle Gnaden bewilligen wurde, die ich mir immer ausbitten konnte; so haben sie, denke ich, Leute angestellt, mich um Fursprache bei dem Herrn anzuflehen. Ihre Vermutung, dass dieses die starkste Versuchung fur mich sei, ist ganz richtig; dann die Gewalt Gutes zu tun, ist das einzige wunschenswerte Gluck, das ich kenne.
Zu meinem Vergnugen war die erste Bitte ein Wunsch von Eitelkeit, welcher etwas begehrte, dessen man wohl entbehren konnte; so dass ich ohne Unruhe mein Vorwort versagen konnte. Ich zeigte dabei meinen Entschluss an, den Fursten niemals mehr zu beunruhigen, indem mich nur die ausserste Not und Hulflosigkeit der Familie T* dazu veranlasst habe. Ware es eine notleidende Person gewesen, die mich um Furbitte angesprochen hatte, so ware mein Herz wieder in Verlegenheit geraten, zwischen meiner Pflicht und Neigung, ihr zu dienen, und zwischen meinem Widerwillen, dem Fursten fur eine Gefalligkeit zu danken, einen Entschluss zu machen. Fur meines Oncles Prozess muss ich noch reden, und es soll auf einem Maskenball geschehen, dazu man schon viele Anstalten macht. Eine allgemeine Anstrengung der Erfindungskraft ist aus diesem Vorhaben erfolgt; ein jedes will sinnreich und gefallig gekleidet sein, Hof- und Stadtleute werden dazu geladen, es soll eine Nachahmung der englischen Maskenballe zu Vauxhall werden. Ich bekenne, dass der ganze Entwurf etwas Angenehmes fur mich hat; einmal, weil ich das Bild der romischen Saturnalien, die ich Gleichheitsfeste nennen mochte, sehen werde, und dann, weil ich mir ein grosses Vergnugen aus der Betrachtung verspreche, den Grad der Starke und Schonheit der Einbildungskraft so vieler Personen in ihren verschiedenen Erfindungen und Auswahlen der Kleidungen zu bemerken. Der Graf F*, sein Nepote, mein Oncle, meine Tante und ich werden eine Truppe spanischer Musikanten vorstellen, die des Nachts auf die Strasse ziehn, um vor den Hausern etwas zu ersingen. Der Gedanke ist artig, unsre Kleidung in Cramoisi mit schwarzem Taft, sehr schon; aber meine Stimme vor so vielen Leuten erschallen zu lassen, dies vergallet meine Freude; es scheint so zuversichtlich auf ihre Schonheit und so begierig nach Lob. Doch man will damit dem Fursten, der mich gerne singen hort, gefallig sein, weil man glaubt, der Prozess meines Oncles gewinne dabei, und ich will ihm lieber vor der ganzen Welt singen als noch einmal in unsern Garten, wie gestern; wo ich darauf mit ihm spazierengehen und ihn von Liebe reden horen musste. Er hatte sie zwar in Ausdrucke der Bewunderung meines Geistes und meiner Geschicklichkeit eingewickelt; aber meine Augen, meine Gestalt und meine Hande hatten viel Verwirrung an seinem Hof angerichtet, ihm ware es unmoglich, Rat darin zu schaffen, weil die Macht meiner Reize den Herrn ebensowenig verschonet hatte als seine Diener.
"Meine Entfernung wird also das beste Mittel wider diese Unordnung sein", sagte ich.
"Das sollen Sie nicht tun, Sie sollen meinen Hof der Zierde nicht berauben, die er durch Sie erhalten; einen Glucklichen sollen Sie wahlen, und sich niemals von D* entfernen."
Ich wusste ihm Dank, dass er dieses hinzusetzte; er muss es getan haben, weil er bemerkte, dass ich in Verwirrung geraten war und auf einmal traurig und ernsthaft aussah. Denn wie er von der Wahl eines Glucklichen redete, wandte er sich zu mir und blickte mich so sehnsuchtsvoll an, dass ich mich vor seinen weiteren Erklarungen furchtete. Er fragte mich zartlich nach der Ursache meiner Ernsthaftigkeit; ich fasste mich und sagte ihm ziemlich munter: Der Gedanke von einer Auswahl ware schuld daran; weil ich in D* nach meiner Phantasie keine zu machen wusste.
"Gar keine? Nehmen Sie den, der Sie am meisten liebt; und Ihnen seine Liebe am besten beweisen kann." Mit diesem Gesprache kamen wir zur Gesellschaft an. Alle suchten etwas in den Gesichtszugen des Fursten zu lesen; er war sehr hoflich gegen sie; ging aber bald darauf weg und sagte mir noch mit Lacheln: ich mochte seinen Rat nicht vergessen. Ich redete mit meiner Tante ernsthaft von den Gesinnungen, die ich bemerkt hatte, und dass ich in keinem Menschen Liebe sehen und ernahren wurde, die ich nicht billigen konnte; dass ich also auf dem Ball nicht singen wollte und sie bate, mich nach Sternheim zuruck zu lassen.
Da war Jammer uber meine zu weit getriebne grillenhafte Ideen, die nicht einmal eine zartliche Hoflichkeit ertragen konnten; ich mochte doch um des Himmels und ihrer Kinder willen die Ball-Partie nicht verschlagen; wenn ich nach diesem unzufrieden ware, so versprach sie mir, mich nach Sternheim zu begleiten und den Uberrest des Jahres dort zu bleiben. Bei diesem Versprechen hielt ich sie und erneuerte ihr das meinige.
Dies ist also die letzte Tyrannie, welche die Gefalligkeit fur andre an mir ausuben wird, und dann werde ich mein Sternheim wiedersehen. O Emilia! mit was fur Entzucken der Freude werde ich dieses Haus betreten, wo jeder Platz an die aus geubten Tugenden meiner Eltern mich erinnern und aufmuntern wird, ihrem Beispiel zu folgen; Tugenden und Fehler der grossen Welt sind nichts fur meinen Charakter; die ersten sind mir zu glanzend und die andern zu schwarz. Ein ruhiger Zirkel von Beschaftigung fur meinen Geist und fur mein Herz ist das mir zugemessene Gluck, und dieses Ende ich auf meinem Gute. Ehemals wurde es durch den freundschaftlichen Umgang meiner Emilia vergrossert; aber die Vorsicht wollte ihre Tugenden in einer andern Gestalt leuchten lassen, liess mir aber ihren Briefwechsel.
Sehr lieb ist mir, dass ich die grosse Welt und ihre Herrlichkeiten kennengelernt habe. Ich werde sie nun in allen Teilen richtiger zu beurteilen wissen. Ich habe ihr die Verfeinerung meines Geschmacks und Witzes durch die Kenntnis des Vollkommnen in den Kunsten zu danken. Ihr Luxus, ihre larmende, ermudende Ergotzungen haben mir die edle Einfalt und die ruhigen Freuden meines Stammhauses angenehmer gemacht; der Mangel an Freuden, den sie mich erdulden liess, hat mich den Wert meiner Emilie hoher schatzen gelehrt; und ob ich schon gefuhlt habe, dass die Liebe Anspruche auf mein Herz hat, so freut mich doch, dass es allein durch den Sohn der himmlischen Venus verwundet werden kann und dass die Tugend ihre Rechte ungestort darin erhalten hat. Denn gewiss wird meine Zartlichkeit niemals einen Gegenstand wahlen, der sie verdrangen wird.
Schonheit und Witz haben keine Gewalt uber mein Herz, ungeachtet ich den Wert von beiden kenne; eine feurige Leidenschaft und zartliche Reden auch nicht; am wenigsten aber die Lobeserhebungen meiner personlichen Annehmlichkeiten; denn da sehe ich in meinem Liebhaber nichts als die Liebe seines Vergnugens. Die Achtung fur die guten Neigungen meines Herzens und fur die Bemuhungen meines Geistes, um Talente zu sammeln, dieses allein ruhrt mich, weil ich es fur ein Zeichen einer gleichgestimmten Seele und der wahren dauerhaften Liebe halte; aber es wurde mir von niemand gesagt, von dem ich es zu horen wunschte. Derby hatte diesen Ton: Aber nicht eine Saite meines Herzens hat darauf geantwortet. Auch dieses Mannes Liebe, oder was es ist, vermehrt meine Sehnsucht und Eile nach Ruhe und Einsamkeit. In acht Tagen ist der Ball: vielleicht, meine Emilia, schreibe ich Ihnen meinen nachsten Brief in dem Kabinette der Sternheim zu den Fussen des Bildnisses meiner Mama, dessen Anblick meine Feder zu einem andern Inhalt meiner Briefe begeistern wird.
Mylord Derby an
seinen Freund
Die Komodie des Fursten mit meiner Sternheim, wovon ich dir letzthin geschrieben, ist durch die romantischen Grillen des Vetters Seymour zu einem so tragischen Ansehen gestiegen, dass nichts als der Tod oder die Flucht der Heldin zu einer Entwicklung dienen kann; das erste, hoffe ich, solle die Gottin der Jugend verhuten, und fur das zweite mag Venus durch meine Vermittlung sorgen.
Man hat, weil des Fraulein gerne tanzt, die Hoffnung gefasst, sie durch Ballustbarkeiten eher biegsam und nachgebend zu machen; und da sie noch niemals einen Maskenball gesehen, so wurden auf den Geburtstag des Fursten die Anstalten dazu gemacht. Man bewog das Madchen zu dem Entschluss, bei dieser Gelegenheit zu singen, und sie geriet auf den artigen Einfall, in Gesellschaft etlicher Personen einen Trupp spanischer Musikanten vorzustellen. Der Furst erhielt die Nachricht davon und ersuchte den Grafen Lobau, ihm das Vergnugen zu lassen, die Kleidung des Frauleins zu besorgen, um ihr dadurch unversehens ein Geschenk zu machen. Oncle und Tante nahmen es an, weil ihre Masken zugleich angeschafft wurden; aber zween Tage vor dem Ball war dem Hof und der Stadt bekannt, dass der Furst dem Fraulein die Kleidung und den Schmuck gabe und auch selbst ihre Farben tragen werde. Seymour geriet in den hochsten Grad von Wut und Verachtung; ich selbst wurde zweifelhaft und nahm mir vor, die Sternheim scharfer als jemals zu beobachten.
Nichts kann reizender sein, als ihr Eintritt in den Saal gewesen ist. Die Grafin Lobau, als eine alte Frau bekleidet, ging mit einer Laterne und etlichen Rollen Musikalien voraus. Der alte Graf H* mit einer Bassgeige; Lobau mit der Flutetraverse und das Fraulein mit einer Laute kamen nach. Sie stellten sich vor die Loge des Fursten, Engen an zu stimmen, die Tanzmusik musste schweigen, und das Fraulein sang eine Arie; sie war in Cramoisi und schwarzen Taft gekleidet, ihre schonen Haare in fliegenden nachlassigen Locken verbreitet; ihre Brust ziemlich, doch weniger als sonst verhullt; uberhaupt schien sie mit vielem Fleiss auf eine Art gekleidet zu sein, die alle reizenden Schonheiten ihrer Figur wechselsweise entwickelte; denn der weite Armel war gewiss allein da, um, wahrend sie die Laute schlug, zuruckzufallen und ihren vollkommen gebildeten Armin sein ganzes Licht zu setzen. Die halbe Maske zeigte uns den schonsten Mund, und ihre Eigenliebe bemuhete sich, die Schonheit ihrer Stimme zu aller Zauberkraft der Kunst zu erhohen.
Seymour in einem schwarzen Domino an ein Fenster gelehnt, sah sie mit konvulsivischen Bewegungen an. Der Furst in einem venezianischen Mantel in seiner Loge, Begierde und Hoffnung in seinen Augen gezeichnet, klatschte frohlich die Hande zusammen und kam, einen Menuet mit ihr zu tanzen, nachdem er vieles Lob von ihren Fingern gemacht hatte. Mein Kopf fing an warm zu werden, und ich empfahl meinem Freunde John, dem Sekretar von Mylord G., seine Aufmerksamkeit zu verdoppeln, weil mein aufkochendes Blut nicht mehr Ruhe genug dazu hatte. Doch machte ich noch in Zeiten die Anmerkung, dass unser Gesicht, und das was man Physionomie nennt, ganz eigentlich der Ausdruck unsrer Seele ist. Denn ohne Maske war meine Sternheim allezeit das Bild der sittlichen Schonheit, indem ihre Miene und der Blick ihrer Augen eine Hoheit und Reinigkeit der Seele uber ihre ganze Person auszugiessen schien, wodurch alle Begierden, die sie einflosste, in den Schranken der Ehrerbietung gehalten wurden. Aber nun waren ihre Augenbraunen, Schlafe und halbe Backen gedeckt und ihre Seele gleichsam unsichtbar gemacht; sie verlor dadurch die sittliche charakteristische Zuge ihrer Annehmlichkeiten und sank zu der allgemeinen Idee eines Madchens herab. Der Gedanke, dass sie ihren ganzen Anzug vom Fursten erhalten, ihm zu Ehren gesungen hatte und schon lange von ihm geliebt wurde, stellte sie uns allen als wirkliche Matresse vor; besonders da eine Viertelstunde darauf der Furst in einer Maske von namlichen Farben als die ihrige kam und sie, da eben deutsch getanzt wurde, an der Seite ihrer Tante, mit der sie stehend redte, wegnahm und, einen Arm um ihren Leib geschlungen, die Lange des Saals mit ihr durchtanzte. Dieser Anblick argerte mich zum Rasendwerden, doch bemerkte ich, dass sie sich vielfaltig straubte, und loswinden wollte; aber bei jeder Bemuhung druckte er sie fester an seine Brust und fuhrte sie endlich zuruck, worauf der Graf F* ihn an ein Fenster zog und eifrig redte. Einige Zeit hernach stund eine weisse Maske en Chauve-Souris neben dem Fraulein, die ich auf einmal eine heftige Bewegung mit ihrem rechten Arm gegen ihre Brust machen und einen Augenblick darauf ihre linke Hand nach der weissen Maske ausstrecken sah. Diese entschlupfte durch das Gedrange, und das Fraulein ging mit ausserster Schnelligkeit den Saal durch. Ich folgte der weissen Maske auf die Ecke eines Gangs, wo sie die Kleider fallen liess und mir den Lord Seymour in seinem schwarzen Domino zeigte, der in der starksten Bewegung die Treppe hinunterlief und mich uber seine Unterredung mit dem Fraulein in der grossten Verlegenheit liess. John, der sie nicht aus dem Gesichte verlor, war ihr nachgegangen und sah, dass sie in das Zimmer, wo ihr Oncle und die Grafin F* waren, ging, gleich beim Eintritt allen Schmuck ihres Aufsatzes vom Kopfe riss, mit verachtungs- und schmerzensvollen Ausdrucken zu Boden warf, ihren Oncle, der sich ihr naherte, mit Abscheu ansah und mit der kummervollesten Stimme ihn fragte: "Womit habe ich es verdient, dass Sie meine Ehre und meinen guten Namen zum Opfer der verhassten Leidenschaften des Fursten machten?"
Mit zitternden Handen band sie ihre Maske los, riss die Spitzen ihres Halskragens und ihre Manschetten in Stucken und streute sie vor sich her. John hatte sich gleich nach ihr an die Ture gedrungen und war Zeuge von allen diesen Bewegungen. Der Furst eilte mit dem Grafen F* und ihrer Tante herbei, die ubrigen entfernten sich, und John wickelte sich in den Vorhang der Ture, welche sogleich verschlossen wurde. Der Furst warf sich zu ihren Fussen und bat sie in den zartlichsten Ausdrucken, ihm die Ursache ihres Kummers zu sagen; sie vergoss einen Strom von Tranen und wollte von ihrem Platz gehen; er hielt sie auf und wiederholte seine Bitten.
"Was soll diese Erniedrigung von Ihnen? Sie ist kein Ersatz fur die Erniedrigung meines guten Namens. O meine Tante, wie elend, wie niedertrachtig sind Sie mit dem Kind Ihrer Schwester umgegangen! O mein Vater, was fur Handen haben Sie mich anvertraut!"
Der feierliche schmerzvolle Ton, mit welchem sie dieses sagte, hatte das Innerste seiner Seele bewegt. Ihre Tante fing an: Sie begreife kein Wort von ihren Klagen und von ihrem Unmut; aber sie wunschte, sich niemals mit ihr beladen zu haben.
"Erweisen Sie mir die letzte Gute und fuhren Sie mich nach Hause. Sie sollen nicht lange mehr mit mir geplagt sein."
Dieses sprach meine Sternheim mit einer stotternden Stimme. Ein ausserordentliches Zittern hatte sie befallen; sie hielt sich mit Muhe an einem Stuhl aufrecht, der Furst war mit der Zartlichkeit eines Liebhabers bemuht, sie zu beruhigen. Er versicherte sie, dass seine Liebe alles in der Welt fur sie tun wurde, was in seiner Gewalt stunde.
"O es ist nicht in Ihrer Gewalt", rief sie, "mir die Ruhe meines Lebens wiederzugeben, deren Sie mich beraubt haben. Meine Tante, haben Sie Erbarmen mit mir, bringen Sie mich nach Hause!"
Ihr Zittern nahm zu; der Furst geriet in Sorgen und ging selbst in das Nebenzimmer, um eine Kutsche anspannen und seinen Medicum rufen zu lassen.
Die Grafin Lobau hatte die Grausamkeit, dem Fraulein Vorwurfe uber ihr Betragen zu machen. Das Fraulein antwortete mit nichts als einen Strom von Tranen, die aus ihren gen Himmel gerichteten Augen flossen und ihre gerungenen Hande benetzten.
Der Furst kam mit dem Medico, der das Fraulein mit Staunen ansah, ihr den Puls fuhlte und den Ausspruch tat, dass das heftigste Fieber mit starken Zukkungen vorhanden ware; der Furst empfohl sie seiner Aufsicht und Sorgfalt auf das instandigste. Als die angespannte Kutsche gemeldet wurde, sah sich das Fraulein sorgsam und erschrocken um, fiel vor dem Fursten nieder, und indem sie ihre Hande gegen ihn erhob, rief sie:
"O wenn es wahr ist, dass Sie mich lieben, lassen Sie mich nirgend anderswohin fuhren als in mein Haus."
Der Furst hob sie auf und sagte ihr bewegt: Er schwore ihr die ehrerbietigsten Gesinnungen und hatte keinen Gedanken, sie zu betrugen; er bate sie nur, dass sie sich fassen mochte, der Doktor sollte sie begleiten.
Sie gab dem Alten ihre Hand, nachdem sie ihr Halstuch um ihren Hals gelegt hatte, und ging mit wankenden Fussen aus dem Zimmer. Ihre Tante blieb und fing an, uber das Madchen zu reden. Der Furst hiess sie schweigen und sagte ihr mit Zorn: sie hatten ihm alle eine falsche Idee von dem Charakter des Frauleins gegeben und ihn lauter verkehrte Wege gefuhrt. Damit ging er fort, die Grafin auch, und John wurde seines Gefangnisses erlediget.
Im Saal hatte man fortgetanzt, aber daneben viel von der Begebenheit gezischelt. Fast bei allen wurde die Auffuhrung des Frauleins als ein ubertriebenes Geziere getadelt. "Man kann tugendhaft sein, ohne ein grosses Gerausch zu machen. Sollte man nicht denken, der Furst hatte noch keine Dame als sie geliebt? Aber es gibt eine sanftere und edlere Art von Verteidigung seiner Ehre, zu der man just nicht die ganze Welt zu Zeugen nimmt"; und dergleichen.12
Andre hielten es fur eine schone Komodie, und waren begierig, wie weit sie die Rolle treiben wurde.
Ich war uberzeugt, dass Seymour die Ursache dieses aufwallenden Jastes von Tugend gewesen sein musse, aber was er ihr gesagt, und was fur einen Eindruck er dadurch auf sie gemacht hatte, das wunschte ich zu wissen, um meine Massregeln darnach zu nehmen. Ich verbarg diese Unruhe und spottete eins mit; indem ich die Zuruckkunft des Johns erwartete, der nach Hause geeilt war, um den Seymour auszuspahen.
Aber stelle dir, wenn du kannst, das Erstaunen vor, als mein John sagte, Seymour ware gleich nach seiner Zuruckkunft in einer Post-Chaise mit Sechsen und einem einzigen Kerl davongefahren. Was T- konnte das anders bedeuten als eine verabredete Entfuhrung! Ich riss John am Arm zum Saal hinaus, warf auf der Strasse meine Maske ab und zog den Uberrock meines Kerls an, in welchem ich an das Lobauische Haus eilte, um Nachricht von der neuen Aktrice zu horen. Eifersucht, Wut und Liebe jagten sich in meinem Kopfe herum; und gewiss derjenige, der mir gesagt hatte, sie ware fort, hatte es mit seinem Leben bezahlen mussen; aber ehe eine Viertelstunde um war, lief jemand aus dem Hause nach der Apothek. Die Tur blieb offen; ich schlich in den Hof und sah Licht in den Zimmern der Sternheim. Es wurde mir leichter, aber meine Zweifel blieben; diese Lichter konnten Blendwerk sein. Ich wagte mich in das Zimmer ihrer Kammerjungfer; die Tur des Kabinetts war offen, und ich horte mein Madchen reden. Also war Seymour allein fort. Ich sann auf eine taugliche Entschuldigung meines Daseins und gab dem Kammermadchen ganz herzhaft ein Zeichen, zu mir zu kommen. Sie kannte mich nicht, rannte auf die Tur zu, die sie den Augenblick hinter sich zuschloss und fragte hastig: wer ich sei, was ich haben wollte?
Ich gab mich zu erkennen, bat sie in kummervollen ehrerbietigen Ausdrucken um Nachricht von des gottlichen Frauleins Befinden und beschwur sie auf den Knien, alle Tage einem meiner Leute etwas davon zu sagen. Ich sagte ihr, ich ware Zeuge gewesen, wie edel und anbetungswurdig sich der Charakter des Frauleins gezeigt hatte, ich verehrte und liebte sie uber allen Ausdruck; ich sei bereit, mein Leben und alles zu ihrem Dienste aufzuopfern, aber mir sei fur ihre Gesundheit bange, indem ich den Medicum von einem Fieber hatte reden horen.
Die Katze war froh, die Geschichte des Abends von mir zu horen, indem, wie sie sagte, das Fraulein fast nichts als weinte und zitterte. Ich putzte die Geschichte so sehr als mir moglich war zur Verherrlichung des Frauleins aus und nannte die weisse Maske; da fiel mir das Madchen ein: O diese Maske ist's, die mein Fraulein krank gemacht hat! Denn sie sagte ihr ganz frei: Ob sie denn alle Gesetze der Ehre und Tugend so sehr unter die Fusse getreten habe, dass sie sich in einer Kleidung und einem Schmuck sehen lasse, welche der Preis von ihrer Tugend sein werde; dass es ihr alle Masken sagen wurden; dass alle sie verachteten, weil man von ihrem Geist und ihrer Erziehung etwas Bessers erwartet hatte.
"Und wer war diese Maske?" Dies wisse das Fraulein nicht; aber sie nenne sie eine edle wohltatige Seele, ungeachtet sie ihr das Herz zerrissen habe.
Ich dachte: Der Himmel segne den wohltatigen Seymour fur seine Narrheit! Sie soll meinem Verstande schone Dienste tun. Ich versprach dem Madchen, mich um die Entdeckung zu bemuhen, und erzahlte ihr noch die Urteile der Gesellschaft, mit dem Zusatz, dass ich der Verteidiger des Frauleins werden wollte, und sollte es auch auf Unkosten meines Halses sein; sie sollte mir nur sagen, was ich fur sie tun konnte. Das Madchen war geruhrt. Madchen sehen die Gewalt der Liebe gerne; sie nehmen Anteil an der Macht, die ihr Geschlecht uber uns ausubt, und helfen mit Vergnugen an den Kranzen flechten, womit unsre Bestandigkeit belohnt wird. Sie sagte mir den folgenden Abend eine zweite Unterredung zu, und ich ging recht munter und voller Anschlage zu Bette.
Meine Hauptsorge war, dem pinselhaften Seymour den Widerstand des Frauleins und die heroisch ausgezeichnete Wirkung seiner unartigen Vorwurfe zu verbergen. Aber da ich nicht erfahren konnte, wo er sich aufhielt, musste ich meine Guineen zu Hulfe nehmen und einen Post-Offizier gewinnen, der mir alle Briefe zu liefern versprochen hat, die an das Fraulein, an Lobau und an alle Bekannten des Seymour einlaufen werden. Dass sie in ihrem eignen Hause keine bekommen kann, bin ich sicher. Sie wollte zwar unverzuglich auf ihre Guter; aber ihr Oncle erklarte, dass er sie nicht reisen lasse. Ihr Fieber dauert; sie wunscht zu sterben; sie lasst niemand als den Doktor und ihre Katze vor sich. Die letzte habe ich ganz gewonnen; ich sehe sie alle Nacht, wo ich viel von den Tugenden ihres Frauleins muss erzahlen horen: "Sie ist sehr zartlich, aber sie wird niemand als einen Gemahl lieben."
Merkst du den Wink?
"Hat sie niemals geliebt?" fragte ich unschuldig.
"Nein, ich horte sie nicht einmal davon reden oder einen Kavalier loben, als im Anfang unsers Hierseins den Lord Seymour; aber schon lange nennt sie ihn nicht mehr. Von Euer Gnaden Wohltatigkeit halt sie viel."
Ich tat sehr bescheiden und vertraut gegen das Tierchen; und da sie mir im Namen ihres Frauleins, alle Verteidigung ihrer Ehre, die ich ihr angeboten, untersagte, so setzte ich klaglich hinzu: "Wird sie meine Anwerbung auch verwerfen? Ungeachtet ich sie auch wider den Willen des Lord G. machen musste, so wurde ich doch alles wagen, um sie aus den Handen ihrer unwurdigen Familie zu ziehen und sie in England einer bessern vorzustellen." Ich musste diese Saite anstimmen, weil sie mir selbst den Ton dazu angegeben, und weil ich ihren Ekel fur D* und ihren Hang fur Engelland benutzen wollte, ehe der Jast von Seymour verloschen wurde und er bei seiner Zuruckkunft im Enthusiasmus der Belohnung ihrer Tugend so weit ginge, als ihn seine Verachtung gefuhrt hatte. Sie hatte ihn sonst vorzuglich gelobt, itzt sprach sie nicht mehr von ihm, sie nennte auch den Lord G. nicht. Lauter Kennzeichen einer glimmenden Liebe. Ich fand Wege, ihr kleine satyrische Briefchen zuzuschicken, worin ihrer Krankheit und der Szene, die sie auf dem Ball gespielt hatte, gespottet wurde. Die Geringschatzung, welche Lord G. fur sie bezeugte, wurde auch angemerkt. Neben diesem wiederholte ich beinahe alle Tage das Anerbieten meiner Hand, da ich zugleich ihrer freien Wahl uberliess: ob ich es bekanntmachen sollte oder ob sie sich meiner Ehre und Liebe anvertrauen wollte. Diese Mine uberlasse ich nun dem Schicksal. Lange kann ich nicht mehr herumkriechen. Zwo Wochen daurt es schon, und ohne die Anstalten, die der Hof auf die Ankunft zweier Prinzen von ** macht, hatte ich vielleicht meine Arbeit unterbrechen mussen. John ist ein vortrefflicher Kerl; er will im Fall der Not die Trauungs-Formeln auswendiglernen und die Person des englischen Gesandtschaftspredigers spielen. Meine letzten Vorschlage mussen etwas fruchten, denn mit allen ihren strahlenden Vollkommenheiten ist sie doch nur ein Madchen. Ihr Stolz ist beleidigt, und es ist schwer der Gelegenheit zur Rache zu entsagen. Keine Seele nimmt sich ihrer an als ich; auch findet sie mich grossmutig und weiss mir vielen Dank fur meine Gesinnungen. Niemals hatte sie dies vermutet; aber sie will mich nicht unglucklich machen, es soll niemand in ihr Elend verwickelt werden. Meine Zuruckhaltung, dass ich auf keinen Besuch in ihrem Zimmer dringe, erfreut sie auch, vielleicht deswegen, weil sie sich nicht gerne mit ihrer Fieberfarbe sehen lassen will.
In wenig Tagen muss meine Mine springen, und es dunkt mich, sie soll geraten. Gibst du mir keinen Segen dazu?
Mylord Derby an
seinen Freund
Sie ist mein, unwiderruflich mein; nicht eine meiner Triebfedern hat ihren Zweck verfehlt. Aber ich hatte eine teuflische Gefalligkeit notig, um bei ihr gewisse Gesinnungen zu unterhalten und daneben zu hindern, dass andre keinen Gebrauch von ihrer Empfindlichkeit machten. Aber ihr guter Engel muss sie entweder verlassen haben, oder er ist ein phlegmatisches trages Geschopfe; denn er tat auf allen Seiten nichts, gar nichts fur sie. Sagte ich dir nicht, dass ich sie durch ihre Tugend fangen wurde? Ich habe ihre Grossmut erregt, da ich mich fur sie aufopfern wollte; dafur war sie, um nicht meine Schuldnerin zu bleiben, so grossmutig und opferte sich auf. Solltest du es glauben? Sie willigte in ein geheimes Bundnis; einige Bedingungen ausgenommen, die nur einer Schwarmerin, wie sie ist, einfallen konnten. Meine satyrischen Briefe hatten ihr gesagt, dass ihr Oncle sie dem Interesse seines Prozesses habe aufopfern wollen; dass man sich um so weniger daruber bedacht hatte, weil man gesagt, die Missheirat ihrer Mutter verdiene ohnehin nicht, dass man fur sie die namliche Achtung truge als fur eine Dame.
Nun war alles aufgebracht; Tugend, Eigenliebe, Eitelkeit; und ich bekam das ganze Paket satyrischer Briefe zu lesen. Sie schrieb einen Auszug aus den meinigen und fragte mich: Ob ich durch meine Beobachtungen uber ihren Charakter genugsame Kenntnis ihres Herzens und Denkungsart hatte, um von der Falschheit dieser Beschuldigungen uberzeugt zu sein? Sie wisse, dass man in England einem Manne von Ehre keinen Vorwurf mache, wenn er nach seinem Herzen und nach Verdiensten heirate. Sie konne an meiner Edelmutigkeit nicht zweifeln, weil sie solche mich schon oft gegen andre ausuben sehen; sie hatte mich deswegen hochgeschatzt; und nun, da das Schicksal sie zu einem Gegenstande meiner Grossmut gemacht habe, so truge sie kein Bedenken, die Hulfe eines edeln Herzens anzunehmen; ich konnte auf ewig ihres zartlichen Danks und ihrer Hochachtung versichert sein; sie ginge alle Bedenklichkeiten wegen der Bekanntmachung unsers Bundnisses ein; es ware ihr selbst angenehm, wenn alles stille bleiben konnte, und wenn sie mich nichts als die Sorgen der Liebe kostete. Nur bate sie mich um die Gewahrung von vier Bedingnissen, davon die erste beschwerlich, aber unumganglich notig fur ihre Ruhe sei, namlich zu sorgen, dass ich mit ihr vermahlt wurde, ehe sie das Haus ihres Oncles verliesse, indem sie nicht anders als an der Hand eines wurdigen Gemahls daraus gehen wolle. Die zweite: dass ich ihr erlauben mochte, von den Einkunften ihrer Guter auf drei Jahre eine Vergabung zu machen. (Die gute Haustaube!) Drittens mochte ich sie gleich zu ihrem Oncle, dem Grafen R*, nach Florenz fuhren, denn diesem wolle sie ihre Vermahlung sagen; ihre Verwandten in D* verdienten ihr Vertrauen nicht. Von Florenz aus ware sie mein und wurde in ihrem ubrigen Leben keinen andern Willen als den meinigen haben; ubrigens und viertens mochte ich ihre Kammerjungfer bei ihr lassen.
Ich machte bei dem ersten Artikel die Einwendung der Unmoglichkeit, weil Lord G. oder der Furst alles erfahren wurde: wir wollten uns an einem andern sichern Orte trauen lassen. Aber da war die entscheidende Antwort: so bliebe sie da, und wollte ihr Verhangnis abwarten. Nun ruckte John an, und ich schrieb ihr in zween Tagen, dass ich unsern Gesandtschafts-Prediger gewonnen hatte, der uns trauen wurde; sie mochte nur ihre Jungfer schicken, um abends selbst ihn zu sprechen. Dies geschah; das Madchen brachte ihm einen in englischer Sprache geschriebnen Brief, worin meine Heldin die Ursachen einer geheimen Heirat auskramte und ihren Entschluss entschuldigte, sich seinem Gebet und seiner Fursorge empfahl und einen schonen Ring beilegte.
John, der Teufel, hatte die Kleider des Doktors an und seine Perucke auf; und redete gebrochen, aber sehr pathetisch Deutsch. Das Katzchen kroch sehr andachtig um ihn herum; ich gab ihr eine Verschreibung mit, die John unterzeichnete, und sagte ihr, dass das bevorstehende Fest den besten Anlass geben wurde, unser Vorhaben auszufuhren, weil man sie wegen ihrer andauernden Kranklichkeit nicht einladen und nicht beobachten wurde.
Alles geschah nach Wunsche; sie war froh uber mein Papier und meine Gefalligkeit gegen ihre Vorschriften. Warum haben doch gute Leute soviel Schafmassiges an sich, und warum werden die Weibsbilder nicht klug, ungeachtet der unzahligen Beispiele unserer Schelmereien, welche sie vor sich haben? Aber die Eitelkeit beherrscht sie unumschrankt, dass eine jede glaubt, sie hatte das Recht, eine Ausnahme zu fodern, und sie sei so liebenswurdig, dass man unmoglich nur seinen Spass mit ihr treiben konne. Da mogen sie nun die angewiesne naturliche Bestrafung ihrer Torheiten annehmen, indessen wir die Belohnung unsers Witzes geniessen. Gewiss, da meine Sternheim keine Ausnahme macht, so gibt es keine in der Welt. Indessen ist ihr Verderben deswegen nicht beschlossen. Wenn sie mich liebt, wenn mir ihr Besitz alle die abwechselnden lebhaften Vergnugungen gibt, die ich mir verspreche: so soll sie Lady Derby sein und mich zum Stammvater eines neuen narrisch genug gemischten Geschlechts machen. Fur mein erstes Kind ist es ein Glucke, dass seine Mutter eine so sanfte fromme Seele ist; denn wenn sie von dem namlichen Geist angefeurt wurde wie ich, so musste der kleine Balg zum Besten der menschlichen Gesellschaft in den ersten Stunden erstickt werden; aber so gibt es eine schone Mischung von Witz und Empfindungen, welche alle Junge von unsrer Art auszeichnen wird. Wie zum Henker komme ich zu diesem Stucke von Hausphysik! Freund, es sieht schlimm aus, wenn es fortdauert; doch ich will die Probe bis auf den letzten Grad durchgehen.
Mein Madchen liess sich noch Medizin machen und packte daneben einen Koffer mit Weisszeug und etwas leichten Kleidern voll, den ich und John an einem Abend fortschleppten. Sie schrieb einen grossen Brief im gigantischen Ton der hohen Tugend, worin sie sagt, dass sie mit einem wurdigen Gemahl von der Gefahr und Bosheit fliehe! Sie wies ihrem Oncle den dreijahrigen Genuss aller ihrer Einkunfte an, um seinen Prozess damit zu betreiben; sie hoffte, sagte sie, er wurde dadurch mehr Segen fur seine Kinder erlangen, als er durch die Grausamkeit erhalten, die er an ihr ausgeubt habe. Von Florenz werde er Nachricht von ihr erhalten. Ihre reichen Kleider schenkte sie in die Pfarre fur Arme. Von dieser Art von Testamente schickte sie auch dem Fursten und dem Lord G. Kopien zu.
Den Tag, wo das grosse Festin auf dem Lande gegeben wurde, waren meine Anstalten gemacht, ich war den ganzen Tag bei Hofe uberall mit vermengt. Als das Getummel recht arg wurde, schlich ich in meinen Wagen und flog nach D* John eilte mit mir in den kleinen Gartensaal des Grafen Lobau, wo ich in Wahrheit mit einem das erstemal pochenden Herzen das artige Madchen erwartete. Sie wankte endlich am Arm ihres Katzchens herein, niedlich gekleidet und vom Haupt bis zu den Fussen mit Adel und ruhrender Grazie bewaffnet. Sie zagte einen Augenblick an der Ture, ich lief gegen ihr, sie machte einen Schritt, und ich kniete bei ihr mit einer wahren Bewegung von Zartlichkeit. Sie gab mir ihre Hande, konnte aber nicht reden; Tranen fielen aus ihren Augen, die sich zu lacheln bemuhten; ich konnte ihre Besturzung genau nachahmen, denn ich fuhlte mich ein wenig beklemmt, und John sagte mir nachher, dass es Zeit gewesen ware, ihm das Zeichen zu geben, sonst wurde er nichts mehr geantwortet haben, indem ihn seine Entschlossenheit beinahe verlassen habe.
Doch das waren leere Aufstossungen unserer noch nicht genug verdauten jugendlichen Vorurteile.
Ich druckte die rechte Hand meines Madchens an meine Brust.
"Ist sie mein, diese segensvolle Hand? Wollen Sie mich glucklich machen?" sagte ich mit dem zartlichsten Tone.
Sie sagte ein stotterndes Ja! und zeigte mit ihrer linken Hand auf ihr Herz. John sah mein Zeichen und trat herbei, tat auf englisch eine kurze Anrede, plapperte die Trauformel her segnete uns ein, und ich hob meine halb ohnmachtige Sternheim triumphierend auf, druckte sie das erstemal in meine Arme und kusste den schonsten Mund, den meine Lippen jemals beruhrten. Ich fuhlte eine mir unbekannte Zartlichkeit und sprach ihr Mut zu. Einige Minuten blieb sie in ein stillschweigendes Erstaunen verhullt. Endlich legte sie mit einer bezaubernden Vertraulichkeit ihren schonen Kopf an meine Brust, erhob ihn wieder, druckte meine Hande an ihren Busen und sagte:
"Mylord, ich habe nun niemand auf der Erde als Sie und das Zeugnis meines Herzens. Der Himmel wird Sie fur den Trost belohnen, den Sie mir geben, und dieses Herz wird Ihnen ewig danken."
Ich umarmte sie und schwur ihr alles zu. Nachdem musste sie mit ihrem Madchen beiseite gehen und Mannskleider anziehen. Ich liess sie allein dabei, weil ich meiner Leidenschaft nicht trauete und die Zeit nicht Verlieren durfte. Wir kamen unbemerkt aus dem Hause, und da wegen des Festes, welches man dem Prinzen von ** gab, viel Kutschen aus und ein fuhren, achtete man die meinige nicht, in welcher ich meine Lady und ihr Madchen fortschickte. John, der seine eigne Gestalt wieder angenommen, war ihr Begleiter. Ich redete ihren Ruheplatz in dem Dorfe Z* unweit B* mit ihm ab und eilte zum Ball zuruck, wo niemand meine Abwesenheit wahrgenommen hatte.13 Ich tanzte meine Reihen mit Frohlichkeit durch und lachte, als der Furst dem Englischtanzen nicht zusehen wollte, indem ihn das Andenken der Sternheim qualte.
Das Gelarme, Mutmassen und Nachschicken des zweiten Tages will ich dir in einem andern Briefe beschreiben. Ich reise itzt auf acht Tage zu meiner Lady, die, wie mir John schreibt, sehr tiefsinnig ist und viel weint.
Sie sehen, meine Freundin, aus den Briefen des ruchlosen Lords Derby, was fur abscheuliche Ranke gebraucht wurden, um die beste junge Dame an den Rand des grossten Elendes zu fuhren. Sie konnen sich auch vorstellen, wie traurig ich die Zeit zugebracht habe, von dem Augenblick an, da sie vom Ball kam, krank war und dabei immer aus einer bekummernden Unruhe des Gemuts in die andre gesturzt wurde. Da sie von keinem Menschen mehr Briefe bekam, vermuteten wir, der Furst und der Graf Lobau liessen sie auffangen. Die Art, mit welcher ihr abgeschlagen wurde, auf ihre Guter zu gehn, und ein Besuch des Fursten beforderten die Absichten des Lord Derby. Unglucklicherweise betaubte mich der unmenschliche Mann auch, dass ich zu allem half, um meine Fraulein aus den Handen ihres Oncle zu ziehen.
Sie sehen aus seinen Briefen, wieviel Arglist und Verstand er hatte. Daneben war er ein sehr schoner Mann; und mein Fraulein freuete sich, ihre Begierde nach England zu befriedigen.
O wieviel werden Sie noch zu lesen bekommen, woruber Sie erstaunen werden. Ich will so fleissig sein, als mir immer moglich ist, um Sie nicht lange darauf warten zu lassen.
Zweiter Teil
Seymour an Doktor T.
Zween Monate sind's, seit ich Ihnen schrieb; seit ich, von Zweifel und Argwohn gemartert, mich von aller Gesellschaft enthielte und mich endlich durch einen ubelverstandenen Eifer fur die Tugend zu dem elendesten Geschopfe auf der Erde machte. O, war' ich es allein, ich wurde mich glucklich dabei achten; aber ich habe die beste, die edelste Seele zu einem Entschluss der Verzweiflung gebracht; ich bin die Ursache des Verderbens meines angebeteten Frauleins von Sternheim. Kein Mensch kann mir was von ihrem Schicksal sagen; aber mein Herz sagt mir, dass sie unglucklich ist. Dieser Gedanke frisst das Herz, in welchem er sich ernahrt. Aber ich sage Ihnen unbegreifliche Dinge; ich muss mich verstandlich machen; Sie wissen, wie missvergnugt ich von dem Feste des Grafen F. zuruckkam, und dass ich von diesem Augenblick mich aller Gesellschaft entausserte. Meine Liebe war verwundet, aber nicht getotet; ich dachte, sie wurde durch Verachtung und Fliehen geheilt werden; ich wollte sogar nichts von dem Fraulein reden horen; als endlich mein Oheim meine Leidenschaften auf einmal zu loschen glaubte, da er mir die Nachricht gab: dass auf das Geburtsfest des Fursten ein Maskenball angestellt ware; dass der Furst die Maske des Frauleins tragen wurde und sie Kleidung und Schmuck von ihm bekomme. Ich konnte also schliessen, dass sie sich aufgeopfert habe; sie hatte schon vorher Gnaden von ihm erbeten und alles erhalten, was sie verlangt habe; der Furst kame abends in den Garten des Grafen Lobau, allein von seinem Liebling begleitet usw. Mein Oheim erreichte seinen Zweck; die Sorge meiner Liebe verlor sich mit meiner Hochachtung und mit der Hoffnung, die ich immer blindlings behalten hatte. Aber gleichgultig war ich noch nicht; meine Seele war durch das Andenken ihres Geistes und ihrer Tugend gekrankt. Wie glucklich, o Gott, wie glucklich hatte sie mich machen konnen (rief ich), wenn sie ihrer Erziehung und ihrer ersten Anlage getreu geblieben ware! Ohne Erinnerung und Bestrafung wollt' ich sie nicht lassen, und der Maskenball dunkte mich ganz bequem zu meinem Vorhaben. Ich machte eine doppelte Maske. In der ersten wollt' ich mich noch von allem uberzeugen, was mir von der Vergessenheit ihres Werts und ihrer Pflichten gesagt worden war. Sie kam von allen Grazien begleitet in den Saal; sie trug den Schmuck, welchen der Hofjuwelierer dem Lord gewiesen hatte. Sie war so niedertrachtig gefallig, ihre schone Stimme horen zu lassen und ihn nebst der Gesellschaft zur Freude aufzumuntern. Hatte ich Krafte gehabt, sie ihrer reizenden Gestalt und aller ihrer Talenten zu berauben, ich wurd' es in diesem Augenblick getan haben. Leichter war' es mir gewesen, sie elend, hasslich, ja gar tot zu sehen, als ein Zeuge ihrer moralischen Zernichtung zu sein. Der tiefste Schmerz war in meiner Seele, als ich sie singen horte und mit dem Fursten und mit andern Menuette tanzen sah. Aber als er sie um den Leib fasste, an seine Brust druckte und den sittenlosen, frechen Wirbeltanz der Deutschen mit einer aller Wohlstandsbande zerreissenden Vertraulichkeit an ihrer Seite daherhupfte da wurde meine stille Betrubnis in brennenden Zorn verwandelt; ich eilte in meine zwote Maske, naherte mich ihrer darin und machte ihr bittere und heftige Vorwurfe uber ihre Frechheit, sich mit so vieler Lustigkeit in ihrem schandlichen Putz zu zeigen. Ich setzte hinzu: dass alle Welt sie verachtete, sie, die man angebetet habe. Meine erste Anrede brachte das vollkommenste Erstaunen in ihr hervor; sie konnte nichts sagen, als ihre Hand gegen die Brust heben "ich ich " stotterte sie mit der andern wollte sie mich haschen. Aber ich Elender entfloh, ohne auf die Wirkung achten zu wollen, die meine Rede machen wurde. Nach Hause eilte ich, liess mir sechs Postpferde vor meine Chaise geben, nahm meinen alten Dik mit und fuhr sechs Tage ohne zu wissen, wohin; bis ich endlich in einem Dorfe liegenbleiben musste, wo ich Diken auf das ausserste verbot, jemanden Nachricht von mir zu geben. Mein Gemutszustand ist nicht zu beschreiben; gefuhllos, geistlos war ich, missvergnugt, unruhig, und dennoch versagt' ich mir die einzige Hulfe, die meine Leiden erforderten Nachrichten von D. zu haben. Dieser unselige Eigensinn legte den Grund zu der tiefen Traurigkeit, die mich bis an mein Ende begleiten wird. Denn wahrend ich das stumme Wuten meiner unuberwindlichen Liebe in dem aussersten Winkel eines einsamen Dorfes verbarg, um die ersten Triumphtage des Fursten vorbeirauschen zu lassen, hatte das Fraulein den edelsten Widerstand gemacht, hatte aus Kummer beinahe das Leben verloren und war endlich aus dem Hause ihres Oheims entwichen, weil man sie nicht auf ihre Guter gehen lassen wollte. Einen Monat nach diesem Vorgang kam ich abgezehrt und finster zuruck; Mylord empfing mich mit vaterlicher Zuneigung; er sagte mir alle Sorgen, die ich ihm verursacht hatte, auch dass er auf den Gedanken geraten sei, ich mochte das Fraulein entfuhrt haben.
