Henriette von Paalzow
Ste. Roche
Von der Verfasserin von Godwie-Castle
Erster Theil
Der junge Marquis d'Anville hatte sich in seine Bibliothek zuruckgezogen, und wir finden ihn in einer fruhen Morgenstunde, wie es scheint, mit sehr ernsten Angelegenheiten beschaftigt. Bestaubte Aktenstucke, deren vergelbtes Pergament und in Kapseln daran niederhangende Siegel auf wichtige Dokumente schliessen lassen, liegen um ihn her auf Stuhlen und Tischen, und werden abwechselnd verglichen und gepruft mit Briefen und Papieren, welche einen neueren Ursprung verrathen und zu Notizen veranlassen, die der junge Mann alsdann nachdenkend in ein kleines Buch verzeichnet. Sichtlich sind ernste, fast schwermuthige Gedanken dabei in ihm angeregt, denn die Stirn, die sonst der Wohnsitz der Heiterkeit zu sein scheint, ist umwolkt und tragt die Furchen tiefen Nachdenkens. Hinter seinem Rucken hat sich indessen die Thur geoffnet, und es naht sich ihm der holdeste Feind trubsinnigen Nachdenkens, seine junge und schone Gemahlin, deren leichter Schritt sie ihm noch nicht verkundet, wahrend sie selbst mit jugendlicher Schuchternheit zu zagen scheint, und ungewiss, ob sie es wagen darf, ihm zu nahen, sich von dem Ernste seiner Beschaftigungen und dem Ausdruck seiner seitwarts belauschten Zuge imponiren lasst. Gern sahe sie sich von ihm bemerkt und herbeigerufen, aber ihre beredten Augen bleiben naturlich, wenn auch auf ihn gerichtet, dennoch gerauschlos, und sie muss sich entschliessen, sich selbst anzukundigen. "Ich bin unbescheiden, Dich zu storen," hebt sie an "aber ich wusste nicht, dass Du so ernst beschaftigt warst." Bei dem Klange dieser lieben Stimme richtet der junge Marquis das Antlitz der Redenden entgegen, und als ob ein Sonnenstrahl den Wolkenschleier durchbrache, so leuchtet das entzuckte Lacheln der Liebe daraus hervor.
"O, Lucile!" ruft er, ihr die Hand entgegenstrekkend, "stets ersehnt, stets erwunscht und zur rechten Stunde, ist nur Deine Entfernung eine Storung fur mich."
"Auch wollte ich mich nur als Botin des Fruhlings bei Dir melden," antwortete nun, in vollig sichere Heiterkeit zuruckgekehrt, die junge Marquise. "Diese Veilchen, die ihr sehnsuchtiges Herz, der Sonne entgegen, unter dem leichten Reife des alten Mooses hervordrangen, sie tragen in ihrem sussen Dufte das ganze Paradies des Fruhlings, sie erinnern mich an ihre Schwestern in der Provence, an die knospenden Buchengange von Arconville."
"Geliebtes Wesen!" rief ihr Gemahl "es liegt zwischen der schonen Wiege unserer ersten glucklichen Tage ein weit abfuhrender Weg, der hier aus diesem Aktenwuste unabweisbar sich entwickelt. Mahnung an den Fruhling kommt mir aber zur rechten Zeit; er giebt mir Muth, Dir eine Reise vorzuschlagen, die Dich schon jetzt den Freuden des glanzenden Hoflebens entfuhren wird."
"Wie!" rief die junge Frau "verstehe ich Sie recht, Herr Marquis? Sie schlagen mir vor, den Hof inmitten seiner grossten Freuden zu verlassen? Haben Sie die Liste ubersehen, die man gestern in den Zimmern der Konigin herumzeigte, die uns wenigstens noch zwolf Balle, ein Caroussel und einen Maskenscherz von einigen Tagen verspricht? Haben Sie die prachtvollen Roben und Ballkleider vergessen, mit welchen Sie Ihre Gemahlin beschenkt, und die noch nicht zur Halfte den Neid meiner schonen Rivalinnen erregt haben? Wollen Sie, dass die Juwelen, um deren Besitz Sie die alte und neue Welt geplundert, die Perlen, nach denen die Wellen des Meeres noch jetzt seufzend am Strande niedersturzen wollen Sie, dass diess Alles umsonst fur den ersten Debut Ihrer Gemahlin verwendet ward? Wissen Sie nicht uberdies, dass wir das Taubenpaar aus der Provence heissen, und dass ich dem tugendhaften Versailler Hofe das nie gesehne Schauspiel gab, ein Jahr nach der Hochzeit noch von meinem Gemahle geliebt zu sein? Wollen Sie, dass ich all' diesen Triumphen entsage, die mein junges Herz berauschen und was wollen Sie mir zum Ersatze bieten?"
"Nichts, Lucile," rief ihr Gemahl mit dem vollen Ausdrucke entzuckter Sicherheit "nichts, als mich entweder sehr wenig, oder Alles? Lass Deine Roben und Juwelen zuruck ich schenke Dir einen Strohut und pflucke Dir selbst die Blumen darauf!"
Die Marquise wandte sich leicht von ihm ab er folgte dem lieblichen Gesichte ihre Augen standen in Thranen aller neckende Muthwille war daraus verschwunden. Als sie schuchtern zu ihm aufblickte, sagte sie mit dem frommen Ernst einer Betenden: "Bin ich nicht zu glucklich?"
"Lass uns dankbar sein und Gott ehren durch ein lebendiges Gefuhl unseres Glucks," sagte der Marquis "es scheint mir ein schoner Gottesdienst, ein gluckliches freudiges Herz sich zu erhalten und sich des Geschenks seines Lebens zu erfreun! Ich furchte nicht, dass mir die Kraft darin erlahmen wird, i h m gehorsam und getrost zu bleiben, wenn trube Tage kommen; denn ein tugendhaftes Gluck lasst die Gaben des Herzens und Geistes unverkummert empor wachsen."
"Ich furchte wenigstens fur Dich nicht, mein Armand," sagte die Marquise mit jenem Lacheln der Bewunderung, das die Blute des schonsten weiblichen Glucks, nur die hochste Achtung in der hingebensten Liebe, giebt "doch lass' mich erfahren, wo Du mir die Blumen fur meinen Strohhut zu pflucken gedenkst, denn es scheint, in den Waldern von Arconville wird es nicht sein!"
"Fur die nachste Zeit wenigstens nicht, liebe Lucile! Meine Gegenwart wird unvermeidlich auf unsern neuen Besitzungen in Languedoc verlangt ich kann die personliche Uebernahme dieser Guter nicht langer verschieben, denn obwohl sie mir seit drei Jahren gehoren, lehnte ich bis jetzt diesen mir widerstrebenden Akt noch immer von mir ab; doch sehe ich ein, dass mein Anwalt Recht hat, der mir die Verwirrungen vorstellt, die nothwendig daraus entstehen mussen."
"Sind das die Guter, die Du von dem Grafen Crecy, dem alten finstern Bruder Deiner Mutter erbtest?" frug die Marquise.
"Sie sind's," erwiederte ihr Gemahl "und selten ist wohl eine Erbschaft, die eine halbe Million betragen mag, mit schwererem Herzen angetreten worden, als diese ja, ich gestehe Dir, dass ich mich noch nie der Revenuen, die daher kommen, zu einer Erweiterung unseres Etats habe bedienen mogen, dass ich mich mehr als den Verwalter dieser schonen Guter, als den Besitzer ansehe, und ziemlich zu ihrer Verbesserung diese Summen wieder verwendet habe, da die lange trubselige Vernachlassigung derselben dies auch nothig erscheinen liess."
"Ich habe Dich noch nie von diesen Besitzungen sprechen horen," sagte die junge Frau "obwohl ich wusste, dass sie Dir gehorten, und ein Umstand mich fur sie interessirte, namlich die Nahe von Ardoise, dem Schlosse meiner geliebten Tante Franciska. Doch sage mir, darf ich erfahren, warum sie diesen seltsamen Eindruck auf Dich machen?"
"Es gehorte viel Zeit dazu, Dir den ganzen Inhalt dieses Gefuhls zu erklaren," erwiederte der Marquis. "Ich brachte das letzte Jahr seines Lebens bei diesem alten unglucklichen Oheim zu, und er hat vor mir in seinen langen schlaflosen Nachten die Geschichte seines truben und schuldigen Lebens mit einer Klarheit der Erinnerung, mit einer Scharfe der Combination entwickelt, die die Fahigkeit hohen Alters zu ubersteigen schien, und nur dem krankhaften, stets lebendigen Reize seines gequalten Gewissens zuzuschreiben war. Er sah mich allerdings als seinen nachsten Erben an, und darum wunschte er mich in der letzten Zeit seines Lebens, dessen Ablauf er erkannte, um sich zu haben aber in diesem Wunsche, dessen Erfullung die Welt nur als die Pflicht des naturlichen Erben nahm, lag weit mehr die Absicht des Unglucklichen, diesen unbestrittenen Erben empfanglich zu machen fur den Gedanken eines moglichen Verlustes dieser Erbschaft; denn der Hauptinhalt dessen, was ich mir vorbehalte, Dir spater ausfuhrlich mitzutheilen, ist, dass die Moglichkeit vorhanden, es lebe noch Einer, der nahere Rechte auf diese Besitzungen habe."
"Mein Gott," rief die Marquise, "wie seltsam ist das! wie spannst Du meine Neugierde! und sage, hat sich nach dem Tode des alten Herrn keine Entdeckung machen lassen? dauert Deine Ungewissheit ohne alle Muthmassungen fort?"
"Die letzten Anzeichen verlieren sich an der nordlichen Kuste von Frankreich," erwiderte der Marquis "aber trotz dem, dass ich nach dem Tode des Unglucklichen die sorgfaltigsten Nachforschungen anstellen liess, hat bisher keine auf eine Spur leiten wollen, die irgend eine Entdeckung versprache; dessen ungeachtet begreifst Du, dass ich diese Versuche fortsetzen lasse und bisher kein Eigenthums-Gefuhl zu diesen Besitzungen haben konnte. Ueberdies sind noch die Erzahlungen von den traurigen und finsteren Dingen, von denen die Hauptbesitzung der Schauplatz war, mir zu gegenwartig, um es wunschenswerth zu machen, mir dort als anerkanntem Besitzer huldigen zu lassen. Und" setzte er lachelnd hinzu "wie findet mich meine junge Gemahlin, dass ich grade dorthin ihr den Weg vorschlagen will, und wahrlich ihr keinen andern Aufenthalt anzubieten weiss, als eben jenes alte verwunschte Schloss von Ste. Roche, von dem mehr Spuck- und Grauelgeschichten die Gegend durchlaufen, als wir in einem Jahre anzuhoren vermochten."
"Nun," rief Lucile "ich bin nicht abgeneigt, mich ein wenig zu grauen, wenn ich nur recht vollstandig dabei in Sicherheit bin und nicht den ganzen Tag daran zu denken brauche."
"Auch schreibt mir mein Verwalter, er habe den rechten Flugel des Schlosses, der uberhaupt ein neuerer Anbau ist, und eine freiere Aussicht und lichtere Raume gewahrt, so viel dies bei der Abneigung der Arbeiter, das Schloss zu betreten, gehn wollte, etwas aufraumen lassen wogegen Dir zum Grauen jedoch noch genug Veranlassung bleiben wird, da ich aufs Bestimmteste verboten habe, den ubrigen Theil des Schlosses anzuruhren bis auf die ausseren Reparaturen der Dacher, Thuren und Fenster. Den linken Flugel musste ich bis auf Dachbefestigungen auch hiervon ausnehmen, denn dieser steht unter einer besonderen Autoritat, die ich zu respektiren habe angeloben mussen in dem ganzen Umfange, wie dies mein Oheim zu thun sich gelobt hatte. Diese Autoritat ist eine alte Frau, welche ihr Leben in diesem Schlosse, und seit einigen funfzig Jahren in diesem Flugel, oder vielmehr in einer kleinen Behausung vor demselben zubringt, welche Niemand den Einlass gestattet und von Niemand dazu gezwungen werden kann, so dass von allen, die dort leben, sich Niemand ruhmen darf, das Innere dieses geheimnissvollen Ortes betreten zu haben. Bevor ich die Guter ubernahm, hauste sie und ein alter Kastellan in diesem Schlosse, und es war die hochste Zeit, dass eine andere Macht dort einschritt, da das alte Schloss, so fest und fast unverwustbar es auch erbaut ist, doch bei der ganzlichen Vernachlassigung, die es, wie alle ubrigen Besitzungen, erleiden musste, allgemach immer baufalliger zu werden begann."
"O, wie sehne ich mich nach Ste. Roche!" rief die junge Marquise "und wie will ich um das Herz der alten Pfortnerin mich bemuhen, dass sie mir Einlass gewahrt in diese geheimnissvollen Gemacher. Doch sage mir nur noch mit einem Worte, ob Du die Geschichte derselben kennst?"
"Ich kenne sie," erwiederte ihr Gemahl "doch dringe vorerst nicht in mich, sie Dir mitzutheilen; es schmerzt mich, diesen Misslaut in Deine reine Seele zu spielen! Wie entzuckt mich der Gedanke, wenn ich Deinen Zauber empfinde, dass das Bose fur Dich nur eine allgemeine inhaltlose Existenz unter den Erscheinungen hat, dessen Dasein Du kennst, ohne dass Dich seine Bedeutung erreichen konnte. Gonne mir das Gluck, Dich zu behuten und zu bewahren lass mich der Engel mit dem feurigen Schwerte sein, der das Paradies Deiner unschuldigen Gedanken bewahrt."
"O, mein Geliebter," rief die junge Frau "welch' ein Wohllaut des Himmels liegt darin, Dir so anzugehoren, dass selbst meine Gedanken Deines Schutzes geniessen! Glaubst Du, dass es eine Neugierde gabe, die starker ware, als dies Gefuhl?"
"Nein," erwiederte er ernst und geruhrt "ich weiss es, die Deinige wenigstens nicht auch denke ich daran, Dir den Inhalt dieser unglucklichen Geschichte spater auf eine Weise mitzutheilen, die Dich weniger verletzt."
"Bis dahin also will ich Gednld haben, die mir leichter noch durch die Aussicht wird, dies schauerliche Geheimniss in seiner Oertlichkeit zu sehen."
"Doch sieh' da Leonce!" rief der Marquis und eilte seinem Bruder entgegen, der mit der freundlichsten Eilfertigkeit in das Zimmer trat. "Willkommen in Paris, Theurer, Lieber! Seit wann bist Du zuruck?"
"Erst seit diesem Augenblick," rief der junge Mann und begrusste herzlich seine liebenswurdige Schwagerin.
"Nun in Wahrheit," rief Lucile, "lieber Leonce, Sie kommen zur rechten Zeit, mich gegen meinen Gemahl in Schutz zu nehmen; denken Sie nur, er verlangt, dass ich Paris verlassen soll, da noch Niemand daran denkt, sich auf seinen Gutern zu langweilen, und Paris in der vollen Blute seiner auserlesenen Freuden steht. Haben Sie ein ahnliches Anerbieten schon jemals gehort? und was meinen Sie, dass ich thun oder nur antworten soll?"
"Was Sie bereits gethan oder geantwortet h a b e n ," rief Leonce mit dem Ausdrucke inniger "Gottlob," rief die heitere junge Frau "unser BruSichtlich traf die Rede den jungen Mann tiefer, als Leonce arbeitete sich mit sichtlicher Anstrengung "Aha!" fiel die Marquise ein "f u r l a n g e b e s t a t i g t ; das heisst so viel, als: wir haben uns auf lange Zeit von der eigenen Verwaltung losgemacht und sind nicht gesonnen, den alten Ahnenbildern und den Schaferspielen der Gobelin-Tapeten auf dem alten Schlosse Gesellschaft zu leisten."
Leonce lachte. "Es ist wahr, schone Spotterin, ich muthete mir eine Einsamkeit in so grossartiger, aber dennoch melankolischer Umgebung nicht zu ich bin noch zu jung, sie suchen zu durfen, ich muss sie sogar furchten, da ich ihren Zauber nicht lange geniessen durfte, ohne ihm zu unterliegen. Dagegen hilft nur ein sehr muthiges Erfassen des Lebens ich denke Dienste zu nehmen, oder noch eine weitere langere Reise zu machen vielleicht," setzte er hinzu, "nach England."
"Nun, dazu gebe ich nimmermehr meine Erlaubniss!" rief die junge Marquise. "Nach England wollt Ihr? wo die Sonne nie klar, voll und warm Euch bescheint, wo die Sturme des Meeres Euer Gehirn austrocknen, und Eure Empfindungen zum Schweigen verdammt sind vor dem melankolischen Gesprach der Wellen. Niemals," rief sie mit komischem Pathos, "gebe ich dazu meine Erlaubniss, und diese musst Ihr doch wohl haben; da ich das einzige weibliche Haupt dieser, Eurer Familie bin?"
Beide Manner lachelten der guten Laune der liebenswurdigen Frau Beifall zu, der Marquis aber umfasste zartlich seinen Bruder. "Du siehst, mein Lieber, welcher Herrschaft wir beide dienstbar sind, ergieb Dich und willige in meinen Vorschlag, Dich uns anzuschliessen. Sieh', die Reise, die ich vorhabe, wird mir herzlich schwer ich gehe nach Ste. Roche, und ubernehme endlich nach langem Strauben diese mir fast verhassten Besitzungen. Lucile hat eingewilligt, mich zu begleiten; ich mochte ihr zum Lohn fur so viel Nachgiebigkeit gern ihren alten Spielkameraden mitfuhren, denn meine Angelegenheiten werden meine Zeit mehr in Anspruch nehmen, als ihr lieb sein wird."
"Thut das, Leonce," sagte Lucile "und ich will schon dafur sorgen, dass Euch die trubseligen Gedanken vergehen, wenn wir uns auch nicht viel auf aussere Hulfsmittel werden verlassen durfen, da wir in ein wahres altes Gespensterhaus einziehen."
Leonce schwieg noch immer, und der Ausdruck seiner Zuge veranderte sich wieder bis zur Dusterheit; er schien kaum die liebevollen Worte zu verstehen, eigene Gedanken mussten dazwischen getreten sein.
"Gieb es auf, Armand," sagte die Marquise "auf diesem Gesichte steht kein Ja! Das ist die Miene, die ich mehr furchte, als Dein Geisterschloss und kann er uns nur mit ihr begleiten, so behute mich Gott, dass ich ihn mitnehme, er zoge die Geister wie mit Magneten an sich, anstatt er mir helfen soll, sie abzuwehren."
"Leonce," sagte der Marquis zartlich besorgt, "Du bist wirklich seltsam!"
"Vergebt mir," rief Leonce, sich jetzt emporraffend "ich habe sehr Unrecht! Gewiss, Ihr habt Ursache mir zu zurnen, mich thoricht und undankbar zu schelten aber glaubt mir, auch fur mich ist eine wichtige Zeit gekommen ich stehe auf dem Punkte, auf welchem man sich furs folgende Leben eine Richtung geben oder ihrer fur immer entbehren muss. Ich bedarf der Thatigkeit, um mich zu zerstreuen Zerstreuung soll hier nicht Zeit-Todtung heissen, ich fande sie sonst wohl in Paris sie soll das Anbauen, Anranken, Durchdringen des Kerns des hoheren Lebens bezeichnen, und kann ich dann nicht glucklich, will ich doch eines besseren Schicksals werth sein." Er war wieder blass geworden bei diesen Worten, und von der tiefsten Bewegung ergriffen, druckte er sich einen Augenblick in die Arme des Marquis. "Es scheint mir, ich habe keine Zeit zu verlieren", fuhr er ruhiger fort; "daher blieb ich bei Eurem Vorschlage zweifelhaft, und das Nachdenken, worin er mich versetzte, ist mir nachtheilig."
"Und jetzt musst Ihr mit, Leonce!" rief die Marquise munter dazwischen "eben habe ich es entschieden. Ueber Lebenspfade, hohere Richtungen und wie Ihr das alles nennt, entscheidet man am besten auf Reisen nicht auf so hastigen und ungestumen Reisen, als junge Manner machen, wenn sie allein sind, sondern auf solchen, wo man, in bequeme Kutschenkissen gedruckt, an der Seite irgend einer guten, geschwatzigen, launenhaften, lustigen Frau, dahin rollt ausser Thatigkeit gesetzt, doch dem Zwecke gemass sich verhalt, also ohne Gewissensbisse zum mussigen Nachdenken ubergehen kann, wenn die Nachbarin sich mude geschwatzt, oder uber ihre Reisekleider nachdenkt, oder ihre Sieste halt da, mein lieber Leonce, tritt der Moment ein, wo uns grosse Gedanken kommen Lebensrichtungen sich von selbst offenbaren, und ohne den schwerfalligen Wust, den Stadt- und Zimmerluft umhangen; vielmehr wird da Alles klar, hell und heiter, wie die Luft, die uns umstromt, wir vergessen nicht, dass das Leben, das wir mit mystischer Spekulation ergrunden wollen, vor allen Dingen s c h o n ist, und es keine sanftere Wiege giebt, als in den Mutterarmen der Natur und in diese Wiege sollt Ihr, Leonce, und diese Hand legt Euch hinein, trotz des Missverhaltnisses der Grosse denn Euch fehlt etwas Gott weiss, was! das muss erst heil werden, ehe Ihr entscheidende Schritte thut."
Mit innigem Wohlgefallen betrachtete der Marquis seine holde Gemahlin, die ihm so ganz aus dem eigenen Herzen gesprochen hatte. Freundlich druckte er ihre deklamirenden Hande. "Ich danke Dir, Lucile, dass Du ihm Alles gesagt, was ich dachte; lass' mich hinzufugen," fuhr er gegen Leonce fort, "dass Dich jetzt in dieser Stimmung zu verlassen, mir fast unmoglich sein wurde, und da ich doch kaum bleiben konnte, es mein einziger Trost ist, Dich mit mir zu fuhren. Rechne darauf, dass Du mit Deinen direktesten Freunden reisest, die Dir ganz allein uberlassen werden, was Du fur nothig halten wirst, ihnen mitzutheilen."
"Abgerechnet," lachte Lucile, "was ich ihm gelegentlich ablocke oder ablausche."
"So bleibt mir denn keine Wahl," rief Leonce, und sein tragischer Ton verhiess noch wenig Sinn fur die heitereren Anklange seiner jungen Beschutzerin. "So will ich denken, Ihr seid mein Schicksal; nehmt mich mit Nachsicht hin, ich will Eurer Liebe ganz vertrauen ja, ich folge Euch! Aber versprecht mir, dass Ihr mich nicht aufhalten wollt, wenn ich Euch spater doch sage, dass ich fort muss."
"Ich verspreche nichts, als mich jetzt zur Reise zu rusten," rief die Marquise, "und Eures Winkes gewartig zu sein. Richtet jetzt Alles zu meinem Wohlgefallen ein; denn ich will mir einen Vorrath von Einfallen und Capricen sammeln, an denen Ihr beide genug zu thun haben sollt."
Hold grussend entschlupfte sie den Brudern. Als die Thure sich hinter ihr schloss, warf sich Leonce sturmisch in die Arme seines Bruders. "Glucklicher, Glucklicher!" rief er "Dir haben die Engel in der Wiege gelacht, als sie Deiner Zukunft dies Geschenk verhiessen! Dich trennten keine Vorurtheile, keine Launen des Zufalls von dem einzigen und hochsten Wunsche Deines Herzens!"
"So ist es, Leonce," sagte der Marquis fast verlegen uber diese Rede "und ich hoffe, wir sind beide unter guten Zeichen geboren; auch Du wirst glucklich werden."
Leonce schuttelte leise den Kopf. Beide trennten sich zu den nothigen Anordnungen der Abreise. Die Strahlen der Fruhlingssonne erhellten die keimende, knospende Erde, und schienen das Geschaft ihrer Entwickelung mit dem Eifer eines Gebers zu betreiben, der sich seines Reichthums bewusst ist und das Gluck, womit er den Bedurftigen uberschuttet, zu sehen trachtet. Fast hatte man von Stunde zu Stunde die Blatter und Halme zahlen konnen, die sich aus ihren warmen Strahlen zu erschaffen schienen, und ein Tag verhiess schon fur den nachsten die sussesten Wunder.
Wir finden ein Auge in dem Bereiche, dem wir uns nahen, das mit besonders theilnehmendem Ausdrucke diesem Naturtreiben zusah, und Geist und Herz daran zu erquicken trachtete.
In einem von der Sonne erwarmten Gartensaale sass in der offenen Thure Franciska, Grafin d'Aubaine, in friedlicher Stille und Einsamkeit.
Die breiten Buchen- und Lindenwege, die Ardoise zieren und den Park mit dem kleinen Flecken, der dazu gehort, durchschneiden, gaben mit ihren durchsichtigen hellgrunen Blattchen schon eine feine Schattenlinie auf die dazwischen durchblickenden Wiesen und Rasenplatze, die vom Schlosse aus durch jene phantastisch geschnittenen Hecken unterbrochen waren, welche die Architektur fortzupflanzen trachten, den wirklichen Gestaltungen der Natur entgegen tretend.
Das alte Herrenhaus von Ardoise lehnte seinen Rucken gegen die wildreichen Walder dieser schonen Besitzungen, und trennte und schutzte es gegen die an seinen Grenzen hinlaufende Landstrasse. Es hatte daher den doppelten Vorzug einer ungestorten Einsamkeit und einer leicht zu unterhaltenden Kommunikation mit den nahe liegenden Ortschaften und Nachbargutern.
Die Grafin d'Aubaine wusste jetzt beide Vorzuge wohl zu schatzen, wenn in fruheren Jahren eine bestimmte Richtung ihres Innern ihr den ersteren als den vorherrschendsten bei der Wahl ihres Aufenthaltes hatte erscheinen lassen. Bis zum Tode ihrer Aeltern hatte sie abwechselnd hier und auf deren Stammschlosse Mont Real gelebt. Dies war ihrem Bruder zugefallen, und nachdem sich auch ihre jungste Schwester, die Mutter der Marquise d'Anville, an den Grafen Maurepas vermahlt hatte und dessen Guter bewohnte, zog die Grafin Franciska vor, in Ardoise ihren Wohnsitz zu nehmen.
Sie war unvermahlt geblieben und ohne, dass uber die Erlebnisse ihrer Jugend etwas Bestimmtes bekannt gewesen ware, genoss sie von Aeltern, Geschwistern und Freunden die stille ehrende Schonung, mit der man das unverschuldete Missgeschick betrachtet, und die Fugsamkeit in ihren Willen, die man so gern den kleinen Rettungsmitteln widmet, womit ein blutendes, aus dem naturlichen Kreise des Lebens verschlagenes, Herz sich zu schutzen sucht. Auch war die Rucksicht, die sie unaufgefordert ihren Angehorigen auferlegte, keine schwer zu leistende. Ihre Seele war durch das Erlebte den schonen Gang einer wahren Resignation gegangen; losgelost von eignen Hoffnungen und Wunschen, suchte sie sich in keiner ausseren Erscheinung mehr, und war um so hingebender und theilnehmender fur die Zustande um sich her. Selbst ihr vorherrschendstes Bedurfniss: Ruhe, befriedigte sie nie auf Unkosten einer freundlichen Hingebung an die gelegentlichen Anforderungen, sich gesellig zu erweisen und die ganze tiefe umfassende Erfahrung des Unglucks, die ihr geworden, diente ihr nur, ahnlichen Zustanden mit Rath und Theilnahme zu begegnen. Sie kannte keine grossere Wohlthat, als den Anblick glucklicher Menschen, sie nannte sich scherzend darin eine Epicuraerin, und liess nicht ahnen, wie sie das Ungluck aufsuchte und sich ihm hinzugeben verstand, wenn um sie her in dem weitlaufigen Schlosse der Frohsinn zu herrschen schien, den sie sowohl zu wecken und zu unterhalten verstand. Ihre eigene, fruhzeitig von Kummer gezeichnete Gestalt konnte nicht mehr das zeigen, was sie gern bei Andern sah. In der Mitte des Lebensalters, trug sie doch das Ansehn einer Matrone; nur ihre hohe Gestalt war fein und schlank und von dem edelsten Anstande getragen. Die einst so schonen braunen Locken waren schon in Silbergrau verwandelt und bildeten den Uebergang zu dem vollig erblassten stillen Angesichte, dessen tiefgedruckte Augenbrauen und niedergezogene Mundwinkel die ruhrenden Zuge eines Kummers darstellten, der Zeit gehabt hatte, die reichste Schonheit zu seiner Reprasentantin umzuwandeln. Sie trug immer einfache schwarze Kleidung, und die Mode ging unbeachtet an ihr hin, wie sie es unbeachtet zuliess, dass ihre alte Kammerfrau von Zeit zu Zeit in nicht storenden Anordnungen ihr nachzukommen suchte. Angebetet von ihren Dienstleuten, war sie das Kleinod der Familie, und wie man einen kostbaren Schmuck wohlverwahrt lasst, seinen taglichen Genuss nicht wagend, sich des schonen Besitzes sicher wissend, so unterbrachen alle die heilige Ruhe der Tante nur selten, des erwarmenden Gefuhls gewiss, dass sie ihnen lebe, sich ihnen nie zu entziehen strebe.
Diese stille Abgeschiedenheit sollte jedoch eben an dem Tage, wo wir uns in Ardoise einfuhren, eine kleine Umwandlung erleiden, denn die Grafin d'Aubaine war in Erwartung einer jungen Gefahrtin ihrer kunftigen Tage.
Der fruhe Abend hatte sie in ihre oberen Gemacher gefuhrt, wo die leichte Glut eines Kaminfeuers und der helle Schein der Kerzen noch die Beschaftigungen des Winters zuruckrief.
Einige Stunden spater fuhr ein verschlossener Reisewagen mit den Livreen der Grafin durch die nun vollig in Dunkel gehullten Wege des Waldes dem Schlosse zu. Die Thorwachter offneten die eisernen Gitter, die den Hofraum umschlossen, und der Wagen fuhr in den Portikus des Hauses.
"Ist die Frau Grafin noch zu sprechen?" fragte St. Blace, der alte Kammerdiener derselben, und hob sich langsam aus dem bequemen Bocksitze.
"Sie haben befohlen, sogleich die junge Herrschaft einzufuhren," antwortete Mr. Lorint, der Haushofmeister, "und sind besorgt um ihr langes Ausbleiben."
"Nicht meine Schuld, nicht meine Schuld, Mr. Lorint!" rief St. Blace, "wir haben keinen Mondschein, und die Wege im Walde sind noch feucht und aufgeweicht von der Regenzeit wir konnten nur langsam vordringen."
Indem nahten sich Beide dem Wagenschlage, und ihn offnend, hob sich ihnen zuerst die alte Kammerfrau der Grafin, Madame Sulpice, entgegen und liess sich, in ihre Pelze und Mantel gewickelt, von ihren beiden Kameraden uber den Tritt der Kutsche ziehen.
"Ah, Mr. Lorint!" rief sie freundlich "ich hoffe, wir finden Alles wohl auf in Ardoise und kommen zur gesegneten Stunde."
"Ihro Gnaden wenigstens fuhrten ein leidliches Wohlbefinden, und sonst fiel seit zwei Tagen nichts zu vermelden vor."
"Desto besser, Mr. Lorint k e i n e Neuigkeiten besser als trube," erwiederte Mad. Sulpice. "Darf man Euer Gnaden ersuchen, auszusteigen?" fuhr sie, gegen den Wagen zuruckgewandt, fort.
Voll Neugierde beeilte sich jetzt Mr. Lorint der Angekommenen Hulfe zu leisten. Alle Bewohner Ardoise's sahen auf die Veranderung in dem Leben ihrer Gebieterin, die ihr nach so langer Einsamkeit eine stete Begleitung, eine Lebensgefahrtin, wie sie sich selbst daruber ausdruckte, geben sollte, mit einem Erstaunen und einer Erwartung, die man wenigstens durch die Erscheinung des Gegenstandes selbst gerechtfertigt zu sehen hoffte.
Mit der Leichtigkeit der Jugend betrat jetzt den Kutschentritt eine schlanke feine Gestalt, welche den Flor der Haube so uber die Stirn gezogen trug, dass nur das blendend weisse Kinn und der schone Mund sichtbar waren. So getauscht sich Mr. Lorint hierdurch fand, schloss er doch gleich mit sich ab hier eine junge Schonheit zu sehen, und als sie den Boden betrat und mit dem reinsten franzosischen Accent ihn anredete, beschloss er, sie des Vorzugs, den sie eben einzunehmen im Begriff war, wurdig zu erklaren.
"Und werde ich die Grafin d'Aubaine diesen Abend noch sehen?" frug die junge Dame mit einem sanften Tone der Sprache.
"Ich eile, Euer Gnaden zu melden," erwiederte Lorint, "und bitte unterthanigst mir zu folgen."
Die Fremde nahm mit einigen dankbaren Worten von ihren beiden Reisegefahrten Abschied und stieg hinter Lorint die heitere breite Treppe hinan, die, gastlich erhellt, den schonen Marmor der Wande mit seinen kunstreichen Verzierungen zeigte. Lorint offnete einen Vorsaal und beurlaubte sich dann, in eine Nebenthure verschwindend. Kaum sah sich die Fremde allein, als ihr Herz von der tiefen Bewegung uberfloss, welche sie zu beherrschen getrachtet hatte. Die heissesten Thranen sturzten aus ihren Augen, und sie verhullte das Gesicht, dem Schmerze ihres Herzens sich hingebend. Einige Augenblicke hatte sie so den Tribut gezahlt, den eine plotzliche und vollstandige Umanderung aller bisher gekannten und lieb gewesenen Verhaltnisse dem jungen Herzen abnothigten, als sie durch den Gedanken, im nachsten Augenblicke derjenigen gegenuber zu stehen, die sich mit allen Beweisen von Liebe und Theilnahme ihr schon in weiter Ferne bis zum gegenwartigen Tage genaht hatte ihre Thranen versiegen machte und ein neues Bemuhen herauf rief, ihre schmerzliche Aufregung zu beherrschen. Sie trocknete ihre Augen, und ihren Mantel ablegend, gewahrte sie nun erst die Schonheit des Raumes, in dem sie sich befand, der von zwei Kaminen und vielen geschickt vertheilten Kerzen, die ihr Licht von hell polirten Wanden und Fussboden wiedergaben, erleuchtet wurde. Ihre Aufmerksamkeit ward sogleich durch einige lebensgrosse Bilder in Anspruch genommen, Personen aus der Familie darstellend, welche die Fremde in den Kreis einzufuhren schienen, dem sie kunftig angehoren sollte. Es waren schone, edle Gestalten, und ihr Auge blieb mit besonderer Theilnahme an den Zugen einer Dame hangen, welche, im Brautschmucke gemalt, mit so unbeschreiblich anziehenden Mienen auf die junge Beschauerin niedersah, als wolle sie ihr Muth und Lebenshoffnung einreden.
"Ach," seufzte sie leise, "waren das die Zuge der Grafin d'Aubaine, wenn auch von der Zeit der jugendlichen Schonheit beraubt! Wie unbeschreiblich wohl wird mir in Deinem Lacheln als hatte ich Dich langst gekannt, als wusstest Du Alles, was in meinem Herzen vorgeht!"
Indem offnete Lorint die Flugelthuren und lud das Fraulein zum Nahertreten ein. Durch mehrere Gemacher, welche alle, erhellt und vom Kaminfeuer belebt, den Hauch des Geistes trugen, der nur im steten Gebrauche ihnen ihr ansprechendes Dasein einflosst erreichte die Fremde ein Kabinet, das die Zimmerreihe schloss, und, mit grunen, seidenen Vorhangen rings umhangt, wie Waldeinsamkeit und Stille den Wohnenden umfing. An der Schwelle stand plotzlich die hohe Gestalt der Grafin d'Aubaine. Es waren zwar nicht die Zuge, die aus jenem Bilde lachelten, aber wer hatte der sanft verklarten Dulderin in die milden blassen Zuge blicken konnen, ohne zu glauben, er habe gefunden, was er suche.
"O Elmerice," rief die Grafin, das schnell zu ihren Fussen gesunkene Madchen mit beiden Armen umfassend, "suchst Du keinen andern Platz bei Deiner zweiten Mutter?"
Unfahig zu sprechen, sank Elmerice an ihren Busen. Die Grafin, welche jede allzugrosse Erweichung scheute, rang sichtlich mit ihren Gefuhlen, das liebe Wesen, welches sie innig an sich gedruckt hielt, in der naturlich grossen Bewegung zu stutzen.
"Blicke auf, mein Kind, und sei getrost! Du hast e i n e M u t t e r , ich die Freundin meiner Seele verloren! Ach, glaube mir: Du bist mir ein heiliges, uber Alles theures Vermachtniss, und dass sie mit dieser letzten Gabe ihres Lebens mich noch beglucken und ehren wollte, das ist ein Zeugniss ihrer Liebe, woran ich Dich erinnere, dass Du fuhlst, wie sie mich hochhielt, und daran Dein Vertrauen zu mir knupfest."
"Ach, Frau Grafin," rief Elmerice, "wie konnte ich jetzt erst Gefuhle anknupfen wollen, bei denen ich gross gezogen ward meine Aeltern, so lang ich sie beide besass, wetteiferten, Euch zu lieben!"
Elmerice zartlich umschlingend und sie zu sich in das Ruhebette niederziehend, sagte die Grafin: "wie ruhrt mich so viel Liebe, wenn sie, auch unverdient, nur den Geber ziert. Wie ruhrt es mich, dass Deine Mutter so das Herz Deines Vaters bestimmte, ihm fur die nie Gesehene, Ungekannte, eine so warme Theilnahme einzuflossen!"
"Mein Vater kannte Euch nicht?" rief hier Elmerice uberrascht, "wie ist dies moglich? Er muss Euch gekannt haben, denn von ihm erbat ich es oft mir, Euch und Ardoise zu schildern."
"Und that er das?" frug lachelnd und uberrascht die Grafin.
"O hattet Ihr es gehort! Wie ich die Treppe hinauf stieg, erkannte ich Ardoise nach dieser Beschreibung sogleich wieder und je langer ich Euch betrachte, jemehr erkenne ich das Bild, das er von Euch entwarf, tragt Ihr freilich auch nicht mehr Eure Lieblingsfarbe, das schone Himmelblau, die weissen Rosen im Haare, worin Ihr den Engeln glichet."
"Seltsam!" sagte die Grafin, leicht errothend vor sich niederblickend "doch glaube mir, ich sah ihn nie, aus den Erzahlungen Deiner Mutter kannte er dies; sie schmuckte mich zuerst bei ihrem Aufenthalte in Ardoise an dem Namenstage meiner Mutter, so wie Dir gesagt ward. Viele Jahre trug ich so am liebsten mich, schwere verhangnissvolle Erinnerungen sind an dies Kleid geknupft, und da man es oft als zu meinem Leben gehorend erwahnt hat, wird es auch so Dein Vater erfahren haben."
Elmerice schwieg, aber das gesenkte Angesicht zeigte, wie unbegreiflich ihr diese Annahme schien. "Mein Vater war aber in Frankreich, er ist in Paris erzogen," fuhr sie endlich fort, fragend in das Antlitz der Grafin blickend, denn ihr schien jetzt nichts mehr recht sicher, da dies Eine, woran sie so bestimmt geglaubt, ihr in Abrede gestellt ward.
"So horte ich von Deiner Mutter, liebste Elmerice. Herr Eton, Dein Grossvater, gehorte zu den selten gebildeten englischen Geistlichen, die ihren Kindern keinen grossern Vorzug mitzugeben trachten, als eine ausgezeichnete Erziehung. Dein Vater muss eine vollendete Bildung erhalten haben."
"Wie konnt' ich bestimmen," rief Elmerice mit Enthusiasmus, "auf welcher Hohe d e r stand, welcher um sich her die Hoheit und die Wurde jeder menschlichen Tugend verbreitete? Er war selten heiter, und ich habe Menschen gekannt, die dies zu tadeln suchten aber wie hatten wir uns ihn anders denken konnen, wie glauben, er konne die gewohnliche Gabe des Frohsinns besitzen, so erhaben wie er vor uns stand! O, er war ja nie finster, nie unfreundlich und gab es etwas, was sich mit seiner Freundlichkeit hatte vergleichen konnen? Ich, sein gluckliches Kind, an das er seine ernstesten Blicke in Huld und Gute umwandelte, wie war ich bezaubert von diesem Lacheln! Wenn er plotzlich eintrat, wo ich mich befand, und nur mein Arm, meine Hand nachlassig danieder hing ich fuhlte es als einen Vorwurf und ruckte mich beschamt zurecht, und wagte nicht, kuhn zu ihm aufzublicken, nicht laut zu sprechen, wenn er still und sinnend in langen, stummen, innern Anschauungen da sass und seine blosse gerauschlose Gegenwart uns beherrschte, als ob ein Konig unter uns ware. Man spricht von Menschen wie von Fabeln, die durch die Gewalt ihrer Augen ihre Mitgeschopfe beherrschten; so war mein Vater! Ich habe ihn, statt Worte zu sagen, anblicken sehn, und die Macht der erschutterndsten Rede hatte nicht siegender wirken konnen der ausgelassenste Uebermuth sank vor diesen Augen zusammen. Zu ihm kamen die ausgezeichnetsten Menschen und forderten Rath; seine Gesellschaft, seine gelegentliche Unterhaltung mit Einem oder dem Andern war eine hohe Ehre, dessen sich die Besten ruhmten und stolz darauf waren. Sein Tod brachte die Grafschaft in Bewegung, ein Jeder eilte herbei, ihn noch ein Mal zu sehen." Hier schwieg Elmerice plotzlich ihr kindlicher Enthusiasmus hatte sie so nach Aussen gedrangt, dass sie sich selbst ganz aus den Augen verloren; die Erwahnung seines Todes aber weckte ihr eigenes Gefuhl; der Schmerz, belebt durch das Bild seiner Vorzuge, das sie in Liebe gluhend heraufgerufen, durchzuckte sie jetzt mit dem Gefuhle seines Verlustes grosse Thranen fielen wie Perlen aus den Augen sie vermochte nicht weiter zu sprechen.
Die Grafin d'Aubaine hatte dies fast vorausgesehen freundlich war sie beeilt, sie zu unterbrechen: "Ich wollte, Du hattest Recht, Elmerice, und ich hatte Deinen Vater gekannt, den Du so lebhaft vor meine Seele fuhrst. Wohl hatte mir Deine Mutter stets seinen hohen Werth geruhmt, und ich hielt ihn so in meinen Gedanken fest; doch hast Du mit Deiner kindlichen Liebe ihn noch schoner, bedeutender gezeichnet, als die stets bescheidene Freundin, die sich eines solchen Glucks kaum zu ruhmen wagte und mich uber tausend Dinge, die mir wichtig schienen, zu erfahren, und eben Deinen Vater angingen, in Ungewissheit erhielt. Die Liebe eines solchen Mannes gewonnen zu haben, wollte sie nie einraumen, so dass es demjenigen, welcher nicht, wie ich, ihr bescheidenes Herz kannte, fast hatte scheinen konnen, sie nur sei die Liebende gewesen, unberechtigt, von solchem Mann eine Erwiederung zu erwarten."
"Ja," rief Elmerice lebhaft, "Ihr sprecht es aus, wie es auch mir oft, doch nicht so klar ausgedacht, erschien ich glaube selbst, meine Mutter hielt es fur unmoglich, von solchem Manne geliebt zu sein! So wunderbar schon stand sie ihm zur Seite, als wolle sie ihm blos abwehren, was ihn verletzen konne. Ach, Frau Grafin, Ihr werdet das Alles besser wissen, als ich Euch sagen konnte aber grosse Leiden muss mein Vater erlebt haben, bevor er sich in die Einsamkeit begrub, wohin ihm meine Mutter folgte. Oft machte sie Andeutungen, die mich ahnen liessen, dass seltene und ungemein harte Verfolgungen ihn trafen."
"Nein, mein theures Kind," antwortete die Grafin, "ich bin davon nicht unterrichtet. Wie ich Dir sagte, beobachtete Deine Mutter die grosste Schuchternheit in Mittheilungen hinsichtlich ihres hauslichen Lebens, so innig auch sonst der Austausch unserer Seelen war. Von ihrer Liebe zu Deinem Vater erfuhr ich nur, als sie ihm bereits ihre Hand zugesagt. Diese Zuruckhaltung uberstieg fast das Maass eines liebenden Madchens, es trug etwas Geheimnissvolles an sich, und ich gestehe Dir aufrichtig, dass sie sich bemuht, mich glauben zu machen, nur sie liebe ihren Gemahl, s i e geniesse blos seine Achtung, seine Freundschaft. Du weisst, dass Deine Mutter die Cousine Deines Vaters war er lernte sie bei seinem Vater kennen, sie verliess mit ihm gleich nach ihrer Vermahlung Yorkshire, und Herr Eton, Dein Vater, kaufte sich in Schottland an, wo Du geboren und erzogen wurdest. Wenn ich nicht irre, grenzte dies Besitzthum an das Schloss Leithmorin, das dem intimsten Freunde Deines Vaters, dem Lord Duncan, gehorte."
"Ja," sprach Elmerice, sich schnell entfarbend, "der kleine Garten unseres Hauses stiess mit dem Parke des Lord Duncan zusammen; wir haben wie E i n e Familie gelebt nur getrennt, wenn auf dem Schlosse Besuch einkehrte, denn hieran Theil zu nehmen, konnte meinen Vater selbst seine Liebe zu Lord Duncan nicht bewegen; doch sah er es gern, wenn ich unter der Aufsicht der ehrwurdigen Lady Duncan die Freuden der Geselligkeit kennen lernte."
"Lord Duncan war jedoch bedeutend alter, als Dein Vater," hob die Grafin wieder an, der die schnelle Verlegenheit des jungen Madchens nicht entgangen war; "er musste erwachsene Kinder haben."
"Der alteste Sohn von Mylord," erwiederte Elmerice, "ist bereits seit zwei Jahren vermahlt er hatte noch einen erwachsenen Sohn, Lord Astolf, und Lady Marie, meine liebe Freundin, zwei Jahre alter als ich."
"Mein armes Kind," rief die Grafin, vvn einer plotzlichen Ahnung beruhrt "so viel liebe Freunde, eine so gluckliche Lage musstest Du in Deinem Vaterlande verlassen, um zu einer alten melankolischen Frau zu gehen, die keine andere Anziehungskraft fur Dich haben kann, als die Liebe Deiner Aeltern? Kaum begreife ich Lady Duncan, dass sie Dich zu mir entliess, kaum das grenzenlose Vertrauen Deiner Mutter, Dich dem gewohnten Kreise zu entziehen, und einem Dir sogar bis auf Land und Sprache fremden hinzugeben."
Elmerice schwieg ihr Kopfchen hing bewegt auf ihrer Brust, unverkennbar lag auf diesen weichen jugendlichen Zugen das feine Lineament des ersten Kummers. Die Grafin glaubte sich nach diesem stummen Augenblicke in das Geheimniss ihres Schutzlings eingeweiht, und von tiefer Theilnahme ergriffen, druckte sie sanft ihre Hand zwischen den ihrigen. Elmerice blickte auf und ihr Schweigen mit dem bittenden Lacheln der Unschuld vertretend, druckte sie schnell die lieben Hande an ihre Lippen.
"O, scheltet mich nicht undankbar," hob sie schuchtern an, "wenn ich nicht schnell Eure Zweifel beantwortete. Nicht verlegen war ich, Euch meine Meinung zu verbergen, nur wie ich sie Euch verstandlich ausdrucken sollte, machte mich verstummen. Nicht unerwartet," fuhr sie fort, "kam mir diese liebe Bestimmung meiner Aeltern. Mein Vater, der Euch und Ardoise immer im Sinne trug, hatte meiner Mutter das Versprechen abgenommen, mit mir nach Frankreich und in Eure Nahe zuruckzukehren, sobald der Tod, den er sich immer nahe glaubte, ihn abgerufen haben wurde. Meine ganze Erziehung war darauf eingerichtet, in einem Lande nicht fremd mich zu fuhlen, worin er mich spater lebend wunschte. Er war der Sprache vollkommen machtig, die ich durch ihn lernte; seine Erzahlungen beabsichtigten, mich mit Sitten und Gebrauchen dieses von ihm so geliebten Frankreichs, wie mit dessen Geschichte mich so vertraut zu machen, als mit der meines Vaterlandes. Meine Mutter, die seinen Willen in allen Dingen heilig hielt, hatte ihm unfehlbar diesen Wunsch erfullt, hatte sie es vermocht. Ihr wisst es," fuhr sie mit bebender Stimme fort, "wie schnell sich ihre korperliche Hulle aufloste, der Sehnsucht folgend, die sie meinem Vater nachzog. Da hatte sie nur Einen Gedanken, nur Eine Sorge, die, mich Euch zu ubergeben und auch ich theilte nur das Verlangen, diesen ihren letzten Wunsch erfullt zu sehen, und fuhlte bei Euren gunstigen Antworten die Beruhigung, die sie selbst empfand, wenn mich auch der Schmerz ihres nahen Verlustes ziemlich gleichgultig gegen meine Zukunft machte was Ihr wohl naturlich finden werdet."
"O mein theures Kind, wie vermochte ich es anders!" rief die Grafin "aber dennoch, selbst so vorbereitet, ward es Dir sicher nur zu schwer, Leithmorin zu verlassen und Deine arme junge Freundin Marie. Was habe ich damals gelitten, als ich mich von Deiner Mutter trennen musste, die uber zwei Jahre in unserer Familie lebte, und deren Platz nie mehr in meinem Herzen ersetzt werden konnte! Aber obwohl sie sich so glucklich bei uns fuhlte, sie sehnte sich doch zuruck, und ausserdem war ihre Schonheit und Liebenswurdigkeit so gross, dass mein Bruder, der damals in das alterliche Haus zuruckgekehrt war, sie nicht sehen konnte, ohne eine Neigung fur sie zu fassen, der sie durch Entfernung zu entgehen dachte. Deine Mutter gehorte einer jungern Linie eines sehr geachteten Hauses in England an aber mein Bruder durfte sich nur mit einem ebenburtigen Fraulein vermahlen, wenn er Anspruche auf die Titel des Namens d'Aubaine und auf die damit zusammenhangenden reichen Besitzungen behalten wollte. Seine Leidenschaft beherrschte ihn jedoch so, dass es ihm moglich schien, dem zu entsagen, und er mit allen Ueberredungsmitteln in unsere Aeltern drang, ihm die Bewerbung um Miss Eton zu gestatten. Da erfuhr das edle Madchen durch meine Mutter selbst die peinliche Lage meiner Aeltern, und ihr Entschluss war sogleich gefasst. Mein Vater entfernte meinen Bruder auf einige Tage, und unterdessen reiste Deine Mutter unter sicherer Begleitung durch Frankreich bis nach Calais, wo sie von Deinem Oheim, ihrem Bruder, empfangen ward und so nach England zuruckkehrte. Ich habe sie nie mehr gesehen, obwohl wir uns nur mit der Hoffnung des Wiedersehens beim Abschiede trosteten; sie aber hatte durch ihre edle Aufopferung eine ganze Familie gegen die traurigsten Verwirrungen geschutzt freilich" setzte die Grafin nachdenklich hinzu, "sie liebte meinen Bruder nicht."
"Ach," rief Elmerice "so war ihr das Harteste nicht auferlegt! O, wie beruhigt mich diese Versicherung! Wie konnte es mich noch heute, obwohl alle Leiden der Welt langst hinter ihr liegen, schmerzen, wenn sie die hatte durchkampfen mussen, die das Herz erleiden mag, so im Gedrange zwischen ernsten Pflichten und einer reinen Liebe, der heiligsten Empfindung des Herzens! Doch," fuhr sie nach einer Pause fort, da die Grafin im Nachdenken verblieb, "es geschieht wohl oft, dass auf diese Weise Menschen getrennt werden, die von der Natur bestimmt schienen, einander anzugehoren, und Frankreich vor Allen scheint mir durch seine alten Familienvertrage in dem Falle, so harte Verhaltnisse herbei zu fuhren. Mein Vater sagte mir oft davon es war wahrend seiner Anwesenheit daselbst, denke ich, Mehreres geschehen, was ihn darauf hinwies."
"Allerdings;" sagte die Grafin, "dies Land hat ganz die Formen behalten, die zu einer Zeit herrschen mussten, wo es nothig schien, die entstehenden Familien durch solche Vertrage gegen Verbindungen mit dem roheren Theile des Volkes zu schutzen. Nicht, wie jetzt, war Bildung und Sitte ein Gemeingut der Nation, sie fing erst in den Kreisen sich zu entwickeln an, die durch grosseres Grundeigenthum eine gesicherte, ruhigere Existenz gewonnen, und, uber die Anstrengungen fur den Erwerb des Lebens hinaus, Zeit und Gedanken fur eine hohere geistige Entwickelung behielten. Die Geistlichkeit, als Huter des schon vorhandenen Bildungsschatzes, wusste die Kreise, die so der hohern Sitte empfanglicher wurden, bald zu erkennen, und sie selbst half Vertrage erdenken und stiften, welche die nothige Absicht beforderten, solche Familien unter einander zu verbinden und durch Gesetze von dem roheren Haufen der noch unter dieser Bildung Stehenden abzusondern. Hierdurch ward der erste zarte Keim der Volksentwickelung geschutzt und genahrt; in diesen Kreisen wuchs sie auf und erstarkte, bis sie, dieselben uberschreitend, in einer rechtmassig organischen Entwickelung sich uber die entgegen reifenden niederen Klassen ausbreitete, und die Idee einer Bevorrechtung des Individuums nach gerade in leere Einbildung zerfallen machte."
"Und dennoch halt man diese Formen fest," sprach Elmerice, "die ihrer fruheren Bedeutung leer geworden sind; und so viel gebrochene Herzen, so viel zerstortes Lebensgluck machte noch Niemand aufmerksam auf den wahren Inhalt dieser alt gewordenen Vertrage?"
"Mein theures Kind," sagte die Grafin sanft, "wir konnen hier, wie uberall, den Gang beobachten, den in ihrer Entstehung wohlthatige und nothige Einrichtungen durch den Wechsel der Zeit, den sie mit bewirken halfen, erleiden. Vielleicht sind in diesem Augenblicke nur noch Wenige in Frankreich, die im Stande waren, unsere Unterhaltung nicht mit Staunen, vielleicht mit Unwillen zu horen ja, es ist noch nicht lange, dass ich selbst mich von diesen Ansichten, mit denen ich auferzogen, beherrscht fuhlte und ohne Widerrede geneigt war, ihnen jedes Opfer zu bringen. Erfahrungen, Einsamkeit und Lecture, gewiss aber und vor Allem, dass ich mit vielen und ausgezeichneten Menschen lebte, die, wenigstens nicht erstarrt in dieser Form, schon die Zeit ahnend herauf dammern sahen, die sich den gewohnten Ansichten entgegenstammen wird, machte mich zu einer Entwickelung bereiter, der ich mich jetzt nicht mehr entziehen kann. Je mehr aber ein innerer Verfall, um sich greifend, das lang Bestandene zu bedrohen scheint, je mehr werden wir finden, dass die Form festgehalten und der Irrthum genahrt wird; dass sie es ist, um deren Behauptung es sich handelt, das sinkende Ansehn vor der sich auflehnenden Weltordnung zu schutzen. Auch gehort sicher eine grosse Selbstuberwindung dazu, der schwachsten Seite dieser Sache, eben ihres lang behaupteten Rechts, nicht zugleich als eines Vorzugs gedenken zu sollen, da allerdings etwas Schmeichelhaftes darin liegt, sich der Kaste angehorend zu wissen, die am langsten sich des Besitzes geistiger und sittlicher Vorzuge ruhmen darf, und auf eine dadurch mit sich gefuhrte Veredlung des Blutes des ganzen Individuums bauen durfte. Du denkst mit Stolz und Enthusiasmus Deines vortrefflichen Vaters! Das schonste Gefuhl der menschlichen Brust, das Gefuhl kindlicher Liebe, wird vielleicht, wenn Dich das Leben versuchen sollte, eine Waffe dagegen. Den Namen eines Vaters tragend, den Du so hoch stellst, willst Du sein wurdig handeln, Du glaubst von so edlem Ursprunge hohere Anforderungen an Dich lass' mich hinzusetzen, an die Anerkennung Anderer machen zu konnen; und so entwickelt sich naturgemass in jeder edel strebenden Brust ein ahnliches Gefuhl, als die Kaste des Adels sich gewohnt hat zu nahren, jetzt freilich mit dem bedeutenden Unterschiede: ihre Handlungsweise nicht mehr solchen Erinnerungen getreu zu behuten, sondern in den alten Anspruchen sich zugleich befahigt zu ihrem Besitz haltend. Ludwig der Vierzehnte, der eifrigste Beschutzer der alten Adelsvorrechte, hat ihnen doch, vielleicht ahnungslos und in anderer Richtung strebend, durch die geistvolle Weise, wie er Kunsten und Wissenschaften einen Platz um seinen Thron einraumte, den Todesstoss gegeben. Die Aufklarung, welche ihre Bluten, Kunste und Wissenschaften, gedeihen lasst, ist auf diesen Punkt g e s t i e g e n , nicht mehr als Eigenthum hoherer Stande, von ihnen ausschliesslich fest gehalten, zu denken. Es sind die Quellen des Nils, die das Flussbett, worin sie eingefangen wurden, in eigner Fulle und Kraft anschwellend uberschreiten, und ein ganzes Land befruchtend uberziehen; wer einmal die Erndte nach ihrem Saen kennen lernte, blickt Zeit des Lebens aus nach dem seltenen Samann, der nicht fragt, ob der Boden, den er bestreut, dem bevorrechteten oder belasteten Burger der Erde gehort."
"Die Zeit ist also erst im Entstehen," sagte Elmeri
ce sinnend, "die ein freies Wirken und Schaffen unter Gleichgesinnten herauf fuhren wird vorerst hat das reichere geistige Individuum keine Freiheit zu hoffen, als eben die innere, durch edles Streben selbst geschaffene."
Die Grafin fuhlte mit wehmuthiger Theilnahme,
wie dies schone liebenswurdige Wesen, aus den Wegen allgemeiner Anschauung stets zu sich selbst abzulenken wusste, und das eigene Interesse an diesem Standpunkte prufte. Da England und Schottland, besonders die alten Familien, zu denen Lord Duncan Leithmorin gehorte, ganz in denselben Vorurtheilen befangen waren, zweifelte sie nicht, dass Lord Astolph die Veranlassung zu den schwermuthigen Betrachtungen war, mit denen ihr holder Schutzling den Standpunkt der Zeit beleuchtete.
Diese Gedanken wurden durch das Erscheinen von Lorint unterbrochen, welcher die Abendtafel anmeldete, und die Grafin d'Aubaine erhob sich, ihre junge Freundin mit sich fuhrend. Die kleine Tafel war in dem Boiseriezimmer bereitet, welches zuerst durch seine interessanten Portraits die Aufmerksamkeit der Miss Eton gefesselt hatte. Auch jetzt der Dame im Brautschmucke gegenuber sitzend, lachelte diese mit einer Fulle von Liebe und Trost auf sie nieder, dass sie fast die Blicke nicht abzuwenden vermochte und damit die Aufmerksamkeit der Grafin d'Aubaine auf sich zog.
Nachdem sie sich umgewendet und das Bild erkannt, lobte sie die Schonheit desselben. "Es war eine Jugendfreundin meiner Mutter," fugte sie hinzu "sie liess sich in dem Brautkleide malen, welches sie bei ihrer Vermahlung mit dem Marquis d'Anville trug, und worin meine Mutter sie so schon fand, dass sie so ihr Bild sich zu erhalten wunschte."
"Die Marquise d'Anville!" rief Elmerice mit einer Ueberraschung, die ihr ganzes Gesicht in Purpur tauchte.
"Hortest Du von ihr?" fragte die Grafin.
"Ja, ja," erwiederte Elmerice, "ich horte von ihr" doch plotzlich schwieg sie, und die Grafin, die ihre sichtliche Besturzung nicht durch Fragen vermehren wollte, war bemuht, durch ruhig einlenkende Gesprache das heftig erschutterte junge Madchen aus ihrer peinlichen Stimmung zu ziehen. Elmerice strebte dieser liebreichen Absicht zu begegnen, doch wagte sie nicht wieder die Augen zu dem wunderbar schonen Bilde zu erheben.
Als die Tafel voruber war, fuhrte die Grafin d'Aubaine Miss Eton selbst nach ihren Zimmern, die in der freigebigsten Ausstattung Alles enthielten, was dem Reichthume der Grafin zu geben gebuhrte und mit den Anspruchen der Bildung zusammen hing, zu denen sie ihren Schutzling berechtigt hielt. Geschickt wusste sie sie zugleich mit den ehrenvollen Verhaltnissen, die sie ihr zugestand, bekannt zu machen und ihr die Revenuen ihres elterlichen Vermogens, welche durch ihre, als der Vormunderin, Hande gingen, zur freien Disposition zu stellen.
Beide Frauen trennten sich dann fur die Nacht, mit gegenseitig angenehm belebten Hoffnungen fur ein ferneres Beisammenleben. Es zeigte sich bald, wie leicht sich die beiden Frauen neben einander einwohnen sollten. An regelmassige Zeiteintheilung gewohnt, trennten sie ihre Beschaftigungen, und fuhrten sie zusammen, in so ungesuchter Ordnung, mit so wachsendem Interesse fur einander, dass man die Stirn der Grafin d'Aubaine nie so unumwolkt gesehen, seit lange das Herz der Miss Eton nicht in so ruhigem Takte geschlagen hatte.
Die vorschreitende Jahreszeit, die geschmackvollen Garten, noch mehr aber die schonen, daran granzenden Walder von Ardoise boten die genussreichsten Spaziergange, und Miss Eton, die nach Art der Englanderinnen diese zu ihren taglichen Beschaftigungen zahlte, fuhlte sich ungemein dadurch angezogen und unterhalten.
Ihre Erscheinung war den Bewohnern von Ardoise bekannt und lieb geworden. Die Kinder erwarteten das Schlossfraulein um die Stunde ihrer Promenaden, und vertraten ihr mit der schuchternen Hoffnung ihres Grusses oder Scherzes den Weg, ihr zartes grunes Laub oder eine fruhzeitig emporgesprosste Wiesenblume uberreichend; die jungen Madchen ergotzten sich an der Schonheit und vornehmen Kleidung und dem immer gleich freundlichen Wesen wahrend die alteren Leute des Dorfes, die Leidenden, die Kranken oder von Verlusten Getroffenen, ihren sanften Zuspruch genossen und aus ihren Handen die reichen Gaben empfingen, die zu spenden ihre Lage ihr erlaubte, oder welche die Grafin d'Aubaine durch sie austheilen zu konnen sich freute.
Sie fuhlte so nach gerade in den Umgebungen von Ardoise eine Sicherheit, die sie ihre Wanderungen immer weiter ausdehnen liess, da auch hier bekannte Forster vollkommenen Schutz zu gewahren schienen.
An einem schonen Nachmittage hatte sie ihren Weg bis zu einem verlassenen Steinbruche ausgedehnt, dessen hochst romantische Lage sie anzog, und wo sie niedersitzend eine lange Zeit in den tiefen Grund blickte, der, mit schlanken Edeltannen bewachsen, nur einzelne niedergesturzte Steinmassen blicken liess und ein kleines Thal bildete, dessen saftig gruner Moosgrund immerfort bespult ward von einem silberhellen Bachlein, das, tief aus den Steinbruchen sich hervorarbeitend, seinen lustigen Lauf uber grun bemooste Steine durch den schmalen Thalweg verfolgte. Langst schon hatte sich Elmerice gewunscht, bis zu ihm niedersteigen zu konnen, aber vergeblich nach einem Wege ausgesehen; die pyramidenartig emporsteigenden Tannenwipfel allein, die, schrag herablaufend, nur einen sehr steilen Abhang annehmen liessen, zeigten sich ihren Blicken.
Abermals durchspahte sie in allen Richtungen den Waldgrund, als sie sich gegenuber einen Jager erblickte, der, auf einem jah vorspringenden Felsblocke sitzend, seine ganze Aufmerksamkeit, wie es schien, ihr zugewendet hatte. Ueberzeugt, einen der vielen Jager zu erkennen, die ihr bereits bekannt waren, winkte sie ihn zu sich heruber in der Hoffnung, von ihm Aufschluss uber einen moglichen Weg zu erhalten. Die Gestalt blieb aber ohne Bewegung sitzen, sie immerfort anstarrend, ihre Winke, wie es ausser Zweifel war, gewahrend, ohne Lust, wie es schien, ihnen zu folgen. Miss Eton fuhlte plotzlich ein fast unerklarliches Grauen, und schnell von ihrem Platze aufstehend, beschloss sie den Ruckweg anzutreten, als sie, von unwillkurlicher Besorgniss getrieben noch ein Mal umsah und nun die plotzlich belebt gewordene Gestalt des Jagers gewahrte, der mit der Schnelligkeit einer Gemse, oben an dem aussersten Rande des Steinbruchs entlang, ihr entgegen lief. Miss Eton musste gleichfalls, um den Ruckweg zu erreichen, einen kaum bemerkbaren Fusssteig an diesem Rande der Hohe zurucklegen und indem sie hastig vorschritt, in der Hoffnung, dem unheimlichen Waidmanne zu entgehen, sah sie bald die Unmoglichkeit davon ein, da er bereits den Punkt uberschritten hatte, wo sie hatte einlenken konnen, so dass jetzt ein Begegnen auf dem schmalen Pfade unausbleiblich ward. Diese Ueberzeugung liess sie einsehen, dass sie ihre Unruhe beherrschen musse, und sie blieb einen Augenblick stehen, um Athem zu schopfen. Der Jager eilte noch einige Schritte vor, dann blieb er ebenfalls stehen und schaute sie, auf sein Gewehr gestutzt, vorgebogen aus hohlen Augen an.
Miss Eton hatte Zeit, die wunderliche Erscheinung zu prufen, und mit Grauen drangte sich ihr ein Bild auf, das an Wildheit und Sonderbarkeit alles Andere uberbot.
Sein todtenbleiches Gesicht war fast uberwachsen von dem starken schwarzen Haare, das Kopf, Kinn und Mund bedeckte die farblosen grossen Augen starrten mit einem truben Wasserglanze hervor und waren so furchterlich anzuschauen, dass Elmerice davon wie erstarrt ward. Seine starke Gestalt von mittler Grosse zeigte noch jetzt in ihrer traurigen Vernachlassigung von ehemaliger Schonheit, und die abgetragene, zum Theil zerrissene Kleidung von fruherer Sorgfalt und Wohlhabenheit. Er hatte einen flachen Hut mit breiter Krempe und einer alten zerbrochenen Feder auf dem Kopfe, woran ein Strauss gemachter Blumen mit Goldblattchen und Perlen hing, uberdeckt mit einem halbzerrissenen Streifen schwarzen Flors. Ohne die Lippen zu offnen oder eine Bewegung zu machen, schaute er sie grauenhaft neugierig an. Auch Elmerice glaubte das Blut an ihrem Herzen stocken zu fuhlen, denn voruber schien er sie nicht lassen zu wollen; ja, der Weg war so schmal, dass sie nur, wenn er umkehrte, hinter ihm hergehend, weiter zu kommen hoffen konnte. Eines neuen Gedankens unfahig, ergriff sie der bei seinem ersten Anblikke gefasste, ihn um Nachricht uber den Weg zum Thal hinab zu fragen, und von der Qual des Schweigens getrieben, rief sie mit wankender Stimme: "Wisst Ihr nicht den Weg hinab von dieser Hohe in das Thal?"
Sein Schweigen dauerte fort er bog sich noch mehr vor und schien, indem er jetzt die Augen zur Erde niederschlug, uber das Gehorte nachzudenken.
So wie sich seine grauenhaften Augen von ihr abwandten, fasste Miss Eton neuen Muth "ich frug Euch, guter Freund," hob sie mit ruhigerer Stimme an "ob Ihr den Weg in das Thal hinab kennt?"
Jetzt fuhr die Gestalt zusammen, und mit einer konvulsivischen Bewegung in sein Haar greifend, rief er, indem er sie aufs Neue anblickte: "Lebst Du denn, Jenny? Und sprichst mit mir? Und das war nicht Dein Geist auf dem Felsensitz? Bei diesen Worten schlich er furchtsam vorgebeugt naher und hatte jetzt das Fraulein fast erreicht. Miss Eton fuhlte ihre Kniee beben sie ubersah schnell, dass der, welcher diese Worte mit dem sanftesten, schwermuthigsten Tone der Stimme sprach, kein Rauber, aber eben so schrecklich, ein Wahnsinniger sei."
"Ihr irrt Euch," stammelte sie, den Stamm einer jungen Fichte umfassend, "ich heisse nicht Jenny! ich gehore in das Schloss der Grafin d'Aubaine, fuhrt mich dahin, oder ich bitte Euch haltet meinen Weg nicht auf, die Grafin erwartet mich."
"Ach, warum sagst Du mir das Alles, was ich ja weiss! Wohl wird Dich die Grafin erwarten aber wo warst Du? Du hast sie so lange schon warten lassen, dass sie Dich nicht mehr erwarten wird aber mich? mich? warum hast Du denn auch mich warten lassen? so lange, so vergeblich?" Hier verzog ein konvulsivisches Weinen sein zum tiefsten Schmerze ausgepragtes Angesicht.
"Armer Unglucklicher," sprach Miss Eton, deren Ruhrung uber ihre Angst zu siegen begann "Du bist wohl recht traurig und leidest wohl grossen Schmerz? Doch kann ich Dir Deinen Kummer nicht lindern, denn ich bin nicht, wofur Du mich haltst aber ich bitte Dich, da Du unglucklich bist, habe Mitleid mit mir und lass' mich jetzt ungehindert weiter gehen!"
"Ich Dich gehen lassen?" rief der Jager dagegen in wilder Hast, "ich soll Dich aufs Neue verlieren?" Eine furchterliche wilde Angst brach aus seinen Zugen und verwandelte die Todtenbleiche seiner Farbe in Purpurglut. "Niemals! Niemals!" rief er mit solcher Heftigkeit, dass Elmerice, die Besinnung verlierend, fast bewusstlos gegen den Abgrund zusturzte. Da fuhlte sie sich mit einer Gewalt ergriffen, als ob eine Riesenhand sie umspannte, und sie sah sich nun ganzlich in die Macht des Wahnsinns gegeben. "Willst Du wieder hinabsturzen, willst Du nicht warten, bis ich Dir den schonen ebenen Weg gezeigt, den ich ja fur Dich schon fertig gemacht hatte, ehe Du Dir selbst den steilen, rauhen hier suchtest. Ach, hattest Du noch einen Tag gewartet, so hatte ich ihn Dir gezeigt! Sie sagen," fuhr er fort, ganz zerstreut mit der Hand an seine Stirn fahrend, indem er die zitternde Elmerice aus seinen Armen liess "Du seist hinab gesturzt, als Du in der Finsterniss nach Ardoise zuruck wolltest, hier unten hatten Deine blutigen Gebeine gelegen da habe ich sie gesehen da!" fuhr er fort und starrte vor sich hin "ganz in Blut! Dein Kopfchen geknickt daneben, Deine lieben Arme zerrissen warst Du das?" Er fing still und bitterlich an zu weinen. "Hatte ich Deinen Wunsch erfullt und Dich den Tag vor unserer Hochzeit hinab gefuhrt, dann konnte ich doch schlafen, wie Du, aber so, wer konnte auch denken, Du wurdest Wort halten und hinabsteigen!" Er schien Elmerice ganz vergessen zu haben, die Vergangenheit trat mit allen ihren schmerzenden Bildern ihm nah'; Miss Eton raffte aufs Neue ihren Muth zusammen und versuchte zuruck zu kehren da horte er ihr Gewand rauschen, er blickte um, er sah sie und schrie krampfhaft auf. "Jenny, Jenny, Du willst doch fort?" rief er, sich ihr nachsturzend; "nein, nein, geh' nicht, ich bitte Dich, geh' nicht! oder es geschieht, was die Leute sagen, und ich verliere den Verstand!"
Miss Eton blieb stehen, unfahig zu gehen, aber wohl fuhlend, dass jeder Versuch, ihn zu verlassen, ihre Lage bedenklicher machte, rief sie schnell entschlossen: "Nun wohl, ich will Euch nicht verlassen aber bringt mich selbst nach Ardoise zuruck ich bitte Euch, thut das!"
"Ja!" sagte er sanft und freundlich, "das will ich gewiss, aber erst muss ich Dir den schonen Waldweg zeigen, den ich fur Dich gemacht, und von da aus fuhre ich Dich durch den Steinbruch einen Weg, den Niemand kennt, nach Ardoise; dort bei unserer Hutte, in der wir uns immer trafen weisst Du noch, liebe, liebe Jenny? O, Du hast doch nichts vergessen? Denn es ist lange her, wie sie Dich begruben dazwischen war Winter da hatten sie mich eingesperrt nun ist die Zeit unserer Hochzeit wieder da! und nun kommst Du auch, und bist so schon, so schon! Du bist wohl noch schoner geworden, weil Du ein Engel geworden bist."
Miss Eton horte trotz ihrer Angst mit Ruhrung und Interesse die Klagen des Armen, dessen Schicksal sie aus seinen Andeutungen hinreichend errathen konnte, aber sie wusste ihm nichts mehr zu antworten; sie zitterte eben so sehr vor seiner Begleitung, als vor dem Zustande, worin ihn ihre Weigerung versetzte. "Lasst uns ein anderes Mal diesen Weg versuchen," sprach sie schuchtern, "ich bin heute ermudet, kann so weit nicht mehr gehen."
"Ermudet bist Du? da mussen wir uns erst ausruhen. O gehe nur wenige Schritte weiter, so will ich Dir einen schonen Moossitz zeigen, wo Du ausruhen kannst, und dann steigen wir hinab oder ich trage Dich bis dahin."
"Um Gottes Willen, nein!" rief Miss Eton und eilte, so schnell sie vermochte, voran sie fuhlte, dass ihr nichts ubrig blieb, als sich ohne Widerstand in seine Gedanken zu fugen, sie hoffte ihn so sanft zu erhalten vielleicht traf sie auf dem Wege einen Schutz, vielleicht leitete er sie selbst, in dem Wahne, die Geliebte zu fuhren, sicher nach Ardoise zuruck.
"Nein," rief er und schob sie sanft zuruck, "Du musst mich voran lassen! ich zeige Dir den Weg." Dies war in der That nothig, denn eben bog der Fusssteig, den sie bisher verfolgt, auf eine Art ab, die ihn fast verschwinden liess. Abermals blieb Miss Eton schaudernd stehen, gewiss, er glaube nur in seinem Wahnsinn an einen hier vorhandenen Weg aber nur noch wenige Schritte, und sie sah ihren Irrthum ein eine kleine Wendung zeigte ihr den Moossitz, von dem aus eine muhsam behauene Treppe mit kleinem Holzgelander nieder stieg. Er bat sie nun, auszuruhen; geduldig nahm Miss Eton den Sitz ein, und hart zu ihren Fussen setzte sich der Ungluckliche auf die Treppe vor ihr nieder.
Obgleich die Umstande, unter denen Elmerice hier ausruhen musste, wenig geeignet waren, einen Antheil an Naturschonheit zuzulassen, musste sie doch wahrnehmen, wie ausgezeichnet dieser Punkt gewahlt war. Die Fichtenwand war hier von Oben nach Unten durchbrochen, und in diesem schmalen schwarzen Vorgrunde schloss sich, wie in einem Rahmen, die blaue Ferne ein, die in dem gebrochenen Lichte der in Nebel gehullten Abendsonne wie ein unabsehbares Meer ausgebreitet lag, und das Auge nach den kolossalen Steinwanden zuruckzog, die, halb mit Moos uberwachsen, halb ihre eigenthumliche gelbrothe Farbe zeigend, den Mittelgrund bildeten, wahrend unten das helle Grun des Thales mit dem silbernen Streifen des kleinen Baches herauf leuchtete. Schweigend starrte der Ungluckliche gleichfalls in die Gegend, und wie es schien, wirkte das Ausserordentliche dieses Anblicks auf ihn: denn Stille, mude Ruhe verbreitete sich auf seinem Antlitz und schien ihn in ein gluckliches Selbstvergessen einzuhullen.
Miss Eton, immer den Gedanken verfolgend, ihn in Gute zu entfernen, und wahrhaft uber den Weg in Sorge, den sie vor sich jah in den Abgrund steigen sah, von dem nahenden Abend doppelt besorgt gemacht, erhob sich wieder und sagte, so ruhig sie vermochte: "Die Treppe ist zu steil fur mich ich will den Weg zuruckgehen, den ich gekommen, und bitte Euch, dass Ihr mir folgt."
Der Jager sprang auf und schien Alles vergessen zu haben, seinen Wahn, seine Hoffnungen. "Lasst mich," rief er angstlich, "folgt mir nicht! Niemand soll diese Treppe betreten, als Jenny und sie ist todt, langst todt! und Alles ist umsonst Alles vergeblich! Ach, Alles! Alles!"
Aufs Neue fuhlte sich Miss Eton erschuttert von diesem Schmerzenstone, von dem Ungluck des armen Wahnsinnigen geruhrt aber die Hoffnung, ihm jetzt vielleicht entschlupfen zu konnen, uberstieg doch jedes andere Gefuhl. Sie eilte daher hinter ihm fort, den eben verlassenen Weg zuruck. Der Jager blieb noch einige Augenblicke in Gedanken stehen als er, sich plotzlich umwendend, Miss Eton wieder erblickte. "Jenny, theure Jenny!" rief er, sich ihr nachsturzend "jetzt, jetzt eile Dich! Es ist heut' unser Hochzeittag Du weisst, wir mussen uns noch putzen, und dann nach Ardoise zur Grafin gehen."
"Ja," sagte Miss Eton "aber ich bitte Euch, lasst uns diesen Weg gehen!"
"Nein!" rief er mit ausbrechender Heftigkeit "diesen sollst Du gehen diesen will ich Dich fuhren, damit Du nicht wieder Deinen eigenen furchterlichen Weg gehst, in den Abgrund hinein!" Wild umfasste er das Fraulein und riss sie gegen die Treppe.
Ein lauter Schrei entpresste sich ihrem Munde bebend, aber mit aller Kraft, die ihr noch blieb, entriss sie sich ihm, und nun uberzeugt, nur williges Nachgeben konne sie retten, folgte sie, ihm ihre Hand uberlassend, ein Paar Stufen in den Abgrund hinab. Aber was sie befurchtet, bestatigte sich nur zu sehr: nachdem sie wenige Stufen hinunter gegangen, sah sie, dass die Treppe etwas weiter plotzlich aufhorte und sich nur in einem schroffen jahen Abhange mit einzelnen weitliegenden Steinen fortsetzte. "Ihr wollt mich umbringen!" rief sie angstvoll "die Treppe hort hier auf! O, um Gottes Willen erbarmt Euch und lasst mich umkehren hier muss ich in den Abgrund sturzen seht, gleich horen die Stufen auf, und dann bin ich verloren!"
"Nein!" sagte er heftig "hier ist der Weg, den ich fur Dich behauen habe, Keiner hat ihn seitdem betreten durfen, er muss noch haltbar sein! Habe ich darum die langen Nachte ihn bewacht und selbst dem Wilde mit dem Laufe dieser Flinte den Weg daruber gehindert, dass Du jetzt ihn verachten willst? Nein, Du musst hinab! Ich werde Dir helfen." Er streckte wieder die Arme aus Elmerice stiess abermals einen Angstschrei aus und drangte sich jetzt selbst in verzweifelter Hast einige Stufen herunter doch jetzt hatte sie nur noch vier Stufen vor sich, jede wankte unter ihrem Fusse, und sie sah mit Entsetzen, wie er diese Schwierigkeit nicht bemerkte, nicht ahnete. Sie blieb stehen und ihr Auge schweifte verzweifelnd umher. Da war es ihr, als sahe sie seitwarts, hoher als sie selbst eben stand, eine mannliche Gestalt gegen das Gebusch sich bewegen. Augenblicklich lebte die Hoffnung in ihr auf mit allem Muthe, den sie noch in sich trug, riss sie sich los, lief die Treppe zuruck und rief mit grosster Anstrengung nach Hulfe, wahrend ihr Auge an der Steinwand hangen blieb, an der sich ihrem Rufe entgegen die Gestalt zu bewegen anfing und den Weg zu suchen schien, der hinuber fuhren konnte. Aber in demselben Augenblicke brach, durch den erfahrnen Widerstand gereizt, die volle Wuth des Wahnsinnigen hervor er sturmte ihr nach, Verwunschungen brachen aus seinem Munde, er ergriff sie und versuchte sie die Treppe aufs Neue hinab zu ziehen, weil Miss Eton halb ohnmachtig vor Schreck sie nicht mehr zu steigen vermochte. Da horte sie einen Schuss, einen wilden Schrei ihres Verfolgers, und fuhlte, wie seine Arme nachliessen und er, zur Erde sinkend, sie niederzog noch ein Mal richtete sie sich mit der geringen Kraft, die ihr nach so vielen Erschutterungen geblieben war, empor und wehrte sich gegen das drohende Hinabsturzen, indem sie krampfhaft das kleine Gelander der Treppe ergriff. So musste sie sich erhalten, bis sie einige Besinnung gesammelt. Ihre Lage hatte sich nur wenig gebessert zu ihren Fussen war der Ungluckliche niedergesunken, der, mit Blut bedeckt, zwar die Kraft verloren hatte, sich mit ihr in den Abgrund zu sturzen, aber, auf ihren Fussen liegend, ihren Shawl krampfhaft zwischen seiner zusammengeballten Hand haltend, in den unruhigsten Bewegungen, mit dem Bestreben, sich aufzurichten, jeden Augenblick das schwankende, zitternde Fraulein in den Abgrund zu reissen vermochte. Der Schuss, der als schnell nothiges Rettungsmittel von ihrem unbekannten und jetzt ganz verschwundenen Wohlthater abgefeuert ward, das niederstromende Blut, von dem sie ihr weisses Gewand bald gefarbt sah, die entsetzliche Vorstellung, vielleicht den Tod dieses Unglucklichen veranlasst zu haben, dies Alles machte ihr eine nothige Fassung, um die Umstande zu ihrer Flucht zu benutzen, fast unmoglich. Entzog sie ihren Shawl seiner Hand oder wickelte sie sich selbst davon los, so verlor er seinen einzigen Anhalt und musste ohne Rettung in den Abgrund sturzen, da sie ihm, wenn auch nur schwach, doch als Stutzpunkt diente. Es war ihr unmoglich, eine andere Auskunft zu entdecken und eben so unmoglich, ihre Rettung um solchen Preis zu bewirken. Da horte sie ein fernes Anrufen bald wieder, und naher schon sie fasste Hoffnung, es konnte Hulfe nahen sie rief zuruck und erhielt eine schnelle Antwort, obwohl die Bewegungen ihres Peinigers durch dieses Rufen noch heftiger wurden, und ihre Lage mit jedem Augenblicke gefahrvoller. Jetzt glaubte sie das Gebusch durchbrechen zu horen, und plotzlich stand eine hohe Mannergestalt am Rande der Treppe, die, ihre entsetzliche Lage schnell ubersehend, rasch und geschickt hinabstieg, und in demselben Augenblicke neben dem Fraulein stehend, auch den Arm des Unglucklichen ergriffen hatte und, indem er ihn empor riss, dem Fraulein Freiheit gab, sich zu bewegen. So wie sie die Last von ihren Fussen gehoben fuhlte, versuchte sie die Stufen hinan zu steigen, aber ihre Krafte liessen mit jedem Schritte mehr nach, und auf der obersten angelangt, sank sie willenlos auf den Boden nieder.
Der Fremde hatte indessen den Verwundeten erfasst und schleppte ihn sich nach, bei dem Anblicke des Frauleins ihn auf sicheren Boden niederlegend und zu ihrer Hulfe herbeieilend. Er hob sie vom Boden empor und lehnte sich in den Steinsitz, indem er ihr den Hut abnahm, um ihr Luft zu verschaffen. Das Fraulein schlug die Augen auf Beide blickten sich an und fuhren mit dem lebhaftesten Ausdrucke der Ueberraschung zuruck.
"Um Gottes Willen Fraulein Eton!" rief der Fremde "in welcher Lage finde ich Euch! welch' ein entsetzlicher Augenblick macht mich so glucklich, Euch nutzlich sein zu konnen!"
Das Fraulein stand auf die Gemuthsbewegung, die ihr der Anblick des Fremden sichtlich in anderer Richtung gegeben, schien ihre geschwachte Kraft zuruck zu rufen. "Ich bin Euch grossen Dank schuldig," sagte sie hastig "erlaubt, dass ich jetzt die mir wohlbekannten Wege durch diesen Wald nach Ardoise eile, diesem Unglucklichen von dort aus Hulfe zu senden."
"Das heisst so viel," entgegnete der Fremde mit vorwurfsvollem Ton, "ich eile, mich Eurem Schutze, Eurer Hulfe so schnell, als moglich, zu entziehen. Ja, Elmerice, ich ahnete, dass Ihr hier sein wurdet und der Freund, der, von seinem sehnsuchtigen Herzen getrieben, den Weg bis hieher fand, verdient er kein anderes Willkommen, als den Wunsch, seiner wieder los zu werden?"
"Ich habe nicht das Recht, Euch aufmerksam zu machen, ob Ihr diesen Weg finden durftet Ihr werdet eben so wenig vergessen, was Ihr Euch schuldig seid, als es mir nicht entfiel, was mir zusteht. Seid jedoch sicher," setzte sie mit bebender Stimme hinzu, "ich werde es ewig dankbar bewahren, was ich Euch in dieser Stunde schuldig ward, mogen Eure ubrigen Handlungen so bleiben, dass ich Euch dieses Gefuhl ohne Beimischung erhalten kann."
"O, Elmerice," rief hier der Fremde mit dem tiefsten Ausdrucke zartlichen Schmerzes "seid Ihr wirklich so hart, als Eure Worte? In das durre Gebiet der Dankbarkeit verweist Ihr jedes Gefuhl fur mich, und auch dies stellt Ihr noch unter Bedingungen, die den Zweck haben, von mir das Einzige zu fordern, wogegen sich mein Herz mit allen seinen Kraften auflehnt! Denkt Ihr, es gabe eine Gewalt, gegen die ausreichend, die aus einem wahrhaft liebenden Herzen dringt? O, Elmerice, wie wenig musst Ihr die Gefuhle kennen, von denen mein Herz durchdrungen ist, eine Rettung, eine Auskunft in der Trennung zu hoffen! Sie ist es, die uns lehrt, welchen Werth das ubrige Leben behalt, wenn uns das geraubt wird, wodurch wir erst zur Fahigkeit gelangten, es zu lieben."
"Haltet ein;" rief Miss Eton, mit neuem Versuche, den Ruckweg anzutreten "vergesst Euch nicht selbst! vergesst nicht, was Ihr mir schuldig seid, und wie wenig diese Sprache fur uns gehort, ja, wie beleidigend ich sie finden musste, wusste ich nicht, dass Ihr dies nicht beabsichtigt. Aber lasst meine einfache dringende Bitte etwas gelten und schont meine Ruhe, indem Ihr zuruckkehrt und Euch an den Gedanken zu gewohnen sucht, dass ich Euch nur eine entfernt bleibende Freundin sein kann! Ich bitte Euch," unterbrach sie ihn zitternd, als er ihr antworten wollte "haltet mich jetzt nicht langer auf wir durfen den Unglucklichen nicht vergessen, der dort unserer Hulfe benothigt ist ich selbst," fuhr sie fort, "bedarf der Ruhe, und meine Kleidung, die mit seinem Blute gefarbt ist, erfullt mich mit Schauder."
Dies entschied bei dem Fremden, der augenblicklich zuruck trat; und Miss Eton eilte nun einige Schritte auf dem Fusspfade vor, der sie, an einem kleinen Vorsprunge voruber, auf eine gesicherte Stelle fuhrte.
"Lebt denn wohl!" sagte hinter ihr eine zitternde Stimme Miss Eton blickte schuchtern um und gewahrte, wie der Fremde ihr noch einige Schritte gefolgt, jetzt an einen Baum gelehnt, ihr nachblickte sein Angesicht war todtenblass, und der linke Arm hing wunderbar schlaff an ihm nieder. Einen Augenblick schien das Fraulein den schmerzlichsten Kampf zu kampfen, dann eilte sie, zuruckgrussend, so schnell es ihre Krafte zuliessen, den Weg nach Ardoise zuruck.
Am Eingange des Waldes stiess sie auf die Leute der Grafin d'Aubaine, welche diese, uber ihr langes Ausbleiben hochlichst beunruhigt, ihr entgegen geschickt hatte. Der Anblick des Frauleins, ihre in Blut getrankten Kleider, ihr blasses, erschopftes Ansehn, erfullte Alle mit Schrecken. In wenigen Worten erlauterte sie Ihnen das Vorgefallene, und jede Hulfe von sich ablehnend, bat sie vor Allem, zu dem Unglucklichen zu eilen, den sie nur mit dem tiefsten Entsetzen sterbend zu denken vermochte. Sie selbst eilte, sich so unbemerkt, als moglich, nach dem Schlosse zu schleichen, um durch ihren Anblick die gutige Freundin nicht zu erschrecken. Umgekleidet eilte sie alsdann zur Grafin d'Aubaine, durch ihren Anblick die Mittheilungen zu mildern, die so viel Erschreckendes hatten.
"Aber, mein theures Kind," fuhr die Grafin fort, nachdem sie an ihre Freude uber die gluckliche Rettung ihres Lieblings manchen zartlichen Vorwurf uber die dreisten Wanderungen angeknupft "waren wir doch nur so glucklich, den Fremden wieder zu finden, der uns einen so unschatzbaren Dienst leistete! Du kanntest ihn also nicht?" fuhr sie fort, als das Fraulein schwieg "aber vielleicht gehort er doch zu meinen Nachbarn, und wir konnen ihn ausforschen und unsere Dankbarkeit ihm bezeigen."
"Ich glaube nicht" sagte das Fraulein rasch und unruhig "es war gewiss ein Fremder ja, ich erinnere mich genau, dass es ein Fremder war er wird abgereist sein wir werden ihn nicht auffinden."
"Sagte er Dir dies?" fragte die Grafin, das Gespannte und Aengstliche in diesen Worten fuhlend.
"Ich glaube, ja!" seufzte Miss Eton, "aber ich weiss es nicht genau zu sagen."
"Ich aber," sagte die Grafin und erhob sich lachelnd "weiss sehr genau, dass mein liebes Kind mich sogleich verlassen wird, und ihren Gehorsam mir zeigen, indem es sich niederlegt und so viel Schrecknisse durch Ruhe auszugleichen sucht."
Miss Eton zeigte sehr gern den verlangten Gehorsam, und eilte, die Ruhe ihres Lagers zu suchen, wenn wir uns auch nicht dafur verburgen wollen, dass sie dieselbe, nach so vielen Erschutterungen ihrer Seele, fand.
Die Grafin d'Aubaine empfing Miss Eton am andern Morgen, als die Fruhstucksstunde die beiden Damen wieder zusammenfuhrte, mit der Nachricht, dass sie gestern Briefe von ihrer Nichte, der Marquise d'Anville, aus Paris empfangen habe, welche deren Besuch ihr angemeldet, und ausserte ihre Freude, diese liebenswurdige Nichte mit Miss Eton bekannt machen zu konnen, da sie uber das Wohlgefallen Beider an einander keinen Zweifel trug. "Meine Nichte wird furs Erste ohne ihren Gemahl hier sein," fuhr sie fort, "da derselbe Guter ubernimmt, welche er seit langerer Zeit besitzt, ohne sie zu kennen; dann wird er uns auch auf einige Zeit seine liebe Gegenwart schenken, und spater mit seiner Gemahlin das Hauptgut in Besitz nehmen, welches die Neugierde der jungen Frau zu reizen scheint."
Miss Eton wunschte der Grafin Gluck zu dieser angenehmen Aussicht, und schien lebhaft von dem Gedanken dieser neuen Bekanntschaft erregt zu sein dann bat sie die Grafin um Auskunft uber den Unglucklichen, der sie gestern in so grosse Gefahr gebracht, und um einige Nachrichten uber sein Schicksal.
"Furs Erste," erwiederte die Grafin, "kann ich Dir die Versicherung geben, dass seine Wunde nicht todtlich ist: die Kugel ist aus der Schulter herausgelost, und der starke Blutverlust macht seinen ganzen Zustand selbst bei dem unvermeidlichen Wundfieber milde und ohne die sonst gewohnliche Gemuthsstimmung. Sein Schicksal wirst Du zum Theil aus seinen wahnsinnigen Reden errathen haben doch wenige Worte werden Dir noch sagen, wie er zu den besten und ausgezeichnetsten Junglingen in Ardoise gehorte. Leider hatte ihm die Natur ein allzuweiches, feinfuhlendes Herz gegeben, und so unterlag er dem ersten grossen Schmerze seines Lebens, der allerdings durch eine schreckliche Katastrophe uber ihn herbeigefuhrt ward.
Robert diente mir als Jager im Schlosse er war der Sohn des Kastellans. Durch Tuchtigkeit und Brauchbarkeit erwarb er sich die zunachst aufgekommene Forsterei von Ardoise, und entdeckte mir seine Liebe zu Jenny, einem sehr schonen jungen Madchen, das unter der Aufsicht meiner guten Sulpice trefflich herangewachsen war. Da ihre Neigung gegenseitig, so freute ich mich der glucklichen Wahl, und als Robert die Forsterei bezogen, setzte ich den Tag ihrer Hochzeit an.
Jenny hatte wahrscheinlich auf seine Bitten eingewilligt, ohne Wissen ihrer mutterlichen Freundin Sulpice, ihren Brautigam ofter im Walde beim Steinbruche zu sehen, und war, sich verspatend, dann besorgt und eilend den gefahrlichen Weg zuruckgekehrt. Ihr Wunsch, in das Thal hinabzusteigen, war stets von Robert verweigert worden, der sie mit einem bequemen Wege zu uberraschen vorhatte.
Dies sind alles nachher ausgeforschte Umstande, theils aus dem wahnsinnigen, sich um diese Punkte anklagenden Vorwurfen Roberts theils aus nachher gemachten Entdeckungen anderer Dienstleute. Jenny versprach ihrem Geliebten den Tag vor der Hochzeit eine Zusammenkunft Beide, durch Geschafte aufgehalten, trafen sich erst spat; Robert erwartete den Abend seine Aeltern in der Forsterei, Jenny musste zur bestimmten Stunde bei Sulpice sein. Sie trennten sich daher, ohne dass Robert, wie gewohnlich, sie begleiten konnte. Es war schon dunkler, wie gewohnlich, der Weg glatt von einem Gewitterregen die naheren Umstande werden nie zu unserer Kenntniss gelangen Jenny traf nicht ein sie blieb auch die Nacht aus und nun gerieth Alles in Unruhe. Man schickte nach dem Forsthause, sie aufzufinden, und da sie auch dort nicht war, wurden auf allen Wegen Nachsuchungen angestellt. Der ungluckliche Jungling, starr vor Angst und Besorgniss, gab endlich der entsetzlichen Ahnung nach, die ihn nach dem Steinbruche zog. Er hatte sich nicht geirrt; als man sich der schroffen Stelle naherte sah man sie zerschmettert in der Tiefe des Thales liegen. Hier auf ihrer Leiche verlor der ungluckliche Jungling seinen Verstand. Die erste Zeit brachte er in den gefahrlichsten Zustanden der Raserei in unserm Krankenhause zu, spater milderte sich das Leiden bis zur tiefsten Melankolie, die ihn aber unschadlich machte. Man gab ihm, gewohnt an seinen gefahrlosen Zustand, die Freiheit wieder, wonach er sich unablassig sehnte, und der Steinbruch ist nun sein Ruheplatz, von wo aus er des Nachts ruhig nach dem Krankenhause zuruckkehrt. Ich bin ubrigens durch ihn aufmerksam gemacht worden und kann nicht laugnen, dass der Ungluckliche nicht ganz Unrecht hatte, Dich mit seiner schonen Jenny zu vergleichen, denn allerdings gleichst Du ihr in Grosse, Gestalt und Farbe."
Miss Eton war sehr bewegt von dieser Mittheilung, und beide Frauen machten an einander die Beobachtung, sich besonders traurig zu finden. Die Grafin las noch ein Mal den Brief ihrer Nichte und versank dann in tiefes Nachdenken Miss Eton lehnte mit grosser Schuchternheit jeden Spaziergang, auch unter der sichersten Begleitung, ab, und nicht, wie sonst, floss die Unterhaltung in ununterbrochenem Reichthume dahin.
Endlich hob die Grafin lachelnd an: "So wirst Du denn den altesten Sohn Deiner Freundin im Bilde kennen lernen der Marquis d'Anville ist der Sohn dieser schonen Braut."
Tief errothend blickte Miss Eton vor sich nieder kaum horbar fragend, ob er ihr ahnlich sahe.
"Nein," antwortete die Grafin, "er gleicht seinem Vater ahnlich sieht ihr der zweite Sohn, der Graf Leonce, den sie vorzuglich liebte, und dieser wird seine Schwagerin auch hierher begleiten."
Die Unterhaltung stockte wieder und Miss Eton schien nicht bedacht, zu deren Wiederanknupfung viel beitragen zu wollen, denn sie hatte ihre Knopfel ergriffen und schien der entstehenden Spitzenweberei alle Aufmerksamkeit zu widmen.
"Ich halte diesen Besuch gerade jetzt fur sehr willkommen, da Du, mein armes Madchen, wahrlich einer Zerstreuung bedarst das bose Ereigniss hat Dich mehr erschuttert, als Du Wort haben willst und meine eigene trube Nahe gut zu machen vermochte."
"O, sagt das nicht!" rief Miss Eton, und die Arbeit entsank ihrer Hand, als ware sie ganzlich erschopft "Eure theure Nahe ware es allein, die mich mit mir selbst ins Gleichgewicht bringen konnte! Doch, ich muss es eingestehen, dass mich ein Gefuhl anderer Art bewegt ich hatte einen Wunsch, eine Bitte, die ich zaghaft bin, vor Euch auszusprechen."
"Und womit habe ich das verdient?" sprach die Grafin fast wehmuthig, die Hand nach Elmerice hinuber streckend.
Elmerice kniete in demselben Augenblicke auf dem kleinen Fussschemel der Grafin, und zartlich ihre Hand fassend, barg sie das bewegte Angesicht in ihren Schooss.
"Sprich," sagte die Grafin "und sei der Gewahrung im Voraus gewiss."
"Theure Grafin," hob Elmerice an, "die Ankunft so lieber Gaste, die Sicherheit, Euch damit so angenehm und erheiternd umgeben zu wissen, giebt mir Kraft, Euch gerade jetzt auf einige Zeit verlassen zu wollen, und somit ein Versprechen an meine geliebte selige Mutter zu erfullen, dem ich mich vielleicht schon zu lange entzogen habe, da es mir so schwer ward, mich von Euch zu trennen."
"Wie, Elmerice," rief die Grafin erstaunt, "Du willst mich verlassen?"
"Ihr werdet Euch der Jugendfreundin meiner Mutter erinnern," fuhr Miss Eton fort, den Vorwurf der Grafin nur mit einem zartlichen Handkusse beantwortend "Miss Gray, die meine Mutter damals auf ihrer Reise nach Frankreich begleitete und zuruckblieb, ihre Verbindung mit Herrn St. Albans feiernd. Diese Freundin aufzusuchen, habe ich geloben mussen, und vor einiger Zeit Briefe erhalten, worin Madame St. Albans mich dringend auffordert, sie in der Abtei Tabor zu besuchen dort lebt sie seit ihrer Verheirathung, da Herr Albans die Landereien der grossen Abtei in Pacht genommen hat."
"Ich weiss dies, mein liebes Kind," sagte die Grafin, und ein wehmuthig ernster Blick schaute in die Ferne, in der Erinnerung die nie vergessenen Bilder aufsuchend "aber lass' mich Dir gestehen, ich sehe diese Verpflichtung, die ich anerkennen muss, nicht ohne Besorgniss. Madame St. Albans ist eine brave, thatige Frau, die auf ihrem Platze alle Anerkennung verdient, aber sie ist kein Umgang fur Dich, und ihr Haus kein Ort, wo Du Dich nur einigermassen wohl fuhlen wirst."
"Und doch," sagte Elmerice muthig, "habe ich ihr einen langeren Besuch zusagen mussen, und ihre grosse Liebe zu meiner geliebten Mutter hat mir fruher dies Versprechen so leicht erscheinen lassen."
"Diese war unbezweifelt ruhrend," antwortete die Grafin, "und so vollstandig als schon; denn obwohl sie Herrn Albans liebte, schien ihr die Trennung von Deiner Mutter so unertraglich, dass sie fast ihrer Liebe entsagt hatte, dieser nach England folgen zu konnen."
"Um so auffallender," rief Elmerice, "da, wenn ich nicht irre, Miss Gray hier ihre Mutter wieder fand, welche doch ein grosses Band an Frankreich werden musste!"
"Dass es dies nicht ward," erwiederte die Grafin, "will ich ihr nicht anrechnen, denn die alte Mistress Gray hatte sich schon lange vor Ankunft ihrer Tochter von aller menschlichen Gesellschaft zuruckgezogen; sie sah ihre Tochter nur selten und fast ungern; Miss Gray konnte keinen Anhalt an ihr haben. Es ist nun lange her," fuhr sie fort, "dass ich Madame St. Albans sah, die eine Reise benutzte, mich zu besuchen; sie ist brav und steht eben, wie ihr Gatte, im besten Rufe, aber was Deine Mutter einst mit ihr bis zur Freundschaft verbinden konnte, lag wohl nur in der Jugend beider, in der zartlichen Liebe der guten Miss Gray zu Deiner Mutter."
"Lasst es mich dennoch versuchen," rief Elmerice, "und gebt mir die Aufgabe, auch in Verhaltnissen, die mir nicht zusagen, mich bewegen, mich Eurer wurdig zeigen zu konnen ich wurde jetzt, ohne Madame St. Albans zu kranken, mein Wort nicht zurucknehmen konnen und das mochte ich der Jugendfreundin meiner Mutter nicht zu Leide thun."
"Und ich Dich nicht dazu veranlassen," sagte freundlich lachelnd die Grafin, "nur gebe ich gerade jetzt meine Einwilligung dazu fast ungern ich sah Dich schon im Geiste mit der holden Lucile in Freundschaft verbunden, und freute mich gerade darauf, wie die lange trube Einsamkeit Dir so angenehm unterbrochen werden sollte durch diese lieben Gaste! Auch willige ich nur ein, wenn Du mir versprichst, dort Deinen Besuch abzukurzen, wo ich dann hoffen darf, Du triffst hier noch mit meiner Nichte und ihren Verwandten wieder zusammen."
Mehr hoflich, als aufrichtig legte Miss Eton die Bestimmung hieruber ganz in die Hande ihrer Wohlthaterin, und Beide wurden daruber einig, dass Miss Eton am andern Morgen ihre Reise unter dem Schutz ihrer Dienerschaft antreten sollte. Am Abende des andern Tages bog der Wagen der Miss Eton, einen dichten, noch unbelaubten Buchenwald verlassend, in einen breiten Thalweg ein, der bald die fruchtbaren Felder und Wiesen von beiden Seiten zeigte, die, zur Abtei Tabor gehorend, eine lachende, heitere Ansicht gewahrten.
Der hochstmogliche Standpunkt der Kultur war uberall auffallend. Die Wege mit ihren Abzugsgraben, die wohlerhaltenen Verbindungsbrucken und Plankenzaune, die Felder in ihrer regelmassigen Eintheilung, die Wiesengrunde mit den schonsten Heerden, die schlanken, wohlgehegten Stamme junger Obstbaume, die mit ihren, schon in weisser Blutenpracht stehenden, runden Kronen wie Perlenschnure als Saum sich uberall zeigten, die kleinen Gehofte, die, dazwischen zerstreut, in ihrer wohlhabenden Ausdehnung um sich her den Bedarf des Lebens sich geschaffen zu haben schienen, die kraftigen Gestalten der Manner und Frauen, die rothwangigen Kinder, die endlich diesem Gemalde als Staffage dienten Alles zeigte das wohlthuendste Bild des Fleisses und der Wohlhabenheit. Miss Eton fuhlte sich wunderbar dadurch erleichtert, und abgezogen von sich selbst, schien sie ihre schweren und melankolischen Gedanken in den dusteren Wegen der Walder, die sie durchreist war, zuruck lassen zu mussen. Sie fuhlte, sie war hier in eine andere Sphare versetzt, eine neue Auffassung des Lebens trat ihr entgegen; und haufig ist dies allein schon hinreichend, uns selbst zu einer Thatigkeit zu wecken, die uns unserm gewohnten Ideenkreise klarer und ruhiger gegenuber stellt. Sie konnte mit Vergnugen an den massigen Lebensstandpunkt denken, dem sie entgegen ging, und ohne Furcht vor geistigen Entbehrungen, wollte sie gern das Leben von dieser leichten und materiellen Seite kennen lernen.
Doch konnte sie kaum ein Lacheln unterdrucken, als sie gewahrte, wie die Gegend fast immer schmuckund geschmackloser in ihren Anlagen ward, je naher sie dem Wohnorte der Madame St. Albans kam. Ueberall war der Nutzen erstrebt und erreicht aber keine Anlage, die neben dieser irgend eine andere Absicht errathen liess.
Noch hoffte sie, die Abtei Tabor, die sich noch immer nicht zeigte, werde irgend eine schonere Ansicht gewahren, und Gartenanlagen sich damit verbinden, aber bald horte sie auf ihre Anfrage, dass die Abtei mehrere Meilen von dem Wohnsitze des Herrn St. Albans entfernt ware, und dieser nur ein Vorwerk gleichen Namens bewohne, welches mehr in dem Mittelpunkte der Landerein, die er von der Abtei in Pacht hatte, und daher seinen okonomischen Zwecken passender lage.
Endlich verkundete eine Reihe steinerner Hauser, welche regellos neben einander gelagert waren, die Wohnung des Herrn St. Albans, und bald zeigte der grossere Verkehr von Arbeitern und Wagen, dass man sich dem Mittelpunkte einer grosseren Betriebsamkeit nahe. Es war noch ziemlich fruh am Abend, und alle Vorubereilenden schienen mit dem Tageslichte zu geizen und, ganz in ihre Geschafte vertieft, nur des bequemen, festen Weges sich bewusst zu sein, der, immer vortrefflicher werdend, den leichtesten Verkehr sicherte. Von diesem regen Leben umgeben, fuhr man endlich an einer langen Mauer entlang und bog dann durch ein offenes Thor in den Hof.
Er war in einer grossen Ausdehnung von sammtlichen Scheunen, Stallen und Wirthschaftsgebanden des Amtes umgeben, und das Wohnhaus unterschied sich nur wenig an Hohe und Aussenseite, und ward nur als solches durch eine steil nach der Eingangsthur hinauf fuhrende Treppe und zwei Reihen niedriger Fenster bezeichnet.
Auf diesem grossen Hofe zeigte sich kein Baum, kein Rasen, kein Zeichen der Vegetation. Ein Bassin, roh ummauert, diente dem Nutzen der Stalle, was seine trube, mit Stroh und Heu bedeckte Oberflache deutlich verrieth.
Niemand eilte der Miss Eton zum Willkommen entgegen, obwohl die Thur des Hauses von herauseilenden Madchen und Knechten oft geoffnet ward. Monsieur Lorint, der Kammerdiener, uber die ihm ziemlich fremde Art dieser Hauseinrichtung nicht wenig erstaunt, nahte sich nun der Wagenthur und fragte, ob er die Ehre haben solle, das gnadige Fraulein zu melden.
"Lasst das," sagte Miss Eton lachend "ich will selbst aussteigen und mein Willkommen mir suchen, denn diese fleissigen Leute haben keine Zeit zu dergleichen."
Leicht und von dem alten Diener gefolgt, der, im komischen Gegensatze zu diesem Naturzustande, fast noch formlicher und devoter ward, seine eigene Wurde schutzend gegen den Andrang dieser Unkultur eilte Miss Eton die schmale steinerne Treppe hinauf und flog bei'm Oeffnen der Thure in die Arme eines jungen, heiter lachenden Landmadchens, das eben so schnell heraus, als Miss Eton hinein wollte.
"Ah, Madame," rief die erschreckte Schone, schnell zuruckspringend "ich bitte um Vergebung ich war so eilig!"
"Und doch werde ich Dich aufhalten mussen, mein liebes Kind," lachelte Miss Eton, "denn Du musst mich durchaus bei Madame St. Albans melden, deren Gast ich zu werden denke."
Ein holdseliger Blitz von Freundlichkeit aus den dunkeln Augen des rothwangigen Kindes schien Elmerice ein recht anmuthiger Willkommgruss; und sie schritt nun mit ihrer jungen Begleiterin in den mittlern Raum des Hauses vor, der ein Speisesaal zu sein schien, die ganze Tiefe des Hauses durchmass und seine Fenster nach der andern Seite hinaus hatte. Hier bat das junge Madchen das Fraulein, zu warten und flog nun leichten Sprunges durch eine der sechs Thuren, die sich in diesem grossen Vorsaal offneten. Miss Eton naherte sich indessen einem der Fenster und sah, dass sich hier gleichfalls kein Baum, keine Gartenanlage zeigte, sondern an einem frisch bestellten Gemusegartchen, mit Plankenzaun umhegt, sich ein ziemlich bedeutender Weideplatz anschloss, der aber nur dem kranken, von der entfernteren Weide zuruckbleibenden Viehe zur Benutzung diente; seitwarts war eine kleine Anpflanzung von Nussbaumen, und auf diese richtete Elmerice, von den wenig befriedigenden Aussichten sich abwendend, mit einiger Hoffnung ihre Blicke.
Lautes, anordnendes Sprechen nahte indessen dem Salon, bald flog die mittlere Thure auf, und eine starke, muntere Frau in tuchtiger hauslicher Kleidung, mit Schurze und rasselndem Schlusselbunde trat mit geschaftiger Eile herein und nahte sich dem ihr gleichfalls entgegeneilenden Fraulein.
"Seid Ihr denn wirklich Miss Eton? meiner lieben Margarith Tochter?" rief sie mit lauter, klingender Stimme und druckte, innig davon uberzeugt, zwei derbe Kusse auf Elmerice's Wange. "Nun," sagte sie, ohne die Antwort abzuwarten, und indem ihre Stimme plotzlich in Thranen brach, "so hat Gott meinen Wunsch erhort denn seht, der Wunsch, sie selbst, oder ihr Kind, oder ihren Lieblingshund, oder ihre Katze, oder ihr Kleid, oder seht nur, so viel als ich auf diesem Nagel halten konnte, von ihr zu sehen der hat mich nie verlassen obwohl ich wenig Zeit zu solchen Gedanken habe; denn seht, hier ist ein grosses lastiges Hauswesen, Alles geht durch mich, wo ich nicht bin, gelingt's nicht, was ich nicht thue, unterbleibt, wonach ich nicht frage, vergessen ist es in den andern Kopfen. Aber seht, mein Kind, dazu behielt ich Zeit, und war's wahrend des Tischgebets Gott sei mir gnadig! oder zwischen Niederlegen und Einschlafen nach Margarith mich zu sehnen, behielt ich immer Zeit!" Wieder kam ein kurzer Anfall von Weinen, den sie jedoch eben so schnell bekampfte, und nun fuhrte sie Elmerice in ein nach der Weide hinaus gehendes Zimmer. Hier setzte sie sich, zwei Stuhle gegenuber ruckend, schnell vor ihren jungen Gast, den sie auf einen derselben niedergezogen hatte, und blickte nun mit zwei grossen unruhigen Augen das Fraulein an. "Keinen Zug von Ihrer Mutter!" rief sie nach dieser scharfen Prufung "weiss Gott fremd, liebes Kind, bis auf die Fingerspitzen! Grosser Gott, hatte ich mich doch so gefreut, ein Ebenbild meiner Margarith zu sehen! Und doch seid Ihr Miss Eton, die Tochter meiner Margarith."
"Gewiss," sagte Elmerice, sanft und geruhrt "ich bin die Tochter der Freundin, der Ihr ein so ehrendes Andenken bewahrt, und ihr letzter Wille, der mich bestimmte, in Frankreich zu leben, schloss auch den Befehl ein, Euch aufzusuchen, Euch der innigen Liebe meiner Mutter zu versichern."
"O Gott, Miss!" rief Madame St. Albans weinend, "sagt, that sie das? Gedachte sie mein mit gleicher Liebe, hat sie mich nicht vergessen? Also Ihr solltet mir ihre Grusse bringen, ihr Kind unterrichtete sie von ihrer Liebe zu mir! Ja, ja, darin erkenne ich sie wieder! obwohl, Miss Elmerice, es mich schmerzte, als ich horte, nicht mir, sondern ihrer vornehmeren Freundin, der Grafin d'Aubaine, habe sie Euch vermacht."
"Zurnt deshalb nicht, liebe Madame St. Albans wohl kenne ich die Grunde zu dieser Bestimmung nicht, aber sicher beruhten sie nicht in verringerter Liebe gegen Euch!"
"Ja, ja, ich will es glauben, gern glauben, liebes Kind! denn ich glaube gern an ihre Liebe. Die Grafin ist eine Heilige von hoher Geistesart sehr erhaben uber ihr ganzes Geschlecht. Da reiche ich armer Erdenwurm nicht heran sie schmuckt die Kirche ich Haus und Hof. Seht, es lasst sich leicht der Heil'genSchein festhalten, und die feinen Ausdrucke, wenn man nichts weiter zu thun hat, als darauf zu passen, dass einem nichts Unebnes entschlupft aber hier, wo ich an Alles selbst Hand anlegen muss, mit lauter rohen, dummen Leuten verkehren, bei denen sich ubler Wille und Faulheit zu Leichtsinn und Thorheit gesellen, da mussen die Worte breit aus dem Munde fliessen, und man wird darum nicht schlechter in so grosser Berufsthatigkeit, als solche erhabene Geister, die auf uns herab sehen."
Etwas beschamt von der Rede ihrer neuen Bekannten, schlug Elmerice den Blick zur Erde nieder, um den seltsam heftigen Ausdruck in den sonst truben Augen der Redenden zu vermeiden.
"Glaubt nicht, verehrte Frau," sprach Elmerice "dass die Grafin d'Aubaine eingebildet auf ihre Vorzuge ist, sie schatzt Jeden nach seiner Weise, und die ihrige ist sehr still und zuruckgezogen, denn sie ist wohl nie glucklich gewesen, und sehr kranklich und oft recht leidend."
"Ist sie das?" rief Madame St. Albans. "O seht, das beklage ich. Ja, das arme Ding! wahrlich, wenig Freude hat sie gehabt Gott richte es! und wohl ist sie zu bedauern, und es thut mir herzlich leid, wenn sie krankelt. Sagt, ist es so? muss sie viel leiden?"
Elmerice fuhlte sich ganz erquickt und erleichtert von der kindlichen Gutmuthigkeit, die in dieser Rede die Oberhand gewann, und war nur bemuht, ihr ein Bild der stillen Geduld zu entwerfen, mit der die Grafin ihr Leben ertruge.
Mehrere Male wischte sich Madame St. Albans die Augen und sagte dann ganz klaglich: "Gottlob, dass meine gute Margarith, Deine Mutter, sie so leidend nicht mehr sah denn wahrlich, das hatte ihr das Herz gebrochen. Aber sieh', mein Kind, immer und immer habe ich es Deiner Mutter gesagt: wir beide werden glucklich in der Welt werden, die Franziska aber nie das geht Allen so, die von Jugend auf immer uber den Wolken schweben, und uberspannt sind und voll thorichter Schwarmereien; die machen nicht glucklich und werden nicht glucklich, das ist eine ausgemachte Sache!"
"Gewiss," erwiederte Elmerice schuchtern "finden reich begabte Wesen, mit einem hoheren und vielseitigeren Bedurfnisse, schwerer den Standpunkt, wo sie sich in ihrem ganzen Reichthum entfalten konnen, aber es ist ihnen doch nicht als Vorwurf anzurechnen, wenn wir sie selten zu ihrer vollen Wirksamkeit entwickelt sehen; wo sie sie erreichten, sehen wir sie allen Pflichten gewachsen, sie Alle anerkennend."
Ein sonderbar aufmerksamer Blick streifte hier das Fraulein; in dem Augenblicke fasste Madame St. Albans den Verdacht, dass ihr junger Gast wohl ebenfalls zu dieser Kaste gehoren mochte, und sie stand, sichtlich davon gestort, auf, und indem sie Elmerice bei der Hand fasste, um sie wegzufuhren, sagte sie mit dem Tone vollig abgeschlossener Ansichten: "Ja, ja, ich kenne das, mein Schatz! solche Reden horte ich oft, aber ich sah auch die zahllos unglucklichen Ehen, die solche Madchen erlebten, die ewige Hinfalligkeit von Leib und Seele, und weiss, was es eigentlich fur Frauenzimmer auf der Welt zu thun giebt, statt so schwierige Forderungen sich anzukunsteln."
Elmerice fuhlte sich, hierauf zu erwiedern, nicht geneigt; noch ubersah sie den Charakter dieser Frau nicht, ihre Bescheidenheit und die Furcht, ihr anmassend zu erscheinen, liess sie lieber schweigen, da es ihr uberdies schien, dass sie beide von ganz verschiedenen Dingen gesprochen hatten, die neben einander jedes wohl ihr gutes Recht behalten konnten, aber einander doch so unahnlich waren, dass an eine Ausgleichung nicht zu denken war.
"Ich will Euch jetzt Euer Zimmer anweisen und fur Euer Gepack sorgen," sagte Madame St. Albans "denn seht, liebe Miss, ich muss uberall selbst die Augen haben, auf die Leute ist kein Verlass. Doch furchte ich," fuhr sie fort, indem ein empfindlicher Ausdruck von Misstrauen auf ihrem Gesichte erschien, "Ihr werdet grossen Abstand finden. Das schone Schloss von Ardoise findet Ihr hier nicht; wir sind stille, bescheidene Leute, die auch so Haus und Hof eingerichtet haben;" und nun suchte sie durch vermehrte Hoflichkeit sich selbst uber die Unsicherheit zu tauschen, die ihr die Gesinnungen der jungen Dame eingeflosst.
Elmerice konnte dies nur zu leicht wahrnehmen, und bemuhte sich, fast auf Kosten ihres sonst so ruhigen und naturlichen Wesens, ihre Anerkennung und ihr Vergnugen uber Alles, wie sie es vorfand, an den Tag zu legen; auch war zum Missfallen nirgends Veranlassung. Eine kleine Treppe, die gleichfalls hinter einer der sechs Saalthuren lag, fuhrte in die obere Etage, und hier fand Elmerice ein so hubsch eingerichtetes Zimmer, in so glanzender Reinlichkeit strahlend, dass es ihr nicht schwer ward, Vergnugen daruber zu bezeigen. Doch horte Madame St. Albans nicht auf, Alles entschuldigend und selbst herabsetzend zu besprechen, unter dem oft wiederholten Zusatze: "Aber wir sind stille, bescheidene Leute," ohne Ahnung, wie die Beilegung zweier solcher Tugenden wenigstens das Pradikat der Bescheidenheit verdachtigte. Bald aber verliess sie ihren Gast, um sich den Anordnungen zur Abendmahlzeit zu unterziehen, und Elmerice fuhlte einen Anflug von Erschopfung und Abspannung, wie er uns am haufigsten kommt, wenn wir uns einer fremden, in ihrer Art und Weise sicher gewordenen Natur gegenuber fuhlen, die wir nicht durch das Hervortreten unserer abweichenden Gesinnungen zu verletzen wunschen, weil wir fuhlen, dass wir ihre Eigenthumlichkeit wohl verstehen und achten konnen, aber uberzeugt sind, die unsrige unverstanden und gemissbilligt zu wissen.
Elmerice hatte mehr Worte, mehr Hoflichkeit in der kurzen Zeit verbraucht, als ihr sonst irgend zu Gebote war. Die leicht hervortretende Heftigkeit der guten Frau hatte sie erschreckt und nur daran denken lassen, sie in milder Stimmung zu erhalten; sie fuhlte im Augenblicke des Alleinseins, dass sie sich angestrengt habe, und sie wusste nicht, ob sie zufrieden oder unzufrieden mit sich sein sollte. Doch bestrebt, mit sich ins Klare zu kommen, hielt sie die Erinnerung an den Zugen von Gutmuthigkeit fest, die ihr unverkennbar aus dem Gesprache mit Madame St. Albans hervorgetreten waren, und beschloss nichts Anderes, als diese, sehen und horen zu wollen.
Zur Ruhe gekommen durch diesen Beschluss, richtete sie sich jetzt in ihrem neuen Zimmer ein, und schrieb einige Zeilen an ihre Wohlthaterin, da die Equipage und die Diener anderen Tages nach Ardoise zuruckkehren sollten. Diese Zeilen hatten sie in eine grossere Gemuthsbewegung versetzt, als anscheinend Grund dazu vorhanden war, und dies wohl fuhlend, eilte sie ihre trahnenden Augen an dem geoffneten Fenster zu kuhlen. Sie uberblickte von hier aus in weiterer Ausdehnung die Gegend und gewahrte bald, dass der Benutzung des Bodens zum Erwerbe jede Annehmlichkeit aufgeopfert war; nirgend zeigte sich eine Baumanlage, ausgenommen einige durftige Kastanienstammchen, die auch den Zweck haben mussten, krankes Vieh darunter zu bergen, denn sie sah ein Pferd, an einen Pfahl gebunden, auf dem Boden liegen. Ordnung, Fleiss und Wohlhabenheit war dagegen der unverkennbare Stempel, der allen Gegenstanden aufgedruckt war, und ganz dazu geschaffen, Elmerice angenehm und achtend gegen ihre neuen Freunde zu stimmen. Sie bestarkte sich daher darin, dieser zartlichen Freundin ihrer Mutter achtend und freundlich entgegen zu treten, und beeilte sich, da die Stunde herangekommen war, zum Abendessen hinunter zu steigen.
Der grosse Saal, oder vielmehr der Hausflur, da er zugleich der Eingang vom Hofe aus war und mit seinen sechs Thuren fast zu allen Raumen des Hauses fuhrte, war mit Fliesen getafelt, die Wande weiss getuncht und mit einigen Versuchen von Stuckatur versehen. In der Nahe der Fenster stand ein grosser eichener Esstisch, mit eben so massiven, hochlehnigen Stuhlen umstellt, auf deren Sitze Madame St. Albans eben beschaftigt war, rothe damastene Kissen zu legen, offenbar ihrem Gaste zu Ehren, denn Marylone, die junge Magd, die Miss Eton zuerst begrusst hatte, stand damit bis unter das Kinn bepackt, und wurde nur durch das hastige Zugreifen ihrer Gebieterin nach und nach von ihrer Last befreit.
"Ah, seht doch, da seid Ihr schon, Miss Eton;" sagte Madame St. Albans, offenbar von dem zu fruhen Erscheinen derselben gestort "nun, Ihr seid nicht ungesellig, wie ich sehe, und das freut mich, obwohl meine Zeit mir wenig eigentliche Ruhe gonnt."
"Wenn ich mich wohl in Eurem Hause fuhlen soll," sagte Elmerice, "musst Ihr, liebe Madame St. Albans, vor allen Dinge nie auf mich Rucksicht nehmen. Ich hoffe, dass Ihr mir gestatten werdet, Euch durch Haus und Hof zu begleiten, um Eure vortreffliche Haushaltung kennen zu lernen so werde ich in Eurer Gesellschaft sein, ohne Euch hinderlich zu werden."
Diese wohlgemeinte Rede verfehlte jedoch ganz ihren Zweck. Madame St. Albans war von Natur misstrauisch und hatte immer Furcht, man wolle ihre Art und Weise tadeln, oder sie lacherlich machen; gegen Miss Eton hatte sie den Verdacht einer hoheren Geistesrichtung gefasst, und wie ihr unbegreiflich war, wie sich damit das Interesse fur Hauslichkeit und wirthschaftliche Thatigkeit vereinigen konne, so schien ihr die Rede des Frauleins reine Verstellung, hochmuthige Herablassung oder Spott sogar.
Sie lachte daher ziemlich hohnisch auf und sagte dann, wie sie hoffte, ihre Meinung verstandlich machend: "Behute mich Gott, dass ich ein so zartes, hochgebildetes Fraulein so beleidigen sollte, sie mit Wirthschaftssachen zu belastigen! Nein, mein gutes Kind, so viel Bildung haben wir gerade auch noch, um zu wissen, wie solche feine Damchen behandelt werden mussen. Ihr gehort mit Euren zarten Handchen und feinem Gesichtchen in die Stube; ich aber habe in meinem Berufe weder Gesicht, noch Hande schonen konnen, sie sind jetzt nichts Anderes mehr werth, als weiter fort zu schaffen, was sie nicht ohne Erfolg, wie ich hoffe, bis jetzt geleistet haben."
"Wollt Ihr mich denn glauben machen," erwiederte freundlich nahend Elmerice, diese Antwort verschmerzend, "dass Bildung so heilige Interessen, als das Wohl des Hauses fur eine Frau sein muss, ausschliesse? Ich dachte gerade, Bildung lehre uns erst recht, den Werth und den Genuss solcher Pflichten verstehen, und dies muss auch gewiss Eure Meinung sein."
"Was so eine gewohnliche Frau denkt, wie ich, Miss Eton, darauf kommt wenig an, ich habe nur so meinen schlichten Menschenverstand, mein Bischen gesunde Vernunft, von hoher Bildung aber weiss ich nichts das musst Ihr verzeihen, wenn ich Euch damit nicht dienen kann."
Wahrend dessen waren die Stuhle alle mit festgebundenen Polstern versehen, und jetzt flogen sie auf einen Wink der selbst angreifenden Hausfrau aus einander, und mit Hulfe der pfeilschnellen, kraftigen Marylone breitete sich ein schoner kleiner Teppich darunter aus, welches Alles dem Gaste zu Ehren geschah, und allerdings das Platzchen um Vieles wohnlicher und ansprechender machte.
Als dies zur Zufriedenheit der Madame St. Albans beendigt war, ordnete sie nun mit Marylone das Dekken des Tisches selbst an, indem sie fast immer in dem Augenblicke, als das geschickte und flinke Madchen die Geschirre auf ihren bestimmten Platz stellen wollte, ihr dieselben aus der Hand riss und mit den Worten: "Sieh' Dich doch vor, hierher kommt das!" es selbst an seinen Platz setzte. Zwischen dieser Thatigkeit war sie noch von einer andern Unruhe, uber das lange Ausbleiben ihres Mannes, geplagt. Alle funf Minuten eilte sie nach der Hausthure, riss sie auf und kehrte getauscht mit den Worten zuruck: "Unbegreiflich, wie Herr St. Albans sich heute so verspatet." Dies Ausbleiben nahm endlich alle ihre Gedanken ein, der Tisch war gedeckt, Marylone entfernt, und ihr blieb nichts ubrig, als sich in ruhiger Erwartung, ihrem Gaste gegenuber, an den gedeckten Tisch zu setzen; aber dadurch steigerte sich ihre Unruhe um dies Ausbleiben bis zur ubeln Laune und gelegentlichen Ausbruchen von Heftigkeit, die Elmerice nicht zu nahren wunschte, und die sie endlich verstummen liessen.
Da schlugen alle Hunde zugleich bellend im Hofe an, und augenblicklich sprang Madame St. Albans von ihrem Sitze auf und lief nach der Thur, sie in dem Momente offnend, als ihr Gemahl ihr darin entgegen trat. Beide begrussten sich mit ungemeiner Herzlichkeit, die aber dies Mal von Seiten der lebhaften Frau unterbrochen ward, indem sie ihn vorfuhrte, ihn vor Elmerice hinstellte und mit vollkommen wiedergekehrter guter Laune ihn frug: ob er ahne, wer dies sei?
Herr St. Albans richtete seine freundlichen Augen auf die Vorgestellte, und verneigte sich dann mit auffallend gutem Anstande: "Ich zweifle nicht, unser sehnlicher Wunsch ist in Erfullung gegangen und wir geniessen das Gluck, Miss Eton unsern Gast zu nennen."
"Errathen!" rief die kleine Frau, lebhaft in die Hande schlagend "meiner Margarith einzige, liebe Tochter!"
"Glaubt, Miss Eton," sprach St. Albans, "meine gute Frau weiss Euch keinen hohern und liebern Rang beizulegen, als den eben genannten. Erlaubt mir auch meinerseits das herzlichste Willkommen."
"Da hast Du recht, mein lieber Mann," sagte Madame St. Albans, "Alles, was sich auf meine Margarith bezieht, ist mir heilig."
Tief geruhrt dankte Miss Eton beiden Eheleuten, und konnte nicht ohne einiges Erstaunen die ungemein vortheilhafte Personlichkeit des Hausherrn betrachten. Seine Frau uberschuttete ihn mit Fragen und Aufmerksamkeiten jeder Art, und er hatte eine immer freundlich anerkennende Hoflichkeit fur ihre sich selbst genugthuende Dienstlichkeit, und doch behielt er eine Ruhe und Aufmerksamkeit fur seine Umgebungen, die von wahrer Herzensgute und einer hoheren Geistesrichtung zeigte.
In seiner Gegenwart fuhlte Elmerice zuerst sich etwas aus dem gespannten Zustande erlost, den sie beim Alleinsein mit Madame St. Albans empfunden hatte; sie durfte wagen, sich ihrer eigenen Stimmung hinzugeben, denn in der Gegenwart ihres Mannes blieb jeder Andere fur diese zartliche Frau ziemlich unbeachtet, und sie hing nur an seinem Munde, um sich fur ihre eigenen Gedanken Auskunft zu verschaffen. Auch hierbei blieb sie sich vollig gleich; ihre unverkennbare Zartlichkeit ging doch sogleich in empfindliche oder misslaunige Aeusserungen uber, wenn die des Herrn St. Albans im Geringsten von den ihrigen abzuweichen schienen, und sie legte auch gegen ihn ein gewisses misstrauisches und heftiges Wesen nicht ab. Dessen ungeachtet war ihr ganzer Zustand jetzt freier und leichter, und die feine Haltung ihres Mannes wusste immer geschickt sie selbst zu einem feinen Betragen zuruckzufuhren, was sie anzunehmen allerdings ganz wohl verstand. Einige Unterverwalter nahmen die ubrigen leeren Platze bei Tische ein, und es herrschte bald eine ziemlich ruhige, unbefangene Unterhaltung, die Herr St. Albans mit vielem Geschick auch fur seinen jungen Gast zuganglich zu machen wusste, wahrend seine Frau in unruhiger Thatigkeit mit dem Vorlegen und Anbieten der ubrigens vortrefflich zubereiteten Speisen beschaftigt war. Es wurde schwer sein, in dem Verlauf einer Woche, die wir nach dem erwahnten Abend als beendigt erklaren mussen, eine bedeutende Mannigfaltigkeit in dem Leben auf der Abtei Tabor angeben zu konnen. Miss Eton hatte nach einigen missgluckten Versuchen, aus sich heraus in die Ansichten der reizbaren Hausfrau ubergehen zu wollen, sich mehr auf sich selbst zuruckgezogen ihre Zeit nach der Ordnung des Hauses eingetheilt und sich Spaziergange gesucht, die freilich bei ihrer Einformigkeit und der ganz allein auf den Nutzen gerichteten Einrichtung des ganzen Gutes nur sehr wenig Genuss gewahren konnten. Doch das Fruhjahr schritt vor, das Wetter ward warm, der Himmel heiter und blau, die Felder und Wiesen grunten in seltener Ueppigkeit, und es fehlte nicht an Veranlassung, ein unbefangenes Gemuth zu erfreuen. Und doch sehen wir Miss Eton oft stundenlang mit gesenktem Haupte und tief athmender Brust in einer Theilnahmlosigkeit daher wandeln, dass uns scheinen mochte, ihr Geist sei abwarts in trubem Schmerze verloren.
Ihre Wohlthaterin versaumte nicht, ihr nach einiger Zeit die Nachricht von der Ankunft ihrer Gaste in Ardoise zu melden, mit dem Zusatze, wie lebhaft sie jetzt in dieser Freude ihren Liebling vermisse, wie sie sich sehne, dass er bald zu ihr zuruckkehren moge.
"Und doch," rief Elmerice nach Lesung dieses Briefes, "wirst Du mich in diesem schonen Kreise nicht willkommen heissen, dennoch verbannt mich mein Geschick von dem Aufenthalte, der allein jetzt auf der Welt noch Reiz fur mich hatte!" Ein Strom von Thranen erleichterte ein Herz, was von den bittersten Schmerzen der Jugend belastet war, und mit einer Ergebung, aber auch mit einer Trostlosigkeit, die nur ein Schmerz, wie Elmerice ihn fuhlte, zu geben vermag, wiederholte sie sich das schwere Gelubde, den Gasten auf Ardoise um jeden Preis zu entfliehen.
Ein heftiges Gewitter hielt Miss Eton auf ihrem Zimmer fest, so sehr sie sich sehnte, im Freien der beklommenen Brust neue Kraft einzusammeln. Der Regen, mit Schlossen vermischt, sturzte verfinsternd herab, und der Sturm peitschte die Regenstrome im Wirbel gegen die klirrenden Fenster. Elmerice blickte ruhig, ja, mit einer Art von Genuss in diesen wilden Aufruhr der Natur. Wer tiefe Seelenangst empfindet, den lebenstodtenden Kummer, der die Schonheit der Erde uns wie einen Vorwurf fuhlen lasst, da wir uns nicht theilnehmend daran zu erfreuen vermogen, der wird fast getrostet von einem Zustande der Natur, der keine Anforderungen an unser Gefuhl macht oder in seiner wilden Aufregung zu uberbieten scheint, was an Qual und Unruhe unsere Seele verletzt.
Heftig sturzte jedoch, dies schmerzliche Nachdenken unterbrechend, Jemand die Treppe herauf, und Marylone flog blass wie der Tod auf Miss Eton zu. "Helft! helft, Miss Eton! um Gotteswillen, helft! sie stirbt uns unter den Handen! wir wissen uns nicht zu helfen, nicht zu retten!"
"Um Gotteswillen, was hast Du?" rief Miss Eton "was ist geschehen?"
"Kommt, kommt! unsere Frau stirbt! Madame St. Albans! o kommt uns zu Hulfe!"
Schon flog Elmerice die Treppe hinab und uber den Saal dem klaglichen Angstgeschrei entgegen, das ihr aus einem der untern Zimmer zu Ohren drang.
Der erste Augenblick raubte ihr jedoch fast selbst die Fassung, denn sie sah hier Madame St. Albans wie eine Leiche auf der Erde liegen; das Gesicht war verzogen und blau die Hande, Fusse, der ganze Korper krampfhaft zusammen gepresst.
In bangem Geschrei, aber ohne alle Hulfleistung lagen die Madchen des Hauses um sie her, und Elmerice wusste freilich fur den Augenblick auch nichts Anderes zu thun, als sich neben der Sterbenden oder Todten nieder zu werfen; aber hier entdeckte sie bei fluchtiger Beruhrung, dass die ungluckliche Frau in vollig durchnassten Kleidern da liege, und auf ihre schnellen Fragen erfuhr sie nun, dass Madame St. Albans das heftige Gewitter im Freien uberrascht, und dies einem grossen h a u s l i c h e n Ungewitter gefolgt war, welches sie noch in der grossten Aufregung und Erhitzung hinausgetrieben hatte. Jetzt war der Zustand allerdings erklart, aber nicht weniger bedenklich; doch Elmerice hatte ihre ganze Besonnenheit wieder erlangt und liess aufs Schnellste die ungluckliche Frau nach ihrem Schlafgemach tragen, wo sie bald in trockene Wasche und in ihr Bett eingehullt, und unter Elmerice's Anleitung mit warmen Tuchern gerieben ward, wahrend ein Bote abgesandt wurde, Herrn St. Albans zu suchen, und ein anderer nach der eigentlichen Abtei Tabor, den Arzt der Monche herbei zu rufen.
Bis tief in die Nacht blieben die vereinigten Bemuhungen der Herbeigerufenen fast erfolglos, es zeigte sich kein Zeichen des Lebens, und schon sank den Bemuhten der Muth, als plotzlich ein Ausbruch von Konvulsionen erfolgte, der dem wiederkehrenden Leben voranging und endlich die Augen der Leidenden offnete. Doch war ihr Zustand noch hochst gefahrlich, und der ehrwurdige Pater Ambrosius, der Arzt der Abtei Tabor, konnte den angstvollen Fragen des Herrn Albans nur die einzige Thatsache zusichern, dass sie fur den Augenblick lebe.
Der Schmerz des unglucklichen Gatten hatte alles Ruhrende einer wahrhaften Empfindung, doch behielt er zu jeder Antwort, jeder Anordnung, Besonnenheit und Ruhe.
Elmerice und die treue, geschickte Marylone theilten alle nothigen Dienstleistungen, und nachdem 24 Stunden ohne Wiederholung des gefurchteten Schlagflusses voruber waren, gab Pater Ambrosius Hoffnung zu ihrer Wiederherstellung. Doch war ihre Ermattung so gross, dass sie nur unklar zu denken schien und noch undeutlicher zu sprechen vermochte. Doch sie lebte, und alles Uebrige schien Herrn St. Albans ertraglich, unbedeutend sogar. Er hatte jedes Geschaft ausser dem Hause aufgegeben. Nach einer kurzen Besprechung an jedem Morgen mit seinen Verwaltern schien er auf der Welt nichts zu thun zu haben, als die Athemzuge, den Puls seiner Gattin zu zahlen, ihr freie Luft und Licht zu nehmen oder zu gewahren, Kissen und Decken zu ordnen, wie es ihr Erleichterung verschaffen konnte. Die Besinnung der Leidenden schien auch zuerst bei diesen zarten Liebesbeweisen sich zu ordnen, die Erschopfung machte sie sanft, und Elmerice fand sie liebenswurdiger, als sie ihr je erschienen war, denn sie lachelte, ohne das Rollen ihrer sonst unruhigen Augen, Jeden sanft an, schien jeden Dienst zu kennen und lohnen zu wollen, und ihre einzelnen Worte bezeichneten immer irgend ein wohlwollendes Gefuhl. Pater Ambrosius sprach nun immer bestimmter die Hoffnung ihrer Genesung aus; und nach einer ruhig durchschlafenen Nacht redete sie Elmerice und ihren Mann mit klarer und ruhiger Stimme an, und ihr volles Bewusstsein und der Gebrauch ihrer Sprache versetzte Beide in die freudigste Stimmung.
Nach einigen Erorterungen uber ihr Befinden kehrte auch augenblicklich ihre alte Art und Weise zuruck. "Aber, St. Albans," sagte sie, "was wird aus unserer Wirthschaft werden? Du bist den ganzen Tag hier im Zimmer gewesen, und wie wird draussen in meinem Haushalte Alles verwildert sein! O mein Gott," seufzte sie schwer, "welch' ein Ungluck, wenn eine Hausfrau erkrankt!"
"Beruhige Dich, meine liebe Frau," sagte Herr St. Albans, "meine Geschafte haben nicht darunter gelitten, meine Verwalter und alle meine Leute haben mir ihre Theilnahme an meinem Kummer durch vermehrten Fleiss und Thatigkeit bezeigt."
"Nun wahrlich," unterbrach ihn die Frau rasch, "da bist Du glucklicher, als ich doch sieh' nur erst selbst nach. Du wirst wohl finden, wenn Du erst suchen wirst, und nun Du ja, Dein Geschaft hat freilich nicht so die tagliche Aufsicht nothig, wie das meinige, mir wird es desto schlimmer ergangen sein, wenn ich nur erst wieder umher blicken kann."
"Auch dieser Kummer, meine Liebe," erwiederte ihr Mann, "wird Dir erspart sein, denn Miss Eton hat jeden Morgen um zwei Stunden ihren Schlaf abgekurzt, Dein Haus in Ordnung zu erhalten, und Du wirst sehr uberrascht sein, Alles in so vortrefflichem Zustande zu finden!"
"Miss Eton!" rief die Kranke "Miss Eton meine Wirthschaft gefuhrt? Nun, das muss ich sagen, uberrascht mich es ist aber recht viel guter Wille, und ich danke, danke recht sehr, liebe Miss! Die Leute haben doch nicht Alles verwahrlosen konnen; nicht wahr, liebe Miss, verschlossen hieltet Ihr das Meiste? da werdet Ihr auch haben kennen lernen, wie unachtsam die Leute sind, wie wenig man sich auf sie verlassen kann, wenn Ihr auch in zwei Stunden taglich nicht viel Erfahrungen machen konntet nun, ich danke sehr fur den guten Willen."
"Damit musst Ihr allerdings Euch genugen lassen," erwiederte Miss Eton lachelnd "doch auch ich muss lobend Eurer Leute gedenken, die sich Muhe gaben, mich zu unterstutzen, und von denen ich leicht und punktlich Alles erhielt, was ich anzuordnen fur nothig fand."
"Nun, nun," sprach Madame St. Albans lachend, "Ihr werdet es wohl gnadig gemacht haben, denn die wirthschaftlichen Anordnungen einer so jungen Dame werden wohl leicht zu erfullen sein; das stosst noch nicht um, mein Kind, wenn ich behaupte, man findet bei sorgsamer Fuhrung der Haushaltung wenig Unterstutzung bei den Domestiken, und wenn ich taglich nur zwei Stunden dran setzte wo denkst Du wohl, lieber Mann, dass Haus und Hof schon hin sein wurden?"
"Gewiss, meine Liebe," erwiederte Herr St. Albans etwas schnell "widmest Du Deiner Haushaltung mehr Zeit, Du hast aber auch nicht die grossmuthige Pflicht dabei ubernommen, mit aufopfernder Sorgfalt eine todtkranke Freundin zu pflegen, wie es Miss Eton that; und vielleicht, wenn Du erst kennen lernst, wie musterhaft selbst in dieser kurzen Zeit alle Geschafte gethan wurden, findest Du selbst spater, dass man sich mehr Musse gonnen kann, und doch nichts zu versaumen braucht."
"Wirklich, Herr St. Albans?" sagte die leicht aufgereizte Frau, mit grosser Empfindlichkeit, "nun Ihr scheint ausserordentlich mit Eurer neuen Wirthschafterin zufrieden zu sein, da Ihr meint, ich, die lang' erfahrene Frau Eures Hauses, solle in die Lehre gehen bei der jungen Miss! Da werde ich wohl ganz verzagt sein mussen, mein Amt wieder anzutreten."
"Ich bitte Euch, liebe, theure Frau, beschamt mich nicht so durch Euren Spott," rief Elmerice, angstlich bittend sich zu ihr wendend. "Nur zu wahr wird es sein, dass Alles, was ich that, Euch nicht genugen kann Herr St. Albans will sich blos gutig gegen meine gute Absicht zeigen."
Herr St. Albans bedauerte gewiss sehr, die heftige und eifersuchtige Frau gereizt zu haben aber er hatte diesmal nicht die Stimmung, den unangenehmen Ausbruch durch seine dann immer eintretenden kleinen Schmeicheleien zu dampfen, sondern er stand schnell auf, und gegen Miss Eton sich verneigend, sagte er ernst und ruhig: "Seid gewiss, Miss Eton, i c h empfinde aufs Tiefste, welche Stutze Ihr in dieser Schmerzenszeit uns Allen gewesen, und zweifelt nicht, meine gute Frau wird Euch auch spater diese Anerkennung nicht versagen."
Etwas erschrocken uber die feste Haltung ihres Mannes, rief Madame St. Albans halb weinerlich: "Aber um Gotteswillen, Herr St. Albans, Sie sind ja so heftig, wie ich Sie noch nie gesehen! Wie konnt Ihr denn denken, ich werde undankbar sein gegen Miss Eton? wenn konnte man mir das nachsagen habt Ihr aber wohl Recht, gegen mich arme kranke Frau so heftig zu sein?"
"Wenn ich das war," sagte Herr St. Albans in milderem Tone, "hatte ich allerdings Unrecht doch war dies weder meine Absicht, noch mein Gefuhl; ich wunschte mir nur eine Gelegenheit, Miss Eton die volle Anerkennung zu gewahren, die ihre grosse Gute und Umsicht mir einflosste. Jetzt will ich einmal selbst meinen Geschaften nachgehen, von denen Du furchtest, ich habe sie vernachlassigt." Er erhob sich, umarmte stumm und freundlich seine Gattin, grusste ehrfurchtsvoll Miss Eton und verliess mit ruhigem Anstande das Zimmer.
Elmerice blieb nun in angstlicher Spannung mit der Kranken allein. Sie wunschte die Zurnende anzureden, aber sie fuhlte sich vollig unsicher uber den Gegenstand, den sie zur Unterredung wahlen sollte. Endlich fing sie von den verschiedenen Domestiken und deren Verhalten zu sprechen an, und frug, wie um Belehrung, nach mehreren wirthschaftlichen Gegenstanden aber alles wirkte nicht. "Ihr werdet das besser wissen, als ich, Miss Eton, wie ich so eben erfahren habe," sagte sie misslaunig, "ich fand die Tugenden nicht an den Leuten, die Ihr ruhmt, aber ich sehe auch die Dinge, wie sie sind, mich konnen sie auch nicht betruben. Lasst Eure Schmeicheleien, ich bin eine einfache Frau, fur mich passt das nicht; da Ihr Alles besser wisst, braucht Ihr mich nicht um Rath zu fragen mir ist auch Alles ganz gleich mag Alles gehen, wie es will, ich mache mir gar nichts daraus."
Dies waren ungefahr die hochst ubellaunigen Reden, die Elmerice zur Antwort bekam, und die ihr endlich ein ruhiges Schweigen auferlegten. Doch plotzlich rief Madame St. Albans, nachdem sie einzelne Worte ausgestossen hatte: "Wer hatte denken sollen, dass Herr St. Albans mich so heftig behandeln konnte!"
Erschrocken naherte sich Miss Eton sogleich dem Lager der Kranken, und bat sie herzlich und dringend, sich doch die Aeusserungen ihres Mannes nicht so zu Herzen zu nehmen. "Gewiss war sein Lob nur das Bemuhen, Euch uber Eure hauslichen Sorgen zu beruhigen, und vielleicht" setzte sie schuchtern hinzu "glaubte er selbst keinen Vorwurf verdient zu haben, da, wenn er seine Geschafte vernachlassigt hat, dies aus Liebe und Sorgfalt zu Euch geschehen ist."
"Ja, ja," sagte die heftige und verzogene Frau, "so ist es Recht: er vertheidigt Euch, Ihr vertheidigt ihn, das kann nicht anders sein. Ihr habt Euch beide sehr genau kennen lernen!"
Miss Eton fuhlte hier etwas sich ihr aus den Worten der Madame St. Albans aufdrangen, dem sie nicht mehr ihre gewohnliche Langmuth entgegenstellen konnte. "Wir haben sicher beide nicht geahnet, uns uber unser bisheriges Verhalten gegen Euch vertheidigen zu mussen; liebe Madame St. Albans," erwiederte Elmerice mit Ernst, "erlaubt, dass ich Marylone in Eure Nahe rufe ich bin fur den Augenblick, furchte ich, Euch lastig, ich will daher einen lang verschobenen Brief an die Grafin d'Aubaine schreiben." Ohne von Madame St. Albans verhindert zu werden, entfernte sich Miss Eton aber nachdem sie das gute Madchen zu ihrer Herrschaft gesandt hatte, eilte sie, das Zimmer zu verlassen, da sie den hervorbrechenden Thranen nicht mehr zu wehren vermochte. Um so unangenehmer ward sie uberrascht, als ihr auf dem Vorsaale, den sie durchschreiten musste, um in ihr Zimmer zu gelangen, Herr St. Albans entgegen trat. Er sah mit einem Blicke die Stimmung des edlen Madchen, das er so hoch zu verehren gelernt hatte, und auch auf seinem Angesichte ruhte ein wehmuthiger Ernst.
"Ich darf Euch nicht lassen, Miss Eton," sagte er, der schnell grussend Vorubereilenden in den Weg tretend "ich muss Euch um Euren Rath bitten versagt mir ihn nicht," setzte er tief bewegt hinzu, "wenn Euch auch, wie ich furchte, Eure neuesten Erfahrungen in meinem Hause gelehrt haben, wie unwurdig wir noch Alle sind, einen solchen Schatz, wie Miss Eton, zu beherbergen."
"Ich bitte Euch, Herr St. Albans," stammelte Elmerice "treibt Eure Gute gegen mich nicht so weit, dass sie uns alle verlegen macht und rechnet mir ganz einfache Handlungen nicht als Verdienst an, da sie so leicht zu vollfuhren waren, und durch Ueberschatzung auch ihren geringen Werth ganz verlieren mussen. Madame St. Albans wird sich freuen, Euch so schnell zuruckgekehrt zu wissen; besucht sie jetzt, es wird ihr wohl thun."
"Nein, vergebt, Miss Eton, jetzt nicht! Ich muss Euch jetzt allein sprechen, und ehe ich meine arme Frau wieder sehe, denn ihr steht eine neue Erschutterung bevor."
In diesem Interesse aufgefordert und selbst beunruhigt durch die Stimmung des Herrn St. Albans, eilte Elmerice zu einem der eichenen Stuhle im Salon, sich niederzulassen.
"Ich weiss Euch Eure grossmuthige Nachgiebigkeit nicht genug zu danken, Miss Eton," sprach Herr St. Albans bewegt, Elmerice's Hand an seine Lippen druckend; "aber urtheilt von meiner Unruhe, als ich so eben diesen Brief von dem Schlosse Ste. Roche erhalte, der mir die todtliche Krankheit der Mistress Gray, meiner Schwiegermutter, anzeigt. Vielleicht habt Ihr von dieser unglucklichen und menschenscheuen Frau schon Einiges gehort; doch ist ihr Leben so uber allen Ausdruck von der gewohnlichen Form aller anderen Menschen abweichend, dass man sie selbst und ihre ganze Existenz als ein Geheimniss ansehen muss. Sie hat sich, das Schicksal ihrer Gebieterin zu theilen, mit der sie, ihre Tochter, meine Frau verlassend, aus England nach Frankreich kam, in das Schloss von Ste. Roche vergraben. Wie das Verhaltniss dieser ihrer Gebieterin war, welch' ein Recht sie an den Grafen von Crecy hatte, dem fruher diese Besitzung gehorte, bleibt ihr Geheimniss; aber nach dem Tode derselben, die wenigstens lange als Herrin des Schlosses betrachtet ward, gab sich Mistress Gray dem finstersten Menschenhasse hin und verschloss sich in dem Theile des Schlosses, den sie mit jener unglucklichen Frau bewohnt hatte, um von da an keinen Menschen mehr zu sehen, als zuweilen meinen Vater, den Kastellan des Schlosses, der ihre kleinen Bedurfnisse nach Aussen besorgte. Seit seinem Tode ist sie noch mehr abgeschlossen. Die Kinder der Nachbaren, denen sie einzig und allein Eingang gestattet, sorgen jetzt fur ihre Bedurfnisse, aber keiner der Aeltern dieser Kleinen darf wagen, ihr zu nahen. Was der Graf Crecy fur Grunde gehabt haben mag, meine Schwiegermutter als unanruhrbar anzusehen, weiss ich nicht. Gewiss ist es, dass sie eine grosse Pension bezieht, dass bei seinen Lebzeiten die strengsten Befehle ergingen, Mistress Gray in nichts zu beunruhigen, genau sich ihren Anordnungen zu fugen, und dass seinen Erben dies auch noch im Testament als unerlassliche Pflicht vorgeschrieben ist. Meine Frau, welche in der Familie des Herrn Lester erzogen ward, begleitete damals Eure Mutter, Miss Lester, nach Frankreich. Hier sah ich Miss Gray zuerst, als sie ihre Mutter in Ste. Roche besuchte; aber das arme Kind fand an der dustern, strengen Frau keine Mutter, und hat sie nie an ihr gefunden. Dessen ungeachtet liess meine gute Frau nie ab, kindliche Pflichten gegen sie zu erfullen, so viel ihr dies erlaubt war; denn Mistress Gray verlaugnete es gar nicht, dass selbst die Nahe ihrer Tochter ihr lastig sei, und trostlos, sie so allein und verlassen in ihrem hohen Alter zu wissen, nahm diese dem Arzte von Ste. Roche das Versprechen ab, bei eintretendem Erkranken ihrer Mutter, sie sogleich davon zu benachrichtigen. Dieser Augenblick ist gerade jetzt gekommen. Der Arzt schreibt mir, dass er erst jetzt nach mehreren Tagen, da der Zustand schon hochst bedenklich scheine, ihre Krankheit erfahren habe, und treibt meine Frau zur Eile, wenn sie die letzten kindlichen Pflichten an ihr erfullen wolle. Denkt nun selbst, liebe Miss Eton, in welcher bosen Lage ich bin! Wie darf ich diese Nachricht meiner Frau bei ihrer Reizbarkeit mittheilen, ohne eine neue Gefahr uber sie zu bringen, und wie darf ich es ihr verschweigen, da sie mir, wenn der Tod ihrer unglucklichen Mutter eintreten sollte, diese Schonung zum ewigen Vorwurf machen, und sich in ihrer kindlichen Liebe aufs Tiefste verwundet fuhlen wurde."
Miss Eton war sehr erschuttert von dieser Mittheilung und, gleich dem besorgten Gatten, sehr beunruhigt um die Wirkung dieser Nachricht, die zu verschweigen eben so gefahrlich war, als sie mitzutheilen.
Eben hatten Beide verabredet, den Pater Ambrosius in Rath zu nehmen, und waren in Begriff, sich zu trennen, als die Thure aufging und zu Beider grosser Ueberraschung Madame St. Albans, auf den Arm Marylone's gestutzt und vollig gekleidet, obwohl noch schwankend und blass, in den Saal trat.
Das Erstaunen war gegenseitig; Madame St. Albans, die ihren Mann im Felde glaubte, Miss Eton auf ihrem Zimmer, schien am Boden gewurzelt, als sie Beide in eifriger, traulicher Unterredung vor sich sah.
Gewiss war das Gefuhl der beiden so Ueberraschten, nach dem, was sie so eben mit dieser argwohnischen Frau erlebt, nicht minder verwirrend, da ihnen einleuchtete, dass sie die Ursache dieses Beisammenseins noch nicht im Stande waren, auszusprechen. Daher war ein Augenblick, der Alle zur Freude berechtigte, jetzt nur gekommen, sie unsanft zu beruhren.
Herr St. Albans empfand jedoch zu aufrichtig die Freude, die in diesem Erscheinen seiner Frau als Zeichen der Genesung lag, als dass nicht bald alles Andere in seiner Seele davor gewichen ware. "O, meine Liebe," rief er, ihr entgegen eilend, "wie uberraschest Du mich wie glucklich fuhle ich mich, Dich so begrussen zu konnen!"
Doch Madame St. Albans wies seine Hand ziemlich unsanft zuruck, und indem sie Marylone befahl, das Zimmer zu verlassen, ging sie, sich von ihrem Manne abwendend, mit schwankenden Schritten auf Miss Eton zu. "Ich beklage, Miss Eton," sagte sie bebend vor Zorn, "dass meine zu fruhe Genesung, wie es scheint, die traulichen Zusammenkunfte mit meinem Manne nunmehr unterbrechen wird jedoch ist es mir immer lieb, dass ich Gelegenheit bekam, die treue Sorgfalt kennen und wurdigen zu lernen, die Ihr meinen hauslichen Angelegenheiten schenktet; dass sie sich bis auf das Herz meines Gemahls ausdehnen wurde, habe ich freilich der Tochter meiner Margarith nicht zugetraut."
"Halt' ein, ungluckliche Frau!" rief hier Herr St. Albans in der schmerzlichsten Heftigkeit, und schloss die zurnende Frau fast mit Gewalt in seine Arme. "O versundige Dich nicht so grausam an diesem reinen Engel! denke, dass Du Dich an der Tochter Deiner Magarith versundigst!"
"Versundigen! versundigen!" rief Madame St. Albans, ihren Mann zuruckstossend, "mir scheint, Du hattest dies bereits gethan, und nicht mir ware dieser Vorwurf zu machen. Ich habe mit Dir uber diese Angelegenheit nichts zu sprechen. nur Miss Eton wird sicher vorziehen, zu ihrer erhabenen Beschutzerin zuruck zu kehren, die vielleicht in ihrer hohen Bildung gleichgultiger gegen solche Handlungen ist, als ich, die schlichte, ehrliche Hausfrau, die nichts als ihren einfachen Menschenverstand und etwas gesunde Vernunft hat. Auch meine Wirthschaft" fuhr sie lachend fort, "hoffe ich ohne das Vorbild der durch sie eingefuhrten neuen Ordnung, wie bisher, und allein leiten zu konnen."
"Ich bitte Euch, Miss Eton, entfernt Euch!" rief hier Herr St. Albans "ich kann Euch nicht so hart in meinem Hause beleidigen horen, und kann nicht anders, als mit Mitleiden an die Beschamung meiner unglucklichen Frau denken, wenn sie erkennen wird, wie grausam sie Euch eben beleidigte; dass dies geschehen wird, seid gewiss, und wenn Ihr dies Haus, wie ich furchte, nun als ein unwurdiges fliehen werdet, wird Euch doch die grosste Hochachtung von uns Allen folgen."
Miss Eton hatte sich wahrend dieser ganzen Scene bleich, und von den grausam uber sie ausgeschutteten Beleidigungen erstarrt, an ihren Stuhl gelehnt, sie fuhlte sich ausser Stande zu antworten, war wie zum Tode verwundet von den wild rollenden Augen dieser Frau, und sich als den Gegenstand ihres Zornes zu fuhlen, war der grosste Schrecken, den sie je empfunden. Sie liess es daher geschehen, als Herr St. Albans ihre zitternde Hand ergriff, sie nach der Treppenthure fuhrte, die er ihr offnete, und sie dann entliess, obwohl er deutlich sah, wie sie kaum die Kraft hatte, die Stufen zu ersteigen.
Wir ubergehen das etwas lebhafte, und zwischen Verlieren und Gewinnen schwankende Gesprach der beiden Ehegatten, uberzeugt, dass nach den Angaben, in welchen wir bisher versucht haben, den Karakter Beider zu schildern, dies billig verdeckt bleiben kann.
Madame St. Albans hatte bei der Ruckkehr ihres Mannes sich in einen Sitz niedergelassen, in ihrem getraumten guten Rechte durch die feste und zurnende Haltung desselben etwas erschuttert. Herr St. Albans aber fuhlte im Verlauf der Unterredung, dass hauptsachlich die Eitelkeit seiner Frau verletzt sei durch das etwas warme Lob, das er dem wirthschaftlichen Talente der Miss Eton gezollt. Wie alle beschrankten Frauen, die all ihren Verstand nothig haben, um ihrem Haushalte vorzustehen, hielt sie diese Pflichten fur unvertraglich mit hoherer Bildung und deren Beschaftigungen, und trostete sich sehr dunkelvoll mit der Ueberzeugung, solche Frauen konnten ihre Pflichten nie vollstandig erfullen. Sie hatte sich langst gewohnt, mit ironischem Stolze darauf hinzublicken, wobei sie nie unterliess, mit dem unbescheidensten Selbstgefuhl ihre eigene Sphare klein und unbedeutend zu schelten, indem sie sich aber Pradikate beilegte, die wirklich zu besitzen, nur das Streben und das Resultat der hochsten Vervollkommnung sein kann. Sie hatte sich mit lobenswerthem Eifer den Pflichten unterzogen, die die grosse Haushaltung ihres Mannes ihr uberlieferte, aber unfahig, Plan und regelmassige Ordnung in ihre und der Domestiken Geschafte zu bringen, hielt sie stetes Selbstarbeiten fur das Geheimniss aller guten Ordnung.
Ganz anders war die Erziehung, die Miss Eton durch das Beispiel ihrer Mutter erhalten hatte. Sie verstand vollkommen, die Geschafte ihrer Haushaltung dem eigentlichen Leben unterzuordnen. Die strengste Ordnung war gerade nothig, um dies gerauschlose Dasein des nothwendigen Betriebes moglich zu machen. Sie erzog ihre Leute zum Selbstdenken, und indem sie ihnen die Form vorschrieb, in die ihr Geschaft einpassen musste, gonnte sie ihnen in dieser Grenze die Willkur eigner Bewegung. Das ganze Raderwerk dieses Treibens war in eine Art Geheimniss gehullt, niemals gewahrte man queer einlaufend, unregelmassige Thatigkeit, nie das Storen oder Aufhoren des hauslichen, geselligen Beisammenseins. Mistress Eton legte den hochsten Werth auf die Erfullung ihrer hauslichen Pflichten, aber sie hatte Geist und Bildung, um den Gegenstand zu durchdringen, sie schienen ihr immer nur die Mittel zum Zweck, nie der Zweck selbst. Diesen Zweck, das Wohlbehagen Aller, die ihr anvertraut waren, zu bewirken, erreichte Mistress Eton vollstandig, dies schien ihr der Lohn, den sie beabsichtigte, und sie trachtete nie durch in die Augen fallende Abmuhung die Aufmerksamkeit oder den Dank ihres Mannes zu fesseln.
In diesem Sinne hatte Miss Eton die ihr hier durch die Umstande auferlegten Pflichten geleistet. Leicht fanden sich die Domestiken in die ruhigen, klaren Anordnungen, die plotzlich diese, von den ewig auf sie niederstromenden Worten ihrer Hausfrau zu Maschinen gewordenen Leute zu einer Art von Freiheit erhob, die ihnen doch genauer, als fruher, ihre Pflichten bezeichnete. Worin der ewige hausliche Embarras ihrer Wirthin lag, hatte Miss Eton lange erkannt; aber es war ihr nur eine wiederholte Erfahrung, dass, wo die Kraft des Geistes fehlt, einen Gegenstand in seinem Wesen aufzufassen, eine regellose Thatigkeit eintritt, die bei ihrer nothwendigen Belastigung das Individuum zu Dunkel und Anmassung fuhrt, die es misstrauisch und tadelnd jeder andern Weise entgegen stellt.
Es lasst sich kaum sagen, in welchem Grade Madame St. Albans von der Mittheilung ihres Mannes uber Miss Eton's wirthschaftliches Verhalten uberrascht war, und mit welchem Zorne sie der Gedanke erfullte, ihr Mann konne darin irgend einem Wesen der Erde den Vorzug geben. Sie hatte nicht ohne eine gewisse Koketterie darnach getrachtet, ihm die hochste Meinung von ihrer Thatigkeit, Umsicht und der grossen Last zu geben, welche sie truge. Ganz erschopft von diesen Sorgen sich darzustellen, und damit ihre eigenthumliche, oft murrische und ubellaunige Art zu entschuldigen, war immer das Mittel, womit sie ihren unendlich sanften und zu jeder Anerkennung stets bereiten Mann an sich zu fesseln suchte, und ihn uber die Lucken tauschte, die der hoher gebildete Mann erkannte, und doch gegen die so in Anspruch genommene Frau zu rugen, ihm ein Unrecht schien. Herr St. Albans wusste daher auch mit der Art, die ihm dieser reizbaren Frau gegenuber zur Gewohnheit geworden war, diesen Feind in ihr durch seine Schmeicheleien zu beschworen und als er sie nur erst ruhiger sah, gelang es ihm bald, sie zur Anerkennung ihres Unrechts gegen Miss Eton zu bringen.
Sei es nun, dass die heftige Gemuthsbewegung die letzte Schwache der Krankheit von Madame St. Albans genommen hatte sei es, dass der Augenblick ihrer Genesung wirklich gekommen war genug, im Laufe des Gesprachs fuhlte ihr Gemahl sich ganz ermuthigt, ihr die Lage der Dinge auf Ste. Roche mitzutheilen und damit auch sein letztes Beisammensein mit Miss Eton zu erklaren.
Die arme Frau fuhlte sich durch diese Mittheilungen mehr in ihrem Geiste, als korperlich uberwaltigt; aber wir durfen zu ihrer Ehre es nicht unerwahnt lassen, dass ihr das Unrecht, das sie Miss Eton gethan, sehr zu Herzen ging und sie durchaus selbst zu ihr hinaufsteigen wollte, ihr Abbitte zu thun.
Die Stimmung der armen Elmerice war keinesweges so ruhig, als wir es ihrem unschuldigen Herzen zutrauen wurden. Die Beschuldigung selbst hatte sie verwundet, aber ob sie gerechtfertigt werde oder nicht, es blieb gleich fur sie; das Haus, wo sie dies erfahren, musste sie jedenfalls verlassen. Aber hierin lag eine Fulle von Sorgen fur sie, deren Grund uns noch entzogen bleibt: denn eben so unmoglich schien es ihr, jetzt zu ihrer Wohlthaterin zuruckzukehren. So fuhlte sie denn zuerst, dass ihr eine Heimat fehle, eine immer fur sie bereitete schutzende Statte, wie das alterliche Haus in so jungen Jahren das einzig wahrhaft ausreichende Asyl bleibt, und eine Fulle heisser Thranen floss dem Andenken dieser so schon, so vollstandig besessenen und nun fur immer entschwundenen Zuflucht. "O meine Aeltern," sprach sie "sahet Ihr Euer armes Kind in solcher Lage, konntet Ihr mir noch die Arme offnen, die mich so lange schutzend umschlossen!" Da kam ein stiller, susser Friede in ihr Herz, wie der Segenskuss dieser ehrwurdigen Beschutzer, und auf ihre Kniee sinkend, konnte sie innig beten beten um die Kraft, das Rechte zu thun.
Leise hatte Madame St. Albans die kleine Treppe erstiegen und trat jetzt laut weinend in Elmerice's Gemach. "O, Tochter meiner Margarith, wirst Du mir vergeben?" sprach sie laut schluchzend, indem sie an der Thure stehen blieb. Und Elmerice? Elmerice stand auf und empfing die Reuige, wie man es thut, wenn man gebetet hat, und Gottes Frieden unser Herz erquickt. Sie war ohne Thranen, ruhig, ernst, aber weich und wohlthuend in jedem Laut, in jeder Bewegung, und Madame St. Albans fuhlte unwillkurlich eine Art Ehrfurcht vor dem reinen, hohen Geiste, der ihr so ohne Absicht, ohne Anmassung entgegen trat.
"O, mein Kind, wie danke ich Dir, dass Du durch Deine schnelle Vergebung diese eine grosse Last von meiner Seele genommen, da, was mich ausserdem niederbeugt, schon hinreichend ist mein guter Mann hat mir den Brief aus Ste. Roche mitgetheilt."
"O, mein Gott!" rief Elmerice erschrocken, "wie viel sturmt auf Euch ein, arme, ungluckliche Frau! Fasst Euch doch nur, und sagt mir, ob ich Euch helfen, ob ich Euch dienen kann!"
"Ach, Elmerice," sagte Madame St. Albans weinend "versprich mir nur zuerst, dass Du mich nicht verlassen willst; denke, wenn Du so zu Deiner Grafin zuruckkehrtest und ihr sagtest, ich hatte Dir das Haus verboten!"
"Denkt daran furs Erste nicht," erwiederte Elmerice, "wir haben Wichtigeres zu uberlegen; sagt mir, was Ihr beschlossen habt in Bezug auf jene Nachrichten."
"Was ich beschlossen habe?" rief Madame St. Albans mit ihrer gewohnten Energie "nun, was Anderes, mein Kind, als hinzureisen zu dieser armen verlassenen Mutter."
"Aber jetzt, in diesem Zustande von Schwache," entgegnete Elmerice "wie werdet Ihr das aushalten, welchen Gefahren setzt Ihr Euch aus!"
"Das ist Alles wahr, meine liebe Elmerice, aber darum kann ich doch nicht bleiben. Ich habe zwar Herrn St. Albans nicht abgehalten, zu dem guten Pater Ambrosius zu gehen und ihn in Rath zu nehmen, aber ich habe das nur zugelassen zu seiner Beruhigung mein Entschluss steht fest, und kein Herr St. Albans, kein Pater Ambrosius wird mich abhalten, meine kindlichen Pflichten zu erfullen."
"So wird Euch doch wohl Herr St. Albans begleiten?" fragte Elmerice gespannt.
"Herr St. Albans, mein Kind, kann mich nicht begleiten; unsere Wirthschaft darf nicht ganz zu Grunde gehen nein, nein, ich wurde dies niemals leiden!"
"Nun, so nehmt mich denn mit," rief Elmerice entschlossen "ich will fur Euch sorgen, ich will Euch pflegen und, so weit ich es vermag, unterstutzen; denn niemals kann ich zugeben, dass Ihr in diesem gefahrlichen Zustande ohne andere Begleitung, als die eines Madchens, reist."
Madame St. Albans schwieg einen Augenblick, dann breitete sie die Arme gegen Elmerice aus, und mit kurzem, heftigem Schluchzen sprach sie: "Komm' her! komm' an meine Brust! Du bist, weiss Gott, meiner Margarith echtes Kind! So war sie auch nie nachtragend, schnell versohnt und dann zu jedem Liebesdienste bereit. Doch mitnehmen kann ich Dich leider nicht wo ich hingehe, das ist ein hochst wunderlicher Ort, und fur Dich kein Obdach zu finden weiss ich doch kaum, ob meine arme, menschenscheue Mutter mich, die eigene Tochter, bei sich aufnehmen wird; eine Fremde darf ihre Schwelle nie mehr betreten."
"Gut," erwiederte Elmerice "so werde ich in Eurer Nahe ein Obdach finden. Es liegt ein Dorf bei dem Schlosse, es lebt ein Geistlicher dort irgend wo, vielleicht selbst in einem andern Theile des Schlosses werde ich ein bescheidenes Unterkommen finden, und dann die Beruhigung geniessen, mit Euch die am meisten zu furchtende Hinreise gemacht zu haben und in Eurer Nahe zu sein, solltet Ihr, was Gott verhute, Hulfe bedurfen."
"Ach, mein Kind, das sind alles Opfer, denen Du nicht gewachsen bist! Da konntest Du in Lagen kommen, aus denen ich Dich nicht einmal erlosen konnte, warest Du erst einmal da."
"O streitet nicht langer mit mir," erwiederte Elmerice dringend "ich bin eben so entschlossen, als Ihr selbst, und weiss, dass ich meinen Kraften besser vertrauen darf, als Ihr es annehmen wollt; darum lasst uns jetzt an nichts denken, als wie wir so leicht und gut, wie moglich, diese nothwendige Reise einrichten wollen."
"Da sei Gott fur, dass ich Dich eben jetzt wieder beleidigen mochte, und an Deinem guten Willen zweifeln ich bin ganz davon durchdrungen und fuge mich, wenn Du darauf bestehst, in Deinen Beschluss."
"Nun, so lasst uns nicht saumen, geniesst jetzt etwas der Ruhe, liebe Madame St. Albans, und lasst mich sorgen, dass ich Alles zur Abreise vorbereite."
"Ja, und zwar auf morgen fruh," sagte Madame St. Albans entschieden, "denn schwere, schwere Ahnungen beangstigen mich ich will nicht zu spat kommen, was an mir liegt."
Elmerice fuhrte Madame St. Albans nach ihrem Schlafzimmer, und als sie fur ihre Ruhe gesorgt, eilte sie, mit Marylone die nothigen Anstalten zu verabreden.
Herr St. Albans kehrte gegen Mittag mit Pater Ambrosius zuruck, und Beiden blieb, dem energischen Willen der Kranken gegenuber, kein Mittel, als in ihre Abreise einzuwilligen. Dabei hob Madame St. Albans mit grossem Lobe das Anerbieten der Miss Eton hervor, und so sehr Herr St. Albans auch vor der Grosse dieses Opfers erschrak, fuhlte er doch, welche Wohlthat es war; erst von da an fugte er sich mit einiger Ruhe in diese bedrohende Reise.
Obwohl das erste Zusammentreffen mit ihm und Miss Eton nicht ohne Verlegenheit blieb, traten dennoch die zunachst liegenden, so wichtigen Umstande bald so dringend hervor, um nicht jede andere Empfindung in den Hintergrund zu stellen. Es war keine kleine Arbeit, Madame St. Albans reisefertig zu machen, und alle ihre hauslichen Befurchtungen und Zweifel zu beseitigen. Es gehorte die immer gleiche ernste Ruhe und Geduld der Miss Eton dazu, um nicht an so viel Widerstand und Peinlichkeit den Muth zu verlieren. Doch gelang es ihr endlich, das Haus bestellt und den Reisewagen gepackt zu sehen, und sie zog sich auf ihr Zimmer zuruck, die wenigen Stunden der Nacht bis zur Zeit der Abreise sich selbst zu leben.
Fast betaubt von den Eindrucken des Tages, rang ihr Geist, sich zur Klarheit empor zu arbeiten, und so weh und gebeugt sie sich fuhlte, musste sie diese angstliche, traurige Reise doch als eine Wohlthat erkennen, da ein langerer Aufenthalt in diesem Hause ihr jetzt fast unertraglich geschienen hatte, und ihr doch keine andere Zuflucht ubrig blieb.
Es giebt Augenblicke im Leben, die in uns bis auf das letzte Funkchen alle leise gehegten Hoffnungen ausloschen, indem sie uns eine Klarheit der Seele leihen, durch die wir alle Illusionen selbst vernichten und von Allem zuruckgetrieben, was wir festzuhalten trachteten, nichts ubrig behalten, als die Sehnsucht, vor der wir uns vergeblich zu fluchten suchen, die immer wieder den kaum haftenden Verband von unsern Wunden nimmt und sie bluten lasst ach, nur so viel, um die Kraft der Jugend, den Muth zum Leben zu entkraften, nicht bis zur sussen Todesruhe!
So fuhlte Elmerice sie sah ihre Lage klar und deutlich, sie wendete sich ab von jeder Hoffnung aber die Sehnsucht schwellte ihr junges Herz, und sie fuhlte eine tiefe Ermudung, wenn sie an das dachte, was ihr noch ubrig blieb nach dem, was sie hatte aufgeben mussen.
Gegen Morgen schrieb sie ihrer Wohlthaterin noch einige Zeilen, ihre langere Abwesenheit durch die Krankheit der Madame St. Albans entschuldigend; ihre Reise verschwieg sie dagegen, furchtend, dadurch die zartliche mutterliche Freundin zu beunruhigen. Die Walder von Ste. Roche waren beruhmt. Auch glichen sie mit ihren kolossalen Stammen, ihren gewaltigen, in die Luft in einander geflochtenen Kronen den Bildern, die uns ein fremder Welttheil von den Urwaldern gegeben hat, in denen die Axt niemals erklungen und der Vegetation ihr eigenes despotisches Walten gestattet ist. Mit Ranken, Moos und Schlinggewachsen jeder Art uberwuchert, sehen wir das zum kraftigen Widerstand unfahige Stammchen am Boden sich hinschmiegen, dem machtigen Stamme weichend, der sich mit dieser Unterdruckung doppelt Platz gewann und, zu saulenartiger Pracht emporstrebend, das heitere Gewolbe seiner hundertfaltigen Zweige leicht gen Himmel tragt. Die Sonne bahnte sich hier nur selten den Weg nur in einzelnen glanzenden Lichtstreifen erreichte sie den Boden, der in der uppigsten Abwechselung bald das kurze, saftige Moos der Laubwalder, bald die lustig durch einander geschlungene Vegetation der mannigfachsten Ranken, Bluten und Waldbeeren zeigte. Der Weg, den die Reisenden passiren mussten, schlang sich wie ein Geheimniss durch hin, bald ganz verschwindend, bald nur in leichten Andeutungen wahrzunehmen. Das eigene majestatische Gesprach der hohen Laubkronen mit der oberen Luft, die sie erreichten, ward allein unterbrochen durch das Geschwatz der kleinen lustigen Waldbache, die zwischen hohen bemoosten Felsstukken sich ihr grunes Bettchen ausgeholt hatten, und nun sorglos, wie Kinder zu den Fussen der Aeltern, spielten, wahrend das niedere Gebusch eine lockende Wiege fur die junge Brut zahlloser Vogel war, die mit ihren Nestchen unter den jungen Zweigen hockten. Dazwischen gingen die schlanken Bewohner des Waldes mit ihren glanzenden, vielzweigigen Geweihen in grossen Gesellschaften in ihrem weiten Palaste umher, und sahen mit stolzer Ruhe den lustigen Hasen nach, wie sie in ewiger, unnutzer Eile voruber jagten und die Eichhornchen in die Luft schreckten, die mit klaren Augen von der hohen Wohnung argwohnisch auf die verschiedenen Gesellschaften niederblickten.
Leicht war aus dem Leben dieser Walder das Schicksal der Besitzungen von Ste. Roche zu erkennen. Sie waren von den Menschen vergessen, weder zum Nutzen, noch Vergnugen mehr bestimmt, ihrem inneren Bedurfnisse zur freien Entwickelung uberlassen, und wahrlich ein hochst eigenthumliches Bild stolzen Naturlebens!
Am Abend des Reisetages sahen sich die Damen in dem Theile des Waldes, der unmittelbar an das Schloss Ste. Roche grenzte. Sie hatten am Mittag aus dem Kloster Tabor einen Fuhrer mitgenommen, durch dessen Weisung es ihnen allein gelang, auf dem rechten Wege zu bleiben; jetzt verkundigte er ihnen die Nahe von Ste. Roche, und beide Frauen horten diese Mittheilung mit grosser Bewegung an.
"Miss Eton, es ist wahr" hob Madame St. Albans an "dass ich mich niemals diesem alten Wohnsitze meiner Mutter nahe, ohne eine Art Herzklopfen zu fuhlen. Aber gewiss ist es auch, dass schwerlich ein zweiter Ort gefunden werden soll, an dem so viele und unerhorte Historchen haften, als an diesem alten Schlosse. Wenn Ihr es sehen werdet, so wird es Euch moglich scheinen, dass hier alles Abenteuerliche Raum fand, was davon erzahlt wird seht, ich bin keine leichtglaubige Thorin, aber ich selbst konnte denken, es sei hier nicht, wie sonst in der Welt, zugegangen, und obwohl der neue Besitzer Alles thut, den Verfall zu hindern, geschieht doch auf ausdrucklichen Befehl und nach testamentarischer Verordnung des verstorbenen Grafen Crecy nichts, um dies wunderbare Aeussere zu verandern. Ach, Elmerice," hob sie nach einiger Zeit an, "wie werde ich Alles dort finden! eine Leiche oder eine Sterbende?"
Hierauf liess sich schwer antworten, und Miss Eton frug daher: ob Mistress Gray viel gekrankelt habe?
"Ach, seht, das ist, wie man es nimmt gesund war sie nie recht, wenigstens seit ich sie kenne aber selten, selten, dass sie dem nachgab ehe sie nicht niederfiel, in ihr Bett getragen werden musste, gab sie keiner Krankheit nach, ja, auch dann hatte sie noch tausend Eigenheiten und widerstrebte immer in den Anordnungen zu ihrer Pflege; und des Nachts, wo jeder Mensch schon bei gesunden Tagen Gott danken wurde, dort Jemand um sich zu haben, schliesst sie sich ein, und Niemand darf bei ihr bleiben."
"Welche wunderbare Frau muss Eure Mutter sein!" rief Elmerice unwillkurlich, "und welch' Verlangen hege ich, sie zu sehen!"
"Ja," sagte Madame St. Albans "so wunderbar, wie ihr altes Schloss; aber Ihr werdet von Beiden wenig zu sehen bekommen. Denkt Ihr, dass ich schon je weiter kam, als in den grossen Vorsaal, den meine Mutter bewohnt? Seht, der liegt wie ein Riegel vor den weitlaufigen Gemachern, die einst die Gebieterin meiner Mutter bewohnte, und seit ihr Sarg daraus weggetragen ward, haben sie sich nie wieder einem menschlichen Fusstritte geoffnet, als dem meiner Mutter. Aber sie halt ihre Andacht dort, sie lebt hier ein verzehrendes Leben der gramvollsten Erinnerung, sie ach, Gott vergebe mir! sie, glaube ich, schwort hier immer aufs Neue allen Menschen Hass. Seht, das sind Dinge, die an dem gesunden Menschenverstande meiner Mutter verzweifeln lassen, gabe sie nicht sonst Proben, dass er ihr sehr gegenwartig ist."
"Aber was sagt man denn so Unerhortes von diesem Schlosse?" frug Elmerice weiter; denn sie konnte ihr lebhaft erregtes Interesse nicht mehr verbergen.
"Ach, seht, Miss, so lange es steht, hat es wenig guten Ruf. Es war zuerst ein konigliches Jagdschloss, und man sagt, Heinrich der Zweite habe hier eine schone Freundin verloren, die seine Gemahlin, Katharina von Medicis, habe ermorden lassen. In einem Thurme, der damals das kleine Schloss begrenzte, zeigt man ein Zimmer, das noch in schonen geschnitzten Holzwanden von dereinstiger Pracht zeugt; da soll Heinrich die schone Eudoxia Nemours gefunden haben, wie sie ihm nur noch die blutende Wunde zeigen konnte und dann verschied. Seitdem heisst er Eudoxien-Thurm, und Alle wollen darauf sterben, Eudoxia sitze noch zuweilen in ihren weissen Gewandern auf dem kleinen Altan und sehe in den Wald hinein, wo sie sonst den Konig daher kommen sah. Solche Geschichten haben nun wenig Reiz fur mich; auch sah ich sie nie, und muss sie wandern und vergebens warten, geschieht ihr Recht: solche Frauenzimmer bereiten sich ihr Loos selber; aber seht, freilich spater, sagt man man, sei nie viel Anderes, als Ungluck hier geschehen und geschmiedet worden. Katharina von Medicis baute das Schlosschen oder den Flugel rechts daran, und die grossen Walder umher liessen hier prachtige Jagdpartieen zu; aber immer geschah ein Ungluck es verschwand Jemand oder ward offen wo ermordet, und man sprach schon damals, dass die bose Konigin den Ruf des Schlosses benutze, die heimliche Rache, die sie an Einem oder dem Andern ausuben wolle, auf den aberglaubischen Spuk des Schlosses zu walzen. So, sagt man, habe man sich gefragt, wenn die Gaste sich auf ihren despotischen Ruf hier versammelten, wer wohl das bezeichnete Opfer sein werde ich aber sage: die Narren, dass sie gingen! mich hatte sie einladen konnen, so viel sie Lust gehabt hatte, ich ware doch nicht gekommen."
"Die damalige Zeit," erwiederte Elmerice, "hat freilich manchen Zwang auferlegt, der wenigstens jetzt nicht mehr in so offener Gewalt hervortritt, obwohl noch manches sehr Harte unter Ludwig dem Vierzehnten und selbst unter seinem Nachfolger, dem jetzigen Konige, moglich sein soll."
"Ach, seht mein Kind, das sprengen die Hofleute nur so aus, damit man sie nicht auslachen soll, wenn sie immer uber die Last seufzen, bei Hofe erscheinen zu mussen, da sie sich doch hindrangen, so viel sie konnen. Das habe ich damals fur mein ganzes Leben lang heraus bekommen, als wir, ich und Deine Mutter, zu Gaste waren in dem grossen Hause d'Aubaine, bei den Eltern Deiner Grafin. Sieh', Kind, da hiess es immer von dem Hofzwange aber hoftoll waren sie; denn gab es ein Fest, so waren sie alle in Fieberangst, ob sie auch eingeladen wurden, ob auch zur rechten Zeit, nicht spater, als sie berechnet hatten, dass es ihnen zukame und erschien der Tag, so waren sie so wichtig, so gehoben und mitleidig gegen uns arme burgerliche Madchen, dass ich sie alle auslachte, wenn sie den Rucken wendeten, denn nicht wie zum Fest zogen sie hin, sondern wie zu einem Leichenbegangnisse, so ernst und beklommen. Aber das war lauter Hochmuth, Furcht vor Demuthigungen, da sie doch, wie sehr sie sich auch erhoben, immer wieder Einen ausspurten, der sich uber sie erheben wollte; und da nahmen sie denn ihre Strafe damit hin, denn jeder tolle Hochmuth straft sich selbst."
"Seit wie lange gehorten diese Besitzungen denn dem Grafen von Crecy?" unterbrach Elmerice die sich erhitzende Madame St. Albans.
"Katharina von Medicis schenkte sie einem Grafen von Crecy, der ihr manchen erlaubten und unerlaubten Dienst geleistet haben soll, aber das Ungluck hatte sich nicht mit dem neuen Besitzer verandert es ging so fort. Man sagt, diese Besitzungen waren einem Landsmanne der Konigin, einem Marquis Spinola, zugesagt. Da verlor der Herr Graf Crecy durch unordentliche Wirthschaft sein ganzes Vermogen, und bestand nun bei der Konigin darauf, sie solle ihm helfen; aber Geld war da oft rar genug, sie hatte nichts, aber den Grafen gebrauchte sie, der Spinola nutzte ihr nicht mehr da soll denn hier wieder eine Jagdpartie veranstaltet worden sein, und Spinola und Crecy, die wie gereizte Tieger gegen einander waren, sollen Streit gehabt haben, den die Konigin anfachte. In dem Schlafzimmer Spinola's horte man spater in der Nacht Geschrei und Waffengeklirre, man hatte nach einigen Augenblicken der Ruhe den Grafen Crecy daraus entfliehen sehen was da geschah, ist nie entdeckt worden; als aber die Kammerfrauen auf ihr Geschrei zur Konigin gingen, lag die Leiche Spinola's, mit vielen Dolchstichen durchbohrt, vor ihrem Bette. Die Blutspur war zu sehen von seinem Zimmer bis dahin, wo er starb man sagt, mit einem Fluche gegen die Konigin und das Geschlecht der Crecy, das hier seinen Untergang finden solle. Am andern Morgen floh die Konigin und der ganze Hof, wie von Geistern gejagt, und nie betrat ein koniglicher Fuss wieder dieses verwunschte Schloss. Der Herr Graf Crecy nahmen die Besitzungen, diesem Fluche zum Trotz, in Beschlag, zogen die grossen Revenuen, bauten den dritten Flugel, wie das Uebrige prachtvoll aus, und lebten hier oft in Saus und Braus. Aber endlich ist doch erfullt worden, was der arme Marquis in seiner Todesangst verheissen hat: das Geschlecht der Crecy ist hier erloschen, und sein Ende ward auch durch grausame Verbrechen herbei gefuhrt doch das erlasst mir zu berichten, das ist zu neu noch; seht, da lebte ich schon in dieser Gegend, das kann ich nicht erzahlen, ohne all' die Angst wieder zu fuhlen, die ich damals mit durchmachte, und als ich zuerst wieder hieher zu meiner armen Mutter musste, dachte ich, ich konnte es nicht mehr uberleben. "
Elmerice fuhlte sich ebenfalls von dem Gehorten zu sehr erschuttert, um auf weitere Nachrichten nicht gern verzichten zu mogen, und bat daher ihre Begleiterin, sich die nothige Ruhe zu gonnen. Dies war aber durch die Eindrucke, die ihr der nun immer bekannter werdende Weg aufnothigte, nicht moglich sie begleitete alles sich Darbietende mit Bemerkungen, und forderte Elmerice zu immerwahrender Aufmerksamkeit auf. Diese fand sich jedoch leicht, wo die Gegenstande so anziehend und bedeutend sich zeigten.
Die Waldgegend, die sie jetzt passirten, war unter der Hand der Kultur zu einem Garten gelichtet, der sich von dem ubrigen Theile durch die kostbarsten, mit Graben geschutzten Gitter absonderte; und seine breiten Wege und die uralten gepflanzten Alleen fuhrten endlich die Reisenden dem Schlosse Ste. Roche entgegen, das Beide mit Herzklopfen zu sehen erwarteten.
"O seht, seht, da ist es!" rief plotzlich Madame St. Albans mit einem Erblassen und einem Sinken der Stimme, als fiele sie in Ohnmacht; und auch Elmerice fuhlte ihre Nerven durchzuckt von einem ihr unbekannten Gefuhle, was zwischen Furcht und Ruhrung schwankte, als sie plotzlich den wunderbar grossartigen Bau des Schlosses Ste. Roche vor sich ausgebreitet sah. Waren es die eben vernommenen Erzahlungen, die sich dem Anblicke desselben zugesellten, und es so schauerlich und drohend erscheinen liessen, war es die ernste, imposante Ruhe, die es durch seine Lage inmitten dieser grossartigen Walder, erhielt genug, Elmerice glaubte, es konne nichts Aehnliches mehr auf der Welt geben, und druckte, wie verzagt, die Hand auf ihre Augen, und als habe es ihr jetzt schon ein tiefgehendes Leid angethan, fuhlte sie sich von dem Gedanken, ihm naher zu rucken, wie erdruckt.
"Ja, ja, meine Liebe, da wirst Du wohl erkennen, dass ich nicht ganz Unrecht hatte, Dich hier nicht herfuhren zu mogen" sagte Madame St. Albans zu der tief erschutterten Elmerice, die, uber sich selbst eben so erstaunt, wie uber den Gegenstand ihrer Gefuhle, unfahig war, einen Thranenstrom zuruck zu drangen, und nach diesem unfreiwilligen Ergusse erst Muth fasste, wieder darauf hinzublicken. "Ich gestehe," sagte sie schuchtern, "ich erhielt noch nie solchen Eindruck! Verzeiht mir, ich werde mich gleich gefasst haben; bereut es nicht, mich hieher gefuhrt zu haben, diese Schwache soll Euch nicht lastig fallen."
Madame St. Albans war zu sehr mit sich beschaftigt, um nicht leicht ihre Aufmerksamkeit von Elmerice abziehen zu konnen, und diese gewann nun Zeit, sich zu ermuthigen und sich naher mit dem bekannt zu machen, was sie so tief erschutterte. Der Wald war nach der Vorderseite des Schlosses gelichtet, wenigstens so weit, um es auf einer kleinen Erhohung ganz den Blicken auszusetzen; doch im Hintergrunde schlossen sich die in dem jungen, gelbgrunen Lichte des Fruhjahrs leuchtenden, weitlaufigen Walder dicht daran an. Vor dem grossen Schlosshofe, dem sie jetzt in einiger Entfernung gegenuber waren, liess Madame St. Albans halten, um Elmerice in der Mitte dieses Hofes unter dem riesenhaften Dome dicht im Kranze gepflanzter Ulmen, ein hohes Grabmal von weissem Marmor zu zeigen, unter dem man den ersten Besitzer der Familie Crecy begraben hielt. Das Schloss sah darauf hin, wie ein drohender Geist, seine Thurme, Erker, schwer verzierten und phantastisch von Aussen ansteigenden steinernen Treppen, die hohen, thurartigen Fenster, und wieder die Schiessscharten ahnlichen Zuglocher der Thurme und Gallerien, die endlich vollig einfarbig gewordene, nebelartig graue Farbung des ganzen Baues, gaben ihm ein so geisterartiges, der Mitwelt entrucktes Ansehen, dass Elmerice nicht mehr in Erstaunen gewesen ware, wenn es vor ihren Augen in Nebel zerstoben ware, als seine wirkliche Existenz ihr verursachte.
Madame St. Albans wunderte sich dagegen uber den besseren Zustand des Ganzen. Seit zwei Jahren war sie nicht hier gewesen, und es glich damals einer Ruine; jetzt aber war Alles in brauchbarem Stande, und die Erhaltung des Schlosses offenbar beabsichtigt, wie Wege und Einfahrten aufgeraumt und zuganglich gemacht. Der Wagen umfuhr das Schloss in einem Halbkreise, und Madame St. Albans zeigte Elmerice den Flugel, der ihrer Mutter angehorte. Mit dicken eichenen Bohlen waren alle Fenster verwahrt, kein Zeichen des Lebens liess sich sehen, und Alles schien verodet und ausgestorben. Dagegen blickte man durch geoffnete Fenster in den sogenannten neuern Flugel, und obwohl der dustere Karakter aller dieser grossen Gemacher jeden Raum als Paradezimmer eines Leichenbegangnisses erscheinen liess, leuchtete doch die schwere Vergoldung zwischen den dustern Tapeten uberall durch, und zeigte von erhaltener oder hergestellter Pracht.
Zunachst der Wohnung der Mistress Gray lag am Ende einer dichten Allee das kleine Dorf Ste. Roche, und an die alte gothische Kirche lehnte sich die freundliche Wohnung des Vikars, an deren Schwelle die Reisenden ihren Wagen verliessen.
Der Hausflur, in den sie eintraten, zeigte, dem Eingange gegenuber, durch eine Hinterthur auf ein schon umlaubtes Gartchen, an dessen frischen Rasenplatzen sorgsam bepflanzte Blumenbeete, unter dem Schutze hoher Kastanien- und Ahorn-Baume, ihre Entwickelung erwarteten. Schon beim ersten Schritte in diesen Flur, der mit seinem hohen Kamine und seinen eichenen Holzwanden zugleich den Salon bildete, fuhlte man sich von dem Geiste des Friedens angeweht, und ein Blick umher, mit dem man die einfachen Beschaftigungen der Hausbewohner ubersehen konnte, gab die Gewissheit, hier den Anklang eines hoheren geistigen Lebens zu finden. An der Thur in einem eichenen Lehnstuhle sass eine kleine weibliche Figur hinter einem Radchen, das uber das Andachtsbuch in ihren welken Handen vergessen schien. Als die Fremden eintraten, erhob sie sich jedoch sogleich und ging rascher, als ihr Alter vermuthen liess, den Ankommenden entgegen.
"Nun, liebe Mademoiselle Veronika, darf ich hoffen, noch von Ihnen erkannt zu werden?" rief Madame St. Albans, auf sie zueilend.
"Erkannt und erwartet jede Stunde," sagte Veronika sanft und freundlich, "denn dass eine so gute Tochter nicht ausbleiben wurde, konnten wir leicht denken. Seid demnach willkommen und zugleich getrost, denn noch lebt die arme Leidende; ja, es sind sogar Zeichen der Besserung eingetreten."
"So sei Gott gelobt!" rief Madame St. Albaus mit ihrem schnell hervorbrechenden Schluchzen, und eilte dann, Miss Eton der alten Dame vorzustellen: "Miss Eton wollte mich nicht allein reisen lassen, denn ich war am Tode, als Eures Bruders Brief eintraf, und da musst Ihr schon verzeihen, wenn ich Euch bitte, der jungen Miss ein Obdach zu gonnen, denn Ihr wisst wohl, aufs Schloss kann ich sie nicht mitnehmen; wer weiss, ob ich selbst Obdach dort finde."
Veronika hatte wahrend dem ihre kleinen klugen Augen nicht von Elmerice gewendet, und schien die ganze Rede der Madame St. Albans uberhort zu haben, denn sie wiederholte den Namen Eton und frug nach dem schon Vernommenen: "Also aus England seid Ihr, liebe Miss? Nun, seid willkommen," fuhr sie dann gesammelt fort; "dies kleine Haus hat immer Raum fur Einen, der einfache Sitte nicht verschmaht und das Mangelhafte durch ein freundlich Gesicht verguten lasst. Der Vikar wird bald zuruck kommen von St. Fleche, wo er die Kranken besucht; dann lauten wir Ave Maria, und bis dahin wollen wir uns hier einrichten." Sie offnete demnachst ein kleines Zimmerchen, das ebenfalls nach dem Garten zu ging, und das sie den beiden Frauen als das ihrige anwies, und zog sich sodann ohne lastige Dienstlichkeit zuruck. Die klosterlichste Einfachheit war hier mit einer gewissen geschmackvollen Zierlichkeit vereinigt, und zwischen den beiden weissen Himmelbetten stand ein kleines Betpult vor einem mit frischen Blumen geschmuckten Krucifixe.
"O, wie schon ist es hier!" rief Elmerice, sich in einen harten Holzstuhl am Fenster niedersetzend, "wie wohl ist mir hier!"
Madame St. Albans sah sie mit unglaubigem Lacheln an, und sagte dann kopfschuttelnd: "Nun, nun, fur Euch wird es schwerlich sein Ihr seid doch wohl zu sehr verwohnt."
"Nein, nein!" rief Elmerice, aufs Neue ihrer seltsamen Wehmuth unterliegend, und die niederfallenden Thranen aus dem niedrigen Fenster in das Spalier der zartknospenden Weinreben senkend "hier ist Frieden! hier ist mir wohl! O, wie danke ich Euch, dass Ihr mich hieher gefuhrt habt!"
Was Madame St. Albans nicht verstand, glaubte sie unbedenklich tadeln zu konnen, und so wandte sie sich achselzuckend von Elmerice ab und kramte unter ihrem Gepacke, das Veronika indessen durch eine eben so stille, nonnenhafte Magd von dem Wagen hatte abraumen und in das Zimmer der Frauen schaffen lassen.
Der tiefe Ton der Abendglocken zeigte jetzt an, dass das Ave Maria begonnen. Veronika trat in das Zimmer, die Frauen abzuholen, und verkundigte, der Vikar, wie sie ihren Bruder nannte, habe sich, ohne zu Hause anzusprechen, sogleich nach der Kirche begeben. "Und Ihr, Miss Eton," frug sie sanft, "Ihr, als Englanderin, gehort wohl nicht unserer Kirche an, darum legt Euch keinen Zwang auf Ihr habt das mit uns nicht nothig."
"Erlaubt, dass ich Euch begleite," sagte Elmerice, mit Ehrfurcht ihr naher tretend, "ich bin in dem Glauben meines Vaters erzogen, der Katholik war."
"Nun dann, willkommen!" sagte Veronika, sichtlich erfreut, "so wollen wir denn Gott gemeinschaftlich danken fur Eure gluckliche Reise."
Durch den anmuthigen Garten, der mit dem Kirchhofe zusammen hing, gelangte man nach der kleinen, aber schon und reich gebauten Kapellenkirche, welche im Innern und Aeussern zeigte, dass Fursten aus dem stolzen Hause Valois hier ihre Gebete verrichtet hatten. Die grossen Thuren standen weit geoffnet, und es war ein unbeschreiblich erquickender und friedlicher Anblick, von dem Hochaltar aus, wo die Andachtigen sich knieend versammelten, in die grune Nacht des Fruhlings zu schauen, der eben, wie die Menschen, seine letzte Andacht vor den Strahlen der sinkenden Sonne zu feiern schien. Doch vor Allem zog Elmerice der Anblick des Geistlichen an. Dieser ehrwurdige Greis, mit seiner milden, hellen Stirn und den klaren blauen Augen, die unter der Decke der weissen Brauen so tief leuchtend hervorblickten welch' ein Bild geistlicher Reinheit, uber die Erde hinausreichenden Friedens! Elmerice blickte, sich ganz darin verlierend, in sein Angesicht, als forsche sie darin dem erhabenen Geheimnisse nach, die Welt liebevoll im Arm zu behalten und von ihr nicht mehr gekrankt, nicht mehr verletzt zu werden. Sehnsucht nach diesem Zustande, Schmerz um den unvollendeten Kampf darnach, liessen sie endlich die Thranen finden, die uns nicht banger, sondern leichter machen.
Eben so anziehend blieb dieser Greis in seinem Hause, wo er bald nachher seine Gaste bewillkommte; ja, Elmerice hatte das wohlthuende Gefuhl, dass sie das Interesse der beiden ehrwurdigen Geschwister auf sich zog, und konnte nicht ohne den innigsten Dank daran denken, in diesem Augenblicke, nach so viel widerstrebenden Gefuhlen, die sie erlebt, in diese stille klosterliche Atmosphare versetzt zu sein.
Mit der Bevorrechtung des Alters und des Standes forschte er Elmerice uber Aeltern, Geburtsort, Erziehung und Grund ihrer Herreise aus; dabei lag aber offenbar ein naheres Interesse, als das der Neugierde, diesen Fragen zum Grunde, so dass Elmerice sich in nichts verletzt fuhlte. Madame St. Albans hatte eingewilligt, sich erst am andern Morgen ihrer Mutter zu nahen, da sie dann den alten Arzt des Schlosses, der jeden Morgen beim Vikar vorkam, sprechen, und durch ihn den Eintritt bei ihrer Mutter vorbereiten und erbitten lassen konnte. Elmerice sah erst jetzt, mit welcher Sorge und Angst der Gedanke an die Aufnahme dieser wunderlichen Mutter Madame St. Albans erfullte, und die Ueberzeugung, wie viel sie gewiss in diesem unnaturlichen Verhaltnisse schon habe leiden mussen, erfullte sie mit Mitleid und mit erhohter Achtung gegen dies dennoch nicht einen Augenblick dadurch gehinderte Pflichtgefuhl der Tochter.
Die Nachtruhe der noch immer angegriffenen und reizbaren Frau war daher auch ganz gestort, und Elmerice sah mit Sorge, wie blass und leidend ihr Ansehen am andern Morgen war. Der erwartete alte Arzt erschien schon an der Thure auf seinem bequemen Maulthiere, als man noch um das einfache Fruhstuck versammelt war.
Auf die Ankunft der Madame St. Albans vorbereitet, war er doch, gleich den Uebrigen, gar nicht uber ihren Empfang sicher. "Ja," sagte er, "ein Paar Tage fruher, wo sie kein Bewusstsein mehr hatte, da hattet Ihr eintreten konnen, und sie pflegen, so viel Ihr gewollt hattet; jetzt aber, da wird sie sich, wie gewohnlich, weigern denn geandert hat sie sich nicht," setzte er lachend hinzu "halb mit Gewalt, oft dass wir beide uns im Zorn uberbieten, setze ich das Nothige durch und doch, und doch, wollt Ihr es glauben, noch nie erreichte ich es, dass sie des Nachts Jemand bei sich behielt. Asta, das arme Ding, die bei Tage wohl einschlupfen darf, muss ebenfalls zur Nacht sie verlassen, und halb besinnungslos, ja, weiss Gott, halb sterbend, verrammelt sie noch die Thuren hinter uns. So kann sie einmal des Nachts verscheiden, ohne dass wer darum weiss, und wenn wir oft des Morgens lange an die Thur hammern mussen, um Einlass zu erlangen, so denke ich, die Hand zum Oeffnen sei da drinnen nunmehr erstarrt. Doch ich will zu ihr, liebe Frau," fuhr er fort, sich zu Madame St. Albans wendend, "und sehen, was ich thun kann, denn wahrlich, Pflege hat sie nothig, und solch' Ding von zwolf Jahren, so gut die Asta ist, das hilft doch nicht viel."
Elmerice, die sich aus Bescheidenheit bei Ankunft des Arztes entfernt hatte, trat in dem Augenblicke ein, als der kleine lebhafte Mann sich entfernen wollte.
Es war unverkennbar, dass er bei ihrem Anblick erstaunte, uberrascht stehen blieb und seine grossen runden Augen mit einem so forschend-fragenden Blick auf der Eintretenden hafteten, dass Elmerice, davon verlegen werdend, nicht wusste, wo sie die ihrigen hinwenden sollte.
Veronika und ihr Bruder warfen sich Blicke des Einverstandnisses zu, und der Vikar trat dem alten Arzte naher. "Nicht wahr, verehrter Freund, auch Euch trifft bei dem Anblicke des Frauleins eine Erinnerung, wie uns Beide?"
"Weiss Gott," rief der Arzt, "so viel Aehnlichkeit sah ich noch nie! gewiss, wir meinen dieselbe."
"Wen denn? wen denn? Was meint Ihr denn?" rief Madame St. Albans in ungeduldiger Neugierde, "mit wem hat Miss Eton Aehnlichkeit?"
"Lassen wir das," erwiederte ernst der alte Arzt, "wozu die Todten wecken? Vergebt, liebes junges Fraulein, das unhofliche Erstaunen eines alten Mannes! Gott hat Euch mit hoher Schonheit gesegnet, und aus Euren Augen blickt etwas, was die Seele verburgt, die in Euch wohnt und so moge Euch denn Gott behuten, dass Euer Schicksal glucklicher sei, als das derjenigen, der Ihr gleich sehet, als ob Ihr ihre Tochter waret wenn Eure Jugend das nicht unmoglich machte."
Es lag etwas so Feierliches, so ernst und tief Geruhrtes in diesen Worten und in dem Ausdrucke des Greises, dass Elmerice, davon erschuttert, aufs Neue die Ahnung eines ihr naher ruckenden Verhangnisses empfand; und blass und melankolisch zu ihm aufblikkend, sagte sie bang: "Ich werde meinem Schicksale nicht entgehen, es erwartet mich schon auf dem Wege, den ich so eben betreten."
Der Arzt horte sie nicht mehr sein Aufbruch liess diese schweren Worte auch von den Andern uberhoren, und so war es Elmerice allein, die davon ergriffen ward, als habe nicht sie, sondern ein Anderer aus ihr hervor, die Bestimmung ihrer Zukunft ausgesprochen.
So schneiden oft Worte tief ein, die wir in seltenen Augenblicken des Lebens aussprechen, an uns selbst zum Propheten werdend und uns der Stellung entgegen treibend, die uns nah geruckt ist, wenn auch noch verhullt. Das wohlthatige Geheimniss, worin die Zukunft verschleiert liegt, scheint dann von der ihr entgegen greifenden geistigen Kraft in uns fur Momente aufgedeckt zu werden. Wir fuhlen mit untruglicher Wahrheit Menschen, Verhaltnisse, Orte, die noch beziehungslos zu uns erscheinen, als einschreitend in die wichtigsten Verhaltnisse unseres Lebens; und deckt der nachste Augenblick auch oft so helles Erkennen wieder zu, wir wissen doch in dem schwellenden Herzen, es sei ein neuer Lebensabschnitt gekommen, und ahnungsvolles Erwarten erfullt unsere Seele. So sehen wir Elmerice. Still nach ihrem kleinen Zimmer zuruckgekehrt, finden wir sie in tiefem Nachdenken noch lange an dem freundlich umgrunten Fenster ruhen, das sie mit seinen im leichten Spiele der Luft nickenden Ranken festzuhalten, und ihr mit dem ruhigen Hintergrunde des kleinen, zellenartigen Zimmers Frieden und unschuldige Ruhe zu sichern scheint.
Ziemlich unsanft unterbrach Madame St. Albans dies sanfter werdende Nachdenken, indem sie heftig eintrat und sogleich, auf Elmerice unruhig blickend, ausrief: "Was das nur fur eine Aehnlichkeit ist, von der sie Alle fabeln ich wusste nicht, mit wem und warum sie so geheimnissvoll thun, da die Person todt sein muss! Aber diese alten Leute, die haben immer so was gehabt, immer nur halbe Worte, und die noch in Frage gestellt, und dann noch besorgt, es werde verrathen werden, was kein Mensch aus solchen Reden errathen konnte ja wahrlich, alte Jungfern, alte Junggesellen bleiben immer dieselben, sie mussen immer wichtig thun und sich ein Ansehn geben, wohinter nichts ist!"
Elmerice war verlegen, ihr zu antworten; sie sah wohl, dass die Erzurnte mit ihren Nachforschungen abgewiesen worden war, und wusste sie doch nicht zu beruhigen. "Ihr kennt das ehrwurdige Geschwisterpaar wohl lange schon?" hob sie daher schuchtern an.
"Ja, ja, lange genug! seit ich hier uberhaupt bekannt bin, kenne ich sie auch," erwiederte Madame St. Albans, sich niedersetzend, aber noch immer in hochst missmuthigem Tone. "Es sind brave, gute Leute, das laugne ich nicht! sehr gute Leute, wohlthatig und fromm, wie es ihr Stand nur wunschen lasst, und traurig genug, dass meine arme Mutter auch sie nicht zu sehen begehrt; da hatte sie doch einen menschlichen Umgang aber so seht, das thut keinem Menschen gut, so fur sich zu sein; ich habe das auch uber Eure Grafin gesagt, die wird auch mit der Zeit menschenfeindlich werden."
"Dazu ist vorerst bei ihr noch wenig Anlage," erwiederte Elmerice, "sie sucht das Gerausch der Welt nicht, aber sie ist Jedem zuganglich geblieben, dem Unglucklichen, wie dem Glucklichen."
Missmuthig schwieg Madame St. Albans, als plotzlich ein allerliebster Kinderkopf in das niedrige Fenster hineinsah und mit leiser Stimme frug: ob hier die fremden Damen wohnten?
"Bist Du Asta?" rief Madame St. Albans "und kommst Du vom Schlosse?"
"Ja, Madame," sagte das schone zwolfjahrige Kind "Ihr sollt Euch eilen, mir zu folgen Mistress Gray ist sehr krank."
"Ach, grosser Gott," schrie Madame St. Albans todtenbleich, "so stirbt sie doch wohl!"
"Seid doch nur ruhig!" rief Asta "sie wird ja nicht gleich sterben so habe ich sie schon oft gesehen."
Doch Madame St. Albans war so erschuttert von der Nachricht, dass sie beim Aufstehen zu schwanken begann und Elmerice sie in ihren Armen unterstutzen musste.
"Ich werde Euch fuhren," sagte Elmerice, nach ihrem Hute greifend, "und so weit mitgehen, als mir vergonnt sein wird."
Schweigend genehmigte Madame St. Albans dieses Anerbieten, und beide gingen, von Asta gefuhrt und von den Segenswunschen der guten Geschwister begleitet, den schweren Weg.
Von den grossen Alleen, welche zu den verschiedenen Eingangen des Schlosses fuhrten, leitete Asta ihre Begleiterinnen seitwarts in ein kleines wildes Geholz, womit eine eben so grade und regelmassig gepflanzte Allee verwachsen war. Der Fusssteig war hier schmal und uneben, kaum fur zwei Personen gangbar, und erlaubte nur einige Schritte weit um sich zu sehen. So standen sie plotzlich an einer verfallenen Treppe Asta winkte Elmerice geheimnissvoll zu, und Madame St. Albans, die den Ort erkannte, machte seufzend ihren Arm von ihrer jungen Fuhrerin los. "Geht nun mit Gott zuruck und betet fur mich, Elmerice, mein liebes Kind! Wann ich Euch wiedersehe, weiss ich freilich nicht, Nachricht werdet Ihr wohl von mir horen." Tief geruhrt nahm Elmerice nun Abschied und beschwor sie, ihr jede Moglichkeit anzugeben, wodurch sie ihr dienen und zur Pflege ihrer Gesundheit beitragen konne.
Aber kaum wusste Elmerice, ob die arme Frau ihre Rede verstanden habe; denn bleich und in trubes, tiefes Nachdenken versenkt, wandte sie sich ab und stieg an Astas Hand die Stufen hinan, die in eine Art Thoreingang fuhrten und jetzt Beide den Blicken der besorgt Nachschauenden entzog.
Langst waren sie verschwunden, kein Gerausch, keine Bewegung liess die Ahnung aufkommen, dass hier menschliche Wesen existirten; aber Elmerice blieb wie gefesselt auf der Stelle stehen, als musse sie ihnen nach, als konne sie nicht zuruckbleiben. Das Gefuhl, das sie seit gestern empfand, trat hier noch machtiger hervor. Wie zu einer nothwendigen Leistung trieb es sie dem geisterhaften Schlosse zu, und mit nie gekanntem Entsetzen, mit dem tiefsten, bangsten Schmerz schien es sie wieder zu verjagen. Sie blickte nach einem Ausweg, der sie in anderer Richtung fuhren konnte, sie wollte, sich selbst uberlassen, einen Eindruck, der so mit seiner Unklarheit sie qualte, verstarken oder mildern durch einen ungestorten Anblick des Schlosses. Sie arbeitete sich durch das Gestrupp bis zu den Stammen der Baume und befand sich bald auf einem freieren Standpunkte, von wo sie eine neue Ansicht des Schlosses gewann, von dem sie jetzt durch einen niedrigen Wall und ein dahinter laufendes Wasser getrennt war. Auf einer festungsartigen Uebermauerung zeigte sich hier die alteste Seite des Schlosses, die fast nur aus aneinandergereihten Thurmen in den verschiedensten Hohen und Dimensionen, mit sehr beschrankten Verbindungsmauern versehen, bestand. Der graue Schieferstein des Unterbaues, die spitzen, niederhangenden Thurmdacher mit gleicher Schieferdeckung, die schwarzlich uberzogenen Mauern und Wande der erhaltenen oder schon eingesunkenen Raume gaben auch von hier aus nur eine Bestatigung des empfangenen Eindrucks, den sie sich nicht anders klar zu machen wusste, als indem sie sich eingestand, nicht einem Bauwerke gleiche dies wunderbare Schloss, sondern aneinander gedrangten Geistern, die in den abweichendsten Verkappungen sich verbunden hielten, hier ihre Herrschaft zu behaupten. "Ihr widersprecht durch Euer Ansehen nicht den grauenvollen Berichten, die an Euren Namen haften und die Phantasie der Menschen mit Schauer erfullen" seufzte Elmerice, "und wer weiss, was die Zukunft noch fur mich in Euren Mauern birgt!" Sie versuchte der Richtung, die der Wall und das schmale Wasser gaben, zu folgen, und es gelang ihr, so einen Theil des Schlosses zu umkreisen, das an der erwahnten Seite nur die Spitze, vielleicht das kleine Jagdschloss, welches zuerst hier erbaut ward, zeigte, und sich beim Weitergehen vor Elmerice in seiner spateren bedeutenderen Ausdehnung entwickelte aber dieser spatere Theil, der schon unter Heinrich dem Zweiten entstand, war doch in seiner Architektur, wenn auch furstliche Pracht beabsichtigend, duster und uberladen, und der jetzt durch die Zeit entstandene Verfall desselben nicht minder schwermuthig und unheimlich. Vor Allem aber bewegte sie der Anblick des dusteren Eingangthores; in drei Terrassen, welche durch Graben von einander getrennt waren, woruber Brucken fuhrten, stieg das Terrain bis zu dem grosseren Hofe empor, der mit eisernen Gittern verschlossen war. Um diesen Hof schienen die Hauptzimmer des Schlosses zu liegen; aber wie duster musste ihr Inneres sein, da hier das Grabmal des ersten Besitzers aus dem Hause Crecy, von hohen Ulmenbaumen umgeben, stand, welche ihrem eigenen Triebe uberlassen, ihre weiten Zweige beschattend uber den ganzen Raum verbreiteten.
Elmerice hatte wie eine Traumende die Terrassen erstiegen und stand gegen die Stabe des Gitters gelehnt, und schaute in den Hof und fuhlte nicht, dass ihre Kniee bebten, ihr Mund den kurzen, gepressten Athem nur noch hervorseufzte. Sie starrte hinein, als musse sie jetzt sehen oder erfahren, was ihr Aufschluss gabe uber das, was ihre Brust in gleichem Maasse hier anzog und zuruckstiess. Aber es ward ihr kein Aufschluss Todtenstille herrschte in dem schauerlichen Raume, und alle Zeichen der Verodung drangten sich ihr auf. Das Grabmal selbst schien eingesunken, und seine ausseren Trophaen durcheinander gefallen; zwischen dem weissen und schwarzen Marmorpflaster des Hofes drangte sich der Rasen, die Freitreppen, die an den Zimmern emporstiegen, waren von der uberall sich anbauenden Vegetation der Moose und Schlinggewachse uberzogen, oder lagen mit zerbrochenen Stufen und Gelandern halb verfallen auf dem Pflaster und der vorruckende Abend sowohl, wie der Schatten der Baume, verhinderte den Blick in die Gemacher, zu denen sie fuhrten, und die wie weite Grabgewolbe dahinter lagen. Langst war Schloss und Riegel an dem Thore verwittert; sie sah, dass es nur von ihr abhing, in den Hof zu treten, aber die Scheu, die sich ihrer bemachtigt hielt, war starker, als der Trieb der Neugierde oder romantischer Sehnsucht, der sie so weit gefuhrt hatte.
Langsam, mit gepresstem Herzen wandte sie sich ab und verfolgte den Fahrweg unten am Schlosse, der sie der Wohnung des Vikars entgegenfuhrte.
Aber hier, wo kein Schrecken Raum oder Nahrung fand, verliess sie die krampfhafte Anspannung, unter der sie sich aufrecht erhalten hatte, und sie konnte den zartlich besorgten Fragen der gutigen Geschwister nur durch Thranen antworten.
In grosser Unruhe hatten die ehrwurdigen Alten ihr langes Ausbleiben bemerkt, da der Arzt bei seiner Ruckkehr versicherte, die junge Dame nirgends gesehen zu haben. So klar und ruhig sie auch in ihrer Weise dem Leben gegenuberstanden, so ganz konnte wenigstens Veronika nicht siegen, um nicht an die schrecklichen Geruchte uber das Schloss von Ste. Roche eine allgemeine Befurchtung, ein unerklartes Grauen zu knupfen, das seine Nahrung fand in Thatsachen, welche in ihre Zeit fielen.
Elmerice ward nicht mit unbescheidenen Fragen belastigt, aber man nothigte die ganz Erschopfte, etwas Nahrung zu sich zu nehmen; und Veronika fuhrte sie dann nach ihrem Zimmer und ruhte nicht eher, bis sie sich entkleidet und in erquickender Ruhe hinter den weissen Vorhangen ihres kleinen Bettes niedergelegt hatte. Veronika nahm an dem offenen Fenster mit ihrem Andachtsbuche Platz, und Elmerice, die durch die Vorhange die balsamische Fruhlingsluft fuhlte, wie sie, uber die Blumen und Bluten des Gartens ziehend, in diese stille Zelle eindrang, genoss den ganzen Zauber der Ruhe, und lenkte ihre Gedanken nur noch auf das liebliche Gesumme der Bienen und den leise verhallenden Abendgesang der kleinen gefiederten Welt. Bald lag das Erlebte, so fremd der friedlichen Gegenwart, wie ein boser Traum hinter ihr und als Ave Maria gelautet ward, fand sie sich vollkommen gerustet, die gute Veronika nach der Kirche zu begleiten.
