Johann Michael von Loen
Der Redliche Mann am Hofe
Oder die
Begebenheiten des Grafens von Rivera
In einer auf den Zustand der heutigen Welt
gerichteten Lehr- und Staats-Geschichte
Vorbericht.
Gegenwartige Blatter sind in gleicher Absicht, als die Begebenheiten des Telemachs, des Cyrus und des Gethos geschrieben; ob sie gleich in der Art des Vortrags so weit davon abgehen, als die jetzige Welt von der alten unterschieden ist. Der Verfasser beschreibet hier die Menschen, wie sie heut zu Tage sind, und wie er selbsten hat Gelegenheit gehabt, sie kennen zu lernen.
Er hat den Hof, als die groste Schule der Welt, zu seinem vornehmsten Schauplatz gemacht; andere Stande und Lebens-Arten aber gleichsam als Zwischen-Spiele mit eingefuhret; damit ein jeder Leser etwas finden mogte, das er sich zueignen konte. Die Laster und Thorheiten der Menschen haben nicht allein etwas trauriges, sondern auch etwas lacherliches. Ein Heraclytus hatte ehedessen solche beweinet und ein Democritus belachet. Der Verfasser scheinet hier bald der Ernsthafftigkeit des einen, bald der Munterkeit des andern zu folgen, und sich in Ansehung des letztern nach dem Geschmack solcher Leute zu richten, die nur zum blossen Zeitvertreib lesen, und denen auf eine andere Art keine Wahrheit nicht wohl beyzubringen ist.
Im menschlichen Leben kommen allerhand Umstande vor; der Verfasser hat hier meistens solche Personen aufgefuhret, die durch ihr Exempel lehren. Der Graf von Rivera zeiget einer jungen Standes-Person, wie sie, bey den Erhebungen ihres Gluckes, sich massigen und ihre Begierden einschrancken soll. Er kan in einer so durchaus verdorbenen Welt vielleicht zum Muster der Unschuld und der Redlichkeit dienen. Dergleichen Menschen sind heutiges Tages rar. Man glaubet nicht mehr, dass sich die Tugend noch fur artige Leute, am wenigsten aber, dass sie sich an Hof schicke; Es ist auch wahr, dass sie da insgemein eine gar schlechte Figur zu machen pflegt. Die Auffuhrung des Grafens von Rivera zeiget uns nichts desto weniger, dass sie allenthalben zu Hause sey; und dass, wo sie nur ein wenig Klugheit begleitet, sie alle und jede Menschen zu ihrer Verehrung zwinget.
Man siehet in dem Character der Grafin von Monteras eine junge Dame von einer hohen und zartlichen Gemuths-Art, die eine Crone verachtet, um einem Cavalier ihre Gunst vorzubehalten, welchen sie derselben seiner Tugenden halber am wurdigsten schatzet.
Der Einsiedler giebt ein lebhafftes Beyspiel von einem ruchlosen Menschen, welcher durch eine ausserordentliche Gnade ist bekehret worden; und welcher dahero auch im Stand ist, die besten Lehren zu geben.
Der Herr von Riesenburg hat dem Ansehen nach etwas leichtsinniges und flatterhafftes; im Grund aber das beste Hertz, und eine wurckliche Liebe zur Tugend.
Der Herr von Greenhielm hingegen zeiget etwas grundliches und ernsthafftes, welches zugleich mit einer besondern Anmuth und Lebhafftigkeit begleitet ist: man siehet in seiner Jugend einen Eifer die Welt und die Menschen zu kennen; und in seinen reiffen Jahren.
Inhalt
Inhalt des ersten Buchs.
Der Graf von Rivera wird an den Aquitanischen Hof beruffen: er entdecket daruber seine Zweifel dem Herrn von Bellamont, welcher ihm solche benimt, und durch die Erzehlung seines Lebens ein Beyspiel gibt, dass man auch durch die Auffrichtigkeit in der Welt sein Gluck machen konte. Der Graf begibt sich darauf nach Hof; findet aber an demselben eine solche Unordnung, dass ihm daruber bange wird. Er verirret sich auf einem Spatziergang in einem Wald und kommt zu einem frommen Einsiedler.
Inhalt des andern Buchs.
Der Einsiedler erzehlet seinen Lebens-Lauf: Einige Bubenstucke, die er verubet, jagen ihn aus seinem Vaterland: er begibt sich nach Licatien in KriegsDienste, ersticht einen im Zweykampf, und fluchtet nach Aquitanien: er kommt durch seinen Verstand bey Hofe empor, missbrauchet ihn aber zu allem Bosen. Er vergiebt seiner Frauen mit Gifft und verliebt sich darauf in eine tugendhaffte Dame welche die erste Gelegenheit zu seiner Bekehrung ist. Er verlasst endlich Franciscaner zurecht gewiesen, und gibt Anlass zu Erbauung der Koniglichen Einsiedeley.
Inhalt des dritten Buchs.
Der Konig von Aquitanien verliebt sich in die junge Grafin von Monteras: Diese aber hatte sich schon von dem Grafen von Rivera einnehmen lassen: sie erzehlet diese Begebenheit ihrer Gesellschaffts-Fraulein: der Graf von Rivera, der auf gleiche Art sich von ihr geruhret fand, entdecket an dem Konig seinen Mitbuhler. Die Grafin begibt sich auf ihr Land-Gut nach Prato: der Konig besucht sie daselbst in Begleitung des Grafens von Rivera. Die Hertzogin von Salona eroffnet einer listigen Frauen, Namens Corinna, ihre Liebe fur den Grafen von Rivera; welche ihr verspricht denselben in ihre Hande zu spielen.
Inhalt des vierdten Buchs.
Der Konig sendet den Grafen von Rivera, als seinen vertauten, nach Prato zu der Grafin von Monteras; der Graf aber wird von ihr auf die Erwehnung des Konigs ziemlich verachtlich empfangen, und von einem Cammer-Diener des Konigs ausgelauret: dieser verrath den Grafen bey dem Konig, dass er daruber in Ungnade fallt, und nach der Vestung Rozzomonte gebracht wird. Welchen Zufall die Grafin von Monteras sich dergestalt zu Gemuthe ziehet, dass sie daruber hefftig erkrancket.
Inhalt des funfften Buchs.
Der Graf wird von dem Commendanten auf der Vestung wohl empfangen, und trifft allda eine lustige Gesellschafft an. Corinna thut unterdessen dem Hertzogen von Sandilien einen Vorschlag, den Grafen an die Hertzogin von Salona zu vermahlen, um dadurch dem Konig die Eyfersucht zu benehmen: der Hertzog williget darein, und lasset dem Grafen durch den Herrn von Ridelo den Vortrag thun; welcher aber mit allen seinen Vorstellungen nichts bey ihm ausrichten kan.
Inhalt des sechsten Buchs.
Der Graf von Rivera kommt in Bekanntschaff mit dem Freyherrn von Riesenburg: dieser erzehlet seine Begebenheit, wie er auf der Reise nach Monaco sich in die Fraulein von Thurris verliebet, sie vom Closter abwendig gemacht, sich mit ihr versprochen; darauf aber ihren Bruder, der diese Heyrath nicht zugeben wolte, im Zweykampf erschossen hatte.
Inhalt des siebenden Buchs.
Der Konig wird von neuem auf den Grafen erzornet, da er vernimmt, dass er sich zu der vorgeschlagenen Heyrath nicht verstehen will: er suchet desswegen den Grafen heimlich aus dem Weg zu schaffen, und befiehlt dem Graf Lesbo, seinem altesten Generalen, denselben im Krieg der grosten Gefahr auszusetzen: der Graf wirbt ein eigen Regiment, und fuhret darin eine treffliche Kriegs-Zucht ein. Der General Lesbo sucht ihm darauf allerhand Schlingen zu legen; aus welchen ihn aber die Vorsehung rettet: der General erstickt im Morast auf der Flucht. Der Graf im Gegentheil erhalt die vollige Ehre des erfochtenen Sieges: Der Freyherr von Riesenburg rettet ihm das Leben, und der Graf dasjenige eines feindlichen Befehlhabers. Welche drey zusammen darauf sich nach Hof verfugen.
Inhalt des achten Buchs.
Unterwegs erzehlet der Herr von Greenhielm, als des Grafens Gefangener, seinen Lebens-Lauf: er findet bey einer seiner Basen eine Zusammenkunft der andachtigen Leute: seine Schwester erofnet ihm ihre Liebes-Geschicht mit ihres Pachters Sohn: der Herr von Greenhielm storet deswegen die Versammlung dieser Schein-Frommen; er fuhret mit seiner Basen ein nachdenckliches Gesprach von der wahren Frommigkeit; und erzehlet hernach seine gethane Reisen, seine Beforderung bey Hofe und seine mit einer Dame unglucklich ausgeschlagene Liebe.
Inhalt des neundten Buchs.
Der Freyherr von Riesenburg erzehlet die Begebenheit seines Hofmeisters. Der Graf von Rivera kommt nach Hofe, und findet den Konig kranck; er beredet ihn auf die Einsiedeley zu gehen, und bringet ihn durch die Massigkeit und durch die Bewegung wieder zurecht. Er fuhret dabey ein Gesprach mit dem alten Einsiedler uber die Ergotzlichkeiten dieses Lebens. etc. etc.
Inhalt des zehenden Buchs.
Der Graf verreiset nach Licatien, um den Frieden mit dem Konig dieses Namens zu schliessen. Unterwegs kommt er auf ein Dorf, wo Kirchweyh ist, und findet daselbst die Grafin von Monteras: die Umstande davon, wie auch die bisherige Begebenheiten dieser Grafin werden erzehlet. Der Graf eroffnet seine Friedens-Vorschlage dem Konig von Licatien, welcher aber den Grafen damit an seinen Staats-Minister verweiset: der Graf kan bey diesem nichts ausrichten, und bedienet sich desswegen anderer Wege, um zu seinem Zweck zu gelangen.
Inhalt des eilften Buchs.
Der Graf reiset, nachdem er den Frieden mit den Licatiern zu Stande gebracht, zu dem Fursten von Argilia, und besiehet den, von ihm nach einer vernunftigen und Christlichen Policey errichteten neuen Ort Christianopolis. Der Graf findet im Gasthause einen verungluckten Kaufmann: er rettet ihn von der Verzweiffelung und komt darauf, als ein Artz nach Hof.
Inhalt des zwolfften Buchs.
Der Herr von Guldenblech, als ein verungluckter Kaufmann, erzehlet dem Grafen seinen Lebens-Lauf: er wird in aller Weichlichkeit erzogen, und hernach auf hohe Schulen geschickt. Seine Mutter, als eine adeliche von Geburt, beredet seinen Vater, ihm ein Rittergut zu kauffen; die wilde Auffuhrung der LandJuncker ist ihm zu wider. Die Annehmlichkeiten des Stadt-Lebens bewegen ihn seines Vaters Handlung zu ubernehmen; ohneracht aber, dass er mit seiner Frauen ein grosses Gut zusammen gebracht, so gehet solches doch in kurtzer Zeit durch seine kostbare Hausshaltung und durch die viele Missbrauche, welche er weitlauftig erzehlet, dergestalt zusammen, dass er, nach einiger dabey gehabten Unglucks-Fallen, banckerut wird.
Inhalt des dreyzehenden Buchs.
Der Graf erscheinet als ein Konigl. Abgesandter an dem Argilischen Hof, und gibt sich der Fraulein von Thurris als ein Vertrauter von ihrem Geliebten zu erkennen. Die Printzessin und die Fraulein finden den Grafen den andern Morgen im Garten: diese erzehlet ihre Begebenheiten, und wie sie an den Argilischen Hof gekommen war. Der Furst halt einige nachdenckliche Gesprache mit dem Grafen, worauf ihm dieser seine Absichten, wegen der Printzessin seiner Tochter entdecket.
Inhalt des vierzehenden Buchs.
Der Graf kommt wieder nach Aquitanien: er zeiget dem Konig verschiedene Bildnusse; ruhmet aber die Schonheit der Printzessin von Argilia vor allen. Der Konig gehet nach Aquana, um solche zu sehen. Verratherey eines Fursten von Kon. Hauss, der dem Herzog von Sandilien mit Gift vergeben wolte. Dieser verspricht seine Base dem Grafen, welcher mit dem Konig nach Aquana verreiset: der Konig verliebt sich in die Printzessin von Argilia. Das Beylager wird auf dem Lande in einem grafl. Schloss gehalten: und die Liebe des Hn. von Riesenburg und der Fraulein von Thurris wird dabey mit glucklich gemacht.
Inhalt des funffzehenden Buchs.
Der Ritter von Castagnetta erzehlet dem Graf seine sonderbare Begebenheiten: dessen vernunftige u. tugendhafte Erziehung: die Zartlichkeit seines Vaters fur ihn vermehren die Missgunst seines Bruders: er gehet nach Hof und wird in den Geschafften des ersten Staats-Ministers gebraucht. Die grossmuthige Neigungen in der Liebe und in der Freundschafft bringen ihm Ungluck: er verwundet den Sohn des ersten Staats-Ministers in einem gezwungenen Duell: Kommt auf seines Vaters Schloss, da dieser eben seinen Geist hatte aufgegeben, und gehet nach Sicilien. Er bekommt ein Commando auf der See, wird als ein Gefangener nach Tunis gebracht, gewinnet die Gunst des Bay, unterredet sich mit ihm vom christlichen Glauben und erhalt endlich dessen Tochter, welche aber kurtz darauf in Sicilien stirbt. Er verheurathet sich zum andernmahl, aber unglucklich, und verlasst darauf den Hof, seine Frau und Sicilien.
Inhalt des Sechszehenden Buchs.
Der Konig halt mit der neuen Konigin in Panapolis einen prachtigen Einzug, und erblicket an einem Fenster die Grafin von Monteras: der Graf hat eine starcke Parthey gegen sich, und entfernet sich desswegen eine Zeitlang von Hofe: Er sucht die Alpiner, welche zu ihm ihre Zuflucht genommen hatten, in ihren innerlichen Misshelligkeiten aus einander zu setzen, wobey die uble Rathschlage eines Burgerlichen Regiments und ihre ungluckliche Folgen vorgestellet werden.
Inhalt des Siebenzehenden Buchs.
Der Graf gewinnet bey Hof die zwey geschickteste Staats-Bediente, welche ihm bissher entgegen waren: dessen Heurath mit der Grafin von Monteras wird fest gestellet: Ein lacherlicher Zufall zwischen ihr und dem Konig, beschleuniget solche. Der Graf bezeiget seine Grossmuth gegen den jungen Edelmann welcher bissher in seinen Diensten gestanden hatte, und freiet ihm die Fraulein von Bellamont. Dieser Edelmann erzehlet dem Grafen die Geschichten seiner Vorfahren: Ihrer beyder Vermahlung geschiehet zugleich auf einen Tag, und der Graf erhalt die Wurden, Guter und Titul des Hertzogs von Sandilien.
Die Begebenheiten des Grafens
von Rivera.
Erstes Buch.
Es wohnte nachst an den Adriatischen See-Kusten ein junger Graf, Namens Menander von Rivera. Die Natur hatte ihm alle grosse Eigenschaften gegeben welche einen Menschen uber andere erheben. Er war von einer uberaus angenehmen Bildung, von einer etwas mehr als mittelmassigen Lange und durchaus schon gewachsen. Aus seinen Augen blitzte so viel Anmut als Ernst. Wer ihn sahe, der fand sich von etwas geruhret; er konte einem nicht wohl gleichgultig seyn. Man musste mit ihm die Annehmlichkeiten theilen, wenn er vergnugt war und man empfand nicht minder eine gewisse Unruh, wenn man ihn leiden sah. So kunstlich flosste die Natur dasjenige andern ein, was bey ihm die Gerechtigkeit und Liebe wirkten. Er war nicht allein in den Wissenschaften des Staats, sondern auch in der Welt-Weisheit und schonen Kunsten grundlich gelehrt. Sein Verstand war zu allem aufgelegt, er besass so viel Witz, als Einsicht und Uberlegung: er hatte dabey das beste Herz, und dessen Neigungen waren um so viel reiner und tugendhafter, weil sie durch eine verborgene Gottesfurcht regieret wurden.
Nachdem er einige fremde Lander gesehen und darauf eine Zeitlang sich an dem Aquitanischen Hof aufgehalten hatte; zog ihn die Begierde zu den Studien wieder nach seiner Herrschaft zuruck. Er hatte bereits ein Jahr darauf in sussester Ruhe zugebracht, als der Konig von Aquitanien sich seiner erinnerte, und ihn verlangte bey sich an Hofe zu haben. Er ubersandte ihm zu dem Ende den guldnen Schlussel, und machte ihn zu seinem wirklichen Cammer-Herrn.
Dieses war den Absichten des Grafens ganz entgegen. Er liebte die Freyheit, die Bucher und das LandLeben. Die Gottliche Vorsehung aber lasset nicht leicht grosse Gemuter gebohren werden, ohne sich ihrer zu wichtigen Sachen in der Welt zu bedienen; Sie hatte den Grafen von Rivera zu einem Werkzeug bestimmet, einen lasterhaften Hof zu verbessern und ein ganzes Reich glucklich zu machen.
Doch wie der Graf wenig von sich selbsten hielt, so waren ihm auch dergleichen hohe Absichten von Seiten der Vorsehung verborgen. Er wurde also uber diesen unverhofften Beruf besturzt, und konte sich nicht entschliessen, sein angenehmes Land-Leben zu verlassen. Was soll ich, sprach er bey sich selbst, am Hofe machen, wo man derjenigen Einfalt spottet, die ich liebe; und wo Man keine Sitten fur verachtlicher halt, als die nach der Redlichkeit und Tugend schmekken? O nein! geliebtes Feld, du vergnugest mich mehr als aller unruhige Pracht des Hofs, und als alle gezwungene Hoheit deiner blinden Anbeter.
In diesen zweifelhaften Gedanken liess sich der Graf ein paar Pferde sattlen, und ritt in Begleitung eines Dieners nach dem Schloss des Herrn von Bellamont, welches ungefehr zwo Stunden von dem seinigen entfernet lag. Dieser Cavallier war schier von Jugend auf bey Hofe gewesen, und besass, nebst der dabey erlangten Erfahrung, alle Eigenschaften eines klugen und aufrichtigen Mannes. Der Graf liebte ihn als seinen Vater: er fand ihn langst dem Ufer des Meers in tiefen Gedanken. Er warf sich ihm um den Hals, da dieser ihn noch kaum hatte auf sich zukommen sehen. Der Herr von Bellamont empfand daruber einen angenehmen Schrecken: er gab dem Grafen seine Freude uber dessen Ankunft mit den lebhaftesten Ausdrucken zu erkennen; und fuhrte ihn darauf nach seinem Wohn-Sitz.
Man wird nicht leicht in der Welt ein so bequemes Land-Haus und eine so lustreiche Gegend finden; man komt dahin durch einen breit ausgehauenen Weg, der einen kleinen Wald durchschneidet. Sehr hohe Baume bedecken den Hof von Seiten des Mittags. In dessen Eingang zeiget sich ein zwar niedliches aber doch nicht gar kostbares Gebaude, welches von hinten nach der Abend-Seite, uber einen abhangigen Lust-Garten, eine entzuckende Aussicht in die offene See entdecket.
Der Herr von Bellamont brachte den Grafen in einen Saal dessen Fenster bis zur Erden reichten, ein mit grunen Wasen und kraussen Bux zierlich durchschlungener Pomerantzen-Garten stiess hier bis an die breite Schwellen des Saals: das sprudelnde Gerausch einiger durch Kunst geleiteten Wasser-Rohren, welche sich theils in kleine Kumpen von Alabaster, theils in einen grossen Behalter mit einem sussen Gemurmel aussturzten, schien diesen stillen Ort gleichsam zu beleben.
Hier entdeckte der Graf dem Herrn von Bellamont, dass ihn der Konig nach Hofe berufen, und zu seinem Cammer-Herrn ernannt hatte; und dass er desswegen zu ihm gekommen war, in einer so wichtigen Sache sich seines guten Rahts zu bedienen. Der Herr von Bellamont schien uber diese Nachricht verwundert zu seyn; der Konig, sprach er, hat bisher nur lasterhafte und wilde junge Leute geliebet; was ist ihm ankommen, dass er den Grafen von Rivera bey sich haben will? Er befahl darauf seinen Leuten, ihn mit dem Grafen allein zu lassen, und nur ein kleines Abend-Essen fur sie beyde aufzutragen.
Die Sonne war bereits hinter den Gebirgen. Ein lieblich-falbes Grau schimmerte auf den unbegranzten Tiefen des Oceans. Auf dem Lande war es finster; doch glanzte noch auf den Gipfeln der Berge ein Gold-gelbes mit Purpur vermengtes Licht, welches nach und nach in rothe Strahlen sich verwandelte und seine Klarheit auf der andern Seite des Horizonts abdruckte. Es wurde Nacht. Die Sterne loderten mit einem funckelnden Schein. Der Mond stieg als eine feurige Kugel aus dem weiten Busen des Meers, und warf seine auf den Fluten spielende Strahlen in einer schiessenden Lange bis an das Ufer.
Niemals hatte noch der Graf von Rivera einen lebhaftern Eindruck von der Schonheit der Natur bey sich empfunden. O mehr als angenehmes Land! fing er daruber seufzend an auszurufen; O susses FeldLeben! soll ich dich verlassen? Der Herr von Bellamont lachte uber diese lebhafte Entzuckung des Grafens. Meynen sie denn, Herr Graf, sagte er, der Hof habe nicht auch seine Annehmlichkeiten? Bilden sie sich ein, dass die Sonne dort nicht so schon unterging, oder dass der Mond mit weniger Anmut den dunklen Erden-Kreiss beleuchtete? Solten sie nicht noch andere Belustigungen allda finden, welche diejenige, die man auf dem Lande hat, noch weit ubertreffen? Halten sie die schone Kunste und Wissenschaften, die daselbst bis zur Vollkommenheit getrieben werden; wie auch die Schauspiele, die Aufzuge, dem Umgang mit allerhand Menschen, nebst unzehligen Veranderungen und Lustbarkeiten fur eitel solche Dinge, die ein Weiser verachten musse? Ich glaube, fuhr der Herr von Bellamont fort, wir konnen hierinnen leicht zu ernsthaft und zu gezwungen seyn; Man verschmahet insgemein aus Hochmut, was andere preisen. Man will sich uber alle ausserliche. Dinge hinaus setzen, und dadurch die Grosse seines Geistes zeigen, dessen ganze Tugend doch ofters nur darin bestehet, dass er sich selbst gefallt und desswegen alles andere gering schatzet, was nicht zu seiner eigenen Erhohung dienet. Wie glucklich waren wir nicht, wenn wir in allen Dingen nur das Bose absonderten und das Gute allein uns zu Nutz zu machen wussten?
Also rathen sie mir, fragte hierauf der Graf den Herrn von Bellamont, dass ich dem Beruf des Konigs folgen, und mich nach Hof begeben soll? Allerdings, erklarte sich dieser. So sehr ich auch von den Annehmlichkeiten ihres bisherigen Umgangs eingenommen bin, und so wehrt mir auch ihre Freundschaft ist, deren Genuss ich einigermassen durch dero Abwesenheit verliehren muss, so kan ich doch mit gutem Gewissen ihnen solches nicht wohl abrathen. GOtt hat ihnen, allem Ansehen nach, so grosse und besondere Gaben, als sie besitzen, nicht zu dem Ende verliehen, dass sie solche auf ihren Gutern vergraben sollen; Ich merke allzu deutlich, dass sie zu etwas grosseres geschaffen sind. Es ist wahr, sprach der Herr von Bellamont weiter, das Land-Leben hat etwas uberaus susses fur einen Geist, welcher die Unschuld, die Freyheit und die Ruhe liebet; Allein, wenn alle tugendhafte und geschickte Leute nur bloss auf ihre eigene Vergnugung denken und auf dem Lande leben wolten, wer wurde in der Welt durch seine Beyspiele andere erbauen? Wer wurde den Ausbruchen der wildesten Laster Einhalt thun? Wer wurde den Hof, das Land und den Staat regieren helfen? helfen? Ich bin zwar nicht der Meynung, fugte der Herr von Bellamont hinzu, dass man sein eigenes Vergnugen dabey aus den Augen setzen musse. Ich habe vielmehr gefunden, dass diese Art zu denken insgemein einen verborgenen Hochmut zum Grunde hat, und die sicherste Heuchler zu machen pfleget. Es ist nichts naturlicher und den Absichten des Schopfers gemasser, als dass ein jeder Mensch seine Gluckseligkeit zu befordern sucht. Es gibt aber auch zugleich einige grosse Gemuter die das mit fur ihre Gluckseligkeit halten, wenn sie andre konnen helfen gluckselig machen. Man nennet solche Leute Helden, und es ist gewiss, dass ihr Eifer von dem Himmel selbst entzundet wird. Man siehet sie mit einem tapfern Muth wider die Bosheit und Tyranney sich waffnen, und fur die Rechte der Menschheit streiten. Man siehet sie immer geschafftig, den einreissenden Unordnungen zu steuren und den allgemeinen Wohlstand des Staats zu befordern. Sie thun desgleichen, mein werthester Herr Graf, sie gehen nach Hof, sie bewerben sich um die Gunst des Konigs; Er hat sich von den Lastern einnehmen lassen, machen sie, dass er zuruck kehre und die Tugend liebe. Mit diesen und dergleichen Gesprachen verbrachten diese beyde Herren den Abend mit dem grosten Vergnugen.
Nach einigen Tagen besuchte der Herr von Bellamont nebst seiner Gemahlin und dessen noch unerwachsenen einzigen Sohn, den Grafen und dessen Frau Mutter zu Rivera. Der Graf war ihnen die Halfte des Wegs entgegen gefahren; Er sass auf einem offenen Wagen den zwey Apfelgraue Hengste zogen, welche er selbst regierte. Es war noch nicht Mittag. Der Graf, nachdem er seine Gaste auf das freundlichste empfangen hatte, bat den Herrn von Bellamont, sich zu ihm auf sein leichtes Fuhrwerck zu setzen, und dessen Frau Gemahlin mit einem jungen Vettern, den er bey sich hatte, voraus fahren zu lassen.
Bevor ich sie, sprach der Graf zu dem Herrn von Bellamont, zu meiner Frau Mutter bringe, wird es ihnen gefallen, mir noch eine Schwierigkeit zu benehmen, die mich zweifeln macht, ob ich noch bey dem Vorsatz, nach Hofe zu gehen, verharren soll. Bey Hofe muss man sich zu verstellen wissen. Ich kan solches nicht; ich mag mir auch die groste Gewalt von der Welt anthun, meine wahre. Empfindungen zu verbergen; sie brechen aus meinen Augen, und ich kan mir nicht so viel Herz geben eine Umwahrheit standhaftig vorzubringen.
Dieses ist in der That, sagte der Herr von Bellamont, eine Gemuts-Art, die sich, nach der gemeinen Meynung nicht wohl nach Hofe schicket; allein, ich unterstehe mich zu behaupten, dass diejenige, die sich in der Welt der grosten Verstellungs-Kunste gebrauchen, sich ofters noch in weit- verdriesslichere Umstande gebracht sehen, als diejenige, die gerad durchgehen, und sich der Aufrichtigkeit befleissen Mein eignes Exempel kan solches einigermassen bezeugen. Ich hatte von Natur eine solche Gemuts-Art, die beynahe allen den Schwachheiten unterworfen war, durch welche die Menschen sich unglucklich machen. Mein Herz stunde allen Leidenschaften offen; ich war empfindlich, leichtsinnig, wollustig und ein grosser Plauderer; ich urtheilte frey von allen Dingen, ich mogte sie verstehen oder nicht. Ich liebte einen muntern Scherz und den Umgang mit allerhand Leuten. Ich hielte jedermann fur aufrichtig, und hatte keine Geheimnisse. Wer mit mir umging, der wusste schier alles, was ich dachte, was ich liebte und was ich suchte. Bey allem dem verrieth ich niemalen, was mir andere vertraueten, und aller meiner Leichtsinnigkeit ungeacht, so war niemand, der besser sein Wort hielt und ehrlicher zahlte. Viel Leute bedienten sich dieser meiner Redlichkeit zu ihrem Vortheil; doch, da meine Sachen so beschaffen waren, dass ich mehr Hulfe bey andern suchen musste, als andere von mir erwarten konten, so war mein Verlust selten von einiger Bedeutung.
Solten sie wohl glauben, dass eine so einfaltige und bis zur Schwachheit getriebene Aufrichtigkeit mein Gluck gemacht hatte? weil ich nach den auf hohen Schulen, erlernten Wissenschaften keine meiner Geburt anstandige Bedienung fur mich finden konte; so entschloss ich mich Kriegs-Dienste zu nehmen. Polemon, ein so grosser General, als geschickter StaatsMann, nahm mich auf, und schenckte mir eine Fahne. Ich war nicht lang unter seinem Regiment, als er von mir auf eine Art sprechen horte, die ihn neugierig machte, mich naher zu kennen; Er nothigte mich desswegen ofters bey sich zur Tafel, und ich hatte noch kein Jahr gedienet, so bekam ich schon mit der Stelle eines Unter-Hauptmanns, die Anwartung auf eine Compagnie. Dises war nicht genug: Polemon, so klug er auch immer war, wurde dennoch von seinen Leuten sehr hintergangen; dieses verdross ihn uberaus. Er meynte wenn er nur einen redlichen Menschen bey sich hatte, dem er seine Sachen anvertrauen konte; er wolte ihn wie sein eigen Kind halten.
Ich hatte das Gluck ihm zu gefallen: meine Redlichkeit schien ihm keinen Argwohn zu geben: Er nahm mich zu sich. Ich hatte an ihm einen grossen Wohlthater, aber auch zugleich einen scharfen Zuchtmeister. Er liess mich wenig von sich, befahl mir schweigen zu lernen, und junger Leute Umgang, so viel es der Wohlstand litte, zu meiden. Er besorgte immer, sie mogten meiner Gemuths-Art missbrauchen, und mich zu allerhand Ausschweifungen verleiten.
Ich bekam bald darauf eine Compagnie, und endlich, nachdem ich in die funf Jahr bey ihm gewesen war, seine einzige Tochter zur Ehe. Es wurde Frieden: mein Schwiegervatter begab sich auf sein Land-Gut, welches ich noch jetzo mit meiner Frauen bewohne. Er hatte damahlen einen Bruder bey Hofe: er wolte durch ihn mein Gluck befordern: er schickte mich mit seiner Tochter dahin: Kinder, sagte er zu uns gehet, suchet noch dem Konig und dem Staat zu dienen, es ist noch zu fruh fur euch die Ruh zu wehlen. Wir reisten also nach Hof. Unser Vetter war schon alt: empfing uns freundlich: und weil er keine Kinder hatte, so nahm er uns zu sich ins Hauss.
Es wahrte nicht lange so bat er den Konig, ihn seiner Dienste zu entlassen, und mir dessen Stelle zu geben. Der Konig bewilligte solches. Ich wurde also Ober-Aufseher der Koniglichen Gebaude und LustHauser: Ich verwaltete dieses Amt biss in die zwanzig Jahr: Ich bediente mich dabey keiner andern Politic als meiner naturlichen Aufrichtigkeit: ich entbehrte lieber etwas an meinen Einkunften, als dass ich mich im geringsten durch den Genuss gewisser Vortheile hatte in Verdacht setzen sollen. Meine Feinde, deren ich wenig hatte und solche weniger noch kante, fanden also keine Gelegenheit mir zu schaden. Ich mengete mich in keine fremde Handel ich schlug mich zu keiner Partie: ich diente dem Konig allein: ich schmeichelte keinem Menschen und zeigte ofters gewissen Leuten eine etwas rauhe Stirne, wenn sie mich in ihre Banden mit einflechten wolten und ich ihrer nicht anders als durch mein trockenes Bezeigen loss werden konte.
Sie sehen hier mein werthester Herr Graf, einen Hofmann, der durch eine den Hofingen so ungewohnliche Auffuhrung, sich, an einem sonst schlupfrigen Hof, langer in Gunst gehalten hat, als andere mit allen ihren Verstellungen und Kunsteleyen. Ich verheyrathete endlich meine alteste Tochter an den Herrn von Ridelo, und erhielte fur meinen Tochtermann eben diejenige Vortheile, welche mir ehedessen der alte Vetter ubertragen hatte.
Ich geniesse nunmehro der Ruh aus dem Lande, allwo ich gleichsam zwischen der Welt und dem Himmel einen Mittel-Stand finde: Ich suche mir darinnen die Angelegenheiten der einen gering, und die Bestrebung nach dem andern desto wichtiger zu machen. Meine Feinde haben mich vergessen, und meine Freunde haben meiner nicht mehr nothig. Meine Frau und mein noch unerwachsener Sohn nebst seinem Lehrmeister sind mir zur Gesellschaft genug; meine beyde Tochter werden sie zu Panopolis antreffen. Wenn man alles in der Welt hatte, was man wunschte, so wurden sie so weit nicht reisen mussen, ihnen diejenige Freundschaft zu erkennen zu geben, damit sie bisher ihren Vatter beehret haben.
Der Graf von Rivera war durch diese Erzehlung des Herrn von Bellamont in seinen redlichen Absichten nicht wenig gestarket; er umarmte denselben, indem er ihm und seinem Haus eine bestandige Freundschaft schwur.
Sie waren nicht weit mehr fortgefahren, so kamen sie in eine Gegend, wo die Natur schiene ihre seltsamste Schonheiten vereiniget zu haben: Man sah von der einen Seiten hohe Gebirge, welche unten mit wilden Strauchen und Gebuschen bewachsen waren, und oben einen kahlen mit allerhand farbigten Steinen bedeckten Wipfel zeigten. Man entdeckte darzwischen tiefe Abgrunde und furchterliche Holen, wo hin und wieder grose uberhangende Stucke Felsen sich abzureissen und in Grund zu werfen droheten. Auf der andern Seiten sturzte sich ein Wasser-Fall, von einer steilen Hole, als ein lichter Strahl herunter, der hernach uber verschiedene Abhange mit einem sanften Rauschen sich fortwalzte; und endlich nach einem schlanglichten Umschweif in ein liebliches Thal sich ergosse; wo man in einer halbstundigen Entfernung den schonen Wohn-Sitz des Grafens von Rivera auf einem flachen Land-Strich liegen sahe.
Der Graf hatte hier am Fuss der Gebirge unter den weit sich ausstreckenden Aesten einer alten Ulmen, ein offenes Gezelt aufschlagen lassen; wo dessen Frau Mutter und beyde Grafinnen Schwestern, der neu ankommenden Gesellschaft erwarteten. Die Gemahlin und der junge Sohn des Herrn von Bellamont waren bereits da angekommen. Die alte Grafin, nachdem sie diese ihre Gaste auf das freundlichste empfangen hatte, gab darauf dem Herrn von Bellamont ihr Missvergnugen zu erkennen, dass er ihren Sohn beredet hatte, nach Hof zu gehen. Er entschuldigte sich daruber so gut er konte. Ich erkenne mich, gnadige Frau, sagte er, in so weit straffallig: ich habe dem Herrn Sohn den Rath gegeben, der wahren Ehr und dem Trieb seiner eigenen Tugend zu folgen; ich leide aber selbst darunter, weil mich dessen Entfernung der angenehmsten Gesellschaft beraubet, die ich bissher bey meinem Land-Leben genossen habe.
Hierauf kamen auch die beyde junge Grafinnen und baten den Herrn von Bellamont, mit denen beweglichsten Gebehrden, ihrem Herrn Bruder einzureden, dass er sie nicht verlassen mogte. Er wusste sich nicht anders von ihnen losszuwickeln, als dass er ihnen sagte, sie hatten ihren Herrn Bruder nicht recht lieb, weil sie ihm sein Glucke nicht gonneten. Das ist wohl ein grosses Gluck, versetzte darauf die alteste Grafin, mit einem verachtlichen Ton, hier ist mein Bruder sein eigener Herr, und bey Hof muss er einen Diener abgeben; hier steht ihm alles zu Gebott, und dort muss er selbst gehorsamen; hier ist er sicher und von uns allen geliebt, und dort schwebet er in taglicher Gefahr, gehasst und verfolgt zu werden. Nein, nein, geliebter Bruder, sezte sie mit Thranen in den Augen hinzu, wir lassen euch nicht weg; unser Vergnugen ist mit dem eurigen so genau verbunden, dass wir nicht ruhig seyn konnen, so lange wir wissen, dass ihr in Gefahr lebet. Der Graf schien von den lebhaften Vorstellungen seiner Schwester geruhrt; er veranderte aber desswegen sein Vorhaben nicht, seinem Beruf zu folgen und nach Hofe zu gehen.
Das Gesprach wurde darauf allgemein; Man sezte sich zur Tafel; zwey Jager stiessen in ihre krumme Horner, wo der Wiederhall ihre Tone nicht allein nachstimte, sondern auch halb verlohren wieder zu
ruck brachte: Sie verwechselten, solche mit einer neu erfundenen Art von Feld-Schalmeien, derenheller Laut zugleich zartlich und durchdringend war. Ein sanftes Murmeln des nah vorbeyfliessenden Bachs, welcher zwischen Rohr und Steinen durchrieselte, schiene die gekunstelte Tone der Blasenden noch zu ubertreffen. Die stille Bewegungen der hier sich selbst belustigenden Natur verdienten noch mehr Aufmerksamkeit. Von weitem braussete der von den Bergen sich herabsturzende Wasser-Fall. Die in den Gebuschen verstekkte Vogel vermengten damit ihre muntere Kehlen, und besangen gleichsam die Ehre des Schopfers und die Schonheit der Natur. Unsere Zuhorer vergassen nicht ein so unschuldige Ergotzlichkeit zu preisen; sie beklagten nur die Entfernung ihres geliebten Grafens, welche sie nun als unvermeidlich vor sich sahen.
Man verbrachte auf solche Art nach dem Mittagsmahl noch einige Stunden in dieser angenehmen Einode. Endlich brach die Gesellschaft auf, und begab sich zusamen nach Rivera. Der Herr von Bellamont,
seine Gemahlin und sein Sohn hielten sich daselbst einige Tage auf, und genossen bey der hoflichsten Bewirthung, alle Lustbarkeiten und Veranderungen, die man sich an einem so angenehmen Ort und in der besten Gesellschaft von der Welt, versprechen konte.
Endlich kam die Zeit herbey, da der Graf von Rivera seine Reise nach Panopolis antrat. Der Abschied war beweglich; er kostete so wohl der alten Grafin, als ihren beyden Tochtern mehr als tausend Thranen. Der Herr von Bellamont begleitete ihn bis auf das erste Nachtlager. Sie schieden voneinander, nachdem sie sich nochmahlen die verbindlichste Versicherungen einer immerwahrenden Freundschaft gegeben hatten.
Der Graf kam glucklich nach Panopolis und trat bey dem Herrn von Ridelo, dem Schwieger-Sohn des Herrn von Bellemont, ab. Dieser sowohl als dessen Gemahlin empfiengen den Grafen, als ob er einer ihrer nachsten Anverwandten war. Der Herr von Ridelo war kein Mann von grossem Ansehen; er war einfaltig von Gemut, aber durchdringend von Verstand; er redete wenig; was er aber sagte, war voller Geist und Nachdenken. Er kam nicht nach Hofe, als wann ihn seine Geschaffte dahin forderten. Seine Frau hingegen war von einem sehr aufgeraumten Gemuth. Sie liebte die Gesellschaft und alle erlaubte Belustigungen; sie schien fur die Menschen, ihr Mann aber nur fur weise Menschen geschaffen zu seyn. Ihre Schwester, die junge Mariana, war eine von den wachsenden Schonheiten, die bey einem stillen und eingezogenen Wesen doch weder Mangel an Feuer noch Geist hatte.
In dieser angenehmen Gesellschaft sahe sich der Graf von Rivera bestandig, so lang er zu Panopolis war; die verschiedene Gemuths-Art dieser dreyen Personen vereinigte sich fur denselben in einerley Hochachtung.
Der Graf begab sich gleich nach seiner Ankunft zu dem Konig: er kusste mit Demuth den Saum seines Rocks, dankte ihm fur die Gnad, dass er ihn zum Cammerherrn ernennet hatte und wunschte, dass demselben seine Dienste angenehm seyn mogten. Der Konig empfing ihn mit der grosten Leutseligkeit: er sagte, dass er sich selbst seiner erinnert und geglaubt hatte, dass eine Person von seinen Verdiensten, so wohl ihm als dem Staat nutzlich seyn konte.
Der Konig war von Natur nicht ganz bosartig; Er war zu keinem Tyrannen gebohren: Er hatte viel gute Eigenschaften; sie waren aber durch eine uble Erziehung verdorben worden: er war der Unordnung, der Schwelgerey und den Wohllustigen ergeben; Er meynte nur deswegen Konig zu seyn, um seinen Begierden desto freyer nachzuleben. Die Regierungs-Last schien ihm zu beschwehrlich: Wenn er in einem Morgen zehen bis zwanzigmal seinen Namen unterzeichnen solte, so waren dieses allzugrosse Bemuhungen fur einen Konig, der in den Gedanken stunde, die Lust der Crone sey fur ihn, und die Last der Regierung fur seine Rathe.
Der Herzog von Sandilien, dessen oberster StaatsMinister, hatte alle grosse Eigenschaften, die ins Auge fallen und bey andern Ehrfurcht und Hochachtung erwecken. Er war von einer ansehnlichen Gestalt, und hatte etwas grossmuthiges und gluckliches in seiner Bildung: seine Gebehrden waren edel und ungezwungen; er war dabey uberaus prachtig und wusste sich ungemein wohl zu kleiden. Es mangelten ihm aber diejenige Wissenschaften, die zu einem grossen Staats-Minister erfordert wurden; Er erhielte sich auf diesem hohen Posten durch seinen Eifer fur den Konig und durch seine Gefalligkeiten fur andere. Er liess einen jeden thun, was er wolte; wo zwey StaatsBedienten sich uber einige Vortheile entzweyten, da wurde die Sache durch ihn, auf Unkosten des Staats, beygelegt. Er lenkte sich zu keiner Parthey; sondern suchte das Haupt von allen zu seyn: Auf solche Weise war einer jeden an seiner Erhaltung gelegen.
Die Kriegs-Leute liebten ihn, weil er ihnen viel Freyheit und Muthwillen verstattete. Die Staats-Rathe und Hof-Bedienten waren durchgehends mit ihm wohl zufrieden, weil er von ihnen keine Rechenschaft forderte und einem jeden in seiner Verrichtung freye Hand liess. Die Geistlichkeit verehrte an ihm einen guten Christen, weil er in ihre Glaubens-Handel sich nicht mischte: Die Gelehrten auf hohen Schulen fanden auch nichts an ihm auszusetzen, weil er ihnen gute Besoldungen gab; und die Dichter, die von der Schmeichelei leben mussen, reimten sich ihm zu Ehren fast zu tode, weil er ihnen fur ihre Lob-Spruche stattliche Geschenke reichen liess.
Nur der Staat litte allein; das Land wurde bey Hof verzehret, und der Landmann, durch die schwere Geld-Erpressungen ganz entkraftet, begunte an etlichen Orten den Pflug zu verlassen, und sich theils aufs Plundern, theils aufs Bettlen zu legen. Die Pachter und Beamten aber, welche das arme Volk wie die Blut-Igeln aussogen, schleppten ihre feiste Wanste und gefullete Beutel in die Stadte und wurden zu des Landes Verderben vornehme Herren. Schifffahrt und Handlung lagen darnieder: Die Schulden wurden nicht bezahlt: der Kauffmann muste seine Waaren borgen, und die Handwerker verprassten auf den Sonn- und Fest-Tagen, was sie an den Werktagen verdienten.
Den Soldaten war die Zeit und sie dem Staat zur Last; sie waren blosse Mussigganger, und wenn sie etwas thaten, so geschahe solches zu ihrem und anderer Leute Verderben. Der junge Adel lebte in der grosten Uppigkeit: wer das Herz hatte wider alle Gesetze zu handeln und mit der Religion sein Gespott zu treiben, der wurde fur den besten Edelmann gehalten.
In den Gerichts-Hofen sah es jammerlich aus: viel tausend Wortfechter und Causenmacher nahrten sich auf Unkosten der ungluckseligen Partheyen: das Recht selbst wurde durch sie in eine unendliche Verwirrung gebracht: das Geld und die Geschenke trieben allein auf einen gunstigen Spruch.
In den Tempeln regierte die eingebildete Weisheit der Schriftgelehrten bis zum Aberwitz; an statt das Volck zu erbauen und zu GOtt zu fuhren, zankte man darinn um Meynungen und Auslegungen, die niemand verstunde. Einige unlehrsame Kopfe, welche diese Mangel sahen, wolten es besser machen, sie warfen sich selbst zu neuen Aposteln auf und verliessen desswegen als widerspenstige Schafe ihre stolze Hirten: sie schimpften und schmahten auf die ausserliche Kirche, nannten solche einen Gotzendienst, versammleten sich in ihren Hausern und gaben Gelegenheit zu allerhand Unordnungen und Schwarmereyen. Kurz, die Unordnung herrschte in allen Standen; es war schier weder Treu, noch Tugend, noch Glauben mehr unter den Einwohnern von Panopolis.
Der Graf von Rivera sahe dieses; er wurde daruber tiefdenkend: ein angstliches Grauen uberfiel seinen sonst standhaften Muth. Warum, sprach er bey sich selbst, hab ich mein ruhiges Landleben verlassen? was soll ich hier bey Hofe machen? Soll ich mich auf diesem gefahrlichen Strohm mit fortreissen lassen? Soll ich meinen Eifer fur das gemeine Wesen, soll ich meine Unschuld und Liebe zur Tugend zeigen? Armseliger Graf! was wurdest du damit ausrichten? man wurde deiner spotten. Du bist noch zu jung andere zu unterrichten und dem Konig Rathschlage zu geben. Wirst du auch den sussen Reizungen der Luste an einem Hof widerstehen konnen: wo man nur darauf sinnet, die Begierden recht anzufeuren und ihnen alle Nahrung zu geben? Wird dich deine Ehrsucht nicht verleiten? wird sie nicht alles entschuldigen und gut heissen, was dem Konig gefallt, damit du bey ihm dich einschmeicheln und in Gunst setzen mogtest? Ach! in welcher Gefahr finde ich mich allhier? O Bellamont, Bellamont, wer wird mir hier Rath ertheilen.
Der Graf von Rivera war in diesen Betrachtungen aus einem der Koniglichen Lust-Garten in den daran stossenden Wald gegangen; er hatte sich darinn so sehr als in seinen Gedanken vertieft. Er wurde gewahr, dass er sich in den Gebuschen verirret; er rief seinen Leuten; allein, sie horten ihn nicht: der Graf verdoppelte desshalben seine Schritte, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen, er gerieth aber immer tiefer ins Geholz; die Nacht uberfiel ihn: es leuchteten diesem verirrten Wanderer weder Mond noch Sterne: er konte den Himmel, die Erde und die Baume kaum mehr unterscheiden; doch setzte er seinen Fuss bestandig fort: er liess gleich einem Blinden seinen Stab den Weg suchen, und folgte demselben in sachten Tritten nach.
Endlich erblickte er durch das Gebusche ein schimmerendes Licht: er gieng darauf zu, und fande ein kleines Haus; er klopfte an; ein alter Greiss, dessen Angesicht mit einem langen Bart bewachsen war, offnete ihm die Thure. Verzeihet mir, Ehrwurdiger Alter, war des Grafens Anrede, dass ich euch in eurer Einsamkeit stohre: ich habe mich in diesem Wald verirret: ihr werdet so gut seyn und mir bey euch einen Aufenthalt vergonnen, bis der Tag mir verstatten wird, wieder nach Panopolis zuruckzukehren. Wer sie auch sind, mein Herr! antwortete der Alte, so haben sie hier bey mir zu befehlen. Er nothigte ihn darauf sich an ein Feuer zu setzen, welches im Camin brante, und liess ihm durch einen jungen Menschen, den er bey sich hatte, verschiedene Erfrischungen reichen, welche der Graf hier anzutreffen sich nicht vermuthet hatte: sie kamen ihm ganz zu rechter Zeit: sein ungewohnlicher Spatziergang hatte ihm solche doppelt-annehmlich gemacht.
Der Alte konte den Grafen nicht genug ansehen; so viel Jahre er auch in der Welt gelebet hatte, so dunkte ihm doch kein Mensch von solcher Gestalt noch vorgekommen zu seyn. Er betrachtete ihn mit einer solchen tiefen Aufmerksamkeit, dass der Graf, der solches wahrnahm, ihn fragte, fur wem er ihn hielte. Mein Herr! antwortete jener ganz lebhaft, ich halte sie fur mehr, als sie sich selber halten: ihre Kleidung gibt mir wohl einen vornehmen Herrn zu erkennen, ihre Gesichts-Bildung aber saget mir noch weit mehr. Wie! fragte der Graf, mein guter Vater, ihr verstehet euch auf die Gesichts-Bildung? In meiner Jugend, sprach der Alte, hab ich mich stark auf die verborgene Wissenschaften der Natur, den Himmels-Lauff und die Astrologiam judiciariam gelegt, und dabey viel besonders, was die Veranderung der Reiche und die Begebenheiten der Menschen betrifft, wahrgenommen. Meine langwierige Erfahrung hat auch in vielen Stucken meine Anmerkungen bekraftiget; allein, auch dieses mich gelehret, dass ein GOtt sey, der oft selbst ins Mittel tritt, und sich an die Gesetze der Natur, davon er selbsten HErr ist, nicht jederzeit bindet. Man muss aber eine erhabene und Gottliche Seele haben, wenn man nicht mehr dem Einfluss der Gestirne und dem Zusammenhang der naturlichen Ursachen will unterworfen seyn. Wahre Weisen ziehen sowohl ihre Kraft zum Guten, als ihre ganze davon abhangende Gluckseligkeit, aus GOtt selbst; doch ist niemand mehr als sie darauf beflissen, die Ordnung, welche GOtt in die Natur gelegt hat, zu beobachten; weil sie erkennen, dass der Beherscher der Welt darinn am deutlichsten seinen Willen ausgedruckt habe.
Dergleichen weise Leute, fragte der Graf, werden sich wohl schwerlich an der Konigen Hofen befinden? warum nicht, antwortete der Alte; die ausserliche Umstande machen dabey nichts; GOtt gebraucht sich dieser Leute in allen Standen, und wenn er ein ganzes Reich will glucklich machen, so bedienet er sich ofters in dieser Absicht nur eines einzigen Weisen.
Solte aber ein solcher Weiser, fragte der Graf weiter, bey Hofe nicht lacherlich werden? Mit nichten, sprach der Alte; die Tugend hat etwas so grosses und erhabenes, dass sie alle Menschen ehren mussen; sie hat eine geheime Macht uber alle Geschopfe; ihre Einflusse sind Gottlich und ihre Wirkungen begleitet ein gewisses Ansehen, welches auch die Boshaften schrecket; nicht anders wie die Thiere, die sich vor den Menschen furchten, und sich unter ihrer Herrschaft schmiegen. Ich rede aber hier von einer solchen Tugend, die aus einer hohen Weisheit stammet, die mit Uberlegung handelt, und die sich nicht in solchen Dingen suchet, welche ihr eigentliches Wesen nicht ausmachen. Die wenigste Menschen haben einen rechten Begriff von der Tugend; sie nehmen insgemein dafur einen falschen Schein; dieser Schein ist ein blendendes Gewand, worunter sich die Heucheley verhullet. Man hat der Tugend ein rauhes, unfreundliches und abgeschmacktes Wesen angedichtet; man hat ihr die Augen Catonis und die Gebehrden der Stoiker gegeben: dieses ist ein schadlicher Irrthum: nichts hat uns mehr von der Einfalt im Guten und von der wahren Aufrichtigkeit abgezogen.
Sie haben, mein Herr, fuhr der Alte fort, indem er dem Grafen scharf unter die Augen sah, dasjenige Wesen, worinnen sich die Tugend insgemein zu kleiden pflegt; sie haben etwas munteres und doch auch etwas ernsthaftes an sich: und wenn mich meine Wissenschaft in Beurtheilung der Menschen nicht betrugt, so werden sie auch davon die Regungen in ihrem Gemuthe verspuhren. Zeit, Anfechtung und Gelegenheit aber werden solche bey ihnen noch deutlicher entwikkeln, und durch die Erfahrung auf einen sichern Grund setzen. Sie werden sodann auch erkennen lernen, dass die blosse Gaben der Natur uns weder recht weise, noch recht gluckselig machen konnen; sondern, dass ein hoherer Einfluss solche beleben und uns die Kraft zur Ausubung des Guten ertheilen musse.
Der Graf bewunderte die hohe Weisheit dieses Verehrungs-wurdigen Greises; sein Herz wurde ihm gleichsam durch dessen Reden aufgeschlossen. Er begriff nun deutlich, dass sich die Tugend an alle Oerter schicke, dass sie etwas grosses, erhabenes und gottliches sey, und dass sie folglich allen Dingen in der Welt musse vorgezogen werden.
Der Graf fragte darauf den Alten um die Beschaffenheit dieser Einsideley; worauf ihm derselbe berichtete, dass dieses ein Werk von der ehmahligen alten Konigin, des Konigs Frau Gross-Mutter, sey. Man siehet hier, fuhr er fort, die angenehmste Gegend von der Welt; sie werden, wenn es Tag ist, unweit von hier eine kleine Capelle finden, in welcher so wohl der Konig, als dessen vornehmste Bediente, ihre Andacht verrichten, wenn sie sich, wie im Sommer ofters geschiehet, hier aufhalten. Der Herr von Ridelo, unser Ober-Aufseher, gonnet mir auch zum oftern die Ehre seines Zuspruchs. Hiernechst an dieser Capelle ist ein kleines Lust-Schloss, welches langst dem Wald hin auf jeder Seiten sechs kleine Zelten-Gebaude hat, die auf Chinesische Art sehr artig eingerichtet sind. Hier hatte ehedessen auch unsere letztverstorbene hochselige Konigin ihren verborgenen Aufenthalt, wenn sie von der Unruh des Hofes und der Last der Geschaffte ermudet, sich ein wenig zu ergotzen suchte, und gern fur sich allein seyn wolte. Ich bin aber derjenige, der zu diesem ganzen Werk durch eine Wunder-volle Schickung GOttes Anlass gegeben hat. Der Graf bezeigte hierauf ein Verlangen, diese besondere Umstande zu wissen. Der Alte liess sich darzu willig finden, und erzehlte dem Grafen seinen Lebens-Lauf, wie folget.
Das zweyte Buch.
Die Begebenheiten des Einsiedlers
Pandoresto.
Mein Leben ist sowohl ein Spiegel der grosten Unordnungen, als einer ausserordentlichen gottlichen Gnade. Ich wurde zu Bessala von vornehmen, aber ruchlosen Eltern gebohren. Weil sie immerdar mit einander haderten und eines dem andern nur das Leben recht sauer zu machen suchte, so hab ich wohl nicht ihrer Liebe, sondern dem allerunreinesten viehischen Trieb meinen Ursprung zu danken.
Man gab mich gleich nach meiner Geburt einer Frauen auf vom Lande zu saugen; denn meine Mutter wolte sich mit mir keine Muhe machen: vielweniger mir selbst ihre Bruste reichen, die sie noch zum Dienst ihrer Luste gewiedmet hatte.
Ich war ein einziger Sohn, und meine Eltern besassen ein grosses Gut, welches sie aber sehr ubel verwalteten. Man verzartelte mich uberaus, und liess mir in allen Dingen den Willen; man ubergab mich einigen Lehrmeistern, die mir wohl zuweilen etwas von GOtt und der Tugend vorsagten; durch ihre LebensArt und Beyspiele aber, mich uberzeugten, dass sie selbst davon nicht viel glaubten.
Ich war von Natur sehr gelehrt boses zu thun, und ich kan sagen, dass ich recht viel Verstand hatte, die Laster bis auf einen gewissen Grad zu treiben, dass man meine Scharfsinnigkeit dabey bewundern musste.
Es war keine so unordentliche Haushaltung in der Welt, wie die unsrige. Mein Vater und meine Mutter speisten selten zusammen an einer Tafel; beyde hatten ihre eigene Gesellschaften und ihre besondere Zimmer: sie kamen schier nie zusammen, als wenn sie sich einander ausschelten und ihre Untugenden sich vorrucken wolten. Wenn mein Vater betrunken war, welches wenig Tage nicht geschahe: so schalt und fluchte er alles zusammen. Meine Mutter im Gegentheil war dem Putz, dem Spiel und der Galanterie ergeben; und weil ich mehr ihr, als dem Vater schien nachzuschlagen; so wurde ich als ihr Gunstling gehalten. Ich musste bey ihr fruhzeitig die Carten helfen mischen und dabey manche unzuchtige Reden mit anhoren, die ihre Aufwarter, ohn alle Scham, ihr als Artigkeiten vorsagten.
Ich war noch kaum in einem Alter, da man den Trieb der Begierden empfindet, als ich schon allen Weibs-Bildern nachlief, und ihnen die unverschamteste Dinge vorsagte. Meine Mutter hatte nicht das Herz mich daruber zu bestrafen, weil ich ihr sonsten ihre eigene Freyheiten hatte vorwerfen mogen.
Ich verfiel darauf in das allerunordentlichste Leben von der Welt: ich that alles, was mir gelustete, und wusste dabey nichts vom sundigen; weil mir die Pflichten des Christenthums und der Tugend unbekannt waren. Ich gieng wol zuweilen in die Kirchen, aber nur um darinnen die Musiken zu horen und die schone Weibsbilder aufzusuchen. Was geprediget wurde, das hielte ich fur eine Unterhaltung gemeiner Leute, daruber ich mein Gespott hatte, und glaubte von gottlichen Dingen so viel als nichts. In dieser Sicherheit war mir nichts eine rechte Freude, wann es die Sunde nicht abscheulich machte. Es ware theils zu weitlauftig, theils zu unerbaulich, von allen meinen verubten Bosheiten hier Nachricht zu geben: ich will nur derjenigen erwehnen, die zu den Haupt-Veranderungen meines Lebens Anlass gegeben haben.
Es war Winter, man hielte Carneval, die Masken wurden in der ganzen Stadt erlaubt; vier eben so freche junge Edelleute, wie ich, machten zusammen eine Bande, um die leichtfertigsten Handel miteinander anzustellen, wir steckten uns, als der Abend eingebrochen war, in ganz grassliche Teufels-Larven; einen aber kleideten wir, wie des Konigs Beicht-Vater: er sass auf einem Schlitten, ein anderer hinten drauf; ich vorn auf dem Pferd; zwey andere ritten neben her mit brennenden Fackeln in der Hand: Wir ranten in diesem Aufzug mit der grosten Geschwindigkeit durch die vornehmsten Strassen der Stadt, und als wir den Kirchhof erreichet hatten, loschten wir die Fackeln aus und warfen den Schlitten in den nah daran stossenden Stadt-Graben. Niemand hatte uns erkannt, noch gesehen, wo wir hingekommen waren.
Wir giengen hierauf noch denselbigen Abend mit unsern Teufels Masken hin und wieder in die Hauser. Wir jagten damit manche Sechswochnerin vor Schrekken aus ihrem Bette, nahmen den Leuten ihr Essen und Trinken weg, entfuhrten in der Geschwindigkeit die junge Magdgens und machten es allenthalben so bunt, dass man uns endlich die Wache auf den Nacken schickte. Weil wir aber wider die Faschings-Freyheit heimlich mit Waffen versehen waren, so stiessen wir ein Paar von der Wache darnieder und schlugen uns also durch. Wir hatten damit diesen Abend noch nicht ausgeraset; sondern versamleten uns wieder, nachdem wir unsere Larven abgelegt hatten, in einem SpielHaus, tractirten dabey einige Weibsbilder so ubel, dass eine davon den Geist aufgab. Die Wache kam abermahl herbey und besetzte unten die Thure vom Haus: ich entschloss mich also kurz, und sprang oben ein ganzes Stockwerk zum Fenster herunter; ich beschadigte mich ein wenig an der rechten Hand und hatte das Gluck auf solche Weise mich zu retten. Meine Cameraden aber wurden von den Burgern, die der Wach zu Hulf gekommen waren, schier todt geprugelt; sie wurden darauf eingezogen und gefangen gesetzt, weil sie aber Sohne aus den vornehmsten Hausern waren, so kamen sie mit einer starken GeldBusse davon.
Ich empfand hier das erstemahl ein gewisses Grauen uber mein bisheriges Leben. Ich reiste heimlich von Bessala weg, und nahm unter dem Konig von Licatien Kriegs-Dienste. Ich hatte mir vorgenommen hinfuro ehrbarer zu leben, und mich vor Schand und Schaden zu huten. Allein, weil ich nicht die geringste Regungen zur GOttesfurcht und zur Tugend bey mir verspurte; so suchte ich nur ausserlich den Wohlstand zu beobachten, und dadurch mein Gluck in der Welt zu machen. Ich gieng mit lauter Practiken um, und weil ich sahe, dass es andere auch so machten, so hielte ich den fur den Klugsten, der den andern am besten hinter das Licht fuhren konte. Ich legte mich insonderheit auf das Spielen; und weil ich alle geheime Vortheile der Cartenmischerey verstunde, so gewann ich viel Geld: ich kaufte mir eine Compagnie, und thate darauf einen Feldzug mit gegen die Battaver: ich wurde auf einen Posten commandirt, da ich uberaus brav thate, und mir desswegen vest einbildete, die Obrist-Wachtmeister-Stelle, welche ledig wurde, zur Vergeltung meiner Dienste davon zu tragen; alleine, weil ich der jungste Hauptmann war, so wurde mir darin der alteste vorgezogen. Dieses brachte mich in eine solche Wuth, dass ich ihn zum Zweykampf herausforderte und ihn darin entleibte. Ich muste darauf fluchtig werden, und begab mich hieher an den Aquitanischen Hof.
Ich legte mich allhier auf die Erlernung der Wissenschaften, und brachte es dadurch in kurzer Zeit so weit, dass ich nicht nur Cammer-Junker bey dem Konig, sondern auch Beysitzer im Hof-Gericht wurde. Ich war damals noch nicht gar dreyssig Jahr alt. Ich lernte nebst andern Wissenschaften, den Schlendrian in den Processen gar bald. Ich sahe, dass es dabey mehr auf eine Causenmacherey und leeres Wortfechten, als auf die Gerechtigkeit einer Sache selbst ankam. Ich machte mir diese Wissenschaft zu Nutz und liess es also derjenigen Partey geniessen, die am besten spendiren konte.
Ich bildete mir dabey vieles auf meine Klugheit ein: ich konte plaudern und den Leuten weiss machen, was ich wolte. Ich hatte die munterste Einfalle von der Welt, und niemand war sinnreicher als ich, einen Menschen lacherlich zu machen und aufzuziehen. Ich sahe, dass man solche Leute, wie ich war, an den Hofen hervor zog, und beforderte; und diejenige im Gegentheil fur einfaltig schalt und sitzen liess, die sich der Unschuld und Aufrichtigkeit beflissen. Ich nahm mich dahero wohl in Acht, in dergleichen Schwachheiten nicht zu verfallen. Man gebrauchte mich zu den verwirrtesten Handeln: ich wurde an verschiedene Hofe versandt; wo ich alles, zum Dienst des meinigen, mit List und Betrug glucklich ausmachte. Ich bediente mich darzu bald der herrschenden Sultanin, bald eines geizigen Ministers, bald eines hochmuthigen oder aberglaubischen Beicht-Vaters, nachdem nemlich die Geschafte waren, die ich zu tractiren hatte; und nachdem die Personen, davon ich rede, mir darinnen behulflich seyn konten.
Ich hatte mich gleich Anfangs, als ich in Diensten kam, ziemlich vorteilhaft geheyrathet; die Gesetze des Ehstands aber banden mich an nichts; ich glaubte, dass solche nur fur den Pobel waren. Ich half dem ungeacht manchen wacker strafen, wenn er in diesem Punct ein wenig uber die Schnur gehauen hatte; ob er mir gleich weit grossere Verbrechen vorrucken konte. Ich dachte noch nicht daran, dass ein GOtt war, der das Bose strafte und das Gute belohnte; es gieng mir viel zu wohl, als dass ich die Wirkungen des Bosen bey mir hatte wahrnehmen sollen.
Ich wurde bey Hof fur einen Edelmann gehalten, der sich zu allen Ergotzlichkeiten am besten schickte, ich war deswegen von allen Parthien, wo es lustig hergehen solte, geliebet: Unter den frechsten Damen hatte ich den grosten Beyfall; weil ich sie frey nach ihren Neigungen urtheilte und solche durch keine angenommene Ehrbarkeit in Zwang setzte.
Meine Frau kam wenig nach Hofe, sie wuste nichts destoweniger alles, was daran vorgieng; sie hatte von allem, was ich thate, und so gar auch ofters von meinen Gesprachen genaue Nachricht. Ich fande mich einsmahl auff einer Maskerade. Eine Dame von uberaus schonem Gewachs und einer sehr wohl ausgesonnenen Kleidung fiel mir dabey ins Gesicht: ich hielte sie fur fremd, weil ich kein Merkmahl hatte, sie unter ihrer Larve zu erkennen: sie hatte einen schlanken Leib und ihre Gebehrden waren durchaus edel und ungezungen: ihre Maske gab ihr dabey ein holdes und reitzendes Ansehen. Sie tanzte mit der grosten Anmuth: ich hatte selbst sie zweymahl darzu aufgefordert: ich fande mich von ihr geruhrt: ich sagte ihr die groste Schmeicheleyen: ich schatzte den Menschen uber alles gluckselig, der von einer solchen Schonheit geliebet wurde: sie druckte mir dafur die Hand, und gab mir solche Antworten, daraus ich urtheilte, dass ihr meine Reden gefielen. Ich brachte sie endlich unter dem Schein ihr einige Erfrischungen reichen zu lassen, in ein Neben-Zimmer. Hie nahm sie die Larve vom Gesicht und zeigte mir meine Frau. Undanckbarer! redete sie mich an, ist dieses die Auffuhrung eines verehligten Mannes? ich erschrack; doch erhohlte ich mich eben so bald. Ich wolte euch Madame, sprach ich, dieselbige Frage thun: es schicket sich nicht wohl fur eine so frome Frau, als ihr seyn wollet, auf einem
offentlichen Ball die Liebkosungen einer fremden Maske anzunehmen: sie sagte, dass sie mich wohl gekant hatte, und dass sie deswegen sich auf diesen Ball gewaget, um meine Auffuhrung selbst mit anzusehen; ich behauptete, dass solches nicht wohl seyn konte, weil ich mich unter einem Domino versteckt hatte. Sie bewies mir, wie sie davon die vollkommenste Nachricht gehabt habe: ich setzte ihr meine Grunde dargegen; der Process blieb endlich unentschieden und wir musten uns in der Gute vergleichen. Meine Frau bildete sich unterdessen viel darauf ein, dass sie auf diese Weise mir gezeiget hatte, wie sie noch solche Annehmlichkeiten besasse, die sie konten beobachten machen; und bildete sich vest ein, dass ich sie lieben wurde, wenn sie meine Frau nicht ware.
Dieser Zwang wurde mir in die Lange unertraglich: ich konte mich durch keine Gesetze binden, vielweniger mir durch eine Frau, die mir so abgeschmackt als die meinige schien, Lebens-Regeln vorschreiben lassen. Ich sann also auf Mittel ihrer bald los zu werden. Sie war sehr zum Zorn geneigt: sie konte sich uber die kleinste Dinge dermassen argern, dass sie ofters sich dabey nicht mehr kante. Ihr Geblut wurde daruber entzundet und die Galle in alle Glieder getrieben: da musten nun die Aerzte rathen. Diese gaben ihr allerhand niederschlagende Pulver und zertheilende Artzneyen, welche sie ofters wieder zurecht brachten, und mir die Hoffnung benahmen, meiner Frauen bald los zu werden; ich brachte ihr deswegen bescheiden bey, es ware bey ihr nichts anders, als Hypochondrie; und muste sie deswegen etwas wider die Wind und Blahungen gebrauchen; darzu sey nichts dienlicher als gute abgezogene Luft-Wasser und Magenstarkende Essenzen. Sie machte sich ohnedem schon eine Verrichtung daraus, dergleichen Wasser selbst zu brennen, und sie als Arzneyen an die Armen zu verschencken: Sie liess sich meinen Rath gefallen, und nahm, wiewohl heimlich, wenn sie in ihrem Laboratorio war, ziemlich starke Proben von ihren destillirten Wassern. Als ich dieses merkte, spielte ich ihr die starkste Chymische Processe in die Hande, daruber sie erkrankte und durch ihren darauf erfolgten Tod, die Zahl meiner Missethaten vergrossette.
Niemand war froher als ich: ein alter Franciscaner, der zu mir gekommen war, um mich uber das Absterben meiner Frauen zu trosten, stohrte dieses Vergnugen. Diese Leute haben in der Welt wenig zu verliehren. Die Strengigkeit ihres Ordens setzen sie gegen die Begierden, reich und vornehm zu werden, in Sicherheit. Sie haben demnach nicht solche Maass-Regeln zu beobachten, wie andere Geistlichen, die ofters den Mantel nach dem Wind hangen und durch ihre Gefalligkeiten, damit sie andern schmeicheln, gute Pfrunden und hohe Kirchen-Aemter ertangen. Der Franciscaner wuste nichts von diesen Dingen: er war gewohnt einem die Wahrheit trocken unter die Augen zu sagen. Ich sehe, mein Herr, sagte er mir, sie sind uber den Verlust ihrer Gemahlin gar nicht betrubt; da sie solches zu seyn doch so grosse Ursach hatten. Wann werden sie dann einmahl in sich selbst gehen, und anfangen ihre Sunden zu bereuen, damit sie bisher den Hof die Stadt und die gantze Christenheit geargert haben? Sie gebrauchen die Gaben ihres Verstandes denjenigen damit zu entehren, von dem sie solche bekommen haben; Es ist hohe Zeit, dass sie ihren Sinn andern; sonst durfte ihnen der HErr bald zeigen, was er fur eine Macht uber solche Geschopfe habe, die seiner zu spotten vermeynen.
Diese beherzte Rede hatte etwas, das mich verwirrt machte: ich wuste bey aller meiner Lebhaftigkeit ihm nichts darauf zu antworten: ich betrachtete diesen Anachoreten mit Besturzung: die Augen lagen ihm so tief im Kopf, dass man solche kaum sehen konte; seine ganze Gesichts-Bildung bestunde aus blossen Knochen, die auf der Stirne mit einigen Runzeln bezeichnet waren: ich erschrack je mehr ich ihn ansahe. Diese Leute, dachte ich bey mir selbst, musten doch wohl greuliche Narren seyn, wenn sie sich das Leben so sauer machten, nur um andere Menschen zu betrugen, und ihnen eine Religion zu predigen, davon sie selbst keine Uberzeugung hatten. Ich gedachte also bey mir selbst, dass es noch wohl der Muhe werth seyn mogte, diesen Sachen ein wenig nachzudenken. Ich fragte deswegen den Pater, was er mir riethe vor Bucher zu lesen? er antwortete mir, die Bucher der Evangelisten und Apostel. Dieses befremdete mich: ich nante ihm verschiedene geistliche Schriften, die mir ehedessen meine Frau angepriesen hatte und die damals unter den andachtigen Leuten stark Mode waren; er sagte mir, diese Bucher waren zwar gut, doch muste der Grund des Glaubens zuvor in der Unterweisung des Heylands selbst geleget werden.
Ich las darauf ein wenig in den Buchern des Neuen Testaments; allein ich blieb daruber zwischen den Meynungen der vielen Ausleger hangen. Diese versperrten einander durch ihr stets anhaltendes Gezank den Himmel, nachdem sie sich einander widersprachen. Der groste Boswicht, der in der Bekanntnis ihrer Aufsatze starb, der wurde selig gesprochen, und der frommste Mann im Gegentheil gieng nach ihrem Ausspruch verlohren, wann er einer anderen Parthey zugethan war. Dieses verwirrte mich ungemein.
Ich war bey allem dem noch in meinen besten Jahren und hatte dabey die Welt sehr lieb: ich gedachte mir dieselbe nach meiner Frauen Tod erstlich recht zu Nutz zu machen. Ich setzte also mein leichtsinniges Leben weiter fort: ich spuhrte aber dabey in meinem Herzen gewisse unruhige Bewegungen, welche sich nicht wolten abweisen lassen, und die gleich den Wellen, wenn sie auf der See durch einen Wirbel-Wind in die Hohe gezogen werden, darinn einen Sturm nach dem andern verursachten.
Es lebte damahls eine sehr tugendhafte Witwe onsern Panopolis auf dem Lande: die Konigin besuchte sie und nahm mich mit zu ihr: ich sahe nicht so bald die Frau von Dusemon, so nante sich diese Dame, als ich mich erinnerte, dass ich sie ehedessen, als eine der lebhaftesten und grosten Schonheiten, am Hofe gekant hatte. Ihre Sittsamkeit ruhrte mich dismahl noch mehr, als ihre reitzende Gestalt. Ich betrachtete sie mit der grosten Verwunderung. Ein ungewohnliches Stillschweigen band mir gleichsam die Zunge: ein tieffes Nachdencken hatte mich ganz eingenommen.
Die Konigin, welche eine dergleichen Eingezogenheit an mir nicht gewohnet war, fragte mich, was mir war. Sehet doch, fugte sie im Scherz hinzu, wie das eitle Welt-Kind heute sich so ernsthaft stellet: ich denke, Pandoresto wird sich bekehren wollen. Die Frau von Dusemon sah mich daruber an: es ware wohl zu wunschen, sagte sie mit einem durchdringenden Auge, dass ein so verstandiger Cavalier auch ein wenig Gottesfurcht haben mogte. Ich erkuhnte mich nicht anders, als mit Ehrerbietung ihr darauf zu antworten.
Ich fuhr damit wieder mit der Konigin zuruck: einer von meinen guten Freunden sagte mir darauf, dass diese Dame sehr gute Meynungen von mir hegte, dass ich ihr nicht so gottlos vorkame, als man mich ihr beschrieben, und dass sie an mir gewisse Merkmahle entdecket hatte, die sie versicherten, dass ich noch ein gottsfurchtiger Mann werden wurde.
Diese Reden machten mir allerhand Gedanken. Ich empfand fur diese Dame eine mit Liebe und Ehrerbietung vermischte Neigung. So eitel ich auch war, so konte ich mir doch nicht einbilden, dass ihr an mir etwas solte gefallen haben: ich spurte bey dieser Gelegenheit eine mir ganz unbekante Demuth: ich begriff mich selbst nicht recht: ich wolte gern tugendhafter seyn, wenn ich dadurch dieser Dame gefallen konte. Solches war in der That eine schlechte Beweg-Ursach, mich zu bessern; ich erkante aber daraus dass die Tugend etwas ungleich Liebens-wurdigeres an sich hatte, als das Laster.
Ich bekam hierauf die Frau von Dusemon ofters zu sehen: meine Auffuhrung gegen sie war so eingezogen, als ehrerbietig: ich war mit mir selbst missvergnugt, dass ich meinen wilden Geist nicht gleich so bandigen und meine innerste Regungen nach den Empfindungen einer wahren Tugend einrichten konte. Ich wuste noch nicht, dass darzu eine hohere Kraft erfordert wurde.
Die Frau von Dusemon hatte sich endlich durch die Konigin sowohl als durch meine heftige Liebe bewegen lassen, mich zu ehligen, so bald sie meinen Ernst sehen wurde, hinfort ein rechtschaffenes Christliches Leben zu fuhren: sie hoffte auf diese Weise ein Kind des Verderbens aus den Klauen des Satans zu reissen und also ein gutes Werk zu thun.
Ich gedachte nun erstlich der gluckseligste Mensch auf der Welt zu werden: ich schmeichelte mir der zeitlichen Guter auf eine erlaubte Art zu geniessen; allein, der HErr menschlicher Schicksale, dessen Gesetze und Ordnungen ich bisher auf das abscheulichste ubertretten hatte, fuhrte mit mir andere Absichten. Ein solcher Abschaum menschlicher Bosheit und Laster solte nicht ohne wirkliche Empfindung seiner Sunden, und ohne rauhe Busse gerettet werden. Ich muste zum wenigsten die Strafen des Bosen tragen, zu welchen mich selbst das Gesetz der Natur verdammte.
Ohneracht ich bisher, meiner Geliebten zu Gefallen, ein ordentliches und eingezogenes Leben fuhrte; so hatte ich doch das mir von Jugend auf angewohnte Fluchen noch nicht ganz lassen konnen. Ich war selbst einer von denenjeniden Leuten gewesen, die darinn etwas sinnreiches suchen und die Kunst zu fluchen mit neuen Erfindungen bereichern.
Ich war schon wirklich mit der Frau von Dusemon versprochen, und der Tag unserer Vermahlung war bereits auf die nachste Woche festgestellet, als wir uns Abends bey Hofe, in einer sehr grossen Gesellschaft, befanden. Mein eitles Herz hatte hier, was es vergnugen konte: Liebe, Ehre, Hoheit, Pracht, Reichthum, Lust; alles schien mich mit ausserordentlicher Gluckseligkeit anzulachen. Nur die Carten waren mir zuwider. Ich sass und spielte und verlohr Spiele, die erstaunlich waren: man sah mir zu und schloss einen Creis um mich herum: man sagte, es ware nicht naturlich, dergleichen Spiele zu verliehren. Ich gerieth daruber in einen ungemeinen Eifer: ich vergass mich ganz. Ich hatte bey nah schon alle meine Adeliche Fluche nach einander ausgestossen; doch hatte ich meinen gewonlichsten noch ziemlich lang zuruck gehalten, welcher war: dass mich GOtt verdammen solte.
Kaum war mir auch dieser vom Munde geflogen, so uberfiel mich ein todkalter Angst-Schweiss: ich erblasste: mir bebeten alle Glieder: das Herz fieng mir an zu schlagen und zu pochen, als ob es mir die Brust durchstossen wolte: ich wuste vor Bangigkeit nicht mehr zu bleiben. Ich schmiss die Carten weg, stunde schnell auf, hielte mein Schnupptuch vor die Nase, durchstrich die Konigliche Vor-Zimmer und lief zu Fuss nach Haus.
Hier schloss ich mich in mein Zimmer, warf mich bald auf die Knie, bald auf mein Bette nieder: ich schrie, ich seufzete: ich fande, dass ich ein abscheulicher Mensch war; ich hatte ein Grausen vor mir selbst: ich bate GOtt, er mogte sich mir zu erkennen geben, und mich im ubrigen strafen, wie es seine Gerechtigkeit erforderte. Ich hatte in diesem Zustand gern alles thun und leyden wollen, wenn ich nur die geringste Uberzeugung von GOtt hatte haben konnen; denn was mir am unertraglichsten schien, war mein Unglaube.
Ich sahe wohl, dass mich diese Regungen nicht von ungefehr uberfielen; ich urtheilte aber zugleich, dass sie auch naturlich seyn, und von einer aufgebrachten Phantasie herruhren konten. Gleichwohl hatten sie keinen Grund in meiner bisherigen Lebens-Art, noch in der Unterweisung, die man mir von Jugend auf gegeben hatte: sie kamen auch von keinen Vorurtheilen. Denn alle meine bisherige Anmerkungen von dem Zustand dieser Welt, und uber die Sitten der Menschen, waren vielmehr eitel Vorurtheile zum Unglauben. So leicht man auch aus der Natur und aus einer richtig schliessenden Vernunft GOtt erkennen kan; so war mir doch damahls auch dieser gerade Weg verschlossen: Ich konte mir nicht einbilden, dass ein gutiges und allweises Wesen eine Welt solte geschaffen haben, die nur nach meiner damahligen Meynung, von lasterhaften und ungluckseligen Geschopfen bewohnet wurde; denn ich hatte noch so wenig tugendhafte und fromme Leute gekant, dass ich schier zu zweiflen begunte, ob es auch solche Leute wirklich gabe. Ich litte grausam unter diesen Vorstellungen: meine Vernunft nahm die beste Grunde an, um mich zu verwirren, und mein Herz war voll der heissesten Begierden einen GOtt zu lieben, der sich mir nicht zu erkennen geben wolte. Ich verbrachte auf solche Weise die unruhigste Nacht von der Welt. Mit anbrechenden Tag liess ich den alten Franciscaner kommen, und entdeckte ihm, was mir begegnet war, und in welchem Zustand ich mich befand.
Dieser heilige Mann, denn er war solches in der
That, vergoss daruber Freuden-Thranen; er pries die Hand des Allmachtigen; die, wie er sagte, mich geruhret hatte, um an mir ein neues Wunder-Werk seiner Gnade zu zeigen. Sie erkennen nun, sprach er, auch wider ihren Willen, dass ein GOtt sey, dessen Gesetze und Ordnungen sie auf die schmahlichste Art ubertreten haben, und dass sie deswegen ohne alle Hulfe und Trost musten verlohren gehen, wo er sich ihrer nicht erbarmen wurde; sie ergreiffen deswegen ohne Anstand den Heyland, als das Suhns-Opfer fur ihre Sunde; denn darzu ist Christus in die Welt gekommen, um die Sunder zu GOtt zu bringen.
Ach! rief ich hier bekummert aus, ihr redet mir von
Christo, da ich noch kaum erst anfange einen GOtt zu glauben? Wir haben Christum bald, sagte der Geistliche, wenn es uns einmal ein rechter Ernst ist GOtt zu lieben und seine Gebotte zu halten. Es sind hier keine Sachen, die sich einander widersprechen; GOtt offenbaret sich an unsern Herzen durch Christum, wenn wir dieses Geheimniss gleich nicht verstehen. Das Reich Christi ist in der ganzen Welt; er nahret, er erhalt und schutzet seine Unterthanen; und sie wissen und begreiffen nicht, wie es in dieser gottlichen Haushaltung zugehet; aber dieses konnen sie leicht wissen, dass Christus der Heyland sey. Kein Weiser hat uns noch bessere Lehren und Lebens-Regeln gegeben, welche der Vollkommenheit eines gottlichen Wesens anstandiger und der Gluckseligkeit der menschlichen Natur zutraglicher sind. Hier wird der Mensch nicht allein von der Ausubung der Laster abgehalten, sondern auch in seiner inwendigen Gestalt gereiniget; und so gar zu den erhabensten gottlichen Tugenden zubereitet. Dessen Geschichten, wie man solche aufgeschrieben findet, haben alle Kennzeichen der Wahrheit, und sind durch so viel Zeugen und Wunderwerk bekraftiget worden, dass man von den alten Geschichten gar keine glauben muste, wo man diese in Zweifel ziehen wolte. Konte man sich auch wohl als eine Wahrscheinlichkeit einbilden, dass solche einfaltige, ehrliche Leute, wie die Evangelisten und Apostel waren, es mit einander solten abgeredet haben, die Menschen zu betrugen, und mit ihren falschen Legenden die ganze Welt zu erfullen? Zu einer Zeit, da der Witz und die Scharfsinnigkeit des menschlichen Verstandes bey den Romern, Griechen und Juden aufs hochste getrieben wurde; und da man genau verstunde, was zum Beweiss einer Sache gehorte. Da nun, in dem Verfolg der Zeiten, die Menschen von der Wahrheit des Evangelii dergestalt uberzeuget und eingenommen wurden, dass sie nicht allein alle Vortheile des Lebens fur die Erhaltung derselben willig hingaben; sondern auch mit ihrem Blute, unter den grausamsten Verfolgungen und Martern besiegelten; so ist es eben so wenig wahrscheinlich, dass dieses lauter im Kopf verruckte Leute gewesen waren, als wenig glaublich es ist, dass ein blosser Wahn, der die menschliche Begierden mit einem so unangenehmen und harten Zwang beleget, sich durch alle Volcker und Zeiten, bis auf die heutige Welt, bestandig solte fortgetrieben haben.
Ja, wenn alle diese Vernunft-Schlusse nicht zulanglich waren, sie der Wahrheit unseres Glaubens zu uberzeugen, so waren davon allein die unter uns allenthalben zerstreuete Juden die lebendigste Zeugen: sie tragen noch alle die Mahlzeichen des uber sie und ihre Nachkommen ausgestossenen grasslichen Fluchs auf ihrer Stirne, wenn sie sagten; Sein Blut komme uber uns und uber unsere Kinder: sie sind die einzige Nation, die von derselben Zeit an, nirgend das Burger-Recht haben, sondern allenthalben, als ein ungluckseliges verhasstes Volk verjagt, zerstreut, verfolgt und geschmahet werden; da sie doch zuvor, in dem alten Bund, als das auserwehlte Geschlecht, vor andern erhaben, durch die groste Wunderwerke von GOtt selbst sind erhalten und geschutzet worden; sie sollen auch vor dem Ende der Zeiten wiederum zu ihrer vorigen Gnade gelangen. Bis dahin aber mussen sie uns und der ganzen Welt das Evangelium auch wider ihren Willen predigen. Wir sehen keine Juden, die uns nicht gleichsam zurufen: Christus lebet: Christus ist auferstanden: Wir tragen den Fluch, um euch solches zu lehren.
Diese Nachricht von Christo gab mir einen starken Eindruck. Ach! seufzete ich, mogt ich doch auch diesen liebreichen Heyland kennen! Er lasst sich sonst nicht lange suchen, sprach der Geistliche, er ist bald da, wenn man nach ihm verlanget: ein rechter bussfertiger Sunder ist der wichtigste Vorwurf seiner Liebe und eine Freude der Heiligen; allein, sie haben noch Berge zu ubersteigen, diese Berge sind die Hohen ihrer Vernunft: kamen sie zum Heyland in der Einfalt, wie das Weib bey Luca am 8. so wurden sie alsobald die Kraft, die aus ihm gehet, an sich gewahr werden, und solten sie auch nur den Saum seines Rocks beruhren. So aber weiss sich ihre Vernunft noch in diese Einfaltigkeit nicht zu schicken, sie haben bissher ihre Starke nur gebraucht, um allen Eindrucken und Empfindungen des Glaubens bey sich zu widersprechen, und ihren Lusten und Begierden das Wort zu reden: sie durfte ihnen deswegen noch wohl etwas leiden machen, ehe sie zur rechten Glaubens-Einfalt gelangen werden.
Es geschahe mir, wie mir der Geistliche gesagt hatte, ich fiel in eine tiefe Melancholie: ich suchte die Einsamkeit und floh den Umgang mit allen Menschen. Ich mietete mir an einem abgelegenen Ort nah an einem Wald, ein kleines Haus. Niemand wuste etwas von meinem Aufenthalt als mein Franciscaner, der von seinem Closter zu mir nicht uber drey ViertelStunde zu gehen hatte. Ich gedachte in dieser Einsamkeit an nichts mehr, als an meine Bekehrung. Je mehr ich aber GOtt suchte, je mehr schien er sich von mir zu entfernen. Ich wurde endlich aller Andacht, aller Hofnung und alles Trostes beraubet. Meine taglich uberhand nehmende Schwermuth qualte mich mit den allergrasslichsten Vorstellungen: alles, was mich sahe drohete mir mit einem abscheulichen Tod: ich zitterte wann ich nur Menschen sahe, der ich sonst unter allen der verwegenste war. Ich floh in die Einoden und in die dickste Walder. Ich schrie, ich seufzte, ich wimmerte, wie ein Mensch, der alle Augenblick verzagen wolte. O welche Abgrunde der Verzweifelung sah ich hier! Ich hatte Tag und Nacht keine Ruh: die greulichste Larven und Schrecken-Bilder erfullten auch im Traum meine aufgebrachte Phantasie. Ich war daruber ofters ganz erstarrt, wann ich aufwachte. Nur das Herz, als die Quelle des Lebens, bewegte sich noch allein, und trieb, durch die nahe Angst des Todes, das Leben wieder in die schon erkalte Glieder. Ich fiel endlich ganz vom Fleisch und wurde so unbesorgt um mein Leben, dass ich solches vielmehr tausendmahl wunschte aufzugeben, wann ich nur die geringste Empfindung des Glaubens, als den einzigen Trost, den ich suchte, dadurch hatte erlangen konnen.
Mein Geistlicher, der mich noch immer fleissig besuchte, wunschte mir zu allen diesen grausamen Anfechtungen und Glaubens-Ubungen Gluck. Sie haben, mein Herr, sprach er, den HErrn der Weisheit und der Liebe so oft und vielmahl von sich abgewiesen und seiner Allmacht Sohn gesprochen. Er zeiget ihnen nun, dass er sich kan Recht schaffen; wiewohl diese Ahndung nichts anders ist, als eine Vorbereitung zu derjenigen Uberzeugung, welche sie suchen. Sie sehen jetzt deutlich, was der Mensch vor eine elende und jammerliche Creatur ist, so bald GOtt die Hand nur ein wenig von ihm abziehet, und ihn in seinem eigenen unreinen Grunde wuhlen lasset. Sie empfinden jetzo den Schrecken der Natur, wenn der Geist, der in dem Menschen ist, seinen Ursprung verlaugnen und gegen den Schopfer sich emporen will. Wollen sie noch mehr Uberzeugungen haben? worauf warten sie noch? wollen sie, dass GOtt die ganze Natur verkehren und ihre Ordnungs-Kette zerreissen soll, um sie durch neue Wunder-Wercke zu uberzeugen? oder warten sie bis GOtt selbst mit ihnen aus einem feurigen Busche, unter dem Krachen und Blitzen der Elementen reden, oder ihnen unter der Gestalt eines alten Manns, oder eines sichtbaren Geistes erscheinen wird? O wie ubel wurden sie sich dabey finden: ihre Vernunfft wurde es fur ein Gauckelspiel der Phantasie halten, oder fur eine androhende Verruckung des Gehirns, oder fur einen Betrug der Geistlichen, wie sie dessen ofters beschuldiget werden. Dieses alles wurde sie und ihre grublende Vernunfft noch lange nicht uberzeugen.
Lasst uns desswegen fuhr der Geistliche fort, ein wenig aufrichtiger und einfaltiger mit GOtt handeln. Lasst uns in unser eigen Herz eingehen, und darinn die Wirkungen des Gottlichen Geistes wahrnehmen. Was ist dasjenige, das uns, da wir von Natur ganz elend und verdorben sind, das Gute wunschen und lieben macht? woher kommt die Regung, die uns ein Verlangen nach einem unendlichen Gut einfloset? diesen innern Bewegungen mussen wir Raum lassen, und ihrem Ursprung nachspuren. Da findet die Seele bald, was sie suchet. Hier sind keine blosse Phantasien und Hirn-Bilder; die Liebe zu GOtt ist das deutlichste Kennzeichen, dass er uns liebet; wo er sie nicht liebte, so hatte er sie auch in ihrer vorigen Sicherheit lassen hingehen; sie wurden wenig sich darum bekummern, ob ein GOtt war, der die Welt regierte, oder sonst ein etwas von ungefahr: ob die Tugend etwas guts, oder das Laster etwas boses sey: Ob sie Vergebung der Sunden hatten, und glaubig waren, oder nicht: dieses alles wurde sie eben so wenig anfechten als zuvor.
Ja, unterbrach ich hier mit einer ausserordentlichen Bewegung, ich wolte herzlich gern in diesem Augenblick sterben, wenn ich nur der Gnade GOttes in Christo bey mir recht versichert werden konte. Wohlan, sagte hierauf der fromme Monch zum Beschluss, wenn sie dann solches mit einer so lebhafften Begierde wunschen, so sterben sie mit einmahl der Welt ab: dieses ist der Tod, durch welchen sie dasjenige erlangen werden, was sie so sehnlich suchen. Dieser Tod wird sie versichern des Todes ihrer Sunden und ihrer Vergebung bey GOtt. So wenig sonst GOtt von uns verlanget, dass wir um seinetwillen uns der Welt und der weltlichen Geschafften und Guter entschlagen sollen, so nothig finde ich solches fur sie.
Ich meynte, der ehrliche Franciscaner wurde mir auflegen, dass ich mich in einen strengen Orden begeben solte. Allein, er sagte mir, dass man in den Clostern selten diejenige aufrichtige Andacht fande, die man darinnen anzutreffen vermeynte: es gaben so viel bose Monche in den Clostern, als bose Menschen in der Welt. Der beste Gottesdienst war, dass ein jeder seines Berufs wartete und darinn GOtt und Menschen treu ware. Was aber mich anbelangte, so hielte er dafur, dass, wie ich ein ausserordentlicher und mit den grosten Verbrechen beladener Sunder war; so muste auch meine Busse ausserordentlich und von einer sonderbaren Erweckung seyn. Ich wurde demnach wohl thun, denjenigen Menschen, die ich durch meine grausame Missethaten geargert hatte, an mir ein Exempel der wahren Bekehrung und Sinnes-Aenderung zu zeigen. Ich solte mir zu dem Ende nah bey der Stadt ein kleines Haus erbauen, mich aller Eitelkeiten entschlagen, und mein ubriges Gut den Armen geben.
Ich folgte diesem Rath. Sie sehen hier, mein Herr, den gluckseligen Platz meiner Ruhe, welchen viel tausend Buss- und Freuden-Thranen mir zu einer andern Schekina eingeweihet haben, wo ich stets die Gegenwart GOttes, sowohl in seinen herrlichen Werken, als in meinem armen Herzen finde; und wo ich getrost meine alte Hutte verfallen sehe; weil ich durch Ablegung derselben, dasjenige von Angesicht schauen werde, was ich hier nur mit den Augen des blosen Glaubens erreichen kan.
Die Konigin, sowohl als die Frau von Dusemon wurden durch mein Exempel geruhret: Jene liess nahe hiebey die schone Einsideley erbauen, wo sie die meiste Zeit sich aufhielte; und wurde aus einer ganz eitlen Dame, eine sehr eifrige Christin: diese aber, als meine Verlobte, begab sich in die Abtey Gnaden-Thal, und starb darinn vor einigen Jahren in dem Geruch der Heiligkeit.
***
Der fromme Einsiedler hatte auf diese Weise kaum seine sehr nachdenkliche und erbauliche Erzehlung zu Ende gebracht; als man das Trappeln einiger Pferde horte, die vor dem Hause stille hielten. Der Herr von Ridelo trat darauf ins Zimmer. Ich dachte wohl, redete er den Grafen an, ich wurde sie bey unserm Einsiedler antreffen: sie haben uns unterdessen zu Hause keinen geringen Schrecken verursacht, da ihre Bedienten bey spater Abends-Zeit allein wieder kamen, und ihren Herrn nicht mit zuruck brachten. Der Graf entschuldigte sich daruber bey seinem hoflichen Wirth so gut er konte: es scheinet aber, fugte er hinzu, ich habe durch eine besondere Schickung mit diesem ehrwurdigen Greiss bekant werden sollen; um mich, durch die Befolgung seiner weisen Lehren, ihrer Freundschaft wurdiger, und zum Dienst des Konigs desto fahiger zu machen.
Der Graf gab sich darauf dem alten Pandoresto zu erkennen, und nach einigen wenigen Reden nahm er von demselben Abschied: er dankte ihm fur seine gute Bewirthung, und versprach ihn hinfort nicht mehr aus Irrthum, sondern mit gutem Vorsatz zu besuchen. Er setzte sich damit nebst dem Herrn von Ridelo in die Gutsche: die 6. Pferde, die vorgespannt waren, ranten aus allen Krafften: es war Morgens um 3. Uhr, als diese beyde Herrn in ihrem Pallast abstiegen: die Frau von Ridelo war noch auf: sie kam ihnen entgegen, und fragte ihren Gemahl, ob er das verlohrne Schaf wieder gefunden hatte. Der Graf sprang damit eilends aus der Gutsche, kusste ihr die Hand, und bat sie, wegen der Unruh, die er in ihrem Hause verursacht hatte, um Vergebung.
Man begab sich darauf zu Bette. Dem Grafen wolte die Gestalt des alten Eremiten nicht aus dem Sinn, er bewunderte sowohl dessen sonderbaren Lebens-Lauf, als seine ihm gegebene Lehren: er wiederholte solche bey sich selbst und schlief daruber ein. Als er des Morgens wieder erwachte, fand er sich in seiner gefassten Entschliessung ungemein stark, sowohl einen redlichen Hofmann, als guten Christen abzugeben.
Das dritte Buch.
Der Konig hatte bereits die drey und zwanzig Jahr zuruck geleget: er wolte sich noch nicht bereden lassen dem Reich eine Konigin, und der Crone rechtmassige Erben zu geben. Er hatte sich bissher von den Lusten seiner Jugend und einer tragen Sorglosigkeit dergestalt einnehmen lassen, dass er sich um nichts bekummerte, als wie er sich taglich neue Veranderungen und Ergotzlichkeiten machen mogte. Er verabscheute deswegen alle Verbundnisse einer ordentlichen Liebe: er bildete sich ein, der Zwang und die Ordnung schickten sich fur keinen Konig, der wohl andern Gesetze geben konte, selbst aber solche zu halten nicht verbunden ware.
Gleichwohl erforderte es des Reichs Wohlstand, dass der Konig sich vermahlen solte. Er hatte sich um diese Zeit in die Grafin von Monteras, eine Base des Hertzogs von Sandilien, und eintzige Tochter seines verstorbenen Bruders, verliebet, welche sich seit einigen Monathen in dem Pallast ihres Vettern aufgehalten hatte.
Diese Neigung war bey dem Konig von einer solchen Heftigkeit, dass sie denselben auf einmahl von seinem wanckelmuthigen Herumschweifen zuruck zoge. Die Grafin von Monteras war eine von denen lebhaften und glanzenden Schonheiten, die gleich im ersten Anblick gefallen; und welche sowohl durch ihren ungemeinen Verstand, als durch die holdseligste Sitte diejenige Eindrucke am langsten erhalten, die sie so hurtig zu geben wissen. Ihre Gestalt hatte alle Reizungen der Liebe, und in ihrem Gemuthe herrschten die starkste Empfindungen einer wahrhaftig hohen und tugendhaften Seele.
Der Konig wurde Anfangs bey ihr blos allein durch die Annehmlichkeiten ihrer Gestalt geruhret. Diejenige Schonen, welche er zuvor geliebet hatte, waren von einer solchen eigenschaft, dass sie bey ihm wohl die sinliche Lust rege machten; das Herz aber selbst unempfindlich liessen. Er wuste noch nicht, dass in dem Geist des Menschen etwas verborgen war, welches hauptsachlich seinen Einflus in das Gemut hatte, und welches eigentlich nur allein den Namen der Liebe verdienet.
Hier hatte also der Konig eine ihm noch unbekante Neigung gefast; er meynte, die Base seines ersten Ministers muste es sich gleich andern zur Ehre rechnen, wann er sich fur ihren Liebhaber erklaren wurde; er suchte Gelegenheit sich ihr als ein solcher zu erkennen zu geben. Die vornehmste Damen des Hofs hielten eine um die andere ihre Gesellschaften. Der Konig fande sich insgemein mit dabey. Die Grafin von Monteras konte sich aus Wohlstand nicht entbrechen bey diesen ordentlichen Zusammenkunften mit zu erscheinen. Hier suchte der Konig Gelegenheit sie zu sprechen, um ihr seine Neigung zu offenbahren. Die Grafin aber entzog sich mit der grosten Sorgfalt sowohl seinen Blicken, als seiner Unterredung.
Endlich fand er sie einsmahl gantz allein, in ihrem an den Sandilischen Pallast stossenden Garten; sie hatte ihre Augen auf einer mit allerhand Blumen und raren Gewachsen besetzten Gallerie nach dem unten vorbeyfliessenden Strohm gerichtet; und war dabey in so tiefen Gedancken, dass sie des Konigs nicht eher gewahr wurde, als bis er ihr die Hand ergriff und solche zum Munde fuhrte: sie erschrack daruber heftig; doch fasste sie sich bald, und begegnete dem Konig als eine Fraulein, die vollkommen wohl zu leben wuste.
Hier muste sie sich es gefallen lassen, des Konigs Liebes-Erklarung anzuhoren; sie antwortete ihm darauf mit untermengter Schamrothe, dass sie fur denselben alle schuldige Ehrerbietung hatte; dass sie aber dabey nicht absehen konte, worzu demselben ihre Liebe dienen solte; denn ihre Geburt setzte sie zu weit unter den Koniglichen Thron, und ihr Gemuth zu weit uber das Gluck seiner Koniglichen Buhlerin.
Die Grafin brachte diese Worte mit einem so edlen und grossmuthigen Wesen vor, dass der Konig so geschwind nicht wuste, was er ihr darauf antworten solte. Je mehr er dieselbige betrachtete, je mehr fand er an ihr Reizungen sie zu lieben, und ernsthafte Gebehrden, sie zu ehren. Schonste Grafin! brach er endlich heraus, sie wurden meine Neigungen nicht verdammen, wenn sie ihre reine Absichten betrachten wolten; sie schenken mir nur ihr Herz: es wird mich niemand hindern, ihnen als meiner Gemahlin die Hand zu geben, und als meiner Konigin die Crone aufzusetzen. Die Grafin, die sich auf einen so wichtigen Antrag von Seiten des Konigs nicht versehen hatte, schlug daruber die Augen schamhaftig nieder, und suchte mit einer demuthigen Bescheidenheit das Anerbieten einer so hohen Liebe von sich abzulehnen; sie sagte, dass sie darzu viel zu gering ware; dass sie der Himmel nicht hatte zu Cron und Scepter lassen gebohren werden, und dass sie ihm nothwendig missfallen muste, wann er sehen solte, dass sie sich durchaus dazu nicht schicke.
Der Konig schmeichelte ihr ganz mit dem Gegentheil: er ruhmte ihren ungemeinen Verstand; er sagte, dass ihre Tugenden und Vollkommenheiten sie schon allein des Thrones wurdig machten; und dass er noch keine gebohrne Prinzessin gesehen hatte, die denselben mehr zieren konte. Allein diese Reden, so verbindlich sie auch waren, vermochten die Grafin nicht zu ruhren: eine vorgefaste Neigung war bey ihr viel starker, als die Ehrsucht Konigin zu werden: sie hatte uber ihr eigen Herz nicht mehr zu befehlen: der Konig kam zu spat, um solches in Besitz zu nehmen.
Der Konig war nicht gewohnt die Damen an seinem Hofe so kaltsinnig fur ihn zu finden: die Crone hat allzuschimmerende Eigenschafften, als dass sie nicht die Augen der Schonen verblenden solte: Er fande sich daruber beleidiget: er konte sich aber deswegen nicht entschliessen etwas zum Nachtheil seiner Liebe zu thun. Er suchte den Herzog von Sandilien. Dieser war nicht weit; er fand ihn in seinem Pallast.
Mein lieber Herzog! redete er ihn an, ich komme von eurer Base; ich habe ihr gesagt, dass ich sie liebte; sie hat mir aber kein Gehor geben wollen, ob ich ihr gleich sagte, dass ich sie zur Konigin machen wolte. Ew. Majestat, versetzte hierauf dieser verschmitzte Hofmann, belieben mit meiner Basen zu schertzen. Es muss eine Printzessin aus Koniglichem Geblut, es muss die vollkommenste Furstin von der Welt das Ehbett meines Konigs und dero Thron besteigen; und es wird ein Gluck fur meine Base seyn, wann sie derselben als eine Magd wird aufwarten konnen.
Was habt ihr aber dargegen, fragte der Konig wenn ich eure Base selbst zu meiner Gemahlin verlange? Allergnadigster Konig! antwortete der Hertzog, mit einer ganz demuthigen Gebehrdung, ich suche keine andere Hoheit und keine andere Gluckseligkeit, als diejenige von Ew. Majestat. Der Glanz, welcher davon durch dero mir geschenkte Gnade auf mich und mein Haus abstrahlet, ist mir genug; und ich werde als ein getreuer Diener von meinem Konig, nimmer zugeben, dass derselbe etwas zum Nachtheil seiner Crone thun solte, wann es auch gleich zur grosten Ehre meines Hauses gereichen wurde.
Auf diese Weise, fuhr der Konig im Eiffer heraus, bin ich mehr dem Zwang unterworfen, als der geringste meiner Unterthanen. Allzubeklagens-wurdiger Furst! der nicht einmahl die Freyheit hat, sich eine Gemahlin nach seinem Wohlgefallen zu wehlen. Meynet ihr dann nicht, sagte der Konig zu dem Hertzog, dass ich im Stand war, euch und euer Haus zu schutzen? Ich habe euch zum Herzogen gemacht, warum solte ich eure Base nicht auch zu einer Konigin machen konnen? Eure Geburt ist edel, und eure Ahnen sind ehedessen durchlauchtig gewesen: welche grosse Niedertrachtigkeit solte ich demnach begehen, wenn ich mich an eine Fraulein aus eurem Hause vermahlen solte, deren Tugenden des Thrones so wurdig sind? Es ist wahr, fuhr der Konig fort, ihr seyd mein Unterthan: alleine, mehr die Gewohnheit, als ein vernunftiges Gesetz haben bisher die Konige bewogen, mit auswartigen Furstinnen sich zu verloben. Die Folgen davon, wie ihr mir oft selbst erzehlet habt, sind mit nichten allezeit so glucklich gewesen, besonders in diesem Reich, wo die auslandische Prinzessinnen die Land-verderblichste Kriege und das groste Unheil verursacht haben.
Der Herzog konte sein Vergnugen nicht genug bergen, da er den Konig also reden horte; er schrieb solches den glucklichen Unterweisungen zu, womit er bisshero sich hatte angelegen seyn lassen, dem jungen Konig einige Begriffe von den Sachen des Staats beyzubrigen. Er suchte sich nichts destoweniger bestens zu verstellen, und den Konig zu bereden, dass er sich mit der altesten Prinzessin des Konigs der Arbaten vermahlen und zu dem Ende einige Gesandten an dessen Hof abschicken solte.
Der Herzog hatte nicht so bald von dieser Heyrath Meldung gethan, so gerieth der Konig daruber in einen ungemeinen Eiffer. Ich, sprach er, voller Verachtung, soll eine Printzessin zur Gemahlin nehmen, deren blose Vorstellung mich mit Eckel erfullet, und deren Vater mir als ein Hofmeister vorschreiben wurde, wie ich meine Regierung einrichten solte? Gedenket nicht mehr daran, Herzog, suchet die Sache mit diesem Hof auf eine andere Weise zu schlichten, und wann ihr mich liebet, so beweget eure Base, den Thron so ich ihr anbiete, nicht auszuschlagen.
Der Herzog war hierinn dem Konig gehorsamer, als er sich darzu hatte verbindlich gemacht: Wertheste Base, redete er die Grafin an, als sie aus dem Garten wieder in den Pallast zuruck kame ich hoffe, ihr liebet mich ein wenig: ihr wisset, dass ich mir aus eurem Gluck das groste Vergnugen mache, und dass ihr dermaleins, weil ich keine Kinder habe, die einzige Erbin aller meiner Guter seyn werdet. Darf ich mir nicht in einer wichtigen Sache euren Gehorsam versprechen? die Grafin erblasste uber diesen Vortrag: ihr Herz sagte ihr sogleich den Inhalt der ganzen Rede, welche ihr Vetter aus einem so ruhrenden Ton angefangen hatte. Sie antwortete deswegen nichts, und erwartete von demselben die Erklarung des Gehorsams, welchen er von ihr forderte.
Der Himmel, fuhr er fort, hat euch ein tugendhaftes Gemuth, und eure Frau Mutter eine recht gluckliche Erziehung gegeben: eure Auffuhrung hat euch bisher die Hochachtung des ganzen Hofs erworben; der Konig selbst liebet euch. Nun komt es auf euch an liebste Base, eurem Haus die hochste Ehr und den grosten Glanz beyzulegen. Der Konig bietet euch seine Crone an: ich habe ihm diese Gedanken suchen auszureden; alleine, ich hoffe, ihr werdet solche durch euren klugen Verstand und durch eure liebreizende Gestalt noch nehr zu befestigen wissen: last mich auf eine angenehme Art gezwungen werden, dergleichen Bundniss dem Konig einzugestehen, so sehr ich auch ausserlich ihm solches werde wiederrathen mussen.
Die Grafin schien uber diesen Vortrag des Herzogs verwundert zu seyn; sie schlug die Augen nieder, und wuste nicht was sie darauf antworten solte. Ihr schweiget, liebste Base, sagte er zu ihr, was habt ihr vor einen Anstand euch zu erklaren? ruhret euch die Ehre eures Hauses nicht? Macht euch die Liebe eines jungen und huldreichen Koniges nicht empfindlich? Ach, gnadiger Herr, liess sich endlich die Grafin vernehmen, was soll ich ihnen antworten? ich bin voll Verwirrung: ich bin ihnes allen schuldig: ich liebe, ich verehre sie als meinen Vater; allein, darf ich mich erkuhnen denenselben mein Gemut frey zu entdecken? ich bin von Natur zu einer stillen und ruhigen LebensArt geneigt. Ew. Gnaden haben mich zu sich genommen und mit unzehligen Wohlthaten uberschuttet. Sie haben mir ofters selbst den Verdruss entdecket, welchen ihr Gemut uber die Unordnungen des Konigs empfunden hat. Dessen Ausschweiffungen und Schwelgereyen haben solchen taglich erneuert. Ich habe dadurch mein Gemut gewohnet, den Konig nicht anders als einen lasterhafften Menschen zu betrachten. Ich habe mich gefurchtet ihn anzusehen; und wann ich mir seine bose Neigungen zusamt seiner Hoheit und Gewalt vorstellte, so erzitterte ich in dem innersten meines Herzens. Ich beklagte die Menschen, die seine Unterthanen waren: ich beklagte sie, liebster Herr Oheim, dass sie das Verhangniss zu dessen ersten Staats-Rath erhoben; und nun beklag ich uns beyde zusammen, dass meine wenige Gestalt die ungluckliche Reizungen gehabt, dem Konig zu gefallen. Ich mogte gern aus tiefster Ehrerbietung und Liebe fur sie in alle dero Absichten eingehen. Allein, sie verzeihen mir: ich kan mich nicht verstellen; ich liebe den Konig nicht; er wurde solches bald merken: er wurde bald die Liebe in Hass verwandeln, und unsere Feinde solten sodann leicht die Gelegenheit finden uns beyde zu sturtzen.
