Die Pracht, plur. car. welches ehedem in einem weitern Umfange der Bedeutung üblich war, als jetzt.
1. * Eigentlich, Geschrey, Lärmen, Getöse; eine veraltete Bedeutung. Bey dem Pictorius ist Prächt großes Geschrey, und prächten laut schreyen. Du werist wol an allen brecht Mit einem phening uiberkomen, der Burggr. von Riedenburg. Die voegel mit gepraechte si sungen widerstrit, ebend.
Nicht lanng darnach er das schrein hort
Her gegen im mit grossem Pracht,
Theuerd. Kap. 35.
Theuerdank höret den lauten Pracht,
Theuerd. Kap. 36.
Alspald sye den Held vernamen
Schlugen sie von stund zusammen
Mit einem ubergrossen Pracht,
Theuerd. Kap. 87.
Die Stein huben an zu fallen
Mit großem Geprecht und schallen,
Theuerd. Kap. 69.
Im mittlern Lat. ist bragare schreyen. Es ist hier eine Nachahmung des eintönigen Geschreyes, und in weiterer Bedeutung des Getöses und Lärmens überhaupt, daher auch das Lat. Fragor und mit einem andern Vorlaute auch unser krachen hierher gehören. Sprechen, welches eigentlich einen Schall hervor bringen bedeutet, ist vermittelst des vorgesetzten Zischlautes gleichfalls daraus gebildet, und in Scherzens Gnomol. Ms. kommt auch breiten für sprechen vor:
Wer uibel von dem andern breit
Es wurt im zwurnet als vil geseit.
Siehe auch das vorige, ingleichen Predigen und Prahlen.
2. Figürlich. 1) Der Glanz, helle Schein; eine im Ganzen genommen gleichfalls veraltete Bedeutung, deren Zusammenhang mit dem vorigen niemanden befremden darf, indem die meisten Wörter, welche jetzt Licht, Glanz u.s.f. bedeuten, eigentlich einen Schall ausdrucken, S. Hell. Schon im Isidor ist Berahtnissi Glanz. Brechen war ehedem für glänzen sehr üblich, und hat diese Bedeutung noch in anbrechen erhalten, S. dasselbe, wo mehrere Beyspiele davon angeführet worden. Schon im Hebr. ist קרב glänzen. Noch jetzt kommt Pracht zuweilen von einem Glanze vor, wo sich aber allemahl der folgende Begriff des feyerlichen, des vorzüglichen mit einmischet.
Wie süß und freundlich lacht
Des Mondes stille Pracht!
Weiße.
2) Glänzende und kostbare äußere Hülfsmittel im gesellschaftlichen Leben, so fern man dadurch seine Meinung von seinen eigenen hohen Vorzügen an den Tag legt; wo die Figur zunächst von dem Glanze, auf entferntere Art aber auch von dem Geräusche hergenommen ist. (a) Eigentlich, wo die Pracht vonehmlich in kostbaren Kleidern, kostbaren und theuren Hausgeräth, kostbaren und vielen Speisen, viele Bedienten u.s.f. bestehet; wo es zugleich, wie alle Wörter dieser Art, ein relativer Begriff ist, welcher sich auf die Umstände des Redenden oder auch dessen, von dem die Pracht gesagt wird, beziehet, und einen nachtheiligen Begriff bekommt, so bald die Meinung von seinen Vorzügen, welche man durch dergleichen äußere Hülfsmittel an den Tag legen will, übertrieben ist. Pracht führen. Viele Pracht zeigen. In diesem Hause, an diesem Hofe herrscht viele Pracht. Viel Geld auf die Pracht wenden. In seiner Pracht erscheinen. Das Beylager wurde mit vieler Pracht vollzogen. Kleiderpracht, Pracht im Hausgeräthe, im Essen und Trinken. Mit königlicher Pracht. Seine Pracht sehen lassen. Die R.A. Pracht treiben kommt selten mehr vor, hat aber, wenn sie gebraucht wird, allemahl den Nebenbegriff der unbefugten, übertriebenen Pracht. S. auch Staat, welches einen geringern Grad der Pracht bezeichnet. (b) Die Neigung und Fertigkeit, seine Meinung von seinen eigenen Vorzügen durch glänzende und kostbare äußere Hülfsmittel im gesellschaftlichen Leben an den Tag zu legen. Sich der Pracht ergeben. Die Pracht ist das Verderben der Staaten. Wo es von einigen zugleich für das Lat. Luxus gebraucht worden, dessen Begriff es doch bey weiten nicht erschöpfet, indem die Pracht nur eine Art, nur ein hoher Grad des Luxus ist, S. Üppigkeit, welches dasselbe in manchen Beziehungen besser ausdruckt.
Anm. In der zweyten figürlichen Bedeutung lautet es auch im Schwed. Prakt. Im mittlern. Lat. ist bragare Pracht führen, alt Franz. braguer, daher Bragard im Franz. noch jetzt einen Menschen bedeutet, welcher eine übertriebene Pracht führet. Mit einem andern Endlaute, oder vielmehr mit ausgelassenem Hauchlaute, lautet dieses Wort bey dem Hornegk Parat, womit das Franz. Parade, das Ital. Parata, und das Engl. Pride überein kommen. Ehedem war dafür auch die Hehr üblich, und im Niedersächs. gebraucht man dafür Grootskheit und Swier, welches letztere vermuthlich zu schwirren gehöret. S. auch Prangen. Im Oberdeutschen ist dieses Wort fast beständig männlichen Geschlechtes, der Pracht, in welchem es auch einige Mahl in der Deutschen Bibel vorkommt. Der köstliche Pracht seiner Majestät, Esth. 1, 4. Daß er schwächte allen Pracht der lustigen Stadt, Es. 23, 9. Er wird ihren Pracht niedrigen, Kap. 25, 12. Dagegen in weit mehrern Stellen das weibliche, welches auch im Hochdeutschen nur allein üblich ist, beybehalten wird. Gottsched nahm von diesem doppelten Geschlechte Anlaß, in seinen Beobachtungen zu behaupten, die Pracht bedeute die äußerlichen feyerlichen Umstände selbst, der Pracht aber die übertriebene Neigung dazu, den Luxus. Allein zu geschweigen, daß Pracht als ein gleichbedeutender Ausdruck für Luxus sehr ungeschickt ist, so hat diese Art, die Bedeutungen der Wörter zu unterscheiden, bey niemanden Beyfall gefunden, zumahl da Gottsched selbst im Schreiben und Sprechen seine eigenen Regeln am meisten selbst übertrat.
[Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch: Die Pracht. Adelung: Wörterbuch, S. 41353
(vgl. Adelung-GKW Bd. 3, S. 819 ff.)]
Die Üppigkeit, plur. die -en, das Abstractum des vorigen Wortes, welches ehedem in dessen sämmtlichen jetzt veralteten Bedeutungen üblich war. So kommt es bey dem Notker, wo es Uppegheit, Uppigheit, Uppecheit lautet, häufig für Eitelkeit, und bey andern in andern Bedeutungen vor. Jetzt gebraucht man es im Hochdeutschen nur noch in der letzten Bedeutung des Beywortes, und da ist es, sowohl der ungeordnete, ausschweifende Hang zu feinern sinnlichen Vergnügungen, als ein Abstractum und ohne Plural, als auch dieser Hang und dessen Befriedigung in einzelnen Fällen mit dem Plural. In Wollust und Üppigkeit leben. Eine von der Üppigkeit verderbte Seele. Eine Stadt, in welcher die ausschweifendste Üppigkeit herrscht. Allen Üppigkeiten ergeben seyn. Seltener in gutem Verstande von blühender Gesundheit, bey überflüssiger Nahrung; ein reiner Himmelsstrich unter dem (welchem) alles mit gesunder Üppigkeit aufblühet, Geßn.
Anm. Einige neuere Schriftsteller haben angefangen, das Lat. Luxus durch Üppigkeit zu übersetzen, dessen Begriff, so schwankend und unbestimmt er auch ist, es doch auf keine Weise erschöpft. Üppigkeit ist allenfalls ein sehr hoher Grad des Luxus. Überhaupt haben wir noch kein schickliches Deutsches Wort, durch dessen Hülfe wir das Lateinische entbehren könnten. Notker übersetzt das letztere durch Uburfuoro, welches einen ähnlichen Begriff mit Überfluß gewähret.
[Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch: Die Üppigkeit. Adelung: Wörterbuch, S. 56484
(vgl. Adelung-GKW Bd. 4, S. 955 ff.)]
Ehe wir dem Journal der Moden seine Laufbahn eröffnen, finden wir nöthig uns erst gegen unsere Leser über verschiedene Punkte, über die wir mit ihnen einverstanden zu seyn wünschten, bestimmt zu erklären, und einige Fingerzeige über unsern Plan und Zweck voraus zu schicken. Zuerst also ein Paar Worte über Luxus! Da wir mit unserm Journale gewissermaasen die Chronick von einem Hauptzweige des Wohllebens, und der angenehmen Sinnlichkeiten, mit allen ihren Modificationen, durch die unzähligen Grade des Genusses, von der Gränze des physischen Bedürfnisses an bis hinaus zur verfeinertstenWollust des Sybariten, beginnen, so würden wir uns ge. gründete Vorwürfe aufladen, wenn wir hier nicht des ungeheuern Stammes gedächten, der seine Wurzeln durch die ganze bewohnte Erde verbreitet, und unaufhörlich theils fruchtbare Aeste, theils üppige Schößlinge treibt. Es ist so viel schon für und gegen Luxus gesagt und geschrieben, und er ist so gränzenlos und unbedingt verdämmt und vertheidigt worden, daß es sonderbar damit zugehen müßte, wenn nicht auch hier, wie gewöhnlich, die Wahrheit in der Mitte stehen sollte. Luxus, sagt der Anhänger des physiokratischen Systems, ist die Pest der Staaten! Er verschwendet den reinen Ertrag zu unfruchtbaren Ausgaben; hindert die Re» production; entnervt die physikalischen Kräfte der Na« tion; lößt alles Gefühl für Moralität und Ehre auf; zerrüttet den Wohlstand der Familien, und liefert dem Staate Schaaren Bettler! —Luxus, sagt der Finanzier und der Technolog, ist die reichste Quelle für den Staat; der allmächtige Hebel der Industrie, und das kräftigste Triebwerk der Circulation. Er verwischt alle Spuren der Barbarey in den Sitten; schafft Künste, Wissenschaften, Handel und Gewerbe; vermehrt die Population und die Kräfte des Staats, und bewürkt Genuß und Glück des Lebens! — Wer von Beyden hat Unrecht? — Beyde, däucht uns, wenn sie unbedingt über diese wichtige Materie deklamiren. Der ganze Streit ruht auf einem unrichtigen oder wenigstens nicht rein genug bestimmten Begriffe vom Luxus; und gerade dieß, daß wir mit dem Wort Luxus (Luxe) so viel umfassen wollen, veranlaßt ihn. Wir können ihm und der Sache im Teutschen, durch die drey Worte, Wolleben, Hochleben und Ueppigkeit, eine Gradation und Klarheit geben, die keinem Mißverstande mehr Raum läßt. Wolleben will und kann jeder Mensch auf der ganzen weiten Erde, so bald er sich etwas mehr, als seine ersten nothwendigen Bedürfnisse des Lebens erwer ben kann; und eben der heiße Wunsch dahin zu kommen, und sich gütlich zu thun, ist die mächtige Triebfeder der Industrie, der Künste, der Erfindungen und des Geschmacks, kurz des größten Theils der menschlichen Thätigkeit. Hochleben will und kann der Vornehmere und Reiche; theils aus Hang sich vor Andern auszuzeichnen, theils aus Durst nach angenehmen Empfindungen, die er sich so leicht verschaffen kann. Ja es ist ihm gewissermaasen Pflicht gegen den Staat, in dem er lebt. „Der Adel „— sagt ein sehr kompetenter Richter') — sammlet im „Dienste des Fürsten, oder durch Erbschaft, oder durch „Folge der Lehns.Verfassung mehr Geld und nutzbares „Eigenthum, als daß er in dem gewohnten Wege seine „Einkünfte verzehren konnte. Er zieht das Geld der Nation zu gewaltsam an sich, als daß die Circulation nicht „dabey Noth leiden sollte, wenn sein Aufwand dem Aufwände der übrigen auch wohlhabenden Mitbürger ähnlich wäre. Er muß nicht nur wolleben, er muß hoch leben, „damit das ihm so reichlich zufließende Geld wieder in „Umlauf komme. Die Gegenstände dieses hohen Wol. „lebens müssen ihm daher in hinlänglicher Menge und Mannigfaltigkeit dargeboten werden; es müssen Menschen genug da seyn, die an denselben fortdauernd arbeiten, um ihm sein Geld in größeren Summen zu entziehen, als diejenigen thun können, welche ihm blos Bedürfnisse der ersteren oder mittleren Nothwendigkeit „darreichen." In diesen beyden Graden also ist Luxus nicht allein ganz unschädlich, sondern auch, indem er mit dem jetzigen polizirten Zustande der Welt innigst verwebt ist, eine der großen PulsAdern in jedem Staatskörper der Leben und Kräfte hat. Es ist ein Axiom, so wahr als irgend ein mathematisches, daß da, wo viele leben sollen, mehrere wohl und einzelne hoch leben müssen; und daß da, wo niemand wohl und hoch leben will, eine Menge Menschen das Leben nicht behalten kann. Sobald aber Beydes seine Gränzen überschreitet; sobald der Mittelmann das auf Wolleben wendet, was er noch zum Lebensunterhalt brauchte, und der Reiche mehr auf sein Hochleben, als seine Einkünfte nachhaltig erlauben, alsbald wird Luxus Ueppigkeit; und wer wird noch läugnen, daß er dann dem Wohlstände der Staaten so wie einer Familie schädlich werden könne? Allein gilt dieß nicht auch von dem Mißbrauche einer je den an sich guten Sache? Luxus, wenn uns erlaubt ist ein Bild zu brauchen, ist wie die Treppe in einem Gebäude; unentbehrlich zum Gebrauche des Hauses. Ein Kluger steigt langsam auf und ab; ein Kind oder Wahnsinniger stürzt sie unvorsichtig herab, und bricht den Hals. Eben» daher ist der Begriff vom Luxus so relativ als der vom Guten und Bösen.Drey Classen in der Societät aber sind es vorzüglich, denen Luxus am leichtesten gefährlich wird; der Kaufmann, der Handwerker, das Gesinde. Die Gränzen zwischen rechten Gebrauch und Mißbrauch, sind hier so fein, der Übergang vom bloßen vernünftigen Wohlleben zur Ueppigkeit so leicht, und die Folgen des Mißbrauchs so weitgreiffend und fürchterlich, daß dem Staate allerdings daran gelegen seyn muß, letzteren, wenn er auch nicht ganz zu hindern ist, doch wenigstens nicht zu weit greifen zu lassen. Kleiderordnungen und Prachtgesetze helfen dagegen wenig oder nichts; dieß zeigt Erfahrung. Ein weiser Regent hat andere Mittel gegen dies Unheil in seiner Gewalt.Wenn Luxus im Grunde allen Staaten unentbehrlich ist, so wird doch auch sogar sein Mißbrauch, großen weit weniger gefährlich als kleineren. Der Grund davon fällt in die Augen. Der Vornehme und Reiche, der hochleben will, braucht eine Menge geschickter Leute zu den Bedürfnissen seines Luxus. Hat der kleine Staat, in dem er lebt, diese Menschen nicht selbst, so verleitet ihn der Hang, die Vorzüge seines Vermögens und Rangs zu zeigen, die Gegenstände seines Genusses in der Fremde zu suchen, und das Geld, welches er nicht bey seinen Mitbürgern als Lohn ihrer Dienste und Arbeiten anwenden kann, geht zu dem Ausländer. Einem großen Staate hingegen, der alle diese Gegenstände selbst hat, schadet es nichts, wenn auch hundert reiche Verschwender, durch ihren thörichten Luxus zu Grunde gehen. Ihr Geld bleibt im Staate, und befördert nur lebhaften Umlauf. Eben so wahr ist der Satz; je mehr in einem Staate Geschmack und schöne Künste blühen, je weniger wird ihm auch übertriebener Luxus gefährlich. Er bekömmt da. durch sogar ein gewisses Uebergewicht über andere Staaten. Dieß ist z.E. bey Frankreich auffallend. Schon Heinrich IV. entwarf sich den Plan, durch Vervielfältigung der Gegenstände des Wollebens Frankreich das übrige Europa zinsbar zu machen. Er beförderte daher möglichst die schönen Künste, und befahl ausdrücklich den erst anfangenden französischen Manufackturen, ihren Ar. beiten eine immer neue Form zu geben. So gelung es ihm; und Frankreich war so lange der einzige Gesetzgeber des Geschmacks in Luxus und Moden, bis England sich durch eben diese Mittel empor geschwungen hat, und nun ein sehr gefährlicher Competent worden ist. Der ganze Norden, und wir Teutschen sonderlich, zahlten, weil diese Künste nur sehr langsam bey uns eindringen konnten, Frankreich am längsten und willigsten diesen Tribut, und zahlen ihn zum Theil auch jezt noch gern. Aber seit einiger Zeit haben wir auch diese Künste selbst in unserm Schooße erzogen, und seitdem hat unser Luxus eine ganz andere Gestalt gewonnen, und ist ein Haupttriebrad eines nützlichen Geldumlaufs bey uns worden.So viel, dünckt uns, sey hier hinreichend, sowohl über die sehr unbestimmte, und unschicklich so gestellte Frage: ist Luxus schädlich oder nützlich? unsere Meinung zu sagen als auch unsern Lesern einen richtigen Maasstab dazu in die Hände zu geben. Eben so hinreichend, hoffentlich, auch, uns für dem unverdienten Vorwurfe irgend eines Zeloten, (wes Glaubens und Farbe er auch sey) daß wir durch unsre Arbeiten schädlichen Luxus befördern und verbrei» ten hölfen, zu sichern. Weit entfernt dem Geiste der Wol» lust, der Weichlichkeit und Verschwendung den Weg zu bahnen, und ihn zu empfehlen, hoffen wir vielmehr, sollen unser Journal und künftige Arbeiten über Luxus und Moden, unsere Leser nicht allein durch das interessante Tableau, das sie ihnen von Zeit zu Zeit davon liefern, sehr angenehm unterhalten, sondern auch durch die all« gemeinere Uebersicht, die sie davon bekommen, diese ungeheure Ebbe und Fluth richtiger berechnen und benutzen lehren, und manches hundert und tausend Livres, das für Mode»Puppen und unnütze Models ausgewandert wäre, in Teutschland zurückhalten. Unmöglich ist es übrigens uns, so wie dem weisesten Gesetzgeber, Menschen von un» endlich vermischten und ungleichen Fähigkeiten und Eigen« schaften des Kopfs und Herzens, die Vortheile des Ge» schmacks und der Künste, die unser Leben verschönern und lieblicher machen, so wie die Wohlthaten der milderen Na< tur mitzutheilen und genießen zu lassen, ohne sie zugleich der Gefahr auszusetzen, sich durch Mißbrauch derselben, die Uebel, die diesen nothwendig begleiten, zuzuziehen. Es ist eine auffallende Bemerkung, die man macht, wenn man die Geschichte der Menschheit etwas aufmerk. samer ftudirt, daß Gefallen an Putz und Hang zu Moden, allen Völkern der Erde so allgemein eigen sind. Selbstdie Wilden von Amerika, die in den finstersten Wäldern wohnen, wo sie sich kaum Hütten bauen, und oft nicht für die ersten Bedürfnisse des Lebens sorgen, sind so für ihre Schönheit besorgt, als kaum die erste Coquette von Europa. Ihre Moden treffen, da sie fast nichts von Kleidern haben, meistens ihre Leiber. Um schön zu seyn, oder sich vor ihren Gefährten auszuzeichnen, drücken sie ihren Kindern, mit der fürchterlichsten Marter, die Köpfe platt, oder viereckig, oder spitzig wie einen Zuckerhuth; schneiden und brennen sich die Haut voll wunderbarer Schnirkel; durchbohren sich Nase und Lippen, um ein Stückgen Muschelschaale hineinzuhängen, oder eine Fischgräte oder Vogelfeder durchzustecken. Wunsch zu gefallen, und sich auszuzeichnen, ist der Geist, der mit dem Grundstoffe der menschlichen Natur bey allen Völkern der Erde innigst verwebt ist. Nur Materie und Zeichen sind verschieden. Je reicher und verfeinerter eine aufgeklärte Nation ist, desto bequemer, schöner, geschmackvoller und mannigfälti» ger sind auch ihre Moden. Genie, Caprice und Zufall sind meistens ihre Schöpfer; Durst nach Neuheit und Abwechselung, oft Hang zur Singularität, und meistens Speculation der Manufackturen machen sie unbeständig und schnell wechselnd.Eben diese Unbeständigkeit der Göttin Mode, die fast mit dem Monde ihre Gestalten wechselt, und immer unter neuen erscheint, ist Ursach, daß wir dieß Journal blos zum fliegenden Blatte machen, um nur immer zeitig genug Nachricht, genaue Beschreibung, Farbe und Zeichnung von jeder neuen Mode und Erfindung, so wie sie in Frankreich, England, Teutschland und Italien erscheint, in welchem Zweige von Luxus es sey, zu liefern. Unsere Gegen» stände darinn sind also 1) weibliche und männliche Klei» dung; 2) Putz; 3) Schmuck; 4) Nippes; 5) Ammeublement; 6) alle Arten von Tisch- und Trinkgeschirre, als: Silber, Porzellan und Glas; 7) Equipage, sowohl Wagen als Pferdezeug und Livreen; 8) Häuser- und ZimmerEinrichtung und Verzierung; 9) Gärten, und Landhäuser. So viel ein fliegendes Blatt von allen diesen Gegenständen in dem engen Raume, den «S faßt, sagen l»nn, werden wir auch liefern. Größere Abhandlungen, Nachrichten und Aufsätze, deren Werth nicht blos im Reize einer Nouvelle du Jour besteht, versparen wir für den Moden-Kalender und die künftigen Annalen des Luxus und der Mode. Da indessen mehrere unsrer auswärtigen künftigen Leser, gleich nach Erscheinung unsrer Ankündi. gung, bey Bezeugung ihres ermunternden Beyfalls, uns zugleich den Wunsch geäussert, von mancher in unserm Journal angezeigten Mode und Erfindung in obigen Artikeln, ausführlichere Nachricht, Beschreibung, Zeichnung, Modelle und gute Addressen, durch Vermittelung unserer Expedition erhalten zu können; so haben wir auf diese Veranlassung, mit der Expedition des Journals der Mo« den, zugleich eine kaufmännische Einrichtung und Correspondenz verbunden; so, das dieselbe nunmehr alle Auf. träge und Bestellungen dieser Art annehmen und besorgen kann. Sie erbietet sich daher l) nicht allein jedem Künstler und jeder Mode-Waaren. Fabrik oder Handlung die Bekanntmachung ihrer Neuigkeiten und Preiß-Courrante, gegen die billigsten Inserat.
Gebühren, in dem monatlichen Intelligenz-Blatte dieses Journals zu besorgen, sondern auch
alle Aufträge, Bestellungen und Verschreibungen von Waaren der Mode und des Geschmacks, aus Frankreich, England, Italien oder Teutschland, und zwar aus der ersten Hand, gegen die gewöhnlich« kaufmännische Commiss. Provision, zu übernehmen, und auf« schnei«lest« zu besorgen; und jedem Liebhaber, der ausführlichern Unterricht von irgend einer Mode und Erfindung in obigen 9 Artikeln fordert, (da man von den kleinen Kupfern des Journ. nicht mehr erwarten wird, als was sie leisten können) dieselben nebst genauer Zeichnung im Großen, oder ein Model nach Maasstabe, so daß darnach gearbeitet wer»den kann, zu liefern. Alle Briefe und Aufträge dieser Art bitten wir unter keiner andern Addresse als:An die Expedition des Journals der Moden, frey zu Weimar.ihr zu ertheilen; weil wir blos unter dieser Bedingung, für die richtige, schnelle und solide Besorgung der Auf. träge haften könnend Wir haben auch in unserer Ankündigung vom l 2ten Nov. vor. Jahres versprochen, das Beste und Interessanteste, was das, seit Decembr. vor. J. zu Paris herauskommenddes Modes enthält in unserm Journale zu liefern, und unsern Lesern die etwas kostbare Ausgabe dafür zu ersparen. Daß wir damit Wort halten, ohne bloße Copisten von jenem zusehn, wird hoffentlich das erste Stück unsers Journals beweisen.Alles was Kunstwort bey irgend einer Mode oder Erfindung ist, behalten wir, es sey Französisch, Englisch oder Italiänisch, in der Ursprache bey, ohne es, aus ängstlichen Puritanismus, umschreiben oder lächerlich übersetzen zu wollen, wie wir so manche abgeschmackte Proben gesehn haben. Wir verbitten daher jede Critik über Sprach. mengerey; weil wir hoffen, daß man aus unserm Journale nicht wird Teutschen Styl lernen wollen. Wenigstens wär uns, daß dieser Gebrauch davon gemacht werden sollte, sicher nicht einmal im Traume eingefallen.
Uebrigens noch eine Bitte an unsere wohlwollenden Leser. Da wir ein Feld bearbeiten das beynahe unübersehbar ist, so kann es leicht kommen, daß uns manche geschmackvolle Mode und Tracht, manche bequeme und schöne Erfindung in Ammeublement und Sachen des Geschmacks, die hie und d» in und ausser Teutschland gemacht wird, unbekannt bliebe, wenn nicht unsere Leser und Leserinnen von Welt, Kenntniß, und verfeinertem Geschmacke sich zu Vervollkommnung unsers Journals und der übrigen Arbeiten, gütigst mit verwenden, für uns sammlen und uns ihre Beobachtungen und Nachrichten mittheilen wollen. Wir wagen es um diese edle Unterstützung zu bitten, und werden sie mit dem wärmsten und wesentlichsten Danke erkennen. Wenigstens schmeicheln wir uns, daß schon der Gedanke, etwas zur Vollkommen» heit eines Faches, das vorher noch nie wissenschaftlich be» arbeitet worden ist, mit beyzutragen, mancher geschmack» vollen Dame, und manchem Liebhaber des feineren und wohlthätigen Luxus angenehm seyn müsse. Weimar den 4 Jänner 1786.
') Busch in seiner Abhandlung von dem Geldsumlaufe 2 Th. S. 63. W»n kann überhaupt nichts Besseres und Richtigeres über Luxus lesen, als was dieser würdige Gelehrte, theils in diesem ganz vor. trefflichen Werke, theils in seinen vermischten Abhandlungen Th. 2,
Üppigkeit (luxus) ist das Übermaβ des gesellschaftlichen Wohllebens mit Geschmack in einem gemeinen Wesen (die als der Wohlfahrt desselben zuwider ist). Jenes Übermaβ, aber ohne Geschmack ist die öffentliche Schwelgerei (luxuries). – Wenn man beiderlei Wirkungen auf die Wohlfahrt in Betrachtung zeiht, so ist Üppigkeit ein entbehrlicher Aufwand, der arm macht, Schwelgerei aber ein solcher, der krank macht. Die erste ist doch noch mit der fortschreitenden Kultur des Volks (in Kunst und Wissenschaft) vereinbar; die zweite aber überfüllt mit Genuβ und bewirkt endlich Ekel. Beide sind mehr prahlerisch (von auβen zu glänzen), als selbstgenieβend; die erstere durch Eleganz (wie auf Bällen und Schauspielen) für den idealen Geschmack, die zweite durch Überfluβ und Mannigfaltigkeit für den Sinn des Schmeckens (den physischen, wie z. B. ein Lordmaireschmaus). – Ob die Regierung befugt sei, beide durch Aufwandsgesetze einzuschränken, ist eine Frage, deren Beantwortung hieher nicht gehört. Die schönen aber sowohl, als die angenehmen Künste, welche das Volk zum Teil schwächen, um es besser regieren zu können, würden mit Eintretung eines rauhen Lakonizismus der Absicht der Regierung gerade zuwider wirken.
Gute Lebensart ist die Angemessenheit des Wohllebens zur Geselligkeit (also mit Geschmack). Man sieht hieraus, daβ der Luxus der guten Lebensart Abbruch tut, und der Ausdruck ‘er weiβ zu leben’, der von einem begüterten oder vornehmen Mann gebraucht wird, bedeutet die Geschicklichkeit seiner Wahl im geselligen Genuβ, der Nüchternheit (Sobrietät) enthält, beiderseitig den Genuβ gedeilich macht und für die Dauer berechnet ist.
Man sieht hieraus, daβ, da Üppigkeit eigentlich nicht dem häuslichen, sondern nur dem öffentlichen Leben vorgerückt werden kann, das Verhältnis des Staatsbürgers zum gemeinen Wesen, was die Freiheit im Wetteifer betrifft, um in Verschönerung seiner Person oder Sachen (in Festen, Hochzeiten und Leichenbegängnissen und so herab bis zu dem guten Ton des gemeinen Umgangs) dem Nutzen allenfalls vorzugreifen, schwerlich mit Aufwandsverböten belästigt werden dürfe: weil sie doch den Vorteil schaftt, die Künste zu beleben, und so dem gemeinen Wesen die Kosten wieder erstattet, welche ihm ein solcher Aufwand verursacht haben möchte.
Luxus . Die Begriffe vom Luxus sind so vielfach als die Meynungen über dessen Schädlichkeit und Unschädlichkeit sind. Mit der Mannigfaltigkeit der erstern ließen sich ganze Bogen und mit den verschiedenen Meinungen über letztere ganze Bücher anfüllen. Wie verschieden sind nicht die Begriffe über den Luxus, welche Pinto, von Justi und Bielefeld, Meiners, Genty, Plouquet und Andere angeben. Ich übergehe mehrere ungenannte Schriftsteller über diesen Gegenstand, so wie den großen Haufen französischer Schwätzer hierüber. Man verwirrt bey Untersuchungen über diesen Gegenstand gewöhnlich verschiedene Begriffe, namentlich Aufwand, Luxus, Verschwendung. Nicht jede Verschwendung ist Luxus. Der bloße Verschwender verthut gewöhnlich ohne allen Geschmack und auf eine rohe und nichts weniger als verfeinerte Art; denn diese gehört schon zum Luxus, so daß man zwar sagen kann, ein jeder Luxus ist eine Verschwendung, aber nicht jede Art der Verschwendung ist deshalb auch Luxus. Eben so ist, genau genommen, Auf<82, 41>wand und Luxus nicht ganz einerley. Es kann Jemand einen standesmäßigen Aufwand machen, ja er muß ihn vielleicht wegen verschiedener Verhältnisse des Standes machen, ohne deshalb Luxus zu treiben. Wird der Luxus herrschend, so wird er zu einem nöthigen Aufwande, und der erhöhete unnöthige Grad in diesem Aufwande wird ein höherer Grad des Luxus. So schwer nun der Begriff zu finden ist, so nöthig ist er doch für den Staatsmann und für die Regierung des Staas selbst; denn von seiner Bestimmung hängt das Urtheil ab, über die Unschädlichkeit, über die Vortheile oder Nachtheile desselben für den Staat, die Entscheidung für oder wider die Prachtgesetze, ein Theil der Handelsleitung und der Klugheit in den Auflagen, so wie andere wichtige Gegenstände dieser Art. Um diesen Begriff des Luxus zu finden, wollen wir von dem Sprachgebrauche ausgehen. Wo eine zweckmäßige Befriedigung wahrer vernünftiger Lebensbedürfnisse eintritt, wo man Reinlichkeit und einfachen Geschmack in der Kleidung anwendet, wo man anständiges Vergnügen als Erholung nach der Arbeit genießt, da wird wohl niemand den Luxus suchen. Allein wo unnöthige, erkünstelte und übermengte Lebensbedürfnisse sich finden, wo statt der bloßen Reinlichkeit, Ordnung und einfachen Geschmacks in der Kleidung, unnöthige, übermengte und außerdem kostbare Kleidungsstücke, und überdieß ein zweckloser Wechsel sich zeigen, da findet Jeder den Luxus. Eben so mit den Vergnügungsarten, welche ich mit den Bequemlichkeiten zur Lebensverschönerung rechne. Wo in allen diesen nicht blos ein einfacher, edler und feiner Geschmack beobachtet, sondern nur auf zwecklose Erkünstelung und Menge <82, 42> gesehen wird, da ist Luxus. Und da diese Gegenstände sämmtlich den sinnlichen Genuß angehen, so ergibt sich hieraus der Begriff des Luxus:
Luxus ist demnach die Ueberfeinerung des sinnlichen Geschmacks in Gegenständen des Bedürfnisses, der Bequemlichkeit und Lebensverschönerung, oder auch blos des Bedürfnisses und Lebensverschönerung, in Absicht auf Menge, Wechsel und Kostbarkeit.
Im letzten Falle begreife ich unter Lebensverschönerungen die Bequemlichkeiten und Vergnügungen. Es ist nicht blos Verfeinerung, sondern eine Ueberfeinerung, d. i., man beobachtet nicht blos das einfach Schöne, das Geschmackvolle, sondern es soll auch prächtig seyn. Es soll nicht blos im Ganzen schön, sondern auch in den einzelnen kleinsten Theilen schön seyn, wodurch oft selbst der wahre gute Geschmack leidet. Daher tritt bey dem Luxus ein Verderben des guten Geschmacks ein. Es entstehet eine Menge erkünstelter für die einfache blos schöne und geschmackvolle Lebensart, unnöthiger Bedürfnisse, Trennung der Befriedigungen der Bedürfnisse, die sonst in einem Gegenstande vereinigt waren. Daher vermehrt der Luxus das Meublement auf unnöthige und sehr kostspielige Art; und da er hauptsächlich in allen auf sinnliche Befriedigung geht, so befördert er oft das äußere Scheinbare und in die Augen fallende auf Kosten des reellen Werthes der Sachen, so daß die Gegenstände das Luxus oft wenig innern Werth haben, sondern dieser blos in den äußern Formen gesucht wird, welche gewöhnlich schnell bey dem Luxus wechseln, wodurch er auch sodann vorzüglich verderblich wird. Ich weiß zwar wohl, <82, 43> daß man auch einen geistigen Luxus annimmt; allein dieses ist eigentlich eine metaphorische Uebertragung des Begriffs, daher ich hier dabey nicht verweile, sondern wieder zu dem eigentlichen Luxus gehe. Bey diesem ist keine einfache Befriedigung des Bedürfnisses, sie sey noch so zweckmäßig, mehr hinreichend, sie muß künstlich, sie muß vielfach seyn; daher sieht der Luxus überall auf Menge und auf künstliche Gegenstände. Aus der Ueberfeinerung der Empfindung entsteht Hang zum Ueberdruß, und aus diesem zur Abwechselung, welches alles unzertrennlich mit dem Luxus verbunden ist.
Hierbey ist nun noch nicht bestimmt, in wie fern der Luxus schädlich oder unschädlich sey. Dieses zu bestimmen, sind nun noch mehrere Verhältnisse zu beobachten. Vor allen darf man nie vergessen, daß Luxus ein relativer Begriff ist. Hätte man dieses nie aus den Augen gelassen, so würden viele Schwierigkeiten bey den Untersuchungen weggefallen und mancher Streit vermieden worden seyn. Es kann bey einer einzelnen Person, bey einer Stadt, bey einem Volke Etwas ein unschädlicher und wohl gar vortheilhafter Luxus seyn, was bey dem andern nachtheilig wird; dieses hängt ab von dem mehrern oder geringern Geldverdienst, vom langsamern oder schnellern Geldumlaufe, von stärkerer oder schwächerer Indüstrie. Man denke sich nun hier die Verhältnisse in Absicht dieser Punkte bey einem Hirtenvolke, bey einer Ackerbau=Nation, bey einem fabricirenden und handelnden Volke!
Auch hat man zu unterscheiden den Einfluß des Luxus auf den Zustand einer Familie und die Wirkungen desselben bey einem ganzen <82, 44> Volke. Im letzten Falle kommt vorzüglich viel darauf an, ob der Luxus Ton ist, oder in wie fern es bey einer Nation und in einer Stadt noch jeder Familie frey bleibt, einen bestimmten Erad des Luxus anzunehmen, oder zu unterlassen, ohne dabey von einem Zwange des Anstandes gefesselt zu werden. Dieser Umstand wird sonderlich wichtig bey Beurtheilung der Schädlichkeit und Unschädlichkeit des Luxus; denn eine Art Luxus kann für einzelne Familien unschädlich seyn; er wird aber, so bald er Ton wird, für das Algemeine und Ganze nachtheilig, sobald er das Ansehen, die Gewalt erhält, daß von ihm eine gewisse Art der öffentlichen Schätzung abhängt. Und in diesem Falle sind Aufwandsgesetze die einzigen Mittel, ihn unschädlich zu machen, man sage was man wolle.
Manche Schwierigkeit bey der Bestimmung des Begriffs des Luxus veranlaßt auch der Umstand, daß man die Uebertretung der positiven Aufwandsgesetze in den einzelnen Staaten und der nach Maasgabe der Verschiedenheit der Stände gemachten Bestimmungen und Vorschriften mit dem Luxus im Allgemeinen ohne Rücksicht auf diese bürgerlichen Verhältnisse und Bestimmungen im Staate verwechselte. Denn aus diesen gesetzlichen Bestimmungen fließt es alsdann, daß man die Ueberschreitung dieser Grenzen in dem Aufwande in Bezug auf die Standesverschiedenheit, vorzüglich gesetzwidrigen, unerlaubten Aufwand oder eigentlichen Luxus nennt, und die Folgen des Luxus überhaupt mit demselben verbindet, welche doch nicht allezeit wesentlich mit demselben verbunden sind. So kann der arbeitsame Manufakturist, der thätige Kaufmann gesetzwidrigen bürgerlichen Luxus zuweilen treiben, <82, 45> ohne daß es nach Maasgabe seines Gelderwerbs Luxus ist. Indessen kann dieser doch, wenn er auch für einzelne Familien unschädlich ist, oft für das Allgemeine nachtheilig werden, wenn er Ton wird, welcher die von gleichem Stande, aber nicht von gleichem Vermögen nöthigt, um des Wohlstandes willen gewisse Dinge zu beobachten. Man kann daher den Luxus nicht ohne Grund eintheilen, in einen freywilligen oder willkührlichen und in den herrschenden; die Wirckungen von beyden werden in der folgenden Erörterung mit bestimmt.
Doch ich gehe nun zur Bestimmung der Schädlichkeit oder Unschädlichkeit des Luxus selbst fort:
a) Zuvörderst unterscheide man dabey denjenigen, welcher sich auf den Besitz eines nicht durch Gewerbfleiß oder Industrie bewirkten noch auch vortheilhaft verarbeiteten Geldreichthums gründet, von dem, welcher durch Industrie bewirkt wird. Schränkt sich jener blos auf Landesprodukte ein, und hindert der Abstand der Stände und bestimmte politische Einrichtungen die Verbreitung desselben von einem Stande zu dem andern, so ist er wenigstens nicht im Allgemeinen nachtheilig, wenn er auch gleich keine wahren beträchtlichen Vortheile im Allgemeinen gewährt; wird er aber mit ausländischen Dingen getrieben, dann ist er auch bey diesen Ständen für das Land schädlich, indem ihre Revenüen meist aus dem Lande gehen und für das Land wenig nützen, außer was der Kaufmann und das Fuhr= und Frachtwesen und die Zölle dabey gewinnen. Dergleichen Luxus herrscht in Spanien, Rußland und in dem vormaligen Pohlen.
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Ueberhaupt ist b) aller Luxus mit ausländischen Gegenständen schädlich, sobald er den Handel einer Nation passiv oder wenigstens zu einem Gleichhandel und Pari=Handel macht, oder den Grad des Aktiv=Handels ohne weitere politische Veranlassung mindert, oder an seiner Einrichtung hindert.
c) Bey dem Luxus, welcher durch Industrie bewirkt wird, und der sich auf Leichtigkeit des Geldverdienstes gründet, hat man ebenfalls den schädlichen und unschädlichen und vortheilhaften zu unterscheiden.
d) Unschädlich und vortheilhaft ist nur derjenige, welcher einen vortheilhaften Geldumlauf bewirkt. Nur derjenige Geldumlauf ist vortheilhaft, welcher in jeder Hand, durch welche das Geld gehet, Gewinn zurück läßt. Doch selbst dieser Luxus kann einen zu hohen Grad erreichen, und sodann dadurch nachtheilig werden, daß er den Geldumlauf zu sehr beschleunigt, indem er die Bedürfnisse des Wohlstandes zu sehr vermehrt, oder so sehr steigert, daß die Ausgaben schneller erfolgen als es möglich ist, den nöthigen Gewinn von dem Gelde zu machen. Ein Beyspiel wird es deutlicher darstellen. Man setze den Fall, nach der bisherigen Art zu leben, wäre zu dem standesmäßigen jährlichen Aufwande einer Familie von dem Gewerbstand 500 Thlr. nöthig gewesen, welche auch jährlich verdient werden konnten, durch Luxus aber würde er allmählig so vermehrt, daß man 700 Thaler brauchte, so ist dieser Luxus schädlich; denn wenn er schon sich auf Industrie gründet, wenn er auch blos ein einheimischer ist, so können doch die 200 Thaler, welche der gestiegene Luxus nun jährlich mehr fordert, nicht verdient werden, sondern <82, 47> man ist genöthigt, das Grund=Kapital anzugreifen; oder man wird doch wenigstens in der Erweiterung der Industrie gehindert, da man das, was man auf Vergrößerung seines Gewerbes wenden könnte, auf Bedürfnisse des Luxus zu wenden genöthigt wird. Daher ergibt sich die Regel:
e) daß der Luxus, welchen die Industrie veranlaßt, und welcher einen vortheilhaften Geldumlauf bewirkt, doch alsdann schädlich werde, wenn er den letzten so sehr beschleunigt, daß binnen der Zeit des Geldumlaufs nicht der nöthige Gewinn von dem Kapitale gemacht werden kann, sondern das Grundkapital angegriffen werden muß, oder man doch wenigstens das Grundkapital durch jährlichen Zinsenüberschuß nicht mehren kann, um dadurch die Industrie zu erweitern.
Endlich kann man f) auch die Regel festsetzen, daß der für einzelne Personen oder Familien bey ihrem Verhältnisse unschädliche Luxus für das Allgemeine schädlich wird, sobald er Ton wird, so daß nicht leicht Jemand ohne Anstoß gegen den Wohlstand ihn bey Seite setzen kann.
Nach Maasgabe dieser angeführten Grundsätze läßt sich nun die Nothwendigkeit und der Nutzen der Prachtgesetze näher bestimmen.
Sie werden nöthig bey dem Luxus mit ausländischen Waaren, vorzüglich wenn er den Handel des Landes zu einem Passivhandel, oder zu einem Gleichhandel macht, oder doch die Vergrößerung des einheimischen Handels hindert, und sodann in dem Falle unter e, wenn der Luxus den Geldumlauf so sehr beschleunigt, durch Vermehrung der Bedürfnisse im Vergleich mit der Zeit, binnen welcher der Gewinn von dem <82, 48> Gelde gemacht werden kann, und endlich auch in dem Falle, welcher unter f bemerkt ist. Zwar ist die heutige Politik häufig gegen Prachtgesetze, indem sie vorgibt, sie wären dem Handel nachtheilig. Dieses ist vielleicht indessen ein Vorurtheil, das verschwinden würde, wenn man die Geschichte des Handels mehr studirte. Man würde wenigstens finden, daß der Deutsche Handel in jenen Zeiten des Mittelalters und einige Zeit nachher bewunderungswürdig groß war, als man strenge über Prachtgesetze hielt, so daß weise und nach dem gehörigen Verhältniß eingerichtete Prachtgesetze sich gar wohl mit dem blühendsten Handel zu vertragen scheinen. *
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Versuch über den Luxus, dessen Schädlichkeit und Unschädlichkeit, und des nach dessen Verhältnissen zu bestimmenden Werthes der Aufwandsgesetze, von D. Rössig. -- Steht in der Deutschen Monathsschrift, Leipzig bey Sommer. Octob. 1799. S. 132. u. flg.
Solche Pracht= und Aufwandsgesetze können nun entweder die Einfuhr ausländischer Producte, die dem Staate zu viel Geld entziehen, gerade zu verbiethen, oder das Tragen dieser und jener theuren Sachen ganz untersagen; sie können gewisse Regeln festsetzen, die die Bürger des Staats in verschiedenen Ständen in Ansehung ihrer Dienerschaft, ihrer sonstigen Lebensweise etc. etc. zu befolgen haben; oder sie können alles dieses nur mit einer Taxe belegen, so daß der Staat selbst von dem Aufwande seiner Einwohner einige Procente zieht, wenn er es nicht in seiner Gewalt hat, ihn ganz zu unterdrücken, oder dieses nicht gerathen zu seyn scheint.
In dem ersteren Falle kommen öfters besondere Rücksichten in Betracht, ob benachbarte Staaten, deren Producte für Conterbande er<82, 49>klärt werden, nicht ein gleiches in Ansehung der inländischen Fabrikate thun werden, die bisher dahin einen Absatz fanden etc. etc. Wenn man aber bloß eine Luxus=Taxe einführt, so ist es leicht einzusehen, daß das Uebel nicht geheilt, sondern für viele nur noch drückender werde, deren Lage oder deren Vorurtheile es nicht erlaubt, daß sie auf Genüsse, Kleidungen etc. etc. die der gute Ton einmahl nothwendig gemacht hat, Verzicht thun könnten. Sie werden sich nichts von dem entziehn, was sie sonst gebrauchten, und sich vielleicht also noch eher zu Grunde richten.
Glücklich ist daher ein Staat, dessen Einwohner auf einem anderen Wege eine solche Stimmung erhalten, dem Luxus, in so fern er zu hoch gestiegen, oder auf solche Gegenstände gerichtet ist, die dem Lande Nachtheil bringen, durch freywillige Einschränkung Einhalt zu thun, oder ihn durch Richtung auf inländische Gegenstände unschädlich zu machen. Da nun keine Art des Luxus für das gemeine Wohl eines Staates so nachtheilig ist, als wenn die Einwohner einen überwiegenden Hang zu ausländischen Producten und Fabrikaten haben, und dadurch also nicht nur zu große Summen aus dem Lande gehen, sondern auch die inländischen Fabriken, Manufacturen etc. etc. in Verfall gerathen: so hat man öfters die Frage untersucht, welches die wirksamsten Mittel wären, die Einwohner ohne Zwanggesetze von diesem nachtheiligen Hange zu entwöhnen, und ihnen mehr Frugalität und Einschränkung in ihrer Lebensweise, so wie mehr Liebe für das Vaterländische einzuflößen? Und da ist gewiß
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I. Das wirksamste Mittel die Macht des Beyspiels. Zwar lassen sich sinnliche Menschen dadurch leichter bewegen, ein neues Bedürfniß, das sich ihnen von einer reizenden Seite zeigt, anzunehmen, als ein altes, dessen sie einmahl gewohnt sind, sich zu versagen. Indessen bey denkenden Menschen wirkt es doch auch oft ein Bestreben, in der Verläugung denen, die sie für weise und klug halten, nachzueifern. Und selbst der Thor entsagt etwa einem Bedürfnisse, sobald es allgemeinere Sitte wird, demselben zu entsagen. Gewiß ein sehr wirksames Mittel, bey unsern Landsleuten den Hang nach ausländischen Producten und Fabrikaten zu mäßigen, und ihnen dagegen mehr Geschmack an vaterländischen einzuflößen, müßte es seyn, wenn unter denjenigen, auf welche die andern sehen, *
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Herr Günther in Sievekings Fragmenten sagt: „Nur von den ersten Häusern darf der Plan ausgehn. Er ist verlohren, sobald der minderwohlhabende, derjenige, der in den Jahrbüchern der Geselligkeit vom guten Ton und im Staatskalender der Lohnbedienten nicht zu Hamburgs Notabeln gehört, zu früh hinzutritt. Zu rascher Patriotismus kann hier alles verderben, so wichtig dieser patriotische Beytritt auch in der Folge für die Verbreitung und Befestigung der neuen Confession werden kann, und so sehr alsdann unumgänglich auch auf ihn gerechnet werden muß.” Herr Sieveking bemerkt dagegen: „Ob diese Reformation in den ersten sogenannten großen Häusern anfangen müsse, ist die Frage. Das Beyspiel einer vernünftigen Gewohnheit ist reizender als man glaubt. Vernünftige Männer müssen es zuerst geben.” Allerdings vernünftige, aber doch auch solche zugleich, wel= che bey ihren Mitbürgern in einem Ansehen stehen, das zur Nachahmung reizt. Wenn die Vernünftigen, welche das erste Beyspiel geben, zugleich zu den ersten Häusern gehören, so wird es desto zuverlässiger wirken, wenn es hingegen bey Männern, die auf einer niedrigeren Glücksstuffe stehen, sehr problematisch, ja sogar sehr unwahrscheinlich ist, ob es etwas wirken dürfte? Selbst Herr Sieveking hatte vorher gesagt: „Beyspiel kann und muß wirken, Beyspiel reicher, angesehener und geachteter Männer, Beyspiel mehrerer zugleich.” Auch scheint mir Herr Günther, so weit ich die Welt kenne, dieser Weltkenntniß gemäß geurtheilt zu haben, wenn er einen allzuraschen Beytritt minder angesehener Personen der guten Sache für gefährlich hält.
um sich nach ihnen als Mustern zu richten, die weiseren Patrioten eines Staats, und, wenn es angeht, zugleich benachbarter Staaten, sich dahin vereinigten, allmählich derjenigen ausländischen Bedürfnisse sich zu versagen oder sich im Genuß und Gebrauche derselben einzu<82, 51>schränken, welche dem Vaterlande entschiednen Nachtheil bringen oder drohen. Ich sage, allmählig. Denn nichts ist gewisser, als daß in diesem Punkte alle vorschnelle Reformationsversuche mißglücken müssen. Alles, was stark auffällt, oder gar widrig ins Auge springt, muß vermieden werden.
Zuvörderst giebt es der ausländischen Erzeugnisse mancherley, die ihr haben und nicht haben, und doch dabey in den Augen eurer Mitbürger, versteht sich auch solcher, die nach vorgefaßten Meinungen urtheilen, das bleiben könnet, was ihr waret. Die Wahl ist euch frey gelassen. Die Meinung des Publikums legt euch keinen Zwang auf. Hierin Verläugnung zu üben, mag denkenden Menschen in manchen Fällen sehr leicht werden. Denn dem Auslande etwas abzunehmen, bloß um es zu haben, ohne einen nennenswerthen Zweck und Nutzen davon angeben zu können, ohne dadurch auch nur sein äußerliches Ansehen, sein sinnliches Wohlbehagen vermehrt zu sehen, das kann keinen starken Reitz für uns haben, so wie die Vernunft es nicht gut heißen kann.
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Hiernächst aber haben wir manches von gleicher Güte und Brauchbarkeit, oder auch von minder gleicher Güte im Vaterlande, was wir bisher von Fremden hohlten. Wer kann die Pflicht verkennen, dem Landsmann und Mitbürger den Arbeitslohn nicht zu entziehen, den Gewerbfleiß und dadurch den Wohlstand des Vaterlandes zuerst zu ermuntern! Wer fühlt nicht die Ungerechtigkeit, womit Deutschland, das lange genug sich in Sachen der Mode und des Geschmacks vom Ausländer gängeln ließ und sklavisch bewunderte, wo es kritisch beurtheilen sollte, und blindlings nachäffte, wo es frey wählen und verwerfen konnte und sollte, manche seiner Arbeiter und Künstler behandelt hat und noch behandelt! Wie niederdrückend für die Industrie, wenn man kalt und verächtlich die Arbeit des Landsmanns ansieht, wenn sie niemand nach ihrem Werthe schätzt und bezahlt, und man dem Ausländer dagegen oft für schlechtere Waare die ausschweifendsten Forderungen bewilligt! Patrioten! ihr könnet bey der Wahl vaterländischer Producte und Fabricate so gut euern Geschmack zeigen, als bey der Wahl ausländischer, und dem Producenten und Künstler, wenn ihr wahre Kenner seyd, selbst auch guten Rath geben, selbst ihm erfinden helfen.
Und wenn auch manches, was wir besitzen, nicht von gleicher Güte mit dem Producte des Auslands ist, wolltet ihr euch nicht patriotisch bequemen, auch das nicht ganz zu verschmähen, wenigstens mit unter Gebrauch davon zu machen? Wir wissen es wohl, daß ihr nach euren Glücksumständen Anspruch auf das Bessere machen dürfet. Vernünftige und billige Menschen auf einer niedrigern Glücksstuffe gönnten es euch <82, 53> auch gern, wenn nur nicht die schwachen Brüder wären, welche euch nachfliegen zu müssen glauben, ohne die Schwungkraft zu haben; wodurch denn Einzelne und das Ganze zu Schaden kommen. Alsdann wenigstens kann Euch das Opfer nicht schwer werden, wenn ihr nur beyher zeiget, daß ihr auch das Vaterländische euch gefallen lasset, wenn ihr gleich dabey dem Ausländischen nicht ganz entsaget. Und gleichwohl kann schon eine solche auch nur halbwegs sich bequemende Handlungsweise von bedeutender Wirkung seyn. Vernünftige wenigstens, die unter dem Zwangsgesetze modischer Nachahmung, unter dem Drucke der daraus entstehenden fast unerschwinglichen Ausgaben seufzen, werden es euch Dank wissen, wenn ihr sie in den Stand setzet, etwas wohlfeileres Inländisches, ohne dadurch in der Achtung anderer zu verlieren, dem theurern Ausländischen zu substituiren. Es bleibt vielleicht nicht ohne Wirkung, wenn ihr bey Gastmahlen eurer Freunde dem guten Landwein den Vorzug vor dem fremden gebet. Nicht selten verdient er ihn auch seiner Qualität nach, da trotz den Versicherungen, er sey ächt, so viel Betrug mit dem fromden Weine gespielt wird. Einige Damen (denn haben überhaupt Damen auf das Wohl und Wehe der Staaten Einfluß, wie wir es denn nicht in Abrebe seyn können, so haben sie ihn in Rücksicht auf den Punct des modischen Bedürfnißes gedoppelt), welche sich einmahl in dem Falle sehen, daß andere ihrem Beispiel in Sachen des Geschmacks und jedes Bedürfnisses folgen, dürften nur ein wohlgewähltes vaterländisches Fabricat in einer gefallenden Form sich beylegen und einigemahle sich darin zeigen, wie gesucht würde jenes Fabricat wer<82, 54>den! Und wie? Deutschlands ersten Weiber sollten klein genug seyn, für die erhabne Bestimmung keinen Sinn zu haben, Wohlthäterinnen ihres Vaterlandes zu werden, daran zu arbeiten, daß ein herrschender oder einreißender schädlicher Hang geschwächt, vaterländische Industrie ermuntert werde, und die Producte derselben Abnehmer finden? So verdienen sie auch nicht für unsere ersten Weiber zu gelten; denn die ersten sind, beym Lichte besehen, die vernünftigsten und die sittlichbesten, die nicht eitelsten und in fremdem Flitterstaat ausschweifendesten. Und wahrlich, er verdient ermuntert zu werden, -- der deutsche Kunstfleiß. Er hat schon oft gezeigt, was er zu leisten vermöge, wenn ihm die Sonnenblicke des Glücks lächelten. Er hat schon oft selbst an undankbarer Arbeit seine Beharrlichkeit erprobt. Er hat sich dem Auslande respectabel gemacht, daß deutsche Arbeiter allenthalben willkommen sind. Sind unsere Tuchmanufacturen, Stahlarbeiten denen des Auslands nicht gleich, begünstiget sie, sie können vielleicht werden, was sie noch nicht sind. Man sucht etwa nichts vorzügliches bey ihnen, man überläßt ihre Waaren nur denen, welche wohlfeil bedient seyn wollen, und daher um die Qualität minder besorgt sind, sie nicht bezahlen können noch wollen. Erweiset Jahr ihnen die Ehre des Zuspruchs, sie würden streben, auch euern verfeinerten Geschmack zu befriedigen. Vielleicht erringen sie durch euern Tadel oder Beyfall angespornt die Stufe, auf welches das Ausland steht. Und rechnet ihr es für nichts, wenn entfernte Generationen noch euren Patriotismus segnen, wenn durch eure Vermittlung unzäh<82, 55>lige Menschen Unterhalt, Befreyung von einer drückenden Abgabe an das Ausland fanden?
Freylich das Ausland gibt uns auch vieles, was wir nicht haben noch jemahls selbst produciren können. Und das zu vermissen, wird Euch das schwerste Opfer dünken? Allein zuvörderst ist manches unter diesen Bedürfnißarten begriffen, was wirklich für uns unentbehrlich ist, oder doch verhältnißmäßig in keinem nachtheiligen Uebermaße gebraucht wird, und Nutzbarkeit für uns hat. Wenn z. B. nichts uns den Indigo ersetzen kann, so müssen wir ihn eben haben und dem Ausländer bezahlen. Wenn wir keine feine Seide erzeugen können, warum sollten wir sie nicht einführen, wenn wir sie zu fabriciren verstehen und tausend Hände im Lande dadurch nützlich zu beschäftigen vermögen, anstatt sie verarbeitet zu kaufen? Auch das minder Unentbehrliche mögen wir immerhin dem Auslande abnehmen, wenn es nur nutzbar ist und nicht in so starken Quantitäten consumirt wird, daß wir dabey für unsern Wohlstand fürchten müssen. Aber unter diesen Artikeln finden sich doch auch manche, die gar zu auffallend entbehrlich sind oder viel zu unmäßig verbraucht werden, daß sie den scheinbaren Zuwachs von Glückseeligkeit, den sie uns verschaffen, durch mannigfaltigen Schaden, der daraus entspringt, so stark überwiegen, daß das vermehrte Bedürfniß darnach unter die verheerenden Landplagen zu rechnen ist. Es giebt der Familien zu viele, welche gerade durch die Angewöhnung an diese Bedürfnisse verarmt sind. Unser Jahrhundert ist in diesem Puncte gar zu merklich von den Sitten der vorigen abgewichen, und die Menschen haben mit der einfachen Lebensweise ihrer Väter zugleich <82, 56> den Wohlstand derselben eingebüßt. Man wähne doch nicht, daß vermehrte Bedürfniße auch stets vermehrten und erhöheten Erwerbfleiß zur Folge haben. Wer mag sagen, daß ein Landmann durch Kaffee=Trinken zur besseren Acker=Cultur angespornt werde? Und von wie wenigen Handwerkern mag es gelten, daß dadurch mehr Thätigkeit, mehr Erfindungsgeist in ihnen geweckt werde? O! die Väter waren auch thätig und erfinderisch, ohne so viele Bedürfnisse zu kennen, wie wir. Was ist zu thun? Theils pflegt das Beyspiel da, wo es auf Ablegung von Gewohnheiten ankommt, nicht sehr wirksam zu seyn, weil es Tausende für unmöglich halten, sich davon loszureißen; theils seyd ihr vielleicht selbst unter den Tausenden, verehrungswürdige Patrioten, und ihr habt einen Grund mehr, eure Lebensordnung und eure Bedürfniße beyzubehalten, weil ihr in Glücksumständen seyd, welche an sich keine Veränderung erfordern, indem der Aufwand, den ihr in dieser Rücksicht zu machen habt, euch nicht fühlbar wird. Aber vielleicht könnet ihr eure Kinder einfacher erziehen! Und wahrlich, es ist Zeit, daß die nächstkommende Generation wieder zu einer simplern Lebensordnung zurückkehre, wenn die Zerrüttung nicht schrecklich um sich greifen soll. Bildet eure Kinder zu Mustern in diesem Puncte! Von oben herab muß das Beyspiel gegeben werden, dann werden allmählig die übrigen Stände auch wieder umkehren. Gebt, wenn es irgend möglich ist, euern Domestiken ein anderes Frühstück als Kaffee, ein anderes Essen als euren Abtrag. Denn sie sind vielleicht nicht stets im Dienste, und wenn sie sich heirathen, so nehmen sie diesen Theil eures Luxus mit in ihre Hütte, wo <82, 57> er nicht hingehört und nur Jammer erzeugt. Und Ihr habt es zu verantworten, was für Elend durch eure unkluge Behandlung entsteht.
Der Geist der Weißheit und des Wohlwollens wird euch sagen, welch Benehmen auch in Ansehung dessen, was wir nur vom Auslande erhalten können und was uns zu einem mehr oder minder verderblichen Bedürfnisse geworden ist, das zweckmäßigste sey, wie ihr bald hier euch im Gebrauche desselben mäßigen, bald dort etwas ganz euch versagen, oder etwas Vaterländisches dafür substituiren könnet, ohne den mindesten Schein von niedriger Denkart; vielmehr auf eine Weise, welche andere zur Nachahmung reitzt.
Ueberhaupt ist es eurer Würde angemessen, nicht zu sehr dem Kleinigkeitsgeiste nachzugeben, der so bedeutend große nachtheilige Wirkungen zu haben pflegt, nicht gleich jedem neuen Producte, jeder neuen Form des Auslands Beyfall zuzulächeln und euch zum Bedürfniß aufdringen zu lassen, nur dem Zweckmäßigen und Vorzüglichen eure Aufmerksamkeit zu schenken, und das Gute und Schöne, was ihr besitzet, nicht zu verkennen, euch dabey längere Zeit mit Zufriedenheit zu verweilen, ohne nach jedem wetterwendischen Modelüftchen es mit etwas Neuem, was nicht besser, oder, beym Lichte besehen, wohl gar schlechter ist, zu vertauschen. Garve sagt: „die Zeit ist vielleicht nicht mehr fern, wo jede Nation auf Künstler=Genie und Geschmack Anspruch macht, wo jede in ihrem Schooße Arbeiter erzeugt, die ihren Werken die Achtung ihrer Mitbürger, trotz deren eingewurzelten Vorliebe für das Ausländische, zu erwerben wissen: dann wird jede auch in dem, was <82, 58> schön und galant heißt, Erfinderinn zu seyn anfangen. Wenigstens werden sich die Muster der Nachahmung vervielfältigen, und die Möglichkeit der Auswahl unter mehreren wird die Europäischen Moden von dem Zwange befreien, von welchem sie bis iezt eingeengt wurden. Schon sehen wir seyd geraumer Zeit die Engländischen und Französischen Sitten sowohl, als ihr Costume, mit einander wetteifern. Der deutsche Kunstfleiß und der deutsche Geschmack treten schon als Rivale von jenen auf: und bald wird der Fortgang der allgemeinen Cultur die Nationen in diesem Punct wieder dahin bringen, von wo sie zur Zeit der ersten Rohigkeit ausgegangen waren, daß jede sich freyer ihrem Raturell und ihrem Genie überläßt; daß eine von der andern in dem Außerwesentlichen ihrer Sitten und Kleidungen sich mehr unterscheidet, indeß alle, durch eine gleich richtige Beurtheilung des Schönen und Anständigen in der Hauptsache einander näher kommen. Er setzt hinzu: das, was von den Nationen gelte, sey auch von den Individuen wahr. Der erste Schritt verfeinerter Sitten ist die Nachahmung dessen, was andere für schön halten; der letzte ist die eigne Wahl dessen, was man als schön erkennt. Vielleicht stehts bey Euch, Patrioten von Geschmack, diesen Zeitpunct zu beschleunigen? Möge derselbe, er trete nun früher oder später ein, dem Vaterlande zum Segen erscheinen! Erste der Nation, nach welchen die andern sich richten, wenn noch deutscher Sinn und deutsche Kraft in Euch ist, wenn es euch nicht gleichgültig ist, ob eure Mitbürger in Dürftigkeit schmachten und darin versinken, oder ob sie ihr gutes Auskommen haben, ob unter dem Verfall des Wohlstands <82, 59> im Lande auch die geistige und sittliche Bildung leide? so leget Hand aus Werk, geht mit eurem Beyspiele voran, und in welcher Ecke Deutschlands ihr beginnet, ziehet eure Nachbarn von Einfluß in Euer Interesse, damit ihr desto sicherer zum Ziele gelanget. Denn Ein Völckchen Deutschlands sieht auch auf die Sitten der andern, vorzüglich der nächstgelegnen, und stechen diese zu sehr gegen die Eurigen ab, so könnte leicht euer Bemühen fehlschlagen. Je mehrere aber im Umkreise mit Euch gemeine Sachen machen, desto zuverläßiger wird euer Beyspiel Nachahmer finden, und euer Betragen Regel des herrschenden Verhaltens werden.
Es ist wahr, Thoren werden Euch dabey vielleicht in den Weg treten. Aber die Vernunft muß den Kampf mit der Thorheit bestehen. Und wills Gott! finden sich überall im Vaterlande der Vernünftigen auch viele, die auf Eurer Seite seyn werden. Und vermag eure Klugheit gleich nicht die Albernen weise zu machen, so gibt es doch etwa Mittel, sie auf irgend eine ihrer Schwachheit angemessene Art zu gewinnen. Verfolget nur festen Tritts euern Plan, habet nur Muth, die ersten, gemeiniglich scharfen Urtheile zu ertragen, zuletzt müssen die Thoren sich zum Ziele legen.
II. Jedoch die Macht des Beyspiels ist nicht das einzige Corrections=Mittel. Es mag auch noch Belehrung hinzukommen, wirksame Belehrung. Unstreitig sind Franklins Amerikanischer Almanach und der Engländische Zuschauer zu ihrer Zeit nicht ohne Wirkung geblieben. Eine Hauptabsicht dieser Schriften war, ihre Zeitgenossen gegen Thorheiten zu verwahren, von Thorheiten abzubringen, und ihnen das zu empfehlen, was <82, 60> auf gute Sitten und Wohlstand Einfluß haben mußte. Ein Almanach, für dieses Volksbedürfnis berechnet, von Franklins oder Mösers Geiste dem Verfasser inspirirt, dürfte wohl die mehrsten seiner Brüder in Deutschland, deren Nahmen Legion ist, aufwiegen. Auch könnte man die Form eines Wochenblatts belieben, oder fände sich etwa in einer politischen Zeitung noch Raum zu dergleichen gemeinnützigen Anhängen? Einmahl es muß sich auf diesem Wege manches Gute stiften lassen. Ein weites Feld zu treffenden Darstellungen steht dem patriotischen Schriftsteller von Witz und Weltkenntniß offen. Wenn auch das mehrste, was sich über den schädlichen Hang nach ausländischen Producten und zur Begünstigung des Geschmacks am Vaterländischen sagen läßt, bereits erschöpft wäre, so kann es doch durch neue Einkleidung, durch Anwendung auf Lokalumstände, durch Anspielung auf vaterländische Geschichte, durch neuere Beyspiele ein neues Interesse gewinnen. Denn was nützt es, wenn das Beste über diesen Gegenstand in allerley Schriften zerstreut ist und von denen nicht gelesen wird, die es beherzigen sollten, weil es ihnen nicht zu Gesichte kommt! Gewiß manche, die mit dem Strome schwimmen, sind noch zu retten, und andere, die im Begriffe stehen, sich auch hinreißen zu lassen, sind noch mit Erfolge zu warnen, wenn Schriftsteller von den dazu gehörigen Talenten sie auf die Betrachtungen leiten, die ihrem Zustande angemessen sind.