In der erquickenden Abendluft, zwischen den ruhig klaren Gestalten dieser kindlichen Menschen nahm sie spater das einfache Abendbrod ein, und theilte ihnen dann den seltsamen Eindruck mit, von dem sie sich belastet fuhlte, in ihrer langeren Erfahrung Auskunft suchend fur dies rathselhafte Gefuhl.
Vielleicht erwartete sie, Beide wurden ihr Vertrauen mit der Missbilligung aufnehmen, die alte Leute geneigt sind den ungewohnlichen Gefuhlen der Jugend entgegen zu setzen, und Elmerice, die sich sehnte, von dem Eindrucke, den sie erfahren hatte, erlost zu werden, hoffte vielleicht auf eine Auskunft in der Erwiederung ihrer ehrwurdigen Wirthe; aber sie irrte sich. Schweigend, nur mit einzelnen theilnehmenden Aeusserungen, horten Veronika und der Vikar bis zu Ende und dann bemachtigte sich die Erstere ihrer Hand, und ihre Augen standen voll Thranen, indessen der Vikar in seiner naturlichen Weise sie sanft zu trosten suchte.
"Ich muss es herzlich beklagen, dass Ihr so bald von dem Schrecken erreicht wurdet" fuhr er liebreich fort "den das alte Schloss fast in der ganzen Gegend verbreitet obwohl ich Euch tadeln muss, so ohne Veranlassung Euch dahin begeben zu haben, weil wohl manches Bedenken dabei sein mochte, da Alles ohne Aufsicht steht und leicht zur Wohnung von Menschen dienen kann, denen der Verruf des Ortes willkommen ware. Viel Trauriges und wahrhaft Entsetzliches ist in diesen Mauern geschehen, und die Zimmer, denen Ihr am Gitter gegenuber standet, und die Ihr wahrscheinlich, von den Baumen gedeckt, nicht sehen konntet, sind bezeichnet durch den schrecklichen Tod des letzten Grafen von Crecy, der hier sein Leben verlor, obwohl daruber ein Geheimniss ruhet, das nie ganz aufgedeckt ward, da der Prozess, nachdem er uber das Lebensgluck vieler Menschen entschieden, unterdruckt und der verfolgte Thater den Gerichten entzogen ward. Seitdem der ungluckliche Prozess hier die Richter zur Anschauung des Ortes, wo die That geschah, nothgedrungen zusammen fuhrte, ist das Schloss geflohen worden, als ob Jeder dort sein Leben wage, und wenige Arbeiter sind zu bewegen, die von dem neuen Verwalter nothig befundenen Ausbesserungen oder Reinigungen vorzunehmen."
"Also wirklich," rief Elmerice mit unbeschreiblicher Bewegung und todtenbleich "wirklich, hier starb der letzte Graf von Crecy, und so ging der Todesruf des armer Marquis Spinola in Erfullung?"
"Ich merke," lachelte der Greis "Ihr seid schon gut bekannt mit unsern schlimmen Sagen, und kann nun begreifen, wie Ihr so schnell trachtetet, Euch selbst zu unterrichten nur erstaune ich, so viel Muth und Furchtlosigkeit in Euch zu entdecken."
"Vielleicht nicht mehr, ehrwurdiger Herr, als ich selbst" sprach Elmerice mit errothenden Wangen "aber ich mochte dies ein Zauberschloss nennen, wenn ich des Eindrucks gedenke, den es auf mich gemacht hat. Ich fuhle das tiefste Grauen davor, zugleich einen Schmerz, eine Wehmuth, wie um einen unglucklichen Menschen! ich mochte es nie gesehen haben, und werde davon angezogen, wie von magnetischer Gewalt!"
"O, o, mein armes Kind!" rief hier fast erschrokken Veronika "lasst uns beten! Eure Seele ist wohl nicht ganz bei Gott! verzeiht," setzte sie zartlich hinzu, hinter Elmerice tretend und sie mutterlich besorgt anblickend "wenn so eine irdische Qual uns ganz einnehmen will, durfen wir immer furchten, dass wir Gott nicht ernstlich genug suchten, und mussen uns durch treues Gebet und den Beistand betender Freunde bestreben, so harte Versuchung abzuwenden."
"Ach, ja," rief Elmerice sanft erweicht und druckte Veronika's zitternde welke Hand an ihre Lippen "es ist viel eigner Wille in mir, und eine verlockende Sehnsucht nach dem Glucke dieser Erde; zu lebhaft fuhle ich mich ergriffen von Schmerz und Kummerniss, um immer recht fromm sein zu konnen die rechte Demuth fehlt mir."
"Nun, nun," sagte mild und begutigend Veronika "warum solltet Ihr in so zarter Jungend auch schon dahin gekommen sein; wonach wir bis in unser hochstes Alter streben, aufrichtige Erkenntniss dessen, was uns gebricht vor Gott, lasst nicht zu, dass wir abwarts wandeln in leidiger Selbstzufriedenheit."
"Das Maass," sagte der Vikar, "ist in allen geistigen Dingen die wahre Demnth! Weder Ueber- noch Unterschatzung unseres Werthes. Freude haben an dem Fortschreiten des Guten in uns und es erkennen wollen an dem Zusammenhange mit Gott, das arbeitet dem Bosen besser entgegen, als eine Zerknirschung uber unsere Fehler, die uns bange und verwirrt macht, und den Frieden der Seele stort, ohne den wir nie gottgefallig sein konnen. Wahre Demuth, gutes Kind, ertragt eben die Erkenntniss der mangelhaften Natur in sich, ohne in Unruhe und verderbliche Ungeduld zu gerathen sie glaubt eben auf eine Seligkeit fehlerfreier Existenz gar nicht Anspruch machen zu konnen, und tragt die kranke Seele und hofft voll Vertrauen auf den Arzt, der sie langsam ausheilen hilft. Unsere Schwachheiten zu vergrossern, dass wir uns davor entsetzen, ist auch eine gefahrliche Richtung der Seele, weil sie uns das Gefuhl von Unwurdigkeit giebt, was uns von Gott entfernt, indem wir in solcher Stimmung nicht zu ihm aufzusehen wagen, und das ist dann der gewisseste Ruckschritt."
"Ach," rief Elmerice, "welche grosse Wahrheit geht so gelinde aus Eurem Munde! O, verschmaht es nicht, mir Eure Weisheit mitzutheilen, da Gott mich zu Euch gefuhrt hat. Ich will es nicht leugnen, mein Herz schlagt muthlos und bang, und ich bin zweifelhaft, ob mich meine eigenen Fehler qualen oder die Ahnung eines nahen grosseren Unglucks."
"Ich sah Euch bald diese Stimmung an," erwiederte freundlich ernst der Vikar, "und wusste nicht, ob uberstandene Leiden oder irgend ein fortnagendes Gefuhl Euch diesen Stempel muthloser Traurigkeit aufgedruckt hatten. Es wirkt wohl, denke ich, Beides in Euch!" fuhr er fort, da Elmerice ihren Kopf senkte und einzelne Thranen in ihren Schooss fielen, "und aus diesen gesteigerten Empfindungen entsteht eine willige und harte Selbstanklage, wie Ihr sie eben gegen Veronika aussprachet. Nicht Vorwurfe will ich Euch machen, denn meine lange Erfahrung hat mich gelehrt, dass die, welche geistige Hulfe geben sollen, sich sehr bedenken mussen, ein Gemuth zu zerknirschen. Der Tadel, den wir zu dem vorhandenen aufgeregten Zustande hinzufugen, kann das Entgegengesetzte bewirken. Ist das Gemuth sanft und zart, wird es in ihm die Furcht erregen, dass es sich nie wieder mit Gott versohnen konne und nicht oft genug kann ich wiederholten, dies fur die gefahrlichste Furcht zu halten, da sie in Wahrheit gottlos wird. Ist aber das Gemuth stolz und hart, wird es wieder unsere Pflicht sein, ihm seine Fehler leicht zu machen, das heisst, sie ihm zu erklaren, ihr Entstehen betrachtend mit ihm durchgehen, dasselbe nicht mit dem scharfen Worte, wovor die ungewohnte Seele erschrecken wurde, auf Gott zu verweisen, aber es zu leiten, dass es ihn selbst endlich entdecke, dass er aus ihm hervortrate, selbst geboren durch den freieren Zustand der Seele. Blinder Eifer verfehlt immer das Ziel und wehe, wehe, wenn wir erst dem eitlen Verstande gelehrt haben, durch Streit und Widerstreit den schwachen Punkt des kranken Innern zu vertheidigen! Lange bleibt ein so durch unsere Schuld gereiztes Wesen wohlgefallig verschanzt hinter diesem durftigen Bollwerke seiner Eitelkeit und glaubt, der Feind, von dem es sich immer tiefer verwundet fuhlt, komme von ganz anderer Seite her. Bitter und krankhaft, kleinlich und schwach hangen sich solche Geister oft an die aussere Gestaltung des Lebens, und sie verlieren zuletzt ganz die Krast der Seele, die nothig ware, ihr schwachliches Treiben zu durchschauen und das Unzureichende ihrer Schlusse zu erkennen. In dieser Ueberzeugung beruht auch meine Ansicht uber die ungluckliche Mistress Gray, die durch ihre ganze Lebensweise so viel Furcht und Schrecken erregt. Dass sie Herbes erlitten, ohne den Zusammenhang mit Gott finden zu konnen, da ihre Seele schwach und hochmuthig zugleich war, ist mir, der ich zu lange hier bin, um nicht Manches von ihrem Schicksale zu wissen, sehr klar geworden dass sie eigentlich bose sei, wie m i n d e s t e n s ihr zuerkannt wird, widerlegt ihr Vertrauen zu Kindern, die Liebe derselben zu ihr, und dass ich die, die sie auswahlte und um sich behielt, zu den besten Kindern, Madchen und Frauen meines Kirchspiels rechnen muss, obwohl es mir schwer werden wurde, dies anders zu erklaren, als dass sie fruher ernst wurden, ihr Nachdenken gescharft und erweckt ward, und sich bei ihnen eine Abneigung gegen alle Rohheiten vorwaltend zeigte. Dir, meine Tochter, rathe ich ubrigens, das Schloss zu vermeiden, und hier in unserer stillen Klause in der Gesellschaft meiner frommen Schwester Veronika Deinen Geist und Dein Herz zu beruhigen."
Voll Dank und Ehrfurcht trennte sich Elmerice von den wurdigen Geschwistern, die sie freundlich segnend zur Nachtruhe entliessen.
Elmerice hielt Wort und bekampfte ihr unruhiges Treiben, sich der Stille hingebend, die sie aus dieser einfach ruhigen Hauslichkeit anwehte. Gerauschlos und ohne alle anscheinende Betriebsamkeit ging hier Alles einen so wohl uberlegten regelmassigen Gang, dass die Wirthschaft vergessen war durch ihre stille Ordnung, und ein viel hoherer Endzweck des Beisammenseins unbefangen von selbst hervortrat. Der Vikar war viel ausser dem Hause beschaftigt, da er thatig und sorgsam, wie ein Vater, fur alle seine Anbefohlenen sorgte; aber man sah ihm an, er kehrte gern dahin zuruck, und hatte stets fur die fromme Veronika alle Aufmerksamkeit einer auf hohe Achtung begrundeten Liebe.
Sie sah dagegen zu ihm auf, wie ein Kind zu seinem Vater ihre Liebe und Verehrung zu ihm war der Inbegriff ihrer ganzen Empfindung, und obwohl sie fest und ruhig ihren Standpunkt ubersah, hatte doch ihre ganze Betriebsamkeit ihn, sein Wohl, seine Ansichten, seinen Willen zum Endzweck. Dieser wohlthuenden Hauslichkeit wusste Elmerice leicht ihre Beschaftigungen anzupassen, die ausser ihren Handarbeiten in der Fuhrung eines regelmassigen Tagebuches fur ihre englischen Freunde bestand. Zwar waren diese Blatter an Maria Duncan gerichtet, aber Veranlassung dazu war der alte, sie zartlich liebende Lord Duncan-Leitmorin, dem sie hatte angeloben mussen, hierin die Wahrheit nieder zu legen, damit er stets zu ihrem Schutz und ihrer Hulfe herbei eilen konnte, im Fall sich dies nothig zeigen sollte.
Von Madame St. Albans bekam sie nur Nachrichten durch Asta oder den alten Arzt, die aber kurz und einsilbig Mistress Gray als sterbend, Madame St. Albans als krankelnd darstellten. Elmerice hatte ihre ganze Ueberzeugung nothig, weder einschreiten zu konnen, noch zu durfen, um die Unruhe zu beherrschen, die sie bei dem Gedanken bewegte, die arme krankelnde Frau ohne Unterstutzung als Pflegerin einer Todtkranken zu wissen. Oft machte sie mit Veronika Plane, wie sie ihr nutzlich werden konnte, ohne die wunderliche Alte zu beunruhigen; aber trugen sie solch' einen Plan dem alten Arzte vor, wies er jeden ohne Weiteres zuruck, immer mit denselben Worten! "Das geht nicht!"
Nach acht Tagen liefen Briefe von Herrn St. Albans ein, und Elmerice empfing eine Einlage von der Grafin d'Aubaine. Mit mutterlicher Liebe bedauerte sie die lange Trennung und deren Veranlassung, und fugte dann hinzu: "Der Aufenthalt meiner lieben Gaste wird indessen durch ein unerwartetes Ereigniss verlangert. Meine liebe Lucile ging mit ihrem Gemahl erst nach einem andern Theile der neuen Besitzungen, und der junge Graf Leonce, der sie zu mir begleiten wollte, schlug es aus, ihnen dorthin zu folgen, Ardoise und die Nahe einer Garnison in Rocheville, wobei er Freunde zahlt, vorziehend. Als meine Nichte hier ankommt, hort sie voll Erstaunen, dass ich Leonce noch nicht gesehen habe. Wir schicken nach Rocheville, und dort weiss ebenfalls Niemand etwas von ihm. Hochst besorgt erwarten wir d'Anville, welcher Lucile vorangeschickt hatte. Dieser ist sogleich entschlossen, Nachforschungen in weiterer Ausdehnung anzustellen, als ihn am Abend desselben Tages noch der Diener des Grafen Leonce zu sprechen verlangt. Gleich darauf bittet mich d'Anville um meinen bequemsten Wagen und entdeckt mir, dass Leonce schon seit einigen Wochen an einem hochst gefahrlichen Armbruche in dem Waldhause von Ardoise darnieder liege."
Veronika horte in dem Zimmer ihrer jungen Freundin einen lauten Schrei so schnell sie vermochte, eilte sie es zu erreichen, und sah hier zu ihrer schmerzlichen Ueberraschung Elmerice, von ihrem Fenstersitze herabgesunken, ohnmachtig am Boden liegen. Der offene Brief in ihrer Hand liess auf eine empfangene Gemuthsbewegung schliessen, und die ehrwurdige Veronika bemuhte sich daher, ihren jungen Gast zu beleben, ohne ihren Zustand der weiteren Aufmerksamkeit preis zu geben. Auch bestatigte das erste Bewusstsein, was bei der Erschutterten eintrat, diese Voraussetzung, denn unter bangem Ringen der Hande brach sie in einen endlosen Thranenstrom aus. "Fasse Dich, mein armes Kind!" sprach Veronika sanft, als sie dem trostlosen Blicke der Leidenden begegnete "ich brauche Deinen Kummer nicht zu kennen; fur allen, der vorhanden, passt das Eine: dass wir Gott vertrauen mussen und unsere Seele still erhalten sollen vor allem zu heftigen Antheil an irdischer Noth."
"Ich will mich fassen," sagte Elmerice, "ich fuhle, was Ihr sagen wollt. Ach, theure, ehrwurdige Frau, wie wenig war ich auf so tiefes Weh vorbereitet, als mir jetzt geworden ist! o, vergebt dem schwachen Madchen!"
"Mein susses Kind!" rief Veronika zartlich "wie kannst Du mich so beschamen, was hatte ich Dir zu vergeben Du Arme! die Du so schwere Leiden dulden musst, wie ich vielleicht sie niemals kannte und bist doch sanft und nachgiebig gegen meinen unvollkommenen Zuspruch! Jetzt gehe ich aber lieber: Dir ist wohl besser mit Dir allein; nur falle mir nicht wieder sondern ruhe Dich lieber auf Deinem Lager aus."
Wie oftmals noch die Augen getrocknet wurden, ehe Elmerice die Schriftzuge ihrer ehrwurdigen Freundin wieder zu erkennen vermochte, wollen wir nicht belauschen endlich las sie weiter: "Noch an demselben Abend brachte d'Anville den theuren Kranken hieher, und er giebt uns bei der sorgfaltigsten Pflege jetzt die Hoffnung der Genesung. Du wurdest diesem ausgezeichneten jungen Manne Dein Interesse nicht versagen," fuhr der Brief fort "und obwohl ich mit Bedauern sehe, wie seine sonst glanzende Heiterkeit ganz von ihm gewichen ist, bleibt ihm doch eine Tiefe des Geistes und eine Fulle des Gemuths, wie ich sie selten vereinigt sah. Seinen Unfall kleidet er stets scherzhaft ein er behauptet, er habe mich, wie ein irrender Ritter, mit der Flinte im Arm uberfallen wollen, sei in die Felsen des Ardoiser Waldes gerathen, und von den Geistern gelockt, sei er in einen Abgrund gesturzt, wobei er sich den Arm gebrochen habe. D'Anville schuttelt jedes Mal den Kopf bei dieser Erzahlung und wir Frauen haben daher aufgegeben, den Scherz zu verfolgen, den anfanglich Lucile mit ihrer unerschopflichen guten Laune in allen Nuancen ausspann. Vielleicht erleben wir einen gunstigen Einfluss durch ein schones, junges Madchen, meine Nichte, die Tochter meines Bruders, welche Lucile bei ihrem Besuche den Aeltern abgeschwatzt hat, um mir eine Freude zu machen und auf ihrer weiteren Reise sie mit sich zu fuhren, vielleicht Leonce eine Aussicht des Lebens zu eroffnen, die allerdings wohl die mildeste Kurart fur ihn werden mochte."
Da versiegten die Thranen, welche Elmerice so zahllos vergossen; sie war plotzlich still sie dachte ruhig.
Sehr uberrascht waren die Bewohner des Pfarrhauses zu Ste. Roche, als der alte Arzt am Abend noch ein Mal an der Thure still hielt und Asta zeigte, die weinend hinter ihm auf dem alten Maulthiere sass. "Es steht nicht gut," sagte er trube, ohne abzusteigen "Asta hat mich gerufen Beide sollen sich verschlimmert haben."
"Mein Gott!" rief Elmerice erschrocken, "und ohne Pflege! Ich bitte Euch," fuhr sie fort, sich dringend gegen den Arzt wendend, "nehmt mich mit, lasst mich zu der armen Madame St. Albans sie kann nicht ohne Unterstutzung bleiben!"
Der alte Mann lehnte dies Mal nicht so entschieden, wie fruher, diese Bitten ab er heftete nachdenkend seine Augen auf Elmerice und schien besorgt alle Umstande zu prufen. "Es ist ein boses Ding damit," hob er dann an "ich sehe wohl ein, dass Ihr Recht habt, dass Hulfe nothig ist, aber wie Ihr es anstellen wollt, sie zu leisten, das sehe ich nicht ein doch ich will hin" unterbrach er sich "und ist die Noth gross, so komme ich und hole Euch!" Damit trabte er sogleich auf seinem ruhigen Passganger den Baumgang entlang.
Veronika schmiegte sich mit dem wehmuthigsten Gesichte an ihren jungen Gast, und theilte ihr zogernd und fast beschamt ihre Furcht mit fur das, was ihr vielleicht bevorstehe: "Gott wird Dir zwar gewiss die Kraft geben, die Du nothig hast; aber, mein Kind, es sind viele Geheimnisse in der Natur Gott muss Deinen Geist vor Schrecken bewahren, und Dein frommes Gebet Dir beistehen dazu gebe er Dir seinen Segen!" fuhr sie fort, die Hande andachtig faltend und in frommer Andacht verstummend.
Ein Gewitter zog herauf. Schwer und mit der schwulen Stille, die sich in die Pulse der Menschen einschleicht, schien die ganze Natur unter dem gewaltigen Drucke der Atmosphare zu seufzen. Angstvoll die Luft durchschneidend, suchten nur noch einzelne Vogel in der niedrigsten Luftschicht bei den Ahnungen einer nahenden Gefahr in irgend einer Baumhohlung oder in den Spalten eines Mauerwerks sich zu bergen. Das frische Grun des Laubes, der mannigfache Farbenglanz der ganzen Vegetation, die Gesichter der Menschen selbst, erbleichten in dem fahlen Lichte des schwefelfarbig bedeckten Himmels.
Man hoffte auf den Augenblick, der in seiner heftigen Entwickelung einen leichteren Stand der Dinge herstellen sollte, und zitterte doch fur eine nie verburgte gewaltige Naturerscheinung.
Beide Frauen fuhlten doppelt das Druckende dieses Zustandes, da in ihrem Innern sich eine Erwartung von Dingen hinzugesellte, deren Ausgang bei ihren dusteren Anzeichen nicht minder unverburgt war.
"Ware nur der Vikar zuruck," sagte leise Veronika, "er wurde uns sicher das Rechte rathen, und sein Zuspruch wurde Euch starken und aufrichten!"
"Furchtet nicht fur mich," erwiederte Elmerice "bekomme ich die Aufforderung dahin, so gehe ich getrost so schwach Ihr mich gesehen es kommt mir der Muth, wo es gilt ich erprobte es schon einige Mal."
"Ach!" rief Veronika zusammenschreckend, denn eben erhob sich in einzelnen Stossen der Sturm, und wehte zugleich die feuerfarbenen Bander von dem schwarzen Mutzchen, das Asta zu tragen pflegte, in die noch geoffnete Hausthur.
Sogleich stand Elmerice auf das Kind flog ihr mit einem neuen Sturmstoss in die Arme. "Soll ich kommen?" rief Elmerice und bezwang das leise Beben, das sie mit dem Gefuhle einer grossen wichtigen Begebenheit erfasste, welche ihr nahe trat.
"Ja, Madame," stammelte Asta "Ihr sollt! Aber wie werdet Ihr durch das Unwetter kommen? Ach, es ist furchterlich da draussen!"
"Gott wird es uns zeigen, Asta," sagte Elmerice ruhig; "ich hole meinen Mantel und auch fur Dich ein Regentuch dann lass uns ungesaumt gehen."
Sie kam gerustet zuruck, und sah jetzt mit Ruhrung und Dank die tiefe Bewegung, worin Veronika durch den Gedanken versetzt war, ihren jungen Gast zu entlassen. Elmerice kniete zartlich vor der ehrwurdigen blassen Gestalt nieder, die sich nicht zu erheben vermocht hatte, und bat sie um ihren Segen.
"Ja," rief Veronika, "den Segen des Himmels will ich auf Dich herab flehen, und mein Gebet soll Stunde fur Stunde Dich begleiten. Dich weiter zu schutzen, Dir zu helfen, vermag ich nicht, aber Gott wird Dich nicht verlassen!"
"So wird es sein!" sprach Elmerice "und in diesem Glauben gehe ich getrost von hier."
Ein frommer Muth gehorte dazu, um dem bangen Berufe unter diesen Umstanden entgegen zu gehen. Der Sturm hatte sich mit Alles uberwaltigender Heftigkeit entwickelt, sein wildes Geheul durchschnitt die hohen Baumgange und beugte die Gipfel der uralten Baume, und schleuderte von ihnen nieder, was nicht mehr in voller Kraft Widerstand zu leisten vermochte. Die schweren schwarzen Wolken senkten sich, fruhe Nacht verbreitend, und nur der fahle Glanz der unablassig zuckenden Blitze erhellte den Weg, auf dem ein schwaches Kind und die zarte Jungfrau muthig fortschritten. Zuweilen blieben sie an einander geschmiegt stehen, und kampften so einen Augenblick mit besserem Glucke gegen das Ungestum des Wetters, dann strebten sie wieder vorwarts, wenn auch in jedem Nerv erschuttert von den Donnerschlagen, die den Boden unter ihren Fussen beben liessen und in dem schreienden Tumulte der ganzen Natur sich die Obergewalt anmassten. Durch kein Wort, keinen Seufzer konnten sie sich einander mittheilen, und doch fuhlten Beide den Trost eines verwandten Lebens, in diesem nur wild fur sich streitenden Naturaufruhre.
Elmerice hatte Asta mit in ihren Mantel gezogen und trug das weinende Kind fast in ihren Armen; nur als sie sich dem abwarts fuhrenden Wege nahten, liess sie sie aus ihrem Verstecke hervor, und hier, in dem schmalen Wege zwischen dem hohen dichten Gebusche, wo der Sturm nicht so einzudringen vermochte, sammelten Beide wieder etwas Kraft.
Jetzt standen sie vor der kleinen, halb verfallenen Treppe, die von aussen gegen einen runden Thurm anlief, der diesen Flugel zu schliessen schien. Das Gestrauch hatte sie fast unzuganglich gemacht, und mit der grossten Ueppigkeit wolbten sich Zweige und Ranken um das breite Vordach, und zeigten nur wenig von der schwerfalligen Stuckatur, womit es verziert war.
Wenig zu Beobachtungen geneigt, folgte Miss Eton ihrer voranfliegenden Fuhrerin in den kleinen Raum, in den der Untertheil des Thurmes eingetheilt war, und der nur wenige Stufen zeigte, die gegen eine grosse, breite eichene Thur anliefen. Asta blieb hier horchend stehen, und als sich kein menschlicher Laut vernehmen liess, wagte sie leise zu klopfen. Es blieb lange unbemerkt, und erst nach dem erneuerten Klopfen der furchtsamen Asta that sich auf einen Moment die Thur auf. Es war der alte Arzt, aber nachdem er sich von ihrer Gegenwart uberzeugt hatte, machte er blos ein Zeichen, dass sie warten mussten, und schloss dann eilig wieder die Thur. An dem Abend desselben Tages wurde der Theil des Schlosses Ste. Roche, der seit langerer Zeit durch die Sorgfalt des Verwalters allmahlig wieder hergestellt worden war, durch mehrere sich darin versammelnde Herren und Damen belebt, die, ihre schwerfalligen Reisewagen verlassend, nun in der muntersten Laune und unter den anmuthigsten Neckereien die so lang verlassenen Raume durchzogen, und von einem Trosse geschaftiger Diener und Dienerinnen gefolgt, eine Eintheilung der Zimmer versuchten, stets gehindert durch absichtliche oder zufallige Missverstandnisse, welche nur die gute Laune der Betheiligten zu vermehren schien. Am meisten zeichnete sich eine schone junge Frau durch ihre erfinderische Laune, Alles durch einander zu wirren, und durch vorgegebene Schrecknisse und Andeutungen von Gespensterfurcht Alles in Bewegung zu erhalten, vor den Uebrigen aus. Wir finden in ihr die junge Marquise d'Anville, welche, gar anmuthig in seidene Reisekaputzen gehullt, die Aufmerksamkeit ihres jungen Gemahls zu fesseln weiss, der sie bald aus einem Winkelchen, wohin sie sich aus Furcht vorgiebt, verborgen zu haben, hervorholen, bald ihr im Fluge nacheilen muss, weil sie sich verfolgt halt von den Gobelingestalten der Wande, oder den geharnischten Thurstehern, welche, in Nischen gestellt, mit Lanze oder Schwerdt die Eingange zu bewachen scheinen, und, eine grosse Zierde fruherer Zeit, eben so an ihrem Platze blieben, wie die ubrigen Mobel des vergangenen Jahrhunderts.
"O, Margot," ruft sie ihrer jungen Cousine, der Grafin d'Aubaine, zu "glaubst Du, dass Tante Franciska Dir Erlaubniss gegeben hatte, uns hieher zu begleiten, wenn sie einen Blick in diesen feierlichen Paradesarg gethan hatte?"
"Ja," rief die sechzehnjahrige Margot, "bereite Dich vor, Lucile, hier alle gewohnten Sitten und Gebrauche hinter Dir zu lassen; denn sieh Dich um, auf welche Weise fur unsere Geselligkeit gesorgt ist an den Wanden herum laufen schwerfallige Banke, oder eigentlich polirte Holzkisten o Gott, sei mir gnadig! die Sitze sind Deckel, die sich emporheben lassen."
"Weiss Gott," rief die Marquise, "unsere Vorfahren waren bequeme Leute, sie sassen auf ihren Waschund Kleiderkoffern, und hatten so Geld und Kleinodien, Silber- und Tafelgerath im sichersten Verwahrsam."
"Und diese Lehnen!" lachte Margot "wer gewagt hatte, sich an diesen geschnittenen Ungeheuern zu stutzen, hatte sogleich mit blauen Flecken bussen mussen."
"Hier, Leonce," rief die junge Marquise, "soll Ihr Gesellschaftszimmer sein; dies ist fur Ihre angenehme Laune wie geschaffen. Jeder von uns nimmt naturlich dem Andern gegenuber, wie Sie es lieben, fein und sittlich Platz, Sie auf jener Wand, ich hier, Margot links, Armand rechts da liegen zwischen Jedem einige vierzig Fuss, und wir werden uns, ohne Nachtheil fur unsere Gehorsnerven, uberzeugt halten Leonce habe uns aufs Anmuthigste unterhalten."
"Scherzen Sie nur, liebe Lucile," entgegnete Leonce, "Sie werden hier an Ihrem Zoglinge Wunder erleben mir sagt diese uralte Ausstattung gerade vollkommen zu, und ich fuhle mich, seit wir hier sind, in vollstandig guter Lanne! Ich habe Ihnen immer gesagt, dass ich um ein Jahrhundert zu spat gekommen bin, jetzt ware ich also an der rechten Stelle."
"Aber wir, mein Herr," rief Margot "wir gehoren vollstandig zu der bordirten, gepufften, bequasteten Peruckenzeit von weiland Louis le Grand, und immer also bleiben wir um ein Jahrhundert auseinander, und wahrend Ihr Eure Jugend feiert, wandeln wir vor Euren klugen Augen, wie die Ahnungen der Zukunft, und Ihr werdet fliehen vor unsern Erscheinungen, um nicht zu fruh alt zu werden."
"Du hast Recht," sagte Lucile, "es ist eine neue Kriegslist von Leonce, sich uns zu entziehen, aber sie soll ihm zu nichts helfen. Morgen am Tage lasse ich meine Koffer offnen, und vor diesem alten Bilde soll Susanne meine Roben und Ballkleider verschneiden, um uns in Costume zu setzen, dieser Mauern wurdig, und unserm langweiligen Vetter Leonce zum Trotze."
"Sie werden in jeder Gestalt reizend sein, meine Damen," sagte Leonce lachelnd; "aber gestehen Sie, dies Gemalde ist kein ubles Vorbild zu Ihren Toiletten-Vorsatzen, denn es ist in Wahrheit eine Schonheit, zu der Lucile die blonden Locken, Margot die dunkeln Augen geschenkt zu haben scheint."
"Sie haben Recht, Leonce, das Bild ist schon! Ich bin eine grosse Kennerin, mussen Sie gestehen, auf den ersten Blick traf ich das schonste von allen, denn die ubrigen gehorten wohl nicht zu den Favoritinnen des Malers."
Der Marquis d'Anville war aus dem Nebenzimmer zu ihnen getreten; er hielt sie hier zuruck, um, wie sie hofften, im Nebenzimmer einige ansprechende Anordnungen zu machen.
"Dies ist das sogenannte Hofdamen-Zimmer," erklarte er nun, "und dies die Portraits der damals beruhmtesten Damen. Katharina von Medicis versammelte stets die schonsten Frauleins um sich, und diese steifen Banke, die an den Wanden herumlaufend, Eure Laune zu reizen, mogen oft mit gar schoner Staffage belebt gewesen sein."
"Wir wollen uns ergeben, Margot! d'Anville tritt auf Leonces Seite" sagte Lucile, "der Geist ihrer Ahnherren erfasst mit respektuosen Wallungen ihre Brust, sie wunschen die hier verbliebenen Schatten derselben in guter Laune zu erhalten; wir wollen daher auch unsererseits dem frivolen Hofstaate dieser Mediceer-Konigin unsere Honneurs machen."
"Und wenn wir die Laune der Geister gutig und friedlich zu stimmen trachteten," lachte d'Anville "w e m z u L i e b e denn, als unsern holden Gefahrtinnen, die zwar zu necken und zu reizen verstehen, aber vor einem wirklichen Kampfe mit den Geistern bald die Flucht ergreifen wurden. Doch, wenn ich nicht irre, glanzt dort ein Name unter dem schonen Bilde."
Alle traten naher ein alter Wandleuchter, mit dikken gelben Wachskerzen, warf ein helles, schones Licht auf die Tafel, und der Eindruck, den das Bild ihnen jetzt machte, liess unwillkurlich den Scherz verstummen. Jugend und Schonheit war es nicht allein, was diese Zuge anziehend machte, sondern dass die Augen Jeden leidenvoll flehend anblickten, dass die Hande gefaltet wie gefesselt in dem Schooss lagen, und auf der silbernen Robe kein Abzeichen war, als ein Band von Rubinen, das den Hals fest umschloss und dann in einzeln gefassten Steinen lang uber die Brust hernieder, in den Schooss hing.
"Ach," rief Lucile ernsthaft, indem sie ein Schauer uberlief, "dies schone Wesen war sicher nicht glucklich, sieht ihr Geschmeide doch aus wie einzeln fallende Blutstropfen!"
"Du hast Recht," sagte d'Anville, von dem Gemalde zurucktretend, wo er die Unterschrift gelesen, "es ist Eudoxia, das schone Fraulein von Nemours, welche, wie man sagt, durch Katharina von Medicis hier ein blutiges Ende fand, indem sie zu sehr von ihrem Gemahle beachtet ward."
Die Damen wandten sich still von dem schonen traurigen Bilde ab, und vielleicht gingen gerade jetzt die Worte des Marquis in Erfullung die Neckereien ihres jugendlichen Muthwillens wurden von dem ersten wirklichen Gegenstande des Grauens in die Flucht geschlagen.
Indem offneten die Diener die schweren eichenen Thuren zum Nebenzimmer, und als Alle sich dahin wandten, drang ihnen ein solches Lichtmeer, ein so glanzend heiterer Anblick entgegen, dass Alle die liebenswurdige wohl erreichte Absicht des Marquis fuhlten, dass Dankbarkeit und der Wunsch, sie ihm darzulegen, sich dem angenehmen Eindrucke, der sie empfing, hinzugesellte, und die heiterste Laune verbreitete, die von der halbgeruhrten Zartlichkeit der jungen Marquise unvermerkt eine andere Farbung erhielt, denn sie war jetzt zu glucklich, um ein neckisches Kind bleiben zu konnen, und so trat die Feinheit ihres Geistes wie eine hohere Blute aus dem grunen Blatterkranze ihrer fruheren Laune hervor.
Dies Gemach hiess das Audienzzimmer, und die Wande waren in Streifen von rothem Damast, mit Stahlspiegeln unterbrochen, eingetheilt, welche, so viel als moglich polirt, von den reichlich angebrachten Armleuchtern erhellt, ein ungemein heiteres Ansehn hatten. Die Decke hing freilich mit schwerer geschwarzter Vergoldung und einem riesigen Deckengemalde, die Hochzeit zu Canaan darstellend, wie eine dunkle Wolke daruber; aber man brauchte eine Anstrengung, den Blick dahin zu erheben, und so weilte man lieber auf der heiter geschmuckten Tafel, die, mit grossen seidenen Fauteuils umstellt und mit dem glanzenden Reisegeschirr des Marquis versehen, ein gar heiteres Bild des Lebens darbot.
Daran grenzten die Schlafzimmer der Damen, und nahe und bequem, zum Schutze leicht erreichbar, die Zimmer der Cavaliers und der Dienerschaft.
Alles war von der Umsicht des Marquis in kurzer Zeit in eine Ordnung gebracht, die dem Orte seinen dustern Karakter zu rauben schien, und nach der heiteren Abendmahlzeit den jugendlichen Schlaf durch keine bosen Traume mehr verscheuchte.
Doch mit dem erwachenden Morgen, mit der heiteren Scene des Fruhstucks kehrte auch die Laune der Frauen in ihrer neckenden Frohlichkeit zuruck, und Leonce hatte alle Muhe, sich Gehor zu verschaffen, weil gerade er die Zielscheibe ihres Muthwillens blieb. "Sie werden selbst von Ihrem Muthwillen mehr Vergnugen haben," fuhr er fort, "wenn sie eine Art von Ordnung hineinbringen; denn es ist ausser Zweifel, dass selbst eine so reizende Erscheinung, wie Ihre Laune, doch, wie alles Schone, dem Geheimnisse des Maasses unterworfen ist. Es ist vergeblich, in dieser elektrischen Wechselwirkung von Witz und Scherz eigentlich leben zu wollen das sind geistige Schwelgereien, meine Damen sie rachen sich stets durch Ermudung und eine gewisse Apathie gegen die einfacheren Beziehungen, die Anforderungen an uns machen."
Beide Frauen hatten wahrend dem ihre Stuhle vor Leonce geruckt und Stellungen angenommen, welche ohne Worte die ironische Versicherung enthielten, sie waren andachtige Zuhorerinnen, der Belehrung begierig, beschamt so grosser Weisheit gegenuber.
"Ich verstehe Sie sehr wohl," fuhr Leonce fort, "Ihre Pantomime ist eben so ironisch, als gelegentlich ihre Worte; aber ich will mich nun einmal durch nichts von meinem guten Vorsatze, Sie zu einer massigern Liebenswurdigkeit zu treiben, abbringen lassen, daher moge Ihr Spott mich noch s o lange verfolgen, bis er in meiner Weisheit untergeht."
"Versuchen Sie das, Leonce!" rief Lucile "wir lieben selbst die unleidlichste Veranderung an uns, wenn sie nur eben Wechsel verspricht; und selbst Weisheit sollte Herberge in uns finden, wenn wir nicht furchten mussten, wir wurden sie nicht wieder los, und wurden zuletzt das Opfer dieses unpassenden Gastes."
"Furchten Sie nichts, liebe Lucile," erwiederte Leonce "dieser Gast wird Sie mit seiner Gesellschaft nicht uber Ihr eigenes Verlangen hinaus belastigen; ja, ich zweifle, dass er sich Ihrer Einladung bei dem ersten Versuche stellt."
"O, Sieur Leonce," rief Margot, "wenn Sie uns die Einladungskarten schreiben, habe ich bei Ihrer Intimitat alle Hoffnung zu seiner Erscheinung."
"Trauen S i e namentlich mir h i e r i n nicht zu viel, schone Cousine! Er macht an mich immer zuerst den unerhorten Anspruch, Ihre schonen Augen zu vergessen, und so sind wir meist auf gespanntem Fusse."
"Ha, Lucile, so leere Galanterien schreien zum Himmel!" rief Margot, mit dem kleinen Fusse so heftig auf den Boden stampfend, dass ihr Gesicht in Feuer aufgluhte. "Sein Sie wenigstens mit allen Ihren Fehlern nicht auch falsch, und erwarten Sie wenigstens von mir nicht, dass ich diesem gehassigsten Laster ein freundliches Lacheln schenken soll ich furchte, ich hasse Sie!"
D'Anville und Lucile begegneten sich bei dieser kleinen Scene mit einem fluchtigen Blicke des Einverstandnisses; denn Lucile beobachtete mit ihren klugen Augen ihre kleine lebhafte Cousine unter dem Deckmantel ihrer heiteren Laune in allen Nuancen ihres lebhaften Gefuhls, und der ungemeine Wechsel derselben, diese unverkennbare Zuneigung zu Leonce, dies Vertrauen, und doch wieder dies Zurnen, Fluchten und Zuruckstossen, schienen auf eine tiefe und ungewohnliche Erregung schliessen zu lassen, der beide Ehegatten mit Hoffnungen fur das Gluck ihres lieben Leonce zusahen.
Dieser sah ihr lachelnd und mit grosser Sicherheit nach, als sie an das nachste Fenster flog, als musse sie sich seinen Blicken entziehen; dann bat er sie zuruck zu kommen, und als sie sich niedergesetzt hatte, hob er an, mit einem fast kuhnen Blicke sich zu ihr neigend, sie mit ihrem Zorne zu necken. "Und" fuhr er fort, "laugnen Sie es, wenn Sie konnen, schone Margot, Sie haben doch zu mir das festeste Vertrauen, und alle Ihre kleinen, anmuthigen, heimlichen Planchen sind endlich doch darauf gebaut, dass Sie Leonce vertrauen konnen, und seine Gefuhle fur Sie Ihnen weder unbequem, noch lastig, viel weniger als eine unverzeihliche Falschheit erscheinen."
Eben wollte Margot diesen neuen Angriff bezahlen, da gebot Lucile Ruhe und verwies alle Parteien zum Schweigen.
"In Wahrheit, eine Pension fur unartige junge Leute soll dies alte ehrwurdige Chateau de la Roche nicht werden" sagte sie "Ruhe! Frieden gebiete ich, und jetzt, Leonce, werden Sie gleich mit Ihren weisen Planen hervortreten, auf welche Art Sie unsere Liebenswurdigkeit einfangen wollen, um sie nur gelegentlich und nach einem gewissen schicklichen Kommando hervor sprudeln zu lassen, denn wenn wir uns nicht selbst unterhalten sollen, so thun Sie es jetzt, und sein Sie sicher, dass Ihre Vorschlage eine scharfe Kritik passiren werden."
"Meine Plane," hob Leonce an, "bestehen in dem naturlichen Vorschlage, auf dem Boden, wo wir uns befinden, bekannt zu werden; wir mussen uns stundenweis versammeln die Chronik des Schlosses, die sich in dem Archive befindet, studiren, von ihr geleitet, den ganzen merkwurdigen alten Bau besichtigen, und die hellen Stunden des Tages zu Ausflugen in die grossartige Einsamkeit dieser Felsen und Walder benutzen, die alle ihren Karakter von den geheimnissvollen Anspruchen dieses Schlosses empfangen haben, mit in den Bann eingeschlossen scheinen, der hier dem Treiben der Menschen eine unuberwindliche Schranke gebaut hat."
"Ihr Plan lasst sich horen, Leonce!" erwiederte Lucile "ich glaube, Margot, wir werden einwilligen, uns diesem unserm Fuhrer zu uberlassen doch fuge ich noch einen Plan hinzu, der vor Ihrer Chronik den Vorzug haben muss, und meinen lieben d'Anville an sein Versprechen erinnert, mir das Schicksal seines Oheims, des Grafen von Crecy, das mit diesem Schlosse so vielfach verzweigt scheint, nunmehr mitzutheilen."
"Ich bin bereit dazu, meine Liebe," erwiederte d'Anville, "doch unter der Bedingung, dass Ihr mich jeden Tag bis zum Mittagsessen zu Pferde oder zu Wagen auf meinen Geschaftswegen begleiten wollt, und dann verspreche ich Euch, den Abend meinen Vortrag hier zu beginnen."
Alle stimmten heiter in diesen Vorschlag ein. Nach einem frohlich verlebten Tage fuhrte der Abend Alle um die gastliche Flamme des Kamins, und als man in traulicher Nahe Platz genommen hatte, hob der Marquis d'Anville seine Erzahlung an.
Wir konnen uns jedoch um so weniger mit einer Mittheilung begnugen, wie der Marquis d'Anville sie fur seine junge Gemahlin passend finden wird, da wir die Geschichte des Grafen Crecy als den Kern dessen ansehen mussen, was wir bisher mitzutheilen versucht haben, und es dahin gestellt sein lassen, ob man diese eingeschlossene Erzahlung als den Hauptinhalt unserer Mittheilungen ansehen will, oder die Verhaltnisse, mit denen wir bis hierher unsere Leser vertraut machten, und deren Verfolg wir nach dem Schlusse jener Begebenheiten weiter mittheilen werden.
Ihr Zusammenhang, ihre theilweise Ausgleichung durch einander, wird ihre nothwendigen, gleichen Rechte an die Aufmerksamkeit darthun; und wie wir die Form der Frucht aus der Gestaltung des Kerns uns leichter erklaren konnen, so werden wir, das Gleichniss hier anwendend, in dem Leben des Grafen von Crecy die Gestaltung der spateren Begebenheiten vorbereitet finden, und nicht allein ihnen leichter, sondern auch vielleicht mit vermehrtem Interesse folgen konnen.
Indem wir so der eingelegten Erzahlung ein gleiches Recht mit derjenigen zu verschaffen suchen, die, Anfang und Ende dieses Buches bildend, jene zu umschliessen scheint, bedienen wir uns des uns unbezweifelt zustehenden Rechtes, sie in der Form vorzutragen, die sie aus dem blassen Lichte der Vergangenheit hervortreten lasst, und sie nicht wie gehaufte Resultate, an deren langsamer Entstehung die Zeit schon die Spuren verwischt hat, darstellt, sondern mit der Frische versehen, die uns keine der kleinen Verzweigungen entzieht, welche langsam, aber dem Beobachter gerade so bedeutungsvoll, die grosseren Resultate herbeifuhrt. Der Graf von Crecy, Bruder der Marquise d'Anville, der Mutter des jungen Mannes, der aus dem Munde dieses seines Oheims die Begebenheiten erfuhr, die er eben seiner jungen Gemahlin mittheilen wollte, war der Sohn des Marschalls von Frankreich, Grafen von Crecy-Chabanne, eine der altesten Familien des Reiches, die sich die Vettern des Konigs nannten.
Grau geworden in den unseligen Kriegen der Fronde, hatte dieser unter dem Banner des grossen Turenne unverruckt der koniglichen Partei angehort, wenn auch fruhere, zartlichere Jugendbande ihn mit Conde vereinigten, dessen Abfall ihn auf das Tiefste erschutterte, ohne ihn uber seinen Weg in Zweifel zu stellen.
Seit dem pyrenaischen Frieden lebte der Marschall von Crecy jedoch, mit allen Ehren eines glorreichen Lebens uberschuttet, von der thatigen Mitwirkung der Kriegsleistungen zuruck gezogen, die wenigstens aufgehort hatten, Frankreich selbst zum Heerde ihrer Verwustungen zu machen.
Von jeder anderen Bildung und Richtung, als der der Waffen, entfernt geblieben, liebte er dennoch seinen Beruf nicht, und bei dem Emporbluhen seines einzigen Sohnes trat diese Abneigung in dem bestimmten Willen hervor, ihn nicht dafur erziehen zu wollen.
Seine Gemahlin, eine Furstin Soubise, trat mit ihrem schrankenlosen Stolze diesem Vorsatze heftig entgegen, da sie darin das besondere Privilegium sah, Abkommlinge alter Familien zu den bedeutendsten Stellungen im Staate zu erheben, und sie in ihrem Sohne mindestens den Nachfolger ihres Gemahls zu sehen trachtete.
Dessenungeachtet siegte dies Mal der Marschall von Crecy; und es ist dies Faktum um so weniger verloren gegangen, da es wahrscheinlich bleibt, dass der Feldherr, vor dessen Fahnen die Feinde flohen, als habe er ihnen damit einen unuberwindlichen Sturmwind entgegen geweht, doch in seinem Hause nur dies eine Mal den Sieg davon trug, und er hier neben den Trophaen aller Schlachten ohne Widerstand die Waffen senkte, wenn die Furstin Soubise den Heerbann ihres weiblichen Willens aufpflanzte.
Mit dieser erfolgreichen Weigerung hatte er jedoch Alles erschopft, was er sich zugestand, und obgleich er missmuthig und murrend auf die Wege blickte, die seine Gemahlin nun in anderer Richtung zur Erziehung ihres Sohnes einschlug, so hielt er sich doch abgefunden mit seiner Pflicht als Vater, da er uberdies, nachdem er die eine verweigert, weder eine andere, noch bessere anzugeben vermochte.
Die Furstin Soubise blieb auch nach dieser einen Niederlage vollstandig gerustet gegen jede fernere Einmischung ihres Gemahls; und je unerwarteter ihr in einer fur unanruhrbar geachteten Souverainitat dieser Widerstand gekommen war, je mehr hatte sich ihr Gefuhl auf diesen Punkt gescharft, und die schwachsten Versuche des Grafen von Crecy waren hinreichend, ihn zu uberzeugen, dass er von nun an eine gefasste Gegnerin vorfande und hier seine Wirksamkeit am Ende sei.
Wenn Eltern ihre Kinder oft zu erziehen scheinen, bloss um gegen einander ihre ununterbrochenen Fehden zu unterhalten oder zum Zeitvertreib fur irgend eine mussige Stunde ein Spielzeug scheinbar, von dem sie keine Belastigung erwarten, und gegen das sie sich keiner Verpflichtung bewusst werden: mussen wir, zu den geringsten Erwartungen unter solchen Umstanden berechtigt, haufig erstaunen, wie ein also gehetztes oder gemissbrauchtes Wesen, dem Allen zum Trotze, sich in besserer Weise entwickelt.
Der junge Leonin. Graf von Crecy, war von der Natur mit einer traumerischen Stille des Gemuths begabt, und dadurch gegen die verschiedenartigen Eindrucke seiner Umgebungen sanft eingehullt. Er sah und fuhlte immer nur d a s , was ihm fur den Augenblick nothig oder angenehm war, und hatte fur Alles, was sich ihm anderseits aufdrangen wollte, die sanfte Auslegung der Gutmuthigkeit, womit er sich unbewusst jeden unangenehmen Eindruck abwehrte. Er fuhlte weder die Unzulanglichkeit der vaterlichen Autoritat, noch den despotischen Willen seiner Mutter, von dem er ganz gelenkt ward. Er wuchs unter den Siegesnachrichten seines Vaters auf; in einer Entfernung von ihm, die ihm sein Bild von allen Schwachen frei erhielt, und denselben in seiner jugendlichen Phantasie zu den Heroen des Alterthums erhob.
Mit einem darauf begrundeten Anspruch an die Bevorrechtung seiner Geburt, wie er nothwendig zu jener Zeit dem einzigen Sohne eines solchen Mannes erwachsen musste, fuhlte sein weiches und dennoch von dem Stolze der Mutter gehobenes Herz die innigste Liebe zu seinem Vater. Die Mahnung, sich auszeichnend ihm ahnlich zu werden, fand er vorerst nicht heraus, und alle Wege schon bequem und eingerichtet, eben durch den Namen, den er trug.
Seine Mutter war mit der ganzen Autoritat ihres Verstandes bemuht, in ihm den Stolz zu nahren, den er von ihrem Blute im Herzen trug, sie imponirte seinem, wenn auch richtigen, doch langsamen Verstande durch die, Frauen naturliche, praktische Uebersicht der Verhaltnisse, die ihm ausserordentliche Geisteskrafte anzudeuten schienen, da sie ihm immer zuvorkamen. Er hatte nie den Versuch gemacht, anderer Meinung zu sein oder die ihrige nur n a c h zu uberlegen, und ihre mutterliche Weichheit wurde sie nie zu der Schwache verfuhrt haben, diesen Versuch anzuerkennen, da ihre fur ihn im Voraus gefassten Beschlusse mit Planen zusammen hingen, die dem Ehrgeize Befriedigung sicherten und daher in ihrer Ueberzeugung fur sein Gluck vollkommen ausreichend sein mussten.
Seine Geistesfahigkeiten waren angebaut. Die Marschallin wusste wohl, dass man an dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten nicht ohne Kenntnisse und Talente sich behaupten konnte. Es fehlte ihr auch nicht an Scharfblick, den geeigneten Lehrer zu finden, und der Abbate Mafei war vollstandig ausgerustet, diesem einfachen Geiste Kenntnisse in dem Maasse angedeihen zu lassen, als sie dem Verlangen des Junglings selbst Bedurfniss wurden, ohne ihm das aufzunothigen, was ihn mit unnutzer Gelehrsamkeit bedrohte, zu der ihm der rasch verarbeitende Geist von der Natur versagt war.
Als das unerwartete Machtwort des Marschalls von Crecy seinem Sohne die militairische Laufbahn abschnitt, sah seine Gemahlin fur ihn keinen andern moglichen Platz, Ansehen und Einfluss zu erreichen, als eines der hohen Hofamter, zu denen alte und beruhmte Namen eine mitwirkende Nothwendigkeit waren, wenn auch der sich verfeinernde Hof und des Konigs gebildeter Geschmack damit noch anderseitige Liebenswurdigkeiten vereinigt wissen wollte.
Es erwachte in jener Zeit eben die spater so uberhand genommene Neigung zu reisen. Fremde Hofe gesehen zu haben, von dem Leben anderer Lander Rechenschaft geben zu konnen, verbreitete uber die Personen, die sich also auszuzeichnen vermochten, einen Reiz, den man ihnen als ein Verdienst, als eine Staffel der Bildung anrechnete, wohinter oft sehr geringe Fahigkeiten Schutz fanden. Die Marschallin war daher entschlossen, ihrem Sohne statt der Trophaen des Ruhmes, die ihm nun entzogen waren, den friedlichen Zauber einer glanzenden Reise zu ertheilen, und ihn durch ein ehrenvolles Auftreten an fremden Hofen fur einen dereinstigen hohen Platz an dem franzosischen Hofe unwiderleglich vorzubereiten. Der Abbate Mafei und ein reiches Gefolge, wie es den Geburtsanspruchen des Junglings geziemte, ward zu seiner Begleitung mit Verstand und zweckmassiger Wahl ersehn, und beide Aeltern, obwohl sie sich schwer von dem Lieblinge trennten, der wie eine leichte Wolke die Ehegatten vor einander verhullte und ihre unsanfte Beruhrung hinderte, fugten sich der Nothwendigkeit, die zufallig Beide zugleich anerkannten.
Es liegt nicht in unserem Plane, den jungen Grafen von Crecy auf einer Bildungsreise mit ihren mannigfachen Zufalligkeiten an Freud' und Leid zu begleiten. Sie erstreckte sich auf alle Lander, welche damals im Frieden mit Frankreich waren, und bei der wenigen Vorbereitung, die Reisende noch auf ihren Wegen fanden, war sie reicher an Abenteuern, als wir jetzt fur moglich halten mochten. Sie wurden jedoch Alle glucklich bestanden, und der Abbate Mafei durfte der stolzen Mutter die schmeichelhaftesten Berichte uber die Entwickelung seines Zoglings senden, ohne die Wahrheit zu verletzen. Die Gewandtheit, die in der grosseren Freiheit, in der nothwendigen Auffassung der verschiedenartigsten Verhaltnisse sich von selbst entwickelt, vollendete das anziehende Wesen des Junglings durch eine hinzukommende ernste mannliche Haltung, die neben dem weichen Ausdrucke des Gefuhls ihm uberall Vertrauen und Antheil erwarb.
England sollte die Reise beschliessen und den jungen Grafen zu jeder Auszeichnung reif, seinem Vaterlande zuruckgeben. Die letzten Nachrichten, welche die Marschallin erhielt, waren nach einer AbschiedsAudienz bei Karl dem Zweiten geschrieben, und er begab sich jetzt nach Schottland, und zwar, auf den ausdrucklichen Wunsch seiner Mutter, zu der Familie des Grafen von Gersey, mit der die Marschallin aus Familienrucksichten seit lange ein freundschaftliches Verhaltniss unterhielt. Sie hatte namlich mit anscheinendem Eigensinne verlangt, dass ihr Sohn hier bis zu seiner, in wenigen Monaten erfolgenden Majorennitat verbleiben sollte, und bei dem Grafen Gersey dazu durch eigene Anfrage die Erlaubniss ausgewirkt. Wie sehr sie namlich gewunscht hatte, dass ihr Sohn sich durch diese Reise aussere freie Haltung erwurbe, so war es doch ganz ihrem Karakter und ihren Ansichten entgegen, ihm damit auch eine innere Unabhangigkeit zu gestatten, und es schien ihrer argwohnischen Herrschsucht, als habe der Sohn davon zu viel gewonnen, und seine Neigung fur das Ausland sei vielleicht schon zu vorherrschend geworden, um ihn noch zu allen Verhaltnissen geneigt zu finden, wie sie ihr bequem sein wurden. Sie hoffte daher, ihm durch diesen letzten Aufenthalt, den sie gar wohl kannte, eine Herabstimmung seiner gesteigerten Ansichten zu geben, und durch das ermudende Treiben einer beschrankt abgeschlossenen Zuruckgezogenheit ihn dankbarer und hingebender zu machen fur das, was sie ihm dann mit vollen Handen, und dennoch wohl berechnet, genau mit ihrem Willen im Einklange, darbringen wollte. Seine Majorennitat machte ihn augenblicklich zum selbststandigen Herren grosser Besitzungen, die, mit dem uralten Schlosse von Ste. Roche verbunden, eine anlockende Veranlassung waren, sich unabhangig zu fuhlen; und die Marschallin hatte daher zu einem so gefahrlichen Besitze, den sie ihm nicht streitig machen konnte, ohne alte Familien-Institutionen zu beleidigen, heimlich beschlossen, einen zweiten Besitz, eine Gemahlin nach ihrem Sinne und Willen hinzuzufugen. Ohwohl der Graf Gersey drei Tochter besass, wusste die kluge Mutter doch durch die eigenen Berichte ihrer Freundin, der Grafin Gersey, dass sie an diesen keine Storung ihres Planes zu furchten habe, da selbst die zartliche Mutter sie unschon nannte und zum Troste dagegen Eigenschaften an ihnen ruhmte, von denen die Marschallin wohl wusste, dass sie dem verwohnten Geschmack ihres Sohnes nicht gefahrlich werden wurden. Auf dem Wege nach Edinburg erkrankte der Abbate Mafei, und da er darauf bestand, die Reise fortzusetzen, erreichte man Stirlings-Bai, das Schloss des Grafen von Gersey, mit dem sterbenden Abbate. Sein Leben konnte nicht gefristet werden alle zu Gebote stehende Hulfe, von dem geschickten Hausarzte des Grafen bis zu der zartlichsten Pflege seines ihm kindlich zugethanen Zoglings, vermochten den Willen der Natur nicht zu beugen, die ihr Geschaft bei dem wurdigen Abbate fur erledigt erklarte, und er starb in den Armen des jungen Grafen sanft und heiter, eine wurdige Vollendung eines vorwurfsfreien Lebens.
Dies war der erste Schmerz, der in die Seele des jungen Mannes drang, und er nahm ihn um so lebhafter auf, als ihm gerade die Stutze gegen jede bisher nahende Unannehmlichkeit mit diesem treuen und theuren Gefahrten entruckt ward. Jetzt ergingen eine Menge truber Fragen an ihn selbst, die sonst von dem guten Abbate beseitigt wurden, ehe sie ihn erreichen konnten. Er fuhlte sich in allen Beziehungen verletzt und gekrankt, ja, er glaubte in sich selbst eine Schwache und Unmannlichkeit des Karakters wahrzunehmen, welche ihn vollig schwermuthig machte und zu den ungerechtesten Selbstvorwurfen trieb, die zu einer Muthlosigkeit, der Zukunft gegenuber, anwuchs, nur durch die Verwohnung des Glucks begreiflich, von dem wir uns fur immer verlassen glauben bei dem ersten Schatten, der es uns verhullt.
Unter diesen Umstanden fuhlte er sich trotz der gutigen und theilnehmenden Sorgfalt, womit der Graf Gersey und seine Familie ihn behandelten, in so hochst gedruckter Stimmung in Stirlings-Bai, dass er, wenn er nicht gefurchtet hatte, seine Mutter durch seine Entfernung zu beleidigen, einen Ort zu verlassen geeilt haben wurde, der bestimmt war, der erste Grenzstein seiner Jugend zu werden, indem er ihn aus dem weichen Zustande des Geniessens zu dem ernsteren des Leidens erwachen liess.
Wer Stirlings-Bai betrachtete, hatte es wohl fur geeignet halten mussen, auf jede Stimmung der Seele einen wohlthatigen Eindruck auszuuben. Es war reich ausgestattet von der Natur und ein altes Besitzthum reicher Geschlechter im wohlerhaltensten Zustande. Man konnte kaum etwas Schoneres sehen, als das Schloss auf dem Felsenabhange am Rande des machtigen Gebirgswassers, das zu einem wild brausenden See erweitert, von den herrlichsten Waldern umsaumt lag und mit seiner reichen inneren Ausstattung den aussern Anspruch vollstandig erfullte.
Die Hutten der Unterthanen lagen zerstreut umher, und der Zufall hatte es gewollt, dass ihre Lage die vielfachsten und romantischsten Ansichten gewahrte.
Den Park begranzend lag eine alte Abtei, StirlingsAbtei genannt, deren Kirche noch jetzt zum Gottesdienste der graflichen Familie und der Umgegend benutzt ward, und mit ihrem verschwenderischen Prachtbau im rein gothischen Geschmack, und mit ihrer noch wahrnehmbaren grossartigen Ausdehnung, es sehr wahrscheinlich machte, dass sie einst Besitzerin und Beherrscherin der reichen Guter gewesen sein mochte, in denen sie jetzt nur noch als nothwendige Nebensache geduldet ward. Unzerstorbar jedoch blieb sie mit ihren machtigen und den weithin sie verkundigenden Thurmen die Beherrscherin der Gegend, auch nach ihrem Falle noch ihren machtigen fruhern Rang bekundend. Die einst dazu gehorigen weitlauftigen Klostergebaude waren bis auf einen kleinen Theil abgetragen, der noch jetzt die Wohnung des Geistlichen war, der unter dem Patronat der Grafen von Gersey stand.
Der Herbst nahte sich indessen, und das Sloss fullte sich jeden Tag mehr mit dem heiteren Trosse rustiger Jager, die von allen Theilen der Grafschaft sich zu einem langen Waidmannsvergnugen in Stirlings-Bai versammelten, dessen noch nie ganzlich durchstreifte Walder jede Lust fur so heitere Gesellschaft darboten. Nur selten und halb gezwungen nur, nahm der junge Graf an diesem Vergnugen Theil, welches so ganz seiner stillen traumerischen Weise entgegen war; und er fuhlte sich bald in einer Isolirung, die er nur mit dem Kummer um den theuren Verstorbenen ausfullte, dessen feine Geistesbildung ihm stets das wahre Element fur seine Neigung war.
Wie seine Mutter vorausgesehen hatte, machten auch die Frauen, die er hier vorfand, und die in ihrer derben Naturlichkeit ihm so wenig wie Frauen erschienen, nur einen verletzenden Eindruck auf ihn; sie setzten ihn mehr in Verlegenheit, als dass ihr Umgang ihm hatte wohl thun konnen und er floh vor ihrem breiten, leeren Geschwatze fast noch angstlicher, als vor den lauten Jagdzugen der Manner oder ihren larmenden Trinkgelagen. Dabei erkannte er nur zu bestimmt, dass man ihn als ein vollig fremdes Wesen mit Neugierde und einem gewissen Mitleiden, wenn nicht mit Tadel, betrachtete; und er selbst schien sich so ganz abweichend, so unbegreiflich bis auf Gestalt und Kleidung verschieden, dass er, unterstutzt von seiner hypochondrischen Laune, sich fur einen immerwahrenden Gegenstand ihres neckenden Zeitvertreibes hielt; er vergass aber, dass sie ihn hierzu fur viel zu unbedeutend hielten. Er war unter Menschen, die ein volles sicheres Vertrauen zu ihrer Bildung besassen, weil sie ihnen eine tuchtige Auffassung des praktischen Lebens sicherte, das sie mit allen seinen materiellen Anforderungen vollstandig beherrschten. Es hatte sich ihnen dadurch eine so stolze Ruhe des Daseins mitgetheilt, dass sie das daruber gehende Bedurfniss mit grossmuthiger Gleichgultigkeit betrachteten.
So kam es haufiger, als es beachtet ward, dass der junge Graf mit der Flinte und Jagdtasche mit dem lustigen Trosse auszog, und bald unbemerkt sich zu weiten einsamen Spaziergangen entfernte, und dann, in dem duftigen Moose des Waldes gelagert, den eigentlichen Inhalt seiner Jagdtasche leerte, welchen er der vergessenen und nur fur ihn geoffneten Bibliothek des Schlosses entzogen.
Er hatte einen schonen Herbsttag so in der wohlthuenden Ruhe verbracht, die er weniger seiner inneren Haltung verdankte, als der sorgfaltigen Vermeidung ausserer Storungen, und schlug nun, den Stand der Sonne prufend, den Ruckweg ein, um zur Zeit der Tafel den Hausgenossen nicht zu fehlen. Er horte bald aus der Ferne die einzelnen Signale der Jager, erkannte, dass man noch irgend ein Hauptwild auf der Spur haben musste, das man zu treiben suchte. Ohne des Weges recht kundig zu sein, sah er sich bald in einem bisher noch unbetretenen Theile des Waldes und blieb erstaunt uber die Pracht und Majestat des hundertjahrigen Baumwuchses stehen, der, wie eine riesenhafte Saulenhalle, bis an die Kronen von allem Unterholze entblosst, in einzelnen grossen Kammen die dichten Laubgewolbe in einander schlang. Sie bildeten so eng verzweigt, einen festen Dom, durch den das Licht der Sonne nur gebrochen, wie durch bunte Scheiben, blendende Lichter herein warf, und den kurzen, feinen Moosteppich, der theils den Boden, theils die hochgebaumten Wurzeln der herrlichen Weiss-Buchen bedeckte, golden grun farbte. Vorschreitend sah er jetzt, dass er sich der Abtei genaht, dass dieser Wald die heilige Vorhalle der prachtvollen Kirche bildete, deren grossartiger Unterbau sich jetzt zwischen den Stammen gewahren liess. Es fiel ihm ein, dass er seit der Beisetzung seines theuren Freundes, wo er die Kirche auf einem ganz anderen Wege erreicht und sich wenig um sie bekummert, noch keinen Versuch gemacht hatte, sie wieder zu sehen, was fur ihn als Katholiken auch nur geringes Interesse hatte. Er nahm sich jedoch jetzt vor, diesen schonen Punkt zu der Unterhaltung des nachsten Tages zu wahlen und Alles kennen zu lernen, was sich daran anschloss.
Jetzt eilte er, die Nahe des Parkgeheges nach dem Stande der Kirche annehmend, dasselbe zu erreichen, immer von den naherruckenden Hornsignalen begleitet, als es ihm plotzlich war, als hore er einen angstlichen Hulferuf jetzt glaubte er ihn hinter sich zu horen dann noch deutlicher vor sich. Er sturzte durch das erreichte Parkgehege in dasselbe hinein, denn es war ohne Zweifel eine weibliche Stimme, die ihm entgegen tonte; auch drang er nur wenige Schritte vor, als er ein fliehendes Weib mit Pfeilesschnelle daher sturzen sah. Worin ihre Gefahr bestand, war nicht zu ubersehn, aber ihr Angstgeschrei deutete jedenfalls auf solche hin, und Leonin eilte daher um so schneller auf sie zu; doch sah er jetzt zu seinem Erstaunen, dass sie, so hoch sie vermochte, ein weisses Tuch in der Luft wehen liess und, als sie ihn erreicht hatte, mit abwehrender Gebehrde an ihm voruber lief, indem sie, hinter ihm zeigend, lebhaft rief: "O helft, helft doch!" Nun erst schien ihm, als verdoppelte sich das Geschrei hinter ihm. Er blickte um und sah, wie sich der eben vorubergeeilten Gestalt eine andere aus dem Waldwege entgegen sturzte, von einem wild gemachten, und von den Hornsignalen noch immer gereizten und getriebenen Eber fast auf dem Fusse verfolgt. Augenblicklich eilte Leonin jetzt den bedrohten Frauen nach, und da an Anlegung des Gewehrs nicht mehr zu denken war, riss er seinen Hirschfanger aus der Scheide, den zweifelhaften Kampf zu wagen entschlossen, wenn auch nur um den Fliehenden Zeit zu gewinnen. Doch ehe er hiezu kommen konnte, hatte das erste der Madchen schon, mit der grossten Entschlossenheit der Verfolgten sich entgegen sturzend, das wuthende Thier durch ihr wehendes Tuch verblodet und zum langsameren Trotte gebracht; sie wendete sich mit Blitzesschnelle, eilte der Andern, die das Gehege indess uberschritten, nach, stiess den eben sich dem Eber entgegen werfenden Leonin zuruck, und warf mit einer schnellen und geschickten Wendung das Gitter in das Schloss.
"Gott sei gelobt!" rief sie und schlug die Hande zusammen, "jetzt sind wir gerettet! Doch, wir wollen hier fort so lange uns das wilde Thier sieht, reizen wir seine Wuth, und lange traue ich dem Gitter nicht Widerstand zu doch seht, da kehrt es schon um waldeinwarts: Nun, so helft mir meine arme Emmy hier wegbringen, denn die Angst hat sie ganz umgeworfen." Bei diesen Worten war sie schon neben die am Boden Liegende getreten, und bemuhte sich, sie aufzurichten. "Hortet Ihr denn gar nicht," fuhr sie mit Emmy beschaftigt fort, "woher das Ungluck kam? Was hatte uns wohl Euer kleiner Hirschfanger helfen konnen? Ihr hattet doch an das Gitter denken mussen!"
"Gewiss," antwortete Leonin, von Staunen und Verlegenheit uber das Erlebte und den ruhigen Vorwurf des jungen Madchens ganz uberwaltigt "mein Betragen war thoricht und ungeschickt, und ich fuhle mich tief beschamt, von Eurem Muth und Eurer Besonnenheit so weit uberholt zu sein."
Als Leonin sprach, liess das Madchen von Emmy ab und erhob das Gesicht zu ihm, die dunkeln Locken zuruckschuttelnd; sie war dem gebildeten Tone seiner schonen Stimme gefolgt und blickte jetzt hold neugierig in sein Angesicht.
Gewiss war dies fur Beide eine angenehme Ueberraschung, denn tiefere blaue Augen hatten ihn noch nie angeblickt, und so viel die aus ihren Banden geflossenen Locken zuliessen, glaubte er nie feinere und anmuthigere Zuge gesehen zu haben.
"Gehoret Ihr denn zu den Jagdherren des Schlosses?" fuhr das Madchen fort.
"Ich bin allerdings ein Gast des Grafen Gersey," antwortete Leonin "doch nicht so leidenschaftlicher Jager, diesen frohlichen Waldzugen immer zu folgen."
"Das dachte ich wohl," sagte das Madchen, "aber es mag sein, wie es will, Ihr musst mir Emmy fuhren helfen."
"Gewiss! gewiss," sprach Leonin, "werde ich Euch nicht eher verlassen, als bis Ihr in Sicherheit seid."
Sie schaute ihn wieder klug an, um ihren Mund zuckte ein Wort, aber sie schwieg und ergriff nun zartlich Emmy's Hand, die sich noch bleich und halb ohnmachtig gegen einen Baum lehnte, unfahig, wie es schien, ihre Besinnung wieder zu finden. "Emmy! meine liebe, gute Emmy!" sprach sie zartlich, wie ein Kind, "sieh mich doch an und fasse dich Du bist ja gerettet! komm' doch nun nach Hause, zu Deinem Manne, zu Deinem Kinde denn er konnte sich ja bangen um Dich! Sieh, weit weg ist schon der bose Eber, den haben gewiss die Jager schon erlegt, und er kann Dich nie wieder jagen!"
An den freundlichen Worten, so wohl berechnet das gestorte Bewusstsein der jungen Frau zu werden, richtete sich diese auch alsbald auf und liess sich, dem fortdauernden Geplauder horchend, von Beiden fortfuhren.
"Verletzt bist Du doch nicht?" frug das Madchen weiter, "und Gott wird ja geben, dass Dir die Angst nicht schadet!"
"Ach nein, teure Miss!" erwiederte die junge Frau "verletzt glaube ich nicht aber denkt selbst, wie furchterlich meine Lage war; ich bin weit gerannt, bald rechts, bald links, ihm zu entgehen, aber gewiss, ich ware unterlegen, denn mir fehlte schon alle Kraft und Besinnung, ware das Thier nicht schwerfallig und alt gewesen, und hatte ich nich Hulfe bekommen. Nicht wahr," fuhr sie fort, "der gute Herr hier hat mich gerettet?"
So beschamend dieser Augenblick fur Leonin war, hatte er ihn doch um die Welt nicht verlieren mogen, denn das Madchen steckte den Kopf um die junge Frau ein wenig herum und sah ihm mit einem Lacheln in die Augen, das den reizendsten Ausdruck muthwilliger Neckerei trug und ein unschuldiges, kleines Einverstandniss einleitete; denn sie antwortete sogleich freundlich fortlachelnd: "Nun, geschrien haben wir beide genug, um die ganze Jagd zu Hulfe zu rufen, und es mochte dem wohl schwer sein, der zwischen unseren Stimmen, die rechte Stelle zu erkennen, wo Hulfe Noth that."
Leonin hielt seine Augen so lange auf ihr Antlitz geheftet, bis sie ihn noch ein Mal anblickte, und jetzt kostete es ihr ein schnelles, kleines Errothen.
"Ich war auf dem Vorsprung," fuhr sie zu Emmy fort, "als ich das Treiben des Ebers sah, und daran dachte, wie Du des Weges warst, und schnell hinunter lief, um zu sehen, ob das Park-Gehege offen, im Fall Du in Angst kamest aber die Unruhe, die ich schon fuhlte, machte, dass ich so bald dein Geschrei erkannte."
"Ach, liebe Miss, wie danke ich Euch!" rief Emmy geruhrt, "Ich hatte selbst verunglucken konnen, aber daran denkt ihr immer zuletzt was hatte dann Euer Vater gesagt!"
"Ja, der Vater," antwortete das Madchen nachdenkend, "Dem hat es recht geahnt, dass uns heute Ungluck bedrohe glaubst Du, dass er mich hinauslassen wollte? Zur Zeit, da er weiss, dass ich spazieren gehe, kam er zu mir und setzte sich nieder, und trug und sprach so viel und lieb, dass ich ganz das Ausgehen vergass; als er abberufen ward und ich nun auch aufbrechen wollte, fragte er plotzlich: 'Willst du doch hinaus?' Du kannst denken, dass ich verwundert war und ihn frug: ob er etwas dagegen habe? Da sagte er: ich sollte ihn nicht auslachen, aber meine selige Mutter habe die ganze Nacht vor ihm geweint und ihn gebeten, er solle mich nur heute nicht hinauslassen, und habe mich ihm gezeigt, wie ich mit einem Kranze geschmuckt dastand, und ein schwarzer Leichenschleier druber hinsank und mich fur immer verhullte. Das habe ihn so erschuttert, dass er es gar nicht vergessen konne."
"O mein Gott! warum bliebet ihr denn nicht zu hause, Miss Fennimor?"
"Weil der gute Vater es nicht leiden wollte, denn er meinte, es sei eine Schwache, und er wolle sie sich nicht gestatten. Da musste ich gehen und spurte auch keine Furcht, bis der Jagdzug nahe kam und an Dich dachte."
So waren die Frauen mit ihrem stumm aufmerkenden Fuhrer die Richtung des Parkes durchgegangen, die sie nach der Abtei zufuhrte; und jetzt riss sich Fennimor plotzlich los und rief: "Dort kommt der Vater!"
Eine ehrwurdige, vom Alter gebeugte Gestalt mit silberweissen Locken, in einem einfachen schwarzen Hausleibe trat ihnen jetzt entgegen, und empfing die zu ihm eilende Tochter in seinen Armen.
"Wer ist dieser Herr?" frug der junge Graf seine langsamer folgende Gefahrtin.
"Es ist Sir Reginald Lester, der Kaplan von Stirlings," erwiederte die junge Frau, und jetzt hatten sie sich der interessanten Gruppe genahert, ohne von ihr bemerkt zu werden. Der Vater hatte das geliebte Kind so fest an seine Brust gedruckt, dass das Madchen, um ihn anblicken zu konnen, sich weit hinten ubergebogen hatte; die Locken ihres reichen Haares theilten sich dadurch von der weissen Stirn, und der Vater blickte mit dem unbeschreiblich ruhrenden Ausdruck innigster Befriedigung in dies schone, offen vor ihm liegende Gesicht.
"Da hast Du uns wieder," sprach sie freundlich, "heil und gesund, wie wir Dich verlassen; aber grosser Gefahr sind wir alle nur kaum entkommen, ein gehetzter wilder Eber hatte uns gern alle verschlungen."
"Grosser Gott," sprach Sir Reginald "so war meine Sorge doch nicht umsonst!"
"Nein, Vater," sagte das schone Madchen heiter, "aber ich habe den Kranz wirklich gewonnen und den Leichenschleier von uns allen abgewehrt, denn glucklich kam ich dazu, das Gitter des Parkes vor dem bosen Gast ins Schloss zu werfen."
"Gott weiss," sagte seufzend Sir Reginald "was diese wilden Jagdzuge noch fur Unheil veranlassen werden! Das gescheuchte Wild, das doch unmoglich alles geschossen werden kann, entartet dadurch zu einer wahrhaft gefahrlichen Wuth." Jetzt erst gewahrte der Kaplan, seine Augen von der sanft losgegebenen Tochter abziehend, den fremden, jungen Mann und trat ihm sogleich mit einer feinen, ruhigen Verbindlichkeit entgegen. Seine fragende Miene beantwortete Leonin, indem er ihm in einigen hoflichen Worten, der Wahrheit nach, sein Zusammentreffen mit den beiden Frauen andeutete.
"Und wem darf ich mich also verpflichtet halten?" erwiederte der Caplan, freundlich ihn begrussend.
"Ich bin der Graf von Crecy," erwiederte der junge Mann, "und ein Gast des Grafen Gersey doch bin ich der Verpflichtete, da ich wenigstens des Schutzes t h e i l h a f t i g ward, den Miss Lester ihrer Dienerin gewahrte."
"Auch liebt der Herr Graf die Jagdzuge bei Weitem nicht so, wie die ubrigen Herren," setzte Fennimor ernst hinzu und betrachtete ihn forschend mit ihren grossen blauen Augen.
"Ruhet dann wenigstens von den bewegten Augen
blicken ein wenig bei uns aus," sprach Sir Reginald, und schritt sogleich voran durch die kunstreich verzierte Bogenthur, welche in das Innere der Abtei fuhrte.
Das letzte Stuck eines abgetragenen Umganges
machte hier den schonen, reinlich mit Binsendecken belegten Vorflur aus und durch eine kleine gothisch-verzierte Thur trat man in ein grosses Zimmer, welches seine fruhere Bestimmung, Kapelle oder Sakristei zu sein, noch wenig verleugnete. Es war ringsum bis zur Mitte der hohen Wande, mit kunstreich geschnittenem Eichenholze bekleidet, wohinter, wie einzeln vortretende Verzierungen vermuthen liessen, sich Schranke befinden mochten. Die oberen Wande kranzten sich mit reicher Stuckatur bis zu den Spitzbogen der Decke empor, und enthielten in ihren Zwischenraumen grosse Gemalde, die offenbar noch einer fruheren Bestimmung angehorten.
Drei grosse Fenster, welche in die Spitzbogen der
Decke hinaufreichten und mit bunten Scheiben geziert waren, nahmen die eine Seite des Gemachs ganz ein, da sie nur durch kleine Pfeiler getrennt waren, welche in Holz geschnittene Engel verdeckten; die Seitenfenster erhoben sich erst uber der Holzwand, die gleichmassig das Zimmer unterhalb einkleidete, das mittlere dagegen durchbrach die Wand und reichte bis zu dem Tafelwerk des Fussbodens, denn es bildete zugleich eine Ausgangsthure nach dem Buchenwalde, der die Vorhalle dieses zauberischen Aufenthalts ausmachte.
Gegenuber diesem Fenster lag der kollossale Kamin von schwarzem Marmor, und in der Mitte des Zimmers stand ein eichener Tisch, mit grossen geschnittenen eichenen Sesseln umgeben, unter denen ein Teppich von feiner Stickerei ausgebreitet war. Eben so zeigten die Kissen der Stuhle in purpurrothem Grunde Stickereien. Buchergestelle und Schreibtische in ahnlicher Art nahmen den hintern Theil des Zimmers ein, und sorgsam gepflegte Gewachse fingen an den Seiten des Mittelfensters die Sonnenstrahlen auf.
Es war unmoglich, dies Zimmer zu betreten, ohne nicht das Element einer hoheren, edleren Existenz zu ahnen, das die Bewohner mit ihren Beschaftigungen gelehrt hatte, den Raum mit seiner abweichenden Ausschmuckung sich zum Bedurfniss anzueignen.
Unsern jungen, unzufriedenen, gequalten Freund wandelte ein Gefuhl an von Schuchternheit und Ruhrung; er blickte zu den beiden herrlichen Gestalten, die diesen Raum vertraut beherrschten, mit einer Ehrfurcht empor, als bewahrten sie das Geheimniss des Lebens, nach dem seine krankhafte Seele seufzend und vergeblich umher gesehen.
So kam es, dass der junge vornehme Graf Crecy, der seine ganze Schuchternheit hoffen konnte, an den verschiedensten Hofen Europas zuruck gelassen zu haben, sie hier vor zwei Menschen wieder fand, die ohne Rang und Reichthum, von der Welt vergessen, nicht viel anders denn Einsiedler, nur ein stilles Naturleben zu fuhren schienen.
Er hatte nicht Zeit, sich zu fragen, woher ihm dieser Eindruck kam; fortgerissen, fuhlte er ein Entzukken, ein Verlangen, sich hinzugeben und anzuschliessen, das nur gemassigt ward eben durch das Gefuhl von Schuchternheit, womit er sich sagte: sie haben keinen Andern nothig zu ihrer herrlichen Existenz, Jeder ist ihnen' uberflussig oder storend, Jeder, der diese Schwelle uberschreitet, muss sich fur einen Bettler halten, der da harret, ob sie von ihrem Reichthum ihm mittheilen wollen.
Wenig lag so hoher Anspruch in dem Verhalten von Vater und Tochter, und gewiss war es, sie ahneten nicht, ihn bei Andern fur sich hervorgerufen zu haben, obwohl sie ein edles Selbstgefuhl hatten, ein Bewusstsein und Vertrauen zu ihrer Gesinnung.
Der Vater hatte die Tochter erzogen, indem er mit ihr lebte, und seine edle, sanfte und hingebende Natur die Atmosphare bildete, in der sie sich von Jugend auf gerade und gesund aufrichten konnte, das schone Haupt nach oben gewendet. Die Welt lag wie eine bunte Fabel hinter dem grunen Walde, dessen Ende sie nie fand. Was darin vorging, las sie aus grossen Geschichtsbuchern, und glaubte davon, was sie konnte, und behielt auch nur d a s denn die Geheimnisse der Natur begreifen wir auf jedem Isolirpunkte der Erde, die Geheimnisse des Lebens erst, wenn wir sie an uns selbst erfahren.
Vor den kleinen Neckereien der Erziehung, mit denen die Jugend sich oft so schmerzlich vorarbeiten muss, hatte die Weisheit und die Liebe des Vaters sie geschutzt es war ihr Alles klar und verstandlich geblieben, was fur und gegen ihre Neigungen geschah, nichts hatte einen Dorn, einen falschen Blutstropfen hinterlassen. Man hatte sie ohne Formen nennen konnen, waren edle Menschen nicht eigentlich uberall die Gesetzgeber der wahren Form, und, was in der Welt tausendfaltigem, launenhaftem Wechsel unterworfen ist, nur bei denen unverkummert wieder anzutreffen, welche die Ursache dazu in einer bewahrten menschlichen Wurde finden. Kleinlich konnte sie in nichts werden, denn ihre erwahlten Helden und Heldinnen, denen sie allein glaubte, und ihr Vater, den sie eben so fand, und Emmy, die, um wenige Jahre alter, mit ihr aufwuchs, und einen starken, ernsten Sinn hatte, die wussten all' davon nichts. Wie vornehm oder gering sie war, konnte sie auch nie ganz unterscheiden, denn die Gersey's, die vornehm sein sollten, erschienen ihr gar nicht so, weil sie unter Vornehm die erhabenen Gestalten ihrer Bibel verstand, Beherrscher der Natur, die mit Gott redeten, und obwohl sie nicht anzugeben wusste, warum die Gersey's ihr so erschienen, schuttelte sie doch immer den Lockenkopf und sagte: die sind nicht vornehm. Von dem Stande ihres Vaters hatte sie einen hohen Begriff. Die Priester des alten Testaments, die Konige waren, die Bischofe des Mittelalters, die Papste, diese Weltbeherrscher, das waren alle dieselben Priester, wie ihr Vater, und die Schonheit, die hohe Wurde des Greises, die kindliche Unschuld seiner Sitten trug dazu bei, ihr kein hoheres Ideal furstlicher Wurde geben zu konnen, als sie bei ihm vorfand. Da die Familie Gersey, gute fromme Menschen, auch ihrerseits nie anstanden, ihn ehrerbietig zu behandeln, so fehlte ihr jeder Maassstab fur eine solche Stellung in der Welt, und sie war langst mit ihren Gedanken einig, dass ihr Vater eigentlich das sei, was ein vornehmer Mann hiess.
Sir Reginald Lester gehorte in der That einer solchen Familie an, obwohl ihm, als jungstem Sohn, davon kein Vortheil zugeflossen war, als unter stolzen Anspruchen erzogen worden zu sein, die wenig zu der Nothwendigkeit passen wollten, sich spater in jeder Beschrankung des Privatlebens behelfen zu mussen. Er hatte sich jedoch zu fruh aus der Welt zuruck gezogen, um nicht ihren Widerspruch in der patriarchalischen Einsamkeit seines ubrigen Lebens vergessen zu haben. Auch war er mit seiner Familie ganzlich zerfallen, als er, von dem stolzen Erstgeburtsrechte aus jedem Besitze vertrieben, wenigstens versuchte, als Mensch g l u c k l i c h zu sein, und ein schones edles Madchen ohne Geburtsadel zum Weibe nahm, deren begluckender Besitz ihm nur als Trost und Andenken zwei Kinder, einen bereits als Geistlichen versorgten Sohn und Fennimor, ihr schones Ebenbild, zuruck gelassen hatte.
Wahrend wir tiefer in den Grund des Eindrucks zu dringen suchten, der den jungen Grafen so machtig ergriff, sehn wir ihn mit erhohter Farbe, mit sanftgebeugtem Kopfe der Anweisung des Greises folgen, der ihn sogleich an die Tafel auf einen der Lehnstuhle einlud, und mit ruhiger Wurde seinem jungen Gaste gegenuber Platz nahm. Nicht so Fennimor sie hatte zu thun mit der kleinen Estrade, wo ihre Blumen standen, und trieb dies mit einem Ernste und einer Wichtigkeit, als wenn diese stillen Gefahrten in ihrer Abwesenheit Unordnung angefangen hatten. Einzelne Worte, die ihr entschlupften, klangen, als ob sie die eine Staude lobe, die andere tadele, und danach in die Sonne kehre oder zuruck schobe. "So," sagte sie endlich lauter, "nun habt ihr all' euer Theil! Das soll euch wohl gefallen" fuhr sie fort, so freundlich und herausfordernd, dass Leonce aufhorchte, ob sie ihr nicht antworteten. Aber sie musste die Antwort schon empfangen haben, denn sie kehrte sich von ihnen ab, und blickte nun eben so zutraulich auf Leonin und ihren Vater hin, als uberlege sie, was ihr mit ihnen zustehe. Der gluckliche Vater sah mit einem kaum merklichen Lacheln dem entgegen, was er gleich zu vernehmen sicher war, ohne sein ruhiges Gesprach mit Crecy zu unterbrechen oder sie durch eine Anrede zu storen.
"Der Graf konnte lieber hier zu Mittag essen" hob sie auch sogleich in einem ruhig berathenden Tone an, und stellte sich dabei neben den Vater hin, ihn ernst anblickend, als ob sie dies beide allein zu besprechen hatten.
"Das konnte er wohl," lachelte Sir Reginald, "wenn er es nicht vorzieht, auf dem Schlosse zu essen, wo so viel muntere Gaste sind, dass es ihm dort vielleicht besser gefallt."
Sogleich wandte sich Fennimor zum Grafen und sagte eben so ruhig: "Wollen Sie lieber bei uns essen oder auf dem Schlosse?" Ehe er aber antworten konnte, fugte sie gegen ihren Vater hinzu: "Ich sagte Dir aber schon, lieber Vater, dass der Herr Graf gar nicht die Jagdzuge so liebt, als die andern Herren dort oben!"
Niemals glaubte Leonin eine verbindlichere Einladung erhalten zu haben, und er fuhlte ein Entzucken, eine Beehrung durch dieselbe, die ihm seine kuhnsten Wunsche zu erfullen schien. "Nein, Miss Lester," bestatigte er freudig das, was sie so schnell und, wie es schien, zu seinen Gunsten aufgefasst hatte "ich gehore keinesweges zu diesen leidenschaftlichen Jagern; es ist mir sogar nur ein aufgezwungenes Vergnugen, und ich passe daher sehr wenig in diese heitere Gesellschaft und werde mich fur glucklich halten, wenn Ihr mich wurdigt, mich hier zu lassen."
"Warum bleibt Ihr aber dort," fuhr Fennimor fort, "wenn Ihr Euch nicht gefallt? Ich habe auch einmal zugehort, wie die Herren zusammen sprachen, und habe seitdem etwas gegen die Jagd, denn sie gehen nicht redlich mit den Thieren um. Was sie von ihren Hunden erzahlten, war abscheulich; die thun das Meiste und so Grausames, dass die armen Waldthiere von ihnen zerrissen werden, wenn noch alles Leben in ihnen ist die schonen Hirsche und Rehe! und e i n friedliches Thier auf das andere zu hetzen, dass es so wild wird, das ist auch gottlos!"
"Ja!" rief Leonin lebhaft. "Ihr sprecht es aus, jetzt fuhle ich es, warum die Jagd mich stets zuruckgestossen hat, es ist etwas Unedles und Unredliches dabei. Ich liebe die Ruhe des Waldes und das friedliche Eigenthumsrecht, womit die schonen Thiere ihn bewohnen, und da haben mich diese larmenden Zuge und ihre rohe Freude uber das Zerstoren dieses friedlichen Zustandes immer aufgeregt, als musste ich mich dagegen auflehnen."
"Also liebt Ihr auch so den Wald!" erwiederte theilnehmend Fennimor und setzte sich neben ihn. "Habt Ihr in Frankreich auch schone Walder? Sind uberhaupt recht viele Walder in der Welt?"
"Ich besitze selbst sehr schone Walder," erwiederte Leonin. "In wenigen Monaten bin ich majorenn, dann gehoren sie mir ganz allein, und wahrlich, kein Schuss soll fallen, ihr Frieden soll erhalten werden, als waren sie ein heiliger Hain der Vorzeit, irgend einer Gottin zum unanruhrbaren Besitze geweiht!"
"Ach das thut, das thut!" rief Fennimor freudig "da konnt Ihr dann die schonen langen Sommertage ganz ohne alle Storung herumgehen, und das Wild wird Euch kennen und alle werden kommen, wenn Ihr ruft, und Ihr konnt es futtern, und dann geht es Euch nach, und die Kleinen spielen mit Euch; und wenn Ihr durstet, so musst Ihr die Quellen besuchen, wo sie trinken, dies Wasser ist immer kuhl und hell, denn die klugen Thiere wissen stets das beste zu finden. Da werdet Ihr mehr Freude haben, als all' die lauten Jager, zu denen sich kein einziges Wild freut, sondern vor denen sie alle fluchten das konnt Ihr mir glauben; und Ihr werdet dann noch oft an mich denken, und dass ich es Euch gesagt habe."
"Das glaube ich selbst," erwiederte Leonin, plotzlich ernst nachdenkend, als habe sie ihm sein ganzes Geschick enthullt "ich werde von nun an immer an Euch denken, Euch nie mehr vergessen konnen."
Auch sie beruhrte das Leben in diesem Augenblikke mit dem ersten leisen Hauch einer ihr bis dahin fremden Empfindung sie dachte noch mit innigem Wohlgefallen an den grunen Wald, in dem das Wild ungestort wandeln sollte, und war doch schon mit einem leisen Erschrecken von dem Gedanken beruhrt worden, dass er ihrer gedenken wolle, sie nie mehr vergessen. Wer das Leben kannte und dieses erste, leichte Beruhren eines Gefuhls zu verstehen vermochte, mit dem sie der machtigsten Gewalt der Erde verfallen war, der hatte in unsaglicher Wehmuth sein Angesicht verhullen mussen, denn eben damit war das unschuldvolle Leben in der Natur, das sie als den letzten Abschied eines ruhigen Kinderherzens noch rein empfunden und ausgesprochen, unwiderruflich dahin. Jahre mussen hingehen, ehe wir die Abschnitte in unserm Leben erkennen, die oft so hart geschieden neben einander stehen, dass sie uns in Erstaunen setzen; aber b e w u ss t werden wir uns ihrer erst, wenn sie langst als abgelost und aus jeder materiellen Beziehung zu uns getreten, erscheinen. Dann konnen wir auch oft erst nachweisen, w i e der Moment, der wie der Quell aus dem Felsen dem leichten Schlage entgegen sturzte, i n a l l e n vorangegangenen Zustanden unserer Seele uns unbewusst vorbereitet ward. Denn wohl fuhlen wir bei einem klaren Geiste, w e n n uns das Leben zu einer neuen Entwickelung gelangen lasst, aber w e l c h e es sei, das bleibt das Geheimniss der Zeit; und die Anregung selbst macht, dass wir ihr wenig nachfragen, denn jede neue geistige Entwickelung scheint uns zum Herrn derselben zu machen, und lasst uns die Wege als eigen gewahlte gehen, auf denen wir uns doch oft als Verirrte wiederfinden.
Das Madchen stand still und schaute vor sich nieder, und in ihr geschah, was sie nicht begriff als sie aufblickte, sah sie uber Alle hinweg nach der Decke, sie war so gross geworden und hatte so viel Gedanken; Besuch bekommen, ist doch ein rechtes Vergnugen, glaubte sie und ging, um den Gast in der Kuche anzuzeigen.
Bald offnete sich in der Holzwand, der Eingangsthure gegenuber, eine kleine, unter bunten Schnorkeln spitz zulaufende Thur, Fennimor trat herein und streckte winkend nach Beiden die Hand aus, so lieblich lachelnd wie ein Kind.
Sir Reginald erhob sich und lud seinen jungen Gast ein, ihm nach dem Esszimmer zu folgen. Dies war nur so breit, wie das einzige grosse Fenster darinnen, ein wahres grunes Blatterklosett, denn die hellen Scheiben hingen von Aussen voll wiegender Ranken, und die Holzwande waren besteckt und berankt mit allem, was grunen und bluhen wollte. Um den kleinen runden Tisch standen drei Stuhle; zierlich weiss, und wohlhabend mit Silber war er gedeckt, und ausser ihm keine Mobel, wozu auch jeder Platz fehlte, als im Hintergrunde neben der Ausgangsthure ein kunstlicher Schenktisch, geschmackvoll und reich mit Silber geschmuckt. Emmy stand schon wieder bei vollen Kraften, mit der ernsten Miene einer bescheidenen Dienerin, die es erwartet, ob die Herrschaft sich eines mit ihr erlebten Ereignisses erinnern wird. Dies geschah sogleich von Seiten des Grafen, der freundlich sie anredete, um zu erfahren, ob der Schreck ihr nicht geschadet; und als auch der Geistliche ihr noch freundlich sich gezeigt und sie, sichtlich geehrt, der lieben Fennimor befriedigte Blicke zugesandt, nahm man die Platze um das Tischchen ein. Obwohl diese Mahlzeit nur aus Fischen, Geflugel und Obst bestand, und Alles fehlte, was dem jungen Grafen sonst erst ein Mittagsessen ausmachte, schien es ihm doch das ausreichendste und vollstandigste, was er je genossen, und das Vergnugen einer lebhaften gebildeten Unterhaltung, das er so lang entbehrt, labte seinen oden Seelenzustand bis zu nie empfundener Fahigkeit sich auszusprechen.
Wir haben schon gesagt, dass Crecy's Geist angebaut war. Leicht traten wohl geordnete Kenntnisse und eine entwickelte Urtheilskraft hervor, wo Sir Reginald, die schone Fahigkeit des Geistlichen besitzend, es so wohl verstand, Beides an seinem Gaste herauszufinden und in Thatigkeit zu setzen. Das Alter und die lange Trennung von der Welt machten den Jungling ihm uberlegen, aber er fuhlte dies mit Wohlgefallen, und erkannte sein liebenswerthes Naturell und die geschickte kluge Entwickelung, die man ihm hatte zu Theil werden lassen, und die ihn weder uberfullt, noch vernachlassigt erscheinen liess.
Obwohl Fennimor zwischen dem Gesprache Beider nicht einredete, so machte sie doch auf eine wunderbar kluge und naive Art das Resumee des Gesagten. Sie bewies damit, ohne es zu wollen oder zu ahnen, dass sie mit nichts ganz unbekannt war, was die Manner zu besprechen fahig waren; dass sie aber Alles eigenmachtig umschuf und zurecht legte in der ihr verstandlichen und moglichen Weise.
Das Schlechte existirte fur sie nicht sie begriff es nicht, und alles, was daher und darum geschah, laugnete sie oder wusste es oft klug genug anders zu erklaren. Sie war dabei entschieden und fest in ihren Meinungen, aber doch immer nur wie ein Kind ganz harmlos, ohne Leidenschaftlichkeit Jeder musste fuhlen, sie konne blos nicht anders. Ihr von Aufhorchen und Theilnahme leuchtendes Gesicht, das beredte Mienenspiel, womit sie schon, ehe sie sprach, das Urtheil fallte, war wunderschon kaum schien sie erwarten zu konnen, was der Eine oder Andere sagen wurde, so beredt hingen ihre Augen an seinem Munde, so freundlich lachte sie ihn an, wenn es das Erwartete war, so schnell schuttelte sie den Kopf, wenn sie es nicht begriff. Sie zwang unbewusst zuletzt die Sprechenden im Verlaufe des Gesprachs ihre Augen auf sie zu richten, da sie das Gesagte in ihr verworfen oder angenommen sahen.
So unschuldiges Treiben, das, hatte Fennimor in der Welt gelebt, schon langst weg erzogen gewesen ware, da jede Mutter oder Erzieherin es mit dem Bannfluche des Unschicklichen belegt haben wurde, konnte hier unter der Leitung eines einsam lebenden Vaters gross werden; denn ihm that die naturliche kraftige Frische seines Kindes, das Eigenes dachte und wollte, und ihn oft anregte zum Denken und Forschen fur sie, innig wohl, er hutete sich, sie zu storen, und empfing oft, ihm selbst uberraschend, ganz neue Gedanken von ihr. Was ihre Zukunft werden sollte, das legte er stets mit der gefassten Ruhe eines frommen Mannes bei Seite, und selbst seine sichtlich zunehmende Hinfalligkeit liess ihn keinen Plan, keine Ansicht daruber fassen. Sollte sie dem allgemeinen Loose der Frauen anheim fallen, sich zu vermahlen, so hatte er freilich kein Bild von dem Manne, der sie begreifen konnte; und lieber dachte er sie sich unvermahlt, ihrer eigenen, tuchtigen Natur den Wirkungskreis verdankend.
Gegen Ende der Tischzeit unterbrach sie fast zurnend ein Gesprach der Manner uber die herrschende englische Dynastie und das Treiben Karls des Zweiten, von dem der Geistliche durch Crecy manches Nachtheilige erfuhr, was seine fruheren Ansichten bestatigte, da er den Konig fast so oft tadelte, als er von ihm sprach. "Vater," rief sie, ganz ergluhend von Eifer, "wie kannst Du denken, dass unser Konig Fehler macht, bloss darum, weil er ein Stuart ist? Wie wurde Gott zulassen, dass ihm das schon im Blute steckte, und hast Du nicht selbst gesagt, dass er brav war bei Worcester, wie jeder andere Soldat, als habe er kein Recht vor dem geringsten voraus und war er nicht auch dankbar gegen Sir Loweston Harley, der ihn verbarg, als ihn Cromvell auf der Flucht nach Holland verfolgen liess hat er nicht gesagt: 'Wo ein Harley mir in den Weg tritt, da soll er mein Freund sein und, ist er mude, auf meinem Lager ruhen und, ist er hungrig, von meinem Brodte essen, aus meinem Becher trinken' und hat er das nicht all' gehalten, wie Du mir selbst gesagt?"
"Einzelne schone Zuge haben alle Stuarts mit einander gemein," erwiederte ruhig der Vater, "aber daneben wohnt in ihnen ein tuckischer Geist, der immer wieder einreisst, was sie Gutes gewollt oder gethan."
"Ach nein," sagte Fennimor "weisst Du, wie es sein wird? Er ist zu lange von Hause gewesen, das habe ich letzthin herausgefunden, als Du ihn wieder schaltest. Da war ich den ganzen Tag und die ganze Nacht in Grimfield's Hohle gewesen, als wir die Marienwurmchen sammelten in der Heumondsnacht gegen die Gliederschmerzen," setzte sie erlauternd gegen den Grafen hinzu "als ich da so lange von Hause war und ich kam wieder, war mir Alles fremd geworden, und ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte, ob es Zeit zu dem Einen oder dem Andern ware. Du selbst" fugte sie hinzu und druckte ihren Kopf an des Vaters Schulter "sagtest: Du bist ein ganz verwirrtes Ding geworden, weil Du so lange von Hause warst! Da dachte ich nachher, wie Du den Konig schaltest: ich war nur so kurze Zeit fort, und mein Haus ist so klein, und als ich wieder kam, wusste ich zu nichts die rechte Zeit zu finden und nun der arme Konig, den sie so lange verjagt haben aus seinem grossen Hause, aus seinem England nun er wieder kommt, auch nicht immer die rechte Zeit finden kann, wo Alles hingehort, da schelten sie ihn alle so sehr."
"Zu erklaren, zu entschuldigen mag durch dies traurige Schicksal Manches in dem Karakter des Konigs sein" sprach Crecy, so gern ihr beipflichtend "es ist nur leider jeder Fehler, auf diesem Gipfelpunkte der menschlichen Gesellschaft begangen, so schwer in seinen Folgen, und so unmoglich, ihn zu ubersehen, da er in das Gluck von Tausenden einschneidet."
"Ja," fuhr Fennimor lachelnd zum Vater fort "lass' Du ihn nur erst recht ruhig in dem alten Vaterhause ausschlafen und gieb dann Acht denn was war es bei mir? Uebermudung. Als ich schon ausgeschlafen hatte, wusste ich Alles wieder, wie am Schnurchen, nichts war mir mehr fremd. Der arme Konig ist auch noch mude, er ist noch immer uberwacht von der langen Noth, die ihn nicht schlafen liess; darum taumelt er und thut bald zu viel, bald zu wenig ach, Ruhe muss doch ein Konig auch haben, da Gott ihn Mensch hat sein lassen! Und braucht er dazu so viele Jahre, wie ich Stunden, kommt die Rechnung doch heraus, da seine Noth so gross war, die meinige so klein."
"Nun, so wollen wir ihm denn eine Ruhe der Seele wunschen, wonach er sich geeignet findet, das zu erkennen, was seinem armen Lande noth thut" sprach Sir Reginald, indem er sich erhob und nach beendigter Mahlzeit seinen Gast in das Wohnzimmer zuruckfuhrte.
Fennimor, die ihnen folgte, zog nun nach gewohnter Ordnung ein kleines Bankchen zu den Fussen ihres Vaters, beschaftigt, von einem Andachtsbuche, welches sie herbei geholt, die goldenen Klammern zu losen, um ihrem Vater daraus vorzulesen.
Doch Sir Reginald hielt die Hand auf den Deckel und sagte lachelnd: "Dies mochte unserm lieben Gaste doch eine zu ernste Lekture werden, mein Kind, und wir lassen das, bis wir allein sind."
Wie mit Purpur ward Fennimor bei diesen Worten ubergossen, und Erstaunen und Beschamung schienen daran gleichen Theil zu haben.
"O, ich bitte Euch, Sir Reginald," rief Leonin "wurdigt mich als Euren Gast des Vertrauens, dass ich an allen Euren Beschaftigungen Antheil nehmen darf, und schenkt mir Eure Achtung, indem Ihr sie nicht durch meine Gegenwart unterbrechen lasst."
Sir Reginald war um so geneigter, dieser Bitte nachzugeben, da er mit Theilnahme sah, wie sehr Fennimor durch seinen Einspruch ausser Fassung gekommen war, und ihre ruhrend beschamten Zuge den leichten Anfang hervorbrechender Thranen andeuteten. "So wollen wir denn unsern neuen Gast ganz wie einen alten behandeln" sagte er, mit dem Versuche zu scherzen, "und ich freue mich recht, in seiner lieben Gesellschaft eines Deiner schonen Gebete zu horen."
Fennimor nahm jetzt das Buch, das der Vater selbst hatte offnen mussen, ihrer Verwirrung zu Hulfe kommend, und zeigte mit dem Finger auf das Blatt, wo sie beginnen sollte.
Zu Anfange bebte die Stimme des erschreckten Kindes, und jedes Wort fand nur unsicher seinen Ton; aber wie erstaunte Crecy, als er nun erst horte, dass diese Gebete in franzosischer Sprache geschrieben waren und der Thomas a Kempis dasselbe Andachtsbuch war, das er in dem Betzimmer seiner Mutter zu finden pflegte. Fast kostete ihm diese Ueberraschung seine Andacht hatte nicht der ernste und so melodische Ton dieser kindlichen Stimme ihn mit steigendem Entzucken an den heiligen Sinn von Worten gefesselt, die von Jugend auf sein Herz am meisten erbaut hatten. Die etwas gebrochene, unsichere Aussprache, die doch nie den Sinn verdarb oder uber die Kenntniss der Leserin Zweifel erregte, schien ihm ein Zauber mehr; jugendlich-phantastisch uberbot er in jedem Augenblick sein tieferregtes Gefuhl, und zuletzt schien sie ihm ein Engel, der sich dem heil'gen schweren Dienste unterzog, unter Menschen die Lehre des Heils zu verbreiten, doch nur mit Muhe seine Engelslaute in ihre harte Sprachform fugend. Als sie jetzt ruhig das Buch zuschlug, und mit gefalteten Handen zum leisen Nachgebete den Kopf uber dasselbe senkte, dass die reichen braunen Locken wie ein Schleier niedersanken, und der ehrwurdige Greis mit seinem weissen Haupte und dem vollsten Ausdrucke vaterlicher Liebe, seine Hand segnend auf sie legte, da beugte er, als habe der Engel sich ihm offenbart, in einer Art Anbetung das Knie neben ihr, und rief leise und bebend: "Wollet mich aufnehmen in die heilige Gemeinschaft Eures Lebens!"
Die wahre Empfindung, wenn sie unverkummert von den ewigen Rucksichten, die uns anerzogen werden, hervortritt, ist eine jedes Mal verstandliche und fast immer siegende Sprache! Sir Reginald legte ohne Bedenken seine andere Hand auf das gebeugte Haupt des Junglings: "Gott segne Euch, junger Mann, mit einem unschuldigen Herzen bis ans Ende Eures Lebens!" Da fiel, erschreckend, das Gebetbuch der Mutter, woraus sie so eben gelesen, von Fennimors Schooss auf die Erde, und alle Blumen und Kranzlein und zarten Bildchen, die darin gesammelt waren, flogen zerstreut umher. Beide knieten nun, und sammelten sorgsam und mit leichtem Finger diese Heiligthumer, und beschaftigten sich dann damit, sie an den Stellen wieder einzulegen, die Fennimor alle anzugeben wusste.
"Meine Mutter war aus Frankreich," erwiederte sie auf die Anfrage Crecys uber das Gebetbuch in seiner Sprache "und dies war das Buch, worin sie taglich meinem Vater vorlas. Davon weiss ich freilich selbst nichts mehr, aber ich erlernte die Sprache, um spater auch darin lesen zu konnen, und thue es nun alle Tage darum" fuhr sie zogernd fort "dachte ich auch heute, es durfe nicht anders sein, denn Ihr werdet doch auch beten."
"Ja, gewiss!" rief Crecy bewegt, "und von Kindheit auf habe ich gerade aus diesem Buche gebetet, was immer in der Betkapelle meiner Mutter lag."
"Vater," rief Fennimor freudig, den fern Sitzenden in seinem Nachdenken storend, "seine Mutter betet auch aus diesem Buche, und er hat von Kindheit an keins lieber gehabt! Sagt mir doch," fuhr sie fort, als sie das freundliche Nicken des Vaters in Empfang genommen hatte, "von Eurer Mutter sie ist wohl recht schon und sanft und gut?"
Leonin schwieg einen Augenblick, und wir konnen nicht laugnen, dass die Welt ihn nicht mehr unbefangen genug gelassen hatte, um nicht in der Stille zu uberlegen, dass dies schnell entworfene, vortheilhafte Bild seiner Mutter unmoglich entstehen konnte, ohne von dem Sohne und den ihm vielleicht von ihr beigelegten Eigenschaften die Farben zu leihen. Aber versohnend fugen wir hinzu, dass er dies ohne das kalte, beleidigende Trachten der Eitelkeit empfand. Ein heisses Gefuhl durchstromte seine Brust bei der Hoffnung, sie sahe ihn so gunstig an; ein Gefuhl, das ihn nicht glauben liess, es stehe ihm zu, es zu fordern. Doch musste er wahrend dieses berauschenden Gedankenlaufs sich bemuhen, ihr zu antworten, und zuerst stand er etwas verwirrt vor dem Bilde seiner Mutter. "Sie ist schon, Miss Lester," erwiederte er zogernd, "aber sie ist meine Mutter, daher uber den Anspruch der Jugend hinaus ihr Geist und ihre Gaben sind sehr gross, und sie ist von Geburt eine Furstin Soubise."
"Das freut mich!" erwiederte Fennimor freundlich "ich habe gern so vornehme, schone Menschen, die so recht eigentlich zu den hohen Baumen und breiten Stromen und den machtigen Thieren passen, wie Gott es gewollt hat, als ihre Beherrscher. Alle sind nicht so, aber sie haben auch ihren Platz Gott hat ja auch die kleinen Wurmer geschaffen man kann dies Alles lieb haben" setzte sie hinzu, aus ihrem biblischen Pathos zu der Heiterkeit einer kindlichen Spielerei ubergehend, und sprang frohlich auf, um die Thuren nach dem Walde zu offnen.
In Gedanken vertieft, blieb Crecy auf seinem Platze sitzen und blickte ihr nach, als sahe er ein Wunder, was er zu ergrunden vergeblich trachtete. Als er aufsah, begegnete er den Blicken des Vaters, der ihn mit einem eigenen Ausdrucke milder, ernster Wehmuth betrachtete. Crecy entzog sich diesem sanften Forschen nicht, ja wunschte fast, ein Anderer durchdrange sein seltsam uberfulltes und bewegtes Innere. Er stand auf und nahte sich dem edlen Greise, der ihn still erwartete, und als er vor ihn trat, schwiegen dennoch Beide. Zwischen ihnen stand eine Ahnung, und sie wussten nicht, ob diese, Gestalt gewinnend, sie trennen oder vereinigen wurde.
Der Abend war indessen herabgesunken einzelne gluhende Lichtstreifen drangten sich durch den Wald und hafteten mit ihrem Purpurlichte an den Saulenstammen der hohen Buchen, oder zogen glanzende Furchen uber den duftenden Rasen.
"Seht," sagte plotzlich das zuruckkehrende Madchen, zu beiden Mannern tretend "in Eurem Walde in Frankreich, da wird, wenn er Euch erst ganz gehort und kein Schuss mehr fallt, um diese Stunde das Wild spazieren gehen und sich seines Lebens freuen; hier ist Alles leer und verscheucht von der wilden Jagd. Aber w i r ," setzte sie sanft, fast furchtsam hinzu "w i r konnten jetzt spazieren gehen?" Sie hatte das ihrem Vater gesagt, und er richtete sich sogleich mit milder Freundlichkeit in seinem Stuhle auf; doch sah Crecy deutlich, wie er einen schwermuthigen Anklang in seiner Seele beherrschen musste. "Du hast Recht, Fennimor," sprach er, zum Weggehen ihre Hand fassend, "und da wir unsern Gast nicht langer seinem Wirthe entziehen durfen, so wollen wir ihn den schonsten Weg durch den Park dem Schlosse zufuhren."
Leonin fuhlte erst jetzt, was er ganzlich vergessen hatte, wo und bei wem er hingehore. Er schien sich heute erst angekommen, heute erst an der rechten Stelle, und jenes Schloss mit seinen Bewohnern lag so weit ab und war in eine solche Fremdheit zu ihm getreten, dass er seiner ganzen Besonnenheit bedurfte, um sich zu uberzeugen, er musste dahin zuruck. Doch nicht eher trennte er sich von seinen neuen Freunden, als bis sie ihm beide erlaubt, am andern Tage wieder zu kommen, und er kehrte nun in Schloss Stirlings ein, aber ein anderer Mensch, als er es verlassen hatte. Beinahe zaghaft naherte sich Leonin den Gesellschaftszimmern, in denen er sein Ausbleiben bemerkt und sich den Fragen der guthmuthigen Familie ausgesetzt furchten musste, die eben jetzt zu beantworten, ihm unbeschreiblich lastig schien.
Doch er fand schon in den Gangen und Vorzimmern unter den Domestiken eine ungewohnliche eilfertige Unruhe, und erfuhr von dem etwas langsamer daherschreitenden alten Haushofmeister, dass die Frau Grafin eine Botschaft aus Edinburg von ihrer, wie zu furchten stehe, sterbenden Frau Mutter erhalten habe, dass sie sogleich mit ihren Tochtern dahin abreisen werde, wogegen Se. Herrlichkeit der Graf Gersey bei den versammelten Gasten in Stirlings-Bai bleiben wurde, die nachsten Nachrichten von seiner Gemahlin hierselbst abwartend.
Leonin konnte nun selbst fragend und anredend eintreten, und die Theilnahme, die er empfanglich war zu fuhlen, setzte ihn in die richtige Stimmung zu seinen gutigen Wirthen.
Milady Gersey mit ihren Tochtern waren schon in Reisekleidern in dem Kreise der Gaste, die Anmeldung der Wagen erwartend.
Tief bekummert uber den moglichen Verlust ihrer nahen Verwandten, hatten die guten Menschen doch auch die sorgsamsten Gedanken fur ihre zuruckbleibenden Gaste, und indem sie alle einzeln baten, Stirlings-Bai nicht zu verlassen, sondern dem bekummerten Grafen beizustehen, wollten sie noch fur die besonderen Wunsche eines Jeden liebreich sich bemuhen; und besonders an Leonin richteten sich die guthmuthigsten Vorschlage und Besorgnisse sogar fur die Annehmlichkeit seiner Lage, da die Frau Marschallin von Crecy und ihr Wunsch in Bezug auf diesen Sohn, dieselbe zu einer besonderen Verpflichtung fur sie gemacht hatte.
Niemals war Leonin vielleicht weniger um seine Unterhaltung besorgt, als eben jetzt, und die freundliche Art, wie er sie daruber beruhigte, machte ihn liebenswurdiger erscheinen, als sie ihn bisher erkannt hatten, und endlich stellte das freudig geleistete Versprechen, Stirlings-Bai vor der anberaumten Zeit nicht zu verlassen, sie ganzlich um ihn in Ruhe.
Von allen Anwesenden bis an ihre Kutschen begleitet, setzte sich endlich der schwerfallige Reisezug in Bewegung. Leonin hatte hier Gelegenheit wahrzunehmen, wie wahrhafte Gute des Herzens in entscheidenden Lebensmomenten den Mangel einer hoheren Bildung, die das tagliche Leben mit seinen kleinen Anforderungen oft so druckend vermissen lasst, ausreichend zu ersetzen vermag, und wie in solchen Augenblicken das unverdorbene Herz den sanftesten, zartesten Rath zu Anderer Hulfe und Trost zu geben vermag.
Diese rauhen Jager waren alle so still und ehrerbietig gegen die sonst wenig beachteten Frauen geworden; sie blieben nach ihrer Abreise so still bei dem nachdenkendern Hausherrn versammelt, und ernstere Beziehungen ihrer gegenseitigen Verhaltnisse kamen zur Sprache und hemmten das wuste Geschwatz lacherlicher Jagdlugen, womit sie sonst einander zu argern trachteten und oft zu heftigen, rohen Scenen Veranlassung gaben. Zum ersten Male fiel es dem jungen Grafen leicht, unter ihnen zu bleiben und an ihrem Gesprache Theil zu nehmen. Er benutzte noch denselben Abend, als die Gesellschaft sich getrennt hatte, diese ihm bisher so fremde Stimmung seiner Mutter zu schreiben, und das ganze Bild, das er von seinem Leben entwarf, und was nur zu erwahnen, ihm bisher der Ueberdruss daran unmoglich gemacht hatte, trug einen uberraschenden Ausdruck gluckseliger Heiterkeit, vollstandiger Befriedigung.
Wohin unser junger Freund am andern Morgen seine Schritte lenkte, brauchen wir kaum zu erwahnen. Bald kannte er keinen andern Weg als diesen. Ehe die Sonne hoch genug stand, den Thau von dem Moose des Waldes zu trocknen, umschlich er schon den Fuss der Abtei und beobachtete mit anbetendem Entzucken die tanzenden Lichter, die die Fenster zu liebkosen schienen, hinter denen noch Fennimors jugendliches Haupt in holden Traumen ruhte. Mit leisen Schritten betrat er den Weg, der zu der Thur des Wohngemaches fuhrte, und prufte das weiche Moos unter seinen Fussen, ob der leichte Wind, der die Wipfel der Buchen grussend beruhrte, auch nicht ein durres Aestchen, ein welkes Blatt auf den Weg gestreut, den bald ihr zarter Fuss betreten sollte. Zu den Gewachsen, die das Fenster spielend umzogen, blickte er wie zu Begunstigten auf, die bleiben konnten, wo sie war; er betrachtete sie, als wolle er sich ihre Liebe erwerben, er schlang die vom Zufalle verschobenen Ranken um ihre Stabchen, er suchte die abgestorbenen Blatter und Zweige hervor, und bog die befreiten Keime gegen das Licht; und die Blumen, die er ihr jeden Morgen brachte, ob der Thau sie nicht zu sehr nasste, ob die Sonne nicht ihren Duft fruher nahme, als s i e ihn eingesogen, wie viel Gedanken und Ueberlegungen machte ihm das! Hatte er sie endlich gebettet an gesichertem Ort und sich uberzeugt, er durfe sie noch nicht erwarten, so kam er sich wie ein Held, gross und entschlossen vor, wenn er abwarts von ihrer Schwelle noch eine Wanderung durch den Park versuchte.
Gehoben nun, wie sein ganzer Zustand es war, traten seine Gedanken zu Entschlussen hervor. Seiner nahen Majorennitat freute er sich besonders, und leicht hatte er das, was er sich selbst nicht eingestand, eben aus diesem Gefuhle errathen; denn nichts war ihm bis dahin gleichgultiger gewesen, als eben diese Majorennitat. Mit allen Vorzugen des Reichthums immer ausgestattet, hatte eine Vermehrung dieses sorglosen Besitzes, womit zugleich eine Verwaltung desselben die bequeme Ruhe des bisherigen Lebens bedrohte, sehr wenig Reiz fur ihn gehabt, und er hatte alles, was seine ihn immer in Probe nehmende Mutter hervorbrachte, ihn daruber auszuforschen, stets mit ablehnender Gleichgultigkeit zuruck gewiesen. Die umsichtige und herrschsuchtige Frau konnte ihre sparsamen Gefuhle hochstens nur auf die Liebe der Blutsverwandten ausdehnen; doch auch hier nur ihrem Karakter getreu, indem sie ihre Klugheit und Lebenserfahrung geltend machte, i h r e Ansichten von Gluck und Wohlbefinden ihnen entweder mit dem vollen Umgestume des Zurnens, oder dem langsamen Wirken ubler Laune und kleiner heimlicher Ranke aufzunothigen. Sie erlaubte sich jedes Mittel, ohne die kleinste Unruhe ihres Gewissens, da sie durch ihr stolzes Selbstgefuhl bestandig in der sichern Ueberzeugung gehalten ward, das Wohl des Andern zu wollen, namlich: was s i e dafur hielt, und was annehmbar zu machen, i h r e r finsteren uneingestandenen Herrschaft schmeichelte.
Ueber ein so weiches, zur Unthatigkeit geneigtes Gemuth, wie das Leonin's, die Herrschaft zu fuhren, schien sie sich nun vollstandig berufen, und indem sie ihm damit das Leben, das seiner traumerischen Seele leicht zu schwer ward, so bequem als moglich machte, fuhlte sie sich ihres Einflusses vollkommen gesichert. Aber sie hatte von den schonen Keimen seiner Seele, die von einer sich selbst nicht suchenden Liebe verstanden und gepflegt worden waren, und durch ein ehrendes Schonen und liebevolle Ermunterung erstarkt sein wurden, auch keine Ahnung ja, ihr Verfahren hatte bereits genug in ihm zerstort, was sie stets in den platten, breiten Ansichten erledigt fand, er sei zu gut furs Leben, er musse stets dagegen gewarnt, geschutzt und eingehullt bleiben.
Diesen Frevel, der an ihm begangen ward und ihn verhinderte, sich zum Manne zu entwickeln, wollen wir in unsern Gedanken fest halten, wenn wir ihn auf der Bahn seines Lebens begleiten mussen und wunschen werden, ihn halten oder stutzen zu konnen gegen die Gewalt eines herrschsuchtigen Weibes, die aus selbstsuchtiger Liebe seinen Geist unterdrucket, und sein Herz gegen Menschen und Verhaltnisse in Zweideutigkeit verstrickte.
Was er jetzt empfand und zur naturlichen Entwikkelung kam, da er ausser dem Bereich ihres Einflusses lebte, erfasste ihn wie ein neuer Strom des Blutes. Er genoss zuerst den Zauber, der die Seele des Mannes aus der Knospe hervorbrechen lasst und alle Krafte als Diener herbei ruft, d e n heiligen Zauber, ein weibliches Wesen im zartlichen Glauben an seine Kraft und im Gefuhl der eigenen Schwache sich ihm vertrauen zu sehen, als habe damit jede Furcht auf Erden ihr Ziel erreicht. Wer hatte bisher von ihm gewollt und gesucht, was Fennimor nicht zweifelte zu finden, wer hatte ihm dies vollige Gefuhl der Mannlichkeit gegonnt, wer ihn zu einem freieren Hervortreten seiner Krafte und Fahigkeiten genothigt durch die Anforderungen echt weiblicher vertrauender Liebe! Es konnte nicht fehlen, dass er, der alten Fesseln entledigt, sich seiner, auf eine ihm selbst uberraschende Weise, bewusst ward. Im Verlaufe dieses Bewusstseins drangte sich ihm auch eine Wahrnehmung fur die Aussenwelt und seine bisherigen Verhaltnisse auf, und dies mochte ihn zu mancher noch nie gewagten Betrachtung fuhren.
Diesen hochgebildeten Naturmenschen gegenuber glaubte er jetzt erst das Leben in seiner Wahrheit zu erkennen; und wie Sir Reginald jene andere Welt in den Stadten, an den Hofen, die man Leonin bisher dafur ausgegeben, vergessen hatte, Fennimor sie nie gekannt, so war es auch naturlich, dass Beide niemals auf die Schwierigkeiten verfallen konnten, die sich ihm zum Gegensatze ihrer Welt und der von ihm gekannten aufnothigten, und dass diese endlich von ihm selbst nur noch mit dem Entschlusse betrachtet wurden, sie gering zu achten, da er hier den Inhalt einer Existenz kennen lernte, edel und ausreichend vor Gott, und doch fremd jenem ganzen Treiben berechnender Klugheit. Aber es geschah ihm auch zuerst, dass er uber das vorzuglichste ihn bis jetzt leitende Prinzip, uber seine Mutter, nachdachte, und dass er den Widerspruch erkennen lernte, in den er durch die eigene entschiedene Umwandlung seines Wesens, von der er sich das Eingestandniss machen musste, zu dieser unveranderlichen Frau getreten war. Er wollte nur noch Fennimor, und mit ihr Ste. Roche bewohnen, und er wusste genau, seine Mutter wurde entschieden das Gegentheil wollen er wusste, sie wolle ihn an dem glanzenden geistreichen Hofe des Konigs sehen, vermahlt mit einer Dame, deren Name durch Alter und Ansehn dem seinigen gleich kame. Er fuhlte, er habe zu diesen Planen seine Mutter berechtigt; denn auch er hatte fruher nie eine andere Wendung seines Lebens fur moglich geachtet, und sei es Ueberredung, sei es der ihm angeborne Geburtsstolz, nie hatte er den Gedanken, seine kunftige Gemahlin anders, als in den hochsten Regionen des Hofes zu suchen, fur moglich gehalten.
Er war noch jung genug, um der erfahrenen Entwikkelung mit Enthusiasmus sich hinzugeben und sich im vollkommenen Rechte mit diesen Empfindungen zu fuhlen, da sie ihn edler, menschlicher, hochherziger stimmten, als Alles, was er bis dahin empfunden. Wenn er so in der heissen Sehnsucht nach Fennimor's ihm nur wenige Stunden entzogenem Anbicke, in der Fruhe den Wald durchstreifte, regte sich eine Fulle guter Gedanken und Beschlusse in ihm, gemass den Ansichten, die seine neuen Freunde ahnungslos durch Worte und Handlungen erweckt hatten. Sie waren eine Sonde fur Leonin's Herz, die ihm fuhlen liess, wie weit es gesund geblieben war unter der Hand der klugen Furstin Soubise, die jeden hoheren Athemzug in ihn zuruckdrangte mit der Warnung: der bosen Welt nie zu vertrauen, nie offen sich ihr zu zeigen. Jetzt war der Muth erwacht, sich ihr offen zu zeigen, und dessen fuhlte er sich froh. Er hoffte seiner Mutter zu beweisen, wie man ein freier, offener Mensch sein, und doch der hohen Wurde, wozu die Geburt berufen, Ehre machen konne. Ste. Roche, wohin er am liebsten dachte, Fennimor's heilige Ruhe hier am besten gesichert haltend, Ste. Roche sollte ein Paradies werden! Nicht allein die schlanken Bewohner der Walder sollten ungestort auf den reichen Weideplatzen umher wandeln jedes Wesen, das ihm gehorte, sollte Ruhe, Gluck und Sicherheit durch ihn finden. Was Reichthum war, verstand er erst, seitdem er gesehen, wie ernst und verstandig Vater und Tochter, was sie ubrig zu haben glaubten, mit denen theilten, die weniger hatten, und sein Herz jauchzte, wenn er dachte, dass er an einem Tage mehr besass, als Fennimor im ganzen Jahr erubrigte. Ihr diesen Reichthum zu Fussen zu schutten, ihr freudiges Erstaunen, ihr himmlisches Lacheln zu sehen, und wie sie sich mit diesem Reichthume aufrichten werde, und wie eine Konigin durch seine Unterthanen gehen, und helfen, und retten, und Segen spenden mit klugen, ernsten Gedanken und strenger Mahnung, und susser kindlicher Hingebung und Heiterkeit. Was konnte ihm die Welt gegen eine solche Aussicht auf Gluck bieten, auf ein Gluck, von dem er sich veredelt fuhlte bei dem blossen Gedanken daran!
Schon langst kannten Sir Reginald Lester und Fennimor die Plane, welche Crecy's Liebe fur die Zukunft geschaffen, und wenn Fennimor, kein Hinderniss ahnend, in sorgloser Freude das Gluck ihrer Liebe genoss, so sehen wir Sir Reginald mit mehr Hingebung an die Wunsche der Liebenden sich anschliessen, als bei seinem reiferen Alter zu erwarten stand, wenn nicht eben lange Zuruckgezogenheit von der Welt ihn zum Fremdling darin gemacht, und die Erinnerung aus seiner Jugend, die ihn allerdings in manche Beziehungen zu den Vorurtheilen und Rucksichten hoherer Stande gefuhrt, doch ihm keine Befurchtungen fur Frankreich gaben, was er unterschieden in seinen Ansichten von England wahnte, und Crecy's Bestatigungen leichten Glauben verschafften.
Den ungestorten Umgang der so schnell Vereinten hatten die Ereignisse auf dem Schlosse Stirlings besonders begunstigt.
Die Mutter der Grafin Gersey war gestorben, und der Graf, ihr Gemahl, hatte sich, der tiefen Trauer wegen, genothigt gesehen, seine heitere Gesellschaft zu entlassen, und seinen Aufenthalt abwechselnd in Edinburg zu nehmen, da die zu machende Erbschaft seine Gegenwart ebenso, wie die der ubrigen Verwandten nothig machte.
Den jungen Grafen von Crecy wunschte er allerdings, dem fruheren Uebereinkommen mit seiner Mutter gemass, bei sich fest zu halten; nur schien es ihm nicht wahrscheinlich, dass der junge Mann, der schon so wenig Vergnugen zu haben schien, als das Schloss noch der Wohnsitz der Heiterkeit und Geselligkeit war, jetzt zu halten sein werde, wo er die einzige Person zu seiner Gesellschaft war und jene Familien-Angelegenheiten auch ihn zu Zeiten wegriefen. Er schlug ihm daher vor, mit ihm Edinburg zu besuchen, und ausser dem Trauerhause dort Vergnugen und Zerstreuung zu suchen.
Das war naturlich ganz gegen die Neigung des jungen Grafen, und er bat es sich aus, in Stirlings-Bai in der grossten Einsamkeit die anberaumte Zeit verleben zu durfen, indem er die gemachte Bekanntschaft mit dem Geistlichen eingestand, und damit des Grafen Besorgnisse fur den Mangel aller Geselligkeit zerstreute, da auch er fur Sir Reginald eine grosse Hochachtung hegte.
Keinesweges war die Marschallin von Crecy so schnell zu beruhigen. Sie hatte den Brief ihres Sohnes empfangen, dessen wir bereits gedacht, und augenblicklich erkannt, ihm musse ein ganz besonderer Eindruck gekommen sein, den sie unmoglich seinen Hausgenossen zuschreiben konnte und daher unter den Gasten suchen musste, von deren Anwesenheit dieser Brief sie unterrichtete. Noch zogerte sie gegen sich selbst mit dem gefurchteten Gestandnisse, dies konne ein Herzenseindruck sein; denn sicher gemacht durch die blosse galante Neigung ihres Sohnes zu Frauen, hatte sie sich der Hoffnung uberlassen, Alles, was er daruber zu erfahren nothig habe, werde er dereinst auch durch sie empfangen, durch die ihm von ihr bestimmte Gattin.
Sie war zu kalt, zu sehr Weltfrau, um grossen Werth auf eine mogliche unzeitige Herzensaffektion ihres Sohnes zu legen, im stolzen Selbstvertrauen sich uberzeugt haltend, sie wurde niemals ihren Planen fur die Zukunft entgegen treten konnen aber dennoch beruhrte es sie unheimlich, als ein neuer Beweis, wie viel Selbststandiges sich in ihm zu entwickeln begonne; und ihr Antwortschreiben war so eingerichtet, ihm zu genaueren Mittheilungen Veranlassung zu geben, da sie naher kennen wollte, w a s geschehen, ehe sie einschritte. Auch gelang ihr dies vollkommen; denn Leonin, entzuckt von dem milden mutterlichen Tone dieses Briefes, legte ihr nun seine Plane fur die Zukunft dar, indem er sich unbefangen uber den Werth seiner zu erwartenden Besitzungen freute, und seine Absicht aussprach, auf Ste. Roche furs Erste zu leben, und dort Wohlthaten und Verbesserungen jeder Art zu haufen. Er fugte mit kindlicher Zartlichkeit hinzu: wie er dann hoffe, auch s i e werde dort gern weilen, wenn er ihr eine Tochter zufuhren konnte, ihrer wurdig, und mit ihm vereint bemuht, ihr das Leben zu erheitern.
Zwar hielt ihn eine ahnungsvolle Scheu zuruck hinzuzufugen, wie weit er mit dieser letzten Zusicherung selbst sorgend gekommen war, aber dies war auch fur die Fursten Soubise nicht nothig, denn sie hatte genug vernommen, um zu wissen, ihr Sohn habe ohne sie eine Lebensgefahrtin gewahlt, genug, um plotzlich aus ihrer Sicherheit uber ihn zu erwachen, genug um die Krafte ihres intriguanten Geistes herbei zu rufen, denn d i e s e r Mutter konnte nur einfallen, um jeden Preis zu hindern, was sie nicht beschlossen; Bedenklichkeiten bei solchen Schritten waren ihr fremd, weil sie Niemand so liebte oder achtete, um auf dessen Wunsche oder Ansichten, den geringsten Werth zu legen.
Nur auf welche Weise sie hier am zweckmassigsten einschritte, blieb ihr ungewiss. Doch ihre Unruhe, ihre Ueberraschung und ihr Schrecken sollte noch steigen, als sie sich endlich entschlossen hatte, ganz absichtslos erscheinend, die Veranderung in der Gersey'schen Familie zu einer schnelleren Zuruckberufung ihres Sohnes zu benutzen, ihm ihr Bedauern ausdruckend, dass ihr Wunsch ihn an einen Ort habe fesseln mussen, der so wenig Reiz fur ihn haben konne, und wie sie ihm ihr Schloss Moncay bei Paris anbote, wohin sie sich mit seinem Vater zu seinem Empfange begeben wollte, wenn er bis zu seiner Majorennitat vorzoge, vom Hofe entfernt zu leben.
Leonin's Antwort uberhupfte leichten Fusses den ganzen schwerfalligen Inhalt dieses wohlberechneten Briefes, und wie ein Schafer an seine Geliebte, antwortete er heiter und in gluckseliger Laune scherzend, wie Stirlings-Bai nichts Abschreckendes fur ihn habe, und die herrlichen Walder, die reizenden Thaler in der Zauberluft des Herbstes zu durchstreifen, ihm einen Genuss gewahrte, womit er nichts zu vergleichen wusste, und der Gedanke, damit zugleich ihre fruheren mutterlichen Wunsche zu erfullen, ihn entschlossen machte, hier genau so lange zu bleiben, dass ihm blos Zeit bliebe, zu dem nothwendigen Augenblicke seiner Majorennitatserklarung in Paris einzutreffen.
"Also, er fasst eigene Entschlusse!" rief die Marschallin, als sie diesen leichten, spielenden Brief gelesen hatte und ganz uberwaltigt von dieser Vorstellung, blieb sie in ihrem Stuhle sitzen, unfahig sich zu fassen.
"Und zuruck muss er dennoch!" fuhr sie, sich emporringend, fort, "zuruck muss er, und ich muss erfahren, was ihn dort zu fesseln vermochte!"
Ihr langes Nachdenken gab ihr, wie immer, die Mittel an die Hand, die sie zu ihren Zwecken bedurfte, und leider liess es sie jetzt ein zu jeder That bereites Individuum wahlen, dessen erprobte Theilnahme in allen Fallen ihr dasselbe zu einem Freunde erkoren hatte, den Begriffen von Freundschaft gemass, die zwei solche Menschen nahren konnten.
In dem Hause der Marschallin von Crecy lebte ein junger Mann, den Alle Marquis de Souvre nannten. Seine Erziehung war in dem Kollegium zu Clermont geleitet worden und jedenfalls auf grossere Anspruche berechtigt gewesen, als der fruhe Tod beider Aeltern und ein zerruttet befundenes Vermogen spater zuliessen. Diese Tauschung, die er in einem Alter erfuhr, wo er mit dem ganzen Uebermuthe eines hochmuthigen und sinnlichen Charakters dem Leben schon jeden materiellen Genuss abgefragt, und von der Magie des Reichthums eine um so hohere Idee gefasst hatte, als er gefunden, wie sie am leichtesten die Wege des Lasters verdecke, erfullte ihn mit der bittersten Emporung gegen ein Loos, das ihm nur noch eine sparsame Revenue und ein dadurch heruntergekommenes Ansehn in seiner ganzen gesellschaftlichen Stellung ubrig liess, Er grollte der ganzen Welt, die ihm begunstigter schien, als er es war; er grollte namentlich dem ganzen Kreise, in dem er als reicher Marquis mit dem vollsten Uebermuth solcher Vorrechte gelebt, und welcher ihn jetzt mit mitleidiger Gleichgultigkeit oder hohnisch verrathener Freude von einem Platze verdrangt sah, den er mit so viel Anmassung eingenommen hatte; und er uberwand nur den bittern Schmerz dieser Demuthigung, um sich der Mittel in seinem listigen Geiste bewusst zu werden, die ihn ohne das Erforderniss seiner bisherigen Unterstutzungen zum Herrn seiner Feinde machen sollte.
Wir hoffen, unsere Leser erlassen uns gern die Verfolgung des geheimen Lebens eines Mannes, das er selbst mit der hochsten Feinheit seinen nachsten Umgebungen zu entziehen wusste. Sein Hauptgrundsatz war: Niemandem sei Vertrauen zu schenken und das Vertrauen Aller zu erringen. Er setzte sich in den Besitz aller Geheimnisse, aller Angelegenheiten, die nur entfernt das Eigenthum der Personen waren, mit denen er leben wollte, oder die ihm behulflich werden mussten zu seinen Zwecken. Trotz seiner Jugend hatte er bestandig ein ernstes, kaltes und abgemessenes Wesen, er schien nur gezwungen sich dem Vertrauen Anderer hinzugeben, und indem er immer ablehnend war, fesselte er gerade das Interesse, zog dadurch an und schien eine grossere Sicherheit zu versprechen. Es war leicht zu bemerken, wie er gelegentlich, gleichsam zufallig, anzudeuten wusste, wie ihm Geheimnisse und Verhaltnisse der hochsten Personen bekannt waren, die er sich doch sehr wohl hutete aufzudecken, wenn sie ihm den Dienst geleistet, ihn da, wo er es brauchte, wichtig erscheinen zu lassen; er hatte sich dadurch auch das fur ihn hochst belohnende Gefuhl verschafft, gefurchtet zu sein, und hiermit den Platz errungen, der ihn allein uber den Verlust seiner fruheren Verhaltnisse zu trosten vermochte.
Durch seine Mutter war er der Marschallin von Crecy verwandt und derselben bei ihrem Tode dringend empfohlen. Nicht lange betrat er dies Haus, ohne das ganze Terrain darin mit Ueberlegenheit zu uberschauen, und es hochst bequem zu finden fur seine Neigungen. Den Marschall liess er bald mit einem mitleidigen Lacheln, als ganzlich der Beachtung unwerth, bei Seite, da er schnell erkannte, er habe in seinem eigenen Hause, wie im Staate nur noch den Platz eines zur Ruhe gesetzten Invaliden. Scharfer fasste er die Marschallin auf, die in der That keine schnelle Beute fremder Willkur werden konnte aber, sie hatte ja Schwachen in Fulle ihr Hochmuth, ihr Ehrgeiz, der sie gegen Beherrschung schutzen sollte, musste sie gerade diesem gewandten Machinisten in die Hande spielen, und er hatte ihr Vertrauen, ehe sie es ahnete, er anderte und beherrschte schon ihre Plane, als sie noch glaubte, sie brauche ihn nur gelegentlich, die ihrigen zu fordern.
Vom ersten Augenblicke an hasste er Leonin. Dies sorglose, weiche Kind des Gluckes, das so wenig die unermesslichen Vorzuge von Rang und Vermogen zu schatzen, ja, sie ihm so wenig zu verdienen schien, gering mit den Eigenschaften ausgestattet, die ihm allein wichtig waren und ihn verachtlich von den Vorzugen denken liessen, die Leonin als Ersatz glanzender Geistesfahigkeiten besass. Dies Wesen, das in dem ruhigsten Gleichmuthe und der grossten Sicherheit sein sorgloses Leben genoss, und spielend den Reichthum verbrauchte, als konne es gar nicht anders sein, nach dessen Besitz in ihm die ungemessenste Begierde gluhte, erfullte ihn mit einem so heftigen Neide, mit einem so bitteren Hasse, dass das Haus der Marschallin fur ihn einen Reiz bekam, den ihm kein anderes Gefuhl mehr gewahrte. Dass Leonin sich ihm anschloss bruderlich und mit der grossmuthigsten Hingebung ihn jeden Vorzug dieser Lage fast zu theilen z w a n g , versohnte ihn nicht, und er ertrug nur seine Gesellschaft, um ihn zu verachten und, wo moglich, zu lehren, dass sein Gluck zu erschuttern sei. Schon wunschte er dazu die Reise des jungen Grafen mitzumachen; aber zu stolz, deshalb gefugige Schritte zu thun, sah er auch zu bald ein, wie der gute Abbate Mafei ihm wohl nicht ganz traute und Alles that, sich diesen Gefahrten entfernt zu halten. Er blieb daher in der ruhigen Sicherheit, sein bezeichnetes Opfer dennoch gewiss zu haben, bei der Marschallin zuruck, entschlossen, hier indessen so viel Boden zu gewinnen, dass er fest stehe bei der Ruckkehr des sorglosen Gluckskindes.
Es war der Marquis de Souvre, den die Marschallin herbeirufen liess, und bald sah er sich in dem ganzen Vertrauen der besorgten Mutter.
Wie immer, gab er halb zu, was sie sagte, um desto besser sie zu seiner Meinung uberfuhren zu konnen, und indem er sie noch ruhig sprechen liess, sagte sie ihm schon nichts mehr, als was er zu horen wunschte. Mit der grossten Sprodigkeit nahm er ihre Bitten auf, selbst nach Schottland zu gehen und ihres Sohnes Lage dort nicht allein zu erforschen, sondern ihn frei zu machen und so schnell, als moglich, zuruck zu fuhren. Erst, als seine Eiwilligung ihr die hochste Gunst der Freundschaft schien, gab er sie und erndtete von einer Frau, die nie dankte, nie das Ansehn haben wollte verpflichtet zu sein, nun den vollsten Ausdruck von Beidem.
Wir wenden uns vorlaufig gern von einem Zustande der Seele ab, wie der war, mit dem der Marquis plotzlich die Wege vor sich offen sah, auf die er fast g e t r i e b e n ward, mit der sicheren Hoffnung, dem heiss beneideten Junglinge seine ausseren Vorzuge zu verleiden, da er es nicht vermochte, sie ihm zu rauben. Wir werden ihn leider wiederfinden, und kehren zu der Unschulds-Welt zuruck, die wir also bedroht wissen.
Das tagliche, ungestorte Beisammensein einiger Wochen hatte eine genauere, innigere Annaherung zugelassen, als in dem Gerausche der Welt oft Jahre vermogen. Leonin hatte die Vollendung des Sprachunterrichts ubernommen, den Fennimor von ihrem englischen Vater nur bis auf einen gewissen Punkt erhalten konnte, und Fennimor hatte dagegen ihm ihre alten Legenden und Geschichtsbucher, vor allen aber ihre Bibel vorgetragen, worin sie ihn zu ihrem Erstaunen hochst unwissend fand, und welchen Uebelstand sie durch ihren ernsten Eifer, und indem sie bei ihm alle Regeln des Unterrichts anwendete, durch die sie selbst geleitet worden war, jetzt fur immer zu heben hoffte. Wir wollen nicht untersuchen, wie lange der Ernst solcher Studien jeden Tag anhielt, welche Rolle der Wald, die Blumen, die Vogel und alle die tausend lieblichen Kindereien dazwischen spielten, womit Fennimor ihre Einsamkeit bisher geschmuckt, und die nun alle Leonin so wohl bekannt waren, als ihr selbst: gewiss bleibt es, dass der unverwandt sie anblickende Schuler oft kein Wort mehr von den alterthumlichen Figuren horte, die sie mit dem vollen Eifer ihres Glaubens daran ihm einzupragen suchte blos noch das himmlische, von Locken, wie von einer Glorie, umsaumte Antlitz betrachtend, das so ernst, so gluhend von ihrer Anstrengung, mit den leuchtenden Augen den schlanken Finger verfolgte, der uber die vergelbten Blatter Leonin als Wegweiser dienen sollte.
"Du giebst wieder nicht Acht!" rief sie dann plotzlich, Alles merkend, "und sollst Du es nachher ohne das Buch wissen, dann ist die Arbeit umsonst gewesen."
Aber schon musste sie, selbst lachend, die Augen von seinem lachenden Gesichte abwenden, und wenn er dann die strenge Hand, die ihm drohen wollte, einfing, fiel ihr auch bald allerlei liebes Geschwatz ein, was nicht auf dem alten Pergamente stand. Es blieb Leonin kein Geheimniss in dieser Seele, deren ganzes Bewusstsein ein redendes Mittheilen an ihn geworden war, und wie sie sich erweckt und belebt fuhlte durch diese Hingebung und den ganzen Zauber dieser reinen und tiefen Liebe, so stromten in ihrer reichen Seele nur jeden Tag neue Entwickelungen hervor, an denen sie sich kindlich erfreute, sie alle dem Geliebten dankend.
Unser Gefuhl halt uns zuruck, den hinreichend durch unsere Mittheilungen dargelegten Zustand der beiden Glucklichen zu umschleichen; dennoch werden wir dies Gefuhl in allen seinen Stadien andeutend verfolgen mussen, da es fortan die Atmosphare oder das Schicksal dieser so innig sich gehorenden Wesen bildet, und ihr ganzes Leben gestaltet und bestimmt.
Schon nahte sich die Zeit, die Leonin als die seiner Abreise angesetzt hatte, und er, wie Fennimor gingen ihr mit so bangem, beklommenem Herzen entgegen, als stehe ein Gewitter uber Beider Haupt. Keiner wagte den Andern daran zu erinnern, aber Beide verstanden die bange Furcht ihrer Herzen, und wenn Fennimor sich plotzlich, weinend wie ein Kind, an seine Brust warf, frug er sie nicht, warum sie weine, und liess auch den Thranen seiner eigenen Augen freien Lauf, denn er schamte sich dieses treuen Mitgefuhls nicht.
Was dabei Crecy's Besorgnisse noch mehr erregte, als selbst Fennimors unerfahrenes Herz es auffasste, war das sichtliche Abnehmen der Lebenskrafte des ehrwurdigen Sir Reginald. Diesem kindlichen Greise, der seit einigen vierzig Jahren die Walder von Stirlings-Bai und ihre nachsten Umgebungen nicht mehr verlassen hatte dessen Erinnerungen bis auf das Leben mit seiner Gattin erblasst waren, der die grossen Umwalzungen, die die Welt indessen erlitten, nur wie ein Schattenspiel ohne ihre wahren Farben, ohne von ihrem Einflusse beruhrt zu werden, an sich hatte vorubergehen lassen, der vom Leben sich so leise, so mild abgelost, dass er nur, um Fennimor Gesellschaft zu leisten und ihre Existenz unangeruhrt zu lassen, das Leben fest gehalten hatte als eine noch nicht geloste Aufgabe ihm sank mit jedem Tage, jetzt, wo Fennimor ein neues Dasein ergriffen, das er kindlich unwissend durch Crecy's Herz fur gesichert hielt, die Lebenssonne tiefer herab. Er fuhlte in sich schon den Tag nahen, wo sie ihm versinken wurde, und seine Zuge trugen das Lacheln der Verklarung, wie einen liebevollen Trost, um die bleichere eingesunkenere Wange. Schon nahmen die sanften Laute der brechenden Stimme bei jeder liebevollen Anrede Abschied von dem Lebenden, und Crecy sah mit tausend bangen Gedanken, wie die schwankenden Schritte verriethen, dass die ehrwurdige Gestalt sich nicht mehr aufrecht zu tragen vermochte, und die weissen Locken dem muden Haupte nach uber die Brust zusammen fielen.
Fennimor sah die Veranderung ihres Vaters, aber sie kannte den Tod nicht, sie hatte noch nie daran gedacht, ihr Vater konne sterben, und so hatte sie immer eine neue Erklarung fur seinen veranderten Zustand, wenn Crecy zuweilen schonend den Versuch machte, sie auf den immer unvermeidlicher werdenden Ausgang vorzubereiten. Oft wurde sein besorgter Blick von dem Greise errathen, dann reichte er ihm lachelnd die Hand. "Du wirst Fennimor jetzt meine Stelle ersetzen," sagte er "ich furchte nicht mehr mein nahes Ende, und ein Vaterland wird sie uberall finden, wo sie geliebt wird."
Crecy hatte oft nicht den Muth, in solche Andeutungen einzugehen, aber er fuhlte dennoch immer lebendiger heraus, wie gross und Besorgniss erregend die Veranderung sein wurde, die Sir Reginalds Tod jetzt hervorbringen musste, wo seine Verhaltnisse Fennimor fur den Augenblick weder eine Zuflucht bei ihm, noch Rechte darauf geben konnten.
Es findet sich am haufigsten, dass wir einen eigenen Fehler uberwinden lernen, wenn wir ihn an Andern in seiner ganzen Starke, mit allen seinen Nachtheilen hervortreten sehen, denn indem die Folgen unser Interesse gefahrden, lernen wir selbst uns davon frei machen, indem wir uns dagegen zu sichern suchen.
So gern Crecy die Zukunft erwartete und der Gegenwart ohne weitere Anstrengung in unthatiger Musse angehorte, so war dies bei Sir Reginald, entweder durch den zuletzt erwahnten Zustand, oder aus dem kindlich ruhigen Einschlafen eines langen, einformigen Lebens hervorgehend, in noch viel hoherem Maasse der Fall, und dies ruhige, sorglose Erwarten der besorglichsten Zukunft, ohne auch nur mit einem Gedanken dafur eine Einrichtung treffen zu wollen, weckte nun Leonin zu Betrachtungen daruber, die ihn eine Berathung mit Sir Reginald dringend wunschen liessen.
Als sie sich so einst wieder errathen hatten und Sir Reginald, wie fruher, jede Sorge fur Fennimor in ihm erledigt hielt, dankte ihm Leonin herzlich fur sein Vertrauen, und da Fennimor's Abwesenheit ihn unbehindert liess, suchte er ihn zu einer berathenden Mittheilung zu bewegen: "Fennimor wird als meine Gattin, hoffe ich zu Gott, allen Schutz geniessen, den Ihr mit Recht voraussetzt; aber denkt selbst, dass ich Euch bald verlassen muss, dass ich nicht wissen und bestimmen kann, wie lange mich die Fundirung meiner Angelegenheit, die ich zu Fennimor's Gunsten selbst nicht ubereilen darf, von dieser lieben Stelle trennen wird; denkt, dass Fennimor bis dahin keine Rechte an mich hat, und ich keine an sie vor der Welt darf geltend machen, und fuhlt dann meine Besorgnisse fur ihre nachste Zukunft, wenn indess der schmerzliche Augenblick eintrate, dessen Ihr jetzt so oft gedenkt, dass Ihr mich selbst sein Moglichkeit habt annehmen lassen."
Sir Reginald schwieg nach diesen Worten lange, und blickte ernst und mit sichtlicher Erweichung in die Ferne. "Mein Sohn," sprach er dann "Du bist weiser fur die Welt bei Deiner Jugend, als mich das Alter, das uns von der irdischen Sorge bei ihrer erkannten Geringfugigkeit abzieht, erhalten hat. Du hast Recht es liegt bis zu Fennimor's sicherer Zukunft an Deiner Seite noch ein Zwischenraum, den mein Tod fur dieses theure Kind unsanft ausfullen konnte, und in Wahrheit ware ihre Lage bei ihrer weichen Seele alsdann bedroht genug. Ich wurde sie bis zu Deiner Ruckkehr sicher, wenn auch unerwunscht fur das liebe Kind, der Lady Gersey haben anvertrauen konnen; doch ihr Aufenthalt in Edinburg und ihre grossen Verhaltnisse dort mit all' der Unruhe einer solchen Erbschaft uberhauft, machen dies unzulassig. Mein Sohn lebt leider so entfernt und als Geistlicher an den Platz gefesselt, den er ubernommen, dass ich ihn nicht veranlassen durfte, zu Fennimor heruber zu kommen, so sehr sein edles bruderliches Herz dazu auch bereit sein wurde; auch, glaube ich, steht ihm selbst eine Reise nach London bevor, da er sich dort zu vermahlen denkt." Er schwieg, nachdem er so selbst die Schwierigkeiten hervorgehoben, die Fennimor aus seinem Tode erwachsen konnten, und sichtlich wusste er sich keinen Rath.
Nicht besser ging es Leonin, und tausend Mal wunschte er diese unselige, unerlassliche Reise schon hinter sich, um mit der ausreichenden Vollmacht eines unabhangigen Mannes Fennimor's Gatte zu werden, und sie gegen jede Zufalligkeit hinlanglich schutzen zu durfen.
"Am liebsten," hob der Alte mit dem Tone an, dem man die erregte Besorgniss anhorte, "am liebsten wird sie Dich hier erwarten wollen, und bei Emmy Gray und ihrem Manne bleiben; aber dies ginge wohl, wenn sie Deine Frau ware, wo sie fur sich stehen konnte und man ihr keinen Vorwurf daruber machen durfte, dass sie mit ihren Domestiken allein bliebe, bis Du zuruck kehrtest; so aber wurde sie unschicklich handeln, was wir nicht zugeben durfen, da das gute Kind von der Welt noch nichts weiss und stets geneigt ist, das Naturlichste fur das Beste zu halten auch ist mir schon der Nachfolger ernannt, denn der Lord Gersey will seine Gemeinde nicht ohne geistliche Fursorge lassen, und dieser mir wohl bekannte Kaplan wird mit einer starken Familie bald hier einziehen, wenn meine Augen sich schliessen, und Fennimor wurde viel Schmerz erleben, hier das Haus als Fremdling bewohnen zu mussen, wo sie einst so sinnig schuf und ordnete."
Leonin horte dem Alten mit Erstaunen zu. Erweckt uber diesen Gegenstand nachzudenken, durchschaute er mit folgerechter Klarheit alle daliegenden Schwierigkeiten, und hatte sie doch so lange, wie n i c h t existirend, bei Seite schieben konnen, wo der Gegenstand, den sie betrafen, ihm doch der wichtigste, theuerste auf Erden war. Leonin fuhlte die Nothwendigkeit, hier entscheidend zu helfen, und doch sah er weder eine Moglichkeit d a f u r , noch gestattete ihm sein zartliches Gefuhl fur den geliebten Greis, so ohne Schonung den unglucklichen Fall anzunehmen, der diese Verhaltnisse alsdann herbeifuhren musste.
Da sagte plotzlich der alte Mann, aus tiefem Nachdenken erwachend: "Das Beste wird sein, mein geliebter Sohn, wenn ich Dir Fennimor zum Weibe gebe, ehe Du nach Frankreich gehst; dann hat sie mit dem ehrwurdigen Range einer verheiratheten Frau das Recht, sich uberall hinzubegeben, wo Du es fur gut haltst, und Emmy Gray und ihr Mann werden, bis Du sie nach Frankreich in Deine Besitzungen fuhrst, hinreichend sein, da sie dann nur treue Diener braucht."
Es ist unmoglich, den Eindruck zu schildern, den Leonin von diesen Worten empfing es war ein. Sprung in seinen Empfindungen, der so ungeheuer gross war, dass er ihm den Athem zum Ersticken versetzte, und er von den angeregten Gefuhlen und Gedanken so uberwaltigt ward, dass er mit den Worten: "Vater, Vater, welch' ein Ausspruch!" zu seinen Fussen sank und seine Hande mit einer an Angst grenzenden Empfindung an seine Brust presste. Dies namenlose Gluck, das zu erreichen, alle seine Traume, alle seine Wunsche umschloss, es erschreckte ihn, der Erfullung so nah'. Er fuhlte eine plotzliche Unsicherheit, als konne er es nicht verdienen, nicht festhalten, was ihm mit so engelreinem Vertrauen geboten ward. Riesengross stieg das ganze Gebaude von Hindernissen auf, das ihn in der Heimat erwartete, und das er durch diesen Schritt nur vermehrt sah. Aber der Gedanke, Fennimor solle ihm schon jetzt gehoren, nicht die Last jener Wiederwartigkeiten sollte dazwischen liegen welch' ein Gluck! Er frug nach einem zweiten, wie dieses, und dennoch fuhlte er sich davon bis zum Erschrecken, bis zum Verzagen uberrascht, und blieb betaubt vor dem arglosen Spender dieses wunderbaren Geschenkes knieen, ohne es zu wissen, und ohne seiner Erschutterung Herr werden zu konnen.
Der sanfte Greis bemerkte es nicht; von der Anstrengung dieser Berathung ermudet, sah er still vor sich nieder.
"O, Vater," sprach Leonin endlich "ist das Euer Ernst? wollt Ihr mich so bald, so ohne Bedenklichkeiten glucklich machen?"
Da erwiederte er mit dem sterbenden Lacheln eines Verklarten, als offneten sich vor seinen Augen die Pforten der Zukunft: "Da sehe ich meine Fennimor an Deiner Seite vor mir am Altare knieen, und von ihrem Vater gesegnet, erfullt sich ihres Herzens Wunsch; sie wird Dein Weib, und ich gehe ein zur ewigen Ruhe!" Wieder schwieg er lachelnd, mude das Haupt gesenkt, und Leonin hatte eine wunderbare Bestatigung gewonnen wie ein Engel hatte die Ueberzeugung ihn aus diesen Worten angeredet, er stand auf und sagte entschlossen: "Ja, mein Vater, es sei so, wie Ihr edel vertrauend mir anbietet! Zwar bin ich noch nicht majorenn, noch nicht unabhangiger Herr meiner Handlungen, aber ich fuhle mich in meinem Geiste eben fahig, mir selbst die Unabhangigkeit zuzusprechen, und ich werde jede Verpflichtung zu vertreten wissen, die ich hiemit ubernehme! Aber sagt," frug er nun mit dem vollsten Ausdrucke der Liebe, "wird Fennimor einwilligen wollen, so bald mein Weib zu werden?"
"Fragt sie selbst," sagte Sir Reginald denn eben trat Fennimor in die Thur und flog sogleich mit ihrem leichten Schritt auf Leonin zu.
"Fennimor, meine geliebte Fennimor," rief er, sie an seine Brust druckend "weisst Du, was der Vater so eben uber uns bestimmt hat?"
"Sag' es mir," erwiederte Fennimor, heiter zu ihm aufblickend, "es ist gewiss recht was Gutes."
"Ja Fennimor, das ist es," fuhr Leonin noch belebter fort "Du sollst, wenn Du mich nicht zuruckweisest, noch ehe ich nach Frankreich gehe, mein Weib werden, und der Vater will uns selbst einsegnen vor dem Altare!"
"O, mein Gott," rief Fennimor, faltete schnell ihre Hande und fiel auf ihre Knie vor den Vater hin "haltst Du mich denn jetzt schon so hohen Berufes wurdig? Kann ich denn schon eine Frau sein zu Gottes Ehre, wie es doch so schwer und hochwichtig sein soll?"
"Du wirst das ja mit Gottes Hulfe lernen, mein theures Kind," sagte der Vater ruhig, "und anfangen musstest Du ja immer einmal, und ware es nach Jahren erst."
"Ja," sagte Fennimor, "anfangen musste ich immer einmal, da hast Du Recht, und Gott musste mir doch spater auch helfen, wie er mir jetzt helfen wird, da ich der Hulfe noch mehr bedurftig bin. Ach," rief sie nun, als habe sie den Ernst der Sache abgethan, und stand schnell, gegen Leonin gewendet, auf "und dann bin ich Dein Weib, und Du musst um so eher wiederkommen, und Deine Mutter ist gleich meine Mutter, und sie wird mich um so schneller lieb haben, wenn Du ihr Grusse von ihrer Tochter bringen kannst."
Crecy verbarg sein Gesicht in ihre Locken, es ging ein truber Schatten druber hin, sein Herz ward zusammen gedruckt, sie hatte selbst ihre drohende Zukunft in ihm herauf beschworen.
Aber selbst diese Anregung, wie hatte sie nach Fennimor's Einwilligung die Macht haben konnen, das Gluck zu truben, von dem er sich bald allein noch erfullt fand; die Zukunft mochte senden, was sie wollte, ihm gehorte die Gegenwart, mit jedem Zauber fur das Herz ausgestattet, und er wollte Alles vergessen, um sie vollstandig zu schatzen.
Wenige Tage vor seiner Abreise sollte seine Vermahlung mit Fennimor in der Kirche der Abtei stattfinden. Nach reiflicher Ueberlegung beider Manner sollte dieselbe ein Geheimniss bleiben, so lange Sir Reginald am Leben bliebe, und Fennimor erst im Fall des Alleinstehens das Recht haben, sich in der unabhangigen Stellung einer verheiratheten Frau zu zeigen. Dies schien Leonin hochst nothig, um seine Mutter langsam auf seine Entschlusse vorzubereiten, und ohne dass er diesen Grund gerade hervor hob, fand der Wunsch, seine Aeltern selbst von seiner Vermahlung zu unterrichten, bei Vater und Tochter die grosste Billigung denn an jener Einwilligung zweifelten Beide nicht nach Leonin's Zusicherung derselben; und nachdem Fennimor den zartlichen Brief der Marschallin an ihren Sohn gelesen, worin sie, besorgt fur sein Vergnugen, ihm dort wegzugehen rieth, hielt sie seine Mutter fur den Inbegriff aller Gute und Liebe, und hing schon jetzt mit kindlicher Zartlichkeit an ihr.
Emmy Gray und ihr Mann sollten die nothigen Zeugen abgeben, daruber von Crecy und Sir Reginald ein Dokument aufgesetzt werden, welches von Allen unterzeichnet, die Legitimation dieses priesterlichen Aktes enthalten sollte, und alle Theile hielten sich damit fur gesichert und beruhigt; wobei von Fennimor naturlich nicht die Rede sein konnte, welche, in ganzlicher Unwissenheit uber diese Formen, ihnen vollkommen gleichgultig zusah. Ueberhaupt konnte nichts ihren Schmerz uber die nahe Trennung von Leonin zerstreuen. Sie begriff nicht, wie sie leben konnte ohne ihn, und empfand eine solche Herzensangst bei dem Gedanken, ihn nicht mehr sehen und horen zu sollen, dass Todtenblasse sogleich ihre Stirn bedeckte und der Schmerz wie ein korperliches Leiden sie ergriff. Sie versuchte Leonin's Freude uber diese Vermahlung zu theilen, aber sie hatte nie, wie er, Schwierigkeiten fur ihre dereinstige Erfullung gesehen, sie konnte daher auch keine grossere Sicherheit dadurch gewinnen; und der Gedanke, eine Frau zu sein, wovon sie sehr schwerfallige, ernste Vorstellungen hatte, die sie um ihr heiteres, kindliches Umherschwarmen zu bringen drohten, erfullten ihren Geist mit bangen Bildern, die nur durch Leonin's Freude und seine erhohten Liebesbeweise zuweilen zerstreut wurden.
Was dazu beitrug, Fennimor's Herz zu qualen, war die laute unverholene Missbilligung, welche Emmy Gray bei der Mittheilung dieses Entschlusses aussprach.
Niemals hatte sie so, wie die ubrigen Mitglieder des Hauses, sich an Crecy anschliessen konnen. Als Spielkameradin, Dienerin und Freundin, durch die Jahre, die sie alter war, und die sie sogar zur Frau und Mutter gemacht, hatte sie uber Fennimor mehr Gewalt bekommen, als sich zuerst darlegte, und indem sie mit enthusiastischer Liebe an ihr hing, bewachte sie zugleich mit der grossten Eifersucht das Leben eines Wesens, wogegen Mann und Kind ihr fast gleichgultig waren, und das sie, indem sie sich stets bereit fuhlte, ihr ganzes Interesse dafur hinzugeben, auch als eine Art Eigenthum fur sich zu erhalten strebte.
Fur Fennimor's Ehre, Ansehn und kunftiges Gluck trug sie die ubertriebensten Vorstellungen in sich. Was Crecy an Namen, Rang und Vermogen ihr bot, schien ihr nur grade so, wie es ihr zukam; sie dachte diese Vorzuge durch eine grosse offentliche Vermahlung erst recht ins Licht gestellt zu sehen, und hoffte dadurch alle die Kammermadchen der Lady's auf dem Schlosse zu lehren, wie die Anspruche ihrer jungen Herrschaft genau so gross seien, als die der ihrigen.
Ernsten, finsteren Gemuths legte sie uberhaupt auf Heirathen keinen Werth, ja, sie hatte die ihrige, obwohl John Gray der beste Mensch und ihr innig zugethan war, schon langst bitter bereut, und nur, weil er ihr vollkommene Freiheit liess, nach wie vor ihren Dienst bei Fennimor zu verrichten, ertrug sie dies Verhaltniss, erhielt ihm ihre kuhle Liebe und bestellte mit rechtschaffener Strenge ihr gemeinschaftliches Haus.
Crecy's Erscheinen trennte sie zuerst von der ununterbrochenen Gemeinschaft mit dem Abgotte ihres Herzens, zu dem sie Fennimor gemacht, und das Gluck, das sie durch diese Liebe uber jene verbreitet sah, konnte sie, indem sie dieselbe nicht zu verstehen vermochte, auch nicht mit ihrem dadurch erlittenen Verluste versohnen.
Es trat ein fast unbezwingliches Zurnen gegen denjenigen ein, der es wagen wollte, ihr Fraulein so zu lieben, wie sie selbst, ein anderes hoheres Gluck ihr zu bieten, als sie es ihr bisher bereitet. Nur ihr Ehrgeiz und die Erwartung, wie sie durch den hervortretenden Glanz ihres Lieblings dereinst Alle auf Schloss Stirlings demuthigen wollte, versprach ihr Ersatz und einigen Genuss, wobei sie mit milderen Empfindungen gegen Crecy sich dessen Mitwirkung versprach.
Wie musste sie daher die Nachricht aufnehmen, dass von allem diesem bei der beabsichtigten Vermahlung nichts sich ereignen wurde!
Ihre Emporung kannte keine Grenzen. In Thranen gebadet, warf sie sich ihrer jungen Gebieterin zu Fussen und bat sie, diesen ehrlosen Vorschlag nicht einzugehen, nicht wie ein verlorenes Madchen heimlich und ohne den Glanz, der ihr zukame, den Altar zu betreten.
"Ja, Emmy," sagte Fennimor betrubt "ich habe auch immer geglaubt, ich musste dies einmal ganz offentlich thun, so wie Du damals, wo Dir die Jungfrauen alle folgten, und die Kinder Blumen streuten, und es so schon den ganzen Tag war."
"Ach, und ich was bin ich gegen Euch!" rief Emmy. "Ihr, die ein Furst hatte wahlen konnen und sich damit geehrt hatte Ihr, Ihr sollt nun so hinter dem Altare herkommen, als musstet Ihr Euch schamen vor der grossen Ehre, die ein so fremder Graf Euch erzeigen will; und zwei so schlechte Leute, wie ich und John, sollen Zeugen sein, wo die ganze Grafschaft hatte eingeladen werden mussen, und die Ladys Gersey's Euch die Schleppe tragen."
"Ach," sagte Fennimor, rasch von ihrem Schemmelchen aufstehend, vor dem dies Gesprach vorfiel "wenn die ganze Grafschaft hatte dazu kommen mussen, und die Gersey's meine Schleppe tragen, dann ist es mir doch viel lieber, dass wir so recht still bei einander bleiben konnen und die Andern gar nichts davon wissen, denn lustig kann ich doch nicht sein, weil Leonin zwei Tage darauf abreisen muss."
"Ach," weinte Emmy, "Ihr redet, wie Ihr es versteht, und das ist eben schandlich, dass man Eure Unwissenheit benutzte, Euch so um Euren besten Lebenstag zu betrugen; wer weiss, was der fremde Herr Graf, dem ich nie getraut, gegen Euch im Schilde fuhrt!"
"Schweig'!" rief Fennimor schnell, mit der vollsten Energie einer Gebieterin, "wie kannst Du in Deiner Thorheit ihn angreifen wollen, der Alles aus Liebe zu mir thut? Hute Dich mit Deinen unbesonnenen Worten, jetzt will ich nie mehr davon horen! Was er will und mein Vater gut heisst, das ist das Rechte, und wie froh bin ich, dass ich Deine ganze Grafschaft und die dummen Gersey's los bin, die ohnehin denken, ich kann nicht schreiben und lesen."
"Nun, so sei Euch Gott gnadig!" rief Emmy, heftig aufstehend, "und namenloses Elend bis ans Ende seines Lebens mag uber den kommen, der Euch nicht glucklich macht, und Euer und Eures Vaters Vertrauen missbraucht! Mir ahnet heilloses Ungluck von dieser Heirath, so verstohlen betrieben, als waren wir Alle Betruger; und der Traum Eures Vaters wird wohl Recht gehabt haben, denn grade den Tag, wo die selige Mutter ihm erschienen und so um Euch geweint hat, da haben wir den Herrn Grafen zuerst gesehen o, hatte mich doch lieber der Eber zerrissen, als dass ich Euer Ungluck sehen muss!"
"Aber, Emmy, Emmy," rief Fennimor, minder erzurnt und durch den heftigen Kummer ihrer Dienerin besanftigt "hier ist ja gar nicht von Ungluck die Rede das einzige Ungluck ist ja, dass er bald abreist, und dass mein Bruder nicht hier ist; sonst ist es mir ja viel lieber, dass wir ganz allein sind, denn eine Schleppe ziehe ich gar nicht an, und Du bist mir ja tausend Mal lieber, als die ganze Grafschaft und alle Gersey's!"
Diese letzten Worte verfehlten nicht, Emmy einigermassen zur Ruhe zu stellen, und obwohl Fennimor ihren ersten Kummer fuhlte, war es doch nicht der, der Emmy unter tausend Thranen die Nacht auf ihrem Lager wach erhielt.
Indessen war diese Stimmung der armen Emmy nicht dazu geeignet, die bange Erwartung ihrer jungen Gebieterin zu zerstreuen, die mit ihrem tief ergriffenen Herzen in jeder Vorkehrung zu ihrer Vermahlung zugleich die nahende Abreise Leonin's heraussah, und so fast mit Schauder darauf einging, immer mit der Ahnung eines todlichen Schmerzes im Herzen, uberdeckt noch von dem Zauber der Gegenwart, den Beide festhielten, als lage dahinter ein bodenloser Abgrund.
Wunderbar entwickelte dieser erste heisse Schmerz an Fennimor die Verwandlung des fast kindlichen Madchens zu einer hoheren Stufe; denn wir mussen es dem Schmerze zugestehen, dass er am schnellsten das Innere des Menschen zeitigt und, indem er ihnen die Bluten von den leicht geschwingten Zweigen streift, die kein irdischer Fruhling ihnen wiedergiebt, doch das innere Mark des Lebens emportreibt, was dann erst die bildende Kraft fur die in der Blute nur angedeutete Frucht wird.
Kein Mensch hatte Fennimor jetzt, wie wenige Wochen fruher, noch fur ein Kind halten konnen. Dieses Gefesseltsein am Augenblicke, dieser auf das Nachste gerichtete lachende Blick, der sonst nur mit dem Ernste wechselte, den gute Kinder zeigen, wenn sie aufmerken sollen, was Alte wollen wie war das Alles weggewischt von Fennimor! Sie war nicht minder schon, ja, vielleicht noch anziehender, wenn man den seltenen Genuss vergessen hatte, der ihre fruhere Erscheinung durch den Ausdruck einer vollkommen ungetrubten Seele fast zu der eines Engels machte.
Ihr rundes Kinn hatte sich fein gesenkt und ein liebliches Oval aus der Kinderform gebildet, die Nase war langlich durchsichtig aus den sonst sie verkleinernden vollen Wangen hervorgetreten, und die Augen zeigten erst jetzt ihre leuchtende Grosse, wo sie von dem unschuldigen Lacheln kindlichen Frohsinns nicht mehr so oft in die Lange gezogen wurden. Grosser war sie auch geworden und schlanker, oder diese regelmassige Gestalt zeigte sich erst, da sie langsamer ging und ein Auge gewonnen hatte fur ihre Kleidung durch Leonin's Freude daran. Dabei war der Zauber einer unsaglichen inneren Befriedigung um sie verbreitet, die, unabhangig von dem jetzt damit verbundenen Schmerze, ihr durch Leonin's Liebe ganzlich befriedigtes Herz andeutete und ihren Worten, dem Ton ihrer Stimme, dem Blick ihres Auges den vollen warmen Hauch der schonsten Begeisterung gab. Und dennoch war sie nicht mehr glucklich! Sie hatte nach einem hoheren Lebensgute gegriffen, als das Spielzeug der Kinderstube, und schon musste sie den Tribut zahlen; denn neben dem hochsten Gluck erwartete sie schon der Schmerz, und sie fuhlte, noch behutet von der Liebe, doch schon seinen eisigen Hauch uber sie hinstreichen. Einige Tage spater liess sich bei sinkender Sonne auf dem festen Landwege, der von der Edinburger Landstrasse ab nach Stirlings-Bai fuhrte, der Hufschlag eines Pferdes horen. Der Reiter hielt die Zugel an, als er die Meierei zu erkennen glaubte, die man ihm als passend zum Nachtquartier bezeichnet, und alsbald folgte den hinter den Hecken lauschenden Kindern, die auf schnellen Fussen nach dem Hause zu verschwanden, eine rustige Frau, welche sich durch Gruss und Anrede als die Wirthin bezeichnete. "Weit des Weges?" frug sie, ohn' Bedenken den Steigbugel ergreifend und dem Gaste vom Pferde helfend.
"Weit genug, um gern bei einer freundlichen Wirthin ausruhen zu mogen," erwiederte der Reisende, jetzt als ein junger, gewandter Mann sich der aufmerkenden Hausfrau zeigend.
"Was wir haben, mag Euch gehoren" war die bereitwillige Antwort, doch mit ernster, gleichgultiger Miene gesprochen.
Sie traten darauf in das Haus oder vielmehr in den grossen Hausraum, der eigentlich in seiner Zusammenstellung die ganze Existenz der Familie umschliesst, und ihre ganze Chronik uns zu erzahlen wusste, da in seinem Umfang Alles bewirkt und verrichtet wird, was ihr einfaches Leben erfordert. Von der muhseligsten Arbeit an bis zu den seltenen Festen, von dem Nahrung spendenden Heerde und der langen daran stehenden Esstafel, die alle Mitglieder versammelt, bis zu den kleinen, kaum ausreichenden Verschlagen, wohinter Aeltern und Kinder, Kranke und Alte ihre Ruhestatte finden, umfasst dies alles der Hausraum, und sanft wiegt die Muden auf ihrem Nachtlager das leise Schnalzen der wiederkauenden Kuhe ein, deren Stalle mit diesen Lagern in enger Gemeinschaft stehen, und welche ihre Vorrathskammer, ihre Chatulle, ihr grosster Besitz, ihr einziger Stolz sind.
Wie sehr der Reisende, der hier eingefuhrt war, auch in seiner ganzen Weise die Verwohnung der hoheren Stande verrieth die bisher zuruckgelegte Tour hatte ihn bereits bekannt gemacht mit den Erwartungen, die man von einem Nachtlager, fern von der grossen Strasse, hegen durfte, und seine Stimmung war ganz geeignet, ihn gegen die zu erwartenden Mangel gleichgultig zu stimmen. Das Feuer, welches bald aus seiner dumpfen Ruhe zum lustigen Lodern aufgeweckt war, trostete ihn, da seine Kleider feucht und von Nebel durchnasst waren, bald fur das Uebrige, und er fand seine schweigsame Wirthin geschickt genug, die gebratenen Speckstucken in Eier zu backen und den Becher mit Ale aus einem guten Fasse zu fullen. Schwerer hielt es, ihr Rede abzugewinnen. Ihre Verrichtungen schienen ihre Gedanken in den Handen fest zu bannen; dabei krochen nach und nach funf bis sechs zerlumpte Kinder aus den Winkeln, wohin sie sich vor dem Fremden geborgen hatten, hervor, und da sie nicht unempfindlich fur das Abendbrod desselben blieben, hatte die ernste Mutter zu wehren, zu zanken und zu strafen, welches allgemach ein ziemlich lebhaftes Treiben hervorrief, aber nicht zu Gunsten des Fremden, der noch immer an seinen Fragen behindert blieb. Eine Schussel Milch und gleichmassige Portionen Brod versammelten endlich die junge Gesellschaft auf einen Punkt, und es trat Ruhe ein.
"Wie lange habe ich morgen bis nach dem Schlosse?" hob jetzt der Fremde aufs Neue an.
"Nun," erwiederte die Wirthin "um die Bucht herum seht Ihr die Abtei, da geht's bergan, doch eine Meile tragt's nicht aus! Wollt Ihr dahin?" frug sie jetzt selbst.
"Es ist vorlaufig mein Ziel," sprach der Fremde.
"Die Essen rauchen dort nicht, und die Walder sind einsam worden," fuhr das Weib in ihrer Weise fort "sie sind in Trauer und beerben die Ahnfrau in Edinburg."
Der Fremde schien nichts Unerwartetes vernommen zu haben; er frug ohne Erwiederung fort: "Und findet sich Niemand zum Empfange von Fremden? Haben denn Alle das Schloss verlassen?"
"Diener genug, Zimmer genug aber die Essen rauchen nicht, und der Herrenraum ist leer."
"Und doch erwarte ich, dort einen Fremden zu finden, der das Schloss nicht verliess, wie ich weiss, und fur den sicher Sorge getragen ward."
Die Wirthin blickte jetzt zuerst auf, und indem sie die Hand uber die Augen hielt, uberliefen ihre Blicke schnell und prufend den Fremden sie schwieg nach dieser Bewegung und blickte wieder vor sich hin.
"Nun, konnt Ihr mir nicht sagen, ob ein solcher Bewohner im Schlosse zu finden ist?"
Eine Bewegung zwischen Lachen und Hohn verunstaltete augenblicklich das Gesicht der Frau; dann stand sie mude auf, ergriff einen Kienspahn, den sie uber das Feuer hielt, und erwiederte, schon im Abgehen: "Die Abtei ist gross, der Heerd versorgt, und fur Jugend und Mussiggang ist der Tag zu kurz! Wenn sie morgen lauten, wird's nicht umsonst sein Blumen wird Keiner streun die Krahen hacken den Rasen auf dem Kirchhofe, sie wissen, was fur Arbeit kommt nirgends war Rosmarin voller, als an der Abtei-Pforte. Aber noch wissen sie alle nicht, wie viel unter der schwarzen Decke Raum haben nur, wer in der Mondwende geboren ist, sieht das Gespenst. Ihr, denke ich, werdet es ihnen lehren!"
Es war, als ob ihre Gestalt im Abgeben wuchs; der flackernde Kienspahn, den sie trug, malte ihren Schatten riefengross an der Wand der Fremde fuhlte eine Beruhrung aus einer Welt, die er belachte und verachtete es half ihm nicht, dass er raisonnirend dies Weib unter die traumerischen Monosuchtigen versetzte, an denen Schottland reich ist; er konnte die Kalte und Erstarrung, die ihn befallen, erst nach einigen Minuten beseitigen, und es steht zu glauben, dass diese aussere Anregung mit einem ihm wohlbewussten Zustande seines Inneren zusammengefallen war.
Als die Wirthin wiederkam, war der eben hervorgetretene Trieb verschwunden; gleichgultig zeigte sie ihm das frische Heu, was sie fur ihn aufgeschuttet, und er fand, mehr als er gehofft, zwei reine Decken daruber gebreitet.
Wir sollten billig erstaunen, dass der Reisende einen so festen Schlaf auf seinem Lager fand, dass er die Fruhstunde der Abreise versaumte und erst erwachte, als ein kleines Madchen, welches sich neugierig uber den Schlafer gebogen hatte, ausglitt und, queer uber sein Gesicht fallend, jetzt in Schreck und Angst gesetzt, ein lautes Geschrei ausstiess. Das gegenseitige Aufraffen brachte die vollstandigste Ermunterung des Gastes hervor und er musste sich bald uberzeugen, dass ausser dem eben so kleinen Buben, der die schreiende Schwester wegfuhrte, er der einzige Anwesende im Hause war. Sein Pferd war gesattelt und an die Thur gebunden auf dem Esstische stand eine Schale mit Milch und Brot daneben, und selbst die Bewohner der Stalle waren verschwunden. Es kummerte ihn wenig, und schnell gerustet, legte er ein Geldstuck neben das gut befundene Fruhstuck, und bald sehen wir ihn auf dem Rucken seines ausgeruhten Pferdes die Hohe erreichen, von der aus der See mit dem Schlosse von Stirlings und daruber die machtigen Thurme der Abtei sichtbar wurden.
Er schenkte diesem wahrhaft bezaubernden Gemalde wenig Theilnahme, obwohl die Sonne in der spateren Stunde hervorgetreten war und es zu verklaren schien; den See mit seinem dunklen, ruhigen Spiegel hatte sie noch nicht erreicht, aber die Thurme der Abtei und die Wipfel des rund herum ausgebreiteten, vom Herbste bunt gefarbten Waldes erleuchtete sie mit einem Glanze, dass die majestatische Schonheit von Beiden imponirend die Seele erfassen musste. Aber der Mensch legt in jedes Bild der Aussenwelt hinein, was in seinem Innern vorherrscht.
Der Fremde dachte, indem er den Zugel seines Pferdes nachdenkend anhielt, wo er am schnellsten dies gute Thier unterbringen konne, um alsdann unbemerkt und zu Fusse das Terrain naher zu umschleichen, wohin seine Gedanken nur in e i n e r Beziehung gerichtet waren. In demselben Augenblick erhoben die Glocken ihre harmonischen machtigen Stimmen und der See schien aufzuwallen, als hobe sich seine ruhige Tiefe den heiligen Klangen entgegen; um die Wipfel der Walder lief ein leises Rauschen, und sie bogen die riesigen Haupter, als kame der Morgenwind, den sie begrussten, mit dem Klange der Glokken.
Und der Fremdling horte ihren Ton, um sich zu erinnern, dass das Weib in ihrer weitsichtigen Redeweise darauf hingedeutet, als ein Ereigniss verkundigend die letzte Mahnung an sein Gewissen ward von dem festen Beschluss eines gegen hohere Einflusse gesicherten Herzens uberhort. Er benutzte die erste Hutte am Wege, um dem mussig davor kauernden Knaben die Zugel seines Pferdes zuzuwerfen, und es unter dem breiten Schatten eines Ahorns gesichert haltend, nahm er den Rath uber den kurzesten Weg nach der Abtei-Kirche von dem Knaben an, uberschritt die heilige Schwelle derselben ohne Bedenken und barg sich, dem Hochaltare gegenuber, in einem hochbelehnten Chorstuhle, der nichts, als ihn selbst, der Beobachtung entzog.
Der Fruh-Gottesdienst war beendigt bis zum Segen, der so eben mit einer tiefen, bewegten Stimme uber die Anwesenden gesprochen ward. Der Greis, der den Hochaltar bediente, stand in der Verklarung eines Apostels da seine Augen ruhten einen Augenblick auf der kleinen knieenden Gemeinde aber dann suchten sie, wie seine Seele, den Himmel, und als sie sich erhoben, ruhte der Glauben drinnen, der Berge versetzt und er sagte mit diesem Blicke zum ganzen Leben: Es ist in Deiner Hand!
Die Gemeinde verliess die Kirche, und der Fremde, den wir begleiten, wurde vielleicht gefolgt sein, da es schien, als habe er hier nichts mehr zu thun hatte ihn nicht der wunderbare Greis mit ahnungsvoller Neugierde gefesselt. Er hatte auf den Stufen des Altars seine muden Kniee gesenkt, und unter dem Schatten seiner weissen Locken hing der Kopf in betender Demuth auf der gebeugten Brust. Der scharfe Beobachter hatte hier bald eine ungewohnliche Gemuthsstimmung erkannt, und seine Augen suchten unruhig nach der Ursache.
Ein alter Diener der Kirche zeigte sich endlich er verschloss den Ausgang nach dem Wege, den die Gemeine gegangen, und offnete gegenuber eine grosse Bogenthur, welche den Wald mit seinen Buchensaulen und seinem schimmernden Rasenteppich in solchem Glanze der Sonnenglut zeigte, dass er ein blitzender Edelstein erschien in der kunstreichen Fassung der schonen architektonischen Thurwolbung. Weiter fuhr der Alte fort, mit leisem Schritt einen Teppich zu entwickeln, den er von der Schwelle an bis zum Hochaltar ausbreitete, und belegte die untern Stufen des Altars mit zwei Kissen. Er war jetzt nicht mehr allein; eine junge Frau in stattlicher landlicher Kleidung war aus dem Walde zu ihm getreten, sie trug in ihrem Arme Blumen, wie der Herbst sie noch sammeln liess, und ordnete sie kunstreich auf dem Teppich und um die Stufen des Altars.
Die Nahe des betenden Greises schien beiden ein ehrfurchtsvolles Schweigen aufzulegen, und die Thranen, die aus den Augen der jungen Landfrau, wie aneinander gereihte Perlen, flossen, wurden alle leis in einem Tuch aufgefangen, und jeder Laut der kampfenden Brust unterdruckt. Dann verliess sie nach Beendigung ihrer Ausschmuckung die Kirche, und der alte Kuster erschien nun im vollen Schmucke seines rothen Chorrockes, und nahm in ehrfurchtsvoller Erwartung an dem Eingange der Thure Platz.
Es war kaum moglich einen grossartigern Eindruck zu empfangen, als hier in der Wirkung von zwei gleich erhabenen Erscheinungen lag, die, so verschieden, doch eines inneren Zusammenhanges nicht entbehrten. Der Wald zeigte mit dem riesenhaften Baue seiner Buchenstamme und seinen hochgewolbten Aesten, dass die Natur in ihrer unendlichen Schonheit die Lehrmeisterin des Menschen war, und die Bewunderung, die sie in der Seele desselben zu wecken wusste, die Pfeiler in Marmor und Stein heraufwachsen liess, und sie wie Laubwerk geformte Bogen uberwolbte, eine kuhne, erhabene Nachbildung des NaturHeiligthums, woraus die Andacht mit den wachsenden Schatzen sich retten wollte gegen den unerbittlichen Wechsel der Jahreszeiten.
Wer durfte zweifeln, dass der Wald, der in seinem vielhundertjahrigen Alter auf jede in seinem Bereich entstehende Schopfung niedergeschaut, die Seele des Kunstlers erfullt habe, der Pfeiler steigen liess und Bogen ineinander schlang, als habe die Natur in ihrer harmonischen Schonheit den harten Stein mit dem Leben der Vegetation durchdrungen, und, die sehnsuchtige Inbrunst des frommen Bauherrn erhorend, sich den Schmuck ablauschen lassen, womit sie in ihrer verschwenderischen Mannigfaltigkeit immer anders, immer schon und doch im grossartigen Zusammenhange zu schaffen versteht. Es war e i n Dom in den andern hineingewachsen, oder eine Kapelle in dem himmelanstrebenden Dome der Natur, der sie von allen Seiten umschloss.
Und aus diesem grossen Dome der Natur uberschritten jetzt zwei Wesen die Schwelle der Kapelle, leicht getragen von Jugend und Schonheit klar in dem holden Schein einer Andacht, die ihnen Heiterkeit und Entzucken gab, und so leise und ehrfurchtsvoll nahend, wie Engel den Dienst des Herrn erfullen mogen. Das Madchen hatte den bedeutungsvollen Kranz uber den Schleier gesetzt, die vollen Locken, die wie ein Heiligenschein in dunkler Fulle mit goldenen Lichtern das himmlische Antlitz umsaumten, schienen sich so warm und lebendig hervorzudrangen, als begehrten sie den fremden Schmuck zu entfernen und man hatte versucht werden konnen, die Flugel zu suchen, die dieser kindlichen Jungfrau den leichten Fuss verliehn, der unter dem langen weissen Gewande wie ein Hauch uber den Boden glitt. Die Blumen, die auf ihrem Wege lagen, schienen ihre Gespielen, die sie lachelnd wiederfand sie neigte sich wie eine Nymphe und hielt schon eine weisse Aster in der Hand, welches die junge Frau, welche sie gestreut und jetzt an der Seite eines Landmannes ihr folgte, nur mit der Freude sah, die sogleich in Thranenstromen sich ergoss. Aber auch der Jungling, der im heil'gen Entzucken an den Fingerspitzen das Engelsbild zum Altare fuhrte, wie war er schon geworden, und jung und unschuldig und fromm! Das grosse Leben der Hofe hatte ihn vergeblich vollenden sollen nach der Sitte der Welt die Liebe hatte ihn umgeformt, das Erlangte passte nicht in die Unschulds-Welt, in die sie ihn fuhrte, und war vergessen, und die Spuren verwischt aus dem menschlich verklarten Antlitz auf den Stufen des Altars.
Der betende Greis ahnete die ehrfurchtsvll hinter ihm Harrenden. Er fand, als er sich aufrichtete, die beiden Hande zu seiner Unterstutzung, die er sogleich vereinigen wollte. Kindlich knieten sie dann vor ihm nieder, und er blickte sie an. Vielleicht waren sie damit eingesegnet und vor Gott vereint; denn der Blick eines Vaters in der Segensfulle zartlichster Liebe muss alle Funktionen der priesterlichen Weihe umschliessen, ja, sie fand daher vielleicht ihren Ursprung. Doch durchdrungen von diesem, ihrem wahren Sinne, ward die Weihe des Priesters wirklich ein hoherer Segen, welcher die Empfangenden mit heiligendem Feuer beruhrte und den Greis uber die Gewalt des beugenden Alters, uber die Weichheit irdischer Betrachtung emporhob zum Gottgeweihten Priester, zum Wiedergeber des gottlichen Segens, den er empfangen.
Der grosse Moment war voruber. Der Vater druckte noch vor dem Altare beide junge Leute an seine Brust, und legte dann ruhig die Tochter in die Arme ihres jungen Gemahls. Der Kirchendiener breitete indessen auf dem Altar eine Schrift aus, der sich Alle naherten, die selbst von den beiden landlichen Zeugen mit einer ihnen moglichen Unterschrift oder Zeichen versehen ward, und die der Kirchendiener dann wieder zusammenschlug und den Voranschreitenden nachtrug. Dies Mal fuhrte der Geistliche das junge Paar an beiden Handen, als wolle er sie so der Welt, der sie nunmehr verfallen waren, entgegen fuhren.
Schon lange hatte die lautloseste Stille in den eben so belebten Raumen ihre alte Wohnung genommen, und kein wichtigeres Ereigniss blieb zu erwarten nach dem eben vollbrachten; auch war es nicht die Hoffnung d a r a u f , die den Fremden noch an seinen Platz fesselte sondern sich selbst gonnte er eine aussere Ruhe, die er hier vollstandig fand, und deren sein, von dem Vorhergegangenen fast uberfullter, Geist benothigt schien. Er hatte hier, indem er diese ganze Ceremonie zugelassen, eine Stellung genommen, uber die selbst sein rascher Geist nicht gleich die vollige Klarheit gewann, denn er konnte sich nicht verhehlen, dass nicht allein sein boser Wille das Ereigniss zugelassen, sondern dass das Ereigniss s e l b s t mit seiner klaren, bestimmten Folge, welches das, was er ergrunden wollte, ausser Zweifel und abgeschlossen vor ihm hinstellte, ihn zu einem willenlosen Zeugen gemacht hatte, was er jedoch, wie es ihm erschien, niemals wurde eingestehen wollen. Auch war das nachste Resultat der Selbstberathung, so unbemerkt, als moglich, fur den heutigen Tag den Ruckzug zu nehmen und erst am andern Morgen anzukommen. Nach diesem Beschlusse blickte er lachelnd auf die Karten, die, zu seinen Gunsten gemischt, alle Farben enthielten, und die nur die Hand des geschickten Spielers zu erwarten schienen.
Auf wenige Augenblicke hatte sich am andern Morgen der Graf von Crecy von seiner jungen Gattin getrennt, um in Schloss Stirlings seine vielleicht auffallend werdenden Angelegenheiten zu motiviren, als seine Worte daruber von dem alten Haushofmeister unterbrochen wurden, der ihm die Meldung eines Fremden machte, der, aus Paris angekommen, den Herrn Grafen zu sprechen wunsche.
Als ob einem suss Traumenden eine kalte Hand auf die Stirn gepresst wurde, so erschutterte diese Nachricht den jungen Mann. Ein Hauch aus jener Welt, die der seinigen nur widersprechend entgegen treten konnte, schien den Schmelz zu zerstoren, der so zart wie der Duft einer Blume, dem armen Menschenherzen nur bei dem ersten frischen Entfalten eines Glukkes zu Theil wird und, eben so schnell zerstort wie entstanden, die Sehnsucht danach allein zuruck lasst. Erschrocken, ahnungsvoll und durchaus ohne Fassung fur eine schnell hereinbrechende Katastrophe, die er selbst einzuleiten gedachte im Laufe der Zeit und seinem jetzigen Glucke noch aus dem Wege geruckt glaubte, fuhlte er sein Nachdenken erlahmt, und es trat die dann so naturliche Hast ein, womit wir uns den Befurchtungen entgegen sturzen, dunkel hoffend, von ihren Anforderungen die erschreckten, erlahmten Krafte wieder zu gewinnen.
"Wo, wo?" rief der junge Graf, und der Ton seiner Stimme klang, wie die zerreissenden Seiten eines Instruments "wo ist der Fremde, der mich zu sprechen wunscht?"
Der alte Haushofmeister schlug bloss die Augen auf und verneigte sich, der Graf blickte sich um und der Marquis de Souvre stand vor ihm.
"Grosser Gott, Ihr selbst!" rief der Graf und uberliess es dem Andern, die Auslegung dieser Worte in seinen bewegten Zugen zu suchen "ist es moglich! Was fuhrt Euch aus Paris hierher in diese Einsamkeit, an diesen fur Euch so freudenlosen Aufenthalt?"
Der Marquis schien sein ewig blasses Antlitz zu noch grosserer Blasse gezwungen, die scharfen, nach Innen gesenkten Zuge noch fester verschlossen zu haben, und die Festigkeit, womit er, von dem jungen Grafen einige Schritte entfernt, Platz behielt, zu benutzen, um diesem die ganze Ansicht einer eisernen Personlichkeit zu gewahren. "Ihr habt Recht, Herr Graf, mit den Bezeichnungen dieses Aufenthalts, und ich kam bloss, um zu erfahren, was Euch unter solchen Umstanden mit diesen Mangeln auszusohnen vermochte, oder in wie fern ein so weit getriebener Gehorsam gegen die fruheren Wunsche Eurer Frau Mutter sich von ihrem durch ihre Liebe gesandten Boten bewaltigen lassen."
"Ach, Marquis, wie viel Gute! wie soll ich Euch danken! Ihr selbst, Ihr, das Schoosskind von Paris, uber das Meer durch die wilden Bergpasse Schottlands, ohne Eure Gesellschaften, ohne Eure Beschaftigungen wie sehr fuhle ich mich als Euer Schuldner!"
Es war eine Hast, eine Ungeduld in der Aufzahlung der anerkannten Verpflichtungen, die den Marquis de Souvre keinen Augenblick zweifeln liessen uber die beinahe verzweifelte Stimmung, womit der junge Mann sich so zur ungelegenen Zeit von ihm uberschlichen sah, und es schien ihm der Augenblick gekommen, mit einem sicheren Verfahren diesen ganz in seine Gewalt zu bekommen. "Lassen wir das, lieber Graf!" sprach er in minder gemessenem Ton und zog ein abwehrendes spottisches Lacheln um seinen Mund. "Wir wollen und wir konnen uns nichts weiss machen, und Eure Lage, die, wenn ich nicht sehr irre, misslich genug ist, wurde, denke ich, sich nicht verbessern, wenn Ihr gegen mich die Rolle des Hoflichen spielen wolltet, da Ihr mich uber Eure wahre Stimmung keinen Augenblick tauschen konnt. Lasst mich hinzusetzen" fuhr er vertraulich fort, "dass Eure Dankbarkeit gegen mich in anderer Richtung vielleicht wahr werden kann, aber nicht fur den Augenblick, da Euch meine Erscheinung an eine ernstere Seite Eures Lebens erinnert und das romantische Schaferspiel zu unterbrechen droht, dem Ihr Euch hier ganzlich uberlassen."
"Ihr kommt an, lieber Souvre," rief der junge Graf, noch ein Mal einen Sprung in die Weite versuchend und das ihn so nah umzogene Garn uberspringend "in dem Augenblicke, wo ich mich zur Abreise zu rusten dachte. Uebermorgen wollte ich nach Edinburg, um mich dort vom Grafen von Gersey zu beurlauben."
"So!" sagte der Marquis gemessen "und darf der alte Freund Ihres Hauses fragen, ob Ihr diese Gegend als freier unabhangiger Mann verlasst, ob Ihr derselbe sein konnt in den Verhaltnissen, die Euch dort die zartlichste Liebe einer Mutter mit der klugsten Umsicht zu den grossten und ausgezeichnetsten Verbindungen vorbereitet?"
"Ja, Marquis, gerade als freier Mann denke ich dort wiederzukehren und wenn nicht alle klugen Plane meiner Mutter mehr erfullt werden konnen, denke ich doch die, welche ihre zartliche Mutterliebe fur mich hegen konnte, auf eine Weise auszufuhren, die vielleicht ihre eigenen Plane ubertrifft."
"Hofft das nicht!" sprach hier der Marquis mit Warme "hofft nicht, dass sie den leisesten Wunsch, den kleinsten Plan, den sie bis hieher nahrte und fuhrte, aufgeben wird zweifelt nicht, dass Ihr, in Widerstand dagegen tretend, einer ununterbrochenen Reihe von Leiden und Verfolgungen entgegen geht, die ein so edler Mensch, ein so guter Sohn, als Ihr, schwerlich ohne den Verlust seiner Ruhe bestehen konnte; denkt, dass, wenn Ihr hier Wunsche genahrt, wenn Ihr Schritte gethan, die Euch irgend einen theuren Gegenstand zum Schutze ubergeben, dann Eure Lage schwieriger ist, als Ihr ubersehen konnt und glaubt mir, dass ich genug davon unterrichtet bin, um fur Euch und Eure Zukunft zu zittern." Er hatte diese Rede mit einer Energie gesprochen, die ihr volles Gewicht dadurch bekam, dass sie Wahrheit enthielt. Er wusste sehr wohl, dass der junge Graf sie als solche empfinden musste und die Wirkung ihm denselben in die Hand geben werde. Wir wissen es, wie er gegen den Einfluss dieser Ueberzeugung angekampft, in welchem vollig fremden Gegensatze die Welt seiner Mutter zu der seiner Liebe ihm erschienen war, und wie jene nur endlich besiegt zuruck wich, da ihr augenblicklicher Einfluss fehlte, und diese ihn zugleich als Mensch vervollstandigte und veredelte.
Aber die Wahrheit, die der Marquis auszusprechen wagte, sie lag nur zuruckgedrangt in ihm und er fuhlte sie in ihrer ganzen Starke hervortreten, und mit ihr den Ernst seiner Lage ach, den er so gern diese wenigen Tage noch von sich abgelehnt hatte! Der Blick, der, aus seinem Innern hervortretend, seinen ganzen tief und leidend bewegten Zustand verrieth, hatte an keinem menschlichen Herzen ungeruhrt voruber streifen mussen der Marquis bestimmte blos danach die erreichte Wirkung einer Worte.
"Es ist vergeblich" rief der junge Mann, von dem plotzlich erregten Sturm erschopft in einen Sessel sinkend, "Euch die Lage, in der ich bin, und meinen Seelenzustand zu entziehn! Gott gebe Euch den Willen und das Herz, mir beistehen zu wollen, da es gewiss in Eure Macht gegeben ist."
"Haltet ein, lieber Graf, mit einem zu schnellen Vertrauen und bedenket wohl, ob das, was Ihr mir sagen wollt, nicht bloss m i c h durch seine Kenntniss in Verlegenheit setzen wird denn, wenn ich gern Frieden stiftend einschreiten will, so vergesst doch in diesem Augenblicke nicht, dass ich mich mit Wort und Ehre gegen Eure Mutter verpflichtet habe, uber Euer unlaugbar auffallendes Betragen Euch selbst zu befragen und Euch mit meiner vielleicht grosseren Lebenserfahrung beizustehn, wenn Eure Jugend Euch auf irgend eine Weise verwickelt haben sollte. Daher mein lieber Freund ich warne Euch vor mir, ich bin der Agent Eurer Mutter, ich muss redlich bleiben gegen sie und damit, denke ich," setzte er lachelnd hinzu, "auch gegen Euch!"
"O!" rief der junge Graf mit unschuldigem Enthusiasmus "wie erkenne ich die Sprache eines Ehrenmannes in Euch! Wie tief fuhle ich eben, Ihr, gerade Ihr thatet mir Noth! Vergebt, dass die schmerzliche Ueberraschung des ersten Augenblicks, die mich in Euch nur die Storung des seligsten Erdenzustandes erblicken liess, mich Euch kalt und ohne Haltung gegenuber stellte innig bereue ich es jetzt, und gut will ich es machen, wenigstens durch unbedingtes Vertrauen!"
"Ich bitte Euch, mein lieber Graf, haltet ein! Ich habe nichts in Eurer Weise vermisst, weil ich nichts Anderes erwartet habe; auf irgend eine Art musstet Ihr darauf ausgehn, Eure Verhaltnisse zu uns los zu werden, das war mit halbem Blicke zu ubersehen, und die Erinnerung daran durch meinen Anblick konnte nicht erwunscht sein."
"Nein, nein, bei Gott im Himmel, nicht los wollte ich mich von meinen alten, und mir gewiss heiligen und theuren Verhaltnissen machen was ich empfinden lernte, hat mich nur mit festerer Ehrfurcht an Alles gefesselt, was die Natur in jenen Verhaltnissen mir schenkte; nur in Uebereinstimmung trachte ich durch langsam schonendes Vorschreiten die Widerspruche auszugleichen, die, aus verschiedenartigen Lebensverhaltnissen entstehend, hier moglicher Weise die edelsten Menschen, jeden auf seinem Standpunkte in gleichem Rechte, zu entfernen vermochte, ohne mein vorbereitendes vermittelndes Einschreiten."
Der Marquis zuckte die Achseln leise und wie sich verbeugend, und in seinen niedergeschlagenen Augen war keine Entgegnung zu lesen.
Bei weitem muthloser fuhr der junge Graf fort: "Was ich Euch zu sagen wunsche, wird Euch allerdings uberraschen so vorgeschritten, so abgeschlossen werdet Ihr die wichtigsten Verhaltnisse meines Lebens nicht wahnen." Das Herz stand ihm hier still vor der wichtigen Entdeckung. Er hielt inne. "Aber haufig thun wir in dem Augenblicke der Entmuthigung, wo uns die Dinge in bedrohlicher Zudringlichkeit nahe rucken, und wir zwischen dem Wunsche, ihnen zu entrinnen, und dem, sie zu beendigen, mitten inne stehen, einen verzweifelten Sprung gerade hinein welches leicht den Anblick eines kraftigen Entschlusses gewahrt und oft, so weit davon entfernt, bloss das Uebertrennen der inneren Schwachen verrathen konnte!" Der junge Graf war gewiss mehr im letzteren Falle, als er, plotzlich heftig aufspringend, mit lauter Stimme dem Marquis zurief: "Ich bin vermahlt! vermahlt seit gestern fruh!"
"Unglucklicher!" stohnte der Marquis, sein Gesicht verhullend, als erschutterte und uberraschte ihn die Mittheilung dessen, was er selbst mit angesehen.
"Unglucklicher?" rief der Graf jetzt "Unglucklicher? O, sagt lieber: Glucklicher! Glucklicher, als ich es je ahnete und traumte, glucklicher, als ich es ahnen konnte, da mir der Sinn erst erweckt werden musste fur ein solches Gluck durch dies Gluck selbst! Glucklicher, mein Freund, als Ihr es kennt und zu bieten habt in Euren Pallasten, unter Euren Festen, in Euren getraumten Vorzugen, Begunstigungen und Besitzthumern ein Gluck, mein Freund, so gross, so heilig, so veredelnd, dass, wem es einmal die Brust erweitert, wem es einmal, wie die Glorie eines hoheren Lebens, die Stirn beruhrt eingeweiht ist unter die Begunstigten des Himmels, und bliebe es ihm nur als Geschenk eines Augenblicks, beruhrte es ihn nur, wie der Duft einer Blume!" Er hatte sich leicht geredet, mit dem Gestandniss war der Schatten verjagt, und seine Seele fand Kraft, das Entzucken auszudrucken, das noch in voller Starke ihn beherrschte. Aber wem gab er in jugendlicher Kurzsichtigkeit dies Paradies seines Herzens hin einem Feinde, der vor Allem mit brennenden Neide fuhlte, dass dieser von ihm so verachtete Jungling aufs Neue ein Gluck gefunden hatte, was seine Seele bis zur Begeisterung erhob. Gleich war es, was er gefunden, i h m als ein solches erscheinen konnte, und hatte er es noch so tief verachtet, hatte es kein Lacheln uber ihn zu erzwingen vermocht, es war genug, dass es diesem ewig glucklichen Thoren so erschien, um es ihn mit bitterem Zorne beneiden zu lassen. Wie fern schien ihm der Augenblick, wo er endlich jenen dem Leben verfallen sehen, wie ferne, wo der Gunstling ausserer Vorzuge sich ein Bettler fuhlen sollte!
Der Graf war kein Physiognomiker, er verstand die jahen Blitze nicht, die das Gesicht seines Gefahrten uberzuckten, und dieser gab der Beobachtung nie lange Zeit zu Entdeckungen.
"In der Stimmung, worin Ihr seid, mein lieber Graf," hob er so nuchtern und kalt an, als habe er selbst auch nicht den entferntesten Antheil daran "wurde es ein mussiges Geschaft sein, Euch uber die nothwendig entgegengesetzte Seite, die Euer Gluck haben muss, die Wahrheit aufzudecken. Ihr habt mir jetzt entweder zu viel oder zu wenig gesagt, Ihr musstet entweder auch gegen mich schweigen, oder Ihr musst mir jetzt mehr sagen, denn so kann ich Euch nur schadlich werden, und so ungern ich mich mit den Geheimnissen Anderer belaste, dem alten Jugendgefahrten gegenuber darf ich mich der Last nicht entziehen."
Der unschuldige junge Mann eilte in die sprode Umarmung des Marquis, und legte ihm dann ein Gestandniss ab, worin der ganze Inhalt sich auf Gefuhle bezog so ohne Thatsachen, so ohne Gewicht, ohne Gehalt in den Augen des Zuhorenden, eine so alberne Schafergeschichte, dass er seiner ganzen Selbstbeherrschung bedurfte, um nicht in Lachen auszubrechen, und welche ihm nur dann wichtiger ward, wenn er sah, wie auch diese K i n d e r e i das Herz des Erzahlenden so uberschwanglich begluckt hatte, und die sich aus ihrem Nichts nur dann erhob, wenn er bedachte, wie das von ihm so geschickt zugelassene Ende des Schaferspiels die verderblichsten Verwickelungen uber seinen Gegner bringen musste.
"Sie ist mir nun furs Leben gesichert," schloss der junge Graf seine ruhrende Erzahlung, "und obwol es mir das Herz bricht, sie jetzt verlassen zu mussen, ich fuhle die Nothwendigkeit davon und werde sie ja nur verlassen, um ihre Zukunft vorzubereiten. Ich werde meine Majorennitat, die Uebernahme von Ste. Roche abwarten und dann meinen theuren Aeltern meine Vermahlung eingestehen. Ich tausche mich nicht, es wird keine angenehme Nachricht fur sie sein aber wenn sie den Engel sehen werden, den ich ihnen zufuhren kann, dann werden sie Alles begreiflich finden, und da Fennimor's Vater einer vornehmen Familie als jungster Sohn angehort, so ist auch ihre Geburt keine Beleidigung fur dieselben. Als meine rechtmassige Gattin bleibt Fennimor hier vor den Augen der Welt noch so lange verborgen, bis der Fall eintritt, dessen Moglichkeit uns zu diesem Schritte bewogen, und wenn Gott ihr durch den Tod ihres Vaters die sichere Heimat raubt, begiebt sie sich alsdann unter dem Range meiner Gemahlin, der all ihren Schritten die anstandigste Freiheit sichert, nach Frankreich und ich fuhre sie nach meinem Eigenthume, nach Ste. Roche, bis meine Aeltern mir erlauben, sie ihnen vorzustellen."
Was hatte der Marquis dagegen zu erinnern gehabt! Hatte er doch selbst es nicht kluger einleiten konnen, um die freiste Hand fur die Umstaltungen zu gewinnen, die dieser leichte, rosige Himmelsweg erleiden musste; und mit vermehrter Verachtung gegen den Knaben, der unklug und spielend das Leben nach seiner Laune zu leiten dachte, und so blind fur die Hindernisse war, die sich riesengross ihm entgegenstellten, hatte er ihn vielleicht zu gering fur seine Machinationen gehalten, hatte der Neid ihm nicht einen geheimnissvollen Reiz verliehen. Freundlich lachelnd stand er daher auf, und den gluhenden Erzahler auf die Schulter klopfend, rief er: "Und welche Rolle habt Ihr mir dabei zugedacht? die des Verrathers gegen Euch oder gegen Eure Mutter, die mir ganzlich vertraut?"
"Die des theilnehmenden, liebevollen Freundes gegen uns beide!" rief der Graf vertrauungsvoll. "Seid der, der einst, wenn ich mein Bekenntniss ablege, vortreten kann und sagen: 'Vertraut ihm, ich kann Zeugniss ablegen, denn ich selbst sah den Engel, den er Euch als Tochter zufuhrt.'"
"Seid sicher, Graf," entgegnete der Marquis lachend "dies Zeugniss wird Euch wenig fruchten. Wenn dieser Engel nicht unter dem heiligen Scheine einer Fursten- oder Grafen-Krone vor Eure Mutter treten kann, wird sie ihr immer die unwillkommene Tochter sein doch fur mich ist hier mit dem besten Eifer, den Wunschen Eurer Mutter gemass, nichts mehr zu thun und zu andern, und diese Ueberzeugung macht mich fur den Augenblick zu einem willenlosen Werkzeuge in Eurer Hand."
"Nun, so folgt mir denn! Diese Hand soll Euch in eine Welt fuhren, die Euch mit Staunen und Entzukken erfullen wird, und wofur Ihr in der Euren keinen Maassstab, keine Aehnlichkeit finden konnt."
"Das glaube ich selbst!" erwiederte der Marquis gedehnt, und Beide verliessen das Schloss, um sich nach der Abtei zu begeben.
Die junge Frau sass unter den hohen Schattengewolben des Buchenwaldes in dem weichen Moose, welches ihre Leonin zu einem kleinen Sitz angehauft hatte, und in ihr war, uber alles Erlebte hinweg, nur der eine einzige Gedanke, dass Leonin abreisen werde. Der schone Nacken, mit dem gedankenschweren Haupte war vorn ubergebeugt, und die zarten Finger lagen in einander, als waren sie im Gebete vergessen, in einem Gebete, das nur lautes Reden mit Gott war uber ein unaussprechliches Weh, das er ihr auferlegte, woruber sie ihn betend befrug, und ihm vorstellte, wie sie es nicht ertragen konnte. Ihr unschuldiges Herz straubte sich unter den ersten Wunden des Schmerzes, sie dachte immer: da wird es Gott plotzlich wenden, wenn ich ihn bitte. Sie sass, als ob sie auf ihn wartete, und sehnte sich nach ihm mehr, als nach dem Geliebten, denn sie wusste ihn damit einbegriffen, wenn Gott d a s sendete w a s , das musste eben Gott wissen, weil sie es nicht finden konnte; nur jedenfalls musste es nicht Trennung sein. So erschrak sie fast, als Leonin fruher aus den Baumen hinter ihr hervortrat, als sie das Erbetene von Gott erhalten. Ihre Wunsche erfullten sich bisher in dem Kreislaufe ihres Lebens von selbst, und ihr Gemuth war so milde geleitet worden, dass sie es nicht wusste, wenn ihr der Vater leis ein oder den andern Wunsch hinweg nahm, und indem sie that, was er wollte, schien es ihr immer eine Erfullung des Selbstbegehrten. Es gehorte zu dem patriarchalischen Pathos ihrer Erziehung, ihrer Gemeinschaft mit der heiligen Schrift, ihrem wichtigsten Geschichtsbuche, dass Gott eine redende Person fur sie war, der Erzvater, zu dem sie mit grossem Ernste sprechen durfte. Wie Abraham aus der Hutte trat und die Engel begrusste, die der Herr sandte, Sodom und Gomorra zu zerstoren; wie er mit ihnen liebreich hin und wieder redete, und ihnen die moglich dort gerecht Befundenen abhandelte, und sie ihm nachgaben, weil er nicht nachliess zu bitten so erschien ihr ein Jeglicher zu Gott gestellt, und sie fand sich in dieser Beziehung vollkommen sicher und berechtigt. "Ich will mich nicht von Dir trennen," sagte sie, als Leonin sich zu ihr setzte, und richtete sich ruhig, wie fur Lebenszeit, an seiner Brust ein, "und ich wartete eben auf Gott wie es werden soll."
"O," rief Leonin, "dass er uns den Ausweg sendete, der das Harteste von uns abhalt, was uns treffen kann und doch sehe ich ihn noch nicht!"
"Ich auch nicht," sagte sie "darum muss er von dort her kommen, denn ich kann Dich nicht lassen! Aber was hast Du nur?" fuhr sie fort und richtete sich auf "Du hast ja was Fremdes! Was ist Dir? Du bist nicht so still es ist Dir was voruber gegangen?"
Erstaunt blickte Leonin sie an und bemerkte an ihrem unruhig forschenden Blick eine Bewegung, uber die er erschuttert ward.
Nachdenkend fuhr sie fort, als redete sie mit sich selbst: "Der alte Tobias sagt: Der Bose geht umher und macht erst ein Zeichen an dem, den er haben will, das kennt er wieder, wenn's auch noch so fein ist, aber die Engel merken es gleich und bemuhen sich, es auszuloschen mit ihren Thranen."
"Nun," lachelte Leonin und zog die sanft von ihm Abgebogene wieder an sich "wie fallt Dir das bei mir ein? Bemerkt mein Engel Fennimor ein solches Zeichen?"
"Still, still," sagte sie mit andachtiger Furcht, "nur die himmlischen Engel kennen das, und die behuten sehr lange die Menschen, damit es nicht geschehe." Sie richtete sich auf, und sah ihn so forschend und befremdet an, als suche sie das Zeichen. Er erhob sich nun auch lachelnd, das wunderbare Wesen betrachtend, und ihre Augen erhoben sich zu dem Aufgerichteten, als sie plotzlich den Baum streiften, der hinter ihnen stand, und sie entsetzt zusammen fahrend, an Leonins Brust sturzte.
"Fennimor! Fennimor!" rief Leonin, ausser sich "was ist Dir, mein geliebtes Kind? Furchte Dich nicht, Du bist ja bei mir, an meiner Brust!"
"Die Schlange! die Schlange!" stohnte Fennimor, ihr Antlitz angstvoll verbergend "der Bose ist doch da!"
Fortgerissen von der phantastischen Erregung seines kindlichen Weibes, wandte er sich schnell um und sah noch, wie der Marquis de Souvre, der auf Crecy's Bitte nicht zugleich mit ihm hervorgetreten war, um Fennimor's Vorbereitung abzuwarten, den Kopf zwischen den an diesem jungern Baume noch niedrig hangenden Zweigen zuruckzog. Leonin konnte leicht denken, dass Fennimor, die in ihrer Bibel die Abbildung der Schlange hatte, die mit einem Menschenkopfe durch die Zweige des Baumes der Erkenntniss blickt, das bleiche, aschfarbene Gesicht des Marquis dafur angesehen hatte. Aber so naturlich die Erklarung war, so nah' es ihm lag, dem armen bebenden Kinde diese Auslegung zu geben ein unaussprechliches Gefuhl hatte seit Ankunft des eben so wunderlich verwechselten Mannes allen Lebensmuth in ihm niedergedruckt. Ein betaubendes Sinnen erfasste ihn, das Wesen noch schutzend in seinen Armen haltend, das von ihm allein das ganze Leben hoffte, und mit so leiser Ahnung die Beruhrung empfunden hatte, die er aus seiner alten, ihr so gefahrlichen Welt erlitten. So geschah es, dass er unentschlossen schwieg, sie sanft aufrichtend durch das Gefuhl seiner Nahe, seiner Liebe, seines Schutzes.
Fennimor vertiefte sich auch bald ganzlich in dieses ihr am verstandlichsten gewordene Gefuhl, und sagte bloss, angstlich aus ihren Handen mit den thranenschweren Augen zu ihm aufblickend: "Was war es denn?"
"Was ich versaumt habe, Dir gleich zu sagen, theure Fennimor! Ein Freund aus Paris, den ich im Schlosse auf mich warten fand, ein Freund, dem ich entdeckt, dass Du mein liebes Weib bist, und der nun kommt, Dich als solches zu begrussen."
"Ach nein, ach nein!" sagte Fennimor "das soll er lieber lassen, denn denn ich wollte lieber, ich brauchte ihn nicht zu sehn, da er der Schlange gleicht, vor der ich mich immer so gefurchtet habe."
"Das wirst Du nicht finden, wenn Du ihn naher kennst, gute Fennimor; denn davon behalt er nichts, wenn Du mit ihm reden wirst und ich mochte gern, dass Du zu ihm freundlich warst."
Fennimor schauderte leis zusammen, aber wie ein gutes gehorsames Kind strich sie die Locken von der Stirn und sagte mit unsicherem Tone: "Wenn Du es denn gern haben willst, da will ich mich nicht mehr furchten und will ihn geschwind sehen, damit es vorbei ist."