Der Herzog liess seine Base ganz ruhig ausreden. Seyd ihr fertig? mein liebes Kind, fragte er sie darauf. Ich finde euch sehr klug: ihr habt alles wohl uberlegt; allein, je mehr ihr mich durch eure Vorstellungen von meinen Anschlagen abzubringen suchte, je mehr befestiget ihr solche: euer Verstand uberzeuget mich, dass ihr euch vollkommen zu einer Konigin schicket. Ihr werdet dem Konig solche Neigungen einzuflosen wissen, die sowohl mit den Absichten eurer Tugend, als mit der Aufnahm eures Hauses uberein stimmen. Liebt ihr den Konig nicht, so habt ihr doch keine Ursach ihn zu hassen. Der Thron, den er euch anbiethet, hatte auch Annehmlichkeiten genug, wenn ihn gleich kein so Liebenswurdiger Furst, als unser Konig ist, begleitete. Dessen bissherige Ausschweifungen sind nur Kleinigkeiten und allgemeine Fehler der Jugend, vor welchen euch so sehr nicht eckeln muss. Man verzeihet solche dem jungen Adel, warum nicht einem noch jungen Konig, dem niemand zu befehlen hat. Ihr meynet, die Verstellung wurde euch zu viel kosten; besinnet euch doch, setzte er scherzend hinzu, dass ihr von einem Geschlechte seyd, dem die Verstellung so naturlich ist.
Dieses Gesprach wurde durch den Hofmeister unterbrochen, der dem Herzog meldete, wie man bereits zur Tafel gedienet hatte. Dieser gab also der Grafin die Hand und fuhrte sie in den Speise-Saal. Bey dem Abend-Essen muste die Grafin von dem Hertzog sich noch wegen ihrer Unschuld und Redlichkeit aufziehen lassen; wozu eine gewisse Dame, welche der Grafin ihre Gesellschaffts-Fraulein besucht hatte, und sich bey der Tafel befande, das Ihrige mit beytrug, Die Grafin, verdross solches heimlich; doch liess sie ihrem Oheim zu Gefallen sich solches nicht merken.
Dieses Weib hies Corinna: ob sie gleich ihre Jugend schon vorlangst zuruck gelegt hatte, so wolte sie doch noch gerne gefallen; weil ihr aber ihr bejahrtes Fell darinn zuwider war, so suchte sie dieses Ungluck auf eine andere Art zu ersetzen: sie legte sich auf lauter Practiken und meynte dadurch die Vortheile ihres Verstandes gelten zu machen: sie hatte einen verschmitzten Kopf, und konte mit ihrer schnellen Zunge hundert Leute ineinander verwirren: sie war eine lebendige Chronik von allem, was sich bey Hofe und in der Stadt zutrug: sie hatte dabey einen starken BriefWechsel, und gab sich dadurch das Ansehen eines geheimen Staats-Mercurii. Sie lies sich zu allen Handeln gebrauchen und war eine ungemein schadliche Frau fur diejenigen, die ihre Klugheit nicht bewundern, noch ihren Rathschlagen sich anvertrauen wolten.
Der Herzog konte sich nicht wohl ihres Umgangs entschlagen, so eine grosse Verachtung er auch heimlich fur sie hatte. Er muste ihren Bottschaften Gehor geben, und sie selbsten ofters als eine Ausspaherin gebrauchen. Solchem grausamen Zwang sind ofters diejenige unterworfen, die das Gluck uber andere Menschen so weit erhoben hat, dass es scheinet, als ob sie mehr ihnen zu befehlen, als sich vor ihnen zu furchten hatten.
Die Gesellschafts-Fraulein, Namens Asmenie, liebte ihre Grafin aus einer naturlichen Neigung: sie war bey zehen Jahr alter, als sie, und hatte einen guten Antheil mit an ihrer Erziehung: sie war von Hertzen vergnugt, dass ihre Grafin keinen Gefallen an der Corinna fande; sie nahm deswegen Gelegenheit, dieselbe vor dergleichen schwatzhaften und gefahrlichen Weibs-Bildern zu warnen: wobey sie zugleich ihr mit anrieth, solchen doch jederzeit hoflich zu begegnen, um sich dadurch gegen ihre giftige Zungen-Bisse einigermassen in Sicherheit zu setzen.
Von der Corinna kamen sie auf den Konig zu sprechen. So viel ich bishero wahrgenommen, sagte Asmenie zu der Grafin; so haben dieselbe an dem Konig einen Liebhaber bekommen; und wenn ich mich nicht betruge, so ist er bey ihnen in seiner Neigung nicht gar glucklich. Ich sehe sie, meine liebste Grafin, seit einigen Tagen immer in Gedanken; sie seufzen heimlich, sie haben ein verborgenes Anliegen, welches sie mir verholen; sie lieben, und schamen sich es mir zu sagen: ich mogte sie gerne wieder ruhig sehen: ich leide mit ihnen, und weiss gleichwohl die Ursach ihres Leidens nicht. Die Grafin errothete uber diese Worte, sie fiel der Asmenien um den Hals, und hielte mit Gewalt die Thranen zuruck, die ihr in den Augen stunden. Liebste Asmenie, rief sie dabey aus, was soll ich ihnen sagen? etwas, das ich mir noch selbst nicht gestehen mag? doch, es ist billig, dass ich ihnen entdekke, was in meinem Herzen vorgehet.
Es sind noch keine vierzehen Tage, da ich in der Gesellschafft bey der Herzogin von Salona einen Cavallier fande, den ich zuvor an unserm Hofe nie gesehen hatte: man spielte: ich kam an einen Tisch zu sitzen, der einem mit Lichtern erhellten Spiegel-Glas gegenuber stund. Der Fremde war an einer andern SpielTafel und kehrte seitwarts das Gesicht ebenfalls nach diesem Glase: er sah mich, und ich sah ihn; doch keines von beyden sah sich darinnen selbst: so offt wir die Augen aufschlugen, so offt traffen auch unsere Blicke auf einander: ich errothete daruber, und wuste endlich nicht vor Verwirrung, wo ich meine Augen hinwenden solle. Ich verlohr dabey die groste Spiele, und diejenige, die mit mir spielten, beschuldigten mich nicht ohne Wahrscheinlichkeit, dass ich mit meinen Gedancken abwesend war. Dieses verursachte, dass ich einem Cavallier mein Spiel gab und mich zu der Hertzogin verfugte, welche ebenfalls ihr Spiel einer von ihren Fraulein gegeben hatte. Ich wolte mich bey ihr nach obgedachtem Fremdling erkundigen; allein sie wuste gleichsam alle meine dahin gehende Fragen mit Vorsatz abzuleiten, und sprach mir so viel von andern Dingen, dass ich daruber hatte mogen ungedultig werden. Das Spiel gieng damit zu Ende und die Gesellschafft auseinander. Der Fremde fuhrte die Dame, mit welcher er gespielet hatte, auf ihren Wagen, und ich sahe niemand mehr, bey dem ich mich nach demselben mit Wohlstand hatte erkundigen konnen.
Ich schame mich, ihnen zu bekennen, liebste Asmenie, dass mir der Anblick dieses Cavalliers einige Unruh gemacht, und dass ich daruber in meinem Hertzen eine mir nie zuvor bekante Regung empfunden. Allein, wenn sie wusten, wie sehr ich solche bey mir bestritten, und welche harte Gesetze ich mir daruber vorgeschrieben hatte, so wurde ich dadurch nichts von ihrer Hochachtung verliehren.
Wie gros aber war meine Besturtzung, da ich den andern Tag darauf diesen Fremdling bey der Frau von Ridelo antraf. Ich konnte ihr kaum, als ich zu ihr ins Zimmer trat, die gewohnliche Hoflichkeiten sagen; das Blut drang mir mit einer schnellen Gewalt ins Gesicht, und das Hertze schlug mir in der Brust, dass ich meynte, man muste es horen konnen. Die Frau von Ridelo mochte meine Verwirrung nicht wahrgenommen, oder meine Errothung dem geschwinden Gehen, damit ich die Treppen aufgestiegen war, zugeschrieben haben. Sie hatte sich nicht sobald mir in die Arme geworfen, so sagte sie zu mir, indem sie den Fremden bey der Hand fassete; ich habe die Ehre, der schonsten Grafin auch den vollkommensten Cavallier hier vorzustellen: Es ist der Herr Graf von Rivera, der beste Freund meines Vaters: Der Konig hat ihn zum Cammerherrn gemacht, und wir werden das Gluck haben ihn an unserm Hofe zu behalten.
Mittlerweile, dass mir dieses alles die Frau von Ridelo mit ihrer gewohnlichen Lebhaftigkeit sagte, und der Graf mich begruste, hatte ich Zeit mich wieder zu erhohlen. Ich antwortete ihnen beyden, dass ich schon die Ehre gehabt hatte, diesen Cavallier gestern in der Gesellschaft bey der Herzogin von Salona zu sehen, und dass es mir lieb war an ihm einen Freund des Herrn von Bellamont kennen zu lernen, von dem ich jederzeit so viel ruhmliches gehoret hatte, dass man von seinen Freunden nichts anders als gute Meynungen haben konnte.
Der Graf schien vergnugt zu seyn, dass ich mich seiner erinnerte: er sagte mir mit der verbindlichsten Art von der Welt, dass er sich nimmer so viel geschmeichelt hatte, von einer Person, wie ich war, beobachtet zu werden: er hatte nichts so sehr beklagt, als dass er keine Gelegenheit gehabt, mir seine Ehrerbietung zu erkennen zu geben. Kurtz, ich sah, oder schmeichelte mir wenigstens damit, dass ich ihm nicht gantz missfiel. Wir sprachen darauf von allerhand Dingen. Ich fand, dass der Graf nicht weniger Verstand, als ausserliche Annehmlichkeiten besass: seine Reden hatten etwas freyes und doch bescheidenes: er widerlegte unsre Meynungen, und sagte uns gleichwohl alles, was wir gern horten; die Art, womit er eine Sache vorbrachte, zwang uns zum Beyfall, wo wir solches am wenigsten gedachten. Ich gab ihm deswegen in meinem Hertzen einen gewissen Rang vor andern Manns-Personen: ich fuhlte bey mir ein heimliches Verlangen, ihm so sehr zu gefallen, als er mir gefiel.
Ich hatte ihn darauf nur einmahl wieder allein gesprochen, als wir vor einigen Tagen, auf des Konigs Geburts-Fest, bey Hofe uns antraffen. Er tantzte mit mir und zog mich darauf an ein Fenster, um ein wenig Kuhlung zu schopfen: er hatte mir kaum einige Schmeicheleyen vorgesagt, die mir eine Neigung fur mich zu erkennen gaben; als zu meinem Ungluck der Konig zu uns trat. Er hatte schon vorher, wenn ich mich in Gesellschafft fand, mir etlichmahl scharf unter die Augen gesehen und mich allein zu sprechen gesucht; dissmahl konnte ich ihm nicht ausweichen: er betrachtete mich mit der grosten Aufmercksamkeit, und gab mir sehr deutlich zu verstehen, dass er etwas an mir fand, so ihm gefiel; Er forderte mich zum Tantz auf: der Graf schien mir daruber betrubt zu seyn: er fliehet seit dem meine Gegenwart, da im Gegentheil der Konig mit seiner Liebe mich verfolget.
Ach Asmenie! fuhr die Grafin seuffzend fort, was macht mir diese Kaltsinnigkeit des Grafens vor Unruh? ich mag den Konig nicht ansehen: meine Augen suchen nur den Grafen, die Seinigen aber verweisen mich an den Konig. Diese Auffuhrung verschmahet mich ungemein: ich wolte ihm bey verschiedener Gelegenheit wieder um meine Kaltsinnigkeit zeigen, aber er thut nicht einmahl, als ob er solches merckte.
Ich bin deswegen auf nichts mehr bedacht, als diese Thorheiten mir aus dem Sinn zu schlagen und den hochmuthigen Grafen zu vergessen.
Es wird ihnen dieses, meine liebste Grafin, antwortete Asmenie, schwerer fallen, als sie sich solches einbilden: dergleichen Leidenschaften gehen nicht so hurtig weg, als sie kommen. Der Graf von Rivera hat etwas greiffendes und an sich ziehendes in seinem Wesen: sie erkennen schon allzuviel, dass er Liebenswurdig ist: war der Konig nicht mit ins Spiel gekommen, so wurde ich ihnen selbst rathen, ihrer Neigung fur ihn Gehor zu geben: er konte sie allem Ansehen nach glucklich machen, und sie konten an unserm Hofe keine Manns-Person wurdiger lieben; allein, der Konig ist eine wichtige Hindernus, und wenn er fur sie, meine liebste Grafin, eine wahre Zuneigung heeget, so konnen sie ihm nicht entgegen seyn.
Ich glaube, offenherzig von der Sach zu reden, erklarte sich hierauf die Grafin, wenn ich den Grafen von Rivera nicht gesehen hatte, so wurde ich vielleicht so viel Ehrsucht haben, den Konig zu lieben; nun aber ist mein Hertz von einer andern Neigung eingenommen: Cron und Scepter scheinen mir nicht so annehmlich, als die Zuneigung, die der Graf fur mich hat spuhren lassen.
Die Grafin, als sie auf solche Art der Asmenien ihr Geheimnus gestund, wurde darauf voller Scham und Verwirrung: sie wolte es nicht gesagt haben, sie bat, ihr nichts mehr davon zu reden: sie nahm sich gantzlich vor, den Grafen zu vergessen; sie umfieng darauf Asmenien und begab sich zur Ruh.
Der Hertzog von Sandilien war unterdessen mit der Auffuhrung seiner schonen Base nicht wohl zufrieden; weil er sie aber sehr liebte, so wolte er auch ihre Neigung nicht zwingen; er schmeichelte sich vielmehr, der Konig wurde durch die Kaltsinnigkeit seiner Basen desto mehr Feuer fangen, und sich um so vielmehr angelegen seyn lassen, derselben zu gefallen.
In der That gab der Grafin ihr ernsthafftes Bezeigen dem Konig einen neuen Lieb-Reitz: Er wurde durch ihre Sittsamkeit weit hefftiger geruhret, als durch die freche Gefalligkeiten anderer Schonen. Seine Hoheit fand hier noch etwas zu ubersteigen, das ihn niedriger machte. Die grossmuthige Tugend der Grafin bewegte denjenigen selbst zur Ehrerbietung, den sonst alle Menschen mit der grosten Ehrfurcht betrachteten. Alle Lustbarkeiten bey Hofe wurden ihr allein zu Ehren angestellt. Der Konig richtete sich darinn gantz nach ihrer Gemuths-Art: man sah in den Schauspielen eine gewisse Ehrbarkeit herrschen, die man zuvor darinn nicht wahrgenommen hatte. Der Konig selbst lebte eingezogener und massiger. Die Grafin merkte bald, dass der Konig ihr durch diese Auffuhrung zu gefallen suchte: sie litte darunter, und wunschte oft selbst etwas fur den Konig zu empfinden, welches seinen Absichten gleichformig seyn mochte; allein, die Liebe hat ihre Eigensinnigkeiten: sie herrschet, wo sie einmahl sich eingeschlichen, und bindet sich an nichts.
Der Herzog qualte die Grafin taglich mit den wichtigsten Vorstellungen, dass sie die Liebe des Konigs nicht ausschlagen solte; taglich sah sie sich deswegen von dem Konig selbst verfolget: er that alles in der Welt, um sich ihr gefallig zu machen; er ruhrte ihr Mitleyden: dieses war alles: zu mehr konte er sie nicht bewegen.
Ein solcher Zustand war beydes fur sie als fur den Konig unertraglich: der Grafin ihre Gesundheit litt darunter: ihr verborgenes Anliegen beunruhigte sie noch mehr: sie wurde unpasslich: die Aertzte brauchten ihr gegen allerhand Ubel, die sie nicht hatte, und ihr neue zuzogen: sie verlangte deswegen zu ihrer Frau Mutter auf das Land, um aus allen diesen Verwirrungen sich zu retten. Ihr Oheim vermogte sie nicht langer davon abzuhalten, sie nahm von ihm Abschied und verreiste.
Der Konig empfand ihre Abwesenheit mit vieler Unruh. Das Land-Gut ihrer Frau Mutter war nur eine Tag-Reise von Panopolis. Der Konig sandt schier taglich dahin, sich ihrer Gesundheit halben zu erkundigen: diese hatte sich gebessert, so bald sie von der Hof-Luft entfernet, und den Aerzten aus den Handen gekommen war. Weil sie aber besorgte, der Konig mogte ihren ruhigen Aufenthalt auf dem Lande zu bald wieder stohren, so hielt sie sich noch immer auf ihrem Schloss sehr eingezogen.
Doch, da sie in der Lange ihre Gesundheit vor ihren Leuten nicht konte verborgen halten, so hatte der Konig auch bald davon Nachricht; er machte sich auf den Weg, bey ihr einen Besuch abzulegen, und sandt einen Edelmann voraus, um solchen bey ihr anzumelden.
Er hatte niemand als den Grafen von Rivera bey sich: dieser war in kurtzer Zeit bey dem Konig zu solcher Gunst gelanget, dass er ihn immer um sich hatte. Des Konigs Liebe fur die Grafin war ihm kein Geheimnus: der Konig vertraute ihm alles, und wolte, dass er ihm auch hierinn rathen solte. So sehr der Graf allhier von gleicher Neigung eingenommen war, so hielt er doch nicht fur geziemend, seines Konigs Mitbuhler zu seyn; er gab deswegen seiner Vernunfft alle Starke, deren sie fahig war, um seine Neigung fur die Grafin zu unterdrucken, und die Gewogenheit seines Herrn mit ausserster Treu zu erwiedern. Er sah mit einer vergnugten Bewunderung die gluckliche Veranderungen, welche diese Liebe bey dem Konig verursachte: er urtheilte daraus, dass die Vorsehung hier etwas wurken wolte, die Laster des Konigs und seiner Hoflinge zu verbessern. Dieses bewog ihn um so vielmehr, dieser tugendhaften Neigung des Konigs beyzupflichten, und ihm selbst die beste Anschlage zu geben, wie er der Grafin Gunst erlangen mogte.
Die Grafin, als sie den Konig, von dem Grafen von Rivera begleitet, auf sich zukommen sah, konte daruber ihre Besturzung nicht bergen. Diese beyde Personen waren ihrer Ruh bisher allzunachtheilig gewesen, als dass sie ihren Anblick ohne grosse Bewegung hatte vertragen konnen. Sie empfieng nichts destoweniger den Konig mit aller Wohlanstandigkeit: Er sagte ihr bey dieser Gelegenheit alles, was die heftigste Leidenschaft demselben in den Mund legte: die Grafin suchte im Gegentheil allen ihren Verstand zu gebrauchen, um dem Konig diese Neigung auszureden: sie versicherte denselben der allerehrerbietigsten Hochachtung: sie sagte, dass sie sich fur unglucklich hielt, weil sie nicht diejenige Eigenschafften besasse, die nothwendig darzu erfordert wurden, einen so grossen Konig zu vergnugen: sie fugte hinzu, dass sie demselben gern ihren aussersten Gehorsam bezeigen wolte; allein, ihr Hertz litte keine Verstellung, sie konte sich nicht uberwinden, noch diejenige Furcht sich benehmen, die ihr bey Annehmung einer Crone, zu welcher sie nicht gebohren war, mit der grosten Gefahr drohete.
Der Konig muste sich mit dieser Erklarung begnugen er konte mehr nicht aus ihr bringen. Er erzehlte dem Grafen unterwegs, da sie wieder nach Panopolis zuruck kehrten, seine mit der Grafin gehabte Unterredung. Der Graf, welcher die Grafin, ohneracht aller Gewalt, die er sich anthat, noch immer heimlich liebte, fand ihre Reden mit nichten so hart, als der Konig sich solche vorstellte. Nur noch ein wenig anhaltende Bestandigkeit, sprach er, so haben Ew. Majestat gewonnen. Die Grafin bekennet fur dieselbe die groste Hochachtung: sie ist um nichts mehr besorgt, als dass sie dieselben nicht vergnugen mogte, wann sie Dero Gemahlin werden solte: sie ist darinn mehr demuthig als kaltsinnig; ja, wo ich nicht irre, so ist sie mehr in Sorgen, sich die Gunst ihres Konigs beyzubehalten, als die ihrige demselben strittig zu machen.
Man muss selbst lieben und von einer verborgenen Eifersucht eingenommen seyn, so sinnreich, die Antworten einer geliebten Schonen zum Vortheil eines Mitbuhlers auszulegen. In der That waren solches nicht die Meynungen der Grafin: sie ehrte den Konig und gedachte nur durch diese verbindliche Reden sich von demselben loszuwickeln. Der Konig merckte es auch wohl; wie man aber leicht zu bereden ist, etwas zu glauben, was man wunschet, so liess sich auch der Konig von dem Grafen mit dieser Hoffnung schmeicheln.
Bisher war alles fur den Grafen von Rivera sehr gut gegangen: er sah sich nicht allein in des Konigs Gnade; sondern wurde auch schier von jederman geehret und geliebet. Der Neid knirschte daruber heimlich die Zahne, und suchte Gelegenheit, sich offentlich gegen ihn heraus zu lassen. Keine Vorsichtigkeit, keine Unschuld und keine Tugend kan dessen Nachstellungen entgehen. Einem Menschen, den man will fehlen sehen, kan man leicht eine Sache zum Verbrechen machen. Hier muste auch so gar die Treue des Grafens dessen Wurckung erfahren.
Die Hertzogin von Salona hatte so gute Augen, als die Grafin von Monteras: sie fand an dem Grafen von Rivera alle die Annehmlichkeiten, welche diese Grafin an ihm entdecket hatte; sie stund damahls eben gegen uber dem Grafen, als er seine Augen so bestandig nach ihrem grossen Spiegel-Glas hinwarf, welches diese schier auf die Gedancken brachte, dass er, als ein andrer Narciss, in seine eigene Gestalt verliebt seyn muste. Wie sehr aber war sie nicht verwundert, da sie, als sie sich darauf hinter ihn stellte, nicht ihn, sondern die Grafin von Monteras im Spiegel erblickte: sie sah, wie diese Schone ihre Augen, bald mit einer Entzundung auf dieses Glas hefftete, bald aber mit einiger Schamrothe wieder niederschlug.
Die Hertzogin von Salona war in der That damahls die beste Parthie in Panopolis: sie besass noch eine frische Schonheit, ohneracht sie bereits die dreyssig Jahr zuruck geleget hatte. Sie war noch nicht lang Wittbe, und hatte kaum noch ihren Trauer-Flor mit einem bunten Aufsatz verwechselt. Ihre Einkunffte sowohl als die Stelle eines Obristen Feldherrns, die ihr verstorbener Gemahl begleitet hatte, gaben ihr den ersten Rang bey Hofe. Es fehlte ihr weder an Feuer noch Verstand; allein, von den Empfindungen, die eine edle Seele ausmachen, hatte sie wenig. Ihre Art zu dencken war gemein. Wie ihr die Sachen am ersten vorkamen, so glaubte, so fasste sie solche. Weiter durchdrang sie nichts. Die Liebe gab ihr noch ein wenig Geist; ihr Stand und ihre Auffuhrung aber machte, dass man ihr noch weit mehr, als sie hatte, zuschriebe.
Sie hatte seit dem den Grafen offters bey Hof und in den Gesellschafften gesehen; er schien ihr noch immer Liebens-wurdiger zu seyn; sie suchte deswegen alle ihre Reitzungen ins Feld zu stellen, um ihn ins Garn zu locken. Der Kopf wurde auf die sinnreichste Art geschmucket: Ihre Haar-Locken spielten auf ihrem blancken Hals, um welchen bald eine Schnur der auserlesensten Perlen, bald ein kostliches Geschmeide von doppelt-geschliffenen Diamanten, bald aber ein anders von flammigten Rubinen und Saphyren glantzete. Die halb entbloste Brust schien von den geheimen Regungen aufgequollen, damit sie das Hertz ihres Geliebten zu entzunden suchte: in ihren Augen brannte das starckste Feuer, wann sie auf den Gegenstand ihrer Liebe traffen: sie hatten mehr Beredtsamkeit, als ihre Lippen, welche noch eine gewisse Schamhafftigkeit verschlossen hielte.
Der Graf erkante bald die Neigung der Hertzogin; durch dessen demuthige Bescheidenheit aber hielt er sie zuruck, sich ihm naher zu erklaren. Er sagte ihr alles, was die Hoflichkeit einen artigen Hofmann kan sagen machen. Der Hertzogin aber schienen alle seine Reden kaltsinnig: sie waren ihr nicht verbindlich genug: sie beobachtete, dass er dergleichen auch andern Damen sagte: sie empfand daruber alles, was eine verschmahte Liebe einem hochmuthigen Herzen kan empfindlich machen.
Corinna wurde endlich in dieser Angelegenheit zu Rath gezogen. Kluge Corinna, sprach sie zu ihr, wer solte denken, dass ich die Schwachheit hatte, in dem Grafen von Rivera einen Undankbaren zu lieben? Ich schmeichelte mir sein Gluck zu machen; allein, weder mein Stand, noch meine Liebe, noch die ansehnliche Guter, die ich besitze, vermogen ihn zu ruhren: meine Augen haben fur ihn keinen Liebreitz: er fliehet meine Blicke, die ihm das Geheimnus meines Herzens zu entdecken suchen, und ausser einigen Hoflichkeiten, die ihm der Wohlstand abnothiget, wurde ich sagen, dass er mich verachte.
O gnadige Herzogin, unterbrach hier die mitleidige Corinna; sie sehen mir eben so aus, als ob man sie verachten konte. Wie! eine Herzogin, wie Ew. Durchl. sind, die alle Vollkommenheiten in der Welt besitzet, und welche die groste Furstin um sich konte seufzen machen, die solte sich einbilden, dass man sie verachte? O das gehet zu weit.
Ich hatte mir selber geschmeichelt, fuhr die Herzogin fort, der Graf von Rivera wurde meine Gunst-Bezeugungen fur ein Gluck halten: allein, ich komme zu spat; sein Herz ist bereits von einer andern Schonheit eingenommen. Er liebet die Grafin von Monteras, und scheuet sich nicht einen Mitbuhler seines Konigs abzugeben.
Wie, fieng Corinna an, der Graf von Rivera liebet die Grafin von Monteras? O was hor ich? sonder Zweiffel wird er auch von ihr geliebet? die Herzogin erzehlte hierauf der Corinna, was sie ehedessen in der Gesellschafft bey ihr mit eigenen Augen wahrgenommen hatte. Dieses waren fur ein Weib, wie Corinna, ungemeine Neuigkeiten: sie schienen ihr so wichtig, dass sie dafur hielte, sie konte ihren Verstand nicht wurdiger beschaftigen, als wenn sie sich mit in dieses Spiel mengte.
Die Grafin von Monteras, liess sich ihre plauderhafte Zunge vernehmen, ist eben keine Narrin. Der Graf ist ein schoner Herr; er ist artig, und kan schwatzen, was er will; wenn ich noch jung war, so gefiel er mir auch. Denn wenn man es recht betrachtet, was ist doch eine Crone? wie war nicht unsre Hochselige Konigin eine geplagte Frau? muste sie nicht ihr Leben in stetem Zwang, in tausend Sorgen und Unruh zubringen? dann waren einheimische, dann auswartige Handel: bald muste sie mit Geistlichen, bald mit Weltlichen zu Rathe geben. Sie muste sich immer verstellen; Leuten freundlich seyn, die sie nicht leiden konte, und mit denen, die ihr lieb waren, verbot ihr die Hoheit vertraulich umzugehen. Sie hatte zwar alles in Uberfluss; aber dieser Uberfluss machte ihr mehr Sorgen als andern Durfftigkeit. O, man schencke mir keine Crone! aber ein solcher Graf war mir recht. Doch besann sich endlich das schwatzhaffte Weib, wo gerath ich hin? was red ich? ich wolte sagen, die hochmuthige Grafin von Monteras schicke sich besser fur den Konig. Ew. Durchlaucht aber, welche die Gute und Freundlichkeit selbsten sind, besser fur den Grafen; und ich muss nicht Corinna heissen, wenn ich ihn nicht in ihre Hande spiele.
Mit dieser lebhafften Versicherung nahm die dienstfertige Corinna ihren Abschied von der Hertzogin, welche sich fest einbildete, sie wurde durch die Geschicklichkeit dieses Weibes in ihrem Wunschen glucklich werden.
Corinna stund mit dem ersten Cammerdiener des Konigs und mit dessen Frau in naher Bekantschafft. Diese waren gleichfalls von der Art Leute, die ihr Gluck durch lauter Praticken zu machen pflegten. Corinna erzehlte ihnen die Muthmassungen, welche sie von der Grafin von Monteras und dem Grafen von Rivera hatte: man beschloss derowegen, diesen beyden allenthalben auf den Dienst zu lauren. Gefahrliche Ausspaher, die allenfalls, wo sie nur einen Schatten fanden, etwas wesentliches daraus zu machen wusten.
Das vierte Buch.
Die Frau von Ridelo hatte unterdessen die Neigung des Grafens ausgeforscht: er konte ihr solche nicht langer verbergen: das Frauenzimmer hat insgemein in solchen Sachen besondere scharfe Einsichten. Die Angelegenheiten der Verliebten sind demselbigen die wichtigsten: es entdecket solche leicht, und menget sich auch gerne mit hinein; doch hatte der Graf die Vorsichtigkeit, nicht eher der Frau von Ridelo sich zu vertrauen, als bis er sowohl ihrer Verschwiegenheit als ihrer Redlichkeit versichert war.
Diese Dame hatte viele von den guten Eigenschafften ihres Vaters; sie war vernunftig, liebreich und von einem immer gleich aufgeraumten Wesen; sie brachte die Annehmlichkeit und die Freude mit sich, wo sie hinkam. Niemand wuste etwas artiger zu erzehlen, und sinnreicher auszudrucken: sie war dabey aufrichtig und verschwiegen; welche Tugend man nicht immer diesem Geschlecht zuzuschreiben pflegt.
Die Freundschafft ihres Vaters fur den Grafen von Rivera hatte sich auch ihrem Gemuthe mit eingedruckt: sie liebte ihn als ihren Bruder; und wunschte nichts mehr, als denselben durch eine Heyrath mit der schonen Grafin von Monteras glucklich zu sehen. Sie wuste sich zu dem Ende auf eine sehr anstandige Art in die Vertraulichkeit dieser Schonen zu bringen, und den Grafen dermassen fest in ihre Gunst zu setzen, dass sie demselben ihr gantzes Herze wiedmete; allein, in diesen schmeichelenden Umstanden fur den Grafen, ausserte sich die Liebe des Konigs fur die Grafin; der Graf muste demnach einem so machtigen Mitbuhler aus dem Weg gehen, als er eben im Begriff war, mit der Grafin sich vollig zu erklaren.
Eine heimliche Schwermut hatte denselben eingenommen, seit dem er mit dem Konig zu Prato bey der Grafin von Monteras gewesen war. Er sah, dass nun fur ihn keine Hoffnung mehr ubrig war, weil die Liebe des Konigs begunte ernsthafter zu werden. Er fand die Grafin allzureitzend und seinen Verlust allzuempfindlich. Er kam in dieser traurigen Verfassung seines Gemuts zu seiner lebhaften Wirthin. Wie! Herr Graf, redete ihn diese an, wie hangen sie den Kopf? wo ist die Welt-Weisheit? ich meynte, der Graf von Rivera war uber alle Empfindungen starker Leidenschaften schon weit hinaus.
Ach! gnadige Frau, lies sich der Graf vernehmen, wir sind insgemein gute Welt-Weise, wenn wir keine Versuchungen haben: die gut Lehren und Lebens-Regeln machen sich im Kopf, bis Leidenschaften aber im Herzen. Ich find mich in den verwirrtesten Umstanden von der Welt der Konig raubet mir die Grafin von Monteras, und macht mich zugleich in dieser Angelegenheit zu seinem Vertrauten: dieses ist noch nicht genug: Graf, spricht er, ihr habt die Gabe, die Leute zu bereden, die Grafin scheinet euch gewogen zu seyn, gehet, reiset nach Prato und macht derselben alle ersinnliche Vorstellungen, dass sie meine Liebe annehmen und meine Gemahlin werden mogte. Ich hatte gut ihm dargegen vorzustellen, dass ich mich zu einem solchen Geschafte am allerwenigsten schickte; dass die Grafin sich mir darinn nicht anvertrauen wurde; dass er sich darzu am besten ihres Oheims, des Herzogs von Sandilien, bedienen wurde; der Konig blieb einmahl bey seiner Meynung, ich solte nach Prato gehen und das Gemuth seiner Geliebten gegen ihn auszuforschen suchen.
Ew. Gnaden, fuhr hierauf der Graf fort, urtheilen, wie mir hierbey zu Muth seyn musse. Die Frau von Ridelo konte nicht laugnen, dass der Graf sich in schlupfrigen Umstanden gesetzt fande; sie suchte ihn aber um desto mehr aufzumuntern. Grosse Gemuter, sprach sie, haben auch grosse Anfechtungen. Man hat in der Welt nicht, was man will: die starkste Neigungen sind nicht allezeit die glucklichsten: sie treten deswegen dem Konig dasjenige mit guter Art ab, was sie doch gegen ihn nicht behaupten konnen: die ganze Welt hat noch Schonen fur sie: ihr Herze ist nicht allein fur die Monteras geschaffen. Erinnern sie sich nur bey ihrer jetzigen Neigung, dass der Konig ihr Mitbuhler ist, und dass das geringste, was sie ihm aufzuopfern haben, ihre Liebe sey.
Der Graf verreisete hierauf nach Prato: so bald aber war derselbe nicht vor den Thoren der Stadt; so hatte sich auch Silon auf den Weg gemacht, und kam vermittelst seines guten Pferds, und weil er die Fusssteige ritte, noch vor dem Grafen daselbst an; er hatte sich in einen Forst-Knecht verkleidet und mit falschen Haaren bedecket, dass ihn also niemand, auch von des Grafens Leuten, erkante. Er nahm sogleich bey seiner Ankunfft das Schloss in Augenschein und bemerkte alle dessen Zugange: er fande hinten an dem Garten, der mit einem trockenen Hayn-Graben umgeben war, in dem Zaun eine kleine Oeffnung, da man mit leichter Muh durchbrechen, und sich den Fenstern des Schlosses unvermerkt nahern konte.
Es war Winter, der Abend hatte alles mit Dunkelheit uberzogen, und auf dem Schloss herschte eine so tieffe Stille, dass es schien, als ob es unbewohnet war. Nur von Seiten des Gartens sahe man unten zur Erden einige Zimmer erhellet. Die alte Grafin war eine Gottsfurchtige Dame, sie unterhielt sich mit ihrer Tochter und Asmenien in einem erbaulichen Gesprach, als ein Diener ins Zimmer trat und die Ankunfft des Grafens von Rivera meldete. Sowohl die Grafin als ihre Tochter waren daruber erschrocken. Asmenie aber stund hurtig auf und suchte das nothige zu diesem Besuch zu veranstalten.
Man liess dem Grafen wissen, dass er wurde angenehm seyn. Asmenie empfieng ihn und fuhrte ihn in ein Neben-Zimmer, wo sich gleich darauf auch die junge Grafin einfand; weil jene sich bald wieder weg begab, so sahen sich der Graf und die Grafin allein. Sie waren beyde zusammen in ziemlicher Verwirrung, und wuste der Graf lange nicht, wie er der Grafin seinen Vortrag thun solte.
Welchem Zufall, fieng endlich die Grafin an, haben wir denn das Gluck zu danken, den Herrn Grafen bey uns in unserer Einsamkeit zu sehen? Ew. Gnaden, antwortete dieser, konnen sich nicht wohl einen Ort in der Welt zu ihrem Aufenthalt erwehlen, wo sie nicht die Menschen nach sich ziehen werden, und wenn sie auf solche Weise die Ruhe suchen wolten, so musten sie zuvor alle die Annehmlichkeiten ablegen, welche anderen ihre Ruhe storen. Die Grafin errothete uber diese verbindliche Worte des Grafens: ihre Augen gaben ihm daruber ihr heimliches Vergnugen zu erkennen; dann sie glaubte nicht anders, als er wolte hier von sich selbst reden. Ich dachte nicht, Herr Graf, war ihre Antwort, dass sie so viel nach meinem jetzigen Aufenthalt fragen wurden: weil ich mich erinnere, dass sie eine Zeither sich meiner Gegenwart, gleichsam als mit Fleiss entzogen haben. Gnadigste Grafin, versetzte der Graf, wo Konige hinkommen, da darf sich kein Unterthan melden. Was hat aber unterdessen, fragte der Graf, derjenige von Ew. Gnaden zu hoffen, der dieselbe mit der grosten Bestandigkeit verehret? Ich glaubte, erklarte sich die Grafin mit einem liebreitzenden Blick, dass ihnen meine Meynung bekant seyn werden. Der Konig aber, fuhr jener fort, ist damit nicht zufrieden: er hat gehofft, seine fur dieselbe hegende ganz ausnehmende Liebe verdiene ein wenig mehr Erkanntlichkeit. Daruber, unterbrach die Grafin, haben sich ja der Herr Graf von Rivera nicht Ursach zu beklagen. Der Graf von Rivera, wiederholte dieser, hat nun nichts mehr zu hoffen: es bleibet ihm nichts ubrig, als die tiefste Ehrerbietung fur die Geliebte seines Koniges; er vergisset bey dieser grausamen Pflicht alles dasjenige, womit die Hoffnung eines allzuhohen Glucks bisher seinen Neigungen geschmeichelt hat. Ich komm, und bitte Ew. Gnaden, meinen Konig zu lieben.
Wie, undanckbarer Graf! fuhr hier die besturtzte Grafin voller Bewegung heraus, soll meine ihnen bezeigte Freundschafft darzu dienen, dass sie mich zu einem mir verhassten Bundnuss bereden wollen? Solcher Niedertrachtigkeit hatt ich mich von dem Grafen von Rivera nicht versehen. Die Grafin wolte damit von ihrem Stuhl aufstehen und suchte mit einem Tuch die Thranen zu verbergen, die ihr daruber in die Augen drangen. Der Graf aber warf sich zu ihren Fussen, kuste ihr die Hande und wuste vor empfindlichen Schmertzen nicht, was er ihr sagen solte.
Ach! schonste Grafin; waren endlich seine Worte, horen sie mich doch: ich bin wenigstens so unschuldig, als unglucklich. Sie erinnern sich, welcher grausame Wohlstand damahls noch ihre Zunge band, sich vollig fur mich zu erklaren, als der Konig kam, und uns in unserem Gesprach verstohrte. Die Neigung des Konigs blieb nicht lang verborgen, der gantze Hof merckte solche: mein Hertz emporte sich dargegen; allein, ich sah bald, dass mein Seufzer vergebens waren, und dass Konige nur zu gebieten haben. Das Vertrauen, so mir unterdessen in dieser Sache mein Konig bezeiget, gibt mir gleichsam einen Antheil mit an dero wurdigsten Erhohung. Solches gehet so weit, dass er mir anbefohlen hat mich anhero zu verfugen, um dieselbe durch meine aufrichtige Vorstellungen, zur Annehmung der Crone zu bewegen. Ich will also mich fur gluckselig achten, wann ich nur meinen Konig und meine Grafin vergnugt sehen werde.
Die Grafin horte alle diese Reden des Grafens mit einer kaltsinnigen Verachtung an: ich bin nicht so ehrsuchtig, sagte sie mit einer verstellten Gelassenheit, eine Crone zu verlangen, noch so scharfsinnig, allhier die Grossmuth des Herrn Grafens zu bewundern. Sie wurdigte ihn schier darauf keiner Antwort mehr: und gieng etlichmahl nach der Thur des Vorgemachs, um ihre Leute zu fragen, ob es noch nicht bald Zeit ware zur Tafel zu gehen, und ob Asmenie nicht bald wieder kommen wurde?
Diese erschien endlich, und fand ihre Grafin in einer gantz andern Stellung, als sie solche verlassen hatte: sie fragte dieselbe, was ihr ware; die Grafin aber schutzte eine kleine Unpasslichkeit vor, und nothigte darauf den Grafen, das Gesprach in Gegenwart der Asmenien zu verandern, bis man ihnen andeutete, dass die Tafel bereit war.
Der andere Tag wurde meist bey der alten Grafin zugebracht, welcher der Graf die Absichten des Koniges in Ansehung ihrer Grafin Tochter entdeckte. Sie hatte Anfangs vieles darwider einzuwenden, welches aber hauptsachlich dahin auslief, dass ihre Tochter in der Einsamkeit war erzogen worden, und sich besorglich deswegen nicht allzuwohl fur eine Konigin schikken mochte; und hernach, dass der Konig nicht ihres Glaubens war.
Auf das erste antwortete der Graf, dass ihre Grafin Tochter alle hohe erforderliche Eigenschafften besasse, welche den Thron zieren und eine vollkommene Konigin ausmachen konnten. An Ansehung der Religion aber sey der Unterscheid nicht so gross, als man meyne. Der Streit war nur unter den Gelehrten, da immer einer es besser als der andere wissen wolte. Die verschiedene Ceremonien und Kirchen Gebrauche, machten auch keinen wirklichen Unterscheid in dem Glauben selbst, welcher keinen andern Grund hatte, als die einfaltige Lehren Christi, die von beyden Theilen angenommen wurden. Der Hertzog von Sandilien, nebst vielen andern vornehmen Herren seyen ebenfalls ihrer Kirche zugethan und litten deswegen doch nicht die geringste Beeintrachtigung. Wie vielmehr, fugte der Graf hinzu, wurde es ihren GlaubensGenossen zu statten kommen, wenn sie erstlich eine ihrer Religion zugethane Konigin haben solten.
Wenn man endlich noch dieses zu hoffen hatte, liess sich die fur ihren Glauben eiffrende alte Grafin hieruber vernehmen, so ware die Sache wegen meiner Tochter noch zu uberlegen. Ach gnadige Frau Mutter! unterbrach allhier die junge Grafin gantz erschrocken: ware mir dann dabey nicht auch erlaubet, meine eigne Neigung mit zu Rath zu ziehen? allerdings, antwortete der Grafin Frau Mutter, mit einem liebreichen Wesen; ich bin aber der Meynung, es durffte euch, meine Tochter nicht schwer ankommen, den Konig zu lieben und den Thron zu besteigen. Die Grafin errothete uber diese Worte, und warf mit einem tiefgehohlten Seufzer einen durchdringenden Blick auf den Grafen.
Die Konige, lies sich dieser darauf vernehmen, haben allzuviel Eigenschafften, die sie konnen lieben machen, und man wird wenig Exempel finden, dass eine Schone ihr Hertz einem Monarchen solte verweigert haben. Ich weiss nicht, versetzte die junge Grafin, ob sich Konige und Fursten dessen mehr als andere zu ruhmen haben: unser Geschlecht ist ein wenig eitel und liebet insgemein an hohen Hauptern mehr den ausserlichen Glantz und ihre Erhebung, als derselben ihre eigene Personen. Ich wolte sagen, gnadige Grafin, erwiederte der Graf, beyde Stucke waren allhier dergestalt mit einander verbunden, dass man das eine nicht wohl ohne das andere lieben konte. Ew. Gnaden, fuhr er deswegen fort, machen davon die Probe und lassen mich kein unglucklicher Bote eines liebens-wurdigsten Konigs seyn.
Man gieng darauf zur Tafel: der Grafin Hof-Prediger speiste mit an derselben: er war ein sachtsinniger und frommer Mann. Die Grafin erzehlte demselben, wie sich der Graf bey ihr so gleichgultig uber die Religion erklaret hatte. Sie begleitete diese Erzehlung mit demjenigen Eiffer, der ihr naturlich war, wenn sie von Religions-Sachen redete. Der Geistliche, an statt ihre Parthie gegen den Grafen zu nehmen, billigte mit einer demuthigen Bescheidenheit dessen Meynungen: er fugte hinzu, dass nur eine wahre Kirche sey: diese grundete sich auf einen einfaltigen Glauben und auf die Treu, mit welcher man Christo im Leben und Wandel zugethan war. Diese Kirche, als die unsichtbare, hatte ihre Glieder und Bekenner in der gantzen Welt; sie sey weder an das alte noch neue Rom gebunden. Hieraus aber folge nicht, dass nicht auch eine ausserliche Kirche in der Christenheit start finden muste: solche ware zur Unterhaltung guter Zucht und Ordnung, auch notdurftiger Unterweisung ganz unentbehrlich: er wunschte nur, fugte er hinzu, dass solche mehr nach Apostolischer Lehr eingerichtet und in eine reinere und den Absichten GOttes gemasere Verfassung mochte gebracht werden; so wurde um so viel leichter das anhaltende Gezanck darinn gehoben, und die durch so viele Spaltungen getrennte Gemeinen unter ihrem eintzigen Herrn und Haupt vereiniget werden konnen.
Der Abend wurde hierauf von dieser Gesellschaft theils mit allerhand Gesprachen, theils auch mit einem kleinen Spiel vergnugt zugebracht. Der Graf von Rivera unterhielte sich die meiste Zeit mit der jungen Grafin bey einem Camin-Feuer allein. Nachdem er derselben wegen des Konigs Liebe alle nur mogliche Vorstellungen gethan hatte, und die Grafin in keinerley Vorschlage sich einlassen wolte; so fragte sie endlich der Graf, was dann ihr Befehl war, dass er dem Konig ihrentwegen sagen solte? Sagen sie ihm, Herr Graf, war ihre Antwort, dass ich sehr eigensinnig war? dass ich mich zu nichts weniges als zu einer Konigin schickte, und dass sie deswegen Sr. Majest. riethen, seine hohe Neigungen auf einen wurdigern Gegenstand zu lenken.
Der Graf hatte sich keiner andern Erklarung von der Grafin vermuthet. Seine Beredtsamkeit blieb hier ohne Nachdruck, seine Gegenwart selbst half ihre sonst gewohnliche Wirkung hintertreiben. Ach! kommen sie doch lange nicht wieder, Herr Graf! sagte sie zu ihm, wenn sie mir nur immer von der Liebe des Konigs reden wollen. Mein Gemut ist fur solche hohe Dinge viel zu niedrig gestellt; wann dieses ein Zeichen ihrer Freundschaft seyn soll, dass sie mich darzu bereden wollen, so erlaub ich ihnen, mich ein wenig zu hassen. Wie nun der Graf sah, dass die Grafin durchaus auf ihrer Meynung beharrte und sich nichts mehr wolte einreden lassen; so nahm er, wiewohl nicht ohne lebhafte Empfindung, von derselben Abschied, und reiste den andern Tag wieder nach Panopolis.
Man hatte unterdessen dem Grafen bey Hofe die gefahrlichste Netze gestellet. Silon war zu gleicher Zeit mit dem Grafen zu Prato gewesen, und hatte in dem Schloss-Garten sich an die Fenster des UnterSaals geschlichen, worinnen der Graf und die Grafin sich befanden: er hatte nicht allein ihr gantzes Gesprach mit angehoret, sondern auch durch eine kleine Oefnung im Vorhang die Grafin in der aussersten Bewegung und den Grafen zu ihren Fussen gesehen. Dieses war seinem Bedunken nach genug, dem Grafen seinen Fall zu bereiten. Er saumte sich nicht langer, sondern gieng nach dem Wirths-Haus, das im Flecken war, zuruck, liess sich eilends sein Pferd sattlen, und ritte damit bey dunkler Nacht wieder nach Panopolis zuruck.
Er kam des Morgens bey guter Zeit nach Haus; sogleich wurde mit der Corinna und seiner Frauen Rath gehalten. Silon elzehlte ihr, was er zu Prato gesehen und gehoret hatte. Die Sache schien der Corinna fur den Grafen gefahrlich: sie hatte denselben der Herzogin von Salona versprochen; deswegen war sie allhier darauf bedacht, wie sie den Grafen aus dieser Schlinge ziehen, und die Sache dahin vermitteln mogte, dass sie der Hertzogin ihr Wort halten konte. Silon aber, der solche Maass-Regeln nicht zu beobachten hatte, und den Grafen zu sturzen suchte, wolte sich hierinn nichts einreden lassen: er nahm die Treue fur seinen Konig zu seinem Vorwand, und vergiftete alle Umstande von dieser Begebenheit. Corinna bat ihn, so sehr sie immer konte, seinem Eifer gegen den Grafen ein wenig Einhalt zu thun: sie stellte ihm vor, dass derselbe bey Hofe einen grossen und machtigen Anhang hatte, dass er des Konigs Liebling ware, dass man ihm die Sache laugnen konte, dass alles, was er gesehen und gehoret hatte, eine gantz unschuldige Auslegung litte; und endlich, dass, indem er den Grafen um den Kopf bringen wolte, er den seinigen dabey in Gefahr setzen wurde; allein, alle diese Vorstellungen wolten bey dem falschen Silon nichts verfangen: er hielt den Grafen fur seinen Feind, weil er dem Konig gute Rathschlage gab, und die Unordnungen bey Hof abzuschaffen suchte, worinn dieser seinen grosten Nutzen fand. Er blieb demnach auf seinem wilden Kopf, der Konig muste alles wissen, es mogte auch daraus entstehen, was da wolte.
Es war Nachmittag, als Silon nach Hofe gieng: er lauerte die Gelegenheit ab, dem Konig bey der Tafel vor das Gesicht zu kommen. Der Konig sah ihm bald, und weil er denselben Tag bey ihm nicht die Aufwartung hatte; so fragte er ihn, wo er herkame, und warum er so straubig um den Kopf herum aussahe? Ich bin, gab er dem Konig zur Antwort, diese Nacht mit Erlaubnis des Herrn Ober-Cammerers, einige Meilen von hier auf dem Lande gewesen, und wann es Ew. Majestat nach der Tafel allergnadigst erlauben, so werde ich deroselben von meinen Verrichtungen unterthanigsten Bericht abstatten. Der Konig war nicht so bald von der Tafel aufgestanden, so gieng er mit Silon in sein Cabinet, da dieser ihm alles erzehlete, was er zu Prato gesehen und gehoret hatte.
Der Konig war in diesem Punct, wie alle grosse Herren, mehr als empfindlich: er gerieth daruber in eine Wuth, die dem guten Grafen, wenn er ware zugegen gewesen, das Leben wurde gekostet haben. Zu gutem Gluck kam gleich darauf der Hertzog von Sandilien nach Hofe. Der Konig fragte ihn voller Eiffer bey dem Eintritt ins Zimmer, was wohl ein Cavallier verdienet hatte, dem er bisher die hochste Gunst erwiesen, und der sein ihm bezeigtes Vertrauen mit der grosten Verratherey belohnte? Der Hertzog war uber diese Frage sowohl, als uber das aufgebrachte Wesen des Konigs sehr besturtzt: ich wuste, antwortete derselbe, keinen solchen in Euer Majestat Diensten, und ich furchte billig, demjenigen die groste Beleidigung anzuthun, den ich daruber argwohnen solte. Es ist der Graf von Rivera, brach der Konig mit einem entflammten Zorn heraus. Ich bitte Ew. Majestat allerunterthanigst, warf der Hertzog dargegen ein, sie wollen sich nicht ubereilen, und dero Eiffer bis zu naherer Untersuchung der Sache massigen: der Graf von Rivera wird fur den klugsten und aufrichtigsten Cavalier des Hofes gehalten: man kan Ew. Majestat unrecht berichtet haben. Was, unrecht berichtet? fuhr der Konig heraus: Der Untreue, der Verrather! ich habe mich durch seinen lebhafften und schmeichelenden Verstand einnehmen lassen: ich habe geglaubet, wie er alle Leute bereden konnte, was er wolte; so wurde er auch eure Baase dahin bringen konnen, mich zu lieben und meine Gemahlin zu werden. Ich habe denselben in dieser Absicht nach Prato gesandt; Silon aber, der einige Spuren entdecket hatte, dass der Graf mit der Grafin von Monteras ein geheimes Verstandnuss haben solte, suchte in dieser Sache eine nahere Gewissheit zu erlangen, und reisste zu gleicher Zeit in verstellter Kleidung, dem Grafen nach: er schlich bey dunckler Nacht sich vor die Fenster eines Saals, worinn sich eure Baase mit dem Grafen allein befand: Der Graf nothigte sie zwar Anfangs, sich fur mich zu erklaren; als ihm aber dieselbige ihr Missfallen mit einigem Eiffer zu erkennen gab, und ihn einen Undanckbaren schalt, so warf der Graf sich zu ihren Fussen, kuste ihr die Hande und gab ihr alle Merckmahle einer aussersten Liebe.
Indem der Konig dieses also dem Hertzog erzehlte, sah er mit einem ergrimmten Blick nach dem Cammerdiener. Silon, sprach er, Silon, es kostet dir den Hals, wo du mich hier mit einiger Unwahrheit berichtest. Dieser zitterte vor dem Hertzog, bekraftigte aber gleichwohl vor demselben dasjenige, was er dem Konig gesagt hatte, indem er jenen deswegen zugleich auf das demuthigste um Verzeihung bat.
Der Hertzog war uber diese Nachricht so voller Besturzung, dass er nicht gleich wuste, was er sagen solte. Der Graf von Rivera war einer der angenehmsten und liebens-wurdigsten Cavallier; und seine Base schien ihm eben kein Herze zu haben, das unempfindlich war. Er urtheilte hieraus, dass die Begebenheit, die man dem Konig hinterbracht hatte, wol wahr sein konte. Dem Grafen Gewalt anzuthun und die Sache dadurch ruchtbar zu machen, hielt er nicht fur rathsam: seine Base, dacht er, wurde auf solche Weise beschimpfet, der Anhang des Grafens wider ihn aufgebracht und sein Vorhaben um so vielweniger erreichet werden.
Nach dieser kurzen Uberlegung bat er den Konig, ihm diese ganze Sache zu uberlassen, mit der Versicherung, dass er darunter seines Konigs Ehre schon wurde zu retten wissen. Der Konig fiel ihm darauf um den Hals, nannt ihn, seiner Gewohnheit nach, seinen Vater: gehet, sprach er, denket, dass man mich beleidiget, dass ich Konig bin, und dass ich eure Base liebe. Damit gieng der Konig wieder in sein Cabinet, und wolte niemand weiter vor sich kommen lassen.
Als den folgenden Tag darauf der Graf von Rivera wieder von Prato nach Panopolis kam, so fuhr er alsobald nach Hofe, um dem Konig noch bey dem AbendEssen die Aufwartung zu machen. Er war nicht wenig verwundert, da er alle Zimmer auf der Burg dunkel und leer von Menschen fand: er fragte den Hauptmann von der Leib-Wach, was dieses zu bedeuten hatte? dieser berichtete ihm, dass der Konig sich nicht wohl auf befand, und dass er deswegen heute niemand wurde zu sich lassen. Der Graf wolte dem ungeachtet sich dem Schlaf-Gemach des Konigs nahern, als Silon, der nebst einem Cammer-Junker vor der Thure stund, demselben entgegen kam, und ihm andeutete, dass er diesen Abend den Konig nicht sprechen konte. Den Grafen verdross die hochmuthige Art, womit dieser Mann ihm solches anzeigte; er fragte ihn, ob er ausdrucklichen Befehl vom Konig hatte, auch ihn nicht einzulassen? der Cammer-Junker bekraftigte solches: dieses machte dem Grafen einiges Nachdenken: er begab sich also, ohne ein Wort weiter zu reden, wieder nach Haus.
Den andern Morgen meldete sich bey ihm ein Befehlshaber von des Konigs Leib-Regiment, und kundigte ihm an, dass er, ohne fernerer Erlaubnus, nicht aus dem Haus gehen solte. Dem Grafen war dieses ein Rathsel: er war sich nicht des geringsten Verbrechens bewust: er trostete sich also mit seiner Unschuld: er gedachte, dass er keiner bessern Vertheidigung als dieser wurde vonnothen haben: er bildete sich ein, dass ein blosses Missverstandnus hierunter verborgen seyn musse, und dass eine nahere Untersuchung alles klar machen wurde.
Nachmittag kam ein Konigl. Geheim-Schreiber und befahl dem Grafen im Namen des Koniges, sich fertig zu machen, um, so bald es Nacht seyn wurde, von Panopolis aufzubrechen, und sich, als ein Staats-Gefangener, nach der Vestung Rozzomonte bringen zu lassen. Ihro Majestat der Konig, setzte der GeheimSchreiber hinzu, wolte nicht gern mit dieser Gefangennehmung des Grafens ein Aufsehen machen, weil er dessen, was er beschuldiget wurde, noch nicht uberfuhret war, der Konig auch solches selbst nicht glaubte; gleichwohl aber waren die Umstande also beschaffen, dass der Konig nicht anders konnte, als bis zu der Sachen naheren Untersuchung, ihn nach besagter Vestung zu schicken: woselbst er mittlerweile alle die Bequemlichkeiten, wie in seiner eigenen Behausung, finden wurde. Ein Befehlshaber von der LeibWache wurde mit einigen Reutern vor dem Thor seiner warten und ihn begleiten.
Der Graf von Rivera, so verwundert er auch war, sagte zu allem diesem nichts, als, er wurde seines Koniges Befehl wissen nachzuleben; und solten Ihro Majestat seinetwegen sich nur nicht beunruhigen lassen.
Die Nacht kam herbey: die Post-Pferde wurden vor des Grafens Reis-Wagen gespannt, und der Graf nahm von seinem bisherigen lieben Wirth, dem Herrn von Ridelo, wie auch von dessen Gemahlin und der jungen Marianen Abschied.
Die Frau von Ridelo konte, nach ihrer naturlichen Lebhafftigkeit, ihren Schmertzen uber diesen Unfall des Grafens nicht zuruck halten: Die Thranen flossen ihr aus den Augen: Sie rung die Hande: sie schrie: Ach, mein Vater! wie wird ihm zu Muthe seyn, wenn er dieses Ungluck vernehmen wird, welches seinen liebsten Freund betrifft? wie sehr wird er sich betruben, dass er ihm den Rath gegeben hat, nach Hofe zu gehen? Ach Hof! Ach ungluckseliger Hof! fuhr sie mit gleicher Bewegung fort, du kanst keine tugendhaffte, du kanst keine redliche Gemuther leiden. Es sind kaum noch zehen Monathe verflossen, dass der Graf sich hier befindet, und derselbe muss bereits die Falschheit deines so wanckelmutigen Gluckes erfahren! O Verhangnus! wie kanst du so viel Bosheit dulden?
So lebhafft wuste die wurdige Tochter des Herrn von Bellamont denjenigen Kummer auszudrucken, welchen sie bey dem Unrecht, so der Graf leiden muste, empfand. Die junge Mariane war bey diesem Abschied gleichfalls sehr bewegt: sie sagte nichts, sie weinte nur. Der Herr von Ridelo wolte den Grafen begleiten: dieser aber bat ihn, solches nicht zu thun, weil sie beyde die Ursach seiner Ungnade noch nicht wusten: er umarmte sie damit alle drey, als ob sie seine leibliche Geschwister waren, setzte sich damit in seinen Wagen, und hinterliess sie alle sehr traurig.
Der Hertzog von Sandilien hatte den Tag zuvor schon einen geschwinden Boten nach Prato gesandt, mit dem Befehl, dass seine Base sich eilends wieder bey ihm einfinden mochte, weil ihre Gegenwart in Panopolis unumganglich erfordert wurde. Der Bote kam eben des Morgens an, als kurtz vorher der Graf von Rivera aufgebrochen war.
Sowohl die Grafin als ihre Frau Mutter, waren uber diesen so gemessenen Befehl erschrocken; es ahndet mir nichts Gutes, sagte die alte Grafin mit Seufzen: wolte GOtt! ihr hattet, meine Tochter, den Hof nie gesehen; Diese stille Triften waren genug gewesen euch zu einem glucklichen Aufenthalt eines unschuldigen und vergnugten Lebens zu dienen. Worzu nutzet doch der Pracht und die Hoheit des Hofes, als dass er denjenigen, die darinn ein Vergnugen suchen, nur destomehr Sorgen verursacht, und sie zu allerhand Sunden und Thorheiten verleitet? wohl dem, der davon entfernet, bey einem GOtt-gefalligen eingezogenen Wandel, seine Tage in Ruh und Zufriedenheit hinbringen kan.
Der jungen Grafin war diesesmahl eine solche Sitten-Lehre nicht vollig nach ihrem Geschmack: es sey, dass die Hoffnung ihren geliebten Grafen desto eher wieder zu sehen, ihr schmeichelte, oder dass die Jugend bey ihr noch ihr Recht behauptete: als welche ihr die Welt und ihre Eitelkeiten noch nicht so sehr, als ihrer Frau Mutter, verleitet hatten. Es kam ihr zum wenigsten dismahl leichter an als zuvor, sich nach dieser Reise nach Panopolis zu entschliessen.
Es war bey dunckler Abends-Zeit, als sie in der Vorstadt von Panopolis anlangte. Ihr begegnete allhier gleich vor dem Thor eine mit sechs Post-Pferden bespannte Gutsche, welche mit Reutern umgeben war: ein Bedienter, der neben her ritt, und eine brennende Fackel in der Hand hatte, gab ihr des Grafens ReisWagen und einen vornen auf sitzenden Liberey-Diener von demselben zu erkennen: sie wurde uber diesen Anblick nicht wenig besturtzt. O Himmel! was seh ich? rief sie hier voller Schrecken aus, dieses ist der Graf von Rivera. Asmenie, die bey ihr in dem Wagen sass, suchte ihr diese Einbildung auszureden; allein, sie waren nicht so bald in dem Sandilischen Pallast abgestiegen, so vernahmen sie davon die Gewissheit.
Noch mehr aber vermehrte sich der Grafin ihre Besturtzung, als ihr der Hertzog sagte, dass der Graf von Rivera gefangen, und dass sie daran Ursach war. Diese Nachricht, setzte ihr Gemut in solche grausame Bewegung, dass ihr alle Glieder zitterten. Der Herzog wolte ihr dieses Rathsel erstlich nach der Tafel erklaren; Die Grafin aber, an statt sich ein wenig umzukleiden, und bey der Tafel zu erscheinen, legte sich zu Bette, und empfand einen heftigen Anstoss vom Fieber.
Der Herzog, als er solches vernahm, begab sich alsobald zu ihr; und weil er glaubte, die eingezogene Nachricht von des Grafens Gefangenschaft mogte sie zu sehr aufgebracht haben; so suchte er ihr die Sache viel gelinder beyzubringen: er erzehlte derselben die Begebenheit des Grafens mit den allergleichgultigsten Umstanden: er fugte hinzu, dass es alles nichts zu sagen hatte, und dass die ganze Sache, bey naherer Untersuchung; bald ein anderes Ansehen gewinnen wurde.
Die Grafin aber, die leicht muthmassen konte, das man einen Cavallier, wie den Grafen von Rivera, nicht ohne die wichtigste Ursachen gefangen fuhren wurde, geriet darauf in die allerheftigste Bewegungen: welcher Verrather, brach sie heraus, hat hier den Grafen in dieses Ungluck gesturzet? wem solt ich eine so abscheuliche Bosheit immermehr zutrauen?
Ach! der Graf, fuhr sie mit gleichem Eifer fort, ist unschuldig. Ich allein, gnadiger Herr! ich allein, sagte sie voll ruhrender Zartlichkeit, und indem sie sich im Bett aufrichtete, ich bin an allem schuld: ich, nur ich, habe wider den Konig gesprochen: der Graf hat mir seinetwegen alle ersinnliche Vorstellungen gethan ... der Konig hat keinen getreuern Diener als ihn ... er ist allzuredlich fur einen solchen Konig .... Ach grausamer Konig ... gehen sie doch, liebster Herr Oheim, gehen sie doch, und retten dem armen Grafen das Leben. Ich sterbe, wann er solches meinetwegen verliehret.
Der Herzog erkannte aus dieser bangen Sprache seiner Basen mehr als zu viel, welche Leidenschaft ihr solche in den Mund legte. Er furchte, die Hitze mogte bey ihr uberhand nehmen; er suchte ihr deswegen alles dasjenige, was solche vermehren konte, aus dem Sinn zu reden, und ihr Gemut so viel als moglich zu beruhigen. Allein, es war bereits zu spat, die Krankheit nahm bey ihr uberhand, und der Herzog gerieth daruber in den aussersten Schrecken.
Das funffte Buch.
Mittlerweile, dass die Grafin von Monteras zu Panopolis sich so ubel befand, war der Graf von Rivera binnen vier und zwanzig Stunden, vermittelst bestandiger Abwechselung der Post-Pferde, glucklich auf der Vestung Rozzomonte angekommen. Er sah hier mehr ein irrdisches Paradies, als ein Gefangnus.
Die Vestung liegt auf einem ziemlich hohen Felsen, dessen obere Flache man in einer halben Stunde kaum umgehen kan: rings umher entdeckte man ein weit offenes Land, und in der Ferne einen breiten Arm von der Abendlandischen See, welchen ein daran stossendes blaue Geburge in einen unvergleichlichen Schatten setzte: ein breiter Strohm, der unten an dem Fuss des Bergs vorbey floss, zertheilte sich durch das platte Land in viele kleine Gewasser. Man bemerkte hier die angenehmste Himmels-Gegend: man sah allenthalben bebaute Felder, grune Weyden, fette Triften, lustige Geholze und schone Garten; das ganze Land war voller Einwohner: wo ein Flecken sich endigte, da fieng ein andrer an: eine Hof-Stadte, eine Meyerey lag hier bey der andern. Kurz, es war gleichsam dieses die einzige Landschaft von dem ganzen Konigreich, welche die allgemeine Noth nicht mit empfand, und deren Einwohner sich dargegen durch ihren Acker-Bau und durch ihre gute Wirthschaft noch geschutzet hatten.
Auf der Vestung selbst war ein vortrefflicher Garten: er umringte den Hof und die Gebaude, ihn selbst aber bedeckten die Vestungs-Werke. Auf den kleinen Wallen sah man die schonste Baum-Alleen.
Die Gemacher waren meist Koniglich ausgezieret, und schien mehr fur die glucklichste Menschen, als fur Gefangene zu seyn, welche in des Konigs Ungnade gefallen waren. Was noch mehr, so beherrschte diese Vestung ein General, welcher alle Eigenschaften besass, seinen Gefangenen die Wiederwartigkeiten ihres Gluckes auf die angenehmste Weise zu versussen: er war schon alt, er hatte aber einen desto munteren und aufgeweckten Kopf, je schwacher bey ihm die Fusse waren.
Er empfieng den Grafen von Rivera, als ob er ihm langst ware bekant gewesen; er fiel ihm um den Hals: Ihr Ungluck, mein Herr, redete er ihn an, welches sie sonder Zweifel hieher bringet, ist mir leid: doch, haben sie nur einen guten Muth: ich werde suchen, ihre Gefangenschaft ihnen nicht beschwerlich zu machen.
Der Officier, welcher den Grafen begleitet hatte, uberreichte hierauf diesem Obersten Befehlshaber ein Schreiben von dem Hertzog von Sandilien.
Als der General solches gelesen, umfieng er den Grafen aufs neue, und konte ihm seine Freude nicht bergen, die er hatte, ihn kennen zu lernen; zumahl, da er aus dem Brief des Hertzogs von Sandilien so viel ersehen konnte, dass dessen Verbrechen von gantz keiner Bedeutung seyn musse.
Der General stutzte darauf seinen baufalligen Corper auf seinen Stecken, und fuhrte den Grafen, mit halb-gebrochenen Schritten, durch die vornehmste Gemacher des Schlosses; unter welchen er denselben bat, die annehmlichsten sich zu seinem Quartier zu wehlen. Der Graf that solches, und als er darauf etwas von Speisen zu sich genommen hatte, begab er sich mit einem gelassnen Sinn zur Ruh.
Die arme Grafin von Monteras hatte keine so gute Nacht, als der Graf. Man hatte ihr zur Ader gelassen; dem ungeacht war die Hitze bey ihr dergestalt gestiegen, dass sie irrte. Der Hertzog schien daruber untrostbar, und Asmenie konte nichts als weinen: man schickte eilends nach ihrer Frau Mutter; sechs der besten Pferde, aus dem Hertzoglichen Stall, wurden ihr mit einem Gutscher und Reit-Knecht nach Prato gesandt: die Pferde liefen bis dahin in einem Traben, die alte Grafin warf sich voller Schrecken, auf die erhaltene Nachricht von dem Zustand ihrer Tochter, in ihre Gutsche: sie fuhr in einem Rennen und so schnell die Pferde lauffen konten, nach Panopolis. Auf der Helffte des Wegs wurden sie mit einem frischen Gespann verwechselt, die eben so hurtig vom Weg trabten als die vorige.
Die Grafin fand ihre Tochter noch abwesend; die Aertzte hatten ihr ein gewisses Pulver beygebracht, welches die unordentliche Hitze und Wallungen im Geblut zu dampfen pflegte: solches that seine Wirckung: Sie ruhete darauf einige Stunden; und da sie die Augen wieder aufschlug, war sie wieder bey sich selbst. Hier wurde sie mit innigster Freude ihrer Frau Mutter gewahr, die unten bey ihr auf dem Bette sass: sie ergriff alsobald derselben ihre Hand, fuhrte sie nach dem Mund, und wolte sich aufrichten; allein ihre Mattigkeit liess solches nicht zu: ihre Frau Mutter kuste sie auf das zartlichste: woher kommt euch, liebste Tochter, redete sie dieselbe an, ein so hefftiger Zufall? man hat mir gesagt, eine ausserordentliche Gemuths-Bewegung habe solchen bey euch verursacht? ach! setzte sie hinzu, Hab ich euch nicht immer ermahnet, euch davor in acht zu nehmen?
Aber, liebste Frau Mutter, liess diese sich mit schwacher Stimme vernehmen, wenn ich daran Ursach ware, dass der unschuldigste Mensch von der Welt um sein Leben kommen solte? Lasset, euch mein Kind, diese Furcht aus den Gedancken reden, antwortete der Grafin Mutter. Man bringet einen Cavallier, wie der Graf von Rivera ist, so hurtig nicht ums Lebens: Euer Oheim, der Hertzog, hat ihn bereits der ersten Wuth des Konigs entrissen, und denselben in vollige Sicherheit gebracht: Ach! gnadige Frau Mutter, versetzte darauf die beangstigte Grafin, ich kenne die Eifersucht des Koniges; ich habe Ursach alles von ihm zu furchten.
Als die Grafin dieses sagte, trat der Hertzog ins
Zimmer; und da er sah, dass sie sich besser befand, kont er ihr seine Freude daruber nicht genugsam ausdrucken. Er berichtete ihr, um sie vollig zu beruhigen, dass dem Konig seine Ubereilung mit dem Grafen von Rivera leid ware; dass er ihm bekannt hatte, wie er sich in dieser Sache zu hurtig habe aufbringen lassen. Noch mehr sey ihm die Nachricht von ihrer Unpasslichkeit an das Hertze gedrungen. Er hatte deswegen seinen Leib-Aerzten befohlen, fur dieselbe so viel Sorgfalt, als fur sein eigen Leben zu haben. Auch solte der Graf von Rivera, wo sie es verlangen wurde, wieder auf freyen Fuss gesetzt werden: es war aber, fugte er hinzu, nicht rathsam, sich dieser Gefalligkeit des Koniges, zum Vortheil des gefangenen Grafens zu bedienen; denn die Ehre und Majestat des Koniges litte darunter, wenn der Graf so bald wieder solte frey gesprochen, und die Gerechtigkeit des Monarchens gleichsam dadurch eines Fehltritts beschuldiget werden. Der Hertzog versicherte dabey seine kranke Base, dass er den Grafen an einen so guten und sichern Ort hatte bringen lassen, dass er nirgendwo besser seyn konnte.
Diese Nachrichten waren der betrubten Grafin so angenehm, dass solche ihr besser, als alle bisherige Arzneyen zuschlugen: ihre Augen wurden munterer, ihre schier erblasste Wangen durchzogen wieder ein wenig Farbe: ihre Lippen ruhrten sich zu einer holden Schmeicheley: sie ergriff den Hertzog bey der Hard und fuhrte solche mit einer zarten Bewegung nach dem Mund. Der Hertzog beantwortete ihr diese Liebkosung, indem er ihr Haupt mit einem durchdrungenen Gemut an seine Brust druckte: Ach! werdet nur wieder gesund, wertheste Tochter, sprach er zu derselben, das ubrige soll sich alles geben.
Die schlaue Corinna war unterdessen, dass die Grafin ihrer Unpasslichkeit halber nicht aus dem Zimmer kam, auf allerhand Streiche bedacht, wie sie den Grafen wiederum in Freyheit setzen, und ihn der Hertzogin von Salona zuspielen mochte. Sie kam deswegen zu dem Hertzog von Sandilien: sie entdeckte ihm mit einer listigen Bescheidenheit, wie sie von allen Begebenheiten des Grafens von Rivera Wissenschaft hatte; und wie sie auf einen Anschlag gekommen war, den Konig mit guter Art von einem so gefahrlichen Mitbuhler zu befreyen. Der Herzog wolte sich anfanglich gegen dieses Weib nicht heraus lassen, noch dieselbe glauben machen, als ob seine Absichten mit seiner Basen bis auf den Thron giengen: allein, Corinna sah hier dem Herzog tiefer ins Herz, als er solches meynte: sie erklarte sich deshalben so schmeichelhaft: dass gleichwohl die ganze Welt die wurdige Wahl des Konigs billigte, und dass es endlich ihm selbst von dem Konig durfte ubel genommen werden, wenn er sich darinn seiner Neigung wiedersetzen wolte. Kurz, der Herzog liess sich mit ihr ein: sie offenbarte ihm ihre Anschlage, den Grafen der Herzogin von Salona zu freyen. Der Herzog fande solches wohl ausgedacht: er versprach ihr eine reiche Belohnung, wenn sie diese Heyrath zu Stand bringen wurde.
Die verschmitzte Corinna hatte ihm nicht gesagt, dass die Herzogin von Salona des Handels bereits einig ware: sie ersann hundert Schwierigkeiten, um die Verdienste ihres Verstandes desto grosser zu machen, wenn sie die Herzogin darzu wurde bereden konnen. Der Herzog im Gegentheil zweifelte gar nicht, der Graf wurde ein solches Gluck, welches das groste war, so er in der Welt machen konte, mit beyden Handen ergreiffen; er hoffte dadurch die groste Hindernus zu heben, welche seine Base bishero noch gehindert hatte, ihre Liebe dem Konig zu wiedmen.
Corinna kam nach einigen Tagen wieder zu dem Herzogen, und berichtete ihm, dass die Sache mit der Herzogin von Salona so gut als richtig war: dieselbe hatte zwar Anfangs, sagte sie, ihren Vortrag sehr verachtlich angehoret: sie hatte ihren hohen Rang, den Wohlstand ihres Geschlechts, nebst andern Schwierigkeiten vorgeschutzet; dem ungeachtet aber war sie doch so glucklich gewesen, dieselbe zu bereden, dass sie sich entschlossen hatte, den Grafen von Rivera zu ihrem Gemahl anzunehmen: wenn nur der Konig ihm die Gnade thun wurde, demselben eines von den Ober-Aemtern bey Hof zu geben; weil sie sonst, als eine Dame, die den Vortritt bey Hofe hatte, sich ohne Verletzung des Wohlstandes an einen blossen Cammerherrn nicht vermahlen konte; sie zweifelte auch nicht, der Konig wurde solches, in Betrachtung der ganz besonderen Verdiensten dieses Cavalliers, gar leicht gewahren; wo anders ihre Durchlaucht, der Herzog von Sandilien, sich dieser Sache annehmen wolte.
Wenn wir sonst keine Schwierigkeit werden zu heben finden, als diese, antwortete hierauf der Herzog, so soll unser Anschlag bald einen guten Fortgang gewinnen. Er befahl damit der Corinna die Verschwiegenheit, und versicherte sie nochmahls aller Erkentlichkeit.
Der Herzog verfugte sich darauf zum Konig. Dieser war nicht zum besten auf: seine Leib-Aerzte hatten an seiner Gesundheit angefangen zu kunsteln, und bey den rauhen Winter-Tagen ihm verboten nicht aus seinem Zimmer zu gehen. Dem Konig fiel damit die Zeit lang: diese Langeweile machte ihn immer an seine Liebe denken, und dieses stete Denken, worinnen sich Argwohn, Eifer und Sehnsucht mischten, verursachte ihm allerhand Beschwerlichkeiten.
Der Herzog fand den Konig in einem solchen Zustand, da er ihm seinen Vorschlag erofnete: Er hatte aber kaum noch ausgeredet, als der Konig, voller Zorn und Unmut, heraus fuhr: wie, Hertzog! solt ich mich noch des Treu-losen Grafens von Rivera annehmen, und seine Verratherey mit den hochsten Aemtern meines Hofs vergelten? wo denket ihr hin? wurde dieses nicht auch andere hinfort verleiten, mich ohn alle Scheu und Ehrfurcht zu beleidigen?
Ich habe alles wohl uberlegt, allergnadigster Konig, antwortete hierauf der Hertzog. Meine Base hat mir aufrichtig das ganze Gesprach, welches sie mit dem Grafen zu Prato gehabt, erzehlet. Sie ruft den Himmel zum Zeugen an, dass der Graf nicht allein unschuldig; sondern, dass er auch Ew. Majestat eifrigster und getreuster Diener war. Der Herzog berichtete bey dieser Gelegenheit dem Konig den eigentlichen Verlauf dieser Sache, worauf der Konig sich zwar etwas ruhiger bezeigte; gleichwohl aber daraus auch so viel erkante, dass, wo der Graf ihn nicht hintergangen hatte, derselbe wenigstens doch von der Grafin geliebet wurde. Dieses machte ihn den Vortheil erkennen, den er durch die vorgeschlagene anderwartige Vermahlung des Grafens mit der Herzogin von Salona erlangen wurde: er gab deswegen dem Herzog von Sandilien freye Macht, dieses Geschaft so bald als moglich, hinaus zu fuhren, und dem Grafen nicht nur die vorige Konigliche Gnade, sondern auch die Ober-Falkenirer-Stelle anzubieten; im Fall er sich entschliessen wurde, die Herzogin von Salona zu heyrathen.
Der Herzog, als er wieder in seinen Pallast zuruck kam, wuste lange nicht, wem er sich in diesem Geschafte anvertrauen, noch durch wen er dem Grafen von seinen Absichten die Erofnung solte thun lassen: er sann hin und her: endlich fiel er mit seinen Gedancken auf den Herrn von Ridelo. Vielleicht, sprach er bey sich selbst, ist dieses Herrn seine Freundschaft fur den Grafen so gross, dass er, ihm zu gefallen, sich wohl entschliessen durfte, diese Reise anzutreten: er fuhr deswegen zu ihm, nach seinem Pallast. Herr Intendant, redete ihn der Herzog an, nachdem ihn dieser in sein Cabinet gefuhret, ich weiss, dass sie ein aufrichtiger Freund von dem Grafen von Rivera sind. Sie konnen ihm davon eine neue Probe geben, wenn sie sich wolten gefallen lassen, zu ihm nach der Vestung Rozzomonte zu reisen und demselben einen gewissen Vortrag zu thun, den ich sonst niemand wohl als ihnen anzuvertrauen wuste.
Ich und mein Haus, erklarte sich hierauf der Herr von Ridelo, sind dergestalt dem Grafen von Rivera mit Hochachtung und Freundschaft verbunden, dass ich keine Gelegenheit verabsaumen werde, demselben alle nur moglichste Dienste zu erweisen, und dieses um so viel mehr, wenn Ew. Durchlaucht selbst darzu mich auffordern solten.
Sie wissen, mein Herr Intendant, fuhr darauf der Hertzog fort, dass unseres Grafens Ungnade von einem unglucklich gefassten Argwohn des Konigs herruhret: und dass, wo ich ihn nicht noch dem Eifer des Konigs zu rechter Zeit entzogen hatte, es ubel mit ihm wurde ausgesehen haben. Ich muss gestehen, fuhr er fort, dass ich etwas an diesem jungen Cavallier gefunden, das mir gleich im ersten Anblick fur denselben eine besondere Hochachtung gab. Ja, wann ich es sagen darf, so hatte ich niemand lieber, als ihm, meine Base gegonnet, wo nicht, zu meinem Verdruss der Konig darzwischen gekommen war. Indessen wurde mir von sicherer Hand entdeckt, dass die Hertzogin von Salona ihm nicht ungeneigt war: ich hab es auch bey ihr durch eine geheime Unterhandlung so weit gebracht, dass sie sich wirklich erklaret hat, ihn zu ihrem Gemahl anzunehmen. Der Konig giebt darzu seine Einwilligung; und damit er dieser hohen Parthie nicht unwurdig scheinen mogte, so will ihn derselbe zum Ober-Falkenier ernennen, welche Stelle von unsern Hof-Aemtern den vierten Rang fuhret. Niemand, als sie, mein Herr, kan dieses Geschafte besser zu Stande bringen. Und weil wir den Grafen von Rivera beyderseits hochschatzen, so wird es ihnen, mein Herr Intendant, auch hoffentlich nicht misfallen, dass ich in dieser Angelegenheit mich niemand anders, als ihnen, anvertrauen mag.
Der Herr von Ridelo bezeigte sich dafur dem Hertzogen verbunden; und ob er gleich des Grafens Meynung wuste, und in dieser Sache wenig bey ihm auszurichten hofte; so begab er sich doch dem ungeacht gleich den folgenden Tag darauf nach Rozzomonte.
Der Graf von Rivera war auf das angenehmste besturzt, als er den Herrn von Ridelo bey sich sah. Er fragte ihn, nachdem sie sich einander zartlich umarmet hatten, wo er herkame, und ob er einen Gefangenen besuchen wolte, deme seine Gefangenschafft so susse gemacht wurde, dass er schier seiner Freyheit daruber vergasse; ob man gleich sonst zu sagen pflegte, dass es keine schone Gefangnusse gaben. Es mag leicht seyn, antwortete ihm der Herr von Ridelo, dass sie allhier ruhigere Stunden geniessen, als ihre Freunde zu Panopolis, die bisher ihrentwegen nicht wenig in Sorgen leben. Ich bring ihnen unterdessen viel Gutes, Herr Graf, sprach er zu demselben; ich furchte nur, sie mogten nicht alles annehmen: sie sind frey, und wieder in voriger Gnade bey dem Konig: er erklaret sie zugleich zum Ober-Falkenier: ja, sie sollen so gar die erste Heyrath bey Hofe thun, und die Hertzogin von Salona zur Gemahlin bekommen. Der Hertzog von Sandilien, fugte er hinzu, halt dieses letzte vor das eintzige Mittel, die Eifersucht des Koniges zu besanftigen, und das Gluck des Herrn Grafens vollkommen zu machen.
Der Graf fand sich durch dieses Anerbieten ausserst beehrt: er dankte dem Herrn von Ridelo, dass er sich die Muhe genommen hatte, deswegen zu ihm zu reisen; und erklarte sich dahin, dass er noch zur Zeit seiner Ehrsucht wuste Granzen zu setzen, und dass es ihm eine grosse Last seyn solte, sich schon zu verheyrathen; ob er gleich gestehen muste, dass solches nicht vortheilhafter geschehen konnte, als es ihm vorgeschlagen wurde. Was aber des Konigs Eifersucht betraffe; so muste er zwar aufrichtig bekennen, dass er sich von der Grafin von Monteras habe einnehmen lassen; so bald aber der Konig gleiche Neigung fur sie hatte blicken lassen, so war er darinn seinem Verhangnus gewichen und hatte alle Pflichten der Ehrerbietung, des Wohlstandes und der Aufrichtigkeit gegen seinen Konig beobachtet.
Was wird also, fragte der Herr von Ridelo, bey dieser Sache zu thun seyn? schlagen der Herr Graf diejenige Parthie aus, welche man ihnen als das groste Gluck, so sie an unserm Hof erwarten konnen, anbietet; so wird dadurch des Konigs auf sie geworfene Eifersucht, dem Schein nach, gerechtfertiget, und auf das hochste getrieben werden: dessen Ungnade ist ihnen sodann gewiss. Wohlan, sprach der Graf, er lasse mich auf dieser Vestung, oder verweise mich auf meine Herrschaft, und verbiete mir auf Lebenslang den Hof: die Strafe wird fur mich susse und der Gerechtigkeit des Konigs gemass seyn. Ach! die Gefahr, liebster Herr Graf! redete ihm der Herr von Ridelo ein, ist fur sie grosser, als sie sich solche einbilden: der Konig ist ein junger jah-zorniger Herr; die Verschmahung der ausserordentlichen Vortheile, die er ihnen anbieten lasset, wird dessen Argwohn auf das grausamste vermehren, und ihnen vielleicht gar das Leben kosten.
Er ist Herr daruber, antwortete der Graf mit Gelassenheit; ich bin sein Unterthan: Konige konnen thun, was sie wollen, wenn sie keinen GOtt und keine Gerechtigkeit uber sich erkennen. Ach! verfolgte der Herr von Ridelo, sie lassen sich doch besser rathen, und geben den Regungen ihrer feurigen Jugend nicht allzuviel Gehor: es ist ofters die grossmuthigste Standhaftigkeit mit einem gewissen Eigensinn verschwistert, der zwar unsrer Tugend schmeichelt; aber alsdann nicht mehr zu entschuldigen ist, wenn er uns blos deswegen unglucklich macht, weil wir uns vorgenommen haben, darinn nichts nachzugeben: ihr Leben ist viel zu edel, als dass sie es nicht hoher achten solten: sie sind solches den Wunschen ihrer Freunden, der Liebe ihrer Angehorigen und der Erwartung eines ganzen Volkes schuldig.
Was rathen sie mir dann, fragte hierauf der Graf, das ich thun soll? Ich wurde, wann ich an ihrer Stelle war, die Gnade des Konigs annehmen, antwortete jener, und darinn der Schickung des Himmels folgen. Wann die Vermahlung mit der Hertzogin, unterbrach dieser, nicht davon die Bedingung machte, so wurde ich es selbst glauben, und ihrem Rath folgen; alleine, ich halte nicht dafur, dass dergleichen blose StaatsHeyrathen GOtt wohlgefallig seyn konnen.
Man sagt aber, erwiederte der Herr von Ridelo, dass die Herzogin von Salona tugendhaft und Liebenswurdig ware: es kan seyn, versetzte jener, ich liebe sie aber nicht; was kan ich dafur, dass mein Herz so unartig ist? Sie sehen sich vor, Herr Graf, redete der Herr von Ridelo weiter, dass eine ungluckliche Liebe sie nicht dahin verleite, eine allem Ansehen nach gluckliche auszuschlagen. Wo ist der kluge Welt-Weise? wurde meine Frau wieder ausrufen, wann sie hier zugegen war, Heist dieses seine Affecten beherrschen und von der Liebe sich nicht einnehmen lassen?
Ach! was sagen sie mir? mein werthester Herr Intendant, war hierauf des Grafens Antwort: heist dieses von der Liebe sich einnehmen lassen, wenn man dasjenige, was man mit der grosten Zartlichkeit verehret, der allergrausamsten Schuldigkeit aufopfert? So bald hatte ich nicht die Liebe des Koniges fur die Grafin von Monteras wahrgenommen; so that ich meinem Herzen alle nur ersinnliche Gewalt, die fur sie gefaste Neigung noch in ihrer ersten Geburt zu ersticken. Ich vermiede mit der grosten Sorgfalt alle Gelegenheit sie alleine zu sprechen: ich sah, dass mir ihre Augen, wann ich sie in Gesellschafft fand, einen verborgenen Kummer entdeckten: sie schien mir damit meinen Wankelmut vorzuhalten: sie seufzete, wenn ihr ungefar meine Blicke begegneten: ich entschuldigte damit gleichsam bey ihr meine Auffuhrung, indem ich sie auf den Konig wiese: sie that, als ob sie mich verstunde, und als ob sie deswegen betrubt ware. Dieses war nicht genug: ich muste zu Vermehrung meiner Pein nicht allein das Ungluck haben, dass der Konig mein Mitbuhler wurde; sondern er machte mich auch zum Vertrauten seiner Liebe, was sag ich? gar zu seinem Unterhandler. Ich habe geglaubt, ich hatte meiner Pflicht damit ein Genugen gethan, dass ich meine eigene Regungen unterdruckte, und die Grafin dahin zu bewegen suchte, den Konig zu lieben. Ach, grausame Pflicht! was hast du meinem Herzen nicht vor unsagliche Marter gekostet? solte man mich auch noch verbinden wollen, einer Person die Hand zu geben, welche ich nicht lieben kan?
Sie sind, mein werthester Herr Graf, antwortete hierauf der Herr von Ridelo, bey allen ihren grossen Eigenschaften nicht wenig zu beklagen: sie machen, dass man sie lieben muss: sie gefallen der vollkommensten Dame an unserm Hofe: ihre Tugenden haben bey ihr mehr Reizungen, als die Konigliche Crone: sie bewegen sie auch wider ihren Willen, dass sie dem Konig kein Gehor giebt: der Konig weiss um die Ursach dieser Kaltsinnigkeit: er muss denjenigen nothwendig hassen, dem die Grafin von Monteras in ihrem Herzen einen solchen empfindlichen Vorzug giebt: Konige sind gewohnt uber alles zu herrschen, und wer ihrer Gewalt etwas in den Weg leget, oder vor ihnen sich einigen Vorzug erwirbet, der ist ihr Feind, und der hat sich allenthalben in acht zu nehmen, dass er nicht das Opfer ihrer beleidigten Hoheit werde.
Ich verstehe sie, hochgeschatzter Freund! erklarte sich hierauf der Graf; ich beklage von Herzen, dass ich meinem Konig, dem ich sonst mit ausserster Treu und Liebe zugethan bin, Anlass gegeben habe, auf mich ungnadig zu werden: Bitten sie doch deswegen den Herzog von Sandilien, dass er, zur Beruhigung des Koniges, mich auf dieser Vestung lasse: sagen sie ihm, dass ich ihm fur eine so susse Gefangenschaft verbunden ware, und dass ich, so lang ich lebe, ein aufrichtiger Diener von ihm und seinem ganzen Hause bleiben werde: oder will man einen Unschuldigen nicht mit dem Verlust seiner Freyheit strafen, so verbiete man mir auf allezeit den Hof, und lasse mich davon entfernet, in der Verborgenheit, auf meinen Gutern leben: ich werde dem Konig auch abwesend meine Ehrfurcht, meinen Gehorsam und meine Redlichkeit zeigen.
Nach dieser Erklarung des Grafens, trat der alte General ins Zimmer, und bewillkomte den Herrn von Ridelo nach seiner gewohnlichen Hoflichkeit. Meine Herren, sprach er darauf zu ihnen, es ist bald Mittag; gefallt es ihnen, allein, oder mit der Gesellschaft zu speisen? Der Herr von Ridelo wolte das erste wehlen; allein, der Graf fiel ihm in die Rede: Nein, werthester Herr Intendant, sagte er zu ihm, sie mussen sich dismahl nach unserer Weise bequemen und auch sehen, wie hier die Gefangene leben. Auf dieser Vestung, fuhr er fort, herschet ein eigner Stern, der lauter muntere und angenehme Einflusse hat; die ungluckseligste Menschen vergessen hier ihren Kummer: die Strafe der Gefangenschaft, womit sie die Gerechtigkeit, oder ein widriges Schicksal beleget, verwandelt hier ihre sonst gewohnliche Harte in eine ganz vergnugte Lebens-Art. Sie werden sich gefallen lassen, davon einen Zeugen abzugeben.
Der General muste von Herzen uber des Grafens Einfalle lachen: dieser alte Soldat hatte denselben binnen den vierzehen Tagen, als er sein Gefangener war, ungemein lieb gewonnen: es schienen gleichsam seine Krafte sich zu verjungen, um sich nach dessen Jugend einzurichten und ihrer Anmut sich mit theilhaftig zu machen. Der Konig hatte keinen sinnreichern Mann finden konnen, diejenige aufzumuntern, welche den Verlust ihrer Freyheit beklagten, und ofters furchten musten, um alle Vortheile dieses Lebens zu kommen.
Der General fuhrte darauf seine beyde vornehme Gaste in einen grossen Speise-Saal, welcher eigentlich eine Art des Gewachs-Hauses war, wohin im Winter die Pomeranzen-Baume gebracht wurden. Dieser hatte viel merkwurdiges in sich: die vier JahrsZeiten waren darinn auf eine besondere sinnreiche Art entworffen. In der Mitten zeigte sich der Winter mit einem grossen Camin, darinn, weil noch die Kalte regierte, ein starkes Feuer brante. Die Aufsatze auf den Gesimsen bestunden aus verschiedenen kleinen Figuren, welche die kalte Nord-Lander vorstellten, die theils mit Rennthieren auf Schlitten fuhren, theils mit Schritt-Schuhen schliffen, theils Holz, theils Felle von allerhand Thieren trugen, in der Umfassung stunden verschiedene Geschirre von feinem Porcellan; und das darinn enthaltene Gemahld zeigte auf eine sehr kunstliche Art die vornehmste Beschaftigungen und Kurzweile, die man zu Winters-Zeit vorzunehmen pfleget.
Zur Rechten Seiten dieses Saals sah man den Fruhling in einem ordentlichen Winter und Lust-Garten vorgestellt, welcher mit einer zierlichen Balustrade von dem Saal unterschieden war. Man sah hier das schonste Blumen-Stuck mit untermengten Taxis, Lorbeer, Pomeranzen, und Citronen-Baumen; welche theils zwischen kraus-gezogenen Bux, und einem von Muscheln, Sand und Kohlen bundfarbigten Grund aus der Erden wuchsen; theils in Kasten und Geschirren nach der Ordnung mit eingeschoben waren, und durch verborgene eiserne Rohren, welche der Rauch aus geheitzten Oefen warm hielte, vor der Kalte geschutzet wurden. In der Mitten dieses in vier Landergen eingetheilten Stuben- und Winter-Gartens, sah man ein Springwerk, welches mit einem schlorfenden Zischen in die Hoh spielte, und mit einem schallenden Rausch in einen kleinen Behalter niedersprudelte.
Der Sommer zeigte sich auf der andern Seiten in einer kleinen Landschaft, welche eine feine Drat-Arbeit von dem Saal absonderte. Es war hier alles grun: die Baume bestunden aus Tannen, Fichten, Taxis und Wachholder-Gestrauchen: in der Vertiefung sah man ein kunstlich erhabenes Geburge, mit Sand, Steinen und Mos bedecket, von dessen Hohe ein kleiner Wasser-Fall herunter lief, der hernach auf einem von Bley verfertigten Canal, als ein klarer Bach, zwischen den Gestrauchen und einem frisch belegten Wasen-Grund durchfloss. Das Zwitsern und Singen der hier unter einander fliegenden Vogel belebten diesen durch die Kunst verfertigten Wald auf eine Art, dass man auch die Schonheit der Natur in der blosen Abschilderung bewundern muste.
Der Trink-Tisch, welcher dem Camin gegen uber stund, war eine Abbildung des Herbsts: man sah in der Mitten Bachum mit Epheu und Trauben-Blattern becranzet und sich auf Silenen stutzen: um ihn herum waren die Wald-Gotter mit den kleinen Bachus-Kindern, welche theils Trauben und Trinck-Geschirre trugen, theils auf Sackpfeifen und Dudelsacken spielten. Unten zeigte sich ein kleines Grottenwerk mit einem alabastern Kumpen, worinnen zum Ausspulen der Glaser aus einem Kranen bestandig das Wasser spritzte.
Mitlerweile der Graf von Rivera alle diese Erfindungs-reiche Seltenheiten den Herrn von Ridelo hatte beobachten machen; kamen nach und nach auch die Kostganger des Commendanten herbey, welche als Gefangene von einem gewissen Rang, von demselben gewohnlich mit zur Tafel gezogen wurden.
Der erste war ein vornehmer Geistlicher: er kam mit abgemessenen Schritten, und einem steif-zuruckgeschlagenen Haupt in den Saal getreten: seine Stirne zeigte einen stolzen Ernst, und aus seinen Augen leuchtete ein Feuer, welches allen denjenigen Zorn und Rache drohete, die seinen Meynungen sich widersetzen wolten. Nachdem er die Anwesende mit einer gezwungenen Demut begrusset hatte, fragte der Herr von Ridelo heimlich den Commendanten, wie doch dieser ehrwurdige Mann auf die Vestung kommen sey. Der Commendant berichtete ihn, dass dieser Pralat seinen ganzen Sprenkel aufgewiegelt, und die Leute durch seine Streit-Predigten dergestalt in einander gehetzet hatte, dass darunter die gemeine Ruh und Sicherheit ware verletzet worden. Man hatte ihn deswegen hier auf diese Vestung gebracht, dass er unter Leuten, die vom Krieg ihr Handwerk machten, den Frieden lernen solte.
Der Herr von Ridelo fragte darauf weiter: wer ist dann dieser muntere Alte, der bey seinem elenden und magern Corper doch einen so vergnugten Muth bezeiget? Es ist, antwortete der Commendant, unser beruhmter Goldmacher, der die Cammer, unter dem Vorwand, die gemeine Berg-Erze durch den Mercurium zu losen, und in lauter Silber zu verwandeln, um etliche Tonnen Gold gebracht hat: er ist sonst der ehrlichste Mann von der Welt, und es wird nicht lang anstehen, so wird er ihnen sein Vergnugen uber die Entdeckung eines neu-erfundenen Geheimnisses offenbaren.
Indem sie sich noch bey diesem Goldmacher aufhielten, kam ein Obrist-Wachtmeister von einem Dragoner-Regiment: er hatte ein trotziges und wildes Ansehen; es schien, als ob er auf die andere nur seine Blicke warf, um sie vor ihm in Furcht zu setzen: Dieser Tersites hatte sich bey seinem Regiment nicht Fried-liebender, als der obgemeldte Pralat in seinem Kirchspiel aufgefuhret, und etlichmahl wider das Konigliche Duell-Mandat sich herumgebalget.
Es kam darauf ein vierter, welcher die Freundlichkeit selbst zu seyn schien: er machte allen Anwesenden zehen Reverenze fur einen, fragte, wie sie sich befanden, wie sie geruhet hatten, was sie neues wusten, und dergleichen; dem Herrn von Ridelo aber kont er seine Freude nicht genugsam ausdrucken, dass er die Ehre hatte, demselben hier seine Aufwartung zu machen. Dieses war der Ritter Bonadi, der deswegen dem Herrn Commendanten in die Kost war gegeben worden: weil er sich, zur Schande seines Hauses, welches jetzo mit einem Herzoglichen Titul pranget, an eine leichtfertige Metze gehangt, und dieselbe geheyrathet hatte.
Ein funfter unterbrach diesen Ritter, welchen der Herr von Ridelo alsobald fur den Freyherrn von Riesenburg erkante: er umarmte ihn, als einen Cavallier, der ehedessen eine Zeitlang bey Hofe gewesen war, und der zuweilen auch in den Gesellschaften bey seiner Frauen sich mit eingefunden hatte. So lieb es mir ist, mein Herr Baron, sagte der Herr von Ridelo, sie zu sehen, so wunschte ich doch nicht, dass ich diese Ehre an einem Ort haben mogte, wo ich sie ihrer Freyheit beraubet finde. Ich hoffe, antwortete ihm dieser, solche bald wieder zu erlangen, und ich werde nach Tisch mir die Erlaubniss ausbitten, ihnen meine ganze Begebenheit umstandlich zu erzehlen.
Zuletzt kamen noch einige Officiers von der auf der Vestung liegenden Besatzung, nebst ihrem Regiments-Caplan. Die Tafel war rund und das Gesprach allgemein. Der Goldmacher, weil er nebst dem Ritter Bonadi am aufgeraumtesten war, muste dismahl darzu den Stoff hergeben. Unser Herr von Auerthor, so nannte sich derselbe, wird sonder Zweifel, sagte der Commendant, wieder ein gutes Experiment gemacht haben; dann er siehet mir heute ungemein vergnugt aus. Ja, antwortete ihm dieser, ihre Excellenz geben mir wohl Kohlen und Tiegel, aber die Ducaten, die Ducaten sind ihnen noch zu lieb: aus nichts aber kommt nichts. Unterdessen sollen doch heute Ew. Excellenz an einem gewissen Process von Wein-Geist ihren Wunder sehen, den ich dermassen gelautert habe, dass er, wenn er angebrannt wird, nebst den allerglanzendsten Farben, auch gewisse Creuz-Figuren vorspiegelt, welche man ohne die ausserste Andacht nicht betrachten kan.
Darf ich mir, fragte ihn hier der Herr von Ridelo, dieses Chymische Kunst-Stuck mit anzusehen, die Erlaubniss ausbitten? ich bin ehedessen auch ein Liebhaber dieser edlen Kunst gewesen. Wie! gewesen, wiederhohlte hieruber der Herr von Auerthor ganz besturzt, Ew. Excellentz verzeihen mir, wer einmahl sich mit der geheimen Philosophie als ein Liebhaber eingelassen, der kan, so lang er lebet, nicht aufhoren, ein solcher bestandig zu seyn. Ich bin es auch noch, versetzte darauf der Herr von Ridelo, um den schier erzurnten Weisen wieder zu begutigen. Es ist noch nicht gar lang, fuhr er fort, dass ich selbst ein Particular erfunden, Venerem in veram lunam vermittelst eines Mercurialischen Menstrui zu verwandeln: es fehlet mir noch an einem guten Fermento.
Der Herr von Auerthor war ganz entzuckt, an dem Intendanten einen solchen Kenner seiner Wissenschaften anzutreffen: denn man hatte bisher seine geheime Redens-Arten nicht verstanden; obgleich der General ihm zur Kurzweil, Oefen, Brennkolben, Tiegel und Kohlen nach Verlangen herbeyschaffen liess. Nunmehr aber winkte er dem Herrn von Ridelo mit einem freundlichen Blick, und versprach ihm hernach in seinem Laboratorio Dinge zu zeigen, daruber er erstaunen solte. Unter andern ruhmte er sich auch, dass er eine geschwinde Generation des Salpeters erfunden, daruber er bereits dem Herrn Commendanten die Eroffnung gethan hatte. Dieser muste bekennen, dass man nicht leicht ein schoneres Gemengsel von allerhand elementarischen Feuer-Farben sehen konte, als wenn man dem Herrn von Auerthor ein Paar Ducaten in den Tiegel schmiss: der Rauch allein von diesem glanzenden und Wunders-wurdigen Chaos sey nicht nachzumahlen; und gabe genugsam zu erkennen, dass die Natur den Menschen nicht umsonst ihre verborgene Schonheiten zeigte.
Uber diesem Gesprach wurde der General geruffen; er beurlaubte sich deswegen von seinen Gasten, und bat sie, seinetwegen sich nicht zu stohren. Man war einer solchen Freyheit auf dieser Festung gewohnt, dass ein jeder that, was er wolte: einige blieben noch bey dem Wein an der Tafel; andere aber machten sich vor das Camin, rauchten eine Pfeiffe Toback und liessen sich dabey mit Caffee und Thee bedienen. Weil aber der Herr von Ridelo begierig war, die Begebenheit des Freyherrn von Riesenburg zu vernehmen, so begab er sich mit ihm auf des Grafens von Rivera Zimmer, da dann jener seine Erzehlung folgendergestalt anfieng.
Das sechste Buch.
Die Begebenheiten des Freyherrn
von Riesenburg.
Es ist bereits ein halbes Jahr, da ich in gewissen Geschaften meines Vaters, eine Reise nach Monaco thun muste. Ich hatte mich mit meinem eignen Geschirr bis auf die nechste Post bringen und meinen Cammerdiener mit dem Gepack auf der Landgutsche nachkommen lassen: ich hatte niemand als einen Diener bey mir, und ritte die Post: es wurde Nacht, ich war in einem Wald und horte von weitem ein angstliches Geschrey. Ich befahl meinem Postillon still zu halten. Ich horte, dass es Weibsleute waren, deren klaglicher Ton durch das weite Geholz erschallte. Ich hatte ehedessen den Don Quichott gelesen, und dachte hier an den ehrlichen Mann, wie bereitwillig er sich bey solcher Gelegenheit erzeigte, den Nothleidenden beyzuspringen: ich wolte nicht weniger grossmuthig seyn: ich ergriff deswegen eine von meinen Pistolen, rannte damit voraus, und ermahnte meine beyde Gefahrden mir nachzufolgen: diese zitterten vor Furcht, und ich sahe wohl, dass ich mit ihnen schlechte Helden-Thaten verrichten wurde.
Es war dunckel ehe ich michs versah, stiess ich auf Pferde, welche dadurch in Unordnung geriethen: ich horte mich mit einem entsetzlichen Fluch, und einem kraftigen Streich einer klatschenden Peitsche bewillkommen: dass dich dieser und jener hohl, klungen ungefar die mit einer rauhen Kehle ausgestossene Worte, wer rennet mir da in die Pferde? ich merkte bald, dass ich hier meine Pistolen nicht wurde nothig haben; ich steckte sie deswegen wiedeer an ihr Ort, und fragte, was da zu thun ware? Seht ihr dann nicht, war die Antwort, dass hier eine Gutsche umgeworfen ist?
Ich sprang auf diese Nachricht hurtig vom Pferd und gieng nach der Gutsche hin, woraus, so viel ich in der Finsterniss erkennen konte, drey Frauensleute nach einander oben aus dem Schlag gehoben wurden: ich leistete ihnen in dieser angstlichen Bemuhung hulfreiche Hand, und empfieng dafur von ihnen die hoflichste Dancksagungen: die Gutsche wurde darauf wieder in die Hoh gebracht, ich ritte an derselben her: wir kamen in einer kleinen Stunde an den Ort, wo die Post wechselte: das in der Gutschen befindliche Frauenzimmer stieg aus und fragte nach einem guten Quartier: ich hatte auch nicht Lust die Nacht weiter zu reisen; sondern liess mir gleichfalls in demselben Hause ein Zimmer einraumen. Der Wirth fragte mich, ob ich mit dem Frauenzimmer, mit dem ich angekommen ware, speisen wurde? ich sagte, dass er sie deswegen um Erlaubniss fragen solte: ich erhielte solche; wiewohl sich die beyde Damen entschuldigten, dass sie in ihren Nacht-Kleidern waren: das Frauenzimmer pfleget dergleichen Formalien nie zu vergessen; sie hatten nebst einem Cammermagdgen und einem Diener, auch einen Missionarium Apostolicum bey sich. Ich fand an der jungsten eine ausserordentliche Schonheit, sie nannte die Alte ihre Mutter: ich vernahm, dass sie die Frey-Frau von Thurris war, welche in der Absicht nach Monaco reisete, um ihre schone Tochter allda in ein adeliches Jungfrauen-Closter zu bringen: ich fragte deswegen die Fraulein, indem ich ihr scharf unter die Augen sah, ob sie denn so grosse Lust zum Closter-Leben hatte? sie errothete daruber, und konte einem Seufzer, den sie mit Gewalt zuruck halten wolte, nicht verwehren, mir die wahre Beschaffenheit ihres Herzens zu entdecken: sie warf dabey ihre Augen auf ihre Frau Mutter, und liess sie fur sich antworten.
Diese berichtete mir hierauf, dass ihr Sohn die Stamm-Guther von dem Thurrischen Geschlecht besasse. Ihre alteste Tochter ware bereits mit einem Cavallier verheyrathet, dem sie aus den ParapharnalGuthern, und was sie etwa eigenes ihrem seligen Herrn zugebracht hatte, einen kleinen Braut-Schatz zusammen gemacht und mitgegeben hatte; doch solte dem ungeacht auch diese ihre ledige Tochter noch eine feine Mitgift ins Closter bekommen, damit sie darinnen an nichts Mangel haben mogte.
Die Damen erkundigten sich darauf auch nach mir, ich hatte meine Ursachen, mich ihnen nicht vollig zu erkennen zu geben: ich sagte, ich war ein Austrasischer Edelmann, hiesse Rossan, und wolte nach Monaco reisen.
Die Frau von Thurris sagte, dass sie sich erfreute, an mir einen Reis-Gefahrden zu haben; weil sie ebenfalls ihren Weg dahin nehmen wurde. Ich weiss nicht, was derselben an mir gefiel: sie hatte eine Geheimnissvolle Bildung: ihre Stirn war voller Strich und Runzeln; die Augen lagen ihr tief im Kopf: ihr Gesicht bestund aus Haut und Knochen; man sah an ihr nicht den geringsten Uberbleibsel, dass sie jemahls ware schon gewesen. Saturnus herrschte in ihrer ganzen Bildung, der plauderhafte Mercurius aber auf ihren Lippen: wir hatten in diesem Stuck einerley Planeten: sie sprach gern, und ich blieb nicht leicht eine Antwort schuldig: meine Gesellschaft war ihr also angenehm. Sie nothigte mich den andern Morgen einen Platz in ihrer Gutsche zu nehmen, und das Cammermagdgen muste sich bequemen, mir ihre Stelle einzuraumen, und sich unten im Schlag zu meinen Fussen zu setzen.
Ich hatte hier die schone Fraulein bestandig im Gesicht: man wird nie hurtiger zusammen vertraulich als auf der Reise: eine jede Meile, die wir zusammen zuruck legten, war fur uns so viel als ein Jahr Bekantschafft. Die Fraulein, welche ich auf alle Weise aufzumuntern suchte, wurde immer trauriger: ihre Augen, die sie ofters mit einer schamhaftigen, aber durchdringenden Art, auf mich heftete, suchten bey mir ein Mitleiden zu erwecken, welches ich schon hatte. Die Mutter, so finster sie auch unter der Stirne aussah, war um desto aufgeraumter: sie hatte die artigste Einfalle und ihre Lebhaftigkeit forderte gleichsam die meinige heraus.
Ach hatte meine Hand in der Gutsch an einem Riemen hangen: ich merkte, dass die Frau von Thurris mit ihren Augen dahin sah: ihre Raschetten, Herr von Rossan, sprach sie, sind recht gut; sie werden ein alter Mann werden: als sie dieses sagte, reichte ich ihr meine Hand und bat, sie mogte mir etwas gutes prophezeyen: sie besah darauf meine Lineamenten; allein, nachdem sie meinen montem Solarem und die Satellites mit furchterlichen Blicken durchgangen, schuttelte sie den Kopf, und sagte mir, ich mogte mich vor dem Frauenzimmer in acht nehmen; dann eine gewisse Conjunction des Martis drohete mir in der Liebe mit Ungluck. Wir scherzten daruber: ich besah darauf auch der Fraulein ihre Hand: ich muss bekennen, dass ich die Tage meines Lebens keine schonere gesehen: Alle Haupt-Lineamenten zeigten etwas grosses und gluckliches. Ich gab mir das Ansehen eines Erz-Wahrsagers; alle Worte dieser geheimen Wissenschaft waren mir bekannt, und was noch mehr, ich verstunde mich ein wenig auf die Augen. Ich prophezeyte also der Fraulein ganz das Gegentheil von dem, was mir ihre Mutter angedeutet hatte. Ihr Mons Veneris, fieng ich an, schonste Fraulein, ist von einer unvergleichlichen Erhohung; und ich sterbe, wenn sie die Planeten zu etwas anders, als zu der vollkommensten Liebe gezeuget haben. Die gute Fraulein wolte mir solches nicht glauben, sie sagte mit Seufzen, ihr Beruf gieng ins Closter, und die Planeten konnten in den Wegen der Vorsehung nichts andern.