"Wollte Gott, Sie hatten mir's erlaubt," rief ich; "ich ware nicht so elend. Aber reden Sie mir nicht mehr von ihr."
Er umarmte mich und sagte:
"Lieber Carl, du musst doch horen was geschehen ist. Sie war doch edel, tugendhaft, alles, was uns zu ihrem Nachtheil gesagt wurde, war Betrug, und sie ist entflohen."
Meine Begierde, alles zu wissen, war nun so gross, als vorher meine Sorge daruber gewesen war.
Das Fraulein soll geglaubt haben, ihre Tante hatte ihren Schmuck neu fassen lassen und lehnte ihn ihr zum Ball; die Kleider habe sie ihrem Kaufmann schuldig zu sein geglaubt; ihr Singen ware eine gezwungene Gefalligkeit gewesen, und sie hatte in einem Brief an den Fursten eine weisse Maske gesegnet, die ihr alle Bosheiten entdeckt habe, welche ihren Ruhm zernichtet hatten.
"O Mylord", rief ich; "diese weisse Maske war ich; ich habe mit ihr gesprochen und ihr Vorwurfe gemacht; aber gleich nach dieser Unterhaltung eilt' ich fort." Er fuhr fort, mir zu erzahlen: das Fraulein hatte noch auf dem Ball dem Fursten seinen Schmuck vor die Fusse geworfen und ware in der aussersten Beangstigung nach Haus gefahren; sie ware aber acht Tage sehr krank gelegen und hatte keinen Menschen vor sich gelassen. Bei ihrer Wiederherstellung hatte sie auf ihre Guter zu gehen verlangt, ihr Oncle aber hatte sie nicht gehen lassen, und acht Tage darauf, als man dem Prinzen von P. zu Ehren bei Hofe Lustbarkeiten angestellt, sei sie mit ihrer Kammerjungfer verschwunden. Der Graf und die Grafin Lobau, die bis morgens bei dem Ball gewesen, und ihre Leute, welche auch nicht fruh munter geworden, hatten nicht an das Fraulein gedacht, bis nachmittags, da man die Tafel fur den Grafen gedeckt hatte, man erst angefangen, das Fraulein und ihr Madchen zu vermissen; aber als man ihre Zimmer aufgesprengt, an ihrer Statt bloss Briefe gefunden habe, einen an den Fursten, einen an Mylord C. und einen an ihren Oheim, dem sie noch ein Verzeichnis angeschlossen von den Kleidern, die sie an den Pfarrer geschickt habe, um sie zu verkaufen und das Geld den Armen des Kirchspiels zu geben. Ihrem Oheim hatte sie kurz, aber mit vieler Wurde und Ruhrung, von den Klagen gesprochen, die sie uber ihn und seine Frau zu fuhren habe, und von den Ursachen, warum sie sich von ihnen entferne und sich in den Schutz eines Gemahls begebe, den sie sich gewahlt hatte und mit welchem sie als seine vermahlte Frau aus ihrem Hause gehe, um sich nach Florenz zum Grafen R. zu begeben, woher sie wieder Nachricht von ihr erhalten sollten; indessen uberlasse sie ihm auch drei Jahre den Genuss aller Einkunfte ihrer Guter, um damit die Beendigung seines Rechtshandels zu betreiben, die er auf eine niedertrachtige Art durch die Aufopferung ihrer Ehre zu erhalten gesucht hatte; es ware ein Geschenk, welches sie seinen zweenen Sohnen machte und wodurch sie mehr Segen erhalten wurden, als durch den Entwurf ihres Untergangs. Dem Fursten hatte sie geschrieben: sie fliehe an der Hand eines edelmutigen und wurdigen Gemahls vor den Verfolgungen seiner verhassten und entehrenden Leidenschaft; sie habe inzwischen ihrem Oncle die Einkunfte von ihren Gutern auf drei Jahre uberlassen, hoffe aber, nach Verfluss dieser Zeit sie von der Gerechtigkeit des Landesfursten wieder zuruckzuerlangen; gegen Mylord aber hatte sie sich erklart: dass sie seinen Geist und seinen Gemutscharakter jederzeit verehrt und gewunscht habe, einigen Anteil an seiner Achtung zu haben; es ware sehr wahrscheinlich, dass die Umstande, in welche man sie gestellt, ihre Gemutsart mit einem so starken Nebel umhullet hatten, dass er sich keinen richtigen Begriff davon habe machen konnen; sie versichere ihn aber, dass sie seiner Hochachtung niemals unwurdig gewesen und seine harte nachteilige Beurteilung nicht verdient habe; und dieses mochte er auch seinen Neffen Seymour lesen lassen; Lobau sei nach dieser Entdekkung zum Fursten geeilt, der daruber ins grosste Erstaunen geraten und aller Orten habe nachschicken wollen, aber Graf F. hatte es missraten, und es ware allein ein Kurier an den Grafen R. nach Florenz abgeschickt worden, von wannen man aber bis itzt keine Nachricht von dem Fraulein erhalten habe.
Solange die Erzahlung von Mylord dauerte, schienen alle Triebfedern meiner Seele zuruckgehalten zu sein; aber als er aufhorte, kamen sie in volle Bewegung. Er musste meine bittersten Klagen uber seine Politik horen, durch die er mich verhindert hatte, mich mit dem edelsten Herzen zu Verbinden. Ihre grossmutige Wohltatigkeit an ihrem Oncle, diese edle Rache fur seine abscheuliche Beleidigung, ihr Andenken an die Arme; und an mich, bei dem sie gerechtfertigt zu sein suchte; wie viele Risse in mein Herz! Wie verhasst wurde mir D., wie viele Muhe hatte ich, die Ausdrucke meines Zorns zu verbergen, wenn ich ihre Feinde sah, oder wenn mir jemand von ihr reden wollte! Denn der herzhafte Schritt, welchen sie zu ihrer Rettung gemacht, wurde von jedermann getadelt, alle ihre vortrefflichen Eigenschaften verkleinert und ihr Fehler und Lacherlichkeiten angedichtet, deren sie ganzlich unfahig war. Wie elend, aber auch wie allgemein ist das Vergnugen, Fehler am Verdienst aufzuspahen! Tausend Herzen sind eher bereit, sich zu der Bosheit zu erniedrigen, an einer vortrefflichen Person die Gebrechen der Menschheit zu entdecken, als eines zu finden ist, das die edle Billigkeit hat, einem andern den grossten Anteil an Kenntnissen und Tugend einzugestehen und ihn aufrichtig zu verehren.
Ich schickte einen Kurier nach Florenz und schrieb dem Grafen R. die Geschichte seiner wurdigen Nichte. Aus der Antwort, so ich von ihm erhielt, erfuhr ich, dass er nicht das geringste von ihrem Aufenthalte wisse. Alle Bemuhungen, welche er bis jetzt angewandt, sie auszuspahen, sind vergeblich gewesen; und alles dies vergrossert die Vorwurfe, die ich mir wegen meiner ubereilten Abreise von D. mache. Warum wartete ich nicht auf die Folge meiner Unterredung? wenn man bessern will, ist es genug, bittere Verweise zu geben? Mein ganzes Herz wurde sich emporen, wenn ich einen Kranken schlagen oder misshandeln sahe: und ich gab einer Person, die ich liebte, die ich fur verblendet hielt, Streiche, die ihre Seele verwunden mussten! Aber ich sah sie als eine freiwillig weggeworfene, meiner Achtung unwurdige Kreatur an und dunkte mich berechtiget, ihr auch so zu begegnen. Wie grausam war meine Eigenliebe gegen das liebenswerte Madchen! erst wollte ich nicht von meiner Liebe reden, bis sie sich ganz nach meinen Begriffen in dem vollen Glanz einer triumphierenden Tugend gezeigt haben wurde. Sie ging ihren eigenen schonen Weg, und weil sie meinen idealischen Plan nicht befolgte, eignete ich mir die Gewalt zu, sie daruber auf das empfindlichste zu bestrafen. Wir beurteilten und verdammten sie alle; aber sie wie edel, wie gross wird sie in dem Augenblick, da ich sie fur erniedrigt hielt! sie segnete in der weissen Maske mich wutenden Menschen, da sie an den Rand eines fruhen Grabes gestossen hatte. O, was kann sie itzt von dem Geschopfe sagen, durch dessen Unbesonnenheit sie in eine ubereilte und gewiss ungluckliche Ehe gesturzt wurde, die sie schon bereut und nicht wieder brechen kann. Sie schrieb meinen Namen noch, sie wollte, dass ich Gutes von ihr glauben soll! O Sternheim, selbst in deinem von mir verursachten Elende wurde deine grossmutige, unschuldige Seele die Marter meines Herzens beweinen, wenn du darin das Bild meiner ersten Hoffnungen mit allen Schmerzen der Selbstberaubung vereinigt sehen wurdest!
Derby ist nach einer Abwesenheit von acht Wochen wieder von einer Reise nach H. zuruckgekommen und bewies mir eine ganz besondere Achtsamkeit; ich goss allen meinen zartlichen Kummer bei ihm aus; er belachte mich und behauptete, dass er mit dem Ruf seiner Bosheit Viel weniger schadlich sei, als ich es durch diesen Tugendeifer gewesen; seine Bosheit fuhre eine Art von Verwarnung bei sich, die alle Menschen vorsichtig machen konne. Die Strenge meiner Grundsatze hatte mir eine Grausamkeit gegen die anscheinenden und unvermeidlichen Fehler der Menschen gegeben, welche die Widerspenstigkeit der Bosen vermehre und die guten Leute zur Verzweiflung bringe. Wie kommt Derby zu diesem Anspruch der Wahrheit? ich fuhlte, ja ich fuhlte, dass er recht hatte, dass ich grausam war, dass ich es war, ich Elender! der die Beste ihres Geschlechts unglucklich gemacht!
O mein Freund, mein Lehrer, das Mass meines Verdrusses ist voll; alle Stunden meines Lebens sind vergiftet. John, unser Sekretar, ist zwei Tage vor der Flucht des Frauleins abgereiset und seitdem nicht mehr gekommen. Die Kammerjungfer des Frauleins war einmal bei ihm, und unter seinen Papieren hat man ein zerrissenes Blatt gefunden, wo mit der Hand meiner Sternheim geschrieben stund, "ich gehe in alle Ursachen ein, die Sie wegen der Verborgenheit unserer Verbindung angeben; sorgen Sie nur fur unsere Trauung; denn ohnvermahlt werd' ich nicht fortgehen, ob ich gleich die Verbindung mit einem Englander allen andern vorziehe."
So ist sie also das Eigentum eines der verwerflichsten Menschen aller Nationen geworden! O ich verfluche den Tag, wo ich sie sah, wo ich die sympathetische Seele in ihr fand! und, ewig verdamme Gott den Bosewicht, dem sie sich in die Arme warf! Was fur Ranke muss der Kerl gebraucht haben! es ist nicht anders moglich, der Kummer hat ihren Verstand zerruttet. Aber die Briefe, die sie zuruckliess, sind in einem so wohltatigen, so edlem Ton und mit so vielem Geiste geschrieben ! doch dunkt mich, einst gelesen zu haben, dass just in einer Zerruttung der kunstlichen und gelernten Bewegung des Verstandes die Triebfedern an den Tag kamen, durch welche er von unsern naturlichen und vorzuglichen Neigungen gebraucht wird. Urteilen Sie also von dem edlen Grund des Charakters unsers Frauleins.
Fraulein von Sternheim
an Emilia
Hier in einem einsamen Dorfe, allen, die mich sehen, unbekannt, denen, die mich kannten, verborgen, hier fand ich mich wieder, nachdem ich durch meine Eigenliebe und Empfindlichkeit so weit von mir selbst gefuhrt worden, dass ich mit hastigen Schritten einen Weg betrat, vor welchem ich in gelassenen denkenden Tagen mit Schauer und Eifer geflohen ware. O wenn ich mir nicht sagen konnte, wenn meine Rosine, wenn Mylord Derby selbst nicht zeugen mussten, dass alle Krafte meiner Seele durch Unmut und Krankheit geschwacht und unterdruckt waren; wo, meine Emilia, wo nahme ich einen Augenblick Ruhe und Zufriedenheit bei dem Gedanken, dass ich heimliche Veranstaltungen getroffen ein heimliches Bundnis gemacht und aus dem Hause entflohen bin, in welches ich selbst durch meinen Vater gegeben wurde.
Es ist wahr, ich wurde in diesem Hause grausam gemisshandelt; es war ohnmoglich, dass ich mit Vertrauen und Vergnugen darin bleiben konnte; gewiss war meine Verbitterung nicht ungerecht; denn wie konnte ich ohne den aussersten Unmut denken, dass mein Oncle und meine Tante mich auf eine so niedertrachtige Weise ihrem Eigennutze aufopferten und Fallstricke fur meine Ehre flechten und legen halfen?
Ich hatte sonst keinen Freund in D., mein Herz emporte sich bei der geringsten Vorstellung, die ich nach wiedererlangter Gesundheit, Verwandte, die mich meines Ruhms beraubt, und diejenigen wiedersehen musste, die uber meinen Widerstand und Kummer gespottet hatten und alle schon lange zuvor die Absichten wussten, welche man durch meine Vorstellung bei Hofe erreichen wollte. Ja, alle wussten es, sogar mein Fraulein C., und keines von allem war edel und menschlich genug, mir, nachdem man doch meinen Charakter kannte, nur den geringsten Fingerzeig zu geben, mir, die ich keine Seele beleidigte, mich bemuhte, meine Gesinnungen zu verbergen, sobald sie die ihrige zu tadeln oder zu verdriessen schienen! Wie bereit war ich, alles, was mir Fehler deuchte, zu entschuldigen! Aber sie dachten, es ware nicht viel an einem Madchen, aus einer ungleichen Ehe, verloren. Konnte ich bei diesem vollen Ubermasse von Beleidigungen, die uber meinen Charakter, meine Geburt und meinen Ruhm ausgegossen wurden, den Trost von mir werfen, den mir die Achtung und Liebe des Mylord Derby anbot? Die Entfernung des Grafen und der Grafin R., ihr Stillschweigen auf meine letzten Briefe, die Unart, mit welcher mir die Zuflucht auf meine Guter versagt wurde; und, meine Emilia, ich berge es Ihnen nicht, meine Liebe zu England, der angesehene Stand, zu welchem mich Mylord Derby durch seine Hand und seine Edelmutigkeit erhob; auch diese zwo Vorstellungen hatten grosse Reize fur meine verlassene und betaubte Seele. Ich war vorsichtig genug, nicht unvermahlt aus meinem Hause zu gehen, ich schrieb es dem Fursten, dem Mylord Crafton und meinem Oheim. Ich nannte meinen Gemahl nicht; wiewohl er so grossmutig war, mir die volle Freiheit dazu zu lassen, ohngeachtet er damit die Gnade des Gesandten und seines Hofes verwurkt hatte, weil man den Gedanken fassen konnte, Mylord Crafton hatte dazu geholfen, und dieser Argwohn widrige Folgen hatte haben konnen; sollte ich da nicht auch grossmutig sein und denjenigen, der mich liebte und rettete, durch mein Stillschweigen vor Verdruss und Verantwortung bewahren? Es war genug, dass er den Gesandtschaftsprediger gewann, dem ich die ganze Geschichte meiner geheimen Trauung schrieb, und welchem Mylord eine Pension gibt, wovon er wird leben konnen, wenn er auch die Stelle bei dem Gesandten verliert. Durch alles dieses unterstutzt, reiste ich mit frohem Herzen von D. ab, von einem der getreuesten Leute des Lords begleitet; mein Gemahl musste, um allem Verdacht auszuweichen, zuruckbleiben, und den Festen beiwohnen, welche zween fremden Prinzen zu Ehren angestellt wurden. Dieser Umstand war mir angenehm, denn ich wurde an seiner Seite gezittert und gelitten haben, da ich hingegen mit unserer Rosine glucklich und ruhig meinen Weg fortsetzte, bis ich in diesem kleinen Dorfe meinen Aufenthalt nahm, wo ich vier Wochen war, ehe Mylord den schicklichen Augenblick finden konnte, ohne Besorgnis zu mir zu eilen. Mein erster Gedanke war immer, meine Reise nach Florenz zu verfolgen und Mylorden da zu erwarten; aber ich konnte seine Einwilligung dazu nicht erlangen, und auch itzt will er sich vorher vollig von Mylord Crafton losmachen und erst alsdann mit mir zum Grafen R., nach diesem aber gerade in sein Vaterland gehen.
In diesen vier Wochen, da ich allein war, hielt ich mich eingesperrt und hatte keine andere Bucher als etliche englische Schriften von Mylord, die ich nicht lesen mochte, weil sie ubergebliebene Zeugnisse seiner durch Beispiel und Verfuhrung verderbten Sitten waren. Ich warf sie auch alle an dem ersten kalten Herbsttag, der mich notigte Feuer zu machen, in den Ofen, weil ich nicht vertragen konnte, dass diese Bucher und ich einen gemeinsamen Herrn und Wohnplatz haben sollten. Die Tage wurden mir lang, meine Rosina nahm sich Naharbeit von unsrer Wirtin, und ich Eng an, mit dem zunehmenden Gefuhl der sich wieder erholten Krafte meines Geistes Betrachtungen uber mich und mein Schicksal anzustellen.
Sie sind traurig, diese Betrachtungen, durch den Widerspruch, der seit dem Tod meines geliebten ehrwurdigen Vaters, noch mehr aber seit dem Augenblick meines Eintritts in die grosse Welt, zwischen meinen Neigungen und meinen Umstanden herrschet.
O hatte ich meinen Vater nur behalten, bis meine Hand unter seinem Segen an einen wurdigen Mann gegeben gewesen ware! Meine Glucksumstande sind vorteilhaft genug, und da ich nebst meinem Gemahl den Spuren der edlen Wohltatigkeit meiner Eltern gefolgt ware, so wurde die selige Empfindung eines wohlangewandten Lebens und die Freude uber das Wohl meiner Untergebenen alle meine Tage gekront haben. Warum horte ich die Stimme nicht, die mich in P. zuruckhalten wollte, als meine Seele, ganz mit Bangigkeit erfullt, sich der Zuredungen meines Oheims und Ihres Vaters widersetzte? Aber ich selbst dachte endlich, dass Vorurteil und Eigensinn in meiner Abneigung sein konnte, und willigte ein, dass der arme Faden meines Lebens, der bis dahin so rein und gleichformig fortgeloffen war, nun mit dem verworrnen, ungleichen Schicksal meiner Tante verwebt wurde, woraus ich durch nichts als ein gewaltsames Abreissen aller Nebenverbindungen loskommen konnte. Mit diesem vereinigte sich die Verschworung wider meine Ehre und meine von Jugend auf genahrte Empfindsamkeit, die nur ganz allein fur meine beleidigte Eigenliebe arbeitete. O, wie sehr hab' ich den Unterschied der Wurkungen der Empfindsamkeit fur andere und der fur uns allein kennengelernt!
Die zwote ist billig und allen Menschen naturlich! aber die erste allein ist edel; sie allein unterhalt die Wahrscheinlichkeit des Ausdrucks, dass wir nach dem Ebenbild unsers Urhebers geschaffen sein, weil diese Empfindsamkeit fur das Wohl und Elend unsers Nebenmenschen die Triebfeder der Wohltatigkeit ist, der einzigen Eigenschaft, welche ein zwar unvollkommnes, aber gewiss echtes Geprage dieses gottlichen Ebenbildes mit sich fuhrt; ein Geprage, so der Schopfer allen Kreaturen der Korperwelt eindruckte, als in welcher das geringste Grashalmchen durch seinen Beitrag zur Nahrung der Tiere ebenso wohltatig ist, als der starke Baum es auf so mancherlei Weise fur uns wird. Das kleinste Sandkornchen erfullt seine Bestimmung, wohltatig zu sein, und die Erde durch Lokkernheit fruchtbar zu erhalten, so wie die grossen Felsen, die uns staunen machen, unsern allgemeinen Wohnplatz befestigen helfen. Ist nicht das ganze Pflanzen- und Tierreich mit lauter Gaben der Wohltatigkeit fur unser Leben erfullt? Die ganze physikalische Welt bleibt diesen Pflichten getreu; durch jedes Fruhjahr werden sie erneuert; nur die Menschen arten aus und loschen dieses Geprage aus, welches in uns viel starker und in grosserer Schonheit glanzen wurde, da wir es auf so vielerlei Weise zeigen konnten.
Sie erkennen hier, meine Emilia, die Grundsatze meines Vaters; meine Melancholie rief sie mir sehr lebhaft zuruck, da ich in der Ruhe der Einsamkeit mich umwandte und den Weg abmass, durch welchen mich meine Empfindlichkeit gejagt und so weit von dem Orte meiner Bestimmung verschlagen hatte. O, ich bin den Pflichten der Wohltatigkeit des Beispiels entgangen!14 Niemand wird sagen, dass Kummer und Verzweiflung Anteil an meinem Entschluss hatten; aber jede Mutter wird ihre Tochter durch die Vorstellung meiner Fehler warnen; und jedes bildet sich ein, es wurde ein edlers und tugendhafters Hulfsmittel gefunden haben. Ich selbst weiss, dass es solche gibt; aber mein Geist sah sie damals nicht, und es war niemand gutig genug, mir eines dieser Mittel zu sagen. Wie unglucklich ist man, meine Emilia, wenn man Entschuldigungen suchen muss, und wie traurig ist es, sie zu leicht und unzulanglich zu finden! So lang ich fur andere unempfindlich war, fehlte ich nur gegen die Vorurteile der fuhllosen Seelen, und wenn es auch schien, dass meine Begriffe von Wohltatigkeit ubertrieben waren, so bleiben sie doch durch das Geprage des gottlichen Ebenbildes verehrungs- und nachahmungswurdig. Aber itzt, da ich nur fur mich empfand, fehlte ich gegen den Wohlstand und gegen alle gesellschaftliche Tugenden eines guten Madchens. Wie dunkel, o wie dunkel ist dieser Teil meines vergangenen Lebens: was bleibt mir ubrig, als meine Augen auf den Weg zu heften, den ich nun vor mir habe, und darin einen geraden Schritt, bei klarem Lichte fortzugehen?
Meine ersten Erquickungsstunden hab' ich in der Beschaftigung gefunden, zwo arme Nichten meiner Wirtin arbeiten und denken zu lehren. Sie wissen, Emilia, dass ich gerne beschaftiget bin. Mein Nachdenken und meine Feder machten mich traurig; ich konnte am Geschehenen nichts mehr andern, musste den Tadel, der uber mich erging, als eine gerechte Folge meiner irregegangenen Eigenliebe ansehen und meine Ermunterung ausser mir suchen, teils in dem Vorsatze, Mylord Derby zu einem glucklichen Gemahl zu machen, teils in der Bestrebung, meinen ubrigen Nebenmenschen alles mogliche Gute zu tun. Ich erkundigte mich nach den Armen des Orts und suchte ihnen Erleichterung zu schaffen. Bei dieser Gelegenheit sagte mir die gute Rosina von zwoen Nichten der Wirtin, armen verwaisten Madchen, die der Wirt hasste, und auch seiner Frau, deren Schwester-Tochter sie sind, wegen dem wenigen, so sie geniessen, sehr ubel begegnete. Ich liess sie zu mir kommen, forschte ihre Neigungen aus und was jede schon gelernt hatte oder noch lernen mochte; beide wollten die Kunste der Jungfer Rosine wissen; ich teilte mich also mit ihr in dem Unterricht der guten Kinder; ich liess auch beide kleiden, und sie kamen gleich den andern Tag, um meinem Anziehen zuzusehen. Vierzehn Tage darauf bedienten sie mich wechselsweise. Ich redete ihnen von den Pflichten des Standes, in welchen Gott sie, und von denen, in welchen er mich gesetzt habe, und brachte es so weit, dass sie sich viel glucklicher achteten, Kammerjungfern als Damen zu sein, weil ich ihnen sehr von der grossen Verantwortung sagte, die uns wegen dem Gebrauch unsrer Vorzuge und unsrer Gewalt uber andere aufgelegt sei. Ihre Begriffe von Gluck und ihre Wunsche waren ohnehin begrenzt, und die kleinen Prophezeiungen, die ich jeder nach ihrer Gemutsart machen kann, vergnugen sie ungemein; sie glauben, ich wisse ihre Gedanken zu lesen. Ich zahle dem Wirt ein Kostgeld fur sie und kaufe alles, was sie zu ihren Lehrarbeiten notig haben. Ich halte ihnen Schreibe- und Rechnungsstunden und suche auch, ihnen einen Geschmack im Putz einer Dame zu geben, besonders lehre ich sie, alle Gattung von Charakter zu kennen und mit guter Art zu ertragen. Die Wirtin und ihre Nichten sehen mich als ihren Engel an und wurden alle Augenblicke vor mir knien und mir danken, wenn ich es dulden wollte. Susse gluckliche Stunden, die ich mit diesen Kindern hinbringe! Wie oft erinnere ich mich an den Ausspruch eines neuern Weisen, welcher sagte: "Bist du melancholisch, siehst du nichts zu deinem Trost um dich her lies in der Bibel; befreie dich von einem anklebenden Fehler oder suche deinem Nebenmenschen Gutes zu tun: so wird gewiss die Traurigkeit von dir weichen "
Edles unfehlbares Hulfsmittel! wie hochst vergnugt gehe ich mit meinen Lehrmadchen spazieren und rede ihnen von der Gute unsers gemeinsamen Schopfers! Mit welchem innigen Vergnugen erfullt sich mein Herz, wenn ich beide, uber meine Reden bewegt, ihre Augen mit Ehrfurcht und Dankbarkeit gen Himmel wenden seh' und sie mir dann meine Hande kussen und drucken: in diesen Augenblicken, Emilia, bin ich sogar mit meiner Flucht zufrieden, weil ich ohne sie diese Kinder nicht gefunden hatte.
Fraulein von Sternheim
an Emilien
O noch einmal so lieb sind mir meine Madchen geworden, seitdem Mylord da war; denn durch die Freude an den unschuldigen Kreaturen hat sich mein Geist und mein Herz gestarkt. Mylord liebt das Ernsthafte meiner Gemutsart nicht; er will nur meinen Witz genahrt haben; meine schuchterne und sanfte Zartlichkeit ist auch die rechte Antwort nicht, die ich seiner raschen und heftigen Liebe entgegensetze, und uber das Verbrennen seiner Bucher hat er einen mannlichen Hauszorn geaussert. Er war drei Wochen da. Ich durfte meine Madchen nicht sehen; seine Gemutsverfassung schien mir ungleich; bald ausserst munter und voller Leidenschaft! bald wieder duster und trocken; seine Blicke oft mit Lacheln, oft mit denkendem Missvergnugen auf mich geheftet. Ich musste ihm die Ursachen meines anfanglichen Widerwillens gegen ihn und meine Andrung erzahlen; sodann fragte er mich uber meine Gesinnungen fur Lord Seymour. Mein Erroten bei diesem Namen gab seinem Gesicht einen mir entsetzlichen Ausdruck, den ich Ihnen nicht beschreiben kann, und in einer noch viel empfindlichern Gelegenheit merkte ich, dass er eifersuchtig uber Mylord Seymour ist; ich werde also bestandig wegen anderer zu leiden haben. Mylord liebt die Pracht und hat mir viel kostbare Putzsachen gegeben, ich werde in seine Gesinnung eingehen, ungeachtet ich mich lieber in Bescheidenheit als in Pracht hervortun mochte. Gott gebe, dass dieses der einzige Punkt sein moge, in welchem wir verschieden sein; aber ich furchte mehrere. O Emilie, beten Sie fur mich! Mein Herz hat Ahndungen; ich will keine Gefalligkeit, keine Bemuhung versaumen, meinem Gemahl angenehm zu sein; aber ich werde oft ausweichen mussen; wenn ich nur meinen Charakter und meine Grundsatze nicht aufopfern muss! Ich wahlte ihn, ich ubergab ihm mein Wohl, meinen Ruhm, mein Leben; ich bin ihm mehr Ergebenheit und mehr Dank schuldig, als ich meinem Gemahl unter andern Umstanden schuldig ware. O wenn ich einst in England in meinem eignen Hause bin und Mylord in Geschaften sein wird, die dem Stolz seines Geistes angemessen sind: dann wird, hoffe ich, sein wallendes Blut im ruhigen Schosse seiner Familie sanfter fliessen lernen, sein Stolz in edle Wurde sich verwandeln und seine Hastigkeit tugendhafter Eifer fur ruhmliche Taten werden. Diesen Mut werd' ich unterhalten, und, da ich nicht so glucklich war, eine Griechin der alten Zeiten zu sein, mich bemuhen, wenigstens eine der besten Englanderinnen zu werden.
Mylord Derby an
seinen Freund
Verwunscht seist du mit deinen Vorhersagungen; was hattest du sie in meine Liebesgeschichte zu mengen? Meine Bezauberung wurde nicht lange dauern, sagtest du! Wie, zum Henker, konnte dein Dummkopf dieses in Paris sehen und ich hier so ganz verblendet sein? Aber Kerl, du hast doch nicht ganz recht! Du sprachst von Sattigung; diese hab' ich nicht und kann sie nicht haben, weil mir noch viel von der Idee des Genusses fehlt; und dennoch kann ich sie nicht mehr sehen! Meine Sternheim, meine eigene Lady nicht mehr sehen! Sie, die ich funf Monate lang bis zum Unsinn liebte! Aber ihr Verhangnis hat mein Vergnugen und ihre Gesinnungen gegeneinander gestellt; mein Herz wankte zwischen beiden; sie hat die Macht der Gewohnheit misskannt; sie hat die feurigen Umarmungen ihres Liebhabers bloss mit der matten Zartlichkeit einer frostigen Ehefrau erwidert; kalte mit Seufzen unterbrochene Kusse gab sie mir, sie, die so lebhaft mitleidend, sie, die so geschaftig, so brennend eifrig fur Ideen, fur Hirngespenster sein kann! Wie suss, wie anfesselnd hab' ich mir ihre Liebe und ihren Besitz vorgestellt! wie begierig war ich auf die Stunde, die mich zu ihr fuhrte! Pferde, Postknechte und Bedienten hatte ich der Geschwindigkeit meiner Reise aufopfern wollen. Stolz auf ihre Eroberung, sah ich den Fursten und seine Helfer mit Verachtung an. Mein Herz, mein Puls klopften vor Freude, als ich das Dorf erblickte, wo sie war, und beinah hatt' ich aus Ungeduld meine Pistole auf den Kerl losgefeuert, der meine Chaise nicht gleich aufmachen konnte. In funf Schritten war ich die Treppe hinauf. Sie stund oben in englischer Kleidung, weiss, schon, majestatisch sah sie aus; mit Entzuckung schloss ich sie in meine Arme. Sie bewillkommte mich stammelnd; wurde bald rot, bald blass. Ihre Niedergeschlagenheit hatte mich glucklich gemacht, wenn sie nur einmal die Miene des Schmachtens der Liebe gehabt hatte; aber alle ihre Zuge waren allein mit Angst und Zwang bezeichnet. Ich ging mich umzukleiden, kam bald wieder und sah durch eine Ture sie auf der Bank sitzen, ihre beiden Arme um den Vorhang des Fensters geschlungen, alle Muskeln angestrengt, ihre Augen in die Hohe gehoben, ihre schone Brust von starkem tiefen Atemholen langsam bewegt; kurz, das Bild der stummen Verzweiflung! Sage, was fur Eindrucke musste das auf mich machen? Was sollt' ich davon denken? Meine Ankunft konnte ihr neue, unbekannte Erwartungen geben; etwas bange mochte ihr werden; aber wenn sie Liebe fur mich gehabt hatte, war wohl dieser starke Kampf naturlich? Schmerz und Zorn bemachtigten sich meiner; ich trat hinein; sie fuhr zusammen und liess ihre Arme und ihren Kopf sinken; ich warf mich zu ihren Fussen und fasste ihre Knie mit starren bebenden Handen.
"Lacheln Sie, Lady Sophie, lacheln Sie, wenn Sie mich nicht unsinnig machen wollen" schrie ich ihr zu.
Ein Strom von Tranen floss aus ihren Augen. Meine Wut vergrosserte sich, aber sie legte ihre Arme um meinen Hals und lehnte ihren schonen Kopf auf meine Stirne.
"Teurer Lord, o sein Sie nicht bose, wenn Sie mich noch empfindlich fur meine ungluckliche Umstande sehen; ich hoffe, durch Ihre Gute alles zu vergessen."
Ihr Hauch, die Bewegung ihrer Lippen, die ich, indem ich redte, auf meiner Wange fuhlte, einige Zahren, die auf mein Gesicht fielen, loschten meinen Zorn und gaben mir die zartlichste, die glucklichste Empfindung, die ich in dreien Wochen mit ihr genoss. Ich umarmte, ich beruhigte sie, und sie gab sich Muhe, den ubrigen Abend und beim Speisen zu lacheln. Manchmal deckte sie mir mit allem Zauber der jungfraulichen Schamhaftigkeit die Augen zu, wenn ihr meine Blicke zu gluhend schienen.
Reizende Kreatur, warum bliebst du nicht so gesinnt? warum zeigtest du mir deine sympathetische Neigung zu Seymour?
Die ubrigen Tage suchte ich munter zu sein. Ich hatte ihr eine Laute mitgebracht, und sie war gefallig genug, mir ein artiges welsches Liedchen zu singen, welches sie selbst gemacht hatte und worin sie die Venus um ihren Gurtel bat, um das Herz, so sie liebte, auf ewig damit an sich zu ziehen. Die Gedanken waren schon und fein ausgedruckt, die Melodie ruhrend und ihre Stimme so voll Affekt, dass ich ihr mit der sussesten und starksten Leidenschaft zuhorte. Aber mein schoner Traum verflog durch die Beobachtung, dass sie bei den zartlichsten Stellen, die sie am besten sang, nicht mich, sondern mit hangendem Kopfe die Erde ansah und Seufzer ausstiess, welche gewiss nicht mich zum Gegenstande hatten. Ich fragte sie am Ende, ob sie dieses Lied heute zum ersten Male gesungen? Nein, sagte sie errotend; dieses veranlasste noch einige Fragen uber die Zeit, da sie angefangen hatte, gut fur mich zu denken, und uber ihre Gesinnungen fur Seymour. Aber verdammt sei die Freimutigkeit, mit welcher sie mir antwortete; denn damit hat sie alle Knoten losgemacht, die mich an sie banden. Hundert Kleinigkeiten, und selbst die Muhe, die es sie kostete, zartlich und frohlich zu sein, uberzeugten mich, dass sie mich nicht liebte. Ein wenig Achtung fur meinen Witz und fur meine Freigebigkeit, die Freude, nach England zu kommen und kalter Dank, dass ich sie von ihren Verwandten und dem Fursten befreit hatte: dies war alles, was sie fur mich empfand, alles, was sie in meine Arme brachte! Ja, sie war unvorsichtig genug, mir auf meine verliebte Bitte, die Eigenschaften zu nennen, die sie am meisten an mir lieben wurde nichts anders als ein Gemalde von Seymour vorzuzeichnen; und immer betrieb sie unsere Reise nach Florenz; deutliches Anzeigen, dass sie nicht fur das Gluck meiner Liebe, sondern fur die Befriedigung ihres Ehrgeizes bedacht war! denn sie vergiftete alle Tage ihres Besitzes durch diese Erinnerung, welcher sie alle mogliche Wendungen gab, sogar, dass sie mich versicherte, sie wurde mich erst in Florenz lieben konnen. Sie vergiftete, sagt' ich dir, mein Gluck, aber auch zugleich mein Herz, welches narrisch genug war, sich zuweilen meine falsche Heurat gereuen zu lassen, und sehr oft ihre Partie wider mich ergriff. In der dritten Woche frass das Ubel um sich. Ich hatte ihr englische Schriften gegeben, die mit den feurigsten und lebendigsten Gemalden der Wollust angefullt waren. Ich hoffte, dass einige Funken davon die entzundbare Seite ihrer Einbildungskraft treffen sollten; aber ihre widersinnige Tugend verbrannte meine Bucher, ohne ihr mehr zu erlauben, als sie durchzublattern und zu verdammen. Der Verlust der Bucher und meiner Hoffnung brachte einen kleinen Ausfall von Unmut hervor, den sie mit gelassener Tapferkeit aushielt. Zween Tage hernach kam ich an ihren Nachttisch, just wie ihre schonen Haare gekammt wurden; ihre Kleidung war von weissem Musselin mit rotem Taft, nett an den Leib angepasst, dessen ganze Bildung das vollkommenste Ebenmass der griechischen Schonheit ist; wie reizend sie aussah! Ich nahm ihre Locken und wand sie unter ihrem rechten Arme um ihre Huften. Miltons Bild der Eva kam mir in den Sinn. Ich schickte ihr Kammermensch weg und bat sie, sich auf einen Augenblick zu entkleiden, um mich so glucklich zu machen, in ihr den Abdruck des ersten Meisterstucks der Natur zu bewundern.15 Schamrote uberzog ihr ganzes Gesicht; aber sie versagte mir meine Bitte geradezu; ich drang in sie, und sie straubte sich so lange, bis Ungeduld und Begierde mir eingaben, ihre Kleidung vom Hals an durchzureissen, um auch wider ihren Willen zu meinem Endzweck zu gelangen. Solltest du glauben, wie sie sich bei einer in unsern Umstanden so wenig bedeutenden Freiheit gebardete? "Mylord", rief sie aus, "Sie zerreissen mein Herz und meine Liebe fur Sie; niemals werd' ich Ihnen diesen Mangel feiner Empfindungen vergeben! O Gott, wie verblendet war ich!" Bittere Tranen und heftiges Zuruckstossen meiner Arme begleiteten diese Ausrufungen. Ich sagte ihr trocken: ich ware sicher, dass sie dem Lord Seymour diese Unempfindlichkeit fur sein Vergnugen nicht gezeigt haben wurde. "Und ich bin sicher", sagte sie im hohen tragischen Ton, "dass Mylord Seymour mich einer edlern und feinern Liebe wert gehalten hatte."
Hast du jemals die Narrenkappe einer sonderbaren Tugend mit wunderlichern Schell behangen gesehen, als dass ein Weib ihre vollkommenste Reize nicht gesehen, nicht bewundert haben will? Und wie albern eigensinnig war der Unterschied, den sie zwischen meinen Augen und meinem Gefuhl machte?
Ich wollt' es nachmittags von ihr selbst erklart wissen, aber sie konnte mit allem Nachsinnen nichts anders sagen, als dass sie bei Entdeckung der besten moralischen Eigenschaften ihrer Seele die namliche Widerstrebung aussern wurde, ungeachtet sie mir gestund, dass sie mit Vergnugen bemerkte, wenn man von ihrem Geist und von ihrer Figur vorteilhaft urteile; dennoch wolle sie lieber dieses Vergnugen entbehren, als es durch ihre eigene Bemuhung erlangen.16 Denkst du wohl, dass ich mit diesem verkehrten Kopfe vergnugt sollte leben konnen? Dieses Gemische von Verstand und Narrheit hat ihr ganzes Wesen durchdrungen und giesst Tragheit und Unlust uber alle Bewegungen meiner muntern Fibern aus. Sie ist nicht mehr die Kreatur, die ich liebte; ich bin also auch nicht mehr verbunden, das zu bleiben, was ich ihr damals zu sein schien. Sie selbst hat mir den Weg gebahnt, auf welchem ich ihren Fesseln entfliehen werde. Der Tod meines Bruders stimmt ohnehin die Saiten meiner Leier auf einen andern Ton; ich muss vielleicht bald nach England zurucke, und dann kann Seymour sein Glucke bei meiner Witwe versuchen; denn ich denke, sie wird's bald sein; und bloss ihrem eigenen Betragen wird sie dies zu danken haben. Da sie sich fur meine Ehefrau halt, war es nicht ihre Pflicht, sich in allem nach meinem Sinne zu schicken? Hat sie diese Pflicht nicht ganzlich aus den Augen gesetzt? Liebt sie nicht sogar einen andern? Und ist es also nicht billig und recht, dass der Betrug, den ihr Ehrgeiz an mir begangen, auch durch mich an ihrem Ehrgeiz gerachet werde? Freudig seh ich um mich her, wenn ich bedenke, dass ich das auserwahlte Werkzeug war, durch welches die Niedertrachtigkeit ihres Oheims, die Lusternheit des Fursten und die Dummheit der ubrigen Helfer gestraft wurde! Es ist ja ein angenommener Lehrsatz, dass die Vorsicht sich der Bosewichter bediene, um die Vergehungen der Frommen zu ahnden. Ich war also nichts als die Maschine, durch welche das Weglaufen der Sternheim gebusst werden sollte; dazu wurde mir auch das notige Pfund von Gaben und Geschicklichkeit gegeben. Meine Belohnung hab' ich genossen. Sie mogen sich nun samt und sonders ihre erhaltne Zuchtigung zunutz machen!
Wisse ubrigens, dass ich wirklich der Vertraute von Seymourn geworden bin. Auf einem Dorfe sass er und beheulte den Verlust der Tugend des Madchens, wahrend, dass ich es in aller Stille auf der andern Seite unter Dach brachte und ihn belachte. Er wollte von mir wissen, wer wohl der Gemahl, mit dem sie, nach ihrem Briefe, entflohen ware, sein konnte? Er hat Kuriere nach Florenz abgeschickt; aber ich hab' ein Mittel gefunden, seinen Nachspurungen Einhalt zu tun, da ich in dem letzten Billett, das mir die Sternheim nach D. geschrieben hatte, alle Worte abriss, die mich hatten verraten konnen, und das ubrige Stuck unter die Papiere des Sekretars John warf, uber dessen Ausbleiben man stutzig wurde und sein Zimmer auf mein Anraten aussuchte. Bei diesem Stuck Papier wurden dann die Vermutungen auf ihn festgesetzt und er fur den Erloser erklart, den sich das feine Madchen erwahlt habe. Eine Sache, die man als den Beweis ansah, dass lauter burgerliche Begriffe und Neigungen in ihrer Seele herrschen; und ein Text, woruber nun die adeligen Mutter ihren Tochtern gegen die Heuraten ausser Stand Jahre lang predigen werden. Seymours Liebe versinkt in Unmut und Verachtung; er nennt ihren Namen nicht mehr und schickt keine Kuriere mehr fort, ich aber erwarte einen aus England, und dann wirst du erfahren, ob ich zu dir komme oder nicht.
Rosina an
ihre Schwester Emilia
O meine Schwester, wie soll ich dir den entsetzlichen Jammer beschreiben, der uber unser geliebtes Fraulein gekommen ist! Lord Derby! Gott wird ihn strafen und muss ihn strafen! der abscheuliche Mann! er hat sie verlassen und ist allein nach England gereist. Seine Heurat war falsch; ein gottloser Bedienter, wie sein Herr, in einen Geistlichen verkleidet, verrichtete die Trauung. Ach, meine Hande zittern, es zu schreiben; der schandliche Bosewicht kam selbst mit dem Abschiedsbriefe, damit uns sein Gesicht keinen Zweifel an unserm Ungluck ubriglassen sollte. Der Lord sagt: die Dame hatte ihn nicht geliebt, sondern nur immer Mylord Seymourn im Herzen gehabt; dieses hatte seine Liebe ausgeloscht, sonst ware er unverandert geblieben. Der ruchlose Mensch! Ewiger Gott! Ich, ich habe auch zu der Heurat geholfen! War' ich nur zum Lord Seymour gegangen! ach wir waren beide verblendet ich darf unsere Dame nicht ansehen; das Herz bricht mir; sie isst nichts; sie ist den ganzen Tag auf den Knien vor einem Stuhl, da hat sie ihren Kopf liegen; unbeweglich, ausser dass sie manchmal ihre Arme gen Himmel streckt und mit einer sterbenden Stimme ruft: "ach Gott, ach mein Gott!"
Sie weint wenig und nur seit heute; die ersten zween Tage furchtete ich, wir wurden beide den Verstand verlieren, und es ist ein Wunder von Gott, dass es nicht geschehen ist.