Dieser zartliche Gehorsam war so von der Angst beflugelt, dass Leonin mit innigem Mitleiden zu ihr nieder sah ach, und wie viel hatte er darum gegeben, sie den Blicken entziehen zu durfen, die sie so angstlich furchtete! Es war ihm, als konnte er sie nicht aus seinen schutzenden Armen lassen, als gehorte sie ihm nur so lange sicher, als jene Welt sie noch mit keinem Hauche beruhrte.
Aber sie selbst machte sich los, richtete sich auf und schaute den Baum an, der nichts zeigte; dann that sie einen Seufzer, an dem sie sich erholte, und entdeckte nun selbst den Marquis, indem sie in den Wald zeigte, wohin er, ihnen den Rucken zuwendend, zuruckgekehrt war. Beide gingen ihm nach Leonin eilte voran und als er ihn erreicht, blieb Fennimor stehen und sah ihn daher kommen neben ihrem Liebling und die Angst stieg in ihrem Herzen auf und sie sah, wie unahnlich sie sich waren und es wollte ihr unmoglich scheinen, dass sie zusammen gehoren konnten.
Aber Leonin lachelte ihr freundlich entgegen, das bezwang Alles in ihr, das weinerliche Gesichtchen hellte sich auf, und sie ging jetzt auch vorwarts. "Sie sind Leonin's Freund das ist recht schon und macht Ihnen gewiss viel Vergnugen;" sagte sie, leis grussend und das Haupt beugend, zum Marquis "wir wollen Sie zum Vater bringen, und Sie sollen von uns allen sehr freundlich gegrusst sein!" Jetzt athmete sie tief auf und suchte nach Luft, die mit einem Mal weg war und blickte auf Leonin, ob er mit ihr zufrieden sei.
Ach, wie hatte er nicht, da er wusste und in jedem schwerfalligen Worte fuhlte, wie gepresst ihr Herz war, und wie sehr sie sich bemuhte, ihm gehorsam zu sein. Ein Blick, der dies Alles enthielt, starkte mehr, als jedes Andere, ihr wunderlich gelahmtes Innere.
Der Marquis konnte wohl nicht eigentlich in Verlegenheit kommen, nur verweilte er sich lange bei dem Anblicke der nunmehrigen Grafin Crecy, und sie schien ihm unergrundlich schon, das heisst eine Schonheit, der es nicht gleich nachzuweisen, warum sie es war.
"Sie sind sehr gnadig," sagte er, sich tief verneigend, "Jemand willkommen zu heissen, der Sie, furchte ich, unangenehm erschreckt und das Gesprach mit Ihrem Freunde unterbrach. Lassen Sie mich hoffen, dass es mir spater gelingen wird, Sie mit diesem Eindrucke zu versohnen."
"Nicht wahr, Fennimor, Du bist schon wieder ganz ruhig?" rief Leonin, verlegen uber das Schweigen, womit sie die Worte des Marquis anhorte "hier in unserer Einsamkeit treffen wir fast nie auf einen Fremden. Sieh', liebes Kind, der Herr Marquis Souvre kommt von Paris von meiner Mutter."
Augenblicklich anderte sich Fennimor's ganzes Wesen. Aus ihrer Erstarrung erwachend und Alles uber diese Nachricht vergessend, schlug sie freudig die Hande in einander, und dem Gegenstande ihrer Furcht naher tretend, als sehe sie in ihm nicht mehr denselben, rief sie freudig aus: "O, sagt, sagt von unserer lieben Mutter, von der schonen, herrlichen Furstin Soubise? Kommt Ihr darum hieher? Soll ich gleich mitkommen? Nicht wahr, es ist ganz gleich, ob er majorenn ist oder nicht? Ihr wird das auch gleich sein. Leonin! Leonin!" rief sie, in ihren feurigen Combinationen jetzt an den Punkt gekommen, der alle uberbot "das das ist der Ausweg, Leonin! Dein Freund, den die Mutter schickt, der schon Alles weiss das ist der Ausweg, den Gott sendet!"
Leonin versuchte sie an seine Brust zu ziehen. Er wollte ihr den Ausdruck verbergen, der sein Gesicht einnahm, und der ihre Hoffnungen widerlegte, aber sie hielt ihn von sich und suchte mit leuchtenden Blikken die Antwort ihm abzufragen.
"So weit ist es zwar noch nicht, mein geliebtes Kind," sprach er sanft und traurig, "doch soll uns ein redlicher Freund, wie dieser, Trost und Rath ertheilen, und wir werden durch seinen Beistand leichter das Rechte finden."
"O thut das," sagte sie innig und tief bewegt, "o thut das! Seid uns ein redlicher Freund und lehrt uns, wie wir es machen mussen, um uns nicht zu trennen, denn das thut weher weher, als der Tod!"
Der Marquis konnte kaum das Zucken der Achseln hindern, womit er dies ihm so jammerlich erscheinende Schaferspiel vor seinen Augen gern begleitet hatte, und er verzeichnete nur zwei Dinge in seinem Gedachtnisse, ihre romantische Schonheit und Crecy's unverkennbar grosse Leidenschaft fur sie Hoffnung genug, ihm durch die Anspruche, die feindlich dieser Richtung entgegen traten, die Sicherheit des Glucks zu entreissen.
"Der Graf Crecy weiss, dass ich erst hier von dem Vorgefallenen unterrichtet ward die Frau Grafin hat keine Ahnung von dem Vorgefallenen, und ich kann nicht verhehlen, dass ihr vielleicht diese Nachricht mehr unerfreulich scheinen mochte, da sie bisher an das treue und vollstandige Vertrauen ihres Sohnes gewohnt war."
"Ach," sagte Fennimor tief seufzend, "da sprecht Ihr ein wahres, verstandiges Wort! Das hat mir immer vorgeschwebt aber ich wusste es nicht zu sagen, und muss mich jetzt recht wundern, dass es Dir und dem Vater nicht eingefallen ist. Die arme Mutter! Das hat gewiss keine Mutter verdient, und Deine Mutter am wenigsten." Sie hatte sich wahrend dessen in das Moos gesetzt, und unwillkurlich thaten es beide Manner ihr nach. Wie tief bekummert sah sie aus, und der Marquis war zu guter Menschenkenner, um nicht zu wissen, sie war die Betrugerin nicht; also der Vater schloss er sicher weiter.
"Die Umstande," erwiederte der Graf ernst, "haben Schritte nothig gemacht, die, wenn sie auch der Abweichung von einer ehrwurdigen Pflicht sich scheinbar schuldig gemacht haben, doch ihre innere Rechtfertigung nicht entbehren. Ich hoffe meine Mutter hievon zu uberzeugen, um so mehr, da sie einsehen wird, dass ich mir ein so seltenes Gluck, als Gott mir in Deinem Besitze zufuhrte, nur sichern konnte, wenn ich die ehrenvollsten und sichersten Mittel zu Deinem Schutze aufrief. Als meine Gattin kann ich Dich selbst allein stehen lassen, wenn meine nachsten Pflichten dies vorerst nothig machen, und dieser Rang wird D i r Freiheit geben, mir uberall zu folgen, und m i r das susse Recht, uberall Dein Beschutzer zu sein."
"Ach," sagte Fennimor, erquickt durch diese Worte "das wird gewiss Deine liebe, herrliche Mutter eben so einsehen; denn, wenn Du sprichst, dann fuhle ich immer, dass Du Recht hast, und bin um Alles ruhig. Nur das Eine, nur, dass wir uns trennen sollen, das, hoffe ich immer, wird nicht geschehen, weil es so sehr unnaturlich ist. Glaubt Ihr das nicht auch, Herr Marquis, und wollt Ihr uns nicht Rath geben, wie wir Alles thun konnen, was nothig ist, um dies Ungluck zu vermeiden?"
"Es stimmt vollkommen mit Eurer Unschuld und mit der volligen Unkenntniss der Verhaltnisse der Welt, wie mit den besonderen des Grafen Crecy zusammen, dass es Euch so schwer fallt, einzusehen, in welche Schwierigkeiten derselbe sich durch sein Verhaltniss zu Euch gesturzt hat. Seiner Liebe zu Euch, scheint es, ist es zu schwer gefallen, sie Euch aufzudecken, und vielleicht ist darum meine Ankunft eine rettende Auskunft zu nennen, wenn ich Euch Eure wahre Lage enthulle, deren geringe Zugestandnisse Ihr dann bald einsehen werdet oder doch unfehlbar Euer Vater, der wohl schwerlich aus Unkenntniss der damit herbeigefuhrten Schwierigkeiten die rasche Handlungsweise meines Freundes zulassen konnte."
"Ich muss Euch bitten, Marquis," hob hier der Graf mit beleidigtem Stolz an, "meine Gemahlin nicht unnutz mit den Thorheiten der Welt bekannt zu machen und ihre reine Seele durch die Ansichten zu truben, die dort als wichtig hervortreten; sie s o l l von ihnen nicht getrubt werden, und ich werde das Gluck meiner Verbindung nicht eher aussprechen, bis ich ihr dort die Wege geebnet und sie sicher gestellt habe gegen die abweichenden Anforderungen, von deren dort geltender Wichtigkeit sie, Gottlob, eben so wenig, als ihr verehrungswurdiger Vater eine Ahnung hat!"
"Nicht zu laugnen, dass diese naive Unkenntniss aller Verhaltnisse Euch bei dieser Dame und ihrem eben so unwissenden Vater ein leichtes Spiel gaben!" sprach der Marquis mit absichtlich kaum verhehltem Lacheln.
"Meint Ihr mit diesem Ausdrucke meine Vermahlung mit Miss Lester? wodurch sie fur Alle, die es wissen, rechtmassige Grafin Crecy ist?"
Der Marquis verneigte sich bloss, wie Jemand, der nichts erwiedern will, und als auch Leonin ungeduldig aufstand, sprach Fennimor ruhig und zutrauensvoll: "Wir wollen zum Vater gehen denn er versteht Alles am Besten, und wenn Ihr nicht einig seid, wie mir scheint, wird er Euch angeben, wir Ihr das machen musst."
"Ich weiss nicht," sprach der Marquis frostig, "ob es dem Herrn Grafen gemass scheinen wird, einen so unwillkommenen Gast, als mich, dort einzufuhren, wo er fur gut gefunden hat, Verhaltnisse unerortert zu lassen, die gerade ich, von seiner verehrungswurdigen Mutter gesandt, in Erinnerung bringen sollte."
"O," rief Fennimor lebhaft, "theilt uns Alles mit, was diese von uns so hochverehrte Mutter Euch aufgetragen hat, da seid Ihr," setzte sie lachelnd hinzu, "am rechten Orte von nichts hore ich so gern, wie von der schonen erhabenen Mutter meines Leonin's, und all ihre Verhaltnisse mochte ich eben gern wissen, denn Alles ist gewiss hoch-herrlich und erhaben an ihr."
Beide Manner schwiegen einen Augenblick vor Fennimor's unerschutterlich unschuldigem Vertrauen, und wenn Leonin fast mit Andacht den sicheren Frieden anschaute, mit dem sie allen nur zu verstandlichen Warnungen des unerweichten Marquis entgegen stand so konnte dieser, der ihre Sicherheit gleichfalls erkannte, nur mit bitterem Unwillen in diesem geringen, unberechtigten Wesen dieselbe Sorglosigkeit gewahren, die immer nur auf Gluck zahlt, den Gegensatz noch nicht kennend, und welches dieselbe Eigenschaft war, mit der ihn Leonin so bitter erzurnt hatte.
"Doch," setzte sie mit dem ernsten Pathos hinzu, der ihr so eigenthumlich war, "doch hatte ich mir immer gedacht, ein Freund, der daher kame, zeigte grossere Weisheit; denn Ihr sagt so wenig von den schonen Dingen, die man begreifen kann, dass sie dort geschehen, und dagegen viel Unverstandliches. Es muss dort ganz anders sein, auch die Sprache doch nicht wahr, Deine erhabene Mutter redet so schon, wie etwa mein Vater und Naima, die Schwiegermutter Ruth's, oder die Konigin Esther vor Ahasverus, oder wie die Konigin Elisabeth zu dem Volke? Ach, wenn ich sie nur erst sahe und horte! Wie habe ich mich immer gesehnt, eine erhabene Frau zu erblikken nach Gottes Willen."
"O," rief Leonin, aufs Tiefste geruhrt, "wer kann Dich horen und sehen, und nicht uberzeugt werden, Deine Welt sei die eigentlich menschliche Sphare, alles Andere eine Larve ein Trug eine elende Komodie, die der Natur des menschlichen Daseins Hohn spricht, und der Absicht Gottes!"
"Nein, nein!" sprach Fennimor hastig; "was sagst Du da? Du weisst ja, meine Welt, wie Du es nennst, ist noch eine ganz kleine, darum muss ich eben die andere dazu kennen lernen, wenn ich Gottes ganze Herrlichkeit begreifen soll und die Welt, worin Deine Mutter herrscht, die ist eben die grosse wichtige, wo die Konige leben und das Volk in den unermesslichen Landern! Darum denke ich an diese Mutter so gern, die mich umfassen wird und schutzend verbergen, wenn ich erbeben werde vor so viel Weite, Grosse und Gewalt."
"Versteht Ihr jetzt dies Wesen?" rief Leonin halb zurnend, halb entzuckt dem Marquis zu.
"Vollkommen!" erwiederte der Marquis mit einem Ausdrucke, der jede Auslegung zuliess "und ich uberlasse es Eurer eigenen Beurtheilung, welche Rolle i h r mit diesen Begriffen zufallen wird in E u r e r Welt und vor Eurer Mutter."
Leonin's Herz zog sich mit einem Schmerz und einem Unwillen zusammen, wie er ihn um so bitterer empfand im Gegensatze zu der Reinheit des jetzt erst hier erkannten Lebens, welches keinen Widerspruch gegeben hatte, weil die Meinungen der sich Gegenuberstehenden immer offen da lagen, und nur ein liebevolles Forschen um das gegenseitige Verstehen eintrat, was dann leicht gefunden war, und womit sich Alle befriedigten, selbst bei hervortretender Verschiedenheit.
Nichts giebt uns mehr das Gefuhl einer unubersteiglichen Schranke, als wenn wir mit unsern hoheren Ueberzeugungen vor Menschen treten, welche uns weder verstehen wollen, noch konnen, weil auf dem Wege, den sie verfolgen, sich nur die materielle Seite der Dinge offenbart.
Je freisinniger, je umfassender, je geistiger wir das Leben zu erforschen suchen je seltner sind wir fruhzeitig fertig mit Ansichten und Meinungen, denn nur das geringere Bedurfniss schliesst schnell mit dem kleineren Gesichtskreise ab. Wer mit weiterreichendem Streben den Weg beginnt, mochte nicht mit jenem Zustande tauschen, wenn er auch anscheinend in Vortheil setzt, den Dingen das Geheimniss des materiellen Gelingens, ihrer subjektiven Brauchbarkeit abfragt und mit diesem Inhalte eine beruhigende feste Stellung zu ihnen giebt. Aber es entsteht dann von jener Seite eine ironische Ueberlegenheit, die sich durch den sichtbaren Erfolg zu rechtfertigen scheint, die sich das Lob der Menge und ihre eigene Befriedigung sichert, und den begeisterten Forscher belacheln lasst, der in dem Leben, das sie so bequem handhaben, noch einen Geist entdecken will, dessen Flugelschlag er hort, und dessen Gemeinschaft er aufzufinden trachtet in demselben Leben, das sie in ihrer Auffassung schon ausgebeutet glauben.
Wenn wir mit dem Verlangen, verstanden zu werden, in die Kreise dieser Fruhfertigen gerathen, wird unsere fromme Unsicherheit verspottet, und wir haben Muhe, unser Selbstgefuhl zu retten, welches wir oftmals nicht durch Beweise vertreten konnen, da Geister sich nur citiren lassen, wo die Zauberformel verstanden wird. Rette sich, wer kann, bei Zeiten! denn der dornenvolle Weg zwischen Ergreifen und Verwerfen, zwischen Erkennen und Erblinden, zwischen Hoffen und Verzweifeln, den der sehnsuchtige Forscher wandelt, hat als Ziel, als Ideal aussohnende Ruhe in allen Erscheinungen der Erde, vor Augen; den grossen Zwecken gegenuber, vom Selbstgefuhle verlassen, imponirt ihm die materielle Ruhe, die ihm so sicher von jener Seite entgegentritt, und er wird ihre sich unterordnende Beute, oder er gerath in Zweifel, die sein hoheres Bedurfniss anfeinden oder es langsam zerstoren.
Leonin rettete sich nicht, obwol er die Hand fuhlte, die sich nach ihm ausstreckte, bereit, gleich einem Wachsbilde sein neu begonnenes Leben zu erdrucken; ein Schauer beschlich ihn, aber er war nicht geboren, das wogende Innere durch kraftige Gedanken zur Ruhe und Klarheit zu bringen; er liess unheimliche Anregungen sich mehren, ohne sie zur Rechenschaft zu ziehen, und wartete stets auf die Hand, die von Aussen kommen mochte, in ihm aufzuraumen. Und noch wachte ja sein guter Engel uber ihm und hielt ihn fest auf dem heil'gen Boden, wo ihm ein so reiches, tief gehendes Verstandniss geworden war.
Aber zuerst liess Fennimor seine Hand los, um allein nach dem schon sichtbaren Hause zu gehn; ihre ahnende Seele fuhlte die Gemeinschaft mit dem Geliebten verkummert durch den Fremden, der sich von ihren Vorstellungen nicht bezwingen liess.
Leonin genoss ihren Anblick, wie sie vor ihnen herschritt, und der Marquis prufte mit eifersuchtiger Scharfe ihren Anstand. Wie schwer ward es ihm, uber sie einig zu werden. Dieser kindliche, spielende Schritt, dieser gleitende Fuss, der noch nie fehl trat, oder die leichte Gestalt im unebenmassigen Takte bewegte, wo hatte sie es gelernt unter ihren hohen Baumen? Sollte er der Natur ein Recht zugestehen mussen, was hier nicht einmal vertreten ward durch den Ursprung hohen Blutes? Er zog sich zusammen vor jeder Combination, die ihn seinem festgeschlossenen Ideenkreise entfuhrte; aber dies Wesen streifte ihn wie ein Geheimniss, das sich nicht von selbst enthullen wollte, und er grollte ihr um so mehr.
Beide Manner folgten so, beherrscht von demselben Gegenstande, ihrem leichten Schritte Beide wussten sich aber nichts zu sagen, Jeder von der abweichenden Meinung des Andern uberzeugt und dennoch sicher, in der nachsten Zeit sich demselben noch nicht entziehn zu durfen.
So war Fennimor schon langer hinter den Thuren verschwunden, die von dem Wohnzimmer in den Wald fuhrten, ehe die langsam Folgenden diesen naher kamen, und schon kehrte Fennimor zuruck und offnete leis und mit Vorsicht die doppelten Flugel, zuruckschauend, ob die Strahlen der Sonne den Lehnstuhl erreichen wurden, auf dem jetzt der Greis sitzend zu sehen war, der, wie es schien, vom Schlummer gebeugt, das Haupt auf die Brust gesenkt hatte. Fennimor bemerkte die Nahenden nicht; in anderer Art angeregt, gab sie sich dieser Richtung ohne Theilung hin. Die Manner sahen sie vor dem Greise niederknieen und seine Hande fassen; sie schien sie erwarmen zu wollen und legte dann ihre flache Hand auf seine Stirn sie schauderte. "Du bist so kalt, mein Vater wache auf!" sagte sie leise und als er, der sonst von dem schwachsten Hauche ihrer Stimme erwachte, unbeweglich blieb da wiederholte sie den Ruf mit einem Tone, der von der Ahnung eines unermesslichen Weh's geschwellt war.
Leonin sturzte diesem Rufe nach in den Saal. Fennimor war aufgestanden, sie lehnte das schwere, widerstandslose Haupt des Vaters mit Muhe zuruck, und bestrebte sich, die beschattenden weissen Locken von der Stirn zuruck zu legen. Der Ausdruck von Eifer, von Sorgfalt und Liebe in ihren Zugen, war von einem Entsetzen beschlichen, welches sie starr blikken liess, und erbleichen; sie wusste noch den Namen nicht fur die Ursache, denn sie kannte den Tod nicht. Aber Leonin war fast ausser Zweifel. So pragt nur der letzte Bote an das Leben die Zuge der Menschen um; widerstandslos, in heitere Traume versunken, hatte er den Greis gefunden, und ihn leis hinuber gefuhrt, wohin seine kindliche Seele schon langst reichte, ohne durch irgend einen Kampf die Trennung zu verrathen, die schone Hulle selbst noch ehrend und ihr einen Abglanz der Verklarung des Geistes schenkend, der sie verlassen.
Fennimor sah ihren Vater so schon, so lachelnd, als schwebe der Segen noch fur sie auf den erblassten Lippen; sie fasste nicht, was geschehen war, und schauderte doch vor der verstandlichen Veranderung und der nie gefuhlten Kalte.
"Der Vater, der Vater!" sagte sie immer wieder "Leonin, der Vater!" Weiter fand sie kein Wort, die Ahnung stand dazwischen und hinderte jeden Versuch, ihr Gefuhl zu bezeichnen. Endlich liess sie die Hande ab von ihm und blickte Leonin an und dieser Blick fuhrte sie ihrem Schicksale naher, denn in seinen Zugen fand sie einen Schmerz, einen Jammer ausgepragt, der sie uberzeugte, er sahe mehr, als sie. "Ist er krank? ist der Vater sehr krank?" rief sie mit stokkendem Athem "sag', was fangen wir an?"
Er antwortete nicht, zog sie aber an seine Brust und fuhlte mit einer unbeschreiblichen Heiligung aller seiner Gefuhle, dass sie nur ihn noch auf dieser Welt habe. "Geh', Fennimor, rufe Emmy Gray der Vater ist sehr krank aber fasse Dich und denke, dass er mich gestern eingesegnet hat, dass ich Dir an seiner Statt Vater sein soll, wenn Gott ihn zu sich rufen mochte."
"Was sagst Du!" rief sie, verwirrt aus seinen Armen fahrend "Gott wird ihn aber jetzt nicht wollen nein, nein! Er lebte, wie wir in den Wald gingen es ist nicht lang' ich war ja nicht bei ihm er lebt! er schlaft! Grosser Gott, erbarme Dich! er schlaft! mein Vater, erwache! Gott, wo bist Du? Nein, nein, Du hast ihn nicht gewollt, mein Gott; denn ich bin ja bei Dir gewesen, Du gabst mir kein Zeichen!" So kampfte sie mit Todesangst gegen die Ueberzeugung, die sich ihr mit der Gewalt ihrer unverkennbaren Wahrheit aufnothigte, und erlag endlich den bloss noch in Worten ankampfenden Zweifeln, und sturzte plotzlich mit einem Jammergeschrei, der ihrem Herzen das erste Erfassen des neuen, entsetzlichen Schmerzes gab, uber dem Greise zusammen. Leonin kniete in Thranen neben ihr, und so fand der Marquis die Gruppe, als er endlich die Schwelle uberschritt.
"Dieser Heil'ge hat geendet!" rief ihm Leonin mit Schmerz gebrochener Stimme entgegen "Gottlob, dass sie mein Weib ist!"
Ob wir den Tod, wo er seinen himmlischen Stempel abgedruckt, aushalten konnen, das mochte die Probe sein fur manches im Bosen verhartete Herz. Sie stehen fest gegen die Erscheinungen der Welt, deren hoheres Misterium sie verlachen oder ubersehen, und wissen dessen Beziehung von sich fern zu halten aber der Tod ist die geheimnissvolle Macht, der sie sich nicht entziehen konnen, und haben sie auch die Brucke zerstort, die der Glaubige aus diesem Uebergange nach jener Welt baut und trotzen sie auch dem Leben die Ueberzeugung ab, es sei in ihm der Anfang und das Ende ihres ihnen selbst gehorenden Daseins ganz im Geheim erreicht sie doch das furchterliche Grauen vor dem tiefen Schweigen, worin die Natur ihr letztes geheimnissvolles Geschaft hullt, und sie konnen den Anblick des Todes nicht ertragen, der auf Einzelnen seine Zeichen zuruck lasst, als einen sichtbaren hoheren Fingerzeig.
So jahling ward der Marquis hier vor den gehassten Anblick gefuhrt, dass er fast zweifelte, ob es sein konne, und um alle Fassung gebracht, war es mehr Zorn, als Theilnahme, was ihn zu lebhaften Aeusserungen trieb, von Allen jedoch uberhort, bloss zur Nahrung seiner eigenen Stimmung.
Doch war dies Ereigniss bestimmt, Leonin zu der tiefsten Erkenntniss seiner ubernommenen Pflichten zu fuhren. Der Reif, den der Marquis mit dem Hauche aus der alten, lang gewohnten Welt in seine frisch duftenden Bluten gesenkt, er war zerronnen in Thranen heissen Schmerzes um den Verlust eines Menschen, wie er nur selten, unter den gunstigsten Conjunkturen zu reifen vermag. Leonin hatte ihn mit seiner durch ihn gereinigten Seele zu verstehen und zu lieben vermocht; er wusste, er fand nie seines Gleichen wieder, und er betrauerte seinen Verlust mit tiefster Wehmuth und starkte sein Herz fur die grosse Aufgabe, die Fennimor's Loos ihm nunmehr ubertrug. So neu auch alle Verhaltnisse, so gross die vorliegenden und die zu erwartenden Schwierigkeiten sein mochten, sein Herz ward sein Lehrmeister, und dies giebt immer den Rath, den wir befolgt sehen von denen, die uns lieben, und welcher den Verstand und die Erfahrung zu uberholen vermag, wenn es von einem wahren Gefuhl erfullt ist.
Daher konnte der Marquis auch nur die kurzeste Zeit Zuschauer dieser Verwandlung bleiben, die ihn um jeden Einfluss zu bringen drohte, weil gar nicht mehr von ihm die Rede war, indem Leonin, vollig uberzeugt, der Marquis konne ihm gar nicht bei so abweichenden Verhaltnissen rathen, diesen auch nie aufrief, seine Meinung zu sagen, und daher sein Kommen und Bleiben zu einer Unbedeutenheit herabsank, die er bloss zu erkennen brauchte, um ihr so schnell, als moglich, ein Ende zu machen. Dessen ungeachtet musste er, um nicht ganz ohne alle Erfolge zuruckzukehren, die Ankunft des Grafen Gersey abwarten, welcher, von dem Tode des Kaplans unterrichtet, am nachsten Tage erwartet wurde.
Leonin hatte namlich jede Unsicherheit abgeworfen und war fest entschlossen, seine junge Gemahlin sogleich mit sich nach Frankreich heruber zu fuhren und sie nach Ste. Roche, welches er schon als sein Eigenthum ansehen durfte, zu bringen, bis er Zeit gefunden, seine Mutter von diesem Schritte zu unterrichten und, wie er hoffte, damit zu versohnen. Er theilte diesen Vorsatz dem Marquis mit der grossten Sicherheit mit und schlug jeden Einwand desselben mit der Leichtigkeit zuruck, die eben so wohl fester Wille, als Unkenntniss der ganzen Grosse der ihn erwartenden Schwierigkeiten war.
"Eure Plane", antwortete der Marquis mit der stolzesten Kalte, "sind allerdings mit einer Schnelle und Sicherheit gefasst, die es unmoglich machen, gegen sie einzuschreiten, und so lastig mir von Anfang an eine Einmischung in Eure Familien-Angelegenheiten war, so fuhl' ich sie doch dadurch noch erhoht, der Zeuge von Euren Handlungen sein zu mussen, da mir dies die Vorwurfe Eurer Mutter zuziehen wird, welche ich allerdings schwer werde uberzeugen konnen, dass ich wirklich Beschlusse zulassen musste, die so Euer nothwendiges Ungluck herbeifuhren mussen, und die so wenig durch die Umstande gerechtfertigt werden."
"Es ist nicht Mangel an Vertrauen," erwiederte Leonin ruhig, "dass ich Euren Rath so wenig gesucht habe, sondern das Gefuhl, so und nicht anders handeln zu mussen, was durch keine abweichende Meinung umgestimmt werden konnte und jede Berathung daruber zu einer uberflussigen machte. Meine schnelle Vermahlung, die meiner Gemahlin Schntz und Ansehn geben sollte, im Fall das Ereigniss, was wir jetzt so plotzlich erlebt, wahrend meiner Abwesenheit eintreten mochte, giebt ihr das vollgultigste Recht, mich jetzt nach Frankreich zu begleiten, und ich danke Gott, dass ich ihr in ihrem tiefen und grossen Schmerze den Trost geben kann, den sie allein aufzufassen vermag, den namlich: mich nicht von ihr zu trennen. Es scheint mir demnach dies Verfahren vollstandig durch die Umstande gerechtfertigt, und ich muss Alles im Voraus zuruckweisen, was Ihr andeuten wollt, indem Ihr dies nicht so anseht."
"Wir sind also beide entschlossen," sprach der Marquis, und es drangte sich diesen Worten aus der Tiefe seines erbitterten Inneren eine Fulle des heftigsten Grolles nach "und wir wollen uns beide uber das, was wir thun und zulassen mussen, eine Sicherheit und Rechtfertigung verschaffen, mit der wir uns vor uns selbst und den Anforderungen der Welt zu behaupten vermogen."
"Thut das!" erwiederte Leonin und verliess seinen Gefahrten, noch wohl gerustet fur seine Absichten durch die heil'gen und theuren Anspruche, die an ihn in jedem Augenblicke ergingen.
Der Marquis hatte die Wohnung, in die der Tod eingekehrt war, nicht wieder betreten, er hatte das Schloss bezogen und erwartete, gleich Leonin, die Ankunft des Lord Gersey mit grosster Ungeduld.
Dagegen war seit dem Tode des ehrwurdigen Greises der junge Graf von Crecy gegen seine Dienerschaft, wie gegen die Bewohner des Schlosses unverholen mit seiner Vermahlung hervorgetreten, und hatte seine Wohnung in der Abtei genommen, um seiner leidenden Gemahlin jeden Trost gewahren zu konnen, dessen sie so sehr benothigt war. Zugleich war ein Bote nach Edinburg zum Grafen Gersey gegangen mit der doppelten Anzeige des Todes und der Vermahlung, und nachdem die Ueberreste des ehrwurdigen Vaters der Erde ubergeben waren, verstandigte sich der junge Graf mit Emmy Gray uber die Anstalten zur Abreise, welche er zu beschleunigen trachten musste, da er vor der festgesetzten Zeit seiner Ruckkehr nach Paris, Fennimor nach Ste. Roche fuhren musste, und dort durch seine Gegenwart ihrem Verhaltnisse die Ehrbarkeit verleihen, die er ihm vorzuglich zu sichern trachtete.
Er fand auch, trotz der fruher erwahnten Ansicht, jetzt in Emmy eine willige und bereite Stutze, der es, sobald die Dinge, denen sie dienstbar sein sollte, ihre Zustimmung hatten, keinesweges an Verstand und Ueberlegung fehlte, die sie bald in volle Thatigkeit setzte, um ihre junge Herrschaft mit allem Erforderlichen auszurusten. Erst jetzt, nach dem Tode ihres angebeteten Herrn, sah sie die Stutze ein, die ihre junge Herrin durch ihre Vermahlung erhalten, und fing an, sich um so lieber mit dieser Maassregel auszusohnen, da der junge Graf, ganz gegen ihre argwohnische Befurchtung, bemuht war, sein Verhaltniss auf alle Weise zu ehren, und von seinen ubernommenen Pflichten vollkommen durchdrungen schien.
Zuerst ward daher der armen mudgeweinten Fennimor von ihrer eifersuchtigen Gefahrtin der susse Trost zugeraunt, dass ihr Gott ja einen Gatten zur rechten Stunde gegeben, der ihr den Vater sicher ersetzen wurde.
Wir konnen nicht laugnen, dass Emmy kein Mittel hatte ersinnen konnen, wirksamer, das Herz der Leidenden aus ihrem maasslosen Grame zu erheben, als diese Worte, die ihr den Geliebten aufs Neue sanktionirten, und das von der einzigen feindlichen Macht, wie sie wahnte, die der neuen Richtung ihrer Hoffnungen bis jetzt entgegen getreten war.
Und so handelten alle drei in Uebereinstimmung, wobei Fennimor freilich nicht selbst thatig, sondern nur sich fugend anzutreffen war.
John Gray hatte seiner despotischen Gattin versprechen mussen, sich ihrem Willen in nichts zu widersetzen; und selbst wenig eigene Gedanken hegend, war er hierauf willig eingegangen. Sie erklarte ihm, ihre junge Gebieterin vor's Erste nicht verlassen zu wollen, und gab ihm die Hoffnung zu ihrer Ruckkehr erst, wenn die Verhaltnisse derselben dort ihre Anwesenheit unnothig machten; dagegen begehrte sie, dass er sich augenblicklich nach ihrer Abreise mit ihrer kleinen einjahrigen Tochter auf den Weg nach England machen, und sie dort dem Bruder der jungen Grafin Crecy, dem Pfarrer Lester, der in Yorkshire und jetzt verheirathet lebte, zum Schutze und zur Erziehung ubergeben solle. Ob er selbst dort bleiben oder nach der Heimath zuruckkehren wolle, stellte sie ihm mit der grossten Gleichgultigkeit anheim; und uberzeugt, der Pfarrer Lester, der Emmy Gray, als Spielkameradin und treue Pflegerin der Familie, wie eine Schwester liebte, werde ihrem Kinde die Aeltern ersetzen, glaubte sie ihr Haus vollig versorgt zu haben und widmete ihm keine Aufmerksamkeit mehr.
Fennimor meldete ihrem Bruder in einem Briefe, so ausfuhrlich sie es jetzt vermochte, den Tod des Vaters und die eigene Schicksalsveranderung, und bat ihn um seinen Segen fur ihre Zukunft.
Auf Niemanden jedoch machte die Entdeckung des Vorgefallenen vielleicht einen grosseren und unangenehmeren Eindruck, als auf Lord Gersey. Der Tod des Sir Reginald war ein so erwartetes Ereigniss, dass es ihn vollig unberuhrt liess, besonders, da er mit praktischer Umsicht schon fur einen Nachfolger gesorgt, und dieser bereit war einzuziehen. Was kam aber der Besturzung gleich, womit ihn die Vermahlung des jungen Grafen von Crecy erfullte? dieses Junglings, der ihm anvertraut ward mit einem Aufgebote von Vertrauen, welches ihn auf sich selbst stolz gemacht hatte, den man bei ihm vor jedem bosen Einflusse gesichert gehalten, und der ihn selbst durch sein ganzes Verhalten so ganzlich zu tauschen gewusst hatte, dass er in die jammerliche Lage kam, jetzt eingestehn zu mussen, er habe diesen jungen Mann nicht zu beurtheilen vermocht, dessen Geistesfahigkeiten er doch so weit unter sich geschatzt hatte. Sein Zorn verwirrte ihn zuerst uber die Macht, die ihm zustand, er wollte augenblicklich den jungen Mann zwingen, seine Vermahlung widerrufen zu lassen, er war ganz ausser sich, und fast in derselben Stunde schon auf dem Wege nach Stirling-Bai.
Die Zeit, die er im Reisewagen hatte, Alles noch ein Mal zu bedenken, klarte ihn zwar etwas mehr uber seine bedingte Stellung gegen den jungen Grafen auf, konnte aber nicht hindern, dass er mit allen Zeichen der lebhaftesten Empfindlichkeit auf dem Schlosse anlangte.
Hier fand er zuerst den Marquis de Souvre, der, nachdem er sich ihm zu erkennen gegeben hatte, ihm die beschamende Zusicherung gab, dass die Frau Marschallin selbst in Paris den veranderten Zustand ihres Sohnes gemerkt habe, von dem der Lord in der Nahe keine Ahnung bekommen. Er liess sich dann von ihm, seiner Ansicht gemass, das Geschehene ausfuhrlich erzahlen, und theilte die Verzweiflung des Marquis, zu spat angekommen zu sein, um eine so recht- und pflichtwidrige Handlung verhindern zu konnen.
Wie lange jedoch Beide deliberirten die Anwesenheit des jungen Grafen konnte erst ihre verschiedensten Plane und Rathschlage zur Reife bringen, und der Lord musste ihn zu einem Besuche auffordern lassen, so sehr er sich auch gegen ihn erzurnt fuhlte.
Unterdessen hatte der Marquis Zeit, den Lord zu sondiren, und obwol er in ihm den Mann sehr bald erkannte, der ausser Stande war, mit seinem Verstande einen Einfluss auf Leonin auszuuben, fand er doch in seiner stolzen beleidigenden Haltung und seiner Ansicht uber die Handlungen eines Minderjahrigen, Stoff genug zur Benutzung fur seinen augenblicklichen Zweck, den jungen Grafen in allen seinen Empfindungen zu verletzen und ihn aus der stolzen Sicherheit zu treiben, die dem Marquis unertraglich war an diesem gering geachteten Junglinge. Zugleich fuhlte er, dass der Lord ihm vollkommen vertraue, und er hoffte, ihn bei den ferneren Schritten leiten zu konnen.
Der junge Graf dagegen empfing die Nachricht von der Ankunft des Schlossherrn mit lebhaftem Vergnugen. Er fuhlte sich so im guten Rechte, so leicht und befriedigt durch Liebe und gutes Gewissen, dass er nach dem Schlosse eilte, bloss Beides darzuthun und dann seine Abreise anzusetzen.
Schon die Dienerschaft, leicht die Umstimmungen ihrer Herrschaft errathend, empfing ihn mit bloss feierlicher Haltung, und als er in das Zimmer des Lords trat und ihn dort neben dem Marquis erblickte, schallte ihm nicht der Ton der rauhen Lustigkeit entgegen, womit er sonst von ihm begrusst ward, sondern man liess ihn den Weg bis zu dem Platze, wo Beide sassen, ohne Beachtung zurucklegen, und kurz erhob sich dann der Lord, ihn zu begrussen: "Euer Gnaden haben mir den Vorzug entzogen, Sie, wie bisher, als meinen Gast hier begrussen zu konnen. Doch darf ich meine Gastfreundschaft Niemandem aufdrangen, wie ich eingesehen habe, denn wie bereit ich auch war, hierin die Wunsche Ihrer Frau Mutter zu erfullen, ich konnte mir das Recht nur durch einige Hoflichkeiten bei Ihnen erwerben, die jedoch sich unzureichend erwiesen haben."
"Mein theurer Lord," lachelte Crecy, vollig harmlos "es kann Euch mit diesen Worten nicht Ernst sein; die Umstande, denke ich, rechtfertigen so vollstandig diesen Umzug, dass es gar keiner Erklarung meinerseits bedarf, eben so, wie Sie mir glauben mussen, dass ich Ihnen aufs Innigste dankbar bin und den Aufenthalt bei Ihnen zu den grossten Segnungen meines Lebens rechnen werde."
"Und ich, junger Mann," schrie hier Lord Gersey, durch Leonin's Ruhe um alle Haltung gebracht, "ich werde diesen Aufenthalt wegen seiner heillosen Folgen fur das fluchwurdigste Ereigniss meines Lebens halten, und nun mogt Ihr selbst danach urtheilen, was ich von dem wahnsinnigen Schritte denke, den Ihr Eure Vermahlung nennt!" Er wollte bei diesen Worten aus dem Zimmer sturzen, seine eigene Aufregung befurchtend, aber dem Marquis war dieser Anfang um so weniger gelegen, wenn er zugleich das Ende sein sollte; er eilte ihm nach und hielt ihn an der Thur mit dringenden Bitten zuruck.
"Lasst mich, lasst mich, Marquis!" rief der Lord, indem er zogernd widerstand, "ich tauge nicht dazu, hier die Beichte der jugendlichen Tollheit zu horen, und bringe mit so viel Unwillen im Herzen die Sache nicht zu Stande."
"Und doch bedenkt, Mylord, Ihr seid es Eurer Freundin, der Frau Marschallin, die Euch ganz vertraute, schuldig, liebevoll, vaterlich dem jungen Manne beizustehen. Denkt, wie seine Jugend ihm das Wort um Milde und Nachsicht spricht."
Er fuhrte den grollenden alten Lord zuruck, und es entstand eine ungefallige Pause unter den Dreien, weil Zwei sich im vollkommen gleichen Rechte des Zurnens wahnten, und der Dritte sich die listige Zuruckhaltung zu sichern trachtete, die nur, was jene veranlassten, ohne Nachtheil benutzen wollte. Dessen ungeachtet musste dieser Dritte mit der Sprache zuerst heraus, denn hochroth vor Zorn blickte der Lord finster zur Erde, und ihm gegenuber hatte Crecy die kalte Haltung des Beleidigten angenommen, der das Entgegenkommen des Andern glaubt erwarten zu mussen.
"Ihr seht, Herr Graf," wandte er sich gegen Crecy, "wie ich nicht der Einzige bin, der in abweichender Meinung von der Eurigen diese Sache ansieht, und Ihr durft es nicht zuruckweisen, einen alten Freund Eurer Frau Mutter daruber zu horen."
"Dies zu thun, kam ich hieher", erwiederte Crecy "und wahrlich, mit aller Achtung, die ich Sr. Herrlichkeit schuldig bin, war ich gesonnen, sowol meine Verhaltnisse offen darzulegen, als den Rath des Verstandigen zu horen; dies hat mir aber die augenblickliche Heftigkeit des Lords abgeschnitten, und ich muss jetzt erwarten, ob mir dies uberhaupt noch moglich gemacht wird, und welche Form Mylord dazu einzuleiten gedenkt."
"Mein junger Herr," rief hier Lord Gersey, noch immer mit dem rauhen Tone des Zorns, "es kann, denke ich, hier von vielen Einrichtungen unter uns gar nicht die Rede sein; wie unleidlich meine Stellung durch Euer unbesonnenes Betragen gegen Eure Mutter geworden, musst Ihr ubersehen, wenn Euch auch die Leidenschaft noch so toll gemacht hat. Mir waret Ihr anvertraut von Eurer Mutter ich sollte Euch vor Missgriffen und Thorheiten bewahren, bis Ihr unter den Schutz Eurer Aeltern zuruckkehrtet, und ich durfte diese Verpflichtung ubernehmen und sie angeloben, denn Ihr lebtet hier nur in den ehrbarsten und wurdigsten Verhaltnissen. Aber der Neigung zur Thorheit ist uberall der Ausweg eroffnet, so musst' ich an Euch lernen mein Vertrauen habt Ihr betrogen; mit dem alterschwachen Greise, dessen Kenntniss der Welt von jedem Kinde uberboten werden konnte, habt Ihr Freundschaft geschlossen, um Euch von der Thorin, seiner Tochter, verfuhren zu lassen."
"Haltet ein, Mylord!" rief hier Crecy, indem er mit Heftigkeit aufsprang, "wenn Ihr es wagt, mit dieser Bezeichnung die Tochter des ehrwurdigen Sir Reginald zu meinen, so vergesst nicht, dass sie Grafin von Crecy und meine Gemahlin ist, gegen die jede Beleidigung zur meinigen wird!"
"Grafin von Crecy!" hohnte der Lord "die Tochter eines Kaplans von Stirlings-Bai! ein Madchen ohne Rang, ohne Vermogen, die sich darum nicht einmal zur Gesellschafterin meiner Tochter eignete, Grafin von Crecy! die Schwiegertochter der Furstin Soubise! und des ersten Marschalls von Frankreich, des altesten Geschlechtes dieses Landes! Junger Mann," fugte er mit heiserem Lachen hinzu, "wem wollt Ihr das weiss machen? Wer, denkt Ihr, dass Euch dies glauben wird? Dankt dem Himmel, dass die Komodie Eurer Heirath so in allen Formen kindisch, lacherlich, formlos gewesen ist, und dass Eure Minderjahrigkeit selbst die anscheinend gesetzlicheren Bande so ganzlich annullirt hatte, dass diese Thorheit wenigstens nur dem Madchen zur Last fallen wird, die so unberufen den reichen Erben zu gewinnen dachte."
"Es ist genug!" rief Crecy hier und erhob sich mit Ungestum "ich werde Euch verlassen, Mylord, um durch so unerhorte Beleidigungen nicht dahin gebracht zu werden, dass ich ganz vergesse, wie viel Dank ich Euch fur Euer fruheres Bezeigen schuldig bin. Die Beleidigungen, die Ihr gegen mich und meine Gemahlin ausstosst, widerlegen zu wollen, hiesse mich und diese Verhaltnisse wirklich erniedrigen ich werde sie zu rechtfertigen wissen in den Augen meiner Familie und der ganzen Welt."
"Ich gratulire zu diesen Vorsatzen, junger Herr!" entgegnete der Lord mit verbissenem Zorne. "Wahrlich, Ihr habt nicht umsonst meine Bibliothek in der kurzen Zeit ausgelesen Ihr fuhrt eine vollkommen romantische Rittersprache, zum Weinen ruhrend. O, junger Mann, junger Mann, hattet Ihr lieber das unschuldige, frohliche Waidmannsvergnugen mit den ehrlichen unerschrockenen Gefahrten durchgemacht, als Euch in durres, wustes Buchergeschwatz versenkt, um Stoff zu sammeln fur das Schaferspiel, das Ihr zu spielen dachtet!"
"Wir sind zu Ende, Mylord!" sagte Crecy emport "erlaubt, dass ich mich bei Euch und diesem Hause auf immer beurlaube; ich eile zuruck, um sogleich die Anstalten zu meiner Abreise zu treffen, und bitte Euch nur um so viel Zeit noch in den Mauern der Abtei die jetzt allerdings zu Eurer Bestimmung steht bis meine Gemahlin zur Abreise gerustet sein wird. Nehmt meinen Dank fur Eure fruhere Gute; es schmerzt mich tiefer, als Ihr glaubt, dass die Gefuhle, die Ihr mir einzuflossen wusstet, eine so grausame Storung erfahren mussten."
"So lasset auch uns von einander Abschied nehmen!" sprach jetzt der Marquis de Souvre zu Crecy. "Ich reise noch am heutigen Tage nach Paris ab, denn ich kann durch meine Gegenwart hier nicht langer Euren Handlungen einen Schein von Billigung geben, den ich aufs Bestimmteste verweigern muss. Dessen ungeachtet frage ich Euch, ob Ihr mir irgend eine Weisung fur Eure Frau Mutter zu geben habt, aus der sie Trost zu schopfen vermochte, wenn ihre Fragen mich drangen werden?"
"Ich uberlasse das Euch selbst; ich hatte gewunscht, der Erste sein zu konnen, der ihr meine Verhaltnisse vortruge aber ich fuhle, Euch die Verpflichtung zum Schweigen aufzuerlegen, ware bei den Fragen, denen Ihr zu begegnen haben werdet, zu viel verlangt. Gott lenke daher Eure Worte! Denkt, dass so viel vom ersten Eindrucke abhangt; denkt, dass es der einzige Sohn der Frau ist, der Ihr so ergeben seid, und dass Ihr so wohl versteht, Eure Ansichten vorzutragen!"
Kein Laut verrieth die Meinung des Marquis auf die herzliche, dringende Anrede; stumm verneigte er sich mit zu Boden geschlagenen Augen und wendete sich dann zu Lord Gersey. "Und Ihr, Mylord was habt Ihr mir zu befehlen?"
"O, Marquis," rief der Lord "was soll ich Euch an die edle, tugendhafte Frau fur Auftrage mitgeben, die sich durch mich verrathen glauben wird, und mir Vertrauen und Achtung versagen fur immerdar. Nein, nein, niemals kann ich diese Krankung verwinden! Sagt Ihr, ich mache keine Anspruche auf ihre Verzeihung, und wollte ihre Feindschaft, ihre Geringschatzung als lebenslangliche Strafe ertragen. Aber das fugt hinzu," und bis zum dumpfen Brullen steigerte sich sein Ton "finde ich diese Copulation im Kirchenbuche verzeichnet, so lasse ich es auf offenem Platze vor der Kirche verbrennen, und John Gray und sein Weib und der Kirchendiener, die sich Zeugen zu nennen wagen, werden noch heute aus der Kirchengemeinde ausgestossen, und der Buttel soll sie uber die Grenze jagen, dass sie sich nie wieder zu Stirlings-Bai zahlen durfen!"
Schon horte der Ungluckliche, gegen den dieser neue Schimpf ausgestossen ward, das Ende dieser zornigen Befriedigung, welche sich der Stolz und der Hochmuth eines der untadelhaftesten Barone des alten Schottlands verschaffte, nicht mehr. Mit tausendfach verwundetem Herzen, bis zur Raserei gereizt und gekrankt sich fuhlend, war der ganze Himmel seines idyllischen Gluckes entweiht und beschimpft, und es schien ihm, als konne er nie wieder einen Hauch des seligen Friedens empfinden, den er wenige Tage fruher noch als ein unzerstorbar gewonnenes Gut betrachtete. Vielleicht hatte er Recht; denn sein Herz hatte eine unheilbare Wunde empfangen, um so nachhaltiger, da die heftigen Worte, denen er ausgesetzt war, die Grundsatze und Ansichten, die er gehort, ein ausschliesslicher Besitz seines Standes waren, unter deren Einfluss er gross geworden, und denen er uberall mit dem Wiedereintritte in die Welt zu begegnen sicher war.
So sturzte er dem mechanisch gefundenen Wege nach der Abtei zu und ward sich erst seiner selbst wieder bewusst, als er in den grunen Dom der hohen Buchen trat, die ihr grossartiges Naturleben in heiliger Unabhangigkeit fortfuhrten, das kleinliche Treiben der Menschen, was seit Jahrhunderten an ihnen hingegangen, mit hohem Blicke ubersehend, als wollten sie dem keuchenden Wanderer zurufen: "Geduld! Du und Deine Leiden verfallen der Zeit, und Du gehst mit ihr voruber, ein kleines Atom in dem grossen Zellgewebe der gottlichen Weltordnung!" Vielleicht nicht dasselbe, aber doch etwas, einer Erquickung, einem Troste ahnlich, drang in die blutende Brust des todtlich Gereizten er schlug die gluhenden Augen auf, und der sonnenhelle Glanz der grunen Gewolbe leuchtete wie Himmelsthau in sie hinein. Krampfhaft presste er die Hande in einander, einem Schrei des Schmerzes glich der Seufzer, der sich losriss, und bebend vor Aufregung sturzte er in das weiche Moos und verbarg sein Gesicht in dessen duftendem Schoosse.
Wir wollen es nicht belauschen, womit auch der Mann in dem Augenblicke sich erleichtern darf, wo sein Herz die krampfhafte Starrheit sprengt, in die ein uberwaltigendes Ereigniss ihn versetzt; mag er der Mittel theilhaftig werden, die Gott der Menschheit gegeben, da er sie nicht schutzen konnte gegen das unendliche Weh, das sie sich bereitet.
Leonin gewahrte es seinem Schmerze, sich zu erschopfen. Er hatte kein Herz von der Natur erhalten, was sich in eigner Kraft behaupten konnte, es musste gestutzt und in beifalliger Ruhe erhalten werden durch die nachsten Menschen, durch Verhaltnisse, wenn es sich selbstvertrauend bleiben sollte. Matt und todtenbleich ging er dem offenen Gemach entgegen, vor dessen Thuren das geschmahte unschuldige Opfer dieser fremden Anmassung in der tiefen Trauerkleidung mit dem heil'gen Scheine des frommsten Kummers um die schonen Zuge, auf einem niedrigen Stuhle sass und dem lieblich lachelnd entgegen blickte, der den ersten harten Wurf der Welt nach ihrem stillen Glucke so eben aufgefangen hatte, doch nicht ohne selbst davon verwundet zu werden.
Tief bewegt von ihrem Anblicke kniete er neben ihr hin, und sie mit einem vielfach vermischten Gefuhle an sich druckend, rief er wehmuthig: "O, Du armes, armes gekranktes Wesen!"
Wie hatte diese feine weibliche Seele nicht die Veranderung fuhlen sollen, die dem Geliebten geschehen?
"Was hat man Dir gethan?" sagte sie sanft forschend und fasste sein bleiches Gesicht in ihre beiden Hande. "War der Lord nicht, wie es Recht ist? Hast Du Dich erzurnt? Wird er mich besuchen?"
"Ach," rief Leonin, "lass uns abreisen! lass uns in die Walder von Ste. Roche fliehen und die Welt vergessen, und uns fern von ihr halten, die weder unser Gluck versteht, noch uns ein anderes gonnen will, als was sie dafur erkennt."
"Meinte so der Lord?" frug Fennimor "ja, ich konnte es denken! Sie sind da oben durchaus anders, wie wir, und immer waren sie mir nicht gut genug; aber wir wollen sie lassen die haben mich nie erzurnen konnen, sie waren so klein, so ungeschickt und konnten nie verstehen, wie ich's meinte."
Dies stolze, feste Herz erschutterte mit ihren einfachen unschuldigen Worten machtiger in Leonin die imponirende Wichtigkeit des eben Erfahrenen, als seine eigenen durch fruhere Eindrucke bedingten Betrachtungen es vermocht hatten.
Er erhob sich an der festen Hoheit dieser reinen Seele, und ein Schimmer des fruheren Gluckes kehrte ihm wieder in der grosseren Berechtigung, die sie ihm theils in ihrem eigenen Werthe, theils in der strengen Kritik uber seine Widersacher gegeben. Er raffte sich zusammen und besann sich, was ihm zunachst lage und alle Weisheit der Liebe kehrte ihm zuruck. Er eilte, die heil'ge Unschuld seines Weibes vor der Schmahung der Welt zu bewahren, und hullte den ganzen Vorgang in gleichgultige Worte ein. Dann begab er sich zu Emmy Gray, um ihr, wenn auch nicht Alles, doch das Wichtigste seiner gehabten Unterredung mitzutheilen und die Nothwendigkeit klar zu machen, dies Haus wo moglich andern Tags zu verlassen.
"Ja wohl, Herr," rief sie mit stolzem Zurnen, "lasst uns schon morgen dies Haus verlassen, was jetzt dem gehort, fur den wir zu gut sind, ihm irgend Dank zu schulden. Eben so soll John heute noch sein Bundel schnuren und nie diese Statte wieder betreten. Gut, gut, Mylord, dass diese unweisen Manner, die ein Sakrament lastern, nicht Gewalt haben uber die heiligen Dinge der Erde! Lasst es sie nicht horen, sie ist noch zu jung, um Unrecht zu begreifen, das Leben zeitigt fruh genug dazu!" So verliess sie den Grafen, und sein Selbstgefuhl, was durch die Schmahungen, die er erduldet, in ihm gestort worden war, kehrte langsam unter Menschen zuruck, in deren Werth er fuhlte, nicht als ein Thor gehandelt zu haben.
Die schnelle Abreise der Verfolgten verhinderte, dass die strengen Maassregeln des Lord Gersey sie erreichten, und John Gray war schon auf seinem kleinen Karren, worauf er sein Kind und seine beweglichen Habseligkeiten geladen, langst uber die Grenzen von Stirlings-Bai, ehe sich der Lord seines Vorsatzes erinnerte. Bald kehrten die mit seinem Willen Beauftragten zu ihm zuruck, um ihm anzuzeigen, dass die Abtei leer von allen ihren Bewohnern sei, und nur noch auf der Landstrasse nach Edinburg die Reisekutsche des Grafen von Crecy habe gesehen werden konnen. Der Himmel lag so fest und grau, wie eine Kuppel von gegossenem Stahl, uber dem schmucklosen Herbsttag, und der Wind streifte mit eisiger Scharfe uber die leeren Felder und durch die laublosen Walder, als wolle er die Erde zerreissen und i h r die Macht fuhlen lassen, die er umsonst an der festen Nebeldecke des Himmels erprobte. Vergeblich versuchte der junge Schlossherr von Ste. Roche diesem lang vernachlassigten Aufenthalte einen Anstrich von Wohnlichkeit zu geben, an den seine junge Gemahlin gewohnt war, und der sie nach einer langen und schwierigen Reise, der ersten ihres Lebens, so sehr benothigt schien.
Es half ihm wenig, dass ihm die Auswahl im ganzen Schlosse frei stand, uberall fanden sich Schwierigkeiten, die am wenigsten fur einen Mann zu beseitigen waren, der von dem Erschaffen einer hauslichen Einrichtung so wenig Begriff bekommen hatte. In seiner bisherigen Lage, die ihm alles Benothigte fertig uberlieferte und so jene unmannliche Verwohnung erzeugte, in welcher die Furstin Soubise ihn so sorgfaltig zu erhalten verstand, hatte er keine Gewandtheit lernen konnen, und es konnte daher nicht fehlen, dass Emmy Gray mit ihrem entschlossenen und thatigen Geiste nur kurze Zeit das unsichere, erfolglose Umhertappen des Grafen mit ansehen konnte. Mit glucklichem Ueberblicke wahlte sie den gewandten Kammerdiener desselben zu ihrer Hulfe, und nachdem sie mit dem alten Kastellan das Schloss durchstreift, fand sie, wenn auch aus einem andern Jahrhunderte, doch kostbares und brauchbares Material genug, eine Wohnung einzurichten.
Sobald die Art der Thatigkeit sich zeigte, die erforderlich war, trat auch der junge Schlossherr mit dem liebenswurdigsten Eifer ihr bei, und die hoheren Anforderungen seines Standes, die Emmy fremd geblieben, wurden durch ihn selbst und den damit vertrauten Kammerdiener zu den Nothwendigkeiten gefugt, die sie zuerst ins Leben zu rufen gewusst.
Wenn anfanglich zu furchten war, dass Fennimor durch den Aufenthalt in einem grossen wusten Schlosse, welches mit seiner wunderbaren Gestaltung und seinen fremdartigen, uralten Constructionen jede, auch die ruhigste Phantasie mit geheimen Schauern anzuregen vermochte, sich unheimlich und erschrokken fuhlen wurde, so zeigte sich bald, dem entgegen, eine so lebhafte, bewundernde Theilnahme fur diese ausserordentliche Erscheinung, dass die anderweitigen kleinlicheren Anregungen ihrer Umgebungen, von denen selbst Leonin nicht ganz frei blieb, unverstanden an ihr voruber gingen. Ihr Geist war frei geblieben von jedem Hauche des Aberglaubens, fur jeden Eindruck von ubernaturlichen Erscheinungen; ihre Spielgefahrtin, Beschutzerin und Pflegerin war Emmy gewesen, welche, wo moglich, noch furchtloser, als ihr Zogling, diesen nicht dazu verfuhren konnte. An geheimnissvolle Zustande in dem Geiste des Menschen hatte sie in Schottland, diesem Lande mondsuchtiger Traumer und vom Geiste der Ahnung beruhrter Propheten, wohl glauben gelernt, aber alles, was an Geistererscheinungen und an das Grauen, das selbst leblose Dinge, wie Mobel und Zimmer, dadurch gewinnen, streifte, verwarf sie als gemein und fur sie nicht passend.
Es zeigte sich daher bald eine grosse Annaherung zwischen dem alten Kastellan und seiner jungen Gebieterin; denn nicht minder, als von ihm selbst, sah er die alten, werthvollen Ueberreste des einst koniglichen Besitzes, von denen er die Chronik des kleinsten Gegenstandes zu erzahlen wusste, geehrt.
Es fanden sich daher in Folge dieser entstehenden Zuneigung immer mehr Gegenstande ein, welche zum Gebrauche sich nutzlich zeigten, und die der beunruhigte Alte zu Anfang mit eifersuchtiger Scheu zu verbergen bestrebt gewesen war.
Die Familie der Kastellane von Ste. Roche waren dieser Besitzung treuer gewesen, als die Herren derselben.
Die St. Albans waren schon unter Katharina von Medicis auf diesem Posten gewesen, und vom Urahn her hatte Sohn auf Sohn bei allem Wechsel der Verhaltnisse diesen Platz behauptet. Jeder Nachkommende war unter den Chroniken von Ste. Roche aufgewachsen, und jeder Schrank, jede Tapete, jedes Gerath war fur sie ein heiliges Vermachtniss, was Jeder von Kindheit an hatte pflegen sehen, und was vor den Einflussen der Zeit zu bewahren, der Stolz jedes Einzelnen ward.
Katharina von Medicis, die hier zuerst einen Hof von einigen Wochen wahrend der Jagdzeit hielt, hatte das Fundament einer Einrichtung gelegt, da das Schloss zu weit von Paris entfernt war, um, wie bei anderen Umzugen des Hofes, fur dessen kurze Anwesenheit von dort aus mit Mobeln und Gerathen ausgestattet werden zu konnen. Spater hatte der erste Besitzer aus dem Hause Crecy langere Zeit mit grossem Aufwande hier gelebt, und aus allen diesen Zeiten befanden sich noch wohl erhaltene Ueberreste, die allerdings nur ihr Bestehen der solideren Beschaffenheit verdankten, die den Ausstattungen der fruheren Jahrhunderte eigen war, und den Rang und Reichthum der Besitzer darlegen mussten.
Fennimor hatte auf der langen Reise die Musse benutzt, sich von ihrem Gemahl eine Uebersicht der Geschichte Frankreichs geben zu lassen und mit grossem Interesse alles vernommen, was sich auf Katharina von Medicis, diese angestaunte Schwiegermutter der unglucklichen Maria Stuart, bezog. Was sie durch diese Mittheilungen erfahren konnte, war ihrer Unschuld gemass in verhullende Andeutungen eingekleidet worden, und so jubelte sie bei dem Gedanken, in das Schloss dieser machtigen Konigin einzuziehen, worin noch ihre Zimmer sich vorfinden sollten, und Mobel und Geschirre, die ihr zugehort hatten.
Es zeigte sich, dass der junge Graf eben so fremd in seiner neuen Besitzung war, als seine junge Gemahlin, denn diese Guter wurden nur wegen ihrer Revenuen geschatzt, zum Bewohnen schienen sie der Marschallin von Crecy, die sich nie vom Hofe trennte, vollig unpassend.
Beider Geschmack vereinigte sie daher in dem Wunsche, unter Anleitung des alten Kastellans, der eine lebendige Chronik des Schlosses zu nennen war, dasselbe in seiner ganzen Ausdehnung zu besichtigen und in chronologischer Ordnung mit dem altesten Theile desselben zu beginnen.
Dieser ruhte auf dem hochsten Felsgrunde, der das Ganze trug er ward der Klaudia von Bretagne zugeschrieben, die hier nach der Gefangennehmung ihres Gemahls, Franz des Ersten, in schwermuthiger Zuruckgezogenheit bis zu ihrem Tode lebte, und deren Grabmal sich auch in der Hauskapelle als einziges Ueberbleibsel ihrer Existenz vorfand, denn dieser alteste Theil, der in der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts entstand, zeigte nur Thurmzimmer, rohe Wande, gepflasterte Fussboden und die kleinen Schiessscharten-Fenster, die wenigstens Landschlosser nicht entbehren konnten.
Die fluchtige Besichtigung erregte wegen der erloschenen Erinnerungen, die uberdies in einem frommen, tugendhaften weiblichen Leben selten durch hervorragende Situationen sich lange dem Gedachtnisse der Menschen einpragen, wenig Interesse. Aber sie gewannen in der Betrachtung erst ihren Platz, wenn man dies einfache Bedurfniss der koniglichen Klaudia mit dem verglich, was die stolze Medicaerin dafur nothig hielt.
Die Raume, von Flur und Treppen an, die der Aufenthalt ihrer Leibwachen und Diener waren, und die alle noch die Ueberbleibsel von Einrichtungen zeigten, die sie zu Ess- und Trinkgelagen passend gemacht hatten, die weitlaufigen Zimmerreihen, die, sammtlich mit Namen bezeichnet, Erinnerungen an das mannigfach gestaltete Leben dieser Frau erregten, die kolossalen Mobel, Kamine, Bettnischen, die kostbaren und unverwustlichen Tapeten von Gobelin, vergoldetem Leder und Sammet, die auch zu Teppichen und Bezugen der Stuhle, Ruhebetten und Fenster-Umhangen dienten, und von Marmor, Skulpturen und Vergoldungen in reicher Ueberladung unterstutzt wurden sie zeigten ein verwegenes Ergreifen ausserer Mittel, um ein Schaugerust empor zu thurmen, wohinter sie den krankhaften Zustand ihrer aus tausend Wunden blutenden Zeit um so lieber verbarg, da sie an Heilung nicht dachte und das Wundfieber, in welchem bald diese, bald jene Partei im Wahnsinne die Obergewalt fand, bloss zu ihren Zwecken verbrauchte.
"Ach," sagte Fennimor inmitten dieser Raume, "welch' ein Glanz! und Klandia hatte nur ihr Bett ihre Kapelle und ihre Spinnstube!"
Der alte Kastellan schlug die Augen nieder, als musse er sich schamen vor den so wohl behuteten und so hoch von ihm geehrten Schatzen, und der fast unbewussten Geringschatzung, womit er die Raume der frommen Klaudia vorgezeigt zuerst fuhlte er den Gegensatz.
Er zogerte fast, weiter zu gehen, obgleich er doch noch so viele kleine Schatze hatte, die er zeigen und erklaren wollte, worauf er heimlich stolz war. "Gewiss," sprach er zuletzt, "die fromme Konigin Klaudia hinterliess keine werthvollen Besitzthumer, es findet sich in den fruhesten Verzeichnissen der Kastellane nichts bemerkt, was darauf hinweisen konnte, sonst wurde es gewiss erhalten sein."
"Ja, das glaube ich," erwiederte sinnend die junge Grafin "sie hatte allen Schmuck in sich; das wird bei ihr gewesen sein, wie der Vater erzahlte von der Mutter der Grachen." Freundlich gab sie sich jedoch bald den mannigfachen Gegenstanden hin, die ein zu fesselndes Interesse besassen, um ihren jugendlichen Sinn nicht zu beschaftigen, und der alte Kastellan fuhrte, zu seiner Wohlgemuthheit zuruckkehrend, seine jungen Herrschaften in den grossen Banketsaal der Konigin, der mit Thronhimmel und Gobelins verziert war, und an dessen Wanden reiche Schranke standen, die in Ebenholz mit Gold und Silber, die kunstreichst geschnittenen Hautreliefs aus den Chroniken des alten Testaments zeigten. Sie dienten theils zur Ausschmuckung, theils zum Aufbewahren kostbarer Geschirre, oder zu Schenk- und Vorschneide-Tafeln.
"Hier befande sich noch manches der Beachtung Werthe," sprach der alte Kastellan und offnete das kunstreiche Schloss eines der grosseren Schranke, welcher noch mehrere schwerfallige Silbergeschirre enthielt, so wie eine grosse Anzahl Becher in Gold und Silber, mit Wappen und Sinnbildern, und einige von den schonen leichten venetianischen Glaspokalen, die, der jungen Frau noch niemals vorgekommen, ihr hochstes Erstaunen erregten.
"Diese kostbaren Geschirre," sagte der Kastellan, "sollen alle damals hergeschafft worden sein, als die Frau Konigin dies Schloss uberhaupt mit so grosser Pracht fur den kurzen Besuch der vornehmen polnischen Magnaten ausrustete, die sie eingeladen und lieber hier, als in Paris empfangen wollte, da sie diese Grossen des damals von den verschiedensten Parteien zerrissenen Landes sich geneigt zu machen trachtete, um die Wahl des neuen Konigs dermaleinst auf ihren geliebten Sohn, den Herrn Herzog von Anjou, unsern nachmaligen allergnadigsten Konig, zu lenken. Es ist hier nicht mehr Alles beisammen, was damals an grossem Glanze diese Raume erfullte, aber die alten Tagebucher der Kastellane, woraus die Chronik besteht, und welche sich noch vorfinden, sagen daruber grosse Wunder."
"Warum ist diese Thure mit dem eisernen Balken verwahrt?" frug die junge Grafin, der Thure neben dem Throne sich nahend.
"Dies sind die Geheimzimmer der Frau Konigin Katharina," erwiederte zogernd der Kastellan; "sie sind auf Befehl der Herren Grafen von Crecy immer auf diese Weise von den ubrigen Gemachern getrennt gewesen."
"O, die mochte ich sehen!" rief Fennimor "konnt Ihr sie offnen?"
"Das steht allerdings jedem Kastellane zu bewerkstelligen frei," sprach der Alte, "wenn es befohlen wird, aber sie sind voll boser Luft, Euer Gnaden auch wurden sie auf Befehl weder geluftet, noch vom Staube gereinigt es ist fur eine so zarte gnadige Herrschaft, wenn ich's zu sagen mich unterstehen durfte, kein passender Aufenthalt."
"O, doch, doch, guter Albans!" rief die junge Gebieterin "ich muss sie sehen, gerade sie! Nicht wahr, Leonin, Du willst sie auch sehen?"
Dieser fuhlte wohl, der Alte habe etwas ganz Besonderes bei diesen Zimmern auf dem Herzen, da er sich aber nicht naher erklarte und die Wunsche Fennimor's ihm das Gegengewicht hielten, so gab der Graf das Zeichen, dass er sie offnen mochte; die verrosteten Schlosser zeigten, wie lange das nicht geschehen war erst nach vieler Anstrengung gelang es dem Alten, die Riegel zuruckzuschieben.
Es waren zwei an einander hangende Gemacher von massiger Grosse, beide mit vergoldetem Leder bekleidet. Die Luft drang den Eintretenden wirklich mit Grabesbauch entgegen die bunten Scheiben waren erblindet von der Zeit und den Spinnweben, und liessen daher nur ein Halbdunkel in der Beleuchtung zu. Aber diese Vernachlassigung hatte einen andern Reiz behalten, der die jungen Schlossbewohner auch naher trieb und gerade darin lag, dass hier nichts bei Seite geraumt war, wie in den andern Raumen, sondern dass, fast zum Erschrecken, mitten in der vollen Lebensthatigkeit dieser ungeheuren Frau eine Unterbrechung, ein Stillstand eingetreten sein musste, der die verschiedenen Gegenstande, die sie umgaben, erstarrt zu haben schien, und ihnen noch die eben verschobenen Falten der Draperien, den schief geruckten Sessel, genug, jedes Zeichen plotzlich unterbrochener Benutzung erhalten hatte.
Die Mitte des ersten Zimmers ward von einem kolossalen Schreibtische eingenommen, dessen Aufsatz von schwarzem Ebenholze auf Fussen von weissem Marmor ruhte, und mit einigen kunstlichen Vorrichtungen zum Schreiben versehen war, nebst einem hoch daruber ragenden Crucifixe von Elfenbein und mehreren schweren, kostbar eingebundenen Buchern. Herum standen drei Armsessel, mit dem Stoff der Tapeten bedeckt, die verschoben waren, als sei dies eben beim Aufstehen geschehen.
"Dies war ihr geheimes Konferenz-Zimmer," sagte St. Albans leise "dieser schone Schrank enthielt die laufenden Akten und Briefe; in diesem mittelsten Sessel sass die Konigin, hier die Rathe oder die andern betheiligten Personen hier an der Wand, auf dieser Bank, die Hoffraulein, wenn sie bleiben durften auch soll sie gern wahrend der Berathungen in der Fenster-Nische uber dem Stickrahmen gesessen haben, aber der damals anwesende Kastellan Hieronimus verzeichnete daruber: Alle hatte ein Furchten beschlichen, wenn jene, so das Gesicht zur Stickerei abgewendet, Rath gehalten hatte; sie solle dann noch mehr, als gewohnlich habe veruben konnen! Seht, der eingespannte Silberstoff, an dem sie damals gearbeitet, ist noch sichtbar, aber freilich erblindet, verstaubt und keine Reinigung mehr aushaltend. Ach, es sind kostbare Dinge hier nach gerade untergegangen durch den Befehl, diese Gemacher abzusperren."
"Aber warum geschah das?" frug die junge Grafin.
"Das hatte traurige Grunde, die Gott richten wird in Barmherzigkeit aber, so wie Euer Gnaden es hier sehen, so ist Alles verblieben, mitten im Gebrauch! Lautes glanzendes Leben den einen Tag, am andern Morgen Alles leer, zu Pferde, zu Wagen, auf und davon, Keiner sein Gepack nehmend oder nachfordernd und auf Befehl der zuerst fliehenden Frau Konigin wurden diese Zimmer abgesperrt, und kein Stuck ihres hier vorhandenen Besitzes durfte ihr nachgesandt werden; sie floh sogar in dem Pelzmantel eines Hoffrauleins. Damals hatte sie es dem ersten Grafen von Crecy-Chabanne, der hier Besitzer ward, geschenkt, und dieser gar heftige Herr hatte, wie man sagte, besondern Grund, den Befehl der Konigin gut zu heissen. Da verblieb es dann so, und die tugendhaften Nachfolger dieses ersten Herrn wollten es immer so belassen."
"Da sind wir wohl die Ersten, die das alte Gebot uberschreiten?" sagte Leonin, von unheimlichen Empfindungen angeregt.
"Ob die Ersten, Euer Gnaden, kann ich nicht bestimmen bei meiner Zeit jedoch die Ersten; denn Dero Herr Vater haben die Herrschaft Ste. Roche nie beehrt."
Zur Ruckkehr geneigt, wollte Leonin dies eben Fennimor vorschlagen, da bemerkte er, dass sie von seiner Seite in das Nebenzimmer geschlupft war, und in demselben Augenblicke rief sie ihn von daher zu sich: "O, Leonin, komm' geschwind, und sieh', was ich hier Reizendes gefunden habe!"
Er eilte ihr nun nach und trat in das dustere Schlafgemach der Konigin, in dessen Hintergrunde das riesige Himmelbett mit dunkelrothsammetnen Vorhangen stand. Ihm entgegen aber trat Fennimor und hielt einen schonen goldenen, mit Edelsteinen verzierten Becher in der Hand. "O Leonin," rief sie, "welch' ein Kunstwerk! Sieh', wie herrlich das gemacht ist! O, lass' ihn mir, ich will ihn zum Andenken behalten und taglich daraus trinken!" In demselben Augenblick setzte sie ihn an die Lippen, als versuche sie ihn.
"Grosser Gott, erbarme Dich!" schrie der alte Kastellan, und ehe noch die Lippen den Rand des Bechers umschlossen, riss er ihn aus Fennimor's Hand und stellte ihn dann schaudernd nieder, als habe er sich daran verletzt aber zur Besinnung kommend, hatte er einige heftige Worte von seinem sichtlich beleidigten jungen Herrn zu bestehen, und beschamt beugte der alte Mann sein Knie vor seiner jungen Gebieterin und flehte um ihre Verzeihung. "Ich habe mich schwer vergangen, Euer Gnaden, aber vielleicht vergebt Ihr mir um der Veranlassung willen. Sehen Euer Gnaden den truben Grund des Bechers? Als er zuletzt gefullt ward, ist Gottes herrliche Gabe zum Frevel benutzt worden, und der helle Wein der Bourgogne ward mit Tropfen todtlichen Giftes gemischt niemals hat ihn seitdem das heilige Wasser gespult, und er ist erblindet, wie Ihr ihn hier sehet."
Schaudernd wendete sich Fennimor ab, und St. Albans winkte den Grafen bei Seite, und setzte schnell und angstlich hinzu: "Der Herr Marquis Spinola folgte hieher seiner Geliebten, der Frau Konigin Katharina aber sie hatte Neigung, ihn los zu werden, und es fand sich dazu ein Grosser ihres Hofes, den sie bevorzugte. Obwol nun der Dolch in seinem Schlafgemache auf ihn harrte, so furchtete Katharina doch den Widerstand des muthigen Marquis; als er sie am Abend verliess, reichte sie ihm selbst diesen Becher, dessen schnelle Wirkung sie noch an der plotzlich gebrochenen Kraft des Unglucklichen beobachtete, und entliess ihn dann. Aber er ahnete das Geschehene, und als der erste Dolchstoss ihn traf und der todtliche Schmerz des Giftes ihn zugleich zerriss, sturzte er in das Schlafzimmer der Konigin zuruck, von seinem Morder verfolgt und schrecklich hier das Geschlecht Beider verfluchend, schleuderte er der Konigin den Becher an den Kopf, dass er weit hin zur Erde rollte dann verschied er auf ihrem Bette, Bache von Blut vergiessend, so dass die Frau Konigin, von seinen Fluchen verfolgt, aus diesem Bette nicht entfliehen konnte, ohne bis an die Knochel in Blut zu waten. Da reiste sie zur selben Stunde aus dem Schlosse, und Alles, wie von Geistern gejagt, hinter ihr her, und nie betrat sie es wieder, Niemand durfte je seinen Namen vor ihr nennen. Den Becher aber ruhrte Keiner wieder an es war der Konigin Lieblingsbecher, darum verfluchte der Herr Marquis Jeden, der daran die Lippen setzen wurde."
Der Graf horte mit tiefem Schauer die schnelle Mittheilung des Greises und sah sich hastig nach seinem jungen Weibe um, das zuerst den schrecklichen Bann uberschritten hatte.
Sie lehnte sich bleich und erschuttert gegen das Bett der Konigin, und als Leonin zu ihr eilte und sie liebevoll in seine Arme schloss, erleichterte sie ein Strom von Thranen.
Doch der Alte war ihnen nachgeschlichen und zupfte mit trauriger Miene den Grafen am Kleide. "O, fuhret die gnadige Herrschaft hier fort!" sprach er leise, indem er, von Fennimor unbemerkt, auf die grossen dunkeln Flecke am Fussboden zeigte; und Leonin fuhlte, das sie auf dem Blute des Spinola standen, der hier das Geschlecht der Crecy verfluchte; denn was der alte Kastellan aus Ehrfurcht verschwieg, war Leonin zufallig bekannt und bezeichnete in dem erwahnten Morder den Grafen Theophim von Crecy.
Sanft strebte er, die zitternde Fennimor aus diesem traurigen Bereiche zu ziehen, willig folgte sie ihm, und der Kastellan, der schnell die Thuren dieser Ungluckszimmer mit Schlossern und Querbalken wieder verwahrte, offnete in dem Banketsaale eine Seitenthur, die nach einer offenen Gallerie fuhrte. Wenn auch noch alter an Ursprung, war sie doch in diesem Augenblicke eine wahre Erquickung, da die Herbstsonne warm und duftig auf sie schien, und die zierlich gemauerte und vielfach durchbrochene Einfassung mit Moos und niederhangenden Eibenbaumchen durchflochten war, welches Alles dem unschuldigen Leben der Natur naher fuhrte; obwol hier das Zeichen des uberhand nehmenden Verfalls, von dem die Vegetation mit ihren vielfach anmuthigen Mitteln sogleich Besitz nimmt, deutlicher hervortrat. Hier beruhigte sich Fennimor, und ihr trubes Auge gewann seinen vollen Glanz wieder, und Lippen und Wangen ihre Farbe.
"Wo sind wir denn jetzt?" frug sie, auch sogleich zu ihrer alten Neigung zuruckkehrend und die Fensterreihe hinter sich prufend, wovor diese Gallerie entlang lief.
"Dies waren die verschiedenen Zimmer der Hoffraulein" sprach der Kastellan; "sie sind ohne Werth, und haben eine besonders feuchte und kalte Luft."
"Aber jener Thurm, an dessen Thure sich diese Gallerie endigt, wo fuhrt er hin? O, sieh' doch, Leonin, wie reizend dort das Ende eines Altans hervorschaut! Welch' herrliche Aussicht muss man von ihm in das Thal von Ste. Roche haben, da er mehr nach jener Seite zu liegt!" und schon eilte Fennimor auf der Gallerie voran, das Schloss an der kleinen Thur gab nach, und sie stand in dem Thurmzimmer, ehe der Graf ihr folgen konnte, was St. Albans mit sichtlichem Widerstreben that.
Auch dies war ein grosses, rundes Schlafzimmer, jedoch in seiner Ausstattung von bedeutenderen Anspruchen, obgleich diese mehr, als in den ubrigen Zimmern, gelitten hatte, da der Altan zwar mit seinen grossen Thuren das Fenster bildete, aber, den Unbilden des Wetters preisgegeben, Regen und Schlossen eindringen liess. Da liefen an den vergoldeten Lederbehangen der Wande kunstreich geschnittene Banke von Eichenholz um das Zimmer her, und neben dem Kamine von schwarzem Marmor stand das grosse Bett, welches, wie gewohnlich, an Vorhangen und Verzierungen der Holzschneidekunst den meisten Aufwand fruherer Zeit zeigte. Vorzuglich aber betrachtete Fennimor ein schones Betpult mit Knieschemmel, an dem ein zusammengesunkener kleiner Harfion, eine kleinere Art dieses spater erst vergrosserten Instruments, wie die Damen ihn leicht in einer Hand zu tragen vermochten. Dies kleine Instrument, wenn jetzt auch ohne Saiten, mit verrosteten Wirbeln, war doch mit dem grossten Fleisse in Elfenbein und Gold gearbeitet, und zeigte an, dass hier ein Fraulein gehaust, da nur Frauen dies Instrument spielten. Die Vorhange des Bettes waren nicht zugezogen, und Fennimor sah die Kissen und Matratzen von dunklem Damast, und die reich gestickte Decke, wenn auch Alles von Staub und Feuchtigkeit geschwarzt erschien, und kaum noch in seiner fruheren Beschaffenheit kenntlich.
Schon ein paar Mal hatte Fennimor gefragt, wem dies Zimmer gehort habe da sie ihre Frage wiederholte und den alten Mann dabei befremdet ansah, erwiederte er schuchtern: "Es ist der Eudoxien-Thurm."
"Eudoxia? Nun, wer war das?" frug sie weiter.
"Eudoxia, das schone Fraulein von Nemours, war auch eine Hofdame der Frau Konigin Katharina aber sie hatte nicht Gluck davon. Der Konig, sagt man, habe sie lieber gehabt, als erlaubt war, und er fand sie hier einstmals auf ihrem Lager, dass sie ihm blos noch die blutende Wunde in der Brust zeigen konnte, und ihm sagen, wie ihr befohlen war: die Konigin habe dies gethan. Dann ist sie verschieden. Drauf, sagt man, sasse sie noch immer hier auf diesem Altane in ihrem weissen Kleide und warte auf den Konig, wie er sonst durch das Thal herauf zog."
"Heil'ger Gott," rief Fennimor und barg ihr Antlitz an Leonin's Brust, "eine Konigin und morden! Ist denn das moglich? Sie sagen ja, sie sind von Gott erwahlt konnen sie denn da morden? Das ist vielleicht nicht wahr! O, Leonin," fuhr sie wemuthig fort, "sprich doch, Du musst es ja wissen!"
"Lass' das jetzt, Fennimor! Kehren wir lieber zuruck hier unten liegen unsere Zimmer auch freundlich von der Sonne erhellt, da wohnen keine schrecklichen Erinnerungen. Mein Ur-Grossvater liess sie gastlich einrichten dort wollen wir Alles vergessen."
"Ja wohl," sprach der Kastellan, "von diesem guten gnadigen Herrn sind nur schone, heitere Nachrichten in der Chronik zu finden. Er benutzte auch nie diese oberen Gemacher oder doch nur jene Seite druben, die koniglichen Prunkgemacher, nie den eben besuchten Banketsaal, weil er auf den grossen finstern Hof mit dem Grabmal des Herrn Grafen Theophim herabsieht."
Die vielfach bewegten Wanderer kehrten in ihre jetzt schon und ansprechend eingerichteten Zimmer zuruck, und hier erst zeigte es sich, wie tief erschuttert Fennimor war, denn bleich und wortlos sank sie in einen Stuhl am Feuer hin, horte nicht, was Leonin sprach, und schien mit offnen Augen bewusstlos.
Leonin fuhlte bald, dass er sie nicht gewaltsam wekken durfe, und gonnte es ihr, sich selbst auszutraumen, mit seinen liebevollen Blicken ihr blos ein zartlicher Wachter bleibend.
Mit einem tiefen Seufzer loste sich endlich ihr beklommener Zustand sie erkannte Leonin und sank weinend an seine Brust. "O, Leonin," rief sie "dass in der offenen, schonen Welt, wie sie von Gott kommt, noch so eine finstere geheime Welt ist, die gar nicht dazu gehort, gar nicht Gottes Welt sein kann und bei der nicht zu begreifen ist, warum die Menschen sie in die andere grosse Gottes-Welt hineinsetzen, und damit die andere verderben und Gott kranken! O, Leonin, ich glaube, mein Vater wusste gar nichts von der falschen, gemachten Welt!"
"Wohl hast Du Recht," sprach Leonin, "dass dies nicht die rechte, sondern eine falsche Welt ist und es schmerzt mich, dass Du mit der Kenntniss des Schlosses, die Du so wunschtest, einen so dustern Blick hinein thun musstest. Lass' uns diese Welt, die uns so fern liegt, vergessen, und richte Deine Blicke auf die Gegenwart, die kein Schrecken birgt. Obwol ich durch Unterricht und Lebensweise diesen Beziehungen naher getreten bin, so sind sie von mir doch noch nicht selbst erlebt, und ich ahne mehr den Stoff, dem ich zerstreut in der Welt begegnet bin, als dass ich ihn in dem eignen Leben bisher nachzuweisen wusste. Es ist ein schwermuthiges Geschaft, sich in die Fragen zu vertiefen, die sich uns daruber aufnothigen wollen, wie sich die Zulassung der schrecklichen Verbrechen, welche die Erde besudelt haben, mit der Gerechtigkeit Gottes vertragt, wie, dass wir oft den Unschuldigen untergehen sehen und den Verbrecher triumphiren. Lass' uns denken, dass dessen ungeachtet die gottliche Gerechtigkeit sich ausreichend erweist, dass solche Triumphe, wie das Untergehen der Unschuld nur scheinbar sind, und der innere Zustand Beider in der ausgleichenden Hand Gottes ruht."
"Ja, so wird es sein," sagte Fennimor, welche ihn mit glaubiger Zuversicht angehort hatte: "aber gewiss giebt Gottes schone Welt zum Bosen keine Veranlassung, und Jeder durfte gut sein nach seinen Kraften."
"Und doch ist dieser Streit, dieser Kampf nothig dadurch gerade, dass wir mit dem Bosen und gegen das Bose kampfen, entwickelt sich das Hohere in der menschlichen Natur, und der, welcher den Kampf erregt, ist ein Werkzeug in Gottes Hand, eben so, wie es der Streiter fur das Gute ist; wie schwer wurde es uns werden, das Maass ihres Verdienstes oder ihrer Verschuldung zu finden das ist unserm Auge entruckt."
"Ach, Du bist weise!" sagte Fennimor, die truben Augen zu ihm aufschlagend. Dann liess sie sich, von so vielen Eindrucken ermudet, von Emmy Gray nach ihrem Bette fuhren, und bald heilten ihre unschuldigen Traume die Wunden ihrer Seele aus.
Wie liebevoll auch Beide den immer naher ruckenden Augenblick der Trennung vor einander zu verhullen suchten, er nahte sich darum doch, und Fennimor rang mit der Einwilligung zu dem grossten Schmerze, den sie glaubte erleben zu konnen. Aber noch immer straubte sich ihre stolze und kraftige Natur gegen eine solche Zumuthung; fast zurnend blickte sie auf Umstande, die sie dazu nothigen wollten; und wunderbar fuhlte sich Leonin von dieser Forderung, die er in jedem Worte, in jedem Blicke dieses Naturkindes erkannte, verschuchtert. Alle Rucksichten, von denen er sich beherrscht erkennen musste, versanken vor einem Geiste, dem die naturlichen Verhaltnisse der Menschen allein eine Geltung hatten, und er fuhlte theils Scheu, ihr die Erscheinungen der Gesellschaft, wie sie ihm bekannt und bedeutend geworden, zu schildern, theils fuhlte er Zweifel, ob sie ihnen den Einfluss zugestehen wurde, da sie ihre Fassungskraft ubersteigen mussten. Aber wir konnen oft nach Aussen hin uns gegen das Andringen einer gefurchteten Veranderung mit entschiedenen Worten wehren, dennoch ergreift schon die Ueberzeugung, dass wir ihr nicht entrinnen konnen, unsere angstlich Wache haltenden Gedanken, und wir betreffen uns gegen unsern Willen auf kleinen Handlungen oder Einrichtungen, die nur darauf Bezug haben konnen, dass wir selbst jene gefurchtete Veranderung fur unabweisbar halten und ihr instinktartig schon entgegen kommen.
So machte Leonin, wie Fennimor Einrichtungen und Plane zu Beschaftigungen und kleinen Erheiterungen im Freien, die ihre Zeit auszufullen strebten, wobei eine stillschweigende Anerkennung durchblickte, dass sie dann ihres Gatten beraubt sein wurde und doch umschlichen Beide das entscheidende Wort, und nicht selten schaffte sich Fennimor nach solchen Anregungen, die ihre Seele beklemmten, durch ein paar angstvolle Worte Luft, die jede Andeutung verlaugnen sollten.
Da hatte sie der Abend vor dem hohen Lesepulte gefesselt, und Fennimor las mit langsamer Aussprache, aber richtigem Accente und dem ruhrend unschuldigen Tone ihrer kindlichen Stimme, die unsterblichen Stanzen des Cid von Corneille. Wie gluhten ihre zarten Wangen, wie schon hoben sich im verwandten Gefuhle der eigenen hochherzigen Empfindungen die schon geschweiften Lippen, um den edlen Stolz, die reine ritterliche Liebe des Helden auszudrucken, wie hatte sie lieber selbst ihm gleich geantwortet, und wie gespannt lauschte sie der Antwort Ximenen's, hoffend, es sage ihrem eigenen hochbegeisterten Gefuhle zu, was sie antworte.
Wer vermochte zu schildern, mit welchen Gefuhlen Leonin, zwischen Sehen und Horen getheilt, vor ihr sass; leise war er von ihrer Seite weggeruckt, ihr fast gegenuber, ihren vollen Anblick geniessend und sicher, dass sie in ihrer begeisterten Hingebung an den grossen Dichter und seinen Helden ihn selbst vergessen wurde.
Die Kerzen, die uber dem kunstlich geschnittenen Pulte von Eichenholz in schweren silbernen Armen ruhten, beleuchteten von oben das runde Haupt mit seinen reichen, lichtbraunen Locken und warfen das hellste Licht auf die weisse, zartgewolbte Stirn. Der Schatten hatte den schonen Untertheil des Gesichts verhullt, ware nicht von dem weissen Blatte des Buches, vor dem sie gebeugt sass, ein Reflexlicht dazu aufgestiegen, welches Farbe und Form magisch verschonte.
Die kostbaren Stoffe, die Leonin seiner Gemahlin nur passend hielt, waren ihr langst im taglichen Gebrauche bequem, und der reiche blassblaue Seidenstoff, der von ihrem schlanken Leibe in vollen Falten zur Erde fiel, ward um Schultern und Busen mit reichen Spangen gehalten. Sie trug und passte das Alles zu einander mit dem vollkommenen Geschick, was, von der Schonheit unterstutzt, so oberflachlich unter die Rubrik einer naturlichen weiblichen Koketterie verwiesen wird, und vielmehr der edeln, reinen, allgegenwartigen Empfindung zuzurechnen ist, welche eine Frau leitet, sich selbst zur Befriedigung, nur das Schone und Vollkommene an sich leiden zu mogen.
Gewiss fuhlte Leonin mehr, wie je, den unaussprechlichen Zauber seiner Liebe, und sein Blick schweifte einen Augenblick an den hohen, schwerfallig verzierten Wanden des schonen alterthumlichen Gemachs umher, und schien die verdusterten Familienbilder herauszufordern, ihm ein wurdigeres Modell zu zeigen fur die Nachfolge in ihren Reihen.
Da war Fennimor an das letzte Wort gekommen, womit Cid von Ximene'n Abschied nimmt, uberwaltigt schlug das feurige Kind die Hande zusammen, und Leonin's Augen suchend, rief sie: "O, wie gottlich schon ist es, solchen Schmerz zu fuhlen!"
Leonin eilte ihr naher, aber ein schnell hervorbrechendes Schluchzen des holden Wesens zeigte ihm, wie tief die poetische Erschutterung war, die sie erfahren, und er schamte sich fast, mehr ihrer Schonheit, als der herrlichen Dichtung gedacht zu haben.
Doch sollte ihm keine Zeit bleiben, ihr seinen halben Antheil zu verbergen. Schritte wurden im offenen Nebenzimmer gehort; der Graf ging dem eintretenden Kammerdiener entgegen und nahm ihm einen Brief ab, der so eben aus Paris mit einem reitenden Boten angekommen war, der Tag und Nacht den Weg gemacht hatte.
Es durchzuckte Leonin, als er, den Lichtern naher tretend, durch wenige Zeilen des Marquis de Souvre von dem todtlichen Erkranken seines Vaters benachrichtigt ward, und dem Begehren desselben, seinen Sohn noch einmal zu sehen.
Er erhob den Blick von dem verhangnissvollen Blatte zu Fennimor empor, die ihn gespannt beobachtend noch an derselben Stelle sass; er wollte noch ein Mal den Eindruck zuruckrufen, dem er sich einen Moment fruher so ganz hingegeben fuhlte, aber schon hatte der Ausdruck seiner Zuge, die sie so scharf beobachtet hatte, von ihrem Gesichte jene poetische Verklarung verwischt, die nur eben in dem Zurucktreten unserer eigenen Existenz Raum findet. Ahnungsvoll blickte sie ihn an, und er fand keine Worte; stumm reichte er ihr den Brief, dessen Inhalt, in wenigen Worten bestehend, sie eben so schnell uberflogen hatte. Fennimor erblasste wie der Tod, und einen Augenblick schien der ungeheure Schmerz ihre Gestalt mit Erstarrung zu beruhren. Leonin wagte nicht, sie langer anzublicken; gebeugt stand er, an das Pult sich lehnend. Da horte er, wie sie aufstand; bald sah er sie vor sich stehen.
"Leonin," sagte sie leise, aber fest und innig, "das ist Gottes Gebot! Dein Vater ruft Dich! Du musst fort schnell reisen! O, eile, eile, damit er Dir seinen Segen giebt, Du nicht, wie ich, die stumme, kalte Leiche findest!"
"Fennimor, heil'ger Engel, Du sendest mich selbst von Dir, Du willst mir das Allzuschwere mit Deiner frommen Kraft erleichtern!"
"Ja, Leonin, das will ich, und Dich rusten helfen, damit Du schnell Deinen Weg antreten kannst, und will standhaft sein und Dich nicht entkraften durch meinen Weiberschmerz, damit Du ein Mann bleibst, ein Held, wie Cid das hatte Ximene auch gethan."
"Ha," rief Leonin und druckte sie an seine Brust "Corneille, welch' ein Lorbeer sprosst heute um Deine Stirn! Das ist Dichterberuf, die Begeisterung hervorzurufen, die das empfangliche Gemuth Dir nachfliegen macht und dem Leben den Karakter der Erhabenheit aufdrangt, mit dem Du es erfullt hast!"
Sie sah ihn fragend an sie wusste es nicht, dass es so war aber, als sie an ihm voruber aus dem Zimmer schwebte, die Worte zu verwirklichen, war in ihrer Gestalt eine Sicherheit und Ruhe, eine Erhabenheit, als schwebe der Goldreif Ximenen's um ihr jugendliches Haupt.
Und so hatte der helle Dezember-Morgen kaum den leichten Frost der Nacht in Thautropfen verwandelt, da zog durch das Thal von Ste. Roche der beflugelte Reisezug des jungen Grafen Crecy, und aus Eudoxiens Thurm wehte ein weisser Schleier als letzter Liebesgruss, wahrend die fromm beherrschten Thranen jetzt wie Bache aus den schonen Augen Fennimor's, vielleicht auf dieselbe Fensterbrustung fielen, wo einst Eudoxia dem koniglichen Geliebten nachgeweint.
Zweiter Theil
Das Gefuhl, seinem sterbenden Vater entgegen zu eilen, verschlang jede andere Betrachtung in dem jungen Grafen von Crecy, und so war er weit davon entfernt, an die schwierigen Verhaltnisse zu denken, mit denen er sich unter andern Umstanden beladen gefunden haben wurde. Eile war das Einzige, was er nothig zu haben glaubte, und die Thurme von Paris tauchten aus dem Nebelmeere rauchender Essen und dem Dunstkreise einer zusammengedrangten Volksmasse schon am Abend des dritten Tages vor dem ungeduldigen Sohne auf, und ubten auch auf ihn die magische Wirkung einer von Sehnsucht und Freude gemischten Ruhrung aus, von der sich vielleicht Keiner ganz losgegeben fuhlen wird, der nach langer Abwesenheit die Vaterstadt zuerst wieder sieht.
Die schmerzliche Erwartung, der er entgegen eilte, verschwand vor dem Anblicke dieser bekannten Spitzen und Kuppeln und machte einem kurzen Aufjauchzen seiner Brust Platz; und als ob ihn schon geliebte Augen anlachelten, so blickte er zartlich auf ihre im Nebel schimmernden Riesenbilder. Es war ihm, als wurde er sich seiner selbst erst bewusst, als ware Alles, was er erlebt, bloss darum erlebt, um es hier durchzufuhlen, an dieser Stelle ihn zu dem zu erheben, was er in unbestimmten Umrissen kreisen gefuhlt hatte von Jugend auf; und als ob sie die erste uud unabweisliche Autoritat waren, die ihn zur Rechenschaft ziehen konnte, so bang bewegt ward sein Herz, obwol sie ihm zugleich eine Verheissung von versohnender Liebe, ein Verstandniss mit ihm und allen seinen Zustanden erschienen, wie jedes andere Gefuhl dagegen zu einem fremden und oberflachlichen ward. Es sind auch gerade diese, an unser fruhestes, harmlosestes Bewusstsein geknupften jugendlichen Erinnerungen, welche den unaussprechlichen Zauber weben, von dem wir uns beim Wiedersehn des Vaterlandes ergriffen fuhlen. Es ist die Hoffnung, verstanden zu werden; diese stete Sehnsucht des strebenden Herzens, die uns so leicht zu erfullen scheint, den langvertrauten Gegenstanden gegenuber, und uns jedes erfahrene Missverstandniss vergessen lasst, uns nur an das erinnernd, was wir dort empfingen; so viel in dieser ersten Jugendzeit, dass es jeden neuen Gewinn zu sichern scheint!
Und jetzt umschlossen ihn schon die engen, gerauschvollen Strassen von Paris und je naher er der Fauxbourg St. Germain kam, je mehr ward seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen durch die schwerfalligen Karossen, welche, mit Dienern und Pagen behangen, e i n e m Ziele entgegen strebten.
Sein leichterer Reisewagen und sein immer ungeduldigeres Antreiben bahnten sich endlich einen Weg, der ihm bei einer schnellen Wendung das Hotel Soubise vor die Augen fuhrte, welches seine Eltern bewohnten, und das zu seiner nicht geringen Ueberraschung das Ziel der um ihn rasselnden Karossen war, die schon in breiten Gassen davor aufgereiht standen.
"So muss mein Vater l e b e n !" rief Leonin. Und eben rollte sein Wagen unter das Portal des Schlosses.
Bekannte Gesichter, ein lauter Jubelruf empfingen den jungen Erben, der mit einem Sprung uber die Tritte hinweg unter den treuen Dienern stand, die jetzt Hande, Rockschosse und Fusse mit Kussen bedeckten.
"Mein Vater! mein Vater!" stammelte Leonin, fast erstickt von Gefuhlen.
"Er lebt, gnadiger Herr! er lebt! Gott hat ihn erhalten!" drang es aus aller Munde. "Kaum war der Bote fort, als die Genesung eintrat."
"Und wo, wo, meine Mutter?" Er wies Jeden mit seinen Armen zuruck und flog, Alles vergessend, uberrennend, an den prachtvoll geschmuckten Gasten, welche die Treppen bedeckten, voruber, in die glanzenden Zimmerreihen, in denen er die Mutter suchen musste.
Die Marschallin von Crecy verbarg unter der feinen Miene gesellschaftlicher Hoflichkeit, die sie ihr vollstandiges Eigenthum nennen konnte, das unruhig bewegte Herz einer Person, welche unaufhorlich irgend eine Absicht, irgend einen Plan verfolgt, und von Allem, was sich um sie her bewegt, hauptsachlich verlangt, dass es sich nach ihrer Ansicht, ihrer Bestimmung gestalte. Es war oft bloss die Ausubung dieser Herrschaft, die ihren Entwurfen Reiz verlieh, da sie sich selten uber die Geringfugigkeit derselben tauschte, und eine bittere Verachtung gegen Menschen und Verhaltnisse fuhlte, die sich beherrschen liessen. Man konnte sie so durch ihre eigenen Neigungen bestraft nennen; denn, indem sie ihren ganzen Scharfsinn aufbot, jeden Widerstand um sich her zu entkraften, machte es ihr doch gerade die ubelste, finsterste Laune, dass sie Niemanden fand, der ihr gewachsen war, obwol er nur Gegenstand ihres ungemessenen Zornes, ihrer rastlosen Verfolgung gewesen ware.
Es durfte nicht schwer werden, hiernach die augenblickliche Stellung gegen ihren Sohn zu folgern. Sie war ausser sich, dass er Widerstand wagte; aber sie ward dadurch belebt und zu einer Thatigkeit erhoben, die alle ihre Krafte anregte. Und dass sie gerade in ihrem Sohne den Gegenstand finden musste, der das Wagniss versuchte, ihren Willen zu lenken, machte sie stolz auf ihn und flosste ihr den Grad von Achtung ein, der ihn ihr zum wurdigen Gegner machte, der Muhe werth, ihn zu besiegen; denn b e s i e g e n , einen andern Gedanken hatte sie freilich nicht!
Das todtliche Erkranken des alten Marschalls, wodurch die schnelle Einberufung des Sohnes vollstandig motivirt ward, war ihr kaum willkommen. Dies Ereigniss unterstand sich, ohne ihren bestimmten Willen ins Werk zu richten, was sie sicher war, doch zu erreichen. Sie fuhlte sich fast dadurch beleidigt und regte keine Hand, es zu unterstutzen; sah sich aber doch genothigt, die Hebel, die sie fur spatere Zeiten in Bereitschaft hielt, jetzt um so viel vorzurucken.
Nothwendig bedurfte sie einer Collision der Verhaltnisse. Das Eintreten ihres Sohnes durfte nicht das Hauptereigniss sein; es hatte ihn ihr zu nahe, zu imponirend entgegen gestellt, und das Mittel fand sich sogleich.
Mademoiselle Louise, ihre einzige Tochter, erhielt in dem Kloster der Benediktinerinnen einen Besuch von ihr, und die Marschallin zeigte sich hier so vollkommen zufrieden mit der sechzehnjahrigen Tochter, dass sie der Aebtissin ihre Absicht aussprach, die Erziehung der jungen Kostgangerin vollendet zu erklaren, und Mademoiselle Louise begleitete ihre Mutter nach Paris zuruck.
Mit eben so sicherer Hand ward hier die Prasentation des jungen Frauleins bei der koniglichen Familie bewirkt; und jetzt war Mademoiselle Louise ein Mittelpunkt, um den sich der gesellige Glanz des Hauses Crecy-Chabanne sammeln konnte Grund genug, das Interesse und die Gedanken der Marschallin in den Zerstreuungen von ihrem Sohne abgezogen erscheinen zu lassen.
Sie hatte genau seine Ankunft berechnet. Denn, dass sich die Gesinnungen des Sohnes nicht verlaugnen wurden, dessen war sie gewiss; und wenn sie auch nicht ahnte, durch welche Ueberredung er so schnell herbei gefuhrt wurde, so war sie doch ausser Zweifel, er musse kommen, und ein Fest musse ihn empfangen. Darauf waren alle folgenden Tage angewiesen; und das Befinden des Marschalls legte ihr kein Gebot des Anstandes mehr in den Weg.
So empfing sie heute die vornehme Welt von Paris, um die Gluckwunsche anzunehmen, die ihr uber die Prasentation ihrer Tochter bei Hofe zukamen.
Das Palais Soubise, welches so als Eigenthum der Marschallin genannt ward, glanzte in der vollen Pracht aller aristokratischen Vorrechte, welche diese so wohl zu erhalten und hervor zu heben wusste; ein Talent, das sie zu der ausgezeichnetsten Person des Hofes und Adels erhob und ihren Ansichten und Entscheidungen die Huldigung der Untruglichkeit verschaffte.
Sie war das vollkommenste Muster der unzahligen Abstufungen der Etikette, die einer Frau von Stande damals so hoch angerechnet wurden; und wer sie beobachtete, konnte nie uber den Rang der Personen in Zweifel sein, die sich ihr nahten.
Nie verwechselte sie eine Anrede oder Erwiederung mit der anderen, und die Kurze oder Lange derselben, der leisere oder starkere Ton ihrer Stimme, ob sie dem Gegenstande gerade gegenuber oder seitwarts gewendet blieb, mit halbem oder ganzem Blicke begegnete, das waren Nuancen einer damals hochgeschatzten Feinheit und ein sicheres Zeichen uber die Anspruche der Personen. Die Marschallin war uber funfzig Jahr alt und eine konservirte Frau. Das gleichmassige Embonpoint ihrer Gestalt gab dem Teint ohne kunstliche Mittel eine grosse Frische, die besonders Personen von rothlichem Haare lange behaupten. Die unsinnige Mode, dicke Lagen von Schminke zu tragen und diese Sitte als ein Vorrecht des Standes mit der Verlaugnung aller Natur- und Schonheitsregeln auszuuben, gab der altesten wie der jungsten Dame ein gleiches Ansehn. Nur Unverheirathete genossen diesen Vorzug nicht; und so erschien oft die frischeste Jugend mit der Farbe der Gesundheit wie bleiches Siechthum, wenn sie in eine Reihe mit den verheiratheten Damen gerieth.
Die Marschallin gehorte sowol durch Geburt, wie durch Vermahlung zu den Familien, welche die Ehren des Louvre genossen; und so sehen wir in ihrem Audienz-Saale einen Thronhimmel, unter welchem die Marschallin in einem breiten, vergoldeten Fauteuil sass und sich erhob, oder sich bloss neigte, oder die Stufe, welche ihn erhohte, hinab steigen zu wollen schien Alles in untruglicher Ordnung, dem Range der nahenden Gaste gemass. Die Stickereien ihrer Robe waren so kostbar und breit, dass man die Farbe des Sammets nur bei einer Wendung in den hinteren Falten sehen konnte. Das Unterkleid dagegen zeigte auf Drapd'or den ganzen Wahnsinn des damaligen Geschmackes, indem mit bunter Folie, Perlen und Juwelen eine Landschaft darauf gestickt war, der es weder an Thurmen, noch Baumen, noch an der gehorigen Staffage von Menschen, Hunden und den verschiedensten Thieren des Waldes fehlte.
Der Aufwand einer solchen Kleidung, zu welcher noch die reichsten Aufsatze und die kostbarsten Geschmeide gehorten, uberstieg allen fluchtigen Modewechsel spaterer Zeiten; und es fanden sich nur wenige Damen unter dem reichsten Adel, welchen es gestattet war, mehr wie zwei oder drei Galla-Anzuge ihr Lebenlang zu besitzen. Doch auch in dieser Beziehung war die Marschallin eine von den Begunstigten, welche ihre Toilette bei jeder sich zeigenden Veranlassung in eine neue Form zu bringen wusste, und zwar mit der vollkommen gleichgultigen Miene, welche diese Angelegenheit bloss zu einem Geschafte ihrer Kammerfrauen herab wies, das ihre Beachtung wenig verdiene.
Doch sah man bei den Festen der Marschallin jedenfalls ein unverkennbares Streben der erscheinenden Damen, der Frau vom Hause ihr Uebergewicht bestreiten zu wollen; und es war eine wohl aufgenommene Artigkeit, wenn man versicherte, dass sich nirgends eine hohere Eleganz der Damen zeigte, als in ihren Salons.
Wir beschranken uns jedoch auf die gegebenen Andeutungen. Der Glanz einzelner Personen, das Zusammenwirken einer solchen bunten, strahlenden Masse wird sich uns von selbst aufnothigen, und wir bezeichnen nur noch eine junge, heiter lachelnde Madchengestalt, die, sich an dem Stuhle der Marschallin lehnend und den leicht gegebenen Winken derselben folgend, jeden Ankommenden mit den respektueusen Verbeugungen der Jugend begrusst. Es ist Mademoiselle Louise, die Tochter der Marschallin, welche der bequeme Vorwand fur die Absichten ihrer Mutter ward; da allerdings nach einer Prasentation bei Hofe, die Etikette eine Reihe von Festen verlangte, welche die Freude uber einen solchen Vorzug sowol dem Adel, als vor Allem dem Konige darlegen musste.
Am heutigen Tage nahm die Marschallin indessen noch ausserdem mit besonderem sussem Lacheln und einer Bewegung des Fachers, die allgemein bewundert ward, da sie einen sanften Schmerz ausdrucken sollte, die Gratulationen uber die Genesung des Marschalls an, und sie erwahnte gegen einzelne Auserwahlte, dass selbst Ihro Majestaten sich ihrer liebsten Umgebungen beraubt hatten, um ihr Gluck wunschen zu lassen.
Auch konnte gewiss nur die finstere Herzogin von Bellefond, welche selbst ausser den Zimmern der Konigin nie ohne ihren kleinen Elfenbeinstab erschien, der ihr als Oberhofmeisterin gebuhrte, mit der Frau Marschallin den Platz unter dem Thronhimmel theilen; da sie gewissermassen durch ihren besonderen Auftrag von Seiten der Majestaten zu einer geheiligten Person erhoben war.
Zur andern Seite stehend, befand sich der Marquis von Vieuville, der Ehrenkavalier der Konigin, der mit der vollkommensten Kenntniss jeder einzelnen Person des Hofes und ihrer Verhaltnisse sich den Ruf einer immerwahrenden sarkastischen Laune zu erhalten wusste, daher, halb gefurchtet, halb gehasst, der Gegenstand der verbindlichsten Aufmerksamkeiten war, und eine Hoflichkeit und Zuvorkommenheit an den Tag legte, die ihm sehr bequem ward bei der Beachtung, mit der man seine Aeusserungen entgegen nahm.
Die Marschallin wusste, wahrend sie empfing, anredete, antwortete und fur Jeden die passende Verbindlichkeit bereit hatte, stets einige pikante Bemerkungen uber ihre Schulter dem ihr sehr vertrauten Marquis Vieuville zuzuwerfen, und der Marquis empfing diese Bemerkungen stets, um sie, mit reichen Zugaben versehen, seiner Gonnerin zuruck zu geben; wahrend sein wunderlich schmales und trockenes Gesicht, von einem fein beschnittenen Puderstreifen eingefasst, ausser der Bewegung der Lippen keine Veranderung zeigte, und jedes spahende Auge sich vergeblich daran versuchte.
"Madame," sagte er, indem die Marschallin sich abgewendet mit dem Herzoge von Gevres unterhielt "Sie sind heute dazu bestimmt, ganz Paris zu zeigen, wie die vollkommenste Dame des Hofes die zartesten Gefuhle als Gattin und Mutter mit der bezauberndsten Eleganz zu vereinigen weiss, die auch dieses Genre aus dem rohen Naturzustande erhebt, worin es uns so beschwerlich fallt Sie werden, wenn Sie sich gnadigst wenden, den jungen Grafen von Crecy erblikken!"
Einen Augenblick genoss der Marquis das schnelle Vibriren auf dem Angesichte der Frau Marschallin und begleitete es mit einem Lacheln, welches sagte: Sie sind doch noch nicht vollkommen Meisterin ihrer selbst! als diese auch schon, ohne aufzublicken, vollig sicher uber ihren ironischen Beobachter, mit dem Lacheln der hochsten Sammlung sich dem ihr entgegen Eilenden zuneigte und es nicht ungern versaumte, ihm zuvor zu kommen, als er sich mit kindlichem Enthusiasmus ihr zu Fussen warf.
"Also zu einem dreifachen Feste erheben Sie durch Ihre Ankunft diesen Tag!" rief sie mit anmuthigem Eifer. "Stehen Sie auf, mein theurer Sohn! Wenn Sie leider nur der Segen Ihrer Mutter hier empfangt, so erhielt Ihnen doch die Gnade Gottes den Vater, den Sie so liebevoll zu erreichen strebten. Mein Herz dankt Ihnen fur diese lebendige Theilnahme! Und lassen Sie mich hinzusetzen: ich erwartete nichts Anderes von Ihnen! Mademoiselle Louise, umarmen Sie Ihren Bruder!"
Zuruckgedrangt mit allen seinen Gefuhlen, erkannte der junge Graf, indem sein naturlicher Stolz die Oberhand gewann, wohin seine Mutter ihn vorlaufig verwies; und aus dem hingerissenen Zustande kindlicher Liebe und Freude sich empor raffend, rief er sich die Sitten der vornehmen Welt, die eine lange Gewohnung ihm bequem werden liessen, zuruck, um sich auch jetzt vor der klugen Beobachtung seiner Mutter damit zu behaupten.
Er fuhlte daher auch bald, dass er es sein musse, der sich einer Gesellschaft entzoge, welcher er vor seiner Prasentation nicht zugehorig sein konnte, und fand die Bestatigung dieser Voraussetzung in der entschiedenen Haltung der Marschallin, die auch nicht die kleinste Bewegung zu einer Vorstellung ihres Sohnes an die ihr durch Ihren Rang am nachsten stehenden Personen machte, sich nach der Umarmung mit seiner Schwester, mit ihm wie in ihrem Privatkabinette unterhielt und dadurch alle Theilnahme der sie Umgebenden ablehnte.
Sie beobachtete dabei mit geheimen Vergnugen, wie stolz und gewandt seine Haltung und seine Worte waren, und musste diese Beobachtung noch bestatigt fuhlen, als er ihr jetzt selbst seine Bitte vortrug, die Gesellschaft verlassen und seinen Vater aufsuchen zu durfen.
Nachdem sie ihn beurlaubt, setzte sie ihre Unterredung mit dem Herzoge von Gevres so ruhig fort, dass sie eine Anspielung auf das eben Erlebte Jedem unmoglich machte, und so das plotzliche Auftreten des jungen Erben anscheinend unbemerkt voruber ging.
Nur Zwei in diesem Kreise hatten das Ereigniss tief empfunden, und wie verschieden auch ihre Gefuhle waren, Beiden schien es gleich wichtig. Louise de Crecy hatte den Bruder umarmt; die einzige Sehnsucht ihres unschuldigen Herzens war erfullt. Sie wusste ihn nun in ihrer Nahe, diesen Schutzheiligen ihrer klosterlichen Traume, an den sie alle unverstandenen Wunsche ihres Herzens knupfte, den sie so fest und sicher sich gewonnen glaubte, dass uber den Rand ihrer Silberrobe, die wie ein Bollwerk ihre jugendliche Heiterkeit einfing, ihr kein Hinderniss mehr fur das frohlichste Leben mit ihm moglich schien, und ihr Blick dem Davoneilenden mit dem bezaubernden Lacheln der Befriedigung folgte.
Auch die Augen des Marquis de Souvre folgten dem Junglinge, und gleich der unschuldigen Louise, glaubte auch er ihn jetzt sicher zu haben. Aber, wenn Beiden die Stunde der Erfullung schlug, war doch Beider Gefuhl so ungleich, als Fluch und Segen!
Er musste es horen, wie der Eindruck dieses fluchtigen Erscheinens, den die Marschallin nur in ihrer nachsten Umgebung zum Stillschweigen zu verweisen vermochte, um ihn her eine grosse Bewegung erregte; und so sehr er mit den Schwachen der Menge vertraut war, so sehr er ihr Urtheil verachtete und genau wusste, dass unbedingtes Lob, wie es hier dem jungen Erben nachtonte, nur eben in diesem ersten, bedeutungslosen Auftreten zu suchen sei, das noch kein Interesse beruhrte oder durchschnitt so reizte es ihn dennoch, seine schone stolze Gestalt, seine feine Haltung bewundern zu horen.
Wahrend dessen durcheilte Leonin mit klopfendem Herzen die prachtvollen Gemacher und lenkte schnell in die abfuhrenden, nur matt erleuchteten Corridore, die nach dem Gartenflugel fuhrten, in welchem sein Vater in unabanderlicher Form und Weise seine Zimmer eingerichtet hatte. Welch' ein Wechsel drangte sich in diesen hohen, alten Rustkammern dem Beobachter auf! Es schienen nur Zelte und Wachtfeuer zu fehlen, um hier ein Lager zu vergegenwartigen, und das Feuer fehlte auch nicht in den weiten Kaminen; denn diese hohen Marmor-Sale, mit eisernen und stahlernen Rustungen bedeckt, von marmornen Heldengestalten unterbrochen, athmeten eine so erstarrende Kalte aus, dass die Flamme in den Kaminen niemals fehlen durfte. Eben so war das Schlafgemach; nur kleiner, aber von jedem verweichlichenden Luxus der Zeit entfernt, mit kahlen Wanden, ohne Vorhange, nur mit dem eisernen Feldbette des Marschalls moblirt, zu welchem die holzernen Stuhle und Tische, die einst sein Zelt bedient hatten, hinzu kamen, und mit einem uber dem Bette befestigten Bundel Fahnen, welche weit uberhangend, es zu schirmen schienen und dem Gemache das unverkennbare Ansehen eines Zeltes gaben.
Auf diesem Ehrenbette, von harten Kissen gestutzt, ruhte der Marschall von Crecy, bloss mit einem ungeheuern Reitermantel bedeckt, und horte den Gesprachen zu, die der Kaplan des Hauses mit dem Arzte des Grafen zu seiner Unterhaltung zu fuhren suchten als die hastigen Schritte, welche Allen vernehmbar den Vorsaal durchmassen, schnell die Thur des Schlafgemaches erreicht hatten, und in demselben Augenblicke der Sohn mit kaum verstandlichen Lauten des Entzuckens zu den Fussen des Vaters lag.
"Holla, das ist mein Sohn!" rief der alte Marschall, und das eiserne Feldbett fuhr rasselnd ineinander von der heftigen Bewegung, womit der riesige Greis den muden Korper aufraffte, das Kind seines Herzens, den einzigen noch warmen und lebendigen Punkt desselben zu ergreifen.
Er hielt ihn jetzt an beiden Schultern wie ein Kind in die Hohe, und das alte braune und benarbte Gesicht, das weder vom Alter, noch von der Krankheit sich seine Energie hatte rauben lassen, lachte dem Liebling in die Augen mit dem vollen Sonnenglanze unverkummerter Zartlichkeit.
"Ha," fuhr er fort mit kurzem Lachen, indem ein Paar dicke Thranen ihren Weg uber sein Gesicht nahmen "ha, mein Junge, bist Du da, hast Du Dein altes Gesicht Dein altes Herz mitgebracht?"
Aber die Antwort erdruckte er, indem er ihn fest an seine Brust schloss und ihn dann von sich stiess, bloss um ihn anzublicken.
"Seht, Ihr Herren," fuhr er fort, "da hab' ich einen Sohn! Nun konnt Ihr nur gehen, Doktor, mit Euren Pillen und Pflastern, jetzt hat der alte Marschall Anderes zu thun, als krank zu sein! Nicht, mein Junge? hab' ich nicht Recht?"
"Gewiss habt Ihr das, theurer Vater! Und immer habt Ihr mir gelobt, dass Ihr mich erwarten wollet, mir selbst die Sporen zu schenken bei meiner Ruckkehr!"
"Ja, ja, der Junge hat ein gut Gedachtniss!" lachte der alte Marschall. "Seht Ihr wohl Der braucht mich noch! Dem bin ich noch nothig! Dem muss ich noch die Leine halten, damit das junge Kampfross den freien Lauf lernt!"
"So ist es, lieber, lieber Vater!" rief Leonin mit uberstromender Zartlichkeit "Aber sagt mir auch, wie es Euch geht, ob ich gewiss an Eure Genesung glauben darf. Welche Angst hat mich auf meinem Wege verfolgt!"
"Was das fur ein Sohn ist!" rief der erschutterte Greis. "Doch lass das, mein Kind, und glaub' mir, es waren unnutze Schwatzereien von Deiner Frau Mutter und dem Herrn Doktor da Dein Vater war gar nicht krank; und hatten sie mich nicht all das Zeug verschlucken lassen, was d e r dort zusammen gehext, und meinen armen Korper in Ruhe gelassen, der ehrenvollere Wunden tragt, als ihre elenden Pflaster zogen ich ware langst gesund!"
"Gemach, Euer Gnaden!" rief der angegriffene Arzt "Die Genesung tauscht uns leicht uber die uberstandene Gefahr und macht uns ungerecht gegen die empfangene Hilfe. Es war dies Mal nicht in die Willkur Euer Gnaden gestellt, zu genesen. Verdachtigen der Herr Marschall unsere Kunst nicht bei dem jungen Herrn!"
"Du siehst, Leonin," lachte der Marschall, dem Gekrankten versohnend die Hand reichend, "er muss immer Recht behalten; aber ich werde es ihm jetzt zeigen, wer Herr ist!" Und schnell warf er den Mantel zuruck und stand vollig gekleidet, wie er fortwahrend blieb, vor den Zuruckweichenden.
"Jetzt sagt mir, dass ich krank bin!" rief er und richtete sich mit einer Kraft empor, die wirklich jede Befurchtung niederschlagen musste.
Leonin begrusste nun den wurdigen Kaplan, der zugleich sein religioser Fuhrer und Beichtvater war, wahrend der Marschall, noch immer im Streite mit dem Alles verweigernden Arzte, Alles durchsetzte, was er beabsichtigte; da sein naturlicher Starrsinn dies Mal von einem Jubel des Herzens unterstutzt ward, der zu ruhrend und verstandlich fur alle seine ihn herzlich liebenden Diener war, um nicht jeden ausgesprochenen Befehl, trotz aller Gegenreden des eben so halb erweichten Arztes, aufs schnellste in Erfullung zu bringen.
"Denn mein Junge," schloss er den kurzen, raschen Befehl an seine Diener, die Abendtafel in seinem Zimmer anzurichten "Du lasst wohl heute Deine Frau Mutter ihre Galla allein geniessen und bleibst bei Deinem einfachen alten Vater, der wenigstens wie ein Mann lebt."
Zartlich eilte Leonin in die Arme des geliebten Vaters, und seine Worte liessen immer neuen Sonnenglanz uber das alte Heldenantlitz streifen.
Bald fand sich Alles so eingerichtet, wie der Marschall es sich ausgedacht, und auf den holzernen Feldstuhlen sassen Alle um die Tafel, an der die Einfachheit des Marschalls ihre Grenze fand; wie er uberhaupt dieselbe nur als eine Laune fur sich anerkannte und allen aristokratischen Aufwand zuliess und verlangte, seine launenhafte Einfachheit zu umgeben. Seine Tafel glanzte von Gold und Silber, seine zahlreichen Diener waren in Stickereien gehullt und so steif frisirt, wie in dem Antichambre einer Dame. Im Vorzimmer befand sich, so wie die Tafel bereitet war, ein Musikkorps, welches mit den larmendsten Instrumenten die Marsche und Tanze aus der fruheren Lebensperiode des Marschalls spielen musste, der es nicht ungern sah, dass man, sich die Stunde seines Diners merkend, ihm aufwartete, wenn er mit einigen Freunden oder auch ganz allein, da er nie mehr mit seiner Gemahlin speiste, zu Tische sass. Man musste mit ihm gleichen Ranges oder aus den Umgebungen der Majestaten sein, wenn er den Wink gab, einen Sessel herbei zu holen; im anderen Falle liess er Alle um sich her stehen, wahrend er mit der heitersten Laune die allgemeinste Unterhaltung zu beleben und den Hochmuth seines Verfahrens durch die sorgloseste Frohlichkeit zu versohnen wusste.
Auch fehlte es ihm nie an diesem kleinen Hofstaate; denn alle jungen Edelleute, die fruher unter ihm gedient und jetzt theilweise schon zu hohen militairischen Posten gestiegen waren, bewahrten ihrem ehemaligen Anfuhrer eine so innige Liebe und Verehrung, dass sie seine Nahe mit Freude zu der Stunde suchten, die ihm die angenehmste war.
Die Ruckkehr des Sohnes schien wirklich den letzten Krankheitsnebel von dem Marschalle genommen zu haben, und gewiss konnte man nicht ohne Interesse die ruhrende Lebendigkeit gewahren, mit der er erzahlte, fragte und horte. Die Kinderjahre Leonin's tauchten heute in ihm auf und diese Erinnerungen mit ihrem weichen, innigen Karakter schlossen sich so wohlthuend an seine augenblicklichen Empfindungen, ohne sie zu sehr zu verrathen, dass Leonin, ganz hingegeben an die Worte des liebenswurdigen Alten, ihm mit allen Beweisen der Zartlichkeit entgegen kam, um so seinem Herzen die vollste Befriedigung zu gewahren, ohne den Stolz des alten Kriegers durch das Zeigen zu grosser Weichheit zu verletzen.
Spat erst willigte er in die Bitten des Arztes, den kleinen Kreis zu entlassen; und als Leonin aus den Zimmern seines Vaters in den vorderen Theil des weitlaufigen Palais trat, uberraschte ihn der merkwurdige Wechsel der Gegenstande, die in kaum grosserer Verschiedenheit in einem Verhaltnisse zu denken waren, das seiner Natur nach die vollstandigste Uebereinstimmung hatte zeigen sollen.
Die Marschallin hatte ihre Gaste entlassen Leonin blieb unbemerkt auf einer Galerie stehen, die ihn einen blick in die Vorsale thun liess, durch welche sie jetzt mit eben dem ceremonieusen Pompe nach Hause zogen, wie sie angekommen waren. Mehrere bestiegen ihre reichen Portechaisen schon in diesen Vorzimmern; Andere liessen sich von zahllosen Dienern mit hohen Windlichtern umgeben, indem die Damen, von ihren Verwandten und Freunden begleitet, mit aller Grazie, welche die Ermudung noch zuliess, ihre Fingerspitzen auf den Arm oder auf die Schulter der sie begleitenden Cavaliere legten und den Pagen die Muhe uberliessen, ihre weitfaltigen Schleppen vor dem Gedrange zu schutzen.
Von diesen Gruppen richtete Leonin den Blick zu den prachtvollen Zimmern, denen sie zur glanzenden Staffage dienten. Jeder Luxus war hier verschwendet, den Reichthum, Sitte und Mode nur zu ersinnen gewusst; und die Laune des alten Marschalls fur die Ausstattung seiner Gemacher trat um so grillenhafter hervor.
Sinnend lenkte Leonin seine Schritte nach den eignen Zimmern und fand hier die alten Diener seiner fruheren Jugend, die ihn mit der zartlichen Ehrerbietung begrussten, zu der sein gutiger und sanfter Karakter seine Umgebungen berechtigte.
Hier hatte jedoch der verschwenderische, glanzende Geschmack der Marschallin auch ihn erreicht. Die Zimmerreihe war vermehrt, eine herrliche Bibliothek, eine Gallerie mit den ausgezeichnetsten Gemalden und Kunstwerken, ein schoner Musik- oder Gesellschaftssaal war den Raumen hinzugefugt, die sein fruheres Bedurfniss befriedigt hatten, und die, nun glanzender als je ausgestattet, dem jungen Erben sogleich anzukundigen schienen, die Zeit unscheinbarer Zuruckgezogenheit sei voruber. Die Anspruche, die ihm aufgenothigt wurden, wollten jedes Zuruckweisen durch sich selbst unmoglich machen.
Auch lag dies nicht in den Gefuhlen, mit denen der junge Graf aus den Handen des alten Kammerdieners den neuen Besitz ubernahm er war nicht umsonst der Sohn dieser Aeltern der Glanz und der Stolz, der ihm so reiche Nahrung bot, war ein bedeutender Antheil seines Blutes, und er wusste die ihm uberall eingeraumte Wichtigkeit sehr wohl in sich zurecht zu legen. Auch wirkte gerade das, was haufig den Anregungen dieses Sinnes entgegen trat, sein tief und zart fuhlendes Herz, dies Mal nur, jene Gefuhle zu verstarken und ihnen eine Seele und hoheren Genuss einzuhauchen; denn er konnte sich seines Empfanges nicht bewusst werden, ohne die unaussprechliche Gute seiner Eltern aufs Neue zu empfinden und wenn er, von seinem Vater so eben mit dem reichsten Strome seiner Liebe uberschuttet, mit heimlicher unbefriedigter Sehnsucht nach dem mutterlichen Herzen hier eintrat, wie mussten da die Erzahlungen des alten Kammerdieners ihn beglucken, die nur von der Sorgfalt handelten, welche die Marschallin mit eigner Anordnung und Aufsicht diesen Raumen geschenkt!
"O, wie sie mich liebt!" sagte er leise vor sich hin, und ihm geschah, was so wunderbar das Herz zu beschleichen vermag er liebte die sprode Mutter mit ihren kargen Gefuhls-Aeusserungen in diesem Augenblicke, wo er fast heimlich, hinter ihrem Rucken in ihr Herz sah und ihre Weichheit fur ihn herausfuhlte, mit mehr Warme, als den alten uberstromenden Vater.
Dieser letzte Augenblick vollendete den schonen Tag, der ihn mit einem Glucke uberrascht hatte, auf welches er nicht gewagt zu hoffen, und das um so berauschender fur ihn war, je mehr es in Uebereinstimmung blieb mit Allem, was ihm von Jugend auf theuer und erlaubt erschienen und dadurch ihn in der vollstandigsten Selbst-Billigung erhielt.
Als er endlich allein war und sich, der naturlichen Mudigkeit einer so grossen Aufregung folgend, mit Behagen auf seinem Lager ausstreckte, trat Fennimor's Bild vor ihn hin und schien ihn zu fragen: welchen Antheil sie an den Eindrucken dieses Tages behalten, wohin er sie verwiesen in diesen prachtigen Raumen.
Ach, es war ein tiefer Seufzer, den er nur als Antwort hatte; es war ein Gefuhl, dem Schmerze ahnlich aber er hatte keine Erwiederung gewusst, und hatte sie die Frage selbst an ihn gerichtet. Sein boser Engel wiederholte ihm aber die Worte des Marquis de Souvre: ich uberlasse es Euch zu denken, wie sie in die Welt Eurer Mutter passen wird; und ehe er sie zum Schweigen verweisen konnte, schrieen alle Stimmen in ihm: hier ist kein Raum fur sie, nicht fur den kleinsten Schritt ihres zarten Fusses! Aber so fremd, so herausgerissen aus jenem ihm erst zu spat durch Fennimor enthullten Zustande des Lebens, fuhlte er sich hier, auf der alten Stelle der Heimath, wo seine fruhsten Ueberzeugungen wurzelten, von ihnen aufs neue und in so uberraschender und schmeichelhafter Art umschlungen, dass er sich mit Schrecken bewusst ward, wie jene Existenz ein eben so heiliges Recht an ihm gewonnen.
Aber, wenn korperliche Ermudung zu einem uberfullten Seelenzustande hinzutritt, der uns doch die augenblickliche aussere Ruhe gonnt, pflegt die erstere zu siegen und der Schlaf die Pforten des Lebens zu verschliessen. Leonin schlummerte so sanft, als ob das erste Wiegenlied ihn eingesungen. Die Marschallin von Crecy wusste genau, in welcher Stimmung ihr Sohn nach den Erlebnissen des gestrigen Tages sein musste, und sie war ihrer Sache so gewiss, dass der Marquis de Souvre auch nicht das kleinste Zeichen des Einverstandnisses von ihr empfing, als er ihrer Einladung zum Fruhstucke Folge leistete. Leonin war wirklich nur Sohn. Seine ganze Empfindung fur seine Mutter war zuruck gedrangt von dem kurzen, kalten Empfange und nur dadurch angewachsen; und der Morgen vor der Stunde, wo sie ihn zu sich beschieden, hatte nur jedes Gefuhl hoher gesteigert, da er sich uberschuttet von ihren Aufmerksamkeiten fand, und in jedem Anspruche uberboten durch die erweiterten Ansichten, womit die Bildung und der steigende Luxus der Hauptstadt in gleichem Maasse hervortraten.
Doch fuhlte er sich geneigt, auch diese ausgezeichnete Ausstattung mehr dem Verstande und der hohen Bildung seiner Mutter zuzurechnen, da keines der durchreisten Lander ihm dafur einen Maassstab hatte geben konnen; denn Frankreich stand damals in jeder Hinsicht an der Spitze Europas, und die wohlbewanderte Marschallin hatte eben deshalb nur das Vorhandene zu sammeln gebraucht. Dennoch trieb ihn seine Devotion anzunehmen, als habe sie alle diese Dinge erst ins Leben gerufen.
Zu dieser Stimmung fugte die Marschallin nun noch ihren Empfang, als er am Morgen in einem zauberisch eingerichteten kleinen Saale, der in die herbstlich gefarbten Laubpartien des Gartens blickte, ihr entgegen eilte. Dieser schone Raum trug den ganzen Wohllaut der Ruhe und des geistvollen Luxus, der die Seele zugleich zu berauschen und zu erheben scheint.
"Hab' ich Dich wieder, mein lieber Fluchtling," sagte sie mit dem sussesten Ton ihrer Stimme und zog ihn auf das Fauteuil nieder, auf dem sie behaglich in ihrem Morgenkleide ruhte "jetzt wollen wir uns gehoren und die lange Entbehrung nachholen. Wie viel naher wirst Du mir geruckt sein durch so vorgeschrittene Bildung, wie diese schonen Reisen Dir gewahrten. Das wird das Herz der Mutter erquicken, die darum lange darbte!"
Mit welchem Entzucken sah Leonin, wahrend sie sprach, in die immer noch schonen und jetzt so milden und weichen Zuge der Mutter, indem er seine Augen antworten liess, und immer und immer wieder ihre Hande kusste.
"O, mochtet Ihr Euch nicht tauschen, meine theure, theure Mutter!" rief er endlich, "mochten Eure Erwartungen, Eure Opfer, Eure grosse Gute sich einigermassen belohnen durch das, was Ihr in Eurem Sohne finden werdet!"
"Nun", lachte die Marschallin, "werden wir vor allen Dingen nicht zu tragisch! Eine Mutter, sagt man, soll nicht schwierig sein, in ihren Kindern einige Wunder von Liebenswurdigkeit zu entdecken, und so bilde ich mir zum Beispiel ein, Louise, die dort hinter Dir, wie ein Jager auf dem Anstande, steht, ist das artigste Schoosskind der Erde!"
"Louise, Louise!" rief Leonin und schloss das schone Kind, das nur mit Muhe der Mutter Worte schweigend angehort hatte, jubelnd in seine Arme:
"Mein holdes Kind! meine Louise! bin ich auch noch Dein liebster Brautigam, wie Du mich immer nanntest hast Du auch nichts vergessen?"
"Ach, Leonin," rief Louise "wie hatte ich denn in meinem Kloster andere Gedanken haben sollen, als Dich! Die Nonnen nannten Dich meinen Schutzheiligen, weil ich sieh' hier, da ist es! dies kleine goldene Herz, das Du mir einst schenktest, aufgehangen hatte, und darunter einen kleinen Altar gebaut, worauf Blumen standen und Kerzen."
"O, Du susses Kind!" rief Leonin, und in diesem Augenblicke dachte er zuerst mit der alten Liebesstarke an Fennimor; denn eben erst hatte er die Stelle gefunden, wo sie hin passte seine Schwester wurde sie lieben und verstehen! O, welch' ein Wonnehauch erschutterte seine Nerven bei dem ersten Einklange seiner jetzigen Welt mit jener stilleren auf Ste. Roche!
"Mutter, Mutter," rief gluhend in der doppelten Empfindung Leonin "welch' ein holdes Kind ist unsere Louise geworden! Wie engelgut, dass Du sie jetzt herriefest mir diesen Boten des Gluckes auf die Schwelle stelltest!"
"Nun diesen Dienst," sagte die Marschallin trokken, "hat sie sich selbst gethan; denn sie war ein frommes, fleissiges Kind bei ihren Nonnen, und wie ich sie so fand, war ich ihr die Gerechtigkeit schuldig, sie der Welt vorzustellen. Nun wollen wir sehen," fuhr sie mit dem schmeichelhaften Lacheln der Ueberzeugung fort, "wie sie sich hier machen wird." "O, gut! gut! vortrefflich!" rief Leonin, sie wieder an sich ziehend, "ihre unverdorbene Seele wird sie uberall den rechten Weg fuhren."
"Auch habe ich keine Furcht deshalb," fuhr die Marschallin in etwas hoherem Tone fort, "es ziemte mir als Mutter sehr wenig, nach der Erziehung, die ich meinen Kindern gab, zu bezweifeln, dass sie stets dessen eingedenk sein werden, wozu ihre hohe Geburt und ihre grossen Besitzthumer sie verpflichten. Dies ist eine Gabe des Himmels und eine strenge Anforderung zugleich, uns jederzeit uber die Masse zu erheben; denn wir bleiben auf solchem Hohenpunkte der Gesellschaft nicht unangefochten von anmasslichen Anspruchen, denen wir zu begegnen lernen mussen. Doch mache kein so langes Gesicht, meine kleine Louise, komm' her und sei getrost! Schwer nur ist das Ungewohnte, und Dir, mein holdes Kind, waren die Sitten der Crecy und Soubise schon in der Wiege Schutz fur spatere Tage."
"Lasst uns jetzt, wie in alten Zeiten, gemeinschaftlich fruhstucken, ich will heute Nichts als eine gluckliche Mutter sein und, wenn ich zwischen Euch sitze, traumen, Ihr waret noch dieselben kleinen Kinder, die aus meinen Handen bedient sein wollten. Marquis," rief sie dem eintretenden Souvre entgegen, "Ihr musst heute durchaus mit mir empfindsam sein, so sehr sich dagegen auch Euer Naturell straubt eine Mutter, die so lange kinderlos war als ich, hat auch ihr Recht!"
"Ha!" lachte der Marquis und umarmte den ihm tief bewegt entgegen eilenden Leonin "seid sicher, Frau Marschallin, ich kam in derselben Stimmung hieher und denke Eure bezaubernde Empfindsamkeit gewiss so lange zu theilen, als Ihr es selbst aushalten werdet."
"Thut das, mein liebenswurdiger Kavalier!" sprach die Marschallin, an der Tafel Platz nehmend. "Ihr habt immer die presence d'esprit, zu fuhlen, was gerade passend ist. Ein vollkommener Edelmann, mein Sohn," fuhr sie fort, "von dem Madame Henriette letzthin zum Konige sagte: er hat die Feinheit des Verstandes, zu errathen, was wir nothwendig denken mussen, wenn wir selbst noch damit fremd sind."
"Ach," rief Souvre lachend "Madame findet es oft sehr bequem, wenn der Freund des Grafen Guiche vorher weiss, was sie denken wird."
"Lassen wir das!" schnitt die Marschallin seine Rede ab. "Du wirst uber unsern Hof erstaunen, mein Sohn, und wahrscheinlich um so mehr, nachdem Du andere Hofe kennen lerntest er muss nothwendig der vollkommenste in Europa sein, da hier sich die hochsten Tugenden, die bezauberndsten Schonheiten mit der erhabensten Geistesbildung vereinigen."
"Es kann uns auch schwerlich entgehen," erwiederte Leonin, "dass der Ruf dieses ausserordentlichen Hofes seinen Einfluss uber alle anderen erstreckt, und jeder seinen Anspruch auf Feinheit und Glanz, durch einige mehr oder weniger gluckliche Nachahmungen des Versailler Hofes zu legitimiren sucht. Es entstehen jedoch daraus viele Missgriffe, die oft ausserst lacherlich werden; denn zu den erhabenen Formen, die unser Konig seinem Frankreich verlieh, gehort auch das Naturell des Franzosen, sie aufzufassen. Besonders bieten die deutschen Hofe manches komische Schauspiel einer Nachahmungssucht, zu der ihnen jede Naturgabe fehlt."
"Sie werden es, denke ich, noch theuer bezahlen, unsere Lachlust gereizt zu haben;" lachelte der Marquis vor sich hin "wer sich aufs Nachahmen einlasst, versaumt immer, seine eigenen Fahigkeiten kennen und anbauen zu lernen. Ich gonne es zwar als guter Franzose dem ubrigen Europa, dass es sich mussig in die Fenster seiner Reiche legt und neugierig nach Frankreich ausschaut, wie es thut und lasst; aber das Haus, welches hinter ihnen liegt, bleibt um so langer wust und unheimlich, da sie den Blick davon abziehen; und wenn solche rohe und barbarische Staaten versuchen wollen, uns nach zu kommen, so wird daraus doch bloss ein eitler Firniss, der kaum die ursprungliche Rauhheit uberglattet." "Ja," sagte die Marschallin scherzend, "ich schliesse es immer in mein Dankgebet ein, in Frankreich geboren zu sein, besonders in Paris, und in Verhaltnissen, welche mir gestatten, dem grossten Fursten, den Gott je der Erde gab, mich nahen zu durfen." "Der Marquis Vieuville hatte die Aufmerksamkeit, mir gestern zu sagen, dass die Majestaten nach Dir, mein Sohn, gefragt und Dich ohne die Probe des Adels-Heroldes zu empfangen denken, welches allerdings eine Ehre ist, die man Deinen Eltern erzeigt. Aber ausser dem Grafen Harcour, der auch, wie unsere Familie, zu den Vettern des Konigs gehort, und welcher mit unserem erhabenen Monarchen in einem Zimmer erzogen ward, ist eine solche Auszeichnung, mir erinnerlich, nicht geschehen. Als dieser junge Graf von Harcour von seinen Reisen kam, und der Konig es vernahm, sagte Seine Majestat zu dessen Vater: 'wen mir der Graf Harcour als seinen Sohn zufuhrt, der soll die Ahnenprobe geleistet haben.'" Dieses behagliche Gesprach, in welchem die Marschallin sich nur in ihrer Natur brauchte gehen zu lassen, um ihren Nebenzweck dennoch zu erreichen, den Sohn zugleich in alle Interessen zu verflechten, die ihn von seiner romantischen Richtung abzuziehn vermochten, ward plotzlich durch die Meldung unterbrochen, dass der Marschall von Crecy seine Zimmer verlassen habe, sich hierher begebend.
Ein dunkler Schatten glitt zurnend uber das Gesicht der Marschallin bei dieser Nachricht, und Leonin musste noch uberdies gestehen, dass er vergessen habe, seiner Mutter diesen Besuch zu melden, den der Marschall ihm schon bei seinem fruheren Morgenbesuche angekundigt.
Louise war aber nach dieser Botschaft sogleich freudig aufgesprungen und ihrem Vater uber die Vorsale entgegen geflogen. Jetzt horte man auch schon die rauhe, lachende Stimme des alten Herrn, der mit Louisen scherzte, und seine Gemahlin hatte noch eben Zeit genug, die pratensiose Ruhe wieder anzunehmen, die sie einen Augenblick bei der unwillkommenen Botschaft erschuttert zeigte.
Louise halb im Arm tragend, trat der Marschall auch jetzt ein und ging kraftigen Schrittes auf seine Gemahlin zu:
"Aha, Madame, hier sind Sie im Neste mit ihren Kuchleins! Nun, ich muss Sie uberraschen und bei der Veranlassung Dank sagen fur geleistete Pflege und Gluckwunsche abstatten zu dem wiedergekehrten Sohne!" "Marschall, Marschall," rief seine Gemahlin, "es scheint mir, Sie machen sich zu fruh heraus! Ich furchte, Sie werden meine Pflege aufs Neue nothig machen. Nehmen Sie meinen Gluckwunsch zuruck, ich zweifle nicht, dass er in Erfullung gehen wird." "Ich auch nicht, Madame;" sagte der Marschall, "denn er scheint mir ein tuchtiger, offener, treuherziger Junge! Nun, nun, Schelm, halte die Ohren zu, wenn ich Dich lobe wirst tolle Streiche genug gemacht haben, das liegt den Crecy's fur ihre Jugendzeit in den Gliedern! Also, da sei weder hochmuthig, noch verzagt; denn ich hab' es in Deinem Alter eben so gemacht aber dann war es auch vorbei. Als sie mich einrangirten in die Reihe der grossen Herren, die den Thron tragen, mein Sohn da war ich mit eins nur der Graf von Crecy und Du hattest sehen sollen, wie sie Alle die Augen aufsperrten, als der tolle, wilde Junge seinen Platz uberall einnahm, wie die Andern! Aber sie hatten vergessen, dass es den Crecy's im Blute liegt, dass sie nicht die alten Sitten und Rechte ihrer Vater zu lernen brauchen. Spater ersah mir die Konigin die rechte Braut denn das muss man Deiner Mutter lassen, die Soubise's sind so alt, wie die Crecy's, daran war kein Tadel; und so sind denn alle Thorheiten vernarbt, und der Name Crecy in Ehren geblieben. "
Der Marschall ahnte nicht, wie seine Rede, die er mit voller Ueberzeugung sprach, hier die verschiedenste, aber in Allem gleich bedeutende Wirkung hervorrief. Die Marschallin wendete fast mit Verachtung die Blicke von dem Redenden, wahrend sie sich nicht verhehlen konnte, er habe eine ihrer Minen ungeschickt, aber nicht wirkungslos in die Luft gesprengt. Der Marquis de Souvre aber genoss mit einem kalten Lacheln die Ueberzeugung, wie weit die Aeusserungen beider Aeltern Leonin von seinem arkadischen Glucke verschlagen mussten wahrend dieser mit gesenktem Kopfe und Auge den Strom uber sich ergiessen fuhlte, der ihm seine Hoffnungen, seine Erinnerungen fast weg zu spuhlen drohte. Wo nur anfangen diesem felsenfesten Baue hundertjahriger Ansichten gegenuber, die von dem sich empor schwingenden Zustande des Landes und ihres stolzen Konigs eine neue Wichtigkeit, einen hoheren Werth noch erhielten. In sich fuhlte er weder Trost, noch Rath, und nur das gewohnliche Auskunftsmittel blieb ihm ubrig er hoffte auf die Gaben des Zufalls.
"Wahrlich, Marschall," erhob jetzt seine Gemahlin die Stimme, "Sie stellen das hochst passende Bild eines wurdigen Lebens dar, und gewiss belehrend fur Ihren Sohn, wenn auch das erste Kapitel Ihrer Jugend billig uberschlagen werden konnte."
"Ja, ja," lachte der selten so milde angeredete Marschall, "so sind die Frauen! Was sie nicht verstehen, das tadeln sie. Habt erst Blut in den Adern, Sehnen und Muskeln, wie die unsrigen, und dann fragt nach, ob man nicht erst seine Luftsprunge machen muss, ehe man am Kamine hocken bleibt und mit dem Haushofmeister die Rechnungen durchsieht? Weiss Gott, ich mochte keinen Jungen, der nicht ein Paar dumme Streiche auf der Rechnung mit nach Hause brachte. Aber dann auch quittirt, mein Junge, und das sein, was von Gottes Gnaden den Crecy's obliegt!"
Er hatte Leonin wieder bei den Schultern und schuttelte ihn nach seiner derben Liebesweise, indem er sein Auge suchte; aber dies lag noch trube gesenkt, und die Lippen waren so trocken, dass er ihnen kein Wort zumuthen konnte.
"Sieh' mal, wie der Junge heute blass und matt aussieht! Ja, ja, Madame," fuhr er etwas erzurnt fort, indem er die Augen umherwarf, "das ist der Parfum Eurer sybaritischen Gemacher; die entnerven den Sinn des Mannes und machen ihn zum Schwachling. Hier wurde ich auch zum Narren!"
"Massigen Sie sich, Marschall, und schatzen Sie es wenigstens, dass ich Ihnen diese Raume nie zu Ihrem Gebrauche aufnothige. Das Hotel Soubise hat Waffensale genug, denke ich, in denen Sie Ihren Geschmack befriedigen konnen; schlecht wurde es zu unserem Ansehn passen, darin die Gemacher zu vermissen, welche im Geiste des glanzenden Hofes eingerichtet sind, den zu behaupten, auch uns zukommt."
"Sie haben immer Recht, Madame!" sagte der Marschall spottisch; denn er fuhlte sich stets von ihrem Verstande uberboten. Aber er grollte um so mehr der unliebenswurdigen Form, in der sie ihn zurecht zu weisen, nie unterliess. "Auch," fuhr er fort, "kam ich nicht her, mich an Ihren Bedurfnissen zu ergotzen, sondern, um meinem Sohne anzukundigen, dass ich ihn selbst seinem Konige und Herrn vorzustellen entschlossen bin."
Nach Dank aussehend, richtete er liebevoll seine Augen auf Leonin, und dieser eilte auch, ganz seine Gute fuhlend, ihm zu danken.
"Konnte ich nur diesen Beweis Ihrer Liebe ohne Furcht fur Ihre Gesundheit annehmen, mein theurer Vater was konnte mir dann Ehrenvolleres, Lieberes geschehen, als meinem angebeteten Konige an der Seite meines Vaters zuerst nahen zu durfen?"
"Lass das Geschwatz von meiner Krankheit, Junge!" entgegnete der Vater murrisch; "bin ich krank? Sieht so ein Kranker aus? Ich erwarte den Ceremonienmeister, Herrn von Dreux, und werde das Nothige mit ihm verabreden; denn Du sollst mir, je eher je lieber, die grosse Taufe der ersten Kniebeugung erhalten. Dann sind Sie daran, Madame, dann mogen Sie ihm ein Fraulein aussuchen, auf deren Schultern ein Wappenschild ruht, neben dem das der CrecyChabanne sich zeigen mag das uberlasse ich Ihnen; denn mit dem Weiberzeuge weiss ich nicht Bescheid!"
Die Marschallin hatte diese ganze Rede ohne Unterbrechung sich entwickeln lassen, da Vieles ihr darin zu Hulfe kam, und das, was ihr nicht behagte, mit einem Worte von ihr widerlegt werden konnte. Sie sass daher so ruhig in ihrem Armstuhle, als ware sie vollig allein, und spielte gleichgultig mit den Frangen ihrer Morgen-Mantille.
"Haben Madame noch etwas zu erinnern?" rief der Marschall, ungeduldig uber ihr beleidigendes Schweigen.
"Sie sind, wie immer, zu rasch, mein Herr!" erwiederte sie mit hoflichem Lacheln, "und werden Herrn von Dreux in Verlegenheit setzen; denn, was soll er Ihren Anfragen entgegnen, da s e i n e erste Erkundigung sein musste, ob der junge Graf schon majorenn, und von seiner Familie in den Rang eingesetzt ist, der ihm allein den grossen Anspruch der Prasentation sichert."
Der Marschall drehte sich so wild ab, als hatte er einen Stich erhalten seine Gemahlin fuhr mit der hochsten Ruhe fort: "doch ist Ihre Genesung um so willkommener, da jetzt kein Hinderniss mehr vorhanden scheint, diese Familien-Angelegenheit dem Ansehn unseres Hauses gemass auszurusten. Unsere Vettern, die Herzoge von Lesdigueres und Tremouille, sind mit ihrer Gegenwart bereit, und der Prinz von Courtenaye, wie der Marschall von Tesse wunschen zu unterschreiben. Ich zweifle nicht, dass die Majestaten Jemanden beordern werden, den Tag zu ehren, und ich habe, in Voraussetzung Ihrer Genehmigung, diesen Tag auf morgen festgesetzt." Der Marschall horte diese wohl geordnete Entgegnung seiner Gemahlin unter so wilden Grimassen seines alten, vernarbten Gesichtes an, dass, wer ihn kannte, genau wusste, er war geneigt, mit seiner kalt uberlegten Gemahlin in die Esse des Kamins zu fahren; obwol er zur Erhohung seines Zornes einsah, dass ihm keine Stelle blieb, die er angreifen, an der er seine Wuth kuhlen konnte, sondern, dass ihm, wie immer, die Rolle eines Schulknaben zufiel, der sich seiner Unzulanglichkeit uberfuhrt sieht und schweigend den Verweis hinnehmen muss.
"Nun," brummte er, dumpf und zornig blickend, "Madame sind, denke ich, nicht minder rasch, als mir so eben vorgeworfen ward; ich habe, wie immer, mich nur in Ihre Anordnungen zu fugen doch spater, Madame, spater werde ich meine Pflicht bei Seiner Majestat erfullen!"
"Herr von Vieuville," fuhr die unerschutterliche Marschallin fort, "hat mir gesagt, dass Seine Majestat unseren Sohn zuerst in den Apartements der Madame Henriette von England im kleinen Zirkel sehen will, um ihn dann spater bei der Konigin als schon bekannt zu finden. Die Auszeichnung, ihn ohne weitere Ceremonien als unseren Sohn anzuerkennen, findet so am besten ihren Platz. Gewiss wird sich Madame freuen, bei dieser Gelegenheit den Marschall von Crecy in ihrem Privat-Zirkel zu sehen!"
"Nun," schrie der Marschall, dem dieses letzte Abschneiden seiner Plane zum offenen Ausbruche seines schwer bekampften Zornes verhalf, "so mogen mich doch alle Geier aus dem Wappen der Crecy zerreissen, ehe ich in diese Narrenbude von Bankelsangern und Gauklern bei dieser weinerlichen Madame Henriette eintrete! Den Erben eines der grossten franzosischen Namen dort seinem grossen Konige vorzustellen, hiesse uber den Helmsturz die Weiberhaube ziehen! Fur dies Geschaft danke ich, Madame; und da Sie Alles so wohl eingerichtet haben, Alles zu verderben, worauf mein altes Vaterherz sich gefreut hatte, so uberlasse ich Ihnen auch den Rest, den auszufuhren ich zu stolz bin!" Und damit sturzte er, wie ein verwundeter Lowe, aus dem Salon, und die Diener, die, schnell vor ihm her eilend, die Thuren aufrissen, wussten das oft Erlebte, dass der Marschall sich dem Willen seiner Gemahlin hatte unterwerfen mussen.
"Du wirst Dich wundern, mein Lieber," fuhr die Marschallin mit der grossten Ruhe fort, "Deinen Vater noch so lebhaft zu finden. Gottlob es ist ein sehr trostliches Zeichen seiner wieder gewonnenen Kraft; wir wollen die kleine Storung verschmerzen, die doch eine gluckliche Verkundigung seiner Genesung ist. Denn so sehr es zu beklagen bleibt, dass der Marschall niemals den Ueberblick seiner Verhaltnisse behalt, so muss man ihm doch zugestehen, dass er mit vielem Takte sich leicht in die Anordnungen Anderer findet, denen er durch Lange der Zeit sein Vertrauen schenkte. Wir vereinigen uns stets dem allgemeinen Interesse gemass; denn der Marschall liebt den Glanz seines Hauses so sehr, als ich selbst."
Man hatte glauben konnen, der innigste Familienrath sei so eben von einer zartlichen Gattin mit ihrem Gemahle gehalten, so glitt die kalte Seele der Marschallin uber jede Erschutterung hinweg, bemuht, sie ihren Umgebungen so darzustellen, wie es ihr zweckmassig erschien.
Der Sohn war nicht in dem Falle, seine etwa abweichende Meinung zu aussern, und Louise begriff so Vieles auf diesem ihr fremd gewordenen Boden nicht, dass sie das eben Gehorte, was sie ganz anders empfunden hatte, auf die grosse Rechnung des Unverstandlichen setzte. Nur der Marquis Souvre, der Alles verstand und Nichts zu schonen hatte, sah die Marschallin mit dem vollstandig unverschamten Lacheln an, welches die grosse Welt sich statt des Faustschlages aufgehoben hat; da nicht die Empfindung, nur die Aeusserung derselben sich verandert hat.
Die Marschallin fuhlte dies vollkommen; aber schon war sie nicht mehr frei. Der gewandte Gegner hatte ihr das Netz ubergeworfen, sie musste sich eingestehen, dass sie ihn schonen musse.
Mit Widerwillen wandte sie sich von dieser Ueberzeugung zugleich erhob sie sich, die Zeit des Beisammenseins war beendigt.
Mit welchen Gefuhlen Leonin sich bald darauf in seinen Zimmern allein fand, wird uns schwer werden, auszusprechen; denn in ihm selbst fanden sich eigentlich nur Andeutungen, und zu viel war auf ein Mal angeregt, um jetzt schon die Kraft bezeichnen zu konnen, welche die anderen besiegen, und die vorherrschende bleiben wurde.
Wenn wir ihn von der Absicht der Marschallin von Crecy geleitet denken, durfen wir nicht ubersehen, wie die Zeit in dem Augenblicke gerustet war, diese stolze und ehrgeizige Frau zu unterstutzen. Frankreich war in einem Rausche, der jedes Individuum, jeden Stand ergriffen hatte, und der Dunkel einer Naturberechtigung, eines absondernden Vorzuges war nicht aristokratisches Element allein. Die ganze Nation fuhlte diesen Stolz, als f r a n z o s i s c h e Nation, und dies Gefuhl war der Heerd, um den sich alle Krafte, wie die Mitglieder e i n e r Familie, sammelten und damals zuerst den unzerstorbaren Corporations-Geist entwickelten, durch den Frankreich so national erstarkte, dem Auslande so gebietend, fremdem Einflusse spater so unzuganglich wurde.
Und wer musste nicht mit Antheil auf ein Volk sehen, das endlich unter den Flugeln seines jungen koniglichen Adlers sich sammelte und, in e i n e m Gefuhle zusammengehalten, von keiner Parteiung mehr bis in das Herz der Familien zerrissen, sich Muth gewann, auf dem eignen Boden sein Burgerrecht zu uben.
Und dieser Boden war der Boden des schonsten Landes der Erde, das der Menschenhande nicht wartete, sich selbst ausstattend zu schmucken, und jeden seit Jahrhunderten in seinen Schooss niedergelegten Keim geistigen Lebens, treu bewahrt darbot, als es sich frei erklarte, seine Schatze zu sammeln und sie zur vollen Reife zu bringen. Denn gewiss wurden wir nur unvollkommen die ausserordentliche Periode in der Entwickelung Frankreichs, die unter Ludwig dem Vierzehnten fiel, betrachten konnen, liessen wir den ihr vorangegangenen Entwickelungen nicht ihr Recht, und fanden sich nicht in ihnen schon als Keime die Andeutungen der grossartigen Erscheinungen, die uns spater so imposant uberraschen, und die, als nicht zur Reife gekommene geistige Bestrebungen, dem materiellen Uebergewichte fruherer Zeiten weichen mussten. Wir durfen den Blick nicht abwenden von dem rohen Kampfe unbezahmter Leidenschaften, der die Blatter der Geschichte mit seinen blutigen Bildern zu beflekken scheint; wir mussen mit jenem antheilvollen Staunen darauf merken, welches uns den Blick frei erhalt fur den Zusammenhang, in welchem auch dieser rohe Kampf seine Ordnung findet und das Individuum seiner Zeit dienstbar darstellt, als unterliegendes oder siegendes Mittel neuer Erkenntniss. Wir sollten vielleicht mit eben so leidenschaftsloser Betrachtung diesen Zustanden folgen, als wir den grossen Eruptionen der Natur gegenuber bleiben, welche ohne Zweifel analog sind mit den wilden, Bahn brechenden Kampfen der Menschen, die wir eben so wenig in der organischen Entwickelung der geistigen Welt zu entbehren vermochten.
Und so durfen wir mit mehr Antheil, als Unwillen auf die grauenhaften Bilder der Periode Frankreichs blicken, die wir eine vorbereitende der bedeutenden Zeit Ludwigs des Vierzehnten nennen durfen; und den Samen zu ihren glanzenden Fruchten dort aufzufinden, das wird vermittelnd zwischen uns und die Bilder ihrer rohen Willkur, ihrer wilden Leidenschaftlichkeit treten; denn diese gerade, werden wir finden, riefen, wenn auch scheinbar bloss zu ihrem Dienste, doch die Keime hoherer geistiger Entwickelung ins Leben.
Italien stand wie ein Baum, der zwei Mal in einem Jahre mit Blute und Frucht geprangt, ermudet von der uberschwenglichen Leistung mit welken Zweigen, die keine neue Ernte verhiessen, als vertraue er den Vorrathen, die er um sich angehauft. Frankreich lag diesem Ueberflusse zunachst, und alle seine Erfordernisse, sein Klima, die organische Gestaltung seiner Bewohner, ihr heisses Blut, ihre bewegliche Phantasie, vor Allem ihr erwachender Ehrgeiz Alles machte sie zu Erben Italiens.
Geschickt und mit treuem Eifer sehen wir die Geister Frankreichs sich erheben, den fremden Einfluss erfassend, um ihn fur das Vaterland zu verarbeiten und den Boden zu reinigen fur die neue Saat. Wie auch die Eruptionen der Massen noch dazwischen sturzen, sie zerstoren den zart sich fortspinnenden Faden hoherer Kultur nicht mehr, und mit vieler Klugheit werden zwei Mal Furstinnen aus jenem reichen Lande auf Frankreichs Konigsstuhl gerufen; Beide aus dem Stamme der Medicaer, diesem Brennpunkt italienischer Grosse und Bildung.
Sie traten aus den glanzenden Hallen, wo die Gotter der alten Welt ihre Heimath behalten, gestutzt von dem Kultus ihrer unsterblichen Sanger, deren zauberische Stanzen aus den Salen der Fursten bis in die Hutten des Volkes erklangen; das Blut, genahrt von jedem Sinnenreiz, geneigt, die Anforderungen desselben auf jedem Boden zu erneuen. Denn dort in der Heimath der Kirche, welche die alten Gotter verdrangte, schien nur der Name gewechselt zu sein, und in den Hallen des Vatikans, in ihren Himmel anstrebenden Domen, umschaart von Heiligen und deren bilderreichem Dienste, von dem berauschendsten Pomp aller Schatze der Erde unterstutzt, unter Wonne athmenden Hymnen, in sussen Weiheduft gehullt, suchte die christliche Kirche ein gleiches Recht uber die Sinnenwelt zu erhalten, und mit ihren reichen Mitteln sich des materiellen Menschen zu bemachtigen, den Geist verfluchtigend, erstickt von den Mitteln, ihn zu verherrlichen.
Katharina von Medicis war geschickt, jeden Fortschritt ihres Vaterlandes zu verbreiten, und an ihre Epoche in Frankreich hangen sich die erstaunenswerthesten Erscheinungen, die vielleicht zu voreilig mit ihrem personlichen Einflusse bezeichnet werden, um ihr gerecht sein zu konnen; da sie von der Zeit eben so fortgerissen ward, als sie der zeit den Einfluss uberlassen musste, der an ihrer Person haftete. Wir durfen den nicht stark nennen, der zufallig der Starkste ist eine Frau nicht so bezeichnen, die, von dem Vulkan eines materiellen Innern zum Sklaven gemacht, diesem eigentlich opfern m u ss t e , ohne Wahl und ohne Plan und wenn die schrankenlose Willkur, mit der sie die Zustande ihrer Zeit verbrauchte, auf ein Uebergewicht in ihr zu deuten scheint, so vernichtet die kleinliche Geringheit ihrer Absichten doch stets jedes Pradikat der Grosse, und wir mussen einsehen, wie die Begebenheiten ausser ihr daherschritten und sich bloss an sie anhingen, weil sie den Hohenpunkt einnahm, um den der Kampf kreiste. Aber dieser Standpunkt machte, dass sie die mitgefuhrten Schatze fremder Bildung, fremden Geistes um sich weiter verbreiten konnte, und bloss sich selbst den lang gewohnten, reich geschmuckten Heimathsboden schaffend, ward sie ein Sammelpunkt neuer, glanzreicher Entwickelung fur tausend ihr entgegen bluhende Krafte, die, angeregt, nicht uberschattet werden konnten von dem schnoden Dienste, den ihre geringe sinnliche Natur ihnen widmete. Im Gegentheil gewinnt das Begonnene in Heinrich dem Vierten, in Sully's weiser Hand schon sichereren Boden; die augenblickliche Ruhe lasst das Gesammelte schon uberschauen als franzosisches Eigenthum. Maria von Medicis erscheint endlich in einem Augenblicke als Regentin, wo diese Anklange bedroht sind. Die Sturme, die sie weder aufhalten, noch lenken kann, und die diese hoheren Bluten zu knicken drohn, finden in ihr noch Schutz und Anregung, und sie erscheint in ihrem kleinlichen, inkonsequenten Walten, als habe sie das Schicksal bestimmt, diesen einen Punkt zu hegen, bis ihr Alles abgenommen wurde, um in die grosse Hand Richelieu's uber zu gehen, der zuerst zu gesammter Handhabung sich kraftig zeigte.
In wie fern Richelieu sich des Planes, eine unbeschrankte Monarchie zu stiften, bewusst war, der seiner klugen Regierung jetzt nothwendig untergelegt werden muss, mochte eben so schwer, als erfolglos zu ergrunden sein. Indem sein stolzer und befahigter Geist ihn an der Seite Ludwigs des Dreizehnten zum wirklichen Regenten Frankreichs machte, mussten die nothwendigen Anforderungen dieses Karakters ihm die Unterdruckung der ubermuthigen Grossen des Landes, welche immer ein Familien-Oberhaupt an ihre Spitze lockten, um dahinter ihre anarchischen Absichten zu verbergen, zu einer fast personlichen Befriedigung machen, wenn nicht zugleich anzunehmen ware, dass sein grosses Genie, sein heller und der Zeit voraneilender Geist in dieser Unterdruckung das Mittel erkannt habe, Frankreich zu burgerlicher Ruhe und den Konig zum absolutesten Herrschen zu fuhren.
Unbezweifelt hat das Getriebe, das er mit starker Hand zu lenken wusste, die ersten sicheren Resultate erzielt, und Ludwig der Eilfte, der den Kampf mit der Anarchie und mit dem aristokratischen Uebermuthe seiner grossen Vasallen so rastlos verfolgte, wurde mit Neid auf die Ernte dieses grossen Staatsmannes geblickt haben, der die Erfullung der Idee erlebte, der er mit allen seinen Bestrebungen nachjagte, ohne die Zustande bewaltigen zu konnen.
Dessen ungeachtet erschreckten noch die Waffenklange des Burgerkrieges die Knabenjahre Ludwigs des Vierzehnten bei erwachendem Bewusstsein mussten er und seine Mutter vor den Erfolgen der Fronde fluchten, und zu dieser Schmach noch jeden Mangel hinzugefugt sehen, den der schnelle Aufbruch des Hofes mehr als ein Mal veranlasste.
Aber schon war so viel anderweitiges Interesse im Volke erweckt, dass es den damonischen Anforderungen eines Burgerkrieges nur ungern Gehor gab, ihn nicht mehr zu seinen gewinnreichen Erwerben zahlte, sondern darin eine lastige Storung seines heranbluhenden Wohlstandes sah, und daher den Adel nur lau unterstutzte, der, hierdurch geschwacht, den klugen Machinationen Mazarin's nachgeben musste, und endlich den Frieden herbeifuhrte, der zuerst nach so langen Sturmen das erschopfte Land erquickte.
Diese Ruhe, die ein wirkliches Bedurfniss war, und die nicht durch Traktate, Geisseln und das Recht des Starkeren erhalten ward, sondern sich schutzte durch dieselben Mittel, die das Bedurfniss hatten entstehen lassen sie musste nothwendig das Gesammtleben Frankreichs zum Bewusstsein und zur Anschauung erheben, und den Bildungspunkt namhaft bezeichnen, der damit hervortrat.
Ludwig der Vierzehnte war der vollkommenste Reprasentant dieser Periode; er war das nothwendige Erzeugniss derselben und so innig mit ihr verbunden, dass jeder Franzose ihn als sein Banner erkennen musste als die lebendig gewordene Idee einer Entwickelung, der sich jedes Bewusstsein entgegen drangte. Es kann daher von diesem Standpunkte aus, weder von seinen Tugenden, noch von seinen Fehlern, nach dem gewohnlichen Maassstabe der Berechtigung, die Rede sein. Beide waren die Erscheinung der Zeit er stand weder uber, noch unter ihr er dankte ihr Alles, aber er gab ihr auch Alles, was sie eben forderte, wenn auch nicht mit dem Bewusstsein ihres Bedurfnisses, sondern weil er an sich selbst einen neuen Zustand herzustellen trachtete, der jedoch eben derjenige war, dessen Frankreich bedurfte. Von der Natur selbst zu einem vollkommenen Franzosen gebildet, besass er die herrliche Gabe, seine Fahigkeiten hervortreten zu lassen, sich ihrer mit Takt und Gefuhl bei allen vorkommenden Gelegenheiten zu bedienen. Wenn schon das gewohnliche Leben die tiefsten und bedeutendsten Seelenkrafte dieser Fahigkeit beraubt, in Nachtheil stellt gegen den glucklichen Gebieter geringer Mittel, die ihm jeden Augenblick dienstbar sind, so ist der Einfluss solcher Gabe auf einem Throne, bei bedeutenden und nationalen Kraften eines Herrschers, ganz der zauberhaften Wirkung gemass, durch die wir Ludwig den Vierzehnten die Hohe der Gunst ersteigen sehen. Sie erbaute ihm aus dem Enthusiasmus seines Volkes einen Thron, auf den ganz Europa staunend hinblickte, und der den Gedanken der Weltbeherrschung, in solchem Fundamente begrundet, zu einem erhabenen Fluge des Geistes machte, den wir als Menschen, ohne nationelle Beschrankung, mit Liebe und Bewunderung betrachten mussen. Diese unlaugbare Befahigung Ludwigs des Vierzehnten machte es ihm aber auch nur moglich, sich aus dem Schlamme zu erheben, den die Erziehung um seine Fusse spulte, und wir mussen, wenn wir das kraftige Emporarbeiten Frankreichs aus dem Elende des Burgerkrieges verfolgen, dem jungen Konige das Recht eines eben so rustigen Streiters zugestehen; denn seine Arbeit ehrte ihn nicht minder.
Der Ueberdruss, ja der Abscheu, den die Nation gegen die Gewalt roher Willkur und Gesetzlosigkeit zu empfinden begann, entwickelte sich in ihrem Konige zu dem Schranken-System einer Etikette, die ihm dasselbe Bedurfniss befriedigte, eben d a s einer unangreiflichen, gesicherten Stellung, um zum Genusse seiner personlichen Vorzuge auf dem erhabenen Standpunkte seiner Geburt, gelangen zu konnen. Welchen Ausartungen dieses System im Verlaufe seiner Dauer auch unterworfen war, zu welcher, einer spateren Entwickelung lacherlich erscheinenden, Karrikatur es herabgesunken dastehen muss, wir durfen seine Entstehung nicht gering achten, den Geist nicht verkennen, der es erschuf. Es hatte einen tiefen psychologischen Grund, der ohne alle Frage das hohere geistige Fluidum der Nation entwickelte, und den beispiellos hohen Rang bestimmen half, den Frankreich in diesem Zeitlauf in Europa einnahm, seinen Einfluss uber Alles erstreckend, was um den Preis einer feineren Sitte rang; denn es lag darin die Fessel der Rohheit. Der despotische Zwang, den diese Formen uber jede Willkur ausubten, ward ein Bollwerk, hinter welchem die Ansturmenden in dem glanzendsten Kultus zauberhafter, neuer Einkleidung den Hof ihres Konigs gewahrten ein zur hochsten Poesie erhobenes Wunder fremder, blendender Schaubilder, dem naher zu treten, bald die Sehnsucht und der Ehrgeiz Aller ward, und das zu erreichen, eben dieses Bollwerk nur einer bestimmten Auswahl gestattete; und diesen Auserwahlten wieder nur, indem sie sich selbst bezwangen und mit gefesselten Trieben nicht sich, sondern der Zauberformel jener Etikette gehorchten, in welcher Alle vor dem Nymbus dieses Thrones eingefangen lagen. Wie der Gegensatz zu diesem despotischen Sittengemalde sich auch finden musste, welchen emporenden Entartungen in der Religion, Moral und Sittlichkeit wir auch zur selben Zeit begegnen mogen der Impuls zu einer gesellschaftlichen Existenz, wie sie keine Zeit ihr ahnlich darzustellen vermag, mit allen Versuchen, eine hohere Gesittung uber alle Verhaltnisse des Lebens zu verbreiten, gehort als unbestreitbares Verdienst dieser Epoche an. Sie erregte eine Bewegung, deren Einfluss wir noch jetzt nachzuweisen vermogen, wenn auch durch die frei gewordene Herrschaft des gebildeten Geistes losgesprochen von dem Zwange des Gesetzes, welches festzuhalten, nachdem es leer geworden seiner fruheren Bedeutung, zu der mit Recht gering geachteten und bespottelten Karrikatur eines Ceremoniels oder absondernden Schutzes herab gesunken ist, der keinen Grund mehr findet in vorhandener Rohheit.
Zu jener Zeit aber machten sie den Hof, als Anhang des Konigs, als den Zauberkreis, in dem er seinen wunderbaren Ritus ubte, zu einem wahrhaft unerreichbaren Standpunkte, und noch war es die Zeit ja sie e r w a c h t e erst wo das Volk sich von seinen Souverainen imponiren zu lassen wunschte, und die Absonderung, die fast an gottliche Unterscheidung grenzte, mit einer Art von Stolz mehr unterstutzte, als verringerte.
Die Mittel zu grossen Ergebnissen boten sich dem herrschenden Oberhaupte in allen Beziehungen dar, und unter den Handen Colbert's entwickelten die reichen Krafte des strebenden Landes frohlich ihre hundertfaltigen Adern und athmeten Lebensfulle und spendeten den segensvollen Reichthum, der immer wieder den grossen Kreislauf belebender Thatigkeit erneuerte, den der Glanz des Thrones sowol, als sein politisch zu behauptendes Ansehn erforderte.
Wenn die Meinungen uber diese Zeit oft bis zum Anbeten ihrer Erscheinungen, oft bis zum Herabwurdigen unter den geringsten Standpunkt geschichtlicher Momente gewechselt haben, durfte Beides eine Berechtigung nachweisen konnen, wenn wir bloss die materiellen Fakta ohne ihren geistigen Zusammenhang gelten lassen wollen. Denn wir sehen allerdings in demselben Rahmen, der Ludwig's Lebensperiode umschliesst, einen Hohenpunkt glanzender Erfolge, wie er uns hinreissen muss, und am Ende derselben einen Schrecken erregenden Verfall, der ohne Zweifel die Keime der grossen Erschutterung nachweisen liesse, die den Urenkel des Platzes verlustig machte, auf dessen unbestrittenem Besitz Ludwig der Vierzehnte seine Dynastie unzerstorbar begrundet glaubte. Aber wir durfen bei dieser niederschlagenden Betrachtung nicht ubersehn, dass das Volk in dieser ersten glanzenden Epoche dennoch ein Pfand empfangen, welches den Werth dieser Zeit unbestreitbar macht ein Pfand, mit welchem es wuchern konnte, das zu zerstoren nicht mehr in der Willkur seines Herrschers lag und dass dessen ausartenden personlichen Neigungen, die wir mit dem Verfalle der Zeit bezeichnen, doch in ihrer j u g e n d l i c h e n Entstehung Schritt hielten mit den Bedurfnissen seines Volkes, und uber alle Zweige menschlichen Wissens den Zauber der Ermunterung, der Forderung und der Anerkennung verbreitet hatten. So mussen wir seiner ausartenden Eroberungssucht sicher den Vorwurf machen, das Land erschopft und mit Schulden belastet, und, gegen jedes moralische Prinzip anstossend, sein personliches Ansehn herabgesetzt zu haben. Aber das Volk hatte Fruchte geerndtet, die es in seinen Erfolgen nicht allein damals an die Spitze der Kriegskunst stellte, sondern an deren Nachahmungen sich noch die nachhaltigsten Einrichtungen aller Nachbarlander knupfen lassen. Wenn wir eben so vor den Bauwerken dieser Zeit, vor den zugellosen Ausstattungen aller koniglichen Besitzungen und der ihnen anhangenden Bedurfnisse vor ihren Festen, ihren Beschaftigungen und ihrem zahllosen unbeschaftigten Dienertrosse stehen, und bloss bedenken wollen, wie dadurch der Schatz erschopft werden musste, und dem betaubten Gewissen die Wege geoffnet zu Erpressungen und Bedruckungen des Volkes, die wir mit Unwillen endlich auch verfolgt sehen: so werden wir doch dadurch immer nicht die Wirkungen annulliren konnen, die in diesem uppigen Leben des Genusses den Segen aller kunstlerischen und wissenschaftlichen Erscheinungen entwickelten, und sie zu einer Ausbreitung und Wichtigkeit erhoben, welche dem versinkenden Leben Italiens eine neue Heimat, dem ubrigen Europa eine Brukke zu bis dahin zu entfernt liegenden Schatzen baute.
Gewiss mussen wir zugestehn, dass Ludwig der Vierzehnte nicht die Kraft hatte, an der Spitze seiner Nation zu bleiben, dass er ihr nur ein Mittel war, das anfanglich nicht grosser zu sein brauchte, als er w a r , dass ihn seine Erfolge, nachdem sie ihn weit uberholt hatten, auf einem geringen Standpunkte zuruck bleiben liessen, und im Stillestehn ihn seiner Zeit entfremdeten und feindlich gegenuber stellten, geschutzt noch von dem monarchischen System welches zu machtig war, um Widerstand zu finden. Der hierarchische Despotismus erkannte wachsam den Augenblick, wo Ludwig sich von seinem Volke trennte, um ihn, sich ihn als Beute sichernd, jeder freieren Anschauung zu entziehn, die ihn fahig gemacht hatte, den hochherzigen Aufschwung religioser Entwicklung verstehen zu konnen, der damals aufs Neue vergeblich die Schwingen einer freieren Erkenntniss regte, und dessen unvollkommene, in vielfachen Ausartungen kreisende Erscheinungen vielleicht die ewigen Erschutterungen Frankreichs zu erklaren vermochten, das, von dem Triebe freier religioser Entwickelung verjagt, in den materiellsten Freiheitswunschen die gestorte Entwikkelung zu befriedigen suchte.
Die Zeit, in der Leonin den vaterlandischen Boden betrat, war der Hohenpunkt jener fruheren Periode, der so schnell, so uberraschend erreicht war, dass der Schwindel zu erklaren ist, mit dem man die Grenzen eines so begonnenen Zustandes nicht glaubte ubersehen zu konnen, und die ausschweifendsten Eingebungen der Phantasie uberall anzuknupfen, ein Recht zu haben meinte.
Der Aachner Friede war geschlossen Ludwig hatte die Lorbeeren zweier glorreichen Feldzuge gesammelt, die Aufmerksamkeit Europa's geweckt und Erfolge errungen, die so das Maass zu uberschreiten schienen, dass es ihm leicht ward, beim Abschluss des Friedens mit anscheinender Grossmuth den Theil der Eroberung zuruck zu geben, der von seinen besturzten Gegnern mit der vollen Besorgniss gefordert wurde, die so schnelle, so siegreiche Fortschritte fur das Europaische Gleichgewicht, welches zu zerstoren, in seine Hand gegeben schien, nothwendig einflossen mussten. Auch machte der Abschluss dieses Friedens, der einen Theil der gemachten Eroberungen wieder aufgab, keinen ungunstigen Eindruck auf die Nation. Schon sah sie sich als den reichen Mann an, der dem ubrigen Europa Almosen geben konnte; schon kam ihr kein Zweifel, dass sie besitzen k o n n t e , was sie besitzen w o l l t e ; und gerade so erschien ihr der junge Konig in einem neuen Nimbus dem der Grossmuth und der Massigkeit.
Auch lag, dies Gefuhl zu unterstutzen, ganz in der ungemeinen Begabtheit des jungen Konigs, der damals noch den vollendeten Stolz besass, der die Eitelkeit entweder nicht aufkommen lasst oder sie noch nicht besitzt.
Sein Volk, sein Hof mochte seine Siege anstaunen, anbeten, er verhielt sich zu ihnen mit der gleichmassigen Ruhe, die audeutete, dass er uber ihnen stande, und die grossten Erfolge eben nur Ausstromungen seiner selbst waren, die ihn nicht zu uberraschen vermochten. Er hasste und unterdruckte jede rohe Schmeichelei, und die Hofleute mussten eine Mimik fur ihre Anbetung studiren, die sich wie der Schauer der Andacht anliess, um seine stolze Zuruckweisung nicht zu erfahren.
Es war in dieser vollen Blutenzeit seiner Existenz noch so viel Wahrheit in ihm, dass er sich ohne Selbstbetrug des Eindruckes erfreuen durfte, den er hervorrief; und seine ganze Natur war durch die Aehnlichkeit und Uebereinstimmung, die seine eigne Entwicklung mit der seines Volkes hatte, so bedeutend verstarkt und erhoht, dass jeder Erfolg ihm zu einem ungemeinen Selbstgefuhle verhelfen musste. Er war in Wahrheit ein grosser Mann er war es durch seine Zeit, wie durch sein schones Naturell, das ihr genug that.
Spater hatte das Feldlager mit dem Glanz eines Hoflagers gewechselt, dessen an Zauber und Wunder grenzende Ausstattungen einen taumelartigen Zustand erregten, den industriellen Geist aufs hochste belebten Kunstler, Dichter und Gelehrte schufen, und eine Hingebung aller Krafte des Geistes und des Vermogens veranlassten, die ein Gelingen herbeifuhrte, das in seiner uberraschenden Wirkung den jungen Konig als ein ubernaturliches Wesen erscheinen liess, da seine Neigung, seine Andeutungen oder Befehle dies Alles ins Leben riefen.
Und diesem Zustande der Dinge nahte sich jetzt Leonin diesem vergotterten Monarchen sollte er in kurzem vorgestellt werden, und zwar nicht, um ihn unter d e m Gesichtspunkte zu betrachten, wie wir es jetzt thun, sondern unter d e m , wie man ihn damals ansehen musste, beschrankt von der Gegenwart und ihrem beengenden Einflusse, als eine sichtbare Gottheit, als eine Alles besiegende Autoritat als den Inbegriff aller Vollkommenheiten. Es war die naturliche Folge dieser Ansicht, dass Alle, die des Gluckes theilhaftig wurden, seine Nahe zu erreichen, seine Worte zu horen, sich selbst dadurch zu grosseren Anspruchen berechtigt hielten, und als Geschopfe seines Winkes, doch sich erhoben fuhlten uber die Masse, die diesen Vorzug nicht theilen durfte.
Die Majorennitats-Erklarung des jungen Grafen war voruber, und unaufgefordert stromten die hochsten Personen zusammen, ihre Gluckwunsche zu diesem Akte darzubringen. Das Hotel Soubise konnte die Zahl der Gaste kaum fassen, und die Marschallin hatte nicht umsonst auf den Antheil des Konigs gerechnet. Nur im Vorbeigehen fragte derselbe beim Lever seinen Bruder, ob er von dem Feste seines lieben Marschalls von Crecy gehort habe, und dies war hinreichend, damit Monsieur zur bestimmten Stunde in dem Hotel Soubise auf zwei Minuten erschien und der Name Ludwig von Orleans prangte an der Spitze von Unterschriften, die fast alle erlauchte Namen Frankreichs enthielten. Denn das Land versammelte die lebenden Reprasentanten derselben an dem Hofe und Ludwigs Wunsch, sie dort zu sehn, war der Magnet, dem Niemand sich entziehen konnte.
Der Marschall war versohnt mit den schlauen Einrichtungen einer Gemahlin, die endlich seine unvollkommenen Wunsche, die er nie ins Dasein zu rufen vermocht hatte, in die Erreichung ihrer eignen mit einzuschliessen wusste. Der Glanz seines Hauses trat auf eine imponirende Weise hervor, und dem Herzen des Vaters ward in der schmeichelhaften Anerkennung des Sohnes das vollste Genugen.
Wie sollen wir aber den innern Zustand dieses Sohnes schildern, der seit seinem Eintritt in dies Haus fast nicht zur Besinnung gekommen war?
Seit seiner Abwesenheit hatten sich alle Zustande so gesteigert sein eignes Bewusstsein, sein Auge sich so dafur entwickelt, dass es ihm schien, er kame in eine vorher gar nicht gekannte Welt. Es war, als ob das Ungluck aus den Kreisen der Menschen verschwunden sei. Jeder Tag schien ein Fest, das Allen gehorte. Witz, Laune, Leichtsinn und Heiterkeit durchdrang die Menge von der hochsten bis zur niedrigsten Klasse. Es war keine Zeit fur irgend ein tiefer liegendes Gefuhl, und der Rausch, der uber Alle seine Zauberruthe schwang, hiess Ludwig Versailles Frankreichs Ruhm! Es trat ein Stolz, ein Selbstgefuhl bei jedem Individuum hervor, das aber gerade so entwickelnd wirkte; denn Niemand wollte nachbleiben, Alle strebten, rangen und erreichten in irgend einer Beziehung Etwas. Aber mitfliegen musste man; das galt mehr wie das Leben; das galt, sich als Franzose zeigen!
Und in diesen rauschenden Massen, durfte sich Leonin eingestehn, als der Erbe eines so bedeutenden Namens und Ranges bemerkt zu werden, zu Anspruchen erhoben zu sein, die mit dem edelsten Neide verfolgt wurden, mit dem Neide, dem Gottersitze des Konigs nah' und personlich dienstbar sein zu konnen.
Diese Tage mit ihren Anforderungen hatten eine Menge schlummernder Eigenschaften in ihm hervorgerufen. So ins Auge gefasst von der hohen Aristokratie des Landes, fuhlte er plotzlich den vollsten Trieb des Ehrgeizes, sich ihnen in allen Punkten gleich zu stellen und jede Unsicherheit des Betragens abzuwerfen, die einen Zweifel uber die Befahigung zu dem hohen Standpunkte seiner Geburt aufkommen lassen konnte. Er wollte nichts sein, als eine neue Zierde dieses glanzenden Hofes. Man sollte dieses anerkennen mussen, und er hatte bei scharferem Nachdenken sich selbst in den Erscheinungen nicht wieder erkannt, die dieser Einfluss hervorrief; denn er ward nun erst Franzose und rechtfertigte vollkommen den Zustand jener wunderbaren Zeit.
Nur, wenn er in tiefer Nacht sein einsames Schlafgemach betrat, die Diener entlassen hatte, und lautlose Stille ihn umfing, blieb er wie ein Traumender stehen. Wo war Fennimor's Gatte, wo war der einsiedlerische Schlossherr von Ste. Roche und die patriarchalischen Vorstellungen, die alle seine Wunsche umschlossen hatten? Ob er sich diese Fragen wahrhaft beantwortete? Wir furchten, nein! Aber noch war er innig uberzeugt, was jetzt geschehe, was er thue und treibe, es sei nur die Brucke zu ihr zuruck. Noch fuhlte er ihre Schonheit, ihren Werth; noch brauchte er nicht an seine P f l i c h t e n gegen sie zu denken. Aber schon gab es auf dem ganzen Schauplatze seiner jetzigen Existenz keinen Punkt, wo er sich ihrer erinnern konnte, ohne den stechenden Schmerz zu fuhlen, der uns belehrt, dass wir in gefahrvollen Widerspruch gerathen sind, und Pflichten sich drohend beruhren, denen wir gleiche Heiligkeit zugestanden. Er verschob selbst den Moment einer Eroffnung gegen seine Mutter, theils aus Scheu und Unentschlossenheit, theils weil er glaubte, erst diesen offentlichen Pflichten genug thun zu mussen. Er ahnte nicht, wie seine Mutter Alles in ihm sah und vorher gewusst, und wie fest sie beschlossen hatte, ihm eine solche Erklarung unmoglich zu machen, bis die Verhaltnisse ihn so umsponnen hatten, dass er sie ihr nicht mehr zu machen wagen wurde.
Sie hinderte es daher nicht durch die leiseste Bemerkung, wenn sie erfuhr, wie Boten mit Briefen und Gepack den Weg nach Ste. Roche nahmen; denn dies Alles, wie es auch dort Anspruche und Neigung unterhalten, und gefahrliche Gedanken in Leonin nahren musste, schien ihr doch weniger unheilbringend, als eine zu voreilige Erklarung, ehe sie Zeit gewonnen hatte, dies sein Gefuhl in sich selbst absterben zu lassen.
Jetzt befand man sich zu Versailles, da man Paris nur bewohnte, um Familien-Feste zu feiern, die in die Nahe des Konigs zu verlegen, eine Art Indiskretion scheinen konnte. Ausserdem liebten alle Grosse des Hofes, in Versailles zu leben, da der Konig eine fast unbezwingliche Abneigung gegen Paris hegte, welches ihm als Kind, wahrend der Kriege der Fronde, mehrere Male die Thore verschlossen hatte.
Madame Henriette, die Gemahlin Monsieur's und die Tochter des unglucklichen Karls des Ersten von England, war der Parnassus des Hofes. Um sie versammelten sich alle Kunste, und Gelehrte und Helden warteten an ihrem poetischen Throne auf das Wort ihrer Anerkennung, ihrer Ermunterung. Der Konig hatte ihr eine so zartliche, ritterliche Galantrie gewidmet, sie verstand dieselbe so geistreich zu fordern, und so fein und erhaben zu gestalten, dass dem Beruhren dieser beiden romantischen Geister die Entwickelung billig zuzurechnen ist, die das Verhaltniss der Manner zu den Frauen zu einer abgottischen Huldigung erhob. Auch hier ging der mit allen Elementen der Liebe und Poesie ausgerustete jugendliche Konig mit dem Beispiel einer Frauenhuldigung voran, die wie ein neuer Impuls in der Courtoisie hervortrat.
Zwar hatte das Verhaltniss des Konigs zu Madame Henriette den Karakter warmerer Zartlichkeit verloren; aber sie behauptete noch immer den Rang der schonsten und geistreichsten Frau, und ihr Einfluss auf den Konig in allen geistigen Beziehungen blieb noch unbestritten. Er selbst fuhlte die wahrste Freundschaft fur sie, ihr Hof zahlte ihn noch immer zu seinem Besitz, und er that Alles, ihr diesen geistig hohen Standpunkt durch seine Achtung und Anerkennung zu erhalten.
Schon fullten sich die Vorzimmer der schonen Henriette, und alle Anwesenden zeigten die Belebtheit und Spannung, die die Versicherung hervorgerufen, Madame erwarte den Konig! Ein Jeder fragte sich in der Stille, wer er ware, was er zu denken, zu sagen habe, mit welcher Berechtigung er die grosse Gunst erwarten durfe, vor ihm zu erscheinen.
Das Gesprach lief wohl lebhaft umher; aber nur Wenige verbargen die Zerstreutheit, mit der das leiseste Gerausch in den Hofen plotzlich Alle verstummen oder abbrechen liess. Doch blieb von den Anwesenden dieser Zustand ziemlich unbemerkt, denn Jeder theilte ihn.
Nur einzelne Personen verschwanden in die Zimmer, in denen Madame ihren hohen Gast erwartete; dies waren besonders dazu Bestellte und sie zogen eben so stolz diesem Rufe entgegen, als ihnen die Blicke des Neides nur zu sicher folgten.
Madame ruhte auf einer Ottomanne von meergrunem Atlas, und der Glanz der Beleuchtung war vor diesem etwas erhohten, bequemen Sitze mit einem Geschicke gemildert, dass es schien, der Mond erleuchte diesen Platz, im Gegensatze zu dem Vordergrunde des Zimmers, der Tageshelle, von Spiegelwanden reflektirt, zuruckstrahlte. Der blassrothe Seidenstoff ihres Kleides war mit Silber durchwirkt, und in ihrem wunderschonen Haare trug sie eine einzige, aber prachtvolle Rose von Brillanten.
Da sie die schonsten Arme und Hande hatte, so stand es ihr sehr gut, dass sie die Etikette etwas verletzte und nur einen Handschuh trug, wahrend sie den andern, wie zum Gedankenspiele, durch die zarten Finger zog. Sie hatte die glanzendsten Farben, die lebhaftesten Augen, und schien immer von Gedanken angeregt, die sie auch, schnell und fliessend sprechend, stets bereit war, an den Einen oder Andern zu adressiren.
Um sie her standen die Damen und Herren ihres naheren Kreises. An der linken Seite ihres Ruhebettes aber lehnte eine Frau von mittlerem Alter, mit grossen Resten ehemaliger Schonheit und mit einem bezaubernden Ausdrucke von Geist und Gefuhl. Sie war in dunkeln Sammet gekleidet, und die feinen Spitzenbarben ihres Bonnets gaben ihrer prachtigen, aber bescheidenen Tracht eine nonnenhafte Decence; sie hielt ein Blatt in der Hand, was sie vorgelesen hatte, und horte der lebhaften Prinzessin zu, welche, mit ihr sprechend, anmuthig seitwarts blickte.
"Nein, liebe Sevigne," rief sie, "sein Sie nicht zu bescheiden! Nur Sie, behaupte ich, nur Sie allein konnen ein so bezauberndes Gestandniss uber die Gefuhle einer Mutter ablegen, Sie reprasentiren die Mutterliebe in Frankreich, wie sie das Ideal jeder edeln weiblichen Brust werden muss, auf Sie wird hingewiesen werden, wenn wir schon alle in Staub zerfallen sind; und die entarteten Mutter dieses Landes werden nicht sagen durfen, wir wussten nicht, was Rechtens war; denn man wird ihnen antworten konnen, dass Madame de Sevigne lebte!"
Die beruhmte Frau neigte ihr feines Antlitz noch tiefer, und der erhohte Ausdruck zeigte eine Ruhrung, die keinen Hauch von Eitelkeit trug.
"Es ist so naturlich, was ich auszudrucken wagte," sagte sie sanft, "dass ich mich kaum in dem schmeichelhaften Lobe Eurer Koniglichen Hoheit wieder erkenne. Wer konnte mit dem Glucke begnadigt werden, Mutter zu sein, ohne mehr oder weniger dasselbe zu fuhlen, was ich hier bloss sammelte, aneinander reihte. Die Erscheinung einer Mutter bleibt in jedem Individuum eine Art gottliches Mysterium, und auf allen Stufen dieses ruhrenden und erhabenen Zustandes liesse sich die unmittelbarste Gemeinschaft mit dem hochsten Geber nachweisen, und darum auch sicher Anklange der Seligkeit, die nur von dem harten Drucke der Aussenwelt zuweilen verkummert hervortreten."
"O, wie schon, meine edle Sevigne, ist Ihr frommer Glaube!" rief die Prinzessin mit einer Aufregung der Gefuhle, die nur zu klar das ewig unbefriedigte Sehnen nach dem Glucke einer Mutter, das sie so tief nachzufuhlen verstand, ausdruckte. "Mochte ich," setzte sie leise und mit feuchten Augen hinzu, "noch dereinst Ihre Schulerin werden konnen!"
Frau von Sevigne druckte die dargereichte Hand nicht mit hofischer, sondern mit menschlicher Zartlichkeit an ihre Lippen und fugte leise Worte der Hoffnung hinzu, welche die junge Furstin kopfschuttelnd anhorte.
"Eine Stuart! eine Stuart!" sagte sie blass werdend, mit Bitterkeit und Schmerz "denken Sie, meine Liebe, ob sie Hoffnung auf Gluck nahren darf ob ihnen geschieht nach der Ordnung der Natur!"
"O, Madame," rief die Sevigne, "so werden S i e wenigstens dazu bestimmt sein, uns zu lehren, wie man die Unbilden des Schicksals durch die Erhabenheit der Gesinnungen zu besiegen vermag!"
"Meinst Du, susse Trosterin?" erwiederte die Prinzessin mit dem sanften Ausdrucke von Schwermuth, der zuweilen uber den frischen Glanz ihrer Schonheit wie ein Wolkenschatten glitt. "Doch hier," fuhr sie fort, alles personliche Gefuhl augenblicklich unterdruckend, "was wollen wir mehr? Welch' ein schoneres Bild mutterlichen Gluckes konnen wir nach den Mittheilungen unserer Sevigne finden, als unsere theure Marschallin von Crecy?" Und so neigte sie sich mit der vollen Anmuth einer Furstin uber die indess zwischen Leonin und Louise eingetretene Marschallin, welche mit der eigenthumlichen Grazie, die einer vollendeten Dame von Range zukam, ihren Sohn der Prinzessin vorstellte.
Leonin erschrack fast vor dem blendenden Glanze der Schonheit, der er nun gegenuber stand, und die ungluckliche Henriette, die das zartlichste Herz vergeblich in ihrer Brust trug, musste sich mit den kleinen Triumphen zerstreuen, die ihr jeder Mann, der ihr zu nahen wagen durfte, bereitete.
Sie sammelte lachelnd das Gestandniss der Bewunderung von Leonin's sprachloser Blodigkeit ein, und erhob sich sodann; denn das Rauschen der Thuren und die plotzliche tiefe Stille des Vorzimmers zeigte an, der Konig sei gekommen!
Ludwig der Vierzehnte stand auf dem Punkte des Alters, wo die Frauen den Mannern erst das Pradikat des Interessanten beilegen, was fur sie so wichtig ist, dass keine Jugend, keine Schonheit ohne diese Zugabe der Zeit ihnen die anmuthige Eigenschaft des Gefahrlichen verleiht. Ludwig hatte nicht Konig zu sein brauchen, um allen Frauen als schon und ausgezeichnet zu erscheinen aber als Konig rechnete man ihm die Vollendung als Mann um so hoher an; und in der That konnte sich Niemand ihm zur Seite stellen, er ware im einfachsten Kleide in den hintersten Reihen der Erste geblieben.
Als er eintrat, hatte er den Kopf halb uber die Schulter gewendet, um den Herzog von Lauzun anzuhoren, der ihm einige Worte sagte. Heiterkeit, Geist und Scherz lagen dabei auf seinem Antlitz ausgedruckt, und man konnte unmoglich anmuthiger lacheln, als eben der Konig, wie er dem Herzog einige Worte erwiederte.
Jetzt aber erblickte er Madame Henriette, die mit der Lebhaftigkeit der Huldigung ihm entgegen eilte.
Die leichte Haltung der kurzen Besprechung mit Lauzun war sogleich verschwunden jetzt war er der huldigende Ritter, welcher, der Schonheit gegenuber, nur ihr Diener sein kann, und den Stolz, den er fuhlen darf, nur von der Ehre ihrer Nahe empfangt. Als er die glanzende, bluhende Furstin zu ihrem Sitze zuruckfuhrte, hielt er ihre Hand so, dass er sie den Versammelten darzustellen schien; und indem er selbst den gebieterischen erhabenen Anstand entfaltete, der seine Schonheit so imponirend machte, schien er nur stolz sein zu wollen als ihr Fuhrer, von Allen fur s i e allein die Huldigung fordernd.
Und doch war diese ihm fast ungetheilt zugewendet denn er war Jedem in irgend einer Art ein Vorbild ein erfulltes Ideal.
Selbst Leonin hatte die schone Henriette vergessen und alles Blut drangte sich zu seinem Herzen, als er den angebeteten Monarchen jetzt in einer Vollendung vor sich sah, die er fruher weder Gelegenheit hatte zu beobachten, noch zu fassen.
Der Konig zog ein Tabouret vor den Sitz, den die Prinzessin einnahm, und setzte sich nieder, als habe er Lust, knieend den lebhaften Worten derselben zuzuhoren. Er hielt jedes Mal mit der Prinzessin auf diese Weise ein kurzes Zwiegesprach, welches anscheinend von Keinem der Hofleute beobachtet ward; und doch war gewiss kein Wechsel der Miene oder der Farbe, kein Lacheln, kein Seufzer, welcher nicht von der argwohnischen Schlauheit ihres Hofstaates belauscht wurde.
Leonin aber sah Alles ohne Beziehungen und Berechnungen. Verloren war er in dem Anblicke dieser ungewohnlichen Erscheinung, und Alles schien ihm gerechtfertigt, was er seit seiner Ruckkehr von dem uberschwanglichen Enthusiasmus der Menge erfahren, und was ihm mindestens uberraschend geschienen.
Als einen Helden, als einen Feldherrn hatte er ihn nennen horen, kuhn, scharfsichtig und grossartig im Rathe; er hatte gefurchtet vor den ernsten Pathos eines romischen Imperators zu treten. Und jetzt sah er einen heiter lachelnden jungen Mann, mit einer Anmuth und Leichtigkeit der Bewegung, mit einem poetischen Schmelze der Augen und des Mundes einen der schonsten Manner, der sich dessen nicht bewusst sein wollte, um den Frauen allein eine Huldigung zu gestatten, auf die er sie durch seinen Willen anwies, allen Mannern auch hierin zur Richtschnur dienend.
Leonin fuhlte, dass diese Vereinigung etwas Erstaunenswurdiges, fast Berauschendes hatte, und dass man sich eben dem Zauber seiner Personlichkeit so vollig ohne Ruckhalt hingab, weil man seiner ubrigen Herrscherfahigkeit ganzlich vertraute. Sein Alter hatte ihn vom Hofe entfernt gehalten, er hatte den Konig nur bei offentlichen Veranlassungen als Zuschauer gesehn, die zu Anfange seiner Regierung nicht haufig waren. Erst in Leonin's Abwesenheit trat der Glanz des Hofes auf solche Weise hervor, wie auch die Liebenswurdigkeit des Konigs erst zur vollen Blute kam.
So beherrschte dieser anmuthige junge Mann alle seine Umgebungen. Nicht, wie ihn Leonin sich unwillkurlich gedacht hatte, als einen ewigen Reprasentanten mit Krone und Zepter sah er ihn; aber dennoch von einer Atmosphare der Hoheit umgeben, dass die jugendliche Anmuth niemals auch nur zu einem vertraulichen G e d a n k e n hatte verfuhren konnen. Im Gegentheile fuhlte Leonin eine Beklommenheit, die ihn fast betaubte, bei dem Gedanken, dem Konige heute gegenuber zu treten. Seine Grosse wuchs, indem sie verdeckt lag aber wie gross musste er sein, da er sich ihres Scheines absichtlich entaussern konnte!
"Madame hat Briefe aus England erhalten," sagte der Marschall de la Ferte zu Madame de la Fajette, die mit etwas verdorbener Laune in Leonin's Nahe stand; "der Konig wird wohl seine Absicht mit Dunkirchen durch ihre geschickten Unterhandlungen erreichen."
"Wenigstens thate Madame besser, nur solche Angelegenheiten zu dem Gegenstande ihrer Beurtheilung zu machen," erwiederte Madame de la Fajette "in allem Uebrigen fuhlt man immer, dass sie kein franzosisches Blut in den Adern hat. Es ist komisch oft ihr Urtheil uber unsere Literatur!"
"Ach so! Euer Gnaden meinen ihre Bewunderung fur die Marquise de Sevigne!" rief der Marschall "ja, ja, Madame tragt stark auf, wenn sie spricht. Doch glaube ich nicht, dass ein so unbedeutendes Produkt, wie uns vorgetragen wurde, Eindruck machen wurde, belebte sie nicht dasselbe Verlangen, das Madame de Sevigne als erfullt darstellte."
"Ja, so ist es, mein Herr Marschall die gute Sevigne gehort nach der Kinderstube, nicht an den Schreibtisch! Ich versichere Sie, dass sie nicht im Stande ist, orthographisch richtig zu schreiben, u n d damit musste man doch wohl anfangen, wenn man eine Schriftstellerin sein will."
"W a r e es n i c h t wichtiger," erwiederte hier ein junger Mann in einfacher geistlicher Tracht, "erst richtig zu denken? Wie Viele mogen den Vorzug besitzen, richtig zu schreiben, ohne einen einzigen Gedanken so ausdrucken zu konnen, wie Madame de Sevigne ohne Gefuhle in sich zu haben, wie sie hier eine Zierde der Menschheit werden!"
Die Grafin de la Fajette blickte etwas hoch auf, und ihre sich spannenden Augenbrauen verriethen, dass sie nicht geneigt sei, den halb vorwurfsvollen Ton dieser Erwiederung milde hinzunehmen; als sie aber die sanften, edeln Zuge des Junglings erblickte, der zu ihr gesprochen, musste sich die kluge Frau gestehen, er habe gar nicht daran gedacht, dass seine Erwiederung sie trafe, sondern sich in den Gegenstand vertieft, ihm sein Recht gonnend und damit eine Beleidigung unmoglich haltend.
"Vollkommen richtig bemerkt, mein lieber Salignac!" sagte die Grafin daher, schnell gefasst: "wer hatte hieruber zu entscheiden mehr Recht, als Sie, der Sie der Verkundiger der edelsten und frommsten Gesinnungen sind!"
"Nein, Madame, nein!" rief der junge Mann mit schwarmerischem Eifer, "uber den ganzen Werth der Gedanken und Gefuhle, die Madame de Sevigne uns mitgetheilt, wird nur eine F r a u entscheiden konnen, in die Gott ausschliesslich die Seligkeit einer Bestimmung ausgeschuttet hat, der wir nur aus der Ferne mit der Verehrung zusehen konnen, die an dieser ausserordentlichen Bevorrechtung des Himmels uns die erhabene Bestimmung ihres Geschlechtes ahnen lasst!"
"Liebenswurdiger Schwarmer!" rief die Grafin, fast geruhrt; "da wir heut im Prophezeihen sind, und Madame Henriette der Frau Marquise de Sevigne schon das Prognostikon ihrer Zukunft gestellt hat, so verkunde ich Ihnen, dass Ihre sanfte jugendliche Weisheit, zum Manne erstarkt, das Zeitalter retten wird, in dem Sie leben; dass Salignac la Motte Fenelon Platz finden wird in den Buchern unserer Geschichte, trotz des Grossten, den wir darin verzeichnen!"
"Gottlob, Madame," fuhr der junge Mann ohne alle Zeichen des Eifers fort, "dass ich Ihnen nicht glaube! Die Geschichte mit ihrem Namensverzeichnisse hat keinen Reiz fur mich meine Gedanken haften an dem muhevoll heiligen Geschafte des Augenblickes; es ist so schwer, ihn zu bestehen, ohne vor Gott errothen zu mussen, dass ich ihm alle meine Krafte zuwende, und mir wenig Zeit ubrig bleibt, die Zukunft mit eiteln Wunschen zu besturmen."
"Darum that ich es fur Sie!" lachte die erheiterte Grafin, die wohl ein wenig schriftstellerische Wallungen besass, aber zu klug und zu edel war, um sich von diesen Gefuhlen dauernd beherrschen zu lassen.
Die Gesellschaft erschutterte ein kleiner elektrischer Schlag. Ludwig war aufgestanden, und sein koniglicher Blick uberflog den Kreis, als nahme er erst jetzt seine Existenz wahr. Die Thuren nach den Vorsalen waren geoffnet' die inneren Gemacher hatten sich gefullt, Jeder rang um den Preis, mit Ludwig dasselbe Zimmer zu betreten. Die Moglichkeit eines Blickes, eines Wortes war die Hoffnung, die Jeder unausgesprochen nahrte.
Auch schien das strahlende Auge, womit er Jeden zu finden wusste, Jedem eine solche Hoffnung erwekken zu sollen; doch, als er nun, sich von Madame beurlaubend, vorschritt, stockte selbst das Bemuhen, die leichte Unterredung fort zu spinnen, welche bisher geherrscht. Zerstreuung, Erwartung unterdruckte jede andere Geistesthatigkeit; hochstens gelangen einige leichte Worte, von denen der Sprechende hoffte, sie kleideten ihn, und die, da dies von den Andern schnell errathen ward, entweder mit Kalte aufgenommen, oder in derselben Weise und Absicht erwiedert wurden. Leonin hatte trotz seiner Befangenheit Auge und Ohr gehabt fur die sonderbaren Zustande seiner Umgebungen, und indem er vergeblich auf den Sinn der Worte horchte, die um ihn her gesprochen wurden, und die seltsamen Grimassen sah, mit denen man sie begleitete, uberzeugte er sich, dass dies der Hofton sei, von dessen bezaubernder Leichtigkeit und Eleganz Europa voll war, und um dessen unaussprechlichen Reiz zu erreichen, Jeder seine Eigenthumlichkeit, sein tieferes geistiges Bedurfniss verlaugnen musste, wenn er nicht verlassen oder ausgelacht sein wollte.
Es bemachtigte sich seiner eine krankende Unheimlichkeit: er wusste mit Allem, was er besass, hier nichts anzufangen. Seine Kenntnisse, seine Gefuhle, seine Ansichten Alles, was ihm als Material zum Sprechen dienen sollte, schien hier umsonst, ja, ganz unbrauchbar und ein geheimnissvoller Ritus von Worten, Bezeichnungen und Andeutungen uberall zu herrschen, der ganz andere Zustande voraussetzte. Diese nicht zu kennen, zu verstehn, erschien ihm als ein Ungeschick, ein Mangel, von dem seine Eitelkeit sich trostlos verletzt fuhlte. Sein Selbstgefuhl verliess ihn, er konnte nicht denken, dass hinter der sicheren Haltung dieser Leerheit, hinter diesem Missbrauche von Worten, Lacheln und Mienen nicht ein Sinn liege, der bloss seiner Unerfahrenheit entginge. Er wurde an jedem andern Orte sich in der langweiligsten Gesellschaft geglaubt haben; hier aber wagte er sich dies nicht einzugestehn. Der Anspruch, mit dem Alle ihr Verfahren durchfuhrten, imponirte ihm; er dachte nur daran, es ihnen nachzumachen, uberzeugt, den Inhalt spater zu entdecken.
Madame machte, wahrend der Konig langsam anredend auf der einen Seite den Kreis durchschritt, an der andern Seite die Tour. Beide waren von einigen vertrauten Personen ihres Hofes gefolgt. Madame redete aufs neue die Marschallin von Crecy an und rief dann Leonin mit einem huldvollen Lacheln herbei.
"Sie mussen mir noch Viel von meinem Bruder erzahlen; ich weiss, er sah sie gern an seinem Hofe, und ich" setzte sie hinzu, indem sie schnell und schmerzlich die Lippen zusammendruckte, "ich sah ihn l a n g e nicht!"
"Eure Konigliche Hoheit wurden noch eben so, wie fruher, die Schonheit, wie die liebenswurdige Laune Seiner Majestat bewundern konnen! Wo er erscheint, hat die Freude ihren Thron erbaut," erwiederte Leonin, in hochster Bewegung, zuerst in diesen Raumen seine eigne Stimme zu vernehmen.
"Ist das ein Lob fur einen Konig?" rief hier Henriette von England mit einem auffallenden Gemische von Laune und Unwillen.
Erschrocken wollte Leonin begutigend antworten, als Alle schnell zuruck wichen, und der Konig, der rasch und unbemerkt naher getreten war, plotzlich neben Madame Henriette und dicht vor Leonin stand.
"Belehren Sie mich, meine schone Freundin," sprach er, ihre Worte auffassend, "wie das Lob eines Konigs lauten muss, um Ihrem strengen Tadel zu entgehen!"
"Verzeihen Euer Majestat," antwortete Henriette, "ich fuhle, ich bin als Franzosin zu sehr verwohnt, um als Englanderin mich mit den Tugenden meines Bruders, insofern ich darin den Konig erkennen soll, genugsam erweisen zu konnen. Ist das ein Fehler, haben Euer Majestat mich dessen schuldig gemacht!"
Der Konig uberhorte mit einem hohen Lacheln die schmeichelhaften Worte, und schien bloss die schone Sprecherin zu bewundern.
"Unser liebenswurdiger Bruder in England sollte in Ihnen, Madame, eine sanftere Richterin finden. Ich zweifle nicht, dass der Hofstaat, den Seine Majestat vorfand, es benothigt war, durch die Wurde eines rechtmassigen Herrschers in seine Schranken zuruck gefuhrt zu werden; und wenn der vollkommenste Cavalier, fur den Karl Stuart bei allen Damen von St. Germain galt, dieser Eigenschaft einige gute Laune hinzugefugt, wollen wir dies dem ernsthaften England gonnen, da wir ihm uberdies Nichts mehr zu beneiden haben, indem wir ihm Alles geraubt, was ihn uber uns hatte erheben konnen."
Madame belohnte mit einem holden Errothen die anmuthsvolle Verbeugung des Konigs, der schnell jetzt fragte, wer ihre bose Laune gegen den Konig gereizt habe?
"Wahrlich," sprach die Prinzessin begutigend, "diese Absicht lag nicht zum Grunde. Der Sohn unserer lieben Marschallin, der junge Graf Crecy-Chabanne, erscheint seit seiner Abwesenheit im Auslande hier zuerst vor Euer Majestat. Ich verzeihe es ihm, wenn das Andenken an alle Herrscher Europa's, die er sah, hier vor ihm zusammen sinkt."
D e r Blitz aus dem Auge des Konigs traf Leonin, der ihn aufnahm unter die Begunstigten, die sich sagen durften: Er kennt Dich!
Die Marschallin, bis zur Erde sich neigend, legte die Hand auf den Arm ihres Sohnes, ihn bezeichnend als den ihrigen Leonin wollte das Knie beugen.
"O nicht doch! nicht doch!" rief der Konig "hier nicht!" Und schnell verhinderte der Marquis von Vieuville Leonin an dieser Bewegung, indem er ihm zuflusterte: "hier ist das nicht Styl!"
"Der Marschall von Crecy," sprach die Marschallin mit unerschutterlicher Haltung, "hat vergeblich auf das Gluck gehofft, seinen Sohn Euer Majestat vorstellen zu konnen. Er ist mude geworden in dem heiligen Dienste fur Frankreichs erhabene Herrscher, und die Mutter fuhlt aufs tiefste die Gnade, seine Stelle ersetzen zu durfen."
"Madame," erwiederte der Konig, "der Marschall von Crecy gehort zu den Mannern, die selbst, wenn sie aufhoren personlich zu reprasentiren, ein Eigenthum des Vaterlandes bleiben deren Einfluss so unvergesslich ist, als ihr Name! Mussen wir den Marschall entbehren, so wissen wir ihm Dank, Madame, uns durch Ihre Gegenwart entschadigt zu haben."
"Junger Mann," sprach er dann zu Leonin mit wohlwollendem Tone, "wir freuen uns, den besten Namen unseres Frankreichs fortbluhen zu sehen es ist ein Name, der Sie auszeichnet, es ist zugleich ein Name, den Sie zu furchten haben, da ein Anspruch jeglicher Tugend mit ihm verknupft ist, der ein ernster, Viel fordernder Aufruf an Sie selbst wird."
"Sire, der Wille ist Alles, was ich Euer Majestat zu Fussen legen kann," erwiederte Leonin mit gluhendem Antlitz; "aber er ist, auf Frankreichs Boden von seinen Wundern erzeugt, ein Ausfluss dieser Segnungen, der ihn zu Thaten auspragen wird!"
Der Konig streifte mit einem wohlwollenden La
cheln den jugendlichen Anlauf dieser Rede und wendete sich zum Marquis Fenelon, der in devoter Erwartung neben dem jungen Geistlichen stand, den Leonin mit so vielem Gefuhle gegen Madame de la Fajette sich hatte aussern horen.
Diesen jungen Mann unterwarf der Konig der auf
merksamsten Prufung; und da er ihn unverandert bescheiden, ohne alle Bestrebung, ohne alle Erwartung verharren sah, schien er sichtlich von seiner Erscheinung uberrascht.
"In Wahrheit, mein lieber General," sprach er zu
dem Marquis Fenelon, "Sie haben in Ihrem dreiundzwanzigjahrigen Neffen einen Philosophen erzogen, der das graue Haupt der Weisheit beschamt. Es thut mir leid zu horen, dass Sie die glanzenden Erfolge unterbrechen wollen, die seine Kanzelreden sich mit Recht erworben. Ich habe selbst mit Vergnugen seine Rede: U e b e r d i e W a h r h e i t g e g e n s i c h s e l b s t , gehort. Ein wichtiges, unendlich wichtiges Thema, dem wir nicht genug Aufmerksamkeit schenken konnen! Und Sie, Abbe Fenelon, bedauern Sie es nicht, einen Schauplatz zu verlassen, der Ihnen so bedeutende Erfolge gab?"
"Mein Oheim," erwiederte der junge Abbe der spater so beruhmte Verfasser des Telemach "hat sich mehr m e i n e n Wunschen gefugt! Es schien m i r schwer, der Aufregung zu widerstehen, in welche dieses offentliche Auftreten mich versetzen konnte. Der Weg, der mir vorliegt, ist noch so weit, ich habe noch keine geistlichen Pflichten zu erfullen gehabt; diese Kanzelreden waren noch nicht gerechtfertigt durch eigne Erfahrungen; sie mussten mich zum Heuchler machen zu einem blos leeren Verbrauche des schon Vorhandenen fuhren von dem Wege eigner Forschung mich ablenken."
"Den Karakter fremder, bloss angenommener Ueberzeugungen trugen Ihre Reden nicht," fuhr der Konig ernst fort; "ein Geist der Inspiration belebte sie, der oft die Erfahrung uberbietet und einer inneren Wahrheit, selbst bei Ihrer Jugend, nicht zu entbehren braucht."
"Dies durfte ich mir auch bis jetzt noch zugestehen," erwiederte ruhig der junge Fenelon. "Der Augenblick, der uns zuerst vor versammelten Christen von den gottlichen Dingen reden lasst, deren Erkenntniss wir unser Leben weihten, ist gewiss von einem Hervortreten aller Krafte begleitet. Solche Augenblikke uberflugeln unsere Fahigkeiten, sie verrathen uns und Andern vielleicht, was erst die Zeit aus uns machen wird. Aber ihr wirklich vorgreifen durch den fruhzeitigen Verbrauch dieser Stimmung, ihre Dauer damit verlangen, wurde uns in ausserliche Bestrebungen ziehen, die gerade von der Entwicklung unseres Innern ablenken mussten, von der wir doch allein die fortdauernden Gefuhle frommer Begeisterung hoffen durfen."
Der Konig betrachtete ihn mit einem Ausdrucke von Achtung, den nur Fenelon ubersah, da er ihn nicht veranlasst glaubte durch jene ruhige Erklarung, die ihm die eigenen Gedanken ganz erfullte.
"Gehen Sie denn Ihren Weg, Herr von Fenelon," sprach Ludwig mit Warme "Ihr Konig wird Sie mit seinem Antheile begleiten und, so bald Sie selbst sich reif erklaren wollen, den Platz zu finden wissen, welcher Ihnen den wurdigen Wirkungskreis sichert, der einer solchen Entwicklung zusagend ist."