Wir kamen damit an den Ort, wo wir das Mittagmahl hielten: man setzte sich zu Tische. Die zum Closter gewidmete Schone hatte wahrgenommen, dass ich mich nicht, wie sie, nach verrichtetem stillen Gebet, mit dem Creuz segnete. Wie sind sie so wenig andachtig? sprach sie zu mir, mit einem unschuldigen Wesen, sie schamen sich vielleicht, sich fromm zu stellen; oder sind sie wohl gar ein Ketzer? Ich lachelte daruber und sagte nichts: sie erkant daraus, dass ich nicht von ihrer Kirchen war: dieses verursachte bey ihr ein trauriges Nachdenken, davon sie die Empfindlichkeit nicht bergen konte. Mir sassen kaum zusammen wieder in der Gutsche, als ich wieder mit der schonen Fraulein anband. Ich fragte sie ganz ernstlich, was sie doch gedachte im Closter zu machen? ich werde, sprach sie mit einer Errothung, darinn thun, was einem geistlichen Ordens-Frauenzimmer geziemet: ich fragte sie weiter, ob sie denn einen solchen geistlichen Beruf wurklich bey sich empfande, und dessen uberzeugt ware? sie sah daruber aber mahl ihre Frau Mutter an, und uberliess ihr darauf zu antworten: diese schien uber meine Fragen bose zu werden, und sagte mir, ich solte ihre Tochter ungequalt lassen.
Gnadige Frau, fuhr ich fort, sie verzeihen mir, sie sind eine so kluge Dame, ich kan mir nicht einbilden, dass sie bey ihrer Fraulein Tochter einen Closter-Beruf solten entdecket haben: sie ist viel zu schon geschaffen, als dass man mit gutem Gewissen sie in einen Schleyer verhullen, und in die vier Mauren einsperren solte. Die Natur hat mit ihr dergleichen Absichten nicht gehabt; ungluckliche, hesliche Missgeburten, die derselben in der Zeugung misslungen, und andern Menschen nur zum Spott, zum Aergerniss und zur Straffe leben, die solte man in die Closter sperren, und solche nicht zur Schande ihres Geschlechtes auf den Schau-Platz der Welt ausstellen.
Die Frau von Thurris muste, so sehr sie sich auch zwingen wolte, uber meine Einfalle lachen: ihre Fraulein hingegen war noch immer traurig: ich sagte ihr deswegen, sie solte nicht ins Closter gehen: sie wurde darinnen nur die Geistlichen in ihrer Andacht stohren, und dadurch mehr Sunde thun, als wenn sie in der Welt bleiben wurde: ja, was noch mehr, sie wurde alle erlaubte Ergotzlichkeiten dieses Lebens im Closter verliehren, und dargegen noch alles Bose, so die Menschen unglucklich macht, darinnen finden.
Der Missionarius wuste seinen Eifer uber diese meine freye Reden nicht langer zuruck zu halten. So, mein Herr, sprach er, indem er einen erzornten Blick aus seinem schwarzgelben Gesicht auf mich schiessen liess. Sie wollen nur GOtt, was gebrechlich und untauglich ist, zu seinem Dienste wiedmen? Wir leben, war meine Antwort, nicht mehr unter den schweren Satzungen des alten Bundes, der neue hat uns davon befreyet: wir sollen im Glauben ein ehrbares Christliches Leben fuhren: einen andern Dienst verlanget GOtt heutiges Tages nicht von uns: was konten wir arme Geschopfe einem so vollkommenen Wesen geben, von dem wir alles haben und erwarten mussen? Er hat uns geschaffen, um uns gluckselig zu machen: wir werden solches, wenn wir seine Gebotte halten, und in seine Absichten eingehen: alles bestehet bey ihm in der Ordnung: er hat das Weib geschaffen, dass sie soll eine Gehulfin des Mannes seyn; folglich ist das Eh-lose Closter-Leben ein ungebuhrliches Joch, welches man jungen Leuten nur zum Schein der Heiligkeit pflegt aufzuburden.
Sie lesen, mein Ehr-wurdiger Herr Missionarius, fuhr ich ganz gelassen fort, sie lesen in den KirchenGeschichten, wenn und wie die Closter und die Gelubde der Keuschheit sind aufgekommen. Es waren Anfangs einige gutschichtende, aber schwermuthige Leute, welche die Einsamkeit liebten, und den Hass der Welt so weit ausdehnten, dass sie sich des Umgangs mit allen Menschen zu entschlagen suchten: sie krochen in die dickste Walder, baueten sich Hutten an einsamen abgelegenen Oertern, und wurden deswegen fur heilige Leute gehalten: Endlich thaten sich einige solche Einsiedler zusammen, baueten sich kleine Capellen, stifteten besondere Orden, schrieben sich gewisse strenge Regeln vor; und weil der Umgang mit dem andern Geschlecht ein so gar gefahrlich Ding in der Welt ist, so wurde solches am ersten von der Heiligkeit dieser Ordens-Bruder abgesondert.
Die Frauensleute, welche nicht weniger Eifer hatten, den Namen der Heiligkeit zu verdienen, und die Manner an starker Einbildungs-Kraft noch ubertraffen, zeigten den Feinden ihres Geschlechts nicht minder Verachtung: sie bauten, ihnen und der Natur zum Trotz, ebenfalls solche Zellen in den Einoden, und verbotten den Mannsleuten darinnen den Fuss zu setzen. Diese hatten unterdessen die Rechte des Altars sich vorbehalten; womit sie nachgehends auch die Ohren-Beicht verknupften. Die andachtige Schwestern musten sichs also gefallen lassen, und sich gewisse Ordens-Geistliche wehlen, die ihnen Mess lesen, Beicht abnehmen, und sie absolviren konten. Auf diese Weise geriethen also die andachtige Bruder zu den andachtigen Schwestern. Der Satan ist nie geschaftiger, als wenn die Leute auf eine ausserordentliche Weise wollen heilig werden; und man sagt fur gewiss, dass ofters die Vertraulichkeit hier so weit gegangen sey, dass man die geistliche Liebe ziemlich stark in die Empfindungen des Fleisches getrieben hatte.
Diese letzte Worte waren kaum ausgesprochen, so fieng der unwissende Missionarius an, vor Eifer zu schnaufen, und mich einen Unglaubigen und Ketzer zu schelten: in der That waren ihm die Lander der Kirchen-Geschichten sehr unbekant. Ich meynte ihn noch weiter auf der Religions-Carte zurecht zu weisen; allein, die Frau von Thurris ersuchte mich in diesem Streit nicht weiter zu gehen.
Meine Reden thaten indessen eine Wirkung, deren ich mich nicht versehen hatte: wir kamen Abends spat nach Monaco. Die Fraulein, als ich sie nach ihrer Frau Mutter aus der Gutsche hub, druckte mir die Hand, und sagte mir heimlich ins Ohr, dass ich sie in ihrer Religion ganz irre gemacht hatte: ich solte mich aber in Monaco in acht nehmen, und nicht so frey von Kirchen-Sachen reden. Ihre Frau Mutter bedankte sich darauf fur meine Gesellschaft, versicherte mich ihrer Hochachtung, und bat mich bey ihr einzusprechen. Ich sagte auch unserm geistlichen Reis-Gefahrden einige Hoflichkeiten, und entschuldigte bey ihm meine Freyheit im Reden. Er beantwortete solche mit einer gezwungenen Freundlichkeit; ich entdeckte aber in seinen schwarz-dunkeln Augen etwas, das mir zu erkennen gab, dass er nicht gut zu beleidigen war.
Ich nahm mein Quartier unweit den Jesuiten: und gieng den andern Tag ein wenig in der Stadt herum: es war Abend, als ich in dem Gast-Hause zuruck kam: ich horte in der nah dabey gelegenen Kirche Music: ich gieng dahin: die Kirche war, wegen eines vorgefallenen Festes, mit kostbaren Tapeten ausgeschmucket und ganz mit Lichtern erhellet: die anmuthigste Stimmen erklungen in den Choren und hinter den Altaren: ich fand bey allen diesen Dingen eine wurckliche Andacht: mein Gemuth war beweget: ich spurte einen heimlichen Zug, GOtt auch in dieser sinnreichen Pracht der Menschen zu loben: ich gieng in einen Stuhl, wo sich vor den Knien ein Bret fand, auf welchem man solche fuglich biegen, und ein anders, worauf man die Hande stutzen konte: ich setzte meinen Leib in eine solche andachtige Stellung, und schickte meine Seufzer ohne Heucheley in diesem mir fremdem Gottesdienst gen Himmel: niemand kante mich hier, und ich fand, dass ein zierlicher TempelBau und eine wohlklingende Harmonie sich nicht ubel zur Andacht schicken.
Ein wohlgekleidetes Frauenzimmer, das vom Altar herkam und zur Thure hinaus gehen wolte, erblickte mich in dieser Stellung: sie stund ein wenig still, und gieng damit auf mich zu; sie warf sich neben mir auf die Knie, that ein kurzes Gebet, wand hernach die Augen auf mich und sagte zu mir: wie, Herr von Rossan, ist es ihr Geist, oder sind sie es selbst? was machen sie hier in unsrer Kirchen? ich erkante sie sogleich fur die Fraulein von Thurris: ich wolte aufstehen, und ihr meine Ehrerbietung bezeigen; sie aber bat mich in meiner Stellung zu bleiben: sie sagte: so gefiel ich ihr wohl, und sie wunschte nichts mehr, als mich hier in Ernst andachtig zu sehen: ich versicherte sie, dass ich solches war, und dass ich mich glucklich schatzte, sie dabey zum Zeugen zu haben.
Ach mogt ich sie doch bekehren! sagte sie zu mir, aus dem besten Herzen von der Welt, was wolt ich nicht darum geben? dieses ist sehr grossmuthig, gnadige Fraulein, war meine Antwort; allein, wurden sie sich auch meines zeitlichen Wohlseyns gleichfalls annehmen? sie erklarte sich darauf, dass es ihr leid war, mir in diesem Fall mit nichts anders, als mit ihrem Gebet dienen zu konnen. So wollen sie denn doch eine Nonne werden? fragte ich sie weiter. Sie kehrte hierauf ihre Augen nach mir und seufzete: ich verwies ihr dieses Stillschweigen; sie fragte, was ich ihr denn riethe zu thun? sie hatte ausser mir in der Welt noch niemand gefunden, der ihr diesen Beruf schwer gemacht hatte.
Diese Worte ruhrten mich: ich konte mich langer nicht zuruckhalten, ihr meine Liebe zu erkennen zu geben. Wohlan, schonste Fraulein, sagt ich ihr, so bleiben sie denn fur mich in der Welt und lieben mich. Diese Erklarung setzte das gute Kind in eine ungemeine Bewegung: sie reichte mir mit Zittern ihre rechte Hand, und sagte mir mit dem allerernstlichsten Blick: ich beschwore sie bey dem GOtt, den wir beyde hier verehren, dass sie meiner Neigung, die ich ihnen auch wider meinen Willen zeige, nicht missbrauchen. An statt ihr darauf zu antworten, neigte ich meinen Mund, und kuste ihre Hand: sie zog solche mit ihrem Schnuptuch in die Hoh, wischte damit die Thranen ab, welche ihr in die Augen drangen, und bat, ich solte mich in acht nehmen, weil man uns beobachten konte.
Wir stunden auf: ich hatte mit der Fraulein abgeredt, uns einander hinfuhro mehr an diesem Ort anzutreffen. Ich fuhrte sie damit auf ihre Gutsche; ich besuchte darauf auch ihre Frau Mutter. Mein Cammerdiener war unterdessen mit meinen Sachen angekommen; ich gieng also zu einigen Hofrathen, bey welchen ich das Geschafte meines Vaters zu treiben hatte: ich versprach ihnen in seinem Namen eine nachdruckliche Erkenntlichkeit, wenn sie ihm bald wurden Recht wiederfahren lassen: diese Herren lobten meine Hoflichkeit, und binnen 14. Tagen hatte ich meine Ausfertigung.
So lang ich konte, hielt ich meinen wahrhaften Namen bey der Frau von Thurris und ihrer Fraulein Tochter verborgen: ich bediente mich keiner Gutsche und keiner prachtigen Kleidung, ob ich gleich deren welche mit mir genommen hatte, um bey Hofe zu erscheinen: ich machte mich bey ihnen so klein und so unvermogend, als es immer der Wohlstand leiden mochte: ich wolte dadurch die Fraulein und ihre Frau Mutter auf die Probe stellen, ob sie mir auch aufrichtig wohl wolten.
Ich hatte das Vergnugen, dass mir die Mutter antrug, mich, wenn ich Lust hatte, an dem Monakkischen, oder auch an dem Licatischen Hofe in Diensten zu bringen; weil sie, wie sie sagte, wichtige Freunde an diesen beyden Hofen hatte. Ich kuste ihr fur diese grossmuthige Sorgfalt die Hand: ich sagte ihr aber zugleich, dass ich wohl wuste, dass man an diesen Hofen keine Kertzer in Diensten nehme. Ja, antwortete sie halb im Scherz, Monsier Rossan muste sich bekehren. Bekehren! wiederholte ich, gnadige Frau, mich bekehren von einer Secte zur andern, was wurde dadurch mein Herz gebessert werden? dem ungeacht setzte ich darzu, wolte ich mich allenfalls so betragen, dass ich niemand keinen Anstoss geben wurde.
Sie liess mich darauf mit ihrer Tochter allein: ich fragte sie, ob sie den Rossan noch ein wenig liebte? nur allzuviel fur meine Ruh, gab sie mir zur Antwort: wenn ich denselben aber konte glucklich machen, so wurde ich so vergnugt seyn, als viel ich jetzo leide: wie so, wertheste Fraulein, erwiederte ich, wenn sie mich lieben, so ist mein Gluck schon gemacht, denn ich suche bey ihnen nichts anders. Was wollen wir aber anfangen, fuhr sie seufzend fort? wie sie sagen, so haben sie kein Vermogen; und obgleich meine Frau Mutter ihnen bereits gesagt hat, dass ich von ihr, besonders aber von ihrer Schwester, der Grafin von Iserlo, noch etwas zu hoffen hatte, so ist doch die Unbarmhertzigkeit und der Eigennutz meiner beyden Geschwister dermassen gross, dass sie mich deswegen ins Closter thun wollen, um dermahleinst die Erbschaft unter sich allein zu theilen. Meine Frau Mutter, fugte sie hinzu, konte ihnen allenfalls wohl zu einem Dienst bey Hofe verhelfen; allein, sie sind nicht von unsrer Religion, und also wird es damit schwer hergehen: wolten sie mir zu Liebe ihren Glauben andern, so weiss ich nicht, was mich zuruck halt, ihnen solches zu rathen: es scheinet mir dieses fur einen verstandigen Edelmann, wie sie sind, zu niedertrachtig; zumahl, da sie die Irrthumer von unsrer Kirchen wissen, und mir zu aufrichtig scheinen sich zu verstellen.
Das erhabene Gemuth und die reine Vernunft, welche mir meine geliebte Mariane, so nannte sich die Fraulein, bey dieser Gelegenheit blicken liess, machten mich zum zartlichsten Liebhaber von der Welt. Wir waren beyderseits von der Heftigkeit unserer Leidenschaft dermassen eingenommen, dass wir uns einander eine immerwahrende Treue schwuren, es mogte auch kommen, wie es wolte. Ich konte mich nicht enthalten, diese Versicherungen mit einigen Liebkosungen zu begleiten.
Die Frau von Thurris trat eben ins Zimmer, da ich ihre Tochter umarmte. Wie! sprach sie, meine Tochter, wie! seyd ihr mit dem Herrn von Rossan so vertraulich? sie wolte uns daruber ihre Verachtung zu erkennen geben, als wir beyde uns zu ihren Knien warfen, und sie mit den beweglichsten Gebehrden ersuchten, unserer unschuldigen Liebe nicht zuwider zu seyn.
Ihr Kinder! fieng sie darauf mit einem besanftigten Wesen an: eure Liebe verblendet euch: dergleichen Sachen lassen sich so geschwinde nicht thun. Es ist nicht genug, mein lieber Herr von Rossan, dass sie meine Tochter als ein tugendhafter Edelmann lieben: wovon wollen sie leben? sie werden schwerlich ihre Religion verandern wollen, und ohne dieses Mittel sehe ich keine Hoffnung, sie hier am Hofe unterzubringen.
Die groste Schwierigkeit ist, fuhr sie fort, dass ich meinem Sohn und meiner altesten Tochter das Wort gegeben habe, Marianen allhier ins Closter zu bringen. Mein Sohn ist insonderheit ein gar wilder und ungestummer Mensch, der keine Vernunft und keine Billigkeit verstehet. Mariane im Gegentheil ist das beste Gemuth von der Welt: man hat von Jugend auf bey ihr eine gewisse Gottesfurcht und Sittsamkeit gespuret, woraus man geschlossen, dass sie sich fur nichts anders als fur das Closter schicke; sie war bey meiner Schwester in der Einsamkeit und in lauter Andachts-Ubungen erzogen worden: sie kante also die Welt nicht, und meynte deswegen auch darinn nicht viel zu verliehren: ich merkte aber bald, dass sie ein heimlicher Kummer nagte; und als die Zeit herbey kam, dass ich sie hieher bringen wolte, um ihr ProbJahr anzufangen; so bekante sie mir, mit Aussturzung vieler Thranen, dass sie einen Abscheu vor dem Closter hatte. Meine Mariane dauerte mich von Herzen: ich konte mich nicht entschliessen, ihr die geringste Gewalt anzuthun: ich furchte mich nur vor meinem unartigen Sohn.
Ich brachte sie also hieher, in der Absicht, sie zwar in das Closter zu fuhren; unterdessen aber mit meiner Schwester auf Mittel zu sinnen, wie wir sie, vor ihrer Einkleidung, von einem ihr so verhasten Gelubde noch befreyen mogten. Ich glaubte, der Himmel habe mir solche durch sie, mein lieber Herr von Rossan, entdecken wollen: sie haben Verstand und Wissenschaften: ich hatte ihnen hier bey Hofe Freunde und Schutz erwerben wollen; allein, so sind sie nicht von unserer Religion, dieses verwirret mir alle meine gemachte Anschlage.
Ich dankte der Frau von Thurris auf das verbindlichste fur diese so gutige Erklarung: ich sagte, ihr Herr Sohn wurde sich gleichwohl mussen weisen lassen, wenn man seine Gerechtsame nicht antasten wurde. Ach! liebster Herr von Rossan, sagte Mariane: sie kennen meinen Bruder nicht, er ist ein gantz abscheulicher Mensch; und sie werden hier kaum sicher seyn, wann er erfahren solte, dass sie bey uns einen so freyen Zutritt hatten.
Wir nahmen darauf unsere Abrede, dass ich, so bald mein Geschaft bey Hofe zu Ende seyn wurde, mich wieder nach Hauss begeben, die Fraulein aber zum Schein einige Wochen ins Closter gehen solte. Nach Verfliessung einiger Wochen solte sich die Fraulein beklagen, dass sie sich nicht wohl befande, und dadurch ihre Frau Mutter nothigen, sie wieder nach ihrer Schwester, der Grafin von Iserlo, zu bringen. Biss dahin solte ich mich bey meinem Hof um einen guten Dienst bewerben, und alsdan ihre Tochter bey obgemeldeter Grafin abholen.
Also war mein Handel mit dieser Fraulein geschlossen, da ich kaum noch drey Wochen in Monaco mich aufgehalten hatte. Ich glaubte, dass es nun Zeit seyn wurde, mich derselben naher zu entdecken.
Ich liess zu dem Ende fur mich eine prachtige Gutsche mieten, nahm zu meinem Leibdiener noch einen Lehn-Laquayen, und gab ihm gleiche Liberey mit dem meinigen, sie war roth mit buntfarbigen und silbernen Schnuren reich besetzt; ich hatte ein Kleid, welches fur eines der schonsten und kostbarsten auch selbst zu Panopolis gehalten wurde. Eh ich also nach Hof fuhr, liess ich mich des Morgens bey der Frau von Thurris unter meinem rechten Namen melden. Weil mein Vater Ober-Befehlshaber in Australien ist, so waren wenig Leute vom Stande in Monaco, die meinen Namen nicht kanten. Die Frau von Thurris erschrack demnach, wie man ihr sagte, der Freyherr von Riesenburg hielte vor ihrer Thur, und wolte bey ihr seine Aufwartung machen.
Weder sie, noch ihre Tochter, waren also angekleidet, dass sie sich vor einem fremden Cavalier wolten sehen lassen; sie schlugen deswegen meinen Besuch ab, und baten sich die Ehr auf ein ander mahl aus. Ich war aber schon ausgestiegen und gieng der Treppen hinauf: die Bedienten erkanten mich; ich winkte ihnen, sie sollen nichts sagen: ich trat also in der Frau von Thurris ihr Zimmer; sie aber floh zu der einen und ihre Tochter zu der andern Thur hinaus: beyde setzten sich an ihren Nacht-Tisch, und suchten erstlich vor ihrem Spiegel sich zu berathen, ob sie vor einem so kuhnen Fremdling sich wolten sehen lassen.
Mariane war noch in dieser Besturzung, als das Cammermagdgen bey ihr anklopfte, und sie bat aufzumachen; sie rief mit leiser Stimme: es war gar ein schoner Herr da; sie wolte sie hurtig aufsetzen, damit sie sich konte sehen lassen: die Fraulein machte ihr in der Ungedult auf, und wolte sie eben daruber ausschelten, dass sie einen fremden Herrn wider ihren Befehl herauf gelassen hatte; als ich ihr um den Hals fiel. Erkennet mich, liebste Mariane, redete ich sie an, ich werde euch ja unter dem Namen von Riesenburg nicht abscheulicher vorkommen, als unter dem von Rossan. Wie! fragte sie ganz besturzt, Rosson ist nicht Rossan mehr? er kan mich betrugen? o ungluckselige Mariane.
Sie setzte sich darauf auf einen Stuhl, legte ihr Haupt in ihre Hand auf den Tisch und wolte mich nicht ansehen: ich setzte mich neben sie: was wollen sie sagen? meine wertheste Fraulein, sprach ich zu ihr. Ich habe mir eingebildet, sie liebten mich, und nicht meinen Namen. Ich erzehlte ihr darauf alles, was meinen Zustand betraff: ich vermeynte sie dadurch in eine angenehme Verwunderung zu setzen: allein die Thranen kamen ihr in die Augen, sie weinte: ich wuste nicht, was ich ihr sagen solte. Ich habe gehofft, mein Herr, fieng sie an, ich wurde ihr Gluck machen, und sie dadurch so fest an mich verbinden: dass sie nothwendig dafur mich lieben musten: Mit dieser sussen Hofnung hab ich mir nun vergeblich geschmeichelt: Rossan ist nicht Rossan mehr, er kan sich verstellen: er kan eine andere Person annehmen: der Freyherr von Riesenburg wird sich nun so viel Muhe nicht mehr um mich machen.
Die Thranen rollten ihr noch von ihren schonen Wangen, als ihre Mutter zu uns kam. Wie, Monsieur Rossan! redete sie mich verwundernd an, was soll dieses bedeuten? wie so prachtig, und unter welchem Namen erscheinen sie hier? Gnadige Frau, war meine Antwort, nachdem sie mir die Gnad erwiesen, und mir die unvergleichliche Mariane versprochen haben; so kan ich nicht wohl geringer aufziehen: eine kleine Herrschaft Rossan, davon ich mich bisher genennet, wird ihnen verhoffentlich den einzigen Sohn das Freyherrn von Riesenburg, Ober-Befehlshaber in Australien, nicht zuwider machen. Ich erklarte ihr darauf dieses Geheimniss deutlicher, und sie schien mit dieser kleinen Erhohung ihres zukunftigen Tochtermanns nicht ubel zufrieden zu seyn; zumahl, da sie dadurch der Sorgen entsetzet wurde, mich an einem Hof unterzubringen, und um meine und ihrer Tochter Lebsucht sich zu bekummern.
Ich fuhr darauf nach Hof: man erwies mir daselbst viel Ehre. Die ubrige Zeit verbracht ich meistens bei meiner liebsten Marianen: ich fuhr etlichemahl des Abends mit ihr spatzieren; sonst aber hielten wir unsern Umgang so geheim, als es moglich war. Nachdem ich also 6. Wochen in Monaco mit grostem Vergnugen zugebracht hatte, machte ich Anstalten zu verreisen.
Ich nahm von Marianen Abschied. Ich erinnere mich dessen nie ohne ausserster Bewegung: sie blieb ganz erstarret vor mir stehen, sie sprach kein Wort, sie vergoss keine Thranen: die Safte waren in ihren Augen wie vertrocknet: ich hatte sie lieber weinen sehen: ich kuste sie, und sie druckte mir die Hand: darinne bestunde ihre ganze Bewegung. Ich schlich mich unvermerkt von ihr weg: die Frau von Thurris war so erweicht, dass sie weinen muste: sie begleitete mich bis an die Treppe: ich empfahl ihr Marianen und verreiste.
Das Herz war mir so dick, und ich fuhlte in der beklemten Brust eine solche ungewohnliche Unruh, dass ich nicht sah, wo ich hinfuhr. Ich kam den andern Tag glucklich zu meinem Vater, der sich damahls auf seiner Herrschaft, unweit Auracum, befand. Dieser wolte Anfangs meine Liebe zu der Fraulein von Thurris durchaus nicht gutheissen; er hatte mit mir andere Absichten: die beste Grunde gelten nicht, wo einmahl der Verstand mit Vorurtheilen eingenommen ist: dem ungeacht, so bracht ich es endlich durch meine Vorstellungen so weit, dass er auf gewisse Bedingungen darein willigte.
Mein daruber empfundenes Vergnugen dauerte nicht lang: ich hatte an die Fraulein von Thurris gleich nach meiner Ankunft geschrieben, und von ihr noch keine Antwort bekommen. Dieses war unserer gepflogenen Abrede ganz zuwider: ich sandt deswegen meinen Cammerdiener nach Monaco: dieser kam nach einigen Tagen, weil er die Post geritten war, wieder zuruck, und brachte mir die grausamste Zeitung von der Welt, dass die Fraulein von Thurris von ihrem Bruder war entfuhret worden, und dass niemand, auch sogar ihre Frau Mutter nicht wuste, wo er sie hingebracht hatte. Diese Dame war daruber in Verzweiffelung, und liess mich bitten, so bald es mir moglich seyn konte, nach Monaco zuruck zu kommen.
Ich war uber diese Nachricht dermassen besturzt, dass ich alle Muh von der Welt hatte, einen Entschluss zu fassen, der meinem Muth und meiner Pflicht gemass war. Ich befahl meinem Cammerdiener, nichts von allem dem, was er wuste, meinem Vater zu entdecken: einige Stunden hernach liess ich mir meine beste Pferde satlen; ich sagte, ich wolte auf die Jagd reiten: mein Cammerdiener, ein Jager und ein Reitknecht mit einem Hand-Pferd begleiteten mich, ich nahm meinen Weeg gerade nach Monaco: ich kam spat in ein Nachtlager: ich fand unten in der Gast-Stuben einen Bedienten, welcher die Thurrische Liberey hatte: ich fragte ihn, wem er zugehorte? er sagte, dem Freyherrn von Thurris: auf mein ferneres Fragen: wo er hin wolte, gab er mir die Nachricht, dass sein Herr morgen fruh da eintreffen, und seine Reise weiter bis nach Auracum fortsetzen wurde. Ich zweiffelte hierauf nicht, dass mich der Herr von Thurris aufsuchen wolte.
Ich hatte diese Nacht wenig geschlaffen: hundert verwirrte Vorstellungen beunruhigten meine ganz auseinander gebrachte Fantasie: ich schwur dem Rauber meiner Schonen bald den Tod, bald dachte ich auf Mittel ihn zu gewinnen. Ich stund mit anbrechendem Tag von meinem Lager auf, und war von den vielen Traumen ganz entkraftet.
Ich machte mich damit auf den Weg: ich war kaum etliche Stunden fortgeritten, so begegnete mir ein junger Mensch zu Pferd mit einem Jager: er hatte ein ungluckliches und wildes Ansehen: als ich ihn begruste, sagte er mir ganz trotzig: grossen Dank; und ruhrte dabey kaum den Hut. Ich hatte keiner weitern Nachricht nothig, dass er der Herr von Thurris sey: wie! dacht ich bey mir selbst, wer solte diesen Menschen fur einen Bruder der allerhuldreichsten und anmuthigsten Schonheit ansehen? seine seltsame Gebahrdung, sein aufgeworfenes Maul, seine grosse Augen, womit er mich anblickte, hatten in der That etwas barbarisches: ich wagte es unterdessen, ihm meinen Diener nachzuschicken, um ihn zu befragen, ob er der Baron von Thurris war; in welchem Fall ich mir die Ehre ausbitten wolte, ihn zu sprechen.
Mein Cammerdiener naherte sich demselben mit der grosten Bescheidenheit: er hatte ihm aber auf sein Befragen nicht so bald entdecket, wer ich war; so kam er, als ein Rasender, mit aufgespanneter Pistole, auf mich zugerant. Da er mich erreichet, druckte er den Hut tief in den Kopf: Ha! Verrather! war seine Anrede, find ich dich allhier? hast du meine Schwester konnen verfuhren, so zeige nun auch, ob du eben so leicht dein Leben vertheidigen kanst.
Ich wolte ihm auf diese tolle Anrede mit Vernunft antworten: ich betrachtete ihn als den Bruder meiner geliebten Marianen: Mein Herr, sagt ich zu ihm, ganz gelassen, last uns einander nicht schimpfen: ich liebe ihre tugendhafte Fraulein Schwester, als ein ehrliebender und redlicher Cavalier. Was Ketzer! schrie dieser voller Wuth, sprich mit deiner Pistole, wenn du Herz im Leibe hast; anders begehr ich nicht mit dir zu reden: indem er dieses sagte, schoss er auf mich, dass mir die Kugel am Kopf hinsauste: ich machte mich darauf so hurtig wehrhaft, als ich konte. Gilt dieses, Bosewicht, fuhr ich im Zorn heraus, und schenkte ihm eine Kugel, die ihn vom Pferd herunter sturzte.
Ich rief alsobald meine Leute und seinen eigenen Kerl, bey dieser Handlung zu zeugen, dass ich zu diesem Zweykampf ware gezwungen worden. Wir suchten darauf dem verwundeten Leichnam dieses ungluckseligen jungen Edelmanns noch zu Hulfe zu eilen; allein ich hatte ihn mitten durch die Brust geschossen: er war Knall und Fall todt.
Sein Knecht hielte ihm allhier eine kurze LeichenRede. Der Inhalt davon war dieser: Ihr Caplan, sprach er, hatte immer gesagt: GOtt war ein gerechter GOtt, der das Bose nicht ungestraft liess: sein Herr hatte ein so gar ruchloses boses Leben gefuhret, dass schier kein ehrlicher Mensch mehr bey ihm hatte dienen wollen; er war selbst noch denselben Tag Willens gewesen, von seinem Herrn wegzulauffen, nun hatte derselbe seinen verdienten Lohn von meiner Hand bekommen. GOtt mogte seiner armen Seel genadig seyn.
Ich liess darauf den ertodteten Leichnam nach dem nachsten Dorf bringen, und reiste wieder zuruck nach Haus. Ich empfand uber diese traurige Begebenheit in meinem Gemuthe einen so beisenden Schmerzen, dass ich mich nicht zu trosten wuste. Was wird, sprach ich bey mir selbst, die Frau von Thurris sagen, dass ich ihren Sohn entleibet habe? wie wird meiner armen Marianen daruber zu Muthe seyn? wird sie ohne Grausen und Entsetzen an ihren Bruder-Morder gedenken? wird sie denselben auch noch lieben konnen? Und wenn gleich in diesem Fall, wie ich glaube, auch ihre Regungen fur mich die Oberhand behalten solten, wurden ihr jemahls der Wohlstand und die Gesetzen erlauben, demjenigen die ehliche Hand zu geben, der die seinige mit dem Blute ihres einzigen Bruders bespritzet hat?
Mit diesen Kummer-vollen Gedanken kam ich wieder auf meines Vaters Schloss. Die Sache mit dem Baron von Thurris wurde allenthalben ruchtbar: der Zweykampf war noch binnen den Grantzen dieses Konigreichs geschehen. Ich wolte daruber mich den Wirkungen des vaterlichen Zorns nicht aussetzen; mein Vater ist, wie bekant, ein rauher heftiger Mann. Ich hatte Ursach mich vor ihm zu furchten. In meinem Gewissen fund ich mich unschuldig; ich wolte deswegen nicht das Konigreich raumen: ich verliess mich auf GOtt und meine gerechte Sache: ich begab mich deswegen, als ein freywilliger Gefangener auf diese Vestung, und verhoffe, nachdem die Sache nunmehro mit allen gerichtlichen Untersuchungen und Abhorungen der Zeugen, nach Hofe ist versandt worden, bald wieder zu meiner vorigen Freyheit zu gelangen; weil es hie ganz offenbar ist, dass ich in den Umstanden einer unumganglichen Nothwehr mich befunden hatte.
Mein Vater vernahm, so bald ich ohne Abschied von ihm gereiset war, den ganzen Handel: ich bat ihn deswegen in Briefen mit den demuthigsten und zartlichsten Ausdruckungen um Verzeihung, und hofte, er wurde sich meiner annehmen; er verwies mir aber nicht allein, die ohne seinen Willen und Rath unternommene Reise nach Monaco; sondern versagte mir auch sogar allen Schutz und Beystand. Doch, wie ein Vater allzeit Vater ist, so vernehm ich jetzo, dass er sich ins Mittel geschlagen hat; und dass also mein Process ehestens zu Ende gehen werde.
Das siebende Buch.
Nachdem der Herr von Riesenburg hiemit seine Erzehlung zu Ende gebracht hatte, verfugte sich der Herr von Ridelo mit dem Grafen auf sein Zimmer, und wiederhohlte demselben alles, was er ihm bereits bey seiner Ankunft eroffnet hatte, mit beygefugter Bitte, er mogte sich die Nacht wohl daruber beschlafen, und ihn morgen mit einer guten Antwort abfertigen.
Der andere Tag erschien, aber nicht zu des Herrn von Ridelo vermeynter Abreise. Der General hatte sich denselben noch ausgebeten, und diesem Herrn zu Ehren eine grosse Gesellschaft des benachbarten Adels auf das Schloss bitten lassen. Man speisete Mittags in einem grossen Saal, dessen Wande mit feinem Wachstuch bekleidet waren, worauf man die vornehmste Schlachten und Kriegs-Thaten der vorigen Konigen, sehr kunstreich abgemahlet sah. Unter wahrender Tafel liess sich eine vortrefliche Music horen: die Gesellschaft war sehr zahlreich: es befanden sich darunter allerhand Menschen, von beyderley Geschlecht: man blieb bis in die Nacht beysammen: man belustigte sich, theils mit Spielen, theils mit Tanzen, theils aber mit allerhand Gesprachen.
Der Graf von Rivera gieng von einem Hauffen zum andern; er vernahm allerhand Urtheile und Meynungen; er sah, dass unter so viel Personen sich wenige fanden, die von einer Sache sich richtige Begriffe machen konten, und die folglich vermogend waren, eine Wahrheit grundlich einzusehen. Die Einbildung, die ein jeglicher von sich selbst und seiner eigenen Vortreflichkeit hatte, war die Quelle, woraus auch bey dieser Zusammenkunft die meiste Reden flossen: es suchte immer einer den andern in die Schule zu fuhren, oder gar lacherlich zu machen; und wer am meisten sprach, und durch seine Thorheiten andere lachen machte, der gab sich selbst die Stimme, dass er unstreitig der Klugste von allen sey. O ungluckseliger Verstand! seufzete hier der Graf bey sich selbst, ist dieses der wurdige Gebrauch einer so edlen Gabe, damit uns GOtt von den unvernunftigen Thieren unterschieden hat?
Der Herr von Ridelo machte sich, ehe er den Grafen verliess, noch einmahl an denselben: er setzte seinen vorigen Beweg-Grunden, damit er ihn zur Unterwerfung in des Konigs Willen zu bereden suchte, noch andere hinzu; allein, es war umsonst: der Graf sagte ihm; er wolte sich gern in allen Stucken weisen lassen, und dem Konig seinen Gehorsam erzeigen, sein Herz aber litt durchaus keinen Zwang: er hielt dafur: ein redlicher Mann muste sich nicht anders, als aus Neigung heyrathen: der Konig hatte uber alle seine Handlungen zu befehlen, die nicht wider die Aufrichtigkeit des Herzens stritten; er hielt die Eh fur einen Stand, worinn nicht nur die genaueste Liebe und Vertraulichkeit herrschen solten; sondern wo zugleich auch die nothwendigste Pflichten der menschlichen Gesellschaft zu beobachten vorkamen. Es konte seyn, setzte er hinzu, dass diese Art zu denken, nach der heutigen Welt, etwas gemeines und niedertrachtiges hatte. Unterdessen aber konte er um so viel weniger andern Lebens-Regeln folgen, weil sie ihm noch weit gefahrlicher als diese schienen.
Der Herr von Ridelo beklagte die Unschuld des Grafens so sehr, als er dessen Tugend bewunderte. Er nahm von ihm Abschied, und als er sich seine bestandige Freundschaft ausgebeten, und ihn auf das zartlichste umarmet hatte, reiste er ziemlich missvergnugt, wegen seiner schlechten Verrichtung, wieder nach Panopolis.
Gleich nach seiner Ankunft fuhr er zu dem Herzog von Sandilien. Dieser war ubel zu frieden, da er horte, dass sein Anschlag nicht glucklicher von statten gehen wolte. Der eigensinnige Graf, stiess er aus Unmuth heraus, ist selber Schuld an seinem Ungluck. Ich habe es recht gut mit ihm gemeynt: ich weiss nicht, wie ich die Sache dem Konig soll vorbringen, dass er daruber nicht von neuem wider ihn aufgebracht werde; ja ich besorge anjetzo die Ausbruche seines Zorns noch mehr als zuvor; weil der Graf dessen groste GnadenBezeugungen so trotzig ausschlagt, und dadurch den Konig destomehr in seinem gegen ihn gefasten Argwohn starket. Der Herr von Ridelo suchte alles in der Welt zu des Grafens Entschuldigung anzufuhren: er bat, und beschwur den Herzog, diesen tugendhaften Cavalier in seinen Schutz zu nehmen, und verliess ihn nicht eher, als bis ihm der Herzog solches versprach.
Der Konig verlangte sehr zu vernehmen, was der Herr von Ridelo bey dem Grafen von Rivera wurde ausgerichtet haben. Der Herzog von Sandilien suchte demselben die Sache so glimpflich, als es ihm nur moglich war, vorzutragen; allein der Konig liebte, er war eifersuchtig, und hatte es Ursach zu seyn. Dieses bedrohete den Grafen mit der aussersten Gefahr.
Der Herzog wuste nicht, wie er sich diese Begebenheit bey seiner Base zu Nutz machen solte: er hatte den Herrn von Ridelo gebeten, die Sache verborgen zu halten; und weil der sonst plauderhaften Corinna selbst daran gelegen war, dass davon nichts bekant wurde; so suchte er seine Base glauben zu machen, der Graf wurde sich mit der Herzogin von Salona vermahlen. Er hofte sie dadurch zu bewegen, dass sie sich desto leichter fur den Konig erklaren solte. Die Grafin von Monteras aber schutzte ihre fortdaurende Unpaslichkeit vor, und begab sich wieder nach Prato zu ihrer Frau Mutter.
Des Konigs Zorn wuchs durch die Kaltsinnigkeit der Grafin und durch ihre Abreise. Dessen Eifersucht gegen den Grafen von Rivera gieng so weit, dass er auf Mittel sann, ihn heimlich aus dem Weg zu raumen: das Blut eines Unterthanen ist in den Augen eines Konigs etwas geringes, wenn er sich von ihm beleidiget zu seyn glaubet. Nur wuste der Konig nicht, wem er sich in dieser Sache vertrauen solte; zu dessen Ausfuhrung er sich keines andern Menschens, als eines Verrathers bedienen konte. Silon kam ihm daruber in die Gedanken: er fand ihn zu solchen Verrichtungen, die durch List und Betrug musten getrieben werden, uberaus geschickt: er entdeckte ihm sein Anliegen, und fragte ihn, wie er dieses ihm so verhasten Mitbuhlers am besten los werden konte. Dieser hatte darzu sogleich hundert verwegene Anschlage; der Konig aber, der heimlich noch etwas von einem guten Grund in sich hatte, konte sich zu keinem derselben entschliessen.
Endlich ereignete sich eine Gelegenheit, wobey der Konig glaubte, seine Absichten, in Ansehung des Grafens, am ersten zu erreichen. Es hatte sich zwischen ihm und dem Konig von Licatien ein Krieg entsponnen. Dieser war ihm wegen einer gewissen Grafschaft, darauf er Anspruch machte, mit einem Heer von 25000. Mann ins Land gefallen.
Man hatte sich dieses feindlichen Einbruchs so bald in Aquitanien nicht versehen: alles, was man dabey thun konte, war, dass man die Vestungen mit Volk besetzte, und ein tuchtiges Kriegs-Heer zusammen zu bringen suchte, solches dem Feind entgegen zu stellen. Der Schrecken und die Verwirrung war ungemein, es fehlte an allem; keine Mannschaft war auf den Beinen, kein Geld in der Schatz-Cammer; die meisten Unterthanen waren arm, und die Reichen schutzten meistentheils ihre Freyheiten vor, wenn sie zur gemeinen Sache etwas mit beytragen solten.
Der Konig erinnerte sich bey diesen Umstanden des Grafens von Rivera, welcher ihm ofters vom Krieg und der Nothwendigkeit eine ordentliche und wohlgeubte Mannschaft bestandig auf den Beinen zu halten gesprochen, und dass ihm darinn der General Lesbo stark wiedersprochen hatte. Der Konig vermeynte also dem Grafen ein Netz zu stellen, wenn er ihn zu einem Befehlshaber bey seinem Kriegs-Heer bestellen, und ihm die gefahrlichste Posten wurde anvertrauen lassen.
Als der Konig dieses Vorhaben dem Herzogen von Sandilien entdeckte, merkte dieser bald, wohin der Konig zielte: so ehrsuchtig er auch war, so konte er doch nicht grausam seyn: er machte dem Konig deswegen allerhand Einwurfe: er sagte ihm unter andern: dass der Graf bey dem Krieg nicht ware hergekommen, dass er in solchen Sachen keine zulangliche Erfahrung hatte: und dass die alte Officiers nicht gern unter ihme dienen wurden.
Der Konig antwortete hierauf dem Herzogen, dass des Grafens Geburt ihn zu den obersten Kriegs-Aemtern fahig machte: dass er in dem Hesperischen Krieg, als ein Freywilliger, einige Feld-Zuge mitgethan hatte; dass er die Kriegs-Bau-Kunst aus dem Grund verstunde; dass also kein Officier sich es durfte missfallen lassen, unter ihm zu dienen.
Der Herzog von Sandilien konte hierwider nichts einwenden; er sandt demnach auf des Konigs Befehl einen Koniglichen Geheim-Schreiber an den Grafen, und liess demselben nicht nur des Konigs Gnade durch ihn ankundigen; sondern auch das Patent eines General-Wachtmeisters uberbringen. Weil es in Aquitanien etwas gewohnliches ist, dass der hohe Adel in KriegsLauften mit zu Felde ziehet, und eigne Regimenter anwirbet; so kam dieser kriegerische Beruf dem Grafen nicht so gar fremde vor: er bedankte sich fur die besondere Gnade, und das darunter ihm bezeigende Vertrauen des Konigs. Er hofte demselben in diesem Krieg gute Dienste zu thun. Die Natur hatte ihm einen gesunden Leib, ein mannliches Ansehen und ein tapferes Herz gegeben. Er hatte die Wissenschaften, die zum Krieg gehoren, von Jugend auf gelernet, und war stets mit erfahrnen Kriegs-Leuten umgegangen. Der Konig hatte ihm, auf Anhalten des Herzogs von Sandilien, zugleich auch die Erlaubniss gegeben, sich ein eigenes Regiment anzuwerben; welches den Grafen von den guten Meynungen des Konigs vollig zu uberzeugen schien.
Der Graf nahm also von seiner bisherigen Gefangnis-Gesellschafft Abschied. Der alte Commendant wunschte ihm zu dem bevorstehenden Feldzug tausendfaches Gluck, und beklagte nur, dass ihm seine alte gebrechliche Hutte nicht mehr gestatten wolte, an seiner Seiten zu fechten: er schloss ihn darauf mit herzlicher Liebe in seine Arme: der Freyherr von Riesenburg war noch mehr uber den Abschied des Grafens bewegt; er hatte mit ihm die genaueste Freundschaft aufgerichtet; er versprach ihm, weil er erster Tagen wieder auf freyen Fuss kommen solte, unfehlbar nach der Armee zu folgen.
Der Graf gieng nicht nach Hof; man hatte ihm solches widerrathen: er verfugte sich geraden Wegs auf seine Herrschaft. Dessen unvermuthete Ankunft verursachte daselbst bey seiner Frau Mutter und beyden Grafinnen Schwestern, wie auch bey dem Herrn von Bellamont ein uberaus grosses Vergnugen: er hatte ihnen aber nicht so bald die Ursach davon entdecket, so verschwand solches auf einmahl. Die alte Grafin hielt ihren einzigen Sohn fur verlohren; und ihre beyde Tochter warfen mit einer betrubten Empfindung die Schuld alles Ungemachs, welches ihren Bruder bedrohete, auf den Herrn von Bellamont, weil er allein ihm gerathen hatte nach Hofe zu gehen. Ihm war selbst nicht wohl zu Muth bey der Sache: er kante die Welt, und konte leicht muthmassen, dass man bey solchen Umstanden dem Grafen mehr ein Netz zu stellen, als ihn zu erheben suchte. Er gab diesen Argwohn seinem liebsten Grafen zu erkennen: er bat ihn deswegen sehr, bey dieser ihm bevorstehenden Gefahr auf seiner Hut zu seyn, und ein wenig mistrauischer zu werden.
Diese beyde Herren waren immer beysammen: das neue Regiment war bald angeworden: sie fanden allein auf ihren beyden Herrschaften bey zwey hundert Mann auserlesen Volk. Die ubrige Befehlshaber waren auf verschiedene Werb-Platze ausgetheilet: der Name des Grafens von Rivera war allenthalben beliebt: seine Vorfahren hatten sich bereits im Krieg sehr hervorgethan, und erfullten seine Ahnen-Tafel mit den tapfersten Helden; das Volk lief haufig zu; in Zeit von ein paar Monathen war das ganze Regiment auf den Beinen und im Stand zu marschiren. Die Armuth auf dem Land war durchgehends so gross, dass sich Soldaten genug fanden, wo nur Geld war.
Der Graf hatte in dem Kriegs-Wesen verschiedene Dinge beobachtet, die er bey seinem Regiment zu andern und zu verbessern suchte: er hatte insonderheit wahrgenommen, dass die so nothige Kriegs-Zucht fast durchgangig versaumet wurde; und dass man dem Soldaten, sowohl auf Zugen, als im Feld, allen Muthwillen und alle Leichtfertigkeit verstattete; wodurch die Unordnung, die Schwelgerey, die Tragheit, die Grausamkeit und die Verachtung der wahren Ehre eingefuhret, mithin der Soldat besser abgerichtet wurde, die Menschen zu plagen, als zu beschutzen. Diesem Unheil suchte der Graf auf alle Weise abzuhelfen, und durch die Einfuhrung einer rechtschaffenen KriegsZucht bey seinem Regiment, andern ein gluckliches Beyspiel zur Nachahmung zu geben.
Bey der Musterung schoss er alle Pursche aus, die nicht wohl gewachsen waren; oder die ein wildes und viehisches Ansehen hatten. Denen, die zu seiner Fahne schwuren, liess er durch den Regimentse Richter den Eyd nicht allein vorlesen, sondern auch auf das deutlichste erklaren; er selbst ermahnte sie bey dieser Gelegenheit, dass sie sich als rechtschaffene redliche Kriegs-Manner auffuhren, und stets bedenken solten, dass das Leben eines meineydigen und ehrlosen Menschens viel abscheulicher sey, als der Tod.
Seine Leutseligkeit und Menschen-Liebe fesselte bald die Herzen seiner Soldaten: er fragte einen jeden, ob er auch in seinem Dienst vergnugt war, ob er seine Besoldungen, seine Kleider, sein Brod und alles, was ihm gehorte, richtig empfieng? diesem fugte er immer einige Aufmunterungs-Worte mit hinzu, dass man sich solte wohl halten und dem Konig getreu und mit gutem Herzen dienen. Er sprach auf diese Weise mit allen seinen Soldaten: er besuchte sie, wie ein Freund den andern: er gieng in seinem Lager von Zelt zu Zelt: dieses waren seine angenehmste Spatzier-Gange: den Kranken reichte er Arzney und Geld, den Gesunden aber gab er zuweilen ein kleines Fest und etwas auf seine Gesundheit zu vertrinken: alle Spiele um Geld waren unter ihm bey ernstlicher Straf verbotten: hingegen liess er seine Leute im Lauffen, Rennen, Schiessen, Werfen, Ballschlagen, Kegeln und dergleichen sich uben: weil diese Bewegungen der Gesundheit zutraglich sind, den Mussiggang unterbrechen, den Geist munter, die Glieder lenksam, und den ganzen Leib geschickt, hurtig und stark machen. Es wurden dabey den Soldaten gewisse Stunden des Tags ausgesetzt, darinnen sie ihr ordentliches Gebet verrichten musten, und noch andere, da man ihnen etwas aus den KriegsGeschichten vorlas und daruber allerhand Urtheile fallte; bey welcher Gelegenheit ein jeder seine Meynung frey entdecken, oder gewisse Fragen auf die Bahn bringen konte. Die Andachts-Ubungen hielte der Feld-Caplan, die anderen aber, ein jeder, der Lust und Wissenschafft hatte, etwas nutzliches zu lesen und vorzutragen.
Nebst dem Mangel der Kriegs-Zucht, hatte der Graf unter den Koniglichen Truppen noch andere Fehler bemerket, die er gleichfalls bey seinem Regiment abzustellen suchte: darunter rechnete er auch das grosse Geschlepp von Dienern, Weibern, Marketendern, Trossbuben und Pferden, welche den Soldaten insgemein die nothige Lebens-Mittel vor dem Munde wegzehren, und die Zuge noch einmahl so schwer und unordentlich machen. Er wolte deswegen nicht zugeben, dass ein Unterhauptmann und Fahndrich mehr als ein Pferd, und ein Hauptmann mehr als zwey bis drey, mit ins Feld nehmen solte. Wegen des Gepacks aber wurden von ihm die Anstalten gemacht, dass man solches meistentheils auf eine gewisse Anzahl Pferd und Maulthiere lud, womit man die Geburge leicht besteigen, und der vielen Wagen und Vorspann-Fuhren entbehren konte.
In dieser Verfassung kam der Graf mit seinem neugeworbenen Regiment in das Konigliche Lager. Der Furst von Voltera, als Oberster Feldherr, empfieng ihn auf das freundlichste; der Graf Lesbo aber, der unter diesem Fursten die Armee commandiren solte, machte ihm eine ziemlich sprode Mine. Dieser General war bey den Waffen grau worden und verstund den Krieg nach der bisherigen verdorbenen Einrichtung nicht ubel, er hatte deswegen bey dem Konig uber die neue Vorschlage des Grafens von Rivera, welche die Verbesserung des Soldaten-Standes betraffen, ehedessen das meiste Gespott getrieben: er war sonst ein rauher, boshafter und listiger Mann. Der Konig hatte ihm heimlich zu verstehen gegeben, dass er den Grafen von Rivera ein wenig in die Schule fuhren und zu gefahrlichen Unternehmungen brauchen solte. Er hatte genug an diesem Unterricht; er wuste schon, wie die Carten bey Hofe gemischet waren.
Die Eifersucht dieses Generals war ungemein, als er das uberaus schone Regiment des Grafens von Rivera ankommen und in das angewiesene Lager einrukken sah: Waffen-Rustung, Mannschafft, Kleidung, alles war leichter, sauberer, ordentlicher und kriegerischer, als man solches bisher an andern wahrgenommen hatte.
Der Furst von Voltera war falsch und schmeichlerisch: er hatte fur niemand eine wahre Freundschaft, er suchte nichts als seine eigene Hoheit: er war ein Ur-Enkel des grossen Nicanors, der seinen GrossVater mit einer Beyschlaferin gezeuget hatte. Weil der Konig noch unvermahlet, und dabey von schwachlicher Natur war, so richtete er schon von weitem seine Gedancken auf den Thron: er konte den Herzog von Sandilien nicht leiden: seine Feindschafft gegen denselben hatte sich schon bey verschiedenen Gelegenheiten blos gegeben. Die Ursach dieses Hasses machte dem Herzog viel Ehr: sie haftete auf dessen Treu gegen den Konig: die verstorbene Konigin hatte ihm denselben auf ihrem Todtbett anbefohlen, und ihn zugleich mit Genehmhaltung der Stande, und ihres geheimen Raths, zum Vormund des Konigs bestellet: dem Fursten aber Lucodun zu seinem Aufenthalt angewiesen. Dieser Furst sah demnach hier den Grafen von Rivera zum erstenmahl: er bewunderte dessen vortrefliche Eigenschafften: er urtheilte daraus, dass dessen Gluck nicht mittelmassig bleiben wurde, und suchte ihn deswegen zu seinem Freud zu machen.
Es stund darauf, dass die Licatier weiter in das Konigreich einbrechen, und die Grenz-Vestung Minopel wegnehmen wolten. Die Aquitanier fanden deswegen fur nothig, einige tausend Mann in das Geburge zu legen, und ihnen dadurch den Pass abzuschneiden.
Der Graf von Lesbo, auf welchen alles hauptsachlich ankam, gedachte hier dem Grafen von Rivera die erste Falle zu stellen. Er zog aus allen Regimentern den zehenden Mann, und trug demselben daruber das Commando auf. Dieser merkte bald, dass der General fur ihn keine gunstige Absichten hatte. Er verbarg aber seinen geschopften Argwohn und folgte dem Befehl. Doch bat er den Fursten, ihn allenfalls mit nothiger Mannschaft zu unterstutzen.
Er postirte sich sehr vortheilhaft: er hatte hinter sich eine Hohe mit einem dicht-bewachsenen Geholz, und von vornen steile Abhange, die bis in ein tiefes Thal herunter giengen. Der Grund war hart und felsigt: man konte mit der Schauffel nicht durchkommen: Der Graf liess deswegen ungesaumt die groste Steine zusammen lesen, und damit auf beyden Seiten sich eine kleine Brustwehr machen, welche er mit einigen Feld-Stucken, die er bey sich hatte, bedeckte.
Es wahrte nicht lang, so gab es Lermen: man horte von weitem das Rufen der Fuhrleute, und das Glatschen ihrer Peitschen in den hohlen Thalern erschallen. Die Vorwachen des Grafens gaben zu gleicher Zeit ihre Losung: ein paar hundert Reuter wurden ausgesandt, um nahere Kundschafft einzuziehen. Der Graf vernahm, dass es feindliche Pack-Fuhren waren, die nur eine kleine Bedeckung bey sich hatten; hinter welchen aber uber funftausend Mann im Anzug waren: der Graf merkte bald die Absicht dieser feindlichen Volker, und dass sie ihn deswegen mit seinen Leuten in das Gepacke verwickeln wolten, um ihn hier zu uberfallen, und dessen Lager zu hesturmen: er liess deswegen mit seinen Volkern zwar den Pass besetzen; jedoch mit dem ausdrucklichen Befehl, dass kein Soldat aus seinem Glied rucken, sondern nur auf die vorbeyfahrende Karren Feuer geben solte.
Als darauf die feindliche Hauffen selbst anmarschiret kamen, stund der Graf in volliger Schlacht-Ordnung, und erwartete den Angriff: die Licatier aber, wie sie den Grafen in einer so guten Verfassung sahen, wolten solches nicht wagen: sie suchten dargegen eine gewisse Hohe einzunehmen, von welcher sie die Aquitanier mit ihren Canonen erreichen konten: der Graf wolte solches verhindern, damit kam es zum Gefecht: die Begrussung von beyden Theilen war feurig, man fochte lang und blutig, die Licatier behaupteten endlich den Posten und besetzten den unten im Thal zwischen den Bergen durch fliessenden Bach mit ihren Vorwachten. Der Graf sahe bald, dass er hier ohne Entsatz schwerlich ungeklopft davon kommen wurde; er hatte bereits verschiedene Boten deswegen an den Fursten abgesandt; allein, es kam keine Hulfe. Seine Leute dauerten ihn, sein Ruhm war in Gefahr: er schien von dieser ersten Probe, die man von seiner Tapferkeit erwartete, abzuhangen: Seine Tugend hatte ihn, in Betrachtung der Ehre, noch nicht unempfindlich gemacht: die Herzhaftigkeit, dachte er bey sich selbst, wird mir nichts helfen: die Feinde sind mir weit uberlegen; man schickt mir keine Hulfe, ich werde schandlich fliehen, oder mit einem verzweiffelten Muth mich und meine Leute der Feinde Schwerd aufopfern mussen. Was Raths? wie soll ich hier meine Pflicht, meine Ehre und meine Leute retten? der einbrechende Abend schutzet mich durch seine dunkle Schatten. Morgen aber werd im mich noch vor Aufgang der Sonne von dem Feind umringet sehen.
Dieses waren unter wahrendem Treffen die traurige Uberlegungen des Grafen; es wurde finster, man zog sich beyderseits wieder zuruck. Der Graf befand sich nicht so bald in seinem Lager, so befahl er in der Still das meiste Gepack aufzuladen und solches voraus nach dem Haupt-Quartier gehen zu lassen. Er theilte darauf seine Volker in drey Theile: einige versteckte er in das Geholze: die andere liess er im Lager: mit den ubrigen besetzte er den Pass.
Es wurde zum Aufbruch geblasen, und alles vorrathige Heu und Stroh in Brand gesteckt: die Dunkelheit der Nacht wurde dadurch erhellet: die Flammen umleuchteten als Fackeln die ganze Gegend. Die Licatier liessen sich durch dieses Feuerwerk aus ihrem Lager locken, sie wolten den Grafen so nicht davon ziehen lassen: sie dachten ihn auf der Flucht zu erhaschen, und fielen ihm damit zu gleicher Zeit in den Hinterhalt und in das Lager.
Der Graf war bey diesem Angriff voller Muth, und zweiffelte nicht, sein Anschlag wurde glucklich von statten gehen: Bruder, sprach er zu seinen Soldaten: ihr seyd von verschiedenen Fahnen, wir dienen aber alle einem Konig: lasset uns brav thun, so werden uns andere beneiden, dass man uns ihnen hat vorgezogen, um dem Feind die erste Schlage anzubringen.
Die feindliche Reuterey sturmte mit einem starken Feuer auf den Grafen: er wehrte sich tapfer: gleich darauf aber fielen die im Lager hinterlassene Volker dem Feind in Rucken, und machten damit dem Grafen Luft. Wie der Feind sah, dass die Aquitanier ihr Lager vollig verlassen hatten, fiel er darauf los. Die Soldaten, in Hoffnung, Beute zu machen, wichen aus ihren Gliedern und zerstreueten sich zwischen den noch zuruckgebliebenen Zelten und Wagen. Als die in dem Geholz versteckte Aquitanier solches sahen, brachen sie hervor und hieben alles darnieder. Hier hatte der Graf gewonnen Spiel: der Soldat fochte mit Lust unter einem Anfuhrer, dessen Beyspiel sie zur grosten Tapferkeit anfrischte: alle Befehlshaber thaten ihre Schuldigkeit: man drang den Feind zusammen, und brachte eine Horte durch die andere in Verwirrung: theils warfen sich in die Flucht, theils wurden niedergehauen: die wenigsten erreichten ihr Lager: die darinn zuruck gebliebene Besatzung, durch die Hauffen der Fluchtigen geschreckt, that schlechten Widerstand: der Graf bemachtigte sich derselben ohne Muh: und nachdem er einen vollkommenen Sieg erfochten hatte, kam er mit seinen Leuten wieder zuruck in das Haupt-Lager.
Niemand war darauf ubler zu sprechen, als der General von Lesbo: er nannte diesen Sieg ein Versehen des Feindes, und ein ungefahres Gluck des Grafens; welches aber doch keinen Nutzen hatte: weil der Graf seinen Posten nicht behauptet; sondern gleichsam vor seinem uberwundenen Feind geflohen war.
Der Graf beklagte sich hingegen bey dem Fursten von Voltera, dass er ihm die versprochene Hulfs-Volker nicht gesandt hatte. Der Furst zuckte daruber die Achseln und warf die Schuld auf den Grafen von Lesbo, welcher solches deswegen nicht hatte fur gut befunden; weil er dafur gehalten, die Feinde suchten nichts anders, als sie mit einem Theil ihrer Armee in das Geburge zu locken, und auf solche Weise ihre Macht zu trennen; gleichwohl, antwortete der Graf hierauf, mit einiger Empfindlichkeit, hat man fur gut gefunden, mich mit drey tausend ehrlichen Mannern dahin zu senden, welche man zusammen in die Pfanne wurde gehauen haben, wenn ihnen GOtt und ihr Muth nicht durchgeholfen hatte.
Die Feinde, welche unterdessen den Pass durch die Geburge offen fanden, liessen wenig Tage darauf ihr grobes Geschutz daruber setzen; und ruckten mit ihrer ganzen Macht vor Menipol.
Im Kriegs-Rath wurde gefragt: ob man den Feind, mittlerweil, dass er mit Erofnung der Lauf-Graben beschaftiget war, angreiffen, und ihm eine Schlacht liefern solte? die meisten riethen solches: der Herr Graf von Rivera, fieng einer der altesten Obristen an, hat uns einmahl die Bahn gebrochen, und den Licatiern gewiesen, dass sich die Aquitanier nicht vor ihnen furchten: man muss ihnen muthig unter die Augen rukken; weil sie die Schlage noch fuhlen, und nicht warten, bis sie selbst kommen, solche an uns zu rachen. So verdriesslich dem General Lesbo diese Anmerkung in den Ohren schallte, so konte er doch nichts dargegen einwenden: schier alle Befehlshaber stimmten damit uberein: die ganze Armee ruckte also dem Feind entgegen.
Es war eine grosse Flache, auf welcher die beyde Heere fuglich sich ausbreiten, und einander nach allen Regeln der Kunst herum treiben konten: beyde zeigten sich in Schlacht-Ordnung; sie stunden einander sich lange im Gesicht, ohne dass weder der eine, noch der andere Theil die mindeste Bewegung machte. Endlich sahen die Aquitanier, dass ein Theil des feindlichen linken Flugels sich nach einem Flecken hinzog; hinter welchem das Licatische Lager stund. Dieser Flecken wurde fur einen Posten gehalten, dem nicht wohl beyzukommen war. Ein breiter Teich mit einem dicht-bewachsenen Hayn umschlung denselben bey nahe rings herum. Das Erdreich war, wegen der vielen Sumpfen, hin und wieder mit tiefen Canalen durchschnitten, und schien die Annaherung einiger Truppen unmoglich zu machen.
Nichts destoweniger so wurde dem Grafen von Rivera aufgetragen, er solte den Feind mit einigen Regimentern von diesem Posten abzutreiben, und solchen zu behaupten suchen. Schwere Unternehmung, welche auch den erfahrensten Kriegs-Obristen wurde zu schaffen gemacht haben.
Er hatte dismahl meist alte Truppen und lauter Officiers die ihm zugethan waren, nebst seinem eignen Regiment, bey sich: er besetzte alsofort, nachdem er zuvor die Lage von der ganzen Gegend aufgenommen hatte, alle Zugange nach dem Flecken, und legte einen Theil seines Fuss-Volks in die Gebusche. Der Eingang des Orts war mit spanischen Reutern und mit Karren gesperret. Der Graf wuste solche hurtig in Brand zu stecken, und darauf mit drey Feld-Stucken den Pass sich vollig zu ofnen.
Der Feind, als er hier ein wenig das Feuer ausgehalten, zog sich zuruck, und besetzte einen stark-ummauerten Kirchhof. Das Gefecht wurde hier ernsthaft und blutig: kein Theil wolte dem andern weichen: es blieben beyderseits viel Leute: Der Graf bejammerte den Verlust einiger seiner besten Officierer. Er selbst bekam eine leichte Wunde am rechten Backen, und verlohr ein Pferd unter dem Leibe: Endlich zwang er den Feind, ihm diesen Posten einzuraumen. Kaum aber, dass er solchen behauptet hatte, so schickte ihm der Furst von Voltera seinen Adjutanten, und liess ihm sagen, dass er sich eilends zuruckziehen solte, um den lincken Flugel zu unterstutzen.
Neue Schwierigkeit, neue Verwirrung fur einen so jungen Befehlshaber. Der Graf seufzete heimlich, dass er einen Posten verlassen solte, den er mit so vielem Blut erfochten hatte. Dieser Abzug erforderte so viel Kunst und Klugheit, als der gefahrlichste Angriff. So viel Glieder sich zuruck zogen, so viel Feuer musten sie aushalten. Der Feind schloss sich immer hinten an; sobald aber hatte der Graf nicht das freye Feld gewonnen, so liess er seine Reuter dem nachsetzenden Feind sich entgegen stellen, und seinen Volkern damit den Rucken bedecken.
Er stiess damit glucklich wieder zu dem linken Flugel: dieser stund in vollem Feuer, und wehrte sich tapfer. Des Grafens Soldaten waren ziemlich abgemattet: viele giengen nur mit verdrosnen Muth wieder an den Feind. Bruder! sagte er deswegen zu ihnen: wir durfen heute nicht eher ruhen, als bis wir gesieget haben; darum mussen wir fechten; aller bisher bezeigter Muth wurde vergebens seyn, wo wir das Feld raumen solten.
Der Graf liess darauf seine Fuss-Volker sich in viereckigte Haufen schliessen und die Bajonetter aufstossen, er selbst aber unterstutzte mit seiner Reuterey diejenige Regimenter, welche am meisten Noth litten. Die Feinde hielten solches fur einen Entsatz, und suchten sich deshalben in so guter Ordnung, als sie konten, zuruck zu ziehen.
Der Graf, da er sah, dass der linke Flugel nichts mehr zu befurchten hatte, kam eben zu dem Fursten von Voltera, da dieser die Nachricht erhielt, dass der ganze rechte Flugel geschlagen, und in voller Flucht begriffen war. Der Graf, der mehr auf den Sieg erhitzet, als durch die Strapazen ermudet schien, bat den Fursten, ihm einen Theil von seiner Reuterey, welche noch gar nicht gefochten hatte, zu vertrauen: er wolte damit die Fluchtigen aufhalten, und sie wieder suchen an den Feind zu bringen. Der Furst bewilligte solches und gab ihm, nebst seinem Regiment Dragoner, auch drey Compagnien vom Koniglichen Hause.
Wer nie die Regungen einer grossmuthigen Tapferkeit in seinem Busen gefuhlet hat, der kan sich auch keine Vorstellung von dem lebhaften Vergnugen machen, welches der Graf bey dieser Gelegenheit empfand. Seinem darnieder liegenden Verfolger zu Hulfe zu kommen, die beste Truppen anzufuhren, und damit dem Feind den schier erfochtenen Sieg wieder aus den Handen zu reissen; dieses waren solche Umstande, deren Annehmlichkeiten nur allein die Seelen grosser Helden kennen.
Das ganze Feld bedeckte bereits eine Menge, theils gewurgter, theils noch sterbender Corper: viele, die sich durch die Flucht zu retten suchten, und in vollem Schrecken den Fusssteigen zueilten, schwammen hier theils durch die Canale und Teiche, theils blieben in den Sumpfen und Morasten stecken; die meisten aber stiessen auf den mit frischen Volkern anruckenden Grafen. Wie, Verzagte! schrie er ihnen mit mannlicher Stimme entgegen, wo wolt ihr hin? seyd ihr Soldaten, und wollt euch lieber durch eine schandliche Flucht retten, als euer Leben fur den Konig wagen?
Dieses beherzte Zureden that eine gewunschte Wirkung: der Graf sammlete allenthalben die zerstreuete Hauffen, und brachte sie wieder unter ihre Fahnen: sie bekamen alle einen neuen Muth zu fechten: keiner weigerte sich dem Grafen zu folgen. Er setzte sich an die Spitze und fuhrete sie an den Feind.
Der General Lesbo hatte sich unterdessen, zu seinem Ungluck, mit einigen vornehmen Befehlshabern, bereits in die Flucht geworfen: er war mit ihnen in einen schwarzen Sumpf gerathen: einige feindliche Husaren, welche hinter ihnen drein jagten, schossen auf sie: eine Kugel traff den unglucklichen General und sturzte ihn vom Pferd, welches von der Burde seines schweren Reuters nicht sobald sich befreyt fand, so suchte es sich durchzuarbeiten, und trat in dieser angstlichen Bewegung seinen eignen Herrn in den Sumpf.
Der feindliche linke Flugel hatte inzwischen durch die Begierde Beute zu machen, an einigen Orten schon die Glieder gebrochen. Es wahrte aber nicht lang, so setzte er sich wieder; und weil er ebenfalls mit frischer Mannschafft unterstutzet wurde, so fiel er mit verdoppeltem Muth auf den Grafen; er fand aber dismahl einen ganz andern Widerstand. Die Aquitanier hielten das Feuer aus, als ob sie dessen bereits gewohnet waren. Der Graf hatte unterdessen dem Fursten die Nachricht geben lassen, dass es nun Zeit seyn wurde, mit einigen Regimentern dem Feind in die Flanken zu gehen, und ihm damit Luft zu machen. Da nun der Furst dieses mit gutem Fortgang that, so brachte man den Feind dadurch in vollige Unordnung.
Nur ein Hauffen war noch ubrig, der nicht weichen noch wanken wolte. Der Graf stiess darauf mit einigen freywilligen Edelleuten, welchen die Ehr-Begierde Lust zum Fechten gab. Der Anfuhrer dieses feindlichen Truppes schien daruber ganz kaltsinnig: er sah, dass diese muthige Streiter ihrem Volk, das ihnen folgte, ziemlich weit vor rannten; er spielte ihnen deswegen einen Streich, dessen sie sich nicht vermuthet hatten. Er liess sie in die Mitte seines Hauffens sich einsturtzen, und damit hurtig wieder die erste Glieder sich schliessen. Da sich der Graf in dieser Falle sah, war er ausserst betroffen; er suchte sich mit dem Degen in der Fast durchzuschlagen; allein seine Gefahrden hatten bereits den Muth verlohren; er wolte deswegen nicht als ein Unsinniger fechten; sondern gab sein Seiten-Gewehr einen von den Befehlshabern, der ihm solches mit der grosten Bescheidenheit abforderte.
Der Graf bereuete hier seine Ubereilung, ohne deswegen Muthlos zu werden. Er richtete die Augen nach seinen anruckenden Volkern, und hoffte, sie wurden ihn durch ihre Tapferkeit befreyen, doch ehe noch diese kamen, brach von der Seiten ein Trupp Reuter ein: dieses geschah mit einem solchen Muth und mit einer so schnellen Gewalt, dass der ganze Hauffen dadurch erschuttert wurde. Der Graf nahm hier den kurtzen Zeit-Blick in acht, und riss einem neben ihm haltenden Unter-Officier, der die Augen furchtsam nach den einbrechenden Reutern hinschlug, den Degen aus der Faust. Ein Cuirassierer, der dieses wahrnahm, zuckte deswegen sein Schwerd auf ihn, und wurde ihm damit den Kopf gespalten haben, wo der eindringende Fremdling nicht zum guten Gluck ihm entgegen gerannt und mit seinem Degen den Sreich aufgefangen hatte. Der Graf schlug eben die Augen nach ihm und meynte ihn zu erkennen, als die Unordnung und die Hitze des Gefechts, den einen hier, den andern dahin trieb. Die andringende Volker des Grafens brachen zu gleicher Zeit ein: es gieng allenthalben an ein grausames Wurgen und Niedermetzeln. Das Pulver war meist verschossen: hier galt nichts als eine hurtige Faust, und ein beherzter Muth; so bald aber erklarte sich nicht der Sieg fur den Grafen, so rief er seinen Soldaten zu: schonet, o ihr tapfere Aquitanier! schonet eure uberwundene Feinde; und vergiesset nicht unnothig Menschen-Blut.
Indem er dieses sagte, sprengte er mit seinem Pferd einem Dragoner entgegen, und unterbrach einen Streich, den derselbe auf einen feindlichen Befehlshaber gezogen hatte. Dieser fochte nur, um mit dem Degen in der Faust zu sterben: sein Pferd war bereits von vielen empfangenen Wunden schon niedergesunken; ein ihm an der Seiten fechtender junger Officier, schrie deswegen dem Grafen mit angstlicher Stimme entgegen: ach! grossmuthiger Uberwinder! ach! schutzen sie doch meinen General, und retten ihm das Leben. Der Graf erkante diesen Herrn sogleich fur denjenigen Anfuhrer, dessen Gelassenheit er vor der Spitze seiner Truppen bewundert hatte. Mein Herr, rief er ihm zu, sie schonen ihres Lebens, und gonnen mir die Ehre mein Gefangener zu seyn. Alsobald reichte ihm derselbe seinen Degen, und dieses mit einem so gelassenen Wesen, dass der Graf dadurch in dem Innersten seines Gemuths geruhret wurde: er befahl diesen Herrn und den ihn begleitenden jungen Officier seinen Leuten, und verfugte sich mit gleicher Geschwindigkeit zu den ubrigen Hauffen.
Alles war noch in der jammerlichen Beschaftigung Blut zu vergiessen. Der Graf that solchem aller Orten Einhalt, und liess die Uberwundene zu Kriegs-Gefangenen machen. Die Feinde bedeckten theils das Feld, theils wurde ihnen auf der Flucht nachgehauen. Die Nacht brach daruber ein: die Aquitanier hatten nicht nur den Sieg erfochten, sondern auch viele Beute gemacht. Die Licatier zogen sich zwar wieder in ihre Linien; allein der Tag war noch kaum angebrochen; so packten sie auf und suchten ihre Sicherheit in den Geburgen.
Nachdem der Graf allenthalben bey seinen Volkern die Ordnung hergestellet sah, verfugte er sich noch denselben Abend zu dem Fursten von Voltera, und wunschte ihm Gluck zu der gewonnenen FeldSchlacht. Der Furst umarmte ihn mit den liebreichsten Gebehrden, er sagte zu allen umstehenden Herren und Befehlshabern, dass sie nechst GOtt, dem Grafen von Rivera den Sieg zu danken hatten. Man bewillkommte sich einander bey dieser Gelegenheit, als ob man lange Zeit von einander war abwesend gewesen: der Graf fiel aus einen Armen in die andere. Seine Freunde, und dieses waren meist alle Befehlshaber, ermudeten ihn gleichsam aufs neue durch ihre Umhalsungen. Nie war ein Soldat mehr geliebet worden, nie war auch einer liebreicher gewesen. Man drang sich um ihn herum; man gab ihm tausend Lobspruche. Jeder wolte ihm zeigen, wie viel er auf ihn hielte. Der Graf von Lesbo hingegen wurde wenig beklagt: er war ein unfreundlicher und hochmuthiger Mann gewesen, der sich nur hatte furchten, aber nicht lieben gemacht.
Der Graf fand unter allen denen, die ihn begrusten, denjenigen nicht, welchen er mit der grosten Sehnsucht zu sehen verlangte: er ruhmte deshalben offentlich den grossmuthigen Beystand, den ihm ein Unbekanter erwiesen hatte, und bat, indem er sich an die Umstehende richtete, derselbe mochte sich ihm zu erkennen geben. Ein Hauptmann, der eben von ihm kam, sagte, man habe ihn in des Grafens Gezelt gebracht, weil er stark verwundet war. Der Graf erblaste uber diese Nachricht, und eilte, nachdem er sich bey dem Fursten beurlaubet hatte, zu diesem tapfern Fremdling.
Er fand ihn auf einem Ruh-Bett, und die WundAerzte um ihn herum: der Fremdling hatte sich verblutet, und war sehr matt: so bald er den Grafen sah, reckte er die beyde Aerme nach ihm hin, und wolte sich aufrichten. Der Graf erkante ihn alsobald fur den Freyherrn von Riesenburg, den er in der Hitze des Gefechts und in seinen kurzen Haaren sogleich nicht erkant hatte. Er warf sich mit innigster Bewegung um seinen Hals und wuste nicht, ob er mehr der Freude, einen so werthen Freund hier zu finden, oder dem Schmerzen, ihn so hart verwundt zu sehen, bey sich Raum lassen solte. Die Wund-Aerzte gaben indessen gute Hoffnung, weil sich keine Wunde todtlich fand; sie sagten aber, dass man dem Verwundeten muste Ruh lassen.
Der Graf wolte hierauf auch noch seinen grossmuthigen Gefangenen sehen; man berichtete ihm aber, dass nachdem man ihm einige leichte Wunden verbunden hatte, er vor Mattigkeit eingeschlafen sey. Der Graf war ebenfalls sowohl durch das viele Wachen, als durch die heftige Strapazen des so lang gedauerten Gefechts ermudet; er liess sich deswegen auskleiden, und begab sich, nachdem er etwas weniges zu seiner Erquickung genossen, zur Ruh.
Den andern Morgen fand er sein Vorzelt voll der vornehmsten Herren und Befehlshaber: er entdeckte darunter sogleich seinen Gefangenen: er umarmte ihn mit der grosten Hoflichkeit. Sie fanden beyde an einander etwas, welches ihrer Hoachtung wurdig schien.
Der Ruhm von den Thaten des Grafens von Rivera, erfullte darauf das ganze Konigreich, er erschallte bey Hof, und kam zu den Ohren des Konigs. Dieser horte ihn allenthalben loben und bewundern; er hatte ihn lieber schelten horen: doch das ungluckselige Ende des Grafens von Lesbo verursachte bey ihm einiges Rachdenken: er meynte durch ihn den Grafen von Rivera aus dem Weg zu raumen; das Verhangniss aber erhub diesen mit der grosten Ehre, und sturzte jenen mit ausserster Schande. Der Konig fand sich durch diesen besondern Zufall geruhret: er faste bey sich den Entschluss, hinfort keinen Verfolger mehr eines Menschen abzugeben, fur den die Liebe des Volks, und der Schutz des Himmels sich erklarte. Er befahl deswegen, dass der Graf wieder nach Hof kommen solte.
Der Graf trat seine Reise um so viel vergnugter an, weil er seinen liebsten Freund, den Freyherrn von Riesenburg, so gut als wieder hergestellet sah: er empfand auch nicht minder eine ganz besondere Annehmlichkeit in dem Umgang mit dem gefangenen General, dem er das Gluck gehabt hatte in der Schlacht das Leben zu retten, und an welchem er taglich mehr vortreffliche Eigenschaften entdeckte, die ihn dieses Dienstes ungemein wurdig machten. Diese beyde Herren baten den Grafen, sie mit nach Panopolis zu nehmen. Der Graf hatte sich keine angenehmere ReiseGefahrden wunschen konnen. Sie beurlaubten sich zusammen bey dem Commandirenden Fursten, und kamen in dreyen Tagen vermittelst der Post nach Panopolis.
Unterwegs hatten sie sich einander ihre Begebenheiten erzehlt; und es war nachdenklich, dass drey unter ganz verschiedenen Himmels-Gegenden gebohrne Herren in dem Grund ihres Gemuths so gleiche Neigungen und Absichten fuhrten, so wenig auch ihre ausserliche Bildung mit einander uberein kam.
Der Graf von Rivera war in einer warmen WeltGegend gebohren: er hatte einen schlanken Leib, schwarzbraune Augen, und eine weiss ins braun gemengte Farbe: seine Gebehrden waren lebhaft und zugleich holdselig; alles, was er that, begleitete ein muthiger Eiffer, welchen doch eine gewisse Sittsamkeit und mannliche Anmuth zu mildern schien.
Das Vaterland des Herrn von Riesenburg war hundert und zwanzig Meilen weiter von dem Mittagigen Sonnen-Strich, und lag mitten zwischen den Nordlichen Abend-Landern, wo der Herr von Greenhielm, so nannte sich der gefangene General zu Hause war. Er hatte ein ganz Jovialisches Temperament: seine Gestalt war fleischigt: die Farbe roth und weiss untermengt: die Haare Asch-farbig: in seinen Augen lachte die Freude, die Liebe und ein munterer Ernst: sie waren hell, gross und Licht-blau: alles regte sich an ihm: er hatte das beste Herz: allein, nur ein wenig zu leicht, zu hurtig und zu ubereilend.
Der Herr von Greenhielm im Gegentheil war von starken Gliedmassen, blasser Farbe, mittelmassiger Lange, wohl gewachsen: doch mehr schlank als gesetzt: er hatte Licht-braune lange Haare, dunkel-graue Augen, und ein ernstliches Ansehen: er war frey und aufrichtig gebohren, und konte sich weder verstellen noch schmeicheln. Diese Gemuths-Art hatte ihm verschiedene widrige Zufalle zugezogen. Was er davon seinen beyden Reise-Gefehrden erzehlete, war folgendes:
Das achte Buch.
Die Begebenheiten des Herrn
von Greenhielm.
Mein Geschlecht ist eines der altesten in Scandinavien: meine Vorfahren haben seit vielen Jahren in diesem Konigreich die ansehnlichste Guter besessen. Ich kam auf die Welt zu Konigsholm: mein Vater war einer der vornehmsten Rathe: ich war noch nicht gar zwey Jahr alt, so verlohr ich meine Mutter. Diese hatte sich durch ihre Gestalt, noch mehr aber durch ihre seltene Tugenden ein ganz besonderes Ansehen erworben. Jedermann beklagte daruber meinen Vater, und hielte dessen Verlust fur unersetzlich. Er verheyrathete sich deswegen nicht wieder: mir und meinen Geschwistern gieng es desto ubler: unserer waren vier Bruder und eine Schwester. Weil meinem Vater die groste Last der Geschaften auf dem Halse lag, so konte er auf unsere Erziehung nicht diejenige Sorgfalt wenden, die wir vonnothen gehabt hatten.
Ich war der jungste von meinen Brudern: der alteste kam aus der Welt, ehe er noch recht angefangen hatte zu leben: er wurde in seinem achtzehenden Jahr in einem Zweykampf erschossen. Der andere kam nach Hof als Edelknabe, und weil er keinen Verstand hatte, etwas zu lernen, so machte ihn der Konig zu seinem Hof-Junker; da denn seine meiste Verrichtungen darinn bestunden, dass er den Fremden zutrinken muste. Er wurde bey einem so lustigen Leben doch nicht alt, und starb noch vor unserm Vater. Mein dritter Bruder schien sich auf eine gute Seite zu legen: man that uns beyde zusammen zu einem Geistlichen auf das Land. Dieser pflanzte in unsere zarte Gemuther die Liebe zur Tugend, und mit derselben gewisse Eindrucke einer Gottesfurcht, die bey meinem Bruder sehr weit giengen; ohneracht aber derselbe viel eingezogener, stiller und andachtiger war, als ich; so hielte mich doch der Geistliche fur aufrichtiger; ich wuste mich in nichts zu verstellen: ich bekante meine Fehler, die ich begieng, ganz offenherzig, und ohne solche viel zu bemanteln; da im Gegentheil mein Bruder nichts wolte auf sich kommen lassen, wann wir auch gleich einerley Schuld hatten.
Wir waren also bey den Empfindungen, die man uns von der Religion gegeben hatte, von einem verschiedenen Wesen, er floh, und ich suchte die Menschen: er gerieth unter gewisse Leute, die man bey uns ihrer gezwungenen Frommigkeit und eigenen Meynungen halber Pietisten nennet: ich bezeigte im Gegentheil eine grosse Begierde die Welt zu sehen, und darinn mein Gluck als ein ehrlicher Mann, und als ein wurdiger Sohn meines Vaters zu machen.
Dieser starb, als ich noch bey dem Geistlichen war: ich hatte noch nicht gar mein sechszehendes Jahr erreichet. Eine meiner Basen, die meine Schwester auferzogen hatte, nahm darauf auch meinen Bruder zu sich; mich aber schickte man auf die nechst-gelegene Universitat, wo ich bey einem gelehrten Mann im Hause war und zu Tische gieng.
Ich habe dieses unter die gluckselige Begebenheiten meines Lebens zu setzen, dass ich von einem frommen Geistlichen in die Schule eines der grosten WeltWeisen gekommen war. Dieser bekraftigte nicht allein die Neigungen zum Guten in meinem Herzen; sondern uberzeugte mich auch ihrer Nothwendigkeit durch vernunftige Schlusse; und wies mir den Zusammenhang der Religion mit dem zureichenden Grund einer von der Natur in uns gelegten Erkantniss. So bald fand ich nicht diese Ubereinstimmung des offenbahrten Gesetzes mit dem Recht der Natur; so liess ich mich uber diese Materie offentlich auf dem Juristischen Lehr-Stuhl vernehmen; und vertheidigte meine Satze mit einer gewissen Freymuthigkeit, die weder mein Alter, noch meine Wissenschaften unterstutzten.
Ich kam von dieser hohen Schule nach Konigsholm zuruck zu meiner Basen; diese hatte meinen Bruder und meine Schwester bey sich: Ich fand bey ihr eine seltsame Haushaltung: ich sah schier darinn nur gemeine Handwerks-Leute von verschiedenem Alter und Geschlecht aus- und eingehen. Vom Morgen bis Abend und ofters bis in die Nacht, wurde darinn nichts gethan, als disputiret, gelesen, gesungen und Bet-Stunden gehalten. Alle, die mich sahen, und mit mir redeten, sagten, dass ich mich auch, wie mein Bruder und meine Base, bekehren solte: sie nannten mich einen naturlichen Menschen, der nichts vom Heyland wuste, und setzten mich ohne alle Hoflichkeit unter die Leute, die in das Reich des Satans gehorten; sie hatten ganz besondere Meynungen von dem Christenthum, und bedienten sich darzu auch ganz besonderer Redens-Arten. Die Vernunft hatte bey ihnen an allen den herrlichen Vorzugen, deren sie sich ruhmten, nicht den geringsten Antheil; und sie bedeuteten mir deswegen, dass ich weder Erkentniss noch Gnade bey GOtt zu hoffen hatte, wo ich solche nicht als ein Spiel des Feindes aller Wahrheit vollig in den Bann thun wurde.
Mir wurde ganz von Herzen bange uber diese Reden; es kam mir vor, als ob man auf diese Art leichter narrisch als bekehrt werden konte. Ich bat GOtt, mir meine Vernunft zu erhalten, und die Augen meines Verstandes durch sein Licht noch taglich mehr zu erleuchten. Ich konte damit die hohe und in die blose Einbildungs-Krafte einschlagende Lehr-Art dieser Leute nicht reimen. Ich verlangte deswegen sehr meine Schwester alleine zu sprechen: dann es war mir bedenklich vorkommen, dass man mir nicht auch von ihr sagte, dass sie bekehrt war; sondern nur, dass sie noch in der Arbeit stund; weil ich darzu in dem Hause meiner Basen nicht wohl gelangen konte; indem darinn die ungeziemende Gewohnheit herrschte, dass man von einem Zimmer ins andere, ohne einige Vormeldung gieng, man mochte auch gekleidet seyn, wie man wolte; so liess ich mir durch meinen Diener eine Gutsche miethen, und bat meine Schwester mit mir spatzieren zu fahren.
Diese hatte nicht minder Verlangen, mit mir, als ich mit ihr zu sprechen. Liebste Schwester! redete ich sie an, da wir alleine waren, was habt ihr vor seltsame Leute im Hause? seyd ihr auch willens, eine von den Heiligen zu werden, die den ganzen Tag nichts thun, als beten, singen, lesen und die Bruder und Schwestern besuchen? Werthester Bruder, sagte sie darauf: GOtt ist mein Zeuge, dass ich gern recht fromm seyn wolte; allein, ich furchte, dass ich noch eher den Verstand verliehren, als die Lehren dieser Leute fassen werde: ich.kan euch, fuhr sie fort, nicht aussprechen, was ich nun seit einem Jahr her gelitten habe. Unsere Base ist voll von den Gaben des Geistes, wie man bey uns zu reden pflegt, sie ist wiedergebohren, sie ist erleuchtet, sie hat Offenbahrungen, sie ist heilig, sie sundiget nicht mehr, sie kan die Geister prufen; dem ungeacht keift und zankt sie den ganzen Tag, sie siehet die Fehler ihres Nechstens viel besser als andere Leut, ein grosser Theil von ihrer Andacht bestehet darinn, dass sie daruber seufzet, und sich gluckselig preiset, dass sie kein naturlicher Mensch mehr ist.
Ich bin insonderheit so unglucklich, dass ich mich weder nach ihrem Sinn demuthig genug kleiden, noch in meinen Reden, wie sie es haben will, deutlich ausdrucken kan. Unser Bruder macht zwar keinen solchen Lermen, wie sie: er ruhmet sich weder ausserordentlicher Gaben, noch besonderer geistlicher Einflusse; aber er ist doch gleichwohl von ihr so eingenommen, dass er alles glaubet und thut, was sie und ihre geistliche Geschwister ihm sagen.
Wie ich sehe, war meine Antwort, so ist die Vertraulichkeit dieser geistlichen Bruder- und Schwesterschaft ziemlich stark unter einander; doch saget mir, wenn ihr solchergestalt immer ohne Unterscheid mit einander umgehet, setzt es denn unter Leuten von beyderley Geschlecht nicht auch zuweilen solche Geschichten, daraus man schliessen konte, dass nicht blos der Geist allein verliebt ware?
Meine unschuldige Schwester errothete uber diese Frage: sie schlug die Augen nieder, und wuste nicht gleich, was sie mir antworten solte: rettet mich, mein Bruder, sagte sie mit einem schamhaftigen Eifer, rettet mich, ich bitte euch, aus dieser Leute Handen. Die Thranen stiessen ihr damit aus den Augen, dass sie nicht weiter reden konte.
Ich wurde dadurch desto begieriger von ihr zu erfahren, was sie allhier vor ein besonderes Anliegen haben mogte. Ich bat, ich beschwur sie, mir nichts zu verholen. Ach, ich schame mich, mein Bruder, sagte sie, euch solches zu erofnen. Die Unordnung dieser Leute, fuhr sie fort, geht allzuweit. Man redet immer von der Liebe; man betrachtet dabey weder Stand noch Geschlecht: man liebet sich nicht allein geistlich, sondern man macht auch Heyrathen; da heist es: vor GOtt waren wir alle gleich, der Satan hatt den Hochmuth und dieser den Unterscheid der Stande in die Welt gebracht.
Vor einigen Wochen heyrathete der Bruder Anthon, ein feiner, frommer Schuhmachers-Gesell, der aber nunmehr ein Lehrer ist, die andachtige Frau Doctor Baldersin, und nun, o Schande! dass ich es euch sagen muss, hab ich einen Liebhaber an dem jungen Christoph, unseres ehmahligen Pachters, des tauben Nicolasen Sohn, den auch die Andacht in dieses Haus, getrieben hat.
Das Blut wallete mir in meinen Adern, als mir meine Schwester diese letzte Begebenheit entdeckte: Ich bat sie vortzufahren. Ich hatte, redete sie weiter, diesen Menschen wohl leiden konnen: er schien mir ehrlich und Gottsfurchtig zu seyn. Er kam immer zu mir, um an meiner Bekehrung zu arbeiten. Er fragte mich um alles, wie mir zu Muth war, was ich dachte, und was ich fuhlte.
Ich sagte ihm viel einfaltiges Zeug daruber: ich wurde endlich vor lauter Prast und Unruh krank; und meynte, nun wurde mir bald das Punctgen, wie man bey uns redet, aufgeschlossen werden.
Mein Liebhaber kniete vor meinem Bette nieder, besturmte den Himmel mit den heissesten Gebetern, und weinte dabey, als ob er verzweiflen wolte. Er gieng, so lang meine Unpaslichkeit dauerte, mit lauter Aechzen und Seufzen im Hause herum: er wuste ofters nicht, was er that; und schien einer Leichen ahnlicher, als einem beseelten Corper zu seyn.
Ich wurde wieder besser, und hatte keine andere Empfindungen, als zuvor: dem ungeacht blieb mir mein Liebhaber bestandig. Er that mir unlangst einen kleinen Dienst, dafur ich ihm Dank sagte, und ihm meine Hand reichte: er kuste mir solche mit einer ungemeinen Bewegung. Ich merkte bey dieser Handlung das erstemahl, dass die geistliche Liebe aus ihrem Zircul gewichen war. Ich liess es so hingehen, und sagte nichts. Der gute Christoff wurde dadurch beherzter. Ich sass einsmahl an meinem Tisch, hielte meinen Kopf in der Hand, und las in einem Buch: indem sah ich mich, von hinten her, von ihm mit beyden Armen umfangen; welches mir eine mehr als geistliche Liebkosung zu seyn schien. Ach, wie lieb ich sie! sprach der entzuckte Heilige, und war ganz ausser sich. Ich erschrack uber diese That zum hochsten, und der Liebhaber kam wieder zu sich selbst.
Hiebey blieb es nicht, vor einigen Tagen, da ich mich ankleidete und vor meinem Nacht-Tisch sass, kam er in mein Zimmer, lief mit ausgestreckten Armen auf mich zu, umhalsete und kussete mich, ehe ich es ihm verwehren konte; und machte mir darauf eine vollige Liebes-Erklarung.
Ich dachte, der Mensch ware narrisch worden: ich wollte ihm seine unverschamte That verweisen; allein, er sagte mir mit einer lachlenden Mine, es wurde nicht lang mehr wahren, so wurde ich ganz anders reden: vor GOtt waren wir alle gleich; und so bald wurde ich nicht bekehret seyn, so wurde zugleich auch alle meine Standes-Hoheit und irdisch-gesinnte Ehrsucht wegfallen.
Meine Schwester fugte dieser Erzehlung ihre vorige Bitte mit Thranen hinzu, ich mogte sie unverzuglich aus dieser Verwirrung bringen; oder sie stunde in Gefahr ein armseliges Mensch zu werden.
Ich brachte sie also nicht wieder nach Hause zu unserer Base; sondern fuhrte sie zu einem bekanten frommen Geistlichen, der eine Tochter von ihrem Alter hatte. Ich kehrte darauf allein wieder zuruck, da meine Base eben mit ihren sogenannten Kindern GOttes ihre gewohnliche Abend-Bet-Stunde hielt. Ich trat ins Zimmer: ein Leineweber that den Vortrag: alles schlug die Augen nieder: die Zuhorer schienen in leblose Bild-Saulen verwandelt zu seyn: die abgezogenste Stille, die andachtigste Entzuckung unterbrach nur zuweilen ein Seufzer. Man fasste die Worte dieses ausserordentlichen Lehrers mit einer solchen Begierde von seinem Munde weg, als ob sie von GOtt selbst ausgesprochen wurden. Der Vortrag wahrte uber eine Stunde lang: er wiederholte zehenmahl eben dasselbige, und sagte immer einerley: er that darauf mit vielen Verzuckungen und Verwendungen der Augen ein von seiner eignen Heiligkeit zeugendes Gebet. Als er damit fertig war, trat ich hervor; und bat mir von dieser andachtigen Versammlung gleichfalls ein kurtzes Gehor aus.
Ich ermahnte meine Zuhorer, weil ich nicht glaubte, dass sie allesamt Heuchler waren, noch vielweniger, dass sie sich und andere Leute mit Vorsatz betrugen wolten, sich zuforderst wohl zu prufen, warum sie hier zusammen kamen? und was sie bey ihren Religions-Neuerungen vor Absichten fuhrten: ob sie meynten, GOtt dadurch einen Dienst zu thun, wann sie dessen Ordnung stohrten, ihr Gewerbe fahren liessen, und sich dargegen eines Apostolischen Berufs anmassten, um die Leute zu bekehren, und ihnen eine neue Lehre vom Glauben zu predigen, die auf eine leere Einbildung der bewegten Fantasie hinaus lief?
Ich verwies sie zuletzt, wegen ihres Mussiggangs und unordentlichen faulen Lebens an das Exempel und an die Ermahnung Pauli; und las ihnen einige Versicul aus dem 23. Capitel Matthai; worinn die Heucheley mit lebendigen Farben abgeschildert wird.
Die Besturzung meiner Zuhorer uber einen so unvermutheten Vortrag war ungemein. Niemand unterstund sich mir zu widersprechen: sie sahen bey mir einen Ernst, der ihnen, nach ihrer Art, ganz nicht geistlich schien: sie machten sich einer nach dem andern, wiewohl nicht ohne Seufzen und Urtheilen, uber einen so bosen Menschen, zum Haus hinaus.
Meine Base sturmte darauf mit einem ganz ergrimmten Gesichte auf mich los. Vetter, sprach sie voller Eifer, wer hat euch so kuhn gemacht, meine Haus-Andacht zu stohren, und mir Lebens-Regeln vorzuschreiben? Gnadige Frau! gab ich ihr mit einem gelassenen und demuthigen Wesen zur Antwort, ich bitte dieselbe gehorsambst, weil sie doch eine erleuchtete Christin seyn wollen, dero menschliche Affecten ein wenig beyseit zu setzen, und mich wenigstens anzuhoren: Meine Schwester hat mir alles erzehlet, wie es seit einem Jahr in dero Haus hergegangen sey, und was sie insbesondere dabey erlitten. Ich habe sie deswegen so lang zu einem frommen Priester ins Haus gebracht, bis ich mit GOttes Hulfe meiner gnadigen Frau Basen, bessere Meynungen werde beygebracht haben.
Der andachtigen Leute Zorn ist nichts weniger als sanftmuthig: sie machen alsobald aus ihrer Sache eine Sache GOttes, und in dieser Betrachtung uberschreitet er alle Granzen. Meine Base, durch gleichen Eifer aufgebracht, schalt mich ein Kind des Verderbens, und wenn man noch etwas abscheulichers als die Holle wuste, so hatte sie, ohn alles Erbarmen, mich dahin verwiesen.
Ich liess sie ihre Galle vollig ausschutten, und horte sie ganz ruhig an: sie warf das hundert ins tausend: sie vermengte ihre Reden mit so vielen wider einander lauffenden Satzen, dass es mir schwer fiel, daraus den geringsten Entwurf ihrer Begriffe zu machen. Endlich hemmte der Eifer die Bewegung ihrer schnellen Zunge, die Worte erstickten ihr im Munde: sie wurde mud, sie schwieg, und die Reih zu reden kam an mich.
Gnadige Frau! fieng ich ganz bescheiden an: ich erkuhne mich keineswegs, dero gute Absichten zu tadeln; ich nehme mir nur allein die Freyheit, ihnen darzuthun, dass sie solche auf bisherige Art nicht erreichen werden. Das wahre Christenthum, welches sie zu befordern trachten, ist seiner Natur nach ganz einfaltig und ungekunstelt. Es beruhet auf wenig ganz deutlichen Lehr-Satzen. Geheime Sachen gehoren fur GOtt; das Gesetz aber ist den Menschen gegeben. Christus sagt, wir sollen den Willen thun seines Vaters im Himmel; diesen hat er uns selbst zum deutlichsten erklaret: Thue das, spricht er, so wirst du leben. Ein einfaltiger Bauer, der von dem neuen Process der Wiedergeburt, von dem Buss-Kampf, von der Zeugung, von den Geburts-Wehen, von dem Durchbruch und von dergleichen besonderen Geheimnissen, die man bisher in ihren Haus-Versammlungen gelehret, im geringsten nichts weiss, noch je davon etwas hat reden horen, der ist nichts destoweniger, wenn er GOtt furchtet und recht thut, dem HErrn angenehm.
Ja, erinnerte hier meine Base, wir mussen aber doch gleichwohl wissen, wenn die neue Geburt in uns vorgegangen ist: wir mussen doch solches in uns empfinden und gewahr werden. Dieses wissen wir, gab ich zur Antwort, wenn wir die Gnade haben vor dem HErrn in einem redlichen und aufrichtigen Herzen zu wandeln, und das Gute, worzu wir von Natur ganz untuchtig sind, im Glauben zu vollbringen: denn an den Fruchten, sagt Christus, soll man die Glaubigen erkennen, und daran wird es offenbar, ob wir Kinder GOttes, oder Kinder des Teufels sind, wenn wir recht oder nicht recht thun, wie uns die Schrift solches deutlich lehret.
Meine Base that mir hierauf die Frage, ob ich dann wohl noch solche Leute gesehen hatte, an welchen die Fruchte des Glaubens klarer und deutlicher sich zu erkennen gaben, als an den theuren Seelen, welche taglich in ihrem Hause zusammen kamen, und sich einander in der Wahrheit, die da ist nach der Gottseligkeit, zu erbauen suchten?
Mussigganger, Tagdiebe und Heuchler sind wohl die meisten, wenn ich etwas lieblos urtheilen durfte, war hierauf meine Erklarung: ich berief mich hiebey auf die Worte Pauli, 2. Thess. 3. da er von solchen Leuten spricht, die da unordentlich wandeln, da sie doch, nemlich die Apostel, nicht umsonst das Brod von jemand genommen, sondern Tag und Nacht gearbeitet hatten, um niemand beschwerlich zu seyn: ferner, dass eben dieser Apostel befohlen hatte, dass ein jeder sein eigen Brod essen, und dass der, wer nicht arbeitet, auch nicht essen solte.
Nun, liebe Frau Base, fuhr ich fort, zehlen sie einmahl, wie viel andachtige Kostganger sie haben? welche alle gute, starke, gesunde Bruder und Schwestern sind, fur welche sich das Arbeiten viel besser schikken solte, als dass sie so herum spatziren, das Evangelium predigen, und taglich ihre gute Magen an fremden Tafeln zu Gaste bitten. Wie viel Geld hat ihnen dieses herumziehende Volk nicht schon gekostet, welches sie, ausser Zweifel, besser an arme, elende, gebrechliche Leute ausgetheilet hatten, deren wir leider in unserer Stadt mehr haben, als es Christen geziemet.
Welche Unordnung, welche Verwirrung ist durch das stets anhaltende Besuchen dieser ausserordentlichen Glaubens-Bekehrer nicht in ihrem ganzen Hausswesen entstanden? Heist es dann nicht, dass GOtt ein GOtt der Ordnung sey? und dass, wie er durch dieselbe die ganze Welt regieret; also will er auch, dass eine jede Obrigkeit den Staat, und ein jeder Hausvater sein Hauswesen regieren soll.
Wenn wir alle nichts anders thun wolten, als lesen, beten, singen, herumziehen und Versammlungen halten; was wurde daraus vor eine Verwirrung entstehen? wenn eine solche Lebens-Art die Freyheit der Frommen war, so wurden sie der Erden ein Fluch und der menschlichen Gesellschaft zum Verderben seyn.
Ein jeder soll also seines Thuns warten, und einen ordentlichen Wandel fuhren. Man kan deswegen doch dabey seine Andacht haben, gute Bucher lesen, und mit seinen Hausgenossen taglich eine Sing- und BetStunde halten. Dieses alles, sagte ich, war ganz gut, wenn es ohne Heucheley und zu rechter Zeit geschahe. Denn unser ganzes Leben muste in einem steten Zusammenhang der Andacht und der Ausubung der Christlichen Pflichten bestehen.
Ich sah, dass die Stirne meiner Basen sich gleichsam wieder aushellte, als ich von Sing- und Bet-Stunden Meldung that; denn sie machte sich nicht gern viele Geschafte in der Haushaltung; allein, Singen, Beten, Lesen und Versammlungen halten, das war ihr Leben: sie liebte diese Dinge nicht aus einer gewissen Wahl oder Absicht; sondern weil sie solche liebte, und wie man sonst auf etwas fallt: sie gefiel dabey sich selber wohl, und hielt sich fur so viel besser als andere Leute.
Kurz, meine Base erlaubte mir, nach so vielen Vorstellungen, auf einige Tage ihren geistlichen Geschwister-Besuch abzuweisen, wenn ich ihr anders meine Schwester wieder wolte ins Haus bringen und mit ihr des Abends Bet-Stunden halten. Ich bewilligte beydes mit dem grosten Vergnugen. Ich liess den andern Tag meine Schwester wieder zuruck kommen, und meinen Diener stellte ich vor das Thor, um die gewohnliche Visiten abzuweisen.
Nachmittags nahm ich eine Gutsche und fuhr mit meiner Basen und meiner Schwester in den SchlossGarten spatzieren: Jene machte allerhand Crimassen, den Anblick der eitlen Welt wieder zu vertragen; sie wuste auch uber die unschuldigste Dinge etwas zu sagen: alle Leute waren in ihren Augen naturliche, unbekehrte, unwiedergebohrne Menschen; ich brachte sie den Abend zu einer unsrer Verwandten; da wir nach Hause kamen, speiseten wir ein wenig, und ich hielt darauf mit ihnen und dem Haus-Gesind die versprochene Abend-Bet-Stunde.
Ich las ein Capitel aus dem Neuen Testament, ich machte daruber einige Anmerkungen; was ich nicht verstund, da bekant ich meine Unwissenheit: ich ermahnte dabey meine Zuhorer zur Treue und Aufrichtigkeit vor GOtt und Menschen, und dass sie in Glaubens-Sachen bey keinen blossen Meynungen sich aufhalten; sondern einfaltig in der Kraft des Glaubens zu wandeln, sich befleissen solten: wir beschlossen darauf diese Andacht mit einem Kirchen-Lied und einem kurzen Gebet.
Ich gewann endlich auch in so weit meinen Bruder, dass er der herumvagirenden Heiligen mussig gieng; weil er aber keinen Gefallen an dem Umgang mit der Welt hatte, so uberliess ich ihm unser vaterliches Land-Gut, welches ungefehr zehen Meilen weit von Konigsholm an der Baltischen See gelegen ist. Wir drey Geschwister theilten darauf auch unser ubriges vaterliches Erb-Gut: ich legte meine Capitalien theils in die Konigliche Bank, theils auf sichere Einsatze. Mein Bruder aber zog mit meiner Basen und meiner Schwester auf sein Gut.
Ich gieng, meiner Neigung nach, in die weite Welt: meine Begierde allerhand Menschen und Volker zu sehen, schien mir nicht zu ersattigen. Ich zog von Norden nach Westen, von Westen nach Suden, und von Suden nach Osten. Ohn ein hitziges Fieber, welches mich in Pannonien uberfiel, als ich mit einem Brittannischen Bottschafter auf der Reise nach Bisanza, der Haupt-Stadt der Ottomannen, begriffen war, wurde ich vermuthlich einen grossen Theil von Asien durchstrichen, und die ubriggebliebene Denkmahle der Arabischen und Egyptischen Alterthumer in Augenschein genommen haben. Ich war bald wieder genesen, mehr durch Hulfe meiner wirkenden Natur, als durch den Gebrauch der Arzneyen.
Der Krieg fiel daruber in Pannonien ein, ich that deswegen ein paar Feld-Zuge unter einem gewissen vornehmen General, der mein Landsmann, und mit mir etwas verwandt war. Ich hatte das Gluck dabey, ein wenig Ruhm zu erlangen; der Konig liess mir deswegen schreiben, ich solte zuruck kommen, er wolte mich selbst in seinen Diensten brauchen: ich nahm also meinen Weg nach Haus.
Es war im strengsten Winter, ich reisete uber Schnee und Eiss, und als ich uber den Belt setzen wolte, gerieth ich in augenscheinliche Lebens-Gefahr: zwey grosse Eiss-Stucker kamen auf das Schiff, worinn ich war, angeflossen: ich rettete mich zusamt dem Volk, so darauf war, auf den Boot, welchen wir auf das Eiss zogen: wir sahen kurz darauf die beyde grosse Eiss-Stucker zusammen stossen, und horten mit einem entsetzlichen Krachen unser Schiff zu trummern gehen. Ich war in einen guten Pelz gewickelt; ich legte mich samt dem geborgten Volk auf Stroh, damit wir das Boot ausgefullet hatten, und liessen uns in GOttes Namen auf dieser schwimmenden Eiss-Insul forttreiben. Wir fanden endlich, dass sie sich nicht mehr bewegte, wir hatten damit Hoffnung an Land zu kommen.
Es war Nacht: einige Boots-Leute machten sich Fackeln von Stroh, und giengen bey nah eine gute Viertel-Meile auf dem Eise fort: es war abgeredt, uns ein gewisses Zeichen zu geben, wenn wir ihnen nachkommen solten: wir horten diese Losung, und machten uns darauf hinter unser Boot, welches wir immer weiter fort stiessen, bis es Tag wurde: wir hatten uns stets Nord-warts gehalten. Ein anhaltendes SchneeGestober hatte Erd und Meer fur einander unkentlich gemacht. Die sich an einander abgeschliffene Eissschollen hatten ofters einen Strich von einer Hohe formiret, auf welche der Wind den Schnee so hoch zusammen getrieben, dass man solches fur ein Gestade hielt.
Endlich sahen wir eine Kirch-Spitze und nechst derselben ein kleines Dorf: wir leerten damit unsern Boot aus, und jeder schleppte, was er gerettet hatte, auf das Land. Wir fragten die Einwohner, wo wir waren? sie nanten uns den Namen einer kleinen Insul, von welcher wir, wie sie sagten, in einigen Stunden auf Schlitten gemachlich uber das Eiss nach Nicopia kommen konten. Ich saumte mich nicht, und liess mich mit diesem schnellen Fuhrwerk dahin bringen. Ich kam den andern Tag nach Konigsholm, und fand daselbst meine beyde Geschwister wiederum bey meiner Basen.
Mein Vergnugen war ungemein, sie, nach so viel ausgestandener Gefahr, wieder zu sehen: ich fand ihre Lebens-Art sehr geandert: meine Schwester fuhr nach Hofe, mein Bruder gieng mit den verstandigsten Leuten um, meine Base empfieng in ihrem Hause die ansehnlichste Besuche: alle lebten dabey auf eine ehrbare und Christliche Weise; die meiste Gesprache, die bey den Besuchen vorfielen, waren, wo nicht erbaulich, doch von unschuldigen Dingen: man horte weder die Leute durchlassen, noch uber die Religion spotten; sie genossen der zeitlichen Guter nach der Ordnung GOttes, und betrachteten solche als Gaben, daruber sie ihm Rechenschaft geben musten.