Machet es den Verblendeten durch lebendige Darstellung anschaulich, wie sehr sie durch ihr Jagen nach einem Schatten von Glückseligkeit sich vom Ziel entfernen, welchen Feind ih<82, 61>rer Ruhe sie in ihren Busen einnisten lassen, der stets furchtbarer und unüberwindlicher wird, je weniger ihm Widerstand geleistet wird, was für elende Menschen die Verstärkung und Vermehrung ihrer sinnlichen Begierden aus ihnen mache, die nach jedem neuen Gegenstande mit unordentlicher Leidenschaft streben, und wenn sie ihn nicht erhalten, voll Verdruß seiner entbehren, und wenn sie ihn haben sogleich seiner satt werden, und nach etwas Neuem, womit der habsüchtige Erfindungsgeist des Auslands sie äfft, haschen, und sich in einem ewigen Kreislaufe von Eckel zu neuen Gegenständen des Begehrens von diesen wieder zum Eckel daran herumdrehen, und niemahls, niemahls ein zufriedenes Gemüth haben. Saget ihnen, wie vernünftige Menschen zu allen Zeiten das alberne Gaukelspiel, das Sklaven der Sinnlichkeit hienieden treiben, verächtlich und lächerlich gefunden, unterdeß sie selbst ihre Begierden einschränken, und aller der innern Zufriedenheit genießen, welcher andre nur immer nachjagen. Sagt ihnen, wie schändlich sie durch ihren unmäßigen Hang, den sie bey sich nähren, sich verweichlichen, wie empfindlich sie sich dadurch gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens, wie schwach zum Widerstande, wo er nöthig ist, wie unfähig zur ernsten Anstrengung ihrer Kräfte sie sich machen. Suchet durch Beyspiele von Genügsamkeit und einfachen Bedürfnissen aus der ältern vaterländischen Geschichte und aus neuern Zeiten den erstorbnen Sinn für Simplicität wieder zu wecken. Lasset aus alten Documenten die Väter in ihrer Sprache den entarteten Nachkommen sagen, was einst ihre Wünsche zu befriedigen vermochte, wobey sie sich vergnügter fühl<82, 62>ten, als die Nächwelt bey ihren unendlich vermehrten und selbst auch befriedigten Bedürfnissen. Nehmet den Stoff zu Betrachtungen von interessanten Anekdoten her. Sagt ihnen, daß der ältere Kato sich dessen rühmen konnte, daß er nie ein Kleid gehabt, das ihm über zehn Thaler gekostet habe. Erklärt ihnen, was ein Römischer Senator aus den letzten Jahrhunderten dadurch sagen wollte, daß seine Vorfahren nach Knoblauch und aus dem Halse gerochen, und den Magen voller Wohlgeruch eines guten Gewissens gehabt hätten, und daß seine Zeitgenossen von außen nach lauter köstlichen Spezereien röchen, inwendig aber nach allerley Laster stänken. Zelget den pruducirenden wie den consumirenden Menschenclassen, zu welcher Höhe sich Franklin auf den Stuffen der Industrie und Frugälität impor schwang; Er, dessen Beyspiel und Maximen von deinjenigen, der seinen Wohlstand hienieden gern so sicher wie möglich gründen möchte, nie genug beherziget werden können. Beschämet und erwecket die Sclaven der Sinnlichkeii, durch die edle Erklärung Mösers, dieses großen Mannes, dessen Nahme Deutschland und der Nachwelt, so lange sie weiß, was Seelenadel ist, ehrwürdig bleiben wird: „die neue Zulage, schreibt er an jemanden, ist mir ohne mein Wissen, und ich möchte sagen, wider mein Verlangen zugelegt worden, indem ich auf mehrmahliges Sondiren der Regierungsräthe erklärt hatte, wie ich in allem genug hätte, und doch nicht mehr als einen Pudding auf den Tisch bringen lassen wollte, wenn ich auch zehenmahl soviel einzunehmen hätte. Sie hatten auch an einen neuen Rang und Titel für mich gedacht; ich schrieb deswe<82, 63>gen bey Gelegenheit der Danksagung an den Minister, daß er mich ja mit Titeln und Hörnern verschonen möchte, indem ich das Recht, durch einen Zaun zu kriechen, nie daran geben wollte.” Wenn ihr z. B. aus der Piotzi Reisen erzählet; „Frauenzimmer vom Stande in einigen Gegenden von Italien bringen, wenn sie heirathen, außer ihrem Vermögen so viel Kleider mit, als sie in den ersten sieben Jahren brauchen. Denn die Moden wechseln hier nicht so geschwind als in Paris und London;” was für Betrachtungen über die Begehrlichkeit der unsrigen, womit sie sich selbst und ihren Gatten das Leben sauer machen etc. lassen sich anstellen! Wenn ihr der Staatsuniform *
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„Die Nordhäuser Damen sind wohl die einzigen, welche Uniformen nach der Verschiedenheit ihres Alters tragen. Alle von der wohlhabenden Klasse, welche über das Stuffenjahr der Schönheit hinausgekommen sind, strotzen in dunkelrothen Gros de Tournen Kleidern. Junge Weiber, mannbare Mädchen tragen blaue, taffetene Jacken und strohgelbe Röcke. Noch nicht zu diesem Alter gediehene Mädchen gehn in dunkelbraunem Tamis, reichlich mit rosenfarbnem Band bebrämt. Diese sind indessen Kirchen= und Gallatrachten, an gewöhnlichen Tagen sieht man diese Uniform nicht. Kein Frauenzimmer, das weiß, warum es zum schönen Geschlecht gehört, tritt über die Gasse, ohne mit einem Mantel, der bis an die Fersen reicht, behangen zu seyn. Diese sind bey den gemeinen von Kattun, bey den bessern von blauem Tuche, oben mit einem gleichfarbigen Aufschlage und mit goldnen Tressen besetzt. Die Vornehmsten sind solche, bey denen noch vorne längs dem offenen Rande eine solche Tresse heruntergeht. Sämmtlche Weiber halten viel auf bunte Schuhe von blauem oder rothem Tuche, mit breiten Absätzen etc.”
der Nordhäuser Damen erwähnet, ohne eben, was euch wohl schwerlich in den Sinn kommen kann, ihren Geschmack zum Muster zu empfehlen, wie könnet ihr gleichwohl das, was darin Achtung verdient, die Mäßigung der Begierden, die Beharrlichkeit bey <82, 64> mütterlichen Sitten etc. etc. herausheben, zumahl wenn ihr bedenkt, daß die Nordhäuser Damen den modischen Flitterstaat des Auslandes wohl besser bezahlen könnten, als so viele eitle Bewohnerinnen anderer nahrlosen Städte. Macht es den Menschen, die einen unmäßigen Hang nach ausländischen Producten und Fabricaten haben, recht fühlbar und einleuchtend, wie sehr sie dadurch zu einer falschen Schätzung des Werths der Dinge und Personen verleitet werden, daß sie oft die besten Menschen verkennen und zurücksetzen, und die schwächsten und lasterhaftesten hervorziehen, bloß weil jenen der erborgte Glanz fehlt, den diesen das blinde Glück lieh, daß nicht selten das Zerbrechen einer ausländischen Porcellantasse etc. eine Dame mehr rühre, als das Fußbrechen eines ihrer Domestiken etc. Erschüttert sie durch die Vorstellung, daß sie weder Zeit noch Lust haben, sich mit wichtigeren Sachen zu beschäftigen, ihren Verstand und ihr Herz zu bilden, gemeinnützige Thaten zu thun, ihren Beruf zu erfüllen, für die Pflege und den Unterricht und die sittliche Gewöhnung ihrer Kinder zu sorgen, daß Tausende den Lebensgang bis ans Ziel hinabgehn, ohne etwas Nennenswerthes geleistet zu haben, blos weil sie sich von der Sorge für kleinere, entbehrliche Lebensbedürfnisse alle Kraft und Zeit rauben ließen; daß über dem Kinderspiele, dem man nachjägt, der männliche Charakter unserer Vorfahren beynahe sich verlohren hat, der mit Ernst und Würde handelt und in seinen Geschäften ausdaurende, feste Entschlossenheit zeigt. Stellet die Zierpuppe, die nichts weiß und von nichts gerührt wird, mit nichts sich beschäfftigt, es betreffe denn die neuste, ausländische Mode <82, 65> in Kleidung, Ameublement etc. etc. neben das Weib von gebildetem Verstand und von Pflichtliebe, und machet den Contrast in ihrer Denck= und Handlungsweise so auffallend als er ist. Stellet einen weibischen, unnützen Kerl, dessen ganzes Studium auf Etikette und die vierteljährlichen und monathlichen Reformen in seinem Anzuge etc. geht, neben den Mann, der seine Kräfte dem Vaterlande weiht und den Kleinigkeitsgeist verachtet, wie er es verdient. Zeiget, wie wir mit den Producten und Fabrikaten des Auslands nicht selten auch seine lasterhaften Sitten angenommen haben, wie allmählig unser Publicum sich so hat verblenden lassen, Menschen, die ihre Kleidung, Meubels etc. vom Auslande nehmen, auch die fehlerhaften Sitten desselben zu gut zu halten. Beleuchtet es von allen Seiten, wie diese ausländischen Armseligkeiten Eitelkeit, Neid, Verdruß etc. erzeugen und nähren. Bemühet euch um Beyspiele in der Nähe und Ferne, deren es leider! genug gibt, welche warnend und abschreckend zeigen, wohin der befriedigte Hang nach fremden Producten oft führe, wie er immer mehr und mehr die Glücksumstände so vieler zerrütte, und ganze Häuser, die ihm unmäßig ergeben sind, völlig zu Grund richte; daß oft falsche Schaam die minder Wohlhabenden verleite, anstatt das Ihrige klug und sparsam zu Rathe zu halten, gleich den Begüterten Aufwand zu machen, gleich ihnen die Schätze des Auslands zu borgen und selbst in dem steten Wechsel mit jenen gleichen Schritt zu halten und oft bis über die Ohren in Noth und Schulden sich zu stecken, blos um einem Phantom von Schande auszuweichen, und durch das unmäßige Streben, für Leute von Welt<82, 66>form zu gelten, sich die Schmach des selbstverschuldeten Verarmens zuziehen. Gerade diesen Menschen von mittelmäßigen Glücksgütern, bey welchen sie so zufrieden und sicher vor Mangel leben könnten, wenn sie sich gehörig einschränkten, muß man die Thorheit recht handgreiflich machen, zumahl da sich so viele Menschen von vorzüglicher Bildung unter dieser Claße befinden, die Thorheit, Zeit und Kräfte und Habe und Gut, die ihnen wohl zu wichtigeren Endzwecken gegeben sind, einem Tand aufzuopfern. Zeiget ihnen besonders die Unmöglichkeit einleuchtend, das Eitelkeitsziel, das sie sich vorgesetzt haben, je zu erreichen, indem mehr begüterte Eitle ihnen stets zuvorlaufen werden, und wie sie am Ende blos den Spott zum Schaden haben werden. Sagt ihnen, sie sollten vor dem sich schämen, was den Vorschriften der gesunden Vernunft und der Tugend zuwiderlaufe, folglich auch vor einem Aufwande, der ihren Umständen unangemessen sey etc. Erinnert sie, daß Deutschland keine Kolonien, keine Gewürzinseln, kein Peru habe, nicht wie England von der See umfloßen, mit Einem Worte, nicht zum Erwerb und Besitz unermeßlicher Reichthümer, sondern zu einer goldenen Mittelmäßigkeit von der Natur bestimmt sey, daß wir dieser Bestimmung gemäß leben müßen und nicht wie die andern, schwelgen dürfen, wenn unser Wohlstand nicht darunter leiden soll. Beweiset, wie das Verarmen Einzelner allmählig den Ruin des Ganzen nach sich ziehe. Zeiget, wie nachtheilig uns die Handelssysteme unserer Nachbarn, wie sie ganz darauf berechnet sind, uns auszusaugen, indem sie uns die Einfuhr unserer mehrsten Waaren geradezu versagen, oder unendlich <82, 67> erschweren, und an uns so unmäßig kauflustige Abnehmer der ihrigen finden. Macht es einleuchtend, daß der einheimische oder inländische Handel der wichtigste unter allen sey, der, bey welchem ein gleiches Kapital den reichsten Gewinn bringt, und den Menschen im Lande die meiste Beschäftigung gibt; daß der allergrößte und wichtigste Handelszweig ordentlicherweise der Verkehr unter den Bewohnern der Städte und den Landleuten sey; daß die Stadtbewohner das rohe Erzeugniß von dem offenen Lande ziehen, welches theils den Stoff zu ihrer Arbeit, theils den Fond zu ihrem Unterhalt ausmacht, daß sie dieses rohe Erzeugniß bezahlen, indem sie den Landleuten einen gewissen Theil desselben, verarbeitet, und zum unmittelbaren Gebrauche zugerichtet, zurückgeben; daß alles, was in einem Lande auf Verminderung der Handwerker und Manufakturisten hinwirkt, auch den inländischen Markt, den wichtigsten unter allen für die rohen Erzeugnisse des Bodens, geringer mache und daher für den Ackerbau um so nachtheiliger sey. Zeiget ihnen den großen Gewinn, den der Wohlstand des Vaterlands daraus ziehet, wenn ein bedeutender Industrie=Zweig allgemeinere Unterstüzung findet. Berechnet z. B. die Millionen, die im deutschen Vaterlande bleiben, wenn die Erfindung, Zucker aus der Runckelrübe zu bereiten, die Probe hält, und ein Gemeingut wird, woran ganz Deutschland Theil nimmt. Berechnet die Vortheile, welche der vaterländischen Industrie dadurch zufließen. Es muß von guter Wirkung seyn, wenn ihr dergleichen auf die rechte Art, zur rechten Zeit, mit Anbequemung nach dem Lesegeschmack des Publicums vortraget.
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III. Da, wo ein Theater etablirt ist (denn es versteht sich, daß es keinem Vernünftigen einfallen kann, für unsern Zweck eines zu errichten), könnte man sich auch mit den Theater=Directoren vereinigen, solche Stücke auf die Bühne zu bringen, welche absichtlich dazu geeignet wären, den schädlichen Hang nach Producten des Auslandes zu mäßigen und Neigung für das Vaterländische einzuflößen. Wir haben zum Theil schon dergleichen Stücke und es könnte wegen mehrerer mit Schriftstellern, die sich bereits in diesem Fache die Achtung des Publicums zu erwerben gewußt haben, Verabredung getroffen werden. Hier, wo es dem Dichter frey steht, die Geißel der Satire züchtigend über Thoren zu schwingen, wo man die modische Welt beysammen hat, wie nirgend, wo der Erfahrungssatz: „Vox viva magis afficit” sich aufs neue bestätigen dürfte, hier kann es nicht ganz ohne Wirkung bleiben, wenn man einem thörichten Hange gehörig entgegen zu arbeiten sich bestrebt; obwohl ich gerne zugebe, daß an manchen frivolen Menschen, die keinen Begriff davon haben, wie man sich zugleich unterhalten, und belehren und bessern könne? die Pfeile des Witzes, ohn' irgend eine heilsame Wunde schlagen zu können, abprellen werden.
IV. Jedoch es gibt der Menschen in Deutschland gewiß noch viele, welche das Vaterländische nicht so verächtlich ansehen, daß sie nicht sollten darnach greifen, wenn es brauchbar ist und in einem vergleichungsweise nicht hohen Preise steht. Es ist oft schon genug, daß es gehörig bekannt werde, ein Product, ein Fabricat sey im Vaterlande vorhanden; so wird es, wenn auch nicht allgemein, doch manche, wenn auch <82, 69> nicht aus Patriotismus, doch um des niedrigeren Preises willen Abnehmer finden. Man zeige also auch in jenem Wochenblatte die vaterländischen Producte und Fabricate, nicht aber im Marktschreierischen Tone (um nicht gerechten Verdacht zu erregen) sondern nach ihrer wahren Beschaffenheit und Nutzbarkeit an, besonders verschaffe man sich Kenntniß vom Neuen, was der vaterländische Kunstfleiß hervorbringt, und suche es zu verbreiten. *
*
Etwa wie folgende Anzeige aus der Jen. Litt Zeit. „Berlin. Nützliche Anweisung von dem Landtoback verschiedene gute Sorten Rauch= und Schnupftoback zu fabriciren: nebst einem Anhang, virginische und ungarische Blätter wohl zuzubereiten; dem Toback die gehörigen Farben zu geben; auch einem Geheimniß, alle verdordnen und abgestandnen Tobackssorten wieder gut zu machen, 1787. 29. Seit. (3 Gr.) Weinige Blätter, aber genug für Tobackspflanzer, denen es um mehr Gewinnst durch Veredlung ihrer rohen Producte zu thun ist. Lange genug haben uns die Ausländer mit ihren Tobackssorten unter verschiednen Nahmen getäuscht, die außer dem bloßen Nahmen nicht einmahl das enthalten, was unsre Landblätter an wirklicher Güte haben. Zwar hat es uns auch nicht an einheimischen Fabricaten hie und da gefehlt, welche den Schnupftoback vornehmlich wohl zuzubereiten wußten; sie hielten aber ihre Künste sehr geheim, um die Concurrenz zu vermeiden. Bey diesen nun wird freylich der Verf. keinen Dank, desto mehr aber bey solchen Oekonomen verdienen, die nicht allein seine Anweisung buchstäblich befolgen, sondern durch solche sich auch auf die Spur bringen lassen, mehrere Mittel und Wege aufzusuchen, um den Landtaback zur Güte der besten ausländischen Sorten zu erhöhen, und letztere immer entbehrlicher zu machen.” Man begreift jedoch, daß nur hinlänglich gehäufte und bewährt gefundene Vorschläge dieser Art zur Notiz des Publikums gebracht werden dürfen, um nicht vergebliche und kostspielige Versuche zu veranlassen.
Man nenne besonders dasjenige, was der deutsche Kunstfleiß bereits dem Auslande liefert; das werden dann hoffentlich die ecklen Inländer nicht verschmähen? Wir haben zwar schon Journale für diesen Zweck; <82, 70> indeß dürfte schwerlich vom lesenden Publicum so viel Notitz davon genommen werden, daß eine den Absatz des Artikels befördernde neue Anzeige am rechten Orte überflüssig wäre. Besonders mache man bemerklich, was für ein Product oder Fabricat des Auslands durch irgend ein vaterländisches ersetzt werden könnte, wie der Einzelne und das Ganze dadurch gewönne; was für Vortheile es gewähren würde, die Seideupflanze anzubauen; oder welche Zuthaten von vaterländischen Producten nach angestellten Erfahrungen dazu dienlich wären, die Consumtion eines ausländischen unter uns zu vermindern. Was lassen sich z. B. Menschen, welche einmahl an den Kaffee gewöhnt sind, gefallen, darunter zu mischen, Möhren, Pastinak=Wurzeln, Erbsen, Cichorien etc., wenn gleich ihr Lieblingsgetränk dadurch an innerer Güte verliert, nur um demselben nicht ganz entsagen zu müssen, was bey manchen die Glücksumstände ohne jenes Expediens dringend fordern würden. Wie manche nehmen sogar den wohlfeilern Honig anstatt des Zuckers zu diesem Getränke! Lehret eure Landsleute das kennen, was sich dem theureren ausländischen substituiren läßt; Gewiß wird sich, besonders, wo von einem allgemeineren Bedürfnisse die Rede ist, immer eine beträchtliche Anzahl finden, die den Versuch damit macht.
V. Wo freylich Landleute, auch wohl Handwerker, ein Product des Auslandes sich haben zum allgemeineren Bedürfniß werden lassen, wie das hier und da in Ansehung des Kaffees oder einer und der andern Gewürzart der Fall ist, da ist guter Rath noch theurer. Sie pflegen, wenn sie über etwas herfallen, gemeiniglich das <82, 71> Maß noch weit mehr zu überschreiten, als andere Stände und noch weniger Raison anzunehmen; und doch ist der Nerv des Staats gelähmt, wenn die arbeitenden Classen der Verweichlichung sich Preis geben. Am ehesten kommt man noch diesen handarbeitenden Ständen von der geringsten Verstandes=Cultur dadurch bey, wenn man etwas, was man von ihnen beherzigt wünscht, in die Kalender einrückt. Es würde deshalb nützlich seyn, recht tragische Geschichten, die sich als Folgen jenes unmäßigen Hangs etwa wirklich zugetragen und Leib und Seele und Hab und Gut beschädiget haben, aufs verständlichste erzählt dort einzuschieben, wie z. B. daß ein ganzes Dorf, das sich dem unmäßigen Kaffeetrinken ergab, von Hämorrhoidal=Beschwerden heimgesucht wäre. Vielleicht dürft' es auch von Nutzen seyn, in Dörfern, wo dergleichen Luxus eingerissen ist, durch ein obrigkeitliches Ausschreiben das gerechte Misfallen und Mitleiden über die Verirrung des Volks zu bezeugen, und die Gründe vorzulegen, welche darauf dringen, zur einfachen Lebensordnung zurück zukehren, die Weichlinge zu beschämen, ohne jedoch geradezu ein Verbot hinzuzufügen? Es versteht sich, das da, wo so etwas mit Erfolg unternommen werden soll, die Obrigkeit bey ihren Untergebenen noch in Achtung stehen muß. Sonst könnte begreiflich das Uebel leicht ärger werden.
VI. Indessen wird bey manchen Erwachsenen ein eingewurzelter, schädlicher Hang doch nicht, wenigstens nicht ganz auszurotten seyn. Glücklich, wenn wir nur die nächste Generation reiner davor bewahren und zu einer einfachen, würdigeren Lebensweise zurückzuführen vermögen! Dies aber scheint wenigeren Schwierigkeiten un<82, 72>terworfen zu seyn. Die Jugend ist noch nicht taub für die Stimme der Vernunft, noch nicht der besseren Eindrücke unempfänglich. Sie kann sich noch alles angewöhnen oder abgewöhnen, was ihr wollt. Einem Jugendlehrer, der das Herz seiner besseren Zöglinge in Händen hat, muß es leicht seyn, unwiderstehlich sie von eingebildeten Bedürfnißen weg= und nach den wahren und höheren, die allein einen edlern Geist befriedigen, hinzulenken. Sie werden ihn ohne Vorurtheil anhören, wenn er das entbehrliche so mancher ausländischer Producte und Fabricate vernünftig erweiset, wenn er begeistert von der Unabhängigkeit, in welche uns vereinfachte Bebürfnisse setzen, ihnen erklärt, wie unerläßlich dabey die Bedingung sey, daß wir frühe von allem demjenigen uns losreißen, was uns in den Strudel sklavischer Abhängigkeit von sinnlichen Begierden, namentlich nach entbehrlichen Gütern des Auslands, hinabstoßen könnte. Sie wird ihre ganze Verachtung auf den von dem Lehrer gebrandmarkten Weichling werfen, der alle Zeit und Kraft auf die Sorge für die Beyschaffung ausländischen Tands verwendet, darin beynahe seine ganze Glückseligkeit sucht, im Genuß von Producten des Auslands schwelgt und eine unnütze Last seines Vaterlandes ist. Sie wird erzittern vor der Macht sinnlicher Begierden, die zu einem Hange werden, und Menschen, Familien, Völker ins Verderben reißen. Sie wird der Wahrheit ewige Treue schwören, daß sie den Pflichten des Menschen, des Bürgers, des Ehegatten, des Vaters, der Mutter (denn vorzüglich muß auch die weibliche Jugend über diese Puncte ernstvoll belehrt werden), des Amtes die kleinern Sorgen für die Annehmlich<82, 73>keiten des Lebens nachsetzen, die letzteren zwar nicht vernachlässigen, aber stets nur als Nebensache betrachten und behandeln, und sich dabey genau nach ihren Vermögensumständen richten müsse; daß sie sich auch im Streben nach sinnlichem Genusse die vernünftigsten und gesittetsten Personen ihres Geschlechts zu Mustern zu nehmen habe. Was ist nicht schon gewonnen, wenn nur dem Reiche der Thoren, dem herrschenden Kleinigkeitsgeist Abbruch geschieht, und das Recht und die Würde der Weisheit, welche einzig zu herrschen verdient, mit siegenden Gründen vertheidigt wird. Da, wo der Lehrer auf die Vaterlandsliebe zu sprechen kommt, wo er die große Pflicht erläutert, den Wohlstand des Landes, dem wir so viel verdanken, zu befördern, da wird er sie auch die Industrie=Zweige seines Vaterlandes kennen lehren, da wird er die Verbindlichkeit ihnen heilig zu machen suchen, sich um alles, was auf das gemeine Beste von Einfluß ist, zu bekümmern, vornehmlich um dasjenige, was jeder nach seinem Stand und Beruf dafür zu thun hat, um das, was einen sinkenden oder aufblühenden Industrie=Zweig zu heben vermag. Er wird sie in die Industrie= und Kunstgeschichte seines Vaterlandes zurückführen, ihnen zeigen, was es einst war, wodurch es das ward, und was es unter begünstigenden Umständen wieder werden könnte. Er wird dadurch nicht nur Achtung und Liebe für ihr Vaterland ihnen einflößen, nicht nur sie ermuntern, am liebsten dem Lande das wieder zufließen zu lassen, was ihre Väter in diesem Lande gewonnen, und was sie selbst sich daselbst erwerben, sondern er wird auch den eignen Erfindungsgeist der Jugend regen und entflammen, daß sie auf diesem <82, 74> Wege das höchste Verdienst um ihr Vaterland zu erringen streben. Besonders arbeite man dem schädlichen Hang nach ausländischem Putz und Pracht und Leckereyen bey der mehr zur Eitelkeit sich hinneigenden weiblichen Jugend entgegen. Denn die Männer würden kleinlichen Neigungen minder sklavisch fröhnen, wenn die Welber nicht wären, welche über das, was zu geselligen Annehmlichkeiten gerechnet wird, gewöhnlich mehr zu sagen sich anmaßen, daß daher auch manche Ausschweifung des männlichen Geschlechts in diesem Punct auf die Rechnung der Weiber kommt. Wird der junge Anflug des weiblichen Geschlechts gegen jenen Hang, sofern er nachtheilig ist, verwahrt, auf den Pfad vereinfachter Bedürfnisse geleitet, so darf man der nächsten Nachwelt zum voraus Glück wünschen, sie wird vernünftiger seyn, als die gegenwärtige Generation, das Glück der Familien und der Völker wird zurückkehren und sich befestigen, Kunstfleiß und Industrie des Vaterlandes wird unparteiisch geschätzt und mit Wärme unterstützt werden. Es versteht sich, daß es zweckmäßig wäre, wenn in Bürger= und Landschulen (also nicht bloß Kinder gebildeterer Stände) die Jugend, so weit sie es bedarf, auf diese Gegenstände aufmerksam gemacht, mit den Producten und Fabricaten ihres Vaterlands bekannt gemacht, wenn derselben der Nutzen eines jeden gehörig erklärt und gezeigt würde, welche Artikel des Auslandes wir gegen diesen oder jenen inländischen entbehren, vertauschen könnten, oder wirklich vertauscht haben, wenn man sie erwägen lehrte, wie sehr es den Wohlstand des Landes befördere, wenn das, was darin producirt und fabricirt wird, Kaufsliebhaber findet, Geld in <82, 75> das Land zieht, wenn das Staatsvermögen im Lande selbst cirkulirt, wenn die Bauernjugend einsehen lernt, daß die Producte des Landmanns auch besser bezahlt werden, je wohlhabender diejenigen seiner Mitbürger sind, an welche er seinen jährlichen Ertrag verkauft, daß es daher nützlicher sey, inländischen Fabrikanten als auswärtigen ihre Waare abzunehmen etc.
Freylich, wenn es gelingt, den nachtheiligen Hang nach ausländischen Waaren bey unsern Landsleuten zu mäßigen und sie zu einer einfachern Lebensordnung zurückzuführen, so steht zu vermuthen, daß auch hier und da ein vaterländischer Industrie=Zweig dabey leiden dürfte; denn die Kunst, zu entbehren, wird sich nicht wohl bloß auf das ausländische Entbehrliche einschränken lassen? Allein wenn dies auch der Fall seyn sollte; so wird sich doch ein solcher Hang nur allmählig verlieren, und die vaterländische Industrie wird doch mehr blühen, als jetzt, weil das nutzbare Inländische mehr geschätzt werden wird; und Leute, welche einen sinkenden Industrie=Zweig bisber cultivirt haben, werden unter dem Sinken noch Zeit genug behalten, ihrer Thätigkeit eine andere Richtung zu geben.
Indessen da wir doch auch nicht in Abrede seyn können, daß manches im Auslande besser vorhanden ist, besser fabricirt wird, als im unsrigen, mit anderen noch gar kein Versuch bey uns gemacht ist, es auch zu erzeugen, oder daß, wenn er gemacht wäre, er verunglückt und ins Stecken gerathen ist; so muß jeder Patriot wünschen, daß dasjenige, was im Auslande bis jetzt noch höhere Vollkommenheit hat, auch bey uns vervollkommnet werde, und, wo möglich, den Grad erreiche, den es jenseits der Gränzen un<82, 76>sers Vaterlandes hat, oder auch etwa einen höheren; daß man einen Fond aussetze, um für geschickte, aber arme Arbeiter und Künstler Modelle aus dem Auslande zu verschreiben und ihnen die vorzüglichsten Werkzeuge zu verschaffen. Oder da an manchen Orten ein Verbot der Ausfuhr von Modellen und Werkzeugen statt finden kann, wie z. B. in England der Fall ist, so sende man geschickte junge Männer aus, die im Stande sind, sich über den Mechanismus eines in Rede stehenden Modells oder Werkzeugs zu belehren und es nachmachen zu lernen. *
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Versuch über die Frage: Welches sind die wirksamsten Mittel um den Einwohnern kleinerer Staaten -- den nachtheiligen Hang zu ausländischen Producten und Fabrikaten zu benehmen, und ihnen dagegen mehr Geschmack an deutschen, vorzüglich einheimischen einzuflößen, ohne Zwangsgesetzen eintreten zu lassen, oder den freyen Handel dadurch zu beschränken. -- Eine von der Nürnbergischen Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer Industrie gekrönte Preisschrift. Von Gottfried Heinrich Scholl A. M. und Pfarrer zu Haubersbronn im Würtembergischen. Nürnberg bey Schneider und Weigel, 1799. 8. S. 43 und folgende.
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Wie der Luxus sich bey verschiedenen Nationen äußert, und welche Höhe er hier oder da erreicht hat, ist ein Gegenstand von viel zu großem Umfange, als daß ich davon auch nur eine Uebersicht zu geben vermöchte. Im ganzen bleibt die Welt sich auch hierin ziemlich gleich; wo nähmlich ein Volk lange im Besitze großer Reichthümer ist, da findet man den Luxus gemeinhin immer höher steigen, und benachbarte Nationen glauben diesem verführerischen Beyspielen folgen zu müssen. Bey keinem Volke ist <82, 77> der Luxus aber je so ausschweifend geworden, als bey den Römern nach den Zeiten des Cäsars. In Rom reitzte alles zur Wollust und Weichlichkeit. -- Das Frauenzimmer liebte die Ergötzungen im höchsten Grade, und suchte zu gefallen. Pompäa, die Gemahlin des Nero, badete sich täglich in der Milch von 500 Eselinnen, um ihre zarte Haut noch sanfter und glänzender zu machen.
Die Haare einer Römerinn verbreiteten sich gemeiniglich in langen wallenden Locken auf die Schultern; man überstrich sie mit wohlriechenden Sachen, und bestreute sie mit leichtem Goldstaube, um ihre natürliche Farbe zu erhöhen. Man bediente sich auch eines gewissen Steins, der die Haut glättete, und ihr die schönste Weiße gab.
Man verschwendete unmäßige Kosten auf Ohrengehänge. Die Thorheit des römischen Frauenzimmers, sagt Seneka, war so groß, daß oft eine Einzige zwey oder drey Verlassenschaften an den Ohren trug.
"Hätte ich eine Tochter, sagt Habinnas in dem Gastmahle des Trimalcio, ich wollte ihr die Ohren abschneiden, -- im Ueberfluße würden wir leben, wenn wir keine Weiber hätten.”
Das Oberkleid eines vornehmen Frauenzimmers war über und über gestickt. Es hatte eine lange Schleppe, welche dem Rock ein herrschendes Ansehen gab; doch war derselbe von vorne kurz zugeschnitten, um den Fuß in seinem hohen Schuh blos zu zeigen.
Ein Kaiser, Heliogabalus, machte allerhand Verordnungen wider den übertriebenen Aufwand, wenn er schon als der größte Ver<82, 78>schwender in der Geschichte bekannt ist; doch erlaubte er, die Schuh mit Gold und Edelsteinen auszuschmücken, und er selbst trug an solchen nur ächte Steine, die von den berühmtesten Meistern ausgearbeitet waren.
Man bediente sich in allen vornehmen Häufern eines Bades, ehe man seine Stelle an der Tafel einahm; und die dem Frauenzimmer gefällig seyn wollten, machten solche durch wohlriechende Wasser noch angenehmer. Man ruhte bey der Mahlzeit auf weichen Polstern, um welche die Tische gesetzt wurden, die mit gestickten Decken oder Platten von korinthischem Erze belegt waren. Der Gebrauch der Leinwand war noch nicht eingeführt, und der berühmte Dichter Ovid, der ein römischer Ritter war, meldet in seinen Schriften, daß er mit dem vor ihm stehenden Wein, in den er die Spitze des Fingers getaucht, die Worte: Ich liebe dich! auf den Tisch geschrieben habe. Die Römer hatten wohl Leinwand, aber sie wußten noch nicht den rechten Gebrauch davon zu machen; wenigstens trugen sie davon noch keine Hemden. Ihre Servietten waren von einem Zeuge, der ungemein künstlich ausgearbeitet, und oft mit Gold durchstickt war.
Wir haben nicht erfahren, wie sie ihre Brühen zugerichtet; doch wissen wir, daß sie keinen Aufwand ansahen, der ihre Mahlzeiten schmackhafter machen konnte. Ihre Ausschweifungen gingeu darin so weit, daß ein gewisser Apizius von Minturn mit vieler Gefahr nach Lybien reisete, um die dortigen Meerkrebse zu kosten.
Lukullus untertheilt Krammetsvögel im heißesten Sommer, und ein jedes Gastmahl, <82, 79> das er im Saal des Apolls (denn er hatte deren eine Menge, davon jeder einen andern Namen führte) gab, kostete 5000 Rthl. Plutarch versichert uns, daß er ein Tischgeschirr von Gold gehabt, das durchaus mit den kostbarsten Steinen besetzt gewesen, und daß man während der Mahlzeit Lustspiele vor ihm aufgeführt habe.
Der Schauspieler Aesopus besaß eine Schüssel von Porzellain, die ihm 2500 Thaler gekostet; in dieser pflegte er nur solche Vögel aufzutischen, die am lieblichsten gesungen, oder am besten gelernt hatten, der Menschen Stimme nachzuahmen, von denen er jedes Stück mit 150 Thalern bezahlte. --
Die Söhne des O. Arius schmauseten in Nachtigallen. -- Es war damahls der seltene Geschmack der Römer, daß sie kein Geflügel so niedlich fanden, als die singenden und abgerichteten Vögel.
Nichts ist erstaunenswurdiger, als das Haus, welches Lukullus ohnweit Neapolis erbauete. Man durchbrach Berge und Feisen, hohlte sie zu Gewölben und Schwiebbogen aus, und das Meer ward gezwungen, durch dieselben den Lauf zu nehmen, und sich in die breiten Gräben zu ergießen, die man um dieses kostbare Gebäude hatte ziehen lassen.
Doch war die Vortreflichkeit und Pracht derselben mit derjenigen gar nicht zu vergleichen, mit welcher Nero den Pallast aufführen ließ, der das goldene Haus genannt wurde. In dem Vorhofe, erzählt uns Sueton, stand ein Koloß, der 120 Fuß hoch war, und den Nero vorstellte. Der Umfang dieses Vorhofes war so groß, daß er drey gewölbte Gänge hatte, deren jeder sich auf eine wälsche Meile er<82, 80>streckte. In dem innern Pallaste befand sich ein See, oder ein Behältniß von Wasser, das einem Meere glich. Dieser See war rings umher mit Häusern, als mit einer Stadt umgeben. Ein anderer Bezirk umschloß in diesem Pallast ganze Wiesen, Weinberge und Wälder mit wilden Thieren von allerhand Arten, auch rothem Wildpret. Alle Theile dieses Pallastes glänzten von Gold, Edelsteinen und Perlen von ausnehmender Schönheit. Die Decken der Speisesäle bestanden aus einem beweglichen Getäfel von Elfenbein, welches sich dergestalt lenken und verändern ließ, daß durch gewisse Oeffnungen Blumen und allerhand wohlriechende Sachen herabfielen. -- Man hatte den größten dieser Säle in einer Runde angelegt, die nach Art des Weltgebäudes sich beständig herum drehte. Aus der See und dem Flusse Albula wurden die Wasser zu den Bädern gemischt. Das Ansehen und die Einrichtung dieses Pallastes vergnügte den Nero ungemein. Er sagte, nachdem er den Bau vollendet hatte, daß er nunmehr als ein Mensch wohnen könne. --
Man hatte in diesem kostbaren Gebäude dem Glücke einen Tempel aus gewissen durchsichtigen Steinen erbauet, daß denen, die sich in demselben am Tage aufhielten, auch ohne Fenster, und sogar bey verschloßenen Thüren, alles sichtbar ward. Man hohlte diesen Stein, der Phengites hieß, aus Kappadozien.
Philo hat uns eine schöne Beschreibung der prachtvollen Gastmahle hinterlassen, die man in Rom zu geben pflegte. „Die Betten, sagt er, deren sich die Römer bey den Mahlzeiten bedienten, sind mit Schaalen von Schildkröten, mit Elfenbein oder mit andern Dingen ausge<82, 81>schmückt, die noch weit kostbarer sind. Sie glänzen von Gold und Perlen. Die Decken sind aus Purpur bereitet, der mit Gold durchwirkt, und mit Blumenwerken und Blumen von allerhand Farben sinnreich ausgeziert ist. Man findet daselbst einen ordentlichen Aufsatz von Bechern, Schaalen, und verschiedenen Trinkgeschirren, ingleichen Gläser, Flaschen und Gefäße, die von dem Therikles und den berühmtesten Künstlern verfertigt worden. Ihre Mundschenken oder Tafelbedienten sind junge Knaben, die sich nicht so sehr bemühen, den Gästen aufzuwarten, als ihnen zu gefallen. Einige schenken den Wein; andere reichen Wasser, oder starkes Getränke; ihr Gesicht ist geschminkt, und ihr Haar ist rund geschnitten. Sie tragen sehr dünne leichte Röcke, die mitten um den Leib gegürtet sind. Diese Röcke ohne Aermel gehen nur bis auf das Knie, weil sie den Zipfel aufstechen. In diesem Aufputze erwarten sie den Befehl der Gäste. Ihre Gerichte, Brühen, und was zum Nachtische gehört, das wird alles von Köchen und Bäckern zubereitet, welche ein jedes so wohl zu würzen, auch so zierlich aufzutischen und anzuordnen wissen, daß sie den Geschmack und das Gesicht zugleich vergnügen. Man Decket sieben, und zuweilen mehr Tische, welche mit den kostbarsten Speisen besetzt werden, die Luft, Erde, Meer und Flüsse nur immer hergeben können. Der Unterschied in der Zubereitung ergötzet nicht minder, als die Vortreflichkeit des Fleisches und der Speisen. Zum Beschluß werden noch allerhand seltene Früchte aufgetragen.” --
Die Römer fanden nichts zu schwer, wenn etwas großes auszuführen war. Cäsar ließ im <82, 82> Felde des Mars eine ungeheure Tiefe graben, den Tyberstrom hinein zu leiten, und veranstaltete so auf diese Art ein Seetreffen, in welchem sich 4000 Ruderer und 2000 Streitende befanden.
Nero befahl in gleicher Absicht, einen See mit Wasser aus dem Meere anzufüllen, und besetzte solchen mit Meerwundern.
Klaudius bediente sich, nach dem Berichte des Tacitus, zu einem solchen Wassergefechte der Schiffe, die drey oder vier Reihen von Ruderbänken hatten, und die 19000 bewehrte Leute führten. Der See war mit Flößen umgeben, damit niemand entkommen möchte, doch blieb ein hinlänglicher Raum übrig, um die Schiffe zu regieren, solche zu wenden, auf andere zu stoßen, und alle nöthige Bewegungen machen zu lassen. Auf den Flößen war die kaiserliche Leibwache in verschiedenen Haufen hinter Brustwehren und Höhen gestellt, von welchen man aus großen Maschinen, Bolzen und Steine abschießen konnte. Die Schiffe, deren jedes ein Verdeck hatte, nahmen den übrigen Raum ein. Die Streitenden hielten sich tapfer, ob sie gleich verurtheilte Missethäter waren. Die Schlacht nahm erst ein Ende, nachdem einige getödtet, und viele waren verwundet worden.
Man hatte gewöhnlich in Rom keine Schauspiele; man untertheilt das Volk mit dieser Ergötzung nur zu den Zeiten, die für die römischen Waffen glücklich waren. Die Schauspieler vermehrten sich unter den Kaisern, die solche mit aller Pracht aufführen, und ihnen nichts mangeln ließen, was sie edel oder reizend machen konnte. Gold und Marmor prangten an <82, 83> allen Orten der Schaubühne, und die Zuschauer wurden mit angenehmen Düften von wohlriechenden Sachen, als mit einem süßen Thau erfrischt. Die Künste stiegen nicht so geschwind, als der Geschmack an den Ergötzlichkeiten und dem Ueberflusse. Die Römer waren in allen ihren Unternehmungen groß und prächtig. -- Aber dieser Größe -- dieser Pracht mangelte es gleichwohl an Einrichtung; und man bemerkte hauptsächlich Fehler an den schönsten Mustern ihrer Baukunst. --
In Frankreich, dem eigentlichen Vaterlande des heutigen Luxus, ist derselbe lange Zeit unbekannt geblieben. Die Kleidung des Volks, sogar ihrer Könige, selbst Karl des Großen, war höchst einfach. Die Könige aus dem ersten Stamme bedienten sich eines Fuhrwerkes mit zwey Ochsen. Karl der Kahle kleidete sich auf griechische Art. In der Folge nahm der Luxus sehr zu. Man trug reiche Zeuge und kostbares Pelzwerk. Die Pracht stieg so hoch, daß Philipp August nöthig fand, den Gebrauch gewisser Pelzwerke und des Scharlachs zu verbieten. Unter Karl dem siebenten kam der Gebrauch der Armbänder, Ohrengehänge und Halsbänder bey dem Frauenzimmer auf, und zu eben der Zeit wurden auch erst die Edelsteine recht bekannt.
Vor einigen Jahrhunderten bestand der Luxus mehr in Völlerey, Aufwand und Gepränge, bloß um seinen Reichthum zu zeigen, als in verfeinerten Genüssen und Bedürfnissen, so wie sie unser Zeitalter erheischt. Doch muß man es den Alten zum Ruhme nachsagen, daß ihre Verschwendungen großentheils nur bey feyerlichen Gelegenheiten sichtbar wurden, während sie <82, 84> alltäglich eingezogener und sparsamer lebten. Die Geschichte hat uns unter andern manche Beschreibung von Hochzeiten, nicht nur von Fürsten und reichen Edelleuten, sondern auch von Bürgern aus deutschen Städten aufbehalten, die mit einem Aufwande begangen wurden, der jetzt ins unglaubliche fällt. Bey fürstlichen Hochzeiten war es nicht ungewöhnlich 8 -- 12000 Personen und beynahe eben so viele Pferde wochenlang im größten Uebermaße zu verpflegen, und Leute des Mittelstandes richteten nicht selten verhältnißmäßig eben so übertriebene Freßgelage an.
Da es angenehm ist, das Eigenthümliche der Vorzeit gegen unsere jetzigen Sitten zu halten, und den Abstand zu bemerken: so will ich hier von vielen nur ein paar Beyspiele anführen.
Wilhem von Rosenberg, ein Böhmischer von Adel, vermählte sich nämlich mit Anna Maria, Prinzessin von Baden, im Jahr 1576. Die Vermählungsfeyerlichkeiten fingen zu Krumlow den 26. Januar an und endigten sich den 1. Februar. Daß die Gäste zahlreich und vornehm seyn mußten, beweisen deutlich folgende Rechnungen aus der fürstlichen Küche:
Der Kellner hatte geliefert: 1100 Eimer Ungarischen, Tyroler, Oestreicher und Rheinwein, 40 Pipen Spanischen Wein, 903 Fässer Weltzen=u. Gerstenbier. Außerdem waren noch verbraucht worden: 40 Hirsche, 50 Gemsen, 50 Fässer eingesalzenes Wildpret, 20 wilde Schweine, 2130 Hasen, 250 Fasanen, 4 Drofen (eine Art sehr seltner Vögel), 30 Auerhähne, 2050 Rebhühner, 20,688 Ziemer (Drosseln), Schnepfen und Holztauben, 150 gemästete Ochsen, 15 gemästete Kälber, 20 jährige Kälber, 526 saugende Kälber, 1526 Stück Würste, 150 gemästete Schweine, 456 Leberwürste, 326 Grützwürste, 450 gemästete Hämmel, 395 Lämmer, 504 ungemästete Schweine, 20 geräucherte Ochsen, 40 geräucherte <82, 85> Hämmel, 330 Pfauen, 5735 gemästete Gänse, 450 junge Hühner, 2656 gemästete Kapphähne und Hühner, 18,120 frische und in dem Wasser spielende Karpfen, 13,209 große und kleine Hechte, 95 Barben, 6380 Forellen, 3400 andere große Fische mancherlei Art, 5200 Schock Krebse, 150 große Börse, 200 Eschen, so die Böhmen Lipany nennen, 890 Zenalinkurt, 350 Aalraupen, 350 sonderbare Börse von der kleinern Art, 2309 geräucherte Neunaugen, 2309 geräucherte Forellen, 1972 geräucherte Karpfen, 956 geräucherte Börse und Plateisen, 450 geräucherte Hechte, 350 Stück Stockfisch, 1200 Halbfische und Schollen, 675 grüne, lebendige Neunaugen, 300 Nösel Schmerlen, 350 Häringe im Rauche getrocknet, 350 Häringe an der Luft getrocknet, 40 Hausen, 4 Tonnen eingesalzene Häringe, 30,947 Eyer, 35 Centner Butter, 29 Centner Schmalz, 7 Centner neue Butter, 15 Centner Honig, 13 Centner Wachs, 2 Centner Käse, 50 Centner Unschlitt, 547 Lichter, 3703 1/2 Scheffel Hafer, 490 Scheffel anderes Getreide wurde verbacken.
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Bey der Vermählung Wilhelms von Oranien mit Anna, der Prinzessin Moritzens, Kurfürstens zu Sachsen, fanden sich über sechstehalbtausend Gäste ein, diese verbrauchten denn: 4000 Scheffel Weitzen, 8000 Scheffel Korn, 3600 Eimer Wein, 1600 Fässer Bier, 13,000 Scheffel Hafer.
Die letztere Summe ist in der That nicht zu groß, wenn man weiß, daß der Bräutigam allein 1100 Pferde mitbrachte, und daß überhaupt 6000 Pferde gefüttert werden mußten.
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Eines der glänzendsten Hochzeitfeste des funfzehnten Jahrhunderts hielt Herzog Georg zu Landshut in Schlesien mit der Pohlnischen Prinzessin Hedwig. Ganzer acht Tage dauerte das Ehrengelag, welches 77,766 Dukaten kostete. -- Verbraucht wurden dabey: 300 Ungarische Ochsen, 62,000 Hühner, 5000 Gänse, 75,000 Krebse, 75 wilde Schweine, 162 Hirsche, 17720 Scheffel Hafer, 170 Fässer Landshuter Wein, 200 Fässer ausländischer Wein, 70 Fässer Welscher Wein.
Unter den Gästen nennt die Geschichte besonders den Kaiser Friedrich und seinen Sohn Maximi<82, 86>lian. Außerdem waren noch zugegen 16 Fürsten mit ihren Gemahlinnen, 40 alte Reichsgrafen, 5 Erzbischöfe, -- der gemeinen Ritter gar nicht zu gedenken. -- Täglich mußten 9360 Pferde gefüttert werden.
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Bey der Vermählung des Kurfürsten Christian II. zu Sachsen (im Jahr 1602) wurden 180 Tische ganzer acht Tage lang bloß für das gemeine Hofgesinde gedeckt. -- *
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S. Beyträge zu einer Geschichte des Luxus der Vorzeit. Im Journal für Fabrik, Manufact. etc. etc. Oct. 1799. S. 275 -- 278.
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Zum Beweise, daß aber nicht bloß Fürsten einen Luxus der Art trieben, mögen hier noch folgende Beyspiele stehen.
Bey der Hochzeit eines Rectors der Schulpforta Johannis Justini Pertuchi, im 16ten Jahrhunderte, waren Ein hundert und acht und dreißig Tische voller Gäste. --
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Im Jahr 1493 verheirathete ein Ausburger Bäcker, Veit Gundlinger, seine einzige Tochter an einen Zinkenbläser, Blauch, der aber, weil Zinkenbläser bey weitem nicht den Rang eines Bürgers hatten, seinen musikalischen Verdienst liegen lassen und Bürger werden mußte, um von dem Gelde seiner Frau zu leben und nebenbey einen Weinhandel anzulegen. -- Dieß war denn in den Augen eines Augsburger Bürgers eine wahre Mesallianz, zu welcher nur des Vaters Affenliebe für seine Tochter, die nun einmahl von dem Zinkenbläser nicht ablassen wollte, die Einwilligung gab. --
Das Brautkleid bestand aus lauter einzelnen zusammengesetzten Stücken Stoff und blauem Seitenzeug. *
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Eine Schneidersitte, die man in der Vorzeit sehr häufig findet. -- Die kostbarsten Frauenkleider, besonders bey fürstlichen Personen, bestanden aus einzelnen Stücken, deren Zusammenfügung meist mit schmahlen goldenen oder silbernen Tressen geschah. So bestand z. B. das Brautkleid der Herzoginn von Mecklenburg, Katharina, welche sich mit dem Herzog Heinrich von Sachsen, dem Vater des großen Kuhrfürsten Moriz (1512, den 6. Juli. zu Freiberg), verheyrathete, ans etlichen hundert zusammengesetzten Stücken, welche eine halbe Elle lang roth und gelb, und ein Viertel breit neben einander gesetzt waren. „Hernach der Quere dazwischen Striche zweyer quer Finger breit schichtweise oder würflich von den vier Farben zusammengestickt und genähet, als nähmlich Rosenfarb, gelbe, Aschenfarbe und weiß, welche Farben er (der Bräutigam) sonst allezeit in der Hofkleidung gekennt und in die Aermel mit eingenähet über Hof führen lassen. Solche Kleidung nahm viele Arbeit und war alles Buntwerk” Des Herzogs Bedienten führten V. D. M. I. A. E. (Verbum Dei manet in aeternum -- Gottes Wort bleibet in Ewigkeit --) von Seide auf Atlas gestickt auf den Aermeln (s. Anekdoten, Charakterz. und Sittengem. aus der Sächs. Gesch. 1792 1. St. 27.). Aus eben solchen bunt zusammengenähten Stücken bestanden auch die Kleider der aus dem Altenburger Schlosse geraubten Sächsischen Prinzen, welche noch in der Kirche zu Ebersdorf bey Chemnitz aufbewahrt werden.
Alle Näthe waren mit goldnen Spangen besetzt, um den Saum „des Röckleins” ging eine <82, 87> breite Goldspange, und der Unterrock war „mit köstlicher Arbeit gar fein genähet.” Um die Taille trug sie ebenfalls eine Goldspange und die Armbänder waren mit „edlen Gestein” besetzt. -- Die Strümpfe hatte sie mit „güldnen Fädlein” gebunden, und die Schuhe reich mit Silber beblecht. Kurz die Braut war so reichlich geputzt und mit hochzeitlichem Schmuck geziert, daß die „Leutlein oft der Gassen” sie ins Angesicht lobten und an dem „köstlichen Bräutlein sich nicht ersättigen konnten.”
Der Zinkenbläser Blauch hatte, wie die Chronik meldet, nichts als ein grünes Röcklein an, große Schnäbel an den Schuhen und eine breite Goldspange um seinen Hut.
Nach der Trauung, welche Mittags um zwölf Uhr geschah, wurde an 60 Tischen gespeiset, und an jedem „Tischlein säsen 12 Männlein und Frawen,” das giebt denn ein Facit von 720 Hochzeitgästen. Davon zählte die Verwandtschaft des Bäckers 213, die des Zinkenbläsers 157, der Bäckerknechte, welche man dabey weidlich bewirthete, waren 170 -- die übrigen waren „Rathsherrlein und fürnehme Herren und Frawen.”
<82, 88>
Das Ehrengelag dauerte ganzer acht Tage. Man aß und trank, schwärmte und tanzte so, daß am siebenten Tage schon viele wie todt hinfielen, und nur durch das Spektakeln der übrigen immer wieder ins Leben gebracht wurden. Auch der Minne ward dabey natürlich nicht vergessen, und die Rathsherren koseten gar lieblich mit den Frauen und Töchtern der Bürger.
Freund Gundlinger hatte zu dem Ehrengelag ins Haus geschafft „20 Oechslein, 49 Zicklein, 500 Stück allerley Federvieh, 30 Hirsche, 15 Auerhähne, 46 gemästete Kälber, 900 Stück Würste, 96 gemästete Schweine, 25 Pfauen, 1006 Gänse, 15,000 allerley Fische, als Hechte, Barben, Krebse, Aalraupen, Forellen u. s. w. Von dem Mehl, welches zu Kuchen und Brot verbacken wurde, heißt es, es sey fast viel darauf gegangen.” -- Man kann also schon aus der bisherigen Rechnung sich einen kleinen Ueberschlag machen.
Als der letzte Gast sich zum letzten Mahl den Mund abgewischt hatte, waren der übrig gebliebenen Brosamen noch so viele da, daß Meister Gundlinger, wie die Chronik sagt, den Augenblick wieder eine Hochzeit hätte ausrichten können.
An baarem Gelde gab er seiner Tochter „3000 güldne Stücke” mit -- was das für Stücke waren, weiß ich nicht -- wenn es auch nur halbe Dukaten heißen sollen, so ist dieß für die damahligen Zeiten immer eine enorme Mitgabe. Die übrige Ausstattung wird so reichlich angegeben, daß die Frau Zinkenbläserin „für ihre Kind und Kindlein” noch davon aufheben konnte. --
Den Tag nach der Hochzeit brachten die Gäste der Braut, welche hinter einem Tische wie eingeklammert saß, ihre Gaben. -- Nahmentlich sind diese zwar nicht aufgeführt, doch wird im Allgemeinen gesagt, daß die ärmsten Bürger mehr opferten, als die fettesten Rathsherrlein -- eine Bemerkung, nach welcher man nicht erst Jahrhunderte zurücksteigen darf. -- Die Beckenknechte hatten zusammengelegt und brachten einen großen Pokal, einer halben Elle hoch, welcher fast schwer war und sich nicht wohl erheben ließ. Als man aber hinein schaute, fand man in dem großen Pokal noch einen kleinern, und <82, 89> in dem kleinern wieder einen noch kleinern, und in diesem wieder einen andern u. s. w. -- *
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S. Beyträge zu einer Geschichte des Luxus der Vorzeit. Im Journal für Fabrik, Manufactur etc. Oct. 1799. S. 281 -- 284. -- Viele andere Beyspiele vom Luxus des Mittelalters findet man von eben diesem Verfasser im April= und Auguststücke dieses Jahrgangs erzählt.
Jetzt ist der Luxus unstreitig in England, und vorzüglich in London am höchsten gestiegen, wo bekanntlich auch die mehrsten Mittel zusammenströmen, jeden ausschweifenden Wunsch der vielen üppigen Reichen zu befriedigen. Da ich hiervon im Artikel London, Th. 80, S. 561. 565 etc. etc. indessen schon manche auffallende Angabe beygebracht habe: so will ich mich nicht länger dabey aufhalten, sondern nur noch über diesen vielumfassenden und vielseitigen Gegenstand, den ich nur in einigen Rücksichten habe berühren können, die nöthigen Schriften angeben.
1. Ueber den Luxus älterer und neuerer Zeit, und allgemeine Betrachtungen über denselben.
Sieveking' s Fragmente über Luxus, Bürgertugend und Bürgerwohl, im 4ten Bande der Schriftensammlung der Gesellschaft zur Beförderung der Künste.
Von dem Wohlleben des handelnden Bürgers. Von Johann Georg Büsch. In dessen vermischten Abhandlungen. II Th. Hamburg bey Herold 1777. 8. S. 271 -- 362.
Beytrag zur Geschichte des altdeutschen Luxus; aus Meusels histor. liter. Magazin. Th. 2, S. 169. Steht im 59 St. des hannov. Magazins 1792. Col. 933 -- 936.
Luxus der Landwirthe. S. Abhandlung über den Zustand der gegenwärtigen Aufklärung in der Oekonomie. Rostock 1785. 8. S. 45.
<82, 90>
Lawätz über Pracht, Aufwand und Verschwendung, und die zu deren Vertilgung und zur Ausbreitung bürgerlicher Tugend in Kopenhagen sich verbundene Gesellschaft. S. Monathliche Hefte zur Beförderung der Cultur. IV Heft, S. 319.
Jung über die Wirkungen des Luxus auf die Gewerbe. S. dessen Abhandlungen, S. 140.
Maßstab der modischen und häuslichen Bedürfnisse zu Anfange des 17ten Jahrhund. in Deutschland. S. Journal des Luxus und der Moden. Febr. 1790. S. 73.
Luxus der alten Römer. S. Magdeburgische gemeinnützige Blätter, 1789. 21 St. Auch Wekhrlin hyperbor. Briefe 6 Band N. 16. S. 43. Posselt wissenschaftliches Magazin III Band, I Heft, S. 47. -- Zur Zeit der Kaiser Meiners und Spittlers götting. histor Magaz. VI. 215. 238. Hoff historische Encyklopädie IV. Th. S. 451.
Geschichte des Luxus der Athenienser von den ältesten Zeiten an bis auf den Tod Philipps von Macedonien, von C. Meiners. Cassel 1781. 4. 7 1/2 Bog. (Eine Abhandlung, welche bey der Hessen=Casselschen Gesellschaft der Alterthümer den auf das Jahr 1781 ausgesetzten Preis erhalten hat. Recensirt im 153 St. der götting. gelehrten Anzeigen 1781, S. 1225. Im 345 St. der Leipzig. gel. Zeit. 1782, S. 435. Im 2ten Stück des 62sten Band. der A. D Biblioth. S. 449 -- 450.) -- Wieder abgedruckt zu Lemgow 1782. 6 Bog. gr. 8. (mit Genehmigung des Verfassers und der Casselschen Gesellschaft der Alterthümer. Mit einigen kurzen Zusätzen vermehrt.)
Geschichte des Luxus in Sachsen. Journal für Sachsen. 1792. VII St. S. 587. VIII St. S. 653. IX St. S. 752.
Zur Geschichte des Luxus deutscher Höfe, dessen Entstehung und Folgen. Schlözers Staats=Anzeigen. 72 Heft, S. 502.
Ueber Luxus. von Benjam. Franklin. Journal der Moden etc. Aug. 1794. S. 372. Berlin. Monathsschrift Octob. 1792. S. 314.
Ist Luxus ein Beförderungmittel oder ein Hinderniß unserer Glückseligkeit? von L. C. C. Viel= <82, 91> lodter. Im Journal für Fabrik, Manufact etc. Febr. 1795. S. 128 -- 147.
Einfluß des Luxus auf Industrie und den Geldumlauf. Eben das. Junius 1794, S. 401.
Plüquet philosophisch=politischer Versuch über den Luxus. Aus dem Franz. Zwey Theile Leipzig 1789, 8.
Ueber die Sittlichkeit des Luxus und der Singspiele, veranlaßt durch Herrn Prof. Ehlers über beyde in der 15, 16 und 18ten Betrachtung des ersten Theils seines Buches über die Sittlichkeit der Vergnügungen) angestellte Betrachtungen; steht in N 11 des deutschen Merkurs vom Jahr 1779, S. 112 -- 133.
Die Unschädlichkeit des Luxus unsers Zeitalters, und dessen zweyseitiger Einfluß auf den Staat die Handlung und die Sitten. Aus Beypielen voriger Zeiten erweisen von L. G. Gründler. Berlin bey Maurer. 1789. 94 S. 8.
Lor. Hübner Abhandlung vom Luxus oder schädl. Pracht. Burkhausen 1776, 4.
Probeschrift von dem Luxus der heutigen europäischen Staaten, von F. L. Pfeiffer. Stuttgard 1779. 99 S. 4.
Ist es einem Staate zuträglich, wenn die Einwohner desselben auf eine jedem selbst gefällige Art Wohlleben und Aufwand machen? Steht statt einer Vorrede vor dem 6ten Bande des Alton. neuen gelehrt. Merkurs, a. d. Jahr 1778.
Ueber die Handlung und den Luxus. Königsberg 1792. 4 1/2 Bog. 8. Recens im 2 St. des 9 Band. der N. Allg. D. Bibl. S. 462 flg.
Schädlichkeit des Luxus mit Gold und Silber auf Kleidern, an Gebäuden, Meublen und andern Geräthschaften. S. Schlettwein' s Neues Archiv. I. S. 103.
Mittel dem Luxus, der Ueppigkeit und Verschwendung zu steuern; von Bertuch. Journal der Moden, Aug. 1787. S. 255.
Vom Luxus in Berlin. S. Zöllner' s Lesebuch im VIten Theile.
Patriotische Damen=Verbindungen gegen den Luxus. S. Monathliche Hefte zur Beförderung der Cultur. II Heft, S. 151.
<82, 92>
Extravagance supported on the Principles of Policy and Philosophy. London, Symonds 1788. 87 S. 8.
Hs. Mr. Graf von Brühl über den Luxus. S. für ältere Literatur und neue Lectüre. III. Jahrgang. I Q.
Sm. Heineke über Mode=Journale. S. Journal von und für Deutschl. 1788. III. St. -- Ein anderer, eben darüber. S. Kern' s schwäb. Magz. zur Beförd. d. Aufkl. I B, IV St.
Einige zerstreuete Sätze über den Luxus. S. Berlin. Monathsschr. 1792. Aug. S. 153 -- 162.
Jac. Fr. Neikter, Diss. Theses de effectibus utilibus vel noxiis, e Luxu derivandis. Upsal. 1791. 12 S. 4.
Discours sur le Luxe et l' Hospitalité considérés sous leurs rapports avec les Meurs et l' Education nationale; par Madame de Genlis. Paris 1761. 46 S. 8.
II. Verschiedene Luxus=Verordnungen, und Betrachtungen über deren Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit.
Aufwandsgesetze in Frankreich. 1294. S. deutsche Monathsschrift. Jun. 1795. S. 118.
Eine Ordnung der Regierung, welche Herz. Wilh. III in Sachsen, nach der Erbtheilung mit seinem Bruder, Churfürst Friedrich dem Sanftmüthigen, mit Beyrath seiner Grafen, Herren, Ritterschaft und Städte 1446 zu Weißensee errichtete, darin zugleich der Punct des Aufwands weitläufig berührt ist, steht in der von Canzler und Meißner herausgegebenen Quartal=Schrift, für ältere Literatur und neuere Lectüre, III Jahrgang, III Heft, Leipzig 1785, 8. S. 89 bis 95. Diese Verordnung wurde 1501 von neuem eingeschärft, in den folgenden Polizey=Gesetzen aber, den Zeitumständen nach, abgeändert und näher bestimmt.
Maynzer Verordnung gegen den Luxus, vom 5ten May 1783. S. Schlözers Staatsanzeigen IV Band, 14 Heft S. 156. Auch Schletweins Archiv VII. S. 1.
Verordnung in Stockholm gegen den Luxus. Politisches Journal. Febr. 1794, S. 216. März, S. 258. -- Von einer neueren, die unter andern <82, 93> den Gebrauch des Kaffees gänzlich untersagt, s. Journal für Fabrik, Manufact. etc. Jan. 1799, S. 65.
Chur=Braunschweig=Lüneburg. Verordnung, den Luxus betreffend; vom 4ten Febr. 1774. S. Bergius Landesgesetze VII. S. 143.
Lübeckische Verordnung von 1748. Eben das. S. 152.
Prachtgesetze der Republik Bern, erneuert im Jahre 1777. S. Weimarsches Magazin 1786, S. 223.
Aeltere Nürnbergische Prachtgesetze, aus dem 14n Jahrhundert St. in Jägers juristischem Magazin für die deutschen Reichsstädte. Ulm 1790. 8. S. 315 -- 328.
Königlich Dänische Verordnung wider den Luxus, von 1783 und 1784. S. Urkunden und Materialien zur Geschichte nordischer Reiche, 2te Fortsetzung. S. 245 -- 277. Damit ist besonders zu vergleichen: Einige Bemerkungen über die Einschränkung des Luxus in Dänemark, im Deutschen Magazin. Altona 1799 May S. 525--544. In diesem Aufsatze werden die Puncte der Luxus=Verordnung von einem einsichtsvollen Patrioten näher beleuchtet, und es wird gezeigt, daß das Uebel zu tief liege, um ganz unterdrückt werden zu können.
Von Einrichtung und Zweck der Gesetze wider den Luxus. 1780. 4. 1 1/2 Bog.
Sam. Sim. Witte, über die Schicklichkeit der Aufwandsgesetze. Leipzig 1782. gr. 8. 7 1/2 Bogen. (Eine Beantwortung der darüber durch die Aufmunterungs=Gesellschaft zu Basel im Jahr 1780 aufgegebenen Preissrage.)
Wirkungen der vom Großherzoge von Toscana ergangenen Warnung wider den Luxus. S. Ephemeriden der Menschheit. Sept. 1782, S. 365.
In wie fern ist es schicklich, dem Aufwande der Bürger in einem kleinen Freystaate, dessen Wohlfahrt auf die Handelschaft gegründet ist Schranken zu setzen. S. Schweitzer. Museum. 1787, S. 857 -- 883. Engelbrecht Materialien für den Kaufmann. I. Th. 1787. S. 483.
Semer über den Werth der wider den Luxus ergriffenen Maßregeln. S. Vorlesungen der Churpfälzischen Gesellschaft. IV. B. II. Th. S. 1.
<82, 94>
Ueber die Aufwandsgesetze. Im Magazin der Gesetzgebung etc. etc. I Th. S. 345.
Cella über die Unbilligkeit der Einschränkung des Luxus durch Landesherrliche Befehle. In seinen freymüthigen Aufsätzen, Anspach 1784. 8. die erste Abhandlung.
Ueber die Nothwendigkeit der Prachtgesetze in einem freyen Staate. Zürich 1769, 82 S. 8. (Dieses Werkchen besteht in einer Abhandlung vom Herrn Tscharner zu Bern, und einem Ge=Gespräche von Herrn Iselin zu Basel).
Ueber die Aufwandsgesetze. Sammlung einiger Schriften, welche bey der Aufmunterungs=Gesellschaft in Basel eingelaufen sind, über die Frage: in wie fern ist es schädlich, den Aufwand der Bürger in einem kleinen Freystaate, dessen Wohlfahrt auf die Handelschaft gegründet ist, Schranken zu setzen? Basel 1781, 10 1/2 Bog. 8. (Es sind vier Abhandlungen; drey deutsche, vom Herrn Prof. Meißner in Zürich, Pestolozz, und einem Ungenannten; und eine französische von einem Ungenannten.) recens. im 91 St. der Götting. Anzeig. 1781, S. 722 -- 725; 31 St. der Strasburg. gelehrt. und Kunstnachrichten 1782, S. 239 -- 245. 2 St. des 51 Band. der Allg. D. Biblioth., S. 556--558.
Gibts Mittel, dem Luxus zu steuern? (Vorschlag zu einem Gesetze) S. Journal des Luxus und der Moden. II. V S. 225.
Mode , die, die eingeführte Art des Verhaltens im gesellschaftlichen Leben, die Sitte, Gewohnheit; und in engerem Verstande, die veränderliche Art der Kleidung und der Anordnung alles dessen, was zum Schmucke gehört, wofür man ehedem auch das Wort Weise gebrauchte. Sich nach der Mode kleiden. Eine Mode mitmachen. Eine neue Mode aufbringen. Es ist die Mode so. Aus der Mode kommen etc. Wo es zuweilen auch in Gestalt eines Nebenwortes gebraucht wird. Dieser Kopfputz ist nicht mehr mode, d. i. gewöhnlich, üblich. Es wird bald wieder mode werden. *
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Das Wort Mode ist aus dem Franz. Mode entlehnet, welches wiederum von dem Lat. Modus, die Art und Weise abstammet. Indessen hat es doch schon das Bürgerrecht im Deutschen gewonnen, zumahl da die meisten Deutschen seit langer Zeit in der Art der Kleidung und des Schmuckes eben so veränderlich sind, als die Franzosen.
Man kann mit diesem Worte allerley Zusammensetzungen machen, sowohl Dinge zu bezeichnen, welche mode sind, Modewörter, Modetracht, Modekleidung, Modezeug etc. als auch Personen, welche sich nach der Mode bequemen, dieselbe zu beobachten und bey andern zu befördern suchen, ein Modeschneider, Modedichter, Modeprediger etc.
<92, 368>
Bevor wir die Moden nach ihrem jetzigen Umfange und Einflusse betrachten, wird es interessant seyn, einige Blicke in die Vorzeit zu thun, um den Ursprung und den Wechsel der Moden in den vergangenen Jahrhunderten kennen zu lernen. *
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S. Ueber den Einfluß des beständigen Aufenthaltes der Damen an den Höfen der Könige und Fürsten auf die Kleidung und den Putz beyder Geschlechter; nebst Betrachtungen über den Ursprung und Wechsel der Moden in den vergangenen Jahrhunderten. Von dem Herrn Hofrath Meiners in Göttingen. Steht in dem Neuen Hannöv. Magazin 28. St. 1798. Col. 43 fl., von welchem schätzbaren Aufsatze ich hier das vorzüglichste entlehne.
Die alteuropäischen Völker unterschieden sich von jeher von allen andern Nationen der Erde nicht nur durch den Schnitt ihrer Kleider, und die Art ihres Putzes, sondern auch durch die Geneigtheit, die Formen der Kleidung und des Putzes abzuändern, und fremde Trachten oder Verzierungen des Körpers anzunehmen. Die germanischen und andere nicht slavische Völker unsers Erdtheils, hatten selbst in den ältesten und früheren mittleren Zeiten bald etwas längere oder weitere, bald etwas kürzere oder engere Ober= und Unterkleider. Sie schnitten bald ihr Haupthaar kurz am Nacken ab, bald nährten sie es, und trugen es entweder frey fliegend, oder auf mancherley Art zusammengeflochten und aufgeflochten. Bald ließen sie sowohl den Kinnbart als den Knebelbart wachsen, und zu andern Zeiten schoren sie den <92, 369> Bart auf den Lippen wie am Kinn glatt ab. Auch die Bedeckungen des Kopfs und der Füße waren in Rücksicht auf Größe und Formen häufigen Abwechselungen unterworfen. Wenn ein solcher charakteristischer Zug, dergleichen die Geneigtheit zu neuen Moden, oder zu beständigen Abänderungen in der Bedeckung und Verzierung des Körpers ist, nicht etwa eine Nation sondern alle Nationen von gleicher Abstammung durch alle Jahrhunderte, durch alle Stufen, durch alle Revolutionen ihrer Cultur, ihrer Verfassung und Gesetze begleitet: so kann man den Grund davon nicht in wandelbaren äußern Ursachen, sondern man muß ihn in den eigenthümlichen Naturanlagen solcher Völker suchen. Die alten Germanier und andere ihnen verwandte Bewohner unsers Erdtheils liebten Veränderungen in Kleidern und Putz mehr als alle übrige Nationen, weil sie von Natur eines freyern, unbefangenern Geistes waren, und nicht blos das Alte und ihnen Eigenthümliche für das einzige Gute hielten, sondern vielmehr das Neue und Ungewohnte mit dem Alten und Gewohnten unpartheiisch verglichen, und wenn sie jenes vorzüglicher fanden, dieses willig aufopferten; weil ferner beyde Geschlechter eine lebhaftere Begierde hatten, sich einander zu gefallen, und sich eben deswegen bestrebten, die Vorzüge des Körpers durch Kleidung und Putz geltend zu machen und zu erhöhen, und hingegen die Gebrechen des Körpers zu verstecken: weil endlich selbst das Sonderbare und grell Abstechende nicht unbedingt mißfiel, sondern sehr oft nur ein Mittel wurde, Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Verachtung und Abscheu hervorzubringen. Die Morgenländer und alten Slaven blieben den Trachten und dem Putz ihrer ältesten Vorfahren unverrückt treu, weil sie <92, 370> dieselben für die einzig schönen, bequemen und schicklichen hielten: weil sie ihre Weiber ungesehen kauften, nach der Hochzeit als Gefangene einsperreten und als Sclavinnen behandelten, weswegen die Männer wenig oder gar keine Veranlassung hatten, den Weibern und die Weiber keine, den Männern zu gefallen, weil sie endlich wegen der Trägheit ihres Geistes so sehr an dem einmal Gewohnten klebten, daß das Fremde und Seltsame nicht blos Aufmerksamkeit, sondern Spott, Beschimpfungen und Verfolgungen nach sich zog.
Der natürliche Hang der Europäer zu Veränderungen in Kleidung und Putz, mußten sich um desto mehr oder weniger äußern, je mehr oder weniger man Gelegenheit hatte, fremde Trachten und Verzierungen zu sehen: jemehr oder weniger Reitze für beyde Geschlechter vorhanden waren, sich einander gefällig zu machen: für ein je größeres oder kleineres Verdienst es endlich gehalten wurde, sich durch das Neue und Auffallende in Kleidung und Putz auszuzeichnen. Alle diese Bemerkungen werden durch die Aussprüche der Geschichte auf das vollkommste bestätigt.
Die Schriftsteller des 14ten und 15ten Jahrhunderts reden viel häufiger von Veränderungen der Moden, als die der ältern Zeiten. Die Ursachen davon lassen sich sowohl in den Hauptbegebenheiten der letzten Jahrhunderte des Mittelalters, als in den Verhältnissen der europäischen Völker leicht auffinden. Die langwierigen Kriege der Engländer und Franzosen, und die Heerszüge der Deutschen, Franzosen und Spanier nach Italien brachten ein solches Umherschwärmen von Söldnern, und eine solche Mischung von Völkern hervor, dergleichen seit den Zeiten der Kreuzzüge nicht statt gefunden hatten. Die Heere der Engländer, <92, 371> Franzosen und Italiäner waren aus gemietheten Kriegern von allerley Völkern zusammengesetzt, und die Heere eines jeden Hauptvolks wurden aus ihrer Heimath in fremde Länder fortgeführt. Wenn die Söldner, die viele Jahre in fremden Ländern gedient hatten, in ihr Vaterland zurück kehrten, so behielten sie nicht selten die Trachten und Zierrathen bey, welche Beweise ihrer merkwürdigen Thaten und Abentheuer waren; und diese fremden Trachten und Putzwerk fanden unter den Mitbürgern der zurück gekehrten Krieger nicht selten Beyfall, wenn sie durch den Stand und die Würde, oder den Ruhm und die Verdienste der ersten Einführer empfohlen wurden. Gleiche Wirkungen hatten die Durchzüge von fremden Heersschaaren, *
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So brachten z. B. die Engländer im Jahre 1365 ganz neue Moden in Strasburg und im übrigen Elsaß auf. Man sehe Königshofens Chronik, S. 127. Meiners Geschichte des Mittelalters. II. S. 125.
und die Reisen von Kaufleuten, welche durch das Aufblühen der Städte, besonders der deutschen, italienischen und niederländischen Städte viel häufiger wurden, als sie in älteren Zeiten gewesen waren. Der Dichter Conrad Celtes warf es sowohl den in allen Landen umher reisenden Kaufleuten, als den in ganz Europa umher ziehenden Fürsten vor, daß sie die Kleidung und Sprache der Väter verachteten, und neue Kleidung wie fremde Sprachen einführten. *
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De origine. situ, moribus et institutis Norimbergae c. 6. in oper. Pirkheimeri p. 127.
Wenn sie aber gleich Kleidung und Putz im 14ten und 15ten Jahrhunderte öfter als vorher veränderten, so kam doch dieser Wechsel der Moden dem Wechsel späterer Zeiten lange nicht gleich. Es gab in Europa bis zum Ausgange des 15ten <92, 372> Jahrhunderts kein tonangebendes Volk, keine tonangebende Hauptstadt, keine Classen von Menschen, auf welche man als die Muster in Kleidung und Putz hingesehen hätte, keine Künstler und Künstlerinnen, welche der modesüchtigen Welt mit ihren Erfindungen und Arbeiten zu Hülfe gekommen wären. Die neuen Moden wurden selten oder niemahls allgemein, und erstreckten sich selten oder niemahls über alle Theile der Kleidung und des Putzes. Wenn auch einige oder manche Personen fremde Trachten und fremden Putz annahmen, so warfen sie deswegen die vaterländischen Trachten und Zierrathen nicht ganz weg. Jedes Reich, jede Provinz, jede große Stadt behielt ihre eigenthümliche Tracht, die nur bisweilen mit andern Trachten abgewechselt wurde. *
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Gegen das Ende des 15ten Jahrhunderts trugen z. B. die deutschen Damen schwarze Kleider. Die Königinn Margarethe von Navarra sagt von einer deutschen Edelfrau, daß sie getragen habe les habits noirs à l' Allemande. Nouvelles Vol. II. p. 162 Edit. de Berne 1781. Die Damen in Augsburg hatten selbst an festlichen Tänzen große Schleyer, die ihnen beynahe das ganze Gesicht bedeckten. Der Kaiser Maximilian ließ die Damen im J. 1517 bitten, daß sie auf einem bevorstehenden Geschlechtertanz ihre Schleyer ablegen, und mit offenen Gesichtern erscheinen möchten. Die Damen antworteten durch den Bürgermeister Peutinger: daß sie dem kaiserlichen Befehl nachzukommen bereit wären. S. von Stetten Geschichte der Stadt Augsburg. Th. 1. S. 280.