Eben wollte der Konig sich wegwenden, da ging der Marquis Fenelon den Monarchen an und bat ihn fur seinen Neffen um die Erlaubniss, in den geistlichen Orden von St. Sulpice in Paris treten zu durfen, um unter der Leitung des Subpriors Troncon das Stadtviertel dieses Namens bedienen zu konnen.
"Erstaunenswurdig!" rief der Konig "der beschwerlichste Dienst von ganz Paris! Herr von Fenelon, Sie haben meine Einwilligung nur unter der Bedingung, dass Sie Versailles von Zeit zu Zeit zu Ihrem Kirchsprengel zahlen."
Jetzt uberzog wirklich ein freudiger Ausdruck das Antlitz des jungen Fenelon. Der Konig hatte ihn dem unscheinbarsten, muhevollsten Dienste gewidmet; und als alle Hofleute ihm Gluck wunschten, damit die Entrees in Versailles nicht verloren zu haben, zeigte es sich, dass der junge Fenelon diesen Nachsatz uberhort hatte, und ihn jetzt erst und ohne alle Exklamationen erfuhr. Man bewunderte ihn laut aber mit der Ueberzeugung, entweder einen Thoren oder einen vollendeten Heuchler vor sich zu sehen.
Auf Leonin machte dagegen der junge Mann einen Eindruck, der dem Vorwurfe glich. Diese Ruhe, diese Haltung bei den sichtlichsten Zeichen der Gunst, bei dem Bewusstsein, selbst dem Konige Bewunderung und Erstaunen eingeflosst zu haben, griff an sein unruhig klopfendes Herz. Er sagte sich, wie er, durch den blossen Anblick dieses Hofes aus sich selbst verjagt, angstlich nach den Erfolgen des Augenblickes haschend, auf dem Wege sei, sich mit der blossen Nachahmung von Zustanden zu begnugen, die er mindestens als ihm selbst unverstandlich erklaren musste. Er war beschamt; aber dies offene Gestandniss rettete sein Selbstgefuhl und riss ihn aus der kleinlichen Richtung, die ihn verwirrt hatte.
Er bat Herrn von Dreux, ihm dem jungen Fenelon vorzustellen; er wollte dem ehrend nahen, dem er so eben Dank schuldig geworden.
Als sie sich im Gedrange Platz machten, erreichten sie ihn im Augenblicke ernster Unterredung mit einer schonen jungen Dame, die vor dem Jungling in fast devoter Stellung stand.
"Ach, mein Herr," sagte sie mit innigem Tone "Sie durften Ihrem Berufe nicht misstrauen und wenn Sie nichts erreicht hatten, als das Gemuth unserer herrlichen Konigin gestutzt und gestarkt zu haben. Dachten Sie nicht, wie Sie Ihren hartherzigen Entschluss vollfuhrten, an das, was ich Ihnen so viel fruher schon uber den wunderbaren Eindruck sagte, den die Konigin von Ihren Kanzelreden empfing? Ach, und ware es nur dies gewesen, da es doch so viel mehr noch war, was Sie erreichten es ware genug, um zu bleiben!"
"Halten Sie ein mit Ihren Vorwurfen, die so ehrend, so ruhrend fur mich sind gegen die fest zu bleiben, so schwer fallt! Niemand bewundert mehr, wie ich, die schone Hingebung, mit der Sie die theure Frau Konigin umgeben; doch lassen Sie mich hinzufugen, Sie erfullen damit Ihren Beruf; jede Ueberzeugung Ihrer Seele fallt mit Ihren Pflichten hier zusammen. Nicht so bei mir! Ich horte auf, meinem Berufe etwas zu sein, wenn ich mit der gelegentlichen Einwirkung auf eine Einzige mich begnugen wollte. Der Geist treibt mich anders! In diesen geringen Hofverhaltnissen wurde ich verschmachten oder falsche Keime treiben und dann ginge ich auch der Konigin verloren."
"O, Ihr Manner," rief hier die junge Dame, und sandte aus Ihren schwarzen, glanzenden Augen einen seltsamen Blitz, halb Unwillen, halb Bewunderung ausdruckend, auf Fenelon "es ist vergeblich, einen von Euch uber den andern erhaben zu glauben; am Ende seid Ihr Euch alle gleich! Das Nahe, der sichere kleine Erfolg, sei er so schon, so edel, als Ihr zu traumen vermochtet, er reizt Euch nicht Ihr verwerft ihn! Weit in die Ferne musst Ihr Plane und Unternehmungen richten ein Weltruhm muss Euch zu Theil werden, wenn Euer ehrgeiziges Herz befriedigt werden soll!"
"Ob ich vom Ehrgeize frei bleiben werde, mag Gott wissen!" erwiederte der junge Fenelon. "Der Trieb, der uns zu unserer Entwickelung mit Sehnsucht, mit Eifer, mit Entzucken die Fullhorner nach allen Richtungen ausstrecken lasst, um das zu erkennen, was uns forderlich werden konnte, d e r Trieb ist schon und herrlich ihn mochte ich nicht jetzt schon durch die Befurchtung in mir verdachtigen, er konne Ehrgeiz werden!"
"Unverbesserlicher!" rief das junge Madchen "Ich hatte Viel darum gegeben, wenn ich Ihnen bose werden konnte; denn Sie haben mich empfindlich gekrankt durch Ihr stolzes Zurucktreten. Aber warum sind Sie so unertraglich sanftmuthig ich sollte es gar nicht unternehmen, mit Ihnen zu streiten, ich behalte niemals Recht!"
"Und doch haben Sie eben so Recht, als ich, und Keiner sollte dem Andern zurnen wollen, weil er gern seiner Pflicht getreu bleiben will es muss uns nicht uber unsere Absicht verwirren, dass wir in verschiedener Richtung sie erfullen mussen. Ich verehre Sie so sehr in Ihrer treuen Anhanglichkeit an die Konigin, dass ich selbst die gegen mich gerichteten Vorwurfe fast gern hore; denn sie sind eine Konsequenz Ihres vortrefflichen Innern!"
"Ich will nicht von Ihnen gelobt sein! Sie wissen doch nicht, wie ich's meine kein Mensch braucht das zu wissen sie sind mir hier alle gleich! Aber Sie, Fenelon, obwol ich Sie jetzt hasse Sie hatten mein Verbundeter bleiben mussen!"
"Und das bleibe ich, wenn Sie mich auch jetzt zuruckstossen Ihr Herz denkt anders, und vielleicht treffen unsere Wege noch einmal wieder zusammen."
"Mit dem Geistlichen von St. Sulpice?" erwiederte sie, fast weinend. "Wo soll ich d e n wiederfinden? Nein, nein, ich will gleich und fur immer von Ihnen Abschied nehmen! Adieu, Fenelon, stolzer Fenelon!" Sie wollte gehen sie blieb stehn kindlich lachelnd, setzte sie halb leise hinzu: "Lieber Fenelon, kommen Sie morgen noch zur Konigin?"
"So lange ich in Versailles bleibe, alle Abende," sagte der junge Geistliche.
"O, Sie guter, edler, bester der Menschen!" rief sie und wendete sich von ihm in dem Augenblicke, wie Herr von Dreux mit den Worten vortrat: "Herr von Fenelon, der Graf von Crecy-Chabanne wunscht Ihnen vorgestellt zu sein."
Die junge Dame blieb stehen; der kalteste, hochmuthigste Blick dieser glanzvollen Augen streifte Leonin sie erwartete seine Anrede mit der bizarrsten Verletzung der Schicklichkeit, wendete sich dann so geringschatzig als moglich ab und war bald unter der Menge verloren. Kaum war seine fluchtige Unterredung mit Fenelon voruber, als er gespannt, erschrokken fast Herrn von Dreux fragte, wer die Dame gewesen, mit der Fenelon gesprochen habe?
"Es ist die Tochter des Herzogs von Lesdigueres, das erste Hoffraulein der Konigin, und trotz ihrer Jugend die Freundin und Vertraute der erhabenen Frau!"
Als er zu seiner Mutter zuruckkehrte, fand er sie im Gesprache mit einer alteren und einer jungen Dame; in Letzterer erkannte er Mademoiselle de Lesdigueres. Die Marschallin von Crecy rief ihn sogleich heran. "Madame," sagte sie zu der alteren Dame, "erlauben Sie, dass ich Ihnen meinen Sohn vorstelle. Die Frau Herzogin von Lesdigueres," wandte sie sich zu Leonin, "hat Deine Mutter von Jugend auf mit ihrer Freundschaft begluckt. Schon von Fraulein von Reetz genoss Fraulein Soubise diesen Vorzug jetzt, nach langer Trennung, finden wir uns wieder."
"In Wahrheit," rief die alte Dame, den Jungling mit vielem Kopfnicken begrussend "Mademoiselle de Soubise war unser aller Bijou, als wir Kostgangerinnen waren bei den Ursulinerinnen; und es freut mich, dass ich in Ihnen einen schonen jungen Mann sehe das wird Ihnen lieb sein, meine Theure; denn immer hatten Sie ein stolzes Herz, wie Ihnen das zukam, und ich es gern leiden mag. Victorine," fuhr sie fort, Leonin's Antwort unterdruckend und sich zu ihrer Tochter wendend, "Du musst mit dem jungen Manne gut Freund werden; was die Mutter anfingen, mussen die Kinder fortsetzen."
"So viel Gute, so viele gluckliche Aussichten zu verdienen und zu rechtfertigen," erwiederte Leonin, fast seine Worte aufdrangend, "wird eine schwere, aber zu theure Aufgabe sein, um nicht mit allen Kraften nach ihrer Losung zu ringen."
"Bemuhen Sie sich nicht darum" erwiederte Mademoiselle de Lesdigueres, "ich liebe so etwas nicht mit anzusehen! Auch, denke ich, hat Madame de Crecy eine Tochter, der ich mich schon anschliessen will."
Alle lachten bei diesen Worten, und das Fraulein selbst sah nicht so bos aus, als ihre Worte klangen.
"So stolz zuruckgestossen," rief Leonin, "fordern Sie mich gerade damit zum Kampfe auf. Ich gelobe Ihnen hiermit feierlich, wie Sie auch meine kleine liebe Louise mir eben vorziehen, ich will nicht eher ruhen und rasten, als bis S i e , gerade S i e meine Freundin sind!"
Sie sah ihn hochmuthig an, lachte aber dann einen Augenblick mit den Andern, und indem sie Louise an sich zog, rief sie: "Ist das der liebenswurdige Bruder, von dem Du mir so Viel erzahlt hast? Ich erklare ihn fur den anmassendsten Mann des Hofes."
"Thun Sie, was Sie wollen," lachte Leonin, "mein Entschluss bleibt derselbe, und ich rathe Ihnen, machen Sie sich den Ruckschritt nicht zu schwer, indem Sie sich so weit von mir entfernen."
Victorine zuckte mit den Achseln und uberflog ihn mit halbem Lacheln. Die Marschallin aber, bemerkte Leonin voll Erstaunen, die ein so formloses Wesen sonst nur allzu schnell mit einigen Worten wurde zu dampfen gewusst haben, sah mit der huldvollsten Miene auf das junge Madchen und lachte mehr, als sie sonst fur schicklich gehalten hatte. Madame de Lesdigueres aber schien uberhaupt, von vollig ungezwungenen Manieren, keine Rucksichten zu kennen, als die ihr bequem waren.
"Sagt' ich es Ihnen nicht, liebe Soubise, das Madchen hat einen Kopf von Erz den will ich sehen, der etwas Anderes hineinbringt, als was sie selbst hereinthut. Aber ich war eben so, und es macht mir jetzt Spass, dass sie vor meinen alten Augen meine alten Jugendstreiche mir wieder vorspielt."
Es war der Frau Herzogin schwer zu glauben, dass sie wie ihre Tochter gewesen, wenigstens, dass es ihr so gut gekleidet; denn man konnte keinen grosseren Gegensatz sehen, als diese kleine, kugelrunde Gestalt gegen den hohen, schlanken Wuchs der Tochter, und ihr blasses, regelmassiges Gesicht gegen das breite, rothe, verzeichnete Gesicht der Mutter. Dabei zeigte die Tochter nur eine nothige Eleganz; die Mutter aber war mit Perlen, Juwelen und Stickereien beladen und trug dies alles ungeschickt an sich herum, wie eine schwere, aber nothwendige Pflicht.
"Nun, Marschallin," fuhr sie fort, "das soll ein Spass werden, zuzusehen, wie die Beiden sich necken werden! So machte ich es auch mit Monsieur de Lesdigueres, der damals noch nicht Herzog war. Man hatte denken konnen, wir hassten uns aber nichts weniger, als das! In Jahr und Tag war ich seine Gemahlin."
Sichtlich bemuht, diese Worte zu unterbrechen, hatte die Marschallin versucht, sich Victorinen zu nahern, die, gluhend vor Zorn, Leonin den Rucken zugewendet hatte, als der Konig plotzlich Victorinen entgegen trat. Die Etikette verhinderte jetzt jeden Schritt, aber auch jedes Wort, und so war die alte Herzogin wenigstens zum Schweigen gebracht.
"Es scheint mir ein gutes Zeichen fur das Befinden der Konigin, Sie hier zu sehen," sprach Ludwig und legte eine auffallende Verbindlichkeit in seinen Ton.
Victorine verneigte sich bis zur Erde und blieb dann starr, mienenlos, ohne einen Laut zu erwiedern, vor dem Konige stehen.
"Haben Sie die Konigin bei ihrer heutigen Spazierfahrt begleitet?" fuhr er nach einer Pause fort, in welcher er unruhig auf Antwort gehofft hatte.
"Zu Befehl!" entgegnete Mademoiselle de Lesdigueres mit festem, kaltem Tone. "Doch dauerte diese Fahrt nicht lange; Ihre Majestat liessen an dem Hotel Biron umlenken, da der Wagen durch den Ausbau des Palais von Gerusten und Arbeitern am Weiterfahren gehindert ward; und da die Frau Konigin sich nach der Ruckkehr ubel befanden, so befahlen Sie uns, Madame Ihre Entschuldigungen zu bringen, und behielten allein Molina (ihre spanische Kammerfrau) bei sich."
Der Konig horte gespannt und mit sichtlicher Unruhe zu. "Ich furchtete das nicht, obwol man mir sagte, dass die ungebuhrlichen Bauanstalten vor dem Hotel Biron die Konigin belastigt hatten. Die strengsten Befehle sind gegeben, sie spurlos zu beseitigen. Ich werde die Konigin heute noch besuchen und sehe Sie am liebsten in der Nahe meiner Gemahlin!"
"Vielleicht," erwiederte Mademoiselle de Lesdigueres mit plotzlich verandertem Wesen und freudestrahlenden Augen, "erlauben Euer Majestat, dass ich mich sogleich zu meiner gnadigen Gebieterin begebe, sie auf diese Freude vorzubereiten?"
"Thun Sie das, meine Liebe! Ich weiss, Sie sind uns beiden ergeben," erwiederte der Konig mit der huldvollsten Herablassung und die junge Dame verneigte sich und war augenblicklich verschwunden.
Es lag ein Schatten auf der Stirn des Konigs, und Niemand wagte ihm zu nahen als Henriette von England vortrat, und der Konig in demselben Augenblicke die Tone eines im Nebenzimmer beginnenden Concerts horte. Mit der verbindlichsten Anmuth nahm er die Einladung der Prinzessin an und folgte ihr in die Zauberhallen, die sich vor ihm offneten, und aus denen, hinter den vollsten Gebuschen von Orangen, Rosen und Myrten die hinreissendsten Gesange und Musikstucke erklangen, die Jean Baptiste Lully mit seinem wohlgeubten Orchester auffuhrte, und von denen der Konig, der den Kunstler zu seinem Kapellmeister und Liebling erhoben hatte, stets sich entzuckt zeigte. Er war der Schopfer der franzosischen Musik, der alle die damals angestaunten Wunder der Tone, Modulationen und Tempi ersann, wie sie vor ihm nicht existirt hatten. Wahrend dem fuhrten in den anmuthigsten Windungen die schonsten Kinder, als Genien gekleidet, pantomimische Tanze zwischen den Gebuschen auf, welche in sinnvollen Gruppen, in leisem, flugelartigem Dahinschweben, wie personifizirte Tone, die Harmonieen des verborgenen Orchesters zu verstarken schienen. Es war kaum moglich, dass der Konig bei einem Feste gegenwartig sein konnte, ohne irgend eine schmeichelhafte Beziehung fur sich zu erfahren. Doch dies Mal war es schwer, sie zu entdecken; denn das ganze reizende Schauspiel zog sich wie eine Chiffernsprache vor den Augen der Andern hin. Madame schien allein den Schlussel dazu zu haben, und mit anmuthigen Worten und Mienen wahrend der Dauer der Auffuhrung dem Konige die Erklarung zu geben. Alle Uebrigen sahen nur eine Pantomime. Einmal zeigten sich die Wappen Englands und Frankreichs, beide, wie angedeutet war, auf franzosischem Boden; dann schwebte der Genius der Gerechtigkeit herab und loste das englische Wappen vom franzosischen Boden, damit entfliehend. Das franzosische Wappen wuchs, und Genien umkranzten es.
"Habe ich nicht Recht mit Dunkirchen?" flusterte der Marschall Tesse dem Herzoge von Rochefaucault zu "die schlaue Prinzessin hat Seiner Majestat die Schlussel von Dunkirchen ubergeben, und nun muss die Gerechtigkeit das Wappen Englands vor den Augen des Konigs von dem Boden Frankreichs fortschleppen!"
"Ja," lachte der Herzog "hier besiegt immer Einer den Andern ich halte heute Fraulein von Lesdigueres fur die Siegreichste in diesem Kreise!"
"Das macht, weil sie eine schon halb uberwaltigte Festung vorfand," fiel ihm der Marquis de Souvre ins Wort; "ich mochte nicht derjenige sein, der die Befehle fur die Ausstattung des Hotel Biron uberschritt!"
"Sollen denn die Bevollmachtigten eines koniglichen Willens, der selten den kleinsten Aufschub gestattet, auch bedenken, welche Veranderung ein solcher Wille in vier und zwanzig Stunden erleiden kann?" sagte der Herzog von Rochefaucault.
"Nun," meinte Madame de Sabliere, "die Nerven der Konigin hatte ich mir abgeharteter gedacht. Die neue Herzogin von Lavalliere wird ihr Hotel nur vier und zwanzig Stunden spater beziehn, und Nichts wird unterbleiben, was hier eingeleitet ist. Wenn die Erschutterung voruber, die Seine Majestat durch den Unfall der Konigin erfahren, werden die Anstalten ihren alten Gang vorwarts gehn."
"Darunter wird Niemand mehr leiden, als Madame de Lavalliere selbst," bemerkte der Marquis de Souvre; "in i h r mochte Seiner Majestat das grosste Hinderniss zu besiegen haben."
Alles horchte auf und blickte den Marquis erwartungsvoll an. Jeder war uberzeugt, er wisse mehr; man wunschte, er theilte sich mit doch schwieg er mit der uberlegenen Miene, mit der er sich stets zu sichern schien, und geschaftig trat ein Kammerdiener von Madame an ihn heran und rief ihn zur Prinzessin.
Der Konig hatte sich erhoben. Obwol das obige Gesprach nur flusternd vorging und durch hunderte von Menschen vom Konige getrennt war, so schwieg dennoch augenblicklich Jeder, als er sich erhob, und sein koniglicher Blick die Versammlung uberflog.
"Die Prinzess de Lesdigueres hat gesiegt," sagte der Herzog von Rochefaucault "er nimmt Abschied von Madame und geht zur Konigin!"
"O," rief der Graf Guiche, "wie schwer mag es ihm werden, die einsam weinende Lavalliere ohne Trost lassen zu mussen. Welche Widerspruche mogen sein edles, gefuhlvolles Herz bewegen!"
"Sein Sie nicht zu gefuhlvoll, Graf Guiche!" lachelte der Herzog. "Solch' hervorstechendes M i t gefuhl richtet die Blicke auf Sie man macht Folgerungen man glaubt Sie zu verstehen genug, das sind alles Dinge, die ein junger Mann, wie Sie, nicht gebrauchen kann. Nahern wir uns lieber jetzt der Konig ist fort Madame sucht ihre zuruck gebliebenen Freunde."
Als Leonin spat in der Nacht die Zimmer der schonen Henriette von England verliess und sich endlich in den seinigen allein sah, wollte er es unternehmen, an Fennimor zu schreiben; da am andern Tage sein vertrauter Diener nach Ste. Roche gehen sollte, beladen mit den anmuthigen Schatzen, die Paris dem Reichthume darbot. Aber er suchte sich vergeblich dazu zu sammeln. Der Konig Madame Henriette sein eigenes Betragen Fenelon und vor Allen die junge Prinzessin von Lesdigueres traten mit Anspruchen an seine Gedanken dazwischen, die er nicht abzuweisen vermochte. Er war nichts weniger, als zufrieden mit sich er hatte es weder vermocht, sich dem neuen Tone anzuschliessen, wie es seiner Eitelkeit genug gethan hatte, noch war er sich selbst getreu geblieben, den Zwecken und Absichten gemass, die er verfolgen musste, um Fennimor's Gluck zu begrunden. Die Ausbeute des Augenblicks hatte ihn allein in Anspruch genommen. Er war sich einer Menge Vorsatze und Einflusterungen bewusst, die er mit innerlicher Heftigkeit verfolgt hatte, und deren Gelingen nothwendig eine andere Zukunft herauf fuhren musste.
Er trat an das Fenster, um Luft zu schopfen. Es war eine milde Nacht, wie sie der Winter Frankreichs zu erhalten weiss. Das Palais Crecy gestattete einen Blick auf die Garten von Versailles. Die geschnittenen Baume und Hecken behielten Korper und gaben Schatten, obwol vom Laube entkleidet, und der Mond zeichnete sie auf den zierlichen Parterres der Garten, wahrend uber die dunkeln Bassins Schwane segelten, als zogen sie den Sternbildern nach, die auf dem ruhigen Spiegel vor ihnen schimmerten. Dahinter lag das grosse Schloss mit seinen vorspringenden Pavillons, mit allen Vorzugen, die der Mondschein der Architektur verleiht, anscheinend in Stille versenkt, von keinem Lichtschimmer mehr erhellt.
"O," rief Leonin, zur Ruhe gesprochen von diesem unerschutterlichen Walten der Natur, "wie ist Dein Bereich das einzig wahre Element fur eine bessere menschliche Existenz! Wie findet man in Dir Harmonie und Gleichmaass der gestorten Empfindung wieder wie giebst Du uns unsern bessern Theil zuruck, wenn in dem Bereiche der Menschen Alles verdrangt und verjagt wird, was in ihre angekunstelten Zustande storend eingreifen will! Und doch haben sie Macht uber mich," fuhr er schmerzlich fort "doch ward ich von ihnen verfuhrt und trachtete in ihnen unterzutauchen so gross ist ihr falscher Schein!"
"Fennimor, mein unschuldiges reines Naturkind wie wurdest Du erstaunt Deinen Liebling anblicken und das Zeichen fuhlen, das der Bose macht, um seine Opfer wieder zu erkennen! O, sende Deine Engel," rief er, die Hande ringend, "damit ihre Thranen es ausloschen!"
Er blieb so stehen, mit einem Schmerze, der grosser war, als ihn dieser Abend hatte verschulden konnen. Aber er strafte die Ahnung daran geknupfter grosserer Verschuldungen fur die Zukunft, und Leonin schob die Schwache, mit der er sich diesen Lockungen hingegeben, auf Rechnung ihrer Starke. Er erkannte nicht, dass, wenn er einen Karakter gehabt hatte, er ihn gerade da hatte behaupten konnen, wo die verschiedensten Elemente Platz neben einander fanden. Er vergass, dass Fenelon in der Einsamkeit seines Studirzimmers wahrscheinlich eben so war, wie er ihn vor dem Konige gesehn, und er hob jetzt die eitle, triviale Seite so stark hervor, nicht allein um sich damit zu trosten, sondern, weil ihr anmassendes Hervortreten, ihr scheinbarer Glanz ihm am schnellsten imponirt hatte; weil er durch den Versuch, sich ihr anzuschliessen, in seiner eignen Achtung verlor und diese auf dem falschen Wege wieder zu erlangen trachtete, dass er sich das Maass der Versuchung vergrosserte.
Wie aber halbe Selbstgestandnisse immer einen truben Grund zurucklassen und die Mittel zu unserer Besserung verdecken, so fuhlte Leonin auch jetzt keine Erquickung von seinem Selbstgesprache, sondern ein Zurnen mit der Aussenwelt, und doch ein Verlangen nach ausserer Hulfe und so entstand eine lange nicht empfundene Sehnsucht nach Fennimor; und wenn sie dies Gefuhl auch nicht auf dem reinen Wege erreichte, der ihr gebuhrte, so fuhrte es ihn doch zu ihr zuruck er verschloss das Fenster und eilte an seinen Schreibtisch. Hier lag ihr letzter Brief. Dieses holde Reden mit ihm, was ihr Leben geworden war, diese ruhrenden, arglosen Liebesbeweise, diese Erinnerungen an jede Stunde, deren Wichtigkeit sie von ihm getheilt glaubte wie trafen sie sein Herz, da er sie erst jetzt las oder fruher ubersehen hatte, weil er sich nicht gleich die Beziehungen zuruck rufen konnte.
"Den Eudoxien-Thurm habe ich ganz herstellen
lassen," schrieb sie, "ohne dass man die Ueberreste der armen Gemordeten beruhren durfte. Der Kamin ist geraumt, taglich erhellt ihn die Flamme, und der Altan ist nun auch ein schones Platzchen geworden! Wenn die Sonne scheint, trete ich hinaus und ubersehe den Weg, den ich Dich zuletzt dahin eilen sah, und fuhle dann an meinem Herzen einen Schmerz, der so wehe thut, wie die blutende Wunde der armen Eudoxia. Dann bete ich oft vor ihrem kleinen Betpulte und bitte Gott um ein frommes Herz, damit ich Dich nicht Deinen Pflichten entziehe, sondern stille harre, bis der Segen der Aeltern Dich zu mir zuruck fuhrt. Wie viel Thranen mag hier die arme Eudoxia geweint haben. Wenn ich das kleine kunstreiche Pult betrachte, so denke ich oft, ich musse die Spur ihrer Thranen noch darauf entdecken konnen; und als ich sie heute Morgen wirklich entdeckte, erschrak ich fast; denn ich hatte vergessen, dass es meine eigenen waren.
Den Harfion hat mir ein Monch aus der Abtei Tabor neu besaitet. Er lehrt mich die Stimmung und die eigene Weise, ihn zu spielen. Schon habe ich Fortschritte gemacht da ich aber nur in Eudoxiens Zimmer spiele, so ist mein Fleiss nicht gross."
In dieser Weise waren viele Blatter angefullt, zierlich und fein geschrieben mit der eigenthumlichen Geradheit der Linien und Buchstaben, die ihren Schriftzugen fast eine Portraitahnlichkeit mit ihrem ganzen Wesen gaben. Leonin vertiefte sich in sie, und die nur verdeckt liegende Empfindung fur sie wurde erweckt durch das susse kleine Wellengekrausel ihrer Worte. Er fuhlte sich der Liebende wieder, und was er schrieb, trug den Karakter dieser Empfindung. Als Leonin am andern Morgen sich anschickte zu seiner Mutter zu gehn, war er fester, wie fruher, entschlossen, ihr jesst selbst seine Verbindung mit Fennimor anzuzeigen und ihren Rath, ihren Beistand zur Ausgleichung dieser Verhaltnisse aufzurufen. Gehoben durch diesen Entschluss, fuhlte er sich zufriedener, und sein Ausdruck gewann unwillkurlich an Ernst und Wurde. Als er den kleinen Salon betrat, in welchem die Marschallin ihre Morgenstunden zubrachte, ruhte sie behaglich auf einem Armstuhle in der Mitte des Zimmers, dem Fenster zunachst, an welchem Mademoiselle Louise auf einer kleinen Erhohung sass, in eine nebelartige Draperie gehullt, das Haar halb aufgelost und mit einigen Blumen phantastisch geschmuckt. Vor ihr sass ein junger Mann mit Palette und Pinsel und vollendete vor dem reizenden Originale ein grosses Portrait der liebenswurdigen Louise. Die Marschallin uberlief ihren Sohn nur mit einem Blicke und wusste gleich, es solle heut' Entdeckungen geben, die sie nicht horen wollte. Sie erhob daher ihre Stimme augenblicklich noch mehr als zuvor, um dem Sohne anzudeuten, dass sie inmitten einer Rede sei und reichte ihm blos lachelnd die Hand zur Bewillkommnung.
"Ich sage Ihnen aber, mein lieber Lesueur, Ihre ewigen Grillen mit dem armen Lebrun sind aus der Luft gegriffen er denkt nicht daran, Sie beim Konige verkleinern zu wollen! Gestern Abend noch sagte Seine Majestat, er habe von dem schonen Portrait gehort, das Sie von Mademoiselle Louise machten, und ich erhielt die Erlaubniss, es ihm prasentiren zu durfen."
Der Eindruck, den Lesueur von dieser Hoffnung erhielt, war sichtlich erheiternd. Er stand auf und neigte sich tief vor der Marschallin, und Leonin hatte nun Gelegenheit, sich dem beruhmten Kunstler zu nahen, dessen damals sehr bewunderte Bilder aus dem Leben des heiligen Bruno fur das Karthauserkloster in Paris, ihn zu einem Rival Lebrun's gemacht hatten, dessen glanzendes Genie Keinen neben sich dulden wollte.
Aber schon trug Lesueur die Farbe der Krankheit, die seinem Leben ein fruhes Ziel setzte, auf dem Antlitze. Seine Wangen waren eingefallen, und ein Paar kranklich rothe Flecke unter den Augen contrastirten, Unheil verkundend, mit der gelblichen Farbe der Haut. Doch konnte Niemand dieses edle Opfer unermudlichen Fleisses ohne Antheil und Achtung betrachten. Diese seelenvollen, grossen, schwarzen Augen schienen um den Mangel der physischen Kraft zu klagen, die der sprudelnde Geist zu seinen Schopfungen begehrte. Seine schlanke, magere Figur war fruhzeitig gebeugt, seine Kleidung immer zu weit, und wenn auch sauber, doch zerstreut angelegt, ohne die Verheerungen zu verbergen, welche schon von dem Vorschreiten der Krankheit zeigten. Seine Sprache war abwechselnd rauh, oder leise und schwach, die kleinste Veranlassung schreckte ihn auf und erfullte ihn mit Einbildungen. Er hielt sich verfolgt und gekrankt, er misskannte seine Erfolge und glaubte sich von Niemand geschatzt und gewurdigt. Auch that Lebrun Manches g e g e n , Nichts f u r ihn, welches ihm um so leichter durchzufuhren wurde, als er der Modemaler geworden war, dessen Name die Menge von der Nothwendigkeit erloste, selbst zu prufen und ihr die Bequemlichkeit sicherte, eine Bewunderung zeigen zu durfen, die sie nicht nothig hatte zu beweisen; da der Name Lebrun fur ihre fehlende Beurtheilung gut sagte.
Eben hatte Lesueur der Marschallin geklagt, wie Lebrun ihn verfolge, und Wahrheit und Tauschung mengten sich krankhaft durch einander, was die kluge Frau, die herrschende Mode, Kunstler und Gelehrte zu beschutzen, mitmachend, mit voller Beredsamkeit in Lesueur zu mildern gesucht hatte.
"Hier, mein Lieber," sprach sie zu ihrem Sohne "eilen Sie, die angenehme Bekanntschaft unsers beruhmten Lesueur zu machen und bewundern Sie dann das bezaubernde Bild von Mademoiselle Louise, welches wir ihm verdanken werden."
Dies that Leonin mit der ganzen Freundlichkeit, die seinem wohlwollenden Herzen so naturlich war, und beruhrte dadurch das Gemuth des Kunstlers wahrhaft erquickend; aber noch wohler that ihm das Entzucken, mit welchem Leonin das Portrait seiner geliebten Louise betrachtete, das, wenn auch im Geschmacke der Zeit etwas nebelartig und phantastisch aufgefasst, doch keinem Zeitgenossen anders, als ein vollendetes Kunstwerk erscheinen konnte.
Er nothigte Lesueur, an seine Arbeit zuruck zu kehren, und nahm an seiner Seite Platz, mit Interesse die fortschreitende Arbeit des Kunstlers verfolgend.
"Und dieser Mann, den Sie mit Recht so bewundern, mein Sohn," fuhr die Marschallin im trockenen Protektionstone fort "konnen Sie denken, dass er mich den ganzen Morgen schon in Arbeit erhalt, um ihm seine thorichten Einbildungen zu verjagen, weil er sich uberredet, Lebrun sei Schuld, dass der Konig seine schonen mythologischen Bilder fur das Hotel Lambert nicht erlaubt hat, im Louvre auszustellen?"
"Ach, Madame," seufzte Lesueur leise "Euer Gnaden sind so gut, dass Sie von der Bosheit der Menschen keine Vorstellung haben der Herzog von Rochefaucault war ja schon vollig von der Einwilligung des Konigs uberzeugt, als er plotzlich uber die ganze Sache schwieg und endlich die Achseln zuckte. Was konnte das Anderes bedeuten, als dass Seiner Gnaden mir den Grund verschweigen wollten?"
"Wie das nun aus der Luft gegriffen ist und eigentlich Nichts beweist!" fuhr die Marschallin fort. "Der Herr Herzog kann ja so viel verschiedene Grunde gehabt haben, zu schweigen, wie Seiner Majestat, es abzuschlagen!"
"Ja," sprach Lesueur heftig, "aber le Beaume, der Kammerdiener Seiner Majestat, sagte mir, Lebrun habe an dem Tage eine Audienz bei dem Konige gehabt. Da wird Seiner Majestat ihn uber den Werth der Bilder befragt haben, und Lebrun wird sie der Ehre unwerth erklart haben, im Louvre ausgestellt zu werden."
"Nun, weiss Gott," rief die Marschallin lachend, "wenn solch' ein eigensinniger Kunstler Recht haben will, dann wird ihm die gesunde Vernunft selbst dienstbar, seine tollen Behauptungen zu unterstutzen! K l i n g t es nicht, als ob er Recht hatte? Und doch ist es nicht wahr, das mochte ich beschworen Und ich will es heraus bekommen, verlasst Euch darauf! Und ist es so, schaffe ich Euch Genugthuung der Gram soll nicht a u c h noch an Eurem Herzen nagen!"
"Ach," rief Lesueur, "es hat mein Herz so tief getroffen, dass Hilfe zu spat kommt, furchte ich. Ich bin offentlich lacherlich damit gemacht, verachtet und dem Hofe bloss gestellt. Denn schon hatte sich das Gerucht dieser Ehre verbreitet, und ich hatte Gluckwunsche daruber empfangen. Wollte Gott, ich ware weit weg von Paris! Die Steine auf der Strasse sehen mich an, und ich zittere, irgend wem zu begegnen, der mich kennt!"
"In Wahrheit, Lesueur," erwiederte die Marschallin, als der kranke Kunstler ermattet sich in seinem Stuhle zurucklehnte, und grosse Schweisstropfen seine Stirn bedeckten "es ware besser, Ihr verliesset auf einige Zeit Paris; und statt zu arbeiten, genosset Ihr etwas die Landluft, die Euch, trotz der vorgeruckten Jahreszeit, bei der Milde dieses Winters zusagen wurde. Geht auf meinen Plan ein, und ich gebe dem Intendanten Befehl, auf meinem Schlosse Moncay Alles zu Eurem Empfange bereit zu halten. Dort gehet und fahret spazieren und begleitet die Jager zur Jagd! Ihr seid in Wahrheit krank und habt eine Krankheit, die Paris, das Louvre und Lebrun heisst, und die Ihr nur los werdet, wenn Ihr ihr entlauft!"
Lesueur war tief bewegt zu sehr, um seiner Stimme vertrauen zu konnen. Er arbeitete deshalb still fort, und wenn er den engelschonen Ausdruck von Louisens theilnehmenden Augen zu kopiren vermocht hatte, musste dies Bild allein ihn unsterblich machen.
Leonin aber fuhlte sich bezaubert von dem Talente des Kunstlers, und je mehr er sich uberzeugte, Louise selbst in all ihrer Schonheit und Jugend und dem ruhrenden Ausdruck ihrer Seele trete aus der Leinwand hervor, um, entfernt von dem Originale, Jedem zu sagen, welch' ein reizendes Wesen sie sei je gluhender fuhlte er das Verlangen, so Fennimors Bild zu besitzen; und die Hoffnung, auf diese Weise seiner Mutter einen vortheilhaften Eindruck zu geben, unterstutzte immer entscheidender sein eigenes Verlangen.
Belebt von diesem Zwecke, suchte er ein Gesprach mit Lesueur einzuleiten und sein Vertrauen zu gewinnen; auch war dies nicht schwer. Krankhaft reizbar, war er eben so empfanglich fur eine edle Behandlung, der seine eigene Richtung vollkommen entgegen kam. Er zeigte eine feine, kunstlerische Bildung, ein vollkommenes Studium der klassischen Kunst, und obwol er Frankreich nie, Paris kaum verlassen hatte, kannte er doch aus Kupferwerken und Copien die italienischen Schulen, betete Raphael als seinen Schutzheiligen an und glaubte vorzuglich in diesen letzten mythologischen Bildern die Erfolge seiner Studien dargethan zu haben.
Als die Sitzung aufgehoben war, begleitete ihn Leonin und beredete ihn, sein Zimmer zu betreten, unter dem Vorwande, seine Equipage zu bestellen, um den sichtlich erschopften Kunstler nach Hause bringen zu lassen. Hier kam er auf den Plan der Marschallin zuruck, dass Lesueur aufs Land gehen solle und schlug ihm endlich vor, Ste. Roche statt Moncay zu wahlen, und abwechselnd dem Umherschwarmen im Freien und einer Arbeit zu leben, die er ihm dort aufzutragen dachte.
Lesueur war hingerissen von Leonins Betragen voll Sehnsucht, Paris zu verlassen. Das Portrait der Mademoiselle Louise war fertig vorlaufig hielt ihn Nichts und ehe sie sich trennten, hatte Leonin sein Wort. Die Abreise des Kammerdieners ward einen Tag aufgeschoben, damit er Lesueur mit aller Sorgfalt, die seine Gesundheit erforderte, nach Ste. Roche begleiten konnte.
"Was Sie dort fur Arbeit finden, wird Ihnen ein Brief mittheilen, den Sie unterwegs lesen werden," setzte Leonin lachelnd hinzu "seien Sie sicher, der Gegenstand wird Sie begeistern!"
In diesem Briefe verlaugnete er Fennimor als seine Gemahlin nicht; doch mit dem ausdrucklichen Verlangen, hieruber noch das grosste Geheimniss zu bewahren.
Erst, als er Alles zu dieser Reise bei seinem gewandten Kammerdiener eingeleitet hatte, fuhlte er sich geneigt, zu seiner Mutter zuruck zu kehren.
Die Marschallin hatte seine Ruckkehr nicht erwartet und war einen Moment unangenehm davon uberrascht; denn sie sah es ihm an, er bestand hartnackig auf seinem Vorsatze, ihr Vertraun zu erzwingen; und sie musste Anderes ersinnen, ihn abzulenken.
"Nun, mein Lieber, kommst Du jetzt, Dir gnadige Strafe von Deiner Mutter zu holen?" rief sie ihm entgegen.
"Wenn meine geliebte Mutter die Gnade hat, mir zu sagen, womit ich sie verschuldet habe," rief er arglos und von dem leisesten Lacheln dieses sproden Mundes wie bezaubert, setzte er sich, mit der grossten Zartlichkeit in Blick und Miene, an ihre Seite.
"Nun," sagte die Marschallin, mein Tadel wird nur die Bestatigung davon sein, dass Frankreich das vollkommenste Land der Erde ist; dass man alle Lander, alle Hofe bereist haben kann, und doch an dem hiesigen Hofe als ein Neuling erscheinen und die Schule von Vorne durchmachen muss. Sie sah bei diesen Worten anscheinend ruhig vor sich nieder; doch entging es ihr nicht, wie Leonin's Antlitz mit Purpur uberzogen ward, und er die empfindlich glanzenden Augen unruhig auf und nieder schlug.
"Ich bin bekummert lassen Sie mich hinzusetzen, erstaunt, zu erfahren, dass ich diese Betrachtung auf mich anwenden soll!" erwiederte er endlich "fremd habe ich mich allerdings bei Hofe noch gefuhlt; aber dies schien mir keine Verschuldung oder doch eine solche, die alle Andern gegen mich theilten."
"Das war es eben, mein Lieber! Sie lassen sich imponiren Sie zeigen keine Haltung Sie sind nicht bei sich und reflektiren sich selbst mit einem Worte, Sie haben nichts Vornehmes in Ihrer Art und Weise! Ein Vornehmer, mein Lieber, muss nie in den Fall kommen, mit irgend Etwas fremd zu sein. Er muss uberall mit ruhiger Gleichgultigkeit zu Hause scheinen er muss mit sich selbst ein bestimmtes, von den Grazien des Anstandes gelehrtes Gefallen treiben, das ihm Unterhaltung und Beschaftigung gewahrt und das Publikum zu ihm heranzieht, dessen Theilnahme er benothigt ist. Sie mussen n i e daran denken, sich dem Einen oder Andern anzuschliessen. S i e , S i e s e l b s t mussen da stehen, dass man sich an Sie anschliesse! Dazu gehort, dass Sie zu Anfange sich kalt in sich zuruckziehen dass Niemand erfahre, ob oder was fur Meinung Sie haben, dass man sich Ihnen nahert, sie zu erfahren; dann werden Sie Sicherheit bekommen, Ihre Meinungen auszusprechen, und diese mussen entscheidend, untruglich und Alles uberrennend sein. Sie mussen damit das Programm vertheilen, wie man sich gegen Sie zu verhalten hat, und in welcher Weise Sie sich verhalten wollen. Ob dabei Ihrerseits Irrthumer nachzuweisen sind, ist vorlaufig gleichgultig Irrthumer sind besser, wie Unsicherheit; und stehen Sie erst fest und wollen Etwas andern, so steht Ihnen dann das Recht zu, jede Laune einzuschalten."
Vielleicht war es Fennimor's guter Engel, der herbei eilte und mit seinen Thranen das neue Zeichen wegzuwischen trachtete; denn Leonin fuhlte es kalt uber sein Herz gleiten, als er die Rolle vor sich entwickelt sah, die er hier lernen sollte, den Beifall seiner Mutter zu gewinnen.
"Madame," sagte er kalt, "ich furchte, ich werde nie ein vornehmer Mann in Ihrem Sinne!"
"Das bilden Sie sich nur ein, mein Kind," erwiederte die Marschallin unerschuttert "Sie werden in kurzem einsehen, dass dies der einzige Weg ist, sich in der Masse hervorzuheben, dass es Alle so machen, die, wie Sie, einen vornehmen Namen zu behaupten haben; und ich weiss sogar bestimmt, Sie w e r d e n diesen Weg gehn, ja, Sie wurden ihn entdeckt haben o h n e meinen Rath. Doch wurde ich ungern Zeuge Ihres Umhertappens danach gewesen sein; auch hatte es eine kleine Verspatung veranlassen konnen, so dass man uber Ihre Erscheinung abzuschliessen Lust gehabt hatte; und so Etwas ist nie wieder gut zu machen."
Obgleich Leonin mit seinem Betragen nicht zufrieden gewesen war, so lag dies, wenn auch zum Theil von seiner Eitelkeit angeregt, doch mehr in den Vorwurfen, die er sich machte, ihr mehr nachgegeben zu haben, als er seiner bessern Einsicht zugestehen durfte. Hier aber wurde er plotzlich aller Pradikate beraubt, die er mit angeborenem Standes-Stolze sich gesichert glaubte und er versuchte vergeblich seine bessere menschliche Ueberzeugung gegen die Streiche, die sein Hochmuth empfing, zu Hulfe zu rufen. Die Marschallin behielt Zeit, fortzufahren:
"Sie hatten eine Unruhe in Ihren Bewegungen, einen Wechsel von Verbindlichkeit und Misslaune in Ihren Mienen, Sie liessen sich ohne Wahl und Nachdenken bald Diesem, bald Jenem vorstellen Herr von Fenelon ist bei weitem unter Ihrem Range, und ich habe Herrn von Dreux Vorwurfe gemacht, es zugelassen zu haben. Dem Konige haben Sie eine Theaterphrase geantwortet die Erwiederung an Madame war ganz unuberlegt; und dem Konige antwortet man uberhaupt nie, ohne eine bestimmte Frage erhalten zu haben. Genug, mein Lieber meine Absicht, Ihnen grossere Freiheit, eine sicherere Haltung durch diese Reisen zu verschaffen, da Ihr Naturell etwas Zurucktretendes hat, scheint sich noch nicht zu bestatigen. Man konnte denken, Sie waren in der letzten Zeit in keiner guten Gesellschaft gewesen wenigstens glaube ich sicher, unmittelbar aus der Gewohnung d i e s e s Hauses in unsere Zirkel ubergehend, wurde es Ihnen nicht an einer taktvolleren Haltung gefehlt haben; obwol ich gern zugeben will, dass der Anblick unseres erhabenen Monarchen und dieser ihm zugehorenden Umgebungen ganz geeignet ist, zu erschuttern und aus dem Gleise zu bringen."
"Ich habe hiervon in dem Maasse, wie Sie es voraussetzen, Nichts empfunden" erwiederte Leonin und versuchte, seine von Zorn und Empfindlichkeit bebende Stimme zu massigen. "Wenn Euer Gnaden so wenig Ehre mit mir einlegen, wie dieser erste Versuch befurchten lasst, so ist es besser, ich folge meiner ohnehin starkeren Neigung, mir selbst zu leben, und verlasse einen Schauplatz, dessen Anforderungen ich so wenig zu verstehen scheine!"
"Nun, wahrlich," lachte die Marschallin hell auf "ich freue mich, dass Sie nicht ganz das wilde Blut der Crecy verlaugnen und bei der ersten kleinen Zuchtigung Ihrer Eitelkeit gleich uber die Leine schlagen und davon laufen wollen. Das ist mir lieb, und wenn Sie selbst Ihre eigne Mutter fur angethane Beleidigung in die Schranken rufen, soll mich das nicht verdriessen. Eine Mutter ist so oft das Opfer ihrer Liebe fur die Kinder ihres Herzens, dass sie selbst vor den Zuchtigungen nicht zuruckbeben darf, die diese Kinder ihr geben mochten. Du zurnst doch nicht ernstlich mit Deiner Mutter, Leonin?" rief sie liebevoll scherzend und reichte ihm die Hand.
Diese Art und Weise, von der grossten Strenge und Harte plotzlich in die Zartlichkeit einer Mutter uberzugehn, war fast unwiderstehlich fur Leonin. Sein Herz fuhlte sich von dem Kampfe des Unwillens erlost, das Blut floss wieder warm daraus hervor, und wenn seine Ueberzeugungen gegen ihre scharfen Geisselungen sich fest verhielten, wurden sie doch in dem Augenblicke verdeckt, als diese Weichheit hervortrat, die nur Anforderungen an seine Liebe zu machen schien und ihn anregte, jede unsanfte Beruhrung von der zartlich Hingegebenen abzuhalten.
"O, meine Mutter," rief er, ihre dargereichte Hand kussend, "wer konnte je Ihre ewig gleiche Liebe, Ihre unendliche Ueberlegenheit verkennen? Vergeben Sie meine Aufwallung, die so naturlich ist bei der Befurchtung, Ihnen missfallen zu haben; doch lassen Sie mich hinzufugen, ich furchte in Wahrheit und nicht aus Empfindlichkeit, wie es Ihnen eben schien, ich werde die Aufforderungen nie erfullen konnen, die hier mit der Entausserung unserer ganzen Ueberzeugung, an uns ergehen."
"Mein Kind, stelle Deine Ueberzeugungen nur erst Deinem Range und Deinen Anspruchen gemass fest, so wirst Du Nichts von ihnen aufzuopfern nothig haben. Hieruber bist Du noch im Unklaren, daher entsteht der Widerspruch, der Dich reizt und den Du von kleinen jugendlichen Phantasien abgezogen nicht kraftig genug beseitigest."
"Nennen Sie das nicht jugendliche Phantasien, meine Mutter!" unterbrach sie hier Leonin hastiger, als sie es erwartet hatte "worauf Sie hindeuten mit diesen Worten es ist der ernste, heil'ge Kern meines Lebens, den Sie mutterlich schutzen mussen, wenn Sie Ihren Sohn glucklich sehen wollen!"
Er hoffte einen grossen Schritt gethan zu haben; er erwartete jetzt, sie werde ihm zu Hulfe kommen ihr endlich sein ganzes Verhaltniss offen darlegen zu konnen; aber die Marschallin zurnte sich und ihm, dass es so weit gekommen war, und dachte nur daran, ihn entweder zuruckzudrangen oder seine Zuversicht zu erschuttern. Ehe sie indess das Geeignete sagen konnte, sank Leonin, verfuhrt von ihrem Stillschweigen, ihr zu Fussen.
"Ich weiss," rief er, tief bewegt "Sie erfuhren Alles! Souvre hat Ihnen Nichts verschwiegen er durfte es auch nicht! Habe ich auch schnell, vielleicht voreilig gehandelt, so habe ich doch Nichts gethan, was mich verunehrt; und das neue Verhaltniss sichert mir Gluck und die schonste Zukunft!"
Das Herz der Marschallin schwoll auf von Zorn. Sie musste ihre Augen niederschlagen, um der Wichtigkeit dieser Mittheilung nicht Geltung zu verschaffen durch das Funkeln des Unwillens, dessen sie sich bewusst war.
"Nehmen wir diese Sache, uber die der Marquis de Souvre mir allerdings Einiges mitgetheilt hat, nicht zu wichtig, mein Sohn! Es ware besser gewesen, Du hattest es bei dem bewenden lassen, was ich daruber durch Souvre erfuhr. Es ist kein passender Gegenstand, um ihn mit Deiner Mutter zu verhandeln, die stets eine Frau von so reinen Sitten und so untadelhaftem weiblichem Gefuhle war, dass sie selbst die Erzahlungen von den Verirrungen ihres Geschlechtes in jenen niederen Standen von sich abzuhalten wusste. Wenn ich gewunscht hatte, Deine Sitten auch in dieser Beziehung vollkommen rein erhalten zu sehen, so habe ich doch alle Schwachen einer Mutter, die nicht allein zum Verzeihen geneigt ist, sondern den Verfuhrungen, die dazu hinlockten, gern einen bedeutenden Theil der Schuld beilegt. Ich darf Dir ubrigens den Trost geben, dass Dein Vater uber diese Jugendthorheit ganzlich in Unkenntniss erhalten ward, und dass es uns auch gewiss leicht werden wird, ihn ferner darin zu bewahren. Seine ungemessene Heftigkeit wurde, im Falle der Entdeckung, Dir und mir unangenehme Stunden machen."
So sehr Leonin sich auch mehrere Male bestrebte, die Worte seiner Mutter zu unterbrechen, so wollte ihm dies doch nicht gelingen, und er musste den ganzen Inhalt ihrer Ansicht uber sein Verhaltniss erfahren, und damit den vollen Umfang seiner unglucklichen Stellung erkennen.
"Um Gotteswillen, theure Mutter, in welchem Irrthume sind Sie uber dies Verhaltniss, dass Sie es so herabwurdigend bezeichnen konnen! Hat man Ihnen denn nicht gesagt, welcher Heiligung es geniesst und wie es dadurch von jedem Makel der Unsittlichkeit befreit blieb?"
"Ich bitte Dich, mein Kind," sagte die Marschallin, nach Fassung ringend, "erwahne die sonderbare Farce nicht, mit der Deine jugendliche Unerfahrenheit betrogen ward. Obwol es emporend ist, kirchliche Formen, wenn es auch nur die unzureichenden jener Ketzersekte sind, da anzuwenden, wo selbst unsere heiligen Segnungen ihre Zulassung vollig ungesetzlich machten, so mussen wir jetzt doch Gott danken, dass weder Dein Alter, noch die Anwesenheit Deiner Aeltern den kleinsten Schein einer bindenden Verpflichtung auf diese unerlaubte Prophanie werfen konnen; denn sie macht wenigstens ernstere Schritte unnothig, Dir Deine Freiheit wieder zu geben. Doch bitte ich Dich, wenn Du jetzt daran denken wirst, diese Verhaltnisse zu beseitigen, dass dies mit dem Anstande geschieht, den Personen so hohen Ranges auch bei solchen Abfindungen sich selbst schuldig sind. Du hast Vermogen genug, dies ausreichend auszufuhren, und selbst meine Kasse wurde Dir offen stehen."
"Nein, nein, ich ertrage es nicht!" schrie Leonin hier wie im Wahnsinne auf. "Horen Sie mich! Um Gottes Willen, horen Sie mich, wenn Sie mich nicht todten wollen! Sie sind im Irrthume, in einem schrecklichen Irrthume! Lassen Sie mich Ihnen Alles, Alles erzahlen, und dann lassen Sie mich fort von hier, wo ich nimmer hinpassen werde, verworfen von Allem, was hier Geltung hat!"
"Gemach, mein Sohn!" unterbrach ihn die Marschallin "Sie verfehlen den Ton mit mir! Mademoiselle Louise, stehen Sie auf und erinnern Sie Ihren Bruder, dass Sie gegenwartig sind, und dass diese Unterredung aufhort, passend zu sein fur Ihre Anwesenheit! Lassen Sie uns jede Erorterung vermeiden, da sie uns nothwendig verstimmen muss!"
"O, das ist kein Wort fur eine Angelegenheit, die mein Lebensgluck bedingt! Theure Mutter, entziehen Sie sich mir nicht so! Louise, meine Schwester, bitte fur Deinen Bruder, wenn Du ihn nicht unglucklich und zerfallen mit sich und allen seinen Lebensverhaltnissen sehen willst!"
Louise warf sich ihm laut weinend in die Arme und umschlang ihn, als wolle sie mit ihrer zarten Gestalt ihn decken gegen jeden Angriff auf sein Gluck. "Sei ruhig, Leonin Du wirst, Du kannst nicht unglucklich werden! Nein, nein, unsere Mutter wird Dich schutzen retten!"
"Konnen Sie es verantworten, solche Scene veranlasst zu haben?" sagte die Marschallin, sich unmuthig erhebend. "Louise, Du vergisst, dass Dich Fraulein von Lesdigueres erwartet."
"Gehen Sie so nicht von mir!" rief Leonin, die weinende Louise aus seinen Armen sanft in einen Stuhl setzend "meine Ehre, meine Pflicht befiehlt mir, Sie um Gehor zu bitten; denn der grosste Theil Ihres Unwillens beruht auf Ihrer Unkenntniss."
"Heute nicht, mein Sohn," rief die Marschallin plotzlich wie erschopft "ich fuhle, ich bedarf der Ruhe ich kann von Ihnen diese Schonung fordern!"
"Befehlen Sie uber mich! Wenn Sie mir diese Unterredung nicht versagen und bis dahin Ihr Urtheil zuruckhalten wollen, werde ich voll Geduld und Ehrfurcht abwarten, bis Sie sich geneigt fuhlen, mich anzuhoren."
Obwol die Marschallin hierauf nichts erwiederte, musste Leonin schon ihr Schweigen fur eine Gunst ansehen, woran eine leise Hoffnung zu knupfen, ihm der einzige Trost war bei der entsetzlichen Niederlage, die er erfahren.
Aber diese Unterredung, deren Ansetzung er mit so viel Unruh' erwartete, erfolgte nicht. Eine Anregung von seiner Seite missgluckte um so mehr, da sie anzudeuten wusste, wie sie den Gegenstand langst fur erledigt hielte und fur zu unbedeutend, um darauf zuruck zu kommen. In eben dem Maasse ward der alte Marschall dringender mit einer von ihm lebhaft gewunschten Vermahlung seines Sohnes; und obwol die Marschallin die Grundsatze gern vor ihrem Sohne entfalten horte, die seinen Hoffnungen todtlich werden mussten, so wusste sie sich doch stets hochst geschickt das Ansehen eines vermittelnden Schutzes zu geben und so in der Stille Leonin's Dank zu verdienen.
Seine offentlichen Verhaltnisse hatten indess ganz die Wendung genommen, die, seiner Eitelkeit zusagend, die Vorwurfe der Marschallin zu entkraften schienen. Taglich offnete sich ihr Hotel fur die ausgezeichnete Gesellschaft, die sie zu empfangen pflegte. Leonin war den Personen, aus denen der Hof bestand, bekannt geworden, und ohne dass er es gewahr wurde oder doch sich eingestehen wollte, war das Bild, das seine Mutter von einem vornehmen Manne entworfen hatte, in seine Phantasie ubergegangen, und druckte sich nach und nach in seinen Formen aus. Er fuhlte sich dabei wohler, den Verhaltnissen gegenuber erleichtert, und nicht nachfragend, wohin dieser Weg ihn fuhren musse, lebte er, wie der Augenblick es ihm bequem finden liess.
Endlich wurde grosse Cour und ein darauf folgendes Fest bei der Konigin angekundigt, welche seit dem erwahnten Unfalle bei dem Hotel Biron sich unwohl gefuhlt hatte, und ein Gegenstand der zartesten Aufmerksamkeit des Konigs gewesen war. Man sprach zwar von dem Verhaltnisse zur Lavalliere, aber nur andeutend und mit einer Schonung, die diesem Verhaltnisse einen Karakter romantischer Empfindsamkeit einen Grad von Ehrbarkeit verlieh, an dem die Gewalt zu erkennen war, die der Konig selbst uber die feststehendsten Grundsatze auszuuben vermochte, die man aufhorte der gewohnlichen Prufung zu unterwerfen, wenn sein Wille sie gestaltete. Das demuthige und bescheidene Verhalten der Lavalliere trug hierzu bei sie war immer ablehnend gegen jede Auszeichnung und setzte die Geduld des Konigs taglich auf Proben, die nur seine anbetende Liebe gegen sie uberwand. Man sagte sich leise, sie wurde bei dieser Cour zuerst als Herzogin erscheinen, wozu der Konig sie vor kurzem fast mit Gewalt erhoben hatte, die Ausstattung des Hotels Biron dieser Auszeichnung hinzufugend; man wusste, dass die Konigin von den Liebesbeweisen ihres Gemahls geruhrt, ihre Einwilligung gegeben hatte, sie mit den ihr zustehenden Vorrechten als Herzogin zu empfangen.
Diesem Schauspiele drangten sich nun die Hofleute, welche berechtigt waren bei der Konigin zu erscheinen, in grosser Anzahl entgegen, und es war kein kleines Geschaft, die Ordnung herzustellen, die Jedem den Platz anwies, den sein Rang erforderte.
Der Marschall hatte sich gleichfalls herausgerissen, um wenigstens ein Mal den geliebten Sohn vor den Augen seines Konigs zu sehen. Er war mit ihm vorangefahren, und die Marschallin und Louise, die ihnen folgten, noch nicht eingetroffen, als die voraneilenden Cavaliere erschienen und Anna von Oesterreich, die Mutter des Konigs, verkundigten, welche unmittelbar darauf mit dem grossten Pompe eintrat, von ihrem ganzen Hofstaate gefolgt. Die Zeit seit dem Tode Mazarin's hatte die Eindrucke gemildert, die damals an ihren Anblick die gehassigsten Empfindungen knupften. Die ungemeine Hochachtung, die kindliche Ehrfurcht, mit welcher der Konig seine Mutter behandelte, liessen keinem Andern eine Wahl seines Verhaltens. Anna von Oesterreich, welcher es nicht an feinem Verstande fehlte, und deren ungluckliche und ungewohnliche Verhaltnisse, als Gattin Ludwigs des Dreizehnten, Entschuldigungen zuliessen, wusste jetzt eine so wurdevolle Stellung zu behaupten, dass sie bei allen Angelegenheiten ihrer Kinder, wie die des Hofes, einen wirklich mutterlichen Rang einnahm und ihnen zur Ausgleichung ihrer Streitigkeiten auf verstandige Weise behilflich war.
Auch jetzt hatte sie die Konigin zu ihrem milden Verfahren gegen Madame de Lavalliere beredet, und die edle, sanfte und zartlich liebende Maria Theresia hatte den neuen Schmerz zu bekampfen gesucht, immer hoffend, so sich den Konig dereinst zuruck zu fuhren. Wohlmeinend eilte daher Anna ihrem Sohne zur Konigin voran, diese durch ihren Zuspruch und ihre Gegenwart zu stutzen. Sie begrusste deshalb die zahlreiche Versammlung nur vorubergehend; als sie aber den Marschall Crecy-Chabanne erblickte, dessen auffallende Erscheinung nicht leicht ubersehn werden konnte, blieb sie stehen und nickte ihm wohlwollend zu.
"Das ist brav, Marschall, dass ich Euch hier am Hofe eben so in den vordersten Reihen finde, als fruher in der Schlacht!" rief sie mit starker, herzlich klingender Stimme und naherte sich ihm; aber langst vom Vater weg auf Leonin blickend, dessen jugendliche Schonheit dies vollkommen rechtfertigte. "Doch habt Ihr auch, wie ich sehe, eine Stutze mit Euch gefuhrt, die ausreichen wird, wenn Ihr ermudet. Ich heisse Euch willkommen, junger Mann! Man sagt mir, Ihr seid nicht umsonst gereist, Ihr habt Euren Verstand entwickelt; das ist zu loben und wird nie von Seiner Majestat dem Konig ubersehen auch ich werde mich dessen erinnern."
"Lassen Euer Majestat ihn sich empfohlen sein!" rief der Marschall, seiner alten Herrin gegenuber hoch erfreut "ich hoffe, er soll den Namen nicht verunehren, den Eure Majestat so oft ausgezeichnet haben."
"Ja, ja, Marschall, wir haben viel zusammen Rath gehalten," fuhr die Konigin fort, angenehm durch ihn an ihre Regentschaft und Macht erinnert "und immer wart Ihr ein Brausekopf, der, den Degen in der Hand, die Scheide weg warf dafur suchtet Ihr sie aber auch nicht fruher wieder, als Eurer Konigin Recht geschah."
"Wer durfte auch das Gluck, Euer Majestat dienen zu konnen, anders ehren? War doch das gute Recht immer auf unserer Seite."
"So war es!" erwiederte Anna, "und ich verstand es Euch zu lohnen, nicht wahr? Das eigne, liebste Hoffraulein, Mademoiselle Soubise, musste Euch die Brautkrone flechten."
"Euer Majestat wussten immer vollkommen richtig, so wichtige Angelegenheiten zu leiten. Ich denke die Namen unserer gleich alten Hauser haben sich stets gut nebeneinander ausgenommen, und ich war stolz darauf, sagen zu konnen: diese Wahl hat meine Konigin selbst getroffen!"
"Ja," lachte Anna von Oesterreich, "wir hielten etwas auf unsern Marschall! Und fast habe ich Lust, bei dem Sohne fortzusetzen, was mir bei dem Vater so gut gelungen. Wie ist es, junger Mann ich hoffe, Ihr seht die Schonheiten unseres Hofes nicht als kalter Zuschauer?"
"Wer konnte an diesem Hofe kalter Zuschauer bleiben, da jeder Tag uns eine neue erhabene Vereinigung unverganglicher Schonheit und edler Geistesbildung darbietet? Zu den Interessen des eignen Herzens behalt hier Niemand Zeit!"
"So!" erwiederte die Konigin, nicht anstehend, diese schnell hervorgebrachte Antwort als einen Tribut fur sich anzunehmen "nun, dann will ich schon fur Euch Zeit finden und die Wahl besorgen!"
Leonin schwieg der Marschall aber sprach seine Freude, sein Entzucken so laut aus, dass die Konigin, uber den alten Kriegshelden wohlgefallig lachend, ihn verliess und in die inneren Gemacher verschwand.
Das Ende dieser Scene hatte die Marschallin, die an Louisens Seite indessen die Zimmer erreicht hatte, mit angehort, und auf ihrem Platze gefesselt, konnte sie nicht allein beobachten, sondern behielt auch Zeit, augenblicklich darnach ihren Plan zu entwerfen. In diesem Augenblicke ward der Konig gemeldet, und die Konigin verliess an der Seite ihrer Schwiegermutter die inneren Gemacher, um ihren Gemahl in dem Audienzsaale zu empfangen.
Hier sah Leonin die Konigin zuerst, und sein Herz war mit diesem ersten Blicke ihr fur immer gewidmet.
Maria Theresia, die Tochter Philipps des Vierten von Spanien, ward von allen Personen, die ihr naher standen, mit der grossten Hingebung geliebt, und rechtfertigte durch ihren sanften und edeln Karakter vollstandig diese Empfindung. Sie wurde schon gewesen sein, ware sie grosser gewesen; denn ihr Gesicht ward bloss durch etwas zu starke Lippen, welches ein Familienzug war, in seiner sonst vollstandig regelmassigen Form gestort. Bewundernswurdig war besonders ihr schones blondes Haar und der damit verbundene feine Teint von blendender Weisse und Zartheit. Ihre Augen waren blau, gross, von klugem, lebhaftem Ausdrucke, und unterstutzten den Anstand und die Wurde, die ihr bei ihrem offentlichen Erscheinen vollkommen zu Gebote standen. Die leidenschaftliche Liebe, die Maria Theresia fur ihren Gemahl empfand, hielt alle Prufungen aus, die das abschweifende Gefuhl des Konigs ihr auferlegte, und sicherte diesem Verhaltnisse eine grosse Innigkeit und eine achtungsvolle Behauptung des Anstandes; da der Konig immer gern und voll Ehrerbietung zu einer Gemahlin zuruckkehrte, die niemals Gefuhle zu ertrotzen suchte, weil sie dazu Rechte besass, und deren Vorwurfe fast nur in der Erschutterung bestanden, die mit ihrer Freude, ihrem Glucke bei seiner Wiederkehr hervortrat. Aber der tiefe Schmerz, den ihr unerwiedertes Gefuhl ihren einsamen Stunden aufsparte, zeigte den wenigen Vertrauten, die ihr als Zeugen blieben, wie heftig sie zu leiden vermochte.
Leonin hatte von diesen Verhaltnissen nur eine allgemeine Kenntniss. Der Konig imponirte Allen, was selbst bis in die vertraulichen Mittheilungen seiner Hofleute hinein, bemerkbar war. Seine Liebe zur Lavalliere war die erste hervortretende Empfindung dieser Art; vielleicht uberwaltigte sie wirklich die Meinung durch ihre Wahrheit, die sie auch jetzt noch jedem Forscher uber Ludwigs Leben zu dem einzigen Gefuhle seines Herzens erheben muss. Vielleicht war es auch mehr noch die Furcht und Anbetung, die der Konig einzuflossen wusste genug, es wurden nur Andeutungen daruber lautbar, und man musste selbst sehen, um sich das Ganze zusammenstellen zu konnen.
Als der Konig eintrat und in der Mitte beider Koniginnen zu den Zimmern seiner Gemahlin zuruckkehrte, schien er ein ganz Anderer, als Leonin ihn gesehen; denn hier war er nur Konig, und seine hohe gebietende Stirn, seine ernsten geistvollen Blicke schienen das Diadem anzudeuten, das unsichtbar mit seinem Nimbus ihn umschwebte.
Die Koniginnen, obgleich beide mit der vollendetsten koniglichen Wurde und mit dem Schmuck ihres Geschlechtes ausgestattet waren, gingen doch so unbemerkt neben Ludwig einher, als ob sie bloss die Stutzen seiner schonen Hande waren. Leonin sah, dass sein Vater die Farbe anderte, und sein Gesicht ein Paar Zuckungen erhielt, womit er Ruhrungen zu bemeistern pflegte, als der Konig voruber ging, den auffallenden Greis mit seinem Adlerauge streifte und kaum merklich mit dem Kopfe nickte. Leonin ging es fast nicht anders; denn Nichts ergreift uns so, als unsere Eltern geruhrt zu sehen. Wir haben einen Glauben an ihre Festigkeit und gedenken nicht der Zeit, wo sie nicht ausreichte, von den Eindrucken jener uberboten, wo sie unsere jugendliche Schwache stutzte. Sie von dieser Festigkeit verlassen zu sehen, macht sie uns junger, bringt uns ihnen naher; und indem es unsere Zartlichkeit durch die Sorge fur sie erhoht, erhebt es die Wichtigkeit der Veranlassuug. Der Konig bedurfte keiner ausseren Umstande zu der Anerkennung derselben, darum war die Wirkung auf Leonin doppelt stark.
Die Herrschaften hatten Platz genommen, nur der Konig stand und ubersah, mit Gemessenheit seine Worte vertheilend, die glanzvolle Versammlung, die ihre Huldigungen in tiefster Demuth darbrachte und dann sich beeilte, die Platze einzunehmen, die ihnen ihr Rang stehend oder sitzend anwies. Die Abstufungen der Etikette wurden mit einem Ernste behandelt, mit einer Strenge beobachtet, welche genau zu kennen, als das hauptsachlichste Zeichen der Hofbefahigung galt, und von Jedem befolgt, ohne Zweifel die wurdige, gerauschlose Haltung dieses glanzenden Schauspiels hervorrief.
Jetzt eilte der Marschall von Crecy, mit einer Bewegung, die seine Hand fast schmerzhaft um die seines Sohnes schloss, sich den hohen Herrschaften zu nahen; und Ludwig, der den alten Helden im Begriffe sah, das Knie zu beugen, kam dieser fur sein Alter fast unmoglichen Huldigung zuvor, indem er ihm, mit unendlicher Gute in Wort und Ausdruck, die Hand entgegen hielt, ihm so den Fussfall verwehrend.
"Madame," sagte er darauf zur Konigin, "Sie mussen die Gnade haben, den Sohn unsers braven Marschalls, den jungen Grafen von Crecy-Chabanne, als einen Bekannten von uns, ohne weitere Ceremonie zu empfangen." Der Konig machte dazu eine Handbewegung, die nicht missverstanden werden konnte, wie unmerklich sie auch war und Leonin beugte das Knie vor der Konigin und kusste den Rand ihrer Robe, worauf sie ihm ihre Fingerspitzen reichte und ihn aufstehen hiess.
"Ihr seid uns in jeder Hinsicht empfohlen und willkommen!" sagte die milde Frau. "Wir freuen uns, den Sohn so ausgezeichneter Eltern an unserm Hofe begrussen zu konnen auch wollen wir keine Feindin Eurer uns schon verrathenen Wunsche sein, sondern im Gegentheile eine Beschutzerin derselben!"
Obwol Leonin den Sinn dieser Worte nicht verstand, so lag doch in dem Tone derselben ein Wohllaut, eine Gute, dass es ihn entzuckte, als er das Wort B e s c h u t z e r i n horte. Er wagte aufzublicken, um sie den vollen Ausdruck von Begeisterung sehen zu lassen, von dem er sein Gesicht strahlen fuhlte.
Sie wendete sich mit einem huldvollen Lacheln von ihm, Andere zu begrussen, und jetzt erst erblickte er Mademoiselle de Lesdigueres, die hinter dem Stuhle der Konigin, wie eine schone Statue von cararischem Marmor, aufgerichtet stand und ihr Leben nur durch die Blicke ihrer grossen, glanzenden Augen verrieth, die jede Erscheinung mit scharfer Wagung aufzufassen schienen. Auch ihn trafen sie und eine augenblickliche Unruhe, die ihre schonen Augenlieder schneller sinken und steigen liess, zeigte, dass sie ihn nicht ohne Beziehung wiedersah. In ihrer Nahe stand Fenelon, und als sich Leonin zuruckzog, gewahrte er, wie Jener, auf ihn blickend, ihr einige Worte sagte, die sie, ohne Miene oder Stellung zu verandern, erwiederte, worauf Fenelon zuruck trat.
Als Leonin schon anfing von der Dauer der Vorstellungen zu ermuden, da Alle ihre Platze in steifer Haltung behaupten mussten, und ihn eine ubellaunige Neigung befiel, dies Alles unnaturlich und ubertrieben zu finden, ward er plotzlich durch die schone, ruhige Stimme Fenelon's unterbrochen, der, an seine Seite gelangt, ihn begrusste.
"Sie sehen den Hof unserer guten Konigin heute zuerst?" fuhr er fort; "wenn ich nicht irre, geniessen Sie den Vorzug, ohne Ceremonien aufgenommen worden zu sein."
"Seine Majestat wollte dadurch meinen Vater ehren," erwiederte Leonin "ich hore, man halt dies fur einen Vorzug. Man muss erst etwas alter bei Hofe werden, um fur diese Feinheiten die rechte Wurdigung zu lernen. Es schien mir das Einfachste, dass meinem Vater das Recht zustehe, mich zu beglaubigen."
"So scheint es allerdings," lachelte Fenelon. "Es entwickeln sich leicht kleine Unnaturlichkeiten in einem Verhaltnisse, welches uns lehrt, unsere Gefuhle in eine Schranke zu verweisen, die sie kaum merklich hervortreten lasst; aber ich denke, die Selbstbeherrschung, die nothwendig dadurch bedingt wird, muss sich zuweilen hochst heilsam bezeigen. Ich sehe hier so Manchen, dessen fruheres Leben und Treiben wohl wenig von Massigung irgend einer Neigung wusste, jetzt um den Preis, seine Vorrechte am Hofe behaupten zu durfen, die ungewohnte Muhe ubernehmen, sich einen kurzen Gehorsam gegen fremden Willen aufzuerlegen. Ein Solcher," fuhr er lachelnd fort, "bekommt doch eine kleine Ahnung von der allernothigsten Tugend der Selbstbeherrschung."
"Doch Sie," sagte Leonin, "der Sie eine so einfache und grossartige Idee vom Leben erfasst haben, der Sie eilen, in der schwersten Berufsthatigkeit Ihrer Entwickelung als Mensch und Geistlicher zu leben welche edle Verachtung muss Sie, diesen Zeit todtenden Ceremonien gegenuber, befallen wie begreife ich in diesen Salen Ihren Entschluss, sie zu verlassen!"
"Machen Ihnen die Dinge vor uns diesen Eindruck?" erwiederte der junge Geistliche, mit einem leisen Anfluge von Erstaunen. "Ich erwartete das nicht," setzte er nachdenkend hinzu, "und kann diese Empfindung nicht theilen. Mir scheint, Alles erhalt dadurch seinen Werth, dass es die Absicht erreicht, die ihm zum Grunde liegt. Indem dies glanzende Schauspiel vor uns in Wahrheit die Wurde und den Glanz eines so wichtigen und erhabenen Standpunktes, wie ihn der Thron in der menschlichen Gesellschaft einnimmt, ausdruckt in so fern es selbst die Geister der Menschen in eine Form fugt, die diese Wirkung bestatigen hilft, scheint es mir eine erfullte Idee, die der Wurde nicht entbehrt."
"Aber," sagte Leonin, "konnen Sie deshalb es von sich abhalten, mit Bedauern sich als Individuum in eine solche Wirkung der Massen verflochten zu sehen ohne Moglichkeit, Ihren unbeschaftigten Geist vor Ermudung zu schutzen und, durch Ihre Erziehung von der Bezahmung roher Neigungen abgelost, die Anderen noch eine geistige Beschaftigung zu gewahren vermag, zu einer wahren Maschine herab zu sinken?"
"Ich empfinde diese Ermudung nicht", erwiederte Fenelon ruhig; "ich finde hier Genuss und bin weder gelangweilt, noch unzufrieden. Diese schoren, glanzend erleuchteten Raume, deren Ausstattung an alle die grossen kunstlerischen und industriellen Fortschritte meines Vaterlandes erinnert, erheitern mein Herz und beschaftigen meinen Verstand. Ich kehre dann immer mit doppelter Liebe zu dem Anblick unseres grossen Konigs zuruck, dessen Geist und edles Bedurfniss diese Dinge ins Leben rief; und sehe ich diesen schonen und noch so jungen Monarchen dann in der Mitte der Reprasentanten alter, beruhmter Namen und kann auf Aller Gesicht in der verschiedensten Art die Verehrung lesen, die die Herrschaft eines grossen Geistes auf die Gemuther ausubt so freue ich mich der hohen Befahigung der menschlichen Natur und fuhle mich selbst zu grosserer Thatigkeit angeregt."
"O, Fenelon," rief Leonin, "wie schame ich mich meiner schulerhaften ubeln Laune, mit der ich mir den rechten Anblick der Dinge selbst verweigerte. Sie haben wieder Recht! Es ist mir, als sahe ich jetzt erst den Hof glanzend vor mir auftauchen alle diese Kerzen haben Sie erst angezundet! O, wenn Sie so vom Hofe denken, warum verlassen Sie ihn?"
"Aus denselben Grunden," erwiederte Fenelon, "aus denen ich ihn bewundere. Ich will auf meinem Platze auch Etwas sein und werden, und dazu taugt nicht Jedem derselbe Boden. Wenn mich der Konig in der vollen Erfullung seines Berufes, bis auf die Aeusserlichkeit dieser schonen Hofhaltung, entzuckt und begeistert, kann ich, der Geistliche, zu dem mich Neigung und Erziehung bestimmten ihm doch nur nacheifern, wenn ich den Schauplatz verlasse, auf welchem keine der Eigenschaften reifen konnte, nach deren Entwickelung ich mich sehne."
"Sie mogen Recht haben," sagte Leonin. "Auch galt dieser Aufruf mehr dem Gefuhle, welches mir der Gedanke einflosst, Sie hier bald nicht mehr zu finden. Ich wurde Sie mit meiner Freundschaft verfolgt haben!"
Freundlich neigte sich Fenelon gegen Leonin und fragte ihn dann, ob er diesen Abend schon Fraulein von Lesdigueres gesprochen.
"Das Fraulein scheint mir in einer unanruhrbaren Stellung," erwiederte Leonin. "Doch, vielleicht ward meine uble Laune mit dadurch bewirkt, mich durch ihr hartnackiges Reprasentiren von ihr getrennt zu sehn. Sie ist so frei, so edel und hoch von Geist und halt dort hinter dem Stuhle der Konigin so todtkalt und abgemessen aus, als sei sie eine nothige Verzierung des Thrones."
"Es ist sehr moglich, dass sie sich wirklich in diesem Augenblicke fur nichts Anderes halten will; denn sie fasst immer das Nothige vollstandig ins Auge und setzt an Jedes Alles, was in ihr ist."
"Ein ganz ausserordentliches Madchen!" rief Leonin unwillkurlich. "Das fuhlt man im ersten Augenblicke ihrer Bekanntschaft."
Fenelon's Blick richtete sich mit einem wunderbaren Glanze auf Leonin es war eine Warme darin, die von tiefem Gefuhle sprach, und eine Melancholie, die Entsagung ausdruckte. Nach einer kleinen Pause sagte er: "sie ist das vollkommenste weibliche Wesen, das ich kenne, und nur so frei, weil sie so sicher mit sich ist. Die sonderbarste Constellation hat ihr diese Entwickelung geschaffen. Die Mutter ist nicht selten roh in ihren Aeusserungen; aber sie ist hochherzig, eine reine, unverfalschte Seele, und ihr edler Stolz zeigt sich, wenn auch oft in grosser Anmassung, doch eben so stark in Verachtung jeder Kleinlichkeit oder Unwurdigkeit. Der Vater ist ganz in ausserliche Angelegenheiten vertieft; aber er besitzt Feinheit der Sitten und verstand die Erziehung der Tochter zu leiten. Von Beiden hat diese reiche und starke Natur nur ergriffen, was sie gebrauchen konnte; nirgends fand sie Widerstand und blieb sich selbst Gesetz und Wille, damit immer den Eltern genugend denn sie ist ihnen ahnlich und doch eigenthumlich geblieben."
Leonin horte gespannt zu sein Blick bing an der herrlichen Gestalt, die in gleicher Ruhe blieb, wahrend durch Fenelon's Worte der reiche Schatz ihres Innern sich vor ihm aufthat, und die kalte Erscheinung mit dem Zauber einer warmen, hochherzigen Seele belebte.
"Sie ist Ihre Schulerin, Herr von Fenelon?" fragte Leonin. "Wenn Sie wollen, ja," antwortete er "was konnte man sie aber lehren? Zuletzt war es mir, als sei es umgekehrt!"
Noch immer blickten beide junge Manner unbewusst zu ihr hin, als sie gewahrten, wie sie ihre kalte Stellung plotzlich aufgab und mit grosster Bewegung sich zur Konigin neigte, welche sich eben halb zu ihrer Hofdame wendete, die ihr schnell etwas uberreichte, was die Konigin einen Augenblick einzuathmen schien, welche sich dann wieder umwandte, aber so blass erschien, dass selbst ihre Lippen farblos waren.
"Der Konigin ist unwohl," sagte Leonin. "Die Hitze und die lange Ceremonie greift sie zu sehr an!" Fenelon schwieg; aber seine Augen richteten sich nach der Mitte des Saales, wohin aller Blicke flogen; denn hinter den Herzoginnen, die Letzte in der Reihe, nahte sich jetzt eine schone junge Person, die von der Natur mit jedem Reize geschmuckt schien und den Ausdruck trug, als schame sie sich, so bevorzugt zu sein.
Ihr Gesicht, ihre Gestalt war von einer solchen Feinheit und Regelmassigkeit, dass gegen sie alle ubrigen Bildungen unvollkommen blieben. Die Farbe ihrer Haut schien mit dem Silberstoff ihres Kleides zu wetteifern, und vor Allem waren ihre tiefblauen Augen ein Born von unergrundlicher Liebesfulle. Und so bevorrechtet, wie wenig schien sie dennoch von diesen Vorzugen gehoben! So langsam der Zug der Herzoginnen auch voruber ging, ihr schien es dennoch schwer, zu folgen. Sie wagte kaum den Blick vom Boden zu heben, und Jeder musste erkennen, dass ihre Fusse bebten. Als sie aber vor die Konigin hintreten sollte, ward aus der scheinbaren Kniebeugung fast ein ganzlicher Fussfall, und der Ceremonienmeister, Herr von Dreux, musste sie auf einen Wink der Konigin unterstutzen. Da schlug sie die wundervollen Augen zu dieser auf, die, sichtlich erweicht, ihr mild zuwinkte, und ein Paar grosse glanzende Thranen rollten uber ihre Wangen. Dabei druckte sie beide Hande mit dem ruhrendsten Ausdrucke von Ehrfurcht an ihre Brust und schwebte dann wie eine Lufterscheinung den anderen Herzoginnen nach, die bereits die Ehre ihres Tabourets genossen.
Alle Anwesende, und mit ihnen Leonin, waren gefesselt von ihrem Anblicke, und jetzt erst, nachdem sie in der Menge sich fast verborgen hatte, fand Leonin Worte.
"Wer ist diese bezaubernde Erscheinung, lieber Fenelon? Ich sah sie noch nie!"
"Aber sie horten von ihr," sprach Fenelon sanft, wenn auch ernst; "es ist die ungluckliche Lavalliere, die heute zuerst als Herzogin hier erscheint."
"Ha," rief Leonin, "jetzt begreife ich! Dieser Zauberin muss Alles moglich werden! Das ist Schonheit der Seele, des Gemuthes das ist nicht allein die schone Hulle!"
"So ist es in Wahrheit," sagte Fenelon "und wie beklagenswerth ihr Verhaltniss auch ist, ermangelt es nicht einer ruhrenden und versohnenden Seite, die doch eben nur in diesem schonen Gemuthe liegen kann, das, zur Tugend geschaffen, selbst in seiner Verirrung noch ihr angehort."
"Fast Alle urtheilen so uber diese reizende Frau," rief Leonin "und darin liegt auch die Entschuldigung des Konigs. Wer giebt uns das Recht, die zu richten, die diesem Gefuhle unterliegen, fur dessen Starke allein Gott die Prufung hat das Jeder einmal zu kennen glaubt, ohne doch fur den Andern ein Maassstab zu sein!"
"Das ist zwar wahr," sagte Fenelon "aber es giebt immer noch etwas Schoneres, als sich ihm hingeben; ihm entsagen namlich wenigstens entsagen fur die Welt dann durfen wir es wieder behalten. Die Liebe ist an sich Etwas es ist nicht der Besitz, das Hervortreten unserer Empfindung. Es ist das Gluck, es zu kennen seinen hoheren, warmeren Pulsschlag zu fuhlen und uns daran zu zeitigen mit allen unseren Kraften."
In diesem Augenblicke rief die Konigin die Herzogin von Bellefonds, die mit ihrem weissen Stabe wie ein drohender Riese an den Stufen des Thrones Wache hielt; und als diese ihren Befehl empfangen, schritt sie mit unbarmherziger Breite und Feierlichkeit durch den Saal gerade auf die Herzogin von Lavalliere zu, welche, einer Ohnmacht nahe, an einem Pfeiler lehnte.
"Frau Herzogin von Lavalliere," sprach sie, "Ihre Majestat die Konigin ladet Sie ein, sich des Tabourets zu bedienen, welches Ihnen zusteht legen Sie Ihre Hand auf meinen Arm ich werde Sie fuhren."
Alles machte Platz, und die ungluckliche Herzogin folgte stumm der Oberhofmeisterin; und nachdem sie sich tief vor der Konigin verneigt, setzte sie sich auf das den Ehrgeiz so Vieler reizende Tabouret, wodurch wenigstens einer Ohnmacht vorgebeugt wurde.
Der Konig hatte von dem Augenblick an, dass Madame de Lavalliere sich nahte, sie nicht mehr aus dem Gesichte verloren, wie er auch, anscheinend ohne Theilnahme, seine verschiedenen Anreden fortsetzte. Auch wussten die Hofleute mit vielem Geschicke Bewegungen zu machen, die dem Konige die volle Ansicht der von ihm angebeteten Frau verschafften. Er zitterte fur b e i d e Frauen, denn er sah, wie die Konigin kampfte und die Farbe anderte, wie die Lavalliere ihren Empfindungen zu unterliegen drohte, und er liebte sie Beide in diesem Augenblick fast gleich stark, da sie Beide seinetwegen leiden mussten. Doch dies Mal sollte die Konigin in seinem Herzen den Sieg davontragen! Denn, als sie die Herzogin von Bellefonds abschickte, der sinkenden Geliebten einen Platz anzuweisen, dessen Recht sie sich nicht anzueignen wagte, da legte er ihr wenigstens fur diesen Abend sein Herz zu Fussen und ehrte sie mit dem besten Danke, den er ihr bieten konnte, indem er ihr selbst ein zartlich dienender Cavalier ward. Seine theilnehmenden Fragen, wie sie die Anstrengung der Cour vertruge, belebten augenblicklich ihr mattes Auge mit der Hoffnung, seine Zufriedenheit erreicht zu haben; und diese reine und uneigennutzige Seele, die Nichts ertrotzen wollte, war vollig begluckt und dachte ohne Groll, ja fast mit Liebe an ihre demuthige Nebenbuhlerin.
Der Konig blieb, fur sie allein Auge habend, wie es schien, an ihrer Seite, bis sie sich an den Spieltisch begab, und er in einem freien Augenblicke erfuhr, die Herzogin von Lavalliere habe sich weg begeben.
"Ich hasse Euch Beide!" rief Mademoiselle de Lesdigueres, indem sie an Fenelon und Leonin vorbei streifen wollte.
"Halt," rief Leonin, "so durfen Sie den Fehdehandschuh nicht hinwerfen und dann die Flucht ergreifen! Womit haben wir das verdient, was Sie um jeden Preis widerrufen mussen?"
"Glaubt Ihr, ich habe Euch nicht beobachtet," sagte sie "wie Ihr mit all den Thoren hier denselben Weg taumeltet? Hattet Ihr etwas Anderes zu sehen, als diese neue Herzogin, an deren Blicken Ihr hinget, wie alberne Kinder am St. Niclas? O, was das Alles ist," fuhr sie ungeduldig fort "wie nicht Einer den Muth hat, es beim rechten Namen zu nennen wie sie ihm Alle verziehen und ihm einreden, es sei, weil er es thut, etwas Anderes! Fahrt nur fort! Das Beispiel wird wirken! Hier wandelt schon so viel ubertunchte Tugend, als Ludwig sich wunschen kann; denn Alle, die ihn loben und bewundern und bemanteln, was er thut, haben Lust, es ihm nachzumachen. Wie verachtlich sind sie mir Alle! Und Ihr Beide, auf demselben Wege Betroffene, Euch hasse ich, und d a r u m hasse ich Euch!"
"Und d a r u m gerade haben Sie Unrecht!" rief Leonin; "denn S i e sind der Hauptinhalt unseres Abendgespraches gewesen diese ungluckliche Frau und ihre demuthige Erscheinung hat nur eine kurze, wehmuthige Episode in unserer Unterredung gemacht."
"Und wer hat Euch erlaubt, von mir zu reden?" erwiederte sie, indem sie Beide mit milderen Augen anblickte.
"Das wenigstens konnen Sie uns nicht wehren, wenn Sie da sind und wir den Vorzug geniessen, Sie zu kennen! Denken Sie, mein Fraulein, dass Sie Gedanken unterdrucken konnen, die einmal Ihr Bild aufgenommen haben?"
Sie blickte ihn an, als nahme sie eine Maske vom Gesichte. "Graf," sagte sie, ohne ihren hochfahrenden Ausdruck "ich weiss, was man mit uns will; lassen Sie uns redlich bleiben!"
In demselben Augenblicke trat sie unter die Menge. Auch Fenelon war von Leonin's Seite verschwunden. Er stand in tiefen Gedanken. Ahnete er, was sie was die Konigin angedeutet? Oder begriff er es wirklich nicht? Der Herzog von Lesdigueres hatte sein neu eingerichtetes Palais eroffnet, und man war einig, dass bei ihm und bei der Marschallin von Crecy sich die beste Gesellschaft in den schonsten Raumen unter den glanzendsten Zurustungen einstellte.
Mademoiselle de Lesdigueres erschien jeden Tag in dem Salon ihrer Eltern, wahrend der Zeit, welche Maria Theresia bei ihrer Schwiegermutter zubrachte. Ausserdem verliess sie die Konigin nie.
Leonin besuchte taglich um dieselbe Stunde mit dem Marquis de Souvre das Hotel de Lesdigueres. Er wurde sehr erstaunt gewesen sein, wenn man ihm gesagt hatte, dass er damit alle die Geruchte bestatigte, die sich uber seine beabsichtigte Vermahlung mit Mademoiselle de Lesdigueres immer bestimmter verbreiteten. Nur dem Augenblicke lebend, stimmte er ganz der listigen Aeusserung des Marquis bei, welcher, stets das Ansehn der Langenweile zeigend, ihm versicherte, man konne es ohne Mademoiselle Viktorinens Gegenwart doch gar nicht aushalten. Mit der grossten Absichtlichkeit zog er Leonin an allen Anderen voruber zu Viktorinen hin, und kaum hatte er die Unterredung Beider eingeleitet, so entfernte er sich, wodurch diese Annaherung noch auffallender ward; denn Beide, in Beruhrung gesetzt, gefielen sich zu sehr in ihren Mittheilungen, um sie freiwillig aufzugeben und bemerkten es nicht, wie anerkannt ihr Verhaltniss gerade dadurch ward, dass sie Niemand storte, was keinen andern Grund hatte, als dass man sie fur Verlobte hielt.
Leonin fuhlte sich jeden Tag lebhafter durch Viktorine beschaftigt. Sie schmeichelte vollkommen seinen Schwachen durch ihre Eigenthumlichkeit; denn sie war Alles, was er nicht war. Er fuhlte sich bestandig erganzt, gestutzt und erklart durch ihren festen und edeln Karakter, ihren scharfen, unbestechlichen Verstand. Dagegen fiel dies edle Wesen in den oft sich wiederholenden Fehler ihres Geschlechtes, die Schwachen des Mannes zu erkennen; aber in dem Gefuhl eigner reicher Krafte sich der Hoffnung und dem Streben zu uberlassen, ihm diese Umanderung oder diese Festigkeit geben zu konnen. Sie ubersah aber, dass ihre Phantasie ihn nach und nach wirklich zu dem machte, was sie wunschte, dass er es sein mochte; sie verkannte, dass s i e in dem Besitz dieser Eigenschaften war, die bloss darum bei ihren Ansichten und Meinungen in ihren Unterredungen nicht fehlten, weil sie dieselben hervortreten liess, und Leonin bloss die leichte, liebenswurdige Gabe besass, sogleich in solche Anregungen verstehend einzugehn. Er hatte dabei die Milde, die vorherrschende Weichheit, die ihr fehlte, die sie zu erringen wunschte, gehindert von dem kraftigen Aufwuchse ihres befahigten Naturells. Deshalb glaubte sie ihn so viel besser, als sich; ihr schien errungen Weisheit, Reife der Entwicklung bei ihm, was bloss eine Art Indolenz war, veredelt durch ein gutes, fein fuhlendes Herz, welches in fruherer Zeit vielleicht zu einer kraftigeren Gestaltung hatte gefuhrt werden konnen damals aber, wie wir zum Oefteren schon erwahnt haben, von der eigennutzigen Liebe seiner Mutter bloss zu ihren Zwecken gebildet ward.
Doch ward Leonin noch durch Nichts aus dem einwiegenden Zustande dieser taglichen geselligen Betaubungen gerissen, die ihm an Wichtigkeit stiegen in dem Maasse, wie auch fur ihn die tausendfaltigen kleinen Interessen und Eitelkeiten zu verfolgen waren, welche, um ihn her getrieben, Jeden verwickelten, der sich ihnen nicht mit Bewusstsein entgegenstellte.
Sein Vater erwartete mit Sicherheit, dass Anna von Oesterreich seinem Sohne die Braut erwahlen werde, und fuhlte sogar eine kleine Schadenfreude, diese Angelegenheit, wie er wahnte, seiner Gemahlin aus den Handen genommen zu haben. Der Konig und die Konigin besonders, behandelten Leonin mit Auszeichnung. Man sprach ihm so oft davon, dass ein hohes Hofamt ihm nicht entgehen konne, dass er daran glaubte, zuletzt es als eine Ehrensache ansah, dass ihm das allgemein Zuerkannte nicht vorenthalten bliebe. Und aus diesen Anregungen schossen Ehrgeiz und Eitelkeit auf, die ihn Vortheile suchen und verfolgen liessen und ihn an die Stelle, die ihm Erfullung verhiess, fesselten, als musse er sie bewachen.
Die Freundschaft, der Vorzug, da er es nicht anders nennen wollte mit welchem Mademoiselle de Lesdigueres ihn beehrte, mussten ihm daher, bei der Gunst, die sie bei den Majestaten genoss, behulflich und vortheilhaft sein. Er war unwillkurlich auffallender mit ihr beschaftigt in Gegenwart der hohen Herrschaften, und immer schien es ihm, als ob die Konigin ihn wohlwollend beobachte und ihn nach solchen Tagen selbst in ihre kleineren Zirkel bescheiden liess, wo Leonin, belebt von seinen geheimen Wunschen, eine grossere Liebenswurdigkeit und Anmuth zeigte, als seine gewohnliche Indolenz sonst zuliess. Vielleicht erfuhr Leonin nicht mehr und nichts Anderes, als die meisten jungen Leute, welche ohne Lebensplan und Karakterstarke in die betaubende Atmosphare eines solchen Schauplatzes versetzt werden. Fast Jeder, der dieser Jugendperiode gedenkt, wie anders auch der Standpunkt ward, den er sich spater wieder gewann, muss sich den chamaleonischen Farbenwechsel seiner Gesinnungen eingestehen, der ihn damals fortriss, ein Spielzeug der herrschenden Menge zu werden, ihren Gesetzen entgegen zu kommen gegen fruhere Ueberzeugung. Aber nicht Jeder entfernt sich damit, so wie Leonin, von bindenden, heiligen Verpflichtungen; und was dort bloss eine Durchgangsperiode der Jugend ist, die den Lebenswerth noch nicht bestimmen kann, musste bei Leonin tiefere, bedeutungsvollere Folgen nachlassen.
Bedenken wir jedoch, wie sein jetziges Verfahren den Absichten der Marschallin von Crecy, wie dem heimlichen Hasse des Marquis de Souvre vollkommen entsprechend war, so werden wir gerechter gegen Leonin bleiben, wenn wir es anerkennen, wie die Versuchungen, die sich ihm darboten, von Beiden gehauft, herbeigezogen und unterhalten wurden. Sie sahen ruhig zu, wie er sich in ihnen verwickelte, nur verhutend, dass er nicht fruher die Beschaffenheit seiner Handlungen erkenne, bis sie ihn so hinreichend umsponnen haben wurden, dass er sie dann selbst behaupten musste. Der Augenblick, wo er Hulfe suchend in ihre Arme eilen musste, war so mathematisch sicher zu berechnen, dass sie ihn bloss zu erwarten hatten, um alsdann das langst Beschlossene zu vollfuhren.
Und dies that die Marschallin von Crecy, indem sie sich alle Tage sagte, wie mutterlich liebevoll sie fur ihren Sohn sorge, der viel zu gut sei, um sich selbst durchs Leben lenken zu konnen. Seinen kindischen Widerstand um eine englische Pfarrerstochter hatte sie ihm langst vergeben, weil sie diese Sache als abgemacht betrachtete; nicht etwa mit der Sicherheit, dass dies sein Wille sein werde, sondern mit der Hoffnung, dass die Ruckkehr ihm durch sein jetziges Treiben unmoglich gemacht werden wurde.
So war der Winter vergangen, das Fruhjahr neigte sich zu Ende, Leonin kehrte nicht nach Ste. Roche zuruck. Glanzender wie je war der Hof; der Konig, angeregt von neuen kriegerischen Planen, stand, wie ein feuriger Komet, belebend und befruchtend uber seinen Umgebungen und machte den Hof zu einem Zauberkreise, in welchem sich alle grossen Geister Frankreichs sammelten, um den Preis ringend, seine Plane ins Leben zu rufen.
Wie stolz und grossmuthig auch die Miene sein mochte, mit der Ludwig den Aachner Frieden unterzeichnet hatte, wie geneigt er auch war, und sein Volk mit ihm, den damals gemachten Ruckschritt von fabelhaften Eroberungen zu einem geringen Vortheile beim Abschlusse des Friedens, sich als eine Handlung seines Willens auszulegen, so blieb nichts desto weniger der Stachel in seinem Herzen zuruck; denn an seinem heimlich genahrten Verdrusse gegen die Coalition der feindlichen Machte, die ihm den Frieden abnothigte, war wohl zu erkennen, wie er i h r e m W i l l e n hatte nachgeben m u s s e n .
Unlaugbar war der Augenblick gunstig fur die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gegen Holland. Von der Einmischung der Machte war aufs neue nichts zu furchten. England, in seinen Finanzen zerruttet, lag in stillem Grolle vor dem wiedergerufenen Herrscher, der alle Thorheiten der Stuarts, alle Unbesonnenheiten und Unredlichkeiten gegen sein Volk auf dem sichtbar gefahrlichen Schauplatze des ihm, auf Treu' und Glauben, wieder verliehenen Thrones durchspielte. Aber noch sah die Nation den sich erneuernden Unbilden, die es zu erleiden hatte, mit dem Wunsche zu, der gewaltsamen Abhulfe uberhoben zu sein, und Karl misskannte diesen Waffenstillstand, den es ihm gonnte, und verscherzte, immer kuhner werdend, jedes Mittel zu seiner Behauptung. Dunkirchen, dieser eifersuchtig behutete Apfel der Zwietracht zwischen beiden Nationen, war ohne Schwertstreich in Frankreichs Besitz gekommen. Man wusste, Mademoiselle Keroualle, die jetzt als Herzogin von Portsmouth den Konig beherrschte, war bei dieser entehrenden Abtretung die besoldete Unterhandlerin Frankreichs gewesen. Die Revenue, die Ludwig der Vierzehnte dem Konige jahrlich dafur zahlte, und die ihm den Namen des franzosischen Pensionair's zuzog, ging fast ausschliesslich in den verschwenderischen Handen der Herzogin unter, und Karl hatte Nichts damit erkauft, als die doppelte Schande des Verrathes gegen sein Volk und des Besitzes dieser sittenlosen Frau. Ludwig wusste genau, dass unter diesen Umstanden weder bei dem leichtsinnig schwelgenden Karl, noch bei dem zurnend vor ihm Wache haltenden Volke Neigung zu einer auswartigen Einmischung vorhanden sei, und dass somit Hollands wirksamster Allurter unthatig bleiben wurde.
Nicht minder unlustig war Spanien zum Kriege. Oesterreich, von den Turken bedroht, hatte ausserdem mit inneren Unruhen in Ungarn zu thun, und Holland selbst war in die statthalterische und in die streng republikanische Partei getheilt.
Dagegen war Frankreich wie ein jugendlich schoner Korper von einem gluhenden Geiste belebt. Das ganze Land stand in jeder Hinsicht wie ein Sieger dem ubrigen Europa entgegen. Vielleicht stellt keine geschichtliche Epoche der Welt eine innigere, vollkommenere Vereinigung zwischen Konig und Volk dar, als Frankreich in dieser hochsten Blutenzeit seines jugendlichen Herrschers. Er war, was jeder Einzelne war, ein stolzer begabter Franzose; aber er schwang das Banner, dessen Farbe Jeder begehrte. Um ihn waren die Manner geschaart, deren Namen die unvergesslichen Zierden ihrer Zeit sind: Turenne mit seinem erfahrenen Muthe Conde mit seinem unzertrennlichen Glucke Louxembourg mit seinen geschickten Marschen und Feldlagern Tesse, de la Ferte, erprobte Krieger bei jeder Unternehmung endlich Feuquieres, der den Muth auf die Bahn der Wissenschaften lenkte und, mit Vauban vereint, Belagerungen ins Leben rief, die vor ihm Keiner gekannt, und die ihn unsterblich machten. Sie begrundeten eine hohere geistige Thatigkeit und bildeten, in Vereinigung mit diesen grossen Feldherren, eine Armee, die auch im Innern durch die aufbluhenden Talente Villar's, Catinat's und vieler Anderen gestutzt ward, und gegen welche kein Reich sich zu stellen wagen konnte; besonders, da Louvois mit den Schatzen, die Colbert gesammelt, Alles unterstutzte.
Es ist unrichtig zu sagen, Ludwig habe allein zu seiner ritterlichen Befriedigung den Krieg begehrt. Der Krieg musste sich nach damaliger Sitte nothwendig von selbst entwickeln. Die vorhandenen Mittel verlangten ihre Anwendung; es war ein Stoff, der von selbst Feuer fing, an der gedrangten Zundkraft sich erhitzend. Ludwig folgte seiner Neigung; aber diese Neigung war zugleich Besitz Erforderniss seiner Nation.
Es musste sich ein Schauplatz finden fur die Anwendung der Krafte, der Talente, Erfindungen und Bestrebungen, die alle harrend dastanden und die Gelegenheit herbeilockten.
Zwar war es dem Konige, wie allen Freunden des Marschalls Crecy, bekannt, dass Leonin nicht unmittelbar im Heere angestellt werden konnte; aber der Feldzug, den man vorbereitete, war von dem seltensten Uebermuthe, von der zweifellosesten Sicherheit des Gelingens begleitet und, bei allen ernsten, kraftig und geschickt betriebenen Kriegsrustungen, zugleich ein glanzendes, zu Felde ziehendes Hoflager. Man kann sagen, dass vor dem Schauspiele einer Schlacht oder Belagerung die Zuschauer-Logen fur den Hof erbaut wurden, die Alle nur verliessen, um unter dem frohlichsten Pompe in die Platze und Stadte einzuziehen, die ihre Sieger ihnen eroberten. Die Vorbereitungen entsprachen ganz den zu Anfang so entschieden eintretenden Erfolgen.
Die Armee begleiten zu durfen, war der Ehrgeiz des ganzen Adels. Da es unmoglich war, alle Gesuche um diese Ehre bewilligen zu konnen, und an eine Auswahl, eine Schranke gedacht werden musste, so stellten sich die zahllosesten Intriguen ein, um auf Umwegen zum Ziele zu gelangen.
Leonin befand sich jetzt so haufig in dem kleinen Zirkel der Konigin, dass er an einem Platze in ihrem Gefolge nicht zweifeln mochte und die vorangehenden Gluckwunsche mit einer Miene aufnahm, welche Alle in Ungewissheit liess, ob seine Wunsche schon erfullt waren und sein diskretes Schweigen nur irgend einer besondern Uebereinkunft zuzurechnen sei. Dies war aber noch keineswegs bestimmt. Leonin erschien jeden Abend mit derselben Hoffnung und kehrte mit derselben Tauschung zuruck. Dies stachelte seine Eitelkeit bis zu einer Art Leidenschaft, und er sagte sich oft, d i e s m u s s e er doch erst um seiner Ehre Willen abwarten, und dann erst konne er den lange verschobenen Besuch in Ste. Roche unternehmen.
Dagegen horte Leonin zuweilen Aeusserungen, die ihn glauben machten, der Konig habe noch andere, ehrenvollere Plane fur ihn. Das unbegreifliche Vorenthalten eines Platzes, den so Viele mit geringeren Anspruchen erreichten, war um so rathselhafter; da in der Art, wie die Herrschaften ihn behandelten, ein Wohlwollen lag, welches diese Anspruche zu erkennen schien.
Madame Henriette lachelte eines Abends, als sie den jungen Grafen Crecy einige begeisterte Reden halten horte, uber das Gluck, Waffen tragen zu durfen, "Und wirkt unser Mittel noch nicht?" sprach sie "wird der alte Herr noch nicht ungeduldig?"
Leonin machte die verbindlich lachelnde Miene, die alle vornehmen Personen sicher haben, wenn sie von ihren Zuhorern nicht verstanden werden. Er dachte eine Frage einzuleiten; da wendete sich Madame schon von ihm, indem sie, mit dem Facher winkend, rief: "Geduld! Geduld! Sie sind ein zu guter Sohn, um sie so bald zu verlieren!"
Der junge Graf blickte ihr erstaunt nach, und der Marquis de Souvre, der den Grafen Guiche geschickt hatte, die gutige Furstin in ihrem Gesprache zu unterbrechen, lachte der uberraschten Miene Leonin's nach, fur die er den Schlussel fuhrte.
Er hatte durch die Freundschaft des Grafen Guiche, dessen tiefe, mit seinem Leben bezahlte Leidenschaft fur Madame Henriette ihn zugleich zum Vertrauten der unglucklichen Furstin machte, eine Gewalt uber sie erhalten, die es ihn leicht finden liess, sie zur Mitwirkung bei seinen Planen zu bewegen.
So versicherte Madame dem Konige, wie Leonin und die Marschallin noch immer hofften, den Eintritt des jungen Grafen in die Armee vom Marschalle zu erreichen; der Konig moge nur seine Anstellung bei Hofe noch verzogern, wodurch dem alten Herrn endlich kein anderer Ausweg bleiben werde, als ihn dem Konige fur die Armee anzubieten. Der Konig, der den jungen Mann bedauerte, weil er ihn aus Gehorsam gegen den Willen des Vaters von der gewunschten Laufbahn entfernt sah, fugte sich in den bittenden Vorschlag der Prinzessin; und so erlebte Leonin alle die Tauschungen, welche so wohl berechnet waren, ihn leidenschaftlich zu erregen, zu vielen kleinen, gefugigen Schritten zu treiben, die ihn verwickelten und dem sorglosen Gluckskinde ein Gefuhl der Abhangigkeit, des Widerstandes und des Misslingens zu geben, wovon sein Leben bis jetzt so frei geblieben war.
In dieser Stimmung unruhiger Erwartung brachte er die Stunden in seinen Zimmern zu, ehe er zur Marschallin kommen durfte, die jede Gelegenheit, ihn allein zu sprechen, durch Louisens heitere, unschuldige Gegenwart vermied. Seine ungeduldige, missmuthige Laune ward aber dies Mal unterbrochen; sein Kammerdiener, von einem Manne gefolgt, trat ein; und als dieser mit grosser Lebendigkeit auf Leonin zu eilte, erkannte er in ihm den zum Skelette entstellten Lesueur.
"Lesueur!" rief Leonin, und sein Gesicht uberlief ein Purpur, der wol einen noch tieferen Grund, als den der Ueberraschung hatte. "Wie kommen Sie hieher?" fuhr er fort, zerstreut und unruhig das Ungeschick dieser Frage uberhorend.
"Woher ich komme, mein Herr?" rief Lesueur "Gewiss, ich kann nicht zweifeln, dass Sie sich dessen erinnern, da Sie mich ja selbst dahin geschickt!"
"Also wirklich von Ste. Roche?" rief Leonin nun sich zurecht findend und warm werdend. "O, dann haben Sie mir Viel, Viel zu erzahlen! Doch, erst ruhen Sie aus und lassen Sie uns fruhstucken. Ich werde bei meiner Mutter absagen lassen, und wir wollen uns ein Paar Stunden angehoren."
Bald war Alles nach seinem Willen eingeleitet, und Leonin behielt Zeit, sich zu sammeln, Lesueur, seine misstranische Empfindlichkeit zu uberwaltigen, wobei Leonin die ausserordentliche Veranderung des sichtlich dem Grabe nahen Kunstlers beobachtete.
"Nicht wahr, mein Ste. Roche ist schon?" rief Leonin, endlich die trage Mittheilung Lesueur's uberholend "Und es war keine uble Idee, Sie dahin zu verweisen?"
"Weiss Gott, eine Idee, fur die zu danken, mein Leben zu kurz sein wird; der schonste Schwanengesang eines sterbenden Kunstlers unter den Flugeln eines irdischen Engels! Ja," fuhr er fort, "Lesueur, der sterbende Lesueur darf es gestehen, sein letztes Bild wird sein bestes sein ich habe Ihre Gemahlin, Herr Graf," sprach er leise und vor Bewegung zitternd, "zwei Mal gemalt; denn ich wusste nicht, wie ich in einem Bilde diese Fulle von Liebreiz fassen sollte. Hundert Bilder hatte ich nach ihr malen wollen Alle sie selbst Alle eine neue Seite dieses reichen, gottlichen Weibes entwickelnd!"
"Lesueur," rief Leonin mit dem Lachen der schon erlernten flachen Gesellschafsweise, "machen Sie mich nicht eifersuchtig! Ich glaube, Sie sind verliebt Ihr Herz hat Ihre Hand gefuhrt!"
Lesueur sandte aus seinen grossen sterbenden Augen einen Blick auf Leonin, von dem er getroffen, die seinigen zu Boden schlug. "Ha," rief er dann, "wehe dem Kunstler, der es anders macht! Wehe dem, der dies heilige Feuer missdeuten kann und es mit der eiteln Bedeutung beleidigt, welche ihm die grosse Welt beilegt. Ha, Herr Graf," fuhr er beinahe heftig fort "wissen Sie noch, wie die heilige Atmosphare Ihrer Gemahlin eine Begeisterung einflost, welche unabhangig macht von allen thorichten Wunschen dieser Erde? Wissen Sie es noch, wie sie uns von allen Fehlern reinigt, die uns die Welt anerzieht? Wissen Sie es noch, wie wir vor ihr Alles vergessen mochten, was wir gethan, gewollt und bis dahin fur das Rechte oder Erlaubte hielten; und wie wir ein neues Leben beginnen, um es zu verdienen, wenn sie uns ihre heilige Unschuldswelt aufthut?"
Leonin wusste es nicht mehr, oder es lag doch zuruckgedrangt, eingeschlummert in ihm. Wie ein Gerichteter sank er in seinen Stuhl zuruck, wahrend Lesueur in steigender Bewegung fortfuhr: "ich war krank, sterbend von ihrem Bilde eilte ich zum Krankenlager! Da hat sie mich gepflegt horen Sie, mein Herr, nicht diesen elenden, dem Tode verfallenen Leib hat sie bloss gepflegt meine Seele hat sie geheilt, die, kranker als mein Korper, zum Morder an ihm ward! Wenn ich jetzt den Weg in das Jenseits finde, wenn Friede und Ruhe mein letztes Lager umgeben dann werde ich es ihr danken, die alle meine Irrthumer so lange verfolgte, bis sie besiegt zu ihren Fussen lagen. Ich werde sie sehen, bis mein Auge bricht, wie sie mit dem Heiligenscheine ihrer Begeisterung an meinem Lager betete, als sie mich fur sterbend hielt; ich werde dies Gebet auf meinen Lippen tragen, wenn ich ende, und es wird die Brucke sein, die mich hinuber fuhrt! Und dies that sie," fuhr er fast weinend fort, als Leonin sein Gesicht in tiefster Bewegung verhullte, "obgleich ihr eigner Zustand Schonung, Sorgfalt verlangte, die wol keine Frau in solcher Lage sich versagt."
"Was meint Ihr, Lesueur?" rief Leonin und sprang todtenbleich von seinem Stuhle auf, ihn mit fieberhafter Bewegung ergreifend. "Was fehlt Fennimor warum bedarf sie der Schonung was ist ihr geschehen?"
"Wie!" rief Lesueur, "so fragen Sie mich? Sie wissen nicht, was Fennimor geschah? O, gehen Sie hin, gehen Sie hin, so schnell Sie konnen! Hat sie es Ihnen verschwiegen, so sollen Sie mit dem heiligen Glucke uberrascht werden, das sie Ihnen aufhebt!"
"Lesueur," stammelte Leonin, "sagt, sprecht es aus! Fennimor!" Er konnte seiner Ahnung keine Worte geben.
"Fennimor," sprach Lesueur, "wird Mutter werden!"
Laut weinend sturzte Leonin bei diesen Worten in Lesueur's Arme. Die Rinde um sein verlocktes Herz war gesprungen er war wieder Mensch Fennimor's Gatte, die Natur hatte ihren machtigen Ruf nicht umsonst ertonen lassen.
"Nun dem Himmel sei Dank, Emmy Gray hat nicht Recht!" rief Lesueur "Er liebt sie noch, er wird sie ehren und erheben, wie es sich gebuhrt! Doch eilen Sie! Noch halt sie fest am Glauben, und das Gluck, das sie, mit kindlichem Erstaunen wie die heilige Jungfrau, selbst in sich tragt, erhalt sie in seliger Verklarung. Emmy Gray sagte mir, in den nachsten Monat musse die entscheidende Stunde fallen."
"Lesueur, mein Freund! mein Wohlthater! Fennimor, mein geheiligtes, unschuldiges Weib! Morgen, morgen will ich fort!"
Ausser sich, rief Leonin seinen vertrauten Kammer
diener; augenblicklich gab er die Befehle zur Abreise; am andern Morgen wollte er fort. Er liess sich bei seinem Vater melden er wollte ihm seine Abreise nach Ste. Roche anzeigen. Dann wollte er zu Madame Henriette, ihr sein ganzes Herz ausschutten sie sollte beim Konige, bei der Konigin Alles vorbereiten; dann wollte er in dem Abendzirkel der Konigin sich von Beiden beurlauben. Seine Mutter drangte er bei diesen Ueberlegungen zuruck; was er mit ihr wollte, wusste er nicht, darum beruhrte er es nicht. Laut denkend, indem er Alles, was er dachte, an Lesueur aussprach, lief er im Zimmer umher und bestellte endlich seine Toilette und seinen Wagen, um zur Oberhofmeisterin der Prinzessin, der Grafin von Grammont, zu fahren.
Dann ging er zu seinem Vater und trug ihm uber
eilt, zerstreut und mit dem vollsten Ausdrucke der erlittenen Gemuthsbewegung seine Absicht vor, nach Ste. Roche abzureisen.
"Aha," lachte der Marschall, "wir haben
Crecy'sches Blut! Wir sind verdriesslich! Die Hofcharge und die Braut bleiben zu lange aus! Nun hore, mein Junge, das ist so ubel nicht! Thue Du ein wenig empfindlich, damit sie nicht vergessen, wer Du bist! Es wird schon Aufsehen machen, wenn Du jetzt fortgehst, als ob Du aller Hofgunst den Rucken kehrtest, wo alle die Hasen in einer Reihe lauern, um auf das erste Signal nach dem rothen Lappen zu laufen. Ich habe nichts dagegen und sei nur ruhig ich werde indessen Deinen Platz einnehmen! Sie sollen mich nur fragen, wo Du hin bist ich will ihnen dienen! Die Frau Konigin Anna denkt wohl, sie hat Wort halten nicht mehr nothig; da der alte Marschall nicht mehr die Thore von Paris sturmen und ihre Frondeurs in die Flucht schlagen kann! Nun, nun wir wollen sehen lassen, wer ich bin! Gehe Du indessen, mein Junge ich stehe Dir dafur, Du wirst bald zuruck gerufen."
Der Arzt und der Kaplan unterbrachen diesen vaterlichen Erguss und nahmen Leonin die Gelegenheit zu jeder Erwiederung, selbst wenn er sie beabsichtigt hatte; was wir indessen bezweifeln, da er, um den Marschall von seinen eisernen Ideen abzubringen, wenigstens die entschlossene Sicherheit seiner Mutter hatte haben mussen, die ihm um so mehr fehlte, da ein Meer der widerstrebendsten Gedanken und Gefuhle in ihm nichts weniger aufkommen liess, als einen festen und geordneten Zustand. Zur druckendsten Burde wurde es ihm dagegen, den langweilig scherzhaften Gesprachen langst verbrauchter Gedanken zuzuhoren, mit denen diese, taglich nur auf sich selbst angewiesenen, Manner sich zu vergnugen glaubten. Doch wurde der Marschall seine Entfernung, ehe e r dazu das Zeichen gab, hochst ubel genommen haben, und ihm blieb Nichts ubrig, als ausserlich Geduld zu zeigen, wahrend er innerlich fast vor Aufregung zu vergehen meinte.
Endlich schlug der ersehnte Augenblick, und gleich darauf eilte seine Karosse zur Grafin Grammont.
Madame de Grammont kam durch die falsche Stellung, die Oberhofmeisterin einer geistreichen Prinzessin zu sein, in den Wahn, selbst fur geistreich gelten zu mussen, und suchte durch leichte, humane und elegante Manieren die Herzogin von Bellefonds zu persifliren, deren steife spanische Grandezza uber die kleinste Abweichung von der Regel den Bannfluch sprach. Sie war daher leicht zu jeder Stunde zuganglich, verbaute den Eintritt bei Madame nicht durch ihren eignen Willen und war stets in eine Wolke von Parfums gehullt, mit Vogeln, Hunden und Katzchen aller Rassen umgeben; ubrigens aber die beste Frau der Erde.
Sie nahm nicht allein Leonin's Besuch gnadig auf, sondern begab sich auch zugleich zu Madame, ihr die Bitte des jungen Grafen vorzutragen. Doch kam sie bald und mit sehr verlegener Miene zuruck, indem sie eine vollig abschlagige Antwort zu bringen hatte, da die Prinzessin allein zu bleiben wunschte.
Leonin fuhlte sich hierdurch ganz aus dem Wege gedrangt, den er sich als den leichtesten und bequemsten gedacht hatte, und schlich, in tiefes, unruhiges Nachdenken versenkt, uber die Galerien und Vorsale zuruck, vollig unsicher, was ihm jetzt zu thun obliege. Einen Augenblick trat er an die Brustung einer offenen Galerie, die vor der Prinzessin Kabinet vorbeilief und in die Garten niedersah, um, ehe er seinen Wagen bestieg, zu wissen, wohin er ihn richten sollte; da horte er eine Flugelthur aufgehn, die unmittelbar in die Zimmerreihe von Madame fuhrte, und der Marquis de Souvre eilte mit schnellen Schritten daraus hervor.
"Souvre! Crecy!" riefen Beide uberrascht. "Also die Prinzessin war nicht allein?" fuhr Leonin laut denkend heraus. "Mich nur wollte sie nicht sehen?"
"Sie sind ja in vollkommen hypochondrischer Laune!" lachte Souvre "Was haben Sie denn? Im Ernste, Sie sehn entsetzlich tragisch aus; ich erkenne den leichten, heitern Gesellschafter der Mademoiselle de Lesdigueres nicht wieder!"
"Lassen wir das, Marquis!" rief Leonin "Sagen Sie mir nur, ob Sie bei der Prinzessin waren, ob keine Moglichkeit ist, bei ihr Zutritt zu erlangen?"
"Nachdem Madame de Grammont mit ihrem Gesuche abgewiesen worden ist?" fragte Souvre "wo denken Sie hin! Doch, lassen wir das was gehen uns die Launen der Prinzessin an! Wer sagt Ihnen, dass ich bei ihr war? Das kann ja Alles von keinem Belange sein."
"Es ist wichtiger, als Sie denken, Souvre!" erwiederte Leonin. "Ich muss morgen fruh nach Ste. Roche abreisen; der Prinzessin, dieser edeln, fuhlenden Seele, will ich mich vertrauen, sie muss den Konig fur meine Bitten gewinnen, dann werden meine Aeltern nicht widerstehen!"
"Nun dem Himmel sei Dank, dass Sie an der Ausfuhrung dieses wahnsinnigen Unternehmens gehindert wurden! Was glauben Sie, dass der Erfolg gewesen ware? Ihre vollige Ungnade, des Konigs ungemessenster Zorn, und wahrscheinlich einige so gewaltsame Maassregeln, dass Sie schwerlich Ste. Roche so bald mochten erreicht haben!"
"Nein, nein, Souvre! Nein, Sie irren; das wurde der Konig nicht thun, am wenigsten an Jemandem, der meinen Namen tragt."
"Gerade darum," entgegnete Souvre, emport uber den Hochmuth dieses Thoren, der, immer noch zu sicher, immer noch nicht unglucklich werden wollte "gerade deshalb wurden Sie seinen starksten Unwillen auf sich ziehen. Sind die Crecy-Chabanne nicht Vettern des Konigs? Ihre Verbindungen sind daher, wie er annimmt, von ihm abhangig. Waren Sie noch nicht hier, wie das Verlobniss des Grafen von Harcour mit Mademoiselle de Roux auf seinen Befehl getrennt ward; da ein Harcour sich nur mit seiner Bewilligung, nach seiner Wahl, mit einer Tochter aus den alten Familien des Reichs vermahlen darf?"
"Ich aber," sagte Leonin "ich, der ich schon vermahlt bin? bei dem von Auflosung nicht mehr die Rede sein kann?"
Souvre trat ein Paar Schritte naher, und dicht vor Leonin stehend, sagte er so spottisch herausfordernd, wie er vermochte: "ist es moglich, haben Sie hier umsonst gelebt? Sie, Sie konnen noch von dieser Vermahlung als einer Wirklichkeit sprechen? Sie konnen glauben, dass irgend Jemand, vom Ersten bis zum Letzten, diese Verbindung fur rechtmassig, fur bindend ansehn werde? Fragen Sie, wenn Sie konnen, Ihre Priester, Ihre Verwandte, die Minister, die Armee, den Konig und wenn Sie Zeit haben, die Antwort zu horen, so werden Sie ein und dieselbe horen. Niemand wird Sie fur vermahlt halten. Niemand wird es fur moglich achten, dass ein Crecy-Chabanne ein Vetter des Konigs ein Katholik uberdies, eine englische Pfarrerstochter ehelichen konnte, die eine Ketzerin ist. Niemand denkt daran, dass eine Procedur dieser englischen Kirche, die uberdies den Minorennen, ohne Einwilligung der Eltern und des Konigs Dastehenden, vor aller Augen als ein Opfer der Intrigue erscheinen lassen wird, rechilich oder kirchlich binden konnte. Daher rathe ich Ihnen als Freund treten Sie mit dieser kleinen Jugendthorheit nicht in die Schranken; Sie werden sonst von Waffen besiegt, die am unleidlichsten sind Sie werden ausgelacht werden!"
Leonin stand dieser stachelnden Rede mit einer sol
chen Abspannung gegenuber, dass sie vergeblich ihn zu kranken suchte. Er hatte nicht umsonst auf dem gefahrlichen Boden so lange gelebt, und Souvre wusste das besser, wie er. Was eben schonungslos vor ihm beim Namen genannt werden konnte, war in vielen kleinen Anklangen ihm schon langst verstandlich geworden, daher uberraschte es ihn nicht; aber er wusste sich nur, wie immer, keinen Rath.
"Dessen ungeachtet muss ich nach Ste. Roche," hob
er endlich erwachend an "das ist eine heilige Pflicht, mag sie verzeichnet stehen, wo sie will!"
"So thun Sie es," sagte Souvre sorglos "nur ver
schweigen Sie die Veranlassung! Ich muss Madame de Bellefonds diesen Morgen noch sprechen, ich will ihr sagen, dass Sie die Majestaten von Ihrer Abreise unterrichtet. Warum sollen Sie Ihr Hotel Biron nicht so gut haben, wie der Konig?"
Das war zu stark es blitzte alles bessere Gefuhl
in Leonin auf, zu heftiger Entgegnung richtete er sich in die Hohe; aber schon glitt Souvre leicht grussend die grosse Treppe hinunter und liess Leonin mit einem Gefuhle von Schmerz und Entwurdigung zuruck, wie dieser Feind seiner Ruhe es ihm nur wunschen konnte.
Blind und betaubt verfolgte er indessen die Rich
tung, die er genommen; die Stimmung, in der er sich befand, war Fennimor's nicht wurdig; aber sie war doch von Gefuhlen untermischt, die einem edleren Bewusstsein angehorten. Das Eine, dass er jetzt zu ihr zuruck musse, blieb wenigstens vorherrschend und hielt den anderen Eindrucken, die nur zu viel Wichtigkeit fur ihn bekommen hatten, das Gleichgewicht.
Seine Mutter nahm seinen spateren Besuch nicht an. Sie empfing, wie er bemerkte, heute alle Morgenbesuche personlich und liess Leonin ein grosseres Diner ansagen. Noch ehe dieser sich zu seinem Vater begeben hatte, wusste sie Alles, was in seinem Zimmer vorgefallen, und eine kurze Unterredung mit dem Marquis de Souvre machte die Mine springen, die Beide seit langer Zeit fur diesen Fall bereit hatten.
Souvre, der bei der unglucklichen, durch ihr Herz verstrickten Henriette immer Zutritt hatte, erschien eine Stunde fruher, und Madame erfuhr, dass Leonin alle Hoffnung habe aufgeben mussen, in die Armee eintreten zu konnen, da der Marschall unerschutterlich seinem Vorsatze getreu bleibe; dass er jetzt verzweifle, der Konig werde ihn bei Hofe anstellen, und sich entehrt und herabgesetzt halte. Die Marschallin liess der Prinzessin ihren Schmerz hieruber ausdrukken, und ihre Hilfe, ihren Beistand bei dem Konige nachsuchen. Die Prinzessin versprach mit ihrer gewohnten Gutmuthigkeit, dass sich Alles diesen Abend bei der Konigin ausgleichen solle.
Die Marschallin erschien nicht fruher, als bis ihre Zimmer sich gefullt hatten, und kein Raum mehr fur ein vertrauliches Wort vorhanden war. Als sie ihrem Sohne begegnete, blieb sie stehen, und in der Gegenwart von einigen zwanzig Zeugen sagte sie plotzlich: "Sie wollen uns morgen verlassen? Sie sind sehr eilig, Ihre schonen Besitzungen in Ste. Roche in Augenschein zu nehmen! Doch mussen wir Ihren Eifer loben mehrere Ihrer Vorfahren pflegten von Zeit zu Zeit sich dort aufzuhalten. Ihre Eltern haben diese Neigung nicht gefuhlt vielleicht werden Sie darin Ihren Ahnherren wieder ahnlicher. Wir werden uns diesen Abend bei der Konigin sehn!"
Als sie bei diesem Winke das Wort an einen Anderen richtete, fuhlte Leonin zuerst etwas wie Groll in sich aufsteigen, und sein gequaltes Herz malte sich in seinen bleicher werdenden Zugen.
Mit demselben Ausdrucke noch sah ihn die sanfte Henriette von England am Abende bei der Konigin, in dem ungewohnlich vergrosserten Zirkel, und ihr theilnehmendes Lacheln wollte ihn aufrichten; da sie hoffte, er wurde durch ihre Vermittlung noch Alles diesen Abend erreichen, was seine sichtlich gekrankte Stimmung verrieth.
Nach dem Erscheinen des Konigs, der sehr bald seinen Platz neben seiner schonen Schwagerin einnahm, ward es Leonin moglich, sich Mademoiselle de Lesdigueres zu nahern, die mit der grossten Theilnahme ihn aus der Ferne beobachtet hatte. Er fuhlte sich, wie immer, an ihrer Seite erleichtert; sie schien ihm heute vor Allen das einzige menschliche Wesen in diesem Kreise, und er glaubte, nach der gewohnlichen Weise der Manner, sich jeder Empfindung hinzugeben, ohne der nothwendigen Missdeutung ihrer Aeusserungen gedenken zu wollen, dass er ihr endlich die ganze Weichheit und Erschutterung seiner Seele zeigen durfe. Er sagte ihr, dass er am andern Morgen abreisen werde er sagte ihr, wie schwer sein Herz sei, wie es ihm scheine, er werde nie wieder hierher zuruckkehren; wie alle Hoffnungen, alle Wunsche auf diesem Schauplatze des Lebens ihm versunken waren, und er sich nur wieder finden konnte in der Einsamkeit von Ste. Roche er verliesse hier Niemanden mit schwerem Herzen; allein die Trennung von ihr bekummere ihn tief gern, gern wurde er ihr sein ganzes Herz aufgeschlossen haben, aber er musse furchten, dass sie ihn alsdann fur immer aus ihrer Nahe verbanne, und es wurde die Brucke, die ihn zuruckfuhren konne, vollig abbrechen heissen, wenn er Sie nicht als seine Freundin wieder zu finden wisse.
Er sagte ihr dies Alles mit einem Tone der Stimme, der die tiefste Herzensbewegung ausdruckte, und blickte sie dabei mit einer Bewunderung an, die ihre ungewohnliche Schonheit ihm immer einflosste, und die ihm dies Mal durch den Ausdruck ihrer Zuge, durch den Wechsel ihrer Farbe besonders auffallend schien.
Viktorine fuhlte seine Worte, seine Blicke, seine ganze Stimmung mit der vollkommen gerechtfertigten Ueberzeugung, von ihm geliebt zu sein und sich jetzt als die Ursache seiner Verzweiflung, seiner Abreise ansehen zu mussen. Hatte man Leonin die Aufgabe gestellt, Viktorine nach und nach von seiner Liebe zu uberzeugen, die ihrige zu gewinnen, er hatte diese Aufgabe nicht besser, nicht vollstandiger losen konnen, als durch sein, seit Monaten verfolgtes Verhaltniss zu ihr. Dessen ungeachtet glaubte er keine Berechtigung der Art verschuldet zu haben, da er nie formlich um sie geworben, innerlich sich diese Absicht nicht eingestanden. Er hatte den Genuss des Augenblicks in ihrem Umgange gesucht, er hatte mit Eitelkeit nach ihrer Gunst gestrebt und wenig nachgefragt, ob die Mittel, die er zu Beidem wahlte, das unbewachte, argwohnlose Herz eines Madchens mit Hoffnungen erfullten, die der ihr bewiesenen Liebe gemass sein mussten. Er wurde jeden Vorwurf voll Erstaunen zuruckgewiesen haben, da er ja niemals um ihre Hand geworben hatte; und doch wurde er dieses letzte Formular der Liebe selbst fur uberflussig gehalten haben an einer andern Stelle, wo er doch nicht mehr hatte thun konnen, als hier, wenn er diese A b s i c h t hatte ausdrucken wollen. Was Leonin uberdies nicht wusste, Viktorinen aber von ihrer geschwatzigen Mutter langst vor seiner Bekanntschaft verrathen ward, war das, zwischen der Marschallin und dem Hause Lesdigueres unter Genehmigung beider Majestaten, abgeschlossene dereinstige Ehebundniss ihrer beiden Kinder. Mademoiselle de Lesdigueres war allerdings an Rang und Reichthum die ausgezeichnetste Partie des Hofes die Marschallin konnte nicht kluger wahlen, und die Personlichkeit des Frauleins schien, selbst unter den spater eintretenden Verhaltnissen Leonin's, ihren Sieg zu sichern.
Doch Viktorine grollte jedem Zwange, und sie beschloss, Leonin so abstossend und hart zu behandeln, dass die Eltern ihre vorschnellen Plane aufgeben mussten. Wie sie es versuchte, haben wir erwahnt; eben so, wie sie nach und nach das Opfer jener gewohnlichen, edeln weiblichen Tauschung in Bezug ihrer Einwirkung auf Leonin's Karakter wurde, der ihr noch unvollendet erschien. Jetzt liebte sie ihn und nicht mehr, was er durch sie werden konnte, war die Frage sondern, ob er ihr, so wie er war, gehoren konne und wolle.
Trotz dieser starker werdenden Empfindung aber besass sie zu viel Karakter, um einem Vorsatze untreu zu werden, der ausserdem ihr edles Herz erfullte dieser war, ihre Gebieterin, die Konigin, die sie anbetete, die Viktorine als Freundin und Vertraute zartlich wieder liebte, nie ganzlich zu verlassen; da sie sich bewusst war, mit ihrem allein treu und wohlmeinend gesinnten Herzen das vielfache Bose, das in dem Verhaltnisse beider Ehegatten lag, zuweilen abhalten, mildern oder versohnen zu konnen. Sie hatte daher der Konigin, wie dem Konige in ihrer unumwundenen Weise erklart, sie wurde nur dann Leonin's Gattin werden, wenn seine Verhaltnisse auch ihn auf irgend eine Weise an die Person der Konigin fesselten, die sie nie verlassen wolle.
Beide Majestaten hatten vielfach Gelegenheit gehabt, den Werth dieses edeln Wesens zu erkennen, sie waren daher dankbar fur eine so hingebende Aufopferung und hatten langst eine solche Stelle bei der Konigin fur Leonin bestimmt, deren wirkliche Uebertragung nur durch die bereits mitgetheilten Kabalen der Marschallin und des Marquis de Souvre aufgehalten wurde.
Viktorine konnte jedoch nicht zweifeln, dass Leonin von ihrer Weigerung, unter andern als den genannten Umstanden die Seinige zu werden, unterrichtet sei, dies fur Mangel an Liebe halten musse, und dadurch in die Stimmung sich versetzt fuhle, in der sie ihn vor sich sah. Hoch wallte daher ihr Herz dem Wunsche entgegen, ihm offen ihre wahre Empfindung gestehen zu durfen, und mit der Gemuthsbewegung, die sie in Leonin's Augen so schon machte, horchte sie seinen Worten, d a s heraus zu finden, was ihr dazu Gelegenheit geben wurde. J e d e s schien ihr dazu Veranlassung; aber ehe sie ihre stolze Schuchternheit uberwinden konnte, erhoben sich die Majestaten, um einem Concerte beizuwohnen, welches Lully mit seinem ausgezeichneten Orchester im Nebensaale auffuhrte.
Hier kam der verhangnissvolle Augenblick, wo der Konig, an Leonin vorubergehend, stehen blieb und, ihm mit dem wohlwollendsten Lacheln zunickend, sagte: "nun, Graf Crecy, Sie wollen Ihre Besitzungen von Ste. Roche ubernehmen?"
Leonin beugte sich bejahend bis zur Erde.
"Bleiben Sie nicht zu lange fort die Konigin wunscht Sie um ihre Person zu beschaftigen ich habe Sie heute zum Kammerherrn und Reisekavalier ernannt und werde mich freuen, wenn dies auch Ihre andern Wunsche zur Reife bringt."
"Madame," sagte er, zur Konigin sich wendend, "sind Sie zufrieden?"
Die Konigin verbeugte sich gegen den Konig, der huldvoll grussend voranging, wahrend die Konigin noch einige Augenblicke verweilte, um Leonin einige hofliche Worte zu sagen und seine Dankbezeigungen anzunehmen.
Kaum hatten die Herrschaften den Saal verlassen, als der ganze Hof auf Leonin einsturzte, um ihm Gratulationen auszusprechen, die so den Stempel der herzlichsten Theilnahme trugen, dass, wer den Kreis nicht kannte, hatte glauben konnen, Leonin sei hier in dem Zirkel einer ihn zartlich liebenden Familie.
Eben so empfing die anwesende Marschallin die schonsten Worte des Antheils, die sie jedoch besonders kalt und ubellaunig aufnahm, nur gegen den Konig und die Konigin in ein Meer vorschriftsmassiger Huldigungen ubergehend. Ihr war allerdings ein bedeutender Grund zum Missfallen gegeben, und um so mehr, da es ihr unerklarlich war, von welcher Seite ihr diese Storung ihres Planes kam. Die plotzliche Ernennung von Seiten des Konigs sollte es Leonin unmoglich machen, nach Ste. Roche zu gehn, und eben der Konig erwahnte diese Reise als angenommen und erlaubt, die durch diese Erwahnung jetzt sogar unumstosslich geworden war.
Die Marschallin konnte auch den Zusammenhang nicht ahnen; denn die Ursache davon war die gute, empfindsame Grafin Grammont gewesen, gegen die Leonin, als er die abschlagige Antwort der Prinzessin erhielt, in der gedankenlosesten Befangenheit eine Unruhe und Angst, nach Ste. Roche zu kommen, ausgesprochen hatte, von der die gute Dame so geruhrt ward, dass sie ihm wenigstens diesen Dienst nach der missgluckten Audienz zu leisten wunschte und die Prinzessin mit Bitten besturmte, diesen Wunsch des armen jungen Mannes doch beim Konige zu vertreten. Henriette hatte dies mit ihrer unbefangenen Gutmuthigkeit gethan, und der Konig es bewilligt.
In welcher Bewegung jedoch Leonin durch die plotzlich auf ihn einsturmenden Eindrucke sich fuhlte, wurde unbeschreibbar sein! Das angeregte Verhaltniss zu Fennimor entkraftete zwar in etwas den Triumph dieses Abends; aber er wurzelte schon zu tief in diesen Zustanden, um nicht das Aufbrausen des Ehrgeizes mit Wonne zu fuhlen; und sich endlich sagen zu konnen, das er erreicht habe, was er gewollt, belebte sein Antlitz, dass Jeder darin das erfullte Verlangen erkennen musste.
Auch Viktorine, wahrend des Concertes hinter dem Stuhle der Konigin gefesselt, erkannte mit hoherem Herzschlage das veranderte Ansehen Leonin's; ihre Blicke suchten und fanden sich, und das edle Madchen, so nahe sich der Auflosung ihres Zwanges wahnend, liess ihn in ihren Augen ihr ganzes Gefuhl lesen.
Jetzt erhoben sich die Herrschaften und begaben sich, von ihren nachsten Umgebungen gefolgt, grussend an der Menge voruber, in ihre Zimmer. Leonin stellte sich Viktorinen bei diesem langsamen Zuge absichtlich in den Weg. Sie sollte ihm Gluck wunschen freudig blickte er, herausfordernd zu ihr auf.
Sie glaubte ihn zu verstehen. "Leonin" sagte sie, bebend mit gluhenden Wangen und gesenkten Augen, "ich kenne die Wunsche unserer Freundin ich kenne die Wunsche unserer Familien ich habe S i e verstanden, und mein Herz widerstrebt diesen Wunschen nicht langer, da sie mein erstes Gelubde gegen die Konigin nicht aufheben werden. Die Konigin kennt unsere Wunsche und billigt sie. Nach Ste. Roche also! Ich breche die Brucke nicht ab, die zu mir zuruck fuhrt!"
Schnell folgte sie dem Zuge. Es war ein Gluck Leonin war an ihren Worten zur Salzsaule geworden; sie sah es nicht mehr.
"Wollen Sie mir Ihren Arm geben, mein Sohn!" sagte die Marschallin in diesem Augenblicke. "Sie werden, denke ich, nicht eher abreisen, bis Sie Ihrem Vater Ihre so uberaus ehrenvolle Anstellung mitgetheilt haben."
"Gewiss nicht," erwiederte Leonin und fuhrte die Marschallin zu ihrem Wagen, bestieg den seinigen und eilte in sein Zimmer, alle Bedienung fortschikkend, um allein zu bleiben der unglucklichste Mensch der Erde, wie er wahnte. Die Walder von St. Roche, die Garten, die das Schloss zunachst umgaben, die Weideplatze und Wiesengrunde, die daran stiessen, Alles prangte in dem schonen Grun des Juni-Monats, und schien der Seligkeit einer vollstandig erreichten, uppigen Entwickelung hingegeben. Taglich sich nachdrangende bunte Blumen, die zarten ersten Fruchte, die an Strauchern und Pflanzen glanzten, Alle schienen sich in den grunen Hallen ein Willkommen zuzujauchzen, als heitere Gespielen, fur die der Boden ergrunet. Auch standen diese schonen Ankommlinge an einander gereiht, wie reizend geschmuckte Tanzer, bereit, den schonen Sommerreigen uber die Erde zu tanzen; und in den blauen Luften, in den schattigen Lauben erklang dazu aus tausend kleinen verschiedenen Kehlen ihr melodisches Orchester. Warme Sonnenstrahlen belebten den langen Tag, tauige Nachte erfrischten die duftende Schonheit der ganzen Natur.
Leise aufhorchend so vielen Wundern, sie alle belauschend mit kindlich wachsamem Auge, so vertraut damit, so beseligt dadurch und zugleich so schuchtern, so behutsam, als konnte ein zu kuhnes Hinblikken oder Beruhren die kleinen fleissigen Arbeiter in ihrem Aufbluhen, Duften und Reifen storen so glitt Fennimor's leichter Fuss durch die Pracht des Sommers! Sie wusste nicht, dass sie keine aufbluhende Blume zu beneiden hatte selbst so reizend erbluht, dass sie zu ihnen zu gehoren schien; und wenn das kindliche Antlitz aus den volleren Falten ihrer Kleider schaute, konnte man vergleichend sagen: die Knospe beuge sich uber die aufgebluhte Blume, an demselben zarten Stengel getragen.
Sie wollte immer unglucklich sein, da Leonin noch fehlte; aber sie konnte doch nicht Zeit dazu finden vor all der Herrlichkeit in und ausser ihr. Die Thranen, die sie weinte, waren wie die kurzen Nachte, sie dauerten nicht lange; denn mit der Sonne was kamen da all fur susse Gedanken! Emmy Gray hatte ihr endlich entdecken mussen, was ihr geschah; und nun war es ihr, als ob der Altar des Herrn in ihr errichtet sei, und sie hatte in aufhorchender Stille auf ihren Knien, auf denen sie Emmy's Verkundigung erfuhr, liegen bleiben mogen, damit sie heilig wurde zu der grossen Gemeinschaft mit Gott, wie sie sagte. Wie lange konnte sie still und in sich gewendet zwischen den Blumen sitzen, und gar Nichts wollen, als voll anbetenden Erstaunens das Wunder bedenken, zu dem Gott auch sie berufen. Ihre Augen waren so ernst, so tief und forschend auf dies heilige Geheimniss gerichtet, und um ihren Mund nur schwebte das kaum angedeutete Lacheln unaussprechlicher innerer Wonne und all die kleinen unschuldigen Kindereien, die dazwischen ihre Gedanken beruhrten und sie in die seligsten Spielereien mit dem kleinen, noch verhullten Gefahrten versenkten, flatterten durch den ernsten Kultus ihrer Empfindungen, wie geflugelte Engel um die Glorie der Mutter Gottes.
Mit Lesueur hatte sie auch ihre grosse Noth gehabt, weil er von Gott gelassen und sich nun vor ihm furchtete; aber sie hatte sich schnell daran gemacht und traute sich uberdies jetzt mehr zu, da sie dachte, in ihrem Zustande musse man ihr auch mehr Glauben schenken. Da war ihr denn auch Alles mit ihm gelungen, wie wir schon wissen, und sie war dessen recht froh und sagte oft zu Emmy: "was wollen sie doch machen, wenn eine Mutter zu ihnen redet da ist ihr Unglaube ja gleich uberwunden; das grosste Wunder steht vor ihnen, sie m u s s e n glauben lernen!"
Doch vergeblich sah Emmy Gray vor ihren Augen das ruhrendste und reinste Bild gottlicher Gemeinschaft und des daraus entstehenden heitern Friedens, der alle Angst der Welt besiegt ihr armes, leidenschaftliches Herz fasste es nur auf, um sich zu kranken, zu erzurnen, und der Heiligenschein, den sie um ihren Liebling leuchten sah, steigerte nur ihre Anspruche fur eine irdische Welt, die ihr dafur einen Lohn zahlen sollte, ihren eiteln Wunschen gemass; die Bitterkeit daruber, dass er ihr noch immer verweigert sei, verzehrte sie fast.
Wenn Fennimor den Zustand ihrer Gefahrtin erkannt hatte, wurde sie gewiss mit dem Uebel in Kampf getreten sein. So aber verdeckte Emmy mit unerschutterlichem Schweigen ihr Inneres; denn konnte sie auch ihren Abgott in Nichts nachahmen, so flosste Fennimor ihr doch eine an Ehrfurcht grenzende Schonung ein; und wie ihr Nichts gut genug fur sie schien, so nahm sie auch sich davon nicht aus, und es war in ihrem Grolle mit begriffen, dass ein solcher Engel keinen andern Umgang haben solle, als so ein geringes Weib, wie sie.
Lesueur's Ankunft erfullte sie zuerst mit Hohn, Verachtung und Misstrauen: er kame nur, damit der Herr Graf wegbleiben konne er solle ein Gesellschafter sein, wozu dieser sich zu gut halte. Von Malern hatte sie uberhaupt geringe Begriffe; sie schienen ihr durchaus unnutz, umsonst da; und dass dieser kranke, bleiche, verfallene Mann in die Gesellschaft ihres Engels treten sollte, schien ihr ein wahrer Spott.
Dagegen schlug Fennimor vor Freuden in die Hande, dass sie endlich einen Maler sehen sollte, weil sie von dessen Berufe auf Erden die grossten Begriffe hatte, und so gern wissen wollte, wie ein Mensch aussehe, der sich begeistert fuhle, Gottes Werke nachzubilden.
Emmy horte kopfschuttelnd, wie sie sich freute und den Gast einzufuhren gebot. "Ach," sagte sie, "Alles muss ihr den Willen thun und was Schones werden, woran sie sich erfreuen kann. Gott mag es denen verzeihen, die ihr nicht das schicken, was ihrer wurdig ist!"
Als Lesueur darauf eintrat, verbeugte sich Fennimor so tief vor ihm, dass der stolze Kunstler errothete und sich noch tiefer vor der wunderbaren Schonheit neigte.
"Gott segne Euch!" sagte sie leise, wie ein Kind so schuchtern, "und Gott segne dieses Haus, wo ein Kunstler eintritt ein Schuler Gottes ein Berufener, seine Wunder nachzuahmen, wo wir andern nur zusehen konnen! Es muss eine grosse Gnade sein, das zu empfinden," fuhr sie fort, und schritt dabei neugierig, obwol noch schuchtern, auf den erstaunten Lesueur zu, um ihn recht genau zu betrachten, der indessen, durch eine so fremde Anrede um seine ganze Fassung gebracht, unsicher war, ob das liebliche Rathsel vor ihm ein Kind, eine Frau oder ein Engel sei.
Als Beide sich nun ganz nahe standen, und Fennimor's Augen den ersehnten Anblick eines Malers hatten ward sie sehr verwundert, dass ein Maler gerade so aussehen musste. Sie hatte sich weniger erstaunt gefuhlt, wenn er einen Purpurmantel um eine Tunika getragen hatte und den Lorbeerkranz um die Schlafe als dass er mude und krank, mit bleichen Wangen und schwankender Gestalt, in Kleidern, wie andere Menschen trugen, die ihm aber nicht wohl sassen, nun vor ihr stand und Nichts hatte, als Augen, aus denen sie spater das Geheimniss erklarte, und die auch jetzt so verstandlich zu ihr redeten, dass ihr sogleich eine andere Ansicht kam, die nicht minder ihr Gefuhl weckte, wenn auch ihren Pathos verdrangte.
"Ach Gott, Ihr seid ja krank, lieber Herr!" sagte sie mit dem weichsten Mitleidstone. "Wie wollen wir es denn machen? Ruht erst hier etwas, bis Eure Zimmer durchwarmt sind!1 Wir lassen dies Ruhebett an den Kamin tragen da legt Ihr Euch nieder, und wir breiten Decken uber Euch, dass Ihr Euch erwarmt. Ich kann auch gehn, wenn Ihr lieber allein bleibt, oder Euch etwas erzahlen, bis Ihr einschlaft oder vielleicht thut Euch etwas Wein gut?"
Lesueur war freilich nicht kranker, als gewohnlich; aber fast wunschte er sich, das zu sein, was ihn so in unmittelbare Beziehung zu ihrer Theilnahme brachte, und ohne den Willen dieser kleinen Heuchelei, liess er sich von ihr, als der Hulfe bedurftig, leiten. Wie drang sie dann in ihn, als sie ihn fur erfrischt und gestarkt hielt, ihr von all' den Wundern zu erzahlen, von denen sie seine Seele erfullt glaubte; und wie andachtig, scheu und ehrerbietig behandelte sie ihn wie festlich und schon liess sie Alles fur ihn bereiten, so froh der Ehre, mit einem Kunstler zu leben!
Und Lesueur war in eine Welt der Ideale getreten, deren Dasein er nicht fur moglich gehalten hatte. Was von der Geltung, dem Berufe des Kunstlers die Blutenzeit seines Lebens als susser Traum umgaukelt hatte, und den Raum des Entstehens den heitern Boden der Phantasie nicht verlassen durfte, um es nicht an der Aussenwelt verfluchtigt zu sehn dies ward ihm hier mit einem Ernste als Erwartetes, Wirkliches, Begehrtes abgefordert, und fand Raum und Existenz unter Umstanden, die selbst einem Wunder glichen, aber dennoch Wahrheit waren. Unter dem schuldlosen Betasten dieser Kinderseele fand er die K u n s t l e r s e e l e wieder ihre Traume und Entwurfe, ihre Absichten und ihr ganzes heiliges Selbstgefuhl durfte er wieder erwecken, eingestehen! Ja, er musste sich mit dem ganzen Schmucke bekleiden, damit sie ihn erkannte fur das, was sie in ihm suchte.
Vor ihrem Bilde mit einer Begeisterung malend, wie einst St. Lukas vor der heiligen Jungfrau, fuhlte Lesueur dennoch die Sonne des Lebens immer tiefer sinken; aber taglich sagte er sich: "es sei! Ist diese letzte Zeit meines Lebens doch die Erfullung des ganzen Vorangegangenen! Weiss ich doch jetzt, dass die grosse, heilige Bevorrechtigung, ein Kunstler zu sein, kein Gespinnst meines erhitzten Gehirns ist, dass es sich erfullt findet in Anerkennung und freudigem Festhalten da, wo die Seele der Menschen noch das unschuldige Auffassen behalten hat, das ohne den Conflikt mit der Welt die Wahrheit erkennt." Aber wie war Fennimor dagegen erstaunt, dass ein Kunstler von Gott hatte abfallen konnen, wie sie es nannte, und ein wahrer Heide werden, der viele kleine Gotter anbetete, die ihn sein Herz in der Welt hatte suchen lassen "und naturlich," sagte sie, "daran zu Grunde geht in Missmuth und Bitterkeit. Denn, wie sollten sie Dir treu bleiben, da Du den allein Treuen um sie verlassen hast? Hattest Du Gott vor Augen gehabt, was hatte Dir Lebrun wohl thun konnen, als Liebes und Gutes durch seine herrlichen Werke, wie Du selbst von ihm ruhmst und hattest Du die rechte Liebe gehabt, so hattest Du auch den rechten Frieden bekommen!"
Mit protestantischem Ernste griff sie sein mattes, inneres Treiben an, was, leidlich zur Ruhe gesprochen von ausseren Gebrauchen und Hulfsmitteln des katholischen Priesterthums, ihm keine Heilung der Seele geben konnte; da es ihn fern hielt von strenger Selbstrechenschaft, die, in das Formenwesen von Beichte und Absolution hinuber gezogen, ihn ganz von der Moglichkeit entfernt hatte, auf dem Wege der Religion sich mit der Welt wahrhaft zu versohnen.
"Was kann Dir denn das helfen, wenn ein Mensch Dich absolvirt," sagte sie eifrig "weisst Du nicht, dass Keiner ohne Fehl vor Ihm befunden ist? Warum thust Du nicht nach Gottes Geboten, der eben durch seine Offenbarung in Christo Dir sagt, Du sollst Ihn anbeten im Geiste; denn er ist ein Geist! Du bist getodtet durch Deine Priester, die sich zwischen Dich und den Geist Gottes drangen; denn das Fleisch das heisst, ihr fleischlich Wort todtet! Der Geist allein macht lebendig! Siehst Du nun wohl ein, welche Sunde es ist, die Andacht aus den Handen zu geben und trage zuzusehen, was Dir Andere zurecht machen und Dir davon uberlassen nach ihrer sundigen, menschlichen Einsicht? Ja, das sollte uns schon gefallen, wenn es so leicht abgethan ware! Wir aber, wir Protestanten, die wir nach der Lehre Christi leben mussen, wie die Evangelien sie lehren, wir wissen, dass es keine andere Rechtfertigung vor Gott giebt, als im Glauben an unsern Heiland, durch den wir alsdann die Kraft empfangen, die Sunde von uns abzuhalten und der Vergebung theilhaft zu werden, die er Allen verheissen, die an seine Versohnungskraft glauben. Wie kannst Du Dir also weiss machen lassen, ein Priester, der so gottlos ist, sich fur d e n auszugeben, der Gottes Gewalt an Dir erfullen konnte, also ein Gott selbst sein musste, konnte Dir sagen: Deine Sunde sei Dir vergeben!"
Dann erzahlte sie ihm von Ihrem Vater, wie demuthig er vor Gott gewesen und Alles an ihn verwiesen habe und von der Scheu vor sich selbst, die allein zu ihm fuhre.
Wahrend dem malte Lesueur seine Lehrerin und kaum hatte er einen Entwurf beendigt, so begann er schon den zweiten. Hundert Mal glaubte er sie malen zu konnen, immer neu, immer sie selbst und das grosste Wunder, das ihm vorgekommen. Dann las sie ihm mit ihrer Engelstimme die Evangelien vor, die er nie gehort, und vor deren heiligem Geiste er den ersten Schauer der Andacht fuhlen lernte, der bis dahin seinem Leben fremd geblieben war.
Beide fuhrten so ein lebhaft angeregtes Leben; in Fennimor aber tauchte eine Ahnung der verderbten Welt auf, die ihr bis dahin fremd geblieben war, und sie musste viel nachdenken; denn sie wollte das, was sie nicht mehr laugnen konnte, doch gern in Ordnung bringen, um Gottes Welt zu retten, wie sie dachte, damit auch das Bose seinen Platz bekame zu irgend einem guten Zwecke, da dies doch nothwendig sein musse, wenn man auch zuerst so sehr daruber erschrecke und erstaune. Oft nahm sie Lesueur in Rath, der seine langst verloren gegangene und vergessene Unschuldsseele mit heisser Sehnsucht um ihretwillen wieder suchte; und wenn er horte, wie scharfsichtig, wie tief denkend das Kind bloss aus Liebe zu Gott sich bestrebte, die Angelegenheiten der Erde zu ordnen und zu erklaren hatte er sie zum lauten Predigen in der Wuste des Lebens auffordern mogen. Denn Offenbarungen des Hochsten schienen ihm ihre Worte, und hatte er nicht ihren strengen, aufrichtigen Tadel gefurchtet, auf seinen Knieen hatte er ihr zuhoren mogen. Dagegen dachte Fennimor, wie herrlich ihr Leonin sein musse, von der bosen Welt umgeben, die er ertruge um Gottes Willen, und um die schone heilige Welt, der er zugehorte, dort zu zeigen und zu schutzen vor der fremden. "Aber mir ware es lieber," dachte sie, "ich bliebe daraus weg, und mit Leonin kame die schone edle Mutter, der liebe alte Vater und Louise hieher zu uns; denn wir sollen doch keine Versuchung aufsuchen also, was thun sie dort, wenn sie es hier besser haben konnen. Die hat auch Gott nicht zum Streite dorthin berufen, denen er zwei Stellen auf Erden gegeben, wo die eine ihm so viel naher ist! Nur, wenn Leonin es will, dass ich ihm folge, darf ich hier fort freiwillig muss ich nicht gehen dann aber ist es wieder Gottes Gebot, weil Leonin mein Mann ist!"
Wie erstaunte Lesueur uber die sichere Berechtigung, die sie zu ihren Verhaltnissen fuhlte, da er der untruglichsten Ueberzeugung war, wie keines der Rechte, die sie ruhig zu besitzen glaubte, in der Welt eine Geltung haben wurde, welche sie mit Recht zu beruhren furchtete. "Gott," rief er oft, wenn er allein war, die Hande ringend "wenn Leonin sie auch verliesse, wenn sie auch an ihm den Anhalt verlore und den Glauben wie nur zu gewiss die Eltern gar nicht fur sie existiren!"
Auf diesem Wege fand sich nach und nach eine naturliche Annaherung zwischen ihm und Emmy Gray. Beide hofften Manches von einander zu erfahren, und die Sorge um Fennimor erhob dies gegenseitige Forschen zu etwas Edlerem, als Neugierde.
Emmy Gray lockte bald aus Lesueur heraus, was ihre argwohnische Seele schon voraussetzte, und was ihm unter so entgegenkommenden Fragen unmoglich ward, zu verbergen. Von da an hielt sie den Abgott ihres Herzens fur verloren, und der Welt nur noch bitterer grollend, schien sie sich bald der einzige sichere Anhaltspunkt fur Fennimor. Sie erfasste diese Ueberzeugung mit einer Energie und einer Belebung ihres Geistes, die ihrer besonderen Befahigung trotz des Mangels der Bildung zuzurechnen war; und wenn ihre Gemuthsart nur finster und herrschsuchtig sein konnte, trat sie doch, von einem edeln Stolze unterstutzt, wurdig genug hervor.
"Lasst Ihr noch das Wiegenlied ihrer Hoffnungen, womit sie sich jeden Abend selbst einsingt," fuhr sie finster hinstarrend zu Lesueur fort "seht, wie sie heiter aussieht Nichts kann ihr mehr begegnen, glaubt sie sie ahnt auch nicht einmal, dass es etwas zu furchten fur sie giebt! Dass ein Mensch zu Zweien sein kann, wie der gottlose Herr Graf, dass er hier ihr Grab ausschmucken kann mit seinem goldnen Tand und doch ihr Herz brechen will und seinen Weltgotzen dienen, davon weiss sie nichts! Und wer mochte es ihr sagen? Gott wird die Stunde wissen, die s i e bricht aber auch jene mit dem schrecklichsten Fluche der Menschheit Beladenen zu jeder Qual der Holle verdammen wird, die Gott dem erwachten Gewissen vorbehalt!"
Nach der Vollendung des ersten Bildes erkrankte Lesueur bis zum Niederliegen. Fennimor theilte Emmy's Pflege personlich, so viel es ihre Lage ihr erlaubte, und rastete besonders nicht, fur seine Seele zu sorgen; da die Krankheit mit ihren truben Schleiern und den bittern Tropfen, die sie dem kranken Blute beimischte, wieder nieder zu werfen schien, was Fennimor in ihm schon aufgerichtet glaubte. Was Beide da eintauschten, war nicht von gleichem Werthe. Das Leiden machte den von der Welt und ihren egoistischen Berechtigungen verwirrten Lesueur rucksichtsloser in seinen Aeusserungen. Er wunschte den Zustand seiner Seele, den sie so ernsthaft tadelte, durch die Schilderung der Versuchungen zu entschuldigen, welche die Welt ihm geboten; und so rollte sich bei seinem Eifer, sie von der Schwierigkeit, sich rein zu erhalten, endlich zu uberzeugen, ein Bild dieser Zustande vor ihr auf, das sie in seiner verderbten Ausdehnung kaum zu fassen vermochte.
Zu spat erkannte er an ihrem maasslosen Schmerze daruber, was er verbrochen, und bestrebte sich nun um so aufrichtiger, durch seine eigne Hingebung an ihre Ermahnungen, ihre Seele zu trosten und zu erquicken.
Doch vermochte er nicht mehr ihre bis jetzt in harmonischem Gleichgewichte schwebende Seele von dem herben, schmerzlichen Nachdenken zu befreien, in welches der erste unausgleichbare Widerspruch der innern Welt zur aussern, die Seele in der Jugend versenkt. Nur ihre glaubensvolle Festigkeit erhielt sie und richtete sie wieder auf; und endlich war sie sicher und einig daruber, dass vielleicht nur kurzsichtige Menschen diese Erscheinungen bose fanden, und Gott, der die Herzen sieht, allein wisse, ob sie so Viel verschuldeten, als es den Anschein habe.
"Sieh'" sagte sie, "wenn ich nehme, als welch' ein boser Sunder Du Andern hast erscheinen mussen, so kann ich mich recht daran beruhigen, da Dir Gott doch dabei so viel Reue und so viel Gutes erhalten und Dir die Gnade, ein Kunstler zu sein, nicht entzogen hat, vielmehr Dein Herz innerlich immer in Wehmuth schweben blieb uber Dein ausserliches Verschulden. So wird es nun uberall sein! Wir mussen nur immer bedenken, dass Gott Alle gleich liebt, Alle seine Kinder sind da weiss er also als Vater, wo es ihnen steckt, wo er sie heimsuchen muss und wir durfen eigentlich gar nichts dabei haben, als still zusehen, wie er sie leiten wird, und mussen sie lieben, bloss darum, weil sie zu Gott gehoren."
Lesueur staunte mit wahrer Andacht dies lebhafte Bedurfniss Fennimor's an, das Bose zu annulliren. Er hatte das Gefuhl der Jugend vergessen, das sich von jedem Eindrucke frei zu machen sucht, der dem Glukke widerstrebt, den Menschen vertrauen zu konnen; und als er sie auf diesem Wege wieder zur Heiterkeit zuruckkehren sah, glaubte er, der Himmel musse ihr Leben behuten und beglucken, eine solche Frommigkeit zu belohnen.
Wir werden daraus die Stimmung erklart finden, in der Lesueur nach seiner Genesung und nach Vollendung beider Bilder bei Leonin eintraf, und die eben so schnell gefassten Hoffnungen, derselbe werde ihr gerecht werden.
Nach Lesueurs Entfernung hatte die Einsamkeit auf Ste. Roche hervortretender scheinen konnen; aber Fennimor glitt mit dem sussesten Lacheln heimlicher Lust uber den blumigen Rasen, durch die lichten Schattengange, und war in ihrem geheimen Einverstandnisse nicht mehr allein, sondern von tausend unnennbaren Freuden umgaukelt, als ob Engel vom Himmel zu ihr niederstiegen zu Spiel und Scherz! Sie hatte sich lieb und hielt sich hoch und stellte sich im Geiste hin vor Leonin als die reichste und schonste Gabe, die sie nun so sicher durch sich fur ihn bereitet glaubte. Dann stieg sie in das Thal hinab in das kleine Haus des Vikars, wo Veronika, die stille nonnenhafte Jungfrau, in Schonheit und Jugend prangend, neben dem jugendlich rustigen Vikar waltete. Wenn die Geschwister sie daher kommen sahen, schwebend fast und leise und vorsichtig, als behutete sie einen Schlummernden und sie Beiden die schlanke weisse Hand reichte, und das Engelslacheln und der leuchtende Blick auf Beide ihnen immer wieder aufs neue ihr Gluck erzahlte immer wieder die neue Antwort der Anerkennung zu begehren schien, dann sagte der Vikar oft, wenn sie wieder heim gegangen: "zur heiligen Jungfrau wird immer noch die Frau, die ihre Umwandlung als eine gottliche Verkundigung seiner heiligen Gemeinschaft empfindet!"
Gewiss war es, sie hatte fast keines Menschen nothig! Sie war gern bei den Geschwistern und bei Emmy Gray aber lieber fast noch mit sich allein, und selbst Leonin hatte nicht mehr den ersten Platz; "denn," sagte sie zu sich, "Gott hat seine heil'ge Werkstatt in mir da muss alles Andere weichen das kann ich recht fuhlen, wie er allein sein will bei mir!"
Mit Lesueur's Hilfe noch hatte Emmy Gray neben Fennimor's Schlafzimmer einen kleinen Raum benutzt, der nach dem Garten sah, und mit den reichen Stoffen, die Leonin zur Ausschmuckung der Zimmer gesandt, zu einer anmuthigen grunseidenen Laube umgeschaffen, worin sich nach und nach die kleinen lieblichen Gegenstande sammelten, deren verringerter Maassstab unser Herz mit Lust und Ruhrung erfullt und die Sehnsucht nach dem Anblicke des kleinen Wesens steigert, das dies Alles beleben soll mit seiner anmuthigen Erscheinung.
Wenn ihr Emmy sagte, dass die Zeit nahe sei, die ihr die Erfullung bringen wurde, erbleichte sie vor andachtigen Schauern und wunschte dann wieder, Leonin bliebe aus, bis sie das Segenszeichen im Arme truge. Das wunschte Emmy nicht. Noch hoffte sie auf Lesueur's Einwirkung; und dann sollte er auch die Weihe als Vater durchempfinden durch die Last der Angst um die schweren Stunden seines Weibes! Da sah sie, wie eines Morgens Fennimor's Wangen dunkler gluhten und sie nicht in das Thal hinab stieg, sondern auf dem sonnigen Sitze am Fusse des EudoxienThurmes ausruhte, wo sie den Weg in das Thal ubersah; und als sie zu ihr trat, war sie am fruhen Morgen schon wieder eingeschlafen, der Athem war kurz und beklommen, der Mund gluhte, und zuweilen stieg ein schmerzlicher Seufzer herauf. Da wendete Emmy Gray schnell den Schritt zuruck, und bald erreichte ein Bote den geschickten Arzt des kleinen Fleckens Ste. Roche, mit der Weisung, seine Wohnung in dem Schlosse aufzuschlagen. Emmy blieb aber, ein treuer wachsamer Huter, zu ihren Fussen sitzen, und Fennimor schlug nach kurzer, ungleicher Ruhe zu der Gefahrtin die Augen auf.
"Ich sah es!" rief sie und druckte entzuckt die Hande zusammen. "Ganz deutlich sah ich es! So klein und rund ist es, und seine Aeuglein sind wie Sterne! Ach! Emmy, nun muss Leonin bald kommen; denn ich werde eifersuchtig, dass ich all das Gluck allein geniessen soll!"
"Ja, ja," sagte Emmy "er konnte wohl hier sein, wenn Euch die Stunde schlagt der Vater gehort zum ersten Grusse fur sein Kind!" Doch brach sie nach diesen Worten ab; denn sie durfte ihrem zurnenden Herzen nicht trauen.
Am Abende erschallten Horner in der Ferne ein Reisezug flog durch das Thal. Als Fennimor es horte, sank sie auf ihre Knie und betete Emmy's Brust wollte zerspringen.
"Lebt sie, wo wo ist sie, Emmy, geliebte Emmy?" rief Leonin und weinte wie ein Kind, als er die sprode, schluchzende Gestalt wie eine Geliebte an seine Brust druckte.
"Sie ist ihrer Stunde nahe, Herr," sagte Emmy. Eis und Bitterkeit glitten dabei von ihrem Herzen; denn sein Gefuhl war keine Luge.
Da drangte er den Ungestum zuruck, und sie fuhrte ihn bis zu Fennimor's Zimmer. Sie hatte ihm nicht mehr entgegen eilen konnen ihre Fusse hatten gewankt sie sass, und ihr im vollsten Purpur gluhendes Engels-Antlitz leuchtete uber die bedeutungsvolle Gestalt.
Als er sie sah, ward sein Herz wieder fest aller Ungestum, alle Leidenschaftlichkeit war daraus verschwunden. Er fuhlte die ganze Heiligkeit ihrer Stimmung und lag weinend zu ihren Fussen, sein Gesicht in die Falten ihres Kleides bergend.
"Sieh nur, Leonin," sagte sie da uber ihm mit der klaren, sussen Stimme "sieh nur, wer ich bin!" Und sich kraftig fuhlend, erhob sie sich und stand vor ihm, und als er aufsah, erblickte er sie leuchtend vor Freude, mit der Gewissheit des hochsten Gluckes, das sie ihm zu geben hatte.
Und das war der Inbegriff von Allem, was sie ihm zu sagen hatte. Kein Vorwurf, keine Unsicherheit, keine Befurchtung als ob sie gestern das letzte Wort mit ihm gesprochen hatte, so ruhig, so froh und heiter knupfte sie wieder an. Nur lieblich, kindlich wehren that sie ihm er durfte nur leise mit ihr sein sie behutete sich ernst und doch halb kindlich spielend. Doch verhullte die Freude nur noch schwach die ahnungsvolle Bangigkeit, die immer schneller wiederkehrend in ihr aufstieg und Emmy Gray entfuhrte sie endlich aus Leonins Armen in ihr Schlafzimmer.
Als aber die ersten Strahlen der Juli-Sonne den Horizont rotheten, kniete Leonin nach einer unter tausend Qualen verlebten Nacht an Fennimors Bette, und sie sah an seiner Brust ihren Traum erfullt, und Leonin rief immer fort: "Fennimor, Fennimor, mein geliebtes Weib, Du hast mir einen Sohn geboren!"
"Und so klein ist er! und so rund! und seine Aeuglein glanzen wie Sterne!" setzte Fennimor leise lachelnd hinzu, wahrend grosse Thranen uber die blassen Wangen flossen, und die schonen matten Handchen sie nicht trocknen konnten.
Emmy's argwohnischer Tadel verstummte nach gerade vor dem glucklichen Vater, der, zwischen Fennimors Lager und der Wiege seines Kindes mit eifersuchtiger Sorgfalt Beide behuten wollte. Sie ward wieder hoffnungsvoll und heiter, und sah dem Glucke ihres Lieblings ohne so bange Schmerzen zu, als sie bisher erlitten. Und dennoch hatte sie Recht dennoch war es derselbe Leonin nicht mehr, der diese Stelle einst einweihte als das Ziel seines Strebens, als die Bestimmung seines Lebens!
Er war jetzt, was er an dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten war das Kind des Augenblicks. Hier von den edelsten Beziehungen der Menschen zu einander so warm ergriffen, wie dort von ihren eiteln Bestrebungen beherrscht keiner Lage ganz gehorend zu der einen zu eitel und ehrgeizig, zu der andern zu gut, zu tief in die Geheimnisse eines hoheren Lebens durch Fennimor eingeweiht uberall getheilt, zerfallen mit sich auf dem sichern Wege, das zu werden, was der Marquis de Souvre zu erreichen trachtete: ein unglucklicher, von verfehlten Lebenswegen irre gefuhrter Mensch!
In dem Augenblicke, wo er beinah mit Andacht sein Weib, die Mutter seines Kindes, betrachtete, wusste er, dass seine Verlobung mit Fraulein von Lesdigueres am Hofe deklarirt war, und seine Ruckkehr erwartet, um seine offentliche Vermahlung zu feiern. Er wusste, dass er diese gegen seinen Willen ihm uber den Kopf gewachsene Verpflichtung jetzt erfullen musste, oder dass er vor der Welt, deren Meinung ihm so wichtig geworden, entehrt dastehen, und auf ewig aus der glanzenden Gemeinschaft getrieben sein wurde mit der sichtbaren Gottheit Frankreichs mit seinem Konige. Jede ehrgeizige Hoffnung ware damit vernichtet gewesen, der Name, dessen stolzen Anspruch er jetzt erst begriff, zu dem trostlosesten Dunkel hinab gewiesen, und in der Verbannung keine Hoffnung auf Seelenruhe, da ihm der Fluch der Eltern und das Andenken an Viktorinens gebrochenes Herz folgen musste.
Am Morgen nach der uns bekannten Ernennung des Konigs, begab sich die Marschallin von Crecy, die sonst die Waffensale ihres Gemahls selten besuchte, dahin, dem zogernden Leonin zuvorkommend. Der Marschall musste die Aufmerksamkeit seiner Gemahlin anerkennen, dass sie schon am fruhen Morgen zu ihm eile, ihm sowol die Anstellung ihres Sohnes, wie die Verlobung desselben mit Mademoiselle de Lesdigueres anzuzeigen, die durch einige Worte der Majestaten, welchen allerdings die Sache ausser Zweifel war, fur beide Ehegatten die Sanction einer priesterlichen Einsegnung erhielt. So ward Leonin, als er spater dem Vater nur seine Anstellung mittheilen wollte, in doppelter Beziehung begluckwunscht, und der unbeschreiblich ungestume Jubel des alten Helden ertodtete jeden Versuch der Widerlegung in dem fast von diesen Eindrucken betaubten Sohne. Auch fand er ihn schon zur Halfte in seiner Marschalls-Uniform er wollte dem Konige seinen Dank abstatten und dann der alten Eule, der Herzogin Schwiegermama, wie er in lustiger Laune die Mutter Viktorinens nannte, die Reverenz machen "und ist Deine Liebste dort, dann soll sie einen Kuss haben, so wahr ich Marschall von Frankreich bin!"
Es ware eben so moglich gewesen, den Strom der Seine ruckwarts fliessen zu lassen, als den Marschall aus seinem, ihm von seiner klugen Gemahlin angegebenen Gedankenstrom zu lenken. Leonin machte einige vergebliche Versuche dazu; da sie jener aber lachend und tobend ganz uberhorte, sicher, er konne nur erfahren, was in diesen Ideenkreis hinein passe, riss sich Leonin endlich, fast wahnsinnig uber seine Lage, von seinem Vater los.
"So gehe denn, mein Kind, und komme bald wieder! Es ist mir zwar nicht Recht, dass Du jetzt das alte Nest Ste. Roche besuchen willst, und ich verstehe nicht, wie sich das mit Deinem schuldigen Respekte gegen die Majestaten und Deine Braut vertragt. Da es aber Deine Mutter billigt, der man in solchen Fallen wohl trauen darf, und Seine Majestat der Konig es in den Mund nahm, so habe ich Nichts zu erinnern; auch denke ich, man wird ums Wiederkommen nicht sehr zu bitten haben. He, mein Junge, das muss man sagen, sie haben Dir eine gute Partie gemacht die alte Eule von Mutter ist eine Schwester des Herzogs von Reetz, und die Lesdigueres werden herankommen an die Crecy und Soubise!"
Langer ertrug es Leonin nicht. Todeswund sturzte er sich in die Arme seines Vaters. Der Marschall nahm sein undeutliches Gemurmel fur Abschiedsworte, kusste und herzte und entliess ihn, seinen in Juwelen gefassten Ehrendegen aus der Hand des Kammerdieners nehmend und ihn mit geheimer Lust in das goldene Gehange steckend.
Leonin sturzte dagegen durch die Gemacher, die zu den Zimmern seiner Mutter fuhrten, und wer ihm begegnete, wich ihm aus und sah dem glucklichen Erben, auf dessen Haupt sich so viel Ehren hauften denn seine Anstellung und Verlobung war Allen bereits mitgetheilt voll Erstaunen nach, furchtend, eine plotzliche Krankheit habe ihn ergriffen. Er sah den Thursteher seiner Mutter, der ihn melden wollte, nicht, er druckte mechanisch die Thur auf, er erreichte ihr Kabinet und stand vor ihr, als sie eben die schwere Sammet-Robe abwarf; denn sie kam von dem Lever der Konigin, welche die Anwesenheit der Marschallin benutzte, um der Konigin Mutter, den Prinzessinnen und diesem hochsten Kreise Mademoiselle de Lesdigueres als die verlobte Braut des jungen Grafen von Crecy-Chabanne vorzustellen. Sie kehrte zuruck mit der stolzesten Selbstzufriedenheit, mit dem Gefuhl, ihr Ziel erreicht zu haben und indem sie sich umwendete, erblickte sie Leonin, und ein nie gekanntes Erbeben erschutterte ihren ganzen Korper; denn es war, als ob eine Donnerstimme ihr zuriefe: "triumphire nicht zu fruh e r wird das Opfer!" Doch war sie stets schnell gefasst. Ein Wink entfernte die Kammerfrauen; und als sie eigenhandig das Vorzimmer verschlossen hatte, war ihre ganze Selbstbeherrschung zuruck gekehrt, und in sich hinein sagte sie: "jetzt keine Schwache, er ist ja der Augenblick, den Du langst erwartet!"
Sie hatte diese Ermahnung nothig; denn als sie wieder eintrat, ging Leonin mit seinem todtenahnlichen Antlitze ihr entgegen und sagte mit leiser, heiserer Stimme und einem Ausdruck der Augen, der ihren Herzschlag aufhielt: "Retten Sie mich, Madame! Retten Sie mich!" Er wiederholte diese Worte so oft, so gleich schrecklich im Tone, dass sie glaubte, er sei wahnsinnig geworden.
"Vor allen Dingen komme zur Besinnung, mein Sohn!" sagte sie, vergeblich bemuht, ihrer Stimme Sicherheit zu geben. "Du bist in einem Grade uberspannt, der Dir die richtige Ansicht Deiner Lage unmoglich macht. Fasse Dich und habe Vertrauen zu mir; wir werden, in Uebereinstimmung handelnd, Alles beseitigen, was Dich uberwaltigt und qualt."
"Nein, nein, Madame," fuhr Leonin in demselben Tone fort "es kann nicht moglich sein ich bin nicht zu retten! Entweder hier entehrt vor dem Konige, vor allen Menschen oder dort vor Gott und mir selbst! Es ist nicht zu vereinigen, ich muss das Opfer werden!"
"Lassen Sie mich diese Sprache nicht horen!" sagte die Marschallin "mein Herz hat keine Nachsicht mit unmannlichen Empfindungen. Sie sind augenblicklich gerettet, wenn Sie anerkennen, welche hohe, ehrwurdige Verpflichtungen Ihnen Ihr Rang, als einem der ersten Unterthanen unseres erhabenen Konigs, auferlegt. Sie gehoren sich selbst nicht mehr an, kein Mensch hat ein Recht an Sie von dem Augenblicke an, wo der Konig uber Sie verfugt; Alles ist Nebensache k a n n und m u ss beseitigt werden zu Gunsten dieses e i n e n , hochsten Zieles! So, mein Sohn, denken alle, welche die Ehre haben, Franzosen Unterthanen des ersten Konigs der Erde zu sein. Doch, vor Allen denken so die hohen Vasallen der Krone, die Stutzen des Thrones die Crecy-Chabanne, die Rohan, Soubise, Montmorency, Latour d'Auvergne und ahnliche erlauchte Personen. Ist eine Jugendthorheit in ihren Lauf gekommen, so wissen Sie, dass keine der Art so hervortreten darf, dass sie diesen angestammten Verhaltnissen den kleinsten Schatten geben konnte; und da Sie nur e i n e Pflicht haben d u r f e n , so wissen Sie, was Sie von allen andern zu halten haben."
Da Leonin nicht antwortete, sondern seine Mutter mit dusteren, verwirrten Blicken anstarrte, fuhr die Marschallin mit steigendem Muthe fort: "so sehr ich es mir auch zum Gesetze gemacht habe, Ihrer Jugendverirrung nicht mehr zu gedenken, uberzeugt, Sie wurden im Laufe Ihres Lebens am Hofe, und bei erlangter Kenntniss der Verhaltnisse, die Ihnen allein zustehen, von selbst die nothigen Schritte thun, sich von jedem storenden Einflusse, der daher kommen konnte, frei zu machen muss ich doch einsehen, dass Sie mit Ihrer gewohnlichen Nachlassigkeit jene Jugendthorheit unverandert gelassen haben. Wie jedes Uebel dadurch wachst, dass wir es nicht anzugreifen wagen, so findet es sich auch bei Ihnen; da Ihre glanzenden Verhaltnisse, die Ihnen in allen Beziehungen die ersten und vollkommensten Gaben darbieten, Sie endlich auf die Spitze hintreiben, ergreift Sie das Gefuhl, dieser Auszeichnungen nicht mehr werth zu sein durch unwurdige Bande, denen Sie noch Geltung zugestehen."
"Nein, nein," unterbrach sie Leonin "nicht unwurdige heilige, heilige Bande! Ich bin vermahlt! Ich bin ein Bosewicht, wenn ich es laugne!"
"Hieruber, mein Sohn," sagte die Marschallin mit grosser Kalte, "kann ich mit Ihnen nicht streiten. Der Pairshof wurde Ihnen darauf antworten konnen! Doch wurde ich beschamt sein, wenn mein Sohn von einem Gerichtshofe erfahren musste, dass keine Handlung des Mineronnen, ohne Zustimmung seiner Eltern, irgend gesetzliche Kraft habe; noch mehr aber beschamt, wenn der Erbe des Namens Crecy-Chabanne in Zweifel daruber ware, dass er sich vor der Welt nur durch eine ebenburtige Vermahlung behaupten konne. Doch dies Alles habe ich nicht nothig; ich verweise Sie an Ihren Beichtvater; fragen Sie ihn, welche Kraft fur einen Katholiken eine so ungehorige ketzerische Vermahlung hat, und Sie werden errothen, der Spielball dieser Intrigue gewesen zu sein."
"O, meine Mutter," rief Leonin "gestatten Sie mir nur, Ihnen die Dinge darzulegen, wie sie wirklich sind! Sie finden mich ja nicht hartnackig, widerstrebend! Nur zu schmerzlich erkenne ich, wie unbesonnen und leichtsinnig ich gehandelt, wie das Wesen, das ich selbst aus freier Wahl in mein Leben verflochten, auf keine Weise in die Verhaltnisse meines Standes passt, die ich jetzt erst in ihrer Wichtigkeit erkannt habe! Aber ich beschwore Sie, wenn Sie mir helfen wollen, erkennen Sie an, dass dies Wesen edel und unschuldsvoll mit ihrem Vater mir vertraute dass sie keinen Zweifel an der Rechtmassigkeit ihrer Vermahlung hat und bedenken Sie, dass ich damals, als ich ihr zum Altare folgte, derselben Ueberzeugung war; mein Gelubde also zu Gott mit der vollen Zusage meines Innern drang! Wenn Sie diesen Grad von Rechtmassigkeit erwagen, werden Sie meine Lage um so schwieriger finden; Sie werden zugeben, wie elend ich mich fuhlen muss, zum Verrather an dem reinsten menschlichen Vertrauen zu werden oder vor der Welt als ein Thor dastehn zu mussen, der die Gnade unseres grossen Konigs zuruckweist und ein Madchen todtlich verletzt, die durch Rang und Verdienst, die Erste zu sein, wurdig ist."
Die Marschallin schwieg einen Augenblick und uberlegte, dass ihr Sohn, wie aus seinen eben vernommenen Worten hervorging, weit genug gekommen war, dass sie jetzt theilnehmend werden konne, um das Ganze zu vollenden.
"Es ist vielleicht die Schwache der Mutter, die mich mehr mitleidig, als zurnend macht; ich kann aber nicht ohne Theilnahme sehen, wie diese ungluckliche Sache Dein Herz beunruhigt, und ich will Dir vergeben, um Dir helfen zu konnen!"
Leonin sturzte ihr zu Fussen, um die dargebotene Hand an seine Lippen zu drucken. So gross war der Einfluss dieser Frau, dass ihre Zusage, ihm helfen zu wollen, eine Last von seinem Herzen walzte, als ob damit schon Alles eine andere, gunstigere Gestalt gewonnen habe. "Wir mussen daruber einig werden," fuhr sie dann ruhig fort, "dass diese eingegangenen Verbindlichkeiten, seien sie so gross, als sie Dir erscheinen oder so klein, als sie wirklich sind auf jeden Fall ganzlich fur Dich beseitigt werden mussen; und ich wurde, da ich Dir wenig Geschick fur diese Angelegenheit zutrauen darf, ungern in Deine Ruckkehr willigen, ware Deine Abreise nicht einmal von dem Konige erwahnt worden, und dadurch einem Befehle ahnlich zu betrachten, und damit Dir auch Zeit gegeben, eine Stimmung zu gewinnen, wie Mademoiselle de Lesdigueres sie von Dir erwarten darf. Doch verlange ich von Dir, dass Du jene junge, unwissende Person auf ihr nothwendiges Schicksal vorbereitest, entweder durch die bestimmte Darlegung Deiner jetzigen Lage, uber die Du fruher aus Unwissenheit so falsch urtheiltest oder, indem Du ihr durch Dein kaltes Betragen Dein verandertes Herz darthust. Ich werde indessen den Marquis de Souvre, der schon einmal der Vertraute dieser ungluckseligen Angelegenheit war, bewegen, sich der Sache aufs Neue anzunehmen, und er soll Dir nach Ste. Roche folgen und alles Uebrige feststellen und beendigen. Vorher musst Du Deinen Beichtvater sprechen; er wird Dir sagen, wie sehr Du Dich versundigt hast, eine Verbindung mit einer Ketzerin geschlossen zu haben, und wie Du diese Sunde nur suhnen kannst, indem Du sie aufhebst und widerrufest. Auch wird hierzu die junge Person durch ihres Landes Sitte, wie durch die Lauheit ihrer sogenannten Religion geneigt sein, da, wie ich hore, in diesem protestantischen England sie die Ehen schliessen und wieder auflosen lassen vor einem Gerichtshofe, welches denn beweist, was von solchen Verbindungen dort zu halten ist."
Da die Marschallin sah, wie ihr Sohn bei diesen Worten litt, und ihn jetzt zu keiner Vertheidigung reizen wollte, fugte sie milder hinzu: "Ich will nichts wissen von den Einrichtungen, die Du vielleicht triffst, um Deinem weichlichen Gefuhle zu Hulfe zu kommen. Ste. Roche ist ein Aufenthalt, der Dir allein gehort Niemand Deiner Familie wird ihn je aufsuchen die Revenuen erlauben Dir jede Freigebigkeit, und ist diese Person durch eine Art Scheidung, nach ihren Begriffen, von Deinem Namen und allen damit verbundenen Anspruchen fur immer getrennt, wird es Dir zustehen, sie in eine sorgenfreie Lage zu versetzen. Doch vergiss nicht, dass Dein Name durch keinen Andern sich fortpflanzen darf, als durch die Kinder, die Dir eine ebenburtige, rechtmassig kirchliche Verbindung giebt."
Wir mussen es mit Schmerz eingestehen, dass Leonin die Ausfuhrung dieser Vorschlage moglich fand und sich damit erleichtert hielt, seinem unsicheren, willenlosen Umhertappen gegenuber. Die alten Vorurtheile warteten nur auf die ihnen bequeme Stimmung, um sich sogleich zu Beherrschern zu machen, und was noch unvollendet blieb, kam in die Hande des Beichtvaters, der nur zu bald mit dem Gewissen Leonins fertig ward und, einer Ketzerin gegenuber, keine bindende Verpflichtung zugestand.
So vorbereitet, trat Leonin die Reise an, und mit diesem Hintergrunde finden wir ihn zu Fennimors Fussen, seinen Sohn im Arme!
Und dennoch war er kein Heuchler! Dennoch hatte er keine Luge gesagt, als Fennimor Alles horte, was ihr Herz beglucken konnte. Ja, um so weniger war er es, da dies vielleicht das eigentliche Leben war, wozu die Natur ihn bestimmt, und daher sogleich sein ganzes Wesen entgegen kommend fand, von allen Anklangen seines sanften, weichen Karakters unterstutzt. Die naturliche Richtung der Menschen bricht sich immer von Zeit zu Zeit Bahn, wie das eitle Leben auch ihre Fahigkeiten entkraftet, da sie keinen Werth haben bei Erstrebung ehrgeiziger Zwecke, und es ist gewiss vor Allem diesen heiligsten Empfindungen, die Gott der Elternliebe verliehen hat, und die auch das starrste Herz mit einem warmen Strome nie gekannter Wonne durchdringen, vorbehalten, den naturlich besseren Zustand des Menschen hervor zu rufen.
Dessen ungeachtet durfen wir Leonin nicht mehr mit dem glucklichen Junglinge verwechseln, der in Stirlings-Abtei diese edlere Seite des Lebens aufzufassen vermochte. Er taumelte dem neuen Gefuhle wie ein Trunkener in die Arme; aber die Verhartung des Herzens, die so leise und heimlich von der eigenen Mutter bis zu ihm geleitet war, hielt das letzte grosse Mittel der Natur, ihn bis auf den Grund zu reinigen, in seinem Einflusse auf und liess ihm eben keinen andern Eindruck nach, als den eines Trunkenen. Es blieb ein vorubergehender Zustand; er dachte, sich ernuchternd, daran, ihm keinen Einfluss zu gestatten auf die ihm mitgegebenen Plane seiner Mutter, und war nur bereit und mit wahrem Eifer erfullt, dieselben so liebevoll und schonend auszufuhren, als moglich.
Fennimor's Einfluss auf ihn, das Einzige, was ihn hatte erschuttern konnen, war durch die Zuruckgezogenheit gebrochen, in welcher die Pflege ihres Zustandes sie hielt. Mit andachtiger Strenge ertrug sie die Qual einer Pflege, die ihr Schweigen, ihr Lager und das verhangte Zimmer gebot; und so wurde Leonin oft von ihr getrennt und ihrem Zauber entzogen, den sie nur entwickeln konnte, wenn sie umher wandelnd die Dinge um sich her mit ihrem eigenthumlichen Geiste belebte. Dazu kam, dass der Gegensatz dieses Lebens zu dem eben verlassenen so ungeheuer gross war, dass auf die fieberhafteste Aufregung, die dort seine Tage belebt hatte, jetzt eine Abspannung eintreten musste, die er nicht der vorangegangenen Extase, sondern dem jetzigen, ihm trostlos leeren und gehaltlos erscheinenden Leben zuschrieb, welches allerdings durch Fennimor's Zuruckgezogenheit seines Hauptimpulses entbehrte. Er hatte in der daraus entstehenden Einsamkeit Zeit, sich zu wiederholen, dass er hier nicht mehr leben und glucklich sein konne und es war vorlaufig Alles, was er fur Fennimor in sich erhielt, dass er bedauerte, sie nicht von Verhaltnissen trennen zu konnen, die ihm jetzt niederbeugend schienen, nachdem er gelernt hatte, das aussere Leben uber das innere zu stellen.
Bald nahte der Augenblick, der ihn zuerst zwang, seine bedingte Stellung zu seinen jetzigen Verhaltnissen anzudeuten. Der Vikar erinnerte namlich nach dem vierten Tage, dass die Taufe des Neugebornen nach den Vorschriften der Kirche nicht langer verschoben werden konnte, und Leonin war dazu mit eben dem Leichtsinne bereit, wie er sie ohne Erinnerung vergessen haben wurde. Er bat den Vikar, daruber mit Emmy Gray die Verabredung fur den nachsten Morgen zu nehmen, und wollte sich eben beurlauben, als der Vikar ihn um die Namen bat; da er noch heute das Kirchenbuch ausfullen wolle, um in der Kirche dann die Unterschriften erfolgen zu lassen.
Vor dieser Erinnerung blieb der junge Graf, wie vom Blitze getroffen stehen! Der Trost jedes schwachen, unmannlichen Treibens, das Verschieben, das Hinhalten der Zustande, wie sie uns noch schonen und zu keiner Entscheidung zwingen, war ihm damit plotzlich entrissen und wir durfen ihm die Gerechtigkeit nicht versagen, dass er vor der Grosse des nachsten Schrittes erbebte und seinen Inhalt fast mit Verzweiflung erkannte.
Aber ihm war keine Ruckkehr mehr denklich, obwol er auch dort weder Genuss, noch Lebensreiz erwartete. Er sagte sich daher, sein Paradies sei fur ewig verschuttet der Sinn, durch den er es einst gefunden, sei verloren, und was alle Schwachlinge thun: er gab sich auf, um fortsundigen zu konnen!
Wie schnell seine Gedanken auch die Vorstellungen durchliefen, die wir hier andeuteten, die Lucke des Stillschweigens war dennoch da, und er traf auf einen Blick des Vikars, der ihm sagte, der kluge Mann beobachte ihn. Dies reizte seinen Stolz, und er hatte schon die Miene der vornehmen Welt gelernt, die eine Ueberlegenheit andeuten soll, die durch nichts denkt vertreten werden zu mussen und sich geschickt glaubt, die Anforderungen bloss menschlicher Rechte, die ihnen unbequem sind, damit zuruckzuweisen, als uber die Grenzen ihrer besondern Bevorrechtung streifend.
"Herr Vikar," sagte er mit dem dazu passenden Tone, "ich werde Ihnen Ihre Weisung daruber zusenden richten Sie das ein, was ausserdem nothig."
"Das werden zwei Zeugen sein," erwiederte dieser kalt. "Haben Euer Gnaden daruber bestimmt?"
Leonin biss sich in die Lippen er musste wieder entscheiden! "Nun," sagte er, indem seine Gedanken im Fluge alle diesem kleinen Kreise angehorigen Personen durchflogen, "Mademoiselle Veronika und der Arzt werden vielleicht diese Ceremonie vervollstandigen, ich werde Beide personlich darum bitten."
Der Vikar neigte kaum merklich sein Haupt, und der junge Graf enteilte dieser peinlichen Unterredung.
Aber er wagte nicht zu der Stelle zuruck zu kehren, wo Fennimor ihr unschuldiges Haupt mit lieblichen Traumen ihres Gluckes wiegte. Er eilte in die Walder, die in ihrer duftenden Juli-Fulle den Verirrten zu fragen schienen, ob er ein Recht habe, sich in ihrem Bereiche unbefriedigt zu fuhlen. Aber er sah und empfand ihren schonen Anspruch nicht. Bisher war er unthatig zum Bosen fortgetrieben worden; jetzt zuerst sollte er selbststandig aussprechen, was er so lange sich selbst ablaugnend um sich her geduldet hatte. Er fuhlte sich in einer Zerruttung, es ruhte eine Burde auf ihm, die unleidlich schien; und der ewig gelenkte und bevormundete Jungling war in einer Erbitterung, selbst entscheiden zu mussen, welche ihn hatte warnen konnen, da sie vielleicht der letzte Versuch seines guten Engels war, ihn aufzuhalten.
Als er spater, wie gewohnlich, an Fennimor's Lager trat, war die Entscheidung in ihm vollendet. Kalt und ruhig blickte er auf sein Weib und das schlummernde Kind an ihrer Brust er fuhlte innerlich, dass er sich von ihnen geschieden hatte; und in dem Maasse, wie er vor der Grosse seines Frevels erbebte, in dem Maasse erkaltete es ihn gegen die Gegenstande desselben. Fennimor lag in einem Fieberschauer, ihrem Zustande gemass, der auch die Gestalt des Lieblings verhullte; er beruhrte das Kind nicht, was Emmy Gray ihm ubergeben wollte, und fragte nur kurz und trocken, ob sie mit dem Vikar Verabredung genommen habe. Er wollte sich verharten, um der Reue zu entgehen, und erfuhr das Schicksal aller schwankenden, unentschlossenen Menschen. Einmal zum Handeln gezwungen, uberholte er sich selbst und steigerte seinen Vorsatz uber das erforderliche Bedurfniss!
Als am andern Morgen der Vikar vor den Stufen des Altars den Grafen um die Namen des Kindes befragte, rief derselbe mit kalter, lauter Stimme: "Reginald Crecy von Ste. Roche." Der Vikar hielt einen Augenblick inne; dann sagte er, ohne es in die Taufformel einzuschliessen, indem er den Grafen fragend ansah: "Reginald, Graf von Crecy?"
"Reginald, Crecy von Ste. Roche!" unterbrach ihn der Graf mit jahem Wechsel der Farbe, indem sein Auge starr und zornig auf dem jungen Geistlichen haftete.
Nach einer Pause schloss der Geistliche mit diesem Namen die Ceremonie.
Kaum war sie voruber, so eilte der Graf auf das Kirchenbuch zu, nahm selbst die Feder und schrieb den Namen ein. Als die Zeugen unterschrieben, sahen sie, dass der Name Crecy unter den Vornamen stand, Ste. Roche als Familienname.
Keiner sprach einen Gluckwunsch. Der Graf blieb in stolzer Abgeschlossenheit stehen, bis Alle unterschrieben hatten; dann verliess er plotzlich die Kapelle, und der beraubte und entehrte kleine Taufling ward, von Niemandem begleitet, nach dem alten Schlosse zuruckgetragen, das ihm eben seinen Namen hatte leihen mussen, von dem Manne beraubt, dessen Herz sich zu verharten begann, wie die Steinmassen, die ihn aufnahmen.
Weder Emmy Gray, noch Fennimor erfuhren, was geschehen war. Emmy verliess ihren Liebling nicht, und die Warterin, eine vollig unwissende Person, hatte keinen Anstoss gefunden, den sie hatte verrathen konnen. Veronika aber, ihr Bruder und der Arzt gelobten sich Schweigen, um nicht voreilige Erschutterungen zu veranlassen.
Fennimor verliess jetzt das Bett, und die schonste Jahreszeit machte es moglich, dass sie unter den Schatten der Baume getragen werden konnte, das holde Kind im Schoosse, das noch schlafend sein kleines Leben einhullte, von der Liebe behutet, die ahnend in seine Bedurfnisse eindringt.
Wo konnte man ein vollstandigeres Bild dieser aufhorchenden Liebe finden, als in Fennimor! Wie schon war diese sanfte. blasse, kindliche Mutter mit dem unnennbaren Zauber der seligsten Befriedigung! Die Harmonie ihres Innern ruhte in jedem Zuge, in jedem Laut ihrer Stimme; kein Gefuhl trat vor dem andern vor; ihre Liebe zu Leonin war die Liebe zu ihrem Kinde Gott, die Natur, fielen wie Strahlen hinein es war Alles dasselbe! Sie schwamm, wie eine schone duftende Nimphaea, auf dem ruhigen Wasserspiegel der Gegenwart die Sonnenstrahlen uber ihr, die den kurzen Lebenstag beseligten, fur unverganglich haltend die Nacht vergessend in dem reinen Lichte des Mittags!
Leonin hatte das Harteste gethan, ehe der Eindruck dieses verklarten Zustandes ihn erfassen konnte. Jetzt stand er davor von seinem Gewissen aus diesem Paradiese vertrieben, den Fluch schon fuhlend, der seine Stirn langsam umkreiste, die Flammenschrift der Befleckung einzugraben!
Wie Leonin auch gelernt hatte, mit der Sunde zu scherzen, ihren Lockungen nachzugehen und vor ihren Anforderungen nicht mehr zu erbeben das erste positive Bose hatte er erst hier gethan, und er empfand den ungeheuern Unterschied zwischen einem solchen eigenmachtigen, selbstgewahlten Schritt und dem negativen Hingeben, dem er bis jetzt sich uberlassen. Gerade, dass er noch nicht vollstandig verfuhrt und verhartet war, machte diesen Schritt so verhangnissvoll fur ihn. Es war damit eine Art Wahnsinn entstanden, eine Mischung von Schmerz, Verzweiflung, Hass und Grausamkeit, die sein ganzes Wesen in Gahrung versetzte und nur eine hohnlachende Stimme aus ihm horbar werden liess, die immer aufs neue wiederholte: vorwarts, vorwarts, Du bist nicht mehr zu retten!
Hatte Fennimor nicht an ihrer Brust das holde Kind, diesen Schild gegen alle Verwundungen der Welt, getragen, wie wurde sie Leonin's Veranderung schnell erkannt haben! Aber das Kind lag zwischen ihnen sie fand Leonin nur durch dies hindurch und deshalb immer verklart oder eingehullt. Doch auch fur diese Tauschung musste die Aufklarung kommen.
Fennimor ward mit den wiederkehrenden Kraften auch selbststandiger; aus dem physisch traumerischen Zustande, der sie zu Anfang an ihr Kind fesselte, wie noch in einem Pulsschlage gebunden erfolgte nun die naturliche Trennung, die in der Mutter die gesonderte Existenz herstellt, die der erste Schritt fur die Emancipation des Kindes wird.
Hiemit trat sie Leonin naher, und ihr kluges Auge, ihr reines Gefuhl liess sie augenblicklich die Wahrnehmung seiner Veranderung machen.
"Ach, Leonin," sagte sie "durch Lesueur habe ich viel von der bosen Welt gehort, in welcher Du leben musst, und es hat mich recht geschmerzt auch um Deinetwillen! Wie schwer muss es sein, dort zu leben, und wie kann ich es Dir anfuhlen, was Du dort leiden musstest! Du hast keinen guten Blick mehr Deine Seele sieht traurig aus Deinen Augen heraus!"
Leonin zog ein Lacheln um seinen Mund es war krankhaft und bitter und enthielt eine ganze Antwort, die aber Fennimor nicht verstehehen konnte; und da er ausserdem schwieg, fuhr sie fort: "sag' mir, bleibst Du nun in der schonen Welt hier, oder muss ich mit Dir in jene andere hinein ziehen?"
Hoch brauste es in Leonin's Brust auf. Ha, rief seine Seele, warum stosst Du mich selbst in den Abgrund, den ich Dir noch verdecken wollte? So machte er, verwirrt von der Verzweiflung seines Herzens, es ihr zum Vorwurf, dass sie ihn veranlasste, ihr zu sagen, wie unglucklich er sie zu machen beschlossen hatte! Wer hatte die Qual zergliedern konnen, die ihn zerriss, als er die Lippen offnete.
"Weder das Eine, noch das Andere," rief er. "Ich kann weder die Welt verlassen, die Dir der krankhafte Traumer Lesueur so bose geschildert hat, noch Dich dorthin fuhren; denn das Eine bleibt gewiss, fur Dich passt diese Welt nicht, und Du wurdest dort keinen Platz fur Dich finden!"
"Ja, das dachte ich auch," sagte Fennimor sorglos,
"und immer nur, wenn Du mich darum bitten wurdest, durfte ich es thun; denn es ist ja unser Gebot, dass wir das Bose nicht suchen sollen, weil es, wie der Staub in der Luft, unmerklich uns beruhrt und endlich doch die reine Farbe unseres Inneren entstellt. Aber dann ist doch Deine Heimath auch nicht dort, und warum willst Du zuruck, da es Dich traurig macht und Deine schone Seele krankt?"
Leonin's Brust wollte zerspringen. Er hatte ein lau
tes Angstgeschrei ausstossen mogen die Welt mit den Fussen unter sich zerstampfen. Ungeheuer! rief er innerlich. Er wusste nicht, ob gegen sich oder gegen Andere; aber die erste selbstgefuhrte schlechte That hatte ihm den Zugel aus der Hand gerissen er jagte fort, verwildert von der Angst, mit der sie ihn verfolgte.
"Darin irrst Du meine Heimath darf hier nicht
sein. Ich bin dem Vaterlande, dem Konige, meinen hohen Verhaltnissen als Vasall der Krone eine andere Lebensweise schuldig, als diese mussige Existenz hier sein wurde."
"Ha," rief Fennimor, "das klingt schon, und ich begreife Deine hohe Bestimmung erzahle mir recht Viel davon! Du hast Recht, Dich so gross und kraftig zum Leben zu stellen, ein Mann muss das auch! So waren einst die Makkabaer, und ihre Grosse und Heldentugend diente auch zum Schutze des Vaterlandes. Davon wird die Seele ein machtiger Thron erhabener Gedanken, die den Mann Gott naher fuhren, und doch bleibt er dabei sanft und heiter, wie ein Kind. Wie gonne ich Dir diese grosse Weihe zum Leben, mein Geliebter! Wie stolz bin ich darauf und wie begreife ich nun wohl, dass Dir das armselige, kleine Leben, von dem Lesueur sprach, nichts anhaben kann! Aber," fuhr sie fort, "in diese schone, erhabene Welt, die Du Dir geschaffen hast, kann ich Dir folgen; die ist es gerade, von der ich getraumt habe, bis der arme Lesueur sie so bitter verklagte."
"Lesueur," erwiederte Leonin kalt und stolz, "kann gar nicht die Welt beurtheilen, zu der ich gehore eben so wenig kannst Du mir aber dahin folgen. Ich werde immer von Zeit zu Zeit nach Ste. Roche zuruckkehren, und in Deinen Verhaltnissen hier wird sich Nichts andern; dort aber erlaubt Dir Deine Geburt nicht, den Rang zu theilen, den ich einnehme; und daher wurden wir Beide eben so getrennt leben mussen, als warest Du hier und ich dort."
"Was meinst Du damit, ich verstehe Dich nicht," rief Fennimor und eine Anregung von Stolz und Krankung stieg in ihren reinen Zugen auf "da ich Dein Weib bin, bin ich dasselbe, was Du bist, und mein Vater war ja nicht geringer, als der Deinige und ein Geistlicher uberdies!"
Leonin fuhlte einen Krampf in den Schultern; nur mit Muhe unterdruckte er es, sie zu zucken. Die Antwort ubergehend, fuhr er fort, indessen sein Fuss den Rasen, der grun und duftend vor ihnen ausgebreitet lag, zu zerstoren suchte: "Der Konig hat mich zum Kammerherrn und Reisekavalier der Konigin ernannt. Ihre Majestat wird dem Konige in den Krieg nachfolgen, und ich muss daher zuruck, sobald die Nachricht eintrifft, dass die Armee sich in Bewegung setzt."
"Sagtest Du denn nicht dem Konige, wie lange Du von mir getrennt seiest, Leonin?" rief hier Fennimor, in Thranen ausbrechend. "Er, der so gut, so ubermenschlich begabt sein soll, hatte Dich doch wohl aus diesem harten Dienste entlassen?"
Hatte Leonin die Augen aufgeschlagen und Fennimor's Engelsantlitz gesehen, wie es unter seinen kalten, herzlosen Antworten nach gerade verandert ward, er ware wenigstens vor sich selbst zuruckgeschaudert. So aber wuhlten seine dusteren Blicke sich in die Erde ein, die er vor sich aufriss, und er behielt Muth zu seinem Frevel.
"Der Konig ahnt meine Verbindung mit Dir nicht! Zu spat habe ich erfahren, dass Familien wie die meinige, als Vettern Seiner Majestat, nicht das Recht haben, sich ohne seine Bewilligung zu verbinden, dass er streng darauf halt, dass sie sich nur mit Familien des hochsten franzosischen Adels vermahlen, dass er gewohnlich selbst die Wahl trifft und jede andere Verfugung mit den strengsten Verfolgungen bestraft."
"So hat Lesueur doch Recht, Dein Konig ist doch nicht der rechte von Gottes Gnaden, der hier auf Erden handeln soll, als ware er besonders erwahlt, Recht und Gerechtigkeit zu uben und Du" sagte sie jetzt, ernst und kraftig sich aufrichtend, "bist fast von der schlechten Welt dort verfuhrt und hast zaghaft und kleinlich gehandelt, gerade wie ich es an Lesueur beobachten konnte. Alles, was Du da gesagt hast, kann vor Gott nicht bestehen, und wenn Du es gegen sein Recht haltst, so muss man erstaunen, dass ernsthafte und gereifte Menschen dort bei Euch es fur etwas nehmen, wonach sie sich richten mussten. Als wenn es den geringsten Werth hatte! Aber Ihr furchtet Euch dort alle vor einander, so dass Ihr aufhort, die rechte Gottesfurcht zu haben; darum werdet Ihr zuletzt verzagt, und Euer Herz gerath in Siechthum! Leonin," sagte sie, "Du armer Lieber, da haben sie Dich auch zum Sundigen gebracht. Denn sieh', eine Sunde hast Du begangen, dass Du vor dem Konige nicht Dein gottlich Recht behauptetest und ihm sagtest, wie Du ein Weib habest! Ehe Du von seinem Rechte gewusst, habest Du sie durch gottliches Recht empfangen und konntest deshalb nicht weiter zu ihm gehoren, als so weit sie dies auch konne. Denn da sei Gott vor, dass ich mit zu Felde ziehen wollte, wie keine christliche Hausfrau das wollen wird! Nein, wenn Du ein Krieger warest, wie die Makkabaer, im Dienste fur Dein Vaterland, da wusste ich, ohne dass ich den Konig zu fragen hatte, wohin ich gehorte; aber siehe, das bist Du nicht. Einen Posten giebt er Dir, von dem mir Lesueur sagt, wie klein und nichtig er ist; ein mussiger Dienst, in welchem Du nicht einmal so wichtig bist, als unsere eigenen Diener uns sind. Und das, glaubst Du, sei ziemlich und recht und ein Dienst fur einen Mann, fur einen Vasallen des Konigs, wie Du vorher so schon sagtest, wonach ich hoffte, Du musstest auch machtig und fleissig fur Dein Vaterland handeln?"
Wie sollen wir ausdrucken konnen, was Leonin empfand bei dieser feurigen Strafrede! Es war fast dasselbe, was er vor seinem Vater empfunden hatte hier, wie da stiess er auf eiserne, unerschutterlich fest stehende Ansichten, die auch keinen Blick gestatteten in die ihnen entgegenstehende Welt. Dasselbe Gefuhl der Unmoglichkeit, zu jenen Zustanden eine duldende Ueberzeugung einzuflossen. Eine Verzweiflung, nie verstanden oder entschuldigt werden zu konnen, ergriff ihn, Fennimor gegenuber, mit einem Zurnen verbunden, welches in ihrer, ihm nach gerade uberredeten, unberechtigten Stellung zu ihm lag in der Beschamung, mit der er Verhaltnisse, die er herbei zu fuhren, sein ganzes besseres Selbst geopfert hatte, jetzt als gering und unwurdig bezeichnen und sein ganzes Treiben ein von Gott abtrunniges nennen horte.
"Fennimor, Fennimor," sagte er mit einem kalten Lacheln der Ueberlegenheit, "Du hast Dir bei Deinem untergebenen Lesueur das Predigen angewohnt! Mir deucht, Du nimmst die Dinge sehr streng. Denkst Du wohl daran, ob Du uberall dazu berufen und ob Du mir gegenuber, in derselben Stellung bist?"
"Ach," sagte Fennimor, deren alte Energie, noch von korperlicher Schwache gebunden, schnell erschopft war, plotzlich weich und gebrochen in sich zusammen sinkend, "Du hast Recht, das ist eine gar verkehrte Welt, in der das schwache Weib ihren Herrn schilt! Wie hatte ich daran gedacht, als ich es Lesueur that, Aehnliches konnte mir bei Dir einfallen wie traurig ist das, und wie tief sinkt mir dabei der Lebensmuth! Hindere das," sagte sie dann mit schwacher Stimme, "mache Alles, damit wieder Trost in mein Herz kommt, und ich nicht so arge Furcht fur Deine Seele hegen muss!"
Sie winkte Emmy Gray, die eben am Eingange des Schlosses erschien, und wankte an ihrem Arme mit bleichen Lippen und trostlosen Augen nach ihrem Schlafzimmer.
Leonin aber liess sie dahin gehen, ohne ein mildes Wort, ohne sie zu stutzen, ohne sie anzublicken oder ihr zu folgen. Er blieb unbeweglich sitzen, er durchwuhlte nicht mehr den Rasen das Kains-Zeichen brannte auf seiner Stirne aber der schwache Geist hatte keine andere Rettung, als den forttreibenden Ruf der Sunde: es ist zu spat es ist Alles verloren!
Von da blieb Fennimor still und in sich gekehrt. Ihre Krafte kehrten nicht in dem Maasse wieder, als es anfanglich zu erwarten stand. Sie sah Leonin oft an wie eine Mutter, die furchtet, ihr Kind werde erkranken aber sie sagte nichts mehr, der Vorwurf, dass sie ihren Herrn gescholten, den sie selbst sich starker gemacht hatte, als Leonin fur moglich gehalten, machte sie schuchtern und zuruckgezogen. Ihre korperliche Schwache unterdruckte dabei ihren lebhaften Geist; ihr Kind versenkte sie in eine Welt, unschuldig und lauter, ohne jede Storung ihres frommen Sinnes; und so fand Leonin die augenblickliche Schonung, die er immer suchte, wenn auch zugleich keine Gelegenheit, sich frei zu machen, den Absichten gemass, die er mitgebracht.
Da unterbrach diese schwule Luft, die um Beide wehte, ein Brief seiner Mutter, mit einer Einlage des Marquis Vieuville, welcher die Ruckkehr Leonin's, Seitens der Konigin befahl. Die Marschallin fugte hinzu, dass der Marquis de Souvre sich endlich habe bewegen lassen, ihn von Ste. Roche abzuholen, und ihrem Briefe voraneilen oder folgen werde, um jene Angelegenheit zu beendigen.
"Ach," seufzte Leonin auf "jetzt muss ich fort! das ist nicht aufzuhalten, und Souvre wird das Uebrige einleiten!"
Er wollte Fennimor sogleich Alles mittheilen und ging nach ihren Zimmern; aber als er eintrat, sass sein schones junges Weib da, so lilienweiss von Angesicht, wie die weiten, faltenreichen Gewander, die um sie her flossen, und ihr Kind lag schlummernd in ihrem Schoosse. Sie lachelte dem Wunder dieser kleinen zarten Bildung entzuckt zu und als sie Leonin eintreten sah, winkte sie ihm und zeigte ihm die kleinen, wunderbaren Fingerchen, und dass jedes ein Nagelchen habe und drei kleine Gelenke!
"Ach, Leonin," sagte sie "und das wird spaterhin denken und fuhlen konnen, wie wir, wird Recht von Unrecht unterscheiden; diese kleinen Hande werden sich einst mit Bewusstsein falten, wie die unsrigen. So wunderbar schon ist Alles auf der Erde wir haben nur das Anbeten!"
Da zog Leonin die Hand von dem Briefe des Marquis Vieuville zuruck, den er vorzeigen wollte. Er wusste ihre Ruhe nicht anzugreifen er musste sie schon, engelgleich finden. Sein Kind gluhte wie eine Flamme in ihrem Schoosse. Das Eis seines Herzens wollte schmelzen er kniete nieder er kusste das schlummernde Wesen, das ihm so nahe angehorte so menschlich ward ihm, so wehmuthig! Er sollte sie verlassen, um dann den grossten Frevel an ihr auszuuben; er sollte diese sanfte, ruhige Gestalt von der Gewalt des Schmerzes uberwaltigt sich denken! Es war, als ob alle seine Nerven aus ihrer Starrheit rissen. Thranen auf Thranen flossen nieder. "Wie soll ich uns retten?" so fragte er sich zitternd. "Verurtheilt zu grenzenlosem Unglucke bin ich hier und dort!" Seine Seufzer erreichten Fennimor's Ohr. "Was ist Dir, mein Liebling?" fragte sie sanft.
"O, Fennimor," rief er mit dem alten Liebeslaute "weine um mich, ich bin sehr, sehr unglucklich! Was ich auch thun mag, brich nicht den Stab uber mich, ich werde schuldig sein; aber immer, immer noch viel unglucklicher, als schuldig!"
Sein Kopf sank neben seinem Kinde in Fennimor's Schooss. Es war eine tiefe Stille. So schweigt einen Augenblick Alles, wenn die Verurtheilung uber den Angeklagten ausgesprochen ist das Schicksal, das er herbeirief, ihn niedergeworfen hat.
"Du weisst," sagte Fennimor, "ich habe mich schon ein Mal vergangen und habe Dich so gescholten, wie es mir nicht zukommt als Deine Frau und seitdem habe ich immer Angst, wenn Du etwas sagst, das vor Gott nicht gehort, weil es mich dann treibt, Dich davon abzuhalten; und doch Du weisst, was ich dann thue" sie hielt schuchtern inne und legte blos leise ihre Hand auf sein gluhend Haupt.
"Ach, Fennimor strafender Engel, Du hast das Paradies nicht schutzen konnen, vor dem Du einst mit dem feurigen Schwerte standest jetzt bin ich daraus vertrieben, und ohne dass Du es willst, jagen mich Deine Worte weiter und weiter daraus fort!"
"Nein, nein, sage das nicht! Da beginge ich grosse Sunde, und wenn sie so in mich gekommen ware, ohne dass ich davon wusste das ware grosses Ungluck! Bete doch, Leonin, und denke wahrend des Gebetes, dass wir gar nicht glauben mussen, so fest im Unrechte zu sein, als Du vorher sagtest; da Gott auch das Unrecht Deiner Seele in Handen hat und Alles wenden kann dann gewinnst Du Vertrauen zu ihm, und ohne Vertrauen ist alle Reue unwirksam! Ach siehe," fuhr sie, schuchtern uber den Schweigenden gebeugt, fort "Dein Unrecht ist mir nicht recht bewusst! Du bist wohl sehr traurig, das fuhle ich Du sagst auch von den verkehrten Begriffen jener fremden Welt Einiges aber wenn Du selbst nicht darnach handelst, hat sie ja keine Macht uber Dich!"
"Ach," rief Leonin und der Schmerz durchzuckte krampfhaft seinen Korper "sie hat aber Macht uber mich gewonnen, ich habe nach ihren Begriffen gehandelt, und bin nun hier und dort verloren!"
Fennimor erhob sich und storte ihn dadurch auf. Todtenblass stand sie vor ihm, das Kind leise an der Brust haltend; ernst und erschuttert sagte sie dann leise: "Leonin, wir wollen zusammen beten! Jetzt darf Dein Weib sich nicht von Dir trennen ich weiss Dich nicht zu stutzen das Gebet wird es uns lehren!"
Sie wollte das schlummernde Kind nach seinem Bettchen tragen; als sie den Fuss erhob, liess sich in den Vorzimmern Gerausch horen Thuren gingen auf Schritte nahten sich es war der Kammerdiener kaum hatte er Zeit, zu sagen: "der Marquis de Souvre," als dieser auch schon eintrat Fennimor schrie laut auf das Kind fuhr aus dem Schlafe Leonin sprang von seinen Knieen auf.
Der Marquis blieb mit der hohnischen Miene, halb Lacheln, halb Zorn, vor dieser aufgestorten Gruppe stehen, zufrieden, dass Beide in ihm den Henker ihres Glucks erkannten.
"Eine idyllische Scene!" rief er, als Beide schwiegen. "In Wahrheit, man glaubt hier um ein Paar Jahrhunderte zuruck zu leben!"
Dies erzurnte Leonin. "Ich denke, Marquis, die Natur, mit ihren ewig gleichen Beziehungen zu dem Menschen, m u ss t e auch uberall dieselbe geblieben sein!"