Ich kam nach Hofe und wurde dem Konig vorgestellet: er liebte die Soldaten; gelehrte Leute aber waren bey ihm in Verachtung: er hatte in seinen jungen Jahren greuliche Pedanten zu Lehrmeistern gehabt; daher war ihm die Einbildung geblieben, dass er meynte, die Gelehrten glichen allen seinen Lehrmeistern. Ich weiss nicht, was dem Konig an mir gefiel: er schenkte mir, aus eigner Bewegung, eine Hauptmanns-Stelle: dieses war etwas ganz ungewohnliches; denn die groste Gnade, die er einem Jungen von Adel zu erzeigen pflegte, war diese, dass er ihm eine Fahne gab, und muste man noch darzu von unten auf dienen: ich wurde von allem befreyt, meine in Pannonien gethane zwey Feld-Zuge wurden mir fur gethane Dienste angerechnet.
Ich hatte von Natur eine grosse Neigung zum Krieg: ich that meine Dienste mit Freuden, ich gedachte hier gutes zu stiften, und den gemeinen Meynungen, welche statt der wahren Tapferkeit und Grossmuth, die Unbarmherzigkeit, den Frevel und die Toll-Kuhnheit zur Tugend machten, allmahlig durch den Sinn zu fahren: ich furchte mich nur allein vor solchen Handeln, die auf einen Zweykampf hinaus liefen: ich hielt solchen durchaus nicht fur erlaubt: betrachtete ich ihn von Seiten der Religion, so stund das Anathema darauf: hielt ich ihn gegen die burgerliche Gesetze, so war er verbotten; urtheilte ich davon nach der Vernunft, so fand ich diese Handlung toll und unsinnig: prufte ich solchen nach der wahren Ehre, so bedunkte mich nichts schandlicher zu seyn, als etwas zu thun, das wider die Religion, wider die Gesetze und wider die Vernunft stritte: ich verabscheute demnach eine That, die mir durchaus unchristlich, frevelhaft und narrisch schien. Ich bat mir deswegen in solchen Fallen, die ich doch mit aller moglichsten Sorgfalt zu vermeiden suchte, des Konigs besondern Schutz aus, und verursachte damit zugleich, dass die Duell-Verbotte bey uns sehr gescharfet wurden.
Nebst meiner Hauptmanns-Stelle, machte mich der Konig auch zu seinem Cammer-Junker, dass ich mich also bey Hofe aufhalten muste: ich hatte bereits meine funf und zwanzig Jahre zuruckgeleget, als meine Base und meine beyde Geschwister mich zu bereden suchten, dass ich mich verheyrathen solte. Ich war bisher nach meinem freyen Wesen, welches mir durch meine Reisen noch naturlicher worden, mit allerhand Frauenzimmer umgegangen; ich hatte aber keines darunter gefunden, welches meinem Herzen eine wahrhafte Leidenschaft geben konte.
Ich liebte etwas grossmuthiges und zartliches: Unsere blanke Nordische Gesichter hatten wenig von dieser Gemuths-Art: sie waren wohl schon genug; es mangelte ihnen aber an Geist. Ich konte mich dabey nicht lang aufhalten: mein Herze blieb gar zu ruhig, und ich stund in dem Wahn, wenn ich mich heyrathen solte, so muste es aus Liebe geschehen. Diese Einbildung kam mir hoch zu stehen.
Meine Base hatte eine junge Anverwandtin, Namens Philirene: sie war eigentlich aus einem Cattischen Geschlecht: sie hatte alle Zartlichkeiten der Liebe, samt dem geistreichen Feuer einer Aquitanerin. Meine Base rieth mir, diese Schonheit nicht aus Handen zu lassen, um so vielmehr, weil sie bey ihren vielen reitzenden Eigenschaften auch dermahleins ein grosses Vermogen von ihren Eltern zu gewarten hatte; allein, es sey, dass ich zu derselben Zeit noch die Freyheit zu sehr liebte, und also keine Lust hatte, eine Frau zu nehmen: ich schlug wenigstens darauf keine ernstliche Gedancken; ehe ich michs versah, hohlte sie ein andrer weg, und ich dachte nicht daran, dass es mir solte leid thun.
Eine gewisse auslandische junge Grafin kam unterdessen mit ihrem Vater nach Hofe. Die Neuigkeit ruhrte mich: sie gefiel mir, sobald ich sie sah: sie war ein einziges Kind und eine grosse Parthie; es fanden sich Freunde, die uns zusammen bringen wolten; allein ich zauderte auch hier, und wolte meinen Roman nicht da anfangen, wo andre den ihrigen endigen.
Philirene hatte ihren Mann noch kein Jahr gehabt, so gieng er mit Todt ab; sie wurde also eine junge zwantzig-jahrige Wittbe. Dorante, einer meiner besten Freunde, hatte sie schon vor ihrer Heyrath geliebet; weil er aber gewisser Geschaften halber nach dem Gedanischen Hof verreisen muste, und sich nicht einbildete, dass sie sobald sich verheyrathen wurde, so hatte er derselben damahls seine Neigung nicht vollig zu erkennen gegeben. Er war unstreitig einer der artigsten Edelleuten: er sah wohl aus, besass grosse Guter, und hatte, etwas so einschmeichelndes und verfuhrisches in seinem Wesen, dass er sich bey einer Dame nur zeigen durfte, wann er ihr gefallen wolte.
Dieser vernahm nicht so bald, dass Philirene war eine Wittbe worden, so erofnete er mir seine Neigung fur dieselbe; wir hatten wochentlich Briefe von einander: er ubersandt mir ein Schreiben an sie, darinn er ihr sein Beyleid uber den fruhzeitigen Verlust ihres Gemahls bezeigte. Ich hatte bey derselben einen freyen Zutritt, ich uberlieferte ihr den Brief von Dorante, und vergass nicht, alle dessen gute Eigenschaften aufs beste herauszustreichen. Philirene antwortete mir darauf jederzeit sehr kaltsinnig; und gab mir zu verstehen, dass diejenige Hochachtung, die sie fur mich hatte, nicht eben sich auch auf meine Freunde erstreckte. Dieser Vorzug ruhrte mich: ich sah mich in Gefahr, sowohl meinem Freund, als meiner Geliebten untreu zu werden. Ich setzte mich zwar einer solchen Regung mit aller Macht entgegen, und empfand unterdessen die groste Marter einer doppelt-gefassten Liebe. Das Verhangniss richtete endlich die Sachen dahin, dass ich, ohne der einen untreu zu werden, der andern mein Herze schenken konte. Der Graf von ** versprach seine Tochter einem der vornehmsten Cimbrischen Herren; er wuste nichts von unser beyder Verstandniss: der Konig selbst hatte die Heyrath gemacht: es wahrte nicht vierzehen Tage, so wurde sie vollzogen, und die Grafin von ihrem jungen Gemahl nach Cimbrien gebracht.
Die Freundschaft mit Dorante bestritte demnach noch allein meine Liebe fur Philirenen; es setzte damit weit mehr Hinderniss. Ich war nicht entschlossen, etwas zu ihrem Nachtheil zu thun: ich suchte auf alle Weise Doranten in den Augen dieser Schonen schatzbar und annehmlich zu machen; allein, ich richtete dadurch nichts anders aus, als dass sie mir desto mehr Gunst bezeigte.
Dorante kam daruber von seiner Reise zuruck: ich entdeckte ihm meine zuruckgegangene Heyrath mit der Grafin von ** Er erschrack daruber: ich kenne, sagte er zu mir, euer Herz, es kan nicht wohl mussig seyn: es muss eine Beschaftigung haben. Lasset mir nur Philirenen. Im ubrigen so mogt ihr alle Schonen in der ganzen Welt lieben. Ich errothete uber diese Worte: ich war zu ehrlich, um mich zu verstellen: ich nahm deswegen ein ernsthaftes Wesen an, und rieth meinem Freund, einen andern, als mich, zum Unterhandler seiner Liebe zu machen.
O Himmel! rief hier Dorante voller Besturzung aus: was hor ich? Solte wohl mein bester Freund, dem ich alles in der Welt anvertrauet habe, an mir zum Verrather werden? Solte wohl der redlichste Mensch in der Welt mich hintergehen konnen? Auf keinerley Weise, liebster Dorante, erklarte ich mich; ich bin zur Aufrichtigkeit gebohren: es ist wahr, ich finde Philirenen Liebens-wurdig; allein, ich werde deswegen nichts wider unsere Freundschaft thun: ich fugte hinzu, dass ich, um ihn dessen zu uberzeugen, eine Zeitlang auf das Land zu meinem Bruder gehen wolte.
Dorante, als er sah, dass ich ihm dieses in Ernst sagte, wolte mir nicht weniger Grossmuth zeigen: er schloss mich in seine Arme: mein werthester Greenhielm, sprach er, ich kenne euch allzuwohl, ihr wurdet Philirenen nicht lieben, wo sie euch nicht liebte. Bleibet nur: ich sehe mein Ungluck, lasset mich nicht zum Sieges-Zeichen eures Triumphes dienen.
Es ausserte sich hier ein Streit zweyer Freunden, mit welchen man die Schauspiele auszieren konte: an statt des Hasses und der Eiffersucht, die in dergleichen Fallen sich ereignen; so behauptete einer des andern Vorzuge, und erklarte ihn fur wurdiger, die Gunst der schonen Philirenen zu erhalten. Wir beklagten die Vollkommenheit unserer Freundschaf, die sich auch allhier bey uns in dem zartlichsten Umstand von der Welt, durch eine ungluckliche Ubereinstimmung der Gemuther offenbahrte: wir waren nicht gesonnen, uber die Liebe unsere Freundschaft zu brechen: wir meyten die groste Untreu zu begehen, wenn wir nicht fortfuhren, gegen einander gleich aufrichtig zu seyn. Wir entschlossen uns also beyde zusammen zu Philirenen zu gehen, derselben unsre Neigungen zu entdecken, und von ihr selbst den Ausspruch unseres Gluckes zu erwarten. Ein jeder von uns beyden, sagten wir, hat es jederzeit fur eine grosse Thorheit gehalten, eine Person zu lieben, die uns einen andern vorziehet: lasset uns also Philirenen unter uns beyden wehlen, und ohne Eiffersucht das Gluck unsrer Liebe ihrem Ausspruch unterwerfen.
Wir liessen uns hierauf bey Philirenen melden; ein jeder hatte sich aufs prachtigste gekleidet; wir waren beyde von unserer Eigen-Liebe aufgebracht: die Grossmuth, und die Freundschafft wurden gleichsam auf eine Zeitlang von uns beurlaubet. Philirene empfieng uns beyde mit gleicher Hoflichkeit. Unsere Augen spielten auf sie, und wolten in den ihrigen die Entscheidung unseres Verhangnisses lesen. Die Liebe gab uns Geist und Beredsamkeit. Ein jeder mahlte seine Empfindungen mit fremden Farben ab: man stellte sich selbst unter einer andern Gestalt vor. Ich erzehlte eine Geschichte, die zweyen guten Freunden begegnet war, und diese Geschicht war unsere eigene. Philirene verstund alles; sie erklarte ihre Meynungen; ohne dadurch den Wohlstand ihrer Trauer zu verletzen: wir verstunden sie gleichfalls: Dorante war daruber misvergnugt: Philirene, sprach er zu mir im Weggehen, hat ihr Geheimniss stark verrathen: die Freundschaft, die sie ganz offenherzig fur euch bekennet, ist nur ein Schleyer, darunter ihre Schamhaftigkeit die groste Liebe verstecket. Seine Empfindungen, seine Schmerzen und seine Klagen waren daruber so lebhaft, dass sie mir durchs Herze schnitten.
Die Liebe zu Philirenen hatte mich noch nicht so sehr bemeistert, dass ich nicht mich stark genug gefunden hatte, solche nach meinem Willen zu beherrschen: das unzertrennliche Band der Ehe machte mir noch immer ein heimliches Grauen: ich liebte meine Freyheit, und war Doranten mit ausserster Freundschaft verbunden. Ich konte mir es nicht verzeihen, dass er um meinetwillen in seiner Liebe unglucklich seyn solte: kein Mensch auf der Welt schien mir wurdiger geliebt zu werden; und ich schwore, dass ich, aller Eigenliebe ungeacht, so viel Demuth behalten hatte, ihn mir selbst vorzuziehen. Nichts schien mir gerechter zu seyn, als ihm Philirenen zu uberlassen, und mich deswegen auf eine Zeitlang von Konigsholm wegzubegeben.
Ich machte wirklich Anstalten zu verreisen, als Philirene meine Base besuchen kam: diese sagte ihr von meinem Vorhaben; mit dem Zusatz, dass niemand wuste, wo ich hinwolte: dieses war genug, Philirenen aufs ausserste neugierig zu machen. Sie hatte vermuthet, mich bey meiner Basen zu sehen; ich war aber, um ihre Gegenwart zu meiden, nicht zu ihr gekommen. Diese Kaltsinnigkeit, wie auch die Nachricht, dass ich verreisen wolte, verursachten bey ihr allerhand Gedanken.
Einige Tage darauf gieng ich zu Philirenen, um von ihr Abschied zu nehmen: sie fragte mich, wo ich hin wolte? ich machte ihr daraus ein Geheimniss, welches sie zu erforschen um desto begieriger wurde. Die List scheinet dem weiblichen Geschlecht naturlich zu seyn; sie begunte mir im grosten Vertrauen von ihren eignen Angelegenheiten Nachricht zu geben; und wuste dabey, mit der kunstlichsten Art, die Reden so zu wenden und zu drehen, dass sie auf ein Fragen, warum, und wohin ich verreisen wolte, hinaus liefen.
Ich entschuldigte mich, dass ich ihr daruber nichts gewisses sagen konte. Dieses muss ein sonderbahres Geheimniss seyn, erwiederte sie: allem Vermuthen nach, wird wohl eine fremde Schonheit die Ursach von dieser Reise seyn. Ich meynte, setzte sie mit einem zartlichen Auge hinzu, unsere Freundschaft war so gross, dass ich mir dieses Geheimniss zu wissen, ausbitten durfte? Unsere Freundschaft selbst, unterbrach ich, wurde vielmehr darunter leiden. Und wie solte das zugehen? forschte sie weiter, weil mir solches, versetzte ich, dero Ungnade zuziehen wurde. O! fuhr sie darauf heraus, wenn es nichts anders ist, als dieses, so redet, was ihr wollet, ich kan euch, lieber Vetter, nichts ubel nehmen.
Dieses war so viel, als mein Geheimniss mit einer sussen Gewalt mir vom Munde reissen. Lasset, wertheste Base, lasset einen Undankbaren, sagte ich mit der grosten Bewegung, der die Schwachheit begangen hat, die unvergleichliche Philirene fur einen andern zu bestimmen; da doch ihre Vollkommenheiten sein eigen Herz hatten einnehmen sollen. Eure Augen, schonste Base! haben mich dafur gestrafet, und die meinige werden den Fehler busen; indem sie euch nicht mehr sehen sollen.
Philirene wurde ganz ernsthaft auf diese Erklarung: sie wolte sich das Ansehen geben, als ob sie durch eine so freye Entdeckung meiner Liebe sich beleidiget fand. Sie sagte, dass die Betrachtung ihrer hohen Trauer mich hatte zuruck halten sollen, ihr von dergleichen Dingen zu reden. Ich entschuldigte mich mit ihrem Befehl, und dass sie mir versprochen hatte, nichts ubel zu nehmen: sie erinnerte sich dessen, und sagte mir mit Lachen, dass ihr meine Ursach zu verreisen sehr abentheuerlich vorkam. Sie versicherte mich, wo ich keine andere hatte, als diese, dass ich besser thun wurde, meine Reise einzustellen. Weil Dorante sich um sie allezeit vergeblich bemuhen wurde.
Sie stellte sich dabey, als ob sie nicht glauben konte, dass es mein Ernst war, sie zu lieben: die Zeit, sprach sie, wurde mich bald wieder anders reden machen. Dieses Misstrauen war mir genug, was hatte sie mehr sagen sollen? sie war noch kaum drey Monat eine Wittbe. Nur Dorante dauerte mich: ich hatte fur ihn alles gethan, was in meinem Vermogen war; mehr kont ich nicht.
Nach einigen Tagen gieng ich wieder zu Philirenen: ich fand sie gegen das vorigmahl ziemlich kaltsinnig: sie war beschamt, dass sie sich bey ihrer letzten Unterredung zu weit gegen mir blos gegeben hatte: sie wolte deswegen den Wohlstand wieder retten: sie gebott mir, nichts mehr von der Liebe zu reden: ich solte mich mit ihrer Freundschaft begnugen. Ich war mit ihr noch in einem starken Wort-Wechsel, als man ihr ein Packet brachte, welches sie, ohne es zu erofnen, mit einer unachtsamen Mine vor mir auf den Tisch hinlegte.
Ich warf darauf die Augen, und beobachtete des
Dorantens Pittschaft: ich wurde daruber besturzt, und wuste nicht, was ich sagen solte.
Philirene sah mich an und lachelte. Nicht wahr,
mein guter Vetter, sagte sie, ihr verwundert euch uber meinen Brief-Wechsel mit Doranten? Ich bekraftigte ihre Muthmassung. Sie erzehlte mir, wie dieser vor einigen Tagen sie hatte bitten lassen, ihr eine gewisse gedruckte Schrift, welche das Geschlecht ihres vorigen Gemahls betraffe, zu lehnen; sie hatte keinen Vorwand gehabt, ihm diese Gefalligkeit abzuschlagen: er schickte ihr solche nun wieder, das war alles. Dorante, war meine Erinnerung, wird nicht ermangeln, seine Danksagung dafur in diesem Packet abzustatten, weil er solches gewiss in keiner andern Absicht verlanget hat, als um dadurch eine Gelegenheit zu bekommen, einen Brief mit beyzuschlagen. Ich will euch, meine Base, fuhr ich fort, nicht verhindern, denselben durchzulesen, und so lange mich nach eurem Cabinet verfugen. Wenn ihr diese Meynung habt, sagte sie, so ofnet selbst das Packet, und leset den Brief, welchen ihr darinn vermuthet.
Ich liess mir dieses nicht zum andernmahl sagen: ich riss die Siegel auf, und fand, nebst der gedruckten Schrift, einen uberaus nett und wohl-geschriebenen Brief; in welchem Dorante seine Liebe auf das geistreichste und beweglichste vorstellete; zugleich aber auch uber meine Untreu sich zum heftigsten beschwerte. Diese Beschuldigung gieng mir nah; ich meynte solche nicht verdient zu haben: ich war Doranten auf vielfaltige Art verbunden; und es schien mir unertraglich, dass er mich fur undankbar halten solte. Philirene suchte mich dieser Zartlichkeit halber zu trosten; indem sie mir zu erkennen gab, dass es nicht in meiner Macht stund, ihr Herz, wem ich wolte, zuzuwenden.
Nachdem sechs Monathe, seit dem Absterben ihres Gemahls, verflossen waren, machte sie sich kein Bedenken mehr, sich mit mir zu versprechen. Sie befahl mir aber, unser Bundniss vor allen Menschen so lang geheim zu halten, bis die Gesetze des Wohlstandes uns erlauben wurden, solches bekant zu machen. Wir sahen unterdessen einander fast taglich. Ein Jahr verfloss auf diese Weise.
Es hatte sich unterdessen in unserer Liebe eine grosse Hinderniss ereignet. Der Vatter von Philirenen wolte das mit seiner Tochter getroffene Bundniss durchaus nicht gut heissen: er hasste mich so sehr, als mich seine Tochter liebte. Er war ein rauher und eigensinniger Mann.
Einsmahl, da Philirene bey ihm war, und mit der aussersten Demuth ihn um seine Einwilligung in unsere Heyrath ersuchte, liess er sich von seinem Zorn dermassen ubernehmen, dass er ein Messer bey der Tafel ergriff, und, indem er ihr solches zeigte, sie bedrohete, ihr lieber den Hals damit abzuschneiden, ehe er zugeben wolte, dass sie meine Frau werden solte.
Sie wurde daruber vor Schrecken krank, und gab mir den folgenden Tag davon Nachricht: sie druckte mir dabey ihre Schmerzen mit so lebhaften und beweglichen Worten aus, dass ich mich an ihrem Vater im ersten Eifer wurde gerochen haben, wenn er nicht ihr Vater gewesen war.
Sie erfuhr indessen, dass der Konig mich bestandig verlangte bey Hofe zu haben; und dass er zu dem Ende mit der Tochter eines seiner ersten Stats-Rathen, welche bey der Konigin war, mich verehligt sehen wolte. Dieses machte Philirenen ein grosses Nachdenken: es verdross sie, dass ich ihr solches verschwiegen hatte: sie wolte alle Umstande davon wissen: ich sagte ihr solche, und sie erklarte sich darauf, dass sie mich durchaus nicht von einem weit wurdigern Gluck, als ich bey ihr zu hoffen hatte, abhalten wolte: sie that auch von derselben Zeit an wurklich kaltsinniger gegen mir, um mich desto eher zu bewegen, das mir angebotene Gluck nicht auszuschlagen. Wir sprachen daruber mit der grosten Gelassenheit, und weil der Hof damahls sich abwesend auf einem der Koniglichen Lust-Schlosser befand, so solte ich dahin reisen.
Es vergiengen acht, es vergiengen vierzehen Tage, und ich konte mich darzu noch nicht entschliessen: endlich gieng ich zu ihr, in Meynung von ihr Abschied zu nehmen. Die Art, mit welcher sie in meine Reise nach Hof willigte, hatte etwas so gleichgultiges und trockenes, dass ich mich dadurch beleidiget fand: ich beklagte mich deswegen bey ihr; sie schien mir daruber unbewegt: sie antwortete mir mit einer solchen Kaltsinnigkeit, die mir den Frost in die Glieder, und die Wuth ins Herze jagte: ich sagte ihr darauf alles, was einem der Zorn, die Rache und die Verzweiflung in den Mund zu geben pflegt; ich schalt sie eine Wankelmuthige, eine Ungetreue, eine Meineydige: sie horte mich gelassen an, sie sagte kein Wort: ich fuhr in meinem tobenden Eifer fort, ihr mein Bildniss, meine Briefe, und was sie sonst von mir empfangen hatte, abzufordern. Sie langte darauf ein Kastgen, eroffnete darinn verschiedene kleine Behalter, und legte mir daraus alles vor die Augen auf den Tisch.
So bald erblickte ich nicht diese zartliche Unterpfander unsrer Liebe, so verliessen mich die Sinnen: meine Augen starrten: mein Mund konte sich nicht mehr bewegen, und der Schmerz erstickte mir gleichsam die Brust. Ich fiel auf einen Sessel und wuste nichts mehr von mir. Philirene war daruber vor Angst und Schrecken ausser sich: sie nahm mich in ihre Arme: sie schrie, sie weinte, sie bat, ich solt ihr verzeihen, sie schwur, dass sie mich weit heftiger, als jemahls liebte, und dass sie ohne mich nicht leben konte. Ich schlug die Augen wieder auf; ich weiss nicht, dass ich je geweinet hatte; hier aber sturzte sich auf einmahl ein ganzer Strohm von Thranen aus meinen Augen. Philirene versprach mir hierauf, Himmel und Erden zu bewegen, um ihres Vaters Einwilligung zu unsrer Heyrath zu erlangen.
Wir entdeckten unsern Zustand einem von unsern Verwandten, der bey demselben vieles galt: er gieng hin, und that demselben unsertwegen einige Vorstellungen. Er fand bey ihm nicht nur Gehor, sondern auch so wenig Widerspruch, dass er uns Hoffnung machte, wie sich alles nechstens nach unserm Wunsch fugen wurde. Wir waren uber eine so gute Bottschafft vor Vergnugen ausser uns. Niemahls hat man eine so lebhafte Freude empfunden; allein, unsere Gluckseligkeit war zu gross, um lang zu dauren.
Philirene fuhr einige Tage darauf zu ihrem Vater; sie hofte ihn nun ganz zu gewinnen: sie hatte bey sich die starkste Beweg-Grunde abgefasst, allen dessen Einwurfen zu begegnen: sie meynte nicht, dass ihm noch das geringste im Weg bleiben solte; allein, es kam zwischen ihr und ihm zu keiner solchen Erklarung. Er schmiss alle ihre Vorstellungen mit einem ungestummen Zorn darnieder. Er schalt nicht nur auf unsre Liebe; sondern belegte auch solche mit dem allergraslichsten Fluch. Alles Einreden war vergebens; er horte sie nicht, als um seiner Wuth desto mehr Raum zu lassen.
Philirene wurde dadurch erschuttert: sie verlohr auf einmahl allen Muth. Die grauen Haare ihres ergrimmten Vaters machte ihr zartes Herze beben. Siehe, sprach er zu ihr, indem er ihr solche mit einer mehr vor Eifer, als Alter zitterenden Hand zeigte, diese wirst du mit Gram unter die Erde bringen, und du wirst dafur die traurige Schicksale eines Kindes erleben, welches den Tod seines Vaters verursachet.
Philirene kam darauf mehr sterbend als lebend wieder nach Haus. So bald sie sich ein wenig erhohlet, schrieb sie mir einen langen Brief, worinn die allerstarkste Leidenschaften, die jemahls ein zartliches Gemuth empfunden hat, auf das lebhafteste ausgedrucket waren. Ich wuste nicht, wie mir war, als ich davon die erste Zeilen las: ich konte vor heftiger Bewegung denselben kaum auslesen: die ausserste Liebe war darinn dem Gehorsam eines Kindes entgegen gestellet. Pflicht, Gottesfurcht und Entsetzen, zerrissen hier die allerzarteste Bande des Herzens, und sturzten sich endlich in eine andachtige Verzweiffelung aus. Sie schloss mit diesen Worten: Lebet wohl / mein Geliebter / und wo ihr mir noch das letzte Kennzeichen von eurer Neigung geben wollet / damit ihr mich uber alle Verdienste erhoben; so bittet GOtt / dass er diejenige bald von dieser Welt nehmen wolle / welche die ungluckseligste von allen Creaturen ist.
Ich wuste bey diesem Zufall nicht, ob ich mich uber den Himmel, uber Philirenen oder uber mich selbst beklagen solte. Die Abwechselung und der Widerspruch meiner Affecten riss mein Gemuth in die ausserste Verwirrung: meine Empfindungen daruber waren so unordentlich und heftig, dass sie alle Ausdruckungen uberstiegen. Ich hielt mich dabey auf eine Art beleidiget, welche nur allein der grosten Wuth bey mir die Oberhand liess. Gerechter Himmel! ach! verzeihe hier die Ausschweiffungen eines damahls zu sehr aufgebrachten Gemuths. Ich hatte die ganze Sache mit Glimpf und Bescheidenheit vermitteln konnen: ich hatte durch ein zartes Mitleiden die unschuldige Philirene bey den heftigen Verfolgungen eines grausamen und unerbittlichen Vaters trosten, und ihren ganz darniedergeschlagenen Muth wieder aufrichten sollen; allein, ich hatte damahls keine Uberlegung: ich war noch jung, feurig, hochmuthig und ein schlechter Christ.
Ich setzte mich also voller Zorn und Verachtung nieder, und schrieb an Philirenen eine Antwort, welche mir nur allein diese beyde Affecten in die Feder gaben: dieses war noch nicht genug: ich sandt ihren ganzen Brief in Abschrift an ihren wider mich erbosten Vater, und begleitete solchen mit den allerspottlichsten Anzuglichkeiten.
Philirene gerieth uber diese unwurdige Merkmahle meiner Verachtung in einen Zustand, dass man nicht anders glaubte, als sie wurde daruber des Todes seyn. Meine Base, die sie besuchte, um bey ihr sich zu erkundigen, was uns beyde zu einem so unglucklichen Bruch Anlass gegeben hatte, sagte mir bey ihrer Zuruckkunfft: dass Philirene sterben wurde, und dass ich daran Ursach war.
Philirene wurde nichts destoweniger wieder besser: und ich gieng nach Hofe: ihr Vater starb einige Monathe hernach: er wolte seine Tochter vor seinem Ende noch versorget sehen: er versprach sie deswegen auf seinem Todtbett mit einem andern; und als er dieses, seiner Meynung nach, erbauliche Werk gestiftet hatte, verschied er. Philirene hielte sich durch dieses Bundniss zu nichts verpflichtet. Sie begab sich in die Einsamkeit, auf das Land, und starb einige Jahre darauf in dem Geruch der reinsten Andacht. Ich vernahm ihren Tod mit ausserster Betrubniss, und that ein Gelubde, mich nimmer zu heyrathen.
Ich hatte unterdessen mein Gluck bey Hofe verscherzet. Ich that deswegen eine Reise an auswartige Hofe, und erhielt von dem Konig, dass mir gewisse Geschafte daran zu tractiren anvertrauet wurden. Es erhub sich nachgehends auch ein Krieg mit unsern Nachbarn, den Gedanern: ich wurde zuruck gefordert, und muste einigen Feldzugen mit beywohnen.
Weil ich nicht viel schmeicheln, noch mich den Grossen bey Hofe niedertrachtig unterwerfen konte, so stund ich vielmahl in Gefahr, bey dem Konig in Ungnade zu fallen; ich wurde auch etlichmahl bey den Beforderungen der hohen Kriegs- und Hof-Aemter vorbey gegangen. Dieses sowohl, als der Betrug und die Falschheit der Menschen, die ich taglich mehr erkennen lernte, machte mich an meine Ruh denken. Ich war wirklich schon im Begriff, den Hof zu verlassen und mich auf das Land zu begeben; als der Konig mir das Commando uber diejenige Volcker auftrug, welche er den Licatiern gegen die Aquitanier zu Hulfe gesandt.
Ohne einen so grossmuthigen Erretter, endigte hier der Herr von Greenhielm seine Geschicht, indem er seine Worte an den Grafen von Rivera richtete, hatte ich in diesem Feldzug das Ziel meines Lebens gefunden.
Das neunte Buch.
Nachdem der Herr von Greenhielm seine Erzehlung geendiget hatte, bewunderte der Graf die Eigensinnigkeiten der Liebe, und den besondern Character der Philirene. Der Herr von Riesenburg aber sagte, dass ihm die Liebes-Historie des Bruders Christophs noch besser gefallen hatte. Dieselbe macht mich, fuhr er fort, an meinen ehmahlig andachtigen Hofmeister gedencken, der auch vom Schlag dieser Leute war; ich will meinen Herrn solche erzehlen:
Ich war ungefehr 18. Jahr alt, als ich mit diesem andachtigen Menschen auf die hohe Schul nach Argentea kam: wir machten eine abentheuerliche Figur mit einander: er schlug die Augen immer vor sich nieder, redete nie, ohne vorher zu seufzen, und sah bey seinen demutigen Gebehrden so finster aus, dass man immer meynte, er wurde einschlafen; nun setzen sie mein Bildniss neben dieses, so werden sie finden, dass wir ein recht artiges Paar mussen ausgemacht haben: mein naturliches Wesen litt unterdessen einen nicht geringen Zwang unter der Anfuhrung eines Menschen, dessen Eigenschaften von den meinigen so weit entfernet waren; ich ehrte nichts destoweniger in ihm die Wahl meines Vaters, der mir solchen zum Aufseher mit gegeben hatte; und wurde mich gern, ihm zu gefallen, ein wenig verstellet haben, wen ein Gemuth wie das meinige / darzu geschickt ware.
Ich laugne ganz nicht, dass ich mich gerne lustig mache wenn es ohne Verletzung der Ehrbarkeit geschehen kan. Nach meiner Meynung ist der Mensch mehr zur Freude und zum Vergnugen, als zur Traurigkeit gebohren. Mein Hofmeister glaubte das Gegentheil, und ein jeder bezeigte sich hierinn nach seinem Temperament.
Ich verliebt mich damahlen in eine junge Grafin: diese Neigung aber hatte nichts von einer grossen Leidenschaft. Wir gefielen uns nur, und hatten ein Vergnugen, uns solches einander zu sagen. Dieses schmeichelte ein wenig unsrer kleinen Eitelkeit. Die Annehmlichkeiten ihrer Person reitzten mich mohl, ihr einige Liebkosungen zu machen; allein, die Ehre und ein bissgen Tugend, welche ich liebte, setzten unsern weitern Begierden ihre Grenzen, und hielten uns von den unglucklichen Ausschweiffungen der Liebe zuruck.
Diese junge Grafin hatte eine Hofmeisterin, die auch eine von den andachtigen Leuten war, welche viel von Verlaugnung der Welt, von der Creutzigung des Fleisches, und von dem pur innern geistlichen Leben zu sprechen wuste: sie war schon weit uber die dreyssig hinaus, und nah an den Jahren der Verzweiflung, ihre noch ubrige Begierden durch das Sacrament der Ehe, ohne Sunde zu vergnugen: sie war in ihrer Meynung dermassen bekehrt, dass sie es nicht fur moglich hielt, in eine kleine Liebes-Schwachheit zu verfallen. Mein Hofmeister, der auch fur nichts anders als einen Wiedergebohrnen wolte angesehen seyn, machte mit ihr Bekantschaft: diese fromme Leute empfanden bald fur einander eine innigste Hochachtung. Die Gleichheit vereiniget die Naturen aller Geschopfe, warum nicht auch die Andachtigen? die Herzen unserer beyden Hofmeisterschaft branten weit heftiger, als diejenige der Welt-Leuten: die geistliche Liebe hatte solche entzundet: die Arbeit des Corpers in den Geist ist nicht so starck, als die Arbeit des Geistes in den Corper, das macht, weil der Geist durch nichts anders als die Einbildungs-Krafte wirken kan: werden nun diese erhitzt und rege gemacht, so stehet die Materie unter dem Gehorsam.
Unsern beyden Verliebten war es auch so; der Anfang ihrer Liebe war ganz geistlich, wann sie alleine waren, so druckten sie sich einander zum Zeichen ihrer zartlichen Herzens-Freundschaft an die Brust: der Grafin Hofmeisterin trug solche allezeit bedeckt; doch so bedeckt, dass leicht die geringste Bewegung das Halstuch ein wenig verrucken, und beyde uber die Entblosung eines kleinen Fleckgens konte seufzen machen. Diese Bewegungen kamen oft. Bey dem Umarmen setzte es auch Kusse; aber Kusse in aller Andacht: keine Schwachheiten: wenn es ihnen beliebt, wer wolte so boses denken? sie kussten einander nur die beyde Backen. Zuweilen machte es wohl bey ihr eine kleine Schamrothe, wenn der Freund, im Feuer der Liebe, des einen Backens verfehlte, und von ungefehr neben auf den Mund ausglitschte. Der Weg, wie sie wissen, ist in dieser Gegend etwas unsicher; man verirrt sich leicht. Wenn dieser Irrthum sich zutrug, so bat er die Schone sogleich um Vergebung, und kusste ihr dafur die Hand. Sie wurden dadurch in dem innersten bewegt: diese Bewegung hemmte ihre Sprach; sie blieben oft ganz stumm beysammen: ihre Herzen waren geprest, sie musten stark Athem holen, und dieses liess naturlich, als ob sie seufzten. Bey diesem anhaltenden Stillschweigen besprachen sich die Augen: denn diese sind die Sprach der Geister. Was sie sich einander mogen gesagt haben / ist mir unbekant: sie begriffen es selbst nicht recht: sie spurten davon nur die Wirkung: die Brust war beklemmt, der Puls gieng schneller, der Mund war trocken, und ein inwendiger Brand drohete sie zu verzehren. Sie wolten vermuthlich keines so grausamen Todes sterben: was aus heftiger Liebe geschiehet schlossen sie bey sich selbst, das kan nicht bose seyn. Kurz, nach einem halben Jahr hiess es, der Grafin Hofmeisterin war schwanger.
Man schaffte sie hurtig aus dem Hause: niemand hatte Anfangs den frommen Menschen, meinen Hofmeister, daruber in Verdacht. Das arme Magden konte es gar nicht begreiffen, wie es war zugegangen: sie sagte, sie war bezaubert worden: sie liess sich solches nicht ausreden; und ich hatte die Wahrheit von dieser Geschichte nimmer erfahren, wenn nicht diese ungluckselige Liebhaberin in ihrem aussersten Elend zu mir ihre Zuflucht genommen hatte, ihr mit ein wenig Geld an die Hand zu gehen. Weil mir die junge Grafin schon etwas von der Vertraulichkeit meines Hofmeisters mit ihrer Gubernantin entdeckt hatte, und allenthalben das Gesprach gieng, dass er dieselbe zum Fall gebracht hatte, so verfugte ich mich heimlich selbst zu ihr in ein elendes abgelegenes Hausgen, und wolte ihr nicht eher meinen Beystand zeigen, bis sie alles haarklein mir wurde gebeichtet haben.
Sie wolte lange nicht mit der Sprach heraus, sie sagte immer, der Satan war mit im Spiel gewesen; es war nicht naturlich zugegangen; allein, ich liess mich damit nicht abweisen. Kurz, die Noth machte sie schwatzen; sie nante mir mit Thranen und Hande-ringen meinen Hofmeister. Wie besturzt wurde ich nicht daruber, als ich horte, dass dieser ehrbare Mensch das Werkzeug dieser ubernaturlichen Zauberey solte gewesen seyn. Ich konte ihn nicht mehr vor meinen Augen sehen; nicht deswegen, weil er gesundiget hatte, dieses hatte mich zum Mitleiden bewogen; sondern, weil er durch seine Scheinheiligkeit GOtt und Menschen zu betrugen suchet.
Ohnerachtet aller Beweis auf ihn fiel und ihn vollig uberzeugte; so laugnete er doch bestandig: er schalt auf Verlaumdung und bose Mauler, und setzte seine Heucheley also noch immer fort. Ich berichtete unterdessen diese Begebenheit meinem Vater. Wir musten daruber wieder zuruck nach Hause kehren, nachdem ich nicht viel uber zwey Jahr in Argentea gewesen war. Mein Vater verwies meinem Hofmeister seine Auffuhrung, und gab ihm hernach seinen Abschied.
Der Herr von Greenhielm lenkte hierauf das Gesprach auf die Religion: Es ist leider, sprach derselbe, auch darinn eine gewisse Mode: neue Meynungen und Lehren haben jederzeit die Menschen wie die neue Kleidertrachten zur Nachahmung verleitet. Dieses kommt vermuthlich daher, weil die wenigste wissen, worinn eigentlich der Grund der Religion bestehet; das unerbauliche Gezank in der Kirchen verwirret solche noch immer mehr und mehr. Ein jeder halt sich selbst fur klug: er will andere bekehren und unterweisen, und hat doch nichts als seine eigene Einbildung, damit er seine vermeynte Gaben kan rechtfertigen.
Ich habe neulich in einem Buch, sagte der Graf von Rivera, eine artige Geschicht gelesen, die sich nicht ubel hieher schicket: Ein frommer Nazarener, der die Wahrheit liebte, solche aber in der Auffuhrung der Christen so wenig als bey seinen Glaubensgenossen fand, kam einsmahl auf der Reise in ein grosses GastHaus, worinnen Christen von allerhand Secten waren; sie machten sich alle an ihn, und wolten ihn bekehren. Nur einer sass still und horte ihnen zu. Der Jud war verwundert, dass dieser mit den andern nicht gleichen Eifer zeigte, ihn zur Annehmung seiner Religion zu bereden: er machte sich deswegen von den andern los, setzte sich zu diesem Menschen, befragte ihn, ob er nicht auch ein Christ war, und warum er ihn nicht ebenfalls zu bekehren suchte? dieser antwortete ihm, dass er noch selbst erstlich dahin trachtete, ein rechter Christ zu werden. Wie, fragte der Hebraer, seyd ihr denn nicht ein gebohrner Christ? Ja, versetzte jener, ich bin wohl von Eltern gebohren, die sich Christen nanten; aber dieses macht deswegen noch keinen Christen? es gehoret mehr darzu. Ich verstehe euch nicht, fuhr der Jude fort, von welcher Religion oder Secte seyd ihr denn? Ich suche einzig und allein, erklarte sich dieser, ein rechter Christ zu werden, ohne mich darum zu bekummern, zu welcher Secte ich mich schlagen soll; denn die Zankereyen und Trennungen, die man unter ihnen wahrnimmt, zeigen wohl, welcher Secte, aber nicht, welcher Religion sie zugethan sind. Nun ist nur eine Religion, diese lasset sich nicht trennen. Der Jude war gantz verwundert, einen Christen von dieser Art anzutreffen, und forschte deswegen bey ihm weiter, ob denn, wenn ein Jude gedachte ein Christ zu werden, er nicht nothwendig zu einer von ihren Secten sich schlagen, und gegen die andre sich erklaren muste. Wie man ehedessen, antwortete darauf jener, hatte ein Christ seyn konnen, ehe noch die Secten aufgekommen waren, so konte man auch noch heutiges Tages ein solcher seyn, ohne sich zu einer Secte zu schlagen. Man muss, fuhr er fort, das Christenthum nicht nach dem ausserlichen Rock urtheilen, worinn sich eine jede Secte kleidet: es ist an und fur sich selbst ganz einfaltig, und bestehet nicht in solchen besonderen Meynungen, womit man solches beschranken will; sondern darinn, dass man mit aller Aufrichtigkeit des Herzens den Lehren des Evangelii suchet nachzuleben.
Ja, das ist wohl gut, erinnerte hiebey der Herr von Greenhielm; aber man muss doch auch, wegen der Ordnung, Zucht und Unterweisung sich nochwendig zu einer ausserlichen Kirche mit bekennen; weil sonst die Verwirrung beydes im Geistlichen, als Weltlichen zu sehr uberhand nehmen wurde. Der Graf gab ihm darinn Beyfall: Nur wunschte derselbe, dass man sich bey dem offentlichen Gottesdienst mehr nach dem gemeinen Mann, als nach der Spitzfindigkeit der Gelehrten richten mogte; damit die Tempel wenigstens Schulen der Andacht und der Tugend seyn mogten; wenn man gleich darinn die verschiedene Begriffe und Meynungen nicht zusammen vergleichen konte.
Mit diesen und dergleichen Gesprachen unterhielten sich diese drey Herren auf ihrer Reise: sie wurden ein paar Stunden vor Panopolis von dem Herrn von Ridelo eingehohlet, in dessen Pallast sie abstiegen: der Graf von Rivera bezog darinn sein voriges Quartier: seine beyde Reise-Gefehrden aber mieteten sich einige Zimmer in der Nachbarschaft. Den andern Morgen war das Vor-Gemach des Grafens von den vornehmsten Herren und Bedienten des Hofs angefullet, welche sich darinn versammlet hatten, um ihn zu bewillkommen, und bey demselben ihre Gluckwunsche abzulegen.
Der Graf verfugte sich darauf nach Hofe: er fand den Konig krank, die Medicinische Hof-Facultat stund um ihn herum: ihr angstliches Berathschlagen, ihre zweydeutige Gesichter, ihre lange Recepten, die sie verschrieben; alles dieses machte dem Konig bang: er meynte, dass er nun sterben muste; und diese Furcht vermehrte seine Krankheit.
Weil es in der Herbst-Zeit war, und zuweilen ein rauhes Luftgen wehete, so liessen ihn seine LeibAerzte nicht aus seinem Zimmer kommen, und aller Luft darinn den Eingang verbieten. Die Fenster wurden nicht allein mit Laden verwahret, sondern auch allenthalben mit Vorhangen bezogen. Wer zur Thur herein trat, dem wurde furchtsam entgegen gewinket, sich nicht lang darunter zu verweilen, und solche hurtig wieder zuzumachen.
Der Graf von Rivera, welcher der vollen Luft gewohnet war, suchte aus der hohlen Brust sich den Othem heraufzuziehen, der ihm in diesem Zimmer schien kurzer zu werden. Der Konig that, als ob er ein wenig ruhete: der Graf setzte sich deswegen auf einen Stuhl in das Vor-Gemach, wo die Herren Leib- und Hof-Aerzte ihre Geheimnisse zu Papier gebracht hatten: Er nahm ein Pulvergen und ein Glasgen nach dem andern in die Hand, und las die daran geheftete Zettel mit Schrecken: die Ungedult ubernahm ihn: Aber wie, meine Herren, sprach er zu den Aerzten, wollen sie den Konig gesund machen, und brauchen ihm alle diese Arzneyen? Er sagte diese Worte mit einen so erhabenen Ton, dass der Konig fragte, wer da ware? der Graf von Rivera, antwortete der Cammerherr, der die Aufwartung hatte. Der Graf von Rivera? wiederhohlte der Konig, indem er sich im Bette aufrichtete, lasst ihn herein kommen. Der Graf kam und kusste dem Konig die Hand mit der grostem Demuth, und bezeigte ihm sein tiefes Mitleiden, dass er denselben unpasslich fand. Der Konig winkte dem Cammerherrn, dass man ihn mit dem Grafen solte alleine lassen: hier versicherte der Konig den Grafen seiner Gnade, und bat ihn, das geschehene zu vergessen.
Er klagte ihm darauf seine Noth, und wie er furchtete, dass er sterben muste: der Graf aber redete ihm einen Muth ein; und versprach, ihn mit GOttes Hulf wieder zurecht zu bringen, wenn er sich seiner Cur anvertrauen wolte. Wie, sprach der Konig, wie wolt ihr mich zurecht bringen, ihr seyd ja kein Doctor? Ich kenne nichts destoweniger Ew. Maj. Natur und Temperament besser, als wenn ich ein Doctor war, erwiederte der Graf. Ew Majestat erlauben mir, dass ich meine Gedanken daruber dero zweyten Leib-Medico entdecken mogte.
Der Graf stund damit auf, gieng in ein Neben-Zimmer, und liess den Herrn Hippon, so nante sich der Leib-Arzt, zu sich kommen. Mein werthster Herr Doctor, redete er ihn an, ich habe die Ehre, sie als einen sehr vernunftigen und gelehrten Mann zu kennen; ich kan mir deswegen nicht einbilden, wie sie mit den andern Herren Leib-Aerzten ubereinstimmen solten, den Konig auf eine solche Art zu tractiren, die seiner ganzen Natur entgegen ist, und solche wohl gar aufreiben durfte, wenn sie damit fortfahren solten. Der Herr Hippon zuckte daruber die Schultern, und bekante dem Grafen, dass er mit seinen Herren Collegen nicht einerley Meynung ware: er seye aber uberstimmet; Der Aelteste unter ihnen gab sich in seinen Ausspruchen das Ansehen der Unfehlbarkeit; der andere war sein Schuler, der durch ihn sein Gluck gemacht hatte, und nehm sich deswegen wohl in acht, ihm nicht zu widersprechen. Also, sprach der Graf, ubet ihr Herren eure Kunst auf des Konigs Gefahr, um das Ansehen eurer Wissenschaften zu erhalten? Was wollen aber der Herr Graf, fragte Hippon, dass man bey der Sache thun soll? Ich will ihnen, erwiederte der Graf, meine Meinung sagen, und wenn wir, wie ich vermuthe, darinn ubereinstimmen, so lassen sie mich machen.
Dass sich der Konig so ubel befindet, fuhr der Graf fort, kommt von dreyerley Ursachen: Erstlich von einem unordentlichen und unmassigen Leben: zweytens, von verschiedenen heftigen Gemuths-Bewegungen: und drittens von dem stets anhaltenden Gebrauch vieler Arzneyen. Was daraus, mein Herr, wenn diese Dinge zusammen kommen, in dem menschlichen Corper vor Unheil entstehet, wissen sie besser als ich. Wir mussen also, nach meiner einfaltigen Philosophie, zuforderst die Ursachen der Krankheit so viel moglich aus dem Wege zu raumen, und den schadlichen Einfluss derselben abzuleiten trachten.
Ich meyne, der ehrliche Hippocrates habe gesagt: wer einen kranken Corper nahret, der nahret nur die Krankheit: erfullet ein zahes und dickes Blut die Adern-Gange und bose schleimigte Safte verhindern die Verdauung des Magens, so lehret uns die Natur, dass eine freye Luft und eine gemassigte Bewegung besser sey, das Geblut zu verdunnen, und den Magen seiner Pflicht zu erinnern, als warme Bette, geheitzte Stuben, und zugesperrte Zimmer. Ich kenne Leute, die deswegen keine geschlossene Gemacher, wenn sie voller Menschen sind, vertragen konnen, weil bey ihnen eine volle Luft erfordert wird, um der Bewegung in ihrer Lunge den ersten Andruck zu geben, und vermittelst dieses Trieb-Werks das Blut durch alle Adern durchzudrangen.
Ich weiss nicht, ob ich mich hier Medicinisch erklare, fragte hiebey der Graf den Leib-Arzt: gar wohl, sprach dieser: der Herr Graf sprechen, als ob sie von unserm Handwerk waren. Wenn sie mich nur verstehen, fuhr der Graf weiter fort; meine Meynung war also diese: Man liess dem Konig Luft, und hielt ihn zur Diat und einer massigen Bewegung: viele Arzneyen machen die Natur in ihrer Wurksamkeit nur irre. Man muste dabey sein Gemuth mit allerhand unschuldigen Abwechselungen und Ergotzlichkeiten unterhalten; alle verdriessliche Sache aber so lang vor ihm verborgen halten, bis er wiederum eine gewisse Starke erlanget hatte. Wann sie dieses, mein Herr Hippon, fur gut halten, so will ich alsbald darzu Anstalt machen, den Konig morgen nach der Einsiedeley zu bringen.
Hippon billigte alle des Grafens Anschlage, und versprach ihm darinn behulflich zu seyn: sie giengen darauf wieder zu dem Konig. Ew. Majestat seyen gutes Muths, redete der Graf ihn an, morgen, so GOtt will, werd ich die Gnade haben, dieselbe nach der Einsiedeley zu begleiten: fur das ubrige lassen sie mich sorgen. Der Konig meynte, der Graf war nicht wohl bey Sinnen? wie sprach er, soll ich mich in die Luft wagen? wo soll ich Krafte hernehmen, eine solche Reise zu thun? Hippon sagte darauf dem Konig: er konte des Grafens Anschlagen ohne Gefahr sich anvertrauen, es wurde schon alles gut gehen: der Graf beurlaubte sich damit bey dem Konig.
Er fand unter andern Bedienten auch den Silon im Vor-Gemach: mein lieber Silon, redete er ihn an, indem er ihm die Hand reichte: ich weiss, dass er dem Konig getreu ist, und dass er deswegen mich hat suchen bey ihm in Ungnad zu bringen: ich verzeih ihm solches von Herzen, er hat wohl gethan, dass er auf meine Auffuhrung, die ihm verdachtig schien, ein wachsames Auge gehabt: ich will mir jetzo seine Freundschaft ausbitten: wir wollen beyderseits unsere Treue fur den Konig vereinigen: ich werde Gelegenheit haben, ihm allen von mir geschopften Argwohn zu benehmen. Silon wuste sogleich dem Grafen hierauf nicht zu antworten, er hatte sich einer so freundlichen Ansprach von demselben nicht versehen: er wolte sich wegen des vergangenen bey ihm entschuldigen; der Graf aber druckte ihm die Hand: und sagte, es war schon alles vergessen.
Er machte darauf hurtig Anstalten, den Konig nach der Einsiedeley zu bringen. Er fuhr mit anbrechendem Tag, in Gesellschafft seines Wirths, des Herrn von Ridelo, zu dem alten Einsiedler, der ihn mit FreudenThranen empfieng: er entdeckte ihm sein Vorhaben: der Einsiedler fand solches wohl ausgedacht: der Herr von Ridelo lies darauf die unter seinem Befehl stehende Aufseher der Koniglichen Lust-Hauser in geschwindester Eil zusammen kommen, und die Gemacher in der Einsiedeley mit nothigen Tapeten, Bettungen und andern Gerathschaften versehen.
Der Graf von Rivera kam gegen Mittag wieder nach Hofe: der Konig sass auf einer Ruhbank, und hatte seinen Kopf in ein Kussen gesteckt. Der Graf von Rivera fragte ihn, wie er sich befand. Der Konig antwortete ihm: schlecht; er hatte die Nacht uber nicht geschlafen. Ich hoffe, versetzte der Graf, Ew. Majestat sollen diese Nacht besser ruhen. Was wolt ihr denn mit mir anfangen? fragte ihn der Konig. Ew. Majestat, sagte der Graf, werden sich gnadigst gefallen lassen, diesen Nachmittag nach der Einsideley zu verreisen. Ich glaube, Graf, erwiederte der Konig, ihr seyd nicht klug; wie soll ich denn hinkommen? Ich nehm, antwortete der Graf, diese kleine Reise von Ew. Majestat auf meine Gefahr, und ich weiss, dass sie dero Gesundheit zutraglich seyn wird. Als nun Hippon darzu mit einstimmte, so liess sich endlich der Konig bereden. Die andere beyde Leib-Aerzte wolten mit dieser Unternehmung des Grafens nichts zu thun haben. Dem ungeachtet so fasste dieser den Konig unter den linken Arm, mittlerweile, dass derselbe sich mit dem rechten auf einen Cammerherrn stutzte; und brachte ihn solchergestalt in einem guten Pelz-Mantel eingewickelt in die Gutsche.
Es war zu gutem Gluck einer von den schonen Herbst-Tagen, die der angenehmsten Sommers-Zeit nichts nachgaben. Der Konig hatte noch kaum das freye Feld erreichet, so warf er schon seinen Pelz von sich, und bekam ein wenig Farbe: man hatte die Glaser an der Gutschen bishero zugehalten: die Sonne brannte von aussen durch dieselbe, dass der Konig anfieng warm zu werden. Der Graf liess deswegen das Fenster auf der Seiten, wo er sass, herunter, und dem Konig bekam die Luft nicht ubel.
Die Pferde lieffen unterdessen in einem starken Trab fort: so sanft auch die Gutsche in Riehmen und in Federn hieng, so machte sie doch einige Erschutterungen; zuweilen setzte es auch ein wenig unsanfte Stosse. Nicht wahr, fragte der Graf im Scherz den Herrn Hippon, welcher neben ihm, gegen uber dem Konig sass, diese Stosse sind gut? man findet eine solche Arzney nicht in allen Apotheken. Der Konig muste daruber lachen. Ihr seyd mir wahrhaftig ein possierlicher Doctor, sprach er zu dem Grafen: ich finde mich wirklich ein wenig leichter; nur ist mir der Kopf etwas schwindelich: das macht, erwiederte der Graf, weil Ew. Majestat sich bisher der Luft entwohnet, und lange nicht aus dero Zimmer kommen sind: doch kan man jetzo ein wenig sachte fahren: Er rief damit einem an dem Schlag reitenden Edelknaben, und befahl, dass der Gutscher die Pferde nur einen Schritt solte gehen lassen.
Nachdem der Konig anderthalb Stunden gefahren war, liess der Graf ein wenig halten, und dem Konig zur Erfrischung einen Trunk von einem rothen Wein, welcher in der Gegend von Bontacko wachset, und fur den gesundesten gehalten wird, mit einem Biscuit reichen. Der Konig liess sich solches gut schmecken, und wurde immer munterer.
Im Fahren beobachtete der Konig die schone Gegend, besonders war er sehr vergnugt, langst dem breiten Strohm, unter einer langen Baum-Allee nach Bellahai zu fahren. Als sie den Garten dieses prachtigen Schlosses erreichten, fragte der Graf den Konig, ob er nicht Lust hatte, ein wenig auszusteigen? der Konig sagte ja, wenn es ihm anders der Graf, als sein ausserordentlicher Leib-Doctor, erlauben wurde. Er stieg damit aus der Gutsche, lehnte sich im Gehen auf den Grafen, und bedankte sich fur dessen guten Rath, indem er sich weit besser befande, als die vorige Tage.
Man trug eben die rare Gewachse und PomeranzenBaume in ihre Winter-Behausung: der Konig freuete sich, darunter einige zu bemerken, die so voll der schonsten Fruchten hiengen, dass ihm solches kaum naturlich schien. Der Gartner und seine Leute sahen nicht so bald den Konig ankommen, so liefen sie hinzu, und brachten ihm allerhand rare Gewachse und Blumen entgegen. Die Freude und Entzuckung, womit sie solches thaten; und die ubel-gesetzte, aber wohlgemeinte Wunsche, die sie fur des Konigs Gesundheit ausstiessen, gefielen demselben wohl; er befahl ihnen dafur ein Geschenke zu reichen.
Der Graf liess unterdessen die Wasser springen: Ein Chor der besten Waldhornisten, die er voraus gesandt hatte, stiessen nach der Kunst in ihre Horner; und wechselten darauf ihre lang sam-gezogene Tone mit dem hell-durchdringenden Klang der Clarinetten; welche mit dem angenehmen Rauschen der spielenden Wasser eine susse Harmonie machten.
Es war noch eine kleine Stunde von diesem LustSchloss bis nach der Einsiedeley: Die Demmerung begunte einzubrechen, und die Abende waren bereits kuhl. Der Graf erinnerte demnach den Konig die Reise weiter fortzusetzen: und seinen Pelz-Mantel wieder um sich zu schlagen.
Sie kamen damit nach der Einode, welche aus einem Haupt-Gebaude, einer Capelle, und zwolf kleinen Hausern bestund: deren jedes nur einen Vor-Saal, ein Zimmer und ein Cabinet hatte. Das Schloss lag in der Mitte auf einer kleinen Anhohe: es war mit einem Wasser-Graben und einer breiten Gallerie umgeben: eine schier unendlich scheinende Aussicht in eine ganz offene Landschaft schilderten den Augen die entzuckenste Gegend: von hinten war das Konigliche Gehege, welches mit vielen Schneesen bis nach Bellahai durchhauen war. Das Gebaude hatte in der Mitte ein grosses rundes Dach, durch welches das Licht in einen achteckigten Saal herunter fiel: auf diesen Saal stiessen vier Zimmer mit eben so viel Cammern; welche allesammt auf die sinnreichste und anmuthigste Art ausgezieret waren.
Der Konig war beydes sowohl von dieser unvergleichlichen Aussicht, als von den gemachten Anstalten des Grafens, angenehm geruhret: er sah den Untergang der Sonnen und die einbrechende Nacht mit vergnugten Augen an: die anmuthige Stille, so in dieser Gegend herrschte, war ihm eine susse Abwechselung mit dem unruhigen Getose seines Hofes: der Graf bat ihn, sich auf eine Ruhbank zu legen, und seine Sinnen so lang in einen angenehmen Schlummer zu versenken, bis es Zeit seyn wurde zur Tafel; zu gehen: der Konig liess sich alles von seinem neuen Leib-Arzt gefallen: er streckte seine Glieder auf dieses gemachliche Gestelle: es brannte ein kleines Feuer im Camin, einige Wachholder-Stauden krachten darinnen mit einem blitzenden Funkeln, und durchdrangen mit ihrem lieblichen Geruch die noch ubrige Feuchtigkeiten des Koniglichen Schlaf-Gemachs.
Alles war still, niemand kam in das Zimmer, worinn der Konig lag: doch stund die Thur davon offen, wo im Vor-Gemach ein Cammerdiener aufwartete. Der Konig war in einen tiefen Schlaf gefallen, und genoss einer so sussen Ruh, als er in langer Zeit nicht gehabt hatte. Es war noch eine Stunde vor Mitternacht; der Konig schlief noch immer. Man fragte den Grafen, ob man ihn nicht zur Abend-Mahlzeit aufwecken solte? Mit nichten, sagte dieser, der Schlaf ist dem Konig gesunder als das beste Essen. Endlich erwachte derselbe eine Stunde nach Mitternacht: er fragte sogleich nach dem Grafen: und als dieser kam, rief er ihm entgegen: er hatte unvergleichlich geschlafen, und fand sich nun ganz erquickt: er fugte hinzu, dass er wohl etwas essen mogte. Wenn Ew. Majestat, war darauf des Grafens Erinnerung, sich fur dissmahl mit einer Tasse Schocolad, und einem Biscuit begnugen wollen, so geschahe mir eine Gnade. Ey! Ey! sprach der Konig! was seyd ihr vor ein unbarmherziger Doctor. Ich muss euch nun wohl folgen. Der Graf rieth ihm darauf mit einem kleinen Spiel sich so lang zu belustigen, bis der Schlaf wieder kommen wurde. Der Konig aber bat den Grafen, ihm einige Umstande von dem letztern Feld-Zug zu erzehlen.
Der Graf war erfreut, dass der Konig durch diesen Befehl ihm Gelegenheit gab, seine gute Meynungen und Absichten demselben zu erkennen zu geben. Doch wuste er seine Reden so geschickt einzurichten, dass sie mehr ein Gesprach, als eine blose Erzehlung waren; Er sagte dem Konig das wenigste von sich selbst, und von dem, was er verrichtet hatte: er zeigte ihm, wo man gefehlet, und wie dergleichen Fehler hinfuro konten vermieden werden. Dem Konig mangelte es weder an Verstand noch Einsicht; die Bescheidenheit des Grafens gefiel ihm wohl: er wuste, wie sehr er demselben wegen seiner erwiesenen Tapferkeit und Klugheit verbunden war.
Der Konig wolte etlichmachl von der Grafin von Monteras zu sprechen anfangen; allein, das Andenken davon war ihm noch zu empfindlich: er konte ohne ausserste Gemuths-Bewegung sich nicht wohl ihrer erinnern. Der Graf gab ihm endlich selbst Anlass von ihr zu reden. Ich war nun, sagte er, wegen Ew. Majestat Gesundheit ausser Sorgen, wenn ich nur auch hoffen konte, deroselben Gemuths-Ruh wieder in guter Verfassung zu sehen.
Ich versteh euch, Graf, versetzte der Konig, wo ihr hinzielet: ihr werdet mir verzeihen, was mich meine heftige Liebe zu der Grafin von Monteras in Ansehung eurer, hat thun machen. Wie ich hore, so ist sie auf einem ihrer Land-Guther, und lebet von der Welt in einer abgezogenen Stille; dergestalt, dass sie ganz nicht mehr soll zu bewegen seyn, einigen Besuch, weder von mir, noch meinen Cavallieren anzunehmen.
Dieses solte mich glauben machen, antwortete darauf der Graf, dass Ew. Majestat sich desto leichter entschliessen wurden, dero Konigliche Neigung auf eine Prinzessin zu wenden, welche mit mehr Erkantlichkeit, als die Grafin von Monteras, die Gunst eines so grossen Konigs zu verehren weiss.
Die Grafin von Monteras, erwiederte der Konig mit einem Seufzer, scheinet mir allzu liebens-wurdig, als dass ich sie so leicht solte vergessen konnen. Wenn dieselbe Ew. Majestat auch vergnugt machen konnte, war des Grafens Antwort, so wolt ich deroselben diese Neigung keineswegs wiederrathen; allein, so ist dieselbe, aller ihrer Vorzugen und guten Eigenschaften ungeacht, doch weder von einer solchen Geburt, noch von einer solchen Gemuths-Art, dass sie sich auf den Aquitanischen Thron schicken solte. Konige und Fursten pflegen immer hierinn einen gewissen Wohlstand zu beobachten, welche ihrer Hoheit und denen Umstanden eines Koniglichen Hauses gemass ist.
Ich versteh euch, Graf von Rivera, unterbrach hier der Konig mit einiger Bewegung, ihr wolt sagen, die Grafin schicke sich besser fur euch? Ich sage dieses nicht, erklarte sich hierauf der Graf, ich denke jetzo nur allein auf das Vergnugen meines Koniges. Ich laugne nicht, dass ich die Grafin liebe; allein, ich kenne die Pflicht, womit ich Ew. Majestat verbunden bin; ich werde nichts thun, was derselben zuwider ist.
Weil der Graf vermerkte, dass dieses Gesprach des Konigs Empfindlichkeit noch allzuzartlich ruhrte, so lenkte er solches auf die Angelegenheiten des Staats. Ew. Majestat, sagte er, wurden wohl thun, wenn sie einen Gesandten an den Licatischen Hof zu schicken, sich gnadigst wolten gefallen lassen. Es ist nothig, dem Konig dieser uns benachbarten Volcker, gewisse, fur beyde Cronen vortheilhafte Friedens-Vorschlage zu thun, bevor die Sachen noch in grossere Weitlauftigkeiten ausbrechen, und die Licatier durch neue Bundnisse zu machtig werden mogten. Der Graf, um dem Konig zu zeigen, dass er nur darauf bedacht sey, ihm und dem Staat zu dienen, bat denselben, dieses Geschafte ihm anzuvertrauen.
Der Konig liess sich zwar den Vortrag des Grafens gefallen, doch bezeigte er ihm auch, dass er seiner Gegenwart nicht gerne lang beraubet seyn mogte, und dass er nicht eher ihm erlauben konte, diese Reise anzutreten, als bis er wieder zu seiner volligen Gesundheit gelanget seyn wurde.
Gegen Morgen empfand der Konig wieder eine Neigung zum Schlaf; man kleidete ihn aus, und legte ihn zu Bette: er schlief, wiewohl nicht so gut als auf der Ruhebank. Nach 10. Uhr stund er wieder auf. Der Graf war bald bey der Hand. Nun kommen Ew. Majestat allmahlig wieder in die Ordnung, sprach er zu dem Konig. Der Thee mit einigen frisch-eingemachten Pomeranzen-Schalen war zum Fruhstuck bereit. Der Konig gieng dabey im Schlafrock in diesem kleinen Lust-Gebaude herum: er sah von aussen die anmuthigste Gegend, und von innen die sinnreichste Gemahlde, welche mit den nachdrucklichsten Sinnbildern, und Lebens-Regeln bezeichnet waren. Der Graf machte den Konig unter andern folgende beobachten:
Ein springendes Wasser, dessen in die Luft schiessender Strahl eine Crone in der Hohe erhalt: mit dieser Unterschrift; Er erhalt. Vermuthlich weiset dieses Sinnbild, sagte der Graf, auf die Gottliche Vorsehung, welche gecronte Haupter, durch ihre verborgene Macht, in der Hoh erhalt, ohne welche sie sonst leicht zu Boden sturzen.
Ein von einem Felsen sich herab-sturzender Bach, welcher ein Muhl-Rad treibet, mit den Worten: Lebendige Wasser treiben. Der Graf erklarte dieses Sinnbild, dass das Leben und die Gesundheit des Menschen in einer fortdaurenden Bewegung, und in dem steten Zufluss reiner und frischer Safte bestunde. Stille Wasser, sprach er, haben insgemein schadliche Dunste; da im Gegentheil rauschende Bache, die sich von hohen Felsen in die Thaler ergiessen, fur die gesundeste gehalten werden. Immer stille liegen, macht den Menschen dickblutig; immer rennen und lauffen erschopfet die Krafte. In einer ordentlichen Bewegung aber bestehet das Geheimniss der Gesundheit. Die Gemuths-Ruh mussen wir in uns selbst suchen, sie konnen von aussen nicht in uns. Angenehme Zufalle erfreuen; widerwartige betruben; beyde aber stohren nicht leicht unsere Gemuths-Ruh, wenn einmahl das Triebwerck unserer Natur in Ordnung ist.
Das dritte, woruber der Konig selbst eine Auslegung verlangte, war ein Feld voll allerhand Waffen und Rustungen, in dessen Mitte ein geharnischter Plock stunde, wobey sich Pallas in den Wolken zeigte: mit der Umschrift: Was nutzen diese / wo jene abwesend ist?
Dieses erklaret sich leicht, antwortete der Graf; die Waffen bedeuten Macht und Starke; wo aber die Weisheit, welche hier durch die Pallas vorgestellet wird, abwesend ist; da kan mit allen Waffen und verkehrten Anstalten nichts ausgerichtet werden. Dieses neben stehende will fast eben dieses sagen: Es ist ein mit vollen Seegeln durch die Meeres-Wellen streichendes Schiff, welches nur von einem Steuermann regieret wird: die Worte sind: Einer regieret alles. Dieses kan unmittelbar von GOtt, mittelbar aber von einem Regenten verstanden werden, wo das Versehen eines einzigen Menschen oft viele tausend unglucklich macht; nicht anders, als ein unverstandiger Steuermann, der sich mit so viel Menschen und Gutern, die er auf seinem Schiffe hat, in den Grund seegelt.
Was bedeutet dann, forschte der Konig weiter, dieses vortrefliche Geschirr, da so viel Leute nach einander kommen, und was sie in ihren Gefassen tragen, hineinschutten; welches aber alles unten wieder durchlauft, und von Kroten, Eidexen, Schlangen und anderem Ungeziefer aufgelecket wird? Die Unterschrift lautet: Wir fullen vergebens. Dieses, allergnadigster Konig, hat wohl eine nachdenkliche Bedeutung. Der schone Topf, den Ew. Majestat hier sehen, ist dero Schatz-Cammer: die Leute, die Most und Oel hinein schutten, sind dero Unterthanen: das Loch, wo unten alles durchlauft, zeiget eine uble Haushaltung; und die daherum sich einfindende Ungeziefer, sind die viele Schlemmer und Mussigganger, die sich an dero Konigl. Hofe befinden.
Genug, Graf, sprach der Konig, ihr solt mir heut kein Sinnbild mehr auslegen: ich sehe ihr seyd ziemlich aufgeraumt, mir die Wahrheit zu sagen. Wolte GOtt! versetzte der Graf, mit einer demuthigen Gebehrdung, ich konte Ew. Majestat nur so viele und wichtige Wahrheiten sagen, dass sie mogten gesunder, ruhiger und der gluckseeligste Monarch in der Welt werden: dieses ist der einzige Zweck von meinen freyen Reden. Der Konig druckte hierauf den Grafen mit einer herzlichen Bewegung an seine Brust: redet nur mit mir, sprach er, als mit eurem Freund: ich sehe wohl, dass ihr aufrichtig seyd, und es gut mit mir meynet.
Nachdem der Konig hierauf mit dem Grafen ein paar Parthien auf dem Biliard gespielet hatte, kam Herr Hippon mit seinen Magen-starkenden Tropfen, und bat den Konig solche einzunehmen.
Als dieses geschehen, liess der Konig sich ankleiden, und gieng wieder in den grossen Saal, darinn seine bey sich habende Hof-Bedienten, nebst einigen Herren und Rathen sich befanden. Der Konig aber behielte, weil er Chur-massig leben solte, niemand bey sich zur Tafel, als den Grafen von Rivera, und den Cammerherrn, der die Aufwartung hatte. Die Tafel war klein, und mit wenig Speisen besetzt. Fette Suppen, Fricasseen, Pasteten, Torten, Fische, MehlMilch-Back- und Zuckerwerk, zusammt dem Obst, welches der Konig uberaus liebte; imgleichen dicke, susse und schwere Weine, die jenseit der Granze von Itrurien wachsen, und von keiner leichten volatilischen Natur sind; alles dieses war hier nicht zu finden.
Der Konig, als er diese so mager-besetzte Tafel mit Nachdenken betrachtete, und seine liebste Speisen nicht mit dabey fand, fragte den Mund-Koch, wer die Kuche so schlecht bestellet hatte? dieser antwortete, der Herr Graf von Rivera habe ihm den Kuchen-Zettul gegeben, und der Herr Doctor Hippon hatte selbst ihm kochen helfen. Der Konig muste uber diese Nachricht, die der Mund-Koch mit einer ganz trocknen Art heraus sagte, von Herzen lachen; und als Hippon darauf seine gewohnliche Stelle hinter ihm, bey dem Mundschenk einnehmen wolte, befahl ihm der Konig, weil er die Kuche so Medicinisch besorget hatte, dass er auch mit essen solte. Die andere Herren wurden angewiesen in einem von den sogenannten Pavillons zu speisen.
Der Konig ass, ohneracht der wenigen Tractamenten, mit so grossen Appetit, dass seine beyde Gesundheits-Rathe ihm darinn Einhalt thun musten. Nach der Tafel liessen sie, weil es gut Wetter war, des Konigs Jagd-Wagen anspannen, und fuhren mit ihm nach dem Wald, wo der Graf einiges Wild hatte zusamen treiben lassen: im Holz liessen sich die Jager mit ihren Jagd-Hornern horen, und der Konig schoss ein paar Rehbock. Den Abend hatte der Graf ein paar vortreffliche Sangerinnen, nebst einigen Koniglichen Virtuosen zu einer Cammer-Music bestellet, wobey der Konig sich uberaus vergnugt bezeigte.
Der Graf unterhielt sich bey dieser Gelegenheit eine Weile mit dem alten Einsidler in seinem Zimmer allein. Er empfieng von ihm die beste Lehren, und fragte ihn in den wichtigsten Dingen um Rath. Der Einsidler warnete ihn insonderheit vor der Ehrsucht, als der allergefahrlichste Neigung grosser Geister; sie mussen sich, sprach er zu demselben, als ein Werkzeug in der Hand der Gottlichen Vorsehung betrachten; ohne sich selbst deswegen im mindesten etwas von dem guten Fortgang einer Sache zuzuschreiben, noch sich daruber selbst zu schmeicheln. Dann dieses trennet den Menschen von GOtt; und ausser GOtt ist der Mensch eine arme und elende Creatur.
Der Graf war in diesem Fall nicht wie andere junge Leute, die, wenn sie ein blindes Gluck erhoben, solches ihrer eigenen Vortrefflichkeit zuschreiben, und in dieser Einbildung so weit gehen, dass sie meynen, sie wusten bereits alles; und hatten deswegen nicht nothig, dass man sie noch unterrichte. So grosse Eigenschaften auch in dem Grafen sich beysammen fanden, so hatte er dennoch an sich selbst und an seinen Verrichtungen noch vieles auszusetzen: er bekannt solches dem frommen Einsiedler: Ich habe wohl, sprach er, gute Meynungen und Absichten; allein, ich bin noch weit vom Ziel: ich bin oft mit mir selbst so wenig zufrieden, dass ich schier daruber den Muth verliehre.
Dieses ist wohl, mein liebster Graf, antwortete ihm Pandorest, in gewissen Absichten gut; allein, sie mussen sich dabey wohl in acht nehmen, dass dieses Misfallen ihrer selbst nicht zu weit gehe: es steckt ofters ein subtiler Hochmuth darunter verborgen, welcher nur deswegen mit sich selbst nicht zufrieden ist, weil uns gewisse Gaben und Vollkommenheiten mangeln, damit man gerne sich gross machen, und sich selbst wohlgefallen mogte. Die wahre Weisheit entdecket uns die Abhanglichkeit von GOtt, und unser eigen Nichts: sind wir einmahl so weit gekommen, so wird es uns wenig Kummer machen, ob wir wenig oder viel Gaben besitzen: wir sind zufrieden, so lang wir uns einfaltig und aufrichtig an GOtt halten; er mag uns zu etwas grosses, oder auch zu nichts in dieser Welt gebrauchen: seine Absichten sind die Regeln unseres Lebens; und wie er uns solche zu erkennen giebt, so mussen wir uns ihnen auch hingeben. Die Einflusse von oben, welche alles Gute in uns beleben und hervorbringen, mangeln niemahls bey einem rechtschaffenen Eifer, der die Redlichkeit unseres Herzens zum Grunde hat.
Als diese beyde Herren also mit einander redeten, erschallte im grossen Saal die Music. Der Graf nahm daher Anlass den Einsiedler zu fragen, was er von den gewohnlichen Lustbarkeiten des Hofes hielte, und ob er wohl meynte, dass ein guter Christ, ohne Verletzung seines Gewissens, daran mit Antheil nehmen konte. Wenn dergleichen Ergotzlichkeiten an und fur sich selbst unschuldig sind: antwortete dieser, so seh ich nicht, was man dadurch bey GOtt verdienen solte, wenn man sich ihrer entaussern wolte. Ein jedes Alter und ein jeder Stand aber hat seine gewisse Ergotzlichkeiten, die ihm eigen sind; je alter man wird, je mehr verliehret man davon den Geschmack. Die Sinnen nutzen sich nach und nach ab, und werden stumpf: das zartliche Gefuhl, die Empfindungen der Lust, die Starke der Einbildungs-Kraft verschwinden; und man kan mit dem alten Barsillai die Stimme der Sanger und Sangerinnen nicht mehr unterscheiden. Unterdessen aber gonnte dieser doch solche Freude noch gerne seinem Sohn, und liess ihn auch mit dem Konig David nach Hofe ziehen.
Es sind, fuhr Pandoresto fort, verschiedene Arten der Belustigungen: einige sind ihrer Natur nach unschuldig, und werden, nachdem man sich derselben bedienet, entweder gut, oder bose. Sie sind gut, wann sie die Gesundheit des Leibes befordern, den Geist ermuntern, und das Herz mit edlen und grossmuthigen Regungen erfullen: sie sind bose, wenn sie das Gegentheil wirken, und diejenige heilige Ordnung stohren, welche GOtt in allen unsern Handlungen will beobachtet wissen. Die beste Sachen in der Welt konnen durch einen verkehrten und unordentlichen Gebrauch bose werden: die Strafen folgen hier dem Verbrechen auf dem Fusse nach; GOtt strafet dergleichen Laster und Ausschweifungen nicht: sie rachen sich selbst, und strafen die Ubertreter der Gottlichen Unordnungen mit einem ihrem Verbrechen gemassen Leiden: Lasterhafte Leute machen auch die unschuldigsten Ergotzlichkeiten bose: ihnen ist nichts eine Lust, wo die Sunde solche nicht scharfet und abscheulich macht. Die Natur eines vernunftigen Menschen ist ihnen darzu nicht empfindlich genug: sie mussen dabey die Menschheit ausziehen, die Vernunft verliehren und daruber zu einem Vieh werden. Es ist gewiss, dass die unschuldige Belustigungen die sundliche mehr verhindern als verursachen; um aber solche zu kennen, muss man weise und tugendhaft seyn, und die Kunste und Wissenschaften lieben.
Wie kommt es aber, fragte der Graf weiter, dass es so viele fromme Leute geben, die schier alle Belustigungen fur sundlich halten, und solche deswegen keinem Christen gestatten wollen? Diese Leute, erklarte sich Pandoresto, sind entweder in der That, oder nur zum Schein fromm: Die Erste irren im Begriff, den sie vom Bosen und vom Guten haben: sie wissen nicht, was GOtt, was der Mensch, und was die Welt ist. Der Grund ihres Irrthums hat nichts destoweniger etwas gutes: sie wollen sich an GOtt nicht versundigen: sie furchten sich deswegen vor der Gelegenheit: wer wolte diese Leute wegen der Zartlichkeit ihres Gewissens tadeln? das sey ferne. Ich halte das Tanzen und Spielen in gewisser Maass fur eine erlaubte Lust: ich wolte aber keinem, der sich daraus ein Gewissen macht darzu rathen. Viele gehen deswegen nicht in die Schau-Spiele; ohneracht diese Are von Ergotzlichkeit, wenn sie wohl und vernunftig eingerichtet wurde, mit unter die nutzlichsten und erbaulichsten konte gerechnet werden: Ich sehe daraus, dass die Belustigungen nicht allen Menschen gleich durch erlaubet sind. Zeit, Alter, Stand, Gefahr; und das Gewissen eines jeden Menschen lehren uns, wie weit wir darinnen gehen durfen.
Was die Schein-Frommen anlangt, die unter der Larve der Heiligkeit die groste Heuchler abgeben; so pflegen dieselbe insgemein aus gewissen heimlichen Absichten sich der ausserlichen Lust und Ergotzlichkeit zu entschlagen: sie halten sich wegen des Zwangs, den sie sich hier anthun, auf eine Art schadlos, dass sie solchen gegen andere Vortheile reichlich auf Wucher legen. Die heimliche Lust ist ihnen empfindlicher, als die offentliche Freude: das Ansehen der Weisheit und der Frommigkeit nahret ihren Hochmuth; und die Sparsamkeit ihren Geitz. Sie sind diejenige, welche der Heyland Muckenseiger und CameelVerschlucker nennet, weil sie aus allen Kleinigkeiten grosse Sunden machen, von aussen rein scheinen; inwendig aber voller Unreinigkeit und boser Tucke sind. Dieses sind in der That die gefahrlichste Leute in der Welt; die, indem sie, wie die Pharisaer sich durch ihre Scheinheiligkeit uber alle die gemeine Schwachheiten erheben, nicht einmahl leiden konnen, dass sichs andre wohl seyn lassen. Sie machen dem Christenthum, bey Leuten, die Vernunft haben, nur ein boses Ansehen; indem sie die Empfindungen der Natur und der Billigkeit ubernhauffen werfen, ohne GOtt und der Religion dadurch die gerinste Ehre zu erweisen.
DGer raf verfugte sich darauf in den Saal, und Pandorest blieb Abends, auf des Konigs Befehl, bey der Tafel: er fand solche nicht Koniglich, aber gut und massig besetzt: eine Suppe, mit ein wenig gestoften Wurzel-Werk, und einigen Braten von zarten Lammern und Wildpret, wobey an statt des Backwerks, und der Neben-Schusseln, eingemachte Citronen und Pomeranzen mit Biscuiten sich befanden; dieses war alles. Pandorest nahm deswegen Gelegenheit, allhier eine Lob-Rede der Massigkeit zu halten: er unterstutzte seine Grunde mit einem lebendigen Beweis an seiner eignen Person. Ich habe bereits, sagte er 87. Jahr in dieser Welt gelebet, und ich empfinde noch nicht die gewohnliche Schwachheiten eines so hohen Alters. Mein magerer Corper hat keinen Mangel an Saften: ich nahre darinn keine uberflussige Feuchtigkeiten, und entzunde nicht das Geblut durch stark-gewurzte Speisen und hitzige Getranke: die einfaltige Natur bestellet meine Tafel, und die Furcht vor dem Allmachtigen schutzet mein Herz vor unordentlichen Leidenschaften.
O selige Einfalt, fuhr er fort, warum sind wir so weit von dir abgewichen. Wir jagen jetzo uns selbst den Tod in alle Glieder; unsere Koche bereiten uns darzu den sussen Gift, der unsern Geschmack reitzet mehr zu essen, als die Natur verarbeiten kan: was diese noch verschonen, verdirbt die Unwissenheit der Aerzte, und das kunstliche Gemengsel der Apotheker. Unsere Zartlichkeit ist so gross, da sie kaum ein rauhes Luftgen mehr vertragen kan: es scheinet, als ob das menschliche Geschlecht mit uns aussterben wolte: die geringste Bemuhung ermattet unsern schwachlichen Leib, und ein wenig Ungemach wirft uns darnieder: wir haben die wunderlichste Krankheiten, welche den Alten unbekant waren: und wenn wir alles im Uberfluss besitzen, so naget uns die Tragheit, die lange Weil und die Schwermuth. Die Arbeit ist uns eine Pein; die Zeit eine Last, und das Leben unertraglich. Unsere prachtige Pallaste sind zu Hospitalern, und die weichste Pflaumen-Federn zu Lagern der Kranken worden. Wir sind zu allen grossen Thaten, durch welche die Helden der vergangenen Zeiten sich vergottert haben, untauglich. Wir sinken schon zur Erden, wenn man uns nur die gewohnte Gemachlichkeit, die weiche Kussen, und die niedliche Speisen entziehet. Unsere Krafte sind bereits verschwunden, ehe wir noch in das rechte mannliche Alter kommen; und unsere Gemuths-Bewegungen werden desto starker, je zartlicher wir den Corper pflegen. Gegen alle diese Feinde unseres Lebens, unserer Ruh und unserer Gluckseligkeit, schutzet uns nichts als die Massigkeit.
Pandoresto setzte diesen Anmerkungen, welche uns eine traurige Erfahrung lehret, die Geschichte eines beruhmten Adriatischen Edelmanns hinzu: von welchem er erzehlte, dass er bis in die vierzig Jahre der elendeste und kranklichste Mensch von der Welt gewesen war; und der nichts destoweniger, nachdem ihn schon alle Aerzte verlassen hatten, nechst GOtt, durch das einzige Mittel der Massigkeit sein Leben in bestandiger Gesundheit, in allem Vergnugen und bey einem vortreflichen Verstand, uber hundert Jahre hingebracht hatte.
Diese Exempel gefielen dem Konig wohl, allein die Nachfolge machte ihm Qual; es kam ihm uberaus schwer an sich unter den Zwang einer solchen Tugend zu setzen, zu deren Ubertrettung ihn alles zu reitzen schien. Dem ungeachtet, so wuste es der Graf von Rivera durch seine lebhafte Vorstellungen und artige Manieren bey dem Konig dahin zu bringen, dass er sich den Regeln der Massigkeit unterwarf.
Der Konig fand sich in kurzer Zeit dadurch so wohl, als er je zuvor gewesen war. Der Graf brachte damahls auch seine beide Freunde, den Herrn von Greenhielm und den Herrn von Riesenburg, welche nebst dem Herrn von Ridelo ihn zu besuchen gekommen waren, vor den Konig. Dieser empfieng sie auf das leutseligste, und befahl, dass man dem Fremden alle ersinnliche Ehre bey seinem Hof erweisen solte: Den Herrn von Riesenburg aber erklarte er, wegen seiner im letzten Feldzug bezeigten Tapferkeit, zu seinem wirklichen Cammerherrn, und gab ihm dabey die Anwartung auf das nechste Regiment. Er wolte sie damit an die Marschalls-Tafel verweisen, mit dem Zusatz, dass er sie gerne bey der seinigen behalten wolte, sie wurden aber jene besser bestellet finden; Der Graf von Rivera sagte hierauf, dass, wo der Konig diesen Herren sonst die Gnade thun wolte, sie mit sich an seiner Tafel speisen zu lassen; so wurde die mittelmassige Bestellung derselben sie nicht hindern, dieser Ehre zu geniesen: Der Graf aber hatte dismahl ein paar Trachten mehr aufsetzen lassen, dieweil sie unverfanglich waren, dem Konig nicht ubel bekamen; zumahl da er den Nachmittag darauf in Begleitung dieser und anderer Herren sich mit Jagen belustigte.
Diese Kennzeichen der wiederherstellten Gesundheit des Konigs machten, dass sich nach etlichen Tagen der Graf bey demselben beurlaubte, und wieder nach Panopolis sich verfugte; um daselbst mit dem Herzog von Sandilien, wegen seiner vorhabenden Reise und dem mit dem Konig von Licatien zu schliessenden Frieden die nothige Rathschlage zu pflegen.
Dieser oberste Staats-Minister war dem Grafen von Natur nicht abhold; er war nur deswegen ihm nicht vollig gewogen, weil er verursachte, dass seine Base nicht Konigin werden wolte. Die Entfernung des Grafens schmeichelte demnach seinen Absichten besser, als wenn er bestandig bey Hofe und bey dem Konig bleiben wurde. Er lobte deswegen seinen Eifer fur den Dienst des Konigs und hies alle dessen Rathschlage gut: Er gab ihm dabey alle Kennzeichen einer wahren Freundschaft und Hochachtung. Der Graf wuste schon, wie weit er diesen Versicherungen des Herzogs zu trauen hatte. Doch erinnerte er sich, dass ihm der Herzog das Leben bey dem Konig gerettet hatte; er liess ihm deswegen ein so aufrichtiges und von der lebhatesten Erkanntlichkeit durchdrungenes Gemuthe sehen, dass der Herzog, wenn er auch gewolt hatte, ihn nicht hassen konte.
Als der Konig hierauf, sich wiederum, mit vollig hergestellter Gesundheit, zu Panopolis eingefunden hatte, trat der Graf seine Reise nach Licatien mit Vergnugen an. Er empfahl dem Konig den Freyherrn von Riesenburg, als einen Cavalier, auf dessen Eifer und Treu er sich verlassen konte. Den Herrn von Greenhielm aber, welchen der Konig seiner Gefangenschaft entlassen und noch darzu mit einem kostbaren Degen beschenket hatte, nahm er mit sich zu seinem Reise-Gefahrden.
Das zehende Buch.
Der Graf von Rivera hatte noch nicht viel uber vierzehen Meilen zuruck geleget, als er den Tag nach seiner Abreise auf ein Dorf kam, wo die Post wechselte. Es war allda Kirchweih. Der Graf hatte ein kleines Mittagmahl bestellet, und gieng mittlerweile, dass darzu die Anstalten gemacht wurden, mit seinem Reise-Gefehrden nach der Wiesen, wo die junge Bauern und Bauerinnen ihren Reyhen tanzeten. Sie hatten Kranze auf den Hauptern, und hupften mit so naturlichen Sprungen und Bewegungen um den Dudelsack, und ein paar kreischende Feld-Schalmayen herum, dass der Graf solches mit Vergnugen ansah; ein paar Ducaten, die er einem alten Greisen in den Hut warf, um dieses Fest damit zu verherrlichen, machten, dass man ihm den ersten Platz einraumte, und ihn mit Verwunderung betrachtete; denn das Gold war an dasigem Ort keine gar bekante Munze.
Der Graf kam mit dem Herrn von Greenhielm nicht weit von zwey Frauenzimmern zu stehen. Ihre vortreffliche Gestalt und ungemein nette Kleidung machte, dass er sie naher betrachtete; sie verbargen aber ihre Gesichter mit ihren Fachern, weil sie in der Sonne stunden: der Graf warf insonderheit seine Augen auf die jungste: er hatte nie einen niedlichem Aufputz gesehen: ein kleiner Hut von schwarzem Sammet, mit einem weissen Federbusch bedeckte das mit langen Haarlocken gezierte Haupt: ein von Lichtblauen Sammet, uber den Leib dicht-angeschlossenes Kleid, reichte bis unter die Huften, worunter ein von blass-Rosenfarb mit silbernen Zugen und Bendelwerk gestickter Rock sich zeigte, welcher nicht so gar lang war, dass er nicht zugleich den schonsten Fuss hatte sehen lassen.
Alles dieses fiel dem Grafen mit solcher Verwunderung in die Augen, dass er sich nicht entbrechen konte, dieser Person sich zu nahern. Sie hatte ihn aber kaum erblicket, so that sie einen lauten Schrey, verlohr auf einmahl ihre Farbe, und sank der andern Dame, die neben ihr stund, in die Arme.
Dieses verursachte unter dem Volk ein schnelles Zusammenlauffen: man trug sie mehr, als man sie fuhrte; und brachte sie in ein nah-gelegenes Haus. Der Graf drang mit dem Volk dahin. Ein Jager stellte sich vor die Thur und wolte niemand einlassen: der Graf aber, welchen ein verborgener Trieb aufgebracht hatte, fragte ihn nicht lang: er fasste ihn bey dem Arm und schlenkerte ihn so hurtig von seinem Posten weg, dass dieser nicht wuste, wie ihm geschah. Er kam damit in das Zimmer, wo diese Schone der andern Dame im Schoose lag: wie gross war nicht dessen Besturzung, als er hier die Grafin von Monteras und Asmenien erkannte. Der Hut war der Grafin abgefallen: ihre Haare hiengen in einer naturlichen Unordnung um ihr erblasstes Angesicht: Die Brust war etwas mehr als sonst entbloset: Niemahls hat man etwas reitzendres, niemahls etwas schoners gesehen: der Graf war fur Entzuckung ausser sich: er lag zu ihren Fussen, und hatte sie an ihre beyde Hande gefasset: auf welche sein Mund alle Leidenschaft, die er empfand, abzudrucken schien. Die Grafin kam darauf wieder zu sich selber: ihre halb-gebrochene Augen offneten sich. Ach, Herr Graf! sagte sie mit einer schwachlichen Stimme, warum kommen sie an diesen Ort? Ich meynte sie nimmer wieder zu sehen.
Gnadige Grafin, gab der Graf zur Antwort, ein unerforschliches Schicksal, und nicht einiger Vorsatz, fuhret mich hieher, um ihnen, vor meiner Abreis aus diesem Konigreich, noch diejenige Ergebenheit zu bezeigen, damit ich dieselbe unendlich verehre. Wie, Herr Graf! versetzte die Grafin, voller Verwunderung, wie schicket sich denn diese Reise fur einen Verlobten der Herzogin von Salona? Ich! antwortete der Graf, ich ein Verlobter der Herzogin von Salona? wer hat Ew. Gnaden dieses Gedichte vorgesagt? die Grafin antwortete: Mein Oheim der Herzog von Sandilien; welcher mich zugleich versichert, der Herr Graf wurden nach geendigtem Feldzug ohnfehlbar mit dieser Herzogin sich vermahlen. Der Graf betheuerte ihr, dass er von keiner Verbindung, weder mit der Herzogin von Salona, noch mit einer andern, etwas wisse; und dass es ihn wunder nehme, wie die Grafin nicht besser von den Neuigkeiten des Hofes unterrichtet war. Die Herzogin von Salona seye mit einem Alemannischen Prinzen versprochen: ihn selbst aber hinderte eine grausame Pflicht, ihr von dem Zustand seines Herzens nahere Nachricht zu geben.
Der Graf hatte seine meiste Leute mit dem Gepack voraus geschicket; sein bey sich habendes Gefolg bestund nur aus einigen Leib-Dienern: bey diesen erkundigte sich das neugierige Volk nach ihrem Herrn: der Graf aber hatte ihnen bereits verbotten, dass sie ihn nicht solten zu erkennen geben.
Weil es Mittag war, wolte das Land-Volk gern ihre Grafin speisen sehen. Jung und Alt hatten sich darauf gefreuet: man verehrte sie wegen ihrer Leutseligkeit in der ganzen Gegend, nicht weniger als die Heyden eine ihrer Gottheiten. Der Graf und die Grafin hatten sich einander so viel zu erzehlen, dass sie nicht so bald sich wieder trennen wolten; sie giengen deswegen zusammen in dasjenige Haus, wo man fur die Grafin das Mittagmahl bereitet hatte. Die junge Baurendirnen lieffen mit ihren Eltern neben her. Ach, was ein schoner Herr! ach, was ein schones Paar! horte man sie von allen Seiten ausrufen.
Es war fur die beyde frembde Herren mit aufgedeckt. Der Herr Caplan und ein Beamter hatten die Ehre, die Grafin an der Tafel zu bedienen. Diese sowohl, als der Graf, konten ihre Neigungen vor so vielen Augen, die auf sie gerichtet waren, kaum verbergen: sie waren allzuvergnugt beysammen zu seyn: ihre Blicke sagten sich solches einander mit einer ungemeinen Lebhaftigkeit. Der Caplan, der ein starker wohl ausgemasteter Bruder war, und dem die Wollust aus seinem dicken rothen Kopf mehr als die Geistlichkeit leuchtete, beobachtete diese geheime Verstandniss: er bekummerte sich deswegen am meisten zu erforschen, wer dieser vornehme Herr war. Er erfuhr aber weiter nichts, als dass er ein Befreundter von der Grafin sey.
Die Dorf-Music mit ihrem Dudelsack liess sich darauf vor dem Hause horen: man stund von der Tafel auf: die vergnugte Bauern-Jugend schloss wieder ihren Reyhen, und sang darunter mit Freuden ihre unschuldige Hirten-Lieder.
Wahrend dieser Kurzweil bezeigte der Graf ein grosses Verlangen von der Grafin zu vernehmen, wie es ihr seit der Zeit ergangen war, als er sie zum letztenmahl in Prato gesehen hatte; und was sie bewegte, so einsam in dieser Gegend auf einem abgelegenen Meyer-Hof ihr Leben zuzubringen. Die Grafin hatte gleiche Begierde auch des Grafens Begebenheiten zu wissen: sie erzehlten sich solche einander; der Graf vergass nicht, einige Umstande mit in seine Erzehlung zu setzen, daraus die Grafin die Bestandigkeit seiner Liebe urtheilen konte; die Grafin aber hielt ihre Schamhaftigkeit zuruck, dem Grafen alles dasjenige zu entdecken, was sie bisher seinetwegen gelitten hatte: Asmenie nahm deswegen hier das Wort.
Nachdem meine Grafin, begunte dieselbe ihre Erzehlung, von ihrer Krankheit wieder so gut als genesen war, und nur verlangte wieder zu ihrer Frau Mutter nach Prato zu gehen; so brachte ihr der Herzog von Sandilien die Nachricht, dass zwischen dem Herrn Grafen und der Herzogin von Salona eine Heyrath im Vorschlag war, damit dem Konig die auf sie geworfene Eifersucht aus dem Sinn mogte gebracht werden.
Wir horten kurz darauf von eben demselben, dass diese Heyrath so gut als richtig sey. Meine Grafin konte daruber ihre Empfindung nicht bergen: sie liebet den Herrn Grafen auf eine Art, dass ich solches ihre einzige Schwachheit nennen muste, wenn dieselbe einer so ausnehmenden Hochachtung weniger wurdig waren. Sie suchte nichts destoweniger in dieser Neigung sich zu uberwinden, und den Herrn Grafen aus ihren Gedanken zu schlagen. Die Liebe des Konigs dunkte ihr eine wurdige Rache zu schenken: sie stellte sich solche mit allen denen Annehmlichkeiten vor Augen, welche sie begleiteten, und die so leicht ein junges und hochmuthiges Herz zu ruhren fahig sind.
Die zarte Regungen, die sonst ihr Gemuth mit Huld und Gute durchdrangen, verwandelten sich bey ihr in eine stolze Heftigkeit. Sie fand in ihrer vermeinten Verachtung gegen den Herrn Grafen etwas edelmuthiges und grosses. Wohlan! leichtsinniger Graf, sprach sie, kostet es ihn so wenig, sein Herz einer andern zu schenken, so soll das meinige nicht niedertrachtiger seyn. Ich will dem Konig Gehor geben, er ist meiner um so viel wurdiger, weil er mich liebet.
In dieser Entschliessung kam sie zu dem Herzogen: sie wolte ihm die hurtige Veranderung ihres Gemuths entdecken; allein die Liebe lachte uber dieses Vorhaben. Die Grafin wuste nicht, dass sie nur deswegen so sehr aufgebracht war, weil sie von einer starken Leidenschaft beherrschet wurde; diese hatte allein das Feuer in ihrer Brust entzundet: Der Eifer war zu gross fur ein Herz, das sich von der Liebe frey machen wolte.
Der Herzog vermerkte ihre Unruh: wenn werd ich euch, liebste Base, sagte er zu ihr, wieder ruhig sehen? wo ist das muntere und vergnugte Wesen, das euch ehedem belebet hat? Ach! lasset euch doch einreden; vergesset den Grafen von Rivera; ihr verdienet noch wohl einen bestandigen Liebhaber. Ich, gnadiger Herr! antworte sie ihm, mit einer verachtlichen Mine, ich solte mich noch um den Grafen von Rivera bekummern, nachdem er sich entschlossen hat, die Herzogin von Salona zu heyrathen? Nein, furwahr. Sie haben auch gar zu geringe Meynungen von mir. Wohlan! erwiederte der Herzog, so wird es euch also nicht ferner mehr schwer ankommen, den Konig zu lieben? Die Grafin errothete auf diese Worte: ihr ganzes Vorhaben verschwand mit einmahl, da der Herzog eine solche Erklarung von ihr verlangte: sie war verwirrt und wuste nicht, was sie sagen solte: allein der Herzog entwickelte leicht ihr ganzes Geheimniss. Gehet, sagt er, meine Tochter, ihr habt fur den Grafen von Rivera noch keine solche Verachtung, wie ihr euch einbildet: ihr wurdet sonst nicht so sehr den Konig furchten, der euch die Ehr anthut euch zu lieben; mittlerweile, dass der Graf so wenig nach euch fraget.
Diese letzte Worte schnitten meiner Grafin durchs Herz. Die Schonen in der Welt sind nicht darzu gebohren, dass sie sich konnen verachtet sehen; und wenn sie einem alles verzeihen, so ubersteiget ihre groste Gutigkeit doch niemahls die Beleidigung einer verschmaheten Liebe. Die Augen der holdseligen Grafin wurden von einem fremden Feuer entzundet: Die Wangen durchlief ein wallendes Blut, welches ihr ganzes Gesicht mit Purpur farbte: sie schamte sich vor ihrem Oheim, dass er ihr so niedertrachtige Empfindungen vorhielt: sie wolte lieber aus Grosmuth ehrsuchtig, als aus Liebe schwach scheinen: Sie versicherte deswegen ihren Oheim mit einem stolzen Eifer, dass wenn sie so leicht den Konig lieben, als den Grafen von Rivera vergessen konte, so wurde sie den Absichten, die man mit ihr hatte, ferner nicht widerstreben.
Nach diesem Gesprach begab sich die Grafin in ihr Zimmer: die zuruckgehaltene Bewegung der starksten Leidenschaften, brach hier auf einmahl aus: das Herze war davon ganz beklemmt, die Augen ofneten also ihre verborgene Quellen, und sturzten die Schmerzen ihres Gemuths in einen Bach von Thranen aus: sie weinte heftig. Gluckselige Thranen, die den sonst nicht ertraglichen Kummer zertheilen, und der bedrangten Brust Luft und Erleichterung verschaffen.
Das Gemuth der Grafin gerieth auf die Vergiessung so vieler Zahren in eine sanfte Stille. Die Traurigkeit wurde bey ihr an statt des vorempfundenen Leidens, ein mit Ruh und Schwermuthigkeit vermengter Zustand: sie suchte die Einsamkeit: alle Menschen waren ihr zuwider: kaum dass sie mich noch um sich leiden mogte.
Asmenie! sagte sie zu mir, ich bin der Welt mude: liebt ihr mich ein wenig, so redet mir von nichts anders, als wie man sich von ihr absondern, und sie verachten soll. Wir wollen wieder nach Prato gehen, und daselbst uns dem Umgang aller Menschen entziehen. Wir wollen uns den Sommer uber auf unsern nah-gelegenen Meyer-Hof begeben, und uns daselbst von den peinlichen Eitelkeiten des Hofs zu befreyen suchen. Wir wollen unser susses Sayten-Spiel bald in den Waldern erklingen lassen, bald unsre Stimmen mit dem hellen Laut der singenden Vogel vermengen. Bald sollen uns die junge Hirtinnen ihre Reyhen tanzen, und die Hirten darzu ihre Floten spielen: wir wollen zuweilen den grossen Teich, dessen breiter Canal bis nach Prato leitet, mit einem kleinen Kahn beschiffen, und den gestrickten Hahmen in den Grund senken, um Fische zu fangen; zuweilen wollen wir uns auf einen leichten Wagen von zween Radern setzen, und damit die Walder und Auen durchfahren. Vor allen Dingen wollen wir gute Bucher mitnehmen, und uns bald mit anmuthigen Geschichten, bald mit guten Lehren unterhalten; der Welt ihre Thorheiten aber von weitem belachen.
Ich liess meine Grafin diese sie vergnugende Fantasien ruhig entwerfen: ich war froh, dass sie etwas gefunden hatte, damit sie ihr Gemuth ein wenig beruhigen konte. Ich setzte selbst noch einige anmuthige Bilder mit in den suss-gemachten Entwurf dieser uns vorgenommenen neuen Lebens-Art; worunter ich auch den Scherz mit einmengte, dass wir gleichwohl eine gewisse Verfassung machen musten, wenn ungefehr ein Cavalier, wie der Graf von Rivera, in unseren einsamen Gefildern sich verirren mogte, wie wir denselben empfangen wolten; denn, fugte ich hinzu, da wir das alte Arcadien, bey unserm Land-Leben wieder einfuhren wollen, so konte uns auch leicht der Possen wiederfahren, dass ein getreuer Schafer bey uns sich einschleichen, und das zarte Herz meiner schonen Grafin in neue Gefahr setzen mogte.
Sie versicherte mich, dass sie dieses am wenigsten zu furchten hatte, weil sie nimmermehr von einer so ungluckseligen Neigung, wie die Liebe war, sich wieder einnehmen lassen wurde. Wie werden wir aber von Panopolis wegkommen, fragte ich sie weiter? Meine anhaltende Unpasslichkeit, sagte sie, wird mir zu einem hinlanglichen Vorwand dienen, wieder nach Prato zuruckzukehren. Meine Frau Mutter wird mir sodann leicht vergonnen, mich von da nach unserem Meyer-Hof zu begeben, um dadurch sowohl den Zuspruch des Konigs, als seiner Hoflinge zu vermeiden.
Die Grafin eroffnete darauf dieses Vorhaben dem Herzogen: er willigte ungerne darein, sie wieder von sich zu lassen; denn er liebete sie sehr; sie wuste ihm aber solche Vorstellungen zu machen, und sich dabey so muthlos zu gebehrden, dass er sie endlich wegreisen liess. Er hat uns seit dem ofters in unsrer Einsamkeit besucht, und seiner Basen, da er gesehen, dass ihre Gesundheit sich hergestellet hatte, des Konigs halber sehr angelegen; allein, sie bat ihn bestandig, ihre Ruhe nicht zu stohren, und stellte ihm dabey vor, dass ihre Gemuths-Art, sich zu nichts weniger als zu einer Konigin schickte. Der Herzog sah wohl, dass dieses nur blosse Ausfluchte waren; er muste sich aber damit abweisen lassen. Je hochmuthiger sich hierbey ihr Herz gegen den Konig erklarte; desto gutiger war solches, wenn sie des Herrn Grafens sich erinnerte. Dieses geschah so oft, dass ich ofters daruber mit ihr scherzte: sie sprach von nichts lieber, sie erkundigte sich um alles, was man von ihnen sagte, und was ihnen begegnete.
Wir erhielten einsmahl die Nachricht, dass sie bey dem letzten Haupt-Treffen in grosser Lebens-Gefahr gewesen waren: wir lasen solches in den gedruckten Zeitungen. Dieses setzte die Zartlichkeit meiner Grafin in ungemeine Bewegung. Ach! seufzete sie, wenn nun der Graf geblieben war, wurde ich mir die Schuld davon nicht beyzumessen haben? er war nimmermehr solcher Gefahr ausgestellt worden, wenn des Konigs Eifersucht ihn nicht suchte aus dem Weg zu raumen. Ach, unglucklicher Graf! fugte sie hinzu, hatte ich ihn doch nie geliebet.
Als sie nun bey ihrer Zuruckkunft die Nachricht erhielt, dass sie an die Herzogin von Salona sich wurden trauen lassen, so hatte sie wieder eine andere Art von Bekummerniss; und allem Ansehen nach wird das Vergnugen, welches sie jetzo empfindet, den Herrn Grafen noch frey zu wissen, sie doch nicht vollig beruhigen.
Die Grafin und der Herr von Greenhielm gesellten sich darauf wieder zu dem Grafen: dieser hatte gern die Grafin bis auf ihren Meyer-Hof begleitet; allein die Umstande wolten es nicht erlauben. Er gieng deswegen mit ihr und Asmenien nur bis ein Stuckwegs vor den Flecken: die Luft war nach der damahligen Zeit schon ziemlich rauh: diese beyde Damen aber waren derselben nicht mehr so entwohnet, als das Frauenzimmer in den Stadten. Der Graf und die Grafin konten sich einander bey dieser Gelegenheit ihre Regungen nicht bergen. O, wie beredt waren hier ihre Augen! wie schon schmeichelte die Liebe! wie schmerzte der Abschied! wie grausam schien ihnen der Zwang, damit sie sich verstellen musten! der Graf kusste darauf der Grafin die Hand, und brachte sie auf ihre Gutsche: sie hatte die Augen voll Thranen, und in dieser mehr als zartlichen Bewegung schieden sie von einander.
Der Graf war unterwegs immer in tiefen Gedanken: der Herr von Greenhielm scherzte daruber mit ihm. Der Graf bekante ihm seine Empfindlichkeit: er hielt dafur, dass wir Menschen uber die Regungen unseres Herzens nicht Meister waren: doch muste die Tugend und die Redlichkeit allen unordentlichen Ausschweiffungen Maass und Ziel setzen.
Endlich kamen diese beyde Herren nach Toscana, allwo sie unter den zartlichsten Versicherungen einer immerwahrenden Freundschaft und Hochachtung von einander Abschied nahmen. Der Herr von Greenhielm verfolgte seine Reise nach Scandinavien; der Graf aber, nachdem er in Toscana die nothige Passe erhalten, begab sich an den Licatischen Hof, nach Monnisburg.
Er wurde von dem Konig auf das leutseligste empfangen, und hatte das Gluck, sich uber eine Stunde lang allein mit ihm zu unterreden. Der Konig verwunderte sich, dass der Graf in verschiedenen Umstanden besser, als er selbst, von den Angelegenheiten seines Reichs unterrichtet war.
Ich komme, sagte der Graf zu demselben, Ew. Majestat gleiche Vortheile vor dero Reiche und Volker anzutragen, als ich fur diejenige meines allergnadigsten Konigs zu erlangen suche. Ich weiss, dass die Rechte der Majestaten heilig sind, und dass der Krieg fur das einzige Mittel gehalten wird, ihre Streitigkeiten aus einander zu setzen; dieses Mittel aber ist immer der grosten Gefahr unterworfen: man muss endlich doch wieder Friede machen, und diese Nothwendigkeit zwinget sodenn die streitende Machten, dasjenige nach vielem Blutvergiessen einzugehen, was sie zuvor mit weit geringeren Kosten, und mit Erhaltung der gemeinen Ruh, hatten thun konnen.
Dass die offentliche Versammlungs-Platze, wo man die Zwistigkeiten der Potentaten zu erortern pflegt, nicht allemahl einen gewunschten Ausgang haben, solches zeiget die Erfahrung. Es sind insgemein dabey zu vielerleiy Leute, die darunter ihren Nutzen finden, wenn sie die Tractaten fein weit hinaus spielen: die Herren Rechts-Gelehrten kommen auch dabey mit in die Anfrage, und wo diese erst mit einander sich in einen Feder-Krieg verwickeln, da ist der Knote nicht anders mehr, als durch einen Gordianischen SchwerdStreich zu losen. Bey solchen Tractaten muss man uber dem stets neue Berichte von den Hofen einholen: der Rang und die Vorrechte der hohen Haupter verursachen auch ofters ein unnutzliches und weitlauftiges Gezancke; wodurch die Gemuther der Regenten mehr zum Krieg, als zum Frieden gereitzet werden. Es kommen unterdessen auch allerhand Zwischen-Falle, welche die Unterhandlungen verwirren, oder doch wenigstens aufhalten: Zeit und Unkosten gehen daruber verlohren, und keiner weiss, woran er ist.
Diese und dergleichen Umstande, fuhr der Graf fort, haben meinen allergnadigsten Konig bewogen, an Ew. Konigl. Majestat, mich in moglichster Eile abzusenden, und mich dahin zu bevollmachtigen, dass alles, was ich in dero hochsten Namen mit Ew. Koniglichen Majestat schliessen wurde, fur genehm, und ausgemacht solte gehalten werden.