Zwo Wochen horten wir nichts vom Lord; sein Kerl reiste weg, und funf Tage darnach kam der Brief, der uns so unglucklich machte. Der verfluchte Bosewicht gab ihn ihr selbst. Blass und starr wurde sie; endlich, ohne ein Wort zu sagen, zerriss sie mit der grossten Heftigkeit seinen Brief, und noch ein Papier, warf die Stucke zu Boden, deutete mit einer Hand darauf, und mit einem erbarmlichen Ausdruck von Schmerzen sagte sie dem Kerl: "geh, geh"; zugleich aber fiel sie auf ihre Knie, faltete ihre Hande und blieb uber zwo Stunden stumm und wie halb tot liegen. Was ich ausstund, kann ich dir nicht sagen; Gott weiss es allein! Ich kniete neben sie hin, fasste sie in meine Arme und bat sie so lange mit tausend Tranen, bis sie mir mit gebrochener matter Stimme und stotternd sagte: Derby verlasse sie ihre Heurat ware falsch, und sie hatte nichts mehr zu wunschen als den Tod. Sie will sich nicht rachen; bei dir, liebste Schwester, will sie sich verbergen. Ubermorgen reisen wir ab; ach, Gott sei uns gnadig auf unserer Reise! Du musst sie aufnehmen; dein Mann wird es auch tun und ihr raten. Wir nehmen nichts mit, was vom Lord da ist. Seinen Wechselbrief von sechshundert Carolinen hat sie zerrissen. All ihr Geld belauft sich auf dreihundert; davon gibt sie den zwoen Madchen noch funfzig und den andern Armen noch funfzig. Ihr Schmuck und ein Coffre mit Kleidern ist alles, was wir mitbringen. Du wirst uns nicht mehr kennen, so elend sehen wir aus. Sie spricht mit niemand mehr, der Bruder von den zwoen Madchen fuhrt uns den halben Weg zu dir. Wir suchen Trost bei dir, liebe Schwester! Sie mochte dir selbst schreiben und kann kaum die lieben wohltatigen Hande bewegen. Ich darf nicht nachdenken, wie gut sie gegen alle Menschen war, und nun muss sie so unglucklich sein! Aber Gott muss und wird sich ihrer annehmen.
Fraulein von Sternheim
an Emilien
O meine Emilia, wenn aus diesem Abgrunde von Elend die Stimme Ihrer Jugendfreundin noch zu Ihrem Herzen dringt, so reichen Sie mir Ihre liebreiche Hand; lassen Sie mich an Ihrer Brust meinen Kummer und mein Leben ausweinen. O wie hart, wie grausam werde ich fur den Schritt meiner Entweichung bestraft! O Vorsicht
Ach! ich will nicht mit meinem Schicksal rechten. Das erstemal in meinem Leben erlaube ich mir einen Gedanken von Rache, von heimlicher List; muss ich es nicht als eine billige Bestrafung annehmen, dass ich in die Hande der Bosheit und des Betrugs gefallen bin? Warum glaubte ich dem Schein? aber, o Gott! wo, wo soll ein Herz wie dies, das du mir gabst, wo soll es den Gedanken hernehmen, bei einer edeln, bei einer guten Handlung bose Grundsatze zu argwohnen!
Eigenliebe, du machtest mich elend; du hiessest mich glauben, Derby wurde durch mich die Tugend lieben lernen! Er sagt: er hatte nur meine Hand, ich aber sein Herz betrogen. Grausamer, grausamer Mann! was fur einen Gebrauch machst du von der Aufrichtigkeit meines Herzens, das so redlich bemuht war, dir die zartlichste Liebe und Achtung zu zeigen! du glaubst nicht an die Tugend, sonst wurdest du sie in meiner Seele gesucht und gefunden haben.
Wahr ist es, meine Emilia, ich hatte Augenblicke, wo ich meine Befreiung von den Handen des Mylord Seymour zu erhalten gewunscht hatte; aber ich riss den Wunsch aus meinem Herzen; Dankbarkeit und Hochachtung erfullten es fur den Mann, den ich zu meinem Gemahl nahm totender Name, wie konnte ich dich schreiben aber mein Kopf, meine Empfindungen sind verwustet, wie es mein Gluck, mein Ruhm und meine Freude sind. Ich bin in den Staub erniedriget; auf der Erde liege ich und bitte Gott, mich nur so lange zu erhalten, bis ich bei Ihnen bin und den Trost geniesse, dass Sie die Unschuld meines Herzens sehen und eine mitleidige Trane uber mich weinen. Alsdann, o Schicksal, dann nimm es, dieses Leben, welches mit keinem Laster beschmutzt, aber seit vier Tagen durch deine Zulassung so elend ist, dass es ohne die Hoffnung eines baldigen Endes unertraglich ware.
Derby an seinen Freund
Ich reise nach England und komme vorher zu dir. Sage mir nichts von meiner letzten Liebe; ich will nicht mehr daran denken; es ist genug an der unruhigen Erinnerung, die sich mir wider meinen Willen aufdringt. Meine halbe Lady ist fort aus dem Dorfe, wo ihrem abenteuerlichen Charakter ein abenteuerliches Schicksal zugemessen wurde; mit stolzem Zorn ist sie fort; meinen Wechselbrief zerriss sie in tausend Stucke und alle meine Geschenke hat sie zuruckgelassen. Ich hatte sie bald deswegen wieder eingeholt, aber wenn sie mir meine Streiche vergeben konnte, so wurde ich sie verachten. Lieben kann sie mich nach allem diesem unmoglich, und ich hatte nicht mehr glucklich mit ihr sein konnen; wozu wurde also die Verlangerung meiner Rolle gedient haben? Sie muss doch immer meine Wahrheitsliebe verehren und meine Kenntnisse der geheimsten Triebfedern unsrer Seele bewundern. Ich verliess sie, unschlussig, was ich mit ihr und meinem Bundnis machen sollte; aber ihre unaufhorliche Anfoderung, sie nach Florenz zu fuhren, und die Drohung, auch ohne mich abzureisen, brachte mich dahin, ihr ganz trocken zu schreiben:
Ich sehe wohl, dass sie sich meiner Liebe nur bedient habe, um ihren Oheim Lobau zu entgehen und ihren Ehrgeiz in Sicherheit zu setzen, dass sie das Gluck meiner Liebe und meines Herzens niemals in Betrachtung gezogen, indem sie mir nicht den geringsten Zug meines eigenen Charakters zugut gehalten und mich nur dann geachtet habe, wenn ich mich nach ihren Phantasien gebogen und meine Begriffe mit ihren Grillen geputzt; es sei mir unmoglich, dem Gemalde gleich zu werden, welches sie mir von den beliebten Eigenschaften ihre Mannes vorgezeichnet, indem ich nicht Seymour ware, fur welchen allein sie die zartliche Leidenschaft nahrte, die ich von ihr zu verdienen gewunscht hatte; ihre Besturzung, wenn ich ihn genennt, ihre Sorgsamkeit, nicht von ihm zu reden, ja selbst die Liebkosungen, die sie mir zu Vertilgung meines Argwohns gemacht waren lauter Bekraftigungen der Fortdauer ihrer Neigung zu Seymour. Sie ware die erste, welche mich zu dem Entschlusse mich zu vermahlen gebracht hatte; dennoch aber hatt' ich noch so viel Vorsichtigkeit ubrig behalten, mich zuvor ihrer ganzen Gesinnungen versichern zu wollen; hierzu hatte mir die Maske des Priesterrocks, den einer meiner Leute angezogen, die Gelegenheit verschafft. Meine Liebe und Ehre wurde dadurch ebenso fest gebunden gewesen sein als durch die Trauung, und wenn sie der Primas von England oder der Papst selbst verrichtet hatte; aber da die Vereinigung unserer Gemuter als das erste Hauptstuck fehlte, so ware es gut, dass wir uns ohne Zeugen und Geprange trennten, wie wir uns verbunden hatten, weil ich nicht niedertrachtig genug sei, mich mit dem blossen Besitz ihrer reizenden Person zu vergnugen, ohne Anteil an ihrem Herzen zu haben, und nicht einfaltig genug, um sie fur den Lord Seymour nach England zu fuhren; sie hatte nicht Ursache, uber mich zu klagen, denn ich ware es, der sie den Verfolgungen des Fursten und der Gewalt ihres Oncles entrissen; ich hatte nur ihre Hand, sie aber, weil sie die Liebe nicht fur mich gefuhlt habe, welcher sie mich versichert, hatte mein Herz betrogen; und nun schenke ich ihr ihre volle Freiheit wieder.
Ich schickte den Kerl ab und ging nach B., bei meiner Tanzerin ein ohnfehlbares Mittel gegen alle Gattungen von unruhigen Gedanken zu suchen; auch gab sie mir einen guten Teil meiner Munterkeit wieder.
Mein Bruder konnte zu keiner gelegnern Zeit gestorben sein als itzt. Meine Gelder wurden seltner geschickt, und dieser narrische Roman war ein wenig kostbar; doch, sie verdiente alles. Hatte sie mich nur geliebt und ihre Schwarmerei abgeschworen! Ich war narrisch genug, mich meinen Brief gereuen zu lassen, und liess vor zween Tagen nach ihr fragen; aber weg war sie; und alles wohl erwogen, hat sie recht daran getan; wir konnen und sollen uns nicht mehr sehen. Ihre Briefe, ihr Bildnis hab' ich zerrissen, wie sie meinen Wechsel; aber D., wo alles von ihr spricht, wo mich alles an sie erinnert, ist mir unertraglich. Halte mir eine lustige Bekanntschaft zurechte, wie sie fur einen englischen Erben gehort, um meine wiedererhaltene Portion Freiheit mit ihr zu verzehren. Denn mein Vater wird mir das Joch uber den Hals werfen, sobald ich ihm nahe genug dazu sein werde. Er kann mir geben, welche er will; keine Liebe bring ich ihr nicht zu. Das wenige, was von meinem Herzen noch ubrig war, hat mein deutsches Landmadchen aufgezehrt; der Platz ist nun vollig leer, ich fuhle es; hier und da schwarmen noch einige verirrte Lebensgeister herum, und wenn ich ihnen glaube, so flusterten sie mir was von dem Bilde meiner vierzigtagigen Gemahlin zu, deren Schatten noch darin herumwandern soll; aber ich achte nicht auf dieses Gesumse. Meine Vernunft und die Umstande reden meinem ausgefuhrten Plan das Wort; und am Ende ist es doch nichts anders als die Gewohnheit, die mir ihr Bild in D. zuruckruft, wo ich sie in allen Gesellschaften zu sehen pflegte und immer von ihr reden hore. Aber bei dem allen schwor' ich dir, nimmermehr soll eine Metaphysikerin, noch eine Moralistin meine Geliebte werden. Ehrgeiz und Wollust allein haben Leute in ihren Diensten, die Unternehmungen wagen und ausfuhren helfen! auch sind dieses die einzigen Gottheiten, die ich kunftig verehren will; jener, weil ich von ihm so viel Ansehen und Gewalt zu erlangen hoffe, um alle Gattungen des Vergnugens in meinen Schutz zu nehmen und zu verteidigen, bis ich einst die liebenswurdigste davon bei einer Parlamentswahl ersaufe oder bei einem Pferderennen den Kopf zerquetsche. Ha, siehst du, wie schon die gewohnlichen Lordseigenschaften in mir erwacht sind; erst durch alle seine Ranke ein artiges Madchen an mich gezogen und sie denen entrissen, durch welche sie glucklich geworden ware; unsinnige Verschwendungen gemacht, und wenn man alles dessen satt ist, den Ton eines Patrioten bei Wetterennen und Wahlen angenommen und der Zeit uberlassen, was nach diesen verschiedenen Aufgarungen in dem Fass Nutzliches ubrig bleiben mag.
*
Hier, meine Freundin, muss ich selbst wieder das Wort nehmen und Ihnen von dem, was auf die ungluckliche Veranderung in dem Schicksal meiner geliebten Dame gefolget ist, eine zusammenhangende Geschichte zu liefern.
Das Haus meiner Schwester war itzt der einzige Ort, wohin wir in diesen Umstanden Zuflucht nehmen konnten. Man durfte ihr weder von Rache, noch von Behauptung ihrer Rechte sprechen; und der Gedanke, auf ihre Guter zu gehen, war in diesen Umstanden auch nicht zu fassen. Ihr Kummer war so gross, dass sie hoffte, er wurde sie toten; ich glaube auch, dass es geschehen ware, wenn wir uns langer in dem Hause aufgehalten hatten, wo die ungluckliche Heurat vollzogen worden war. Da ich bei den Zurustungen auf unsre Abreise ein paarmal die Ture des Wohnzimmers von Lord Derby offnete und sie einen Blick hinwarf, glaubte ich, ihr Schmerz wurde sie auf der Stelle ersticken. Sie blieb mit dem aussersten Jammer beladen in meinem Zimmer, wahrend dass ich einpacken musste. Aber alle Geschenke von Lord Derby, welche sehr schon und in grosser Menge da waren, musste ich der Wirtin ubergeben. Wir nahmen nichts als das wenige zusammen, so wir von unsrer Flucht aus D. mitgebracht hatten. Die Wirtin, welche auf einen Monat vorausbezahlt war, wollte uns noch behalten; aber wir reisten den zweiten Tag, von ihrem Segen fur uns und Fluchen uber den gottlosen Lord begleitet, morgens um vier Uhr ab.
Still und blass wie der Tod, die Augen zur Erde geschlagen, sass meine liebe Dame bei mir; kein Wort, keine Trane erleichterte ihr beklemmtes Herz; zween Tage reisten wir durch herrliche Landschaften, ohne dass sie auf etwas achtete; nur manchmal umfasste sie mich mit einer heftigen gichterischen Bewegung und legte ihren Kopf einige Augenblicke auf meine Brust. Ich wurde immer angstiger und weinte mit lauter Stimme; daruber sah sie mich ruhrend an und sagte mit ihrem himmlischen Ton, indem sie mich an sich druckte:
"O meine Rosina, dein Kummer zeigt mir erst den ganzen Umfang meines Elends. Sonst lacheltest du, wenn du mich sahst, und nun betrubt mein Anblick dein Herz! O, lass mich nicht denken, dass ich auch dich unglucklich gemacht habe! sei ruhig, du siehst ja mich ganz gelassen."
Ich war froh, sie wieder so viel reden zu horen und einige Zahren aus ihren erstorbnen Augen fallen zu sehen. Ich antwortete:
"Ich wollte gerne ruhig sein, wenn ich Sie nicht so niedergeschlagen sahe, und wenn ich nur noch einige Funken der Zufriedenheit bei Ihnen bemerkte, die Sie sonst bei dem Anblick einer schonen Gegend fuhlten."
Sie schwieg einige Minuten und betrachtete den Himmel um uns her; dann sagte sie unter zartlichem Weinen:
"Es ist wahr, liebe Rosina, ich lebe, als ob mein Ungluck alles Gute und Angenehme auf Erden verschlungen hatte; und dennoch liegt die Ursache meines Jammers weder in den Geschopfen noch in ihrem wohltatigen Urheber. Warum bin ich von der vorgeschriebenen Bahn abgewichen?"
Sie fing darauf eine Wiederholung ihres Lebens und der merkwurdigsten Umstande ihres Schicksals an. Ich suchte sie mit sich selbst und den Beweggrunden ihrer Handlungen, besonders mit den Ursachen ihrer heimlichen Heurat und Flucht aus D., zufriedenzustellen und gewann doch so viel, dass sie bei dem Anblick der vollen Scheuren und dem Gewuhle der Herbstgeschafte in den Dorfern, die wir durchfuhren, vergnugt aussah und sich uber das Wohl der Landleute freute. Aber der Anblick junger Madchen, besonders die in einerlei Alter mit ihr zu sein schienen, brachte sie in ihre vorige Traurigkeit, und sie bat Gott mit gefalteten Handen, dass er ja jede reine wohldenkende Seele ihres Geschlechts vor dem Kummer bewahren moge, der ihr zartliches Herz durchnage.
Unter diesen Abwechslungen kamen wir glucklich in Vaels an. Mein Schwager und meine Schwester empfingen uns mit allem Trost der tugendhaften Freundschaft und suchten meine liebe Dame zu beruhigen; aber am funften Tage wurde sie krank, und zwolf Tage lang dachten wir nichts anders, als dass sie sterben wurde. Sie schrieb auch einen kleinen Auszug ihres Verhangnisses und ein Testament. Aber sie erholte sich wider ihr Wunschen; und als sie wieder aufsein konnte, setzte sie sich in die Kinderstube meiner Emilia und lehrte ihr kleines Patchen lesen; diese Beschaftigung und der Umgang mit meinem Schwager und meiner Schwester beruhigten sie augenscheinlich; so dass mein Schwager es einmal wagte, sie uber ihre Entschliessungen und Entwurfe fur die Zukunft zu befragen. Sie sagte:
Sie hatte noch nichts bedacht, als dass sie auf ihren Gutern ihr Leben beschliessen wollte; aber bis zu Ende der drei Jahre, fur welche sie dem Graf Lobau ihre Einkunfte versichert hatte, wollte sie nichts von sich wissen lassen; und wir mussten ihrem eifrigen Anhalten hierin nachgeben. Sie nahm eine fremde Benennung an; sie wollte in Beziehung auf ihr Schicksal Madam Leidens heissen und als eine junge Offizierswitwe bei uns wohnen. Sie verkaufte die schonen Brillanten, welche die Bildnisse ihres Herrn Vaters und ihrer Frau Mutter umfasseten, und entschloss sich, auch den ubrigen Teil ihres Schmucks zu Geld zu machen und von den Zinsen zu leben; daneben aber wollte sie Gutes tun und einige arme Madchen im Arbeiten unterrichten.
Dieser Gedanke wurde nachher die Grundlage zu dem ubrigen Teil ihres Schicksals. Denn eines dieser Madchen, welches von einer der reichsten Frauen in der Gegend aus der Taufe gehoben worden, ging zu ihrer Pate, um ihr etwas von der erlernten Arbeit zu weisen. Diese Frau fragte nach der Lehrmeisterin und drang hernach in meinen Schwager, dass er die Madam Leidens zu ihr bringen mochte, um eine wohltatige Schule in ihrem Hause zu errichten und als Gesellschafterin bei ihr zu leben. Meine Dame wollte es anfangs nicht eingehen, indem sie furchtete, zuviel bekannt zu werden; aber mein Schwager stellte ihr so eifrig vor, dass sie eine Gelegenheit versaume, viel Gutes zu tun, dass er sie endlich uberredte, zumal da sie dadurch das Haus ihrer Emilia zu erleichtern glaubte, wo sie befurchtete, Beschwerden zu machen, ohngeachtet sie Kostgeld bezahlte.
Sie kleidete sich bloss in streifige Leinwand, zu Leibkleidern gemacht, mit grossen weissen Schurzen und Halstuchern, weil ihr noch immer etwas Englandisches im Sinne lag; ihre schone Haare und Gesichtsbildung versteckte sie in ausserordentliche grosse Hauben; sie wollte sich damit verstellen, aber ihre schone Augen, das Lacheln der edlen Gute, so unter den Zugen des innerlichen Grams hervorleuchtete, ihre feine Gestalt und Stellung und der artigste Gang zogen alle Augen nach sich, und Madam Hills war stolz auf ihre Gesellschaft. Ihre Abreise schmerzte uns, denn der Wohnort von Madam Hills war drei Stunden entfernt; aber ihre Briefe trosteten uns wieder. Auch Sie werden sie gewiss lieber lesen als mein Geschmier.
Fraulein von Sternheim
als Madam Leidens
an Emilia
Erst den zehnten Tag meines Hierseins schreibe ich Ihnen, meine schwesterliche Freundin! bisher konnte ich nicht; meine Empfindungen waren zu stark und zu wallend, um den langsamen Gang meiner Feder zu ertragen. Nun haben mir Gewohnheit und zween heitere Morgen, und die Aussicht in die schonste und freieste Gegend, das Mass von Ruhe wiedergegeben, das notig war, um mich ohne Schwindel und Beangstigung die Stufen betrachten zu lassen, durch welche mein Schicksal mich von der Hohe des Ansehens und Vorzugs heruntergefuhrt hat. Meine zartlichsten Tranen flossen bei der Erinnerung meiner Jugend und Erziehung; Schauer uberfiel mich bei dem Gedanken an den Tag, der mich nach D. brachte, und ich eilte mit geschlossenen Augen bei der folgenden Szene voruber. Nur bei dem Zeitpunkte meiner Ankunft in Ihrem Hause verweilte ich mit Ruhrung; denn nachdem mir das Verhangnis alles geraubt hatte, so war ich um so viel aufmerksamer auf den Zufluchtsort, den ich mir gewahlt hatte, und auf die Aufnahme, die ich da fand. Zartliches Mitleiden war in dem Gesichte meiner treuen Emilia, Ehrfurcht und Freundschaft in dem von ihrem Manne gezeichnet; ich sah, dass sie mich unschuldig glaubten und mein Herz bedauerten. Ich konnte sie als Zeugen meiner Unschuld und Tugend ansehen. O, wie erquickend war dieser Gedanke fur meine gekrankte Seele! Meine Tranen des ersten Abends waren der Ausdruck des Danks fur den Trost, den mich Gott in der treuen Freundschaft meiner Emilia hatte finden lassen. Der zweite Morgen war hart durch die wiederholte Erzahlung aller Umstande meiner jammervollen Geschichte. Die Betrachtungen und Vorstellungen Ihres Mannes trosteten mich, noch mehr aber meine Spaziergange in Ihrem Hause, der armen ubelgebauten Hutte, worin mit Ihnen alle Tugenden unsers Geschlechts und mit Ihrem Manne alle Weisheit und Verdienste des seinigen wohnen. Ich ass mit Ihnen, ich sah Sie bei Ihren Kindern; sah die edle Genugsamkeit mit Ihrem kleinen Einkommen, Ihre zartliche mutterliche Sorgen, die vortreffliche Art, mit der Ihr Mann seine arme Pfarrkinder behandelt. Dieses, meine Emilia, goss den ersten Tropfen des Balsams der Beruhigung in meine Seele. Ich sah Sie, die in ihrem ganzen Leben alle Pflichten der Klugheit und Tugend erfullet hatten, mit Ihrem Hochachtungswurdigen Manne und funf Kindern unter der Last eines eisernen Schicksals, ohne dass Ihnen das Gluck jemals zugelachelt hatte; Sie ertrugen es mit der ruhmlichsten Unterwerfung; und ich! ich sollte fortfahren, uber mein selbstgewebtes Elend gegen das Verhangnis zu murren? Eigensinn und Unvorsichtigkeit hatten mich, ungeachtet meiner redlichen Tugendliebe, dem Kummer und der Verachtlichkeit entgegengefuhrt; ich hatte vieles verloren, vieles gelitten; aber sollte ich deswegen das genossene Gluck meiner ersten Jahre vergessen und die vor mir liegende Gelegenheit, Gutes zu tun, mit gleichgultigem Auge betrachten, um mich allein der Empfindlichkeit meiner Eigenliebe zu uberlassen? Ich kannte den ganzen Wert alles dessen, was ich verloren hatte; aber meine Krankheit und Betrachtungen zeigten mir, dass ich noch in dem wahren Besitz der wahren Guter unsers Lebens geblieben sei.
Mein Herz ist unschuldig und rein.
Die Kenntnisse meines Geistes sind unvermindert.
Die Krafte meiner Seele und meine guten Neigun
gen haben ihr Mass behalten; und ich habe noch das
Vermogen, Gutes zu tun. Meine Erziehung hat mich gelehrt, dass Tugend und Geschicklichkeiten das einzige wahre Gluck, und Gutes tun, die einzige wahre Freude eines edlen Herzens sei; das Schicksal aber hat mir den Beweis davon in der Erfahrung gegeben.
Ich war in dem Kreise, der von grossen und glanzenden Menschen durchloffen wird; nun bin ich in den versetzt, den mittelmassiges Ansehen und Vermogen durchwandelt, und grenze ganz nahe an den, wo Niedrigkeit und Armut die Hande sich reichen. Aber so sehr ich nach den gemeinen Begriffen von Gluck gesunken bin, so viel Gutes kann ich diesen zween Kreisen ausstreuen.
Meine reiche Frau Hills lass' ich durch meinen Umgang und meine Unterredungen das Gluck der Freundschaft und der Kenntnisse geniessen. Meinen armen Madchen gebe ich das Vergnugen, geschickt und wohl unterrichtet zu werden, und zeige ihnen eine angenehme Aussicht in ihre kunftigen Tage.
Madam Hills hat mir ein artiges Zimmer, wovon zwei Fenster ins Feld gehen, eingeraumt; von da geh' ich in ihren Saal, der fur die Unterrichtsstunden meiner dreizehn Madchen bestimmt ist. Sie ernahrt und kleidet sie, schafft Bucher und Arbeitsvorrat an; nicht eine Stunde versaumt sie und hort meinen Unterricht mit vieler Zufriedenheit; manchmal vergiesst sie Tranen oder druckt mir die Hande, und wohl zwanzigmal nickt sie mir den freundlichsten Beifall zu. Sooft es geschieht, fallt ein Strahl von Freude in mein Herz. Es ist angenehm, um sein selbst willen geliebt zu werden! Und nun hab' ich einen Gedanken, Emilia; aber Ihr Mann muss mir ihn ausarbeiten helfen.
Madam Hills hat eine Art von Stolz, aber er ist edel und wohltatig. Sie mochte ihr grosses Vermogen zu einer ewig dauernden Stiftung verwenden; aber sie sagt, es musste eine Stiftung sein, die ganz neu ware und die ihr Ehre und Segen brachte; und sie will, dass ich auf etwas sinne. Konnte itzt nicht meine kleine Madchenschule der Anlass dazu werden, ein Gesindhaus zu stiften, worin arme Madchen zu guten und geschickten Dienstmadchen gezogen wurden? Ich wollte an meinen dreizehn Schulerinnen die Probe machen und teilte sie nach der Anlage von Geist und Herzen in Klassen.
1. Sanfte, gutherzige Geschopfe bildete ich zu Kinderwarterinnen;
2. Die Anlage zu Witz und geschickte Finger zur Kammerjungfer;
3. Nachdenkende und fleissige Madchen zu Kochinnen und Haushalterinnen; und
4. die letzte Klasse von Dienstfahigen zu Haus-, Kuchen- und Gartenmagden.
Dazu muss ich nun ein schickliches Haus mit einem Garten haben; einen vernunftigen Geistlichen, der sie die Pflichten ihres Standes kennen und lieben lehrte; und dann wackere und wohldenkende arme Witwen oder betagte ledige Personen, die den verschiedenen Unterricht in Arbeiten besorgten.
Diese Idee beschaftiget mich genug, um dem vergangenen schmerzhaften Teil meines Lebens das meiste meines Nachdenkens zu entziehen und uber meinen bittern Kummer den sussen Trost zu streuen, dass ich die Ursache so vieler kunftigen Wohltaten werden konnte. Aber hierbei fallt mir ein Gleichnis ein, so ich mit der Eigenliebe machen mochte dass sie von Polypen Art sei; man kann ihr alle Zweige und Arme nehmen, ja sogar den Hauptstamm verwunden; sie wird doch Mittel finden, sich in neue Auswuchse zu verbreiten. Wie verwundet, wie gedemutiget war meine Seele! und nun lesen Sie nur die Blatter meiner Betrachtungen durch und beobachten Sie es, was fur schone Stutzen meine schwankende Selbstzufriedenheit gefunden hat und wie ich allmahlich zu der Hohe eines grossen Entwurfs emporgestiegen bin o, wenn die wohltatige Nachstenliebe nicht so tiefe Wurzeln in meinem Herzen gefasset hatte, dass sie mit meiner Eigenliebe ganz verwachsen ware, was wurde aus mir geworden sein?
Zweiter Brief von
Madam Leidens
Sie sind, liebste Freundin, mit dem Ton meines letzten Briefs besser zufrieden, als Sie es seit meiner Abreise aus D. niemals waren. Darf ich wohl meine Emilia einer Ungerechtigkeit anklagen, weil sie mir von der Veranderung meiner Ideen und Ausdrucke spricht. Ich fuhle diese Verschiedenheit selbst; aber ich Ende auch, dass sie eine ganz naturliche Wirkung der grossen Abanderung meines Schicksals ist. Zu D. war ich angesehen, mit Glucksaussichten umgeben, und mit mir selbst zufrieden, daher auch geschickter, muntere Beobachtungen uber fremde Gegenstande zu machen. Mein Witz spielte frei mit kleinen Beschreibungen und mit Lob und Tadel alles dessen, was mit meinen Ideen stimmte oder nicht. Nach dem wurde ich von Gluck und Selbstzufriedenheit entfernt; Tranen und Jammer sind mein Anteil worden. War es da moglich, dass sich die Schwingen meiner Einbildungskraft unbeschrankt und freudig hatten bewegen konnen, da das Beste, was alle Krafte meiner Seele tun konnten, gelassene Ertragung meines Schicksals war eine Tugend, wobei der Geist wenig Geschaftigkeit aussern kann. Ihr Mann kannte mich; er sah, dass er mich gleichsam aus mir selbst herausfuhren und mir beweisen musste, dass es noch in meiner Gewalt stehe, Gutes zu tun. Dieser Gedanke allein konnte mich ins tatige Leben zuruckfuhren.
Haben Sie Dank, beste Freunde, dass Sie meinen Entwurf zu einem Gesindhaus so sehr billigen und erheben; es dunkt mich, als ob jemand meiner gebeugten Seele die Hand reiche und sie liebreich ermuntere, sich wieder zu erheben und mit einem edlen Schritte vorwarts zu gehen, da sie von dem kleinen dornichten Pfad, auf welchen sie durch einen blendenden Schein geraten war, nun auf einen ebnen Weg geleitet worden ist, dessen Seiten freilich mit keinen glanzenden Palasten und prachtigen Auftritten der grossen Welt umfasst sind, aber dagegen jedem ihrer Blicke die reinen Reize der unverdorbenen Natur in ihren physischen und moralischen Wirkungen zeiget.
Diese Ermunterung hatte ich notig, meine Freunde, weil ich schon so lange dachte, dass ich an dem edlen Stolz eines fehlerfreien Lebens keinen Anspruch mehr zu machen habe, indem ich die Halfte meines widrigen Schicksals meiner eignen Unbedachtsamkeit zuzuschreiben hatte; und die Frucht dieser Betrachtung war Unterwerfung und Geduld. Hatte ich nach den Regeln der Klugheit gehandelt und durch mein heimliches Verbindnis und Fliehn keine Gesetze beleidiget, so hatte ich in der Idee einer ubenden Standhaftigkeit und Grossmut schon eine Stutze des edlen Stolzes gefunden, welche der Schuldlose ergreift, wenn er durch Bosheit anderer und unvorgesehenes Ungluck in dem Genuss seines Vergnugens gestort wird. Er kann seine Beleidiger mit Herzhaftigkeit ansehen oder seinen Blick mit ruhiger Verachtung von ihnen wenden. Er sieht sich nicht nach Freunden, die ihn bedauern, sondern nach Zeugen seines bewundernswurdigen Betragens um; unter diesen Beschaftigungen seines Geistes starkt sich seine Seele und sammelt ihre Krafte, um den Berg der Ehre und des Wohlergehens auf einer andern Seite zu ersteigen. Ich aber musste mich durch die Erinnerung meiner Unvorsichtigkeit in den Schleier der Verborgenheit hullen, ehe ich mich der neuern Fuhrung meines Geschickes uberliess. Dennoch sehe ich bluhende Blumen, welche die Hoffnung eines guten Erfolgs, zum Besten vieler Nachkommenden, auf meine nun betretenen Wege ausstreuet; Ruhe und Zufriedenheit lacheln mir zu; die Tugend, hoffe ich, wird mein Flehen erhoren und meine bestandige Begleiterin sein. Das Gluck meines Herzens wird grosser und edler, da es Anteil an dem Wohlergehen so vieler anderer nimmt, seine angenehmsten Gewohnheiten und Wunsche vergisst und sein Leben und seine Talente zum Besten seines Nachsten verwendet. Aber bei jedem Schritte meines itzigen Lebens vergrossert sich das Gluck meiner genossenen Erziehung, worin mir alles in den richtigen moralischen Gesichtspunkt gestellet wurde. Nach diesem bildete man meine Empfindungen, wahrenddem mein Verstand zu Beobachtungen uber verkehrte Begriffe und dadurch eingewurzelte Gewohnheiten geleitet wurde.
Wie glucklich ist es fur mein Herz, dass mir die Wahrheit: dass vor Gott kein anderer als der moralische Unterschied unserer Seelen stattfinde, so tief eingepragt wurde! Was hatte ich in meinen itzigen Umstanden zu leiden, wenn ich mit den gewohnlichen Vorurteilen meiner Geburt behaftet ware! Wie verehrungswurdig, wie verdienstvoll ist der kluge Gebrauch, den meine geliebte Eltern von der uns allen angebornen Eigenliebe bei meiner Erziehung machten! Waren kostbare Kleider und Putz jemals ein Teil meiner Gluckseligkeit gewesen, wie schmerzhaft ware mir der Anzug meiner gestreiften Leinwand? Reinlichkeit und wohlausgesuchte Form meiner Kleider lassen meine ganze Weiblichkeit zufrieden vom Spiegel gehen; und was bleibt meiner hochsten Einbildung noch zu wunschen ubrig, da ich mich in dieser geringen Kleidung mit Liebe und Ehrfurcht betrachtet sehe und diese Gesinnungen allein dem Ausdruck meines moralischen Charakters zu danken habe?
Ich stehe fruh auf, ich lege mich an mein Fenster und sehe, wie getreu die Natur die Pflichten des ihr aufgelegten ewigen Gesetzes der Nutzbarkeit in allen Zeiten und Witterungen des Jahres erfullt. Der Winter nahert sich; die Blumen sind verschwunden, und auch bei den Strahlen der Sonne hat die Erde kein glanzendes Ansehen mehr; aber einem empfindsamen Herzen gibt auch das leere Feld ein Bild des Vergnugens. Hier wuchs Korn, denkt es, und hebt ein dankbares Auge gen Himmel; der Gemusgarten, die Obstbaume stehen beraubt da, und der Gedanke des Vorrats von Nahrung, den sie gegeben, mischet unter den Schauer des anfangenden Nordwindes ein warmes Gefuhl von Freude. Die Blatter der Obstbaume sind abgefallen, die Wiesen verwelkt, trube Wolken giessen Regen aus; die Erde wird locker und zu Spaziergangen unbrauchbar; das gedankenlose Geschopf murret daruber; aber die nachdenkende Seele sieht die erweichende Oberflache unsers Wohnplatzes mit Ruhrung an. Durre Blatter und gelbes Gras werden durch Herbstregen zu einer Nahrung der Fruchtbarkeit unsrer Erde bereitet; diese Betrachtung lasst uns gewiss nicht ohne eine frohe Empfindung uber die Vorsorge unsers Schopfers und gibt uns eine Aussicht auf den nachkommenden Fruhling. Mitten unter dem Verlust aller ausserlichen Annehmlichkeiten, ja selbst dem Widerwillen ihrer genahrten und ergotzten Kinder ausgesetzt, fangt unsere mutterliche Erde an, in ihrem Innern fur das kunftige Wohl derselben zu arbeiten. Warum, sag' ich dann, warum ist die moralische Welt ihrer Bestimmung nicht ebenso getreu als die physikalische? Die Frucht der Eiche brachte niemals was anders als einen Eichbaum hervor; der Weinstock allezeit Trauben; warum ein grosser Mann kleindenkende Sohne? warum der nutzliche Gelehrte und Kunstler unwissende elende Nachkommlinge? tugendhafte Eltern Bosewichter? Ich denke uber diese Ungleichheit, und der Zufall zeigt mir eine unzahlige Menge Hindernisse, die in der moralischen Welt (so wie es auch ofters in der physikalischen begegnet) Ursache sind, dass der beste Weinstock aus Mangel guter Witterung saure, unbrauchbare Trauben tragt und vortreffliche Eltern schlechte Kinder erwachsen sehen. Etliche Schritte weiter in meiner Vorstellung stehe ich still, kehre in mich selbst zuruck und sage: ist nicht die helle Aussicht meiner glucklichen Tage auch trube geworden und der ausserliche Schimmer wie vertrocknetes Laub von mir abgefallen? vielleicht hat unser Schicksal auch Jahreszeiten? Ist es, so will ich die Fruchte meiner Erziehung und Erfahrung wahrend dem traurigen Winter meines Verhangnisses zu meiner moralischen Nahrung anwenden; und da die Ernte davon so reich war, dem Armen, dessen kleiner, ungebesserter Boden wenig trug, davon mitteilen, was ich kann. Wirklich hab' ich einen Teil guter Samenkorner in eine dritte Hand gelegt, um einen magern, durren Boden anzubauen. Der sanften Freundschaft ist die Pflege anvertraut, und ich werde acht Tage lang die Oberaufsicht haben. Leben Sie wohl!
Madam Hills an
Herrn Prediger Br * *
Erschrecken Sie nicht, lieber Herr Prediger, dass Sie anstatt eines Briefes von Madam Leidens einen von mir bekommen. Sie ist nicht krank, gewiss nicht; aber die liebe Frau hat mich auf vierzehn Tage verlassen und wohnt in einem ganz fremden Hause, wo sie viel arbeitet, und was mir leid tut auch gar schlecht isst; horen Sie nur, wie dies zuging! O, ein solcher Engel ist noch nie in eines Reichen, noch in eines Armen Hause gewesen! Ich kann das nicht so sagen, was ich denke, und schreiben kann ich gar nicht. Doch sehen Sie: Ihre Frau weiss, wie arm der Herr G. nach Verlust seines Amts mit Frau und Kindern gewesen ist. Nun, ich gab immer was; aber ich konnte die Leute nicht dulden; jedermann sagte auch, dass er hochmutig und sie nachlassig ware, und dass alles Gute an ihnen verloren sei. Dies machte mich bose, und ich redte davon mit der Jungfer Lene, der ich auch Hulfe gebe; sie arbeitet aber auch; Madam Leidens war dabei und fragte die Jungfer nach den Leuten; und sie erzahlte ihr den ganzen Lebenslauf, weil sie von Kind auf beisammen gewesen waren. Den andern Tag besuchte Madam Leidens die Frau G. und kam sehr geruhrt nach Hause. Beim Nachtessen sagte sie mir von den Leuten so viel Bewegliches, dass ich uber sie weinte und ihnen so gut wurde, dass ich gleich sagte: ich wollte Eltern und Kinder versorgen. Aber dies wollte sie nicht haben. Den folgenden Morgen aber brachte sie mir dies Papier. Sie mussen mir's wiedergeben, es soll bei meinem Testamente liegen mit meiner Unterschrift und ein Lob auf Madam Leidens von meiner eigenen Hand und noch etwas fur Madam Leidens, das ich itzt nicht sage. Sie ging zu ihren Madchen und liess mir das Papier. Ich habe mein Tage nichts kluger ausgedacht gesehen. Zween Fische mit einer Angel zu fangen und die Leute klug und geschickt zu machen, nun dies versteht sie recht schon. Ich verwunderte mich und weinte zweimal, weil ich es zweimal durchlesen musste, um es recht zu fassen. Ich schrieb darunter: alles, alles bewilligt, und gleich auf morgen aber dies sagte ich ihr mundlich, und ich schrieb es auch auf das Papier, wenn ich's zum Testament lege, dass sie mich nicht ihre Wohltaterin nennen soll. Was gab ich ihr dann? ein bisschen Essen und ein Zimmerchen. Aber warten Sie nur, ich will schon was aussinnen; sie soll nicht aus meinem Hause kommen, wie sie meint. Wenn ich nur noch den Bau meines Gesindhauses erlebe; da lass ich ihren Namen zu dem meinigen in Stein hauen, und da heisse ich sie meine angenommene Tochter, und da wird sich jeder wundern, dass sie mein Geld nicht fur sich behalten und einen andern hubschen Mann genommen habe, und da lobt man mich und sie zusammen, und dies gonn' ich ihr recht wohl. Sie muss mir auch arme Kinder aus der Taufe heben, damit es Kinder mit ihrem Namen hier gibt, und diese sollen, wie meine Annchens, vorzuglich in mein Gesindhaus kommen.
Meine Brille machte mich mude; ich konnte heute fruh nicht weiterschreiben, und da mir die Zeit nach Madam Leidens lang war, so ging ich schnurgerad hin ins Haus der Frau G. Es reute mich, weil mir die Leute so viel dankten und vielleicht geglaubt haben, ich ware deswegen gekommen; und es geschah doch bloss, um meine Tochter zu sehen; denn ich sag' Ihnen, wenn sie zuruckkommt, muss sie mich ihre Mutter nennen.
Ich liess mein Aufwartmadchen die Ture ein wenig aufmachen, und es war gewiss schon in dem Zimmer durch die Leute darin, nicht durch die Mobeln, denn es sind keine schone da Strohstuhlchen und ein Paar Tische. In einer Ecke war der Vater mit dem altesten Sohne, der bei ihm schrieb und rechnete; im halben Zimmer der andre Tisch; Frau G. strickte; Jungfer Lene sass zwischen den zwo kleinen Madchen und lehrte sie nahen; Madam Leidens hatte ein Bouquet italienischer Blumen vor sich, die sie fur Stuhle zum Verkauf abzeichnet. Der jungere Sohn und die alteste Tochter sahen ihr auf die Finger, und sie redte recht suss und freundlich mit ihnen. Ich musste uber sie weinen und auch uber die Kinder, die sie so lieb haben und mir so dankten. Der wilde Mann wurde rot, wie er mir dankte, und die Frau lachte ganz leichtsinnig dabei; das tut aber nichts, ich will ihnen, wie es Madam Leidens veranstaltete, aufhelfen, bis sie ganz auf den Beinen sind; und Jungfer Lene soll den ersten Platz der Lehrmeisterinnen fur Kammerjungfern haben. Ich liess zartes Abendbrot und gutes Obst holen. Sie konnen nicht glauben, wie die Kinder Freude daran hatten; aber Madam Leidens war nicht damit zufrieden. Sie furchtet, die geringen Speisen, welche das wenige Vermogen zulasst, mochten itzt den Kindern nicht mehr so lieb sein; sie sagt: sie wolle sie nicht durch den Magen belohnen, und itzt gebe ich nichts wieder. Sie ass auch nur einen Apfel und ein Stuck Hausbrot. Ich fragte sie darum, und sie sagte zu der Tochter: solche Apfel konnen wir in unserm Garten ziehen, aber dies Brot kann nur eine Madam Hills backen lassen. Da hatte ich's! Aber ich wurde nicht bose; sie hatte recht. Sie will nicht, dass man gewohnliches Brot essen fur Ungluck halte. Nun sind acht Tage vorbei, dass sie bei den Leuten ist; kunftige Woche kommt sie wieder zu mir, und da wird sie Ihnen schreiben. Beten Sie fur das liebe Kind und fur mein Leben. O, niemals werde ich vergessen, dass Sie mir diese Person anvertrauten; ich war mein Tage nicht so frohlich mit allem meinem Gelde, als ich es bin, seit ich sie bei mir habe!
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Plan der Hulfe fur die Familie G.
und die Jungfer Lene
Meine liebe Wohltaterin hat mir aufgetragen, meine Gedanken der Hulfe fur die Familie G. aufzuschreiben. Ich mochte mit diesen aus eigner Schuld elend gewordenen Leuten gerne umgehen wie der Arzt mit einem Kranken, der seine Gesundheit mutwillig verdorben hat; er tut alles, was zur Hulfe notig ist, aber er verbindet seine Verordnungen zugleich mit Ausubung einer Diat, die er ihm durch Vorstellung der kunftigen Gefahr und der vergangenen Leiden augenscheinlich notwendig macht; durch eine langsame, aber anhaltende Kur hilft er ihm zu neuen Kraften, so dass er endlich wieder ohne Arzt leben kann. Zu sehr starkende Mittel gleich anfangs gebraucht, wurden das Ubel in dem Korper befestigen und also fur die Zukunft schadlich sein. Der Familie G. wurde es mit grossen Geschenken auch so ergehen; wir wollen ihr also mit Vorsicht zu Hulfe kommen und die Wurzel des Ubels zu heilen suchen.
Die wohltatige Gute der Madam Hills gibt anfangs die notigen Kleider, Leinen und Hausgerate. Von den ersten wurden nur die allerunentbehrlichsten Stucke schon verfertigt gegeben; das ubrige aber im Ganzen, damit die Frau und ihre Tochter es mit eigner Handarbeit zurechte machen; und wenn sie damit fertig sind, so bekommen sie einen Vorrat an Flachs und Baumwolle, um selbige zu verarbeiten und in Zukunft das Abgehende an Leinen und baumwollenen Zeuge ersetzen zu konnen, und dieses ist die Sache der Mutter und Tochter.
Die Talente und den Stolz des Herrn G. will ich dahin zu bringen suchen, seinen zerfallenen Ruhm durch die Bemuhung einer guten Kinderzucht wieder aufzubauen. Erziehung ist er seinen Kindern schuldig; das Vermogen hat er nicht, Lehrmeister zu bezahlen; wie edel war' es, wenn er mit Fleiss und Vatertreue den Schaden des verschwendeten Vermogens ersetzte und seinen Kindern Schreib und Rechnungsunterricht gabe! Fur das Latein der Sohne erhalten Madam Hills zween Platze, welche armen Schulern bestimmt sind; Herr G. halt aber die Lehr- und Wiederholungsstunden selbst mit ihnen; und gewiss wurde man einem Mann, der seine vaterliche Pflichten so getreu erfullte, mit der Zeit ein Amt des Vaterlandes anvertrauen. Nun kommt die Betrachtung, dass die beschuldigte Nachlassigkeit der Frau G. alles wieder zugrunde richten wurde; diesem Ubel hoffe ich durch die Jungfer Lene zuvorzukommen.