"Ich glaube es kann sein" erwiederte Souvre mit allen Zeichen der Langenweile, womit er Leonin immer unsicher machte und ihm zu imponiren wusste "Sie wissen, ich habe nicht Zeit, an so Etwas zu denken. Wir Vornehmen der Erde sind genothigt, diese Dinge den augenblicklichen Zustanden der Zeit anzupassen ich gruble uber so Etwas nicht. Doch, Crecy, machen Sie die Honneurs in Ihrem Hause! Denn diese kleine Dame" fuhr er leicht grussend gegen Fennimor fort, "scheint dazu nicht zu passen, und ich bin wie ein Unsinniger gefahren, Ihr altes Eulennest zu erreichen, und bedarf jetzt Ruhe."
Er wollte Leonin's Arm ergreifen und ihn mit sich ziehen. Da erwachte Fennimor; sie stand auf, schritt auf Beide zu und heftete ihre grossen, angstvollen Augen so fest auf den Marquis, dass dieser den Blick nicht zu ertragen vermochte.
"Beruhrt ihn nicht," sagte sie dann mit einer Geisterstimme, "beruhrt ihn nicht! Ihr durft keinen Antheil an ihm haben und Du, Leonin, gehe nicht mit ihm, er ist nicht rein geblieben, Du gehest verloren mit ihm!"
So gewandt Souvre jeden Gegenstand zu behandeln wusste, war er doch mehr auf die Impertinenzen der grossen Welt abgerichtet; hier trat ihm eine Verwerfung, eine Verachtung entgegen, die sich um kein Bonmot, um keinen Scherz drehte, der durch einen noch boseren Witz wieder bezahlt werden konnte. Ihr Ernst, der von einer fast uberirdischen Schonheit unterstutzt ward, uberwaltigte ihn mit der Macht der Wahrheit, und der Pathos, mit dem sie ihn so ohne Rucksicht bezeichnete, hatte etwas so Machtiges, dass er sich ihm nicht zu entziehn vermochte und einen Augenblick davon beruhrt ward, wie von einem Strafgerichte.
Aber was hatte auf lange die Gewalt gehabt, ihn gegen seinen Willen zu beherrschen! Fast erschrocken fuhlte er ihren Einfluss auf sich, und doppelt erzurnt, sprang er um so wilder mitten durch. Ein misstonendes Gelachter erschallte aus seinem Munde. "In Wahrheit," rief er, "Deine Kleine ist die anmuthigste tragische Schauspielerin, die ich noch je sah! Aber ein ander Mal jetzt bin ich zu abgespannt! Komm', Leonin! Ein Bett ist mir jetzt lieber, als alle kleinen Theaterscenen!"
Erschrocken war Fennimor bei Souvres Gelachter in Leonin's Arme geflogen scheu blickte sie daraus hervor auf jenen hin. "Wehre ihn ab!" sagte sie schaudernd, "er ist ganz zerfallen mit Gott, das kannst Du leicht fuhlen. O, bleibe bei mir, bis er fort ist!" rief sie flehend, als Leonin, sie sanft beruhigend, sich von ihr losmachen wollte, "bleibe bei mir, bis er fort ist, er thut Dir sonst ein Leid!"
Souvre lachte wieder Leonin fuhrte sie zu ihrem Sitze zuruck. "Fasse Dich, Fennimor! Es ist ja derselbe, der Dich schon ein Mal so gegen Ordnung und Recht erschreckt hat erkennst Du ihn denn nicht wieder?"
"Ja, ich erkenne ihn," sagte Fennimor mit schwacher Stimme. "Ich fuhle den Stich von damals wieder durch mein Herz es wird nicht ohne Grund sein. O, rette Dich, rette Dich er will Deine Seele!"
"Beruhige Dich, geliebte Fennimor," rief Leonin zartlich, "ich will ihn wegfuhren von Dir wegfuhren, damit Deine Angst sich legt spater wirst Du ruhiger sein."
"Gehe nicht! o, gehe nicht! sonst wird es mein Tod!" stammelte Fennimor und glich in diesem Augenblicke fast einer Sterbenden. "Wenn er Dich wegfuhrt, sind wir auf immer getrennt dann ist D e i n e S e e l e dem Bosen verfallen, m e i n L e i b dem Tode!"
Ihr Kopf sank zuruck; sie konnte ihn nicht mehr mit ihren ohnmachtigen Handen halten. Leonins Herz war zerrissen von Schmerz; aber der hohnende, stechende Blick Sonvre's, der ihn bestandig verfolgte, war so unertraglich, dass er Leonins Blut mit jedem Augenblicke mehr vergiftete. Er sprang auf, von Fennimors Seite hinweg, aus ihren matten Handen gleitend, er horte ihren leisen Schrei, er sah, wie ihr brechendes Auge ihm noch folgte, und indem er Emmy rief, sturzte er auf Souvre zu, riss ihn mit sich fort wie er hoffte nur, auf wenige Augenblicke.
Als die Thur zufiel, schlossen sich auch Fennimors Augen. Gluckliche Bewusstlosigkeit deckte ihre Schmerzen zu.
Mit kalter, finsterer Entschlossenheit stand Emmy Gray ihr zur Seite. Hatte man den Ausdruck dieser strengen Zuge deuten wollen, man hatte glauben konnen, sie wunsche ihrem Lieblinge den Tod, der scheinbar nur ihre Zuge bedeckte. Wenigstens ruhrte sie keine Hand zu ihrer Belebung; aber bitter und finster blickte sie nach der Thur, und eine Drohung von Hass und Verachtung konnte kein Wort deutlicher bezeichnen, als dieser Blick!
Fennimor schlug endlich die Augen auf; aber sie blieb wie leblos in ihrem Stuhle. Emmy Gray ging schweigend ab und zu. Das Kind schlief wieder, die Mutter begehrte nicht danach, ihre Sinne schienen gebunden. Endlich stromte die Abendluft in die Fenster, die Emmy geoffnet Fennimor ward davon belebt.
"Wo ist er?" war ihr erstes Wort. "Wenn Ihr den Grafen meint," erwiederte Emmy, "so ist er bei dem Herrn Marquis."
"Erbarme Dich, Gott!" rief Fennimor und verhullte ihr Gesicht. Tiefe Stille herrschte fort sie schien zu beten dann siegte die Erschopfung ein kurzer Schlummer beruhrte ihre schweren Augenlieder.
Die Abendsonne bestreute das schone reiche Gemach mit glanzenden Lichtern; in die Fenster schaute die herrliche Landschaft des Thales von Ste. Roche. Hinter Blumen und niedrigen Gestrauchen, die das Fenster zunachst umzogen, ruhte weiterhin in dem warmen sonnengefarbten Dufte des Sommers der Wald und der Fahrweg durch den Wiesengrund; Alles athmete Schonheit, Genuss und Erfullung. Nur Fennimors kurzer Schlaf hatte den unruhigen Athem des beklemmten Herzens; ihre Wange sank bleicher ein, und das Auge war nur halb geschlossen.
Emmy horte Schritte nahen; sie riss sich von dem schwermuthigen Anblicke ihres Lieblings los, um leise die Thur zu offnen der Marquis de Souvre trat herein. "Meine gute Frau," sprach er, "ich muss Eure Herrschaft sprechen, lasst mich nur naher treten."
"Da ist sie," erwiederte Emmy, mit bitterm Hasse im Blicke. "Stirbt sie Euch noch nicht fruh genug, so wird es Euch bald gelingen, es zu vollenden."
"Das alte Hexenschloss" lachte Souvre, "hat in Wahrheit wurdige Bewohner; jedes singt auf seine Weise irgend ein Beschworungslied. Mit Euch muss ja ein ehrlicher Mann den Muth verlieren zu reden!"
"Ihr freilich," zogerte Emmy nicht zu erwiedern, "Ihr solltet ihn billig verlieren! Aber Ihr, prophezeihe ich, werdet ihn behalten, bis Ihr allen Frevel vollfuhrt, den Ihr beabsichtiget."
"Immer besser!" rief Souvre, "doch, Kind, Du bist zu gering zum Wortgefechte tritt bei Seite siehe, Deine Herrin ist erwacht!"
"Wer ist da?" rief Fennimor zusammen schaudernd. "Mein boser Geist!" setzte sie ihn erkennend hinzu.
"Ich hoffe," sagte Souvre, sich ihr nahend, indem er uber sie weg mit vornehmer Nachlassigkeit das Zimmer musterte, "Ihr habt jetzt die kleine Erschutterung uberwunden, mit der Ihr jedes Mal meine Erscheinung beehrt; es ist um so nothiger, da Ihr gezwungen seid, mit mir einige Dinge zu besprechen, die fur Eure Zukunft wichtig sind."
"Wo ist Leonin?" fragte Fennimor, sich aufrichtend.
"Davon nachher!" sagte Souvre leicht, indem er durch das Fenster blickte, "vorerst nicht bei mir, wie Ihr seht."
"Das ist gut," erwiederte Fennimor ruhig, "wenn er nur nicht bei Euch ist, da kann ich leichter Eure Gegenwart ertragen; Ihr habt keine Gewalt uber mich!"
"Nicht?" sagte Souvre, und sein boshaftester Blick flog uber sie hin; "wir wollen sehn! So vorbereitet, wie Ihr Euch auf mich habt, scheint es wohl, ist jede Schonung uberflussig; doch wollen wir sehen, ob ich keine Gewalt uber Euch habe."
"Ueber mein ausseres Schicksal sicher" sagte Fennimor "das fuhle ich eben immer, wenn ich Euch sehe. Ich meine nur, uber meine Seele habt Ihr keine Gewalt, und ich habe bessere Kraft, nun ich allein mit Euch bin; wenn Leonin dabei ist, fuhle ich nur das Leid, was Ihr ihm angethan, und dann ist der Schmerz grosser."
"Ihr seid nicht zuruckhaltend in Euren Meinungen uber mich, das muss ich gestehen. Doch muss ich glauben, Ihr gebt mir den Ton an, der unter uns walten soll. So hort denn! Ich habe mich aus Freundschaft fur die Familie des Grafen Crecy-Chabanne der Muhe unterzogen, Leonin, den jungen Grafen und einzigen Erben, aus einer Verbindung loszumachen, in die ihn Leichtsinn, Unwissenheit und, wie ich gern eingestehe, Eure schonen bluhenden Wangen und die zu bereitwillige Gastfreundschaft Eures Vaters gefuhrt haben; indem der junge Mann naturlich in seine ehrenvollen, angestammten Verhaltnisse nicht zuruckkehren konnte, ohne die Unzulassigkeit dieser anscheinenden Verbindung zu empfinden, da nie, auf keinem Punkte, weder bei seinen Eltern, weder bei seinem Konige, noch, und am wenigsten, bei seiner Kirche eine Anerkennung dieses leichtsinnig geschlossenen Vertrages denkbar ist. Hiervon Euch, bei Eurer Unkenntniss der Welt, einen Begriff zu machen, habe ich ubernommen; zugleich Eure und Eures Kindes Verhaltnisse so sorglos zu stellen, als es Euch zukommt, von einem Manne zu fordern, der in so unabhangigen Vermogensumstanden ist, als der junge Graf Crecy."
"Ich kann Euch noch nicht verstehen," entgegnete Fennimor, noch immer ruhig; "denn, was Ihr sagt, ist ja Alles unrichtig ich weiss nicht, was Ihr von unserer Vermahlung denkt! Freilich soll die Vermahlung bei den Katholiken anders sein; aber sie muss doch immer dasselbe bedeuten, sonst ware ja die Eurige keine christliche Verbindung."
"Legt endlich Eure Unerschutterlichkeit ab, mit der Ihr mir unbeschreiblich lastig fallt!" sagte jetzt Souvre, indem er ubellaunig aufstand. "Ist denn das nicht zu verstehn, was ich Euch sage? Ihr seid nach katholischem Rechte gar nicht vermahlt, Eure anscheinende Verbindung in jeder Beziehung vollig ungultig. Kein Mensch erkennt Euch fur des Grafen Gemahlin, kein Mensch dies Kind fur ein ehelich geborenes an. Dies soll ich Euch bekannt machen, damit Ihr eine Art Erklarung daruber unterzeichnen konnt, die ich hier bei mir fuhre, die Euren Begriffen nach, eine Art Scheidung auch jener Ceremonie, auf die Ihr Euch zu stutzen scheint, rechtskraftig bewirkt, und dem jungen Grafen Crecy, der zu einer hohen Hofverbindung bestimmt ist, seine Freiheit wieder giebt."
Fennimor stand auf, langsam aber fest, die Stuhllehne krampfhaft haltend sie schien zu wachsen das treulose Blut, was ihr Herz erdrucken wollte, stromte in ihre Wangen zuruck. Die zahllosen Stiche, die sie empfangen und, zweifelnd, dass sie ihr gelten konnten, immer verlaugnet hatte, wurden mit diesem letzten furchterlichen Angriffe plotzlich alle zu reissenden Wunden. Sie war vollig enttauscht! Aber Sprache fand sie erst mit einem kurzen wilden Schrei, der ihre fest zusammen gepressten Lippen brach dumpf, aber erhaben sagte sie dann:
"Du gehorst nicht zu Gott und weisst von seinen heiligen Geboten Nichts! In welchem Namen soll ich zu Dir reden? Ungluckliche, verlorne Seele! Der kleinliche Jammer Deiner Rede richtet Dich so furchterlich, dass ich vor Gott erbebe, der schon Gericht uber Dich halt in jedem Deiner verstockten Worte! Armes, elendes Wesen welch ein schauderhafter Lasterer bist Du! Welch ein Grauen wird Dich befallen, wenn Gott den Nebel zerstreut, in den Dein armes, kleinliches Leben noch vor Dir selbst gehullt ist, und Du Dich erkennst! Wie konntest Du, verlorenes Werkzeug jener verderbten Welt, aus der Du gesandt wirst, mir Zweifel einflossen gegen die Heiligkeit meiner Verbindung, gegen die Geburt meines Kindes?"
Wir wissen nicht, warum Souvre diese Rede nicht unterbrach, warum er endlich halb abgewendet in der Nahe ihres Stuhles stehen blieb, zuletzt die Augen auf sie richten musste und ein Ansehn gewann, als versteinere sie ihn.
Fennimor wollte ihn verlassen. Kraftigen Schrittes, erhaben in jeder Bewegung, wollte sie an ihm voruber. Das weckte ihn. Mit Wuth beladen, kam sein Bewusstsein zuruck. Sie hatte ihn bezeichnet, wie er war; dies unbedeutende, unberechtigte Wesen hatte laut genannt, was die neckende Holle in seinem Busen, wahrend sie es sprach, hohnlachend bestatigt hatte er war vor sich selbst entdeckt und: Rache! Rache! war das einzige Geschrei seines beleidigten Innern.
"Halt," rief er, mit heiserer Stimme und entstellten Zugen, "halt! Ihr durft nicht fort, bis Ihr dies Blatt unterzeichnet habt. Dankt Gott, dass ich mich herablasse, mit Euch zu unterhandeln, die Ihr kein Recht habt an der Gemeinschaft ehrbarer Personen!"
Fennimor wies das Blatt mit der Hand zuruck: "Ich werde Leonins erhabene Mutter befragen, welch einen ehrenvollen Platz sie der Gemahlin ihres Sohnes zugesteht. Von Euch fordere ich bloss Entfernung. Ihr, armes, elendes Wesen, konnt mich nicht herabwurdigen!"
Die Erwahnung von Leonins Mutter verstarkte augenblicklich den bosen Willen des Marquis. "Thorin," sagte er lachend, "das fehlt nur noch an Eurer kindischen Anmassung! Gerade sie sie schickt mich, Euch Eure Thorheit vorzustellen; denn sie halt Euch fur nichts mehr, als die Geliebte ihres Sohnes, obwol sie alle Eure getraumten kirchlichen Rechte kennt. Sie hat eine Braut fur ihren Sohn gewahlt, seiner wurdig, und verachtet Euch vollstandig!"
Fennimor blieb stehen. Sie hob Hande und Augen zum Himmel auf. "O, Herr des Himmels, erbarme Dich! Ich furchte, Ihr sprecht eben die Wahrheit. Mein Vertrauen zu dieser einst so verehrten Frau war durch Manches gesunken, was mir Lesueur erzahlte. O, wie beklage ich sie!"
"Beklagt lieber Euch selbst" stiess Souvre roh heraus, "Ihr habt es nothiger! Doch hoffe ich, da Ihr Eure Stutzen brechen seht, so werdet Ihr jetzt nicht zaudern, Eure Unterschrift unter dieses Blatt zu setzen. Ihr entsagt darin fur Euch und Euer Kind jedem rechtmassigen Anspruch an den Grafen Crecy-Chabanne; Ihr nehmt den Namen Lester wieder an und erhaltet dafur ein anstandiges Vermogen zur Versorgung fur Euch und Euren Sohn, mit der Freiheit, nach England zuruckzukehren, oder auch hier in Ste. Roche ohne weiteres Aufsehen zu verbleiben; doch ohne Versuche, die Ruhe der Familie Crecy ferner zu storen, und ohne dazu das kleinste Recht behaupten zu wollen."
"Das lasst mir Leonin's Mutter sagen?" rief Fennimor trostlos; "das, glaubte sie, konnte ich annehmen? Ein Weib fordert das von einem Weibe? Eine Mutter von einer Mutter? Nun, so soll diese entartete Welt erfahren, was die Worte bedeuten, die dort zu Gottes Hohn getragen werden!" Mit ein Paar raschen Schritten trat sie dicht vor den Marquis.
"Geht, geht!" sagte sie kraftig, "sagt Ihr es lage in keiner menschlichen Macht, das aufzulosen, was vor Gott geknupft sei durch seinen heiligen Diener durch das Gelubde der Herzen, die Gott zusammen gefugt hatte an jenem Tage. Sagt Ihr, ich sei die rechtmassige Gemahlin ihres Sohnes! Ich, Fennimor Lester, deren Vater uberdies aus einer vornehmen englischen Familie abstammte und ein Priester war, sei in Nichts zu gering dafur. Sagt Ihr, dass das Kind dieser ehelichen Verbindung, der allein rechtmassige Nachkomme ihres Sohnes, unentausserlich, wie ich, seine Mutter, den Namen Crecy-Chabanne fuhren werde; und wenn sie ein Zeugniss dafur bedarf noch ausser dem Blatte des Kirchenbuches, welches Emmy Gray mit sich genommen und bewahrt hat so soll sie ihren Sohn fragen und horen, ob er dies Lust hat zu laugnen!"
Da stieg der Triumph uber sein Schlachtopfer in Souvre's Zugen auf. Mit dem verwundendsten Lacheln sagte er: "Ich glaube, er w i r d dazu Lust haben! Denn e r gerade wunscht, Ihr mochtet Euch in diese Anordnungen fugen. Seine Schwache und Euren heftigen Karakter furchtend, hat er diese ganze Angelegenheit in meine Hand gelegt er hofft, ich bringe dieses Blatt unterzeichnet zuruck."
"Da sei Gott vor, dass Ihr Wahrheit redet! Wo ist Leonin ich will ihn augenblicklich selbst Euch gegenuber stellen!"
Souvre zuckte die Achseln. "Dies ist nicht mehr moglich! Seine Ruckkehr war vom Konige befohlen er musste zur bestimmten Stunde dort sein dem peinlichen Abschiede zu entgehn. Seht dort! Ihr werdet an der Wahrheit nicht langer zweifeln!"
Fennimor sah ihn an, als sehe sie einen Geist sie liess sich selbst von ihm beruhren nach dem Fenster fuhren, und folgte mit den Augen, wohin er deutete. Da sah sie den Fahrweg durchs Thal Leonin's Reisewagen fliegen, sie erkannte seinen Postzug seine Livreen.
"Leonin! Leonin!" sagte sie leise gebrochen und griff in die Ranken, die um das Fenster hingen. So blieb sie stehen die Augen unverwandt hinaus gerichtet. Souvre wir durfen ihm das einzige Zeichen der Menschheit, was wir an ihm zu entdecken haben, nicht vorenthalten schauderte, als er sah, wie sie immer blasser und blasser, zuletzt blaulich erdfarben ward, und die Augen und alle Zuge sich zu versteinern schienen. Er redete sie an, er hoffte selbst auf den Widerwillen, den er ihr einflosste. Es war umsonst sie horte nichts mehr. Ihr Auge haftete an dem immer kleiner werdenden Reisezug er verschwand. "Leonin!" sagte sie dumpf, fast undeutlich aber sie blieb unbeweglich stehn.
Da ergriffen die Furien den Marquis de Souvre. Als ob er, von ihrem Anblick gerichtet, im nachsten Augenblicke des Todes sein wurde, so sturzte er aus dem Zimmer. Emmy Gray sass zusammengekauert vor der Thur. "Geht hinein! Geht geht!" rief er wild und sturzte uber die Zimmer und Gange fort nach den seinigen.
Emmy wusste Alles. Es kostete sie keine Thrane, keinen Seufzer finsterer Zorn machte sie jeder sanfteren Empfindung unmoglich; selbst fur den ihr uber Alles theuern Gegenstand hatte sie kein mildes Wort. "So musste es kommen! Das wusste ich vorher! Sie bezahlt es mit dem Leben! So mag sie nur erst erlost sein!" Sie hatte sich ihres Todes freuen konnen sie ruhrte sie nicht an, und Fennimor blieb stehen, bis der Krampf jeden Schlag des Herzens hinderte und die Fusse zusammen brachen.
Sie glich so sehr einer Leiche, dass das Gerucht, sie sei gestorben, sich verbreitete, und der Arzt selbst lange zweifelhaft blieb. Als sie endlich erwachte, war die schreckliche Nacht voruber. Der Marquis de Souvre hatte zuweilen nachgefragt; Emmy hatte ihm nie geantwortet. Bis zu dem Bette war er vorgedrungen; sie hatte nicht gehindert, dass er die Leiche sah, wie sie wahnte. Gegen Morgen war er abgereist. "Die unangenehmste Reise meines Lebens!" sagte er verdriesslich. "Was das fur ein krankhaftes Geschopf war gleich zu sterben!"
Spater erst fiel ihm ein, dass dieser Tod Leonin auf dem Gewissen liegen werde, wenn er ihm auch Freiheit gabe. Damit beruhigte er sich.
Fennimor ward nicht durch den Tod erlost. Ihr Erwachen war sogleich vollstandiges Bewusstsein. Da Emmy sie nicht entkleidet hatte, erhob sie sich augenblicklich, und ihre tiefe Seelenangst trat in jeder Bewegung hervor.
"Emmy," sagte sie leise, "er hat mich doch so sehr geliebt!" Dabei fing sie eine Wanderung durch das Zimmer an, die Alle im Laufe der Zeit zur Verzweiflung brachte. Immer dieselbe Linie haltend, von dem Fenster an, wo sie den Todesstoss empfangen hatte, bis in den aussersten Winkel des Zimmers, und wieder zum Fenster zuruck. Sie horte Nichts um sich her! Sie sah Nichts! Wenn sie angeredet ward, blieb sie stehen und sagte zu Jedem: "Er hat mich so sehr geliebt!" Der Ausdruck ihres Engelsantlitzes war dabei so, dass Niemand ihn ohne Thranen sehen konnte. Auch zu ihrem Kinde sagte sie dasselbe. Sie kannte es nicht.
Emmy schien durch Nichts mehr uberrascht. Sie hatte dies Alles langst in ihrem argwohnischen Nachdenken durchlebt und that jetzt nur, was sie im Voraus beschlossen. Eine Bauerin erschien gegen Abend, da das Kind dem Verschmachten nahe, und die Milch der Mutter jeden Falles todtbringend war. Das eigne Kind verlassend, nahrte das theilnehmende Weib das verwaiste.
Die Nacht verging Fennimor wanderte fort. Der Arzt und Emmy sassen stumm einander gegenuber. Kein Mensch durfte sie beruhren es schien ihr den grossten Schmerz zu machen. Wer hatte sie auch zwingen mogen? Doch verschwand die Blasse allmahlig, hohe Rothe stieg in ihre Wangen, die gluhendste Fieberhitze ergriff sie; sie ging heftiger nur.
"Beruhigt Euch," sagte der Arzt zu Emmy "das uberlebt sie nicht sie war ja noch Wochnerin die Quellen ihres Busens sind versiegt, das deutet das Fieber an es wird ihr Tod!"
"Dann sei Gott gepriesen!" rief Emmy wild "die scheussliche Welt, in die sie gerathen, ist nicht werth, dass ihr Fuss langer in ihr wandelt!"
Bald offnete das steigende Fieber den stillen Mund. Erst plauderte sie leise dann lauter sie lachelte sie hupfte sie flog, selbst unter der Gewalt der Krankheit noch reizend schon, und wie ein gluckliches Kind auf kuhlem Wiesengrunde! Sie war in Stirlings-Bai sie rief den Vater und lachelte ihm zu kein Andenken ihres spateren Lebens trat hervor ihre Kinderjahre, Emmy, der Vater, ihre Bilderbucher, der Wald! Welche anmuthige Arabeske lieblich und wunderbar durchschlungener Gedanken, bildeten ihre Phantasien! Dies brach Emmy's Harte schreiend fast, schluchzte sie ihren Jammer aus; aber die, welche sonst ihrem leisesten Seufzer sorgsam nachspurte, hupfte lachelnd und schwatzend an ihr voruber und sah in den wilden Aufruhr dieser konvulsivisch zuckenden Gestalt, als ob sie eine schone Blume aus den Waldern von Stirlings-Bai erblicke. Da schien dem mit angespannter Aufmerksamkeit sie beobachtenden Arzt, als ob sie, durch das Fieber bezwungen, Durst empfande. Dies war, was er gehofft und erwartet. Schnell reichte er ihr den bereiteten Becher, der den Schlaftrank enthielt, auf den allein zu hoffen war. Er tauschte sich nicht; sie trank mit kindischer Begierde und nannte es: Milch aus StirlingsBai. Der Gang aber ward nun matter und schleppender, die Worte gebrochen; die Augenlieder sanken. Schon hatte Emmy die Thranen getrocknet; widerstandlos trug sie den Liebling ihres Herzens auf das lange verlassene Lager, und bald breitete der Schlaf seine Segnungen uber die Verwustungen der Menschenhand. Die Marschallin von Crecy sass in ihrem Ankleidezimmer und horte der unschuldigen Louise zu, welche ihr von dem jungen Marquis d'Anville erzahlte, mit dem sie gestern bei dem Herzoge von Lesdigueres getanzt hatte, und der gar zu heiter und liebenswurdig war, so dass sie immer durch ihn an Leonin erinnert ward, mit dem sie auch fruher so habe scherzen und lachen konnen.
Die Marschallin hatte Nichts dagegen. Sie wusste jetzt genau, wie es mit Louise stand; diese Brucke, welche Schwestern, die ihre Bruder sehr lieben, sich durch Vergleichungen zu bauen wissen, die sie dann unwillkurlich in ein anderes Gebiet der Empfindung hinuber leiten, war ihr vollkommen bekannt. Der junge neunzehnjahrige Marquis war ihrer Tochter bestimmt; doch erst nach drei Jahren sollte die Vermahlung vor sich gehen, der junge Mann bis dahin entfernt werden durch den jetzigen Krieg, spater durch Reisen.
Sie liess Louise ruhig plaudern und verstarkte nur durch einzelne Worte den erregten Eindruck, sich an der harmlosen Uebergabe des holden Kindes innerlich belustigend als dieses trauliche Zwiegesprach plotzlich durch den Eintritt dessen aufgehoben ward, den Louise noch zur Erklarung ihrer Gefuhle bedurfte Leonin stand vor Beiden.
Aber wie wenig glich er jetzt noch dem Bilde des frohen, unschuldigen Marquis d'Anville! Selbst die unerschutterliche Marschallin erschrak bei seinem Anblick, und wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke: Das ist Dein Werk!
Louise flog mit einem Freudenschrei in seine Arme. Aber Leonin schauderte, als er ein anderes weibliches Wesen an die Brust druckte, von der er Fennimor so eben verstossen. Die Marschallin sah Alles sie furchtete sich fast vor ihm da er da war, musste das vollendet sein, was sie geleitet; damit kam ihr ein kleines vorubergehendes Grauen an die Vollendung stahlte sie nicht so, wie der Eifer, sie zu erlangen.
"Leonin, Du bist krank!" rief Louise, als er sich matt und stumm von ihr los machte, um seine Mutter zu begrussen, "ich erkannte Dich kaum!"
"In Wahrheit, mein Lieber," sagte die Marschallin, "Sie haben keine gute Farbe Sie mussen mit dem Arzte sprechen Sie haben jetzt keine Zeit zum krank sein!"
"Lieber mit dem Beichtvater, gnadige Frau!" erwiederte Leonin dumpf und bitter, "es konnte nothiger sein!"
"Ganz nach Ihrem Bedurfnisse," sagte die Marschallin, durch diese vorwurfsvolle Entgegnung erkaltet und erzurnt. "Oft ist uns der Seelenarzt so nothig, als der leibliche. Der Konig ist bereits zur Armee abgegangen; die Konigin hat ihr erstes Wiedersehen mit Seiner Majestat in Nancy, dorthin"
"In Nancy?" unterbrach Leonin seine Mutter "in Nancy? in der Hauptstadt des Herzogs von Lothringen? So verfugt man schon uber das Eigenthum des Feindes, dessen Land man noch nicht einmal betreten hat?"
"Mein Sohn, ich finde Ihren Ton sehr sonderbar; es scheint mir hochst unpassend, und fur Sie am meisten, als eine zum Hofstaat gehorende Person, sich mit einer Art wie soll ich sagen, um es milde zu bezeichnen einer Art Erstaunen mindestens, uber diese allerhochsten Beschlusse zu aussern. Wer konnte zweifeln, dass Seine Majestat heute schon das Recht hatten, sich in Amsterdam ihr Diner zu bestellen? Die Beschlusse zu der einen oder andern stets passenden Eroberung sind zugleich Siege!"
Hierin lag etwas Wahres. Die Marschallin hatte nur nothig, das Vorhandene zu benutzen, um ihrem Sohne zu imponiren. Dieser ganze Krieg war ein voraus empfundener Siegestaumel, den zu beargwohnen, in der That ein ungehoriges Gefuhl und der damaligen Zeit ganz fremd war. Die Naturanlage der Franzosen, sich in dem anmassendsten Dunkel als die Ersten der Erde zu betrachten, erhielt die vollstandigste Entwicklung und schlug Wurzeln, zu tief, um je zu ersterben, ein Stutzpunkt bleibend fur Alles, was die Zeit im mannigfaltigsten Wechsel daran hinauftrieb was wir mit giftiger oder segensreicher Vegetation vergleichen konnten, die immer ein und derselben Wurzel entsprossen.
Leonin war auch schon auf Kosten alles Andern zu sehr Franzose geworden, um nicht Ueberzeugungen schnell nachzukommen, die er um so hohen Preis erkauft. Er fuhlte, er hatte sich unpassend geaussert, und fragte daher schnell: ob die Konigin in Versailles anwesend sei?
"Ihre Majestat haben den Bitten ihrer guten Stadt Paris nachgegeben und vor ihrer Abreise noch einen Besuch in den Tuillerien gemacht. Paris ist e i n Saal der Freude! Die Strassen sind Garten, in denen das Volk tanzt und spielt, die beiden Koniginnen, von ihrem ganzen Hofstaate umgeben, durchziehen sie in offnen Triumphwagen, welche die Stadt hat bauen lassen. Unsere Reisewagen sind gepackt; wir erwarteten nur Ihre Ruckkehr, um das Hotel Soubise zu beziehen; machen Sie danach Ihre Einrichtungen!"
"Ich werde schwerlich mit Ihnen zugleich dem Hofe aufwarten konnen," erwiederte Leonin "ich fuhle mich sehr unwohl etwas Ruhe ist mir durchaus nothig!"
Einen Augenblick sah die Marschallin zu ihrem Sohne auf, mit dem Wunsche, zu widersprechen; aber aufs neue leuchtete ihr die Ueberzeugung seiner sichtlichen Erschopfung ein. So gern sie sich's gelaugnet hatte, es war gar nicht zu ubersehen er war krank jedenfalls in einer Gemuthsstimmung, die eine kleine Sammlung wunschen liess; da sie ihn wenig so darzustellen verhiess, wie es die Marschallin wunschte.
So trennte man sich. Kein Wort hatte das uberfullte Herz Leonin's erleichtert. Diese harte Frau, die ihn so ohne Bedenken zu dem Verbrechen gereizt, das er fuhlte begangen zu haben, zeigte eine Gleichgultigkeit, die nicht einmal nachfrug, ob oder wie es vollzogen. Keine Theilnahme, kein Dank, Nichts versohnte den ungeheuren Schritt, den er gethan. Zuruckgedrangt ward er mit jeder Empfindung, die ihn fast zu ersticken drohte, als nehme man ihr Dasein fur unmoglich an; und was man ihm dagegen bot, waren die erbarmlichen Wichtigkeiten dieser aussern Welt! Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit zusammen; ein finsterer Groll gegen sich und die ganze Welt ergriff ihn, ja, eine Ansicht uber seine Mutter brach sich Bahn, die ganz gegen den kindlichen Enthusiasmus stritt, den er bisher empfunden. Es war ein furchterliches Gericht in ihm, und die grosste Strafe der Sunde erreichte ihn: der Preis, um den er gesundigt, sank in dem Augenblicke, wie er ihn errungen hatte! Eine gluhende Holle schien ihm dies glanzende Treiben des Hofes, welches jede Besinnung erstickte, jede Regung verstiess, die nicht in ihre erkunstelten Zustande passte. Eine Einode schien sie ihm zugleich, von todtender Langweile erfullt, ohne Reiz, ohne Erquickung der Felsblock des Sysiphus muhsam taglich emporgewalzt, taglich zurucksturzend dieselbe Bahn fur das Erfolglose immer denselben Aufwand von Muhe begehrend.
Fast bewusstlos sank er auf sein Lager, und Keiner aus seiner Umgebung wagte mehr, den jungen Erben zu storen, dessen Ansehn so wenig den glanzenden Aussichten entsprach, die Alle fur ihn eroffnet wussten.
Bald fuhren die Karossen der Marschallin vor, und sie verliess, nach den passendsten Instruktionen an ihren Arzt und Beichtvater, das Palais Crecy, ohne dass sie selbst ihren Sohn wiedergesehn, oder die Bitte der trauernden Louise um diese Gunst gestattet hatte.
Dies Mal sollte der Marschall ihr zu Hulfe kommen! Er befand sich bereits in Paris; aber sie wusste es mit Sicherheit, dass sie ihm nur zu sagen brauche, Leonin sei krank in Versailles angekommen, und er werde in der nachsten Stunde dahin reisen, wo sie dann seinem unbezwinglichen Ungestum vertrauen durfte, der weder die Einwendungen Anderer horte, noch sich ihnen fugte, und unfehlbar Leonin's Krankheit fur nicht bedeutend genug ansehn musste, um ihn langer von dem Schauplatze entfernt zu halten, den ihn einnehmen zu sehen, seine ganze Seele erfullte.
Dagegen erschien die Marschallin sogleich mit der Miene einer betrubten Mutter, das Unwohlsein Leonin's der Konigin und seiner nun offentlich erklarten Braut mitzutheilen. Da Niemand zur Besinnung kam in dem Taumel, der in Paris herrschte, der Volk und Hof fast in einem Feste vom Morgen bis Abend zu vereinigen schien, so fand jede Erklarung gefalligen Eingang, die von Niemandem ein langes Nachdenken oder Zuhoren begehrte.
Nur Viktorine, die sich stets selbst behielt, der diese Dinge nur so nahe traten, als sie wollte, horte die Nachricht der Marschallin mit veranderter Farbe; und als der Marschall in Reisekleidern bei ihr eintrat, um ihr Muth einzureden, fuhlte sie die kindlichste Zartlichkeit gegen ihn, und Beide trennten sich mit erhohter Liebe.
Diese Empfindung war Viktorine uberhaupt viel mehr geneigt, ihrem kunftigen Schwiegervater, als der Marschallin zu widmen. Sie misstraute ihr. Dies vollendet gehaltene Wesen, welches, wie das untruglichste Rechenexempel sich immer in den Forderungen der grossen Welt aufloste, emporte ihren offenen Karakter, der durch freie geistige Entwickelung, so viel es diese Zeit zuliess, die Etikette lasterte. Sie hatte uberdies einen ahnenden Verstand. Sie war zu unschuldig, um manche Dinge wissen zu konnen; aber sie ahnte dann eben, dass nicht Alles in Ordnung sei, und fehlte selten in ihren Voraussetzungen.
Am nachsten Abend stand sie neben ihrer Schwiegermutter in dem grossen Spielzimmer der Konigin, wahrend sich im Nebensaale der glanzendste Ball entwickelte, welchen die Konigin als Abschiedsfest gab, und an dem Theil zu nehmen, ihr unmoglich war, als die Marschallin plotzlich zusammenschreckte und einen Augenblick starr nach der Thur blickte. Viktorinens Augen folgten diesem Blick, und sie konnte die Ursache nicht errathen, bis der Marquis de Souvre ihr auffallend ward, der sich mit seiner gewohnlichen Dreistigkeit halb lachend, halb neckend durch die Menge drangte.
Viktorine glaubte jetzt die Bewegung der Marschallin erklart. Er kommt aus Leonin's Krankenzimmer, sagte sie sich; sie selbst fuhlte ein tiefes Erbeben und zugleich ein sanfteres Gefuhl gegen die Marschallin, was ihr sagte: sie ist doch Mutter!
Souvre stand sogleich vor ihnen. "Willkommen, Marquis!" sagte die Marschallin. "Wie verliessen Sie meinen Sohn?"
"Auf dem Wege, zu den Fussen seiner schonen Braut seine Genesung abzuwarten," erwiederte der Marquis, beide Damen begrussend. "Doch verliess ich das Terrain in dem Augenblick, als der Marschall seine Position dort nahm. Einer solchen bewaffneten Macht gegenuber, nehme ich gern sogleich meinen Ruckzug denn er bleibt stets Sieger wovon Euer Gnaden auch wohl im Voraus uberzeugt waren."
"Der Marschall hat stets den liebenswurdigen Ungestum eines Junglings," lachelte die Marschallin aber ihr Auge lag noch immer durchbohrend auf Souvre, der, seine Ueberlegenheit fuhlend, auch nicht durch die kleinste Aeusserung verrieth, was sie so sehr zu wissen wunschte.
"Belehren Sie mich, ob ich recht horte, ist dies ein Abschiedsfest?" fragte er, sich zu Victorinen wendend "muss Leonin in Wahrheit zu spat kommen, sich in dem Glanze des Hofes mit seinem unermesslichen Glucke brusten zu konnen?"
"Ihre Majestat werden von morgen an ihre Andacht bei den Carmeliterinnen halten und dann nur noch kleinen Zirkel in ihren Privat-Apartements empfangen," erwiederte Victorine.
"Ach," sagte Souvre, "ich lebe auf! So hoffe ich, werden wir auch dort noch im kleinen Zirkel mindestens einiger hundert Personen, das Vermahlungsfest meines glucklichen Vetters und seiner schonen Braut erleben!"
"Lassen wir das!" rief Victorine stolz und gereizt. "Soll ich Ihnen etwa die Feierlichkeiten dabei vorzahlen, damit sie Ihre verschiedenen Hofkleider ausstauben lassen? Ich passe nicht zum Referiren und setze immer den Takt voraus, es zu fuhlen, ehe ich es selbst andeuten muss."
"Allerliebst!" lachte Souvre "also das hat die Liebe noch nicht bewirkt! So nah' an dem gehorsamsten, demuthigsten Zustande ich meine die Ehe," setzte er sich verbeugend hinzu "und doch so wild, so gereizt, wie eben aus dem Kloster entkommen? Schone Viktorine, ich warne Sie lenken Sie ein! Leonin ist nur anscheinend ein schwermuthiger Schafer, innerlich und wo es gilt, ein reissender Lowe!"
Die Marschallin horchte auf. Dies schien ihr der erste Wink. Doch Souvre blickte nur Victorinen herausfordernd an er schien jene vergessen zu haben.
"Erlauben Euer Gnaden, dass ich mich beurlaube!" sagte Victorine, sich tief vor der Marschallin verneigend. "Die vortrefflichen Manieren des Herrn Marquis zwingen hier eine Frau, die Flucht zu ergreifen."
"Fliehen Sie Ihren Sieger?" rief Souvre "Sie haben nun einmal Ihre Stellung in der Welt verloren. Ein Mal besiegt, erleben Sie nichts mehr, als Niederlagen! Ich, Ihr altester Freund und Verehrer, musste doch daran meinen Antheil haben!"
Victorine rollte achselzuckend ihren Facher vor ihm auf und verschwand in dem Nebensaale.
Eben wandte die Marschallin sich zu dem Marquis, entschlossen, ihn zur Sprache zu bringen, da eilte Souvre, die Herzogin von Bellefond zu begrussen, die ihren grossen Reinigungszug, wie die Hofleute ihn nannten, wobei sie jeden Fehler der Etikette rugte, durch den Saal hielt.
"Soll ich Ihnen helfen, meine Beschutzerin meine Wohlthaterin?" rief Souvre. "Wie Noth thut sicher hier Ihre glanzvolle Herrschaft im Reiche der Etikette, wo die gute Stadt Paris mit ihren breiten Manieren dem Hermeline des Konigsmantels etwas sehr nahe getreten ist. Die Luft ist davon noch etwas verdorben, wie ich spure!"
"Ach, Marquis, Marquis," erwiederte Madame de Bellefonds, mit so heiserer Stimme, dass ihre Rede dem dumpfen Gebrumme eines zornigen Baren glich "das furchte ich nicht zum zweiten Male zu erleben! Denken Sie! den ganzen Tag auf der Strasse! Ihre Majestat die Konigin sehen zu mussen, wie diese Populace sich zu ihr drangte Anreden gestatten zu mussen auf offner Strasse, ohne nur die Namen dieser Geschopfe zu kennen, viel weniger ihren Adelsgehalt ja, am Ende lieber Nichts von ihnen wissen zu wollen; da doch nur zu erfahren stand, dass sie aus der Hefe waren. Alle unter dem e i n e n Hute sich bergend, als Burger von Paris! Burger von Paris, Marquis! Ich hatte weinen konnen uber den Wahnsinn, der sie glauben liess, durch diesen Titel zu dem Benehmen gegen Ihre Majestat berechtigt zu sein! Und dann die Humanitatsideen der hohen Herrschaften! Niemand, den man in seine Schranken verweisen durfte, wodurch dem Volke der Muth wuchs bis zur Raserei! Konnen Sie denken, dass davon die Rede war, einige von den Deputirten der Stadt heute Abend einzuladen? So dass denn also kein einziger Platz rein geblieben ware! Aber ich drohte meinen weissen Stab in Stucken zerbrechen zu wollen, wenn man diesen Plan ausfuhre, und da unterblieb es, trotz dem, dass der Marquis Fenelon, dieser sogenannte grosse Geist, mich fragte: ob ich dachte, dass diese Herren Deputirten, die ein Paar Millionen kommandirten, weniger Bildung hatten, als meine Herzoge und Grafen?"
"Nun in Wahrheit," lachte Souvre "diese rasende Behauptung hatte Euer Gnaden todten konnen!"
"Fast Marquis, fast war es so weit! Und Ihr hort es an meiner Stimme, es ist mir Alles auf die Brust gefallen. Es war meine letzte Anstrengung, und in der Antwort, die ich ihm gab, schlug die Stimme um. 'Marquis,' sagte ich, 'um so schlimmer! So sind es ubertunchte Graber, in denen sie nichts zu verdecken hatten, als Hobel oder Elle und der Bursche, der mir zu den Schuhen Maass nimmt, hat in meinen Augen mehr Werth, als diese impertinenten Masken, die sich unsere Vorzuge anzumassen wagen.'"
"Vortrefflich, vortrefflich!" rief Souvre; "mit welchem Geiste Sie Ihren Willen auszudrucken wissen. Es musste fur die Nachwelt verzeichnet werden! Gottlob, dass Frankreich die Herzogin von Bellefond als Wache vor dem Throne dieser sanften, nachgiebigen Konigin hat! Es ist die einzige Rettung, der einzige Schutz gegen die andrangende Volksbildung, die, wie ich im vollen Ernste horte, sich allerlei Nachahmungen der hoheren Stande erlauben soll; und wie lacherlich und unglucklich auch solche Versuche sind, sie bleiben doch jederzeit ein Aergerniss und verrathen einen gefahrlichen Sinn, der im Entstehen erstickt werden muss."
"Ja wohl, Marquis! Sie haben nur zu Recht; aber ich beschwore Sie, horen Sie auf davon zu sprechen ich muss sonst mein Flacon gebrauchen. Ach, Marquis, wer hatte sonst nur nothig, diese Klasse in den Mund zu nehmen! Wir hatten Handwerker, die nur unsere Haushofmeister und Kammerfrauen sprachen; und ich hatte es nicht fur moglich gehalten, dass ich mich jemals uber einen Burgerlichen wurde argern konnen. Aber horen wir auf es greift mich an, und ich bin beschamt uber den Gegenstand!"
"Nun so sagen Sie mir etwas Neues vom Hofe," rief Souvre "Sie wissen, ich war mit dem jungen Grafen Crecy abwesend."
"Ja, ja, ich erinnere mich! Doch sagen Sie Marquis, warum sehen wir Sie allein zuruckkehren? Ist man so lau und nachlassig in der Bewerbung um ein Ehrenfraulein Ihrer Majestat?"
"O, Madame," sagte Souvre, "welche Voraussetzung! Er ist wie ein Wahnsinniger Tag und Nacht gereist, als er die Weisung zur Ruckkehr erhielt, und da hat er sich erkaltet. Doch, es wird vorubergehn! Euer Gnaden haben sicher schon uber die Vermahlung des Paares Ihre Dispositionen gemacht; darf ich im Vertrauen sein?"
"Sie sind mein Verzug!" erwiederte die Herzogin mit einer steifen Grimasse, die Lacheln andeuten sollte, "und wollen immer Alles voraus wissen. Doch ist es zu erwahnen, wie Ihre Gesinnung wirklich sich stets unbefleckt rein erhalt, und ich habe deshalb manche Rucksichten!"
Der Marquis verneigte sich, und Madame de Bellefond fuhr fort: "Die Zeit erlaubt keine Festlichkeiten Ihre Majestat muss sich bereit halten Sie wissen, das erste Hauptquartier wird in Nancy sein wir mussen uns auf den Weg dahin begeben, um dann mit Seiner Majestat zugleich einziehen zu konnen. Naturlich konnen aber der Graf und Mademoiselle de Lesdigueres nicht bei demselben Hofstaat, in derselben Karosse vielleicht, die Reise antreten, ohne vermahlt zu sein. Das haben denn auch Ihre Majestaten erwogen, und ich habe selbst die etwas streitsuchtige Lesdigueres zum Schweigen gebracht. Nun soll es also ein Impromptu werden! Wie ich hore, hat es aber die eigensinnigste Hofdame, die ich je unter Aufsicht hatte, durchgesetzt, dass die Frau Konigin den Herrn Erzbischof von Noailles um die Abtretung seiner Funktionen an Monsieur Fenelon, diesen uberspannten Pfarrer von St. Sulpice, gebeten hat. Das war hinter meinem Rucken geschehen; die Konigin wird von dem jungen Madchen beherrscht; doch hatte sie die Gnade, sich bei mir deshalb zu entschuldigen. Sie fuhlte wohl, dass sie mir ins Amt gegriffen! Doch mein Kind, Sie sehen, wir haben nicht mehr viel Zeit, und der Brautigam fehlt! Dieser junge Mensch, Marquis, im Vertrauen, ahnelt nicht sehr seinen musterhaften Eltern! Krank zu werden, wenn man seine Anstellung bei Hofe antreten soll, hat immer etwas gegen den Respekt und gegen die vollkommene Feinheit, die wir bei solchen Gelegenheiten vorherrschen lassen mussen. Wer kann mir nachsagen, dass ich je krank war? Aber das ist so der Spuck, der sich gern einschleichen mochte, den alle diese Herren Dichter, Philosophen und Gelehrte verbreiten, und den sie Menschenrechte, oder Naturgebote, oder Gott weiss wie nennen. Aber ich frage Sie, Marquis, ist es schicklich, dass man so etwas bei Hofe hort, wo lauter Edelleute vom ersten Range leben? Ich frage Sie, mein Lieber wenn Monsieur Moliere im Vorzimmer des Konigs fruhstucken darf, und Seiner Majestat ihn anredet, als ware er ein Mensch, wie jeder andere, da haben wir freilich nichts Besseres zu erwarten! Sonst, Marquis, begaben wir uns in die grosse konigliche Loge, und vor uns auf den Brettern, in dieser unuberschreitbaren Entfernung, liessen wir alle diese Herren machen, was sie konnten, und frugen nicht nach, ob es sogenannte Dichter, Philosophen und Gelehrte waren. Machten sie es gut, wurde geklatscht, machten sie es schlecht, wurden sie wieder weggejagt. Das erhielt aber die Luft rein! Da waren unsere Cavaliere ohne jene sonderbaren Manieren, die jetzt einen jungen Mann in den Zwanzigern erkranken lassen, wenn er eine Hofcharge antreten soll und sich vermahlen!"
"Euer Gnaden zurnen, wie ich merke," sagte Souvre, "ich muss Furbitte thun! Ihr Zurnen wurde nicht allein den Schuldigen unglucklich machen, sondern besonders die Eltern, die Sie doch anerkennen!"
"Sie sind ein gutes Kind, Marquis, ich weiss es wohl. Nun sehen Sie, Sie sollen Recht behalten! Ich gehe und rede die Marschallin an."
Damit schritt sie auf die indess von mehreren Bekannten umgebene Marschallin zu; und da bei ihrer Annaherung gleich Alles Platz machte, konnte sie, wenn sie es beabsichtigte, mit Jedem reden, wie in ihrem Privat-Kabinette.
"Marschallin," sagte sie "ich muss so einen kleinen Wink geben. Die hohen Herrschaften sind voll Gnade fur Ihr Haus, wie dies eine so bedeutende Familie auch erwarten darf. Es sind Auszeichnungen beabsichtigt, die wir allerdings zu schatzen und zu wurdigen wissen werden; aber die Jugend, meine Liebe, man weiss wohl, wie das jetzt geht die Jugend hat nicht das alte Mark der Ehrfurcht in den Gliedern, da mussen wir nachhelfen, bis sie es lernt. Krankheiten sind immer kein Grund, gegen die Befehle der hohen Herrschaften zu handeln. Nun, wem sage ich das? Sie, meine Liebe, sind ja die vollkommenste Dame des Hofes! Sie werden mich verstehen und darnach Ihre Maassregeln nehmen!"
"O, meine theure Herzogin," rief die Marschallin mit dem sussesten Lacheln "wer kann Sie in Ihren anmuthigen Belehrungen ubertreffen! Sie haben eine Gabe, anzudeuten den Weg zu bezeichnen die einzig in ihrer Art ist! Glauben Sie mir, ich habe Sie verstanden um so mehr, da mein eigenes Gefuhl Ihnen langst auf diesem Wege entgegen kam."
"Ich weiss ich weiss!" sagte die geschmeichelte Herzogin "Sie sind vollkommen zu Hause in der guten alten Welt des Hofes, in der wir wenigstens noch einige Male vereint mit solchen Mitteln die Brucken abbrechen werden, die die Populace nach uns hinauf zu bauen trachtet; doch still, still, Marschallin, wir wollen das nicht einmal in den Mund nehmen, es zieht schon herab, dafur Gedanken haben zu mussen."
Leonin war an der Seite des Marschalls von Crecy in Paris eingetroffen.
Die Marschallin empfing sie mit einer so mittheilenden Zartlichkeit, dass Beide vollstandig in ihre Hande fielen.
Sie lud den Marschall zur Tafel, da die Stunde dazu heran gekommen war, und er willigte ein, erweicht durch die Nahe seiner Kinder und die guten Manieren seiner Gemahlin; ward aber fast geruhrt uber dieselben, als in dem Augenblicke, wie er den ersten Becher Wein forderte, im Vorzimmer sein larmendes Musikchor, was die Marschallin sonst nie in ihrer Nahe duldete, zu verabscheuen vorgab, und welches jetzt, von ihr selbst dazu beordert, das Vorzimmer eingenommen hatte einen seiner wilden Lieblingsmarsche zu spielen begann.
"Sie sind im Ernste sehr hoflich, meine Liebe!" sagte er mit der uns bekannten Grimasse, die Ruhrung andeutete "Sie lieben diese frohlichen Stucke nicht und ich muss Ihnen meinen Dank sagen."
"Nun, Marschall," erwiederte seine Gemahlin "wir haben, denke ich, auch nicht oft die Ehre, den Helden der Fronde an unserer Tafel zu sehen. Es ist billig, unsere Neigung nicht zu befragen, wenn wir es ihn nicht bereuen lassen wollen."
Dagegen schickte der ungemein erheiterte alte Herr nach diesem ersten larmenden Versuche die ganze Bande in ihr Quartier und liess sich eine Goldborse von seinem Kammerdiener bringen, um fur die Dienerschaft seiner Gemahlin auf jeden Teller, den man ihm wegnahm, in jeden Becher, den er leerte und zum Fullen reichte, ein Paar Lonisd'or zu werfen.
So hatte die Marschallin ihre Absicht erreicht, Leonin bei seiner Ruckkunft augenblicklich aus sich herauszureissen und den Umstanden, wie sie hier herrschten und wie bestimmt waren, ihn zu beherrschen, unter zu ordnen. Die eisernen Formen, die ihn sogleich einschlossen, mussten ihn uberzeugen, dass er hier nur nachgeben konne. Dieses anscheinend herzlicher hervor tretende Familienfest sollte dabei seinen idyllischen Traumen wie die Marschallin sich ausdruckte schmeicheln, ihn hier einen Reiz mehr erkennen lassen, um den Werth des zuruck gewiesenen Gluckes zu entkraften.
Gegen Ende der Tafel ward dem Marschalle gemeldet, dass sich, wie gewohnlich bei seinem Diner, bei der Nachricht seiner Ruckkehr mehrere Personen in seinem Vorzimmer gesammelt hatten.
"O hierher, Marschall, hierher!" rief seine Gemahlin "Alles, wie Sie es gewohnt sind!" Fort flogen die Diener, und bald erschienen einige der vornehmsten Personen des Hofes, da der sonst gewohnliche militarische Hofstaat des Marschalls bereits der Armee gefolgt war. Doch beruhrte es Leonin wie ein elektrischer Schlag, unter ihnen den Herzog von Lesdigueres zu bemerken, der mit aller verwandtschaftlichen Bevorrechtung den Marschall und Leonin umarmte, und zwischen dem sanft gestimmten Ehepaar in einen herbei getragenen Fauteuil sank.
"Nun, Marschall, wie ich Eure rothen Vorreiter sah, konnte ich dem Vergnugen nicht wiederstehen, selbst von Euch zu horen. Und sagt, wie steht es dort mit dem neuen Cavalier der Konigin?" fuhr er nekkend fort, Leonin anblinzelnd; "mir deucht, die Reise dauerte nicht lange! Das war Diensteifer, Vicomte! Nicht wahr, bloss Diensteifer!"
Ein schallendes Gelachter des Marschalls und des witzigen Herrn Herzogs folgte dieser Rede, und Leonin, der plotzlich den Wahnsinn der Rettungslosigkeit fuhlte, griff nach der Maske, die zu dem erwarteten Fastnachtsspiele passte, und als er das erste Lacheln erzwang, hatte der Schmerz seines Herzens ihm fast einen lauten Schrei ausgepresst. Auch die Marschallin hielt den Athem an der Moment war entscheidend. Er ward schneller selbst, als sie erwartet hatte, in die neuen Verhaltnisse gedrangt wie Viel hing davon ab, dass er schon die rechte Starke gewonnen habe! Aber sie sah, dass die blasse, hohle Wange sich plotzlich rothete, das trube Auge lebendig ward, er den bisher unberuhrten Becher Wein hinunter sturzte, und sich dann rasch zum Herzog wendend, mit uberlauter Stimme ausrief: "Euer Gnaden werden meinen Eifer doch nicht missbilligen?"
"Nun, nun," sagte der Herzog "man sagt, Mademoiselle de Reetz habe auch dereinst von unserm ahnlichen Eifer erzahlen konnen! Doch merke ich, junger Herr, das gehort nicht mehr in mein Departement nun, ich habe nichts dagegen, wenn Ihr Euch damit bei Viktorinen meldet!" Dabei zog er Leonin in seine Arme und herzte und kusste ihn und Leonin fuhlte, er habe diese schon langst vollig abgemachte Sache, an der kein Mensch mehr zweifelte, in diesem Augenblicke bestatigt. Wir durfen nicht verbergen, dass die Erinnerung an Viktorinens jugendliche Schonheit, an ihre Trefflichkeit, in demselben Augenblicke lebendig in ihm erwachte und der Seufzer, der ihm entstieg, galt dem Schmerze, ihrer nicht mehr werth zu sein.
Und Souvre sass lachend und jeden Scherz erhohend an derselben Tafel! Leonin wusste noch nicht, was er ausgerichtet hatte, und seine Ehre hing jetzt an dem Ausspruche dieses Mundes.
Souvre wusste dies Alles, und mit teuflischer Lust qualte er sowol die Marschallin, als den von ihm so bitter verachteten Knaben; denn vergeblich hatte seine hohe Verbundete nach ihm gesandt zu allen Stunden; er war zu keiner zuganglich gewesen und erschien erst, da alle Fragen unmoglich waren.
Doch die Marschallin war langst entschlossen, jede Unsicherheit abzuwerfen und die Dinge, die sie nicht wusste, so anzunehmen, wie sie zu den Schritten passten, die jetzt ihrer Ueberzeugung nach nicht mehr ausbleiben konnten. Sie war daher ungemein erfreut, als sie Leonin eben so getrieben, und ihn den entscheidenden Augenblick mit einer Fassung bestehen sah, deren grimassenhafte Weise nur sie zu verstehen vermochte.
Herr von Dreux und der Marquis Vieuville unterbrachen diese Spannung. Man hob die Tafel auf; Herr von Vieuville verkundigte die glanzenden Siege der Armee, die Flucht des Herzogs von Lothringen und den Beschluss der Konigin, am andern Mittag ihre Reise anzutreten. "Madame de Bellefond," setzte er lachelnd und heimlich zur Marschallin gewendet, hinzu, "ist von der Ruckkehr des jungen Grafen unterrichtet. Sie lasst Euer Gnaden sagen, die ganze Familie Crecy-Chabanne wurde in voller Parure diesen Abend bei der Konigin erwartet."
Die Marschallin fuhlte, dass sie kalt ward! Die Wichtigkeit des Moments entzog sich ihr nicht. Aber, was auch Abweichendes ihr Inneres beruhren mochte, die aussere Form war ihr so durchaus die dringendste Anforderung, ihr so bequem und gewohnt, dass sie stets, jeder anders wirkenden Anregung entgegen, den ungestorten Mechanismus derselben betreiben konnte.
"Meine Herren," sagte sie sich laut redend gegen Gemahl und Sohn wendend "Ihre Majestat wollen uns Alle noch diesen Abend empfangen Frau von Bellefond befiehlt im grossen Hofkostume!"
"Weiss Gott, ich gehe hin!" rief der Marschall "ich will unsere gute, schone Konigin noch ein Mal sehen, wie wenig das Hofleben auch eigentlich mehr fur mich passt!"
Schon unterrichtete der Marquis Vieuville den Marquis de Souvre, bei Seite tretend, von den Absichten der Konigin, und Souvre sah ein, er musse jetzt Leonin Etwas von seinen Nachrichten geben, wenn nicht ein Aergerniss eintreten solle. Er benutzte daher den Moment, wo Leonin zu erreichen war, und flusterte ihm zu: "Muth, Muth Sie sind frei!"
"Frei," stammelte Leonin erbleichend "frei!" rief er noch ein Mal; und schon fuhlte er den Werth dieses Ausspruches, den neuen ihn besturmenden Anforderungen gegenuber. "Hat sie eingewilligt? Gott, wie ertrug sie es?"
"Spater, spater!" rief Souvre "jetzt thut Ihnen nichts so Noth, als Ihre Freiheit! Darum begnugen Sie sich damit, dass ich Ihnen versichere, dass Sie frei sind."
Leonin fuhlte diese Wahrheit. Er beruhigte sich damit und flog der neuen Richtung seines Lebens mit der Hast eines Menschen entgegen, der nicht mehr den Muth hat, in sein Inneres zu blicken.
Als die Marschallin im grossen Hofkostume, mit Juwelen beladen, ihr Ankleidezimmer verliess, um in den Wagen zu steigen, stand der Marquis de Souvre vor ihr, und sein boshaftes Auge uberlief die anmassende Erscheinung der stolzen Frau er sann der Hoffnung nach, sie zu erschuttern.
"Madame," sagte er "ich darf uber den Gegenstand, um dessenwillen Sie mich zu sprechen wunschen, nicht im Zweifel sein beruhigen Sie sich, Ihr Sohn ist frei!"
"Das habe ich vorausgesetzt," sagte sie kalt "was wollte solche Person auch fur so angemasste Rechte hervorbringen?"
"So war es nicht, Madame," sagte Souvre scharf "Ihr Recht war in guter Ordnung. Kein Gerichtshof von Frankreich hatte es bezweifeln konnen; und eher hatte man den Konig bewogen, seine Krone niederzulegen, als s i e , diesen Rechten zu entsagen!"
"Ihr scherzt," sagte die Marschallin, etwas herabgestimmt "also mussen wir wohl Alles Ihrer besondern Klugheit zurechnen?"
"Auch das nicht, Madame."
"Nun, und dann? Ihr sagtet doch, Leonin sei frei!"
"Er ist Wittwer!" rief der Marquis mit dem schneidendsten Tone, indem sein Auge durchbohrend auf seiner gefassten Verbundeten ruhte.
Doch diese taumelte ein Paar Schritte zuruck und schien alle Fassung zu verlieren. "Todt? todt? Marquis, was habt Ihr gethan? Diese Sache durfte so nicht enden das ist gegen unsere Wurde!"
Mit unbeschreiblicher Verachtung blickte der Marquis auf diese hochmuthige, entsetzte Person. Selbst im Sundigen wollte sie noch mit sich coquettiren und ihren aristokratischen Dunkel behaupten. Sie, die mit langer, sorgfaltiger Muhe und Vorbereitung den Dolch schliff, der ihr Schlachtopfer vernichten sollte, und ihr Gewissen so eingewiegt hatte, dass sie hoffte, sich nie davor erschrecken zu mussen sie glaubte sich nun aus ihrer Wurde verdrangt, da sie das gemeine Schicksal jedes Bosewichtes erfuhr, dass blut fliesst, wo der Stoss trifft!
"Madame," sagte er mit hoher Stimme, "ich muss bitten, sich zu fassen, damit Ihre Aeusserungen keine Beleidigung werden und sie uberlegen konnen, dass Alles einfach und nothwendig aus den Bedingungen hervor gehen musste, die ich und Leonin nach Ihren eignen Angaben genothigt waren, ihr zu machen. Die junge Grafin Crecy"
"Halt, halt, nicht diese Benennung! ich dulde es nicht!" rief die Marschallin, ausser sich.
"Und doch, Madame, hatte sie dazu ein unbezweifeltes Recht doch, wie Sie wollen! Also, die junge Frau hatte erst kurze Zeit ihr Wochenbett uberstanden. Da sie zart war und, ich muss hinzusetzen, schon wie ein Engel da sie uberdies unschuldig war, wie die Sonne, und sich vollstandig rechtmassig vermahlt wusste konnte sie nicht, ohne die heftigsten Erschutterungen, Ihre durch mich uberbrachten entehrenden Erklarungen horen und da Leonin die Flucht ergriff, sah ich sie in dem Augenblicke, wo sie dies erfuhr, vor meinen Augen sterben."
"Sterben, sterben! ein solch burgerliches Madchen und gleich sterben!" sagte die Marschallin tonlos; dann wankte sie nach einem Stuhle und fiel fast darauf hin, in einer Betaubung, die sie aller Haltung beraubte.
Der Marquis liess dies Alles ruhig zu; er wollte es ihr nicht erleichtern und vielleicht konnte er es auch wirklich nicht; denn, obwol er seinen Zweck im Auge behielt, konnte er doch nicht ein Grauen beschworen, was jedes Mal in ihm aufstieg, wenn er der wunderbaren Erscheinung Fennimors gedachte und des Gerichtes sich damit bewusst ward, das durch sie in ihm erregt worden war. Nur nach Aussen konnte er Alles beherrschen, ohne Einfluss lassen; innerlich erfuhr er stets eine Anregung, wie wir sie oben bezeichnet haben. Nach einer Pause, die ihm lange genug schien, fuhr er fort: "Doch Leonin weiss davon Nichts ich sagte ihm, dass er frei sei doch nicht, auf welche Art. Vieuville hat mir mitgetheilt, dass die Konigin ihn heut Abend zu vermahlen denkt. Die Nachricht wurde seine Laune verderben, da er unfahig ist, sich zu beherrschen."
"Ja wohl," seufzte die Marschallin, "das darf er nicht erfahren, es brache ihm vollends das Herz!"
Souvre erstaunte uber die Stimmung der Marschallin. "Sie ist lacherlich ausser Fassung!" sagte er zu sich. Sie war ihm langweilig verachtlich. "Ich muss furchten, Euer Gnaden bereuen das Geschehene obwol es Ihr Wille war," sagte er, in der Hoffnung sie zu reizen. "Auch kann ich versichern, dass die verstorbene Gemahlin Ihres Sohnes eine bewunderungswurdige Erscheinung war! Vielleicht, wenn Euer Gnaden sie gesehn hatten, wurden Sie selbst ihre Rechte anerkannt haben!" Dies war wohl berechnet.
"Marquis," sagte die Marschallin und stand sogleich, wenn auch mit einiger Schwierigkeit auf "Mitleiden wird mich nicht zur Verletzung meiner Pflichten als Mutter und als Tragerin zweier gleich beruhmten Namen fuhren. Es ist genug. Das Ende musste so sein mochte es eine Warnung fur diese unberechtigte Thorinnen jener niederen Stande werden, ihr hubsches Gesicht nicht zu benutzen, um sich in die hoheren Spharen der Gesellschaft zu drangen. Ihr Loos muss nach gultigem Rechte dort immer dasselbe sein!"
"So gefallen Sie mir, gnadige Frau," sagte Souvre hohnlachend "das ist die alte Kraft!"
"Sie sind sehr freigebig mit Ihrem Beifalle, Herr Marquis," erwiederte die Marschallin, von seiner Vertraulichkeit sichtlich beleidigt "ich war nicht darauf aus, ihn einzuernten. Mein Alter, wie meine Stellung pflegen mich gegen solche Aeusserungen zu schutzen."
"Gewiss fehlte auch fur alle Anderen jede Veranlassung dazu," sagte Souvre sorglos. "Nur wer, wie ich, einen Blick auf die geheimen Bestrebungen Euer Gnaden that, kann so, wie ich, dazu die Berechtigung haben."
"Ich habe keine Zeit, Ihrer Vertraulichkeit Rede zu stehen; wir mussen zur Konigin!" erwiederte die Marschallin, mit unendlichem Grolle sich uberzeugend, sie musse die Beleidigung verschmerzen; doch hatte diese galligte Erregung ihres Blutes jede Weichheit in ihr zerstort. Schon lag das Bild ihres Opfers, das Souvre zu ihrer Krankung so reizend hervor gehoben hatte, in den Hintergrund gedrangt. Eifrig eilten ihre Gedanken der Stellung entgegen, die sie jetzt mit vermehrter Sicherheit einzunehmen vermochte, und die ihr endlich die Erfullung aller ihrer Wunsche verhiess. Dieser kuhne Gedankenflug erlitt eine kleine Storung, als sie dem Marschall und Leonin an der grossen Abfahrtstreppe begegnete, wo Beider Karossen standen. Leonin hing wie ein bleicher Schatten in seinen glanzenden Hofkleidern sein Gesicht trug den Ausdruck hinsterbender Apathie. Man versammelte sich in den inneren Appartements der Konigin Maria Theresia. Wie der Marquis gesagt der kleine Zirkel bestand immer noch aus einigen hundert Personen, und wer heute Zutritt hatte erlangen konnen, hatte sich herbei gedrangt; denn ohne dass es ausgesprochen war, blieben die Andeutungen doch nicht aus, dass sich hier etwas Besonderes ereignen solle. Voll Erstaunen gewahrte man den Abbe Fenelon, der mit ungewohnlich blassem Gesicht sich zuruckgezogen hielt. Man fragte, man trug zusammen und kam der Wahrheit zuletzt ziemlich nahe, wahrend man voll Ungeduld die Konigin erwartete. Dieser Augenblick trat endlich ein. Mit der grossten Huld und Freundlichkeit erschienen Beide die junge Konigin, auf den Arm ihrer imposanten Schwiegermutter gestutzt. Ihnen folgten die Prinzessinnen des Hauses dann die Kavaliere und Damen der Bedienung. Unter ihnen fehlte Mademoiselle de Lesdigueres, welches sogleich von Allen bemerkt ward.
Die Koniginnen hielten mit diesem Gefolge ihren Umzug durch den Saal, und zeichneten vorzuglich die Familie Crecy und Lesdigueres durch ihre Freundlichkeit aus.
Wahrend dem zupfte der Marquis Vieuville Leonin bei Seite; Beide verliessen den Saal, der Marquis fuhrte Leonin durch einen Umweg in das Kabinet der Konigin. Als Leonin eintrat, erblickte er sogleich die wunderschone Gestalt der Mademoiselle de Lesdigueres, die in reichem Silberstoff, mit Juwelen geschmackvoll verziert, auf einem Tabouret in der Mitte des Zimmers sass und die Augen fest auf die Thur geheftet hielt, aus der Leonin und der Marquis Vieuville jetzt hervortraten.
"Viktorine!" rief Leonin bei ihrem Anblicke sogleich das geheimnissvolle Flustern verstehend, was ihn den ganzen Abend verfolgt hatte, "Viktorine, meine Braut! meine Geliebte!"
Er sturzte mit einer Heftigkeit, die ihn plotzlich aus seiner Apathie erweckte, auf Viktorine zu, und seine Bewegung war um so sturmischer, da sie mehr einem physischen Nervenreize, als der Warme seines gemordeten Herzens entsprang.
Viktorine sah ihn in unbeschreiblicher Bewegung zu ihren Fussen liegen. Sie war vollstandig geschaffen, die ruhrende Wichtigkeit des Augenblicks zu empfinden, und Thrane auf Thrane fiel aus den schonen, glanzenden Augen auf Leonin's Haupt, das er in ihren Handen verbarg.
"Leonin," sagte sie dann sanft, "ich bin Ihnen Beides mit voller Ueberzeugung und von ganzem Herzen und die Konigin will, dass Sie durch mich erfahren sollen, wie bereit ich bin, Ihnen dies zu bestatigen!"
"O, Viktorine," rief Leonin, "ich bin es nicht werth, Ihr Gatte zu sein! Bedenken Sie, was Sie thun! Ich bin Ihrer nicht werth! Sie sind ein Engel ich bin ein armer, schwacher, elender Mensch!"
Viktorine sah die Todtenblasse, die eingesunkenen Zuge seines schonen Gesichtes in dem Augenblicke, wie er in der tiefsten Erschutterung den Kopf zu ihr aufhob; und wie auch die Welt sie als kalt und gefuhllos bezeichnete, sie war vollstandig Frau; so war auch bei dem Anblicke seiner leidenvollen Zuge ihr erstes Gefuhl nur das zartlichste Erbarmen und das zweite der schone Muth, ihm dies Gefuhl zu zeigen, ihn schutzend und heilend zu umgeben mit dem Reichthume weiblicher Hingebung.
"Leonin," sagte sie zartlich, "Sie sind krank Ihr Ansehn verrath es mir! Horen Sie auf, in dieser Stimmung so hart und misstrauend uber sich zu urtheilen! Wenn Sie aber leiden, so nehmen Sie Ihre Viktorine als Stutze, als Trost hin; ich fuhle in mir die Kraft, Ihnen Beides zu sein."
"O, Geliebte," rief Leonin, "ist es wahr? Darf ich noch nach solchem Erdenglucke die Hand ausstrekken! Ist es moglich, dass Viktorine mir gehoren will?"
"Schwarmer!" lachelte sie ihm entgegen "uberzeugen Sie sich denn, ob ich Ihnen bestimmt bin! Die Kapelle der Konigin ist erhellt Fenelon erwartet uns am Altare die Konigin wollte, dass ich Ihnen diese Ueberraschung mittheilen sollte."
Leonin antwortete mit einem Schreie. Sein Kopf sank in ihren Schooss. Ueber ihm hing das edle, zartliche Madchen, mit dem seligsten Gefuhle des weiblichen Herzens denn sie hoffte geliebt zu sein!
"So habe ich es wohl ganz recht gemacht?" sagte eine sanfte Stimme. Beide fuhren in die Hohe, an dem wohlbekannten, heiss geliebten Tone die Sprechende erkennend. Maria Theresia und Anna von Oesterreich standen, leise eingetreten, vor dem so ungleich bewegten Paare.
Viktorine sank vor der Konigin aufs Knie Leonin that mechanisch dasselbe. Beide Koniginnen segneten sie mit Wohlwollen und Ruhrung ein.
Jetzt fullte sich hinter ihnen das Zimmer Henriette von England umarmte Viktorine und hiess sie niedersitzen. Die Flugelthuren nach den mit Hofleuten gefullten Salen wurden geoffnet, um den Anwesenden eine Erklarung des heutigen Festes zu verschaffen.
Die Konigin nahm der Herzogin von Bellefond ein Diadem von Brillanten ab und machte eine Bewegung, es der Braut um die Stirn zu legen. Die schonen Hande von Madame vollendeten das Werk, dem sie den bedeutungsvollen Kranz von Orangenbluten hinzufugten. Die Konigin Anna nahm darauf einen Strauss von Brillanten von ihrer Brust, den Madame de Bellefond der Braut befestigte.
Viktorine kusste noch ein Mal knieend die Hande der liebevollen Furstinnen, erhob sich dann und zeigte der ganzen Versammlung das schonste Bild einer edeln, jungfraulichen Braut.
Herr von Dreur fuhrte jetzt den halb bewusstlosen Leonin zur Konigin. Herr von Vieuville reichte ihr das Band des Heiligen-Geist-Ordens. "Der Konig wunscht Ihnen Gluck, Graf Crecy!" sprach die Konigin "und lasst Ihnen sagen, wie auch ohne den Glanz der Waffen, ritterliche Tugenden zu uben waren! Sie sollen sich vorerst dem Schutze der Frauen widmen!"
Leonin bebte, als ihn Vieuville fast zur Erde druckte und das blaue Band um seine Schultern legte. Er hatte es bereits entehrt durch den schreiendsten Frevel an weiblicher Unschuld und Tugend. Als ob eine gluhende Schlange sich um seine Brust ringelte, so fuhlte er das leichte seidne Band.
Er konnte keinen Laut sprechen er hatte kaum Kraft, sich zu erheben. Aber Niemand sah seinen Zustand; zu sehr ward vorausgesetzt, was er empfinden musste, um zu bemerken, was er wirklich empfand.
Die Konigin empfing jetzt eine Meldung; sie neigte das Haupt, dann winkte sie Leonin und Viktorine an ihre Seite und stellte sie so gewissermassen dem versammelten Hofe vor, wahrend der Marquis Vieuville vortrat und mit lauter Stimme rief: "Ihre Majestat die Konigin ladet die Versammlung ein, der kirchlichen Einsegnung von Leonin, Grafen Crecy-Chabanne, und Viktorine, Prinzessin von Lesdigueres, in der Hofkapelle beizuwohnen."
Schon traten die Hofchargen voran, und an der Seite Maria Theresia's, von ihren Fingerspitzen, liebevoll lachelnd, geleitet, schritt Mademoiselle de Lesdigueres der an dieses Zimmer grenzenden Kapelle zu, wahrend Anna von Oesterreich, sich auf Leonin's Arm stutzend, ihnen folgte, nachgedrangt von allen Gegenwartigen, denen jedoch Henriette von England in der Mitte der beiden Elternpaare voranging.
Wie eine Erscheinung aus hoherer Welt, mit der Verklarung eines Heiligen in dem blassen Gesichte erwartete Fenelon das Brautpaar auf den Stufen des Altars. Sein Auge beruhrte nur einen Augenblick Beide dann schien es sich in himmlischer Anschauung uber die Erde zu erheben.
Seine Stimme war zu Anfange so verandert, dass sie etwas Geisterhaftes hatte, und Viktorine sie kaum erkannte. Dann ward sie starker zuletzt gewann sie ihre volle melodische Kraft und als er sich endlich zur Braut wandte, schien er ein feuriger Cherub, gesendet, die Befehle des Herrn zu verkundigen! "Viktorine de Lesdigueres, Zierde Deines Geschlechtes, fuhle in Deinen Vorzugen die grosse Anforderung des Herrn! Nicht, w a s Du erlebst, sondern, w i e Du es erlebst das sei Deine Frage vor Gott! Ihre Beantwortung wird bestimmen, ob Du Deinen Schopfer ehrst und ihm dankbar bist fur die reichen Gaben, die er Dir gab, und die Dir zurufen: ein Vorbild zu werden jeder weiblichen und christlichen Vollkommenheit! Tausche uns nicht," sagte er, zu ihr gebeugt, und seine Stimme bebte in Ruhrung "Du bist eine schone Hoffnung auf dem Wege Aller, die Dich kannten und liebten!" setzte er kaum horbar hinzu. Nach einer Pause schritt er zu den kirchlichen Ceremonien und Beide waren vermahlt.
Nach den Begluckwunschungen der Koniginnen und Prinzessinnen, zogen sich die hohen Herrschaften einige Augenblicke zuruck, um dem Hofstaate und den jetzt verwandten Familien Raum zu ihren Gratulationen zu lassen. Spater ward in den Gemachern der Konigin Anna eine geistliche Musik aufgefuhrt, der die Neuvermahlten, zwischen den Koniginnen sitzend, beiwohnten. Am andern Mittage brach der ganze Hof auf. Die junge Grafin Crecy folgte an der Seite ihres Gemahls, in einer Karosse, mit zwei Kavalieren und zwei Damen der Konigin, dem Triumphzuge dieser kriegerischen Vergnugungsreise nach Nancy, dem ersten Ruhepunkte des glanzenden Hauptquartieres. Die Begebenheiten des zweiten hollandischen Feldzuges zu schildern, gehort der Geschichte an. Wir haben keine Berechtigung, in das romantische Bild der Zeit und die Erzahlungen der Schicksale einzelner Privatpersonen, die ihr angehorten, die grosse Katastrophe zu verflechten, die einen fur sich abgeschlossenen, achtungsvollen Raum begehrt. Nur in so fern diese kleineren menschlichen Begebenheiten, die uns vorliegen, sich an diese grosseren Zustande anschliessen, sei es uns erlaubt, ihrer zu erwahnen.
Obwol der Nymweger Frieden, der diesen Feldzug endete, erst sieben Jahre spater geschlossen ward, so blieb doch der Konig und der Theil seines Gefolges, der blos als Hofstaffage des Krieges diente, nicht so lange von seinem glanzenden Schauplatze, von Paris oder vielmehr von Versailles getrennt, welches Letztere immer mehr in seinem Werthe die ubrigen koniglichen Besitzungen uberbot; da die ungeheuern Summen, die an seine Verschonerung verschwendet wurden, es allerdings nach dem damaligen Geschmacke, zu dem prachvollsten Konigssitze Europas umschufen. Auch war mit der Gegenwart des Konigs bei der Armee, die mit dem Winter endete, die Idee, die Frankreich und er selbst nothig hatte, vollkommen erfullt. Der personliche Muth, den er bei mehreren Veranlassungen gezeigt, der gluckliche, klare Blick bei schnellen Entscheidungen, die Gewandtheit, womit er anzuregen und hinzureissen verstand, und die imponirende Hoheit, mit der er wieder eben so dem wildesten Strome, den heftigsten Ausbruchen der Leidenschaften Einhalt zu thun wusste diese seltene Vereinigung hatte den Konig in den Augen seines ganzen Volkes zu dem Helden erhoben, den er nothwendig darstellen musste, um dem Ehrgeize Aller Genuge zu leisten. Jetzt hatten sie uber ihn abgeschlossen, und er konnte fur den Augenblick thun, was er wollte er blieb ihnen der erste Held der Erde! Die Anbetung glich dem Wahnsinne; man fragte den ganzen Reichthum der Sprache nach einem Worte, ihn zu verherrlichen. Man war mit dem Beinamen "des Grossen" nicht zufrieden, und hatte ihn am liebsten "den Gottlichen" genannt.
Auch zog seine Ruckkehr die Blicke Aller von der Armee fort ihm nach! Dieser blutige, langwierige, mit so grossen Kosten gefuhrte Krieg, der die edelsten Stutzen der Nation sinken liess, und das Land seiner kraftigen mannlichen Jugend auf so lange Zeit beraubte, sank augenblicklich zur Nebensache herab, als Ludwig seinen beruhmten Feldherren die Erringung der grossen Erfolge ubertrug, die sie unsterblich machten. Die Pavillons, die an dem Schlosse von Versailles emporstiegen, die Garten, die Le Notre unerschopflich war, durch neue Erfindungen umzugestalten, waren weit mehr der Gegenstand aller Mittheilungen bis in die Provinzen hinein, als das grosse und blutige Schauspiel, das Frankreich auf fremdem Boden auffuhrte.
In den vollsten Taumel dieser Zustande verflochten, kehrten Leonin und seine Gemahlin mit der koniglichen Familie zuruck.
Fennimor's Tod war das Hochzeitsgeschenk, das der Marquis de Souvre ihm den Tag nach der Vermahlung gemacht! Aber die Maske, die er gelernt hatte vorzunehmen, um diesen ewig lachelnden Hof nicht zu erschrecken, schutzte ihn vor dem Verrathe seiner Gewissensbisse der wahnsinnigen Verzweiflung, die ihn zerriss. Denn der Marquis hatte kein Interesse, ihm Fennimor's angeblichen Tod als einen Zufall der kaum erstandenen Wochnerin zu bezeichnen, wie die Marschallin es wunschte. Den Augenblick der Rache versaumen, nach so langer sorgfaltiger Muhe, ihn vorzubereiten, hiess eine Thorheit verlangen, die er blos mit Achselzucken horte, um Leonin alsdann mit dem vollen Gewichte der Nachricht zu treffen, die ihn in Wahrheit so elend machte, als er gehofft, und seine reichen Besitzthumer in dem Augenblicke vernichtete, als sie ihn alle zu umschaaren schienen.
Viktorine war Alles g a n z . Fruher schuchtern, stolz und jungfraulich verschlossen, war sie jetzt von der muthigen Zartlichkeit einer Gattin durchdrungen. Scharfsichtig, freilich die Motive verkennend, errieth sie den geistig und korperlich ungemein leidenden Zustand ihres Gemahls und gab sich ihm mit allen Mitteln einer edeln, weiblichen Liebe hin. Wie hatte er dem vereinten Zauber so vieler Vorzuge und so vieler Liebe widerstehen konnen! Er ergab sich ihm mit weicher, traumerischer Zartlichkeit, die ein weibliches Herz so lange von der Erkenntniss ihres wahren Geschickes abzuhalten vermag und lohnte ihr diese glaubensvolle Liebe doch nicht durch ein ausreichendes Vertrauen, welches allein ihn noch derselben wurdig machen konnte. So gewann er wieder, was der verwohnte Zogling der eifersuchtigsten Mutter von Jugend auf zu erzielen gelernt hatte: der Augenblick hullte ihn schonend und liebkosend ein!
Der Arzt von Ste. Roche ward durch Souvre's Vermittelung mit Summen versehen, welche uberschwanglich ausreichend, die Existenz des Kindes und seiner Warterin sichern sollten. Fennimor's Leiche sollte in der alten Kapelle des Schlosses, in dem Grabgewolbe der Claudia von Bretagne beigesetzt werden und Leonin war vorlaufig mit diesen Angelegenheiten fertig. Die Abreise trat dazwischen. Schon hatte er gelernt, diese ausseren Pflichten als die vorherrschendsten, geltendsten anzusehen; er fand schon darin eine Rechtfertigung, dass sie ihn von jenen Interessen abzogen, und die susse Beschwichtigung aller schwachen Karaktere, die Dinge, die sie zu verletzen drohen, verschieben zu durfen, ubte auch uber ihn ihre ganze Gewalt.
Jetzt war er zuruck. Die alten Raume nahmen ihn auf. Das Schloss Crecy war dem jungen Erben allein ubergeben. Der grosste Glanz der Verhaltnisse, seine Stellung bei Hofe, die immer angenehmer und anziehender ward, je mehr ihn seine ubrige Lage zu begunstigen schien, Viktorinens schone, edle Erscheinung, die diese einst so oden Raume auch geistig zu beleben wusste und, indem sie ihn als zu sich gehorend betrachtete, ihm einen Werth zu geben schien, der ihn zu Zeiten selbst tauschte und ihm die Verpflichtung, sie glucklich zu machen, immer naturlicher werden liess Alles dies vereinigte sich, den Winter an Leonin voruber zu fuhren, ohne ihn ernstlich auf die Verhaltnisse hinzuleiten, die, ihm nur halb bekannt, oberflachlich von Andern besorgt, zu entscheidenderer Einwirkung aufforderten.
Das Fruhjahr fuhrte die rastlos wechselnden Feste des Hofes herbei, die auf den Genuss der schonen Garten berechnet waren, die ein konigliches Lustschloss mit dem anderen zu verbinden strebten und endlich forderte Viktorine seine ausschliessliche Aufmerksamkeit, indem sie ihm in dem Blutenmonate der Erde, wie sie wahnte den ersten Sohn uberreichte.
Wir werden sein erschrecktes Herz begreifen, wenn wir hinzufugen, dass er keinen Muth hatte, fur dies Kind zu fuhlen, was die erste Aufwallung fur dasselbe andeutete. Er stand stumm davor ein gerichteter Verbrecher! Es war dasselbe holde Wesen, das er verstossen es hatte gleiche Rechte an ihn; aber die Wonne, die er bei der Geburt von Fennimor's Sohne empfunden, und die er mit Verrath und dem schwarzesten Frevel bezahlt hatte, rachte sich jetzt an ihm und liess ihn verzagen, wie ein Mensch zu empfinden.
Dagegen war die Geburt dieses ersten Erben fur die Marschallin und ihren Gemahl der Gipfel des Glukkes, und Beide empfanden, Jeder in seiner Weise, dabei eine noch nie gekannte Erweichung. Das Kind selbst, Viktorine, die Geberin dieses Gluckes, waren ein Gegenstand fast thorichter Liebesweise, und das herzogliche Aelternpaar blieb gegen die Schwiegeraltern ihrer Tochter im Ruckstande.
Die ganze Familie war nach Paris gegangen. Die junge Grafin musste im Hotel Soubise ihr Wochenbett halten, und mit dem stolzesten Uebermuthe wurde dies Gluck verkundet, furstliche Geschenke in allen Richtungen vertheilt, und endlich ein Tauffest vorbereitet, diesen gesteigerten Empfindungen gemass.
Leonin liess sich in der Richtung forttreiben, die um ihn her so bestimmt angedeutet ward, dass sein eigener Wille unthatig bleiben konnte, da Niemand das Ziel desselben bezweifelte. Aber heftiger, wie je, erwachte Gewissensangst in seiner Brust, und ein Gefuhl, das aus Wehmuth und Sehnsucht zusammengesetzt war. Er hatte keinen freien Athemzug keinen heitern Blick er suchte die Einsamkeit und wer ihn unbeweglich aufgerichtet in seinem verschlossenen Zimmer hatte stehen sehen, das Auge in das Leere schweifend, der hatte furchten konnen, den glucklichen Vater, den Gunstling des Gluckes habe der Verstand verlassen. Aber er hatte in diesen Stunden eine Vision, die ihn vielleicht rettete! Er dachte an Fennimor und endlich loste sich aus dem dunkeln Raume, wohin er starrte, ein leichter Nebel er schwebte naher in duftigen, kaum sichtbaren Umrissen trat Fennimor daraus hervor zuerst bewegte sie die schlanke, weisse Hand dann sah er den zarten, leichten Fuss, halb schwebend, und wie nur sie ihn bewegte dann schaute er das susse, bleiche Haupt die Wangen mit Thranen bethaut, aber den Mund von dem harmlosesten Lacheln der Liebe verschont die reichen Locken schienen golden strahlend, und ihr Auge sah ihn so bittend, winkend an, dass er die Arme ausstreckte, der gelahmten Zunge den geliebten Namen erpressen wollte, und endlich, indem sie verschwand, niedersturzte und in Thranenstromen sich erleichterte.
Dies wiederholte sich taglich, so oft Leonin die Einsamkeit erreichen konnte und nur dies war es, was ihn bei den Anforderungen des Tages erhielt.
Die Majestaten hatten an dem glucklichen Ereignisse in der von ihnen so ausgezeichneten Familie den ehrenvollsten Antheil genommen, und die Marschallin in der Stille eine Hoffnung genahrt, die sie immer zu einer geduldigen Zuhorerin machte, wenn die Frau Herzogin von Lesdigueres mit dem Marschalle uber die Pathen stritt, die dem Kinde gegeben werden sollten.
Den dritten Tag nach der Tafel, als schon fur den nachsten die glanzvolle Taufhandlung angesetzt war, ohne dass man unter den zahllosen Gasten die Pathen bezeichnet hatte trat Leonin, vom Konige kommend, in den Portikus des Hauses, und ward von einem Knaben angeredet, der ihm ein mit Bleistift geschriebenes Blatt gab. Er blickte den kleinen Boten zerstreut an, und ihn fur einen Bettler haltend, gab er ihm einige Stucke Geld und eilte die Treppe hinan.
Er musste sich uber die Treppen durch die Gange und Gemacher winden, um zu seiner Gemahlin zu kommen; denn die Dienerschaft, Tischler, Tapeziere, Gartner waren mit ihren Vorbereitungen zu dem glanzenden Feste des morgenden Tages in einer so gerauschvollen Thatigkeit, dass fur den Augenblick fast jede andere Rucksicht aufhorte, und Leonin, selbst kaum beachtet und erkannt, sich formlich durcharbeiten musste. Erschrocken fast blieb er aber in einem der letzten Zimmer stehen, weil man hier unter einem Thronhimmel Viktorinens Paradebett auffuhrte, umgeben mit einer in goldenen Rahmen laufenden Glaswand, die sie von den Personen trennen sollte, welche Pathen des Kindes sein wurden, und die als solche mit den nachsten Verwandten das Recht hatten, der Wochnerin vor dieser Glaswand eine Verbeugung zu machen.
"Mein Gott," rief Leonin, "ist diese abscheuliche Ceremonie denn durchaus nothig? Wie gefahrlich, die Mutter solcher Pein auszusetzen, die sogar ihr Leben bedrohen kann! Das Paradebett ist schrecklich Grauen erregend!"
Er druckte die Hande vor's Gesicht im selben Augenblicke schien es ihm ein Leichenzimmer das Bett ward ein Paradesarg! "Gott wie schrecklich!" rief er, ausser sich, und sturzte an seinem erstaunten Kammerdiener voruber, sich sehnend nach Viktorinens lebendigem Anblicke.
Doch die Frauen vertraten ihm leise winkend den Weg Viktorine schlief. Er schlich naher er setzte sich dicht an die Vorhange nach und nach erst tauchte aus dem Dammerlicht ihre Gestalt auf. Mit welcher Ruhrung betrachtete er die schonen, festen Zuge, die, selbst vom Schlafe halb bezwungen, doch noch den Karakter einer Antike hatten.
Seufzer auf Seufzer hob sich aus seinem Busen sein Herz, belastet mit Schmerz und Angst, die jeder Tag zu steigern schien, ward von der Stille dieses Zimmers, der unbeweglichen Ruhe Viktorinens in einem Grade erschuttert, der ihn fast zur Verzweiflung brachte. Er konnte es nicht langer ertragen, schlich leise fort und athmete auf, als das erste helle Zimmer ihn umfing.
"Mein Sohn," sagte der Marschall, als Leonin in das Gesellschaftszimmer der Familie trat, "wir mussen nun beschliessen, wer Pathe Deines Kindes werden soll."
"Pathe meines Kindes?" erwiederte Leonin zerstreut. "Der Konig und die Konigin."
"Das erwartete ich!" rief die Marschallin, indem sie unwillkurlich aufstand, und der Ausdruck der hochsten Befriedigung uber ihr Antlitz glitt.
Auch der Marschall stand auf, und indem er eine kleine, steife Verbeugung machte, sagte er: "Ich kann nicht daruber klagen, dass die hohen Herrschaften vergessen, wer der alte Marschall Crecy-Chabanne ist."
"Jetzt aber erzahlen Sie uns, wie es kam!" rief Madame de Lesdigueres. "Ich liebe es, zu horen, wie sie sich bei solcher Gelegenheit haben! Mein Bruder, der Kardinal Reetz, sagte immer: 'Und wenn sie auch noch so lange an sich halten und immer auf eine ganz besondere Art und Weise warten, wodurch sie sich verstandlich machen wollen, endlich mussen sie doch herausrucken, und dann sind es dieselben Worte, die auch andere Menschen brauchen, und sie mussen darum die Lippen offnen und Athem einziehen und ausstossen nach dem Gebote der Natur!'" Sie begleitete diese fur Crecy'sche Ohren sehr ketzerische Reden mit herzlichem Gelachter und sah sich nach Leonin um, der neben Louise auf dem Balkon getreten war und die heisse Stirn von dem kuhlen Abendwinde erfrischen liess.
"Nun, Schwiegersohn, werden wir horen, wie es sich begab?" rief sie mit so durchdringender Stimme, dass Leonin wohl geweckt werden musste.
Ernst, mit dem kummervollsten Gesichte trat Leonin vor sie hin und fragte nach ihren Befehlen.
"Mein Sohn," sagte die Marschallin streng, und erzurnt uber sein gleichgultiges Wesen, "Sie vergessen, dunkt mich, die Dehors, die Sie uns und der Ehre schuldig sind, welche die Majestaten unsern Familien erzeigen!"
Diese Stimme hatte immer Einfluss auf ihn, sie drang stets wie ein kalter Windstoss durch jede Verhullung seines Innern. "Es ist wahr," fuhr er heraus, "ich bin sehr kalt und habe von Ihnen Allen Verzeihung zu erbitten! Der morgende Tag erfullt mich mit unerklarlicher Angst! Viktorine wird auf eine Weise durch die vorgeschriebene Etikette gequalt werden, die mich fur ihr Leben furchten lasst."
"Mein Herr," sagte die Marschallin kalt "Frauen von Stande sind dieser Etikette unterworfen gewesen, seit ich denken kann. Ich habe nie Etwas gehort, was diese sonderbare Aengstlichkeit, die ein wenig nach Sitten schmeckt, die hier nicht gelten, rechtfertigen konnte. Haben Sie jetzt die Gute, der Frau Herzogin zu sagen, auf welche Weise Sie die gnadige Willensmeinung der Majestaten erfuhren."
"Gestern Abend," sagte Leonin er wollte fortfahren; aber drei Stimmen zugleich unterbrachen ihn.
"Gestern Abend? Gestern Abend schon war es bekannt? Mein Gott, welch' ein unverzeihlicher Fehler!" rief die Marschallin "wir hatten den Herrschaften Alle aufwarten mussen!"
Die Herzogin lag hinten uber vor Lachen. "Nein," sagte sie dazwischen, "solche Tollheiten kann auch nur gerode Viktorinens Mann machen das konnte sie auch und was gebt Ihr, sie lacht sich krank, wenn ich es ihr sage!"
Der Marschall wusste nicht recht Position zu nehmen; er lachte gern, wenn er die alte Herzogin lachen sah, und doch schien es selbst ihm unerhort von seinem Sohne.
"Der Konig verbat ja alle Feierlichkeiten von Seiten der Familie!" rief Leonin und richtete seine Rede an die Marschallin, die ihren Zorn kaum zu bemeistern vermochte und daher lieber geschwiegen hatte.
"Als uns die Konigin gestern Abend beurlaubte, erwahlte sie mich, Seiner Majestat gute Nacht zu wunschen. Sie fragte dabei theilnehmend nach Viktorinen und sagte mir: Der Konig wurde mir noch Etwas in ihrem Namen zu sagen haben."
"Wir versammelten uns, wie gewohnlich, in dem Speisesaale, wahrend der Konig en petit couvert zu Abend ass. Nach dem Abendessen lehnte er sich gegen das goldene Gitter des Kamins, und wir durften das Wort an ihn richten; da ich mich aber zuruckzog, liess er mich rufen; er war sehr gnadig und that ahnliche Fragen nach meiner Gemahlin."
"Jetzt kam der Augenblick, wo er uns zu beurlauben pflegt, und zugleich der Moment so vielen Ehrgeizes Sie wissen, was ich meine. Der Konig nahm den kleinen goldenen Leuchter man drangte sich naher Jeder hoffte ihn zu erhalten. Da rief der Konig meinen Namen, und ich erhielt den goldenen Leuchter und durfte ihm zum kleinen Niederlegen folgen."
"Die Koniginnen, die Prinzen, Prinzessinnen und die Amme waren hier anwesend. Der Konig, dem ich mit der Ehre des goldenen Leuchters zur Seite bleiben musste, trat zur Konigin heran und sagte: Wollen Sie bei unserm Vetter, dem Grafen Crecy-Chabanne, meine Gevatterin sein?"
"Die Konigin nickte lachelnd wahrend ich vor Beiden das Knie beugte. Doch der Konig rief: nicht doch, nicht doch! Niemals mit dem goldenen Leuchter! Ich stand schon wieder, und der Konig uberreichte nun der Konigin nach alter Sitte, als seiner Gevatterin, einen Strauss und ein Paar Handschuhe. Der Strauss aber war von Juwelen, die Handschuhe von der schonsten Perlenstickerei."
"Wer den goldenen Leuchter am Abende getragen hat, muss am andern Morgen beim kleinen Lever erscheinen. Hier sagte mir Monsieur, er und Madame wurden stellvertretend bei der Taufe personlich zugegen sein."
Die Marschallin klingelte. "Sammtliche Staatswagen sollen vorfahren!" rief sie, und Alle trennten sich, um in hoffahiger Toilette ihre Aufwartung bei Madame Henriette und dem Herzoge von Orleans zu machen.
Dem Tumulte des vorangegangenen Tages folgte am andern Morgen die feierliche Ruhe der Vollendung, der Vorerwartung grosser Festlichkeiten. Der vollste Glanz einer so machtigen Familie, wie die Crecy-Chabanne-Soubise, trat hervor, und die Beschreibung der Ausschmuckungen des Palastes an diesem Tage wurde, wenn sie uns noch vergonnt ware, einen vollstandigen Commentar dieser merkwurdigen Zeit mit ihrem soliden Reichthume, den barocken Erscheinungen ihres geschnorkelten und uberladenen Geschmackes und ihres aristokratischen Dunkels geben.
Nur einzelne Gruppen geschaftiger Diener schlichen noch umher, um am fruhen Morgen dem Ganzen die letzte Politur zu geben, und Gartner trankten die kostbaren Blumen und Pflanzen, die einzelne Raume zu feenartigen Tempeln umschufen.
Die Schlosskapelle, in welcher der Bischof von Noailles die Taufhandlung vollziehen sollte, war durch eine kostbar drapirte Gallerie mit den ubrigen Zimmern fur diesen Tag verbunden, und das Meer von Licht, welches den Altar und die Kapelle erfullte, war u m so uberraschender, da die Gaste bei der vorgeruckten Jahreszeit, trotz des nahenden Abends, noch im hellen Tageslichte empfangen werden mussten. Wie glanzvoll diese Versammlung war, brauchen wir nicht weiter zu erwahnen. Wer hatte es nicht fur eine Gunst gehalten, sich einem Feste anschliessen zu durfen, das der Konig besonders ehren wollte?
Auch blieb der Marschallin kein Wunsch unbefriedigt. Sie musste sich trotz ihrer hohen Anspruche gestehen, dass, ausser am Hofe der Konigin, wohl schwerlich eine glanzendere Versammlung zu denken sei, und was n i c h t ohne Werth war, sie konnte sich sagen, dass sie der Mittelpunkt geblieben, dass Keiner der Gaste daran dachte, einem Andern, als ihr, die Ehrenbezeigungen der Begrussung zu machen. So vollkommen zufrieden sie jedoch mit diesem Ehrenplatze war, so unertraglich war es ihr, dass Leonin, wie sie glaubte, in seiner gewohnlichen traumerischen Weise die Stunde vergessen habe. Denn er, der anscheinend seine Gaste empfangen sollte, liess sich noch immer nicht sehen; ja, er war sogar im Palaste nicht zu finden, wie sein Kammerdiener meldete. Im Ankleidezimmer lagen seine Staatskleider bereit; aber obwol man ihn eine Stunde fruher in dem Zimmer seiner Gemahlin gesehen hatte, war er jetzt verschwunden. Schon hatte der Marschall, von den Umstanden gedrangt, umgeben von den vornehmsten Herren der Versammlung, im aussersten Vorzimmer Platz genommen, da jeden Augenblick die Ankunft der stellvertretenden hohen Herrschaften zu erwarten war, und noch immer kamen die nach allen Richtungen versendeten Diener mit der Botschaft zuruck, dass der junge Graf an keinem Orte zu finden sei.
Wie viel Fassung bedurfte die Marschallin, um die Qualen ihres Inneren zu verbergen, die anfanglich bloss dem ungemessensten Zorne angehorten, spater durch die Besorgniss um ein Ungluck verstarkt wurden, die immer wahrscheinlicher, immer drohender in ihr aufstieg und den Triumph ihres stolzen Herzens anfing zu entkraften. Der letzte Augenblick nahte die Kammerherren des Herzogs von Orleans erschienen jetzt mussten die hohen Herrschaften folgen und der Herr vom Hause, der sie an der Schwelle des Palastes empfangen musste, war nicht zu finden! Die Marschallin fuhlte eine der Ohnmacht ahnliche Schwache, die nicht gehoben ward, als ihr der Marschall sagen liess, er begebe sich hinunter.
Maschinenmassig bewegte sie sich vorwarts, und kaum hatte sie ihren vorschriftsmassigen Platz eingenommen, da fuhren die Karossen der Herrschaften unter das Portal des Schlosses.
Beinahe verzweifelnd blickte die Marschallin noch ein Mal nach ihrem Sohne umher er blieb verschwunden. Die Gewohnheit besiegte jetzt auf kurze Zeit den Tumult ihres Innern. Der glanzende Zug, an dessen Spitze die reizende Henriette von England an der Seite ihres Gemahls, des Herzogs von Orleans, erschien, ubte die Macht eines Lethe-Tropfens uber die Marschallin aus. Ihr in den Hofformen wohl erzogenes Herz durfte ihr Nichts, als die Entzuckungen der Ehre senden.
"Ah, Madame," sagte der Herzog von Orleans "Seine Majestat der Konig haben uns versichert, wir durften uns als Ersatz seiner geheiligten Person darbieten. Konnen wir auf Ihre Zustimmung rechnen?"
Die Marschallin versenkte sich einige Male vor Beiden und kusste den Rock von Madame, die sie alsdann freundlich umarmte. "Seine Majestat," stammelte sie dabei, "weiss jede seiner Gnadenbezeigungen durch die Weise, wie er sie ertheilt, zu Ehren zu erheben, die das Herz des Empfangers fast mit ihrer Grosse erliegen machen."
"O," sagte Madame, naiv lachelnd "ich meines Theils, habe mich recht gefreut, das schone Palais Soubise zu sehen, von dessen prachtvoller Ausstattung ich so Vieles horte."
"Madame," erwiederte die Marschallin "heute gerade, schien es mir, besassen wir Nichts, es seinem Zwecke gemass wurdig auszustatten!"
"Davon wollen wir uns selbst uberzeugen," sagte die schone Furstin und schritt nun durch das Spalier der glanzenden Versammlung in die prachtvolle Zimmerreihe, die ihre Voraussetzungen rechtfertigte.
Die Herrschaften hatten unter dem Thronhimmel Platz genommen und liessen einzelne Personen heranrufen, denen sie einige der gewohnlichen Fragen schuldig zu sein glaubten. Die Marschallin musste, an der Seite von Madame stehend, ohne Bewegung ausharren, obwol sie jetzt Ruhe erhielt, ihren wieder auflebenden qualvollen Gedanken nachzugehen. Jeden Augenblick musste sie eine Frage der Prinzessin in Bezug auf dieses rathselhafte Ausbleiben erwarten, oder die Wirkungen dieser beleidigenden Nachlassigkeit von den Umgebungen gerugt furchten; denn auch Souvre, den sie zuletzt abgeschickt, war nicht wiedergekommen.
Es war dabei gegen die Etikette, nach dem Erscheinen der hohen Gaste die Taufhandlung aufzuschieben; man durfte nicht annehmen, dass ihre Gegenwart einen geselligen Zweck habe, man musste dies wenigstens von ihrer Herablassung erwarten und jedenfalls die Veranlassung ihrer Gegenwart nur auf die Sendung des Konigs beziehen. Die Marschallin wusste das zu ihrer unendlichen Qual besser, wie einer der Anwesenden es ihr sagen konnte; aber wie sollte sie das Zeichen zur Taufhandlung geben, da der Vater des Kindes fehlte!
Einen Augenblick hielt Madame jetzt in ihren freundlichen Begrussungen inne. So wenig stolz sie war, sah man ihr doch ein gewisses Erstaunen, eine Erwartung an. Der Marschallin traten die Schweisstropfen auf die Stirn, sie sah den unbeweglich starren Blick der Herzogin von Bellefond und die zurnende Bewegung, mit der sie ihren weissen Stab vor sich hinhielt. Ein Entschluss musste gefasst werden!
Der Herzog von Orleans hatte so eben seine Unterredung mit dem Marschalle beendigt. Sein Auge nahm das verfangliche Umherschweifen an, das Erlaubniss zum Anfange der Feierlichkeit zu ertheilen schien. Die Marschallin wusste, dass Keiner diesen Raum mit ihr einnahm, der nicht voll Neugierde so vielen Missgriffen zusah. Sie musste sich sagen, dass dies ihren glanzenden Ruf erschuttern wurde. Was ihr bestimmt schien, sie uber Alle zu erheben, musste ein Markstein werden ihres unbestrittenen Uebergewichtes. Ihr gesteigerter und so verletzter Hochmuth brachte sie innerlich fast um ihren Verstand alle Personen schwammen vor ihren Augen; sie sah aber jetzt, wie die Herzogin von Bellefond sich erhob und den Weg zu ihr hin uber den leeren Raum vor dem Stuhle der Prinzessin durchschritt. Die Verzweiflung gab ihr Krafte sie wandte sich zur Herzogin und bat sie, das Zeichen zum Aufbruche zu geben.
Augenblicklich stand Henriette auf; denn auch sie sah den nahenden Paradezug der strengen Oberhofmeisterin und liebte, wie fast der ganze Hof, ihre Anmassungen zu durchkreuzen.
"Sollen wir ohne Ihren Sohn ohne den Vater, liebe Marschallin, den Zug antreten?" fragte sie leise die zitternde Mutter.
Sie bekam eine Antwort, so dunkel und verworren, dass sie sie nicht verstand und jetzt annahm, der junge Graf werde sie am Eingange der Kapelle erwarten.
Die Hofchargen arrangirten sich; Alle schritten in angemessener Wurde, nach der bestimmten Vorschrift, der Kapelle entgegen. Noch immer hoffte die Marschallin, hier ihren Sohn zu sehen; aber er blieb aus! Die Handlung fing an Ludwig, Maria von Crecy-Chabanne war mit diesem Namen getauft der Herzog von Lesdigueres und der Marschall ersetzten die Stelle des Vaters.
Die Handlung war voruber. Die Marschallin wankte zur Herzogin von Orleans. Madame durfte die Beleidigung nicht ubersehen; denn sie stand hier im Namen der Konigin. Sie grusste kalt ohne Gluckwunsch ohne die Marschallin zu umarmen.
"Darf ich fragen," sagte der Herzog von Orleans zu den jetzt angstvoll zusammen stehenden Elternpaaren, "welchem Grunde wir es zurechnen mussen, dass die Auszeichnung, welche Seine Majestat, mein koniglicher Bruder, den Eltern des Neugebornen zu erzeigen gedachten, gerade von diesen, wie uns scheint, so wenig beachtet ward, dass wir den Vater nicht anwesend sehen? Wo ist der junge Graf Crecy-Chabanne?"
"Das mag Gott wissen!" rief der Marschall mit dem Tone der Verzweiflung uberlaut und rang die Hande, sie plotzlich uber seinen Kopf zusammen schlagend "ich hoffe, im Grabe; sonst uberlebe ich diesen Verstoss seinerseits gegen Ehre und Gluck nicht!"
Die Marschallin glaubte zu ersticken. Sie hatte auf eine kunstliche Entschuldigung gesonnen ein todtliches Erkranken sollte ihn retten; jetzt war es damit vorbei. Ihre sonst ihr so getreue Fassung verliess sie, sie wendete sich seitwarts, um Luft zu schopfen. Der Marquis de Souvre war herbeigeschlichen. "Madame," sagte er leise und fest, "hoffen Sie nicht mehr auf Leonin. Die erste Gemahlin Ihres Sohnes lebt, und Leonin ist zu ihr nach Ste. Roche abgereist."
Man horte einen gellenden Schrei und die Marschallin von Crecy-Chabanne, welche noch niemals bei Hofe die kleinste Schwache gezeigt hatte, lag bewusstlos auf dem Boden.
"Darf ich Eure Konigliche Hoheit erinnern, dass hier nicht langer Ihr Platz ist," sagte die unerschutterte Herzogin von Bellefond; und da auch die Grafin von Grammont eine tiefe Verneigung vor Madame machte, so uberwand die gutmuthige Furstin ihre schnell erregte Theilnahme und blickte ihren Gemahl an.
Monsieur zeigte die steife Miene der ubeln Laune. "Wir sind, scheint es, zu seltsamen Familienscenen hierher gekommen," sagte er, seiner Gemahlin den Arm gebend und leicht grussend an Allen voruber eilend, wahrend die voransturzenden Kavaliere die Wagen vorfahren liessen, so dass die Herrschaften das Hotel Crecy verlassen hatten, ehe noch die Marschallin ihre Besinnung wieder gewann.
Als sie die Augen aufschlug, lag sie in einem Lehnstuhle in der Kapelle ihre Frauen, der Arzt umgaben sie; zunachst aber kniete die alte, gutmuthige Herzogin de Lesdigueres, trotz ihrer steifen Kleidung und Juwelenlast, und rieb die Pulse der Erwachenden, wahrend der Marschall und der Herzog wie Bildsaulen zuschauten.
"Fassen Sie sich doch, mein Kind!" sagte sie gutmuthig, als sie das erste Lebenszeichen sah "es wird sich Alles aufklaren. Nur Muth! Muth! Das muss doch heraus zu bringen sein, wo er steckt!"
Doch, wo hatte die Marschallin Trost finden konnen? Was Niemand aus Besorgniss um sie bis jetzt gesehen hatte, sah sie. Das Hotel war leer Alle hatten den Ort geflohen, wo eine anscheinende Beleidigung gegen die Majestat an den Reprasentanten des Konigs geschehen war. Bleiben, hatte eine solche Sunde theilen geheissen; Niemand konnte nur daran denken! Die Marschallin wusste das, bei dem ersten Strahle des Bewusstseins; aber sie konnte diesen Sturz von dem hochsten Gipfel der Ehre und Auszeichnung bis zu dieser Aechtung ihres Hauses nicht ohne eine todtliche Empfindung des Schmerzes erkennen. Der Arzt erklarte einen Aderlass nothig; die Lakaien ergriffen den Lehnstuhl und trugen die Marschallin, zur Erhohung ihrer Qual, durch alle die glanzend eingerichteten Gemacher, durch die grossen Speise-Sale, in denen noch alle Zurustungen im vollen Gange waren, nach dem entfernten Schlafgemache, wo der Aderlass endlich den Zustand von Erstickung hob, mit dem sie rang, und einige Tropfen Opium einen betaubenden Schlaf auf sie niedersenkten. Leonin hatte den Tag, der um ihn her so glanzende Anspruche an seine Theilnahme entwickelte, in einem Seelenzustande zugebracht, wie ihn vielleicht nur der verurtheilte Verbrecher vor seiner Hinrichtung erlebt. So lange, wie moglich, blieb er in dem Zimmer Viktorinens ihre klare, edle Stimmung hielt ihn aufrecht; sobald er sie verlassen musste, fiel er der Verzweiflung wieder zu, mit der er vergeblich rang. Mit geheimer Scheu gedachte er der regelmassig wiederkehrenden Vision er sehnte sich danach und furchtete sie doch zugleich. Er hatte sie nicht zu erwarten! Es war ihm, als schwebte sie flusternd neben ihm her er floh aus den Prunksalen er erreichte sein einsames Gemach. "Fennimor, Fennimor," rief er hier, ausser sich "ich will ein anderes Kind, als Dein rechtmassiges, mir zuerst gebornes, auf den Platz erheben, von dem ich das Deinige verstiess! Muss ich es nicht mit dem Tode bussen, muss dies schwarze Verbrechen nicht gestraft werden? Ach, an mir selbst an dem unschuldigen Kinde, das jenem in den Weg tritt?" Seine Aufregung hatte den hochsten Grad erreicht er lag halb auf seinen Knien er zweifelte nicht, sie ware da, wurde sich ihm gleich enthullen seine Augen suchten sie wie konnte es fehlen, dass er sie sah? Doch nur einen Augenblick! Ihr bleiches, schones Haupt, mit Thranen uberschuttet, das susse versohnende Lacheln um den Mund, tauchte auf. Dann sah er die Hand, sie winkte ihm dann war Alles verschwunden, und Leonin konnte weinen!
Wie lange er so da lag in einer Vergessenheit, die ihn fast dem Leben entzog, wissen wir nicht. Als er sich aufraffte, erschrak er vor seinem Anblicke. Er fuhlte, er durfe so nicht erscheinen. Langsam stieg er eine kleine Treppe hinab, die in den Garten fuhrte. Wie bewegte ihn der Anblick der Natur, dies erste duftende Grun, diese feinen Bekleidungen der saftig dazwischen durchschimmernden, dunkeln Stamme und Zweige! Die Luft war feucht und warm, eine brutende Atmosphare fur alle noch eingehullten Keime, aber so beengend fur die Menschenbrust, die keinen freien Athemzug darin findet. Leonin gab Alles nur Nahrung fur sein beklemmtes Herz. Seufzend, den Kopf auf der Brust, ging er mechanisch umher. Da glaubte er eine Stimme zu horen er sah sich um pfeilschnell flog ein Knabe den Weg hinter ihm her. Er blieb stehen und jetzt erinnerte er sich, dass es derselbe war, dem er am Tage vorher Almosen gegeben hatte. "Was willst Du, Kind?" rief er und zog wieder einige Geldstucke hervor "hat meine Gabe nicht gereicht?"
"O, was soll mir doch wohl Euer Geld?" sprach jetzt das Kind, ganz ausser Athem vor ihm stehend "leset doch nur, was ich Euch brachte, und sagt dann, ob ihr mit mir geben wollt!"
"Was meinst Du denn, mein Kind? Ich habe ja Nichts empfangen nimm dies Geld ich kann jetzt nicht mit Dir gehen."
"Mein Gott," sagte das Kind, fast weinend "ich habe Euch doch gewiss den Zettel gestern in die Hand gegeben. Wo habt Ihr ihn denn gelassen? Nun werden sie glauben, ich habe ihn verloren, und Ihr werdet nicht mit mir kommen wollen ohne den Zettel!"
Leonin erinnerte sich jetzt, dass er, zerstreut wie er war, den empfangenen Zettel nicht gelesen hatte, ihn fur eine Bittschrift haltend und ohnedies das Almosen ertheilend. Er durchsuchte den leichten Oberrock, den er auch heute trug, und fand nirgends das Blatt.
"Mein Kind," sagte er "die Bittschrift habe ich verloren, ich will Dir aber ohnedies geben, was Du bedarfst. Nur mit Dir gehen kann ich nicht, meine Gegenwart ist hier nothig."
"Ach, Gott erbarme sich," rief jetzt hellweinend das Kind "so soll der arme Herr ohne Euch sterben? Einem Sterbenden versagt man doch sonst Nichts und er kann und will nicht sterben ohne Euch!"
"Ein Sterbender!" rief Leonin erschuttert "Wen meinst Du? Wer will mich sprechen?"
"Herr Gott, wer anders, als Lesueur!" sagte das Kind. "Er liegt seit zwei Tagen im Sterben. Jeden Augenblick soll es vorbei sein; aber er sagt, er will nicht sterben, bis Ihr da seid; denn Ihr musstet sonst umkommen in Eurer Gewissensnoth!"
"Grosser Gott!" rief Leonin. "Was sprichst Du? Lesueur sterbend? Wo wo ist er?"
"Bei sich, lieber Herr," sagte das Kind, noch immer weinend "und wenn Ihr hortet, wie er Euch ruft, wie er mit dem frommen Priester, der Tag und Nacht bei ihm ist, nicht mehr beten kann, weil er Euch immer ruft und glaubt, Ihr werdet nie selig werden, wenn Ihr nicht noch sein Geheimniss erfahret!"
"Lesueur! Lesueur!" rief Leonin, von GedankenVerbindungen fast uberwaltigt. "Was kann er mir zu sagen haben? O, mein Gott! Er, der ihr so nahe stand! Ich muss hin zu ihm ich muss ihn sehen. Weisst Du den Weg, so fuhre mich!"
"Gottlob!" frohlockte das Kind mit schnellversiegenden Thranen "folgt mir nur, ich weiss den Weg!"
Leonin offnete hastig eine kleine Nebenpforte, die in die Hofe fuhrte. Hier rief er selbst seinem Kutscher zu, ihm schnell ohne Bedienten und Livreen mit der einfachsten Karosse zu folgen. "Wohin?" rief er dem Knaben zu.
"Nach St. Sulpice, neben dem Kloster in dem Stiftshause!" erwiederte der Knabe, und Beide eilten davon.
Das Stadtviertel St. Sulpice war die entlegenste und unscheinbarste Gegend von ganz Paris. Felder und Garten drangten sich zwischen geringen Anbau. Einzelne Strassen bildeten sich nur in der Nahe der Kloster, die ihre reichen Ansiedelungen hier in grosser Menge hatten. Doch waren diese Strassen mit Gewerbetreibenden niederer Klasse uberfullt, und die gewohnliche Zugabe der Armuth, bettelnde Kinderschaaren, gab der ganzen Gegend ein trauriges Ansehn. Jedem drangte sich die Thatsache auf, wie hier nur um die Erringung der gewohnlichsten Lebensbedurfnisse gekampft werde, und dass Alles vergessen und verwildert bei Seite trete, was eine Anforderung daruber hinaus enthielt. Die Kloster und Stifts-Herren von St. Sulpice hatten hier die weitlaufigsten Besitzungen und verbreiteten, so viel dies bei ihrem strengen Ordensleben moglich war, einigen Wohlstand um sich her. Mehr aber noch war ihre geistliche Sorgfalt, ihre zweckmassige Unterstutzung und die ernstlichen Ermahnungen, mit denen sie einzuschreiten wussten, Ursache, dass dieser Theil von Paris nicht wie der armste, so auch der gefahrlichste Theil der Stadt ward; da die Furcht vor der strengen Aufsicht dieser achtbaren, geistlichen Herren eine unverkennbare Herrschaft uber die Verdorbenheit ausubte, die ganz auszurotten, nicht in ihrer Macht stand.
Vielleicht hatte Leonin kaum eine Ahnung von dem Dasein dieses Stadttheiles; wenigstens schien es ihm, als er in fieberhafter Aufregung neben dem rustig forteilenden Knaben herging, als ware er in einer andern Stadt; Alles, was ihn seine Stimmung beobachten liess, war ihm vollig fremd.
"Der gute Herr Lesueur," hob endlich der Knabe an "ist schon lange in Pflege bei uns. Jeder glaubte ihn des Todes, als er einzog. Aber die ehrwurdigen Herren haben ihn gut gepflegt, so dass er noch seine heilige Theresia fertig bekommen hat; obgleich wir oft dachten, er hauche bei der Arbeit den Geist aus."
"Ja, der ist gut, Herr," fuhr er fort "da ist auch nicht Einer, der ihn nicht liebte! Denn fromm ist er und still wie ein Heiliger! Darum musst Ihr auch kommen, damit Ihr ihm die letzte Unruhe der Welt von dem Herzen nehmt."
"Mein Gott! mein Gott!" seufzte Leonin von Ahnungen und Befurchtungen angeregt, unfahig, sich aus dem Andrange so vieler Empfindungen heraus zu ringen, den nachsten Augenblick instinktartig erwartend und von ihm die Richtung hoffend.
Der Knabe erzahlte ihm, dass er der Sohn des Pfortners sei und Lesueur Farben gerieben habe, indem er den langen, beschwerlichen Weg durch die Verfolgung kleiner Nebengasschen kurzte, die nur dem gut bewanderten Bewohner dieses unregelmassigen Stadttheiles bekannt werden konnten. Endlich verfolgten sie eine lange Mauer, uber die hohe Baume im Abendwinde nickten, welche die Nahe eines reicheren Besitzes verriethen. An einem Gitterthore schellte der Knabe, und sie traten in einen ebenmassigen Laubgang, der das grosse Stiftshaus in der Perspektive zeigte; auf beiden Seiten die weiten dazu gehorigen Garten, an die sich links, durch die Baume leuchtend, die Kirche mit den Klostergebauden von St. Sulpice anschloss. Leonin athmete auf! Diese Ruhe und Stille, diese Abgeschiedenheit, die doch in ihrem Inneren eine so wurdige Thatigkeit bewahrte es war nicht sogleich nachzuweisen, am wenigsten in Leonin's Ueberzeugung; aber der Geist, den die Wahrheit solcher Zustande ausathmet, umfangt uns und erreicht unser Bewusstsein, ehe der durre Nachweis unseres Verstandes hinzu tritt. Er hob das Haupt er blickte erquickt umher zwischen den Baumen sah er die schwarzen Gestalten der wandelnden Stiftsherren, und aus der Gegend des Klosters vernahm er einen mehrstimmigen Gesang, der ihnen zu folgen schien. Der Knabe blieb stehen. "Ach, da kommen sie!" rief er plotzlich, auf seine Knie fallend. "Sie ziehn nach dem Stiftshause er bekommt die letzte Oelung sie tragen das Allerheiligste!"
Auch Leonin blickte jetzt um und sah die feierliche Prozession der Monche, die in einem zweiten Baumgange, der nach dem Seitenflugel des Stiftes zu fuhren schien, an ihnen voruber zog. Er war unaussprechlich davon ergriffen. Er fuhlte, dass es noch eine Rettung, einen Trost fur die Fehler des Menschen giebt. Seine in verzweifelnder Verwirrung zuckende Seele fand einen Stillstand. Eine Stimme, die sich aus dem Gesange der Monche zu erheben schien, rief ihm zu: "Ruhe aus vor Gott in den Armen der Reue!" Er hatte sein Gesicht in dem Moose bergen mogen, das um die alten Baume sein Lager ausbreitete er hatte liegen bleiben mogen, bis die Zeit ihm Nachdenken gegeben und einen stillen, einsamen Weg ihm gezeigt, um Frieden mit Gott zu schliessen; aber, indem er sich diesem Triebe entzog, aus Angst, Lesueur's letztes Begehr zu versaumen, tauchte auch die Furcht vor seiner Verschuldung mit verscheuchender Grausamkeit wieder in ihm auf; und als er fortwandelte, schien er sich nur der rettungslose Sunder!
Das Stift war ein grosser, ehrwurdiger Palast. Sein Bau und seine eben so alten Gartenanlagen sollten aus der Zeit der Katharina von Medicis herstammen, und obwol man die Guisen als Eigenthumer dieser Besitzungen nannte, glaubte man sie doch von der Konigin erbaut und von ihr zu besonderen und geheimen Zwecken bestimmt. Die Anlage war jedenfalls den stolzesten Anspruchen gemass und von mancher geheimnissvollen Einrichtung durchkreuzt, die dem Beobachter sagen musste, man habe andere Zwecke hier verfolgt, als offenes Haushalten im Glanze der damaligen Zeit. Jetzt bewohnte wahre Frommigkeit diese schonen, wohlerhaltenen Raume; und mit dem Ernste der Wissenschaften benutzte man die Ausdehnung des Baues, zu andern Zwecken einst empor gefuhrt.
In dem Augenblicke, als Leonin mit dem kleinen Fuhrer sich dem Portale des Stiftes nahte, verschwand die Prozession der Monche in seinem innern Raume, und Leonin eilte dem Knaben voran, wie getrieben, sich dem Zuge anzuschliessen.
Die Chorherren erfullten den prachtvollen Portikus des Hauses, sie hatten das Allerheiligste bei dessen Durchzuge begrusst. Der Abt, der den Fremden sogleich fur den erwarteten Grafen Crecy hielt, wollte ihn anreden; aber Leonin, nur die Prozession suchend, warf seine Augen angstlich umher; und ohne die Begrussung des ehrwurdigen Abtes zu erwiedern, eilte er, den Monchen zu folgen, die ihn an das ungeduldig erwartete Ziel zu fuhren versprachen. Niemand hinderte ihn. Die erfahrenen Menschenkenner verstanden den heftig erregten Zustand, der sich selbst Hulfe schaffen musste.
Leonin trat mit ihnen zugleich in ein grosses Gemach, welches sich als die Werkstatt Lesueur's verrieth, da in der Mitte desselben, auf einem Geruste, mit Blumen und Zweigen geschmuckt, in kunstreich geschnitztem goldenem Rahmen sich ein Bild erhob, das, obwol es Leonin die Ruckseite zukehrte, ihn vermuthen liess, dass es das letzte Werk des jetzt sterbenden Kunstlers sei. Die drei hohen, weiten Fensterthuren nach dem Garten waren geoffnet der Fruhling lag vor der Schwelle glanzende Strahlen der Abendsonne vergoldeten das feine, gelbliche Grun des ersten Laubes und warfen ein belebendes Licht in das schone alterthumliche Gemach und auf die ehrwurdigen Gestalten der Monche, die, des Einlasses harrend, einen Kreis um den Geistlichen bildeten, der, von Chorknaben umgeben, in stiller Sammlung mit der verhangenen Monstranz, in ihrer Mitte stand.
Es war der ehrwurdigste Anblick andachtiger Erhebung die harmonische Vereinigung in der Absicht und Darlegung heiliger Hulfsleistung, von der sinnlichen Aussenwelt zufallig auf eine Weise unterstutzt, als ob ein Bestreben eingetreten ware, sich dem Zwekke gemass zu zeigen. Wie lange hatte Leonin nichts Aehnliches erlebt wie begierig sog er die Erschutterungen ein, die er dadurch erfuhr!
Die Thuren offneten sich jetzt vor ihnen und zeigten ein zweites geraumiges Gemach und, den Thuren gegenuber, ein Bett mit aufgeschlagenen Vorhangen.
Leonin war auch hier bis zur Thure gefolgt; aber von dem fungirenden Geistlichen beordert, gab ihm ein dienender Bruder die Weisung, den Kranken nicht durch seinen von ihm so heiss ersehnten Anblick in seiner geistlichen Fassung zu storen.
Leonin sah die Thuren sich vor ihm verschliessen. Betaubt lehnte er sein Haupt gegen die Pfosten horchte den Gebeten und einzelnen Accorden gleichmassig wiederkehrender Responsorien, welche die Monche abhielten und damit den Fortgang der heiligen Handlung bezeichneten.
In jedem Augenblicke entkorperte sich sein Zustand mehr und mehr. Er wahnte in die heiligen Beschworungen, die in sein Ohr drangen, mit eingeschlossen zu sein von ihnen fortgezogen, hatte sich sein deutliches Bewusstsein in ein unbestimmtes, inbrunstiges Verlangen nach dem versohnenden Troste der Religion aufgelost, und eine korperliche Erschopfung vollendete einen augenblicklichen Stillstand seiner uberspannten Lebensgeister. Erst, als seine Fusse unter ihm wichen, erwachte er, und von einem Gerausche hinter sich erschreckt, raffte er sich zusammen und erblickte, sich umwendend, vor Lesueur's Bilde den Knaben, der ihn geleitet, in Thranen auf seinen Knieen liegend und frische Fruhlingsblumen davor ausbreitend. Langsam folgte er der Richtung. Er stand vor Lesueur's Bilde, ohne es anzusehn, den weinenden Knaben liebevoll betrachtend. Doch dieser war fertig oder wollte mehr Blumen suchen er enteilte in den Garten. Leonin sank in einen Lehnstuhl, in dem Lesueur vielleicht sein Bild vollendet hatte. Da glaubte er sanfte Musik sich nahen zu horen horchend richtete er sich auf. Grosser Gott, Fennimor stand vor ihm! verklart auf lichten Wolken schwebend um das weisse Unterkleid den blauen, duftigen Mantel mit Sternen auf den Schultern die Martyrerkrone mit dem Heiligenscheine in den goldbesaumten braunen Locken den tiefen Engelsblick des kindlichen Auges das susse Lacheln um den schonen Mund den Palmenzweig in der zarten, weissen Hand! Sie schwebte vor, wie es erschien; der leichte, nackte Fuss beruhrte kaum den Rand der Wolken, die sie zu umwolben strebten. Sanft schien sie vorgebogen, den Palmenzweig das Friedenszeichen hulfreich bemuht der Welt zu bieten, Trost und Vergebung kundigend aus der Welt, aus der sie wieder nur gekehrt, Alle liebend einzuladen, die muhselig und beladen im Erdenjoche keuchten.
"Fennimor, Fennimor," rief Leonin und sturzte auf seine Knie "Du ladest mich zum ewigen Frieden! Zu Dir gehore ich mit dem tiefsten Leben meiner Brust Du rufst mich zu unserer Heimat hier bin ich! Nimm' mich! Erbarme Dich des Sunders! Selbst im Sund'gen gegen Dich gehort' ich Dir! Dir allein! Du geheiligte Liebe meiner Brust, schwebe nieder nimm mich mit fort!"
Erwartungsvoll sank sein Kopf auf den Blumenteppich vor Lesueur's Bild, das Fennimor's von ihm so heiss geliebte Zuge, zur Heiligen verklart, verherrlichte. Er traumte, hoffte, jauchzte der ewigen Vergebung mit ihr entgegen da beruhrte eine sanfte Hand den kuhnen Schwarmer. Er fuhr empor der ehrwurdige Priester, der Lesueur zum Tode eingeweiht, stand ernst und mild uber ihn gebeugt.
"Ermannt Euch, junger Mann!" sprach er mit weichem Tone "die Pflicht der Freundschaft ruft Euch an das Lager des Sterbenden! Schon umweht die ewige Ruhe jener Welt den muden Pilger lasst sie Euch heilig sein und lasst, was irdisch ist, der Welt, die ihm schon entruckt ist! Er ist in schonem Frieden; doch begehrt er Euch zu sehen, und ihm muss werden, was er fur die letzte Pflicht der Erde halt. Doch seid es werth, den letzten Augenblick der verklarten Seele zu theilen versucht, des Friedens theilhaft zu werden, der ihn umweht."
"Hort meine Beichte!" rief Leonin "lasst mein Herz vor Euch erleichtert werden, ehrwurdiger Priester! Gebt mir den Trost, dessen Eure reine Seele voll ist!"
"Jetzt nicht!" sagte ernst der Priester "jetzt nicht, mein Sohn! Die Augenblicke Deines Freundes sind gezahlt. Erfulle erst jene Pflicht und bedarfst Du dann der Beichte noch, so melde Dich im Kloster St. Sulpice, der Prior Troncon wird Deine Beichte anhoren."
Leonin nahm alle seine Kraft zusammen seine Mienen druckten so deutlich seinen Seelenzustand aus, dass der ehrwurdige Prior die Hand auf seine gluhende Stirn legte und ihm fast unwillkurlich, voll erhabener Ruhrung seinen Segen gab. Leonin sah ihn im Gefolge seiner Bruder verschwinden die Thuren des Sterbezimmers offneten sich er stand vor dem verklarten Antlitze Lesueur's!
Lesueur blickte auf Leonin, und wie oft er ihn auch verwunscht, wie lebhaft er ihn gehasst, die Verklarung des Todes hatte diese Empfindung schon gemassigt, ehe Leonin zu ihm trat; und als er ihn erblickte, mit den deutlichsten Zeichen des Schmerzes und der Gewissensangst in dem bleichen Antlitze, erkannte er den bluhenden Mann, den er fruher gesehen, kaum wieder und fand wenigstens nicht den verstockten Hofling, den zu hassen er sich so berechtigt gehalten hatte.
"Ja, ja, ich erkenne es" rief er matt "Gott ist gerecht! Er hat Dich schon gezeichnet, Du armer, verlockter Sunder, und Du thust schwere Busse in Deinem Inneren."
"Nie, nie genug!" rief Leonin und kniete an dem Bette des Sterbenden; "und wenn kein Hauch des Lebens je wieder Frieden fur mich bringt doch ist es keine zu harte Busse! Lesueur, ach, wusstest Du, wie ich es jeden Tag mehr und tiefer fuhle Du hattest Erbarmen mit mir!" Er barg sein Haupt und horte einen tiefen Seufzer neben sich. Am Fussende des Bettes kniete ein Priester im stummen Gebete sein Gewand verhullte ihn ganzlich.
"Gross und entsetzlich ist Dein Verbrechen; aber ich will wissen, in welchem Maasse Du gesundigt und ich, der ich ihr Freund ihr Schutzling ihr heiliges Werk auf Erden ward ich will Dich fragen, und Du sollst dem Sterbenden die Wahrheit enthullen. Willst Du?"
"Ich will es!" rief Leonin.
"Was sagte Dir Souvre den Tag vor Deiner Hochzeit?"
"Ich sei frei! Und als ich mehr zu wissen verlangte, vertrostete er mich mit der Wiederholung dieser Worte. Erst am andern Morgen erfuhr ich ihren Tod!"
"Ihren Tod?" rief Lesueur, seine Hande zusammenschlagend "ihren Tod? Unglucklicher, weisst Du nicht, dass sie lebte dass sie, Deine einzig, rechtmassige Gemahlin dass sie l e b t e , als Du das zweite Weib nahmst?"
Ein dumpfer Ton des Entsetzens brach aus Leonin's Busen. Er sturzte zuckend auf das Bett, wahrend seine weit geoffneten Augen, auf Lesueur starrend, genugsam seinen furchterlichen Zustand verriethen.
"Ja," fuhr der Freund Fennimor's mit erhobener Stimme fort "obwol der Tod lange uber ihrem Scheitel stand musste sie dennoch leben! Als endlich der Vikar die Nachricht davon zu mir gelangen liess, war Alles zu spat der Frevel geschehen Ihr vermahlt, und Fennimor gab schon Zeichen ihrer langsamen Auflosung! Da beschwor ich die Menschen dort, sie sollten sie belugen Euch in den Krieg gezogen schildern ihr den Glauben geben, dass Ihr sie verstorben hieltet."
"Gott, Gott," rief Leonin "das Ungeheuer, das mich betrog den ungeheuern Frevel mich begehen liess!"
"Klage Dich an, nicht Andere!" rief dumpf der verhullte Priester "Du wolltest betrogen sein darum wurdest Du es!"
Betroffen blickte Leonin auf die dustere Gestalt, die seufzend und verhullt neben ihm lag schaudernd schien es ihm, als hore er die Stimme seines eigenen Gewissens. Flehend rief er gegen den Sterbenden: "Sage mir, sage mir um der Barmherzigkeit Gottes Willen wann starb Fennimor? und wo wo ist mein Kind?"
"Hore mich," sprach Lesueur "Du bist weniger schuldig, als ich dachte. Gewiss scheint mir, Du glaubtest an ihren Tod, als Du diese zweite Verbindung schlossest und weil Dich das weniger schuldig macht, wie ich Dich hielt, so will ich Dir einen Tropfen reichen, der vielleicht in Etwas Deine Qualen dereinst lindern kann. Hore denn noch lebt Fennimor aber am Rande des Grabes und ihr einziger heissester Wunsch ist, Dich noch ein Mal zu sehen!"
Mit einem Schreie war Leonin bei Lesueur's letzten Worten aufgesprungen seine zweite, Bewegung war, fortzusturzen fort zu ihr hin es war der einzige Gedanke, den er fassen konnte!
"Halt!" rief Lesueur und ergriff sein Kleid.
"Lass' mich," stammelte Leonin "ich muss fort, fort zu ihr in dieser Stunde ohne Aufenthalt!"
"Nicht eher" rief Lesueur mit der alten Kraft "als bis Du mir gelobt, ihre heilige Engelsruhe hier zu schutzen den Frevel ihr verhullt zu lassen, der indess begangen. Willst Du bloss hin, um Dein ungestumes Herz vor ihr zu entladen, so treffe Dich der ganze Fluch des Unglucks, das Du verschuldet! Niemand wunscht Dich dort zu sehen und mit Recht; doch Fennimor's Sehnsucht, die sie nicht leben, nicht sterben lasst, hat den Widerwillen der Anderen, Dich zu sehen, gebrochen."
"O, lasse mich fort, fort, fort zu Fennimor, zu meinem heissgeliebten Weibe ich habe keine heiligere Pflicht sie soll in mir Nichts finden, als ihren Gatten!"
"Und Viktorine?" rief plotzlich die verhullte Gestalt, indem sie sich rasch vom Boden erhob; und Fenelon stand vor Leonin, und aus seinem bleichen Antlitze blitzten zurnende Augen.
Leonin verhullte sein Gesicht! Doch nur einen Augenblick. Nichts konnte neben dem, was jetzt in ihm angeregt war, Raum behalten. "Und dennoch, dennoch muss ich fort! Ist es moglich, Fenelon, so schutzt Viktorinen nicht um meinetwillen um ihretwillen denken kann ich jetzt nicht fur sie ich habe nur e i n e Pflicht nur e i n Gefuhl! Aber betet betet fur mich, wie Ihr fur den verurtheilten Verbrecher betet und lebt wohl!"
"Unglucklicher!" rief Fenelon "armes Spielzeug des Augenblickes zwei Kronen reichte Dir das Leben zum zertrummern!"
Leonin horte ihn nicht mehr. Auf Lesueur's kalte Hand gebeugt, nahm er Abschied von ihm fur diese Welt streckte flehend die Hande gegen Fenelon empor und sturzte zum Zimmer hinaus. Fast besinnungslos trieb es ihn fort er ware zu Fuss nach Ste. Roche geeilt; aber sein Wagen stand vor der Thure. "Jaques," rief er dem alten Kutscher zu "Du kennst den Weg nach Ste. Roche treibe die Pferde an lass' sie mit Post wechseln nur schnell, dass wir bald hingelangen!"
Der Wagen blieb halten. Dies eine Mal gehorchte Jaques nicht; denn er war gewiss sich zu irren. Nach einigen Augenblicken stieg er vom Bocke und trat ehrerbietig an den Schlag: "Euer Gnaden befehlen nach Hause?"
"Nein, Jaques! Nein, nicht nach Hause!" rief Leonin mit einem Ausdrucke, der Jaques die Ahnung einer ganz ungewohnlichen Begebenheit gab "nach Ste. Roche! Nach Ste. Roche! Ueberall frische Pferde und schnell, schnell!" Jetzt gehorchte Jaques der Wagen eilte fort und Leonin dachte mit keinem Gedanken daran, dass im Pallast Crecy heute sein Sohn getauft werden sollte. Den Fahrweg durch das Thal von Ste. Roche entlang flog der einsame Wagen des Grafen Crecy; ohne Vorreiter, ohne Livreen, ohne berittene Diener oder Reisegepack. Niemand aus dem Schlosse erkannte daher den Ankommenden. Nur Fennimor sagte in diesen letzten Tagen oft: "er komme jeden Tag zu ihr und weine lange und heiss zu ihren Fussen, weil er sich so sehr nach ihr sehne; aber er sahe so bleich aus und so anders, wie fruher, dass sie immer weinen musse, wenn er komme." Das glaubte ihr Niemand, obwol auch Niemand ihr zu widersprechen wagte. Aber, wer aus dem Nebenzimmer sie zuweilen betrachtete, wenn sie allein zu sein glaubte, konnte wohl sehen, dass in ihrem Geiste eine besondere Regsamkeit war. Himmlisch mitleidig blickte sie in den leeren Raum, bis Thranen aus ihren Augen niederfielen; sie neigte sich vor, und die feine, weisse Hand schien eine Tauschung, die ihr vorstand, erreichen zu wollen. Wer hatte durch Gerausch oder Frage sie storen mogen! Alle, die sie seit ihrem Ungluck umgaben, hatten sich die Hand gereicht zu einem Bunde des Schweigens. Jeder bezwang das schwellende Herz uber ihr Schicksal, wie es wirklich war, und erwartete fast mit Andacht, was sie daraus machen wurde.
Lange Zeit hatte die Krankheit sie mit einer Heftigkeit beherrscht, die wenig Hoffnung fur ihre Genesung liess und ihr selbst keine Besinnung. Auch war der Arzt vom Anfange an uberzeugt, dass diese heftige Storung in der ersten, so verhangnissvollen Zeit einer Mutter, ihre Lebenskrafte verzehren wurde. Und als er die erste furchtbare Krankheit gebrochen hatte, wartete er nur, welchen Weg die Natur zu ihrer langsamen Auflosung einschlagen wurde; denn den Gedanken an ganzliche Herstellung raumte er weder sich, noch den Anderen ein, wenn er den fliegenden Puls unter seinem Finger fuhlte und fast war Keiner, der es wunschte.
Auch blieb Fennimor's Zustand lange in einer Verhullung, die halb geistig, halb korperlich war; und zum Erstaunen, zur tiefsten Erschutterung gereichte es ihren Umgebungen, dass sie aus der Gegenwart entruckt blieb und das spielende Kind in den Buchenwaldern von Stirlings-Bai war, mit allen holden Tandeleien und dem vollen Liebesschatze dieser Zeit.
Dass dieser milde Zustand mit der Genesung enden musse, sagten sich Alle mit Schmerz, und so war auch ihr erster Ruf: "Leonin!" ein Symptom der Krisis mit denselben Uebergangen kehrte sie zuruck Thranenstrome flossen nieder Keinem gab sie Antwort, als die eine: "er hat mich doch so sehr geliebt!" Dann trat ein tiefes Verstummen ein, was sie bei den nothigen Storungen nachgiebig und verstehend, aber vollig wortlos zeigte. Bis dahin hatte sie weder ihres Kindes gedacht, noch war es ihr nahe gebracht worden. Da regte der Vikar diese Erinnerung in ihr an, und nach einigen Wiederholungen sah man ihrem Aufhorchen an, dass ihre Gedanken aus dem Schlummer geweckt wurden. Wie ruhrend war es, die steigende Ahnung in diesem bleichen himmlischen Antlitze zu verfolgen; plotzlich rotheten sich die lilienweissen Wangen, die Augen gewannen Glanz, und sie sagte kindlich schluchzend: "ein liebes kleines Kind, was mein ist!"
Da legte ihr Emmy das schlafende Wesen in den Schooss und zog den Schleier von seinem Kopfchen. Sogleich erkannte es Fennimor, und ein heisser Strom von Wonne fluthete noch ein Mal durch dies gebrochene Herz. "Mein Kind! mein liebes kleines Kind!" sagte sie immerfort leise, bebend, aber mit einer Innigkeit und so wunderbarem Ausdrucke von Entzukken, dass Beide davon schlichen, um im Nebenzimmer, schreiend fast vor Erschutterung, sich in die Arme zu sinken und Thranen zu weinen, die einem Gemische von Wonne und Schmerz angehorten.
Lange liess man sie allein sie bemerkte nichts, als ihr Kind. Als es erwachte und sich ruhig dehnte, und die klaren Aeuglein mit dem Schlafe kampfend so lieblich blinkten, und die kleinen Handchen das wunderliebliche Hammern begannen, sahen sie Fennimor zuerst leise lachen. Sie versuchte es instinktartig an ihren bleichen Mund zu ziehen; aber die muden, schwachen Hande hatten dazu keine Kraft. Das Kind ward unruhig ein leises Weinen hub an. Fennimor erschrak und ward roth sie nahm alle Kraft zusammen und druckte es endlich an ihre Brust; aber das Kind weinte nur lauter. Mit Gewalt fast hielt der herbeigekommene Arzt die Freunde zuruck. "Hieran wird sie sich sammeln, stort sie nicht!" sagte der verstandige Mann "Gott ist gross in der Stimme der Natur!"
Die Angst, es zu trosten, zeigte sich deutlicher; sie hatte nur zu bald eine Ahnung fruheren Gluckes empfunden. Mit dem Bewusstsein, wie sie es sonst beruhigt, tauchte die Erinnerung ihrer langen Trennung von ihm auf; seufzend liess sie die muden Arme niedersinken vor ihrem Kinde fand sie ihr Bewusstsein, ihren Schmerz, ihr ganzes Ungluck wieder! Als sie laut mit ihrem Kinde zusammen weinte, traten die Freunde hinzu. Emmy nahm das hilfsbedurftige Wesen von ihrem Schoosse. Da versiegten Fennimor's Thranen sie versuchte aufzustehen, und da sie es nicht allein vermochte, unterstutzten sie der Arzt und Veronika. Wohin sie begehrte, sagten ihre Augen, die Emmy's Schritten folgten. Der Arzt gab immer nach; sie trugen Fennimor fast, die von ihrer Hinfalligkeit nichts zu bemerken schien. Im Nebenzimmer fand sie schon die Bauerin mit dem Kinde an ihrer Brust. In tiefen Gedanken blieb sie vor diesem Anblicke stehen sie setzten sie leise in einen Lehnstuhl vor der mitleidigen Amme nieder, und Fennimor sah nun, wie ihr Kind von einer Anderen Leben und Trost empfing. Tiefe Seufzer stiegen aus ihrer Brust auf Thrane auf Thrane floss nieder, ein leises, schmerzliches Wimmern deutete an, dass sie ihr grosses Leiden langsam zu verstehen begann. Die Bauerin selbst zerfloss in Thranen und kniete dann mit dem rosenroth gefarbten, suss entschlafenen Kinde vor der unglucklichen Mutter. Da verlor der Schmerz seinen Stachel der susse Athem, der uber die kleinen, rothen Lippen sauselte, stieg erquickend zu ihr auf das Kind verdrangte mit seiner reichen Schonheit jede damit verknupfte Beziehung. Fennimor bekam wieder den verklarten Glanz von Wonne und verlor sich ganz in seinen Anblick. Als es aber unter ihren zartlichen Liebkosungen erwachte und sie erst erstaun tansah, dann suchend das Gesicht der Bauerin fand, und das entzuckte Lacheln des Erkennens plotzlich durch den ganzen kleinen Korper zuckte, da richteten sich Fennimors Augen auf diesen ersten Liebesgegenstand ihres Kindes; und als sie den zartlichen Blick sah, womit das gute Weib dies Erkennungszeichen erwiederte, lachelte auch sie ihr freundlich zu und strich leise mit der Hand uber das gutmuthige, braune Gesicht.
Von da an behielt sie eine still versenkte Existenz in ihrem Kinde, uber das sie oft in ruhrenden Gebeten lag, die alle so harmlose, susse Gesprache mit Gott waren, so immer nur uber seine schonen, wunderbaren Werke, dass Alle sichtlich zu verstehen glaubten, wie Gott sie zu sich zoge und ihr die Welt verhulle, nur den Weg zu ihm ihr offen zeigend. Von ihrem eignen, rasch vorschreitenden Zustande schien sie keine Ahnung zu haben. Sie klagte nicht und doch legte sie zuweilen die abgezehrte Hand auf die Brust, und wenn der Arzt sie fragte, ob sie Schmerzen habe, sagte sie freundlich: "immer! immer!" Auch liess der im Fieber fliegende Puls und das oftere Erbrechen von Blut keinen Zweifel uber ihr Uebel.
Gegen Anfang des Fruhjahres trat eine Veranderung ihres geistigen Zustandes ein. Der kleine Reginald hatte eben die ersten Versuche gemacht, sich an dem Stuhle seiner Mutter aufzurichten, und das Ereigniss hatte Fennimor bis zu einem lauten Ausrufe des Jubels gebracht. Als Emmy herbei sturzte, erblickte sie das unschuldige Gluck, was die gluhend errothende Mutter erlebte, und sah den schonen, kleinen Reginald, der fast nicht von seiner bleichen Mutter zu trennen war, wie er lachend und lallend vor Lust, sein erstes Kunststuck zu behaupten suchte und die kleinen, dicken Handchen eisenfest um den gedrehten Stuhlfuss krampte.
Emmy kniete liebkosend neben diesem einzigen Trost ihres verdusterten Herzens nieder da horte sie Fennimor tief seufzen und dann den fast vergessenen Namen Leonin aussprechen. "Wo er nur bleibt, Emmy?" sagte sie; "ich kann nicht, wie sonst, Alles bedenken; aber er muss lange fort sein und doch ist sein Kind so schon, und er lauft ihm endlich entgegen, wenn er noch lange zogert." Emmy schwieg. Zu bitter war ihr Gefuhl! Sie hatte gehofft, Fennimor habe ihren Morder ganz vergessen. Jetzt erwahnte sie ihn ruhig freundlich wie in ihr ganzes Leben verflochten. "Der bleiche Mann, den ich immer fur die Schlange hielt," fuhr sie indessen fort "der hat ihn von mir getrieben. Armer Leonin, wie sie Dich wohl qualen mogen in der bosen Welt, in der Du leben musst! Ach, wie wollen wir Dich lieben, wenn Du wieder kommst; nun hast Du einen mehr, der Dich liebt. Aber dort? Wer liebt Dich dort, wo die Mutter auch sich verharten konnen und von Gott abweichen, wie ich jetzt weiss. Da muss Dir das Herz schwer werden! Wo bleibt er wohl, Emmy? Und ist es lange, dass er fort ist?"
"Er ist indessen mit dem Konige in den Krieg gezogen," stammelte endlich Emmy, die gehassige Luge kaum uber die Lippen zwingend "und Ihr waret ja lange krank."
Nur allmalig kamen Erinnerungen und Beziehungen in dem zerschmetterten und jetzt durch die vorschreitende Krankheit erschopften Geist zuruck. Schon sank das liebliche Haupt ermattet in den Stuhl; der kurze, fieberhafte Schlummer deckte die glanzenden und doch so tiefe Leiden verkundigenden Augen. Emmy blieb mit dem Kinde zu ihren Fussen. Sein susses Lallen storte nicht mehr diesen kurzen Schlummer wenn es zu ihr drang, ward das schlafende Antlitz immer freundlicher. Auch ihre Traume mussten harmlose Bilder enthalten, in welche die ersten Tone der kleinen Kinderstimme hinein passten und sie vielleicht leiteten und belebten. Doch war von dieser Stunde an Leonins Bild neben dem ihres Kindes, und sie begann bei ihren langen, ruhrenden Gebeten, ihn einzuschliessen und Gott anzuempfehlen ihm vorzustellen, wie er seine Hulfe so nothig habe, da er ihn doch in Versuchungen fuhre. Wie er doch ja seine Seele behuten moge und immer bei ihm sein! Dann schwieg sie wohl; aber wenn sie fort betete, musste man glauben, Gott habe ihr indessen geantwortet; denn sie sagte: "das wusste ich wohl, dass Du bei ihm bleiben wirst, und will auch nicht um ihn sorgen, da Du es allein thun willst!"
Oft beriethen sich die Geschwister mit Emmy und dem Arzte uber das Schicksal Fennimors, dessen schreckliche Harte sie durch Lesueur erfahren. Immer mussten sie einig daruber bleiben, dass sie ihr Alles verhullen mussten.
"Lange brauchen wir es nicht mehr," sagte der Arzt wehmuthig; "das Gras grunt die Knospen schwellen wenn die Blumen kommen, werden sie uber ihrem Grabe aufbluhen!"
In dem Maasse, als der Ausspruch des Arztes sich zu erfullen schien, steigerte sich Fennimors Sehnsucht nach Leonin und dies ward dann die Veranlassung der letzten Sendung an Lesueur. Die Freunde glaubten zu bemerken, dass Fennimor eine Ahnung von ihrer Auflosung bekam. Sie hatte ihre Schwache, wenn sie daruber zur Erkenntniss gelangte, noch immer auf die Geburt ihres Kindes bezogen. Jetzt wunschte sie zuweilen aufzustehen, um die immer kuhneren Versuche des kleinen Reginald unterstutzen zu konnen. Sie fuhlte nun, dass sie es nicht mehr vermochte und befrug Emmy darum. Ausweichend antwortete das trostlose Weib ihrem hinsterbenden Lieblinge, und es schienen sich an diesen halben Worten in Fennimor Folgerungen zu entwickeln, die ihr Gebet offenbarte. Denn keine andere Mittheilung gab es mehr fur sie die Freunde erfuhren den Gang ihrer Gedanken aus den lauten Gesprachen, die sie in ernster, kindlicher Unschuld taglich mit Gott fuhrte. "Du hattest mich doch bei meinem Kinde lassen konnen!" sprach sie "Du hattest nur wollen durfen, und meine Glieder hatten wieder Kraft gehabt, ihm zu folgen und Leonin wie wird er weinen, wenn ich bei Dir bin und er mich nicht mehr sehen kann! Ja," fuhr sie dann fort "freilich weisst Du Alles am besten auch gehe ich gern zu Dir, wie Du mir auch glaubst. Aber Dein Leben ist doch auch so schon, und ich muss es lieb haben, so lange Du es mir lasst nur das Eine lasse geschehen, dass ich ihn wiedersehe, ehe ich sterbe. Du musst ihn schicken, wo er auch sei mache ihn los und fuhre ihn den Weg zu mir, dass ich mich noch recht erfreue an ihm!" Dann hatte sie Antwort bekommen und dankte Gott dafur, dass er ihn schicken wolle. Taglich wiederholte sich dies. Sie wunderte sich vor Gott, dass er nicht komme, und trostete sich dann wieder durch ein neues Versprechen, das sie vernommen. So lenkte Gott die Herzen ihrer Freunde. Was sie auch mehr oder weniger Alle gegen Leonin empfinden mochten, Fennimor beugte ihren Sinn, ohne dass sie es wollte, und Alle belebte nur noch der Wunsch seiner Ankunft, die Lesueur ermitteln sollte die Fennimor jeden Tag schon im Voraus empfand und die durch die taglich naher ruckende Stunde ihrer Anflosung immer dringender ward.
Leonin stieg am Fusse des Schlosses aus seinem Wagen und fuhlte eine Scheu, ein Beben, sich dem Sterbebette dieser Heiligen zu nahen, welches ihn heran schleichen liess, als durfe kein Gerausch seine Ankunft verkundigen.
Wie schon war Ste. Roche in dieser ersten Fruhlingspracht! Es drangte sich ihm uberall auf, ohne dass er geneigt war, es zu geniessen. Durch die Zimmer, durch die er leise strich, wehte in die geoffneten Thuren und Fenster der warme Hauch des Maitages. Es war der duftendste, reinste Morgen. In den Zimmern seitwarts horte Leonin sprechen und das Gerausch beschaftigter Personen. Doch die Zimmer, die vor Fennimors kleinem Kabinette lagen, genossen der Ruhe; nur die schone Natur sah in die grossen, offenen Fenster!
Jetzt stand er vor dem letzten Zimmer, welches ihn von Fennimors Kabinet trennte. Auch hier konnte sie sein ob er sie nicht vorbereiten musse, drangte sich ihm auf. Zweifelhaft und horchend blieb er stehen; er horte ein Gerausch aber es war eine Art Lachen und lallendes Krahen. Plotzlich trat eine Ahnung ihm naher er druckte leise das Schloss auf und streckte den Kopf in die Thur. Er hatte sich nicht geirrt! Auf einem grunen Teppiche, der gegen die Fenster hin ausgebreitet war, lag ein holdes Kind im kurzen, weissen Rockchen, das es kaum bedeckte und Arme und Beinchen, die in grosser Thatigkeit waren, frei liess. Es machte die reizenden, kleinen Versuche, sich eifrig kriechend fortzuschieben, um die glanzenden Schalchen und Topfchen, die wahrscheinlich, um es zu seinen Versuchen anzuregen, an den aussersten Enden des Teppichs vertheilt waren, zu erreichen. Es ruderte mit den reizenden, rosenrothen Fusschen mit einer Schnelligkeit und einem Eifer, dass seine bluhenden Wangen noch frischer erscheinen; und je naher es dem glanzenden Gegenstande kam, je lauter lallte und krahte es vor Lust und Begierde. Neben ihm sass auf einem Kissen eine Frau in landlicher Tracht, die, den Rucken nach Leonin gewandt, doch bemerken liess, wie zartlich sie das Kind hutete; denn, wenn das holde Geschopf ausglitt und einen Augenblick auf seinem Gesichtchen lag, ehe die starken Aermchen sich wieder empor arbeiteten, sah man deutlich, wie ihre Hande ihm gern zu Hulfe gekommen waren. Auch blickte der kleine, fleissige Ruderer sich dann jedes Mal nach ihr um, jauchzte aber nur, wenn sie in die Hande schlug, und ruderte schnell weiter.
Leonin wusste, dass es sein Kind sei, und er fuhlte vor ihm alle unnennbare Wonne, den ganzen Wahnsinn einer Entzuckung, die uns der ubrigen Welt entzieht! Er stand jetzt neben dem Teppiche jauchzend ergriff eben das Kind das blanke Tellerchen da rollte es hinunter auf Leonins Fuss. Schon kniete er und hielt es ihm hin das Kind blickte ihn erstaunt an, dann lachte es und griff nach dem Tellerchen. Leonin hielt es ganz bewusstlos in die Hohe da arbeitete sich das himmlische, kleine Wesen an seinen Knien in die Hohe, und Leonin umschlang es und hielt es, und es langte um so viel hoher nach seinem Tellerchen und ergriff es jetzt wirklich, laut jauchzend.
Leonins Herz wollte in Wonne zerspringen! Er hielt sein Kind im Arm; er fuhlte, wie er es stutzte, wie die kleinen Beinchen, so stark und kraftig sie waren, doch noch immer fort einknickten und er durfte es halten, an sich drucken, und es scheute ihn nicht!
Die Bauerin sah still zu. Sie wusste Alles, wie sie den fremden Herrn sah. Fur das Naturliche hat der einfache Mensch immer das richtigste Verstehen.
"Bringe ihn mir, Leonin!" tonte es da mit einem Male ein bekannter, leiser, ach, uberirdischer Ton! Aber er liess Leonin erbeben, als ob ein Donnerschlag ihn trafe er brach fast zusammen, und seine Erschutterung war so plotzlich, dass das Kind davon erschreckt ward, sich in seinen Armen wand und in Thranen ausbrach. "Reginald," ertonte dieselbe sanfte Stimme "o komm her! Leonin, bringe ihn mir!" Leonin sprang mit dem Kinde im Arme auf und flog der Richtung nach. In einer der offenen Fensterthuren, die nach dem Garten gingen, stand ein hoher Lehnstuhl, der die Richtung nach dem Teppiche hatte. In diesem Lehnstuhl ruhte Fennimors verklarter Geist so glaubte Leonin. Er reichte ihr den Knaben auf seinen Knien, und als dieser, gewohnt hier Hulfe zu finden, seine Aermchen um ihren Nacken schlang und sich innig in ihre muden Arme druckte, und das holde, wunderschone Kind nun in den weissen Gewandern ruhte, die Fennimors Lichtgestalt umgaben, da sah Leonin einen Engel, der mit seinen weissen Flugeln dies bluhende Leben in seinem Schoosse deckte.
Aber sie lachelte verscheidend uber das Kind hin ihm zu und hob die bleiche Hand und diese winkte ihm. Doch der Ungluckliche hatte keine Thrane, keinen Seufzer, keinen Laut! Seine Augen sogen mit jedem Augenblicke mehr so unnennbare Qualen ein, dass es dafur kein Zeichen in der Sprache giebt: sie starb sie war schon halb verklart vielleicht sanken im nachsten Augenblicke diese Augenlieder, und sie war todt!
"Ach, Leonin, ich wusste es wohl, wie Du traurig sein wurdest! Aber Gott will es er hat mir gesagt, ich konne nicht langer leben; aber fur Dich und unser Kind wolle er sorgen und da bin ich denn ruhig und will zu ihm gehen, da er es will." Nach einer Pause fuhr sie leise fort, indem sie versuchte, den Kopf gegen Leonin zu beugen: "Ich glaube dabei heimlich, die Trennung wird so streng nicht sein; denn, obwol mir Gott Nichts sagt, denke ich doch, ich werde noch zuweilen bei Euch sein." Sie lachelte dabei so suss begluckt, als habe sie Gott dies kleine Geheimniss abgelauscht.
"O, nimm mich mit!" rief Leonin und sturzte sich mit dem Kopfe auf das Kissen, worauf ihre Fusse ruhten.
"Ja, das dachte ich auch und wusste wohl, wie gern Du es gemocht hattest; aber Gott will nicht. Du sollst noch Vieles erleben ich kann das nie begreifen; denn meine Gedanken haben keine Kraft mehr; aber das weiss ich wohl Du sollst leben!"
Leonin weinte nun. Er fuhlte eine leichte, aber kalte Hand uber seinen Kopf streichen er hob sich auf Fennimor hatte versucht, sich nieder zu beugen; noch immer hatte sie die reichen Locken, die wie eine Glorie leuchteten sie beschatteten fast ihr feines Antlitz.
"Leonin," sagte sie kaum horbar "ich wollte Dich noch so herzlich lieben weil Dich die Welt da draussen so trostlos lasst Du kamst zu spat, ich habe keine Zeit mehr!"
Ihr Kopf war auf Leonins Gesicht gesunken er hielt sie im Arme das Kind lag gluhend wie eine Rose, mit seinen eignen Handchen spielend, in ihrem Schoosse.
"Fennimor, geliebte Fennimor, o stirb nicht stirb nicht, ehe Du mir vergeben hast!"
"Du hast mich so sehr geliebt und immer liebst Du mich!" stammelte sie leise. "Ich komme, mein Vater!" fuhr sie mit freundlichem Engelslallen fort "Du hast mein Bitten erfullt ich habe ihn wieder nun halte ich auch Wort nimm mich hin, mein Gott! Mein susses, kleines Kind! Mein Leonin! Mein Vater, ich komme!"
Das bleiche Haupt, das auf seinem Antlitze ruhte,
ward kalt und schwer. Er fuhlte ein leises Zittern durch ihren Korper dann war Alles still und ruhig; aber sie ward immer schwerer er wusste Alles aber er hielt sie fest. Es war selbst ihr entseelter Korper noch ein Schild gegen den Wahnsinn, der ihn bedrohte.
Da war das Kind leise nach dem Kopfe seiner Mut
ter hingekrochen; es wollte sich an ihr aufrichten; aber der leblose Korper gab nach, das Kind fiel in Leonins Arme.
Instinktartig fasste er das schone, kleine Wesen, das
nun die Locken seiner Mutter ergriff und im freudigen Lallen an ihr hinaufsteigen wollte. Die Bauerin trat hinzu, sie nahm das Kind in ihren Arm und lehnte Fennimor sanft in den Lehnstuhl zuruck. Da erfuhr auch sie, was geschehen, und winkte den fern stehenden Arzt herbei, wahrend Leonins Kopf auf Fennimors Fusse sank in jener glucklichen Betaubung, die uns gegen jeden Schmerz unempfindlich macht. Der Arzt legte die Hand auf Fennimors kalte Stirn, er suchte ihren Puls er hatte aufgehort zu schlagen! Lange betrachtete er das susse, bleiche Engelsantlitz, dann reichte er dem Vikar die Hand, der indessen mit Veronika herein getreten war. "Gonnen wir es ihr!" sagte er milde.
"Lasst uns beten!" erwiederte der erschutterte Vikar und Keiner hielt seine Thranen zuruck.
Doch ward diese milde Stimmung rauh unterbrochen durch Emmy's plotzlichen Eintritt. Keiner wagte ihr das Geschehene mitzutheilen; forschend blickte sie die Weinenden an sie sturzte gegen den Stuhl sie ergriff Fennimors leblose Hand und stiess einen wilden Schrei aus. Jetzt erblickte sie Leonins fast eben so leblose Gestalt.
"Morder! Morder!" schrie sie "bist Du gekommen, ihr den letzten Athem zu stehlen? Bosewicht, treffe Dich Gottes Gericht sein Fluch!"
"Halt!" rief der Vikar "stort den heiligen Frieden dieses Engels nicht! Bezwingt Euer ungestumes Herz! Seht Ihr nicht auf diesem Antlitze, dass sie vergebend gestorben ist?"
"Vergebend? ihrem Morder vergebend?" schrie Emmy Gray. "Nein, nein, ich will es nicht denken! Sie darf ihm nicht vergeben! Niemals, niemals darf der Fluch dieser That von seinem Haupte genommen werden!"
Mit Entsetzen sahen Alle, dass der Schmerz, der Hass, den sie, so lange Fennimor lebte, zuruck gepresst hatte, jetzt mit der wilden Gewalt der Verzweiflung hervorbrach. Mitleiden und Entsetzen kampfte in Aller Brust.
Emmy's Augen leuchteten wild sie richtete sie auf Leonins Gestalt, als hoffte sie ihn damit zu todten. "Bringt ihn weg von ihr! fort, fort! Er hat kein Recht mehr an ihr! Er darf sie nicht beruhren! Sie wird entehrt durch seine Nahe!"
"Fasst Euch!" sagte streng der Arzt "Ihr handelt thoricht und hart! Seht Ihr nicht, dass er fast des Lebens schon beraubt ist?"
"Ha, Ihr tretet auf seine Seite? Ihr habt das Elend schon vergessen, das er gestiftet? Ihr mogt ihm verzeihen? Nun denn, so seid Ihr so schlecht, als er, und auch von Euch will ich mich lossagen! Fort von allen Menschen, fort! Aber mein Fluch bleibt ihm und Allen, die ihn vertreten wollen. Er werde an Allem erfullt, was er noch zu besitzen und zu lieben wagt! Mein Leben will ich erhalten zur Mahnung seiner Sunde mein Tagewerk soll sein, ihn mit meinen fluchenden Gedanken zu verfolgen!"
Sie sturzte in das Heiligthum ihres Lieblings, in Fennimors Kabinet. Dort horte man einen Fall. Die Frauen wollten ihr nach. "Lasst das," wehrte ihnen der Arzt "ihre rauhe, unbezahmbare Natur bedarf des Ausbruches wir konnten ihr nicht helfen!"
"So lasst uns beten!" wiederholte der Vikar und Alle knieten jetzt um Fennimors verklarte Leiche.
Der Vikar sprach Gebete aus seinem Herzen, in der Form des gewohnlichen Sterberituales. Es schien, er sprach sie uber zwei Leichen; denn Leonin blieb bewegungslos liegen, und uber ihm stiegen dieselben frommen Worte empor, wie uber Fennimor. Und dennoch hatte der Ungluckliche nicht aufgehort zu leben. Langsam knupfte sich sein Bewusstsein an die Worte wieder an, die zu Anfange bloss sein Gehor erreicht. Aber er schauderte, als er sein wiederkehrendes Leben bemerkte; denn er fuhlte nur die Verzweiflung, die alle Stutzen niederreisst und Nichts, als den Willen ubrig lasst, so elend zu sein, dass jede Rettung unmoglich wird. Mitten in den Gebeten des Vikars richtete er sich auf; er blickte Alle an, und aufs neue sank sein Kopf in Fennimors Schooss. Sein Anblick hatte den versohnenden Eindruck gewahrt, wenn die gerechte Strafe, als Vergeltung schwerer Vergehungen, das schuldige Individuum trifft und ihn damit von dem Hasse seiner Mitmenschen zu erlosen scheint. Das gottliche Mitleiden gewann wieder Raum in der Brust der schwer beleidigten Freunde Fennimors. Der Vikar segnete die Leiche ein und bat alsdann um Gnade fur ihren leidenden Gatten, um Schutz fur das verwaiste Kind. Die Versohnung lag darin er setzte voraus, dass sie, wie bei ihm, so bei allen Anwesenden eingekehrt sei, und sprach damit das Gefuhl Aller aus.
Sie erhoben sich. Die Bauerin, die zunachst an Fennimors Seite kniete und das schlafende Kind an ihrem Busen trug, sagte in ihrer schlichten Weise: "Herr Vikar, ich war dabei, als unsere gnadige Frau Grafin ihren Gemahl empfing. Sie war voll grosser Liebe und nur traurig, dass sie nicht Zeit behielt, ihn genug zu lieben. Das wollte ich nur sagen, dass wir jetzt des armen Herrn gedenken mochten, nach ihrem Willen."
"Es soll geschehen," erwiederte der Vikar ernst. Er nahte sich mit dem Arzte dem Unglucklichen und redete ihn bei seinem Namen an. Leonin fuhr zusammen er blickte entsetzt empor.
"Fennimors Freunde," stammelte der blasse Mund, "Ihr konnt kein Erbarmen mit mir haben!"
"Wir haben kein Recht, Euch zu richten. Gott vollfuhrt das in Euch er moge uns Allen gnadig sein!" sprach der Vikar. "Und dieser Engel hat vergeben seht, es steht auf ihrer heiligen Stirn!"
Leonin blickte hin die Locken lagen nun getheilt und zeigten frei das erblasste, himmlische Antlitz. Es hatte den Frieden der hoheren Welt die Gluckseligkeit erreichter gottlicher Gemeinschaft! Es hatte noch immer denselben Karakter, wie in den Waldern von Stirlings-Bai. Es war ein susses, lachelndes Kind mit einem Heiligenscheine. Leonin's Blick, der dies Bild vollstandig auffasste, ward die hell leuchtende Fackel, die mit jahem Lichte sein ganzes Leben uberblitzte. Ein inhaltloses Gewebe zwischen Reue und Sundigen trat hervor Fennimor sein grosstes Verbrechen, sein einziger, hoherer Lichtblick!
Er stand auf und fuhlte mit Entzucken, dass er krank war. Beide Manner hielten ihn. "Fennimor, mein Weib, Du hast mir vergeben, und Du bist geracht!"
Er gab nach, als man ihn bat, weg zu gehen er fuhlte sich durch seine Schuld unberechtigt und scheu, den Freunden zu widersprechen; dabei nahmen stechende Schmerzen in Brust und Kopf sein klares Bewusstsein ein. Er verliess ihren heiligen Anblick und b l i e b davon getrennt. Der Arzt sorgte, dass er sich in seinem Zimmer niederlege, und war schnell uber seinen Zustand im Klaren. Lange schon hatte das Gift der Krankheit ihn durchschlichen, willkommen der Gelegenheit brach es aus.
Indessen ordnete Veronika mit jungfraulichem Sinne die Bestattung Fennimor's. Nur schwer trennten sich Alle von der unverandert bleibenden Leiche. Das Gewolbe, in welchem die fromme Konigin Claudia in einsamer Stille ruhte, war schon und heiter aufgeraumt. Hier ward Fennimor's Sarg aufgestellt, bis die Gruft gemauert war, welche die Freunde an der Stelle graben liessen, wo die holde Frau, wie sie sagten, gestorben war: unter dem Fenster, in dem kleinen bluhenden Garten, den sie selbst angeordnet, und uber den hinweg sie Leonin's Reisezug verfolgte, als Souvre ihren Blick darauf hinleitete. Unter grunem Rasen, unter ihren Blumen, die sie so liebte, sollte ihre schone Hulle ruhen.
Mit grosser Sorge erfullte Emmy's Zustand die bekummerten Freunde. Ihr Schmerz fand keine Milde er verhartete und erbitterte ihr leidenschaftliches Herz. Sie schien sie jetzt Alle zu hassen und wies mit Zorn und Wildheit jeden Versuch, ihr naher zu treten, zuruck. Das Kind entfuhrte sie fast den Uebrigen und eifersuchtig entzog sie es den Blicken Aller. Die Amme musste sich mit ihr absperren, und nur sie durfte das Nothigste fur die Ungluckliche besorgen. Als die Bestattung voruber war, schloss sie die Raume und wehrte Jedem den Eingang.
Indessen lag in einem fernen Theile des Schlosses der ungluckliche Herr desselben todtlich erkrankt darnieder, und Veronika, der Vikar und der Arzt erfullten theilnehmend die Pflichten der Menschheit gegen ihn. Viele Wochen verstrichen, der Zustand blieb gleich bedenklich! Alle Boten mussten ohne Antwort zuruck, alle Briefe aus Paris blieben unerbrochen an seinem Bette liegen ihm fehlte die Besinnung. Endlich erschien sein Kammerdiener; er theilte stumm und traurig die Dienstleistungen und schrieb den Zustand seines Herrn; denn Niemand hatte sich geneigt gefuhlt, diesen Dienst fur die Verachteten zu ubernehmen. Bald traf der Leibarzt des Hauses Crecy ein er sah den zweifelhaften Zustand, musste die Hulfe des Arztes von Ste. Roche fur ausreichend anerkennen und kehrte zuruck.
Die Jugend siegte; Leonin genas. Aber er ward unter seinem wiederkehrenden Bewusstsein ein Greis. Sein schones braunes Haar fing an zu erbleichen, seine Gestalt beugte sich, seine Abzehrung war erschreckend. Er sass Tagelang in dem kleinen Garten und sah, wie die Arbeiter Fennimor's Gruft gruben. Er fragte dem ubrigen Leben nicht nach der Arzt rieth Allen, ihn zu schonen. Standhaft weigerte sich Emmy Gray, ihm sein Kind zu zeigen; sie verrammelte ihre Thuren, und nur, wenn er in dem kleinen Garten sass, horte er zuweilen sein Kind durch das geoffnete Fenster jauchzend lallen. Dann schauderte er zusammen und streckte die Arme seufzend hinauf; wenn er aber horte, dass Emmy es ihm verweigerte, sagte er: "Ich habe auch kein Recht, es zu fordern!" und that die Sehnsucht zu seinen ubrigen Schmerzen.
Er war jetzt einen Monat in Ste. Roche, und der Kammerdiener, durch die verschiedensten Aufforderungen von Paris gedrangt, versuchte, ihn zur Ruckkehr zu bereden. Leonin schwieg, wie immer, zu diesem Drangen, und der arme Mann wusste sich keinen Rath mehr; er musste glauben, sein Herr habe das Gedachtniss verloren; denn auch die Briefe, die der Kammerdiener ihm uberreichte, blieben unerbrochen und, wie es schien, ohne auch nur entfernt sein Interesse zu wecken. Endlich glaubte er, die Hulfe des Arztes und des Vikars nicht mehr entbehren zu konnen er bat sie um ihren Beistand, und Beide verhiessen ihn.
Leonin horte sie, vor Fennimor's Gruft sitzend, ruhig an, und sein Auge schien den Grund durchdringen zu wollen, der nun bald zur Aufnahme des Sarges bereit war. "Sie sollen meinen Sarg einst neben den ihrigen stellen," sagte er endlich mit grosser Anstrengung.
"Diese Bestimmung wird, wenn Ihr es wunscht, leicht zu erfullen sein," erwiederte der Vikar. "Doch lasst Allem sein Recht! Habt Ihr uber Euren Tod bestimmt, so bestimmt jetzt auch uber Euer Leben. Denkt, wie Viele noch Anspruche an dasselbe haben wie Viele Eurer Fursorge anvertraut sind!"
"Ich sorge, denke ich, am besten fur sie, wenn ich sie nicht wiedersehe!" seufzte Leonin. "Was kann ich ihnen noch sein? Ich finde ein entehrtes Weib, ein beschimpftes Kind. Ich musste eine Mutter wiedersehen, die mich nie geliebt und meine elende schwache Natur nur als Mittel zu ihren Zwecken gemissbraucht hat. Was ich empfinde, kann den dortigen Zustanden nicht zu Hulfe kommen; es ist besser, ich verschmachte hier, Allen dort ein Geheimniss bleibend!"
"Lieber Herr," unterbrach ihn der Vikar "dies ist sicher ein grosser Irrthum! Und ich rede um so ernster und dringender mit Euch, da ich gewiss weiss Fennimor, die Verklarte, wurde eben so in Euch dringen. Ihr musst Euch der Liebe, der Vergebung jetzt wurdig zeigen, die sie Euch ertheilte. Denkt an Eure unschuldige, jetzt rechtmassige Gemahlin! Konnt Ihr Fennimor's gebrochenes Herz beleben dadurch, dass Ihr sie auch hinsterben lasst in Gram und Sorge?"
Erschuttert blickte Leonin auf. "Die arme Viktorine," seufzte er "sie hat es eben so wenig verdient! Mutter, Mutter, Du hast alles Bose in mir, in meinem Schicksale gesaet! Gott mag es Dir vergeben, ich kann es noch nicht!"
"Wie konnt Ihr Euch unversohnlich zeigen, da Fennimor es nicht war?" sprach der Arzt. "Es ist Eure Mutter, junger Mann! Die Verpflichtung hort nie auf, die Kinder gegen sie haben. Oft werdet Ihr Euren Willen behauptet haben macht sie nicht verantwortlich d a f u r , wo Ihr hattet widerstehen mussen!"
"Leset diesen Brief, Herr Graf," fuhr der Geistliche fort "er ist seit langerer Zeit fur Euch angekommen, und entscheidet Euch dann fur Eure Ruckkehr!"
"Und mein Kind?" rief Leonin, indem er den Brief seiner Gemahlin erbrach.
"Herr Graf," sagte der Arzt "wir mussen die Ungluckliche schonen, die es jetzt eifersuchtig behutet. Wir hatten mehr zu furchten, als wir verantworten konnten, wenn wir uns jetzt in ihren wilden, harten Schmerz drangten. Gut aufgehoben sind die ersten zarten Jahre des Kindes bei ihr; wir sind ihr alle ein besonderes Zeugniss ihrer Tuchtigkeit schuldig und behalten jedenfalls einen Ueberblick, den sie mir namentlich, als Arzt nicht entziehen wird; da sie weiss, dass sie mich nothig haben kann."
Leonin schwieg noch immer; aber als die Freunde sahen, dass er seine Augen auf den entfalteten Brief richtete, zogen sich Beide zuruck, in einiger Entfernung ihn beobachtend.
"Die Trennung, in der wir plotzlich leben," schrieb Viktorine "wird mir nicht hinreichend erklart durch das, was man mich will glauben machen. Ihre Abreise konnte nur durch ein besonderes Ereigniss motivirt werden. Sie hatten mich um geringer Ursache Willen nicht verlassen, Ihre Familie nicht in Verlegenheiten gesturzt, die fur Sie wichtig sind. Man sagt jetzt, Sie waren krank, und halt mich doch zuruck, zu Ihnen zu reisen. Ich werde Ihre Antwort erwarten und hoffe, dass Sie mir selbst die Erlaubniss geben, zu Ihnen zu kommen, wenn Ihre Gesundheit Ihre Abreise verzogert; denn dann ist mein Platz bei Ihnen, und ich habe keine hohere Pflicht, darf auch meiner eignen Gesundheit jetzt schon vertrauen.
Lassen Sie nichts Fremdes zwischen uns treten; ich weiss Ihnen kaum auszudrucken, wie seltsam mich das beruhrt, was wie ein Geheimniss plotzlich zwischen uns tritt. Lassen Sie mich was es auch sei den mir zustehenden Platz Ihrer Freundin einnehmen. Ich traue hier Niemandem, ich hore mit Widerwillen und Misstrauen, was man mir von Ihnen sagt ich kann es Niemandem beweisen, und doch fuhle ich, es ist nicht wahr!
Ihnen will ich glauben und gehorchen antworten Sie nicht, reise ich ab. Gott behute Sie!
V i k t o r i n e ."
"Antworten Sie nicht reise ich ab," rief Leonin "o nein, das darf nicht sein! Hier darf ihr Fuss nicht rasten hier kann ich sie nicht wiedersehen!"
"So musst Ihr also zu ihr," sagten die beiden Freunde, die wieder naher traten "dies edle Wesen darf nicht in die Verwirrung verflochten werden, die ihr hier nicht zu entziehen ware. Schont wenigstens s i e noch! Ihr rettet nicht, was Euch verloren, wenn Ihr sie auch aufopfert."
"Ach, meine Freunde," seufzte Leonin "ich unterziehe mich Eurem Ausspruche; denn ich habe kein Recht mehr, nach dem Einzigen zu greifen, was mir wohlthun konnte. Aber der Fluch, den ich auf mein Haupt herabgezogen, wird alle Verhaltnisse beruhren, in die ich zu treten wage. Ich werde Viktorine durch meine Ruckkehr zu schutzen suchen; aber mein Anblick, mein zerstortes Innere wird ihr nicht zu entziehen sein, und wenn sie Erklarung fordert, werde ich ihr die Wahrheit verhullen und sie damit von mir fern halten, oder ich werde sie ihr gestehen und sie damit rettungslos unglucklich machen."
Die beiden Manner schwiegen geruhrt erschuttert von dem Zustande des Unglucklichen, und hauptsachlich durch die Ueberzeugung bewegt, dass er der Kraft ermangeln werde, seinem verworrenen Leben eine versohnende Gestaltung zu verschaffen. Doch waren Beide, so lange er noch mit ihnen zusammen war, bemuht, ihn in seiner abgespannten, dustern Stimmung zu stutzen und ihn zu einer schonenden Zuruckhaltung gegen seine ungluckliche Gemahlin zu bestimmen; da sie nach dem, was sie uber den edeln, aber festen und stolzen Karakter der jungen Grafin vernommen hatten, nur annehmen konnten, dass die Erkenntniss ihres unberechtigten, durch den grossten Frevel entweihten Verhaltnisses, sie zu einer entschiedenen Trennung fuhren werde, die Beide dann gleich unglucklich machen musste. Aber Alle blieben uber den Erfolg ihrer Bemuhungen unsicher. Es war neben einer kalten Verachtung des Lebens eine Bitterkeit, eine Geringschatzung gegen die Menschen und Zustande, die ihn fruher beherrscht hatten, eingetreten, die sie mit Bedauern seiner geringen religiosen Entwicklung zurechnen mussten, und die ihnen wenig Hoffnung fur seine Zukunft gab.
Wir verlassen ihn hier, um zu erfahren, wie die Verhaltnisse sich gestaltet, denen er in dieser Stimmung entgegen ging. Wenn wir die Zeit noch ein Mal auffassen, die wir uns bemuhten, in ihren ungewohnlichen Zustanden darzustellen, und wenn wir uns erinnern, welchen Standpunkt der Konig in dieser Steigerung aller Verhaltnisse, mit einer, unsere Begriffe fast uberbietenden Ausdehnung, einnahm, so werden wir vielleicht begreifen, welchen Eindruck eine personliche Beleidigung gegen diese geheiligte Person, eine anscheinende Nichtachtung ihrer Herablassung hervorbringen musste.
Monsieur erschien augenblicklich, obwol es nicht die Stunde fur ihn war, beim Konige, und Ludwig war so erstaunt, so zweifelnd an der Moglichkeit einer solchen Beleidigung, dass er unruhige und verlegene Blicke auf die erhitzten Zuge seines Bruders richtete, unsicher, wie es schien, uber das Befinden desselben. Aber er musste sich endlich entschliessen, diesen Angriff auf seine unbestrittene Wurde anzuerkennen, und in demselben Momente diktirte er auch zugleich die Strafe. Der Konig entliess den jungen Grafen seiner Funktionen bei der Konigin der ganzen Familie wurde angezeigt, dass sie sich des Hofes zu enthalten habe.
Der Marschall harrte vergeblich mit hartnackiger Verzweiflung an den Stufen des koniglichen Schlosses auf die Gewahrung der flehenden Bitte: auf seinen Knieen um Verzeihung bitten zu durfen. Niemand hatte Muth, auch nur den beruhmten Namen des Marschalls zu nennen. An ein solches Majestatsverbrechen erinnern, hiess sich dessen theilhaft machen. Ausser der feierlichen Sendung, die der Familie ankundigte, dass sie in Ungnade gefallen, betrat Niemand mehr die Schwelle des geachteten Hauses, und der Konig schien vergessen zu haben, dass es eine Familie des Namens gabe; er wusste, dass er sie damit ausloschte und grenzenlos strafte.
Gedenken wir jetzt der Marschallin von Crecy, so werden wir gestehn mussen, dass sie mit der einzigen Geissel gezuchtigt wurde, deren Schlage sie fuhlte und nicht von sich abzuhalten wusste. Sie versuchte die beste Stellung zu nehmen, die noch moglich ware; aber es war nur die eine ubrig, die sie aus allen bisher behaupteten Vortheilen und Anspruchen verdrangte und ihr bis in die intimsten Verhaltnisse ihres Hauses, bis zu ihren, jetzt minder ehrerbietigen Domestiken herab, eine Kette von bitteren Krankungen bereitete, wie sie das Dasein derselben fur sich unmoglich gehalten hatte. Diese Leiden wurden noch vermehrt, indem sie jeden Augenblick erwarten musste, der wahre Grund von Leonin's Entfernung werde zu Tage kommen. Die gutmuthige Herzogin von Lesdigueres, der man nicht den Hof verboten hatte, die aber zu stolz und zu ehrlich war, ihn zu besuchen, wahrend die Familie ihrer Tochter in Ungnade war, besturmte die Marschallin mit Vermuthungen und Nachforschungen, welche diese, so lange als moglich, ausweichend beantwortete; endlich aber ihr, wie der bekummerten Viktorine erzahlte, dass Leonin, von einer seiner hypochondrischen Launen ergriffen, ausser sich, dass die Ceremonie Viktorinen schaden wurde, und emport uber die Nothwendigkeit, sie zulassen zu mussen, die Flucht ergriffen habe und ohne Gepack, ohne Bedienten, in einer einfachen Hofkarosse nach Ste. Roche geeilt sei, wo es sich wirklich gezeigt, dass er im Fieberwahnsinne abgereist, da er dort sogleich todtlich erkrankt sei. Viktorine wollte ihm jetzt nachreisen; aber die Aerzte unterstutzten die Weigerung der Aeltern. Sie musste zwar nachgeben und bleiben, aber mit erhohtem Misstrauen und in grosser Bekummerniss um ihren Gemahl.
Dagegen schlug die Marschallin vor, nachdem die ersten vier Wochen fur ihre Schwiegertochter voruber waren, dass beide Familien sich nach Moncay, dem schonen Schlosse der Marschallin, was doch einige zwanzig Lieues von Paris lag, begeben sollten. Schon waren alle Vorkehrungen dazu getroffen, welche die Marschallin mit Ungeduld betrieben, da sie in der veranderten Existenz, die sie an P a r i s band und ihr V e r s a i l l e s , das Feld aller ihrer fruheren stolzen Anspruche verschloss, es kaum zu ertragen vermochte, als sie aufs neue sich in ihren Planen durchkreuzt sah, und ihr die wenig gekannte Lehre gegeben ward, von den Umstanden beherrscht zu werden.
Am Tage vor der Abreise meldete man ihr, dass der
Marschall plotzlich in seinem Zimmer einen bosen Fall gethan habe, und der Hausarzt ihm bereits zur Ader lasse. Die Marschallin grollte zwar heftig daruber, fuhlte aber doch, dass sie sich zu ihm begeben musse, innerlich fest entschlossen, diesem Ereignisse keinen Einfluss auf ihre Abreise zu gonnen, da sie sich jeden Tag fast mit Emporung in Paris erwachen fuhlte.
Mit vollstandig schmollender Miene, fest ent
schlossen, ihn auszuschelten und ihm ihre Abreise anzukundigen, trat die Marschallin in seine verhassten Gemacher; und ihre Laune ward nicht verbessert, als die Domestiken ihres Gemahls, ohne sie zu beachten, weinend und handeringend an ihr voruber sturzten, wie es schien, dringende Befehle zu vollfuhren. Als sie das Schlafgemach des Marschalls betrat, blieb sie horchend stehen; der Kaplan mit einigen Gehilfen, der Arzt, knieend und den Marschall im Arm, umgaben das Bett; aber das Rocheln des Todes war ein zu verstandlicher Laut, um Zweifel zu lassen uber das, was vorging. Mit steifen Knien schob sich die Marschallin naher. "Was geht hier vor?" rief sie entsetzt, mit rauher Stimme. Niemand antwortete. "Marschall, Marschall, was habt Ihr gemacht? Erholt Euch! Fasst Euch! Seid ein Mann!" so rief sie, schon von der Wahrheit uberzeugt, ihrer Erregung nur in zurnender Weise sich entledigend.
"Das war er, ein ganzer Mann!" sagte der Arzt und legte ihn auf sein hartes Kissen zuruck; "aber Manner mussen auch sterben!"
"Sterben!" rief die Marschallin "Herr Doktor, Ihr fabelt, Sterben, er war diesen Morgen noch gesund ein kraftiger Mann!"
"Ueberzeugen sie sich selbst, Frau Marschallin," sagte der Arzt zurucktretend "hier findet der menschliche Wille eine Grenze, die auch Ihro Gnaden nicht abandern konnen. Ein Schlagfluss hat einen an sich nicht todtlichen Fall veranlasst es floss kein Blut mehr, obwol ich schon im Palais war, als der Zufall eintrat."
Die Marschallin trat naher und schauderte zuruck vor dem starren Gesicht ihres Gemahls, das sie nie geliebt. Er hatte seine eiserne, zurnende Miene, und sie konnte sich nicht uberwinden, ihn zu beruhren; ihre naturliche Harte war durch die Erlebnisse der letzten Zeit so gesteigert, dass sie um den Preis der Welt kein mildes Wort, kein Zeichen der Ruhrung zu geben vermocht hatte. Sie fuhlte blos mit unendlichem Grolle, wie aufs neue ihre Vorsatze scheiterten, und sah in ein Gebiet von Erscheinungen, von denen es noch ungewiss blieb, ob sie ihr gunstig oder storend sein wurden.
"Ein Ehrenmann! ein grosser Held! ein vollkommener Edelmann!" sprach sie endlich kalt "eine Stutze des Thrones, von dem doch seine letzte Krankung ausging. Jetzt kann man ihm keinen Wunsch mehr abschlagen jetzt wird sein Name doch bis zu den Ohren dessen dringen, dessen Kindheit er schutzen half! Meine Herren," fuhr sie fort "Sie werden die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten machen, die in unsern erlauchten Hausern Sitte sind ich werde die Hausoffizianten kommandiren, Ihnen beizustehen. Der Intendant wird das Schema der Ceremonie empfangen. Ihr, Herr Kaplan, werdet in meinem Namen dem Herrn Erzbischof von Noailles die Anzeige von diesem Todesfalle machen; ich hoffe, er wird sich erinnern, was er dem Hause Crecy-Chabanne schuldig ist. Ein Courir muss nach Ste. Roche abgefertigt werden."
Nach diesen Anordnungen verliess sie das Sterbezimmer ihres Gemahls und schritt mit kalter, strenger Miene an der weinenden Dienerschaft voruber; ehe sie ihre Gemacher erreichte, hatte sie genau alle Vortheile dieser neuen Lage der Dinge ubersehen, und ohne sich es einzugestehen, fand sie doch, dem alten, lebensmuden Greise sei die Ruhe zu gonnen, und der Augenblick dazu konne den Umstanden eher gunstig, als nachtheilig werden.
Ihre erste Sendung war nach dem Herzoge von Lesdigueres. Er ward beauftragt, dem Konige die Meldung dieses unerwarteten Todes zu machen.
Mit einer Fassung, die ihrem gleichgultigen Herzen sehr naturlich war, gab sie ihre Befehle zu der grossen Umwandlung des Hauses. Vom Portale des Schlosses, welches das grosse Trauerwappen trug und von zwei mit Flor behangenen Herolden bewacht wurde, bis zu den Wohngemachern hinauf, ward das ganze Haus schwarz ausgeschlagen. Alle Livreen verschwanden, die dienenden Frauen zeigten keine Farben, und die Damen der Familien keuchten unter langen Trauerkleidern, Kappen und Schleiern.
Der grosste Saal des Palais war mit schwarzem Sammet so fest verhangen, dass kein Strahl des Tages eindringen konnte. Hunderte von Kerzen ersetzten das Licht der Sonne. Die einbalsamirte Leiche des Marschalls stand auf Stufen erhoht; seine Orden, der Marschallstab, Degen, Sporen und Helmsturz ruhten auf Tabourets um den Sarg vertheilt, an denen zahllose Pagen, mit Trauerfloren und Wachskerzen in den Handen, in unbeweglicher Stellung Wache hielten.
Diesen Kreis umgaben den ganzen Tag von fruh bis spat eine Abtheilung Monche mit einigen fungirenden Priestern, welche die Gebete und einweihenden Funktionen verrichteten; denn der Erzbischof von Noailles hatte nicht vergessen, was er dem Hause Crecy-Chabanne schuldig war, und die Meldung dieses Todes war mit den gehorigen Weisungen an die dazu bestimmten Kloster ergangen. Die ganze Dienerschaft des Marschalls loste sich ausserdem noch an dem Sarge ab, wahrend die Chorknaben der Prozessionen in angemessenen Pausen den Sarg mit ihren Weihrauchbecken umzogen und Alles in betaubende Dufte hullten.
Die Marschallin schien mit grossem Takte ihre augenblickliche Stellung zu Hof und Adel vergessen zu haben. Die Trauerboten zogen mit der Todesmeldung durch alle Hauser, die durch ihren Rang auf diese Auszeichnung Anspruch machen konnten. Einen Augenblick hielt die ganze Korporation den Athem an und richtete die Augen nach dem Schlosse von Versailles. Es ward aber sogleich bekannt, dass der Herzog von Lesdigueres eine gnadige Audienz beim Konige gehabt, und der grossmuthige Monarch seinen Unwillen nicht uber das Grab hatte ausdehnen wollen. Der Herzog von Gevres und der Prinz von Courtenaye bekamen Befehl, zur Beileidsbezeigung sich in das Trauerhaus zu begeben. Dies war die wohlverstandene Loosung fur Alle Uebrigen, und die Koniginnen und Prinzessinnen an der Spitze, die ihren Hofstaat beorderten, belagerte nunmehr der Adel in allem Pompe der Trauer das Palais Soubise.
So war dies vor kurzem verodete Haus, jetzt seines Oberhauptes beraubt damit zu seinem alten Glanze zuruckgekehrt, und die Marschallin fuhlte den bittersten Hass gegen die bezwungene Menge und den stolzesten Triumph uber die gefugigen Schritte, womit Alle jetzt genothigt waren, ihr entgegen zu kommen, nachdem sie es gewagt, sie zu verlassen.
Sie sass unter ihrem schwarz verhangenen Thronhimmel in der lastigen, steifen Trauerkleidung die ublichen Stunden des Empfangs, ohne ein Zeichen des Lebens, als die jedesmalige Neigung des Kopfes, wenn die herkommlichen Beileidsbezeigungen an sie gerichtet wurden. Rechts sass die arme, weinende, kindlich betrubte Louise links ihre erschutterte Schwiegertochter. Die nahen Verwandten schlossen sich sitzend auf beiden Seiten an; nur die Hofchargen empfing die Marschallin stehend mit geziemender Ehrfurcht.
Und der, der bei diesem wichtigen Vorfall am meisten betheiligt war Leonin, das nunmehrige Oberhaupt der Familie Crecy-Chabanne, fehlte noch immer!
Alle Boten, alle Briefe brachten keine Antwort zuruck, oder wurden nur von einigen unvollkommenen Briefversuchen des Kammerdieners erwiedert, die der Intendant der Marschallin nicht selbst vor die Augen der Familie zu bringen wagte, und deren Gesammtinhalt, mundlich von ihm mitgetheilt, Alles in einer solchen Dunkelheit liess, dass die Marschallin ihrer vollen Unruhe uberlassen blieb.
Doch was litt die edle Viktorine in dieser Zeit! Aufs neue durch die Regeln der Trauer an ihr dusteres Schloss geknupft, gab jeder Tag ihr neue, tiefere Leiden und hemmte die kraftigen Maassregeln, die sie ohne Zweifel ergriffen hatte, ware sie nicht daran behindert gewesen durch dies Ereigniss, dessen bindende Gewalt sie aus Liebe zu dem verstorbenen Marschalle sich doppelt gezwungen fuhlte zu ertragen.
Jede Stunde, die sie von den Audienzen erlost blieb, brachte sie bei ihrem Kinde zu, dessen Gesundheit und kraftige Gestaltung ihr Trost und Hoffnung einflosste; hier, uber der Wiege ihres Kindes, fand sie auch die einzige Freundin ihres Herzens, die edle, milde Marquise de Sevigne. Obgleich im Alter weit auseinander geruckt, wussten doch Beide von diesem Unterschiede nichts. Sie war die einzige Frau an diesem Hofe, der Viktorine nachgegangen war, und um deren Aufmerksamkeit und Liebe sie sich kindlich weich und hingebend bemuht hatte. Die edle Frau hatte zu Anfange das lebhafte, kecke Madchen, die ihr gegenuber so still und demuthig ward, mit Antheil betrachtet; als sie ihr verstandiges und strenges Verfahren als Hofdame der Konigin sah, hatte sie sie geachtet und ihr endlich ein Vertrauen gewidmet, welches zu einer mutterlich zartlichen Freundschaft ward, deren Beweise immer inniger hervortraten und in der gegenwartigen Periode, die ihren Liebling in Ungewissheit und Kummer sturzte, diese zu einem Gegenstande ihrer Sorgfalt machten einer Sorgfalt, die, von dem Geiste der mildesten Schonung belebt, von Erfahrungen unterstutzt, nicht verweichlichte oder verhartete, sondern Viktorinens edle, freie Gesinnungen unverkummert erhielt.
Viktorine war eine zu geschlossene, zuchtige Seele, um selbst ihrer vertrautesten Freundin ein Gesprach uber das nahere Verhaltniss zu ihrem Gemahle gestatten zu konnen. Die Marquise verstand und ehrte diese keusche, weibliche Natur und kannte die Gefahren, in der Ehe Vertraute haben zu wollen, zu gut, um nicht dieser Gesinnung mehr eine Stutze, als ein Hinderniss zu sein. Aber es entging ihr nicht, dass Viktorine die Ruhe des Vertrauens verloren hatte, mit der man allein das Geheimniss des Gluckes gewinnt. Ueberzeugt, dass diese Gabe uns nur selten auf lange verliehen ist, und uns aufgegeben bleibt, uns zu resigniren und die wurdige Gestaltung eines ehelichen Verhaltnisses damit nicht aufzugeben, sondern daruber hinaus ihm einen so edeln und achtungswerthen Karakter zu sichern, dass die Ruckkehr des Gluckes immer moglich, wir wenigstens seiner werth bleiben bemuhte sich die geistreiche Frau, nur mit allgemeinen Andeutungen Viktorinens Geist in diesem Sinne zu erweitern.
"Es schien mir, meine Liebe," sagte sie zu der wehmuthig uber ihr Kind gebeugten Viktorine "dass der Marschall manche Elemente in sich trug, die, von Ihrer Frau Schwiegermutter nicht ubersehen, das eheliche Verhaltniss dieses Hauses fur spatere Tage wohl zu einem besseren Zustande hatten zuruckfuhren konnen, als uns dargelegt ward."
"Gewiss," erwiederte Viktorine "der Marschall war ein Felsen, aus dessen Schachte Quellen zu lokken, der glaubensvolle Schlag einer Hand gehorte, die annahm, sie mussten hervor springen! Aber das war es gerade vor Allem, was meiner Schwiegermutter fehlte, der es uberhaupt schwer wird, Menschen von Dingen zu unterscheiden, und die endlich sich mehr uber die Symptome eines eignen Willens erzurnt, wie erfreut; da sie auch den leisesten Hauch einer Konkurrenz nicht vertragt."
"Sie sind streng, Viktorine," sagte Madame de Sevigne lachelnd "doch weniger, da Sie wahr sind. Aber glauben Sie mir, wenn wir die Marschallin in so sorgloser Sicherheit bewerkstelligen sehen, was ihr gefallt, und sie weder eine andere Individualitat achtet, noch ihr einen eignen Willen zu ihrer Entwicklung zugestehet, so ist das mehr oder weniger uberall die trostlose Ursache der zahllosen unglucklichen Ehen, denen wir begegnen. Die Ehe ist Keinem mehr an sich etwas eine gottliche Einrichtung eine erhabene burgerliche Existenz! Unsere jungen Frauen wollen bloss in einem solchen Verhaltnisse geniessen, eine grossere Freiheit fur ihre unter Zwang gestellten Neigungen erhalten und fangen immer damit an, wobei noch kein Verhaltniss der Erde bestand, von der einen Seite Alles zu fordern, und gleiche Forderungen an sie gestellt, fur erkaltende Gefuhle des Mannes zu halten."
"Wenn sie nur lieben konnten!" sagte Viktorine. "Ich denke oft, das ganze Geheimniss liegt darin, dass die Fahigkeit zu lieben in diesen jungen Madchen fruher zerstort wird, als das Alter sie zu diesem Gefuhle beruft. Es hat keine mehr Innerlichkeit, der Strudel der Welt treibt sie aus sich heraus; sie lernen Alles nachmachen, was ihnen Geltung und Auszeichnung verspricht, endlich auch liebeln, wenn ihnen der Mann, dem es gilt, eine Stellung am Hofe verheisst. Wie sollen sie nun verheirathet nur begreifen, dass die Stellung, die sie wollten, sie zugleich mit einem Manne verbunden, der eine Seele hat den sie schonen, ehren dem sie gehorchen mussen!"
"Es ist nicht zu laugnen," erwiederte die Marquise, "dass diese Entartung unser Geschlecht nicht a l l e i n verfolgt, dass allerdings selbst einer besser vorbereiteten Frau es doch oft sehr schwer werden wurde, d a s bei ihrem Manne zu entdecken, was Sie eben mit Seele bezeichneten, und dass selbst, wenn sie Liebe zu ihm zu fassen vermag, dies doch nur eine zweifelhafte Stutze ihres Gluckes wird; da wenn die Anforderungen derselben nicht massig und vom Verstande geleitet bleiben, sie leicht ihre mogliche Zufriedenheit noch mehr bedrohen, wenn sie die erwartete Erwiederung nicht findet. Und dennoch, selbst wenn Sie lacheln sollten ich mache es jeder Frau zum Vorwurf, der ihr Gatte untreu wird!"
"Das ist mindestens V i e l gesagt!" rief Viktorine, ein wenig gereizt. Die Marquise fuhr fort: "Es ist eine sehr verbrauchte Entschuldigung aller Frauen, die dies erleben, dass das hausliche Beisammensein in der Ehe Verhaltnisse mit sich brachte, die Illusionen nothwendig zerstoren und die Gattin, gegenuber dem Manne, in ihn verletzende und reizlose Situationen bringen musse. Hiervon glaube ich gerade das Gegentheil! Keine Frau hat die Mittel in Handen, einen Mann zu fesseln, die sich mit denen einer Gattin vergleichen liessen. Aber sie muss freilich vor allen Dingen ein Weib bleiben, eine zuchtige Jungfrau in ihrem Gemuthe den Schleier der Vesta muss die Flamme der Liebe nicht versengen."
"Ja, ja," rief Viktorine warm "das, das ist das Rechte!"
"Ein grosser Schriftsteller," fuhr die Marquise fort "sagt irgend wo und sein Ausspruch enthalt eine Erfahrung, die es scheinen lassen wird, er habe zu allen Zeiten gelebt, da er Recht haben wird, und wenn sein Enkel es hundert Jahre nach ihm wiederholt indem er uns zwei gleich liebende Wesen von beiden Geschlechtern vorfuhrt, von denen das Weib zuerst einen Mangel, einen Stillstand in den Gefuhlen des Mannes wahrzunehmen glaubt: wenn eine Frau liebt, liebt sie in einem fort ein Mann thut dazwischen etwas Anderes?"
Viktorine fuhr schnell mit beiden Handen empor. Einen Augenblick verhullte sie ihr Gesicht dann war es voruber. Die Marquise hatte indessen, von Victorinen abgewendet, den Vorhang der Wiege etwas geluftet. Viktorine glaubte sich unbemerkt. "Dies ist eine Wahrheit," sagte die Marquise, "die, tief in der mannlichen Natur begrundet, jedem Madchen als Brautgeschenk gegeben werden sollte; denn es ist zugleich der Schlussel, mit dem die Zweifel zu losen waren, von denen wir ein weibliches Herz beschlichen sehen bei der ersten Wahrnehmung, dass der Mann, eben wie jener grosse Schriftsteller sagt, dazwischen etwas Anderes thut!"
Mit gluhendem Gesicht und einer leisen Stimme, die in Bewegung bebte, sagte Viktorine: "nur, was dies Andere sei, ist die entscheidende Frage!"
Die Marquise de Sevigne, die beruhmt dafur war, selbst in die kleinsten Sorgen der Kinderpflege eingeweiht zu sein, sing an das Wiegenband zu losen.
"Ich finde doch, meine Liebe, das Band ist zu stark angezogen; ich konnte es nie leiden, wenn dies kleine Bettchen zu Arm- und Beinschienen wird." Damit beschaftigt, fuhr sie fort: "Es scheint mir uberhaupt recht schwer, ein Mann zu sein und das Gefuhl der ihnen zuertheilten, so ungleich schwierigeren Aufgabe macht mich im Ganzen so nachsichtig gegen die grosse Masse unvollkommener Manner. Unsere Natur ist mit den sittlichen Gesetzen unserer Bestimmung im Einklange. Wenn wir diese nicht entarten lassen, sind wir Alles, was wir zu sein brauchen, und wenn ich denke, dass uns Gott gewurdiget hat, Mutter zu werden, so konnte ich oft trotz meiner Devotion in Versuchung kommen, uns fur zu sehr bevorzugt zu halten. Etwas wie eine Frage an Gottes Gerechtigkeit, steigt in mir auf. Unsere Bestimmung ist so unendlich schon, so wichtig uberdies! Welch ein Lebensprinzip burgerlicher religioser Existenz ist der Heerd, an dem wir die zarten Krafte pflegen, entwickeln und schutzen, die dann sich uber das Leben nach Aussen verbreiten die es uns zu danken haben, wenn sie nicht schon im Anbeginne verkrupeln. Wir spielen in diesem kleineren, geschutzten Kreise in Wahrheit durch, was der Staat im Grossen und in Massen darstellt. Wir halten die Faden in Handen, die alle Zustande leiten; schutzend, sorgend, strafend und lohnend beherrschen wir sie der Gesammtblick, welcher alle Verhaltnisse dem richtigen Standpunkte gemass leitet, ist die Hohenstufe, die wir erkennen lernen mussen. So wie wir uns auf dieser umsichtig, der Sache forderlich zeigen, konnen wir einen Schatz von Wohlthaten entwickeln. Und so reich und schon dies ist, wie in einander greifend ist es zugleich! Welche Einheit liegt in unserer Bestimmung wie ist sie stets geschutzt und eine gewisse, unzerstorbare Heiligkeit an den Heerd gefesselt, die noch jetzt an die Sitte unserer rohen Urvater mahnt, die selbst den Feind am Heerde unberuhrt liessen die Stelle nicht zu beflekken!"
"O meine Freundin," unterbrach sie Viktorine "ich furchte, wir haben uns in unseren sogenannten hoheren Standen sehr weit von dem heiligen Heerde entfernt, dessen Urbestimmung sich uns wahrhaft offenbaren konnte; und vielleicht erlahmt dadurch auch die Ehrfurcht davor in der Brust der Manner, und wir verlieren damit nach gerade alle unsere Stellung!"
"Ich mochte Ihnen nicht unbedingt Recht geben, Viktorine. Es bleibt allerdings nicht dasselbe, wie uberhaupt Verschiedenheit in den Verhaltnissen zur Weltordnung gehort. Aber Verschiedenheit Abweichungen heben den Grundgedanken nicht auf. Sei der Zustand noch so verandert, wir werden uns immer zurecht finden, wenn wir den Hauptgedanken festhalten: dass wir durch Alles, was in uns liegt, berufen sind, einen wurdigen Hausstand zu erhalten, den Verhaltnissen gemass, in die uns Gott gefuhrt und wie Viel wir von der patriarchalischen Uridee beibehalten oder aufgeben mussen, sie muss immer zu erkennen sein."
"Und warum sollte es denn den Mannern so viel hoher angerechnet werden, was sie in ihrer Pflichterfullung leisten? Warum ist denn ihr Beruf so viel schwerer warum haben sie ein hoheres Anrecht auf unsere Nachsicht?" rief Viktorine, mit weiblichem Zurnen in Blick und Ton.
Die Marquise lachelte, ohne Viktorine anzublicken. "Ich gestehe Ihnen zuvorderst, dass ich nicht sehr viele Theilnehmerinnen meiner Meinung unter Ihrem Geschlechte habe. Es ist auffallend, wie lange uns eine platt getretene Idee, die einen augenblicklichen Glanz hat, zu Combinationen verfuhren kann, die, an sich falsch, doch Irrthumer auferziehen, deren wahrer Beschaffenheit wir gar nicht mehr nachfragen. Wir Frauen werden bei dem Gedanken erhalten, dass die Manner ein grosses Vorrecht vor uns haben, weil sie sich sehr Viel mehr erlauben durfen, als wir; und wir haben dieses unbezweifelte Recht mit dem Worte: Freiheit, profanirt. Was konnen wir denn in Wahrheit Freiheit nennen, wenn nicht die Entwickelung der Seele und des Karakters, die uns die Zustande beherrschen lasst, uns von Ihnen unabhangig macht, ihnen einen hoheren Willen entgegen stellt. Es ist der einzige Begriff, der diese Idee aus dem Zustande relativer Willkur in eine feste, dann unangreifbare Stellung bringt, und das Vorrecht der Manner hat damit so wenig Zusammenhang, dass ich es gerade ihnen hinderlich erachten muss. Und sollen wir ihnen also den materiellen Besitz der Freiheit so hoch anrechnen? Ich schame mich fast, dass wir dies thun! Sie werden nun den Gang meiner Gedanken bald auffinden, wenn ich so nachsichtig bei den Fehlern der Manner erscheine. Unbehutet von Jugend auf, werden ihnen Reinheit und Zuchtigkeit der Gedanken nicht bewahrt; in materielle Verhaltnisse getrieben, ungestraft durch ihre sich gleich bleibende Stellung zur Gesellschaft endlich von der Natur selbst mit anderen Bestandtheilen des Blutes versehen, die leicht zu erkennen sind, kampfen sie mit einer schwierigen Naturanlage und entbehren dabei den Schutz der hauslich-sittlichen Ordnung, die das Weib von Jugend auf bestimmt ist einzuhegen. Wenn wir noch hinzu rechnen, wie sie eine doppelte Existenz entwickeln mussen, namlich die hausliche und die offentliche, und die eine oft mit der andern im grellsten Widerspruche steht, so erstaune ich billig uber ihre schwierige Aufgabe und erstaune billig n i c h t mehr, sie oft ungelost zu finden."
Viktorine schwieg; dann sagte sie, wie sich uberwindend: "nicht immer steht ihre aussere Stellung zu ihrer hauslichen in Widerspruch; und dennoch sehen wir sie diese gering achten, nach kurzem Erfassen sie aufgeben, als gehorte sie nicht zu ihnen."
"Ja wohl," erwiederte die Marquise schnell "die Harmonie zwischen Beiden herzustellen, erfordert eine so vollkommene, mannliche Entwickelung, dass wir fast immer das Eine auf Kosten des Anderen bei ihnen erreicht sehen; und diese mangelhafte Reife macht, dass sie die Hand nach dem ausseren Leben lieber ausstrecken und erwarten, das andere werde schon hinterdrein kommen. Wie gross diese Tauschung ist, da es eine eben so warme Auffassung verlangt, beweist sich nur zu bald, indem sie die Hausliche allmalig ganz damit verlieren und der Trubsinn, der Lebensuberdruss, der nirgends mehr anzuknupfen weiss, gewohnlich die traurige Folge ist. Aber eben so gewiss zwingt sie auch in den meisten Fallen das Leben, erst mit allen Erfordernissen die offentliche Existenz sich zu erringen; und oft, ja vielleicht immer, wo diese Existenz auf edle, wurdige Weise erstrebt wird, bilden sich zugleich Fahigkeiten aus fur das naturlichere Leben des Hauses, wenn auch das Bedurfniss dafur erst spater eintritt."
"Ach, und darauf zu warten!" rief Viktorine "vielleicht das ganze Leben vergeblich darauf zu warten wie viele Herzen hat das indessen gebrochen!"
"Viele! Viele!" rief Frau von Sevigne geruhrt "denn es ist nur die Aufgabe fur ein starkes, weibliches Herz, die schwere Prufung zu bestehen und ungestort den heiligen Beruf zu verfolgen, den unsere Bestimmung dennoch festzuhalten erlaubt; aber zugleich ein herrlicher Triumph, zu Gottes Ehre indessen ein Weib geworden zu sein in der vollen Pracht unseres Berufs wie jener schone, dunkle Baum des Sudens, uber gereiften, goldnen Fruchten die duftenden Bluten zu tragen, und dem ermudet zuruckkehrenden Gatten, der lange vergessen und ubersehen, was er besass, zeigen zu konnen, ein Weib sei fur sich etwas Grosses und Gottliches, wenn sie ihren Beruf verstanden; und der Heerd, den er verschmachtend sucht, sei indessen wohl gehegt, und das gottliche Symbol unseres Geschlechtes, Milde und Vergebung, sei sein Empfang!"
Viktorine schwieg; aber sie weinte jetzt, den Kopf auf das Bettchen ihres Kindes gelehnt.
Die Marquise schien es nicht zu sehen im leichteren Tone fuhr sie fort: "oft gedenke ich einer liebenswurdigen Freundin, die den lebhaftesten, Liebe suchendsten Mann der Erde gewahlt hatte. Die Neigung zu Thorheiten aller Art, die ihr Gemahl besass und die ihn in Versuchung fuhrte, sich in jedes neue und schone Gesicht zu verlieben, hatte mehr gute Eigenschaften an ihr entwickelt, als seine treuste, sorgfaltigste Liebe erzogen hatte. Sie erzahlte mir oft mit der heitersten Laune die Art und Weise, mit der sie dem Uebel gesteuert hatte. Als sie das erste Mal diese Entdeckung machte, uberwaltigte sie der Zorn fast; aber es erwachte zugleich ein Stolz, ein Selbstgefuhl, was alle ihre Krafte ins Leben rief. Die Frau, in die ihr Gemahl sich verliebt hatte, war schon und geistreich. Sie wurde Beides augenblicklich auch. Nie sass ich langer vor meiner Toilette," sagte sie. "Aber nicht ich allein mein ganzes Haus musste meine Schonheit unterstutzen meine Kuche, meine Service, Blumen, Dufte. Ueberall entlockte ich einen Reiz eine Annehmlichkeit. Ich war coquett von dem kleinen Sammetpantoffel an, worin er zuerst meinen Fuss erblickte, bis zu dem Kuchenzettel und der Visitenliste. Wie wahlte, wie sonderte ich, wie uberraschte ich ihn durch anmuthige Geselligkeit! Die Tonkunst, die er liebte, und die ich deshalb glaubte ubersehen zu konnen plotzlich beschutzte ich sie; ich sang selbst ein Lied, was ich mit Thranen des Zornes einstudirt hatte, ihm lachelnd vor. Die Beschaftigung, die ich durch diese Vorkehrungen hatte, zerstreute mich; ich blieb frisch, von jener ubellaunigen Schwermuth verschont, mit der Frauen ihre Manner vollends zum Hause hinaus jagen und jetzt hatten Sie sehen sollen, wie schnell ich meinen Gemahl aufs neue gefesselt hatte, wie liebenswurdig er mich fand, wie ich der andern Neigung Rang abgewann; und da er einige Male die Procedur wiederholte, ich die Mittel, ihn wieder einzufangen, so entwickelten sich wirklich gute Angewohnungen in mir. Ich bekam Eigenschaften fur mich selbst, die ich anfanglich fur kleine Hulfsmittel geachtet hatte."
"Ach," sagte Viktorine "welch' ein Gluck, wenn uns der Stolz nicht gegen uns selbst bewaffnet, wenn er die Kraft wird, mit der Achill den Felsblock aufhob, um die Waffen hervorzuholen, mit denen er unbesiegbar ward. Ich furchte, wenn ich in solche Lage kame der Felsblock fiele auf mein Herz, und die Waffen verrosteten."
"Das werden Sie mich nicht uberreden," erwiederte die Marquise und eben erwachte Louis Maria in seiner Wiege. Viktorine ruhrte die Glocke, die Warterin erschien mit der Amme, und beide Frauen wendeten ihre Aufmerksamkeit den kleinen Beobachtungen zu, ob das Kind zugenommen habe, ob lustig zur Nahrung sei? So wichtig, so suss und begluckend fur ein mutterliches Herz!
Es war der letzte Tag vor der Beisetzung des Marschalls, und die Audienzen der Beileidsbezeigungen waren auch fur diesen letzten Tag geschlossen. Von einigen allzu lastigen Stucken ihrer beschwerlichen Trauerkleidung befreit, sassen die Damen des Hauses mit dem Herzoge und der Herzogin von Lesdigueres beisammen, und es waltete uber Allen der Zwang, den leere Trauer-Ceremonien so ermudend ausuben, und denen man sich nicht entziehen darf, ohne gegen eine hohere Idee zu sundigen, die doch gerade in diesen lastigen ausseren Zeichen zu ersterben beginnt. Alle sehnten sich, von einander loszukommen, um sich nur einmal der Natur nach regen und wenden zu konnen. Aber es war Sitte, dass man in den inneren Gemachern soupirte und bis dahin zusammen blieb; so hielt Jeder den Andern im Schache mit einer angenommenen Empfindung, die sich nach Wechsel sehnte.