Im 14ten und noch mehr im 15ten Jahrhundert war der burgundische Hof der prächtigste in ganz Europa, und was also an diesem Hofe getragen wurde, das erkannte man allenthalben als schön an. Bevor man die Prinzessinn Isabelle von Baiern dem jungen Könige Karl VI. von Frankreich zuführte, nahmen die Herzoginn von Braband und ihre Tochter, die Herzoginn von Burgund, die junge Dame gleich<92, 373>sam in die Schule, lehrten sie, wie sie sich tragen und verbeugen müsse, und kleideten und putzten sie neu und prächtig heraus, weil ihre deutschen Trachten viel zu einfach waren. *
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Froissart Vol. II. p. 287.
Die Kleidung und der Putz, in welchen die königliche Braut erschien, wurden am französischen Hofe so sehr bewundert, daß man Isabelle von Baiern nach zwey Jahrhunderten als die erste Urheberinn der weiblichen Kleiderpracht nannte, *
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Brantome Dames illustres p 211.
wiewohl Brantome hinzu setzt, daß die Pracht der Königinn Isabelle von Baiern in Vergleichung mit dem Luxus späterer Zeiten nur Armseligkeit gewesen sey. Nichts destoweniger wurden die burgundischen Moden nicht herrschende Moden an den übrigen Höfen. Vielmehr ahmte man im 14ten Jahrhunderte die deutschen Trachten in fremden Landen nach, und Heinrich von Lancaster trug im Jahre 1399 bey seinem Einzuge in London nach deutscher Art einen kurzen Waffenrock von Goldstoff. *
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Froillart IV. ch. 114. p. 338.
Im Anfange des 16ten Jahrhunderts fand die Modesucht noch viel mehr Stoff, als sie in den beyden vorhergehenden Jahrhunderten gefunden hatte. Durch die Entdeckung der beyden Indien wurden der Handel und die Schiffahrt, die Reichthümer und die Gemeinschaft der europäischen Völker außerordentlich erweitert, und in den Kriegen, welche Karl V. sowohl mit Franz dem Ersten als mit den deutschen Fürsten führte, hatten die spanischen, französischen, deutschen und italienischen Fürsten, Gesandten und Krieger viel häufigere Gelegenheiten als bisher, die Trach<92, 374>ten und den Putz von vielerley Nationen kennen zu lernen, oder auch für andere Muster zu werden. Die Spanier waren unter allen europäischen Völkern dasjenige Volk, das am allerwenigsten die Kleidung und Zierrathen anderer Nationen annahm, und dessen Kleidung und Putz hingegen in den glorreichsten Zeiten Karl' s V. am allermeisten herrschend wurden. Die spanischen und italienischen Damen, sagt Brantome, hielten von jeher mehr auf köstliche Wohlgerüche und prächtige Kleider, als die französischen; auch haben die letztern die Muster und Erfindungen der erstern nachgeahmt. *
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I. p. 263. Dam. Gal.
In Deutschland und Italien wurden sowohl die männlichen als die weiblichen spanischen Trachten allen übrigen vorgezogen. *
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Schmidt Geschichte der Deutschen, VII. 137. 138. Ioh. Boeme de mor. Gent. III. c. 18. In der deutschen Uebers. von 1604. Frankf. S. 444.
Die Herrschaft, wenigstens die Alleinherrschaft der spanischen Moden dauerte nur eine kurze Zeit. Ungefähr in der Mitte des 16ten Jahrhunderts wurde der französische Hof das Muster aller übrigen Höfe, und die Franzosen erhoben sich als diejenige Nation, deren Kochkunst und Tafel von den übrigen europäischen Völkern am meisten geschätzt, deren Sprache am allgemeinsten geredet und deren Trachten am allgemeinsten nachgeahmt wurden. In Italien behielten die Weiber auch in der letzten Hälfte des 16ten Jahrhunderts zum Theil die spanischen Moden bey, allein die Männer trugen sich ganz nach französischer Weise, und in Deutschland waren die französischen Trachten so sehr verbreitet, daß nach Boemen' s Zeugniß <92, 375> fast kein Dorf war, in welchem man dergleichen nicht gefunden hätte. *
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l. c. und III. Cap. 22. S. 473. nach der deutschen Uebersetzung.
Man kann überhaupt annehmen, daß in ältern Zeiten die Trachten der Männer sich öfter veränderten und schneller mittheilten, als die Kleidung und der Putz der Weiber, weil die Männer häufiger reisten, und also mehr sahen und gesehen wurden, als ihre Frauen und Töchter. Dies dauerte so lange, als die Modesucht fremde Muster bloß nachahmte, und nicht neue und eigenthümliche Moden erfand. Während daß die männlichen Trachten in Frankreich von den Italienern, Deutschen und andern europäischen Völkern angenommen wurden, ahmten die französischen Damen noch immer fremde Moden nach. Die schöne Marie von Schottland kleidete und putzte sich als Gemahlinn Franz II. bald nach schottischer, bald nach französischer oder italienischer und spanischer Art. *
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Brantome Dames illustres p. 117.
Selbst noch in den ersten Zeiten Philipp' s des Zweyten von Spanien ahmten die französischen Damen die Kleidung und den Putz der verwittweten Herzoginn von Lothringen, Christine von Dännemark nach, die sich an dem Hofe Philipp' s des Zweyten in den Niederlanden aufhielt; *
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Brantome Dames galantes II. p. 97. 98.
und mit diesem lothringischen Putz zeigten sich die französischen Damen nur an großen Hoffesten, wenn sie sich ungewöhnlich schmücken wollten.
Der französische Hof wurde schon das Muster aller übrigen Höfe, weil Ludewig II., Franz der Erste und Heinrich der Zweyte alle andere Könige und Fürsten der Christenheit durch <92, 376> die Menge und Schönheit ihrer Palläste und Lustschlösser, durch die Pracht ihrer Meublen, ihrer Tafeln und ihres Tafelgeschirrs, durch den Glanz ihrer Jagden und anderer Hoffeste, am allermeisten aber durch die Zahl, die Schönheit und Cultur des an ihren Höfen versammelten Adels von beyderley Geschlecht übertrafen. Auch waren die Herren und Damen am französischen Hofe nicht durch eine strenge Etiquette von einander abgesondert, wie an dem spanischen oder an den italienischen Höfen. Sie sahen sich etwa nicht bloß an großen Galla=Tagen und Hoffesten. Der Umgang beyder Geschlechter am französischen Hofe war eben so frey, als er ununterbrochen war. Diese beständige und ungehinderte Gemeinschaft des reichsten, vornehmsten und schönsten Adels von beyderley Geschlecht mußte nothwendig die Begierde zu gefallen, unendlich mehr reitzen als in ältern Zeiten, wo die Ritter und Damen nur selten und auf wenige Tage an Turniren oder großen Hoffesten zusammen kamen. Die stets rege Begierde zu gefallen, hatte natürlich die Wirkung, daß die Herren und Damen sich bald durch die Kostbarkeit, bald durch die schönen und neuen Formen ihrer Kleidung und ihres Putzes auszuzeichnen strebten. Eben so natürlich war es, daß die Kleidung und der Putz, die an dem glänzendsten und am meisten gebildeten Hofe in ganz Europa gefallen hatten, auch von der Hauptstadt und dem übrigen Reiche, und nicht bloß von diesem, sondern selbst von andern Reichen und Ländern bewundert wurden. Der Zeitpunkt also, wo Anna von Bretagne, Gemahlinn Ludewig' s XII. zuerst ihren Damenhof bildete, *
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Brantome Dames illustr. p. 9.
und Franz <92, 377> der Erste und Heinrich der Zweyte diesen Damenhof immer erweiterten und verherrlichten, dieser Zeitpunkt war auch die Epoche des Uebergewichts des französischen Hofes über alle andere europäische Höfe, und der beständige Aufenthalt der schönsten und edelsten Frauen und Jungfrauen an den Höfen der französischen Könige war die vornehmste Ursache, warum der französische Hof der Sitz und das höchste Muster der Moden nicht nur für ganz Frankreich, sondern für ganz Europa wurde. Die Herrschaft der Mode in Frankreich entstand später als die des regierenden Königsstamms; allein sie gründete sich fester, als die Gewalt des letztern. Der Thron der Könige ist umgestürzt, und die Mode herrscht noch immer von Paris aus über einen großen Theil von Europa.
Unter Ludewig XII. nahm der allgemeine Wohlstand des Reichs und die Pracht in Häusern und Hausrath, in Trink= und Tafelgeschirr, in Kleidung und Putz außerordentlich zu. *
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Man sehe besonders die Comparaison des Rois Louis XI. et XII. im 2ten Bande der Histoire de Comines par Lenglet de Fresnoy p. 299. 300.
Man findet vielleicht aber keine Spuren in den gleichzeitigen Geschichtschreibern, aus welchen man schließen könnte, daß die zahlreichen Schaaren von schönen Damen, welche Anna von Bretagne zuerst an ihrem Hofe versammelte, einen merklichen Einfluß auf den Aufwand und den Wechsel von Kleidern und Putz gehabt hätten.
Unter Franz dem Ersten stieg die Pracht des Hofes überhaupt und auch die Pracht in Kleidern und Putz sowohl unter den Herren als unter den Damen des Hofes schnell und um viele <92, 378> Grade. An großen Hoffesten schenkte der König manchen Damen die kostbarsten Kleider, und selbst Brantome sah noch große Sammlungen von reichen Kleidern, welche Franz der Erste den Damen geschenkt hatte. *
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Hommes illustres I. 267.
Franz der Erste zerbrach alle Fesseln der Etiquette und selbst der Schicklichkeit, wodurch der freye Umgang beyder Geschlechter oder die Theilnehmung an den Lustbarkeiten des Hofes bis dahin gehindert worden war. Witwen durften sich nicht vom Tanze ausschließen. Auch konnten Witwen zu ihren Unterkleidern wählen, welche Farben und Stoffe sie wollten; und selbst zu ihren Roben oder Oberkleidern durften sie Incarnat= und Chamois=Farben nehmen. *
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Brantome Dames Gal. II. p. 114.
Edelsteine und Perlen waren unter Franz dem Ersten noch sehr selten, und der Schmuck der Damen bestand daher vorzüglich in goldenen Ketten, Halsbändern und Armbändern, an welchen man verliebte und sinnreiche Devisen anbrachte. Edelsteine und Perlen vermehrten sich aber wie der Vorrath von Gold und Silber, noch im 16ten Jahrhundert so sehr, daß zu Brantome' s Zeiten einzelne Kaufleute in Portugal und Spanien größere Kostbarkeiten in Perlen und Edelsteinen besaßen, als sich sonst in dem Schatze der Könige von Frankreich gefunden hatte. *
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Oeuvres de Brantome, IIIust., Estrangers IV. p. 3941.
Unter Franz dem Ersten suchten die Herren und Damen sich mehr durch die Kostbarkeit und Menge ihrer Kleider, als durch neue und abwechselnde Formen hervorzuthun. Eben die kurzen gefalteten Röcke, die hohen und spitzen Kap<92, 379>pen oder Birete, endlich die langen Schnäbelschuhe die im Jahre 1467. in Burgund und Frankreich Mode wurden, *
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Chronique scandaleuse de Louis XI. p. 189.
dauerten noch zu den Zeiten des Dichters Celtes, *
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I. s. c.
und in der Jugend des Sabellicus fort; *
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Boeme I. c.
und man ahmte alles dieses in Deutschland und Italien als französische Tracht nach. Fast eben so lange erhielten sich die weiblichen Moden, die gleichfalls um das Jahr 1467. entstanden waren: die Mützen und großen Schleier welche am Rücken bis auf die Erde hinabhingen, die breiten Gürtel, das kostbare Pelzwerk, womit die Kleider gefuttert oder verbrämt wurden, und die breiten und reichen Bordüren, welche die Stelle der verschwundenen langen Schleppen ersetzten. *
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Chronique scandal. I. c,
Marie von Schottland trug nach dem Tode ihres ersten Gemahls, Franz des Zweyten lange weiße Schleier, *
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Brantome Dames illust. p. 117.
und die Kleidung, in welcher Catharina von Medicis in ihrer Jugend gemalt worden war, hatte mit der eben beschriebenen Tracht viele Aehnlichkeit. *
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Brantome l. c. p. 44.
Weil der Schnitt der Kleider sich in der ersten Hälfte des 16ten Jahrhunderts so wenig änderte, so hob man die kostbaren Kleider so lange auf, daß Brantome manche Kleidersammlungen aus den Zeiten Franz des Ersten sehen und sie bewundern konnte. Selbst die Formen des Putzes waren wenig wandelbar. Wie hätte sonst Brantome sagen können, daß die französischen Damen den Kopfputz à la lorraine nur an großen Feten gebraucht hätten? Ge<92, 380>gen das Ende des 15ten Jahrhunderts war der Luxus in Kleidern, wenigstens in den burgundischen Ländern so groß, daß auch geringe Leute und selbst die Bedienten vornehmer Herren, Kleider von Sammt und Seide trugen. *
*
Oeuvres de Brantome IV. p. 281 Illust. Estrangers.
Es ist daher zu verwundern, daß Franz der Erste dadurch beleidigt wurde, daß der Connetable von Bourbon bey der Taufe seines Sohnes 500 Edelleute in Sammt gekleidet, und einem jeden eine dreyfache goldene Kette um den Hals gehenkt hatte. *
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Carloix Memoires du Marech. de Vieilloville IV. p, 325.
Unter Heinrich II. trugen nicht nur die gemeinen, sondern auch die edlen Krieger lange Beinkleider ohne Strümpfe. *
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Ap Boem. III. c. 22. p. 472 73. Vers. Germ.
Ich bin nicht gewiß, sagt der Herr Hofrath Meiners, ob die große Veränderung in der Kleidung der Männer, deren Sabellicus erwähnt, in den letzten Jahren der Regierung Heinrichs II. oder bald nach seinem Tode vorgegangen sey. In dem spätern Alter des genannten Schriftstellers erweiterten und verlängerten sich die Röcke so sehr, daß sie bis an die Hälfte der Schienbeine hinabhingen. Die Schuhe verlohren ihre Schnäbel und wurden so breit wie Bärenfüße. Die hohen und engen Birete sanken in weite und platte Hüthe von Scharlach zusammen. *
*
Brantome Dames illust. p. 44.
Die Gemahlin Heinrichs II. Catharina von Medicis kleidete sich nicht nur prächtig, sondern sie machte auch manche neue und gefällige Erfindungen zur Verschönerung ihrer Kleider und ihres Putzes 6). Eben diese Königin. *
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Chron. scand. l. e.
<92, 381> drang darauf, daß ihre Damen sich prächtig kleideten und putzten, wenn angesehene Fremde an den Hof kamen *
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p. 89. l. c.
Die Maitresse Heinrichs II. die Duchesse de Valentinois führte in ihrem Witwenstande eine bescheidene Kleidung der Witwen ein. Sie trug keine andere Kleider als von weißer und schwarzer Seide, die aber ihren schönen Hals nicht bedeckten *
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II. 113. Dames gal. de Brantome.
Diese Trauerkleidung wurde über 40 Jahre und vielleicht noch länger am französischen Hofe beybehalten. Die Herzogin von Valentinois und die Marschallin von Aumont schminkten sich gar nicht. Sonst scheint das Schminken schon unter Heinrich II. gemeiner gewesen zu seyn, als das Zutrauen zur natürlichen Schönheit, welches die Maitresse Heinrichs des Zweyten hatte. *
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Brantome Dames Gal. II. 229. 30.
Die ersten Schöpferinnen neuer Moden, und die Urheberinnen des Wechsels der Moden waren die beyden schönen Töchter Catharinens von Medicis, Elisabeth, nachherige Gemahlin Philipp' s des Zweyten von Spanien und vorzüglich Margarethe, die im Jahre 1572. mit Heinrich IV. als König von Navarra vermählt, und im Jahre 1599. von ihm, als König von Frankreich geschieden wurde. Beyde Prinzessinnen bestrebten sich schon in ihrem Jungfrauenstande, ihre Schönheit durch reiche Kleider, einen kostbaren Schmuck und geschmackvollen Putz zu heben. Weil Elisabeth in der höchsten Blüthe ihrer Schönheit an den traurigen, durch eine strenge Etiquette gebundenen spanischen Hof versetzt wurde, so konnte sie ihrem Hange und ih<92, 382>rem Genie für die Erfindung neuer Moden nur eine kurze Zeit freyen Lauf lassen. Sie kleidete und putzte sich gleich prächtig und schön. *
*
Dames illust. de Brantome p. 196, 97.
Ihre Art, das Haar zu frisiren, ahmte bisweilen selbst ihre erfinderische Schwester nach. Da sie in Spanien Trachten und Putz nicht so oft verändern konnte, als sie gewollt hätte: so erhohlte sie sich durch die beständige Abwechselung der Kleider. Sie trug kein Kleid zweymal, und die wohlfeilsten unter ihren Kleidern kosteten wenigstens 3 bis 400 Thaler.
Margarethe von Navarra herrschte als Erfinderinn neuer Moden eben so unumschränkt über ihr eigenes Geschlecht, als sie durch ihre Schönheit über das männliche herrschte, und ihr allein hatten es die französischen Damen zu danken, daß sie durch Kleidung und Putz alle übrigen Völker übertrafen. *
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Bratome Dames gal. I. 264.
Die Verdienste der Königinn Margarethe um das Reich der Moden wird man am besten aus folgender Stelle aus Brantome kennen lernen: *
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Dames illust, p. 211 sq.
Die Kleidung und der Putz der Damen der ältern Zeit sind nur Armseligkeiten gegen die schönen und prächtigen Moden, welche die Königinn Margarethe erfunden hat. Indem unsere Damen sich nach dem Muster der Königinn kleideten und schmückten, sahen sie vielmehr großen Damen ähnlich, als vorher, und wurden zugleich unendlich liebenswürdiger. Als die Königinn Mutter ihre Tochter dem Könige von Navarra zuführte, kam sie auch durch Coignac, wo sie einige Tage ausruhte. Alle Damen der ganzen Gegend machten der Königinn ihre Aufwartung; alle waren entzückt über die Schönheit ihrer Tochter, und konnten sich an der Schönheit der königlichen Braut nicht satt sehen und satt loben. Die erfreute Mutter bat daher ihre Tochter, <92, 383> daß sie sich den Damen zu Liebe einmahl in ihrer größten Pracht zeigen möchte. Auf diese Bitte erschien die verlobte Königinn in einem Kleide von Silberstoff mit hangenden Aermeln, und trug auf ihrem reich geschmückten Haar einen weißen, weder zu kleinen noch zu großen Schleier. Die Kleidung und der Kopfputz theilten der erlauchten Braut eine solche Majestät, und zugleich eine solche Anmuth mit, daß man sie eher für eine Göttinn des Himmels, als für eine irdische Königinn hätte halten können. Die Damen verstummten vor Entzücken, und selbst die Königinn Mutter konnte es nicht verhehlen, daß ihre Tochter sich herrlich geschmückt habe. Ich will, antwortete diese, meine Kleider nur bald tragen, denn wenn ich dereinst an den französischen Hof zurückkehre, so werde ich sie nicht wieder mitbringen, sondern ich werde mich bloß mit schönen Stoffen versorgen, um mich nach der neuesten Mode kleiden zu können. Hierauf erwiederte die Mutter: warum sprichst du so, meine liebe Tochter? Du bist es ja, die alle schönen Moden erfindet, du magst hingehn, wohin du willst, so wird der Hof dir allemahl nachahmen. Dies geschah auch wirklich. Bey ihrer Rückkunft war nichts so sehr Mode, als was die Königinn Margarethe trug.
Unsere schöne Königinn mochte einen Hut, oder eine Haube, oder einen großen Schleier aufsetzen, so wußte man immer nicht, in welchem Kopfputze sie am schönsten war. Sie verschönerte alles, was sie anlegte, durch irgend eine neue Erfindung, und wenn andere Damen dasselbe nachahmten, so stand es ihnen lange nicht so gut, wie ich tausendmahl wahrgenommen habe. Ich sah sie mehrmahls in einem Kleide von weißem Atlaß mit einer reichen Besetzung, und mit einem Florschleier, den sie nachlässig über den Kopf geworfen hatte. Man mag die Göttinnen und Kaiserinnen der alten Zeiten loben, so viel man will, sie würden gegen unsere Königinn nur als Kammermädchen ausgesehen haben.
Wir Hofleute stritten oft darüber, welche Kleidung und welcher Putz ihr am besten stehe. Die einen stimmten für diese, die andern für jene. Was mich betrifft, so sah ich sie nie entzückender schön, als an einem Feste, welches die Königinn Mutter dem polnischen Gesandten in den Thuillerien gab. <92, 384> Die Königinn Margarethe trug an diesem Tage ein Kleid von fleischfarbnem spanischem Sammt mit einer reichen Besetzung, und einer Haube von demselben Sammt, die sehr stark mit Edelsteinen und Federn verziert war. Weil man sie in dieser Tracht mehr als jemahls bewundert hatte, so legte sie dieselbe in der Folge noch oft an, und ließ sich auch darin mahlen, und dies Gemählde ist das schönste unter allen, die man von dieser Königinn gemacht hat.
Ich sah die schöne Königinn während der ersten Versammlung der Stände zu Blois an eben dem Tage, an welchem ihr Bruder, der König, seine Rede hielt. Sie trug damahls ein schwarzes Kleid mit orangefarbenen Streifen und Blumen, und ihren großen majestätischen Schleier. Sie machte auf alle Anwesende einen solchen Eindruck, daß ich von mehr als 300 Personen hörte: sie seyen in die Betrachtung der göttlichen Schönheit der Königinn so sehr verloren gewesen, daß sie auf die treffliche Rede des Königs nicht genug hätten achten können. bisweilen hatte sie ihr natürliches schwarzes Haar, das sie nach dem Beyspiele ihrer Schwester, der Königinn von Spanien, auf mannigfaltig schöne Arten zu frisiren wußte. Häufiger aber trug sie niedliche Perrücken.
Ich würde gar nicht ans Ende kommen, wenn ich alle die schönen Formen von Kleidern und Putz, welche sie erfand, aufzählen wollte. Sie mochte aber die Formen der Kleider und des Putzes ändern so oft sie wollte, so bedeckte sie nie ihren schönen Hals und ihren schönen Busen, dessen Anblick sie der Welt nicht zu entziehen wagte. Die meisten Hofleute hätten von dem Schmachten, daß dieser weiße, volle und schön geformte Busen erregte, sterben mögen. Selbst mehrere der vertrauten Damen der Königinn wurden dadurch so entzückt, daß sie sich die Freyheit nahmen, dies Meisterstück der Natur zu küssen.
Die Königinn Margarethe trug nur selten eine Maske, dergleichen die Damen des Hofes damahls zu tragen pflegten. Mit entblößtem Gesichte ging sie einst in die Procession, die am Palmsonntage zu Blois gehalten wurde. Ihr schöner Kopf war mit so vielen prächtigen Perlen und Diamanten ge<92, 385>geschmückt, daß es schien, als wenn sie mit dem Glanze des gestirnten Himmels hätte wetteifern können. Ihr hoher und reicher Wuchs wurde durch ein Kleid von dem kostbarsten Goldstoff gehoben, den man je in Frankreich gesehen, den ein Herr von Grandchamp von dem türkischen Kaiser erhalten, und bey seiner Rückkehr der Schwester des Königs geschenkt hatte. Die schöne Prinzessinn würde unter diesem schweren Kleide, von welchem eine jede Elle hundert Thaler gekostet hatte, niedergesunken seyn, wenn sie nicht so groß und stark gewesen wäre, als sie war. Sie behielt das Kleid den ganzen Tag an, und hielt während der Procession den Palmzweig mit einer Würde und einer Anmuth, daß wir alle dadurch in unserer Andacht gestört wurden. Wir glaubten nicht zu sündigen, wenn wir auf die schöne Prinzessinn mehr Acht gäben, als auf den Gottesdienst. Wenn man eine Gottheit auf Erden betrachtet und bewundert, so kann die Gottheit im Himmel nicht darüber zürnen, da sie die erstere selbst hervor gebracht hat.
Die Zeit der meisten und wichtigsten Erfindungen und Veränderungen, welche die Königinn Margarethe in den Formen der Kleider und des Putzes ihres Geschlechts machte, fiel in die Regierung Heinrichs III., der seine Schwester an Modesucht unendlich übertraf, aber in Ansehung des Geschmacks eben so weit hinter ihr zurück blieb. Es ist gar nicht übertrieben, was in der berüchtigten Satyre gegen Heinrich III. der Description de l' Isle Hermaphrodites über die Kleidung und den Putz dieses Königs und seiner Mignons gesagt wird.
Ein Jeder, heißt es in den angeblichen Satzungen der Hermaphroditen=Insel, *
*
Journal de Henri III. p. 79.
kann sich kleiden, wie er will, wenn es nur mit Pracht, und ohne Rücksicht auf Stand und Vermögen geschieht. Der Stoff des Kleides mag so kostbar seyn, als er will: so muß er nothwendig durch Stickereyen mit Gold und <92, 386> Silber, mit Perlen und Edelsteinen gehoben werden, oder wir erklären ein solches Kleid für unwürdig, daß man es in guter Gesellschaft trage. Je weibischer der Schnitt und die Verzierungen der Kleider sind, für desto schöner und mit unsern Sitten übereinstimmender halten wir sie. Dabey aber müssen sie in jedem Monathe verändert werden. Wer ein Kleid länger trägt, den soll man als einen geschmacklosen und schmutzigen Filz verachten. Ein Jeder behält die Freyheit, alte Formen, die vor sechszig oder achtzig Jahren Mode waren, wieder hervor zu rufen, und für neue auszugeben. Damit man die nöthigen Veränderungen desto leichter machen, und den neuen Erfindungen desto leichter auf die Spur kommen möge: so rathen wir unsern Freunden, daß sie unter ihre Kammerdiener einen geschickten und genievollen Schneider aufnehmen, mit welchem sie gemeinschaftlich neue Muster aussinnen und versuchen können. Außer dem großen Nutzen, den eine solche Wahl mit sich bringt, werden sie den wichtigen Vortheil erlangen, daß sie allmählig viele Kunstausdrücke lernen, und dadurch Stoff bekommen, sich mit den Damen, oder mit ihres Gleichen auf eine gründliche und angenehme Art zu unterhalten.
Heinrich' s des Dritten liebste Beschäftigungen waren, sich selbst und die Königinn zu frisiren, und seine und seiner Gemahlinn Kragen gehörig zu stärken und in Falten zu legen. Diese Arbeiten nahmen ihm an seinem Krönungs= und nachher an seinem Vermählungstage so viel Zeit weg, daß man vor sechs Uhr nicht in die Kirche gehen konnte, und über der Verspätung der Messe das Te Deum zu singen vergaß. *
*
Journal de Henri III. T. I. p. 179. 180. Schon im J. 1576 erschien ein Placard, in welchem man Heinrich III. unter andern die Titel gab: Gauderonneur des colets de sa femme, et Frileur der ses cheveux, Mercier du Palais etc. Den letzten Titel gab man ihm, weil eins seiner Vergnügungen darin bestand, seine Kleinodien zu betrachten, zu wechseln und anders fassen zu lassen.
An Bällen und Ringelrennen erschien er gewöhnlich als Ama<92, 387>zoninn gekleidet, in weiblicher Tracht, mit offener Brust und einem Halsbande von Perlen, das auf der Brust herab hing. Er trug ferner, wie die Damen seines Hofes, eine kleine Toque, über welche er selbst das Haar frisirte, drey Halskragen von feiner Leinwand, über diesen zwey in Falten gelegte, und endlich noch einen umgeschlagenen. *
*
Journal de Henri T. I. p. 183. 203.
Wegen dieser Menge von Kragen sagte man, daß sein Kopf einem Haupte Johannis des Täufers ähnlich sehe, das dem Könige Herodes auf einer Schüssel dargebothen wurde. *
*
I. p. 180.
Als Sully ihm im Jahre 1586 aufwartete, hatte er eine kleine Toque auf dem Kopfe, eine Kappe auf den Schultern und ein breites Band an seinem Halse, an welchem ein Korb mit kleinen Hunden hing. *
*
Sully Memoie. I. 103.
So wie er selbst Weiberkleider anlegte, so verlangte er von den Damen, daß sie sich wie Männer kleiden sollten. Die Damen mußten gehorchen, und sie warteten an einem großen Feste in männlicher Tracht auf, die aus zweyfarbigem Dammast verfertigt war. *
*
I. 205. Journ. de Henri III.
Bey allen diesen unnatürlichen Thorheiten hatten manche Veränderungen, welche Heinrich III. in der Etiquette des Hofes vornahm, eine lange Dauer nach seinem Tode. Er machte die Feyerkleider des Parlements viel prächtiger, als sie bis dahin waren. *
*
Pasquier Oeuvres Vol. II. p. 414.
Auch war er der erste, der seinen Bruder in schwarzer Kleidung betrauerte, da die Könige von Frankreich sonst in violetter Kleidung getrauert hatten. *
*
Busbequii Epist. in ips. oper. p. 446.
Die Damen betrauerten Män<92, 388>ner und Liebhaber durch braune Kleider und Schleier, durch Todtenköpfe und Todtengebeine, durch Thränen und Thränenseen, die auf ihren Halsbändern, oder Armbändern gemahlt, oder in Gold ausgearbeitet waren. *
*
Brantome Dames Gal. I. 124. II. 137.
Wenn die Trauer ein wenig nachließ, so tauschten sie die Todtengebeine und Todtenköpfe gegen kleine Portraite der Verstorbenen um, welche sie auf der Brust trugen, die aber doch auch noch mit Thränen und kleinen Thränenseen umgeben waren. *
*
l. c.
Die französischen Damen trugen, wie die Damen in andern Ländern, den größten Theil des sechszehnten Jahrhunderts durch, entweder lange Hosen, die das ganze Bein bis an die Hüften bedeckten, oder kurze Beinkleider, welche nur bis an die Knie gingen; und in diesem Falle war das Unterbein entweder mit Strümpfen, oder mit den sogenannten Chausses, oder bas de Chausses bedeckt. *
*
Es gab eine Zeit, aber, wie es scheint, nur eine kurze Zeit, wo die Damen keine Beinkleider trugen. Dames Gal. de Brantome I. 289. car pour lors elles ne portoient point de calcons. Brantome unterscheidet 5 Hauptstücke der Damenkleidung: la robe, oder das Oberkleid, la juppe, le cotillon, les chausses, welche er auch bas de chausses oder chaussute nennt, und calçons l. 321. 322. II. 114. Dames Gal. Les chausses unterscheidet er beständig von bas de soye, I. 325. 343. Ueber das Alter und die Allgemeinheit von langen gestrickten Hosen in England im 16ten Jahrhunderte findet sich eine interessante, aus der Vorrede von Zulle Elizabeth' s Progresses abge schriebene Stelle in F. M. Eden' s State of the Poor. Lond. 1797 Vol. l. p. 71.
Die Beinkleider waren aus Gold= und Silberstoff, oder andern kostbaren Stoffen. *
*
I. 322. Dames Gal.
die chausses oder chaussure aus farbigen seidenen Zeugen, oder Filet von Florenz gemacht. *
*
Ib. p. 327.
Die <92, 389> Chausses mochten von Seide oder von Filet seyn, so suchten die Damen eine Ehre darin, daß sie, wie das Fell einer Trommel angezogen waren. *
*
I. Dames Gal p. 317.
Damit die angezogene Chaussure nicht nachlasse, so befestigte man sie durch zierliche Kniebänder, oder Nadeln. *
*
1552 waren eigentliche Strümpfe für Männer noch unbekannt. Man sehe die oben angeführte Stelle des Carloix. Wenn Heinrich II. zuerst seidene Strümpfe in Frankreich trug, so muß es nach dem genannten Jahre geschehen seyn. Unter Heinrich III. war es eine Galanterie, daß Cavaliere neue seidene Strümpfe einigemal von Damen tragen ließen. I. 325 Dames Galantes. Damen hatten schon an dem Krönungstage Heinrichs III. weiße seidene Strümpfe. ib. p. 343. Ueber diejenigen, welche in England gewirkte Strümpfe zuerst getragen haben sollen, sehe man Eden I. 70. 71. Im Jahre 1591 kostete ein Paar seidene Strümpfe in England 1 Pf. 18 Sch. ib.
Die Chausses de soye wurden auch darnach häufig getragen, als die eigentlichen seidenen Strümpfe wenigstens unter den vornehmen Herren und Damen gemein zu werden anfingen. *
*
I. c. 327. 328.
Damen von hohem Wuchse trugen saubere Schuhe von Sammt oder andern Zeugen, ohne Absätze oder nur mit kleinen Absätzen: kleine Damen hingegen trugen Schuhe mit Absätzen, oder vielmehr mit Unterschuhen von Korkholz, die einen oder gar zwey Fuß hoch waren. *
*
Brantome I. p. 328. 329.
Die modischen langen Kleider waren den kleinen Damen sehr günstig, weil sie hinderten, daß man die ungeheuren Patins (oder Stelzenschuhe) sehen konnte. Die Federn steckten die Damen auf verschiedene Arten an ihre Hüte, oder Hauben. Die Königinn Margarethe wagte es zuerst, Federn anzubringen, daß sie gegen oder über die Stirn herüber wankten. Als eine Hofdame diese <92, 390> Adonisirung nachahmte, so ließ Heinrich III. sie wissen, er würde ihr das nächste mal, wo sie wieder so erschiene, eine deutsche Flöte reichen lassen. Man brachte nähmlich damals sehr häufig schlechte Gemählde aus Flandern, auf welchen befiederte Musikantinnen mit der Flöte im Munde vorgestellt waren. Dieses königlichen Ausspruchs ungeachtet, nahm das Tragen der stirnbeschattenden Schwungfedern in der Folge doch überhand. *
*
Brantome I. p. 328. 329.
Heinrich IV. war ein zu großer Mann, als daß er für seine Person auf prächtige Kleidung und Putz einen großen Werth hätte setzen können. Er schmückte sich lieber mit den wenig in die Augen fallenden aber glorreichen Denkmählern seiner Siege, als mit dem Flitterstaate, den er aus den Händen von Schneidern und Stickern erhalten konnte. Wenn aber gleich Heinrich IV. lange nicht so sorgfältig in der Wahl der Kleider und des Putzes war, als seine Vorgänger: so nahmen doch Pracht in Kleidern und Schmuck und Wechsel der Moden unter seiner Regierung mehr als unter der des modesüchtigen Heinrichs III. zu. Heinrich IV. liebte die Weiber und hatte ein großes Wohlgefallen daran, wenn seine schönen Maitressen so reich und geschmackvoll, als möglich geschmückt waren. *
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Er fand z. B. an der Taufe eines Sohns des Connetable de Montmorency, daß die schöne Gabriele, damahlige Marquise de Liancourt, nicht Diamanten genug in ihrem Haare habe. Sie hatte darin nur zwölf, und Heinrich IV war der Meinung, daß sie funfzehn hätte anbringen müssen. Journal de Henri IV. T. II. p. 337,
Er liebte ferner nicht blos um der Weiber willen glänzende Feste und Lustbarkeiten, die am französischen Hofe nie häufiger waren, als unter seiner Regierung. *
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Ib. p. 266. 267.
<92, 391> Unter keinem der vorhergehenden Könige traf eine so zahlreiche schöne Jugend von beyderley Geschlecht am französischen Hofe zusammen, als unter Heinrich IV. Zu seiner Zeit entstand zuerst am französischen Hofe diejenige Classe von Menschen, deren einzige oder vornehmste Beschäftigung diese war, Damen zu verführen, aber auch die Damen, welche man verführt hatte, oder verführen wollte, beständig zu unterhalten, und ihnen alle nur ersinnlichen Ergötzungen zu verschaffen. *
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Bassempierre Memoires I. 168. 171. Sie wurden damahls les dangeureux genannt.
Unter solchen Umständen kann es daher nichts Unerwartetes seyn, daß Herren und Damen in der Pracht der Stoffe und Verzierungen ihrer Kleider, so wie in der Schönheit und Neuheit der Formen mit einander wetteiferten. Etoile, der Verfasser des Tagebuchs Heinrichs IV. sah bey einem Sticker in Paris ein Tuch, welches Madame de Liancourt für 1900 Thaler bedungen hatte. *
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II. p. 133.
Edelsteine und Perlen wurden häufig auf den Spitzen oder Vordertheilen der Schuhe angebracht. *
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Ib. p. 267.
Vor der Taufe des Dauphins waren alle Schneider und Sticker in Paris so sehr beschäftigt, daß es dem Marschall von Bassompierre schwer wurde, noch einen aufzutreiben, der für ihn arbeiten wollte. Endlich erboten sich sein bisheriger Schneider und Sticker ihm ein Kleid zu verfertigen, daß alle andern übertreffen solle, wenn er Lust habe, eine große Summe anzuwenden. Beide brachten ihm die Nachricht, daß so eben ein niederländischer Kaufmann mit einer ganzen Pferdeladung von Perlen angekommen sey, und daß er eilen müsse, um die zum <92, 392> Sticken nöthigen Perlen zu erhalten. Der Marschall von Bassompierre wählte zu seinem Prachtkleide einen violetten Goldstoff, mit Palmzweigen, die in einander verflochten waren. *
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163.
Zur Verzierung des Kleides kaufte er 50 Pfund Perlen. Das ganze Kleid kostete 14000 und die Stickerey allein 600 Thaler. *
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Ib.
Bassompierre war unter den Gefährlichen einer der Gefährlichsten; und doch war der Ruhm seiner Galanterie und seines Geschmacks so vergänglich, daß er in seinem Alter ein Spott der Jugend wurde. *
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Memoirer de Madame de Moteville I. 376. 377.
Unter Heinrich IV. trugen Herren und Damen nicht nur auf kleinen Reisen, sondern selbst bey Besuchen Masken vor dem Gesichte. Die schöne Gabriele nahm ihre Maske ab, um den Freund Heinrich' s IV. Aubigné mit einem Kusse zu beehren. *
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Memoires d' Aubigné p. 135.
Eben diese Maitresse Heinrich' s IV. nahm ihrem königlichen Liebhaber allenthalben, wo er hereintrat, die Maske ab, um ihn küssen zu können. *
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II. 333. Journal de Henri IV.
Der Ruf der Trunkenheit der Deutschen, warf einen solchen Schatten auf das schöne Geschlecht in unserm Vaterlande, daß Heinrich IV. den Gedanken nicht ertragen konnte, eine deutsche Prinzessin zu heyrathen, weil es ihm, wie er sagte, immer vorkommen würde, als wenn er ein Faß Wein neben sich im Bette hätte. *
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Memoires de Sully I. p. 522.
Die Tagebücher und andere Zeitschriften aus den Regierungen Ludewigs XIII. und der Regentschaft der Königinn Anna von Oesterreich, enthalten weniger Nachrichten über den <92, 393> Wechsel der herrschenden Moden, als die Denkmähler aus dem 16ten Jahrhundert. Man schließt hieraus richtig, daß der Aufwand in Kleidern und Putz unter Ludewig XIII. und Anna von Oesterreich eher abgenommen als zugenommen habe. Es ist sehr zu zweifeln, daß irgend eine Dame am Hofe Ludewig' s XIII. im kleinen Putze so viel verschwendet habe, als die Freundinn der berühmten Ninon de l' Enclos, Marion de Lormes, welcher selbst der große Cardinal Richelieu huldigte: wenn es anders wahr ist, was von ihr erzählt wird, daß sie ihrem Liebhaber Emeri, in einem Jahre bey einem einzigen Parfümeur für ausgenommene Handschuhe, Fächer, Pomaden und Essenzen, eine Rechnung von 50000 Thalern gemacht habe. *
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Galant. de Roi de France III. 149. 150.
Nach dem Tode ihres Gemahls legte Anna von Oesterreich kein Roth mehr auf, und die Hofdamen konnten nicht umhin dem Beyspiel der Königinn zu folgen. *
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Motteville I. p. 221.
Zur Zeit der Vermählung Ludewig' s XIV. mit der spanischen Infantin, trugen die französischen Hofleute sehr enge und kurze, aber reichgestickte Röcke, oder vielmehr Wämser und ungeheure Hosen, denen die Bänder und Schleifen an den Knien durch ihre abentheuerliche Größe entsprachen. *
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Motteville V. p. 87.
Die spanischen Hofleute hatten keine Stickereyen auf ihren Kleidern, aber viele und kostbare Edelsteine. *
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Ib. p. 91. 92.
Die Frau von Motteville fand die Beinkleider der Spanier in eben dem Verhältnisse zu enge, in welchem die der Franzosen zu weit waren.
<92, 394>
Die mannigfaltigen Abänderungen in allem, was dem Gebiete der Mode unterworfen ist, seit Ludwig' s XIV. Zeiten bis jetzt; der Einfluß, welchen die französischen Moden fortdauernd auf die übrigen cultivirten Länder hatten; der selbstständige Charakter, welcher sich in den englischen Moden entwickelte, und zum Theil vielen Beyfall bey andern Nationen fand; so wie die Eigenthümlichkeiten und der verfeinerte Geschmack, welche sich nach und nach in den eigenen Moden der Deutschen zeigten, die vorzüglich seit der Revolution einen freyeren Schwung genommen haben, und dahin ringen, sich von fremdem Einflusse so viel wie möglich unabhängig zu machen, ohne deshalb es sich zu versagen, geschmackvolle Formen und Gebräuche des Auslandes nachzuahmen; endlich das Eigenthümliche in den Moden der andern europäischen und äußereuropäischen Moden: -- alles dieses würde hier der Kürze wegen kaum angedeutet werden können und eignet sich überhaupt auch weniger für ein encyklopädisches Werk, als für eigne Magazine und Journale, welche der veränderlichen Göttinn der Mode gewidmet sind, und von denen unten verschiedene angezeiget werden sollen. Wichtiger für unsern Zweck wird es indessen seyn, einige allgemeine Betrachtung über die Moden, über ihren Nutzen und Schaden und über die Regeln anzustellen, welche die Vernunft ganzen Nationen und einzelnen Personen in Absicht der Moden vorschreibt, wobey ich mich vorzüglich an Garve' s schätzbarem Aufsatze über die Moden, im 1sten Theile seiner Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Literatur und dem gesellschaftlichen Leben, *
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Breslau bey Korn 1792. 8. S. 117 fl.
halte.
<92, 395>
Daß es überhaupt Moden unter den Menschen giebt, ist eine Folge ihrer geselligen Natur. Sie wollen einander gleichförmig seyn: weil sie mit einander verbunden seyn wollen. Jede in die Augen fallende Unähnlichkeit in Kleidung, Wohnung und Lebensart, ist ein Abstand, der die Zuneigung verhindert, und der vertraulichen Mittheilung der Ideen im Wege steht. -- Wenn Menschen einander einmal so nahe sind, daß sie mit einander gemeinschaftlich handeln, oder sich in Gesellschaft mit einander vergnügen: so ist es eben so wohl eine natürliche Folge ihrer Gesinnungen gegen einander, als eine unwillkührliche Wirkung ihres Beysammenseyns, daß sie einander ähnlich zu werden streben. Und diese Gleichförmigkeit, wenn sie in einer Gesellschaft einmal erreicht ist, wird für jedes neue Glied, das in dieselbe aufgenommen werden, oder in ihr mit Ehren und Vergnügen auftreten will, eine Regel.
Daher hat es Moden unter den Menschen gegeben, so lange Menschen existiren. Es giebt deren unter den Wilden. Die Einschnitte, die sie sich in die Haut machen, und die Farben, mit welchen sie sie einreiben, sind in jeder Völkerschaft, und oft in vielen Völkerschaften auf einem großen Erdstriche, gleichförmig. Wie viele und wie bestimmte Moden in den Verzierungen ihrer Personen und Häuser sowohl, als in den Ausdrücken ihrer Höflichkeit finden wir nicht bey den Homerischen Helden! So wie sich die Stände von einander absondern, und sich die große bürgerliche Gesellschaft, gleichsam in mehrere kleine trennt, die nur als Corpora mit einander verbunden bleiben, ohne daß die Individuen, woraus sie bestehn, sich wechselsweise sehr nahe kämen: so trennen und vervielfältigen sich auch die Moden. <92, 396> Ja sie werden eben so gut Mittel der Absonderung, als der Vereinigung. Der gemeinschaftliche Ehrgeitz Vieler sucht sich eben so sehr durch ein ähnliches Aeußeres von denen, die unter ihnen sind, zu unterscheiden, als die Zuneigung und Vertraulichkeit derer, die sich einander für gleich halten, sie bewegt, alle Unterschiede so viel, als möglich, zu vermeiden.
Doch dieser aus der Geselligkeit entspringende Trieb der Menschen, sich einander ähnlich zu machen, ist nur ein Principium des Willens, dem zu Folge sie nach Gleichförmigkeit in den sichtbaren Formen, welche sie sich selbst und ihren Handlungen, -- oder welche sie den zu ihnen gehörigen und ihren Bedürfnissen dienenden Dingen geben, verlangen. Aber wo nimmt ihr Verstand oder ihr Instinkt die Regel her, nach welcher er diese Aehnlichkeit jedesmahl bestimmt? Hier kommt nun von der einen Seite der Nachahmungstrieb, von der andern die Ungleichheit welche die Natur unter den Menschen gemacht hat, dem geselligen Triebe zu Hülfe. Der erste ist hinlänglich, eine schon eingeführte und angenommene Mode fortzupflanzen; aber er ist nicht genug, sie hervorzubringen. Der Nachahmungstrieb vieler muß nähmlich ein gemeinschaftliches Centrum bekommen. Es muß also einer, oder es müssen wenige seyn, welche die Augen vieler auf sich ziehen, und von ihnen als Muster angesehen werden. Dies würde nicht seyn, wenn die Natur eine vollkommene und absolute Gleichheit unter den Menschen gemacht hätte, oder wenn sich dieselbe in der errichteten Gesellschaft erhalten könnte. Aber weil vom Anfange des menschlichen Geschlechts an Schönheit, Größe, Stärke, Muth und Verstand einen Menschen vor dem andern, und einige wenige unter <92, 397> einer großen Menge auszeichneten; -- und weil vom Anfange der bürgerlichen Gesellschaft an, Reichthum und Macht auf gleiche Weise einzelne Individuen unterschied: so entstanden durch beydes im menschlichen Geschlechte gewisse Höhen, auf welche alle ihre Blicke richteten. Die Begierde, die jeder hat, selbst vortrefflich zu seyn, und über andere hervor zu ragen, reitzt die meisten, diejenigen nachzuahmen, die sie schon in dem Besitze eines solchen Vorzugs sehn. Daher sind der Moden weit mehrere, und ihre Abwechselung sowohl, als ihre Herrschaft während ihrer Dauer ist größer in einer Gesellschaft, in der eine regelmäßige Unterordnung der Stände durch die Verfassung eingeführt ist, als in einer, wo dieser Unterschied gar nicht vorhanden ist, oder weniger beobachtet wird. Die Monarchie ist der Sitz und die Quelle der Moden; besonders eine gemäßigte Monarchie, in welcher die Stände durch allmählige Gradationen empor steigen. -- Denn ein einzelner, alle Unterthanen in gleicher Niedrigkeit haltender Despot, wie es die orientalischen sind, ist von der Menge zu sehr entfernt, ist zu unsichtbar und zu fürchterlich, um der Gegenstand der Nachahmung zu werden. Aber wenn der Stufen viele sind, jeder Mensch gewisse andere über sich hat, welche ihm nahe genug sind, um von ihm beobachtet zu werden, und doch noch ehrwürdig genug, um ihn zur Nacheiferung ihrer Größe und zur Annahme ihrer Gewohnheiten zu reitzen: so wird der Nachahmungstrieb bey allen unaufhörlich erweckt; und er wird von Stufe zu Stufe unmerklich auf einen gemeinschaftlichen Punkt hingezogen.
Aber zum Wesen der Mode gehört nicht bloß die Einstimmung vieler in denselben Gewohnheiten <92, 398> oder in der Wahl derselben Sachen, zu einer und derselben Zeit, sondern auch die Veränderlichkeit dieser Gewohnheiten und dieser Wahl in der Folge derselben. Und wodurch werden diese Veränderungen veranlaßt, nach welchen Gesetzen werden sie bestimmt?
Die Veränderlichkeit in allem, was zur Mode gehört, entsteht aus dem Triebe nach Beschäftigung, und aus der Thätigkeit des Geistes, -- aus dem Geschmacke am Schönen und dem Urtheile über dasselbe, -- und endlich aus der National=Industrie. Sie ist bey jedem Volke größer oder kleiner, nachdem diese Ursachen bey ihm in einem höhern oder mindern Grade vorhanden sind.
1. Träge, kalte, ernsthafte Menschen, die nur wenige Ideen, eingeschränkte Kenntnisse, einfache und starke Leidenschaften, und wenig Betriebsamkeit haben, -- die sich nach der Arbeit bloß durch Ruhe erhohlen, -- die wenig Zeitvertreibe kennen, und nach keiner Unterhaltung verlangen, wenn ihr Bedürfniß befriedigt ist, sind deswegen in allen ihren Einrichtungen weniger veränderlich, weil sie wenig über dieselben nachdenken, und weil ihnen das Alltägliche und Gewohnte keine lange Weile macht. Sie sind es noch weniger bey den Gewohnheiten, die ihre Bequemlichkeiten und ihre alltägliche Lebensart betreffen, weil hier jede Neuerung sie aus der Ruhe stört, die sie über alles schätzen, und weil sie die Mühe scheuen, die es immer anfangs kostet, eine neue Gewohnheit anzunehmen, oder sich in eine unbekannte Form eines Dinges, dessen man bedarf, zu schicken. -- Eine Nation hingegen, welche Witz und Erfindungskraft hat, welche mit vielerley Kenntnissen aller Art ausgerüstet, und nach neuen Bildern für <92, 399> ihre Immagination, oder nach neuen Ideen für ihren Verstand begierig ist; -- eine Nation, die in der Bewegung, im Gespräch, im Spiel, kurz in Unterhaltung des Geistes, oder in Beschäftigung des Körpers und der Sinne ihr einziges Vergnügen, und in Stunden der Muße ihre Erhohlung findet; eine solche Nation wird auch Kleider, Hausrath, besonders alles, was zum Schmucke und zum Zeitvertreibe gehört, alles, was im gesellschaftlichen Umgange andern zur Schau ausgestellt wird, oder ihnen Vergnügen verschaffen soll, oft ändern. Sie scheut die lange Weile mehr, als die Mühe; und erträgt die Unbequemlichkeit des Ungewohnten gern, wenn sie nur durch eine lebhaftere Sensation, dergleichen das Neue immer erregt, schadlos gehalten wird, oder hoffen kann, eine solche bey andern zu erregen.
2. Wenn wir am Schönen Geschmack finden, und die Formen der Dinge auf uns einen Eindruck machen, dessen wir uns bewußt sind, und indessen Feinheit oder Richtigkeit wir eine Ehre setzen; so ist es eine natürliche Folge, daß wir über diese Formen nachdenken, und unsern Geschmack zu einem Gegenstande der verständigen Beurtheilung und des Räsonnements machen. Sobald man aber über das Schöne und Häßliche in Dingen, die keiner absoluten Regel der Schönheit fähig sind, räsonnirt, und diese Beurtheilung oft erneuert: so entstehen vielerley Aussichten; so zeigen sich mannigfaltige Gesichtspuncte. Und durch diese wird die Vorstellung vom Schönen, anstatt fixirt zu werden, wie man von einem anhaltendern Studium erwarten sollte, schwankend. Das, was uns unter der Idee der eleganten Einfalt gefiel, macht in unsrer Neigung und in unsern Begierden dem Platz, was durch Pracht die <92, 400> Sinne an sich zieht. Bald ist es die Vergleichung mit den Formen des Alterthums, oder einer fremden geschätzten Nation, -- bald ist es die größre Zweckmäßigkeit der Sache, welche uns an unserm Hausgeräthe und unsern Werkzeugen einnimmt, und unsre Wahl bestimmt. Zu der einen Zeit ist unsre Aufmerksamkeit auf das Natürliche und Ungezwungne gerichtet; -- und dann übertreiben wir es oft, in unserm Anzuge, wie in unserm Betragen, bis zum Nachlässigen und Rohen: -- zu einer andern auf das Schöne, welches in der Regelmäßigkeit und in der Proportion liegt; und dann verfolgen wir diese oft bis zum Steifen und Gezwungnen. Alles dieses geschieht nur, weil wir mit Bewußtseyn daran arbeiten, uns und unsre Sachen zu verschönern. Es ist uns sehr viel daran gelegen, die gefälligen Formen in den Dingen zu finden. Wir durchsuchen deswegen alle Bestandtheile und Verhältnisse der Schönheit: und niemals völlig, oder doch nicht lange befriedigt, wenden wir uns von der einen Form zu der andern, um zu versuchen, ob wir nicht unser Ideal durch irgend eine erreichen können. -- Nicht so unruhig und veränderlich sind diejenigen Nationen in ihrem Geschmacke, die überhaupt gegen das Schöne gleichgültiger, und besonders in ihrem Wohlgefallen an demselben nie so weit gekommen sind, daß sie die Theorie davon untersucht hätten. Je weniger man das, was da ist, beurtheilt: desto ruhiger bleibt man dabey. Wo aber alles kritisirt, da verändert und stört auch alles den gegenwärtigen Zustand der Dinge.
3) Wenn die Arbeiten der Menschen sich getheilt haben; und mit der Verfertigung und Gestaltung der Dinge, die zu unsern mannichfaltigen Bedürfnissen gehören, sich eigne Künste und <92, 401> Lebensarten beschäftigen, die die Quelle des Erwerbs für eben so viele Bürgerclassen geworden sind: so kommt das Interesse dieser, der Eitelkeit der übrigen Classen zu Hülfe, die Veränderlichkeit der Moden zu beschleunigen. Der erstern genauere Bekanntschaft und immerwährende Beschäftigung mit demjenigen Stücke des Luxus oder der Bedürfnisse, welches sie hervorbringen, erhöht ihre Erfindsamkeit, -- entweder noch neue Endzwecke und neue Bequemlichkeiten zu entdecken, für welche es eing richtet und aptirt worden, oder bloß neue Formen zu erdenken, durch welche es gefallen und Aufmerksamkeit erwecken könnte. Zugleich hängt der Unterhalt und der Wohlstand dieser Classen von der Menge der Arbeiten ab, welche sie liefern: und es ist ihnen also daran gelegen, daß die Producte derselben öfter von ihren Kunden erneuert werden, als es, bloß ihrer Abnutzung wegen, nöthig wäre. Hierzu aber kann kein andres Motif reitzen, als wenn diese neuen Producte von den alten verschieden sind, und irgend einen Vortheil oder eine Annehmlichkeit versprechen, welche die vorigen nicht darbothen. Je mehr also der Handwerks= und Künstler=Arbeiten, die man zusammen mit dem Nahmen der Industrie belegt, in einer Nation vorhanden sind, je mehr die, welche diese Arbeiten verrichten, ihr Gewerbe als Kunst betreiben; je mehr Genie sie zu Erfindungen haben, und mit je mehr Geschicklichkeit sie neue Entwürfe ausführen: desto unaufhörlicher wird bey dieser Nation gearbeitet, die Formen aller Dinge, welche zur Kleidung, Wohnung, Hausgeräthe und Equipage gehören, es sey zu verbessern, es sey bloß zu vervielfältigen. Und bey diesem Bestreben der arbeitenden Classen, immer neue Modelle für das Modische zu fabrici<92, 402>ren, kann es nicht fehlen, daß nicht auch die Neigung der genießenden, neue Moden anzunehmen, und durch dieselben zu glänzen, unterhalten werde.
Die genannten drey Ursachen liegen in Umständen, welche dem ganzen Körper einer Nation zugehören. -- Man kann noch eine vierte hinzusetzen, die nur auf den höhern oder glücklichern Theil wirkt, aber eben deswegen auf die allgemeine Veränderlichkeit der National=Moden von großem Nutzen ist, weil alle beträchtliche Neuerungen eben bey jener Classe den Ursprung nehmen, und von da zu den übrigen herab steigen. Diese Ursache ist die Begierde der Reichen, ihren Reichthum, und der Vornehmen, ihren Rang äußerlich zu zeigen. Denn da die Niedrigen sich durch Nachahmung immer an sie hinan drängen, und sie durch Stolz bewogen werden, sich immer wieder von denen, die unter ihnen sind, zu entfernen: so wird bey ihnen die allen Menschen natürliche Begierde nach dem Neuen durch Eitelkeit und Hochmuth geschärft. Das Schöne und das Zweckmäßige selbst verliert seinen Werth in ihren Augen, sobald sie sich nicht mehr in dem ausschließenden Besitze desselben sehen; und Veränderungen, die sich nicht von Seiten ihrer Nützlichkeit oder ihrer Eleganz empfehlen, können ihnen schon deswegen willkommen seyn, weil das Neue, wenigstens eine Zeitlang, nicht das Allgemeine ist.
Wie sehr die Denkungsart und der Charakter der Reichen auf die Abwechselung der Moden Einfluß habe, kann man auch daraus sehen, daß fast in jeder Nation der Gang der Abwechselungen dieser ist, daß immer theurere Moden auf wohlfeilere folgen. Dies kann zum Theil daher kommen, daß, indem die Kunst mehr an den Dingen vervollkommnet, die Arbeit des Künstlers zu <92, 403> gleich länger und schwerer wird, und also auch sein Lohn größer seyn muß. Aber das ist nicht die einzige Ursache jenes Factums. Da der Reiche der erste und beste Kunde des industriösen Mannes und des Erfinders neuer Moden ist, so muß dieser letztre auf die Neigung desselben bey seinen Arbeiten und Erfindungen vorzüglich Rücksicht nehmen. Aber er weiß, daß schon die bloße Kostbarkeit einer Waare ihr einen größern Werth in den Augen der Reichen giebt. Er sieht, daß diese so vieles um und an sich haben, was ganz unnütz ist, bloß weil es Geld kostet, und andern zeigt, wie viel sie Geld aufwenden können. Er schließt also, daß sie sich viel lieber gefallen lassen werden, daß das, was nützlich ist, durch ausserwesentliche Zierrathen, durch Seltenheit des Materials, oder durch Künstlichkeit der Fabrication, kostbar werde, um dadurch Gelegenheit zu bekommen, ihren guten Geschmack und ihren Reichthum zugleich sehen zu lassen.
Vielleicht ist dies eine der schädlichsten Eigenheiten der Moden, weil dadurch der Luxus und die Nachahmungssucht den ärmern Classen zum Verderben gereicht. Da es die Reichsten sind, welche den Gang der Moden reguliren, und doch diese Moden, wenn sie einmahl berrschend geworden sind, auch unter die weniger wohlhabenden Classen kommen: so werden diese durch die Begierde, mit ihrem Zeitalter fortzugehn, zu immer größerm und größerm Aufwande bewogen, und oft zu Anstrengungen über ihr Vermögen verleitet, die sie zuletzt in Armuth stürzen.
So viel von den Ursachen der Veränderlichkeit in den Moden, und von den Graden derselben. Aber in der Art und Weise, wie diese Veränderungen geschehen, zeigen <92, 404> sich ebenfalls gewisse Gesetze, deren Entwickelung nicht unnütz ist, weil sie die Natur des Menschen und den Einfluß des gesellschaftlichen Zustandes auf ihn schildert.
Der Ursprung neuer Moden kommt immer von der Nation her, welche, außer dem erfinderischen Genie, oder einer von dem Gewöhnlichen gern abgehenden Phantasie, auch noch dasjenige Ansehn oder die Gunst unter den übrigen Völkern besitzt, wodurch das von ihr Erfundene diesen zur Nachahmung empfohlen wird.
Mit der Anzahl der auf dem politischen Schauplatz glänzenden, oder in der Cultur fortgeschrittenen Nationen, und mit der Verbindung dieser Nationen unter sich wird das Reich der Moden erweitert. So lange jedes Volk ein von andern Völkern ganz abgesonderter Körper war, von dem, was bey diesen vorging, wenig erfuhr, über das, was sie hervor brachten oder thaten, nicht urtheilte; so lange jedes auf die Erfindungen und auf die Sitten eingeschränkt war, die es aus sich selbst geschöpft hatte: so lange waren alle Bedürfnisse noch einfach, die Industrie eingeschränkt; und neue Veränderungen des Ueblichen waren schwer und selten. -- Wenn unter rohen und unaufgeklärten Völkern ein einziges sich der Kunst und der Wissenschaft näherte, und nach Schönheit in seinen Producten und in den Befriedigungsmitteln seiner Bedürfnisse strebte: so ward dieses, durch seinen Charakter und seine Lage, gemeiniglich auf einen einzigen Weg geleitet, der es zu einem bestimmten Ziele führte. Oder wenn auch, mit der Länge der Zeit, dieser Charakter und diese Lage selbst einige Aenderungen litt, die auf die Producte des Kunstfleißes und auf die Gewohnheiten der Nation Einfluß hat<92, 405>ten; oder wenn einzelne große Genies unter ihr auftraten, deren Erfindungen neue Ideenreihen veranlaßten, und den Grund zu Abänderungen in der Lebensart und in der Gestalt der den Menschen angehörigen äußern Dinge legten: so war doch der Fortgang vom Aeltern zum Neuern langsam, und die Revolutionen des Ueblichen folgten nur in langen Perioden auf einander. Jenes war der Fall in den Zeiten allgemeiner Barbarey; dieses im griechischen Alterthume. -- Wenn aber, (so wie die gegenwärtige Lage der Dinge in Europa ist) auf einem Erdstriche von mittlerm Umfange eine Anzahl von Völkern neben einander wohnt, wovon jedes auf Sittlichkeit und Geschmack Anspruch macht, jedes die Verschönerung der äußern Dinge sucht, und nach Beförderung des Kunstfleißes strebt; -- wenn diese Nationen mit einander in beständigem Verkehr sind, und die eine in kurzem alles zu sehen und zu hören bekommt, was in der andern Aufmerksamkeit erweckendes producirt oder gethan worden ist; dann ist mit dem schnellern Umlaufe der Erfindungen auch die Thüre zu Neuerungen bey allen geöffnet. Jeder Winkel dieses Welttheils liefert seinen Beytrag zu der allgemeinen Masse neuer Erfindungen, neuer Bequemlichkeiten, neuer Werkzeuge, neuer Zierrathen und neuer Moden. Es ist eine beständige Wirkung und Zurückwirkung, ein Wettstreit der Industrie zwischen allen europäischen Völkerschaften. Jede empfängt die aus den Werkstätten der Fremden kommenden Waaren, und gibt die ihrigen dafür zurück. Kein Wunder, daß so wie der Luxus sich zu gleicher Zeit so vieler Dinge bemächtigt hat, und Putz und Bequemlichkeiten unsrer Reichen und Großen aus so vielen Ländern und Naturreichen zusammen gesucht <92, 406> werden, eben dieser Luxus auch in einem Reichthume von Abwechselungen schwelgt, und sich, durch eben so mannigfaltige Ideen und Einfälle der Fleißigen und Erfindsamen aus allen Gegenden Europens, immer neu und glänzend erhält.
Aber so wie die größere Anzahl der Völker, die sich einander ihre Producte, ihre Erfindungen und ihre Gewohnheiten mittheilen, die Abwechselungen der Mode beschleuniget: so ist es hinwieder, wenn in dieser Veränderlichkeit auch eine Regel und eine Gleichförmigkeit, wenigstens für kurze Zeiträume, Platz finden soll, nothwendig, daß unter diesen wetteifernden und mit einander correspondirenden Völkern, Eines, in den Hülfsquellen und Talenten der Industrie einen Vorzug vor den übrigen, oder durch sein Ansehn, es sey das Ansehn des Vorurtheils oder der verdienten Achtung, einen Einfluß über sie habe.
In Sachen der Mode wird diesen Vorzug und dieses Ansehn nicht diejenige Nation erhalten, die den andern bloß an Fleiß, an Genie zu Erfindungen, an Geschicklichkeit in der Ausarbeitung überlegen ist, sondern die, welche eine fröhliche und veränderliche Phantasie mit einem feinen Gefühl des Anständigen verbindet; die, reich an Combinationen eines leichten Witzes, sehr gesellig, und besonders schnell und fruchtbar in Einfällen ist. So war die französische Nation bis auf unsere Zeit. Auch hatte sie sich der Herrschaft der Moden in Europa, wenigstens bis zur Revolution, ohne allen Widerspruch bemächtigt. Ob Frankreich in dieser Hinsicht ganz wieder den vorigen Einfluß erhalten werde, muß die Zukunft lehren.
Doch vorzügliche Geschicklichkeit, die Gabe, in diesem Gebiethe der Kleinigkeiten das Schöne <92, 407> in allen seinen Abarten zu fühlen, es selbst bis auf die Extreme, wo es ins Abentheuerliche übergeht, zu verfolgen, und es durch Arbeit der Hände rein und vollkommen darzustellen, -- diese Geschicklichkeit allein sichert einer Nation noch nicht die Herrschaft in den Gegenständen der Mode und des Luxus, wenn nicht noch durch größere Vorzüge, oder einen wesentlicheren Einfluß diese Nation die Augen der andern auf sich gezogen, oder sie sich gewissermaßen unterwürfig gemacht hat. Das hatte die französische Nation durch ihre Politik, ihre Siege und durch die Cultur der Wissenschaften gethan, und eben die Ursachen, welche ihre Sprache allgemein machten, haben auch dazu beygetragen, ihre Kleidung, ihre Nippen und ihre Höflichkeitsbezeugungen durch ganz Europa auszubreiten.
Vielleicht ist es in dem Fortgange der Dinge nothwendig, daß diese Herrschaft einer Nation über die übrigen wegfalle. Aber alsdann wird höchst wahrscheinlich die Herrschaft der Mode selbst abnehmen. Ihre Blüthe dauert in der That nur so lange, als die Begierde nach Schmuck, Eleganz und Artigkeit zwar allgemein, die Zahl derer aber, die zu Mustern dienen können, noch klein ist. Zu gewissen Zeiten sahen alle modische Leute aus allen Ländern nach Paris, nach London, oder nach irgend einem solchen fixen und gemeinschaftlichen Puncte hin, von wo aus sie die Bestimmung ihrer schwankenden Wahl erwarteten. Und indem die einen erfanden und vorschrieben, die andern sich aufs Nachahmen und Befolgen einschränkten, ward aus dem, was an dem Orte seines Ursprungs nur ein glücklicher Einfall eines guten Kopfs, die augenblickliche Laune einer angesehenen Person, oder die Ausschweifung eines Phantasten war, an frem<92, 408>den Oertern und in entfernten Ländern Gesetz und Regel, weil diese nur unter dem Stempel ausländischer Billigung und Empfehlung das Neue, welches ihnen dargebothen wird, für schön erkannten. Aber wenn nun die Zeit kommt, -- und sie ist vielleicht nicht mehr fern, -- wo jede Nation auf Künstler=Genie und Geschmack Anspruch macht, wo jede in ihrem Schooße Arbeiter erzeugt, die ihren Werken die Achtung ihrer Mitbürger, trotz deren eingewurzelten Vorliebe für das Ausländische, zu erwerben wissen; dann wird jede, auch in dem, was schön und galant heißt, Erfinderinn zu seyn anfangen. Wenigstens werden sich die Muster der Nachahmung vervielfältigen, und die Möglichkeit der Auswahl unter mehrern wird die europäischen Moden von dem Zwange befreyen, von welchem sie bis jetzt eingeengt werden. -- Schon sehen wir seit geraumer Zeit die englischen und französischen Sitten sowohl, als ihr Costume, mit einander bey der galanten Welt der übrigen Nationen wetteifern. Der deutsche Kunstfleiß und der deutsche Geschmack treten schon als Rivale von jenen auf; und bald wird der Fortgang der allgemeinen Cultur die Nationen in diesem Puncte wieder dahin bringen, von wo sie zur Zeit der ersten Rohigkeit ausgegangen waren, daß jede sich freyer ihrem Naturell und ihrem Genie überläßt; -- daß eine von der andern in dem Außerwesentlichen ihrer Sitten und Kleidungen sich mehr unterscheidet, indeß alle, durch eine gleich richtige Beurtheilung des Schönen und Anständigen, in der Hauptsache einander näher kommen.
Das, was jetzt von Nationen gesagt worden, ist auch von Individuen wahr. So lange wenige in einer Nation eignen Geschmack haben, und diese einen entschiedenen Vorzug, oder ein an<92, 409>erkanntes Ansehn in den Angelegenheiten des Schmuckes und des guten Anstandes besitzen: so richten sich Viele sklavisch nach diesen wenigen, die Sitten werden pedantisch einförmig, die Moden mit einer knechtischen Genauigkeit nachgemacht. -- Insbesondre, wenn der Mittelstand in einem Staate, in Erziehung und feiner Geistesbildung, hinter dem höhern zurück ist, ohne daß deshalb seine Eitelkeit, und seine Begierde, den Großen gleich zu glänzen, gemindert sey: so wird die Gesetzgebung der Mode bey dieser Nation ausnehmend heilig, und der Gehorsam gegen ihre Vorschriften strenge seyn. Aber wenn sich dieser reiche Bürgerstand, an Sinn und Erfahrung des Schönen, eben so empor hebt, wie er an Wohlstand gewachsen ist: dann beurtheilen seine Kinder und Zöglinge, jeder für sich selbst, was ihnen wohl oder über steht, was sie putzt oder entstellt. Der erste Schritt verfeinerter Sitten ist die Nachahmung dessen, was andre für schön halten: der letzte ist die eigne Wahl dessen, was man als schön erkennt.
Was nun die Gegenstände betrifft, welche bey gesitteten Nationen, deren Lage und Cultur der gegenwärtigen der Europäer gleich ist, unter die Herrschaft der Mode gehören: so scheinen sie vorzüglich unter zwey Hauptclassen gebracht werden zu können.
Die Mode regulirt entweder die Sachen, die zu Befriedigung unsrer körperlichen Bedürfnisse dienen, oder die gesellschaftlichen Gebräuche. Jene sind Kleider, Wohnung, Hausgeräthe Equipage, und alle Arten von Schmuck: diese sind von zweyerley Art, entweder Uebereinkommungen über Zeit, Ort und Form aller der im geselligen Umgange gemeinschaftlich vorzunehmenden Verrich<92, 410>tungen und zu genießenden Vergnügungen; oder es sind die verabredeten Zeichen unsrer Gesinnungen gegen andre. *
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Es gibt übrigens auch noch Moden in geistigen Angelegenheiten, die nicht gerade zu mit den gesellschaftlichen zusammenfallen, z. B. Modeton auf der Kanzel; Modestudium; Modeschriftstellerey; Modetitel auf Büchern etc. Hier wird es indessen genug seyn, auf die oben angegebenen besondere Rücksicht zu nehmen.
In der ersten Gattung des Modischen gibt es einen höheren Grund der Bestimmung für die Sache, ein älteres Gesetz für ihre Form, von welchem die Mode nicht abweichen darf. Dieser Grund, dieses Gesetz, liegt in der Natur jedes Bedürfnisses, und in der unveränderlichen und ausschließenden Schicklichkeit gewisser Mittel, dasselbe zu befriedigen. -- Der Mensch will sich nähren, er will seinen Körper bedecken, ohne an der freyen Bewegung seiner Glieder gehindert zu werdern; er verlangt einen Aufenthalt, der vor dem Ungestüm der Witterung geschützt, hell, gesund, und zu seinen verschiedenen Verrichtungen aptirt sey: -- er will sich so gemächlich und so geschwind, als es möglich ist, von einem Orte zum andern bewegen. Jedes Stück des Hausgeräthes bezieht sich auf eine körperliche Nothdurft, auf eine Arbeit, oder auf einen Zeitvertreib und eine Art der Erhohlung des Menschen. Alles was uns umgiebt, und was unsre Wohnungen anfüllt und schmückt, sind Werkzeuge: aber nicht Werkzeuge besondrer Künste, sondern des allgemeinen menschlichen Lebens. Hierdurch wird nun für die Veränderungen in allen diesen Gegenständen eine gewisse Gränzlinie gezogen. Die Wahl der Speisen muß innerhalb der Naturproducte stehen bleiben, welche zu Nahrungsmitteln dienen können; <92, 411> ihre Zurichtung muß sich nach der Natur unsers Geschmackssinns, und unsrer Verdauungskraft richten. Stoff und Schnitt der Kleider muß der Gestalt unses Körpers, seinen Bewegungen und seinen Gefühlen angemessen seyn. Die Materialien und Form unsrer Häuser, -- wenn sie durch die wesentliche Natur des Geschöpfs, das darin wohnen soll, weniger bestimmt sind --, werden es nach und nach durch die Ausbildung, die der Mensch in jedem Zeitalter, und an jedem seiner Wohnorte erhält, und durch die Endzwecke und Verrichtungen, mit welchen er, dieser Ausbildung zu Folge, beschäftigt ist.
Aber innerhalb dieser Gränzen, welcher weite Spielraum zu Veränderungen bleibt nicht noch übrig!