Sie war die Jugendfreundin der Frau G. und hat von ihren Eltern Gutes genossen. Ich denke, sie wurde es der Tochter gerne vergelten, wenn sie nicht selbst arm ware; da sie aber einen vorzuglichen Reichtum an Geschicklichkeit besitzt, so konnte sie dadurch eine Wohltaterin ihrer Freundin werden, wenn sie das Amt einer Aufseherin uber den Gebrauch der Wohltaten und der Lehrmeisterin bei den Tochtern der Frau G. verwalten wollte.
Madam Hills tun der Jungfer Lene Gutes, ich weiss, dass sie dankbar sein mochte, und wie kann sie es auf eine ruhmlichere Art werden, als wenn sie ihrer eignen Beschutzerin die Hande reicht, um ihre ungluckliche Freundin aus dem Verderben zu ziehen? Und mit wie vieler Achtung wird sie von den besten Einwohnern angesehen werden, wenn sie durch die Gute ihres Herzens die Grundlage der Wohlfahrt von drei unschuldigen Kindern befestigen und bauen hilft?
Wenn meine teure Frau Hills mit diesen Gedanken zufrieden sind, so will ich sie dem Herrn und der Frau G. wie auch der Jungfer Lene vortragen; und dann bitte ich, mir zu erlauben, auf zwo Wochen in dem Hause des Herrn G. zu wohnen, um ihnen zu zeigen, dass diese Vorschriften zu der Verwendung ihres Lebens nicht hart und nicht unangenehm sind. Denn ich will durch gute Worte und Achtung den Mann an sein Haus und an seine Familie gewohnen und dann einige Tage die Stelle der Mutter und wieder einige die Stelle der Jungfer Lene bekleiden und daneben die Herzen der Kinder zu guten Neigungen zu lenken und ihre Fahigkeiten ausfindig zu machen suchen, um sie mit der Zeit nach ihrem besten Geschick anzubauen. Aber in Kleidung, Essen, Hausgerate sollen sie noch den Mangel fuhlen und durch dieses Gefuhl zu Erkenntnis und Aufmerksamkeit kommen; bis sie durch Genugsamkeit, Fleiss und gute Gesinnungen wieder in die Klasse eintreten konnen, aus der sie durch Verschwendung und Sorglosigkeit gefallen sind. Vorwurfe werde ich ihnen nicht machen; aber ich werde ihnen durch Erzahlung einiger Umstande meines Lebens die Zufalligkeit des Glucks beweisen und den Kindern sagen, dass mir nichts als meine Erziehung ubriggeblieben sei, welche mir die Freundschaft von Madam Hills und die Gelegenheit gegeben hatte, ihnen Dienste zu leisten. Dann werde ich auch von dem Stolze reden konnen, der uns bloss fuhren soll, einen edlen Gebrauch von Gluck und Ungluck zu machen. Denn ich mochte nicht bloss ihren Korper ernahrt und gekleidet sehen, sondern auch die schlechten Gesinnungen ihrer Seele gebessert und ihren Verstand mit schicklichen Begriffen erfullet wissen.
Madam Leidens
an Emilien
Nun bin ich wieder zu Haus und wollte Ihnen von der Aussaat reden, wovon mein letzter Brief sagte, dass ich sie einer dritten Hand anvertrauen wurde; aber Madam Hills erzahlt mir, dass sie Ihnen alles geschrieben habe. O meine Freundin! wie schon ware der moralische Teil unsers Erdkreises, wenn alle Reichen so dachten wie Madam Hills, die sich freut, wenn man ihr Gelegenheit gibt, ihre Glucksguter wohl anzuwenden! Sie, meine Emilia, sollen die Beweggrunde sehen, die mich dazu brachten, der Jungfer Lene das Verwaltungsamt zu geben. Sie wissen, wie ich die arme Familie kennenlernte: eben diese Person redte bei Frau Hills von ihren Umstanden. Ich bemerkte in ihrem halb mitleidigen, halb anklagenden Ton eine Art von Neid uber die Wohltaten, welche jene genossen, und die Begierde, sie allein an sich zu ziehen. Sie sprach zugleich viel davon, wie sie es an der Stelle von Frau G. machen wurde. Ich argerte mich, so kalte und ubeltatige Uberbleibsel einer so stark gewesenen Jugendfreundschaft anzutreffen, und hatte Mut genug, den Plan zu fassen, dieses halb vermoderte Herz zu dem Nutzen seiner ersten Freundin brauchbar zu machen. Ich liess sie nichts von meinen Betrachtungen uber sie merken und sagte ihr nur, dass sie mich in das Haus fuhren sollte. Der Anblick des Elends und die Zartlichkeit, welche ihr die Frau bewies, ruhrte sie, und in dieser Bewegung nahm ich sie in mein Zimmer, las ihr meinen Plan vor und malte mit den lebhaftesten Farben die Schonheit der Rolle, die ich ihr auftruge, worin sie sich das Wohlgefallen Gottes und die Achtung und die Segnungen aller Rechtschaffenen zu versprechen hatte. Ich uberzeugte sie, dass sie mehr Gutes tue als Frau Hills, welche bei ihren Geldgaben nur das Vergnugen genosse, von ihrem Uberflusse von Zeit zu Zeit etwas abzugeben; da hingegen ihre tagliche Bemuhungen und ihre Geduld die Tugenden des edelsten Herzens sein wurden. Ich gewann sie um desto leichter, weil ich ihr das Lob der Madam Hills dadurch zuzog, dass ich sagte: der Einfall ware ihr selbst gekommen. Mein Plan wurde bewilligt, und ich fuhrte ihn die ersten zwo Wochen selbst aus.
Die Annahme einer Verwalterin schien beschwerlich, aber ich erhielt doch die Einwilligung, besonders da ich sagte, dass ich selbst vierzehn Tage bei ihnen wohnen wurde.
Den ersten Tag legte ich ihnen die Geschenke von Madam Hills vor, teilte jedem das seinige, mit Ermahnung zur Sorgfalt, zu und sagte ihnen: dass sie durch Schonen und sparsamen Gebrauch der Wohltaten teils ihre Dankbarkeit, teils ein edles Herz zeigen wurden, welches die Gute, die man ihm beweist, nicht missbrauchen mochte. Hierauf sagte ich, wie ich ihre Umstande ansahe und was ich fur einen Plan ihres Lebens und ihrer Beschaftigungen daraus gezogen hatte, bat aber jedes, mir seine Wunsche und Einwendungen zu sagen.
Ehe ich diese beantwortete, machte ich ihnen einen kurzen und nutzlichen Auszug meiner eigenen Geschichte. Ich blieb besonders bei dem Artikel des Ansehens und Reichtums stehen, worin ich geboren und erzogen worden; sagte ihnen meine ehemaligen Wunsche und Neigungen, auch wie ich mir sie itzt versagen musse, und schloss diese Erzahlung mit freundlichen Anwendungen und Zuspruchen fur sie. Durch dieses offnete sich ihr Herz zum Vertrauen und zur Bereitwilligkeit, meinem Rate zu folgen. Die besten Sachen, so eine reiche und gluckliche Person gesagt hatte, wurden wenig Eindruck gemacht haben; aber der Gedanke, dass auch ich arm sei und andern unterworfen leben musse, brachte Biegsamkeit in ihre Gemuter. Ich fragte: was sie an meiner Stelle wurden getan haben? Sie fanden aber meine Moral gut und wunschten auch so zu denken. Darauf ging ich in den Vorschlag ein, was ich an ihrem Platze tun wurde; und sie waren es herzlich zufrieden. O, dacht ich, wenn man bei Beweggrunden zum Guten allezeit in die Umstande und Neigungen der Leute einginge und der uns allen gegebenen Eigenliebe nicht schnurstracks Gewalt antun wollte, sondern sie mit eben der Klugheit zum Hulfsmittel verwande, wodurch der schmeichelnde Verfuhrer sie zu seinem Endzweck zu lenken weiss: so wurde die Moral schon langst die Grenzen ihres Reichs und die Zahl ihrer Ergebenen vergrossert haben.
Eigenliebe! angenehmes Band, welches die liebreiche Hand unsers gutigen Schopfers dem freien Willen anlegte, um uns damit zu unsrer wahren Gluckseligkeit zu ziehen; wie sehr hat dich Unwissenheit und Harte verunstaltet und die Menschen zu einem unseligen Missbrauch der besten Wohltat gebracht! Lassen Sie mich zuruckkommen.
Am zweiten Tag stellte ich die Frau G. vor, und in ihrer Person sprach ich mit Jungfer Lene von unsrer alten Liebe und wie gern ich ihr die Stelle gonnte, die sie in meinem Hause zu vertreten hatte, da ich glaubte, sie wurde den Gebrauch eines guten Herzens davon machen. Ich sagte, was ich (nach dem Willen der Frau G., mit der ich allein vorher gesprochen hatte) von ihr wunschte, wies die Tochter an sie an und setzte hinzu: dass wir allezeit alles gemeinschaftlich uberlegen und vornehmen wollten. Sodann war ich zween Tage Jungfer Lene und die folgenden drei in der Stelle der drei Tochter.
Unter dem Arbeiten machte ich sie durch Hulfe der Religion mit dem beruhigenden Vergnugen bekannt, welches die Betrachtung der Natur in verschiedenem Masse in unser Herz giesst. Frau Hills schaffte Bucher an, die ich ausgesucht hatte, und die beiden Sohne mussten wechselsweise etwas daraus vorlesen, wobei ich die Kinder immer Betrachtungen und Anwendungen machen lehrte. Die zwo altesten Madchen haben viel Geschicke und Verstand. Ich lehrte sie meine Tapetenarbeit und die Alteste Zeichnungen dazu zu machen. Ich ermunterte ihren Fleiss durch den Stolz, indem ich ihnen sagte: dass sie diese Arbeit entweder ganz an Kaufleute verhandeln oder sich um die Halfte wieder neue Wolle schaffen und fur die andre etwas eintauschen konnten, so ihnen notig ware; ich versprach ihnen auch, diese Arbeit sonst niemanden zu lehren. Nun sitzen des Tags die zwo Madchen und die Mutter daran, weil die Vorstellung vom Verhandeln ihrer Eitelkeit schmeichelt.
Jungfer Lene sagt, dass alles gut fortgehe und ist daselbst ungemein vergnugt, da sie wegen ihrer Aufsicht und Probe einer wahren Freundschaft so sehr gelobt wird.
Ich habe das Haus mit Tranen verlassen und werde alle Wochen zween halbe Tage hingehen. Die vierzehn Tage, die ich da zubrachte, flossen voll Unschuld und Friede dahin; eine jede Minute davon war mit einer ubenden Tugend erfullt, da ich Gutes tat und Gutes lehrte. Nun bitten Sie Gott, liebste Emilia, dass er diese kleine Saat meiner verarmten Hand zur reichen Ernte fur das Wohl dieser Familie werden lasse. Niemals, nein niemals haben mir die Einkunfte meiner Guter, welche mich instand setzten, dem Armen durch Geldgaben zu Hulfe zu kommen, soviel wahre Freude gegeben als der Gedanke, dass mein Herz ohne Gold, allein durch Mitteilung meiner Talente, meiner Gesinnungen und etlicher Tage meines Lebens, das Beste fur diese Familie getan hat.
Meine kleinen Zeichnungen sind Ursache, dass der zweite Sohn zu einem Mignaturmaler kommt, weil der junge Knabe sie mit der grossten Punktlichkeit und ausserordentlich fein nachahmte.
Die ganze Familie liebt und segnet mich. Madam Hills lasst bereits die Steine zum Gesindhaus fuhren und behauen. Denken Sie nicht, beste Freundin, dass sich zu gleicher Zeit dauerhafte Grundteile eines neuen moralischen Glucksbaues in meiner Seele sammlen, worin meine Empfindungen Schutz und Nahrung finden werden, bis der Sturm von sinnlichem Ungluck voruber sein wird, der den Wohnplatz meines ausserlichen Wohlergehens zerstorte?
Madam Leidens
an Emilien
Emilia! fragen Sie den metaphysischen Kopf Ihres Mannes, woher der Widerspruch kame, der sich zwischen meinen starksten immerwahrenden Empfindungen und meinen Ideen zeigte, als ich von Frau Hills gebeten wurde, ihre liebste Freundin, die schone, anmutsvolle Witwe von C-, zu einem gutigen Entschluss fur einen ihrer Verehrer bereden zu helfen? Woher kam es, dass ich der Liebe und dem aus ihr kommenden Gluck irgendeines Mannes das Wort reden konnte, da die Fortdauer meiner durch die Liebe erfahrnen Leiden mich eher zur Unterstutzung der Kaltsinnigkeit der schonen Witwe hatte dringen sollen? Ich kann nicht denken, dass allein der Geist des Widerspruchs, durch welchen es uns naturlich ist, anders zu denken als andre Leute, daran Ursache sei. Oder ware es moglich, dass in einem Stucke meines durch die Hande der Liebe zerrissenen Herzens noch ein Abdruck der wohltatigen Gestalt geblieben ware, worunter ich mir einst in den heitern Tagen meiner lachelnden Jugend ihr Bild vormalte? Oder konnte wohl der lange Gram meine junge Vernunft zu dem Grade der Reife gebracht haben, welcher notig ist, mich uber die Umstande einer andern Person ohne alle Einmischung meiner eignen Empfindungen nachdenken und urteilen zu lassen? Sie sehen, dass ich uber mich zweifelhaft bin; helfen Sie mir zurechte.
Hier ist mein Gesprach mit der Witwe.
"Vier rechtschaffene Manner bewerben sich um Ihre Gunst, woher kommt es, teuerste Frau von C-, dass Sie so lange wahlen?"
"Ich wahle nicht; ich will meine Freiheit geniessen, die ich durch so viele Bitterkeit erkaufen musste."
"Sie haben nicht unrecht, Ihre Freiheit zu lieben und auf alle Weise zu geniessen, der edelste Gebrauch davon ware aber doch derjenige: aus freiem Willen jemanden glucklich zu machen."
"O, das Gluck, wovon Sie reden, ist meistens nur in der feurigen Phantasie eines itzt brennenden Liebhabers und verschwindet, sobald die erloschene Flamme ihr Zeit gibt, sich wieder abzukuhlen."
"Dieses, meine geliebte Frau von C-, kann wahr sein, wenn die Liebe eines jungen Mannes allein durch die Augen entstanden ist und an der Seite des bluhenden Madchens lodert, deren unausgebildeter Charakter diesem Feuer keine dauerhafte Nahrung geben kann. Aber Sie, die wegen Ihrem Geist, wegen Ihrem edlen Herzen geliebet werden, Sie sind sicher, es unausloschlich zu machen."
"Meine Verdienste hatten also die Eigenschaft des persischen Naphtha; aber in welchem meiner Liebhaber liegt das Herz, welches ein gleichdauerndes Feuer aushalten konnte?"
"In jedem; denn Liebe und Gluckseligkeit sind der unverzehrbare Stoff, woraus unsere Herzen gebauet sind."17
"Jeder hat aber auch eine eigene Idee von der Gluckseligkeit; ich konnte also bei meiner zwoten Wahl wieder just das Herz treffen, dessen Begriffe von Gluckseligkeit nicht mit meinem Charakter ubereinstimmten, und da verloren wir beide."
"Ihre Ausflucht ist fein, aber nicht richtig. Zehn Jahre, welche zwischen der ersten und letzten Wahl stehen, haben durch viele Erfahrungen Ihren Einsichten die Kraft gegeben, die Verschiedenheit der Personen und Umstande zu beurteilen und besonders die Gewalt zu bemerken, mit welcher die letztere Sie in Ihre erste Verbindung hineingezogen."
"Wie genau Sie alles hervorsuchen. Aber sagen Sie, liebe Madam Leidens, wen wurden Sie wahlen, wenn Sie an meiner Stelle waren?"
"Den, von dem ich hoffte, ihn am meisten glucklich machen zu konnen."
"Und dies ware in Ihren Augen "
"Der liebenswurdige Gelehrte, dessen schoner und aufgeklarter Geist Ihnen das Vergnugen gewahrte, dass nicht die geringste Schattierung Ihrer Verdienste ungefuhlt und ungeliebt blieben, in dessen Umgang der edelste Teil Ihres Wesens unendliche Vorteile geniessen konnte, indem er Sie an der Hand der Zartlichkeit durch das weite Gebiet seiner Wissenschaft fuhren wurde, wo sich Ihr Geist so angenehm unterhalten und starken konnte. Wie glucklich wurde sein gefuhlvolles Herz durch das Vergnugen, durch die Verdienste und die Liebe seiner schatzbaren Gattin werden; und wie glucklich wurde Ihre empfindsame Seele durch das von Ihnen geschaffene Gluck dieses wurdigen Mannes sein; wie suss ware Ihr Anteil an seinem Ruhm und an seinen Freunden!"
"O Madam Leidens! wie stark malen Sie die schone Seite! Soll ich nicht sehen, dass alle Starke dieser schatzbaren Empfindlichkeit sich auch bei meinen wahren und zufalligen Fehlern zeigen wurde, und wohin neigt sich da die Waagschale der Gluckseligkeit?"
"Dahin, wo Ihre angeborne Sanftmut und Gefalligkeit sie festhalten wird."
"Gefahrliche Frau, wie viele Blumen Sie auf die versteckte Kette streuen!"
"Sie tun mir unrecht, ich zeige nur den Vorrat von Blumen, deren Wert ich kenne und die Ihnen die Liebe anbietet, um eine Kette von Zufriedenheit daraus zu binden "
"Und ubersehen die Menge von Dornen, welche unter diesen Rosen verborgen sind "
"Darauf antworte ich nicht, ich wurde Ihre Klugheit und Billigkeit beleidigen."
"Werden Sie nicht bose, und weisen Sie mir noch die schonen Farben der ubrigen Bander, wovon Sie mir Schleifen knupfen wollen."
"Kommen Sie, vielleicht wird der artige Ubermut, den Ihnen Ihre vorzugliche Liebenswurdigkeit gibt, durch die Eigenschaften der Geburt und Person eines der edelsten Sohne des preussischen Kriegesgotts leichter gezahmt als durch die sanfte Hand der Musen: dies Band ist schon, ein glanzender Name, Edelmutigkeit der Seele, wahre' Liebe und Verehrung Ihres Charakters ist darin verwebt; goldene Streifen des angesehenen Rangs, des neuen schonen Kreises, in den Sie dadurch versetzt werden, liegen im Grunde, Blicke in angenehme Gegenden, wo Ihnen die Briefe der hochachtungswurdigen Frau von *** zeigen, dass seine Liebe Ihnen schon Freundinnen und Verehrer bereitet hat; und verdiente nicht schon die grossmutige Aufopferung aller Vorrechte des alten Adels das Gegenopfer Ihrer Unschlussigkeit und Ihres Misstrauens?"
"Zauberin! wie kunstlich mischen Sie Ihre Farben!"
"Warum Zauberin, liebste Frau von C-, fuhlen sie den starken Reiz der strahlenden Faden, womit der Zufall dies Band umwunden hat?"
"Ja, aber dem Himmel sei Dank, Sie schrecken mich just deswegen, weil Sie mich blenden."
"Liebenswurdige Schuchternheit, o konnte ich dich in die Seele jedes gefuhlvollen Geschopfs legen, welches von den schonen Farben eines Kunstfeuers angelockt, verblendet und auf einmal in der grausamen Finsternis eines traurigen Schicksals verlassen wird!"
"Liebe Frau! wie ruhrend loben Sie mich; wie sehr erwecken Sie die mutterliche Sorgen fur meine anwachsende Tochter!"
Zartlich umarmte ich sie fur diese edle Bewegung ihres von wahrer Gute belebten Herzens; "gonnen Sie mir (sagte ich) in diesem der Empfindung geweiheten Augenblicke Ihre Aufmerksamkeit fur die in Wahrheit wenig schimmernde, aber fest gegrundete Zufriedenheit, die Sie in dem artigen Landhause des Herrn T. erwartet, worin Sie durch einen edelmutigen Entschluss zugleich drei der heiligsten Pflichten erfullen konnten: die sehnlichen Wunsche eines verdienstvollen, angenehmen Mannes zu kronen, der Sie nicht um der Reize Ihrer Person willen (denn diese kennt er nicht), sondern wegen dem reizenden Bilde liebt, so ihm von Ihrer Seele gemacht wurde; der, nachdem er allen Ausdruck seiner Empfindungen fur Sie erschopft hatte, mit der edelsten Bewegung, die jemals das Herz eines Reichen erschutterte, hinzusetzte: Ihre Tochter sollte das Kind ihres Herzens werden und alles sein Vermogen ihr zugewandt sein. Wurden Sie nicht dadurch zugleich der mutterlichen Pflicht, auch fur die ausserliche Gluckseligkeit ihres Kindes zu sorgen, genugtun? Und konnte die gehorsame Ergebung des Willens Ihrer jugendlichen Jahre dem Herzen Ihres ehrwurdigen Vaters jemals so viele Freude machen, als Sie ihm in den letzten Jahren Ihrer Freiheit machen wurden, wenn Sie seinen Rat, seine zartlichen Wunsche fur eine Verbindung befolgten, wodurch Sie ihm genahert und in den Stand gesetzt wurden, sein vaterliches Herz in dem letzten Teile seines Lebens fur alle Muhe der Erziehung seiner Kinder zu belohnen? Bedenken Sie sich, liebreiche und gegen alle Menschen leutselige und wohltatige Frau! Ich will Ihnen nichts von der hochachtungswurdigen Hand sagen, die in einer unsrer schonsten Residenzstadte auf den gutigen Wink der Ihrigen wartet, wo eine Anzahl verdienstvoller Personen Ihnen Burge fur die Tugend des Herzens, fur die Kenntnisse des Geistes und fur die zartliche Neigung sind, die einer der schonsten und besten Manner fur Sie ernahrt und der darum der Glucklichste wurde, weil er in Ihnen die beste wurdigste Mutter fur seine zwei Kinder zu erhalten hoffte. Sie wissen, dass er ein edler Besitzer eines schonen Vermogens ist, und kennen alle gesellschaftlichen Annehmlichkeiten, die in dieser Stadt auf Sie warten. Aber tun Sie, liebenswurdige Frau von C., was Sie wollen, ich habe Ihnen die Beweggrunde meines Herzens gesagt; ich weiss wohl, dass wir alle einen verschiedenen Gesichtspunkt uber den namlichen Gegenstand haben und unser Gefuhl darnach richten, doch ist eine Seite, die wir alle betrachten mussen die Gluckseligkeit unsers Nachsten ebensosehr als die unsrige zu lieben und sie nicht aus kleinen Beweggrunden verzogern."
"Sie haben mein Herz in die ausserste Verlegenheit gebracht (sagte sie mir mit Tranen), aber meine traurige Erfahrung emport sich wider jede Idee von Verbindung; ich wunsche diesen Mannern wurdigere Gattinnen, als Sie sich mich abschildern; aber mein Nacken ist von dem ersten Joche so verwundet worden, dass mich das leichteste Seidenband drucken wurde."
"Ich habe die Bitte Ihrer Freundin erfullt und nichts anders bei Ihrem Entschlusse zu sagen, als dass Sie immer glucklich sein mogen."
Sie umarmte mich, und ich bat Madam Hills, bei meiner Zuruckkunft die liebe Frau ruhig zu lassen; wunderte mich aber in meinem Zimmer uber den Eifer, womit ich mich in diese Sache gemischt hatte.
Klaren Sie mir das Dunkle in meiner Seele daruber auf; es dunkt mich, dass ich lauter unrechte Ursachen hasche.
Lord Seymour an Doktor T.
Bester Freund, geben Sie mir Ihren Rat, um mich in dem Kummer zu erhalten, in welchen ich aufs neue, und gewiss auf ewig gefallen bin! Sie wissen, dass ich meine Leidenschaft fur das Fraulein von Sternheim ganz unterdruckt hatte, weil die Versicherung ihres niedertrachtigen Bundnisses mit John ihren Geist und Charakter aller meiner Hochachtung beraubte. Ich Eng auch an, eine ruhige und reizende Liebe zu kosten, indem ich meine ganze Zartlichkeit dem Fraulein von C- widmete und der ihrigen vollig versichert war: als mein Oheim unversehens den Befehl vom Hofe erhielt, eine Reise nach W. zu machen. Die Empfindlichkeit des liebenswurdigen Frauleins von C- hatte vieles bei unserer Trennung zu leiden, und ich war ebenso traurig als sie. Missvergnugt und murrend uber die Fesseln, welche mir der Ehrgeiz meiner Familie und die Zuneigung von Mylord Crafton anlegten, sass ich stumm und finster neben dem liebreichsten Manne, dessen feste Ruhe des Geistes meinen emporten Empfindungen argerlich war, so dass ich der Geduld nicht achtete, mit welcher er meine Unart ertrug. Aber, mein Freund, stellen Sie sich, wenn es moglich ist, die Bewegung vor, in die ich geriet, als wir den zweiten Tag abends bei sehr schlimmen Wetter, durch Versehen des Postillions, auf ein Dorf kamen, wo wir ubernachten mussten, am Wirtshause anfuhren und eben aussteigen wollten, als die Wirtin auf einmal anfing: "Was, Sie sind Englander? fahren Sie fort, ich lasse Sie nicht in mein Haus; Sie konnen meinetwegen im Walde bleiben, aber meine Schwelle soll kein Englander mehr betreten." Wahrend dem letztem Worte zog sie ihren Sohn, der wie ein wackerer Mensch aussah und ihr immer zuredete, beim Arme gegen die Ture des Hauses, so sie zuschliessen wollte. Der schreiende Unwille dieser Frau war seltsam genug, um mich aufmerksam zu machen; unsere Kerls schrien und zankten wieder, die Postillions auch. Mylord befahl unsern Leuten zu schweigen und sagte zu mir: "Hier muss etwas Ernsthaftes vorgegangen sein, da es wichtig genug ist, die gewohnliche Gewinnbegierde dieser Leute zu unterdrucken."
Er rief der Frau freundlich zu: sie mochte ihm die Ursache sagen, warum sie uns nicht aufnehmen wollte?
"Weil die Englander gewissenlose Leute sind, die sich nichts aus dem Unglucke der besten Menschen machen und ich meine Tage keinen mehr beherbergen will; fahren Sie mit Ihren schonen Worten nur fort, Sie konnen alle so schone Worte geben." Sie wandte sich von uns weg und sagte zu ihrem Sohne, der ihr vermutlich wegen dem Gewinn zuredete: "Nein, und wenn sie meine Stube voll Gold steckten, so brech' ich mein Gelubde nicht, das ich der lieben Dame wegen tat "
Ich kochte vor Ungeduld; aber Mylord, der von seiner Parlamentsstelle her gewohnt war, den wutenden Aufwallungen des Pobels nachzugeben, winkte ganz ruhig dem Sohne und fragte ihn um die Ursache der Abneigung und der Vorwurfe seiner Mutter.
"Vor einem halben Jahre", antwortete dieser, "fuhrte ein Englander seine Frau, eine schone gutige Dame zu uns; er ging weg und kam wieder, nachdem er viele Wochen weggewesen, indessen hatte die junge Frau, die immer sehr traurig war, meine Basen gekleidet, sie viele hubsche Sachen gelehret und den Armen viel Gutes getan; o, sie war so sanft als ein Lamm! sogar mein Vater wurde sanft, seit sie in unserm Hause war; wir mussten sie alle lieben. Aber einen Tag, da der bose Lord lange weggewesen, kam einer seiner Leute geritten und sagte, er hatte Briefe an die Dame; wir fragten: ob sein Herr bald kame? nein sagt' er, er kommt nicht wieder; hier ist noch Geld fur den ubrigen Monat; und dies sagte er wild und trotzig, wie ein boser Hund. Meiner Mutter ahndete nichts Gutes, und sie schlich sich in eine Nebenkammer, um auf den Brief zu horchen; da sah sie unsre liebe schone Dame auf der Erde knien und weinen und ihrem Kammermadchen erzahlen, in dem Briefe stunde: ihre Heurat ware falsch gewesen: der Bote, der ihn gebracht, ware in einen Geistlichen verkleidet gewesen und hatte sie eingesegnet; sie konne hin, wo sie wolle; da ist sie auch zwei Tage darauf fort; aber sie muss unterwegs gestorben sein, so krank und betrubt war sie; da will nun meine Mutter keinen Englander mehr ins Haus aufnehmen."
Mylord sah mich geruhrt an:
"Carl, was sagt dein Herz zu dieser Erzahlung?"
"O Mylord, es ist mein Fraulein Sternheim" schrie ich "aber der Bosewicht soll es bezahlen! Aufsuchen will ich ihn; es ist Derby; kein andrer ist dieser Grausamkeit fahig."
"Junger Freund", sagte Mylord dem Sohne der Wirtin; "sag' Er seiner Mutter: sie hatte recht, den bosen Englander zu hassen: auch soll er vom Konig nach der Scharfe abgestraft werden. Aber mach' Er, dass ich ins Haus komme."
"Steigen Sie aus, ich will meine Mutter befriedigen."
Er lief hinein, und bald darauf kam uns die Frau selbst entgegen. "Wenn Sie den abscheulichen Mann recht strafen wollen, wie Sie sagen, so kommen Sie, ich will Ihnen alles erzahlen, wie es war; Sie sind ein alter Herr, gnadiger Lord, Sie konnen das Unrecht junger Leute gut einsehen, machen Sie ein Exempel aus dem bosen Mann, er konnte noch viele Streiche anfangen."
Still und langsam folgte ich ihr und Mylorden die Treppe hinauf. "Hier", sagte sie oben, "hier ist der liebe Engel gestanden, wie ihr Herr das erstemal kam, sie zu besuchen, nun, er herzte sie recht schon, und sie hatte ihre lieben Hande so hubsch nach ihm ausgestreckt, dass mich ihre Einigkeit freute; aber sie redete so sanft und wenig und er so laut, seine Augen waren so gross und beschauten sie so geschwind, er rufte auch gleich so viel nach seinen Kerls, dass man wohl daraus hatte etwas vermuten konnen. Mein Mann war wild, doch hat er im Anfange allezeit leise und freundlich geredt und geblinzelt; aber man denkt, jeder Mensch hat seine Weise, und wie sollte einem einfallen, dass man ein schones frommes Tugendbild betrugen konne?"
Nun waren wir im Zimmer, wo ihre Kammerfrau gewohnt hatte; hernach wies sie uns das von der Dame; sie rufte Gretchen, die sich hinsetzen und zeigen musste, wo die Dame gesessen, wie sie die Madchen gelehrt hatte; hernach nahm sie ein Bild von der Wand und sagte: "Da, mein Gartchen, meine Bienengestelle und das Stuck Matte, wo meine Kuhe auf der Weide gingen, zeichnete sie." Indem sie es Mylorden hingab, kusste sie das Stuck und sagte mit Weinen: "Du liebe, liebe Dame, Gott habe dich selig, denn du lebst gewiss nicht mehr."
Ein einziger Blick uberzeugte mich vollig, dass es die Sternheim gemacht hatte; die richtigen Umrisse, die feinen Schattierungen erkannte ich; mein Herz wurde beklemmt; ich musste mich setzen; Tranen fullten meine Augen; das Schicksal des edlen Madchens, die rauhe, aber herzliche Liebe dieser Frau ruhrte mich; es gefiel ihr, sie klopfte mich auf die Achsel: "Das ist recht, dass Sie betrubt sind, bitten Sie Gott um ein gutes Herz, dass Sie niemanden verfuhren; denn Sie sind auch ein Englander und ein hubscher Mensch; Sie konnen einem in die Augen gehen."
Nun musste das Madchen und der Sohn und die ubrigen Leute erzahlen, wie gut die Dame gewesen und was sie gemacht hatte; dann wies sie uns das Schlafzimmer. "Seit dem Brief", fuhr sie fort, "ist sie nicht mehr hineingegangen, sondern schlief im Bette ihrer Jungfer; ich denke es wohl, wer mochte noch unter der Decke eines Spitzbuben schlafen? Hier ist der Schrank, worein sie alle Kostbarkeiten von Gold, von Geschmeide, o, gar viele Sachen legte, die er ihr mitgebracht hatte und die ich ihm zuruckgeben sollte; denn sie nahm nichts davon mit; zween Tage nachdem sie weg war, kam wieder ein Brief; er wolle kommen, sagte der Mensch; aber ich gab ihm seinen Pack Sachen und schaffte ihn aus dem Hause."
Mylord fragte sie noch genauer um alles, was geschehen war; halb horte ich's, halb nicht; ich war ausser mir; und da die Frau nicht sagen konnte, wo die Dame hingereiset ware, so war mir am ubrigen nichts gelegen. Ich hatte genug gehoret, um in Mitleiden zu zerschmelzen und das geliebte Bild der leidenden Tugend mit erneuerter Zartlichkeit in meine Seele zu fassen. Ich nahm das Zimmer ihrer Jungfer, weil ich darin den Platz bemerket hatte, wo sie gekniet, wo sie den unaussprechlichen Schmerzen gefuhlt hatte, betrogen und verlassen zu sein. Derbys Schlafzimmer gab mir den namlichen Abscheu wie ihr selbst, und ich warf mich unausgekleidet mit halb zerrutteten Sinnen auf das Bette, worin Sternheim so kummervolle Nachte zugebracht hatte. Trostlose Zartlichkeit und ein Gemische von bitterm Vergnugen bemachtigten sich meiner mit der Empfindung, welche mir sagte: hier lag das liebenswurdige Geschopfe, in dessen Armen ich alle meine Gluckseligkeit gefunden hatte; hier beweinte ihr blutendes Herz die Treulosigkeit des verruchtesten Bosewichts! Und ich O Sternheim, ich beweine dein Schicksal, deinen Verlust, und meine verdammte Saumseligkeit, deine Liebe fur mich zu gewinnen! Vergnugen, ja ein schmerzhaftes Vergnugen genoss ich bei dem Gedanken, dass meine verzweiflungsvolle Tranen noch die Spuren der ihrigen antreffen und sich mit ihnen vereinigen wurden. Ich stund auf, ich kniete auf den namlichen Platz, wo der stumme, zerreissende Jammer uber ihre Erniedrigung sie hingeworfen hatte; wo sie sich Vorwurfe uber das blinde Vertrauen machte, womit sie sich dem grausamsten Manne ergab, und wo ich ihrem Andenken schwur: sie zu rachen.
O mein Freund, warum, warum konnte Ihre Weisheit meinen Mut nicht stahlen? Wie elend, wie beklagenswert war ich, da ich mit ihr jeden Augenblick verfluchte, worin sie das Eigentum von Derby war! alle ihre Schonheit, alle ihre Reize sein Eigentum waren! Sie liebte ihn; sie empfing ihn mit offenen Armen an der Treppe. Wie war es moglich, dass die edle reine Gute ihres Herzens den gefuhllosen, boshaften Menschen lieben konnte?
Ich habe das kleine Hauptkussen vom Sohn der Wirtin gekauft; ihr Kopf hatte sich mit der namlichen Bedrangnis darauf gewalzt wie meiner; ihre und meine Tranen haben es benetzt; ihr Ungluck hat meine Seele auf ewig an sie gefesselt; von ihr getrennt, vielleicht auf immer getrennt, mussten sich in dieser armen Hutte die sympathetischen Bande ganz in meine Seele verwinden, welche mich starker zu ihr, als zu allem, was ich jemals geliebt habe, zogen.
Mylord fand mich am Morgen in einem Fieber; sein Wundarzt musste mir eine Ader offnen, und eine Stunde hernach folgte ich ihm in den Wagen, nachdem ich die kleine Zeichnung des Gartchens geraubt und dem Madchen, welches die Schulerin meiner Sternheim gewesen, einige Guineen zugeworfen hatte.
Die Kalte, welche die Politik unvermerkt bald in grosserem, bald in kleinerem Masse auch in das warmste Herz zu giessen pflegt und es uber einzelne Ubel hinausgehen heisst, gab Mylorden eine Menge Vernunftgrunde ein, womit er mich zu zerstreuen und gegen meinen Kummer und Zorn zu bewaffnen suchte. Ich musste ihn anhoren und schweigen; aber nachts hielt mich mein Kussen schadlos; ich zehrte mich ab und erschopfte mich. Mein Schmerz ist ruhiger, und meine Krafte erholen sich in dem Vorsatze, das Ungluck des Frauleins an Derby zu rachen, wenn er auch den ersten Rang des Konigreichs besitzen sollte. Beobachten Sie ihn, wenn Sie nach London kommen, ob Sie nicht Spuren von Unruhe und qualender Reue an ihm sehen. Ewigkeiten durch mochte ich ihm die Marter der Reue empfinden lassen, dem ewig hassenswurdigen Mann!
Ich gebe mir alle mogliche Muhe, die Folgen des Schicksals des Frauleins zu erfahren, aber bis itzt war alles vergeblich; so wie Ihre Bemuhungen vergeblich sein werden, wenn Sie ihr Andenken in mir ausloschen wollten; mein Kummer um sie ist meine Freude und mein einziges Vergnugen geworden.
Graf R** an Lord Seymour
Sie geben mir Nachricht von meiner teuren unglucklichen Nichte. Aber, o Gott, was fur Nachrichten, Mylord! das edelste, beste Madchen der Raub eines teuflischen Bosewichts! Ich dachte wohl, als Sie mir den Sekretar Ihres Oheims nannten, dass ein gemeiner schlecht denkender Mensch ihre Hand niemals hatte erhalten konnen. Ein Heuchler, ein die Klugheit und Tugend lebhaft spielender Heuchler musste es sein, der ihren Geist blendete und sie aus den Schranken zu fuhren wusste. Ich flehe den Lord Crafton um seine Beihulfe an, den nichtswurdigen Mann auch unter dem Schutze der ganzen Nation zur Verantwortung zu ziehen.
Nichts als die schlechten Gesundheitsumstande meiner Gemahlin und meines einzigen Sohns hindern meine Abreise von hier; aber ich habe fur das Andenken dieser liebenswurdigen Person doch dieses getan: von dem Fursten zu begehren, dass er ihre Guter durch einen furstlichen Rat besorgen lasse. Die Einkunfte sollen ihrer Gesinnung gemass fur die Kinder des Grafen Lobau gesammlet werden; aber der Vater und die Mutter sollen nichts davon geniessen, sie, die zuerst das Herz des guten Kindes zerrissen haben und allein die Ursache sind, dass sie von Angst betaubt ihrem Verderben zulief.
Kame ich nur bald nach D. und hatten wir nur einiges Licht von ihrem Aufenthalt! Aber es geschehe das eine und das andere, wenn es will: so soll der Elende, der ihren Wert nicht zu schatzen wusste, Rechenschaft von ihrer Entfuhrung und Verlassung geben.
Ich bedaure Sie, Mylord, wegen der Leiden Ihres Gemuts, die nun durch die wiederkehrende Liebe vergrossert sind. Aber wie konnte ein Mann, dem die weibliche Welt bekannt sein muss, dieses auserlesene Madchen misskennen und den allgemeinen Massstab vornehmen, um ihre Verdienste zu prufen? Unterschied sie sich nicht in allem? Verzeihen Sie, Mylord, es ist unbillig, Ihren Kummer zu vermehren! die Zartlichkeit meiner nahen Verwandtschaft ubertrieb meinen Unmut und machte mich das Geschehene und Ungeschehene mit gleichem Hass verfolgen.
Fliehen Sie keinen Aufwand, um den Aufenthalt des geliebten Kindes zu erfahren; ich furchte, o, ich furchte, dass wir sie nur tot wiederfinden werden!
Wehe dem Lord Derby; wehe Ihnen, wenn Sie nicht Ihre Hand mit der meinigen vereinigen, um sie zu rachen! Aber alles, was Sie tun werden, um Ihre edelmutige Liebe, obwohl zu spat, zu beweisen, soll Sie in dem Oheim des edelsten Madchens den besten Freund und Diener finden lassen. Allen Aufwand teile ich mit Ihnen, wie ich alle Ihre Sorgen und Schmerzen teile. Hier halte ich alles geheim, weil ich meiner Gemahlin zartliches Herz nicht mit unmassigem Jammer beladen will.
Madam Leidens an Emilien
Meine liebenswurdige Witwe, Frau von C-, hat eine schone Seele voll zartlicher Empfindungen. Sie bemerkte letzthin das kurz abgebrochene Ende meiner Vorstellungen sehr genau und kam etliche Tage nachher zu mir, um mit freundlicher Sorgsamkeit nach der Ursache davon zu fragen. Ich hatte die stutzige Art meines schnellen Stillschweigens selbst empfunden, aber da meine Beweggrunde so stark in mir arbeiteten und ich ihren Empfindungen nicht zu nahe treten wollte, so sah ich keinen andern Weg, als abzubrechen und nach Hause zu gehen, wo ich den Unmut recht deutlich fuhlte, den ich bloss deswegen uber sie hatte, weil sie den Aussichten von Wohltatigkeit nicht so eifrig zueilte, als ich an ihrer Stelle wurde getan haben. Es freut mich auch, dass der Mann meiner Emilie den warmen Ton meiner Fursprache zum Besten der Liebe allein in meiner Neigung zum Wohltun suchte, ob er mich schon einer Schwarmerei in dieser Tugend beschuldigt.
(O! mochte doch dieses Ubermass einer guten Leidenschaft der einzige Fehler meiner kunftigen Jahre sein!)
Ich antwortete der lieben Frau von C- ganz aufrichtig:
Dass es mich sehr befremdet hatte, eine Seele voller Empfindlichkeit so frostige Blicke in das Gebiete der Wohltatigkeit werfen zu sehen Sie antwortete:
"Ich erkenne ganz wohl, dass Ihr tatiger Geist missvergnugt uber meine Unentschlossenheit werden musste; Sie wussten nicht, dass die Idee des Wohltuns meine erste Wahl bestimmte; aber ich habe so sehr erfahren, dass man andere glucklich machen kann, ohne es selbst zu werden; dass ich nicht Herz genug habe, mich noch einmal auf diesen ungewissen Boden zu wagen, wo die Blumen des Vergnugens so bald unter dem Nebel der Sorgen verbluhen."
Der ausserste Grad der Ruhrung war in allen Zugen der reizenden Bildung dieser sanften Blondine ausgedruckt; ihr Ton stimmte mit ein und rief in mir die Erinnerung des jahen Verderbens zuruck, welches meine kaum ausgesaete Hoffnung betroffen hatte. Meine eignen Leiden haben die Empfindung der Menschlichkeit in mir erhohet, und ich fuhlte nun ihre Sorgen so stark, als ich die Vorstellung der Gluckseligkeit der andern empfunden hatte.
"Vergeben Sie mir, liebe Madam C-! (sagte ich), ich erkenne, dass ich gegen Sie die beinahe allgemeine Unbilligkeit ausubte, zu fodern; dass Sie in alle Grunde meiner Denkensart eingehen sollten; und ich foderte es um so viel eifriger, als ich von der innerlichen Gute meiner Bewegursachen uberzeugt war. Warum hab' ich mich nicht fruher an Ihren Platz gestellet; die Seite, welche Sie von meinen Vorschlagen sehen, hat in Wahrheit viel Abschreckendes, und ich werde, ohne Ihnen unrecht zu geben, nichts mehr von allem diesem reden."
"Es freut mich, dass Sie mit mir zufrieden scheinen; aber Sie haben mir viele Unruhe und Missvergnugen uber mich selbst gegeben."
Ich fragte sie eilig, wie und worin?
"Durch die Vorstellung aller dieser Gelegenheiten gluckliche Personen zu machen. Mein Widerwille und Ausweichen schmerzt mich; ich mochte es in irgend etwas anders ersetzen. Konnen Sie mir nichts bei Ihrem Gesindhause zu tun geben?"
Sie bekam ein freimutiges Nein zur Antwort. "Aber", sagte ich lachelnd, da ich sie bei der Hand nahm, "ich mochte mir bald das Gefuhl Ihrer Reue und die Begierde des Ersatzes zunutze machen und Sie verbinden, dass, da Sie durch Ihr eigen Herz keinen Mann mehr glucklich machen wollen, Sie die liebreiche Muhe nahmen, durch Ihren Umgang und gefallten Unterricht den Tochtern Ihrer Verwandten und Freunde Ihre edle Denkungsart mitzuteilen und dadurch Ihrem Wohnorte liebenswurdige Frauenzimmer zu bilden und fur der Madam Hills gute Madchen auf Ihrer Seite gute Frauen zu ziehen."
Dieser Vorschlag gefiel ihr; aber gleich wollte sie von mir einen Plan dazu haben.
"Das werde ich nicht tun, Madam C-, ich kann mich nicht von meinem Selbst so losmachen, dass der Plan zu Ihrer Absicht und Ihrem Vergnugen zugleich passte. Sie haben Klugheit, Erfahrung, Kenntnis der Gewohnheiten des Orts und ein Herz voll Freundlichkeit. Diese vereinigte Stucke werden Ihnen alles anweisen, was zu diesem Plan das Beste sein kann."
"Daran zweifle ich sehr; sagen Sie mir nur ein Buch, darin ich eine Ordnung fur meinen Unterricht finden wurde."