Der Konig bezeigte hierauf dem Grafen, dass es ihm lieb war, dass der Aquitanische Hof ihm wegen der mit ihm obschwebenden Streitigkeiten einige Friedens-Vorschlage wolte thun lassen; und war ihm darzu die Person des Herrn Grafens um so viel angenehmer, weil er bisher viel gutes und ruhmliches von ihm gehoret hatte.
Als nun der Graf darauf seinen Vortrag gethan und dessen Vorstellungen auch dem Konig einzuleuchten schienen; so bat er den Konig, solche naher zu uberlegen und ihm die Gnade zu erweisen, die Sache selbst, nach seiner eignen hohen Einsicht, mit ihm abzuthun; allein, der Konig wolte sich darauf in keine Wege mit dem Grafen einlassen; sondern verwies ihn disfalls lediglich an seinen obersten Staats-Minister, den Fursten von Karndtenburg.
O ihr stolze Beherrscher dieser Erden, dachte hier der Graf bey sich selbst, seyd ihr denn nur deswegen der Volker Herr und Haupt, um eure Tage in Wollust und Mussiggang zuzubringen? Er bedauerte heimlich diesen Monarchen, dem die Natur Vernunft und Gaben genug verliehen hatte, seine Staaten selbst zu beherrschen, und der aus blosser Weichlichkeit, welche von der Gewohnheit und einer ublen ErziehungsArt herruhrte, sich aller Geschaften entschlug; und nur deswegen Konig war, weil auch seine Vorfahren waren Konige gewesen; gleich als ob man mit der blossen Geburt, zugleich auch die Weisheit bekam, Volker zu regieren.
Der Graf von Rivera muste sich also gefallen lassen, mit seinen Friedens-Vorschlagen zu dem Fursten von Karndtenburg zu gehen. Dieser hatte zwar Einsicht und Verstand; allein, noch weit mehr Einbildung und Hochmuth: ein stolzes aufgeblasenes Wesen begleitete alle seine Handlungen: seine Geburt, sein Gluck, sein Gestalt, seine Wurde und sein Pracht, gaben ihm das Ansehen einer ungemeinen Hoheit, welche so wohl der Hof als das Volk verehrte, und die gewisser massen der Konig selbst furchtete. Niemand unterstund sich also ihm entgegen zu reden: was er wolte, das muste geschehen: Man konte noch sicherer den Konig selbst beleidigen, als ihn.
Weil der Graf ihn gleichsam war vorbey gegangen, indem er sich mit seinen Vorschlagen gerad an den Konig gemacht hatte; so gedachte jetzo der Furst demselben die Wichtigkeit seiner Person recht in die Augen zu stellen. Der Konig hatte den Grafen mit der grosten Leutseligkeit empfangen; hier aber machte ihm der Minister eine spreustige Mine: er warf den Kopf, welcher in einer grossen auf beyden Seiten uber den Bauch herunter hangenden Staats-Perrucke eingehullet war, aus Hochmuth so weit zuruck, als die Majestat des Monarchens, aus Freundlichkeit, vor dem Bevollmachtigten eines grossen benachbarten Konigs, sich geneiget hatte. Der Graf zeigte dem Fursten hieruber nicht die geringste Empfindlichkeit: seine Gebehrden waren von Natur frey und ungezwungen: er konte so wenig niedertrachtig, als lacherlich-hochmuthig seyn. Er sahe bald, dass er bey diesem Minister nicht viel ausrichten wurde. Der Geist dieses Fursten kam ihm um so viel kleiner vor, je grosser und schwulstiger derselbe sich seinen Augen darstellte: Selten, dass ein so aufgeblasener Corper die Herberge einer weisen Seele ist.
Der Graf durchgieng dem ungeacht mit ihm die Ursachen, die den Krieg zwischen den beyden Cronen veranlasset hatten, und zeigte gantz naturlich, wie solche am leichtsten zu heben, und ein dauerhafter Friede mogte geschlossen werden; allein, der Furst wolte alles besser wissen, und konte nicht leiden, dass sich der Graf anmassete, so viel Verstand zu haben; er verwarf dessen ganzen Plan, und wolte durchaus in allen Stucken nachgegeben haben.
Der Graf muste also hier auf andre Mittel sinnen, seinen Zweck zu erreichen: er sahe wohl, dass in solcherley Geschaften, ganz ohne List nicht wohl fortzukommen war. Der Endzweck macht ofters eine Sache gut, oder bos. Der Graf hatte die beste Absichten von der Welt. Er wolte niemand schaden, sondern vielmehr, wenn es in seiner Macht stunde, aller Menschen Wohlfahrt befordern helfen.
Er war nicht der Meynung, seinem Konig fremde Volker zu unterwerfen; er suchte es nur dahin zu bringen, dass er seine eigne in Ruh und Friede beherrschen mogte. Er hielt den Eroberungs-Geist der Monarchen fur den grosten Verderber des menschlichen Geschlechts. O, ihr Konige! pflegte er zu sagen, ist es nicht genug, dass ihr eure eigene Unterthanen durch eine bose Regierungs-Art in das Verderben sturzet? musset ihr auch noch andere Menschen suchen, eurer Tyrannischen Bottmassigkeit zu unterwerfen? gleich als ob die hochste Ehre gecronter Haupter darinn bestunde: dass sie viele Lander beherrschten, und viele Volker unglucklich machten.
Des Grafens Endzweck gieng also blos allein auf die Erhaltung der gemeinen Ruh: er suchte solche durch unumstossliche Bundnisse mit den benachbahrten Staaten zu befestigen. Er war zu dem Ende darauf bedacht, ihnen allen Argwohn zu benehmen, als ob man ihre Gerechtsame verletzen, oder nicht aufrichtig mit ihnen handeln wolte: er suchte es mit der Zeit dahin zu bringen, dass bey entstehenden Zwistigkeiten der Nachbarn, der Aquitanische Hof sich ins Mittel schlagen, und sich dadurch das Ansehen eines Schieds-Richters erwerben konte. In welchem Fall nicht allein die Macht seines Konigs und die Ruhe seines Reichs gesichert war, sondern auch unsagliche Kosten konten erspahret werden, die zu vielerley Kriegs-Rustungen, Gesandtschaften, Bestechungen anderer Hofen, und dergleichen, aufgewandt wurden.
Der Graf erkundigte sich in diesen Absichten genau um den Zustand des Licatischen Hofes weil dieses Konigreich, nebst Hesperien, das groste und wichtigste war, welches an die Aquitanische Granzen stiess; so kam es vornehmlich darauf an, die Sicherheit des Konigreichs gegen zwey so machtige Nachbarn zu bewahren.
Er machte zu dem Ende mit allen Grossen des Licatischen Hofes Bekanntschaft; und suchte sie durch allerhand Mittel zum Vortheil seiner Absichten zu stimmen: er fand uberhaupt, dass der Konig ubel bedienet war. Alle dessen Befehlshaber vom obersten bis zum untersten suchten nichts als ihren eignen Nutzen, auf Unkosten des Staats; alle misbrauchten schier der Gute ihres allzuviel nachsehenden Koniges: es war kein Hof in der Welt, der so viel vornehme Bedienten ernahrte, welche gleichsam die offentliche Schmelz-Tiegel der Reichthumer und Schatze des Landes waren.
Der Graf hatte einen jungen Edelmann bey sich, der ein Cheruscer von Geburt war, und die vornehmste Europaische Sprachen verstund: er besass viele Wissenschaften, und hatte dabey einen aufgeweckten und verschmitzten Kopf: dieser gieng in die vornehmste Caffee- und Spiel-Hauser, und war in allen Gesellschaften angenehm: er horte, was die Leute sprachen, und urtheilten: er gab sein Bedenken mit darzu, und machte sie dadurch treuherzig auch gegen ihn sich desto vertraulicher heraus zu lassen: er brachte auf diese Weise dem Grafen taglich eine Menge dienlicher Nachrichten nach Haus, welche ihn allesamt versicherten, dass das Licatische Volk uber die bissherige grosse Auflagen ausserst schwierig, und dergestalt gegen die Regierung aufgebracht war; dass solches, wenn es nur noch ein wenig starker angegriffen wurde, allem Vermuthen nach, sich emporen, und alle Anschlage des Hofes zu nichte machen durfte.
Der Graf schrieb deswegen an seinen Konig, dass man in ganz Aquitanien neue Kriegs-Rustungen machen, frische Volker anwerben, und mit einigen benachbarten Hofen gewisse Bundnisse schliessen mogte, auf erforderenden Fall eine Anzahl Hulfs-Volker zu stellen: man folgte seinem Rath: die Drommel wurde durch das ganze Konigreich geruhret: die Flotten wurden ausgerustet und in See gebracht: die Granz-Vestungen mit neuen Werken versehen: die Hetrurier, Cheruscer, Hermundurer, Battaver und Britannier setzten sich in Waffen: man horte aller Orten von nichts als einem abscheulichen Krieg.
Nur der Graf von Rivera dachte an den Frieden: er war versichert, ihn durch dergleichen Drohungen und Anstalten am hurtigsten zu erlangen. Er hatte an dem Licatischen Hof allenthalben seine heimliche Agenten, welche die Gemuther des Volks mit Furcht und Schrecken erfullten. Der Hof stack in grossen Schulden: die Haushaltung war in Unordnung: das KriegsHeer wurde ubel bezahlt; die Soldaten suchten deswegen bey dem armen Landmann sich zu erholen und griffen zu, wo sie etwas fanden. Die Befehlshaber waren gezwungen, ihnen durch die Finger zu sehen, denn es hies: Der Soldat muste leben. Dieses verursachte allenthalben ein jammerliches Klagen: alle Zeitungen waren voll von den Kriegs-Rustungen in Aquitanien: Der Graf selbst liess unter der Hand einige zu seinen Absichten dienliche Schriften in Toscana drucken, und sie heimlich in Monnisburg ausstreuen. Dem Volk wurde darin die bevorstehende Gefahr des Kriegs vor Augen gemahlet: es begunte dadurch noch immer schwieriger zu werden, und desto eifriger nach dem Frieden zu schreyen.
Das Misvergnugen mehrte sich allenthalben durch den grossen Geld-Mangel. Nicht, dass nicht Geld genug noch war im Land gewesen; sondern es war solches unter lauter solchen Leuten ausgetheilet, die mit gewissen Freyheiten versehen waren, zum Behuf der gemeinen Noth nichts beyzuschiessen. Diese waren der Adel und die Geistlichen: die Regierung wagte es dem ungeacht, von solchen eine ausserordentliche Beysteuer zu fordern: welche man auf gewisse Summen anschlug: dieses aber war so viel als in ein Wespen-Nest stochern. Bisher hatte nur der gemeine Mann geschrien; wobey der Adel und die Geistlichkeit schwiegen und auf ihre Vorzuge stolz waren; da man aber auch diese beyde Stande mitnehmen wolte, da hies es allenthalben: es litte die Religion, es litte der ganze Staat.
Der Beicht-Vater des Konigs war der erste, welcher seinen andachtigen Eifer vor den Konig brachte, und ihn ermahnte, der Kirchen-Guter zu schonen: er sagte: dass sie von milden Stiftungen herruhrten, welche der Macht des weltlichen Arms mit nichten unterworfen waren: er vermahnte deswegen den Konig, solche ja nicht anzutasten; sondern vielmehr, wie er bishero gethan, als ein wurdiger Beschutzer der Kirchen sich fernerhin zu erzeigen. Er fugte seiner Rede die Drohungen des Himmels und des Vaticans hinzu; und bedeutete dem Konig, dass noch alle Monarchen, die sich unterstanden hatten, dergleichen Eingriffe in die Geistliche Rechte zu thun, sich den Fluch des Himmels auf den Hals gezogen und weder Gluck noch Seegen bey ihrer Regierung gehabt hatten, davon er ihm hurtig alle denkwurdige Geschichten, die sich ungefehr hieher schicken mogten, aus den GeschichtBuchern anzufuhren wuste.
Auf diesen so strengen Gewissens-Prediger folgte der Land-Marschall mit den Abgeordneten von der Ritterschaft. Dieser stellete ebenfalls dem Konig vor, dass bishero die treugehorsamste Stande alles gethan hatten, was in ihrem Vermogen gewesen war, um der Koniglichen Cammer zu dem verwichenen Feldzug den benothigten Vorschub zu thun, und die siegreiche Waffen des Konigs gegen seine Feinde zu unterstutzen; allein, die bisherige Durchmarsche und stete Einquartirungen auf ihren Gutern und Dorfschaften, zusammt dem erlittenen Miswachs der Feld-Fruchten, hatten ihre Krafte dermassen ausgesogen, dass sie nicht im Stand waren, ein mehrers zu bewilligen, als worzu sie bereits sich verstanden hatten: Ihro Majestat, der Konig, mogte solches alles in mildeste Erwegung ziehen, und dem schon vorhin genug gepresten Adel dero fernerweitigen allergnadigsten Koniglichen Schutz huldreichst angedeihen lassen.
Der Konig wolte den Adel, sowohl als die Geistlichkeit, klaglos stellen; der Furst von Karndtenburg aber wuste keine andere Mittel zu ergreiffen, um Geld aufzubringen, als diese beyde Stande mit in die neue Anlage zu setzen. Er hatte gern auch das gemeine Volk noch mit mehrern Abgaben beschweret, und neue Zolle und Accisen angelegt; allein Handel und Wandel lag bereits ohnedem schon in diesen Landern darnieder; und wenn man den Landmann noch harter angesetzt hatte, so wurde ihm kaum sein Fuhrwerk noch ubrig geblieben seyn, damit die nothigste Lebens-Mittel in die Stadte zu bringen. Wie nun alle Dinge, wenn sie bis zu einem gewissen Grad gestiegen sind, entweder sich biegen oder brechen; so gieng es auch allhier. Der Graf von Rivera hatte sich wirklich bey dem Konig beurlaubet: alle dessen Vorstellungen waren bisher vergeblich gewesen: der Konig verliess sich auf seinen Staats-Minister, und dieser wolte durchaus in einer Sache nicht nachgeben, die ihm einmahl sein Eigensinn zur Regel gemacht hatte. Die Anstalten zur Abreise des Grafens machten unterdessen sowohl bey Hof, als bey dem Volk ein grosses Aufsehen: solche war schon auf den andern Tag festgestellet. Der Graf war gesonnen, an einen nechstgelegenen Alemannischen Fursten-Hof sich zu begeben; unterdessen aber seinen Cheruscischen Edelmann zu Monnis burg zu lassen; weil er aus den Umstanden worin er den Licatischen Hof sahe, leicht urtheilen konte, dass er sich bald naher zum Ziel legen wurde. Dieser Zeitblick war bereits vor der Thur: eine grosse Menge Volks sammlete sich gegen den Abend vor dem Pallast des Furstens von Karndtenburg. Dem Fursten kam solches gleich Anfangs verdachtig vor, und sandt deswegen auf die Hauptwache: allein, ehe man ihm noch zu Hulfe kommen konte, so horte man ein dunkles und durchdringendes Geschrey: Es lebe der Konig / und sterben alle bose Rathgeber. Diese Losung wurde zugleich mit einem Hagel von Steinen begleitet, welche kein Fenster an dem Pallast des Furstens auf der Strassen ganz liessen; und wo man nicht bey guter Zeit die Thoren des Pallasts geschlossen hatte; so war ohne Zweifel dieser Tumult auf eine vollige Plunderung desselben hinaus gelauffen; wobey die Person des Furstens am wenigsten Sicherheit wurde gefunden haben; dann die Erbitterung des gemeinen Volks gegen ihn war uberaus gross.
Der wutende Pobel wurde zwar darauf von der herannahenden Wache wieder auseinander getrieben; er sammlete sich aber von neuem auf dem grossen BurgPlatz, und wiederhohlte daselbst aus voller Kehle, doch mehr mit einem furchterlichen Gebrull, als vernehmlichen Ton, die vorige Losung: Es lebe der Konig / und sterben alle bose Rathgeber. Und da er auch hier von der aufgebotenen Besatzung aus einander gejagt wurde, so horte man doch die ganze Nacht durch diese Worte von einzeln kleinen Hauffen noch hin und wieder in den Strassen erschallen.
Der Staats-Secretarius, als er sahe, wo die Sachen hinaus wolten, fuhr noch denselben Abend zu dem Grafen von Rivera. Er bat ihn, morgen noch nicht zu verreisen: er sagte, dass er in den Aspecten seines Hofs einen guten Planeten entdeckte, und dass sie wurden Friede machen.
Der andere Tag war kaum erschienen, so wurde der Staats-Secretarius nebst den andern Staats-Rathen zu dem Konig gerufen: mittlerweile, dass der Furst von Karndtenburg, um der Wut des Pobels zu entgehen sich heimlich aus der Stadt gemacht hatte. Der Konig befragte den versammleten geheimen Rath, was bey so gestalten Sachen zu thun ware: dieser riethe zum Frieden; nachdem er zuvor dem Konig die allgemeine Noth und das Misvergnugen aller Stande des Reichs aufs beweglichste vorgestellt hatte.
Der Konig liess darauf den Grafen von Rivera nach Hofe bitten: man berathschlagte sich mit ihm aufs neue, wie man die Sache auseinander setzen, und die noch strittige Puncten vergleichen mogte. Der Graf aber wolte durchaus von seinem Plan, der auf einen bestandigen Frieden zielte, nicht abweichen. Man fand endlich, dass die Absichten des Grafens Grund hatten, dass sie der Billigkeit gemas waren, und dass sie den Wohlstand beyder Reiche schutzten. Die Articul von dem Frieden und dem darauf sich grundenden Bundnis wurden demnach zu Papier gebracht, ausgefertiget und unterzeichnet.
Die Abreise des Grafens litt also hierdurch noch einigen Aufschub. Der Konig fand ein Vergnugen, mit demselben sich in vertrauliche Unterredungen einzulassen. Er verehrte ihm darauf nebst andern Kostbarkeiten sein Bildnis, welches reich mit Diamanten besetzt war, und versicherte ihn dabey seiner besondern Gnade und Hochachtung.
Das eilfte Buch.
Der Graf von Rivera nahm darauf von Monnisburg seinen Weg durch den grossen Hercynischen Wald, nach einem Cheruscischen Fursten, der zu Argilia eigentlich seinen Wohn-Sitz hatte; sich damahls aber an seinem neuerbauten Ort Christianopolis aufhielt.
Der Furst, der Ort und die Einwohner hatten etwas so einnehmendes und ungewohnliches, dass der Graf durch die Beschreibung, welche ihm sein Cheruscischer Edelmann davon machte, bewogen wurde, alles selbst in Augenschein zu nehmen.
Der Furst war ein Herr nahe bey die funfzig Jahren: er hatte einen Prinzen und zwey Prinzessinnen, davon ins besondere die alteste, von ungefehr achtzehen Jahren, ein Ausbund aller Schonheit und Tugend war: die Furstin, ihre Frau Mutter, hatte derselben sowohl, als ihren andern beyden Kindern, die beste Erziehung gegeben: sie war selbst ein Muster einer tugendhaften Frauen. Der Furst ubertraff dieselbe noch in der Starke des Geistes, in dem Muth und in den Wissenschaften.
Er war gebohren mit allen Vorzugen des Leibes und des Geistes, welche wir der Natur zuschreiben; die aber bey ihm nichts anders, als besondere Gaben einer gutigen Vorsehung waren; denn an statt, dass uberhaupt die Menschen mit einer angebohrnen Neigung zum Bosen auf die Welt kommen, so machte bey ihm die Neigung zum Guten seine ganze Gemuths-Art aus. Wer wolte sagen, dass GOtt nicht auch zuweilen, obgleich sehr selten, dergleichen Menschen lies ans Tages-Licht kommen, wenn er durch sie besondere Dinge zu wirken vor hat?
Diese vortrefliche Gemuths-Art wurde bey ihm durch eine nicht weniger gluckliche Auferziehung formiret. Man zeigte ihm, wie er alle seine Gaben blos allein zur Verherrlichung seines Schopfers und zum Dienst anderer Menschen anzuwenden verpflichtet war. Man unterwies ihn zu dem Ende in allen solchen Wissenschaften, welche ihn zur Erkantnis GOttes, der Welt und der Menschen fuhrten: zu der ersten brachten ihn die Lehren vom Glauben; zu der andern die Welt-Weisheit; und zu der dritten die Erfahrrung. Seine gethane Reisen an die meiste Europaische Hofe, sein Umgang mit allerhand Leuten; und endlich, sein Fleiss in den Wissenschaften und in den Geschaften selbst, vermehrten um ein grosses, was GOtt durch die Natur in ihn gelegt hatte.
Es hafteten dem ungeacht in seiner Seel gewisse Zweifel, in Ansehung der so vielerley Secten und Meynungen in der Christenheit, welche ihn oftmals sehr beunruhigten: er wuste lang nicht, was er davon denken und zu welcher er sich eigentlich halten solte; er hatte zwar unter allen hier und dar noch gute aufrichtige Leute gefunden; sie waren aber gegen die Bosen so viel als nichts zu rechnen. Das Verderben war allgemein, und es schien, als wolte darinn keine Kirche und kein Volk dem andern einige Vorzuge gonnen.
Als sein Herr Vater starb, hatte er noch kaum das zwey und zwantzigste Jahr erreichet; er muste sich also der Regierungs-Last unterziehen, in einem Alter, welches andere Fursten-Kinder den blossen Lusten und Ergotzlichkeiten wiedmen. Er und sein Land waren der protestirenden Kirche zugethan. Er wolte bey dem Antritt seiner Regierung und bey seinen noch jungen Jahren keine Neuerungen anfangen; gleichwohl aber schien ihm der Hass, der in seinem Lande gegen andere Religions-Verwandte herrschte, weder Christlich noch vernunftig. Er konte nicht leiden, dass man sich im Christenthum uber blosse Kirchen-Gebrauche und Meynungen trennen und deswegen einander alle Christliche Liebe versagen solte; da sie doch allesamt einen GOtt, einen Heyland und einerley Gesetz erkannten. Er hielt dafur, dass ein Christ ein weit geduldigeres, liebreicheres und einfaltigeres Wesen haben muste, und dass alle diejenige, welche so heftig gegen einander um die Wahrheit des Evangelii stritten, dieselbe am wenigsten kennen musten, indem sie schnurstracks das Gegentheil thaten, was uns Christus und seine Apostel lehreten.
In diesen Betrachtungen war er lang unschlussig, wie er in seinem Land ein solches Kirchen-Wesen, nach dem Sinn des Evangelii, ohne Spaltung und Sectirerey einfuhren mogte. Es fanden sich in seinem Lande eine gewisse Art Leute, die sich fur besser und heiliger, als andere hielten, und deswegen mit denen, die da kirchlich, das ist, dem ausserlichen GottesDienst zugethan waren, keine Gemeinschafft haben wolten. Diese hoften, der Furst wurde ihren Einbildungen Glauben beymessen und sich zu ihnen schlagen. Anfangs hatte auch der Furst sich wirklich von dem Schein ihrer ausserlichen Frommigkeit einnehmen lassen; zumahl weil sie wider alle Sectirereyen sich erklarten und blosserdings an die Lehren des Heylandes sich zu halten vorgaben. Es war aber nicht lang, so erkante der Furst bey naherer Untersuchung, dass diese Leute selbst die groste Sectirer waren: und dass sie zugleich solche Unordnungen und Verwirrungen im gemeinen Wesen stifteten, dass er sich vor ihnen mehr als vor allen andern zu furchten begunte.
Sein wichtigstes Anliegen war also, eine Gemeine von solchen Leuten aufzurichten, welche nach den pur lautern Lehren Christi, ihr Leben und ihren Wandel zu fuhren Vorhabens waren: sie mogten auch von einer Secten seyn, wie sie wolten. Allein, es ereigneten sich gleich Anfangs dabey solche Schwierigkeiten, dass er alle Hofnung verlohr, seine Absichten jemahls in dieser Sache zu erreichen: Es waren insonderheit die Geistlichen ihm darin sehr entgegen; sie nanten die Einfuhrung einer solchen Eintracht: Syncretisterey und Gleichgultigkeit der Religion.
Der Furst war kein Feind der Geistlichen; er hielt vielmehr ihren Stand vor andern hoch; doch dieses verdross ihn, dass so viele unter ihnen das Ketzermachen nicht lassen konten; sondern bey allen und jeden Gelegenheiten mehr auf ihre blinde Satzungen, als auf die Kraft des Glaubens selbst sahen. So gern er auch diesem Unheil gesteuert und die Liebe, die Sanftmuth und die Vertraglichkeit bey der Evangelischen Kirche in seinem Lande eingefuhret hatte, so konte er es doch, wegen einiger unruhigen Kopfen, nicht dahin bringen; einen Frieden aber in der Kirche durch neue Emporungen und Zankereyen zu stiften, hielt er nicht fur rathsam.
Er brachte seine Klagen daruber vor den HErrn, der allein solches andern konte; er befahl auf eine Zeitlang seine Regierungs-Geschafte seiner Gemahlin und seinen Rathen; und verfugte sich nach einem in den Hercynischen Waldern, vier Stunden von seinem HofSitz gelegenen Jagd-Haus; um in dieser Einsamkeit auf die so nothige Verbesserung des Kirchen-Wesens desto ruhiger seine Gedanken zu richten.
Er hatte bereits vier Wochen in dieser abgezogenen Stille mit dergleichen Gedanken sich unterhalten, auch schon verschiedene Einwurfe zu Papier gebracht; als ein paar Vandalische Manner sich bey ihm anmeldeten.
Gnadigster Furst, war ihre Anrede, wir haben vernommen, dass Eure Durchleucht ein weiser und frommer Herr seyen. Wir sind nebst einigen unserer Mitbruder aus unserm Vaterland, um der Wahrheit willen, die wir nach den Lehren des Evangelii einfaltig bekennen, von andern, die auch Christen seyn wollen, vertrieben worden. Wir suchen bey Ew. Durchleucht Schutz; wir verstehen den Acker-Bau und die Viehzucht: ein kleiner Raum wird genug seyn, um uns zu nahren.
Was habt ihr dann vor Meynungen in eurem Glauben, fragte der Furst, weil man euch aus eurem Vaterland vertrieben hat? Wir sind Christen, antworteten sie, und wollen mit GOttes Gnade in diesem Glauben auch leben und sterben. Wir halten uns darin einzig und allein an die uns hinterlassene Offenbarung der gottlichen Schriften, und lassen uns keine fremde Auslegungen, noch Glaubens-Articul aufburden; weil geschrieben stehet, dass man nichts soll darzu noch davon thun. Ja, unterbrach der Furst, verstehet ihr dann die Schrift? Was wir nicht verstehen, gnadigster Furst, sprachen sie, das lassen wir so lang unerortert, bis der Geist GOttes daruber unser Verstandnis aufschliesset; denn wir wissen, dass nicht alle Menschen gleiche Begriffe und Einsichten haben; und dass wir deswegen verbunden sind, uns einander in Liebe zu tragen. Mittlerweile, dringen wir allesammt scharf darauf, denen deutlichen Lehren Christi, durch die Kraft des einfaltigen Glaubens, in unserm Leben und Wandel zu folgen. Was bedienet ihr euch dann, fragte der Furst weiter, vor einer Ubersetzung der Heil. Schrift? Die wenige Gelehrten, die wir unter uns haben, war ihre Antwort, bedienen sich der GrundSprache, worinnen die Bucher der H. Schrift anfanglich sind verfasset worden; auf deren grundliche Wissenschaft sie mit allem Ernst und Fleiss sich legen; was aber den gemeinen Mann betrift, so begnugen wir uns mit einer sehr schlechten und unvollkommenen Ubersetzung in unsrer gemeinen Sprache; die aber, wie unsre Gelehrten sagen, alle die Haupt-Articul des Christlichen Glaubens mit hinlanglicher und genugsamer Deutlichkeit erklaret.
Der Furst war angenehm-besturzt, diese Leute also reden zu horen; Er erkundigte sich, wo sie dann eigentlich den Ursprung ihrer Kirchen herrechneten; und ob sie von andern sich getrennet, oder diese Glaubens-Einfalt von langen Zeiten her unter sich erhalten hatten?
Unsere Vorfahren, berichteten die beyde Fremdlinge, die sich bis auf die erste Zeiten der Kirchen hinaus rechnen, haben nie keinen andern Lehren beygepflichtet, als den einfaltigen Lehren des Heylandes: sie haben nie keinen blossen Menschen-Satzungen, in Glaubens-Sachen, sich unterworfen: sie haben weder die Heiligen anrufen, noch die Macht eines geistlichen Statthalters GOttes auf Erden erkennen wollen; und da die Griechische Bischoffe in den ersten Jahrhunderten anfiengen, sich eine unerlaubte Herrschaft uber die Gewissen anzumassen, und solche unter das Joch fremder Meynungen und Ceremonien zu zwingen; so verliessen unsere Vorfahren die Hellespontische Ufer, und zogen sich nach den Dalmatischen und Sclavonischen Gefildern. Als hierauf die Griechische von der Lateinischen Kirche sich trennte, und eine solche Finsterniss den ganzen Kirchen-Himmel uberzog, dass man das Christenthum auch nicht mehr unter den Christen fande; so errichteten unsere Vater unter sich eine geistliche Bruderschaft, welche die Erhaltung der reinen Apostolischen Wahrheit in der Einfalt; und die wurkliche Ausubung der Lehren Christi zum Grund hatte.
Als sie aber auch hier von der herrschsuchtigen Clerisey verfolget wurden, zogen sie sich nach Pannonien, Sarmatien, Hercinien und dasige Gegenden: von dannen einige noch weiter bis in die Occidentalische Lander drungen; sich aber meistens in grosser Armuth, in Waldern und rauhen Geburgen aufhalten, und sich darin eine Zeitlang mit Wurzeln, Krautern und Baumfruchten nahren musten.
Da es nun endlich im vierzehenden Jahrhundert in dem Europaischen Welt-Theil wieder ein wenig Licht zu werden begunte, so kam es auch so weit, dass sie, als Bekenner des Christlichen Glaubens, an vielen Orten aufgenommen wurden, ein eigenes KirchenWesen aufrichteten, sich ihre eigene Bischoffe, Aeltesten und Vorsteher wehleten; und viel andere von dem beschwerlichen Joch des Occidentalischen KirchenRegiments los machten.
Diese ihre Gluckseligkeit aber war von keiner langen Dauer. Der Stuhl zu Rom that sie in den Bann; man uberzog sie hin und wieder mit starken KriegsHeeren: theils ergriffen die Waffen, sich ihren Feinden zu widersetzen; theils flohen in einsame Gegenden; noch andere blieben, wo sie waren, und verehrten GOtt im Verborgen. Die ersten machten ihre Sachen nicht gut; sie wurden uberwunden, gefangen, getodtet und zerstreuet. An den Orten, wo unsre Vorfahren sich aufgehalten hatten, liess man sie eine Zeitlang in Ruh. Man hat uns keinem fremden Gottesdienst gezwungen: wir haben uns still fur uns gehalten, und uns dabey als getreue Unterthanen, in allem, was nicht die Freyheit unseres Gewissens verletzet, der weltlichen Obrigkeit und guter Policey unterworfen. Weil aber durch unsern Wandel, und durch die Bucher der Heil. Schrift, die wir verborgen bey uns hatten, viele unserer Nachbarn geruhret wurden; dergestalt, dass sie die Irrthumer ihres vermeynten Gottesdienstes einsahen; folglich davon sich frey und loszumachen suchten; so wurde dadurch die Geistlichkeit wider uns aufgebracht. Man zog uns ein; und weil wir die Sache nicht laugnen mogten: so ergieng endlich an uns das Urtheil, dass wir unsere Guter binnen drey Monathen verkauffen, und hernach das Land raumen solten; welches wir auch ohne alles Murren thaten, und uns hieher verfuget haben, in der Hofnung, Ew. Hochfurstl. Durchleucht werden nicht allein uns, sondern auch unsere Bruder, deren noch viele im Lande zuruck geblieben sind, gnadigst aufzunehmen und einen freyen Gottesdienst uns zu verstatten geruhen.
Der Furst von Argilia sagte diesen Leuten, sie solten sich morgen wieder bey ihm melden; er wolte die Sache uberlegen. Er hatte uber dasjenige, was er vernommen, ein tiefes Nachdenken: er fand, dass diese Leute so dachten und glaubten, wie er: ihm blieb also kein Zweiffel ubrig, eine Gemeine nach Art dieser Vandalischen Manner aufzurichten. Er entwarf davon den Plan, und als sie wieder kamen, erklarte er ihnen sein Vorhaben.
Ihr sollet, meine liebe Freunde, sprach er zu ihnen, nicht allein bey mir den verlangten Schutz, sondern auch eine solche Gewissens-Freyheit geniessen, dass ihr einen Tempel eurem GOtt, welcher auch der meinige ist, zu Ehren, hier auf diesem Platz bauen sollet. Hier habt ihr Holz, so viel ihr wollet; hauet die Baume um, verbrennet ihre Wurzeln, bauet euch Hauser, Scheuren, Stallungen, Garten und Felder; ziehet euch Wiesen fur euer Vieh, grabet euch Brunnen und leitet das Wasser aus dem nah vorbeyfliessenden Bach durch eure Hofe: einige Stunden von hier werdet ihr auch Kalk, Sand und Steine finden: ich will euch die Platze anweisen, wohin ihr bauen sollet: ich will euch selbst alles entwerfen und angeben; und wann ihr solche Christen seyd, als ihr von euch sagt; so will ich meine Wohnung selbst unter euch aufschlagen, und mit euch denselben GOtt verehren, der euch zu mir gebracht hat.
Die Vandalische Manner dankten dem Fursten; und liessen alles auf den Willen GOttes, dessen Knechte sie waren, ankommen.
Die Zahl dieser aus ihrem Land vertriebenen Wanderer belief sich ungefehr auf zehen bis eilf HausGefass. Der Furst hatte vier bis funfhundert mussige Soldaten; diese liess er zusammt so vielen Landleuten aufbieten, und durch dieselbe auf zwey bis drey Meilen den Wald aushauen. Die zum Bau tuchtige Stamme liess er auf Haufen legen, und dabey allen und jeden von seinen Unterthanen, wie auch Fremden, auf zehen Jahr, Freyheit von allen Abgaben verkundigen, welche sich an diesem Ort hauslich niederlassen, und der neuen Policey sich mit unterwerfen wolten. Wobey er ihnen das benothigte Holz, sammt andern in dasiger Gegend befindlichen Bau-Materialien umsonst abfolgen liess.
Es meldeten sich darauf so wohl Handwerker als Land-Leute, denen er die Platze und die Art, wie sie bauen solten, anwies. Die erste bekamen zu ihren Hausern weniger Raum, als die andern, welche wegen ihres Feld-Baues und der darzu gehorigen Viehzucht auch einen grosseren Platz, als jene, vonnothen haben. Alle Hauser wurden zwey Stockwerk hoch aufgefuhret, und zu zwey Haushaltungen eingerichtet: zwischen jeder Wohnung wurde nach der Strassen zu, ein Platz zu einem Hof gelassen; an welcher von hinten ein Garten von einem Viertel- oder halben Morgen sties.
Mitten durch die Strassen wurden kleine Wasserleitungen gezogen, die ihren Abfluss in einen grossen Canal hatten, welcher zu der Haupt-Strasse dieses Orts bestimmet war: dieser Canal hatte sechszig Werk-Schuh in der Breite: die auf beyden Seiten herlauffende Strassen waren jede von ebenmassiger Breite, und langst dem Canal mit gleichstammigen jungen Linden-Baumen besetzt: die Hauser, die dahin gebauet wurden, waren fur wohlbeguterte Leute, und fur den Adel, an jedes von diesen Gebauden konte man nebst einer volligen Hofraithe auch Garten von drey bis vier Morgen in die Lange anlegen: dergestalt, dass die Hauser, nach der Strassen zu, das Ansehen einer schonen Stadt, nach dem Feld zu aber die Annehmlichkeit der lustigsten Land-Guter hatten.
Am Ende dieses Canals sah man den Furstlichen Pallast: er war vordeme nur ein Jagd-Haus, nun aber zeigte sich solcher mit zwey prachtigen Seiten-Flugeln vergrossert, und wurde von der ganzen Furstlichen Familie bewohnet. Ein dickes Geholz bedeckte diese Burg zur rechten und zur linken Seiten; von hinten aber hatte sie uber einen grossen wohl angelegten Garten, die schonste Aussicht bis nach Argilia.
Der Furst lies diesen Ort Christianopolis oder Christen-Stadt heissen. Es waren noch kaum drey Jahre verflossen, so stunden bereits auf diesem zuvor oden Platz uber zweyhundert Wohnhauser, eine Kirche, eine Schule und ein Armen-Haus. Der Zulauf des Volks von allen Enden und Orten war ungemein. Man sah daselbst allerhand Menschen und Secten ruhig beysammen wohnen.
Es war nichts erbaulichers als ihre Versammlungen: ihre Lieder enthielten die deutlichste Begriffe von den Wahrheiten der H. Schrift: ihre offentliche Reden waren kurz und nachdrucklich: sie hatten keinen andern Endzweck, als das Volk in der Einfalt des Glaubens zu unterrichten, und solches zu der genauesten Beobachtung der Christlichen Pflichten zu ermahnen. Blosse Streit-Fragen und hohe uber die gemeine Begriffe der Menschen hinstreichende Geheimnisse wurden da nicht erortert. Die Lehrer selbst waren fromme, sanftmuthige und demuthige Leute, die nicht in der Absicht predigten, um ihre zusammenstudierte Wissenschaften anzubringen; sondern, um zu erbauen, um zu ruhren, und um ihre Zuhorer gleichsam mit einer verborgenen Gewalt des Geistes zu GOtt zu fuhren.
Man sah deswegen auch unter den Einwohnern dieses neuen Orts eine solche bruderliche Eintracht und Liebe, die ganz etwas besonders hatte. Die Unschuld, die Treu, die Redlichkeit blickte aus allen ihren Handlungen: es herrschte bey ihnen in allen Dingen eine solche Ordnung, dass man den Zwang davon nicht spurte; weil sie der Ruh und der Gluckseligkeit eines jeden uberhaupt gemass war. Man beobachtete die Pflichten eines redlichen Burgers, indem man als ein Christ lebte; und das Christenthum fand nirgends eine bessere Aufnahme, als bey solchen Leuten, die ehrlich und aufrichtig waren: ihre Tugenden waren nicht die Wirkungen eines strengen Gesetzes; sondern ein Ausflus der reinen Liebe GOttes, welche die Neigung zu allem Guten den Gemuthern einfloset.
In ihrer ausserlichen Auffuhrung hatten sie nichts besonders: sie lebten und kleideten sich wie andere Menschen, ein jeder nach seinem Stand und Vermogen. Nur waren sie massiger, bescheidener und demuthiger: Sie beobachteten so wohl die gemeine Gebrauche, als die Hoflichkeit in Sitten und Gebehrden: der Wohlstand war bey ihnen eine Tugend, weil er die Ordnung unterstutzte. Sie hielten dafur, dass die Auszeichnung in solchen nichts bedeutenden Dingen, einen gewissen Eigensinn und heimlichen Hochmuth entdecke, der mit der Einfalt und Aufrichtigkeit eines guten Herzens nicht ubereinkomme.
Man fande bey ihnen alle Ergotzlichkeiten des menschlichen Lebens; sie nahmen solche an, wenn sie unschuldig waren; und wenn sie solche haben konten; sie lidten im Gegentheil alles, was ihnen die Natur leiden machte, mit einer grossmuthigen Standhaftigkeit; und trosteten sich mit der unfehlbaren Hofnung einer ewigen Gluckseligkeit.
Ein jeder lebte von seinen eigenen Mitteln, oder von dem Verdienst, welchen ihm seine Handthierung brachte. Ein jeder blieb in seinem Stand und in seinen Wurden; und wurde darnach von andern geehret und geachtet; doch, da immer einer dem andern in der Demuth und Bescheidenheit suchte zuvor zu kommen, und keiner sich vor dem andern etwas heraus nahm, so gaben es auch unter ihnen keine unziemliche Erhebungen und Rang-Streite.
Sie nahmen niemand unter sich auf, als nach einer genauen Prufung, deren die Vornehmen so wohl, als die Geringere sich unterwerfen musten, wann sie die Vortheile einer so gluckseligen Lebens-Art mit geniessen wolten. Man erforschte der neu-Ankommenden ihre Gemuths-Art, ihre Absichten und ihre Auffuhrung auf das genaueste; und wann sie Fremde waren, so erkundigte man sich darnach durch Briefe, und durch Einziehung unverdachtiger Nachrichten.
Ubel beruchtigte, wilde, lasterhafte, mussige, unru
hige und zankische Leute wurden daselbst weder gelitten, noch aufgenommen. Denn dieser Ort solte ein Aufenthalt der Unschuld, des Friedens und der Tugend seyn.
In Ansehung des Glaubens verlangte man von
denen neu-Ankommenden nichts weiters, als die einfaltige Bekantnus zum Christenthum, und einen aufrichtigen Vorsatz, darnach sein Leben und Wandel einzurichten; Darinn bestund alles: der Nachdruck aber von dieser Verbindung war von einer wichtigen Folge, und lidte eine solche Ausdehnung, dass sie der ganzen Auffuhrung eines Menschen, auch in den geringsten Kleinigkeiten, Maas und Ziel setzte.
Alle und jede Verbrechen, welche die Obrigkeit
strafet, zogen den Verlust des Burger-Rechts nach sich; man verkaufte der Verbrecher ihre liegende Haab, gab ihnen dafur das Geld, und liess sie damit ihren Stab weiter setzen. Eine unordentliche, uppige und boshafte Auffuhrung wurde mit nicht weniger Scharfe geahndet; doch gebrauchte man zuvor gegen diese Art Leute allen Glimpf und alle Sanftmuth: man ermahnte, man warnte, man strafte sie mit Worten so lang und so viel, bis man sah, dass alles vergeblich und keine Besserung zu hoffen war; da man ihnen dann, gleich andern Ubelthatern, den Schutz aufkundigte, und sie als ungesunde Glieder von der Gemeine trennete.
Die ubrige Schwachheiten aber ertrugen sie an einander mit Liebe, Sanftmuth und Gedult; sie bestraften mit vieler Nachsicht und Gelindigkeit die wirkliche Fehler, wenn man solche bereuete, und mit einer ernstlichen Buse zu verbessern versprach. Die Laster aber, welche sie gar nicht dulteten, waren die Lugen, der Betrug, die Falschheit, die Verleumdung, die Heucheley, die Zanksucht, der Zorn, die Rachgierde, die Unversohnlichkeit; kurz, alles, was wider die Liebe GOttes und des Nachsten lauffet.
Sie hielten dafur, dass wer ein rechter Christ werden wolte, ohne im Grund des Herzens aufrichtig zu seyn, der wurde in die Luft bauen, und keinen Grund haben; denn es sey nach dem neuen Bund nicht genug, dass man bloss gesetzlich ware: die Lehren Christi, sagten sie, giengen auf den innern Menschen, auf die Verbesserung des Herzens, und auf die Lauterkeit des Willens.
Alle vorkommende Zwistigkeiten und Streit-Sachen wurden bey ihnen durch Schieds-Richter, oder durch die Aeltesten und Vorsteher der Gemeinen beygelegt: es sey dann, dass sich ein schwerer RechtsHandel von Wichtigkeit ereignete, der ohne grundliche Wissenschafft der Rechten nicht wohl konte entschieden werden: in solchem Fall setzte man die Sache mit allen Umstanden zu Pappier, sandte solche nach dem hohen Tribunal nach Argilia, und liess dieses oberste Land-Gericht darinnen sprechen. Mit diesem Spruch wurde der ganze Process auf einmahl zu Ende gebracht. Gluckselige Volcker! welche auf diese Weise keine Advocaten und Procuratores vonnothen haben.
Wie nun hierdurch die Ruhe, der Friede und die Eintracht in dem Burgerlichen Leben erhalten wird; also herrschen solche auf gleiche Weise auch in der Religion, welche sonst aller Orten ein Vorwurf des grosten Haders und der betrubtesten Spaltungen ist. Hier werden die Geistlichen und Schriftgelehrten, durch den Eifer ihre Meynungen gegen einander zu vertheidigen, nicht aufgehetzt. Hier werden die Layen nicht durch die Menge der vielen Streit-Fragen und Glaubens-Artikel verwirret: Ihre Lehrer sind weise fromme Leute, die nicht fur ihre eigene Aufsatze Krieg fuhren, noch ihre fanatische Grillen zum Glauben machen. Das Predigen ist bey ihnen kein Handwerk, und die Canzel nicht die Werkstatt, davon sie sich nahren. Sie leben von ihren eigenen Gutern, oder von ihrer Hand-Arbeit, die sie gleich andern besorgen: gerathen sie aber dabey in einigen NahrungsMangel, so hilft ihnen die Gemeine und besorget allenfalls ihre Nothdurft: sie halten dafur, dass man nach Aufhebung des Alt-Testamentischen Gottesdienstes, der ordentlichen Priester und Opfer-Knechten, die sich vom Altar nahren musten, nicht mehr vonnothen hatte: ihre ganze Hierarchie bestehet in nichts anders, als in einer Christlichen Ordnung: da ein Glied dem andern unterstellet ist, so wohl zur Besorgung des offentlichen Gottesdienstes, als zur Erhaltung guter Zucht und Policey.
Die Gelehrten, die der Schrifft und der Sprachen kundig sind, werden uberaus hochgehalten: wie dann zur Unterweisung der Jugend besondere Schulen angelegt sind, darinnen sie in allen guten Kunsten und Wissenschafften unterwiesen wird.
Wegen Tauf und Abendmahl, pflegte man es zu halten, wie bey den andern Protestanten auch: doch so, dass man die unter diesen ausserlichen Ceremonien verborgen liegende Geheimnusse, dabey nicht erorterte; sondern daruber einem jeden seine Begriffe, wie er solche fassen oder nicht fassen konte, frey lies.
Die ubrige Policey zu Christianopolis bestund in der Billigkeit des Nutur-Rechts, wie solches eine durch die Lehren des Heylandes gereinigte Vernunft, insonderheit das Hauptgesetz der Liebe, ganz deutlich an die Hand giebt.
Die Belustigungen an diesem Ort waren nicht allein unschuldig; sondern auch, so viel es seyn konte, erbaulich: die Garten-Lust, den Feldbau, die SpatzierGange und die Music hielten sie vor andern hoch, weil sie so wohl fur das Gemuth ergotzend, als der Gesundheit des Leibes zutraglich waren: Man sah, besonders zur Abendzeit, eine Menge dieser gluckseligen Einwohner von allerhand Stand und Alter unter den Baumen, langst dem grossen Canal, oder in dem daran stossenden furstlichen Garten, auf- und nieder gehen: man fand um diese Zeit die meiste Hauser leer, und es waren diese Spazier-Gange gleichsam eine Art von einer offentlichen Versammlung, wo man die annehmlichste und Lehrreicheste Gesprache horte.
Auf gleiche Weise, besonders zur Winters-Zeit, kamen die Einwohner dieses Orts auch in gewissen darzu eingerichteten Versammlungs-Hausern zusammen; da man nebst allerhand Gesprachen bald mit der Music, bald mit einem unschuldigen Spiel, bald auch mit Essen und Trinken, sich ergotzen konte.
Die Christianopolitaner waren in allen Dingen, die an und fur sich selbst nichts boses hatten, ganz nicht eigensinnig, noch in ihrer Sitten-Lehre so hoch geschraubt, dass sie aus der Unterlassung der Ergotzlichkeiten sich eine Religion machen solten. Diejenige Leute, sagten sie, die so urtheilen, wusten nicht, was Religion sey. GOtt hatte die Menschen zur Gluckseligkeit geschaffen, und desswegen in dieser Welt so viel anmuthiges und schones hervorgebracht, damit der Mensch dessen geniessen, und in diesem Genus den Schopfer preisen und verherrlichen solte: Sie hielten es fur eine so grosse Undankbarkeit, die Gaben der gottlichen Gute, Weisheit und Allmacht gering zu schatzen, und sich davon nicht ruhren zu lassen; als sie es fur eine viehische Unart schalten, wenn man derselben mit Unmassigkeit und Unflaterey genoss; welche Ausschweiffungen deswegen auch insgemein den Sunder am hurtigsten straften: sie wusten, dass man GOtt nicht besser und reiner verehren konte, als wenn man alle Dinge nach derjenigen Absicht anzuwenden und zu gebrauchen suchte, wozu er solche geschaffen hat.
Ihr munteres Wesen, ihre Zufriedenheit, ihre Ordnung in allen Dingen, ihr freundlicher und liebreicher Umgang mit allen Menschen, ihre Gelassenheit in dem gottlichen Willen, ihre Starcke des Glaubens und die Zuversicht eines ewig gluckseeligen Lebens; alles dieses machte, dass sie dem Leibe nach gesund, dem Gemuthe nach ruhig, und dem Verstande nach voller Weisheit und gottlicher Erkantnus waren.
O gluckseliger Ort! warum findet man dich nicht auch auf der Land-Carte desjenigen Welt-Theils, welchen dem Namen nach die eifrigste Christen beywohnen, und die sich einbilden, dass sie dadurch ihren Glauben genugsam an Tag legten, wann sie daruber mit andern ein liebloses Gezancke fuhrten.
Der Graf von Rivera war ungemein verwundert, als er hier ein solches Volk fande, welches sich weniger darum bekummerte, scharfsinnig von der Religion zu denken, als einfaltig wie Christen zu leben. Er hatte seine Leute zu Argilia gelassen, und war, um nicht erkannt zu werden, nur in Begleitung seines Cammerdieners, nach Christianopolis gereifet. Er war daselbst in dem allgemeinen Gasthaus eingekehret: Man gab ihm ein sauberes Zimmer: er speisete Abends mit einer ziemlich grosen Gesellschafft: bey Tische hatte, nach hergebrachter Gewohnheit, ein Vorsteher der Gemeine die Aufsicht: dieser sorgte, dass die Speisen rein und sauber aufgetragen wurden, er legte solche vor, bediente die Fremden mit aller Hoflichkeit, und gab acht, dass keine Unordnung vorgieng.
Der Graf beobachtete unter andern einen gewissen Fremdling bey Tische, dessen Ansehen ihn aufmercksam machte: er war uberaus wohl gekleidet, hatte feine Wasche, eine blonde Perruke, und Stiefel an den Fussen. Seine Gesichts-Bildung hatte etwas vornehmes und weichliches: seine Gebehrden und Minen zeigten einen uberaus grosen Kummer. Diejenige, die neben ihm fassen, suchten ihm einen Muth einzusprechen: sie sagten ihm vieles von den verborgenen Fuhrungen GOttes: dass die Unglucks-Falle, die GOtt uber uns Menschen verhangete, nicht bose waren; sondern nur dahin zielten, unser Gemuth von der allzugrossen Liebe des Zeitlichen abzuziehen; und solches mit edlern und bessern Neigungen zu erfullen: sie hielten in dieser Betrachtung den Verlust der Reichthumer, fur einen Menschen, der solche mit allzugroser Anhanglichkeit besessen, fur eine grose Wohlthat GOttes; weil es ihm sonst schwer wurde angekommen seyn, GOTT fur das einzige wahre Gut zu erkennen. Vielen liess GOtt deswegen die Beschwerlichkeiten und Unruhe, welche die Verwaltung groser Guter nach sich zog, mit stetem Verdrus empfinden: andern schenkte er im Gegentheil dabey die Gaben der Weisheit, dass sie wusten, wie sie sich und andern damit solten Gutes thun.
Das wahre Gluk eines Christen bestund also darin, dass er GOtt alles heimstellte, und mit seinem Zustand zufrieden lebte.
Der Graf von Rivera horte die erbauliche SittenLehren dieser Leute mit entzucktem Herzen an: er that ihnen nicht die geringste Frage, um sie desto ungestohrter fortreden zu lassen. Besonders aber richtete er seine Augen auf denjenigen Fremdling, den die andern schienen, in der Unterweisung zu haben.
Nach geendigter Abend-Mahlzeit begleitete man so wohl den einen als den andern, in sein angewiesenes Zimmer. Der Graf hatte sich zu Bette gelegt, und war ruhig eingeschlafen: ihm traumete, dass einige wilde Thiere von einer grasslichen und ihm ganz unbekanten Gestalt den Fremdling, mit dem er zu Nacht gespeiset hatte, anfielen, und denselben zu zerreisen droheten. Er spuhrte daruber im Schlaf eine so heftige Bewegung, dass er voller Schrecken aufwachte. Das Herz schlug ihm im Leibe: er fand sich ganz aufgebracht: er horte ein klagliches Seufzen und Wimmern in der benachbarten Cammer, welche eine Thur von der seinigen unterschied; er besann sich, ob er noch traumete, oder wachend war; je mehr er aufmerkte, je deutlicher vernahm er die Stimme des neben ihm einquartirten Fremdlings. Nein, es ist vergebens, horte er ihn, mit einer unordentlichen Bewegung sagen: Ach! ich bin verlohren ... ich weiss keinen Trost fur mich .... Die Menschen haben mich verrathen und betrogen ... GOtt kennet mich nicht; und ich kenne ihn auch nicht ... ach! wer soll mir helffen?
Diese Reden, welche eine Gemuths-Beschaffenheit andeuteten, die zur Verzweiffelung gestellt war, ruhrten alsobald des Grafens Mitleiden: Er stund hurtig auf, schlug seinen Schlaf-Rock um sich, rief seinem Cammerdiener, liess sich ein Licht bringen und klopfte an der Thur des Fremdlings: dieser hatte sich eingesperrt, und fragte, wer da ware? Der Graf antwortete ihm: Er mogte die Gutigkeit haben ihm aufzumachen: Er hatte ihm etwas zu sagen: Der Fremdling machte damit auf, sah aber dabey so grass und furchterlich aus den Augen, dass sich der Graf daruber entsetzte.
Mein Herr, sprach der Graf zu ihm, sie thun mir den Gefallen und legen sich zu Bette: ich habe sie lange in ihrem Zimmer horen auf- und niedergehen: sie finden sich nicht wohl: ich habe Mitleiden mit ihnen: ich versteh ein wenig die Arzney: sie werden mir erlauben, dass ich einen Wund-Arzt bestelle, um ihnen zur Ader zu lassen. Der Fremdling, der vollkommen wohl zu leben wuste, bedankte sich fur eine so grossmuthige Sorgfalt: er hatte sich von seiner heftigen Bewegung wieder ein wenig erholet: er bat den Grafen um Verzeihung, dass er denselben in seiner Ruh gestoret hatte, und bezeigte ihm eine solche Ehrerbietung, als ob er wuste, wer er war.
Der Wund-Arzt, nebst dem Gasthalter, waren bald bey der Hand: Der Graf liess ihn nach der Aderlass ein wenig Thee trinken, und bat ihn, sich ruhig zu halten, bis an den Morgen, da er ihm etwas den Magen zu reinigen wolte eingeben: Er hatte wahrgenommen, dass dieser Fremde den Abend zuvor immer in Gedanken stark drauf gegessen und wenig dabey getrunken hatte.
Er fand bey ihm eine ganz verzartelte Natur, welche durch ein unordentliches Leben und durch heftige Gemuths-Bewegungen sehr aus ihrem Zirkel gekommen war. Dem ungeacht entdeckte er bey diesem Fremden doch ein gut-artiges Wesen, und einen nachsinnenden Verstand: seine Melancholie entstund also nur aus einer starken Empfindung seiner widrigen Zufallen.
Der Graf hatte in seiner Reis-Apotheke einige gute Arzneyen: er gab ihm gegen Morgen etwas den Magen von der darinn sich ergossenen vielen Galle zu reinigen und den unordentlichen Umlauf des Gebluts wieder herzustellen: es waren Tropfen: sie bekamen dem Fremden wohl. Er gieng darauf den Tag uber mit ihm in diesem neu angelegten Ort herum: sie wurden von demselben Vorsteher der Gemeine, welcher die Aufsicht im Gast-Hof hatte, allenthalben hin begleitet.
Der Graf beobachtete alle die Anstalten dieses Orts mit vieler Verwunderung: er machte solche ebenfalls seinem schwermuthigen Gefahrden, der immer wieder in seine eigene Gedancken zuruck fiel, mit einer lebhafften Aufmunterung beobachten. Aller Orten, wo der Graf hin kam, machte er die Leute aufmerksam: seine Bildung, seine Gebehrden und seine Reden zeigten etwas groses, edles und scharfsinniges. Er hatte seinem Cammerdiner im Gast-Haus befohlen, weil er zufalliger Weise einen Arzt hatte abgeben mussen, so solte er auch die Leute, die ihn dafur hielten, bey dieser Meynung lassen.
Das Gerucht von diesem fremden Arzt hatte sich unterdessen durch den ganzen Ort ausgebreitet; man ruhmte denselben bey dem Fursten: man sagte, dass dessen Weisheit jederman in Verwunderung setzte. Der Furst befahl deswegen, dass man ihm alle Ehr erweisen und den Abend nach Hof bringen solte. Es war bereits uber 1. Uhr Nachmittag: Der Graf wolte nicht mit der Gesellschaft speisen; sondern liess fur sich und seinen Patienten etwas weniges auf das Zimmer bringen. Er ofnete hernach wieder sein Reis-Apothekgen, gab seinem Gefahrden daraus einige Tropfen, und nachdem sie ein Stundgen geruhet hatten, giengen sie wieder aus.
Es war ein schoner Abend: eine Menge von Menschen hatte sich langst dem grosen Canal versammlet. Der Graf bewunderte hier die durchgangig herrschende Zucht und Ehrbarkeit: Die Manns-Leute hatten ein ernstliches und vergnugtes Wesen. Die vom andern Geschlecht zeigten etwas holdseliges und liebreiches, welches so weit von der Frechheit, als einer bloden Schamhaftigkeit entfernet war: ihre Kleidungen und Gebehrden hatten nichts uppiges und nichts gezwungenes; sie gefielen, ohne dass es schiene, dass sie gefallen wolten. Die junge Leute scherzten mit einander in klugen und artigen Reden: Die, so geheyrathet und von einem gewissen Alter waren, sprachen von der Religion, von der Haushaltung, von der Kinder-Zucht, von neuen Begebenheiten und allerhand Welt-Handeln. Die Weisheit, die Demuth, die Menschen-Liebe und die Gottes-Furcht, leuchtete aus allen ihren Reden. Kurz, man sah, dass sie vergnugt waren, und dass dieses Vergnugen von ihrer frommen Unschuld herruhrte.
Es wurde Abend: man sagte dem Grafen, ob er nicht Lust hatte nach Hof zu gehen? Der Graf verlies damit seinen Gefahrden, und befahl ihn der geistlichen Sorgfalt eines Lehrers und eines Vorstehers, welche ihn nach dem Gast-Hof begleiteten. Er versprach demselben, vor Schlafens-Zeit, wie der bey ihm zu seyn.
Als der Graf nach der Burg gieng, fand er so wohl die Strafen als den Hof mit Wind-Lichtern erhellet: Man fuhrte ihn durch einige Zimmer in einen Saal, wo er die annehmlichste Stimmen mit einer durchdringenden Anmuth erklingen horte. Es schien, als ob ein ganzes Chor der besten Sanger und Sangerinnen die reinste Tone nach einer abgezeichneten Singweise mit einander vereinigte: Der Graf fragte, was dieses zu bedeuten hatte? Man sagte ihm, der Furst hielt diesen Abend seine gewohnliche Andacht, welches die Woche zweymal zu geschehen pflegte: Der Graf fragte weiter, ob ihm nicht erlaubet war, derselbigen mit beyzuwohnen? Man berichtete ihm, dass der Furst insgemein selbst dabey den Vortrag that, und deswegen nicht gern Fremde darzu liess.
Der Graf wurde durch diese Nachricht desto begieriger, dieser Andacht mit beyzuwohnen, und bat deshalben seinen Fuhrer, er mogte ihn mit dahin bringen: Dieser war darzu leicht zu bereden. Der Graf kam in ein Zimmer, das voller Menschen war: Der Furst sass hinter einem kleinen Tisch, worauf die Bibel und ein Gesang-Buch lag, neben ihm zur Rechten war die Furstin, seine Gemahlin, mit dem Prinzen, den beyden Prinzessinnen und einigen Hof-Damen; zur Linken fand sich der junge Prinz mit seinem Hofmeister und andern Stands-Personen. Die Bedienten, nebst andern Leuten, sassen auf Stuhlen und Banken; hinter welchen der Graf sich hinstellte. Man wurde aber seiner so bald nicht ansichtig, so nothigte man ihn mit aller Hoflichkeit, sich vorn hin auf einen von den Stuhlen zu setzen, welche noch leer warm: Er weigerte sich nicht lang, sondern begab sich nach dem angewiesenen Platz.
Der Graf meynte nicht, dass ihm noch Aufmerksamkeit fur den Vortrag des Furstens ubrig bleiben wurde, so sehr hatten ihn die verschiedene Gestalten, die ihm hier in die Augen fielen, eingenommen. Er sah unter andern die alteste Prinzessin mit Verwunderung an: er betrachtete sie mit einer Art, die ihr ungewohnlich schien; sie errothete daruber und empfand in ihrem Gemuthe etwas, so ihr selbst unbekant war.
Die Gesange, davon man dem Grafen ein Buch gereichet hatte, giengen uber diesen Betrachtungen zu Ende. Der Furst begunte seine Rede: er that solches mit einem uberaus naturlichen und ungezwungenen Wesen: er las einige Spruche aus der zwolften Epistel Pauli an die Romer, und machte daruber unter andern folgende Anmerkungen.
Die Menschen, sagte er, hatten insgemein einen sehr ungleichen und falschen Begriff von dem Wort: Gottesdienst. GOtt sey ein vollkommenes und sich selbst genugsames Wesen, dem wir eigentlich durch nichts einen Dienst erweisen konten. Seine Absichten in Ansehung der Menschen, giengen blos dahin, sie einer immerwahrenden Gluckseligkeit theilhaftig zu machen: In diese Absichten musten wir eingehen. GOtt dienen, hiess also nichts anders, als sich ihm darstellen in einem reinem Gehorsam, seinen Willen zu thun; und ihn, als das hochste Gut, zu verehren und zu lieben. Durch diese inwendige Neigung des Herzens hielt sich der Mensch in einem steten Zusammenhang mit GOTT, und zog durch seinen Geist aus ihm alles Licht, alle Weisheit und alle Tugend, die zu seiner Gluckseligkeit erfordert wurde; nicht anders, als wie das naturliche Leben, durch das bestandige Athmen und Ziehen der Luft, sich fortfuhrte.
GOTT wirke in der ganzen Natur nach einer unwandelbaren Ordnung, darzu alle geschaffene Dinge, ein jedes nach seiner Art, ihre Bewegungen einrichten musten: so lange die Menschen dieser Ordnung gemass lebten, so lange blieben sie auch in der Ubereinstimmung mit dem Gottlichen Willen, und waren gluckselig; so bald sie aber durch ihre Unordnungen und Ausschweiffungen sich von ihm abwendeten; so verfielen sie auch in die Strafen, damit die Natur diejenigen plagte, welche die Ordnung ihres Schopfers verkehrten.
Der wahre Gottesdienst war also nichts anders, als die Beobachtung unserer Pflichten gegen GOtt, gegen seine Geschopfe, und gegen uns selbst: nichts war unserer Natur zutraglicher und angenehmer, als in dem Dienst eines solchen Herrn zu stehen, der uns nur suchte gluckselig zu machen.
So zerstreuet Anfangs die Aufmerksamkeit des Grafens war, so enge zog sie dieser Vortrag zusammen. Die Art womit der Furst sich vernehmen liess, schien mehr einem vertraulichen Gesprach, als einer voraus studirten Rede ahnlich. Das leutselige, eindringende und aufrichtige Wesen, damit dieser grosmuthige und fromme Herr sein Furstliches Haus und seinen ganzen Hof-Staat zu erbauen und zu unterrichten suchte, hatte etwas ganz ungemeines.
Der Furst gieng darauf in sein Zimmer, nachdem er alle seine Zuhorer mit einer holden Freundlichkeit begrusset hatte: Gleich darauf kam ein Cavalier zu dem Grafen von Rivera, und fragte ihn, in Aquitanischer Sprach, ob er der Halycidonischer Doctor war? Ich bin ein Halycidonier, antwortete ihm der Graf: Ich bin sonst von Adelicher Geburt, dabey aber zufalliger Weise auch ein Arzt worden. Wolten sie nicht, fragte der Cavalier weiter, meinem Herrn die Ehr geben, und ein wenig zu ihm kommen? Der Graf wurde uber dieses Zumuthen ein wenig verwirrt; er wolte sich nicht gern dem Fursten bey solchen Umstanden zu erkennen geben: er erwartete den andern Tag seine Leute: er hatte unterdessen keinen Vorwand, die angebottene Ehre, um den Fursten zu sprechen, von sich abzulehnen.
Der Furst empfieng ihn mit der grosten Leutseligkeit: Er befragte ihn um ein und andre Neuigkeiten des Aquitanischen Hofs, wie auch, ob er den in kurtzer Zeit so beruhmt gewordenen Grafen von Rivera nicht kennete? Der Graf errothete uber diese schmeichelhafte Erwehnung seiner Person: Er verwunschte in diesem Augenblick alle Verstellung. Ich kenne, sprach er, den Grafen von Rivera so wohl, wie mich selbst: Er wird erster Tagen hier seyn: Ich bin voraus gegangen, um dessen Ankunfft Ew. Durchleucht zu melden, und die Erlaubnis bey Deroselben auszubitten, dass er einem so grosen und weisen Fursten seine Ehrerbietung bezeigen mogte. Der Furst war uber diese Nachricht so erfreuet, dass er solche seiner Gemahlin, welche noch in demselben Zimmer war, zu wissen that.
Der Graf wurde darauf mit zur Tafel genothiget: Das Gesprach bey derselben war theils von ihm selbst, und von dem mit dem Konig von Licatien geschlossenen Frieden: theils von dem Kranken, welchen er im Gast-Hause unter seine Chur genommen hatte. Die alteste Princessin sagte hierauf halb im Schertz: Sie hatte hier auch eine Milz-Schwester bey sich, sie bat deswegen den Herrn Doctor, sich ihrer ein wenig anzunehmen: Indem sie dieses sagte, winkte sie mit den Augen einer Fraulein, die neben dem Grafen sass, und trank ihr mit einem vertraulichen Lacheln, die Gesundheit zu: Es lebe Riesenburg.
Diese Fraulein hatte keine gar gute Farbe, ob sie gleich von einer uberaus schonen Bildung war: Sie wurde roth, als die Princessin diesen Namen Riesenburg aussprach: Der Graf sah daruber die Fraulein an, und zweifelte nicht, dass sie die Fraulein von Thurris seyn muste, als von welcher er bereits Nachricht eingezogen hatte, dass sie sich an diesem Ort finden solte. Er konte daruber sein Vergnugen kaum bergen. Schonste Fraulein, fieng er ganz ernsthaft an: Sie haben ein Anliegen, welches sonst nicht die Aerzte zu curiren pflegen: Ich hoffe nichts destoweniger, denselben, wenn sie mir folgen wollen, wieder zu ihrer vorigen Gesundheit zu verhelfen. Der Furst sahe daruber den Grafen an, schuttelte den Kopf, und wuste nicht, was er von ihm denken solte: Sie scheinen mir, sprach er zu ihm, ein ganz ausserordentlicher Medicus zu seyn: Gleichwohl antwortete jener, ist nichts ordentlicher und naturlicher, als die Art, womit ich meine Patienten zu tractiren pflege: Ich werde, fugte er hinzu, in kurtzer Zeit die Gnade haben, Ew. Durchleucht davon ganz unverdachtige Proben zu zeigen.
Der vermeynte Arzt fasste darauf die Fraulein bey der Hand: Ihr Puls gehet sehr schnell, sagt er, sie sind beweget: Ich werd ihnen ein Pulver geben, die Wallungen in ihrem Geblut niederzuschlagen: Morgen wird ihnen besser seyn. Man stund damit von der Tafel auf. Ich sehe, sagte der Furst, zu dem verstelleten Grafen, dass sie heut mit unserm Frauenzimmer werden zu thun haben. Morgen werd ich mir auch eine Stunde ausbitten, mit ihnen zu sprechen. Er gieng damit nebst der Furstin, seiner Gemahlin, und dem jungen Prinzen in sein Zimmer, und liess den Grafen mit seiner altesten Prinzess in und der Fraulein in dem Vorgemach.
Diese beyde Damen fanden den vermeynten Arzt freyer als die Aerzte sonst in diesen Landern zu seyn pflegten: Er sah vollkommen wohl aus: Er scherzte mit der grosten Anstandigkeit, und hatte dabey solche Manieren, die ganz vornehm waren.
Ihr Gnaden, redete er die Fraulein an, werden mir etwas zu gut halten: Die Medici bey uns sind sehr freye Leute: sie werden mir ein wenig beichten mussen: Ich sehe, dass Ihro Durchleucht die Prinzessin sie lieb haben: sie wollen, dass ich ihnen helfen soll: man kan aber kein Ubel aus dem Grunde heben, dessen Ursprung man zuvor nicht wohl weiss. Indem er dieses sagte, ergriff er wieder der Fraulein ihre Hand, und besah darin ihre Lineamenten. Ist es nicht wahr, schone Fraulein, fuhr er fort, sie lieben einen gewissen Cavalier, und sind in ihrer Liebe, nicht, wie sie es wunschen, glucklich. Die Fraulein schien uber diese allzu grose Freyheit des fremdem Doctors ungedultig zu werden, und wolte ihre Hand wieder zuruck ziehen; allein, der Graf hielt solche fest: Nein, nicht so, gnadige Fraulein, sprach er zu derselbigen, mit Ungedult werden sie meiner nicht los; und weil sie mir nichts bekennen wollen, so will ich ihnen selbst die gute Wahrheit sagen. Werden sie mir aber solches ungnadig nehmen, so durften sie damit mit ihr Geblut noch mehr erhitzen, und also ihre Cur desto schwerer machen.
Die Prinzessin lachte von Herzen uber dieses Spiel, und bat den vermeynten Arzt, darinn weiter zu gehen. Der Graf fuhr also fort, und sagte der Fraulein, sie mogte sich verstellen, wie sie wolte, so sah er doch so viel aus ihren Lineamenten, dass ihr eigentlicher Beruf gewesen war, in ein Closter zu gehen; dass sie aber durch eine darzwischen gekommene Neigung fur einen vornehmen Cavalier darinn seye gestoret worden; O das ist nicht naturlich! rief daruber die Prinzessin aus. Der guten Fraulein zitterten die Hande: sie sah den Grafen mit ganz erschrockenen Augen an, und fieng an sich vor ihm zu furchten.
Der Graf merkte solches: er lachte heimlich daruber: Nur ein wenig Muth gefasst, gnadige Fraulein, sprach er zu derselben, ich bin so gefahrlich nicht, als sie meynen. Hie Haben sie fuhr er fort, als er ihr wieder in die Hand sah, einen zwar widerwartigen Planeten: sie haben ihren Liebsten vermuthlich durch einen Zweykampf verlohren; Allein, dem ungeacht, so verspricht ihnen die Vereinigung des Saturni mit der Venere noch vieles Gluck: Ihr Liebster lebet noch, sie werden ihn auch wieder finden: und wenn sie mir glauben wollen, so soll er durch meine Kunst erfahren, wo sie sich aufhalten, und sich selbst hier vor ihren Augen stellen.
Der guten Fraulein wurde uber diesen Reden noch banger: sie konte kein Wort sprechen, sie zweifelte gar nicht, dass der vermeynte Doctor ein Zauberer seyn muste. Der Graf versicherte sie dargegen, dass alles ganz naturlich zugieng; und solte morgen oder ubermorgen der Graf von Rivera selbst fur ihn gut sprechen.
Darf ich mich nun auch unterstehen, sagte hierauf der Graf, indem er sich zu der Prinzessin wand, und Ew. Durchleucht ungemein gluckliche Planeten, welche ich auf dero schonen Stirn erblicke, in dero hohen Hand bewundern? Sie sind, Herr Doctor, antwortete sie ihm mit einer freundlichen Mine, ziemlich verwegen: sie zeigte ihm damit, wiewohl nicht ohne einige Schamrothe und Verwirrung, ihre Hand.
Hier machte der Graf grose Augen, und that, als ob er lange nicht recht mit der Sprach heraus wolte: endlich senkte er das eine Knie zur Erden; O grose Princessin, rief er aus, mit einem Geheimnus-vollen Ton; Ich sehe hier eine der grosten Koniginnen der Welt vor mir stehen: Ew. Durchleucht erlauben mir, Deroselben meine tiefste Ehrerbietung zu erkennen zu geben: Sie werden den machtigsten Thron beherrschen, ihren Gemahl und ihr Volck gluckselig machen, und ihre Durchleuchtigste Nachkommen bis auf die spateste Zeiten fortpflanzen. Dero Weisheit, Dero Tugend, Dero Gottesfurcht werden auch schon hier in diesem Leben ihre reiche Belohnung finden; Sie werden die Vollkommenste unter den Koniginnen, wie die Schonste unter den Frauen seyn.
Eine so schmeichelhafte Prophezeyung und die edle Gebehrden, womit der Graf solche aussprach, verursachten bey der Prinzessin allerhand Nachdenken. Solte wohl, gedachte sie bey sich selbst, ein vornehmer Herr mir diese Maskerade spielen? Ja, ja, ganz gewiss ist unter diesem verkappten Arzt eine andere Person verborgen. Die Princessin hatte deswegen fur denselben eine gewisse Ehrerbietung, die sie sich nicht entbrechen konte, ihm auch darinn zu erkennen zu geben, dass sie ihm seine allzufreye Auffuhrung nicht allein nicht verwies; sondern auch im Scherz ihm diese Antwort gab, dass, wo er ihr die Wahrheit gesagt hatte, so solte er ihr erster Hof-Arzt werden.
Der Graf, nachdem er sich bey der Prinzessin beurlaubet hatte, verfugte sich nach dem allgemeinen Gast-Haus: von da er durch einen ihm mitgegebenen Furstlichen Leib-Diener der Fraulein das versprochene Pulver, aus seiner Reis-Apotheke zusandt: Sein anderer Patient war noch auf, und las in einem Buch, welches von der Zufriedenheit, und wie man solche bey GOtt suchen muste, handelte: Der Graf fand ihn sehr ruhig; Der Fremde sagte, dass ihm so wohl war, als er solches in langer Zeit nicht gewesen. Das macht, versetzte der Graf, weil man sie hier in diesem Ort zu dem rechten Arzt gewiesen hat, welcher so wohl dem Leib, als dem Gemuth am besten aufhelfen kan; wenn man anders mit einem aufrichtigen Herzen, zu ihm seine Zuflucht nimmt, und die Mittel zur Genesung gebrauchet, die er uns vorgeschrieben hat.
Der Graf so wohl als der Fremde empfand noch keinen Schlaf. Der Graf ersuchte deswegen seinen Patienten, wenn es ihm anders zur Erleichterung des Gemuths dienen solte, und sonst kein Geheimnus darunter verborgen war, ihm seine Begebenheiten zu erzehlen. Dieses alles, antwortete der Fremde, wurde gar zu weitlauftig fallen. Der Graf sagte, er wurde ihn damit verpflichten, und wann sie allenfalls daruber schlafrig werden solten, so konnten sie das ubrige morgen nachholen.
Das zwolfte Buch.
Die Begebenheiten des Herrn
von Guldenblech.
Ich bin, begunte der Fremde seine Erzehlung aus Budorgis, und heise Guldenblech. Meine Vorfahren sind meist angesehene Handels-Leute gewesen; Mein Vatter aber hatte aus Gefalligkeit fur meine Mutter, weil sie von einem adelichen Geschlecht war, unsern Namen mit dem Beywort von bereichern lassen. Es ist solches bey uns nichts neues, dass die Kaufleute sich adeln lassen; weil man den Adel um guten Preiss haben kan, so last man diese Ehre auch ofters die langst vergrabene Knochen seiner Vorfahren mit geniessen, und solche noch in der Gruft bis auf sieben Ahnen mit adeln. Wiewohl der Neid der Land Junkern allhier so gross ist, dass sie uns nicht fur Stift- und Thurnier-massig halten wollen; wenn wir gleich ofters gegen sie noch so gute Figur machen.
Ich wurde als ein einziger Sohn von meinen Eltern in aller Weichlichkeit erzogen; dergestalt, dass mir auch nicht die geringste Bemuhung, weder im Lernen noch auf meines Vatters Schreib-Stube, zugemuthet wurde: Wenn meine Lehrmeister uber mich klagten, so wurden sie von meiner zartlichen Mutter mit dem sorgfaltigen Bescheid abgewiesen: sie solten das arme Kind nicht zu viel mit dem Lernen qualen; ich wurde doch einmahl Brod zu essen haben. Meine Ausschweiffungen wurden unterdessen fur kleine Artigkeiten und Wirkungen eines muntern Geistes gehalten.
Nachdem ich solcher Gestalt mein achtzehendes Jahr erreichet hatte, fand man fur gut, mich auf eine benachbarte Universitat zu schicken: man gab mir einen sogenannten Hofmeister mit, der ein sehr dummer und furchtsamer Mensch war. Meine Mutter hatte ihn deswegen vor andern erwehlet, dass er desto behutsamer auf mich acht geben solte.
Die Lehren, die sie unter andern mir mit auf die Weg gab, waren diese: Lieber, Sohn, sprach sie, du gehest nun auf Universitaten; ich habe bereits Sorge getragen, dass du daselbst bey einem Professor an einen der besten Tische gehen sollst; doch hat man mir gesagt, dass es zuweilen etwas mager bey denen Herren Professoren in der Kost aussahe; du kanst desswegen an mich schreiben, dass dein Vater nichts davon weiss; ich wil dir schon Geld schicken, dass du auch nebenher dir einen guten Bissen bey den Gasthaltern kanst holen lassen. Hier hast du eine kleine Borse, da kauf dir etwas, und sage es Papa nicht, dass ich dir Geld mit auf die Reise gegeben hatte, er wird schon auch fur dich sorgen. Lerne etwas, dass du Ehr davon haben mogest; studir aber auch nicht zu viel, du mogst mir sonst krank werden, oder dich gar uberstudiren. Geh auch fleissig in die Kirchen, hute dich aber ja, dass du kein Bet-Bruder wirst, denn ich kan die Pietisten nicht leiden.
Mein Vater hielte mir einen etwas ernstlichern Discurs; er sagte mir, ich solte keinen Mangel leiden; aber ich muste mich auch der Sparsamkeit befleissen; die Zeiten waren schlecht, das Geld ware schwer zu verdienen; ich muste suchen etwas zu lernen, sonst wurde ich in der Welt nicht wohl zurecht kommen.
Mit diesen Vatter- und Mutterlichen Ermahnungen reiste ich nebst meinem Hofmeister auf die Universitat. Meine Mutter hatte mir selbst eingepackt: ich fand in einem Coffer nebst etlichen Pfund Caffee und Thee, eine Menge von Zuckerwerk, und eingemachten Sachen, imgleichen verschiedene Glaser von Ungarisch Wasser, und Aquavit, nebst einer grossen Schachtel mit allerhand Arzneyen, welche allesamt auf einen verdorbenen Magen gerichtet waren.
Ich streuete an diesem Ort, zum Saamen kunftiger Weisheit, binnen drey Jahren, uber sechs tausend Thaler aus. Meine Eltern erhielten wahrender Zeit von mir die allerbeste Nachrichten: es hiess, ich machte dem ganzen Guldenblechischen Hause die groste Ehre: ich sey der artigste und galanteste Cavalier auf der Universitat, und wurde dermahleinst eine Zierde unserer ganzen Stadt abgeben.
Zu mehrerer Bekrafftigung dieser annehmlichen Berichten, liess mir einer der vornehmsten Professoren keine Ruh, ich solte mich offentlich auf dem Catheder zeigen, und eine grose Disputation von dreyssig Bogen stark zu vertheidigen ubernehmen. So eitel ich auch sonst mogte gewesen seyn, so hatte ich doch nicht Hoffahrt genug, mich ohne Muh zu einer dergleichen Probe zu verstehen; dem Professor aber war es um ein gutes Geschenk zu thun, welches er sich von meinem Vater vermuthete, wenn er unter dem Namen seines Sohnes, dessen gelehrte Arbeit ihm zuschriebe. Das Mittel, mich zu einem Respondenten zu machen, war von ihm leicht ausgesonnen; Er hatte schon, wie er mich dessen versicherte, manche Doctores gemacht, die lange nicht so viel verstanden hatten, wie ich; Dieses gab mir wirklich einen gewissen Hochmuth, dass ich glaubte, es konte auch wohl moglich seyn, dass ich mehr wuste, als ich mir einbildete.
Die Disputation wurde uberaus prachtig auf meine Unkosten gedruckt, und mit einem nicht gemeinen Titul meinem Vatter zugeignet. Die Zeit kam herbey, dass ich den Catheder besteigen solte; ich hatte die Disputation nicht einmahl ganz durchlesen, und wuste von ihrem Inhalt, und was ich den Opponenten antworten solte, kein einziges Wortgen; allein, ich hatte alles sehr kunstlich im Hute liegen, was ich vorzutragen und zu reden hatte.
Ich machte die Eroffnung von dem ganzen Geprange, dann anders war es nichts, mit einer sehr zierlichen Anrede, welche der Herr Professor aufgesetzet hatte; ich las solche mit einem grosen Ansehen von dem Catheder herunter. Meine zu dieser Handlung erbetene Gegner liessen sich darauf gleichfalls mit einem wohl ausgesonnenen Gluckwunsch vernehmen: sie priesen an mir den Werth solcher Wissenschaften, die ich nicht hatte: und ich verlas ihnen hinwiederum dargegen solche Hoflichkeiten, die sie eben so wenig, als ich die ihrigen, verdienten. Alle unsere Satze und Gegen-Satze, die wir uns einander machten, waren mit Numern bezeichnet: auf Numero eins, antwortete ich, Numero ein, auf Numero zwey, mit zwey, und so fort; und wenn ja auch einer eine Numero verfehlet; so blieb desswegen der andere doch in seiner Ordnung; es mogte auf einander passen oder nicht; es hatte solches nichts zu sagen; dann wegen des hin und wieder lauffenden jungen Volks und des Gerausches, welches sie mit ihrem Plaudern und ihren Reverenzen machten, konte man kaum das wenigste von diesem gelehrten Streit-Spiel vernehmen. Als auch dabey ein ausserordentlicher Wiedersacher sich meldete, so wies der Professor denselben fur mich ab.
Nach diesen abgelegten Proben meiner Gelehrsamkeit, lies ich den Abend darauf die meiste Professores, den vornehmsten Adel, zunebst meinen Opponenten und Tisch-Purschen in einen Garten bitten, und tractirte sie daselbst aufs beste. Ich kan sagen, dass ich dabey noch mehr Ehr einlegte, als auf dem Catheder; ich hatte mir den besten Wein darzu von Hause kommen lassen; es wurden eine Menge Speisen aufgetragen; der ganze Garten war mit Lichtern erhellet: wir hatten Paucken, Trompeten Music und kleine Canonen. Die Professores, weil sie stark mit dem Kopf zu arbeiten pflegen, konten den Wein nicht so wohl wie die Studenten vertragen, sie wurden am ersten trunken. Es fand sich darunter ein Lehrer der Griechischen und Romischen Alterthumer, der sich zu Ehren der alten Weltweisen, deren Gesundheiten man ihm zubrachte ganz viehisch besoff. Andere trunken vor lauter Vertraulichkeit Bruderschaft mit uns; und dass an diesem Schmauss ja nichts fehlete, so gab es auch zuletzt Handel; man hatte aber aus nothiger Vorsicht, die Degen schon bey Seiten geschafft. Da also einer der jungen Helden seinem vom Wein erhitzten Muth an seinem Wiedersacher nicht kuhlen konte, so musten es die Teller und die Glaser entgelten, die er theils auf die Erden, theils in die Fenster schmiss.
Ich kam darauf wieder nach Hauss, und wurde von den Meinigen als im Triumph eingeholet; meine Mutter war mit mir ungemein vergnugt, und hatte desswegen mit meinem Vatter ein hartes Wort-Gefecht, weil er sich kurz darauf bey Tisch unterstanden hatte, mir zu sagen, ich hatte gleichwohl ein wenig besser haushalten sollen; dann sechs tausend Thaler, die ich in drey Jahren hatte darauf gehen lassen, waren so geschwinde nicht verdienet, und musste er manchen Brief dafur schreiben.
Es ist doch gleichwol, sagte sie unter andern, nichts groses und edelmuthiges in einer Kaufmannischen Seele; was ist doch verachtlicher und niedertrachtiger, als ein solcher Mensch, der nicht weiss, wie man fur sein Geld sich Ehre machen soll. Fritz hat schon ein hoheres Gemuth als sein Papa; er halt auch mehr auf die Ehre, als auf das Geld; und darin schlagt er seiner Mama nach. Meine Vorfahren haben nur auf Ehr und Adel gesehen; Es ist wahr, dass sie durch ihr grossmuthiges Wesen sind Guterlos worden. Allein, sie hatten dargegen allenthalben den Ruhm, dass sie zu leben wusten; und wenn sie hatten voraus sehen sollen, dass eins von ihren Nachkommen dermaleinst so unglucklich seyn wurde, wie ich, und einem Kaufmann heyrathen, sie hatten sich daruber halb zu todt gegramet.
So lebhaft wuste sich bey dieser Gelegenheit der adeliche Schmerzen meiner Mutter auszudrucken:
Mein Vater, der nur von einer alten guten Stadt-Familie entsprossen war, unterstund sich nicht, in einer so wichtigen Streit-Sache meiner Mutter zu wiedersprechen; er war dergleichen Zankereyen bey ihr gewohnet; er trug also sein Creutz mit Gedult.
Ich hatte unterdessen auch meine Reisen gethan, welche ihm so theuer als meine Studenten-Jahre zu stehen kamen: Ich war damahls ungefehr vier und zwantzig Jahr alt, und weil meine Mutter wolte, ich solte, an statt die Handlung meines Vaters fortzusetzen, einen Land-Junker abgeben; so liess sie demselben keine Ruh, biss er einen Theil von seinem Vermogen dahin verwandt, und mir ein Ritter-Gut kauffte.
So ein grosses Verlangen auch meine Mutter hatte, wieder eine recht gnadige Frau zu werden, so erlebte sie solches doch nicht; sie fiel in ein hitziges Fieber, und starb. Mein Vater lies daruber keinen gar grossen Kummer spuren; er war zu aufrichtig, dem Wohlstand zu gefallen, sich zu verstellen.
Das erkauffte Ritter-Gut warf indessen schlechte pro Centen aus; und es kamen Jahre, da uns der Pachter eine neue Art zu rechnen lernte: bald waren es Heerzuge, bald Durch-Marsche, bald Hagel-Schlag und Misswachs, bald Unterhalt, Bau- und BesserungsUnkosten; bald andere Dinge, welche meinem Vater das null von null geht auf, in seine Bucher tragen lehrte. Er verwunschte desswegen von ganzem Herzen den Landadelichen Wind; und beklagte so sehr, als seine Flegmatische Gelassenheit es zulies, den dadurch verursachten Abgang seiner bisherigen Handels-Geschafften. Mein Sohn! sagte er bey dieser Gelegenheit zu mir, lass dich den Ritter-Wurm nicht bethoren: uberlass dergleichen Wahn-Witz den stoltzen Land-Junckern; die lieber hochmuthig auf ihrem Mist herum traben, und ihre Hoch-Adeliche Schweine futtern, als mit Demuth und Vernunfft die Stadte bewohnen, und ihre Capitalien in der Handlung herum lauffen lassen.
Ich hatte so viel Verstand, oder vielmehr Empfindung, von einem uns alle Gemachlichkeiten dieses Lebens verschaffenden Reichthum, dass ich meinem Vater beypflichtete. Hierzu kam auch dieses, dass, wann ich auf unserm Gut mich befand, selten ein Tag vergieng, dass nicht eine Anzahl ausgehungerter Edelleuten aus der Nachbarschaft, sich bey mir versamleten; welche, so bald sie nur den Schornstein von weitem rauchen sahen, wie die Sperlinge bey einer Scheuer, darinn ausgedroschen wird, auf meinen Hof einfielen, und was sie nicht selbst verzehrten, ihre Knechte und Pferde auffressen liesen: sie soffen das Bier, den Wein und den Brandewein unter einander, wie den Covent, damit sie sonst ihre durre Gurgeln zu befeuchten pflegten; wobey sie den starksten Toback rauchten, und mich, der ich sie hatte nothigen sollen, selbst zum mit machen heraus forderten; meine Natur aber konte dieses alles nicht vertragen; ich war von denen zartlichen Wohllustlingen, welche die grobe Schwelgereyen dieser rauhen Ritter desswegen verabscheueten, weil sie allerhand Schmerzen verursachten; Ich suchte mich desswegen von einem so wilden Geschlecht los zu machen; allein diese rostige KrippenReuter wurden meiner Eingezogenheit nicht so bald gewahr, so begunten dieselbe auf die Stadt-Junkern zu sticheln; und es wahrte nicht lang, so sah ich mich bald dahin gebracht, dass ich mich schier mit ihnen allen hatte herum rauffen, oder mich entschliesen mussen, zu ihrer liederlichen Zunft mich zu gesellen; zuvor aber mich rein auffressen zu lassen, um mich dieser Stifts-masigen Vorzuge wurdig zu machen.
Ich war demnach froh, als ich wieder in die Stadt in meines Vaters Hause kam; und dieser war eben so vergnugt, dass ich meine junge Ritter-Horner so glucklich auf unserm Gute abgestossen hatte. Meine Belustigungen waren hier von einer ganz andern Natur: Hier kont ich mir eine Gesellschafft von jungen Leuten wehlen, wie ich selber wolte; Hier kont ich taglich in die Sing- und Schau-Spiele gehen; Der Umgang mit dem artigsten Frauenzimmer, ihre offentliche Zusammenkunfte, der Zutritt in die beste und vornehmste Hauser, alles dieses stunde mit offen; man ergetzte sich hier auf unzehlige Arten, und nachdem die Jahrs-Zeiten solches mit sich brachten. Kurz, ich genoss in der Stadt so viele Annehmlichkeiten, als ich auf dem Lande Verdruss, Langeweil und Ungemachlichkeit empfunden hatte.
Ich lag demnach meinem Vater selber an, diesen mir so verhasst gewordenen Ritter-Sitz wieder zu verkauffen, und das Geld dafur in der Handlung zu gebrauchen: Mein Vater that solches, und verlohr darauf etlich tausend Thaler: Zehn bis zwanzig gluckliche Unternehmungen ersetzten diesen Verlust mit verdoppeltem Gewinn.
Ich verheyrathete mich unterdessen an eine der besten Parthien unserer Stadt: Meine Frau hatte ihre Annehmlichkeiten; ich nahm sie aber blos des Gelds wegen: Ihr Vater war sonst von einem guten Hause: und hatte nebst einem Sohn, der am Hofe war, nur diese einzige Tochter: Er trachtete nach Geld und Gut; die Mittel darzu zu gelangen, galten ihm gleich viel. Die Natur hatte ihn zu einem Bauren, das Gluck zu einem reichen Mann, und der Reichthum zu einem Edelmann gemacht: Die Natur liess sich dem ungeacht ihr Recht nicht nehmen; sie herrschte uber den Reichthum und uber den Adel, sie blickte aus allen seinen Gebehrden; er dachte, wie der Pobel, und sprach, wie der Pobel.
Seine Frau hatte etwas mehr Ehrgeitz: Sie beobachtete den Wohlstand, wo er nicht viel kostete, und bat immer viel Zeugen zusammen, wenn sie einen kleinen Aufwand machte: Sie und ihr Mann haderten stets zusammen. So bald sie sich nur sahen, so entdeckten sie an einander ihre Fehler, welche eines an dem andern weder ertragen, noch an sich selbst ablegen wolte.
So sahen meine Schwieger-Eltern aus: Meine Frau aber war von einer ganz andern Gemuths-Art: Ihr Bruder hatte sie stolz gemacht: Ihre ganze Auffuhrung war gros: sie wuste zu leben: sie hatte gute Manieren: sie spielete das Clavier, sie sang, sie redete Aquitanisch und Ligurisch, sie kleidete sich wohl. Kurz, ich hatte eine galante Frau, und wuste nicht, dass ich sie hatte: ich hasste sie nicht, dann sie war nicht zankkisch; ich liebte sie aber auch nicht, weil sie meine Frau war: sie hatte konnen leichtfertig seyn, ohne, dass ich viel wurde darnach gefragt haben, dann ich hatte mich einmahl mit ihr auf einen solchen Fuss gesetzt, dass wir uns das Leben nicht wolten einander sauer machen: sie solte ihre Gange und ich die meinige gehen: Wir hielten den schlimsten Frieden auf diese Art fur besser, als den gerechtesten Krieg. Wir lebten bey diesem Vergleich zusammen ziemlich vergnugt. Die Aufhebung des Zwangs und der Verstellung gab uns fur einander eine gewisse Zuneigung, die unsern Ehstand glucklich machte.
Das erste Jahr waren wir noch bey ihren Eltern allein, da ich es bald mit meinem wunderlichen Schwieger-Vatter, bald mit der Schwieger-Mutter, bald mit beyden zugleich aufnehmen und mich mit ihnen herumkeiffen muste Ich fieng gleich darauf meine eigene Haushaltung an, und bezog meines Vaters Haus, der mir zugleich mit demselben auch seine ganze Handlung ubergab, und einige Jahre hernach mit Tod abgieng.
Meine Schwieger-Eltern machten es auch nicht lange: der Vatter hatte bestandig das Podagra; und wurde dadurch verhindert, seiner Frauen aus den Augen zu kommen, und auf seinem Hof, den er bey der Stadt hatte, zu leben. Er sass in seiner und die Frau in ihrer Stube; doch assen sie mit einander; da denn der erste bis zum letzten Bissen mit Zank und Disputiren in den Magen gestossen wurde: Dem Alten kam daruber die Gicht in die Gedarme, dass er starb. Meine Schwieger-Mutter lebte darauf noch etliche Jahre bey uns im Haus, und argerte sich grausam, da sie sah, wie wir so vornehm Haus hielten.
Ich war damahls durch den Tod meines Vaters und Schwieger-Vaters ein Mann von einem uberaus grossen Vermogen. Wann ich auch meine Einkunfte jahrlich nach meinen Capitalien nur zu vier vom Hundert anschlug, so hatte ich dennoch bey zehen tausend Thaler einzunehmen.
Ich dachte demnach nicht, dass meine Ausgaben und kostbare Haushaltung den Grund eines so grossen Vermogens erschopfen, noch vielweniger mich gar ubern Haufen werfen solten. O wie grosse Ursachen haben nicht die Alten uns vor der Unordnung und Verschwendung zu warnen!
Ich hatte noch kaum funf- bis sechszehen Jahre in der Eh gelebet; so stiess ich auf den Grund, und mein Haus-Wesen gieng, gleich einem voll-beladenen Schiff, zu scheitern.
Wie dieses zugieng, wuste ich bey den ersten Stosen selber nicht; ich habe nur, seit dem ich mich fluchtig von Haus, Hof, Guter, Weib und Kinder machen mussen, die Zeit gehabt, solches zu uberlegen und mir die Sache begreiflich vorzustellen.
Da ich neun Jahr geheyrathet war, hatte ich acht Kinder, einen Haus-Praceptor, eine Franzosin, vier Magde, drey Bedienten auf der Schreib-Stube, und nebst dem Gutscher noch zwey Diener in Liberey, die Naherin und andere Beylauffer nicht zu rechnen; Als hierauf auch der alteste von meinen Sohnen begunte die zehen Jahre zu erreichen, so kamen darzu die Sprach-Music- und Exercitien-Meister. Auf meinem Hof hatte ich einen Verwalter mit Weib und Kindern: Einen Gartner mit Weib und Kindern: Einen Wingerts-Mann mit Weib und Kindern, ohne das andere Gesind zu rechnen: Alle diese Leute hatten wieder andere Leute an sich: alle nahrten sich aus meinem Beutel; und verliesen sich auf ihren guten Herrn. Ich und meine Frau liebten die Gesellschaften und die Lustbarkeiten: Wir hatten also genug zu sorgen, wie wir uns und die Kinder kleiden, wie wir tractiren und die Zeit sonst vergnuglich hinbringen wolten. Auf diese Weise lebten wir bestandig fort: Der Zirkel unserer Ausgaben vergroserte sich mit dem Anwachs unserer Kinder.
Meine Frau war in allen galanten Wissenschaften erfahren; aber sie verstund keine Haushaltung: Ihre Eltern keiften ehedessen vom Morgen bis an den Abend mit ihrem Gesinde, sie niemahls: es war ihr alles recht; sie wolte, dass alles vergnugt seyn solte, und konte nicht einmahl leiden, dass das Gesind untereinander zankte; Nun, nun, sagte sie, Kinder, seyd nicht so bose, vertragt euch, ich will euch lieber etwas schenken.
So viel Weibs-Leute ich im Hause hatte, so viel Liebhaber muste ich auch mit unterhalten: Die Freyheit, der Mussiggang, der Uberfluss, machte sie allesamt uppig. Nur die Franzosin hatte ihr Alter zuchtig; aber auch dargegen eigennutzig gemacht: Sie sah die Unordnungen in meinem Hause; schwieg darzu still und fischte im Truben: ich muste ihr solches als eine Hoflichkeit bezahlen; dann sie sagte, sie schonte der Ruh der Madame, und mogte ihr nicht alle Verdrieslichkeiten vorbringen.
Wir hatten solchergestalt das beste Gesind in der Stadt: man stellte uns allen Herrschaften zum Exempel vor: Knechte, Magde und Laqueyen errichteten nach der Art, wie wir es hielten, ihre neue RechtsVerfassungen und Gesinds-Ordnungen.
Meine Bedienten auf der Schreib-Stube thaten auch was sie wolten: Mein Buchhalter schnitt die beste Rohren fur sich: er theilte die gute Posten mit mir, und schrieb mir die bosen allein auf. Der Cassirer war ein Haupt-Vogel: er brachte mir die schlimste MunzSorten in die Einnahm, verwechselte mit Vortheil die guten, die er empfangen hatte, blieb der Cassa bey jeder Abrechnung etwas schuldig, und machte sich also ein artiges Capital. Meine andere zwey Bedienten hiengen an liederlichen Weibs-Leuten, denen sie alles zusteckten, was sie theils vom Posttheils vom KostGeld zuruck legten. Kurz, mein ganzes Hauswesen war so beschaffen, dass ich nach einer Mathematischen Ausrechnung keine gewissere Mittel hatte gebrauchen konnen, um zu verderben.
Es war um diese Zeit, als ich grosen Verlust durch allerhand Zufalle und Banckerutten litt, dergestalt, dass ich meine Casse auf einmahl erschopfet sah. Hier bekam ich die erste Empfindung von einer Furcht: Ich fieng an zu glauben, dass es nicht unmoglich war, mit meinem grosen Reichthum zum Fall zu kommen. Diese Vorstellung machte bey mir keinen geringen Schrecken.
Ich gieng in dieser Besturzung zu einem alten Vetter, den ich zuvor wegen seiner geringen Auffuhrung wenig geachtet hatte, und begehrte von ihm einen Vorschuss von zehen tausend Thalern. Er hatte sich durch seine ordentliche Haushaltung und gluckliche Verrichtungen ein groses Geld gesamlet. Er hatte mir am besten helfen konnen; er schlug mir aber meine Bitte ab: ich wurde daruber verwundert. Wie! fieng ich an, der Herr Vetter will mir nicht einmahl zehen kahle tausend Thaler auf einige Monathe Sicht, gegen meinen Wechsel-Brief, creditiren? Der Herr Vetter wird excusiren, war seine Antwort, meine Casse ist dermahlen mit einer so grosen Summe Geldes nicht versehen. Ey! Herr Vetter, sagte ich, wie kan das moglich seyn? Noch viel moglicher versetzte jener, als dass des Herrn seine Casse nicht starker als meine solte beschossen seyn; denn nach dessen Auffuhrung muss er weit mehr Geld haben als ich. Ich bin nur ein schlechter Mann: ich halte weder Gutsch, noch Pferde, noch Laquayen, noch Hofmeister und Mamesellen, wie der Herr Vetter: ich gehe nur mit gemeinen Leuten um, und kleide mich weder in Sammet noch Seiden, weder in Gold noch Silber: ich habe kein Cabinet von Mahlereyen, Antiquitaten, Buchern, Kupferstichen, Medaillen und dergleichen: ich habe keine Pallaste und kostbare Garten: ich tractire keine grose Herren, wer mit mir essen will, der muss mit burgerlicher Hausmanns-Kost vorlieb nehmen. Kurz, Herr Vetter, ich bin gegen ihn zu rechnen nur ein schlechter Mann, und ich muss es fur einen Scherz aufnehmen, dass er Geld bey mir suchen will.
Dergleichen Pillen gab mir dieser ehrliche Vetter ganz trocken zu verschlucken: ich konte kaum alle einnehmen, noch vielweniger darauf antworten: sie waren mir gleichsam auf die Luft-Rohre gefallen. Ich setzte mich hurtig wieder in meinen Wagen, und fuhr nach Haus.
Meine Frau, die leichtsinnigste aber beste Creatur von der Welt, sah mich mit verblasten Angesicht und niedergeschlagenen Augen in mein Cabinet gehen: sie konte niemand betrubt sehen; sie folgte mir nach; die Gefalligkeiten, die ich fur sie hatte, und die Zeit, die wir zusammen in vergnugter Ehe gelebt hatten, gaben ihr fur mich eine Art von Freundschafft, die, wenn sie mich leiden sah, auch etwas zartliches hatte: was ist dir, Fritz? so nannte sie mich, wie siehest du so furchterlich aus? geh, du machst mir angst, was ist dir begegnet? Lotte, sagte ich zu ihr, wir mussen anders haushalten, oder wir sind verlohren. Nichts als dieses, gab sie mir zur Antwort, ich dachte, es ware dir sonst ein Ungluck begegnet. Was wilt du denn noch mehr als verderben? fragte ich sie. Wie so, sprach sie, bist du denn so viel schuldig? Man ist mir zwar noch mehr, als ich andern schuldig, fuhr ich fort; allein, die Gelder bleiben mir aus, und ich soll zahlen. Kanst du denn nicht, fragte sie weiter, so lange borgen, bis dir die Gelder eingehen? Dein Oheim Lipsart, der reiche Geitzhals, fuhr ich ungedultig heraus, hat mir den Credit rund abgeschlagen, und mich noch darzu mit meiner Haushaltung weidlich hergenommen.
O! erwiederte meine Frau, das hatte ich dir wohl voraus sagen wollen: es ist keine so Judische und niedertrachtige Seele in der Welt: er hat mich nie leiden konnen. Ich weiss dir einen bessern Anschlag: Gestern war der Jud Amschel bey mir, und hatte unvergleichliche Perlen; unter andern zeigte er mir zwey Armbander, die gantz auserlesen, und mit Brillanten nach einer Art, die ich noch nie gesehen habe, durchzogen waren: er forderte dafur zwey tausend Thaler: ich sagte, das ware theuer, ich hatte jetzt kein Geld. Au weh! ihr Gnaden! kein Geld! sprach der Jude; wolt ihr zwanzig tausend und mehr Thaler haben? den Augenblick sollen sie da seyn.
Ich kennte den Juden, und liess ihn den andern Morgen kommen; er brachte seinen gantzen Cram von Juwelen mit. Amschel! sagte ich zu ihm, ich soll einem gewissen grosen Herrn zwolf tausend Thaler schiessen; ich brauch aber mein Geld in der Handlung: wisset ihr mir keinen Anschlag? der Jud erklarte sich, wenn der grosse Herr fur ein paar tausend Thaler Juwelen annehmen, und ich den Wechselbrief indosiren wolte, so konte er die ubrige zehen tausend Thaler bald schaffen. Der Handel wurde richtig: ich nahm fur zwey tausend Thaler Juwelen; doch mit dem Beding, dass er solche allenfalls mit zwey hundert Thaler Verlust wieder an Zahlung zuruck nehmen solte. Ich ersann den Namen von einem fremden Grafen, der den Wechselbrief solte ausgestellet haben, und setzte, als ob ich solchen erhandelt hatte, meinen Giro drauf. Der Wechsel hatte sechs Monath zu lauffen: ich hatte indessen einige Capitalien eingezogen: da er also wieder zuruck kam, zahlte ich solchen, und gab dem Juden seine Jubelen wieder.
Nach diesem gehabten Schrecken nahm ich mir ernstlich vor, mein Hauswesen anders einzurichten: ich brachte meine Frau dahin, dass sie darein willigte; Allein, unser Gesind war einmahl an die Unordnung, und dass alles in unserm Haus voll auf gieng, gewohnet. Es gedachte, wir waren doch gleichwohl so reiche Leute, und es schicke sich gar nicht fur uns, dass wir auf alle Kleinigkeiten solten sehen: es schob also neben her, was es konte, und wenn man es druber zur Red setzte, so gab es lose Worte; es meynte, alle Kisten und Kasten waren bey uns mit Geld angefullet; und glaubte wohl gar, man thate GOtt einen Dienst daran, wenn man solches unter die Leute bringen, und damit unsern Geitz bestrafen hulfe.
Meine Frau konte das Wort Geitzig nicht leiden: man hatte sie lieber sonst was gescholten. Wenn man geitzig ist, waren ofters meine Gegen-Vorstellungen, so zehret man nicht immer vom Capital. Wir haben bisher unser Gesind so wohl gehalten, dass sich unsere Nachbaren uber uns beschweret, wir verdurben ihnen das ihrige, und fuhrten in der Stadt alle Missbrauche ein. Wir erweisen allen Leuten Hoflichkeiten, wir tractiren, wir leben kostbarer als andere; wir schenken hier, wir schenken dort, und dennoch werden wir fur geitzig gescholten: wir mussen wohl in einem seltsamen Zeichen geboren seyn.
Nichts thut mir leider, beklagte sich hier meine Frau, als dass mein eigener Beicht-Vatter, der Herr Magister Ulrich, seit einem Jahr mir immer den Geitz vorwirft. Wann ich ihm sage, wir lebten viel stiller und eingezogener als vor dem, so spricht der andachtige Mann: was ist aber daran schuld, meine liebe Frau von Guldenblech, ist es nicht der liebe Geitz? er weiset mich daruber in mein eigen Herz: er will, ich soll mich daruber prufen; ich besinne mich: ich erschrecke: ich denke, weil der fromme Mann es sagte, so konte es auch wohl seyn, dass ich geitzig ware, ohne dass ich es wuste. Dieses macht mir eine abscheuliche Furcht; denn ich mochte nicht gern zu dem reichen Mann kommen, davon er mir so offt das Evangelium vorhalt.
Ey Lotte, sprach ich, du und dein Seel-Sorger, ihr seyd beyde nicht klug. Es schickt sich wohl fur ihn, dich des Geitzes halben zu bestrafen, der du die groste Verschwenderin bist. Er selbst ist fur den grosten Geitzhals in dieser Stadt ausgeschrien: man sagt, er habe den ganzen Keller voll Wein und ganze Boden mit Fruchten, und wuchere damit trotz allen Wippern und Kippern: er thut kein Capital unter sechs vom hundert aus, und last sich die Zinse voraus geben. Noch neulich hat er einen armen Mann von Haus und Hof getrieben, dass sich die ganze Christenheit daruber argern mogte. Zahlt einer nicht auf Stund und Ziel, so jagt er die Notarios, die ihm umsonst dienen, hinter ihm drein: da ist keine Barmherzigkeit: Zahlung oder Execution. Die Richter schamen sich oft selbst uber dessen unchristlichen Rechts-Eifer. O welch ein schadlicher Mann ist ein solcher BauchPriester.
Dieser Mann, der doch noch immer seinen fetten Beicht-Pfennig von uns bekam, that uns viel Schaden; ohne dass ich eine andere Ursach davon zu geben wuste, als dass wir ihn nicht mehr so fleissig, wie sonst, zur Tafel hohlen liessen; dann er liebte einen guten Bissen, und trug seinen gesunden Appetit gern zu Gaste. Er machte uns schier alles Gesinde aufruhrisch. Wenn ihm eines davon begegnete, oder solches zu ihm ins Haus geschickt wurde, so fragte er solches aus, wie es ihm gieng, und brachte demselben die Gedanken bey, wann es solche noch nicht hatte, dass es bey kargen Leuten diente. Ja, ja, sagte er zu ihnen, Kinder, ich weiss schon, wie es in eurem Hause aussiehet. Doch habt Gedult und versundiget euch nicht. Es ist schwer, seufzete er dabey, dass ein Reicher ins Himmelreich komme; ihr aber seyd arm. Armuth hat eine grose Verheissung: Armuth schandet nicht; Aber der Geitz, der Geitz ist eine Wurzel alles Ubels.
Dieses Evangelium war unsern Dienstboten recht: sie thaten ohnedem schon was sie wolten. Wir dienen nicht als Sclaven, sagten sie, man muss uns auch eine kleine Veranderung gonnen. Was der Mund verzehret, ist nicht gestohlen. Der Herr Informator und die Frantzosin hatten immer Zuspruch: diese hatte die Schlussel zu Kuch und Keller, also konte sie vielen Leuten etwas zu gute thun: Diener, Magde, Lackayen, Hof- und Bauers-Leute; alle wunschten ihr tausend Gluck und Seegen, wegen ihrem gutthatigen Herzen. Meine Frau aber, und ich wurden mit den sinnreichesten Lasterungen angestochen, wenn wir uns so viel heraus nahmen, und uns nach ein- und dem andern zu fragen unterstunden.
Die Magde giengen nicht mehr als Magde, sondern als wohlhabende Burgers-Tochter gekleidet; sie wolten deswegen auch nicht mehr Magde heissen. Ich versah es einmahl groblich, da ich zu einem Diener sagte, er solte eine Magd rufen: das Kinder-Mensch horte solches: die Magd, wiederholte sie spottisch: ich heise nicht Magd: sie kam damit gantz murrisch ins Zimmer; meine Frau merkte bald, dass ihr was fehlte: sie sagte deswegen zu mir, als das Mensch wieder weg war: heise doch das arme Ding nicht Magd. Wie, fragte ich voll Verwunderung, ist sie denn keine Magd? Ja, sprach sie, aber es klingt den hochmuthigen Dirnen zu hart: sie konnen nicht leiden, wenn man sie so nennet: sie sprechen, sie waren nicht leibeigen. Wie soll man sie dann nennen, fragte ich weiter; bey ihren Namen, antwortete meine Frau, Dosgen, Fickgen, Louisgen und dergleichen. Ich konte mich in diese Sachen nicht mehr schicken. Ich sah, dass meine Leute dabey sich ihrer gewohnlichen Arbeit zu schamen begunten; also, dass man ihnen andere Leute darzu halten muste.