Um diese Zeit fuhr derselbe einfache Wagen ohne Livreen, der einst, bloss von Jaques gefuhrt, den Weg nach St. Sulpice zuurcklegte, unter dem Trauerwappen der Familie hindurch in das Schlossportal; und das Erste, womit der junge Herr des Schlosses begrusst ward, war das Salutiren der Wappenherolde mit ihren dustern Fahnen, und schaudernd fuhlte er erst jetzt die Wahrheit der erschutternden Nachricht.
Schweigend und mit der angstlichen Spannung, die sein auffallendes Betragen auch jedem Diener gegeben, ward er in dem dustern Hause empfangen. Ach, die tiefe Trauer, die er um Fennimor trug, wie wohl passte sie zu den schwarzen Treppen und Wanden, die ihn bald umfingen!
"Nach dem Trauersaale!" stammelte er kaum horbar. Die Thuren offneten sich der schreckliche Pomp lag vor ihm ausgebreitet der Sohn an den Stufen des Sarges auf seinen Knieen.
Sein Gebet war ein zuckend, schmerzhastes Aufblicken zu Gott; mehr eine Hoffnungslosigkeit, beten zu durfen mehr ein Ausruhen im Schmerz, als eine Erhebung zu Gottes Gemeinschaft! Laut hielten die Monche von St. Sulpice die Exequien uber die Leiche der fungirende Priester fugte dem gewohnlichen, vorgeschriebenen Ritus ein lautes Gebet hinzu: "Lass' Dir auch die Herzen empfohlen sein, die, belastet von der Noth, die eigne oder fremde Schuld ihnen gab, in Gram gebeugt vor Dir seufzen. Troste und erhebe sie. Die Vergangenheit hast Du unwiederruflich gemacht; aber selbst die Schuld in ihr kannst Du erblassen machen durch den Muth, Deiner gottlichen Gemeinschaft zukunftig theilhaft werden zu wollen. Es soll Allen vergeben werden, die von Herzen reumuthig sind, und ihre Schuld ihnen nicht folgen auf dem Pfade der Besserung!" Jetzt sprach er den Segen mit einer Kraft und Bewegung, dass Leonin uber die Gewalt erbebte, von der sein Herz aufgerissen ward. Er hob den Kopf Fenelon, der blasse Priester von St. Sulpice, stand mit erhobenen Armen und erhobenem Haupte uber ihm, und schien vom Himmel die Flammen andachtiger Ueberzeugung hernieder zu rufen, mit denen er die Seelen erwarmte.
"Fenelon," rief er "hast Du den Schlussel zu losen und zu binden?"
"Der hat ihn, der sich voll Glauben an seine gottliche Kraft dem in die Arme wirft, der Alle heilt, die reumuthig und beladen sind. In seinen Sunden verzweifeln wollen, heisst Gottes Allmacht verlaugnen!" Er hatte dies leise nur zu ihm, dem Knieenden, gesprochen. Er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes uber ihm und schloss sich dann den Monchen an, die ihren Umzug hielten. Als die erhabene Gestalt aber an ihm voruberglitt, horte Leonin wie einen Lufthauch die Worte: "rette Viktorine!"
Er fuhlte sie bis in sein tiefstes Innere, und sie gaben ihm die Richtung, die er bei den schwachen Angaben seiner Gefuhle vielleicht nicht erkannt hatte.
Er erhob sich und folgte dem harrenden Kammerdiener zu den Zimmern seiner Mutter. Wie lastete die dustere Pracht dieser Gemacher auf ihm! Jedes Zimmer schien ein Katafalk zu sein. Endlich offnete sich der kleine Salon, in dem er seine Familie, fast zur Unkenntlichkeit in Trauergewander eingehullt, versammelt sah. Er kam erwartet; dennoch uberraschend. Ein kurzer Aufschrei verrieth ihm das einzige Wesen, nach dem sein Herz noch eine Richtung hatte; und uberwaltigt von der Vergangenheit, die zwischen ihm und seinem Weibe lag, eilte er nicht in ihre Arme, sondern kniete in demselben Augenblicke zu ihren Fussen. Viktorine hatte sich leise in einen Stuhl gesenkt ihre Fusse bebten, wie ihr Herz. Beide sprachen nicht; es herrschte von allen Seiten ein verlegenes Stillschweigen; Keiner verstand das Gefuhl des Anderen. Die Empfangenden standen trocken und mude von einer thranenreichen Begebenheit, mit der sie fertig waren, und Leonin's Ankunft, dessen Stimmung Keiner zu errathen vermochte, erregte die Befurchtung, mit allen Schmerzenszeichen von Vorn anfangen zu mussen. Man schien von ihm wenigstens die Anregung abwarten zu wollen und behielt eine Stellung, aus der gleich zu machen war, was sich nothig zeigte.
Doch fand jeder unnaturliche Zwang bei Madame de Lesdigueres immer bald in ihrer raschen, geraden Gefuhlsweise seine Erledigung. "Jetzt, Herr Graf Schwiegersohn," rief sie plotzlich laut "lassen wir das! Kommen Sie zu sich, und denken Sie, dass wir alle von den Qualereien und der ganzen Geschichte nachgerade mude und matt sind. Wir haben Alle unsere christliche Theilnahme dargelegt ging mir auch selbst recht zu Herzen; aber jetzt muss es vorbei sein ware dem alten Marschalle selbst zuwider, wenn wir nicht endlich aufhoren konnten!"
Leonin stand auf, nachdem er einen Blick des Schmerzes auf seine blasse Gemahlin geworfen. "Ich verlange gewiss nicht," sprach er, "durch meine Gegenwart Euer Gnaden zu Gefuhlen aufzufordern, uber deren Dauer mit grossem Rechte nur Jeder selbst bestimmen kann, und der Sohn darf sich gewiss in einem Verhaltnisse bekennen, dass seine Gefuhle nicht zur Richtschnur fur Andere machen kann."
"So," sagte die Herzogin "das nenne ich vernunftig gesprochen. Man kann oft Ihre absonderlich auffallenden Handlungen gar nicht begreifen, wenn man hort, wie verstandig Sie sich zu aussern wissen."
Leonin hatte wahrend dieser Worte die Anwesenden stumm und abgemessen begrusst. Es hatte sich seiner bei dem Anblicke seiner Mutter ein so kaltes, bitteres Zurnen bemachtigt, dass er den Ausdruck fur die herkommliche Weise verlor; auch gab ihm die Herzogin bald Gelegenheit, sich zu entladen.
"Nun," rief sie "mein Kind, ich habe recht darauf gewartet, Sie wiederzusehn; denn nur Sie selbst konnen uns das Ereigniss erklaren, das uns damals bei der Taufe Ihres Sohnes so sehr erschreckte. Waren Sie denn wirklich krank und liefen deshalb fort?"
"Nein, Madame," erwiederte Leonin gemessen "ich war nicht krank, als ich abreiste, ich ward es erst spater."
"Nun, sehen Sie, Marschallin," fiel jetzt die Herzogin ins Wort, "ich konnte Ihre Erzahlung gleich nicht glauben; denn kurz vorher hatte ich ihn gesehen, und mit eins sollte er toll und krank und deshalb davongejagt sein!"
"Sagte das meine Mutter?" fragte Leonin scharf betonend. "In Wahrheit, ihr Irrthum ist sehr auffallend, da sie am besten, denke ich, den Grund meiner Abreise wissen musste!"
"Ihre Mutter, Graf?" rief die Herzogin "nun, das hatte ich nie fur moglich gehalten!"
"Es war vielleicht eine zu grosse Schwache von mir," fuhr jetzt die Marschallin auf, durch Beide geangstigt und erzurnt "dass ich die Unbesonnenheit meines Sohnes auf eine Weise zu erklaren trachtete, die in der Handlung selbst sich mir darzubieten schien. Eine wahnsinnige Handlung dem plotzlichen Erkranken zuzuschreiben, mochte milder urtheilen heissen, als es ein Jeder in solchem Falle verdient!"
"Sie hatten Ihre Gnade nicht so weit treiben sollen," erwiederte Leonin kalt; "aus den Umstanden, die Ihnen bekannt waren, hatten Sie annehmen konnen, wie wenig ich mich geneigt fuhlen musste, eine Vormundschaft anzuerkennen, deren Erfolge ich eben einsehen lernte."
Die Marschallin bebte vor Zorn. Niemals hatte sie eine solche Sprache von ihm gehort! Sie war zuerst um eine Antwort verlegen, die den ganzen tiefen Ingrimm ihres Herzens auszudrucken vermocht hatte. Doch uberhob die Herzogin sie jeder Wahl. Aufs neue rief sie: "Kind, ich verstehe dieses Hin- und Herreden nicht, sagen Sie deutlich, wie es zusammenhing!"
"Enschuldigen mich Euer Gnaden," sprach Leonin mit schonender Ehrerbietung "Sie sind eine zu gefuhlvolle Frau, eine zu gute Mutter, um nicht zu wissen, dass Viktorine das erste Recht an mein Vertrauen hat, und ich es abwarten muss, ob sie mich zur Rechenschaft ziehen will."
"Dagegen lasst sich Nichts sagen," erwiederte gutmuthig lachend die alte Herzogin; "das heisst: schweige still, Du hast Dich nicht hinein zu mengen!"
"Dies mochte indessen nicht der Fall fur Alle sein," sprach die Marschallin scharf. "Der Konig hat eine personliche Beleidigung, fur die er Ihr Betragen nothwendig halten musste, mit der Ungnade gegen Ihre Familie bestraft; und diese Familie, die wahrend ihrer langen Existenz etwas Aehnliches nicht erfuhr, mochte wohl das unbestrittene Recht haben, einer Handlungsweise nachzufragen, die so beleidigende Folgen fur sie hatte."
"Zwingen Sie mich nicht, Ihnen augenblicklich diese Erklarung zu geben!" rief Leonin, mit einer Wildheit in Ton und Blick, die Alle erschreckte. "Ich bin bereit dazu; denn es ist vielleicht so besser, da ich in meiner Empfindung nicht mehr zu retten bin. Aber Sie Sie, meine Mutter, Sie sollten mich nicht dazu treiben wollen!"
Die Marschallin fuhlte, dass sie zu weit gegangen war; aber sie hatte noch keine Beleidigung ungerugt erfahren, von ihrem Sohne sollte sie sie hinnehmen, der ihr bis jetzt noch nie getrotzt? Es war zu viel und dennoch sah sie ein, sie habe ihn selbst zu der Grenze hingetrieben, von der sie ihn hatte abhalten wollen.
"Sie sollten mindestens fuhlen," sprach sie, sich mit Gewalt bezahmend "dass der Augenblick zu Ihrer leidenschaftlichen Unhoflichkeit gegen mich schlecht gewahlt ist. Ich bin die Witwe Ihres Vaters vielleicht erinnern Sie sich, dass die Leiche dieses in Ungnade gefallenen, beruhmten Mannes noch uber der Erde ist und dass ich Ihre Mutter bin!"
Leonin stand in dusterem Bruten vor dieser kunstvollen Rede; es blieb ungewiss, ob er sie gehort. Da fuhlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter, und eine Stimme, die ihn zu wecken und sich zu sammeln vermochte, sprach unsicher und schwach: "Glauben Sie nicht, mein Gemahl, dass Sie auch m i c h in der Stimmung des Zurnens oder der Neugierde gegen sich finden! Wenn Sie mir ein Recht zugestehen, wie ich eben zu horen glaubte, so lassen Sie es das des Vertrauens sein, das weder von Ihnen eine Erklarung fordert, noch nothig hat. Fassen Sie sich aber jetzt. Der Schmerz, der so naturlich in Ihnen ist, sollte uns Alle zur Schonung gegen Sie auffordern; vielleicht bedurfen wir sie auch," setzte sie mit sinkender Stimme hinzu "wir haben Viel gelitten!"
Leonin versenkte sich mit zartlichem Antheil in die schonen, edlen Zuge, die so blass, so leidenvoll waren. Er fuhrte die sichtlich bebende Gestalt zu ihrem Sitze zuruck und nahm knieend neben ihr Platz. "Theure, edle Viktorine," seufzte er, ihre Hand an seine Stirn druckend "Sie sind die Einzige, die ein Recht hatte, mir zu zurnen; aber Sie werden bloss der Engel sein, der uber den Gefallenen weint!" Und sie weinte bereits.
Der Herzog von Lesdigueres, der ein hochst verlegener Zuhorer dieser hauslichen Scene gewesen war, da er niemals uber gesellschaftliche Verhaltnisse hinaus sich zu denken erlaubte, erfasste nun eine Richtung, die er glaubte erkannt zu haben, und nahte sich seinem Schwiegersohne. "Ich bin," sprach er "nach dem Empfange, den ich bei Seiner Majestat genossen, als ich ihm die Todesmeldung des Hauses Crecy-Chabanne machte, fast uberzeugt, dass eine bestimmte Hoffnung auf Gnade vorhanden ist, und, wenn Viktorine ihren Einfluss bei der gutigsten Konigin anwendet, Ihnen, mein Herr Schwiegersohn, der Konig Ihren Platz bei seiner erhabenen Gemahlin zuruckgiebt."
So erfuhr Leonin seine Absetzung. Die Marschallin gonnte ihm einige Alteration und beobachtete ihn scharf. Er erhob sich jedoch sogleich ruhig von seinen Knieen und indem er dem Herzoge ehrerbietig fur seinen Antheil dankte, setzte er hinzu: "Ich muss diese Absicht bei Seiner Majestat indessen entschieden ablehnen. Obwol ich meine Verweisung vom Hofe noch nicht kannte, musste ich sie erwarten; doch dachte ich bisher nicht daran und war entschlossen, den Konig um meine Demission zu bitten."
"Den Konig darum zu bitten?" riefen der Herzog und die Marschallin zugleich. "Ich bin gesonnen," fuhr Leonin fort "wenn ich uber meine naheren Angelegenheiten mit meiner Gemahlin die nothige Rucksprache genommen und hier alle Pflichten erfullt, die meine neue Stellung mir aufnothiget, mich zum Marschalle von Louxemburg zu begeben und ohne bestimmte Anstellung, um die ich jetzt nicht bitten konnte, unter seinen Fahnen als Volontair den Krieg mitzumachen."
"Den Krieg? den Krieg?" stammelte Viktorine, wahrend Alle ihre Ueberraschung nicht zu verhehlen vermochten.
"Erschrecken Sie nicht, theure Viktorine!" sprach Leonin, nur zu ihr sich wendend. "Es kann Ihnen nicht entgehen, dass mich ein ungewohnliches Schicksal unerwartet und hart niedergeworfen hat. Gott mag es denen vergeben, die mich hineinstiessen gegen Pflicht und Gewissen! Ich kann es noch nicht und eben so wenig auf dieser Stelle Ihnen gegenuber aushalten, Viktorine! Lassen Sie mich jetzt gewahren. Vielleicht rettet mich Anstrengung meiner Krafte, Thatigkeit, Entbehrung, Mitgefuhl bei der Noth des Krieges. Vielleicht komme ich Ihrer wurdiger zuruck; jetzt ist Ihre Nahe mir ein Vorwurf ich vermag sie nicht zu ertragen!"
"Genug!" rief hier die Marschallin mit ihrer alten Energie und ausser sich gebracht uber die rucksichtslose Sprache ihres Sohnes, die er selbst gar nicht zu bemerken schien. "Es dunkt mich, Sie sind in einer so maasslosen Aufregung zu uns zuruckgekehrt, dass Sie keine Beurtheilung uber das Gewicht Ihrer Worte haben. Ich fuhle mich unfahig, meinen Sohn langer in einer solchen Stimmung die wichtigsten Interessen seines kunftigen Lebens absprechen zu horen! Lassen Sie uns nach dem kleinen Esssaale gehen, wo uns einige der genauesten Freunde des Marschalls erwarten."
"So bitte ich, mich zu beurlauben," sagte Leonin; "ich will mit meiner Stimmung, die gegen Ihre Absichten lauft, Ihnen nicht langer lastig fallen. Die Zeit wird lehren, ob sie eine augenblickliche Aufregung ist."
Er entfernte sich, Alle ehrfurchtsvoll grussend gegen Viktorinen einige Worte schwarmerischer Verehrung aussprechend.
Wenn wir einen Blick in die verschiedenen Gemacher thun, in die sich die drei Hauptpersonen dieses schweren Abends zuruckgezogen hatten, nachdem es ihnen verstattet, sich zu trennen, so werden wir erfahren, was ihr Loos war, als die ausseren Rucksichten fur sie aufhorten.
Die Marschallin hatte sich entkleiden lassen, und ihre Frauen warteten im Vorzimmer. Sie horchte dem Schliessen der Thur, was ihr endlich Alleinsein, dieses dringendste Bedurfniss, sicherte. Funf Minuten spater wurden wir die Marschallin von Crecy, die eben mit stolzer Ruhe ihre Frauen nach dem Vorzimmer entliess, kaum wieder erkannt haben. Die zuruckgepressten Leidenschaften, die diese letzte, verhangnissvolle Zeit ihres Lebens hoher, wie jemals gesteigert hatte, brachen, wie ihres Zugels beraubt, plotzlich hervor. Bald durcheilte sie mit grossen, ungleichen Schritten das Gemach, wahrend ihre krampfhaft gepressten Hande ihre ungestumen Gedanken ausdruckten; bald sank sie in ihren Sessel, und ein kurzes, zorniges Schluchzen rang sich hervor. Doch, wir halten inne, denn wir werden genug erfahren haben, um unsere Ueberzeugung anzudeuten, dass Jeden die Vergeltung erreicht, dass uns kein ausserer Schein tauschen sollte uber die Gerechtigkeit des Himmels hier auf Erden, die, wenn sie das aussere Schaugerust unberuhrt lasst, in dem Inneren des trotzigen Herzens erscheint und es beugt und zerreisst und demuthigt und die furchterliche Strafe verhangt, mit lachelnder Miene aufrecht erhalten zu mussen, was, jedes Reizes entblosst, eine leere, todtende Qual geworden ist und doch der Preis der Sunde war.
Die Marschallin, die nie einem Menschen seine eigene Entwicklung, seine eigene Ansicht gestattet, die ihr ganzes Leben als eine Aufgabe ihres Willens gehandhabt, die Menschen, die hineinfielen, ohne jede Rucksicht als Hebel und Stutzen verbraucht hatte, deren eigene Bedurfnisse ubersehend, gering achtend, oder die ihrigen doch wichtiger haltend; die durch das zeitherige, materielle Gelingen dieser Bestrebungen zu einer Sicherheit uber den Werth derselben gelangt war, der sie auf die dunkelvollste Isolirhohe des Stolzes erhoben ihr war es plotzlich, als ob der Boden dieses ihr so fest erscheinenden Gebaudes ein Sieb geworden sei, das Alles unter ihren Handen unaufhaltsam zerrinnen, zerfliessen, in ein Nichts zurucksinken liesse, vor dem sie verarmt stehen bliebe, wie vor dem ganzen Ergebniss ihres berechneten Lebens, das ihr damit verloren erschien.
Sie erfuhr die Strafe, die ihr die harteste sein musste, und ihr Zustand, wie wir ihn andeuteten, war dem gemass.
Sie wollte in dieser qualvollen Stunde etwas erdenken, womit sie sich rachen konnte. Aber die Beleidigung, die jeden Blutstropfen in ihr vergiftete, kehrte immer wieder auf den einen Gegner zuruck, der alle zahllos erlebten Krankungen veranlasst hatte; und dieser Gegner war ihr Sohn! Der Sohn, den sie zu ihrem Dienste erzogen, zur Stutze ihrer ehrgeizigen Plane; er war es, der plotzlich seine Abstammung nicht ganzlich in sich erloschen zeigte und ihr, ehe sie es ahnte, mit eigensinnigem, rucksichtslosem Willen entgegen trat. Sie dachte alle Moglichkeiten durch, ihn noch ein Mal gedemuthigt, ihres Willens Unterthan zu sich zuruck zu fuhren. Sie hatte, ehe sie ihn sah, so sicher darauf gerechnet; sie hatte ihm ein Zurnen zugedacht, was nur um den Preis einer ganzlichen Uebergabe Versohnung hoffen lassen sollte, und jetzt kam e r in einer Stimmung des Zurnens zuruck, die weder Ausgleichung suchte, noch nothig hatte; da er sich sogleich damit unabhangig erklarte. Sie konnte nicht einmal irgend etwas erdenken, worin sie ihm nachgeben konnte! Nur eine leise Hoffnung blieb ihr. Souvre war entweder selbst betrogen, oder er hatte sie auch betrogen. Sie hatte Fennimor's Tod wirklich vor der Vermahlung ihres Sohnes angenommen, und es war klar, daran zweifelte Leonin er bezuchtigte sie des Frevels, ihn in das doppelte Verhaltniss getrieben zu haben! Dieser Irrthum sollte sich nun auflosen. Die Reue daruber blieb ihre einzige Hoffnung; aber sie ward dennoch kein Ruhekissen, worauf die Marschallin den Schlaf gefunden hatte.
Von ihrem geheimen Leben wenden wir uns nach dem stillen Schlafgemache, aus dem Viktorine fur die ersten Stunden der Nacht gleichfalls ihre Frauen entfernt hatte, um, mit ihrem Kinde allein, jedes Zwanges enthoben, sich ihres Zustandes bewusst zu werden. Es giebt Menschen, deren edle Natur sich uberall gleich bleibt; sie behalten eine Decenz des Ausdrukkes selbst in ihrer tiefsten Aufregung, die ihren einsamen Stunden ein Maass verleiht, durch das sie vor sich selbst gesichert bleiben. Dies war bei Viktorinen der Fall. Sie war sich eine Achtung gebietende Gesellschaft die Vertraute, von der wir wissen, nicht missverstanden zu werden, und deren Billigung wir uns doch zu erhalten wunschen, da sie uns schwerer zu erreichen scheint, als der Beifall der Welt.
Sie knieete nieder und beugte sich uber das suss schlafende Kind. Schwere Seufzer deuteten es an, dass ein lang bezwungener Zustand sich Luft schaffte; dann weinte sie lange und schmerzlich, und endlich wurden ihre Empfindungen Gebete. Als sie aufstand, sagte sie: "Weise Freundin, ich habe Dich verstanden! Du hast mein Schicksal geahnet; ich werde Dir folgen. Ein Weib ist an sich etwas Gottliches und Grosses; ich habe einen Heerd! Ich habe ein Kind! Beides werde ich huten zur Ehre Gottes und der Menschen; und kommt er ermudet zuruck und sucht verschmachtend den verlassenen Heerd, dann finde er mein Symbol: Milde und Verzeihung!"
Als sie ihre Frauen rief, war jedes Wort sanft und gutig. Eine verklarte Ruhe lag uber ihr ausgebreitet; eine frei gewordene Kraft, die von sich selbst eine versohnende Ausgleichung des Lebens verlangt.
Nicht so Leonin! Halbe Zustande Ungluck und Gluck Schuld und Unschuld wie sie sich in ihm vorfanden, erfordern einen starken Geist, der Alles erfasst und sondert und a u f sich nimmt und v o n sich wirft, der Wahrheit nach, und dann abschliesst und von neuem beginnt. Nicht so Leonin. Er dachte daran, den Zustanden zu entfliehen, ohne sie vorher zu ordnen. Die jedesmalige Folge dieses schwachen Waltens trat auch bei ihm ein. Die Erbitterung wuchs auf dem falschen Wege, der uberall unbeseitigte Hindernisse zeigte und die Erholung, nach der er strebte, fern hielt. Er grollte der ganzen Welt. Die Weichheit, die ihn sonst gutmuthig sein liess, verschwand. Seine Diener erkannten ihren ehemaligen Herrn nicht wieder. Er war unruhig, heftig, ungerecht; Nichts schien ihm zur Zufriedenheit gemacht; er forderte und stiess das Geforderte zuruck; er erzurnte und krankte Alle, und der Unfriede schien, was er noch begehrte.
Unter diesen Umstanden erreichte die Marschallin ihren Zweck nur in dem fur sie unwesentlichsten Theile. Er uberzeugte sich, dass so wenig sie, wie Souvre Fennimor's Wiederbelebung gewusst habe. Aber keine Reue gegen sie trat ein. Ihre Schuld, und mehr noch die Harte, die ihm jetzt naturlich geworden war und die sich gegen sie, die er bisher so sklavisch gefurchtet hatte, Bahn gebrochen, sie sollte motivirt sein in ihrer Schuld und die Marschallin fuhlte bald, ware jene auch geringer gewesen, als sie wirklich war er habe einmal die Stellung gegen sie ergriffen, die eine Art Schild gegen seine eignen Vorwurfe ward, und gerade die Schwache, die sie in ihm geschatzt und beabsichtigt, erhielt ihn jetzt in dieser Stellung gegen sie.
Doch hatte diese Erklarung die Folge, dass ein beabsichtigtes Duell mit Souvre unterblieb; und der gewandte Unterhandler kam zu dem vollen Genusse des Gelingens, wenn er, wohlbehaglich in einem Fauteuil in Leonin's Zimmern ruhend, diesen mit der gereizten Wildheit eines gestorten Friedens an sich voruber streifen sah. Er uberlegte die Resultate seiner Bemuhungen und rechnete sich gleichgultig an den Fingern her: der bluhende, schone Mann ist bleich, gekrummt, mit schwindendem Haare der vornehme Edelmann vom Hofe verbannt in die hohnenden Prachtraume eines oden Pallastes verwiesen. Der Gatte der schonsten und vornehmsten Dame hat diese entehrt und seinen Erben zum Bastarde gemacht, und das ewig heitere, sorglose Kind des Gluckes kommt von der Leiche seines gemordeten Weibes, von dem Anblicke seines rechtmassigen und verlaugneten Sohnes mit Kummer beladen, und um Ruhe und Frieden durch Alles, was er erlebt und gethan, auf immer betrogen!
Es war nach der Bestattung des Marschalls nicht schwer, Leonin's Angelegenheiten zu ordnen; da seine Anwesenheit ein Inkognito bleiben musste, war er von manchem lastigen Gebrauche befreit. Wie Viktorine ihm in dieser Krisis gegenuber stand, brauchen wir kaum zu erwahnen. Sie war mit dem, was sie sein wollte, so vertraut, dass sie keinen Hauch von Selbstgefuhl oder Tugendpathos zeigte. Sie horte sich nicht in ihren Worten, ihre Augen suchten weder den Himmel, noch den Beifall Anderer; sie langweilte und verscheuchte Niemanden, indem sie sich beispiellos hervorzuheben trachtete und mit ernster Wurde eine Sprache einzufuhren strebte, die den Zustanden der kranken Gemuther um sie her zum Vorwurfe gereichen musste. Sie war ohne Hochmuth, daher mit ihrem besseren Zustande vor Gott nicht befriedigt und nicht geneigt, ihn hervorzuheben. Sie war voll wahrer Liebe, daher ohne das Richtschwert der Verwerfung sie war edel und klug, daher den Augenblick und seine krankhaften Erscheinungen schonend, die auffallenden Misstone uberhorend, um ein verderbliches Verstummen zu verhuten, was selbst die Hoffnung der Ausgleichung aufhebt.
Dessen ungeachtet musste sie bald erkennen, dass sie nur auf eine spatere Zukunft zu hoffen habe und ihre Rechte nur bewahren konne, wenn sie jetzt ihre Krankung ubersehe, Streit oder Rechenschaft daruber ablehne. Vielleicht hatte an dieser Stellung, die sie nahm, nicht ihr richtig berechnender Verstand allein Antheil; ein tiefes Grauen vor der Aufklarung der geheimen Geschichte ihres Gemahls hielt nicht minder ihr ganzes Wesen instinktartig in abwehrender Massigung.
Ob Leonin den ganzen Werth dieses Verfahrens erkannte, ware schwer zu bestimmen; doch suchte er die Nahe seiner Gemahlin auf, freilich, um auch bei ihr wieder in sein dusteres Nachdenken zu verfallen, das jeden Zug seines Gesichtes beschattet hatte und ihn kaum kenntlich sein liess. Besonders trat dies hervor, wenn ihm sein Kind gebracht wurde, und er genothigt war, es zu betrachten. Viktorine entsagte bald auch diesem Glucke; denn ein fast auffallender Schmerz erschutterte ihn dann und erregte die Beobachtung der Warterinnen; muthig erdruckte sie die bangen Ahnungen ihrer Brust und hielt ihr Kind von da an entfernt.
In Leonins Verhaltniss zum Hofe hatte sich Nichts geandert. Die Trauerzeit verschloss, den Vorschriften nach, die ganze Familie noch in ihrem Palais; die Marschallin hatte daher noch keine Versuche daruber machen konnen, wie weit der Tod des Marschalls die Versohnung vermittelt habe. Regelmassig den achten Tag erschienen die Hofchargen zu einem kurzen, ceremoniosen Besuche im Hotel Soubise. Dies konnte naturlich nur auf Befehl der Majestaten geschehen und blieb ein Gnadenzeichen, das, wie schon erwahnt, eine Loosung fur den ubrigen Adel ward; und so konnte es unter den an sich beschrankenden Umstanden scheinen, alle Verhaltnisse waren ausgeglichen. Hiervon liess sich die Marschallin jedoch nicht tauschen, die sehr wohl alle Abstufungen der Gunst kannte und mit einem mittemassigen Zustande der Dinge nicht zufrieden sein konnte; da sie bisher den ersten Rang erstrebt und erreicht hatte.
Leonin blieb dagegen hartnackig bei seinem Vorsatze, jetzt keine Begnadigung nachzusuchen und der Gunst des Marschalls von Louxemburg anheim zu stellen, sein Erscheinen bei der Armee zu entschuldigen. Da die Maischallin ein Missglucken eben so furchtete, fand er weniger Widerstand, als er erwartet; und seine Gemahlin mit ausgedehnten Vollmachten versehend, und ihr jeden Beweis der Achtung dadurch gebend, verliess er endlich das vaterliche Haus und begab sich zur Armee des Niederrheins, in einem Augenblicke, wo ein ziemlich zweifelhafter Zustand des Gelingens bei den Armeen obwaltete. Funf Jahre waren verflossen. Der Nymweger Friede war geschlossen, die Armeen kehrten nach Frankreich zuruck. Durch alle Provinzen des Landes vertheilt, erreichten die Truppen ihre Heimath, ohne dass damit eine Auflosung der Armee verbunden gewesen ware, die Ludwig der Vierzehnte schon damals nicht fur politisch erkannte und damit dem ubrigen Europa, dem die Mittel fehlten, diese Maassregel nachzuahmen, ein stets furchtbarer und uberlegener Gegner blieb, dessen Freundschaft zu erhalten, die gefugigsten Schritte gethan wurden, die dem Uebermuthe, der damals schon Ludwigs Gesinnung ausschliesslich zu beherrschen begann, einen schrankenlosen Spielraum gaben.
Nach funfjahriger Trennung kehrte Leonin als Ad
judant des Marschalls von Louxemburg zu seiner Familie zuruck. Die Marschallin war Oberhofmeisterin der Prinzessin von der Pfalz geworden, der zweiten Gemahlin des Herzogs von Orleans. Sie lebte fast immer am Hofe, obwol ihr jede Freiheit zugestanden war, die sie sich selbst geben wollte. Immer mehr jedoch war der Hof eine Art Kultus geworden, dessen Dienste sich weihen zu durfen, der Inbegriff aller Wunsche, aller Bestrebungen ward. In dem Maasse, wie sie durch die ihr gewordene Auszeichnung uber alle ihre Feinde triumphirte, hoffte sie, ihre Familie auch zu dem alten Glanze zuruckzufuhren, der durch die zweifelhafte Stellung ihres Sohnes noch immer in Schatten gestellt blieb. Obwol unter den zahlreichen Nachrichten von der Armee die gunstigsten uber Leonins Verhalten, seinen Muth, seinen rastlosen Eifer einliefen, nimmer war eine Gelegenheit zu finden, dieselben bis zu dem Konige zu fuhren. Ausser in diesem Zauberkreise schmeichelten Alle der stolzen Mutter damit; in Gegenwart des Konigs aber schwiegen Alle davon, weil Jeder wusste, dass, als einst Madame mit ihrer kecken, deutschen Weise, die viel Gnade vor Ludwig fand, auf diesen Gegenstand kommen wollte, der Konig sie verwundert angesehen, und als ob sie Deutsch mit ihm gesprochen, ihr gar nicht geantwortet und ihr den Rucken zugekehrt habe.
Jetzt sammelten sich die hohen Haupter der Armee wieder um den Konig, und der Monarch, getragen und gehoben von dem Ruhme seiner Armeen, spendete Ehren, Vermogen, Gunst und Auszeichnung jeder Art an seine Helden. Die Eroberung von Mastricht und die Schlacht bei Montcastel, kurz vor dem Frieden, diesen so bedeutend erleichternd, gaben dem Herzoge von Louxemburg ein besonders frisches Andenken und ein eingeraumtes Recht an die Gunst seines Konigs.
Es war daher der Herzog von Louxemburg, der das Eis brach, auf dem Alle zu fallen furchteten, und den Konig um die Erlaubniss bat, ihm seinen Adjudanten, den Grafen Crecy-Chabanne, dem er das Leben auf dem Schlachtfelde von Montcastel verdanke, vorstellen zu durfen.
Die Form war gut gewahlt, und diese beherrschte Ludwig immer despotischer; er ward dadurch an nichts der Vergangenheit Angehoriges erinnert, diese in seine Willkur gestellt, und fur seine Erlaubniss, im Fall er sie geben wollte, eine Brucke gebaut, die bloss den Marschall zu ehren schien und so gar nicht ubersehen werden konnte, ohne diesen zu kranken. Er neigte daher einwilligend das Haupt und ging augenblicklich zu dem Ereignisse sebst uber, indem er den Herzog von Louxemburg fragte, bei welcher Gelegenheit er in so dringender Gefahr gewesen sei.
Der Marschall hatte jetzt Veranlassung, Leonins Verdienst hervor zu heben, welches er mit der hofischen Vorsicht that, welche es vermeidet, eine Meinung bestimmen oder lenken zu wollen und nur, wie von dem Gegenstande gezwungen, die Dinge vorzutragen scheint. Der Konig glaubte durchaus seine Ansicht hieruber dem Hofe entzogen und seiner Willkur uberlassen, wahrend schon Alle sicher waren, Leonin werde sich eines gnadigen Empfanges zu erfreuen haben. Doch tauschte Ludwig, erfindungsreich in Nuancen des Ceremoniels, welches immer mehr zur karrikaturartigen Uebertreibung ausartete, auch hier seine Hoflinge. Zwar durfte Leonin die geweihte Schwelle des koniglichen Audienzzimmers betreten und in die Reihen der gleich berechtigten Cavaliere treten; aber der Konig schien ihn dennoch nicht zu sehen, obwol er bei seinen verhangnissvollen Wanderungen ihn sehen musste. Als er jedoch an dem Marschalle von Louxemburg voruber schritt und dessen besonders bekummerte Miene sah, rief er: "Ah, Marschall, wir sollten den Retter Ihres Lebens kennen lernen!"
Leonin beugte das Knie; der Konig betrachtete ihn einen Augenblick stumm, dann hiess er ihn aufstehen und jetzt sprach er zu ihm, wie zu einem vollig fremden, nie gesehenen Manne; und indem er seine Handlungsweise lobte, verrieth doch nicht die kleinste Aeusserung, dass er ihn je fruher gesehen habe. So demuthigend dies war, musste Leonin es doch fur eine Gnade ansehen; auch erhielt der Herzog fur ihn ohne Einwendung die Bestatigung zu einer Oberstenstelle, die ihn jedoch nicht von der Person seines Generals trennte.
Die Konigin empfing ihn dagegen ohne alle Zeichen der Empfindlichkeit. Viktorine nahm ihren Platz unbestritten bei ihr ein, und niemals hatte sie den Gatten derselben zu kranken vermocht.
Dazwischen sehen wir Leonin, sobald er Musse finden kann, den Weg nach St. Sulpice einschlagen. Mit unbeschreiblicher Bewegung erreicht er das Gitterthor; aber als es ihn einlasst, verfolgt er nicht den Weg nach dem Stiftshause, sondern wendet sich links und hat sich bald in die Klostergange verloren, in denen ihm ein voran schreitender Laienbruder die Zelle Fenelons offnet.
Tief athmend bleibt Leonin auf der Schwelle stehen. Es ist gegen Abend die Sonne scheint mild durch Rebengelander in das geoffnete Fenster. Auf einem holzernen Stuhle sitzt Femelon vor einem einfachen Tische, mit Buchern und Schreibgerath bedeckt. Auf einem Bankchen neben ihm steht ein Knabe von sieben Jahren und liest nach Fenelons Anweisung in einem lateinischen Breviere. Der Knabe wendet ihm den Rucken zu; aber er darf nur den reichen Heiligenschein goldbesaumter, brauner Locken sehen, um zu wissen, dass vor ihm Fennimors Sohn steht! Fenelon streckt dem Erwarteten, uber den Knaben hinweg, die Hand entgegen. Auch dieser hort den Eintretenden; er blickt zu seinem Lehrer auf, dann wendet er rasch den Kopf, sieht den Fremden und ist mit einem Satze von dem Bankchen gesprungen. Ausser sich, aber stumm vor Bewegung, steht Leonin vor seinem Sohne! Er wagt nicht, ihn an sein Herz zu drucken; die maasslose Wonne, die ihn bei seinem Anblicke durchstromt, ist zugleich der wahnsinnigste Schmerz. Es sind Fennimors tiefblaue Augen; das zarte Oval mit dem suss gerundeten Kinne; dieser volle, lachelnde, bluhende Mund mit den kleinen, weissen Zahnen, dieser Ausdruck zwischen Ernst und Schelmerei, dieser bezaubernd warme Farbenglanz!
So sah er ihr Antlitz, als sie noch auf der Grenze der Kindheit ihm zuerst entgegen trat! Der Knabe trug ein offenes Hemd, das uber Schultern und Brust aufgeschlagen war wegen der Warme des Tages und besonders anmuthig zu einem Pagenkleide von blassblauer Seide passte. So wie er seinen Satz gemacht hatte, griff er nach seinem Barett und machte dann eine der kleinen, zierlichen Verbeugungen, die kein Tanzmeister und Erzieher lehrt und die nur aus der Schonheit des Korpers aus dem befiederten Geist eines Kindes hervorzutreten vermogen. Es war wieder Fennimors unaussprechlich schwebende Anmuth, ihr wunderbarer Pathos zugleich!
"Fasst Euch," sprach Fenelon mild "und umarmt dies Kind Eurer seligen Freundin. Reginald," fuhr er fort, sich zu ihm wendend, "dieser Herr ist Dein Vormund, den Du so liebst, weil er Dich hier erziehen lasst."
"Das dachte ich!" rief Reginald und im Augenblicke sprang er Leonin um den Hals. Jetzt hatte er ihn im Arme! An seine Brust gedruckt, durfte er ihn kussen, ihm die sussesten Namen geben uber ihm die ersten Thranen der lang vertrockneten Augen weinen!
Wir erzahlen indess, wie er hierher kam. Als Reginald sein viertes Jahr zuruckgelegt, erklarte der Vikar Emmy Gray's Dienst bei ihm erledigt. Er predigte tauben Ohren. Sie wollte das Kind nicht herausgeben, und fasste den finstersten Hass gegen den Vikar und seine Schwester, die sie zu diesem Schritt in Gute bereden wollten. Reginald hatte sich korperlich und geistig kraftig entwickelt; aber Emmy hielt ihn wie einen Vogel im Kafig, und da sie selbst weder schreiben, noch lesen konnte, so waren auch diese ersten Grundlagen dem Kinde nicht von ihr beizubringen. Aber gerade, weil sie gegen diese Einwurfe nichts zu erwiedern wusste, verbaute sie ihren Willen mit dem hartnackigsten Eigensinne; und die Geschwister, die Fennimors Kind nicht aufgeben konnten, wendeten sich an den Grafen Crecy selbst, obwol dieser noch bei der Armee war.
Dies brachte einen Entschluss in Leonin zur Reife, den er schon lange genahrt. Er trat mit Fenelon uber die Erziehung seines Sohnes in Unterhandlungen. In St. Sulpice wurde eine kleine Anzahl Kostganger aufgenommen, die den sehr ausgezeichneten Unterricht der Monche und ihre moralische Leitung genossen. Unter diese Zahl Reginald aufzunehmen, flehete Leonin Fenelon an. Doch fand er hier den auffallendsten Widerspruch. Fenelon ausserte die entschiedenste Abneigung, sich in diese geheime Angelegenheit zu mischen. Er sagte ihm, dass es ihm unertraglich sei, ein Geheimniss, von dem Viktorinens Lebensgluck abhinge, zu kennen, und dass er wenigstens nichts damit zu thun haben wolle, da er es nicht habe verhuten konnen, so Viel davon zu erfahren. Doch Leonin liess nicht nach in seinen Bitten, und endlich willigte Fenelon ein, aber nur unter folgenden Bedingungen: Niemals sollte Viktorine das Verhaltniss des Kindes zu Leonin erfahren niemals dies Kind selbst, dass Leonin sein Vater sei! Er unterstutzte diese Forderungen durch Grunde, die genugsam bewiesen, dass selbst dem aufgeklartesten Katholiken immer die Stunde schlagt, wo er in dem Dunkel seiner ihm allein berechtigt erscheinenden Kirche die Grenze findet fur christliche Gesinnung; dass vornamlich der Priester stets darauf zuruckkommt, jede andere Form des Bekenntnisses, als die seine, fur unzulasslich, ohne bindende Kraft anzusehen, und dass die Entscheidung uber Rechte wie klar sie auch christlich und sittlich der andern Kirche zugehoren mogen doch immer die Stutze der ausschliessenden Berechtigung entbehren wird, die eben, als untruglich angenommen, keiner Frage des Gewissens mehr unterworfen wird, und mit der angewohnten Ueberzeugung zugleich die kaum eingestandene Furcht vor den Zwangsmitteln dieser Kirche verbindet, mit welcher die kleinste Abweichung von ihrer konsequenten Despotie sogleich unrettbar entzweit.
Fenelon deutete wirklich an, dass er Leonin's erste Verbindung nicht fur gultig halten konne; daruber aber dennoch Viktorinen, als ihr Beichtiger, die Entscheidung erspart wissen wolle. Er forderte Leonin auf, dies Kind vortheilhaft zu dotiren; doch durch keine weiteren Zugestandnisse sein Gemuth in falsche Richtung zu bringen und Leonin gab nach!
Der Vikar bekam Fenelon's Brief und Leonin's Entscheidung. Herr St. Albans, der bejahrte Kastellan von Ste. Roche, entfuhrte halb mit Gewalt das holde Kind den Armen der verzweifelnden Emmy Gray und lieferte dasselbe in die Fenelon's.
Leonin liess Emmy die Wahl, zuruckzukehren oder zu bleiben. Doch wild wies sie den ersten Vorschlag von sich. Sie hatte Nichts geliebt, als Fennimor; mit Widerwillen dachte sie an John Gray, ja, selbst an ihre kleine Tochter. Sie sagte oft: "Ich kann Nichts mehr lieben! Was sollen sie mit mir!" Sie blieb im Schlosse und bewachte die Zimmer, in denen ihr Liebling einst gelebt und hutete sie, und blieb der ganzen ubrigen Welt unzuganglich und bitter grollend.
Dagegen bluhete das herrliche Kind unter Fenelon's weiser Hand trefflich empor. Er sturzte sich auf den Unterricht, den er erhielt, mit der Begierde eines Hungrigen; und sein Lehrer fuhlte bald eine so warme, innige Zartlichkeit fur ihn, dass er ihn in Allem selbst zu unterrichten anfing.
Nachdem Leonin den Rausch des Herzens durchgemacht, theilte ihm Fenelon mit, dass Viktorine, die ihre Andacht in St. Sulpice hielt, ihn gebeten habe, ihren Sohn den Kostgangern des Klosters zuzugesellen. Er habe die Entscheidung hinzuhalten gesucht bis zu seiner Ruckkehr und frage jetzt um seine Meinung. Augenblicklich willigte Leonin in diesen Plan, der ihm eine susse Hoffnung gab, die Bruder vereinigt zu erziehen, vielleicht Freunde aus ihnen werden zu sehen. "Dies hoffnungsvolle Kind," sprach Fenelon "hat Viktorine mit dem Wunsche erfullt, beide Knaben mit einander verbunden zu sehen, da Ludwig, ihr Sohn, von zarterer Natur und von geringeren Fahigkeiten ist."
Diese Nachricht war der erste Trost fur Leonin's darbendes Herz, und er kehrte mit so verandertem Wesen zu Viktorinen zuruck, dass diese sich tief geruhrt fuhlte, da sie es dem Vergnugen glaubte zurechnen zu mussen, mit welchem Leonin ihren Plan fur die Erziehung ihres Sohnes auffasste und mit ihr die Ausfuhrung desselben verabredete. "Gottlob er liebt sein Kind noch!" rief sie in Thranen der Freude, als sie allein war; "dies Gefuhl wird die Brucke werden, die uber die Tiefe zwischen uns aufsteigen und sie verdecken muss!"
Auch gab es ausserdem Familienfeste, denen Leonin sich nicht entziehen konnte. Louise de Crecy sollte jetzt mit dem Marquis d'Anville, der den Feldzug mitgemacht und nach dem Frieden zu seiner Familie zuruckgekehrt war, vermahlt werden. Das Gluck, das ihrer wartete, schloss Louise nur noch inniger an ihren Bruder. Sie konnte es nicht fassen, warum ihr sonst heiterer, immer mit ihr scherzender Leonin so finster und ernst sei. Sie hing sich mit der jugendlichen Hoffnung an ihn, sie werde ihn erheitern konnen, und Leonin musste sich wenigstens in Etwas theilnehmend zeigen, um das geliebte Wesen nicht zu schmerzlich zu tauschen. Er durfte sich uberhaupt diesen Anforderungen nicht entziehen, da es ihm, als Oberhaupt der Familie, zukam, seiner Schwester die Honneurs zu machen. Man konnte in dieser Zeit nichts Schoneres sehen, als den Marquis d'Anville mit seiner Braut, und der Hof nahm selbst den schmeichelhaftesten Antheil an dieser Erscheinung, welche Lebrun in einem ausgezeichneten Bilde verewigte.
Nach den vollzogenen Vermahlungs-Feierlichkeiten beurlaubte sich das junge Ehepaar vom Hofe, und Leonin hatte nun Zeit, fur seinen Sohn die Einrichtungen in St. Sulpice zu betreiben. Bald zeigte sich die geheime Hoffnung Leonins erfullt. Beide Knaben schlossen sich mit grosster Liebe an einander, und besonders hatte Ludwigs Liebe fast etwas Leidenschaftliches und Schwarmerisches fur Reginald; denn, sei es das eine Jahr, was dieser alter war, sei es ihre auffallende Karakterverschiedenheit, genug, ungesucht wurde ihr Verhaltniss das eines Beschutzers und eines Beschutzten.
Wir verlassen hier den Kreis, den wir bisher Schritt vor Schritt verfolgten. Es kommen in dem Leben jeder Familie Zeiten vor, die leer erscheinen und erst mehrerer Jahre bedurfen, um Resultate zu zeigen. Eine solche trat hier ein. Es wird weniger ermudend sein, uns aus den angegebenen Stellungen der Karaktere und der Verhaltnisse, die wachsenden Zustande selbst zu erklaren, als ihnen an der kleinen Stufenleiter reizloser Begebenheiten nach zu klimmen und so wollen wir erst d a wieder unsere Mittheilungen beginnen, wo wir Thatsachen anfuhren konnen, die ein Resultat der Vergangenheit sind und neue Katastrophen herbeifuhren.
Dritter Theil
Obwol Fenelon nicht mehr personlich die Erziehung in St. Sulpice leitete, da seine grossen Fahigkeiten, nach mehreren, besonders durch den Konig ihm ubertragenen Missionen, ihn jetzt zum Erzbischofe von Cambray berufen hatten, so behielt er dennoch ein leitendes Auge fur die dortigen Angelegenheiten, und vor Allem fur Reginald und Ludwig er erklarte die Erziehung der beiden jungen Leute fur vollendet!
Reginald hatte sein einundzwanzigstes, Ludwig sein zwanzigstes Jahr erreicht; Fenelon fugte als Rath fur Beide hinzu, sie nicht zu trennen, sondern vereinigt, wie ihre Herzen waren, sie auch gemeinsam auf Reisen zu schicken. Dieser Vorschlag ward von dem Grafen Crecy und seiner Gemahlin mit vollstandiger Zustimmung aufgenommen; er verschob fur den Grafen den gefurchteten Augenblick, den Jungling Reginald, der unter dem Titel des Chevalier de Ste. Roche, als sein Mundel, bis jetzt noch von jeder Nachfrage seiner Verhaltnisse abgehalten war, zu einem neuen Lebensabschnitte gefuhrt zu sehen, der die fast nothwendige Frage enthalten musste, welcher Platz ihm zustehe, in der Welt einzunehmen. Obwol der Graf Crecy einundzwanzig Jahre Zeit gehabt hatte, diesen Augenblick zu uberlegen, so hatte er ihn doch, seinem Karakter gemass, heranschleichen lassen, ohne fur seine Anfrage eine Antwort finden zu konnen; und ganzlich beruhigt durch die Freigebigkeit, mit der er beide junge Leute gleichmassig ausstattete, war er sich nur bewusst, diese sorglose Freiheit des Reichthums ihm erhalten zu wollen, die nothige Form, in der sie ihm zu erhalten ware, von seinem alten Troste, dem Zufall, erwartend. Wir mussen annehmen, dass seine Gemahlin ebenfalls Grunde hatte, sich mit Fenelons Rath einverstanden zu erklaren, da wir ihr grosses Vertrauen zu ihrem ehemaligen Lehrer kennen; doch hatte die geheime Geschichte der zuruckgelegten zwanzig Jahre, bis auf einige Punkte, sie der Wahrheit immer naher gefuhrt, und sie in Reginald einen Anspruch an ihren Gemahl anerkennen lassen, den sie leise zu schutzen und zu fordern suchte, und dies unbezweifelt aus einem Triebe ihres Edelmuthes; aber wir mussen es gestehen zugleich auch, um sich dadurch jede mogliche Erklarung oder Rechtfertigung abzuhalten; denn hier fuhlte sie bestandig die Grenze ihrer Selbstbeherrschung. Sie zitterte sogar vor sich selbst bei dem Gedanken, dies ungluckselige Geheimniss wirklich zu kennen, und sie war zweifelhaft, ob sie es ferner dann in Reginalds Erscheinung werde ertragen konnen oder durfen; da ihre Vermuthungen nie so weit gingen, die Rechtmassigkeit seiner Anspruche zu ahnen.
So hatte denn der Graf Crecy volle Freiheit, die Dinge sich von selbst machen zu lassen, und fand sich sogar uberall von seiner. Gemahlin hierin unterstutzt.
Die auffallende Thatsache, dass Reginald den Namen der besonders dem Grafen gehorenden Besitzung Ste. Roche fuhrte, schien i h r nie auffallend. Sie zahlte Reginald so bestimmt zu ihrem Hausstande, nahm so fest an, dass jene Besitzung ihm gehore, ohne diese merkwurdige Annahme je entschieden auszusprechen, dass damit viele andere Nachfragen, nach den Eltern oder den Berechtigungen Reginalds, von selbst wegfielen.
Auch musste die Marschallin von Crecy bei diesen Verfugungen, die sie anfanglich mit dem grossten Zorn erfullten, da sie ihr den unberechtigten Jungling, dessen grosseres Recht sie hartnackig vor sich laugnete, viel zu sehr begunstigten, endlich verstummen. Denn nachdem ihre Schwiegertochter jede Anregung daruber uberhort hatte, traf sie bei einem direkteren Angriffe hier auf einen so maasslosen Ausbruch von Zorn und Heftigkeit, mit so drohenden Aeusserungen verbunden, dass sie schnell einsah, eine deutlichere Erklarung wurde die Gemahlin ihres Sohnes zu den aussersten Schritten treiben, sie wurde sogar glauben, sie thun zu mussen und die Marschallin hatte kaum noch Zeit, indem sie jede erfahrene personliche Beleidigung der Erzurnten ubersah, beschwichtigend einzuschreiten, wodurch die junge Grafin nun auch von dieser Seite vollig Ruhe bekam. Mit zarter Hand hatte Fenelon dagegen seine edle Schulerin in dieser Prufung zu leiten und zu schutzen gesucht; selbst die Beichte hatte nie den Namen fur das Geheimniss des belasteten Herzens aufgedeckt; allgemein war das Vertrauen des tief wohnenden Schmerzes, allgemein der Trost des wurdigen Freundes! Beide kannten sich vollstandig, und es fehlte ihnen in dieser schonenden Form nicht an ausreichendem Verstandniss.
Nur der Gegenstand so vieler Vorsicht und Selbstuberwindung blieb vollig unbefangen und sorglos, diesen Verhaltnissen gegenuber. Er sah sich als eine Waise an, dessen Eltern der Graf Crecy gekannt, und daher sein Vormund und Verwalter seines Vermogens, wofur er die Besitzung Ste. Roche hielt, deren Namen er trug, geworden war. Mit kindlicher Liebe hing er an dem Grafen Crecy, aber fast noch mehr an der Grafin; denn das dustere, gedruckte Wesen seines Vormundes passte viel weniger zu seinem raschen, gluhenden Feuergeiste, als der lebhafte Geist der Grafin. Auch liebte die Grafin ihn wirklich; sie liebte ihn mit der schonen Unparteilichkeit, die sie seine seltenen Fahigkeiten erkennen liess; sie liebte ihn zugleich als den Freund, als den Beschutzer ihres eigenen Sohnes, der mit einer zarteren physischen Bildung, auch geringere geistige Gaben besass.
Dieser Jungling lebte nur von der befruchtenden Glut seines geliebten Reginald; er ward erganzt, getragen, belebt durch ihn, und seine scharfblickende Mutter sah bald den ganzen Vortheil dieser innigen Verbindung, und war Reginald in der Stille dankbar fur einen Dienst, den jener nicht ahnte, und den beide Junglinge durch ihre innige Zuneigung fur einander sich bezahlten.
Nur ein Wesen gab es in dieser friedlichen Ausgleichung, welches, j e d e m friedlichen Zustande zurnend, am wenigsten ihn einem Hause gonnte, dem es grollend gegenuber blieb es war der Marquis de Souvre, welcher trotz Alles, was er erreicht, sich doch noch nicht genug gethan hatte und nie das Auge von der Hoffnung abwendete, mit einem plotzlichen Schlage die Mine, die, von Allen so sorgfaltig verdeckt, dennoch unter ihren Fussen weglief, dereinst in die Luft sprengen zu konnen. Er war, wie zu erwarten stand, durch zunehmende Jahre nur verharteter und boswilliger geworden; von tausend ehrgeizigen Planen verscheucht, verachtete er Alles, was er erreicht, um seine vollstandige Bitterkeit gegen die Welt fortsetzen zu konnen. Er rachte sich fur jede ihm fehlgeschlagene Absicht an der ganzen Summe der menschlichen Gesellschaft; das Individuum galt ihm fast gleich; denn jedes Gelingen beleidigte ihn, und er trat demselben entgegen, so viel es moglich zu machen war. Ja, dies ward nach und nach eine grossere Beschaftigung fur ihn, als seine eignen Angelegenheiten, da er, ohne es sich einzugestehen, den Fluch der Sunde erfuhr, gegen alle erstrebten Vortheile mit Gleichgultigkeit und Ekel erfullt zu sein.
Seit dem Tode der Konigin machte er Madame de Maintenon den Hof und gehorte zu ihrem kleinen Zirkel, hier eben so, wie fruher bei Madame Henriette und der Konigin, gefurchtet und geschont. Er hatte den heiligen Geistorden und den KammerherrnSchlussel, und Ludwig der Vierzehnte verfehlte niemals, wenn er ihn sah, zu sagen: "Was hat uns unser geistreicher Herr Marquis mitzutheilen?" Er musste sich selbst eingestehen, er werde es schwerlich hoher treiben, und deshalb gewann sein Karakter in der angedeuteten Richtung Starke und Dauer, und die Menschen blieben ein tief von ihm verachtetes Werkzeug, mit dem er sich herabliess, nach Laune und Willkur zu spielen. Wir werden begreifen, dass der Marquis de Souvre aus dem Leben gemacht hatte, was er als seinen Inhalt annahm, und dass seine ganze Erfahrung eine fortgesetzte Bestatigung dieser Annahme schien. Nur einen Punkt in seinem Leben gab es, an den er nie ohne ein unfreiwilliges Erschrecken denken konnte; es war die Erscheinung Fennimors! Wie sehr er sich auch bemuht hatte, ihre wunderbare Ueberlegenheit zu verlaugnen, sie gering zu schatzen, sie zu bespotteln und zu verachten, es zeigte sich Alles unzureichend, wenn in unbewachten Stunden der Augenblick vor ihm auftauchte, wo sie vor ihm stand, wie ein leuchtender Engel mit dem feurigen Schwerte der Gerechtigkeit, und mit ihrem erhabenen Mitleiden und religiosen Grauen ihm ein Bild seines eigenen Zustandes vorhielt, in dem er sich, uberwaltigt von der furchtbaren Gewalt der Wahrheit, erkannt hatte, und vor dem ihn eine stets gelaugnete Ueberzeugung seiner Verworfenheit ergriffen hatte. Er erlebte, ohne es hindern zu konnen, die Strafe, sich an jedes Wort, jeden Zug ihres Gesichtes, jede Bewegung erinnern zu konnen. Er musste der Erscheinung in seinem Innern, wie gefesselt stille stehen; er horte den Ton ihrer Stimme, er musste sie begleiten, bis sie vor seinen Augen, wie er damals glaubte, starb. Er hatte nie Aehnliches erlebt dieser Tod hatte ihn nicht befriedigt, nicht an ihr geracht; es schien umgekehrt er lag wie eine Rache, die er erlitten, in seiner Seele. Er selbst war von diesem Platze entflohen, von einer Macht in die Flucht geschlagen, die starker war, als er; er nahm die ganze Last einer Verwerfung und Herabwurdigung mit sich, die er nie zu erleiden gedacht, und er nahm sie mit, ohne sich seiner Empfindung nach geracht zu haben. Kam Souvre Jahrelang nachher an diesen Punkt seiner Erinnerung, fuhr er in die Luft, wie von dem giftigen Bisse eines Skorpions verletzt. Er konnte es kaum fassen! Da es aber dasselbe blieb in seiner Ueberzeugung, warf er prufend den Blick umher und suchte den Gegner zu entdecken, der mit diesem unverscheuchbaren Eindrucke seiner Seele zusammen hing. Er fand ihn nur zu bald in dem Hoheit blickenden Jungling mit den tief blauen Augen und dem braunen, goldbesaumten Heiligenscheine seines Lockenhaares. Wenn dieser Jungling, der ihn bestandig reizte, alle Damonen seines frivolen Geistes spielen zu lassen, ihn dann plotzlich ernst und ruhig anblickte, fuhlte er den Blitz, den Fennimor einst uber ihn entzundete; und wenn er ihn hassend und zurnend doch selbst zu locken schien, als ob der Damon in ihm unter den Augen dieses Junglings in Zuckungen verfiele, so gelobte er sich eben so oft, diese einzige Gewalt seines Lebens, die ihm ungebeugt gegenuber gestanden, sollte dennoch von ihm gebrochen werden.
Dies blieb auch das wohl befestigte Band zwischen ihm und der Marschallin von Crecy. Beide waren auf der Geistesbahn, die sie erwahlt, nicht stehen geblieben. Bitter grollend stand die Marschallin, eben wie Souvre, der Welt gegenuber, die es gewagt, statt siegreichen Gelingens, ihr so viel gescheiterte Plane und Wunsche zu geben. Obwol jetzt in hohem Alter, hatte sie noch keine Schwachen desselben zu erleiden; und verknochert in den Formen ihres Hofdienstes, schien sie fast dieselbe zu bleiben. Aber wo war der Glanz ihres Hauses, den ihr Sohn um jeden Preis aufrecht erhalten sollte? Niemals hatte derselbe seinen Hofplatz wieder eingenommen, also auch sein Ansehen in den Zirkeln, die sie einst beherrschte, nie wieder erlangt. Seit dem Tode der Konigin lebte ihre Schwiegertochter ebenfalls ganz vom Hofe entfernt; und da Leonin dem Marschalle von Louxembourg nicht wieder in den Krieg gefolgt war, setzten Beide ein, wie es der Marschallin schien, hochst unwurdiges Privatleben fort, das sie vergeblich zu verandern getrachtet hatte und nur von Zeit zu Zeit wieder zu storen versuchte, um mit derselben beleidigenden Ueberzeugung sich zuruck zu ziehen, dass ihr Einfluss hier an dem finster grollenden Eigensinne ihres Sohnes und der kalten Ruhe ihrer Schwiegertochter scheitern musse. Dessen ungeachtet entzogen sich Beide der Geselligkeit in dem Hause der Marschallin nicht, und scheinbar blieb das vollkommenste Einverstandniss. Aber wenn die Marschallin, von immerwahrender Missbilligung gereizt, bedachte, wem sie das Scheitern aller ihrer ehrgeizigen Plane danke, dann kam sie scharfsichtig kombinirend endlich zu dem kleinen, unscheinbaren Punkte, den sie so tief verachtet, so leicht zu erdrucken dachte, wie den Wurm unter ihrem Fusse Fennimor, dies unberechtigte, geringe Wesen, dessen Anspruche ihr kaum der Widerlegung werth geschienen, hatte doch mit seinem unbedeutenden Leben den Boden untergraben, auf dem sie fest zu stehen glaubte; und sterbend noch schien sie die Rache, alle Plane umzusturzen, die auf ihren Untergang berechnet waren, vollfuhrt zu haben. Von Leonin's Flucht bei der Nachricht ihres Sterbens, musste die Marschallin den Verfall des Glanzes ihres Hauses herrechnen. Wenn sie an den Morgen des Tauftages dachte, musste sie sich sagen, dass ihr Herz, in stolzer Befriedigung schwellend, ihr fast die Brust beklemmt habe; und wenige Stunden nachher war Alles in einem Grade verandert, den sie in ihren Verhaltnissen fur unmoglich gehalten hatte.
Wir haben hier noch einmal die Veranlassungen zu ihrem Gemuthszustande beruhrt, um uns dann um so deutlicher denken zu konnen, mit welchen Empfindungen sie Reginald, mit dem beleidigenden Zunamen Ste. Roche, ansehen musste, der, wenn ihm auch sein wahrer Name damit geraubt war, dennoch eine Begunstigung schien, gegen die sie noch immer Vertilgungsmittel in ihrem Geiste aufsuchte, nie die Hoffnung aufgebend, ihn aus Berechtigungen zu verdrangen, durch welche sie ihr Haus fur beschimpft hielt.
So viel als moglich, leugnete sie seine Gegenwart ganz. Sie hatte eine Weise, uber ihn wegzublicken, ihn nie zu horen, jede Anregung Anderer hinzunehmen, als sei sie auf diesem Punkte taub und blind, dass es bis jetzt unmoglich geblieben war, den jungen Mann ihr vorzustellen, wodurch sie jede Ermuthigung verhinderte, und ihr die Freiheit gesichert schien, ein n i e anerkanntes Verhaltniss zur gelegenen Stunde mit unvergebener Starke angreifen zu konnen.
Dessen ungeachtet ward es ihr nicht erspart, den Jungling so oft, als ihren angebeteten Enkel sehen zu mussen. Da die jungen Leute an keiner Gesellschaft Theil nahmen, war es nur der Mittagskreis beim Grafen Crecy, in welchem sie zu gewissen Tagen erscheinen durften, und wo sie nur die nachsten Freunde und Verwandte fanden, und welche Tage die Marschallin zuletzt nicht mehr versaumte, um sich mit Uebergehung Reginald's an ihrem Enkel zu entzucken.
So bitter nun Souvre selbst den Chevalier de Ste. Roche hasste, so war ihm doch seine Gegenwart ein unendliches Ergotzen, der stolzen Marschallin gegenuber; und er hatte tausend kleine Kunstgriffe, um die feste Stellung seiner geehrten Freundin zu erschuttern oder das Maass des Unwillens, woran sie zehrte, zu vermehren.
Auch war Reginald selbst wie dazu geschaffen, diesen bosen Willen zu unterstutzen; denn es gab kein freieres, sorgloseres Betragen als das seinige. Er ubersah jede Unfreundlichkeit; denn er hielt sie fur unmoglich. Kein Zug seines Gesichtes oder seines Karakters erinnerte an seinen Vater; er war das vollstandigste Bild seiner Mutter. Sein Anstand war so ausgezeichnet, dass er Jedem eine Art Erstaunen einflosste; seine bezaubernde Hoflichkeit, die von einem seelenvollen Ausdrucke der Gute unterstutzt ward, machte auf die altesten und vornehmsten Personen einen Eindruck, der sie unwillkurlich jede seiner Aeusserungen mit einer Art Verbindlichkeit aufnehmen liess. Ohne dass man nachweisen konnte, wie es geschah, nahm er bald uberall einen ausgezeichneten Platz ein. Es war kein Zug von Anmassung in ihm; aber seine Unbefangenheit liess ihn den Platz einnehmen, der ihm eingeraumt ward. Er hatte die unschuldige Freude der Entwicklung und schien seine jungen Krafte auf jedem Platze mit Lust und Frische zu prufen. So ergriff er auch mit einer ruhrenden Warme und Hingebung das Verhaltniss zu der Gemahlin des Grafen Crecy und zu dem jungen Grafen Ludwig. Er nahm mit der sicheren Voraussetzung ihrer Liebe, ihr Vertraun, ihre Theilnahme in Anspruch, und gab dafur mit reichen Handen Alles, was er selbst besass. Beide junge Leute waren unzertrennlich; Ludwig betete seinen jungen Freund an, und Viktorine wusste, dass dies Gefuhl bei ihm starker sei, wie bei Reginald; denn sie hatte langst erkannt, dass dieser sie am meisten liebe. Ebenso war Reginald im Kloster bei seinen Lehrern und Erziehern besonders ausgezeichnet; er war ihr Stolz, ihr Triumph. Die jungen Leute aus der Fremde, besonders aus England, aus den vornehmen Familien, die mit den Stuarts sich verbannt hatten, und von denen einige den Vorzug erlangten, ihre Sohne den beruhmten Monchen von St. Sulpice anvertrauen zu durfen, fanden alle in dem jungen Chevalier de Ste. Roche ein Vorbild, dem sie sich anschlossen. Seine Ueberlegenheit stutzte sie Alle, und ihr ganzes Leben unter seiner heitern und doch so edeln und sittlich festen Leitung fand Genuss, ohne Tadel zu erwecken.
Als die Marschallin von Crecy die Absicht erfuhr, beide junge Leute auf Reisen zu schicken, that sie noch ein Mal Alles, was ihr an Macht im Hause ihres Sohnes zustand, um diese unbegreifliche Unschicklichkeit zu hindern. Aber sie drang auch dies Mal nicht durch und entschloss sich endlich, diesen Gegenstand fallen zu lassen, um einen anderen, ihr wichtigeren verfolgen zu konnen.
Sie fand namlich bei der sorglosen und unwurdigen Art, wie beide Eltern die hochst wichtigen Verhaltnisse ihrer Familie vertraten, dass sie in ihrem Enkel, so viel es noch die ihr zugetheilten Lebensjahre zuliessen, retten und schutzen musse, was ihm dereinst zur vollen Aufrichtung des alten Glanzes dieses Hauses behulflich werden konne; und dazu hielt sie eine Vermahlung fur das geeignetste Mittel. Die Grafin La Fajette half aus eignem Familienstolze diese Wunsche unterstutzen. Ihre Tochter, die Grafin d'Aubaine, die Freundin Louise de Crecy's, der jetzigen Marquise d'Anville, hatte glucklicher wie Louise, welche mehrere Kinder verloren und erst jetzt zwei kleine Knaben heraufzog, drei bluhende Kinder, einen Sohn, den Aeltesten der Familie, und zwei hold heranbluhende Tochter, von denen die alteste, Franziska, diejenige war, welche die Marschallin ihrem Enkel bestimmte. Dieser Plan fand bei den Eltern des jungen Ludwigs keinen Widerspruch; doch verlangte die Grafin Crecy, dass keine Vorherbestimmungen statt finden sollten, den jungen Leuten freie Wahl bleiben musse, und keine Kenntniss dieser elterlichen Wunsche ihnen die nothige Unbefangenheit rauben solle. Diesen Bedingungen gab die Marschallin mit stolzer Geringschatzung nach und verfugte, dass die Reise, die nunmehr festgesetzt ward, mit einem Besuche bei Louise auf dem Schlosse Arconville, und mit deren Familie vereinigt, alsdann bei dem Grafen d'Aubaine in Ardoise, anfangen solle. Bis dorthin sollte der Marquis de Souvre die jungen Leute begleiten; dann sollten sie sich zuerst nach England und Schottland begeben, und zwar in Gesellschaft eines Freundes aus dem College von St. Sulpice, der, obwol bedeutend alter, als beide Junglinge, doch mit dieser Reise eine Zugabe seiner fur vollendet erklarten Erziehung zu machen wunschte und in dieser Zeit der zartlichste Freund Reginald's ward. Der Tod seines Vaters, der ihn zum Lord Duncan-Leithmorin gemacht, forderte seine Ruckkehr nach England, wohin ihn die Freunde, mit Einwilligung des Grafen und der Grafin Crecy, zu begleiten versprochen hatten.
Mit musterhafter Standhaftigkeit ertrug die Grafin Crecy den Abschied von ihren beiden Lieblingen; denn ihre schnell herabgekommene Gesundheit gab ihr eine schmerzliche Ahnung, dass diese Trennung fur immer sein wurde. Aber wie sie ihren Sohn aus ihren Armen liess, legte sie Reginald's Hand in die seinige, und indem sie Beide segnete, sagte sie: "Reginald, Sie werden meinem Sohne ein treuer, liebevoller Freund sein ich vertraue Ihnen mit vollster Zuversicht die zartere Natur meines theuern Sohnes."
Mit welchen Gefuhlen kniete Reginald da vor der Frau nieder, die er am meisten liebte, und sah sie mit gluhendem Antlitze an wollte ihr antworten und hatte Nichts, als feurige Thranen, die er ihr nicht verbarg! Sie verstand ihn, bog sich nieder und kusste mutterlich seine Stirn.
Beide traten ihre verhangnissvolle Reise an. Wir finden die jungen Leute erst in Ardoise wieder, wo sie in dem Kreise junger liebenswurdiger Gefahrten den vollen Reiz der Jugend kennen lernten. Die Marquise d'Anville und ihr Gemahl, der Graf und die Grafin d'Aubaine waren so vom Glucke begunstigt, so heiter und sorglos, dass sie noch junger erschienen, als ihre Jahre angaben; und begunstigt von der Freiheit eines landlichen Aufenthaltes, theilten sie das frohliche Leben ihrer Kinder und erhohten dadurch ihre Freude. Der junge Graf d'Aubaine hatte sein zwanzigstes Jahr vollendet, die Grafin Franziska trat ihren sechzehnten Sommer an, und eine vierzehnjahrige Schwester war das Schoosskind Aller, der Armand und Leonce, die kleinen Knaben der Marquise d'Anville, sich anschlossen. Ausserdem zogen liebe Gaste aus und ein. Der junge Lord Duncan ward von Allen zur Familie gerechnet, und er fuhlte sich hier um so weniger fremd, als er zwei liebenswurdige Landsmanninnen fand. Gegen den Vater der einen, einer Miss Lester, der jungeren Tochter eines Geistlichen, hatte Graf d'Aubaine eine Verpflichtung der Dankbarkeit; da der wurdige Mann ihm bei seinen Reisen durch England in einer gefahrlichen Krankheit durch treue Pflege das Leben gerettet hatte. Sie blieben von da an in immerwahrendem Briefwechsel, und der wurdige Herr Lester entschloss sich endlich, den Wunsch des Grafen d'Aubaine zu erfullen und seine geliebte Margarith, die mit Franziska in einem Alter war, auf einige Zeit nach Frankreich zu schicken. Dies geschah in Begleitung einer Miss Ellen Gray, die als Pflegekind mit Margarith erzogen ward, und, bedeutend alter, ihr eine Art Schutz werden sollte.
Nur zu schnell verflossen hier ein Paar der glucklichsten Monate, und fast Alle fuhlten sich uberrascht, als der Moment da war, der die lange festgesetzte Trennung forderte.
Aber man trennte sich nicht, wie man sich zusammen gefunden hatte. Das Loos war geworfen. In dem heiteren Reigen der Jugend, in dem scherzenden Vertandeln der Stunden, in einer Lebenszeit, die den Ernst und die Wichtigkeit desselben in den Hintergrund drangt, hatte doch Jeder unbewusst das Loos empfangen, was uber seine Zukunft entschied; und erst, als die Stunde der Trennung schlug, erkannten die Betheiligten, was sie erlebt!
Auch hier hatte Reginald den ersten Platz eingenommen. Wie mit Zauber lenkte er die Gemuther! Nicht allein die Jugend hing ihm in Allem vertrauend an, selbst die Aeltern theilten dies Gefuhl. Jauchzend, voll Jugendlust flog Reginald, jeder Anforderung genugend, von einem Platze zum anderen. Jede korperliche Geschicklichkeit, nicht fur ihn allein, fur alle Anderen ausreichend, fuhrte ihn in das Interesse eines jeden Anwesenden. Seine Schonheit schien hier noch eine neue Entwicklung zu erfahren; es trat jenes bezaubernde, gluhende Feuer hervor, welches das erste Stadium der Jugend uberschritten anzeigt, und jeden Blick, jede Bewegung zu einer kuhnen Herausforderung an das Leben macht, gegen dessen geheimnissvollen Inhalt eine zurnende Begierde hervortritt, die sich des Streites mit ihm zu erfreuen denkt; und ohne dass er es wusste, jagte sich der kindlichste Witz mit der glanzendsten Fulle der Gedanken und Gefuhle uber seine Lippen. Fenelon's Schuler hatte Unterricht erhalten, der seine Geistesfahigkeit frei entwikkelt hatte und ihr Zweck und Ordnung gegeben, die ihm schon jetzt ein Resume von Bildung gab, das der Jugend oft so schwer wird, aus wust eingehandelten Kenntnissen zu gewinnen, die nur zu oft ein ganzes Leben hindurch einen beschwerten Zustand zurucklassen, der sich vergeblich auf das muhsam gesammelte Material stutzt, das doch nicht Bildung werden will. Hiervon war Nichts in Reginald; von der todten Masse der Eingangsform schon erlost, hauchte das Wissen sein geistiges Fluidum in ihm aus und belebte und erzeugte das Gegebene zu eigener Gestaltung; der Nachweis fand sich in seinen entwickelten Gedanken, nicht in Jahreszahlen und Namensregister.
Louise und ihr Gemahl ahnten sein besonderes Verhaltniss zu ihrer Familie; die merkwurdige Dotation von Ste. Roche mussten sie nothwendig darauf fuhren. Alle Uebrigen kannten diesen Umstand nicht; und die Besitzung Ste. Roche, die fast nie als Crecy'sches Eigenthum genannt ward, schien selbst dem Grafen d'Aubaine unbekannt, in dessen Nahe sie lag; es wurde ihm daher leicht, den jungen Mann als Besitzer anzuerkennen, da Graf Crecy, als Vormund, ihn unter diesem Titel ihm empfahl. Doch wurde er Veranlassung, dass Reginald selbst darauf aufmerksam ward; und ohne uber die auffallende Art nachzudenken, mit der sein Vormund ihm die Nahe seiner angestammten Besitzung verschwiegen hatte, sprach er seinen Wunsch aus, sie kennen zu lernen. Graf d'Aubaine unterstutzte dies um so mehr, da eine der jungen Englanderinnen, Miss Ellen Gray, sich verpflichtet fuhlte, ihre Mutter aufzusuchen, die, aus unbekannten Grunden, dort ihren Aufenthalt hatte; was es fur sie sehr wunschenswerth machte, die Reise unter Reginald's Schutz anzutreten. Doch hier schritt der Marquis de Souvre auf das Entschiedenste ein. Er erklarte diesen Besuch ganz gegen den bestimmten Reiseplan, fur den er, wenigstens so lange sie auf franzosischem Boden waren, einzustehen habe; und Reginald, der stets eine ehrerbietige Nachgiebigkeit gegen Aeltere hatte, fugte sich in diesen Ausspruch.
Miss Ellen Gray reiste daher allein nach Ste. Roche ab, und Reginald schob die Besichtigung seiner Besitzung bis zur Beendigung seiner Reise auf, indem er sich von Ellen, die noch vor seiner Abreise zuruckzukehren hoffte, versprechen liess, recht Viel davon zu erzahlen; da er es sehr wunschte, damit die fruhesten Eindrucke seiner Kindheit aufzufrischen, die ihm immer einen reizenden Aufenthalt in Mitten eines Waldes vorspiegelten, wo er an einem seltsamen Schlosse kleine Treppen erklettert war, die um einen Thurm liefen, von einer alten Frau behutet, welche ihm dann schone Fruchte schenkte.
Auch traf Miss Ellen Gray einen Tag vor der Abreise der jungen Leute in Ardoise wieder ein, wie es schien, wenig befriedigt von ihrem Aufenthalte; da Mistress Gray, ihre Mutter, keine Freude bei ihrem Wiedersehen gezeigt hatte und mehr ihre Abreise, als ihr langeres Bleiben zu betreiben schien. Auffallend war es, wie der Marquis de Souvre Miss Gray bei ihrer Ankunft ausschliesslich in Anspruch nahm und die kleine, unbedeutende, gebrochen franzosisch sprechende Miss Gray zum Gegenstand einer Aufmerksamkeit machte, als habe er erst jetzt ihr Verdienst erkannt und sie damit zu gleicher Zeit zu seiner ausschliesslichen Gefahrtin erhoben. Es ging aber aus dieser besonderen Auszeichnung naturlich hervor, dass er uberall in ihrer Nahe blieb und ihr ziemlich ungeschicktes Bestreben, sich Reginald zu nahern, abzuwahren wusste. Doch scheiterte der Marquis endlich mit seiner ganzen Feinheit an der listigen Beobachtungsgabe dieses etwas derben und dreisten Madchens, die sehr bald, seine Aufmerksamkeiten fur Spott und Hohn haltend und bloss die Absicht darin sehend, sie von ihren jungen Freunden zu trennen, ihm den Streich spielte, wahrend einer kurzen Unterredung des Marquis mit einem Anderen, ihm zu entwischen, ohne Bedenken zu Reginald hinzulaufen, ihn mit sich nach der Bibliothek zu ziehen und diese eilig hinter sich zu verschliessen. "O hort, hort, ehe der listige Mann mir wieder nachruckt!" rief sie athemlos; "meine Mutter ist die alte Frau, die Euch in Eurer Jugend pflegte; sie beschwort Euch, nicht abzureisen, ehe Ihr nach Ste. Roche gekommen seid; sie hat Euch ein grosses, wichtiges Geheimniss zu entdecken, von dem Euer ganzes Lebensgluck abhangt. Aber Ihr musstet selbst kommen und solltet Euch um Gotteswillen vor dem abscheulichen Marquis de Souvre huten; denn er habe Eure Aeltern ins Ungluck gesturzt!"
Reginald blickte das kleine, hastige Madchen, das so unweiblich lebhaft und ubereilt ihm ihre Mittheilungen machte, mit einem nicht zu beherrschenden Ausdrucke von Missbehagen an, und es ward ihm fast unmoglich, darauf einzugehen. Sie waren so geheimnissvoll, Argwohn erregend, dass sie ihn aus seiner ganzen bisherigen Stellung und Gemuthsstimmung zu reissen drohten, wenn er ihnen Glauben schenkte. Er, der bis zu diesem Augenblicke das Misstrauen nur dem Namen nach kannte, konnte es unmoglich durch diese Mittheilungen in sich aufnehmen. Er horte daher nur hoflich zu, ohne die Alteration des jungen Madchens theilen zu konnen, und bat sie endlich, ihre Mutter von der Unmoglichkeit zu unterrichten, jetzt nach Ste. Roche kommen zu konnen; da die Abreise nach England fur den andern Morgen festgesetzt sei, und es nicht mehr in seiner Macht stehe, dies abzuandern. Bei seiner Ruckkehr werde er dagegen den Besuch von Ste. Roche als eine Pflicht ansehen und sich dann sehr freuen, seine alte Pflegerin wiederzusehen.
Ellen Gray hatte einen Anlauf zu ihren Mittheilungen genommen, der ihr vollstandig durch die Wichtigkeit, die sie denselben beilegte, gerechtfertigt schien; jetzt sah sie sie ziemlich kalt und ohne das erwartete Erstaunen aufgenommen. Sie fuhlte sich dadurch beschamt und ward bei ihrem empfindlichen Karakter sehr beleidigt.
"Ganz nach Ihrem Belieben, mein Herr!" sagte sie, hochroth werdend; "ich habe bloss meine Schuldigkeit gethan, bloss den Befehl meiner Mutter erfullt, die allerdings kluger scheint, als manche anderen Leute, und durch ihre Jahre wohl berechtigt, Dinge zu wissen, von denen die Jugend sich Nichts traumen lasst. Jetzt muss ich uberdies sehr um Verzeihung bitten; denn ich habe noch die letzten Stunden mit Grafin Franziska gestort."
Vergeblich war Reginald bemuht, die Beleidigte aufzuhalten oder zu versohnen. Sie enteilte, ihn empfindlich grussend, und hatte die Gesellschaft erreicht, ehe der Marquis ihre kurze Abwesenheit inne ward.
Dagegen mussen wir gestehen, dass Reginald von dem ganzen Zusammensein mit Miss Gray nichts behalten hatte, als ihre letzten Worte. Das Nahen der Abreise hatte sein Herz erfasst und die Ueberzeugung, Franziska d'Aubaine mit allen Kraften seiner Seele innig zu lieben, bestatigt. Seit diesem Morgen ihrer Gegenliebe gewiss, trug er in seinem hochschwellenden Busen das hochste Gluck, bedroht von dem Schmerze der nahen Trennung! Es war kein Augenblick, sein Interesse in Anspruch zu nehmen fur eine trube, Argwohn erweckende Richtung. Viel naher lag es ihm, dem Grafen d'Aubaine in die Arme zu eilen und um seine Tochter offentlich zu werben; aber seine Jugend machte ihn schuchtern; er hielt sich des Glukkes nicht werth, das er begehrte er wollte durch Reisen entwickelter werden und dann seine Stellung zu erheben suchen fur den Anspruch, den sein Herz machte. Auch war dies die Bitte der von ihren Gefuhlen uberraschten, kindlichen Franziska; und sie entschied uber ein Schweigen, so heilig und suss, wie die Andacht ihrer unschuldigen Herzen!
So verliessen die jungen Leute, in Gesellschaft Lord Duncan's, Ardoise, das sie erst nach zwei Jahren wiedersehen sollten; und wir mussen es gestehen, alle Drei das Bild der schonen Franziska d'Aubaine im Herzen tragend.
Der Marquis de Souvre aber eilte nach Paris zuruck.
"Madame," sagte er zur Marschallin von Crecy, "Ihr Enkel hat mir seine Liebe zur jungen Grafin d'Aubaine gestanden und ist entzuckt uber die Plane seiner Grossmutter."
Er hielt inne und liess sie erst den Triumph verrathen, den das Gelingen ihres Planes ihr machte dann fuhr er fort: "Doch, wie uberall, steht auch hier der Chevalier de Ste. Roche im Wege entschieden war der Vorzug, den die junge Dame dem sterblich in sie verliebten jungen Manne gab, und der Zufall machte mich zum Zeugen ihrer gegenseitigen Liebeserklarung."
Mit verbindlichem Lacheln beobachtete er das aschfarbene Erbleichen der Marschallin, welches plotzlich, durch die Schminke durch, sich in gluhende Rothe verwandelte.
"Und Sie Sie liessen das zu?" stotterte sie endlich.
"Ich kannte Ihre Absichten nicht ich furchtete voreilig zu sein!" erwiederte Souvre lachelnd.
Die Marschallin verstand vollkommen seine Absicht und war schnell gefasst. "Sie hatten Recht, Marquis," sagte sie ruhig, "ich werde Alles selbst ordnen und darf um so weniger an dem Gelingen zweifeln, da es nicht die erste Angelegenheit ist, die ich nach meinem Willen lenkte."
"Ohne Zweifel werden Euer Gnaden es ganz in Ihrer Willkur haben," erwiederte Souvre verbindlich, "wenn man an das glanzende Beispiel denkt, welches das Schicksal Ihres Herrn Sohnes daruber zum Belege fuhrt."
Ein gluhender Blick bitteren Hasses fuhr aus den Augen der Marschallin. Aber sie durfte Souvre nicht verstehen, um nicht noch mehr in Nachtheil zu kommen; und wunschte auch zu lebhaft, von den Vorfallen in Ardoise unterrichtet zu werden, um ihren boswilligen Vertrauten nicht schonen zu wollen.
Sie erfuhr nun den glanzenden Eindruck, den Reginald in Ardoise hervorgebracht, ohne alle Schonung und Milderung, und eben so auch die Anwesenheit der beiden jungen Englanderinnen, die, in einem gefahrlichen Zusammenbange mit der Bewohnerin von Ste. Roche stehend, ihr eine nicht ungegrundete Besorgniss einflossten; doch, bevor noch der Marquis seine Erzahlung geendet, hatte die Marschallin ihren Plan entworfen, dessen Resultat uns nicht erspart bleiben wird.
***
Ein Jahr nach der Abreise ihres Sohnes blieb uber den Zustand der Grafin Crecy kein Zweifel mehr, und das Fruhjahr des zweiten Jahres senkte die ausgezeichnete und edle Frau in ihr fruhes Grab. Ihre Aeltern waren ihr Beide vorangegangen, und sie hatte in der Marschallin nie einen andern Anspruch anerkannt, als den der ausseren Sitte. Ihr Gemahl betrauerte sie mit der ganzen dusteren Melancholie eines Gemuthes, das sich kaum das Recht zugesteht, was den Schmerz selbst zu einem sussen Eigenthume machen kann. Fenelon hatte ihre letzten Stunden beseligt und den Athemzug gehort, der sie vom Leben trennte; er hatte keine Thrane fur die Verklarte begeistert schaute er ihr nach! Eine susse Befriedigung lag in dem Glauben, dass sie ihn jetzt ganz erkennen werde und er schmuckte seine Seele mit Frieden und Seligkeit, um wurdig zu sein, wenn sie sich zu ihm nieder neige.
Der Schmerz der Abwesenden war gross und mit der ganzen Energie der Jugend hielten sie ihn fest, und ubertrugen ihn lange auf alle ihre Zustande.
Der Graf Crecy zog sich in die tiefste Einsamkeit zuruck; er ward immer dusterer, menschenscheuer und argwohnischer; aber die Marschallin fing nach dem Tode seiner Gemahlin wieder an, in ihrem Einflusse zu steigen, und da sie kluger Weise sein Bedurfniss nach Ruhe nicht storte, uberliess er ihr die Handhabung der Verhaltnisse, die daruber hinausreichten; und so gewann sie das Feld, was sie nothig hatte.
Mit kluger Umsicht bestimmte sie die Familie d'Aubaine, den Winter am Hofe zu leben; sie hoffte dadurch sowol Franziska, als ihren Aeltern die Weihe fur ihre Plane zu geben und sie den wahren Standpunkt, auf den sie ihr Rang und ihre Anspruche beriefen, erkennen zu lassen; da sie furchtete, dass ihr landlicher Aufenthalt sie etwas den Ansichten entzogen haben konnte, die zu behaupten, ihr die erste Pflicht einer solchen Familie schien. Ausserdem musste dies nothwendig eine Folge haben, die sie sehnlichst wunschte entweder die beiden englischen Madchen, deren Rang ihnen keinen Anspruch an die Hofverbindungen der Familie gab, ganz von ihnen trennen und sie nach ihrem Vaterlande zuruckfuhren, oder, im Falle sie dieselben bei sich behielten, doch eine Trennung von ihren Verbindungen in Ste. Roche veranlassen. Dieser letztere Fall trat ein; Miss Lester und Ellen Gray begleiteten die Familie, und es ist leicht zu denken, mit welchen Augen die Marschallin zwei Madchen betrachtete, die in so naher Verbindung mit dem Schicksale ihres Hauses standen. Unter diesen Umstanden gereichte es ihr zur ungemeinen Erleichterung, dass ihr Sohn sich wahrend des ganzen Winters aller Geselligkeit bestimmt entzog; und wenn sie auch mit Unwillen sah, wie sein Karakter verwilderte, so hatte sie doch immer mehr die Plane ihres Ehrgeizes in ihm geliebt, als ihn selbst, und indem sie diese auf ihren Enkel ubertrug, verlor ihr Sohn, der gewagt sie darin zu betrugen, die Kraft, sie durch seinen Zustand zu kranken.
Nicht ganz so glucklich war sie in Bezug zur Familie d'Aubaine. Nicht, wie sie gehofft, liess sich dieselbe fur das ganze Jahr am Hofe festhalten, sondern bezog, nachdem sie den Sommer auf dem Stammschlosse zugebracht, gegen den Herbst das in jagdreichen Waldern versteckte Ardoise. Doch hielt der Graf dessen ungeachtet die verabredete Verbindung fur abgeschlossen und erlaubte seiner Gemahlin, der Grafin Franziska die Absichten der Aeltern mitzutheilen.
Betaubt von Schmerz und Schrecken, bis ins tiefste Innere erschuttert, horte die ungluckliche Franziska diese Erklarung, die sie von allen Hoffnungen ihres jungen Herzens fur immer zu trennen drohte; und zu aufrichtig und naturlich, um sich beherrschen zu konnen, erfuhr die Mutter in demselben Augenblicke ihr Geheimniss.
In der Zeit, in welcher diese jungen Leute sich durch ihr Herz wollten leiten lassen, gab es fast keine andere Art ehelicher Verbindung, als die, welche Aeltern unter einander beschlossen, und keine anderen Ueberlegungen, als die dabei zu bedenkenden ausseren Verhaltnisse. Nicht Bildung, nicht Gute des Herzens oder Liebe zu den Kindern veranderte dies ruhig geordnete System aller vornehmen Hauser, und die daraus entstehenden Schein-Ehen, die in dem uberhandnehmenden Zustande der Sittenlosigkeit der hoheren Stande vollkommen Platz fanden und ihre Ausartungen unterstutzten, machten Niemanden aufmerksam auf diese gewissenlose Procedur. Hier trat jedoch eine kleine Abweichung ein, die besonders Reginald's Personlichkeit zuzurechnen war. Beide Aeltern hatten ihn selbst so ausgezeichnet gefunden, dass eine Art von Verstehen mit dem Gefuhl ihrer Tochter, eintrat. Sie hatten sich zufrieden gefuhlt, wenn Reginald der Graf von Crecy gewesen ware und hatten Theilnahme fur die Wunsche Franziska's. Es konnte jedoch nur in so fern davon die Rede sein, dass sie erwarten wollten, ob bei der Anwesenheit der beiden jungen Leute, wie aller Familienhaupter, sich eine Auskunft treffen lasse, vorausgesetzt, dass die Familienverhaltnisse des ziemlich unbekannten jungen Mannes eine solche Moglichkeit uberhaupt denkbar machten. Diese grossmuthige Zusicherung der Aeltern, die sie uber ihr Jahrhundert erhob, rettete Franziska's Herz vor dem langsam zehrenden Gifte hoffnungsloser Liebe und liess sie grosseres Vertrauen fassen, als es den Aeltern moglich gewesen ware, erwecken zu wollen.
Die Ankunft der Marschallin von Crecy, die, wie sie vorgab, in Ardoise ihren Enkel empfangen wollte, belebte diese Hoffnungen nicht sehr; denn sie trat sogleich mit der entschiedenen Haltung auf, die ein festgestelltes Verhaltniss andeutet, und Franziska fuhlte, dass sie von ihr als ihre Enkelin behandelt wurde, als ware keine Zuruckhaltung mehr nothig.
Die gefasste Frau ubersah den Vortheil, den die Gegenwart ihr bot, fest entschlossen, eben so die Zukunft zu bewachen und keine Storungen mehr zu dulden. Zwei lastige Zugaben waren wenigstens entfernt; Miss Lester war nach England zuruckgekehrt, Ellen Gray war als Braut zwar geblieben; aber jetzt bereits mit dem Sohne des verstorbenen Kastellans St. Albans verheirathet. Dessen ungeachtet begehrte die Marschallin von ihrem Sohne, dass er an Reginald den Befehl schicke, den Grafen Ludwig nicht nach Ardoise zu begleiten, sondern zu ihm nach Paris zu kommen.
Gewiss wurde Reginald den Befehl seines Vormundes erfullt haben, wie schwer es ihm auch in diesem Falle gewesen sein wurde; aber die Botschaft des Grafen verfehlte ihn.
Die Sehnsucht, Ardoise zu erreichen, die Beide uneingestanden in gleichem Maasse fuhlten, hatte sie ihre Reise so beeilen lassen, dass sie um zwei Tage fruher eintrafen, als sie erwartet wurden.
Dieses plotzliche Erscheinen brachte den Plan der Marschallin, durch einen schnellen Abschluss der Verlobung Alle zu uberrennen, zuerst aus dem Gleise. Die ganze Sache ward nun in eine naturlichere Bahn geleitet. Franziska und Reginald sahen sich in einem Zeitpunkte der Jugend wieder, wo zwei Jahre Trennung nur vortheilhafte Veranderungen mit sich fuhren. Erstaunen und Entzucken war der leuchtende Gruss ihrer Augen; und die Marschallin konnte nicht hindern, dass ein fluchtiges Wort die unveranderte Gesinnung verrieth, welches Franziska, noch von leisen Hoffnungen genahrt, anhoren durfte.
Aus dem Empfange, der Reginald von der ganzen Familie zu Theil ward, stieg eine unbeschreiblich zurnende, befurchtende Stimmung fur die Marschallin auf; und nach einer kurzen Ueberlegung mit dem Marquis de Souvre, der sie begleitet hatte, liess sie den Vater Franziska's zu sich einladen.
"Graf d'Aubaine," hob sie sogleich an "ich habe Ihnen eine Entschuldigung zu machen, indem ich furchten muss, dass Sie, bei der grossen, unbedachtsamen Schwache des Grafen und der verstorbenen Grafin Crecy, fur den jungen, unberufenen Menschen, den Sie Chevalier Ste. Roche nannten, mich beargwohnen konnten, ich mache mich derselben theilhaft, indem ich seine Anwesenheit hier gut heisse. Dem ist indessen nicht so. Ich habe diesen jungen Menschen, der gar keine Anrechte hat, sich in unsern Zirkel zu drangen, nicht allein stets so behandelt, wie es mir zukam, sondern auch jetzt darauf gedrungen, dass er sich hier nicht abermals in Ihr Haus eindrange und ihm der Befehl entgegen geschickt werde, direct nach Paris zu gehen. Der junge Mensch giebt indessen vor, diesen Befehl nicht erhalten zu haben, was ich genothigt bin zu glauben, da es mein Enkel bestatigt; so ist seine Anwesenheit zu erklaren, und hoffentlich rechnen Sie mir diese unpassende Gesellschaft nicht ferner zu."
"Ich bin nicht wenig erstaunt, meine Gnadigste," erwiederte Graf d'Aubaine mit wirklicher Unruhe, "eine solche Erklarung uber einen jungen Mann zu horen, den ich, wegen der Vorzuge, die man ihm in Ihrer Familie gestattete, allerdings durch seine Geburt fur dazu berechtigt hielt. Ich kann nicht laugnen, dass ich es nicht ganz zu entschuldigen weiss, dass Graf Crecy mir daruber nicht fruher einen Wink gab; da ich ohne Zweifel seine Verhaltnisse zu uns alsdann vorsichtiger gestellt haben wurde. Doch sagen Sie mir, Frau Marschallin, wer ist dieser junge Mann?"
"Das mag Gott wissen," sprach die Marschallin entschlossen; "irgend ein Findling, ein Sprosse unerlaubter Verbindung, uber die meine Schwiegertochter oder mein Sohn Grund zu schweigen hatten. Sie wissen, dass Beide voll uberspannter Ansichten waren. Anstatt aus einer so dunkeln Kreatur einen Kammerdiener meines Enkels zu bilden, zogen sie es vor, einen Spielkameraden daraus zu machen, ihn endlich erziehen zu lassen, als habe er Anspruche, und die Unschicklichkeit hinzu zu fugen, ihn zu den Gesellschaftskreisen ihres Sohnes zu erheben."
"Ich gestehe," sagte Graf d'Aubaine, aus mehr als einem Grunde gekrankt "dass ich dies eben so wenig, wie Euer Gnaden billigen kann. Der junge Mensch selbst wird diese Ueberhebung zu bussen haben! Er ist jetzt in dem Alter, wo seine Berechtigungen gepruft werden, und es ihn dann sehr uberraschen wird, sie in Nichts zerfallen zu sehen."
"Mag er denn die Strafe seines Uebermuthes tragen," erwiederte die Marschallin kalt, "wenn wir nur unsere Gesellschaft gegen solche Befleckungen rein erhalten! Ich wurde ihm befehlen, augenblicklich nach Paris abzureisen, wenn ich nicht dadurch gezwungen wurde, von meinem bis jetzt gegen ihn befolgten Systeme, ihn uberhaupt nie zu bemerken, abzugehen; denn bis jetzt habe ich seine usurpirte Gegenwart noch durch keinen Blick, oder gar durch Worte anerkannt. Da der Aufenthalt meines Enkels uberdies nur zwei Tage dauern kann, weil die Zeit der grossen Prasentation in Versailles damit herangeruckt ist, so denke ich, beachten wir, wenn Sie bis dahin diesen Missgriff zu lenken ubernehmen, seine Gegenwart nicht; und in Paris, bei der Stellung, die der junge Graf dort einnehmen wird, mussen sich ihre Wege von selbst trennen, und wir werden diesem Menschen nicht mehr begegnen."
"Wie," rief der Graf d'Aubaine, "nur so kurze Zeit wird die Anwesenheit des Grafen Crecy dauern? Wissen Sie wohl, meine Gnadigste," fugte er lachelnd hinzu "dass wir bis dahin noch Viel zu thun haben?"
"So scheint es, mein lieber Graf," erwiederte die Marschallin geschmeichelt; "und da ich Sie nicht missverstehen kann und als Reprasentantin des Werbenden billig zuerst reden muss, so wollen wir uns, wenn es Ihnen beliebt, zur Grafin d'Aubaine begeben ich will dort meinen Vortrag halten."
Er bot ihr den Arm, und Beide begaben sich, vollig eines Sinnes, zu dieser so wichtigen, so entscheidenden Zusammenkunft, die das Lebensgluck zweier Menschen bestimmen sollte, ohne dass man ihrer Ueberzeugung nachgefragt hatte. Dem Grafen d'Aubaine kam in der That nach dem, was er so eben vernommen, kein Zweifel uber die Stellung ein, die er allein noch fur passend halten konnte; denn indem wir ihm das Zeugniss des besten Menschen und Vaters geben mussen, konnte er doch unmoglich seiner Zeit so entwachsen sein, um durch personliches Verdienst den Standesunterschied fur ausgleichbar halten zu konnen. Er fuhlte mit Unwillen den Missgriff, diesen jungen Mann ohne voran gegangene Sicherheit so nahe gezogen zu haben und dachte mit vaterlicher Liebe daran, Franziska die Last der Beschamung zu erleichtern, die es ihr, wie er voraussetzte, machen musste, wenn sie erfuhr, wie unberechtigt der Gegenstand war, dem sie Einfluss auf ihr Gefuhl zugestanden hatte. Um jedoch seiner unvorbereiteten Gemahlin einen lenkenden Wink zu geben, hob er nach den Empfangsfeierlichkeiten sogleich an sie zu bitten, auch ihrerseits die Frau Marschallin uber ihre Besorgnisse in Bezug auf den Begleiter des jungen Grafen Crecy zu beruhigen, indem er das herabsetzende Bild, welches die Marschallin entworfen, noch ein Mal vor seiner Gemahlin aufrollte. Die Wirkung konnte bei ihr nicht viel anders sein, wie bei ihrem Gemahle. Die Marschallin hullte sich in einen Schwall von Worten und schien weiter nichts zu sehn; aber sie bemerkte sehr wohl den Blick, mit dem beide Ehegatten sich mit einer Art von Entsetzen verstandigten, und sah darin die Bestatigung, wie nothig dieser beeilte Schritt gewesen.
Als die Eltern darauf in aller Form den Heirathsantrag ihres Enkels von der Marschallin entgegen genommen und ihre Einwilligung ohne weitere Beschrankung auf Franziska gegeben, ward der junge Graf Ludwig gerufen, und die Marschallin verkundigte ihm sein Gluck, was er mit dem vollen Entzucken eines jungen, verliebten Mannes aufnahm.
Damit musste er sich jedoch vorlaufig begnugen; denn die Grafin d'Aubaine wollte ihre Tochter, wie sie sagte, erst auf den Besuch ihres Verlobten vorbereiten, und der junge Graf war genothigt, die Abendtafel an der Seite Franziska's zuzubringen, ohne seine Gefuhle verrathen zu durfen.
Als man sich fur die Nacht getrennt hatte, beschied die Grafin d'Aubaine ihre Tochter nach ihrem Zimmer, und hier erfuhr die ungluckliche Franziska, dass sie mit dem Grafen Crecy verlobt sei! Die Grafin d'Aubaine sah, wie ihre Tochter unter ihren Worten erbleichte und mit truben, hinsterbenden Blicken das mutterliche Auge suchte; sie eilte daher, ihr Alles zu sagen, was sie fur hinreichend hielt, die missgeleiteten Wunsche derselben auszuloschen, und es erfolgte eine Erklarung uber Reginald, nach der Angabe der Marschallin.
Das war zu Viel! Denn Franziska war in den Ansichten ihres Standes erzogen; sie wusste, dass es gegen einen solchen Makel der Geburt, wie hier angedeutet war, keine Rettung gab dass der Tod sie nicht sicherer trennen konnte, als solche Stellung zum Leben. Aber dieser Gewissheit gegenuber stand Reginalds Bild in einer Bevorrechtung der Natur, die jeden Vorzug, den ihr Herz und ihr Verstand ihm eingeraumt, so vollstandig rechtfertigte, dass sie sich sagen musste, ein Irrthum sei es nicht gewesen, nur ein entsetzliches Schicksal! Dies Gefuhl erfasste sie mit vollster Starke, und schluchzend sturzte sie zu den Fussen ihrer Mutter.
Ob die sanfte Grafin d'Aubaine ihre Tochter ganz verstand, bleibt dahin gestellt; vielleicht glaubte sie auch, Franziska weine aus Beschamung; und es waren milde, gutige Worte, die sie, mutterlich erweicht, ziemlich ins Ungewisse hinein uber die heftig Weinende sprach. Jedenfalls erzeigte sie ihr die Wohlthat, ihre Thranen nicht durch voreilige Ermahnungen zu hemmen; und so weinte die Ungluckliche die erste Herbigkeit des Schmerzes vor ihrer Mutter aus.
Wie die Nacht gewesen, die dieser spaten, traurigen Entdeckung folgte, war dem leicht zu errathen, der am anderen Morgen das bleiche Antlitz der schonen Franziska erblickte.
Aber es ward theils mit Absicht, theils aus Unbefangenheit ubersehen; die Verlobung der beiden jungen Leute ging vor sich, und Franziska sah in einem traumerisch betaubten Zustande so ruhig und kalt, wie ihre Hand in die des ungeliebten Junglings uberging, als sehe sie einer fremden, ihr durchaus gleichgultigen Ceremonie zu. Wenn Etwas diesen Schritt Franziska erleichterte und Etwas dem Glucke des jungen Grafen Crecy fehlte, so war es die Abwesenheit Reginalds, die schon am Abende vorher bemerkt ward. Fur den andern Morgen war die Abreise Beider festgesetzt, und sein plotzliches Verschwinden um so auffallender, da er Ludwig nichts daruber gesagt hatte und die Mittagstafel bereits voruber war. Frostig ging Graf d'Aubaine endlich auf die Bitten seines neuen Schwiegersohnes ein, nach dem jungen Manne auszusenden; und da auch diese Boten gegen Abend, ohne Nachricht von ihm zu bringen, zuruckkehrten, liess sich Graf Ludwig durch Nichts abhalten, seine Nachforschungen selbst anzustellen. Auch sollten diese glucklicher sein; denn Reginalds Vorliebe kennend, eilte der Graf zuerst in den Wald, der an den Park grenzte, und hier wohl bekannte Signale und Anrufungen gebend, erhielt er ungefahr in der Mitte des Waldes, an einen alten Steinbruch gelangt, die wohl bekannten Antworten. Ausser sich vor Freude, sturzte er der Gegend zu, woher er die Antwort vernommen, und in demselben Augenblicke flog Reginald, aus der entgegen gesetzten Richtung des Waldes kommend, ihm entgegen.
Beide sturzten sich in die Arme, als waren sie Jahre getrennt gewesen, und noch inniger selbst, als Ludwig, schien Reginald's Liebe und Zartlichkeit von einer ungewohnlichen Stimmung angeregt. "O, Ludwig, geliebter, theurer Ludwig, wie glucklich macht mich Deine Liebe, Deine Treue, selbst wenn sie Dir Sorge verursachte!" So beantwortete er die zartlichen Fragen und Vorwurfe des Grafen, und Arm in Arm erreichten sie eben eine offene Stelle des Waldes, wohin der Mond mit Tageshelle schien. Hier hielt Reginald an und wendete den Grafen gegen den hellen Schein des Mondes, um ihn anzublicken, als habe er ihn noch nie gesehen! Zur selben Zeit bemerkte der Graf, wie bleich und verandert Reginald war wie heftig bewegt sein Inneres wie er kaum sich zu fassen wusste. "Reginald," sprach er, "Dir ist etwas ganz Besonderes geschehen!"
"Morgen! morgen!" rief Reginald, und warf einen bedeutungsvollen Blick auf das Gefolge, das der Graf mit sich gefuhrt, und besonders auf den Kammerdiener des Marquis de Souvre, der sie mit spahenden Blicken verfolgte.
Doch Ludwig hatte dem geliebten Vertrauten selbst so Viel zu sagen, dass er befahl, man solle vorangehen und ihre glucklichen Erfolge den Herrschaften anzeigen. Aber auch, als Beide allein waren, schien es Reginald unmoglich, seinen Bericht zu machen.
"Schone mich, Ludwig!" sprach er "ich habe so Ungeheures erfahren, dass ich wie verwirrt von der erlebten Aufregung bin; doch sei gewiss, das, was ich erfuhr, kettet uns nur noch inniger, noch fester aneinander; es bestatigt unsere innige Liebe und wird grosses Unrecht versohnen!"
"Das bin ich gewiss, dass Nichts unsere Liebe beeintrachtigen kann, theurer Reginald darum fragte ich nicht; nur voll Erstaunen bin ich, dass Du etwas erleben konntest, was Dich so besonders betrifft!"
"Es betrisst mich nicht besonders! Es enthalt Dein, wie mein uns bis jetzt vorenthaltenes Schicksal! Doch lass' mich es presst mir das Herz ab. Nur das Eine hore noch: ich mache Dir Bedingungen die eine ist, dass wir Beide uber Ste. Roche nach Paris gehen, daher noch in der Nacht abreisen und dass wir uber diesen Umweg das tiefste Schweigen beobachten; denn erfahrt die Marschallin oder Souvre unsere Absicht, wurden wir auf jeden Fall daran gehindert werden."
"Das ist seltsam Reginald!" rief Ludwig "und nur ungern gehe ich darauf ein, da jede Heimlichkeit mir schwer wird."
"Auch mir, theurer Ludwig! Und doch habe ich es mir gelobt, Dich dahin zu bringen. Denke also, wie mich die Umstande bewaltigen mussen, und lose mein mir selbst gegebenes Wort!"
"Das will ich es sei beschlossen, und weiter keine Rede davon!" rief Ludwig; "und da Du mir fur den Augenblick so wenig zu sagen vermagst, so hore denn, was mich verlangt, Dir auszusprechen. Ich Reginald, bin glucklich! Seit heute Morgen ist mir Franziska verlobt, und Nichts hat meinem Glucke gefehlt, als Du Deine Abwesenheit war mir fast unertraglich!"
Heftig fuhr Reginald an Ludwig's Seite zusammen er blieb stehen er blickte zu ihm auf. Der Weg, auf dem sie jetzt wandelten, war wieder dunkel er sah den Glucklichen nur undeutlich, der ahnungslos den Liebling todtlich getroffen. "Franziska, Franziska Dir verlobt?" rief er gebrochen. "Es ist nicht moglich! Noch gestern nein, Ludwig nein, Du neckst mich es ist nicht moglich nein! Franziska kann Dir nicht verlobt sein sage nein! Sage die Wahrheit der Scherz ist zu grausam!"
"Was ist das?" rief Ludwig ahnend und tief erschrocken. "Reginald fasse Dich! Sprich offen, deutlich zu mir Gott, welche Ahnung! Warum erfullt Dich mit Schreck und Schmerz, worin ich nur Veranlassung zur Freude fur Dich wahnte?"
"Sage mir," sprach Reginald "verlobt bist Du? S i e hat sich Dir verlobt s i e hat Dir ihre Liebe gestanden? Antworte, Ludwig, oder ich verliere den Verstand!"
"Nein, Reginald, nicht sie sie hat sich mir weder verlobt, noch mir ihre Liebe gestanden und jetzt fuhle ich erst, was das sagen will jetzt erst erkenne ich, wie mich die eigenen Wunsche verblendet haben; da ich die von den Eltern vollzogene Verlobung fur die Erfullung meiner Wunsche hielt! O Reginald, was haben wir gethan, so innig uns geliebt und doch das Wichtigste uns verschwiegen! O, sage mir sage, was ich ahne Du besitzest mehr, als ich, in dieser Verlobung?"
"Ludwig," rief Reginald, an seine Brust sturzend, "ich besass ihr Herz; schon vor zwei Jahren gelobten wir uns Treue schweigen musste ich auch gegen Dich; denn sie verlangte es so!"
"Aber jetzt, jetzt," stammelte Ludwig "sprachst Du sie nach Deiner Ruckkehr?"
"Noch gestern gestand sie mir ihr unverandertes Herz!"
Ludwig wendete sich von ihm, und heisse Thranen sturzten aus seinen Augen. "Ich verstehe Alles," sagte er gebrochen "ihr todtenbleiches Angesicht ihre leblose Ergebung Gott, warum erkannte ich es nicht fruher!"
Es entstand eine schmerzliche Pause dann erhob sich Ludwig zuerst, und den Liebling suchend, sank er an seine Brust.
"Ludwig," sagte Reginald "wir konnen jetzt keinen Entschluss fassen, als den einen, uns nicht fremd zu werden und gemeinschaftlich, treu und redlich mit jedem Opfer das theure Wesen zu schutzen! Wie es kommen mag, ich weiss es nicht! Aber wenn sie ihren Eltern gehorsam sein muss, so rechne auf mich, ich werde dann a l l e i n zu leiden suchen; konnen wir ihr Herz retten, so verbinde Dich mit mir zu g l e i c h e r Verzichtleistung!"
"So sei es!" rief Ludwig, erhoben und getrostet durch einen edeln Entschluss, der ihn nicht von dem Freunde trennte, sondern nur noch inniger mit ihm verband. Beide hielten hier inne; denn ein Gerausch, wie das eines Davoneilenden, liess sie furchten, belauscht worden zu sein. Ihrem Anrufe erfolgte jedoch keine Erwiederung, und sie waren zu lebhaft durch sich selbst beschaftigt, um lange bei dieser Storung verweilen zu konnen.
Sie kamen erst spat nach dem Schlosse von Ardoise zuruck; nur der Graf d'Aubaine war noch im Gesellschaftssaale; er empfing Beide etwas trocken und schien einige Worte der Entschuldigung von Reginald kaum zu beachten.
Ludwig fuhlte augenblicklich die Krankung fur den Freund und gewann dadurch mehr Sicherheit, dem Grafen ihre schnelle Abreise anzukundigen und ihm die Empfehlungen an die Damen zu ubertragen. Es schien den Grafen d'Aubaine sichtlich zu beleidigen; und nachdem er einige Versuche gemacht, diesen Eindruck hervorzuheben, widersprach er ihrem Vorsatze nicht und nahm augenblicklich Abschied.
So trennte man sich in sehr seltsamer Stimmung, und die des lebhaftesten Erstaunens, von Seiten des Grafen d'Aubaine, war in mehr als einer Hinsicht gerechtfertigt; denn die jungen Leute ahnten in ihrer grossen Gemuthsbewegung nicht, wie auffallend ihr Betragen war. Schon ihr Aeusseres konnte befremden, da es bei Reginald besonders eine grosse Aufregung zeigte und solche todtliche Blasse und Entstellung seiner Zuge, dass der Graf ihn als einen Verzweifelten ansehen musste und sehr betrubt war, wenigstens einen Theil dieser Stimmung auf Ludwig ubertragen zu sehen, deren Ursache zu errathen, ihm allerdings mit einigem Widerstreben moglich ward.
Auf ihren Zimmern angelangt, horten die jungen Leute, Grafin Franziska sei erkrankt, doch bereits in besserem Zustande.
"Vor allen Dingen mussen wir fort," rief Ludwig schmerzlich "das sehe ich ein. In Paris mussen wir mit Fenelon und dem Vater Alles beschliessen!"
"O, warum lebt Deine Mutter nicht mehr!" seufzte Reginald schmerzlich.
In derselben Nacht verliessen die jungen Leute mit ihrem Gefolge Ardoise, und wechselten von da an in rastloser Anstrengung die Pferde, so oft sie deren finden konnten, um, wo moglich, noch am andern Abend Ste. Roche zu erreichen.
Wahrend dieser traurigen Reise versuchte Reginald seine Bewegung so weit zu uberwinden, um seinem Freunde eine Erklarung dieses heimlichen und beeilten Schrittes geben zu konnen. Aber es ward ihm schwer; denn er schien ganz uberwaltigt von besonders inniger Zartlichkeit gegen Ludwig, und von einer Wehmuth von einer innern Angst verfolgt, die ihn mehr geneigt machte, den Augenblick in stummer Hingebung zu durchleben. Gebrochen in Zwischenraumen trat endlich hervor, was wir hier im Zusammenhange mittheilen wollen.
An dem Abend, als Reginald zuerst vermisst ward, hatte ihm ein Diener des Hauses gemeldet, es sei so eben ein Bote im Schlosse gewesen, der ihn gesucht, um ihm zu sagen, dass im Walde am Forsterhause Jemand auf ihn warte, der ihn beschwore, augenblicklich dort hinzukommen.
Da Reginald vor der Abendtafel keine Hoffnung hatte, Franziska d'Aubaine im Salon zu sehen, so schien ihm der Waldweg eine anmuthige Zerstreuung; auf das Geheimnissvolle dieser Aufforderung gab er sehr wenig Acht, dagegen bedenkend, dass er, um den Waldweg zu erreichen, d e n Theil des Schlosses beruhren musste, wo Franziska wohnte. Auch gelang ihm, was er gehofft; die Thuren nach dem niedrigen Balkon waren geoffnet von fern schon sah er den blass-blauen Atlas ihres Kleides und die weissen Rosen in ihren dunkeln Locken. Diese Kleidung war an sich wie ein Zeichen der Treue; denn er hatte sie zuerst darin gesehen, und sie wusste, wie sehr er sie liebe. Als sie ihn bemerkte, und er, von Zweigen gedeckt, aufs Knie sank und die Hande aufhob, wie um ein Zeichen ihrer Liebe bittend, sah er, wie sie eine von den Rosen loste, dann Harchen aus ihren Locken an einander knupfte, an denen sie die zarte, weisse Rose langsam uber den Rand des Altans herabschweben liess, um dem Glucklichen Alles zu geben, was er glaubte nothig zu haben. Froh entfloh er in der Richtung nach dem Forsthause.
Wir werden ihm vergeben mussen, dass er ganz vergessen hatte, was er dort sollte, und als er eintraf, sich erst besinnen musste, was der Forster damit wollte, dass er ihn nach hinten hinaus, in ein kleines, abgelegenes Stubchen fuhrte.
Doch erkannte er, noch geblendet und deshalb nicht recht sehend, wenigstens sogleich die helle, schneidende Stimme mit dem breiten, entstellenden Dialekte, die augenblicklich anhob: "bloss um meiner Mutter gehorsam zu sein, bin ich hier; denn die Art, wie Ihr mich das erste Mal abwieset, war ganzlich hinreichend, mich von solchen Sendungen abzuhalten!"
"Miss Ellen Gray!" rief Reginald "wie bin ich uberrascht, Euch hier zu finden!"
"Ueberrascht oder nicht," erwiederte sie schmollend; "es ist Eure Angelegenheit, nicht die meinige, um deretwegen ich hier bin und ich heisse, wenn's Euch beliebt, nicht Ellen Gray, sondern Madame St. Albans."
"Verzeiht, Madame, und seid meiner Dankbarkeit gewiss! Auch rechnet mir nicht zu, wenn ich Euch beleidigt habe; denn ich erinnere mich, dass Ihr mir vor meiner Abreise eine Mittheilung machtet, die meine unbedachtsame Jugend uberhort hat."
"Ja, ja, uberhort!" rief sie heftig "uberhort, weil naturlich eine so unbedeutende Person, wie Ellen Gray, nichts mitzutheilen haben konnte, was wichtig genug war, um es zu behalten."
"Vielleicht," erwiederte Reginald, herzlich gelangweilt durch dies Betragen "vielleicht kann ich jetzt gut machen, was ich damals verschuldete, und Euern ungerechten Verdacht widerlegen."
"Das will ich wunschen!" rief sie, plotzlich in einen jener Thranenstrome ausbrechend, die so leicht die Theilnahme entkraften, da sie ein Gemisch von Ruhrung und jener gewohnlichen, weiblichen Empfindlichkeit sind, die, ohne Erweichung der Gesinnung, mehr ein fortgesetzter Versuch zu zurnen ist "und glaubt mir," fuhr sie fort, "es wird Euer Schade nicht sein; denn" und sie schluchzte noch immer "meine Mutter, die Warterin Eurer Kindheit, die Ihr so schon vergessen habt, dass Ihr auf ihre Bitten nichts geben wolltet das erste Mal, diese lasst Euch auffordern, mir augenblicklich nach dem Kloster Tabor zu folgen, bis wohin sie Euch entgegenkommen wird."
"Jetzt? heute?" rief Reginald erstaunt.
"Ist das wieder zu Viel verlangt? Passt es wieder nicht? Habt Ihr gar keine Verpflichtungen, als Euch dort bei den hochmuthigen Leuten zu vergnugen?"
"Ihr thut mir Unrecht, Madame St. Albans! Ich bin gegen die Verpflichtung, der Warterin meiner Kindheit dankbar zu sein, nicht gleichgultig. Aber Ihr durft, ohne ungerecht zu werden, nicht ubersehen, dass meine Entfernung sehr unhoflich sein wurde, da wir nur zwei Tage bleiben konnen."
"Ach, meine arme, arme Mutter!" rief Madame St. Albans mit einem so wahren Ausdrucke von Schmerz, dass jetzt erst Reginald's Theilnahme erregt ward. "Sie uberlebt es nicht, wenn sie abermals getauscht wird! Herr, ich bitte Euch uberlegt, was Ihr thut! Wenn Ihr die Frau kenntet, die Euch begehrt, da wurdet Ihr gehen, so weit sie Euch riefe. Seht, sie sagt nie ein Wort umsonst, und Jeder, der sie kennt, gehorcht ihr. Da sie nun Euch fordert, wie noch nie einen Menschen da sie mich schickt, Euch zu treiben und so voll Todesangst ist, als hinge Euer Leben daran da seid sicher, es ist wichtig. Lasst Alles, Alles fahren und brecht auf mit mir; ich habe im Walde ein kleines Fuhrwerk aus dem Kloster; fahren wir gleich ab, konnen wir noch in der Nacht eintreffen, und Ihr konnt um Mittag wieder zuruck sein!"
Reginald schwankte. Mit einem Male er wusste selbst nicht, ob durch Ellen's Grunde oder ob aus freier Wahl fuhlte er sich getrieben er sagte es ihr und wollte den Forster auf das Schloss schicken, ihn zu entschuldigen.
Doch dem widersetzte sich Ellen auf das Bestimmteste. Niemand durfe ihre Anwesenheit ahnen, das gerade habe die Mutter bestimmt geboten, und auch der Forster, der ihrer Mutter zugethan sei, werde nicht gegen ihre Befehle handeln.
Nach einigen Minuten sass er neben Ellen in einem kleinen Wagelchen, in welchem die Monche zu ihren Pfarrkindern fuhren, und rollte rasch dem Kloster Tabor zu, ohne von Ellen's Unterhaltung belastigt zu werden, die in einem ubellaunigen Schweigen verblieb, gelegentlich ihre linkische Empfindlichkeit darthuend.
Doch graute der Morgen bereits, ehe Beide das alte Kloster erreichten, von dessen Bewohnern sie freundlich empfangen wurden und benachrichtigt, dass Mistress Gray bereits angekommen sei und ihrer in den Gemachern des Priors harre. Als Reginald in das hohe, gewolbte Gemach eintrat, das vollstandig den Reichthum bezeichnete, welcher dem Oberhaupte der Abtei zustand, sah er den ehrwurdigen Prior vor einer Frau stehen, die in einem hohen Lehnstuhle vor ihm sass, ein bleiches, abgezehrtes, strenges Antlitz zu ihm aufhob und, wie es schien, sehr missfallig seinen Worten zuhorte.
"Bedenkt und uberlegt wohl, was ich Euch sagte," sprach er, wie zum Weggehen bereit "ein Wort ist bald gesprochen; aber das Gesprochene nie zu widerrufen. Sobald der Andere es vernommen, ist es sein Eigenthum mit allen seinen Gefahren, mit allen Folgen, die kein Wort mehr abzuhalten vermag."
Die Frau neigte kalt das Haupt. "Ihr habt Rath ertheilt, wie es Euch trieb, und Ihr hattet Recht dazu ich thue gleichfalls, wie es mich treibt, und thue gleichfalls Recht!"
Der Prior horte diesen schroffen Worten, die noch durch den trockenen Ton der Stimme und eine mangelhafte Aussprache verstarkt wurden, mit einem leisen Schutteln des Kopfes zu; aber in seinem Blicke lag zugleich die Hoffnungslosigkeit, diesen festen Sinn zu andern.
"So sei Euch Gott gnadig und segne Eure Vorsatze!" sprach er sie grussend und blieb, indem er sich wendete, uberrascht vor Reginald stehen, der an der Seite des Laienbruders, der ihn gefuhrt hatte, im Hintergrunde des Gemaches stehen geblieben war. "Ich glaube, Mistress Gray," sprach er sich umdrehend "dies ist Euer Zogling!"
Die ungluckliche Frau folgte der Richtung, die der Prior ihr gab; und wie hatte sie ihn verkennen konnen, der in jedem Zuge Fennimor's Sohn war!
Sie richtete sich heftig in ihrem Lehnstuhle auf, als wollte sie ihm entgegen; dann hielt sie sich plotzlich an seiner festen Lehne und starrte Reginald an, der sich ihr mit dem freundlichen Lacheln nahete, das ihn Fennimor nur noch ahnlicher machte.
"Um Gott, Madame," rief der Prior jetzt, "fasst Euch und setzt Euch!" Die Gestalt der fruh Gealterten wankte, und ihre Augen schlossen sich. Der Prior unterstutzte sie beim Niedersitzen; aber er sah, sie kampfte mit einer Ohnmacht, und der wohlwollende Mann hielt ihr selbst ein erfrischendes Elixir vor, das auch bald die starken Lebensgeister dieser heftig empfindenden Frau sammelte. Unwillig fast wies sie die Bemuhungen zuruck; sie schien von ihrer Schwache uberrascht und ihr zurnend. "Lasst das," sagte sie rauh "es war Nichts! Schwache in den Fussen die Reise so Etwas bin ich nicht gewohnt es war ein Schwindel."
"O, gute Liebe," rief hier Reginald, der ihr Bild wie einen Traum in sich auftauchen fuhlte "sieh' mich doch nur an Du musst mich gewiss wiedererkennen, da ich es vermag! Sag', heisst Du nicht Emmy?"
Die harte Frau zuckte bei dem ersten Tone seiner sanften, liebevollen Stimme zusammen. Der Prior trat seitwarts, und Emmy sah den Jungling dicht neben ihrem Stuhle knien und das volle Morgenlicht jeden Zug seines schonen, ihr so erinnerungsreichen Angesichtes erhellen. Sie legte die Hand auf seine vollen Locken, und ihre Augen wurzelten prufend auf seinen Zugen. Sie vergass sich ganzlich selbst; schmerzlich stohnend, hob sich zuweilen ihre Brust, und grosse Thranen rollten einzeln uber ihre Wangen; aber sie ahnte nicht, wie sie ihre Gefuhle darthat. Reginald mit seinem edeln, verstehenden Herzen storte sie nicht; liebevoll lachelnd, hielt er das lange Examen ihrer trostlosen Augen aus, ohne sich zu regen; nur der Prior storte endlich diese stumme Scene, die er nicht mehr verstand.
Mit ihrer alten, kecken Weise fuhr jetzt Emmy, wie sie ihn, den Vergessenen, als Zeugen ihrer Empfindungen sah, ohne Bedenken auf: "Ihr hier, Prior? Ich dachte, Ihr hattet mir ungestortes Beisammensein zugesagt? Nun, es sei! Wenn wir Euch hier zu viel sind, so weist uns einen andern Platz an."
"Beruhigt Euch," lachelte der Prior gutmuthig, "ich werde gehen, und Ihr sollt nicht weiter gestort werden."
"Nun so thut das," rief sie ungeduldig "die Zeit wartet nicht auf uns!"
Als der Prior sich zuruckgezogen hatte, sprang Reginald von seinen Knieen auf und fiel der vollstandig wieder erkannten, alten Warterin mit dem Ungestume eines Kindes um den Hals. "O Emmy, liebe Emmy, wie habe ich Dich so vergessen konnen, da mir Alles einfallt, nun ich Dich wiedersehe? O, wie danke ich Dir, dass Du mich gezwungen hast, Dich zu sehen wie von Herzen froh werde ich nun sein, mit Dir schwatzen zu konnen all' die lieben Erinnerungen meiner Kindheit mit Dir zu sammeln!"
Emmy's Gesicht bekam fast einen Ausdruck, als wollte sie lacheln; aber zu tief hatte sie den Schmerz sich mit jeder Faser ihres Wesens verketten lassen es ging nicht mehr! Selbst die Wonne, die der Anblick dieses Lieblings ihr gab, riss nur in heftigen Erschutterungen erstarrte Schmerzen wieder lebendiger hervor.
"Reginald! Reginald! geliebtes Kind! theures Andenken Deiner seligen Mutter!" rief sie "wir haben Wichtigeres Ernsteres zu thun! Lange lange schon musstest Du wissen, was ich Dir erst jetzt sagen kann; aber die Barbaren rissen Dich von mir; denn sie furchteten, was in meine Gewalt gegeben war Dir zu sagen. Wo sollte ich Dich finden in dem schrecklichen Sodom, wohin sie Dich schleppten und als Ellen Dich sah, Du zuerst in meine Nahe gekommen warst da hast Du Dich geweigert, meinem Gebote zu folgen. Die thorichten Leute dort hielten Dein Herz fest, und Du vergassest Deine Pflicht gegen mich!"
"O vergieb doch nur und halte mir nicht mehr vor, was mich so tief betrubt. Sieh', ich hatte Dich ja vergessen!"
"Vergessen! vergessen" wiederholte Emmy bitter "vergessen! Das ist eine Ader aus dem Herzen Deines Vaters Deine Mutter wusste davon Nichts. Ha, junger Bursche, wenn ich dachte, Du hattest noch mehr von diesem Vater in Dir!" Sie starrte ihn so wild an, dass er fast davor schauderte.
"Sag' mir, Emmy," hob er an, um sie zu zerstreuen "kanntest Du meinen Vater so gut und willst Du mir von beiden Aeltern sagen, von denen ich nie erfuhr?"
"Das will ich, mein Sohn! Darum kam ich her und entbot Dich zu mir. Aber freue Dich nicht darauf; was Du horen wirst, wird Deinen Herzschlag hemmen und Deine Jugend welken lassen. Und doch musst Du es wissen; denn Du musst Recht fordern fur Deine Mutter, von Deinem Vater entehrte Mutter!"
"O Emmy," rief Reginald, von ihrer Stimmung unsicher gemacht und an ihren klaren Sinnen Zweifel bekommend; "schone die Todten! Er wird schon vor Gott das ewige Gericht erfahren haben, hat er gefehlt; lass' den Sohn nicht Richter werden uber den Verstorbenen!"
"Den Verstorbenen?" rief Emmy heftig "ha, Gott hat ihm zu seiner Strafe das Leben gelassen. Ja, er lebt; und ich hoffe so elend, wie er es verdient! Sag' mir," fuhr sie fort, ohne von Reginald's Entsetzen Kenntniss zu nehmen "sag' mir, ob sie mir recht gesagt hat, das plappernde Ding, die Ellen, lebt der Graf Crecy in finsterer, menschenfeindlicher Zuruckgezogenheit und findet weder Trost, noch Freude?"
"Was willst Du mit ihm, Emmy?" rief Reginald bebend; "was kummert Dich der ungluckliche Mann, der mein Wohlthater war von Jugend auf, und dessen Trubsinn ich schmerzlich beklage?"
"Ha, schweig'," rief Emmy "und spare Dein thoricht Mitleiden! Dieser Wohlthater, wie Du ihn zu nennen wagst, ist der Rauber Deines Namens, Deines Ranges der Morder Deiner Mutter der grosste Bosewicht der Erde und Dein rechtmassiger Vater Du sein erstgeborner, ehelicher Sohn!"
Mit einem Schrei sprang Reginald von seinem Platze auf wild, ausser sich, ergriff er Emmy er schuttelte sie mit einer Kraft, dass sie bebte, und bleich, mit Schweisstropfen die Stirn bedeckt, schrie er auf, als wolle ihm das Herz brechen. "Weib, Du bist wahnsinnig!" stiess er endlich hervor "oder Du lugst wo bin ich wer rettet mich vor dem Gifte ihrer Worte!" Er sturzte zu Boden und verhullte sein Angesicht.
Emmy sah dem Allen ohne Erschutterung zu, wie einem langst Erwarteten Unabweislichen. Endlich sagte sie fast ruhig: "Ja, ja, Du hast Recht es ware besser, ich ware wahnsinnig besser selbst, ich loge als dass es Wahrheit, schreckliche Wahrheit ist! Auch war es nah' daran, mein Kind und nur Du hast mich vor Wahnsinn bewahrt, nur Dein unschuldig Kinderauge, Dein Lacheln, Dein erstes Stammeln, Deine kleinen Schritte daran blieb ich ein Mensch!" Sie seufzte tief und schwieg, ruhig, wie es schien, den ersten Schmerzin Reginald abwartend. Sie brauchte nicht viel Zeit; er sprang empor, gereizt von der angeregten Qual. Aber sie hatte Recht gesagt sein Herzschlag war gehemmt seine Jugend schien zu welken!
"Gieb mir Rechenschaft," sagte er hohl "beweise! Es ist schwer sehr schwer, was Du da sagst das todtet Viele; und ich ich kann dann nie wieder froh sein!"
"Was liegt an Allen!" sagte Emmy hart "wenn Du nur Deine Mutter rachst wenn D u nur, Du e i n z i g rechtmassiger Graf Crecy, diesen Namen wiederforderst und ihn behauptest, um der Ehre Deiner Mutter willen!"
"Und der jetzige Graf Crecy, Ludwig?" rief Reginald mit Schmerzenslauten.
"Ist ein Bastard! Ein verworfenes, von allen Gesetzen im Himmel und auf Erden verdammtes, rechtloses Kind!"
"A b e r m e i n B r u d e r !" rief Reginald. "Mein B r u d e r ! Ludwig mein Bruder!" Dieser Gedanke rettete ihn. Es war der Sonnenblick der Liebe, der dies in der Erstarrung seufzende Herz seinem Elemente zuruckgab. Ludwig war sein Bruder; welch' eine Wonne! O, vergeben wir ihm, dass er weniger Sohn als Bruder war! Sollte er doch jenes um den furchterlichen Preis des Hasses und der Rache werden schien ihm doch der Bruder der einzige Trost dieses entsetzlichen Augenblickes!
Missbilligend betrachtete ihn Emmy Gray. Er entsprach ihrem zurnenden Herzen nicht. Sie hatte keinen Maassstab fur ein junges, edles Gemuth, von boser Sucht noch unberuhrt. Doch fasste sie sich. Noch kannte er das Schicksal seiner Mutter nicht; damit musste ihm die Stimmung kommen, die sie erwartete.
"Setze Dich," sagte sie gebietend "wir haben noch Viel vor uns Viel Viel musst Du horen mit vollen, klaren Sinnen horen und wohl bewahren in Deinem Gedachtnisse, damit Du den Teufelskunsten stehen kannst, die Dir entgegen treten werden."
Schaudernd folgte Reginald ihrem Gebote. Der jahe Zustand, den das bis jetzt Erfahrene in ihm erregt, liess ihn keine Richtung festhalten; er beschloss, das, was er horen musste, streng zu prufen. Einer Unwahrheit beschuldigte seine furchtende Seele die alte, gebietende Frau nicht; aber er dachte an eine Entstellung durch ihre leidenschaftliche Stimmung. O, wie schon und warm belebte ihn das jugendliche Verlangen, zu versohnen und zu entschuldigen!
Wir wissen, was ihm von Emmy Gray mitgetheilt werden konnte; und indem wir hinzusetzen, dass sie Nichts verschwieg, Nicht mit ihrem gegenwartigen Verstande versaumte, was die Dinge zur anschaulichen Thatsache erhob, werden wir begreifen konnen, wie Reginald sich zuletzt um alle seine frommen Hoffnungen betrogen fand. Immer bleicher und bleicher werdend, starrte er die rachende Frau vor sich an, in deren harten Zugen kein Hauch von Schonung oder Mitleiden neben der zornigen Anklage Raum fand. Das fruhe Alter hatte ihr Antlitz gefurcht, ihre Gestalt gebeugt; sie trug schwere, steife Trauerkleider, und ihre Bewegungen waren durch die Wichtigkeit der Gedanken, die sie erfullten, tragisch und edel. Eine solche Personlichkeit unterstutzte, ohne dass er daruber zum Bewusstsein kam, was sie sagte. Reginald fuhlte die Macht der Wahrheit; er horte bloss noch, und nahm auf, was sie ihm gab, er urtheilte nicht mehr daruber. Auch sagte sie n u r die Wahrheit sie war inhaltsschwer genug! Als sie geendet, wurzelte ihr durchdringendes Auge auf Reginald. Er sprang auf und rief, die Hande zum Himmel streckend: "Mutter, Mutter, ich will Dein Sohn sein vor Gott und Menschen! O, sieh' herab; denn ich bin damit dem Unglucke geweiht!"
"Das Grab meiner Mutter will ich sehen!" rief er dann hastig, zu Emmy gewendet "Ste. Roche will ich sehen! Grosser Gott, diesen Namen trage ich!" Er verstummte; dann fuhr er wieder auf: "Doch Ludwig bleibt mein Bruder mein unschuldiger Bruder! Ha, Emmy, d e n werde i c h schutzen und retten, der soll nicht entehrt und dem Auge der Welt zum Hohn werden horst Du, Emmy? Meine Mutter," rief er die Hande zum Himmel hebend "ich will den Bruder schutzen und die damit ehren, die Deinen Sohn geschutzt und geliebt hat! Emmy," fuhr er fort "morgen bringe ich Dir meinen Bruder, Du wirst ihm selbst Alles, Alles sagen, wie mir."
"Ha, dem Bastarde?" rief Emmy "dem, der Dich verdrangte von Deinem angestammten Platze?"
"Schweig!" rief Reginald, mit der Heftigkeit des ersten Schmerzes "und wage nicht, ihn noch ein Mal so zu nennen! M e i n B r u d e r ist Ludwig; er s o l l so rechtlich geboren sein, wie i c h s e l b s t , und nur t h e i l e n will ich mit ihm!"
Emmy verblodete einen Augenblick mit geheimer Lust vor der heftigen Entschlossenheit des jungen Mannes. Es war ihr schon recht, dass er selbst i h r Trotz bot, und sie erlebte von dem Zoglinge gern, was sie von Niemandem duldete.
"Die Dokumente, das Blatt des Kirchenbuches uber die Vermahlung meiner Eltern und meinen Taufschein, den hebe mir auf. Ich muss Ste. Roche sehen ihr Grab ihr Grab! O, ich habe Nichts fruher auf dieser Welt zu thun! Erst ihr Grab," rief er "und dann das trostlose Leben!"
Plotzlich siegte die Wehmuth; er brach in Thranen aus, und sie, die selbst keine mehr zu ihrer Erleichterung weinen konnte, sah in tiefem, ernstem Schweigen zu, wie sein junges, zertrummertes Herz sich abarbeitete. Sie freute sich dabei seines ganzen Wesens wie ihn der Schmerz nicht entkraftet hatte, und wie er den Vater nicht ein einziges Mal genannt.
Endlich sprang er auf, er schuttelte die nassen Lokken aus dem Gesichte und nahete der alten Freundin: "Geh zuruck nach Ste. Roche, Emmy, und erwarte mich morgen dort; ich komme mit meinem Bruder Ludwig ich werde ihn vorbereiten; denn er hort das besser von mir; und uber ihrem Grabe werden wir das Weitere beschliessen. Ich verspreche Dir dabei, dass ich der Marschallin und Allen, die es ihr verrathen konnten, verbergen werde, wohin wir gehen; ihr werde ich keine Einmischung gestatten, daruber sei sicher."
Es war die hochste Zeit, dass man sich trennte, wenn Reginald Ardoise noch erreichen wollte, ohne Verdacht zu erregen; aber trotz seines schnellen Aufbruches war die Zeit unter den traurigen Mittheilungen doch rasch verflossen, und Reginald erreichte erst das Forsthaus, nachdem, wie uns bekannt, seine Abwesenheit von Allen bemerkt worden war.
Was wir hier in seiner Folge ruhig nach einander erzahlten, trat in vielen Zwischensatzen mit dem reichen Gefuhlswechsel in beiden Junglingen, wie er nothwendig in dieser Mittheilung begriffen sein musste, hervor; aber in Beiden siegte die rein getheilte Freude, Bruder zu sein; und so fest, so sicher waren sie sich, dass Keiner dem Anderen eine Versicherung gab, Beide durch ihre Liebe geschutzt, die nur noch erhohter, noch gerechtfertigter schien durch die neuen Bande.
Die Aussenwelt erinnerte sie erst wieder an sich, als sie zum Pferdewechsel die Gastfreundschaft des Klosters Tabor in Anspruch nahmen. Der Himmel war nicht allein von dem nahenden Abend umdustert ein Gewitter hing mit schweren, bleifarbenen WolkenGebirgen uber ihren Hauptern. Dringend luden die Monche die jungen Manner zum Verweilen ein, ihnen den Weg durch die Walder von Ste. Roche in der Nacht fast unwegsam schildernd; vergeblich waren diese Abmahnungen, Reginald wies sie alle zuruck, mit dem dusteren und heftigen Ungestume, den seine Erregung mit sich fuhrte. Der gutmuthige Prior konnte endlich nichts thun, als ihren Wagen mit einigem Proviante zu fullen und die besten Pferde und den kundigsten Wegweiser hinzuzufugen.
Doch begriffen sie bald selbst die angedrohten Schwierigkeiten, als sie den Wald erreicht hatten. So lange die Blitze ihren Weg erhellten, zeigte sich der Wegweiser nutzlich, und der Wagen bewegte sich langsam vorwarts; aber sie horten auf, ohne dass der Mond durch die schwarzen Wolken dringen konnte, und jetzt sturzte der Regen in Stromen herab. Der Weg ward zum Giessbache, Fackeln und Windlichter erloschen, und die Pferde an den Zugeln fuhrend, bewegten die Leute den Wagen nur unter grossen Schwierigkeiten vorwarts. Wie langsam und beschwerlich ihre Reise unter solchen Umstanden vor sich gehen musste, ist leicht zu ubersehen. Oft liessen sie halten, oft kehrten sie um, wenn sie in vollig unwegsame Bahn gerathen waren; und es glich mehr einem Wunder, dass sie endlich das Ende des Waldes erreichten, als einem erwarteten Resultat ihrer oft so vergeblichen Anstrengungen.
Mitternacht war indessen voruber, als sie die gelichteteren Stellen des Waldes, die das Schloss Ste. Roche erkennen liessen, erreichten. Der Regen hatte aufgehort; aber der Sturm walzte sich heulend und mit furchtbarer Gewalt uber den zitternden Boden. Die jungen Leute hatten den Wagen verlassen, sie wollten sich selbst den Eingang zum Schlosse suchen; denn ihre Diener hatten mit den erschopften Pferden zu thun, und der Wegweiser erklarte, dass er um keinen Preis das alte Geisterschloss betreten wurde und that Alles, was seine plumpe Ueberredungsgabe vermochte, die jungen Herren gleichfalls davon abzuhalten.
"Herr, Herr," sprach er "das ist ein Ungluckshaus; noch Niemand hat es unbeschadigt verlassen, die Meisten fanden ihr Grab darin und litten vorher viele hollische Qualen. Rauber sollen auch darin hausen! Und was Wunder seit St. Albans, der alte Kastellan, verstorben ist, und der Sohn die Pachtung vom Kloster Tabor ubernommen, steht Alles verlassen; die Thore und Gitter sind auf, ohne Wachter, ohne Schloss und Riegel. Was Wunder, dass sich einnistet, wer finster Werk treibt; denn die alte bose Hexe, die sich dort abgesperrt, die wird es nicht hindern!"
Dessen ungeachtet machte diese Rede nur bei der Dienerschaft Eindruck; die jungen Manner befahlen, dass man den Mundvorrath, nach dem sie anfingen, einiges Verlangen zu tragen, ihr nothiges Gepack und die Windlichter nachbringen mochte, der Wagen langsam den Eingang suchen sollte, und eilten Arm in Arm dem Schlosse zu. Jetzt standen sie an einer terrassenartig ansteigenden Befestigung, die, durch Graben getrennt, mit kaum wahrzunehmenden Brucken uberbaut waren, hinter welchen sich die dunkle Masse des Schlosses zeigte, die gegen den Nachthimmel, der, mit zerrissenen Wolken bedeckt, die, vom Sturm gejagt, einen schauerlichen Wechsel trieben, wahrhaft drohend und gebietend abstach.
Beide blieben stehen, lebhafter von seinem Anblick ergriffen, als sie erwartet hatten. "Weiss Gott," rief Reginald "man mochte zu den bosen Dingen Glauben fassen, die uber dies alte Schloss in dem Munde der Nachbaren sind; es sieht aus, als riefe es Jedem eine Warnung vor seinem Bereiche zu!"
"Ja," sprach Ludwig bewegt "wie das riesige Grabmal eines ganzen Geschlechtes sieht es aus! Die Valois erbauten es, wie Du mir sagtest; sie hatten mit allen ihren Sunden darunter Raum!"
Sie schritten vor und erreichten trotz des wuthenden Sturmes, der sich wie Menschenhande ihnen entgegen drangte und sie zuruck zu schleudern schien, die Eingangsbrucken. "Dieser Nacht werde ich gedenken bis an mein Ende!" rief Reginald und ergriff das Gitter, was den dustern Hof mit Theophims Grabmal umschloss. Er zog Ludwig nach sich, der, matt und erschopft, ihm kaum folgen konnte; und Beide traten nun durch das offene Gitter in den Schlosshof, der ihnen wenigstens einigen Schutz verlieh, obwol das Geheul des Sturmes sich nur noch schauerlicher gegen alle die Ecken und Giebel brach, die, mit eisernen Gittern und Wetterfahnchen besteckt, ein wunderliches Konzert bildeten.
"Lass uns Quartier machen, wo wir zukommen!" sprach Reginald. "So spat, so uber Mitternacht hinaus, erwartet uns die alte Freundin nicht mehr; wir wollen sie nicht beunruhigen und werden doch Dach und Fach finden fur die wenigen Stunden."
"Ja," erwiederte Ludwig "lass uns Schutz suchen ohne Zeitverlust, ich fuhle mich erschopft; vielleicht bestatigt sich das Gerucht, dass die Thuren aufblieben."
Beide uberschritten nunmehr den Hof, und ihre Erwartung erfullte sich. Sie traten ohne Hinderniss in die weitlaufige Halle des unteren Geschosses; und nachdem die Diener Windlichter angezundet hatten, sahen sie, wie von hier aus schwere, eichene Treppen, mit grossem Aufwande von Raum, in die oberen Gemacher fuhrten.
"Hier ist nicht Bleibens, trotz der alten Kamine, die vielleicht unseren Leuten nutzlich werden," sprach Ludwig; "es ist hier kalt und feucht; wir wollen hoher steigen, wir finden oben wohl bessere Raume."
Die Diener leuchteten, und man erreichte den oberen Treppensaal, der, mit dunkelm Marmor getafelt, an eben solchen Wanden mit Portraitstatuen umstellt war und rechts und links grosse Eingangsthuren zeigte, die, von Eichenholz, schwerfallig und uberladen verziert, in Einfassungen von schwarzem Marmor liefen.
"Das sind finstere Eingange," rief Ludwig "wie die Pforten zu einer Gruft!"
Reginald schauderte. "Lass uns lieber den Theil des Schlosses suchen, wo Emmy wohnt!" rief er lebhaft. "Zu Entdeckungen in diesen dustern Raumen sind wir nicht hergekommen."
"Nein," rief Ludwig "das Bedurfniss nach Ruhe beherrscht mich ausschliessend! Lass uns eintreten rechts oder links ich strecke mich sogleich nieder, ware es auch auf den Stufen eines Grabmals. Leuchtet, wir treten hier ein!"
Die Diener gingen zogernd voran, Ludwig schob sie weg; er selbst druckte das kunstreich umschnorkelte Schloss; es gab nach, und sie traten in ein schmales, hohes, gewolbtes Zimmer, welches, mit breitem Kamin und herumlaufenden Banken, einem grossen steinernen Becken in der Wand und daneben befestigtem Schenktisch, als ein Vorzimmer zum Ess- oder Banket-Saal, zu erkennen war.
"Das zweite Zimmer wird besser sein!" rief Ludwig, jetzt thatiger werdend, als Reginald, der mit unbeschreiblicher Gemuthsbewegung und hochst widerwillig nur dem Grafen folgte. "Halt," sagte er, die angelehnte Thur aufstossend "das ist ein Prunkgemach und offenbar noch koniglichen Ursprunges. Sieh den Thronhimmel mit der Krone und den kostbaren Purpurbehangen!"
Die Lichter erhellten nur sparsam den grossen Prachtsaal fruherer Zeiten; denn dem damaligen Geschmacke gemass, war uberall dusteres Material, wie schwarzer Marmor, Ebenholz, eichenes Getafel und von der Zeit leicht geschwarzte Vergoldungen zu abenteuerlichen und gigantischen Verzierungen verbraucht. Doch waren hier bequeme Stuhle, Kamine, die vielleicht die Feuerung vertrugen, und was sie mit naherem Forschen erspahen konnten, machte diesen Raum fur furchtlose Gemuther zu einem tadellosen Ruhepunkte weniger Stunden. Ludwig schob sogleich einen der grossen, damastenen Lehnstuhle gegen einen Kamin, und indem er befahl, von einigen zusammengesturzten, auf dem Heerde aufgehauften Mobeltrummern Feuer zu machen, verrieth seine abgebrochene Rede, seine todtenahnliche Farbe, wie gross seine physische Erschopfung sei. Obwol dies fur Reginald, wie fur ihre Diener nichts Ungewohnliches war, regte es doch auch jedes Mal den guten Willen Aller an, ihm zu Hulfe zu kommen. Wahrend die Diener sich mit dem Feuer beschaftigten, bemuhte sich Reginald, von den alten Stuhlen und ihren bauschigen Kissen Ludwigs Stuhl bequemer zu machen, und als der ihn stumm, aber dankbar anlachelnde Bruder ruhte und mit warmen Manteln uberdeckt war, zog er ein klirrendes, schreiendes Tischchen von getriebenem Kupfer herbei, das seine Staubdecke raumen musste, und auf dessen mit kunstlichen Bildern eingelegter Platte Reginald mit jugendlich gelenkiger Geschicklichkeit die Mundvorrathe ausbreitete, die der gute Prior ihnen mitgegeben. Bald war so eine Art Bequemlichkeit eingetreten, die wenigstens als Gegensatz des draussen wuthenden Sturmwindes so genannt werden konnte; da der Kamin wirklich in hellen, prasselnden Flammen die zertrummerte Pracht des vorigen Jahrhunderts verzehrte und damit in seiner Nahe wohlthuende Warme verbreitete. Ludwig griff nun auch, sichtlich erquickt, zu den Speisen, die der Klosterkuche Ehre brachten, und fuhlte sich besonders von dem starken, alten Weine neu belebt, welcher ihnen in einer Berechnung zugetheilt war, die den Maassstaab des dort zuerkannten Bedurfnisses verrieth.
"Jetzt," rief Reginald "bin ich erquickt, und unsere Leute werden es auch sein. Ruhe Du hier, mein Lieber ich will mit den Leuten und unseren Pistolen die nachsten Raume untersuchen; denn ein offenes Haus will ein nothiges Bedenken erregen. Behalte Du eine von Deinen geladenen Pistolen hier, mit den anderen bewaffnen wir uns."
Ludwig war es zufrieden, und Reginald durchspahte zuerst ihren Aufenthalt. Das Zimmer war mit kostbaren, aber verwitterten Gobelins behangen, darunter standen fest und unversehrt verschlossene Schranke, die eine fortgesetzte Skulptur in Ebenholz waren und, mit Gold, Silber und Elfenbein untermischt, Gegenstande aus dem alten und neuen Testamente darstellten. In der Gegend des Thronhimmels stand eine lange, eben so kostbar gearbeitete Tafel, uber der ein verstaubter Teppich von purpurrothem Sammet mit goldenen Frangen hing. Ausser der Eingangsthure befanden sich noch zwei kleinere in diesem Zimmer; die eine offnete sich nach einer offenen Gallerie, von der ihnen sogleich der Sturm entgegen wehte, der sie der festen Thure froh werden liess. Dagegen war neben dem Thronhimmel eine vierte, grossere Thure, die Neugierde und Verdacht in ihnen erweckte; da sie mit mehreren Schlossern und eisernen Balken verwahrt war, die nach einigen Versuchen, sie zu offnen, sich als zu stark befestigt zeigten, um den Eingang moglich zu machen. Dies machte auf Reginald einen sehr unangenehmen Eindruck, und er fuhlte damit Sorge und Unruhe in sich angeregt; obwol er bemuht war, sie zu verbergen, da er Ludwigs eintretende Ruhe zu storen furchtete. Um so viel sorgfaltiger untersuchte er die anstossenden Raume; und alle zeigten sich durchaus beruhigend. Er befahl einem der Diener, mit dem Pistol in der Hand im Vorsaale zu lagern, den zweiten liess er vor die Thur nach der Gallerie sich legen; er selbst aber nahm Ludwig gegenuber am kupfernen Tischchen Platz, so dass er die geheimnissvolle Thur im Auge behielt. Er hoffte, Ludwigs leichten, krankhaften Schlummer bewachen zu konnen, trank mehr Wein, als gewohnlich, um sich munter zu erhalten; und da das sonderbare, wehklagende Geschrei der vom Sturm umwehten Zinnen und Thurme in dem mannigfachsten Wechsel seine Phantasie anregte, fuhlte er sich auch der Mudigkeit widerstehend, die ihn von dem Augenblick an bedrohte, als Ludwig vor ihm in gleichmassigeren, ruhigeren Schlaf versank. Er fasste das scharf geladene Pistol fest in die rechte Hand und sich in den Lehnstuhl zurucklehnend, blieben seine Augen, wie gefesselt, an der verschlossenen Thure haften. O, wie sammelte die Ruhe, die fur seine Gedanken eintrat, die Bilder, die aus Emmy's machtiger Rede uber das Verhangniss dieses Hauses in ihm niedergelegt waren! Von der Gruft der Claudia von Bretagne an, bis zu dem bluhenden, schonen Bilde seiner kindlichen Mutter, durchlief seine angeregte Phantasie nach Emmy's strenger Anordnung alle Begebenheiten. Wie schmerzlich und qualvoll stieg ihr und sein Schicksal in ihm auf, und wie damonisch wuchs besonders Souvre's Gestalt in diesem Bilde an, von dem er sich erst jetzt eingestand, wie sehr er ihm in der Stille abgeneigt geblieben war. Wie verhangnissvoll erschien ihm dies Schloss selbst, das in seinem Bereich immer nur Ungluck und Schuld uber seine Bewohner haufte; denn Emmy hatte nicht unterlassen, die Grauel der Katharina von Medicis, des Theophim von Crecy, des Spinola zu beruhren, wenn auch nur, um den Vorwurf zu verstarken, dass man Fennimor eine so entweihte Wohnung angewiesen. So reihete sich Bild an Bild und erregte fieberhaft sein wallendes Blut. Der kuhne Jungling, der die Furcht noch erst erfahren sollte, lernte plotzlich ein Gefuhl kennen, fur das er, da es ihm neu war, den Namen nicht wusste. Er blickte in dem ungeheuren, dunkeln Raume mit klopfendem Herzen umher; das tiefe Schweigen, was jetzt hier herrschte, schien ihm entsetzlich; dieser Schauplatz geselliger Lust, ohne Zweifel von allen und den verschiedensten Bewohnern zu diesem Zwecke benutzt, zeigte keine Spur mehr seines fruheren Lebens. Die Sessel blieben unbesetzt, die Tische leer, und die ungeheuren Schranke verhullten ihren Inhalt, zum Dienste jener Zeit gehorend. "O," rief Reginald plotzlich unbewusst "dies Schweigen ist unertraglich! Besser, es belebte sich Alles mit den Gestalten der Vergangenheit!"
"So folge mir!" rief eine hohle, ernste Stimme hinter ihm. Entsetzt wandte er sich und sah, dass er bei seinem Umherblicken die Richtung nach der verschlossenen Thur aufgegeben hatte, die jetzt geoffnet war; von da her, das ubersah er mit einem Blicke, war die Mannergestalt gekommen, die diese Worte zu ihm sprach. Aber Reginald fuhlte seinen Athem stocken; und doch konnte er es nicht nachweisen, warum ihn eben diese Gestalt so entsetzte. Seine Zuge waren nicht ganz zu erkennen; ein spanischer Hut mit breiter Krempe, nur seitwarts mit einer Agraffe aufgeschlagen, beschattete sein Gesicht; doch schien es Reginald gelb und bleich. Um seine Schultern hatte er einen kurzen, feuerfarbenen Mantel, der drei grosse Locher auf der Brust zeigte; ubrigens schien er in schwarzem Sammet altspanisch gekleidet, und trug ein breites Schwert in reicher Scheide eng an sich gedruckt.
Immer deutlicher trat es Reginald hervor er hatte die ganze Gestalt, so wie sie jetzt vor ihm stand, noch so eben unter den Portaitfiguren auf dem Treppensaal erblickt; dazwischen schien es ihm, er sahe Souvre's Zuge, und die Gestalt nur widersprach in ihrer Grosse dem fluchtigen Gedanken. Und dieser Mann aus einem anderen Jahrhunderte forderte ihn auf, ihm zu folgen; Reginald fuhlte sich wie von einer unabweisbaren Autoritat beherrscht! Ohne es deutlich sehen zu konnen, glaubte er das stechende Auge des rothen Mannes zu fuhlen; er wandte sich angstlich nach Ludwig um. Aber dieser war nicht allein schon erwacht, es schien sogar, er war fruher aufgefordert worden, als er selbst; denn er stand bereits eben so willfahrig, als Reginald.
"Gesellschaft sollt Ihr finden," fuhr der rothe Mann fort "und fur zwei Grafen von Crecy, an deren Leben die Erhaltung des Hauses Crecy-Chabanne hangt, soll es passende, unterhaltende Gesellschaft sein! Ihr furchtet Euch doch nicht?" setzte er hohnisch hinzu.
Dies schreckte Reginald empor. Jetzt erst fuhlte er den erstarrten Zorn sich in seiner Brust beleben. "Wer seid Ihr?" rief er. "Welch ein Recht habt Ihr, in unserem Schlosse eine Einladung an uns zu richten, als waret Ihr der Herr desselben?"
Eine Art Schnauben, wie es der Zorn zuweilen bei sehr wilden Menschen horen lasst, ging voran, dann folgte ein hohnendes Lachen. "Kind, halte ein mit Deiner Wichtigkeit," rief dann der rothe Mann "und hute Dich, mich zu reizen, dass Du nicht gleich erfahrst, welche Macht ich hier habe eine solche, die in ihrem Alter und in ihrer Rechtmassigkeit die Deinige uberbieten konnte!"
Und Reginald der kuhne, hochherzige Jungling schwieg. Ihm war so fremd und erdruckt zu Muth; als er sprach, fuhlte er keine Kraft, seinen Worten Ton und Starke zu geben; sein Athem war so kurz, sein Kopf schien ihm nicht frei; nur die Nahe Ludwigs beruhigte ihn. An seiner Seite folgte er dem voran schreitenden, rothen Manne, willenlos wie durch Zauber ihm nachgezogen, und an Ludwig dieselbe Gewalt wahrnehmend.
Als sie die Schwelle der jetzt geoffneten, fruher so fest verschlossenen Thur uberschritten, blieb der rothe Mann stehen; und indem er zuruckschaute, sagte er: "Ihr hattet, denke ich, grosse Lust, diese Raume zu betreten! Als ich Euch an den Schlossern hammern horte, konnte ich denken, wer es war. Ihr hattet Recht, hier Einlass zu wunschen; nur kam es m i r zu, Euch hier willkommen zu heissen; denn es ist so recht eigentlich mein Bezirk. Auch wartete ich schon langst auf Euch, Ihr Grafen von Crecy-Chabanne!" Ein kurzes, feindliches Lachen folgte, und die erschutterten Junglinge eilten ihm nach, der mit gerauschlosen Schritten uber das dunkle Getafel voranglitt.
Sie fanden erleuchtete Raume, ohne den Moder der Zerstorung, doch in dem Geschmacke des Jahrhunderts eingerichtet, dem der Mann im rothen Mantel anzugehoren schien. Sie kamen erst durch einige kleinere Wohnzimmer, durch ein Schlafzimmer mit einem grossen Bette, gegen dessen verschlossene, schwersammetne Vorhange ihr Fuhrer wild drohend die Hand erhob und wie glich er jetzt Souvre! Dann offneten sich weite Sale, und die Junglinge erstaunten uber die Ausdehnung des Schlosses und den Glanz der Ausstattung. Diese Raume wurden jedoch von einer Schaar geschaftiger Diener und Dienerinnen belebt, die in einer ungewohnlichen Thatigkeit umhersausten; doch ohne anderes Gerausch vernehmen zu lassen, als dass sie die Luft zu bewegen schienen, die oft schneidend und kalt an den Junglingen voruberstreifte, und auch die zahllosen Kerzen in einer bestandig wehenden Bewegung erhielten.
Der rothe Mann hatte mit Allen zu verkehren, und Beide behielten Zeit, das zahlreiche, wunderliche Personal zu betrachten, das, einig und in derselben Richtung wirkend, doch durch das Kostum so getrennt erschien, als lagen zwischen den einzelnen Gruppen Jahrhunderte. Das Erstaunen Beider verschlang jede Frage; sie waren im Sehen aufgelost und von grosser Beklemmung und einem nicht zu beherrschenden Grauen erfullt; denn diese wort- und gerauschlosen Geschopfe anderten jeden Augenblick mit Blitzesschnelle ihre Platze, und die abenteuerlichsten, langst vergessenen Kostume, die, schwerfallig und beladen, jede Bewegung zu hindern drohten, wurden hier mit einer Leichtigkeit getragen, als waren es Gewander, von Staub und Luft gewoben. Die Junglinge wurden von Niemandem bemerkt, von Niemandem beruhrt; obwol sie von der grossen Anzahl immer umkreist waren und ihren kalten Lufthauch fuhlten. Alle waren beschaftigt, eine Tafel zuzurichten; von den alten Geschirren in den kostbarsten Metallen, die sie herbeischleppten und ordneten, waren einige kaum in ihrer Bestimmung zu erkennen, so fern musste die Zeit ihres Gebrauches liegen; dazwischen kamen neuere Gegenstande; die kostlichsten Geschirre und Becher, zu deren vervielfaltigten Modellen Benvenuto Cellini als Erfinder genannt wird. Dann das leichte, florartige Glas der Venetianer mit Wappen, Farben und Vergoldungen; jedes Jahrhundert, schien es, hatte seine Geschirre und seine ihm zugehorende Bedienung.
Vergeblich rang Reginald mit der wahnsinnigen Verwirrung, in die er sich gesturzt fuhlte; die Dinge behielten ihre Gestalt und zogen ihn endlich in einem Maasse an, dass die Ueberlegung in ihm erstarb; nur Ludwig's Arm, sein antwortendes Auge, das er zuweilen suchte, gab ihm ein Gefuhl von Haltung und Ruhe.
Jetzt winkte ihnen der rothe Mann, ihm zu folgen, und Beide traten mit ihm in den nachsten Saal, welcher glanzend erhellt und von grosser Ausdehnung, aber mit einer Masse von Gestalten beinah' uberfullt war. Doch waren sie fruher den Dienern begegnet, standen sie hier unverkennbar den Gebietern gegenuber. Wohin in dieser glanzenden Versammlung zuerst das Auge richten wie den Reichthum fassen, der hier den Glanz aller erdenklichen Kleiderpracht mit dem Zauber von Schonheit und Jugend vereinigt zeigte? Die Junglinge waren geblendet ihre Phantasie war uberboten; sie fuhlten eine schuchterne Hingebung und schienen sich kaum berechtigt, zu einer so anspruchsvollen Versammlung gehoren zu wollen. Doch auch hier fiel Reginald bald die chronologische Folge auf, auch hier zeigten sich aus der Gesellschaft verschwundene Kostume, oder solche, die nur noch in alten Bildwerken bewahrt wurden; und bei ruhigerer Betrachtung sah er zwei Frauen, die wie schroff bezeichnete Zeitabschnitte sich gegenuber standen und einen ganzen Kreis ahnlicher Gestalten um sich versammelten. Es ist ein Maskenscherz, wollte Reginald denken; aber er glaubte an dem Gedanken zu erstikken. Der Athem blieb ihm stehen, er wollte laut aufschreien, sich die Qual zu erleichtern; aber der Laut erstarb die Lippen blieben tonlos. Da trat der rothe Mann, der Alle wie seine Gaste zu leiten schien, zu ihnen; er fuhrte sie umher. Sie wurden vorgestellt er horte viele Namen und sich und Ludwig immer gleich als Grafen Crecy bezeichnen; doch schien es ihm, der rothe Mann spreche kein Wort, und hier, wie bei den Dienern, herrsche lautlose Stille. Dennoch wusste er, die blasse hagere Frau mit den tiefgesenkten Augenliedern, mit der ruhigen Stirn und dem Ernst einer Heiligen, sei Claudia von Bretagne. Sie trug den thurmhohen Bau eines steifleinenen Kopfputzes, jener Mode, woran radformig Halskrause und Brustlatz liefen, die keine Ahnung einer menschlich weiblichen Gestalt zuliess. Von grobem aschfarbenen Wollenzeuge hingen die Gewander in festgenahten Falten ohne Gurtel bis zum Boden; nur die Hande sahen mit den Fingerspitzen aus den aufgeschlagenen Aermeln hervor; sie waren schon und fein, doch gelblich weiss, und umschlossen ein schwarzes Kruzifix. Aus den Falten des Rockes hing ein Spindel nieder, und nur auf der hochsten Spitze des widrig steifen Kopfputzes sass die kleine Konigskrone; sie hatte aber einen Schein wie Sternenlicht, und so auch leuchtete ein Kreuz von Edelsteinen, was auf dem Brustlatze ruhte. Um sie standen junge, bleiche Frauenbilder in der entstellenden Tracht der Zeit, mit Angesichtern, so still, so mienenlos und kalt, als sei das Buch des Lebens mit seinem ganzen Inhalte vor ihnen verschlossen geblieben. Sie standen um die stille, unbewegliche Herrin, die ihrer nicht zu achten schien; dazwischen sah man Ritter mit unbedecktem Haupte, Pagen in Wappenfarben, gleich Gerusten dieser Abzeichen, geschmacklos uberladen mit bunten Farben und ungefalligem Schnitte der Kleider. Klein jedoch nur war die die Zahl, die um die Konigin kenntlich zu erblicken war; denn nur die Bezeichneten traten deutlicher hervor. Hinter ihrem Stuhle schwirrte noch ein ganzer Knauel verbundener Gestalten, die lebendig um einander glitten und bei dem unsicheren Lichte der wehenden Kerzen immer zu wechseln schienen.
An einen grossen, weitlaufigen Kamin gelehnt, in dessen Heerd die jahe Flamme, in Regenbogenfarben spielend, nach allen Seiten zungelte so nah, dass der Rand der reichen Gewander in jedem Augenblicke von den hervor schlupfenden Flammen besaumt ward, stand ein Weib von machtiger Schonheit! Sie hatte wohl die starre, kalte Weise der ubrigen Frauen; doch ihr, wie allen um sie versammelten Schonen gluhte ein fremdartig, schimmerndes Roth auf den Wangen. Der Kopf war unbedeckt; in vollen Ringeln floss das dunkle Haar bis auf die marmorbleichen Schultern; auf der Mitte ihres Hauptes aber ruhte eine grosse, machtige Krone von Brillanten; es war Katharina von Medicis! Sie schaute mit den gluhenden Augen in die Ferne. Ihr Gewand war purpurrother Sammet; es deckte um die volle Taille kaum die preisgegebene Schonheit ihrer Formen. So waren alle Frauen ihres Kreises schon und zum Erschrecken fast enthullt. Dazwischen bewegten sich zahllose Mannergestalten in den prachtvollen Kostumen der Valois zur Zeit der Medicaerin. Die Namen der Geschichte wurden den beiden Junglingen genannt, sie sahen ihre belebten Gestalten, es schien, als habe Alle, die nacheinander dieser Zeit gedient, e i n Hoffest hier vereinigt. Es waren die Sitten, die damals geltenden, bewunderten Formen der Geselligkeit; Alles diente, empfing, erwiederte; und man sah Alle gruppenweis in gesellschaftlicher Beweglichkeit.
Die Junglinge wurden wie im Wirbel fortgetrieben; ob es Sekunden, ob es Stunden waren, sie wurden sich dessen nicht mehr bewusst; mit uberspannter Neugierde ernteten sie mit ihren Augen die Wunder ein, die sich ihnen enthullten. Bald waren sie getrennt, bald waren sie vereint; doch Keiner sagte dem Anderen mehr ein Wort; es schien, als verloren auch sie die Sprache. Denn, wie sehr auch Reginald sich muhte, klar zu werden, ob dieser glanzvolle Kreis durch Worte sich verstandige, es gelang ihm nicht; er verlor den Gedanken daran; oder die Anstrengung, ihn festzuhalten, verging in angstvoller Betaubung, die endlich in dem Anblick unterging, der so berauschend war. Da ergriff sie plotzlich der rothe Mann, zog sie zum Kamin und stellte sie dicht vor die Konigin; er nannte ihre Namen und starrte hohnend auf sie hin. Sie fuhr zusammen; einen Schrei des Schmerzes glaubten sie zu horen. Die Flammen des Kamins umzungelten wie ein Saum das glanzende Gewand; sie straubte sich und strich die Flammen mit den Handen ab. Da sah Reginald, wie ihre, Fusse nackt und bis zum Knochel roth gefarbt waren; sie wehrte die Junglinge ab, der rothe Mann jedoch hielt sie vor ihr fest und forderte eine hohe, in Goldstoff gekleidete Gestalt, die hinter Katharina stand, heraus, hervorzutreten; hohnneckend zeigte er ihr die Junglinge, dann hob er den rothen Mantel auf und zahlte die runden Locher: eins zwei drei; da taumelte der Andere und sank zusammen. Es war Theophim, Graf von Crecy! Im nachsten Augenblicke wurden die glanzenden Tischchen von getriebenem Kupfer mit sammetnen Beuteln zum Spiele eingerichtet, herbeigerollt. Die verschiedensten Partieen wurden schnell geordnet. Alles sass die Konigin Claudia ausgenommen; sie hatte die Spindel los gemacht und zog die feinen Faden, langsam durch die bunten Reihen wandelnd, als sei sie hier allein.
Reginald erblickte Ludwig mit Katharinens schonen Frauen beim Brettspiele; heftig erregt, suchte er zu ihm zu kommen; aber die Luft schien in schweren, hindernden Schichten zwischen ihnen zu liegen; er konnte ihn nicht erreichen. Dagegen stand er mit einem Male zur Seite der Medicaerin; sie spielte mit Theophim von Crecy ein mystisches Spiel mit goldenen und silbernen Figuren; auf der kupfernen Platte des Tisches waren Bilder eingelassen, nach deren Zeichen sich die Spieler zu richten schienen. Schrecklich war ihm Theophim's Bild bleich das Gesicht mit grunen Flecken ubersaet die Hande mit goldgestickten Handschuhen bedeckt, die so grauenhaft schlotterten, als ob sie eine durre Knochenhand bedeckten.
Unruhig auch war der Konigin Betragen, und schaudernd zuckend fuhr sie oft zusammen. Da sah Reginald mit Entsetzen, dass in den reichen Lokken die rothen, schwarzgefleckten Wurmer krochen, die den lebendigen Leib der Menschen fliehen und nur bei Todten hausen; er sah, wie aus den Falten des Sammtes, aus dem Juwelenplatze sie ihren Weg lustwandelnd uber die reine Wolbung des schonen Halses nahmen wie sie den runden Arm entlang bis zu den Fingerspitzen krochen und wie die Konigin ohne Weigern ihrem Treiben sich ergab.
Doch schien es ihm, das Auge werde ihm stets klarer und deutlicher, die Gegenstande zu erfassen; die Frauen, so schon, so reizend und glanzend anfangs erscheinend erstarrten plotzlich sie hatten keinen Blick im Auge sie glitten pfeilschnell ohne Schatten, ohne Schritt oder Bewegung uber den Boden. Claudia ging, als ob der Fussboden sich langsam mit ihr fortzoge. Keiner beruhrte den Anderen; seufzend, wie fernes Geheul, durchfuhr den ganzen Raum schneidender Zugwind; uberhaupt wehte eine kalte und belastende Luft, die bis zum Herzen die Kraft zu hemmen drohte. Reginald erwartete immer bestimmter einen Hauptmoment, ein Entsetzliches das alles Grauenhafte vor ihm uberbot. Doch schien es auszubleiben; die Thuren offneten sich, die Tafel war gerustet, der Dienerschwarm eilte herein; wie rollender Sand durchdrang er blitzschnell die jetzt fast ganz erstarrten Gruppen der stolzen Versammlung. Alles schob sich vor, die Herren und die Damen, wie getrieben, wie gejagt von dem sturmschnellen Dienertrosse. Zwischen ihnen Beiden stand hohnlachend der rothe Mann am Eingange des Banketsaales, und angstlich schaudernd drangten die Eindringenden sich zusammen, als ob sie seine Beruhrung furchteten. Er aber zeigte mit dem langen, durren Finger auf den Einen oder Anderen, bald Mann, bald Frau; und jeder der Bezeichneten trug ein ahnliches Merkmal, als er selbst ein Paar runde Locher im Mantel oder Wamms, die Frauen in dem zarten Mieder. O, wie gern hatte sich Reginald der Einen in Silberstoff, mit dem Halsbande von niedertropfenden Rubinen, genaht! Es war Eudoxia Nemours; sie deckte mit der lilienweissen Hand die Stelle in dem Mieder, wohin der unerbittliche Rothmantel hohnend deutete. Doch kreiste die Besinnung wieder in Reginald, uberwaltigt von den Gegenstanden und ihrem fabelhaften Gemische. Er sass an der Tafel neben schonen starrblikkenden Frauen; er sah am oberen Ende derselben Ludwig an der Konigin und Teophim's Seite sitzen und ward umsaust von der rastlosen Bedienung. Er wusste selbst nicht, ob man Speisen gab und nahm, ob die Becher leer oder gefullt die Tafel umkreisten; immer qualvoller, immer banger ward sein physischer Zustand Todesangst hemmte jeden Pulsschlag er glaubte Modergeruch wahrzunehmen er schauderte, die starren Weibergestalten mit den schonen, leblosen Armen und Handen, die dicht neben den seinigen auf der Tafel ruhten, sich bewegen, ihn beruhren zu sehen er wollte aufspringen, Ludwig aus dieser Gesellschaft reissen, mit ihm entfliehen! Er schaute nach ihm hin er f e h l t e . Jetzt schien das Maass gefullt. Er sprang mit Riesenkraften, die er nothig hatte, auf er stand vor dem Manne im rothen Mantel mit Souvre's Zugen. "Bleib'!" rief dieser und lahmte so die Kraft des Junglings. "Die Zeit der Rache ist gekommen, erloschen in diesem Augenblicke das Geschlecht der Crecy-Chabanne; denn so Du lebst, bluht es in Dir nicht weiter. Ich bin Spinola! Der von Deinem Ahnherrn Theophim beraubte und ermordete Spinola; und ich lebe fort in Souvre, dessen Mutter eine Spinola und meine Enkelin war! Hier hast Du den letzten Grafen Crecy-Chabanne!" Er schlug den Mantel zuruck im Arme trug er Ludwig's bleiches, blutiges Haupt!
Ein Schrei der Wuth rang sich aus Reginald's Brust; er fuhlte mit Entzucken das Pistol in seiner Hand er hob es auf der Schuss fiel. In demselben Augenblicke zerstob Alles um ihn her; tiefe Dunkelheit umgab ihn er fuhlte, er war erwacht. Traum war das entsetzliche Erlebniss!
Keuchend hob sich noch die Brust, der Angstschweiss floss von seiner Stirn, die Besinnung schien ihm noch zu mangeln; noch glaubte er leises Gewimmer Todesrocheln zu vernehmen, sein Korper schien ihm steif und gelahmt doch meinte er, der Schuss sei gefallen; denn er erwachte, wie seine Hand mit dem Pistole noch in der Luft schwebte.
Jetzt horte er eine Thure sich offnen er horte Schritte Lichtschein drang ein mehrere Personen standen vor ihm der Schein der Kerzen traf ihr Gesicht. Es war der Marquis de Souvre, bleich, entstellt durch Sturm und Regen von vielen Dienern gefolgt. "Ha," rief Reginald "Du bist der Rachegeist des Spinola!" Souvre sprang entsetzt zuruck; Reginald glich einem Wahnsinnigen. "Fort!" schrie Reginald, wild den Marquis bedrohend "Du hinderst mich nicht mehr, mein Werk ist gethan, die ewige Gerechtigkeit wird siegen, mein B r u d e r ist Ludwig!" Alles fuhr zuruck er sturzte vor nach Ludwig's Stuhle jeder Blick folgte ihm.
"Ungeheuer," schrie Souvre "was hast Du gethan? Morder! Morder!"
Das Licht beleuchtete so eben scharf, ohne Tauschung Ludwig's erbleichtes, im Todeskampfe zukkendes Gesicht. Der Schuss hatte ihn getroffen. Aus der tiefen Wunde seiner Brust floss das Blut in vollen Stromen dahin; rochelnd hob sich der nur selten noch wiederkehrende Athem es war vorbei der letzte Augenblick hing uber ihm!
Starr blickte Reginald versteinert in dies geliebte Antlitz. Er hatte eben so Entsetzliches erfahren es war gewichen; zum zweiten Male sagte ihm eine Stimme: kannst Du traumen es wird nicht sein! Umsonst, die Wahrheit tragt eine andere Farbe sie uberzeugt uns schnell!
"Bosewicht," schrie Souvre "bekenne gleich hier bekenne Du bist sein Morder!"
"Ich bin's!" rief Reginald mit schrecklichen, erschutternden Lauten. "Ich bin Dein Morder, Ludwig! Mein Bruder Ludwig hore mich! stirb nicht! erwache! sieh' mich an! Mein Bruder, ich habe Dich gemordet!"
Es war, als ob der Sterbende auffuhr Reginald war uber ihn gesturzt sein Blut uberstromte ihn Ludwig rang mit dem letzten Seufzer seine Leiche sank uber ihm zusammen.
Souvre riss Reginald schnaubend vor Wuth in die Hohe. Dieser hatte das Bewusstsein verloren; er schleuderte ihn zu Boden, er wagte es, ihn mit seinen Fussen fortzustossen. Sein Hass, seine Wuth brach aus allen Schranken hervor. "Bindet ihn weckt das Dorf ruft den Richter herbei!" rief er wie rasend. Seine Natur trieb ihn an, fruher an Reginald's Bestrafung, wie an Ludwig's mogliche Rettung zu denken.
Doch die Diener der beiden jungen Leute, innig von der entsetzlichen Begebenheit ergriffen, versahen das Werk der Menschlichkeit. Der Kammerdiener Ludwig's riss ihm die Kleider auf, er wusch das Blut von der Wunde; doch ein Blick reichte bin, von jedem Rettungsversuche abzustehen. Mit der grossten Sorgfalt hatte der beste Schutze sein Ziel nicht sicherer treffen konnen, als Reginald's im Schlaf abgeschossenes Pistol, das mitten durch das Herz traf!
Als die treuen Diener diese traurige Ueberzeugung erlangt hatten, legten sie die heiss beweinte Leiche ihres jungen Herrn auf die grosse Tafel des Banketsaales und beschaftigten sich nun mit Reginald, der noch immer leblos auf dem Boden lag; denn Niemand theilte die Meinung des Marquis Niemand hielt den jungen, verehrten Herrn des Mordes fahig!
Souvre war indessen zu den gewaltsamen Mitteln geschritten, die seinem Grolle zusagten. Er liess von seinen Leuten die Thure bewachen und Andere schickte er nach dem Flecken, die Gerichtspersonen zu holen. Was indessen in ihm vorgehen mochte, als er den alten Saal, den Schauplatz so vieler Schrecken, auf und nieder wandelte, werden wir begreifen, wenn wir denken, dass er, sobald die Abreise der jungen Leute der Marschallin bekannt ward, dieser das erlauschte Gesprach seines Kammerdieners mittheilte, woraus hervorging, dass Beide den Weg nach Ste. Roche genommen hatten, von welchem Orte Reginald, wie aus dem mit Ludwig gefuhrten Gesprache sich ersehen liess, wichtige Mittheilungen musste erhalten haben. Diese Reise wollte die Marschallin um jeden Preis hindern, und Souvre, dem Junglinge so bitter zurnend, entschlossen, ihm jeden Vortheil zu rauben, war schnell erbotig, sie einzuholen, und dann entweder ihre Ruckkehr zu erzwingen, oder Ludwig allein nach Paris zu fuhren. Der Vorsprung, den Beide hatten, ihre jugendliche Eile, das bose Wetter, welches den Marquis noch heftiger getroffen, verzogerte seine Ankunft bis wenige Augenblicke vor der entsetzlichen Katastrophe, die das Lebensgluck so Vieler entschied.
Schon brach der Morgen mit seinem fahlen Lichte an; der sturmdurchwuhlte Himmel sandte einen verwirrenden Wechsel von Licht und Dunkelheit; die Kerzen verglommen. Reginald regte sich; der Ungluckliche sollte erwachen! Nicht lange blieb sein Bewusstsein aus. Betaubt seufzend blickte er die treuen Diener an, die sich weinend um ihn bemuhten; er richtete sich auf, und mit dem ersten Blick umher, stiess er einen wilden Schrei aus, der selbst Souvre durch alle Nerven drang. "Ludwig, Ludwig!" rief er, halb ahnend, halb fragend, und ergriff krampfhaft die Arme der mitleidigen Diener, die ihn halten wollten.
"Lasst ihn nicht entfliehen!" rief Souvre, als sie vor dem hastig Vorschreitenden zurucktraten, "der Bosewicht muss in Ketten gelegt werden!" Aber Reginald horte und verstand ihn nicht, ja, er erkannte ihn wohl kaum; denn der schwachliche Marquis flog wie ein Zweig, den man zuruckschlagt, von seiner Hand bei Seite, als er ihm in den Weg treten wollte.
Wie ein Gespenst, mit Blut uberdeckt, bleich und entstellt, eilte der ungluckliche Jungling vor und suchte den Bruder. Noch war seine Vorstellung nicht klar, nur wie von einer dunkeln, schweren Last fuhlte er sich niedergebeugt und suchte ahnungsvoll den Bruder, damit Erklarung erwartend. Er erblickte den Kamin, an dem Beide gesessen; aber indem er darauf zusturzen wollte, streifte er die Tafel, worauf der Entseelte ruhte.
Er sturzte wildschreiend darauf hin er rief mit allen Tonen der Verzweiflung seinen Namen, er ergriff seine Hande, sein Haupt und verwechselte den entsetzlichen Traum mit der Wirklichkeit. An Ludwig's Tod begann er zu glauben; aber wie es geschehen, konnte er nicht fassen. Hande ringend blickte er Alle an. "Wer wer hat das gethan?" rief er mit erschutterndem Jammer. "Spinola? Das Ungeheuer, unter seinem Mantel trug er das Haupt! Aber Ludwig's Haupt liegt nicht getrennt aus der Brust fliesst das Blut sagt, sagt, habe ich geschossen? Ja, ich hatte das Pistol! Ich ich habe den Schuss gehort! Spinola, Spinola, Du hast meine Hand gefuhrt! Du Du bist sein Morder!" Ausser sich sturzte er auf Souvre zu, der in demselben Augenblicke mit den Gerichtspersonen des Fleckens Ste. Roche naher trat. Wuthend fasste er den Marquis: "Gestehe, gestehe, Deine Mutter war eine Spinola! Rache, Rache hat Dich geleitet Du hast den Erben der Crecy-Chabanne getodtet Du wolltest dies unschuldige Geschlecht ausrotten, dem Ahnherrn zur Suhne! Doch zittere, zittere! Ich lebe ich bin der alteste Graf Crecy-Chabanne ich werde ihn rachen, Ludwig Ludwig meinen theuern Bruder!" Hier tauchte sein Gefuhl in dem tiefsten Schmerz unter; er sturzte aufs neue uber Ludwig's Leiche, und krampfhaftes Schluchzen erstickte jedes weitere Wort.
"Mein Herr," sagte der Richter von Ste. Roche zu dem Marquis de Souvre, der von Reginald's letzter Rede wie vom Blitze getroffen stand "soll das der mir bezeichnete Morder sein?"
"Ich glaube," sagte Souvre zerstreut und kaum horbar. Fennimor's Sohn hatte aufs neue den Schleier von seinem Inneren weggerissen, den er sich selbst kaum zu luften gewagt. Zwei Mal, unter demselben Dache, von der Mutter und dem Sohne, ward der jahe Blitz der Wahrheit in seine schwarze Seele geschleudert, dass er sie erkennen musste! Ja, seine Mutter war eine Spinola, die Enkelin des hier gemordeten Spinola; oft hatte sie dem Sohne die Geschichte des Ahnherrn erzahlt, oft ihr Eigenthumsrecht uber das Besitzthum der Crecy ausgesprochen, und in Souvre's Herzen hatte sich mit der Begierde zum Reichthume und der Unmoglichkeit, ihn in Rechtsanspruch zu nehmen, der finstere Groll genahrt gegen dieses ihn beraubende Geschlecht. Doch uberdeckt von der gesellschaftlichen Bequemlichkeit, die dies zu Glanz und Ehre erhobene Haus gewahrte, hatte schon die Mutter ihm die Anweisung zur Verstellung gegeben, die er lauernd, Boses schurend, zu benutzen wusste, wie wir es erfahren haben. Doch woher wusste der Jungling dies? Souvre hatte den zufalligen Streit vergessen, der zwischen ihm und Fenelon in Gegenwart der Junglinge einst vorfiel, und worin er, von seinem Hasse uberrascht, sich seiner Anrechte auf das von Ste. Roche stammende Vermogen geruhmt; er aber glaubte u b e r a l l die Andeutungen vermieden zu haben, als kenne er das Schicksal der Seinigen. Wie konnte es nun der Jungling wissen? Ein Grauen fasste ihn unwillkurlich; er ware gern entflohen! Fennimor's Sohn trieb den sicheren Streiter eben so, wie s i e einst, aus der festen Bahn, dass ein Stillstand im raschen Vorschreiten eintrat ein lastiges Erschrekken vor sich selbst.
"Mein Herr, Sie mussen sich erklaren!" wiederhol
te der Richter das oft Gesprochene. "Bleiben Sie dabei, diesen Jungling als den Thater, als vorsatzlichen Thater zu bezeichnen?"
"Ja," rief Souvre, jede Unsicherheit abschuttelnd,
mit dem Siege der Holle in der frohlockenden Stimme "ja, er ist der Morder! Hierher hat er ihn, gegen den Willen der Seinigen, absichtlich gelockt, die schwarze That zu vollfuhren; und zu spat musste ich kommen, sie zu verhindern."
Der Richter warf einen prufenden Blick auf Souvre,
dann sagte er kalt: "Ich habe blos den augenblicklichen Thatbestand zu Protokoll zu nehmen. Die ungluckliche Begebenheit wird bald in andere Hande ubergehen. Sie scheint mir sehr verwickelt; doch muss ich darauf aufmerksam machen, wie wichtig das erste Zeugniss ist, wie sehr wir uns huten mussen, mit vorgefasster Meinung hier zu Werke zu gehen; denn erwiesen ist hier nur der Tod!"
"Erwiesen," rief Souvre "ist absichtlicher Todtschlag! Denn wir fanden den jungen Bosewicht mit dem Pistol in der Hand vor dem schlafend Ermordeten."
Der Richter schwieg und blickte auf die weinenden Diener: "Haltet Ihr den jungen Herrn dort fur den Morder?"
"Nein, nein, unmoglich! Sie liebten sich so sehr!" so erscholl es aus Aller Munde.
Souvre wollte sprechen; doch seine Klugheit kehrte zuruck er hielt ein. "Mein Herr, hier handelt es sich nicht um unsere Meinungen," rief er, anscheinend ruhig "untersuchen Sie!"
Der Richter beorderte den Schreiber mit seinen Papieren an dasselbe kupferne Tischchen mit eingelegten Bildern, an dem einst Katharina von Medicis mit Spinola und Theophim zu spielen pflegte, an dem die jungen Leute so eben in bruderlicher Eintracht gesessen, und an welchem jetzt der Eine zum Morder des Andern erklart werden sollte. Die Aussagen der Diener waren bald verzeichnet. Sie konnten, so widerstrebend es ihnen auch war, ein boses Motiv unterzulegen, doch nicht ablaugnen, dass Reginald hauptsachlich mit Hast und Ungeduld die Reise betrieben und die Bitten des Priors im Kloster Tabor, dort das Ungewitter abzuwarten, zuruckgewiesen habe. Dagegen bezeugten sie freudig das innige Einverstandniss der beiden jungen Leute, erzahlten die Sorgfalt Reginald's fur den ermudeten Ludwig und uberzeugten den Richter bald, wie viel mehr bei diesen Aussagen ihre Neigung und Ueberzeugung zusammenfiel. "Und dieser Schmerz," sagte der Richter ernst "bezeichnet er wohl den Morder?"
"Ha," rief Souvre "es ist die Reue, die naturlich der jetzt ertappten Schandthat nicht fehlen kann!"
Der Richter nahete sich indess dem Angeklagten, der im wahnsinnigsten Schmerze noch immer laut schluchzend uber der Leiche lag.
"Richtet Euch auf, junger Mann," rief der Richter "antwortet uns!" Reginald fuhr empor.
"Ja, ja," rief er mit der schrecklichen Zerstreutheit, die der Vorbote des Wahnsinnes zu sein pflegt "sprecht zu mir! O, sagt mir die Wahrheit Ihr habt weisses Haar Ihr durft nicht lugen o, das ist schon das Alter ist auch weise, und was vorgeht in der Welt, hat es gepruft. Sagt mir, ich bitte Euch bei Eurer Seele Seligkeit habe i c h ihn getodtet, oder Spinola, der schreckliche Rothmantel, der Ahnherr des Marquis de Souvre?"
Er bog sich weit vor, um forschend das Gesicht des Richters zu prufen, und als dieser in ernstem Schweigen vor ihm stehen blieb, fuhr er bittend fort: "Sag', das Pistol das Pistol, sag', wie war das? Der Rothmantel brachte mir Ludwig's geliebtes Haupt. Gott der Barmherzigkeit, da schoss ich! Habt Ihr's gehort? Habt Ihr den Schuss gehort? Sprich, alter Mann! Dir will ich glauben hat dieser Schuss meinen Bruder getroffen?" Ein lautes Geschrei krampfhaft zerrissen von Schluchzen brach bei diesen Worten aus seinem Munde.
Der Richter schuttelte schmerzlich das Haupt. "Gott weiss," sagte er halb vor sich hin "der beging keinen absichtlichen Todtschlag! Junger Mann," fuhr er dann lauter fort "sammelt Eure Lebensgeister! Ihr musst mir Antwort geben wir wollen nicht Schuld wir wollen Wahrheit entdecken! Ich ich horte den Schuss n i c h t und weiss nicht, ob er aus Eurem Pistol kam."
"Nicht? nicht? Du hortest ihn nicht? Du sahest mich nicht?" schrie Reginald, auf ihn zusturzend; "o, dann dann bin ich es vielleicht nicht dann fiel vielleicht kein Schuss wenigstens nicht aus meinem Pistol!"
"Wozu die Heuchelei!" schrie Souvre, emport uber die milde Weise des Richters "i c h horte i c h sah es! Elender, ich traf Dich, das Pistol auf Deinen Freund gerichtet ich horte den Schuss, ehe ich die Thur offnete."
Aber ehe der Richter noch antworten konnte, sturzte Reginald auf Souvre zu, er griff ihn und schuttelte ihn mit der Gewalt des Wahnsinnes.
"Ungeheuer," rief er "Du lugst! Dein ganzes Leben ist Luge und Verbrechen! Du hast meine Mutter getodtet Du hast ihren Gatten zum Verbrechen gefuhrt Du hast mich, den rechtmassigen Erben, zum Bastard gemacht Dein Zeugniss gilt nicht! Denn D u bist die Luge selbst Du bist der Rachegeist des Spinola des furchterlichen Rothmantels, der es mir so eben selbst gesagt!"
Bis dahin hatte keiner der Diener den Marquis zu befreien gesucht. Niemand liebte ihn, und die gehassige Stellung, die er hier, einem Geheimnisse und dem angebeteten Junglinge gegenuber, einnahm, liess ihnen den heftigen Ausbruch desselben fast zur Befriedigung gereichen. Doch eben hatten sie Worte vernommen, die zu sichtlich den Stempel des Wahnsinnes trugen; erschrocken befreiten sie den zitternden Marquis.
"Bindet ihn! Bindet ihn!" schrie Souvre, fast erstickt in Wuth "er ist wahnsinnig wahnsinnig!"
"U n d u m s o w e n i g e r v i e l l e i c h t s c h u l d i g !" rief der Richter.
"Genug, mein Herr, genug! Ich erklare sie ihres Geschaftes hier dispensirt; das Recht wird sich finden es wird ohne Sie gehandhabt werden."
Souvre ergriff die unvollendeten Blatter des Protokolls. Der Richter verneigte sich und schied schweigend und erschuttert aus seiner Nahe, die Blicke noch voll Ruhrung auf das nothwendige Opfer dieser schrecklichen Begebenheit gerichtet. Der Marquis befahl augenblicklich, die Leiche in einen der Reisewagen zu tragen, und Reginald gebunden und bewacht daneben zu setzen. Langsam sollte dieser Zug erfolgen er wollte nach Ardoise voran, um die traurige Vorbereitung zu ubernehmen.
Doch, ob die Bemuhungen der Diener nur gering ob Reginald's Widerstand so machtig war sie erklarten dem Marquis, ihn zu binden sei unmoglich; und da er ihres guten Willens bedurfte und das Hinderniss in i h n e n argwohnte, so begnugte er sich mit dem Befehl an seinen eignen Kammerdiener, ihn im Wagen zu bewachen. Es war ein unnutzes Gebot! Fest hielt Reginald die theure Leiche umklammert; ohne auf eine Vorstellung zu achten, schien er das unerklarliche, das schreckliche Geheimniss dieses Todes nur an dem leblosen Busen des Lieblings ergrunden zu wollen, hier allein von der wahnsinnigen Angst erleichtert zu werden, die seinen Verstand bedrohte. So ging die Reise langsam, aber unaufhaltsam fort. Souvre eilte voran; doch erreichte er erst am anderen Morgen, bei vorgeschrittener Zeit, Ardoise. Hier musste er zu seinem grossen Verdrusse erfahren, dass sammtliche Herrschaften Tag's vorher nach MontReal, dem Stammschlosse der Familie d'Aubaine, aufgebrochen seien, und man sie erst zur Tafel zuruck erwarte. Um diese Zeit musste auch die Leiche eintreffen; Souvre sah die Gefahr der Ueberraschung ein und beschloss, augenblicklich ihnen entgegen zu reisen, und mit Hulfe des Grafen die Uebrigen aufzuhalten, bis sie das Unvermeidliche erfahren. Doch der geschaftige Zufall drangte sich auch hier zwischen die Beschlusse des Marquis!
Die Familie war schon fruher von Mont-Real aufgebrochen, um ein seitwarts liegendes, erst kurzlich vom Grafen d'Aubaine erbautes, kleines Jagdschloss zu besehen, welches die Damen noch nicht kannten. Dies machte, dass sie den Marquis de Souvre verfehlten, der erst spater einigen auf geradem Wege zuruckkehrenden Dienern begegnete und von ihnen die Abschweifung der Herrschaften erfuhr. Damit war wahrscheinlich Alles verloren! Souvre liess, so rasch die Pferde laufen konnten, umwenden; wir werden erfahren, wann er eintraf.
Die Marschallin, Madame d'Aubaine und ihre beiden Tochter fuhren in einer bequemen Jagdkarosse, wie sie in Versailles Mode waren, von der Besichtigung des kleinen Waldschlosschens nach Ardoise zuruckkehrend, durch den schonen, herbstlich kolorirten Buchenwald, der in den Park uberging, und an ihrer Seite ritten die beiden Grafen d'Aubaine, Vater und Sohn, begleitet von Jagern und Stallleuten.
Franziska reizte durch ihre tief bekummerte Stimmung die uble Laune der Marschallin in hohem Grade; sie kannte die Ursache dazu und zugleich uber Souvres Sendung in hochster Spannung, trachtete sie nur darnach, Alles zu verbergen, was in ihr vorging, und fuhrte mit besonderer Lebhaftigkeit die Unterhaltung. Als man in den Schlosshof einfuhr, erkannte die Marschallin die Reisekutsche ihres Enkels, welche angespannt im Hofe stand.
"Mein Enkel ist zuruckgekehrt!" rief sie, sichtlich erfreut "Souvre wahrscheinlich auch!"
Dagegen bemerkte der Graf d'Aubaine mit Erstaunen, dass die Diener aus dem Hause nicht, wie es Sitte war, zum Empfange ihrer Herrschaften ihnen entgegen eilten, um den Wagen zu offnen, sondern dass die bestaubte Reisebegleitung diesen Dienst versehen musste. Franziska verliess zuerst den Wagen. Ihr ahnendes Herz durchbrach die strengen Formen, die sie am Wagen festgehalten hatten sie eilte mit fluchtigen Schritten der Entscheidung ihres Schicksals entgegen. Der Portikus des Hauses war mit allen Bewohnern gefullt, Niemand beachtete das Gerausch der ankommenden Herrschaften; in eine Gruppe zusammengedrangt, umgaben sie einen Gegenstand in ihrer Mitte. Doch die junge Grafin erkannte Reginalds laute Stimme, der in einer Heftigkeit, die ihren Ton seltsam veranderte, einzelne Worte und Reden ausstiess.
"Um Gottes Willen, was ist hier geschehen?" rief sie mit der hochsten Seelenangst und der Kreis der besturzten Menge wich bei ihrer, Allen so eindringlichen Stimme zuruck. Sie stand jetzt vor Reginald, der gluhend im Fieberwahnsinne, die Leiche des von der Reise bereits entstellten Ludwig, mit Riesenkraften an seine Brust gedruckt hielt.
"Reginald," rief Franziska uberwaltigt "was ist geschehen? Um Gottes Willen, wer ist das?"
"Franziska," sagte er, seufzend vor ihr niederknieend und alle Wogen seines brausenden Innern sanken bei ihrer Anrede zusammen. "Dich will ich fragen! Du Du wirst es begreifen Du wirst es mir erklaren ob Souvre, der Rothmantel oder ob ich der Morder bin?"
In diesem Augenblicke theilte sich der Kreis; die Herrschaften standen alle vor der entsetzlichen Scene!
"Reginald," rief Graf d'Aubaine "Chevalier stehen Sie auf!" fuhr er heftig fort "zu welcher unschicklichen Scene gebrauchen Sie hier meine Tochter!"
"Unschicklich?" rief Reginald "Thor, sage entsetzlich! schrecklich! Ist denn sein Tod unschicklich? O, sage lieber das jammervollste, grausamste Elend der Erde!"
"Wer wer ist die Leiche, die der Wahnsinnige halt?" stammelte die Marschallin und drang mit Heftigkeit vor. Doch Graf d'Aubaine vertrat ihr den Weg er wollte sie wegfuhren, aufhalten; die entsetzliche Wahrheit, dass dies ihr Enkel sei wie entstellt er auch war tagte in ihm! Er bat, sich rasch an seine Gemahlin wendend, dass die Damen die Halle verlassen mochten; doch nur Madame d'Aubaine war dazu bereit; mit Eifer stiess die Marschallin den Grafen zuruck, wahrend Franziska wie am Boden gewurzelt vor Reginald stand und keine Aufforderung horte, die an sie erging.
Es hatte sich indess der Kammerdiener des Marquis de Souvre dem Grafen genaht und ihm einen Theil der Wahrheit fluchtig mitgetheilt. Die Marschallin horte einzelne Worte sie schritt vor. "Mein Enkel," sprach sie zitternd "ein Mord sagst Du wer wer wo ist Dein Herr?"
"Ich glaubte ihn hier zu finden," sprach der Kammerdiener. "Ja," riefen mehrere Stimmen "er war hier und fuhr der Herrschaft nach Mont-Real entgegen."
"Fragen Sie den Menschen dort?" sprach die Marschallin, am ganzen Korper zitternd und auf Reginald zeigend. Doch ein Blick dahin zerstorte die wenige Fassung, die sie noch behaupten wollte; sie sturzte vor riss die Leiche selbst von Reginalds Brust, die sie ihr verhullte, und erkannte trotz der Entstellung die Leiche des Enkels den einzigen ihrem Ehrgeize noch lebenden Grafen Crecy-Chabanne!
Ihre Zahne schlugen zusammen; sie hatte keinen Laut in der Kehle. "Ja, es ist Ludwig Dein Enkel!" rief Reginald. "Er ist todt ermordet; mein theurer Bruder ist todt und Niemand weiss, ob Souvre oder ich ihn ermordet habe!"
"Du Du, Elender Du sein Morder?" Mit diesen Worten, den ersten, die sie ihm jemals gonnte, brach der Starrkrampf ihrer Lippen. "Mein Enkel todt todt! Durch Dich getodtet! Schlange, die Du Dich unter uns genahrt warum hast Du ihn Deiner Bosheit geopfert?"
"Halt!" rief Reginald und liess seine Arme langsam los, da mehrere Diener sich bemuhten, die Leiche ihm zu entwinden. "Arme alte Frau, Du dauerst mich um Deiner Schmerzen Willen! Aber Du weisst nicht, was Du sprichst; ich werde es Dir sagen spater spater doch jetzt bin ich krank mein Kopf ist wust! Ich war ja sein Bruder Du weisst es! Sein altester Bruder war ich an dem Du Dich so sehr versundigt hast, bose alte Frau!"
Die Marschallin sah das ruhige, hinsterbende Antlitz Reginalds, und ihr klarer Verstand uberraschte sie gegen ihren Willen mit der Ueberzeugung er sei der Morder nicht! "Wer ist der Morder?" stammelte sie.
Reginald fasste an seine immer bleicher werdende Stirn. "O," sprach er mit den herzzerreissendsten Tonen des Schmerzes "das kann ich nicht ergrunden, so sehr ich mich darum bemuhe! Wer mir das sagte! Wer mir sagte ich sei es nicht! Aber Einer muss es sein entweder der Rothmantel, der Spinola, oder Souvre, der Bosewicht, der schon meine Mutter todtete oder ich selbst!"
Da stiess Franziska einen Schrei aus sie trat dicht vor ihn hin "Reginald," rief sie, "Du bist es nicht; nein, nein, Du bist kein Morder!"
"Und doch und doch ist er der Morder!" schrie plotzlich eine nur zu kenntliche Stimme und Souvre stand unter ihnen. "Graf d'Aubaine, ich fordere Sie auf, augenblicklich gerichtlich uber diesen Menschen zu bestimmen; er ist der Morder des Grafen Crecy! Ich kam zu spat, das Verbrechen zu hindern. Er hatte ihn nach Ste. Roche gelockt ich kam in dem Augenblicke an, wo der Schuss fiel, und fand ihn noch mit aufgehobenem Pistol vor seinem Opfer."
"Sag' sag' D u " rief Franziska mit brechender Stimme "ich will nur Dir glauben sag' antworte ihm ermanne Dich! Nein, Du bist der Morder nicht!"
"Gebe Gott, dass ich es nicht bin!" seufzte Reginald; "aber es war mein Pistol und Alle haben den Schuss gehort." Er schien sich noch ein Mal aufraffen zu wollen; plotzlich brach er zusammen. Leblos sturzte er zu Franziska's Fussen.
"Uebergebt dies Ungeheuer den Gerichten!" rief die Marschallin "saubert die Luft von dieser Pest!"
Graf d'Aubaine schwieg; Souvre befahl, den Verbrecher aus dem Schlosse zu bringen.
"Vater," rief Franziska, "er ist dennoch der Morder nicht!"
Zornig fuhr der Graf auf. Er befahl ihr, augenblicklich sich hinweg zu begeben. Alle Frauen wurden von seinen Worten erschreckt. Selbst die Marschallin liess sich hinweg fuhren; nur Franziska blieb, als habe sie nichts gehort, neben ihrem Vater stehen; und als er dies sanfte, folgsame Kind so sicheren Widerspruch mit so festem Vertrauen gegen ihn behaupten sah, wendete er sich sanft und geruhrt zu ihr, indem er seine Hand auf ihr kaltes, entstelltes Gesicht legte: "Vertraue mir, Frauziska, und zeige Dich fest und wurdig; auch ich glaube nicht, dass er der Morder ist, und werde ihn danach behandeln!"
O, welch ein Blick herzzerschlagener Ergebung traf ihn da aus ihren truben Augen! Nach einigen vergeblichen Versuchen zu sprechen, lallte sie endlich: "Denn er ist krank, Vater und von Sinnen!"
"Ja, ja, mein Kind! Geh' jetzt auch D u bist krank." Diese Worte vollendeten den Zustand, der nur bis dahin von der Seelenangst bewaltigt war; sie schloss die Augen; ihre Frauen trugen sie nach ihrem Zimmer.
Der Graf d'Aubaine stand als Hausherr in dem wild kreisenden Strudel von Anforderungen, die, einem so entsetzlichen Ereignisse gemass, alle eine leidenschaftliche Uebertreibung zeigten, die ihn zwar nur zufallig, aber dennoch unabweislich in den verschiedensten Richtungen, zu Entscheidungen nothigte, da er sich, wenn auch selbst tief getroffen, doch fur den Besonnensten, den Absichtslosesten erkennen musste. Es kam in diesen ersten, unbewachten Augenblicken dabei Manches zur Kenntniss des Grafen, was ihn uberraschte und seine Vorsicht und Beobachtung scharfte.
Die Marschallin machte so heftige korperliche und geistige Zustande in Zeit von vierundzwanzig Stunden durch, dass der Zugel der Selbstbeherrschung, den sie sonst nie aus der Hand verlor, kein Bandiger ihrer so jah aufgestorten Leidenschaften war, und Graf d'Aubaine hatte bei aller Theilnahme doch mit Widerwillen einen bosen Sinn, ein mehr rachsuchtiges, als kummervolles Herz erkannt. Durch diesen Eindruck ward es ihm auch leichter, dem Marquis de Souvre zu begegnen, der, umsichtiger als die Marschallin, den Grafen zu ubersehen glaubte und seine Schritte seinem Willen gemass zu lenken hoffte. Die Marschallin war namlich mit sich einig geworden, diesen Mord so offentlich, als moglich zu machen, um dadurch einen unausloschlichen Makel auf Reginald zu werfen, der ihm vielleicht das Leben kosten konnte wenn nicht, doch den burgerlichen Tod unbezweifelt bereiten musste. Sie glaubte, eine solche Schranke um so nothiger auffuhren zu mussen, da sie ihn von seiner Geburt unterrichtet halten musste, diesen Mord als eine Folge ansah, und in der Schwache seines Vaters eine wahrscheinliche Gefahr ahnte, dass die Zeit seine bedrohlichen Anspruche noch dereinst ans Licht ziehen konnte. Dazu war sie aber ohne den kleinsten Zweifel entschlossen, lieber den beruhmten Namen Crecy-Chabanne aussterben zu sehen, als ihn in diesem durch seine Mutter ihr entehrt scheinenden Abkommling fortbestehen zu sehen. Diese Anspruche jedoch uberhaupt als leere Erfindungen zu laugnen, ihre geringste Kenntniss derselben wenigstens bestimmt abzuweisen, und dadurch auch ihre Berechtigung in Zweifel zu stellen, wenn sie ihr je bis zu Erklarungen nahe geruckt wurden, war die vorlaufige Richtung, die sie ihren Gedanken gegeben hatte, nachdem die maasslose Aufregung der ersten Stunden von ihrer Geisteskraft wieder eingefangen war.
Es blieb ihr ein grosser Trost, dass der Graf d'Aubaine die Aeusserungen Reginald's, die, bei dem ersten Zusammentreffen mit der Marschallin, auf seine Geburtsanspruche hingewiesen hatten, entweder uberhort, oder auf die Rechnung des Wahnsinnes geschoben hatte, von dem er ihm ergriffen geschienen. Sie schonte ihn dagegen eben so, indem sie ihm keine Frage uber Franziska that, die aus dem truben Kreise der Hausbewohner verschwunden war. Dagegen hatten ihre raschen Schritte nach Aussen hin den Widerstand des Grafen zu erfahren, indem er mit mehr Scharfblick, als sie ihm zugetraut, die traurige Weitlaufigkeit eines Prozesses darthat, der, fast zwecklos, nur mehr Leiden herbeifuhren musste und kaum eine so bestimmte Entscheidung erwarten liess, dass die traurige Thatsache ausser Zweifel hervortreten werde. Aber die Marschallin hatte Grunde, diesen Prozess herbeizufuhren, die sie aber nicht aussprechen durfte; und der Graf d'Aubaine hatte fur diese Oeffentlichkeit Befurchtungen, die er verschwieg, weil sie sein eigenes Interesse beruhrten und die in der Moglichkeit beruhten, dass bei der dem Richter zustehenden Erforschung der Grunde, die dem Angeklagten zur Last fallen mussten, seine Tochter erwahnt werden konnte; da er selbst die Liebe der beiden jungen Leute, die sich in einem Gegenstande begegnet war, heimlich als ein wahrscheinliches Motiv dieser entsetzlichen Katastrophe ansah. Da Beide so mit verdeckten Karten gegen einander spielten, musste nothwendig die Marschallin gewinnen; denn sie hatte schlagendere Wendungen zu machen und sie versaumte keine! Der Courier war abgesendet, der zugleich dem unglucklichen, wenig geschonten Vater die Meldung des Todes, mit der Bezeichnung Reginald's als Morder, machte und eine Anzeige anbefahl, die den KriminalHof von Paris zur gerichtlichen Einmischung aufforderte. Bei allen diesen raschen und gebieterischen Handlungen zeigten sich die beiden Verbundeten, der Marquis de Souvre und die Marschallin, nicht vollkommen einig, und Ersterer sah das zornige Dahinsturmen derselben mit Besorgniss und nicht, ohne sich dagegen aufzulehnen. In einer ihrer geheimen Zusammenkunfte sagte er deshalb: "Wir spielen doch ein gewagtes Spiel, diese Kreatur aus ihrem Dunkel zu ziehen! Wenn dieser Mensch durch Emmy Gray von seiner Geburt unterrichtet ist, wird er durch diese gerichtliche Procedur von uns eigentlich erst dahin gestellt, wo er auch zugleich seine Anspruche geltend machen kann; was er nur wunschen wird. Denken Sie, Madame, welch' ein Aergerniss, wenn Sie diese auch nur bekampfen mussten!" "Ha, mein lieber Marquis, worauf stutzen sich denn solche Anspruche? Hat mir denn nicht Lord Gersey sein Wort gegeben, dass er das Zeugniss des Kirchenbuches in Stirlings-Bai vernichten liess? Und hier das Zeugniss von der Geburt dieses Geschopfes, was beweist es anders, als dass es ein Kind war, dem der wahre Name nicht zustand! Haben Sie mir das nicht selbst gesagt?"
"Gut, Madame; aber welche Sicherheit giebt Ihnen Ihr Herr Sohn? Wird er nicht, von diesem jungen Bosewichte gedrangt, Alles eingestehen? Und wird das Eingestandniss des Grafen nicht alle Kirchenbucher hinlanglich ersetzen?"
"Ich werde ihm mit meinem Fluche drohen, wenn er dies wagt!" rief die Marschallin, ausser sich; "aber ich werde ihn entfernt halten, dass das nicht moglich ist; man macht ihn krank man verdachtigt seinen Verstand; glauben Sie mir, ich werde Mittel finden, dies von mir abzuhalten!"
"Ich darf daran allerdings nicht zweifeln," sagte Souvre hohnisch "da Euer Gnaden uber die Mittel nicht schwierig sind, wie ich hore. Doch besser ware es gewesen, den guten, schwachen Leonin auf seinem Schlosse zu lassen; wozu ihn hierher berufen, wenn seine Anwesenheit Gefahren bringt?"
"Welch' Geschwatz!" rief die Marschallin ungeduldig; "bleibt der Gemordete nicht sein Sohn? Kann ich den Schutz der Gesetze aufbieten und den Vater dabei ubergehen? Ausserdem wusste ich, dass ein bedeutendes Erkranken ihn an das Bett fesselt. Ich beklage das in diesem Augenblicke nicht; die Form ist beobachtet, und die Sache wird nicht durch ihn gestort werden."
"Sie uberbieten mich immer, meine Gnadigste!" erwiederte Souvre. "Man kann Ihnen in Ihren kuhnen Combinationen nicht folgen; vorzuglich, wenn man noch immer so, wie ich, einen lacherlichen Rest von Menschlichkeit mit sich herum schleppt und so mauvais ton ist, mutterliche Weichheit in Euer Gnaden anzunehmen."
"Ich dispensire Sie von Ihren Reflexionen uber mich, Herr Marquis," sagte die Marschallin mit dem Versuche, ihm zu imponiren. "Wer, wie ich, die Ehre einer Familie, die dem Throne so nahe steht, zu schutzen hat, kann von Personen in anderen Verhaltnissen nicht immer verstanden werden."
"Vollkommen richtig," sagte der unerschutterliche Marquis "ich zum Beispiel verstehe weder diese Ehre, noch die Mittel, sie zu schutzen. Doch das thut Nichts. Immer jedoch, Madame, komme ich darauf zuruck, dass wir diesen jungen Menschen reizen werden, Alles zu sagen, was er irgend hervorbringen kann."
"Und ich zweifle nicht, dass dies Geschwatz eines unbekannten Menschen, der so sehr verdachtig ist durch die Anklage, die so eben uber ihm schwebt, nicht aufkommen wird gegen das Zeugniss einer Frau, die meine Stellung in der Welt einnimmt. Wir behalten immer Recht, wenn ein Zeugniss aus diesen niederen Standen, zu denen seine Mutter, also auch er gehort, gegen uns aufzutauchen wagt. Lehren Sie mich unsere Stellung nicht kennen!"
Diese Unterredung endete, wie jede fruhere. Man trennte sich mit erhohtem Hasse, mit dem Gefuhle der Last und der nothwendigen Hulfe, die man an einander hatte; und Jeder behielt seine Meinung.
Unterdessen schien es, dass das Opfer dieser Maassregeln, von Gott selbst aus der Gewalt seiner Feinde erlost werden sollte. Ein hitziges Fieber zerstorte die Jugendblute des unglucklichen Junglings, der noch wenige Tage fruher eine Zierde der Menschheit, ein verschwenderisch ausgestatteter Liebling des Himmels schien. Ihm ward die Sorgfalt und Pflege, die in einem so edlen Hause zu erwarten stand; der Graf liess ihn behuten und bewachen; ja, er selbst nahm zuweilen in dem Zimmer des Kranken Platz und horte mit Erstaunen, den Wahnsinn des Gequalten die fern liegendsten Dinge mit der Gegenwart und mit Einbildungen uber dieselbe, wie der Graf wahnte, verknupfen, die jedoch alle theils von Liebe fur den Verstorbenen, theils von Schmerz uber seinen Tod erfullt waren.
Von da wandelte der ungluckliche Vater nach den stillen Gemachern Franziska's. Er fand hier taglich dieselbe ruhrende Erscheinung. Sie ward nicht krank; es war ihr wenigstens nicht zu beweisen, dass sie es war. Sie liess sich jeden Abend entkleiden und bestieg ihr Bett; aber nach kurzem Schlummer sass sie dann, bis der Morgen anbrach, in ihrem Bette aufrecht, ohne ein Zeichen der Theilnahme. Ihre alte Amme, die sie allein zu horen schien, offnete dann die Fenster; und aus ihrer Hand nahm sie ein wenig leichte Nahrung. Dann schien sie alle Tage von derselben Idee getrieben zu werden; sie stand hastig auf und begehrte dasselbe blaue Atlaskleid und die weissen Rosen zum Haarputze, und erwartete so angezogen, an dem niederen Balkon sitzend, ihren Vater. Sobald er eintrat, ging sie ihm entgegen und schmiegte sich an seine Brust mit einem Lacheln, das dem schon fest eingegrabenen Schmerzesdruck auf Stirn und Auge einen Werth der Liebe verlieh, den der ungluckliche Vater tief empfand, und der ihn weicher und hingebender machte, als er es je in sich gekannt. Er sagte einige Worte uber Reginald's Befinden und fur diesen Augenblick schien sie gelebt zu haben! Dies Erwarten des Vaters, dies Aufhorchen seiner Worte war das einzige Eigenmachtige an ihr; dann blieb sie nur ein zwischen Gehorsam und sanftem Widerstande getheiltes Werkzeug in fremder Hand, in tiefes, unablassiges Nachdenken versunken.
Es ward indessen dem Grafen kaum moglich, der Marschallin zu beweisen, dass eine gerichtliche Vorbereitung der Sache von seinen Gerichtsbeamten unzulassig sei; da der Angeklagte, als Fieberkranker, unmoglich in Verhor genommen werden konnte. Sie war in ihrem Schmerze von allen Damonen ihres Inneren so verfolgt, dass sie um jeden Preis eine Thatigkeit herbeizurufen trachtete; und Reginald's Krankheitszustand, der sowol den Prozess, wie sie selbst aufhielt, und sie an diesen einformigen Landaufenthalt fesselte, da sie uber Alles doch selbst Wache halten wollte, liess sie mit Jedem zurnen, der sie auf die Unmoglichkeit einer schnelleren Entwickelung hinwies.
So horte sie denn mit grausamem Vergnugen endlich die Nachricht, dass die Krankheit des Unglucklichen sich gebrochen habe, und seine Genesung bei seiner Jugend nicht lange zu erwarten stehe. Wenige Tage spater fuhr zu ihrer maasslosen Ueberraschung der Reisewagen ihres Sohnes in den Hof, der von einigen Kriminal-Richtern und dem nothigen Gefolge in einem zweiten Wagen begleitet ward. Von zwei Dienern gestutzt, in den Handen einen Stock, der ihn aufrecht erhalten musste, so wankte Leonin, Graf von Crecy-Chabanne der Vater des Gemordeten und des angeklagten Morders, dem theilnehmenden Grafen d'Aubaine entgegen, der, tief erschuttert von seiner traurigen Verfallenheit, ihn in einem Lehnstuhl in die fur ihn bereiteten Zimmer tragen liess.