"Nach der Ordnung eines Buchs zu verfahren, wurde Sie und Ihre junge Freundinnen bald mude machen. Diese sind nach verschiedener Art erzogen; die Umstande der meisten Eltern leiden keine methodische Erziehung, auch funfzehnjahrige Madchen, wie die Gespielinnen Ihrer Tochter, gewohnen sich nicht gerne mehr daran. Sie sollen auch keine Schule halten; nur einen zufalligen abwechselnden Unterricht in dem Umgange mit dem jungen Frauenzimmer ausstreuen. Zum Beispiel: es klagte eine uber den Schnee, der wahrend der Zeit fiel, da sie bei Ihnen zum Besuch ware, und sie wegen ihres Zuruckgehens ungeduldig uber die Beschwerde machte; so wurden Sie fragen: ob sie nicht wissen mochte, woher der Schnee kommt? es kurz und deutlich erzahlen, die Nutzbarkeit davon nach der weisen Absicht des Schopfers anfuhren, sanft von der Unbilligkeit ihrer Klagen reden und ihr mit einem muntern liebreichen Ton in dem heut unangenehmen Schnee nach etlichen Tagen das Vergnugen einer Schlittenfahrt zeigen. Dieses wird Ihre jungen Zuhorerinnen auf die Unterredungen von schoner Winterkleidung, schoner Gattung Schlitten usw. fuhren. Unterbrechen Sie selbige ja nicht durch irgendeine ernste oder missvergnugte Miene; sondern zeigen Sie, dass Sie gerne ihre verschiedenen Gedanken anhorten. Sagen Sie etwas vom guten Geschmack in Putz, in Verzierungen und wie Sie ein Fest anstellen und halten wurden; lassen Sie Ihren Witz; alles dieses mit der Farbe der heitersten Freude malen. Gestehen Sie Ihren jungen Leuten das Recht ein, diese Freude zu geniessen, und setzen Sie mit einem zartlichen ruhrenden Ton dazu, dass Sie aber Sorge haben wurden, den Schauplatz dieser Ergotzlichkeit durch die Fackeln der Tugend und des feinen Wohlstandes zu beleuchten.
Bei dieser ersten Probe konnen Sie die Herzen und Kopfe Ihrer Madchen ausspahen; aber ich musste mich sehr betrugen, wenn sie nicht gerne wiederkamen, Sie von etwas reden zu horen."
"Das denke ich sicher; aber erlauben Sie mir einen Zweifell Sie fuhren das Madchen zur physikalischen Kenntnis des Schnees und zum moralischen Gedanken der Wohltatigkeit Gottes daruber; aber wird nicht die Schlittenfahrt das Andenken des erstern ausloschen und also den Nutzen des ernsten Unterrichts verlieren machen?"
"Dies glaube ich nicht; denn wir vergessen nur die Sachen gerne, die mit keinem Vergnugen verbunden sind; und die lachelnde, zu der Schwachheit der Menschen sich herablassende Weisheit will daher, dass man die Pfade der Wahrheit mit Blumen bestreue. Die Tugend braucht nicht mit ernsten Farben geschildert zu werden, um Verehrung zu erhalten; ihr inneres Wesen, jede Handlung von ihr ist lauter Wurde. Wurde ist ein unzertrennbarer Teil von ihr, auch wenn sie in der Kleidung der Freude und des Glucks erscheint. In dieser Kleidung allein erhalt sie Vertrauen und Ehrfurcht zugleich. Lassen Sie sie die Hand ja niemals zu strengem Drohen, sondern allein zu freundlichem Winken erheben! Denn, solange wir in dieser Korperwelt sind, wird unsere Seele allein durch unsere Sinnen handeln; wenn diese auf eine widerwartige Weise und zu unrechter Zeit zuruckgestossen werden, so kommen aus dem Kontrast des Zwanges der Lehre und der Starke der durch die Natur in uns gelegten Liebe zum Vergnugen lauter schlimme Folgen fur den Wachstum unsers moralischen Lebens hervor. Umsonst hat der Schopfer die sussen Empfindungen der Freude nicht in uns gelegt; umsonst uns nicht die Fahigkeit gegeben, tausenderlei Arten des Vergnugens zu geniessen. Mischen Sie nur eine frohliche Tugend unter den Reihen der Ergotzlichkeiten, und sehen Sie, ob die junge Munterkeit noch vor ihr fliehen und in entlegenen Orten, mit Unmassigkeit und wilder Lust vereinigt, sich uber versagten Freuden schadlos halten wird. Gibt nicht die gottliche Sittenlehre selbst reizende Aussichten in ewige, himmlische Gluckseligkeiten, wenn sie uns auf die Wege der Tugend und Weisheit leitet?"
Das schone Auge der Madam C- war mit einem staunenden Vergnugen auf mich geheftet. Ich bat sie um Verzeihung, so viel geredet zu haben; sie versicherte mich aber ihrer Zufriedenheit und wollte wissen: warum ich nicht lieber gesucht hatte, als Hofmeisterin junger Frauenzimmer zu erscheinen, als eine Lehrerin von angehenden Dienstmadchen abzugeben?
Ich sagte ihr: weil ich in Vergleichung des Anteils von Gluckseligkeit, so jedem Stande zugemessen wurde, den von der niedrigen Gattung so klein und unvollstandig gefunden, dass ich mich freute, etwas dazuzusetzen. "Die Grossen und Mittlern haben mundlichen und schriftlichen Unterricht neben allen Vorteilen des Reichtums und Ansehens; und die geringe, so nutzliche Klasse bekommt kaum den Abfall des Uberflusses von Kenntnissen und Wohlergehen."
"Sie reden von Kenntnissen; soll ich suchen meine junge Frauenzimmer gelehrt zu machen?"
"Gott bewahre Sie vor diesem Gedanken, der unter tausend Frauenzimmern des Privatstandes kaum bei einer mit ihren Umstanden passt! Nein, liebe Madam C-, halten Sie sie zur Ubung jeder hauslichen Tugend an; aber lassen Sie sie daneben eine einfache Kenntnis von der Luft, die sie atmen, von der Erde, die sie betreten, der Pflanzen und Tiere, von welchen sie ernahret und gekleidet werden, erlangen; einen Auszug der Historie, damit sie nicht ganz fremde dasitzen und Langeweile haben, wenn Manner sich in ihrer Gegenwart davon unterhalten, und damit sie sehen, dass Tugend und Laster bestandig einen Kreislauf durch das ganze menschliche Geschlecht gemacht haben; lassen Sie sie jedes Wort, so eine Wissenschaft bezeichnet, verstehen. Zum Ex. was Philosophie, was Mathematik sei aber von der Bedeutung des Ausdrucks edle Seele, von jeder wohltatigen Tugend geben Sie ihnen den vollkommensten Begriff, teils durch Beschreibung, teils und am meisten durch Beispiele von Personen, welche diese oder jene Tugend auf eine vorzugliche Art ausgeubt haben."
"Soll ich sie auch Romane lesen lassen?"
"Ja, zumal da Sie es ohnehin nicht werden verhindern konnen. Aber suchen Sie, soviel Sie konnen, nur solche, worin die Personen nach edlen Grundsatzen handeln und wo wahre Szenen des Lebens beschrieben sind. Wenn man das Romanenlesen verbieten wollte, so musste man auch in Gesellschaft vermeiden, vor jungen Personen bald einen kurzen, bald weitlaufigen Auszug von einer Liebesgeschichte zu erzahlen, die in der namlichen Stadt oder Strasse, wo man wohnt, vorging; unsere Vater, Manner und Bruder mussten nicht so viel von ihren artigen Begebenheiten und Beobachtungen auf Reisen usw. sprechen; sonst machte auch dieses Verbot und die Gegenubung wieder einen schadlichen Kontrast. Ein vortrefflicher Mann und Kenner des Menschen wunscht, dass man jungen Personen beiderlei Geschlechts zur Stillung der Neugierde die meisten grossen Reisebeschreibungen gabe, wo von der Naturhistorie und den Sitten des Landes viel vorkommt, weil dadurch viele nutzliche Wissenschaft in ihnen ausgebreitet wurde. Moralische Gemalde von Tugenden aller Stande, besonders von unsrem Geschlechte, mochte ich gesammlet haben; und darin sind die Franzosinnen glucklicher als wir. Das weibliche Verdienst erhalt unter ihnen offentliche und dauernde Ehrenbezeigungen."
"Vielleicht aber verdienen wir mehr als sie, weil wir uns auch ohne Belohnung um Verdienste bemuhen."
"Dies ist wahr, aber nur fur die kleine Anzahl von Seelen, die sich uber alle Schwierigkeiten erheben, die sie antreffen, und woruber andre durch nichts als Ermunterungen siegen. Ich mochte daher in jeder Standesklasse Beispiele aufstellen, die aus ihrem Mittel gezogen waren, damit man sagen konnte: ihre Geburt, ihre Umstande waren wie die eurige; der Eifer der Tugend und die gute Verwendung ihres Verstandes haben sie verehrungswert gemacht. Ein vorzuglicher Platz in einer offentlichen Versammlung, ein besonderes Stuck Kleidung konnte den Wert der Belohnung erhalten, wie es die alten grossen Kenner der menschlichen Herzen gemacht haben. Aber wir sind nicht mit dem Auftrag beladen, diese Einrichtung anzuordnen, sondern allein mit der Pflicht, so viel Gutes zu tun, als wir konnen. Ich stehe wirklich in dem Kreise armer und dienender Personen; also achte ich mich verbunden, diese durch Unterricht und Beispiel zu ihrem Mass von Tugend und Gluck zu fuhren; wobei ich aber sehr vermeiden werde, ihnen Begriffe oder Gesinnungen einzuflossen, die meinen glanzenden und angesehenen Umstanden gemass waren, weil ich furchten wurde, dass aus der vermischten Denkensart vermischte Begierden und Wunsche mit allen ihren Fehlern entstehen mochten. Sie sind eine Witwe von erstem Range Ihres Orts. Ihre Leutseligkeit, Ihr vernunftiger angenehmer Umgang macht, dass Sie von allen Personen Ihres Standes gesucht werden. Sie haben eine Tochter zu erziehen. Sie wurden also an allen Madchen ihres Alters und Standes Edelmutigkeit ausuben, wenn diejenigen unter denselben mit bei den Lehrstunden Ihrer Tochter waren, deren Mutter durch Haussorgen oder kleinere Kinder verhindert sind, mit ihren Tochtern viel zu lesen oder zu reden. Machen Sie sie denken und handeln, wie Frauenzimmer vom Privatstande es sollen, um in ihrer Klasse vortrefflich zu werden. Dieses wird das einzige Mittel sein, womit Sie den Schaden ersetzen konnen, welchen Sie durch den Vorsatz verursachen, unverheiratet zu bleiben." Sie lachelte uber dieses und uber meine Abbitte, ihr eine Vorschrift gemacht zu haben, und gab mir alle Merkmale von Freundschaft und Zufriedenheit.
Madam Leidens
an Emilien
Ungern, sehr ungern, meine Emilia, begleite ich die Madam Hills ins Bad. Es ist wahr, meine Gesundheit zerfallt, und ich erkenne, dass ich die Hulfe brauche, die mir die Wasserkur verspricht: denn mein stillschweigender Gram benagt die Krafte meines Korpers, und der jastige Eifer, den ich diese Zeit uber in mein moralisches Leben legte, hat auch vieles zu der Schwachlichkeit beigetragen, uber welche Sie, liebe Freundin, so jammerten, als ich die letzten zehn glucklichen Tage bei Ihnen zubrachte. Ihr Mann hat gestern meinen Widerwillen uberwaltigt, aber allein damit, dass er die erste Woche bei uns bleiben wird; bis dahin, hofft er, werde mein Hass gegen grosse und fremde Gesellschaft gemindert sein. Er behauptet auch, dass mein Herz diesen Winter uber alle Krafte meines Geistes in Dienstbarkeit gehalten und ermudet hatte und dass dieser sich allein in freier Luft und durch Umgang erholen wurde. Ich bin so hager und blass, meine Augen, denen man Anzuglichkeit zuschrieb, erheben sich so selten, und meine Kleidung ist so einfach, dass ich keine Verfolgungen von Mannsleuten zu befurchten habe. Also auf zwei Monate adieu, liebste Freundin; morgen fruh reisen wir mit Ihrem Manne, einem Aufwartmadchen und einem Bedienten ab.
Madam Leidens
an Emilien aus Spaa
Sagen Sie mir, meine Freundin, woher kommt die Gewalt, mit welcher Ihr Mann uber meine Seele herrschet? Erst fuhrte er mich in den geschaftigen Kreis, den ich bei Madam Hills durchlief; dann brachte er mich, ungeachtet meines Widerstandes, nach Spaa, macht mich den vierten Tag mit Lady Summers bekannt, und nun, meine Liebe, bin ich durch seine Hande an die Lady gebunden, und ich werde mit ihr nach England gehen. Sie wissen von ihm, dass unsere Reise glucklich war, dass der Reichtum der Madam Hills uns vier sehr bequeme Zimmer verschaffte und uns ein Ansehen gibt, so wir nicht einmal suchten. Er ging gleich den ersten Abend zur Lady; den zweiten Tag wies er mir sie auf dem Spaziergang. Ihre Gestalt ist edel, obgleich sehr schwachlich; ihre Gesichtsbildung lauter Leutseligkeit; ihr schones grosses Auge voller Empfindung und alle ihre Bewegungen Wurde voller Anmut. Sie grusste und betrachtete uns zwei Frauenzimmer mit Aufmerksamkeit, ohne uns etwas zu sagen, ob sie schon den Herrn B. von uns wegrief. Den folgenden Tag nahm sie ihn auch von unsrer Seite weg zum Mittagsessen und sagte nur auf englisch zu mir: "Diesen Abend sollen Sie meine Gesellschaft sein." Als ich mich verbeugt hatte und antworten wollte, war sie schon weit weg. Aber ich wurde auch gestottert haben, denn Sie konnen nicht glauben, was fur einen Schmerzen der Seele ich bei dem wahren Akzent der englischen Sprache fuhlte; schnell wie die Wirkung des Blitzes fuhlte ich ihn und ebenso schnell drangen sich traurige Erinnerungen und Bilder in meine Seele. Gut war es, Emilia, dass die Lady mich nicht gleich mit sich begehrte, meine Verlegenheit war zu sichtbar. Abends speisete Madam Hills und Herr B. mit mir bei der Lady; sie war sehr gutig, aber mit untersuchenden Blicken war ihr Auge bei allem, was ich vornahm und redete. Sie lobte Madam Hills wegen der Stiftung des Gesindhauses und setzte hinzu, dass sie ihrem Beispiel folgen und auch eins in England errichten wollte. Herr B., welcher der Madam Hills dieses ubersetzte, machte der guten Frau viele Freude damit, und ihr redliches Herz lachelte durch tranende Augen, da sie schnell meine Hand nahm und zu Herrn B. sagte: er mochte die Lady unterrichten, dass sie nur ein uberflussiges Geld, ich aber die Erfindung dazu gegeben hatte. Ich errotete ausserordentlich dabei, und die Lady streichelte meine Wangen, indem sie sagte: "Das ist gut, meine Tochter, wahre Tugend muss bescheiden sein."
Die Achtsamkeit, welche ich hatte, Madam Hills zu unterhalten und ihr alles zu ubersetzen, wovon die Lady mit mir oder Herrn B. in gleichgultigen Dingen redte, erhielt auch den ganzen Beifall der Lady.
"Sie muss noch gute Tage erleben," sagte sie, "weil ihre Tugend das Alter glucklich zu machen sucht."
Diese Anweisung auf meine kunftige Tage bewegte mein Innerstes, und unmoglich war's, meine Augen trocken zu erhalten. Die Lady sah es und neigte sich gegen mich mit festem, zartlichem Blick.
"Arme, gute Jugend," sagte sie, "ich weiss eine Hand, die alle deine kunftige Zahren abwischen wird."
Ich verbeugte mich und sah Herrn B. an; er antwortete mir mit muntern Nicken; die Lady winkte ihm. "Heute nichts", sagte sie; "aber morgen sollen Sie alles versichern."
Und dieser Morgen war vor sechs Tagen, wo mein Herz zwischen Vorschlagen und Entschliessungen wankte und endlich auf dem Gedanken befestigt wurde, dieses Jahr bei der Lady auf ihrem Landhause zuzubringen und kunftige Wasserszeit wieder mit ihr zuruckzukommen.
Nach London wurde ich nicht gegangen sein; Gott bewahre mich vor der Gelegenheit, Englander, die ich schon kenne, zu sehen! Aber keiner von diesen wird eine alte Frau in ihrem einsamen Wohnorte suchen, und ich kann ruhig meine lange Begierde stillen, dieses Land zu sehen und nach der Familie Watson mich zu erkundigen. Herr B. hat der Madam Hills eine Pflicht daraus gemacht, mich nicht aufzuhalten, weil ich ein Gesindhaus einrichten solle, und hat sie am meisten durch den Gedanken beruhiget, dass es in England heissen werde, es sei nach dem Plan des ihrigen und durch ihr edles Beispiel erbauet worden.
Meine Lady, Emilia, o! diese ist ein Engel, der lange Jahre unter den Menschen wandelte, um den sussen Balsam der edelsten Freundschaft in fuhlbare Seelen zu giessen. Meine Seele lebt wieder ganz auf.
Madam Leidens an
Emilia aus Summerhall
Mein erster Brief hat Ihnen schon gesagt, dass ich glucklich, sehr glucklich mit der gutigen Lady angelangt bin. Ich hoffe auch, meine Rosine und Herr B. sind ebenso wohl zuruckgekommen. Es war mir leid, dass Rosina nicht uber die See wollte; Ubelkeit macht sie, aber es ist leicht zu uberstehen.
Gewiss haben Sie schon Beschreibungen von englischen Landhausern gelesen. Denken Sie sich das schonste im alten Geschmacke davon und nennen es Summerhall; legen Sie aber an die Seite des Parks ein grosses, hubsches Dorf, und stellen Sie sich meine Lady und mich vor, wie wir, einander im Arme, die Gassen durchgehen, mit Kindern oder Arbeitern reden, einen Kranken besuchen und den Bedurftigen Hulfe reichen. Dies ist nachmittags und abends das Geschafte meiner Lady; morgens lese ich ihr vor und besorge ihr Haus; Besuche, die sie von der wenigen Nachbarschaft erhalt, und der Umgang mit dem vortrefflichen Pfarrherrn des Orts fullen das ubrige der Zeit so aus, dass mir wenig zu meinem besondern Lesen ubrig bleibt. Die Bucher, welche sich meine Lady ausgesucht hat, bezeichnen den Nationalgeist und die Empfindung der sich immer nahernden Grenzen ihres Lebens. Jenes Fach fullen die Geschichtschreiber von England und die Hofzeitungen, dieses die besten englischen Prediger aus. Ich habe mir die Naturhistorie von England dazugenommen, und hievon reden wir in den Spaziergangen mit des Pfarrers Familie, weil seine Frau und zwo Tochter sehr vernunftig sind und ich meine Lieblingskenntnisse gern vermehre und ausbreite. Ich bin wohl und geniesse einer sanften Zufriedenheit, die aber eher einer Beruhigung als einem Vergnugen gleichet, indem ich die eifrige Geschaftigkeit nicht in mir fuhle, welche sonst meine Empfindungen und Gedanken beherrschte. Vielleicht hat mich der Hauch der sanften Schwermut getroffen, welche die besten Seelen der britischen Welt beherrschet und die lebhaften Farben des Charakters wie mit einem feinen Duft uberzieht. Ich habe meine Laute und meine Stimme wieder hervorgesucht; beide sind mir unschatzbar, wenn ich bei meinem Singen meine Lady mir einen Kuss zuwerfen oder bei einem wohlgespielten Adagio ihre Hande falten sehe. Aber urteilen Sie uberhaupt, wie stark meine Liebe zu England sein musste, da ich, ungeachtet der grausamen Erinnerungen, die ich von einem Eingebornen habe, dennoch mit einiger Freude die Luft eines Parks atme und dieses Land fur mein vaterliches Land ansehe. Ich habe die Kleidung und den Ton der Sprache ganz und wunschte auch das Tun und das Bezeigen der Englanderinnen zu haben; aber meine Lady sagt, dass alle meine Bemuhungen den liebenswurdigen fremden Genius nicht verjagen wurden, der jede meiner Bewegungen regierte. Das Vertrauen ihrer Leute, welches ich erworben, die ausserordentliche Aufmerksamkeit auf ihre Lady und die Ergebenheit, die sie ihr beweisen, welches sie als Folgen von jenem ansieht und meinem Einfluss auf ihre Gemuter zuschreibt, dies ist von allem, was ich fur sie tue, dasjenige, wovon sie am meisten geruhrt scheint und wofur sie mir die zartliche Dankbarkeit bezeugt. Wenige Abende bin ich hier ohne Empfindung einer reinen Gluckseligkeit schlafen gegangen, wenn mich die gute alte Lady aus ihrem Bette segnete und ihre Hausbediente mit zufriedner Miene und einem liebenden Ton mir gute Ruhe wunschten; und mit einer sussen Bewegung gehe ich morgens bei Aufgang der Sonne in den Park, wo der Hirt mich wundernd ansieht und mir mit seinem Knaben guten Morgen, gute Miss, zuruft. Dieser Zuruf dunkt mich in dem Augenblick, wo ich auf der Flur die Wohltaten Gottes verbreitet sehe, ein Zeugnis zu sein, dass ich auch gerne die Pflicht des Wohltuns ube; mit tranenden Augen danke ich dann unserm Urheber, dass er mir diese Macht meines Herzens gelassen hat. Sie wissen, dass mir ein Mooswaldchen und die geringsten Arten von Blumchen vergnugte Stunden geben konnen; und sie denken also wohl, dass ich in unserm Park diese alten Freunde meiner besten Lebenszeit aufsuche und mit Ruhrung betrachte. Denn immer binden sich in mir die Ideen des Vergangenen mit der Empfindung des Gegenwartigen bei allen Anlassen zusammen. Ein freundliches Moos und Zweige, die aus der Wurzel eines gesturzten Baums aufgewachsen waren, machten mich sagen: bin ich nicht wie ein junger Baum, der in seiner vollen Blute durch Schlage eines unglucklichen Schicksals seiner Krone und seines Stammes beraubt wurde? Lange Zeit steht der Uberrest traurig und trocken da, endlich aber sprossen aus der Wurzel neue Zweige hervor, die unter dem Schutz der Natur wieder stark und hoch genug werden konnen, in einem gewissen Zeitlauf wieder wohltatige Schatten um sich zu verbreiten. Mein Ruhm, mein gluckliches Aussehen, meine Stelle in der grossen Welt hab' ich verloren; lange betaubte der Schmerz meine Seele, bis die Zeit meine Empfindlichkeit verringerte, die Wurzeln meines Lebens, welche mein Schicksal unberuhrt liess, neue Krafte sammelten und die guten Grundsatze meiner Erziehung frische, obwohl kleine Zweige von Wohltatigkeit und Nutzen fur meine Nebenmenschen emportrieben. Sie sind, wie die Wurzelzweige meines Ebenbildes bei niedrigem Moos und kleinen Grasarten aufkeimten, auch unter der geringen Klasse meiner Nebenmenschen entsprossen; aber es erfreut mich, diese Klasse in der Nahe gesehen zu haben; denn ich habe manche schone Blume darunter entdeckt, die dem erhabenen Haupte eines grossen hochgewachsenen Baums unbekannt verbluhet; und kann ich nicht zu meinem sussesten Troste sagen, dass unter dem Schatten meines Umgangs und meiner Sorgen die freigebige Aussaat der liebreichen Stifterin des Gesindhauses so viele nutzliche Kreaturen erwachsen macht? Und nun ruht das edle Herz meiner geliebten Lady Summers von grossen und kleinen Lebenssorgen ungestort unter der Vereinigten Bemuhung aller meiner Fahigkeiten und meiner Dankbegierde von den muhsamen Schritten aus, welche das sechzigste Jahr unsers Alters zwischen fliehenden Freuden und ankommenden Schwachlichkeiten zu machen hat.
Madam Leidens
an Emilien
Nicht wahr, meine Emilia, es gibt Reiche, die eine Art von Mangel fuhlen, welchen sie durch Haufung aller Arten von Ergotzlichkeiten zu heben suchen, und dennoch dem Ubel nicht abhelfen konnen, weil sie von niemand unterrichtet wurden, dass unser Geist und Herz auch ihre Bedurfnisse haben, zu deren Befriedigung alles Gold von Indien und alle schonen wollustigen Kostbarkeiten Frankreichs nichts vermogen, weil die wahren Hulfsmittel dagegen allein in der Hand eines empfindungsvollen Freundes und in einem lehrreichen und unterhaltenden Umgang zu finden sind. Wie klein ist die Anzahl glucklicher Reichen, welche diese Vorteile kennen? Wurklich bin ich im Besitze mancher angenehmen Guter des Lebens, ich fuhle den vergnugenden Reiz, welcher darin liegt, ich geniesse die Geschenke des Glucks mit aller Empfindung, welche das Schicksal fur diese Gaben fordern kann; aber es mangelt meinem Herzen der Busen einer vertrauten Freundin, in den es das Ubermass seiner Empfindungen ausgiessen konnte. Ich bin beliebt; meine hie und da mit Bescheidenheit erscheinende Grundsatze ziehen mir Verehrung zu; das Gefuhl der Schonheiten Shakespeares, Thomsons, Addisons und Popes haben meinem Geiste eine neue lebendige Nahrung in den Unterhaltungen unsers Pfarrers und eines sehr philosophisch denkenden Edelmanns in der Nachbarschaft erworben. Die alteste Tochter des Pfarrers ist sanft, gefuhlvoll und dabei mit wahrem Verstande begabt; ich liebe sie; aber mitten in einer zartlichen Umarmung empfinde ich, wie viel mein Herz noch zu wunschen hat, um den Ersatz fur meine Emilia zu erhalten. Schelten Sie mich deswegen nicht undankbar; ich weiss, dass ich Ihre Freundschaft noch besitze und die von der liebenswurdigen Emma zugleich habe; Ihnen schreibe ich von dem Teile meiner Seele, den ich hier nicht zeigen kann, und mit Emma rede ich von dem, der in dem Zirkel meines englischen Aufenthalts sichtbar wird; aber ich kann mich nicht verhindern, die Lange des Weges abzumessen, den meine armen Briefe durchlaufen mussen, bis sie zu Ihnen kommen, und zu fuhlen, dass diese Entfernung der liebsten Gewohnheit meines Herzens schmerzlich fallt. Vielleicht, meine Emilia, bin ich bestimmt, die ganze Reihe moralischer Empfindnisse durchzugehen, und werde dadurch geschickt, mit schneller Genauigkeit ihre mannigfaltige Grade und Nuancen im Bittern und Sussen zu bemerken. Ich will mich auch diesem Teile meines Geschickes gerne unterwerfen, wenn ich nur zugleich den namlichen Grad von Fuhlbarkeit fur alles Weh und Wohl meines Nachsten behalte und, so viel ich kann, seine Leiden zu vermindern suche.
Lady Summers hat zu gleicher Zeit fur ihre Ehre und fur meinen vermuteten Stolz zu sorgen geglaubt, da sie mich als eine Person von sehr edlem Herkommen dargestellt hat, welche elternlos sich mit wenigem Vermogen verheuratet und ihren Mann gleich wieder verloren hatte. Meine Hande, meine feine Wasche und Spitzen, die in Feuer so schon gemalten Bildnisse meiner Eltern und der Ton meines gesellschaftlichen Bezeugens haben mehr zu Bekraftigung dieser Idee beigetragen, als meine eigentliche Denkungsart hatte tun konnen. Aber ein schones und fur die Tugend der Lady Summers fest errichtetes Denkmal ist der Glaube an die Reinigkeit meiner Sitten, in welche, weil sie mich liebt, keine Seele den geringsten Zweifel setzt; denn, sagt der Pfarrer, die Luftsaule, in welcher die Lady atme, ware so moralisch geworden, dass der Lasterhafte sich ihr niemals nahern wurde. Denken Sie nicht mit mir, dass dieses die erhabenste Stelle des wahren Ruhms ist? O was fur ein Kenner der Menschen, des Guten und Edlen ist Ihr Mann, der mir in den ehrwurdigen Falten der Stirne meiner Lady alles dies zeigte, als er mir in ihrem Hause die Bestarkung meiner Tugend und Ubung meiner Geisteskrafte versprach! Lord Rich, der philosophische Edelmann, von dem ich im Anfange dieses Briefes schrieb, hat sein Haus nur eine Meile von hier; es ist ganz einfach, aber in dem edelsten Geschmacke gebauet. Die besten Auszierungen des Innern bestehen aus verschiedenen schonen Sammlungen von Naturalien, aus einem vollstandigen Vorrat mathematischer Instrumenten und einer grossen Buchersammlung, worunter zwanzig Folianten sind, in denen er beinahe alle merkwurdige Pflanzen des Erdbodens mit eigner Hand getrocknet hat. Sein wohlangelegter Garten, in welchem er selbst arbeitet, und sein Park, der an den unsern stosst, haben uns das erstemal angelockt hinzugehen. Aber die simple deutliche Art, womit er uns alle seine Schatze vorlegte und benennete, die grossen asiatischen Reisen, welche er gemacht, und seine weitlauftige Kenntnis schoner Wissenschaften machen seinen Umgang so reizend, dass die Lady selbst entschlossen ist, ihn ofters zu besuchen, weil es ihr, wie sie sagt, sehr erfreulich ist, nah an dem Abend ihres Lebens so ergotzende Blicke in die Schopfung zu tun. Lord Rich, der bisher ganz einsam gelebet und niemand als den Pfarrer zu sehen pflegte, ist sehr vergnugt uber unsre Bekanntschaft und kommt oft zu uns. Sein Tun und Lassen scheint mit lauter Ruhe bezeichnet zu sein, gleich als ob seine Handlungen die Natur der Pflanzenwelt angenommen hatten, die unmerksam, aber unablassig arbeitet; doch dunkt mich auch, dass sein Geist den moralischen Teil der Schopfung nun ebenso untersuchend betrachtet, wie ehemals den physikalischen. Meine Emma und meine Lady Summers gewinnen viel dabei; aber mich hat er schuchtern gemacht. Da ich letzthin seine Meinung uber meine Gedanken wissen wollte, sagte er: "Gerne mochte ich von den Wurzeln der schonen Fruchte Ihrer Empfindungen reden, aber wir erhalten sie nur von der Hand Ihrer Gefalligkeit, welche sie uns mitten aus dem dichten Nebel darbietet, der Ihr ursprungliches Land bestandig umgibt." Ich fand mich in Verlegenheit und wollte mir durch den Witz helfen lassen, der ihn fragte: ob er denn meinen Geist fur benebelt hielte? Er sah mich durchdringend und zartlich an; "gewiss nicht auf die Art, wie Sie meinen", sagte er; "beweist nicht diese Trane in Ihren Augen, dass ich recht hatte, da ich Ihren Geist fur umwolkt hielte? Denn warum kann die kleinste Bewegung Ihrer Seele diesen Nebel, wovon ich rede, in Wassertropfen verwandeln? Aber liebe Madam Leidens, ich will niemals mehr davon sprechen; aber fragen Sie auch mein Herz nicht mehr um sein Urteil von dem Ihrigen."
Sehen Sie, Emilia, wieviel mir mit Ihnen fehlt; alle Empfindungen, die sich in mir zusammendringen, wurde ich Ihnen sagen; da ware mein Herz erleichtert und schien nicht durch diesen bemerkten Nebel hindurch. Ich war froh, mich genug zu fassen, um ihm in seinem physikalischen Ton zu antworten, dass er glauben mochte, diese Wolken wurden durch meine Umstande und nicht durch die Natur meines Herzens hervorgebracht. "Ich bin es uberzeugt", sagte er, "auch sein Sie ruhig! es gehort alle meine Beobachtung dazu, dieses feine Gewolke zu sehen. Andere sind nicht so aufmerksam und erfahren, als ich es bin." Unsere Unterredung wurde durch Miss Emma unterbrochen, und Mylord Rich tragt seitdem Sorge, dass er mich nicht zu genau betrachtet.
Madam Leidens
an Emilia
Sagen Sie, meine Emilia, woher kommt es, dass man auch bei der besten Gattung Menschen eine Art von eigensinniger Verfolgung eines Vorurteils antrifft. Warum darf ein edeldenkendes, tugendhaftes Madchen nicht zuerst sagen, diesen wurdigen Mann liebe ich? Warum vergibt man ihr nicht, wenn sie ihm zu gefallen sucht und sich auf alle Weise um seine Hochachtung bemuhet?18
Den Anlass dieser Fragen gab mir Lord Rich, dessen Geist alle Fesseln des Wahns abgeworfen zu haben scheint und der allein der wahren Weisheit und Tugend zu folgen denkt. Er bezeugt eine Art Widerwillen gegen die zartliche Neigung der Miss Emma, von welcher er doch allezeit mit der grossten Achtung sprach, ihren Verstand, ihr Herz ruhmte, alle ihre Handlungen seines Beifalls wurdigte und den ihrigen liebte. Nun setzt er der sanften Glut, die seine Verdienste in ihrem Herzen angefacht haben, nichts als die kalteste Heftigkeit entgegen; und gewiss aus dem namlichen Eigensinne fangt er an, mir, die ich ausser meiner Hochachtung fur seine Kenntnisse ganz gleichgultig gesinnt bin, eine anhaltende zartliche Aufmerksamkeit, die mir Zwang antut, zu bezeugen. Ich unterdrucke zehnmal die Ausspruche einer Empfindung oder eines Gedankens, nur um seinen Beifall zu vermeiden und nicht einen Tropfen Ol wissentlich in das anglimmende Feuer zu giessen. Denn, da ich nicht geneigt bin, seine Liebe anzunehmen, warum sollte ich sie meiner weiblichen Eitelkeit zu gefallen vergrossern? Wir werden heute nach Mittag zu ihm gehen, um einem neuen Versuch von Besaung der Acker mit einer Maschine zuzuschauen. Meine liebe Lady ist gar zu gerne dabei, wenn etwas umgegraben oder gepflanzet wird; jeder Tag, sagt sie, fuhrt mich naher zu der Vereinigung mit unserer mutterlichen Erde, und ich glaube, dass dieses meine innerliche Neigung gegen sie bestarkt. Ich wurde, liebste Emilia, einen glucklichen Tag gehabt haben, wenn nicht der Zufall wider mich und den guten Lord Rich gearbeitet hatte. Der Pfarrer war da, ich kam neben ihm zu sitzen, als uns Lord Rich von dem Feldbau und der Verschiedenheit der Erde und der nachher erfoderlichen Verschiedenheit des Anbaues redte. Sein Ton war edel, einfach und deutlich; er erzahlte uns von den vielfachen Empfindungen, wozu der schlechte Ertrag der Guter die Landleute dieser und jener Nation getrieben hatte und wie weit ihre Muhe belohnt worden sei. Da er zu reden aufhorte, konnte ich mich nicht hindern, den Pfarrer zuzulispeln, dass ich wunschte, die Moralisten mochten durch ihre Kenntnis der verschiedenen Starke und Gattung angeborner Neigungen und Leidenschaften auch auf Vorschriften der mannigfaltigen Mittel geraten, wie alle auf ihre Art nutzlich und gut gemacht werden konnten.
"Es ist schon lang geschehen", sagte er, "aber es gibt zu viel unverbesserlichen moralischen Boden, wo der beste Bau und Samen verloren ist."
"Es ist mir leid", erwiderte ich, "dass ich denken muss, es gebe in der moralischen Welt auch sandige Striche, in denen nichts wachst Heiden, die kaum kleines trocknes Gestrauche hervorbringen, und morastige Gegenden, welche die allgemeine moralische Verbesserung ebenso weit hinaussetzen, wie in der physikalischen viele Menschenalter vorbeigehen, ehe Not und Umstande sich vereinigen, den Sand mit Baumen und Hecken durchzuziehen, um dadurch wenigstens zu verhindern, dass ihn der Wind nicht auf gutes Land treibe und auch dieses verderbe. Lange braucht's, bis man Heiden anbaut, Morasten ihr Wasser abzapft und sie nutzlich macht; dennoch beweisen alle Ihre Versuche, dass die Tugend der Nutzbarkeit in der ganzen Erde liege, wenn man nur die Hindernisse ihrer Wirkung wegnimmt. Der Grundstoff der moralischen Welt halt gewiss auch durchgehends die Fahigkeiten der Tugend in sich; aber sein Anbau wird oft vernachlassiget, oft verkehrt angefangen und dadurch Blute und Fruchte verhindert. Die Geschichte beweist es, wie mich dunkt. Barbarische Volker werden edel, tugendhaft; andere, die es waren, durch Nachlassigkeit wieder verwildert: wie ein Acker, der einst Weizen trug und eine ganze Familie ernahrte, durch Unterlassung des Anbaues Dornbusche und schadliches Gehecke zu tragen anfangt." Mit ruhiger Geduld horte der Pfarrer mir zu; aber Lord Rich, der sich hinter uns gesetzt hatte, stund auf einmal lebhaft auf, und indem er mich uber meinen Stuhl bei den Armen fasste, sagte er geruhrt: "O Madam Leidens, was haben Sie mit dem Ton Ihres Herzens in der grossen Welt gemacht? Sie konnen nicht glucklich darin gewesen sein!" "Dannoch, Mylord", antwortete ich, "man lernt da die wahre Verschiedenheit zwischen Geist und Herz kennen und sieht, dass der erste als ein schoner Garten angelegt werden kann." Mit Enthusiasmus sagte er: "Edelangebaute Seele, in einer gesegneten Gegend bist du erwachsen und die schone Menschlichkeit pflegte dich!"
Aus Bewegung meines Herzens kusste ich die Bildnisse meiner Eltern, die ich immer an meinen Handen trage; Tranen fielen auf sie; ich ging ans Fenster; Lord Rich folgte mir; eine anteilnehmende Traurigkeit war in seinen Zugen, als ich nach einigen Minuten ihn ansah und er seine Blicke auf die Bilder heftete. "Dies sind die Bildnisse Ihrer Eltern, Madam Leidens, leben sie noch?" sagte er sanft. "O, nein, Mylord, sonst ware ich nicht hier, und meine Augen wurden nur Freudentranen zu vergiessen haben." "Also hat Sie ein Sturm nach England gefuhrt?" "Nein, Mylord, denn Freundschaft und freie Wahl ist kein Sturm", versetzte ich, indem ich mich zu lacheln bemuhte. Lebhaft sagte Lord Rich, "Dank sei Ihrer halben Aufrichtigkeit, dass Sie mich Ihrer Freiheit zu wahlen versichert. Die edelste Neigung, welche jemals ein Mann ernahrte, wird auf diesen Grund ihre Hoffnung bauen." "Das kann nicht sein, Mylord, denn ich sage Ihnen, dass die Eigentumerin dieses Grunds auf ewig mit der Hoffnung entzweiet ist." Lady Summers war bei uns, als ich dieses sagte, und streckte bei den letzten Worten ihre Hand aus, mir den Mund zuzuhalten; "das sollen Sie nicht sagen", sprach sie; "wollen Sie eigenmachtig die kunftigen Tage zu den vergangenen werfen? Die Vorsicht wird Ihrer nicht vergessen, meine Liebe, machen Sie nur keine eigensinnigen Foderungen an sie." Dieser Vorwurf machte mich aus Empfindlichkeit erroten, ich kusste die Hand der Lady, mit welcher sie meinen Mund hatte zuhalten wollen, und fragte sie zartlich; "teure Lady, wenn Sie mich eigensinnig in meinen Foderungen gefunden?" "In Ihrer bestandigen Traurigkeit uber das Vergangene, wo Sie Zuruckfoderungen aus dem Reiche der Toten machen", war ihre Antwort. "O meine geliebte wurdige Lady Summers, warum, ach warum " Diese Ausrufung entfloh mir, weil ich, geruhrt uber ihre Gute, innig bedauerte, dass wir sie durch eine falsche Erzahlung betrugen mussten; aber sie nahm es anders und fiel mir ein: "Meine Tochter, sagen Sie mir kein Ach warum mehr; leiten Sie das Gefuhl Ihres Herzens auf die Gegenstande der Zufriedenheit, die sich Ihnen anbieten, und zahlen Sie auf meine mutterliche Zartlichkeit, solange Sie sie geniessen mogen." Ich druckte ihre Hand an meine Brust und sah sie voll Ruhrung an mit dem vollkommensten Gefuhle kindlicher Liebe; ihr Herz empfand es und belohnte mich durch eine mutterliche Umarmung. Lord Rich hatte uns mit Bewegung betrachtet, und ich sah den namlichen Augenblick die schonen Augen der Emma voll schmelzender Liebe auf ihn geheftet. Ich sagte ihm auf italienisch, dort waren unvermischte Empfindungen, die allein fahig sein, die Tage eines edeldenkenden Mannes mit der feinsten Gluckseligkeit zu erfullen. Er antwortete in namlicher Sprache: "Nicht so, Madam Leidens, denn diese Art Empfindlichkeit ist nicht diejenige, welche eine einsam wohnende Person beglucken kann." Was wollte er damit sagen? Ich schuttelte den Kopf, halb missvergnugt, und sagte nur: "O Mylord, von was fur einer Farbe sind Ihre Empfindungen?" "Von der allerdauerhaftesten, denn sie sind aus ubender Tugend entstanden." Ich gab keine Antwort, sondern wandte mich, nach einer Verbeugung gegen ihn, zur Emma, die an meinem Arm, aber ganz in ein trauriges Stillschweigen gehullt, nach Summerhall zuruckging; und nun hore ich, dass sie wegreisen wird.
Madam Leidens
an Emilia
Uberfluss ist, wenn Sie ihm die Gewalt der Wohltatigkeit nehmen, kein Gluck, meine liebe Emilia; er zerstort den echten Gebrauch der Guter, er zerbricht in der Seele des Leichtsinnigen die Schranken unserer Begierden, schwacht das Vergnugen des Genusses und setzt, wie ich erfahre, ein grausames Herz und seine massigen Wunsche in eine Art unangenehmer Verlegenheit. Sie wissen vermutlich nicht, meine Freundin, wo Sie die Ursache dieses Ausfalls auf einen Zustand, der von meinem dermaligen so weit entfernt ist, suchen sollen. Aber Sie wissen doch, dass mich alle Gegenstande auf eine besondere Art ruhren, und werden sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, dass die Gesinnungen des Lord Rich der eigentliche Anlass zu meiner unmutigen Betrachtung des Uberflusses waren. Er verfolgte mich mit Liebe, mit Bewunderung, mit Vorschlagen und (was mir Kummer macht) mit der Uberzeugung, dass ich ihn glucklich machen wurde. O, hatte ich denken konnen, dass die Sympathie unsers Geschmacks an den Vergnugungen und Beschaftigungen des Geistes in ihm die Idee hervorbringen wurde, dass ich auch eine sympathetische Liebe empfinden musste, so sollte er nicht die Halfte der Gewalt gesehen haben, womit die Reize der Schopfung auf meine Seele wurken, und niemals hatte ich mich in Gesprache mit ihm eingelassen. Aber ich war um so ruhiger, da ich wusste, dass er ein niedliches Bild griechischer Schonheiten von der Insel Scio mit sich gebracht und in seinem Hause hatte. Ich hielt lange Zeit sein Ansuchen meiner Gesellschaft und das Ausfragen meiner Gedanken fur nichts anders als fur die Lust der Befriedigung meiner Lieblingsideen, weil ich, ohne die geringste Zerstreuung, mit ununterbrochener Aufmerksamkeit bald die Historie eines Landes, bald einer Pflanze, bald eines griechischen Ruins, bald eines Metalls, bald eines Steins anhorte, nicht mude wurde und ihm also die Freude gab, seine Kenntnisse zu zeigen und zu sehen, dass ich die edle Verwendung seines Reichtums und Lebens zu schatzen und zu loben wusste. Sein Umgang war mir durch seine Wissenschaft und Erzahlungen unendlich wert; sein Entschluss, nach zehnjahrigen Reisen durch die allerentferntesten Gegenden des Weltkreises seine ubrigen Tage in Anbauung eines Teils seiner mutterlichen Erde zuzubringen, machte mir ihn vorzuglich angenehm; dieses erfreute mich; aber seine Liebe ist der Uberfluss davon, der mich belastigt und in Verlegenheit setzt. Er hat sich bei der Lady um mich erkundiget; ihre Antwort hat seinen Eifer nicht vermehrt, aber anhaltender gemacht; und ein einziges Wort von mir gegen die Lady brachte ihn zu dem Entschluss, seine Griechin zu verheuraten und mit ihrem Manne nach London zu schicken. Sie konnen nicht glauben, wie schwer meinem Herzen dieses vermeinte Opfer wiegt, da er, wegen leerer Hoffnungen des kunftigen Vergnugens meiner Gesellschaft, die Ermunterung von ihm entfernt, welche der Besitz des reizenden Madchens ihm gegeben hatte. Sein Sekretar liebte sie, sagt er, schon lang, und das Madchen ihn auch; beide hatten ihn auf den Knien fur ihre Vereinigung gedankt. Er fuhlt aber das Leere, so ihre Abreise in seinem Herzen gelassen hat, denn er ist seitdem mit aufgehender Sonne in unserm Park und beraubt mich der Morgenluft, weil ich ihn vermeiden will, da er eine Anfoderung von Ersatz an mich zu machen scheint. Niemals, nein, niemals mehr werde ich den Witz um Hulfe bitten, mich aus einer Verwirrung zu reissen. Die Lady Summers hatte mit mir uber die angehende Liebe des Lords gescherzt; ich widersprach ihr lange in gleichem Ton und behauptete, es ware nichts als Selbstliebe, weil ich ihm so gerne zuhorte. Sie bestrafte mich ganz ernsthaft uber diese Anklage: "Lord Rich verehret Ihre edle Wissbegierde, er sucht sie durch Mitteilung seiner Kenntnisse zu befriedigen, und seine Belohnung soll in dieser beissenden Beschuldigung bestehen ?" Ich war geruhrt, weil ich nicht einmal das Ansehen einer Ungerechtigkeit dulden kann und nun selbst eine ausubte; aber meine Lady fuhr ganz gutig fort, mir viele Beweise seiner zartlichen Hochachtung zu wiederholen, die ich als wahre Kennzeichen der edelsten Neigung ansehen musste. Ich gestund auch, dass sie eine Ruckgabe verdienten; aber da sie bei allem, was ich von meinen freundschaftlichen Gegengesinnungen sagte, immer den Kopf schuttelte und mehr fur den Lord foderte: so versicherte ich sie, dass es unmoglich sei, dass Lord Rich mehr von mir wunschen konnte, da er bei seiner schonen Griechin alles fande, was die Liebe beitragen konne, ihn glucklich zu machen. Sie schwieg freundlich und liess mich nicht merken, sie dachte das einzige Hindernis meiner Verbindung mit Lord Rich entdeckt zu haben. Dieser war auch einige Tage still von seiner Liebe und sehr munter, besonders an dem, wo er mit dem ruhigsten und ungezwungensten Ton von der Heurat und Abreise seiner Assy redte. Ich war betroffen und furchtete mich vor dem Erbteil seines ganzen Herzens, welches ihm ihre Heurat ruckfallig machte; er sagt mir nichts, die Lady aber desto mehr. "Warum, liebste Lady, wollen Sie Ihre angenommene Tochter von sich entfernen? Bin ich Ihnen unangenehm geworden?" sagte ich. Sie reichte mir die Hand; "nein, mein Kind, Sie sind mir unendlich wert, und ich werde die zartliche Besorgerin meines Alters gewiss vermissen; aber ich habe fur den Herbst meines Lebens Fruchte genug gesammlet, ohne notig zu haben, Ihren Fruhling seiner schonsten Blute zu berauben. Sie sind jung, reizend und fremde, was wollen Sie nach meinem Tode machen?" "Wenn ich dieses Ungluck erlebe, so gehe ich zu meiner Emilia zuruck."