Ich hatte sowohl in der Stadt, als auf dem Land, kostbare Gebaude gefuhret; meine Lust-Garten kosteten mich viel zu unterhalten, und brachten nichts ein; ich hatte in meinem Hause taglich mehr als dreyssig Menschen, die aus meiner Kuche zehrten; ohne die Gaste, Beylauffer, Reib-Wasch-Nah- und Sudel-Weiber zu rechnen.
Hierzu kamen noch so viel andere Leute, die alle keinen Pfennig ins Haus brachten, sondern nur immer haben wolten: darunter waren auch diejenige, welche die Rechte und die Gesundheit der Menschen studiret hatten. Ich war in meinen Handlungen nicht vorsichtig genug gewesen; ich hatte zu viel Zerstreuungen und andere Gedanken im Kopf. Ich trauete zu leicht, und wurde oft betrogen: dieses verdross mich, ich wolte Recht haben, ich klagte darauf; so bald aber geriethen nicht die Sachen unter die Advocaten, so gieng insgemein das Capital verlohren, und ich muste noch jahrlich die Zinsen davon, mit samt den ProcessKosten, zu Ehren der eingefuhrten Gerichts-Ordnungen, nachsetzen.
Die Aerzte und Apotheker giengen bey mir auch nicht leer aus. Die unordentliche Lebens-Art, und die Unmassigkeit meiner Leute machten mein Haus zu einem halben Spital. Ich hatte bestandig kranke Kinder und krankes Gesinde; sie sahen so blass und so mager aus, dass es einen erbarmte. Der Doctor kam schier alle Tage: er verschrieb die kostlichste Artzneyen, und Gold-Tincturen. Die Wund-Aerzte vergossen des Jahrs uber eine Menge Blut in meinem Haus. Die Apotheker-Zettul wurden zu ganzen Buchern, man schrieb mir zu Ehren alles theurer auf, als andern Leuten: es hies: der kans bezahlen.
Bald waren Hochzeiten, bald Leichen, bald Kindtaufen, bald Gevatterschafften, bald Gastereyen, bald andere Ceremonien bey mir. In allen milden Steuren und Collecten, wurde mein Namen oben an gesetzt. Ich hatte uber alles dieses, von halb Jahr zu halb Jahr, schier an alle Gattungen von Kunstlern und Handwercks-Leuten Rechnungen zu zahlen; sie ubersetzten meistens darinn ihre Arbeit, wolt ich ihnen etwas abziehen, so klagten sie, sie waren arme Leut, die Arbeit wurde ihnen sauer, ich war ein reicher Herr; es hiese wohl, je reicher, je karger.
Anfangs gieng mir in meiner Haushaltung so vieles nicht drauf, da ich aber hernach anfieng zu bauen, und viel auf kostbaren Hausrath, auf Jubelen, Silber-Geschirr, Mahlereyen und dergleichen zu verwenden, so schmolzen binnen sechs Jahren uber funf und zwanzig tausend Thaler vom Capital, wobey wenigstens eine gleiche Summa auch nach und nach in der Handlung verlohren gieng. Die Ausgaben wurden immer groser, die Einnahmen kleiner, und die Zeiten schlechter. In den folgenden Jehren giengen wieder zwanzig bis dreyssig tausend Thaler drauf, und blieben mir wohl eben so viel zweiffelhaffet und bose Schulden zuruck. Das Ungluck kam hernach mit den Banco-Briefen, woruber der Krieg einfiel, und damust ich wieder ein groses Capital mir abschreiben.
Als ich hierauf anfieng, und wolte meine kostbare Haushaltung ein wenig einziehen, so hatte ich wohl noch hundert tausend Thaler ubrig; allein, die Helft davon stack in Haus und Gutern und allerhand Effecten, die ich nicht benutzen konte. Das ubrige lief zwar noch in der Handlung herum, ich hatte mich aber dabey sehr versteckt: funf und zwanzig tausend stunden noch bey dem Fursten von Sardost, und ich hatte kaum das Drittel mehr einzunehmen, als ich ausgeben muste. Dem ungeacht hatt ich noch eine Zeitlang fortkommen, oder durch eine ganzlich verbesserte Einrichtung meines Hauswesens mir wieder aufhelfen konnen; Allein, so starb zu meinem Ungluck der Furst von Sardost. Der Furst zahlte sonst uberaus richtig: er hatte mich nimmer fallen lassen; so bald aber war er nicht todt, so hiess es, der Prinz war noch minderjahrig, und die Cammer konte nicht zahlen.
Die von dem Fursten ausgestellte Wechsel-Briefe liefen demnach aus Mangel der Zahlung zuruck: andere Briefe wurden dargegen auf mich gezogen, die ich zahlen muste. Meine Casse wurde damit leer. Ich hatte Credit nothig; ich stellte deswegen meine eigne Wechsel aus, und liess solche auf den vornehmsten Handels-Platzen herum lauffen: Dieses Mittel that gut; aber nicht lang; nach Verfliesung eines halben Jahrs kamen meine Briefe wieder auf mich zuruck: ich solte zahlen: Es war unterdessen kein Geld weiter eingekommen: man gab mir acht, man gab mir vierzehen Tage Sicht; Die Zahlung mangelte! Die Wechsel wurden protestirt: die Sache wurde ruchtbar: das Gerucht gieng von einer Schreib-Stube zur andern; es durchstrich die Borse und von da die nechste Handels-Platze. Meine Glaubiger trieben zum Concurs: und ich rettete mich auf meinen Hof. Meine Freunde, die bey mir die meiste Hoflichkeiten genossen hatten, konten, theils wolten mir nicht helffen. Meine Bedienten giengen auseinander: Jeder machte sich seine Rechnung selbst, und nahm, was er meynte, dass ich ihm schuldig war. Meine Frau wolte verzweifeln. Niemand war, der sich ihrer und der Kinder annahm. Man sagte: es geschahe uns recht: GOtt hatte uns gestraft, weil wir uns unsers Gluckes zu sehr uberhoben hatten: ich glaubte es selbst. Man suchte mich handfest zu machen: ich entfloh, und wuste nicht, wohin. Weib und Kinder dauerten mich: ich reiste von einem Ort zum andern: ich wuste lange nicht, wo ich bleiben solte. Endlich kam ich hieher zu dem Fursten, und bat ihn um Schutz: Er nahm mich gnadig auf; er sagte mir, wenn ich mich hier niederlassen und meine Sachen mit den Creditoren ausmachen wolte, so solte ich ihm lieb seyn; er zweifle nicht, dass nach der Vellejanischen Clausul leicht fur meine Frau noch so viel ubrig bleiben wurde, dass ich mit ihr und meinen Kindern an einem so wohlfeilen Ort, und wo man der Eitelkeit so sehr nicht als zu Budorgis ergeben war, gemachlich leben konte. Ich wurde, fugte er hinzu, deswegen hier keine Verachtung leiden, weil ich war unglucklich gewesen. Nur solte ich zuforderst dahin trachten, meine Sachen so viel moglich in Ordnung zu bringen, und meine Schulden zu bezahlen. Er befahl mich darauf einigen Vorstehern der Gemeine, die mir so wohl im Geistlichen als Weltlichen rathen, und mir in meinen weiteren Absichten behulflich seyn solten.
Prast, Unruh, Gram und Verzweifelung nagten darauf meinen ganz niedergeschlagen Muth. Ich war nur der guten Tagen und keiner Widerwartigkeiten gewohnt. Die Veranderung meines Zustandes war zu schnell, zu gros, und fur ein verzarteltes Gemuth, wie das meinige, zu abscheulich. Eine schwarze Melancholie verdunkelte meine Sinnen: ich sah vor mir einen Abgrund unendlicher Qual: Tausend Larven und Schrecken-Bilder beangstigten meine in Unordnung gebrachte Lebens-Geister. Alles drohete mir entweder den Tod, oder ein elendes Leben. O grausame Vorstellung! ich war der ungluckseligste Mensch von der Welt: der Schmerz drang mir durch die Seele; und machte mich verwirrt: ich fand bey mir weder Rath noch Trost: ich hielt mich verlohren.
In diesem gepressten und Jammer-vollen Zustand hatten mich die Vorsteher dieser Gemeine, welche sie, mein Herr, gestern Abend mit bey Tische fanden, bestens aufzurichten gesucht. Dero mir darauf erwiesene Grosmuth und Hulffe, woll ihnen der HErr, als ein reicher Vergelter alles Guten, mit einer bestandigen und unendlichen Gluckseligkeit belohnen.
Hiermit endigte der Herr von Guldenblech seine Erzehlung: Der Graf bemerckte dabey das allgemeine Verderben der Menschen auch in dem gemeinen Burgerlichen Leben. Er entdeckte die betrubte Wurckungen einer ubeln Auferziehung und die daraus entstehende ungluckliche Folgen in dem ganzen menschlichen Leben. Er trostete darauf den Herrn von Guldenblech: Sie haben, mein Herr, sprach er, ohneracht aller ihrer Widerwartigkeiten nicht Ursach, den Muth zu verliehren: Ihr Gluck war ausser GOtt: der Zusammenhang verschiedener Zufalle hat sie erhoben und auch wiederum gesturzet.
Nun lernen sie auf einen bessern Grund bauen. Der fromme Furst hat ihnen solchen angewiesen: sie folgen seinem weisen Rath, sie konnen nichts bessers wehlen, sie werden leicht von dem Ihrigen noch so viel ubrig behalten, um an diesem Ort ein ruhiges und ehrbares Leben mit ihrer Familie zu fuhren. Es gehoret so viel nicht darzu, um vergnugt zu seyn, aber man hat alles genug, wenn man solches ist. Mit diesen kurzen Ermahnungen verliess der Graf den Herrn von Guldenblech, darauf sie sich einander eine gute Nacht wunschten und sich zur Ruh begaben.
Das dreyzehende Buch.
Der Graf von Rivera sandt den andern Morgen, mit anbrechendem Tag, einen Botten nach Argilia, und liess seinen Leuten befehlen, sich sogleich von dannen aufzumachen, und nach Christianopolis zu kommen. Es war eine Stunde nach Mittag als sie da anlangten; Der Graf liess sich darauf, als ob er mit ihnen gekommen war, bey Hofe melden; Der Furst sandt sogleich einen Cavalier zu ihm, denselben in seinem Namen zu bewillkommen, und ihm das Quartier bey Hofe anzubieten. Der Graf, der solches vorher vermuthet hatte, war deswegen mit seinem Cheruscischen Edelmann ausgegangen: Sein Secretarius aber empfieng die Bottschaft des Furstens, und hinterbrachte ihm solche.
Der Furst schickte darauf gegen Abend seinen mit sechs Pferden bespannten Staats-Wagen, nebst noch zwey einspannigen Gutschen mit einigen Cavalieren vor den Gast-Hof, um den Grafen abzuholen. Dieser kleidete sich aufs beste: seine Leute giengen in kostbarer Liberey vorher, und er fuhr auf diese Art in einem ansehnlichen Geprange nach der Burg. Der junge Prinz empfieng ihn unten im Hof an der Treppe; und oben erwartete ihn der Furst. Der Graf wolte ihm den Rock und darauf die Hand kussen; der Furst aber liess beydes nicht zu, sondern schloss ihn in seine Arme.
Die Besturzung des Furstens war ungemein, als er in der Person des Grafens den vermeynten Halycidonischen Arzt erblickte. Er gab ihm solche zu erkennen: Ew. Durchleucht, entschuldigte sich der Graf, werden mir meine gestrige Verstellung zur Gnade halten; weil mich ein Zufall so unvermuthet zu einem Doctor gemacht hatte; und ich nicht glaubte die Gnade zu haben, in diesem Caracter vor Ew. Durchleucht zu erscheinen.
Der Furst brachte darauf den Grafen zu seiner Gemahlin und den Prinzessinnen: diese waren nicht weniger, als der Furst, verwundert, den gestrigen Doctor so hurtig in den Grafen von Rivera verwandelt zu sehen. Die Damen sassen in einem grosen mit Lichtern erhellten Zimmer. Die Cavaliers aber fanden sich meistens bey dem Fursten und dem jungen Prinzen im Vorsaal, wo eine schone Music sich horen liess. Die alteste Prinzessin errothete, als ihr der Graf seine Ehrerbietung bezeigte: Sie konte einem gewissen Eindruck, welchen ihr derselbe bey dem ersten Anblick gegeben hatte, nicht widerstehen; sie glaubte, dass er nicht ohne besondere Absichten an ihres Herrn Vaters Hofe gkommen sey: ihr Herz sagte ihr heimlich, dass sie daran einigen Antheil hatte; doch konte sie diese Regungen bey sich selbst nicht entwickeln, noch sich eigentlich vorstellen, was sie muthmassen solte. Sie fragte den Grafen, nachdem sie ihn als einen Koniglichen Abgesandten bewillkommet, wer sich nun ihrer armen Marianen annehmen wurde, weil er derselben schwerlich mehr Recepten verschreiben durfte? Der Doctor, ohne den Grafen von Rivera, war dessen Antwort, hatte dieser liebenswurdigen Fraulein wenig zu ihrer Genesung behulflich seyn konnen.
Der Furst hatte dem Grafen zu verstehen gegeben, dass er sich an seinem Hof einer volligen Freyheit bedienen konte. Ich habe jederzeit, sprach er zu demselben, den Zwang und ein nichts bedeutendes Ceremoniel gehasst; weil ich gefunden, dass dabey die Aufrichtigkeit leidet, und die groste Anmuth in der menschlichen Gesellschaft gehindert wird. Dieses waren auch die Meynungen des Grafens: Er hatte an dem Licatischen Hof daruber lang genug leiden mussen, um sich nach dem daselbst eingefuhrten steifen Geprange zu richten: Dieser Zwang war seinem naturlichen Wesen sehr zuwider: Er nahm deswegen die Freyheit, welche ihm der leutselige Furst anbot, mit aller Bescheidenheit an; doch hielt er sich meistentheils aus Wohlstand um dessen Person.
Nach geendigtem Concert fuhrte der Graf die Furstin zur Tafel. Sie bestund aus den Furstlichen Personen, wobey nur des Prinzen Hofmeister, und die Fraulein von Thurris sich befanden.
Nach ein und andern Gesprachen bey der Tafel sagte die Furstin, dass sie nicht begreiffen konte, wie der Graf, durch seine verborgene Wissenschaften, die Begebenheiten der Fraulein von Thurris hatte entdekken konnen. Es ist solches ganz naturlich zugegangen, erklarte sich dieser hierauf. Ihr Durchleucht, die Prinzessin, tranken gestern Abend uber Tafel, der Fraulein von Thurris, mit einem heimlichen Winken, die Gesundheit zu: Es lebe Riesenburg: Ich wurde solches gewahr. Der Name Riesenburg machte mich aufmerksam: Wie, dachte ich bey mir selbst, solte dieses wohl die Fraulein von Thurris seyn? Ich betrachtete sie darauf genauer: ich erkante an ihr diejenige Zuge, wie mir der Freyherr von Riesenburg solche beschrieben hatte. Dieser Cavalier ist mein bester Freund in der Welt: Er hat mir mein Leben in der Schlacht bey Philippol gerettet: Ich weiss um alle seine Geheimnusse: und wie er aus Noth war gezwungen, ihren wilden Bruder im Zweykampf erschossen hat.
Nun ist sein grostes Anliegen, sie in der Welt auszuforschen: Ich selbst habe mir bisher deswegen alle ersinnliche Muh gegeben: Ich erfuhr in Monnisburg von einem Cavalier, der die Ehre hat, ihr verwandt zu seyn, dass sie sich hier aufhalten solte. Ew. Durchl. urtheilen demnach von meinem Vergnugen, da ich allhier dieselbe so glucklich entdecket habe.
Die Fraulein von Thurris war durch diese Erzehlung auf das heftigste geruhret: ihr Gesicht umzog auf einmahl eine starke Rothe, die Thranen rollten von ihren Wangen; sie getrauete sich ihre Augen kaum empor zu heben.
Die alteste Prinzessin war uber diese angenehme Begebenheit schier so sehr, als die Fraulein selbst bewegt. Die ganze Gesellschafft wunschte dieser schonen Fraulein zu einer so frohen Nachricht Gluck. Sie warf endlich selbst einen holden Blick auf den Grafen, der ihm so viel sagen wolte, dass sie, was sie empfande, nicht auszusprechen wuste. Man redete von nichts, als von der Geschicht des Freyherrn von Riesenburg und der Fraulein von Thurris: Der Graf und die Fraulein konten uber alles, was man sie daruber fragte, nicht gnug Antwort geben.
Man stund endlich von der Tafel auf: die Prinzessin und die Fraulein hatten gern mit dem Grafen wieder allein gesprochen: der Furst aber verliess ihn nicht, als bis es Zeit war schlafen zu gehen; ihr Gesprach war von der Beschaffenheit der vornehmsten Europaischen Hofen: der Graf bewunderte hier die hohe Staats-Einsichten des Furstens. Der Hof-Marschall nebst einem Cammer-Juncker und dem Haus-Hofmeister, begleiteten darauf den Grafen nach den vor ihn zubereiteten Zimmern, welche sehr prachtig ausgezieret waren.
Die angenehme Fruhlings-Zeit erofnete sich damals mit sehr lieblichen Tagen. Des Grafens Zimmer stiessen auf ein kleines Lust-Geholze, worinnen die Nachtigallen und andere Vogel sich auf die anmuthigste Weise horen liessen. Er war kaum erwacht, so lockte ihn dieses liebliche Spiel der Natur an das Fenster. Er begleitete solches mit seinen Gedanken, und gieng endlich selbst hinunter in den Garten.
Er kam, als er eine Weile darin fortgegangen war, in einen mit jungen Buchen dicht bewachsenen Hayn; er fand hier verschiedene Gras-Banke, die einen runden Behalter umzogen, aus dessen Mitte das Wasser sich bestandig in die Hohe trieb: nechst dabey stund ein erhabenes mit Moos und Gras bedecktes Gemauer, uber welches ein kleiner Bach mit einem sanften Rauschen, durch verschiedene Abfalle sich in den Behalter aussturzte. Man sah darin als in einem klaren Spiegel, die daherum stehende Gebusch und Baume, nach dem Leben abgeschildert. Die Kunst hatte hier mit Hand angeleget; nicht zwar, wie sie sonsten pfleget, die Natur zu zwingen, sondern nur ihre Annehmlichkeiten desto mehr ins Auge zu setzen.
Der Graf betrachtete diese holdselige Einode mit Entzucken: der Geist der Dicht-Kunst, welcher in diesen Haynen wohnet, uberfiel ihn: alle seine Gedanken flossen von sich selbst in leichte Reimen: er nahm seine Schreibtafel, und hatte kaum einige Worte nieder geschrieben, so zeigte sich die Prinzessin vor ihm: sie war von der Fraulein von Thurris begleitet. Der Graf, als er ihrer gewahr wurde, sprang hurtig von seiner Stelle auf, und bezeigte der Prinzessin seine Ehrerbietung, indem er aber seine Schreibtafel einstecken wolte, lies er solche ins Gras fallen. Mariane hub solche auf: Der Graf bot unterdessen der Prinzessin die Hand. Die Neugierigkeiten ist dem weiblichen Geschlecht naturlich. Mariane blatterte in der Schreibtafel hin und wieder: sie bedeckte solche vor den Augen des Grafens mit ihrem Facher, indem sie hinter ihm her gieng, sie argerte sich gewaltig, dass sie darinn eine Schreib-Art fand, die sie nicht verstund; es waren meist Ziefer und fremde Buchstaben: nebst einigen Sinn- und Aufschriften in Lateinischer und Ligurischer Sprach. Endlich kam sie auf folgende Reimen: Ich liebe / was mich selbst der Himmel lieben macht / Wo Geist und Tugend herrscht / wo holde Schonheit
lacht;
Doch / ein zu groses Gluck muss hier mein Ungluck
seyn /
Was Iris macht zu gros / das macht mich allzuklein. Diese Reimen waren anfangs der Marianen ein Rathsel; sie legte solches dahin aus, dass der Graf eine hohe Person lieben muste, welche er zu erlangen keine Hofnung hatte: sie gerieth daruber auf die Gedanken, dass solche die Prinzessin ware; dann sie hatte so wohl an ihr, als an dem Grafen, eine sonderbare Bewegung beobachtet, als sie einander zum erstenmahl waren ansichtig worden. Die Menschen urtheilen ins gemein andere nach sich selbst, und wer etwas empfindet, der bildet sich solches leicht auch von andern ein.
Die Printzessin war sonst von einem hohen und ernsthaften Wesen: sie wuste nichts von den Schwachheiten der Liebe; sie hatte zwar ein zartliches Herze, aber auch eine gleiche Starke des Geistes, die allen Anfallen der Liebe gewachsen war, und wo sie nicht das Mitleiden fur andere, und die grosmuthige Neigung sie glucklich zu machen, bewegte, so wurde sie von keiner leidenden Gemuths-Beschaffenheit bisher etwas gewust haben. So sahe die Prinzessin aus, wie der Graf nach Hofe kam: sie empfand etwas fur ihn, welches sie nicht zu nennen wuste, Liebe konte es nicht seyn, denn er erschien als ein Arzt, sie war eine Prinzessin, sie wuste es: sie empfand noch mehr, da er als ein Graf und als ein Abgesandter eines grosen Konigs sich ihr vor Augen stellte; doch war diese Empfindung mehr eine Hochachtung, als eine Leidenschaft, sie dachte nicht daran, dass sie Gefahr hatte, von den Reitzungen der Liebe sich einnehmen zu lassen.
Sie kam nach einem kleinen Spatziergang mit dem Grafen in die Einode zuruck; Mariane hatte hier des Grafens Schreibtafel wieder unvermerkt ins Gras geworfen; die Prinzessin erblickte solche, was seh ich hier, sprach sie, indem sie darnach sich bucken und solche aufheben wolte. Der Graf aber kam ihr hurtig darin zuwor, und war nicht wenig besturzt, an einem solchen Ort seine Schreibtafel zu finden.
Der Graf bat darauf die Fraulein, ihm von ihren bisherigen Begebenheiten Nachricht zu ertheilen: in Hofnung, die Prinzessin wurde noch so lange mit ihr im Garten verweilen. Die Prinzessin liess sich solches gefallen, sie setzten sich zusammen auf eine GrasBank, welche von hohen Linden-Baumen uberschattet wurde, und Mariane begunte ihre Erzehlung folgender Gestallt:
***
So bald hatte nicht der Freyherr von Riesenburg in Monaco von mir Abschied genommen, so fand ich mich in einem Zustand, der durchaus betrubt war. Ich wuste nichts von mir: man hatte mich zu Bette gebracht, und mir eine Ader geofnet; worauf ich wieder zu mir selbst kam. Meine Mutter hatte Mitleiden mit mir; doch wie sie von einem standhaften Wesen war, so redete sie mir auch ernstlich ein, dass ich mich nicht also von der Liebe muste verzartlen lassen. Man hat in dieser Welt, sprach sie, gar mancherley Zufalle und Wiederwartigkeiten auszustehen: ich muste mich so nicht stellen, dieses war ein schlechter Anfang vor eine Person, welche die Welt dem Closter vorziehen wolte, und sich folglich noch gar vieler Gefahr aussetzen wurde. Sie tadelte zwar nicht, dass ich den Herrn von Riesenburg liebte, sie sagte, er ware solches werth, sie selbst ware ihm von Herzen gewogen; allein, es ware eine Schwachheit, in dieser Neigung so weit zu gehen, dass darunter so wohl der Leib, als das Gemuth in Gefahr gesetzet wurde; alle gar zu heftige Leidenschaften taugten nicht, wenn auch ihr Ursprung gleich noch so rein und unschuldig war. Kurz, meine Mutter, die mir in einem Augenblick eine ganze Sitten-Lehre hersagte, uberzeugte mich wohl meiner Schwachheit; allein sie befreyete mich dadurch nicht von meinen Empfindungen.
Meine aufgebrachte Sinnen wurden endlich nach und nach durch die suse Vorstellung besanftiget, dass Riesenburg mich liebte, und dass ich mir mit seiner Bestandigkeit schmeichlen konte. Meine Mutter reichte mir darauf sein Bildnus, welches er ihr bey seiner Abreis eingehandiget hatte: dieses gab mir mehr Trost, als alle Sitten-Lehren. Ich schrieb an ihn, was ich nur zartliches wuste; und wartete mit Verlangen auf seine Briefe, allein solche kamen nicht. Es waren schon drey Wochen verflossen, und ich hatte von Riesenburg noch keine Nachricht. O wenn sie je geliebet hatten, so wusten sie: wie einem bey solchen Umstanden zu Muthe war!
Ich hatte unterdessen unserer Abrede gemas mich in das Adeliche Jungfrauen-Stift begeben. Ich fand darinn unter den jungen geistlichen Schwestern ein sehr freyes und ungebundenes Leben. Es waren wenige, die nicht ihre Liebhaber hatten. Eine von den lebhaftesten und schonsten Kindern schenkte mir gleich, bey dem ersten Eintritt ins Closter, ihre Freundschaft, und entdeckte mir, dass sie einen gewissen jungen Edelmann liebte; sie bat mich dass ich ihm erlauben mogte, zuweilen bey mir einzusprechen, und sie auf meinem Zimmer zu besuchen; weil es mit mir, da ich noch nicht eingekleidet war, so viel nicht, als bey ihr, zu sagen hatte. Ich hatte mit allen Verliebten ein naturliches Mitleiden; und weil mich meine Freundin glauben machte, ihr Umgang mit besagtem Edelmann sey ganz ehrbar und unschuldig; so verstattete ich ihnen, ohne groses Bedenken, bey mir die verlangte Zusammenkunft; ich hatte aber bald Ursach, diese Gefalligkeit zu bereuen.
Der Liebhaber erschien: er machte meiner Gespielin ein Compliment, das nicht in den Regeln ihres Ordens war. Er fiel ihr um den Hals und kuste sie, ohne dass sie sich im geringsten dargegen setzte. Diese Freyheit missfiel mir; noch mehr aber, da der junge Ritter auch an mich kam, und mir gleiche Hoflichkeiten erweisen wolte: was ist dann das fur ein Engel? sagte er, indem er mit ausgespannten Armen auf mich zueilte, und seine Bekanntschaft mit mir auf eine so vertrauliche Art anfangen wolte. Ich zitterte daruber von Schaam und Zorn, und stiess ihn verachtlich zuruck. Ha, ha, fieng er daruber lachend an, sie ist noch in ihrem Novitiat, sie wird schon zahmer werden. Hiermit gieng er wieder auf meine Gespielin los, und suchte sich meiner Verachtung halber an ihr zu rachen; sie machten sich einander die unverschamteste Liebkosungen: weder ihre Reden, noch ihre Gebehrden schienen mir ertraglich zu seyn: ich ermahnte sie deshalben, diejenige Zucht und Ehrerbietung, die sie mir schuldig waren, nicht aus den Augen zu setzen; oder ich wurde mich daruber bey der Priorin beschweren.
Meine geistliche Schwester fiel mir darauf mit vielen Schmeicheleyen um den Hals, sie bat mich, es nicht ubel zu nehmen, noch vielweniger sie zu verrathen; sie ware, sagte sie, bereits, ehe sie ins Closter gekommen war, mit diesem Edelmann versprochen gewesen: man hatte sie gezwungen, geistlich zu werden: sie konte aber deswegen ihr Herz so leicht nicht wieder zuruck nehmen; nachdem sie solches einmahl diesem Edelmann geschenket hatte: sie war es nicht allein, setzte sie hinzu, die in diesem Closter dergleichen Liebes-Verstandnusse noch unterhielt; und ich wurde mir die meiste Schwestern zu Feindinnen machen, wenn ich davon eine Verratherin abgeben wolte.
Dieses machte mir einen volligen Abscheu vor dem Closter-Leben; dann ich muss ihnen mit eben der Sffenherzigkeit, damit ich ihnen meine Schwachheit entdeckte, auch zugleich bekennen, dass ich von Herzen alles dasjenige hasse, und verabscheue, was die Ehre und ein gutes Gewissen verletzet.
Ich erzehlte diese Begebenheit den andern Tag meiner Mutter: ich sagte ihr, dass der Herr von Riesenburg auf unserer Reise hieher, wohl Recht gehabt hatte, die Sitten der Ordens-Geistlichen in den Clostern uns verdachtig vorzumahlen, und mich deswegen von einem solchen Leben abzuhalten; ich bat sie darum mit Thranen, mich nicht wieder ins Closter zu schicken; sondern mich so lang wieder zu sich zu nehmen, bis wir von dem Herrn von Riesenburg wurden Nachricht erhalten haben; da ich hernach zu ihrer Schwester der Grafin von Iserlo mich begeben wolte. Meine Mutter bewilligte solches.
Wir sandten einen Boten nach Austrasien: dieser war kaum abgefertiget, so kam mein Bruder nach Monaco; er bezeigte sich dismahl, wider seine Gewohnheit, sowohl gegen mich, als meine Mutter sehr freundlich. Wir sagten ihm dem ungeachtet nichts von unserm Vorhaben; allein, der Boswicht wuste mehr als wir; er hatte seine Spionen in Monaco, und lies alle Briefe von dem Herrn von Riesenburg, die an mich gestellet waren, auffangen, dadurch ihm also unser ganzes Geheimnus offenbahr wurde. Er war von Natur eines rauhen und wilden Ansehens; er durfte sich also nicht verstellen, wenn er etwas Boses im Sinn hatte.
Den andern Abend, als er bey uns angekommen war, nothigte er mich, mit ihm ein seiner Gutschen nach der Kirche, und von da ein wenig spatzieren zu fahren. Ich lies mir solches gefallen. Wir waren kaum eine halbe Stunde von der Stadt, so wurden durch seinen Vor-Reuter, der unserer wartete, noch vier Pferde vorgespannt.
So bald ich seine Absicht merkte, verlohr ich alle Empfindung: ich hatte weder mein Cammer-Magdgen, noch einen Diener mitgenommen: ich schien von GOtt und Menschen verlassen. Mein Bruder war ein Barbar, er wuste nichts von Mitleiden und Gute.
Der Zustand, worinn ich war, hatte auch den wildesten Menschen geruhret, er aber blieb unbeweglich. Ich kam wieder zu mir selbst. Wo wolt ihr mit mir hin, grausamer Bruder! fragte ich ihn. Er sagte mir, er wolte mich mit auf seine Herrschaft nehmen, weil er erfahren hatte, dass meine Mutter an statt des mit ihm geschlossenen Vergleichs, mich mit einem Ketzer verheyrathen wolte. Ich mogte bitten, flehen, weinen, wehklagen und die Hande ringen: es half alles nichts, ich muste mit ihm fort.
Wir kamen mit anbrechendem Tag auf ein altes Berg-Schloss, welches ihm zugehorte: hier nahm er mich aus der Gutsche: Schwester! sagte er zu mir, ich geb euch hier vierzehen Tage Zeit, euch zu besinnen, ob ihr euer Leben in diesen verfallenen Gemauern oder in einem Closter, welches ich euch selbst zu wehlen die Freyheit lasse, hinbringen wollet. Er ubergab mich darauf seinem Verwalter, und sagte, dass sein Leben darauf stunde, mich wohl zu verwahren. Mit diesen Worten verlies er mich, und reiste weiter nach seinem Wohn-Sitz, welcher nur eine Stunde Wegs von dannen lag.
Ich konte vor abscheulicher Besturzung kein Wort reden: ich sah mich unter den Handen eines Mannes und einer Frauen, welche alle Merkmahle zeigten, dass sie der bose Feind zusammen gebracht hatte, um durch sie, mit vereinigtem Nachdruck, desto mehr ubels zu thun. Sie brachten mich unten zur Erden in ein Zimmer, welches mehr einem dunkelen Gefangnus, als einem Schlaf-Gemach ahnlich sah. Es hatte nur ein kleines Fenster, welches von aussen mit einem eisernen Gegitter, inwendig aber mit gelb verrauchten Papier, an statt der Glas-Scheiben verwahret war. Ein Bett, mit einer alten Matrazze, solte mir darinn zum Lager dienen. Ich fand hier weder Leinwand noch Nacht-Kleider. Alles war unrein und modericht. Man brachte mir zum Fruh-Stuck eine Suppe von warmer Milch, mit dicken Brod-Brocken: ich ase davon, aus Furcht, ich mochte das Ansehen haben, als wolte ich an der gottlichen Hulfe verzweiflen, und mich selbst ums Leben bringen.
Wie dachte ich hier bey mir selbst, ist Liebe Sunde? so hab ich noch mehr verdienet; dann ich habe Riesenburg allzulieb, ich lieb ihn, aber tugendhaft, und so, wie man mir gesagt, dass es in der Ordnung GOttes war, einen Menschen zu lieben. Wie soll ich mich in diesen Umstanden trosten? ich bin jung, unschuldig, einfaltig und ohne Erfahrung; und GOtt setzet mich auf eine so grausame Probe? doch, kommt mir solche von ihm, so muss ich seinen Willen anbeten und leiden. Es wird ihme ein leichtes seyn, mich zu retten. Ich fand mich durch diese Vorstellung ziemlich beruhiget.
Ich hatte die vorige Nacht nicht geschlafen: ich war vom Schrecken dermassen geruhret worden, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konte: ich sank vor Mattigkeit auf das Bette nieder, meine LebensGeister schienen sich zu trennen: ich wolte schlafen; allein, da ich das Bett betrachtete, sties mich ein unuberwindlicher Eckel an: ich machte mich so stark ich konte, und rief der Verwalterin, ich bat sie, fur mich die Barmherzigkeit zu haben, und mir ein sauberes Bett-Tuch zu geben: sie brachte mir eines, das aber sehr grob war. Diese erste Hulfe trostete mich ein wenig: ich hatte unter weges meine Jubelen aus den Ohren, und von meinem Halse abgethan, und hatte auch zu gutem Gluck etwas weniges von Gelde bey mir. Gehet doch, meine liebe Frau, sagte ich zu dem abscheulichen Gesicht, und lasset mir auch in dem nahgelegenen Markflecken, eine neue Kolder kauffen, um mich damit zu decken: hier habt ihr Geld: dieser Dienst soll euch von meiner Mutter wohl belohnet werden. Behaltet nur euer Geld; fuhr das verwildete Weib heraus, ich darf euch nichts holen; es sey dann, dass solches der gnadige Herr erlaubt. Nun, gute Mutter, sagt ich mit einer schier heiligen Gelassenheit, so gehet dann, und bittet ihn desswegen fur mich. Sie gieng hin, und kam nach ein paar Stunden wieder, und brachte mir eine saubere Decke; damit war ich zufrieden: Ich legte meinen Kopf-Putz ab, umschlung meine Haare mit meinem Schnupftuch, zog meinen Reif-Rock aus, und wickelte mich mit samt meinen ubrigen Kleidern in das leinen Tuch; die Decke aber, weil es noch des Tages uber ziemlich warm war, legte ich uber meine Fusse.
Es moderte alles: ich fuhlte solche Unkraften, dass ich mir einbildete, ich legte mich hier lebendig ins Grab; ich glaubte nicht anders, als GOtt wurde mich hier auflosen, oder mich durch ein Wunder retten; ich suchte mich deswegen nur recht in eine solche Verfassung des Gemuths zu bringen, damit ich seinem Willen beydes heimstellen mogte. Ich nahm im Geist von meinem geliebten Riesenburg und von meiner Mutter Abschied. Die Augen fielen mir daruber zu: Ich that nichts als beten, und also war ich eingeschlafen.
Wer solte denken, dass mein Geist bey solchen Leidenschafften einiger Ruhe ware fahig gewesen? Ich hatte nicht nur einen sanften Schlaf, sondern erwachte auch nicht eher als den andern Tag. Mein Bruder erschien mir gegen Morgen im Traum: Er bedrohete mich, mir einen Dolch, den er in der Hand hielt, ins Herz zu stossen; indem aber sah ich ihn mit einem erblassten Angesicht und mit halb geschlossnen Augen, ganz im Blute vor mir liegen. Ich fuhr uber dieses schreckhafte Traum-Bild dermassen auf, dass ich erwachte. Als ich die Augen ofnete, stund ein Bedienter von meinem Bruder mit einem Magdgen vor mir.
Gnadige Fraulein, redete mich der Diener an: Ich habe hier ein kleines Fuhrwerk mit einem Pferd gemiethet: Ihr Herr Bruder ist verreiset: Ich habe dem Verwalter und seiner Frauen gesagt, ich hatte Befehl, sie nach den Minoriten zu bringen. Sie machen sich deshalben hurtig auf, ich wag es dieselbe in Freyheit zu setzen. Als die Verwalterin hierauf in das Zimmer kam, redete dieser Mensch hart und etwas unehrerbietig mit mir, damit sie keinen Verdacht auf ihn werfen mogte.
Ich hatte ganz keinen Anstand, diesem Menschen mich anzuvertrauen; Er war mit in Monaco gewesen, und schien mit Verdruss einem so wilden Herrn, wie mein Bruder war, zu dienen. Ich glaubte, GOtt hatte ihn mir zu meiner Rettung zugesandt. Ich kleidete mich also an, und setzte mich zu dem Weibs-Bild auf die Schase. Wir fuhren in moglichster Geschwindigkeit bis auf die nechste Post: Der Diener hatte die Vorsichtigkeit gehabt, und solche voraus bestellen lassen. Wir fanden also die Pferde schon auf uns warten.
Der Diener und das Magden erzehlten mir unterwegs das argerliche und gottlose Leben meines Bruders: Sie sagten, dass er mit drey von seinen Leuten diesen Morgen nach den Granzen von Austrasien verreiset war, und vor drey Tagen schwerlich wiederkommen durfte: Sie hatten sich deswegen seine Abwesenheit zu Nutz machen wollen, um sich aus den Handen eines solchen Unmenschen zu retten. Sie fragten mich darauf, wo ich wolte, dass sie mich hinbringen solten? Ich meynte nach Monaco zu meiner Frau Mutter; Der Diener aber widerrieth solches; weil ich daselbst meinem Bruder am ersten wieder in die Hande gerathen wurde. Sie mussen sich gnadige Fraulein, sprach derselbe, an einen ganz fremden und unbekanten Ort begeben; massen ihr Herr Bruder alles in der Welt thun wird, sie auszuforschen und wieder in seine Gewalt zu bekommen. Das Magdgen gab mir darauf folgenden Anschlag.
Ich habe, fieng sie an, ehedessen bey einer Herrschaft gedienet, wo eine Magd aus Vandalien war: diese erzehlte mir vieles von einem neu angelegten Ort, nechst an dem Hercynischen Wald, wo viele ihrer Befreundten sich hatten niedergelassen, die des Glaubens halber aus ihrem Land waren vertrieben worden. Dieser Ort hiess Christianopel, und seye eine Zuflucht fur alle Fremde, die sich eines ehrbaren, frommen Lebens beflissen. Ihr sey unterdessen der Dienst bey dem Freyherrn von Thurris als sehr eintraglich angetragen worden, sie war aber noch keinen Monath als Beschlieserin in diesem gottlosen Hause gewesen, so hatte sie um alles Gut und Geld darinn nicht langer verbleiben mogen. Der gegenwartige Bediente hatte sich dabey an sie gemacht, um mit ihr in verbottener Liebe zuzuhalten: sie hatte ihm aber ins Gewissen geredt, und durch die Vorstellung des ganz abscheulichen Lebens, das sowohl der Herr als das Gesind in der grosten Sicherheit fuhrten, ihn so weit gebracht, dass er sie nach Christianopel zu bringen versprochen hatte, wo sie sich einander heyrathen wolten. Weil sie nun bey diesem Vorfall zugleich mir einen wichtigen Dienst zu leisten hoften, so hatten sie keinen Anstand gehabt, solches in GOttes Namen zu wagen.
Ich konte mich auf diese Reden so gleich nicht entschliessen, was ich thun solte. Die Vorstellung, meine liebe Mutter, in der sie meinetwegen betroffenen grosen Bekummernus, zu verlassen, schien mir ganz nicht mit meiner Schuldigkeit uberein zu stimmen; wenn ich aber darbey die grose Gefahr mir vor Augen stellte, worinn ich sie und mich von neuem sturzen wurde, wenn ich wieder nach Monaco zuruck kehren solte; so fand ich fur rathsamer, mich zuvor in Sicherheit zu bringen, und hernach an dieselbige zu schreiben.
Ich entschloss mich also meinen Fuhrern zu folgen: sie brachten mich an diesen mir so sehr gepriesenen Ort: ich fand hieselbst, was ich suchte, und mehr als ich jemahls hoffen konte. Ihre Durchleucht, der Furst und die Furstin, empfiengen mich, nachdem ich ihnen meine Begebenheiten erzehlet, mit solcher Leutseligkeit und Liebe, dass ich solches in meinem ganzen Leben mit zulanglicher Dankbarkeit nicht zu erkennen weiss. Ich hatte darauf das unverdiente Gluck, dass mir meine gnadigste Prinzessin ihre besondere Gewogenheit schenkte, dadurch sie mein ganzes Herz mit solchen zartlichen Banden an sich verknupfet hat, dass ich nunmehr bey aller meiner zu hoffenden Gluckseligkeit doch niemahl recht ruhig seyn werde, wenn ich von ihr entfernet leben muss.
Die Prinzessin kusste hier die schone Mariane, zum Zeichen ihrer herzlichen Liebe; welche ihrer Erzehlung noch dieses hinzu fugte, dass sie sich bishero vergeblich nach dem Herrn von Riesenburg hatte erkundigen lassen; weil vermuthlich dessen Herr Vater, der ihrer beyder Heyrath nicht gern sahe, die Briefe muste unterschlagen haben. Sie war auch so bald nicht hier angekommen, so hatte sie ihrer Frau Mutter, wie auch der Grafin von Iserlo, ihrer Base, von allem, was ihr begegnet war, ausfuhrliche Nachricht gegeben; und dargegen von ihrer Frau Mutter den traurigen Tod ihres Bruders vernommen: sie hatte die arme Seel dieses unglucklichen Menschen beweinet, zugleich aber auch die Gerechtigkeit GOttes bey diesem Zufall bewundert: Ihr Schwager sey darauf mit ihrer Schwester der Mutter ins Haus gefallen, und habe alles darinn unter Siegel legen lassen; dabey sie ihr dermassen ubel begegnet waren, dass diese vor Gram und Prast kurz darauf den Geist aufgegeben hatte. Ihre Schwester habe sich sogleich in den Besitz aller Guter gesetzt, und sowohl den Hof als die Geistlichkeit auf ihre Seiten gebracht: weil sie vorgeben, sie sey von ihrer Religion abgefallen. Wo sich also Ihro HochFurstlichen Durchleucht, der Prinzessin Herr Vater, nicht eher annehme, so wurde sie wenig von der reichen Hinterlassenschaft der Ihrigen zu hoffen haben.
Nach dieser Erzehlung stund die Prinzessin auf, und indem sie dem Grafen die Hand bot, um nach der Burg sich zuruck zu begeben, fragte sie ihn unterwegs, wie es doch komme, dass man den Herrn von Riesenburg nicht auf der Verzeichnus des Aquitanischen Hofs fand? Es ist noch nicht lang, antwortete der Graf, dass dieser Herr sich bey Hofe aufhalt, an welchem er nicht anders als unter dem Namen eines Marggrafen von Luccaille bekant ist. Ich habe, versetzte die Fraulein von Thurris, ihm auch unter diesem Namen zugeschrieben, und dem ungeacht, nie keine Antwort erlangen konnen. Ich kan meine schone Fraulein versichern, dass er nicht die geringste Nachricht von ihnen hat erhalten; und stehet deswegen ganz sicher zu vermuthen, dass sowohl ihre Briefe an ihn, als seine an sie, von dessen Herrn Vater seyen aufgefangen worden: welches er, als Befehlshaber von Austrasien, durch welche Provinz alle Briefe von hier nach Panopolis lauffen mussen, um so viel leichter hat thun konnen.
Unter diesen Gesprachen kam die Prinzessin bis an ihr Zimmer, wo sich der Graf von ihr beurlaubte, und sich nach den Seinigen verfugte. Er fand unter andern vornehmen Herren, die dahin gekommen waren, ihm die Aufwartung zu machen, auch den Herrn von Guldenblech. Dieser hatte unterdessen, dass sein vermeynter Arzt sich in einen Grafen verwandelt, zu Argilia die angenehme Nachricht bekommen, dass nach gemachter. Inventur seiner Habseligkeiten und Abzuge seiner Schulden, ihm noch wohl dreysig tausend Thaler heraus kommen durften; womit er und die Seinigen einen stattlichen Grund zu einer neuern und bessern Haushaltung zu legen Hofnung hatte: Der Graf wunschte ihm darzu von Herzen Gluck: und empfieng dargegen von demselben die lebhafteste Danksagung fur die an ihm erwiesene gluckliche Chur.
Es war denselben Tag ein groses Fest bey Hofe: alles erschien daran im besten Aufputz. Die Furstliche Tafel war mit vier und zwanzig, und die MarschalsTafel mit mehr als dreyssig Personen besetzt: Man horte dabey die schonste Music: Die Speisen, die Geschirre, die Bedienung, alles war prachtig, schon und wohl ausgesonnen: Man hatte die niedlichste Speisen und die herrlichste Getranke; allein, man nothigte niemand, davon mehr zu geniesen, als er selbsten wolte. Der Graf, welcher die unmassige Art, Tafel zu halten, schon ehedessen auf seinen Reisen an verschiedenen Hofen beobachtet hatte, vergass nicht, in dieser Sache die vernunftige Auffuhrung des Argilischen Hofes zu preisen. Der Furst antwortete ihm darauf, dass ihm jederzeit nichts unsinniger war vorgekommen, als wenn er hatte sehen mussen, dass die Menschen in solchen Dingen eine Lust suchten, wo doch die Empfindung der Lust aufhorte; und im Gegentheil die Empfindung der Schmertzen anfieng: Er hielt solches fur einen ganz unerforschlichen Grund des menschlichen Verderbens, dass sie lieber die abscheulichste Laster begiengen und dadurch ihr Leben elendig machten, als durch die Beobachtung der einfaltigsten Tugend ihre Gluckseligkeit beforderten.
Was ihn und seine Leute betraffe, fugte er hinzu, so waren sie allesamt darauf beflissen, als vernunftige Menschen und als Christen zu leben, denen alle und jede Gattungen von Unmassigkeit verbotten waren; und stunden sie dissfalls sowohl, als die geringste Einwohner dieses Orts, unter ihrer allgemeinen KirchenZucht; welche nicht allein die grobe Verbrechen, sondern auch die Sitten, so der Ehrbarkeit und dem Christenthum zuwider waren, zu ahnden pflegte. Dieses gab dem Grafen Anlass, den Fursten zu fragen, wie es dann in dieser neuen Gemeine, in Ansehung des Ehestands, gehalten wurde.
Es darf bey uns, berichtete hierauf der Furst, nicht ein jedes nach eignem Gutdunken heyrathen: Wir betrachten den Ehestand, als eine Sache, daran dem gemeinen Besten am meisten gelegen ist: Wir wissen, dass daraus viel Boses entstehen kan, wenn er nicht nach den Absichten der Gottlichen Einsetzung gefuhret wird. Wir halten die damit verknupfte Haushaltung und Kinder-Zucht fur die sicherste Mittel, vernunftige Menschen, redliche Burger und gute Christen zu ziehen. Wer sich also bey uns in den Ehstand begeben will, der wird angesehen als ein Mensch, der ein Ehren-Ammt verlanget: Man untersucht, ob er auch die darzu erforderliche Tugenden und Eigenschafften habe: Diese bestehen in einem gesunden Leib, in einem ehrbaren Christlichen Wandel, in einem zulanglichen Verstand, ein Hauswesen mit Weib, Kindern und Gesind wohl zu regieren, und in einer gewissen Handthierung, sie ehrlich zu ernahren.
Wenn demnach ein Freyer seine Neigung auf eine Person geworfen hat, und sie beyde des Handels einig sind; so mussen sie zuvor, ehe sie mit einander offentlich getrauet werden, bey den vier zu den Eh-Sachen besonders verordneten Aeltesten der Gemeine sich melden. Dieses sind weise, und sowohl in Gottes Wort als gemeinen Rechten, wohl erfahrne Manner, welche diejenige Personen, die gesonnen sind, sich in den Stand der Eh zu begeben, nach allen Umstanden des Leibes und des Gemuths, als auch ihrer zeitlichen Nahrungs-Geschaften, genau untersuchen, ob sie auch also fur einander sich schicken, dass von ihnen eine gute, friedliche und erbauliche Ehe zu hoffen sey? Wo nicht, so werden sie mit ihrem Vorhaben entweder ganz, oder bis auf eine gewisse Zeit, darinn sie die an ihnen gefundene Mangel verbessern konnen, abgewiesen.
Wie Wir nun besorget sind, allen bosen Ehen, so viel als wir konnen, durch obgemeldte Anstalten, vorzubauen; so sehr sind wir auch darauf bedacht, die zwischen Eh-Leuten aus Missverstand, oder Gebrechen, eingerissene Zwietracht und Uneinigkeit zu heben. Hier gibt es nun leider auch unter uns, wegen der allen Menschen anklebenden Schwachheiten und Mangeln, noch viel zu thun. Allein, die gluckliche Einrichtung und allgemeine nachbarliche Vertraglichkeit unserer Einwohner schlichtet dergleichen Misshellichkeiten, ohne dass man es viel gewahr wird. Kommt es damit zu offentlichen Ausbruchen und Aergernissen, so werden sie vor das Eh-Gericht, welches aus den vier obigen Aeltesten bestehet, gefordert, und gestalten Umstanden nach, wenn sie nicht in der Gute sich, vergleichen wollen, zu Tisch und Bett geschieden; In welchem Fall ihnen eine besondere Ordnung wegen der Theilung ihrer Guter, wegen der Auferziehung ihrer Kinder, und wegen ihrer ganzen LebensArt, zu beobachten vorgeschrieben wird.
Es ereignen sich auch wohl gewisse Falle und Umstande, da zwey beeintrachtigte Eh-Gatten ganzlich, als waren sie nie getraut gewesen, von einander geschieden werden; Diese Ursachen aber mussen uberaus erheblich und wichtig seyn; Wie wir dann von einer solchen Eh-Scheidung ungefahr vor einem Jahr das erste Exempel hie erlebet haben.
Wir halten im ubrigen scharf auf Zucht und Ordnung; und weil wir grobe Verbrechen hier gar nicht dulden, so suchen wir solchen durch eine gute Auferziehung der Jugend, und durch ein vernunftiges friedliches Betragen der Ehleuten, so viel als moglich ist, vorzubauen. Wir halten dafur, dass es nicht nur fur Ehleute selbst ein groses Ungluck sey, wenn sie ubel miteinander leben; sondern dass der Wohlstand des gemeinen Wesens gleichfalls mit darunter leide; weil derselbe sich auf eine gute Haushaltung der Verehlichten grundet.
Der Graf bewunderte diese kluge Anstalten, welche der Furst, wie er sagte, nur zur Probe einer Moglichkeit entworfen hatte, um damit ein Exempel zu geben, wie noch viele Sachen in dem gemeinen Wesen, zur Befolgung der Gottlichen Absichten, und zur Gluckseligkeit der Menschen in diesem Leben konten verbessert werden; wo anders unsere Vorurtheile nicht zu stark waren, und sich bey den Menschen mehr aufrichtiger Eifer zum Guten fande.
Der Graf antwortete hierauf, dass zur Verbesserung der Zeiten und der Menschen zuforderst ein allgemeiner Friede in der Christenheit zum Grund muste geleget werden; in Ansehung, dass es mit der innern Verfassung eines Staats zu keinem ruhigen Bestand kommen konte, so lange man noch immer die Waffen in Handen haben muste, um sich gegen auswartiger Gewalt zu schutzen! Nach der Tafel unterhielt sich der Furst ins geheime mit dem Grafen, und verlangte von ihm zu wissen, wie und auf was Weise er dafur hielt, dass ein allgemeiner Friede in Europa aufzurichten war. Der Graf erklarte sich hierauf, dass dieses unter andern ein Geschafte sey, welches ihn, nebst der Begierde, einem so grosen und weisen Fursten personlich aufzuwarten, an seinen Hof gezogen hatte. Er fur sich hielt die Sache nicht fur ganz unmoglich; wenn nur einige der machtigsten Fursten und Staaten zusammen tretten, und die Sache in reiffe Uberlegung ziehen wolten; Dann, es ware gewiss, dass der Krieg den wenigsten noch sey vortheilhaft gewesen, und stund daher zu vermuthen, dass ihnen allen der Friede lieber seyn wurde.
Der Graf uberreichte hierauf dem Fursten seinen hieruber gemachten Plan, davon der Haupt-Inhalt am Ende dieses Werks wird zu finden seyn.
Der Graf meynte, die Teutonische Fursten solten unter sich den Anfang von einem solchen Bundnus machen, weil sie bey ereignenden Fallen, wenn ihre benachbarte Konige zu machtig werden solten, am ersten durften mit untergesteckt werden. Er rieth ihnen deshalben, sich auf das genaueste mit den Licatischen, Virinischen, Cimbrinischen und Scandinavischen Hofen zu verbinden; in welchem Fall er gleichfalls die Sachen an dem Aquitanischen Hof dahin zu bringen hofte, dass sein Konig, als einer der Machtigsten, diese Bundnus mit eingehen und solche aufs beste unterstuzen solte; da sie sodann ganz Europa das Gewichte geben und andere Volker in solche Umstande setzen konten, dass sie froh seyn musten, wenn man auch sie in dieses Bundnus mit einschliesen wolte.
Der Furst, als er diesen Plan des Grafens mit vielem Nachsinnen durchgangen hatte, sagte er zu demselben, seine Vorschlage waren gut; allein, es stunden solchen gantz unuberwindliche Hindernisse im Weg, die er schwerlich wurde heben konnen: Ich meyne, erklarte sich der Furst, die Menschen selbst. Diese widerstreben, aus einer unerforschlichen Quelle des Verderbens, ihrem eignen Wohlseyn, und sturzen sich gleichsam vorsetzlich ins Verderben.
Ich will ihnen aber, Herr Graf, fuhr der Furst fort, unterdessen zeigen, dass ich sie liebe und ihre Rathschlage hoch schatze: Der Furst von Calesia, als das Haupt unsers Hauses, ist einer der machtigsten Fursten des Teutonischen Reiches: Er kan, im Fall der Noth, uber sechszehen tausend Mann ins Feld stellen: Er hegt viele Freundschaft fur mich, und lasst sich ofters auch meine gutmeynende Rathschlage gefallen. Ich will ihn, und unsere andere durchs Blut oder ErbVerbruderung verwandte Fursten-Hauser, zu einem solchen Bundnus, als sie vorschlagen, zu bereden suchen; und dann wird es auf den Herrn Grafen ankommen, uns den Schutz und die Verbindung ihres Hofes zu wegen zu bringen.
Es ereignet sich hierzu, atwortete der Graf, eine ganz erwunschte Gelegenheit. So lange mein Konig nicht vermahlet und das Konigliche Haus nicht mit rechtmassigen Cron-Erben besetzet ist; lasset sich mit uns kein festes Bundnus schliesen: denn wir haben in unserm Reich, wo der Konig, ohne Leibes-Erben zu hinterlassen, mit Tod abgehen solte, nichts als Verwirrung und innerliche Kriege zu gewarten. Meine Absichten gehen also vornehmlich da hinaus, um meinem Konig eine wurdige Gemahlin, aus einem alten Fursten-Haus zu suchen: Man hat mir vieles von Dero Durchleuchtigsten altesten Prinzessin-Tochter gesagt; Ich habe aber noch mehr furtrefliche Eigenschaften an derselben entdecket, als der Ruhm von ihr ausgebreitet hatte. Mich dunket, sie solte sich nicht ubel fur unsere Konigin schicken. Durch dieses Mittel konten Ew. Durchl. nicht nur Dero Hohes Haus zusamt den Hofen Dero Durchleuchtigsten Anverwandten mit dem Unsrigen verbinden; sondern auch dadurch zur Beforderung der allgemeinen Ruh in Europa nicht wenig mit beytragen.
Ihr Vortrag, Herr Graf, erklarte sich darauf der Furst, betrift ein sehr wichtiges Geschaft: es kommen dabey viele Umstande zu betrachten vor: ich muss ihnen frey bekennen, ich liebe meine alteste Tochter sehr; ich mogte sie nicht gern zu einem gewohnlichen Staats-Opfer machen: Ich wurde sie fur glucklicher halten, sie an einen vermogenden Fursten oder Reichs-Grafen, als an einen so machtigen Konig vermahlt zu sehen.
Ich will aber diese Zartlichkeit bey Seite setzen, wenn sich eine besondere Absicht der gottlichen Vorsehung hierinnen aussern solte; man hat mir sonsten gesagt, der Konig liebte eine gewisse Grafin, die eine nahe Verwandtin des Obristen Staats-Ministers war, und dass der Konig sie zu heyrathen gedachte: es durfte also mein Kind schwerlich so viele Annehmlichkeiten besitzen, demselben eine galante Aquitanerin aus dem Sinn zu bringen.
Es ist wahr, sagte hierauf der Graf, dass der Konig diese Dame geliebet. Man hat ihm aber die Vermahlung mit derselben wiederrathen; sie selbst liebet mehr die Einsamkeit, als den Hof; sie lebet auf einem ihrer Meyerhofen ganz still und eingezogen bey ihrer Frau Mutter.
Sie soll sehr schon seyn, sagte hierauf der Furst, und durfte also der zukunftigen Konigin ohnfehlbar Eintrag thun, wenn sie wieder nach Hof kommen solte. So schon sie auch immer ist, antwortete der Graf, so wird sie doch den Vorzug Ew. Durchl. Prinzessin-Tochter auf keine Weise strittig machen. Sie kennen, Herr Graf, warf der Furst lacheld ein, diese Dame sehr genau. Der Graf errothete uber diese Anmerkung des Furstens, mein Konig, sagte er, hat sich seit einem Jahr her sehr geandert; er ist der gutigste und leutseligste Monarch; er lebt nun als ein weiser Furst; er hat die besten Absichten von der Welt. Nur fehlet es ihm noch an einer tugendhaften Gemahlin, welche dessen gute Neigungen unterhalten, und sein Herz allein mit ihren Tugenden und Annehmlichkeiten ausfullen konte. Ich suche, gnadigster Furst, eine solche Gemahlin fur meinen Konig: ich habe kein grosseres Anliegen in der Welt, als dieses: ich finde darzu die wurdigste Schonheit in der Person Ew. Durchl. altesten Prinzessin. Ich hoffe dieses hohe Bundnus unter gottlichem Beystand moglich zu machen, wo anders Ew. Durchl. darein willigen, und die Veranstaltungen, die ich zu machen vorhabens bin, gnadigst gutheisen wollen.
Meine Tochter, erwehnte der Furst, ist in einer andern Religion erzogen, und wird sich nimmermehr entschliessen, die bisher erkannte Einfalt des Christlichen Glaubens, gegen einen fremden Gottesdienst zu verwechseln. Dieses wird auch nicht nothig seyn, antwortete der Graf, denn wir sind an unserm Hof weder zum Aberglauben, noch zur Religions-Verfolgung geneigt; Viele Grossen bey uns sind Glaubens-Genossen von Ew. Hochfurstl. Durchl. und geniessen einer vollkommenen Gewissens-Freyheit.
Es ist Ew. Hochfurstl. Durchl. nicht unmoglich gewesen, fuhr der Graf fort, einen solchen Ort aufzurichten, wo die Unschuld, die Tugend und die Frommigkeit herrschet: es ist leichter, etwas nachzumachen, als anzugeben. Wir werden uns also in Aquitanien die Ehre der Nachahmung vorbehalten. Wenn wir nur in einer jeden Provinz eine solche Gemeine, nach so weisen und vernunftigen Gesetzen aufrichten konten; so war kein Zweifel, das ganze Konigreich wurde dadurch, als von so viel neuen Lichtern durchstrahlet werden.
Ihre Gedanken, Herr Graf sind gut, sie reden, wie sie es gerne hatten. Wir mussen das unsrige thun und unsern Posten wahrnehmen: die Welt mag davon urtheilen, wie sie will; sie ist durchgehends bose, und kan das Gute nicht vertragen: wir konnen nicht mehr thun, als GOTT uns Krafte gibt. Wir sind wie die Taglohner, die auf den Befehl des Herrn bald niederreissen, bald bauen, bald pflanzen, bald ausrotten; ja ofters so leicht etwas verderben, als gut machen.
Die folgende Tage brachte der Graf mit dem Fursten in allerhand Berathschlagungen zu, welche die Vermahlung des Konigs von Aquitanien mit der Princessin von Argilia betraffen. Des Grafens Meynung gieng dahin; die Furstin solte mit der Prinzessin sich nach den Aquitanischen Badern verfugen; er wolte so dann auch seinen Konig zu bereden suchen, um dieselbe Zeit sich gleichfals da einzufinden; da sich dann das ubrige schon zeigen wurde. Der Furst lies sich diesen Vorschlag gefallen, doch bat er den Grafen, der Prinzessin von diesem Vorhaben noch nichts zu sagen.
Der Graf gieng einige Tage darauf wieder in den Garten spatzieren; er hatte vernommen, dass die Prinzessin mit der Fraulein von Thurris sich dahin verfuget hatten. Er suchte sie in der Einode; als er sie aber daselbst nicht fand, setzte er seinen Fuss weiter fort, und kam in eine lange Allee, deren Wande von geschnittenen Buchen nicht anders als ein glatter gruner Stoff anzusehen war; einige Bedienten von der Prinzessin, die er hier antraf, wiesen ihm dem Ort, wo sich solche aufhielt: sie war in einem kleinen Portal, welches auf einen breiten Teich sties, und von hinten mit einem Gebusch bedecket war. Ein kurz geschorener Wasen leitete bis dahin, und lief um den ganzen Teich mit zierlichen Abschnitten und Erhohungen herum. Man konte einen auf diesem Gras-Weg im Portal nicht eher sehen, als bis man wircklich davor stund.
Der Graf, als er noch ungefehr vier Schritt davon entfernet war, horte die Prinzessin diese Worte sagen: Aber, liebste Mariane: er ist kein Reichs-Graf, und darzu eines andern Glaubens. Die Fraulein von Thurris wolte eben darauf antworten, weil es aber der Graf fur etwas unanstandiges hielt, sie zu belauren, so gieng er ohn verweilen auf sie zu. Die Prinzessin, die ihn nicht so nah vermuthet hatte, konte ihre Besturzung uber seine Ankunft nicht bergen; sie wuste nicht gleich, was sie auf seine Hoflichkeiten ihm antworten solte; sie giengen darauf mit einander spatzieren.
Ihr Gesprach war von Seiten der Prinzessin ganz furchtsam, sie redete nur von gleichgultigen Dingen: ihre Augen sahen ihn dabey mit einer gewissen Schamhaftigkeit an, die ihm so viel zu verstehen gab, als ob sie glaubte, dass er etwas von ihren Reden im Portal vernommen hatte.
Die Fraulein von Thurris, als sie von dem Grafen Abschied nahm, sagte ihm heimlich ins Ohr: er mochte morgen vor der Tafel sie besuchen kommen; der Graf stellte sich um die bestimte Zeit bey ihr ein. Es ist billig, Herr Graf, sprach sie zu ihm, dass ich auch etwas von ihren Geheimnussen wisse, nachdem sie alle die meinigen erfahren haben. Die genaue Freundschaft zwischen ihnen und meinem geliebten Riesenburg giebt mir einen Antheil an Dero Vergnugen, und ein Recht, mich nach Dero Zustand ein wenig zu erkundigen. Die Fraulein fragte ihn hierauf wegen seines Herkommen, und ob er an dem Aquitanischen Hofe zu bleiben gedachte. Der Graf unterrichtete sie wegen des ersten; wegen des andern aber, sagte er, dass es nicht bey ihm stunde, einen Konig zu verlassen, der ihm die groste Gnade und ein ganz besonderes Vertrauen bezeigte.
Die Fraulein forschte darauf weiter, ob er nie geliebet hatte? Der Graf lachelte uber diese Frage, und wolte mit der Sprache nicht heraus. Sie werden wohl, fuhr die Fraulein fort, ein Herze haben wie andere Menschen auch, und wo ich mich nicht irre, so lieben sie, und machen aus dieser Neigung ein Geheimnus: es mochte wohl seyn, erklarte sich der Graf halb im Scherz: wie gefallet ihnen denn unsere alteste Prinzessin, fragte jene weiter: konten sie solche nicht lieben? Es mussen sich, fur dieselbe, erklarte sich der Graf, alle meine Neigungen in der tiefsten Ehrerbietung versenken. Sie sind, Herr Graf, nicht offenherzig mit mir, lies sich hierauf die Fraulein vernehmen. Riesenburg muss ihnen von mir nicht so viel. Gutes gesagt haben, als es nothig ist, ihnen zu mir ein Vertrauen zu geben. Ich weiss, dass sie meine Prinzessin lieben, und solches mir verhehlen; aber ihre Augen und diejenige der Prinzessin haben mir solches verrathen. Meine Prinzessin kan fur sie wenigstens ihre Hochachtung nicht bergen: ihre oftmahlige Errothungen, wenn sie solche scharf ansehen, die Vergnugung, welche sie hat, mit ihnen umzugehen, und ihr ganzes Wesen gibt mir eine besondere Gewogenheit fur den Herrn Grafen zu erkennen.
Der Graf war uber diese Reden so besturzt, dass er nicht wuste, was er der Fraulein von Thurris darauf antworten solte: Ich sehewohl, Herr Graf, fuhr deswegen die Fraulein fort, was ihnen im Wege stehet:
Was Ido macht zu gros / das macht
mich all zu klein.
Der Graf erschrack hieruber noch mehr; er erkannte, dass die Fraulein von Thurris seine Schreibtafel muste durchblattert, und obige Reimen darinn gelesen haben: die Fraulein aber liess ihm nicht Zeit, sich daruber mit ihr zu erklaren, sondern fuhr fort: es ist wahr, meine Prinzessin ist aus einem der grosten Fursten-Hauser, das macht sie dem Ansehen nach fur sie zu gros; allein es ist bey uns etwas gewohnliches, dass unsere Furstinnen an Grafen sich vermahlen, wenn sie aus altem Graflichem Stamm herkommen.
Wie nun der Herr Graf von Rivera das Gluck einer solchen Geburt haben; so durfen sie auch um so viel weniger hierbey den Muth verliehren; weil diese Standes-Ungleichheit mit so vielen andern grosen Eigenschaften von ihnen ersetzet wird. Ja, sie durfen nur ihrem Konig ein Wort davon sagen, so wird er sie zu einem Fursten und Herzogen machen.
Des Grafens Verwunderung uber diesen unvermutheten Vortrag der Fraulein von Thurris vermehrte sich noch mehr, als er horte, wie sie alle diese Sachen in ihren Gedanken schon so leicht und moglich gemacht hatte. Er heegte fur die Prinzessin die vollkommenste Hochachtung; Er fand sie wurdig, den Koniglichen Thron zu besteigen, und gantz Aquitanien zu beherrschen. Zu dieser Erhohung wolte er das Werkzeug abgeben; sein ganzes Herz war mit einem so grossen und wichtigen Geschaffte eingenommen. Er suchte den Konig durch die Prinzessin, und diese wiederum durch jenen glucklich zu machen; in diese Gluckseligkeit aber seine geliebte Grafin von Monteras mit einzuflechten.
Bey diesen Absichten sah sich endlich der Graf verbunden, der Fraulein von Thurris sich zu erkennen zu geben: er sagte ihr, dass sie sich irrte, wenn sie die in seiner Schreibtafel gefundene Reimen auf ihre Prinzessin deuten wolte; dass er die Prinzessin zwar unendlich verehrte; aber sich dabey auch wohl zu bescheiden wuste, dass sie sich besser fur seinen Herrn und Konig, als fur einen gebornen Unterthanen schickte. Er entdeckte hierauf der Fraulein von Thurris seine Anschlage, und bat sich zugleich darinn ihren Beystand aus; er sagte ihr, dass er dem Fursten bereits davon Erofnung gethan hatte; dass derselbe aber fur gut fande, solches vor der Prinzessin noch geheim zu halten.
Die Fraulein von Thurris war mit den Absichten des Grafens nur halb zufrieden. Ach! sprach sie, worzu sollen die Cronen; sie sind schwer zu tragen. Konige haben keine wahre Freunde, man furchtet sich vor ihnen, und sie furchten sich wieder vor andern: Ihre Hoheit verblendet sie, man schmeichelt ihnen; sie haben die starkste Leidenschaften, und indem sie allen genug thun wollen, vergnugen sie keinen.
Ich halt dafur, versetzte der Graf, eine Crone hat auch ihre Annehmlichkeit. Es ist fur ein grosmuthiges Herz kein geringes Vergnugen, in einer solchen Erhohung zu leben, darinn man so viel andere Menschen kan glucklich machen. Es scheinet, die Vorsehung habe unsere vortrefliche Prinzessin zu einer Konigin lassen geboren werden: Es leuchtet aus ihren Augen etwas so Majestatisches und Groses, hass man darinn eine geheime Ubereinstimmung der Natur entworfen siehet.
Die Fraulein von Thurris hatte bey diesem Tausch nichts zu verliehren: Es schmeichelte nicht wenig ihrer Eitelkeit, ihre Prinzessin Konigin von Aquitanien zu sehen: Sie fand sich dadurch selbst mit erhohet: Ihre Demuth konte sie nicht hindern, sich daraus eine Vergnugung zu machen. Sie hielt das i h r anvertraute Geheimnus nicht lang verborgen: Wem bin ich naher, dachte sie, in der Welt verbunden, als meiner Prinzessin? Sie gieng zu ihr und offenbarte ihr alles. Die Prinzessin wurde daruber besturzt. Ach! seufzete sie, der Himmel macht es nicht, wie wir wollen: Doch, ich kenne meine Pflicht, und weis, was ich GOtt und meinem Vater schuldig bin.
Der Graf von Rivera verreiste darauf nach einigen Tagen von Christianopolis: Der Furst versicherte ihn seiner aussersten Hochachtung und Freundschafft: Er schloss ihn mit vieler Zartlichkeit in seine Arme. Lebet wohl, mein liebster Graf, sprach er zu demselben, und erinnert euch oft der guten Nachschlagen, die wir mit einander gepflogen haben.
Gegen die Prinzessin lies sich der Graf verlauten, dass er wurde den Freyherrn von Riesenburg bis nach Aquana begleiten, woselbst er hofte die Gnad zu haben, ihr wieder aufzuwarten. Sie gab dargegen dem Grafen zu verstehen, dass sie seine Absichten mit ihr wuste, und dass sie deswegen diese Reise nicht ohne besondere Furcht antretten wurde.
Das vierzehende Buch.
Der Graf kam glucklich wieder nach Panopolis. Er fand den Konig noch immer in der besten Neigung fur ihn, und wurde von demselben mit einer lebhaften Freude empfangen. Ach, liebster Graf, sprach er, indem er ihn herzlich umarmte, wie sehr hat mich verlanget euch wieder zu sehen! Der Graf gab darauf dem Konig Nachricht von seinen gehabten Verrichtungen: und ruhmte ihm die Schonheit verschiedener Prinzessinnen, deren Bildnisse er dem Konig vorzeigte.
Ohneracht die Mahler ihr bestes gethan hatten, die
Durchlauchtige Schonheiten in ihren starcksten Reitzungen vorzustellen; so wolte doch keine darunter dem Konig recht gefallen. Er sagte schier uber eine jede: Es ist noch keine Grafin von Monteras. Der Graf nahm hierbey Gelegenheit, ihm die Annehmlichkeiten der Prinzessin von Argilia vor allen andern zu ruhmen: Er machte dadurch den Konig um so viel begieriger auch das Bildnus dieser so hochgepriesenen Schonheit zu sehen; allein, der Graf hatte solches nicht mit gebracht: Der Konig war deswegen uberaus ungeduldig: Der Graf entschuldigte sich, dass er solches nicht hatte habhaft werden konnen, und rieth deswegen dem Konig das Original selbst in Augenschein zu nehmen, weil er sodann von dem gewohnlichen Betrug der Mahler und der Farben, welche insgemein die Gesichter schoner machten, als sie waren, nichts zu befahren hatte; Er fugte hinzu, dass diese Prinzessin sich in wenig Wochen mit ihrer Frau Mutter nach den Aquanischen Badern begeben wurde, wo der Konig das Vergnugen haben konte sie zu sehen.
Der Graf verfugte sich hierauf zu dem Herzog von Sandilien: Er fand ihn auf einem Ruhbette: die Grafin von Monteras sass neben ihm, und las ihm etwas aus einem Buch: Der Anblick dieser beyden Personen ruhrte den Grafen ungemein: Der Herzog hatte das Ansehen eines recht krancken Mannes, und die Grafin schien ihm schoner als jemahl. Der Herzog empfieng ihn mit einer ganz vertraulichen Art, und indem er die Arme um seinen Hals schloss, sagte er zu ihm: Ich habe, mein werthester Graf, Stunden und Tage bis zu ihrer Wiederkunfft gezehlet. Ich liebe sie, als wenn sie mein Sohn waren, und gebe ihnen die Erlaubnus meine Base zu umarmen: Der Graf gehorsamte einem so sussen Befehl: Zucht, Scham, Zartlichkeit und Ehrerbietung, gaben hier der Liebe ein wunderschones Ansehen. Die Wangen der Grafin farbten sich mit roth, und in ihren Augen brandte ein so starckes Feuer, dass es einige Thranen, welche sie nicht zuruck halten konte, zu loschen schienen.
Der Graf erkundigte sich darauf nach des Herzogen, Zustand und der Ursach seiner so merklichen Unpaslichkeit. Es sind ungefahr acht Tage, antwortete der Herzog, dass ich Abends bey dem Fursten von Voltera, der eine Zeitlang sich hier aufgehalten, zu Nacht speiste. Ich war kaum nach Haus gekommen, so empfand ich ein heftiges Bauch-Grimmen, welches dermassen starck uberhand nahm, dass ich eilends den Herrn Hippon zu mir kommen lies; alle Nerven und Adern zuckten in mir mit einem nie empfundenen Schmerz, alle innere Theile wurden dadurch zusammen gezogen: Ich krumte mich als ein Wurm, und litt die abscheulichste Marter. Herr Hippon kam und fragte sogleich was ich gegessen hatte? ich nannte ihm solches, und da alles unverfanglich war, schuttelte er den Kopf, und sagte, man muste mir etwas schadliches beygebracht haben: Er gab mir deswegen ein Gegen-Gift, welches er immer bey sich fuhrte: Ich muste solches mit warmen Oel einnehmen, worauf ein starckes Erbrechen folgte, und als dadurch mein Blut in eine kochende Wallung gerieth, so wurde mir zur Ader gelassen. Die Schmerzen liessen damit nach: Ich wurde aber dermassen entkraftet, dass ich seitdem kaum meine Glieder regen noch vielweniger mich aufmachen kan.
Der Graf fragte hierauf den Herzogen, was er von diesem Uberfall muthmassete, und ob er glaubte, dass man ihm Gift beygebracht hatte? Dieses ist ausser Zweiffel, sagte darauf der Herzog; Wer solte aber, forschte der Graf weiter, der Anstifter einer solchen grausamen Bosheit seyn? Wann ich meinen Argwohn hier entdecken soll, erklarte sich der Herzog, so ist solcher der Furst von Voltera selbst: Es ist nicht das erstemahl, dass er mich seinem auf mich geworfenen Groll aufzuopfern und heimlich aus dem Weg zu raumen trachtet, weil er weis, dass ich seinen herschsuchtigen Anschlagen, die Crone auf sich und sein Haus zu bringen, nimmer beystimmen werde. Er ist sonst dem Ansehen nach der gutigste und leutseligste Herr; allein, wenn es die Cron-Folge betrift, so ist ihm keine Missethat, keine Verratherey und kein MeuchelMord abscheulich genug, zu seinen Absichten zu gelangen.
O bose Welt! o veratherisches Geschlecht! rief allhier der Graf voller Besturzung aus. Ist dann eine Crone, die doch an und fur sich selbst so schwer zu tragen ist, solcher verruchten Streiche werth? Ich hatte mir furwahr, fuhr der Graf fort, diesen Herrn nie so boshaftig eingebildet. Doch ich hoffe, es werde der Konigliche Stamm bald in achtere Zweige sprossen, und der Konig mit nechstem eine Gemahlin bekommen.
Das Gesprach fiel darauf auf die Prinzessin von Argilia, davon der Graf dem Herzogen bereits durch Briefe die nothige Erofnung gethan hatte. Der Graf versicherte den Herzogen, dass sie sich vollkommen fur den Konig schicken wurde. Die Grafin von Monteras hatte dabey den Grafen vieles zu fragen. Allein, der Herzog erinnerte denselben, dass es Zeit ware, sich wieder nach Hof zu begeben.
Der Graf speiste denselben Abend ganz allein mit dem Konig; Ihr habt mir, sprach dieser, mit euren Erzehlungen von der Prinzessin von Argilia einiges Nachdencken erweckt. Ich bin sehr ubel mit euch zufrieden, dass ihr mir nicht ihr Bildnus habt mit gebracht. Der Graf wiederhohlte seine vorige Entschuldigungen: er sagte, dass der Konig nichts dabey verliehren konte. Ich finde, fuhr er fort, dass die Mahler wohl hessliche und mittelmassige Gesichter, aber keine vollkommene Schonheit abbilden konnen. Es pfleget solche ein gewisser Geist zu beleben, der uber alle Pinsel-Striche ist. Man muss dergleichen Schonheiten sehen; man muss sie sprechen; man muss ihre Bewegungen, ihre Gebehrden und die Spielung ihrer Augen wahrnehmen, wenn man von ihren Annehmlichkeiten ein Urtheil fallen will. Der Konig entschloss sich auf diese Vorstellungen die Reise nach Aquana vorzunehmen, und uberliess dem Grafen von Rivera die Sorgfalt, darzu die nothige Anstalten zu machen.
So bald hatte man nicht in Panopolis die Nachricht, dass die Furstin von Argilia mit ihrer altesten Prinzessin zu Aquana angekommen war; so reiste der Konig gleichfalls dahin. Er hatte, nebst dem Grafen von Rivera und dem Freyherrn von Riesenburg, niemand bey sich, als seinen Leib-Arzt, und drey bis vier Edelleute. Die meiste Bedienten, nebst einem Theil der LeibWache, waren voraus gegangen. Der Zulauf des Volcks, als der Konig zu Aquana anlangte, war ungemein. Es fand sich eine Menge des benachbarten Adels daselbst ein. Niemahls hatte man an diesem Ort mehr gesunde Chur-Gaste gesehen.
Den Freyherrn von Riesenburg hatte die Ungedult seine liebste Mariane zu sehen, schon beym Absteigen, in seinen Reise-Kleidern, zu ihr hin getrieben. Er uberfiel sie in Gegenwart der Prinzessin von Argilia: Er warf sich ihr mit der feurigsten Regung um den Hals, und vermerckte nicht, dass er die Ehrerbietung, welche er der Gegenwart einer so grossen Prinzessin schuldig war, durch diese Freyheit verletzete. Die Fraulein von Thurris erinnerte ihn daran, und wickelte sich deswegen aus seinen Armen. Er kam damit aus seiner Entzuckung wieder zu sich selbst: Er nahte sich mit Demuth der Prinzessin: Er kuste ihr den Rock, und bat sie, ihm den begangenen Fehler zu verzeihen. Die Prinzessin entschuldigte solchen leicht: Sie versicherte ihn mit der leutseligsten Art, dass es ihr ein grosses Vergnugen war, ihn und ihre liebste Mariane beysammen zu sehen, und dass sie an dieser langst gewunschten Begebenheit selbst mit Antheil nehme.
Die sonst muntere Fraulein von Thurris muste hier der Starcke ihrer Empfindung weichen: sie konte fur grosser Bewegung ihres Gemuths nicht reden: sie sah ihren Geliebten, den sie nimmer wieder zu sehen geglaubet hatte: sie sah ihn getreu, bestandig, glucklich und in der sussen Hofnung wieder, ihn nicht mehr zu verliehren. Diese Betrachtungen erfulleten allzusehr ihr zartes Hertze, als dass sie dabey auch ihrem Verstand viel Raum hatte lassen sollen, sich daruber auszudrucken.
Die Prinzessin unterhielt also das Gesprach, als der Graf von Rivera sich meldete, um bey ihr und ihrer Frau Mutter die Aufwartung zu machen. Die Prinzessin veranderte ein wenig die Farbe, da sie denselben auf sich zukommen sah: sie wuste, wozu er sie bestimmet hatte: ihr Herz empfand daruber eine heimliche Emporung; allein sie war Meister von dessen Regungen: sie empfieng ihn viel freundlicher, als sie bey einer andern Gelegenheit nicht wurde gethan haben. Diese Freundlichkeit aber wolte in Betrachtung ihres Gemuths weit weniger sagen, als die schamhaftige Eingezogenheit, womit sie ehedessen an ihres Herrn Vatern Hofe ihn kaum recht anzusehen getrauete.
Nach ein und andern Reden, welche der Wohlstand an die Hand gab, verfugte sich die Prinzessin zu der Furstin ihrer Frau Mutter, um die Vertraulichkeit zwischen dem Grafen von Rivera, dem Freyherrn von Riesenburg und der Fraulein von Thurris durch ihre Gegenwart nicht langer in Zwang zu setzen. Der Graf fragte bey dieser Gelegenheit den Herrn von Riesenburg, wie ihm die Prinzessin gefiel? Sie ist unvergleichlich, antwortete dieser, und der Konig muste keine Empfindung haben, wenn er sie, ohne geruhrt zu werden, ansehen konte: denn, fugte er hinzu, solchen Wuchs, solche Gebehrden, solche Bildung und solche Augen hab ich noch nie gesehen.
Wie, mein lieber Riesenburg, scherzte hierauf der Graf, ist dieses nicht sehr unbescheiden in Gegenwart einer Geliebten gesprochen, die selbst so viele Annehmlichkeiten besitzet? O mein werthester Herr Graf, erwiederte Riesenburg, ich wurde der Fraulein von Thurris unrecht thun, wenn ich ihre blosse Gestalt zum Vorwurf meiner Liebe machen wolte: ihr gut Herz ist allein dasjenige, was mich ihr mit einer unendlichen Neigung verknupft. Ich werde ihrer Schonheit am ersten gewohnt werden, und ihrer am wenigsten achten, wenn ihr angenehmer Geist und ihr vortrefliches Gemuth bey einer naheren Verbindung mir taglich neue Schatze und Tugenden entdecken werde.
Der Graf hatte sich unter diesem Gesprach bey der Furstin melden lassen, und bekam zur Antwort, dass sein Zuspruch derselben angenehm seyn wurde. Er fand sie mit der Prinzessin allein in ihrem Gemach: man sprach von dem Konig, und wenn es der Furstin gelegen seyn wurde, ihn bey sich zu sehen: die Zeit wurde dazu gleich auf den folgenden Tag bestimmt. Der Graf begab sich damit wieder zu dem Konig; der Herr von Riesenburg aber blieb bey der Furstin des Abends zur Tafel.
Der Tag, welcher einen so wichtigen Ausschlag in der Liebe des Konigs geben solte, erschien. Die Prinzessin von Argilia lies sich dazu aufs beste ankleiden. Nicht allein ihre Cammer-Frauen waren um sie geschaftig; die Fraulein von Thurris selbst machte sich eine Arbeit mit ihrem Kopf-Putz; sie winkte ihr dabey hundert vergnugte und aufmunternde Dinge zu, weil sie vor ihren Leuten sich nicht frey erklaren mochte. Die Prinzessin verstund alles; sie muste lachen, und verlohr daruber eine gewisse Bangigkeit, welche sie bey der Vorstellung, dass sie heute zur Schau solte gebracht werden, in ihrem Gemuth empfand: Ihre Augen, die aus angeregter Ursach die Nacht nicht viel geschlafen hatten, bekamen wieder ihre Lebhaftigkeit: ihre Farbe wurde frisch, und ihre ganze Gestalt, da sie angekleidet war, hegte so viel Glanz und Anmuth, dass die Natur die Vorzuge der Kunst wurde beneydet haben, wenn sie nicht hier die groste Ehre vor sich behalten hatte: denn aller Schmuck, aller Aufputz, alle funckelnde Diamanten waren bey dieser schonen Furstin nur wie eine blosse Einfassung um ein schones Bild.
Der Konig kam: die Prinzessin mit der Fraulein von Thurris und den Argilischen Hof-Damen empfiengen ihn gleich unter der Thur. Eine angenehme Besturzung uberfiel den Konig, als er hier in der Person der Prinzessin von Argilia die groste Schonheit erblickte. Er begruste sie mit vieler Ehrerbietung. Er faste sie darauf bey der Hand und fuhrte sie die Treppen hinauf: er wurde oben von der Furstin, die ihm einige Stufen herunter entgegen kam, auf das freundlichste empfangen. Im Zimmer fanden sich zwey Lehn-Sessel, auf welche sich der Konig und die Furstin niederliessen. Die Prinzessin aber setzte sich auf einen kleinen Stuhl. Der Graf von Rivera, der den Konig begleitete, stund ihm zur Seiten: er lenkte dabey das Gesprach auf solche Sachen, davon er fur gut hielt, dass bey dieser Gelegenheit gesprochen wurde, und welche die Prinzessin mit konten reden machen. Denn ihre Annehmlichkeiten gewannen einen doppelten Glanz, wenn sie etwas erzehlte. Der Konig empfand ihre bezaubernde Macht mit allen Regungen, welche der Graf an ihm zu sehen wunschte: er war davon auf einmahl so eingenommen, dass er sich bey dem Abschied erklarte: der Graf hatte ihm noch lange nicht so viel von den Vollkommenheiten der Prinzessin gesagt, als ihre Gegenwart ihm hatte zu erkennen gegeben.
So bald war der Konig nicht von der Furstin zuruck gekommen, so fiel er dem Grafen um den Hals. Liebster Graf, sprach er, die Prinzessin gefallt mir: wie fangen wir die Sache weiter an? Es wird sich wohl alles fugen, antwortete der Graf mit einer etwas gleichgultigen Mine. Ja, fragte der Konig, wie lang aber wird es noch wahren? es giebt immer so viele Umstande und Weitlauftigkeiten bey dergleichen Geschaften; konte man damit nicht einen kurzern Weg einschlagen? Der Graf muste heimlich uber diese Ungedult des Konigs lachen: er nahm daher Gelegenheit bey demselben einige nutzliche Wahrheiten anzubringen. Es ist gut, sprach er, dass die machtigste der Erden zuweilen auch ein wenig spuhren, dass nicht alles blos von ihrer Gewalt abhanget. Die Art, womit sie eine Sache verlangen, komt mit ihrer Hoheit uberein; es soll alles gleich da seyn; sie wollen nicht warten; sie mussen aber so wohl wie andere Menschen sich den Gesetzen der Moglichkeit unterwerfen: sie konnen weder das Verhangnus noch die Gemuther zwingen.
O wie verdrieslich, Graf, fiel ihm hier der Konig in die Rede, ist mir diesesmahl eure Sitten-Lehre! Ich frage jetzo nicht, ob ich mich den Gesetzen der Moglichkeit unterwerffen soll? das weis ich ohne dem. Ich frage nur, wie bald ihr meynet, die Sache mit der Prinzessin zu Stand zu bringen?
Ew. Majestat, antwortet der Graf, halten mir meine Freyheit zur Gnade. Dergleichen Geschafte lassen sich nicht wohl ubereilen; weil die Gluckseligkeit eines so grossen Konigs und die Wohlfart so vieler Lander damit verknupfet ist. Glauben dann Ew. Majestat, fragte der Graf den Konig, dass sie schon die Prinzessin liebten, und dass diejenige Empfindung, welche ihre Schonheit in dero Gemuth verursacht, nicht ein schnell angezundetes Lauf-Feuer sey, welches, wenn es einmahl seine Wirckung gethan, mit einmahl in die Luft verdampfet?
O Graf! erwiederte der Konig voller Ungedult: ihr seyd heute ganz unertraglich. Ich sage euch, die Prinzessin gefallt mir, und ich liebe sie, weil sie mir gefallt: ich will sie zu meiner Gemahlin nehmen, ihr selbst habt mir darzu gerathen; was soll ich mich erstlich noch lang untersuchen, ob meine Liebe fur sie ein Lauf-Feuer, oder sonst etwas sey?
Ich sehe wohl, fuhr der Graf hierauf fort, dass es Ew. Majestat ein Ernst ist, mit dieser schonen Prinzessin sich zu vermahlen; der Himmel gebe seinen Segen darzu. Man wird also in moglichster Eil eine Gesandschafft an den Argilischen Hof schicken mussen, um dem Fursten daselbst die hohe Meynung Ew. Majestat zu entdecken, und bey ihm um dessen Prinzessin Tochter die gewonliche Anwerbung zu thun. Hernach muss die Sache dem geheimen Rath von Ew. Majestat vorgetragen, und dessen Gutduncken daruber eingeholet werden: wie man in ein und andern Dingen sich dabey zum Nutzen des Staats zu verhalten, und die Tractaten in einer so wichtigen Verbindung darnach einzurichten habe.
O Himmel! unterbrach der Konig hier abermahl, wie plagt ihr mich doch anheute! Darf ich dann keine Gemahlin nehmen, ohne meinen geheimen Rath daruber zu befragen? soll ich mich, oder soll sich der Staat verheyrathen?
Gleichwol, fuhr der Graf in seinem gelassenen Wesen fort, werden sich Ew. Majestat doch mussen allergnadigst gefallen lassen, jemand an den Argilischen Hof abzufertigen, um wenigstens die Einwilligung des Furstens einzuholen: kurtzer ist doch die Sache unmoglich zu fassen. Hernach mussen auch die nothige Anstalten zu dero Koniglichem Beylager zu Panopolis gemacht werden, welche Ceremonien von dero hochst glorwurdigsten Vorfahren jederzeit mit einem Koniglichen Pomp und ausserster Pracht sind vollzogen worden.
Auf diese Art, erwiederte der uber diese so vielerley Vorstellungen des Grafens ganz misvergnugte Konig, ist kein Mensch ubeler dran, als ich: wer wolte sich wohl eine Crone wunschen, wenn uns solche unter den harten Zwang so vieler nichts bedeutenden Dinge setzet? Meine Vorfahren, sprach er, dachten nicht wie ich; sie hatten eine Freude an dergleichen Weitlauftigkeiten und unnutzen Geprangen, welche ofters zu nichts weiter dienten, als ihre SchatzKammer zu entkrafften, und das Volck zu beschweren: ich glaube, sie hatten Macht gehabt, solches zu unterlassen, wie ich mich befugt halte, darinn nach meiner Weise zu verfahren.
Ew. Majestat sind Herr, erklarte sich hierauf der Graf. Wenn sie sich an eine Unterthanin ihres Reichs vermahlen wolten, so konten sie darin nach dero hochsten Gutduncken verfahren; allein, die Prinzessin von Argilia ist aus einem der Durchlauchtigsten Hauser in der Welt: Ew. Majestat konnen hier den Wohlstand nicht gantz aus den Augen setzen. Doch fugte der Graf hinzu, ich werde trachten die Sachen zu Ew. Majestat allergnadigsten Wohlgefallen einzurichten, und alles auf das kurtzeste zu fassen. Er verlies darauf den Konig und verfugte sich wieder zu der Furstin von Argilia.
Er hat dem Konig nicht gesagt, wie weit er schon in diesem Geschafft gekommen war: der Konig hatte sonst den Wohlstand und die Ehrerbietung gegen die Prinzessin zu sehr aus den Augen setzen mogen. Er hinterbrachte der Furstin, dass die Prinzessin dem Konig gefallen hatte, und dass solchem nach seine bisherige Unterhandlungen ihre Richtigkeit hatten; wo anders, wie er hofte, die Prinzessin bey sich keinen Wiederwillen gegen den Konig verspurte. Die Prinzessin veranderte uber diese Frage ein wenig die Farbe, und uberlies ihrer Frau Mutter solche zu beantworten. Meine Tochter, sprach diese, wird sich in dieser Sache den Rathschlussen des Himmels, ohne welche sich die Cronen nicht vergeben, und dem Willen ihres Herrn und Vaters unterwerfen.
Auf diese Erklarung sandt der Graf alsobald einen hurtigen Boten nach dem Fursten von Argilia; und einen andern nach dem Hertzog von Sandilien, um beyden von dem Fortgang dieser Sache Nachricht zu geben und sie zugleich zu bitten, die Heyraths-Tractaten, wie solche unter ihnen waren verabredet worden, auszufertigen. Diese Boten kamen den sechsten Tag wieder zuruck, und brachten die Tractaten unterschrieben mit.
Der Konig und die Prinzessin sahen sich unterdessen einander taglich: er hatte ihr seine Neigung gleich den ersten Abend zu erkennen gegeben; und speiste darauf bey der Furstin zu Macht. Diese nebst der Prinzessin assen hinwiederum den andern Tag bey dem Konig: Abends wurde Spiel und Ball gegeben. Auf diese Weise gieng eine Woche voruber.
Der Konig wurde bald ungedultig; er sah die Prinzessin taglich: ihre Schonheit ruhrte seine Sinnen; und ihre Eingezogenheit machte ihn leyden. Er kam in dieser Empfindung zu dem Grafen: Ihr habt mir lang versprochen, sagte er zu ihm, mich durch eine wurdige Gemahlin glucklich zu machen; und jetzo hat es das Ansehen, als ob man gar nicht auf meine Vergnugung dachte.
Der Graf, der die Ungedult des Konigs voraus gesehen, hatte zu dem Ende alle Anstalten zu des Konigs Beylager in Zeiten zu machen, angefangen.
Einige Stunden von Aquana wohnte ein reicher Graf auf einem sehr grossen und wohlgebauten Schloss: diesen hatte der Graf von Rivera ersucht, solches auf einige Tage dem Konig und seinem Gefolge einzuraumen. Der Graf fand sich durch dieses Zumuthen beehrt: es wurden in moglichster Geschwindigkeit die besten Zimmer fur den Konig und dessen bey sich habende Hof-Staat zurecht gemacht. Der Graf bat darauf den Konig, sich nach diesem Schloss zu erheben, weil er daselbst ein gewisses Fest der Prinzessin von Argilia zu Ehren angestellet hatte. Wobey er zugleich, wenn es ihm gefiel, sein hohes Beylager halten konte.
Mit der Furstin und der Prinzessin war alles bereits abgeredet: Der Konig fuhr einige Stunden voraus, um seine Gaste zu empfangen. Er war zum hochsten verwundert, wie er alles auf diesem Schloss in ungemeiner Bewegung fand: er sah viel tausend Lampen und Lichter zu einer Abend-Beleuchtung aufstecken, der ganze Garten zusamt dem Schloss wurde damit bestellet.
Man arbeitete noch in dem grossen Lust-Haus an einer Tafel, auf welcher in der Mitte ein mit verguldten Bley beschlagener Bassin mit springendem Wasser sich zeigte. Rings herum waren die schonsten Blumen-Bette, welche durch zart ineinander geschlungenen Buchs die artichste Zuge machten; und durch weiss, roth und gelben Muschel-Sand unterschieden waren. Auf diesem kleinem Blumen-Stuck fanden sich allerhand artige Gefase mit raren Gewachsen und kleinen Zwerg-Stammen von Pomeranzen und Citronen, die voller Blut und Fruchte hiengen.
Alles war hier mit einer solchen Hurtigkeit beschafftiget, dass es dem Konig gleichsam eine halbe Zauberey zu seyn schien. Der Graf half selbst alles mit angreiffen: alles wurde durch seinen Geist belebet, und in einer ordentlichen Bewegung herum getrieben, nicht anders, als in einer kunstlich verfertigten Maschine, davon er das Triebwerk war.
Ehe noch der Abend herbey kam, stund vor dem Schloss eine von gemahlten Saulen aufgerichtete und mit allerhand Grunigkeiten und Sinnbildern durchschlungene Ehren-Pforte. Auf den Garten stiess ein grosser Teich, an dessen Ufer sechs kostbar ausgezierte Schiffe hielten, welche man auf einem Canal von Toscana dahin gebracht hatte: sie waren gelb und blau bemahlet, auf den Kanden, und dem SchnitzWerck verguldt, und mit gleichfarbigten Flaggen und Bandern gezieret. Dasjenige, so darunter fur den Konig und die Furstliche Personen gewidmet war, hatte auf Illyrische Art, in der Mitten eine prachtige Himmel-Decke mit Vorhangen von blauen Damast und goldenen Schnuren und Quasten. Das ganze Boot war auf diese Art ausgeschlagen: die Boots-Leute zeigten sich in gleichem Stoff gekleidet: sie hatten gelb-seidene Scherffen um den Leib, und reiche von Gold durchwurckte Bander auf den Mutzen. Ein grosses Schiff war vor die Music und die Bedienten ausgerustet. Es hatte oben eine Gallerie mit kleinen Bollern besetzt. Auf dem Teiche schwammen eine Menge zahm- und wilde Enten, deren viele mit rothen Federn auf den Kammen gezeichnet, und zu einer WasserJagd bestimmet waren.
So bald lies sich die Furstin mit der Prinzessin und ihrem Gefolg nicht in der Nahe sehen, so wurden die kleine Boller auf dem Schiff losgezundet. Der Konig empfieng solche an einem nechst an dem Teich aufgeschlagenen Zelte, und fuhrte dieselbe darauf in das fur sie zubereitete Konigliche Boot: die ubrige Schiffe wurden von ihrem Gefolge eingenommen. Man sties von Land; die Trompeten und Paucken liessen sich mit untermengter Music horen: Man fuhr auf dem Teich herum; und stieg darauf im Garten an das Land.
Der Abend kam herbey: das gantze Schloss so wohl, als der Garten, wurde mit Lichtern erhellet: es war bald Zeit an die Tafel zu gehen; Der Graf von Rivera meldete sich hier: er redete den Konig an: Ew. Majestat, sprach er, haben mir gnadigst befohlen, alle Weitlauftigkeiten bey dero hohen Vermahlung abzuschneiden; Ich hab alles was moglich war, gethan. Hier sind die Tractaten von dem Durchlauchtigsten Fursten von Argilia, wie auch von dero Obersten Staats-Minister im Nahmen dero ganzen geheimen Raths unterzeichnet; Es fehlet weiter nichts, als dass Ew. Majestat und Dero Durchlauchtigste Braut Dero hochsten Namen mit darunter setzen.
Als dieses der Graf dem Konig und der Prinzessin vorgebracht hatte, liess er die Tractaten auf einem kleinen mit rothen Sammet bedeckten Tischgen, worauf ein silbernes Schreibzeug stund, vor den Konig bringen; dieser ergriff sogleich die Feder, sprieb seinen Namen darunter, und reichte solche hernach auch der Prinzessin welche, wiewohl mit zitternder Hand, dergleichen that.
Hierauf wurden in dem nechstanstossenden Saal auf einmahl die Thuren geofnet: Die Konigliche Capelle mit einem grossen Chor von Sangern und Sangerinnen liess sich darinn mit einer entzuckenden Harmonie horen. Ein Bischoff von dem nechsten Aquitanischen Kirchen-Spiel zeigte sich mit den Koniglichen Hof-Caplanen hinter einer Tafel, auf welcher ein Crucifix stund. Nach geendigter Music hielt der Bischoff eine kurtze Rede, und darauf geschah die Trauung. Der Konig war uber alle diese Anstalten des Grafens mit einem so lebhaften Vergnugen durchdrungen, dass er demselben daruber nicht genug seinen Wohlgefallen ausdrucken konte.
Den andern Tag brachte der Graf den Freyherrn von Riesenburg und die Fraulein von Thurris vor den Konig, und bat ihn, gnadigst zu erlauben, dass die Liebe dieses edlen Braut-Paars, an Dero zweyten Vermahlungs-Tag mit gluckselig und denckwurdig mogte gemacht werden. Dem Konig gefiel dieser Einfall. Gemeldtes Paar wurde damit von dem anwesenden Bischoff zusammen gegeben, und an der Tafel nechst dem Konig und der Konigin oben an gesetzt.
Dieses gluckliche Fest wurde mit den lieblichsten Stimmen und nettesten Liedern besungen. Die Freude, die Anmuth und der Uberfluss herrschte auf dem gantzen Schloss: Es litten darunter weder die Ordnung noch gute Sitten. Man spurte an nichts keinen Mangel, weil man alles zu rechter Zeit aus der benachbarten Stadt Toscana herbey geschaft hatte.
Den dritten Tag wurde auf einer kleinen Schaubuhne, welche von Wasen-Bancken und Laub-Wercken mit allerhand verguldeten Schnitz-Werck und andern Zierrathen aufgefuhret war, ein musicalisches Schafer-Spiel vorgestellet. Man konte dieses ganz des Grafens sein Werck nennen; weil er nicht nur die Erfindung und die Auszierung, sondern auch die Worte selbst darzu gegeben hatte. Die Grosse seines Geistes zeigte sich auch in solchen Kleinigkeiten, womit er die Ernsthaftigkeit der wichtigsten Geschafte zu verwechseln, und denjenigen heimlichen Kummer zu erleichtern suchte, welchen ihn seine Liebe fur die Grafin von Monteras empfinden machte.
Der vierte Tag wurde zu einer Wasser-Jagd auf dem grossen Teich gewiedmet. Man bestieg, nach eingenommener Mittags-Mahl-Zeit, die darzu verfertigte Kahne: Man schoss die darauf schwimmende zahme und wilde Enten. Auf dem grossen Schiff liessen sich die Music und die kleine Canonen horen, welche in dem daran stossenden Wald einen uberaus angenehmen Wiederschal gaben. Man bracht bey anderthalb Stunde zu, bis man den grossen Teich uberschiffete. Man stieg darauf an Land, und begab sich in eine am Ufer neu angelegte Meyerey, welche ein fremder Edelmann daselbst in einer sehr lustreichen Gegend erbauet hatte.
Dieser Meyer-Hof, so schlecht er auch anzusehen war, hatte nichts destoweniger etwas, dass man ihn mit Vergnugen betrachten muste. Es war ein kleines Gebaude von einem Stockwerck, mit zwey Flugeln, welche einen viereckigten Hof formirten. Man sah in dessen Mitten ein springendes Wasser, mit jungen Castanien-Baumen dicht umstellet: Einige Wasen-Bancke liefen rings umher: Die Sonne konte mit ihren Strahlen hier nicht durchdringen: Von fornen war der Hof mit einem zierlich von Eisen verfergtigten Stangwerck geschlossen. Und hinter dem Haus sah man einen durchaus wohl angelegten Garten, an dessen Schonheit die Ordnung und die Natur mehr Antheil hatten, als die Kunst. Der lincke Flugel sties auf einen Hof, darinnen allerhand Feder-Vieh aufbehalten wurde; und der rechte Flugel gieng in einen Gras-Garten, wo man nebst den Lammern auch verschiedenes zahm gemachte Wild untereinander weyden sah:
Der Edelmann, so diese anmuthige Einode bewohnte, war ein Herr von ausserordentlichen Gemuths-Gaben; dem aber die groste Unglucks-Falle in der Welt darzu haben dienen mussen, dass er hier die Annehmlichkeiten eines stillen und ruhigen Lebens den Eitelkeiten des Hofs hatte vorziehen lernen.
Der Graf hatte hier langst dem Ufer, welches mit einigen Treppen von Wasen erhohet war, ein kunstliches Lust-Gebaude von kleinen Latten, mit frischem Laubwerck durchwunden, verfertigen lassen; welches nach den Regeln der Bau Kunst, durch ordentliche Gallerien, mit andern dergleichen Salen auf den Ecken zusammen hieng, und mit zwey langen Flugeln bis auf den Teich hinreichte.
In der Mitten war ein groser Saal mit grun verguldten Wachs-Tuch bedecket; rings umher hiengen Wand-Leuchter von Cristal und Spiegel-Glaser; alles war mit Blumen-Krantzen, Festonen, Sinn-Bildern und Verguldungen ausgezieret. Der Konig setzte sich allhier zur Tafel; nachdem man sich vorher mit einigen Spielen und Spatziergangen belustiget hatte.
Es waren sehr warme Tage: Die Abende selbst wurden noch von einer schwuhlen Luft durchdrungen, und hemmten dadurch in dem Menschen die Munterkeit der Lebens-Geister. Der Graf hatte deswegen eine besondere Erfindung gebraucht, allenthalben das Wasser durch blecherne Rohren um dieses LustGebaud herum zu fuhren, welches an den Wanden hin und wieder spritzte, und gleich dem starcksten Regen die angenehmste Kuhlung verursachte.
Nach der Tafel wurde nach der Scheibe geschossen: so oft einer das Schwartze traff, stieg eine Rakete in die Hoh; Der ganze Weg bis dahin war mit Lampen und Lichtern besetzet, welche sehr artig an die von Gebusch gemachte Wande, auf Art einer Schaubuhne geheftet waren. Die Scheibe selbst hieng an einem ganz licht-hellen und nach der Baukunst verfertigten Portal, welches nach vollendetem Schiessen mit einmahl in lichte Flammen gerieth, und unter einem anhaltenden Kunst-Feuer eine weile fortbrandt. Der ganze Teich war dabey rings umher mit kleinen HolzFeuern erleuchtet, welches im Perspectiv eine ungemeine Wirckung that. Die Music und die abwechselnde Losungen der Paucken, Trompeten und Canonen, die mit den Bollern und Waldhornern, auf den Schiffen erschallten, schienen da herum die ganze Gegend lebendig zu machen.
Der Konig war bey allen diesen Lustbarkeiten so
munter und so vergnugt, dass er den Grafen, zum Zeichen seiner Erkentlichkeit, vielmahl umfieng und an seine Brust druckte. Die neue Konigin hatte etwas so huldreiches, gefalliges und angenehmes in ihrem Wesen, dass sie sich von dem Konig in der Vertaulichkeit des Ehstandes noch immer mehr lieben machte.
Nachdem nun der Graf dem Konig gezeiget hatte,
dass er eben so geschickt sey, ihm allerhand Veranderungen zu machen, als gute Rathschlage zu ertheilen; so gab er ihm bescheiden zu erkennen, dass es nun Zeit war, sich wieder in die vorige Ordnung zu setzen, damit dessen kostbare Gesundheit fernerhin mogte erhalten werden. Er rieth ihm deswegen, auf Gutbefinden des Hern Hippons, noch vierzehen Tage lang in Aquana zu bleiben, und sich daselbst des Bades mit einer gewissen Massigung zu bedienen: Herr Hippon schrieb dabey dem Konig, unter dem Schein dieser Cur, gewisse Lebens-Regeln vor, deren Beobachtung insgemein bessere Wirkung thut, als der Gebrauch der Bader selbst.
Der ganze Hof kehrte darauf von dem Schloss des Grafens von Sylva wieder nach Aquana zuruck. Der Graf von Rivera aber blieb noch einen Tag langer bey dem fremden Edelmann, welchem der lustige MeyerHof zugehorte.
Derselbe hatte sich die gantze Gewogenheit des Grafen von Rivera erworben. Man bemerckte in seinen Reden und Handlungen alle Zuge einer hohen Weisheit und Tugend: Er hatte eine uberaus feine Bildung: Seine Kleidung war nett und sauber; aber schlecht, ohne Gold und Silber: Er trug seine eigene Haare, welche ihm, ohne alles kunstliche kraussen, in ihren naturlichen Locken um die Schultern hiengen.
Der Graf von Rivera hatte das groste Vergnugen in seiner Gesellschaft: Gleiche Gemuther kennen sich einander im ersten Anblick. Es ist etwas verborgenes in der Natur, durch welche widerwartige Dinge sich scheiden, und gleichformige sich vereinigen. Die Verwunderung war von beyden Theil ungemein, da einer immer so dacht und so redete, wie der andere: Ihrer beyder Eigen-Liebe empfand hier dasjenige schmeichelnde Vergnugen, welches man spuret, wann Leute, die Verstand haben, unsern Empfindungen und Meynungen beypflichten. Hieraus entstund von beyden Seiten eine Hochachtung, die nur wenig Tage nothig hatte, zu einer wurcklichen Freundschaft zu werden. Der Graf suchte ihn zu bereden, mit ihm nach Hof zu gehen. Allein der Fremde erklarte sich darauf, dass er die Welt allzuviel hatte kennen lernen, um sich wieder in ihre Eitelkeiten einzulassen.
Der Graf von Rivera bezeigte ein grosses Verlan
gen, dessen Begebenheiten zu wissen: Sie setzten sich zu dem Ende bey stiller Abend-Zeit, da der volle Mond mit seinen Strahlen den ganzen Teich erhellte, an das mit Wasen-Bancken belegte Ufer; allwo der Fremde seinen Lebens-Lauf folgender massen erzehlte.
Das funfzehende Buch.
Die Begebenheiten des Ritters
von Castagnetta.
Ich bin von Geburt ein Lampurdaner, aus dem Geschlecht der Marggrafen von Santa Columba de Queralto. Weil ich der dritte von meinen Brudern und der jungste vom Hause war, so nante man mich den Ritter von Castagnetta. Mein anderer Bruder wurde wegen seines schwachlichen Leibes, zum Closter gewidmet. Ich war nicht so bald den Handen des Frauenzimmers entkommen und mannlicher Zucht untergeben, so bezeigte mein Vater eine ganz besondere Sorgfalt fur meine Erziehung.
Als ich mein funfzehendes Jahr bey nah zuruck geleget hatte, nahm er mich einsmahl vor sich: Lieber Sohn sprach er zu mir, es ist nun Zeit, dass du lernest deinen Verstand gebrauchen und aus eigner Uberzeugung das Gute wehlen. Du wirst in der Welt meist ungluckselige Menschen finden, weil sie in dieser Wahl fehlen, und durch eitel Schein-Guter sich betrugen lassen. Es ist nur ein Weg zur Gluckseligkeit, dieses ist der Weg der Tugend und der Weisheit, die GOTT denjenigen mittheilet, die ihn suchen und lieben. Du thust nun, mein Sohn, die erste Tritt in die Welt; Alles locket und reitzet dich darinn zum Bosen. Die Wohllust wird sich dir auf allen Ecken mit ihren schonen und verfuhrischen Angesicht zeigen: Die Ruhm-Sucht wird sich bey dir unter dem Schein der wahren Ehre einschmeicheln: Sie wird den Namen der Tafferkeit, der Grosmuth und der Freygebigkeit entlehnen. Ich aber sage dir: Fliehe die Luste, meide den Ehrgeitz, und hute dich fur der Verschwendung, so wirst du finden, dass die Tugend ihre selbst eigene Belohnung, wie das Laster seine selbst eigene Straffe mit sich fuhret.