Erstlich, die Zwecke selbst, wozu wir die Mittel wählen, verändern sich, vervielfältigen sich, werden besser von uns erkannt, oder werden wenigstens anders von uns beurtheilt. Je zärtlicher unsre Leibesbeschaffenheit, je leckrer unser Gaumen wird: desto eckler werden wir in der Wahl unsrer Speisen, und desto sorgfältiger und erfinderischer in der Zurichtung derselben. Ein rauheres Klima oder ein weniger abgehärteter Körper erfordert eine andre Art der Bekleidung. Der active und bewegliche Abendländer mußte seinen Kleidern, in denen er ungehinderte Freyheit seiner Hände und Füße verlangte, einen andern Schnitt geben, als sie bey dem Morgenländer hatten, der die Ruhe und das Stillesitzen liebt. Unsre Häuser müssen eine neue Einrichtung bekommen, so wie unsre Lebensart sich verändert, wozu sie uns Raum und Bequemlichkeit gewähren sollen. Jedes neue Geschäft, jeder neu erfundne Zeitvertreib bringt einen neuen Hausrath in unsere Zimmer. Wie leer <92, 412> sieht es in den Häusern eines Volks aus, das, wie die Türken, weder das Studiren, noch die gesellschaftlichen Zeitvertreibe liebt, zwey Dinge, die bey den gesitteten Ständen der übrigen Europäer ein unaufhörliches Anschaffen neuer Hülfsmittel und Werkzeuge erfordern.
Ferner, bey ganz unveränderten Endzwecken ist doch ihre Erreichung durch mehrere Mittel möglich. Das platte und das erhobene Dach schützen auf gleiche Weise vor Regen und Schnee. Die Gestalt des Menschen läßt es unbestimmt, ob sein ganzer Körper in ein gemeinschaftliches Gewand von Kopf bis zu Füßen eingehüllt werden, oder ob jedes Glied seine eigne abgesonderte Bekleidung bekommen soll. -- Welche unendliche Mannichfaltigkeit von Nahrungsmitteln läßt sich unser Magen gefallen, und findet unser Körper zu seiner Stärkung geschickt? Auch zu denselben Verrichtungen können Geräthschaften von ganz verschiedner Structur dienen.
Aber nun kommt noch ein dritter, und fast der Hauptgrund unsrer Veränderlichkeit, in den zur Befriedigung unsrer Bedürfnisse gewählten Mitteln, hinzu: dies ist das Vergnügen, welches wir an Schönheit finden, und die Begierde, welche wir haben, durch schöne Sachen andern zu gefallen. Wir wenden nähmlich bey allem, was wir thun, bey jedem Genusse, den wir uns vorbereiten, einen Theil unserer Aufmerksamkeit auf die bloße Ausschmückung der Sache: theils um uns selbst einen angenehmen Anblick zu verschaffen, theils um uns den Beyfall, oder die Bewunderung anderer zu erwerben. Der Aufwand oder die Bemühung, welche erfordert wird, die Zimmer wo wir unsre Freunde aufnehmen, und die Tafel, an welcher wir sie bewirthen, geschmackvoll auszu<92, 413>putzen, ist weit größer, als das, was uns die Anschaffung der Nahrungsmittel kostet, mit welchen wir diese unsre Freunde sättigen, oder die Veranstaltung der Vergnügungen, mit welchen wir sie unterhalten. Hier ist nun das eigentliche Gebieth der Mode. Diese arbeitet und wählt vornehmlich für die Augen. Die andern Sinne sind eigensinniger und ziehn den Menschen mit einer Art von Gewalt zu dem hin, was ihnen schmeichelt, oder wenden ihn von dem ab, was ihnen zuwider ist. Was uns gut oder übel schmecken soll, welche Gefühle rauh oder sanft, -- welche Töne wohl= oder übelklingend seyn sollen, wird durch eine instinctartige Nothwendigkeit bestimmt. Und wo weniger Beurtheilung und Wahl statt findet: da hat auch die Nachahmung weniger Einfluß. Zwar können wir uns Speisen, die uns Anfangs zuwider waren, zu essen zwingen, weil wir sehn, daß sie andern wohlschmecken, und können sie endlich durch die Gewohnheit gut finden. So sind auch, bis auf einen gewissen Grad, unsere Gefühls= und unsre Gehör=Empfindungen durch Beyspiel, Nachahmung und Vorsatz veränderlich. -- Aber ganz vorzüglich ist es der Sinn des Gesichts, welchen die Natur der Willkühr und dem freyen Willen des Menschen unterworfen hat. Die Augen lassen sich unendlich vielerley Anblicke gefallen; sie gewöhnen sich an ganz verschiedne Gestalten, und können, nach längerer Betrachtung, oft dasjenige schön finden, was sie, bey dem ersten darauf geworfnen Blicke, mit Gleichgültigkeit oder gar mit Widerwillen ansahen. Eben deswegen hat auch das Beyspiel über sie eine größre Gewalt. Wir sehen ein Gemählde, das uns anfangs wenig an sich zog, wenn wir hören, daß es ein geschätztes Werk eines großen Meisters ist, von neu<92, 414>em an, und finden endlich seine Schönheit, oder überreden uns wenigstens dessen. Auf eben die Weise nehmen die Leute nach der Mode sich vor, Gefallen an den Farben, Kleidungen und Meubeln zu finden, die aus Frankreich oder aus der Hauptstadt kommen; und es gelingt ihnen.
Die wahre Ursache, warum wir bey den Empfindungen des Gesichts mehr, als bey den Empfindungen anderer Sinne, durch unsern Vorsatz, unser Vergnügen oder Mißvergnügen bestimmen können, ist, weil wir bey ihnen durch unsere Aufmerksamkeit unsere Vorstellungen mehr zu leiten und abzuändern vermögen. Und die Aufmerksamkeit hat deswegen bey ihnen mehr Einfluß, weil die Gegenstände des Gesichts länger und ununterbrochner unserer Betrachtung ausgesetzt sind, als die Gegenstände anderer Sinne. Töne gehen schnell vorüber, unsere Zunge schmeckt nicht länger, als sie von der Speise berührt wird; aber Gestalten und Farben schweben fortdauernd vor unsern Augen, wir können so lange bey ihnen verweilen, und so oft zu ihnen zurückkehren, als wir wollen. Eben deswegen können wir auch mehrere Seiten von ihnen erforschen, können einen Theil von ihnen nach dem andern in Betrachtung ziehn. Und so wird es möglich, daß wir nach und nach Sachen in ihnen entdecken, die wir anfangs nicht wahrnahmen, daß wir die ersten Eindrücke, die uns mißfielen, durch neue angenehme verdunkeln, -- und überhaupt unsere deutlichen Vorstellungen durch das Urtheil unsers Verstandes abändern.
Was nun auch die Ursache sey, so ist der Erfolg gewiß. Unser Urtheil über Schönheit, und also auch über das, was schmückt und putzt, ist weniger instinctartig, und kann daher öfter bey den scharfsinnigen und erfinderischen Menschen <92, 415> durch neue Betrachtungen und gewählte Gesichtspunkte, bey den trägen durch Nachahmung und allmählige Angewöhnung abgeändert werden.
Und wenn dies von der Schönheit der Formen überhaupt wahr ist, so ist es noch mehr von denjenigen Formen wahr, welche allein die Mode regulirt.
Mode wird in Dingen nicht statt finden, oder wenig Veränderungen leiden, die gar keiner Schönheit empfänglich sind, und bey welchen der Nutzen oder die Wahrheit ganz allein ohne Rücksicht auf den Geschmack gebiethet. Sie wird gleichfalls ausgeschlossen seyn von Dingen, die eine innere, absolute und in ihrer Natur gegründete Schönheit besitzen, -- welches, beyläufig zu sagen, immer zugleich diejenigen sind, welchen eine gewisse Würde zukommt. Aber in dem ganzen weiten Gebiethe von solchen Gegenständen der Natur, und noch mehr der Kunst, wird sie herrschen, bey welchen der Mensch, vermöge seines innern Triebs nach Vollkommenheit, oder vermöge des Wunsches zu gefallen, Schönheit sucht, aber von ihr keine ganz deutlichen und unwandelbaren Begriffe auffinden kann. Hier wird er alles zu Hülfe nehmen, was seine Wahl nur immer bestimmen, und was ihm den Beyfall anderer zusichern kann. Und so wie bey der wesentlichen Schönheit die richtige Empfindung des Mannes von Geschmack zugleich die Uebereinstimmung der übrigen Menschen fordert, und, wenn kein Mißverstand obwaltet, erhält: so wird bey diesen zufälligen Schönheiten die Einhelligkeit vieler selbst für eine Regel des Geschmacks gelten, und die Empfindung sich in der Beurtheilung der Formen dem Beyspiele und der Gewohnheit der Menge oder der Angesehenern unterwerfen.
<92, 416>
Moden geben aber nicht bloß den Sachen ihre Form, mit welchen wir angethan oder umgeben sind, sondern sie reguliren auch gewisse unsrer Handlungen. Das ist die zweyte Hauptgattung der Moden, welche auch mit dem Nahmen der Gebräuche bezeichnet werden. Diese lassen sich wieder in zwey Unterarten abtheilen.
Wenn nähmlich die Menschen in Gesellschaft leben, so entstehen von selbst gewisse stillschweigende Verträge unter ihnen, wie sie die Sachen, die sie gemeinschaftlich vorzunehmen haben, auch gleichförmig thun wollen; andere Verabredungen werden vorsätzlich und mit Bedacht zum Besten der Gesellschaft gemacht. Eine zweyte noch wichtigere Wirkung der Gesellschaft, und zugleich ein noch nothwendigeres Hülfsmittel, die errichtete Gesellschaft aufrecht zu erhalten und zu vervollkommnen, ist, daß die Menschen eine Sprache unter sich einführen, wodurch sie sich einander die Gedanken und die Gesinnungen mittheilen, die, den Endzweck der Verbindung zu erreichen, ein Mensch von dem andern erfahren muß. In der besondern und engern Art der Verbindung, die wir den gesellschaftlichen Umgang nennen, der eigentlich zur Erholung bestimmt, aber bey den cultivirten Völkern des neuern Europa eine wichtige Angelegenheit des Lebens für einen großen Theil, und vornehmlich für die höhern Classen der Menschen geworden ist, haben sich natürlicher Weise beyde Sachen gleichfalls eingefunden, Conventionen, -- und eine eigne Sprache des Umgangs. Jene sind vornehmlich bestimmt, die Zeit, die Art und Weise, und die Folge der gesellschaftlichen Zeitvertreibe, die Ordnung und äußern Veranstaltungen bey den gesellschaftlichen Zusammenkünften zu reguliren; diese besteht aus allen den Formeln und Ge<92, 417>bräuchen der Politesse, welche im Grunde nichts anders als Zeichen sind, wodurch Menschen, die mit einander umgehen, sich wechselsweise die Gesinnungen allgemeiner Liebe oder einer besondern Achtung, nach den Verhältnissen des Verdienstes oder des Standes, ausdrücken wollen. -- Beyde aber, jene gesellschaftlichen Gebräuche, und diese Sprache der Höflichkeit, da sie kleinere und veränderlichere Gegenstände betreffen, als die Conventionen des bürgerlichen und Geschäftlebens, oder als die eigentliche Sprache, welche die Mittheilung unserer sämmtlichen Ideen zur Absicht hat; -- da sie zugleich zum Umgange, d. h. zu demjenigen Theile des menschlichen Lebens gehören, bey welchem man am meisten Schmuck und Anstand sucht, und nach dem Wohlgefallen anderer strebt, -- sind auch unter verschiedenen Nationen sowohl, als in verschiedenen Zeiten einer so großen Mannigfaltigkeit fähig; sie werden durch Beyspiel und Nachahmung während gewisser Perioden so gleichförmig bestimmt, und in auf einander folgenden Epochen so gleichförmig abgewechselt: daß sie mit Recht unter den allgemeinen Nahmen der Moden begriffen werden, und die Natur derselben annehmen.
Beyspiele von jenen Conventionen sind folgende. Daß an dem einen Orte ein Fremder, der ihn zum ersten Mahle besucht, und Bekannte darin hat, nach seiner Anmeldung die Besuche derselben zuerst empfängt, an einem andern sie zuerst machen muß; daß zu der einen Zeit, unter der einen Classe, dieser Besuch nothwendig in Person gemacht und nicht ohne Unhöflichkeit versagt werden kann, in der andern eine mit dem Nahmen des Besuchers beschriebene und abgegebene Charte die Stelle des Besuches vertritt; daß die <92, 418> Höflichkeit der alten griechischen Heldenzeit, wie wir aus dem Homer sehen, erforderte, daß der Wirth nicht eher nach dem Nahmen und Stande eines ihn besuchenden Fremden fragte, als bis er ihn gesättigt hatte, dahingegen bey uns schlechterdings der Besuch, welcher den Fremden bekannt macht, vor der Ausübung der Gastfreyheit gegen ihn vorhergehen muß; -- daß die Gesellschaften in unsern großen Städten des Abends ungefähr um dieselbe Stunde zusammen kommen; daß diese und keine andere Erfrischungen gegeben werden; daß die Zeit, die man der Unterredung, und die, welche man dem Spiele oder anderm Zeitvertreibe widmet, bestimmt ist, daß jedesmahl und in jedem Orte gewisse Spiele und Zeitvertreibe herrschen, und selbst nach den Tages= und Jahreszeiten vertheilt sind; daß in der ganzen Art der Bewirthung, der Folge der Gerichte, der Anordnung der Speisen, in allen Häusern von guter Lebensart ungefähr dieselbe Regel beobachtet wird: das gehört unstreitig unter die Moden; aber es sind Moden für Handlungen, nicht für Sachen; es sind Arten von stillschweigenden Verträgen, welche die von allen wahrgenommene Bequemlichkeit veranlasset, -- oder es sind Nachahmungen eines Beyspiels, welche das Ansehn der Person, die es gab, allgemein gemacht hat. -- An dem einen Orte, in dem einen Jahre sind in der artigen Welt die Dejeuners, und in einem andern die Nachmittags=Collationen im Gebrauche. Von jeder solcher Zusammenkünfte ordnet die Mode nicht nur die Zeit, sondern auch die Art der Bewirthung und der Zeitvertreibe an, durch welche sie sich unterscheiden soll.
In den großen Hauptstädten verbinden sich die öffentlichen Lustbarkeiten des Schauspiels, der <92, 419> Opern, der öffentlichen Spatziergänge mit den Privat=Unterhaltungen; und die Mode ist es wieder, die alle diese Mannigfaltigkeit von Zerstreuungen in eine gewisse Ordnung bringt, und den Leuten, die nichts anders zu thun haben, vorschreibt, in welcher Jahres= und Tageszeit sie an jedem Orte erscheinen müssen, um sich allenthalben mit der so genannten guten Gesellschaft zusammen zu finden.
Die zweyte Art der modischen Handlungen sind die Höflichkeitsbezeugungen, die, wenn sie durch Worte geschehen, Complimente heißen, und für welche das Gesetzbuch bald mehr, bald weniger weitläuftig, aber immer nach den Oertern, Ländern und Nationen verschieden, -- von Zeit zu Zeit veränderlich, in jeder einzelnen Nation und Epoche hingegen bestimmt und entscheidend ist.
Zufällige Ursachen müssen auf die Bestimmung dieser Formen, dieser Gebräuche Einfluß haben; so wie wir auf der andern Seite aus der Einförmigkeit, mit welcher zu einer und eben derselben Zeit die Menschen ganzer Länder und Erdstriche oft in den willkührlichsten Stücken jener Formen übereinstimmen, erkennen, daß das allgemeine Principium der Mode, der Nachahmungstrieb vieler, und das Ansehn des Beyspiels einiger auch hier das Unbestimmte fixirt habe.
Wir Männer im christlichen Europa entblößen das Haupt, wenn wir anderen die Ehrerbiethung bezeugen wollen. Das Bedeutende in dieblößte Haupt nimmt dem Manne das ernsthafte, martialische Ansehn, welches uns die Bedeckung desselben giebt. Ueberdies stellen wir uns dadurch demjenigen gleichsam schutz= und wehrlos dar, den <92, 420> wir über uns setzen. Dieser Zusammenhang ist dessen ungeachtet nicht so deutlich, noch so wesentlich, daß nicht ein anderer Gesichtspunct, in welchem andere Völker die Sache faßten, sie auf eine entgegengesetzte Art, ihre Höflichkeit zu bezeugen, hätte führen können. In der That bedecken die Orientaler ihr Haupt vor dem, welchem sie Achtung beweisen wollen. Ohne Zweifel glauben sie das, was sie für das wichtigste Stück der Kleidung halten, weil es den edelsten Theil des Körpers bedeckt, am wenigsten dann weglassen zu können, wenn das Ansehn der Person, vor welcher sie erscheinen, fordert, daß sie ihren vollständigen Schmuck anlegen. Der Vorzug der rechten Hand vor der linken, und einer gewissen Stelle an der Tafel vor den übrigen; -- die verschiedenen Verbeugungen jedes Geschlechts, die Titel, durch die wir im Umgange die verschiedenen Stände unterscheiden, die mannigfaltigen Arten mündlicher und schriftlicher Begrüßung; und alles, was wir unter dem Nahmen Complimente begreifen, gehört hierher.
Unter diesen Sachen, ob sie gleich alle, so wie andere Gebräuche, von der Willkühr, die sie eingeführt hat, auch in ihrer Dauer abhängig bleiben, sind doch einige den Veränderungen weit weniger, als andere unterworfen, oder schreiten auf der Bahn ihrer Abwechselungen weit langsamer fort. So ist z. B. die Geberdensprache der Höflichkeit, die wir jetzt in Europa brauchen, sehr alt, und scheint vor merklichen Aenderungen noch sehr lange sicher zu seyn. Das bloß sinnliche und körperliche Ceremoniel des Umgangs ist aus eben den Ursachen beständiger, als die wörtlichen und deutlichen Ausdrucksarten desselben, um welcher willen auch die gottesdienstlichen Ge<92, 421>bräuche länger dauern, als die eigenthümlichen Dogmen, oder Religionspartheyen. Je weniger man zur Einführung einer Sache durch deutliche Begriffe bestimmt wird; desto weniger und desto später reflectirt man auch hinterdrein darüber, nachdem sie einmahl eingeführt ist. Gewohnheiten, die mehr den Körper als den Geist beschäftigen, werden mechanisch, und setzen sich eben deswegen desto fester. Solche Conventionen mögen im Anfange größere Schwierigkeiten finden, ehe sie allgemein eingeführt werden, weil die Gründe, warum sie angenommen werden sollen, nicht einleuchten; aber nachdem sie einmahl herrschend geworden sind, wird es eben so schwer, sie abzuschaffen, weil alle eine große Bequemlichkeit darin finden, in diesen Nebensachen der Gewohnheit blindlings folgen zu können; weil der Vernünftige gar nicht mehr sein Nachdenken damit beschäftigt, und der thörichte Neuerer selten Nachahmer genug findet, um eine Revolution zu bewirken.
Titel hingegen, Complimente, alle diejenigen modischen Höflichkeitsbezeugungen, welche deutlicher unsre Verhältnisse gegen andre, oder die denselben gemäßen Gesinnungen ausdrücken; die, bey welchen man sich immer, so oft man sie wiederhohlt, des Endzwecks und der Bedeutung bewußt bleibt: diese werden auch öfter von neuem in Untersuchung gezogen, und leiden von Zeit zu Zeit Reformen der Einschänkungen.
Eine allgemeine Bemerkung, in Absicht dieses ganzen zweyten Hauptzweiges des Modischen, oder der Gewohnheiten, ist diese. Je zahlreicher und zusammengedrängter, und je verfeinerter zugleich dadurch die Gesellschaft wird; je mehr der Luxus und der Hang zu Vergnügungen zugleich mit dem Geschmacke und der Wissenschaft in denselben <92, 422> steigt: desto mannigfaltiger werden die Anordnungen und Conventionen, nach welchen Zeit, Form und Methode der gesellschaftlichen Verrichtungen und Zeitvertreibe bestimmt werden: -- desto einfacher hingegen, freyer, und geringer an der Zahl werden die Formen der Höflichkeit.
Die Ursache ist klar. Da, wo viele Menschen sehr häufig zusammenkommen, und durch Reichthum und Muße in den Stand gesetzt werden, ihre meiste Zeit dem Vergnügen zu widmen: da wird nachgesonnen, wie man am meisten in der kürzesten Zeit genießen könne. Ueberdies ist eine Regel der Ordnung um so viel nothwendiger, je eine größere Anzahl von Personen sich in gemeinschaftlichen Beschäftigungen vereinigen will. Endlich bey den beständigen Wiederhohlungen derselben gesellschaftlichen Auftritte werden Gewohnheiten eingeführt, theils, damit man sich die Mühe der Wahl erspare, theils, weil man nach und nach einsehn lernt, was das bequemste und beste sey. Daher sind es die großen Hauptstädte von Europa, und besonders ist es die vornehme Welt in denselben, wo diese Conventionen sich am meisten vervielfältigen und am vollkommensten aufs Reine gebracht werden. Der Zusammenfluß von Menschen und die Menge sowohl der öffentlichen Ergötzlichkeiten, als der Kreise des Umgangs in den ersten, die beständige und ernsthafte Beschäftigung der andern, mit den gesellschaftlichen Zusammenkünften macht, daß dort die Nothwendigkeit entsteht, gewisse Regeln zu machen, und hier nach und nach die Einsicht erworben wird, welche Regeln dem geselligen Vergnügen die angemessensten sind. -- In Paris hatte sonst, (denn bey der gänzlichen Umkehrung aller Dinge werden unstreitig die Moden, und vielleicht selbst der Charakter, <92, 423> welcher sie bestimmte, nicht mehr die alten bleiben) jede Jahreszeit ihre besondern Spatziergänge, so wie ihre besondere Kleidung. In diesem Monathe war die schöne Welt in den Thuillerieen, in einem andern im Garten von Luxemburg. Die Kirchen wie die Theater wurden zu bestimmten Tagen besucht.
Die Bezeigungen der Höflichkeit hingegen müssen in einer Gesellschaft, wie die der großen Welt ist, deren Glieder unter einander fast gleich und dabey zahlreich sind, einfach werden. Schon die Menge derer, welchen man seine Höflichkeit bezeigen will, macht es nothwendig, daß man gegen jeden kurz sey. Nur in kleinen Gesellschaften kann das Beschwerliche und Lächerliche, das mit langen Complimenten verbunden ist, verborgen bleiben. -- Ferner sind es die vielerley Unterordnungen und Abtheilungen des Ranges, welche das Gesetzbuch der Höflichkeit weitläuftig machen, sobald man es als Pflicht ansieht, dieselben im Umgange immer auf eine merkliche Weise zu respectiren. In der großen Welt sehen die meisten Personen, die dazu gehören, sich der Geburt nach ungefähr für gleich an: und die, welche es nicht sind, werden, indem sie in dieselbe Zutritt erhalten, über ihren bürgerlichen Stand erhoben. Ueberdies lernen die Menschen, durch den Umgang selbst, die Hindernisse der Geselligkeit kennen und vermeiden, worunter die immerwährende Rücksicht, auf jede kleine Verschiedenheit des Ranges unter den Gesellschaftern eines der beschwerlichsten ist. Daher kommt es, daß in den obersten Kreisen der am meisten verfeinerten Nationen die Menschen endlich anfangen, einander mehr als bloße Menschen anzusehen, und diesem Verhältnisse zufolge, alle andre Ausdrücke, als die der allgemein<92, 424>sten Hochachtung weglassen, oder äußerst abkürzen. Sogar diejenigen wesentlichern Beziehungen, nach welchen man die eine Person besonders schätzt, eine andre zärtlicher liebt, werden dort bey Seite gesetzt, oder geflissentlich verborgen, und alle Glieder vereinigen sich durch kalte, aber gleiche Aeußerungen einer bürgerlichen Achtung gegen einander. Dies alles verkürzt und vereinfacht die conventionellen Regeln, die unter dem Nahmen der Complimente den letzten Zweig des Modischen ausmachten.
Nirgends bekommen diese Zeichen des Ranges und der Achtung, verbunden mit der Anordnung der Gesellschaft, einen größern Umfang, eine fixere Bestimmung, und eine höhere Wichtigkeit, als an den Höfen, wo sie unter dem Nahmen der Etiquette zugleich ein Gegenstand des Rechts geworden sind, worüber ernsthafte Streitigkeiten vor den ehrwürdigsten Tribunälen geführt werden, und ein Gegenstand einer Wissenschaft, welche man eines weitläuftigen Studiums würdig schätzt. -- Die Hoheit der Personen ist es nicht allein, die hier den Kleinigkeiten einen Glanz giebt, und Thorheiten, die wir bey Geringern verlachen, in unsern Augen ehrwürdig macht: sondern es giebt auch eine reelle Ursache, warum bey Personen, welche die Regierung eines Staats führen, oder an derselben mehr oder weniger Theil nehmen, die Bestimmung des Rangs der einen, und die Art, wie die andern ihn anerkennen sollen, -- besonders bey öffentlichen Gelegenheiten, wo das Volk Zuschauer und Theilnehmer ist, -- eine größre Aufmerksamkeit verdient, als bey Privatpersonen, die ohne Auctorität, bloß Achtung in der Welt zu fordern haben und genießen. Die Etiquette, welche jene Rangordnung, und alle darauf sich be<92, 425>ziehenden Höflichkeitsbezeugungen regulirt, hängt mit der Organisation des Staats, mit der Vertheilung der Macht, mit der Würde und dem politischen Einflusse der verschiednen Stände und Aemter zusammen, oder scheint wenigstens damit zusammen zu hängen.
Die obige Eintheilung führt uns noch zu einigen andern Betrachtungen.
1. Unter den Sachen, welche die Mode regulirt, (insofern sie den Handlungen entgegengesetzt sind), stehn keine so unmittelbar und so allgemein unter ihrer Herrschaft, als die Kleider. Gemeiniglich denkt man nur an Form und Farbe von diesen, wenn man von den Moden reden hört. In der That sind, im Putze der Menschen die Abwechselungen weit schneller, und die Uebereinstimmung zu jedem Zeitpuncte größer: zwey Sachen, die zu dem Begriffe des Wortes Mode zu gehören scheinen.
Die Ursache, warum die Kleidung unter den modischen Sachen eine so vorzügliche Stelle einnimmt, liegt ohne Zweifel darin, daß sie öfter erneuert, und daß sie mehr gesehen wird.
Auch die Neuerungssucht der Menschen muß zuerst durch Nothwendigkeit rege gemacht werden. Die Sachen, welche wir oft erneuern müssen aus Bedürfniß, weil sie sich schnell abnutzen, werden von uns auch ihrer Form am öftersten, bloß unsers Geschmack wegen, und aus Neigung verändert, es sey um ein erhöhtes Vergnügen an ihnen zu haben, oder um mehr damit zu gefallen. Das ihm bequeme Hausgeräthe, so lange es ganz und reinlich ist, vertauscht auch der wohlhabende Mann nicht leicht: oder er erwartet außerordentliche Gelegenheiten, wo er dazu aufgefordert wird. Die mittlere und noch mehr die untere Classe ist froh, <92, 426> wenn sie nach und nach diejenigen Bequemlichkeiten und Verzierungen in die Hände bekommt, deren die Reichsten und Vornehmsten überdrüssig geworden sind, oder die bey Sterbe= und andern Fällen zerstreut werden. Auf diese Weise wandelt die Begierde, sich neuen Hausrath, eine neue Anordnung oder Auszierung seiner Wohnzimmer zu verschaffen, nur wenige Personen, und auch diese nur selten an, und erstreckt sich, unter den Classen der bürgerlichen Gesellschaft, nicht über eine bestimmte Gränze. Die Erfindungskraft der Künstler wird nicht so sehr in Thätigkeit gesetzt, wo die Nachfrage nach ihren Producten nicht so ununterbrochen ist. Die Revolutionen der Moden in der Form der Gebäude, Hausgeräthe und Equipage gehn daher langsamer vorwärts. Nach dem Maße, als diese Dinge sich den eigentlichen Kunstwerken nähern, als sie einen bestimmteren Zweck und festere Regeln der Schönheit haben, sind sie auch weniger den bloß eigensinnigen Veränderungen unterworfen, dergleichen, im Schnitt und Farbe der Kleider, wo fast alles willkührlich ist, die Mode machen kann. Und nur dieser Eigensinn, der etwas sonderbares sucht, aber nicht die Vernunft, welche wählt, kann unaufhörlich verändern.
Was aber den Kreislauf der Kleidermoden noch mehr beschleuniget, was diesem Wirbel die so weite Ausdehnung giebt, daß er alle Stände der Gesellschaft, nur den allerärmsten ausgenommen, mit sich fortreißt, ist, daß Kleider ein beständiger Gegenstand der Beobachtung und der Beobachtung aller sind. Was am meisten gesehn wird, das sucht der Eitle am meisten auszuzieren, und das kann der Liebhaber des Neuen am leichtesten copiren. An allen öffentlichen Orten, im <92, 427> Schauspielhause, auf den Spatziergängen in den Straßen der Stadt, stellt der Reiche und Vornehme seine Kleider und seinen Putz zur Schau aus. Ihn von dieser Seite seiner Pracht oder seines Geschmacks kennen zu lernen, dazu hat jeder Zutritt: dahingegen das Uebrige seines Wohllebens, so wie seiner Gewohnheiten nur denjenigen bekannt wird, die ihn in dem Innern seines Hauses sehen. Daher geht dort die Bewunderung, welche das Neue, besonders bey den Zuschauern der wohlhabenden Mittelclasse, erregt, bald in Bekanntschaft mit der Form und der Beschaffenheit der Sache, und diese in Begierde und Nachahmung über. Diese weniger unterbrochne, und schnellere Mittheilung jeder neuen Erfindung in der Form und Farbe des Kleiderschmucks, vom Höhern zum Niedrigern, vom Reichen zum Mittelmanne, reitzt auch die arbeitsame Classe mehr, auf solche neue Erfindung zu denken.
Man kann noch als eine dritte Ursache hinzusetzen, daß alles übrige, was nach dem Geschmack der Mode sich verändert, nur zu den Zierrathen der Dinge gehört, die uns umgeben, die Kleidung zur Ausschmückung unsrer Person selbst. Das Interesse, welches uns diese verschönern heißt, ist eben sowohl das größte als das allgemeinste. Eben in dem Verhältnisse wächst also auch die Aufmerksamkeit auf das Neue, welches in dieser Gattung erscheint, und der Trieb, es nachzuahmen.
Man könnte eine Stufenleiter von Dingen angeben, auf welcher der Eigensinn und die Willkühr der Moden, nach und nach, in die unwandelbaren Gesetze der Schönheit übergeht. Die Arbeiten des Schneiders und Putzmachers würden die ersten Glieder dieser Progession seyn, die Werke der bildenden Künste die letzten: zwischen bey<92, 428>den würden, in einer unabsehlichen Reihe, die Producte der Handwerker stehn, welche die verschiedenen Arten des Hausraths und der Werkzeuge liefern, und denen die Formen ihrer Werke von der Zeichenkunst, die Endzwecke von den menschlichen Bedürfnissen vorgeschrieben werden. Die Baukunst würde vielleicht in der Mitte dieser Reihe ihren Platz finden, da, wo Gesetze der Proportion allgemeine Bedürfnisse des Lebens, und besondere Gewohnheiten der Zeit und der Gesellschaft ihre Forderungen fast in gleichem Grade mit einander vereinigen. Man würde finden, daß der menschliche Geist allenthalben nach Schönheit und Zweckmäßigkeit strebet, aber sie nicht allenthalben mit gleicher Bestimmtheit finden kann. Da, wo er sie am unvollkommensten entdeckt, schwankt der Geschmack am meisten hin und her, durchläuft ohne Ende alle mögliche Abwechselungen von dem einen Extrem zu dem andern, und sucht sich für das höhere Vergnügen an Schönheit, das er vermißt, durch das niedrigere an Neuheit und Abwechselung schadlos zu halten. Zuweilen geräth er bey diesen Versuchen zufällig auf Formen, die eine größere innere Angemessenheit zur Absicht, oder eine dem Auge gefälligere Proportion haben, und dann steht auch das sich umwälzende Rad der Mode eine Zeitlang stille. Wir sehen daher Kleidungsstücke und Kopfzeuge dieser Art, zum Lobe der männlichen Vernunft und des weiblichen Geschmacks, noch immer im Gebrauche, indeß andere gleichzeitige Moden schon längst neuen Erfindungen Platz gemacht haben.
In dem Maße, als die Natur der Sachen an sich bestimmter ist, oder das, was wahrhaft schön an ihnen ist, deutlicher eingesehen wird, in eben dem Maße treten sie aus dem Gebiethe der <92, 429> Mode heraus, und gehen in das der Kunst über. Aber die höchste Kunst selbst, die Nachahmung der Natur durch Bildnerey oder Zeichnung, macht sich eben so wenig ganz von dem Einflusse der Mode los, so wenig auf der andern Seite in den frivolsten Stücken des Putzes und bey den willkührlichsten Abänderungen desselben ohne Rücksicht auf Kunst oder Proportion ausgeschlossen wird. Ist dies nicht vielleicht selbst ein Beweis, daß in dem Wohlgefallen, welches wir für eine Wirkung der objectiven Schönheit halten, etwas unsrer eignen Denkkraft, und, in so fern diese durch freywillige Aufmerksamkeit geleitet wird, unsrer Willkühr zuzuschreiben sey?
2. Vergleicht man die beyden Hauptgattungen der Moden, die in den Handlungen, oder die Gebräuche des Wohlstandes, mit denen der Sachen in Kleidung und Equipage: so findet man, daß jene bey weitem nicht so geschwind von den höhern Ständen zu den niedrigern übergehn, als diese. Augenscheinlich deswegen, weil die erstern in der Gesellschaft selbst, in welcher sie herrschen, gleichsam eingeschlossen bleiben, und denen nicht sichtbar werden, die zu ihr nicht Zutritt haben; die letztern aber auch außer dem Hause, auf allen öffentlichen Plätzen, in den Zusammenkünften des größern Publikums gesehen werden, und der Beobachtung aller ausgesetzt sind. In den Hauptstädten Europens ist daher der gute Bürgerstand von dem Adel in seiner Kleidung, wie in seinem Mobiliar, wenig unterschieden, aber er weicht noch sehr in den Regeln der Höflichkeit von demselben ab. Die bürgerliche Dame fordert vielleicht an eben dem Orte den Handkuß von einem Fremden, als eine allgemeine Höflichkeitsbezeugung, an welchem die adliche es ihm als einen Fehler gegen den <92, 430> Wohlstand auslegt, wenn er dieses Zeichen einer besondern Vertraulichkeit mit einer bloßen Begrüßung verwechselt.
Das ist auch die Ursache, warum in der sogenannten guten Gesellschaft ein Verstoß gegen das Uebliche in Absicht des Wohlstandes, und gegen die hergebrachten Regeln des Betragens mehr mißfällt, als eine unmodische Tracht. Die Gesellschaft setzt nothwendig einen größern Werth auf das, was ihr ausschließend zugehört. Ueberdies ist die Art, wie man handelt, ein sichereres Anzeigen von den Menschen, unter welchen man gelebt, von den Mustern, die man täglich vor Augen gehabt hat, als die Art, wie man sich kleidet. Gewohnheiten nimmt man unmerklich und fast unvermeidlich an, wenn man Sachen immer auf eine gleichförmige Weise machen sieht; aber in seiner Kleidung kann man aus Wahl und Vorsatz, von den Beyspielen derer, unter welchen man lebt, abgehn, oder auf der andern Seite, ohne es zu wissen, die Regeln des Ueblichen verletzen, weil man darauf keine Aufmerksamkeit wendet. Jeder Mensch zeigt die Classe, zu der er gehört, durch den Wohlstand an, welchen er beobachtet. Und derjenige also, der unter der Gesellschaft der obersten Classe erscheint, und die Conventionen derselben übertritt, oder mangelhaft und unschicklich beobachtet, kündigt sich bey ihr entweder als einen Menschen von niedrigerm Stande an, oder als einen, der freywillig sich mit schlechterer Gesellschaft verbunden hat, und in beyden Fällen verliert er von ihrer Achtung.
Hierdurch wird zugleich ein Umstand erklärt, der von mehreren aufmerksamen Beobachtern der Sitten der verschiedenen Stände angemerkt worden ist, der, daß der Luxus in Kleidern in dem <92, 431> reichen Mittelstande mehr, als in dem vornehmen herrscht, und durch jenen mehr, als durch diesen, zu einem gewissen Uebermaße getrieben wird. Wenn die Modesucht ein den reichen Bürgerfamilien vorzüglich eigner Fehler ist: kommt es nicht daher, weil die Eitelkeit derselben, die sich in andern Gegenständen des Luxus von dem Adel übertroffen sieht, und weder Mittel noch Gelegenheit hat, das Glänzende seiner ganzen Lebensart nachzuahmen, sich mit desto größerer Hitze auf den einzigen Zweig der Ueppigkeit wirft, in welchem sie hoffen kann, es dem höhern Stande gleich zu thun, und selbst durch Geld und Aufwand einen Vorzug über ihn zu erhalten. So viel ist gewiß, daß in Handlungsstädten im Durchschnitte mehr Pracht in Kleidern, und ihrer Menge und Mannigfaltigkeit getrieben wird, als in Residenzen. Tafel und Dienerschaft ist beym reichen Kaufmanne selten derjenigen gleich, die man in den Häusern der Großen findet; aber der Staat, mit welchem er und seine Familie erscheint, sticht oft gegen die Einfachheit des Anzugs der letztern ab.
Es giebt einen Gesichtspunct, unter welchem die Moden dem Beobachter der menschlichen Natur einen noch wichtigern Gegenstand für seine Untersuchungen darbiethen. Ohne Zweifel ist diese Natur selbst, so wie sie sich in der Geschichte des ganzen Geschlechtes, zeigt, nicht stillstehend, sondern fortschreitend. Ohne Zweifel gehn in den wichtigern Angelegenheiten der Menschheit, in Politik und Moral, in Wissenschaften und Künsten, eben so unaufhörliche Veränderungen vor, als in den Kleinigkeiten ihres Schmucks oder ihrer Zeitvertreibe. Aber jene Fortschritte des menschlichen Geschlechts mit eignen Augen zu beobachten, die Gesetze dieser Veränderungen aus selbst gemachten <92, 432> Erfahrungen zu abstrahiren: das ist für ein so kurzdauerndes und so kurzsichtiges Wesen als der Mensch ist, nicht wohl möglich. Die Revolutionen geschehen hier zu langsam, und können also eben so wenig unmittelbar wahrgenommen werden, als die Bewegung der Sonne auf ihrer jährlichen Bahn. Nur aus der Geschichte, nur durch die Vergleichung mehrerer Menschenalter kann der Pilosoph einige Data erhalten, woraus er auf den Ursprung und die Richtung der ihm erst nach längern Perioden sichtbaren Veränderungen muthmaßliche Schlüsse zieht. Aber wie sehr müßte er nicht wünschen, selbst Zeuge und Zuschauer eines Theils derselben seyn zu können!
Hier kommen ihm nun die schnelleren Abwechselungen, die in den zufälligern und kleinern Eigenheiten der Menschen vorgehn, und die man unter dem Nahmen der Moden zusammenfassen kann, zu Hülfe. Im Grunde geschehen diese Abwechselungen nach eben den Gesetzen, welche bey den wichtigsten Revolutionen zum Grunde liegen. Eben der Charakter der menschlichen Natur im Ganzen, eben die Local= und National=Unterschiede, welche die Veränderungen in Staatsverfassung, Litteratur und moralischer Aufführung bestimmen, hier die Reformen beschleunigen, dort aufhalten, haben auch auf den Gang, und die bald schnellere bald langsamere Veränderlichkeit der Moden Einfluß. Hier im Kleinen kann also der Philosoph beobachten, was er beym Großen nur durch das Räsonnement erkennen kann. Mancher Umstand, der ihm hier von selbst in die Augen leuchtet, kann ihm Veranlassung werden, die Begebenheiten der Geschichte unter neue Gesichtspuncte zu fassen, oder aus denselben neue Resultate zu ziehn.
<92, 433>
Zuerst erkennt man aus denselben, daß der große Haufen auch in Dingen, wo er frey zu seyn glaubt, regiert wird; und daß er größtentheils von einem oder wenigen Menschen regiert wird, selbst da, wo sein Recht, durch Mehrheit der Stimmen zu entscheiden, am unbestrittensten ist. Die allgemeinsten und größten Aenderungen der Moden in Europa haben oft ihren Ursprung in dem Einfalle einer einzigen Person gehabt, die gerade an einem solchen Orte und in solchen Umständen lebte, daß ihr Beyspiel Eindruck zu machen, und Nachahmer in mehrern Ländern zu erwecken fähig war. Wie oft ist nicht ein Anzug, ein Kopfputz, der zufällig einer Favoritinn am französischen Hofe wohlgestanden, und den Beyfall des Tages erhalten hatte, nach und nach in alle große und kleine Städte Europens durchgedrungen, und hat das Modell des modischen Putzes für lange Zeit abgegeben?
Ganze Nationen, ganze Gesellschaften kommen nie zugleich auf einerley Gedanken. Der große Haufe würde ewig beym Alten bleiben. Alle Erfindungen, alle Neuerungen kommen immer von einzelnen Personen her: und die Nachahmungsbegierde, oder der Ehrgeitz breitet sie aus, wenn die Person Aufmerksamkeit erweckt, oder wenn die Neuerung gefällt. Es ist unglaublich, wie geschwind sich die Kette verlängert, und wie die Anzahl der Nachahmer sich in kurzem vermehrt.
So wie es für ganz Europa fast immer einen Hauptsitz der Moden giebt, und einen Punct, aus welchem sie sich verbreiten: so giebt es wieder einen für jeden Staat, für jede Provinz, für jede Stadt, für jeden Stand. In jedem Kreise genauer mit einander verbundner Menschen finden sich gewisse dirigirende Personen, die den Ton an<92, 434>geben, deren Wahl von andern gemeiniglich gebilligt wird, oder deren Beyspiel durch ihr Ansehn zur Nachahmung bewegt. Diese untergeordneten kleinen Partheyen mit ihren Anführern stehen unter dem Einflusse der größern: und das ganze System der Mode=Erfinder und der modischen Leute in Europa bildet eine Art von großem Staate, der unsichtbar, von unbekannten Obern, aus der Ferne regiert wird, in dessen mannichfaltigen Unterabtheilungen aber sich der Einfluß des allgemeinen Gesetzgebers mit der Autorität der kleinern Regenten und Dynasten jedes Districts vereinigt.
Die Moden und ihre Geschichte zeigen uns zweytens, was die Verbindung mehrerer Nationen unter einander für Wirkungen auf die einzelnen Menschen in jeder habe, und welche Folgen daraus für das gesellige Leben der Privatpersonen entstehen. Eine von andern Völkern abgesonderte Nation ist fast immer in ihren Gewohnheiten unveränderlich. In der Nation selbst ist oft kein Muster so erhaben oder so beliebt, daß es gegen die Verehrer des Alterthums mit einer neuen Erfindung durchdringen könnte. Das Neue leuchtet aus der Ferne mit einem weit hellern Glanze. Die Nachahmung kostet unsrer Eitelkeit weniger, wenn das Modell entfernt ist: und sie schmeichelt ihr sogar, wenn dasselbe uns allein bekannt ist. Auf der andern Seite wird der Erfindungsgeist der die Mode beherrschenden Nation mehr belebt, wenn er für die Einwohner mehrerer Länder arbeitet.
Bey der so genauen Verbindung, welche heut zu Tage unter den europäischen Nationen obwaltet, sind es doch vorzüglich nur die vornehmern Stände, die durch dieses Band verknüpft werden, <92, 435> und der Zusammenhang verliert sich bey dem gemeinen Manne fast gänzlich. Die Höfe kennen einander am genauesten durch die Nachrichten der Gesandten, und durch den Zusammenhang der Staatsgeschäfte. Briefe und Boten gehen unaufhörlich von einem Fürsten zu dem andern. -- Der Adel der verschiedenen Länder kennt sich durch Heyrathsverbindungen, durch Gesandtschaften, durch Reisen, durch die öffentlichen Geschäfte, an deren Verwaltung er Antheil nimmt, endlich selbst durch die Geschichte und das genealogische Studium. -- Die Kaufleute aller Länder machen ein anderes, aber minder verbundenes Corpus aus. Weniger bekümmert um die Person und die Familie, als um den Reichthum und den Credit ihrer sogenannten Freunde, haben sie weniger Anlaß, weniger Reitz, fremde Sitten und Gewohnheiten, als fremde Waaren kennen zu lernen. -- Der Handwerker eines Landes weiß von den Handwerkern andrer Länder nur, was wandernde Gesellen ihm mittheilen; der Tagelöhner und der eigentliche Pöbel weiß gar nichts von seines Gleichen in der Fremde. Diese Classen haben oft unter den nächsten Nachbaren die gröbsten Vorurtheile gegen einander, weit entfernt, daß sie sich nachahmen sollten.
Dieser Zustand der Dinge macht, daß es ein Gegenstand der Eitelkeit wird, mit ausländischen Sitten und Moden bekannt zu seyn, und noch mehr, von allen darin vorgehenden Veränderungen schnell Nachricht zu haben. Man sieht dieses als das Eigenthum und das Unterscheidende eines höhern Standes an, der sich dazu mehrere Hülfsmittel zu verschaffen weiß, oder man schließt daraus überhaupt auf die größere Bekanntschaft und einen weitern Wirkungskreis des Menschen; indem derjenige wahrscheinlich in fremden Ländern <92, 436> bekannt ist, der von dorther schnell Nachricht erhält. So haben die französischen Sitten bey uns und bey vielen Nationen größern Eingang gefunden, weil sie zuerst bloß adeliche Sitten unter diesen gewesen sind. Wenn sie den Beyfall der Nation, von welcher sie herkamen, um ihrer Bequemlichkeit oder Annehmlichkeit willen erhalten hatten: so erhielten sie den Beyfall derer, zu welchen sie gebracht wurden, auch durch den Glanz, welchen sie mittheilten.
Sobald mehrere Nationen mit einander in beständigem Verkehr stehen, und eine Art von Gesellschaft ausmachen: so wird unter ihnen eben der Fall sich ereignen, der unter mehreren zu einem gesellschaftlichen Ganzen verbundenen Individuen eintritt. Eine oder etliche werden über die andern einen Vorzug und eine gewisse moralische Herrschaft erhalten. So viel ist gewiß, daß, seitdem die europäischen Nationen durch Religion, Politik und Handel in nähern und ununterbrochenen Umgang mit einander gekommen sind, immer eine unter den übrigen den Ton angegeben hat, und für sie in Dingen, die von einem willkührlichen Geschmacke und einer vielseitigen Beurtheilung abhangen, Muster gewesen ist.
Eine solche Herrschaft einer Nation über andere hat auf dieselben einen ähnlichen Einfluß, als die Macht eines Monarchen oder das Ansehn eines Hofes auf die Sitten in der bürgerlichen Gesellschaft hat.
In der Demokratie sind die Sitten unveränderlicher, und neue Gebräuche finden schwerer Eingang, weil, da jeder sich so gut dünkt, als der andre, auch jeder nur seinen eigenen Geschmack zu seiner Regel macht.
<92, 437>
In der Monarchie hingegen ist sowohl die Gleichförmigkeit der Mode zu derselben Zeit, als die Abwechselung der Mode in verschiedenen Zeiten größer, indem alle ihre Blicke auf die Obersten und Ersten des Staats richten, und Aenderungen, die diese aus Einsicht oder Eigensinn machen, wie Gesetze befolgen.
Auf gleiche Weise ist die Herrschaft der Mode bisher nirgends fester gegründet, und ihre Abwechselungen sind nie so häufig gewesen, als in Europa, und in dem Zeitalter, wo mehrere Nationen auf eine, als ihre Lehrmeisterinn und ihr Muster, hingesehen haben, von deren Litteratur bezaubert, und für deren Geschmack mit günstigen Vorurtheilen eingenommen gewesen sind. Denn indem alsdann jede neugierig darnach forschte, was bey dieser geehrten Nation vorgehe, was bey ihr Sitte sey, was ihre Industrie oder ihre Kunst neues hervor bringe; bekamen insbesondere die Großen einer jeden einen neuen Bewegungsgrund, die von dort herkommenden Verfeinerungen der Lebensart und des Costume anzunehmen, weil sie sich dadurch von ihren geringern Landsleuten unterscheiden konnten.
Es erklärt sich aber aus dieser Schilderung der Sachen, warum nach dem Zeugnisse der besten Beobachter in Frankreich, dem Lande, aus welchem andere Völker ihre Moden so lange herhohlten, die Mode weniger gebietherisch herrschte, als bey denen, zu welchen sie durch Nachahmung überging. Dort fiel der Grund weg, welcher den Ausländern die ihnen zugeführten Erfindungen der Galanterie so sehr empfahl. Dort nahm überdies jeder mehr oder weniger an dem Erfindungsgeiste Antheil, durch den sich die Nation auszeichnete, und durch den sie sich das Ansehn in Sachen des <92, 438> Geschmacks erworben hatte. Es gab bey ihr viele Erfinder und wenige Nachahmer; -- also weniger Gleichförmigkeit, welche das Wesen der Mode ausmacht. Endlich sind bey der Nation, deren Moden von ihr selbst erfunden worden, und bey welcher die Gewohnheiten der höhern Stände die allgemeinen nur verfeinerten National=Gewohnheiten sind, diese höhern Stände in Tracht und Sitten von dem Mittelstande weniger unterschieden. Die Mode ist also hier weniger ein Kennzeichen des Ranges. Wenn demnach die Modesucht bey denjenigen Nationen, welche ihre Neuerungen aus der Fremde hohlen, durch zwey Triebfedern unterstützt wird, durch den Stolz der sich unterscheiden, und durch die Eitelkeit, welche gefallen will: so hat dieselbe bey den Nationen, wo diese Neuerungen einheimisch sind, nur die letzte Leidenschaft allein zu ihrer Stütze.
Wenn die alten Völker das, was Mode heißt, weniger gekannt haben; wenn die Asiaten sie noch nicht kennen: so liegt die Ursache darin, daß weder im Alterhum, noch je in Asien, -- daß überhaupt zu keiner Zeit und in keinem Welttheile ein System so vieler, so gesitteter und so genau mit einander verbundener Staaten existirt hat, als in den letzten Jahrhunderten in Europa. So wie die öftere Mittheilung der Gedanken, und unter einer größern Anzahl von Menschen einen schleunigern Fortgang der Meinungen hervor bringt: so entstehen auch desto mehr Abwechselungen in Sitten und Sachen des Geschmacks, in einem je größern Bezirke sich die Menschen einander zum Muster dienen.
Ein drittes Gesetz, welches man für die Revolutionen der menschlichen Dinge überhaupt von den Moden abstrahiren kann, ist, daß es in die<92, 439>sen, wie im Laufe der Gestirne, Perioden giebt, wo die Veränderlichkeit derselben stille zu stehn scheint, und andere, wo sie mit beschleunigter Geschwindigkeit forteilt. Zuweilen erhalten sich gewisse Moden lange; andere gehen schnell vorüber.
Die Erfindungen in den Moden sind denen in den Künsten und Wissenschaften ähnlich. Die Genies zu denselben werden nicht zu allen Zeiten in gleicher Anzahl gebohren. -- Aber das ist noch nicht alles. Zuweilen sind die Wissenschaften bis zu einem gewissen Schlußpunct gebracht worden, wo sie gleichsam ruhen müssen. Man hat nähmlich entweder die Aufgaben, welche seit geraumer Zeit die Welt beschäftigten, aufgelöset; man hat gefunden, was man suchte: und ehe man wieder neue Fortschritte thun kann, müssen erst wieder neue Fragen aufgeworfen, neue Beobachtungen gesammelt werden. Oder eine Reihe kleiner Erfindungen hat sich endlich mit einer großen, welche das Resultat von allen ist, geendigt; die Frucht ist aus ihrem Keime nach und nach hervorgewachsen. Aber nun gehört Zeit und eine Reihe neuer Vorbereitungen dazu, ehe ein neuer Keim sich entwickelt, -- ehe eben so merkwürdige neue Aufschlüsse können gefunden werden. Auf eben die Weise gelangen die Moden in Sitten und Kleidungen der Menschen, mitten durch ihre Abwechselungen hindurch, zuweilen auf einen fixen Punct. Man erkennt nähmlich, daß die Bequemlichkeit oder Annehmlichkeit der Sache, nach welcher man bey den mehrmahligen Abänderungen derselben strebte, ohne sie finden zu können, wirklich durch die letztre Neuerung etwas gewonnen habe. Man ist vielleicht auf eine Kleidung, auf eine Form des Hausgeräthes, auf eine Auszierung der Wohnung, eine Anordnung der geselligen Tafel gerathen, die <92, 440> bequem und schön zugleich ist. Bey solchen Moden ruht, so zu sagen, der veränderliche Genius derselben ein wenig aus, -- froh, in seinen zufälligen Würfen etwas wirklich schönes und dem Zwecke gemäßes getroffen zu haben. Es muß einige Zeit vorbeygehn, ehe man über die neue, allgemein gebilligte Tracht oder Gewohnheit so sehr von neuem raffinirt, um Mängel an ihr zu entdecken, oder ehe man des Guten und des Bequemen selbst überdrüssig wird, und anfängt, nur nach einer Veränderung zu verlangen, wenn es auch eine Verschlimmerung seyn sollte.
Die Geschichte der Mode lehrt uns viertens, welchen Gang Neuerungen nehmen, wenn sie in einer Gesellschaft Eingang finden und das Alte verdrängen. Das erste ist, daß sie Aufsehn machen und Widerspruch erregen. Einem großen Theile der Menschen ist das Fremde, das Ungewohnte, an und für sich zuwider. Ein andrer mißbilligt die Eitelkeit, die unter immer veränderten Gestalten von neuem die Augen auf sich ziehn will. Ein dritter hat sich in die alte Mode so hineingeformt, und findet sie seinen besondern Bedürfnissen und Eigenheiten so angemessen, daß er sie sich, als ein Stück der ihm nothwendig gewordnen Bequemlichkeiten, nicht will rauben lassen. -- Diese Oppositions=Parthey ist anfangs die zahlreichere: und die gesetztesten, vernünftigsten Leute gehören gemeiniglich zu derselben. Zwar ist es zuweilen auch bey diesen bloßes Vorurtheil, wodurch ihre Mißbilligung veranlasset wird; aber dieses Vorurtheil selbst steht mit der Vernunft in Verbindung. Der Weise nähmlich wünscht Einförmigkeit und Beständigkeit in Kleinigkeiten, um seine Aufmerksamkeit ganz auf das Wichtigere beysammen haben zu können. In Gewohnheiten, <92, 441> die er sich einmahl zu eigen gemacht hat, läßt er sich nicht gern stören, weil eine neue anzunehmen, ihm immer wieder einige Zeit und Mühe kostet.
Indessen eben diese Widersetzlichkeit, welche die Neuerung bey dem größern Haufen findet, verbunden mit dem Beyfall, den sie bey dem kleinern und eitlern erhält, setzt die Gemüther in die Bewegung, wodurch sie zu einer Aenderung vorbereitet werden. Die Sache wird debattirt: viele berathschlagen sich darüber mit sich selbst und mit andern; und die noch nichts von ihr wußten, lernen sie zuerst durch den lauten Tadel ihrer Gegner kennen. Nun dürfen nur die, welche die Mode zuerst aufbrachten, standhaft bey derselben bleiben, -- vorgeaussetzt, daß sie durch ihren Rang oder aus andern Ursachen im Ansehn stehn, -- oder das Neue mag etwas gefälliges und angenehmes haben, welches nach und nach die Vorurtheile besiegt: so wird sie am Ende um desto schneller um sich greifen, je mehr sie im Anfange angefochten wurde.
Ich setze noch eine vierte Analogie zwischen der Abwechselung der Moden, und den Fortschritten der Politik, der Wissenschaften, und der Sitten hinzu.
In Meinungen, die keiner Demonstration und keiner sinnlichen Evidenz fähig sind, -- und in Sitten, die keinen unwandelbaren Grund und keinen absoluten Maßstab des Guten in unsrer Natur haben, werden immer Verschiedenheiten unter den Menschen entstehn. Diese Verschiedenheiten werden Partheyen erregen: und diese Partheyen werden, nachdem der Gegenstand wichtig ist, oder nachdem die Leidenschaften einer Nation finstrer oder fröhlicher sind, sich entweder hassen, oder sich über einander lustig machen. In der <92, 442> Religion, in der Philosophie, in der Politik, in den moralischen Grundsätzen, -- endlich in den Moden, haben sich die Menschen immer in Factionen getheilt, die mit Waffen der einen oder der andern Art gegen einander zu Felde gezogen sind. Die Folgen davon sind, wenn nicht allemahl verderblich, doch unangenehm, und den Genuß des Lebens und der geselligen Freuden zu vermindern fähig.
Indeß sehen wir auch hier einen Fortschritt zum Bessern; und er ist eben aus der Vervielfältigung der Partheyen, und aus der ungebundnern Freyheit, mit welcher man vom Gewöhnlichen abweicht, entstanden.
So lange man noch wenige theologische und philosophische Meinungen kannte, und jeder über der seinigen, als der einzigen, hielt, wobey Rechtschaffenheit und Glückseligkeit bestehen könnte: so lange war diese Verschiedenheit eine Quelle von Verfolgungen und bürgerlichen Kriegen. Nachdem man alles versucht, alle Arten von Meinungen, auch die ungereimtesten und die kühnsten behauptet, geprüft, widerlegt, und von neuem hervor gesucht hat: -- hat man einzusehen angefangen, daß in dunkeln und speculativen Materien gleich vernünftige und gut denkende Leute sehr weit von einander abgehn, -- und daß mit allen Systemen ein ehrliches Herz und tugendhafte Gesinnungen bestehen können. Seitdem bringt diese Uneinigkeit der Menschen weniger Haß, und also weniger Unheil hervor.
Auf gleiche Weise, wenn in einer Nation das gesellige Leben gleichsam aufzukeimen anfängt, und die Menschen zuerst auf Kleidung, Putz, Stellungen und Formeln der Höflichkeit, und alles was zum Wohlstande gehört, aufmerksam wer<92, 443>den: so ist anfangs die Herrschaft der Gewohnheit sehr tyrannisch. Weil man noch wenig Verschiedenheiten in diesen Dingen kennt, wenig Abänderungen erlebt hat: so scheint das, was einmahl in Absicht derselben eingeführt ist, so gut, als nothwendig zu seyn. Und es ist eine Folge hiervon, daß, wer diese für so heilig gehaltenen Regeln des Wohlstandes nicht kennt, oder übertritt, für einen verächtlichen, oder für einen hassenswürdigen Menschen gehalten wird. Diesen Zwang, diese Pünktlichkeit des Wohlstandes finden wir in den frühern Perioden der Cultur bey allen Nationen, selbst bey der, von welcher wir die Regeln des guten Geschmacks bekommen haben, den Griechen. In Lucians Werken kommt ein Aufsatz vor, wo der Verfasser sich gegen den, an welchen die Schrift gerichtet ist, mit den ausgesuchtesten Gründen darüber entschuldiget, daß er bey einem Morgenbesuche seinen Gönner nicht mit dem rechten Worte begrüßt hatte. *
*
Er hatte υγιαινειν für χαιρειν gebraucht.
Eben deswegen, weil die Sineser in ihrer Cultur auf dem Puncte, wo das Ceremoniell des Umgangs sich ausbildet, aber noch steif und unnatürlich ist, stehn geblieben sind, haben sie so verwickelte Gesetze des Wohlstandes, und beobachten dieselben mit einer größern Genauigkeit, als die wesentlichsten Pflichten der Moral. Noch jetzt werden wir in allen kleinen Orten, in allen abgelegnen Provinzen, -- allenthalben, wo die Geselligkeit schwach, der Umgang eingeschränkt ist, und die Einwohner gegen andere ihrer Zeitgenossen zurück sind, gewahr, daß daselbst ein gegen die eingeführten Wohlstandsregeln begangener Fehler weit härter geahndet, und um nicht von dem Ueblichen abzuweichen, eine weit <92, 444> größere Behutsamkeit angewandt wird, als in den feinsten Gesellschaften der Hauptstädte. In diesen, die gleichsam die Mittelpuncte der großen Geselligkeit sind, läuft das Rad der Moden und Gebräuche weit schneller um. Der Veränderungen, welche man hier einander folgen und sich verdrängen gesehen, -- der Versuche, die man zu Verfeinerungen oder zu Abwechselungen in Sachen des Geschmacks gemacht hat, sind schon so viele gewesen; man ist so oft von dem Natürlichen ins Gezwungene gerathen, und von dem Künstlichern wieder zu dem Natürlichen zurückgekommen, daß man endlich gegen alle Moden, Manieren, Kleidungen, und gegen alles, was keine wesentliche Schönheit oder Schicklichkeit in sich hat, gleichgültiger geworden ist. Aus allen versuchten und wieder verlassenen Thorheiten ist, -- so wie in dem vorhergehenden Falle aus der Menge vertheidigter und vergessener Irrthümer zuletzt -- zwar nicht allgemeine Uebereinstimmung -- aber allgemeine Toleranz entstanden.
Diese Toleranz beruht darauf, daß man in Beurtheilung der Menschen und ihrer Handlungen das Wesentliche vom Willkührlichen, und die Sachen von ihren Zeichen unterscheiden lernt. Man sieht mit der Länge der Zeit durch die Vergleichung der sich häufenden Erfahrungen ein, im geschäftigen Leben sey Klugheit und Rechtschaffenheit -- im geselligen ein gebildeter Verstand und Menschenfreundlichkeit das wahre und einzige Nothwendige. Zwar müssen sich diese Eigenschaften durch gewisse äußere Formen in Worten, Geberden und Handlungen ausdrücken. Diese Formen müssen schicklich und verständlich seyn, als Zeichen; sie müssen nicht mißfällig und unanständig seyn, in so fern sie als körperliche Bewegung <92, 445> in die Sinne fallen; jenes, weil man sonst aus ihnen auf das Innere nicht richtig schließen kann; dieses, weil sonst der Eindruck der geistigen Schönheit durch den sinnlich unangenehmen Anblick verdunkelt wird. Uebrigens sind sie den Sprachen ähnlich, bey welchen vieles willkührlich ist. Je mehr Umgang jemand mit der Welt gehabt hat, desto geschwinder wird er sich an eine ihm fremde Bezeichnung sittlicher Gedanken und Gesinnungen gewöhnen. Dies macht dann am Ende den Mann vom feinsten Wohlstande und der vollkommensten Höflichkeit, wenn, mit dem Besitze jener wesentlichen Gesellschaftstugenden und der Fertigkeit, sie auf die anmuthigste Weise an den Tag zu legen, zugleich Nachsicht gegen andere, und die Bereitwilligkeit verbunden ist, ihren Reden und Handlungen die vortheihafteste Auslegung zu geben.
Noch ist der moralische Gesichtspunct übrig, unter welchem sich die Moden betrachten lassen.
Erstlich, was ist der Nutzen oder Schaden, den sie und die Leidenschaften, die von ihnen erregt werden, -- die häufigen Abwechselungen derselben auf der einen, die Anhänglichkeit an ihre Vorschriften auf der andern Seite, -- den Menschen und den Staaten bringen? Zweytens, was ist das pflichtmäßige, oder, welches einerley ist, das vernünftigste Betragen der einzelnen Menschen in Absicht der Moden? Welches ist der National=Charakter, der, in Beziehung auf sie, einem Volke zu wünschen wäre?
Die Antwort auf die erste Frage läßt sich aus folgenden Grundsätzen beurtheilen.
Es ist sicher, daß jeder Mensch so viel vollkommner ist, je mehr er alles, was er thut, nach seinem eignen Urtheile thut. Also je weiter die <92, 446> Herrschaft der Mode um sich greift, desto mehr schränkt sie das eigene Urtheil der Menschen ein, desto weniger Wahl, Freyheit und Moralität bleibt in seinen Handlungen.
Wenn der Codex der Höflichkeit bey den Sinesern wirklich so weitläuftig, und von so hohem Ansehn ist, als die Reisebeschreiber sagen; wenn er so viele ihrer Schritte und Handlungen, die bey uns einfach und willkührlich sind, bestimmten und zusammengesetzten Formalitäten unterwirft: so ist er gewiß eines der größten Hindernisse, welche diese so zeitig policirte Nation in ihrem Fortgange zur Vollkommenheit aufgehalten haben.
Auf der andern Seite, da es dem Menschen nicht möglich ist, auf viele Dinge zugleich seine Aufmerksamkeit zu richten: so ist es eine Erleichterung für den denkenden Mann und den, welcher mit wichtigen Dingen zu thun hat, wenn die unwichtigern schon zum voraus bestimmt sind, oder von der Gewohnheit regulirt werden. Er überläßt sich also gern in gewissen Stücken einer blinden Nachahmung, um in andern desto ungetheilter seinen Verstand und seine Urtheilskraft anwenden zu können. Moden billigt er also aus eben den Ursachen, aus welchen ihm positive Gesetze überhaupt willkommen sind.
Es ist in der That etwas äußerst seltnes, und es läßt sich auch kaum gedenken, daß sehr vernünftige, d. h. nachdenkende Männer (denn, wie kann die Vernunft sich thätig erweisen, als im Denken?) sehr modisch seyn sollten. Die Gelehrten und die Leute von Genie sind von jeher der Vernachlässigung ihres Aeußern, und besonders einer Unbekanntschaft mit den Sitten und Gewohnheiten der Zeit beschuldiget worden. Dies <92, 447> ist auch eine der Ursachen, durch welche sie oft von der Gesellschaft ausgeschlossen worden sind, als welche diese Mängel in Absicht des conventionellen Anständigen oft mehr verachtet, als sie die Vorzüge des Verstandes und der Wissenschaft schätzet.
Es ist ein Hang zu Kleinigkeiten, und eine Aufmerksamkeit auf solche nöthig, wenn man, in Absicht der Stücke, welche unter der wandelbaren Herrschaft der Mode stehn, immer gehörig unterrichtet seyn, und ihre Vorschriften schicklich befolgen soll. Wichtige Geschäfte, ernsthafte Studien entfernen den Menschen immer etwas von den Schauplätzen, wo Luxus und Eitelkeit ihre Muster und ihre neuen Erfindungen aufstellt. Sie wenden überdies die Aufmerksamkeit des Geistes von denselben ab, indem sie das Gemüth mit Gegenständen und Bestrebungen ganz andrer Art anfüllen. Der Mensch, der die öffentlichen Angelegenheiten, oder seine eignen mit Ernst und Eifer verwaltet, der, welcher die Wissenschaften anbaut oder lehrt, und in irgend einem wichtigen, vom Staate ihm aufgetragnen, oder von seiner Lage ihm angewiesenen Berufe dem Publicum zu nutzen, arbeitet, behält unter diesen Umständen weder Gelegenheit, noch Muße, noch Unbefangenheit des Gemüths genug, um die Beobachtungen anzustellen, oder den Fleiß anzuwenden, welche der Mann nach der Mode nothwendig braucht, wenn er diesen Titel mit Ehren tragen soll.
Nicht nur das geschäftige Bestreben, die neusten Moden kennen zu lernen, sondern auch die Nachgiebigkeit des Geschmacks, sie immer schön zu finden, kann nur in einem schwachen Geiste statt finden.
<92, 448>
Ein jedes selbst denkendes und lebhaft empfindendes Wesen hat seine Eigenheiten, und läßt sich nicht so schnell in seinen Neigungen durch Andrer Billigung oder Beyspiel lenken, -- es sey denn in den Gegenständen, welche außer seiner eigentlichen Sphäre liegen, und gegen die es also gleichgültiger ist. Aber eine Sache für wichtig halten, und doch in ihr sich ganz nach anderer, nicht nach eignem Urtheile richten; -- sich viel und lebhaft damit beschäftigen, und doch immer nur durch die herrschenden Meinungen regiert werden, zeigt Schwäche und Kleinheit an.
Dies gehört demnach unter die übeln Folgen häufig abwechselnder Moden, daß sie die Frivolität und den Leichtsinn nähren; daß sie eine unrichtige Schätzung des Werths der Menschen veranlassen; daß sie oft den Weisen von der Gesellschaft entfernen, und dem Thoren darin ein Ansehn geben.
Wo Kleidung und Sitten einfach, gleichförmig und weniger veränderlich sind: da herrscht sicher unter den Bürgern Ernsthaftigkeit des Charakters, und ein gewisser Geist der Gleichheit; aber auch vielleicht weniger Geselligkeit und weniger Industrie. Was für eine reichhaltige Materie wird dem Gespräche entzogen, wenn niemand über die Moden und über die Etiquette Rath geben kann, oder sich Raths zu erhohlen braucht. Welcher Reitz fehlt den gesellschaftlichen Zusammenkünften, wo die Eitelkeit in neuem und wohlgewähltem Putze nicht mehr wetteifern kann!
Und wie viel weniger Beschäftigung muß die arbeitende Classe haben, wo die Distinctionen des Ranges und des Reichthums sich mehr durch dauernde Kostbarkeiten, als durch oft erneuerten und veränderten Schmuck zeigen!
<92, 449>
Es ist oben schon noch eine andre schädliche Seite der Moden bemerkt, daß, da die Reichsten gemeiniglich die Mode bestimmen, (weil sie es sind, auf die der große Haufe sieht), die Abänderungen derselben oft keine andre Absicht haben, als neue Mittel zu suchen, Reichthum zu zeigen. Daher die theurern Moden so oft die wohlfeilern, eben so guten, verdrängen. Und dies hat die schlimme Folge, daß sie die Glücksumstände des Mittelstandes immer mehr und mehr zerrütten, und bey einem zu eiteln Volke den Ruin vieler Familien hervorbringen.
Wenn die Moden unverändert bleiben: so kann Reinlichkeit und Sorgfalt den Unterschied zwischen dem alten Kleide oder Hausgeräthe des Unbegüterten, das nur wohl erhalten worden ist, und zwischen dem neuen des Reichen unmerklich oder doch weniger auffallend machen. Aendert sich aber Schnitt und Form der Sachen: so wird es auf den ersten Augenblick sichtbar, welche von ihnen in der gegenwärtigen Zeit verfertigt worden sind, und welche aus einer ältern herstammen: und der Abstand zwischen dem Reichen, der seinen und seines Hauses Schmuck immer wieder erneuern kann, und dem weniger Vermögenden, der sich mit dem einmahl angeschafften lange Zeit behelfen muß, fällt sogleich ins Auge, als beyde zusammenkommen. Daher wird der Stolz des einen genährt, der andre findet sich gedemüthigt, und die Absonderung zwischen ihnen wird größer. Oder wenn der Aermere der falschen Schaam die Klugheit und die Sparsamkeit aufopfert, und das noch Brauchbare seiner Sachen so oft vertauschen will, als es unmodisch wird: so zieht er sich wirkliche Noth zu, indem er einem Uebel der Einbildung abzuhelfen sucht.
<92, 450>
Die Moden, -- um diese Betrachtungen unter einfache Gesichtspuncte zusammenzufassen, -- sind zu betrachten, entweder insofern sie ein Theil des Luxus, oder insofern sie Producte des Fleißes und der Erfindsamkeit, oder insofern sie Beschäftigungen für die Aufmerksamkeit und Gegenstände der Begierden für die modischen Menschen sind.
In der ersten Beziehung kommt es hauptsächlich auf die Fragen an, 1) in wiefern bey einer Nation die Veränderlichkeit der Moden selbst den Luxus befördere, und wie viel Schuld die erstre habe, wenn der letztre seine Gränze überschreitet. 2) ob der Luxus, der mit größern aber seltner zu erneuernden Kostbarkeiten getrieben wird oder ob der, welcher seinen Glanz und seinen Genuß in der häufigen Abwechselung und Umgestaltung der Zierrathen findet, der bessere sey.
Allerdings wird Prachtliebe von der Mode nicht erst erzeugt: aber sie hat ohne dieselbe weniger Nahrung, -- sie bleibt mehr eingeschlossen in den Ständen und Familien, die durch ihre Vorzüge im Staate zu schimmern verbunden sind, und vermöge ihrer ererbten Reichthümer alte Kleinodien besitzen. Da der Mensch, der seine alten, ihm längst bekannten Kostbarkeiten zur Schau ausstellt, selbst keinen Genuß von ihrem Anblicke haben kann, sondern lediglich, wenn ihn etwas dabey freut, durch die Eitelkeit vergnügt wird, andern seine Schätze zu zeigen: so wird der Trieb, dieselben zu vermehren, oder neuen Aufwand in Anschaffung ähnlicher zu machen, wenig erweckt. Auch dem Zuschauer und Bewundrer aus dem größern Haufen werden endlich diese Sachen alltäglich. Er sieht ohne das den Besitz derselben als etwas an, welches gar nicht für ihn gehört: <92, 451> und wenn er nie oder selten Veränderungen darin bemerkt, so wird auch endlich seine Aufmerksamkeit auf dieselben matt, womit seine Begierde also zugleich wegfällt. Hingegen wenn der Reiche an jeder neuen geschmackvollen, oder für geschmackvoll gehaltnen Form seines Putzes und der sein Haus schmückenden Gegenstände, schon im Anschauen derselben sich selbst vergnügt, indem er sich zugleich dadurch geschmeichelt findet, daß er andern zeigt, wie viel er aufwenden könne: so wirken zwey Triebfedern auf ihn, ihn zu einem immer größern und größern Aufwande zu bewegen. Und damit vermehrt sich zugleich der Reitz für andre, ihm nachzuahmen: -- wie denn jeder das, was andre seit undenklicher Zeit besessen haben, weit weniger beneidet, und weniger selbst zu haben wünscht, als das, was sie eben jetzt sich anschaffen.