"Liebe Leidens, bedenken Sie sich! ein Frauenzimmer von Ihrer Geburt und Liebenswurdigkeit muss entweder bei nahen Verwandten oder unter dem Schutz eines wurdigen Mannes sein. Lord Rich hat Ihre ganze Hochachtung; der edle Mann verdient sie auch; Sie wissen, dass Sie ihn glucklich machen konnen; seine Freundschaft, sein Umgang ist Ihnen angenehm; Ihr Wille, Ihre Person ist frei; die edelsten Beweggrunde leiten Sie zu dieser Verbindung; machen Sie Ihrer gefundenen Mutter die Freude, in Ihnen und dem Lord Rich die echten Bildnisse mannlicher und weiblicher Tugend vereint zu sehen."
So nahe drang die teure Lady in mich. Ich legte meinen Kopf auf ihre Hand, die ich kusste und mit den zartlichsten Tranen benetzte; es war in meiner Seele, als ob ich den Widerhall der Stimme meiner geliebten zartlichen Mutter gehort hatte. Ach, diese Tugenden waren das Band ihrer Ehe! Wie ungleich hatte ich gewahlt! Die Verdienste des Lord Rich konnten Sie an die Seite der vortrefflichen Eigenschaften meines Vaters setzen; mein Gluck ware wie das ihrige gewesen; aber meine Verwicklung, meine unselige Verwicklung! O, Emilia, schreiben Sie mir bald, recht bald Ihre Gedanken. Aber ich kann nicht mehr lieben; ich kann mich nicht mehr verschenken; ja die zartliche Achtung selbst, welche ich fur den Lord Rich habe, emport sich wider diesen Gedanken. Mein Schicksal hat mich durch die Hand der Bosheit in den Staub geworfen; die Menschenfreundlichkeit nahm mich auf; an diese allein habe ich Anspruche; meine Leichtglaubigkeit hat mich aller ubrigen beraubet, und ich will kein fremdes, kein unverdientes Gut an mich ziehen.
Madam Leidens
an Emilia
O meine Freundin! ein neues unerwartetes Ubel drangt sich mir zu. Ich zweifle, ob alle meine Standhaftigkeit hinreichen wird, es zu ertragen, da ich ohnehin gezwungen bin, zu meiner gehassigsten Feindin, der Verstellung, meine Zuflucht zu nehmen. Aber weil in meinen itzigen Umstanden mehr Aufrichtigkeit mir nichts nutzen und andern schaden wurde, so will ich den fressenden Kummer in meine Brust verschliessen und selbst fur das Vergnugen des Urhebers meiner Leiden, die Uberreste einer ehemals lachelnden Einbildungskraft verwenden. Horen Sie, meine Emilia, horen Sie, was fur eine Ruckkehr das Ungluck macht, das Ihre Jugendfreundin verfolgt. Vor einigen Tagen musste ich die ganze Geschichte von Lord Richs Herzen anhoren; ihr letzter Teil enthielt die Abschilderung seiner Liebe fur mich. "Es ist", spricht er, "die Leidenschaft eines funfundvierzigjahrigen Mannes, die durch die Vernunft in sein Herz gebracht wurde, alle Krafte meiner Erfahrung, meiner Kenntnis der Menschen bestarken sie." "Teurer Lord Rich, Sie betrugen sich; niemals hat die Vernunft fur die Liebe gegen die Freundschaft gesprochen; Sie besitzen den hochsten Grad dieser edlen Neigung in meinem Herzen; lassen Sie " "Nichts mehr, Madam Leidens, ehe Sie mich angehort haben. Meine Vernunft machte mich zu Ihrem Freund und wies Ihnen in meiner Hochachtung einen Platz an, den ich auch dem Verdienste eines Mannes wurde gegeben haben." Hier rechnete er mir Tugenden und Kenntnisse zu, wovon ich sagen musste dass ich sie fur nichts anders als schone Gemalde liebenswurdiger Fremdlinge betrachten konnte. "Und ich (fuhr er fort) muss Ihnen in erhohetem Masse das feine Lob zuruckgeben, welches die Bescheidenheit meiner schonen Landsmanninnen von einem Fremden erhielt, da Ihnen die Vorzuge Ihres Geistes ebenso unbekannt sind als jenen die Reize ihrer Gestalt." Hierauf beschrieb er meine mir eigenen Weiblichkeiten, wie er sie nannte, als Fruchte eines feurigen Genie und einer sanften empfindsamen Grazie, und machte aus diesem allen den Schluss, dass der Ton meines Kopfs und Herzens just derjenige ware, welcher mit dem seinigen so genau zusammenstimmte, als notig sei, die vollkommenste Harmonie einer moralischen Vereinigung zu machen. Das Bild seiner Gluckseligkeit folgte mit so ruhrenden Zugen, dass ich uberzeugt wurde, er kenne alle Triebfedern meiner Seele und wisse, wohin mich der Gedanke vom Wohltun fuhren konne. Mit aller Feinheit der Empfindung zeichnete er einen fluchtigen Entwurf davon. O meine Emilia, es war der Abdruck meiner ehemaligen Wunsche und Hoffnungen im ehelichen Leben. Ausserst geruhrt und besturzt, konnte ich meine Tranen nicht zuruckhalten. Er stund von der Rasenbank auf und ergriff meine beiden Hande; eine vieldenkende mannliche Zartlichkeit war in seinem Gesichte, als er mich betrachtete und meine Hande an seine Brust druckte. "O Madam Leidens", sagte er, "was fur ein Ausdruck von tiefem Kummer ist in Ihren Gesichtszugen! Entweder hat der Tod Ihrem Herzen alle Freuden des Lebens und der Jugend entrissen, oder es liegt in Ihren Umstanden irgendeine Quelle von bitterm Jammer verborgen. Sagen Sie, teure geliebte Freundin, wollen Sie nicht, konnen Sie nicht dieser Quelle einen Ausfluss in den Busen Ihres treuen, Ihres Sie anbetenden Freundes verschaffen?" Mein Kopf sank auf seine Hande, die noch immer die meinigen hielten. Mein Herz war beklemmter als jemals in meinem Leben. Das Bild meines Unglucks, die Verdienste dieses edelmutigliebenden Mannes, die schwere Kette meiner wiewohl falschen Verbindung, mein auf ewig verlornes Vergnugen bedrangten auf einmal meine Seele. Reden konnte ich nicht; schluchzen und seufzen musste ich. Er schwieg tiefsinnig, und mit einer zitternden Bewegung seiner Hande sagte er in dem traurigsten, aber sanftesten Ton, indem er seinen Kopf sachte gegen den meinigen neigte: "O dieser Sie qualende Kummer gibt mir ein trauriges Licht Ihr Gemahl ist nicht tot Eine Seele wie die Ihrige wurde durch einen Zufall, den die Gesetze der Natur herbeibringen, nicht zerrissen, sondern nur niedergeschlagen. Aber der Mann ist Ihrer unwurdig, und das Andenken dieser Fesseln verwundet Ihre Seele. Hab' ich recht, o, sagen Sie, ob ich nicht recht habe?" Seine Rede machte mich schauern; ich konnte noch weniger die Sprache wiederfinden als vorher. Er war so gutig mir zu sagen:
"Heute nichts mehr! beruhigen Sie sich; lassen Sie mich nur Ihr Vertrauen erwerben." Ich erhob meine Augen und druckte aus einer unwillkurlichen Bewegung seine Hande. "O Lord Rich " war alles, was ich aussprechen konnte. "Bestes weibliches Herz! was fur ein Unmensch konnte dich misskennen und elend machen?" "Lieber Lord, Sie sollen alles, alles wissen, Sie verdienen mein Vertrauen." Dies sagte ich, als ein Bedienter der Lady Summers kam, mich zu rufen, weil wichtige Briefe von London angekommen waren. Ich suchte mich soviel als moglich zu fassen und eilte zur Lady, die mir gleich die angesehene Heurat ihrer einzigen Nichte mit Mylord N** anzeigte und sich auf den Besuch freute, den ihr Bruder und die Neuvermahlten in vierzehn Tagen bei ihr ablegen wurden. "Wir mussen auf ein artiges Landfest sinnen", sagte sie, "um den jungen Leuten Freude bei ihrer alten Tante zu machen." Hierauf gab sie mir im Aufstehen einen Brief zu lesen, den das junge Paar ihr zusammen geschrieben hatte, und entfernte sich, um den Bedienten wieder abzufertigen. Was fur ein Grauen uberfiel mich, meine Emilia, als ich die Hand des Lord Derby erblickte, der nun wirklicher Gemahl der jungen Lady Alton war! Mit bebenden Fussen eilte ich in mein Zimmer, um meine Betaubung vor der Lady Summers zu verbergen. Weinen konnte ich nicht, aber ich war dem Ersticken nahe. Wie fuhlte ich meine Unvorsichtigkeit, nach England gegangen zu sein! Meinen Schutzort musste ich verlieren; unmoglich war's, in Summerhall zu bleiben. Ach, ich gonnte dem Bosewicht sein Gluck; aber warum musste ich abermals das Opfer davon werden? Ich ging ans Fenster, um Atem zu schopfen, und erhob meine Augen gen Himmel. O Gott, mein Gott, der du alles zulasst, erhalte mich in diesem Bedrangnis! Was soll ich tun? O meine Emilia, beten Sie fur mich! Ein Wunder, ja ein Wunder ist's, dass ich mich sammlen konnte. Ich beschloss, mich zu verstellen, der Lady alle Anstalten des Empfangs machen zu helfen und dann eine Krankheit und Ermattung vorzuschutzen, solang die Gaste da sein wurden, und in meinem Zimmer bei zugezogenen Vorhangen zu liegen, als ob der Tag meinem Kopf und meinen Augen schmerzte. Ich fand in dieser aussersten Not kein anders Mittel; ich unterdruckte also meinen Jammer und ging zur Lady, die ich noch aus dem Fenster dem zuruckkehrenden Abgeschickten freundlich zurufen horte. Die Lady erzahlte mir die Grosse des Reichtums und Ansehen des Hauses von Lord N**, der durch den Tod seines Bruders einziger Erbe war. Nun, sagte sie, wurde ihr Bruder vergnugt sein, der sonst keinen Fehler als den Ehrgeiz hatte; seine Freude machte die ihrige. Dankbarkeit und Freundschaft, ihr unterstutzet mich Denn wo hatte sonst meine Vernunft, meine vollig zerstorte Seele, die Kraft gehabt, mich aufrecht zu erhalten, mich lacheln zu lassen? Der Anteil, den ich an der Freude meiner Wohltaterin nahm, starkte mich. Alles Ubel war geschehen; wenn ich geredet hatte, wurde nur das Gute, nicht das Bose unterbrochen worden sein. Die erste Stunde war voll der grossten Qual, die mein Herz jemals betroffen hatte; aber grausam wurde ich gewesen sein, wenn ich das Herz der lieben Lady durch meine Entdeckungen geangstiget hatte. Sie liebt mich, sie ist gerecht und tugendhaft; der heftigste Abscheu wurde sie gegen den bosen Menschen erfullen, der nun ihr Neffe, der geliebte Gemahl ihrer Nichte ist. Vielleicht ist er auf dem Wege der Besserung und gewiss ware er selbst in der aussersten Sorge, wenn er wusste, dass ich hier bin. Er kannte mich niemals; niemals dachte er, dass das Schicksal mir einst die Gewalt geben wurde, ihm so sehr zu schaden. Aber ich will sie nicht gebrauchen, diese Gewalt; ungestort soll er das Gluck geniessen, welches ihm das Verhangnis gibt, und meinem Herzen soll es nicht umsonst die Probe angeboten haben, in welcher die Tugend ihre wahren Ergebenen erkennt, den Feinden wohlzutun. Lass mich, o Vorsicht, lass mich dieses Geprage der wahren Grosse der Seele erhalten! Viele, aber milde Tranen uberstromten nach diesem Gebet meine Lagerstatte. Die Wohltatigkeit, die ich meinen grossten Feind gelobte, wurde durch die seligste Empfindung belohnt; mein Herz fuhlte den Wert der Tugend, es fuhlte, dass es durch sie edel und erhaben war. Nun falteten sich meine Hande mit der reinen Bewegung des Danks, da sie wenige Stunden vorher der Schmerz der Verzweiflung ineinander gewunden hatte. Sanft schlief ich ein, ruhig wachte ich auf, ruhig hab ich schon einen Plan des Landfestes aufgesetzt, das die Lady geben will. Aber bemerken Sie, meine Emilia, wie leicht sich Boses mit Gutem mischt. Einige Minuten lang war der Gedanke in mir, das Fest in kleinem so zu veranstalten wie das vom Grafen F. auf seinem Landgut war, um den Lord in ein kleines Staunen zu setzen. Aber auch dieses verwarf ich als eine maskierte Rache, die sich in meine Einbildung schleichen wollte, da sie aus meinem Herzen verbannet war. Ich glaube, Emilia, Rich sieht beinahe, was ich denke. Er kam erst den vierten Tag nach meiner Unterredung mit ihm zu uns. Die Lady erzahlte ihm bei dem Mittagessen die Ursache, warum wir alle so beschaftiget sein, und fuhrte ihn nachmittags in die schon bereiteten Zimmer. Ich musste sie begleiten, und auch die Veranstaltungen fur das Pachterfest vorlesen. Lord Rich schien sehr aufmerksam, lobte alles, aber sehr kurz, und begleitete alle meine Bewegungen mit Blikken, welche Neugierde und Unruhe in sich zeigten. Lady Summers verliess uns einige Minuten, und er kam an den Tisch, wo ich italienische Blumen aussuchte und zusammenband. Mit einer sorgsamen, zartlichen Miene nahm er eine meiner Hande: "Sie sind nicht wohl, meine Freundin, Ihre Hande arbeiten zitternd; eine gewisse Hastigkeit ist in Ihren Bewegungen, welche durch die angenommene Munterkeit wider Ihren Willen hervorbricht; Ihr Lacheln kommt nicht aus dem Herzen; was bedeutet dieses?" "Lord Rich, Sie machen mir bange mit Ihrer Scharfsicht", antwortete ich. "Ich sehe also doch gut?" "Fragen Sie mich nicht weiter, Mylord; meine Seele hat den aussersten Kampf erlitten, aber ich will itzt dem Vergnugen der Lady Summers alles, was mich angeht, aufopfern." "Ich besorge nur, Sie opfern sich selbst dabei auf", sagte der Lord. "Furchten Sie nichts", antwortete ich, "das Schicksal hat mich zum Leiden bestimmt; es wird mich dazu erhalten." Ich sagte dies, wie mich dunkte, ruhig und lachelnd; aber Lord Rich sah mich mit Besturzung an "Wissen Sie, Madam Leidens, dass dies, was Sie sagen, den grossten Grad von Verzweiflung anzeigt und mich in die todlichste Unruhe wirft? Reden Sie reden Sie mit der Lady Summers; Sie werden ein mutterliches Herz in ihr finden." "Ich weiss es, bester Lord! aber es kann itzt nicht sein, bleiben Sie unbesorgt uber mich; mein Zittern ist nichts anders als die letzte Bewegung eines Sturms, dem bald eine ruhige Stille folgen wird." "O Gott", rief er aus, "wie lange werden Sie die Marter dauern lassen, die mir der Gedanke von Ihrem Kummer macht?" Die Lady kam zuruck und zog mich aus der Sorge, weichherzig zu werden. Lord Rich ging mit einem Ansehen von trotzigem Missvergnugen hinweg. Wir bemerkten es beide. Lady Summers sagte mir lachelnd: "Konnen Sie gutherzig sein und gute Leute plagen? O wenn ich denken konnte, dass eine dieser Blumen Sie als die Braut von Lord Rich zum Altare schmucken wurde! Mein Bruder soll die Vaterstelle vertreten, so wie ich die Mutter sein werde." "Liebste Lady", antwortete ich in der aussersten Bewegung, "meine Widersetzung wird mir immer schmerzhafter; aber noch immer ist es mir unmoglich, eine Entschliessung zu fassen. Dulden Sie mich, so wie ich bin, noch einige Zeit." Ein Strom von Tranen, den ich nicht zuruckhalten konnte, machte die Lady gleichfalls weinen; aber sie versprach mir, nicht weiter in mich zu setzen.
Auszug aus einem Briefe von
Lord N. an Lord B.
Du weisst, dass ich mit der reichen zierlichen Alton vermahlt bin, und dass sie stolz darauf ist, mich in Hymens Fesseln gebracht zu haben. Einfaltig brustet sie sich, wenn ich, um das Mass ihrer albernen Denkensart zu ergrunden, mit einer Miene voller Gefalligkeit nach ihren neuen Wunschen frage. Ich wollte damit eine Zeitlang meinen Scherz haben, um mein Register uber weibliche Narrheiten vollzumachen, und ich habe mir einen sehr wesentlichen Dienst dadurch getan. Denn nachdem das elende Geprange vorbei war, womit Neuvermahlte einander im Triumphe herumzufuhren scheinen, fragte ich meine Lady, ob sie nicht irgendeine Landreise machen wollte, und sie schlug mir einen Besuch bei ihrer Tante Summers vor, die eine langweilige Frau, aber reich und angenehm zu erben sei. Wir schrieben ihr, und ich schickte den John mit unserm Briefe unsern Besuch zu melden. Die Matrone nahm ihn sehr freundlich auf; wahrend sie mit der Antwort beschaftigt war, ging John mit ihrem Hausmeister in einem Zimmer auf und ab; die Lady hatte gleich um eine Madam Leidens geschickt. Eine Viertelstunde darauf tritt mit eilfertigem Schritte eine feine englisch gekleidete Weibsperson in den Vorsaal und geht mit beinahe geschlossenen Augen ins Zimmer der Lady. John, wie vom Blitz geruhrt, erkennt die Sternheim in ihr, erholt sich aber gleich und fragt, wer diese Lady sei? Der Hausmeister erzahlt, dass sie mit der Lady aus Deutschland gekommen ware und dass die Lady sie ausserordentlich liebte; sie sei ein Engel von Gute und Klugheit, und Lord Rich, dessen Guter an der Lady ihre grenzten, wurde sie heuraten. Mein armer Teufel John zitterte vor Angsten, zu der Lady gerufen zu werden, und betrieb seine Abfertigung. Die Alte kam, aber allein; John liess sich so schnell als moglich abfertigen und jagte zuruck. Urteile selbst, wie ich von dieser Nachricht uberrascht wurde! Uber keinen meiner kleinen Streiche bin ich jemals so verlegen gewesen als diesen Augenblick uber den, welchen ich dieser Schwarmerin gespielet hatte. Wo mag sie die Verwegenheit genommen haben, sich in England zu zeigen? Aber geht's nicht allezeit so? Die furchtsamste Kreatur wird in den Armen eines Mannes herzhaft gemacht. Ich hatte ihr also etwas von meiner Unverschamtheit mitgeteilt, welches sie mir in dem Hause der Lady Summers wieder zuruckgeben konnte. Diesem wollte ich mich nicht aussetzen, indem meine Absichten unumganglich die Beobachtung des Wohlstandes erfoderten. Ich wusste mir Dank, den John bei mir behalten zu haben; denn der listige Hund fand eher einen Ausweg als ich. Er schlug mir vor, sie entfuhren zu lassen; dies musste aber bald geschehen, und der Ort ihres Aufenthalts musste sehr entfernt sein. Ich bestimmte ihr den namlichen Platz in den schottischen Geburgen auf Hoptons Gutern, wo ich vor einigen Jahren die Nancy aufgehoben habe; und da diese von ihrem Vater, der ein Advokat war, nicht gefunden werden konnte, wer sollte eine Auslanderin da suchen? Ich gestehe dir, es ist ein verfluchtes Schicksal fur eines der artigsten Madchen, dass sie so viele hundert Meilen von ihrem Geburtsort bei einem armen Bleiminenknecht in Schottland Haberbrot fressen muss. Aber was zum T- hatte sie mir auf meinem Weg nach England zu begegnen? Es ist billig, dass sie diese Frechheit bezahle. Sie ist bereits sicher an Ort und Stelle angekommen, und ich habe Befehl gegeben, dass man gut mit ihr umgehen soll. John machte die Anstalten, und weil er vom Hausmeister der Lady Summers wusste, dass Lord Rich und die Tochter und Frau des Pfarrers ofters mit meiner Heldin im Park Unterredungen hatten, so liess er sie im Namen der Miss Emma auf einen Augenblick in den Park rufen. Sie kam, er packte sie auf und brachte sie, wie er sagt, mit Muhe lebendig nach Schottland. Den ganzen Weg uber hat sie nichts als ein paar Glaser Wasser zu sich genommen und, eine Ausrufung uber mich unter dem Namen Derby ausgenommen, wie ein totes Bild in der Chaise gesessen. Wenn du toller Narr hier gewesen warst, so hatte ich sie dir in Verwahrung gegeben; und gewiss, wenn der heulende Genius, der dich ehemals regierte, um sie geschwebt ware, hattest du sie zahm machen konnen und noch eine bessere Beute an ihr gemacht, als alles dein Gold in den Galanteriebuden zu Paris nicht erkaufen kann. Denn sie ist eine der schonsten Blumen von allen, die an dem feurigen Busen deines Freundes verwelkt sind. Sobald ich Nachricht von ihrer zweitagigen Abreise hatte, ging ich mit meiner Lady und ihrem Vater nach Summerhall, wo die Matrone im Bette lag und um ihre Pflegetochter wehklagte. Alle Leute im Hause und im Orte, die Familie des Pfarrers, besonders Lord Rich, ein alter Knabe, der den Philosophen spielt, bejammerten den Verlust von Madam Leidens. Lady Summers flehte mich um Hulfe an; ich gab mir auch das Ansehen aller Bewegungen, sie suchen zu helfen, und erfuhr bei dieser Gelegenheit, wie sie nach England gekommen war. Jedermann ruhmte ihre Reize, ihre Talente und ihr gutes Herz; die Narren machten mich toll und mude damit; besonders Rich, der Weise, der mich zum Vertrauten seiner Leidenschaft machte und so weise ist, sich einzubilden, dass sie sich vor ihm gefluchtet habe, weil er sie so weit gebracht hatte, ihm die Erzahlung ihrer Geschichte zu versprechen, die gewiss besonders sein musse, indem das junge Frauenzimmer alle Merkmale der edelsten Erziehung, der vollkommensten Tugend und der feinsten weiblichen Zartlichkeit in ihrem Betragen hatte. Er vermutete, ein Bosewicht habe ihre Gutherzigkeit betrogen und dadurch den Grund des Kummers gelegt, mit welchem er sie immer kampfen sehen. War es nicht eine verdammte Sache, alles dieses anzuhoren und fremde zu scheinen? Er wies mir ihr Bildnis, wohl getroffen, vor einem Tische, wo ein Gestelle mit Schmetterlingen war, von denen sie, ich weiss nicht welchen, Gebrauch zu einem Fest machen wollte, so mir zu Ehren angestellt werden sollte und wovon sie die Erfinderin war. Der Einfall war nicht gut gewahlt; sie verstund sich wenig auf die Schmetterlingsjagd, sonst hatte sie meine Fittiche nicht freigelassen. Aber ihr Bild machte mehr Eindruck auf mich als alle Zuge von ihrem Charakter. Es ist, bei meinem Leben! schade um sie; und ich mochte wissen, was sie bei der Vorsicht, die sie doch so stark verehrt, verschuldet haben mag, dass sie in der schonsten Blute ihres Lebens aus ihrem Vaterlande gerissen, zugrunde gerichtet und in den elendsten Winkel der Erde geworfen werden musste. Und was wollte das Verhangnis mit mir, dass ich der Henkerbube sein musste, der diese Verurteilung vollzog? O ich schwor' es, wenn ich jemals eine Tochter erziehe, so soll sie alle Stricke kennenlernen, womit die Bosheit unsers Geschlechts die Unschuld des ihrigen umringt! Aber was hilft dies die arme Sternheim? Komm zuruck, wir wollen im Fruhjahre sie einmal besuchen; diesen Winter muss sie ausharren, ob sie mich schon jammert.
Einschaltung der Abschreiberin
Hier, meine Freundin, mussen Sie noch etwas von meiner Feder lesen, um eine Lucke auszufullen, welche sich in den Papieren, wovon ich Ihnen die Auszuge mitteile, Endet. Meine liebe Dame wurde nach dem Anschlage des gottlosen Lords in den Garten zu den Tochtern des Pfarrers gerufen, just, da sie eben ihren letzten Brief an meine Emilia endigte; sie steckte die ganze Rolle des Papiers zu sich, um zu verhindern, dass man nichts zum Nachteil des Lords finden mochte, ging gegen den Park zu, und da sie sich zwanzig Schritte weit an der Seite des Gartens gegen das Dorf umgesehen hatte und niemand erblickte, ging sie zuruck. Aber plotzlich zeigte sich im Park eine Weibsperson, die ihr winkte; sie eilte gegen ihr; diese Person eilte gleichfalls auf sie zu und fasste sie an der Hand. Im namlichen Augenblicke kamen noch zwo vermummte Personen, warfen ihr eine dichte runde Kappe uber den Kopf und schleppten sie mit Gewalt fort. Ihr heftiges Strauben, ihre Bemuhung zu rufen war vergebens; man warf sie in eine Halbchaise und jagte die ganze Nacht mit ihr fort. Essen und Trinken bot man ihr in einem Walde an; sie konnte aber und mochte nichts als ein Glas Wasser nehmen! Gleich jagte man wieder weiter; ausserst traurig und abgemattet sass sie neben einer Person in Weibskleidern, von welcher sie fest umfasst gehalten wurde. Sie bat einmal auf den Knien um Erbarmen, erhielt aber keine Antwort und wurde endlich in der Hutte eines schottischen Bleiminenknechts auf ein elendes Bette gesetzt. Dies war alles, was sie von ihrer Entfuhrung zu sagen wusste, denn sie war beinahe sinnlos. Ihr Tagebuch kann zum Beweis dienen, wie sehr ein heftiger Schmerz des Gemuts das edelste Herz zerrutten kann. Aber eben dieses Tagebuch beweist, dass, sobald ihre Krafte sich erholten, auch die vortrefflichen Grundsatze ihrer Erziehung wieder ihre volle Wirksamkeit erhielten.
Den Kummer, in welchen durch diesen Zufall die Lady Summers gesetzt wurde, und den Jammer meiner Emilia und den meinigen uber die Nachricht von ihrem Unsichtbarwerden konnten Sie sich leichter selbst vorstellen, als ich ihn beschreiben konnte; zumal da alles mogliche, um auf ihre Spur zu kommen, vergebens angewandt wurde. Unvermeidliche Zufalle hielten meinen Schwager den Winter durch zuruck, selbst nach England zu gehen, um der Lady Summers seine Vermutungen gegen Lord Derby zu entdecken; und dieser Winter war der langste und traurigste, den jemals eine kleine Familie erlebt hat, welche durch das Ungluck einer innigst geliebten Freundin elend gemacht wurde.
Madam Leidens in den schottischen
Bleigeburgen
Emilia! teurer geliebter Name! Ehemals warst du mein Trost und die Stutze meines Lebens, itzt bist du eine Vermehrung meiner Leiden geworden. Die klagende Stimme, die Briefe deiner unglucklichen Freundin dringen nicht mehr zu dir, alles, alles ist mir entrissen, und noch musste mein Herz mit der Last des bittern Kummers beschweret werden, die Angst meiner Freunde zu fuhlen. Beste Lady! liebste Emilia! warum musste euer liebreiches Herz mit in das Los von Qual der Seele fallen, welches das Verhangnis mir Unglucklichen zuwarf? O Gott, wie hart strafest du den einzigen Schritt meiner Abweichung von dem Pfade der burgerlichen Gesetze! Kann meine heimliche Heurat dich beleidiget haben? arme Gedanken, wo irret ihr umher? Niemand horet euch, niemand wird euch lesen; diese Blatter werden mit mir sterben und verwesen; niemand als mein Verfolger wird meinen Tod erfahren, und er wird froh sein, die Zeugnisse seiner Unmenschlichkeit mit mir begraben zu wissen. O Schicksal, du siehst meine Unterwerfung, du siehst, dass ich nichts von dir bitte; du willst mich langsam zermalmen; tue es rette nur die Herzen meiner tugendhaften Freunde von dem Kummer, der sie meinetwegen beangstiget!
Dritter Monat meines Elendes
Noch einen Monat hab' ich durchgelebt und finde mein Gefuhl wieder, um den ganzen Inbegriff meines Jammers zu kennen. Selige Tage, wo seid ihr, an denen ich bei dem ersten Anblick des Morgenlichts meine Hande dankbar zu Gott erhob und mich meiner Erhaltung freute? Itzt benetzen immer neue Tranen mein Auge und mit neuem Handeringen bezeichne ich die erste Stunde meines erneuerten Daseins. O mein Schopfer, solltest du wohl die bittere Zahre meines Jammers lieber sehen als die uberfliessende Trane der kindlichen Dankbarkeit?
*
Hoffnungslos, aller Aussichten auf Hulfe beraubt, kampfe ich wider mich selbst; ich werfe mir meine Traurigkeit als ein Vergehen vor und folge dem Zug zum Schreiben. Eine Empfindung von besserer Zukunft regt sich in mir. Ach! redete sie nicht noch lauter in meinen vergangenen Tagen? Tauschte sie mich nicht? Schicksal! hab ich mein Gluck gemissbraucht?
Hing mein Herz an dem Schimmer, der mich umgab? Oder ist der Stolz auf die Seele, die ich von dir empfing, mein Verbrechen gewesen? Arme, arme Kreatur, mit wem rechte ich! Ich beseelte Handvoll Staubes empore mich wider die Gewalt, die mich pruft und erhalt. Willt du, o meine Seele, willt du durch Murren und Ungeduld das argste Ubel in den Kelch meines Leidens giessen? Vergib, o Gott, vergib mir und lass mich die Wohltaten aufsuchen, mit denen du auch hier mein empfindliches Herz umgeben hast.
*
Komm, du treue Erinnerung meiner Emilia, komm und sei Zeuge, dass das Herz deiner Freundin seine Gelubde der Tugend erneuert, dass es zu dem Wege seiner Pflichten zuruckkehrt, seiner eigensinnigen Empfindlichkeit absagt und vor den Merkmalen einer liebreichen immerdauernden Vorsicht nicht mehr die Augen verschliesst. Beinahe drei Monate sind's, dass ich durch einen betrugerischen Ruf in dem Park von Summerhall anstatt meiner gefuhlvollen freundlichen Emma einem der grausamsten Menschen in die Gewalt kam, der mich Tag und Nacht reisen machte, um mich hieher zu bringen; Derby! Niemand als du war dieser Barbarei fahig! In der Zeit, wo ich fur dein Vergnugen arbeitete, zetteltest du ein neues Gewebe von Kummer fur mich an. Ehre und Grossmut mussen dir sehr unbekannt sein, weil du nicht denken konntest, dass sie mich deinen Augen entziehen und mich schweigen heissen wurden! Was fur ein Spiel machst du dir aus der Trubsal eines Herzens, dessen ganze Empfindsamkeit du kennst? Warum, o Vorsicht, warum mussten alle boshafte Anschlage dieses verdorbenen Menschen in Erfullung kommen, und warum alle guten Entwurfe der Seele, die du mir gabst, in diese traurige Geburge verstossen werden?
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Wie unstet macht die Eigenliebe den Gang unserer Tugend! Vor zween Tagen wollte mein Herz voll edler Entschlusse geduldig auf dem dornichten Pfade meines unglucklichen Schicksals fortgehen, und meine Eigenliebe fuhrt die Wiedererinnerung dazu, welche meine Blicke von dem Gegenwartigen und Kunftigen entfernt und allein auf das unveranderliche Vergangene heftet. Tugendlehre, Kenntnisse und Erfahrung sollen also an mir verloren sein, und ein niedertrachtiger Feind soll die verdoppelte Gewalt haben, nicht nur mein ausserliches Ansehen von Gluck wie ein Rauber ein Kleid von mir zu reissen, sondern meine Gesinnungen, die Ubung meiner Pflichten und die Liebe der Tugend selbst in meiner Seele zu zerstoren?
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Gluckliche, ja allerglucklichste Stunde meines Lebens, in der ich mein ganzes Herz wiedergefunden habe; in welcher die selige Empfindung wieder in mir erwachte, dass auch hier die vaterliche Hand meines Schopfers fur die besten Guter meiner Seele gesorget hat! Er ist es, der meinen Verstand von dem Wahnsinne errettete, welcher in den ersten Wochen sich meiner bemeistern wollte. Er gab meinen rauhen Wirten Leutseligkeit und Mitleiden fur mich; das reine moralische Gefuhl meiner Seele erhebt sich allmahlich uber die Dusternheit meines Grams. Die Heiterkeit des Himmels, der diese Einode umgibt, giesst, ob ich ihn schon seufzend anblicke, ebensoviel Hoffnung und Friede in mein Herz als der zu Sternheim, Vaels und Summerhall. Diese aufgeturmten Berge reden mir von der allmachtigen Hand, welche sie schuf; uberall ist die Erde mit den Zeugnissen seiner Weisheit und Gute erfullt, und uberall bin ich sein Geschopf. Er wollte hier meine Eitelkeit begraben, und die letzten Probestunden meines Lebens sollen allein vor seinen Augen und vor dem Zeugnis meines Herzens verfliessen! Vielleicht werden sie nicht lange dauern. Soll ich denn nicht suchen, sie mit dem Uberrest von Tugend auszufullen, deren Ausubung noch in meiner Gewalt geblieben ist! Gedanke des Todes, wie wohltatig bist du, wenn du, von der Versicherung der Unsterblichkeit unserer Seele begleitet, zu uns kommst! wie lebhaft erweckest du das Gefuhl unserer Pflichten, und wie eifrig machst du unsern Willen, Gutes zu tun? Dir danke ich die Uberwindung meines Grams und die erneuerten Krafte der Tugend meiner Seele! Du machtest mich mit Lebhaftigkeit den Entschluss fassen, meine letzten Tage mit edlen Gesinnungen auszufullen und zu sehen, ob ich nicht auch hier Gutes tun kann.
*
Ja, ich kann, ich will noch Gutes tun; o! Geduld, du Tugend des Leidenden, nicht des Glucklichen, dem alle Wunsche gewahret sind, wohne bei mir und leite mich zu ruhiger Befolgung der Ratschlusse des Schicksals! Muhsam und einzeln sammlet man die Wurzeln und Krauter, welche unsere leiblichen Ubel heilen. Ebenso besorgt sollte man die Hulfsmittel unserer moralischen Krankheiten suchen; sie finden sich oft, wie jene, am nachsten Fusssteige von unserem Aufenthalt. Aber wir sind gewohnt, das Gute immer in der Ferne zu suchen und das an der Hand liegende mit Verachtung zu ubersehen. Ich machte es so; meine Wunsche und meine Klagen fuhrten meine Empfindung weit von dem, was mich umgab; wie spat erkenne ich die Wohltat, eine ganze Rolle Papier mit mir gebracht zu haben, die mir bisher in den Sammlungsstunden meines Geistes so grosse Dienste getan hat. War es nicht Gute der Vorsicht, die mich auf meiner beschwerlichen Reise hieher vor aller Beleidigung schutzte und mir alles erhielt, was mir in den Zeiten meiner Ruhe nutzen konnte?
*
Emilia, heilige Freundschaft, geliebtes Andenken! dein Bild steigt aus dem Schutte meiner Gluckseligkeit lachelnd empor. Tranen, viele Tranen kostest du mich. Aber komm, diese Blatter sollen dir geweihet sein! Von Jugend auf ergossen sich meine geheimsten Empfindungen in dein treues zartliches Herz; der Zufall kann diese Papiere erhalten, sie konnen dir noch zukommen, und du sollst darin sehen, dass mein Herz die Tugend des deinigen und seine Gute fur mich niemals vergessen hat. Vielleicht benetzt einst die Zahre deiner freundschaftlichen Liebe diese Uberbleibsel deiner unglucklichen Sophie. Auf meinem Grabe wirst du sie nicht weinen konnen; denn ich werde das Schlachtopfer sein, welches die Bosheit des Derby hier verscharret; und da der Gedanke an Tod und Ewigkeit meine Klagen und Wunsche endiget, so will ich dir noch den jahen Umsturz beschreiben, der mich in meine fruhe Grube bringt. Ich konnte es nicht eher tun; ich wurde zu sehr erschuttert, so oft ich daran dachte.
*
Halb leblos bin ich hier angelangt, und drei Wochen in einer Gemutsverfassung gewesen, die ich nicht beschreiben kann; was ich in dem zweiten und dritten Monat meines Aufenthalts war, zeigen die Stucke, die ich in meinen Erquickungsstunden schrieb. Urteilen Sie aber, Emilia, von der Zerruttung meiner Empfindnisse, weil ich nicht beten konnte; ich rief auch den Tod nicht, aber in dem vollen Gefuhl des Ubermasses von Ungluck, so mich betroffen, wurde ich dem auf mich fallenden Blitz nicht ausgewichen sein. Ganze Tage war ich auf meinen Knien, nicht aus Unterwerfung, nicht, um Gnade vom Himmel zu erflehen; Stolz, emporter Stolz war mit dem Gedanken des unverdienten Elends in meine Seele gekommen. Aber, o meine Emilia, dieser Gedanke vermehrte mein Ubel und verschloss jeder ubenden Tugend meiner Umstande mein Herz; und ubende Tugend allein kann den Balsam des Trosts in die Wunden der Seele trauflen. Ich empfand dieses das erstemal, als ich das arme funfjahrige Madchen, die auf mich acht haben musste, mit Ruhrung ansah, weil sie sich bemuhte, meinen niedergesunknen Kopf mit ihren kleinen Handen aufzurichten; ich verstund ihre Sprache nicht, aber ihr Ton und der Ausdruck ihres Gesichts war Natur und Zartlichkeit und Unschuld; ich schloss sie in meine Arme und vergoss einen Strom von Tranen; es waren die ersten Trosttranen, die ich weinte, und in die Dankbarkeit meines Herzens gegen die Liebe dieses Geschopfs mischte sich die Empfindung, dass Gott diesem armen Kinde die Gewalt gegeben hatte, mich die Sussigkeit des Mitleidens schmecken zu lassen. Von diesem Tage an rechne ich die Wiederherstellung meiner Seele. Ich fing nun an, dankbar die kleinen Brosamen von Gluckseligkeit aufzusammlen, die hier neben mir im Staube lagen. Meine erschopften Krafte, die Schmerzen, welche mir das Haberbrot verursachte, liessen mich meinen Tod nahe glauben; ich hatte keinen Zeugen meines Lebens mehr um mich; ich wollte meinem Schopfer ein gelassenes, ihn liebendes Herz zuruckgeben, und dieser Gedanke gab den tugendhaften Triebfedern meiner Seele ihre ganze Starke wieder. Ich nahm meine kleine Wohltaterin zu mir in den armen abgesonderten Winkel, den ich in der Hutte besitze, ich teilte mein Lager mit ihr, und von ihr nahm ich die erste Unterweisung der armen Sprache, die hier geredet wird. Ich ging mit ihr in die Stube meiner Hauswirte; der Mann hatte lang in den Bleiminen gearbeitet und ist nun aus Kranklichkeit unvermogend dazu geworden, bauet aber mit seiner Frau und Kindern ein kleines Stuck Feld, das ihm der Graf Hopton nah an einem alten zerfallenen Schlosse gegeben, mit Haber und Hanf an; den Haber stossen sie mit Steinen zum Gebrauch klein, und der Hanf muss sie kleiden. Es sind arme gutartige Leute, deren ganzer Reichtum wirklich in den wenigen Guineen besteht, welche sie fur meine Verwahrung erhalten haben. Es freute sie, dass ich ruhiger wurde und zu ihnen kam; jedes befliss sich, mir Unterricht in ihrer Sprache zu geben, und ich lernte in vierzehn Tagen so viel davon, um kurze Fragen zu machen und zu beantworten. Die Leute wissen, wie weit sie mich ausser dem Hause lassen durfen, und der Mann fuhrte mich an einem der letzten Herbsttage etwas weiter hinaus. O, wie arm ist hier die Natur! man sieht, dass ihre Eingeweide bleiern sind. Mit tranenden Augen sah ich das rauhe magere Stuck Feld, auf dem mein Haberbrot wachst, und den uber mich fliessenden Himmel an; die Erinnerung machte mich seufzen, aber ein Blick auf meinen abgezehrten Fuhrer hiess mich zu mir selbst sagen; ich habe mein Gutes in meiner Jugend reichlich genossen, und dieser gute Mann und seine Familie sind, so lange sie leben, in Elend und Mangel gewesen; sie sind Geschopfe des namlichen gottlichen Urhebers, ihrem Korper fehlt keine Sehne, keine Muskel, die sie zum Genuss physikalischer Bedurfnisse notig haben; da ist kein Unterschied unter uns; aber wie viele Teile der Fahigkeiten ihrer Seele schlafen und sind untatig geblieben! Wie verborgen, wie unbegreiflich sind die Ursachen, die in unsrer korperlichen Einrichtung keinen Unterschied entstehen liessen und im moralischen Wachstum und Handeln ganze Millionen Geschopfe zurucklassen! wie glucklich bin ich heute noch durch den erhaltenen Anbau meines Geistes und meiner Empfindung gegen Gott und Menschen! Wahres Gluck, einzige Guter, die wir auf Erden sammlen und mit uns nehmen konnen, ich will aus Ungeduld euch nicht von mir stossen; ich will die Gutherzigkeit meiner armen Wirte durch meine Freundlichkeit belohnen. Eifrig lernte ich an ihrer Sprache fort und erfuhr beim Nachforschen uber ihre manchmalige Harte gegen das junge Madchen, dass es nicht ihr Kind, sondern des Lords Derby ware, dass die Mutter des Kindes bei ihnen gestorben sei und der Lord nichts mehr zu dessen Unterhalt hergabe. Ich musste bei dieser Nachricht in meinen Winkel; ich empfand mit Schmerzen mein ganzes Ungluck wieder. Die arme Mutter! sie war schon wie ihr Kind, und jung, und gut; bei ihrem Grabe wird das meinige sein. O Emilia, Emilia, wie kann, o wie kann ich diese Prufung aushalten! Das gute Madchen kam und nahm meine Hand, die uber mein armes Bette hing, wahrend mein Gesicht gegen die Wand gekehrt war. Ich horte sie kommen; ihr Anruhren, ihre Stimme machte mich schauern, und widerwillig entriss ich ihr meine Hand. Derbys Tochter war mir verhasst. Das arme Madchen ging mit Weinen an den Fuss meines Lagers und wehklagte. Ich fuhlte mein Unrecht, die ungluckliche Unschuld leiden zu machen; ich gelobte mir, meinen Widerwillen zu unterdrucken und dem Kinde meines Morders Liebe zu erweisen. Wie froh war ich, da ich mich aufrichtete und sie rief. Auf ihre kleine Brust gelehnt, legte ich das Gelubde ab, ihr Gute zu erweisen. Ich werde es nicht brechen, ich hab' es zu teuer erkauft!