Indem mein Vater dieses sagte, schloss er mich mit innigster Zartlichkeit in seine Arme. Ich kusste ihm die Hande, die ich mit meinen Thranen benetzte, und war so bewegt, dass ich nicht reden konte: Meine Gebehrden aber sprachen fur mich, und versicherten den besten Vater, dass ich ihm dasjenige, was er von mir verlangte, mehr mit dem Hertzen als mit dem Mund zusagte.
Er liess darauf auch meinen Hofmeister ins Zimmer kommen, und befahl mich seiner Treu und Sorgfalt mit sehr andringenden Worten. Dieser war ein stiller und gelehrter Mensch. Viel Geist hatte er nicht: Ein anhaltender Fleiss und ein gutes Gedachtnus brachten ihn nichts destoweniger sehr weit. Wir giengen kurtz darauf nach Tolosa, wo damahls die beruhmteste Leute in allen Wissenschaften sich befanden.
Ein so grosser Ort und eine solche Menge von allerhand Menschen hatte fur mich etwas neues: Ich war von Natur sehr eitel: Ich wolte immer in Gesellschaften und in die Schauspiele gehen. Ich bekam eine Neigung mich nett und kostbar zu kleiden. Ich bildete mir ein, ich gefiel; Diese Einbildung war mir nicht zu verdencken: Ich kante die Welt noch nicht: Alle Leute, die mit mir umgiengen, sagten mir tausend Schmeicheleyen: Ich wuste nicht, dass man einem dergleichen Dinge vorsagte, ohne dass man auch solche glaubte.
Nach drey Jahren kam ich wieder zuruck nach Hauss, ich that hernach in Begleitung meines Hofmeisters auch meine Reisen, und fand bey meiner Wiederkunft meinen Bruder verheyrathet. Dieser war von einem neidischen und eigennutzigen Gemuth: Er betrachtete mich nur wie den Cadet vom Hause, und konte nicht wohl leiden, dass ich mir das Ansehen gab, als ob ich mir auch ein Recht darinn anmaste.
Mein Vater wuste solches: Er war daruber sehr betrubt. Ich behielt dich, mein liebster Sohn, sprach er einsmahl zu mir, gern noch eine Weile bey mir: ich werde baufallig, und darf uber einige Jahre zu leben nicht mehr hinaus rechnen. Wie vergnugt wolt ich sterben, wenn du mir kontest die Augen zudrucken. Allein, ich sehe mit bekummertem Hertzen, dass dich dein Bruder nicht liebet. Wir konnen doch nicht immer beysammen bleiben. Lasset uns deswegen voneinander scheiden, ehe der Tod uns trennet. Entziehe dich der Verachtung deines Bruders: folge einem hoheren Beruf: begib dich nach Hof: diene dem Konig und dem Staat: ich habe an dem ersten Staats-Minister zu Novarena, dem Herzog von Albamar, noch einen alten Freund: ich will dich zu ihm schicken: ich zweifle nicht, er werde sich deiner annehmen.
Wir schieden kurz darauf nicht ohne grose Bewegung, von einander. Ich kam nach Novarena. Der Herzog von Albamar empfieng mich mit der grosten Freundschaft: Er brachte mich vor den Konig: Dieser war ein kluger Furst, und liebte die Kunste und Wissenschaften. Ritter, redete er mich an: ihr habt studiret: ich werde euch gebrauchen konnen: ich mach euch zum Edelmann von meiner Cammer. Der Herzog von Albamar kan euch dabey etwas zu thun geben. Ich bog darauf nach Hesperischer Art die Knie: der Konig reichte mir die Hand: ich kuste solche, und von derselben Zeit an erschien ich taglich bey Hof.
Der Herzog von Albamar bediente sich meiner in seiner Geheim-Schreiberey: ich kam zuweilen gantze Nachte nicht ins Bette; nachdem die Geschaffte eine schnelle Ausfertigung erforderten. Er sahe, dass ich arbeitsam und verschwiegen war: Dergleichen Leute waren ihm angenehm: er hatte zwey Sohne und eine Tochter: wir sahen uns einander schier taglich, der alteste von den Sohnen hies Don Diego, der andere Don Juan, und ihre Schwester Donna Leonora.
Ich lebte mit Don Juan in der genauesten Freundschafft: unsere beyde Gemuther hatten zusammen eine grosse Ubereinstimmung; der Vater brauchte ihn, wie mich, in seinen Geschaften: wir halffen einander redlich, und machten uns hernach zusammen auch wider allerhand Ergotzlichkeiten. Er fuhrte mich in die beste Gesellschafften, und brachte mich unter andern auch in das Haus des Fursten von Alfaresch.
Dieser war ein rauher, unfreundlicher und hochmuthiger Mann: er lachte nie, als wenn er boses im Sinn hatte: er redete sehr wenig, und wenn er redete, so waren alle seine Worte abgemessen: nichts war steiffer, langweiliger und verdriesslicher als sein Umgang. Diesen Mangel aller Leutseligkeit ersetzte seine noch junge Gemahlin. Der Furst hatte sie erstlich geheyrathet, nachdem er schon eine lange Zeit war Wittwer gewesen. Er hatte eine einzige Tochter von der ersten Ehe, Namens Elvira; diese lebte mit ihrer Stief-Mutter in ziemlich gutem vernehmen: Die Mutter war nicht viel alter als sie, und besass nicht weniger Geist als Schonheit. Sie war aber dabey von derjenigen Eitelkeit eingenommen, dass sie glaubte, sie muste sich bessere Kenner, als die Augen ihres abgelebten Gemahls wehlen, um von dem Werth ihrer Annehmlichkeiten zu urtheilen. Die allzustrenge Beobachtung der Ehelichen Treu schien ihr eben kein Sacrament zu seyn: ihr Verstand muste ihr dazu dienen, allen Ausschweiffungen ihres Herzens das Wort zu reden. Die Vernunfft selbst schien ihr Ausfluchte an die Hand zu geben, wann die Religion sie verbinden wolte, einen Mann zu lieben, der so wenig liebens wurdig war.
Donna Elvira hiengegen hatte ein gantz unschuldiges Wesen: sie war noch sehr jung: ihr Geist begunte sich kaum, wie ihre Schonheit, gleich den ersten Fruhlings-Rosen, zu entblattern. Ich wurde von ihr im ersten Augenblick geruhrt, und empfand fur sie eine Neigung, welche der Liebe nicht unahnlich sah. Ich hatte einen Mit-Buhler an Don Ferdinand von Orihuela. Er war ein Sohn des Herzogen dieses Namens; ansehnlich, reich, und von einem der machtigsten Hauser in Hesperin. Ich wuste, dass die Liebe ihre eigene Gesetze hatte; allein, dass man solchen im Heyrathen insgemein am wenigsten zu folgen pflegte. Ich war ein Cadet von einem Marck-Graflichen Hause, der mit Don Ferdinand auf keinerley Weise zu vergleichen war. Ich konte nicht narrisch hochmuthig seyn, noch mir einbilden, dass man mich, der ich so wenig in der Welt zu bedeuten hatte, dem Don Ferdinand vorziehen wurde.
Ich gieng einsmahl voll trauriger Gedanken nach dem Pallast des obersten Staats-Ministers. Donna Leonora, die aus der Gutsche stieg, und mich ankommen sah, bot mir die Hand, sie hinauf zu fuhren: ich brachte sie auf ihr Zimmer. Sie kam von der Donna Elvira: sie lebten beyde zusammen in grosser Vertraulichkeit. Wisset ihr, sagte sie zu mir, dass Don Ferdinand Elviren liebet? Dieses ist richtig, war meine Antwort, ich wuste aber noch nicht, dass Don Juez, ein Sohn des Herzogs von Sandossa, die Donna Lecnora heyrathen werde: wenn ich mit darzu gehore, antwortete diese, so ist die Sach noch weit entfernet. Don Juez giebt sich meinetwegen viel Muhe: er hat bereits bey meinem Vater um mich anhalten lassen; allein ich habe mich zu nichts erklaret; ich will horen, was sie mir rathen. Wie! fragte ich mit Verwunderung, ich soll ihnen rathen? folgen sie dem Trieb ihres Herzens, fuhr ich fort, wenn sie glucklich seyn wollen. So wird nichts daraus, erwiederte sie mit einem tief geholten Seufzer: ich werde ledig bleiben mussen: weil ich sehe, dass die Liebe mir nicht gunstig ist.
Sie begleitete diese Worte mit einem Blick, der mir bis in die Seele fuhr: ich verstund sie. Ich schlug die Augen nieder: ich war verwirret: ich verwies mir als eine Untreu, dass ich ihr meine Liebe zu der Donna Elvira bisher verschwiegen hatte: ich wuste, dass Donna Leonora mir wohl wolte, und dass ich ihr bisher durch die Kennzeichen meiner Hochachtung zugleich die Meynung beygebracht hatte, als ob ich auch einer zartlichen Neigung gegen sie fahig war.
Ich warf mich deswegen voller Schaam und Verwirrung zu ihren Fussen: wertheste Leonora, sprach ich zu ihr, verzeihet einem undanckbaren; ich bin der Gunst, welche ihr mir erzeiget, gantz unwurdig. Ich liebe Elviren, und ich habe euch bisher dieses Geheimnus verborgen; da ich doch nach unserer genauen Freundschafft, euch solches zu offenbahren, war verbunden gewesen.
Ich konte nach dieser kurtzen Gestandnus nicht weiter reden. Leonora schien daruber fur Besturtzung ausser sich. Wie! sprach sie, ihr liebet Elviren? und man hat mir dieses Geheimnus verborgen? O ungluckseelige Freundschafft! wie hast du mich betrogen? Was aber, fuhr sie mit gleicher Bewegung fort, was hat euch veranlasset, mir solches zu verschweigen? Ich bat sie deswegen tausendmahl um Vergebung; und zeigte ihr dabey einen so tiefen Kummer, dass sie mich b e k l a g t e .
Nur nicht den Muth verlohren, mein lieber Marggraf, sagte sie mit einem grossmuthigen Wesen, man ist nicht Meister von seinem Herzen. Ihr habt mich bisher fur eure beste Freundin gehalten; ich will euch zeugen, dass ihr euch an mir nicht betrogen habt. Nur saget mir, wie ihr Elviren liebet, und doch bey ihr das Wort fur den Don Ferdinand, euren Mitbuhler, redet? sie selbst hat mir davon Erofnung gethan und schien daruber eben so verwundert zu seyn, als ich.
Ich war noch kaum einen Monath an diesem Hof, erklarte ich mich hierauf, so wurde ich von Elviren eingenommen: sie lies mir, so offt ich sie zu sehen bekam, eine gewisse Gute sehen, die meiner EigenLiebe schmeichelte: sie schenckte mir auf eine Art ihre Freundschafft, die mir von ihrem Herzen auch etwas zartliches zu versprechen schien. Ich wiederstund anfangs dieser Einbildung; allein, ihre Augen hatten fur mich die allerverfuhrischte Beredsamkeit. Ich unterstund mich dem ungeacht niemahls mich ihr deutlich zu erklaren; nur meine Blicke und meine Gebehrden gaben ihr mein heim iches Leyden zu erkennen; meine Neigungen waren zu demuthig, mir zu liebkosen, und zu starck, solche zu uberwinden. Sie hatten etwas, das Elviren gefiel: und wenn sie sah, dass ich daruber den Muth verlohr, so zeigte sie mit ein gewisses Mitleyden, das mich auf einmahl wieder mit neuer Hoffnung belebte. Mein seltsames Verhangnus machte mir auch ihre Stiefmutter gewogen: ich gewann dadurch zwar einen desto freyern Zutritt in ihrem Haus; allein, ich gerieth dadurch auch zugleich in ein solches Labyrinth, daraus ich mir nicht helffen konnte. Ich muste der Mutter schmeicheln, um die Tochter zu sehen, und war in steter Gefahr, bald die Freundschaft der einen, oder der andern zu verliehren.
Die groste Verwirrung kam noch darzu, als Don Ferdinand, weil er sah, dass mir diese beyde Damen wohl wolten, mir seine Neigung fur Elviren entdeckte, und sich dabey meine Freundschaft ausbath. Ich kont ihm solche nicht versagen: doch wolt ich ihm auch nicht bergen, dass ich selbst die Donna Elvira liebte. Er war uber diese meine Erklarung, damit ich mich eben so offenhertzig gegen ihn, als er sich gegen mich heraus lies, ungemein besturtzt. Ich beruhigte ihn aber damit, dass ich ihm sagte: ich liebte ohne Hofnung, und gonte ihm deswegen Elviren vor einem andern.
Ich nahm in der That hierauf bey ihr dessen Parthie: ich ruhmte seine gute Gestalt, seine ernsthaffte Tugend, sein redliches Gemuthe, seine grundliche Vernunfft, und mehr als alles dieses, seine grosse Reichthumer. Die Mutter war mir dafur verbunden; die Tochter aber zeigte mir, zu meinem heimlichen Vergnugen daruber ihre Verachtung.
Dieses sind, wertheste Leonora, endigte ich hier meine Erzehlung, die Umstande, worinn ihr mich sehet. Ich liebe Elviren: ich liebe sie ohne alle Hofnung.
Donna Leonora wurde durch diese Nachricht sehr geruhret: sie schien mit vielem Nachdencken dasjennige zu uberlegen, was sie von mir gehoret hatte: sie schlug die Augen vor sich hin: sie seuffzete. Ich bemerckte bey ihr einen innerlichen Streit. Die Grossmuth siegte: O ich thorichte, fieng sie an, dass ich dieses Spiel nicht besser eingesehen! doch, ich habe mich verbunden, euch meine Aufrichtigkeit zu zeigen; ich will euch Wort halten, und morgen solt ihr wissen, was ihr bey Elviren zu hoffen habt.
Die Umstande, worin ich mich fand, waren die wunderlichste von der Welt: Eine Dame, die mich selber liebte, suchte mich bey ihrer Mitbuhlerin glucklich zu machen, und ich sprach bey meiner Geliebten fur einen Mitbuhler. Hat die Liebe auch wohl jemahls ihre Neigungen seltsamer verwirret?
Donna Leonora fuhr den andern Tag zur Donna Elvira: Diese wolte sich anfangs gegen ihr nicht heraus lassen: Endlich gab sie sich durch ihren Eifer bloss: sie meynte, wann ich sie liebte, so wurde ich nicht fur den Don Ferdinand reden. Donna Leonora sagte mir dieses wieder. Sie schmeichelte mir mit der susesten Hofnung; als gleich darauf ein ungluckseliger Zufall mich derselben auf einmahl entsetzte.
Ich fande mich in einer grossen Gesellschaft bey der Herzogin von Tabosa: ich stund an einem Fenster, welches in Garten gieng, und unterredete mich mit dem Fursten von Piscara. Der Graf von Pradez gesellte sich zu uns: Er sprach von der genauen Freundschaft, die sich einige Zeit her unter mir und Don Ferdinand geaussert hatte: er nannte mich einen feinen Hofmann, weil ich diesen meinen Mitbuhler dergestalt an mich gebunden hatte, dass er keinen Schritt ohne mich thun konte. Ich bat ihn, nicht so unbescheiden von Don Ferdinand zu reden; der Furst von Piscara aber, der ein Vetter des Don Ferdinand war, und der eigentlich diese Heyrath zu machen suchte, knirschte daruber fur Eifer die Zahne, und gieng stehenden Fusses zu seinem Vettern, welcher in einem andern Zimmer mit einigen Damen spielte; er bat ihn, sein Spiel einem andern zu geben, und verfugte sich mit ihm auf einen Balcon vor dem Saal.
Der Graf von Pradez hatte sich unterdessen zu seinem Gluck weggemacht, es wahrte nicht lang, so kam Don Ferdinand wieder in das Zimmer getreten; der Zorn flammte ihm aus den Augen; Wo ist der plauderhafte Pradez? redete er mich an, ich will sehen, ob er auch das Herze haben wird, mir dasjenige ins Gesicht zu sagen, was er sich gegen euch und meinen Vettern hat verlauten lassen. Ich suchte ihn darauf mit den glimpflichsten Reden zu besanfftigen, ich hielt ihn zuruck, als er dem Pradez nachfolgen und ihn aufsuchen wolte; er erhitzte sich daruber noch mehr. Don Diego, der unsern starcken Wort-Wechsel horte, nahete sich zum grosten Ungluck zu uns; er wolte die Ursache wissen, warum wir beyde so aufgebracht waren? Don Ferdinand, ohne ihm solche zu entdecken, bediente sich gegen mich einiger Redens-Arten, die sehr anzuglich waren. Ich that, als ob ich solche nicht auf mich zog; dem Don Diego aber, der sehr stolz und jah-zornig war, wolte meine Sanftmuth nicht einleuchten, er hielt solche fur eine Zaghaftigkeit.
Ich gieng darauf mit ihm und seinem Bruder dem Don Juan nach dem grossen Garten, wohin wir unsere Leute bestellet hatten. Unter Wegs stichelte Don Diego bestandig auf mich. Er sagte, dass er alle Freundschafft fur mich hatte; allein, dass er nicht laugnen konte, wie ihm meine allzugrosse Eingezogenheit, damit ich Don Ferdinand seine Reden beantwortet hatte, schimpflich vorkam. Ich machte daruber seinen Bruder zum Richter, und erzehlte ihnen beyden die ganze Begebenheit. Don Juan gab mir Beyfall, und ruhmte meine Vorsichtigkeit: dieses verdross seinen Bruder ungemein: der Zorn ubernahm ihn: er schalt uns beyde zaghaft.
Ich spurte, dass sich das Blut bey mir in allen Adern regte: der Odem wurde mir kurzer und das Feuer stieg mir wie Strahlen nach dem Haupt. Haltet ein, Don Diego, sagt ich mit einem erhabenen Ton, haltet ein mit euren Beleidigungen, oder ihr werdet mich zwingen, euch einen Muth zu zeigen, an welchem ihr zweifelt. Ich hatte diese Worte kaum ausgesprochen, so stiess mich Don Diego mit einem ergrimmten Auge auf die Seiten; ich faste aber denselben in gleicher Bewegung mit dem Elnbogen, und schmiss ihn ubern Hauffen. Wir zogen damit beyde von Leder: Don Diego drang als ein Verzweiffelter auf mich ein. Ich war also gezwungen, mich gegen den Bruder von Don Juan, und von Leonoren zu wehren: in dieser Betrachtung suchte ich alle seine Stosse zu pariren, und ihn mehr als mich selbst zu schonen. Meine Meinung war, ihn zu entwafnen; ich gab ihm desswegen eine Blose uber meinen rechten Arm, und streckte mit steiffer Hand die Klinge nach ihm hin; mein Gegner aber war von seiner Wuth geblendet: er sah weder seinen Vortheil, noch meinen Degen. Er rannt in meine Klinge, welche ihm durch die Brust gieng, und fiel als todt zur Erden nieder.
Ich war der erste, der ihm zu Hulf eilte: sein Bruder aber riss mich von ihm weg, und bat mich um GOttes Willen, auf meine Sicherheit zu gedencken; und als ich noch nicht mich entschliessen konte, einen so unglucklichen Platz zu verlassen, so warf er mich mit Gewalt in einen Lehn-Wagen, und befahl dem Gutscher, mich auf einen gewissen Hof, der eine Meile von der Stadt lag, zu bringen.
Ich war noch keine viertel Stund daselbst, so kam mein Cammer-Diener mir nachgerannt. Er war fur Schrecken ausser sich: alle Glieder zitterten ihm; Ach, gnadiger Herr, sprach er: was haben sie angefangen? Ich erzehlte ihm mein Ungluck, und bat ihn, mir einen guten Rath zu geben. Sie sind hier, war seine Antwort, keinen Augenblick sicher. Der Herzog von Albemar, dessen Sohn sie entleibet haben, denn man zweiffelt an seiner Aufkunfft, wird nicht ruhen, an ihnen die vollkommenste Rache zu nehmen. Don Juan, der an Grosmuth seiner unvergleichlichen Schwester nichts nachgab, und um so viel mehr Mitleiden mit mir hatte, weil er ein Zeuge meiner Unschuld war; hatte aus Vorsichtigkeit meinem Cammer-Diener, nebst einigen Reise-Kleidern, auch so viel Geld mitgegeben, als ich zu einer schnellen Flucht vonnothen hatte.
Er schrieb mir dabey folgende Zeilen: Mein bis auf den Tod verwundeter Bruder fordert euer Blut von meinen Handen: Die Gerechtigkeit aber und das Band unserer Freundschaft wollen / dass ich euch wie mein Leben schutze. Welcher Regung soll ich folgen: Ich kan euch nicht wieder sehen / ohne euch meine Feindschaft anzukundigen / und kan nicht einen Bruder rachen / ohne den Himmel zu beleydigen / fliehes deswegen vor einem Feind / der euch liebet / und vor einem Freund / der euch hassen soll.
Ich machte mich also auf die Reise: Ich blieb mit meinem Cammer-Diener auf keiner Land-Strasse: Wir durchstrichen die dickste Walder, und schliefen des Tages unter den Baumen, um die Nacht desto sicherer uber den Weg zu kommen. Nach dreyen Tagen erreichten wir die Aquitanische Grenzen. Wir hielten uns in einem Flecken auf. Mein Kummer und die Heftigkeit meiner Leidenschaften, schienen mich alles Trostes unfahig zu machen. Ich litte grausam: Auf einmahl alles was Gluck und Liebe, und Freundschaft mich hoffen lies, zu verliehren; und noch uber dem einen Vater zu betruben, vor dessen Vergnugen ich allein mein Leben wurde aufgeopfert haben; dieses waren fur ein Gemuth, wie das meinige, solche Umstande, die es nothwendig niederschlagen musten.
So gros mir auch immer die Gefahr schiene, wann ich mich zu meinem Vater begeben wurde, so konte ich doch unmoglich dem zartlichen Trieb langer widerstehen, mich zu dessen Fussen zu werfen, und ihn um Vergebung zu bitten. Ich wagte es also, und reiste nach Hause.
Ich war noch kaum unten im Hof vom Pferde gestiegen, so kamen mir einige von seinen Bedienten mit weinenden Augen entgegen, und sagten mir, dass er diesen Augenblick verschieden war. Diese Nachricht erschutterte mich so heftig, dass ich, ohne ein Wort zu sprechen, meinem Cammer-Diener in die Arme sanck, und als ein Mensch, den seine LebensGeister verlassen hatten, in das nechste Zimmer gebracht wurde. Als ich wieder zu mir selber kam, sah ich einen Bruder vor mir; der nicht wuste, wie er seine Kaltsinnigkeit und seine Verachtung mir genugsam verbergen solte.
Mein frommer Vater hatte ihm noch auf feinem Todbette vieles zu meinem besten anbefohlen; Allein, diese Zartlichkeit hatte bey meinem Bruder keine andere Wirckung, als dass er sich gegen mich desto unempfindlicher und harter bezeigte. Er nahm alles unter seine Schlussel, und machte mit mir was er wolte: Er gab mir dabey unter der Hand zu verstehen, dass ich bey ihm nicht sicher war, weil man mich bereits bey ihm hatte aufsuchen lassen.
Ich kante meinen Bruder, und wuste, dass es ihm nicht zu viel war, mich selbst zu verrathen: Ich verlies also Bruder, Freunde, Guter, Konigreich und alles. Ich gieng nach dem nechsten Hafen, und segelte mit dem ersten Schiff nach Sicilien. So bald war ich nicht zu Palermo angekemmen, so erhielt ich von Novarena die traurigste Nachrichten: Don Diego, schrieb mir sein Bruder, ist noch an seiner Wunde kranck, und durfte schwerlich vollkommen genesen: Der Konig war deswegen auf mich ungnadig: Sein Vater aber beklagte mich mehr, als er mich hasste: Seine Schwester war aus Unmuth in ein Closter gegangen, und wolte von der Wett nichts mehr sehen noch horen. Donna Elvira hatte sich Anfangs meinen Zufall sehr zu Gemuth gezogen, und lies deswegen Don Ferdinand, als die Ursach meines Unglucks, nicht mehr vor sich kommen. Unterdessen aber so gieng das Gesprach, sie wurde den Prinzen von Oviedo heyrathen.
Hierbey bekam ich auch von einem andern Freund aus Novarena die Nachricht, dass mein unwurdiger Bruder daselbst, um die Belehnung meiner Herrschaft Castagnetta hatte anhatten lassen, und solche auch durch die Bestechung einiger Minister wircklich erhalten. In dem erneuerten Duell-Mandat war zwar untern andern Strafen diese mit enthalten, dass die Verbrecher, wann sie Lehen-Manner waren, auch ihrer Lehen-Guter verlustig seyn solten; allein, es dachte niemand bey Hofe daran, dass ich durch den mit Don Diego zufalliger Weis gehabten Zweykampf eine gleiche Strafe solte verdienet haben. Nichts destoweniger, so wuste mein Bruder die Sache selbst rege zu machen, und zu seinem Vortheil zur Ausfertigung zu bringen.
Dieser heimtuckische Streich gieng mir um destomehr zu Herzen, weil ich dadurch, in Ansehung der nothigsten Unterhaltungs-Mittel, von meinem Bruder allein abhangig gemacht wurde, welcher mir es noch fur eine Gnade anschriebe, dass er mir von einer Herrschaft, die jahrlich uber vier tausend Thaler auswarf, eintausend zu meiner Leibzucht wiedmete. So theuer kam mir also ein ungluckseliges Gesprach, in welches ich ganz unschuldig mit eingezogen wurde, zu stehen; und so kan ofters ein einziger unglucklicher Zufall durch einen fortlauffenden Zusammenhang der Ursachen, da immer ein Ubel aus dem andern entstehet, gar hurtig die gantze Wohlfahrt eines Menschen zu Boden werffen. Bey so gestalten Umstanden wuste ich keinen bessern Trost, als in den Lehren der Weisheit zu finden, die noch durch meines Vaters Geist in meinem Hertzen lebten; allein, weil ich noch in dem starcksten Feuer meiner Jugend war, so konten sie mich auch nicht vollig beruhigen.
Ich fand unterdessen an dem Sicilianischen Hof eine Gelegenheit, mich bekant zu machen:
Dieser hatte immer mit den Barbarischen See-Raubern zu thun, welche bestandig auf den Sicilianischen Kusten herum creutzten, und alles, was sie antraffen, wegkaperten: Ihr Vortheil bestund in ihren leichten Schiffen, damit sie, mit einer ungemeinen Behendigkeit, die See durchschnitten.
Ich hatte mich von Jugend auf mit der Seefahrt und der Schiffbau-Kunst erlustiget: Man hatte von meines Vaters Schloss nicht uber drey kleine Stunden bis nach dem Hafen Sanrivo, welcher durch nichts als seinen Schiff-Bau beruhmt ist. Hier verbracht ich in meinen jungen Jahren die angenehmste Stunden: Ich hatte immer einige leichte Jagden, damit ich von meines Vaters Schloss bis nach dem Hafen auf und nieder segelte, und mich zu einem Spiel der Wind und Wellen machte; ja ich wagte zuweilen mich damit so weit in die See, dass ich ofters daruber unsere Kusten aus den Augen verlohr.
Mein Vater, als er diese starcke Neigung an mir entdeckte, liess mich in allen Mathemathischen Wissenschaften auf das grundlichste unterrichten: Man hatte dergleichen Leute an dem Sicilianischen Hofe nothig: Ich konte also meine Wissenschaften hier gelten machen. Der Konig liess einige Galeren nach meinem Entwurf verfertigen, solche ausrusten und in See gehen: Er machte mich daruber zum Befehlshaber. Ich suchte damit die See-Rauber auf; allein, es war, als ob sie auf einmahl verschwunden waren. Ich kam etlich mahl wieder in die Sicilianische Hafen zuruck, ohne feindliche Schiffe entdeckt zu haben.
Mein Volck war damit nicht zufrieden. Man hatte ihm gute Beute versprochen; Es nothigte mich also etlich mahl bis an die Kusten von Algir und Tunis zu creutzen.
Man lauerte uns endlich auf den Dienst. Wir erblickten einsmahlen auf der hohen See zwey grose Schiff mit Battavischen Flaggen; Wir gaben uns einander den gewohnlichen Grus, und strichen weiter fort. Indem wandten sich die beyde fremde Schiffe, steckten Tunesische Flaggen auf, und suchten uns in die Mitte zu fassen. Wir hatten solche vor Kauffardey-Schiff gehalten, und meynten nicht, dass sie, ausser den Matrosen, auch Volck an Boord hatten. Wir wolten dem ungeacht nicht fliehen: Wir liessen sie unserm Schiffe nahern, und gaben dem einen unsere ganze Lage. Mittlerweile aber, dass wir mit diesem zu thun hatten, suchte das andere uns zu endtern: Wir sahen ihren Boord auf einmahl mit Volck bedeckt; sie bemeisterten sich bald unseres Schiffes; Meine Soldaten schlug der Schrecken nieder. Ich suchte sie vergebens durch mein Exempel zum Fechten aufzumuntern, sie streckten ihr Gewehr von sich, und gaben sich gefangen.
Wir wurden nach der Barbarey gefuhret. Der Befehlshaber dieser als See-Rauber beschrienen Volcker begegnete mir nicht allein hoflich; sondern ubertraff auch in der Leutseligkeit noch die meiste Christliche Schifs-Capitane. Er sprach vollkommen gut Illorisch, und ich war nicht misvergnugt, in seiner Gesellschaft nach Tunis zu segeln.
Wir stiegen daselbst den andern Morgen an Land; man brachte mich fur den Bey. Ich bin dein Gefangener, machtiger Bey, sprach ich zu ihm: Ich habe das Vertrauen zu deiner Grosmuth, du werdest mich und meine Leute so lange wohl halten, bis wir aus Sicilien Nachricht haben konnen, dass wir sollen ausgeloset werden.
Man hatte ihm gesagt: wer ich war: Er empfieng mich deswegen wohl, und befahl, mir und meinen Leuten in der Stadt ein Quartier anzuweisen, wo wir fur unser Geld bis zu unserer Auslosung zehren konten.
Ich suchte meinem Gemuth in dieser fremden Welt alle mogliche Veranderungen zu geben, um solches von den traurigen Betrachtungen meiner bisher so schnell auf einander gefolgten Unglucks-Falle abzuziehen: Ich besuchte ofters den Aquitanischen Consul, der ein sehr redlicher Mann war. Es fanden sich auch in Tunis einige Misionarien; deren listige Art aber die Christen-Sclaven aszulosen, mir so wenig, als die Methode, womit sie das Christenthum lehrten, gefiel. Die verwustete Denckmahle von Carthago, welche ich an diesem Ort beobachtete, hatten etwas, das meinen Geist besonders ruhrte: Man entdeckte hier kaum noch die Spuren dieser ehmahls prachtigen Mitbuhlerin des alten Roms: Die Zeit hatte schier alles in Staub und Graus verkehret.
Ich sah mich, dem Namen nach, unter Barbaren, welche gleichwohl sich ruhmen dorften, ehrlicher und aufrichtiger zu seyn als die Christen selbst. Ich bin nie der Meynung gewesen, dass nicht auch andere Volcker die Grunde der Menschheit in sich haben solten: Ich halte dafur, dass nur die Religion, die Auferziehung und die verschiedene Regierungs-Art den Unterschied mache. Die Bosheit und das Verderben aber unter den Menschen aussert sich allenthalben. Ich fand solches in Tunis, wie in meinem Vaterland. Ich seufzete heimlich daruber, als ich sah, wie wenig wir vor diesen Barbarischen Volckern voraus hatten.
Wir entsetzen uns uber ihre Grausamkeit, damit sie die Christen-Sclaven tractiren, und nehmen es gleichwohl vielen unserer Europaischen Fursten kaum einmahl ubel, wenn sie ofters ihren eigenen Unterthanen mit gleicher Harte begegnen. Das Recht, welches die Corsaren uber ihre Kriegs-Gefangene gewinnen, scheinet ihr unbarmhertziges Verfahren gegen dieselbe noch einigermassen zu entschuldigen: allein ich sehe in dem ganzen Natur-Recht nichts, das unsern Fursten zum Vorwand dienen konte, diejenige zu plagen und zu peinigen, um deren Sicherheit und Wohlfart zu schutzen, sie Fursten sind.
Wann auch der Bekehrungs-Eifer bey uns fur recht und gut gehalten wird, so sind darinn die Tuneser noch weit frommer als wir. Sie bekehren die Menschen, welche sie fur unglaubig halten, nicht durch Schargen, Hencker und Dragoner: sie locken sie durch Freundlichkeit und Liebe: und geben oft geringen Sclaven, wenn sie gute Eigenschaften besitzen, die artigste und reicheste Weiber.
Der Bey vernahm nicht so bald durch den Aquitanischen Consul, dass ich von vornehmer Geburt sey, und so wohl in der Kriegs-Ban-Kunst, als in andern Wissenschaften erfahren war, so liess er mich offters zu ihm bringen. Er bezeigte mir eine besondere Hochachtung, welche endlich so lebhaft wurde, dass er mir versprach, mich zum glucklichsten Menschen von der Welt zu machen, wenn ich bey ihm bleiben und zu der Mahomedanischen Religion ubertreten wolte. Dieses zeiget uns, wie ein jeder sich einbildet, den besten Glauben zu haben, und wie der Eifer andere zu bekehren allenthalben in der Welt Mode ist.
Der Bey hatte ein besonderes Vergnugen, mit mir von der Religion zu sprechen: Er war der Meynung, die Seinige war die beste. Ich hatte eine leichte Sache, ihm das Gegentheil zu erweisen. Der Bey hatte Verstand und Einsicht: er hatte viel gelesen, und wuste was zu einem richtigen Schluss gehorte.
Ich sagte ihm, seine ganze Religion war auf das Ansehen eines einzigen Menschen gegrundet, welche man entweder mit oder ohne Vernunft annehmen muste: war es das erste, so durfte man sie untersuchen: dorfte man sie untersuchen, so wurde man bald finden, dass sie die Eigenschaft der Gottlichkeit nicht hatte: durfte man sie aber nicht untersuchen, so hatte Numa Pompilus so viel Recht als Mahomed gehabt, eine Religion nach seinen Absichten zu schmiden.
Der Bey meynte, dass wir ebenfalls keinen andern Beweis von der Warheit unserer Religion hatten, als das Ansehen von Mose und Christo; allein ich zeigte ihm, dass diejenige Religion, welche uns dieselbe lehrten, sich gar nicht auf menschliches Ansehen, sondern auf die Warheit selbst grundete; und daher auch alle Untersuchung litte; Sie lehrte uns von GOtt auf eine der Gottlichkeit gemasse Art dencken; sie schickte sich fur unsern Leib, indem sie uns zur Massigkeit und zur Gesundheit anwies; sie schikte sich fur unsern Geist, indem sie dessen Begierden nach einer ewigen Weissheit und Gluckseligkeit mit Erkantnus und Trost erfullete; sie schikte sich fur den Staat und fur die burgerliche Gesellschafft, indem sie die Gerechtigkeit und die Ordnung zum Grund setzte.
Wie aber steht es um eure Geheimnusse, fragte hier auf der Bey? Geheimnusse, war meine Antwort, haben wir in unserer Religion eigentlich keine; aber in Ansehung unserer Begriffe, sehr viele. Unser Glaube, fuhr ich fort, macht uns aus nichts Geheimnusse? er entdecket uns vielmehr die Tiefen der Gottheit, und die allerverborgenste Weisheit. Wir sind aber gleichsam noch wie die Frucht in Mutterleibe, die erstlich soll geboren werden; wir leben noch in einem dunckeln Ort, und sehen nur das Licht von ferne; So bald wir aber anfangen weise zu werden, so kommen wir von einer Klarheit zur andern, und wachsen unendlich in aller Erkanntnus, Wahrheit und Heiligkeit.
Die Himmlische Corper, Sonn, Mond und Sterne, scheinen in unsern Augen durch die unermessene Tiefe nur kleine Lichter; Sie sind uns nicht verborgen als Geheimnusse; unsere Augen reichen nur nicht so weit; wir sind wegen ihrer Entfernung nicht fahig ihre Grosse zu messen, und ihre Corper recht zu erkennen. Solche Beschaffenheit, sagte ich, hat es auch mit den vermeinten Geheimnussen unserer Religion.
Wie kommt es aber, unterbrach der Cadi, dass ihr in eurer Religion gleichwohl so viele Glaubens-Artickel habt, die ihr selbst nicht verstehet, und daruber ihr doch mit solcher Wuth und Grausamkeit euch einander hasset und verfolget, ja gar um Leib und Leben bringet?
Hier antwortete ich dem Bey mit Schaam und Seufzen; die Christen, sagte ich, machen es hierin nicht viel besser, als wie die Schuler des Alcorans, deren einige den Auslegungen des Ali, die andere dem Omar folgen; und hernach wieder in unzehliche andere Secten sich zertheilen. Dieses ist ein allgemeines Ubel unter den Menschen. Nachdem sie einmahl die wahre Aufrichtigkeit verlohren, so sind sie auf ein unnutzes und sinnloses Geschwaz verfallen; sie haben sich in ihre eigene Weissheit verliebet, und der weltliche Arm hat die Ehre ihrer Einbildungen unterstutzen helffen. Christus hat uns den Glauben ganz anders gelehret; seine Worte waren Kraft und Leben, es bestund alles bey ihm in der Liebe, in der Sanftmuth, in der Demuth, und in dem Frieden. Es ware zu weitlauftig alle Gesprache, die ich uber dergleichen Materien mit dem Bey gehabt, hier anzufuhren.
Das Geld, um mich und meine Leute auszulosen, war unterdessen angekommen. Ich hatte das Gluck, dem Bey gewisse Vortheile begreiflich zu machen, wenn die Tuneser mit den benachbarten Sicilianern in gutem Vernehmen leben wurden; Er brachte solches vor den Divan, und gab mir darauf Befehl mit meinem Hof uber ein und andere Artickel, welche das gute Verstandnus dieser beyden Volcker und ihre Handelschafft betraffen, zu tractiren. Ich zweiffelte nicht, in diesem Geschaffte glucklich zu seyn; allein, da die Zeit herbey kam, dass ich von Tunis verreisen solte, so muste mich der Bey daran erinnern.
Er hatte eine Tochter mit Namen Roxelane, welche eine der ausbundigsten Schonheiten war, die ich je gesehen hatte. Ihr Vater liebte sie ungemein; sie war schier immer bey ihm, wenn er sich mit mir in Gesprachen unterhielt. Ihre Blicke hatten einen unuberwindlichen Liebreitz: so bald schlug ich nicht meine Augen in die Hoh, so blitzten mir die ihrigen entgegen, und trieben mir die Rothe ins Angesicht: der Bey bekam deswegen ofters von mir solche verkehrte Antworten, dass er mir die Abwesenheit meiner Gedancken vorwarf; Er merckte bald, dass die Gegenwart seiner Tochter solches bey mir verursachte: er hatte daruber ein heimliches Vergnugen: er fragte mich endlich, ob mir seine Tochter gefiel? ich bekannte ihm solches; er sagte mir, dass es nur auf mich ankame, alles, was ich wolte, von ihm zu erlangen.
Ich erklarte mich, wenn es eine Moglichkeit war, seine Hochachtung und Roxelanen zu besitzen, ohne meinen Glauben zu verandern, so wurde ich in der Welt nichts hoher schatzen. Seyd nicht so eigensinnig, versetzte der Bey hierauf, wenn euch meine Tochter und meine Freundschafft lieb ist, so kont ihr euch ja leicht zu unserm Glauben bekennen, weil wir mit euch doch einen GOtt verehren: wir erkennen dabey euren Christum fur einen grossen Propheten. Warum wolt ihr unserm Mahomed nicht gleiche Ehre erweisen? Christus und Mahomed, war meine Antwort, sind in ihrer Person und in ihren Lehren allzuweit von einander entfernet, als dass man sie jemahl gegen einander solte vergleichen konnen. Der Bey seufzete daruber, und schlug die Augen gen Himmel. GOtt, sprach er, geb uns zu erkennen, wer von uns beyden den rechten Glauben hat.
Ich fuhlte unterdessen bey mir ein ausserordentliches Leyden: bis schone Mahomedanerin hatte mir ein allzuchristliches Gesichte; ich meynte, sie solte sich deswegen viel besser fur meinen Glauben schicken, wo in einer tugendhaften Ehe eine reine ungetheilte Liebe herrschte. Ich unterhielt mich mit diesen Gedanken, als ich einsmahls, kurtz vor meiner bestimten Abreise, da ich, nach meiner Gewohnheit, langst dem Ufer des Meers spatzieren gieng, eines Schwartzen gewahr wurde, der mir auf dem Fuss nachfolgte: er uberreichte mir ein Papier: ich eroffnete solches, und fand darin diese Worte:
Tugendhafter Fremdling.
Ihr wollt verreisen und ich liebe euch: ich mochte gern deswegen euch alleine sprechen. Folget diesem Sclaven / er wird euch sicher zu mir bringen.
Roxelane.
Diese Zeilen machten mich besturtzt: ich wuste nicht, was ich thun solte: Ich sah in dieser Sache nichts als Gefahr vor mir; die Liebe gab indessen den Ausschlag. Ich folgte dem Schwartzen, er brachte mich in den Garten, worinn ich offters Roxelanen mit ihrem Vater gesehen hatte: Er hiess mich hier warten, und verlies mich.
Roxelane erschien: eine angenehme Demmerung, welche den Glantz des Mondes erhellete, gab mir ihre Schonheit vollkommen zu erkennen: sie war auf eine Art gekleidet, die mir alle Reitzungen davon entdeckte: ein lichter Silber-Flor hieng von ihrem Haupt herunter: ihre Haare waren kunstlich in Locken gelegt, und mit grossen Orientalischen Perlen durchflochten; ein dreyeckigt gebogenes Silber-Blech mit doppelt geschliffenen Diamanten besetzt, glantzete auf ihrer Stirne: ihre Bruste waren nur mit einem dunnen Schleyer bedeckt, und zeigten zugleich den feinsten Wuchs des schonsten Leibes. Kurz, ihr gantzes Wesen hatte etwas so einnehmendes und entzuckendes, dass ich als ein Mensch, der ausser sich war, vor ihren Fussen niedersanck. Ich kuste ihre Hande, ich umfaste ihre Knie: ich seufzete und konte kein Wort zum andern bringen.
Roxelane schien nicht weniger geruhrt; Mein Vater, sagte sie mit einer schwachen Stimme, hat euch zu meinem Brautigam erwehlet, und mein Herz hat dessen Wahl gebilliget; eure Augen haben mich beredt, ihr waret damit zu frieden; und nun wolt ihr verreisen? dieses verschmahet mich. Ich kan euch meine Empfindlichkeit daruber nicht bergen; entdecket mir davon die Ursach. Liebet ihr mich nicht, so will ich euch nicht nothigen hier zu bleiben; es ware mehr meine Schuld als eure, wann ich euch nicht gefiel. Liebet ihr mich aber, wie mich dessen eure Augen und eure Gebehrden so offt beredet haben, warum wolt ihr mich verlassen?
Durfte ich, o himmlische Roxelane, war meine Antwort, keinen andern Gesetzen, als den Bewegungen meines Herzens folgen; so wurde ich mein Leben fur mehr als glucklich schatzen, wann ich es auch nur als ein Sclave in euren susen Banden zubringen konte; allein, ich bekenne mich zu einem Glauben, welchen man hier verabscheuet. Ich bin ein Christ, und achte es fur meine hochste Ehre ein solcher zu seyn; ich wurde tausendmahl lieber den schmahlichsten Tod leyden, als eine Wahrheit verleugnen, deren mich der HErr Himmels und der Erden zu uberzeugen gewurdiget hat.
Euer Eiffer, grossmuthiger Christ, sagte Roxelane, gefallt mir wohl: er schickt sich fur eine so edle Seele: ich liebe die Leute, die nach ihrer Art GOtt mit einer solchen Aufrichtigkeit verehren. Dieses zeiget ein Herz, auf dessen Treu man sich verlassen kan. Saget mir aber, geliebter Freund, fuhr sie fort, verbietet euch dann euer Glaube eine Mahomedanerin zu heyrathen, die mit euch einen GOtt verehret, nemlich den Schopffer der Welt, der uns durch seine Propheten den Weg der Tugend hat lehren lassen?
Was mir hierinn, erklarte ich mich, meine Religion erlaubet, verbietet euch die eurige: Euer Vater, schonste Roxelane, hat mir eine Bedingung vorgeleget: ich soll meinen Glauben verleugnen, und den seinigen annehmen: dieses hies euch fur einen ehrlichen Mann einen Heuchler geben; der, wenn er an GOtt untreu ist, sich auch kein Gewissen daraus machen wurde, solches gegen euch und euren Vater zu seyn.
Roxelane beantwortete diese Rede mit einem tiefen Seufzer: Sie schlug ihre Augen, aus welchen einige Thranen flossen, beweglich gen Himmel. Ach! rief sie aus, du einiger GOtt! warum trennet dasjenige dein Gesetz, was doch die Liebe und die Tugend verbindet?
Sie schwieg hierauf still, und schien demjenigen, was ihr die Liebe fur mich eingab, tief denckend nachzusinnen. Wohlan, mein Freund, brach sie endlich heraus: Ich will mit euch diese Ufer verlassen, und euch noch mehr als eine geborne Christin lieben. Das sey ferne, versetzte ich hierauf, dass ich die Wohlthaten des grossen Beys, eures Vaters, mit einer solchen Untreu belohnen, und ihm das liebste, was er hat, dafur entfuhren soll? Dieses ist auch nicht meine Meynung, erwiederte Roxelane: ich hoffe meinen Vater mit gutem darzu zu bereden; denn ich fuhle in meiner Brust eine unwiderstrebliche Regung eine Christin zu werden: ich habe verschiedene von euren Buchern gelesen: eure Gesprache mit meinem Vater haben mich darauf vollig uberzeuget. Ich habe ihm solches entdeckt. Er hat mich auch daruber bestraffet; allein, ich hab Ursach zu glauben, dass ihm solches nicht von Herzen gehet, und dass er vielleicht selbst ein Christ werden wurde, wenn er nicht zuviel dabey zu verliehren hatte.
Indem sie dieses sagte, horten wir eine Thur im Seraglio aufgehen, und sahen den Bey auf uns zukommen. O Himmel, sprach er, indem er sich uns naherte, und zugleich die Hand an seinen Sabel legte, was sehe ich hier? Ach Vater! schrye ihm Roxelane voller Schrecken entgegen, indem sie sich zu seinen Fussen warf, massiget euren Zorn: ist meine That gleich ungewohnlich, so ist sie doch unschuldig. Wie, vermessener Auslander, redete er mich darauf an, ist dieses diejenige Tugend, damit ihr die Vortreflichkeit eures Glaubens beweisen wollet? Entrustet euch nicht, geliebter Vater, unterbrach hier abermahl Roxelane, indem sie ihm noch fest an den Knien lag, horet mich, und wo ihr ein Verbrechen findet, so wendet allen euren Zorn gegen mich: ich, nur ich allein, bin schuldig.
Roxelane erzehlte ihm hierauf, wie sie mich hatte zu ihr in Garten kommen lassen, und wie grossmuthig und tugendhaft ich mich gegen sie erklaret hatte. Der Bey wurde daruber bewegt: ich schelte euch nicht, meine Tochter, sagte er zu ihr, mit einem besanftigten Wesen, dass ihr diesen Auslander liebet: ich selbst bin ihm gewogen; allein, mein Freund, fuhr er fort, indem er sich zu mir wendete, ihr wisset meine Meinung: ohne ein Mahomedaner zu werden, konnet ihr meine Tochter nicht besitzen. Wollet ihr diese Bedingung nicht eingehen, so verlasset uns, und sturzet uns beyde nicht ins Ungluck. Er reichte mir darauf zum Zeichen seiner Freundschaft die Hand, welche ich mit Ehrerbietung kuste, und lies mich wieder durch lange Gallerien aus dem Seraglio bringen.
Die Liebe zu Roxelanen verursachte bey mir eine recht peinliche Leydenschaft, sie schien mir eine allzuschone Seele zu haben, als dass ich zu ihrer volligen Bekehrung nicht alles wagen solte: gleichwohl sah ich mich durch eben die Gesetze des Christenthums gebunden, in dieser Sache mich keiner andern Mittel zu bedienen, als die mit der wahren Aufrichtigkeit ubereinkamen. Meine Liebe zu Roxelanen wurde durch die mindeste Absicht beflecket, die nicht mit der Reinigkeit des Christenthums ubereinstimmte.
Der Bey sand mir den andern Morgen nicht nur das ihm gezahlte Lose-Geld wieder zuruck; sondern begleitete solches auch mit ansehnlichen Geschencken. Wobey er mir zugleich andeuten lies, dass eine Gallere fur mich fertig hielt, mich samt meinen Leuten nach Sicilien zu begleiten. Dieses war ein Befehl: ich konte solchem nicht entgegen handeln. Ich nahm also von dem Bey Abschied, und zeigte ihm fur seine mir erwiesene Grosmuth die lebhafteste Danckbarkeit.
Es wurde mir nicht erlaubt, Roxelanen noch einmahl vor meiner Abreise zu sehen. Ich hielt deswegen einen Brief an dieselbe fertig, in Meynung solchen dem Schwarzen einzuhandigen, wenn er sich noch einmahl bey mir melden wurde. Ich betrog mich nicht in meiner Hofnung: meine Leute waren bereits an Boord: ich sass noch auf einem niedrigen Gemauer an dem Hafen, und hatte meine Augen bestandig nach dem Seraglio hingewandt. Die Segel wurden aufgezogen, die Ancker geloset, und man kam mir anzudeuten, dass man bereit war vom Land zu stossen, und die hohe See zu gewinnen: Ich stund mit schwerem Herzen von meiner Stelle auf, und gieng mit langsamen Schritten nach dem Boot, welches mich in mein Schiff bringen solte. Indem erblickte ich den Schwarzen: er kam und uberreichte mir ein Kastgen. Ich gab ihm dargegen, nebst einem kleinen Geschenck, einen Brief an Roxelanen, darinn ich diese schone Africanerin meiner ewigen Liebe versicherte, und sie zugleich ersuchte, mir von ihrem Zustand und den Fortgangen ihres Christenthums Nachricht zu geben.
Ich gieng damit zu Schiff, und verliess das Tunesische Gestade mit weit mehr Unruh, als ich war dahin gekommen. So bald ich alleine war, ofnete ich das von Roxelanen mir uberschickte Kastgen, und fand darinn, nebst einigen Kleinodien, ihr mit Diamanten eingefastes Bildnus: ich betrachtete solches mit einer entzuckenden Freude: ich fand dabey ein gefaltenes Papier, und las darinn folgende Zeilen:
Geliebter Freund.
Ich sehe euch verreisen: ich begleite euch mit meinen Thranen. Ihr verlasset mich / nachdem ihr mein Herz mit der zartlichsten Liebe fur euch / und mit dem sehnlichsten Verlangen euren Glauben anzunehmen / erfullet habt. Was soll ich nun anfangen: werd ich euch jemahls wieder sehen: O vergesset nicht eine unglaubige / die mit solchem Eifer sucht glaubig zu mann Carajutz von Damasco: Seine Frau wird die richtige Bestellung eurer Briefe besorgen. Verschmahet unterdessen nicht die Abbildung von einem Weibs-Bild / welches euch eurer Tugend halben liebet. Mein Herze solte euch vielleicht besser gefallen / wann ihr solches kennen wurdet. Ich bin eure getreue Roxelane.
Lebet wohl.
In vier und zwantzig Stunden kam ich mit meinem Volck glucklich wieder nach Sicilien. Der Hof war uber meine Verrichtungen, so schlecht sie auch waren, doch nicht missvergnugt. Ich ruhmte die Grosmuth des Bey, und hatte das Gluck, dass die FriedensTractaten, wie ich solche mit den Tunesern verabredet hatte, unterschrieben und durch mich ausgefertiget wurden. Ich sandt solche an den Bey, und bat mir keine geringere Vergeltung dargegen aus, als Roxelanen.
Ich schrieb zugleich an dieselbe: Ich bat sie, ihren Vater mit guter Art zu seiner Einwilligung in unsere Heyrath zu bereden. Es verflossen bey nah funf Monathe, ehe der Bey der Liebe seiner Tochter nachsehen wolte. Er wurde endlich durch das Lesen guter Bucher, und durch die bestandige Gesprache des Armeniers Carajutz, von den Wahrheiten der Christlichen Religion dergestalt uberzeuget, dass er mir seine Tochter bewilligte, und dabey heimlich den Endschluss fasste, mit der Zeit seine hochste Stelle in der Regierung abzudancken, und sich zu uns nach Sicilien zu begeben.
Ich erhielt diese Nachricht mit einer unaussprechlichen Freude. Roxelane meldete mir dabey, wie, auf was Art und zu welcher Zeit ich sie zu Pessara von meinen Leuten in Turckischer Kleidung solte empfangen lassen.
Ich kam ihren vorsichtigen Erinnerungen in allem nach: Ich hielt bereits acht Tage mit meiner Gallere in besagtem Hafen. Ich begunte zu furchten, man mogte unsern Anschlag entdecket haben, weil ich binnen dieser Zeit nichts von Roxelanen vernahm. Wenn man liebet, so ist einem das Warten in dergleichen Fallen die groste Marter; zumahl, wenn die Furcht darzu kommt, dasjenige, was man liebet, zu verliehren.
Endlich liess sich auf der hohen See ein grosses Tunesisches Fahrzeug sehen, welches einen Boot nach dem Hafen schickte, und sich nach Griechischen Kauf-Leuten, die nach der Levante segeln solten, erkundigte. Meine Leute waren gleich an Boord, es fand sich keiner von denen, die mit mir zu Tunis waren, darunter. Sie fuhren nach dem Tunesischen Schiff: Roxelane wurde ihnen mit verdecktem Angesicht von einigen Tunesern, als eine vorgegebene Braut eines Bassa in der Levante, uberliefert. Meine Leute thaten darauf, als ob sie nach Copern segeln wolten; so bald aber hatten sie nicht das Tunesische Schiff aus dem Gesicht verlohren, so kehrten sie nach dem nechsten Hafen von Sicilien wieder zuruck, derselbe lag nur drey Meilen von Pessara: Ich hatte mich mit einer kleinen Jagd dahin begeben; es war bereits Nacht, als Roxelane da ankam: Die Freude, die wir empfanden uns wieder zu sehen, litte keine Ausdruckungen. Ich bin nun gantz die eure, sprach Roxelane, indem sie mich in ihre Arme schloss, und ich werde nun solche ewig bleiben.
Sie brachte mir so viel Geld und Jubelen mit, dass ich meine Dienste bey Hof abdanckte, und mir in der anmuthigsten und fruchtbarsten Gegend von Sicilien, ein schones Land-Gut kaufte. Ich gedachte hier mein Leben in der sussesten Vereinigung mit meiner liebenswurdigsten Tuneserin zuzubringen. Aber ach! wie eitel sind der Menschen Anschlage.
Ich liebte Roxelanen allzuheftig, als dass ich mich dadurch nicht so sehr an eine blosse Creatur solte gebunden haben; dergleichen innigste Vereinigung findet man nicht in dieser Welt: Sie war ein Vorschmack des Paradieses, wenn sie nicht die Furcht der Sterblichkeit beunruhigte. Es vergieng nicht leicht ein Tag, da wir uns dieses nicht vorstellten, und daruber eine gewisse Traurigkeit empfanden, die uns bey dem Genuss des grosten Vergnugens seufzen machte. Wir hatten eine Ahndung, dass wir nicht lang beysammen bleiben wurden. Es ist ein verborgener Zusammenhang in der Natur, und wie eine Sayte, die man an einem Ende beweget, ihre Ruhrung zugleich am andern Ende empfinden lasset; so spuret ofters unser Geist ein ihm unbekantes Gefuhl von dem, was uns vorstehet. Meine Gluckseligkeit war zu gros fur eine Welt, darinn die meiste Menschen nur zum Leiden scheinen geboren zu seyn.
Es geschah auf Befehl des Bey, dass wir unsern Wohn-Sitz so nah bey der Barbarey genommen hatten: Seine Absichten giengen dahin, seine Wurde niederzulegen und bey uns verborgen als ein Christ die ubrige Lebens-Jahre zuzubringen. Das Schloss, welches wir bewohnten, lag unweit einem kleinen MeerPort; Wir hatten eine treffliche Vieh-Zucht, und nebst der feinsten Seide auch die reinste Wolle. Die benachbarte Tuneser und Algierer kamen in der Menge heruber gefahren, um solche aufzukauffen. Wir wurden von ihnen bald ausgekundschaftet: Der verkehrte Religions-Eifer kan in der Welt nichts anders als Boses stiften: Ein Tuneser wuste unter andern bey mir und meiner Frauen ungemein sich einzuschmeicheln. Dieser Boswicht war von den Dervis abgeschickt, um meine Frau aus der Welt zu schaffen: Ihr Vater hatte um eben diese Zeit ein gleiches Schicksal gehabt: Die Mahomedaner halten dieses fur ein Gesetz, alle diejenige, die von ihrem Glauben abfallen, aus dem Weg zu raumen.
Der Verrather stellte sich, als ob er dem Exempel der Roxelanen folgen wolte, welche gleich nach ihrer Ankunft den Christlichen Glauben mit der grosten Begierde angenommen hatte. Diese Verstellung machte, dass wir ihn zu uns nahmen und ihm alles vertrauten. Man behalt noch immer eine naturliche Zuneigung zu solchen Leuten, die mit uns, unter einerley Himmels-Gegend, in diese Welt gekommen sind, und so zu sagen, mit uns einerley Luft und Speise genossen haben. Roxelane liebte insonderheit ein gewisses kuhlendes Getranck, woran sie von Jugend auf gewohnet war. Ihr treuvermeynter Lands-Mann konte solches ungemein nach ihrem Geschmack verfertigen. Er nahm Gelegenheit, ihr damit zu vergeben, und machte sich darauf heimlich weg; Damit ich aber auch wissen mogte, wo der Streich herruhrte, so hinterlies er folgende Nachricht: Roxelane hat ihren Glauben verlaugnet: Der grosse Prophet hat allenthalben seine Abgesandten: Sie wird dafur den Tod leiden / und ich schatze mich selig / dass ich zu einem Werkzeug der Gottlichen Rache habe dienen konnen.
Das Gift that zwar langsam seine Wirckung; Roxelane aber spurte bald den Tod in ihren Gliedern wuhlen. Sie verbarg mir, was sie daruber leiden muste: Ich habe mir, sprach sie, wohl vorgestellet, dass wir nicht lang beysammen bleiben wurden: Unsere Liebe ist zu vollkommen; Etwas vollkommenes aber hat keinen Bestand in dieser Welt. Wir mussen scheiden, und ich sterbe als eine Christin; Voll Verlangen und Sehnsucht bey demjenigen Heyland zu seyn, der sich mir auf eine so ausserordentliche Weise hat zu erkennen gegeben. Nur das einzige qualet mich, dass ich euch verlassen soll: Meine Empfindlichkeit wurde daruber mehr als grausam seyn, wenn ich nicht wuste, dass der Tod nur unsern Leib, nicht aber unsern Geist trennet.
So starck sie auch ihr Glauben machte, so konte sie doch allhier ihrer Zartlichkeit nicht vermehren, einige Thranen zu vergiessen. Ich war durch diesen Zufall dermassen geruhret, dass ich einem Sterbenden ahnlicher sah als Roxelane. Mein Schmertz und meine Empfindung gieng so weit, dass ich mit ihr sterben wolte. Ich konte in etlichen Tagen nicht die geringsten Speisen zu mir nehmen. Ich erfullte das gantze Haus mit einem jammerlichen Seufzen und Wehklagen. Ich gieng aus einem Zimmer in das andere, und konte in keinem bleiben. Der Verlust von Roxelanen schien mir unertraglich.
Diese, als sie mich in diesem traurigen Zustand sah, suchte alle ersinnliche Trost-Grunde hervor, um mich ein wenig aufzurichten. Warum wollet ihr doch, mein lieber Mann, sprach sie, mir den Tod noch schwerer machen? Seyd ihr dann nicht auch ein Christ? Seyd ihr nicht das Mittel gewesen, dass ich eine Christin worden bin? Habt ihr mir nicht selbst gesagt: Jenes Leben sey unaussprechlich besser, als dieses? Zweiffelt ihr nun daran? Missgonnet ihr mir solches? O nein! Ich weiss, dass ihr mich liebet, und dass euch deswegen meine Seligkeit erfreuen muss.
Einige Tage darauf richtete sich meine sterbende Frau in ihrem Bette auf: Sie hatte den Tod auf ihren Lippen, ihre Augen aber waren voller Glantz: Es belebte sie gleichsam ein himmlisches Licht: Fahret wohl, mein geliebter Gemahl, sagte sie zu mir, indem sie mich an ihre Brust mit groster Bewegung druckte, fahret wohl, fasset euch, ich werde scheiden. Wir haben uns auf ewig zusammen verbunden; Der Tod will dieses Band zerreisen; allein seine Macht ist vergebens: er mag den Leib immer hinnehmen, dasjenige, was euch in mir liebet, ist unsterblich. Wir haben uns hier auf Erden nur kennen lernen, um in jenen Wohnungen der seligen Geister auf ewig mit einander zu leben.
Meine Frau redete diese Worte, als eine Seele, die bereits in einer Gottlichen Entzuckung lag, und deswegen einen hohern Strahl des Lichts genosse; weil die unordentliche Bewegungen ihres Corpers aufhorten, und den Geist in der Beschauung des neuen Lebens, dem sie entgegen ruckte, nicht weiter hinderlich waren. Ich fragte sie deswegen, ob sie dann vollkommen versichert sturbe, dass unsere Liebe auch in der Ewigkeit noch statt haben wurde?
Mein lieber Mann, erklarte sich die Sterbende: Ich weiss, seitdem ich eine Christin bin, dass man im Himmel sich nicht freyen noch freyen lassen wird. Ich weiss aber auch durch eben den Geist, der uns solches offenbaret hat, dass diejenigen, die sich hier im Herrn geliebet haben, ihre Liebe auch in jener seligen Ewigkeit fortsetzen und unzertrennlich mit einander verbunden bleiben werden. Ja, diese Vereinigung wird sich nicht nur allein auf treue Ehgatten, sondern auch auf alle diejenige erstrecken, die wir allhier in tugendhafter und reiner Neigung, so wohl dem Blut als dem Gemuthe nach, geliebet haben. Dann unsere Tugend bleiben nicht in dieser Welt: sie sind weder dem Tod noch der Verwesung unterworffen: sie folgen uns nach, und vereinigen uns wieder mit GOtt, als ihrem Ursprung. Die Liebe ist die groste unter allen; sie ist die Quelle, woraus alle andere herkommen: sie ist eine Ausfluss des Gottlichen Wesens, und fliesset auch wieder in das Gottliche Wesen ein. Sie vergottert unsere Natur; sie verklaret uns in dasselbige Bild, und macht uns Gottlicher Eigenschaften theilhaftig.
Die Liebe zu den Creaturen und die Liebe zu GOtt wird alsdann nicht mehr getrennet seyn; sondern einerley Neigung ausmachen; Wir werden alles in GOtt, und GOtt wieder in allem lieben. Wir werden in seine Absichten eingehen, und dabey seine Allmacht, seine Weisheit, und seine Liebe bewundern; Das Bose wird aufhoren, und das Gute ewig bleiben. Unsere Liebe wird sich mit ihrem reinen Ursprung verbinden, und aus dieser unendlichen Quelle, ihre Anmuth, ihre Nahrung und ihre Ewigkeit schopfen: sie wird noch immer vollkommener, gluckseliger und Gottlicher werden.
Als sie hierauf ein wenig still geschwiegen, und gleichsam frischen Othem geschopfet hatte, endigte sie mit diesen Worten: Ich empfinde nun fur euch, sprach sie, mein Liebster, zum letzten mahl die Schwachheiten einer leidenden Natur. Es thut mir zartlich weh, dass ich von euch scheiden muss. Diese Empfindung wird mit dem Corper sterben: Unsere Geister aber werden sich nach diesem Leben auf ewig vereinen. Lebet wohl, mein Gemahl. Liebet mich auch nach dem Tode, wann es der Zustand von jener Welt und die mir noch unbekannte Ordnung des grossen Schopfers leiden wird; so soll euch mein Geist von seinem Zustand, wie er von dem Leibe abgeschieden lebet, einige Nachricht ertheilen.
Sie reichte mir hierauf die Hand, und verschied ohne die allergeringste Bewegung: mehr als ein Engel, der verschwindet, als ein Mensch, dessen Lebens-Bande sich mit Schmertzen trennen.
Ich war noch kein so starker Christ, diesen allzu herben Riss der Natur mir Standhaftigkeit zu ertragen; Ich sanck daruber zu Boden; Ich litte alle Schmertzen des Todes, und muste leben, um solche zu empfinden. Ich fiel daruber in einen so tieffen Kummer, dass ich wie eine Leiche herum gieng, alle Menschen floh, und mich den gantzen Tag hindurch in einem dunckeln Wald, der hinter meinem Garten lag, verborgen hielt.
Ich fand mich in einem Stand der Entblossung, worinn ich die Nichtigkeit meiner eignen Weisheit und Starcke muste erkennen lernen: Es war mir alles entzogen, womit sich sonst die Menschen trosten konnen: Die Welt und alles war mir zuwider. Der Konig, der von meinem Zustand Nachricht eingezogen hatte, sandt mir seinen Leib-Artzt, nebst einem von meinen guten Freunden. Ich war gantz Leutscheu worden, und fuhlte deswegen einen heimlichen Schauer, da ich dieser beyden Herrn ansichtig wurde. Diese Bewegung aber verlohr sich bald: sie suchten mich zu bereden mit ihnen nach Hof zu gehen, sie stellten mir vor, dass nichts mein Gemuth von seinem anhaltenden Leiden hurtiger abziehen wurde, als die Veranderung der Vorwurffe.
Ich liess mir rathen: ich wolte nicht eigensinnig seyn: ich wuste, wie schadlich diese Gemuths-Art war. Die Bewegung der Reise, die Veranderung der Luft, die gute Gesellschaft; vornehmlich aber der Entschluss, mich gantz und gar der Gottlichen Schickung zu uberlassen, machten, dass ich ziemlich wohl zu Palermo ankam.
Der Konig erzeigte mir viel Gnad: und nothigte mich endlich gar, zum Zeichen seiner Gunst, eine junge Dame zu heyrathen, die aus einem der grosten Hauser von Sicilien war: Sie war jung, lebhaft und schon. Ich weiss nicht, warum GOtt diese andere Heyrath uber mich verhanget hat. Vermuthlich solte mir dadurch alle Welt- und Creaturen-Liebe vollig verleidet werden.
Ich hatte noch kaum einige Wochen in dieser Ehe zugebracht, so entdeckte ich an meiner Gemahlin eine zu allen Ausschweiffungen geneigte Seele: Ihre Laster machten mich an die Tugenden der Roxelanen dencken; das Verlohrne schien mir unschatzbar, das Gegenwartige unertraglich. Meine Frau hatte eine dermassen uble Erziehung gehabt, dass sie nicht einmahl wuste, was Ehre, was Tugend, und was Religion war.
Sie fand sich sehr beleydiget, da ich zum ersten mahl es wagte, ihr einige Vorstellungen zu thun. Wie! Mein Herr, sagte sie bilden sie sich ein, dass sie mich hofmeistern wollen? O diesen Lusten lassen sie sich vergehen: sie haben keine Barbarische Tuneserin mehr vor sich. Ich habe mich deswegen nicht geheyrathet, um unter der Botmassigkeit eines Mannes zu stehen, von dem ich mir eingebildet, dass er mir zu Gefallen leben wurde. Alle meine Ermahnungen waren also bey ihr vergebens: Sie sagte, dass ihr meine Sitten-Lehren missfielen, und dass sie nach ihrer Weise leben wolte. Damit war unser Verstandnis auf einmahl aufgehoben, da wir kaum noch vier Monathe geheyrathet waren. Wir begegneten uns einander gantz fremde, und speiseten selten zusammen an einer Tafel.
Meine Frau ergab sich allen Unordnungen: Sie war bey allen Lustbarkeiten des Hofs: Jedermann schmeichelte ihr: dieses war ihre Haupt-Begierde: sie wolte gefallen, und suchte ihr Vergnugen in der Menge ihrer Anbeter und Liebhaber. Von den Pflichten eines vernunftigen Weibes wuste sie nichts: Sie hatte nicht einmahl Zeit daran zu dencken: Sie war allzu sehr in ihren Eitelkeiten und Wollusten zerstreut.
Hatte ich mich daruber beklagen wollen, so wurde man mich fur einen wunderlichen und eigensinnigen Mann gehalten haben. Man lebte nicht anders in der grossen Welt. Es war nicht mehr Mode, dass sich die Weiber ehrbar und die Manner weise stellten. Die Ehe war ein Sacrament fur den Pobel, und ein Stand der Freyheit fur den Adel. Ich hatte davon andere Begriffe: ich liebte die Tugend: ich sah ihren Fortgang ewig, und das Ende der Laster mit Schrecken. Ich muste mich unterdessen verstellen: ich wolte mich weder lacherlich machen, noch viel weniger uber eine Sache einen Rechts-Streit anfangen, wo der Gebrauch die Gesetze aus der Ubung gebracht hatte. Ich befand mich in diesen Umstanden, und dachte ihnen nicht ohne betrubter Empfindung nach; als ich einmahls daruber in einen tiefen Schlaf fiel.
Mir traumete, ich war in einem dustern Wald, wo ein braussender Wasserfall sich von einem wilden Geburg herunter sturtzte, und zwischen ungeheuren Felsen und Klippen durchrauschte. Ich empfand hier eine Verachtung gegen alle Schonheiten dieser Erden. Ich entschloss mich, ein Feind der Menschen und ihrer Ergotzlichkeiten zu seyn. Ich sah allerhand wilde Thiere, die vor mir flohen, und horte an statt der lieblichen Tone, die sonst in den Waldern erschallen, nichts als ein zischendes Pfeiffen der Uncken und Hammelmausgen; und das Rufen der Kautzgen und Nacht-Eulen. Man muss schon zu einem hohen Grad der Traumerey gelanget seyn, wenn einem solche Dinge mehr anmuthig als furchterlich vorkommen: Ich fuhlte bey mir eine Melancolie, welcher ich nachhieng; ich war traurig, und wolte es seyn: mein Kummer war mir angenehm, und mein Leiden ein Vergnugen.
Auf einmahl wurde in diesem Wald alles lichte: nicht anders wie in den Schauspielen, wenn man den Vorhang aufziehet. Ich fand mich in der schonsten Gegend: ich beobachtete keinen Strich, der Himmel und Erden schied: ich sah ihre Tiefen mit Erstaunen: ein unendliches Licht erfullete den unendlichen Raum: ich horte Stimmen, welche die reinste Tone ausstiessen: ich fuhlte eine Lufft, die meine Brust mit der sussesten Empfindung bewegte, und deren Hauch alles mit dem lieblichsten Geruch durchdrang: ich sah Geschopffe von ungemeiner Schonheit, die theils den Menschen, theils den gemahlten Cherubinen glichen; Aus ihren Augen strahlte die Liebe, die Anmuth und die Holdseligkeit. Ich kam daruber in eine Entzukkung, darinn ich bald mit Menschen, bald mit Engeln mich vermenget sah; ich erblikete darunter Roxelanen: ihre Gestallt war in einen hellglantzenden Schleyer verhullet, dadurch ich bald ihren gantzen Leib, bald aber nichts als ein bloses Licht erblickte; dessen Strahlen so scharff und durchdringend waren, dass ich daruber die Hande vor die Augen halten muste: endlich erschien sie vor mir in ihrer gewohnlichen Kleidung: in ihren Augen lachte ein himmlisches Feuer, sie winckte mir mit der Hand, verbot mir aber, sie (nicht) anzuruhren.
Ich bin selig, sagte sie zu mir: aber diese Seligkeit ist unaussprechlich: Die Gegenwart GOttes erfullet alles: die Seelen der Gerechten sind davon durchdrungen; doch finden sich in diesen Wohnungen unzehlich viele und verschiedene Gegenden. Die untersten, wo die Seelen, wann sie erst von dem Leibe scheiden, hinkommen, sind weder finster noch lichte: den meisten thut die Absonderung von ihrem Corper leyd: sie sehnen sich deswegen, doch eine mehr als die andere, noch immer nach ihren vorigen Hutten. Die Geitzigen zehlen noch ihr Geld: die Hochmuthigen sinnen noch auf Pracht; und die Wollustigen seufzen noch nach ihrer vorigen Lust: ihr Zustand ist noch immer nach denen Neigungen eingerichtet, welche sie mit aus der Welt bringen. Diejenige Seelen aber, welche bereits sich durch den Glauben und die Weissheit mit GOtt bekannt gemacht haben, die dringen hier mit einer ungemeinen Begierde und einer schnellen Erhebung, durch alle Zwischen-Raume hurtig durch, und gelangen also zu der Gemeinschafft GOttes, welche die Seligkeit ist; mittlerweile, dass hingegen die noch irrdisch gesinnte Seelen, so lang und so viel durch ihre bose Neigungen und Thorheiten herumgetrieben werden, biss sie endlich solche selbst erkennen und verfluchen lernen: da sie dann von einer Lauterung zur andern, und von Grad zu Grad erhohet, des Einflusses des gottlichen Lichtes fahig werden. Bis endlich Christus, als das Haupt aller Glaubigen, sein Reich beginnen; unsere Leiber wieder mit dem Geist vereinigen und Licht und Recht, nach den Absichten GOttes in der Schopfung vollkommen herstellen wird. Sonst wissen eigentlich die Seelen hier nichts von dem, was sich auf der Erden begiebt; Es wird ihnen aber zuweilen vergonnet, wenn sie die Liebe zu den Hinterlassenen allzuheftig dringet, einen Blick dahin zu thun: sie versencken sich so dann in den Glanz des hochsten Lichtes, welches aus GOtt strahlet, und worinn sie als in einem Traum dasjenige sehen und zu wissen bekommen, was sonst niemand als GOtt allein wissen kan. Mehr kan kein irrdischer Verstand von diesen Dingen fassen. Trachte unterdessen in der Welt so zu wandeln, dass dir deine gute Wercke nachfolgen konnen, und dass ein aufrichtiges Verlangen nach GOtt, deiner Seele den Weg bahnen moge, durch alle Wohnungen der irrdischen Geister hurtig durchzu dringen und des gottlichen Lichtes theilhaftig zu werden. Fliehe unterdessen den Ort, der deiner Tugend gefahrlich ist; ruhre nichts unreines an; verlass deine Ehebrecherin; begieb dich in ein Land, wo dich niemand kennet. Lebe daselbst entfernet von den Thorheiten dieser Welt. Nahe dich immer naher und naher zu GOtt, durch die Weisheit, die von oben kommt; so werden deine Jahre ruhig verschleissen, und dein Ausgang aus der Welt wird dein Eingang in den Himmel seyn.
Hierauf verschwand der schone Geist der Roxelanen, und ich erwachte. Ich hielt sonst nichts auf Gesichter und Traume. Hier aber schien mir der Traum von etwas mehr als einer menschlichen Fantasie herzuruhren. Ich gieng mit mir selbst zu Rath und fand in mir eine starcke Uberzeugung, dasjenige ins Werck zu richten, was mir Roxelane im Schlaf angedeutet hatte.
Ich verlies Sicilien, den Hof, und meine ungetreue Gemahlin: ich nahm weiter nichts mit mir, als etwas weniges an Gold, nebst den Kleinodien von Roxelanen. Ich hatte niemand bey mir, als meinen Cammerdiener. Ich reiste damit durch ganz Illyrien, und kam bis an diesen Ort: ich fand eine Neigung in dieser Einode zu bleiben, ich erblickte in der Ferne das Schloss des Grafens von Sylva: ich meldete mich bey ihm, und fragte ihn, ob ihm nicht ein Stuck Landes jenseit des grossen Teiches feil ware. Der Graf betrachtete mich mit besonderer Aufmerksamkeit: er erkundigte sich, wo ich her kam, und ob ich auch Geld hatte, ein Land-Gut zu kauffen? Ich antwortete ihm auf das erste, dass ich ein Lampurdaner war, der wegen eines gehabten Unglucks ausser seinem Vaterland leben muste: wegen dem andern zeigte ich ihm eine Handvoll Perlen und Juwelen, die ich nebst dem Bildnus meiner Roxelanen bey mir fuhrte. Der Graf schien daruber verwundert, und lies mir nicht undeutlich einen Argwohn blicken, als ob ich diese Schatze nicht auf eine rechtmassige Art besitzte: solches beleidigte mich nicht, ich begnugte mich damit, ihn einfaltig zu versichern, dass ich ein ehrlicher Mann war; und ersuchte ihn zugleich, meine Kostbarkeiten in Verwahrung zu behalten. Die Art, womit ich ihm dieses sagte, benahm ihm alles Mistrauen; er begegnete mir darauf nicht nur hoflich, sondern als einer Person seines Standes; Er uberliess mir diese kleine Landerey, welche sie hier von mir angebauet sehen.
Das sechzehende Buch.
Der Ritter von Castagnetta endigte damit seine Erzehlung. Der Graf von Rivera danckte ihm dafur auf das verbindlichste. Er freuete sich in einer so durchaus verdorbenen Welt noch hier und da einige Menschen zu finden, welche die Weisheit liebten, und ihren Ursprung kenneten. Er wuste aber nicht, was er von dem nachdencklichen Traum des Ritters und den Offenbarungen der schonen Roxelanen urtheilen solte. Die Schrift, sprach er, hat uns nichts von dem eigentlichen Zustand der abgeschiedenen Seelen entdecket; und wenn die unvergleichliche Roxelane bey ihren Lebzeiten die Bucher der Platonischen Weltweisen gelesen hatte; so wurde ich glauben, sie hatte diese Meynungen von ihnen mit in das Reich der Geister genommen.
Der Ritter von Castagnetta merckte bald, wo der Graf mit seiner Erinnerung hinzielte er versicherte den Grafen, dass er damahls noch nichts von den Platonischen Schriften gelesen hatte: Es war ihm aber aus den Buchern der Offenbahrung dieses als eine bestandige Warheit bekannt, dass die Seelen der Gerechten in GOttes Hand waren, wo sie keine Quaal beruhren konte; da im Gegentheil die Seelen der Gottlosen in einen Ort der Quaal und der Finsternus kamen, wo der Verlust ihrer Seeligkeit und die Verstossung von GOttes Angesicht ihre groste Marter ausmachte.
Es ist gewiss, fuhr der Ritter fort, dass die Ungerechtigkeit so wenig wird ungestrafft, als die Tugend unbelohnet bleiben. Die Geister, welche in dieser Welt andere plagen, werden in jener Welt wieder von andern geplaget werden. Es wird darin die genaueste Gleichformigkeit der Strafen mit den Verbrechen sich aussern; und man wird darinn die gottliche Gerechtigkeit so sehr, wie seine Liebe, bewundern: so wenig wir auch in diesem Leben die Art und Weise davon einsehen und begreiffen konnen.
Diese beyde Herren schieden darauf, mit den zartlichsten Versicherungen einer immer wahrenden Freundschafft, von einander. Der Graf verfugte sich zu dem Konig nach Aquana; er hielt sich aber daselbst nur einige Tage auf, weil der Konig wolte, dass er voraus nach Panopolis gehen, und daselbst die Anstalten zu der Konigin Einzug machen solte. Der Konig folgte bald nach, und hielt sich mit der Konigin so lang zu Bellahai auf, bis die Zeit zum Einzug herbey nahete.
Dieser war uberaus prachtig: Alle hohe und niedere Bedienten, nebst den verschiedenen Leib-Wachen des Konigs wurden zu dem Ende aufgeboten, diesen Pomp zu verherrlichen. Der Zug begunte des Morgens und wahrte bis gegen Abend. Die Reuter vom Koniglichen Hause, in roth mit Silber reich besetzter Kleidung, machten den Anfang: ihnen folgten uber dreyhundert Hand-Pferde, welche an Schonheit die Kostbarkeit ihres Aufputzes noch ubertraffen: darauf kamen die Vornehmste Stall-Jagerey- und Hof-Bedienten: nach diesem die Konigliche Edelleute von der Cammer, nebst den Ober-Hof und Kriegs-Beamten.
Der Konig ritt auf einem weissen Zelter: sein Ansehen war Majestatisch, und das Volck jauchzte vor Freuden, da es seinen Herrn so gesund und leutselig erblickte. Neben ihm zur Rechten, etwas hinterwarts, sah man den Herzog von Miran, als Ober-Hofmeister; und zur Lincken den Graf von Rivera, als Ober-Cammerer; der Furst von Alesso aber, als Ober-Stall-meister ritt gleich hinter ihm, vor dem Wagen der Konigin.
Diese fuhr in einer mit licht-blauen Sanmmet uberzogenen und mit Gold und Edelgesteinen reich besetzten Staats-Gutschen. Ihre lebhaffte Schonheit blitzte noch mehr in die Augen des Volcks, als der herrliche Glanz der vielen Diamanten, womit sie allenthalben umgeben war. Acht Isabell-Farben Pferde mit Lichtblau-sammeten und reich-verguldeten Geschirren, schnauften vor dem Wagen mit stoltzen Tritten, in einer gleichsam abgemessenen Bewegung. Acht Konigliche Bereuter giengen neben her, und hielten sie bey den Zaumen, damit sie nicht zu wild und unbandig sich gebehrden mochten.
Nach der Konigin folgten die Hof-Damen, nebst dem andern Frauen-Zimmer vom ersten Rang: hierauf kamen die Abgesandten, welche der Herzog von Sandilien und der Ober-Ceremonien-Meister auffuhrte: ferner die Geheime Staatts-Hof- und Kriegs-Rathe, allesamt in Gutschen mit sechs Pferden bespannet, und von einer Menge bundfarbig gekleideter Edel-knaben und Leibdiener umgeben. Den Schluss machten die Konigliche Kurassirer: ihre Kleidung war lichtblau mit roth-sammeten Aufschlagen und goldenen Borden: sie trugen das Aquitanische Wappen in Form eines Kurasses von Silber verguldet auf der Brust, und hatten eine Art von Sturm-Hauben, mit rothen Feder-Puschen auf den Hauptern.
Die Burger stunden langst den Strassen mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen im Gewehr; und die Soldaten, die zu Panopolis in Besatzung lagen, hatten das Thor und den Burg-Platz besetzt. Der Stadt-Magistrat trug die Himmel-Decke uber den Konig, und die Trabanten mit ihren Partisanen giengen neben her zu Fuss. Zwischen jedem Zug liessen sich Paucken und Trompeten horen. Die Hausser waren allenthalben mit kostbaren Teppichen, auch hin und wieder mit schonen Gemahlden und Blumen Geschirren vor den Fenstern ausgezieret. Alle Glocken in der Stadt wurden gelautet, und alle Canonen auf den Wallen losgezundet. Dieses untereinander schallende Getoss erfullte die Luft und bewegte die Gemuther der Menschen mit einer gleichsam furchterlichen Freude.
Die Grafin von Monteras, welche bisher noch nicht bey Hof erschienen war, fand sich in einem Hauss, unweit der Burg, und vermeynte unter der unzehlichen Menge der Zuschauer, welche allenthalben die Hausser und Strassen erfullten, diesen Einzug der Konigin unbekannt mit anzusehen. Sie liebte den Grafen von Rivera viel zu sehr, als dass sie nicht bey einer solchen Gelegenheit suchen solte, die Wahl ihres Hertzens gegen alles, was hier Aquitanien grosses und schones zeigte, zu rechtfertigen. Was sie sah, schien ihr reich, prachtig und Koniglich: es bewegte sie aber nichts. Ihre Augen hatten sich bereits mude gesehen; als sie endsich, nach so vielen sinnreichen Erfindungen des menschlichen Hochmuths, den Grafen von Rivera erblickte: sie erzitterte in dem innersten ihres Hertzens, da sie ihn an des Koniges Seiten beobachtete: sie konte zwey Personen, die bisher ihrer Ruh so gefahrlich gewesen waren, nicht ohne Schrecken, so nah bey einander sehen.
Die Grafin richtete schon von weitem ihre Augen nach der Konigin: sie wunschte bey derselben eine Schonheit zu entdecken, die ihre eigene ubertreffen mochte: ein Wunsch, den noch wenig Schonen in der Welt gethan haben. Der Konig stohrte sie in dieser Betrachtung: er erkannte sie, als er vorbey ihrem Fenster ritt. Sehet, sprach er, zu dem Grafen von Rivera, in dem er den Zugel seines Pferdes an sich zog: sehet hier die Grafin von Monteras. Dem Grafen schlug daruber das Herz: die Rothe stieg ihm ins Angesicht: er warf mit Furcht einen Blick nach demjenigen Fenster, wo die Grafin war: der Konig gruste sie: alle Herren, die um ihn waren, nahmen darauf die Hute ab, und bezeigten derselben ihre Ehrerbietung. Dieses machte ein grosses Aufsehen.
Die Konigin, welche gleich hinten drein fuhr, beobachtete solches; sie fragte die Oberhofmeisterin, die gegen ihr uber sass, wer diese schone Dame war? es ist, antwortete dieselbe, die Grafin von Monteras: die Konigin entfarbte sich daruber: sie hatte die Augen starck nach ihr hingewandt: eine heimliche Eifersucht wolte sich darauf in ihrem Gemuth regen, da sie ihre unschuldige Mitbuhlerin so liebreitzend und so schone fand; allein der Grafin ihr demuthiges Neigen und ein Auge voller Unschuld und Gute, welches ihr gleichsam ihre Freundschafft abforderte, flosete ihr eine ganze andere Empfindung ein.
Die Grafin kam den folgenden Tag nach Hof, und machte der Konigin ihre Aufwartung: sie wurden beyde mit der grosten Verwunderung eingenommen, da eine an der andern so viel Anmuth, so viel Geist, und so viel Hoheit des Gemuths entdeckte. Sie billigten beyderseits die Wahl des Konigs, und waren eben im Begriff sich einander die Kennzeichen ihrer Hochachtung zu geben, als der Konig in das Zimmer trat, und sie in ihrem Gesprach verstohrte. Die Grafin beurlaubte sich deswegen bald, und gieng wieder nach Prato.
Der Graf von Rivera besuchte sie allda ofters; sie waren mit Bewilligung des Konigs zusammen versprochen; einige wichtige Ursachen aber machten, dass ihre Vermahlung noch auf etliche Monathe ausgestellet wurde. Der Graf, welchen der Konig an des verstorbenenen Ober-Cammerers Stelle erhoben hatte, ubergab demselben um diese Zeit einen Plan, der die Verbesserung seines Staats, die Einrichtung seiner Finanzen, und das allgemeine Wohlseyn aller Stande betraf. Seine Vorschlage hatten nichts hochgekunsteltes; sie waren gantz einfaltig und der Natur gemass; Sie hatten blos die Ordnung und die Gerechtigkeit zum Grund.
Dieser Plan gefiel dem Konig und dem Herzogen von Sandilien; sie wolten solchen zur Wircklichkeit gebracht sehen; allein so bald wurde derselbe nicht den vornehmsten Ministern und Rathen mitgetheilet, und daruber ihr Gutachten begehret, so regte sich allenthalben Eifersucht, Missgunst und Verachtung.
Unter den Staats-Rathen fanden sich zwey, die der Graf wegen ihren grossen Verdiensten besonders hochschatzte. Der eine war der Cammer-President und der andere der Stats-Secretarius. Der erste hatte einen durchdringenden Verstand, und eine ungemeine Staats-Wissenschafft, welche sich auf eine langwierige Erfahrung grundete. Sein Umgang war angenehm und leutselig; er konte einem die Fehler sagen, ohne dass man dadurch beleydiget wurde. Er gab einem ofters selbst die Entschuldigungen an die Hand, und machte dadurch, dass seine Verweise mehr gutig als beissend waren: Er brachte einen auf solche Art zur Erkanntnus, und man blieb ihm dafur verbunden. Er liebte die Kunste und Wissenschafften: er war ein Gelehrter, ein Saats-Kundiger, ein Hofmann, und was am meisten zu bewundern, ein Cammer-President, ohne Eigen-Nutz.
Der Staats-Secretarius war von keinem grossen Herkommen: seine blosse Verdienste hatten ihn erhoben; diese waren gemeiner als sein Gluck. Die Natur hatte ihm ein edles Ansehen gegeben: seine Gebehrden waren ernsthaft und abgemessen, doch ohne Aufgeblasenheit und Zwang. Man ehrte ihn, wenn man ihn nur sah. Er besass eine tieffe Einsicht. Seine Begriffe waren deutlich, und seine Art sich auszudrukken uberzeugend. Seine Grundlichkeit machte ihn behutsam, und seine Behutsamkeit schutzte ihn gegen alle Ubereilung. Er konte die Absichten von andern leicht entdecken; seine eigene aber desto kunstlicher verbergen. Der Hertzog von Sandilien that nichts wichtiges ohne ihn: Im Cabinet war er sein Rathgeber, und in der Ausfuhrung seine rechte Hand.
Der Graf hatte diesen beyden wurdigsten StaatsMannern seine Anschlage zu erst entdeckt: sie schienen ihm gewogen zu seyn; allein, sie hatten gegen ihn noch etwas zuruckhaltendes und misstrauisches, welches sie verhinderte, gegen ihn so offenhertzig sich heraus zu lassen, als er es wunschte. Diese Kaltsinnigkeit hatte fur den Grafen etwas so empfindliches, dass er alle seine Demuth auffordern muste, um sich daruber zu trosten.
Die Gemuths-Eigenschaft des Grafens hatte hier etwas besonders: Er unterliess nicht in seiner Hochachtung gegen Leute, die Verdienste hatten, fortzufahren, wenn sie ihm gleich die Ihrige versagten: Er liess ihre Gering-Schatzung sich darzu dienen, dass er seine Einbildungen von sich selbst desto genauer einschrankte, und seinem Verstand nicht zu vieles zutrauete.
Den Konig und den Hertzog von Sandilien verdross im Gegentheil die Auffuhrung der obbemeldten beyden Staats-Rathen destomehr, weil sie dem Grafen gewogen waren. Sie wolten, dass man dessen Anschlagen folgen solte: allein, der Gross-Cantzlar, der sich zu dem Haupt der Missvergnugten machte, hielt den Fortgang derselben zuruck.
Dieser war ein Mann von dem grosten Ansehen. Er war schlau, listig, eigennutzig und schmeichlerisch; Er suchte die Leute, die seiner Hulffe nothig hatten, nur mit hoflichen Worten herumzufuhren, und sich nachgehends zu beklagen, dass er ihnen nicht dienen konte. Diejenige aber, die seine verborgene Absichten wusten, die suchten ihn auf eine Art zu verpflichten, welche zwar keiner Bestechung ahnlich sah; aber doch gleiche Wirckungen bey ihm hervorbrachte. Er empfieng die Dienste von andern, als die Einkunfte von seiner Vortreflichkeit, und wenn er sich dargegen erkenntlich zeigen solte; so ergriff er die erste Gelegenheit uber einen missvergnugt zu werden; und brachte einen dahin, dass man noch froh seyn muste, wenn er einen entschuldigen wolte.
Er war freundlich bis zur Niedertrachtigkeit, und grausam unter dem Schein des Glaubens und der Gerechtigkeit. Er konte weinen, wenn er von unglucklichen Zufallen, oder von grossen Missethaten reden horte: Er trostete aber so wenig die eine, als er die andern entschuldigte. Die allgemeine Noth ruhrte ihn nicht; bey den Unordnungen der Menschen hatte er etwas zu gewinnen; und bey ihren Verbrechen etwas zu straffen. Er betrog alle Menschen durch seine Heucheley, und betrog sich selbst, indem er seine Laster nicht kannte; Dieser Fehler war der eintzige, der seine andere noch in etwas entschuldigte.
Der Cantzlar bekam bald einen starckern Anhang, als der Graf: Man liebet selten an Hofen dergleichen Sitten-Lehrer: Der Graf wurde sich dadurch verachtlich gemacht haben, wo er nicht zugleich durch dessen Artigkeit und munteres Wesen sich so viel Bewunderung, als durch seine Tugend Ehrerbietung erworben hatte.
Der Graf von Rivera meynte es mit allen Menschen gut; Er beleydigte niemand: Man bemerckte an ihm keinen Hochmuth, keinen Eigennutz, keine Missgunst und keine Falschheit: Er machte nichts aus sich selbst. Er betrachtete sein Gluck, als ein Mittel andere glucklich zu machen. Er hasste alles gezwungene und aufgeblasene Wesen: Er war gegen alle Menschen Leutselig und aufrichtig. Man priess desswegen seine Redlichkeit so sehr als seinen Verstand, und schatzte seinen Beyfall fur denjenigen der klugsten Leuten. Der Soldat, der Gelehrte, der Kunstler, der Burger, uberhaupt alles erhub den Werth seiner grossen Eigenschaften.
Nur die Geistlichkeit erklarte sich gegen ihn, weil er dem Konig eine Gemahlin von einer andern Religion zugefuhret hatte; und eine gewisse Kuhnheit zeigte, ihre Aussspruche nicht alle fur Gottlich zu halten: Er kante ihre Fehler, und drohete solche zu verbessern: Die Parthie des Gross-Cantzlars wurde durch sie um so viel wichtiger: Es fanden sich darunter schlimme Rathgeber. Dem Grafen wurde auf verschiedene Art nachgestellet: Die Grafin von Monteras bekam davon Nachricht: Sie war seinetwegen in steter Furcht: Sie bat ihn, sich der Verfolgung seiner Feinde zu entziehen und auf eine Zeitlang von Hofe zu entfernen.
Es ereignete sich darzu eine besondere Gelegenheit. Alpina, ein kleiner Staat, disseits der Aventischen Geburgen, an dem Fluss Danoro gelegen, war mit sich selbst uneins geworden. Er sandt desswegen einige Abgeordneten nach Panopolis: Diese nahmen ihre Zuflucht zu dem Grafen von Rivera, und baten ihn, sich auf eine kurtze Zeit in Person nach ihrer Stadt zu verfugen: sie hoften, er wurde ihnen Mittel und Rathschlage an Handen geben, dem volligen Untergang ihre Staats noch vorzubeugen.
Alpina lag unweit der Herrschaft des Grafens: Er war ohnedem Willens seine alte Frau Mutter und den Herrn von Bellamont zu besuchen. Er bat desswegen den Konig, ihm diese kleine Entfernung auf ein paar Monathe zu erlauben: Er hofte, die Sachen wurden sich mittlerweile bey Hofe naher zum Ziel legen, und die aufgebrachte Gemuther etwas von ihrem Eifer gegen ihn fahren lassen. Die Grafin von Monteras betrubte diese abermahlige Scheidung des Grafens nicht wenig: Sie trostete sich aber mit derselben Nothwendigkeit: Sie wuste, dass die grosse Eigenschaften ihres Geliebten noch einen hohern Beruf hatten, als nur einen vollkommenen Liebhaber in dieser Welt abzugeben.
Der Graf kam glucklich nach Alpina. Er fand hier einen verwirrten Zustand; man wuste nicht eigentlich, wer in diesem Ort zu befehlen hatte: Bald herrschte der Rath, bald das Volck, bald beyde zugleich: Zwietracht, Misstrauen und Unordnung aber bestandig.
Die bequeme Lage der Stadt zur Handlung, und die Freyheit so wohl in Glaubens- als Burgerlichen Sachen, hatten ehedessen viele Menschen dahin gezogen: Es fanden sich darunter sehr wohlhabende und beguterte Leute: Es wurden allerhand Fabricken angelegt, und starcke Handelschaften getrieben: Das gemeine Volck bekam dadurch Nahrung, und wurde von dem mussigen Leben, dem es zuvor ergeben war, zur Arbeit gebracht; Allein Hochmuth, Neid, ReligionsHass, Uppigkeit und Unordnung nahmen in kurtzer Zeit daselbst, aus Mangel guter Policey, dergestalt uberhand, dass dadurch der Zustand zu Alpina desto gefahrlicher wurde, je mehr er an Kraften und Menschen zugenommen hatte; nicht anders, wie die vollblutige Corper, welchen die Kranckheiten immer todtlicher zu seyn pflegen, als andern.
Dieser Ort stund mit den Sequanern im Bundniss, welche von mehr als drey hundert Jahren her ein freyes Volck ausmachten; Die aber, weil sie von demselben entfernet lagen, ihn nicht sonderlich schutzen konten. Er sah sich demnach ofters gezwungen, seine Zuflucht zu dem Konig von Aquitanien zu nehmen, und durch dessen Schutz sich gegen die gewaltsame Einfalle der benachbarten Sabloneser sich zu halten. Alpina grantzte zugleich an Aquitanien, und hatte demnach seine Freyheit mehr der Eifersucht dieser beyden machtigen Staaten, als seiner eigenen Verfassung zu dancken.
Es ausserten sich damahls zu Alpina verschiedene zusammenstossende Ubel: Die Romaner hatten, auf Anhalten des Konigs von Aquitanien, die Freyheit bekommen, sich in der Stadt Ringmauren einen Tempel zu erbauen. Die Geistlichen wurden dadurch aufgebracht: ihre Meynung war nicht uber ihren Sprengel zu schreiten; aber eine neue Kirche bauen, sagten sie, das gehet uns an; wir sind zu Wachtern in Israel bestellet; wir konnen darzu nicht schweigen, dass man diesen Feinden unseres Glaubens, eine offentliche Kirche auffuhren lasse.
Allowiss, ein junger ehrgeitziger Rathsherr, wuste, dass die Geistlichkeit den Pobel stimmen konnte, wie sie wolte; Er suchte sich durch sie einen Anhang zu machen, und die oberste Stelle im Rath zu erlangen. Er gab desswegen dem geistlichen Religions-Eifer Beyfall, und liess sich ofters verlauten, dass, wo er in Alpina etwas mehr zu sagen hatte, die Sache mit den Romanern bald ein anderes Ansehen gewinnen solte: Dieser Allowiss war sonst ein Sohn des weisen Humfrids: Ein Mann, der sich ehedessen durch seine Redlichkeit und kluge Rathschlage um diese Republick sehr verdient gemacht hatte; Allein, die den Vatern anhangende Blindheit, ihrer Kinder Fehler zu unterscheiden, mochte auch dem alten Humfrid eigen gewesen seyn. Allowiss war uberaus verzartelt: seine gantze Erziehung war auf den Ehrgeitz gegrundet, welche man ihm als die Eigenschaft grosser Leute angepriesen hatte; von den Grunden der Tugen wuste er nichts. Er meynte, man muste ihn, in Ansehung seines Vaters und seiner eignen Einbildung, allen andern seines gleichen vorsetzen; Er betrachtete die Burger fast wie seine Unterthanen, und hatte einen kleinen SelbstHerrscher im Kopf.
Wie der Pobel leicht zu bereden ist, so ist solches auch das weibliche Geschlecht. Wir leben in betrubten Zeiten, sprachen einige der eifrigsten Seelsorger: Die Romaner nehmen bey uns uberhand: sie werden uns bald gar ausbeissen, und ihren Glaubens-Genossen, den Aquitanern, oder Sablonesern verrathen: Dieser so gefahrlich lautende Bericht schlich von Mund zu Mund, von Ohren zu Ohren: Die Weiber sprachen davon in ihren Gesellschaften, und selten wurden die Carten ehender ergriffen, bevor der Artickel ausgemacht war, dass man die Romaner aus der Stadt jagen solte.
Eine verborgene Eifersucht hatte vielleicht an diesem harten Ausspruch auch ein wenig Antheil. Das Romanische Frauenzimmer kleidete sich wohl: Ihre Manner waren meistentheils Kauf-Leute, die durch einen hurtigen Gewinn auf einmahl viel Geld erworben hatten, und desswegen eilten, sich ihres guten Glucks zu bedienen, weil es insgemein nicht lange dauerte; da ihm Gegentheil die alte Geschlechter auf ihre Erhaltung bedacht waren, und desswegen sparsamer zu Marckte giengen.
Der Pobel, von der Clerisey aufgehetzt, gieng endlich in seiner Wuth so weit, dass er den neu erbaueten Tempel der Romaner sturmte: Thuren und Fenster einschmiss, Stuhl und Bancke in Stucken schlug und das Altar plunderte. Allowiss sah hier die gewunschte Gelegenheit vor sich, seinen Ehrgeitz zu vergnugen. Der Pobel, welcher sich taglich zusammen rottete, verlangte, man solte den Romanern durchaus keinen offentlichen Gottesdienst verstatten, ihre Geistlichen aus der Stadt schaffen, und die Burger gegen die Fremde schutzen.
Der Rath wolte sich auf diese Weise keine Gesetze vorschreiben lassen: Er suchte sein Ansehen zu behaupten: Er liess die Soldaten und die Burgerschaft aufbieten, die vornehmste Posten in der Stadt besetzen und einige Stucke aus dem Zeughauss vor das Rathhauss pflantzen.
Die Burger schlugen sich theils zu den Aufruhrern, theils zu der Parthie des Raths: Jene klagten, man wolte sie um ihre Gerechtsame und um ihre Freyheit bringen: Sie sagten, der Rath war nicht befugt, die Soldaten, die er auf gemeiner Stadt Kosten unterhielt, gegen die Burgerschaft zu gebrauchen; Der Rath hingegen betrachtete sie als Aufwiegler und Storer der gemeinen Ruh. Die Sache wurde also ubel fur die Burger abgelauffen seyn, wo sich Allowiss nicht zu ihrem Oberhaupt aufgeworffen hatte.
Dieser kam mit einigen vornehmen Herrn des Raths und des Adels, die ihm zugethan waren, auf das Rath-Hauss: Er liess, ohne einmahl einen Rath-Sitz abzuwarten, die Stucke wieder abfuhren und in das Zeughauss bringen. Er trostete das daselbst versammlete Volck: Er versprach solches zu schutzen und bey seinen Rechten und Freyheiten zu handhaben. Das Volck rief daruber ein frohes Vivat aus: Den folgenden Tag wurde er von wenig anwesenden RathsHerrn, mittlerweil das Rath-Hauss vom Pobel umgeben war, zum Stadt-Amtmeister erwehlet. Die andere Raths-Herrn waren, aus Furcht, man mogte sich an ihnen vergreiffen, zu Hause geblieben. Alle redliche Patrioten sahen, dass man dem gemeinen Wesen ubel vorstund, da man aus einer niedertrachtigen Furcht dem Allowiss die erste Stelle im Senat einraumte: Was wolten sie aber thun? Sie musten dem Sturm ausweichen und auf bessere Zeiten hoffen.
Hier gieng es der Alpinern, wie einem der an einem heftigen Fieber kranck gelegen, und dem ein unerfahrner Artzt solches auf einmahl, durch den starcken Gebrauch der China, vertrieben hatte. Die wutende Anfalle blieben aus; allein, ein schleichendes Ubel durchwuhlte die Glieder, und drohete den gantzen Corper mit der Auszehrung.
Allowiss suchte sich in allen Dingen bey dem gemeinen Volck gefallig zu machen. Den Romanern wurde der offentliche Gottesdienst untersagt: Die Soldaten, welche in der Stadt Sold stunden, wurden abgeschafft, und die Posten der Stadt mit Burgern besetzt, die aus blossem Mussiggang Soldaten spielten, ihre Nahrung daruber fahren liessen, und weder KriegsZucht noch Ordnung beobachteten.
Eine Menge von allerhand Fremden, welche sich bisher zu Alpina aufgehalten hatten, um der Freyheit und der Annehmlichkeit dieses Orts mit zu geniessen, wurden genothiget von dannen weg zu ziehen: weil man ihnen Schuld gab, dass sie nur Theurung in der Stadt verursachten und die beste Bissen den Burgern vor dem Mund wegspeisten. Es hiess: sie trugen keine Lasten, und waren von allen Anlagen frey. Man dachte nicht, dass Leute, die nichts thaten, als dass sie das Ihrige verzehrten, der Stadt Nahrung brachten, und den Umlauf des Gelds befordern halffen, welches gleichsam die Seele der gemeinen Wolfahrt ist.
Viele von dem fremden Adel hatten sich zu Alpina an die reichste Tochter verheyrathet. Diesen kam es nicht sauer an, mit ihren Mannern einen Ort zu verlassen, der auf einmahl begunte einsam und traurig zu werden. Man merckte bald, dass die reiche Einwohner daselbst sehr abnahmen. Man schenckte also, um diesen Verlust zu ersetzen, vielen nichtswurdigen Leuten das Burger-Recht, und vermehrte durch sie und ihre Kinder den Anwachs der Armen-Hauser und Hospitaler. Nahrung, Geld und Uberfluss gieng damit aus der Stadt; Mangel, Noth und Elend aber blieben zuruck.
Die Ergotzlichkeiten verlohren sich von sich selbst: man sah weder Sing- noch Lust-Spiele mehr; Die Schau-Buhne, die durch ihre lebhafte und ruhrende Vorstellungen viel Lehrreiches hatte, wurde geschlossen. Die Dichter, die Redner, die Mahler, die Sangerinnen und Virtuosen, wurden arm, und musten ihr Brod an andern Orten suchen. Die Music wurde kaum noch in den Tempeln gehoret. Die grosse Versammlungen des Adels versperrten nicht mehr die Strassen durch die Menge ihrer Gutschen. Die Spatzier-Gange waren leer: alle Freyheit, alle Anmuth, aller Umgang schien aufgehoben zu seyn. Die Reisende fanden in Alpina nichts mehr, das sie bewegen konte, den Einwohnern etwas von ihrem Geld zu hinterlassen, und sich bey ihnen langer als einen Tag aufzuhalten.
Die Ritter-Schule, die nicht allein jahrlich eine grosse Anzahl des benachbarten und fremden Adels, nebst anderer wohlhabender Leute Kinder in die Stadt zog, wurde, wo nicht aufgehoben, doch so elendig und mit so schlechten Leuten bestellet, dass sie von sich selber eingieng. Auf der Reit-Bahn sah man kaum noch ein Paar alte steiffe Pferde, zum Andencken, dass ehedessen allda eine Schul gewesen sey. Das Tanzen hielt man fur sundlich, die Music fur zu weichlich, das Fechten fur gefahrlich, das Mahlen fur eitel; die Sprachen und schone Wissenschafften aber fur unnothig.
Indem man also von diesen Dingen urtheilte, hatte man nicht gantz unrecht, die Art und der Endzweck, wie und worzu man eine Sache gebrauchet, macht dieselbe entweder gut oder boss. Es sind in allen diesen Dingen gewisse Vortheile vor die Gesundheit, und fur die Geschicklichkeit des Leibes; fur die Wohlanstandigkeit der Sitten, und fur eine vernunfftige GemuthsErgotzung; die aber allesamt durch ihren verkehrten Gebrauch bose, ja uberaus bose werden konnen.
Man sah also in kurtzer Zeit diesen Ort zwar gantz orthodox: allein zugleich auch in volliger Abnahme: Handel und Wandel lag darnieder; der Mussiggang und die Tragheit verdarben vollends die Einwohner. Man besuchte die Kirchen mehr aus Langerweil, als aus Andacht; Man betrachtete die Geistlichen wie die Spielenden, welche ihre Rolle auswendig lerneten. Man lobte an dem einem die gute Stimme, an dem andern das herrliche Gedachtnus, und an dem dritten die grosse Gelehrsamkeit: weiter spuhrte man davon keinen Nutzen in dem gemeinen Leben. Die Leute wurden weder frommer noch tugendhaffter. Was die Obrigkeit nicht strafte, hielt man fur keine Sunde. Unter der Larve einer ausserlichen Ehrbarkeit versteckte die Heucheley die groste Laster. Die Jugend formirte sich nach dem Beyspiel der Alten: und die Auferziehung war eine Wissenschaft, darauf sich niemand legte: die guten Sitten waren aus der Mode gekommen. Man war ehrsuchtig, ohne wahre Ehre, und geizig, ohne den Nutzen der zeitlichen Guter zu kennen: man wuste weder was man mit dem Geld, noch was man mit der Zeit machen solte. Alle Ergotzlichkeit der Alpiner bestund nur in Essen und Trincken. Diese Lust wurde von ihnen so weit getrieben, dass sie daruber theils faul und liederlich, theils seltsam u. hypochondrisch wurden. Man sah fast nirgend mehr ein gesundes Blut, einen muntern Geist und ein vergnugtes Herz.
In den Haussern der Reichen fanden sich kleine Apothecken, magere Corper und fette Kuchen. Kam man auf die Strassen, so begegneten einem allenthalben arme, elende und gebrechliche Menschen, welche wie die Schatten auf den Grabern herum wanderten. Wo sich jemand ein wenig wohl gekleidet sehen lies, da verfolgten ihn die Bettel-Leute von einer Thur bis wieder zur andern.
Es waren auch Juden in der Stadt, welche in einer besondern Strasse wohnten, und sich vom Betrug naherten, weil man ihnen kein ander Handwerck erlaubte. Ihre Nahrung gieng schlecht: sie lebten kummerlich: sie ubertraffen an Unreinigkeit auch die hesslichste Thiere, und regten sich in ihrem Koth und Unflat, wie das Ungezieffer in den Morasten; trauriger Anblick von Creaturen, welche die Natur wie uns zu Menschen gemacht hat.
Der Adel verrostete mit dem Glanz seiner Ahnen: er war zu seinem Ungluck so unwissend als hochmuthig. Die Armuth druckte ihn, wie den gemeinen Burger; sein Vermogen steckte in Land-Gutern und Haussern. Jene trugen nichts mehr ein, und diese stunden theils leer, theils gaben nur schlechte Zinnsen. Alpina schien noch etwas von aussen; inwendig aber glich es einem krancken Baum, der seine letzte Kraffte noch in die schwancke Aeste trieb. Es war den Einwohnern von der Gluckseligkeit ihrer Freyheit schier nichts ubrig, als die Freyheit zu verderben.