Aber eben hieraus kann man beurtheilen, welcher Luxus an sich der bessre sey. Der mit Ausstellung unveränderlicher, aber sehr kostbarer Dinge getriebne, ist der Luxus roher Völker und barbarischer Zeitalter. Er befriedigt weder die Sinne, noch beschäftigt er die Einbildungskraft. Gold, Silber und Edelgesteine aufzuhäufen, dazu gehört weder Verstand noch Geschmack; und sie vorzuweisen, kann weder ein angenehmes Gefühl erregen, noch das mindeste zu denken geben. Aber der Luxus, der mit den unaufhörlich sich verändernden Producten des Kunst= und des Handwerksfleißes getrieben wird, setzt voraus, daß man über seine Gefühle und Bedürfnisse raffinirt habe, und zieht einen wirklichen Genuß neuer Bequemlichkeiten oder Annehmlichkeiten nach sich. Er vergnügt das Auge durch schönere Gestalten, oder erquickt es wenigstens durch den Glanz der Neuheit. Er ist nicht nur ein Werk der Kunst, son<92, 452>dern bringt auch Kunstgefühl und die an dasselbe geknüpfte Geistescultur bey denjenigen hervor, für welche er arbeitet. In einem bloß prächtigen, goldreichen Pallaste kann ein ungebildeter, geschmackloser Mensch wohnen. Aber umgeben von allen den fein ausgedachten Bequemlichkeiten, und den mannigfaltig schönen Formen, welche unser modischer Luxus fordert, und immer aufmerksam darauf erhalten durch neue Erfindungen und eine unaufhörliche Veränderung der decorirten Scene, -- kann der Reiche unsers Zeitalters nicht ohne alle Bildung des Geistes bleiben, selbst wenn er sich nur dem Genusse des Vergnügens widmet. Es wird nicht ohne Grund von den Großen gesagt, daß sie alle Künste zu wissen scheinen, ohne eine gelernt zu haben. Indem der Kunstfleiß ihnen sei ne Producte zuerst und in der größten Menge und Abwechselung vorweiset, weil sie sie am besten bezahlen können, bringt er ihnen zugleich Begriffe von unzähligen Dingen bey, die sie zuvor nicht kannten, und bildet ihren Geschmack durch die mannigfaltigen Vergleichungen, zu denen er sie nöthigt. Nie wird also Eitelkeit und Prachtliebe bey einer Nation, die eine einfache und stets gleichförmige Lebensart, wenige Bedürfnisse und unveränderliche Mittel zu deren Befriedigung, -- die mit einem Worte keine Moden hat, weder so hoch steigen, noch sich unter alle Stände so weit ausbreiten, -- als bey einer, wo der Luxus eben sowohl zusammengesetzter, als durch die Mode abwechselnder ist. Aber nie werden auch jene Leidenschaften der ersten Nation zu ihrer Aufklärung und Bildung so nützlich werden, nie sie zu so vielerley Beschäftigungen des Geistes veranlassen, noch das Fehlerhafte, das in ihrem Wesen liegt, durch gelegentliche gute Folgen so reichlich bey ihr ver<92, 453>güten. Dort trennt der Luxus die Stände, hier vereinigt er sie, indem die niedern bald für den Geschmack der höhern arbeiten und ihn bilden helfen, bald ihn nachahmen. Dort dient die Pracht der Großen, die nie verändert, und selten zur Schau ausgestellt wird, nur ihren Stolz zu unterstützen, und selbst den Despotismus zu befestigen, weil das Volk von der Bewunderung des ihm ganz unbekannten und ihm unerreichbaren Prunks, zur Unterwürfigkeit unter den, welcher darin erscheint, leicht übergeht. -- Hier wird sie ein Zunder für den Ehrgeitz aller Classen, ein Gegenstand der Untersuchung oder der Nacheiferung, -- eine Veranlassung zur Arbeitsamkeit für die eine, zur Kenntniß und zum Geschmack für die andere. -- Kurz, wie die Unmäßigkeit im Essen, wenn der Mensch sich mit einer einfachen Speise überfüllt, zugleich unedler, und nach dem Zeugnisse einsichtsvoller Aerzte auch schädlicher ist, als wenn er, durch eine Mannigfaltigkeit von Gerichten und Zurichtungen gereitzt, das Maß seines Bedürfnisses überschreitet: so hat die Unmäßigkeit im Aufwande auf die äußere Lebensart überhaupt an sich einen rohern und geschmacklosern Charakter, und einen minder vortheilhaften Einfluß durch ihre Folgen, wenn sie das Prächtige bloß in einzelnen wenigen und nie veränderten Kostbarkeiten, als wenn sie es in mannigfaltigen und stets abwechselnden Verschönerungen der täglichen Bedürfnisse sucht.
Hieraus erhellet zugleich, daß unter dem zweyten Gesichtspuncte, -- als Producte der Kunst oder der Handarbeit betrachtet, -- die Gegenstände der Moden durch ihre Veränderlichkeit selbst der Gesellschaft Nutzen bringen, und den Individuen am wenigsten schädlich werden. Für das bloße Bedürfniß arbeiten nur wenige Hände. Um <92, 454> die wirklich verbrauchten Sachen wieder herzustellen, oder die abgenutzten Bequemlichkeiten zu erneuern; dazu reicht eine viel kleinere Anzahl fleißiger Menschen zu. Aber wenn auch für das bloße Vergnügen des Auges, das nach Salomo sich nimmer satt sieht, und nie lange an demselben Anblicke sich ergötzt, erfunden und gearbeitet wird; wenn eine veraltete Form den Kleidungen und dem Hausgeräthe allen Werth in den Augen der Reichen und Modischen benimmt, so tauglich und unversehrt auch der Stoff seyn mag: so kann die industriöse Classe im Staate weit zahlreicher werden; sie kann weit ununterbrochner mit Arbeit beschäftigt seyn; und, welches ein Hauptmoment ist, sie gelangt in ihrem Gewerbe zu einer weit größern Geschicklichkeit. Sich noch weiter in die hiermit gränzenden Untersuchungen einzulassen, -- ob diese so große Vervielfältigung und Vertheilung der Handarbeiten auch glückliche Menschen mache, so wie sie viele Menschen ernährt: -- dies würde von dem Gegenstande dieser Abhandlung zu weit entfernt liegen. Im Allgemeinen darf man annehmen, daß, was die Bevölkerung vermehrt, und diese Vermehrung fortdauernd erhält, auch der Menschheit überhaupt nicht nachtheilig sey.
Die beyden bisher betrachteten Beziehungen der Moden sind eigentlich politische. Und unter denselben zeigen sie sich von ihrer vortheilhaftesten Seite. Der Gesetzgeber, welcher den Luxus aus seinem Staate nicht gänzlich verbannen kann, wird ihn lieber in mannigfaltige Arten, und unter eine große Anzahl von Gegenständen vertheilt, als ihn auf einige wenige concentrirt, -- ihn lieber in immer veränderten Gestalten sich gleichsam erneuern und fortpflanzen, als in einer einzigen unverändert fortdauern sehen. Er wird den Hang zu <92, 455> Dingen, welche die Kunst hervor bringt, und welche nur durch ihre Form und die Fabrication kostbar werden, bey seiner Nation lieber sehn, als die Begierde nach den bloßen kostbaren Natur=Producten und Sachen, deren Werth lediglich in ihrem Stoffe liegt, dergleichen Gold, Silber und die edlern Steine sind. Und beyde Wünsche erreicht er leichter, wenn in den Bequemlichkeiten und in der Lebensart bey seinem Volke, die einen immer etwas neues erfinden, und die andern es nachmachen; alle aber einander ähnlich seyn wollen, indeß sie sich zugleich nach Veränderung sehnen; das heißt, wenn es Moden und modische Leute unter ihm giebt.
Aber in dem Verstande und Herzen der einzelnen Menschen, welche von der Mode beherrscht werden, ist die Wirkung derselben zweydeutiger.
Der erste Umstand, der hierbey in Betrachtung kommt, ist, daß die Mode die Dinge, welche die Begierden reitzen, so erstaunlich vervielfältigt.
Bey jedem Wechsel in den Methoden, oder in Werkzeugen zu der Befriedigung unserer Bedürfnisse, werden die letztern immer zugleich erweitert. Durch eben das Raffinement, welches neue Formen des alten Putzes ausfindig macht, kommt man auch bald auf ganz neue Arten des Schmuckes. Indem wir die Geräthe unsrer Wohnungen und unsrer Tafeln oft erneuern, lernen wir Bequemlichkeiten und Zierrathen beyder Arten kennen, die wir zuvor gar nicht begehrten. Das Gefühl, das beym Alten nach und nach stumpf wird, erwacht und belebt sich wieder bey dem Neuen; und so wird es in der Nation, die stets neue Moden hat, nach und nach immer zarter und weichlicher, -- unterscheidet das Angenehme und <92, 456> Unangenehme immer genauer, und fordert immer vielfachre und sorgfältigere Anstalten zu seiner Befriedigung. Die Moden gehn daher immer von dem Einfachern zu dem Künstlichern und Zusammengesetztern fort; und die Menge der Dinge vermehrt sich täglich, welche zu besitzen, oder mit denen sich auszuzieren für den Mann nothwendig wird, der, auch im besten Sinne des Worts, ein Mann nach der Mode seyn will.
Wie sehr werden dadurch die Gegenstände der sinnlichen Begierden vervielfältigt, und wie sehr also auch die Veranlassungen zu allen den unsittlichen Leidenschaften vermehrt, zu welchen jene Begierden Anlaß geben, sobald sie entweder unzeitig, und den Glücksumständen des Menschen nicht angemessen, oder unmäßig sind! Die großen Vorwürfe der Habsucht und des Ehrgeitzes biethen sich nur selten dar. In Zeitaltern und bey Nationen, wo die Menschen beynahe darauf eingeschränkt sind, sich Ländereyen und Geld, oder Herrschaft zu wünschen, und die in ihre täglichen Haushaltung Einförmigkeit und Einfalt haben, kann das Gemüth der Menschen zuweilen ruhig werden, und hat, wenn edlere Anlagen der Wißbegierde oder der Tugendliebe in ihm sind, Zwischenzeiten, wo es, von niedrigen Wünschen ungestört, an der Erreichung dieser Zwecke arbeiten kann. Aber in einer Nation, wo der Luxus der Moden eingeführt, und dieser in alle Theile des einsamen und des geselligen Lebens eingedrungen ist: da ist die Anzahl der Dinge, welche die Begierden der Menschen reitzen, unendlich; und jeder Tag biethet ihnen etwas neues dar, wonach sie entweder mit Heftigkeit streben, oder dessen sie mit Unzufriedenheit entbehren. Bald macht uns ein modisches neues Putzstück, bald ein geschmack<92, 457>volleres oder bequemeres Meubel lüstern und unruhig. Der, welcher heute mit der Auszierung seines Hauses, oder mit den Anstalten zu seinen künftigen Gastgebothen eben fertig geworden ist, lernt morgen vielleicht in den Häusern der noch reichern und vornehmern Leute, als er ist, oder in den Magazinen der Manufacturisten und Kaufleute schönere, oder doch neumodischere Modelle von allem dem, was er angeschafft hat, kennen; und nun ist ihm seine ganze Herrlichkeit auf einmahl verleidet. Er muß entweder durch neuen Aufwand die entdeckten Lücken seines Apparats ausfüllen und diese Flecken wegwischen, oder er muß mit Mißvergnügen und einiger Schaam dasjenige behalten und anderer Augen zeigen, was ihm nun weder selbst mehr das gehoffte Vergnügen macht, noch bey andern die erwartete Ehre bringt. Da nun, vermöge des unaufhaltbaren und nie versiegenden Stroms der Mode, dieser Veränderungen kein Ende ist; -- da alle diese mannigfaltigen Gegenstände der Begierden unsern Bestrebungen, sie zu erreichen, stets zuvorlaufen, indem die industriösen Menschen vieler Länder schon immer wieder arbeiten, neue Wünsche in uns zu erregen, indeß wir noch beschäftigt sind und Geld aufwenden, um die alten zu befriedigen: wie wäre es dann den Menschen, die in dieser Atmosphäre leben, und von dem Hange zu modischer Eleganz angesteckt sind, möglich, je ein ganz freyes und unbekümmertes Gemüth zu haben?
Diese Gegenstände der Begierden, welche das modische System der Europäischen Lebensart aufstellt, sind erstaunlich zahlreich: und sie sind zugleich klein. Das ist ein zweyter Umstand. Sie beschäftigen den Geist der Menschen, deren Aufmerksamkeit einmal auf sie gerichtet ist, unaufhör<92, 458>lich, aber nie oder selten sehr stark und lebhaft. Sie entzünden alle Augenblicke kleine Aufwallungen von Begierde oder Unmuth, aber sie erregen selten große Leidenschaften. Sie machen also den Geist zugleich klein, indem sie ihn beunruhigen.
Vielleicht vergüten sie den Schaden, welchen sie thun, indem sie noch größere Uebel verhüten. Vielleicht ist es dieser zusammengesetzte und veränderliche Luxus unsrer Tage, welcher dazu beyträgt, uns andre Tugenden und andre Laster zu geben, als die Alten hatten. Er hat nähmlich alle die Wirkungen aufs Gemüth, welche die auf vielerley Gegenstände zerstreute oder von einer Kleinigkeit zur andern übergehende Aufmerksamkeit hervorbringt. Dadurch werden zugleich die Begierden gleichsam getheilt: und concentrirte, und also sehr gewaltsame und wüthende Leidenschaften kommen seltner zum Vorschein. Auf der andern Seite aber wird das Gemüth auch eben so unfähig, sich den ernsthaftern Angelegenheiten des Berufs oder der Pflicht mit ungetheilter Kraft zu widmen; oder sich von der Herrschaft der Begierden, die der Verfolgung seiner edlern Endzwecke im Wege stehn, ganz los zu machen. Vielleicht giebt es in einer Nation, die mit Kleidung, Ameublement und Equipagen, und endlich mit der Etiquette sehr viel zu thun hat, -- weniger Menschen von einem brennenden Ehrgeitze, oder von einer unauslöschlichen Rachsucht. Aber die ganz uneigennützigen und unbestechlichen Patrioten, die, welche ihr ganzes Leben dem gemeinen Besten aufopfern, und mit ihm allein beschäftigt sind, werden in derselben eben so selten seyn.
Die Mode ist aber nicht nur eine Verführerinn, die in uns beständig neue Begierden entzündet: sie ist auch eine Gesetzgeberinn, die uns <92, 459> vorschreibt, was wir thun oder lassen müssen, wenn wir auf einen gewissen Grad der Achtung in der Gesellschaft Anspruch machen; sie ist eine Richterinn, welche unsern und andrer Werth in unsern Augen entscheidet. In diesem dritten Gesichtspuncte kann sie den Individuen nicht weniger nachtheilig werden.
Schon ist überhaupt die Pünctlichkeit in Kleinigkeiten, (und das ist der Charakter des modischen Mannes), etwas, welches den Geist der Menschen erniedrigt und verengt, indeß es sein Leben beschwerlich macht. Die menschlichen Handlungen sollen, von Rechtswegen, durch Pflicht und Gesetze nur in großen Sachen gebunden seyn, wobey es auf Wohl und Weh der Gesellschaft, auf Ausbildung oder Verschlimmerung des Gemüths ankommt: aber bey kleinen sollen sie frey, und dem auf der Stelle gefällten Urtheile, und der individuellen Willkühr eines jeden überlassen bleiben. Der modische Luxus kehrt es um: er giebt sehr bestimmte Regeln für das Aeußre des Anzugs, für die Anordnung der Zimmer, der Tafel, der Equipagen, für die Art der Bewirthung bey jeder feyerlichen oder fröhlichen Zusammenkunft und -- welches das schlimmste ist, -- er ändert diese Regeln oft ab, obgleich immer mit gleich strenger Forderung des Gehorsams gegen die, welche eben gelten; aber er macht dafür oft die öffentliche Meinung nur allzu nachsichtig gegen Handlungen, wobey wirkliche Gesetze des Landes oder der Moral übertreten werden.
Eine Sache, welche auf hunderterley Art geschehen kann, nur auf eine einzige Art thun zu müssen: eine, welche vielerley gleich zweckmäßiger Gestalten fähig ist, nur in einer einzigen sehen zu wollen: ist an sich ein Vorurtheil, und ein Eigen<92, 460>sinn. Und wer an vielen solchen Vorurtheilen klebt, ist schon dadurch von der richtigen und soliden Denkungsart abgewichen, welche den vernünftigen Mann unterscheidet; hat dadurch schon sein Gemüth überhaupt dem leeren Wahne, der Einbildung und der Laune geöffnet. Aber wenn er nun noch in seinen Gedanken eine besondre Ehre damit verbindet, jene so willkührlich bestimmte Art und Gestalt zu wissen und nachzuahmen; wenn er sich deswegen über andre erhebt, weil er in diesen Puncten besser unterrichtet, und weil er in ihrer Beobachtung genauer ist; wenn er geneigt ist, diejenigen geringer zu schätzen, oder sich von denen zu entfernen, die, unwissender oder gleichgültiger in Absicht der Gesetze der Mode, sie öfter als er übertreten: denn verschlimmert er sowohl seinen Charakter, als seinen Zustand. Indem er sich einen ganz falschen Maßstab des Werths macht, hindert er sich in der Arbeit an seiner eignen Vollkommenheit, und beraubt sich des Genusses und des Vortheils, den ihm die Vollkommenheiten andrer gewähren würden.
Aus dem Triebe der Geselligkeit sind, wie ich oben gesagt habe, die Moden entstanden. Um andrer Menschen willen putzt man sich, nicht für sich selbst. Um der Gesellschaft willen, die man in seine Zimmer führen will, ziert man sie mit kostbaren Meubeln aus. Was soll uns mehr mit andern Menschen verbinden, als unsre Tafel? Nur um ihnen einen angenehmen Anblick, oder uns vor ihnen durch unsre Einrichtung Ehre zu machen, nehmen wir zu ihrer Besetzung so viele Künste zu Hülfe, und sind dabey so genau in Beobachtung aller Gesetze der Mode. -- Aber eben diese mannichfaltigen Zierrathen und Vorkehrungen, welche bestimmt waren, das gesellschaft<92, 461>liche Leben angenehmer zu machen, und durch einen neuen Reitz, den sie dem Umgange geben, die Menschen öfter und näher zusammenzubringen, haben, indem sie zu zahlreich, zu künstlich, und besonders zu veränderlich geworden sind, und ein zu gesetzgeberisches Ansehn erworben haben, das gesellschaftliche Leben beschwerlich und mühsam gemacht, den Umgang von seinem wahren Endzwecke, der Austauschung der Ideen, abgelenkt, die Menschen von einander getrennt, und den Saamen zum Neide und zum Stolze, zwey der ungeselligsten Leidenschaften, unter sie ausgestreuet.
Zwischen den Menschen von verschiedenem Stande und verschiedenem Vermögen ist dadurch eies größere Scheidewand aufgeführt worden. Reichthum und Rang geben dem, welcher sie besitzt, einen entschiedenen Vorzug in allen Artikeln des modischen Luxus: der Rang, insofern er den Menschen den besten und glänzendsten Mustern näher bringt; der Reichthum, insofern er ihn in den Stand setzt, sie nachzuahmen. Der Einfluß hiervon erstreckt sich, so wie der Luxus selbst, auf alle Theile des menschlichen Lebens, und erhält also den Abstand jener Classen beständig sichtbar. Diese Scheidewand, die durch lauter Kleinigkeiten, aber Kleinigkeiten, die in die Augen fallen, oft Leute von einander trennt, die nach ihren innern und wesentlichen Eigenschaften gemacht waren, Freunde zu seyn, ist ein großes Uebel. Aber es ist dem Luxus nicht allein zuzuschreiben, da der Grund dazu schon in den Verfassungen der bürgerlichen Gesellschaft liegt. Die Hindernisse hingegen, die durch ihn der Umgang auch bey denjenigen Menschen leidet, welche Stand und äußere Verhältnisse mit einander verbunden haben, kommen ganz auf seine Rechnung. Er ist es, wel<92, 462>cher die Zurüstungen dazu so weitläuftig und mühsam gemacht hat, daß die Sorge dafür oft das gesellige Vergnügen selbst, wozu sie abzwecken, vernichtet, und fast immer vermindert. Wie viel hat nicht der gastfreye Mann, welcher modische Leute in seinem Hause bewirthen will, -- zu bedenken, zu veranstalten, anzuordnen! -- Wie viel hat er nicht bey aller seiner Kenntniß des Ueblichen, und bey seiner angestrengtesten Aufmerksamkeit von der Nachlässigkeit oder Ungeschicklichkeit seiner Bedienten zu befürchten! Aus einem Gegenstande der Lust ist eine Sache der Eitelkeit geworden; und wo Eitelkeit ist, da ist Kummer und Sorge. Unter der Herrschaft der Moden und der Etiquette tritt jeder, wenn er in Gesellschaft erscheint, oder wenn er Gesellschaft zu sich einladet, gleichsam auf einen Schauplatz von Zuschauern auf, deren Beyfall er einärnten will, deren Tadel und Satyren er sich aber zugleich Preis giebt. Jeder ist mit sich beschäftigt, um nicht Blößen zu geben, oder mit andern, um ihre Blößen auszuspähen. Die Aufmerksamkeit aller wird auf Nebensachen gezogen, und die Hauptsachen im Umgange, das vertrauliche Gespräch, die Mittheilung der Gedanken, die Ergießungen des Herzens sind oft so gut als vergessen.
Das gilt von dem Modischen in den Sachen, die man um und an sich hat, daß gilt von dem Modischen in dem Anstande und dem Betragen, welches einen Theil von uns selbst ausmacht. In derjenigen Gesellschaft, die diesen Anstand am feinsten gleichsam ausgearbeitet, und ihn den meisten und den bestimmtesten Regeln unterworfen hat, wird es oft für ein größeres Verdienst gehalten, diese Regeln zu wissen, und mit Geschicklichkeit und Leichtigkeit beobachten zu können, als <92, 463> einen ausgebildeten Verstand und ein gutes Herz zu haben. Man nennt das erstere Welt haben. Zwar wenn diese Conventionen wohl ausgedacht, wenn die Regeln des Ueblichen so geschmackvoll gewählt sind, wie dies in den obersten Classen cultivirter Nationen am ersten zu erwarten steht, so bekommt allerdings der Mann, dessen Sitten sich nach denselben gebildet haben, dadurch einen gewissen Glanz, der alle seine andern persönlichen Vorzüge ins Licht setzt, und auch in Ermangelung derselben an sich noch gefällt. Es ist also die Achtung nicht grundlos, die man jener Eigenschaft bezeigt. Aber die übertriebene Schätzung derselben ist ohne Zweifel ein Hinderniß größerer Tugenden. Indem die adliche Jugend den verdienstvollen Mann, dem es an diesem Firnisse der Weltsitten fehlt, zurückgesetzt, und andere dadurch allein mitten unter dem Genusse aller Arten von Vergnügungen ohne Wissenschaft und Arbeitsamkeit ihr Glück machen sieht: so wird ihr Hang zur Frivolität genährt; das Motif, welches sie zu ernsthaften Bemühungen antreiben sollte, wird geschwächt, und die feine, artige, modische Welt wird eben durch das, was sie in allen diesen Puncten vollkommner macht, in dem, was den wahren Werth des Menschen bestimmt, unvollkommner und schlechter.
Kein Stand aber ist, dem der Hang zum Modischen so sehr schadet, und bey welchem dieser Luxus dem Glücke und der Ruhe der Menschen so gefährlich wird, als der Mittel= oder der gute Bürgerstand.
Die Galanterie, in den Moden sowohl, als in den Sitten, hat ihren eigentlichen Sitz an Höfen und beym Adel, wo ererbter Reichthum und ererbte Würde mit Muße und dem Triebe nach <92, 464> Vergnügungen zusammen kommen. Hier kann sie sich am geschmackvollsten ausbilden, weil die vorzüglichsten Muster, die besten Producte der Kunst und des Fleißes dieser Classe von Menschen, die Geld und Ehre zugleich auszutheilen hat, am ersten zugeführt werden, und unter ihr, wegen des allgemeinen und ununterbrochnen Zusammenhangs derselben, geschwinder in Umlauf kommen. Hier kann die Beschäftigung damit weniger Uebel anrichten und weniger Gutes stören, theils weil sie den Großen leichter wird, und ihnen weniger Mühe und Zeit kostet, theils weil sie dieselben schon völlig müßig, oder nur mit den Angelegenheiten der Haushaltung und der Regierung beschäftigt vorfindet, zwey Gegenstände, wovon der eine viele Unterbrechungen leidet, der andere vielen Umgang mit Menschen erfordert. Der höhere Bürgerstand, welcher jener obern Classe nahe genug ist, um ihren Staat und Putz sowohl, als ihre Sitten kennen zu lernen, und dessen Eitelkeit immer aufgeregt wird, beyde nachzuahmen, ist doch in einer viel ungünstigern Lage, um in beyden zu einer gleichen Vollkommenheit, mit eben so wenigen Inconvenienzen, zu gelangen.
Er ist auf der einen Seite nicht so leicht im Stande, sich von allem, was modisch und galant, was in jeder Sache die neuste Erfindung und die anständigste Sitte sey, zu unterrichten. Er sieht nicht so gute Muster, sieht sie nicht so beständig, und lernt die Veränderungen, die in den Meinungen der Menschen vom Anstande, oder in den Arbeiten und Producten ihrer Industrie vorgehen, nicht so geschwind kennen. Es sind also gemeiniglich bey seiner Einrichtung Lücken, es sind in seinen Sitten Widersprüche. Die verschiedenen Theile seiner Haushaltung, so wie die Gewohn<92, 465>heiten seiner Etiquette, passen selten vollkommen zu einander. Seine und der Seinigen Kleider sind vielleicht prächtig und ausgesucht modern, und seine Wohnung ist gemein und altväterisch ausgeziert: oder seine Zimmer sind glänzend, und sein Tisch ist bürgerlich; oder die Tafel ist mit einem lästigen Ueberflusse besetzt, und die Gäste werden übel bedient. -- Gemeiniglich lernt der wohlhabende Bürger die Etiquette und den Luxus der vornehmen Welt erst nach und nach kennen; so wie sein wachsender Reichthum ihn in den Stand setzt, mehr zu kaufen, oder seine zunehmenden Verbindungen ihm Gelegenheit geben, mehr zu sehen. Eben so stufenweise also staffirt er sich und seine Haushaltung aus. Fast immer bleiben daher noch Spuren des ersten Zustandes, von dem er ausgegangen ist, zurück. Das Alte und das Moderne, das Gemeine und das Vornehme mischt sich bey ihm mehr, als bey demjenigen, der schon in einem üppigen und auf modischem Fuße lebenden Hause gebohren und erzogen ist. -- So sind auch oft die Ausdrücke seiner Politesse. Er ist vielleicht pedantisch genau in Beobachtung gewisser Regeln guter Lebensart, und übersieht andre, oder verbindet zuweilen eine zu demüthige Höflichkeit mit einer falsch angebrachten Würde.
Sobald eine bürgerliche Familie Anspruch darauf macht, genau modisch zu seyn: sobald ist die größere Schwierigkeit, welche sie hat, dazu zu gelangen, und das öftere Mißlingen der Bemühungen, die sie darauf wendet, für sie eben so wohl eine Quelle von Sorgen und Mißvergnügen, als eine Veranlassung zu Fehltritten. Entweder wird ihr häusliches und gesellschaftliches Vergnügen gestört, indem sie, bey der größten Aufmerksamkeit auf die Beobachtung des Anständigen und <92, 466> des Ueblichen, sich doch alle Augenblicke in Gefahr sieht, dasselbe zu verfehlen: oder, wenn sie allen Rost des Alterthums und des bürgerlichen Wesens von sich abreiben, und sich durchaus und gänzlich modernisiren will, so wird sie zu einem Aufwande genöthigt, und zu Zerstreuungen veranlasset, die ihrem Wohlstande oder der Tugend ihrer Glieder nachtheilig sind.
Denn nun kommt noch der zweyte Umstand in Betrachtung, der dem bürgerlichen Mittelstande das modische Wesen nachtheilig macht. Der größte Theil dieses Standes hat seine Zeit mit Geschäften besetzt, die Brot bringen sollen. -- Er ist nicht dazu bestimmt, bloß seinem Vergnügen nachzugehn: er soll arbeiten, und ist zum Arbeiten gewöhnt. Bleibt er diesem seinem Berufe getreu, so wird seine Galanterie unfehlbar darunter leiden. Es bleibt ihm alsdann nicht Muße genug übrig, auf alle Forderungen der feinen Lebensart zu denken, alle dazu nöthigen Dinge anzuschaffen, oder sich die dazu nöthigen Fertigkeiten zu erwerben. Ueberdies geben alle bürgerlichen Geschäfte dem Menschen einen gewissen eignen und charakteristischen Geist, und Sitten, die damit zusammenhängen, -- die aber von den eigentlich modischen Sitten der feinern und vornehmen Welt abweichen. Mit den Sitten steht hinwiederum der Geschmack in Verbindung: -- und so wird der gute und seine Pflicht erfüllende Geschäftsmann, wenn er doch zugleich der Mann nach der Mode seyn will, sich selbst und seine Haushaltung immer mit Unzufriedenheit betrachten. -- Geht er aber aus seiner Sphäre gänzlich heraus, um sich in eine höhere zu erheben; entzieht er sich den Geschäften und widmet er sich der Frivolität und dem Luxus, um nur vollkom<92, 467>men artig zu werden: wie oft bereitet er alsdann nicht sein und der Seinigen Verderben vor? Oder, wenn er auch sein Vermögen nicht verschwendet, so bildet er doch selten seinen Geist auch nur so gut aus, als Ueppigkeit und gesellschaftliches Wohlleben die Höfe und die vornehme Welt ausbildet. Der Mittelmann muß zwischen Arbeit und Gesellschaft seine Zeit theilen, oder er muß sich gefallen lassen, auch mit schlechten und sittenlosen Menschen umzugehen. Seine Classe biethet nicht genug wohlhabende und wohlerzogne Müssiggänger dar, um einen großen Kreis von eleganter Gesellschaft auszumachen. Will er also immer unter modischen Zerstreuungen leben: so muß er auch die Unbesonnenen, die Verschwender, die Liederlichen seines Standes, oder die der vornehmern Stände, mit in seinen Umgang ziehn. -- Und so verschlimmert er sein Inneres, seinen Kopf und sein Herz, indem er sein Aeußeres glänzend machen will.
Die letzte Folge aus der Vervielfältigung modischer Bequemlichkeiten und modischer Zierrathen, und aus der auf den Besitz beyder gerichteten Sinnlichkeit und Eitelkeit der Menschen, ist die Liebe zum Gelde und die Hochschätzung des Reichthums.
Wenn der Wünsche viele sind, die man mit Hülfe des Geldes befriedigen kann; wenn diese oft vorkommen; wenn deren Befriedigung eben so wohl den Weg zur Achtung und zum Ansehn, als den zum sinnlichen Genusse bahnt: so muß man nothwendig nach und nach anfangen, das Geld als das vornehmste Mittel zur Glückseligkeit, und als die solideste Basis der Ehre anzusehen. Jene Bedingung wird durch den Luxus der Moden erfüllt. Für Geld kann man alle die Sachen, wel<92, 468>che zu einer eleganten Haushaltung gehören, haben. Mit Gelde, wenn man desselben viel besitzt, kann man sich sogar den Geschmack gewissermaßen erkaufen, indem man entweder die Künstler und Kenner bezahlt, die uns denselben lehren, -- oder indem man so vielmahl seine Einrichtung verändert, und so mannigfaltige Sachen anschafft, bis man durch die immerwährende Vergleichung auch endlich sein Urtheil berichtiget. -- Modischer Luxus ist es hauptsächlich, der den Reichthum gleichsam sichtbar macht, und ihn aus den Kästen seines Besitzers vor die Augen des Publikums bringt. Dadurch allein aber kann er zu einem Mittel werden, sich Ansehn zu verschaffen. Die Bewegungsgründe sind alsdann verdoppelt, welche der Liebe zum Gelde ihren Ursprung geben.
Zwar finden wir, daß auch bey denjenigen Nationen die Geldbegierde statt findet, welche sich nur wenige Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten für ihr Geld zu verschaffen wissen, und weder in ihren Erfindungen, noch in ihrem Geschmacke Fortschritte machen. So unverändert das türkische Costume, so wenig zahlreich ihr Hausgeräthe, so einfach und abwechselungslos ihre ganze Lebensart und häusliche Einrichtung ist: so gehören dessen ungeachtet Geitz und Gewinnsucht unter die Charakterzüge dieser Nation. Selbst der Tartar, in dessen Gezelte, außer seinem Pferdeschmucke und seinen Waffen, wenig andere Dinge des Bedürfnisses oder der Pracht Platz finden, ist deswegen nicht ohne Begierde, Geld zu sammeln; und wenn er es nicht zu brauchen weiß, so vergräbt er es, und ist mit dem bloßen Bewußtseyn eines andern Menschen verborgnen und ihm unnützen Schatzes zufrieden.
<92, 469>
Vielleicht verhält sich die Sache so, daß die Begierde nach Eigenthum einer der ältesten und der natürlichsten Triebe des menschlichen Herzens ist, der sich zuerst bloß auf die Liebe zum Leben und die Furcht vor dem Mangel gründet. Dieser Habsucht des rohen uncultivirten Menschen macht die Entdeckung neuer Bedürfnisse gleichsam eine Diversion. Die Begierde wird auf mehrerley Gegenstände gerichtet, und verliert also etwas von ihrer ersten Heftigkeit, die ihr eigen war, da sie nur noch einen einzigen hatte. Auf dem Fortgange der Cultur giebt es einen Zeitpunkt, wo die Menschen an Kunst, Schönheit und dem Anständigen Geschmack gewinnen, und doch noch einfach in ihrer Lebensart sind; -- wo sie den geselligen Umgang und Reinlichkeit lieben, aber noch die Pracht verschmähen, und ihr Wohlleben aus wenigen Genüssen zusammensetzen. -- In dieser glücklichen Periode, welche die Griechen um die Zeit des Sokrates erreicht zu haben scheinen, ist der Umgang der Menschen mit einander der freyste und traulichste, und der Genuß des geselligen Lebens am reinsten. Die Menschen gesellen sich dann zusammen nach den Aehnlichkeiten, die sich zwischen ihren Charakteren oder den Gegenständen ihrer Wißbegierde finden, nicht nach der Aehnlichkeit ihres Aufwandes, ihrer Moden und ihrer Etiquette. -- Der Geist wird unter ihnen durch Ehrbegierde, Gefühl des Schönen, und gesellige Freuden abgelenkt von dem trocknen und seelenlosen Geschäfte des Geldsparens und Gelderwerbs; und wird doch noch nicht, durch eben diesen Ehrgeitz und eben diese Geselligkeit, wieder auf die Begierde nach Reichthum zurückgeführt. -- Dies letztere geschieht am Ende der verschiedenen Perioden der Cultur, wenn während derselben sich der <92, 470> Luxus immer mehr vervielfältigt hat, indeß der Geschmack aufs äußerste verfeinert worden ist, nach welchem Verhältnisse dann auch die Moden häufiger abwechseln und ihre Herrschaft auf mehrere Dinge verbreiten. Dann kann man mit andern Menschen nicht anders zum Umgange sich vereinigen, als wenn man in allem Flitter des modernen Putzes gleich ihnen schimmert. Der, welcher seiner Haushaltung diesen Glanz nicht geben kann, hält sich selbst der Vertraulichkeit mit denjenigen, welche davon umgeben sind, nicht würdig, oder wird von ihnen zurück gestoßen. Gleichviel eingebildete und erkünstelte Bedürfnisse, und einen gleich großen Vorrath von Hülfsmitteln zu ihrer Befriedigung haben: das ist das Band, welches die Menschen an einander knüpft, und von dem übrigen Haufen absondert. -- Diejenige Achtung, welche dem Menschen den Eintritt in die beste Gesellschaft seines Wohnorts verschafft, hängt, unter diesen Umständen, guten Theils von der modischen Eleganz und Artigkeit seines Aeußern und seiner Haushaltung ab. Und da diese nur von dem, welcher den dazu nöthigen Aufwand zu machen im Stande ist, erlangt werden kann; von dem aber, welcher viel darauf wendet, auch leicht erlangt wird: so erwacht nun die Begierde reich zu seyn, von neuem in aller Herzen, selbst in den Herzen derer, welche den gebildetsten Verstand haben, und die Gegenstände geistiger Unterhaltung am besten kennen.
Mit der Begierde nach Eigenthum fangen die Menschen ihre Thätigkeit an; die Begierde nach Gelde scheint unglücklicher Weise eine der letzten Leidenschaften zu seyn, in die sich alle andern auflösen.
<92, 471>
Noch ist unter den oben angegebenen Puncten der Untersuchung der letzte zurück, -- die Bestimmung der Regeln, welche die Vernunft ganzen Nationen und einzelnen Personen in Absicht der Moden vorschreibt.
Zwar Nationen in irgend einer Sache, und vornehmlich in dieser, Regeln zu geben, ist vergebliche Mühe. Es ist keine, in welcher die Entscheidung so ganz demokratisch geschähe, und so wenig durch die Vorstellungen einzelner Personen gelenkt werden könnte. In keiner kommt es so sehr auf die allgemeine Denkungsart, und zwar auf die Denkungsart mehrerer Länder zugleich an. So wie die Moden, durch die Mittheilung der Gewohnheiten und Erfindungen des einen Volks an das andere entstanden: so richtet sich auch der Geschmack an denselben, und die Leidenschaft, mit welcher sie gesucht werden, nach Gesetzen des Anstandes, in welchen die Meinungen und Gesinnungen dieser mit einander correspondirenden Nationen sich gleichsam vereinigen. Das Gesetzbuch der Mode ist, wie das der Ehre, ein allgemeines Gesetz für ganz Europa, und muß, wenn es Verbesserungen bedarf, in allen Ländern zugleich abgeändert werden. Die Reformen, die man in einem Lande allein zu machen versucht, indeß die andern dem alten System ergeben bleiben, werden auch in jenem nicht lange bestehen.
Der Moralist kann also nur sagen, welcher Charakter, nach seiner Meinung, einer Nation zu wünschen wäre. Er kann sich das Ideal eines Volks entwerfen, welches zu gleicher Zeit Genie und Erfindungsgabe mit Einfachheit in den Sitten und Mäßigung in den Begierden besitze, -- welches in allem, was wahre Bedürfnisse, und die Werkzeuge zu nützlichen Verrichtungen betrifft, <92, 472> neue und bessere Methoden ohne Unterlaß erdenke, und in dem, was bloßer Putz ist, und nur durch die Kostbarkeit gefällt, die Unveränderlichkeit und die Einfalt liebe; -- das Ideal eines Volks, das für seine Bequemlichkeiten, und denjenigen Sinnengenuß, der mit dem Wohlgefallen am Schönen, und mit den moralischen Empfindungen zusammenhängt, sehr große Empfindlichkeit habe, und für beyde viel arbeite, versuche, erfinde; -- aber das dem bloßen Eigensinne der Gewohnheit, der Prachtliebe der Eitelkeit so wenig als möglich einräume, und auf ihre Erfindungen so wie auf ihre Entscheidungen wenig Werth lege. Er kann sich vorstellen, daß diese Nation frey und ungebunden in ihren Sitten, und doch zugleich artig sey, viel wahre Höflichkeit und wenig Etiquette habe; -- und das Anständige der äußern Sitten mehr in dem wahren und warmen Ausdrucke guter Gesinnungen, als in der Beobachtung conventioneller Regeln suche; -- daß bey ihr die Sitten und der Luxus der Großen keine solche Unterscheidung verursachten, wodurch der rechtschaffene und verständige Mittelmann von ihrer Gesellschaft ausgeschlossen würde; -- und daß endlich dieser letztere weder durch den Mangel an modischer Eleganz gedemüthigt, noch durch übelgelingende Versuche, sie zu erlangen, beunruhiget, -- mit seiner einfachern Lebensart doch Würde zu verbinden wisse.
Aber was kann er thun, um das Ideal realisiren zu helfen? Nichts als auf sich selbst und die einzelnen Personen zurück zu gehn, auf die er durch seine Vorstellungen Einfluß zu haben hoffen kann, und zu untersuchen, was ihm und seines Gleichen die Pflicht befiehlt und die Klugheit anräth. Nur dadurch verbessert sich das Sittliche der <92, 473> Nationen, indem die Individuen, jedes für sich, das Ziel der Vollkommenheit aufsuchen, und darnach hinstreben.
Die bekannteste, und in der That die nothwendigste Regel für diese in Absicht der Moden ist, nicht zu langsam und nicht zu schnell den Abwechselungen derselben zu folgen; -- weder durch Alterthum, noch durch Neuheit, sich in seinem Aeußern auszuzeichnen. Es verräth eben so sehr einen Geist der Kleinigkeiten, ein Verdienst in den Widerstand zu setzen, den man der Einführung unbedeutender Aenderungen, im Ueblichen der Kleidung oder des Betragens thut, als sich mit der schnellen Nachahmung derselben zu brüsten. Ist es Eigensinn oder Nachlässigkeit, welche unsern Putz und unsere Sitten altväterisch macht: so vergiebt dies die Gesellschaft noch weniger, weil sie immer Aufmerksamkeit auf sich, und Nachgiebigkeit gegen ihren Geschmack und ihre Entscheidungen fordert.
Es giebt hierin einen dreyfachen Abweg, der von den Vernünftigen gemißbilligt wird.
Der erste ist eine eigensinnige Anhänglichkeit an das Alte. Sie entsteht entweder aus Geschmacklosigkeit, oder aus Unzufriedenheit des Menschen mit seinem Zeitalter, oder aus Geitz, oder endlich aus bloßem Mangel an Aufmerksamkeit. Nachdem die Quelle ist, aus welcher das altmodische Wesen entsteht, nachdem sind auch die Modificationen desselben.
1. Das Neueste in den Moden ist nicht allemahl das Schönste. Aber in einem Zeitalter, das in der Cultur allgemeine Fortschritte macht, gehn doch viele der Veränderungen, welche durch den allgemeinen Beyfall, den sie erhalten, modisch werden, wirklich vom Schlechtern zum Bessern <92, 474> über. Unsere Kleidung ist in vielen Stücken bequemer geworden, als die unserer Vorfahren; unsere Meubeln haben sich den rein und eleganten Formen der Natur und des Antiken mehr genähert. Mitten unter diese hat die Phantasie und die Neuerungssucht von Zeit zu Zeit abentheuerliche, ausschweifende und unnatürliche Moden gemischt, die aber gemeiniglich unter den übrigen die flüchtigsten sind, und am schnellsten vorüber gehn. Der gesetzte Mann von gutem Geschmacke wird mit seinem Zeitalter fortgehn, aber er wird nicht jedem Einfall des Tages gehorchen; er wird, indem er sich nach den Gewohnheiten richtet, doch noch unter ihnen wählen; er wird die nützlichen Neuerungen mit Beyfall annehmen, und durch sein Beyspiel zu verbreiten suchen, die gleichgültigen, wenn sie fortdauern, mitmachen, die abgeschmackten unnachgeahmt vorüber gehen lassen, oder wenn sie allgemein geworden sind, sie so weit mäßigen, daß er weder durch sein abstechendes Aeußere andern auffallend werde, noch sich selbst durch die Nachahmung fremder Thorheiten mißfalle.
Der geschmacklose Mensch sieht von allen diesen Verbesserungen nichts, oder er findet wenigstens daran kein so starkes Vergnügen, daß seine Liebe zur Bequemlichkeit, -- eine Neigung, die immer für das Alte ist, -- dadurch überwunden würde. Er empfindet den Uebelstand nicht, sich von den Personen, mit welchen er zusammenkommt, auf eine auffallende Weise zu unterscheiden. Diese Art von altväterischen Leuten sind zugleich gemeine Köpfe, ohne Aufklärung, ohne feines Gefühl, -- und in ihrer innern Bildung hinter ihrem Zeitalter eben so weit zurück, als in ihrem Costume.
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2. Was die Schwäche oder Verkehrtheit der Urtheilskraft bey dieser Classe thut: das thut das Vorurtheil und vorgefaßte Meinung bey der Classe der Unzufriednen. Sie entfernen sich mit Fleiß von den Trachten und Gebräuchen der gegenwärtigen Zeit, weil ihnen nichts von dem, was vorhanden ist, gefällt, und weil sie es einmahl für allemahl bey sich ausgemacht haben, daß ihre Zeitgenossen Thoren sind. Alte Leute finden sich oft in diesem Falle, und man vergiebt es ihnen am leichtesten. Sie haben so viele Ursachen, die Zeiten ihrer Jugend ihrem jetzigen Zustande vorzuziehn; daß man die kleine Täuschung übersieht, nach welcher sie die Verschlimmerung, die nur in ihrer eigenen Natur vorgegangen ist, in den Dingen und Menschen außer sich suchen. -- Ueberdies ist auch der Greis von derjenigen Nachgiebigkeit gegen die Meinungen und den Geschmack anderer, welche man von dem jüngern Manne fordert, losgesprochen. Aber wenn grämliches Wesen und allgemeine Tadelsucht diesen letztern unmodisch macht: so thut der Fehler des Charakters, welcher sich dadurch offenbaret, dem tadelsüchtigen Sonderlinge in den Augen der Welt weit mehr Schaden, als der Uebelstand seines altfränkischen Aeußern.
Es ist ein Zeichen der Heiterkeit sowohl, als der geselligen Gemüthsart, wenn der Mensch geneigt ist, in der Gesellschaft, worin er sich befindet, mitzumachen, was die andern ihm vorschlagen, und woran sie Vergnügen finden, wenn es auch seinem eignen Geschmacke nicht vollkommen gemäß ist. Auf gleiche Weise wird der Mensch, der, gutlaunig und gutherzig zu gleicher Zeit, über die Welt, unter welcher er lebt, weder zu zürnen noch zu klagen Ursache hat, sich auch die Gewohnhei<92, 476>ten derselben leicht gefallen lassen, und selbst sich mancher ihrer Phantasien, die er nicht billigt, unterwerfen.
3. Entsteht das altfränkische Wesen aus Geitz, welcher den Aufwand nicht machen will, den die Anschaffung der neuen modischen Sachen erfordert, so hat es wieder einen andern Charakter, der vielleicht nicht so mißfällig, aber verächtlicher ist. Um diesen Ursprung zu erkennen, muß man Stand und Vermögen eines Menschen wissen, und seine ganze übrige Aufführung mit diesem Theile derselben vergleichen können. Der Reiche hat einigermaßen die Verbindlichkeit, den Kunstfleiß zu unterstützen, indem er seine Producte ihm abkauft, -- und der Vornehme, welcher die Augen der Welt auf sich zieht, ist auch zu einer größern Sorgfalt verpflichtet, sich nach dem Geschmacke derselben zu richten. Wenn wir in den Häusern der Personen, welche beyde Vortheile vereinigen, von der einen Seite die Spuren von Stolz und Eitelkeit sehen, -- von der andern aber, einen altmodischen Geschmack finden: so können wir keck glauben, nicht, daß diese Menschen über die Kleinheit der modischen Galanterie erhaben sind, sondern daß sie von einer noch stärkern Geldliebe, als ihre Eitelkeit ist, beherrscht werden. Der, welcher mit Anstand altmodisch seyn will, muß sich im Ganzen gleichgültiger gegen den Beyfall der Welt zeigen. Der, welcher bey großem Vermögen, die dem Geschmacke des Zeitalters gemäße Auszierung seiner Person und seines Hauses vernachlässiget, muß durch die anderweitige wohlthätige oder nützliche Anwendung seiner Reichthümer, durch wichtige Beschäftigungen, oder durch einen Charakter von großer Würde, diesen Uebelstand gut machen. Derjenige Reiche und Große hingegen, welcher <92, 477> nur ein gewöhnlicher Mensch ist, muß auch durchaus die üblichen Sitten haben, und sich dem allgemeinen Geschmacke, so wie den gewöhnlichen Aufforderungen der Gesellschaft, in der er lebt, gemäß bezeigen, wenn er irgend etwas darin gelten soll. Der, welcher der Welt nicht durch große Arbeiten oder wichtige Dienste nützlich ist, muß wenigstens sein Geld und seinen Fleiß, ihrem Vergnügen und der Beförderung der Industrie, durch einen geschmackvollen Luxus widmen.
4. Es giebt endlich Leute, die sich sonderbar kleiden, und in ihrem Anstande und ihrer häuslichen Einrichtung von allem abweichen, was durch die stillschweigenden Conventionen der Mode unter ihren Zeitgenossen zur Regel geworden ist, -- weil sie diese Conventionen gar nicht wissen, -- weil sie auf das Aeußere der Menschen, unter denen sie leben, so wenig Achtung geben, daß sie unmöglich das ihrige darnach bilden können. Einige derselben leben von der Welt so entfernt, und sind, durch Unglücksfälle oder aus Wahl, auf einen so kleinen Kreis von Gesellschaft eingeschränkt, daß sie weder Gelegenheit haben, die Moden und Sitten der Zeit zu erfahren, noch Ursache finden, es sich Geld oder Mühe kosten zu lassen, um dieselben anzunehmen. Andre sind mit ihrem Geiste auch von den Dingen und Menschen abwesend, von welchen sie umgeben sind: oder werden wenigstens von ihrem sinnlichen Anblicke wenig gerührt. Entweder hat sich irgend ein interessantes Studium ihrer Aufmerksamkeit gänzlich bemächtigt, und sie für jeden Gegenstand, der nicht darauf Beziehung hat, blind und taub gemacht: oder es ist bloße Zerstreuung, welche sie hindert, auf irgend etwas Acht zu geben, -- ein Zustand, der immer eine gewisse Schwäche des <92, 478> Geistes verräth. Alle diese Menschen, die nicht wissen, was in dem Gebiethe der Mode Neues vorgegangen ist, bleiben natürlich beym Alten. Und je länger sie leben, und jemehr der Zeitraum anwächst, den sie so abwesend, dem Körper oder dem Geiste nach, von der menschlichen Gesellschaft zubringen: desto weiter wird der Abstand, der sich am Ende desselben zwischen ihrer Tracht, ihrer häuslichen Einrichtung, und ihren Complimenten, und zwischen der in der übrigen Welt gewöhnlichen Art sich zu kleiden, zu wohnen und sich zu betragen findet. Aus welcher Ursache auch diese Unwissenheit des Ueblichen und des Modischen entstehe; so ist sie doch immer dem Menschen nachtheilig. Sie sey ein Unglück oder ein Fehler: so stört sie immer, mehr oder weniger, die Verbindung des Menschen mit seinen Zeitgenossen, in deren Umgange er doch allein sein Vergnügen, oder die Gelegenheiten Gutes zu thun finden kann. Sie macht ihn bald verlegen und mißmüthig, bald verdrüßlich und ungesellig. Hängt er noch an dem Urtheile andrer, und wird er gewahr, daß über sein Aeußeres ein nachtheiliges Urtheil gefällt wird: so wird er durch die Unruhe, welche ihm dieses verursacht, gehindert, seine übrigen guten Eigenschaften zu seinem Vortheile zu zeigen. Vielleicht wendet er nun fruchtlose Bemühungen an, sich nach den Meinungen und Sitten der Gesellschaft zu fügen, und wird abgeschmackt und affectirt, weil er zu spät artig zu werden sucht. Oder ergreift er die Parthey, das selbst zu tadeln und als lächerlich darzustellen, wovon er abgewichen ist: so ist er in Gefahr, der Gesellschaft, welche er doch niemals bekehrt, noch überdies lästig zu werden, da er ihr sonst nur mißfallen hätte.
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Den Gelehrten hat man in vorigen Zeiten den Fehler vorzüglich Schuld geben, daß sie ihr Aeußeres vernachlässigten, und durch Sonderbarkeiten in ihrem Putze oder in ihren Höflichkeitsbezeugungen sich auszeichneten. Dies wird immer der Fall seyn, wenn entweder das gelehrte Studium auf keine Gegenstände geht, welche die übrigen Stände beschäftigen und vergnügen, oder wenn die Welt= und Geschäftsleute gar keinen Geschmack an den Wissenschaften finden. -- Durch beydes wird der Gelehrte natürlicher Weise von der Gesellschaft ausgeschlossen. Und in seiner Studierstube, oder in dem engen Kreise seiner Zunftgenossen, kann er nicht anders als altfränkisch und unmodisch werden. Dieser Zustand der Dinge hat sich heut zu Tage in Europa sehr geändert. Der Geschmack an Kenntnissen ist allgemeiner geworden: und die Wissenschaften haben alles in ihr Gebieth gezogen, was nur irgend einen beträchtlichen Zweig des praktischen Lebens ausmacht. Die Verbindung zwischen der Gelehrsamkeit und den Geschäften ist jetzt größer als jemahls: also auch die zwischen den eigentlichen Gelehrten und den Weltleuten. In eben dem Maße verliert sich also auch die altmodische Tracht und das linkische Wesen der ersten.
Es ist gewiß, daß man unter den Sonderlingen, die sich lächerlich kleiden, und in Sachen des Wohlstandes sich seltsam betragen, zuweilen Leute von ausgezeichnetem Genie findet. Theils tritt bey ihnen der Fall ein, den ich zuvor berührte, daß die auf ihre eignen Ideen concentrirte Aufmerksamkeit, daß ihre mit lebhaften Dichtungen angefüllte Imagination, oder ihr an eine Kette von Schlüssen geheftetes Nachdenken, die Eindrücke der Sinne schwächt, und sie deswegen <92, 480> sowohl unachtsamer gegen die äußern Verzierungen andrer, als gleichgültiger in Absicht ihrer eignen macht. Theils ist mit der Originalität des Genies nicht selten ein Hang zum Außerordentlichen, und etwas Bizarrerie im Charakter und in der Handlungsweise verbunden. Der, welcher in sich natürliche Eigenschaften zu entdeckten glaubt, welche Bewunderung erregen, spricht sich leicht von der Aufmerksamkeit und der Mühe los, welche es kostet, andern durch die Befolgung ihres Geschmacks, und durch die Nachahmung ihrer Sitten zu gefallen. Noch natürlicher scheint es, daß, wer mit seinen Ideen einen eignen Gang geht, oder in seiner Einbildungskraft ganz neue Gestalten der Dinge zusammensetzt, auch in seinem Geschmacke und seinen Neigungen etwas auszeichnendes habe, und daher auch in seinem Costume und in seiner Aufführung von dem Ueblichen abweiche. Ein Geist, den die Natur nicht mit einem eignen Stempel bezeichnet hat, nimmt eher das Gepräge der gangbaren Sitten und der herrschenden Mode an: mit größern Kräften hingegen ist auch eine bestimmtere Form und Richtung derselben verbunden, wodurch diejenige äußre Bildung der Sitten, welche die Gesellschaft und die Nachahmung geben soll, weniger möglich wird.
Es giebt daher sehr schätzbare Menschen in altfränkischer und geschmackloser Kleidung; vortrefliche Köpfe unter einem bizarren oder vernachlässigten Haarputze: und Geist und Herz eines Mannes können zu aller der Ausbildung gelangt seyn, deren sein Zeitalter ihn fähig macht, indeß die Moden, welche er trägt, und die Regeln des Wohlstandes, nach denen er sich richtet, noch aus vergangnen Jahrhunderten sind. -- Aber es würde sehr irrig seyn, aus der Vernachlässigung der <92, 481> Moden und Sitten der Zeit, auf jene höheren Geisteskräfte zu schließen, oder auch nur beyde oft vereiniget zu glauben. Die eigentlichen Genies, -- die, welche mit großem Verstande oder großer Einbildungskraft auch etwas so Eigenthümliches verbinden, daß sie dadurch zur Erfindung des Neuen geschickt, aber zugleich zur Nachahmung des Ueblichen unfähig werden, sind überhaupt selten. Auch unter den Genies giebt es immer noch viele, welche originell in ihrem Denken, und ganz gemein in ihrer Kleidung und in ihrem Decorum sind; -- welche in den Werken ihrer Kunst, oder in der Betreibung ihrer Geschäfte sich über die übrigen Menschen erheben, und in ihrem alltäglichen und geselligen Leben sich denselben völlig gleich stellen. Die Leute hingegen von bloß gesunder Vernunft, die jenes Eigenthümliche nicht haben, sind, eben durch ihren Verstand, auch zur Beobachtung der Regeln des Wohlstandes, welche die allgemeine Gewohnheit vorschreibt, sowohl geschickter als aufgelegter. Diese Classe, -- die schätzbarste und unentbehrlichste von allen, -- findet man also am ersten unter einem Aeußern, welches sich weder durch Alterthum noch Neuheit auszeichnet. Der größte Theil derjenigen Menschen hingegen, welche, auf eine auffallende Weise, sich von der Gesellschaft, in welcher sie leben, in Sachen der Moden und der Gewohnheit, unterscheiden, zeigt sich eben so abgeschmackt in seinen Reden, und eben so widersinnig bey seinen Unternehmungen, als seine Kleidung oder das Ameublement seiner Zimmer gothisch, und als sein Wohlstand veraltert ist. Sey es Mangel des Beobachtungsgeistes, sey es Eigensinn und Steifheit des Charakters: dieselbe Mischung intellectueller und moralischer Mängel, die sie so unfähig <92, 482> macht, das System modischer Sitten zu lernen, und das Gute, welches in der Uebereinstimmung mit ihren Nebenmenschen liegt, zu schätzen, -- eben diese Mischung hindert sie auch überhaupt, richtig zu denken, und bey ihren Handlungen mit sich selbst, oder mit den Regeln der gemeinen Menschenvernunft zusammen zu stimmen.
Der zweyte Abweg in Absicht der Moden ist, eine übermäßige Pünctlichkeit in Befolgung aller ihrer Veränderungen.
Es giebt Personen, besonders unter dem weiblichen Geschlechte, welche glauben, ihre ganze Achtung bey der Gesellschaft stehe auf dem Spiele, wenn nur eine Falte ihres Kleides anders gelegt, und eine Nadel in ihrem Kopfzeuge anders gesteckt sey, als es die strengste Mode erfordert; -- Personen, die sich so sehr fürchten, mit einer neuen Mode etliche Tage zu spät zu kommen, als immer ein Feldherr nur fürchten kann, sich mit seinen Operationen zu verspäten, und sich vom Feinde, in Besetzung eines vortheilhaften Postens, zuvor kommen zu lassen.
Eine Folge davon ist, daß auch die Wißbegierde und die Thätigkeit dieses modischen Schönen durch den Gegenstand völlig erschöpft wird, welcher ihren Ehrgeitz so sehr in Bewegung setzt. Ihre unaufhörliche Nachforschungen gehen darauf, zu erfahren, was Mode sey, und ihr vornehmstes Geschäft ist es, das, was sie in dieser Absicht den einen Tag gelernt haben, den andern in Ausübung zu bringen. Jenes macht den Gegenstand ihrer Gespräche und ihrer Beobachtungen aus, wenn sie in Gesellschaft sind; und mit diesem füllen sie ihre einsamen Stunden aus. Sie sind immer in Berathschlagungen über ihren Putz, entweder mit ihren Gespielinnen, oder mit ihrem Schneider und <92, 483> Galanteriehändler. Das Studium der Mode ist weitläuftig und schwer, wenn man dieser eigensinnigen und veränderlichen Führerinn auf allen ihren Schritten und Tritten nachgehn, und ihre Vorschriften, bis auf ihre flüchtigsten Grillen, verfolgen will.
Wie kann aber in einem Geiste, der ohne Nachlaß mit diesen Kleinigkeiten angefüllt ist, Raum zu dem Wichtigen übrig bleibt; -- es sey zu den Gegenständen der Erkenntniß, welche ihn selbst zieren und anbauen sollen, es sey zu den Geschäften des Lebens, welche seine Pflichten ausmachen? -- Und wie ist es möglich, daß nicht der ganze Maßstab, nach welchem der Mensch den Werth der Dinge bestimmt, verfälscht, und also seine Urtheilskraft mit seinem Geschmacke zugleich verdorben werde, wenn er sich gewöhnt, das Außerwesentlichste und Willkührlichste in den Auszierungen seiner Person und seiner Sachen für etwas unentbehrliches und gesetzliches zu halten.
Es ist ein wirkliches Verdienst für ein Frauenzimmer, sich gut zu putzen. -- Da es zu den Endzwecken, welche die Natur sich mit diesem Geschlechte vorgesetzt hat, gehört, daß es gefallen soll, so ist jede Bemühung, die es anwendet, sich wirklich zu verschönern, seiner Bestimmung gemäß. Und es ist allerdings den Frauenzimmern erlaubt, mehr Zeit und Sorgfalt auf die Wahl und Anordnung ihrer Kleidung zu wenden, als wir Männer ihr widmen dürfen. -- Aber worin besteht dieses Verdienst? Eben darin, daß sie in dieser Wahl ihren Verstand und ihren guten Geschmack zeigen; -- nicht darin, daß sie die Moden, -- sondern darin, daß sie sich selbst kennen; daß sie wissen, was ihnen wohl, und was ihnen übel steht; daß sie Formen und Farben der Kleider nach ihrem <92, 484> Gesichte, nach ihrem Wuchse, auch ihrem Alter und ihren Umständen gemäß, wählen; daß sie ihre natürlichen Mängel geschickt zu verbergen, ihre schönsten Theile ans Licht zu bringen wissen, ohne Affectation zu verrathen; -- daß sie mit einem Worte ihrer Natur treu bleiben oder derselben zu Hülfe kommen, indes sie doch von dem Ueblichen auf keine auffallende Weise abweichen. -- Dieses Verdienst nun kann sich ein Frauenzimmer erwerben, welches strenge der Mode folgt. Ihm ist alles pünctlich vorgeschrieben. Alles was die Vornehmsten oder die Galantesten seines Geschlechts tragen, ist ein Gesetz, welches es befolgen muß, es mag dadurch verunstaltet oder verschönert werden. Die Modethörinn urtheilt nicht über ihren Putz, sie wählt nicht: sie äfft nur nach. Sie schmückt sich nicht selbst, -- sie übergiebt sich nur ihrem Coeffeur und ihrem Schneider, sie auszustaffiren.
Doch diese eigene Wahl seines Anzugs, welche einem Frauenzimmer sehr rühmlich ist, wenn es unter mehreren üblichen Trachten die ihm angemessenste aussucht; wenn es, ohne nach dem Neuesten zu haschen, bey dem an sich schönen, welches die Mode zuweilen hervorbringt, am längsten aushält, und am schnellsten zu demselben zurück kehrt; wenn es weiß, sich nach der allgemeinen Gewohnheit zu richten, und doch etwas eigenthümliches beyzubehalten; wenn es, mit einem Worte, immer den klügsten und besten ihres Geschlechts ähnlich erscheint, indeß es doch keine knechtische Nachahmung verräth: diese Wahl, sage ich, gränzt an einen Fehler, der eben so, wie die bisher geschilderten, zu vermeiden ist. Er ist von den drey Abwegen, die ich oben angekündigt habe, der letzte. Indeß der altfränkische Sonderling <92, 485> das Costüme der Vorwelt eigensinnig und geschmacklos beybehält, -- der Modethor sein Verdienst in der pünctlichen Gleichförmigkeit seines Aeußern mit den neuesten Modellen der Galanterie setzt: sucht eine dritte Classe, der es mehr darum zu thun ist, die Augen auf sich zu ziehn, als zu gefallen, und die nur Aufsehen machen, nicht gerade Beyfall erhalten will, das Neue, welches die zweyte Classe von andern copirt, selbst zu erfinden, und andern zur Nachahmung aufzustellen. Das sind Sonderlinge einer andern Gattung, als jene Altmodischen. Sie weichen auch von allem Ueblichen ab, -- aber durch das Neue und Außerordentliche. Entweder übertreiben sie die Moden auf eine ausschweifende Weise, und die ihnen nur allein eigen ist: oder sie selbst setzen Farben und Formen der Dinge zusammen, wie sie vor ihnen noch niemand sah, niemand trug. -- Reichthum und Pracht kann solche Thorheiten erträglich machen. Denn wenn das Ausschweifende nur glänzt, wenn es nur oft neu und verändert erscheint: so läst die große Welt es sich gefallen, und der Pöbel staunt es an, obgleich die klugen Leute darüber lachen. Aber wenn Zeichen der Armseligkeit, oder auch nur eines mittelmäßigen Vermögens, sich mit solchen selbst erfundnen und ausschweifenden Moden verbinden: so ist die kahle, nackte Abgeschmacktheit der letztern so sichtbar, daß die Person, welche sie trägt, der allgemeinen Verachtung nicht entgehen kann.
Für einen Mann ist es durchaus unschicklich, sich mit Erfindung von neuen Moden abzugeben. Einem Frauenzimmer hinwiederum thut alles Ausschweifende und Außerordentliche in der Kleidung und in dem Betragen deswegen mehr Schaden, weil es von den dem weiblichen Cha<92, 486>rakter unentbehrlichsten Tugenden mehr abweicht. Jener verräth durch eine solche Originalität in Kleinigkeiten, daß er nichts besseres zu thun hat; daß seine Aufmerksamkeit auf eben so unwichtige Gegenstände gerichtet ist, als sein Ehrgeitz; -- daß er sehr wünscht, bemerkt zu werden, und doch daran verzweifelt, durch seine persönlichen Eigenschaften oder seinen Rang in der Gesellschaft es zu erhalten. Wenn seine neuen Erfindungen, wie dies gemeiniglich der Fall ist, noch dazu auf eine widersinnige Art zusammen gesetzt, seltsam in der Form, und grell in den Farben sind: so veranlaßt er zugleich ein nachtheiliges Urtheil über seinen Geschmack. Das Frauenzimmer hingegen, welches sich von seines Gleichen durch einen seltsam erfundenen und ihm eigenen Putz auszeichnet, erregt gegen sich entweder den Argwohn der Coketterie, da man doch Sittsamkeit von ihm fordert, oder den einer Gleichgültigkeit gegen die Urtheile des Publikums, die man diesem Geschlechte weit weniger als dem unsrigen verzeiht. Das Weib soll sich nicht bemühen, Aufsehn zu machen, und der Mann soll es nur durch die Werke seines Verstandes oder seines Fleißes erregen. Jenes soll mehr das Schöne und das Gefällige, als das Originelle und Unterscheidende suchen; dieser soll sich nur durch wichtige und persönliche Eigenschaften auszeichnen.
Doch findet sich nicht immer durch die Erfahrung bestätigt, was man aus allgemeinen Gründen vermuthen sollte, daß nur schwache Köpfe, und Leute ohne Verstand diesen Ehrgeitz haben könnten, Erfinder ausschweifender Moden zu seyn. Es vereinigen sich im menschlichen Charakter oft die widersprechendsten Züge. Die Thorheit mancher Menschen ist, wie der wirkliche Wahnwitz <92, 487> andrer, nur auf einzelne, oder wenige Gegenstände eingeschränkt. Sie reden und handeln klug in allen Theilen ihres öffentlichen und Privatlebens; aber in einem einzigen Puncte betragen sie sich wie Kinder, oder wie Schwachsinnige.
Bey dieser Art Thoren, von der ich hier rede, ist es oft eine verlängerte Kindheit, die ihre Ausschweifungen veranlaßt. Sie haben die Gränze zwischen dem Jünglings= und dem männlichen Alter nicht wahrgenommen; und, was ohne großen Tadel zu verdienen, das Spielwerk ihrer ersten Jugendjahre gewesen war, ist unvermerkt die Beschäftigung ihres Lebens geworden. Andre glauben vielleicht wirklich, am besten dabey zu fahren, wenn sie zuerst durch etwas Narrheit die Augen andrer auf sich ziehn, und dann sich den Gaffern als gescheite Leute zeigen. Indessen ist es mit einer Vernunft, die sich nicht auf die gesammte Aufführung erstreckt, immer eine mißliche Sache. Eine solche einzelne Thorheit ist wie ein böser Schaden an einem äußern Theile des Körpers, der zwar mit der Gesundheit des Ganzen bestehen kann, aber doch immer dieselbe bedroht, und gegen sie bey andern Verdacht erregt.
Der Schluß aus diesem allem ist folgender. Der Erfindungsgeist, wenn der Himmel einen Menschen damit begabt hat, soll nur auf das gerichtet seyn, was entweder sein Beruf von ihm fordert, oder was an sich groß und gut ist: in allem was klein ist, oder was für ihn zu Nebensachen gehört, ist die Nachahmung am rechten Orte. Besonders wenn der Endzweck dieser Nebensachen ist, sich auszuzieren, so muß man, da man sich nur für andere putzt, auch den Geschmack andrer dabey zu Rathe ziehn. Man beleidiget aber denselben durch jede auffallende Verschiedenheit, sie <92, 488> bestehe in der Beybehaltung des Alten, nachdem alle andere es abgelegt haben, oder in der Anlegung des Neuen, ehe es noch irgend eines Menschen Beyfall erhalten hat.
Der Inhalt der bisher ausgeführten ersten Regel ist also, zwischen alten und neuen Moden die Mitellstraße zu halten. -- Nach ihr ist keine wichtiger als diese, daß man die Moden des Standes, zu dem man gehört, nicht überschreite.
Derjenige, welcher sich hervor zu drängen sucht, und darnach strebt, höheren Classen der Gesellschaft, als in der er gebohren ist, näher zu kommen, begeht einen verzeihlichen Fehler, -- weil er einer gemeinen Schwäche der menschlichen Natur unterliegt. Er irrt, weil er glaubt, daß im höhern Stande durchaus und im Ganzen mehr Glückseligkeit oder mehr Vollkommenheit vorhanden sey. Aber er hat nicht Unrecht, daß er dahin zu gelangen strebt, wo er Vorzüge zu entdecken glaubt.
Aber derjenige ist ein Thor, welcher diesen Uebergang aus einer niedrigern Classe in eine höhere durch Nachahmung des Putzes und des Luxus dieser letztern sich zu erleichtern einbildet. -- Er verräth dadurch erstlich zu sehr seine Begierde. Und sobald diese offenbar wird, so widersetzen sich derselben alle: seines Gleichen, aus Neid; die Höhern aus Stolz. Alle Veränderungen des Ranges in der Gesellschaft sind Veränderungen der Meinung der Menschen von uns. Und diese müssen nach und nach erschlichen, oder sie müssen durch Verdienste erworben, aber sie können nicht ertrotzt werden. Das Glück und unsere persönlichen Vorzüge müssen uns den Weg bahnen, und wir müssen die Gelegenheit brauchen. Aber seine <92, 489> Ansprüche ankündigen, ehe man die Macht hat, dieselben durchzusetzen, heißt ihnen auf immer ein Hinderniß in den Weg legen.
Zum andern ist es klein und verächtlich, den Schein einer Sache anzunehmen, wovon die Wirklichkeit uns fehlt. Man lügt eben sowohl, wenn man sich über seinen Stand kleidet, oder die Moden eines höhern Standes an sich trägt, als wenn man sich einen vornehmen Nahmen giebt. Man kann in beyden Fällen nur die Absicht haben, Unbekannten ein falsche Idee von sich beyzubringen. Und wie unerlaubt, wie vergeblich selbst, ein solches Bestreben sey, leuchtet ein.
Was die gesellschaftlichen Gewohnheiten, was insbesondre die Formen der Höflichkeit und des guten Anstandes betrifft: so muß derjenige, welcher zur guten Gesellschaft gehören, oder von ihr zugelassen werden will, auch die Sitten der höchsten Classe kennen, und eine Fertigkeit haben, ihre Regeln zu beobachten. -- Und da es unleugbar ist, daß, im Ganzen, der Wohlstand dieser Classe der beste, ihre Gewohnheiten am vernünf tigsten ausgedacht, ihre Sitten dem geselligen Vergnügen am meisten angemessen sind: so ist es dem vernünftigen und cultivirten Manne aus jedem Stande sehr natürlich, sie vorzuziehn, und sehr erlaubt, sie selbst nachzuahmen. Indessen muß er sich wohl hüten: dieselben in alle Gesellschaften mitzubringen. Es ist ein besondrer Vorzug, wenn ein Mensch Biegsamkeit genug hat, sich in mehrere Sitten und Gewohnheiten zu schicken; -- Aufmerksamkeit genug, um diese Verschiedenheiten zu bemerken, und genug Achtung für die Gesellschaft, in welcher er ist, um sich nie vor ihr auszeichnen zu wollen.