Wir ubergehen die verschiedenen Scenen des Wiedersehens, die keinen versohnenden Anklang fur uns enthalten wurden, da Keiner die Gefuhle des Anderen theilte, und zwischen Mutter und Sohn eine nicht mehr zu uberdeckende Kalte obwaltete, die noch auffallender in einem Augenblicke ward, der Liebe und Theilnahme aus ihrem tiefsten Verstecke hatte hervorheben mussen.
Die Marschallin hatte Zeit gehabt, sich mit ihrem Schmerze einzurichten, und das gewohntere Gefuhl, jede erlittene Unbill an irgend wem zu strafen, machte das Gefuhl der Rache gegen Reginald zu einer ihr zusagenden Thatigkeit. Sie wusste daher ihr kaltes Herz unter religiosen Floskeln von Ergebung und Vertrauen zu verbergen und trat ihrem Sohne begierig, mit ihren fertigen Planen zu Reginald's Vertilgung, entgegen. Aber entweder war sein Schmerz, oder seine korperliche Abspannung zu gross, um sich zu bestimmten Aeusserungen erheben zu konnen; keinesfalls gelang es der Marschallin, eine Theilnahme zu erwecken, wie sie ihr nothig war; und nachdem sie mit Souvre vergeblich alle Mittel versucht hatte, ihn zu lenken, beschlossen Beide bei ihrer vertraulichen Mittheilung, von ihm Nichts mehr zu erwarten, sondern die Gerichtspersonen in Thatigkeit treten zu lassen, und ihn, so viel als moglich, ausser Wirksamkeit dabei zu setzen.
Der Graf d'Aubaine musste daher einwilligen, einen Saal des unteren Schlosses zu den Verhandlungen in Bereitschaft setzen zu lassen. Reginald war bereits ausser dem Bette, bei vollstandig wiedererlangter Geisteskraft, und bot kein Hinderniss mehr dar. Auch nahrte der Graf eine Sehnsucht, hiermit eine so trostlose Belastigung seiner Familie endlich aufgehoben zu sehen; da er allerdings die Nothwendigkeit einer ersten gerichtlichen Verhandlung in seinem Schlosse, von wo der Angeklagte ohne Gefahr noch nicht zu entfernen war, und bei der grosseren Nahe des trostlosen Schauplatzes dieses Vorfalles, wie aller zu versammelnden Zeugen, einsah und sich ihr nicht zu entziehen wusste.
Wahrend dieser Vorbereitungen hatte er Reginald nur auf kurze Zeit gesehen, um ihm die bevorstehenden Verhore mit der menschlichen Gute anzukundigen, die in seinem Herzen vorwaltete. Er fand ihn stets ruhig, mit dem tiefsten Ausdruck eines mannlichen Schmerzes, ohne Absicht, auf die Theilnahme des Grafen einzuwirken, oder die Anklagen zu beruhren, denen er, nach einzelnen Andeutungen, mit einer festen Ueberzeugung entgegen ging, die er eben so bei Anderen vorauszusetzen schien, ohne sie naher zu bezeichnen.
Als der Graf d'Aubaine am Tage des Verhors bei dem unglucklichen Kranken eintrat, fand er eine Pflegerin dort, von der seine Leute ihm nichts zu sagen wussten, als dass Herr St. Albans aus der Pachtung Tabor mit seinem Fuhrwerke sie hergebracht; und, nachdem er sich auf ihr ausdruckliches Gebot sogleich habe zuruckziehen mussen, sei sie nicht mehr von dem Kranken gewichen.
Sie war in steife, etwas fremdartige Trauerkleidung gehullt und trug einen auffallenden Ausdruck von kalter Strenge und finsterem Kummer in ihren verfallenen Zugen. Der Graf konnte sie nicht ohne Theilnahme betrachten, wozu er hinreichend Zeit behielt, da sie, in ihre eigenen, schwermuthigen Gedanken vertieft, auf nichts zu achten schien; denn der Kranke, an dessen Bette sie sass und an dessen entstellten Zugen ihre Augen hafteten, lag in einem leichten Schlummer, der ihre Thatigkeit fur ihn eingestellt hatte. Nachdem der Graf sie hinreichend beobachtet, trat er so nah, dass sie ihn bemerkte. Sie richtete einen einen dusteren, prufenden Blick auf ihn; dann zeigte sie auf den Kranken, als gebiete sie ihm Stille. Sie machte dem Grafen einen imponirenden Eindruck; ihre Personlichkeit ubte die Gewalt, die von einem entschiedenen Karakter ausgeht, und weder von Rang, noch Reichthum ihre Macht zu borgen hat. Die Sicherheit, mit der solche Personen ihren Weg verfolgen, macht ihnen unwillkurlich die minder starken Naturen dienstbar, und raumt ihnen eine Herrschaft ein, die sie uberall zu erwarten scheinen.
Doch in demselben Augenblicke machte der Kranke so unruhige Bewegungen, mit so angstlich stohnenden Lauten verbunden, dass sie ihm die Hand auf die Stirn legte, um ihn zu erwecken. "Ob Du den elenden Schlummer geniessest oder nicht," sagte sie mit dusterem harten Tone, und wie nur zu ihm redend "das ist nur eine andere Art von Qual, und eine, aus der Du Dich noch weniger retten kannst. Graf d'Aubaine," fuhr sie dann, sich zu ihm wendend, fort "glaubt Ihr auch, dass der arme Knabe dort ein Morder ist?"
Es lag in der Frage und in dem Blicke, mit dem sie von ihm fort zum wieder entschlummerten Reginald sah, eine verachtliche Herausforderung an die ganze Welt, die That ihr zu beweisen, die jede Sylbe ihrer Worte, jedes Zucken ihrer Muskeln verwarf; und die auf halbem Wege stehen gebliebene Ueberzeugung des Grafen ward dadurch mit fortgerissen, so dass sie sich aus seiner Brust hervordrangte, wie ein frei gewordener Strom, ihn selbst uberraschend, als er sein festes, ruhiges: "Nein!" horte.
"Da seid Ihr Euch denn selbst gerecht und erzeigt Euch einen grossern Dienst, als Ihr jetzt begreifen mogt; denn Gottes Fluch muss d i e treffen, welche die Hand noch gegen dies Kind ausstrecken.
Ihr scheint diese ungluckliche Begebenheit sehr genau zu kennen," erwiederte der Graf "der junge Mann scheint Euch nahe anzugehen?"
"So ist es!" erwiederte sie, mit einem ruhrenden Zucken von Schmerz; "und Euch will ich sagen, wie der Zusammenbang ist. Setzt Euch," fuhr sie fort "und befehlt Euren Leuten, dass sie uns ein Weilchen mit ihren albernen Gesichtern verschonen. Ich will nicht gestort sein, wenn ich an meinem Herzen reissen muss."
Der Graf that, wie sie befahl. Ihre unbeugsame Weise verrieth sich so bestimmt, dass er ihr nachzukommen trachtete, ohne ihrer Berechtigung zu gedenken.
Als er sich ihr gegenuber gesetzt hatte, sagte sie sogleich: "Meiner Tochter, Ellen Gray, habt Ihr einst Gastfreundschaft erzeigt; ich theile nicht die Meinung dieser Thorin, die Euch und die Eurigen fur hochmuthig hielt, und Ihr habt eben meinen Glauben bestatigt. Ich war die ungluckliche Dienerin, welche die Mutter dieses Knaben, die rechtmassige Grafin CrecyChabanne, aus England nach diesem verfluchten Lande begleitete, wo man ihr Ehre und Leben zu nehmen trachtete."
"Wen," rief der Graf "wen meint Ihr damit? Ihr sagtet, die Grafin Crecy-Chabanne!"
"Und ich sagte recht!" fuhr Emmy finster blickend fort "ich sagte die Wahrheit, Graf d'Aubaine! Die Mutter dieses Kindes war in England rechtmassig an Leonin, Grafen von Crecy-Chabanne vermahlt. Als seine Gemahlin folgte sie ihm hieher, und er vergrub sie in das dustere Schloss Ste. Roche; er verlaugnete vor dem Altare sein rechtmassiges Kind und raubte ihm seinen Namen; und wahrend er vor Gott nach gultigen Gebrauchen vermahlt war, heirathete er ein anderes Fraulein in Paris und betrog so Beide und hatte zwei Frauen. Aber dem Bastarde, den er dort erzeugte, gab er den Namen: Ludwig, Graf von CrecyChabanne, wahrend er seinem rechtmassigen Kinde den Namen Ste. Roche beilegte."
Der Graf sprang auf. Durr, trocken und hart hatte das ungluckliche Weib die Worte herausgestossen. Wie fruher Reginald, so zweifelte jetzt der Graf an ihren klaren Sinnen. "Frau," rief er, "Ihr sprecht furchterlich sicher die schrecklichsten Anschuldigungen aus! Wisst Ihr, was Ihr sagt?"
"Ich weiss es!" sagte sie fest "obwol ich selbst nicht begreife, dass ich so viel Elend mit gesunden Sinnen uberlebte. Doch Gott wird mich aufgespart haben, Zeugniss abzulegen; und es wird wahr sein und richtig, als stande ich vor meinem ewigen Richter, und wird doch Allen, wie Euch eben jetzt, das Haar zu Berge treiben."
"Emmy, Emmy," rief jetzt der erwachte Reginald "was hast Du vor mit Deinem kuhnen Einschreiten? Wage es nicht, mich leiten zu wollen ich weiss, was mir zusteht. Die Gerechtigkeit, die Du mich gelehrt hast erkennen, werde ich fordern, um des heiligen Andenkens meiner Mutter willen und dieselbe Gerechtigkeit wird ihren dann anerkannten Sohn vernichten und den Namen begraben, an dem so schwerer Fluch hangt!"
"Herr Graf," sprach er dann, indem er sich auf dem Lager aufrichtete, auf dem er angekleidet geruht hatte "ich bin bereit ist das Gericht versammelt?"
"Noch nicht," erwiederte der Graf verwirrt und erschuttert; "ich wollte mich selbst uberzeugen, ob Ihr zu den Verhandlungen fahig waret."
"Ich bin es!" rief Reginald mit Festigkeit. "Meine Krafte werden die kurze Zeit ausreichen. Seid gewiss, Herr Graf, was ich zu sagen habe, wird die Verhandlungen abkurzen; wir werden bald zur Entscheidung kommen."
"Ungluckliches Kind," rief Emmy, hier einfallend, "zu welchem Wahnsinne bist Du entschlossen? Kannst Du Dich Deinen Henkern, die Dich von Jugend auf verfolgten, ausliefern wollen, damit sie Recht behielten, und ihnen Alles gelange, was sie beschlossen seit Anbeginn?"
Reginald fasste sanft ihre Hand und sah ihr fest in die trostlosen Augen: "Emmy, ich kann das Letzte nicht von Dir abhalten troste Dich Gott!"
"Junger Mann," sagte Graf d'Aubaine theilnehmend, "Gerechtigkeit ist, dass wir auch gegen uns selbst nicht voreilig entscheiden, wenn ein grosser Schmerz uns um unsere Lebenshoffnungen gebracht hat. Das Leben ist lang, die Zeit schreitet ein; wir konnen noch oft von Vorn anfangen, wenn wir auch von dem uns bis dahin angewiesenen Wege verschlagen werden."
"Ich danke Euch!" sagte Reginald. "Ihr wurdet gewiss mein Vertrauen zuruckweisen mussen, darum nothigte ich es Euch nie auf; bald werdet Ihr mich horen!"
Mit der tiefsten Bewegung verliess der Graf Beide. Neue, traurige Anklagen hatte er vernommen, und immer mehr fiel sein Herz den Anklagern heimlich ab, immer lebhafter schloss er den Jungling darin ein. Da die Marschallin erklart hatte, den Verhandlungen beiwohnen zu wollen, sah sich die Grafin d'Aubaine genothigt, sie zu begleiten, und beide Damen erschienen daher, in tiefer Trauer, von ihren Frauen umgeben. Der Gerichtssaal war dem Zwecke gemass wurdig eingerichtet. Am oberen Ende, der Eingangsthure gegenuber, stand in der Breite eine schwarz behangene Tafel mit dem Kruzifix, hinter welchem der KriminalRath, Herr von Mauville, Platz genommen hatte; ihm zur Seite sassen zwei Assistenten. An den beiden Enden der Tafel befanden sich die Protokollfuhrenden Schreiber. Links von der Tafel, unter der Fensterreihe, sass der Marquis de Souvre, hinter ihm standen seine Domestiken als Zeugen; ihm zur Seite nahm man den Prior des Klosters Tabor wahr, hinter ihm die Monche, die mit den jungen Leuten verhandelt hatten; weiterhin befand sich eine Gruppe, die der Arzt des Schlosses mit den ihm beigegebenen Gerichtspersonen aus Ardoise und dem Richter von Ste. Roche bildete. Diese hatten den Zustand der Leiche am Morgen in dem Erbbegrabnisse, wo sie vorlaufig beigesetzt war, untersucht. Ihnen allen gegenuber hatten die Damen ihre Platze genommen; zunachst der Tafel sass Graf Leonin, bleich, wie vom Fieber geschuttelt, mit halb geschlossenen Augen; er hatte es bestimmt verweigert, als Klager aufzutreten, und so war die Marschallin in seine Stelle eingeruckt. Theilnehmend sah man die beiden Grafen d'Aubaine an seiner Seite. In der Mitte des Zimmers stand ein einzelner Lehnstuhl; er war noch leer; der Angeklagte ward erwartet.
Alle Anwesenden waren in Schwarz gekleidet, und die ganze Versammlung trug einen ernsten, feierlichen Karakter, der selbst in den Zugen sich ausdruckte. Der Kriminal-Rath, Herr von Mauville, empfing die Meldung, dass Alle versammelt waren; er erhob sich und erklarte die Sitzung fur eroffnet. Der Graf Crecy, der nur gefuhrt zu gehen vermochte, sprang plotzlich auf und rief, wie ausser sich: "Ich kann nicht bleiben, ich muss fort!" Doch diese Anstrengung der Verzweiflung stutzte den gebrochenen Korper nur einen Augenblick; er sank in den Stuhl zuruck und verhullte sein Gesicht; mitleidig von den beiden Grafen gedeckt, ward er den Blicken der Anwesenden entzogen.
Die Thuren offneten sich; man sah den Angeklagten, von zwei Dienern unterstutzt, daher wanken! Reginald war selbst in den Verheerungen dieser letzten Ereignisse seines Lebens noch er selbst geblieben; aber er sah wie seine schone Leiche aus. Ueber der Stirn, den gedruckten Augenliedern hatte der Schmerz seinen unverkennbaren Stempel eingepragt, und die sonst frohlich sich um seine Stirn krauselnden Locken hingen jetzt weich und mude um das schmale, bleiche Antlitz. Als er die Schwelle uberschritt, schien die Wichtigkeit des Momentes ihn zu erfassen; man sah, wie die Kraft, an den Gedanken in seiner zuckenden Stirn sich entzundend, sich durch alle Muskeln seines Korpers ergoss; er verliess, mit der alten Anmuth seinen Fuhrern dankend, ihren Arm und ging allein vor bis zur Lehne des Stuhls. Hier blieb er stehen; und als er den schonen Kopf aufhob, schien er von der ganzen Versammlung Nichts zu sehen, als das hoch vor ihm aufgerichtete Kruzifix. Ein feines Roth trat hervor, ein Blick der Begeisterung durchbrach den Druck des Schmerzes, eine Fulle unaussprechlicher Anbetung entwickelte sich in dem Schuler Fenelon's, eine entzuckende Ruhrung uber den Segen, der ihm von dort aus zu Theil ward, beugte sein Haupt in Dank und Demuth Alle schwiegen; Jeder fuhlte, er bete!
Mit sanfter, gehaltener Stimme begann Herr von Mauville alsdann seinen Vortrag, nachdem er den Angeklagten aufgefordert, sich niederzusetzen. "Es handelt sich hier," fuhr er nach der schicklichen Anrede gegen die Anwesenden fort, "um ein Attentat, welches in seiner geheimnissvollen Verwicklung zu verfolgen, eine doppelte Pflicht wird; da es nicht allein eines der beruhmtesten Geschlechter Frankreichs in seinem einzigen, hoffnungsvollen Erben erloschen macht, sondern zugleich der menschlichen Gesellschaft einen entehrenden Makel aufzunothigen scheint, indem in dem Angeklagten uns ein Jungling bezeichnet wird, der, in dem Falle der Ueberweisung, alle menschlichen Bande, die heiligsten Verpflichtungen der Dankbarkeit zerrissen hat. Wir finden hier von den bis jetzt damit beschaftigten Gerichtspersonen Fakta gesammelt, die man uns ubergeben hat, um an Ort und Stelle eine vorbereitende Uebersicht zu veranlassen, die dem hohen Kriminal-Hofe von Paris zur letzten Prufung vorgelegt werden kann. Wir wollen, indem wir diese ernste und heilige Pflicht auszuuben uns berufen finden, uns alle ermahnen, unsere Seele von dem Vorurtheile frei zu erhalten, welches gehaufte Wahrscheinlichkeiten gegen den Angeklagten erzeugen konnten, damit wir geneigt bleiben, die mogliche Rechtfertigung mit eben der Treue und Sorgfalt zu verfolgen, als wir gefasst sein mussen, die Vergehung zu finden und zu bestrafen."
Jetzt erfolgte eine ruhige und klare Erzahlung der Thatsache, in wie weit sie den Richtern vertraut sein konnte. Wir ubergehen sie um so eher, da wir nicht gesonnen sind, unsere Mittheilungen in den geschlossenen Formen einer gerichtlichen Verhandlung zu machen. Indem wir auf die Erinnerungen des selbst mit Durchlebten den Leser verweisen, werden wir die daraus entstehenden Ansichten nur in der Weise mittheilen, wie sie zur vollstandigen Theilnahme des Folgenden verhelfen wird.
Unbezweifelt lag in den wohlgesammelten und geordneten Anschuldigungen eine auffallende Wahrscheinlichkeit fur den bezeichneten Thater; selbst der Unbefangenste, Wohlwollendste konnte dies nicht in Abrede stellen. Der Kammerdiener des Marquis erzahlte das erlauschte Gesprach, in welchem Reginald durch die dringendsten Bitten den jungen Grafen zu der Reise nach Ste. Roche bewogen hatte. Der hier sich anknupfende Verdacht ward besonders dadurch gestutzt, dass Reginald die Geheimhaltung dieses Schrittes verlangt und die Furcht ausgesprochen hatte, dass man sie sonst daran verhindern werde. Die Reise selbst sei nun mit einem Ungestume und einer Uebereilung vorgeschritten, die selbst die ungern nur zeugenden Domestiken der beiden jungen Leute nicht laugnen konnten; ja, die, nach ihren Aussagen, hauptsachlich dem Angeklagten zur Last fiel. Dieser Verdachtgrund ward durch den Prior des Klosters Tabor, wie durch dessen Monche verstarkt. Durch ihn erfuhr man Reginald's Anwesenheit im Kloster, am Tage vorher; durch ihn die lange, von Seiten Reginald's, mit heftigen Ausbruchen endende Unterredung mit der alten Bewohnerin des Schlosses Ste. Roche, welche der Prior, als das Haus Crecy aus unbekannten Grunden bitter hassend, bezeichnete. Weiter ward der Ungestum erzahlt, mit dem Reginald bei dem heftigsten Gewitter und dem nahenden Abende, dennoch die Fortsetzung der Reise betrieben hatte; und selbst der Wegweiser musste diese Anschuldigungen fortsetzen, da er seine Abmahnungen erwahnte, und wie der Angeklagte dessen ungeachtet den anderen jungen Herrn sich nachgezogen hatte, um das Schloss zu erreichen.
Vor Allem freilich erhielt nun die Aussage des Marquis de Souvre, deren Inhalt uns hinlanglich bekannt ist, die Wichtigkeit, alle bereits vorhandenen Verdachtgrunde in einen Zusammenhang zu bringen, der dem Angeschuldigten fast keine Ausflucht gestattete und ein Eingestandniss erwarten liess, dass in den Thatsachen schon klar enthalten schien.
Als alle Einzelheiten verhandelt waren, kam der, von allen Anwesenden mit Spannung und den verschiedensten Empfindungen erwartete Moment, der den Angeklagten zu seiner Vertheidigung oder seinem Eingestandnisse aufforderte.
Mit Ruhe und Sammlung hatte der junge Mann, ohne durch Worte oder Bewegung eine Unterbrechung auch nur anzudeuten, dieser langen und schrecklichen Vorbereitung beigewohnt. Was in ihm vorging, blieb auch den ihn naher kennenden Freunden unergrundlich. Der Schmerz, der mit dem verratherischen Wechsel der Farbe sein Geprage so verstandlich in seinen Zugen ausgedruckt hatte, war doch entfernt von Verzweiflung oder Gewissensangst. Herr von Mauville, der erfahrene Rath eines so wurdigen Gerichtes, als der Kriminal-Hof von Paris, hatte doch, trotz aller Beweisgrunde, die er sich bemuhen musste darzulegen, schworen mogen: der Jungling sei der absichtliche Thater nicht. Und da er fand, dass die Zuge des Angeklagten weder Schrecken, noch Unruhe zeigten, furchtete er, der Jungling ubersehe die Grosse der Gefahr und werde dadurch vielleicht weniger sorgsam sein, zu seiner Vertheidigung die ihn noch moglicherweise entschuldigenden Umstande zu sammeln. Er erhob sich demnach und leitete seine Aufforderung zur Vertheidigung an den Jungling auf eine Weise ein, die seine Achtsamkeit wecken sollte.
"Obwol sich aus den eben beendigten Angaben der vorhandenen Zeugen eine traurige Wahrscheinlichkeit entwickelt hat, die das Attentat mit Ihnen, mein Herr, in einen kaum zu trennenden Zusammenhang bringt, muss ich Sie doch darauf aufmerksam machen, wie viel hierbei dennoch im Dunkeln bleibt, was in demselben Maasse die Wahrscheinlichkeit zu widerlegen scheint und Widerspruche erzeugt, die wir geneigt sein werden, zu Ihren Gunsten erklart zu sehen. Sie werden, indem wir Sie auffordern, Ihre Erklarungen abzugeben, die Wichtigkeit derselben nicht ubersehen und sich mit Besonnenheit sammeln; da, trotz Ihrer Jugend, die Ueberweisung eines solchen Verbrechens nur mit dem Tode bestraft werden durfte. So sehr ich nun bemuht war, den vorhandenen Akten meine Aufmerksamkeit zu widmen, ist es mir doch nicht gelungen, eine Hauptsache heraus zu finden: namlich die Veranlassung die Nothwendigkeit einer solchen Handlung. Ihr Verhaltniss zum Grafen Ludwig war von Jugend auf das der zartlichsten Freundschaft; Ihre Diener beschworen, dass Ihre gemeinschaftlichen Reisen die innigste Einigkeit verschonte. Sie waren uberall die Stutze des schwacheren Grafen. Dies Verhaltniss hat sich bis in die Mauern von Ste. Roche erstreckt; auch hier verschafften Sie dem Freunde erst Ruhe und Bequemlichkeit; und das Pistol, was man nachher in Ihrer Hand fand, hatten Sie nach Aussage der Diener ergriffen, den schlafenden Freund zu bewachen. Ausserdem waren Ihre burgerlichen Verhaltnisse ausser aller Beruhrung mit denen des Grafen Ludwig; Sie besassen ein unabhangiges Vermogen und konnten durch den Tod des Grafen keinen Vortheil erreichen, da Sie in keinem verwandtschaftlichen Grade mit einander standen. Wo also da Liebe und Eintracht bis zum letzten Augenblicke erwiesen sind, wo bleibt die Veranlassung zu einem so furchterlichen Verbrechen, da in Ihrem Leben kein Nachweis bosartiger Leidenschaften vorliegt? Indem ich Sie pflichtmassig auf diese Umstande aufmerksam mache, fordere ich Sie nunmehr auf, die vorangehenden, nothigen Erklarungen uber Ihren Namen und Ihre Geburt zu geben und dann den Eid zu leisten, mit dem Sie sich vor Gott verpflichten, die Wahrheit hoher zu achten, als irdischen Vortheil."
"Mein Herr, Sie heissen Reginald, Chevalier de Ste. Roche, sind in Paris in dem Stadttheile St. Sulpice geboren, in dem Kloster St. Sulpice unter der Vormundschaft des Grafen Crecy-Chabanne erzogen. Haben Sie diesen Notizen noch etwas uber Ihre Eltern und Familie hinzuzufugen, von denen ich hier keine weitere Erwahnung finde?"
Wir werden die Aufregung begreifen, die diese nothigen und doch von den Anklagern ubersehenen oder vergessenen Aufforderungen bei den Anwesenden erregen mussten. Graf d'Aubaine blickte mit ungetheilter Erwartung auf den bleichen Jungling, der jetzt den Versuch machte, sich zu erheben, und langsam an dem Stuhle sich stutzend, endlich aufrecht stand und das schwermuthige Auge aufschlug, um das Antlitz des Richters zu suchen, der eben so mild und menschlich zu ihm geredet. Da traf sein Blick zuerst auf Franziska's Vater, und der Jungling erbebte, als wolle er zuruck sinken dann war es voruber! Er presste krampfhaft einen Augenblick die Hande vor die Stirn, dann richtete er sich fest auf. Graf d'Aubaine ahnte die Ursache dieser heftigen Bewegung nicht, und Wenige ausser Reginald sahen sie, so gespannt war die Aufmerksamkeit Aller; und so blieb Franziska d'Aubaine, welche wahrend der Rede des Herrn von Mauville leise durch eine Seitenthure eingetreten war, ohne Storung, an den Stuhl ihres Vaters gelehnt, stehen. Mit der sorglosen Ruhe und Sicherheit, die bei so zarten, weiblichen Naturen immer das Zeichen einer Geistzerstorenden Gemuthsbewegung ist, schloss sie sich einer Verhandlung an, die weder fur ihr Alter, noch fur ihr Geschlecht passen wollte. Doch werden wir die Wirkung fur Reginald begreifen; nach der ersten Erschutterung fuhlte er nur eine Steigerung seiner Empfindungen dadurch eintreten. Es schien ihm, Gott habe den Engel gesendet, der ihn trosten und starken solle; auch glich sie einer solchen Erscheinung mehr, als einem irdischen Wesen! Ihr schones, todtenbleiches Antlitz war von ihrem reichen Haare umwallt, und drei weisse Rosen schienen die seltene Fulle halten zu wollen. Von ihrer hohen, schlanken Gestalt floss das bedeutungsvolle Kleid von blassblauem Atlas nieder; und um so glanzender hob sich ihre Erscheinung hervor, da Alles um sie her in die tiefste Trauer gehullt war.
Herr von Mauville wunschte, dem Junglinge nur uber das erste Wort hinweg zu helfen. "Mein Herr," sagte er, "die Formalitat, die Ihre Identitat beweisen soll, erfordert Nichts, als ein bestatigendes: Ja! Es wird an Eides Statt angenommen werden, und es bleibt Ihnen frei, dem hohen Gerichtshofe spater daruber die dort nothigen Anzeigen zu machen, wenn Sie sich jetzt zu bewegt dazu fuhlen sollten."
"So kann ich diese Bestatigung nicht geben!" rief plotzlich Reginald, indem er sich frei aufrichtete.
"Mein Herr," sagte Herr von Mauville "Sie missverstehen vielleicht meine Frage! Es handelt sich hier bloss um die einfache Bestatigung, dass Sie der Chevalier de Ste. Roche sind."
"Ich habe Sie vollkommen verstanden," entgegnete Reginald; "doch soll meine Antwort an Eides Statt gelten, so kann ich sie nicht bestatigend geben; denn der Name und Titel: Chevalier de Ste. Roche gehort mir nicht wirklich, sondern ward mir mit boser Absicht bei meiner Geburt untergeschoben."
"Verweisen Sie den Lugner dort zur Ruhe!" rief hier plotzlich die Marschallin von Crecy, indem sie ausser sich aufsprang; "er will die Angelegenheit verwirren, indem er etwas Fremdes Ungehoriges hinein mischt!"
Herr von Mauville verneigte sich. "Das Verhor darf nicht unterbrochen werden, Madame! Wir sind genothigt, den Angeklagten zu horen; zweifeln Sie nicht, Madame, dass wir die Dinge werden zu ordnen wissen."
Die Marschallin setzte sich in der grossten Emporung, da sie einsah, nicht durchdringen zu konnen.
Reginald hatte sie keines Blickes gewurdigt; er blieb ruhig gegen die Richter gewendet. Als eine augenblickliche Stille eintrat, sagte er: "Ich habe Gott vor Augen und achte die Wahrheit hoher, als irdischen Vortheil, darum habe ich diese Erklarung abgeben mussen. Aber diese Angelegenheit, die ich entschlossen bin, um der verletzten Ehre meiner tugendhaften Mutter willen, der Wahrheit nach, an das Licht zu ziehen, hat nur einen voruber gehenden Einfluss auf die Angelegenheiten, die ich h i e r zu erklaren habe. Daher bitte ich, mir die Angabe meines wahren Namens zu erlassen; meine ubrigen Erklarungen werden bald darthun, wie wenig ich geneigt bin, dieselben zu meinem Vortheile zu lenken."
"Ich glaube, mein Herr," sprach Herr von Mauville, nach kurzer Besprechung mit den beisitzenden Richtern "dass wir um so eher in Ihren Wunsch einwilligen konnen, da Sie nicht vor dem hohen Gerichtshofe selbst stehen, und wir unsere Verhandlung nur als ein vorbereitendes Verhor ansehen konnen, indem die endliche Entscheidung nach Paris gehort; wenn unsere ungewohnliche Sendung hierher allerdings schon der Rucksicht gegen eine der ersten Familien des Konigreiches zuzurechnen ist."
"So muss ich ferner erklaren," fuhr Reginald fort, "dass ich zu gleicher Zeit ausser Stande bin, die Ursachen anzugeben, warum ich den Grafen Ludwig bewog, mit mir nach Ste. Roche zu gehen. Doch dies wird alles Ihre Funktionen als Richter nicht storen; denn mein Eingestandniss lasst alle Beweisgrunde weit hinter sich zuruck; und so verzeichnen Sie denn, meine Herren, dass ich der Morder des Grafen Ludwig bin, da mein abgeschossenes Pistol ihm das Leben geraubt hat!"
Der Angeklagte lehnte sich nach diesen Worten sehr bleich und kurz athmend an seinen Stuhl. Er horte eine tumultuarische Bewegung um sich her; es schien ihm, Graf Leonin werde an ihm voruber aus dem Saale getragen. Als er sich wieder gesammelt hatte, sah er den Stuhl des Grafen Leonin leer; sonst hatten Alle ihre Platze behalten. Auf ein Zeichen des Herrn von Mauville trat Stille ein.
"Junger Mann," rief er mit starkem, uberredenden Tone "ich ermahne Sie, sich zu sammeln! Sie waren krank, Ihre Geisteskrafte waren geschwacht; vielleicht sind Sie noch ohne klare Anschauung und verfallen in den oft sich zeigenden Fehler der Jugend, sich lieber bei dem ersten Verdachte, der ihren Ruf angreift, aufzugeben, als zu einer verstandigen Vertheidigung uberzugehen, die Geduld und Selbstbeherrschung erfordert."
"Weiser, verstandiger Richter," rief hier eine rauhe, trockene Stimme laut und hart "Dich segne Gott! Du bist der Erste, der auf dem verfluchten Boden Frankreichs die Rede eines Christen horen lasst!"
"Ungluckliche Frau," rief Reginald, zu Emmy Gray aufblickend, "was willst Du hier? wie kamst Du hierher?"
"Als sie ihn hinaus trugen, den sein Gewissen gerichtet, fand ich den Weg offen; und hier bin ich mit allem Rechte, Zeugniss abzulegen," rief sie fest "da Deine Lammsnatur das Schwert in der Scheide lasst, und Du den hungrigen Lowen die Speise vorwirfst, nach der sie trachten! Sagt," sprach sie, bis zur Tafel vorschreitend und die Hand gegen den Richter aufhebend, "stehe ich vor einem christlichen, berechtigten Gerichtshofe? Wird hier Zeugniss angenommen und unverfalscht vor Gottes Angesicht gerichtet?"
Herr von Mauville blickte mit Erstaunen auf eine Gestalt, die, wie aus einem anderen Jahrhunderte, an ein lebendig gewordenes Bild jener Zeit erinnerte, und die in Wort und Bewegung eine Kraft des Willens ausdruckte, unterstutzt von dem dustersten Ausdrucke des Zurnens, wodurch sie den vollkommensten Antheil erregte. "Zweifelt nicht, dass Ihr vor Christen stehet, die von Gott die Kraft erwarten, recht zu richten," sagte er mild "was habt Ihr uns zu sagen?"
"Meine Herren," schrie hier der Marquis de Souvre, heftig aufspringend "diese Frau kann kein Zeugniss vor Gericht ablegen; es ist die Bewohnerin von Ste. Roche, die schon langst dem Wahnsinne verfallen ist und wahrscheinlich durch ihren thorichten Einfluss den jungen Menschen zu dem bereits eingestandenen Verbrechen verfuhrt hat!"
"Herr Marquis," rief Reginald, mit einer Energie, die sein fruheres Verhalten nicht angedeutet hatte, "S i e haben am wenigsten das Recht, die klaren und gesunden Sinne dieser ehrwurdigen und unglucklichen Frau zu schmahen. Reizen Sie mich nicht durch Beleidigungen gegen dieselbe, die ich nie dulden werde, sie mit den Mitteln zu vertheidigen, die mir, wie Sie wohl wissen, zu Gebote stehen!"
"Ja," sagte Emmy Gray, welche den Marquis mit kalter Verachtung betrachtet hatte; "jetzt erkenne ich das Gesicht des Sunders wieder; und d e r , der den Namen des Morders verdient, wie kein Anderer, wagt, als Zeuge Dir gegenuber zu treten? Gott wird den Engel der Vergeltung senden und den Boden verwusten, wo sein Fuss weilte! Richter, der Du Dich ruhmst, hier im Namen Gottes zu richten, lass den Bosewicht nicht Zeugniss sprechen und hore von mir, wie schwarz seine Seele ist!"
"Herr von Mauville," sagte die Marschallin mit der kalten Anmassung, welche ihren hohen Rang in Erinnerung bringen sollte "wir wollen nicht Zeuge sein von den Ausbruchen einer elenden Geisteskranken; und ich muss Sie erinnern, dass die traurige Veranlassung, die uns pflichtmassig hier gegenwartig sein liess, durch das Gestandniss des Verbrechers beendigt ist; ich fordere Sie auf, das Verhor zu schliessen."
Wurdevoll erhob sich Herr von Mauville gegen die Marschallin. "Madame," sagte er "die Gegenwart Euer Gnaden ist eine freie Wahl, welche weder von uns verlangt, noch verweigert ward; daher ist die Entfernung Euer Gnaden gewiss Ihrem eignen Ermessen uberlassen; doch kann ich damit das uns vorliegende Verhor um so weniger fur beendigt erklaren, da das Gestandniss eines Angeklagten immer nur dann die Entscheidung mit sich bringt, wenn es mit den verschiedenen Anklagen zusammen fallt und dieselben vollstandig erklart. Dies ist hier nicht der Fall. Das Gestandniss, welches unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, hullt sich in ein Dunkel, das wir aufzuhellen trachten mussen; da wir nicht allein berufen sind, Schuldige zu entdecken, sondern auch Unschuldige zu beschutzen. Jeder Nachweis, der sich dazu uns darbietet, muss von uns benutzt werden, und das Auftreten dieser Frau ist, wenn auch ausser der Form, doch bei einem blossen Verhore, welches Beweise zu sammeln hat, vollstandig zulassig."
Es kostete der Marschallin einen sichtlichen Kampf, diese hofliche Zuruckweisung hinzunehmen. Sie wunschte wenigstens, durch Entfernung ihre Beleidigung hervorzuheben; aber das brennende Verlangen, hier noch lenkend, oder abwehrend einzuschreiten, hielt sie zwischen Gehen und Bleiben in Aufruhr zuruck, bis sie entschlossen auf ihrem Platze verblieb.
Herr von Mauville wendete sich nach seiner kurzen Entgegnung an die Marschallin, gegen Emmy Gray, und fragte sie, ob das Zeugniss, das sie hier anbote, im Zusammenhange stehe mit der unglucklichen Begebenheit, die hier verhandelt werde; sonst moge sie den Gang des Gerichtes nicht durch Einmischung fremder Interessen storen.
"Meine Aussagen gehoren dazu, wie Eure Augen zu Eurem Kopfe!" rief Emmy Gray "darum gebt mir Raum, Richter, damit ich Euch sagen kann, was Ihr von ihm schwerlich erfahren werdet."
"Emmy," sagte Reginald mit Ernst "Du hast nicht Wort gehalten und bist doch in grossem Irrthume, weil Du d e n zu retten hoffst, der von Deinen Aussagen doch keinen Vortheil ziehen kann; denn die eine Thatsache steht fest: Graf Ludwig fiel von meiner Hand!"
"Nun, um so besser, mein Kind!" rief die Alte, heftig vorschreitend; "so hast Du schon gerecht Gericht gehalten, und Du bist nun der einzige, rechtmassige Graf Crecy-Chabanne!"
"O, Emmy," rief Reginald, sein Gesicht verhullend; "wozu hier die Schande meines Vaters aufdekken!" Es entstand indessen ein begreiflicher Tumult. Viele Stimmen riefen zugleich; Souvre, die Marschallin uberhauften Herrn von Mauville mit Vorwurfen, der Wahnsinnigen, der Betrugerin das Wort gestattet zu haben.
Herr von Mauville sass indessen still und mit klugem Auge, wie Jemand, dem plotzlich ein heller Lichtstrahl sichtbar wird. Er horte und erwiederte Niemandem, einzelne Worte mit den beisitzenden Richtern wechselnd. Er liess der Aufregung eine Zeit lang ihren Gang, dann stand er plotzlich auf. Er wiederholte das Gebot zum Stillschweigen mehrere Male, laute Schlage gegen die metallene Scheibe fuhrend, die vor ihm stand; seine Stimme, die machtig und tonend war, uberbot dabei das Gemurmel der Menge und die einzeln erzurnt Redenden.
"Frau," rief er mit zorniger Weise gegen Emmy Gray, "wer bist Du? Was wagst Du hier gegen die ersten Familien Frankreichs zu behaupten? Was hast Du fur Rechte, fur Beglaubigungen zu Deinen Behauptungen?"
"Lasst sie schweigen," sagte Emmy, "ich habe lange nicht unter so viel Volks gestanden; ihr rohes Geschrei betaubt meinen Kopf!"
Es trat Ruhe ein; die Marschallin unterlag fast der Qual, bleiben zu mussen; sie kam sich uber alles Maass hinaus beleidigt vor. Aber es stand zu Viel zu verlieren, und sie zweifelte nicht, Alles verdachtigen und unterdrucken zu konnen, was hier hervortreten wollte. Emmy dagegen lehnte sich an die Gerichtstafel, Allen den Rucken kehrend, und sagte nun so laut und fest, dass jedes Wort den Saal durchdrang:
"Ich bin Emmy Gray, diejenige, die aus England die rechtmassige Gemahlin des Grafen Leonin von Crecy-Chabanne nach Frankreich begleitete. Das Kind dieser rechtmassigen Ehe ist der hier anwesende, arme, verfolgte Knabe; d e r , zu dessen Morder ihn Alle machen wollen, war ein Bastard; denn die erste Gemahlin lebte noch ein Jahr nachher, als der Graf die zweite geheirathet hatte."
Die Marschallin, Souvre erhoben sich wieder; aber Herr von Mauville winkte beruhigend: "Ich bitte, fuhren Sie keine Storungen herbei, ich erkenne die Sache so gut, wie Sie, und verspreche Ihnen Gerechtigkeit." Beide hofften, Herr von Mauville sei auf ihrer Seite, und begaben sich zur Ruhe.
"Begreifst Du, alte Frau, was Du da herausgestossen?" rief er hart; "denkst Du, wir werden Dir glauben ohne Beweise, da Du einen Mann, wie den Grafen Leonin, angreifst, dessen Rechtlichkeit ausser Zweifel steht?"
"Er war auch nur eine elende, leidende Kreatur in der Hand Anderer!" rief Emmy Gray; "er war zum Guten, wie zum Bosen zu schwach, ein verachtliches, halbes Ding von Mensch; aber er hatte ein boses Weib zur Mutter, die wusste um Alles, und einen Teufel zum Freunde, der hier steht, und der vollfuhrte, was sie beschloss!"
"Thorin," rief Herr von Mauville; "denkst Du wirklich, dass man Dir ohne Beweise glauben wird? Du bist den Gesetzen wegen boshafter Verlaumdungen verfallen!"
"Mein Herr," sprach Reginald, "ich muss Ihrem Eifer Einhalt thun! Obgleich ich das Hervortreten dieser unglucklichen Angelegenheit missbillige, und diese tief gebeugte Frau mein ausdruckliches Gebot, hier nicht aufzutreten, uberschritten hat, muss ich sie doch jetzt gegen jede unverdiente Beleidigung in Schutz nehmen. Sie ist keine Thorin, mein Herr! Sie wird nur zu wohl beweisen konnen, was sie sagt; und da die Schranke uberschritten ist, die ich mir aus Achtung fur den Namen, den ich rechtmassig trage, auferlegt hatte, so gebe ich den Umstanden nach und erklare ebenfalls laut und bestimmt, dass ich der einzige, rechtmassige Graf Crecy-Chabanne bin!"
"Mein Herr," rief die Marschallin, zitternd vor Zorn; "ich erklare einer Procedur nicht langer beiwohnen zu wollen, in der man jede Achtung gegen mich und meine Familie aus den Augen setzt, und Gaukler und Betruger zum Zeugnisse gegen uns zulasst!" Sie wollte, sich erhebend, ihren Platz verlassen; doch Reginald sollte ihr den Beweis geben, dass das Blut der Crecy in seinen Adern fliesse! Lebhaft, mit gluhendem Antlitze trat er ein Paar Schritte gegen sie vor.
"Bleiben Sie, Madame," rief er in einem gebieterischen Tone, "und nehmen Sie Ihren Platz wieder ein! Sie haben kein Recht, Beschimpfungen gegen mich auszustossen; denn Sie vor Allen sind fest von der Wahrheit der eben vernommenen Aussagen uberzeugt. Sie, Madame, haben den Namen Crecy-Chabanne entehrt; Sie, Madame, haben Ihren Sohn, meinen Vater, zu dem Verbrechen doppelter Ehe zur Beraubung seines rechtmassigen Kindes verfuhrt; Sie, Madame, haben durch Ihre unmenschliche Grausamkeit, durch Ihren Agenten Souvre das Herz meiner engelgleichen Mutter, Ihrer allein rechtmassigen Schwiegertochter, gebrochen! Sie Sie haben das edle Haus Lesdigueres zu einer beschimpfenden Verbindung mit dem Gemahl einer Anderen vermocht und auch das Herz dieser edeln, betrogenen Tochter jenes Hauses gebrochen!"
"Bleiben Sie," rief er, da die Marschallin, aus der Erstarrung ihres Schreckens erwachend, zu enteilen trachtete; "Sie sind hier noch nothig. Ich befehle Ihnen, zu bleiben! Sie haben gewagt, mich Betruger zu nennen. Sie hatten vor dem Worte zittern sollen! Ich, der ich es uber die Nachsten ausrufen konnte, habe es zuruckgedrangt, aus Achtung fur den Namen, den meine reine Mutter trug. Jetzt, Madame, ist das Siegel von Ihnen selbst gelost; ein Crecy-Chabanne darf nicht Betruger genannt werden. Tritt vor, Emmy Gray, entfalte die Dokumente, die Alles darthun; und Sie, Madame, werden Kenntniss davon nehmen und alsdann widerrufen g e g e n m i c h w i d e r r u f e n !"
Die Marschallin stand, wie unter einem Zauber gebannt, starr besinnungslos fast vor dem gluhenden, zurnenden Junglinge. Auch schien mehr oder weniger die ganze Versammlung in ein rucksichtsloses Zuhoren aufgelost, wahrend Herr von Mauville ein scharfer Beobachter blieb, und mit Willen das Kreisen dieser leidenschaftlichen Zustande nicht zu hindern suchte, ihnen die Fingerzeige ablauschend, die die Wahrheit zu enthullen versprachen.
"Was wagt Ihr?" stammelte endlich die Marschallin; "was fur Rechte habt Ihr an mich, als die der Verachtung und des Abscheues? Wem soll ich gerecht werden? Dem Morder meines Enkels, dessen ganze Anklage gegen uns nur eine neue Bestatigung seines absichtlichen Todtschlages ist!"
"Absichtlich! Absichtlich!" schrie Reginald, als ob alle Saiten seines Innern misstonend zerrissen wurden; "ich absichtlich Ludwig getodtet ihn, der wenige Stunden zuvor mein Bruder ward ihn, der auf meine Liebe, auf meinen Schutz angewiesen war durch meine alteren Rechte an den Rang und Namen, den er getragen? Ich ihn absichtlich morden? Heiliger Gott, dieser Gedanke konnte nur in Euch entstehen!"
Indessen hatte Emmy Gray den Trauschein aus dem Kirchenbuche von Stirlings-Bai, dessen sie sich vor der damaligen Abreise heimlich zu bemachtigen gewusst, ehe Lord Gersey seine Vernichtung vollfuhren konnte, und aus dem Kirchenbuche von Ste. Roche das Tauf-Attest Reginald's und den Todtenschein Fennimor's ausgebreitet. Herr von Mauville prufte Beide und gab sie dann den anderen Richtern.
"Madame," sagte Herr von Mauville dann zur Marschallin, "die Dokumente mussen allerdings genauer gepruft werden; doch haben sie einen glaubhaften Anstrich!"
"Wie," entgegnete die Marschallin, "eine Ceremonie des ketzerischen Priesters dieser abtrunnigen Sekte, die wir angehalten sind, nicht als Christen anzusehen, sie sollte einen Rechtsanspruch enthalten? Bei wem, glauben Sie, wird das Anerkennung finden?"
"Bei Allen, Madame," entgegnete Herr von Mauville, "die mit einer besonderen Bevorrechtung der schottischen Kirche bekannt sind, welche, aus der Zeit der Konigin Maria herstammend, die Priester dieser Kirche als befahigt anerkannte, kirchliche Einsegnungen zu vollziehen; damals in der Hoffnung erlassen, die Confessionen durch Vermischung endlich der romischen Kirche wieder zu gewinnen. Sie haben dadurch einen rechtskraftigen Grund erhalten, den wenigstens der pabstliche Hof nicht verwirft."
Die Marschallin verlor einen Augenblick die Fassung. Sie blickte auf Souvre dieser lehnte sich kalt und hochmuthig gegen die Gerichtstafel. "Madame," beantwortete er den Blick der Marschallin "es scheint mir, Sie lassen sich zu sehr herab, diese verworrene Verhandlung mit Ihrer Gegenwart zu beehren. Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen den Arm gebe; Sie werden in Paris ein geeigneteres Gericht finden, was so ausgesuchte Beleidigungen abweisen und bestrafen wird. Wenigstens ich habe mit diesen Angelegenheiten Nichts mehr zu thun."
Er nahete sich der Marschallin, und diese liess sich hinwegfuhren, ohne sprechen zu konnen, ganz um ihre gewohnliche, stolze Haltung gebracht; die Grafin d'Aubaine folgte ihr; denn sie sah ihre arme Tochter nicht, welche auf einem Sessel hinter dem Stuhle ihres ebenfalls ahnungslosen Vaters sass, und mit der Gemuthsbewegung zuhorte, die sie ganzlich uber ihre auffallende Handlungsweise hinweghob.
Als diese storenden Elemente sich entfernt hatten, ergriff Herr von Mauville wieder die oft unterbrochene Verhandlung. "Junger Mann," redete er Reginald an; "der Augenblick, in dem Ihre alte Beschutzerin sie zwingt, sich einer so machtigen und vornehmen Familie als ein nah berechtigtes Mitglied derselben zu zeigen, ist durch die traurige, vorangebende Veranlassung dieses Verhors, ein sehr ungunstiger zu nennen. Dessen ungeachtet glaube ich annehmen zu konnen, dass mit dieser Entdeckung, die gegen Ihren Willen gemacht ist, und die Sie fruher verweigert haben, der Grund weggefallen ist, der Sie abhielt, uns zu entdecken, warum Sie den Grafen Ludwig veranlassten, mit Ihnen nach Ste. Roche zu gehen. Ueberhaupt, mein Herr ich sage es mit Bedauern, aber es bleibt dennoch wahr diese neuen Entdeckungen sind Ihnen nachtheiliger, als forderlich; denn die Frage wird jetzt wichtig, o b S i e , der Angabe nach, wirklich der altere Graf Crecy-Chabanne sind, oder der bisher dafur geltende Jungling; denn Ihre hiernach als unterdruckt erscheinenden Rechte konnten auf ein Verhaltniss zwischen Ihnen und dem Gemordeten hinweisen, dass sein Leben oder seinen Tod fur Sie wichtig machte. Sammeln Sie sich daher und erzahlen Sie aufrichtig den Verlauf der Begebenheit."
"Mein Herr," erwiederte Reginald sogleich, ohne Zogerung "ich ubersehe meine Lage ohne Tauschung, daher ohne Hoffnung. Der Tod Ludwig's durch meine Hand schliesst uberdies jede Moglichkeit wieder zu erlangenden Gluckes ganzlich fur mich aus! Mein Leben muss eine Suhne fur sein schones, fruh geknicktes Dasein werden; ich ersehne dies mehr, als dass ich ihm zu entrinnen trachte."
Ein rochelnder Seufzer stieg hier aus Emmy's Brust; sie taumelte erbebend vor den festen Worten ihres Lieblings zusammen. Herr von Mauville befahl ihr einen Stuhl zu geben; starr blieb sie von da an sitzen, die Augen fest auf Reginald gerichtet.
"Was ich weiter von diesem entsetzlichen Verhangnisse zu berichten habe," fuhr Reginald fort, "ist von so ungewohnlicher Art, dass ich entschlossen war, es ganz zu verschweigen; da es unmoglich in den Augen meiner Richter sich zur Wahrheit erheben kann, und mich dieser daraus entstehende Zweifel gegen meine Wahrhaftigkeit doch tief kranken wurde."
"Sie mussen Vertrauen haben zu Ihren Richtern, junger Mann," entgegnete Herr von Mauville; "wir sind nicht in der Absicht gekommen, Sie schuldig zu finden, und gewohnt, das Ungewohnliche zu horen. Kraft meines hohen Amtes fordere ich Sie auf, Alles auszusprechen, was Sie auf Ihrem Herzen haben."
Nach einer Pause schmerzlichen Nachdenkens rief Reginald: "Es sei! Ich stehe vor einem edeln Manne, das fuhle ich dankbar; aber vor Allem fuhle ich Gottes Nahe!"
Reginald erzahlte jetzt mit Umsicht und Ruhe. Er berichtete die Unsicherheit uber seine Familie, der er nicht nachgefragt habe in dem schutzenden Verhaltnisse zu der Familie Crecy. Graf Leonin habe sich seinen Vormund genannt, und jede Auskunft fur ihn bis nach zuruckgelegter Reise verschoben. Dann erzahlte er Emmy Gray's erste Aufforderung vor der Reise, die er abgelehnt; dann ihre zweite, welche ihn nach Tabor rief, und mit sichtlichem Widerstreben entdeckte er Emmy's Mittheilungen. Emmy verlangte, ihm in Ste. Roche die Dokumente zu ubergeben ihn trieb das Herz nach dem Grabe seiner Mutter Ludwig sollte ihn begleiten. Er konnte Nichts von ihm getrennt denken; er sollte mit ihm, von den Dokumenten und Aussagen der Alten unterstutzt, dort Alles bedenken und beschliessen helfen! "Dies, mein Herr," fuhr Reginald fort "ist der wenig haltbare Grund, weshalb ich Graf Ludwig zu der Reise nach Ste. Roche bewog, den aber nur d e r begreifen kann, der weiss, wie wir uns liebten wie kein Geheimniss unter uns waltete."
"Doch ist dies dennoch viel wahrscheinlicher, als was ich weiter zu erzahlen habe." Er beruhrte jetzt den aufgeregten Zustand, in dem er, Ludwig zu bewachen, mit dem Pistol in der Hand, vor ihm gesessen habe und endlich, von unbewusster Mudigkeit uberwaltigt, entschlafen sei, wo ihn dann der Traum erfasst, den er mit der Gewalt des tiefsten Grauens, das jetzt noch seine Seele zu uberwaltigen drohte, ergreifend vortrug. Lautlose Stille herrschte im Saale. Vielleicht war Keiner in der ganzen Versammlung, der nicht den Jungling als unschuldig und des tiefsten Mitleids wurdig erkannt hatte.
Erschopft und todtenbleich lehnte sich der Ungluckliche, nachdem er geendigt, von der Anstrengung fast uberwaltigt, in den Lehnstuhl zuruck. Mauville's Augen ruheten auf diesem ruhrenden Opfer, mit dem Wunsche, er moge so enden; denn der erfahrene Richter wusste, dass er nicht zu retten war.
Da sagte der beisitzende Richter zu Herrn von Mauville: "Sie vergessen die Aussage des Kammerdieners, der uns noch von einem Liebesstreite der beiden jungen Leute erzahlte. Gleichfalls eine wichtige Moglichkeit, so rasche That zu erzeugen!"
Ein missbilligender Blick des Herrn von Mauville traf ihn; doch ungehindert davon, fuhr er fort: "Die Neigung Beider traf dasselbe Fraulein aus diesem Hause; Graf Ludwig war am Morgen mit derselben verlobt worden. Das erfuhr der Angeklagte!"
"Halt," rief Reginald "mein Herr, um Gottes Willen halten Sie ein!" Konvulsivisch war er aufgesprungen; noch ein Mal jagte das Blut uber das sterbende Antlitz. "Mischen Sie in mein elendes Schicksal nicht den heiligen Namen dieser Dame! Sprechen Sie es aus, das vernichtende Wort: u b e r f u h r t , s c h u l d i g ! Aber um Gotteswillen, diesen neuen Beweisgrund nicht ich will ihn nicht horen wiederholen Sie es nicht bei Ihrer Seele Seligkeit!"
Da schwankte plotzlich Franziska vor den entsetzten Blicken ihres Vaters voruber; sie wandelte leichten Schrittes auf Reginald zu, der bis an seinen Sessel vor ihr zuruck wich. Dicht vor ihm blieb sie stehen und sagte mit einer weichen, tonlosen Stimme ohne Ausdruck und Kraft, wahrend schwere Seufzer jeden Satz unterbrachen: "Warum verlaugnest Du mich, edler, unschuldiger Reginald? Ich war es, die Du liebtest ich werde ewig daran gedenken! Die Welt hat uns getrennt doch blieben wir treu und Ludwig, der arme Bruder, ware nicht zwischen uns getreten! Nun bin ich Braut von Dir und ihm und Eure Witwe! Leb' wohl auf Wiedersehen!"
Sie reichte ihm, wie zum heiteren Spiele, die blasse, marmorkalte Hand er widerstand nicht er kniete nieder laut schluchzend presste er ihre Hand an seine Lippen er, sah zu dem schonen, starren Gesicht empor, aus dem die Augen so abwesend niedersahen. Da senkte sich das blaue Atlaskleid wie verhullend um ihn her; die schone Gestalt sank langsam zusammen; sie glich einem Engel, der in einer Wolke den bleichen Jungling verhullen wollte. Der Vater hob die Bewusstlose sanft aus den Armen Reginald's, der in diesem Augenblicke der Trennung das Todesurtheil erlitt. Er sah ihr nach, als ware sie sein letzter Lebensathem und in demselben Augenblicke fuhlte er sich mit Liebe an ein warm schlagendes Herz gedruckt. Es war Franziska's Bruder!
Herr von Mauville hob das Verhor auf. Reginald ward mit zartlicher Sorgfalt hinweggefuhrt. Hart trat Emmy Gray den Richtern in den Weg; sie wollte bitten; aber der unbeugsame Sinn lernte nicht so spat die nie gekannte Aufgabe. "Sprecht Recht! Sprecht Recht, Ihr Richter," schrie sie mit Todesangst, und ergriff hart den Arm des Herrn von Mauville; "er ist ja unschuldig rein, wie an der Brust der Mutter!"
"Arme Frau!" sprach Herr von Mauville "ich werde ihn der Gnade des Konigs empfehlen!"
"Gnade? Gnade?" rief Emmy wild "Recht, Recht! keine Gnade Recht muss ihm werden!"
"Vom Rechte darf er nichts hoffen," sagte der zweite Richter; "jeder Gerichts-Hof wird ihn verdammen. Traume sind keine gultigen Zeugen!" Sie zogen an ihr voruber; sie starrte ihnen nach; ihr grosstes Elend war, dass sie diese Gerechtigkeit nicht verstand. Sie stiess ein furchterliches wildes Geschrei aus! Die mitleidigen Monche erfassten die Ungluckliche, die in Konvulsionen fiel. Die Marschallin reiste noch denselben Abend mit dem Marquis de Souvre nach Paris ab. Die Trennung von der Familie d'Aubaine war kalt und zeigte von gegenseitigem Misstrauen. Das entschiedene Betragen der Marschallin war zuruckgekehrt; es lag eine Verachtung gegen die erfahrenen Anschuldigungen in ihrem Wesen, die sie unbedeutend machen sollten. Graf d'Aubaine war zu edel und zu stolz, sich die Richtung seiner Meinungen angeben zu lassen; er zeigte sich in gemessener Haltung. Graf Leonin folgte seiner Mutter fieberkrank gebrochenen Herzens!
Spater fuhr dem Wagen des Herrn von Mauville eine verschlossene Kutsche nach; sie brachte Reginald nach der Bastille. Um Mitternacht rollte langsam ein Rustwagen mit der Leiche des Grafen Ludwig dem trostlosen Zuge nach; er ging langsam nach dem Erbbegrabnisse in dem Schlosse Moncay.
Lange blieb Franziska d'Aubaine geisteskrank, fast ausschliesslich von ihrem Vater gepflegt, dessen Nahe allein ihr Ruhe gab; jeder Andere beangstigte sie. Jahrelang dauerte dieser Zustand. Langsam genas sie, eine Fremde sich fuhlend in der Welt. Ihr Vater that keine Forderung, die sie auf gewohnliche Weise dem Leben anzuschmieden trachtete; er forderte Nichts, als die Wiederkehr einer wurdigen Geistesthatigkeit. Indem er die Geselligkeit der grossen Welt von ihr abhielt, fuhrte er sie doch zuweilen nach einem Schlosse in der Nahe von Paris und versammelte dort die Heroen der Zeit, an deren Geist Franziska aufstrebend sich entwickelte, wenn auch ohne Wunsch, ohne Zweck. So ward sie dem Leben leise wieder zugefuhrt seine schone, uneigennutzige Gefahrtin!
Die Marschallin wusste ihre weitverzweigten Verbindungen sehr wohl zu benutzen. Reginald's Prozess ward in eine Art von Geheimniss gehullt, welchem sie den Schein der Massigung zu geben wusste. Es schien, als ob ihre schmerzbeladene Seele vor Allem offentliche Verhandlungen scheue; sie wies mit leisen Andeutungen auf ihren Sohn. Man konnte denken, Leonin sei geisteskrank. Vergraben auf ein fernes Crecysches Gut, blieb sein Zustand zweifelhaft. Zuweilen schien er zu rasen; er wollte dann Souvre umbringen und verwunschte seine Mutter. Dann brachte er Tage und Nachte auf seinen Knieen zu er sah Geister! Viktorine an Fennimor's Seite erschien ihm; er redete mit ihnen, und dies war der Uebergang jener Raserei. Er sank dann auf den Teppich des Fussbodens; hier fand er ein Paar Stunden Schlaf, bis ihn neue Verzweiflung weckte.
Nach einem Jahre, in welchem das Schloss Ste. Roche mit der ganzen Situation noch ein Mal erforscht war, die Richter die Aussagen der wilden Emmy Gray, ohne Glauben an ihren Verstand, angehort, alle Zeugen vernommen, und bald fur, bald wider beschlossen hatten, fiel das Erkenntniss, wie zu erwarten stand, g e g e n R e g i n a l d aus. Er ward zum Tode verurtheilt und der Konig unterzeichnete das Todesurtheil.
Diesen Moment der Sicherheit hatte die Marschallin erwartet. Sie fuhr in tiefer Trauer nach Versailles und zeigte ihrem ganzen Zirkel vorher an, dass sie die Gnade des Konigs anzurufen denke fur den Feind, fur den Morder ihres Hauses! Alles druckte Erstaunen und Bewunderung fur die erhabene Tugend der ehrwurdigen, grossmuthigen Frau aus. Es war das Signal fur Alle, ihr nach Versailles zu folgen; man fragte der Stunde ihrer Abfabrt nach; es schien ein Festzug. E i n e Karosse mit rothem Himmel ein Vorrecht der Familien hochsten Ranges hinter der anderen rollte auf dem grossen Wege nach dem Schlosse.
Der Prinz von Courtenaye bat beim Konige zur Zeit der Audienz-Stunde fur die Marschallin von Crecy um Gehor. Der Prinz, der, gerade im Dienste, sich diesem Auftrage unterzog, hatte einigen Blicken Ludwigs zu begegnen, die ihn unruhig machten. Der Konig fragte nach dem Inhalte des Audienz-Zimmers wie man dies zu nennen pflegte. Herr von Courtenay nannte die ersten Namen des Landes. "O," sagte der Konig, mit einem stolzen Lacheln "der ganze Zirkel! Sie sehen," fuhr er fort, sich zu einem Geistlichen wendend, der im Hintergrunde stand, "man hat uns einen Platz in der letzten Scene des Trauerspieles zugedacht." Dieser Geistliche war Fenelon, der Erzbischof von Cambray. "Mein Herr," sagte der Konig darauf zum Prinzen "die Versammlung ist uns genehm; wir werden sie spater empfangen."
Herr von Courtenaye wusste jetzt gewiss, dass der Konig in Zorn war. Als er, ganz bleich vor Schrecken, in das Audienz-Zimmer trat, erschien am anderen Ende die Marschallin mit eben so verandertem Gesichte. Sie hatte Madame de Maintenon ihre Aufwartung machen wollen, welche sie von fern in einem Damenkreise auf der grossen Terrasse lustwandeln sah; der meldende Lakay brachte aber die Antwort zuruck: die Frau Marquise waren beschaftigt und konnten die Frau Marschallin nicht empfangen. Die Marschallin traute ihren Sinnen nicht; die anwesenden Damen, die sie wie ein Hofstaat begleiteten, wurden ausserordentlich verlegen; und als sie das Audienz-Zimmer erreichte, war von dem fruheren Gefolge Niemand an ihrer Seite.
Welche qualvolle Stunde folgte jetzt! Den Fremden schien der Abend heran zu nahen, die Einheimischen starben vor Neugierde und Ungeduld; immer mehr wuchs der Kreis, die Feinde der Marschallin ruckten an. Sie wusste genau, dass sie herbei gerufen waren; selbst Souvre war so uberrascht, dass ihm das Nachdenken daruber seinen gewohnlichen Witz kostete. Da offneten sich die Thuren; die dienstthuenden Cavaliere schritten voran, dann kamen die Prinzen des Hauses; Alle stellten sich an der Thur auf. Man sah in dem Saale zunachst den Konig daher kommen, langsamen Schrittes, mit der imponirenden Wurde, die von einer ihm, im hohen Mannesalter, noch treu bleibenden Schonheit gehoben ward. Die daraus hervorgehende, vollstandige Anmuth der Bewegungen machte ihn zu dem Vorbilde, welches er fur ganz Europa war. Etwas hinter ihm, an seiner linken Seite ging Fenelon, der Erzbischof von Cambray; Ludwig sprach zu ihm mit dem Wohlwollen und der feinen Hochachtung, die Alle, die es erfuhren, berauschte. Die Marschallin fuhlte, dass ihre Knie bei Fenelon's Anblicke schnell zusammen schlugen; heftig richtete sie sich nur noch gerader in die Hohe; Souvre schien ihr Platz machen zu wollen er zog sich noch weiter zuruck.
Athemlos harrten die Anwesenden, bis der Konig die Schwelle uberschritten; in demselben Augenblicke setzte er einen kleinen Hut auf, den er unter dem Arme trug, nahm ihn nach einigen Sekunden ab, grusste die Versammlung und setzte ihn dann wieder auf.
"Die Gemeldeten haben den Vorrang!" rief der Prinz von Courtenaye.
Das war der entscheidende Moment! Aus der Masse losten sich die Bezeichneten und naheten, in einen Kreis sich stellend. Rechts, dem Konige zunachst, hatte die Marschallin mit dem kuhnsten Muth ihren Platz eingenommen. Ludwig grusste noch ein Mal, indem er den Hut einen Augenblick abnahm, dann redete er den Grafen Villeroi an und schien Heiterkeit und Wohlwollen zu athmen, wenn auch nie die imponirende Wichtigkeit des Konigs dabei zu vergessen war. Wer hatte ihn aber nicht lieben mussen, als er sich der alten achtzigjahrigen Herzogin von Gevres nahete, die, an einen goldenen, mit Juwelen verzierten Kruckenstock gelehnt, herbei gekommen war, dem Konige fur eine ihrem Enkel erwiesene Gnade zu danken. Mit dem Hut in der hocherhobenen Hand stand der Konig vor der alten munteren Frau, die ihr dankbares Herz mit der grossten Lebhaftigkeit vor ihm ausstromen liess. Er schalt sie dagegen mit einer hinreissenden Gute, dass sie gekommen war, und rief mit lauter Stimme: "Ein Tabouret! ein Tabouret!" und als es herbeiflog, rief er noch ein Mal: "Mein Bruder ein Tabouret!" Monsieur verstand dies augenblicklich und legte herbeieilend die Fingerspitzen daran, wahrend der Konig der alten, in Wonne strahlenden Matrone den Arm gab und sie niedersitzen liess; dann begrusste er den harrenden Kreis weiter. Aber trotz dieser weichmuthigen Scene liess sich Niemand uber die Stimmung des Konigs tauschen. Er hatte einen kleinen, rothen Fleck unter dem rechten Auge, und Jeder wusste, dass er uber etwas in Zorn gewesen. Schon bezeichnete man den Gegenstand desselben; denn der Konig war an der Marschallin von Crecy vorubergegangen, ohne sie zu begrussen.
Die Audienz, welcher der ubrige Hof bloss als Zuschauer beiwohnte, war bis auf die Marschallin und Souvre, die der Konig nicht angeredet hatte, voruber. Der Konig richtete sich stolz empor und rief: "Meine Prinzen, ich glaube, Sie haben Ihre Bekannten in diesem Kreise."
Das war ein Zeichen, dass der Konig fertig war. Der Prinz von Courtenaye durfte in diesem Augenblick, im Falle der Konig Jemanden ubersehen hatte, die Personen bezeichnen. Er trat vor und nannte die Marschallin und Souvre; der Konig neigte kaum merklich das Haupt, und die Marschallin trat vor, allein noch von ihrem Zorne Kraft erhaltend.
"Madame," begann der Konig, den Hut gleichgultig abnehmend und die Hand damit niederhangen lassend, welches ein niederer Grad von Attention war "wir bedauern um so mehr, Sie erst so spat zu begrussen, da wir Ihnen eine Mittheilung machen konnen, die fur Sie allerdings von grosser Wichtigkeit ist. Wir haben auf die Bitte Ihres Sohnes, durch den Herrn Erzbischof von Cambray vermittelt, den jungen Mann begnadigt, der, unter dem Namen Chevalier Ste. Roche, ein beklagenswerthes Opfer der Verirrung ward, die, wie ich denke, Andere mehr, als er selbst verschuldet."
"Sire," sprach die Marschallin mit gehobener Stimme "ich harrte hier mit derselben Bitte um Gnade! Nicht Rache an dem Uebelthater kann das beruhmte, erloschende Geschlecht der Crecy-Chabanne retten; wir suchten nicht Suhne durch Blut!"
"Das ist uns lieb zu horen!" erwiederte der Konig, mit unerschutterlicher Kalte; "wir werden es, Madame, unserer Frau Schwagerin melden lassen. Sie hat uns diesen Morgen ersucht, die Frau Marschallin ihres Dienstes als Oberhofmeisterin entheben zu durfen."
"Sire," rief die Marschallin "ist Ungluck, wie es unser Haus verfolgt, ein Grund, uns zu entehren?"
"Madame," sagte der Konig "vergessen Sie Ihre Stellung nicht! Ungluck fand in uns Schutz und Hulfe; wir beweisen es, indem wir den jungen Mann begnadigen, der durch unerhorte Vergehungen um Alles betrogen ward, was wir an irdischem Besitze zu schatzen haben: um rechtmassige Anspruche an einen vornehmen Namen und den damit verknupften Besitz grosser Reichthumer!"
"Mit Schmerz sehe ich," entgegnete die Marschallin, noch immer ungebeugt "dass meine Feinde Zeit hatten, mich zu verdachtigen! Ich darf es sagen, Euer Majestat sind falsch berichtet!"
Der rothe Fleck auf Ludwigs Wange begann zu leuchten, das strahlende Auge des Konigs durchbohrte die Marschallin. "Falsch berichtet?" rief er; "huten Sie sich, Madame, und wissen Sie, dass Ihr eigner Sohn und der Erzbischof von Cambray unsere Berichterstatter waren!"
Die Marschallin wankte zuruck.
"So wahr ich Konig von Frankreich und Nachfolger des heiligen Ludwigs bin ware der ungluckliche Jungling nicht so offentlich eines Mordes bezuchtigt gewesen, ich wurde hier ganz anderes Recht geschafft haben! Und Sie, Madame, die Sie fortan ausser Zweifel sein werden, dass wir unterrichtet sind, wie Sie bis dahin uns zu tauschen wagten Sie, denke ich, werden dem Minister der Polizei bis heute Abend anzeigen, welches Kloster, zwanzig Meilen von Paris entfernt, Sie zu Ihrem Aufenthalte gewahlt haben."
Die Marschallin wankte hin und her; sie wollte noch reden. Der Konig setzte den Hut auf und wendete sich ab; in demselben Momente war die Marschallin, von den Hofleuten verdeckt, zuruckgedrangt; sie schritt steif und fest durch alle Sale, stieg in den Wagen mit rothsammetenem Himmel und sagte kaum horbar: "Nach Moncay!"
"Nun, Herr von Courtenaye," rief der Konig dem Prinzen zu; "was giebt es noch?"
Der Prinz hatte kein Wort gesagt. "Ah', ich verstehe," sagte der Konig "der Marquis de Souvre! Sagt ihm, die Luft am Hofe passe nicht mehr fur ihn. Wir glauben, er wird sich in England besser befinden; wenigstens wird seine Korrespondenz mit Wilhelm von Oranien dann geringere Schwierigkeit haben! Sein Name fallt unangenehm in unser Ohr!"
Souvre, der von Niemandem geliebt und geachtet war, selbst in dem Sinne, wie es bei Hofe gilt, wartete nicht, bis man ihn aus dem Salon stossen wurde. Er hatte schon lange das Versprechen, in England Schutz zu finden, wenn seine Spionerien entdeckt wurden; er eilte nach dem Hotel Crecy, wo er wohnte, um seine Reise sogleich anzutreten. Die Polizei empfing ihn, seine Papiere waren in ihren Handen. Nach einem kurzen Prozesse beschloss er sein Leben in der Festung Rochefort.
Der Erzbischof von Cambray eilte nach Beendigung der Audienz durch die Gemacher des Konigs nach einer offenen Gallerie, die in den Garten von Versailles fuhrte. Bald sah er den Gegenstand, den er suchte. Auf zwei Diener gestutzt, versuchte Leonin, Graf von Crecy-Chabanne, ihm entgegen zu eilen. Der grossmuthige Fenelon beschleunigte seine Schritte und hielt, die Seelenqual des Unglucklichen abzukurzen, mit freudigem Antlitz ein Pergament hoch in die Luft. "Begnadigt! begnadigt!" rief er "schliessen Sie jetzt Ihren Frieden mit Gott; Ihr Konig verzeiht Ihnen!" Leonin stiess einen achzenden Seufzer aus; Fenelon schloss ihn an seine Brust.
Wenige Tage spater erschien um Mitternacht vor den Thoren der Bastille ein verschlossener Reisewagen, mit einer kleinen Eskorte Bewaffneter in einfacher grauer Reisetracht. Nach Abgebung der Parole fuhr der Wagen in den innern Hof. Ein Herr, in seinen Mantel gehullt, stieg aus und ward nach Reginald's Zimmer gefuhrt.
"Mein Herr," sprach er, sich vor Reginald verneigend "ich bin beauftragt, Sie laut Befehl des Konigs hier wegzufuhren!"
"Wegzufuhren?" rief Reginald; "ist mein Prozess entschieden?"
Reginald war funfundzwanzig Jahr; er hatte ein Jahr hinter den Mauern der Bastille geschmachtet. Luft! Luft! eine Wiese ein Baum eine Blume nur! seufzte seine schmachtende Seele. Jetzt sollte er fort diese Mauern verlassen aber zu welchem Zwecke? Sollte sein Todesurtheil vollstreckt werden? Sollte eine neue Festung ihn umschliessen?
Fenelon hatte seinen Schuler in dieser schweren Zeit nicht verlassen; er hatte das Gefuhl der Unschuld in ihm verstarkt, da er das Gefuhl des Unglucks nicht aus seiner Seele nehmen konnte. Er stellte ihn klar zum Leben, in der geheimen Hoffnung, ihn fur dasselbe wieder zu gewinnen. Von der Jugend unterstutzt, konnte er in freier Thatigkeit, im Fleisse, in nutzlicher Bestrebung, nach und nach das Leben sich ihm erhalten denken.
"Ihr Prozess ist entschieden," erwiederte der Herr "und ich bin Ihnen hoffentlich keine feindliche Erscheinung." Reginald erkannte Herrn von Mauville.
"O, nein!" rief er lebhaft "Sie waren vom ersten Augenblick an mein guter Engel!"
"So folgen Sie mir auch jetzt voll Vertrauen!" In kurzer Zeit war Reginald zur Abreise gerustet; Beide bestiegen den Wagen. Die Thore von Paris lagen weit hinter ihnen, als der Morgen anbrach. Da erblickte Reginald bei den ersten Strahlen der Morgensonne die lang ersehnte Natur. Der Eindruck war uberwaltigend! Mit trunkenen Blicken sog er einige Minuten die Gegenstande ein; dann wendete er sich zu Herrn von Mauville, der mit antheilvollem Ausdrucke der Zuge den schonen blassen Jungling betrachtete. Den liebevollen, vaterlichen Blick erkennend, warf Reginald sich laut weinend an seine Brust. Fremde Arme umschlangen den Jungling! Er hatte von allen reichen Liebesbanden, die ihn seit seiner fruhesten Jugend umgaben, Nichts behalten, als seinen Richter, der ein Mensch war!
In einer Hafenstadt machten die Reisenden Abends Halt. Reginald schlief einen langen, erquickenden Schlaf. Am anderen Morgen fand er Herrn von Mauville in besonders feierlicher Stimmung. "Bis hierher," sprach dieser, "habe ich mich verpflichtet, Sie zu begleiten, theurer junger Mann! Man hat mich durch das Vertrauen geehrt, mit dem man mir die Vollziehung dieser Maassregel uberliess. Der Konig hat Sie begnadigt! Sie sind frei! Der Erzbischof von Cambray hat mir diesen Brief fur Sie mitgegeben; er wunscht, dass Sie von Ihrem Vaterlande, bis auf die Erinnerung, Abschied nehmen mogen! Er fordert Sie auf, keine Verbindung mit demselben zu unterhalten, selbst der brieflichen Mittheilungen zu entbehren. Nur so, glaubt er, kann es Ihnen gelingen, ein neues Leben zu beginnen. Ihr Vater "
"Mein Vater?" rief Reginald, und eine gluhende Wallung zeigte sich auf seiner Stirn. "Mein Vater wird den Wunsch meiner ganzlichen Vernichtung, der Beraubung aller Bande, die dem Menschen heilig und theuer sind, und ihn an sein Vaterland knupfen, unterstutzen! Er hat von mir Nichts mehr zu furchten! Da ich es aufgeben musste, fur meine heilige Mutter Gerechtigkeit zu fordern, so hort fur mich jeder Anspruch an ihn auf!"
Wehmuthig blickte Herr von Mauville den Jungling an. Er wusste ihm wenig zu sagen und furchtete sein zurnendes Gefuhl durch Widerspruch noch heftiger zu erregen. "Der Graf Crecy war es," fuhr er sanft fort "der, durch die Vermittelung des Erzbischofs von Cambray, dem Konige das ganze Geheimniss Ihrer Geburt, Ihres traurigen Geschickes entdeckt; und so durfen Sie sagen, ist Ihrer Mutter Recht geschehen!"
Reginald's ergluhtes Auge ruhte einen Augenblick voll Befriedigung auf Herrn von Mauville. "So mag ihm Gott verzeihen, wie ich ihm verzeihe!" rief er plotzlich tief bewegt.
"Darum sollte ich Sie bitten!" sagte Herr von Mauville; "der ungluckliche Vater fuhlte keinen Muth, dem tief beleidigten Sohne selbst zu nahen."
Reginald verhullte sein Gesicht mit beiden Handen; Fennimor's Sohn weinte uber den unglucklichen Vater. "Sagen Sie meinem Vater sagen Sie ihm" "Dass Sie ihm verziehen haben!" erganzte Herr von Mauville die schluchzend herausgestossenen Worte des Erschutterten.
"O, welch' ein Wort gegen einen Vater!" seufzte Reginald. "Sagen Sie ihm, dass ich gedenken wolle, er habe einst meine Mutter geliebt; dass ich ewig gedenken will, wie er mich mit Sorgfalt erziehen liess und wie viel Liebe er mir bewiesen. Aber wenn ich voll Schmerz zugleich behalten muss, wie er den Lokkungen der vornehmen Welt mit ihren emporenden Anforderungen und erlogenen Rechten erlag, so sagen Sie ihm, dass ich ihr einen tiefen, unversohnlichen Hass geschworen; dass ich seine unnaturliche, entmenschte Familie hasse, und dass es mein Stolz sein soll, sie zu verlaugnen und mich nicht mehr zu ihr zu zahlen!"
"Ich darf Sie nicht fragen, wohin Sie zu gehen gedenken," entgegnete Herr von Mauville; "meine Bestimmungen lauten, dies nicht wissen zu wollen. Aber ich bin ein alter Mann; Sie sollen ihr Vaterland nicht verlassen, ohne den Segen eines Herzens, das Sie lieb gewonnen hat, wie einen Sohn."
Reginald sturzte an seine Brust; Herr von Mauville segnete ihn in tiefer Ruhrung mit einer erschutternden Fulle hochherziger Worte. Dann entriss er sich plotzlich seiner Umarmung und enteilte dem schmerzlich bewegten Junglinge.
Lange blieb Reginald regungslos auf seinem Platze. Wir konnen sagen, er erlebte einen grossen Entwikkelungs-Moment. Von allen Seiten nahete sich das Vorbereitete und ward zum Bewusstsein, das schnell die neue Form des Daseins bildete, und sie mit dem Inhalt einer ernsten, mannlichen Erkenntniss erfullte. Aber dessen ungeachtet seufzte das junge Herz: "Du bist allein!"
Als der Abend sank, redete ihn in schuchternen Lauten eine bekannte Stimme an; erschrocken fast sprang der Einsame auf. Es war sein treuer Kammerdiener, der sich ihm zu Fussen sturzte: "Nehmen Sie mich mit, gnadiger Herr! Verstossen Sie mich nicht, sonst bricht mir das Herz!"
"Wie," rief Reginald; "Du willst den Verstossenen den Verbannten begleiten?"
"Ja, Herr, bis in den Tod! Lasst mich nicht zuruck, ich uberlebe es nicht!"
"So komm mit!" rief Reginald, und ein warmes Gefuhl durchstromte sein Herz. Er war nicht mehr allein!
Die Reise war von dem sorgsamen Diener mit einer Umsicht vorbereitet, die seine Instruktionen verrieth. Als Reginald in den Wagen stieg, uberreichte ihm der Kammerdiener ein Portefeuille; es enthielt ein bedeutendes Vermogen in Wechseln und Gold. Auf dem Umschlage standen die Worte: Das Vermogen von Fennimor Lester, verehelichten Grafin Crecy-Chabanne.
Schaudernd verschloss Reginald die verspatete Urkunde der Gerechtigkeit. "Hortest Du nie von Emmy Gray?" fragte Reginald spater. "Es sei die letzte Frage uber die Vergangenheit; aber ich muss sie beantwortet haben, ehe ich das Land verlasse."
"Sie lebt aber sie hat der Welt unerloschlichen Hass geschworen; auch Euch wollte sie nicht wiedersehen! Der Herr Graf von Crecy lassen fur sie sorgen, wie fur eine Prinzess."
Reginald anderte jetzt seinen Namen und blieb von da an verschwunden. Alle Bemuhungen, ihn aufzufinden, scheiterten, wie wir es bereits wissen.
***
Wir wollen zu einer anderen Zeit dem Eindrucke nachfragen, den die Erzahlung des Marquis d'Anville auf seine Zuhorer machte; naher liegt uns das junge Fraulein, das wir, von dem Arzte zu Madame St. Albans Hilfe herbeigerufen, in dem Vorflure des kleinen Thurmes verliessen, der in die Zimmer der Mistress Gray fuhrte.
Trotz dem, dass der Arzt sie berufen, schienen dennoch uber ihren Eintritt Schwierigkeiten obzuwalten; denn Elmerice hatte hinreichend Zeit, das ergreifende Schauspiel eines mit heftigen Ausbruchen wild uber die Erde dahin ziehenden Gewitters zu beobachten, und erst, als eine gleichmassig graue Wolkenlage einen fruhen Abend herbeifuhrte, und der niederfallende feine und warme Regen die erschreckte und zerrissene Vegetation zu heilen schien, trat Asta zu der Harrenden und flusterte ihr zu: "Bald! bald!"
Elmerice fuhlte ihr Herz aufwallen; sie trat der Eingangsthure naher und athmete bedurftig den Duft, der aus tausend kleinen, erquickten Kelchen balsamisch zu ihr aufstieg. Ihre Augen wurden nass, trotz dem, dass sie sich innerlich uber eine Empfindung schalt, die ihr durch Nichts motivirt schien. Sie ward ungeduldig und wunschte um so lebhafter, in den bangen Zauberkreis eingefuhrt zu sein, den sie bald zu uberwinden dachte durch Dienste, die sie leisten wollte. Auch sollte ihr Wunsch jetzt erfullt werden. Asta war zuruck geschlichen, mit ihr erschien der alte Arzt und fuhrte sie stumm und leise durch die breite Flugelthure, die sich gerauschlos in den Angeln drehte.
Obwol ein hoher, lang ausgestellter Schirm die Uebersicht des Zimmers hinderte, sah Elmerice doch an der weit ausgebreiteten Decke, dass sie in ein ungewohnlich grosses Zimmer trat. Der hohe Schirm bildete, wenige Fuss von der Wand abgestellt, einen verdeckten Gang, und als sie ihn, hinter dem Arzte hergehend, zuruckgelegt, sah sie sich vor dem Bette der Madame St. Albans, die, auf Kissen gestutzt, leise stohnend darin ausruhte.
"Ach, Kind, Kind, ich habe es nicht gewollt, dass man Dich rief!" schluchzte Madame St. Albans leise. "Du armes Kind, warest Du doch bei Deiner Grafin geblieben! Was kommt nun Alles uber Dich! Zwei Leichen wird es in kurzer Zeit geben; denn weder sie, noch ich, Keine von uns Beiden ubersteht die Leiden!"
"Darum gerade ist es gut, dass ein Gesunder bei Euch ist," erwiederte Elmerice freundlich, "Ihr sollt bald erfahren, was gute Pflege thut."
"Ach," sagte Madame St. Albans, fast verdriesslich, "seid nicht so hoflich mitten in dem Elende! Das kann Euch nicht von Herzen gehen; und ich habe nie den Leuten getraut, die so sehr hoflich waren." Gramlich lehnte sie sich in die Kissen zuruck, als wolle sie Ruhe haben.
Elmerice wendete sich ab, wenig ermuthigt durch diesen Empfang, und sah in das Antlitz des alten Arztes, der, wie es schien, kaum ein lautes Gelachter bezwang.
"Da habt Ihr's!" sagte er, sie gegen eins der hohen Fenster fuhrend, das mit dem Bette der Erzurnten in einer Reihe lag und eins der vier grossen, breiten Fenster war, die diese Seite des Riesengemaches einnahmen. "Aber," fuhr er fort, "daran musst Ihr Euch gewohnen; ich habe lange gezaudert, ehe ich Euch zu diesen verruckten Weibern herbeschied; denn die Albans ist eine so kleine, jammerliche Seele, die sich Wunder wie klug deucht, wenn sie Anderen nichts Gutes zutraut. Ich sage, solche sogenannte stille Leute, die immer thun, als wollten sie mit keinerlei Art von Verdienst in die Schranken treten, das sind innerlich die Tollsten, die sehen auf Alles mit Verachtung, was sie nicht verstehen; ihr Hochmuth macht sie bosartig."
"Obwol ich Madame St. Albans bloss fur launisch und nicht fur bosartig halte," sagte Elmerice "habe ich doch von ihrer Weise schon manche Erfahrung gemacht, die mir jetzt zu Hilfe kommen wird."
"Nur nicht zu gut, mein Kind! Schreit sie ein Paar Mal tuchtig an, das hilft mehr, als nachgeben. Bleibt Ihr immer sanft und freundlich, das versteht so ein Gemuth nicht. Weil sie selbst schreien und heulen wurde, wenn man sie behandelte, wie sie Anderen thut, so halt sie Jeden, der es hinnimmt, fur seiner Schuld uberfuhrt oder fur falsch."
"Und doch," lachelte Elmerice, belustigt von dem alten, klugen Manne, "doch muss ich schon bei meiner Weise bleiben; es ist nicht so wichtig, dass sie mich versteht; aber ich wurde mich selbst nicht verstehen, wenn ich ihr eben so erwiedern wollte, wie wir es ja an ihr nicht billigen. Ich werde weniger dadurch verletzt, wenn ich nicht darauf eingehe, und muss es leiden, wenn sie mich deshalb falsch schilt."
"Ja, ja," sagte der Alte, sie wohlgefallig anblikkend, "es giebt auch solche Weiberherzen! Ich kann sie wohl leiden, wenn ich dagegen den Anderen gern etwas auf den Leib hetze. Nun, mein Kind, ich werde zusehen, wie sie's machen, und komme schon zu Hilfe. Jetzt will ich Euch sagen, dass Keine von den Beiden sterben wird, wenn sie im Bette bleiben; aber sehet, sie sind so krumm gezogen, so voll Gliederschmerzen, dass, wenn sie da nicht bleiben, ich fur Nichts einstehen kann; denn alle Augenblicke wird es entzundlich, und die Alte liegt immer im Fieber. Das halt Einer in den Siebzigern auch nicht lange aus, wenn er gleich solchen Riesenkorper hat, wie sie. Bedurfte nun die Alte Etwas, was Asta nicht zu besorgen verstand, dann stand die Albans auf und that es; und da blieb die Geschichte, wie sie war, und Beide kommen mir von Kraften und konnen d a r a n sterben."
"Und hofft Ihr denn, lieber Herr," rief hier Elmerice, angenehm uberrascht, "dass Mistress Gray sich von mir wird pflegen lassen?"
"Davon kann vorerst bei Tage nicht die Rede sein; denn sicher litte sie es nicht. Aber sehet, in dem grossen Himmelbette, da wird sie Euch nicht so bald entdecken, und nun ist Euer Geschaft, wenn ich nun doch einmal uber Euch bestimmen soll, der Asta beizustehen, damit die Frau dort zu Bette bleiben kann, wenn es heisst, Umschlage kochen, Suppe oder Thee brauen, Wasche warmen, und was sonst noch vorfallt am Krankenbette. Asta ist klug genug, es der Alten beizubringen; aber vorher will doch immer noch eine andere Hand dabei sein. Und dann, mein Kind, des Nachts, da werdet Ihr zuweilen die Aeuglein aufhalten mussen; da tritt bei der Alten das Fieber ein, dann will sie aus dem Bette und redet Manches, worauf Ihr Nichts geben musst; doch in dem Falle wird sie nicht merken, dass Ihr eine Fremde seid, und Ihr werdet sie beruhigen und im Bette festhalten konnen; denn sie ist schwach wie ein Kind. Der Frau aber da deutet an, ihre unnutze Geschaftigkeit ware verboten; und weil Ihr entschlossen seid, von ihr zu leiden, so duldet ihren Widerspruch, aber haltet sie im Bett; ich werde dem Allen den gehorigea Nachdruck geben. Und so segne Euch Gott, mein Kind!" fuhr er fort, und strich plotzlich mit der Freiheit eines alten Mannes ihr die Locken von der Stirn, und betrachtete sie zuruckgebogen einen Augenblick mit seinen forschenden, runden Augen. Dann schuttelte er den Kopf und trat wieder an das Bett der Madame St. Albans.
"Frau," sprach er "betragt Euch jetzt vernunftig; ich habe Euch hier nicht das arme Fraulein hergeholt, dass Ihr an ihr Eure Launen und Tucken auslasst. Was sie Euch sagt, musst Ihr thun; denn das ist mein Wille, sonst konnt Ihr ins Gras beissen, und Herr Albans heirathet eine Andere. Na, das dachte ich wohl, nun geht das Weinen an; auf dem Punkte sind wir sehr empfindlich! Nun, ich sage Euch ja, thut, was ich von Euch fordere, und Ihr sollt tanzend und springend zum Herrn Gemahl zuruckkommen!"
Ohne die schluchzende Entgegnung der Beleidigten abzuwarten, kehrte er sich um, und Elmerice, die noch immer an dem Fenster lehnte, sah mit Herzklopfen, wie er die Vorhange des Bettes zuruckschlug, in welchem die geheimnissvolle Alte ruhte.
"Schickt die Ellen nach Haus, Doktor!" sagte eine rauhe, heisere Stimme; "ich hore sie schon wieder schluchzen; ich will das lastige Weib nicht mehr um mich haben."
"Zum nach Hause schicken gehoren Zwei: Einer, der schickt, und Einer, der geht; zum Gehen aber gehoren Beine, und die hat Ellen jetzt nicht; denn sie liegt lang aus, und hat das Gliederreissen, wie Ihr."
"Dass Gott erbarm'! Warum kam sie denn her, wenn sie nicht besser war, als ich selbst?"
"Seid nicht undankbar, Emmy!" rief der Arzt; "schon oft habe ich Euch gesagt, sie hat wie ein gutes Kind gethan; eine Andere, die so wenig von ihrer Mutter hatte, wie Ellen, wurde nicht vom Krankenlager aufgestanden sein, um zu Euch zu kommen."
"Jammerliches jammerliches Menschenvolk!" rief die Alte. "Alles soll man Euch anrechnen! Geht ich will nichts von Euch! Habe ich Euch doch oft gesagt, Ihr sollt mich lassen; denn ich kann Keinem mehr was sein und will daher auch Nichts annehmen; denn was thatet Ihr wohl umsonst? Fur Alles soll man Euch dankbar sein und hier ist Alles trocken in mir ich habe fur Euch Nichts ubrig!"
"Wir wissen das," sagte der Arzt "Ihr seid eine halbe Wilde; und Gott richte es! Nehmt nur ordentlich ein, dann habt Ihr uns bald Alle nicht mehr nothig." Dann bog er sich nieder; er schien ihren Puls zu fuhlen. "Das Fieber kommt schon wieder; haltet Euch ruhig, das darf nicht oft mehr kommen!"
"Lasst es kommen, so oft es will! Gottes Wunder, dass es noch in diesem morschen Leibe was auszudorren findet! Es ist ein schlechtes Fieber, wovon Ihr solch' Aufhebens macht; es thut nicht seine Schuldigkeit; ich bin's mude und satt und mochte es fordern, statt lindern."
"Alte Sunderin!" rief der Doktor ungeduldig und riss die Vorhange zu. Kurz grusste er darauf Elmerice und war aus dem Zimmer verschwunden.
Ein augenblickliches Grauen beschlich diese, als sie sich ohne seinen kraftigen Beistand hier plotzlich allein fuhlte. Die Reden der alten Frau, so bos und finster, hatten sie tief bewegt; sie fuhlte, wie schwer es sein musste, diesem Herzen zuganglich zu werden; aber sie hatte Viel darum gegeben, wenn sie den Versuch hatte machen durfen. Dieser tiefen Verachtung, diesem Misstrauen entgegen zu treten, sie zu versohnen diese jugendliche Schwarmerei erfullte ihr Herz und Kopf.
Doch storte das fortgesetzte Schluchzen der Madame St. Albans ihr Nachdenken. Sie trat daher zu ihr, und ohne den Gegenstand ihrer Trauer weiter zu beruhren, sagte sie ihr, sie mochte sich doch die Vorhange luften lassen, und that es zugleich, indem sie ihr auch die Kissen besser legte, das Haar unter die Haube schob und ein Getrank reichte, was Asta ihr stillschweigend andeutete.
Dies hatte bald die Folge, dass Madame St. Albans ruhiger ward; und obwol kein gutes Wort uber ihre Lippen kam, so schien sie doch nachgiebiger in ihren Bewegungen zu werden. Auch blieb das letzte Beruhigungsmittel endlich nicht aus, und sie lag bald schlafend vor Elmerice's Augen. Jetzt gab diese ihrem Verlangen nach, sich mit dem Raume bekannt zu machen, der sie mit so besonderem Interesse erfullte.
Es war ein so ungewohnlich grosses Zimmer, dass es nothwendig die ganze Tiefe des Seitenflugels, in welchem es lag, einnehmen musste. Dies schienen zwei grosse Flugelthuren zu bestatigen, die zu beiden Seiten eines riesigen, marmornen Kamines lagen und die Wand einnahmen zwischen den Fensterwanden, und die in das Innere des Baues fuhren mussten, wahrscheinlich zu verschiedenen Zimmerreihen gehorend, die von beiden Seiten des Flugels Licht bekamen; denn jetzt sah Elmerice auch, dass, den geoffneten Fenstern gegenuber, eine eben solche Reihe angebracht war, die vermuthlich in den Hof sah, doch jetzt mit Laden dicht verschlossen war.
Die Decke war ein Kuppelgewolbe, so schwer mit Stuckatur und geschwarzten Gemalden verziert, dass man ohne Schauder kaum die kolossalen Engel niederschweben sehen konnte, die, an schweren Blumenketten hangend, jeden Augenblick herabzusturzen drohten. Die Tapeten aber, von hochrothem Damast, mit weissen Blumen durchwirkt, waren noch wohl erhalten; eben so zeigten die Vorhange der Fenster, des grossen Himmelbettes von demselben Stoff, alle ihren Werth in ihrer Dauer. Wunderlich stach dagegen die Einrichtung ab, die das Bedurfniss der alten Frau hinzugefugt. Im Kamine stand ein Schrankchen mit hellpolirtem Zinn, Brennholz war daneben aufgehauft und holzerne Gerathe. Auf der anderen Seite bildete ein hoher Lehnstuhl von Ebenholz, mit Gold und Silber ausgelegt, den Gegensatz. Die Kissen waren, wenn auch verwittert, doch von kostbarem Stoffe; davor stand auf einem turkischen Teppich ein werthvolles Spinnrad mit aufgezogener Wolle, daneben ein kunstreiches Tischchen mit einigen Andachtsbuchern; weiter entfernt befand sich ein Gestell, wo hinter wenig zureichenden Vorhangen die geringe Garderobe aufbewahrt war, und daneben zeigte sich ein prachtvoller Schrank mit vielen Schlossern, der in seiner kostbaren Arbeit zu dem Armstuhl und Tischchen zu gehoren schien.
So bildete Alles, was sich dem Auge darbot, einen
Gegensatz, der unter anderen Umstanden Elmerice vielleicht verletzt hatte; jetzt aber nur ihren Antheil weckte und den lebhaften Wunsch erregte, sich allen diesen Dingen nahen zu durfen. Besonders aber hafteten ihre Augen auf den fest geschlossenen Thuren, von denen sie wusste, dass sie in die Gemacher der ehemaligen Gebieterin der alten Mistress Gray fuhrten. Doch trat bald eine Dunkelheit ein, die ihr die Gegenstande entzog; und da Madame St. Albans durch Seufzen und Stohnen ihr Erwachen andeutete, versuchte sie der Leidenden Hulfe zu leisten.
Asta dagegen lief ab und zu an das Bett der alten
Frau, welche endlich begehrte, dass Feuer in den Kamin gelegt werde, um Licht zu bekommen. Es geschah, und wurde fur Elmerice eine grosse Wohlthat, da die hoch aufwallende Flamme jeden Winkel erhellte.
Asta wies ihr nun freundlich bedienstlich ein alt
modisches Sopha, mit Polstern und Decken belegt, das hinter dem Schirme stand, zur Nachtruhe an, und offnete ein kleines Wandthurchen, das in ein kaum zehn Fuss messendes Kammerchen fuhrte, worin sie auf einem kleinen holzernen Tisch einige einfache Mundvorrathe aufgestellt hatte, die wahrscheinlich Veronika gesendet. Dieser ganz leere, von rohem Mauerwerk aufgefuhrte Raum hatte eine Wohlthat fur Elmerice ein fast bis zur Erde reichendes Fenster, das geoffnet war und die warme Nacht geniessen liess, die mit vollig aufgehelltem Himmel und einem Meere glanzend funkelnder Sterne erquickend zu ihr niederschien. Asta hatte das Tischchen dicht vor das Fensterbrett geschoben, auf dem Elmerice sich niedersetzen musste, da kein Mobel weiter vorhanden war; und sie fuhlte zu sehr, wie das geschickte Kind bemuht gewesen, ihr Angenehmes zu erzeigen, als dass sie nicht der kleinen Mahlzeit zugesprochen hatte. Auch hier war dieselbe widersprechende Ordnung: ein silberner Teller und ein holzernes Geschirr mit Milch, ein feines, damastnes Tuch und ein irdenes Gefass mit Honig, ein goldener Loffel und ein eisernes, aus der Scheide gebrochenes Messer; das Brod lag in einer japanischen Vase und die Butter in grunen Blattern auf dem zerbrochenen Deckel derselben. Asta sah dennoch wohlgefallig auf ihr Tischchen hin; ihre junge Gefahrtin lobte Alles sehr freundlich und genoss von Jedem, der Kleinen ihr Theil aufnothigend. Auch lag fur Elmerice ein besonderes Interesse in dem Anblick dieser Gegenstande; und als hatte ein Alterthumler in den Schachten der Erde die Reste eines vergessenen Jahrhunderts gefunden, so betrachtete sie Alles und hielt die werthvolleren Geschirre zum Fenster hinaus, um sie besser erkennen zu konnen; und besonders erforschte sie, wie ein Heraldiker, das Wappen des Tellers, das die ihr doch unbekannten gekronten Geier des Crecy'schen Hauses enthielt.
Endlich erinnerte Asta sie an ihre nachste Pflicht; denn das arme, uberwachte Kind, fur das Niemand gesorgt, schlief nach der erquicklichen Mahlzeit und von Elmerice's Nahe in Ruhe versetzt, bald fest ihr gegenuber ein, und sie umschlingend, fuhrte sie die Kleine halb bewusstlos nach dem Sopha, das fur sie bereitet war, und flusterte der angstlich Ankampfenden zu, sie werde fur sie wachen.
Tiefe Stille umgab Elmerice nun. Leise, mit grossen Umwegen schlich sie nach dem Kamin und legte seitwarts einige starkere Schichten Holz auf, das Ausgehen der trostlichen Flamme zu verhuten. Sie nahm dann ihren Platz so, dass sie beide Krankenbetten beobachten konnte, und liess die Stunden voruberstreichen, ohne Mudigkeit zu empfinden. Madame St. Albans schien zu schlafen; aber Elmerice sah mit unbeschreiblicher Spannung, dass sich die Vorhange vor dem Bette der alten Gray bestandig bewegten, als regte Jemand sich dahinter hin und her; dann blieb es einen Augenblick ruhig. Allein plotzlich offneten sich die Vorhange vorsichtig; ein wunderlich vermummter Kopf fuhr hervor und wendete sich in allen Richtungen, wie es schien, um zu sehen, wie es ausser dem Bette stande. Obwol Elmerice jede Bewegung sah, wusste sie sich doch hinter den bauschigen Fenstervorhangen hinreichend verborgen und lauschte mit klopfendem Herzen, was weiter geschehen wurde. Die gemachten Beobachtungen schienen der Kranken zuzusagen; denn sie nickte mit dem Kopfe und schob behutsam die Vorhange weiter von einander. Elmerice sah deutlich eine aufgerichtete Gestalt, und nach wenigen Augenblicken schob sich eine alte, gekrummte und dennoch grosse Frau hervor, die einen weiten dunkeln Pelzmantel um sich geschlagen hatte, und deren Fusse mit Tuchsocken bezogen waren, die ihre Wanderung, die sie jetzt muhselig antrat, so gerauschlos machten, dass sie ein korperloses Wesen zu sein schien. Hier ware der Moment gewesen, wo Elmerice, den Bestimmungen des Arztes zu Folge, hatte einschreiten mussen; aber hierzu fehlte ihr um so mehr der Muth, da die Handlung von ihr offenbar eine wohluberlegte, nicht durch Fieberhitze eingegebene war; und so blieb sie eine unthatige bange Zeugin dieses Verfahrens.
Die Alte schien in ihrem grossen Hause von Bett Alles verborgen zu haben, was sie zur Ausfuhrung ihres Willens nothig hatte; denn ausserdem, dass ihre Kleidung warm und ausreichend war, sah Elmerice auch jetzt einen Stock in ihrer Hand, dessen Spitze vorsichtig umwickelt war. Und doch trug er sie kaum! Mit welchem Antheile sah Elmerice, wie sie wankte, oft wie zusammenbrechend stehen blieb und so muhvoll den weiten Weg zurucklegte, der sie gegen die Thure fuhrte, die zunachst den unverwahrten Fenstern lag. Wie gern ware sie ihr zu Hulfe gekommen und hatte sie gestutzt; denn schon fesselte das geheimnissvolle Wesen so ihr Herz, dass sie ihrem Willen sich unwillkurlich zuneigte, ihn hoher achtend, als ihre empfangenen Vorschriften.
Die Alte blieb jetzt seitwarts am Kamine stehen, offnete eine Feder in dem schonen Schranken, die ein Fach hervortreten liess, aus welchem sie eine dicke, gelbe Wachskerze und einen Schlussel zog; mit Muhe zundete sie das Licht an dem Feuer an und ruhete dann ganzlich erschopft, wie es schien, einen Augenblick in dem hohen Lehnstuhle. Welch' ein schauerliches Bild war ihr Anblick! Ihr starres, abgezehrtes Gesicht war von der Kerze in ihrer Hand scharf beschienen, wahrend das Feuer eizelne, grellere Lichter daruber hinjagte. Sie hatte die Augen geschlossen, und die Ermattung der Krankheit rang mit der fast krampfhaften Festigkeit, mit der sie Kerze und Schlussel gefasst hielt. Bald offnete sie auch wieder die kleinen, versunkenen Augen, und noch ein Mal prufend umherblickend, erhob sie sich muhsam und erreichte die geheimnissvolle Thure. Der Schlussel fasste gerauschlos das Schloss, die Thure offnete sich, die Alte schritt uber die Schwelle; und ehe sie dort Fuss gefasst, blieb Zeit genug, den geoffneten Raum zu erkennen. Aber tiefe Nacht herrschte dort; die eine Kerze erhellte nur die Thure, die von Innen, wie von Aussen reich vergoldet war dann schloss sie sich hinter der Alten.
Mit welcher Bangigkeit harrte Elmerice ihrer Wiederkehr! Es schien ihr eine Stunde da offnete sich abermals die Thure; das Licht beschien den gramvollen Ausdruck des bleichen, alten Gesichts. Langsam ward Alles verwahrt, und nach einiger Zeit verhullten die Vorhange des Bettes das ganze geheimnissvolle Treiben.
Elmerice wusste sich kaum Rechenschaft zu geben von der Empfindung, mit der sie am anderen Morgen das Erlebte gegen den alten Arzt verschwieg, da sich Veranlassung genug zeigte, es ihm mitzutheilen. Schon fuhlte sie sich der unglucklichen Alten verbindet; es schien ihr, sie habe eine Berechtigung zu ihrem Verfahren, das Andere nicht zu beurtheilen verstanden; und das wider Willen abgelauschte Geheimniss verpflichte sie zum Schweigen.
Auch war die Aufmerksamkeit des Arztes an diesem Morgen mehr auf Madame St. Albans gerichtet, die, vom Fieber immerfort bewegt, ihn zu beunruhigen schien. Er sass sinnend, angstlich ihren Puls prufend, nahm endlich Elmerice in das kleine Nebenstubchen und schuttete ihr seine Gedanken aus.
"Das ist seit gestern nicht mehr dasselbe," sagte er; "das wird ein Zehrfieber! Eine schlimme Sache, mein Kind und welche Lage fur so ein Krankenbett! Damit nutzt sie der Alten nicht, und Beide belastigen einander. Was fangen wir aber an verdreht wie Beider Kopfe sind?"
"Sprecht mit Veronika, lieber Herr," rief Elmerice "ob sie nicht Madame St. Albans zu sich nehmen will und pflegen; dann bleibe ich bei der alten Mistress Gray und pflege sie allein."
"Wo denkt Ihr hin?" lachte der Arzt; "Ihr kennt die Alte nicht; das brachte sie nun vollends zum Rasen; dem kann ich Euch nicht aussetzen, das hat sie noch nie geduldet."
"Wagt es dennoch!" sagte Miss Eton lebhaft; "ich habe eine Zusage in mir, dass sie mich dulden wird. Madame St. Albans muss gerettet werden; eine andere Pflege ist bei der armen Alten nothig, und also Gott befohlen! Ueberlasst es mir, ich werde durchsetzen, was ich will. Sie muss sie soll sie wird mich dulden!"
Der Arzt sah in Elmerice's sich rothendes Angesicht; er erstaunte uber die Energie des jungen Madchens, und Elmerice, die seine Gedanken aus seinen Zugen lesen konnte, lachelte und sagte: "Das dachtet Ihr nicht! Ihr wollt mir den Muth nicht zugestehen, den ich habe. Nun, erfahrt es denn durch das, was ich leisten werde; lasst alle Zweifel ruhen und thut lieber ohne Zeitverlust, was nothig ist."
"Du bist ein prachtiges Madchen!" rief der Arzt. "Weiss Gott, Du sollst Deinen Willen haben! Ordentlich neugierig bin ich, wie Du es treiben wirst; und es ist wohl moglich, dass, soll es wem gelingen, es Dir gelingt!"
Von Madame St. Albans Einwilligung konnte nicht die Rede sein; sie hatte kein klares Bewusstsein. Veronika war zu Allem erbotig, obwol voll Sorge fur Elmerice.
Am Nachmittage stand ein Lehnstuhl an Tragstangen gebunden, in dem kleinen Vorflure; in Betten und Decken gehullt, ward die Kranke hinein getragen, und der Zug nach dem Pfarrhause begann unter Aufsicht des Arztes und der treuen Veronika.
Als Elmerice sich mit ihrer kleinen Gefahrtin allein sah, kam eine wunderbare Ruhe, ja, mehr wie das, eine Befriedigung und Freude uber sie, deren Grund sie nicht nachfragte, sondern mit dieser Kraft in ihrer neuen Stellung ganz vertraut zu werden suchte. Zierlich wusste sie die Verwirrung zu beseitigen, die sich nach und nach um zwei Krankenbetten angesammelt hatte. Der kleine Raum, der ihr zum Esszimmer diente, war unschatzbar wegen seines Luftstromes, seiner sonnigen Helle. Veronika hatte ihr ein frisches Bett einige Bucher ihren Schreibapparat herbei geschafft; Alles ward dem vorhandenen, ausreichenden Raume mit seinen reichen Mobeltrummern angepasst und gewann bald ein klares, wohnliches Ansehen. Der Abend war so uber Beide unmerklich hereingebrochen, und die Alte hatte in dieser Zeit keine Storung veranlasst, da es die Zeit ihres Schlafes war. Asta verliess nun das Schloss auf Veronika's ausdrucklichen Befehl, um Mundvorrathe einzuholen, und Elmerice hatte sich auf den breiten Fensterrand in das kleine Kabinet gesetzt, und das Tischchen mit Schreibzeug vor sich gestellt, um ihr Tagebuch an Marie Duncan fortzusetzen. Wie wohl that es ihr dabei, dass sie das Lager der alten Menschenfeindin hatte umschleichen konnen, so Manches fur sie bewirken durfen, ja, der fest Schlafenden eine bluhende Rose durch die Vorhange schieben konnen, deren sussen Duft sie nun wider Willen einathmete. Den silbernen Becher hatte sie ihr zuerkannt; er stand auf dem silbernen Teller, mit wohlschmeckendem gemischtem, frischem Quellwasser; umher lagen einige der schonsten, reifen Fruchte, welche ein Aroma verbreiteten, wie Blumen. Alles war auf dem feinen Ebenholztischchen so aufgestellt, dass eine leicht verschobene Falte des Vorhanges es ihr zeigen musste, wenn sie erwachte. Elmerice lachte vor Freude, als sie damit fertig war, und ihre Augen wurden nass. Dies uneigennutzige Werben um das arme, versteinerte Herz that ihr so wohl, als ob es mit Banden des Blutes an sie geknupft sei.
Ehe sie aber zum Schreiben uberging, nahm sie die Aussicht wahr, die sich ihr von dort aus darbot, und sie sah, dass sie einen Theil des Bauwerkes ubersehen konnte, unbehindert des weiten Blickes, den sie in das Thal von Ste. Roche hatte. Vergessen war die Feder. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit suchte sie, was sie uber das alte Schloss erfahren, an das anzuknupfen, was sie von dem Baue vor sich erblickte. Die lange Reihe der Fenster, zu der auch das gehorte, worin sie sass, endete an einem runden, vortretenden Thurm, an dessen mittleren Fenstern ein kleiner Altan hervorsprang. Elmerice hielt den Athem an; ihre Wangen gluhten; das musste der Eudoxien-Thurm sein! Am Fusse desselben grunte und bluhte ein schmales Gartchen, welches auf der hohen, wallartigen Untermauerung, die in das Theil reichte, angelegt war. Es war nicht kunstlerisch von Gartners-Hand geordnet; doch hatte es der Pflege nicht entbehrt. Der Eingang dazu musste aus Fensterthuren sein, die in der verschlossenen Zimmerreihe lagen, die Emmy Gray behutete. Zwischen Rosenstammen, die, angebunden und beschnitten, von einer sorgenden Hand zeigten, sah Elmerice sich einen Hugel wolben, mit zartem Rasen uberdeckt; darauf ruhete ein Gegenstand leuchtend weiss; er hob sich von der Erde ab, wie Menschenformen! Ihr Athem stockte; undeutlich verwirrten sich in ihr Begriffe und Gefuhle. Die Brucke der Phantasie, wie wir mit kluger Wagung auch den Ankergrund ihr rauben, ist nie ganz zerstort; sie harrt der Gelegenheit, um immer wieder leicht, von unbekanntem Material erbaut, sich aus dem tiefen Grunde des sehnsuchtigen Herzens vor uns zu erheben und, Sicherheit verheissend, den schonen Bogen in das Wunderland der Fabel hin zu senken, den Weg uns lockend zeigend, den wir bereit sind einzuschlagen, ohne Nachweis zu fordern vom warnenden Verstande, dessen ganzes Reich die zarte Brucke in den Luften uberwolbend deckt. Elmerice hoffte; wer mag um Rechenschaft sie fragen? Sie stand auf dem leichten Bruckenbogen der Phantasie und A l l e , die dort stehen, h o f f e n , der Verstand habe sich geirrt! Auf der Fensterbrustung stehend, die schlanke Saule des Fensterkreuzes umschlingend, sich an ihr vorbeugend so waren ihre Augen auf den geheimnissvollen Gegenstand gerichtet, wahrend Stimmen und frohliches Gelachter zu ihr drang, dem sie noch immer das Recht der Aufmerksamkeit versagte. Doch naher kam es; Pferde wieherten sie schrak zusammen ihre Augen folgten den Tonen einem Wunder glich auch, was sich jetzt ihr darbot! Eine frohliche Gesellschaft zu Pferde, von Herren und Damen in reicher modischer Tracht, von Dienern in kostbaren Livreen gefolgt, zog durch den Thalweg am Fusse des Walles voruber. Erstaunt blickte sie zu ihnen nieder; da ward ihr klar, dass sie der Gegenstand der Beobachtung Aller sei, dass ihr weisses Kleid, vom Abendwinde leicht bewegt, die Blicke zu ihr hingezogen, dass vielleicht in dem verfallenen, menschenleeren Theile des Schlosses ihr Anblick bei den Voruberziehenden gleiche Gefuhle erregte, als die, deren sie sich eben bewusst geworden war. Obwol die Hohe ein Erkennen unmoglich machte, schrak doch ihr Herz zusammen, und schnell tauchte sie nieder und dankte Gott, als die Gebusche sie verhullten. Nicht so schnell schien man unter ihrem Fenster sich zu beruhigen. Sie horte langer noch den Wechsel lebhaft sich unterbrechender Stimmen und wagte, obgleich hinreichend verborgen, doch erst frei zu athmen, als sie den Hufschlag der davon eilenden Pferde horte. So vernahm sie mit wahrer Erleichterung Asta's leises Klopfen an der stets verschlossenen Thur, und auch diese trat so bang bewegt herein, als werde sie verfolgt, und Elmerice gewahrte, dass die kleine Eingangsthure zur Treppe schon fest verschlossen war.
"Was ist geschehen?" fragte sie das bewegte Kind; "was hast Du?" Und Asta hatte die Frage zuruckgeben konnen, so bewegt sah Elmerice auf ihre kleine Gefahrtin, so sicher trug sie die Spuren angstlicher Neugier.
"Ach," sagte Asta, "was muss im Schlosse los sein? Zur Nacht soll es in einem Feuer glanzen, als hielten Geister dort ihr Fest; und bei Tage gehen Gestalten aus und ein, wie Keiner sie je gesehen welche ganz von Gold Andere in bunten Kleidern, wie die Feen sie tragen! Dann singen sie und halten Tafel; ach, und das Alles uns so nah wie schrecklich! Was soll aus uns wohl werden? Da halt ja kein Schloss, wenn s i e wollen! Gut, dass ich das Stuckchen Kohle hatte ich habe das Kreuz uber die Thur gezogen das ist die einzige Rettung!"
Sinnend horte Elmerice den Bericht an, und nachdem sie ihn in ihre Sprache umgesetzt hatte, erkannte sie, dass das Schloss von der Gesellschaft bewohnt sein musse, die sie so eben am Fusse des Walles erblickt habe. Aber wer konnte das sein? Sie hatte von der Herrschaft dieses Schlosses noch nie gehort; wer anders konnte jedoch mit so grossem Eigenthumsrechte hier walten?
"Beruhige Dich, Asta," sagte sie "das sind Menschen, die das Schloss bezogen, wenn ich auch nicht weiss, wer hierzu das Recht hat. Eben vom Fenster sah ich sie zu Pferde einherziehen; sie hatten ein eben so menschliches Ansehen, als Du und ich; sie waren nur, wie reiche Leute hohen Standes, kostbar gekleidet."
Asta wagte einen Blick zu Elmerice, der alle die Zweifel des erschreckten Kindes, so wie die schuchterne Warnung enthielt, doch so Naturliches nicht zu glauben! Doch schwieg sie bescheiden, heimlich wohl sich mehr auf das Kreuz verlassend, als auf die Einsicht ihrer jungen Gefahrtin.
Diese empfand jedoch in anderer Beziehung eine Unruhe, die Asta freilich nicht theilen konnte; denn plotzlich schien ihr ihre ganze Lage unpassend, besorglich. Die bangste Befurchtung fur ein weibliches Herz unbeschutzt in zweideutige Verhaltnisse zu gerathen ergriff sie. Diese waren moglich, wenn der Eigenthumer plotzlich die Rechte Emmy Gray's verletzte und den Raum in Anspruch nahm, der bis dahin mit seinen unangeruhrten Rechten auch Elmerice und ihr gewagtes Unternehmen verhullte. Doch war sie zu jung, als dass nicht diese ersteren Gedanken sich von der Frage durchkreuzt gefunden hatten, wer die zierliche Gesellschaft sein konne, die sie wieder in die Kreise zuruck versetzt hatte, die sie seit dem Abschiede von Ardoise entbehrt.
Naher ruckte ihr indess ihr jetziges Verhaltniss durch den harten, lauten Ruf der Alten, die nun zur Nacht, aus ihrem Schlaf erwachend, ihr krankhaftes Treiben zu beginnen schien.
"Asta," rief sie "wer hat dies aufgestellt? Ist Ellen aus dem Bette?"
Asta sagte, sie wusste Nichts davon, und Madame St. Albans sei zu Veronika gegangen, weil sie das Fieber starker bekommen.
"Nun, wer gab denn das? Warst Du der kecke Page, der wider meinen Willen sich hier breit gemacht?"
"O nein! o nein!" rief Asta; "ich weiss Nichts davon!"
"Schweige, Thorin," rief die Alte, "die Furcht macht Dich zur Lugnerin!"
Die Kleine schwieg. Wieder musste sie das Feuer schuren, dann gebot sie ihr zu gehen.
Elmerice wies Asta stumm ihr Lager von vergangener Nacht und setzte sich an ihrem Bette nieder, um dem armen Kinde die erregte Furcht abzuwehren. Bald schlief sie sanft, und Elmerice setzte sich nun an das Lager der alten Emmy, von den dichten Vorhangen, die es umgaben, verdeckt.
Kein Schlaf kam mehr uber die Kranke, und Elmerice konnte die ungewohnliche Gemuthsbewegung der Alten erkennen, die in einzelnen Worten ausbrach, und zwar in Worten der alten Heimat-Sprache, von schweren Seufzern unterbrochen: "Asta war es nicht, ich glaube es sie log nicht Ellen ist weggebracht wer bleibt nun ubrig? Gerade, wie mein Engel es that die Rose und dann die Fruchte ach, mein Engel, warst Du hier? Warum erquicktest Du mein Auge nicht bin ich es nicht werth, dass ich Dich auch schaue die Rose zeigt doch Deine Liebe Dein Mitleiden! Sprich, hab' ich Recht?"
"Ja!" sprach Elmerice, von ihrem Gefuhl uberrascht, in derselben Sprache; "ich mochte Dich gern trosten!"
Ein Entzuckenslaut, Schreck-gebrochen, war die Antwort. "Sprich, sprich noch ein Mal das ist susser, wie Engelgesang! Lass' mich den lange ersehnten Ton noch ein Mal horen!" Kaum war die Stimme Emmy's, die so kindlich bat, in dem weichen, belebenden Tone zu erkennen.
Elmerice gluhte vor Liebe und Eifer; sie eilte vor und knieete jetzt schon neben dem Bette. "Fasse Dich! Vertraue mir! Ich bin gekommen, um Dich mit Gott und Menschen zu versohnen durch meine reine, uneigennutzige Liebe!"
"O mein Engel lass' die Menschen!" rief Emmy "beflecke damit Deine reinen Lippen nicht; sag' mir nur das Eine durfte ich Dich wohl schauen? Bist Du bloss ein susser Ton oder umgiebt Dich noch ein wenig von dem lieben, schonen Engelsleibe? Darf ich Dich sehen?"
"Und wenn Du mich siehst," sagte Elmerice "wirst Du nicht erschrecken? Werden Dir meine Zuge nicht fremd und storend sein?"
"O nein nein!" rief Emmy dringend "Deine liebe Stimme ist ja dabei!"
"So ziehe den Vorhang auf ich kniee an Deinem Bette."
Elmerice in ihrem weissen, faltigen Kleide, das schone, von Bewegung erblasste Angesicht von braunen Locken, wie von einer Glorie, voll umspielt, die tiefen blauen Augen mit der schonen Begeisterung der Menschenliebe zu ihr aufgeschlagen, kniete in dem hellen Lichte des Feuers, glanzend wie ein Cherub, vor den anbetenden Augen der in starres, entzucktes Anblicken aufgelosten, alten Frau.
Beide schwiegen lange. Elmerice schien sich bis in den tiefsten Grund dieser kranken Seele drangen zu wollen. Emmy sog mit langen, durstigen Zugen den Anblick ein, der die oden, verschmachteten Jahre loschen sollte in dem alten Wonnerausche gefesselt von der geheimen Angst, er werde ihr im nachsten Augenblick entschwunden sein.
Da rollten aus den blauen Augen des holden Wesens grosse Thranen uber die bleichen Wangen, und die Alte erbebte vor diesem Zeichen der Sterblichkeit.
"Du weinst," sagte sie; "weint man denn dort, woher Du kommst, dieselben Thranen?"
"Ach," sagte Elmerice "woher denkst Du, dass ich komme? In Deinem England, woher ich komme, weint man dieselben Thranen."
Emmy zuckte zusammen und ergriff mit beiden Handen ihre Stirn. "Kann es denn sein?" fragte sie zagend. "O sprich," fuhr sie leise bebend fort "bist Du mein Herzenskind der Abgott meines Lebens bist Du Fennimor?"
"Fennimor? Fennimor hiess meine Grossmutter," rief Elmerice.
"Deine Grossmutter? Du Du bist nicht Fennimor?" stohnte Emmy Gray, "Bedenke Dich, Kind," rief sie mit halber Geistesverwirrung "Du hast ihre blauen Augen das sind ja ihre braunen Locken ihre runden Kinderwangen ihre langen, weissen Finger so trug sie den Kopf halb zur Seite geneigt. Ach, sage doch gestehe es doch ein sieh, das sind ja Fennimors Thranen da schimmern ja ihre kleinen, weissen Zahne! Du wirst doch nicht nein sagen? Denke doch denke doch!" Ein lautes, krampfhaftes Schluchzen zerriss Emmy's Brust sie verhullte ihr Gesicht.
Elmerice bebte und dachte an Nichts, als an den Trost, den sie mit ihrer Liebe ihr zu geben trachtete, mochte sie ihr auch gelten, fur was sie wollte.
"Emmy, Emmy Gray! Ich will Alles sein, was Du willst; Deine Fennimor oder ihre Enkelin ich will Dich lieben, wie Beide! Nur weine nicht mehr und vertreibe mich nicht von Dir; lass mich bei Dir nie will ich von Dir gehen nur weine nicht; das bricht mir das Herz."
Die Alte gab den zarten Handen nach, welche die ihrigen wegzogen, und erfasste mit neuem Vertrauen den sussen Wahn, den jeder Zug, jeder Ton des lieblichen Wesens ihr bestatigte.
"Komm, mein Engel!" sagte sie leise "ich schliess Deine Zimmer auf Du sollst sehen, wie gut ich sie gehutet habe da ziehst Du ein Du, die Herrin dieses Schlosses! Ich will aufstehen und Dir Dein Bettchen machen es ist Alles geluftet, an die Sonne gekehrt und geklopft ich lege Dir das kleine Kissen unter Dein Kopfchen, wie Du es liebst der Fussschemel mit der seidenen Decke steht vor dem Bettchen. Ach, weisst Du wohl noch, wie Du mit Deinen kleinen Fussen darauf schlugst, als wolltest Du unartig sein und lacheltest doch dazu, dass ich all Deine kleinen, weissen Zahne sehen konnte! Komm nur, mein Engel hast Du auch schon Deine Milch getrunken und Dein Obst gegessen? Komm nur ich bringe es Dir ich habe Dir Alles aufgehoben Deine schonen Tellerchen und Tasschen es ist spat Du musst schlafen gehen."
Unaufhaltsam, wie ihr ganzer Karakter, folgte Emmy dem Strom ihrer Phantasie. Diese bluhende, jugendliche Fennimor, die kein Zeichen der Krankheit trug, versetzte sie schnell in die Zeit der Jugend ihres Lieblings, wo sie ihrer Pflege allein anvertraut war, und der neckende Frohsinn dieses lieblichen, jungfraulichen Kindes ihr Herz entzuckt hatte. Mit leisem Drucke wies sie Elmerice von ihrem Lager, um aufzustehen und auszufuhren, was sie so eben ausgesprochen.
Die Taufe, die diese so eben mit Fennimors Namen bekommen, schien sie auch in den Bann von Emmy's Gefuhlswelt zu ziehen. Wir sehen sie stumm, freundlich hingebend an die Phantasien der armen Alten sich anschliessen und betrachten ihre Hingebung, ohne sie mit anatomischen Finger beruhren zu wollen; selbst eine Ahnung ihres Busens, die sie in vergeltender Liebe der Alten unterordnete, gern moglich haltend.
Bald stand Emmy, wie in vergangener Nacht, gerustet; aber sie wankte nicht, obwol Elmerice durch Nichts gehindert ward, sie zu stutzen. Was in ihr angeregt war, trieb sie, von dem heftiger wiederkehrenden Fieber gesteigert, anscheinend mit der alten Kraft vorwarts. Bald hatte sie Kerze und Schlussel ergriffen, und Elmerice ward der geheimnissvollen Thur entgegen gezogen.
Mit welchem Herzklopfen trat sie in die verhangnissvollen Zimmer, die sie mit tiefem Dunkel umhullten. Denn was vermochte das Licht einer Kerze in diesen grossen Raumen! Selbst Emmy's leitende Hand verliess sie bald, und sie horte sie, immerfort leise und freundlich redend, nach einer andern Gegend des Zimmers zu gehen. Bald entzundeten sich mehr und mehr vielfach vertheilte Kerzen, und die Wohlthat, sich durch eigne Anschauung zurecht zu finden, kam ihr zu Hilfe. In dem Maasse schwanden auch die Schrekken. Wie hatten sie sich hier sollen anknupfen lassen, wo die sorgfaltigste Liebe mit Fleiss und Ausdauer eine schone, mit Geist und Geschmack geordnete Einrichtung behutet hatte? Hier war nicht die eingeschlossene Luft lang unbewohnter Raume; nicht Moder, nicht Staub hatte hier Platz gefunden. Neben dem dauernden Geruche, den kostbare Mobel von edlem Holze verbreiten, waren hier in schonen, reichen Gefassen aus Japan und China die kostlichsten, frischen Blumen aufgestellt, deren Duft die Luft erfullte, und welche, als die einzigen Bewohner dieser stillen Raume, ein um so ungestorteres, frischeres Leben fuhrten. Daneben standen die breiten, bequemen Mobel, wie der Glanzpunkt des Luxus unter Ludwig dem Vierzehnten sie hervor rief; alle geordnet oder ungeordnet, wie der Gebrauch es herbeigefuhrt hatte, so lebenswarm, so bewohnt scheinend, dass Elmerice, plotzlich erschrocken, von ihren Beobachtungen abliess, der Alten nachblickend, die in einem Nebenzimmer dieselben Vorkehrungen mit dem Anzunden der Kerzen zu machen schien, wie hier, und die sie jetzt mit dem geheimnissvollen Bewohner wiederkehren zu sehen, fast erwartete.
Doch Emmy kehrte allein zuruck und auf Elmerice zueilend, fuhrte sie diese mit froher Geschaftigkeit in das nachste Gemach. Hier waren grosse Fensterthuren nach dem kleinen Gartchen geoffnet; die sternenhelle Nacht, die herein sah, unterstutzte das Licht der Kerzen; es war hell und von dem wunderbaren Gegensatze dieser Beleuchtungen magisch verklart. Gegen die mittlere Thur stand ein hoher Lehnstuhl, als sei dies ein besonders bezeichnetes Lieblingsplatzchen. Rosen bluhten in schonen Gefassen umher; am Boden aber, nach der Mitte des Fensters zu, war ein Teppich ausgebreitet, auf dem glanzendes, silbernes Spielzeug lag.
Welch eine gediegene Pracht athmete dies hohe Gemach! Diese seidenen Tapeten, mit Spiegeln und Goldarbeiten unterbrochen; diese schweren, goldenen und silbernen Gueridons, die Tischchen und Buchergestelle von Gold, Marmor oder seltenen Holzarten und endlich das kleine Positiv, von Engeln getragen, und das kunstlich geschnittene, hohe Lesepult von Eichenholz dahinter die Sitzbank von gleicher Arbeit Alles jetzt von brennenden Kerzen beleuchtet!
"Sieh sieh!" rief Emmy immer fort; "ist es Dir so recht bist Du zufrieden sag mir sag mir habe ich Alles gut besorgt?"
"O, schon schon, wunderbar schon ist es bei Dir!" rief Elmerice, ganz berauscht von den Eindrukken, die ihr im wahnsinnigen Eifer aufgenothigt wurden und sah dabei liebevoll zu der Alten auf, die, so wie sie die Lippen offnete, wie angeruhrt von neuem Entzucken, horchend stehen blieb und uber das alte, gefurchte und vergramte Antlitz alle Sonnenlichter des Gluckes, die auf diesen verharteten Boden noch wirken konnten, treiben liess.
"Nun gehort Dir das Alles wieder!" sagte sie dann seufzend und sinnend "Du wirst das Alles wieder bewohnen und ich werde Dir dienen und werde Dich sehen Deine Engelsstimme horen Deine hellen Augen sehen und horchen, wie der Boden so leise knistert, als fuhle er es gern, wenn Deine kleinen Fusse daruber hinfliegen! Alle Nachte habe ich Deine Blumen begossen den anderen frisch Wasser gegeben, die welken verscharrt und Alles geluftet und den Staub ausgekehrt. Sieh nur, wie es da draussen in Deinem Gartchen ist!" Sie zog sie zur Thure hinaus, und plotzlich stand Elmerice vor einem grunen Hugel, unter dem Schatten bluhender Rosenstrauche und vor ihr ruhete auf einem Ruhebette von schwarzem Marmor die schone, runde Gestalt einer jugendlichen Frau, in weissem Marmor gebildet.
"Gott," rief Elmerice "wer ist das? O Emmy, Emmy, ist das Deine Fennimor?"
"Das ist meine Fennimor!" erwiederte Emmy stohnend und sank uber das schone Bild. "Du weisst ja, er liess nach Lesueur's Bilde Deinen Grabstein mit Deiner lieben Gestalt hier meisseln da da hier unten lagst Du so lange!" Sie stohnte herzzerreissend. Elmerice ward hingerissen; es sturmte in ihrem Busen; sie wusste nicht mehr, ob sie Fennimor sei, ob nicht; aber sie war geneigt es zu glauben und fuhlte ein inniges Bedurfniss, hier mit dieser Stelle so vertraut zu sein, als Emmy es begehrte. Eine Fulle von Liebe sprang aus reicher Quelle in ihrem Busen auf. Wie liebte sie diese schone, kalte Fennimor, diese treu ergebene Emmy mit ihrem finstern poetischen Schmerze; wie einem Kinde der Eltermutter, schlug ihr Herz ihr entgegen! Sie kniete zu ihr sie umschlang sie sie legte ihr warmes Haupt an die erkaltende Wange der Alten, die auf Fennimors Marmorhand ruhte.
"Emmy!" sagte sie erst leise, dann immer dringender flehend endlich mit allen weichen Lauten der Liebe: "siebe auf und liebe mich ich will Dich ja lieben, wie Deine Fennimor!"
Emmy schien aus ihrer Betaubung zu erwachen, und die letzten Worte trafen ihr Bewusstsein.
"Ha, Madchen, wer spricht da?" rief sie wild, und riss Elmerice mit sich empor "war das meines Engels liebe Stimme Fennimor redet," sagte sie sinnend "und ist doch so lange todt, dass braune Lokken weiss wurden, und Jugend zum Greise sag, wie kam das?" fuhr sie fort und schritt vor, Elmerice mit fester Hand sich nach in das Gemach zuruckziehend. Sie sah vor sich nieder; ihr starker Verstand wollte die magische Gewalt brechen, von der sie beherrscht war; sie sann und sann, und blieb vor dem hohen Lehnstuhl in der offenen Thure stehen. "Hier starbst Du hier sah ich Dich als Leiche Du warst todt ich war jung damals und jetzt im hochsten Alter das ist Alles richtig!"
So weit hatte sie sich durchgearbeitet, da sagte Elmerice: "Ach, liebe doch mich, die Lebende!"
Sie zuckte zusammen ihre Augen folgten dem Tone; da stand das schone Abbild ihrer Fennimor hell von den Kerzen umstrahlt, von dem Nachthimmel mit blauen Lichtern atherisch angehaucht. "Ha," rief Emmy, "alte Thorin! Mein gottlich Kind, da bist Du ja! Und ich wo war ich? Sag mir, Du bist da, und ich will nach Nichts fragen; nein, schweig, mein Engel, sage nichts! Die falschen Menschen schworen beflecke Deine Lippen nicht damit sehe ich Dich doch Du bist da mir wiedergeschenkt ich darf Dich haben sehen Dich pflegen und warten. O, wie Du kalt bist!" rief sie plotzlich, mit ihrer fieberheissen Hand ihre Hande fassend. "Gern gehst Du fruh in Dein schones Bettchen das blieb Dir zu lange heut aus deshalb bist Du so blass; ach, wie lange habe ich nicht bei Dir gewacht! und doch hattest Du das so gern ach, wie Du mich immer hinhieltest bald Dies, bald Jenes fordertest, damit ich bleiben sollte; und lachtest dann unter der Decke, wenn ich wieder umkehrte und Dir den Willen that, als merkte ich Deine kleinen Unarten nicht ach, wie sah ich das so gern! Heute bleibe ich gewiss bei Dir, mein liebes Kind! Darum komm nur, komm, es ist langst Schlafenszeit!"
Emmy zog sie gegen eine offene Thur, die ein gleichfalls erleuchtetes Zimmer zeigte; und als Elmerice eintrat, sah sie ein eben so kostbar eingerichtetes Schlafgemach und, mit einem nicht zu massigenden Schauer, ein Bett mit reichen, grunen Damastbehangen in dem Hintergrunde. Emmy schritt vor und zog die Behange zuruck; das Bett lag weiss, wie taglich gepflegt, dahinter; die seidenen Decken, mit Rosen uberstreut, einen sussen Duft ausathmend, waren zierlich aufgeschlagen, bereit, den erwarteten Schlafer angenehm zu decken; der kleine Fussschemel mit der seidenen Decke stand daneben. Alles athmete auch hier fortgesetztes Leben.
"O Emmy, hier ist es schon!" sagte das junge Madchen. Das Grauen war von der Schonheit und dem ruhrende Sinne der Liebe uberwaltigt, der hier, den Zerstorungen der Zeit zum Trotze, zu erhalten verstanden hatte.
"Ja," sagte Emmy "ich habe Alles bereit gehalten ich musste wohl, wer kommen wurde nun ist es erfullt. Sieh, wie Alles frisch ist gerade, wie Du es liebtest nicht? Auch Deine schonen Kleider Deinen Schmuck habe ich gehegt morgen sollst Du die Wahl haben."
So glucklich, mit Erinnerungen wahnsinnig spielend, taumelte Emmy Gray in dem Zauberkreise ihres fruheren, ihres einzigen Gluckes umher, und ihre junge Gefahrtin fuhlte nur das Bedurfniss, nachgebend diesen heiligen Wahnsinn nicht roh zu storen, furchtlos von der Zeit die Erledigung eines Zustandes erwartend, von dem eine ahnende Stimme ihr sagte: er wurde, auch von Fennimors Bild entkleidet, dennoch verhangnissvoll ihr Leben erfassen. Und doch glaubte sie schon im nachsten Augenblicke erliegen zu mussen; denn Emmy, die, vom Fieber mit Jugendkraft beflugelt, im Zimmer redend hin und her schritt, forderte sie nun auf, sich nieder zu legen; ja, sie machte, als Elmerice anstand, ihr zu folgen, eine Bewegung, sie in ihren Armen aufzuheben, wie sie dies vielleicht fruher Fennimor gethan. Erschrocken sass nun Elmerice sogleich auf dem Rande des Bettes, und stellte die Fusse auf das kleine Schemelchen. Da kniete die Alte vor ihr hin, und ahnend, was sie wollte, aber zitternd vor Verwirrung, loste Elmerice nun selbst die Fussbekleidung mit rascher Hand unter den langen Gewandern und stellte dann verschamt die kleinen, weissen Fusse vor Emmy auf das Schemelchen.
Still sass sie davor auf der Erde und sah sie an, als ob ein Himmel unschuldiger Freude vor ihr lage; leise strich sie ein Mal mit der Hand daruber, und ein muhsames Lacheln wollte die in Schmerz erstarrten Zuge brechen. Doch es ging nicht, und sie seufzte nur, als ware ihr wohl. Dann sah sie auf und raffte sich empor, legte die Decken zuruck, und schuchtern nachgebend, legte sich Elmerice nun in das weiche, herrlich duftende Bette. Emmy ruckte und zog und schob daran umher, wie sie es fruher dem Lieblinge gethan; dann senkte sie den einen Vorhang, hing den anderen halb aufgeschlagen um einen grossen, mit Kissen fast zum Bette umgeschaffenen Stuhl und nahm darinnen Platz, mit einer Decke sich umhullend. "Siehst Du," sagte sie leise und matt "hab' ich's nun recht gemacht? Nun, lass mich auch ruhig bei Dir bleiben diese Nacht und schlafe Du unter Gottes Segen bis zum hellen Morgen!"
"Das will ich," erwiederte Elmerice nachgiebig; denn sie sah, das Fieber sank in seiner Heftigkeit, Ermattung trat ein, sie durfte sie nicht storen. Eben so wenig konnte sie hoffen, ihre Lage zu andern; denn Emmy hatte das ganze Bett verbaut; auch hatte sie die zweite Nacht bis jetzt gewacht, sie war jung, das Lager weich und schon. Schon schlief die Alte fest; da verwirrten sich die Bilder, einen Augenblick nur glaubte sie die Augen zu schliessen jugendlich sank sie damit dem Schlafe in die Arme.
Dagegen erwachte Asta am fruhen Morgen und fand, nachdem sie mit ihrem treuen Eifer sich aufgerafft, Niemanden, der ihrer Hilfe oder Fursorge benothigt war. Sowol das Bett der Alten, wie das Lager ihrer jungen Gefahrtin war leer. Starr blieb das arme Kind nach dieser Wahrnehmung in ihrem Schrecken gefesselt; dann ergriff die Furcht vom vergangenen Abende ihr Herz. Sie war sicher, die Geister, die das Schloss bewohnten s i e waren eingedrungen und hatten Beide davon gefuhrt, und nur i h r K r e u z c h e n hatte sie behutet! Ausser sich vor Schreck und Entsetzen, ergriff sie nun die Flucht. Ach, wie erwiesen war Alles! Hingen doch Schlosser und Riegel unter dem Schutze ihres Kreuzes unversehrt; also auf andere Weise, durch die Luft den Rauchfang waren sie entfuhrt! Wahrend dem flogen die Schlosser und Riegel unter Asta's zitternder Hand auseinander, und die Thuren weit hinter sich aufschlagend, flog sie, durch den Wald laufend, wie gejagt, um das Pfarrhaus, um den alten Arzt zu erreichen, der oft schon fruh den ersten Besuch bei Madame St. Albans zu machen pflegte.
Um diese Zeit bogen sich die Gebusche zuruck, die um den Eingang des kleinen Thurmes ihre zarten Zweige wolbten. Ein bluhendes, weibliches Angesicht lauschte mit dem anmuthigen Ausdrucke von Neugier und Frohsinn daraus hervor; endlich folgte die schlanke, elastische Gestalt, sie erstieg die Treppe; offene Thuren luden sie zum Nahertreten ein, leichten, schuchternen Schrittes schwebte sie herein Alles leer! Doch jene Thuren und die eine bloss angelehnt; leise schob sie sie auf, erst sah der Kopf herein, bald folgten die Fusse. Welch ein Zauberland lag hier aufgerollt! Offene Thuren nach dem kleinen Garten, bluhende Blumen, brennende Kerzen, die im Tageslichte schon erblindeten, uberall der Hauch des Lebens! Das zweite Zimmer ebenso; Schonheit, Reichthum, Geist in jeder Falte, jedem Schnorkel ein Gedanke! Doch das nachste Zimmer! So lange es noch Neues gab, wozu hier weilen? Ein Schlafgemach, ein aufgeschlagenes Bett! Die Lichtgestalt blieb an der Schwelle stehen, das leichte Gewand des Busens hob sich so hoch, so schnell; wir wissen nicht warum. Dann glitt sie leicht uber den leichten Boden und blickte auf das schone Engelsbild, das, tief schlafend mit dem Ausdrucke eines lachelnden Kindes, in dem grunen Zelte schlummerte, von einer Greisin bewacht, deren tief gefurchte Zuge und wunderlich verhullte Gestalt an jene Fabeln erinnerte, die von Zauberinnen erzahlten, welche Konigskinder entfuhrten und bewachten zu geheimen Zwecken. Es war, als ob der Engel der Schlummernden sie besuchte. Wie antheilvoll, wie hoch entzuckt, wie ganz verloren in dem Anblicke stand das zarte Wesen zu ihr hingebeugt! Da ruckte die Alte das gesunkene Haupt empor; entflohen war das Lichtbild spurlos verschwunden nicht einmal der Ambra-Duft, den Engel sonst zurucklassen sollen, war hier zu spuren!
Spater trat der alte Arzt mit Asta zaudernd in den offenen Raum. "Geschlafen hast Du noch, Du Thorin! Von der Hexenfurcht am Abende bist Du noch besessen, und lasst die Thuren auf und versaumst uber Deine Furcht Deine Pflicht."
Asta that dagegen nichts als schluchzen, und die Arme nach allen Ecken ausstreckend, zeigte sie die leeren Raume. Unwirsch sturzte der Alte nun auf die Betten zu und suchte, als ob er Gnomen vermisse, in jeder Falte. Vergeblich, er fand sie nicht.
"Was ist denn das fur neuer Unsinn?" schrie er wild und blickte Asta halb fragend, halb verlegen an "hast Du denn Nichts gehort?"
"Sagte ich's Euch doch!" schluchzte diese; "wie konnte ich's denn horen, sind denn Thuren gegangen? War es denn naturlich Werk?"
"Thuren?" rief der Alte, und drehte sich rasch auf dem Absatz um. Er hatte die Richtung bekommen. Die Thure, die sich seit Jahren Keinem geoffnet, war nur angelehnt. Sogleich erfasste Besorgniss fur das, was Elmerice erfahren haben konnte, sein theilnehmendes Herz; er eilte der Thure zu, indem er Asta befahl, zuruck zu bleiben; denn er selbst uberschritt nur ungern diese so streng behutete Schwelle, die er, seit Reginald als Kind davon hinweg getragen ward, nie mehr betreten hatte. Doch hielt das Gefuhl der Achtung fur den dusteren Willen dieser armen Unglucklichen das Gefuhl der Pflicht nicht auf, was ihn zum Schutze des jungen Wesens trieb, das hier so verlassen zu haben, er sich jetzt zum ernsten Vorwurfe machte. Er blieb von dem Anblicke dieser wohlerhaltenen, erinnerungsreichen Gemacher nicht ungeruhrt; aber er wollte erst erfahren, was neuerdings hier geschehen war, und eilte rasch bis zum Schlafgemache vor. Wer beschreibt sein Erstaunen, als er hier die tiefste Ruhe eine Scene des Friedens und offenbar vorhergegangener Liebesbeweise vorfand! Er blieb wie eingewurzelt stehen und fragte endlich mit seinem klaren, geubten Verstande der stummen Scene vor sich ihren ganzen Hergang ab. Was war nun weiter zu thun? Er sah an dem blassen Gesichte der Alten, das Fieber habe sie verlassen; was konnte nun das Schicksal des jungen Madchens werden, wenn vielleicht bei voller Besinnung die Illusion nicht vorhielt, welche die Alte bis zu diesem Grade der Hingebung wahrend der Nacht gebracht hatte?
Er schuttelte den Kopf, und ungewiss uber das Nachste, was sich hier begeben konnte, beschloss er in der Nahe zu bleiben. Mitleidig, wie er unter der rauhen Hulle aber war, eilte er erst zuruck zu Asta, die in der Mitte der Stube auf den Knieen kauerte, ihr Schurzchen uber das Gesicht gedeckt und eifrig ihren Rosenkranz betend.
"Lass' das Geschrei," schalt er, aber dennoch freundlich blickend "und sei endlich vernunftig! Sie sind gefunden Beide gesund, wie Vogel im Neste. Lauf nach der Vikarei, und sag', es stande Alles gut; sie hatten nur die Schlafstatte verandert; ich bliebe und brachte ihnen nachher selbst Nachricht."
Asta stand gehorsam auf und zog das Schurzchen von dem verweinten Gesichte. "Und und" stammelte sie, "es ist ihnen nichts geschehen?"
"Nichts, nichts, mein gutes Kind!" sagte der alte Arzt und strich ihr gutmuthig mit rauhem Finger die Locken unter das rothe Mutzchen; "sie schlafen, wie die Dachse! Nun fort fort hast Du doch Alles dort in Brand gesteckt; fort! fort! mach' es wieder gut die Albans schreit sich sonst den Hals ab!"
Fort war Asta, und der Arzt kehrte auf seinen Posten zuruck und setzte sich so, dass er Alles, was vorgehen wurde, sehen konnte, ohne doch selbst gesehen werden zu konnen.
Er brauchte nicht lange zu harren; die Sonnenstrahlen erreichten das Fenster; sie fielen bei nicht verschlossenen Laden gerade auf das Bett, und indem sie durch die grunseidenen Vorhange schienen, erhellten sie blendend das Innere des Bettes mit seinen weissen Kissen und farbigen seidenen Decken.
Dies brach die Augen der Alten; sie erwachte, doch schien es, sie sah im Anfange nichts, sie stohnte nur, sich aus bequemer Lage vorsichtig aufrichtend. Aber jetzt fasste ihr scharfes Auge die Gegenstande; wo fand sie sich? Sie schaute einige Augenblicke verstort umher; aber ihr erster Blick nach dem Bette nach der sussen Schlaferin, verschont von der erquickenden Ruhe, weckte ihre Erinnerung. Sie wusste den Inhalt der Nacht, wie uns ein Traumbild bei Tage erscheint, wahr, lebendig, mit allem Zauber des Gefuhls nachhaltig uns begluckend, oft gerade um der Moglichkeit Willen, die Wahrheit zu betrugen, die uns oft nicht mehr geben kann, was der Traum uns glaubhaft an einander reihet. Aber hier war der Traum nicht wesenlos verschwunden; hier wollte Wirklichkeit bleiben, was doch nicht wahr sein konnte! Es war vielleicht zu viel fur einen Geist, der seit einigen vierzig Jahren nur e i n e Richtung der Gedanken und Gefuhle gekannt hatte; er musste straucheln an der Schwelle der Vernunft, wenn sie noch in vollem Rechte anzunehmen war, da wo der Geist mit starkem Willen der ganzen Ordnung der Natur entgegentrat, wie zum Trotze die Zeit mit aller ihrer Macht verlaugnend, bezwingend, um der einen Richtung zu dienen in abgottischer Hingebung! Wie gering konnte die Versuchung sein, die hier den Geist ganzlich abzuleiten vermochte und sie w a r nicht gering! Das Zeugniss, wie gross sie war, stahl sich aus den Augen des alten Arztes, der einst Fennimor als junger Mann in diesen Raumen bedient und sich jetzt ungestort in den Anblick der Schlafenden versenkte und von dem Zauber der Erinnerung selbstvergessen uberwaltigt ward.
Die Alte war indessen auf den Rand des Bettes gerutscht immer naher immer naher. Wie seufzte sie so laut und schwer! Dann rang sie die Hande und forderte Rath von ihrem uberwaltigten Geiste. Emmy die d e n verwunscht hatte, der ihr die Moglichkeit abgesprochen, den Liebling einst in diesen Raumen noch wiederzusehen Emmy rang von der anscheinenden Erfullung ihres eigensinnigen Glaubens uberwaltigt mit dem Einlass dieses Wunders in ihrem Geist.
Der alte Arzt schaute klug dem Kampfe zu; er nickte mit dem Kopfe und dachte, sie konne es nun allein abmachen, was sie so lange allein verschuldet.
Dazu war Emmy Gray auch stets bereit, und die Weise ihres Verfahrens gehorte ihr gewiss allein so tief, so unheilbar die ganze Welt zu verachten, um des einen, heiss geliebten Wesens Willen.
Auch hier arbeitete sie sich dahin, wohin sie trachtete. "Was frage ich" sagte sie wie zurnend zu der Welt, von deren Widerspruche sie sich ahnend verletzt fuhlte "welch' ein Wunder mir zu Gunsten kam? Bist Du es denn nicht in jedem Zuge jedem Gliede bist Du nicht warm, und ist Dein Athem nicht so suss hast Du nicht die Lippen eben so, wie sie, geoffnet, dass die kleinen Zahne dammern? Nein, nein, Du bist Fennimor mein Kind mein Engelsbild; und Alles wird nicht wahr sein das Alter und die Zeit, von der sie schwatzen die Thoren mit ihren Einbildungen!"
Heftig verhullte sie ihr Gesicht sie schien in einem neuen, gewaltsamen Kampfe zu liegen. Da erwachte Elmerice uber ihr; und auch ihr war die Begebenheit der Nacht so vertraut geblieben, dass sie augenblicklich wieder im vollen Zusammenhange war.
Als die Alte, die Bewegung spurend, sich hastig aufrichtete, sah sie in zwei, liebevoll auf sie blickende, blaue Augen, die ihr eine Gewissheit ihres kuhn behaupteten Gluckes zu geben schienen, welche ihr zugleich die seligste Freude ward.
"Es wird so sein," sagte sie, wie zu sich gewendet "rede nun zu mir, mein Engel; denn in der Stimme liegt Wahrheit."
"Ich will Dich nicht tauschen, liebe Alte," sagte Elmerice; "aber nimm Dir Alles, was Du von mir zu Deinem Glucke gebrauchen kannst ich will gern sein, was Du wunschest."
Die Alte horte sinnend diese Worte, und der Ton beruckte, obwol noch derselbe, doch nicht mehr ihre Sinne so ganzlich, um nicht zu fassen, was sie ausdruckten. "Fennimor's Stimme war das," sagte sie, fast fragend "ach, wie soll ich das fassen?"
"Konnte ich Dir doch helfen!" seufzte Elmerice. "Gott weiss, wie ich Dich schon jetzt so liebe, wie ein Kind, wie Deine Fennimor es nur konnte. Ich mochte gestorben sein ein Engel ein Geist von der, die Du so geliebt hast."
"Und Du warest das nicht? O, mein Kind, ich furchte ja keine Geister auch wenn Du ein Geist von ihr bist gestehe es! Es soll mir dasselbe sein!"
"Fuhl' doch nur meine Hand, meine Stirn," sagte Elmerice kleinlaut "es ist ja Lebenswarme darin. Ich furchte, ich sehe Deiner Fennimor nur sehr ahnlich; und weil meine Grossmutter so hiess so bin ich vielleicht ihre Enkelin!"
Athemlos hatte Emmy zugehort, und es malte sich ein so wahnsinniger Ausdruck in ihren Zugen, dass Elmerice fast vor ihr erbebte. Aber bald kehrte das Vertrauen zuruck, sie werde nie von ihr zu furchten haben, und damit auch Ruhe und Hingebung.
"Ihre Enkelin?" sagte Emmy endlich, und konvulsivisch hob sich ihre Brust; "ihre Enkelin? Fennimor's Enkelin! Dann dann fliesst doch ihr Blut in Deinen Adern dann hattest Du doch alle Deine lieben, schonen Gliederchen von ihr geerbt! Und dies Alles und Du gehortest ihr es ware fast, wie sie selbst!"
Es war ein furchterlicher Moment, als Emmy hier plotzlich von einer Thranenfluth uberrascht ward, die mit ihrem gewaltsamen Ausbruche sie fast zu zerreissen drohte. Sie sank mit ihrem Kopfe in Elmerice's Schooss. Thranen! sie kannte an sich ihr Dasein nicht mehr wie fremd, wie erschuttert fuhlte sich die arme Alte in diesem neuen Zustande! Aber sanft weinte auch Elmerice uber ihr und strich liebevoll mit ihren zarten Handen uber den bebenden Korper. "Darum wirst Du mich doch nicht hassen! Wenn ich Fennimor's Enkelin bin, dann bin ich ja eben auf Deine Liebe angewiesen dann musst Du mich schutzen!"
"Schutzen!" rief Emmy, sich aufrichtend; "schutzen! Ja, weiss Gott, Du hast Recht schutzen muss ich Dich dann, dann hatten wir es ja! Dann warst Du ja ihre Erbin die grosse, machtige Erbin dieses Hauses! Aber" fuhr sie fort, ihren Kopf in ihre Hand stutzend "hilf mir, mein Kind ich bin heraus aus der Welt; kann ich doch nicht zusammenbringen, wie Du ihre Enkelin geworden bist. Ach, Kind, Kind," rief sie eifrig und voll Angst, als konnte ihr das Gluck wieder geraubt werden "Du bist es Du bist entweder Fennimor oder, wie Du sagst, ihre Enkelin! Aber wie wissen wir es denn?"
"Wie soll ich Dir das erklaren!" seufzte Elmerice "Als Du mich Fennimor nanntest, fiel mir ein, dass auf dem Einbande meines Thomas a Kempis, Fennimor Lester steht, und dass mein Vater mir dies Buch schenkte und mir sagte, es sei von meiner Grossmutter."
"Heiliger Gott," rief Emmy, ausser sich "so ist Alles wahr und Du bist Reginald's Tochter Fennimor's Enkelin!"
Sie sprang auf sie streckte beide Arme, wie eine begeisterte Prophetin, in die Luft ihre gebeugte Gestalt richtete sich auf ein neuer Lebensstrom schien ihre Gebeine zu durchrieseln.
"Gerecht, gerecht willst Du dieser Unschuld werden, Herr des Himmels! Deine Wege werden Feuerstrome vor meinen Augen; ich kann ihren machtigen Lauf verfolgen von Anbeginn; die Wuste der Welt hat sie nicht verschutten konnen; das Menschengewurm ist mit seiner Sunde darin verschlungen worden, und die Unschuld hast Du geschutzt und zu der rechten Stelle gefuhrt wo Du d i e aufgespart hast, die ihr Recht schaffen wird!"
In gleicher Begeisterung wendete sie sich zu Elmerice: "Sei mir gegrusst, Nachkommin meiner heiligen Fennimor und jetzt meine Herrin; berufen zu vergeltender Gerechtigkeit schrecklicher Schuld rechtmassige Grafin Crecy-Chabanne Herrin dieses Schlosses und aller seiner grossen Besitzthumer! Herr des Himmels, auch hier wirst Du die Wege zeigen und erkennen lassen, die wir zu wandeln haben und aus Staub und Asche wird neues Leben erstehen. Fennimor's Enkelin, befiehl Du bis dahin uber mich und gebiete in diesen Raumen Dein vorlaufiges, kleines Erbtheil, an welches sich die grossen Guter Deines Hauses anschliessen werden und empfange hiermit den Segen derjenigen, die Deinen Vater an ihrem Busen trug, und deren Herzenskern Deine Grossmutter war!"
Feierlich kusste sie Elmerice auf die Stirn und fing dann sogleich an, die Vorkehrungen der Nacht aus dem Wege zu raumen, behande und in geschickter Thatigkeit weder Alter, noch Krankheit verrathend.
Unmoglich war es Elmerice gewesen, den Strom der Worte und Gefuhle, der sich aus Emmy's begeisterter Seele hervordrangte, unterbrechen zu konnen. In sprachlosem Erstaunen hatte sie ihr zugehort und in sich eine Gewalt angeregt gefuhlt, die sie selbst fast uber das Maass hinaus bewegte. Tausend Stimmen in ihr wollten ihr zuflustern, dass sie Wahrheit gehort habe; und dennoch wenn sie die betagte Alte vor sich sah, und des Wahnsinns gedachte, dessen Spielwerk sie seit vergangener Nacht war, behielt sie keinen Muth, ihr zu glauben, und fuhlte nur das Eine, dass sie vorerst dem Willen dieses kranken Sinnes nicht entgegen treten durfe. Ja, dies ward ihr leichter, als der Zweifel; denn es war mit den verhangnissvollen Worten der Alten etwas Neues in ihr erweckt: eine stolze Hoffnung, ein Gefuhl der Berechtigung zu einer hohen Stellung des Lebens, die wie ein belebender Sonnenstrahl auf begrabene Wunsche fiel.
"Ha," rief die Alte, indem sie sich umwendete "Ihr hier?"
Der alte Arzt sass in dem Lehnstuhl, in welchen er sich gleich zu Anfang postirt hatte, und schaute mit seinem klugen Angesichte in die wunderbare Scene, die vor ihm aufgefuhrt ward. Er nahm jetzt den kleinen, dreieckigen Hut ab, stiess mit dem hohen Stocke, dessen Goldknopf weit uber die Hand vorsah, auf den Fussboden, und aufstehend und sich gegen Emmy verneigend, sagte er: "Zu Befehl, Madame! Wenn die Patienten Tollmannswerk treiben und davon laufen, haben die Aerzte das unbequeme Vergnugen, hinterher gehen zu mussen. Darf man fragen, wie einer Fieberkranken die Nacht ausser dem Bette bekommen ist?"
"Lasst Euer Geschwatz!" entgegnete Emmy Gray; "ich bin nicht darauf aus, mich von Euch hofmeistern zu lassen; Ihr konnt alle Zeit gehen, ich bedarf Euch gar nicht mehr."
"So," sagte er, und ein unterdrucktes Lachen spielte um seinen Mund; "also jetzt bedurft Ihr mich nicht mehr; und dann ist das Nachste, dass Ihr mir die Thur weiset; nun, es ist nicht das erste Mal! Ich muss Euch aber sagen, dass ich dies Mal hier mehr, als Euch zu besorgen habe; denn das junge Frauenzimmer dort, das Ihr, in einer Eurer liebenswurdigen Launen, in diese seidenen Windeln gewickelt habt, um sie zu Eurer Spielpuppe zu machen, die ist mir anvertraut, ich habe fur ihr Wohlergehen einzustehen, und werde nicht leiden, dass Ihr fortfahrt, Eure Thorheiten ihr in den Kopf zu setzen. He, Madame, habt Ihr mich verstanden? Ich habe die ganze Historie mit angehort."
"So ist es gut!" rief Emmy unerschuttert; "denn obwol Euch Niemand zum Zuhoren berief, mogt Ihr, als Fennimor's ehemaliger Diener, immer zuerst den Vorzug geniessen, ihre Enkelin mit der Ehrfurcht zu begrussen, die ihr hier in ihrem Eigenthume gebuhrt."
"Emmy, Emmy," rief der Alte ungeduldig "bist Du denn vergeblich alt und grau geworden; hat sich denn nach so vielem nutzlosem Hassen und Zurnen, nach all den Jahren dauernden Rachegedanken, die alle an der Ohnmacht Deiner geringen Welterfahrung scheiterten, hat sich denn darnach die Quelle des alten Wahnsinnes dennoch unversiegt erhalten, und willst Du jetzt ein neues Opfer bezeichnen, indem Du dies schone, unschuldige Geschopf diesen Kampfen preis giebst?"
"Alter," rief Emmy, mit gemildertem Ausdruck auf ihn zuschreitend "denke, was Du sagst! Sieh' sie an sieh' sie an! Sag', ist nicht das Vermachtniss ihrer Anspruche in jedem Gliede ihres Korpers ausgedruckt? Hore ihre Stimme, Alter! Ruft sie Dir nicht mit Fennimor's Tone zu, ihre Enkelin anzuerkennen? Ja, ja, nenne mich wahnsinnig aber sage auch wenn Wahnsinn erlaubt ist so ist es hier!"
"Du hast Recht, armes Weib," sagte der erweichte Arzt: "ehe Du sie sahst, hatte ich schon gedacht, was Dich jetzt so verwirrt. Aber was hilft Dir und ihr die traurige Entdeckung, da ihre Anspruche auf immer verloren gingen, und Du und ich mit allen Gefuhlen fur die unglucklichen Opfer, die ich mit Dir betrauern werde, so lange ich lebe, doch den Bann nicht aufheben konnen, der sie vor den Augen der Welt ihrer Rechte beraubte. Ungluckliche," sagte er und zog sie naher, ihr leise zuflusternd: "vergiss nicht, dass Fennimor's Sohn, als Morder, aller burgerlichen Rechte auf Frankreichs Boden fur sich und seine Nachkommen beraubt ward, und ihm kein Erbe zuerkannt werden darf."
Die Alte taumelte bei diesen Worten, die sie aufs neue dem hoffnungslosesten Elende preisgaben, fast zur Erde. Der Arzt fuhrte sie zu einem Stuhl, und sogleich kam der Gegenstand ihrer schmerzlichen Unterredung zu seinem Beistande herbei, und vor ihr niederknieend und ihre kalten Hande erwarmend, sie mit ruhrenden Blicken ansehend, redete Elmerice leise zu der trostlos zu ihr niederschauenden Emmy.
"Bleib' dennoch bei mir, mein Kind meiner Fennimor lebendiges Ebenbild!" stammelte sie endlich muhsam. "Wir wollen Alles Alles besprechen. Alles Alles sollst Du mir sagen und hier hier sollst Du sein, was Du wirklich bist. Hier reicht der Schwefeldunst der Welt nicht hin, und die Grauel der Menschen sollen Dich hier nicht erreichen. Sag', dass Du willst, und ich will Alles vergessen Nichts denken, als dass Fennimor's Hande mir die Augen zudrucken und dann das reiche Erbe, das ich hier gesammelt, in Empfang nehmen werden."
Der alte Arzt nickte Elmerice zu, ihr zu gewahren, und diese konnte aus voller Seele einwilligen; denn mit Zauberbanden fuhlte sie sich hier gefesselt, und die Welt schien auf dieser Stelle alle Rechte an sie zu verlieren.
Dies goss Frieden in Emmy's schwer getroffenes Herz; und die kraftige Weise, wie sie sich nun erhob und den Arzt mit sich fort in ihr eigenes Zimmer rief, war ihm eine merkwurdige, fast argerliche Wahrnehmung, wie der Geist des Menschen uber die Beschwerden des Korpers zu siegen vermag, und arztliche Ansichten, ihre Mittel, ihre Prophezeihungen, in solchen Augenblicken zu verhohnen scheint.
Nach einer langen Berathung, in welcher der Arzt die ganze Energie seines Karakters dem eben so unbeugsamen Willen seiner alten Gefahrtin entgegen setzte, hatte er die Befriedigung, sie wieder in ihre fruhere Muthlosigkeit zuruckgedrangt zu haben. Denn was er sich auch selbst vorgenommen haben mochte, Emmy's Wirksamkeit musste er dabei furchten, da ihr ewig zurnender Pathos, einmal in Lauf gerathen, so schwer aufzuhalten war, wenn die Umstande, wie dies zu erwarten stand, kein gunstiges Resultat zulassen, und das gerauschloseste Zuruckziehen dann das Nothigste sein wurde.
"Erstlich also," fuhr er fort "mussen wir wissen, ob sie das wirklich ist, was sie uns jetzt scheint, namlich die Tochter des verschollenen Reginald."
"Elende, kurzsichtige Zweifel!" murmelte Emmy verachtlich; "solche Zeugnisse fertigt Gott nicht umsonst aus, wie sie auf ihrem Angesichte tragt und habe ich es Euch nicht gesagt, dass ich Reginald, als sie ihn mir damals als liebes Kind raubten, das Buch mit dem Namen seiner Mutter in das Gepack steckte, und dass ich auf meine Frage von ihm horte, wie sie ihn hatten glauben lassen, es sei der Name seiner Kinderfrau! Aber lugt nur, Ihr Heiden und Heuchler! Wenn Gott will, taucht auf, was Ihr noch so tief versenkt habt und legt Zeugniss gegen Euch ab!"
"Das wird sich ja zeigen," erwiederte der Arzt; "sie wird doch von ihrer Jugend wissen, sie wird doch sagen konnen, bei wem wir etwa noch in England nachfragen konnten; selbst die Grafin d'Aubaine mag Auskunft zu geben wissen."
"O, all dies fremde Volk, was Ihr da hineinmischen wollt," rief Emmy "wie hasse ich Alle schon im Voraus fur den bosen Willen, den sie haben werden! Wenn Ihr denkt, Einer wird Recht sprechen tauscht Ihr Euch!"
"Nun und was alsdann?" rief der alte Arzt ihr entgegen. "Sprecht Ihr nicht selbst die Schwierigkeiten aus, die ich erwarte? Und werden sie nicht gerade dadurch noch grosser. dass zuerst, nach so langen Jahren, die Erben des Grafen Leonin hier eingezogen sind?"
So erfuhr denn Emmy mit maasslosem Unwillen die Ankunft des Marquis d'Anville; und wir ubergehen billig die Ausbruche ihres Zornes, da wir uns sehr wohl denken konnen, wie sie diesen Besuch beurtheilen musste, den sie vollig unberechtigt, fur einen rauberischen Einbruch in fremdes Eigenthum ansah. Dessen ungeachtet wusste ihr endlich der alte Arzt zankend und zurnend klar zu machen, sie musse sich ruhig verhalten. Ja, er machte sie glauben, dass selbst die Sicherheit ihres Schutzlings von der Art abhangen werde, mit der sie sich hier so verborgen, als moglich, halte. Er wolle dagegen, wenn sie ihm nach ihrer Unterredung mit Elmerice noch ubereinstimmende Anzeichen geben konne, dann auch das Seinige thun, die Herrschaften zu sondiren. Beim Vikar wolle er dagegen versichern, dass hier Alles gut stehe und sie die Pflege der jungen Person angenommen habe.
"Ja," setzte Emmy hinzu "und macht, dass Ellen wieder wohl wird und lasst sie dann abreisen; denn sie ist mir hier lastig. Ich mag ihr trockenes Pflichtgeschrei nicht leiden; ich soll ihr das Alles mit Worten bezahlen, und die habe ich nicht ubrig!"
Der alte Arzt nickte lachend und beeilte sich, diesen plotzlich so wunderbar umgestalteten Boden zu verlassen.
Was sich jetzt hier im Laufe der Zeit entwickelte, nahm in seinen Erscheinungen nicht an fabelhafter Gestaltung ab, sondern steigerte sich in dem Grade, als Emmy, sich immer mehr ihren Erinnerungen hingebend, sie der Gegenwart aufzunothigen trachtete. Der alte Arzt schlug oft die Hande zusammen, wenn er sah, was hier entstand. Aber er hatte nicht die muthwillige Rohheit, das ungewohnliche Treiben seines Nachsten darum zu verspotten, weil es nicht seine eigene Weise war. Er fragte erst nach, ob ihr kein wichtiger Nachtheil nachzuweisen sei, und konnte, daruber beruhigt, mit grossmuthiger Neugier zusehen, wie verschieden das Bedurfniss der Menschen ist.
Mit wahrem Antheil blickte er aber auf das junge und schone Wesen, uber die sich der Strom dieses phantastischen Treibens so unerwartet ergossen, und die in stiller, sinniger Stimmung diesen Erscheinungen einen Inhalt abgelauscht zu haben schien, der sie zu einer neuen Richtung oder Entwicklung ihres Inneren fuhrte, der sie sich mit Wohlgefallen, mit Berechtigung hinzugeben schien. Sie bewohnte die Zimmer Fennimor's, wie ein Geist, so leise und spurlos und doch so vollig darinnen zu Hause und zur Ruhe gekommen! Emmy lag in ihrem grossen Eingangszimmer, wie der Riegel davor. Seitwarts war eine vergessene, verrammelte Kuche geoffnet, und Emmy hatte eine erwachsene, weibliche Hulfe, die darin tausend Dinge bereiten musste fur den Schatz, den sie bewachte. Ihre eigene Erscheinung hatte sich gleichfalls verandert; ihr weisses, starkes Haar ward jeden Tag von Asta sorgsam gekammt und um die hohe, gefurchte Stirn gescheitelt; daruber wurde dann die saubere, vielfach betollte, kleine weisse Haube gesetzt; ein Kleid von geblumtem Moor, nach langst vergessener Mode, mit steifer Taille und Aermeln, mit feiner Wasche und feinem gefalteten Halstuche, bekleidete taglich die alte, hagere Frau; und wenn sie auch um ein halbes Jahrhundert zurucktrat, so entbehrte doch ihre Gestalt und ihr ganzes Benehmen nie die Wurde eines starken Karakters, wodurch sie gegen jede Lacherlichkeit geschutzt blieb. Sie vollfuhrte ihre gewohnliche Usurpationen der Zeit mit so stolzem Ernst, dass ihr unwillkurlich Jeder einen Grund zu dem, was sie that, zutraute; und so flosste sie immer eher Erstaunen und Neugier ein, als dass sie Tadel und Spottsucht erregt hatte.
Wenn Elmerice von dieser Gewalt mit fortgerissen ward, war dies doch keine Nachgiebigkeit. Es war Trieb, Sehnsucht, mit Emmy in die Vergangenheit einzudringen; sie wollte in ihr den Boden ihrer Heimat ergrunden; sie wunschte ihre Berechtigung zu der Stelle, die ihr Emmy anwies, aufzufinden, und bald schien ihr, mit der jugendlichen Ueberspannung, die wir ihr zugestehen mussen, die sonderbare Herbeifuhrung ihrer Lage der Wille des Himmels zu sein, der an ihr die Unbill gut machen wollte, die ihre theure Vorfahrin erlitten. Noch war es jedoch nicht zu den Mittheilungen gekommen, die Emmy ihr versprochen, und die sie daruber hatten aufklaren konnen; denn trotz dem, dass diese ihre Krankheit wie eine lastige Hulle abgeworfen hatte, war ihr eine Abspannung wohl anzumerken, die, nach der ihr neu gewordenen Lebensweise, gerade in den Stunden eintrat, die zu diesen Mittheilungen geeignet waren; und dann ward sie von Elmerice so sorgfaltig geschont, dass sie an Emmy selbst fast unbemerkt voruberging.
Ausserdem eilte Elmerice, ihrem Verhaltnisse nach Aussen Gultigkeit zu verschaffen; denn jedenfalls wunschte sie vorerst die arme Alte nicht zu verlassen, und mit diesem Wunsche war eine geheime Hoffnung verknupft, dass sich aus den Andeutungen, die sie gehort, eine neue Bestimmung fur ihr Leben entwickeln werde.
Sie konnte der Grafin d'Aubaine ihre Anwesenheit in St. Roche nicht langer vorenthalten; sie sagte ihr, dass sie Madame St. Albans aus den uns bekannten Grunden hierher begleitet habe und bei ihrem ernstlicheren Erkranken, in die Stelle der Pflegerin bei deren Mutter ubergegangen sei. "Dies Verhaltniss," schrieb sie weiter "ist jedoch weit entfernt, fur mich eine Belastigung zu sein; ja, ich bin kaum noch eine Pflegerin zu nennen, da mich Mistress Gray mit einer geheimnissvollen Liebe uberschuttet, deren Grund in ihrem fruheren Leben zu suchen ist; mir aber bis jetzt noch unbekannt blieb, da es mit erschutternden Begebenheiten zusammenhangen soll. Ihre Liebe raumt mir grosse Vorzuge ein; ich bewohne schone Raume, und sie nothigt mir Bedurfnisse auf, und hegt und pflegt mich, wie in fruheren Tagen einen Liebling ihres Herzens, mit dem sie mich in Zusammenhang halt. Ich fuhle mich selbst zu dem wunderbaren, hochbetagten Wesen hingezogen, als gehore sie auf irgend eine Art zu mir; und die Ueberzeugung, ihr mit meiner augenblicklichen Entfernung einen vielleicht todtlichen Kummer einzuflossen, lasst mich bitten, dass meine theure Beschutzerin mir ihre Einwilligung zu diesem verlangerten Aufenthalte giebt, und zugleich die Erlaubniss, ihr von dem Verlaufe der hiesigen Verhaltnisse Nachricht geben zu durfen. Ich halte dieselben bis jetzt fur vollkommen anstandig, da sie mich in ein strenges Geheimniss gehullt haben und mir die grosste Einsamkeit sichern."
Dagegen enthielt ihr an Lady Marie Duncan abgesendetes Tagebuch die vollstandigste Darlegung des Erlebten; und nun stand ihr nur noch der Abschied von Madame St. Albans bevor, die, jetzt hergestellt, mit Ungestum ihre Abreise verlangte. Der alte Arzt hielt ihre vollige Genesung auch nur in ihrem eigenen Hause, unterstutzt von ihren alten Gewohnheiten fur moglich; und so kundigte er Elmerice ihren Besuch an, da Mistress Gray kalt in diesen Abschied eingewilligt hatte.
Madame St. Albans kam sehr ubler Laune an dem bezeichneten Tage nach dem Schlosse; denn sie hatte mit dem neuen Prior des Klosters Tabor um die Pachtung unterhandelt, welche sie dem Kloster abzukaufen wunschte. Nachdem sie mit dem verstorbenen Prior einig gewesen war, die Kaufsumme in jahrlichen Abzahlungen entrichten zu konnen, ward sie jetzt von seinem Nachfolger mit dieser Einrichtung abgewiesen, welcher die Kaufsumme auf ein Mal bezahlt verlangte, wodurch sich die Unterhandlung, an die Madame St. Albans so viele Hoffnungen geknupft, mit einem Male ganz zerschlug.
Ihre schnell umherrollenden Augen fassten bald den veranderten Zustand in diesen einst so dusteren Gemachern auf; und vor Allem uberraschte sie die Umwandlung ihrer Mutter, welche, kalt und steif in ihrem Eintrittszimmer sitzend, die Tochter empfing, sehr missbilligend auf Elmerice blickend, die mit ihrer gewohnlichen Freundlichkeit Madame St. Albans entgegen gegangen war und sie neben sich auf dem Ruhebette, einst Asta's Schlafstelle, niedersetzen liess.
"Bitte, bitte, bemuhen Sie sich nicht," sagte sie zu Elmerice; "ich glaube, es ist Ihnen hier nicht mehr erlaubt, sich um Andere zu bemuhen! Wie ich hore, werden Sie hier bedient und wie mir scheint, wie eine Grafin oder Furstin!"
"Sie wissen bereits, liebe Madame St. Albans, dass Ihre Frau Mutter sehr gutig gegen mich ist!"
"Ja, sehr gutig, so scheint mir selbst!" entgegnete die sich erzurnende Frau. "Man sollte, wenn man das, was man von dem Aufwande, der hier getrieben wird, hort, und es mit dem zusammenhalt, was man sieht, nicht glauben, dass man zu der Mutter einer so armen Frau kommt, der man es wegen Mangel einer kleinen Summe Geldes abschlagt, einen kleinen Landererwerb zu machen!" Nach diesen Worten hatte sie sich hinreichend erweicht, um mit gerotheten Augen ein baldiges Schluchzen anheben zu konnen.
"Ellen," rief Emmy jetzt rauh "betrage Dich vernunftig und halte vor Allem Deine Thranen an! Ist Dir Deine Mutter bereits zu glucklich, dass Du sie oder den Gegenstand ihres Gluckes mit Neid betrachtest? Du bist eine kleine Seele und ich wusste immer, was ich von Deinem guten Herzen und Deiner Weichmuthigkeit denken sollte; die halt mit Heulen und Weinen und lastiger Bedienstlichkeit so lange vor, wie Einer so elend bleibt, dass Nichts an ihm ist; aber wird es besser, und zeigen sich einige Lebensguter, so mochten Deine neidischen Augen gleich Alles verschlingen. Nun lass' das! Ich werde Dich nicht mehr andern; so leb' denn wohl. Gott weiss, wie es Dein rechtschaffener Mann mit Dir aushalt ich beneide ihn nicht; leb' wohl, Ellen reise glucklich! Ich glaube, Du hast eine gute Eigenschaft von mir Du bist verschwiegen! Denk daran, dass ich darauf rechne."
Wie hoch auch die ungestumen Gemuthswellen in Madame St. Albans Karakter gehen mochten, ihre Mutter fuhr mit einigen Worten nie umsonst daruber hin sogleich legten sie sich.
"Nun nun seht nur, wie Ihr wieder bose seid!" sagte sie, mit dem Versuche freundlich zu sein; "denkt doch, dass es ein Abschied heute sein soll! Da musst Ihr mich doch gut entlassen."
"Schon gut! schon gut! Ich habe Nichts dagegen," sagte Emmy kalt; "ich habe stets gute Wunsche fur Dich, aber lasse mich aus dem Spiele."
Madame St. Albans zuckte die Achseln und beendigte dieses kurze Wiedersehen, so schnell sie konnte; da sie die leicht wachsende Ungeduld ihrer Mutter zu furchten hatte, welche sie ruhig Stirn und Hand kussen liess und sie dann, von Elmerice begleitet, laut schluchzend davon gehen sah.
"Es muss wohl wehe thun," sagte sie, sogleich ihre Thranen von ihrem Unwillen besiegen lassend "wenn man sich von einer Fremden bei der leiblichen Mutter verdrangt sieht! Ja, ja, mein Schatz, Sie haben so einschmeichelnde Manieren und konnen so hubsch um den Berg herum gehen; da kann unser eins nicht mit, der immer gewohnt ist, offen und gerade aus zu gehen."
"O," sagte Elmerice "versundigen Sie sich doch nicht aufs Neue durch so arges Misstrauen gegen mich! Sie wissen ja durch den alten Arzt, fur wen mich Ihre arme, alte Mutter halt, und dass ich ihren Wunschen nachgebe, um sie nicht zu kranken."
"Nun, mein Schatz, ich muss Ihnen sagen, dass ich das Alles sehr thoricht und unuberlegt von der alten Frau finde. Sie werden sich da hochmuthige Gedanken von Grafinnen und grossen Gutern in den Kopf setzen; und wie Ihr vornehmer Umgang Sie schon ein Bischen oben hinaus macht, so wird das noch zunehmen mit solchen Einbildungen. Ich rathe Ihnen, Kind, schlagen Sie sich das aus dem Kopfe und suchen Sie bei Zeiten Ihr uberspanntes Wesen los zu werden; da werden Sie gesund bleiben und ein Mal einen rechtschaffenen Mann so glucklich machen, wie ich Herrn St. Albans, der auch nicht die uberspannten Frauenzimmer liebt, wenn solche auch am Ersten thun, als konnten sie Bucher lesen und haushalten in einem Athem."
Elmerice schwieg. Sie blickte mitleidig auf ein Verfahren, dem sie Nichts entgegen zu setzen wusste.
Da die gehoffte Entgegnung ausblieb, sah Madame St. Albans kopfnickend zu ihr auf und setzte noch hinzu: "Und dann sich bei einer Mutter verdrangt sehen zu mussen!"
Elmerice errothete jetzt vor Unwillen. "Ich dachte Madame St. Albans," sagte sie "in dem Verhaltnisse zu Ihrer Mutter hatte sich unmoglich etwas andern konnen; da es niemals besser war, als es jetzt ist."
"Wirklich? wirklich?" sagte sie uberrascht und verlegen; "ich dachte doch! Indessen, wir wollen uns trennen, meine schone junge Dame, und ich will denn von Herzen wunschen, dass Sie die grosse Herrschaft wirklich werden, von der Sie traumen. Doch denken Sie an mich; es hangt starker Makel an dem vornehmen Namen!"
So ward auch der Abschied der beiden ungleichen Frauen sehr steif und kalt, und Elmerice athmete auf, als sie den Bann aufgehoben fuhlte, den diese Frau stets uber sie verhangte.
Dagegen hatte die erfahrene Aufregung in Emmy Gray die Kraft geweckt, ihre schwere, inhaltreiche Erzahlung zu beginnen. Nur von der kurzein Sommernacht unterbrochen, fuhrte sie mit grosser Energie und mit Lebendigkeit des Geistes ihre Erzahlung bis zu ihrem Ende fort, und legte damit in die junge Brust ihrer Zuhorerin einen Schatz von Lebensansichten und Erfahrungen, die, nur auf traurige Thatsachen gestutzt, uns in diesem zarten Alter den Werth das Daseins zu rauben scheinen.
Elmerice hatte Muhe, sich aus ihrer schmerzlichen Aufregung heraus zu reissen. Ach, wie war mit dem gesunkenen Wunsche, diese mit Verbrechen bezeichneten Anspruche geltend zu machen, auch der Muth, ihren Besitz zu erlangen, verschwunden, wenn ihr auch eine ahnende Stimme sagte, ihr Vater sei dieser edle und verfolgte Jungling Reginald. Zugleich fuhlte sie eine tiefe kindliche Scheu, nach seinem Tode, vielleicht gegen seinen Wunsch, in diese verhangnissvollen Geheimnisse seiner Jugend eingedrungen zu sein; und sie gestand Emmy auch diese angeregten Empfindungen und das innige Verlangen, so traurige, verfolgte und mit Verbrechen bedeckte Anspruche nicht aus ihrem Dunkel hervor zu ziehen, da sie nicht zweifeln durfe, ihr Vater wurde dies gemissbilligt haben; es wurde ihn beleidigen, seine Tochter Rechten nachjagen zu sehen, von denen er verwiesen ward.
Emmy horte ihr still und sinnend zu. Sie uberlegte in ihrem Geiste, ob Fennimor, die in Blick und Ton zu ihr redete, auch so gedacht haben wurde; und als Fennimors andachtiges Pflichtgefuhl gegen ihren Vater vor ihr auftauchte, seufzte sie und schwieg, und ein breiter Schatten von Schwermuth deckte ihr erregtes Antlitz.
Da erfasste Elmerice den Augenblick, der armen, aufs Neue gekrankten Freundin Fennimors ihre eigene Geschichte mitzutheilen; und von dem tiefen und verstehenden Gefuhle der Alten hingerissen, von der wunderbaren Situation, die sie fast der Welt entruckt zu haben schien, sicher gemacht, ward ihre Hingebung bei dieser Mittheilung vollstandiger, als sie es fur moglich gehalten. Wir konnen uns dies jugendliche, von Weisheit und Liebe geschutzte Leben aus den Mittheilungen an die Grafin d'Aubaine hinreichend vergegenwartigen und finden uns erst als Zuhorer ein, wo die Erzahlung Gegenstande beruhrt, denen die Grafin d'Aubaine nicht nachzufragen wagte.
"Nur ich, Emmy," sagte Elmerice, ihre Erzahlung fortsetzend "nur ich habe das ruhige, ungekrankte Leben, das dieser herrliche Vater fuhrte, ein Mal durch meine Schuld unterbrochen; und doch war ich ahnungslos, dass ich ihn kranken wurde, und vielleicht jetzt erst begreife ich die ungewohnliche Strenge, mit der er mir entgegen trat. Denn, wenn Reginald mein Vater war, wie viel Grund hatte er dann, jede Verbindung mit einer stolzen franzosischen Familie zu hassen und von mir abzuhalten! Auf dem Schlosse Leithmorin" fuhr sie mit bewegter Stimme fort "bestandig von Gasten des In- und Auslandes belebt, befand sich einige Monate lang ein junger franzosischer Edelmann, der erst nur dem Lord Duncan, mit dem seine Familie befreundet war, einen Besuch machen wollte; spater glaube ich ward ich Veranlassung, dass seine Abreise sich verzogerte. Meine jungen Freunde, die Kinder des Lord Duncan, sahen mich wie eine Schwester an; ich gehorte zu ihren Beschaftigungen, wie zu ihren Vergnugungen, wir theilten Alles; und ich sah daher den jungen Mann taglich.
Emmy, ich kann mir nicht zurnen, dass ich seine Vorzuge anerkannte! Er besass so viel ausgezeichnete Tugenden, er wusste so Viel, er war so kindlich und gut, so heiter so heiter, Emmy bis er von Lord Duncan die ganzliche Abweisung meines Vaters erfuhr. Ich weiss nicht, aber ich glaube fast, sein tadelloses Wesen und dass Lord Duncan ihn wie einen Sohn liebte, hatten mich glauben lassen, die Bewerbung des jungen Mannes werde von meinem Vater gunstig aufgenommen werden. Wir waren sicher geworden in dieser Hoffnung und auch ich, Emmy, war damals glucklicher, als jemals spater! Dieser Erklarung aber folgte eine schwere, leidenvolle Zeit. Mein Vater war in einem Grade davon erschuttert, dass er mehrere Tage das Zimmer nicht verliess, und meine Mutter Tag und Nacht an seiner Seite wachte. Spater bekam Lord Duncan Zutritt. Ach, Emmy, mich wollte er erst gar nicht sehen! Aber der Gedanke seines Zornes hatte so auf mich gewirkt, dass meine arme Mutter meiner Verzweiflung nicht mehr Einhalt thun konnte; und als sie meinen Zustand dem Vater enthullte, liess er mich augenblicklich zu sich rufen.
Nie werde ich diese Unterredung vergessen! Als er mich so verandert, so aufgelost in Schmerz, so trostlos bei dem Gedanken sah, ihn gekrankt zu haben, dachte er zuerst nur daran, mir Muth einzusprechen, mich seiner Liebe zu versichern, mich und selbst den Jungling, der um mich warb, schuldlos an dem Schmerze zu erklaren, den er empfand. Dann, als ich in seiner Liebe wieder auflebte und zur Besinnung kam, machte er mich mit den Hindernissen bekannt, die unvermeidlich zwischen uns standen. Emmy, es waren Grunde, die denselben Boden hatten, wie das Elend, das Du in Deiner Erzahlung vor mir ausgebreitet hast! Er schilderte mir die Vorurtheile der Stande, wie ich sie bis dahin nicht geahnet, und weckte meinen Stolz und mein Ehrgefuhl, indem er mir die nie endende Geringschatzung vorhielt, die ich in einer solchen Familie und in ihrem ganzen Gesellschaftskreise wurde erleiden mussen, weil mich Alle durch meine geringere Geburt fur unberechtigt halten wurden, zu ihnen zu gehoren; und wie das entwurdigteste Mitglied jener Kreise, das wir als ausgestossen ansahen und mit unserer Verachtung bezeichneten, dennoch von Allen geduldeter sein und ihnen berechtigter erscheinen wurde, als meine Stellung, wenn ich sie auch durch jeden ausseren und inneren Vorzug rechtfertigte.
Er sagte mir, dass mich mein Gatte nicht dagegen zu schutzen vermochte; dass die mitleidigen Duldungs-Beweise in so schicklichen Grenzen gehalten sein wurden, dass mir das Herz daran erstarren, mein Gatte in ohnmachtigem Zorne daruber vergehen konne, ohne dass ihm aus den leisen Beleidigungen das Recht erwachsen werde, Genugthuung zu fordern. Er war uberzeugt, dass keine Liebe, auf diese Bedingungen hin, in den hoheren Standen dauern werde, da er von der Macht des schlechten Beispiels eine sehr traurige Vorstellung hatte. Lord Duncan horte das Ende dieses Gespraches und versuchte, meinem Vater mildere Ansichten einzuflossen. Es gelang ihm nicht! 'O Duncan, Duncan,' rief er 'von Dir diese Worte! Von Dir, der Du mein ganzes Schicksal kennst der Du weisst, dass ich Wahrheit sage Du redest einem Junglinge aus dieser Familie das Wort, die ich fast angelobt habe zu verachten!'
'Sie werden Deine Elmerice mit Freude unter sich aufnehmen,' rief der gute Lord, 'wenn Du nur auch etwas nachgebender sein wolltest!'
'Ach,' rief mein Vater und nie sah ich ihn heftiger 'ihnen gilt Nichts hoher, als ihre Geburtsrechte; sie haben kein wahres, inneres, sittliches Bedurfniss! So lange die Sittenlosigkeit noch von einem leidlichen Deckmantel usurpirter, gesellschaftlicher Haltung und Vorzuge uberkleidet ist, bleibt ihnen das ehrloseste Individuum, trotz dem, dass sie von seinem Gehalte unterrichtet sind, eine eben so hoflich gehandhabte Figur, als die Tugend selbst es fordern konnte. Der S c h e i n ist's, was sie wollen, worauf sie halten; er bildet den Korporationsgeist, der sie durch einander sich schutzen lasst und sie namentlich gegen das Richtschwert des Urtheils verbindet, das sich aus jenen geringeren Standen erheben konnte und ihr falsches, leeres Treiben mit dem rechten Namen nennen!'"
"O Emmy," rief Elmerice "diese Worte sind, wie diese ganze Unterredung, in mich eingegraben; denn sie entschieden das Schicksal meines ganzen Lebens! Ich gelobte eine feierliche Verzichtleistung und trennte mich in Gegenwart des Lord Duncan von dem Manne, der mich liebte, und den ich gelobte, als einen Fremden anzusehen!"
Wenn Emmy achtzehn Jahr gezahlt hatte, ware ihr Antheil, ihr Mitgefuhl nicht inniger zu denken gewesen; sie blickte so bang, so liebevoll bang in die bewegten Zuge der Erzahlerin, dass diese sich ihr laut schluchzend in die Arme warf und Alles, was sie erlitten und so tief in sich verschlossen, auszuweinen wagte.
"O, mein armes, armes Kind!" seufzte Emmy; "und doch glaube mir, Dein Vater war ein weiser Mann und ich zweifle nicht, es war mein Reginald der Sohn meiner Fennimor; er hat Dich vor einem gleichen Elende bewahrt, wie meine Fennimor traf. O," sagte sie mit einem ruhrenden Ausdrucke von Liebe "konnte ich Dich doch trosten! Wollte Gott, Du warest nicht mehr unglucklich, weil dies Elend von Dir abgewendet ist! Richte Dich auf fasse Muth und sage mir, wie das Buch meiner Fennimor, das ich vollstandig wiedererkenne, Dir von Deinem Vater gegeben ward; ob er Dir Nichts sagte, was noch naher seinen Zusammenhang damit bezeichnete?
Er gab es mir an dem Tage, wo ich von einem katholischen Geistlichen in den Schooss der Kirche aufgenommen ward. Er sagte mir, es sei ihm das heilige Vermachtniss seiner geliebten Mutter, die er nicht gekannt habe; er bat mich, den Inhalt zur Richtschnur meines Lebens zu machen, wie e r daraus Trost und Belehrung geschopft habe zu allen Zeiten. Dann zeigte er mit dem Finger hieher und sagte mit grosser Bewegung: dies ist der Name Deiner unglucklichen Grossmutter!"
"O," rief Emmy hier "was zweifeln wir noch? Du bist sicher und gewiss die Tochter meines Reginald, und Eton war der Name, den er annahm! Wenn nun Margarith Lester, die Freundin von Ellen, Deine Mutter war, so wird es gewiss, dass er zu dem Bruder seiner Mutter, zu Herrn Lester floh, als ihn dies treulose Land verbannte, und nach einigen Jahren, als er die jungste Tochter seines Oheims geheirathet hatte, sich nach Schottland zu Lord Duncan begab, der seit langer Zeit die innigste Freundschaft fur ihn zeigte."
Wir werden die Ueberzeugung beider Frauen, die an dem Schlusse dieses Gespraches sich in ihnen befestigte, nicht tadeln konnen, da sich die Wahrscheinlichkeit dafur bei dem Austausch ihrer Berichte so bedeutend vermehrt hatte. Mit einem stolzen Triumph sah Emmy nun auf Elmerice, die sie traumte, in ihre Rechte eingesetzt zu haben, mit Verachtung der ganzen ubrigen Welt. Wie sie dabei das Bedurfniss ihres jugendlichen, dem Leben noch gehorenden Lieblings verkannte, mussen wir ihr billig nachsehen, wenn wir denken, dass sie kaum je ein anderes Leben, als das der tiefsten Einsamkeit, gekannt hatte; und was sie Leben nannte, sich ihr nur als eine Pflanzschule der Verbrechen zeigte, aus der Elmerice errettet zu haben, ihr ein dankenswerthes Verdienst um sie schien. Auch erfuhr sie bei ihrer ausschliessenden Besitznahme durch Elmerice keinen Widerspruch. Wenn unser Herz den eben bezeichneten Kummer erleidet, scheint es uns nicht schwer, von dem ubrigen Leben Abschied zu nehmen, mit dessen, uns als werthvoll aufgenothigten, Gutern wir in einen traurigen Widerspruch gerathen, den die Einsamkeit uns dagegen schonend verhullt. War doch die von ihren Eltern ihr angewiesene Heimat selbst kein beruhigender Aufenthalt mehr, und dagegen dieser jetzt aufgefundene, wunderbare Ruhepunkt wie geschaffen, sie und ihren Kummer auf immer der Welt zu entziehen. Dies schrieb sie auch ihrer geliebten Marie Duncan und forderte sie auf, ihren Vater zu seiner Einwilligung in diesen Lebensplan zu bewegen.
Von da an fasste sie ihre ganze Lage mit der Liebe gegen einen dauernden Besitz auf, und theilte bald die ruhrende Schwarmerei Emmy's, die die ganze Vergangenheit zuruckzurufen trachtete, und in krankhafter Aufregung sich uber Gegenwart und Zukunft immer mehr verwirrte.
Elmerice hatte ihren Bitten nachgegeben und, uneingedenk des Modewechsels, ihre eignen Kleider mit den Prachtkleidern vertauscht, welche aus Fennimor's Garderobe, von Emmy gehegt und gepflegt, als ihr rechtmassiges Erbtheil ihr von derselben ubergeben waren. Als sie zuerst in einem schweren Seidenstoffe von gewassertem Moor, mit Spangen von reichen Steinen auf Schultern und Brust befestigt, vor Emmy dastand, sank diese vor ihr, wie vor einer himmlischen Erscheinung, nieder und dankte Gott in einem lauten, feurigen Gebete fur die Gnade, ihr gottliches Kind, ihre Fennimor noch einmal vor Augen zu sehen.
"Ach," sagte Elmerice "ist es denn wirklich wahr, dass ich dieser schonen Fennimor so ahnlich sehe? Wusstest Du, wie ich meine ganze Liebe zu Dir aufrufen musste, um die Kleider anzulegen, die von dem herrlichsten Wesen der Erde in der kurzen Zeit ihres Gluckes getragen wurden, Du wurdest meine Beschamung begreifen, die mich furchten lasst, ihren heiligen Schatten damit beleidigt zu haben."
"Furchte das nicht, mein Engel," sagte Emmy "sie wurde Dich selbst damit schmucken sie wurde Dich mit Ueberzeugung fur ihre geliebte Nachkommin erklart haben! Aber auch Du sollst nicht langer in Zweifel bleiben, dass sie Dein Ebenbild ist; und da Du zufallig einen Anzug gewahlt hast, in dem Lesueur sie gemalt hat, so sollst Du mein heiligstes Heiligthum, den Eudoxien-Thurm sehen, worin ich ihr Bild aufgestellt habe, an dem Platze, mo sie stets mit ihrem Harfion sass. Dann wirst Du sehen, dass Du selbst aus dem Bilde hervortrittst dann wirst Du mir, ohne Dir Vorwurfe zu machen, das Gluck gonnen, Dich ganz so zu sehen, wie sie ehemals vor mir stand." "O," rief Elmerice "vergieb mir meine Zaghaftigkeit und denke von meiner Liebe zu Dir nicht geringer; ich will Dir glauben und von jetzt an Dir folgen." "Vielleicht nur noch kurze Zeit," sagte Emmy ernst, "und Fennimor gonnt mir dies Gluck und segnet Dich dafur!" Wir verlassen hier auf einige Zeit diesen Schauplatz des wunderbarsten Phantasielebens und kehren in den gegenuberliegenden Theil des Schlosses ein, das heitere Treiben der jungen Personen verfolgend, die hier dem Leben, so Viel an ihnen lag, allen Reiz abzufordern trachteten.
Indem wir uns jedoch die Eigenthumlichkeit der Hauptpersonen zuruckrufen, werden wir eingestehen mussen, dass der frohe, heitere Lebenssinn des Marquis d'Anville und seiner jungen Gemahlin doch gerade deshalb so uberstromend hervortrat, weil in ihnen ein sicherer Grund von ernstem Gefuhle lag, und eine durch Grundsatze befestigte Karakterbildung. Wir durfen daher erwarten, dass die Geschichte des Grafen Leonin, mit der wir uns beschaftigt haben, und die der junge Marquis so vorzutragen wusste, dass ihr Hauptinhalt durch die leichtere Form der Erzahlung nicht geschwacht ward, einen ernsten Hintergrund in den Herzen seiner Zuhorer zuruckliess, und das ubersprudelnde Leben jugendlicher Heiterkeit dadurch leise eingedammt erschien. Leonce hatte nicht nothig, an sein System des Maasses zu erinnern; vielleicht war aber das Maass der Liebenswurdigkeit gerade dadurch in beiden Frauen erfullt.
An dem letzten Abende, als der Marquis seine Erzahlung mit dem spurlosen Verschwinden Reginald's schloss, und die Gesellschaft nach einigen Worten, die ihre Erschutterung ausdruckten, sich fruher, als gewohnlich, getrennt hatte, offnete sich einige Zeit spater die Thur zu dem Zimmer des Marquis d'Anville, und seine junge Gemahlin trat mit der ihr stets bleibenden, anmuthigen Schuchternheit einer Jungfrau ein. Aber ihr liebliches Angesicht war so bleich, wie ihr weisses Nachtkleid; und als ihr der Marquis liebevoll entgegeneilte, fiel sie ihm in die Arme und weinte die ganze erfahrene Gemuthsbewegung, wie ein Kind an dem Busen der Mutter, in den Armen ihres Gemahls aus.
"Armand," sagte sie, nachdem sie den ruhrenden Ausdruck ihrer Gefuhle in etwas beherrscht hatte "versprich mir, dass wir nicht Besitzer werden wollen von dieser traurigen Erbschaft; dass wir alle unsere Krafte, alle unsere Verbindungen, alle unsere Mittel noch ein Mal in Bewegung setzen wollen, jenen armen, gekrankten Reginald oder seine Erben zu entdecken!"
"Du sprichst aus meiner Seele!" rief der Marquis, sie an seine Brust druckend "die Zeit hatte den Eindruck in mir gemassiget; die Fruchtlosigkeit meiner Nachforschungen hatte mich endlich damit abschliessen lassen; fast hatte ich jetzt das Provisorium uber diese Guter aufgehoben und mich zum Erben erklart; aber indem ich Euch jetzt Alles erzahlte, stieg, aufs neue belebt, die ganze Gewalt dieser grossen Verschuldung in mir auf, und unmoglich schien es mir seit den letzten Tagen, hier wirklich als rechtmassiger Besitzer aufzutreten und damit fast in die verwerfliche Bahn einzulenken, die unser armer Oheim verfuhrt ward, zu betreten."
"Das stand auf Deiner Stirn, Armand," sagte Lucile, ihre Thranen vollig trocknend. "Auch kam ich nicht in der Meinung, ich konne Dir das Rechte erst durch meine Bitten entdecken helfen. Ich wollte ich hatte den Austausch unserer Gedanken so nothig; mein Herz will mir zerspringen, wenn ich an das Schicksal dieser Fennimor denke dieses unglucklichen Reginald. Ich habe ein Gefuhl, als konne diese wunde Stelle in unserer Brust dieser Flecken auf unserem Wappenschilde nicht eher verschwinden, als bis wir dies Erbe den rechtmassigen Besitzern ubergeben haben."
"Sieh' hier, Lucile!" rief der Marquis jetzt, und zog sie gegen den Schreibtisch; "und moge dieser Brief, den ich noch heute Abend zu beschliessen denke, Dir eine ruhigere Nacht bereiten und Deine Traume mit der grossmuthigen Hoffnung fullen, dass Du Reginald wieder findest und ihm die reichste Erbschaft des Landes ausliefern kannst."
Lucile horte in freudiger Bewegung, als Armand sie in einen Lehnstuhl gesetzt hatte, was er seit ihrer Trennung geschrieben:
"An Lord Duncan-Leithmorin."
"Euer Herrlichkeit haben wiederholte und dringende Aufforderungen zur Mitwirkung meiner jahrelangen Bemuhungen, um die Auffindung Ihres Freundes Reginald de Ste. Roche, stets unbeantwortet gelassen; und ich habe lange geglaubt, dass meine Briefe an Euer Gnaden verloren gingen, oder Ihre moglichen, langeren Abwesenheiten von Leithmorin sie nicht in Ihre Hande lieferten. Obwol meine Nachforschungen dadurch nicht ganzlich gehemmt wurden, und ich sie in allen Richtungen fortsetzen liess, knupfte ich doch immer im Geheimen meine grosste Hoffnung an Sie, als dessen Freund; und erlauben Sie mir, es hinzuzusetzen ich verdiente von Euer Herrlichkeit eine weniger misstrauische Aufnahme!"
"Sollten meine Hoffnungen, dass dieser, mein unglucklicher Verwandter sich nach England fluchtete und in Ihrer Nahe lebt, oder Sie Kenntniss seines Aufenthaltes haben, sich erfullen, so fordere ich Sie im Namen der Menschheit auf, Ihr ungerechtes Misstrauen gegen mich aufzugeben und mir beizustehen, um eine spate, aber immer gleich heilige Gerechtigkeit gegen meinen unglucklichen, verfolgten Verwandten ausuben zu konnen. Ich bin in Ste. Roche und werde hier Ihre Antwort abwarten, indem ich mich der Couriere bediene, diesen Brief in Ihre Hande zu liefern."
Lucile erhob sich mit einem unaussprechlichen Ausdrucke von Stille und Verehrung in ihren Zugen. Sie beugte sich ein wenig gegen ihren Gemahl vor sie offnete die Lippen, als wollte sie reden dann schwieg sie schuchtern, kusste sanft seine hohe, helle Stirn und sagte endlich ganz leise: "Armand, ich liebe Dich!"
"Lucile!" rief er entzuckt, als habe er es zuerst gehort und vielleicht hatte das erste Mal sein Herz nicht mit hoherer, andachtigerer Wonne erfullt! "Meine theure Lucile," rief Leonce am anderen Morgen, als man sich in dem kleinen Burggarten, der an der anderen Seite des Schlosses und an den jetzt bewohnten Gemachern lag, zum Fruhstucke versammelt hatte "ich muss um Gnade bitten; denn ich bin auf Ihre Unkosten liebenswurdig gewesen."
"Ich glaube, das ist am Ende eine von Ihren seltenen und dann superfeinen Galanterien," rief Lucile. "In welchem Reichthume von Liebenswurdigkeit mussen wir uns befinden, wenn Sie darauf Gebrauchsanweisungen schreiben; und nicht allein die Quantitat, sondern die Qualitat muss es ausserdem sein, die sie an Ihren eigenen Schatzen vorubergehen lasst. Ah, Armand, wir sind mit Deinem Bruder zufrieden!"
"Dann gebe nur Gott, dass Sie es auch bleiben," lachte Leonce; "denn Ihre Gunst hat mich noch nie langer, als eine Sekunde vor dem Anfange unserer diversen Unterhandlungen begluckt."
"Aber Sie, mein theurer Widersacher, unterliessen auch stets, Ihre Unterhandlungen, wie heute, mit einer einflussreichen, kleinen Schmeichelei zu beginnen! Selten fuhle ich mich daher so sanft, so hingebend, so geneigt, Alles allerliebst zu finden, was Euer Liebden in weiser Herablassung geneigt sein werden, vorzutragen."
"Nun, m i c h dispensire nur vom Zuhoren!" rief Margot und stand mit zwei luftigen Springen auf dem Rande einer alten, marmornen Treppe, die terrassenartig in den Wald fuhrte, der dem Burggarten gegenuber lag.
"Nein," rief Leonce und setzte der fluchtigen Gestalt eben so gewandt nach "Sie durfen nicht entwischen; denn auch Sie sind bei meiner Verhandlung mit Lucile eben so betheiligt, wie diese; ich habe auch Ihre Gnade in Anspruch zu nehmen."
"Gott, was ist geschehen?" rief Margot, mit erheucheltem Erschrecken; "wie tief muss Leonce sich verschuldet haben, wenn er sogar meine Gnade gebraucht! Ha, Armand, kommen Sie zu unserm Schutze herbei; er hat uns an Rauber verkauft ihn gereut eine Verschworung, die er angezettelt ich furchte Alles! das Schrecklichste, Entsetzlichste, Abscheulichste, da er meine Gnade anruft!"
"O," rief Leonce, mit ein wenig dreister Heiterkeit Margot in die Augen blickend; "was gabe ich darum, wenn ich wusste, ob Sie mich um das, was ich gethan, abscheulich und entsetzlich finden werden!"
"Hier ist immer Einer unartiger, wie der Andere!" rief Armand, sehr ergotzt durch seine jungen Freunde. "Wen soll ich hier schutzen? Meine Ritterpflichten kommen ins Gedrange, wo die Natur ihre Rollen gewechselt zu haben scheint. Die Damen sind offenbar die Starkeren, und Leonce sieht aus, als wolle er unterliegen."
"Ja gewiss," rief Lucile "hier ist Niemand artig, als ich a l l e i n , was Du wahrscheinlich vorher zu bemerken vergassest. Es ist ein schweres Geschaft, so grosse, so widerspenstige Kinder in Ordnung zu halten; aber ich muss mich daran geben, denn, kommt Margot so zu ihrer Mutter zuruck, wird die gute Grafin d'Aubaine glauben, ich habe meine ganze Soliditat verloren, und man wird bedenken, ob man vorsichtig genug in der Wahl meines Gatten war."
Armand nahm hier die leichte, weisse Hand gefangen, die wahrend dieser mit Pathos gehaltenen Rede beschaftigt war, die verschiedenen Gegenstande des Fruhstuckes, welche das reich besetzte Tischchen bedeckten, in Umlauf zu bringen. "Und am Ende," sagte er, sie kussend "schickst Du mich fort, damit Deine Erziehung nicht durch schlechtes Beispiel leidet."
"Und am Ende," wiederholte sie, im Begriffe zu scherzen; aber gegen ihren mit Ehrfurcht geliebten Gatten leicht in dem Tone der Neckerei aufgehalten, brach sie plotzlich ab und rief: "ich fange mein strenges Regiment mit Ihnen an, Leonce ich erklare Ihre Chokolade noch zu heiss, um sie jetzt schon hinunterzusturzen; sie wird sich warm halten bis Sie uns endlich vertraut haben, was wir Ihnen aufs neue vergeben mussen."
"Ach," rief Leonce "denken Sie weniger an mich obwol ich dieses herrliche Waldhuhn gern erst zerlegt hatte; aber gonnen Sie unserer armen, kleinen Margot das stille Vergnugen, ohne Gemuthsbewegung den zarten Brei von Erdbeeren, Brod und Milch und einigen zwanzig, kleinen Zuthaten dieser vor ihr aufgepflanzten Buchsen, zu verspeisen dann fange ich an sogleich! sogleich!"
Das gottliche Vorrecht der Jugend, uber Nichts zu lachen, ergriff Alle, bis auf die Verspottete. Sie war mit ihrer gewohnlichen Diat junger Madchen, die vor Fleisch und dessen Erscheinungen, wie vor den Gebrauchen wilder Volker, zuruckbeben und ihren kleinen, heissen Magen unter der engen Schnurbrust mit Milch, Obst und Confituren baden, ein immerwahrender Gegenstand fur Leonce's Spottereien und fuhrte nicht selten, um ihm zu trotzen, auf ihrem Teller die wunderlichsten Gesellschaften sich widerstreitender Nahrungsmittel zusammen.
Nachdem der angenehme, kleine Lachschauer voruber war, erklarte Margot, diese neue, grausame Spotterei habe ihr ganzlich ihre schone Morgenspeise verleidet; Leonce konne daher anfangen, wenn anders seine wilden Gebrauche, die unschuldigen Thiere des Waldes zu verschlingen, ihm dazu Raum gaben.
"Ach ja," rief Leonce "es sei so! Denn ehe die Beklommenheit des Herzens nicht aufgehort hat, eher wird der Segen eines guten Fruhstucks nicht an mir in Erfullung gehen. Ich habe einen Freund," rief er mit Pathos und zog einen Brief hervor. "W i e ich zu diesem Glucke kam, wird vielleicht nicht besonders schmeichelhaft fur meine Eitelkeit sein. Jetzt ist vors Erste unsere Verbindung die allerfeurigste der Welt wo ich nicht bin, ist ihm die Erde eine erkaltete Leiche, ein ausgebrannter Krater mein Athem belebt den seinigen mein Auge ist der Stern, der ihm die Nacht des Lebens erhellt mein Lacheln ist der Sonnenschein, der alle Keime seines Wesens grunend und bluhend hervorruft der Ton meiner Stimme ist die Melodie, die er wiederklingen fuhlt durch alle Saiten seiner Brust meine Gedanken erganzen die seinigen meine Neigungen passen zu seinem Karakter mein Herz, so weich, so kuhl dabei, wie Sie es alle kennen, starkt und erquickt das seinige, was leidenschaftlich von besonderem Feuer belebt wird ach, ich muss inne halten! Wo gabe es eine Sprache, um eine Leidenschaft zu bezeichnen, die nach langer, sproder Durre, plotzlich dem gefundenen Ideal gegenuber, in ihrer vollen Starke hervorbricht."
Ein lautes Gelachter aller seiner Zuhorer unterbrach hier den muthwilligen Spotter, und nur mit Muhe unterdruckte er seine Neigung, darin einzustimmen.
"Ach," fuhr er fort "findet denn Nichts hier Anklang, was, aus der Welt der Ideale hernieder gestiegen, Glauben verlangt an ein hoheres Bedurfniss? Sind diese Wunder der Seelenverwandtschaft, die keinen hoheren Nachweis fordern, als ihr geisterhaftes Erscheinen vor uns sind sie Ihnen denn alle fremd? Lucile, gefuhlvolle Gattin und Ehrendame der Konigin, hat Ihr Herz nie diesen Takt geschlagen? Armand, Kammerer des Reichs Marquis aus den Zeiten Arthur's und der Tafelrunde ging die Welt der Seligkeit, die in einem Dir ganz gehorenden Freunde schon Homer's und Pindar's Gesange verherrlichen, an Dir ungekannt voruber? Und Sie, Margot voll Jugend und Unschuld eine schone Knospe, um die alle Blatter, zur Vollkommenheit entwikkelt, sich eifersuchtig uber dem sussen Dufte gewolbt haben, der darin sein Aroma bereitet ahnt Ihnen nicht wenigstens der verhangnissvolle Augenblick, wo sie uberlistet von ihrem Vetter oder um in der Bildersprache dieser schonen Gedankenoperation fortzufahren wo sage ich also ein Sonnenstrahl Sie so lange bescheinen wird, bis Sie aufbluhen und der gottliche Duft so schwarmerischer Liebe oder Freundschaft, als mein Freund fur mich fuhlt, die Luft durchdringen wird?"
"Nein, nein, Leonce," rief hier Margot, sich durch das allgemeine Gelachter mit ihrer feinen Stimme Bahn brechend "auch im Spasse kann und will ich Ihre abscheuliche Empfindsamkeit nicht ertragen! Lucile, er reizt mir das Blut bis in die Fingerspitzen; alles Gefuhl, bis zum kleinsten Atome, mochte ich aus mir herausjagen, um auch N i c h t s , keinem Sonnenstaube Aehnliches, in mir davon zu haben!"
"O Knospe, Knospe," rief der unerbittliche Leonce "dieser Zorn ist Symptom Deines Aufbluhens! Sollte der Sonnenstrahl schon uber Deinen Blattern stehen?"
Wild und gluhend bis zum Scheitel, sprang Margot auf, und jetzt setzte sie so schnell uber die marmorne Treppe, dass sie eine Stufe verfehlte; und hatte Leonce sie nicht, eilig zuspringend, in demselben Augenblikke im Arme emporgerissen, so ware sie die baufallige Treppe hinab gefallen.
Als er sie ansah, erblickte er dicke Thranen in ihren Augen, und sie schlug fast nach ihm; so ungestum dachte sie daran, sich von ihm zu befreien.
"Nein, nein, Margot, verzeihen Sie mir erst!" rief er mit seiner vollen Gutmuthigkeit; "ich war zu ausgelassen, ich habe Ihnen wehe gethan und fuhle mehr, wie Sie ahnen, den Schmerz, Sie beleidigt zu haben! Nein, nein, ich lasse Sie nicht eher los, bis Sie mir verzeihen!"
"Alles, Alles," rief Margot "nur lassen Sie mich los, ich sterbe sonst auf der Stelle!" Und noch einmal versuchte sie, ihre kleinen Hande zu befreien, und entschlupfte Leonce, der sie los liess, und verbarg sich hinter Lucile, die vergeblich zur Ordnung gerufen hatte.
"Ich bin ganz Deiner Meinung, Margot," rief Lucile lachend, dass die Thranen ihr in den Augen standen "Leonce ist ganz unertraglich und ich wunschte, wir wussten seine pendantische Rede uber das Maass noch auswendig, um sie ihm jetzt vor halten zu konnen; denn ich merke, die Nutzanwendung hort bei seinem eigenen Verfahren auf wie das bei allen Buss-Predigern der Fall sein soll."
"Sein Sie jetzt nicht zu streng, Lucile!" erwiederte Leonce "ich habe Etwas in den schonen Augen meiner kleinen Muhme gesehen, was allen Uebermuth in mir ausgeloscht hat. Ich bin fur heute bestraft genug und will Ihnen jetzt ganz einfach referiren; ja, ich bin so eingeschuchtert, dass ich, um nicht mehr von meinen Gefuhlen verfuhrt werden zu konnen, die Veranlassung weder nennen, noch bezeichnen will, Ihrem Scharfblicke das Weitere uberlassend. Der junge Graf von Bussy, der so eben seine Vermahlung mit Mademoiselle de Guiche in Versailles gefeiert hat, ist auf dem Wege nach seinem schonen Schlosse Rabutin und kommt so nahe an Ste. Roche voruber, dass er, von unserer Anwesenheit unterrichtet, mir gestern einen Boten sendete, mit der Bitte, seinen Besuch bei meinen liebenswurdigen Verwandten zu vermitteln."
"O," rief Lucile, freudig ihre Hande zusammen schlagend "das ist eine allerliebste Nachricht nun sollen Ihnen alle Ihre Unarten vergeben werden!"
"Auch, wenn ich bereits zugesagt habe?" fragte Leonce. "Der Bote traf mich auf dem Wege nach dem Kloster Tabor, dessen Bibliothek ich einen Besuch machen wollte; da gedachte ich des Beifalles, den Sie, liebe Lucile, der jungen Grafin Guiche stets gezollt, und ich hatte entschieden, ehe ich die Schwierigkeiten uberlegt, Ihnen diesen Vortrag zu machen."
"Nun, ich bin versohnt," rief Lucile; "denn ich finde diesen Besuch allerliebst! Und ich argwohne, Leonce mein Armand war mit Ihnen im Komplotte bei dieser Uberraschung!"
"Zufallig war Armand mit mir, als uns der Bote erreichte." lachte Leonce. "Doch er ist so schuchtern, wie ich, seiner holden Tyrannin gegenuber; wenigstens hat er mir die ganze Verantwortlichkeit zugeschoben."
"Nun," erwiederte Lucile "was meinst Du, Margot, sollen wir ihm vergeben?"
"Thue Du, was Du willst," sagte diese von weit ber; denn sie war leise hinter Lucile fort bis an das niedere Gelander der Terrassen-Brustung geschlichen und schaute, Allen den Rucken zukehrend, in die Gegend. "Ich werde mich darauf noch ein Weilchen besinnen und namentlich auf seine fernere Auffuhrung Acht haben, ehe ich Frieden schliesse."
"Dann habe ich Ihre Versohnung sicher," antwortete Leonce, "besonders, wenn Sie mir erlauben, Sie jetzt anzusehen."
"Nein, nein! Armand, leiden Sie es nicht!" rief Margot; "ich springe hier hinunter, wenn er mir nahe kommt!"
"Sein Sie ruhig," antwortete Armand "jetzt nehme ich Sie in meinen Schutz. Doch sagen Sie, darf ich Ihnen nahe kommen? Und wollen Sie uns beistehen, im Schlosse die Zimmer auszuwahlen, die wir fur unsere zahlreichen Gaste bereit halten mussen?"
"Sogleich komme ich," sagte Margot; "doch hier in der Ferne entdecke ich etwas ich muss es erst heraus haben, was es ist."
"Ich will Ihnen helfen, Margot" rief Leonce aufstehend; "ich weiss vollkommen in der Gegend Bescheid."
"Nein, nein," sagte sie, rasch herunter springend "ich weiss jetzt, was es ist;" und mit einem Satze war sie zwischen Armand und Lucile und musste nun ihr gluhendes Gesicht den lachenden Augen ihrer jungen Freunde preisgeben.
"Kommen Sie, Margot," rief Armand und gab ihr mitleidig den Arm "wir verstandigen, alten Leute gehen voran diese jungen Spotter mogen uns folgen."
So durchzog man erst den anmuthigen, kleinen Burggarten, der unter den Fenstern der von ihnen bewohnten Zimmer lag und von einer hohen Brustung untermauert war, an deren Fusse sich die schonen, grunen Waldwege anschlossen, die wenig von der Kultur erfahren hatten und mit kurzem, saftigem Waldmoose bedeckt waren. Dieser Platz, den sie heute zuerst besucht hatten, ward fur wurdig erkannt, auch den Gasten zur Fruhstucksstunde zu dienen, da er Schatten und Kuhlung versprach. Dann wandelte man durch die bewohnten Gemacher, um die Haupttreppe zu erreichen, die in die oberen Zimmer fuhrte, welche uber denselben lagen.
Hier, auf dem alten, mit Marmor-Statuen geschmuckten Treppenflure blieben Alle, uberrascht von ihren Erinnerungen an d'Anvilles Erzahlung, stehen; und die Nacht, in der die beiden unglucklichen Bruder zu einer so furchterlichen Katastrophe ihres Lebens diese Treppen erstiegen, stand Allen so lebhaft vor Augen, dass sie ihren frohen Lebenshauch aufhielt.