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O Derby! wie voll, wie voll machst du das Mass deiner Harte gegen mich! heute kommt ein Bote und bringt einen grossen Pack Vorrat zur Tapezerei; niedertrachtig spottet er: da mir bei Hofe die Zeit ohne Tapetenarbeit zu lang gewesen, so mochte es hier auch so sein; er schickte mir also Winterarbeit; im Fruhjahre wurde er es holen lassen. Es ist zu einem Kabinett; die Risse liegen dabei. Ich will sie anfangen, ja ich will; er wird nach meinem Tode die Stucke kriegen; er soll die Uberreste seiner an mir verubten Barbarei sehen und sich erinnern, wie glucklich ich war, als er das erstemal meine Finger arbeiten sah; er wird auch denken mussen, in was fur einen Abgrund von Elend er mich sturzte und darin zugrunde gehen machte.
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Niemals mehr, o Schicksal! Niemals mehr will ich mich dem Murren meiner Eigenliebe uberlassen! wie verkehrt heisst sie uns urteilen! Ich klagte uber das, was mein Vergnugen geworden ist. Meine Arbeit erheitert meine truben Wintertage; meine Wirte sehen mir mit roher Entzuckung zu, und ich gebe ihrer Tochter Unterweisung darin. Mit frohem Stolz sah das Madchen um sich, als sie das erste Blattchen genaht hatte. Ungluck und Mangel hat schon viele erfindsam gemacht; ich bin es auch worden. Ich weiss, dass der Graf von Hopton, dem die Bleiminen zugehoren, einige Meilen von hier ein Haus hat und dass er manchmal auf einige Tage hinkommt. Auf der letzten Reise hatte er seine Schwester bei sich, die er sehr liebt und die als Witwe oft bei ihm ist. Auf diese Dame baue ich Hoffnungen, die mit der Dauer meines Lebens wieder rege in mir sind. Ich habe meinen Wirten den Gedanken gegeben, ihre Tochter Maria in die Dienste dieser Dame zu bringen; ich versprach, sie alles zu lehren, was dazu notig sei. Schon lehre ich sie Englisch reden und schreiben; die Tapetenarbeit kann sie, und da mich der Mangel dazu trieb, aus den Spitzen meines Halstuchs noch zwo Hauben zu machen, so hat sie auch diese Kunst gelernet. Vom ubrigen gebe ich ihr Unterricht bei der Arbeit. Das Madchen ist so geschickt zum Fassen und Urteilen, dass ich oft daruber erstaune. Diese soll mir den Weg zur Freiheit bahnen; denn durch sie hoffe ich, der Lady Douglas bekannt zu werden. O Schicksal, lass mir diese Hoffnung!
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Ich will meiner Emilia noch ein Nebenstuck meines qualenden Schicksals erzahlen. Sie wissen, wie reinlich ich immer in Wasche war, und hier zog ich mich, ich weiss nicht wie lang, gar nicht aus; endlich kam mit meiner Uberlegung das Missvergnugen uber den Kleidermangel, und beim Nachdenken war ich sehr froh, dass ich bei meiner Entfuhrung ein ganz weisses leinen Kleid anhatte, welches ich gleich auszog und der modischen Uppigkeit fur die vielen Falten dankte, die sie darin gemacht hatte; denn ich konnte fuglich drei Hemden daraus schneiden und ein kurz Kleid daneben behalten; meine Schurze machte ich zu Halstuchern und aus dem ersten Rock Schurzen, so dass ich mit ein wenig leichter Lauge meine Kleidung recht reinlich halten kann und abzuwechseln weiss. Ich platte sie mit einem warmen Stein. Die kleine Lidy hab' ich auch nahen gelernt, und sie macht recht artige Stiche in meinem Tapetengrund. Meine Wirte saubern ihre Wohnung mir zulieb alle Tage sehr ordentlich, und mein gekochtes Haberbrot fangt an, mir wohl zu bekommen. Die Bedurfnisse der Natur sind klein, meine Emilia; ich stehe satt von dem magern Tische auf, und meine Wirte horen mich mit Erstaunen von den ubrigen Teilen der Welt erzahlen. Ich habe die Bildnisse meiner Eltern noch; ich wies sie den Leuten und erzahlte ihnen von meiner Erziehung und ehemaligen Lebensart, was sie fassen konnten und ihnen gut war. Ungekunstelte mitleidige Zahren traufelten aus ihren Augen, da ich von meinem genossenen Glucke sprach und ihnen die Geduld erklarte, die wirklich in meinem Herzen ist. Ich rede wenig von Ihnen, meine Liebe! Ich bin nicht stark genug, oft an Ihren Verlust zu denken, an Ihren Kummer um mich zu denken. Konnte ich durch mein Leiden nur Ihres um mich und meiner gutigen Lady ihres loskaufen, ich wollte mich bemuhen, nicht mehr zu sagen, dass ich leide; aber das Schicksal wusste, was mich am meisten qualen wurde; es wusste, dass mich meine Unschuld und meine Grundsatze trosten und beruhigen wurden, es wusste, dass ich Armut und Mangel ertragen lernen wurde; daher gab es mir das Gefuhl von dem Weh meiner Freunde, ein Gefuhl, dessen Wunde unheilbar ist, weil es ein Vergehen ware, wenn ich mich davon loszumachen suchte. Wie glucklich machte mich dieses Gefuhl ehemals, da ich, im Besitz meiner Guter, jeden belauschten Wunsch meiner Freunde befriedigen und jeden bemerkten Schmerzen lindern konnte. Zwei Jahre sind es, dass ich glanzend unter den schimmernden Haufen trat und Aussichten von Gluck vor mir hatte, mich geliebt sah und wahlen oder verwerfen konnte. O mein Herz, warum hutetest du dich so lange vor dieser Erinnerung! Niemals mehr getrautest du dir den Namen Seymour zu denken, nun fragst du, was wurde er sagen? und weinst uber seine Vergessenheit! O! nimm diesen Teil weg, lass ihn nimmer in mein Gedachtnis kommen;- sein Herz kannte das meine fur ihn niemals, und nun ist es zu spat! Mein Papier, ach Emilia, mein Papier geht zu Ende; ich darf nun nicht mehr viel schreiben; der Winter ist lange; ich will den Uberrest auf Erzahlung meiner noch dunklen Hoffnungen erhalten. O mein Kind! einige Bogen Papier waren mein Gluck, und ich darf es nicht mehr geniessen! Ich will Cannevas sparen und Buchstaben hineinnahen.
Im April
O Zeit, wohltatigstes unter allen Wesen, wieviel Gutes hab' ich dir zu danken! du fuhrtest allmahlich die tiefen Eindrucke meiner Leiden und verlornen Gluckseligkeit von mir weg und stelltest sie in den Nebel der Entfernung, wahrend du eine liebreiche Heiterkeit auf die Gegenstande verbreitetest, die mich umgeben. Die Erfahrung, welche du an der Hand fuhrest, lehrte mich die ubende Weisheit und Geduld kennen. Jede Stunde, da ich mit ihnen vertrauter wurde, verminderte die Bitterkeit meines Grams. Du, alle Wunden des Gemuts heilende Zeit, wirst auch den Balsam der Beruhigung in die Seele meiner wenigen Freunde giessen und sie in Umstande setzen, worin sie die frohen Aussichten ihres Geschickes ohne den vergallenden Kummer um mich geniessen konnen. Du hast die Trostgrunde der Gute meines Schopfers, die das geringste Erdwurmchen unter den Schutz kleiner Sandkorner begleitet, wieder in meine Seele gerufen; du hast mich sie in diesen rauhen Geburgen finden lassen, den Gebrauch meiner Kenntnisse in mir erneuert und die im Schosse des Gluckes schlafenden Tugenden erweckt und geschaftig gemacht. Hier, wo die physikalische Welt wenige Gaben sparsam unter ihre traurigen Bewohner austeilt, hier habe ich den moralischen Reichtum von Tugenden und Kenntnissen in der Hutte meiner Wirte verbreitet, und mit ihnen geniesse und koste ich ihre Sussigkeit. Von allem, was den Namen von Gluck, Ansehen und Gewalt fuhrt, vollig entblosst, mein Leben den Handen dieser Fremdlinge anvertraut, wurde ich ihre moralische Wohltaterin, indem ich ihre Liebe zu Gott erweiterte, ihren Verstand erleuchtete und ihre Herzen beruhigte, da ich durch Erzahlungen von andern Weltteilen und von den Schicksalen ihrer Einwohner in den Erholungsstunden meiner armen Wirte Vergnugen um sie hergoss. Ich habe die traurigen unschuldsvollen Tage einer doppelt unglucklichen Waise durch Liebe, Sorge und Unterricht mit Blumen bestreut; von dem Genusse alles dessen, was die Menschen als Wohlsein betrachten, entfernt, geniesse ich die wahren Geschenke des Himmels, die Freude wohlzutun und die Ruhe des Gemuts, als Fruchte der wahren Menschenliebe und erfahrner Tugend. Reine Freude, wahre Guter! ihr werdet mich in die Ewigkeit begleiten, und fur euren Besitz wird meine Seele das erste Danklied anstimmen.
Zu Ende des Brachmonats
Emilia, haben Sie sich jemals in den Platz eines Menschen stellen konnen, der in einem elenden Kahn auf der sturmenden See angstlich sein Leben fuhlt und mit zitternder Hoffnung hin und her um Anschein der Hoffnung sieht? Lange stossen ihn die Wellen herum und lassen ihn Verzweiflung fuhlen; endlich erblickt er eine Insel, die er zu erreichen hofft, mit gefalteten Handen ruft er: "O Gott, ich sehe Land!" Ich, mein Kind, ich fuhle alles dieses; ich sehe Land. Der Graf von Hopton ist in seinem Haus auf dem Geburge und Lady Douglas, seine Schwester, hat die Tochter meiner Wirtin zu sich genommen. Sie ging mit ihrem Bruder und einer Tapete zur Lady, ihre Dienste anzubieten. Voller Verwunderung uber ihre Arbeit und ihre Antworten, hat die Lady gefragt, wer sie unterrichtet hatte, und das dankbare Herz des guten Madchens erzahlte ihr von mir, was sie wusste und empfand. Die edle Dame wurde bis zu Tranen geruhrt; sie versprach dem Madchen sogleich, sie zu nehmen, liess den jungen Leuten zu essen geben und schickte den Sohn allein nach Hause mit zwo Guineen fur seine Eltern und dem Versprechen: sie wollte vor ihrer Abreise noch selbst zu ihnen kommen. Mich liess sie besonders grussen und fur meine Muhe mit ihrem Madchen segnen. Ich habe sie um Papier, Feder und Dinte bitten lassen; ich will mich dieser Gelegenheit bedienen, um an meine Lady Summers zu schreiben; aber ich will der Lady Douglas den Brief offen geben, um ihr meine Aufrichtigkeit zu zeigen. Ich wurde strafbar sein, wenn ich nicht alle Gelegenheit anwendete, um meine Freiheit zu erlangen, da sich edle Mittel dazu anbieten. Ich will auch den Lord Hopton um seine Gnade fur meine armen Wirte bitten; die guten Leute wissen sich vor Freude uber die Versorgung ihrer Tochter und uber das Geld, so sie bekommen haben, nicht zu fassen; sie liebkosen und segnen mich wechselsweise. Meine Waise lasse ich nicht zuruck; das Kind wurde nun, da ich sie an gutes Bezeigen gewohnt habe, durch den Verlust doppelt unglucklich sein, und alle meine Tage wurden durch ihr Andenken beunruhiget, wenn ich zum Glucke zuruckkehrte und sie dem offenbaren Elend zum Raube liesse.
*
O! Meine Freundin, es war Vorbedeutung, die mich in meinem letzten Blatte das Gleichnis eines auf der tobenden See irrenden Kahns finden liess; ich war bestimmt, die hochsten Schmerzen der Seele zu fuhlen und dann in dem Augenblick der Hoffnung zu sterben. Die unaussprechliche Bosheit meines Verfolgers reisst mich dahin, wie eine schaumende Welle Kahn und Menschen in den Abgrund reisst. Diese Gewalt wurde ihm gelassen und mir alle Hulfsmittel entzogen; bald wird ein einsames Grab meine Klagen endigen und meiner Seele die Endzwecke zeigen, warum ich dieses grausame Verhangnis erdulden musste. Ich bin ruhig, ich bin zufrieden; mein letzter Tag wird der freudigste sein, den ich seit zwei Jahren hatte. Ihnen, meine bis in den letzten Augenblick zartlich geliebte Freundin, wird die Lady Summers mein Paket Papiere schicken und Ihr Herz bei dem Gedanken, dass alles mein Leiden sich in einer seligen Ewigkeit verloren hat, beruhiget werden. Meine letzten Krafte sind Ihnen gewidmet. Sie waren die Zeugin meines glucklichen Lebens; Sie sollen auch, soviel ich es tun kann, von dem Ende meiner trubseligen Tage wissen.
Ich war voller Hoffnungen und mit frohlichen Aussichten umgeben, als der vertrauteste Bosewicht des Derby anlangte, um mir den verhassten Vorschlag zu tun, ich sollte mich zu dem Lord nach London begeben; er liebe seine Gemahlin nicht, ware auch selbst kranklich geworden und halte sich meistens auf einem Landhause zu Windsor auf, wo ihm mein Umgang sehr angenehm sein wurde. Er selbst schrieb in einem Billett: wenn ich freiwillig kommen wollte und ihn lieben wurde, so denke er, sich von Lady Alton scheiden zu lassen und unsere Heurat zu bestatigen, wie es die Gesetze und meine Verdienste erfoderten; aber wenn ich aus einer meiner ehemaligen Wunderlichkeiten diesen Vorschlag verwerfe, so mochte ich mir mein Schicksal gefallen lassen, wie er es fur gut finden wurde. Dies musste ich anhoren, denn lesen wollte ich das Billett nicht; das Argste von dieser unertraglichen Beleidigung war, dass ich den unseligen Kerl sehen musste, durch dessen Hand meine falsche Verbindung geschehen war. Auf das ausserste betrubt und erbittert, verwarf ich alle diese unwurdigen Vorschlage, und der Barbar rachte seinen Herrn, indem er mich nach der zweiten formlichen Absage mit der heftigsten Bosheit beim Arm und um den Leib packte, zum Hause hinaus gegen den alten Turm hinschleppte und mit Wuten und Fluchen zu einer Ture hineinstiess, mit dem Ausdruck, dass ich da krepieren mochte, damit sein Herr und er einmal meiner los wurden. Mein Strauben und die entsetzliche Angst, so ich hatte, ich mochte mit Gewalt nach London gefuhret werden, hatte mich abgemattet und halb von Sinnen gebracht; ich fiel nach meiner ganzen Lange in das mit Schutt und Morast angefullte Gewolbe, wo ich auf den Steinen meine linke Hand und das halbe Gesicht beschadigte und heftig aus der Nase und Mund blutete. Ich weiss nicht, wie lang ich ohne Bewusstsein dalag; als ich mich wieder fuhlte, war ich ganz entkraftet und voll Schmerzen; die faule dunstige Luft, die ich atmete, beklemmte in kurzer Zeit meine Brust so sehr, dass ich an dem letzten Augenblicke meines Lebens zu sein glaubte. Ich sah nichts, aber ich fuhlte mit der einen Hand, dass der Boden stark abhangig war, und besorgte daher bei der geringsten Bewegung gar in einen Keller zu fallen, wo ich nicht ohne Verzweiflung meinen Geist aufgegeben hatte. Mein Jammer und die Empfindungen, die ich davon hatte, ist nicht zu beschreiben; die ganze Nacht lag ich da; es regnete stark; das Wasser floss unter der Ture herein auf mich zu, so dass ich ganz nass und starr wurde, und, von meinem Ungluck ganzlich darniedergeschlagen, mir den Tod wunschte. Ich bekam, wie mich deucht, innerliche Zuckungen. Soviel weiss ich noch; als ich mich wieder besinnen konnte, war ich auf meinem Bette, um welches meine armen furchtsamen Wirte stunden und wehklagten. Meine Waise hatte meine Hand und achzte angstlich; ich fuhlte mich sehr ubel und bat die Leute, mir den Geistlichen des Grafen von Hopton zu holen, weil ich sterben wurde. Mit aufgehobenen Handen bat ich sie; der Sohn ging fort, und die Eltern erzahlten mir, dass sie mir nicht hatten helfen durfen, bis Sir John (wie sie ihn nannten) abgereiset gewesen ware. Schreckliches Los der Armut, dass sie selten Herz genug hat, sich der Gewalt des reichen Lasters entgegenzusetzen! Der Regen hatte den Bosewicht aufgehalten, doch, sagen sie, sei er noch an die Ture des Turns gegangen, hatte sie aufgemacht und gehorcht, den Kopf verdriesslich in die Hohe geworfen, und ohne die Ture zuzuschliessen, oder ihnen noch etwas zu sagen, ware er davongegangen. Sie hatten aus Furcht vor ihm noch eine Stunde gewartet und waren dann mit einem Licht zu mir gekommen, da sie mich denn fur tot angesehen und herausgetragen hatten. Der Geistliche kam, und die Lady Douglas mit ihm; beide betrachteten mich aufmerksam und mitleidend. Ich reichte der Lady meine Hand, der sie die ihrige mit Gute entgegengab. "Edle Lady", sagte ich mit tranenden Augen, "Gott wird diese menschenfreundliche Bemuhung um mich an Ihrer Seele belohnen; glauben Sie nur auch, dass ich es wurdig bin." Ich bemerkte, dass ihre Augen auf meine Hand und das Bildnis meiner Mutter geheftet waren; da sagte ich ihr, "es ist meine Mutter, eine Enkelin von Lord David Watson und hier", indem ich die andere Hand erhob, "ist mein Vater, ein wurdiger Edelmann in Deutschland; schon lange sind beide in der Ewigkeit, und bald, bald hoffe ich, bei ihnen zu sein", setzte ich mit gefalteten Handen hinzu. Die Dame weinte und sagte dem Geistlichen, er solle meinen Puls fuhlen; er tat's und versicherte, dass ich sehr ubel ware. Mit liebreichem Eifer sah sie um sich und fragte, ob ich nicht weggebracht werden konnte. "Nicht ohne Lebensgefahr", sagte der Geistliche "ach, das ist mir leid", sprach die liebe Dame, indem sie mir die Hand druckte. Sie ging hinaus, und der Geistliche fing an, mit mir zu reden; ich sagte ihm kurz, dass ich aus einer edlen Familie stammte und durch den schandlichen Betrug einer falschen Heurat aus meinem Vaterlande gerissen worden sei; Mylady Summers, unter deren Schutz ich gestanden, konnte ihnen Zeugnisse von mir geben. Ich hiess ihn zugleich die Papiere nehmen, welche ich an Sie geschrieben hatte, und die hinter einem Brette lagen. Ich setzte selbst ohne sein Fragen ein Bekenntnis meiner Grundsatze hinzu und bat ihn, sich mit Ihrem Mann in Briefwechsel einzulassen. Die Dame klopfte an und kam, mit Maria, der Tochter meiner Wirte, die eine Schachtel trug, zu meinem Bette. Sie hatte allerlei Labsale und Arzneien darin, wovon sie mir gab. Die kleine Lidy kam auch herein und warf sich bei meinem Bette auf die Knie. Die Dame betrachtete das Madchen und mich mit zunehmender Traurigkeit. Endlich nahm sie Abschied, liess die Maria bei mir, und der Geistliche versprach, den Morgen wieder dazusein. Aber er kam den ganzen Tag nicht; doch wurde zweimal nach mir gefragt. Ich war diesen Morgen besser, als ich gestern gewesen war; daher schrieb ich Ihnen. Nun ist's bald sechs Uhr abends, und ich werde zusehens schlechter; meine zitternde ungleiche Schrift wird es Ihnen zeigen. Wer weiss, was heute nacht aus mir wird; ich danke Gott, dass ich sterblich bin und dass mein Herz mit dem Ihrigen noch reden konnte. Ich bin ganz gefasst und dem Augenblicke nah, wo Gluck und Elend gleichgultig ist.
Nachts um neun Uhr
Das letzte Mal, meine Emilia, habe ich meine schwachen, entkrafteten Arme nach der Gegend ausgestreckt, wo Sie wohnen. Gott segne Sie und belohne Ihre Tugend und Ihre Freundschaft gegen mich! Sie werden ein Papier bekommen, das Ihr Mann meinem Oncle, dem Grafen G., selbst ubergeben soll. Es betrifft meine Guter.
Alles, was von der Familie von P. da ist, soll des Grafen Lobaus Sohnen gegeben werden. Ihr Schwager, der Amtmann, hat das Verzeichnis davon.
Was ich von meinem geliebten Vater habe, davon soll die Halfte zu Erziehung armer Kinder gewidmet sein. Einen Teil der andern Halfte gebe ich Ihren Kindern und meiner Freundin Rosina. Von dem andern Teil soll meinen armen hiesigen Hauswirten tausend Taler und der unglucklichen Lidy auch so Viel gegeben, von dem Uberrest aber mir, zu den Fussen der Grabmaler meiner Eltern, ein Grabstein errichtet werden mit der simplen Aufschrift:
Zum Andenken ihrer nicht unwurdigen
Tochter, Sophia von Sternheim
Ich will hier unter den, Baume begraben werden, an dessen Fuss ich dieses Fruhjahr oft gekniet und Gott um Geduld angeflehet habe. Hier, wo mein Geist gemartert wurde, soll mein Leib verwesen. Es ist auch mutterliche Erde, die mich decken wird; bis ich einst in verklarter Gestalt unter den Reihen der Tugendhaften treten und auch Sie, meine Emilia, wiedersehen werde. Rette indessen, o meine Freundin, rette mein Andenken von der Schmach des Lasters! Sage, dass ich, der Tugend getreu, aber unglucklich, in den Armen des bittersten Kummers meine Seele voll kindlichen Vertrauens auf Gott und voll Liebe gegen meine Mitgeschopfe ihrem Schopfer zuruckgegeben, dass ich zartlich meine Freunde gesegnet und aufrichtig meinen Feinden vergeben habe. Pflanzen Sie, meine Liebe, in Ihrem Garten eine Zypresse, um die ein einsamer Rosenstock sich winde, an einem nahen Felsstein. Weihen Sie diesen Platz meinem Andenken; gehen Sie manchmal hin; vielleicht wird es mir erlaubt sein, um Sie zu schweben und die zartliche Trane zu sehen, mit der Sie die abfallende Blute der Rose betrachten werden. Sie haben auch mich bluhen und welken gesehen; nur das letzte Neigen meines Hauptes und den letzten Seufzer meiner Brust entzog das Schicksal Ihrem Blick. Es ist gut, meine Emilia; du wurdest zu viel leiden, wenn du mich sehen konntest. Der Grund meiner Seele ist lauter Ruhe; ich werde sanft einschlafen, denn das Verhangnis hat mich mude, sehr mude gemacht. Lebe wohl, beste freundschaftliche Seele; lass deine Tranen um mich ruhig sein, wie die, die um dich in meinen truben Augen schwimmet.
Lord Seymour an Doktor T.
O Gott, warum hindert Ihre Krankheit Sie, mich auf zween Tage zu sehen! Ich bin dem Unsinn und der Wut ganz nahe.
Mein Bruder Rich, den Sie noch aus dem Hause des ersten Gemahls meiner Mutter kennen, ist mit aller seiner stoischen Philosophie durch eben den Streich zur Erde gedruckt. In zween Tagen reisen wir in die schottischen Bleigeburge, um o totender Gedanke! um das Grab des ermordeten Frauleins von Sternheim aufzusuchen und ihren Korper in Dumfries prachtig beerdigen zu lassen. Wie konntest du, ewige Vorsicht, wie konntest du dem verruchtesten Bosewicht das Beste, so du jemals der Erde gabst, preisgeben? Meine Leute machen Anstalten zu unserer Reise; ich kann nichts tun; ich ringe meine Hande wie ein tobender Mensch und schlage sie tausendmal wider meine Brust und meinen Kopf. Derby, der Elende! hat die Frechheit zu sagen, um meinetwillen, aus Eifersucht uber mich habe er das edelste, liebenswurdige Geschopfe betrogen, unglucklich gemacht und getotet. Er beheult es nun, der wutende Hund, er beheult es. Seine Ruchlosigkeit hat ihn an den Rand des fruhen Grabes gefuhret, vor welchem er zittert und das ihn vor der Rache schutzt, die ich an ihm ausuben wurde. Horen Sie, mein Freund, horen Sie das Furchterlichste, so jemals der Tugend begegnete, und das Argste, so jemals die Bosheit ausuben konnte. Sie wissen, dass ich vor vier Monaten krank mit Mylord Crafton nach England zuruckkam und gleich zu meiner Frau Mutter nach Seymour House ging, dem Ubel meines Korpers und meiner Seele nachzuhangen. Ich fragte endlich nach Derby, itzo Lord N., man sagte mir, dass er auf seinem Landhause zu Windsor krank liege. Ich wollte seine und meine Genesung abwarten; aber etliche Tage nach meiner Frage um ihn liess er mich zu sich bitten. Ich war nicht wohl und schlug es ab. Einige Tage hernach reisete ich zu meinem Bruder Rich, den ich freundschaftlich ebenso finster fand, als ich es selbst war. Die bruderliche Vertraulichkeit wurde ohnehin schon durch die funfzehn Jahre gehindert, die er alter ist als ich, und seine trockne Stille munterte mich nicht auf, eine Erleichterung bei ihm zu suchen. Wir brachten vierzehn Tage hin, ohne von was anders als unsern Reisen, und auch dieses nur abgebrochen, zu reden; bis wir endlich in einer Minute zur offenherzigen Sprache kamen, da ein Kammerdiener von Lord N. einen Brief an mich brachte, worin er mich bat, mit Lord Rich zu ihm zu kommen, in einer Sache, welche das Fraulein Sternheim betrafe; ich sollte dem Lord Rich nur sagen, dass es die Dame ware, welche er bei Lady Summers gesehen und welche von da entfuhrt worden sei. Ich fuhr wie aus einem schreckenden Traume auf und schrie nur dem Kerl zu, ich wurde kommen. Meinen Bruder packte ich beim Arme und fragte ihn auf eine hastige Art nach der jungen Dame, die er in Summerhall gesehen. Mit Bewegung fragte er: ob ich sie kenne und was ich von ihr wisse? Ich zeigte ihm das Billett und erzahlte ihm kurz von allem, was das ewig teure geliebte Fraulein anging. Ebenso kurz, so unterbrochen, erzahlte er, wie er sie gesehen und geliebt hatte; ging, mir ein Bildnis von ihr zu holen, und konnte mir nicht genug von ihrem Geiste, von ihren edlen Gesinnungen, von der Traurigkeit, womit sie beladen gewesen, sagen, besonders zur Zeit da Derbys Heurat mit Lady Alton bekannt worden. Wir waren bald entschlossen abzureisen und kamen in Windsor an; Lord Rich tiefsinnig, aber gesetzt; ich voll Unruh, voller Vorsatze und Entschlusse. Schauer und Hitze eines wutenden Fiebers befielen mich beim Eintritt in Derbys Haus. Mein Hass gegen ihn war so aufgebracht, dass ich seines elenden Ansehens und der sichtbaren Schwachheit, die ihn im Bette hielt, nicht achtete. Mit stummer Feindseligkeit sah ich ihn an; er heftete seine erstorbenen Augen mit einem flehenden Blick auf mich und streckte seine abgezehrte, rotbrennende Hand gegen mich. "Seymour", sagte er, "ich kenne dich; aller Hass deines Herzens liegt auf mir; aber du weisst nicht, wieviel wutende Szenen in dieser Brust wegen dir entstanden sind." Ich hatte ihm meine Hand nicht gegeben und sagte mit Widerwillen und trotzigem Kopfschutteln: "Ich weiss keinen Anlass dazu als die Ungleichheit unsrer Grundsatze." Derby antwortete: "Seymour! diesen Ton hattest du nicht, wenn ich gesund ware, und der Stolz, mit dem du von deinen Grundsatzen sprichst, ist ein ebenso grosses Vergehen als der Missbrauch, den ich von meinen Talenten machte." Lord Rich fiel ein, dass von allem diesen die Frage nicht sein konnte und dass Lord Derby nur Nachricht von der entfuhrten Dame geben mochte. "Ja, Lord Rich, Sie sollen sie haben", sagte er; "es liegt mehr Menschlichkeit in Ihrer Kalte als in Seymours kochender Empfindlichkeit. Er mag Ihnen sagen, was in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft mit dem Fraulein von Sternheim vorging. Wir liebten sie beide zum Unsinn; aber ich bemerkte zuerst ihren vorzuglichen Hang fur ihn und wandte alles an, ihn zu zerstoren. Durch Verstellung und Ranke gelung es mir, sie unter der Verfolgung des Fursten und der dummen Bedenklichkeit des Seymours durch eine falsche Vermahlung in meine Gewalt zu bekommen. Aber mein Vergnugen dauerte nicht lange; ihr zu ernsthafter Charakter ermudete mich, und ihre geheime Neigung gegen Seymour regte sich, sobald nur meine Gedanken im geringsten von den ihrigen entfernet waren. Die Eifersucht macht mich rachgierig, und die Veranderung meiner Umstande, durch den Tod meines Bruders, gab mir Anlass, sie auszuuben. Ich verliess sie; doch reute es mich wenige Tage hernach, und ich schickte nach dem Dorfe, wo sie sich aufgehalten hatte, aber sie war fort. Lange wusste ich nichts von ihr, bis ich sie in England bei der Tante meiner Lady fand, wo ich sie nicht lassen konnte und entfuhren liess. Es jammerte mich ihrer schon damals, aber es war kein anders Mittel. Mein Missvergnugen mit der Lady Alton brachte die Sternheim in meine Erinnerung zuruck. Ich dachte: sie ist mein, und um von dem elenden Leben im Geburge loszukommen, wird sie gern in meine Arme eilen. Ich dachte es um so mehr, als ich wusste, dass sie mein von der Nancy Hatton zuruckgelassenes Madchen liebreich besorgte und erzog; ich schrieb es einer Art Neigung zu und schickte ihr darauf mit angenehmen Vorschlagen meinen vertrauten Kerl ab; aber sie verwarf alles mit ausserstem Stolz und Bitterkeit." Hier hielt er mit Stocken und Bewegung inne, sah bald mich, bald den Lord Rich an, bis ich mit stampfenden Fussen und mit Schreien den Verfolg seiner Erzahlung foderte. "Seymour! Rich! " sagte er mit tiefem traurigen Ton, mit ringenden Handen und stotternd, "o ware ich Elender selbst hin und hatte ihre Vergebung und Liebe erflehet. Mein Kerl, der Hund, wollte sie zwingen zuruckzugehen.- Er wusste, wie glucklich mich ihre Gesellschaft gemacht hatte er sperrte sie in ein altes verfallenes Gewolbe, worin sie zwolf Stunden lag, und aus Kummer starb." "Sie starb " schrie ich, "Teufel!
Unmensch! und du lebst noch nach diesem Mord? Du lebst noch?" Lord Rich sagt, ich hatte die Stimme und das Ansehen der Raserei gehabt. Er fiel mir in die Arme und riss mich weg in ein anderes Zimmer, lange brauchte er, mich zu besanftigen und zu dem Versprechen zu bringen, dass ich nicht reden wollte. Er sagte: "Derby liegt auf der Folter der Reue und der Erinnerung unwiederbringlicher ubel verwendeter Lebenstage, willst du deine Hand an den Gegenstand des gottlichen Gerichts legen? Glaube, mein Bruder, unser Schmerz ist suss gegen die Pein seiner Seele." "Mein Herz blutet uber das ungluckliche Schicksal der Sternheim; aber die Tugend und die Natur rachet sie an ihrem Verfolger; lass mich ihn, ich bitte dich, noch fragen, was er von uns gewollt hat; uberwinde dich, sei grossmutig, sei auch gegen das ungluckliche Laster mitleidig!" Ich versprach's ihm, wollte aber bei der Unterredung zugegen sein. Der elende Mensch heulte, da wir wieder zu ihm kamen, und foderte, dass wir nach Schottland reisen, den Korper des Engels ausgraben lassen und ihn in einem zinnernen Sarg zu Dumfries beisetzen lassen sollten. Zweitausend Guineen will er auf ihr Grabmal verwenden, worauf die Beschreibung ihrer Tugenden und ihres Unglucks neben den Merkmalen seiner ewigen Reue aufgezeichnet werden soll. Er bat uns, nach D. Bericht davon zu geben; ubergab uns alle Briefe, die er uber sie an seinen Freund B. geschrieben hatte, und flehte uns, ihm zu schworen, dass wir unverzuglich abreisen wollten, damit er noch den Trost erleben mochte, dass dem Andenken der edelsten Seele eine offentliche Ehrenbezeugung widerfahren sei. Lord Rich redete ihm hierauf wenige pathetische Worte zu, und ich bezwang meinen mit der Wut kampfenden Kummer; wir reisten sogleich ab. Morgens gehen wir nach Dumfries. Was fur eine Reise! o Gott, was fur eine Reise!
Lord Rich aus den Bleigeburgen
an Doktor T.
Ich glaube, Sie kennen mich nicht mehr, aber die starke Seite meiner Seele ist mit der Ihrigen verwandt, und Seymour ist mein Bruder. Von diesem und von dem Gegenstand seiner Schmerzen soll ich Ihnen reden. Wir kamen heute abend hier an; unsere Reise war traurig, und jeder nahernde Schritt zu dieser Gegend beklemmte unser Herz. Die ganze Erde hat keinen Winkel mehr, der so elend, so rauh sein kann wie der Zirkel um diese Hutte. Mit Grausamkeit hat das Schicksal in dieser Landschaft dem Boshaftesten unter allen Menschen die Hand geboten, die empfindsamste Seele zu martern. Wenn ich an die edle kindliche Bewegung ihres Herzens denke, die sie bei den Schonheiten der Natur gegen ihren Schopfer zeigte, so fuhle ich das Mass des Leidens, so diese unfruchtbare Steine fur sie enthielten; und die Hutte, worin sie eine so lange Zeit wohnte, ihre arme Lagerstatte, wo sie den edelsten Geist aushauchte, der jemals eine weibliche Brust belebte. O Doktor! selbst Ihr theologischer Geist wurde, wie mein philosophischer Mut, in Tranen ausgebrochen sein, wenn Sie dieses, wenn Sie den Sandhugel gesehen hatten, der an dem Fusse eines einsamen magern Baums die Uberbleibsel des liebenswurdigsten Frauenzimmers bedeckt. Der arme Lord Seymour sank darauf hin und wunschte seine Seele da auszuweinen und neben ihr begraben zu werden; ich musste ihn mit unsern zween Leuten davon wegziehen. Im Hause wollt' er sich auf ihr Sterbebette werfen; ich liess es aber wegnehmen und fuhrte ihn auf den Platz, wo die Leute sagen, dass sie meistens gesessen ware; da liegt er seit zwo Stunden, unbeweglich auf seine Arme gestutzt, sieht und hort nichts. Die Leute scheinen mir keine guten Leute zu sein; ich furchte, sie haben ihre Hande auch zu dem Einkerkern geboten. Sie sehen scheu aus; sie beredeten sich schon etlichemal vor der Hutte allein, haben auf meine Fragen nach der Dame kurz und verwirrt geantwortet und waren sehr betroffen, wie ich sagte, das Grab musste morgen geoffnet werden. Ich zittre selbst davor; ich befurchte, Merkmale eines gewaltsamen Todes zu finden. Was wurde da aus meinem Bruder werden? Ich sage nichts von mir selbst; ich verberge meinen Jammer, um Seymours seinen nicht zu vergrossern, aber gewiss hat die Angst des Untergangs in einem Sturm und die Qual eines lechzenden Durstes in den sandigten Gegenden von Asien meine Seele nicht so heftig angegriffen als der Gedanke an den Leiden dieses weiblichen Engels. Mein Bruder ist aus Mattigkeit eingeschlafen, er liegt auf den Kleidern unsrer Leute, die sie auf den Boden gebreitet haben; immer fahrt er auf und stosst achzende Seufzer aus; doch beruhiget mich unser Wundarzt wegen seiner Gesundheit. Ich kann nicht schlafen, der morgende Tag qualt mich voraus; ich sammle Mut, um Seymouren zu stutzen, aber ich bin selbst wie ein Rohr, und ich furchte, bei dem Anblick dieser Leiche mit ihm zu sinken. Denn ich liebte sie nicht mit der jugendlich aufwallenden Leidenschaft meines Bruders; meine Liebe war von der Art Anhanglichkeit, welche ein edeldenkender Mann fur Rechtschaffenheit, Weisheit und Menschenliebe fuhlt. Niemals hab' ich Verstand und Empfindungen so moralisch gesehen, als beide in mir waren; niemals das Grosse mit einem so richtigen Mass wahrer Wurde und das Kleine mit einer so reizenden Leichtigkeit behandeln gesehen. Ihr Umgang hatte das Gluck eines ganzen Kreises geistvoller und tugendliebender Personen gemacht; und hier musste sie unter aufgeturmten Steinen, bei ebenso gefuhllosen Menschen, unter der hochsten Marter des Gemuts, ihren schonen Geist aufgeben! O Vorsicht! du siehst die Frage, welche in meiner Seele schwebt; aber du siehst auch die Ehrerbietung fur das Unergrundliche deiner Verhangnisse, welche ihren Ausdruck zuruckhalt!
Fortsetzung den zweiten Tag
Doktor Menschenfreund! nehmen Sie teil an unserer Freude. Der Engel, Sternheim, lebt noch. Eine gottliche Schickung hat sie erhalten. Seymour weint Tranen der Freude und umfasst die armen Wirte dieser Hutte unaufhorlich. Vor einer Stunde schleppten wir uns bleich, traurig, mit einer Totenstille gegen den kleinen Garten, wo man uns gestern das Grab gewiesen hatte. Der Mann und sein Sohn gingen unentschlossen und mit einem merklichen Widerwillen mit uns. Als wir nahe an der Stelle des Sandbugels waren und ich den Leuten kurz sagte grabt auf sank mein Bruder an meinen Hals und umfasste mich, indem er mit Schmerz "o Rich!" ausrief und seinen Kopf auf meiner Achsel verbarg. Diese Bewegung von ihm, just da die erste Schaufel voll Sand durch einen meiner Leute vom Grab gehoben wurde, durchbohrte meine Seele; ich schloss meine Arme um ihn und erhob meine Augen zum Himmel, um Starke fur ihn und mich zu erflehen. Den namlichen Augenblick aber fielen Mann, Frau und Sohn vor uns auf die Knie und baten um unsern Schutz. Ich geriet in die ausserste Besturzung, weil ich mich vor der Entdeckung eines an der Dame verubten Mords furchtete. "Leute! was wollt ihr, was soll euer Rufen um Schutz?" "Wir haben unsern Lord betrogen", riefen sie; "die Frau ist nicht gestorben, sie ist fort." "Wohin, Leute, wohin", rief ich; "betrugt ihr uns nicht?" "Nein, guter Lord, sie ist bei des Grafen Hoptons Schwester; diese hat sie zu sich genommen und gesagt, wir sollten dem Lord melden, sie ware tot; wir hatten die Frau lieb und liessen sie gehen; aber wenn es nun der Lord erfahrt, so wird er Rache an uns nehmen." Seymour umarmte den Mann mit lautem Freudengeschrei und sagte: "O mein Freund, du sollst mit mir kommen, ich will dich beschutzen und belohnen. Wo ist der Graf Hopton? Wie ist dies zugegangen? Rich lieber Bruder, Rich, wir wollen gleich abreisen." Ich versicherte ihn, dass ich ebenso begierig sei wie er, die Dame selbst zu sehen; er solle Anstalten zur Reise machen, ich wollte indessen mit den Leuten reden. Ich beruhigte sie mit dem Verspruch, dass der Lord sie fur ihre Liebe zu der Frau selbst belohnen wurde; denn er habe gar nicht gerne gehort, dass John so ubel mit ihr umgegangen sei; dabei gab ich ihnen eine Handvoll Guineen und fragte sie nach dem Leben und Bezeugen der Dame. O Doktor! wieviel Glanz breitete die einfache abgekurzte Erzahlung dieser Leute uber die Tugend meiner Freundin aus! Gestern murrte ich uber ihr hartes Schicksal; und itzt mochte ich der Vorsicht fur das edle Beispiel danken, welches sie den ubrigen Menschen durch die Prufung dieser grossen Seele gegeben hat. Tief, unausloschlich sind die Zuge ihres Charakters in mein Herz gegraben! Wir reisen ab. Am Fusse des Berges schickte ich einen meiner Leute an Lord Derby mit der fur ihn gewiss trostvollen Nachricht. Denn da er sich dem Zeitpunkt nahert, wo man alles versaumte Gute mochte einholen und alles verubte Bose ausloschen konnen: so muss es eine Erquikkung fur ihn sein, die Summe seiner Vergehungen um ein so grosses vermindert zu sehen.