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Dies scheint mir die wahre Lebensart des Weltmanns, -- im besten Verstande des Wortes, -- zu seyn: wenigstens ist es die einzige, welche von ihm studirt seyn will, bey der er denken muß; und auf die also sein Geist und Herz einen Einfluß hat. Denn das bloß mechanische Nachmachen der Gewohnheiten und Sitten, die man von Jugend auf gesehen hat, wenn sie auch die vortreflichsten wären, kann keine große Tugend seyn, so wie es keine großen Talente fordert. Daß also ein vornehmer Mann die Sitten vornehmer Leute an sich trägt, das giebt von der Beschaffenheit seines Innern, worauf es doch beym Fürsten und beym Bettlern zuletzt ankommt, wenig oder nichts zu erkennen. Etwas mehr Verdienst ist bey dem Menschen von geringerem Herkommen, und einem seltnern Umgang mit der großen Welt, der doch den darin schicklichen Wohlstand ohne Affectation beobachtet. -- Aber was einen höhern Grad sowohl von Beobachtungsgabe, als von feiner und menschlicher Empfindung anzeigt, ist, wenn man sich in gleichgültigen und willkührlichen Dingen, die doch zugleich in jeder Classe durch ihr eigne Conventionen ausgemacht sind, den Personen, unter denen man ist, gleichstellt, und verschiedene Rollen, höhere und niedrigere, auf eine gleich anständige, edle und natürliche Art zu spielen weiß; -- wenn man die bürgerlichen Sitten unter Bürgern beybehält, indem man das Gemeine davon absondert, -- und dem Adel durch adliche Sitten näher tritt, ohne die Anmaßungen zu zeigen, die der Stolz oft damit verbindet.
Noch einige zerstreute Anmerkungen über die ganze Materie, welche in den verschiedenen Abtheilungen des vorhergehenden nicht ihren <92, 491> bequemen Platz fanden, mögen hier am Ende derselben stehen.
Die erste betrifft die modischen Sitten oder die Etiquette. Die Vollkommenheit derselben ist nach folgendem Maßstabe zu bestimmen: „je weniger sie künstlich und zusammengesetzt, und je angemessener sich zugleich dem Zwecke sind, die gesellige Einigkeit zu unterhalten und die Mittheilung des Vergnügens zu erleichtern; je weniger sie die Freyheit einschränken, und je mehr sie doch Geselligkeit und gesellige Tugenden ausdrücken, desto vollkommner sind sie.”
Denn von der einen Seite muß der Umgang frey seyn, wenn er angenehm seyn soll: weil nur bey der Freyheit der ungehinderte Gebrauch aller Seelenkräfte statt findet; und weil insbesondre Imagination, Witz und Zärtlichkeit, die drey Sachen, welche die Würze jedes gesellschaftlichen Vergnügens ausmachen müssen, durch Zwang getödtet werden.
Auf der andern muß der Umgang artig seyn. Das heißt erstlich, er muß alles vermeiden, was durch seinen sinnlichen Eindruck, oder durch seine Nebenidee anstößig ist, was den Augen und Ohren mißfällt, oder was in der Imagination, (sey es aus welcher Ursache es wolle) unangenehme Bilder erregt. Das heißt zweytens, er muß alles enthalten, was als Ausdruck, oder als Zeichen des Wohlwollens und der Achtung nöthig ist, welche die Glieder der Gesellschaft gegen einander hegen sollen. So viele verschiedene Verhältnisse es in der bürgerlichen Gesellschaft giebt, so verschiedne Pflichten eines Menschen gegen den andern daraus erwachsen: so vielfach modificirt sich auch dieser Ausdruck. Um desto zusammengesetzter wird also auch die Wort= und Gerberdensprache der <92, 492> Politesse. Aber eine gemeinschaftliche Gesinnung muß durch alle die mannichfaltigen Höflichkeitsbezeugungen hindurchschimmern, welche die Abtheilung der Stände, und die natürliche und gesetzliche Ungleichheit der Menschen so vervielfältiget hat: das ist die Gesinnung einer mäßigen Selbstschätzung, welche aus dem Bewußtseyn der Rechtschaffenheit entsteht; und die Gesinnung eines allgemeinen Wohlwollens, -- welches auch dem Respecte gegen Höhere zum Grunde liegen muß. Dadurch allein bekommen die abwechselnden und zusammengesetzten Formen der Politesse diejenige Einheit, durch welche sie einer wahren Schönheit fähig werden. Und derjenige ist der artigste Mann, der in seinen Ausdrücken und in seinem ganzen Betragen, das, was er jedem Alter, Range und Verdienste zu leisten hat, am besten mit dem zu vereinigen weiß, was er sich selbst als einem Manne von Charakter und Ehre, und was er der allgemeinen und großen menschlichen Gesellschaft schuldig ist, deren Glieder, trotz aller zufälligen Unterschiede, doch durch eine wesentliche Gleichheit und durch gemeinschaftliche Rechte verbunden sind.
Der Gang der Natur in Verfeinerung der Politesse ist sonderbar. Aber er befremdet weniger, wenn man ihn mit der Geschichte der Wissenschaften vergleicht. Denn fast durch gleich krumme Wendungen haben die Menschen sich dem Ziele in jeder Art der Vollkommenheit genähert.
Zuerst sind die Sitten roh. Der Mensch ist natürlich, aber grob; -- er affectirt nicht, aber er ist unhöflich und ungefällig. Er ist in seinen Complimenten lakonisch und wahr; -- aber er läßt es auch an den nöthigen Zeichen von Aufmerksamkeit und Achtung ermangeln.
<92, 493>
Dann kommen die weitläuftigen Complimente, die Ziererey und das gezwungne Wesen. Das Gesetzbuch der Artigkeit wird sehr complicirt. Alle Gradationen des Ranges erhalten ihre eigne Sprache, sowohl für die, welche ihren Rang zu behaupten, als für die, welche den Rang andrer zu respectiren haben. Der Umgang wird steif, und das Wesen desselben, das Gespräch wird über der Form fast vergessen.
Zuletzt vereinfachen sich wieder diese Regeln; die Forderungen der verschiedenen Stände werden weniger pünctlich und mannigfaltig; die Titel kürzen sich ab, die Geberden und Stellungen werden freyer, die Sitten nähern sich von neuem der ersten Einfalt, aber einer Einfalt, die, da sie mit einem feinen Gefühl aller Verhältnisse und aller Obliegenheiten des menschlichen Lebens verbunden ist, nun den Charakter der Eleganz bekommt.
Dieser schnelle Uebergang der Sitten von grober Einfalt, zum Studirten, -- und vom Mangel aller Höflichkeit, zu einer sehr prunkvollen und beschwerlichen, würde mehr befremden, wenn wir nicht in der Succession der wissenschaftlichen Fortschritte des Menschen etwas ähnliches wiederfänden. In der Philosophie folgt die äußerste Subtilität fast unmittelbar auf die Unwissenheit; und das Grübeln über die unbeantwortlichsten Fragen, auf die völlige Gleichgültigkeit gegen alle Erkenntniß. -- In allen menschlichen Handlungsarten geht das Natürliche erst hinter dem Künstlichen her, und das Schwere und Zusammengesetzte muß dem Leichten und Einfachen Bahn machen. So ist es in den Formen von Kleidung, Hausgeräthe und Equipage, welche die eigentlichen Moden ausmachen, so in denen des Umgangs, welche zur Etiquette gehören.
<92, 494>
Der menschliche Geist ist wie eine elastische Feder. Wenn der Druck, welcher ihn zuerst in völliger Unthätigkeit erhielt, aufhört, und die Feder ihre Kraft zu äußern anfängt, so treibt sie den Menschen allenthalben, mit unwillkührlicher Gewalt, über sein Ziel hinaus. Es gehört Zeit dazu, daß er gleichsam Herr von sich selbst, von seiner Thätigkeit und von seinen Bewegungen werde. Dann erst mißt er seine Mittel gegen seine Zwecke ab: und nur dann lernt er eine Verrichtung und ein Studium mit den übrigen ins Gleichgewicht bringen: und nur dadurch schränkt er sie alle in gewisse Gränzen ein, und macht sie simpler, indem er sie zugleich zweckmäßiger macht.
Es giebt eine Art Menschen, die nicht sowohl der Mode in Befolgung aller ihrer Veränderungen getreu, als nur sehr sorgfältig sind, die von ihnen einmahl gewählte, in ihrer völligen Genauigkeit und Eleganz zu beobachten. Das sind die Leute, welche die Franzosen tirés à quatre épingles nennen. -- Sie geben auf ihre Kleidung, auf jede Kleinigkeit in der Anordnung ihrer Wohnzimmer und ihrer Tafel, auf ihre Stellungen und auf ihre Complimente, genau Achtung: nicht, um allen diesen Dingen die Formen der neuesten Erfindung und des modernsten Geschmacks zu geben; sondern um nur das Ideal von Artigkeit und gutem Ton zu erfüllen, welches sie sich selbst gebildet haben. Wenn dieses alte und im übrigen verständige Leute thun, so gefallen sie gemeiniglich; -- selbst wenn einige Schwäche dabey sichtbar wird. Man rechnet ihnen diese Aufmerksamkeit, andern zu gefallen, als ein Verdienst an, da sie selbige in einem Alter und unter Umständen beweisen, wo andre nur ihre Bequemlichkeit suchen. Die meisten talentvollen Menschen sind <92, 495> um ihr Aeußeres unbekümmert, und die Greise werden es nach und nach. Wenn also die Gesellschaft, einen aus beyden Classen, von dieser Regel abweichen, und sich der Mühe unterziehn sieht, welche eine pünctliche Eleganz, sie sey alt= oder neumodisch, verlangt: so erkennt sie diese ihr bewiesene Achtung mit einiger Dankbarkeit. Es ist auch wirklich ein angenehmer Anblick, einen, ohne Affectation, nettgeputzten alten Mann, und einen in seinem Hauswesen elegant eingerichteten Philosophen zu sehen.
Aber zu weit muß diese Sorgfalt nicht getrieben werden, oder zu sichtbar muß wenigstens diese Aufmerksamkeit nicht seyn: sonst verräth der Mensch entweder einen Geist der Kleinigkeiten, oder eine Eitelkeit, die sich weder mit wahren Verdiensten verträgt, noch dem Alter wohl ansteht. Reinlichkeit und guter Geschmack sind zwey Gesetze, wovon das eine unerläßlich für jeden Menschen ist, der in der Gesellschaft gelitten werden will, das andre von großem Ansehn für den seyn muß, der von ihr aufgesucht zu werden wünscht. Aber die Vorschriften derselben sind nicht genau bestimmt, sie können auf mehr als eine Art beobachtet werden; sie verlangen weder eine immer gleiche Regelmäßigkeit, noch machen sie eine ununterbrochne Aufmerksamkeit nothwendig. Sie schließen so gar nicht die gratam negligentiam aus, welche selbst der weiblichen Schönheit einen neuen Reitz giebt, aber dem männlichen Ernst und der männlichen Anmuth so vorzüglich angemessen ist. -- Wenn es, in Kunstwerken, der Zweck und der Triumph des großen Meisters ist, die Kunst zu verbergen: so ist es noch mehr nothwendig, in dem, was das edelste Werk der Natur, den Menschen, nur bekleiden und schmücken soll, die Zwanglosig<92, 496>keit der Natur, und den Anschein der Zufälligkeit, den sie ihren Producten zu geben weiß, beyzubehalten. Das, was in der Kleidung, wie im Anstande, der Beobachtung allgemeiner, vorher bestimmter und unabänderlicher Regeln zu ähnlich sieht, es mögen Regeln seyn, welche uns bloß die Mode und die Etiquette aufgedrungen hat, oder solche, die wir selbst uns vorgeschrieben haben, ist ohne Anmuth und Grazie, so schön oder so zweckmäßig es an sich seyn mag; und nur das gefällt, in diesen kleinen Verschönerungen der Person oder des Betragens des Menschen, was auf der Stelle erfunden und gedacht, die Folge immer neuer Ueberlegungen, aber leichter und zwangloser Ueberlegungen zu seyn scheint.
Die Modesucht mit Prachtliebe verbunden, und von dem Reichthume, der ihr ein Genüge thun kann, unterstützt, hat etwas verführerisch reitzendes; aber Modesucht im armseligen Gewande ist äußerst lächerlich. Das Neumodische muß durchaus auch neu und schön seyn, wenn es gefallen soll: und die Veränderung der Form bey einem abgenutzten Stoffe dient nur dazu, dessen Mängel mehr ins Licht zu setzen. -- Dieser Umstand, verbunden mit vielen andern, macht also für die, durch die Unterschiede des Reichthums, und der Würde abgetheilten Rangordnungen der menschlichen Gesellschaft, einen ähnlichen Unterschied ihrer Moral, auch in Absicht der Moden, nothwendig. Es giebt Stände und Lagen im bürgerlichen Leben, welche Pracht erfordern, weil -- wenigstens nach der bisherigen Meinung der Menschen, und bey dem Unverstande des großen Haufens, -- von dieser Pracht ein Theil des obrigkeitlichen Ansehns abhängt, mit welchem diese Stände, zum Wohl des Staats und zur allge<92, 497>meinen Sicherheit, bekleidet seyn müssen. Es sammeln sich ferner in einem blühenden Lande bey einzelnen Personen und Familien so große Reichthümer, daß sie ohne irgend einer andern ihrer Pflichten den für sie nöthigen Aufwand entziehn zu dürfen, noch genug übrig behalten, ihrer äußern Lebensart den möglich größten Glanz zu geben. -- Diejenigen nun, denen vermöge des Ranges, welchen sie unter ihren Mitbürgern einnehmen, erlaubt, und fast gebothen ist, Pracht zu zeigen; und die durch ihr Vermögen dazu in den Stand gesetzt sind, können sowohl mit mehr Recht, als mit mehr Ehre, allen Abwechselungen der Mode folgen, und jede neue Erfindung der Industrie, so wie sie aus den Werkstätten des Künstlers kommt, annehmen und nutzen. Da sie dem Neuen immer zugleich Glanz geben: so erscheint es, wenn es wirklich schön ist, in seinem vortheilhaftesten Lichte; und selbst das Thörichte und Ausschweifende wird bey dem Schimmer, der es umgiebt, weniger anstößig. -- Der Reiche von minderem Range, der vermöge seiner Einkünfte den Luxus der Vornehmsten mitmachen kann, aber vermögen seiner Lage im bürgerlichen Leben dazu nicht aufgefordert wird, und zu einem gewissen Prunke nicht einmahl berechtigt ist, wird eben den Grad der Mäßigung in Absicht des Modischen beobachten müssen, mit welcher er überhaupt die Pracht seiner Kleidung, die seiner Wohnung und seiner Equipage einzuschränken verbunden ist. Das prunklose Schöne hat fixere Regeln, und ist wenigern Veränderungen unterworfen; so wie hingegen das Neumodische, von Pracht entblößt, oft allen seinen Werth verliert, und für den Anblick eben so wenig Anziehendes behält, als es beym Gebrauche Bequemes hat. Der Mann endlich, <92, 498> dessen Rang und Vermögen gleich mittelmäßig sind, wird in allen den Dingen, die unter das Gebieth der Mode gehören, aus Pflicht sowohl, als des guten Geschmacks wegen, oft beym Alten bleiben, wenn die vornehmere und reichere Welt Neuerungen macht. Nicht nur hat er etwas anderes und nothwendigeres zu thun, als sich um alle diese neuen Moden zu bekümmern, und für die Herbeyschaffung der dazu nöthigen Sachen zu sorgen; nicht nur hält ihn eine weise Oekonomie ab, sein mäßiges Einkommen auf das Ueberflüssige zu wenden, da vielleicht noch dringendere Bedürfnisse seiner selbst und der Seinigen unbefriedigt sind, sondern auch selbst die Begierde, Beyfall zu erhalten, wenn sie bey ihm von Ueberlegung geleitet wird, weiset ihn an, den Sachen seines Putzes und seiner Haushaltung, die er sich nicht kostbar an innerm Werthe anschaffen kann, auch ein bescheidnes äußeres Ansehn zu geben; wozu dies mit gehört, daß sie sich nicht durch das Neumodische in Form und Farben unterscheiden. Eine Kleidung, ein Hausrath, eine Equipage, die wohlfeil und von gemeinem Stoffe sind, müssen auch einfach und gemein in ihrem Schnitt und Verzierungen seyn, sonst fehlt es ihnen an derjenigen Uebeinstimmung, welche das Wesen des Geschmackvollen ausmacht. Der Mittelmann, welcher nicht im Stande ist, alles um sich herum schön und glänzend zu machen, muß doppelt sorgfältig seyn, Harmonie zwischen den verschiedenen Theilen seiner Haushaltung und seiner Lebensart hervor zu bringen, -- welches er am ersten erreicht, wenn er nichts außerordentlich verzieret, also auch den Glanz der Neuheit an seinen Sachen zu vermeiden sucht, und nur alle Flecken des Schmutzes und der Vernachlässigung von ihnen abwischt.
<92, 499>
Eine gewisse Nachsicht gegen die Thorheiten der Menschen gehört unter die schätzbaren Eigenschaften. Wer könnte wohl mit einiger Zufriedenheit unter den Menschen leben, der alles mit ihnen so genau nehmen, und über jeden unrechten Schritt, den er sie thun sieht, bitter oder traurig werden wollte? Und wer könnte hoffen, der Gesellschaft, unter der er zu leben hat, angenehm zu bleiben, wenn er alle Augenblicke etwas an ihr zu tadeln findet?
Und unter allen Thorheiten verdient vielleicht keine diese Nachsicht mehr, als die, welche die Menschen begehn, um herrschende Moden mitzumachen. Sie sind deswegen verzeihlicher, weil sie weniger freywillig sind. Ich gebe es zu, daß der Gehorsam, mit welchem sich viele Personen der Mode unterwerfen, sklavisch ist, und von ihnen nicht gefordert wird. Aber sich ihrer Herrschaft ganz zu entziehn, ist den meisten, die noch in der Welt zu leben gedenken, unmöglich. Niemand kann also mit Recht das Ausschweifende, welches sich von Zeit zu Zeit in Stücken des weiblichen Putzes findet, den Schönen allein zur Last legen, die mit denselben ausgeschmückt erscheinen. Vielleicht mißbilligt ihr erstes richtiges Gefühl, so wie das unsrige, die ungeheure Höhe ihrer Kopfzeuge und Hüte, die etwas wilde Unordnung ihres Haarputzes, die den Gang verhindernde Länge ihrer Schleppkleider, ihre bis an das Kinn aufgepaußten Halskrausen. Aber anfangs richteten sie sich nur aus Gefälligkeit und Nachgeben nach Gewohnheiten, die sie, trotz ihrer Mißbilligung, immer allgemeiner werden sahen. Endlich gewöhnte sich ihr Auge daran; der Uebelstand verschwand, so wie die Unbequemlichkeit, bey genauerer Bekanntschaft der Sache; und die Nebenidee der Ar<92, 500>tigkeit oder des Ranges aller der Personen, welche sie einstimmig in diesen Anzügen erscheinen sahen, verband endlich selbst in ihren Augen eine gewisse Annehmlichkeit oder Würde damit, die sie dafür einnahm. Warum haben wir, die wir uns zu ihren Richtern aufwerfen, uns der natürlichen Folge der Eindrücke, welche diese neuen Moden auf menschliche Augen und Gemüther machen, nicht eben so ungehindert überlassen? Was können die Schönen, die wir tadeln, dafür, daß unsere Entfernung von der Welt, unser Geschlecht, unser Alter, uns die mißfälligen Moden nicht so oft als sie sehen läßt, viel weniger unsere Eitelkeit eben so rege macht, sie nachzuahmen? In gleichen Umständen würden wir gerade so urtheilen, gerade so uns betragen, wie sie.
Ueberdies, da es in dem Wesen der Mode liegt, veränderlich zu seyn, und stäte Veränderungen nur möglich sind, wenn die Sache durch alle Formen hindurchgeht, deren sie fähig ist, ohne ganz ihren Endzweck zu verfehlen: so ist es natürlich, daß, in diesem ewigen Kreislaufe, das Unschickliche zuweilen auf das Passende, und das Ausschweifende und Uebertriebne auf das Angemessene und Zweckmäßige folge. Immer bey dem Alten zu bleiben, ist wider die Natur des Menschen, wenigstens des Menschen in Zeitaltern der blühenden Industrie, und eines ausgebreiteten geselligen Verkehrs. Der Wunsch nach Neuheit aber zerstört eben so oft das Schöne, das wirklich gefunden war, als er, nach vollendetem Zirkel der Thorheiten, das Vernünftige wieder herbeyführt. -- Es fragt sich nun, welches fürs menschliche Geschlecht vortheilhafter, welches eine Anzeige größrer Vollkommenheit sey: -- ob diese Festigkeit des Urtheils und diese überwiegende Herrschaft des gu<92, 501>ten Geschmacks, welche machen würde, daß die Menschen bey dem Schönen und Zweckmäßigen, wenn sie es einmahl gefunden haben, fest hielten, und das Langweilige eines immer gleichen Anblicks um der wirklichen Proportion, oder der innern Güte der Sache willen, ertrügen; -- oder diese rastlose Thätigkeit des Geistes, welche sie immer nach neuen Ideen, und nach Hervorbringung veränderter Formen in den Dingen außer sich, lüstern macht, gesetzt auch, daß sie von richtigern Ideen zu verkehrten, und von schönern Formen zu häßlichern übergehen sollten? -- Auf diesem letztern Wege sind die Menschen doch, in allen Sachen, ihrer Vollkommenheit immer näher gerückt; nicht auf einer geradlinichten Bahn, sondern in einer Art von Schneckengange. Sie entfernen sich immer periodenweise von dem Puncte der Wahrheit und Schönheit, den sie schon erreicht zu haben schienen; aber auf ihrem Rücklaufe kommen sie demselben doch wieder um ein Stück näher. So hat der Kreislauf der Moden in Kleidungen und Meubeln durch alle Abentheuerlichkeiten, durch welche er in der Reihe vergangener Jahrhunderte bis auf unsere Zeit hindurch gegangen ist, doch im Ganzen unsere Kleidung bequemer, und unsern Hausrath zweckmäßiger und einfacher gemacht, als beydes bey unsern Vorfahren gewesen ist.
Giebt es irgendwo einen Endpunct oder ein Ziel der Vollkommenheit, wo der menschliche Geist, wenn er es erreicht, ruhen wird? Und wird er es je erreichen? Fragen, die aus der Erfahrung nicht beantwortet werden können, und die nach der Analogie verneint werden müssen. Wenigstens glaube ich, daß das Zeitalter, in welchem die ewig dauernden und unwandelbaren Moden erfunden <92, 502> seyn werden, noch weit später eintreten wird, als das, worin die Philosophen sich über allgemein geltende und unabänderliche Principien der Metaphysik und Moral vereinigen werden.
Ich schließe mit einer allgemeinen Betrachtung, die allen vorigen zum Grunde liegt.
Die Vernunft ist ein ehrwürdigerer Gesetzgeber, als die Gewohnheit; und die Einsicht des Guten ein höheres Princip als der Nachahmungstrieb.
Diese Vernunft lehrt mich aber die großen und fortdauernden Verhältnisse, in denen ich als Mensch, als Bürger, als Vater, als Ehemann, als Beamter des Staats, als Reicher oder Armer -- stehe, und die Pflichten, die mir vermöge dieser Verhältnisse obliegen, den flüchtigen Verbindungen, die sich nur auf den Umgang beziehn, und den kleinern Obliegenheiten, die ich nur als angenehmer Gesellschafter zu beobachten habe, vorziehn.
aber alles, was die Mode regulirt, hat nur seinen Bezug auf das Gefallen in der Gesellschaft und auf die Erleichterung und Vermehrung des gesellschaftlichen Vergnügens. Alles hingegen, was den modischen Luxus einschränkt, und uns in Befolgung der modischen Veränderungen Mäßigung vorschreibt, hat seinen Bezug auf Tugend und Glückseligkeit, und ist zur Aufrechterhaltung der Ehre und des Glücks der Familien nothwendig, wodurch es mittelbar auch für das Wohl des Staates wichtig wird.
Gewohnheit und Sitte muß allerdings in unserm Leben die Kleinigkeiten regieren, damit Vernunft und Ueberlegung für das Große übrig bleibe. Aber auch nicht weiter als auf Kleinigkeiten muß diese Gewohnheit ihre Rechte erstre<92, 503>cken. Und auch die Sorgfalt, mit der man sie beobachtet, muß nicht größere Anstrengung, mehr Zeit und mehr Aufwand kosten, als andere wichtigere Endzwecke und Pflichten, denen wir unsere Kräfte, unsere Tage und unser Vermögen zu widmen schuldig sind, erlauben.
Endlich da die Absicht, warum wir Moden mitmachen, keine andere ist, als weil wir zwischen uns und andern Menschen die Gleichförmigkeit, die der vertraulichen Verbindung mit ihnen günstig ist, zu erhalten wünschen: so ist klar, daß wir den Endzweck der Moden am besten erreichen, wenn wir uns nach den Gewohnheiten der vernünftigsten und gesetztesten Personen unsers Geschlechts richten. Da aber diese mit ihrem Innern, als dem Wichtigern, stets mehr, als mit dem Aeußern beschäftigt sind: so können wir ihre Mode nicht wohl anders befolgen, als dem wir die der Galanterie ein wenig vernachlässigen.
Wenn man übrigens die Moden zu einem Gegenstande des Spottes macht, oder sie von ihrer lächerlichen oder wenigstens scherzhaften Seite betrachtet, wie sie häufig bloß aus Laune, aus Mangel, aus Hochmuth, oder zur Verdeckung körperlicher Gebrechen erfunden, und von andern, die mit diesen Gebrechen nicht behaftet waren, begierig nachgeahmt wurden, um sich durch das Neue auszuzeichnen: so bieten sie ein weites Feld zu Betrachtungen allerley Art dar, die indessen eben so oft für die Menschheit betrübend als unterhaltend sind. Hof macht in seiner historisch=kritischen Encyklopädie *
*
V. Th. Preßburg 1787. S. 149 fl.
in dieser Hinsicht über die Moden folgende Bemerkungen:
<92, 504>
Die Ohren des menschlichen Geschlechts haben gemeinhin keine Bewegung, weder willkührliche, noch unwillkührliche, obgleich Muskeln da sind, die sich in denselbigen endigen. Man sagt, daß die kleinsten Ohren die schönsten sind; allein die größten, und die zugleich gut abgerundet sind, hören am besten. Es giebt Völker, die die Oeffnung der Ohren unmäßig groß machen, indem sie Stücke Holz oder Metall hinein drängen, die nach und nach immer durch größere Stücke ersetzt werden, und mit der Zeit wird das Loch der Oeffnung ungeheuer groß, und das Ohr wächst beständig nach dem Maße, als die Oeffnung sich erweitert. Man weiß nicht, worauf dieser sonderbare Gebrauch, das Ohr so schrecklich zu vergrößern, sich gründet; und es scheint eben so unbekannt zu seyn, woher der fast allgemeine Gebrauch komme, der unter allen Nationen gewöhnlich ist, die Ohren, bisweilen auch die Nasenlappen, zu durchbohren, um Ringe, Buckeln und dergleichen zu tragen; ob wir gleich den Ursprung davon einem wilden und nackten Volke zuschreiben, das gesucht hat, solche Sachen, die ihm am kostbarsten schienen, auf die am wenigsten unbequeme Art mit sich auf die Weise herum zu tragen, daß es sie an diese Theile fest macht.
Die Sonderbarkeit und Verschiedenheit der Gebräuche erscheinet noch klarer in den mancherley Arten die Haare des Kopfes und Bartes aufzusetzen. Einige, als die Türken, schneiden ihre Kopfhaare ab, und ihren Bart lassen sie wachsen; andere, als die meisten Europäer, tragen ihr eigenes, oder geborgtes Haar, und lassen ihren Bart scheeren; Wilde reißen ihren Bart aus, und hüten sorgfältig die Haare auf dem Kopfe. Die Negern scheeren sich Figuren auf dem Kopfe, bisweilen wie Sterne, ein andermahl Kränze, wie die Mönche, und am gewöhnlichsten in wechselweisen Streifen, so daß eben so viel beschoren ist als besetzt bleibet; und eben so machen sie es auch mit ihren kleinen Jungen. Die Talapoins in Siam scheeren den Kindern, die sie in ihrer Erziehung haben, den Kopf und die Augenbraunen. Jedes Volk hat hierin andere Gebräuche. Einige setzen einen größern Werth auf die Haare des Barts an der Oberlippe, als auf die am Kinn; andere ziehen die auf den Backen und dem Kinn vor; <92, 505> einige kräuseln sie, andere tragen sie glatt. Es ist nicht lange, daß wir die Haare auf dem Kopfe hinten herunter gekämmt, und auf die Schultern herab fallend trugen; jetzt ist die Mode, die Haare in einem Beutel, oder wie ein Ferkelschwänzchen, oder zusammen gebunden zu tragen, an den Seiten aber werden sie aufgestutzt wie Taubenschwingen. Unsere Art Kleidung ist sehr von der Art unserer Vorältern unterschieden. Die Mannigfaltigkeit darin ist so groß, als die Verschiedenheit der Nationen, und was das sonderbarste dabey ist, so haben wir unter allen Arten von Anzug diejenige erwählt, die die unbequemste ist, das ist die französische, die, ob sie gleich von allen Völkern Europa' s nachgeahmt wird, doch unter allen Arten sich zu kleiden die mehreste Zeit erfordert, und der Natur am wenigsten angemessen zu seyn scheinen.
Die Menschen halten, und werden immer das für das schätzbarste halten, was anderer Menschen Augen auf sich zieht, und ihnen einen vortheilhaften Begriff von Vermögen, Macht und Größe verschafft.
Der Werth der glänzenden Steine, die zu allen Zeiten für kostbare Zierden gehalten worden sind, gründet sich allein auf ihre Seltenheit und ihren blendenden Glanz. Eben das kann man auch von den prächtigen Metallen sagen, deren Last uns so leicht vorkommt, wenn sie zur Zierde auf alle Falten unsrer Röcke gesetzt werden. Diese Steine und diese Metalle sind weniger für uns Zierden, als Zeichen für andre, woran sie uns bemerken, und eine hohe Vorstellung von unsern Reichthümern bekommen sollen; und wir bemühen uns noch diese Vorstellung desto größer zu machen, je breiter wir das Metall aufsetzen; daher kommt es, daß so wenige im Stande sind, die Person von den Kleidern zu unterscheiden, und ohne Vermischung von dem Mann und Metall zu urtheilen.
Alles demnach, was selten und glänzend ist, wird Mode seyn, so lange als die Menschen sich bemühen werden, mehrere Vortheile vom Reichthum zu ziehen, als von der Tugend; und so lange, als die Mittel, beträchtlich zu scheinen, von dem unterschieden sind, was wirklich in Betrachtung zu kommen verdient. Aeußerlicher Glanz hängt sehr von <92, 506> der Art sich zu kleiden ab, und diese Art nimmt verschiedene Gestalten an, nachdem man Absichten hat, in diesem oder jenem Lichte betrachtet zu werden. Der bescheidene Mann, oder der dafür will angesehen seyn, will diese Tugend durch die Einfalt seiner Kleidung an den Tag legen, dagegen der Eitle nichts unterläßt, das seinem Stolze, oder seiner Eitelkeit schmeicheln kann; folglich sucht er Ehre in dem Reichthum oder der Seltenheit seiner Zierrathen.
Es ist noch eins, das die Menschen gemeiniglich zur Absicht haben, nähmlich ihren Leib kleiner, oder größer erscheinen zu lassen. Nicht zufrieden mit dem engen Raum, darin unser Daseyn umgränzt ist, wollen wir in dieser Welt noch mehrern Raum einnehmen, als die Natur uns vergönnet hat; wir suchen unsere Gestalt durch Schuhe mit hohen Absätzen, oder aufgeblasene Gewänder zu vergrößern, und so weit sie immer seyn mögen, ist nicht die Eitelkeit, die sie bedecken, noch weit größer? Warum ist das Haupt eines Richters oder Doctors mit so einer ungeheuren Menge geborgten Haares umgeben, und der Kopf unsrer jungen Herren so schlecht bedeckt? Der eine will uns von der Unermeßlichkeit seiner Wissenschaften aus der physicalischen Weite seines Kopfes, dessen Größe er noch erweitert, urtheilen lassen, und der andre sucht vielleicht den seinigen kleiner zu machen, um uns einen Begriff von seinem Leichtsinn zu geben.
Es giebt Moden, deren Ursprung vernünftig ist, sie sollen nähmlich gewisse Unvollkommenheiten verbergen, und die Natur weniger unangenehm darstellen. Nimmt man die Menschen überhaupt, so giebt es unter ihnen mehrere ungestaltete und häßliche Gesichter, als wohlgestaltete und schöne Personen; und Moden, die nur ein Gebrauch der mehresten sind, ein Gebrauch, den die übrigen annehmen, sind aus dieser Ursache von den mehresten eingeführt und aufgebracht worden, deren Vortheil es war, ihre Fehler erträglich zu machen; Frauenzimmer haben ihre Gesichter bemahlt, als die Rosen ihrer Wangen verblichen waren, und eine natürliche Blässe sie unangenehmer machte, als andere waren. Dieser Gebrauch ist fast allgemein unter alle Völker der Erde eingeführet; und die Mode, die Haare mit Puder zu weißen, und sie vermittelst der Operation des Kräuselns und Frisirens aufzuputzen, ist zwar nicht <92, 507> so allgemein und neuer, scheint aber erfunden zu seyn, die Farben des Gesichts zu erheben, und dessen Gestalt aufs vortheilhafteste zu zeigen.
Nach der Mode zu leben, bemerkt ein scharfsinniger Schriftsteller, ist eine Art Seuche, welche besonders in großen Städten sehr weit um sich greift, und man wird in selbigen, vom höchsten Stande an, bis zum niedrigsten wenige finden, die nicht auf gewisse Art davon angesteckt wären.
Ein jeder macht sichs zur ersten und wichtigsten Beschäftigung, andern in ihrem Betragen nachzuäffen; man glaubt dadurch eben das Ansehn und die Ehrerbierung zu erhaschen, welche Vornehme und Begüterte, wornach man sich bildet, haben; und eben diese Ehrfurcht, nebst dem von den Schneidern, Friseurs und Putzmacherinnen erfundenen listigen Kunstgriffe, daß ein jeder, welcher nach dem von ihnen erdachten Schnitte und Figuren sich nicht bildet, ohne viele Umstände von ihnen für einen Schafkopf ausgeschrien und verachtet wird, verursachet eigentlich, daß man gemeiniglich alle vier Wochen andere Gestalten von Frauenzimmern, und etwa alle zwölf Wochen veränderte Figuren von Hüten und Kleidern der Mannspersonen siehet.
Ob aber eine Figur, ein Ding, oder ein Kleid, welches in der Mode ist, nachahmungswürdig sey? -- ob es sich für uns, unsern Körper und desselben Zustand passe? -- ob Vernünftige nicht unsrer spotten werden, wenn wir eine Mode mitmachen? und besonders, ob wir, wenn wir modenmäßig uns betragen, unserer Schatulle, die zu andern unentbehrlichen Dingen so nöthigen Mittel nicht entziehen? -- um alles das bekümmert man sich fast gar nicht, oder doch nur selten, und am allerwenigsten erwäget man die traurigen Zerstörungen, welche für einen ganzen Staat daraus entstehen, wenn alles nach der Mode lebet. --
Die Moden haben gemeiniglich einen sehr lächerlichen Ursprung, wenigstens die allermehresten.
Ein Herr, welcher einen üblen Ausschlag der Hände verbergen, und doch eine Dame führen wollte, versteckte die Hand unter den Westschoß. Dieser Herr war ein Mann von Ansehn, und dieses war genug, sich ins künftige das Gesetz zu machen: „wer ein Frauenzimmer führen will, muß den Westschoß über die Hand legen.”
<92, 508>
Ein anderer bekam den Grind; er ließ sich den halben Kopf bescheeren, und mit Puder bestreuen. Unsere nachahmende Männchen ließen sich also die Haare abschneiden, und nannten diese Grindfrisur eine Vergette.
Eine vornehme Dame hatte ungemein viele Blattern im Gesichte -- wovon? das weiß ich nicht. Sie hielt es aber für gut, dieselben durch kleine Pflästerchen zu bedecken. Seit der Zeit ist kein Frauenzimmergesicht schön, wenn es nicht bunt ist; und man trug wohl eher Sonne, Mond und Sterne im Gesichte, vielleicht um uns anzuzeigen, daß hier ein Wirthshaus sey, wo jeder gegen Bezahlung aufgenommen würde.
Es ward eine Hofmode, lange Schleppen zu tragen. Die Damen fuhren und gingen nur in geputzten Zimmern; wer sollte glauben, daß auch diejenigen, welche den tiefsten Koth durchwaten, Schleppen tragen, und sich und andern zur Last fallen würden? Aber gleichwohl thun es selbst die, welche das Geld zu einer Schleppe leihen müssen; und von dieser Klasse sind gewöhnlich die Weiber der Friseurs und die Putzmacherinnen, weil diese Klassen von Menschen verpflichtet zu seyn glaubt, alles mitzumachen. Wie abgeschmackt es aber ist, wenn ein dergleichen Weib, das vor Armuth und Hunger oft rohe Bohnen essen möchte, Schleppen trägt, ist leicht zu erachten.
Es ist unstreitig für das schöne Geschlecht sehr bequem, sich des Morgens in einen Mantel einzuhüllen, und diejenigen, welche sich aus verschiedenen Absichten nicht schnüren, sind unter einer Enveloppe sehr zuträglich geputzt. Man verbesserte seit einiger Zeit diese Erfindung durch eine Art von Kappen, welche man Capuchons nennet. Diese Verbesserung hat auf der Reise, oder bey üblem Wetter ihren Nutzen; aber wie lächerlich ist sie nicht, wenn sie ins kleine gearbeitet, in der Gestalt eines Beutelchens am Halskragen hänget. --
Ein Toppee mag noch so fürchterlich aufgethürmet, ein Kopfputz eines Frauenzimmers noch so abgeschmackt und verstellend seyn, -- haben einige vom ersten Range nur erst ein solches, so wird es im Augenblick nachgemacht, denn es ist nach dem Ausspruch des Friseurs und der Putzmacherinn Mode. <92, 509> Alles, was Eitelkeit hat, was prangen will, schaffet sich ein ähnliches, es mag die Figur desselben für die Gesichtsbildung, für den eitlen Schädel, auf welchen es gebauet wird, sich passen, oder nicht.
Man beurtheile einmal, ob ein Toppe von sechs Zoll Höhe, ein hageres drey Zoll im Durchschnitt haltendes Köpfchen eines jungen Herrn anmuthiger machet, und ob Wangen, worauf Jugend und Schönheit blühen, durch eine sogenannte Dormoise verschönert werden.
Von der Erfindung, welche unter der letzteren Benennung vor einigen Jahren im Gange war, muß ich noch etwas anführen, welches der Thorheit der Mode eine höhere Farbe giebt. Hätten unsre Schönen die Ursache dieser Erfindung gewußt, so könnte man versichert seyn, daß eine jede Bedenken getragen haben würde, daran Geschmack zu finden, denn sie stammen eigentlich aus einem gewissen häßlichen Hause in Paris her, in welchem man bemühet ist, durch diese Hülle verdächtige und scheußliche Merkzeichen des Antlitzes den Augen zu verdecken.
Weil indessen diese Nachricht in anderen Ländern nicht bekannt wurde, so wurde dieser Schanddeckel der Folgen des Lasters im Augenblick allgemein gebräuchlich, und gab Gelegenheit, daß die hübschesten Bildungen lange Zeit verdecket blieben, und alle Schönheiten, gleich den Nachteulen bis auf die Augen verhüllet werden. -- Eigentlich war eine Dormoise nur zu dem Ende erfunden, um einen angefressenen Knochen des Gesichts, und scheußliche Furchen der Haut zu bedecken, und in unsern Gegenden diente sie dazu, die verehrungswürdigsten Reizungen zu begraben.
Man muß in der That in der Welt oft viele Thorheiten mitmachen. Ein Sonderling wird verächtlich; aber alles mitzumachen ist ein Zeichen eines schlechten Geschmackes. Und warum sollte eine Mode, die bequem, und für meinen Körper anständig ist, durch eine schlechtere verdrängt werden? Man kann also einen Menschen gewissermaßen aus seinem Anzuge beurtheilen.
Wir kennen aus der Geschichte die fünfhundert Esel, welche der Kayserinn Poppea allenthalben nachfolgen musten, um sie mit Milch für ihre Bäder und Schminke zu versorgen. Wir wissen es, daß <92, 510> die Cleopatra den Glanz ihrer Reize durch den ausgesuchtesten Putz zu erhöhen, und mit ihrer Kunst den Ersten und Zweyten der Menschen, den Cäsar und Anton zu fesseln wußte. Es ist uns bekannt, daß die Berenice so schöne Haare hatte, daß sie einem Gestirne des Himmels einen eignen Nahmen gaben. Wir haben es gelesen, daß die Semirämis einen würthenden Aufruhr stillte, indem sie sich plötzlich von ihrer Toilette losriß, und mit entblößtem Busen und in dem ganzen nachlässigen Anzuge einer halbgekleideten Frau auf einem Balcon sehen ließ.
Man hat uns die ganze Coquetterie der schönen Helene nicht verschwiegen, die alles in Flammen setzte, und einen Krieg verursachte, der nach dreyßig Jahrhunderten, mit gleichem Rufe, der Welt noch im Gedächtniß schwebt. Man hat es uns in der Jugend gelehrt, daß die Jesabel, die von Hunden gefressen wurde, Roth auflegte; aber die Dichter der Alten, so meisterhaft sie schilderten, haben die Moden dieser entfernten Zeiten nicht mit der Wahrheit vor Augen gestellet, daß wir uns einen richtigen Begriff von denselben machen könnten.
Ich bin es versichert, daß eine Bacchantin mit fliegendem Haare, dem Thyrsus in der Hand, und dem Epheukranze um den Kopf, eben so schön, als eine en Vergette coeffirte Marquisin, scheinen; bin es versichert, daß die Tunika der römischen Damen mit den offenen Roben der neuern Europäerinnen gleiche Anmuth haben sollte; versichert, daß ihre Sandalen eben die Eleganz wie unsre hohen, kleinen Schuhe, erhalten könnten; aber am Ende, was kostete es, uns eine Beschreibung ihrer Coeffüre und des mit derselben verbundenen Putzes, ihrer Abwechselungen, und des schimmernden Ganzen zu geben? Warum haben die Schriftsteller nichts von der Anordnung der Haare hinterlassen? Warum es unterlassen, uns die Basis des wunderbaren Gebäudes kenntbar zu machen, wo es anfing, wo es sich endigte? Wo ordnete man den Topas, wo die Perle hin? Wie waren die Blumen eingeflochten? Und wer hat sie verhindert, die an Abwechselung reiche Sphäre der Moden zu mahlen? Aber, ach! ich fühle es selbst, indem ich den Pinsel in die Hand nehmen will, daß es unmöglich ist, diese Kunst vom weitesten Umfange, so ganz unerschöpflich, von allen <92, 511> gemeinen Regeln so ganz unabhängig zu malen! Man muß die Schönheit, die ihren Spiegel mit dem innigsten Blicke des Wohlgefallens belohnt, nur anschauen, bewundern und schweigen.
In der That, wenn ich auch eine Tocke mit ihren zwey wundergroßen Artentions, ein Kopfzeug à la Gertrude, à la Henri Quatre, aux Navets, aux Cerises, à la Fanfan beschreiben wollte, wollte darauf von der Bonnet artisté, von den Sentiments repliés. von der Esclavage brisé reden, so würde ich doch das mit Diamanten besetzte Kratzeisen, den von Edelgesteinen glänzenden Kamm nicht beschreiben, nicht die Physiognomie nach der Mode mahlen, und die Halsbänder von einem unbekannten Geschmacke nicht zeichnen können. Ich würde nichts als Worte hinschreiben, und Homer selbst mit seinem Genie, hat mit leichterer Mühe den Schild des Achilles als den Kopfputz der Helene gezeichnet.
Ich will also schweigen, und den neugierigen Ausländer, der alle die mannigfaltigen Formen unsrer glänzenden Moden kennen möchte, in die Oper schicken, damit er sie an dem Kopfe unsers Frauenzimmers und nicht in einer nackten, unverständlichen Beschreibung vor sich habe.
Im Anfange dieses Jahrhunderts trugen die Frauen auf einer schönen entblößten Brust Kreutze und den heil. Geist von Diamanten. Guter Gott, schrie ein Prediger auf der Kanzel, wie kann man doch das Kreutz, das Sinnbild der Kasteyung, und den heil. Geist, den Schöpfer aller guten Gedanken, an einem solchen Orte entheiligen!
Die herrschende Farbe in dem Augenblicke, da ich dieses schreibe, ist Dos und Ventre de Püce. *
*
Aber seit der Zeit sind Boue de Paris und Merde d' oie die Modefarben geworden. Mein Buch ist schon zur Hälfte antik. Ich wollte von der Coeffure à l' herission reden, aber die Coeffure à l' Enfant hat sie verdrängt. Die Federn werden schon seltner und schweben nicht mehr in ganzen Büschen um den Kopf herum Wie eine Sache malen, die schon um ihrer Unstetigkeit willen dem Pinsel entwischt? Hof.
Man hat vor allem die Kopfzeuge au Parc anglois bis zum Unsinn geliebt. Man sah Windmühlen, Lustwäldchen, Flüsse, Schafe, Schäfer und Schäferin<92, 512>nen, und einen Jäger im Gehölze auf dem Kopfe der Frauen. Aber da die Kutsche für diese Coëffuren zu niedrig war, so erfand man die Springfeder, die sie erhöhen, und wieder niederlassen kann. Das größeste Meisterstück der Erfindung und des Geschmacks!
Die Geschichte der Poufs, Pets en l' air, Coques Chignons, Bouillons, Chiffons sollte der Akademie der schönen Wissenschaften, die so tiefe Untersuchungen über die Halsbänder, und den Schmuck der römischen Damen herausgegeben hat, anvertraut werden. Und der gegenwärtige? -- Warum nicht davon reden? Die Kopfzeuge à la Grenade, à la Thisbé, à la Sultane, à la Corse haben ihre Periode gehabt, so wie die Hüthe à la Boston, à la Philadelphie, à la Collin-Maillard. Die Coëffure en Limacon ist auf dem Punkte Abschied zu nehmen. Aber billig sollte ich von den Jüpons großis, bouffis, ebau= bis reden, welche die Hüften ausfüttern und den Frauen Fleisch geben, die nichts als Haut und Knochen sind. Ich verspreche also ein Journal der Federn und der Jüpes, welches besser, als das Journal des Savans und das Journal von Neufchatel aufgenommen werden wird.
Der Tül, die Gaze, und der Marli, beschäftigen hundert tausend Hände, und man hat Soldaten, Validen und Invaliden Marli machen, ihn herumtragen, feil bieten und verkaufen gesehen.
Nun müssen wir noch hören, was einer unsrer kraftvollesten Schrifsteller *
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Siehe Sturtz Schriften, 1 Theil, pag. 74.
über dieses Chapitre sagt:
„Das Schauspiel der Moden belustigt in Frankreich mehr als irgendwo, weil es, wie die Bilder einer Zauberlaterne abwechselt, und nie so einförmig wird, als unsere Nachahmung. Mancher deutsche Hof in seiner Galla sieht aus, wie ein Assortiment Dresdner Puppen aus einer Form und von einer Glasur. Eine junge Französinn ist ehrgeitziger; sie erfindet ihren Putz selbst, oder ändert die Mode nach ihrer Gestalt, und versteht mehrentheils ihren Vortheil. Auf einem Ball bey dem Prinzen Soubise sah ich alle jungen Damen verschieden gekleidet, jede <92, 513> war auf eine eigenthümliche Art aufgesetzt, garnirt und verziert. Freylich wird ein neues Kopfzeug so ernsthaft untersucht, wie ein neues Drama; und wenn manche Erfindung ihre Jahrszeit durchlebt, so fallen auch andere am Tage ihrer Geburt. Alles, was für den Nachttisch bestimmt ist, gehört hier ins Gebiet des Genies. Es giebt in Paris Artistes en sait de Jupes à baleine und Artistes perruquiers. Die Akademie der Wissenschaften untersucht nicht immer Maschinen, um Pfröpfe aus Bouteillen zu ziehen; *
*
S. Hogarth' s Mariage à la Mode.
sie erhebt sich oft zu gemeinnützigen Gegenständen, und ernennt Commissäre, um einen neuen Lockenbau zu prüfen. Mir ist folgendes ehrenvolle Zeugniß bekannt: L' Academie ayant examiné les Ouvrage du Sieur Garasse, Artiste Coëffeur des Dames, elle atteste la solidité de son tissu, reconnoit l' élégance de ses formes et applaudit à son zèle ingénieux. Leider hilft das Brevet dem Künstler nicht immer, man appellirt von der Akademie an eine Tänzerinn.
Ich ging gestern zu einer berühmten Modehändlerinn, welche Puppen durch ganz Europa versendet. Hier sah ich mit Unmuth ein Heer Automaten, furchtbarer für uns als ein gallisches Kriegsheer, weil es schon Jahrhunderte lang brandschatzt. Eine Puppe kam mir vorzüglich abgeschmackt vor; ist sie verkauft? fragte ich. Oui, Monsieur, elle est destinée pour le Nord, ou l' on aime les couleurs singulieres et merveilleux. Aber hat man sich in Paris je so gekleidet? Eh! mon Dieu, non Monsieur! mais on a des Magazins à vuider, il faut de la variété et il s' agit de satisfaire au goût de chaque nation. Ich ward erbittert bey dem Gedanken, daß vielleicht bald die Puppe im Putzzimmer einer deutschen Prinzessinn anlangt; daß sie denn den Hof und die Stadt umbildet, und ganze Garderoben zum Trödel verurtheilt; daß sie manchem Ehemann heimliche Seufzer, mancher modesiechen Frau ihren Schlaf kosten wird; daß sie Freundschaften trennt und Gallenfieber ausbrütet, diese mißgestaltete Brut der Phantasie eines elenden Weibes, das von ihrem Boden herab uns plündert und verspottet.
<92, 514>
Zum Theil sind wir durch die Anglomanie der heutigen Franzosen gerächt. Sie treffen überall auf wandelnde Riding=Coats, in deren Falten ein gebrechliches, über ebauchirtes, halb wieder aufgelösetes Wesen zappelt, oder auf englische Fuhrwerke, überthront von einem Kutscher aus der Titanenfamilie, der Streitrosse mit einer Donnerstimme lenket; hintenauf haben sich noch ein Paar Riesen gelagert, nebenher springt nicht selten ein furchtbarer Hund, und in einer Ecke des Kastens werden sie das einballirte Restchen einer alten Familie gewahr -- es jammert sie des mit Ungeheuern umringten Pigmäen.
Zu gleicher Zeit wimmelt es von Engländern hier, die durchaus pariser Stutzern ähnlich seyn wollen. Nichts ist hudibrastischer, als ein nervichter Britte, wenn ihn sein Schneider französisch aufgezäumt hat, und er sich bäumt und sträubt in ungewohntem Zeuge, wie ein ungebrochenes Pferd im Schlittengeschirre. Sonderbar ist es, daß die Söhne der Freyheit sich knechtisch unter jede Mode bequemen, und daß der unterthänige Franzos immer eine National=Verzierung anbringt. Er steckt in seinem Reitknechtshabit einen großen Blumenstrauß an die Brust, und hinter seinem Nacken schwillt der kleine englische Kadogan zur Größe eines Puddings. Wenn Miß ihren mit einer Rose geschmückten Chip=Hat auf die Mitte ihres braunlockigen Kopfes setzt, so hängt der Chapeau à l' angloise schief auf der gepuderten Französinn, und die Rose wird zur Guirlande. Auch die gerühmten Costume=Trachten auf dem hiesigen Theater sind alle so durchfranzösirt, daß sie nicht mehr kenntlich sind.
Ich schweige von meinen Landsleuten; ihre Mißgestalten belustigen mich nicht. Es geht mir nahe, manchen mit dem Clinguant aller Nationen ausstaffirt zu sehen, wie einen von den Europäern beschenkten Wilden; zu hören, wie man es belacht, daß ein ehrlicher Deutscher immer jede neue Thorheit auf sich pfropft. Viele sind mit einer allgemeinen Musterkarte drapirt, und tragen ihre Reisegeschichte auf sich herum; man kann ihnen, von ihrem Hut zu den Stiefeln, aus Italien durch Frankreich nach England folgen, und durch die bunte Lasur leuchtet oft eine herbe Grundfarbe von Studenten=Eleganz <92, 515> durch. Warum reisen wir nicht später, wenn Kopf und Herz fester sind? Nun flattern wir in die Welt, wie ein weißes Blatt, daß jeder Thor mit seinem Wahnwitz befleckt, und oft mit unauslöschlicher Schrift.
Ich preise unsre Landsmänninnen. Sie haben doch der Schminke widerstanden. Hier ist sie nicht mehr Koketterie, sondern nothwendiger Theil des Anzuges. Neulich entlief mir eine Dame im Begriff in den Wagen zu steigen, und rief mit aller Wüde des tragischen Entsetzens: Ah grand Dieu! j' ao oublié mon rouge. Nur verächtliche Dirnen ahmen in Frankreich durch das Rothe die Farbe der Natur nach, une honnête femme met le ronge à tranchant. Sie trägt nähmlich unter jedem Auge einen scharf abgeschintenen karmoisinfarbigen Fleck auf. Ich finde diese Flecken leidlicher auf einem lederfarbenen alten Gesichte, als auf jugendlichen Wangen, weil sich auf jenem die Nuance santer vereinigt. Welchen Unsinn man nicht aus Gewohnheit erträgt! Wer zuerst seinen Kopf in einem Mehlsack herumkehrte, und es wagte, in einer ehrbaren Versammlung zu erscheinen, würde zuverlässig dem Arzte empfohlen; und wir lachen über die Römerinnen und ihren Puder aus Goldstaub, über die schwarzen Zähne in Indien, über die gelben Finger in Egypten? Ich sah ein Bild einer bekannten Schönheit aus der Zeit Ludwigs XIV. als Göttinn der Liebe in einem Wagen von Tauben gezogen -- mit einer Fontange. Das ging an im großen Jahrhundert des Geschmacks. Wie sehr muß alles Gefühl abarten, ehe der wespenartige Leib unsrer Mädchen gefällt, ehe wir uns mit den Reifröcken aussöhnen, die ein englischer Schriftsteller ein verkehrt angelegtes Festungswerk nennet. Als die Frau eines dänischen Consuls die Gemahlinn des Kaisers von Maroko besuchte, fühlte diese neugierig auf dem Reifrock herum, und fragte voller Erstaunen: „bist du das alles selbst?” Unsre Mütter hatten ihre Außenwerke nicht viel scharfsinniger hinten angebracht. Es sind noch Strafgesetze wider die unnatürliche Prachtgeschwulst übrig. In Franz des Ersten Zeiten ließ sich jeder ehrbare Mann barbiren, und nur die Stutzer trugen Bärte. Ich finde in einer Stelle des Ben=Johnson, daß eine Tabakspfeife damahls unter die Nippes eines <92, 516> zierlichen Herrn gehörte, und daß man sie am weiblichen Nachttisch mit eben dem wichtigen Anstande, wie jetzt eine Riechflasche herauszog. Als Madame de Motteville den Hof der Infantinn und künftigen Gemahlinn Ludwigs XIV. sah, war es Mode, bey den spanischen Damen die Brust zu bedecken, und den Rücken zu entblößen.
Es verdient bekannter zu werden, daß vor einigen Jahren eine Französinn, auf dem Spatziergange des Pallastes von Orleans, mit lilasfarbner Schminke erschien, und es ist unbegreiflich, daß der Versuch ohne Nachahmung blieb.
Die Geschichte des Menschen ist oft dem Tageregister eines Bedlams ähnlich; sie erzählt die Visionen der Kranken. Was uns heute als Triumph des guten Geschmackes vorkommt, sinkt vielleicht morgen zum Unsinn herab. --
Beschreibungen und Abbildungen der modernsten Formen in Kleidungen, Hausgeräthen etc. wird übrigens niemand hier erwarten, da eine Mode immer von einer andern verdrängt wird, und nur so kurze Zeit die neueste seyn kann. Wer keine Gelegenheit hat, auf eine anderweitige Art zur Kenntniß der neuesten Moden zu gelangen, dem werden vorzüglich folgende Zeitschriften hierzu gute Dienste leisten.
Journal des Luxus und der Moden. Herausgegeben von F. J. Bertuch und G. M. Kraus. Mit ausgemahlten und schwarzen Kupfern Weimar, im Verlage des Industrie=Comptoirs. Seit 1786. (Der Jahrg. von 12 Stücken in 8 kostet 4 Rthlr. Sächs.)
Journal für Fabrik, Manufactur, Handlung und Mode. Leipzig jetzt bey Chr. Hempel. Seit 1794.. *
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Die schon früher nähmlich seit 1791 erschienenen Jahrgänge dieses Journals haben den Titel: Journal für Fabrik, Manufactur und Handlung.
(Der Jahrgang, aus 12 St. in 8. bestehend, mit Zeugproben, schwarzen und illum. Kupfern kostet 5 Rthlr.)
<92, 517>
Leipziger Modemagazin, für das Neueste in Kunst, Geschmack, Mode, Lebensgenuß etc. herausgegeben von Gruber und Berrin. Im Industrie=Comptoir zu Leipzig, seit 1796. 4. (Der Jahrg. aus 12 Heften bestehend mit 50 illum. Kupfern kostet 6 Rthlr.)
Hamburgisches Journal der Moden und Eleganz. Hamburg bey Mayn und Mahncke, seit 1802. Der Jahrg. koster 6 Rthlr. Sächs.
Auch haben in den letztern Jahren die beyden berlinischen Zeitungen angefangen, öfters Nachrichten von neuen ausländischen und einheimischen Moden zu liefern, und als einen Beweis, wie wenig sklavisch man jetzt in Ansehung dieses Punctes in dieser Hauptstadt denkt, theile ich zum Schlusse des gegenwärtigen Artikels noch eine Stelle aus einem Stücke vom vorigen Jahre der in der Ungerschen Druckerey herauskommenden Zeitung mit, wo der Verfasser sich über die hiesigen Moden auf folgende Weise äußert:
Wir erhalten häufig Anfragen aus der Provinz, was denn in Berlin Mode sey, und warum wir nur aus Paris und London die Neuigkeiten der Mode meldeten. Aber, meine schönen Leserinnen, wir haben keine allgemeine Moden; wir richten uns nach den Gebräuchen anderer Moden, und verändern unsre Kleidungen, nachdem Witterung, Anstand und besonders dasjenige es fordert, was der Deutsche mit dem Ausdruck: es kleidet mich oder es kleidet sie, verbindet. Wirklich ist eine allgemeine Mode ein Ding, das sich nicht gut mit der allgemeinen Zufriedenheit verträgt. Weder Farben noch auch der Kleiderschnitt sind jedem Gegenstand angemessen, und selbst das Einförmige der Moden immer in jeder Gesellschaft gleich und überhäuft zu sehen, ist ein Anblick, der einem endlich widrig werden muß. Wir sehen daher in unsern Zirkeln Helme, Hüte, Hauben, Spitzen, Blumen, Federn. Wir sehen alles, was die fremde Mode uns bringt, manchmal ganz nach ihr geformt, manchmal in einer lieblichen Veränderung, welche die reizende Schöpferinn selbst sich schuf. Wir haben schwarze und blonde Perrücken, <92, 518> Blumen à l' Iphigenie und Aufsätze à la Figaro Das erste, was Frankreich u. England gebiert, wird uns gebracht, und wir tragen es, wenn es uns kleidet, und legen es auf die Seite, wenn es uns entstellt. Was halten Sie von einer solchen Benutzung der Mode? Ist sie nicht besser, als wenn sie sich in das ewige Einerley hüllt? Genügt Ihnen dies nicht, so haben Sie hier die neuesten Anzüge von drey sehr bekannten Berlinichen Grazien, die durch ihre geschmackvolle Wahl im Anzug immer auf eine lange Reihe Nachahmerinnen rechnen können. Die erste trägt einen weißen Basthut mit Nacaret=Florpussen, deren an einer Seite herunterhangende Enden mit goldenen Frangen besetzt sind. Ein Demi fichu von Points ist auf der linken Brust angesteckt und hängt zur Rechten nachlässig herunter. Die zweyte Dame schmückt ein viole oder langer Shawl von Flor oder Musselin mit gestickter Kante à l' Iphigenie platt über die Frisur hangend. Das Kleid ist Rosataft mit gestickten Musselinermeln. Die dritte, die ich Ihnen im Morgenanzug bey Kerstens schildere, trägt einen Oberrock von Kasimir mit rundem wulstigen Sammtkragen von gleicher Farbe, der vorn zuläuft. Der Oberrock ist über der Brust mit 4 kleinen schwarzen Knöpfchen zugeknöpft. Die Ermel sind lang und eng. Die Brust deckt ein feines Hemdchen (Chemisette) mit schöner weißer Stickerey. Hinten angesetzte Caracopussen. Lange Schleppe. Dazu ein Regligeehäubchen von weißem Atlas, mit einem Filetnetz von Goldfaden überzogen. Rings herum läuft eine 2 Finger breite Goldspitze. Der linke Backen zieht sich tiefer in das Gesicht als der rechte. Rechts sitzt ein Büchel weißer schwankender Rohrkolben mit vergoldeten Spitzen. Schuhe von rothem Englischem Atlasleder.
Pracht , 1) eigentlich ein Geschrey, Lärmen, Getöse, eine veraltete Bedeutung.
2) Figürlich. a) Der Glanz, helle Schein, eine im Ganzen genommen gleichfalls veraltete Bedeutung. b) Glänzende und kostbare äußere Hülfsmittel im gesellschaftlichen Leben, sofern man dadurch seine Meinung von seinen eigenen hohen Vorzügen an den Tag legt, wo die Figur zunächst von dem Glanze, auf entferntere Art aber auch von dem Geräusche hergenommen ist. Eigentlich, wo die Pracht vornähmlich in kostbaren Kleidern, kostbarem und theurem Hausgeräthe, kostbaren und vielen Speisen, vielen Bedienten etc. besteht; wo es zugleich, wie alle Wörter dieser Art, ein relativer Begriff ist, welcher sich auf die Umstände des Redenden oder auch dessen, von dem die Pracht gesagt wird, beziehet, und einen nachtheiligen Begriff bekommt, sobald die Meinung von seinen Vorzügen, welche man durch dergleichen äußere Hülfsmittel an den Tag legen will, übertrieben ist. Pracht führen. Viele Pracht zeigen etc. Ferner die Neigung und Fertigkeit, seine Meinung von seinen eigenen Vorzügen durch glänzende und kostbare äußere Hülfsmittel im gesellschaftlichen Leben an den Tag zu legen. Sich der Pracht ergeben.
In den schönen Künsten, sagt Sulzer, lobt man gewisse Werke wegen der sich darin zeigenden Pracht. Deswegen scheint das Prächtige eine ästhetische Eigenschaft gewisser Werke zu seyn, und wir wollen versuchen, den Begriff und den Werth desselben hier zu bestimmen. <116, 624> Ursprünglich bedeutet das Wort ein starkes Geräusch; deswegen man in dem eigentlichsten Sinn dem Donner einer sehr stark besetzten und feyerlichen Musik, Pracht zuschreiben würde. Hernach hat man es auch auf sichtbare und andere Gegenstände, die sich mit Größe und Reichthum ankündigen, angewendet; daher man einen Garten, ein Gebäude, Aussichten auf Landschaften, Verzierungen, prächtig nennt, wenn das Mannichfaltige darin groß, reich und die Vorstellungskraft stark rührend ist. Es scheint also, daß man jetzt überhaupt durch Pracht mannichfaltigen Reichthum mit Größe verstehe, in sofern sie in einem einzigen Gegenstand vereinigt sind; eine Mannichfaltigkeit solcher Dinge, die die Sinnen, oder die Einbildungskraft durch ihre Größe stark einnehmen.
Wahre Größe mit mannichfaltigem Reichthum verbunden, findet man nirgend mehr, als in der leblosen Natur, in den erstaunlichen Aussichten der Länder, wo hohe und große Gebirge sind. Daher nennt auch jedermann diese Aussichten vorzüglich prächtig. So nennt man auch den Himmel, wenn die untergehende Sonne verschiedene großen Parthien von Wolken mit hellen und mannichfaltigen Farben bemahlt. Gegenstände des Gesichts sind überhaupt durch die Menge großer Formen, und großer Massen, darin aber Mannichfaltigkeit herrscht, prächtig. Gemählde sind es, wenn sie aus großen, mit kleinern untermengten Gruppen, und eben solchen Massen von Hellem und Dunkelem bestehen, die dabey dem Auge einen Reichthum von Farben darbieten. Ein Gebäude fällt von Außen mit Pracht in das Auge, wenn nicht nur das Ganze in der Höhe und Weite die gewöhnlichen <116, 625> Maße überschreitet, sondern zugleich eine Menge großer Haupttheile ins Auge fällt. Denn es scheint, daß zu einer solchen Pracht etwas mehr, als die stille, einfache Größe solcher Massen, wie die ägyptischen Pyramiden sind, erfordert werde.
In der Musik scheint die Pracht, sowohl bey geschwinder, als bey langsamer Bewegung statt zu haben; aber ein gerader Takt von 4/4 oder 4/2 scheint dazu am schicklichsten, und kleinere Schritte des Tacktes scheinen der Pracht entgegen. Dabey müssen die Stimmen sehr stark besetzt seyn, und besonders die Bässe sich gut ausnehmen. Die Glieder der Melodie die Ein= und Abschnitte müssen eine gewisse Größe haben, und die Harmonie muß nicht zu schnell abwechselnd seyn.
In den Künsten der Rede scheint eine Pracht statt zu haben, die nicht bloß aus der Größe und dem Reichthum des Inhalts entsteht, sondern auch von der Schreibart, oder der Art, die Sachen vorzutragen, herkommt. Prächtige Gegenstände können gemein und armselig beschrieben werden. Die Pracht hat immer etwas feyerlich veranstaltetes; und es scheint, daß ohne einen wohlperiodirten und volltönenden Vortrag, einen hohen Ton, vergrößernde Worte, keine Rede prächtig seyn könne. Vornehmlich aber trägt die Feyerlichkeit des Tones, und der Gebrauch solcher Verbindungs= und Beziehungswörter, wodurch die Aufmerksamkeit immer aufs neue gereitzt wird, das meiste zur Pracht bey. Also, sagt er -- Jetzt erhebt er sich -- Nun beginnt das Getümmel -- u. d. gl.
Von dieser Pracht in dem Vortrag ist die, welche in der Materie selbst liegt verschieden. Der Inhalt der Rede bekommt seine Pracht von <116, 626> der Größe und dem Reichthum der Dinge, die man uns vorstellt, und darin übertreffen die redenden Künste die übrigen alle. Welcher Mahler würde sich unterstehen, in einem Gemählde auch nur von weitem die unendliche Pracht der großen und reichen Scenen in der Messiade nachzuahmen? Denn alles Große, das der Verstand und die Einbildungskraft nur fassen mögen, kann durch die Rede in ein Gemählde vereinigt werden.
Die unmittelbarste Wirkung der Pracht ist Ehrfurcht, Bewunderung und Erstaunen. Die schönen Künste bedienen sich ihrer mit großem Vortheil, um die Gemüther der Menschen mit diesen Empfindungen zu erfüllen. Bey wichtigen, politischen und gottesdienstlichen Feyerlichkeiten ist die Pracht nothwendig; weil es wichtig ist, daß das Volk nie ohne Ehrfurcht und Vergnügen an die Gegenstände gedenke, wodurch jene Feyerlichkeiten veranlaßt werden. Da aber der Eindruck, den die Pracht bewirkt, wenig überlegendes hat, so ist es freylich mit der bloßen Pracht nicht allemahl gethan. Pracht in den Worten, ohne wahre Größe des Inhalts, ist, was Horaz fumum ex fulgore nennt. Wenn man bey feyerlichen Anlässen gewisse bestimmte und zu besonderm Endzweck abzielende Vorstellungen zu erwecken sucht: so muß man mit der Pracht dasjenige zu verbinden wissen, was diese besonderen Vorstellungen mit gehöriger Klarheit zu erwecken vermögend ist. Man lieset in der Geschichte der mosaischen Gesetzgebung, daß durch Donner und Blitz das Volk zu Anhörung des Gesetzes vorbereitet worden. So muß die Pracht die Gemüther zu den wichtigen Vorstellungen, die man bey gewissen Gelegenheiten erwecken will, vorbereiten.
<116, 627>
Pracht ohne wahre Größe ist bloßes Gepränge, daß sogar ins Lächerliche fallen kann. Auch die Pracht, die man bey mittelmäßiger Größe durch überhäuften Reichthum gleichsam erzwingen will, thut nur schlechte Wirkung. In Venedig sieht man eine Kirche, die den Nahmen Santa Marja Zobenigo hat, wo an der Aussenseite alles entweder Säule, oder Bilderblinde mit Statuen, oder Felder mit Schnitzwerk ist. Dieß ist ein erzwungener Reichthum, der bloß ermüdet, und nie die Wirkung der wahren Pracht haben kann. --*
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Von dem prächtigen Character in Gebäuden, wird in den Untersuchungen über den Character der Gebäude, Leipz. 1788. 8. S. 117 gehandelt.
Die Gränzlinie zwischen dem Luxus und der Pracht, in dem obigen gewöhnlichen figürlichen Sinne dieses Wortes, ist übrigens nicht so fest bestimmt, daß manche diese Begriffe nicht hätten verwechseln sollen. Man hat öfters Luxus und Pracht für gleichbedeutende Wörter genommen, wiewohl das letztere eigentlich nur eine Art, nur ein hoher Grad des erstern ist. Wenn demnach Luxus, wie ich es Th. 82, S. 42 bemerkte, die Ueberfeinerung des sinnlichen Geschmackes in Gegenständen des Bedürfnisses, der Bequemlichkeit und Lebensverschönerung ist: so würde Pracht sich durch glänzende und kostbare äußere Hülfsmittel im gesellschaftlichen Leben zeigen, um dadurch seine Meinung von seinen hohen Vorzügen an den Tag zu legen.
Die Pracht in diesem Sinne, so fern sie bey einem Volke zur vorherrschenden Neigung wurde, ist zu allen Zeiten nicht nur ein Gegenstand des Unwillens für die Moralisten gewesen, wider welchen sie mit mehr Strenge als Einsicht decla<116, 628>miret haben; sondern es ist auch diese Materie eine von denjenigen, welche am meisten in der Policey streitig blieb. Die Pracht ist gleichsam ein Stein des Anstoßes und ein Zankapfel unter den Policeyverständigen geworden. Indem sie der eine Theil als eine wohlthätige Quelle für den Staat ansiehet, aus welcher der Flor des Nahrungsstandes, und nichts als lauter gutes fließet, so betrachtet sie der andere als die schädliche Quelle alles Uebels und aller Unordnungen in dem Staate. Will man daher diese Materie gründlich untersuchen: so muß man allgemeine Grundsätze aufstellen, um daraus beurtheilen zu lernen, in wie weit die Pracht dem gemeinschaftlichen Besten und dem Nahrungsstande vortheilhaft, und in wie weit sie beyden schädlich ist.
Die Pracht hat ihren Ursprung aus der Ungleichheit des Vermögens und des Standes der Menschen. Wer mehr Mittel zu seinem Unterhalte hat, als andere, der wendet diese Mittel an, sich das Leben bequem und angenehm zu machen; und je mehr Vermögen jemand erlanget, desto sinnreicher wird er, den Unterhalt des Lebens mit Bequemlichkeiten und Vergnügen zu verbinden. Die Ungleichheit des Standes aber setzet voraus, daß die Befehlenden mehr äußerliches Ansehen, und folglich auch mehr Mittel zu ihrem Unterhalte haben müssen, als die Gehorchenden. Diejenigen also, welche sich diese Bequemlichkeiten und Vergnügungen nicht verschaffen können, werden dieselben allemahl für einen Ueberfluß oder Ueppigkeit ansehen; und je ungewöhnlicher solche Bequemlichkeiten bey der größten Menge des Volkes sind, desto mehr wird <116, 629> etwas für Ueppigkeit, und so gar für Verschwendung in engem Verstande gehalten werden.