Die Stadt-Beamte, die Geistlichen, die Reches-Gelehrten und die Aertzte waren bey nahe die einzige, welche die gemeine Noth noch verschonte: die erste zogen ihre Besoldungen bestandig fort, und die andere naherten sich von dem allgemeinen Elend. Die Tragheit machte die Menschen kranck, und die lange Weile haderhafftig. Die Processe gehorten mit zu dem wichtigsten Zeit-Vertreib der Alpiner: ihr Mussiggang machte sie darinnen zu ihrem Verderben subtil, und ihre Zancksucht veranlaste taglich neue Entdekkungen in der Romischen Rechts-Gelahrheit.
Der Rath war unter sich in verschiedene Banden zertheilt, und die Burgerschafft wuste selbst nicht recht, was sie wolte. Einer hatte diese, ein anderer jene Anschlage. Man kam zusammen, man sprach von der allgemeinen Noth: ein patriotischer Eifer wolte durchdringen: ein jeder aber hatte dabey etwas zu erinnern: der Widerspruch erhitzte die Gemuther: man disputirte, man zanckte und gieng im Tumult wieder aus einander. Diejenige, welche auf den Aemtern sassen, machten sich unterdessen diese Umstande zu Nutz: sie fischten im truben: sie nahmen das Geld ungezehlet, und sparten sich dadurch die Muh solches zu verrechnen. Man verkauffte die Ehren-Stellen wie das Recht; und wer einen guten Dienst haben wolte, der muste ihn bezahlen: dargegen dorffte er auch wieder allen Nutzen davon ziehen, welcher moglich war, ohne jemand Rechenschafft daruber zu geben.
In diesem Zustand war Alpina, als der Graf von Rivera daselbst ankam. Man hatte in den Pallast des verstorbenen Allowiss eingeraumt. Der Graf bewunderte dessen Pracht und sinnreiche Bau-Art: er urtheilte daraus, dass ehedessen an diesem Ort vortreffliche Kunstler und Bau-Leute musten gewesen seyn.
Der samtliche Rath und die vornehmste Haupter der Burgerschafft bewillkommten ihn mit grossen Ceremonien. Man setzte ihm eine Wache von vierzig Burger vor das Hauss. Diese kamen zwar mit ansehnlichen Befehlshabern aufgezogen; allein die bewafnete Manner selbst sahen so betrubt aus, dass sie den Grafen zum Mitleyden bewegten: ihm dunckte, dass sie sich besser in die Hospitaler als zur Parade schickten. Der Graf wolte deswegen ihre Aufwartung doch nicht verschmahen: er sann vielmehr auf Mittel, wie er sie ein wenig erquicken, und ihnen etwas zu gute thun mochte.
Der Rath hatte ihm gewisse Gelder zu seiner Unterhaltung angewiesen. Diese wurden darzu angewandt, seine taglich abwechselnde vierzig Mann in einem grossen Saal mit einander zu speisen, und den bedurfftigsten mit heimlichen Allmosen beyzuspringen. Er setzte sich zuweilen zu ihnen, und horte ihre Klagen an. Er gab ihnen bey dieser Gelegenheit allerhand gute Lehren, er ermahnte sie zur Bescheidenheit, zum Fleiss, zur Ordnung und zum Gehorsam gegen ihre vorgesetzte Obrigkeit.
An seiner Tafel speissten taglich die ansehnlichsten Leute, so wohl aus der Burgerschaft, als aus dem Rath. Einige Geistlichen wurden gleichfalls mit darzu gezogen: Der Graf ehrte und liebte diese Leute ungemein, wenn sie nebst ihren Wissenschaften und Einsichten in gottlichen Dingen, auch selbst sich zu Exempeln guter Lehren dem Volck darstellten: er wuste die Wichtigkeit ihres Amts, und dass sie dadurch die beste Gelegenheit hatten das Gute zu befordern.
Es fand sich unter den Rathsherrn ein nichtswurdiger Mann: Er wolte gern reich und vornehm seyn. Das Gluck und die Geburt hatten ihm solches versagt: er war von schlechtem Herkommen; er hatte keine Mittel. Dagegen hatte ihm die Natur einen verschmitzten Kopff und ein verratherisches Hertz gegeben. Er wurde von niemand hochgehalten, destomehr aber hielt er von sich selbst: er wuste um alle Geheimnusse des Staats, und mengte sich in alles. Er wolte bey dieser Gelegenheit Alpina dem Konig von Aquitanien in die Hande spielen; Er eroffnete daruber seine Vorschlage dem Grafen von Rivera. Dieser berichtete zwar dessen treulose Anschlage noch Hofe, um sich in keine Verantwortung zu setzen; er fugte aber sein redliches Bedencken mit bey: warum er nicht rieth, sich dermahlen des Staats von Alpina zu bemachtigen: Es heist sonst, man liebet die Verratherey und hasset die Verrather: der Graf aber hasset beyde. Er wolte seinen Konig nicht zu einem Herrn eines kleinen Staats machen, der in seiner aussersten Noth die Zuflucht zu ihm genommen hatte, und dessen Bemachtigung ihm neue Unruh und neues Mistrauen von Seiten seiner Nachbarn wurde zugezogen haben. Er sann vielmehr auf Mittel den armen Alpinern seines Koniges Schutz und Hulfe auf eine Art, wie sie solche von ihm wunschten angedeyen zu lassen.
In diesen Absichten setzte er seine Unterhandlungen so wohl mit den Abgeordneten des Raths, als der Burgerschafft fleissig fort; er konte aber so verschiedene wieder einander lauffende Rathschlage, darunter ein jeder nur seinen eigenen Nutzen suchte, unmoglich mit einander vergleichen, noch alle insbesondere vergnugen.
Er liess desswegen die Vornehmste von der Burgerschafft zusampt dem Rath zusammen auf das Rathhauss kommen. O ihr Burger von Alpina, redete er sie an, ihr kontet die glucklichste unter den Einwohnern des Erdbodens seyn, wenn ihr eure Gluckseligkeit erkennen, und die einfaltigste Mittel gebrauchen woltet, sie zu erhalten. Ich sehe aber, dass meine bisherige Rathschlage lange nicht zulanglich sind, einen jeden unter euch vollkommen zu vergnugen: ich finde solches unmoglich. Es ist also hier die Frage, ob ihr die Unterhandlung desswegen abbrechen, und euch eurem weitern Schicksal, bey euren fortdauernden Misshelligkeiten uberlassen; oder, ob ihr gutem Rath folgen, und eure gemeine Wohlfarth besorgen wollet? Der Graf schwieg hierauf still, um zu vernehmen, wessen man sich gegen ihn erklaren wurde. Man stimmte endlich mit einander ein, dass man alles dessen kluger Einsicht uberlassen wolte: Der Graf bat sich darauf einige Bevollmachtigten aus, mit welchen er die Sache zum Schluss bringen konte.
Diese wurden bald gewehlt: der Graf gab keiner Partheylichkeit Gehor: seine Vernunfft durchdrang eine Sache bis auf den Grund: er lies sich kein Blendwerck vormachen; er suchte Frieden zu stifften: dieser findet sich leicht, wenn man ihn verlanget.
Man legte die alte Verfassung, welche den Staat in Aufnahm gebracht hatte, zum Grund der neuen Einrichtung: die Ordnung der Hausshaltung und der verrechneten Dienste wurde sicher gestellt: Handel und Wandel von allen ausserordentlichen Auflagen befreyet: dem fremden Adel, wie auch Gelehrten, Kunstlern und andern Leuten, die keine burgerliche Handthierung trieben, wieder erlaubet, ohne burgerliche Lasten zu tragen, sich in der Stadt aufzuhalten: die Gewissens-Freyheit verstattet: eine gewisse Anzahl regulirter Soldaten zu halten beschlossen: KirchenPolicey-Kleider-Gesind und andere gute Ordnungen einzufuhren gebilliget. Damit man aber hinfuro bey allen und jeden sich ereignenden Missverstandnussen, nicht mehr nothig haben mochte, Rath und Hulffe bey den Nachbarn zu suchen, und dieselbe von der Schwache ihrer Stadt zu unterrichten; So solten hinfuro bestandig vier der redlichsten und klugsten Manner, von der samtlichen Burgerschafft als SchiedsRichter darzu erwehlet werden.
Auf diese Weise wurden die ungluckselige Zwistigkeiten zu Alpina durch die Sanfftmuth und Weissheit des Grafens von Rivera glucklich beygelegt; und dessen Wohlstand wieder auf einen sichern Grund gesetzt. Die Alpiner betrachteten den Grafen als ihren Schutz-Gott, und stiffteten ihm ein unsterbliches Andencken in ihren Geschichts-Registern. Er hatte in seinem Herzen dafur dasjenige Vergnugen zur Vergeltung, welches grosse Gemuther empfinden, wann sie etwas gutes zu Stand gebracht haben.
Das siebenzehende Buch.
Der Graf von Rivera besuchte auf seiner Ruckreise von Alpina seine Frau Mutter und den Herrn von Bellamont; seine alteste Schwester aber nahm er mit sich nach Panopolis; diese Grafin war ungefahr dreyssig Jahr alt: sie besass dem ungeacht noch allen Liebreitz der Jugend, und hatte dabey die Klugheit eines reiffen Alters. Die gezwungene Verstellungen ihres Geschlechts, damit es offters einen scheinheiligen Eckel gegen das Heyrathen vorschutzet, waren nicht die Ursachen ihres ledigen Standes: sie urtheilte davon mit Vernunfft, und schatzte sich fur glucklicher ihre Freyheit einem Stand vorzuziehn, welchen die meiste Menschen mit Verlangen suchen und mit Unzufridenheit beleben.
Die Grafin von Monteras empfand ein ungemeines Vergnugen, diese Tugend-volle Schwester ihres geliebten Grafens bey sich in Prato zu sehen. Sie war seit dessen Abwesenheit nicht nach Hofe kommen. Nun aber wolte der Konig, dass ihre Vermahlung mit dem Grafen nicht ferner solte ausgesetzt bleiben. Der Graf selbst begunte endlich nach dem gluckseligen Augenblick zu seufzen, der ihn mit seiner Geliebten durch ein unzertrennliches Band auf ewig verknupffen solte.
Es waren unterdessen, dass der Graf zu Alpina sich befand, der Cammer-President und der Staats-Secretarius mit dem Hertzogen von Sandilien dergestalt verfallen, dass sie sich von Hofe entfernen und ihre Aemter in des Konigs Hande zuruck geben wolten. Der Graf aber schlug sich ins Mittel: er wuste, wie nothig diese beyde Ministers dem Konig waren: er suchte sie deshalben wieder auf gute Meynungen zu bringen: er stellte ihnen vor, wie leyd es ihm war, dass er zu diesem Missverstandnus Anlas gegeben hatte, und dass er nichts mehr wunschte, als ihre Weissheit und ihre Erfahrung sich zu Nutz zu machen. Er bat sie deswegen sich die Muhe zu nehmen, und die von ihm dem Konig ubergebene Vorschlage von Punct zu Punct mit ihm durchzugehen.
Die konten ihm wohl dieses nicht abschlagen: sie erklarten ihm ihre Zweiffel: ihre Schwierigkeiten, und was sie sonst dabey zu bedencken hatten. Der Graf nahm allhier die Stelle eines Menschen, der nur wolte unterrichtet seyn; er besass aber die Kunst sich zu erklaren und richtige Schlusse zu machen. Es war bey ihm kein Eifer eines hitzigen Widerspruchs, der die Einbildung derer, die sich fur kluger hielten, beleidigen konte: er gonte andern diesen Vorzug, wann nur die Wahrheit und Aufrichtigkeit nicht darunter litte: durch diese bescheidene Auffuhrung gewann er endlich den volligen Beyfall obberuhrter Staats-Minister, ohne welche der Graf nichts mit Nachdruck hinaus zu fuhren sich getrauete.
Mit dem Gross-Cantzler aber wolte der Graf nichts zu thun haben: er wuste, dass er ein falscher und boshafftiger Mann war; Es war ihm unmoglich sich vor solchen Leuten zu schmiegen: selbst die Hoflichkeit, die ihm sonst naturlich war, hatte hier etwas zuruckhaltendes und fiel ihm schwer: so wenig konte der Graf heuchlen, und ein so schlechter Hofmann war derselbe, wann er sich ein wenig verstellen solte.
Den Gross-Cantzler verdross diese Auffuhrung des Grafens: er war gewohnt, dass man sich vor ihm demuthigte, und alle seine Handlungen mit den grosten Schmeicheleyen erhub. Der Graf war dazu nicht geboren: die Natur hatte ihn zu einem redlichen Mann gemacht, und die Religion uberzeugte ihn, dass man in allen Umstanden des menschlichen Lebens aufrichtig seyn muste.
Der Gross-Cantzlar unterliess dargegen nicht dem Grafen bey aller Gelegenheit die Wirckungen seines heimlichen Grolls zu erkennen zu geben: Er tadelte alle seine Unternehmungen, und hatte bald an seiner Auffuhrung, bald an seinen Meynungen etwas auszusetzen: Er that solches mit einer sehr spitzfindigen und heimtuckischen Art: Dem Grafen war es ein leichtes gewesen, ihn dafur in des Konigs Ungnade zu bringen; allein sein grossmuthiges Hertz war so weit entfernet, die Ursach an eines Menschen Ungluck zu seyn, dass er vielmehr den Konig bat, diesen alten Minister die wenige Zeit, die derselbe noch zu leben hatte, bey seinen Wurden und Einkunften zu lassen; doch rieth er dabey, dessen Macht und Ansehen dergestalt einzuschrancken, dass sie den guten Absichten des Konigs nicht hinderlich seyn mogten.
Mittlerweile, dass diese Sachen bey Hofe vorgiengen, ereignete sich mit der Grafin von Monteras ein artiger Zufall. Die Konigin hatte sich schon einige Wochen zu Bellahai aufgehalten, und der Konig belustigte sich mit der Jagd auf der Einsiedeley: Sie suchte hier von der vielen Unruh des Hofs ein wenig sich zu erholen und ihr eigen zu seyn: Alle Damen, die von Panopolis sich meldeten, um ihr die Aufwartung zu machen, wurden zuruck gewiesen. Es hiess, die Konigin war unpasslich, und liess niemand vor sich: In der That so befand sie sich auch nicht wohl: Ihr ubel Aufbefinden aber war ein Zeichen von etwas Guts: Sie trug die Hofnung des gantzen Reichs unter ihrem Hertzen. Die Koniginnen haben in dergleichen Sachen keine Freyheit von der Natur, um weniger als andere Frauen zu leiden.
In diesen Umstanden da die Konigin niemand, als ihre Vertraute, die Frau von Riesenburg, oder wie man sie nannte, die Marggrafin von Luccaille, um sich hatte; und diese ihr immer von den liebenswurdigen Eigenschaften der Grafin von Monteras so vieles vorsagte; bekam dieselbe eine ungemeine Begierde, die Grafin bey sich zu sehen: Die Marggrafin muste demnach ihr schreiben, und sie bitten, dass sie die Konigin mogte besuchen kommen. Mit dem Zusatz, dass dieselbe gantz alleine zu Bellahai sich befand, und dass der Konig von ihrem Zuspruch nichts erfahren solte.
Die Grafin von Monteras kam: Die Konigin empfieng sie mit allen Merckmahlen einer besonderen Hochachtung: Sie hatte ein Vergnugen, bey ihr den beschwerlichen Rang der Hoheit abzulegen, und die Freundschaft dieser Schonen auf die naturlichste und aufrichtigste Art sich auszubitten. Die Grafin konte dargegen ihrem Hertzen den edlen Hochmuth nicht verwehren, sich in diesem Stuck ihrer Konigin gleich zu stellen, und ihr eine solche Erkenntlichkeit zu zeigen, die dasjenige schien gleich zu machen, was die Konigin voraus hatte, und sie selber hatte haben konnen. Je langer sie beysammen waren, je mehr sie sich einander gefielen. Die Konigin hatte ihr und der Marggrafin von Luccaille ein Bett in ihrem Cabinet eingeraumet; worinn sie sonst in Abwesenheit des Konigs, wegen der lieblichen Aussicht, selbst zu schlafen pflegte.
Der Konig belustigte sich unterdessen noch immerfort auf der Einsideley; als aber drey bis vier Tag herum waren, da er die Konigin nicht gesehen hatte, sagte derselbe Abends spat zu dem Grafen, dass er mit ihm in aller Stille, ohne dass es seine Leute gewahr wurden, nach Bellahai fahren solte; weil er ein Verlangen hatte, die Konigin allda im Schlaf zu uberfallen. Der Graf liess zu dem Ende die Pferd vor seinen Wagen spannen, und that, als ob er allein nach dem Abend-Essen wegfahren wolte. Der Konig war von der Tafel aufgestanden: man begleitete ihn nach seinem Schlaf-Gemach, und ein jeder begab sich zur Ruh; Der Konig aber, an statt sich zu Bett zu legen, setzte sich mit dem Grafen in die Gutsche, und fuhr mit ihm nach Bellahai.
Der Konig stieg mit dem Grafen vor dem SchlossHof ab: Er gieng gantz leise durch die Vorzimmer der Konigin; Einige Trabanten und Cammer-Bedienten, welche die Wache hatten, und theils auf den Stuhlen eingeschlafen waren, liessen den Konig ungehindert fortgehen. Der Konig kam bis ins Cabinet, er vermeynte die Konigin durch einen Kuss aufzuwecken. Indem aber horte er, mit einer angstlichen Stimme, sich entgegen ruffen: Ach! der Konig, der Konig! Er fuhlte zugleich einen Arm, der ihn mit der grosten Heftigkeit von sich stiess: Der Konig zog damit den Vorhang weg, und erblickte die Grafin von Monteras: Man urtheile von ihrer beyden Besturzug.
Die Marggrafin von Luccaille, die gleich auf den ersten Schrey der Grafin munter wurde, richtete sich hurtig auf, und erkannte den Konig; Sie konte uber diesen Zufall sich des Lachens nicht enthalten. Der Konig wuste fur Verwirrung nicht, was er sagen solte; Er konte sich erst gar nicht einbilden, wie die Grafin von Monteras allhier in der Konigin Bett gekommen sey. Er wolte wissen, wie dieses zugieng, und wer ihm dieses Spiel gemacht hatte. Die Marggrafin versprach ihm alles zu erzehlen, nur bat er ihre Schlaf-Gesellin, welche sich unterdessen gantz unter die Kussen versteckt hatte, nicht ferner durch seine Gegenwart zu angstigen. Die Konigin wurde durch diesen kleinen Lermen aufgeweckt. Einige Cammer-Frauen waren gleich bey der Hand, und wiesen den Konig zurecht. Die gantz erschrockene Grafin von Monteras liess sich darauf ein wenig ankleiden, und mit Zittern in das Gemach der Marggrafin von Luccaille bringen.
Die Konigin vermerckte bey dem Konig uber diesen Zufall eine starck aufgebrachte Gemuths-Bewegung. Wenn das Hertz einmahl gewohnt ist, uber gewisse Sachen geruhrt zu werden, so kan es dergleichen Eindrucke auch nur durch die Lange der Zeit und durch die Macht anderer Vorwurffe verliehren. Der Konig war besorgt, die Konigin mochte seine Verwirrung wahrgenommen haben, und sich daruber unangenehme Gedancken machen: Die Konigin aber that, als ob sie sich desswegen gantz nicht beunruhigte; Sie schertzte vielmehr mit dem Konig, und wolte, dass er ihr verbunden seyn solte, weil sie ihm die Gelegenheit gemacht hatte, bey der schonen Grafin von Monteras einen unschuldigen Kuss so wohl anzubringen.
Der Morgen kam herbey: die Marggrafin von Luccaille, welche die Nacht uber so wenig als die Grafin von Monteras geschlafen hatte, schickte, so bald sie beyde angekleidet waren, zu dem Grafen von Rivera, und liess ihn bitten, gleich zu ihr zu kommen. Sie wolte hier den Grafen ein wenig zum besten haben, sie bat zu dem Ende die Grafin, sich hinter den Vorhangen des Bettes zu verbergen, und ihr Gesprach mit dem Grafen anzuhoren. So wenig auch der Grafin ihr Sinn zum Schertzen gestellet war, so muste sie doch hierinn der Marggrafin zu Willen seyn.
Als der Graf von Rivera ins Zimmer trat, fragte ihn die Marggrafin, ob er die Grafin von Monteras lange nicht gesehen, und was er von ihr fur Nachricht hatte? Dieser antwortete: Er war vor acht Tagen in Prato bey ihr gewesen, und wuste auch, dass sie allhier bey der Konigin ihre Aufwartung gemacht hatte: Morgen gedachte er sie wieder zu besuchen. O kaltsinniger Liebhaber! rief hier die Marggrafin aus. Wenn ich die Grafin von Monteras war, ich wolte sie nicht halb so viel lieben. In acht Tagen sich nicht nach einer Geliebten zu erkundigen, welche binnen dieser Zeit die groste Gefahr ausgestanden hat, in eines andern Hande zu gerathen, solches ist in der That eine Unachtsamkeit, die einem so getreuen Liebhaber, wie der Herr Graf seyn wollen, kaum fur gut zu halten ist.
Der Graf veranderte uber diese Nachricht die Farbe: Wie, sprach er gantz besturtzt, ist meiner Grafin etwas ungleiches wiederfahren, und wer solte sich wohl unsterstanden haben, ihr etwas zu Leid zu thun? Nichts zu Leide, unterbrach die Marggrafin, sondern etwas zu Liebe; denn es ist so weit gekommen, dass sie der Konig schon wircklich in seine Arme gefasst und ihr einen Kuss geraubet hat.
Wie! fragte hier der mehr als besturtzte Graf. Wie! der Konig: Ich bin ja keinen Augenblick, seit dem von ihm gewesen, als im Schlaf: und eben im Schlaf, fuhr die Marggrafin fort, hat sich diese Begebenheit mit der Grafin zugetragen. Was mogen doch Ew. Gnaden, sagte hierauf der Graf zu der Marggrafin, fur Ursach haben, so unbarmhertzig mit mir zu schertzen? Sie wissen, wie zartlich ich die Grafin liebe: Das ist, erwiederte jene, davon ein schlechtes Kennzeichen, dass sie nicht einmahl wissen, wo dermahlen ihre Geliebte sich befindet, und was ihr seit dem wiederfahren ist. Ich muss sie noch viel lieber haben; dann ihr Geist hat sich diese Nacht bey mir gezeiget, und mir alles erzehlet. Wenn sie nicht erschrecken wollen, so will ich ihn citiren.
Indem sie dieses sagte, und der Graf nicht wuste, ob die Marggrafin nicht einige Anfalle von einem hitzigen Fieber hatte: zog sie mit einem Stab einen Krayss: Komm, schoner Geist, sagte sie, ich beschwore dich im Namen deines Geliebten zu erscheinen. Diese Worte waren noch nicht aussgesprochen, so kam die Grafin von Monteras hervor getretten: O! sprach sie, Marggrafin, ihr Schertz gehet zu weit: Hier ist nicht nur mein Geist, ich selbst bin hier zugegen.
Der Geist dieser schonen Grafin hatte dem Grafen nicht so bange gemacht, als ihre leibliche Gegenwart. Wie find ich sie hier, meine Grafin? fragte er gantz furchtsam: was soll dieses Spiel bedeuten? die Marggrafin erzehlte ihm hierauf die gantze Begebenheit, welche ihm keines wegs so lacherlich schien; die Grafin war daruber in gleicher Furcht und verlangte sehr wieder nach Prato zuruck zu kehren.
Sie waren noch in dieser Uberlegung, als der Konig und die Konigin zu ihnen ins Zimmer traten. Ich komme, redete der Konig die Grafin an, sie um Vergebung zu bitten, dass ich sie diese Nacht in ihrer Ruhe gestoret; und damit solches nicht mehr geschehe, so befehl ich hiermit dem Grafen von Rivera, sich hinfuhro besser nach ihrem Schlaf-Gemach zu erkundigen.
Nachdem sich also der Schrecken bey der Grafin von Monteras durch ein vergnugtes Lachen endigte, so wiederhohlte der Konig seinen Befehl, dass ihr Beylager ohne fernern Aufschuf vor sich gehen solte; die Grafin beurlaubte sich damit bey dem Konig und der Konigin, und reiste nach Prato; der Hof aber begab sich wenig Tage darauf wieder nach Panopolis.
Es ereignete sich um diese Zeit noch eine andere Begebenheit, welche dem Grafen Gelegenheit gab, sein gutes und grossmuthiges Herz zu zeigen: Der Cheruscische Edelmann, den er bisher bey sich gehabt, und in den wichtigsten Geschafften gebrauchet hatte, wurde von den Annehmlichkeiten der jungen Fraulein von Bellamont, welche ihre Schwester, die Frau von Ridelo, bey sich erzogen hatte, dermassen geruhret, dass er fur sie die allerstarckste Leydenschafft empfand; Er war mit dem Grafen in einem Hauss, wo er sie schier taglich zu sehen bekam, und sie blickte ihn mit solchen Augen an, dass er daraus schliessen konte, er muste ihr nicht gleichgultig seyn. Allein Ehrfurcht, Unvermogen und der geringe Stand, worinn er sich sah, erlaubten ihm keine Hofnung in dieser Liebe glucklich zu seyn. Der Graf, welchem er diente, hielt die Fraulein von Bellamont, wie sein eigen Kind: Der Herr von Ridelo, ihr Schwager, ob er gleich von Geburt nicht besser, als der Cheruscer war, besass eine von den obersten Stellen bey Hofe, und lebte als ein grosser Herr. Diese Umstande machten den Cheruscer nicht wenig seufzen.
Er wurde aus dem lebhafftesten Menschen dermassen tiefdenckend, traurig und zerstreuet, dass der Graf, welcher ihn sehr liebte, dieser Veranderung an ihm bald gewahr wurde. Er sah ihn etlichmahl in Gegenwart der Fraulein von Bellamont dergestalt erblassen, dass es schien, als ob er sich ubel befand. Als nun der Graf dabey merckte, dass die Fraulein ofters mit halb verstohlenen Blicken nach ihm hinsah, so hatte er das Geheimnus weg.
Der Cheruscer war von gutem Adel, und aus dem Geschlecht derer von Cantwitz, allein von armen Eltern: Der Graf fand demnach bey dieser Sache nichts, das der Wohlanstandigkeit einer Heyrath zwischen diesen jungen Leuten im Weg stehen solte. Er entschloss sich demnach sie beyde glucklich zu machen. Er schrieb daruber seine Meynung an seinen alten Freund, den Herrn von Bellamont, welcher alles seinem Gutduncken heimstellte; als er aber auch der Frau von Ridelo dieses Vorhaben erofnete, so fand sich diese dadurch gantz verschmahet. So wenig konnen die tugendhaffteste Frauen uber den Gipffel ihrer Hoheit, und uber das: was werden die Leute sagen! sich empor setzen. Der Cheruscer war ein Bedienter des Grafens; es schien ihr also empfindlich zu seyn, dass der Graf durch eine solche Heyrath ihre Schwester in die Gleichheit einer solchen Niedrigkeit ziehen wolte. Diesen Mangel der Ehrerbietung konte sie ihm kaum verzeihen; der Graf aber wuste sich dieserwegen artig an ihr zu rachen.
Ihr kont schweigen, mein lieber Cantwitz, sagte er einsmahls zum Cheruscer: jetzt aber solt ihr reden, und euch nicht scheuen, mir die Wahrheit frey zu bekennen. Saget mir, wie gefallt euch die Fraulein von Bellamont? Cantwitz errothete uber dieser Frage: Gnadiger Herr, antwortete er mit einiger Verwirrung: die Fraulein ist unvergleichlich, wem solte sie nicht gefallen? es fehlt mir nur ein hoheres Gluck, so wolt ich sagen, dass ich sie liebte. Die Neigung zwar ist frey; allein, die Hofnung war verwegen.
Ihr seyd, erwiederte der Graf, von Geburt nicht geringer, als die Fraulein von Bellamont: das Gluck theilet die Wurden und die Guter aus: ihr habt diese Vortheile noch zu gewarten. Ich werde mir daraus die groste Freude machen, euch darzu den Weg an unserm Hof zu bahnen. Cantwitz wolte fur diese grossmuthige Erklarung dem Grafen die Hande kussen. Der Graf aber schloss ihn in seine Arme: Mein lieber Herr von Cantwitz, sprach er zu demselben, lasset uns hinfuhro als gute Freunde mit einander leben. Es wird sich alles schicken: zuvor aber wird es nothig seyn, dass sie mir noch einige Umstande von ihrem eigentlichen Herkommen, und dem gegenwartigen Zustand ihres Hausses erzehlen, damit ich allenfalls das nothige daruber mochte antworten konnen.
***
Wenn man, gnadiger Herr, fieng darauf Cantwitz an, in meinen Umstanden ist, so ziemet es sich nicht wohl, eines vornehmen Herkommens sich zu ruhmen; ich muste ihnen sonst sagen, dass der Ursprung meines Geschlechts graflich sey; allein eine lange Folge von wiedrigen Zufallen und innerlichen Unruhen hat meine Vorfahren nach und nach so weit herunter gebracht, dass sie in der Gegend von Toscana, wo ehemahls die von Cantwitz ein grosses Land beherrschet haben, kaum noch etliche Edelhofe und Meyereyen besassen. Ein abscheulicher Krieg, der uber hundert Jahre lang schier bestandig fortdauerte, und einen grossen Theil von Battavien verheerte, machte, dass mein Uhr-Grossvatter seine Sicherheit in Britannien suchte. Er war aber nicht so bald von seinen Gutern entfernet, so trugen ihm solche nichts mehr ein: dessen wenige Baarschaften und Kleinodien, die er mit sich genommen hatte, waren nicht zulanglich, ihn Standsmassig zu unterhalten: Er wolte nicht der menschlichen Gesellschafft zur Last leben; noch aus einem narrischen Hochmuth lieber ein Hochadelicher Mussigganger, als nutzlicher Burger seyn. Er war also der erste, welcher sich entschloss, gleich andern, die mit ihm ihr Vatterland verlassen hatten, den Rest seines Vermoseine Guter in Battavien zu Gelde zu machen, und sich in Brittannien fest zu setzen: allein die Wuth des fortdaurenden Kriegs machte, dass die Land-Guter nichts galten: er und sein Sohn starben, und die Guter kamen noch bis auf meinen Vater; der sie endlich, nach dem alle Hofnung erlosch, dass jemahls das Land wieder an seine alte Regenten, und zu seiner vorigen Freyheit gelangen wurde, um ein geringes Geld verkauffte.
Mein Uhr-Grossvater war in der Handlung glucklich: er hatte Schiffe auf der See gehen, und wurde ein sehr wohlhabender Mann: er hinterliess einen Sohn, der, weil er mehr Eitelkeit hatte, die Handlung niederlegte, und bey Hof in ziemlichen Ansehen lebte. Mein Vater wurde in allen Vorzugen des Adels auferzogen, und man betrachtete ihn als den Erben eines grossen Guts.
Ich muss hier die Schrancken des Wohlstandes uberschreiten, und meinen Vater Ew. Gnaden als einen vollkommen ehrlichen Mann beschreiben: sein Ansehen war liebreich und grosmuthig: sein Verstand zeigte sich so wohl in seinen Wissenschafften, als in seiner gantzen Auffuhrung. Er hatte einen solchen Grund von Frommigkeit, dass er sich auch scheute, die geringste Laster zu begehen. Er verband sich schon in seiner Jugend, es koste, was es wolle, weder von der Wahrheit, noch Aufrichtigkeit jemahls abzuweichen.
War mein Vater tugendhafft, so war er auch nicht weniger unglucklich, wann man anders einen Menschen unglucklich nennen kan, der mit Gelassenheit alle Widerwartigkeiten dieses Lebens hat ertragen lernen, und der nach einem ruhigen Alter als ein Christ gestorben ist.
Mein Vater war schon in seiner Jugend seiner Gute halben geliebt, bewundert und betrogen: Er war kein Verschwender: die Laster brachten ihn um nichts; Mitleyden, Redlichkeit und zu leichtes Trauen schier um alles.
Er hielt es mit der Parthey des Konigs Camiris, nicht, weil sie die glucklichste war; sondern weil sie ihm die redlichste dunckte: weder die Auffuhrung der Grossen, welche dem Printzen Frido beypflichteten; noch der Eifer der Geistlichkeit, mit welcher sie den Hof und die Religion verwirrten, schien ihm aufrichtig und gerecht zu seyn: er redete dargegen nach seiner gewohnlichen Freyheit und zog sich dadurch den Hass und die Verfolgung auf den Hals, welche insgemein dergleichen Offenherzigkeiten verursachen: Frido kam nicht so bald auf den Thron, welchen Camiris ihm einraumen muste, so fand mein Vater fur sich in Brittannien keine Sicherheit mehr; er begab sich nach Albanien, und brachte ein stattliches Vermogen mit sich. Der Konig bediente sich seines Raths in verschiedenen Geschafften.
Es war an diesem Hofe eine uble Haushaltung: die Unordnung herrschte in allen Standen. Die Laster hatten das Ansehen der Artigkeit gewonnen, und die Tugend schien beynahe lacherlich. Mein Vater, den sein Eifer gegen das Bose, und die Redlichkeit das Gute zu befordern, allenthalben ausbrachte, konte hier nicht schweigen. Er schalt auf die ruchlose Sitten: er tadelte die Unmassigkeit und Ausschweiffungen der Hoflingen: er verachtete ihren narrischen Hochmuth, er heuchelte niemand. Er sprach mit dem Konig auf eine sehr freye Art; er bediente sich nicht der gewohnlichen Hof-Schmeicheley, um dessen Laster zu Tugenden zu machen. Den Konig befremdete eine solche Freyheit, die ihm offters gantz verwegen schien. Mein Vater kehrte sich daran nicht; er war bereit sein gantzes Gluck einer Tugend aufzuopffern, die ihm die wurdigste schien, die Eigenschafft eines ehrlichen Manns auszumachen.
Der Konig hatte immer Mangel an Geld: Er hatte Einkunffte genug; allein sie wurden zehenmahl gezehend, ehe sie in seine Coffer kamen; es waren zu viele Hande, durch welche solche durchgiengen: es blieb in einer jeden etwas kleben. Mein Vater hatte dem Konig vorgeschlagen, eine offene Banck, nach Art derjenigen in Gross-Brittanien, aufzurichten. Solches geschah. Er schoss darzu eine grosse Geld-Summe; die Sache schien einen guten Fortgang zu gewinnen: der Konig hatte alles unter seinem Siegel und Nahmen ausfertigen lassen, und verburgte sich daselbst fur die allgemeine Sicherheit. Die Capitalisten, welche in seinem Lande waren, hatten ein Vergnugen, ihre Gelder sicher unterzubringen, und solche in die Banck zu legen. Die Handlung, die Seefahrt, und der offentliche Credit wurden dadurch stattlich befordert. Allein, es waren kaum sechs bis sieben Jahre verflossen, so ereignete sich ein Krieg: der Konig brauchte hurtig Geld: er griff daruber die Banck an: die Zahlungen fehlten; man gab den Leuten papierne Anweisungen: und als auch diese in kein gepragtes Gold oder Silber sich verwandeln wolten; so wurden sie mit Verlust verhandelt, und verlohren endlich gar allen Werth. Der Konig entschuldigte sich mit der Noth: und die Banck war damit aufgehoben: Mein Vater verlohr dabey einen grossen Theil von seinem Vermogen. Er nahm sich dafur die Freyheit dem Konig desto nachdrucklicher die Wahrheit zu sagen.
Wie der Konig keine Schulden zahlte, so folgten diesem hohen Beyspiel auch dessen vornehmste Bedienten: Es war nicht nur am Albanischen Hofe keine Schande mehr, wan man viel Schulden hatte, sondern man trieb die Grossmuth daran auch so weit, dass man sich der Zahlung wegen im geringsten nicht bekummerte: wer ordentlich haushielt, und noch ein wenig Geld hatte, der wurde als ein Geitzhals beschrien; wer aber sich und sein Haus aller Mittel entbloset, und halb vom Raub und halb vom borgen lebte, dessen edles Gemuth und grosse Freygebigkeit wurden mit Bewunderung erhoben. Man lebte also mit wenig Sorgfalt auf Unkosten der gemeinen Noth, und vermehrte solche unendlich durch die edle Furcht fur der Kargheit.
Was also der Konig meinem Vater noch gelassen hatte, nahmen ihm diese grossmuthige Leute weg. Er fand kein Recht: Man hielt ihn fur reich, und machte sich daraus eine Ehre, seine Schuldner, die liederlich waren, gegen ihn zu schutzen. Es schien, als ob er sich mit seinem Geld nur die Verachtung der Menschen und den Hass derer, denen er geborget, erkauft hatte.
Er war an eine junge Dame verheyrathet, die Anfangs durch ihre Eitelkeiten und Verschwendungen den Grund seines Vermogens auch ziemlich mit aufrutteln half: Sie besass viele Annehmlichkeiten: Sie war lebhaft, munter, schmeichlerisch, und kleidete sich uberaus wohl. Mein Vater, der fur sie die Nachsicht eines Liebhabers und die Gefalligkeiten eines Mannes hatte, der seine Frau nicht missvergnugt sehen konte, liess ihr machen, was sie nur wolte. Sie hatte den Fehler junger Leute, die von armen Eltern sind, und die desswegen nicht wissen, was Geld ist, noch wie man solches zu verwalten pflegt: Es war ihr nichts kostbar und nichts schon genug, und wenn es auf das Zahlen ankam, so sprach sie: Ist es doch nur Geld? Worzu hat man solches, als um sich damit zu vergnugen?
Ein Zufall machte unterdessen bey ihr auf einmahl eine grosse Veranderung. Sie war mit einer Dame auf den grossen Platz spatziren gefahren, wo sich insgemein gegen Abend viel hundert Gutschen versammleten, und die Schonen sich gleichsam in ihren besten Aufputz zur Schau herum fuhren liessen: Es war schon etwas dunckel, wie sie von dieser Dame nach Hause fuhr: Ihr Wagen war in Form eines Phaetons, rings herum offen, und oben nur mit einem kleinen Baldachin bedecket. Ihre funckelnde Diamanten, die an ihrem Halse hiengen, hatten sich bey dieser Gelegenheit einen Liebhaber erworben, welcher, da er ihren spielenden Reitzungen nicht widerstehen konte, einen kuhnen Anschlag machte, diesen Schatz zu entfuhren: Er war dem Wagen nachgefolgt, und als die Diener bey dem Hause absprangen, um das Thor zu eroffnen, so wagte der Diamanten-Liebhaber einen frechen Sprung nach ihr, und riss ihr die Jubelen vom Halse; Weil aber solche sehr vest angemacht waren, so litt sie bey diesem Anfall solche Gewalt, dass sie der Dieb schier verdrosselt hatte. Man hub sie halb todt aus ihrem Phaeton. Der Thater aber hatte sich unterdessen mit der Beute fortgemacht. Sie legte sich darauf zu Bette, und bekam ein hitziges Fieber.
Da sie besser wurde, bezeigte sie einen uberaus grossen Eckel an allen Eitelkeiten: Sie wolte nur Geistliche um sich haben, und sprach von nichts als von Busse und Bekehrung. Mein Vater, der jederzeit eine reine Gottesfurcht in sich hegte, wunschte seiner Frauen zu diesen guten Regungen Gluck, und dachte nicht, dass sie auf einem so guten Weg sich verirren solte. Sie wurde aber daruber schwermuthig, und liess sich bloss durch ihre aufgebrachte Fantasie regieren.
Es sind in Albanien so wie hier und anderer Orten gewisse Leute, welche nur diejenige allein fur Kinder GOttes hatten, die sich aller Annehmlichkeiten dieses Lebens mit Fleiss entschlagen, und durch eine grausame Art, von Andacht und Gottesfurcht, den Leib siech, den Geist verwirret und das Hertz voll Kummer machen: Dieses Creutz, dieses Leiden, diese Verschmahung der Welt bemercken sie als Kennzeichen ihres wiedergebohrnen und bekehrten Zustandes; und betrachten im Gegentheil andere, die noch der Guter dieser Welt geniessen, wenn es auch gleich nach den Absichten des Schopffers geschiehet, fur Unglaubige. Diese Leute meldeten sich bald bey einer solchen nach ihrem Sinn bekehrten Frauen: Sie priesen ihren Zustand gluckselig; allein, das gute Hertz meines Vaters wurde dadurch zum aussersten Mitleiden bewegt. Er sah, dass meine Mutter sich unpasslich fand, und dass ein dickes Geblut bey ihr der Grund einer verkehrten Andacht war; Er wunschte desshalben, dass sie genesen, den reinen Eifer aber zur Tugend und zur Gottesfurcht behalten mogte.
Er fasste hierauf den Endschluss, sich mit ihr auf das Land zu begeben. Er hofte, ihre Gesundheit solte in einer frischen Luft, bey einer taglichen Bewegung, und durch die verschiedene Abwechselungen des Land-Lebens, die so annehmlich als unschuldig sind, sich vollig wieder herstellen und ihr Gemuth zur vorigen Munterkeit gelangen. Er selbst war der Welt und ihrer Falschheit von Hertzen mude; und glaubte, er konnte nichts bessers thun, als wenn er eine LebensArt erwehlte, wo er GOtt in Ruh verehren und seine Kinder zur Weissheit und zur Tugend in einer glucklichen Entfernung von bosen Exempeln erziehen konte. Sein grosses Vermogen war ihm unterdessen durch oberwehnte Umstande dergestalt zusammen geschmoltzen, dass er Muh hatte, so viel noch zusammen zu bringen, als vonnothen war, ein nur mittelmassiges Land-Gut zu erkauffen.
Er wehlte sich solches unweit dem Hercynischen Wald, sechs Stunden von Calesia. Das Land, die Einwohner und ihre Lebens-Art schienen ihm nach seinen Absichten zu seyn. Das Schlossgen, so er bewohnte, lag auf einem Berg, und hatte hinter sich den Wald: Von fornen aber sah man ein grosses offenes Land, welches den Cheruscischen Fursten zugehorte. Die Luft daherum war rein und gesund. Meine Mutter fand sich kaum einige Wochen hier, so war sie als eine verneuete Creatur: Muth und Krafte kamen wieder; Die Aertzte kunstelten nicht mehr an ihrer Gesundheit, und die Koche reitzten durch ihr seltsames Gemengsel nicht ferner einen Appetit, der sich mit den naturlichsten und einfach zugerichteten Speisen begnugte. Wir hatten Fisch und Waydwerck: mein Vater gieng selbst und schoss die Braten im Wald, und meine Mutter machte sich die Muh solche zuzurichten. Sie lebten bey dieser Einfalt der Natur in susser Ruh, und verlohren alle starcke Leidenschaften, womit sonst die Eitelkeit, die Ehrsucht, der Geitz und die unersattliche Begierde zur Lust, die Vornehmste unter den Menschen zu martern pflegen. So wenig als ehedessen meine Eltern bey Hof das Geld geachtet hatten, so genau musten sie nun auf ihrem Gut hausshalten; sie hatten zu leben, aber weiter nichts. Sie hinterliessen sieben Kinder. Davon ich das letzte bin. Unser Erbtheil war ihr Seegen; und das kleine LandGut, welches wir nicht in sieben Theile theilen konten, liessen wir dem altesten Bruder.
Dieses war ungefahr die Nachricht von dem Herkommen und dem Geschlechts-Zustande des Herrn von Cantwitz.
Der Graf hatte noch nicht Gelegenheit gehabt diesen tugendhaften Cheruscer bey dem Konig bekannt zu machen: Er hatte wohl zu verschiedenen mahlen von ihm gesprochen und dessen Verdienste geruhmet; allein, der Konig hatte darauf weiter keine Gedancken geschlagen: Er suchte desswegen demselben die Geschicklichkeit dieses Edelmanns naher ins Auge zu stellen. Er beurlaubte sich auf acht Tage, um nach Prato zu gehen, und erhielt von dem Konig, dass der Cheruscer ihm dasjenige vortragen mogte, was in wahrender Zeit von Geschaften vorfallen durfte.
Der Cheruscer that solches zu seinem grosten Vortheil: Die Natur hatte ihn zu einem Redner gemacht: Er war wohl gebildet: Die Jugend lachte noch aus seinen Augen: Seine Gebehrden waren edel und demuthig; Er hatte noch kaum das zweyte mahl dem Konig im Namen des Grafens von Rivera ein und anders Geschafte vorgetragen, so war der Konig von ihm eingenommen: Er bewunderte die anstandige Lebhaftigkeit seiner Reden so sehr, als seine Klugheit: Cantwitz, sprach er zu ihm: Ich hab ein gnadiges Wohlgefallen an euch, der Graf von Rivera hat mir die gute Dienste geruhmet, die ihr mir bissher geleistet habt. Ich mache euch zu meinem Cammer-Juncker, und werde auf eure fernerweitige Beforderung in meinen Diensten bedacht seyn.
Der Graf von Rivera empfand in dem Grund seines Hertzens eine solche Zufriedenheit, das Gluck dieses jungen Edelmanns zu veranlassen, dass er daraus sein eignes schatzen lernte: Er achtete seine Verdienst vor nichts, so lang er nicht sah, dass er auch andern Menschen damit nutzlich war. Man kan sagen, dass darinn sein groster Eigennutz bestund. Er verehrte dem neuen Cammer-Juncker ein schones Gespann Pferde, nebst einem sehr netten Geschirr, und miethete zugleich fur ihn eine schone Wohnung, welche er mit gantz neuen Haussrath auf das zierlichste versehen liess.
Die Grafin von Monteras wurde unterdessen zu ihrem Vermahlungs-Fest vier Tage zuvor eingeholet. Es waren uber zwantzig Gutschen mit sechs Pferden bespannet, welche ihr entgegen fuhren: Sie kehrte in dem Pallast des Hertzogs von Sandilien ein, und wurde daselbst von den vornehmsten Herrn und Damen bewillkommet. Den folgenden Tag fuhr sie nach Hof. Der Konig sagte ihr mit der verbindlichsten Art von der Welt, dass er nun hofte Gelegenheit zu haben, die Treu des Grafens von Rivera zu belohnen und sie beyde seiner wahren Hochachtung zu uberzeugen.
Den Abend darauf hatte der Graf von Rivera die Vornehmsten des Hofs, nebst den fremden Gesandten in des Herrn von Cantwitz Wohnung zusammen auf ein Musicalisches Sing-Spiel bitten lassen: Der Konig und die Konigin erwiesen ihm die Ehre mit dabey zu erscheinen. Man fand die Zimmer des Cheruscers uberaus niedlich aufgeputzt. Das gantze Hauss war mit Lichtern erhellet: Alles war neu, zierlich und wohl ausgesucht; Der Herr von Cantwitz erschien dabey als Wirth, in einer prachtigen Kleidung. Die Frau von Ridelo und ihre Schwester, die Fraulein von Bellamont, wusten fur Besturtzung nicht, was sie sagen solten, da er sie beyde empfieng, und desswegen sein Gluck fur vollkommen priess, weil er die Ehre hatte ihnen in seiner Behausung aufzuwarten. Sie antworteten ihm, dass der Graf von Rivera sie in seinem Namen zu sich in diese seine neue Wohnung hatte bitten lassen, und dass sie also nicht verstunden, wie der Herr von Cantwitz ihren Zuspruch auf seine Rechnung zu nehmen beliebte: Der Graf war bald bey der Hand, als sich diese beyde Damen zeigten. Er wolte das Vergnugen haben, die Frau von Ridelo und ihre schone Schwester in ihrer ersten Verwirrung zu sehen. Ich freue mich von Hertzen: redete er sie an, dass sie meinem Cheruscer die Ehre gonnen, die von ihm erbetene hohe Gesellschaft, durch die ihrige noch ansehnlicher zu machen. Es wird nicht lang wahren, so wird er auch die Gnade haben, den Konig und die Konigin hier bey sich zu sehen.
Die Frau von Ridelo stutzte uber diese Anrede des Grafens noch mehr; doch, wie sie von einem durchdringenden Verstand war, so merckte sie bald, wo er hinzielte. Ich seh wohl, sprach sie, man will mir heute zeigen, was der Herr Graf von Rivera vermag. Die Frau von Ridelo hatte dieses noch kaum ausgeredt, so warf sich ihr die Grafin von Monteras in die Arme. Liebste Freundin, sagte sie zu derselben, gonnet heute meinem Grafen das Vergnugen, dass er euch sein gutes Hertze zeige; und glaubet, dass alles, was die Aufnahme eures Hauses und euer Vergnugen betrift, uns beyden hinfuhro wie unser eignes seyn wird.
Mehr konten sie sich einander nicht sagen. Es fanden sich noch immer mehr Personen ein: Die vier Zimmer des Herrn von Cantwitz wurden angefullet: In einigen wurde gespielet: In dem Saal aber erklung eine vortrefliche Music: Die besten Virtuosen des Konigs liessen sich dabey horen: Es wurden die artigste Lieder abgesungen. So wohl der Konig als die Konigin fanden sich dabey ein, und bezeigten, ein hohes Wohlgefallen uber die Grossmuth des Grafens; weil sie wusten, dass er alles dem jungen Cheruscer und der Fraulein von Bellamont zu Ehren angestellet hatte. Sie begnugten sich nicht allein Zuschauer dieses Festes abzugeben, sondern speisten auch an einer kleinen Tafel, mit einigen wenigen Damen daselbst zu Nacht, worauf sie dem Ball mit beywohnten.
Die Liebe erhielt an diesem glucklichen Abend gantz besondere Vortheile: Der Konig warb selbst bey der Frau von Ridelo fur den Cheruscer um ihre Schwester die Fraulein von Bellamont; und als diese Schone von ihm um ihren Beyfall befragt wurde; so konte sie kaum dabey die Neigung ihres Hertzens verbergen, dieser Gehorsam, sprach sie, kostet mich allzuwenig, Ew. Majestat die tiefste Ehrerbietung meines Hertzens zu erkennen zu geben.
Der Tag zu dem bestimmten Beylager des Grafens von Rivera mit der Grafin von Monteras kam endlich herbey. Die Liebe des Cheruscers mit der Fraulein von Bellamont wurde zugleich mit glucklich gemacht: Der sinnreiche Pracht, die artige Lust-Spiele und die vielerley Feste, die darauf erfolgten, waren zu weitlauftig hier zu beschreiben. Wann am Ende eines Schau-Spiels die Haupt-Personen zur Heyrath schreiten, so gehen die Zuschauer schon auseinander: Die schonste Vorstellungen scheinen alsdann uberflussig. Diesen Schluss hat die Gewohnheit und ein allgemeiner Beyfall der Menschen zur Regel gemacht: Wir wollen auch hier solche beobachten, und den Leser nicht langer aufhalten.
Wir endigen also mit der Vermahlung des Grafens von Rivera: Das Gluck dieser edlen Helden-Liebe war vollkommen. Man sah die Freundschaft, die Tugend, die Treu und die Verdienste von der Gerechtigkeit des Himmels belohnet. Aquitanien wurde durch die weise Rathschlage und durch die Aufrichtigkeit des Grafens in einen bluhenden Wohlstand gesetzt. Die Laster, welche bisher den Hof vergiftet hatten, verlohren ihre Macht unter einem Monarchen, der sich selbst zum Muster der Gerechtigkeit, der Gute und der Ordnung ausstellte. Die Gluckseligkeit seiner Unterthanen machte, dass die benachbarte Staaten sich gleiche Vortheile und gleiche Regenten wunscheten.
Der Hertzog von Sandilien ubergab seinem neuen Vettern, mit des Konigs Bewilligung, das bisher gefuhrte Ruder am Regiment. Er verlangte nichts mehr in der Welt, als seine Neigungen zwischen dem Konig, seiner Basen und dem Grafen von Rivera zu theilen. Er betrachtete sich als ein glucklicher Vater, dem das Heil seiner wohlgerathenen Kinder die eintzige Freude macht, die er noch in dieser Welt verlanget. Der Graf uberkam mit dessen Herrschaften auch seine Herzogliche Titel, Wappen und Vorzuge. Diese Erhebung, welche bis zur Crone reichte, vertilgete nicht bey ihm denjenigen Grund der Demuth und der Abhanglichkeit von GOtt, auf welchen er alles bauete: und von dem er alle Weissheit, alle Starcke, und alle Tugend, die er zu der Wichtigkeit seines hohen Berufs vonnothen hatte, zu erlangen suchte.
Freye Bedancken
Von der Verbesserung des Staats.
Von dem Hofe.
Vor Zeiten hatte der groste Konig kaum so viel Leute an seinem Hofe, als heut zu Tage ein mittelmassiger Furst an dem seinigen unterhalt. Der Adel erschien daselbst nicht ehender, als bis man Ritter-Spiele hielt, oder wichtige Rathschlage pflog. Er wurde nicht besoldet, dass er im Mussiggang und in Uppigkeit lebte, und durch seine Unordnungen den Staat, den Hof, das Land und sich selbst verdarb.
Ein Cantzler, einige Rathe und ein paar geheime Schreiber waren zu den Geschaften des Staats genug. Die ubrigen Beamten fassen in den Dicasterien; Der Konig und das Reich waren ruhiger bey wenig Bedienten. Der Hof hatte zwar seine Aemter, sie wurden aber nicht unter so viele Ober-Aemter getheilet, dass ein jedes wieder einen besondern Hof ausmachte. Diese Bedienten mussen abermahl wieder so viele andere Bediente haben, welche wiederum so viel Aufwarter, Leibdiener und Gesinde nach sich ziehen, dass die groste Einkunfte eines Staats kaum zulanglich sind, so viele mussige Leute zu ernahren.
Dieses Ubel herrschet auch bey den Armen im Felde: Ein jeder Befehlshaber fuhret einen grossen Schweiff von unnothigen Bedienten mit sich. Diese fechten nicht, sondern verzehren nur was die arme Soldaten entbehren mussen: Sie beschweren die Zuge, bringen den Mangel ins Lager, und schaden dadurch der gemeinen Sach.
Wie diese Unordnung nicht auf einmahl, sondern nach und nach entstanden ist; so kan sie auch nicht wohl auf einmahl wieder aufgehoben werden. Die Zeit, das Alter, der Tod geben von sich selbst darzu die Gelegenheit: Man schaft keine alte Bedienten nicht ab; man nimmt nur keine neue mehr an, und macht keine unnothige Aemter, um mussige Leute unterzubringen.
Viele Staats-Diener taugen zu nichts, als dass sie die Macht eines Fursten schwachen, den Staat verwirren, allerhand Zwiespalt erregen, ihre Banden und ihren Anhang auf Unkosten des gemeinen Bestens empor treiben, und ofters selbst dem Regenten Gesetze vorschreiben. Die Geschichten sind voll davon.
Wer mehr Bedienten halt, als er vonnothen hat, der macht sich dadurch viel Geschafte und Verdruss zugleich. Es ist nichts ubler zu regieren und in Ordnung zu halten, als Leute, die voll auf leben, und nichts zu thun haben. Sie sind sich und dem Staat zur Last. Ein Furst muss demnach fur seine Leute die Gnade haben, und ihnen nicht nur Brod, sondern auch Arbeit geben.
Die Majestat braucht keines erborgten Glantzes: Sie macht sich durch sich selbst verehren: Der unordentliche Schwarm der vielen geputzten Menschen, welche den Hof zieren und das Land arm machen, ist keine wahre Grosheit: Man uberlasse diese kleine Ehre Parade zu machen, der Leib-Wache, den KriegsBeamten, und dem jungen Adel; welcher letztere eine Zeitlang den Hof besuchen solte, um daselbst die Hoflichkeit und gute Sitten zu lernen.
Durch die Einziehung der vielen unnothigen Bedienten kan ein Konig des Jahrs uber ein Million ersparen, und dadurch seine Regierung desto ruhiger und glucklicher machen.
Von den Gerichts-Hofen.
Ein auszehrendes und jammerliches Ubel ist heut zu Tage die Unordnung und Weitlauftigkeit der Processen. Hier dienet die Gerechtigkeit zu einem Handwerck, ihre Verwalter zu ernahren, und diejenige, die bey ihr Hulffe suchen, zu verderben. Es wurde eine grosse Gluckseligkeit fur alle Volcker seyn, wenn man die Weitlauftigkeit der Rechts-Handel, so wohl als die abscheuliche Zungendreschereyen der Gewissenslosen Advocaten abstellen konte.
Es war solches nicht unmoglich: Eine ordentlich eingerichtete Landes-Ordnung, darinn alle HauptFalle und Rechts-Fragen auf das allerdeutlichste in gemeiner Landes-Sprache verfasset wurden: Ein Gericht aus redlichen, vernunftigen und Rechts-kundigen Mannern, die keinen weitern Nutzen von einem Process zu gewarten hatten, als dass sie ihn kurtz und gut ausmachten: und dann die Abschaffung aller GerichtsSporteln, Formalien, Fatalien und dergleichen oftmahls recht kindischen Umstanden; die nur darzu ersonnen sind, um die Gerechtigkeit zu verwirren, und eine Menge unnothiger Gerichts-Diener zu unterhalten: Diese drey Dinge wurden zur Verwaltung der Gerechtigkeit einen viel leichtern Weg bahnen.
Ein jeder Klager konte auf diese Art entweder seine Sache mundlich oder schriftlich selbst vortragen, und daruber ein Urtheil erwarten: Geschahe solches gleich nicht allemahl formlich, und nach einer ausgekunstelten Rechts-Gelehrtheit; so konte man doch daraus desto besser die Wahrheit erkennen; ein geschickter Referent, mit weniger Muh, einen kurtzen Verlauf der Sachen (speciem facti) entwerffen, und ohne weitere Umstande den Spruch heraus bringen.
Wurde dabey nicht jederzeit die Form Rechtens beobachtet, so war dieses nur ein kleines Ubel, wenn das Recht nicht selbst darunter leidet; ja solte auch dieses zuweilen darunter leiden, so war doch dieses Ubel nicht so Grund-verderblich, als die abscheuliche Weitlauftigkeit der Processe.
O verkehrte Welt! O Jammer der Zeiten! Der Unschuldige leidet, man druckt ihn, man bringt ihn um einen Theil von seinem Vermogen: Er denckt die Obrigkeit mag richten: GOtt hat sie darzu eingesetzt: Er klaget, man horet ihn; aber seine Klage ist nicht formlich; Er muss einen Advocaten annehmen: Dieser hat auf den Schlendrian geschworen, und der Schlendrian ist dargegen erkenntlich: Er schmeltzt ihm seine Suppen: Er macht seinen Schornstein rauchen: Der Client verlasst sich auf seine gerechte Sache, und der Advocat auf seinen guten Clienten. Sie gehen mit einander die Formalien durch: Es kommt kein Spruch, der Client will ungedultig werden: Der Advocat aber trostet ihn, er spricht, seine Sache stund gut: es kommt ein communicetur nach dem andern: dann werden Zeugen abgehoret, dann Eyde erkannt, dann uber jeden Punct neue Erlauterungen und Beweise gefordert: der andere excipirt, replcirt, duplicirt, triplicirt, quadruplicirt ... Endlich erscheint ein Decret: Der Client zahlt mit Freuden dem Advocaten seine lange Rechnung: Er denckt, mein Process ist zu Ende: Ich habe gewonnen. Der Gegentheil appellirt: da geht der Process von neuem an: hier kan der Advocat allein nicht helffen: hier mussen Agenten und Procuratoren angenommen werden: hier gilt so viel pro arrha, so viel pro honorario, so viel fur deservit, so viel fur Briefe, und dergleichen ... Der Client erschrickt uber alle diese Dinge: Aber wie, spricht er, ist dann kein GOtt, ist dann kein Recht? Der Process wird indessen eifrig fortgesetzt: Der Richter findet immer noch etwas zu erinnern. Die Sache will nicht fort: Ein Jud, ein altes Weib, oder ein verdorbener Banckeruttirer kommt zu dem Clienten, und gibt ihm einen Anschlag seinen Process zu gewinnen: Dieser besteht darinn, dass er spendiren soll: nicht dem Referenten, nicht dem Richter, sondern hier und da und dort: Der Client denckt, der Process habe ihm schon so viel gekost, er wolle auch noch dieses dran wagen: Der Spruch kommt: Der Process ist wieder gewonnen: Nun GOtt Lob und Danck, spricht der ehrliche Mann, dass ich doch endlich wieder zu meinem Geld komme: Allein, vergebliche Freude! Neues Weh! Die Gegen-Parthie sucht restitutionem in integrum: Sie wird erkannt, und warum nicht? Die Gerichts-Ordnung bringt es ja so mit sich: Es kommen Revisiones actorum, Leuterationes, dilationes, etc. Der Client kriegt daruber die Auszehrung: die Krafte sincken: der Muth schwindet: Er borget Geld, um seinen Process fortzufuhren: Er erlebt davon nicht das Ende: seine so lang gefuhrte Rechts-Klage wird eine traurige Erbschaft fur seine Kinder: darinn beruhet ihr gantzes Vermogen: ihre Noth, ihr anhaltendes Uberlauffen zwingen endlich den Richter zur Ungedult und zu einem Spruch. Die Execution wird erkannt, allein sie reget sich nicht: sie hat steiffe Hande; sie konnen sich nicht bewegen: Die Gold-Essentz, damit man sie schmieret, fehlet, die Clienten haben den Process gewonnen, und bleiben arm.
Wer sich einbildet, man trieb allhier die Sache zu weit, der gehe nur an die vornehmste Gerichts-Hofe, und lasse sich daselbst eine Verzeichniss der Processen geben, die uber 50. ja gar uber hundert Jahr vor Richter und Recht geschwebet; er wird mit geruhrtem Mitleiden, wo nicht mit Graussen und Entsetzen, die traurige Schicksale solcher ungluckseligen Parthien horen; und bekennen mussen, dass sie waren glucklicher gewesen, wenn sie auch gleich bey der ersten Instantz ihren Process verlohren hatten.
Noch eins, solte man den Schlendrian abschaffen, was wurde man hernach mit den vielen Juristischen Buchern machen? Solten die Buchhandler solche alle ins Maculatur schlagen? Die meisten durften vielleicht keiner grossern Ehre wurdig seyn; doch finden sich darunter auch viel gute und vortrefliche Schriften, die man nicht genug in Ehren halten kan: theils sind sie auch nothig. Denn dass ein Richter ein Rechts-Gelehrter, wie der Geistliche ein frommer Mann, und der Artzt ein Naturkundiger seyn soll, ist wohl keine Frage. Ein Richter muss also die Grundlichkeit und die Ordnung einer Wissenschafft besitzen, welche ihn fahig macht, die verwickelste Vorfalle zu entscheiden, und uber die verworrenste Streit-Fragen ein geschicktes Urtheil zu fallen. Die wohl ausgearbeitete Rathschlage beruhmter Rechts-Gelehrten dienen hierzu: Sie sind billig, als Schatze einer so nothigen Wissenschaft aufzusammlen: Auch sind die Romische Gesetz-Bucher mit nichten hindan zu setzen: die Romer waren kluge Leute, sie hatten trefliche Einsichten: Sie waren geschickt Gesetze und Ordnungen zu machen. Wir konnen uns in gleichen Fallen ihrer Ausspruche noch mit gutem Vortheil bedienen. Nur darinn gehen wir zu weit, wenn wir bey unserer heutigen Verfassung, die so weit von der Romischen entfernet ist, da wir andere Sitten, andere Gebrauche und eine andere Religion haben, alles auf Romisch schlichten und ausmachen wollen.
Wie nun die groste Schwierigkeiten bey den Prozessen dadurch gehoben wurden, wenn ein jeder seine Klagen einfaltig, ohne Rechts-Allegationen, und ohne Einstreuungen der Vorurtheilen und Beweg-Ursachen zu decidiren, selbst in Person, oder schrifftlich, dem Richter vortragen, und daruber sein Urtheil erwarten muste; also solte auch ferner nicht wenig zur Erleichterung des Justitz-Wesens mit beytragen, wenn alle Kaufleute, Kunstler und Handwercker; imgleichen alle Kirch-Spiele, Universitaten, Kriegs-Aemter und dergleichen ihre gewisse Ordnungen und Gesetze unter sich hatten, daruber mit Nachdruck hielten, und ihre Streitigkeiten, als bey ihrer ersten Instantz, durch ihre Aeltesten und Vorsteher ausmachen liessen; wobey ihnen auch zu verstatten war, alle und jede Unordnung und Verbrechen, welche nicht in die peinliche Rechte liefen, mit gewissen Geld-Bussen und willkuhrlichen Straffen zu ahnden.
Auf diese Weise wurden die Richter nicht uber alle und jede Kleinigkeiten, so oft und viel angelauffen werden, und die meiste Sachen, welche bey den OberDicasterien, wegen der Menge der Klagenden und der weitlaufftigen Process-Ordnung offters gar liegen bleiben, konten zum Besten der streitenden Partheyen weit kurtzer und mit weniger Muh ausgemacht werden.
Von der Policey.
Die Policey ist das einzige Mittel im burgerlichen Leben Ruh, Ordnung und gute Sitten zu unterhalten. Es ist nicht genug, dass man einen Staat gegen auswartige Feinde schutzet, und darinn die Nahrung zu befordern sucht. Ein Volck, das bey seinem Uberfluss keine Policey hat, ist wie ein wohlgefuttertes Pferd, welches nicht zu beritten ist; es lasset sich schwer regieren, und gehet offters mit seinem Reuter durch, wenn es ihn nicht gar herunter wirfft.
Bey den alten Teutschen galten, nach dem Zeugnus eines Romischen Geschicht-Schreibers, die gute Sitten mehr, als die Gesetze. Betrubtes Andencken! Nun gelten schier weder die eine, noch die andere mehr. Wir leben bey allem Druck der Gewaltigen, in einer Sorglosen Freyheit. Ein jeder thut was er will: wir wagen alles, wir setzen alles aufs Spiel. Geraths, so geraths: wer verdirbt, der verdirbt. Man schilt auf bose Zeiten: man wirfft die Schuld auf die Regenten; wo nicht gar auf die gottliche Vorsehung. Dieses ist die allgemeine Philosophie; so urtheilt der Pobel, so denckt der Burger, so vermisst sich der Adel. Was Wunder, dass die alte Redlichkeit verloschen ist, dass die Bossheit herrschet, dass die Unordnungen uberhand nehmen, und die Laster schier zu Tugenden geworden sind.
Billig solte man die Policey in den Tempeln suchen: Billig solte die Religion selbst uns zu ihrer Beobachtung anhalten: billig solten die Begriffe von GOtt, der alles durch Weissheit und Ordnung regieret, auch die Menschen bewegen, all ihr Thun gleichfalls nach dieser Regel einzurichten. Weil aber die Religion ihre Krafft, und die Tugend ihr Ansehen bey den Menschen verlohren hat; so ist nothig, sie wenigstens durch eine gute Policey von den grobsten Ausschweiffungen und Lastern abzuleiten, und, wann es moglich war, sie auch zum guten zu zwingen.
Ihre Haupt-Absicht gehet demnach dahin, Ruh und Ordnung, Zucht und Sicherheit, Nahrung und Billigkeit im gemeinen Wesen zu erhalten. Sie dultet nicht, dass einer sein Gut verprasse, noch dass er dessen Verlust auf den Umschlag der Carten und Wurffel setze: sie dultet nicht, dass sich die Leute ohne alle Vernunfft heyrathen, und nachgehends ihre Ehen mit Zanck und Hader fuhren: sie dultet nicht, dass man die Kinder ubel erziehe, und im Luder und Massiggang aufwachsen lasse: sie dultet nicht, dass einer den Adel und grosse Titul kauffe, den keine Verdienste darzu wurdig machen. Sie setzet dem Hochmuth Schrancken, und machet keinen Hochgebornen, der in der Werckstatt, oder in der Cram-Bude jung worden ist. Die Policey lasset das Gesinde nicht Herr seyn, noch dem Pobel die Freyheit, Gesetz und Gebrauche zu machen: sie gestattet nicht, dass sich Leute in Sammet, in Seyden, in Gold und Silber kleiden, die das Geld dazu borgen; oder die von solchem Stande sind, dass sie auch Wolle und Leinwand zierten. Sie vergonnet der wilden Jugend nicht, ihre unordentliche Begierden in verbottenen Winckeln abzukuhlen: sie uberliefert den Balger dem Blut-Gericht, als einen Todschlager, und den Banckeruttirer dem Kercker, als einen Dieb: sie spannet die liederliche Mussigganger in Karn, und schliesset das leichtfertige bose Gesindel in die Zucht-Hausser: sie halt die Strassen von Land-Streichern und Bettlern rein, und versorget die Armen und Nothleydende in den Hospitalern: sie erfullet die Magazinen mit Vorrath, und kauffet nicht erst die Fruchte auf, wenn sie schon theuer sind: sie giebt den nothigsten Lebens-Mitteln ihren gemessenen Preiss, und lasset nicht den Fremden von den Gastwirten das Messer an die Gurgel setzen. Die Krancke werden nicht durch unerfahrne Aertzte nach der Methode, und durch die Quacksalber, ohne Methode ums Leben gebracht: die Handwercks-Leute erfrechen sich nicht, wenn sie einem etwas verdorben, fur diese Bemuhung noch die Zahlung zu fordern, und dem Kaufmann gehet es so leichte nicht hin, wenn er einem verdorbene Waaren vor gute verkaufft.
Die Policey hemmt das Gezancke in den Kirchen, und die Missbrauche in den Schulen: sie erlaubet nicht einem jeden Gelehrten, alles was ihm einfallt, drucken zu lassen: sie beschrancket diese allzugrosse Freyheit durch vernunfftige Regeln, und lasset nichts in die Buchladen kommen, als was nutzlich, was gut, was angenehm und was erbaulich ist.
Von dem Soldaten-Stand.
Der Soldaten-Stand ist ein nothiges Ubel. Waren die Menschen ordentlich, gerecht und vernunftig, so brauchten sie keine solche gestrenge Beschutzer der gemeinen Sicherheit. In einer so durchaus verdorbenen Welt aber kan man dieser Leute nicht entbehren. Nur ist es nothig, dass man ihre Verfassung mehr nach derjenigen Absicht einrichte, warum sie gehalten werden.
Der Soldat hat in Ansehung der Zucht und Ordnung noch etwas voraus, und wurde desswegen auch leichter als andere zu verbessern seyn. Die Ehre, um welche er dienet, ist allein fahig ihn zur Beobachtung seiner Pflichten anzuhalten: man muss ihm nur einen rechten Begriff von der Ehre beybringen. Man muss nicht die Tollkuhnheit zur Tapfferkeit, den Frevel zum Heldenmuth, die Leichtfertigkeit zur Freyheit und den Muthwillen zur Artigkeit machen. Der Soldat soll der menschlichen Gesellschafft nicht zur Quaal und zum Schaden, sondern zum Schutz und zur Sicherheit leben: dieses ist die eigentliche Ehr seines Berufs, und darinn bestehet seine gantze Wurde.
Allein, so lange man darzu allerhand liederliches und ehrloses Gesindel aus allen Winckeln der Erden zusammen wirbet: so lange man darzu nur wilde, mussige und viehische Pursche nimmt, die sonst zu nichts taugen, als dass sie das Schiess-Gewehr handthiertn, den Ranzen schleppen, und den LandMann plagen konnen; so lange die Befehlshaber selbst weder den Krieg verstehen, noch die wahre Ehre kennen; so lange der Soldat uberhaupt die verkehrte Einbildung heget, er dorffte nichts lernen, und hatte mehr Freyheit, als andere Menschen, wieder alle Gesetze und gute Sitten zu handeln. So lang ist er der Erden ein Fluch, und die Schande des menschlichen Geschlechts. Denn das blose rauben, pludern, sengen, brennen, morden, wurgen und Menschen schlachten, ist furwahr keine Handthierung, die sich fur ehrliche Leute schicket; wo nicht die gemeine Sicherheit und die Umstande eines gerechten Kriegs ein solches Opfer von Menschen-Blut erfordern.
Soll demnach der Soldaten-Stand das wahre Metier d'honneur, oder Ehren-Handwerck seyn; so mussen solches Leute bekleiden, die Vernunfft, Grossmuth, Gute und Taferkeit besitzen, und die als Schutz-Engel vor ihre Mit-Burger und die gemeine Wohlfahrt wachen.
Dass bisher zu den Unordnungen des Kriegs-Standes, die im Sold gedungene Soldaten meistens Ursach gegeben haben, ist wohl eine unter vernunfftigen Leuten ausgemachte Sache: man weiss solches schon lange. Es will aber dem ungeacht keiner von unsern Potentaten damit den Anfang machen, um solche abzuschaffen; sie sind vielmehr darauf desto eifriger geworden, dergleichen aus allen Nationen zusammen gerafftes mussiges Gesindel, zum Verderben ihrer Lander, in noch grosserer Anzahl, als je zuvor geschehen ist, bestandig auf den Beinen zu halten. So lange aber Vernunfft und Erfahrung gelten, so wird man schwer zu bereden seyn, dass dieses zum besten dess Landes geschehe.
Wenn man naturlich von der Sache urtheilen soll, so war es wohl besser, man schaffte die um Sold gedungene Soldaten ab: und errichtete dargegen eine ordentliche National- und Land-Militz. Dieses konte auf eine Art bewerckstelliget werden, dass darunter weder die Cammer noch das Land beschweret; der Zweck aber, zu welchem die Soldaten dienen solten, weit vollkommener erhalten wurde.
Man suche nemlich so wohl in den Stadten, als auf dem Lande die gesundeste und tuchtigste Leute aus, die Lust zu dienen haben, und darzu Muth, Geist und Geschicklichkeit besitzen. Diese lasse man in allen zum Krieg gehorigen Wissenschafften wohl unterrichten: man gebe ihnen eine gleichformige saubere Kleidung, nebst einem kleinen Gehalt, welchen man nach Nothdurfft vermehret, wenn sie ins Feld rucken; in Friedens-Zeiten aber lasse man einen jeden bey seinem Handwerck und in seiner Nahrung. Man theile sie nach denen Stadten und Provinzen in Compagnien und Regimenter ein, und lasse sie von Zeit zu Zeit, nachdem es die Umstande leyden, auf gewisse Platze zusammen kommen, und sie ihre Kriegs-Ubungen machen: man gebe ihnen tuchtige und ansehnliche Manner zu Befehlshabern, und gonne ihnen alle die Ehre, Freyheiten und Vorzuge, die sonst rechtschaffene Kriegs-Leute zu gemessen haben. Man halte in den Grantz-Vestungen eine gewisse Besatzung, welche von halb Jahr zu halb Jahr mit andern konte abgewechselt werden; damit wenigstens alle zwey Jahr jeder Soldat ein halbes Jahr wirklich Dienste thun musse. Die Vestungs-Platze konten zugleich die hohe Schulen fur den jungen Adel, fur die Cadets und andere Soldaten abgeben; wo sich bestandig ein Kern der altesten und besten Officiers, nebst andern geschickten und erfahrnen Leuten aufhalten musten.
Durch eine solche Verfassung des Soldaten-Standes konte ein Furst, mit weit weniger Kosten, die besten Truppen bestandig auf den Beinen haben, und jederzeit auf den ersten Winck, wenn es die Noth erfordert, ins Feld rucken lassen: sie wurden weder durch ihre Liederlichkeit, noch durch ihren Mussiggang, noch durch ihre Bubenstuck ferner dem Staat zur Last fallen: sie wurden so wohl nutzliche Burger im Frieden, als tapffere Streiter im Krieg abgeben: Sie wurden nicht, wie insgemein der im Sold geworbene Soldat, bey dem ersten Feuer durchgehen; oder wohl gar zu dem Feind uberlauffen: Sie wurden die wahre Ehre, den Fursten, die Ihrigen lieben: Sie wurden ihr Vaterland schutzen und ihren Feinden ein Schrecken seyn.
Von dem Adel.
Der Adel ist an und vor sich selbst nichts wirckliches: Er hat in der burgerlichen Gesellschaft keinen andern Vortheil, als dass er, mit etwas weniger Narrheit, darf stoltzer und hochmuthiger als andere Menschen seyn. Alle seine Titel, Wappen, Stamm-Tafeln und AhnenRegister, waren sie auch noch so schon und durchleuchtig, machen ihn weder vernunftiger noch glucklicher. Der Bauer ist so wohl gebohren, wie der Edelmann: Die Natur gibt beyden gleiche Rechte: Nur alsdann hat der Adel etwas voraus, wenn er Geld und Guter besitzet, wenn er wohl erzogen ist, und wenn er bessere Sitten hat, als der gemeine Mann.
Hieraus erhellet, dass der wahre Adel nicht in einer edlen Geburt bestehet; sondern in einem edlen Leben. Er ist eine Frucht der Tugend, und schreibet sich aus dem Geschlecht der wahren Ehre. Der ist der beste Edelmann, den Treu und Muth und Witz zum Ritter schlagen; Alles ubrige, womit der gebohrne Adel sich brustet, ist Wind und Wahn und Einbildung: Er schandet die Vortrefflichkeit seiner Ahnen durch seine Niedertrachtigkeit und durch seine Laster.
Die Beschaftigungen des Adels mussen nichts niedertrachtiges, nichts unreines und nichts pobelhaftes haben: Die Gewohnheit hat deswegen alle Mechanische Handthierung dem Adel fur unanstandig erklaret, und ihm dargegen die Wissenschaften, den Hof, den Krieg, die Magistrats-Wurden, nebst der Land-Oeconomie zu seiner Beschaftigung angewiesen.
Die Handlung ins Grosse hat, nach dem Zeugniss der klugsten Volcker, nichts, das dem Adel zuwider ist. In den altesten Zeiten sind dergleichen HandelsLeute, wenn sie grosse Reichthumer besassen, fur edel gehalten worden. Es ist auch der Natur gemasser, dass Leute, die durch ihre grosse Handelschaften, so vielen Menschen Nahrung geben, und sich dem Adel gleichformig auffuhren, auch dessen Vorzuge geniessen: doch gonnt ihnen das Herkommen und der Gebrauch in der Welt nur den untersten Grad des Adels: und erlaubet ihnen nicht sich hoher aufzuschwingen, als bis sie die Handlung niederlegen, und eine von den Lebens-Arten, davon oben Meldung geschehen ist, ergreiffen.
Wer Geld und Guter hat, und sich damit weiss auf eine anstandige und beliebte Art heraus zu setzen, der kan den Adel viel besser fuhren, als ein armer Juncker, den die Bauren Ihr Genaden heissen, und ihm das Brod borgen mussen.
Ehedessen galt der Adel viel; nicht, weil er edel gebohren war, sondern weil die Geburt ihn veranlasste sich durch Tugend und Tapfferkeit von dem gemeinen Mann zu unterscheiden: Er ehrte die Wissenschaften, und die Wissenschaften ehrten ihn; Er sprach und urtheilte anders, als der Pobel: Er begieng nichts niedertrachtiges: Er lebte nicht wie unsere heutige Dorf-Junckern im Luder und im Mussiggang: Er bekleidete die ersten Stellen bey Hof: Er half die Stadte und Lander regieren: Er machte sich eine Ehre aus der Gottesfurcht: Seine Andacht riss ihn zu den Fussen des Altars, und seine Tapfferkeit machte seine Feinde beben: Der Furst brauchte keine Soldaten: Wer ein Ritter seyn wolte, der setzte sich mit seinen reissigen Knechten auf, und eilte damit seinem Landes-Herren und seinem Vatterlande zu Hulffe. So war der Adel, so war die Ritterschaft der alten Zeiten.
Wenn man den heutigen Adel beschreiben wolte, so wurde es vielleicht ein Gespotte heissen, man muste ihn lacherlich abmahlen, und die Wahrheit wurde machen allzu naturlich treffen: Wir wollen lieber schweigen, unsere Schande bedecken, uns rathen lassen und uns bessern.
Von dem gelehrten Stand.
Der gelehrte Stand ist eigentlich kein besonderer Stand: Es ziemet allen Menschen etwas zu wissen: Wir solten alle nach den Absichten des Schopffers verstandige Creaturen und Schuler der Weissheit seyn. Wir solten uns ein jeder nach seinem Stand und nach der Fahigkeit, die er besitzet, in allerhand nutzlichen Kunsten und Wissenschaften unterrichten lassen; Denn wo der Weisen viel sind, da ist des Volckes Heyl.
Allein, was findet man nicht unter den Gelehrten fur seltsame Menschen? Man solte es in der That fur keine Gluckseligkeit halten, etwas zu wissen, wenn uns die Erlernung der Wissenschaften in Gefahr setzet, die elendeste unter den vernunftigen Geschopffen zu werden. Ehedessen hielt man auf blosse Weissheit, und man lernte die Wissenschaften in keiner andern Absicht, als um weise zu werden. Heutiges Tages machen wir daraus ein Handwerck, die Menschen und den Staat damit zu verwirren. Wir zwingen die Leute Meynungen anzunehmen, die sie nicht fassen konnen, und lassen ihnen ubrigens alle Thorheiten und Aussschweiffungen frey. Die wenigste Lehrer erfullen die Pflichten eines Berufs, dessen Wichtigkeit sie selbst nicht kennen. Die meisten lassen sich darzu aus Noth gebrauchen, weil sie nicht besser unterkommen konnen. Grosses Ungluck! Man solte darzu die vortrefliche Manner ausssuchen, und sie deswegen vor andern ehren und wohl halten.
In den alten Zeiten hatten die groste Weltweisen ihre eigene Schulen. Alt und Jung kamen darinn zusammen. Die Redner waren die groste Leute in der Republick, und es war einem Helden eben so anstandig vor dem Volck zu reden, als Schlachten zu gewinnen. Diese Zeiten sind nicht mehr. Die Wurde eines Lehrers beflecket nun die Wurde des Adels, und die Unwissenheit ist das Kennzeichen einer vornehmen Geburt.
Drey Sachen haben zu unsern Zeiten die Gelehrten in der Welt verachtlich gemacht: Ihre ungesittete Lebens-Art: Ihr narrischer Hochmuth, und die viele Bucher, die sie drucken lassen. Es ist naturlich, dass Leute, die an statt mit Menschen umzugehen, schier immer zu Hause uber ihren Buchern sitzen, und sich da in ihre eigene Weissheit, und Vortrefflichkeit verlieben; nach und nach unbelebt, finster und lacherlich werden. Deswegen ehedessen ein gewisser Furst, auf Befragen, warum er keine Hof-Narren hielt, zur Antwort gab, dass er, wenn er lachen wolte, ein paar von seinen Professoren zu sich auf das Schloss kommen, und sie wacker zusammen disputiren liess. Man hat also Ursach die Wissenschaften zu fliehen, wenn sie aus Vernunftigen Unwissenden, albere Gelehrten und seltsame Menschen machen.
Ich bin nie der Meynung gewesen, dass die Erfindung der Buchdruckerey der menschlichen Gesellschaft grossen Nutzen solte gebracht haben: Unter wenig guten Buchern, die dadurch den Menschen gemein worden, sind ihnen unzehlich viel schlechte in die Hande kommen. Wir werden dadurch von den reinen Quellen der Wissenschaften abgefuhret, und die Zeit, die edle Zeit, die wir anwenden konten, die grundlichste Sachen zu lernen, gehet mit Lesung so vieler nichtswurdigen Dinge verlohren. Der Verstand, welcher die schonste Wahrheiten in seiner ersten Unterweisung am leichtsten fassen konte, wird dadurch nur verwirrt und aufgehalten. Vorurtheile, unrichtige Schlusse und das Ansehen der Lehrer, welche die Bucher schreiben, umnebeln gleichsam seine Beurtheilungs-Kraft, und er findet desto mehr Muh, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden und seine Begriffe auszuheitern.
Wie viel Unordnung, wie viel Zwiespalt, wie viel Blutvergiessen haben nicht bey uns die ReligionsStreitigkeiten schon verursachet? Wir machen einen abscheulichen Lermen, um die Erhaltung der Wahrheit: Ein jeder behauptet, dass er solche hatte; man streitet, man disputiret daruber; man schilt, man verdammet, man verfolget sich einander. Dieses ist noch nicht genug; man schmeisset sich auch wohl gar, wenn man kan, einander daruber todt. Solte man nicht die Wissenschaften verwunschen und verbannen, die in dem menschlichen Geschlecht solche Unordnungen und solchen Jammer verursachen? Solte man nicht vielmehr diejenige gluckselige Unwissenheit und Einhalt preisen, die Treu und Redlichkeit erhalt, und die Menschen zusammen in einer sussen Eintracht verbindet?
Dieses Ubel wurde sich nie so weit ausgebreitet haben, wenn der Missbrauch einer so edlen Kunst, als die Buchdruckerey ist, nicht darzu noch mehr Gelegenheit gegeben hatte. Die Zanckereyen der Gelehrten wurden unter den Gelehrten geblieben seyn, und nicht zugleich auch das Volck in ihre Sectireyen und Banden mit eingeflochten haben: Es wurden nicht so viele cursus Theologi und Catechismi durch den Druck heraus gekommen seyn; die, indem sie die Starcke ihrer Verfasser zeigen solten, ihre Schwache und Blose entdecken. Wie es dann leicht zu beweisen stunde, dass dergleichen jetzo in einem halben Jahrhundert mehr, als in der gantzen Zeit von Christi Geburt an zu rechnen, heraus gekommen sind; daraus man mit wenig Muh, und durch die Kunst der Folgen eines Satzes aus dem andern, wieder so viele besondere Religionen machen konte. Der ungeheuren Menge der Streit-Schriften, welche mit der grosten Wuth und Schmahsucht geschrieben sind, nicht einmahl zu gedencken.
In der Rechts-Gelahrtheit ist dieser Missbrauch des Bucherdruckens auf einen gleichen Grad gestiegen, doch mit dem glucklichen Unterscheid, dass darinn die verschiedene Meynungen nicht solche Zerruttungen und Spaltungen im gemeinen Wesen, als die Religions-Streitigkeiten, nach sich gezogen haben.
Ob man in den ubrigen Theilen der Gelehrsamkeit, durch die Erfindung der Druckerey, weiter als die Alten, gekommen sey; lasst sich daraus urtheilen, indem wir meistens nur dasjenige wieder aufwarmen, was jene durch ihre Scharfsinnigkeit ausgedacht und der Nachwelt hinterlassen haben. Wir bedienen uns bey allem eingebildeten Fortgang der Wissenschaften, doch noch immer dieser verjahrten Wegweiser; und wenn es einer unter uns im Bucher schreiben sehr weit gebracht hat; so erlanget er doch daraus erstlich den grosten Ruhm, wenn man ihm die Ehre erweiset, dass man seine Schriften mit denjenigen der alten Griechen und Lateiner vergleichet; welche unstreitig die Geschicklichkeit besassen, mit einer Zeile mehr zu sagen, als wir ofters mit vielen muhsam auf einander gearbeiteten Worten, nicht auszudrucken vermogen.
Von dem burgerlichen Stand.
Unter dem Wort Burger werden, im allgemeinen Sinn, alle und jede Glieder eines gemeinen Wesens verstanden; Hier aber ist nur die Rede von einem Burger, der sich entweder mit Kaufmannschaft, oder mit einem Handwerck nahret, und in einer Stadt wohnet.
Die Kaufmannschaft ist wegen ihrer Nutzbarkeit und Nothwendigkeit besonders hoch zu schatzen; und deswegen auch in allen ihren Freyheiten und Bequemlichkeiten mit moglichster Sorgfalt zu erhalten: Sie gibt einem Land Nahrung: Sie erhalt darinn den nothigen Umlauf des Geldes, und ist das sicherste Mittel, solches reich und machtig zu machen.
Unter allen Lastern, die in einer Republick im Schwang gehen, hat keines eine glucklichere Bedeutung, als wenn die Kauf-Leute stoltz werden und prachtig leben; dieses aber verstund vor einiger Zeit ein sicherer Furst unrecht. Er hatte verschiedene zur Handlung wohl gelegene Platze: Es zogen sich viel Kauf-Leute dahin: Sie erwarben durch ihre Handelschaft und Schiffart grossen Reichthum.
Wo Geld ist, da zeiget sich auch Muth: Die KaufLeute wurden hoffartig, sie lebten wohl; sie thaten sich hervor. Der Adel wurde daruber eifersuchtig. Der Furst meynte, er wolte die Eitelkeit dieser Leute einschrancken: Ein wenig Policey hatte solches thun konnen; allein der Furst wolte auch dadurch seine Einkunfte vermehren: Er druckte die Handlung mit neuen Auflagen, er verdoppelte die Zolle, und belegte alle fremde Waaren mit einer unertraglichen Accis. Der Umschlag mit den Auslandern hatte ein Ende: Handel und Wandel geriethen dadurch in Abnahm. Der Kaufmann wurde demuthiger, und das Land arm. Der Vertrieb der einheimischen Manufacturen war verstopfft, das Geld mangelte. Der Furst wurd es am ersten gewahr: Seine Einkunffte, die er verbessern wolte, kamen sparsamer ein. Das Volck klagte: Die Nahrung war gehemmt: Man wolte die Handlung wieder einfuhren; allein vergebens; sie war einmahl weg, nicht anders, wie ein Flug Vogel, welchen ein Jager mit einem Schuss zerstreuet.
Man muss also der Handlung Freyheit lassen; nur darinn muss man sie einschrancken, dass Treu und Glauben, Wahrheit und Gerechtigkeit dabey gehandhabet, und dargegen diejenige Missbrauche, welche schadlich sind, sorgfaltigst aus dem Wege geraumet werden.
Eines der grosten Ubel in der Handlung ist der ausgelassene Frevel der Banckeruttirer: Diese sind gleichsam heut zu Tage privilegirte Diebe: Sie stehlen unter dem Schein eines ehrlichen Mannes: Sie machen Figur mit anderer Leute Geld: Sie erwerben sich Freunde mit dem ungerechten Mammon. Sie sind die beste Manner; denn sie schencken alles ihren Weibern, wenn sie hernach nicht weiter konnen, so geben sie ihren ehrlichen Namen mit samt der Handlung auf. Sie zahlen niemand; Es heist, sie waren unglucklich gewesen, sie waren um alles kommen: und leben hernach von dem Vermogen ihrer Frauen eben so gemachlich, als zuvor.
O schadliches Recht! das solchergestalt den Grund aller Gerechtigkeit durchwuhlet, und alle ihre GrundSatze umsturtzet! man verdammt denjenigen zum Galgen, der aus Noth stiehlet, und ein Banckeruttirer, der tausend wagt, darunter ofters kaum zehen sein eigen sind; und der fur Ubermuth nicht weiss, wie er genug verprassen soll; dem solten die Gesetze noch zu Hulffe kommen, und ihm an statt der wohl verdienten Straffe noch gemachliche Tage verschaffen? O Zeiten! O Sitten!
Dieses Ubel in der menschlichen Gesellschaft ist wichtiger, als man sich solches vorstellet. Die Folgen davon sind abscheulich. Wo die Handlung bluhen soll, da muss der Credit, da muss Treu und Glauben unterhalten werden; sonst wird die Kaufmannschaft ein Handwerck der sogenannten Chevaliers d'industrie, um es hoflich zu geben, da es darauf ankommt, wer den andern am listigsten betrugen und um das Seinige bringen kan.
Die Handwercker haben ihre Zunfte; diese sind nicht ohne Nutzen, wenn sie dadurch Zucht, Ehrbarkeit und gute Ordnungen unter sich erhalten: Ihre Gebrauche aber mussen nicht narrisch seyn, noch andern Menschen zum Nachtheil gereichen. Von dieser Art ist das verkehrte Recht, dessen sich die HandwercksLeute in gewissen Stadten anmassen, dass man alles bey ihnen musse arbeiten lassen, dabey sie ihre Arbeit uber den Werth schatzen, sie mag gerathen seyn, oder nicht. Dieses ist wider alle Vernuft und Billigkeit. Der Betrug, der Ubermuth, und die Liederlichkeit der Handwercks-Leute wird dadurch genahret. Sie vernachlassigen daruber ihre Arbeit, und dencken, man musse ihnen solche doch bezahlen. Man ist deswegen ubel mit diesen Leuten dran: Sie meynen, sie musten gleichwohl mehr verwohnen: Es seye kostbar in den Stadten zu leben: Sie musten solches auf ihre Arbeit schlagen: Allein, welchen Nutzen hat das gemeine Wesen davon, dass solche Leute nur in den Stadten sich aufhalten? Was verbindet sie fur ein Gesetze, dass sie mehr ausgeben und uppiger leben, als die Leute auf dem Lande? Warum soll man ihnen ihre Arbeit um so viel theurer bezahlen? Meynet man, die Stadte wurden dadurch in Abnahm kommen? Wie! dass die groste Stadte in Europa Nahrung genug haben, ohne dass man darinn den Handwercks-Leuten einen solchen gantz ungereimten Vorzug verstattet?
Von dem Bauren-Stand.
Ehedessen war der Feld- und Garten-Bau eine Beschaftigung grosser Leute: Fursten waren Hirten und Helden pflantzten Baume. Heut zu Tage ist der LandMann die armseligste unter allen Creaturen: Die Bauern sind Sclaven, und ihre Knechte sind von dem Vieh, das sie huten, kaum noch zu unterscheiden.
Man kommt auf Dorffer, wo die Kinder halb nakkend lauffen, und die Durchreisende um ein Allmosen anschreyen. Die Eltern haben kaum noch einige Lumpen auf dem Leib, ihre Blose zu bedecken. Ein Paar magere Kuh mussen ihnen das Feld bauen und auch Milch geben. Ihre Scheuren sind leer, und ihre Hutten drohen alle Augenblick uber einen Hauffen zu fallen: Sie selbst sehen verkahmt und elend aus; und man wurde noch mehr Mitleiden mit ihnen haben, wann nicht ein wildes und viehisches Ansehen ein so hartes Schicksal an ihnen zu rechtfertigen schien. Wehe den Fursten! die durch ihre grausame Tyranney und durch ihre uble Hausshaltung den Jammer so vieler Menschen verursachen.
Der Bauer wird wie das dumme Vieh in aller Unwissenheit erzogen; Er wird unaufhorlich mit FrohnDiensten, Boten-Lauffen, Treib-Jagen, Schantzen, Graben und dergleichen geangstiget: Er muss von Morgen bis Abend die Aecker durchwuhlen; es mag ihn die Hitze brennen, oder die Kalte starr machen. Des Nachts liegt er im Felde, und wird schier ein Wild, um das Wild zu scheuen, dass es nicht die Staat plundere: Was dem Wild-Zahn entrissen wird, nimmt hernach ein rauher Beamter auf Abtrag der noch ruckstandigen Schoss- und Steuer-Gelder weg.
Wann nun hier der nicht minder boshafte als gequalte Bauers-Mann, seinem Herrn etwas unterschlagen und mit List entweden kan, so thut er solches mit dem besten Hertzen von der Welt; und bildet sich ein, die Gerechtigkeit sey nur ein ausgedachter Vortheil der Grossen, damit sie alles sich zueignen konten; wenn ihm also die Furcht der Straffe nicht bang machte, so wurden die zehen Gebotte ihn schwerlich von den grobsten Missethaten zuruck halten.
Solche traurige Beschaffenheit hat es heutiges Tages mit demjenigen Stande, der an und vor sich selbst der allerunschuldigste und nutzlichste ist. So sehr aber darinn wider alle naturliche Billigkeit gehandelt wird, da man durch eine unumschranckte Gewalt den grosten Theil der Menschen ins ausserste Elend sturtzet, so wenig Vortheil entstehet auch daraus dem Staat. Ein armes Land ist gleich den magern Feld-Gutern, die kaum die Helft so viel Nutzen ihrem Herren abgeben, als wenn sie in gehorigem Bau unterhalten werden.
Ein grosser Furst, dessen Weissheit ihn noch mehr als seine Crone erhoben hatte, pflegt ehedessen zu sagen: Er hatte weder Mangel an Geld, noch an Soldaten, so lange seine Bauern noch silberne Knopffe auf den Kleidern trugen. Was kan richtiger seyn als dieser Schluss? So lang der Unterthan etwas im Vermogen hat, so lang kan er auch sein Hausswesen ordentlich, bestellen, seiner Nahrung nachgehen, seine Felder mit Nutzen bauen, und von allem die Gebuhr seinem Landes-Herren desto ordentlicher entrichten.
Versiehet er etwas gegen die Gesetze, so hat er etwas, dass man ihn dafur bestraffen kan; ohne dass man ihn desswegen darf von seiner Nahrung wegnehmen und ins Gefangniss sperren; Bedrohet ein feindlicher Einbruch das Land zu verheeren, so hat er etwas dabey zu verlieren: Er ergreifft selbst die Waffen, um sein Vatterland, seinen Herren und sein eigen Gut zu verthaidigen. Braucht der Furst Geld, so kan er solches bey seinen eigenen Unterthanen aufnehmen, und hat nicht nothig Land und Leute dafur mit hohen Zinsen und grosser Gefahr an seine Nachbarn zu versetzen. Endlich, hat der Unterthan etwas im Vermogen, so kan er seinen Kindern auch etwas lernen lassen; Er kan auf diese Weise dem Staat vernunftige Einwohner, getreue Burger und gute Hausshalter erziehen.
Diese wichtige Grunde wollen heut zu Tage wenig Fursten mehr einsehen: sie plundern ihr eigen Land; sie folgen jener Konigin, welche zu sagen pflegte: Der Bauer sey reich genug, wenn er eine aus Binsen geflochtene Matrazze zum Lager, und einen groben leinenen Kittel zur Kleidung hatte; weil er sonst als die boshaftigste von allen Creaturen nicht zu bandigen war; allein was richtete sie damit aus, als dass ihre Bauern endlich den Pflug verliessen, dem Raub und dem Plundern nachgiengen, und das gantze Land unsicher machten.
O unselige Fursten! die ihr euch Helden, SchutzEngel und Landes-Vater nennen lasset; seyd ihr nicht vielmehr, wann ihr solchen grausamen Regungen folget, und eurer Unterthanen Schweiss und Blut, eurem Ubermuth, eurer Wollust, und eurer Uppigkeit aufopffert: der Bezuchtigung jenes Raubers unterworffen, der dem Macedonischen Alexander vorwarff, er sey noch ein weit grosserer Rauber, als er. Solte nicht, wenn ihr ja noch einen GOtt glaubet, die Vorstellung desjenigen Gerichts euch erschuttern, da nach dem gerechtesten Maas einem jeden soll vergolten werden, was er hier in dieser Welt gutes und boses gethan habt?
Die Verbesserung eines Staats ist mit nichten so schwer, als man sich solche einbildet. Ein kluger Regente darf nur vom Mitleyden geruhret werden, so viele Menschen unter feiner Bottmassigkeit im Elend zu sehen; so ist diese Empfindung schon genug, ihm gute Rathschlage an die Hand zu geben.
Von der Religion.
Die Religion ist eine Erkanntnus von GOtt und gottlichen Dingen. Sie ist der Grund von aller Gluckseligkeit des Menschen; ohne Religion ist kein ehrlicher Mann, keine Tugend, keine Weissheit, kein wahres Gut; und gleichwohl solte man sagen, stifftet die Religion so viel boses: sie stohret die Eintracht und den Frieden; sie trennet die Gemuther, sie erreget Hass und Feindschafft, Krieg und Blutvergiessen; sie macht die Menschen verwirrt, sie erhitzt ihre Einbildung mit den seltsamsten Vorstellungen; sie entfernet endlich GOtt von uns, und uns von GOtt. Es giebt also eine gute und auch eine bose Religion. Bey den Verkehrten ist sie verkehrt, bey den Gerechten aber gerecht.
Die wahre Religion hat zum Vorwurff die Liebe GOttes, die Reinigkeit unsers Hertzens, und die Verbesserung unsers Willens: die falsche aber ist ein Werck unserer eingebildeten Weissheit, und grundet sich auf leere Begriffe und Meinungen.
Die Religion ist fur alle Menschen: keiner, der Vernunfft hat, kan leugnen, dass ein GOtt sey. Keiner, der eine Empfindung hat, kan das Gute hassen, und das Bose lieben; keiner, der ein Gefuhl hat, kan bey sich den heimlichen Richter schweigen machen, der ihn bestraffet, wenn er boses thut: keiner, der ein Verlangen hat, gluckselig zu seyn, kan sich zuruck halten, solche bey demjenigen Wesen zu suchen, welches der Ursprung von ihm und allen Dingen ist.
Diese Bilder, diese Regungen hat die Natur unserer Seelen eingedruckt: sie kan sie nicht von sich ablegen, sie sind ihr immer gegenwartig, sie leben, sie regen sich in ihr. Wer nicht davon die Spuren bey sich entdecket, der ist ein Unmensch. Sie sind der Saamen, woraus die weitere Begriffe der gottlichen Dinge keimen: sie sind der Grund, worauf auch die geschriebene und offenbahrte Warheiten in der Religion sich beziehen. Wir konnen keine andere Begriffe annehmen, als die damit ubereinstimmen: wir konnen nicht zu gleich etwas glauben und nicht glauben.
Die Erkenntniss GOttes ziehet also ihren Ursprung aus der Natur, wie die Natur ihren Ursprung ziehet aus GOtt: diese Erkenntnus GOttes aus der Natur aber wird krafftig vermehret, und in ein helleres Licht gesetzt, wenn wir GOtt lieben, und ihn desswegen naher zu erkennen suchen: Hieraus kommt der Glaube, welcher darin bestehet, dass wir uns der Regierung GOttes und den Einflussen seines Geistes gantzlich uberlassen, unser Vertrauen auf ihn setzen, die Wahrheit des Evangelii fur Wahrheit erkennen, Christum zu unserm Heyland annehmen, und seinen Lehren nachfolgen.
Dieser Glaube aber ist eine verborgene Wirckung des Geistes: wir konnen uns solchen weder geben, noch nehmen, er kommt von oben: sein Ursprung ist gantz gottlich. Mit zancken und disputiren wird er nicht erlangt: durch blosse menschliche Vernunfft und durch vieles scharffsinnige Nachdencken auch nicht. GOTT, zeiget dadurch, dass der Glaube nicht ein Werck unsers Verstandes sey. Wie sehr muss ihm also unser Gezancke missfallen; da wir also mit einem schwachen Lichtgen, wie unser Verstand ist, seine Wercke, seine Absichten und seine gantze Hausshaltung beleuchten, und das allergroste Wesen nach unsern allerkleinsten Begriffen abmessen wollen. Der Hochmuth aber lasst nicht nach, er ist das Gifft, so wir noch aus dem Paradies gebracht haben: es steckt noch in allen Adams-Kindern. Der Verstand des Menschen ist etwas gottliches: er unterscheidet ihn von den Thieren: er will deswegen sich mit dieser Gabe vor allen andern brusten: man ist auf nichts eifersichtiger: man will, dass andere Menschen diesen Vorzug an uns erkennen, bewundern, ja gar, wenn wir etwas zu sagen haben, sich solchem unterwerffen sollen. O toller Aberwitz! wohin verleiten uns noch die Einbildungen von unserer eigenen Weissheit?
Man kan also die Menschen wohl mit Gewalt zu den Pflichten der Religion zwingen, weil sie dem Gesetz der Natur, der Vernunfft und dem Wohlstand eines burgerlichen Wesens gemass sind; aber die Begriffe der Religion mussen wir einem jeden frey lassen. Dann die Menschen selbst sind davon nicht Meister: sie konnen nicht dencken und empfinden, wie sie wollen: sie haben darzu nicht alle eine gleiche Fahigkeit: der eine hat viel, der andere wenig Verstand: der eine hat deutliche, der andere verwirrte und der dritte gar keine Begriffe, das Gesetz der Liebe verbindet uns, mit eines jeden Gebrechen und Schwachheiten Gedult zu haben: warum nicht auch mit den Mangeln des Verstandes?
Die ausserliche Religion macht keinen Christen: Es kommt darauf an, wer den Willen GOttes thut, und im Glauben wandelt. Unsere Spaltungen und Zanckereyen in der Kirche sind noch immer Fruchte unsers Unglaubens. Der Glaube wircket Sanfftmuth, Liebe, Demuth, Geduld. Man hasset, man verfolget sich deswegen nicht einander: man jaget keinen daruber von Haus und Hof. Man spannet niemand daruber auf die Galeeren und schmeisset auch niemand daruber todt. Mein Reich ist nicht von dieser Welt / spricht der Heyland. Er braucht darzu keine Legionen, keine Ross und Reuter, keine Spiese, Schwerdt und Bogen. Sein Reich ist ein geistlich Reich.
Die beste Gemeine ist demnach wohl diese: worinn wenig Glaubens-Artickel, wenig Ceremonien, wenig Streit-Fragen; und dargegen viel Liebe, viel Einfalt und viel gute Wercke, als Fruchte des Glaubens sich finden.
Von einem bestandigen Frieden in Europa.1
Viele Dinge sind nur deswegen in der Welt unmoglich, weil sie die Menschen nicht moglich machen wollen. Was ware leichter, als einen allgemeinen Frieden in Europa aufzurichten? Alleine der EroberungsGeist, die Heldensucht, und der schier mehrentheils mussige Adel hatte nichts mehr zu thun: man brauchte keine Soldaten mehr, um Lander zu gewinnen, und Stadte zu erobern. Die Cronen waren auf den Hauptern derer, die sie tragen und auf ihren Nachkommen gesichert. Die freye Staaten blieben freye Staaten, und ein jedes Volck wurde durch seine eigene Gesetze regieret.
Man konte einen allgemeinen Versamlungs-Ort er
wehlen, und darinn einen bestandigen Friedens-Rath von ungefehr vierzig biss funffzig Friedens-Richter unterhalten: diese musten aus allen denjenigen Volckern, die mit in dem allgemeinen Bundnus stunden, durch eine vorhergehende Wahl gezogen werden: sie musten die vortrefflichsten Manner ihres Landes seyn: und mit einer grundlichen Vernunfft und Einsicht, auch eine grundliche Kenntnus des Natur- und Volcker-Rechts verbinden: sie musten eine genaue Wissenschafft der Europaischen Staaten und ihrer politischen Verfassung besitzen: sie musten der vornehmsten Sprachen kundig, insonderheit aber der Lateinischen vollkommen machtig seyn; weil in derselben alles muste tractiret und ausgefertiget werden; sie musten vor allen Dingen das Lob der Redlichkeit und einer unverletzlichen Treue haben.
Diesen zur allgemeinen Friedens-Versamlung bestimmten Ort musten die in Europa sich zusammen verbundene Staaten durch ihre Gesandten beschicken, und durch sie die Angelegenheiten ihrer Hofe vortragen lassen. Dis Friedens-Richter hingegen musten solche mit aller Unpartheylichkeit untersuchen, rechtsmassig erortern; oder in Ermanglung zulanglicher Urkunden und Beweisen, durch gutliche Vergleiche schlichten. Diese Entscheidungen der FriedensRichter musten nach den meisten Stimmen gelten, und dadurch ihre vollige Rechts-Krafft erlangen.
Der Ort hierzu muste gross, wohl erbauet, gesund, wohlgelegen, und mit allen nothigen Lebens-Mitteln leicht, sicher und wohlfeil zu versehen seyn. Auch muste derselbe in keinem machtigen Konigreich, sondern in einem freyen Staat sich befinden, und zu einem allgemeinen, niemand in der Welt unterworffenen Friedens-Platz, von den verbundenen Staaten, besonders darzu erkaufft, und gleichsam der Hof von gantz Europa werden. Das Regiment und die Policey daselbst konte, unter der Aufsicht der Friedens-Richter, ein gemeiner Stadt-Magistrat versehen.
Wegen dem Rang der Potentaten und Republicken, und daher ruhrenden Vortritt der Gesandten, konte man sich dahin vergleichen: dass man den altesten, und in einer ununterbrochenen Abstammung von Koniglichem Geblut besetzten Thronen, wenn sie zugleich auch die machtigsten sind, den Rang vor andern, die entweder nicht so alt, oder nicht so machtig sind, gestattete: diejenige, welche wohl eben so alt, aber nicht so machtig; oder so machtig und nicht so alt sind, als jene, behielten zwar mit ihnen gleiches Ansehen und gleiche Hoheit; ihre Gesandten aber wichen den Gesandten der ersten aus Hofflichkeit, ohne deswegen der Macht und Wurde ihrer eigenen Cronen etwas zu vergeben: diejenige von der ersten Gattung musten im Ceremoniel, wo ein Vortritt sich aussern solte, mit einander umwechseln; und wo ja ein Gesandter dem andern zufalliger oder vorsetzlicher Weise vorgehen solte; so muste doch dadurch dem einen weder etwas genommen, noch dem andern etwas vergeben werden. In Betrachtung, dass ein vor allemahl die Gleichheit unter ihnen reguliret war.
Die andere Cronen wurden des Rangs halber nach obiger Regel leicht zu vergnugen seyn; dann wo die Macht und das Alterthum zusammen stehen, da machen sie auch einen gewissen Vorzug, welchen die andere, denen entweder das eine, oder das andere mangelt, sich vernunfftig bescheiden wurden, an ihnen zu erkennen. Und dieses um so viel ehender, weil sie dadurch an und vor sich selbst an ihrer Hoheit nicht das mindeste verlieren; in Erwegung dass das gantze Ceremoniel-Wesen, nachdem einmahl eingerichteten Frieden, nur eine Sache des blosen Wohlstandes und der Ordnung war.
Alle und jede Sachen, wie sie bey dieser allgemeinen Friedens-Versammlung durch Urtheil und Recht von den darzu bestimmten Richtern entschieden, und abgethan wurden; musten ohne allen Widerspruch, fur gultig angenommen und vollzogen werden; Im Verweigerungs-Fall aber, war eine gewisse Executions-Ordnung aufzurichten; vermog welcher die Ausspruche der Friedens-Richter zur Vollziehung musten gebracht werden: wobey man diejenige fur allgemeine Feinde u. Friedens-Storer zu achten und anzusehen hatte, die sich dieser einmahl beliebten Ordnung mit Frevel, Emporung und Gewalt wiedersetzen wolten.
Alle und jede Erbfolgen und Grantz-Scheidungen, als woraus die meiste Kriege entstehen, musten auf eine sichere und bestandig fortdaurende Art, mit und unter allen Staaten vorhero ausgemacht und reguliret werden; also und dergestalt, dass man vor einem jeden sich ereignenden Sterb-Fall bereits voraus wissen konte, auf welche Person oder Stamm-Linie dieses oder jenes Reich, Furstenthum oder Land fiel. Wie dann zu dem Ende keine Heyrath unter den DurchDie Handelschafft der Volcker in die entlegene Die Verbindung einiger machtigen Hausser in EuDass im ubrigen diese kurtze Vorschlage, welche
ENDE.
Fussnoten
1 Diesen Entwurff soll ehedessen der Abbe de S. Pierre in einem Tractat: Projet pour rendre la paix eternelle, weitlaufftig ausgefuhret haben.