Madam Leidens
an Emilia
Tweedale, Sitz des Grafen von Douglas-March
Ich schreibe auf meinen Knien, um meine Dankbarkeit gegen Gott fur das entzuckende Gefuhl von Freiheit, Leben und Freundschaft in kindlicher Demut auszudrucken. O meine geliebte, meine teure Freundin! durch wieviel Schmerzen bin ich gegangen, und wie sehr erfreut es mich, Ihren Kummer und die Sorgen meiner Lady Summers endigen zu konnen. Morgen schickt die Grafin Douglas einen Kurier an meine Lady; dieser wird auch gleich mit einem Paket an Ihren Mann nach Harwich abgehen, um ja Ihre Unruhe nicht einen Augenblick zu verlangern. Die Auszuge von meinen mit Reissblei geschriebenen Papieren werden Ihnen zeigen, wie hart und dornicht der Weg war, welchen ich in dem letztern Jahre zu gehen hatte. Aber wie angenehm ist mir der Ausgang davon geworden, da ich von der Hand der leutseligsten Tugend daraus gefuhrt wurde! Ist dieses nicht die Probe, dass ich mich in den Tagen meiner Prufung der Vorsorge Gottes nicht unwurdig machte, weil sie eine der edelsten Seelen zu meiner Hulfe schickte? Auf meinem letzten Blatte glaubte ich die letzte Nacht meines Lebens angebrochen zu sehen und dachte auch, von der Grafin Douglas verlassen, zu sterben; aber um elf Uhr kam der Geistliche mit einem Wundarzt und Morgens darauf ein von zwei Pferden getragenes Bette mit der Lady Douglas selbst, die mir auf die liebreichste Art ihr Haus, ihre Vorsorge und Freundschaft anbot. Bald ware mir das Ubermass meiner Freude schadlich geworden; denn indem ich der Lady Hand an meine Brust druckte und von meinem Dank und von meiner Freude sprechen wollte, sank ich zuruck; als ich erwachte, baten sie mich, ruhig zu bleiben und sagten, dass sie mit meinen Wirten verabredet hatten, sie sollten ein Grab im Garten aufwerfen und dem Lord Derby wissen lassen, ich ware tot; die Leute waren es zufrieden, und sie wollte mich nun in des Grafen von Hoptons Haus bringen. Nachmittags um vier Uhr fuhlte ich mich stark genug, um aufzustehen, Molly kleidete mich in Gegenwart der Lady Douglas an; ich nahm die funf Guineen, so ich bei mir hatte, und machte sie zusammen, um sie meinen Wirten zu geben. Den Augenblick, als ich aufstund, der Lady eine Bitte wegen der guten Waise zu machen, kroch die arme kleine Lidy auf ihren Knien herein und bat mit Schluchzen und aufgehobenen Handchen, ich sollte sie doch mitnehmen; innig geruhrt sah ich sie und die Lady an, welche nach einem Augenblick Nachdenken dem Madchen die Hand bot und mit mitleidiger Stimme sagte: "Ja, meine Kleine, du sollst auch mitkommen." "Gott segne Sie, teure Lady", sagte ich, "fur Ihre grossmutige Menschenliebe; ich wollte Sie um Erlaubnis bitten, dieses unschuldige Opfer auch zu retten." "Gerne", antwortete sie, "sehr gerne, es erfreut mich, dass Sie so zartlich fur sie sorgen." Ich umarmte meine weinende Wirte mit Tranen, sah noch seufzend mich in der traurigen Gegend um und reiste mit der Lady ab. Graf Hopton empfing mich mit vieler Hoflichkeit; aber seine Blicke durchspurten zugleich meine ganze Person mit einem Ausdruck, als ob er abwagen wollte, ob ich mehr die Nachstellungen eines Liebhabers oder des Mitleidens einer tugendliebenden Dame verdiente. Eine Bewegung seiner Augen von Betrachtung der Lidy auf mich machte mich erroten und dieses ihn lacheln; ich erriet, dass er mich fur ihre Mutter hielt und empfand die Verringerung seiner fur mich vorteilhaft gefassten Begriffe. Lady Douglas fuhrte mich in ein artiges Zimmer und hiess mich zu Bette gehen; Molly war dabei und fragte die Dame, wo die kleine Lidy hin sollte? "Hieher", sagte Lady Douglas, "denn Sie werden die Kleine am liebsten bei sich haben, und es gefallt mir sehr, dass Sie auch im Ungluck den Pflichten der Natur getreu geblieben sind." "Beste Lady", fiel ich ein, "Sie " "Keine Unruhe, meine Liebe", sprach sie mit lebhaftem, aber liebreichem Tone, "legen Sie sich, ich komme dann zuruck, aber von allem unangenehmen Vergangenen sollen Sie nicht reden" und damit ging sie weg. Ich warf mich aufs Bette mit der traurigen Betrachtung, dass ich den ersten freien Atemzug durch Erduldung eines widrigen Urteils bezahlen musse. Ich wollte diese Begriffe keine Wurzeln in der Lady Douglas fassen lassen und verlangte Schreibzeug und Papier. Ich schrieb den andern Tag der Lady die Erklarung ihrer Zweifel wegen der kleinen Lidy und zeigte die Beweggrunde an, warum ich mich des Kindes angenommen hatte. Ich bat sie daneben, mir bald Gelegenheit zu geben, Nachrichten an Lady Summers gelangen zu lassen; denn durch diese Dame wurde sie auch uberzeuget werden, dass alles, was ich ihr sagte, die Wahrheit sei, und dass sie ihre bisherige Gute fur mich nicht zu bereuen haben wurde. Sie konnte die drei Blatter kaum gelesen haben, so kam sie zu mir, und bat mich gleich beim Eintritt in das Zimmer, ihr die Unruhe zu vergeben, die sie mir gemacht hatte; aber es ware nicht leicht moglich gewesen, bei einer fremden Person einen solchen Grad von Liebe und Sorge fur das Kind eines Feindes zu denken, und ich konne glauben, dass, da sie mich wegen meiner vermeinten Muttertreue geliebt habe, sie mich wegen meiner grossmutigen Liebe gegen das Blut meines unwurdigen Verfolgers desto mehr liebe und bewundere. Zwo Stunden redte sie mit mir von vielen Sachen in einem feinen zartlichen Tone fort. Die teure Lady besitzt eine bei den Grossen seltene Eigenschaft; sie nimmt Anteil an den Leiden der Seele und sucht mit der edelsten, feinsten Empfindung Trostworte und Hulfsmittel aus. In den Zeiten meines ehemaligen Umganges mit der grossen glucklichen Welt beobachtete ich, dass ihr Mitleiden meistens fur ausserliche Ubel, Krankheiten, Armut usw. in Bewegung kam; Kummer des Gemuts, Schmerzen der Seele, von denen man ihnen redete oder die sie verursachten, machten wenig Eindruck und brachten selten eine anteilnehmende Bewegung hervor. Aber sie werden auch selten gewohnt, an den innerlichen Wert oder die wahre Beschaffenheit der Sachen zu denken; durch ausserlichen Glanz verblenden sie und werden verblendet. Witz hat die Stelle der Vernunft, eine kalte, gezwungene Umarmung heisst Freundschaft, Pracht und Aufwand Gluck O mein Kind, sollte ich jemals wieder diesem Kreise mich nahern, so will ich mit einiger Sorge alles vermeiden, was mich in den Stufen meiner Erinnerung und meines Unglucks an den Grossen und Glucklichen schmerzte. Die Grafin Douglas nimmt die kleine Lidy zu sich; sie sagt, ich hatte genug fur das Kind getan, und es solle niemand mehr Anlass haben, die Ubung der grossten Tugend als die Folge eines Fehltritts zu beurteilen; am allerwenigsten aber Derby auch nicht vermuten konnen, dass eine Anhanglichkeit fur ihn auf irgendeine Weise an meinem Mitleiden gewesen sei. Ich sah alles Edle ihrer Beweggrunde und dankte ihr zartlich, dass sie mich nicht nur fur kunftigen falschen Beurteilungen schutzte, sondern auch der Belastigung des Lobs enthobe, das man meiner sogenannten Grossmut noch einmal geben konnte. Meine Briefe an Lady Summers hat die Grafin gelesen; sie wollte es nicht tun, um mich von ihrem Vertrauen in mich zu uberzeugen. Die Briefe an Sie hab' ich ihr durchgeblattert, weil sie aber ganz deutsch sind, so hatte die Ubersetzung viele Zeit gekostet; ich redete ihr also kurz von dem Inhalt eines jeden Blatts; denn ich eilte zu sehr, Ihnen Nachrichten zu geben, und gerne schlupfte ich uber das Gute darin hinweg, weil mich dunkte, dass das Vergnugen, mich loben zu horen, die Summe meiner innerlichen Zufriedenheit vermindert. Mochte ich doch bald Nachrichten von Lady Summers haben und zu ihr reisen konnen, um mich bald, bald in die Arme meiner Emilia zu werfen. Mein Enthusiasmus fur England ist erloschen; es ist nicht, wie ich geglaubt habe, das Vaterland meiner Seele. Ich will auf meine Guter, einsam will ich da leben und Gutes tun. Mein Geist, meine Empfindungen fur die gesellschaftliche Welt sind erschopft; ich kann ihr auch zu nichts mehr gut sein, als einigen Unglucklichen eine kleine Lehrschule von Ertragung widriger Schicksale zu halten. In Wahrheit, es ist bei der neu erheiterten Aussicht in meine kunftigen Tage einer der ersten Wunsche meiner Seele gewesen, dass bei jedem Anbau eines jungen Herzens diejenigen Samenkorner meiner Erziehung eingestreuet wurden, deren erquickende Fruchte in der Zeit meiner hartesten Leiden reif wurden, die mein anfangliches Murren besanftigten und mir die Starke gaben, alle Tugenden des Unglucklichen auszuuben. Mein erneuertes Gefuhl der Schonheiten unsrer physikalischen Welt kann ich Ihnen unmoglich in seiner Starke beschreiben; es war gross, mannigfaltig, wie die schone Aussicht dieses Edelsitzes, wo man uber einen jahen Absturz an dem Flusse Tweda die fruchtbarsten Hugel von ganz Schottland ubersieht, die von Schafen wimmeln. Die Sehkraft meiner Augen dunkt mich vervielfaltigt, wird verfeinert, so wie sie mich in den Bleigeburgen vermindert und stumpf gemacht dunkte. Konnen nicht, meine Emilia, alle Krafte meiner Seele wieder so aufleben wie das Gefuhl fur die wohltatigen Wunder der Schopfung und das von der frohen Hoffnung, die Freundin meines Herzens bald wieder zu umarmen?
Lord Rich, von Tweedale,
an Doktor T.
Wenn es billig ist, dass der Starkere nicht nur seine eigene volle Last, sondern auch die Burde des Schwachern trage, so erfulle ich meine Pflicht, indem ich nicht nur unter dem gehauften Mass meiner Empfindungen seufze, sondern auch das uberstromende Gefuhl von meinem Bruder zusammenfassen muss. Meine Briefe an Sie sind die Stutze, die meine Seele erleichtert. Seymour sitzt wirklich zu den Fussen des Gegenstandes meiner Wunsche; ich entfernte mich; ihre Augen sagten mir zwar, dass sie mich gerne bleiben sahe; aber mein Bruder hielt ihre Hand, sein Herz fuhlte den sanften Druck, den die ihrige ihm vielleicht ohne ihr Wissen gab; das einige fuhlte ich auch, und dieses Gefuhl hiess mich gehen. Zwei Tage sind's, dass wir hier angekommen. Sechs Pferde machten Aufsehen im Schlosshofe, und die Bedienten liefen zusammen; mein Bruder warf sich vom Pferde und rief: "Ist die Grafin Douglas mit der Lady aus den Bleigeburgen hier?" Auf die Antwort Ja zog er mich am Arm mit einem eifrigen "kommen Sie, Bruder, kommen Sie". "Wen muss ich melden?" rief ein Diener; "Lord Rich, Lord Seymour", rief mein Bruder hastig und eilte dem Kerl nach, der kaum klopfen konnte, als wir schon in der Ture waren. Die Grafin Douglas sass der Ture gegenuber; Lady Sternheim aber mit dem Rucken gegen uns und las der Dame etwas vor. Seymours Eindringen und das eilende Rufen des Bedienten, wer wir waren, machte die Grafin stutzen und meine englische Freundin den Kopf wenden. Sie fuhr mit Schrecken zusammen "O Gott", rief sie und liess das Buch auf die Erde fallen, als Seymour sich zu ihren Fussen warf. "O die ehrlichen Leute sie lebt O mein gottliches, mein angebetetes Fraulein Sternheim!" rief er mit ausgestreckten Armen. Sie sah halb ausser sich ihn und mich an, wendete aber den Augenblick den Kopf weg und liess ihn auf ihren zitternden Arm sinken Die Grafin Douglas sah mit Staunen hin und her, ich musste reden aber mein erstes war, auf die Sternheim zu zeigen. "Teure Grafin, unterstutzen Sie den Engel, den Sie bei sich haben! Ich bin Lord Rich, hier ist Lord Seymour." Die Grafin hatte sich eilends meiner Freundin genahert, die ihre beiden Armen um sie schlug und ihr Gesicht einige Minuten an der Grafin Busen verbarg. Seymour konnte dieses Abwenden ihres Gesichts nicht ertragen und rief in vollem Schmerzen aus "O mein Oncle, warum musste ich meine Liebe verbergen! Alle Qual, alle Zartlichkeit meines Herzens kann mich nun nicht von dem Widerwillen schutzen, den mir meine Nachlassigkeit zuzog! O Sternheim, Sternheim! was soll aus mir werden, wenn ich in dem Augenblicke der Freude, Sie wiedergefunden zu haben, Ihren Unmut auf mir legen sehe? Gonnen Sie mir, o, gonnen Sie mir nur einen gutigen Blick." Mit dem Anblick eines Engels und der ganzen Wurde der sich fuhlenden Tugend richtete Lady Sternheim sich auf, reichte errotend meinem Bruder die Hand, und mit gedampfter Stimme sagte sie: "Stehen Sie auf, Lord Seymour, ich versichere Sie, dass ich nicht den geringsten Unmut uber Sie habe"; und seufzend setzte sie hinzu, "wo ware mein Recht dazu gewesen?" Feurig zartlich kusste er ihre Hand; meine Augen sanken zur Erde; aber sie naherte sich mir mit freundschaftlichen Blicken, nahm meine Hand: "Teurer Lord! was fur Freundschaft! wie haben Sie mich finden konnen? Hat Lady Summers es Ihnen gesagt? Was macht sie, meine liebreiche Mutter?" Ich kusste die Hand auch, die sie mir gegeben hatte; "Lady Summers ist wohl", antwortete ich, "und wird glucklich sein, Sie wiederzusehen; aber nicht Lady Summers hat mich hergeleitet; Reue und Gerechtigkeit riefen meinen Bruder und mich auf." Mit einer erhoheten Gesichtsfarbe fragte sie mich; "ist Lord Seymour Ihr Bruder?" "Ja, und dies von der edelsten Mutter, die jemals lebte." Sie antwortete mir nur mit einem bedeutenden Lacheln und wandte sich zur Grafin Douglas. "Meine grossmutige Erretterin", sprach sie, "sehen hier zween unverwerfliche Zeugen der Wahrheit dessen, was ich Ihnen von meiner Geburt und meinem Leben sagte; ich danke Gott, dass er mich den Augenblick erleben lassen, wo Ihr Herz die Zufriedenheit fuhlen kann, dass Ihre Gute fur mich nicht verloren ist." "Nein", fiel Seymour ein, "niemals lebte eine Seele, welche der Verehrung der ganzen Erde wurdiger ware als die Dame, welche die Grafin errettet haben; solang ich atmen werde, sollen Sie, edelmutige Grafin Douglas, den ewigen Dank dieses Herzens haben." Mit tranenden Augen druckte er zugleich die Hand der Grafin an seine Brust. Ich hatte mich indessen gefasst, um etwas von unserem Uberfall zu erklaren. Einige Miauten waren wir alle stille. Ich nahm die Hand der Lady Sternheim: "Konnen Sie", fragte ich, "ohne Schaden Ihrer Ruhe und Gesundheit von Ihrem Verfolger reden horen? Er ist am Ende seines Lebens, und die grosste Sorge seiner Seele windet sich unaufhorlich um das Andenken Ihrer Tugend und seiner Ungerechtigkeit gegen Sie. Sein Kummer uber Ihren vermeinten Tod ist unaussprechlich; er hat mich und Lord Seymour zu sich gebeten und uns schworen lassen, in die Bleigeburge zu reisen, um Ihre Leiche da aufzuheben und mit allen Zeugnissen Ihrer Tugend und seiner Reue in Dumfries beizusetzen. Ich will nicht sagen, wie traurig dieses Amt uns war. Nachdem wir so lange Zeit vergebens nach Ihnen gesucht hatten, sollten wir Sie tot wiedersehen! Mein armer Bruder und (ich konnte mich nicht verhindern dazuzusetzen) Ihr armer Freund Rich!" Eine Trane zitterte in ihren Augen indem sie sagte: "Lord Derby ist grausam, sehr grausam mit mir umgegangen. Gott vergebe es ihm; ich will es von Herzen gerne tun aber sehen kann ich ihn niemals wieder, sein Anblick wurde mir todlich sein." Ihr Kopf sank mit ihrer sinkenden Stimme bei den letzten Worten auf ihre Brust. Mein Seymour fuhlte die ruhrende Verlegenheit dieser reinen Seele und ging, mit sich kampfend, ins Fenster Lady Sternheim stund auf und verliess uns; Seymour und ich sahen ihr bewundernd nach. Nur in schottische Leinwand gekleidet, war sie reizend schon durch ihren nach dem vollkommensten Ebenmass gebildeten Wuchs und den schonsten Anstand in Gang und Bewegung; und ob sie schon hager und blass geworden, so war dennoch ihre ganze Seele mit aller ihrer Schonheit und Wurde in ihren Zugen ausgedruckt. Seymour und ich sagten der Grafin Douglas alles, was die Lady Sternheim anging, und sie erzahlte uns hingegen, was sie von ihr wusste, seitdem sie die Tochter des Bleiminenknechts zu sich genommen, und wie sie gleich gedacht hatte, diese Person musse eine edle Erziehung haben und in einer unglucklichen Stunde von ihrer Bestimmung entfernt worden sein; zartliches Mitleiden habe sie eingenommen, besonders da sie ihre Sorge fur das Kind gesehen habe, und sie ware gleich entschlossen gewesen, sie zu sich zu nehmen, wenn sie mit ihrem Bruder zuruckginge; die Krankheit der Dame hatte es aber fruher erfodert. Sie freute sich, ihrem Herzen gefolgt zu haben. Sie ging hierauf, nach ihrem Gast zu sehen, und wir blieben allein. Gedankenvoll blieb ich sitzen. Seymour kam und fiel mir mit Weinen um den Hals: "Rich! lieber Bruder, ich bin mitten im Gluck elend und werde es bleiben. Ich sehe deine Liebe und deine Verdienste um sie. Ich fuhle, dass sie missvergnugt mit mir ist; sie hat recht, tausend recht, es zu sein. Sie hat recht, dir mehr Vertrauen, mehr Freundschaft zu zeigen; aber ich fuhle es mit einem totenden Kummer. Meine Gesundheit leidet schon lang auf allerlei Weise unter dieser Liebe. Ich habe sie nun gesehen; ich werde um ihretwillen sterben, und dies ist mir genug." Ich druckte ihn mit einer sonderbaren Bewegung an meine Brust, und ich glaube, ihm etwas kalt und rauh gesagt zu haben: "Ja, Seymour, du bist im Gluck unglucklich, aber andere sind's ganz. Warum mussen deine Nebenbuhler allezeit mehr Licht sehen als du? Derby hat recht; sie zieht dich vor. Ihr Zuruckhalten beweist mir alles, was er sagte. Sei ihrer wurdig und beneide mir ihre Achtung, ihr Vertrauen nicht!" "O Rich o mein Bruder, ist dieses, kann dieses wahr sein? betrugt dich deine Leidenschaft nicht, wie mich die meinige? O Gott! ich muss sie erhalten oder sterben wer wird fur mich reden: wer? Ich kann nichts sagen und du?" "Ich will es tun", erwiderte ich, "aber heute noch nicht; wir mussen ihre Empfindlichkeit und geschwachte Gesundheit schonen." Zu meinen Fussen war er, er umfasste sie: "Bester, edelster Bruder", rief er, "fodre mein Leben, alles, ich kann nicht genug fur dich tun! du willt du! willt fur mich reden? Gott segne dich ewig, mein treuester, mein gutigster Freund!" "Ich will nichts, liebster Seymour, als sei glucklich, sei deines Glucks wurdig! du kennst den ganzen Umfang davon nicht so wie ich; aber ich gonne, ich wunsche dir es, so gross es ist." Die Damen kamen zuruck wir redeten von Tweedale, und unsere Freundin erzahlte, wie geruhrt sie gewesen, Gottes schone Erde wiederzusehen. Dann sprach sie von ihrer Entfuhrung und ihren ersten Tagen im Geburge. Abends gab sie mir ihre Papiere; ich las sie mit Seymour durch. O Freund, was fur eine Seele malt sich darin! Wie unermesslich ware meine Gluckseligkeit gewesen! Aber ich ersticke meine Wunsche auf ewig. Mein Bruder soll leben! Seine Seele kann den Verlust ihrer Hoffnungen nicht noch einmal ertragen; meine Jahre und Erfahrung werden mir durchhelfen. Seymour muss das Mass der Zufriedenheit voll haben sonst geniesst er nichts, mir reicht ein Teil davon zu, dessen Wert ich kenne. Schicken Sie uns Seymours Briefe an Sie gleich; sie mussen gelesen werden und fur ihn reden.
Von Sternheim an Emilia
Was wird die Vorsicht noch aus mir machen? In widrigen Begegnissen, in den empfindlichsten Erschutterungen aller Krafte der Seele und des Lebens erhalt sie mich. Gewiss nicht zum Ungluck, aber zu jeder moglichen Prufung. Allein, o meine Liebe, ganz allein, von niemand als zuredenden Freunden umgeben stund ich an meinem Scheideweg. Lord Derby ist tot diese beiliegenden Blatter meines Tagebuchs von Tweedale sagen Ihnen Seymours und Richs Ankunft und den Ersatz, welchen Derby mir machen wollte. Gott lasse seine ewigen Tage glucklicher sein, als er die meinigen machte, die ihm hier in seine Gewalt gegeben waren! Lord Seymour verfolgt mein Herz; er liebte mich, o meine Emilia, er liebte mich zartlich, rein, von dem ersten Tage, da er mich sah. Der Stolz seines Oheims, seine Abhanglichkeit von ihm und eine ubertriebne feine Empfindung von Tugend und Ehre wollte, dass er schwieg, bis ich die Versuchungen des Fursten uberwunden hatte. Sie wissen, was dieses Schweigen mir zuzog; aber Sie wissen nicht, was Lord Seymour darunter gelitten hatte. Hier, lesen Sie seine Briefe, mit denen vom Lord Derby, und senden Sie sie mir mit allen den meinen an Sie zuruck. Sie werden bei Derbys Briefen uber den Missbrauch von Witz, Tugend und Liebe schaudern. Hatte ich nicht selbst bose sein mussen, wenn ich seine Ranke hatte argwohnen sollen? Was ist Seymours Herz dagegen? Ihren Rat hatte ich gewunscht, durch einen gemeinsamen Geist erhalten zu konnen. Die Grafin Douglas ist eingenommen; Lord Rich, der edle, unschatzbare Lord Rich, bittet mich, seine Schwester zu werden. Der liebenswurdige Seymour ist taglich zu meinen Fussen! alle Einwendungen meiner Delikatesse werden bestritten! und, o Freundin meines Herzens, du, die du alle seine Bewegungen von Jugend auf kanntest, dir kann ich, dir will ich es nicht verbergen, dass eine innerliche Stimme mich meine Vermahlung mit Lord Seymour als ein von dem Schicksal gegebenes Mittel ergreifen heisst, um meiner unsteten Wanderschaft ein Ende zu machen. Und war er nicht der Mann, den mein Herz sich wunschte? Er weiss es, soll ich nun zurucke? Lord Rich, furchte ich, wurde an seinen Platz eintreten wollen. Seymour zeigte mir viele Tage die heftigste zartlichste Liebe. Lord Rich hatte lange Unterredungen mit ihm, war aber kalt, ruhig, sah oft tiefdenkend lange mich an und brachte mich dadurch zu dem Entschluss, unverheuratet zu bleiben. Aber zwei Tage nach Seymours Briefe brachte er mir ein Tagebuch und die noch dabei gelegenen letzten Briefe aus Summerhall in mein Zimmer; und mit einer ruhrenden vielbedeutenden Miene trat er zu mir, kusste die Blatter meines Tagebuchs, druckte sie an seine Brust und bat mich um Vergebung, eine Abschrift davon genommen zu haben, welche er aber mit der Urschrift in meine Gewalt gebe. "Aber erlauben Sie mir", fuhr er fort, "Sie um dieses Urbild Ihrer Empfindungen zu bitten; lassen Sie, meine englische Freundin, mich diese Zuge Ihrer Seele besitzen und erhoren Sie meinen Bruder Seymour. Das Paket seiner Briefe wird Ihnen die unerfahrne Redlichkeit seines Herzens bewiesen haben. Sie werden ihn durch Annehmung seiner Hand zu dem glucklichsten und rechtschaffensten Mann machen." Nach einigem Stillschweigen legte er seine Hand auf die Brust, sah mich zartlich und ehrerbietig an und fuhr mit geruhrtem Ton fort: "Sie kennen die unbegrenzte Verehrung, die ewig in diesem Herzen fur Sie leben wird; Sie kennen die Wunsche, die ich machte, die nicht aufgehort haben, aber unterdruckt sind. Ich wurde gewiss meine seligsten Tage, dafern es nur Hoffnungstage waren, nicht aufopfern, wenn ich nicht mitten unter der Anbetung, unter dem Verlangen meiner Seele, sagen musste und sagen konnte: Seymour sei Ihrer wurdig, er verdiene Ihre Achtung und Ihr Mitleiden." Er sah mich hier sehr aufmerksam an und hielt inne. Mit einem halb erstickten Seufzer sagte ich: "O Lord Rich!" und er fuhr mit einem mannlich freundlichen Tone fort: "Sie haben die Gewalt, einen edlen jungen Mann in der Marter einer verworfenen Liebe vergehen zu machen; wenden Sie, beste weibliche Seele, diese Gewalt zu dem Gluck einer ganzen Familie an! Sie konnen meiner Mutter, einer wurdigen Frau, den Kummer abnehmen, ihre Sohne unverheuratet zu sehen. Ihre schwesterliche Liebe wird mich glucklich machen, und Sie werden alle Ihre Tugenden in einem grossen wirksamen Kreis gesetzt sehen!" "Teurer Lord Rich", antwortete ich geruhrt, "wie nahe dringen Sie in mich! Sehen Sie meine Bedenklichkeiten nicht?" Ich verbarg mein Gesicht mit meinen Handen; er schloss mich in seine Arme und kusste meine Stirne. "Beste, geliebteste Seele, ja ich kenne Ihre feinen Bedenklichkeiten; Sie verdienen die vermehrte Anbetung meines Bruders; aber Sie sollen den Bau seiner Hoffnung nicht zerstoren. Lassen Sie mich, ich bitte Sie, ihm die Erlaubnis bringen, zu hoffen." Mit tranenden Augen sah der wurdige Mann mich an; eine Zahre der meinigen fiel ihm auf seine Hand; er betrachtete sie mit inniger Ruhrung; als aber das anfangende Zittern seiner Hande sie bewegte, so kusste er sie hinweg, und seine Blicke blieben einige Minuten auf die Erde geheftet. Ich nahm das Original meiner Briefe und des Tagebuchs und reichte es ihm mit der Anrede: "Nehmen Sie dieses, wurdigster Mann, was Sie das Urbild meiner Seele nennen, zum Unterpfand der zartlichen und reinen Freundschaft!" "Meine Schwester", fiel er mir ins Wort. "Keine List, Lord Rich! Ich will ohne Kunst werden, was Sie so sehnlich wunschen, dass ich sein moge." Er liess sich auf ein Knie nieder, segnete mich, kusste meine Hande mit eifriger Zartlichkeit und eilte weg. "Sagen Sie noch nichts", rief ich ihm nach, "ich bitte Sie." Da war ich und weinte, und entschloss mich, Lady Seymour zu werden; ich bekraftigte diesen Entschluss am Ende eines Gebets an die gottliche Vorsicht.
Nachschrift. Nun weiss es Lord Seymour. Seine Entzuckungen gehen uber die Krafte meiner Feder. Meine Grafin Douglas umarmte mich mutterlich, Lord Rich als ein zartlicher Bruder. Der gute Lord Seymour bewacht mich, als ob er besorgte, es mochte jemand meine Entschliessung andern. Sein Kammerdiener ist an seine Frau Mutter geschickt, welche an Tugend und Geist eine zweite Lady Summers sein muss. O segnen Sie mich, meine Freunde! Mein Herz schlagt ruhig. Wie selig macht eine Entschliessung, die von Tugend, Weisheit und Rechtschaffenheit gebilliget wird! Nun freue ich mich auf die Reise zu dem Grabe meiner Eltern. Zu den Fussen ihres Leichensteins will ich mit meinem Gemahl knien und ihren himmlischen Segen auf diese Verbindung erflehen. Tranen des Danks will ich auf ihre Asche vergiessen, fur die Liebe der Tugend und der Wohltatigkeit, die sie in meine Seele gossen, und fur die Sorge, die sie nahmen, mir richtige Begriffe von wahrem Gluck und Ungluck zu geben! Meine Emilia werd' ich umarmen, meine Untertanen sehen! O gluckliche, selige Aussichten! Mein lieber Lord Seymour sucht seinem Bruder nachzufolgen; in allem fragt er ihn und mit wie vieler zartlicher Erkenntlichkeit sehe ich Lord Richs Bemuhung um meine Gluckseligkeit, indem er alles versucht, den ungleichen und oft reissenden Lauf von Seymours Charakter ins Gleiche und Sanfte zu andern. Er ist, sagt er, ein schoner, aber stark rauschender Bach, der im Grund eine Menge reiner Goldkorner fuhrt.
Lord Rich an Doktor T.
Ich komme vom Altar, wo mein Bruder eine ewige Verbindung, und ich eine ewige Freiheit meiner Hand geschworen. Ich gab ihm jene Hand, die mein Herz sich lange wunschte und von deren Mitwerbung ich abstund, weil ich mehr Starke in mir fuhlte, einen Verlust zu ertragen, als er hat. Es war die Seele, die Gesinnungen der Lady Seymour, die ich liebte. Ihre Papiere, die sie in der vollen Aufrichtigkeit ihres Herzens schrieb, beweisen mir, dass sie das Beste mir schenkte, so in ihrer Gewalt war; wahre Hochachtung fur meinen Charakter, wahres Vertrauen, zartliche Wunsche fur mein Gluck. Der unaufloslich ratselhafte Eigensinn eines einmal gefassten Vorzugs hatte schon lange und unwillkurlich die Neigung ihres Herzens gefesselt. Ich kenne den hohen Wert ihrer Seele; ihre Freundschaft ist zartlicher als die Umarmungen der Liebe einer andern Person. Die Herbstjahre des Lebens, in denen ich mich befinde, lassen mich alle reine Sussigkeit der Freundschaft mit Ruhe geniessen. Ich werde bei diesen Glucklichen leben; der zweite Sohn soll Lord Rich, soll der Sohn meines Herzens sein! Alle Tage werde ich mit Lady Seymour sprechen, und die Schonheit ihres Geistes ist mein Eigentum; ich trage zu ihrer Gluckseligkeit bei. Meine Mutter segnet mich uber den Entschluss von ihrem geliebten Seymour, und mein Gluck haftet an dem von den wurdigsten und liebsten Personen, die ich kenne. Bald, mein Freund, sehe ich Sie und spreche Sie.
Lady Seymour aus Seymourhouse
an Emilia
Die erste freie Stunde meiner Bewohnung eines Familienhauses gebuhrte dem Dank an die Vorsicht, die allen meinen Kummer und die furchterlichen Irrwege meines Geschicks in dem Umfang vollkommener Gluckseligkeit endigte; aber die zweite Stunde gehoret der treuen Freundin, die alles Leiden mit mir teilte, die mir es durch ihren Trost und ihre Liebe erleichterte und deren Beispiel und Rat ich die Starke meiner Anhanglichkeit an Tugend und Klugheit zu danken habe. Emilia, ich bin glucklich; ich bin es vollkommen, denn ich kann die seligsten, die heiligsten Pflichten alle Tage meines Lebens erfullen. Meine tugendhafte Zartlichkeit macht das Gluck meines Gemahls; meine kindliche Verehrung und Liebe wird von seiner wurdigen Mutter als die Belohnung ihrer geubten Tugenden angesehen. Meine schwesterliche Freundschaft giesst Zufriedenheit in das grosse, aber sehr empfindliche Herz meines geliebten Lords Rich. Lord Seymour hat weitlauftige Guter; er ist reich und hat mir eine unumschrankte Gewalt zum Wohltun gegeben. O mein Kind, es war gut, dass alle meine Empfindungen durch widrige Begebenheiten aufgeweckt und gepruft wurden; ich bin um so viel fahiger geworden, jeden Tropfen meines Masses von Gluckseligkeit zu schmecken. Sie wissen, dass ich Gott dankte, dass er in meinem Elende mir den Gebrauch meiner Talente zu Verminderung desselben gelassen hatte und meinem Herzen die Freude nicht entzog, wohltatig zu sein. Ich fuhle nun mit aller Starke die verdoppelten Pflichten des Glucklichen; nun muss meine Gelassenheit, Demut und meine Unterwerfung zur Dankbegierde werden. Meine Kenntnisse, die die Stutze meiner leidenden Eigenliebe und die Hulfsmittel waren, durch welche ich hier und da einzelne Teile von Vergnugen erreichte, sollen dem Dienst der Menschenliebe geweihet sein, sie zum Gluck derer, die um mich leben und zu Ausspahung jedes kleinen, jedes verborgenen Jammers meiner Nebenmenschen zu verwenden, um bald grosse, bald kleine liebreiche Hulfe ausfindig zu machen. Kenntnisse des Geistes, Gute des Herzens die Erfahrung hat mir bis an dem Rande meines Grabes bewiesen, dass ihr allein unsere wahre irdische Gluckseligkeit ausmachet! An euch stutzte meine Seele sich, als der Kummer sie der Verzweiflung zufuhren wollte. Ihr sollt die Pfeiler meines Glucks werden; auf euch will ich in der Ruhe des Wohlseins mich lehnen und die ewige Gute bitten, mich fahig zu machen, an der Seite meines edelmutigen menschenfreundlichen Gemahls ein Beispiel wohlverwendeter Gewalt und Reichtumer zu werden!
Sie sehen, meine Freundin, dass alle meine Bedenklichkeiten meinen Empfindungen weichen mussten. Ich sah das Vergnugen so vieler rechtschaffenen Herzen an das Gluck des meinigen gebunden, dass ich meine Hand gerne zum Unterpfand meiner Liebe fur ihre Zufriedenheit gab. Mylord will ein Schulhaus und ein Hospital nach der Einrichtung der Sternheimischen erbauen lassen; er betreibt den Plan, weil er den Bau wahrend unsrer deutschen Reise fuhren lassen will. Kunftige Woche gehen wir nach Summerhall; dort wollen wir die Briefe meines Oncles von R- erwarten, und dann (sagen Seymour und Rich) wollen sie jede heilige Statte besuchen, wo mich mein Kummer herumgefuhrt habe. Sie werden also, meine Emilia, sehen und uberzeugt werden, dass die erste und starkste Neigung meines Herzens der wurdigsten Person meines Geschlechts gewidmet war. Morgen kommen Mylord Crafton und Sir Thomas Watson, meiner Grossmutter Bruders Sohn, zu uns; ich werde aber meine ubrigen Verwandten, London und den grossen Kreis meiner Nachbarn erst nach unserer Zuruckkunft aus Deutschland sehen.
Mylord Rich an Doktor T.
Ich bin wieder in Seymourhouse, weil mir ohne die Familie meines Bruders die ganze Erde leer ist. Mit tausendfachen geistigen Banden hat mich die Lady Seymour gefesselt, und die Herbsttage meines Lebens wurden so gluhend, dass unsere Reise mich beinahe mein Leben kostete. Ich sah sie in Summerhall; zu Vaels bei ihrer Emilia; in ihrem Gesindhause; in D* bei Hofe; in Sternheim bei ihren Untertanen; bei dem Grabe ihrer Eltern! die anbetungswurdige Frau! In allen Gelegenheiten, in allen Stellen, wohin der Lauf des Lebens sie fuhrt, zeigt sie sich als das echte Urbild des wahren weiblichen Genies und der ubenden Tugenden ihres Geschlechts. Auf unserer Ruckreise wurde sie Mutter; und was fur eine Mutter! O Doktor! ich hatte mehr, viel mehr als Mensch sein mussen, wenn der Wunsch, sie zu meiner Gattin, zu der Mutter meiner Kinder zu haben, nicht tausendmal in meinem Herzen entstanden ware! Mit wie vielem Recht besitzt die Tugend der grossmutigen Aufopferung unsers Glucks die erste Stelle des Ruhms! Wie teuer kostet sie auch ein edelgewohntes Herz! Wundern Sie sich ja nicht, wenn sie selten ist. Doch eine Probe wie diejenige, die ich machte, hat nicht leicht statt. Mit Vergnugen hab' ich das Gluck meines Bruders dem meinigen vorgezogen. Die Handlung reuet mich nicht, ich litt nicht nur niedertrachtigen Neid, sondern allein durch das gezwungene Stillschweigen meiner Empfindungen, die ich keinem Unheiligen anvertrauen will, um die falsche Beurteilungen meiner ehrerbietigen Leidenschaft zu vermeiden und die reine Freundschaft meiner edlen Schwester in kein zweideutiges Licht zu bringen. Ich fiel in eine dustre Melancholie und entzog mich Seymours Hause auf einige Monate. Die Stille meines Landguts, wo ich ehemals von meiner grossen Reise ausruhete, gab mir diesmal kein ganzes Mass von Frieden; ich wollte mich uberwinden; aber ich bin an den sussen Umgang der fuhlbarsten Seele gewohnt; ihre schonen Briefe sind nicht sie selbst. Mein Lord Rich wurde geboren, und ich flog nach Seymourhouse; eine selige Stunde war es, in welcher Lady Seymour mir dieses Kind auf die Arme gab und mit allem Reiz ihrer seelenvollen Physionomie und Stimme sagte: "Hier haben Sie Ihren jungen Rich; Gott gebe ihm mit Ihrem Namen Ihren Geist und Ihr Herz!" Ein entzuckender Schmerz durchdrang meine Seele. Er ruht in mir; niemand soll jemals eine Beschreibung von ihm haben. Der kleine Rich hat die Zuge seiner Mutter; diese Ahnlichkeit schliesst ein grosses Gluck fur mich in sich. Wenn ich das Leben behalte, soll dieser Knabe keinen andern Hofmeister, keinen andern Begleiter auf seinen Reisen haben als mich. Alle Ausgaben fur ihn sind meine; seine Leute sind doppelt belohnt; ich schlafe neben seinem Zimmer; ja, ich baue ein Haus am Ende des Gartens, in das ich mit ihm ziehen werde, wenn er volle zwei Jahre alt sein wird. Indessen bilde ich mir die Leute, die um ihn sein werden. Dieses Kind ist die Stutze meiner Vernunft und meiner Ruhe geworden. Wie wert macht ihn mir jede Umarmung, jede zartliche Sorge, die er von seiner Mutter erhalt und wie glucklich wachst er und sein Bruder auf! Jede Handlung ihrer Eltern sind Beispiele von Gute und Edelmutigkeit. Segen und Freude bluhen in jedem Gefilde der Gebiete meines Bruders; Danksagungen und Wunsche begleiten jeden Schritt, den er mit seiner Gattin macht. Mit einer Hand stutzen sie das leidende Verdienst und helfen andrer Elende ab; mit der andern streuen sie Verzierungen in der ganzen Herrschaft aus, aber dies mit der feinsten Unterscheidung. Denn die Lady Seymour sagt: niemals musse auf dem Lande die Kunst die Natur beherrschen; man solle nur die Fussstapfen ihrer fluchtigen Durchreise und hier und da einen kleinen Platz sehen, wo sie ein wenig ausgeruhet hatte. Unsere Abende und unsere Mahlzeiten sind reizend; ein munterer Geist und die Massigkeit beleben und regieren sie. Frohlich treten wir in die Reihen der Landtanze unserer Pachter, deren Freude wir durch unsern Anteil verdoppeln. Die Gesellschaft der Lady Seymour wird von dem Verdienst gesucht, so wie Laster und Dummheit vor ihr fliehen; Sie konnen hoffen, in unserem Hause wechselsweise jede Schattierung von Talenten und Tugenden zu finden, die in dem Kreise von etlichen Meilen um uns wohnen. Und hier hat der Charakter meiner geliebten Lady Seymour einen neuen Glanz dadurch erhalten, dass sie die Verdienste anderer Personen ihres Geschlechts so lebhaft fuhlt und schatzt. Mein Bruder ist der beste Ehemann und wurdigste Gebieter von etlichen hundert Untertanen geworden; Seligkeit ist in seinem Gesichte, wenn er seinen Sohn, an der Brust der besten Frau, Tugend einsaugen sieht; und jeder Tag nimmt etwas von dem lodernden Feuer hinweg, welches in alle seine Empfindungen gedrungen ware. Er hat die schwere Kunst gelernt, sein Gluck zu geniessen, ohne irgend jemand durch ein ausserordentliches Gerausche mit seinem Glucke Schmerzen zu machen. Das einfache, obgleich edle Aussehen unserer Kleidung und unsers Hauses lasst auch die armste Familie unserer Nachbarschaft mit Zuversicht und Freude zu uns kommen. Von diesen Familien nimmt Lady Seymour von Zeit zu Zeit ein paar Tochter zu sich und flosst durch Beispiel und liebreiches Bezeugen die Liebe der Tugend und schonen Kenntnisse in sie. Der reizende Enthusiasmus von Wohltatigkeit, die lebendige Empfindung des Edlen und Guten beseelt jeden Atemzug meiner geliebten Schwester. Sie begnugt sich nicht, gut zu denken; alle ihre Gesinnungen mussen Handlungen werden. Gewiss ist niemals kein inniger Gebet zum Himmel gegangen, als die Danksagung war, welche ich die Lady Seymour fur die Empfindsamkeit ihres Herzens und fur die Macht, Gutes zu tun, mit tranenden Augen aussprechen horte. Wieviel Segen, wie viele Belohnung verdienen die, welche uns den Beweis geben, dass alles, was die Moral fodert, moglich sei und dass diese Ubungen den Genuss der Freuden des Lebens nicht storen, sondern sie veredeln und bestatigen, und unser wahres Gluck zu allen Zufallen des Lebens sind!
Fussnoten
1 Der Verfolg und der ganze Zusammenhang dieser Geschichte gibt die Auslegung uber diesen Ausdruck. Er soll ohne Zweifel nichts anders sagen, als einen Mann, der dem besondern Ideal von Tugend und moralischer Vollkommenheit, welches sich in ihrer Seele ausgebildet hatte, bis auf die kleinsten Zuge ahnlich ware. A. d. H. 2 Eine Bemerkung, welche der Herausgeber aus vieler Erfahrung an sich und andern von Herzen unterschreibt. 3 Um die vortreffliche Schreiberin fur nichts responsabel zu machen, was nicht wirklich von ihr kommt, gesteht der Herausgeber, dass die in [ ] eingeschlossenen Zeilen von ihm selbst eingeschoben worden, da er das Gluck hat, die Dame, deren getreues Bildnis hier entworfen wird, personlich zu kennen. 4 Ich habe der kleinen Parteilichkeit des Fraulein von Sternheim fur die englische Nation bereits in der Vorrede als eines Fleckens erwahnt, den ich von diesem vortrefflichen Werke hatte wegwischen mogen, wenn es ohne zu grosse Veranderungen tunlich gewesen ware. Wenn wir den weisesten Englandern selbst nesart, als Fraulein Sternheim, in England nicht weniger selten als in Deutschland. Doch, hier spricht ein junger Englander, welcher billig fur seine Nation eingenommen sein darf, und ein Enthusiast, der das Recht hat, zuweilen unrichtig zu rasonieren. A. d. H. 5 Man kann schwerlich sagen, dass es Gattungen von Blumen oder Pflanzen gebe, welche nur zu Ergotzung des Auges dienten; und, soviel mir bekannt ist, kennt man keine einzige Gattung, welche nicht entweder einen okonomischen oder offizinalischen Nutzen fur den Menschen hatte, oder zum Unterhalt einiger Tiere, Vogel, Insekten und Gewurm diente, folglich in Absicht des ganzen Systems unsers Planeten wirklich einen Nutzen hatte. A. d. H. 6 Es gehoret immer noch viele Einsicht dazu, den Zufall so wohl zu benutzen, und vielleicht mehr, als einen wohlausgedachten Entwurf zu machen. Aber das ist der grosse Haufe nicht fahig zu begreifen: und daher pflegt man ihn immer gerne glauben zu lassen, was seinen Begriffen nach, denen die ihn regieren, die meiste Ehre macht. Die Welt wird nur darum so viel betrogen, weil sie betrogen sein will. A. d. H. 7 Wohlverstanden, dass die Spekulationen der Gelehrten, sobald sie einigen Nutzen fur die menschliche Gesellschaft haben, eben dadurch den Wert von guten 8 Herr * * (den wir zu kennen die Ehre haben) hat uns auf Befragen gesagt, seine Meinung sei eigentlich diese gewesen: Er habe an dem Fraulein von St. eine gewisse Neigung, uber moralische Dinge aus allgemeinen Grundsatzen zu rasonieren, Distinktionen zu machen und ihren Gedanken eine Art von systematischer Form zu geben, wahrgenommen und zugleich gefunden, dass ihr gerade dieses am wenigsten gelingen wolle. Ihn habe bedunkt, das, worin ihre Starke liegt, sei die Feinheit der Empfindung, der Beobachtungsgeist und eine wunderbare und gleichsam zwischen allen ihren Seelenkraften abgeredete Geschaftigkeit derselben, bei jeder Gelegenheit die Gute ihres Herzens tatig zu machen; und dieses habe er eigentlich dem Fraulein von St. sagen wollen. H. 9 Ich habe so viel Wahres und zugleich dem eigentumlichen Charakter des Geistes der Fraulein von St. so Angemessenes in diesem Gleichnisse gefunden, dass ich mich nicht entschliessen konnte, etwas davon zu andern, ungeachtet ich sehr wohl empfinde, dass das Feuer der Untersuchung und das Wasser der Widerwartigkeit keine Gnade vor der Kritik finden konnen und wirklich in Bunyans Pilgrimsreise besser an ihrem Platze sind als in diesem Buche. H. 10 Wenige Leser werden der Erinnerung bedurfen, von St. in den Wegen der Welt ganz naturlich war, fur eine Wirkung des Zufalls zu halten, was Absicht und Kunst war. An Hofen versteht man keine Kunst besser, als ungefahre Zufalle zu machen, wenn die Absicht ist, die Leidenschaften des Herrn auf eine feine Art zu befordern. H. 11 Der Herausgeber uberlasst dem Herrn Pfarrer, von welchem diese Distinktion herruhren soll, die Rechtfertigung derselben. Seiner Meinung nach, welche nichts Neues ist, lasst sich auch in diesem Leben weder offentliche noch Privat-Gluckseligkeit ohne Tugend denken; und nach den Grundsatzen der Offenbarung gehort noch etwas mehr als nur Tugend zur Erlangung der ewigen Gluckseligkeit. 12 Und diejenigen, welche dieses sagten, hatten an sich selbst eben nicht so gar unrecht. H. 13 (Heureusement!) 14 Aber werden nicht eben durch dieses warnende Beispiel ihre Fehler selbst wohltatig? Warum findet sie nichts Trostendes in dieser Betrachtung? Weil auch die edelmutigsten Seelen nicht auf Unkosten ihrer Eigenliebe wohltatig sind. H. 15 Welche Zumutung, Mylord Derby? Konnten Sie ihre Zeit nicht besser nehmen. H. 16 In der Tat loset diese Antwort das Ratsel gar nicht auf. Mylord Derby ersparte ihr ja diese eigene Bemuhung. Warum wurde sie dennoch so ungehalten? Warum sagte sie, er zerreisse ihr Herz, da er doch nur ihr Deshabille zerriss? Vermutlich, weil sie ihn nicht liebte, nicht zu einer solchen Szene durch die gehorige Gradation vorbereitet und uberhaupt in einer Gemutsverfassung war, welche einen zu starken Absatz von der seinigen machte, um sich zur Gefalligkeit fur einen Einfall, in welchem mehr Mutwillen als Zartlichkeit zu sein schien, herabzulassen. H. 17 Der ziemlich ins Preziose fallende und von der gewohnlichen schonen Simplizitat unsrer Sternheim so stark abstechende Stil dieses Dialogen scheint zu beweisen, dass sie bei dieser Unterredung mit Frau von C, nicht recht a son aise war. [A. d. H.] 18 Diese Frage ist eben nicht schwer zu beantworten: das edeldenkende, tugendhafte Madchen darf dies nicht, weil man keine eigene Moral fur sie machen kann. [A. d. H.]