Die Pracht ist also bloß ein relativer Begriff, der allemahl eine Vergleichung mit andern Arten, den Unterhalt des Lebens zu haben, voraussetzet. Ein Land, das sehr arm ist, kann etwas für Ueppigkeit und Verschwendung ansehen, was in einem andern Lande unter die wirklichen Bedürfnisse des Lebens gerechnet wird; und ein Armer siehet öfters einen Aufwand der Großen für einen Ueberfluß an, der, nach der Beschaffenheit ihres Standes und der eingeführten Lebensart, kaum die Nothdurft ausmacht. Je mehr sich indeß die Bequemlichkeiten und Vergnügungen des Lebens von der wirklichen Nothdurft der Natur entfernen; desto unstreitiger müßten sie für Ueppigkeit angesehen werden.
Ein armes Land, dessen Nahrungsstand gänzlich darnieder liegt, wird z. B. den Gebrauch der Tapeten in den Zimmern für eine große Ueppigkeit und Pracht ansehen, und nur die vornehmsten und reichsten Personen werden sich derselben bedienen. Wir wollen setzen, daß eben dieses Land durch Handlung oder Bergwerke reich, und sein Nahrungsstand blühend wird: so werden die Tapeten ein gemeiner Zierath in den Zimmern der mittelmäßig begüterten Bürger werden, und man wird sie zu den nothwendigen Bequemlichkeiten des Lebens rechnen. Die vornehmsten und reichsten des Landes werden ihren Witz anstrengen, um neue und kostbarere Auszierungen ihrer Zimmer zu erfinden. Man wird die Zimmer mit Porcellan auslegen lassen, man wird Vergoldungen und andere theure Zierathen anbringen, oder man wird sie mit kostbaren Gemählden ausschmücken. So sehr <116, 630> dieses alsdann für Ueppigkeit gehalten wird, so dürfte dennoch der Reichthum der Nation nur nach einem gewissen Verhältniß wachsen, so würde auch dieses gemein werden, und man würde aufhören es für Pracht und Ueppigkeit zu halten. Und so gehet es in allen andern wirklichen oder eingebildeten Bequemlichkeiten des Lebens.
Aus dem Ursprunge und dem Begriffe des Luxus und der Prachtliebe leitet man drey Grundsätze ab, welche die Policey in ihren Maßregeln beständig vor Augen haben muß. Nähmlich 1) daß sie sich nicht ganz abschaffen lassen, ohne den, in der Verfassung der Staaten gegründeten Unterschied der Stände aufzuheben, und den Fleiß und Eifer der Unterthanen, Vermögen zu erwerben, nieder zu schlagen.
Wenn man die Ueppigkeit gar nicht zulassen, oder sehr genau einschränken wollte: so würde der Fleiß zum Theil nieder geschlagen werden. Dieser Fleiß gründet sich auf den Eifer, sich vor andern hervorzuthun und Vermögen zu erwerben. Wenn man dieses erworbene Vermögen nicht gebrauchen kann, um sich größere Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens zu verschaffen: so wird man entweder ein solches Land verlassen; oder wenn dieses nicht möglich ist, so wird man nicht mehr arbeiten, als zu der Nothdurft und den erlaubten Bequemlichkeiten des Lebens erfordert wird.
Es ist zwar nicht zu läugnen, daß die Prachtliebe und die Ueppigkeit viele Thorheiten erzeugen, wodurch diejenigen, welche davon beherrscht werden, unfähig werden, den Staaten rechtschaffene Dienste zu leisten; und es ist eben so gewiß, daß durch die Ueppigkeit und Verschwendung viele Personen und Familien zu Grunde <116, 631> gerichtet werden, die alsdann aufhören, nützliche Mitglieder des gemeinen Wesens zu seyn. Allein die Thoren, welche sich der Ueppigkeit gänzlich ergeben, sind dem gemeinen Wesen nützlich, ohne daß sie es selbst wissen, und ein Verdienst davon haben; indem sie eine Menge Künstler in Bewegung setzen, und ihnen Unterhalt verschaffen; wie denn ein Staat wohl nie zu einer solchen Vollkommenheit gelangen kann, daß er nichts als vernünftige Mitglieder hätte. Wenn sich aber einige durch ihre Thorheiten zu Grunde richten, so ist das ein geringer Nachtheil für den Staat, dem es ganz gleichgültig seyn kann, in was für Händen sich der Reichthum befindet, wenn er nur wirklich vorhanden ist. Wenigstens können diese Folgen gegen den unglücklichen Zustand eines Landes, aus welchem alle Ueppigkeit verbannt worden, oder in welchem lauter Geitzige wohnten, in keinen Betracht kommen. Ein solches Land würde gleichsam todt und öde seyn, und der Nahrungsstand sehr liegen. Wenn die Circulation des Geldes das Blut in dem Körper des Staats vorstellt: so ist gewiß die Ueppigkeit der Grad der Wärme, welchen das Blut erfordert, um beständig flüssig zu bleiben, und mit gehöriger Lebhaftigkeit den Umlauf zu verrichten.
Dieses ist von Justi' s Meinung und er hat den Herrn von Melon auf seiner Seite. Dieser sagt: *
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In seinen kleinen Schriften über die Handlung und Manufakturen, Art. von der Ueppigkeit, teutsche Uebers. S. 1. 17. u. f.
„Was ist dem Staat daran gelegen, daß eine närrische Eitelkeit eine Privatperson, die ihrem Nachbar seine Pracht beneidet, in schlechte Umstände versetzt? Dieß ist ihre <116, 632> wohl verdiente Strafe, und der Verarbeiter dieser zur Ueppigkeit dienenden Waaren, der viel besser ist als er, wird dadurch unterhalten. Dieß, was von einer Privatperson gesagt worden, kann auch von einer ganzen Familie, und von einem Kaufmanne behauptet werden, der unverschämt genug ist, einen Credit zu machen, der sowohl einem als dem andern sehr gefährlich ist, so daß das Gesetz für die Bezahlung der Schulden sorgen muß. In einer Verordnung Carls des neunten, welche die Anständigkeit in Ansehung der Kleider betrifft, heißt es: weil das Ausborgen der Seidenzeuge zu großer Ueppigkeit, in Ansehung der Kleidung, Gelegenheit gegeben; so gebieten wir hiermit allen Richtern, denjenigen Kaufleuten alle Klagen abzuschlagen, die nach der Bekanntmachung des gegenwärtigen Briefes jemand, es mag seyn wer es wolle, auf Credit verkaufen werden. -- Soll dann ein Gesetzgeber aus einer knechtischen Furcht den Fleiß hemmen, den Arbeiter in eine gefährliche Faulheit stürzen, die Freyheit hindern, und einen neuen Bewegungsgrund zur Arbeit ihnen benehmen? Was an sich schädlich ist, muß allezeit verboten werden. Die Unbequemlichkeiten aber, die Folgen eines Gesetzes seyn können, das an sich selbst gut ist, müssen den Gesetzgeber nicht aufhalten. Er muß ohne Ansehen der Person handeln. Seine Gesetze müssen beständig auf den Nutzen der mehresten abzielen. Warum straft er den Zweykampf an einem ehrlichen Menschen, der wirklich beleidigt worden? Er thuts allein, um das Blut einer größern Anzahl Bürger zu retten. Beyspiele von der höchsten Stufe der Ueppigkeit, die sogar lächerlich wird, haben wir an dem übermäßigen Preise einiger unnützen Dinge. <116, 633> die ein wollüstiger Mensch bey einem Gastmahle vergeudet, dessen Ansehen in der Kostbarkeit der Gerichte bestehen soll. Warum soll man wider diese Thorheit reden? Dieses Geld, welches er verschwendet, würde, wenn er es in seinem Kasten verwahrt behielte, in Ansehung der Gesellschaft todt gewesen seyn. Der Gärtner empfängt es. Er hat es durch seine Arbeit verdient, dazu er von neuem aufgemuntert wird. Seine Kinder, die fast nackend sind, werden davon gekleidet. Sie haben hinlänglichen Unterhalt, und arbeiten mit einer freudigen Hoffnung. Bettlern würde das Geld nur zu Unterstützung ihrer Faulheit und Niederträchtigkeit dienen.”
Der Herr Capitain Lütken hingegen, *
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Im kopenhagenschen Magazin, I. Band, 8. Theil, 2. Cap.
widerspricht dem Herrn von Justi. Er will demselben nicht eingestehen, daß ein Staat ohne Ueppigkeit kaum die Hälfte von Menschen würde ernähren können, die es bey der Ueppigkeit hat, wie es Herr v. Justi, etwas stark, behauptete; daß dadurch seine Macht würde vermindert, aller Fleiß niedergeschlagen, und kaum die nothwendigsten Nahrungsgeschäfte, die die wahre Nothdurft des Lebens erfordert, getrieben werden. Er sagt: es ist wahr, die Anzahl der Bordirer und Goldzieher. Juwelirer und Tapetenweber, Vergolder und Lakirer, u. s. w. würde sich gewiß vermindern, und die Kartenmacher und Seiltänzer, Luftspringer und Taschenspieler, würden ohne Zweifel völlig abgehen; was würde aber wohl der Staat und die recht nothwendigen Handthierungen, bey dem Abgange oder Verminderung dieser einzelnen Professionen verlieren? Seiner Einsicht nach würden alle recht<116, 634>schaffene und nützliche Wissenschaften und Künste deswegen doch gehörig getrieben und blühen; und der Staat würde sich besser dabey befinden, wenn die Zahl der Ackersleute und Fischer, der Soldaten und Matrosen, der Schiffbauer und Zimmerleute, der Nagelschmiede und Messerschmiede, der Stahlmacher und Leinweber, der Ziegelbrenner u. s. w. *
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Herr Lütken macht überall die Anwendung auf Dännemark.
dadurch vergrößert würde. Er beruft sich dabey auf das chinesische Reich, wo ihre weisen und klugen Leute zu allen Zeiten die Verschwendung und unnütze Handthierungen, als die ärgsten Feinde ihres Reiches betrachtet hätten. Er räumet zwar ein, daß, wenn es mit einem Staate erst so weit gekommen wäre, daß alle nützliche und nothwendige Arbeiten und Gewerbe nicht mehr zulänglich wären, um den Einwohnern Nahrung und Arbeit zu verschaffen; man lieber, anstatt sie müßig gehen zu lassen, solche Arbeiten zu Hülfe nehmen müßte, welche der Bequemlichkeit, der Zierde und dem Vergnügen Dienste leisten; wenn man sich auch der Verschwendung etwas nähern sollte. Da aber wenigstens in Dännemark noch für einige hundert tausend Menschen Arbeit genug, und zwar solche Arbeiten übrig wären, welche nicht allein mehr Brot und physische Nothwendigkeiten verschaffen, sondern auch zugleich dem Lande mehrere Gelder ersparen und darin erhalten würden; so könnte er nicht begreifen, warum sich die Menschen nicht eben sowohl durch nothwendige, als zur Ueppigkeit dienende Arbeiten, ernähren, erhalten und vermehren, ja vom Müssiggange und der Schläfrigkeit ermuntert werden könnten. Ihm will auch die Mei<116, 635>nung nicht gefallen, daß es dem Staate ganz gleichgültig seyn könne, in wessen Händen sich der Reichthum befindet, wenn er nur wirklich vorhanden ist. Ihn dünkt, es könnte einem Staate unmöglich gleichviel seyn, ob sich der Reichthum in den Händen solcher Personen befindet, welche ihn zur Verbesserung des Ackerbaues, zur Ausgrabung sumpfiger Gegenden, zur Reinigung verwachsener Bäche, zur Pflanzung der Wälder und Fruchtbäume, zur Verbesserung der Wege, zur Anlage oder Unterstützung nützlicher Manufacturen und Fabriken, zum Schiffbau, und müßige arme Leute in Arbeit zu setzen, anwenden; oder ob er sich in solchen Händen befindet, die sich ihres Reichthums nur bedienen, liederliche Frauenzimmer und Schmausbrüder, und Leute, die ihrem Stande nicht zukommen, Köche und Jäger, Vogelfänger und Waldhornisten, müssige Diener und Mädchen, und überflüssige Pferde und Hunde zu unterhalten. Denn wäre alles dieses gleichviel; so müßte es folglich auch eine gleichgültige Sache seyn, ob die Einwohner eines Landes vernünftige oder unvernünftige, ämsige oder nachlässige, gute oder böse Menschen wären. Und da dieses nicht wohl eine gleichgültige Sache seyn kann; so hätte, seines Erachtens, ein Staat hohe Ursache, die ersten als wahre Patrioten und kluge Haushalter zu ehren und zu belohnen, und die andern als Feinde des Staats und als untreue Haushalter zu demüthigen und zu züchtigen. *
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Wenn nun aber das Vermögen dieser üblen Haushalter, durch ihre Verschwendung und verschiedene dabey gegangene Umwege, nach und nach in die Hände der guten Haushalter geräth, die es hernach zum Besten des Staats anwenden; wird Herr Lütken dieses nicht billigen?
Und wenn der Herr von Justi die Ueppigkeit <116, 636> als die innerliche Wärme des Staatskörpers ansieht, wodurch die Circulation des Geldes, als des Blutes dieses Körpers, allenthalben gleichförmig und lebhaft wird; so sagt Herr Lütken: daß die Arbeit, der Fleiß und die Aemsigkeit vielmehr die innerliche Wärme des Staats ausmache, wodurch der Umlauf der Gelder, als das Blut des Staats, in einen gleichen Gang und Bewegung gesetzt wird; und daß hingegen die Ueppigkeit, der Mißbrauch und die Verschwendung dem Staate eben so schädlich sey, als dem Menschen ein hitziges Fieber, weil es das Blut zwar in Bewegung setzte, aber so übernatürlich und heftig, daß sie zuletzt den kalten Schweiß auspreßte. Sollte nun die Verschwendung gleichwohl in einem Staate statt finden, weil sie die Gelder in Umlauf und Gang bringt; so müßte man ja befürchten, daß Fressen und Saufen, Unzucht und Wollust, Spielen und viele andere Laster, eben so leicht als Hülfsmittel angenommen werden, als die Verschwendung.
2) Der zweyte Grundsatz welcher die Policey leiten soll, besteht darin: daß, da die Ueppigkeit nur vergleichungsweise Statt findet, es schwer zu bestimmen ist, was Ueppigkeit und Verschwendung ist; und eben so viel Schwierigkeiten finden die dawider zu machenden Gesetze und Anstalten. Die Menschen, die von einerley Stande und Range sind, haben niemahls einerley Größe des Vermögens. Man kann ihnen also nicht einerley Aufwand in ihrer Kleidung, Mobilien und Tafel vorschreiben. Das, was bey dem einen ein mäßiger und sein Vermögen nicht überschreitender Aufwand ist, kann den andern gänzlich zu Boden schlagen. Dennoch, wenn einmahl für einen gewissen Stand <116, 637> die Gränzen des Aufwandes bestimmt waren; so könnten alle diejenigen, welche zu diesem Stande gehörten, nicht unterlassen, ihren Aufwand bis zu diesen Gränzen zu erstrecken, ohne sich geringer zu machen, als andere ihres gleichen. Wenn man also über die Ueppigkeit, Pracht und Verschwendung gerechte Gesetze machen wollte: so müßte die Policey das Vermögen einer jeden Privatperson untersuchen, und nach Maßgebung desselben ihren Aufwand bestimmen. So unmöglich dieses an sich selbst ist, so hat auch die Entdeckung des Vermögens allzu schädliche Folgen, als daß sie zu irgend einem Endzwecke angerathen werden könnte.
Es würde auch niemahls möglich seyn, gerechte und wirksame Gesetze wider alle Arten der Ueppigkeit zu geben, wenn es in einigen Fällen auch geschehen könnte. Die Menschen sind sehr sinnreich, ihren Vorzug zu zeigen; und wenn man ihnen in Ansehung der Tafel, der Kleidung, der Mobilien und dergleichen, die Wege dazu versperrete; so würden sie es in der Menge der Bedienten, in Sammlung von Bibliotheken, Gemählden, natürlichen Dingen, Kunststücken, und tausend andern nützlichen und unentbehrlichen Dingen zeigen, wo man die Menschen unmöglich einschränken kann, ohne alle vernünftige Freyheit zu unterdrücken. *
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Es gibt auch unzählige Arten der Ueppigkeit, wodurch sehr viel Geld verschwendet werden kann, die man aber schwerlich verbieten, kann. Wie kann man wohl einem Reichen verbieten, Münzcabinette, die öfters recht große Summen kosten, oder kostbare Gärten anzulegen? etc.
Die Erfahrung hat dieses genug gezeiget. Venedig welches so strenge Gesetze wider die Pracht und Ueppigkeit in Ansehung der Kleidung, der Tafel und dergleichen gemacht hat, konnte doch nicht ver<116, 638>hindern, daß die Edlen und Reichen in ihren Landhäusern eine Pracht zeigten, die alles übertraf, was sie hierin in der Stadt hätten thun können; und seine Gesetze und Anstalten, so sehr sich auch einige darauf berufen, sind gänzlich ohne Wirkung gewesen. *
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Venedig machte in Ansehung der Kleider, der Tafel und dergleichen, strenge Gesetze; aber das Spielen erlaubte es. Ist dieses nicht eine der größten Ueppigkeiten?
3) Aus den vorhergehenden Sätzen ist der dritte Satz eine richtige Folge. Die Regierung kann nur solche Arten der Ueppigkeit zurück halten, die in den wirklichen Bedürfnissen und Bequemlichkeiten des Lebens gar keinen Grund haben. Wenn es offenbare Verschwender gibt, die ohne den geringsten Grund, und ohne allen Schein einer vernünftigen Haushaltung, ihr Vermögen wegwerfen: so muß sie diesen Unsinnigen Vormünder setzen, und ihre Güter verwalten lassen; besonders wenn sie ihre Pflichten gegen ihre Angehörigen dabey außer Acht setzen. Dennoch ist auch hierin sehr behutsam und ohne Uebereilung und Partheylichkeit zu verfahren. Vornähmlich aber muß sie solche Arten der Verschwendung nicht zulassen, die mit öffentlicher Aergerniß verknüpft sind, oder eine Liederlichkeit zu erkennen geben, und durch böses Beyspiel zum Verderben der Sitten gereichen.
Auch die übrigen Arten der Pracht und Ueppigkeit können nicht ohne alle Einschränkung zugelassen werden: und hierin fehlen eben diejenigen, welche die Ueppigkeit gleichsam sich selbst überlassen, und von aller Aufmerksamkeit der Regierung freysprechen wollen; weil sie der Unterschied der Stände und des Vermögens nothwendig macht, weil sie den Fleiß und Eifer der <116, 639> Unterthanen anspornet, und weil sie so glückliche Folgen für den Nahrungsstand hat. Allein, sie sollten billig die Einschränkung hinzufügen, wenn die Ueppigkeit diese Beschaffenheit hat. Nicht alle Arten der Ueppigkeit aber sind also beschaffen. Es gibt Ueppigkeiten, die gerade das Gegentheil davon an sich haben; und es kann wohl keinen Zweifel leiden, daß es überhaupt ein Grundsatz ist, diejenigen Arten der Ueppigkeit nicht zuzulassen, welche dem Nahrungsstande und dem Besten des Staats unmittelbar zum Schaden gereichen.
Es gibt allerdings Aeußerungen der Prachtliebe und der Ueppigkeit, die keine Folgen von dem Unterschiede des Vermögens sind. Alle Gewohnheiten sind dahin zu rechnen, welche die Menschen von einem gewissen Stande in diesen oder in jenen Fällen zu großem Aufwande nöthigen, wenn sie nicht geringer angesehen seyn wollen, als andere ihres gleichen. Solche allgemeine Gewohnheiten gereichen um so mehr zum Verderben der Unterthanen, weil sie glauben, ihre Ehre beruhe darauf, dieselben mitzumachen, so wenig sie auch öfters nach ihrem besondern Geschmacke und Leidenschaften sind. Da nun diejenigen Ueppigkeiten, worin sie besonders ihre Vergnügungen finden, dabey nicht nachbleiben; so werden viele um desto schleuniger zu Grunde gerichtet. Die Regierung muß folglich allerdings aufmerksam seyn, daß nicht in diesen oder jenen Fällen Aeußerungen der Prachtliebe und der Ueppigkeit zu allgemeinen Gewohnheiten werden. Ob sie zwar gelassen ansehen kann, daß ein Reicher sein Vermögen anwendet, um sich allerley Bequemlichkeiten und Vergnügungen, die seinem besondern Geschmacke und Leidenschaften <116, 640> gemäß sind, zu verschaffen; so muß sie doch eben diesen Reichen anhalten, in gewissen Fällen, die andere ihrer vermeinten Ehre halber zur Nachahmung verbinden, seinen Aufwand zu unterlassen. Von dieser Art sind die großen Kosten bey der Trauer, bey der Kleidung der Bedienten bey diesen oder jenen Gelegenheiten, kostbare Gastmahle bey Verheirathungen, bey Kindtaufen, bey Antritt der Bedienungen; und solcher Fälle gibt es so viel, daß man sie nicht alle bestimmen kann.
Eben so gibt es Aeußerungen der Prachtliebe und der Ueppigkeit, die keinesweges den Fleiß und Eifer der Menschen anspornen, um sich Vermögen zu erwerben, damit sie sich die Vergnügungen des Lebens verschaffen können; sondern die vielmehr den Fleiß und Eifer darniederschlagen. Dahin gehört, wenn die Ueppigkeit im Müßiggange, und in Verachtung aller nützlichen Gewerbe und Beschäftigungen gesucht wird, oder wenn die Reichen ihren Vorzug und Pracht in allzureichlichen Geschenken und Allmosen zeigen. *
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Es scheint dem Staate sehr vortheilhaft zu seyn, wenn die Reichen den Armen reichliche Allmosen austheilen, indem dadurch die Circulation des Geldes sehr befördert wird. Allein wenn man bedenkt, daß durch dergleichen reichliche Allmosen die Armen zur Faulheit und dem Müssiggang angereitzt werden; denn welcher Armer oder Bettler wird wohl gern arbeiten, wenn er versichert ist, daß er täglich so viel Allmosen bekommen kann, daß er mit Bequemlichkeit davon leben kann? so kann man solche reichliche Allmosen, und die damit getriebene Ueppigkeit, nicht anders, als für höchst schädlich halten. Aus eben diesem Grunde werden auch billig diejenigen Armenanstalten verworfen, die nur bloß für den Lebensunterhalt der Armen sorgen, selbige aber zu keiner Arbeit anhalten. Viele dergleichen milde Stiftungen haben ihren Ursprung von der Ueppigkeit.
Die Römer, sagt Herr von Justi, haben hierin einen großen Fehler began<116, 641>gen, der sehr viel dazu beytrug, daß die Republik ihren Untergang fand.
Der Herr von Mirabeau *
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Im I. Theil seines politischen und öconomischen Menschenfreundes, S. 245. u. f.
glaubt, daß die Ueppigkeit überhaupt einen großen Theil der Zeit verdirbt, eine Art von Faulheit und Müßiggang nach sich zieht, und sowohl hierdurch, als durch die kostbare Lebensart, welche die Ueppigkeit einführt, die Manufacturwaaren und übrigen Landesproducte vertheuert. Er macht eine Schilderung von der Lebensart der Kaufleute und Handwerker zu Paris, die dieses alles zu beweisen scheint. Obgleich Herr von Justi *
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In seiner Policeywissenschaft, 2. Band, §. 266.
diese Schilderung nicht für übertrieben hält, indem man auch schon in den größten Städten Deutschlands viel Aehnliches davon findet; so will er deshalb doch mit Herrn von Mirabeau nicht schließen, daß die Ueppigkeit die Manufactur= und andere Waaren vertheuert, und den auswärtigen Debit schwächt. Wenn die Kaufleute und Handwerker in sehr großen Städten mehr Ueppigkeit treiben können als andere; so rührte dieses eben nicht von der Vertheurung ihrer Waaren her, sondern von der großen Erstreckung, in welcher sie ihre Gewerbe treiben. Freylich hätte ihre Ueppigkeit in den Preis einigen Einfluß. Aber, wenn wir so weit gehen wollten; so wären die sehr großen Städte überall zu verwerfen. Die Vertheurung wäre eine natürliche Folge aus ihrer Größe. Deshalb wären die sehr großen Städte unschickliche Stellen, die für den ausländischen Handel bestimmten Waaren daselbst arbeiten zu lassen. Eben so gibt <116, 642> er nicht zu, daß die Faulheit eine Folge der Ueppigkeit sey. Der Kaufmann, sagt er, der bis an den hellen Tag schläft, kann deshalb in seinen Geschäften sehr fleißig seyn; und der Handwerksman, der auf sein Landhaus reiset, oder sonst einen guten Montag macht, kann solches durch seinen Fleiß in den übrigen Tagen wieder einbringen. Die wenigsten menschlichen Gemüther können es ertragen, unaufhörlich in der Arbeit zu stecken. Sie wollen Veränderungen und Erholungen haben; und ohne dieselben würden sie nur desto träger seyn.
Endlich hat auch die Ueppigkeit nicht allemahl glückliche Folgen für den Nahrungsstand. Wenn die Ueppigkeit und Verschwendung mit nichts, als ausländischer Waare getrieben wird; so ist es weit gefehlt, daß die Ueppigkeit die Arbeitsamkeit beschäftigen, und das Aufnehmen des Nahrungsstandes befördern sollte, daß vielmehr der Reichthum dadurch außer Landes geht, und der Nahrungsstand nach und nach gänzlich zu Grunde gerichtet wird. Die Ueppigkeit selbst wird endlich aufhören müssen; allein in ihre gerechte Bestrafung wird sie zugleich das Unglück des Landes verwickelt, und dasselbe zuletzt äußerst arm und elend gemacht haben. Die Regierung muß also allerdings Vorsorge tragen, daß die Ueppigkeit, so viel als möglich sich nur der Landeswaaren bedient.
Herr Capitain Lütken *
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S. kopenhagensches Magazin, I. Band, 8. Theil, 2. Cap. S. 27 u. f.
ist hier wieder anderer Meinung. Er gibt zwar zu, daß die Arbeiter derjenigen Landeswaaren, womit Ueppigkeit getrieben wird, Arbeit und Verdienst erlangen; allein andere Handwerker, als Schnei<116, 643>der, Schuster, Fleischer etc. würden eben das wieder verlieren, was jene bey der Ueppigkeit verdient hätten, wenn die Verschwender in Armuth und Dürftigkeit geriethen. Der Staat würde gleichfalls durch ihre Ueppigkeit verlieren, weil diese Bürger, da sie vorher mit einem jeden richtige Rechnung halten, ihre Abgaben bezahlen und ihre Familie zum Vortheil des Staats erziehen konnten, nachdem unnütze Glieder des Staats, und außer Stand gesetzt würden, das geringste zu unternehmen. Die Aergerniß und Verführung, welche diese Bürger durch ihre Ueppigkeit ihren Mitbürgexn gegeben haben, wäre dem Staate gleichfalls schädlich. Und wenn sich die Verschwendung auch nur auf solche Waaren erstreckte, zu welchen man die rohen Materien selber im Lande hat; so könnte er doch niemahls glauben, daß ein weiser Staat die Unterthanen aufmuntern werde, solche Waaren auf eine verschwenderische und üppige Art zu verbrauchen. Die Verschwendung breitete sich schon selbst weit genug aus, ohne daß sie einiger Aufmunterung bedürfte. Herr Lütken beruft sich auf die Exempel verschiedener Länder. Holland, sagt er, hätte sehr feine und schöne Tücher; anstatt aber die Unterthanen ihres Staats aufzumuntern, sie selbst zu verbrauchen; so erlaubten sie ihnen lieber, sich die engelländischen Dosin Kinen zu kaufen, und sich damit zu kleiden. Anstatt ihre schönen Käse und ihre schöne Butter selbst zu speisen, so spareten sie dieselben lieber, verkauften sie, und kauften sich irländische Butter und Käse, die nicht so gut, als die ihrigen wären. Eben so machten es auch die klugen Jütländer. Sie verlangten an manchen Orten kein Kalbfleisch zu speisen, um aus Hol<116, 644>land und Hamburg für ihre Ochsen Gelder ins Land zu ziehen. England hätte ehedem zwey Drittel von seinem Zucker verkaufen können; nunmehr aber könnte es nicht den sechsten Theil davon abgeben; denn ehedem wären in diesem Lande nicht mehr als zehn bis zwölf Millionen Pfund Zucker verbraucht worden, jetzt aber sechzig Millionen Pfund. Was würde also entstehen, wenn die Verschwendung der Engländer mit allen ihren Produkten so weit ginge? Es wäre zwar ein Gesetz in England, daß alle Todten in Boy gekleidet werden müßten; allein dieses Gesetz wäre nicht gemacht worden, um die Verschwendung zu befördern, sondern vielmehr, um derselben Gränzen zu setzen. Die Engländer hätten ehedem, so wie wir, ihre Todten in Kammer= und Nesseltuch, in holländische Leinwand und Kattun gekleidet; da sie aber gemerkt hätten, was jährlich für eine Summe Geldes für solche Waaren aus dem Lande ginge; so wäre dieses Gesetz gegeben worden, um der Sparsamkeit die Hand zu bieten.
Hingegen hat Herr von der Lith *
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In seinen politichen Betrachtungen über die verschiedenen Arten der Steuern, §. 91. und in der neuen vollständig erwiesenen Abhandlung von den Steuern, §. 49.
ebenfalls diejenige Pracht vertheidigt, welche mit Manufakturwaaren getrieben wird, die im Lande und aus rohen Landesprodukten verfertigt werden; und behauptet, daß solche Pracht, wegen des großen Nutzens, den sie dem Staate leistet, allerdings alle mögliche Unterstützung verdiene.
Da die Ueppigkeit, die mit Landeswaaren getrieben wird, dem Staate vortheilhaft ist; so fragt es sich: ob die Ueppigkeit auch alsdann nützlich und zu gestatten ist, wenn solche Lan<116, 645>deswaaren aus fremden und ausländischen rohen Materialien verfertigt werden? Ein gewisser französicher Schriftsteller. *
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Nähmlich der Verfasser des Buchs: Les Interéts de la France mal entendus.
tadelt diese Art der Ueppigkeit aus dem Grunde, weil solche fremde rohe Materialien dem Lande große Summen Geldes entzögen, auch durch deren Verarbeitung die Besitzer der unbeweglichen Güter abgeschreckt würden, solche rohe Waaren selbst anzubauen. Der Herr von der Lith hat darauf ganz gründlich geantwortet *
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In seiner neuen Abhandlung von den Steuern, §. 90.
Er sagt, daß bey der Ueppigkeit mit inländischen Waaren, die aus Materialien aus dem Lande verfertigt werden, der Einwurf gemacht werden könnte, daß solche Waaren, oder auch die rohen Materialien ausserhalb Landes verkauft werden könnten; mithin je höher die Pracht damit sich erstreckte, in desto größerm Grade würde der Staat desjenigen Gewinnstes beraubet, welchen derselbe hätte erwarten können. Zu Beantwortung dieses Einwurfs, wirft Herr von der Lith folgende Fragen auf: kann man wohl, sagt er, bey Errichtung der Manufakturen hinlängliche Versicherung haben, daß man fremde Käufer genug finden werde, welchen man sämmtliche Früchte derselben mit hinreichendem Vortheile überlassen könne? Wird demnach jemand, in Ermangelung einer solchen Gewißheit, dergleichen Errichtung unternehmen, wofern der Verkauf seiner Feilschaften in seinem Vaterlande, durch auf dieselben gelegte Abgaben eingeschränkt, oder wohl gar verboten wird? Müßte demnach nicht in solchem Falle die Versendung von dergleichen Feilschaften in fremde Länder gänzlich unterbleiben? Und wird <116, 646> man nicht anstatt seinen, auf den Verkauf einer größern Menge solcher Waaren außer Landes, gerichteten Endzweck zu erreichen, dem Staate selbst den aus dem Verkaufe eines geringern Maaßes gedachter Feilschaften, ausserdem mit Grunde erwarteten Gewinnst entziehen? Einen Gewinnst, mit welchem derjenige, welchen die Ausfuhre der rohen Waaren liefert, keinesweges verglichen werden mag. Eben dieser Gründe bedient sich Herr von der Lith, um die Unschädlichkeit derjenigen Ueppigkeit zu beweisen, die mit Landeswaaren getrieben wird, die aus fremden Materialien verfertigt werden; und sagt: es sey gewiß, der Wirkung nach, einerley, ob für einheimische rohe Waaren weniger Geld in das Land gebracht würde, oder ob man für fremde mehreres aus dem Staate versendete. So viel hingegen den Einwurf wegen des Anbaues der rohen Waaren beträfe; so wären diejenigen unter diesen, welche in dem Lande erzeugt werden, entweder von gleicher, oder von geringerer Güte, als die fremden. In ersterm Falle würden die Verleger der Manufakturen und die Handwerksleute dieselben bey ihrem Gewerbe vor den fremden erwählen, gesetzt auch, daß die Einwohner des Landes, durch ein Vorurtheil, die aus fremden rohen Waaren verfertigten Feilschaften denjenigen, welche aus den einheimischen Früchten zubereitet worden, vorzuziehen gewohnt wären. Denn indem für die im Lande erzeugten rohen Waaren weniger an Fracht und Zöllen, als für die fremden bezahlt werden dürfte, so müßte dieses deren Wohlfeile, und durch eine natürliche Folge, einen geringern Preis der daraus zubereiteten Feilschaften wirken. Andern Theils könnten die Käufer von diesen keinesweges er<116, 647>rathen, ob solche aus fremden oder einheimischen rohen Waaren verfertigt worden sind. Folglich stände alsdann dem Anbaue der rohen Waaren im Lande nichts im Wege. Wofern hingegen diese den fremden an Güte weichen müßten; so würde solcher Mangel entweder von der Schuld der Besitzer von unbeweglichen Gütern, oder von der innerlichen Beschaffenheit des Landes herrühren. So unmöglich es nun in letzterm Falle wäre, dasjenige von der Natur zu erzwingen, was ihre Mißgunst versagt hat; so leicht wäre es einem Regenten möglich, wenn das erstere sich ereignete, durch weise Verordnungen seine Unterthanen in der Verbesserung des gedachten Anbaues zu unterrichten. Und ein solches Verfahren würde der Klugheit weit gemäßer feyn, als wenn dasselbe unterlassen, und statt dessen, die Verarbeitung fremder roher Waaren in den einheimischen Manufakturen eingeschränkt oder gar verboten werden wollte. Noch geringere Mühe aber würde es dem Regenten kosten, wenn die rohen Waaren in seinem Staate zwar in der erforderlichen Güte, nicht aber in genugsamer Menge hervorgebracht würden; denn er dürfte nur seine Unterthanen zu dem mehrern Anbaue dieser oder jener rohen Waare durch den Zwang *
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Prämien oder Belohnungen thun in dergleichen Fällen bessere Wirkung, als der Zwang.
anhalten. Jedoch möchte dieser nur alsdann Statt finden, wenn nicht andere Früchte mit größerm Gewinnste von ihnen erbaut werden könnten, oder wenn dergleichen rohe Waare nicht in geringerm Preise aus fremden Staaten erkauft werden möchte.
Was ist aber von der Pracht und Ueppigkeit zu halten, welche mit goldenen und silber<116, 648>nen Zeugen, Tressen und Spitzen, welche im Lande, aber aus fremdem Golde und Silber, verfertigt werden, getrieben wird? Der vorhin gemeldete französische Schriftsteller, welcher überhaupt seinen Eifer wider die Pracht bezeigt, will auch diese Art der Ueppigkeit nicht billigen. Die besonderen Ursachen, welche er desfalls anführt, gehen dahin: es habe, wie er nicht läugnen wolle, in den ehemahligen Zeiten die Ausfuhr von diesen Waaren aus Frankreich diesem Staate einen beträchtlichen Gewinnst zugewendet. Jetzt hingegen habe es mit gedachter Ausfuhr eine ganz andere Beschaffenheit. Man habe die Kunst, dergleichen Waare zuzubereiten, in andern Staaten ebenfalls erlernt, und in Uebung gebracht. Und dieselben hätten zugleich die Einfuhre der französischen Feilschaften von gedachter Gattung verboten. Es sey demnach dem Königreich Frankreich nur noch der Schleichhandel übrig, durch welchen es dergleichen Waaren in fremde Länder einführen könnte. Solcher Handel aber sey großen Beschwerlichkeiten und vieler Gefahr, ja selbst derjenigen ausgesetzt, daß durch denselben der Staat in Krieg verwickelt werden könnte. Es würden ferner diejenigen Metalle, welche einen Theil des Stoffs von solchen Waaren ausmachten, stark abgenutzt, folglich zu Grunde gerichtet. Und selbst dasjenige, was von solchen Arten der Metalle in den damit durchwebten zeugen, Tressen und Spitzen unversehrt bliebe, sey aus dem Grunde für übel angewendet zu halten, weil solche Metalle, wenn sie in Münzen verwandelt worden wären, die politische Macht des Staats würden vergrößert haben. Endlich verursachten diese Waaren eine Theurung, weil die auf dieselben verwendete Ar<116, 649>beit weit theurer, als jede, die mit Verfertigung anderer Waaren sich beschäftigte, bezahlt würde.
Diese Gründe sucht Herr von der Lith folgender Gestalt zu widerlegen. Er sagt: *
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In der neuern Abhandlung von den Steuern §. 51.
wenn die Pracht, welche in den goldenen und silbernen Zeugen, Tressen und Spitzen sich äußert, bloß in dem letztern von dem erwähnten Schriftsteller angezeigten Gesichtspunkte betrachtet würde: so wäre dieselbe derjenigen, welche mit andern verarbeiteten Waaren getrieben wird, vorzuziehen. Denn diejenige Arbeit, welche auf die Verfertigung der Waaren verwendet wird, theilte, den Personen, die sich damit beschäftigen, eine Nahrung mit, deren sie vielleicht sonst beraubt gewesen wären. Und sie vermehrte die sich in dem Staate nährenden, folglich diesem auf mancherley Art nützenden Personen. Von den Hufen eines Landes hingegen könnte die Anzahl nicht vergrößert werden. Folglich könnte die Zahl der Bauersleute, welche dieselben anbauen, nicht sonderlich wachsen. Je größer demnach bey einer verfertigten Waare, nach dem Ausdruck des Herrn Hume, das Capital von Arbeit wäre, auf einer desto größern Höhe zeigte sich der dem Staate zufließende Gewinnst. Da nun bey den goldenen und silbernen Zeugen, Tressen und Spitzen, der Werth der Arbeit den von aller andern überträfe; so müßte auch desfalls der Gewinnst für den Staat gleich hoch ansteigen.
Es dienten ferner diese Arten der Feilschaften gar nicht zur Bequemlichkeit des Lebens. Diese Ursacht, und die Kostbarkeit solcher Feilschaften, verursachten mithin an und für sich, <116, 650> daß eigentlich nur die Reichen einen beträchtlichen Aufwand in demselben machten. Folglich würde vornehmlich eben durch solche der Umlauf des Geldes und dessen Zufluß in die Hände vieler Armen gewirkt. Sofern hingegen Leute von geringerm Vermögen diese Pracht der Reichen nachahmten; so verdiente ihre Thorheit allerdings die ihnen von dem hohen Werthe solcher Waaren zugezogene Strafe: eine Strafe, welche erwiesenermaßen dem Staate zum Nutzen gereichte.
Wahr wäre es, daß manche, deren vornehmer Stand ihr Vermögen weit überstiege, durch denselben öfters gezwungen würden, es andern an solcher Gattung der Pracht gleich zu thun, oder doch wenigstens ihnen nahe zu treten. Und dieses wäre allerdings ein Uebel, welches aber für geringer angesehen werden möchte, als wenn den Personen von vornehmen Stande die Pracht mit den im Lande verfertigten erstgemeldeten Gattungen der Waaren untersagt, oder in ziemlichen Grade eingeschränkt werden wollte.
Dem fernern Angeben des erwähnten französischen Schriftstellers, als ob ein großer Theil derjenigen Metalle, die von den erwähnten Waaren einen Theil des Stoffs ausmachten, gänzlich verloren ginge, widerspräche die Erfahrung. Denn es meldete der Baron von Schröter *
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In seiner fürstlichen Schatz= und Rentkammer, Cap. 57. S. 173.
daß, wenn diese Feilschaften veralteten, sie wieder ausgebrannt, und als ander Silber und Gold durch die Scheidung wieder gebraucht würden, und der Verlust gar wenig seyn möchte.
Mit noch größerm Ungrunde behauptete gedachter Schriftsteller, daß von den erst angezeigten Waaren nur etwas weniges, und zwar bloß <116, 651> durch einen Schleichhandel, in fremde Länder verkauft werden könnte. Denn allen Staaten, worin diese Gattungen der Feilschaften verfertigt werden, stände der Weg in dem größten Theile von Deutschland, von Italien, ingleichen in Portugall, Spanien, Pohlen und Rußland offen, in welchen die Einfuhre solcher Waaren durch kein Verbot untersagt wäre.
Sofern demnach nur ein mäßiger Theil von diesen außerhalb Landes verführt würde; so würde durch eben den hohen Preis, um welchen die auf dieselben verwendete Arbeit bezahlt zu werden pflegte, derjenige geringe Verlust in reichem Maße ersetzt, welcher an dem Golde und Silber sich äußerte, das in die im Lande getragenen gedachten Waaren gewebt worden wäre.
Es müßte mithin seines Erachtens auch in Ansehung dieser Waaren alles dasjenige beobachtet werden, was er vorher von der Pracht behauptet habe, welche sich in solchen Waaren zeigt, die aus fremden rohen Waaren im Lande zubereitet worden sind. Und sofern desfalls eine Ausnahme Statt finden möchte, so wäre sie bloß zu Gunsten solcher Waaren zu machen. Es dürften nähmlich diese gar mit keiner Auflage beschwert werden, besonders wenn die einen Theil des Stoffs von denselben ausmachende Seide selbst im Lande erzeugt würde.
Der Herr von Justi ist gleicher Meinung. *
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S. dessen polit. und Finanzschriften, 1. Theil, S. 89. und Policeywissenschaft, 2. Band, §. 291.
Er sagt: es wäre zwar gewiß, daß bey Tragung der goldenen und silbernen Borten sehr viele Theilchen davon auf die Erde fielen und verloren gingen, und die Vergoldung der Holzarbeiten und der geringern Metalle, die <116, 652> nicht feuerbeständig sind, könnte nicht wieder mit Nutzen davon abgebracht werden, und ginge mithin gleichfalls verloren. Allein seinem Erachten nach betrage dieser Verlust des Goldes und Silbers sehr wenig. Die auf das stärkste abgetragenen Borten, wenn man eine Probe machte, und sie zugleich mit ganz neuen ausbrennte, gäben auf das Pfund kaum ein Loth weniger als die neuen: und der ganze Verlust betrage also auf den Centner etwa drey Pfund. Eben sowohl könnte die Vergoldung der Holzarbeiten und der Metalle durch das Abschaben und andere chemische Arbeiten gleichfalls wieder größtentheils zu gut gemacht werden. Er hätte gesehen, daß die Juden dergleichen alte ganz unbrauchbare Holzarbeiten um ein ziemliches Geld gekauft, und gar wohl zu nutzen gewußt hätten, daß also auch hier derjenige Theil, welcher daran gänzlich verloren ginge, gar wenig betrage. Wenn man hingegen erwägte, was für eine Menge Menschen sich durch dergleichen Arbeiten ernährten, und was dieses Gewerbe wieder für Einfluß in den Zusammenhang des ganzen Gewerbes des gemeinen Wesens hätte; so sähe er nicht, daß ein solches Verboth für die Wohlfahrt des Staats mehr zuträglich sey, als wenn man dergleichen Arbeiten und Gewerben ihren freyen Lauf ließe, zumahl da es so mäßige Arten der Pracht und der Verschwendung wären, daß sich so leicht niemand dadurch ins Verderben stürzen würde. Wie dann auch diese Pracht selten von jemand anders ausgeübt würde, als welche das Vermögen dazu hätten; mithin der Nutzen eines solchen Verbots nicht sehr groß seyn würde; den reichen Leuten aber die Freyheit in Gebrauch ihres Vermögens einzu<116, 653>schränken, wäre zwar der republicanischen Regierungsform gemäß, stimmte aber sehr wenig mit der Natur der Monarchie überein.
Wird aber die Pracht und Ueppigkeit mit den im Lande verfertigten goldenen und silbernen Gefäßen wohl ein gleiches günstiges Urtheil zu erwarten haben? Herr von der Lith ist der Meinung, daß es damit gewissermaßen eine andere Beschaffenheit habe, als mit allen übrigen Gattungen derselben. Er sagt: *
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Am angeführten Orte §. 52.
eines Theils verlören die auf solche Art verwendeten Metalle durch den Gebrauch weit weniger an dem Gewichte, als diejenigen, welche in Fäden gesponnen und mit Seide vermischt würden. Andern Theils aber wäre die Gelegenheit jene Gattungen der verarbeiteten Waaren ausserhalb des Landes zu verkaufen, seltener, als bey andern, die zur Pracht dienen, weil es wohl in keinem Staate an Goldschmieden fehlte. Es überstiege ferner der Werth des gediegenen Goldes und Silbers, als des Stoffs solcher Waaren, den Preis von der auf deren Verfertigung angewendeten Arbeit vielfältig in hohem Grade. Es machte auch der öfters erwähnte französische Schriftsteller den zum Geräthe gewordenen Metallen den Vorwurf, daß dieselben dafür anzusehen wären, als ob der Staat deren völlig beraubt wäre. Er thäte aus diesem Grunde den Vorschlag, die Zahl der Goldschmiede in Frankreich in großem Grade zu vermindern. Er widerspräche sich jedoch, sagt Herr von der Lith, hierbey gewissermaßen selbst. Denn er verwürfe den Gebrauch derjenigen Werkzeuge, durch deren Hülfe eine einzige Hand bey den Manufacturen eben so viel Arbeit verrichtet, als zuvor von vie<116, 654>len Händen geschehen war. Und dieses zwar aus der Ursache, weil solche Arbeiter bey den Manufacturen, wenn man sich an ihrer Stelle eines dergleichen Werkzeuges bedienete, nur ein einziges Handwerk gelernt hätten. Mithin müßten dieselben, wofern sie dieses zu treiben verhindert würden, aller Nahrung sich beraubt sehen. Würden demnach sagt Herr von der Lith, nicht diejenigen Goldschmiede welchen man verböthe, die Ausübung ihrer Kunst fortzusetzen, ein gleiches Schicksal haben, als solche Arbeiter bey den Manufacturen?
Zwar würden wohl die Goldschmiede eben so geschickt seyn, Stahl und Messing, als Gold und Silber zu verarbeiten. Jedoch wäre es bekannt, daß nicht alles goldene und silberne Geräthe zum eigentlichen Gebrauche, sondern vieles zur bloßen Pracht angewendet würde. Es würde mithin die Einschmelzung der goldenen und silbernen Gefäße die von dem französischen Schriftsteller angegebene Wirkung, daß durch dieselbe die Stahl= und Messingmanufacturen in großen Flor kommen müßten, keinesweges in dem von ihm vermutheten Grade haben. Folglich würden nicht alle Goldschmiede mit der nunmehrigen Verarbeitung des Stahls und Messings sich hinlänglich nähren können; gesetzt auch, daß ihnen dieselbe wider den Willen der sonstigen Stahl= und Messingarbeiter verstattet würde.
Die Verwandlung des goldenen und silbernen Geräthes in Münzen würde in den Ackerbau, in die Manufacturen und die Handlung in sofern einen nützlichen Einfluß haben, als eines Theils solches Geld an die Ackerleute, Verleger der Manufacturen und Kaufleute, um geringe Zinsen ausgeliehen würde; andern Theils <116, 655> aber diese Gattungen von Leuten das erhaltene Darlehen zu Verbesserung ihres Gewerbes anwendeten. Allein es würde ein großer Theil von den Besitzern des goldenen und silbernen Geräthes diejenigen Münzen, welche sie für dieses aus den Münzstätten erhielten, nicht wieder ausleihen wollen. Vielmehr würden die Eigenthümer mit dem Gold und Silber, das bisher unter der Gestalt der Gefäße zu ihrer Pracht gedient hatte, zur Zeit, da es die Gestalt der Münzen angenommen, eine andere Gattung ihrer Pracht unterstützen wollen. Und einige von solchen Leuten würden ihrer Wollust mit diesem Gelde eine mehrere Nahrung reichen. Die Mittel aber, solche Pracht oder die Wollust zu nähren, würden wohl vielfältig aus fremden Ländern herbeygeschaft werden. Mithin würde der eigene Staat eines beträchtlichen Theils von demjenigen Schatze beraubt werden, zu welchem ihm das goldene und silberne Geräth bisher gedient hätte.
Wenn auch alles solches Geld im Lande verbliebe, und der Umlauf davon durch den ganzen Staat sich erstreckte; so würden freylich zwar die Zinsen im Lande auf einen beträchtlichen Grad herabfallen; hingegen würde aber solcher Umlauf auf der andern Seite die Handlung, besonders mit einheimischen verarbeiteten Waaren, einigermaßen schwächen. Denn es wäre bekannt, daß die Theurung aller Feilschaften in einem Lande mit dessen Reichthume wachse, und besonders der Arbeitslohn dadurch sehr erhöhet werde. Diese Erhöhung aber verminderte durch die aus solcher entstehende Vertheurung der Waaren, die Gelegenheit zu deren Verkauf in fremden Staaten.
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Wenn auch ferner die ehemahligen Eigenthümer der goldenen und silbernen Gefäße das ihnen für diese aus den Münzstätten zugeflossene Geld alles bereit hielten, um solches an die Ackerleute, Verleger und Manufacturen und Kaufleute auszuleihen; so würden diese sich alsdann nicht in genugsamer Menge einfinden, um alle diese Summen als Darlehn anzunehmen. Denn sofern der Ackerbau an vielen Orten nicht alle mögliche Höhe erreicht hätte; so rührte solches meistentheils nicht daher, daß die Landleute Mangel an Geld, sondern vielmehr Mangel an der Kenntniß von den Vortheilen litten, durch welche der Ackerbau verbessert werden könnte. Die Manufacturen erfordern Leute, welche die bey diesen nöthige Arbeit verstehen, nebst Verlegern, welche unterrichtet sind, an welchen Orten die verarbeiteten Waaren mit dem meisten Gewinne verkauft werden können. Und die Ausbreitung der Handlung überhaupt erheischte mehrere Waaren und mehrere Gelegenheit, dieselben mit Vortheil an andere zu überlassen. Diese Gelegenheit, diese Leute und diese Waaren aber würden durch die Verwandlung des Silbergeschirrs in Münzen keinesweges auf einmahl hervorwachsen. Ein Regent hätte demnach vornähmlich die sonstigen Mittel zu gebrauchen, wodurch der Flor des Ackerbaues, der Manufacturen und der Handlung befördert werden kann. In dem Falle es nun nöthig wäre, diesen Mitteln noch beträchtliche Summen Geldes hinzuzufügen; alsdann könnte, wie es scheinen möchte, dasjenige, in welches das goldene und silbernen Geräth verwandelt worden, den erwähnten Gattungen des Gewerbes die stattlichste Hülfe leisten. Jedoch einem Regenten welcher durch die Beförderung <116, 657> von diesen, seine für die Wohlfahrt des Staats Sorge tragende Weisheit an den Tag legte, würde diese auch weit leichtere Wege zeigen, die zu solchem Endzwecke erforderlichen Geldsummen, welche sich ohnehin nicht allzuhoch erstrecken könnten, in seine Hände zu bekommen. Er würde mithin nicht nöthig haben, eines seinen Unterthanen so unangenehmen Mittels sich zu bedienen, als eine in Friedenszeiten abgezwungene Veränderung des gedachten Geräthes in Münzen seyn würde.
Es wären demnach nur die Kriegeszeiten, in welchen diese, nach den Regeln der Klugheit vorgenommen werden möchte. Und zwar bloß in dem Falle, in welchem eine mäßige Vermögenssteuer die Herbeyschaffung aller nöthigen Kriegsunkosten zu bewirken nicht hinreichend seyn möchte.
Bey Ergreifung dieses neuen Hülfsmittels wäre dasjenige zu beobachten, was oft erwähnter französischer Schriftsteller desfalls angerathen hat. Es wäre nähmlich den Besitzern des goldenen und silbernen Geräthes, welches in die landesherrliche Münze gebracht werden müßte, allerdings zu verstatten, einen in der Verordnung genau zu bestimmenden Theil von demselben zurückzubehalten, welchen eines jeden Stand erforderte. Andern Theils hätte der Landesherr das aus den verarbeiteten Metallen geprägte Geld, als ein Anlehen, gegen niedrige Zinsen zu seinen Händen zu nehmen. Nach geendigtem Kriege aber wären solche Summen, sobald es ohne Belästigung der übrigen Unterthanen geschehen möchte, den Darleihern richtig heimzuzahlen.
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Sofern nun die goldenen und silbernen Geräthe zu solcher Zeit, in einem solchen Falle, und zu solchem Endzwecke angewendet würde; so brächte es dem Staate, der Wirkung nach, eben so große Vortheile, als wenn der Regent selbst Schätze von diesen Metallen aufgesparet hätte. Denn es wäre derselbe, bey einem solchen Verfahren, von der Nothwendigkeit befreyet, seine Unterthanen durch übermäßige Steuern allzu sehr zu beschweren, oder von Fremden große Geldsummen, gegen hohe Zinsen zu entlehnen, oder endlich, in Ermangelung beyder letztern Hülfsmittel, vor seinen Feinden zu unterliegen. Zu gleicher Zeit würden die Besitzer des erwähnten Geräthes dasselbe ihrem Beherrscher mit gutem Willen überlassen. Wenigstens würden sie solches Geräthe lieber auf einige Zeit entbehren, als eines beträchtlichen Theils ihres baaren Geldes, bey einer ihnen ausserdem aufzulegenden höhern Last der Steuern, oder bey Entrichtung einer Brandschatzung an die Feinde, auf alle Zeiten sich beraubt sehen wollen.
Der erwähnte Nutzen wäre jedoch nicht der einzige, welcher einem Staate aus einer so gearteten Anwendung der in den Händen der Unterthanen befindlichen goldenen und silbernen Gefäße erwächst. Auch ausserdem würde diese verschiedene beträchtliche Vortheile bringen. Selbst in dem Falle, in welchem der Krieg in das feindliche Land übergewälzt wird, litte das eigene einen nicht geringen Verlust an baarem Gelde und an dem Gewerbe seiner Unterthanen. Durch die Verwandlung des goldenen und silbernen Geschirrs in Münzen aber würde dieser Verlust in großem Maße, ja vielleicht mit Wucher, wieder ersetzt, indem ein solcher neuer und wich<116, 659>tiger Zufluß an Gelde einen neuen Antrieb und Aufmunterung zum Fleiße in dem Staate wirken müßte. Aus dieser Ursache hatte Herr Hume *
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In seinen Abhandlungen von dem Gleichgewichte der Handlung und von dem öffentlichen Credit.
behauptet, es sey der Vortheil, den Frankreich aus der großen Menge des in den Privathäusern seiner Einwohner befindlichen silbernen Geschirres in öffentlichen Nothfällen gewinne, zu offenbar, als daß man ihn streitig machen könnte. In so lange hingegen eine große Anzahl der kostbaren Metalle die Form der Gefäße behielte, verursachte solches, nach eben dieses Engländers Anführen, eine Wohlfeile der Arbeit und der Lebensmittel.
Derselbe sähe demnach eben dasjenige, was der französische Schriftsteller als eine beschwerliche Krankheit des Staatskörpers von Frankreich angebe, mit Grunde für ein Mittel an, welches diesem eine besondere Stärke verliehe.
Da auch noch überdieß viele Leute in den Stand kämen, durch Verfertigung goldener und silberner Gefäße sich hinlänglich zu nähren; so glaubt Herr von der Lith, daß derselben in keinem Staate die mindesten Schranken zu setzen wären.
Herr von Justi heget hierin eine andere Meinung. Er sagt: *
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In seinen polit. und Finanzschriften, S. 90 u. f.
ob zwar hier der Staat von seinem Reichthum nichts verliere, indem die Besitzer nichts als das Arbeitslohn einbüßten; so wäre es doch gewiß, daß dadurch so viel Gold und Silber in dem gemeinen Wesen gleichsam todt liege, und in dem Gewerbe der Einwohner keinen Nutzen schaffe. Es hätte der Herr von Ludwig *
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In den hallischen Anzeigeblättern.
einst davon gehandelt, und <116, 660> die Summe des Goldes und Silbers sehr hoch angegeben, die auf diese Art für das Gewerbe des Staates ganz unbrauchbar würden. Es wäre wahr, wenn man erwägte, daß ein jeder ansehnlicher Militair= und Civilbediente, daß jeder Graf und Freyherr, ja alle bemittelte Edelleute, eine Art von Silberservice hätten, und daß sogar alle vermögende Leute bürgerlichen Standes silbernes Geräth und Gefäß hätten; so müßte eine unermeßliche Summe herauskommen, die für das Gewerbe des Landes ohne vielen Nutzen müssig liegen bliebe. Es wäre gewiß, daß dieses der Wohlfahrt des gemeinen Wesens nicht zuträglich wäre, und es wäre zu wünschen, daß man diese Art der Pracht einschränken könnte. Allein er könnte dessen ungeachtet kein ausdrückliches Verboth deshalb rathsam finden. Solche Verbothe, zumahl, wenn dasjenige abgeschafft werden sollte, was man einmahl hätte, erweckten großes Mißvergnügen, und die wider die Contravenienten anzuordnenden Aufsicht und Untersuchungen wären nicht ohne Nachtheil für das gemeine Wesen. Ueberdieß könnte man niemand zwingen, daß er sein Geld so schlechterdings in dem Gewerbe umgehen läßt, oder auf Zins auslehnet. Wie viel baar Geld läge nicht allemahl aus Besorgniß und Mißtrauen und aus andern Absichten im Kasten verborgen. So weit wäre unmöglich alles zu treiben, wie es der Wohlfahrt des Staats auf das allergenauste gemäß wäre. Die goldenen und silbernen Geräthe und Gefäße hätten auch in das Gewerbe des gemeinen Wesens ihren Einfluß und Nutzen. Die Gold= und Silberarbeiter lebten von der Verfertigung, und da sich die Mode veränderte, so <116, 661> würde es öfters umgearbeitet, und einerley Stück Silber gebe mehr als einmahl Nahrung.
Dennoch wäre es für die Wohlfahrt des Staates rathsam, die Sache, so viel als möglich einzuschränken. Zu diesem Endzweck würde aber eher eine von dergleichen goldenen und silbernen Gefäßen und Geräthschaften zu entrichtende jährliche Abgabe, als ein Verboth dienlich seyn. Man sollte die Besitzer jährlich von dem innerlichen Werth fünf pro Cent Abgabe entrichten lassen, und zu dem Ende die Stempelung solcher Gefäße einführen, so würden sich vielleicht viele bedenken, ehe sie auf diese Art der Pracht verfielen, und sie würden dafür erwählen, ihr Geld nutzbar anzulegen, als es müssig liegen zu lassen, und es noch dazu jährlich zu verzinsen. *
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Obgleich Herr Lütken kein Vertheidiger der Pracht, Ueppigkeit und Verschwendung ist; so sagt er doch im kopenhagenschen Magazin, I. Band, 4. Theil, I. Cap. S. 13. daß, weil die Gold= und Silberarbeit wohl das beste oder kleinste Uebel seyn dürfte, das unter allen zur Verschwendung dienlichen Sachen eines Landes anzutreffen wäre; es wohl am rathsamsten seyn würde, diese Arbeiten keiner Schätzung zu unterwerfen; denn für Silber und Gold könnte man noch im Fall der Noth, entweder einen Soldaten werben, oder sich den Feind vom Halse kaufen.
Bisher haben wir die allgemeinen Grundsätze vorgetragen, aus welchen alle besondere Arten der Ueppigkeit, und alle sich dabey ereignende Vorfälle, sich leicht entscheiden lassen. Andere. *
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Als der Verfasser des Versuchs über den Luxus, S. 23 u. f.
wenn sie untersuchen, ob die Ueppigkeit einem Staate nachtheilig oder vortheilhaft sey, haben dabey das Verhältniß zum Grunde gelegt, in welchem die Ueppigkeit sich mit den Umständen der Nation, mit den Arten ihrer Producte, und mit den Umständen und den Producten der be<116, 662>nachbarten Völker befindet; und haben den Satz angenommen, daß Pracht und Luxus dem Wohlstande einer Nation nachtheilig oder vortheilhaft seyn können, je nachdem sie mehr oder weniger einheimische Producte ihres Bodens und Gewerbes, mehr oder weniger Producte und Gewerbe des Ausländers verbrauchen; und daß sie mehr oder weniger Gegenstände haben, nachdem die Nation mehr oder weniger reich ist. Die Holländer, sagen sie, diese Factors und Markthelfer der Nationen, müßten also wohl ihrer alten Sparsamkeit getreu bleiben, ohne die sie die Lasten ihrer Schiffe nicht so wohlfeil verkaufen, noch die Waaren aus einem Welttheile in den andern verfahren könnten. *
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So war es sonst. Ob sie das künftig noch seyn werden, muß die Zeit lehren.
So würden die Schweitzer, wenn sie auch aus Frankreich und Italien Weine, goldene und seidene Stoffe, Gemählde, Statüen und Juwelen genug bekommen könnten, doch aus ihrem unfruchtbaren Boden nichts nehmen können, das sie dagegen an die Fremden verhandelten; ein großer Grad des Luxus würde ihnen also nicht eher erlaubt seyn, als bis ihr Gewerbe ersetzte, was ihnen an Landesproducten fehlt. Gesetzt, daß Spanien, Portugal, Frankreich, den Ackerbau vernachlässigten, und die Manufacturen von der ersten und zweyten Nothwendigkeit liegen ließen; so würden doch diese Reiche immer noch im Stande seyn, einen großen Luxus auszuhalten. Portuaal behielt an seinen Bergwerken in Brasilien, *
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Nach der Verlegung der Residenz aus Lissabon nach Brasilien hat der Ausfluß des edlen Metalles aus den portugisischen Bergwerken in Amerika nach Portugal aufgehört.
an seinen Weinen, und an seinen afrikanischen <116, 663> und asiatischen Colonien, noch allemahl Waaren genug für die Fremden, und fände noch allemahl unter den reichen Nationen einen Platz. Spanien, so wenig es sich auch in seiner Hauptstadt und in seinen Colonien mit Arbeitsamkeit und Cultur abgebe, hätte doch noch immer Producte genug aus den fruchtbaren Ländern die es in beyden Weltheilen beherrscht, und die reichen Bergwerke in Mexico und Peru blieben unerschöpfliche Quellen, für den Luxus des Hofes und des Aberglaubens. Frankreich, wenn es auch seine Manufacturen von der ersten und zweyten Nothwendigkeit, wenn es auch seinen Ackerbau in Verfall gerathen ließe, hätte noch reiche Zweige der Handlung genug: die Handlung nach Indien, der Zucker und Caffee aus seinen Colonien, seine Oehle und Weine, wären noch Sachen genug zur Umtauschung mit den Fremden, noch Mittel genug zum Luxus; ja, es könnte ihn noch von seinen Moden unterhalten. Diese Nation, die seit langer Zeit dem übrigen Europa ein Gegenstand der Bewunderung gewesen wäre, würde nun auch allgemein nachgeahmt. Sollte also auch der Luxus der Franzosen in Vergleichung mit ihren Landesproducten und ihren Manufacturen von der ersten und zweyten Nothwendigkeit zu ausschweifend seyn; so beugte doch der Luxus selbst seinen übeln Folgen vor, er unterhielt eine Menge Modearbeiter, und verzögerte wenigstens den herbeyeilenden Untergang.
Dieses Lehrgebäude kann unmöglich Beyfall finden. Was können einem Staate seine vielen Landesproducte und Reichthümer helfen, wenn sie zur Umtauschung für ausländische, zur Ueppigkeit dienende Waaren, angewendet wer<116, 664>den? Was hat Spanien für Vortheil, daß es, wie Herr Lütken schreibt, *
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Im kopenhag. Magazin, 1. Band, 2. Theil, 2. Cap. S. 17.
jährlich hundert und zwanzig Tonnen Goldes aus Indien erhält, wenn hundert und neunzehn davon wieder zu seinen arbeitsamen Nebenbuhlern, und manchmahl zu seinen Feinden, aus dem Lande gehen müssen? Wie kann eine Ueppigkeit gut geheißen werden, die mit ausländischen Waaren getrieben wird, da sie den Fleiß und die Arbeitsamkeit der Unterthanen niederschlägt, den Nahrungsstand zu Grunde richtet, und, indem sie die Landesproducte dagegen vertauscht, den Reichthum des Landes andern Völkern zuwendet? Ja, wenn auch die Manufakturen im Lande in noch so einem guten Stande sind, so müssen sie doch zu Grunde gehen, wenn man sich mit derselben Waaren nicht begnügen läßt, sondern seine Ueppigkeit mit ausländischen ähnlichen Waaren treiben will. Als die Engländer die Einfuhr der asiatischen seidenen Stoffe in ihrem Reiche zuließen, gingen die Weber nach Holland, Flandern und nach Frankreich, so daß die Häuser ganzer Straßen in Spittlefield wüste standen, bis die Einfuhre dieser seidenen Zeuge verboten ward. Nun werden in England viele tausend Menschen durch die Seidenmanufakturen unterhalten. Frankreich hat der Gebrauch aller indianischen verarbeiteten seidenen Stoffe, Bänder, aller indianischen Zitze und bunten Cattune verboten, damit die Arbeit ihrer eigenen Manufakturen nicht geschwächt werden möchte. In gleicher Absicht sind in den königlich preußischen Staaten viele, besonders zur Ueppigkeit dienende, ausländische Waaren verboten, als: fremde Spielkarten, selbst <116, 665> wenn sie schon gebraucht sind; alle fremde seidene Zeuge, sie mögen Nahmen haben, wie sie wollen; alle fremde seidene Manns= und Frauensstrümpfe; Gingange und andere fremde gemahlte, gedruckte, gestreifte oder gefärbte, ganz und halbleinene Zeuge; das sächsische Porcellan; fremdes unächtes Porzellan oder Fayance; fremde Sammete und Velpe; fremde halbseidene und halbwollene Waaren und Baumbaste; fremde wollene gewebte und gestrickte Strümpfe, Handschuhe und wollene Hüte; fremder Rauch= und Schnupftaback, fremde Tabackspfeifen; fremde Tapezereyen und papierne Tapeten; leonische Tressen; fremde Tücher und wollene Waaren; fremde ganz= und halbwollene, auch ganz= und halbbaumwollene, ingleichen halbleinene und halbwollene oder halbbaumwollene Zeuge; fremder gedruckter und gemahlter Zitz und Cattun, auch baumwollene Hals= und Schnupftücher; fremder Zucker und Syrop; fremde Zuckerbilder etc. Andere fremde Waaren sind, zum Besten der inländischen Manufakturen, zwar nicht ganz verboten, aber doch hoch impostirt, als: Agremens, Broderieen zu Manns= und Frauenskleidern, brüsselsche kameelhaarne Barracane und kameelhaarne Plüsche, ganz und halbseidene Camelotte, holländische Leinwand, Gaze, Cambraytuch, Schleyer, Klare und Flore, seidene Mannsmützen, goldene und silberne Tressen und Chamerirung etc. Diese Staaten von England, Frankreich und Preussen, die ich nur als Beyspiele angeführt, haben nun Landesprodukte und verarbeitete Landeswaaren genug, die sie gegen ausländische Waaren zur Ueppigkeit vertauschen könnten; allein sie thun es nicht, sondern sie verbieten die ihren eigenen Manufakturen schäd<116, 666>liche Waaren, oder suchen wenigstens durch einen hohen Impost die Einfuhr derselben zu verhindern.
Unerachtet die vorgetragenen allgemeinen Policeygrundsätze in Ansehung der Pracht und Ueppigkeit so beschaffen sind, daß ein Staat, der seine Aufmerksamkeit und Gesetze auf diese Art einrichtet, gar nicht zu befürchten hat, daß die Ueppigkeit das Verderben des gemeinen Wesens verursachen werde: so macht doch die Verschiedenheit der Regierungsform in diesen Grundsätzen eine Aenderung, und diese oder jene Regierungsform hat Ursache, die an sich unschädlichen Arten der Ueppigkeit mehr einzuschränken. Es ist unstreitig, daß sich die Gesetze eines jeden Staats nach seinem besondern Wesen und Natur richten müssen. Da nun die verschiedenen Regierungsformen so viel besondere Naturen der Staaten sind; so müssen auch die Gesetze über Pracht und Ueppigkeit mit der besondern Natur eines jeden Staats übereinkommen.
Wir wollen zuerst die Democratie betrachten. Diese bestehet wenigstens der Absicht nach, in der Gleichheit der Bürger; und je vollkommener diese Gleichheit erhalten wird, desto glücklicher und dauerhafter wird die Republik seyn. Eben so ist es dem Wesen der Democratie gemäß, die Bürger zu der Tugend der Sparsamkeit anzuhalten; weil auch der Vorzug in dem äußerlichen Aufwand und in der Verschwendung der vollkommenen Gleichheit der Bürger nicht gemäß ist. Man siehet also leicht, daß es mit der Natur der Democratie nicht übereinstimmt, die Ueppigkeit in derselben zuzulassen; und auch diejenigen Arten der Ueppigkeit, die nach den vorhin festgesetzten Grundsätzen unschädlich sind, <116, 667> können nicht wohl in der Democratie Statt finden, oder müssen wenigstens sehr eingeschränket werden. Je mehr die Ueppigkeit in einem Staare herrschet; desto mehr werden die Bürger genöthigt, ihr Privatinteresse zum hauptsächlichsten Augenmerk zu nehmen, um es andern in dem Aufwande gleich zu thun, und die Ueppigkeit unterhalten zu können. Diese Folge der Ueppigkeit kann man keinesweges leugnen. Wenn dieses Privatinteresse eines jeden einzelnen Bürgers in der Monarchie mit dem gemeinschaftlichen Besten gar wohl verträglich ist; so verhält sich die Sache ganz anders in der Democratie. Ein jeder ist hier zugleich Souverain und Unterthan; und so wie er die Eigenschaft, an der obersten Gewalt Theil zu nehmen, allemahl höher schätzen wird, als die Seite, von welcher er sich als einen bloßen Unterthan betrachtet; so muß er auch allemahl das gemeinschaftliche Beste seinem Privatinteresse vorziehen; weil sonst seine Theilnehmung an der obersten Gewalt bald verloren gehen würde. So bald die Bürger in der Democratie ihren besondern Vortheil dem gemeinschaftlichen Besten vorziehen; so sind sie schon auf dem Wege zum Umsturz der Regierungsform und zum Verlust ihrer Freyheit begriffen. Dieses lehren alle Beyspiele von Democratien in der Geschichte. Wenn man aber die Pracht und Ueppigkeit in solchen Republiken sehr einschränkt; so wird man nicht allein den Bürgern den Grund ihres Privatinteresses, sondern auch die Triebfeder, oder den Keim vieler Begierden benehmen; und da die Menschen einmahl Begierden und Leidenschaften haben müssen: so wird man sie auf den Gegenstand lenken, den der Staat wünschet; nähmlich sich durch große <116, 668> Verdienste und Tugenden um die Republik verdient zu machen, und dadurch zugleich ihre eigene Ehre und Ruhm zu befördern.
Unterdessen muß man doch bey Republiken, die einen großen auswärtigen Handel treiben, hierin eine Ausnahme machen. Eine solche Republik ist schon von dem großen Grundsatze reiner Democratien, nach welchem ein jeder Bürger das gemeinschaftliche Beste seinem besondern Vortheile vorziehen muß, sehr abgegangen. Der Geist der Handlung, welcher im Grunde nichts anders, als der Geist des Eigennutzes ist, verträgt sich nicht mit der edlen Uneigennützigkeit eines democratischen Bürgers. Eine Democratie, die ihre Grundsätze rein bewahren will, muß ihre Bürger gar keinen auswärtigen Handel treiben lassen. Um ihren Ueberfluß auszuführen, und auswärtige Bedürfnisse zu erlangen, muß sie, wie die Epidammer, und andere Democratien des Alterthums, Magistratspersonen ernennen, welche die auswärtigen Handlungsgeschäfte im Nahmen der Republik führen. Wenn nun eine handelnde Democratie schon von ihren Grundsätzen abgewichen ist: so würde sie wiedersprechend handeln, wenn sie solche in Ansehung der Pracht und Ueppigkeit strenge zum Grunde legen wollte. Sie würde dadurch dem Geiste der Handlung schaden, den sie einmahl zugelassen hat. Wenn diejenigen, welche sich durch die Handlung bereichert haben, nicht ihres Reichthums genießen dürften: so würde man ihnen die Triebfeder zur Handlung nehmen, oder diejenigen, welche durch die Handlung reich geworden wären, würden sich in andere Staaten wenden. Eine handelnde Democratie kann also schwerlich wegen des täglichen Aufwandes der Bürger in <116, 669> ihren Häusern, und wegen der Kleidung etwas verordnen. Es ist genug, wenn sie die Pracht und Ueppigkeit bey besondern Fällen und feyerlichen Gelegenheiten einschränket, die andere in diesen Fällen zur Nachahmung anreitzen könnten. Solon scheinet von den Gesetzen wider die Ueppigkeit in einer handelnden Democratie sehr gesunde Begriffe gehabt zu haben. Er schränkte die Mitgift der Weiber sehr ein, er gab Gesetze bey der Trauer, bey den öffentlichen Festen, und die Geräthschaften des Frauenzimmers auf Reisen; *
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Plutarch im Leben Solon' s, im ersten Bande des Herrn M. Kind' s Uebersetzung.
aber er bestimmte nichts von dem Aufwande der Bürger in ihren Häusern, und der Beschaffenheit ihrer ordentlichen Kleidung.
Da die Natur der Aristorcratie insonderheit eine große Mäßigung des regierenden Adels, sowohl in ihren äusserlichen Vorzügen, als in ihrem Aufwande erfordert: so siehet man leicht, daß die Einschränkung der Pracht und der Ueppigkeit hauptsächlich dieser Regierungsform eigen ist. Denn wenn man sie einmahl dem regierenden Adel nicht gestattet: so ist es natürlich, daß sie auch allen andern Classen des Volkes nicht erlaubt wird. Die Eigenliebe des Adels würde allzuviel dabey leiden, wenn die reichen Bürger sich der Pracht und Ueppigkeit überlassen dürften; und der regierende Adel würde sich in Ansehung des Aeusserlichen gleichsam unter dem Pöbel verlieren, welches wider die natürliche Ordnung in den bürgerlichen Verfassungen wäre. Eine solche Regierungsform siehet sich also genöthigt, sehr scharfe Gesetze wider die Ueppigkeit zu machen, und ihren Bürgern wenig Ver<116, 670>gnügungen des Lebens zu erlauben. Man kann hier nicht einmahl eine Ausnahme machen, wenn eine aristocratische Republik auswärtigen Handel treibt. Denn die Ursachen, weshalb sie die Pracht und Ueppigkeit verbieten muß, werden durch den Handel nicht aufgehoben. Es ist dieses daher eine Hinderniß, warum dergleichen aristocratische Republiken schwerlich zu einem blühenden und weit ausgebreiteten Handel gelangen können, sobald sie andere Völker hierin zu Miteiferern haben. Denn es fehlet den aristocratischen Bürgern an einer der wirksamsten Triebfedern zu großen Unternehmungen in dem Handel. Vielleicht finden wir hier eine Ursache, warum Venedig und Genua sobald ihren großen Handel verloren. als der Weg nach Ostindien entdecket wurde, und sich andere Völker auf den Handel legten; vornähmlich aber warum die Venetianer und Genueser keinen Antheil an den Besitzungen in America und Ostindien nahmen, wozu sie wegen ihrer ansehnlichen Seemacht geschickter waren, als irgend eine andere damahlige europäische Nation.
Hingegen sind die Pracht und Ueppipkeit mit der Natur der Monarchie ganz wohl verträglich. Die Grundverfassung der Monarchie läßt unter allen Regierungsformen am meisten den Unterschied der Stände und verschiedener Classen und Ordnungen des Volkes zu; und es ist dieser Einrichtung gemäß, daß sich die verschiedenen Stände auch durch ihre äusserliche Pracht und Aufwand von einander unterscheiden. Hier ist der Monarch der Magnet, der alles an sich zieht, und der Mittelpunkt, zu dem sich alles dränget. Die Monarchie ist eigentlich das Land des Wetteifers um den Vorzug. <116, 671> Jedermann suchet sich hier vor dem andern hervorzuthun. Diejenigen, welche diesen Vorzug durch Würden und Ehrenstellen nicht erlangen können, suchen denselben durch ihre Reichthümer und durch ihren Aufwand zu behaupten. Diese Begierde nach dem Vorzuge ist eine überaus mächtige und wirksame Triebfeder, welche der Monarchie eine sehr große Kraft und Thätigkeit gibt; und alles geht gut, und der Staat hat alle Stärke und Glückseligkeit, deren er fähig ist, so lange der Monarch durch weise Maßregeln keinen andern Grund des Vorzugs Statt finden läßt, als Tugend, Verdienste, Gelehrsamkeit, Geschicklichkeit und Arbeitsamkeit. Wenn diese Eigenschaften den Grund des Vorzugs abgeben; so schadet es dem Staate gar nichts, daß ein jeder hauptsächlich auf sein eigenes Interesse bedacht ist. Glücklicher Weise entsteht alsdann aus dem besondern Interesse eines jeden das gemeinschaftliche Beste. Die Monarchie hat also gar keine Ursache, die Ueppigkeit zu verbieten. Vielmehr würde sie ihre allerwirksamste Triebfeder, die Begierde nach dem Vorzuge, matt und kraftlos machen, wenn sie die Ueppigkeit sehr einschränken wollte.
Unterdessen versteht sich alles dieses nur von den dem gemeinschaftlichen Besten unschädlichen Arten der Pracht und Ueppigkeit. Alle Arten der Ueppigkeit also, welche der Wohlfahrt des Staats offenbar nachtheilig sind, können demnach auch in den Monarchien nicht geduldet werden. Auch muß sich die Monarchie sehr hüten, daß durch die Ueppigkeit die Nation nicht verzärtelt, und das Kriegesherr von der Weichlichkeit eingenommen werde. Unterdessen ist die Weichlichkeit keine nothwendige Folge aus der <116, 672> Ueppigkeit, ob sie gleich gar leicht daraus entstehet. Alles kommt darauf an, daß der Hof und die vornehmsten Generale durch ihr eigenes Beyspiel den Geschmack in der Ueppigkeit leiten, und nichts zulassen, was dieselbe in eine Weichlichkeit und Verzärtelung verwandeln könnte.
Es können aber auch Monarchien sich in einem solchen Zustande befinden, daß es die Nothwendigkeit erfordert, die Ueppigkeit sehr enge einzuschränken, und die meisten Arten, die in andern Reichen unschädlich sind, zu verbieten. Der Zustand, welcher dieses am meisten erfordert, ist die allgemeine Armuth der Unterthanen. Die Ueppigkeit, wenn sie annehmlich seyn soll, muß eine Tochter des Reichthums im Staate seyn; sie ist aber eine schädliche Mißgeburt, wenn sie sich mit der Armuth verbindet. Wollte man sagen, daß sich die Ueppigkeit alsdann von selbst verbietet; so irret man sich. Viele Arten der Ueppigkeit, und insonderheit diejenigen, welche in Ergötzlichkeiten bestehen, können auch bey der Armuth Statt finden; und wenn die wenigen Reichen in einer Monarchie sehr der Ueppigkeit ergeben sind; so hat auch dieses seinen schädlichen Einfluß auf die armen Unterthanen. Sodann hat eine Monarchie Ursache, die Ueppigkeit sehr einzuschränken, wenn sie wenig Landesprodukte erzeuget, womit sie auswärtigen Handel treiben kann; kurz, wenn ihr eigener auswärtiger Handel von keiner Erheblichkeit ist. Denn, wenn sie auch einen starken ökonomischen Handel treibt: so würde sie doch wenig dabey gewinnen, wenn durch die Ueppigkeit eine Menge ausländischer Waaren im Lande consumirt würde. Ein Staat, der wenig Landesproducte hat, kann weder der Ueppigkeit Gegenstände verschaffen, <116, 673> noch die auswärtigen Waaren der Ueppigkeit balanciren, und in solchen Umständen ist die Ueppigkeit allemahl schädlich, weil sie das Land gewiß arm macht.
Die Despoterey ist keine besondere Regierungsform. Sie ist weiter nichts, als der höchste Mißbrauch der Monarchie. Man kann dieser unseligen Regierung, welche alle Gesetze der Menschheit und alle Regeln über den Haufen wirft, über die Ueppigkeit keine Regeln geben. Sie pflegt aber dessen ungeachtet natürlicher Weise in derselben zu entstehen. Je weniger unter dieser tyrannischen Regierung sowohl die Unterthanen, als die Werkzeuge der Tyranney, ihres Lebens und ihrer Güter versichert sind; desto mehr suchen sie ihre Glückseligkeit in dem Genusse der Ueppigkeit und der Wollüste in dem gegenwärtigen Zeitpunkte.
Was die vermischten Regierungsformen betrifft, so gelten die vorhin festgesetzten Grundsätze nach Maßgebung ihrer Zusammensetzung auch bey denselben. Eine aus der Aristocratie und Democratie zusammengesetzte Regierungsform hat die Ueppigkeit um so mehr zu vermeiden, da sie weder der Natur der einen noch der andern Regierungsform gemäß ist. Rom hatte eine solche vermischte Regierungsform; und so lange die Ueppigkeit aus ihr verbannt war, so war sie überaus mächtig und glücklich. In den übrigen vermischten Regierungsformen, worin die Monarchie entweder mit der Aristocratie oder Democratie, oder mit beyden zugleich zusammengesetzt ist, kommt die Zulassung oder Vermeidung der Ueppigkeit auf diejenige Regierungsform an, welche das Obergewicht hat. Wenn es der Regierungsform von England nicht zuwider ist, <116, 674> die Pracht und Ueppigkeit zuzulassen: so würde hingegen Polen in seiner ehemahligen Verfassung, wo die Aristocratie ein starkes Uebergewicht hatte, viel glücklicher gewesen seyn, wenn es die Ueppigkeit sehr enge eingeschränkt hätte.
Nun müssen wir noch sehen, auf was Art die dem Staate schädliche Pracht und Ueppigkeit am besten verhindert werden kann. Da es hier hauptsächlich auf die Ueppigkeit mit ausländischen Waaren ankommt: so gibt es zwey Wege, solche zu verhindern, nähmlich wenn man die Einfuhre solcher Waaren schlechterdings und bey Confiscation oder anderer harten Strafe, durch öffentliche Edicte und Verordnungen verbietet; oder wenn man auf dergleichen Waaren sehr hohe Abgaben leget, und wozu die Accise die dienlichste und bequemste Art der Abgaben ist. *
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S. Herrn von der Lith politische Betrachtungen von den Steuern, §. 19. und neue Abhandlung von den Stenern, §. 7.
Welcher von diejen beyden Wegen der rathsamste und beste ist, solches hänget theils von den Umständen des Staats, theils von der Beschaffenheit der Waaren ab. Wenn ein Staat mit dem andern, aus welchem solche schädliche Waaren kommen, in einem besonders gutem Vernehmen stehet, und Ursache hat, dessen Freundschaft auf alle Art und Weise zu erhalten; wenn der letztere Staat ebenfalls viele Waaren von ersterm erhält, und man das Wiedervergeltungsrecht zu befürchten hat: so pflegt man die schädlichen Waaren mit hohen Eingangsrechten zu beschweren; dieses thut man auch, wenn man die Waaren nicht ganz und gar entbehren kann, weil etwa die inländischen Manufacturen noch nicht so beschaffen sind, daß sie das ganze <116, 675> Land mit gleichen oder ähnlichen Waaren versorgen können. Sind die ausländischen Waaren aber den Manufacturen des Landes offenbar nachtheilig, und es befinden sich sonst keine Bedenklichkeiten dabey; so pflegt man sich des Weges des gänzlichen und öffentlichen Verbots zu bedienen.
Die vorzüglichsten hierher gehörigen Schriften sind am Ende des Artikels Luxus, Th. 82, S. 89 fl. mit verzeichnet.
Ueppig, Bei= und Nebenwort, ein sehr altes Wort, nach Adelung, welches ehemals in verschiedenen, jetzt nicht mehr sehr üblichen Bedeutungen gebraucht wurde. Es bedeutet: 1) Stolz, hoffärtig, eitel, und so auch prächtig. Als hoffärtig und prächtig kommt es <200, 301> noch jetzt vor, obgleich selten. Ein üppiges Leben führen, von Leuten, die dazu nicht nur die Mittel haben, sondern auch die Bildung, Erziehung, ein hoffärtiges, prächtiges. -- 2) Träge, müßig, nach Adelung' s Vermuthung eine Figur der vorigen Bedeutung, in so fern die Trägheit oft eine Folge des Stolzes und der Neigung zur Pracht ist. -- 3) Eitel, das heißt, weder Werth, noch Dauer habend; dann auch Dingen einen ungewöhnlichen Vorzug gebend; nach der Figur Nummer 1. gebildet. Man gebrauchte es auch für unheilig, profanus, und setzte es dem Heiligen entgegen. -- 4) Dem sinnlichen Vergnügen ergeben und darin gegründet; daher üppig in Kleidern, im Essen und Trinken, im Genuß der Liebe. Ein üppiges Leben führen, ein sinnliches. Ein üppiges Gastmahl, ein schwelgerisches, wo es nicht an köstlichen Speisen und Getränken fehlt. Eine üppige Person, welche sehr sinnlich lebt, sowohl in der Kleidung einen Aufwand begeht, als auch in anderen Genüssen. -- In engerer Bedeutung braucht man es in manchen Gegenden auch für wollüstig, als ein gelinderer Ausdruck für unzüchtig. Ein üppiges Weibsbild. Ueppige Worte, Geberden. Sich üppig kleiden, auf eine zur Wollust reizende Art. -- Man sagt auch eine üppige Vegetation, eine reiche, prachtvolle, die sich durch schönen Wuchs und durch reiche Blüthen auszeichnet. So auch die Ueppigkeit. In Wollust und Ueppigkeit leben. Eine Stadt, in welcher die ausschweifendste Ueppigkeit herrscht. Allen Ueppigkeiten ergeben seyn (Adelung). -- Man hat das Wort Ueppigkeit für Luxus einführen wollen; allein es scheint dieses Wort nicht zu erschöpfen; denn Luxus bedeutet einen Aufwand in Kleidern, Möbeln, Haus= und Küchengeräthen etc. führen; auch in den Tafelfreuden; denn man sagt: <200, 302> einen luxuriösen Tisch führen, einen reich mit köstlichen Speisen besetzten. -- Ueppigkeit zeigt aber Pracht und Verschwendung im Allgemeinen an, ohne sich eigentlich auf Einzelnheiten zu beziehen; daher sagt man auch ein üppiges Leben führen, welches sich auf Alles ausdehnt, worin man Auschweifugen begehen kann. Luxus ist aber hier mehr eingeschränkt, und bezieht sich mehr auf die Zierlichkeit des Genießens, als auf die Ausschweifung, den Vollgenuß darin; daher sagt man auch der Kleiderluxus, der Luxus in der Wäsche, der Luxus im Essen und Trinken, wenn man gleichsam das Feine und Zierliche heraushebt, was den Gaumen kitzelt. Die Ueppigkeit ist daher ein übertriebener Luxus, der höchste Grad der Ausschweifung in der Gefallsucht und im Genießen.
Ueber den Luxus in Berlin.
Es ist schwer, über Luxus der Einwohner eines Landes oder einer Stadt ein richtiges Urtheil zu fällen, und der Leser ist bey dieser Ueberschrift mit Recht mistrauisch, ob er etwas unpartheiisch gesagtes erfahren wird. Luxus muß ganz anders beurtheilt werden, wenn von einer großen, als wenn von einer kleinen; wenn von einer Residenzstadt, als wenn von einem Handlungsorte; wenn von einer Gemeinheit, deren Stärke des Erwerbs vornehmlich in feinen Fabrick, und Künstler-Arbeiten besteht, als wenn von einer solchen, die sich mehr vom Ertrage der Aecker, Wälder, Bergwerke und Schiffarth nährt,
die Rede ist. Wessen Urtheil soll hier gelten? Aus einem Stande muß der Urtheilende doch seyn, und mehrentheils urtheilt dieser eine zum Vortheile des seinigen, und zum Nachtheile aller übrigen. Fragt man den Kaufmann, den Künstler, der vom Luxus lebt, so wird der keine Aufwand übertrieben finden, wenn er nur bezahlt wlrd, und manche weise Sparsamkeit Knauserey nennen. Fragt man Personen aus den höhern und höchsten Ständen so wird da der eine, oder die einen, die sich wegen ihres verhältnißweise geringern Vermögens einschränken müssen, oder andere, die mit Stolz und Verachtung auf alle herabsehen die nicht von hohem, altem Adel sind, jeden Aufwand des Mittelstandes Luxus nennen, wenn er auch den Vermögensumständen desselben und seinen Verhältnissen gegen das Ganze völlig angemessen ist. Fragt man ehrgeizige Menschen von geringern Standen, so nennen diese oft aus Neid, oder aus Mangel an Weltkenntniß den standesmäßigen Aufwand reicher, vornehmer Personen eben so. Junge Leute, die Pracht und neue Moden lieben, die gern alles um sich her wie ein Theater glänzen sehen, denen noch die Frage nie in den Sinn kam: „was ist zu viel? was zu wenig? was diesem und jenem Stande gemäß? übersteigt die Ausgabe die Einnähme? werde ich, wird jener dies ausführen können?" sondern die nur für den heutigen Tag leben, nur glänzen, nur sich ergözen wollen; werden nicht leicht etwas übertriebenen Luxus nennen, so lange sie noch Credit haben. Dagegen höre man einen finstern Moralisten ohne Weltkenntniß; man höre eine alternde Dame, die aus der Mode gekommen ist, nicht mehr bemerkt, nicht mehr hervorgezogen wird, sondern die glänzende Welt nur durch ihr Fenster beobachtet, nur nach den Erzählungen die ihr hinterbracht werden, beurtheilt; man höre den eigensinnigen alten Mann, der seine Kleider aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts gern noch geltend machte; oder die finstre Matrone, deren ganzes Vergnügen im Ersparen und Aufbehalten alter Kostbarkeiten besteht; alle diese nennen vieles Luxus, ereifern sich, seufzen über vieles, als Luxus, das es nicht ist. Weßen Urtheil soll gelten? Um kompetenter Richter hierinn zu seyn, muß man weder am Aufwand noch am Ersparen des Publikums, von dem die Rede ist. Privatintereße haben, man muß weder zu alt noch zu jung seyn, man muß die Welt ohne eigne Eitelkeit und ohne Hypochondrie ansehen, man muß weder in seiner Clause eingesperrt, noch im Taumel des Hofes oder der galanten Welt leben, um zu sagen: das ist Luxus, jenes nicht; daß ists bey diesen Stande, bey diesen Vermögensumständen, und nicht bey jenen. Es fällt in die Augen, daß je mehr in einer großen Stadt verzehrt, je mehr Aufwand in Kleidern, Hausgeräthen, Gastmahlen, Vergnügungen gemacht wird, daß dabey eine Zeitlang, Fabriken, Kaufleute, Künstler, Modehandler, Puzmacherinnen, Handwerker, Köche, Zuckerbecker, Gärtner u. s. w. gewinnen: es ist aber auch eben so gewiß und sichtbar, daß, wenn dabey nicht auf Einkünfte und Vermögensumstände Rücksicht genommen wird, wenn ein jeder es den wenigen Reichen gleich thun will, daß dadurch im Ganzen Verarmung der Familien, Verschuldung der Landgüter, Bankerutte der Kaufleute und Künstler und nach und nach Armuth aller Stande entsteht. Man sagt wohl, das Geld kommt in Umlauf, dem Staat ists gleichviel, wer es hat; man bedenkt aber nicht l. wie viel baares Geld aus dem Lande geht und nie wieder kommt, wenn in einer Stadt für englische Reitpferde und Meublen, für Demantschmuck und Perlen, für Pariser Putz u. s. w. jährlich große Summen verwendet werden, und zwar von solchen, deren Einkünfte mit solchen Abgaben in keinem Verhältniße stehen; wenn da, durch inländische Industrie geschwächt wird; wenn man im Lande deshalb Schulden macht und nicht bezahlt, oder, wenn Gutebesizer von auswärtigen Capitalisten Geld aus ihre Güter borgen und die Zinsen ins Ausland bezahlen müßen; wenn Leute von mittlerem und niedrigem Stande ihre Zunge zu Hamburger Leckerbissen, zu fremden Weinen und Liqueurs, zu indischen Gewürzen u. s. w. gewöhnen, daß dadurch die Summe des inländischen Geldvorraths und Geldumlaufs merklich und nachtheilig verringert wird. 2. Man bedenkt nicht, daß selbst nicht einmal in der Summe des umlaufenden Geldes und in jeder Art des Umlaufs der Reichthum eines Landes oder einer Stadt besteht, sondern in der besten Vertheilung und Verwendung desselben, und dazu gehört nothwendig, daß die Einwohner von ihrem Gelde nie so viel für entbehrliche Dinge ausgeben, daß sie zulezt an dem Unentbehrlichen Mangel leiden oder es fürchten müssen. Das ist eigentlich Luxus, und durch Gewöhnung aller, oder der mehresten Stände zum Aufwands in entbehrlichen Dingen, der ihre Einkünfte übersteigt, oder zu Vergnügungen, die die Zeit zu ihren nüzlichen Berufsgeschäften taugen, kommen sie zulezt dahin. Etwas bloß deshalb besser und schöner finden, weil es neu, in einem bisher noch nicht gewöhnlichem Geschmake ist, deshalb allein das bisherige nicht mehr achten, wegwerfen, jedes Neue gleich haben wollen, zeigt wenigstens keinen bestimmten guten Geschmack, keinen eigenthümlichen Geschmack am Schönen an: aber immer bey Veränderten Sitten und verbessertem Geschmacke seines Zeitalters und seiner Mitbürger das Alte dem Neuen vorziehen, ist auch Eigensinn. Nichts anwenden wollen, wenn man es kann, um sich im Aeusserlichen nach seiner Zeitgenossen Gewohnheiten zu bequemen, ist eben so unrühmlich, als darinn seinen Werth sezen, daß man der erste oder zweite ist, der jede neue Mode trägt. Wenn sich die Sitten einer Stadt verfeinern und der Geist eines Volks überhaupt aufgeklart wird, so ists wohl natürlich, daß man auch nach einem feinern Geschmacke sich kleidet und sein Haus- und Tischgeräthe einrichtet; denn es ist natürlich, daß der Fabrikant, der Künstler und Handwerker theils nach beßern fremden Mustern arbeiten, theils selbst Erfindungen machen, wodurch ihre Arbeiten feiner, und schöner werden, und indem sie das Auge ergözen, zugleich ihrem eigentlichen Zwecke besser entsprechen. Wo Fabriken und Künstlerarbeiten ein nöthiger Nahrungszweig vieler Bürger geworden sind, da muß Absaz seyn. Wo Absaz seyn soll, muß Geschmack an schönen Arbeiten seyn, dieser Geschmack muß durch wiederhohlte neue Erfindungen gereizt und befriedigt werden. Das ist in gutem Verstande Luxus, und wenn er ohne Nachtheil befriedigt werden kann, so ist dagegen nichts zu sagen. Im Übeln Verstande heißt Luxus *) l. wenn man zur Befriedigung seiner Eitelkeit Auegaben macht, die die Einkünfte übersteigen; 2. wenn man sich neue Bedürfniße selbst macht, sie als etwas nothwendiges ansieht, sich dadurch in Sorge und Verlegenheit, und zuletzt außer Stand sezt, seine Pflichten zu erfüllen, nach seinem Stande zu leben und die wirklichen Bedürfniße zu bezahlen; 3. wenn man durch übertriebne Verfeinerung seines Geschmacks an Dingen, die nur zum sinnlichen Vergnügen gehören, durch Reiz und erweckte Begierde diese Dinge zu besitzen, zu genießen, zu empfinden, sich mit seinem Stande unzufrieden macht, den höhern Ständen ungern untergeordnet ist, und ihnen es gleich machen will, ohne ihnen gleich zu seyn; 4. wenn man sich gewohnt, die Zeit, die zu gemeinnüzigen Berufsarbeiten, oder zum Gelderwerb bestimmt war, zu geldfressenden Vergnügungen anzuwenden, oder zu solchen, die nur für höhere Stände bestimmt sind. Nach dieser Einleitung und Erklärung wird man hoffentlich weder ein Gemählde eines finstern tadelsüchtigen Sittenrichters von, noch ejne Lobrede eines eiteln Weltmannes über den Luxus in Berlin hier erwarten. Wenn man von Berlin Überhaupt, von allen Ständen zusammengenommen, spricht, so kann man sagen, daß hier mehr, und daß auch weniger Luxus herrscht, als in am dem großen und Residenzstädten. Es wird aber nüzlicher seyn, um sich hiervon einen deutlichen und richtigen Begriff zu machen, von Berlin nicht überhaupt, sondern von allen einzelnen Ständen und Classen nach einander zu reden. Am Berliner Hofe ist kein Luxus in übler Bedeutung. Daß es demselben weder an den Kostbarkeiten die Zur königlichen Pracht gehören, noch am feinsten Geschmack fehle, beweißen die beym Begräbniße Friedrichs des Zweiten zur Schau getragene Reichsinsignien, beweißt der königliche Juwelenschmuck, in dem die Königinnen an Galatagen erscheinen, beweißt der Pallast bey Sanssouci: aber gewöhnlich herrscht am Hofe keine Pracht. Der König, die regierende und die verwittwete Königin, die Prinzen und Prinzeßinnen machen ihre Hofhaltungen auf eine ihrer Würde angemessene, nicht übertriebne, nicht zu niedrige Art. Anzug, Tafeln, Meublirung, Equipage, Gärten, Livreen, alles ist standesmäßig, aber nirgends herrscht übertriebener Aufwand, so daß gewiß kein Luxus des Hofes eine Verminderung des königlichen Schatzes oder Staatsschulden, wie an manchen andern Höfen, verursachen wird. Der König trägt die Uniform seiner Garde, wie seine Prinzen, giebt nur an feyerlichen Tagen, deren nicht viele im Jahre find, große Tafel, wobey dann freylich das prächtige goldne Service Friedrichs des 2ten, so wie die Mahlzeit selbst, königlich ist. Sonst ißt der König meistens allein, oder mit sehr wenigen Personen. Er läßt jezt viele Zimmer des Schloßes in der ersten Etage auf der Seite nach dem Lustgarten, die er bewohnen will, ausbessern und neu meubliren, aber mehr mit feinem edlem Geschmacke als mit Pracht. Hiesige Künstler verdienen dabey gehörig, aber eben nicht Gold- und Silber, Lieferanten, außer daß der König jezt ein sehr großes modernes silbernes Tafel-Service arbeiten läßt. Der König fährt in der Stadt immer nur mit zwey Pferden und in keinem Prachtwagen: mit etwa zwey Livreebedienten, deren Kleidung reich, aber nicht übertrieben reich ist. Die regierende Königinn lebt sehr eingezogen. Ihre Zimmer im Schloße sind noch nicht fertig. Ihr Sommerhaus, Monbijou, war sehr verfallen, sie stellt es wieder her und die neuen Tapeten und Meubles sind nur schön, nur geschmackvoll, aber nicht prächtig. Sie speiset fast nie an großer Tafel, sondern ißt meistens ganz allein und die Cavaliere und Damen ihres Hofes auch jede für sich. Ihr Anzug ist eben so einfach, wie ihrer Prinzessinnen. Die verwittwete Königinn lebt auf ihren gewohnten Fuße fort, ißt des Mittags mit ihren Damen, ein Paar Kammerherren und einigen eingeladenen Fremden von sechs Schüsseln, so auch des Abends, da sie selbst aber nicht mit ißt. Sie hat kürzlich ihr silbernes sehr großes Tafelservice in modernem Geschmak umarbeiten lassen. In Schönhausen, ihrem Sommerpalast und Garten, giebt sie die Sommermonate hindurch allen die bey ihrem und der Prinzeßinn Heinrich Hofe sind, freye Tafel und Tisch, bis zu den geringsten Bedienten, welche zusammen eine Zahl ausmachen, die fast an hundert reicht. Das ist ihrem edlen, freygebigen Karakter gemäß und königlich. In Schönhausen wird von Porcellan gespeist. Bey keinem Hofe wird viel Wein getrunken; wer trinken will, fodert sich von einem Pagen oder Lakaien ein Glas rothen oder Rheinwein, so oft er es begehret, es wird aber niemanden angebothen. Die Königinn und jeder bey ihrem Hofe genießt ohne Zwang das Vergnügen des herrlichen Gartens und Parks, wie und wo er will. Außer CourTagen, an welchen der ganze hohe Adel ihr gegen Abend die Aufwartung macht, hat sie täglich einige zum Spiel und zur Abendtafel eingeladen. Wie einfach und frugal man am preußischen Hofe lebt, zu zeigen, will ich nur ein Beyspiel anführen. An einem Sonntage in diesem Sommer kam der König gegen Abend zum Besuch nach Schönhausen. Man hatte seine Ankunft vorher gewust. Eine halbe Stunde nach derselben, etwa um sechs Uhr, gieng der König mit seiner königlichen Tante, einigen Prinzeßinnen, den Damen des Hofes und ein Paar Kammerherrn vom Palast durch einige Gänge des Gartens nach einem schönen von wilden Bäumen umschatteten runden Plaz im Park, wo eine Tafel mit herrlichem Porzellan und lebendigen Blumen geschmackvoll gedekt war. Es stand aber zum Genuße weiter nichts auf der Tafel als ein Paar Terrinen mit kalter Milch, ein paar Schüsseln mit Butterbrod, etwas Kleingebackenes und feines Obst. Die Damen sezten sich alle, der König blieb stehen, aß stehend Milch und sprach mit den meisten Damen sehr gnädig. Der Garten war, wie des Sonntags gewöhnlich, voll von wohlgekleideten Berlinern und Berlinerinnen. Diese schloßen einen weiten Kreis um die Tafel. Es herrschte eine ehrerbietige Stille ohne unedle Aengstlichkeit. Etwa eine halbe Stunde lang wurde die Collation genoßen, dann stand die hohe Gesellschaft auf und gieng weiter. Der Werth der königlichen Personen bestand in ihnen selbst, nicht in erborgter Pracht, daher machte ein jeder der Anwesenden ihnen und nicht ihren Kleidern seine Verbeugung. So wenig asiatischer oder französischer Luxus herrscht am preußischen Hofe. Daher seine Macht und sein Reichthum. Die Prinzeßinn Friederike, älteste Tochter des Königs und nunmehrige Pröbstin zu Quedlinburg, hat bisher noch keine besondere Tafel gehabt, sondern bey der verwittweten Königin, ihrer mütterlichen Erzieherinn seit ihrer Grosmutter Tode, gegessen. Der Prinz Heinrich von Preußen lebt meistens in Reinsberg mit feinem Geschmake, ohne Pracht; der Prinz Ferdinand hält noch den größesten Hof, ist aber sehr guter Wirth zum Besten seiner Kinder. Der zum Hofe gehörige Adel wird nie in die Verlegenheit gesezt, um der Galatage willen Schulden zu machen; vielmehr ist der preußische Hof ein Muster edler, nicht übertriebener Sparsamkeit. Bey den meisten vornehmen Personen und Familien in Berlin ists eben so. Ministers, Generale, geheime Finanz- und Justiz-Räthe, Stabsoffiziere und was vom Civilstande mit ihnen gleichen Rang hat, alle leben ohne eigentlichen Luxus. Einzelne Ausnahmen finden an allen Orten statt. Tressenkleider sind außer der Mode, mit Gold und Silber gestickte Kleider sieht man selten. Man sieht geheime Finanzrathe in so einfachen Kleidern und Ueberröcken, ohne Bedienten, nicht etwa nur des Morgens incognito, sondern zu ihren Sizungen, im Thiergarten, und zu freundschaftlichen Besuchen gehen, daß, wer sie nicht persönlich kennt, sie nicht für das halten sollte, was sie sind. Dazu kommen nun noch seit einigen Jahren die für manche Departements eingeführte Uniformen; das Bergwerksdepartement, kirschbraun mit paille Unterkleidern; das Forstdepartement grün mit verschiedenen Nebenzeichen des Ranges; die Pollcey stumpft grau mit paille; die Officianten des königlichen Stalls scharlach mit goldnen Epauletten; die Postbedienten dunkelblau mit orange; das Baudepartement hellblau mit incarnat u. s. w. mit genau bestimmten Auszierungen von Treßen oder Stickereyen, wodurch allen zu diesen Ständen gehörige Personen die Möglichkeit des Luxus in Kleidern benommen ist, denn die höchsten von ihnen erscheinen auch bey Hofe nicht anders, als in ihrer Uniform. Große Schmausereyen fallen nicht oft vor, man bittet sich zu Tische, ißt und trinkt fein und gut, aber ohne Verschwendung und Uebermaß. Wenn bey diesen Ständen in Vergleichung mit der Zeit vor dem siebenjährigen Kriege eine Veränderung vorgegangen ist, so ists in der Wohnung geschehen. Man bewohnt jezt mehr Zimmer, halt besonders zu Gesellschaften mehrere zierlich meublirte Gemächer in Bereitschaft, die sonst nicht bewohnt werden, und in manchen Häußern wird mehr, auch höher, als ehedem, gespielt.Von hier an aber abwärts ist der Luxus durch alle Stände gestiegen und zum Theil übertrieben. Manche königliche Bediente von geringern Range, und deren Frauen, machen mehr Aufwand in Kleidern, als die Räthe ihres Departements und deren Gemalinnen; welches bey vielen, die nur wenige Hundert Thaler Besoldung, und kein eigenes Vermögen haben, rälhselhaft ist. Bey einigen löset der Concurs nach ihrem Tode das Räthsel auf; andre leben in ihren Häusern äusserst kümmerlich, um sich nur in Kleidern und Putz hervorzuthun und an den in die Augen fallenden Ergözlichkeiten Theil zu nehmen. Mancher verkauft sein von Eltern ererbtes Silbergeräthe und kauft dafür plattirtes Silber, oder Argent hache, um bey seinem Mahlzeiten reich zu scheinen. Mancher Mann muß Schulden machen, um den Florputz anzuschaffen, die seine eitle Frau zu tragen für unumgänglich nöthig findet Dieser Florputz ist sonderlich bey denen, die ihn sich nich selbst machen können, oder wollen, ein größerer Aufwand als man denken sollte. Man ist nicht zufrieden, von hiesigem Flor und hier gemachten Blumen Kopfputz zu tragen, sondern kauft von den Galanteriehandlern Kopfzeuger aus Paris, bis zu fünfzehn Thaler das Stück, die doch gewiß kaum funfzehnmal aufgesetzt werden, ohne einer neuen Mode Platz zu machen. Solche Frauen, die es gar nicht von ihrer Eltern Häusern her gewohnt sind, die gar kein beträchtliches Capital ihren Männern zugebracht haben, von dessen Zinsen der Aufwand bestritten werden könnte, begehren doch Visitenzimmer mit lackirten, vergoldeten, mit Atlaß überzogenen Stühlen und Ottomannen, mit Trümeaux und Marmortischen, mit Meublen von Mahagony-Holz, mit Porzellain-Aufsatzen, verlangen in die Comedie, auf Pikenicks und Bälle geführt zu werden, begehren täglich ihren Friseur, ihre Garderobe und Kammerjungfer, vernachläßigen Kinder und Hauswirthschaft, stürzen den Mann ins Verderben oder ins Grab, oder suchen, wenn sie noch einige verführerische Reitze haben, durch Koketterien das zu erwerben, was den Einkünften des Mannes abgeht, und der bloße Hang zum schädlichen Luxus verleitet manche zu einer ausschweifenden, ehebrecherischen Lebensart. Wo das auch nicht geschieht, erfolgt wenigstens, daß wenn der Mann stirbt, wo nicht Schulden, die nicht bezahlt worden, doch weiter nichts zum Unterhalte der Wittbe und Kinder übrig ist, die dann auf die eine oder andere Art dem Publikum zur Last fallen. Es geht auch keine Woche hin, wo nicht in den gedruckten wöchentlichen Anzeigen ein oder mehr Concurse bekannt gemacht und wegen Unzulänglichkeit des Nachlasses die Creditoren zitirt werden. So wahr dies ist, so ist es doch bey weiten nicht von allen, sondern nur von den meisten dieses Standes, wahr. Auch im Bürgerstande herrscht übertriebener Luxus. Viele Frauen und Töchter von Handwerkern, nicht von den einträglichsten, sieht man des Sonntags, im Winter mit atlaßenen Pelzenveloppen, zur Kirche, im Sommer mit seidnen Schuhen, taffeten Enveloppen und langen Kleidern, nicht mehr mit Hauben von Brabanter Spitzen, sondern von Flor, oder gar mit frisirten Köpfen unter den Linden und im Thiergarten einher gehen. Wenige Bürgerfrauen laßen sich mehr Frau, wenige Bürgertöchter mehr Jungfer nennen. Alles heißt Madam und Mamsell. Dafür wollen sie auch nicht mehr als teutsche Frauen und Mädchen leben und arbeiten; die Töchter nicht wieder Bürger, wie ihre Väter waren, heyrathen. Sie lesen Romane, gehn in die Comödie, und der Mann, der den geringsten Titel von einem königlichen Dienst, mit der geringsten Besoldung hat, ist ihnen lieber, als der wohlhabenste geschickteste Handwertsmann. Man fährt Sonntags über Land in zahlreichen Parthien und verzehrt die künftige Ausstattung zum voraus. Im Thiergarten, auf andern Spaziergängen und in öffentlichen Gärten sieht man Perukenmacher, Schneider und dergleichen Handwerker des Sonntags oft in seidnen, in betreßten, in gestickten Kleidern sich in höhere Gesellschaften mischen. Niemand, der sie nicht kennt, nimmt sie für das, was sie sind, und ein Fremder geräth in Versuchung sie für Herren von Stande zu halten. Hochzeit-Luxus ist in Berlin eben nicht häufig mehr, ausgenommen, wenn ein wohlhabender Handwerksmann. seine Tochter an einen betitelten Mann verheyrathet. Bann will er oft zeigen, er erwarte heute von den vornehmen Gasten eine tiefere Verbeugung, als er sonst gewohnt ist; sein Herr Schwiegersohn soll es auch künftig vergessen, daß er eines Handwerkers Schwiegersohn ist. Da wird dann in einem öffentlichen Gasthause, bey Corsica, bey Rexroth, im englischen Hause, oder einem ähnlichen dazu wohleingerichteten Ort eine prächtige Mahlzeit gegeben. Junge Bürger und Bürgerfrauen und Bürgertöchter erscheinen dann neben jenen Herren so gekleidet, wie Leute vom Stande und schämen sich ihres wirklichen Standes. Dies alles ist nicht blos Eitelkeit und Thorheit, es ist die Quelle von Sittenverderbniß und Zerstörung des bürgerlichen Wohlstandes. Manche Bürgerstochter, um den Putz, den der Vater ihr nicht kaufen kann, anzu-schaffen, wird lüderlich, wird entweder heimlich die Mätreße eines reichen ober schuldenmachenden Herrn, der sie im Putze unterhalt, oder verkauft ihre Gunstbezeugungen an mehrere für geringere Preise. Manches junge Weib machts eben so, die Eitelkeit, der Hang zum Putz und Luxus verleitet manche zu diesen Niederträchtigkeiten, die aus Wollust dahin nicht gekommen seyn würden. Mancher königliche Bediente wäre bey Verwaltung einer herrschaftlichen Kasse ein ehrlicher Mann geblieben, wenn nicht sein oder seiner Frau und seiner Kinder Neigung zum Luxus ihn dazu verleitet hätten, die anvertrauete Kaße zu veruntreuen. Einige versuchen noch, durch die verführerische Zahlenlotterie sich zu helfen, und sinken dadurch immer tiefer ins Elend. Manche Familie wäre eine wohlbehaltene, geachtete Familie geblieben, wenn sie weniger den Luxus geliebt hätte. Aber auch von dieser Claße von Berlinischen Einwohnern kann man doch sagen: nicht bey den meisten ist es noch zur Zeit so; ein großer Theil lebet seinem Stande gemäß, arbeitsam und sparsam. In, dessen ist doch offenbar, daß durch den Luxus, wie er in Berlin jezt wirklich ist, die Heyrathen sehr gehindert werden. Die jungen Männer haben die Einkünfte oder den Erwerb nicht, die Eitelkeit der Mädchen ihres Standes, die schon an ihrem Anzüge sichtbar ist, zu befriedigen, das Schicksal vieler verheyrateten Männer schreckt sie ab, daher heyrathen so wenige, viele nehmen gemeine Mädchen zu Beyschläferinnen, oder besuchen öffentliche Häuser des Lasters, und dies verursacht wieder, daß viele Jungfern des Mittalstandes unverheyrathet bleiben, und daß viele Mädchen niedrigen Standes eine so schlechte Lebensart ergreifen, um sich nur zu putzen. Die Quelle ist gemißbrauchter Luxus. Noch ist ein Stand übrig, der niedrigste, nemlich Lakaien und Mägde. Unter diesen ist verhältnißmäßig beynahe der stärkste Luxus eingerißen. Viele Lakaien tragen ihre Livree nur, wenn sie eigentlich in des Herrn Dienste gebraucht werden, außerdem aber halten sie sich eigene moderne Kleider, zum Theil mit seidnen Unterkleidern, mit gestickten Westen; halten unter sich an verabredeten Tagen, wo lhre Herrschaften des Abends außer Hause zu seyn pflegen, Pickeniks, bitten die Kammerjungfern und Dienstmädchens auch dahin zum Tanze — sie so wenig als die Dienstmägde sagen mehr „sie sind im Dienst" sondern „sie stehen in Condition." Viele der leztern nennen sich unter einander Mamsell, küssen sich, wenn sie sich auf der Straße begegnen und sprechen oft so mit einander, als wenn sie Leute vom Stande wären. Selten sieht man eine anders als mit Schuhen von wollenem oder seidnem Atlaß gehen. Am Sonntage tragen sie seidne Kleider, Enveloppen und beynahe eben das, was ihre Herrschaften aus dem Bürgerstande tragen. Es ist leicht einzusehen, daß sie dies alles von ihrem Lohne nicht anschaffen können und es muß entweder durch Be-trug der Herrschaften, oder durch einen noch schändlichern Verdienst erworben werden. Noch etwas will ich zum Beschluße anführen. Der Luxus hat sich auch schon außerhalb der Stadt auf die nahe gelegnen Dörfer unter die Bauern verbreitet, wo, von ich folgendes Beyspiel erzählen will. Die verwittwete Königin pflegt von jeher den Bauern des Dorfs Schönhausen nach der Erndte auf dem Vorhofe ihres Lustschloßes ein Erndtekranzfest zu geben, wobey sie dann tanzen, und der Hof hat ihnen oft die Ehre erzeigt, ihnen zuzusehen. Vor zwey Jahren bemerkte man, daß die jungen Bauern und Bauermädchen englische Tänze und französiche Pas ganz regelmäßig und zierlich tanzten. Ein Prinz gieng an sie hin und fragte sie, woher sie das gelernt hätten? “Ey,„ antwortete der eine: “wir wußten wohl, daß die allergnädigste Königin uns einen Erndtekranzschmauß geben würde, und daß die gnädigsten Herrschaften schaften uns zusehen würden, wenn wir tanzten, da haben wir denn in Berlin uns bisher einen Tanzmeister gehalten und ordentlich tanzen gelernt, damit wir es doch recht zu machen wüßten."Aus dem allem ergiebt sich, daß Berlin allerdings in einigen Ständen von schädlichem Luxus nicht frey ist; wer aber die Lebensart mehrerer andern Residenz, oder grossen Handelsstädte kennt, wird finden, daß er in Berlin weit geringer und mäßiger ist; und wenn man unsre Sitten gleich bey weitem nicht rein und untadelich nennen kann, daß sie doch, was Luxus betrift, noch einen großen Vorzug vor den Sitten von Paris, Wien, Prag und Hamburg haben.
*) Um allem Mißverstande auszuweichen, sollte man Luxus nie in diesem Sinne nehmen. Wir haben dafür ein beßeres teutsches Wort, Ueppigkeit, das schon seinen bestimmten
Begriff hat, und sogleich den Mißbrauch der Sache darstellt. d. H.
Waaren einführen, die nur zur Pracht und Verschwendung dienen, ist ein wirklicher Verlust für den Staat;
Nur mit dem Unterschiede, daß die nachtheiligen Wirkungen schneller empfun-
den werden, weil der Verlust bey ihrer Einfuhre unendlich unebenmässiger ist. Der Werth der Prachtwaaren ist selten ein wahrer innerlicher, es ist ein Werth, den ihnen die Eitelkeit, die Einbildung bestimmet, welches die Rechte pretium affectionis nennen. Werden also solche Waaren für Landeswaaren eingeführt; so empfängt man weniger an natürlichen, werden sie für Geld gekauft, so giebt man mehr an relativen Werthe, als man empfangen; und der geringste Vortheil ersetzt diesen Verlust nicht, weil der Wohlstand der Bürger um nichts befördert, ihr Zustand nicht einmal der Einbildung nach verbessert wird. Nur die besondere Eitelkeit scheint ihre Rechnung dabey zu finden: und weil ihr Beyspiel anlockend, der Weg sie zu befriedigen kostbarer ist; so wird der Verlust um ansehnliche Summen stärker, die Masse des innern Reichthumes geringer, der Kreislauf schwächer, der Wucher allgemeiner, die Gewerbe unfruchtbarer, die Ehen beschwerlicher, und darum seltner: die Bevölkerung nimmt daher ab, mit ihr die Verzehrung, der Feldbau, alles, was der Grund des wahren Reichthums, und der öffentlichen Wohlfahrt ist. Die Amerikaner scheinen uns Thoren, welche den Europäern bey ihrer ersten Landung ihre Schätze für Glökchen, Glascorallen, Bänder, und dergleichen Spielwerke anboten. Ein Volk, das fremde Prachtwaaren einführet, findet das Bild seiner eignen Thorheit in der ihrigen.
Derley Betrachtungen waren es, welche der Pracht so viele Widersacher erweckten , daß sie dieselbe ohne Unterschied als die Quelle des öffentlichen Verderbens ausschrien, und aus wohlbestellten bürgerlichen Gesellschaften verwiesen wissen wollten. Beyspiele , wo die Pracht und Verschwendung so oft mit dem Untergange ganzer Reiche verbunden war, dienten, ihre Gründe zu unterstützen: sie sahen sie nicht als Gefährten, sie sahen die erste als die Ursache an, wovon der letztere eine unvermeidliche Wirkung war. Es sey uns erlaubt einem scharfsinnigen Schriftsteller nachzusprechen : Woferne die meisten, welche von der Pracht geredet haben, sich die Mühe genommen hatten, auf ihren Ur-
sprung zurücke zugehen, sie zu erklären, und ihre Quellen aus einander
zusetzen, sie würden in ihrer Bestrafung, und ihrem Lobe mäßiger gewe-
sen seyn, und alle Begebenheiten, die sie in den Geschichten zeiget, leicht
erklärt haben. Wir entfernen uns nicht von unserm Gegenstände, wenn wir den
Einfluß der Pracht etwas näher betrachten.
Man streitet sich gemeiniglich über die Wirkungen der Pracht, ohne unter sich fest gesetzt zu haben, was eigentlich darunter verstanden werde. Pracht und Ueppigkeit sind gleichbedeutende Wörter: Verschwendung ist oft nur ihre Folge. Ein überflüssiger Auswand überhaupt kann nicht als die Erklärung der Ueppigkeit angenommen werden. Man müßte zuvor die Gränzen der Bedürfnisse bestimmen , ehe man etwas Ueberfluß nennen kann. Nach welchem Maßstabe sollen nun diese Bedürfnisse ausgemessen werden? bloß nach den wahren Nothwendigkeiten der Natur? also können wir einer Menge Sachen entbehren , deren Verfertigung unzählbare Menschen ernähret, ohne welche es unzählbaren Menschen an Beschäfftigung und Nahrungswegen mangeln würde. Sollen Bedürfnisse nach dem Stande, dem Vermögen bestimmet werden? also ist Ueppigkeit ein bloß relativer Begriff. Was bey der obersten Klasse noch Bedürfniß heißt, wird bey der zunächst angränzenden schon Ueppigkeit; und so änderten sich die Begriffe des Ueberflusses und der Nothdurft bis auf die unterste Stufe, der Stufe der Verzehrenden so unendlichemale, so unendlich der Unterschied im Stande und Vermögen seyn
kann. Also ist der Begriff der Ueppigkeit unter dem überflüssigen Aufwande zu
weitschweifig, zu unbestimmt. Er setzt entweder eine durchgängige Gleichheit der Menschen voraus; oder der Gesetzgeber ist nie vermögend zu sagen: das ist Pracht, das ist Ueppigkeit. Der, welchen eine elende Hütte nur schlecht vor dem strengsten Froste beschützet, der durch die Mühe eines beschweißten Tages kaum soviel erworben, unbekleideten Kindern ein nicht sättigendes Stückchen Brod zuzutheilen, wenn er die Kutsche des Reichen erblickt, seufzet über seine Verschwendung; und der, welcher darinnen fährt, nennt den Aufwand eines
Wagens und Pferde, ein Bedürfniß des Standes. Um demnach die Ueppigkeit oder
Pracht genau zu erklären, muß man von den Bedürfnissen im engsten Verstande
bis zu ihr, durch die Mittelstufe der Bequemlichkeit aufsteigen.
Was genug ist, das menschliche Leben, unabhängig von der itzigen Erziehung und Lebensart, zu fristen, ist Nothwendigkeit im engsten Verstande. Und hiezu wird sehr wenig gefodert. Wurzeln, Kräuter, oder höchstens Korn und Wasser zur Speise, ein überhangender Fels, oder von Aesten der Bäumer geflochtene Hütte zur Wohnung, und ein ungegerbtes Fell irgend eines Thieres zur Beschützung wider den Frost. Zwar haben uns Philosophen einen Stand, der mehrere Bequemlichkeit nicht kennet, für den glücklichsten, für den Stand der menschlichen Bestimmung angepriesen. Aber, da diese Glückseligkeit nicht mächtig genug war, ihre Lobredner selbst zu reizen; so bewundert man ihren Witz, mit welchen sie wider ihre eigne Empfindung Gründe aufzusuchen wissen, heißt sie Enthusiasten , und lebt, nach ihren Begriffen — unglücklich.
Bequemlichkeit, kömmt auf eine Vergleichung mit den Bedürfnissen an. Was unsre Erhaltung sicherer macht, ist schon Bequemlichkeit. Also lebt der Landmann, den grobe Speise nährt, der in schlechtes Zeug gekleidet ist, und eine gegen Winde und Ungewitter wohl verschlossene Hütte bewohnet, schon bequem wenn seine Art zu eben den blossen Bedürfnissen genähert wird Und es giebt Stuffen der Bequemlichkeit, die immer aus der Vergleichung mit der nähern weniger bequemen Lebensart entstehen. Diese Bequemlichkeiten, die mit einer gewissen Empfindung unsers verbesserten Zustandes vergaltet sind, machen unser Leben angenehm. Die Erziehung , die Gegend, die man bewohnt, der Anstand, haben die Begriffe der Bequemlichkeit erweitere, und ihre Gränzen fließen mit der Ueppigkeit beynahe zusammen. Man könnte sagen, daß der höhere Grad der Bequemlichkeit, in Absicht auf den untern, schon Ueppigkeit sey. Wir
müssen aber noch etwas zu Hülfe nehmen , ehe wir die Ueppigkeit eigentlich erklären
können.
Jeder Mensch hat nicht die natürliche Geschicklichkeit, und es würde die Zeit nicht hinlangen, sich alle Bequemlichkeiten selbst zu verschaffen : er muß also um solche zu erhalten, dem andern etwas geben, was jener nicht hat; oder, weil sich die Werthe nicht stets gleich aufheben, muß er sich es durch das allgemeine Entgeltungsmittel verschaffen. Er bedient sich also andrer Arbeit, seine Bequemlichkeiten zu mehren. Diese Bequemlichkeiten machen ihm seyn Daseyn
angenehm. Die Ueppigkeit also, wird sich erklären lassen, durch den Gebrauch des Vermögens, durch andrer Menschen Arbeit seine Bequemlichkeiten
zu mehren, und sich dadurch das Leben angenehm zu machen. Es ist nun nicht
schwer, zu entscheiden, ob die Ueppigkeit mit der allgemeinen Wohlfahrt unverträglich sey ? oder ob sie solche vielmehr befördert,?
Es ist kein Uebel für die bürgerliche Gesellschaft, daß wir von den ersten Bedürfnissen der Natur abgewichen sind. Also sind Bequemlichkeiten kein Uebel. Es ist kein Uebel, daß diese Bequemlichkeiten nicht anders, als durch wechselseitige Hülfe, wenn man sie nur nicht von Fremden kauft, erhalten werden können: also ist der Aufwand sich diese Bequemlichkeiten zu verschaffen , kein Uebel. Es ist in Absicht auf den Staat nickt übel, wenn dieser insbesondere arm wird, und sich andre bereichern, wenn es nur Bürger seines Staates sind.
Er empfindet aus dem Wechsel ihrer Glücksumstände keine Aenderung; also ist selbst der, mit dem Vermögen eines jeden unebenmäßige Aufwand, um die Bequemlichkeiten zu erhalten, kein Uebel: die Ueppigkeit also, wenn sie nicht fremde bereichert, ist im jeden Verstande kein Uebel.
Ihre Abwesenheit aber würde bey jeder bürgerlichen Gesellschaft nicht bloß ein Zeichen, sie würde die Ursache ihres elendern Zustandes und Schwachheit seyn. Je weniger Aufwand, sich Bequemlichkeiten zu Verschaffen, gemacht wird, destoweniger bedarf man fremder Arbeit; destoweniger empfangen andre von uns. Nicht jeder im Staate hat liegende Gründe, oder Geld. Die meisten leben von der Arbeit ihrer Hände. Je weniger also die Vermögenden ihrer Arbeit bedürfen, desto weniger sind sie im Stande, sich den Lebensunterhalt zu verschaffen: und desto weniger eine Familie zu ernähren; folglich desto minder zu heurathen. Und was wird ein Staat seyn, dessen abgehende Bürger nicht durch Ehen ersetzt werden? — Weiter wirb es in einem solchen Staate nur zwo Gattungen von Bürgern geben können, Besitzer des Geldes, und Besitzer der Grundstücke: die Besitzer des Geldes werden sich anfänglich für ihr Geld die Speisewaaren erkaufen: allein die Besitzer der Grundstücke werden viel fodern; und da das Geld nichts trägt, wird es bald abnehmen. Nun werden Grundstücke die einzigen Reichthümer seyn; und das Geld, welches derselben Besitzer an sich gezogen, wird zu nichts nützen.
Man muß uns also jede Bequemlichkeit entreissen, oder zugeben, daß dieselben zu dem Wohlstand der bürgerlichen Gesellschaft nützlich find. Allein nun wird man die Sache auf die bloß nützlichen Bequemlichkeiten einschränken, und die überflüssigen verbannen wollen. Schaffen Bequemlichkeiten dem Staate Nutzen, weil sie einer Menge Bürger den Unterhalt geben, welche ihn ohne sie nicht gefunden hätten; so wird dieser Nutzen nur desto ansehnlicher seyn, je mehrere Bequemlichkeiten erfunden werden. Diese überflüßigen Bequemlichkelten zu erhalten, wird der Reiche mehr Gelb verwenden müssen; dieses Geld wird unter die Arbeiter vertheilet, welche ihm den Gebrauch derselben zuwege bringen; und dieser Zuwachs setzt sie in Stand, selbst auf die nützlichen Bequemlichkeiten einen
Anspruch zu machen , die ihnen vorher gemangelt hätten. Der Genuß dieser nützlichen Bequemlichkeiten macht sie nach überflüssigen lüstern: und da das Mittel, solche zu erlangen, die Reichthümer sind, zu welchen sie zu gelangen durch Anstrengung Hoffnung haben; so schärfen sie den Fleiß, und dadurch entstehen abermals neue Nahrungsarten für unvermögendere Arbeiter, die wieder mit der Verbesserung ihrer Umstände ihre Begierden erweitern, und um solche zu
befriedigen, neuen Bequemlichkeiten nachsinnen und sie erfinden. Die inländische Verzehrung wird nun nicht für ihre Wünsche groß genug seyn; sie werden also auswärtigen Vertrieb suchen: die Lockungen, welche sie Fremden vorhalten, werden ihnen diesen Vertrieb leicht zuwege bringen. Andere Völker werden an diesen Bequemlichkeiten entweder für Geld Antheil nehmen, und der Staat wird einen Zufluß am relativen Reichthums haben; oder sie werden selbst ihren Sitz daselbst aufzuschlagen suchen.
Wann die Gegner der Ueppigkeit wider sie eifern; so ist das Bild, daß sie uns von derselben machen, stets, wenn man so sagen darf, eine Caricatur. Der gelehrte Herr Oberconsistorialrath Süßmilch ist einer seiner fürchterlichsten Gegner, indem er die stärksten Gründe, welche ihm seine tiefe Gelehrsamkelt und Einsicht darboten, durch eine von patriotischem Eifer belebte Beredsamkeit schärfet. Ist die Ueppigkeit dasjenige, wofür er es ausgiebt; so hat er recht
zu schreiben: *) Dieß ist die Pest, welche alles vergiftet, und in einen Taumel setzt, daß ein Narr dem andern nachfolgt, daß keiner dem andern will in etwas nachgeben, dadurch man seinen Unterhalt stets kostbarer macht, indem man seine Bedürfnisse der Menge und Beschaffenheit nach vermehret, wodurch endlich ein ganzes Volk auf die Wege geräth, die sich in Armuth und Elend endigen. Aber es sey uns erlaubt, zu sagen, so rednerisch prächtig seine Erklärung der Pracht klinget; so wenig hat sie eine logikalische Richtigkeit; so wenig kann sie zum Grunde einer Streitfrage gelegt werden, der er ein ganzes Hauptstück widmet. Ich verstehe, spricht er, unter dem Worte Luxus,diejenige Pracht, Ueppigkeit, Aufwand, der von aller Ordnung entfernet, der alles verwirret, und die Vornehmen mit der niedrigsten Klasse der Bürger vermischt, welcher einen eiteln Stolz zur Mutter hat, wobey insonderheit niemals ein Stillstand, sondern ein steter Fortgang ist, da vermöge des Hochmuths ein jeder mehr scheinen will, als er ist, die sich endlich alles gleich wird, daß man keinen mehr von andern unterscheiden kann. Ich meyne den Luxus, welcher von dem Hochmuthe erzeugt, von der Unbescheidenheit, Eitelkeit und stolzen Pracht begleitet wird, welcher
die Verschwendung, oft die Armuth, gemeiniglich aber die Weichlichkeit, eine schlechte Denkungsart und höchstschädliche Erziehung der Jugend beyderley Geschlechts, woran dem Staate so sehr viel, wo nicht alles gelegen ist,zur Nachfolge hat. Ist dies das Wesen der Ueppigkeit, wie es diese Erklärung annimmt wem würde es jemals beyfallen, für SIE zu sprechen? soll aber die Ueppigkeit aus wohlgesitteten Staaten verbannet werden; so muß vor allem bewiesen seyn, daß ein überfälliger Aufwand, auch wenn er durch solche Bequemlichkeiten genähret wird, welche im Staate selbst erzeuget werden, dem Staate entweder an relativen Reichthume, oder Bürgern ärmer macht. Und dieser Beweis wird viele Mühe kosten. Es sind eine Menge unbeträchtlicher Einwürfe,die keine Widerlegung verdienen. Hauptsächlich läuft alles, was wider die Ueppigkeit eingeworfen wird, dahinaus: Sie mache den Unterhalt schwer , folglich die Ehen seltner — Sie entziehe den nothwendigen Beschäfftigungen eine Menge Hände — Sie störe das Gleichgewicht der Stände.
Da SIE eine Menge Ueberflüßiges zur Nothdurft macht; so werden viele Men-
schen abgehalten, sich zur Ehe zu entschliessen, wett die Ernährung einer Familie zu viel fodre. So scheinbar dieser Einwurf ist so wenig ist er bey einer nähern Untersuchung gegründet. Die Masse der Bevölkerung beruhet in einem Staate nicht auf dem Adel; sie beruhet auf dem Bürger, auf dem Landmanne: und auf diese hat die Ueppigkeit keinen solchen Einfluß. Niemand kömmt es ein, die Manufakturen, und Fabriken als der Bevölkerung nachtheilig, zu betrachten:
Sie werden vielmehr von jedermann für das vorzüglichste Mittel, dieselbe zu befördern angesehen. Die Ueppigkeit vervielfältiget die Manufakturen und Fabriken, vervielfältiget ihren Absatz; wie kann sie die Bevölkerung einschränken? Der Aufwand der arbeitsamen Klassen wächst nicht anders, als
mit den Mitteln, ihn zu bestreiten. Er ist also nie ein Last, er ist das Zeichen ihres Wohlstandes. Man gebe also wirklich zu, die Ehen des Adels würden seltner ! dem Staate entgeht in der Summe seiner Einwohner nichts; die vervielfältigten Ehen der Arbeiter ersetzen diesen relativen Verlust mit Ueberschuß, weil der Aufwand einer adelichen Familie, für 20. und mehrere Familien der mittleren, und letzten Klasse zureicht.
Daß die Ueppigkeit den nothwendigen Beschäfftigungen nicht die Hände entziehe, und das Gleichgewicht der Klassen der Bürger nicht störe, kann der Gesetzgeber ganz leicht verhindern: er der über das Verhältniß der Stände Obsorge zu tragen, und das Uebergewicht durch seine Maaßregeln zu verhindern hat. * Ist darum die Gelehrsamkeit ein Uebel, weil ihre Reizungen dem Staate so viele Bürger entführen, die als Gelehrte unbrauchbar find, zu andern Beschäfftigungen aber eben sowenig taugen? Er treibt Eitelkeit mit dem Gefolge der Bedienten; ihre Zahl kann bestimmt werden! Locken die Bechäfftigungen, welche der Ueppigkeit frohnen, durch die Größe des Gewinnstes; er kann diesen Gewinnst durch Abgaben ver- mindern, und die Zahl wird bald abnehmen. Ist also die Ueppigkeit an sich selbst kein Uebel; können die nachtheiligen Folgen, woferne einige zu befürchten, gehindert kann sie zu dem allgemeinen Besten nutzbar werden; wozu sollen Prachtgesetze und Kleiderordnungen dienen, welche der Ueppigkeit Einhalt thun, und die Häuslichkeit einführen? Wir läugnen nicht, daß die Häuslichkeit eine Privattugend sey, die ihre Verachter sehr empfindlich bestrafet; aber es ist zugleich gewiß, daß diese Tugend, wenn sie allgemein wäre, für den Staat nicht sehr erwünschte Folgen haben würde. Das größte Unglück, sagt Fortbonais irgendwo, für den Staat würde seyn, wenn die Reichen kein Geld anbrächten.
Laßt uns die zerstreuten Sätze unter einen Gesichtspunkt versammeln. Die Ueppigkeit vervielfältiget die Nahrungswege, mehrt die Bequemlichkeiten der Bürger, begünstiget die Bevölkerung, und zieht von außen dem Staate Reichthümer zu. Aber sie bringt diese Vortheile nur alsdann, wann sie eine Folge der vergrößerten Handlung ist, wann sie nicht nach ausländischer Seltenheit lüstern wird, sondern sich mit inländischen Waaren befriediget. Ist sie oft Privatleuten eine Gelegenheit, sich zu Grunde zu richten, dieß stört die allgemeine Wohlfahrt nicht. Die Reichthümer gehen von einem nur zum andern über , ohne daß der Staat dabey verliert. Umsonst werfen sie ihre Schuld der Ueppigkeit auf: sie ist nicht Schuld an ihrem Verderben; die Thorheit
ist es, sich derselben zu unterwerfen, da es das Vermögen nicht zugiebt. Der Staat kann nicht jedem Privatmanne seine Haushaltung anordnen. Die Unglücklichen, ertheilt ihnen ein Philosoph den Rath, haben ein Hülfsmittel übrig, nämlich die Arbeit; denn überall, wo die Ueppigkeit auf die Handlung gegründet ist, wird Arbeiten ehrlich seyn
Sollen wir endlich unsern Betrachtungen durch Ansehen ein Gewicht geben.- man höre, wie der Verfasser Antimachiavells sich über diesen Punkt erkläret: Die Verschwendung, welche aus dem Ueberfluß entspringt, welche den Reich-
thum durch alle Adern des Staates treibt, setzt ein großes Reich in blühenden Stand, sie vermehrt die Bedürfnisse der Reichen, um sie eben dadurch desto genauer mit dem Armen zu verbinden. Wann ein unvorsichtiger Staatsmann (es sind Worte eines
Königs, die wir anführen) wenn ein unvorsichtiger Staatsmann sich einfallen ließe, aus einem großen Reiche die Ueppigkeit zu verbannen; so würde dieses Reich matt und kraftlos
* Man sehe die Einschränkung, unter welcher die
Einfuhre der Prachtwaaren nicht wohl zu unter»
sagen ist, vom Zoll und Mauthwesen
7. Abschnitt.
Pracht. (Schöne Künste) Man lobt gewisse Werke der schönen Künste, wegen der sich darin zeigenden Pracht. Deswegen scheinet das Prächtige eine ästhetische Eigenschaft gewisser Werke zu seyn, und wir wollen versuchen, den Begriff und den Werth desselben hier zu bestimmen. Ursprünglich bedeutet das Wort ein starkes Geräusch; deswegen man in dem eigentlichsten Sinn dem Donner einer sehr stark besezten und feyerlichen Musik, Pracht zuschreiben würde. Hernach hat man es auch auf sichtbare und andere Gegenstände, die sich mit Größe und Reichthum ankündigen, angewendet; daher man einen Garten, ein Gebäude, Aussichten auf Landschaften, Verziehrungen, prächtig nennt, wenn das Mannigfaltige darin groß, reich, und die Vorstellungskraft stark rührend ist. Es scheinet also, daß man izt überhaupt durch Pracht mannigfaltigen Reichthum mit Größe verstehe, in so fern sie in einem einzigen Gegenstand vereiniget sind; eine Mannigfaltigkeit solcher Dinge, die die Sinnen, oder die Einbildungskraft durch ihre Größe stark einnehmen.
Wahre Größe mit mannigfaltigem Reichthum verbunden, findet man nirgend mehr, als in der leblosen Natur, in den erstaunlichen Aussichten der Länder, wo hohe und große Gebürge sind. Daher nennt auch jedermann diese Aussichten vorzüglich prächtig. So nennt man auch den Himmel, wenn die untergehende Sonne verschiedene große Parthien von Wolken mit hellen und mannigfaltigen Farben bemahlt. Gegenstände des Gesichts sind überhaupt durch die Menge großer Formen, und großer Massen, darin aber Mannigfaltigkeit herrscht, prächtig. Gemählde sind es, wenn sie aus großen, mit kleinern untermengten Gruppen, und eben solchen Massen von Hellem und Dunkelen bestehen, die dabey dem Aug einen Reichthum von Farben darbiethen. Ein Gebäude fällt von außen mit Pracht in das Aug, wenn nicht nur das Ganze in Höhe und Weite die gewöhnlichen Maaße überschreitet; sondern zugleich eine Menge großer Haupttheile ins Auge fällt. Denn es scheinet, daß zu einer solchen Pracht etwas mehr, als die stille, einfache Größe solcher Massen, wie die ägyptischen Pyramiden sind, erfodert werde.
In der Musik scheinet die Pracht, sowol bey geschwinder, als bey langsamer Bewegung statt zu haben; aber ein gerader Takt von 4/4 oder 1/2 scheinet dazu am schiklichsten, und kleinere Schritte des Taktes scheinen der Pracht entgegen. Dabey müssen die Stimmen sehr stark besezt seyn, und besonders die Bäße sich gut ausnehmen. Die Glieder der Melodie, die Ein- und Abschnitte müssen eine gewisse Größe haben, und die Harmonie muß nicht zu schnell abwechselnd seyn.
In den Künsten der Rede scheinet eine Pracht statt zu haben, die nicht blos aus der Größe und dem Reichthum des Inhalts entsteht, sondern auch von der Schreibart, oder der Art, die Sachen vorzutragen, herkommt. Prächtige Gegenstände können gemein und armseelig beschrieben werden. Die Pracht hat immer etwas feyerlich veranstaltetes, und es scheinet, daß ohne einen wol periodirten und volltönenden Vortrag, einen hohen Ton, vergrößernde Worte, keine Rede prächtig seyn könne. Vornehmlich aber trägt die Feyerlichkeit des Tones, und der Gebrauch solcher Verbindungs- und Beziehungswörter, wodurch die Aufmerksamkeit immer aufs neue gereizt wird, das meiste zur Pracht bey. Also, sagt er – Izt erhebt er sich – Nun beginnt das Getümmel – u. d. gl.
Außerdem bekommt die Rede Pracht, wenn die Hauptgegenstände, von denen die Größe herrühret, erst jeder besonders mit einigem Gepränge vors Gesicht gebracht worden, ehe man uns die vereinigte Würkung davon sehen läßt. So ist Homers Erzählung von dem Streit des Diomedes gegen die Söhne des Dares im Anfange des V Buchs der Ilias. Ein gemeiner Erzähler würde ohngefehr so angefangen haben. »Darauf trat Diomedes voll Muth und mit glänzenden Waffen gegen die Söhne des Dares heraus; sie auf Wagen, er zu Fuße« u.s.f. Aber der Dichter, um die Erzählung prächtig zu machen, und uns Zeit zu lassen, die Helden, ehe der Streit angeht, recht ins Gesicht zu fassen, und uns in große Erwartung zu sezen, beschreibet erst umständlich und mit merklicher Veranstaltung den Diomedes. »Aber dem Diomedes, des Tydeus Sohn gab izt Pallas Athene Kühnheit und Muth, u.s.w.« Nachdem wir diesen Helden wol ins Auge gefaßt haben und seinethalber in große Erwartung gesezt worden, läßt er nun seine Gegner ebenfalls feyerlich auftreten. »Aber unter den Trojanern war ein gewisser Dares – Dieser hatte zwey Söhne u.s.w.« Von dieser Pracht in dem Vortrag ist die, welche in der Materie selbst liegt, verschieden. Der Inhalt der Rede bekommt seine Pracht von der Größe und dem Reichthum der Dinge, die man uns vorstellt, und darin übertreffen die redenden Künste die übrigen alle. Welcher Mahler würde sich unterstehen, in einem Gemählde auch nur von weitem die unendliche Pracht der großen und reichen Scenen in der Meßiade nachzuahmen? Denn alles Große, das der Verstand und die Einbildungskraft nur fassen mögen, kann durch die Rede in ein Gemählde vereiniget werden.
Die unmittelbareste Würkung der Pracht ist Ehrfurcht, Bewundrung und Erstaunen. Die schönen Künste bedienen sich ihrer mit großem Vortheil, um die Gemüther der Menschen mit diesen Empfindungen zu erfüllen. Bey wichtigen, politischen und gottesdienstlichen Feyerlichkeiten, ist die Pracht nothwendig; weil es wichtig ist, daß das Volk nie ohne Ehrfurcht und Vergnügen an die Gegenstände gedenke, wodurch jene Feyerlichkeiten veranlasset werden. Da aber der Eindruk, den die Pracht bewürket, wenig überlegendes hat; so ist es freylich mit der bloßen Pracht nicht allemal gethan. Pracht in den Worten, ohne wahre Größe des Inhalts, ist was Horaz fumum ex fulgore nennt. Wenn man bey feyerlichen Anlässen gewisse bestimmte und zu besondern Endzwek abziehlende Vorstellungen zu erweken sucht; so muß man mit der Pracht dasjenige zu verbinden wissen, was diese besondere Vorstellungen mit gehöriger Klarheit zu erweken vermögend ist. Man ließt in der Geschichte der mosaischen Gesezgebung, daß durch Donner und Bliz das Volk zu Anhörung des Gesezes vorbereitet worden. So muß die Pracht die Gemüther zu den wichtigen Vorstellungen, die man bey gewissen Gelegenheiten erweken will, vorbereiten.
Pracht ohne wahre Größe, ist bloßes Gepräng, das so gar ins Lächerliche fallen kann. Auch die Pracht, die man bey mittelmäßiger Größe durch überhäuften Reichthum gleichsam erzwingen will, thut nur schlechte Würkung. In Venedig sieht man eine Kirche, die den Namen Sta. Maria Zobenigo hat, wo an der Außenseite alles entweder Säule, oder Bilderblinde mit Statuen, oder Felder mit Schnizwerk ist. Dies ist ein erzwungener Reichthum, der blos ermüdet, und nie die Würkung der wahren Pracht haben kann.
[Allgemeine Theorie der Schönen Künste: Pracht. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, S. 3445
(vgl. Sulzer-Theorie Bd. 2, S. 923 ff.)]