"Nein," rief d'Anville "mein Herz wird nicht eher ruhig schlagen, bis diesem armen, edeln Reginald Recht geschehen ist!"
"Und," setzte Lucile mit dem lieblichen Ernste ihrer plotzlich erblassten Wangen hinzu "meiner heiligen, herrlichen Tante Fennimor! O, Armand, ich buhle mit ihrem Schatten, der diese Raume heiligt, um die Gunst ihrer Liebe; ich will, sie soll mich gern als ihre Verwandte anerkennen!"
"Vielleicht segnet sie unsere Absichten," sagte Armand; und unwillkurlich hing Lucile's Arm in dem ihres Gemahls; und Margot war so erschuttert, dass sie sich ohne Weigerung von Leonce auf der Treppe unterstutzen liess, weil sie ihren ganzen Streit mit ihm vergessen hatte.
"Die Zimmer uber den unsrigen sollen von den verschiedenen Besitzern stets im wohnlichen Stande gehalten sein," erzahlte Armand "in ihnen mussen wir unsere Einrichtungen treffen."
"Und beruhren wir damit den Bankettsaal?" fragte Lucile.
"Nein, dieser Theil des Schlosses bleibt uns links, wir wenden uns auf dem oberen Treppensaale rechts."
Sie fanden hier eine alterthumliche, aber reiche Ausstellung von vielen, wohl an einander hangenden Gemachern, und Leonce, der bestandig die Chronik und den alten Plan des Schlosses studirte, sagte ihnen, dies seien die Gesandten-Zimmer. Katharina von Medicis habe sie noch mit ihren kostbaren, vergoldeten Ledertapeten, zum Empfange der polnischen Magnaten einrichten lassen, die sie dort in der Stille fur ihre Sache zu gewinnen suchte.
"Wir werden doch wohl mit diesen Zimmern ausreichen?" fragte Armand Leonce.
"Nun, wie viel Gaste erwartest Du denn?" sagte Lucile.
"Ich hore, es werden sich einige Freunde des jungen Ehepaares in seinem Gefolge befinden, und ich habe Alle hierher eingeladen; denn ich hoffe, wir fesseln sie so eine Zeit lang an unser altes Geisterschloss."
"Und wie ich hoffe, Leonce," sagte Lucile "befindet sich unter ihnen auch Ihr junger, feuriger Freund, der Sie so uberaus empfindsam stimmt, und den Sie uns jetzt doch nennen werden?"
"Nein, nein, liebe Lucile, das soll Ihrem Scharfsinne uberlassen bleiben; ich verrathe ihn nicht und will Acht geben, wer von Ihnen beiden, ob Sie oder meine kleine Muhme Margot ihn zuerst errathen wird."
"Sein Sie sicher, dass ich Ihre Freunde nicht zum Gegenstande meines Nachdenkens machen werde am wenigsten aber begierig bin, diesen empfindsamen Jungling kennen zu lernen!" Mit diesen lebhaften Worten rannte Margot schnell aus der Nahe ihrer Freunde, welche sie erst vor einer Portrait-Statue auf dem Treppensaale wiederfanden. Sie schauderte zusammen, als man sie anredete, und wies mit unverholener Bangigkeit auf die kuhne, drohende Gestalt, vor der sie stand. "Es ist Spinola," sagte sie, kaum horbar.
Alle theilten ihre Ansicht; und hingerissen von den Erinnerungen, die hier uberall ihren Schauplatz fanden, trat bei Jedem der Wunsch hervor, dennoch die verhangnissvollen Gemacher zu betreten, wo ihrer so viel Grauen Erregendes wartete, und Lucile bestatigte ihren fruheren Ausspruch: Sie habe nichts dagegen, sich ein wenig zu grauen, wenn sie dabei recht gesichert ware und so schien Margot auch zu denken. Doch nahm sie abermals und, wie es dies Mal schien, ohne alle Zerstreuung den Arm ihres bosen Vetters Leonce an.
Es war gewiss ein erschutternder Eindruck, diesen alten verfallenen Saal zu betreten, der seit der letzten gerichtlichen Untersuchung verschlossen gewesen war. Keine Hand hatte Willen oder Berechtigung gefuhlt, hier die Spuren des Vorgefallenen, die fruher sogar erhalten werden mussten, zu vertilgen; und der Marquis und Leonce bereueten fast, von eigener Neugier verfuhrt, den Damen so viel zugemuthet zu haben. Da standen gegen den Kamin die beiden Lehnstuhle, der eine mit Kissen bedeckt, deren heller Atlas jetzt mit dunkeln Flecken fast verdeckt ward und daneben das schrillende Tischchen von getriebenem Kupfer, mit der wunderlich eingelegten Platte. Beide Damen standen mit unterbrochenem Athem davor; selbst die Manner blickten mit Ernst und Grauen auf diese verhangnissvollen Platze; doch Leonce, der zugleich wunschte, die erblassten Damen wegzufuhren, eilte nach dem Ende des dusteren Saales, und leicht gelang es ihm, die Thure nach der Gallerie zu offnen, die er hier, gut vertraut mit dem Plane des Schlosses, vorzufinden sicher war.
Er fand die Thure nur angelehnt, und als er sie aufstiess, glaubte er eine weibliche Gestalt am Ende der Gallerie verschwinden zu sehen; doch war diese so mit kleinen, selbst gesaeten Gebuschen bewachsen, dass ihm kein freier Durchblick gestattet war, und er fast beschamt seine forschenden Augen zuruckzog, uberzeugt, es sei ein Spiel seiner eben so lebhaft erregten Phantasie. Es drang indessen ein Strom von Luft und Sonnenlicht durch die geoffnete Thure, dass sich Alle der erfreulichen Richtung zuwendeten. Aber indem sie ihr entgegen eilten, mussten sie an der grossen, eichenen und noch immer behangenen Tafel voruber, auf der Ludwig sein Leben ausgehaucht; und das scharfe Licht, was jetzt durch die Thure stromte, erhellte sie und den dunkeln Fussboden davor.
"Was ist das?" rief Lucile, uberrascht stehen bleibend "dies ist ein Grab, mit Blumen uberdeckt!"
Man nahete sich. Die Vegetation der so schmerzlich gedungten Stelle war nicht zu laugnen; der feuchte Saal hatte die traurige Aussaat begunstigt; aber ein frischer Kranz von Epheu und Cypressen konnte diesem Stillleben der Natur nicht zugerechnet werden; und Alle blieben schweigend vor dem nicht erklarbaren Ereignisse stehen.
"Nun," sagte Leonce "wir wissen ja, dass wir nicht die alleinigen Bewohner dieses Schlosses sind. So muss denn Emmy Gray diesen Kranz hierher gelegt haben, und dieser Theil des Schlosses muss mit ihren Gemachern im Zusammenhange stehen."
"Das ist wenigstens so prosaisch, als moglich, erklart!" rief Margot "ich schwore aber darauf, die Alte war es nicht. Denn mit achtzig Jahren, wie sie bald sein kann, ist man nicht mehr so sentimental; und da sie schon seit einigen zwanzig Jahren diesen traurigen Ort uber sich wusste, so ist es unwahrscheinlich, dass sie erst jetzt ihren Kranz fertig bekommen haben sollte; denn es ist der einzige hier und ein vollig frischer!"
"Ach," sagte Lucile "denkt doch an die Erscheinung, die wir in den ersten Tagen unseres Hierseins hatten, wie wir unter der alten Terrasse hinritten, die vor Emmy's Zimmer liegt, und am Fensterkreuze die reizende Gestalt im weissen Gewande schweben sahen, die sich lange genug zeigte, um von uns Allen gesehen zu werden, und dann plotzlich, wie ein Geist, verschwand! O, ich bitte Euch, lasst mich von hier fort auf die sonnenhelle Gallerie treten wenn ich Luft habe, will ich beichten. Ihr werdet hier meine Neugier nicht verspotten, und ich kann nicht langer schweigen selbst, wenn Ihr mich Alle auslachen solltet. Ach, Armand," sagte sie, sich an ihn lehnend "man ist nicht umsonst in diesem Geisterschlosse ich erwarte uberall Fennimor zu finden, ich wunsche es so brennend, dass mein Geist sich dabei verwirrt, und ich es fur m o g l i c h halte. Deshalb," fuhr sie fort, wahrend der Marquis die holde, uberspannt blickende Frau nach der Gallerie fuhrte, "wusste Emmy Gray, wie ich ihre Fennimor liebe, wie ich mich nach den Ueberresten ihres heiligen Engellebens sehne sie nahme mich bei sich auf, sie wurde mich anerkennen als Fennimors Verwandte!"
"Wir haben ja dazu noch Hoffnung, meine Liebe," sagte der Marquis beschwichtigend. "Auch ich denke, unser Entschluss, endlich hierher zu kommen, soll uns noch gute Resultate bringen; ich konnte hier nicht eher fort, bis etwas Versohnendes geschehen ist; obgleich ich gestehen muss, dass ich noch nicht weiss, wie es zu machen sein wird. Fast geht es mir, wie Dir; auch ich sehe umher, als erwartete ich etwas, wenn auch nicht Fennimor, den sanften Engel, dem ich seine hohere, nahere Vereinigung mit jener Welt, ohne einen egoistischen Wunsch fur unsere Herzen, gonne."
"So ist es, meine theure Lucile," sagte Leonce, freundlich seiner bewegten Schwagerin nahend "diesen Standpunkt mussen Sie festhalten denken, wie diese hier schon verklarte Fennimor die hochste Seligkeit geniessen muss, dann werden Sie Ihr schones Gleichgewicht wieder erhalten, und wir werden uns Alle dem Leben um so theilnehmender zuwenden, da es uns so heilige Pflichten auferlegt gegen ihren berechtigten Erben."
"Ja," sagte Lucile, ihm ihre schone Hand reichend "ich wusste wohl, dass Leonce eben so wenig an diesem Erbe Freude haben konnte, als wir selbst; doch ist es grossmuthiger von Ihnen, wie von uns, da wir ausserdem so viel reicher sind, wie Sie."
"Theure Lucile! Wenn wir die Rollen eben tauschen konnten, wurden Ihre Gesinnungen gewiss nicht damit wechseln! Habe ich doch, wie Armand, was mir von diesem Vermogen zufiel, bisher nicht zu meinen Revenuen zugezahlt und ich hoffe," setzte er lachelnd hinzu "Sie haben mich stets elegant und vortrefflich eingerichtet gefunden."
Sinnend druckte Lucile dem geliebten Verwandten die Hand. "Aber wer war es denn," fuhr sie plotzlich empor "wenn es Fennimor nicht sein kann?"
Leonce sah unwillkurlich die Gallerie hinauf aber Lucile fuhr fort: "Unser Streit an dem Abende, nachdem wir Alle jene Erscheinung in Emmy's, nur als von ihr bewohnt bezeichnetem Zimmer gehabt hatten, trieb mich am anderen Morgen fruh aus meinem Bette, und ich wandelte hinaus ich glaube fast, schon in der Absicht, in Emmy's Wohnung einzudringen. Durch Gebusche mich durchdrangend, stehe ich vor dem kleinen Eingangsthurme und diese mir als verschlossen und verrammelt geschilderte Wohnung liegt plotzlich mit geoffneten Thuren vor meinen Augen."
"Sagt, war es nicht verzeihlich, dass ich eintrat? Ach, ich habe nur einen allgemeinen Eindruck erfahren; Einzelheiten kann ich Euch nicht anfuhren; mein Herz, meine Sinne waren in der Erwartung gespannt, Emmy jeden Augenblick begegnen zu konnen. Nur so viel weiss ich, ich durchwandelte furstlich eingerichtete Raume alle im frischesten Glanze das Ganze, wie zum Feste, mit bluhenden Blumen geschmuckt ein Paradies oder vielmehr ein wurdiger Raum, sich Fennimor gegenwartig zu denken. Da sah ich endlich Emmy Gray."
"Wie," riefen Alle, "Du sahst sie?"
"Ja, aber s i e m i c h n i c h t ! In tiefem Schlafe ruhete sie in einem Lehnstuhle vor einem grossen prachtvollen Bette. Diese in Alter und finsterem Gram erstarrten Zuge konnten nur Emmy Gray gehoren! Aber wen bewachte sie in diesem Bette? Gott," fuhr sie fort, indem sich ihre Augen fullten "Armand, Du hast uns Fennimor so genau beschrieben, Du sahest ihr schones Bild so oft bei Deinem armen Oheim, ich hatte Deine Worte so lebhaft aufgefasst, dass ich kaum den lauten Schrei bezwang, wie ich in dem grunen Damastzelte des Bettes Fennimors schlafendes Engelsbild erblickte."
"Lebend? Einen lebenden Gegenstand?" riefen Alle.
"Ja, lebend! Wenn die reinste Farbe, die der gesunde Schlaf auf unsere Wangen malt wenn das Lacheln des halb geschlossenen Mundes wenn der leichte Kinderathem, der jugendlich ihren Busen hob; wenn dies anders Lebenszeichen sind! Dabei der braune Lockenschmuck die schmale, weisse Hand, die Du geruhmt; ach, Armand," rief Lucile, in seinen Armen sich verbergend "es war Fennimor! Denn wen wen wurde Emmy Gray sonst bewachen, wie Warterinnen an der Wiege des geliebten Kindes wachen?"
"Sonderbar unbegreiflich!" riefen Lucile's Anverwandte. Sie hatte von Niemandem Spott zu furchten Alle theilten ihre Bewegung.
"Aber weiter weiter!" rief Armand, nun die tiefe ungewohnliche Bewegung, die er in der letzten Zeit an ihr bemerkt, erklart findend. "Sag', geliebte Lucile, geschah Dir auch nichts?" Sie an seinem Herzen haltend, konnte er sich kaum uberzeugen, dass sie ohne Schaden davon gekommen sei.
"Ich weiss nicht," fuhr Lucile fort, das bewegte Gesicht erhebend "wie lange ich, in dem schonen Anblicke verloren, so vor der Schlummernden stand. Da hob Emmy den im Schlafe niedergesunkenen Kopf in die Hohe, und obwol sie nicht erwachte, ergriff ich doch die Flucht und kam unbemerkt zuruck. Vergebt mir, dass ich es Euch verschwiegen," setzte sie, fast flehend zu Armand emporblickend, hinzu. "Oft habe ich es versucht; aber ich war beschamt uber mich selbst, ich wollte Eure gute Meinung nicht verlieren, ich wollte besonders mich nicht Euren Neckereien aussetzen."
"Da nehmen Sie den Vorwurf hin!" sagte Margot zu Leonce. "Ihre Neckereien sind es, die meine liebe Lucile zu dieser Heimlichkeit verfuhrt haben; ich hoffe, Sie bereuen!"
"Mehr, wie Sie denken!" erwiederte Leonce, ernster, als der Vorwurf es verdiente. "Glauben Sie mir, theure Lucile, ich unterliege, wie Sie, dem Einflusse dieses Schlosses und dem Nachklingen seiner Begebenheiten, die Armand uns so lebhaft vorgetragen. Es ist mit dem Gedanken an Fennimor in meiner Brust ein unaussprechliches Gefuhl von Sehnsucht und Schmerz erweckt. In solcher Stimmung ubertreibt man leicht, wenn man nicht einzugestehen wagt, dass man ernster ist, als die gunstigsten Umstande es rechtfertigen; darum verzeiht mir Alle!"
"Nun," lachte Margot "hier ist ein formliches Beichtesitzen eine Demuth ein Abbitten; nur mein Bekenntniss fehlt noch, dass ich eben so oft weinte, wie lachte und Euch das Erstere auch nicht sehen liess."
"Es scheint mir, wir haben Alle Ursache, unsere Gaste willkommen zu heissen;" hob jetzt Armand freundlich an; "ich habe mit meiner Erzahlung Euch Allen den frohen Lebensmuth getrubt! Unter unbefangenen Freunden, denen wir als Wirthe unsere Aufmerksamkeit schenken mussen, werden wir alle unsere eigne Natur wiederfinden."
"Nun hat Armand auch eine Sunde gegen uns gebeichtet," rief Margot. "Wir sind also Alle schuldig, und ich fange hiermit an und vergebe Allen!"
Freundlich blickte Jeder auf das reizende, feurige Madchen, die, um sich den Blicken zu entziehen, durch die wilde Vegetation hindurch drang, die, uber den Rand der Gallerie sich schleichend, nachgerade den ganzen Raum usurpirt hatte.
Mechanisch folgten ihr die Andern, und plotzlich die Lage erkennend, rief Leonce: "Wissen Sie, meine Damen, dass wir vor dem Eudoxien-Thurm stehen?"
"Das habe ich gedacht," entgegnete Lucile. "Lasst uns denn naher gehen sein Anblick wird doch von uns allen heimlich ersehnt!"
Schon rief Margot: "Ich bin an der Thur, und sie ist nur angelehnt!"
Armand hielt Lucile einen Augenblick zuruck. Sein Herz trieb ihn, ihr im Geheim ein liebevoll trostendes Wort zu sagen. Leonce eilte daher an ihnen voruber, und trat hinter Margot in das Eudoxien-Gemach.
Doch dauerte die herzliche Zwiesprache zwischen Lucile und Armand nicht lange. Ueberrascht blickten sie auf Leonce, der, aus dem Zimmer zuruck auf den Marquis zusturzend, diesen mit Heftigkeit am Arme ergriff. "Armand," rief er, wahrend Todtenblasse und hohe Rothe sein schones Gesicht abwechselnd uberlief "Armand, was kann das sein? Sie ihr Bild!" Er stammelte, er war ganzlich ausser Fassung.
"Was ist geschehen?" rief Armand erschrocken "was kann Dich so uberraschen?"
"O kommt doch kommt doch!" tonte Margots helle Stimme aus dem Gemache. Schon flog Lucile der Richtung entgegen. Als sie die Thur aufstiess, stand Margot ganz vertieft in den Anblick eines lebensgrossen, weiblichen Bildes, und als Lucile davor hintrat, stiess sie mit einem Schreie der Ueberraschung die Worte aus: "Heiliger Gott, das ist sie!"
"Ja, in Wahrheit," rief Armand, der schon hinter ihr stand; "das ist das Bild Fennimors! Zwar nicht dasselbe, was mein Oheim bei sich hatte; aber dennoch ihr treues, unverkennbares Abbild!"
"Und das meiner Schlafenden!" rief Lucile. "Ja, ja, ich tausche mich nicht es gleicht ihr Zug fur Zug; und gewiss sind die Augen mit den langen, schwarzen Wimpern, die ich geschlossen sah, so tief blau, wie diese! Ja," wendete sie sich zu Leonce, der, athemlos ihr zuhorend, dennoch Zeit gehabt hatte, sich zu fassen "ich begreife Ihr Erstaunen! Auch ich glaubte, die lebende Fennimor kame mir entgegen, als ich hier eintrat."
"Nicht wahr," sagte Leonce zerstreut "es kann selbst starke Nerven erschuttern? Sehen Sie hier damit wir ausser Zweifel sind diese Unterschrift: Fennimor Lester, vermahlte Grafin Crecy-Chabanne gemalt im Jahre der Gnade 1670 von Eustace Lesueur."
"Das ist also das zweite Bild, was er malte, welches wahrscheinlich Emmy Gray fur sich zuruck behielt. Ihr werdet Euch dessen erinnern," fuhr Armand fort "Graf Leonin sagte mir immer, es habe die grosste Muhe gekostet, nur Eins von den Bildern zu erhalten, die Lesueur damals machte; und erst, als er seinen Wunsch aussprach, einen Grabstein darnach anfertigen zu lassen, willigte Emmy Gray ein, oder liess sich vielmehr das eine, ihr minder liebe Bild wegnehmen."
Wahrend dieser Worte betrachteten Alle das wundervolle Bild des unsterblichen Lesueur. Jeder entdeckte neue Vorzuge; Jeder fuhlte, es sei mit Liebe und Begeisterung bis in die kleinsten Einzelnheiten ausgefuhrt worden.
Fennimor war in einem weissen, gewasserten Moorkleide gemalt, welches uber Schultern und Brust mit Agraffen von bunten Steinen befestigt war. Sie sass auf der von Eichenholz kunstlich geschnittenen Bank, die zu dem dazu passenden Lesepulte gehorte, welches, zur linken Seite geschoben, mit Fennimor in Verbindung stand; denn ihre eine schlanke, weisse Hand ruhte darauf und auf dem kleinen Andachtsbuche, worauf man Worte las, die es als das neue Testament bezeichneten. Sie selbst schien sich nur eben davon weggewendet zu haben und sah, en face genommen, ganz aus dem Bilde heraus, mit einer so wunderbar anziehenden Stellung des Kopfes, dass Jeder fuhlte, das habe der Maler nicht erfunden die Natur habe es ihm vorgemacht. Ihre tiefen, blauen Augen blickten mit einem ernsten, begeisterten Feuer; der volle, kindliche Mund, der die schonste Bogenlinie bildete, war so gut und uberredend halb geoffnet, dass er erst den Ausdruck der Augen vollstandig erklarte; daruber die feine Nase, die wie von Marmor gemeisselt, und ohne dem lieblich runden Gesichte seinen kindlichen Zuschnitt zu benehmen, dennoch ein reines, griechisches Vorbild war. Aber die braunen Locken! Man konnte erkennen, dass sie Lesueur zur Verzweiflung gebracht hatten. Man hatte glauben konnen, er habe sie endlich mit Gold ubermalt und dann bloss die Schatten hinein gesetzt; sie glanzten wirklich, und die Wellenlinien, die ihre zarte Stirn umgaben, hatten erkennbare, feine goldene Linien. Und dieser Engelskopf ruhte ahnungslos uber dem schonsten Korper! Dieser vorgebogene, schlanke Hals, wie fein war er auf den Schultern angesetzt wie sorglos hielt die Spange die Falten, die uber dem Latze die feinen Formen umhullten! Keine uppige Fulle eine Psyche, die auf den eben entfalteten Flugeln noch den zarten Bluthenstaub tragt, den selbst Zephir sich zu beruhren scheut!
Auf einem kleinen Fussschemel stand ihr linker Fuss ziemlich hoch, so dass die Bewegung des Oberleibes wie daruber hinausgebogen erschien, was ihr einen bezaubernden Ausdruck von kindlicher Naivitat gab. In ihrem Schoosse lagen Rosen, als habe sie dieselben im Kleide gesammelt, und die rechte Hand mit dem reizenden Arme, der unter dem Robenarmel vorsah, hielt oder stutzte sich auf ein fremdartiges Instrument, das man auf alten Bildern in den Handen der Engel wohl als kleine Harfen sieht. Dieses ruhete in den Falten des lang niederfallenden, reichen, seidenen Gewandes; und der Hintergrund schien der Purpursammet einer Tapete.
"Ach," rief Margot "nie sah ich etwas Aehnliches! Ich wollte, wenn sie lebte, zu ihren Fussen liegen! Sie muss, wenn sie gesprochen hat, die Geheimnisse des Himmels verrathen haben!"
"Aber," rief Lucile "sie lebt! Ich sah sie! Ich bitte Dich, Armand denke Dir, dass die, welche ich in Emmy's Bereiche sah, lebt; dass sie vielleicht eine Verwandte Gott, dass sie vielleicht Fennimors Verwandte ist! Ich bitte Dich, lass uns daran denken, der Alten naher zu kommen; sie muss uns den Eintritt gestatten sie darf sich uns nicht langer entziehen!"
"Nein, theure Lucile, lass uns in unserem Eifer nicht zu weit gehen! Ihr konnt mir den Widerstand, den ich, so lange wir hier sind, Eurem Andringen entgegen setzte, nicht als Eigensinn auslegen. Es ist die Heiligkeit des gegebenen Wortes, die mich fest sein lasst! Die unanruhrbare Stellung, die mein Oheim dieser armen, gekrankten Seele auch nach seinem Tode zu sichern suchte, war von dem vielen Unglucke, das er verschuldet hatte, das einzige, was in seiner Macht lag, versohnend zu gestalten. Es war ihm gleich, was aus allen seinen Besitzthumern ward; aber Emmy's Lage zu sichern, mit allen Launen, mit allen Anforderungen und Thorheiten, die sich im Laufe der Zeit bei ihr einfinden konnten, dazu schien ihm keine Instruktion bindend, ausreichend genug; und wenn er Alles schriftlich und gerichtlich bestatiget hatte, nahm er doch auf eine ruhrende und mir unvergessliche Art mich dann noch personlich in Anspruch, und ich musste immer wieder aufs Neue ihm das Versprechen geben, sie wie ein Heiligthum zu ehren."
"Ach, das wollen wir ja eben!" rief Lucile. "Ich will sie ehren, als stande sie wie meine Eltermutter an der Spitze meiner Familie!"
"Vergiss nicht, meine Theure, dass wir sie nicht nach unserer Weise beglucken oder ehren konnen! Bedenke, nach dem, was Du weisst, die nothwendige Gestaltung ihres Karakters! Als ich nach dem Tode des Grafen Leonin ihr zuerst unter meinem Namen ihre Revenuen auszahlen liess, schrieb ich ihr in englischer Sprache, der einzigen, die sie liest, ich glaube mit dem Ausdruck eines Sohnes an seine Mutter. Ich bat sie, mir zu gestatten, dass ich ihr ausreichendere Pflege senden durfe; ich bat sie, ihr einen Besuch machen zu durfen! Alles verfehlte jedoch seinen Zweck. 'Ich will von Euch Allen Nichts, als ungestorte Ruhe, und dass Niemand meine Rechte in diesem Schlosse anruhrt!' Dies stand kaum leserlich auf einem alten, vergelbten Blatte, das mein Bote mir zuruck brachte. Kinder waren dabei die Mittelspersonen gewesen; Niemand hatte Emmy selbst zu sehen bekommen."
"Beruhige Dich," fuhr er fort, sich Lucile nahend, die sichtlich durch diese Rede beschamt und verlegen war. "Dein kleines Vergehen, das uberdies so spurlos voruber ging, qualt mein Gewissen nicht und belastet Dich weniger, da ich mich vielleicht niemals so ausreichend uber meine Verpflichtungen aussprach."
"Nun," sagte Margot "es ist immer gut, dass Ihr es thatet; denn ich gestehe, dass ich noch einen kleinen Groll gegen Euch im Herzen hatte, wegen Eures ungestumen Widerstandes, wie wir am Tage nach der Erscheinung am Fenster, durchaus die Alte besuchen wollten."
"Gewiss verdiene ich auch Ihre Verzeihung" erwiederte Armand. "Uebrigens wird es Sie freuen, zu horen, dass mir eine andere Aussicht eroffnet ist."
"Etwa in dem liebenswurdigen, alten Vikar oder in Veronika?" rief Lucile.
"Sie stehen in keiner Verbindung mehr mit Emmy Gray; ich sprach mit Beiden daruber. Die einzige Person, die sie zuweilen sieht, ist ein sehr alter Arzt, dessen tuchtigen Karakter mir die beiden edeln Geschwister sehr loben, und von dem sie glauben, dass er selbst Neigung habe, mich kennen zu lernen. Ich wurde ihn schon gesehen haben; aber er hat das Physikat des ganzen Kreises, und ein wichtiges Geschaft rief ihn gerade an dem Tage, wo er sich hatte bei mir anmelden lassen, zu einem fernen Krankenhause der soeurs grises, in welchem sich bedenkliche Symptome gezeigt haben sollen. Doch enthielt sein Brief eine ziemlich bestimmte Aufforderung, seine Ruckkehr abzuwarten."
Die ferne Hoffnung auf den alten Arzt trostete die Damen uber ihre kuhneren, durch Armand's Festigkeit vereitelten Plane, und jetzt gewannen sie erst Augen fur den Eudoxien-Thurm.
Wir kennen dessen Ausstattung. Fennimor's Sorgfalt hatte zuerst den Zerstorungen der Zeit entgegengewirkt, in derselben Weise fuhr Emmy gewissenhaft in seiner Pflege fort, und so war hier Viel zu betrachten; denn auch der Harfion ruhete in einem Chorstuhle von geschnitztem Holze, und das Betpult der armen Eudoxia, was, von der Zeit geruttelt, kaum noch wagerecht stand, war dennoch von jeder Spur der Vernachlassigung frei und lange den wehmuthigen Blikken Aller ausgesetzt.
Doch entdeckten sie von hier keinen Ausgang weiter, und man trat den Ruckweg an, aufs neue lebhaft von dem Wunsche ergriffen, Emmy in ihrer eigensinnigen und jetzt so geheimnissvollen Einsamkeit nahen zu durfen.
Zur Zeit der Tafel kam der voraneilende Courier des Grafen von Bussy und meldete die Annaherung der Herrschaften, und die geschickten Diener des Marquis d'Anville meldeten zugleich die vollendete Einrichtung der Gastzimmer. Nach der Tafel bestiegen die Herren ihre Pferde, und die Damen besuchten mit gehorigem Gefolge die Gastzimmer, um eine letzte Uebersicht zu halten und die ihnen nachgetragenen Blumenvasen nach ihrer Anordnung aufstellen zu lassen.
"Begreifst Du den Zustand, in den Leonce gerieth, wie er das Bild von Fennimor erblickte?" fragte Margot ihre Cousine, als sie, auf einen Balkon tretend, sich niederliessen, wahrend in den Zimmern ihre Befehle ausgefuhrt wurden.
Ein rascher, fast neckender Blick aus Lucile's Augen traf Margot, die plotzlich errothend, ihr Gesicht nach dem geoffneten Zimmer wendete.
"Nun," sagte Lucile "was weiter er ist empfanglich fur weibliche Schonheit; und gestehen wir es nur diese Fennimor schlagt Alles nieder, was an uns selbst in diesem Fache zu loben sein mochte. Doch trosten wir uns, mein Muhmchen, Bilder sollen uns nicht gefahrlich werden!"
"Davon ist auch nicht die Rede," sagte Margot ziemlich ernst. "Du musstest ein seltsames Gemuth haben, wenn Armand sogar Deine Eifersucht erregte. Ich denke, Fennimor konnte leben, und Deine Ruhe wurde an ihrer Seite doch unangefochten bleiben."
Lucile lachelte mit inniger Befriedigung. "So ist es, meine holde, kleine Weisheit und Du hast gut Schlusse machen, da er selbst Deinen schonen Augen gegenuber den standhaften Prinzen machte."
"Lass' den Spott, Lucile," sagte Margot "wir wollen ein wenig vernunftig reden. Ich gestehe Dir, Leonce gefallt mir nicht es f e h l t ihm Etwas glaube mir, ich habe ihn scharfer beobachtet, als Ihr Alle!"
"So!" sagte Lucile lachend. "Ein seltsames Geschaft fur ein junges Fraulein von achtzehn Jahren! Solche Beobachtungen sind, wenn sie scharf sind, leicht gefahrlicher Natur. Was fangen wir an, wenn Du mit so bedenklichen Dingen Dich beschaftigst?"
"Du willst nicht vernunftig sein, Lucile, und ich ware es so gern einmal. Leonce flosst mir den grossten Antheil ein; aber ich fuhle, dass ich ihm nicht helfen kann; und da ich sehe, dass Ihr Alle taub und blind seid, so wollte ich Dich darauf aufmerksam machen vielleicht, dass Armand durch liebevolle Fragen ihm zu Hulfe kommen konnte!"
"Vielleicht," lachelte Lucile "dass Du selbst ihm durch einige liebevolle Fragen zu Hulfe kommen konntest, auf die er Dir gewiss die Antwort nicht schuldig bleiben wurde. Genug! Du hast Deine Absicht, mein besonderes Interesse fur ihn zu wecken, nicht verfehlt; doch so leichtsinnig, wie Du glaubst, waren weder Armand, noch ich. Auch wir sind einig, dass ihm Etwas fehlt, auch wir finden, dass er verandert ist; aber wir finden zugleich, dass wir ihm nicht geben konnen, was ihm fehlt, und haben langst beschlossen, ihn Dir zu uberantworten. Da Du ihn nun so scharf beobachtet hast, so zweifle ich nicht, eine liebevolle Frage Deinerseits wird Dir sein ganzes Vertrauen erwerben."
"Und Du?" rief Margot, bis unter den Scheitel ergluhend, indem sie, ungeduldig mit dem Fusse stampfend, aufsprang "D u bist heute nicht zu einem vernunftigen Worte tauglich! Ich habe Alles vergeblich an Dich verschwendet und stehe wie ein albernes Kind vor Dir und muss Deine ausgelassene Laune ertragen, als hattest Du Recht!"
"Wenn Euer Gnaden etwas weiter vortreten, werden Sie den Reisezug der Herrschaften durch das Thal kommen sehen." sprach der Haushofmeister, sich am Eingange der Thure zeigend.
Sogleich folgte man der Anweisung, und mehrere Reisewagen, von einigen Herren zu Pferde begleitet, zeigten sich den erfreuten Damen.
Noch ein Mal durchliefen sie die Zimmerreihe, die nun, so viel dies in den Gemachern von Ste. Roche moglich war, ein ansprechendes Ansehen gewonnen hatten, und eilten dann hinab, ihre Gaste zu empfangen.
Heloise von Guiche, die jetzige Grafin Bussy, war mit Lucile in demselben Kloster erzogen worden, und spater hatten sie zu gleicher Zeit ihren Platz als Ehrendamen der Konigin erhalten. Oft verschuchtert von den herrschenden Sitten bei Hofe, hatten Beide ihren Trost in einander gefunden und Beide schatzten sich mit der ruhigen Zuneigung, die man allein der Achtung schuldig wird.
Die blonde, jugendliche Heloise hatte die regelmassige Schonheit, mit der wir nach einigen Augenblikken des Erstaunens fertig werden, wenn wir uns uberzeugt haben, dass die Seele, die dahinter lebt, ein eben so regelmassiger Korper ist, der auf der Aussenseite nie eine Veranderung hervorrufen wird, nach der wir doch anfangen uns zu sehnen, wenn wir Zeit behalten, unsere Anspruche uber das Vergnugen der Anschauung hinaus zu richten. Man konnte nichts Vollstandigeres sehen, als ihre rein griechische Gesichtslinie, ihr Haar von hochblonder Farbe, ihre bewundernswurdige Hautfarbe und die hohe Gestalt, welche die gewohnliche weibliche Grosse uberragte und, von einer antiken Fulle verschonert, immer an die Statuen erinnerte, denen wir die Bekanntschaft mit der alten Gotterwelt verdanken. Dazu kam die plastische Ruhe ihrer Bewegungen, die vorzuglich karakteristisch in der Unbeweglichkeit ihrer wunderschonen Arme und Hande hervortrat genug, sie war eine erstaunenswerthe Erscheinung, der man eher einen Tempel zur Wohnung, ein Piedestal zum Ruhepunkt angewiesen hatte, als das Gesellschaftszimmer und den Fauteuil. Doch war ihr hierzu Alles anerzogen, was nothig war, und das immer gleiche, verbindliche Lacheln, der Gebrauch, stets leise rieselnd zu sprechen, die grosse Gefalligkeit, Andere nie durch Fragen oder Gedanken zu belastigen und immer hoflich zuzuhoren, wenn gesprochen ward, hatten ihr allgemeine Bewunderung erworben. Lucile de Maurepas wusste jedoch, dass ausser dieser bequemen, ausseren Erscheinung, ihr ein festes, tugendhaftes Herz inne wohnte, dass sie Gefallsucht und Eitelkeit aus reinem weiblichen Instinkte verabscheute und mit unerschutterlichem Muth alle Verfuhrungen abgewiesen hatte, die an dem Hofe Ludwigs des Funfzehnten jeder ausgezeichneten Schonheit drohten und leider mit nur zu viel Bereitwilligkeit von den ersten und vornehmsten Familien des Adels entgegen genommen wurden, die eine so hoch herkommende Entehrung aufgehort hatten, unter sich so zu benennen.
Dennoch waren beide Frauen, seitdem Lucile de Maurepas, Marquise d'Anville ward, fast ganz aus einander gekommen, und die bescheidene Heloise, die fur Lucile eine beinah schwarmerische Bewunderung fuhlte, wagte nicht, sich selbst anzumelden, sondern uberliess dies ihrem Bruder, dem jungen Grafen Guiche, der mit Leonce und Armand befreundet war.
"O, Madame," sagte sie jetzt, von Armand gefuhrt, mit der anmuthigsten Bescheidenheit sich vor Lucile verneigend "was werden Sie zu meinem Besuche sagen?"
"Dass Sie immer noch dieselbe Treue und Liebenswurdigkeit besitzen, die ich wohl bewundern und lieben konnte, aber nie erreichen!" Hiermit umarmte Lucile die schone Heloise und stellte ihr Mademoiselle d'Aubaine vor, welche noch nicht prasentirt und der Grafin Bussy daher fremd war:
"Meine kleine Muhme, die eben so unartig, als schon, eben so gutmuthig, als ausgelassen ist! Wollen Sie sie unter ihren Schutz nehmen?"
"Ach, Madame, wer Ihren Schutz geniesst, wird den der ganzen Welt entbehren konnen, und Ihre schone Muhme soll mich lehren, wie man Ihren Beifall verdient. Doch der Graf Bussy wird mir zurnen, ihm so lange den Weg zu Ihnen vertreten zu haben."
Graf Bussy war eben so schwarz, als seine Gemahlin weiss, und in der Grosse uberragte er sie bedeutend. Auf seiner breiten Brust ruhte ein Firmament von Sternen; denn er hatte in Spanien mit Auszeichnung gedient, und war Oberster eines Reiter-Regiments. Er hatte den Ernst eines Kriegers auf der breiten Stirn und blickte muthig und freundlich zugleich, wie das eine so schone Eigenthumlichkeit dieses Standes zu sein scheint; nur seine Lippen waren zu stark emporgedrangt; sie bezeichneten den Stolz der Bussy-Rabutin. Er war der passendste Gemahl fur Heloise de Guiche; denn er war sicher, nie seine Heftigkeit durch sie erregt zu sehen, nie Grillen oder Widerspruch begegnen zu mussen, was er Beides nicht gelernt hatte zu ertragen. Dafur schutzte er sie, wie eine Mutter ihr Kind. Er hatte eine unablassige Aufmerksamkeit fur sie; er umgab sie mit der hochsten Liebe und war glucklich, ihre schuchternen, kaum wahrnehmbaren Wunsche zu errathen und zu erfullen.
Angenehm ward die Marquise d'Anville durch die Begleitung von der Prinzesse de la Beaume, einer alten Tante der Grafin Guiche, uberrascht, und mit ihr stellten sich Graf Guiche und der Chevalier de Vardes vor, Beide gleich ausgezeichnete Bekannte ihres Gemahls und Schwagers.
Das Audienz-Zimmer der Katharina von Medicis nahm diese angenehm gemischte Gesellschaft auf, und Mademoiselle de la Beaume unterliess nicht, nachdem sie von Leonce Alles erfragt hatte, die Erinnerungen hervorzurufen, die hier so nahe lagen.
"Ueberhaupt, meine liebe Marquise," fuhr sie fort "halten Sie sich nicht durch mein weisses Haar gegen meine Neugier gesichert; ich bin mit dem vollstandigsten Willen hierher gekommen, sie so viel, als moglich, zu befriedigen! Glauben Sie mir, Versailles vergass einen ganzen Tag lang, uber den neuen Hofstaat der Marquise de Pompadour zu scherzen, als wir unser Gluck verkundigten, Ihnen aufwarten zu durfen; und wer nicht irgend ein Wunder von Ste. Roche zu erzahlen wusste, war den Tag nicht de bon ton!"
"Dem Himmel sei Dank, Madame!" rief Lucile. "Der Marquis d'Anville wird aufs neue Hoffnung fassen fur meine noch mogliche Entwicklung, wenn er an Ihnen beobachten kann, dass die hochste Liebenswurdigkeit sich mit etwas Neugier vertragt! Ich war gar zu sehr in Misskredit gekommen; denn ich hatte denselben Vorsatz, wie Euer Gnaden, und ihn zum Theile schon ausgefuhrt."
"O," rief Mademoiselle de la Beaume "wie allerliebst, dass ich in Ihnen eine Verbundete finde! Der Marquis ist wahrscheinlich schon mit Allem, was Neugier heisst, durch Sie versohnt, und wir haben seine Unterstutzung sicher. Sagen Sie mir nur das Eine, ob wir auch ein wenig graulich wohnen werden; denn es ware doch entsetzlich, wenn wir nicht in der Nacht ein noch nie erlebtes Ereigniss hatten!"
"O, ma princesse," rief die Grafin Bussy "darnach trage ich gar kein Verlangen! Doch, wie kann ich sie annehmen, wo meine theure Marquise herrscht!"
"Theure Grafin," lachte Lucile "bis jetzt beherrschen die Phantasien dieses Schlosses m i c h mehr, als ich s i e ! Wir haben uns gestern noch gestanden, dass uber uns Alle ein besonderes Wesen gekommen ist, dem Jeder von uns einen kleinen, ungewohnlichen Tribut zahlen musste; und wir sahen Ihrer Ankunft mit dem Vertrauen entgegen, in Ihrer Nahe alle unsere Traumereien zu vergessen. Die Zimmer ubrigens, die Sie, ma princesse, bewohnen werden, sind leider mit keinem besonderen Attentate bezeichnet. Katharina von Medicis liess sie fur die polnischen Magnaten, die hier vor der Wahl des Herzogs von Anjou ihren heimlichen Besuch machten, einrichten; und ausser Liebestranken und goldenen Netzen, wird sich hier nicht Viel nachweisen lassen."
"Ich hoffe doch!" sagte die heitere alte Dame "das wird der glorreichen Frau Konigin nicht Alles nach Wunsche gegangen sein! Irgend einer von den anwesenden Herren hat sich gegen ihren Willen gestraubt; da ist er denn verungluckt von dem Altan gefallen zwischen den Tapeten verschwunden der Nachttrunk hat ihm einen Schlagfluss zugezogen geschweige denn die nothwendigen Liebesopfer, die Katharina gerade so, wie Gift und Dolch anzuwenden verstand genug ich hoffe, wir erleben etwas!"
"Ich bleibe die ganze Nacht auf," sagte die Grafin Bussy "wenn Sie mich so angstigen, ma chere tante!"
"Still, still, mein Engel!" lachte die alte Dame, indem sie sich erhob "die schonen, polnischen Magnaten werden selbst mit dem Kopf unter dem Arme, Dir den Respekt nicht versagen, den Deine Schonheit befiehlt."
Alle erhoben sich nun, um im Hofdamen-Zimmer die interessanten Portraits aus jener Zeit zu betrachten.
Als Margot d'Aubaine am Abende dieses Tages ihre Kammerfrauen entlassen hatte, offnete sie, wie es ihre Gewohnheit war, das niedere Fenster, das nach dem Burggarten fuhrte, und setzte sich auf den Fensterrand.
So viele Gedanken und Gefuhle wogten in ihr! Die grossen, feurigen Augen glanzten feucht und blickten so ernst, dass man hier kaum das gaukelnde Kind des Tages wieder erkannt hatte. Da flog plotzlich eine Rose so gut gezielt und so geschickt hinein, dass sie Margot wider Willen in der Hand behielt. "Leonce!" rief sie unwillkurlich; denn waren ihre Gedanken mit ihm beschaftigt gewesen war ihr diese Art, sich anzukundigen, bekannt genug, sie zweifelte nicht, wer es sei.
"Nun Sie mich erkannt, durfen Sie weder nach Hulfe rufen, noch vor Schreck in Ohnmacht fallen," sagte er leise "sondern Sie mussen mir Erlaubniss geben, hinter der Hollunderwand hervorzukommen und mit Ihnen von Herzen zu reden."
"Das werde ich nicht thun," rief Margot, ohne sich vom Fenster zu ruhren "ich werde Ihr unschickliches Verfahren nicht aufmuntern."
"Gut," sagte Leonce "so will ich Ihnen die Verantwortung ersparen!" und in demselben Augenblicke sass er vor ihr in der andern Ecke des Fensters, das er von Aussen mit einem Satze erreicht hatte.
"Jetzt," sagte er, lachend die Arme in einander schrankend "kann unsere Gouvernante die Distancen messen und wird Alles in bester Ordnung erklaren mussen."
Margot senkte den Kopf, um ihr Lacheln zu verbergen. Sie hatte weder zum Billigen, noch Missbilligen das Herz.
"Und nun," fuhr er fort "theure, liebe Margot, die Masken vom Gesichte! Nein, wenden Sie sich nicht von mir weg! Denken Sie, dass ich diesen tollen Streich, aus meinem Fenster zu steigen, um das Ihrige zu erreichen, gewagt hatte, wenn mir der Gedanke Ruhe gelassen hatte, dass ein Missverstandniss zwischen uns treten konnte? Sagen Sie mir, theure Liebe, erkennen Sie mein Herz? Sind wir uns Beide verstandlich geblieben und vertrauen Sie meiner treuen Liebe?"
Margot schwieg einen Augenblick dann fuhr sie rasch empor. Beide kleine Hande streckte sie nach ihm aus und rief so innig und zartlich, wie sie vermochte: "Nein, nein, guter, lieber, edler Leonce, ich verkenne Sie nicht! Mein Herz begreift Ihre Absichten und lassen Sie es mich gestehen mit den sichersten Hoffnungen fur meine gluckliche Zukunft!"
In demselben Augenblicke sprang Leonce auf, und ehe sich Margot besinnen konnte, umschlang er sie und gab ihr einen herzlichen Kuss.
"Ungeheuer!" schrie Margot, ausser sich vor Schreck; aber schon sass er ihr in der grossten ruhe gegenuber.
"Sie haben Nichts mehr von mir zu furchten," sagte er "aber Ihr allerliebstes Gestandniss machte mich zu glucklich!"
"Nun, horen Sie weiter! Horen S i e nur," rief Margot, zitternd vor Schreck "man hat uns belauscht wir sind verrathen!"
Auch Leonce hatte auf dem Altan uber ihrem Fenster die Thuren offnen horen und erinnerte sich, dass hier die Zimmer von Mademoiselle de la Beaume waren. "Still!" sagte er leise "sein Sie ganz still wir werden durch die Geisterfurcht der alten Dame gerettet werden!"
"Ach, Euer Gnaden," rief eine zitternde Stimme "wagen Sie sich nicht so dreist Sie haben es selbst gehort es ist nur zu gewiss, nicht hier draussen war das Gerausch hier innen, hinter dem grossen Bilde ach, mein Gott, lassen Sie mich die anderen Herrschaften wecken, dass sie uns zu Hulfe kommen!"
"Schweig', Thorin," erwiederte Mademoiselle de la Beaume; "hier von Aussen kam das Gerausch! Ich habe nicht durch tolle Furcht mein Gehor verloren."
"Ach, so sei Gott Euer Gnaden gnadig! Nicht einmal den Rosenkranz haben Sie am Arme nun so soll der meinige Euer Gnaden schutzen!" Jetzt horte man eine Stimme, wahrscheinlich den Rosenkranz murmeln. Mademoiselle de la Beaume stand indessen auf dem Altan eine stille, horchende Beobachterin; und die jungen Leute kauerten unten so eingeschuchtert, dass sie ihren Athem zu furchten schienen.
"Es ist gewiss, dass von Aussen und zwar unter diesem Balkon das Gerausch sich horen liess," hob jetzt Mademoiselle de la Beaume mit einer sehr lauten und ernsten Stimme an. "Aber ich sehe ein, dass ich nicht berufen bin, diesem Geheimnisse nachzuspuren; nur das Eine mag man sich nicht einbilden, dass man mich durch Gespensterfurcht von der Wahrheit ablenken kann; kein uberirdisches, sondern ein sehr irdisches Gerausch von Menschen drang an mein Ohr. Komm'," fuhr sie, wahrscheinlich gegen ihre betende Kammerfrau, fort "ich bin dieser Scene uberdrussig!"
Die Thuren fielen zu. Beide junge Leute athmeten auf; Margot brach jedoch in Thranen aus und rang die Hande. "Ich bin verloren," rief sie "es ist klar, dass sie dort oben Alles gesehen und gehort hat ihre Strafrede war an mich gerichtet! O, wie unglucklich bin ich durch Ihren unbesonnenen Streich!"
"Fassen Sie sich, Margot!" rief Leonce, besorgt und bekummert uber den Schmerz des guten Kindes. "Ich schwore Ihnen bei meiner Ehre, dass Ihr Ruf darunter nicht leiden soll! Ich weiss, dass Mademoiselle de la Beaume ein edles, gutiges Wesen ist; ich eile morgen, ehe wir uns versammeln, zu ihr, und entdecke ihr unser wahres Verhaltniss."
"Nein, nein," rief Margot weinend "um Gotteswillen nicht! Ehe mein Vater Alles weiss ehe er einwilligt und mir vergiebt, darf Niemand darum wissen."
"Nun, so mussen wir das ungerechte Misstrauen eine kurze Zeit tragen! Jetzt zum Hauptzwecke meiner kuhnen That! Ihr Bruder ist von seiner Wunde fast genesen; an ihn, wie an Ihren Vater habe ich geschrieben, und von Ersterem gestern eine vollig genugende Antwort erhalten; er selbst ist auf dem Wege nach Montreal, um Ihrem Vater die Ursache des Duelles selbst zu erzahlen und der Wahrheit nach die Schuld des ganzen Vorfalles auf sich zu nehmen; dann, hoffe ich, werden meine Grunde Eingang finden und dann"
"Gehen Sie, Leonce," rief Margot angstlich, die Hande vorsteckend; denn sie schien seine schnellen Manieren zu furchten "ich hore Ihnen schon viel zu lange zu."
"Aber," sagte er neckend "Sie haben nun doch gerade so lange zugehort, um Alles zu erfahren, was Sie selbst gern wissen wollten. Adio, Muhmchen, jetzt hoffe ich, trocknen Sie Ihre Thranen und traumen von Ihrem Vetter oder"
"Fort, fort! Kein Wort mehr!" rief Margot, sprang in ihr Zimmer hinein und schloss, da Leonce im Nu verschwunden war, vorsichtig die Fensterflugel.
Wer zur Sommerzeit auf dem Lande, in einem Kreise liebenswurdiger Menschen, begunstigt von ausseren Annehmlichkeiten, eine kurze Zeit zubrachte, wird wissen, dass Jahre in der Stadt, mit denselben Menschen verlebt, nicht so zu nahern vermogen, als einige solcher landlichen Wochen.
Es war, als ob von Allen sich die Hemmungen ablosten, die sich nach und nach in den geselligen Zustanden der Stadt ankunsteln. Der Schlepprock und der Facher wich dem bequemen Kleide, welches der Promenade, dem Fahren und Reiten und auch dem vorkommenden leichten Sprunge, oder dem geschickten Rennen gunstiger war, und der Sonnenhut ersetzte den Facher, um die Hand frei zu lassen fur die kleinen Spiele des Federballes oder der seidenen Reifenschnur. Die Herren hatten keine Uniformen, keine Orden mehr; der leichte seidene Rock zeigte nur bei Tafel Stickerei und den stahlernen Galanteriedegen.
Und wie diese ausseren Pallisaden nach und nach verschwanden, so trat auch Geist und Gefuhl ohne Reifrock in naturlicherer Grazie hervor und die gluckliche Mischung der Gesellschaft gab ein ungemein angenehmes Zusammensein.
Dennoch fuhlten Margot und Leonce mitunter den scharfen Blick von Mademoiselle de la Beaume; ja, selbst die hofliche und bestimmte Weise, mit der sie das unter der Dienerschaft verbreitete Gerucht einer nachtlichen Storung von sich abwies, enthielt fur Beide die demuthigende Gewissheit, dass das Fraulein ihrer Sache sicher zu sein glaubte und sie zu schonen dachte.
Dies trubte zuweilen die Stimmung der kleinen Margot, die ein Gegenstand von drei gleich eifrigen Bewunderern sonst ein ganz heiteres Leben fuhrte. Auch waren die beiden jungen Fremden ganz dazu geeignet, Leonce in Athem zu halten, wenn er darauf bedacht war, ihnen den Rang abzulaufen; denn der Chevalier de Vardes war, ungeachtet eines fast hasslichen, von den Pocken verdorbenen Gesichtes, doch in hohem Grade liebenswurdig durch Witz, Heiterkeit und tausend kleine, gesellige Geschicklichkeiten und, wie es schien, von Margot's schonen Augen bezaubert. Gefahrlicher aber noch erschien der junge Graf Guiche. Er war seiner Schwester sehr ahnlich, und Beide hatten, ohne Ausstellung der Kritik, fur das schone Geschwisterpaar der alten Gotterwelt gelten konnen. Aber der junge Guiche besass auch die belebende Schonheit des Geistes und eine wurdevolle Ruhe des Karakters, die mit seiner plastischen Schonheit aus einem Gusse schien. Er war nicht, wie Vardes, der haschende, flatternde Schmetterling, der die Blume ewig neckend umspielt er erinnerte an den Sonnenstrahl, von dem Leonce gescherzt, der ruhig und in gleicher Warme auf der Knospe ruht, sehnsuchtig ihre geschlossenen Blatter betrachtend.
Es war, als ob Margot vor diesem Blicke, dessen Ursprung sie madchenhaft zu errathen schien, sich zuweilen zu fluchten suchte, als konne sie ihn nicht mehr ertragen; und als ob sie dann nur bei Leonce Zuflucht fande, so eilte sie zu ihm, der sie immer schon zu erwarten schien. Besonders aber hatte eine unbedeutende Veranlassung die Gefuhle des jungen Guiche so sehr verrathen, dass Margot seitdem vor ihm floh, um jede weitere Veranlassung zu vermeiden. Eine Flucht wilder Tauben hatte namlich die Reiter auf einem Waldwege beinah uberfallen, und Margot, die den Zug anfuhrte, war in den ersten Schwarm gekommen und fast von ihnen bedeckt. Ganz ausser sich, Alles vor sich niederrennend und stossend, war Guiche in diesem Augenblicke, wo er sie bedroht hielt, an ihre Seite gesturmt. Er hatte ihren Vornamen mit Accenten einer Leidenschaft genannt, die von Niemandem wieder vergessen wurden; fand aber zu seiner grossen Verwirrung ein ganz ruhiges Pferd und eine, nur durch seine Heftigkeit, besturzte Reiterin, die ihn kalt zuruckwies und jede Gefahr ablaugnete.
So standen die Verhaltnisse, als eines Morgens ein Bote aus Ardoise einen Brief an die Marquise d'Anville brachte, in welchem sich eine Einlage mit der Adresse: "an Miss Elmerice Eton," befand. Die Tante schrieb der Marquise auf das zartlichste und liebevollste und bat sie, diesen Brief an ihre junge Freundin Miss Eton abzugeben, von der sie so eben hore, dass sie sich in Ste. Roche bei Mistress Gray befinde. "Ich sage Dir nicht, was ich wunsche," fuhr dieser liebenswurdige Brief fort; "denn ich weiss, was meine Lucile nach Empfang dieser Nachricht thun wird; ich wunsche Dir blos Gluck zu der Dir und mir gleich unerwarteten Gelegenheit, meine liebenswurdige, junge Freundin kennen zu lernen, und wunsche und hoffe, dass Du ihr die schwermuthige Einsamkeit, mit der sie eine Pietat gegen die alte, ihr wunderbar ergebene Frau zu erfullen denkt, in Etwas durch Dein Hinzutreten erleichterst."
Unbeschreiblich war der Jubel, mit dem Lucile, den Brief in der Hand, zu ihrem Gemahle lief. "Jetzt, jetzt, mein Lieber, habe ich den Schlussel zu Emmy's Heiligthume! Jetzt ist mein Geist erklart jetzt kenne ich den schlafenden Engel in Emmy's Gemache Elmerice Eton ist es, an die ich einen Brief von Tante Franziska in Handen halte!"
Nach einigen Erklarungen theilte der Marquis die Freude uber die gute Nachricht und begann mit Lucile Plane zu entwerfen, wie man sich Elmerice nahern sollte.
Lucile stimmte endlich ein, sich mit Margot nach dem Fruhstucke zu Veronika zu begeben und von ihr den Weg zu erforschen, diesen Brief in die Hande der jungen Dame zu bringen; bis dies geschehen und die Antwort erfolgt sei, wollten sie den Uebrigen ihre Entdeckung verschweigen.
Es gab nichts Lieblicheres, als die junge Marquise bei Veronika einkehren zu sehen. Dem Alter gegenuber, entausserte sie sich all ihrer Vorrechte und war wie ein liebenswurdiges Kind, das, aus der Schule kommend, die Grossmutter umschwarmt. Dagegen erschwerte Veronika ihr diese Hingebung auch nicht durch eine frostige oder ironische Zuruckhaltung, die so oft, blos aus Hochmuth und Ungeschick zusammengesetzt, geringere Frauen zu den vielen Missgriffen verleitet, die es den hoheren Standen mit Recht verleiden, ihren Umgang zu suchen; da sie durch solche Manieren, mit anscheinender Uebergehung ihrer menschlichen Verdienste, immer an die Aeusserlichkeiten ihrer Vorrechte erinnert werden, und um so mehr, da einem solchen Benehmen die leicht durchblickende, hochmuthige Versicherung zum Grunde liegt, dass man seine Rechte durch freundliches Entgegenkommen beeintrachtigt furchte und sich glaube entbehren zu konnen, wenn nicht von der anderen Seite Alles zuerst geschehe.
Veronika hatte, den hoheren Standen gegenuber, die Naivitat eines edeln Naturells, und ihr war in diesem, wie in jedem anderen Stande, Jeder lieb, der etwas Rechtes war; und sie sah keinen Grund, ihr Wohlwollen zuruckzuhalten, weil es zufallig einen Adligen traf.
So hatte sie auch mit Lucile und Margot eine Art mutterliches Liebhaben und innige Freude an Beider schonem Naturell. Sie hatte schon gelernt, ihnen eine Freude zu machen; und wenn man durch die Blumenbeete ging, sah man kleine Mutzen von weissem Papiere sich auf den schlanken Stengeln schaukeln, und Rose und Nelke, oder sonst eine zarte Blume, mussten ihre Reize schonen, bis die lieben Damen vom Schlosse kamen. Dann fuhrte Veronika sie vor die Beete und nahm den Blumen hoflich ihre Mutzchen ab; und wenn sie ihr schones Kopfchen, von der Sonnenglut unversehrt, hervorstreckten, klopften die jungen Frauen vor Freude in die Hande, und Veronika schnitt sie dann vom Stock und machte ihnen zur Tafel Strausse davon.
Heute sass Jede schon mit ihrem Strauss in der Hand in der kuhlen Halle vor Veronika und beeiferte sich, von den lieben Gasten zu erzahlen, und Veronika begleitete ihre Erzahlung mit Ausrufungen, Fragen und wohlgefalligem Nicken ihres kleinen, weissen Kopfes.
Jetzt erzahlte ihr die Marquise von ihrem Besuche bei Emmy Gray. "Auch Ihnen, liebe Mademoiselle Veronika, habe ich meine Sunde verborgen; denn wie musste ich Ihnen vollends vorkommen, die Sie von allen solchen Thorheiten frei sind."
"Ach," lachelte Veronika "das hat Alles seine Zeit, liebe Marquise! Ich bin alt geworden mit den Dingen dort, und Geheimnisse sind es so eigentlich fur mich nicht; aber irgend wie und wo regt sich in uns Allen einmal die Neugier! Zum Beispiel jetzt, da gabe ich viel darum, ich konnte einen Blick in die alten Gemacher thun. Denn, sehen Sie, die junge Schonheit, die Sie dort gesehen haben, an der hangt mein Herz, und ihre Lage will mir gar nicht gefallen."
"Ist es moglich! Sie kennen Miss Eton fur die wir heut Morgen von Tante Franziska einen Brief empfingen und die Aufforderung, sie aus ihrer Einsamkeit zu ziehen?"
"Ja, meine lieben Damen, ich kenne sie; und wer sie kennt, wird sie nie vergessen!" Dann erzahlte sie ihnen, was wir bereits wissen, und verschwieg ihnen auch nicht die wunderbare Aehnlichkeit mit Fennimor, welche eben die leidenschaftliche Zuneigung der alten Mistress Gray erregt habe.
"Aber," sagte die Marquise "wie machen wir es nur, um Miss Eton den Brief zuzustellen? Mussen wir warten, bis der alte Arzt zuruckgekehrt ist, oder konnen wir ihn der kleinen Asta anvertrauen?"
"Beides ginge wohl," erwiederte Veronica; "aber Anderes habe ich seit lange beschlossen, und diese Veranlassung soll es zur Ausfuhrung bringen. Wollen Sie mir den Brief an Miss Eton anvertrauen, so will ich versuchen, ihn selbst zu ubergeben."
"Wirklich?" riefen Beide uberrascht; "und glauben Sie Eintritt zu erlangen?"
"Ich werde durch Asta Miss Eton schriftlich darum bitten, sie besuchen zu durfen; und fast glaube ich, die Alte wird mich nicht zuruckweisen, wenn Miss Eton es fur passend halt, meinen Besuch zu wunschen."
"Das gebe denn Gott!" rief Margot "und, liebste Veronika sehen Sie sich Alles recht genau an; behalten Sie sich Alles, was Sie sehen, und erzahlen Sie es uns dann recht genau wieder. Sie glauben nicht, welch Verlangen ich nach diesen Geschichten habe; sie storen oft meine Nachtruhe!"
"Ach," lachte die alte Veronika schelmisch "die Nachtruhe wird wohl durch das Getreibe dort nicht in Aufruhr kommen! Ich habe so allerlei gehort, mein kleines, schones Fraulein, was mir dazu einen anderen Schlussel giebt. Nun, werden Sie nur nicht so gluhend roth, mein Liebchen es hilft Ihnen doch nichts und es ist zum Freien und Gefreitwerden eine schone Zeit. Sehen Sie nur, wie prachtig meine Orangen bluhen! Weiss Gott, ich schneide Ihnen die schonsten Zweige heraus, wenn Sie mit dem lieben jungen Marquis herunter kommen und sagen: 'wo hast Du nun Deinen Kranz?'"
Lucile lachte ausgelassen; doch Margot winkte der Alten ungeduldig, zu schweigen, und rief dann Gott und Menschen zu Zeugen ihrer Unschuld. Da war jedoch Niemand, der ihr glaubte, und sie schalt nun liebkosend die alte Veronika, die mit Lucile fortfuhr, sie auszulachen. Elmerice fuhrte indessen ihr Schwermuth nahrendes Leben mit der ergebenen Schwarmerei fort, die fast von ihrer Gefahrtin verlangt und auch durch die wunderliche Situation unterstutzt ward. Seit dem Tage, wo wir sie mit Emmy auf dem Wege zu dem Eudoxienthurme verliessen, hatte sich ihre schwermuthige Ansicht des Lebens und ihre Abneigung, in die Welt zuruck zu kehren, noch erhoht. Nachdem sie Fennimors Bild gesehen, uberraschte ihr eignes Spiegelbild sie mit der Aehnlichkeit, und sie weigerte sich von da an nicht mehr, sich fur die Enkelin der gekrankten Grafin Crecy zu halten; aber zugleich horte sie, dass die unrechtmassigen Erben gekommen seien, das Eigenthum ihres Vaters in Besitz zu nehmen. Und als sie die verhangnissvollen Namen erfuhr, flehte sie Emmy aufs Neue an, sie nicht in diese Anspruche hinein zu ziehen, sondern sie zu schutzen und zu verbergen, damit auch jede Beruhrung mit jenen Bewohnern unmoglich werde.
Doch hatte sich ihr Spielraum im Schlosse erweitert. Der Eudoxienthurm ward ihr Lieblingsaufenthalt. Zur Nacht, wenn gegenuber in dem anderen Flugel des Schlosses die Lichter angezundet wurden, schlich sie an Emmy's Seite auf den kleinen Altan, der von hier in den Hof sah, und blickte in die erleuchteten Raume, in denen sie nach gerade die Verwandten der Grafin d'Aubaine aus ihrem Betragen zu einander, kennen und unterscheiden lernte. Ach, welche Schmerzen sog sie ein; wie verfolgte sie besonders das junge, schone und gluckliche Madchen, das Margot d'Aubaine sein musste; und wie hielt sie die, ihr durch den Brief der Grafin Franziska verrathenen Wunsche der Familie bereits erfullt, wenn sie die zartliche Aufmerksamkeit sah, die ihr von ihrem jungen Vetter Leonce zu Theil ward! Sie dachte an Leithmorin, an den Kreis ihrer jungen Freunde, und wie sie damals, wie Margot jetzt, der Gegenstand der Liebe Aller war. Dann kam sie sich alt und von der ganzen Welt verlassen vor und gelobte sich, fur das theure Wesen zu leben, das sie mit so uneigennutziger Liebe umfing. Wenn dann die Lichter erloschen, und die geselligen Raume wieder in Dunkel gehullt waren, blieben Elmerice's Augen noch lange darauf ruhen und schienen immer noch zu sehen, was sich dort eben bewegt hatte!
Mit unermudlicher Geduld sass ihr Emmy Gray die langen, schweigsamen Stunden gegenuber. Fur sie war das Anblicken ihres Lieblings die susseste Unterhaltung; und Jahre lang von jeder Mittheilung entwohnt, hatte sie das Wort nicht mehr nothig. Aber Elmerice liess ihren Empfindungen nie so eigennutzig Raum, dass sie die Zustande Anderer daruber aus den Augen verloren hatte, liebreich zur Alten gewendet, wusste sie mit ihnen wieder abzuschliessen, um i h r e n Ideenkreis zu erfullen. Dagegen unterrichtete Emmy sie nach gerade von allen Geheimnissen des Schlossbaues; und so hatte Elmerice durch die ganz verfallenen Hofdamen-Zimmer die geheimen Eingange kennen gelernt, die nach dem Eudoxienthurme und nach den Geheimzimmern der Katharina von Medicis fuhrten. Mit der romantischen Liebhaberei der Jugend suchte sie diese Raume auf und wusste mit Emmy's Hulfe wenigstens, den Jahrhunderte alten Staub und Moder in Etwas zu vertreiben, wenn sie auch ihr Zerstorungswerk, in Gesellschaft der Holzwurmer, nicht mehr aufhalten konnte.
Dennoch waren diese Zimmer eine Ausbeute fur den nachdenkenden Geist einer jungen, gebildeten Person. Die unsterblichen Sanger ihres Vaterlandes begleiteten die stolze, italienische Furstin uberall; ihre Werke standen in prachtvollen Einbanden, die, wie Kastchen von kostbarer Arbeit, die Pergamentblatter bewahrten, in Buchergestellen, die, von unverwustlichem Zederholze kunstreich geschnitzt, ihre Schatze fest zu halten gewusst hatten. Hier fand Elmerice die zu jener Zeit modernen, damals schon vergessenen, franzosischen Dichter, die alten Minnesanger, die Provencalen mit ihren reichen, poetischen Schatzen; daneben seltene und wichtige Geschichtsbucher, Schriften staatsrechtlichen Inhalts, eine kleine Anzahl geistlicher Bucher: die Lehren der Jesuiten an Konige und Staatsmanner, pabstliche Breven Auszuge aus Schriften uber ihre hierarchische Wirksamkeit; und endlich eine im Verhaltnisse sehr kleine Anzahl Gebetbucher, alle im Geiste der damaligen Zeit, mit herrlichen Miniaturen verziert.
Tagelang fand Elmerice hier Beschaftigung, und ihre Kenntniss der italienischen Sprache ward unwillkurlich wieder erweckt. Dazu kam, dass sie sich hier wenn sie, von der geheimen Unruhe ihres Herzens getrieben, Fennimors Zimmer verlassen wollte gesicherter fand; denn den Eudoxienthurm wagte sie nicht wieder zu betreten, da ein Besuch, der sie bis zum Banketsaale gefuhrt hatte, fast mit ihrer Entdeckung geendigt hatte; indem s i e es war, deren davon eilende Gestalt Leonce damals an seinen Sinnen zweifeln liess. Emmy war fast immer ihre Begleiterin; sie gewohnte sich, ihre Spindel mitzunehmen und sass Stunden lang neben ihrem lesenden Liebling und genoss vielleicht noch alles Gluck, von dem sie je getraumt hatte. Dadurch ward auch im Ganzen ihre Seele milder, sie verlor ihren starren Willen; ja, sie schien oft zu wunschen, ihre stille, engelgleiche Gefahrtin mochte ihr irgend einen Befehl geben, eine Anordnung treffen, der sie sich fugen konne. Aber sie ahnte nicht, wie klein die Wunsche eines Herzens sich zusammen falten, das, in seiner starksten, jugendlichen Empfindung zuruckgedrangt, sich uberdies gekrankt und verrathen glaubt.
So umsonst schien ihr jeder Besitz so gleichgultig vor Allem, was i h r davon zu Theil ward, dass, was sie empfing, immer ausreichend war und ihre Wunsche und Anspruche uberbot!
Als sie Veronika's Briefchen erhielt, fragte sie Emmy, ob sie wolle, dass sie die gute Alte empfinge; Emmy glaubte einen Wunsch zu errathen und willigte augenblicklich ein.
Wie wenig Veronika auch die Empfindungen der Madame St. Albans theilte, konnte sie doch kaum ihr Erstaunen unterdrucken, als sie die Veranderung wahrnahm, die hier vorgegangen; denn obwol Veronika seit Fennimors Todtenfeier nie mehr das Schloss betreten hatte, so kannte sie doch durch ihren alten arztlichen Freund die bisher hier herrschende Einrichtung hinreichend.
"Ja, ja, Veronika, die Zeit hat Euch nicht verschont," sagte Emmy, von ihrer Spindel aufblikkend; "ich kann es bezeugen, Ihr bluhtet wie Eine! Mein Engel sagte oft, Ihr waret ein wahres Roschen; und sie hatte doch an sich den Maassstab, was dazu gehorte, denke ich!"
"Nun, Emmy, was thut es?" rief Veronika heiter "mir ist mein Alter bequemer, wie meine Jugend! Ich hatte ein Hasenherz in der Brust und furchtete mich vor jedem dreisten Blicke, dass ich in die Walder hatte rennen mogen! Jetzt, Emmy, lasst mir mein weisses Haar schon Ruhe. 'Da kommt die alte Veronika,' hore ich sagen; man grusst und dankt und nimmt von mir, ohne mich dabei zu beaugeln. Da bin ich meinerseits viel freundlicher und redseliger, und mir ist damit eine Burde von den Schultern."
"Soll wohl sein!" erwiederte Emmy; "und lang ist es auch, dass wir uns nicht sahen! Ihr habt damals Viel fur meinen Engel gethan und zuletzt die kleinen weissen Glieder in den Sarg gelegt ich danke Euch dafur, Veronika!"
Selbst mochte sie fuhlen, wie verspatet dieser Dank nachkam; denn prufend blickte sie zu Veronika auf und suchte, weiter sprechend, ihre Gedanken zu errathen. "Ein spater Dank, nicht?" fuhr sie fast freundlich fort. "Nun, Jeder hat seine Art und Emmy's Art wird nicht Vieler Art sein!"
"Doch jetzt lebt Ihr auf, Emmy, und unser liebes Fraulein giebt Euch dazu Veranlassung. Nun, das ist schon! Euch ist eine Herzenserquickung wohl zu gonnen!"
Mit diesen Worten verliess sie Emmy, welche ihr wohlgefallig nachsah, und setzte sich zu Elmerice, die sie noch ein Mal herzlich begrusste.
"Eine rechte Herzenssehnsucht hatte ich nach Ihnen, mein liebes Kind," sagte Veronika; "aber ich weiss wohl, wie es hier steht; man darf nicht viele Versuche machen; doch, hoffe ich, geht es Ihnen gut."
"Ja, gut! Gewiss, sehr gut! sagte Elmerice bewegt; so viel Liebe, wie mir hier entgegentritt wie sollte sie mich nicht beglucken!"
Emmy erhob sich bei diesen Worten und verliess das Zimmer; Veronika ubergab Elmerice den Brief der Grafin d'Aubaine und legte ihr den Wunsch der Schlossbewohner vor, sie bei sich in ihren Kreis aufzunehmen. Elmerice errothete und erblasste abwechselnd so oft bei diesen Worten, dass Veronika besorgt nach ihrer Gesundheit fragte.
"Sie ist vollkommen gut," antwortete Elmerice, mit gesenkten Augen und kaum Athem findend. "Der Brief meiner theuren Grafin bewegt mich nur!"
"Ei, ei, mein Kind, Sie sind doch sehr reizbar, wie mir scheint! Es kann ja nur Liebes und Gutes darin stehen. Aber ich sehe wohl, die weise Dame hat Recht! Sie ist sehr besorgt um Ihr einsames Leben; und wunscht lebhaft, Sie in den Kreis ihrer Familie aufgenommen zu sehen."
"O, niemals, niemals!" rief Elmerice heftiger, als sie selbst wollte. "Nein, theure Veronika," setzte sie dann gefasster hinzu "hier werde ich bleiben hier ist mein Platz! Wenn ich d i e s e n verliesse, musste ich augenblicklich zur Grafin d'Aubaine zuruck. Diese heiteren, geselligen Kreise sind nicht fur mich; ich fuhle die entschiedenste Abneigung dagegen! Nein, ich bitte Sie, Veronika, vermitteln entschuldigen Sie meinen unwiderruflichen Entschluss, hier in der Einsamkeit bei Emmy Gray zu leben und jeden Umgang abzulehnen, der meine alte Freundin beunruhigen konnte und ihren kaum gemassigten Gemuthszustand aufs neue aufregen."
"Das ist sehr edel, mein Kind sehr aufopfernd," sagte Veronika; "doch thut es mir herzlich leid, dass Sie sich selbst dabei so ganz vergessen. Emmy Gray hat eine wunderliche Art und Weise wird es auch die rechte sein fur ein junges, reizbares Wesen, wie Sie?"
"Zweifeln Sie nicht," sagte Elmerice "es ist kein Opfer ich bleibe gern, aus eigner Neigung; ich wurde jetzt sogar weniger gern zur Grafin d'Aubaine zuruckkehren."
"Und doch," sagte Veronika "wenn Sie die lieblichen Frauen dort nur kennten, wurden Sie es vielleicht nicht so bestimmt ablehnen, mit ihnen umzugehen. Ach, die Marquise, wie musste sie zu Ihnen passen! Ich habe eine rechte Liebe zu ihr; und von der kleinen, holden Margot konnte ich mir ordentlich Aufheiterung fur Sie versprechen; denn das liebe Kind ist ein Bild des Gluckes und der Heiterkeit."
"Ach, dann passt sie nicht zu mir," rief Elmerice, in Thranen ausbrechend "und ich muss ihre Nahe fliehen, um ihr Gemuth durch meine Schwermuth nicht zu verletzen."
"Liebes Kind," rief Veronika "wie sind Sie so unglaublich hypochondrisch wie beunruhigt mich Ihre Stimmung, und wie ganz anders wurde sie sein, wenn Sie ein wenig Theilnahme hatten fur meine jungen Freunde! Sie, die Alles so mitfuhlen wie wurde Sie eine gluckliche Ehe, wie dort an Zweien zu sehen ist, erfreuen; und dann das Andere, was im Werke mit der kleinen Margot! Man sagt, sie ist die Braut des Marquis Leonce; und das sieht sich doch hubsch mit an, wenn so gut geartete, junge Leute sich lieb haben und endlich suchen und finden!"
"Genug, theure Veronika!" sagte Elmerice plotzlich kalt und ernst. "Ich bitte Sie um die Erlaubniss, wahrend Ihrer Anwesenheit einige entschuldigende Worte an die Frau Marquise schreiben zu durfen, die Sie ihr dann in meinem Namen geben wollen."
"Also keine andere Entscheidung?" sagte Veronika, schmerzlich getauscht. "Das passt doch kaum zu der Gute und Sanftmuth, die ich an Ihnen kenne! Was ist das, mein liebes Kind? Sein Sie offen; hat Emmy schon in Ihrer schonen Seele Unheil angerichtet?"
"Vielleicht," sagte Elmerice, mit einem unverkennbaren Anfluge von Stolz "vielleicht wurden Sie mir selbst rathen, so zu handeln, wenn es mir erlaubt ware, Ihnen die Grunde auszusprechen, die mich dazu bestimmen. Emmy Gray hat keinen Einfluss auf meine Abneigung, mich dieser Familie anzuschliessen; und der Werth derselben, von dem ich selbst uberzeugt bin, vermag eben so wenig meinen Entschluss zu andern. Meine Achtung fur Sie und Ihre Theilnahme kann es allein entschuldigen, dass ich so Viel sage; nehmen Sie es jedoch wie ein Geheimniss zwischen uns!"
Veronika blickte wehmuthig in die wunderschonen Zuge des tief bewegten Madchens. Sie hatte sie noch nie so gesehen; aber es lag eine solche Wahrheit der Empfindung, ein so fester Entschluss, ein so edles Selbstgefuhl in ihrem Wesen, dass Veronika sich uberzeugt fuhlte, sie musse so handeln; und grossmuthig gab sie ihre Absicht auf, den Vorsatz des jungen, verlassenen Madchens zu erschuttern.
"So gebe Gott, dass es das Rechte ist!" sagte sie liebevoll; "ich will mir nicht anmassen, ferner daruber urtheilen zu wollen. Gehen Sie, mein Kind schreiben Sie Ihren Brief an Madame d'Anville, ich werde Sie hier erwarten."
Als sich Elmerice vor Fennimor's kleinem Schreibtische niedersetzte, forderten die zuruckgedrangten Empfindungen des jungen Madchens ihren Tribut. In Thranen ausbrechend, fuhlte sie noch ein Mal die namenlose Grosse ihres Entschlusses; und die heissesten Schmerzen der Jugend die eines gekrankten und verrathenen Herzens waren hier in der Einsamkeit nicht in demselben Maasse, wie eben vor Veronika, von ihrem edeln weiblichen Stolze behutet; sie verlangten noch ein Mal ihre ganze Herrschaft uber dies junge Herz!
Wir wollen die Minuten nicht zahlen, die ihr so vergingen, und denken, dass sie sich schnell genug zu retten wusste, da sie, gegen sich selbst treu und wahr, immer von dem edeln Stolze beseelt ward, dessen Element die Selbstachtung ist.
"Fennimor," sagte sie, sich aufrichtend "Dich konnte in Deiner hohen, menschlichen Stellung Keiner erreichen, der mit dem Scheine der weltlichen Vorrechte Dich blenden und verschuchtern wollte. Du bliebest, was Du warst ein erhabenes Vorbild Deiner standhaft behaupteten Rechte! Ich bin Deine Enkelin, und so wahr mir Gott helfe, ich will vor Deinem Andenken nicht errothen mussen!"
Sogleich schrieb sie:
"Euer Gnaden haben, veranlasst durch die Aufforderung der Grafin d'Aubaine, mich mit der Erlaubniss beehrt, Ihnen aufwarten zu durfen. Indem ich dem Ausdrucke meiner grossten Verehrung fur Euer Gnaden, die Versicherung meiner Dankbarkeit hinzufuge, bin ich zu gleicher Zeit genothigt, diese Auszeichnung ablehnen zu mussen, da meine augenblicklichen Verhaltnisse mir jede Veranderung meiner Lebensweise verbieten."
"Voll Hochachtung mich empfehlend
Elmerice Eton."
Ein stolzes, mitleidiges Lacheln uberflog Elmerice's schones Gesicht, als sie ihren Namen unterschrieb; und sie ging mit diesem Briefe in der Hand, festen Schrittes zu Veronika zuruck, die sie an Emmy's Seite und vertraulicher mit ihr redend fand, als die alte, harte Frau es wohl wenige Wochen fruher fur moglich gehalten hatte. Auch war ihr eine gewisse Verlegenheit anzumerken, als Elmerice vor ihnen stand. Sie war selbst uberrascht, in die gewohnliche Menschenweise ubergegangen zu sein; ja, es schien ihr vor Elmerice, als habe kein Anderer ein Recht an sie als sei sie ihr damit zu nahe getreten.
"Nun, nun," sagte sie "meinem Engel gehort meine Zeit und Alles, was so eine alte Frau von Liebe noch in ihrem Herzen hat. Ihr seid eine Schwatzerin geworden, Veronika; und mit Zuhoren und Antworten kommt denn so Etwas heraus!"
Gutmuthig lachelte diese, wohl verstehend, was in Emmy vorging, und war daher auch zugleich bereit, ihren Besuch zu beendigen, um nicht einen Eindruck hervorzurufen, der ihrem Wiederkommen hinderlich wurde, was sie Elmerice's wegen, die ihr bedenklich gestimmt erschien, herzlich wunschte.
Aufs neue aber betrubte sie die abschlagliche Antwort ihrer jungen Freundin, als sie die liebenswurdige Ungeduld der Marquise d'Anville sah, die sich bei Lesung des kleinen Billets bald in gutmuthige Besorgniss aufloste.
"Meine liebe Veronika," rief sie "was werden wir nun machen? Das thut nicht gut. Die Antwort ist eben so hoflich, als kalt abweisend sie verdeckt etwas! Meine Tante Franziska wird sehr beunruhigt werden, und wir durfen, furchte ich, unsere Bemuhungen noch nicht aufgeben."
"Lassen Sie uns warten, bis der alte Arzt kommt," sagte Veronika sinnend. "Er ist nicht umsonst in so hohem Alter; vielleicht fallt ihm das Rechte ein. Auch hat er den Ungestum, der oft recht wohlthuend Bahn bricht da, wo feinfuhlende Menschen lange vergeblich umher gehen."
Die Damen sassen in dem Salon, in welchem man sich zur Mittagstafel versammelte. In diesem Augenblicke trat Leonce ein, und erfreut, Veronika zu sehen, eilte er, an ihrer Seite Platz zu nehmen.
"Wenn Sie Anderes im Sinne hatten, als Margot zu necken und mich damit zu kranken," rief Lucile "wurde ich Ihnen mein Vertrauen schenken; aber so"
"Versuchen Sie es," erwiederte Leonce freundlich "ich bin nicht so ganz in e i n e r Richtung verloren, dass ich nicht durch Sie in eine andere ubergefuhrt werden konnte."
"Nun," sagte Lucile "so will ich es versuchen!" Mit einigen Worten unterrichtete sie ihn von dem Briefe der Grafin d'Aubaine und von den Schritten, die sie durch Veronika gethan hatte. "Doch sehen Sie das ist das ganze Ergebniss unserer Bemuhungen" fuhr sie fort und reichte ihm das Billet, was ihr Veronika gebracht.
Sie hatte nicht Ursache, ihrem jungen Verwandten uber Mangel an Theilnahme zu zurnen. In sprachlosem Erstaunen, schien es, horte er ihr zu, und lange hielt ihm Lucile das Billet hin, ehe er es nahm. "Weiss Gott," rief die Marquise "er hat von unserer ganzen Mittheilung Nichts gehort und erwacht j e t z t aus irgend einem Traume!"
"Nein, nein!" rief Leonce, schnell aufstehend "Sie thun mir Unrecht ganz Unrecht! Ich bin aufs tiefste von Ihren Mittheilungen bewegt; ein so junges, schones, von unserer Tante geliebtes Wesen in unserer Nahe zu wissen und ihr nicht all' die Aufmerksamkeit beweisen zu durfen, die sie verdient in zweifelhaften Verhaltnissen sie zu denken unter der Aufsicht einer vielleicht Geisteskranken es ist unertraglich! ganz unertraglich! Lucile, Sie konnen nicht wollen, dass ich dabei gleichgultig bleibe. Theure Veronika, helfen Sie uns; ich konnte den Verstand verlieren, wenn ich an die Lage des jungen Madchens denke!"
Ausser sich, druckte er dabei das Billet in seinen Handen und sturzte an das fernste Fenster, um es zu lesen.
Lucile sah ihm einen Augenblick ziemlich erstaunt nach; als sie ihren Blick abwendete, sah sie auf Veronika's Gesicht dasselbe Erstaunen ausgedruckt. "So sind die Manner, meine Liebe," sagte sie lachelnd "immer uber das Maass hinaus! Aber das macht die Verehrung fur Tante Franziska!"
In demselben Augenblicke erschien der Vikar und die ubrigen Gaste, und man begab sich zur Tafel. Doch war Leonce nicht, wie sonst, die Seele der Unterhaltung. In der grossten Unruhe schien er die Dauer der Tafel zu ertragen und bald, nachdem sie aufgehoben war, verliess er die Gesellschaft.
Ein Gewitter, welches mit erquickendem Regen den Nachmittag anhielt, verhinderte einen beabsichtigten Besuch in der schonen Abtei Tabor; und nach einer Zerstreuung suchend, machte die alte, unternehmende Prinzessin de la Beaume Allen den Vorschlag, die verschobene Besichtigung des Schlosses zu unternehmen.
Als man, mit Sorgfalt vorschreitend, den Banketsaal erreicht hatte und hier von dem ziemlich bekannten unglucklichen Ereignisse an Ort und Stelle sich theilnehmend unterhalten hatte, zeigte der Marquis d'Anville den Damen an, dass er die mit eisernen Schlossern und Querbalken verwahrte Thur zu den ehemaligen Gemachern der Katharina von Medicis habe wegnehmen lassen, und dass es in ihrer Macht stehe, sie zu betreten.
Alle hielten einen Augenblick inne. Was in ihre Willkur gestellt war, ward nun erst ein Gegenstand ihrer zweifelhaften Ueberlegung, und Lucile, die es veranlasst, durfte als Frau vom Hause nicht, wie sie wunschte, entscheiden; da besonders das schone Gesicht der Grafin Bussy zu Marmor erblasst war.
Endlich erklarten die Herren, sich theilen zu wollen. Einige wollten die Zimmer betrachten, die ihre Neugier reizten und so leicht erreichbar nun vor ihnen lagen. Andere wollten bei den Damen in dem dusteren Banketsaale bleiben. Lucile bat, sich den Herren anschliessen zu durfen, die die weitere Forschung wagten, und trat, von ihrem Gemahle, von dem Grafen Bussy und dem Chevalier de Vardes begleitet, vor die verhangnissvolle Thur.
"Nun, Lucile?" fragte der Marquis d'Anville; denn so leise sie Alle zur Thure geschlichen waren, stand doch Lucile mit dem Drucker der Thur in der Hand und wagte nicht einzutreten. "Willst Du Deine kleine Hand als Riegel da vorgeschoben lassen und uns den Muth benehmen, diesen wegzuschieben, wie wir mit jenen eisernen thaten, die, von Rost zerfressen, wenig Widerstand leisteten?"
"Gleich," sagte Lucile mit leiser Stimme und wendete ihr holdes Gesicht, zwar lachelnd, aber seiner frischen Farbe beraubt, zu ihrem Gemahle "mir war eben, als horte ich sprechen!"
"Dann tritt zuruck, mein theures Kind, es greift Dich dennoch an. Die Phantasie racht sich fur Deine kuhne Herausforderung!"
"Nein," sagte Lucile "sie soll nicht starker sein, als ich!" Die Thur offnete sich, Alle traten in ihren weiten Bogen ein und Allen widerfuhr dasselbe: ein an Schrecken grenzendes Erstaunen.
Wir wurden schon ein Mal, an Fennimor's Seite, in dies Geheimzimmer der Konigin Katharina gefuhrt, und werden uns an die eigenthumliche, finstere Pracht desselben erinnern konnen. Es war wohl geeignet, wenn das Andenken der grauenvollen Bewohnerin den Geist ergriff, eine Bewegung des Schreckens zu rechtfertigen, da, wo die Spuren ihrer Missethaten noch so vollstandig erhalten waren! Aber wie sehr musste sich fur Alle der Eindruck steigern, als hinter dem grossen Schreibtische der Konigin, der auf weissem Marmor ruhend, vollstandig erhalten war, eine wunderschone, weibliche Gestalt aufgerichtet stand, die, todtenbleich und mit starren Augen auf die Eintretenden blickend, ganz einem schonen Geiste glich, der in diese unzuganglichen Raume gebannt war. Dazu kam die fremdartige Kleidung, die niederhangenden, glanzenden, braunen Locken, ohne die Entstellung der damaligen Frisur, das schone Mieder von weisser Seide, mit den kostbaren Juwelen-Spangen, das sich anschmiegende, in reiche Falten niederfallende Kleid, das die Form des Korpers nicht entstellte, der Aermel, der aufgeschnitten hinten uber hing und den schonen Arm, die schlanke, weisse Hand enthullte, die auf der Lehne des Stuhles ruhete, wahrend die andere fast krampfhaft in die schwarzen MarmorSchnorkel der Tischeinfassung griff. Dahinter sass, in schweren grauen Damast gekleidet, ein Wesen im hochsten Alter, spukhaft von Ausdruck, das weisse Haar von einer fremdartigen, kleinen Haube kaum bedeckt. Die Spindel und der Faden in der durren Hand schien versteinert; sie selbst, wie die jugendliche Gestalt, ohne Athem und Leben!
Wir werden begreifen, dass hier ein lautloser Augenblick eintrat, in welchem Niemand etwas Anderes, als anblicken konnte. Doch mit der grosseren Leichtigkeit des Geistes, die den Frauen eigen ist, sich in den Zustanden zurecht findend, war auch Lucile die Erste, die sich dem schonen Wunder nahete. Mit dieser Annaherung schien das Leben in dem reizenden Geiste wiederzukehren! Die Brust hob sich, angstlich flog der Athem uber die Lippen, und die erste Bewegung war, dass der schone Kopf mit seiner Lockenfulle sich auf den Busen senkte.
Lucile blieb bei diesen Zeichen einer grossen Gemuthsbewegung einen Schritt noch von ihr, besorgt stehen; da erhob sich die Alte und vorschreitend und die Marquise mit den Augen bewachend, rief sie rauh und streng: "Furchte Dich nicht, mein Engel! Sie durfen Dir Nichts thun, sie haben kein Recht an Dir."
Noch immer schwieg die junge Person, obwol sie die Hand von dem Stuhle zog und sie leise, wie abwehrend, gegen die Alte aufhob, die sogleich verstummend zurucktrat.
"In welcher Weise durfte auch Miss Eton ihre Freunde furchten?" fragte nun Lucile mit dem gewinnenden Laut ihrer Stimme; "denn so stolz sie sich uns auch entzogen hat, darf ich dennoch nicht zweifeln, dass mir der Zufall gunstig ist, und ich die Freundin meiner Tante d'Aubaine vor mir sehe. Erlauben Sie mir, Ihnen meinen Gemahl, den Marquis d'Anville, vorzustellen."
"Madame," sagte Elmerice, noch immer mit bebender Stimme "entschuldigen Sie meine Ueberraschung! Ich ahnte nicht, Ihnen in diesen verodeten Gemachern hinderlich werden zu konnen!"
"Das mochte auch in Wahrheit unmoglich sein," rief der Marquis d'Anville. "Was konnten wir uns fur einen glucklicheren Zufall wunschen, da er unser lebhaftes Verlangen erfullt, uns Ihnen vorstellen zu durfen."
Elmerice verneigte sich mit einer so edeln Wurde, dass der Marquis das Wort, welches ausblieb, nicht entbehrte.
"Aber jetzt," sagte Lucile, wahrend sie Elmerice ganz nahe trat und die schone, kalte Hand von den Marmorblumen, die sie noch immer festhielt, wegzog; "jetzt haben wir Sie, und Sie werden sich uns nicht mehr entziehen konnen oder wenigstens abwarten mussen, ob wir uns nicht Ihre Gesellschaft verdienen!"
"Madame," sagte Elmerice, die ihre Besinnung wieder zu erhalten schien; "ich war so frei, Euer Gnaden meine nothwendige Bestimmung daruber mitzutheilen. Wenn ich jetzt den Muth habe, sie zu wiederholen, muss ich es mir selbst zum Verdienst anrechnen, da ich das Gluck Ihrer personlichen Bekanntschaft geniesse."
"Wie, Sie wollten nicht mit uns leben?" sagte d'Anville, gutmuthig naher tretend; "o, versuchen Sie es! Wir sind alle jung, heiter, ich darf sagen, gut geartet. Warum wollten Sie nicht in den Kreis eintreten, zu dem Sie in jeder Beziehung gehoren?"
"Ich habe eine heilige Pflicht gegen eine theure, alte Freundin ubernommen;" erwiederte Elmerice; "ich darf mich davon nicht ablenken lassen, wie ehrenvoll es auch sein musste, Ihre Gute anzunehmen."
Da zuckte sie zusammen; denn auf ihre weisse Schulter legte Emmy Gray die verknocherte Hand, und sagte in ihrer gebrochenen Redeweise: "Kind, Kind, stosse diese dort nicht zuruck, sondern tritt ein in ihre Kreise und siehe zu, was sie beschliessen werden. Wohl gehorst Du zu ihnen, und ich muss Dich dort wissen, ehe mein letzter Tag kommt."
Elmerice wendete sich und sprach, wie es schien in englischer Sprache, leise bittend zu ihr, wahrend der Marquis sich der Alten nahte.
"Mistress Gray," sagte er freundlich; "erlaubt, dass ich Euch in Ste. Roche willkommen heisse. Immer habt Ihr meinen Besuch abgelehnt; und doch hatte ich gern selbst nachgeforscht, ob es mir nicht moglich ware, Euch irgend eine Erleichterung Eurer Lage zu verschaffen."
"Lasst das, Herr," sagte Emmy trocken; "Ihr habt keine Macht, mir Etwas zu gewahren; mit Eurer Familie habe ich abgeschlossen! Ich wohne in dem rechtmassigen Erbe meiner ehemaligen Gebieterin und weiss vollstandig, was mir darin zustehet, zu meiner Erleichterung zu verfugen. Fragt, ob Emmy Gray Euch hier willkommen heissen mag!"
Diese Rede schien Niemanden, als Elmerice zu verletzen. Alle waren auf Emmy's abenteuerliche Weise so vorbereitet, dass ihnen auch Starkeres erwartet gekommen ware.
"Thut es immer, Mistress Gray," antwortete der Marquis, ohne das ironische Lacheln, mit dem verletzte Eitelkeit sich herablassend zu rachen weiss, wenn sie sich anscheinend zu bezwingen sucht "Ihr werdet mir dadurch mehr Eigenthums-Gefuhl geben, als ich bis jetzt empfinden konnte."
Emmy blickte trube zu ihm auf; und dieser Blick, der aus den tief gesunkenen Augen drang, war scharf und klug.
"Wir werden sehen, ich werde ja horen, wie Ihr seid," sagte sie dabei; "Louise, Eure Mutter, war so ubel nicht Lesueur ruhmte sie oft; nun, wir wollen sehen!"
"Und Sie?" fragte nun Lucile, mit Armand herzlich zu Elmerice tretend. "Selbst Ihre alte Freundin, der Sie sich so grossmuthig widmen, redet unserem Vorschlage das Wort und Ihre jugendlichen Wangen, die blasser sind, als sie sollten, fordern Sie gleichfalls auf, unter Menschen zu leben, die mit ihrer Heiterkeit versuchen wurden, ihnen wieder Farbenglanz zu geben."
"Ach Madame," erwiederte Elmerice, fast uberwaltigt von der Qual dieser dringenden Anforderungen; "wie wenig passe ich in Ihre harmlos glucklichen Kreise! Glauben Sie nicht, dass ich Ihre Gute weniger empfinde, wenn ich sie ablehne; aber ich muss mir diese Zuruckgezogenheit als eine Gute von Ihnen ausbitten. Vielleicht haben Sie Recht; und mein krankes Ansehen verrath nur zu sehr, dass ich leidend bin und also der Ruhe bedarf."
Lucile und Armand betrachteten mit dem grossten Antheile das schone Wesen, das so berechtigt erschien, durch die Vereinigung von Geist, Bildung und ausserm Reize! Ihre Weigerung war keine eigensinnige, ungeschickte Laune; sie kam tief aus ihrem Herzen, sie schien dabei zu leiden das fuhlten Beide. Sie k o n n t e n ihre Bemuhungen nicht aufgeben!
"Wir wollen nicht unbescheiden werden," rief Lucile "Sie sollen in Ihre Einsamkeit zuruckkehren konnen, wenn Sie wollen; nur mussen Sie uns nicht ganz verwerfen, Sie mussen uns alle erst kennen lernen, genug, ich muss eine kleine Brucke zu Ihnen hinuber haben; denn schon jetzt fesseln Sie mein ganzes Herz, und ich konnte Sie nie wieder vergessen!"
Diese letzten Worte erschreckten Elmerice fast, denn sie sprachen aus, was s i e gegen die Marquise anfing zu fuhlen. Beide blickten sich daher mit zartlicher Ueberraschung an, und ohne es selbst zu wissen, folgte sie der liebenswurdigen Frau, die sie sanft mit sich zog. "Sie finden in den Nebenzimmern alle meine Freunde, die wahres Verlangen tragen, Sie zu sehen, und entzuckt sein werden, Sie kennen zu lernen."
Jetzt erst, wie sie sich mit diesen Worten der Thure naherten, an der Bussy und Vardes in sprachlosem Erstaunen stehen geblieben waren, erinnerte sich Elmerice ihrer auffallenden Kleidung. Sie zogerte abermals und rief angstlich: "Madame, betrachten Sie mich! Ich kann in dieser Kleidung nicht vor Ihren Freunden erscheinen; ich legte sie an," fuhr sie beschamt und verwirrt fort, "um dem Herzen meiner alten Freundin wohl zu thun, die damit ihr heiliges Erinnerungsfest feiert; aber dies, wie mein ganzes Verhaltniss, war auf die tiefste Einsamkeit berechnet setzen Sie mich nicht dem Tadel oder dem Spotte Anderer aus!"
"Nein, nein, Alle werden entzuckt sein, das herrliche Kostum zu sehen Allen werde ich erklaren, wie es zusammenhangt Niemand wird diese fromme Nachgiebigkeit verkennen."
Vardes hatte schon die Thure geoffnet; sie standen in derselben der aus den entfernteren Gemachern zuruckkehrenden Gesellschaft beinahe gegenuber.
Da fuhlte Elmerice, dass jedes Zurucktreten unmoglich sei, und ihr edler Stolz erwachte. Sie wollte ihre vollkommene Herrschaft uber sich wieder haben und die Anstrengung gelang.
Doch wer konnte das Erstaunen der Gesellschaft beschreiben, als aus den Zimmern der Katharina von Medicis, an der Hand der Marquise d'Anville, eine wunderbare Schonheit hervortrat, deren Kostum, jener Zeit gehorend, vereinigt mit ihrem marmorblassen Gesichte, sie als eine aufgefundenen Bewohnerin aus diesen Raumen eines vergangenen Jahrhundertes erscheinen liess! Niemand regte sich von seinem Platze; Elmerice hatte Zeit, Alle zu erkennen. Margot war nicht dabei; sie lehnte seitwarts an einem der merkwurdigen Schranke des Saales, und vor ihr, den Rukken gegen die Eintretenden gewendet, stand der Marquis Leonce, zu eifrig redend, um zu gewahren, was hinter ihm vorging.
"Wir sind so glucklich gewesen, mehr und Besseres zu finden, als wir suchten," sagte der Marquis. "Miss Eton die Freundin meiner Tante Franziska, die sich uns so sprode entzogen hat."
Jetzt mussten die Damen sich eingestehen, dass das schone Bild lebe; Elmerice zeigte die vollkommenste Haltung und eine so anmuthig verbindliche Miene, als sie die Begrussungen erwiederte, dass die gunstigste Meinung von ihrer Erziehung den Eindruck ihrer Schonheit erhohte.
"Sie sind in Allem glucklich, liebe Marquise," sagte die alte Prinzesse de la Beaume; "wahrend wir hier verlegen und beschamt umher wanderten, verschafft Ihnen Ihr Muth eine so reizende Bekanntschaft."
"Ja, meine Damen," erwiederte die Marquise "ich bin stolz darauf, und noch mehr wie stolz, ich bin sehr glucklich! Bald werden Sie mir fur Nichts so dankbar sein wollen, als fur diese Probe meines Muthes!"
Alle fuhlten, die Marquise wolle ihrer jungen Begleiterin eine moglichst gehobene Stellung geben, und Alle beeiferten sich, einen Kreis um sie zu schliessen.
Indessen nahte sich Armand seiner Muhme Margot. "Kind," rief er "lassen Sie Ihr tete a tete und kommen Sie zu uns, wir haben Miss Eton entdeckt, die in jenem Zimmer weilte; und es ist unseren Bitten gelungen, sie hierher zu fuhren."
Als ob ein Pistol an Leonce's Kopfe abgeschossen wurde, so fuhr er bei den Worten seines Bruders in die Hohe. Er wendete sich schnell und sah Elmerice in dem Kreise der Damen stehen, mit Ruhe und Unbefangenheit redend, aber mit einer Blasse bedeckt, die sie wie einen Geist erscheinen liess.
"O Leonce," rief Margot, sich auf seinen Arm stutzend, "haben Sie je eine wunderbarere Erscheinung gehabt? Und das ist unser lebendig gewordenes Bild aus dem Eudoxien-Thurme!"
"Nun so begrussen Sie, wie wir Alle, das herrliche Wesen mit Achtung und Gute," rief Armand, und fuhrte sie Beide der Gruppe zu.
"Ach, da kommt meine Muhme Margot!" rief Lucile. "O komm', mein Liebchen sieh', unser Wunsch ist erfullt! Miss Eton, das ist wieder eine Nichte Ihrer Freundin d'Aubaine, die Tochter des einzigen Bruders unserer lieben Franziska!"
Elmerice hatte sie mit ihren Begleitern sich nahen sehen, sie begrusste sie mit besonderer Freundlichkeit, und verzogerte die Vorstellung des Marquis Leonce, indem sie lebhaft ausrief: "Wissen Sie auch, dass Ihre Cousine mich recht eigentlich auf Ihre liebenswurdige Heiterkeit angewiesen hat? Dass ich also mit ganz besonderem Antheil um Ihr Wohlwollen bitten muss?"
"O Miss Eton," lachelte Margot "da hat man Ihnen verschwiegen, dass ich den ganzen Tag von der ganzen Gesellschaft gescholten werde, und dass nicht Viel an mir bleibt, als an einem unartigen Kinde, mit dem man sich einrichten muss, wie es gehen will."
"Erlauben Sie mir den Versuch," erwiederte Elmerice verbindlich "die ganze Gesellschaft scheint sich mit Ihnen sehr wohl zu befinden!"
"Sie wollen mich durch Gute erziehen, da alle Anderen darauf bedacht sind, es mit Strenge zu thun; und gewiss, Sie sollen in mir eine willige Schulerin finden; denn die Bewunderung, die ich schon seit lange fur Sie hege, kann Ihre personliche Bekanntschaft nur erhohen."
"Aber, Margot, wollen Sie Ihren armen Vetter ganz verdrangen?" rief d'Anville; "seine Verbeugung dauert schon so lange, als Sie vor ihm stehen! Nun, Miss Eton," rief er freundlich, als Margot lachelnd zurucktrat "nehmen Sie meinen Bruder gutig als Ihren Bewunderer auf!"
Leonce erhob sich hier aus seiner gebeugten Stellung, und mit raschem Entschlusse vor Elmerice hintretend, sagte er fast stolz: "Miss Eton wird geneigt sein, die Bewunderung einer so unbedeutenden Person zuruck zu weisen, und Jeder wird vor ihr die Schranken fuhlen, hinter denen er sich zuruckziehen muss. Das zufallige Gluck, Miss Eton hier zu sehen, wird gewiss auf das lebhafteste von mir empfunden!"
Elmerice verneigte sich ernst, ohne zu sprechen; als sie ihr gesenktes Auge vom Boden erhob, streifte es eine leichte, schwarzseidene Schlinge, in welcher Leonce noch immer den fruher gebrochenen Arm trug. Ihr Auge blieb daran haften, und ihre Zuge verriethen den lebhaften Wechsel ihrer Empfindungen. Sie offnete zwei Mal die Lippen endlich sagte sie kaum horbar: "Sie waren verwundet, Herr Marquis? Grafin d'Aubaine schrieb mir, dass Sie einen Unfall hatten."
Leonce hatte jedes Wort von ihren Lippen verschlungen. "Es war ein sehr unbedeutender Unfall!" rief er; und als sie schwieg, fuhr er mit Lebhaftigkeit fort: "ich segne die Veranlassung und habe zu viel wirklichen Schmerz erlitten, um dies Ereigniss dazu rechnen zu konnen!"
Der Zufall wollte, dass sie sich bei diesen Worten fast allein gegenuber standen, da die Uebrigen sich besprachen, jetzt die Zimmer der Konigin, die alle Schrecken verloren hatten, zu besuchen. Leonce schien nach seiner Erwiederung eine Antwort zu erwarten; Elmerice stand noch in derselben Stellung. Plotzlich richtete sie sich auf, blickte ihn ernst und fluchtig an und wendete sich, ihn grussend, dann zu den Uebrigen.
Als man die Zimmer betrat, hatte sich Emmy Gray daraus zuruck gezogen, welches fur Elmerice eine Erleichterung, fur die Anderen eine unangenehme Tauschung war. Leonce trat an den Schreibtisch, vor dem Elmerice gesessen und betrachtete bewegt das aufgeschlagene Prachtwerk, in welchem sie gelesen.
Wenn Blicke sich ahnen, so finden sie sich durch alle ortlichen Hindernisse hindurch; Elmerice und Leonce blickten sich an, durch viele Personen von einander getrennt!
Wir ubergehen den Eindruck, den die weitere Besichtigung der Zimmer bei der Gesellschaft hervorrief. Als man sich anschickte, sie zu verlassen, entstand ein neuer Kampf mit Elmerice, welche zu ihrer alten Freundin zuruckkehren wollte und dennoch, von Allen liebevoll gedrangt, sich der Gesellschaft anschliessen musste.
Mit unbeschreiblicher Schwermuth sah sie sich plotzlich in dem Zirkel, den zu fliehen, sie so viel Grund zu haben glaubte sah sich unter heitere, sorglose Menschen versetzt, deren Leben glucklich und sicher begrundet schien, wahrend sie mehr, wie je, sich heimathlos, ohne ausreichenden Schutz, ohne Anspruch an eine feste Lebensstellung fuhlte! Dabei hatte sie, trotz aller Schonung ihrer Umgebungen, dennoch eine vornehme Neugier zu ertragen, die mit tausend Hoflichkeiten doch zu ergrunden trachtete, ob eine Miss Eton, die auch nicht zur englischen Aristokratie gehorte, wirklich den Anforderungen einer hoheren Geselligkeit Stich halten werde; und die uberraschte Bewunderung, mit der man gunstige Wahrnehmungen aufnahm, hatte fur wahres Zartgefuhl etwas Beleidigendes. "O, wie Recht hatte mein Vater," seufzte sie "mit ihrer Hoflichkeit erstarren sie mein Herz!"
Freilich machten hiervon Lucile und Armand, ebenso wie die kleine Margot eine ehrenvolle Ausnahme. Diese hatten die Hoflichkeit des Herzens, die immer den rechten Ton zu finden weiss, und Elmerice zeigte bei jenen aus Stolz und hier aus wirklich dankbarem Gefuhle, eine schickliche Theilnahme an der lebhaft angeregten Unterhaltung.
Dazwischen war ihre Kleidung ein Gegenstand des Entzuckens fur alle Damen, dem sich mit einiger Zuruckhaltung die Herren anschlossen, die alle heimlich einander beschuldigten, an Miss Eton ihr Herz verloren zu haben; denn selbst Armand, der treueste Paladin seiner Dame, sollte sich zu hingerissen gezeigt haben.
Bald hatten die Damen heraus gefunden, dass diese Kleidung auf dem Lande und in diesem alten Schlosse viel passender sei, als die, welche jetzt herrschende Mode war; und Elmerice zeigte sich willig, sich in einem Nebenzimmer den Blicken aller herbei gerufenen Kammerfrauen darzustellen, die sich verpflichten mussten, auf das schnellste mit den vorhandenen Kleidern der Damen diese Metamorphose vorzunehmen.
"Miss Eton, wie allerliebst wird uns morgen die Mittagstafel kleiden!" rief Margot. "Wenn wir geschmuckt sind, kommen wir alle in Prozession und holen Sie ab!"
"Ja, und Jeder nimmt einen Namen an aus den Zeiten der Konigin, deren Kleider wir nachahmen!" rief Mademoiselle de la Beaume.
"Dann mussten Sie Katharina selbst sein," sagte Armand. "Gut," lachte die alte Dame "Katharina bekam so gut weisses Haar, wie ich. Doch kann ich bloss eine stolze Konigin darstellen; denn ihre ubrigen Nuancen kann ich nicht ergrunden!"
"Vergessen Sie nicht," sagte Armand "dass sie gesellschaftlich, geistreich und liebenswurdig war, worin ihr keine Frau ihrer Zeit gleich kam, und dass dies gerade meinen Vorschlag bestimmte. Aber Sie mussen sich jetzt eine Tochter, eine Margarethe von Valois wahlen!"
"Sehen wir sie nicht vor uns?" rief Mademoiselle de la Beaume "Grafin Bussy muss meine Tochter sein!"
"Nun," rief Lucile "so will ich Johanna von Navarra wahlen, die stolze Bearnerin, die ich so liebe, und Leonce soll mein Sohn sein! Und Sie, Miss Eton, mussen Eudoxia Nemours vorstellen, die eigentliche, wenn auch geheime Beherrscherin dieses Schlosses zu jener Zeit!"
Miss Eton schauderte bei dieser Wahl unwillkurlich zusammen. "Furchten Sie Nichts," lachte die alte Prinzessin "mir lebt kein Gemahl zur Seite; und ich verspreche, weder selbst, noch durch Andere Gift und Dolch zu fuhren."
"Ach, Madame," sagte Elmerice, zu ernst fur den Maskenscherz "der Tod ist nicht das Schimmste! Aber haben Sie die Thranenspur auf dem Betpulte des unglucklichen Frauleins vergessen? Soll ich dieselbe Stelle einnehmen?"
"Wir mussen uns Alle das Wort geben," rief Mademoiselle de la Beaume, Elmerice lachend in die Augen schauend "dass wir unseren jungen, schonen Gast von seiner viel zu ernsten Stimmung heilen. Sie sollen nicht umsonst die Hofdame der lebenslustigen Katharina geworden sein."
Elmerice errothete lebhaft und trat fast erschrocken hinter den Stuhl ihrer neuen Gebieterin; und dennoch sah sie, als sie Leonce seitwarts erblickte, wie sein Auge mit so vielem Ausdrucke auf ihr ruhte. Mit w e l c h e m Ausdrucke das wusste sie nicht zu deuten; doch fuhlte sie eine Schuchternheit dadurch erweckt, die ihre Haltung bedrohte. Indess fuhr die unermudliche Mademoiselle de la Beaume fort, ihren Hofstaat zu ordnen. "Und Sie? Margarethe von Valois, meine konigliche Tochter, ich prasentire Ihnen hier die beruhmte Claudia von Guise als Ihre Hofdame! Doch vergessen Sie nicht, dass Ihr Gemahl, Ihrer schonen Augen wegen, fast der ganzen HugenottenPartei abfiel. Ich mache Ihnen ein gefahrliches Geschenk," fuhr sie fort und zog Margot vor sich hin; "und mein einziger Trost ist, dass Ihr Gemahl auch fur die Schonheiten meines Hofes Augen zu haben scheint, die kleine Claudia aber verdecktes Spiel sehr gut versteht und dem verliebten Bearner nicht nachstehen wird."
Nun ward eben so viel gelacht, als errothet. Die ubrigen Herren wurden ebenfalls vertheilt. Armand war Heinrich von Guise Vardes wollte Benserade sein Graf Bussy Coligny und Guiche der Busenfreund von Heinrich von Navarra, der schone jugendliche Conde!
"Ach," sagte die Prinzessin lachend "die letzte Wahl gefallt mir. Conde und Navarra hatten immer ihre kleinen Intriguen! Das passt sich. Aber hutet Euch jetzt vor Eurer Konigin; sie hatte bestandig ein Auge auf diesen Prinzen und entdeckte alle seine Geheimnisse!"
Diese Scherze belebten den Kreis und sicherten eine freie Bewegung; Jeder konnte so viel Geist und Phantasie zeigen, als er besass, und Alle fuhlten sich aufs Hochste erheitert und entzuckt.
Und dennoch schien es derjenigen, die dazu Veranlassung gegeben, als sei sie auf das schmerzlichste dadurch verletzt. Als sie endlich bei dem Aufbruche der ganzen Gesellschaft in Fennimors Gemacher trat, in denen sie ihre alte Freundin, trotz des vollen Kerzenscheins, den sie stets darin verbreitete, neben Fennimors Sterbeplatze fest eingeschlafen fand, sog sie dies Bild der Ruhe und des Friedens mit vollen Zugen ein, und eine schwere, unertragliche Last schien von ihr genommen. "Nein," sagte sie leise, uber der Schlafenden die Hande ringend "ich kann nicht bei Euch bleiben, ich gehore zu Dir Du bist die Einzige, die ich noch beglucken kann dort hat Jeder erreicht, was er wunscht, und was ihn erfreut beneiden will ich es ihnen nicht; aber weshalb soll ich mit lachendem Munde die tiefe Wunde meiner Brust so harter Beruhrung preisgeben? Warum das Kostum, was Du, meine heilige Fennimor, trugest, was Dich schmuckte zum Fastnachtsscherze verbraucht sehen, da es den Schein der Aehnlichkeit mit der Tracht jener verufenen Zeit der Medicaerin hat? Nein, hier will ich bleiben und Dir dienen, Emmy, mit dem Schein-Glukke, nach dem Dein armes Herz so begierig griff!"
Gekraftigt, beruhigt durch diesen Entschluss, trat sie hinaus an Fennimors Grab. Sie kniete nieder, und druckte ihr gluhendes Angesicht gegen den kalten Marmor. Sie konnte nicht weinen, trotz der tiefen Wehmuth ihres Herzens ihr Nachdenken war von allen Ruckerinnerungen ihrer fruheren Tage in Leithmorin erfullt, es streifte vergleichend das eben Erlebte und erhohte das bange Klopfen ihres Herzens. "Ach, Fennimor," sagte sie, sich erhebend "Deine Enkelin wird nicht glucklicher werden, als Du! Mochte ich erst sein, wo auch Du nur Ruhe fandest!"
Sie kehrte zu der Alten zuruck, die, auf einem niederen Sitze ruhend, ihren Kopf auf die Armlehne von Fennimors Stuhl hatte sinken lassen, und betrachtete das alte, dustere Gesicht, worin der Schlaf Nichts aufheiterte, sondern nur tiefere Linien zog, mit einem kindlichen Antheile, der sie auch bald gewahren liess, dass Emmy nicht den Athem der Gesundheit hatte. Sie kniete nieder und beruhrte ihre Stirn kalter Schweiss stand darauf. Jetzt rief sie besorgt ihren Namen. Die Alte fuhr erschrocken in die Hohe und starrte ihren Liebling mit glasernen Augen an. "Fennimor," sagte sie "Reginald ruft seine Tochter! Jene sollen kein Recht haben an ihr, Du sollst sie zu mir hierher bringen!" Sie raffte sich empor; ihre Bewegungen waren immer heftig, gigantisch. Trotz des hohen Alters zeigte sich der starre Sinn, der jede Hulfe entbehren wollte.
"Emmy," sagte Elmerice sanft "Du sprichst es
aus, was ich gedacht! Ich will bei Dir bleiben Jene sollen kein Recht an mir haben Fennimors guter Geist hat schon Dein Begehren erfullt er trieb mich zu Dir zuruck ich will Dir allein gehoren!"
"So, so!" sagte die Alte, sich besinnend "Du bist
ja mein Engel!" Doch fuhlte Elmerice uberrascht, dass sie ihren Arm fasste; plotzlich brachen ihre Knie, und sie sank ohnmachtig in Fennimors Stuhl. Ausser sich, sturzte Elmerice uber sie hin; sie glaubte, ein plotzlicher Tod habe ihre alte Beschutzerin dahin genommen. Doch bald sah sie, dass sie sich noch bewege, und sogleich bemuhte sie sich, ihr Hulfe zu verschaffen. Sie loste ihre Kleider, sie rieb ihr Schlafe und Pulse und nasste ihre Stirn mit kaltem Wasser. Bald erwachte die Alte; aber sie war zu schwach, um sich erheben zu konnen, und hielt doch Elmerice's Hand fest in der ihrigen, als wolle sie sie verhindern, Hulfe herbei zu rufen. Als sie nach einiger Zeit die Sprache wieder erhielt, sagte sie: "Kind, lass uns allein, ich will bei Dir sterben! Lass mich kein Gesicht mehr sehen aus der Welt, die s i e getodtet hat und halte Du sie Dir auch ab. Morgen bin ich wieder wohl," fuhr sie fort, als sie die Thranen ihres Lieblings sah; "sei nur getrost, mein Engel, es ist so schon, wenn wir allein sind, da werde ich bald zu Kraften kommen!"
So blieb sie bis gegen Morgen, von Elmerice bewacht, im Lehnstuhle sitzen; ihr Zustand erregte dieser grosse Besorgniss, da ein banges Keuchen eintrat, das den Ausbruch einer neuen Krankheit furchten liess. Gegen Morgen machte sie den Versuch, von Elmerice gefuhrt, ihr Bett zu erreichen, aber es trat eine neue Ohnmacht ein, die den Rest ihrer Krafte mitzunehmen schien; denn von da an lag sie in bewusstloser Ruhe.
Elmerice sendete nun Asta zu Veronika, und als diese sogleich mit ihr zuruckkehrte, sprach sie gegen diese den Wunsch aus, dass sie den Marquis d'Anville um ein Pferd und einen Boten an den alten Arzt bitten moge und der Marquise ihre Entschuldigungen uberbringen, da sie Emmy nicht verlassen konne, und deren Ruhe durch Nichts gestort werden durfe. Zu Allem bereit, beeilte sich Veronika, den Herrschaften aufzuwarten, die sie sammtlich in der heitersten Laune beim Fruhstucke antraf. Die Nachricht, die sie brachte, wurde mit der grossten Theilnahme angehort, und der Marquis gab augenblicklich Befehl, dass ein reitender Bote sich nach dem Kloster aufmache. Dort konnte man den alten Arzt vermuthen, und, wenn er schon fort war, uber seine weiteren Streifereien Auskunft erhalten.
"Und muss man sich wirklich damit begnugen?" rief die Marquise wehmuthig "kann man dies liebe, uns so nah angehorende Wesen durch Nichts in dieser traurigen Lage unterstutzen?"
"Sie wenigstens, theure Marquise," erwiederte Veronika "Sie wenigstens nicht! Denn die alte Emmy ist in diesem Punkte hartnackiger, wie irgend ein anderer Mensch. Doch habe ich Hoffnung, dass sie mich ertragen wird, und dann kann ich nicht allein unser liebes Fraulein unterstutzen, sondern, wenn sie noch ausreichendere Hulfe bedarf, auch Sie davon in Kenntniss setzen."
Dies trostete Lucile in Etwas, da sie schon anfing das lebhafteste Interesse fur Elmerice zu empfinden und an dies Zusammenleben eine Hoffnung knupfte, die seit der Bekanntschaft mit Elmerice sich beiden Ehegatten aufgenothigt hatte.
Die auffallende Aehnlichkeit derselben mit Fennimors Bilde, und die eben so auffallende Liebe der alten, menschenfeindlichen Frau zu Elmerice, hatte die Betrachtung geweckt, wie wenig sie eigentlich von Miss Eton wussten; wie sie in den Gesprachen der Tante eigentlich nie erfahren, welcher Abkunft sie sei, und stillschweigend angenommen, sie gehore zu den vielen auswartigen Freunden der Grafin, mit denen diese durch Briefwechsel eine stete Verbindung zu erhalten wusste.
Diese unzureichende Auskunft, mussten sie sich gestehen, war nicht absichtlich so gegeben; sie war von Seiten der Tante gewiss nur eine Folge der Voraussetzung, dass sie mehr wussten; von ihrer Seite jugendlicher Leichtsinn oder Zerstreutheit, welche sie an der Ungekannten nur das Interesse nehmen liess, dass ihr Umgang die geliebte Tante begluckt hatte. Jetzt, wo der neu erweckte Wunsch, Nachkommen des unglucklichen Reginald zu entdecken mit Elmerice's auffallender Erscheinung zusammenfiel, beschlossen sie, bei der Tante den naheren Verhaltnissen derselben nachzufragen. Armand wollte sich mit Leonce daruber berathen, und dieser oder er selbst sollte nach Ardoise zuruckkehren und Nachrichten von der Grafin Franziska einholen, sobald ihre Gaste sie verlassen hatten.
"Ausserdem wird es Zeit," sagte Armand "dass wir Leonce zur Erklarung und zu einem berechtigten und offentlichen Verhaltnisse mit Margot bringen; denn sichtlich ist die Gemuthsbewegung, in der er sich seit gestern befindet, durch Margot unschuldiger Weise veranlasst, deren unbefangenes Herz aber sicher nicht interessirt war."
"Nun," rief Lucile "auch ich sah ihn gestern Abend, als ich am Fenster des Vorsaals Luft einathmete, ganz ausser sich, wie es mir schien, auf dem alten Hofe des Theophim auf und nieder sturzen; und als ich ihn diesen Morgen damit necken wollte und ihm sagte, ich hatte geglaubt, er habe Emmy Gray entfuhren wollen, bekam ich eine ganze Ladung zorniger Blicke aus seinen dusteren Augen, und die Rothe bestieg seine Stirn, wie ein Feuerzeichen, was Kampf bedeutet! Ich hielt mir die Augen zu, als ob ich mich furchte, und doch war mir innerlich bei dem Scherze nicht wohl zu Muthe; denn ich ahnte, dass Etwas Ernstes ihn quale."
"Er ist, furchte ich, eifersuchtig auf Guiche," sagte Armand; "und was mir auffallend ist und ich fast unzart nennen mochte, ist, dass Guiche seine Neigung fur Margot kaum verbirgt. Als wir gestern die alten Zimmer verliessen, blieben sie weit zuruck; Margot hatte es mit der Statue des Spinola auf dem Treppensaale zu thun, und Guiche wollte ihr ein Pendant dazu zeigen in dem Zimmer der Grafin Bussy. Erst folgte ihnen Leonce, und wie mir schien, schon mit sehr ubellaunigem, wenigstens auffallend blassem Gesichte; plotzlich aber sturzt er ausser sich zuruck die Treppe hinab ohne mich zu sehen, obwol ich eben erst aus dem Banket-Saale trat, wo ich mit dem Hausverwalter einige Verabredungen getroffen und ihn in dieser Zeit durch die offene Thure beobachtet hatte."
"Ja," rief Lucile "jetzt erinnere ich mich! Die Anderen hielten es fur eine gewohnliche Galanterie, wie wir sie an Leonce kennen: wir waren namlich voran gestiegen und schon im unteren Flure, da rief Mademoiselle de la Beaume laut nach Miss Eton, die wir eben vermissten; und in demselben Augenblicke schrie ich laut auf, weil irgend ein Bewohner dieses feuchten Raumes uber meinen Fuss schlupfte. Das hatte Leonce gehort. 'Was ist geschehen?' rief er, die Treppe hinauf sturzend; 'wo ist Miss Eton?' Sie stand fast erschrocken neben ihm, und er rief nun: 'Lucile, ich erkannte Ihre Stimme!' Aber er war so ausser sich, dass wir ihn alle auslachten und ich gleich dachte: weder diese fremde Miss Eton, noch Dein Schrei bringt ihn so ausser Fassung!"
"Ich zogerte an der Treppe, mit den Domestiken sprechend," fuhr Armand fort "um Margot abzuwarten. Da sie aber so wenig, wie Guiche erschien, trat ich in das Zimmer, in welches sie verschwunden waren; da standen Beide in lebhaftem Gesprache, und eben riss Margot ihre Hand los, die, wie es mir schien, Guiche zwischen den seinigen hielt. Die kleine Unvorsichtige war bei meinem Anblicke ganz ausser Fassung; ich gab ihr den Arm und fuhrte sie hinab. Wir schwiegen aber Beide; es schien mir, sie war sehr beschamt; Guiche folgte uns gar nicht und traf erst spater bei der Gesellschaft ein. Von da an ist Leonce aber nicht wieder zu erkennen, und ich muss ihn auffordern, offen mit mir zu reden. Er ist von den Verhaltnissen des Grafen Guiche zu gut unterrichtet, als dass er nicht im Stande sein sollte, ihn von seinem unvorsichtigen Werben um Margot abzuhalten. Graf Guiche steht namlich in diesem Augenblicke sehr unangenehm zur Familie d'Aubaine. Margots Bruder ist mit Guiche bei demselben Regimente, das Bussy kommandirt; eine Abtheilung dieser garde du corps hat den Dienst in Versailles; eine der tausendfaltigen Kleinigkeiten, von denen man angenommen hat, dass sie die Ehre eines Offiziers verletzen, glaubt d'Aubaine von Guiche erfahren zu haben. Diese Dinge durfen sich nie entkraften, selbst nicht an der innigsten, treuesten Freundschaft; denn in diesem Verhaltnisse waren Beide und eben aus Montreal von einem Besuche bei Margots Eltern zuruck gekehrt. Es musste also Blut fliessen; und obwol Leonce sich bemuhte, sie zu versohnen, forderte doch d'Aubaine das Duell. Da Vardes sein Sekundant war, ward Leonce der Sekundant von Guiche, und leider ward d'Aubaine gefahrlich verwundet. Du kannst Dir den Zorn Deines Onkels denken, wie er die Nachricht von der Gefahr seines einzigen Sohnes bekam, und wie aufgebracht er auf Guiche war, dem er in der Partheilichkeit des Schmerzes allein die Schuld zuschob! Jetzt erholt sich der junge Mann und Leonce sucht Guiche mit dem alten Grafen zu versohnen; da er den Ersteren sehr liebt und alle Schuld d'Aubaine giebt. Doch hat er selbst, als Sekundant des Gegners, den Zorn Deines Onkels zu erfahren gehabt; obwol ich nicht denken kann, dass dies bei dem alten Herrn einen nachtheiligen Einfluss auf unsere Wunsche ausuben wird."
"Nun, dann kann ich auch nicht glauben, dass sich Guiche um Margot bemuht!" rief Lucile; "denn dann kennt er Leonce's Wunsche und wird bloss Margot's Verzeihung in Bezug auf den Bruder gewinnen wollen."
"Wir konnen das abwarten!" rief Armand; "doch muss ich mich gegen Leonce erklaren es erregt zu sehr meine Ungeduld."
Diese Erklarung fand sich jedoch nicht. Die Geselligkeit und Leonce's sichtlicher Wunsch, Armand zu vermeiden, hielt die Bruder entfernt.
Es war uberhaupt eine Storung wahrzunehmen. Zwar waren die Kostums fertig und bereits angelegt; aber Elmerice's Verschwinden, die traurige Veranlassung desselben hatte die Lustigkeit gelahmt, die man erst von diesem Maskenscherze erwartete. Es war, als ob mit ihrem Ausscheiden sich die Berechtigung dazu vermindert habe, und Mademoiselle de la Beaume erschien am zweiten Morgen in ihrer gewohnlichen Kleidung und versicherte, sie habe die ganze Nacht von ihrer Toilette Fieber gehabt; denn Katharina von Medicis habe ihr in Person Unterricht geben wollen, sich ihrem Kostume gemass zu betragen, und da habe sie zusehen mussen, wie sie nach und nach in ihrer Seele eine wahre Holle eingerichtet habe. So erschienen nur noch die jungen Damen zuweilen bei Tafel in ihren Miedern und niederhangenden Locken, die ihnen allen auffallend schon kleideten. Die Herren hatten dagegen ihre Rollen nicht weiter verfolgt, und die Damen wurden auch nur gelegentlich durch Anrufung ihres Namens daran erinnert.
Indessen traf am anderen Mittage die Nachricht ein, der alte Arzt sei angekommen und bereits in den Zimmern der Mistress Gray. D'Anville stellte an der ausseren Thure des Thurmes sogleich einen Diener auf, der den alten Herrn zu ihm fuhren sollte, wenn er von der Kranken zuruckkomme; und wir uberlassen Alle dieser Erwartung, um zu erfahren, was sich indessen an einer anderen Stelle fur diese besonderen Verhaltnisse vorbereitete. Die Grafin d'Aubaine war, nach der Abreise ihrer jungen Freunde von Ardoise, mit der uneigennutzigen Ruhe, die der Hauptzug ihres gelauterten Karakters war, zu ihrem einsamen Leben zuruckgekehrt. Lebhaft angeregt durch die Erscheinungen der geistigen Welt, die sie aus ihrer gesicherten Ruhe mit antheilvollen Blicken verfolgte, nahmen die Zusendungen aller in Paris entstehenden, neueren Schriften ihre Zeit ausreichend in Anspruch wenn wir noch hinzufugen, dass sie das geistvolle Resume der ihr daraus erwachsenden Betrachtungen mit absichtslosem Fleisse, sich selbst zur Prufung, in schriftlichen Aufsatzen sammelte. Doch behielt sie nach Aussen den vollstandigsten Antheil fur alle ihr naher geruckten Verhaltnisse, und unter ihnen standen ihr die ihrer jungen Freundin jetzt am nachsten, gegen welche sie sich heilig verpflichtet hielt durch das Vertrauen, mit dem die Aeltern sie ihr als Vermachtniss ubergeben hatten. Die zartliche Freundschaft, die das junge, anziehende Wesen ihr eingeflosst, gab ihr eine genaue Kenntniss ihres feinen, leicht verletzlichen Sinnes, und liess sie uber die zweifelhaften Verhaltnisse, in denen sie sich jetzt befand, eine berechtigte Unruhe empfinden. Doch hoffte sie noch immer, durch die Anwesenheit der Marquise d'Anville in Ste. Roche, einen ausreichenden Schutz fur ihren Liebling annehmen zu durfen, und fuhlte sich schmerzlich getauscht, als sie die Nachricht zuruck erhielt, wie bestimmt Elmerice sich jeder Gemeinschaft mit ihr entzogen habe, wie fest diese neuen Verhaltnisse sie zu fesseln schienen.
Sie hatte daruber ein langes Nachdenken und fragte die Erinnerungen ihrer Jugend um Auskunft uber Emmy Gray. Aber es war ein undeutliches Bild, was sie vorfand, und weniger hatte die Zeit dies bewirkt, als die damalige Zerstorung ihres Geistes, und dass nach ihrer Genesung die ganze traurige Begebenheit wie mit heiligen Siegeln in dem Munde Aller verschlossen war, die sie umgaben. Was sie daruber spater erfuhr, war ihr durch Madame St. Albans mitgetheilt, die durch ihren Besuch, wie durch die Erwahnung der Nahe des Klosters Tabor, sie wieder zu einigem Antheile erweckt und manche Erinnerungen in ihr aufgefrischt hatte, die sie mit ihren ubrigen Schmerzen fest hielt und aus denen sie jetzt einen Begriff von der Lage ihrer Elmerice schopfte.
Die finstere, feindselige Stimmung, die Emmy Gray zu der ganzen Welt trug, war fur die Grafin eine Ursache mehr, ihre junge Freundin als ein O p f e r ihres Mitleidens anzusehen; und wie sie diese weit getriebene Theilnahme mindern solle, das war der Gegenstand ihrer Ueberlegungen. Sie entwarf hierzu in einem Tage mehr Plane, als ihr ganzes ubriges Leben aufzuweisen hatte, nur immer wieder verworfen oder verandert durch ihr grosses Zartgefuhl. Die Furcht, mit einer Autoritat aufzutreten, die sie zu edel und uneigennutzig war geltend zu machen, wenn sie nicht durch wirkliche Nothwendigkeit erzeugt ward, machte, dass sie bis zu dem Gedanken gelangte, s e l b s t nach Ste. Roche zu gehen, um durch ihre Nahe Elmerice, die sich ihr sicher nicht entziehen konnte, zu zerstreuen, ohne sie ganz der Theilnahme fur ihre alte Freundin zu berauben.
Aber diess war freilich ein grosser Entschluss, den die edle Franziska trotz der Aufopferungen, deren sie fahig war, doch nicht ohne eine grosse, innere Bewegung fassen konnte, und von dem sie eben so lebhaft wunschte, er mochte ihr erspart werden. Denn Ste. Roche war der Markstein ihres irdischen Gluckes! Ste. Roche hatte das unschuldige und tugendhafte Dasein des einzigen Mannes, den sie je geliebt, auf immer zerstort! Wenn sie dorthin dachte, schien es ihr ein riesiges Grabmal, das Alles bedeckte, was ihr je an irdischem Besitze gehorte, und dennoch kam der Gedanke immer wieder; denn nur ihrem Pflichtgefuhle raumte sie eine ausschliessliche Herrschaft uber sich ein und schon erliess sie einzelne Fragen an Lorint uber den Bestand der Reiseequipagen, welche die ganze Dienerschaft in Erstaunen setzten, da die Grafin seit zehn Jahren das Schloss nicht verlassen hatte.
In einem jener zierlichen Blatterklosets, welche die Gartenkunst des damaligen Jahrhunderts bestrebt war, mit moglichster Tauschung der Natur abzuringen, ruhte die Grafin d'Aubaine und sah durch den hohen Bogen des grunen Eingangthores eine grosse, schnurgrade gepflanzte Allee riesenhoher Platanen entlang, die mit einem malerischen Prospekte auf das Schloss endete, als sie Monsieur Lorint gewahrte, der mit den weiss seidenen Strumpfen, dem gestickten Scharlachrocke und der kleinen weissen Stutzperucke, eine kleidende Staffage dieser einsamen Blatterarchitektur ward. Als er naher trat, bemerkte sie den Glanz des silbernen Tellers in seiner Hand und war nun gewiss, er brachte ihr Briefe. Sie hoffte aus Ste. Roche und stand auf, um, ihm entgegengehend, sie fruher in Empfang nehmen zu konnen.
Der alte, etwas korpulente Herr beeiferte sich bei dieser Bewegung seiner angebeteten Gebieterin, sie so schnell, als moglich, zu erreichen, und bald stand er, ganz ausser Athem, mit dem reich belegten Teller vor der Grafin.
"Zwei Briefe von meiner Nichte?" rief die Grafin.
"Ja, Euer Gnaden, durch zwei sich schnell folgende Boten; ausserdem befindet sich noch ein Courier anwesend, der Euer Gnaden eine fremde Herrschaft anzumelden kommt."
"Nun, und wenn?" sagte die Grafin zerstreut und, schon in den ersten Brief ihrer Nichte vertieft, kaum Lorint's Worte beachtend. Lorint schwieg daher, sich vor das Kloset zuruckziehend.
Mit welcher Freude nun auch die erste, begeisterte Erzahlung der Marquise von der Bekanntschaft mit Elmerice und den wunderbaren Verhaltnissen derselben, das zartliche Herz der Grafin erfullte, da Lucile, von Empfindungen der Bewunderung uberstromend, ihrer schnell erweckten Zuneigung mit Ausdrucken erwahnte, die in ihrem eigenen Herzen einen nur zu lebhaften Anklang fanden so wurde diese Freude doch eben so rasch niedergeschlagen und in Besorgniss verwandelt, als sie den zweiten Brief erbrach und die Krankheit der alten Mistress Gray und Elmerice's schnelles Zuruckziehen erfuhr.
"Mein Gott," sagte sie lebhaft "das geht nicht mehr so! Ich muss dennoch zu ihr; mein armes, theures Kind, ich kann Dich nicht langer verlassen! Vielleicht that ich es schon zu lange und habe das heilige Vertrauen verletzt, das Deine Eltern in mich setzten. Sorgt, Lorint," sagte sie, sich zu ihm wendend "dass wir morgen abreisen konnen; ich werde nach Ste. Roche zu meiner Nichte gehen!"
Lorint verbarg sein Erstaunen, welches ihm das Blut in das Gesicht trieb, durch eine tiefe Verbeugung. "Ich komme nach dem Schlosse zuruck," fuhr die Grafin fort, da Monsieur Lorint noch immer stehen blieb "richtet vorlaufig das Nothigste zu meiner Abreise ein."
"Zu Befehl, Euer Gnaden!" erwiederte Lorint; "ich wollte nur unterthanigst an den Courier erinnern, der auf Antwort harret!"
"Ein Courier?" sagte die Grafin uberrascht, da sie jetzt erst die Nachricht horte "ein Courier aus Ste. Roche?"
"Nein, Euer Gnaden, ein Courier, der eine fremde Herrschaft anmeldet, welche sich aber nur der Frau Grafin selbst nennen will, und uber die der Bursche keine Auskunft zu geben weiss, da er von dem nachsten Posthause kommt, wo die Herrschaft erst vor wenigen Stunden eintraf und ihn absendete, um die Anwesenheit Euer Gnaden zu erfragen und diese allgemeine Meldung zu machen."
"Das ist sonderbar," sagte die Grafin; "ich muss aber dennoch Bekannte annehmen, obwol ich kaum weiss, wer sich dieser eigenen Form bedienen konnte. Doch darf dieser Besuch keinen Einfluss auf meinen Entschluss haben. Besorgt zu morgen meine Equipagen und sagt dem Courier, ich ware im Begriffe abzureisen, doch bis morgen bereit, Jeden willkommen zu heissen."
"Auch, glaube ich, konnen dies Euer Gnaden ohne Bedenken," fuhr Lorint mit der Vertraulichkeit alter Domestiken fort; "denn die Herrschaft ist, dem Aufwande nach, mit dem sie reist, von hohem Range."
"Wir werden dies erwarten," sagte die gutige Grafin lachelnd; "gebt die nothigen Befehle zu ihrer Aufnahme!"
Doch lange noch blieb sie allein in der schonen Einsamkeit, die sie umgab; sie vertiefte sich in die Mittheilungen ihrer Nichte und suchte sich dadurch in ihrem Vorhaben zu starken, das sie, bei aller pflichtgetreuen Festigkeit ihres Sinnes, dennoch mit einem geheimen Bangen erfullte, uber das sie nicht Herr zu werden vermochte. Wie Viel sich an diese Empfindungen anreihen mochte, was von der Zeit und ihrem starken Willen verdeckt lag, ware auf dem schonen, fruh gealterten Gesichte zu verfolgen gewesen, obwol es die feine Hand, welche das denkende Haupt stutzte, halb verbarg.
So mochte die Zeit schnell an ihr hin gestrichen sein, und vielleicht hatte sie selbst die Abreise und mehr noch den angekundigten Besuch bereits vergessen, als sie die Stimme von Monsieur Lorint vernahm, der, dicht vor dem Eingange des grunen Gemaches stehend, einige unterthanige Worte murmelte. Sie zog die Hand von ihrem Angesichte und sah hinter Lorint eine hohe, mannliche Gestalt stehen, und an ihrer Seite eine jungere, weibliche, die Beide der Grafin vollig fremd erschienen und sie an ihre erwarteten Gaste erinnerten.
Sogleich erhob sie sich, und mit ihrem edeln und gewinnenden Anstande nahete sie sich den Fremden, die Monsieur Lorint versucht hatte, ihr vorzustellen. Wer hatte sich nicht in dem Augenblicke, als sich die hohe, leichte Gestalt, so wurdig von den reichen Falten des schwarzen Kleides umhullt, ihnen nahete, sagen mussen: sie habe die unverwustliche Schonheit der Seele, deren Dasein wir beim ersten Blicke empfinden, und die an dem Korper, der wie ein durchsichtiger, aber farbloser Schleier den Geist umgiebt, keinen grosseren Verfall zulasst, als die Verfluchtigung der Jugendreize!
Der Fremde schien, von ahnlichen Betrachtungen bewegt, ihren vollen Anblick geniessen zu wollen; denn er blieb in derselben Entfernung vor ihr stehen und liess sie in ihrer ganzen edeln Erscheinung auf sich zu kommen; aber sein grosses Auge, das unter starken, schwarzen Augenbraunen feurig hervorleuchtete, sagte ohne Worte: ich bewundere Dich! Der Fremde zeigte eine sichere, wurdevolle Haltung; die Schonheit eines alten Mannes, der sich seiner Jugend ohne Errothen erinnern darf. Sein weisses Haar hob sich noch voll um die freie Stirn, und die Feinheit der schonen, griechischen Nase verstarkte den edeln Ausdruck seines Kopfes. Er war uber der gewohnlichen Grosse, ohne Korpulenz, in reicher, einfacher Tracht, die aber nicht die der franzosischen Mode war; seine ganze Erscheinung flosste Achtung und Vertrauen ein.
An seiner Seite stand eine junge, weibliche Gestalt, die fast andachtig ihre sanften Augen auf die Grafin d'Aubaine gerichtet hielt und eins der zarten, blonden Madchen war, an deren materielle Existenz wir kaum Glauben fassen konnen.
Die Grafin gewann die von uns dargelegte Ansicht mit e i n e m Blicke ihrer klugen, erfahrenen Augen; und in der angenehmen Erwartung, einen Namen zu horen, der dieser interessanten Erscheinung entsprache, nahete sie sich mit jener verbindlichen Miene, welche die Frage ausdruckt, die der Mund noch zuruckhalt.
"Madame," sagte der Fremde, jetzt ehrerbietig ihr entgegentretend "ich erkannte Euer Gnaden augenblicklich wieder, obwol so viel Zeit zwischen diesem und unserm letzten Beisammensein liegt, dass mein einst schwarzes Haar Zeit hatte, mich zum Greise zu stempeln; auch damals genoss Lord Duncan-Leithmorin Gastfreundschaft in Ardoise, und Grafin Franziska d'Aubaine war die Heilige, die er anbetete."
"O, Lord Duncan," rief Grafin d'Aubaine "S i e fuhrt in Wahrheit Gottes besondere Gute zu mir! Stets konnten Sie der Freude gewiss sein, die Ihre Ankunft hier erregen musste; und doch ist sie niemals erwunschter gewesen, als gerade jetzt, wo sie fast zur Nothwendigkeit geworden ist; und in dem Augenblikke, wo ich Sie sehe, fuhle ich erst recht die Wohlthat, die mir Ihr Rath gewahren wird."
"Das habe ich fast erwartet, Frau Grafin," erwiederte Lord Duncan; "und dennoch thut mir Ihre offene, gutige Erklarung daruber unendlich wohl; denn sie hebt den letzten Zweifel, der mich noch beunruhigen konnte. An Sie bin ich nun in jeder Hinsicht verwiesen, da Sie selbst meine Sendung anzuerkennen scheinen."
"Lassen Sie mich erst diesen Engel begrussen!" rief jetzt die Grafin, deren Augen schon langst auf das holde Wesen an seiner Seite geblickt hatten.
"Marie Duncan sehnte sich, Ihre Hand zu kussen," sagte der Lord und fuhrte das errothende Madchen zur Grafin, die ihr die Arme entgegenstreckte und sie zartlich an ihre Brust druckte. "Freundin meiner Elmerice, weisst Du, dass sie mir mutterliche Rechte einraumte? Willst Du mir einen ahnlichen Antheil gonnen?"
"Ach, Madame'," rief Marie, seelenvoll zu ihr aufblickend "mochte ich ein so grosses Gluck verdienen lernen!"
"Aber Du findest Deine Elmerice nicht!" fuhr die Grafin fort. "O, Lord Duncan, werden Sie nicht Rechenschaft von mir fordern und mich fur einen schlechten Haushalter erklaren, da ich den mir anvertrauten, kostlichen Schatz von mir liess, schutzlos in fremde, unheimliche Verhaltnisse ubergehend?"
"Nein, meine theure Grafin!" erwiederte Lord Duncan; "ja, eben diese augenblicklichen Verhaltnisse des von mir vaterlich geliebten, theuern Madchens sind die Veranlassung, dass ich nach Frankreich kam; und wie ich ohne Ihren Rath, Ihren Beistand keinen Schritt vorwarts thun kann oder will, so muss ich einraumen, dass Sie mich eben so nothig haben werden; und da ich Ihre Reiseplane schon kenne, denke ich, wir reisen, wenn Sie mich gehort haben, spater zusammen."
"O, gern, gern!" rief die Grafin, nachdenkend und bewegt; denn jetzt fuhlte sie, Lord Duncan musse wichtige Mittheilungen zu machen haben, und in dem augenblicklichen Verhaltnisse seines Mundels mehr sehen, als sie, die ihre Sorge nur auf die Gemuthsstimmung ihrer jungen Freundin gerichtet hatte. Hoch athmete sie bei diesem Nachdenken auf. Wie viele Jahre waren schonend an ihr hingezogen, und heute ward ihre Erinnerung fur die Vergangenheit geweckt und wie lebhaft durch Lord Duncan ihr Gefuhl angeregt, den sie als Freund Reginald's kannte, und dessen Bekanntschaft die glucklichste Zeit ihres kurzen Jugendlebens umschloss!
Lord Duncan errieth die Bewegung seiner edeln Freundin und suchte sie von ihren Empfindungen abzulenken. Die Grafin verstand schnell seine wohlmeinende Absicht; man trat den Ruckweg nach dem Schlosse an, und hier Alles geschickt und schnell vorbereitet findend, fuhrte die verbindliche Wirthin ihre Gaste selbst in die schonen, wohnlichen Gemacher, ihnen nach einer eiligen Reise die erwunschte Ruhe gonnend.
Erst zur Tafel fanden sich die Gaste wieder bei der Grafin d'Aubaine ein, und Lord Duncan fullte diese Zeit der Unterhaltung mit Erzahlungen uber sein Familienleben, das, der Grafin fremd, ihre ganze Theilnahme in Anspruch nahm Doch horte sie fast mit Schreck, dass Lord Astolf, der jungste Sohn des Lord Duncan, bereits verlobt sei, und wie sich die junge Marie darauf freute, Elmerice mit dieser Nachricht zu uberraschen. Denn noch immer glaubte sie, ihr Liebling trage eine ungluckliche Neigung zu jenem Junglinge, und seit lange hatte sie sich gewohnt, die Schwermuth derselben dieser Ursache Schuld zu geben.
Lord Duncan hatte die Grafin um eine ungestorte Unterredung gebeten; man hob die Tafel deshalb zeitig auf, und da Marie Duncan alle Platze kennen lernen wollte, von denen das Tagebuch ihrer Elmerice so lebhafte Schilderungen enthielt, hatte die Grafin dafur gesorgt, dass das sanfte Reitpferd, welches Miss Eton zuweilen gebrauchte, der jungen Lady zugefuhrt wurde. Der alte Forster von Ardoise und ein vollig zuverlassiger Reitknecht bekamen den Auftrag, Miss Duncan zu allen Punkten hinzufuhren, welche die junge Dame nennen wurde.
Nachdem man das junge, heiter lachelnde Madchen mit ihrem Gefolge hatte abreiten sehen, fuhrte die Grafin d'Aubaine ihren Gast nach dem abgelegenen, grunen Kabinet, welches wir bereits kennen; und als sie in den offenen Balkonthuren, die einen begrenzten Blick in die einsamsten Baumpartien des Gartens darboten, Platz genommen hatten, trat eine Pause ein, in der Beide sich zu beherrschen suchten. Die Grafin fuhlte, sie wurde mit Lord Duncan nicht zusammen sein konnen, ohne durch gemeinschaftliche Erinnerungen den wunden Punkt in ihrer Brust zu beruhren, und Lord Duncan sah sich ahnlich bewegt; wir werden aus seinen Mittheilungen erfahren, wie viel Recht er dazu hatte.
"Lassen Sie uns offen gegen einander sein, theure Grafin," sprach er endlich; "wir fuhlen Beide, dass, was ich Ihnen zu sagen habe, schmerzliche und ewig theure Erinnerungen wecken wird. Aber wenn ich dennoch den Entschluss gefasst habe, Sie auf diese Weise zu erschuttern, so geschieht es in dem festen Vertrauen, dass Ihnen, wie mir, eine Pflichterfullung zu wichtig ist, um nicht das Opfer zu bringen, das ich jetzt fordere, indem ich Sie bitte, mich anzuhoren."
Die Grafin reichte ihm schweigend die Hand, die er fast knieend an seinen Mund druckte. Ihre blassen Lippen bebten in einer Empfindung, der sie keine Worte gestatten wollte; aber Lord Duncan zweifelte nicht an ihrer Einwilligung und hob mit ruhiger Fassung seine Mittheilungen an:
"Als Reginald aus s e i n e m Vaterlande verjagt ward, suchte er das Vaterland seiner Mutter auf. Er erreichte England mit gebrochener Jugendkraft, und als er das Haus seines Onkels, des Herrn Lester in Yorkshire, betrat, zeigten sich schon Symptome der Krankheit, die ihn bald darauf danieder warf. Sie haben oft von dem Vater Ihrer Jugendfreundin gehort; er war in Wahrheit einer der Ausgezeichnetsten seines Standes. Er besass eine reiche Probstei, und seine vornehme Familie, die den Vater aufgegeben hatte, suchte durch diese ansehnliche Pfrunde den Sohn zu heben. Mehr, als sie ihm geben konnte, gab er sich selbst durch seinen wurdigen Karakter! Seine tiefe Gelehrsamkeit machte ihn zu einem gesuchten und geachteten Gegenstande; er hatte auf der Universitat den Doktorgrad erhalten, war Mitglied der ausgezeichnetsten, gelehrten Gesellschaften, und stand dadurch in den weitverzweigtesten Verbindungen. Eben so bedeutend war seine Gemahlin, eine Miss Eton, deren Vater Bischof in Kalkutta gewesen, und die ihrem Gemahle in jeder Beziehung gewachsen war. Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie sich, als die Letzte ihres Namens, mit Herrn Lester vermahlt, und nachdem sie mehrere Kinder verloren, blieb ihr nur Margarith, die jungste Tochter, die Ihre Freundin ward, theure Grafin!"
"Nur ein Mal habe ich mit Herrn Lester uber Fennimor, seine ungluckliche Schwester, gesprochen. Er war bis zu Reginald's Ankunft uber ihr eigentliches Schicksal in Zweifel geblieben. Wie wir alle, musste er sie rechtmassig vermahlt halten; auch bekam er bis zu der Geburt ihres Sohnes nur gluckliche Nachrichten von ihr und empfing daher die Anzeige ihres Todes, die ihm Graf Leonin selbst machte, mit der schmerzlichen Trauer um ein zu fruh aufgelostes Gluck. Ob ihr Sohn, von dem jene Todesnachricht Nichts erwahnte, lebe oder der Mutter gefolgt sei, konnte Herr Lester nicht erfahren; da alle seine Briefe von da an unbeantwortet blieben. So machte die Zeit, dass er jene Verhaltnisse, als fur ihn nicht mehr bestehend, nach und nach zu vergessen begann. Emmy Gray's Weigerung, nach England zuruckzukehren, und die fluchtige Erwahnung seiner Tochter, bei ihrer Ruckkehr aus Ardoise, uber ihr wunderliches Leben, uberraschte Herrn Lester nicht, da er Emmy von Jugend auf als finster und halsstarrig gekannt hatte, und John Gray, der auf der Jagd verungluckte und einen fruhen Tod fand, kein Band mehr fur sie war. Dies e i n e Mal, dass ich nach der Entdeckung, die ihm Reginald gemacht, den unglucklichen Bruder dieses geopferten Engels sprach, wird mir unvergesslich sein! Er hatte damals schon jeden Gedanken an Genugthuung aufgegeben und rang mit seinem Schmerze um christliche Fassung und Ergebung; aber es war ein Kampf, dem er so oft unterlag, als er davon zu sprechen wagte, und ich habe ihn niemals wieder dazu aufgefordert."
"Reginald wusste durch Emmy Gray's verhangnissvolle Mittheilung von dem Dasein seines Onkels und von dessen Aufenthalt. Er suchte ihn zu erreichen; aber sein Diener brachte den todtkranken Jungling bewusstlos in das verwandte Haus. Noch ahnte die edle Familie nicht, wen sie aufnahm, obwol Margarith augenblicklich in ihm den Jungling wieder erkannte, den sie unter dem Namen Chevalier de Ste. Roche in Ardoise gesehen hatte; dessen ungeachtet genoss er jede Pflege und die zarteste Theilnahme, die endlich den leidenden Zustand brach und ihn dem Leben zuruckgab, das er nur noch mit Ergebung ertrug, von jedem frohen Gefuhle des Gluckes und der Jugend auf immer geschieden."
"Als er sich seinem Oheim entdeckt hatte, und die ereignissreiche Erzahlung seines grausamen Schicksales das Herz dieses edlen Verwandten mit dem Unglucke seiner Schwester vertraut gemacht hatte, erfullte Beide eine tiefe und gerechte Verachtung gegen die Familie Crecy-Chabanne, deren rechtmassiges Oberhaupt durch so grausame und hartnackige Verfolgungen, um jedes Vorrecht der burgerlichen Gesellschaft betrogen, aus seinem Vaterlande vertrieben ward. In Folge dieser Empfindungen, und von dem lebhaften Verlangen gedrangt, dieser Familie spurlos entzogen zu bleiben, willigte Reginald ein, den erloschenden Namen seiner Tante anzunehmen; und er nannte sich von da an Eton!"
Lord Duncan brach hier ab; er sah das hinsterbende Lacheln auf dem Gesichte seiner edeln Freundin. Beide schwiegen. Langsam floss endlich Thrane auf Thrane aus ihren gesenkten Augen. Lord Duncan erhob sich, er wollte sich entfernen; aber ihre reine und erhabene Seele hatte schon gesiegt; sanft streckte sie die Hand nach ihm aus. "Bleiben Sie, theurer Freund!" rief sie, unter starker rinnenden Thranen "o, ich weine mehr aus Freude, wie aus Schmerz! So war sein Schicksal weniger traurig, als ich es erwarten musste so genoss er Liebe, treue Hingebung an der Seite der edelsten Menschen! Ach, und er vergass mich n i e ; denn sprechen Sie es aus sein Vermachtniss war Elmerice!"
Geruhrt unterbrach Lord Duncan den beruhigenden Erguss ihrer Gefuhle nicht. Still und voll Ehrfurcht blickte er auf diese schone, wurdige, weibliche Erscheinung, die mit allen Zustanden Frieden schliesst und ihnen ihren Stachel zu nehmen weiss.
"Lord Duncan," sagte sie nach einer kleinen Weile "welches Licht giebt mir dieser Augenblick uber mich! Wie unwahr sind wir noch immer gegen uns und neben welchen absichtslosen Tauschungen gehen wir her, als ob wir sie nicht sahen! Was Sie mir jetzt aussprechen, ist die Ahnung der langen Vergangenheit, seit Margarith Lester mir in schuchternen Andeutungen ihre Liebe, ihre Vermahlung mittheilte. Seit ich Elmerice sah, und aus ihren Erzahlungen uber ihren Vater Manches mir erschien, als ob eine liebe Hand den Schleier von einem unverwischlichen Bilde wegzoge seitdem belebte sich diese Ahnung aufs neue! O, Lord Ducan, nehmen Sie mein Bekenntniss an: selbst das schone Antlitz meiner Elmerice rief theure Zuge in mir zuruck; und dennoch, dennoch hullte ich mich schuchtern gegen die Wahrheit ein! Aber ich liebe dies theure Kind so zartlich, so hingebend, wie ich nur vermocht hatte, wenn mir die Wahrheit aufgedeckt gewesen ware; und all meine Einrichtungen fur ihre Zukunft n a c h meinem Tode, gestalteten sich so, wie es der Witwe Reginald's mein schonster Titel blieb dies immer zukam! O Mylord, wie froh bin ich, sagen zu konnen: ich war vor Ihrer Ankunft entschlossen, nach Ste. Roche zu gehen; und nicht alle meine Pflichten habe ich aus kranklicher Schonung meines verwohnten Gefuhles vernachlassiget."
"Reginald" hob hier Lord Duncan an "kannte Sie so genau, theure Freundin, dass er gerade so, wie es geschehen ist, den Gang Ihrer Empfindungen voraussetzte. Nicht i c h sollte Elmerice begleiten; und da seine Gemahlin ihn uberlebte, sollte auch diese erst der Tochter nach Frankreich f o l g e n ! Elmerice sollte alle Nachrichten uber sein Leben ahnend in Ihnen vorbereiten, und wir nur hinzutreten, um das zu geben, was Ihnen dann noch fehlen wurde."
"So fahren Sie fort," sagte Franziska d'Aubaine mit Fassung. Aber sie stutzte ihr Haupt mit der Hand und entzog ihr Gesicht, damit dem Lord die Zeichen ihres tief erregten Gefuhles beschamt verhullend. Mit einer edlen Schonung erzahlte Lord Duncan weiter:
"Nachdem Herr Lester zu einiger Fassung zuruckgekehrt war, richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf seinen unglucklichen Neffen und bemuhte sich, ihm eine Stutze zu werden. Sie begreifen, mit welcher Liebe und Bewunderung er den reich angebauten Geist, das edle Herz desselben erkennen lernte; wie stolz er im Laufe der Zeit auf ihn ward und wie er ihm seine achtungsvollste Freundschaft schenkte."
"Doch sein und Reginald's dringendstes Verlangen, einen Wirkungskreis, eine Thatigkeit zu finden, scheiterte wiederholt an Reginald's zerstorter Lebenskraft. Sein Aufenthalt in der Bastille, die er unter den heftigsten Seelenleiden, nach einer kaum uberwundenen Krankheit, ohne die nothige Pflege bewohnen musste, hatte eine hartnackiges Siechthum veranlasst, das ihn viele Jahre nach einander zu derselben Zeit aufs Krankenlager warf und endlich die Aerzte zu dem Ausspruche nothigte, dass die Luft in England diesem Zustande nachtheilig werde. Doch konnte Reginald in jener Zeit nicht an seine Abreise denken; denn sein geliebter Oheim verlor nach kurzem Krankenlager die wurdige Gefahrtin seines Lebens."
"Auf ihrem Sterbebette vertraute sie Reginald die Liebe ihrer Tochter und sagte ihm, sie wunschte, dass er sie heirathe; denn Margarith mache keinen Anspruch an seine Liebe, die er ja doch niemals fur ein anderes weibliches Wesen werde empfinden konnen Margarith werde wie seine Schwester ihm zur Seite bleiben, seine schwankende Gesundheit stutzen und das Leben ihm liebevoll erleichtern. Doch verbat sie sich jede Zusicherung des erschrockenen Reginald und verliess bald darauf die Welt."
"Von da an lernte unser Freund erst Margarith kennen; denn bei ihrer ersten Bekanntschaft in Ardoise hatte Reginald keinen Raum gehabt fur die Wahrnehmung einer anderen weiblichen Erscheinung; aber er naherte sich ihr mit dem Wunsche, durch sein Vertrauen sie von den Gefuhlen abzulenken, die erregt zu haben, ihm Kummer machte. Aber seine Annaherung hatte andere Folgen! Jetzt erst trat hervor, was Margarith bisher bescheiden ihm entzogen, dass sie noch immer die Freundin, ja, die Vertraute der Grafin Franziska war dass ihre Liebe mit der seinigen um den Rang stritt, und sie das Band werden wurde, das ihn mit dem einzigen Glucke seines Lebens in Verbindung erhalten konnte. Sie waren von da an unzertrennlich; und wie er fuhlte, dass er die Neigung des edeln Madchens, statt sie zu verringern, gesteigert habe, bot er ihr seine Hand an und wiederholte ihr, was sie wusste, dass er ihr kein Herz zu geben habe."
"Schon damals kannte ich seine Anwesenheit in England; Herr Lester hatte mir ausfuhrlich sein Schicksal mitgetheilt. Zu derselben Zeit wiederholten sich die Versuche des Grafen Leonin, Reginald auszuforschen; da, nach dem im Kloster erfolgten Tode der alten Marschallin, wahrscheinlich sein Verlangen erwachte, sich den Sohn wiederzugewinnen. Auch ich bekam Aufforderungen und ich gestehe, dass ich es versuchte, meinen Einfluss auf Reginald zu benutzen, um ihn fur die Vortheile dieser Stellung empfanglich zu machen. Aber ich fand ihn unerschutterlich. Das Andenken an seine gekrankte Mutter vertrat jeden Weg der Versohnung mit seinem Vater, an den er zwar ohne Hass dachte; aber sich doch vollig unfahig fuhlte, in ein kindliches Verhaltniss zu ihm zu treten."
"Ueberdies war er verheirathet er durfte Nichts mehr hoffen, und er verachtete Rang und Stand, der zu so vielen Verbrechen Anlass gegeben, mit einer fast an Hass grenzenden Bitterkeit."
"Gleich nach der gerauschlosen Hochzeit folgten sie mir nach Schottland, welches Herr Lester lebhaft wunschte, da die geforderte Luftveranderung noch immer verschoben worden war; und bei mir, in Leithmorins Bergen, in den grunen Thalern mit ihren zahllosen Quellen erfrischte sich die Lebenskraft unseres theuren Freundes. Dessen ungeachtet fuhrte ihn sein Pflichtgefuhl zu Herrn Lester zuruck; denn er errieth die immer verhehlten Wunsche seines liebevollen Weibes, die nur mit Sorge den alternden Vater allein wusste; auch brachte Reginald in Wahrheit bessere Lebenskrafte mit und uberhob seine Familie fur einige Jahre der Sorge fur sein Leben. Er bereitete sich in dieser Zeit vor, einen Ankauf in England zu machen, der ihm eine wurdige Thatigkeit sicherte, als der plotzliche Tod seines Schwiegervaters und die erneueten Nachforschungen des Grafen Leonin ihn diesen Plan aufgeben liessen, und seine Freundschaft fur mich ihn bestimmte, sich nach Schottland zuruckzuziehen."
"Hier lebte er bis zu seinem Ende in der innigsten Gemeinschaft mit meiner Familie und theilte seine Zeit in die Kultur seines kleinen Gutes und die Erziehung seiner einzigen Tochter unserer Elmerice!"
"Doch erwachte nach der ersten Vernarbung seiner schweren Seelenwunden eine tiefe Sehnsucht nach dem schonen Frankreich, seinem beruhmten Vaterlande, in ihm; und es gehorte sein festes Abschliessen mit dem Leben dazu, um ihn davon entfernt zu halten. Als er aber seine Krafte sinken sah und sich selbst nur zu richtig ein fruhes Ende prophezeihte, erwachte ein Gedanke in ihm, der seine letzten Jahre erheiterte I h n e n nach seinem Tode seine Tochter und Gemahlin als ein Vermachtniss zu ubersenden, und Elmerice auf dem Boden einheimisch werden zu sehen, den er dennoch am liebsten sein Vaterland nannte und durch Sie das theuerste Andenken seines Lebens!"
"Was hatte Margarith nicht in ihrem edeln, von ihr
angebeteten Gatten verstanden? Wo ware ihr Antheil je ausgeblieben, wenn e r ihn zu erwecken suchte? Die Erziehung Elmerice's nahm von da an diese vorbereitende Wendung, und sie ward in Schottland schon eine Burgerin Frankreichs."
"Doch eben so fest suchte er zu der damaligen Zeit
alle Bestimmungen so zu ordnen, dass Elmerice uber das eigentliche Schicksal ihres Vaters stets in Ungewissheit bliebe und ihrer Familie auf immer entzogen. Wir Alle waren durch die heiligsten Eide gebunden, dies von ihr abzuhalten. Ein Brief an Sie, theure Grafin, flehte Sie um dieselbe Zusage an; denn er fuhlte eine Art eifersuchtigen Zurnens, wenn er sich das herrliche Kind, auf das er mit Stolz und Entzucken blickte, in den Handen einer Familie dachte, die vielleicht mit zweifelnder Miene auf ihre Vorzuge sehen und ihnen die volle Berechtigung weigern konnte."
"Ein spateres Ereigniss jedoch, das ich Ihnen zu
einer anderen Zeit mittheilen werde, veranderte in etwas diese hartnackigen Bestimmungen; sie sollten nur so lange Geltung behalten, als das Lebensgluck dieses geliebten Kindes nicht wesentlich darunter litte. Ich bekam Erlaubniss, seiner Tochter in Jahresfrist nach Frankreich zu folgen, selbst die Verhaltnisse zu prufen, in die sie alsdann getreten sein wurde und den Umstanden gemass nachgiebig zu sein, oder das Geheimniss uber ihre Geburt fortbestehen zu lassen, wenn die Lage der Sache sich seinen Anforderungen nicht entsprechend zeigte."
"So war die Reise hierher ein alter Beschluss, ein Versprechen sogar; aber sie ward durch die Nachrichten, die Marie Duncan von Elmerice erhielt, beschleunigt. Um mit dem geliebten Kinde im sicheren Zusammenhange zu bleiben, hatte ich in beiden Madchen die Idee erregt, fur einander eine Art Tagebuch zu schreiben, und bei der Liebe, die Elmerice zu mir hatte, ward es mir nicht schwer, die Erlaubniss der Theilnahme an demselben zu erhalten. Ich schrieb selbst in dem Tagebuche meiner Tochter und Elmerice beantwortete dies; ungesucht erfuhr, ich so, was ihr begegnete, und behielt eine Uebersicht, die mich leiten musste, wenn ich fruher, als das Jahr abgelaufen war, es nothig finden sollte, meine Reise anzutreten. Dies schien mir jetzt der Fall, seitdem sie durch eine jener wunderbaren Fugungen, die wir uns vielleicht sehr mit Unrecht gewohnt haben, Zufalligkeiten zu nennen, zu dem eigentlichen Brutheerde ihres Schicksals gelangt ist! Emmy Gray, die, wie eine Nemesis uber ihrer Rache wachend, das gekrankte Leben zu erhalten wusste, hat sogleich den verwandten Zug mit Fennimor Lester erkannt, ihr deshalb Liebe und Vertrauen geschenkt, ihre Ahnungen in ihr niedergelegt und sie mit dem harten Schicksale ihrer Grossmutter und ihres Vaters bekannt gemacht. Von da an zeigen die Briefe des armen Kindes eine tiefe Schwermuth, die sie dem Leben absterben lasst; denn sie will die Vorzuge der Geburt, die ihr bei der Aufdeckung ihrer Rechte zustehen wurden, niemals gelten lassen, da sich so viele Verbrechen an deren Raub knupfen. Ja, sie furchtet vor Allem, das Andenken ihres Vaters zu beleidigen, wenn sie das zu besitzen trachtete, was er nicht zu besitzen vermochte."
"O meine Elmerice," unterbrach hier Franziska d'Aubaine ihren Freund "wie wurdig bist Du, seine Tochter zu sein!"
"Die Anwesenheit des Marquis d'Anville, den sie als Ihren Verwandten kennt, theure Grafin, hat diesen Vorsatz nur befestigt. Wie sollte sie ein Eigenthum besitzen wollen, das in diese Hande ubergegangen ist? Dagegen halt sie es fur eine heilige Pflicht, bei Emmy Gray auszuhalten, die von der Aehnlichkeit lebt, die Elmerice mit Fennimor hat, und nach so langer, trostloser Vereinsamung durch den Gedanken befriedigt ist, dass sie die rechtmassige Erbin Fennimors in Ste. Roche eingesetzt hat, und ihr diese die Augen zudrucken wird. Elmerice fugt sich allen ihren Phantasien; sie tragt Fennimors Kleidung sogar, um der armen Alten die hochste Illusion zu gewahren."
"S o , liebe Grafin, denke ich, kann es nicht langer bleiben! Wir mussen dem edeln Kinde, das es so wohl verdient, jetzt volliges Vertrauen schenken. Sie theilt Emmy's Ueberzeugung; denn, wenn sie auch aus ihrem Leben keine Gewissheit hinzufugen kann, widerspricht doch auch Nichts ihren Annahmen; und dass Miss Lester ihre Mutter, ward bestatigt durch ihre Vermuthungen, die auch Emmy sehr naturlich erklart hat."
"So ist denn jetzt noch mehr, wie fruher, meine Ueberzeugung bestatigt, dass auch ich nach Ste. Roche muss," sagte die Grafin d'Aubaine; "denn ich werde am besten all die kleinen Schranken durchbrechen konnen, die zu grosses, gegenseitiges Zartgefuhl dieser Angelegenheit nachtheilig werden liess. Ich habe naturlich wenig von den Gesinnungen des Marquis d'Anville uber diesen Gegenstand gehort; da meine lieben, nur zu gutigen Verwandten Alles in Schweigen hullten, was auf diese schmerzliche Epoche meines Lebens hinzuweisen vermochte. Doch erfuhr ich, dass er nach Reginald selbst oder nach dessen Verwandten eifrig forschte und dass er darin nicht glucklich war, ist mir durch Ihre Mittheilungen erklart."
"Ja!" sagte Lord Duncan "hier ist sein letzter Brief; er ist aus Ste. Roche datirt und lasst keinen Zweifel uber seine uneigennutzigen Gesinnungen. Ich habe ihm geantwortet, wie er es verdient und ihn auf meine baldige Ankunft verwiesen. Doch mussen wir wohl uberlegen, was wir mit Elmerice wollen; wird es ein Gluck sein, sie in ihre Rechte einzusetzen?"
"Das steht in Gottes Hand, Lord Duncan," sagte die Grafin warm; "w i r haben ein Unrecht gut zu machen w i r durfen nicht weiter fragen, da das Nachste klar vor uns liegt! Die spatere Frage ist nicht so sehr, wie es erscheinen will, an Aeusserlichkeiten gebunden. Nehmen wir Elmerice den Druck ab, der durch ihre halbe, gekrankte Stellung entstanden ist, und erwarten wir voll Vertrauen und Achtung, wie sie selbst mit ihrem schonen Willen dann eine wurdige Haltung behaupten wird."
"Der Marquis d'Anville," hob nach einer Pause Lord Duncan an "hat einen Bruder"
"Furchten Sie Nichts von diesem!" unterbrach ihn die Grafin schnell. "Leonce ist allerdings nicht reich und ich weiss, dass d'Anville beschlossen hatte, durch die Art, wie er den Nachlass des Grafen Leonin jetzt zu theilen dachte, diesen Mangel auszugleichen. Doch tritt der Fall ein, dass Leonce mit der Tochter meines Bruders fast so gut wie verlobt ist und diese ihm Reichthum bringen wird, da Graf d'Aubaine nur zwei Kinder hat."
Schnell stand hier Lord Duncan auf und trat mit einer sonderbaren Heftigkeit auf den Balkon hinaus. Die Grafin war jedoch zu sehr in den angeregten Empfindungen vertieft, um es zu bemerken; Lord Duncan ward freundlich und mit dankbaren Worten von ihr entlassen, da er ihr bis zur Abendtafel Ruhe zu gonnen wunschte, und diese Zeit den erinnerungsreichen Platzen um Ardoise widmen wollte. Doch mussen wir gestehen, dass er die Grafin d'Aubaine mit viel geringeren Hoffnungen fur das Gluck der von ihm so vaterlich geliebten Elmerice verliess, und oft horen wir ihn wiederholen: "Reginald, Reginald, Deine Nachgiebigkeit kommt zu spat!" In dieser Zeit hatte Elmerice an dem Krankenlager ihrer alten Freundin trube Stunden! Sie konnte sich nicht verhehlen, dass ihr Leiden ernster Art war und vielleicht das letzte ihres Lebens sein werde. Aber der Gedanke, Emmy zu verlieren, war ihr in einem Augenblicke, wo sie dieselbe als ihre einzige Stutze ansah, fast unertraglich. Mit leidenschaftlicher Angst erwartete sie daher den alten Arzt, und als er endlich ankam, eilte sie ihm mit einem so gesteigerten Grade von Schmerz entgegen, dass er sie erstaunt anblickte und, wahrend er ihre Hand wie blos freundschaftlich druckte, doch heimlich und schnell den Zeigefinger an ihren Puls legte, um ihren Gesundheitszustand zu ergrunden. Musste er nun auch ihre Bewegung auf ihre Theilnahme allein schieben, uberzeugte ihn doch der Zustand der Alten, dass die grosste Besorgniss fur dieselbe vorhanden sei. Er hatte kaum den Wunsch, ihr ein Medikament zu geben; da ein ruhiges Einschlafen der ganzlich abgelaufenen Lebenskrafte zu erwarten stand. Um sie jedoch der armen Elmerice, die sie fortwahrend fur ihr letztes Lebensgluck erklarte, so lange wie moglich zu erhalten, verordnete er ein Mittel, welches die Fieberbewegungen aufheben sollte.
Es war Elmerice nicht gelungen, sich den ubrigen Schlossbewohnern ganz zu entziehen; die Pforte, die einst Emmy Gray mit so eifersuchtiger Strenge bewachte, schien Schloss und Riegel verloren zu haben, und es blieb Elmerice keine Schutzwehr in ihren Verhaltnissen, da von Pflege der Alten fast nicht die Rede sein konnte; indem ihr stiller, traumerischer Zustand kein Symptom zeigte, das einen thatigen Beistand erfordert hatte. Die Damen wurden durch diese Beobachtung ermuthigt, der liebenswurdigen Miss Eton ihre Besuche zu machen, und besonders schien der Marquis d'Anville es seit einiger Zeit von seiner Gemahlin zu fordern; er selbst zeigte sich jeden Morgen vor Elmerice's Thur, um von Asta zu erfahren, wie ihre Gebieterin geschlafen habe.
Er hatte lange Unterredungen mit dem alten Arzte sendete Boten nach Paris, die ihm Papiere brachten, die er mit dem alten Herrn bei verschlossenen Thuren zu prufen schien, und dennoch erfuhr Niemand etwas Bestimmtes von ihm; und Alles, was er seiner jungen Gemahlin mittheilte, war der achtungsvolle Brief des Lord Duncan, der seine Ankunft verhiess.
Man hatte an einem der nachsten Tage so eben die Tafel aufgehoben und schweifte durch den schonen Audienzsaal der Konigin Katharina, um in dem Burggarten die freie Luft zu geniessen, als die gegenuberliegenden Flugelthuren sich plotzlich offneten, und, ohne vorhergehende Meldung einige Fremde eintraten, unter denen sich eine Dame auszeichnete, deren hohe, schlanke Gestalt von langen, schwarzen Gewandern umflossen war, und deren Gesicht ein Schleier den Anwesenden entzog. Sie ging schnell den Anderen voraus und blieb dann stehen ihre Hande ausstreckend, als verlange sie, dass man sie ergriffe. Der Marquis und Lucile traten ihr auch schnell entgegen, und in demselben Augenblicke schlug sie den Schleier zuruck. Mit einem Schrei des Entzuckens sturzte Lucile in ihre Arme, wahrend Alle jetzt die Tante Franziska d'Aubaine erkannten, und Margot, der Marquis, Leonce ganz ausser sich vor Freude und Entzucken Sich mit dem Ungestume kindlicher Berechtigung um sie drangten.
Wie war das Herz der Grafin dazu geschaffen, einen solchen Moment der Liebe zu fuhlen und die ruhrenden Beweise derselben durch die holdesten Worte und Liebkosungen zu erwiedern!
"Doch schon zu lange," rief sie, sich heiter lachelnd losmachend "geniesse ich eigenmachtig das Gluck, Euch wiederzusehen. Ich komme nicht allein ich bringe einen alten Freund mit mir Lord DuncanLeithmorin und Lady Marie, seine Tochter!"
Der Marquis erfullte nun mit der liebenswurdigen Courtoisie, die ihm eigen und so wohlkleidend war, die Pflichten des gastfreundlichsten Willkommens, und Lucile unterstutzte ihn mit ihrer bezaubernden Anmuth, wahrend die Grafin d'Aubaine von dem ubrigen Kreise begrusst ward, der eben so entzuckt war, wie ihre Verwandten, der seltenen Erscheinung der hochgefeierten Grafin Franziska theilhaftig werden zu konnen. Mademoiselle de la Beaume war eine alte Jugendbekannte von ihr die Eltern der Grafin Guiche waren ihr befreundet Graf Bussy hatte sie als Knaben oft gesehen den schonen Grafen Guiche aber, zu Aller Ueberraschung, aus der Taufe gehoben! Genug, es entstand ein Freudentaumel um die hohe, edle Frau, die eine so kindliche, naive Heiterkeit zeigte, dass Jeder Muth gewann, ihr sein Herz zu Fussen zu legen.
"Und dennoch begreife ich mein Gluck nicht, theure Tante!" rief Lucile. "S i e r e i s e n d ? S i e wo anders, als in Ardoise? Es scheint mir ein Traum, und ich furchte zu erwachen!"
"Dies Mal nicht, meine theure Lucile!" sagte die Grafin. "Ich habe in vollem Ernste meine schwerfallige Ruhe aufgegeben, um bei Euch zu sein; doch gestehe ich ein, ich suche ausser Euch noch meinen lieben Fluchtling meine theure Elmerice auf, und zahle auf Euren Beistand, sie uns fur immer wiederzugewinnen!"
"O gelange D i r doch, theure Tante, was wir nicht zu erreichen wussten, ohne eine Art von Zwang gegen ihr tiefes, ruhrendes Pflichtgefuhl auszuuben! Doch Dir wird sie nicht widerstehen und dann wird unserem Glucke Nichts fehlen!"
"So lasst mich sogleich zu ihr," sagte die Grafin und erhob sich. "Doch will ich nicht gemeldet sein ich will ihr Herz uberraschen."
Wem hatte nicht Alles, was die Tante Franziska beschloss, das Beste geschienen! Ihre Liebesfulle, von so viel Einsicht und tiefem Menschenblicke unterstutzt, brachte einen sich immer wiederholenden Segen uber Alles, was sie ergriff. Jeder war im voraus uberzeugt, ihr konne Nichts misslingen; und nur die Ehrfurcht fur ihre Ruhe machte, dass man ihre Einmischung so selten begehrte, da sie dieselbe nie versagte, und ihr doch die schuchterne Zuruckhaltung anzufuhlen war, die sie immer erst mit ihrer Menschenliebe uberwinden musste; da sie die Meinung Anderer uber sich nicht theilte, sondern geneigt war, sich unpassend und unzureichend fur die an sie gerichteten Wunsche zu halten.
Elmerice sass an dem Bette der schlummernden Alten. In ihrem Herzen war eine solche Fulle von Schwermuth, dass sie ihr Beschaftigung schien und sie uber die trostlose Unthatigkeit tauschte, in welche diese Stimmung sie sturzte, den Trubsinn nahrend, der nichts wollte, als ein stetes Nachdenken uber die Schmerzen ihrer jungen Brust.
Wie seufzte sie, dass ihr Leben noch lang sein sollte; da es doch, wenn das schwache Wesen vor ihr versunken sei, fur Keinen mehr Werth haben werde! Sie schauderte bei dem Gedanken, diese stille Welt, in der sie so viel Anklang fur ihr leidendes Herz gefunden hatte, vielleicht bald verlassen zu mussen, unberechtigt wie sie Allen erscheinen musste hier um eine Stelle fur ihr Grab zu bitten. Genug, sie gestaltete in sich das ganze Martyrium der Jugend, die, in den Wunschen des Herzens gekrankt und getauscht, immer ein vollstandiges Ungluck in sich zu schaffen sucht, um vom Leben Abschied nehmen zu konnen und sich berechtigt halten zu durfen, alle Guter der Erde farblos, ohne Reiz, ohne Werth zu finden. Wer das schone, blasse Gesicht der jugendlichen Elmerice beobachten konnte, wie es so ermattet gegen die Lehne des Stuhles gesunken war, der musste, mit nur einiger Welterfahrung erkennen, dass sie das Opfer des bezeichneten Zustandes zu werden drohte; und wir konnen das Gefuhl der edeln Grafin d'Aubaine begreifen, mit dem sie, leise hereingetreten und seitwarts stehen bleibend, ihren Liebling betrachtete.
Sie kannte und hatte es erfahren, was sie in Elmerice's Zugen las! Wie hoffnungslos ihr Schicksal in dieser Beziehung sein werde, hatten ihr Lord Duncan's Mittheilungen uber Lord Astolf bestatigt, und sie fuhlte das tiefe, mutterliche Mitleiden, was nach Hulfe aussieht und mit dem Geiste der Erfahrung die Mittel ergreift, die der Zeit in die Hande arbeiten, welche keine Wunde unvernarbt lasst und die allerheissesten Schmerzen, von der ersten Stunde an, schon ihrem Ausgleichungsgeschafte verfallen erklart und sie mit ihren leisen Pendelschwingungen endlich in ewige Ruhe wiegt. "Nein, nein," sagte sie zu sich selbst; "Du bist zu etwas Besserem bestimmt; nicht daran darfst Du zu Grunde gehen! Du musst Dir selbst die Wurdigkeit zu einem neuen Leben zuerkennen lernen; diesen edeln Stolz bist Du berechtigt, in Dir zu entwickeln." Mit diesem tugendhaften Muth trat sie naher, und Elmerice fuhlte eine leichte, sanfte Hand auf ihrer Schulter. Ach, mit welcher Erschutterung blickte sie in die edeln Zuge der theuern Frau, die von einer hingebenden Zartlichkeit belebt waren, die Alles verhiess, was ein leidendes Herz bedarf!
"O, Grafin d'Aubaine," sprach Elmerice und lag, hingerissen von ihrem Anblicke, in demselben Augenblicke zu ihren Fussen; "Sie finden ein armes, trostloses, undankbares Wesen wieder, das Ihre Liebe vergass und sie deshalb nie verdiente!"
"Das glaube ich nicht, mein susses Herzenskind," sagte die Grafin sanft und zog sie an ihre Brust. "Dein Gefuhl lag nur verdeckt von den wunderlichen Eindrucken, denen Du hier unterworfen warst. Du hast, ohne liebevolle Warnung und ganz selbst uberlassen, Dir ein kleines Martyrium von Pflichtgefuhlen geschaffen; das entfernt uns immer von dem naturlichen Leben und macht uns einseitig und verringert die wahre Liebe des Herzens, die wir ausreichend in uns entwickeln mussen."
Mit der schnellen Umwandlung, welche unverdorbene Jugend, einer hoheren und besseren Erkenntniss gegenuber, so leicht und wohlthuend erfahrt, fuhlte Elmerice beschamt die egoistische Harte, die sich neben ihrer anscheinend berechtigten Handlungsweise in ihr Herz geschlichen hatte.
"Theure, mutterliche Freundin, ich habe gewiss Ihren Tadel verdient," sagte sie belebter, inniger, als sie es noch wenige Augenblicke fruher fur moglich gehalten haben wurde; "wie schwer ist es, auf der rechten Bahn zu bleiben, wenn man jung ist! Aber jetzt werde ich wieder Ihren Rath geniessen; und selbst, dass ich fehlte, wird nur ein Grund mehr sein, dass Sie mich nicht verlassen!"
"Ja, Elmerice, Du verstehst das Wesen der Liebe, und ich bin stolz darauf, zu fuhlen, dass Du mir nicht zu viel thatest, selbst in dem Falle, den Du annimmst, und den ich hier noch nicht erkenne. Doch jedenfalls lass' uns nicht so im Allgemeinen unsere Gefuhle aufregen. Es ist Nichts so leicht, als das Maass zu uberschreiten, und doch ist das Geheimniss alles Schonen und Guten, Maass zu halten! Sag' mir von Deiner alten Freundin, und glaube nur, ich erkenne in hohem Grade Deine Pflichten gegen sie an. Nur das Maass das Maass!" lachelte sie und kusste dem andachtig zu ihr aufblickenden Madchen zartlich die Stirn.
Beide traten naher an das Bett der Kranken, die in einem Halbschlummer lag, der jeden Augenblick ihr Aussehen veranderte, was dem alten Arzt als ein sicheres Zeichen ihrer nahen Auflosung galt.
"Ich glaube, mein theures Kind," sagte die Grafin d'Aubaine, nachdem sie die Zuge der Alten gepruft "die Natur wird hier bald fur immer ausruhen; und wahrhaft herrlich scheint es mir, dass Gott Dich hierher fuhrte, um heilige Rechte der Dankbarkeit an dieser Frau zu erfullen, gegen die Deine ganze Familie unerloschliche Verpflichtungen hat!"
Elmerice wechselte bei diesen Worten schnell die Farbe. Wie schienen sie bei der Grafin eine fruher nicht angedeutete Kenntniss ihres Schicksals zu verrathen! "Diese Verpflichtung besteht wenigstens fur meine Ueberzeugung," sagte sie daher leise "und es macht mich recht glucklich, wenn Sie mir beistimmen, theure Grafin! Doch wird auch dieser Trost mir oft dadurch verkummert, dass ich fuhle, wie Emmy's Wahrnehmung sich nachgerade vermindert, und sie in mir nicht mehr die theure Erinnerung sieht, der ich eigentlich diene."
"So lass' diese Ueberzeugung den Uebergang werden zu den Verhaltnissen, die Deiner ausserdem harren. Meine Elmerice meine Tochter, Du hast Pflichten auch gegen mich; ich nothige sie Dir auf, denn Du hast mich mit Deiner Liebe zu sehr verwohnt, um sie je entbehren zu konnen."
Elmerice schmiegte sich in ihre Arme. Wie fuhlte sie die grossmuthige Absicht der edlen Frau, ihr eine Pflicht, ein Bedurfniss aufnothigen zu wollen; und wie wahr, wie gefuhlvoll war doch dabei ihr Ausdruck! Ueberredend schien er ein wirkliches Bedurfniss anzudeuten.
Waren diese innigen Tone des Gefuhls zu der Schlaferin gedrungen, war sie von selbst erwacht genug, Emmy's Augen offneten sich und hafteten mit ihrer eigenthumlichen Scharfe auf Beiden.
"Das wird Deine Grafin d'Aubaine sein," sagte sie dann mit ihrem rauhen Tone. "Es ist schon gut, dass sie da ist ihr will ich wohl das Weitere sagen; sie hat, wie ich, um meinen Liebling getrauert; oft habe ich an sie gedacht; sie muss wissen, was leiden heisst."
"Und wir sind uns, wenn auch getrennt, dennoch in manchem ahnlichen Gefuhle begegnet, gute Emmy," sagte die Grafin d'Aubaine, sich auf den Rand des Bettes setzend. "Auch in unserer Liebe zu Elmerice; und recht eigentlich bin ich gekommen, um Dir den Trost zu geben, wie innig ich sie liebe."
"So schafft ihr auch Recht! Denn wer kann besser, als Ihr, erkennen, dass es Reginald's Tochter ist!"
Niemals horte Franziska d'Aubaine diesen theuern Namen ohne eine grosse innere Bewegung. Seltsam aber traf er sie in diesem Augenblicke, wo sie ihn von der alten, treuen Warterin des geliebten Mannes aussprechen horte. Feierlich streckte sie die Hand nach ihr aus und sagte: "Lebe nur noch einige Tage, so wird die Sehnsucht Deines Herzens erfullt werden!" Sie wurde von der eigenthumlichen Lage fortgerissen und fuhlte, dass sie mehr gesagt hatte, als sie sicher war, halten zu konnen. So ward auch sie von Emmy's gebietendem Wesen beherrscht, und es erregte daher ihren ganzen Antheil, als sie Elmerice neben sich niedergleiten sah, aufs tiefste von den entstandenen Erklarungen erschuttert.
"Nein, nein, Emmy," stammelte das junge Madchen "das Recht, von dem Du traumst, ist fur Fennimor's ungluckliche Enkelin nicht da! O, meine Wohlthaterin, gehen Sie in Emmy's eigensuchtige Plane nicht ein! Nie niemals trete ich Ihren Neffen entgegen; ich will Nichts vom Leben, als ruhige Zuruckgezogenheit! Sichern Sie mir diese an Ihrer Seite, und ich habe Alles, was ich noch begehre!"
"Was aber das Leben von Dir begehren wird, geliebtes Kind," sagte die Grafin "das mochte im Widerspruche damit stehen. Denn glaubst Du, dass wir ihm nichts schuldig sind? Glaubst Du, wir durfen sagen, es solle kein Recht mehr an uns haben? Nicht also. Der Himmel hat uns ausgerustet er fordert die Erledigung der Aufgabe, die er uns diesen Kraften gemass gestellt hat. Es ist vergeblich, wenn wir uns verbergen er sucht und findet uns; darum mussen wir ihm muthig entgegen treten und ihm seine Aufgabe abfragen, in freudigem Gehorsam mit edler Willenskraft, die, wenn auch kein Gluck, doch eine wurdige, menschliche Entwickelung begehrt."
"Folge ihr!" sagte Emmy matt und sank schlafend zuruck.
"Thue das, mein geliebtes Kind!" rief die Grafin aufstehend. "Asta soll den Schlummer Deiner alten Freundin bewachen, und an der Thure soll ein Bote harren, der Dir sogleich Nachricht bringt, wenn mit ihrem Erwachen auch Bewusstsein zuruckkehrt. Du aber folge mir zu meinen Verwandten, die Dich mit Sehnsucht erwarten."
Wohl fuhlte die Grafin, wie Elmerice bei diesem Vorschlage in ihren Armen zusammen zuckte; aber sie war entschlossen, sich nicht abweisen zu lassen, und die mutterliche Sicherheit, mit der sie verfuhr, ubte eine beruhigende Gewalt uber Elmerice aus, der sie sich um so weniger entzog, da hiermit auch das rathlose Gefuhl der Vereinsamung aufhorte So kehrte die Grafin d'Aubaine in den Salon zuruck, wo man sie mit der Spannung der Ungewissheit erwartete. Als die edle, majestatische Gestalt erschien, ihren Liebling an der Hand, drangte sich aus Aller Munde ein Laut der Freude. Noch trug Elmerice die schone, ideale Tracht Fennimor's, jetzt ihr so gewohnt, dass sie derselben nicht mehr gedachte, und so hatte Beider Personlichkeit etwas so hochst Ausgezeichnetes, dass Alle einen Augenblick zuruckgehalten wurden, als musse das Auge erst sein Recht geniessen als ware ihre schone Erscheinung kaum ein Gut, das man sich anzueignen wagen durfe!
"Hier, hier!" rief die Grafin jedoch, lachelnd voreilend; "hoffentlich werdet Ihr alle die alte Tante loben, der es gelungen ist, Euren Fluchtling zu Euch zuruck zu bringen."
"Elmerice!" rief eine zartliche Stimme und Maria Duncan flog in die Arme der Ueberraschten.
Das Entzucken, die theure Freundin so unerwartet wiederzusehen, machte auf Elmerice einen unbeschreiblichen Eindruck; und indem es sie von ihrem augenblicklichen Verhaltnisse zur Gesellschaft abzog, gab es sie ihrer eigene, wahren Natur zuruck. Ihr Engelsantlitz strahlte von Liebe und Heiterkeit ihre Bewegungen zeigten wieder die elastische Anmuth, die kindliche Schmiegsamkeit, die ihr zartlich hingebendes Herz verrieth; und man hatte den Pinsel Lesueur's herbei wunschen mogen, um den schonen Eindruck zu verewigen, als jetzt die hohe Greisengestalt des Lord Duncan zwischen die zarten Madchen trat, und Beide, wie an ihren Vater, sich in seine Arme druckten.
Wie reich war Elmerice in kurzer Zeit geworden! Als sie an Lord Duncan's Brust die Augen zur Grafin Franziska aufschlug, kam sie sich gesichert und ausser Zweifel gestellt vor; und ein stolzer Muth erhob sich in ihrem kranken Gemuthe, der sie mit einem Hauche von Gluck anwehte.
Wie war auch Alles dazu geschaffen, dies neue Leben und diese Anspruche ihres jungen Herzens zu nahren! Ueberall kam man ihr entgegen, Jeder wollte sie nach seiner Art zu fesseln suchen, ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken, von seinen wohlmeinenden Gesinnungen sie uberzeugen; und leichter trat dies hervor, in dem Maasse, als der Gegenstand so vieler Bemuhungen Alles bemerkte, erwiederte oder mit dem bezaubernden Lacheln der Freude und Dankbarkeit hinnahm.
Sie ubte eine Gewalt uber die Gesellschaft aus, von der sie keine Ahnung hatte; Mademoiselle de la Beaume bezeichnete sie, indem sie sagte: "Wenn auch meine eigenen Augen nicht immer hinter Miss Eton herreisten, wurde ich doch jedes Mal wissen, wo sie sich befindet; denn wenn sie den Platz andert, wenden sich alle Kopfe wie auf ein Kommando ihr nach; und ich verdenke es Niemandem und bin nicht einmal eifersuchtig, dass man daruber meine Schonheit und Jugend vergisst!"
Aber Einer blieb ubrig in diesem Kreise, der nur gezwungen die heitere Stimmung der Gesellschaft theilte, wenn wir ihn auch nicht als gleichgultig gegen Miss Eton bezeichnen wollen. Es war Leonce! Die Peinlichkeit seines Zustandes verrieth sich in jedem Zuge, und seine auffallende Blasse hatte ihn vielleicht sogar Miss Eton verrathen, wenn sie nicht, wie ein schuchternes Reh, den Kreis mit ihren Augen geflohen hatte, wo er sich am meisten aufhielt; da er von den anderen jungen Mannern umgeben war, deren leuchtende Blicke sie verscheuchten.
Von da an blieb Miss Eton dem heitern Kreise zugesellt, bis auf die Zwischenstunden, die sie mit treuer Ergebung an dem Lager der armen Alten zubrachte. Der Arzt prophezeihte ihr ein sanftes, schmerzloses Ende und benutzte ihr meist bewusstloses Traumen, um Elmerice langsam von ihrem Lager zu entfernen; da in ihrer Gegenwart, wie er behauptete, eine aufregende Gewalt lage, die diesen friedlichen Zustand leicht zu einer Krisis bringen und ihren Tod schneller und unter heftigen Zufallen veranlassen konnte.
Am anderen Morgen jedoch, nach dem heiteren Fruhstucke, fuhrte der Marquis d'Anville Lord Duncan, den alten Arzt und den ehrwurdigen Vikar nach seinen Zimmern, wohin ihnen bald die Grafin Franziska und Leonce folgten.
"Helfen Sie mir jetzt Alle," rief der liebenswurdige Marquis, mit einem Tone, der aus dem Herzen kam, als man um ihn her Platz genommen hatte; "helfen Sie mir Recht stiften und geben Sie mir den Trost, dass Sie mir glauben wollen, wie ich auf das lebhafteste wunsche, ein schmachvolles Unrecht, das meine Vorfahren begingen, gut zu machen! Hierher, mein Leonce! Lass' Deine umwolkte Stirn die irgend einem Privatinteresse gilt, dessen Widerstand ich bald besiegt zu sehen hoffe lass' diese trube Stirn keinen Zweifel uber Deine Gesinnungen erregen, deren edle Uneigennutzigkeit ich am besten kenne."
"O," rief der Marquis Leonce, lebhaft auf Lord Duncan zueilend, wahrend hohe Rothe plotzlich sein Angesicht farbte "o, ware es das? Ist es moglich, haben Sie an mir gezweifelt? Waren Sie, theurer Lord, d e s h a l b so kalt gegen den Jungling, den Sie einst wie einen Sohn liebten? O, womit habe ich das verdient?"
"Mein Gott," sagte der Lord, uberrascht und verlegen "welche Voraussetzungen! Ich wusste nicht, dass ich Etwas versah; bitte aber fur Alles um Verzeihung, was Sie beleidigt haben konnte, Herr Marquis."
"Das ist nicht die Sprache des vaterlichen Wohlwollens, die ich einst aus Ihrem Munde gewohnt war. Sie weisen mich mit der Sprache der Welt zuruck; und doch hatte ich gerade Anspruch auf I h r e Theilnahme S i e , Lord Duncan, mussten den Unglucklichen nicht verlassen!"
"Meine Theilnahme, Herr Marquis, hat jedenfalls durch Ihre Fursorge eine andere Richtung bekommen," erwiederte der Lord. "Ich habe, denke ich, jetzt nur Gelegenheit, an Ihrem neu entstandenen Glucke Theil zu nehmen; das werde ich gewiss mit der Zeit. Doch zurnen Sie dem Alter nicht, dass es nicht so schnell, wie die Jugend seine Zustande wechselt. Ich sehe es ein, es war zu viel verlangt, als ich Sie bat, ein Jahr auf meine Ankunft hierher zu warten!"
"Und womit habe ich den Verdacht Eurer Herrlichkeit verdient," sprach Leonce, jetzt seinerseits etwas stolz zurucktretend; "dass ich ein gegebenes Wort gebrochen, was mir unter allen Umstanden heilig sein musste? Sie wissen uberdies, dass es ein Wort war, an welchem die letzte Lebenshoffnung meines schwer getroffenen Herzens hing dessen Erfullung ich mit einer Sehnsucht erwartete, die mir dies Jahr zu einer Ewigkeit ausdehnte."
Lord Duncan's Blicke richteten sich bei diesen Worten, die ein tief bewegtes Gefuhl verriethen, forschend auf den jungen Mann, und seine vorher so kalten Zuge zeigten wenigstens Antheil, wenn auch noch kein Wohlwollen. "Leonce," sagte er plotzlich "ich hatte vielleicht Unrecht, Sie ungehort anzuklagen, Sie sollen mich nicht umsonst an mein vaterliches Wohlwollen erinnert haben; ich will Sie horen, und Sie sollen den vaterlichen Richter finden; doch vergessen Sie nicht, dass er Sie streng richten wird, wenn Sie jetzt oder fruher leichtsinnig Hoffnungen erweckt haben, die sich mit dem Glucke der Betheiligten nicht vereinigen lassen."
"Ich fange an Sie zu verstehen," sagte Leonce, "und wurde Sie bitten, mir eine augenblickliche Erklarung zu erlauben, wusste ich nicht, dass uns mein Bruder hier zu einem gemeinsamen und wichtigen Beschlusse zusammen berufen hat, und ware ich nicht jetzt noch durch ein heiliges Wort gebunden, was es nicht zulasst, mich so genugend zu erklaren, als es nothig sein wird, um Ihr schweres Misstrauen zu zerstreuen."
Schnell grussten sich Beide, und Lord Duncan's Gesicht hatte sich bei den letzten Worten des jungen Mannes aufs neue merklich verfinstert, wogegen Leonce einen heiteren, freieren Ausdruck gewann.
Bei dieser Unterredung, die auf fruher sehr innige und jetzt, wie es schien, gestorte Verhaltnisse hindeutete, unterdruckten die Zuhorer ihr Erstaunen, um Beiden Zeit zu einer schnellen Sammlung zu lassen.
"Grafin d'Aubaine und Sie, meine Herren," hob nun Lord Duncan sogleich an; "ich muss um Verzeihung bitten, wenn ich Ihnen, ein unfreundlicher, wilder Insulaner, hier so eben erschienen bin. In Ihrem feinen, gesitteten Frankreich hoffe ich, ist man immer darauf gefasst, den uberseeischen Freunden ein Conto auf ihre rauhen Naturausserungen zu schreiben und so lassen Sie mich denn zur Sache ubergehen. Ich glaube, meine Freunde, wir sind Alle ausser Zweifel, dass Elmerice, unter dem Namen Eton, die Tochter Reginald's, des rechtmassigen Grafen Crecy-Chabanne ist; und hier bin ich der Freund ihres Vaters, dieses unglucklichen Reginald's, in dessen Armen er seinen edeln Geist aushauchte um diese Wahrheit mit Allem zu vertreten, was Ihr schoner Eifer nur wunschen kann, meine Herren!"
"Gottlob," rief der Marquis d'Anville, "so haben wir das Letzte, was uns fehlte: die Identitats-Erklarung eines vollstandig glaubhaften Mannes!"
"Sie haben mehr, mein Herr!" sagte heiter der alte Lord; "Sie haben gerichtliche, vollig beglaubigte Zeugnisse daruber. Da wir, der englische Bischof, Herr Lester, der Oheim des Grafen, und ich, ihn nicht zur Wiederannahme seines Namens und Ranges bewegen konnten, sicherten wir doch, als er sich vermahlte, hinter seinem Rucken den Nachkommen durch die Urkunden, die seine Person nachwiesen und versicherten, die Moglichkeit eines gerichtlichen Beweises. Erst kurz vor seinem Tode, da das Gluck seiner Tochter durch eine entstandene Frage uber ihren Rang und Titel bedroht erschien, entdeckte ich ihm unsere vorbereiteten Schritte; er gab meinen Bitten nach und erklarte sich nun selbst vor den dazu nothigen Gerichtspersonen fur den Grafen Crecy-Chabanne und liess die Dokumente daruber ausfertigen."
Mit freudeleuchtenden Augen empfingen die beiden dadurch enterbten Bruder die wichtige Urkunde, und fast mit Andacht sahen sie die schone Unterschrift Reginald's neben dem alten Crecy'schen Wappen.
"Wie glucklich bin ich, Mylord," rief endlich d'Anville "Ihnen jetzt ein eben so wichtiges Dokument einhandigen zu konnen. Hier: Ludwig der Funfzehnte, unser allergnadigster Konig, hat die Bitten seines ehemaligen Pagen, meines Bruders, erhort und ihm diese Vollmacht in seinem hohen Namen ausfertigen lassen! Sie erklart den in jenen unglucklichen Prozess verwickelten Grafen Reginald fur vollig unschuldig an absichtlichem Todtschlag, und indem sie die Vermahlung seiner Aeltern als gerichtlich rechtskraftig bestatiget, befugt es ihn oder seine Nachkommen zur unbestrittenen Erbfolge aller daher oder daraus entstandenen Besitzthumer der Crecy-Chabanne! Hier lesen Sie die ausreichenden Bestimmungen dieses wahrhaft koniglichen Gnadenbriefes!"
Doch dies that Lord Duncan vors Erste nicht; er eilte auf Leonce zu und schloss ihn mit Warme in die Arme. "Edler, junger Mann," rief er mit feuchten Augen; "mochte ich in allen Beziehungen Ihnen so meine vollste Bewunderung schenken konnen es ware mir der grosste Trost! Reginald," rief er dann, die gefalteten Hande andachtig auf seine Brust legend, wahrend sein thranenschwerer Blick den Himmel suchte; "Reginald, mein erhabener Freund, Dein Name steht jetzt so rein vor der Welt, wie Deine Seele vor Gott! O, welche Wohlthat fur mein altes, stolzes Herz das der Himmel mir in Gnaden vergeben wolle!"
"Ja, und warum erlebte die alte Frau Marschallin nicht diesen Moment?" rief hier der alte Arzt, polternd von seinem Stuhl aufspringend; "wie hatte ich ihr gegonnt, den Sohn Fennimors mit der Crecy'schen Grafenkrone zu sehen!"
Alle konnten hier, trotz ihrer feierlichen Stimmung, ein kurzes Lacheln nicht unterdrucken, was der alte, muthwillige Herr auch beabsichtigt hatte, da fur seinen Sinn die Erweichung ihm zu sehr uberhand genommen hatte.
"Jetzt," sagte die Grafin d'Aubaine "lassen Sie uns keinen Augenblick anstehen, Elmerice ihren Rechten zuruckzugeben."
"Gut, edle Grafin," sagte der alte Arzt; "ich gehe und hole sie."
"Besser," sagte Franziska "wir begeben uns Alle selbst zur Grafin Crecy und begrussen sie als unsere theure Verwandte."
Alle stimmten freudig ein, und man trat sogleich den Weg zu den Gemachern Emmy Gray's an.
Eine Nachtruhe, die wohlthuend auf Emmy's Krafte gewirkt hatte, gab ihr an demselben Morgen einen jener klaren Geisteszustande zuruck, die oft die letzten Tage solcher Kranken so uberraschend unterbrechen. Sie begehrte Luft und Blumen. Asta musste ihr schweres weisses Haar unter reinen Binden befestigen; sie schmuckte sich und ihr Bett mit umsichtiger Anordnung; und als Elmerice endlich hinzukam, staunte diese uber das fast festliche Ansehen des Krankenzimmers.
Auf dem Rande des Bettes nahm sie ihren gewohnten Platz ein, und die Alte sagte freudig: "In kurzer Zeit werde ich bei Fennimor sein und ihr sagen konnen, dass ihre Enkelin mir die Augen zudruckte und meine letzten Tage fast glucklich machte. Dafur wird Dich ihr besonderer Segen erreichen und Du wirst von da an glucklich und geehrt sein und Alles wird sich erfullen nach Gottes Gebot, der die Menschen mit ihrer Bosheit in den Abgrund schlagt."
"Bin ich dahin so bist Du meine Erbin. In Fennimors Kleiderzimmer siehst Du eine gemalte Kiste von Zederholz; sie ist mit den Goldstucken der Crecy's gefullt; denn ich sammelte fur Reginald den reichen Tribut, den sie mir zahlen mussten. Jetzt gehort er D i r . Du bist meine Erbin! Ellen, die Kinderlose, mit ihrem kleinen Herzen, hat genug irdisch Gut; dies soll nicht zum schlechten Gebrauch dienen!"
"Emmy," sagte Elmerice "ich will Deine Erbin sein; aber gieb mir uneingeschrankte Vollmacht, mit meinem Erbe nach meiner Einsicht verfahren zu durfen und sollte es auch zu Ellens Gunsten sein. Doch soll sie durch meine Hand das empfangen, was ich ihr fur gut halte; nicht das rohe Gold, weil es sein konnte, dass es ihr nicht diente."
"Ja, so bist Du! ich dachte es wohl!" seufzte Emmy. "Aber wer hat Willen, wenn die Augen sich fur immer schliessen; und viel Anderes hatte s i e auch nicht gethan! Sie hatte immer ihren Eigensinn gegen mich und konnte schelten, als wenn ich ihr Kind ware; und ich sah Dich eben dasselbe Gesicht machen, was sie dann hatte die Augen, dass kein Blick herausdrang und den Mund fest geschlossen. Doch lass das und denke nicht, dass ich Dich schelten will nimm nur zuerst das Geld, damit ich fuhle, Du hast es von mir ererbt dann mache nachher, was Du willst und lass mir neben Fennimor das Grab graben und lass keine Menschenhand uber unser Heiligthum kommen! Ziehst Du hier fort mit der Grafin, die, denke ich, ein menschlich Herz hat, so lass Moder und Staub und den Holzwurm ihre Arbeit machen; aber Menschenhand wehre ab. Du weisst, ich habe mit ihr nichts zu thun, und sie soll auch nachher fern bleiben!"
"Was ich dann noch hier von Einfluss haben werde, soll zur Erfullung Deiner Wunsche dienen, Emmy!"
"Und er wird gross sein!" sagte die Alte, sich gleich einer Sybille aufrichtend und die Arme in die Luft ausstreckend. "Sie werden kommen und Dich einsetzen; und Fennimors Enkelin Reginalds Tochter wird im Rechte sein uber Alle!"
Ihre Augen erfassten dabei mit der grossten Ruhe, als erlebte sie das Erwartete, die Grafin d'Aubaine, welche, leise den Mannern voran getreten, gerade jetzt sich den Blicken Emmy's zeigte. Eben traten auch die bezeichneten Herren hinter ihr ein; und als Elmerice die wehmuthig gesenkten Augen aufschlug, schien es ihr, als habe die Alte einen Zauber beschworen.
"Kommt naher," sprach Emmy mit ihrer alten Energie "hier ist, die Ihr suchet! Und aus den Handen Emmy Gray's empfanget die rechtmassige Erbin der Crecy-Chabanne!"
Elmerice erhob sich, und ihren Blick fest auf Alle richtend, sagte sie, edel und stolz auftretend: "Ich habe dieser ehrwurdigen Frau in diesen Gemachern den Anspruch zugestanden, den fur mich zu nahren, ihr hochstes Gluck war. Ich weiss auch, dass die Natur mich zu diesen Anspruchen berechtigt, und indem ich die Kenntniss ihres Daseins Ihnen Allen gegenuber offen eingestehe, wird mein Wille und meine Ueberzeugung, ihnen zu entsagen, vielleicht meine Gesinnungen ausser Zweifel stellen."
"Lassen Sie mich hoffen," sagte der Marquis d'Anville, verbindlich vortretend "dass Sie diesen Willen, der durch Unkenntniss Ihrer wahren Verhaltnisse bestimmt ward, andern werden, wenn Sie uns gehort haben. Wir sind in Wahrheit hier, Sie als unsere theure Verwandte zu begrussen, und damit als die rechtmassige Erbin der Crecy-Chabanne!"
Elmerice anderte zwar die Farbe; aber sie fuhr sogleich entschlossen fort: "Wenn Sie mir den ersteren Rang zugestehen wollen, Herr Marquis, so wird die Waise den sussesten Trost empfangen, lassen Sie mich hinzusetzen: sie wird dies als eine Suhne fur die theuren Verstorbenen in Empfang nehmen; doch damit muss ich zugleich Alles erfullt erklaren, was uns Beiden zu geben und zu nehmen ansteht."
"Mein Kind," rief hier Lord Duncan "willst Du m i c h , den Freund Deines Vaters, anhoren?"
"Ja, Mylord," rief Elmerice; "denn Sie sind mein zweiter Vater! Aber S i e werden es auch der Tochter Ihres Freundes ersparen, die Grunde nennen zu mussen, die ihn auf immer von dieser entsetzlichen Erbschaft trennten."
Ihre Aufregung war bei ihrer Sanftmuth und Bescheidenheit so ungewohnlich gross, dass Alle mit innigem Antheil auf die schmerzvolle Tiefe des Gefuhls schliessen konnten, die von ihrem edeln Stolze jetzt nach Aussen getrieben ward. Grafin Franziska blickte mit Entzucken auf die Tochter Reginalds, die ihr so ganz genug that. Sie hatte ihr auch nicht mit einem Blicke zu Hulfe kommen mogen; sie genoss den schonen Eindruck, so junge, zarte Krafte so hoch und stark aufgerichtet zu sehen.
Indessen war Lord Duncan naher zu ihr getreten. "Elmerice," sagte er "Dein Vater gab mir Vollmacht, uber Deinen kunftigen Namen und Rang zu entscheiden. Er selbst bekannte sich kurz vor seinem Tode zum rechtmassigen Sohne Fennimors und zum Grafen Crecy-Chabanne!"
"Mein Vater?" sagte das muthige Madchen mit sinkender Stimme "wohl, Mylord; aber"
"Und wir, mein Bruder Leonce und ich," sprach der Marquis "sind hier, Ihnen Ihr grosses Erbe unverkurzt zu Fussen zu legen."
"O, nein! o, nein!" rief Elmerice leidenschaftlich "Sie konnen von dem Namen, den Sie mir geben wollen, nicht das schreckliche Zeichen des offentlichen, wenn auch ungerechten Makels loschen. O, wie konnte die Tochter solche Erinnerungen uber ihren Vater wecken wollen!"
"Auch dies ist vertilgt," nahm der Lord noch ein Mal voll Ruhrung das Wort; "Dein Vetter Leonce bewirkte diesen koniglichen Brief von Ludwig dem Funfzehnten. Dein Vater, mein Kind, ist von jedem Makel dadurch frei gesprochen; die Vermahlung seiner Eltern rechtskraftig anerkannt."
Das war zu viel! Elmerice nahm mit leuchtenden Augen das heilige Dokument; dann flog sie an Emmy's Bett, welche eine ruhig Zuhorende geblieben war: "Emmy, Emmy, hast Du es gehort? Fennimors Vermahlung ist rechtskraftig anerkannt; Reginalds meines Vaters Unschuld ist erklart!" Ausser sich druckte sie die alte, steife, ernst und stolz blikkende Gestalt in ihre jugendlichen Arme. Dann riss sie sich empor; ihr Gesicht gluhte; die feurigen, blauen Augen strahlten durch heilige Thranen. Sie hob den Arm die Hand zu den Versammelten in die Hohe und rief mit klingender, freudiger Stimme: "Jetzt bin ich Grafin Crecy-Chabanne; doch Louisens Sohne theilen mit mir das Erbe!"
In demselben Augenblicke eilte die Grafin Franziska auf Elmerice zu und druckte sie mit lebhafter Zartlichkeit an ihre Brust. "Elmerice, mein geliebtes Kind, wurdige Tochter Reginalds! Lass mich Dir zu Nichts Gluck wunschen, als zu Deinem edlen Herzen!"
"Ich will Dich segnen, Fennimors Enkelin! Reginalds Tochter!" sprach Emmy Gray mit ihrer ernsten Feierlichkeit, und Franziska d'Aubaine fuhrte Elmerice selbst zu dem Bette zuruck, und diese kniete unter den Handen der Alten demuthig nieder. "Jetzt, Herr," sprach sie, nach ihrem feierlichen Segen "ist mein Tagewerk beschlossen. Diese Augen haben die Gerechtigkeit des Herrn gesehen! Rufe jetzt Deinen muden Knecht und lass ihn eingehen in Deine Herrlichkeit! Amen. Jetzt zeige mir den Jungling, der Reginald bei seinem Konige vertrat, ich will ihm den Segen einer Sterbenden geben!"
Elmerice erhob sich langsam; aber ihre Augen blieben am Boden. Sie wendete sich zu der theilnehmenden Gruppe hinter ihr und hob schuchtern, ohne zu sprechen, die Hand auf, als wolle sie eine andere damit erfassen. Leonce sturzte vor er ergriff die zarte, bebende Hand, und liess sie nicht wieder los, als er vor Emmy niederkniete. So geschah fast unvermeidlich, dass Elmerice noch ein Mal niedergezogen ward, und nun Beide den Segen der Alten vereinigt empfingen. "Scheide Dich jetzt von mir, Tochter, und gehe die Wege des Lebens!" sagte Emmy ermudet; und dann in Ohnmacht verfallend, sank sie hinten uber. Leonce und Elmerice fingen sie in ihren Armen auf der alte Arzt trat hinzu einen Augenblick betrachtete er sie, dann sagte er: "sie stirbt noch nicht; aber Ruhe ist ihr nothig. Ihr musst hier fort, liebe, junge Dame," wendete er sich zu Elmerice. Leonce hielt noch immer ihre Hand, er half ihr sich aufrichten. "Elmerice," sagte er "nur einen Blick der Gute!"
Sie liess ihm die Hand; aber die Augenlieder waren schwer wie Blei. Als sie endlich sie bezwang, jagte der holdeste Engelsblick an ihm voruber und sich schnell losreissend, eilte sie in Lord Duncans Arme und rief mit einem Strome von Thranen: "Mein Vater, haben Sie ihm gedankt meinem Vetter Leonce?"
"Und giebt Reginald's Tochter dazu einem Anderen, als sich selbst den Auftrag?"
"Nein, nein," sagte Elmerice, sich zu Leonce wendend und ihm abermals die Hand reichend: "Sie Sie, mein Vetter mein Bruder von heut' an Sie haben mir mehr, als das Leben gegeben!"
"Ich habe seit der letzten, trostlosen Zeit von der Hoffnung gelebt, dies auszuwirken; und wenn Sie Nichts fur mich ubrig haben, als diese kleine Erinnerung meines Eifers, so wird es doch mehr sein, als das ganze ubrige Leben mir bieten kann. Doch, wie ich diese Schmach unserer Familie auszuloschen suchte, ahnte ich noch nicht, wie nahe diese Handlung Sie anging; damals war es nur zwischen mir und Armand beschlossen, an der Vergangenheit gut zu machen, was in unsern Kraften stand."
"O, Leonce," sagte der Lord, wahrend er ihn mit truber Zartlichkeit anblickte "wie gern liebte ich Dich mit der alten Liebe!"
"Wenn Sie mich einmal Ihrer Liebe werth hielten, so habe ich noch heute denselben Anspruch daran," rief Leonce, den feurigsten Blick seiner schwermuthigen Augen auf Elmerice und den Lord richtend "ich halte die Prufung aus!"
"Wir wollen sehen," sagte der alte Lord, sichtlich erweicht. "Doch unsere edle Grafin harret auf uns wir mussen Elmerice ihrer ubrigen Familie vorstellen."
"So bitte ich um den Arm meiner geliebten Muhme," rief Armand und eilte mit freudigem Lacheln auf Elmerice zu. Als er sie leichten Schrittes hinwegfuhrte, sagte er: "Wie froh, wie leicht bis in den kleinsten Blutstropfen hinein, ist mir jetzt! Nun sind wir alle I h r e Gaste. Nun behalten Sie mich bloss als Ihren Seneschall, als Ihren Haushalter. O Elmerice, Ihnen fliesst ein schoner Segen zu offnen Sie ihm Ihr Herz, blicken Sie froh, damit Sie Frohe machen konnen. Denken Sie nicht gering von der hohen Stellung, die Ihnen Gott anvertraut! Sie ist herrlich, wenn wir ein offenes Herz, einen gesunden Sinn mit uns bringen. Beides haben Sie; deshalb sehe ich so froh Alles in Ihre Hande ubergehen, und deshalb theilen Louisens Sohne das Erbe nicht."
Die Antwort, welche Elmerice ihm geben wollte, ward durch Leonce unterdruckt, der plotzlich ausser sich auf sie zusturzte, indem er ausrief: "Die beiden Grafen d'Aubaine sind angekommen! O, Armand o Elmerice, jetzt jetzt!" Mit diesen Worten war ein so leidenschaftlicher Ausdruck verbunden, dass Elmerice schuchtern zuruckwich. Doch schon eilte er ohne Entschuldigung davon, und Armand sagte: "Auch ich danke Gott, dass die Beiden endlich fur Leonce die Entscheidung bringen, die Liebe zu Margot wird ihn noch toll machen!"
"Wie sehr muss ich Ihre Entschuldigung in Anspruch nehmen," sagte der altere Graf d'Aubaine, wahrend er dem Marquis d'Anville entgegentrat "dass ich Sie unvorbereitet um Ihre Gastfreundschaft ersuche."
"Mein theurer, verehrter Onkel," sagte der Marquis heiter "Ich selbst bin seit diesem Morgen hier nur noch Gast! Hier steht die rechtmassige Besitzerin von Ste. Roche; doch sage ich gut, dass Sie auch ihr willkommen sind."
Voll Erstaunen blickte Graf d'Aubaine auf Elmerice, von deren Gesichte so alle Farbe, alle Bewegung verschwunden war, dass sie einem Geiste glich; doch konnte ihre Schonheit durch nichts beeintrachtigt werden und erregte, wie ihr reiches, fremdes Kostum, die hochste Bewunderung des Grafen.
Der Marquis kurzte die augenblickliche Spannung ab, indem er Elmerice in die Arme seiner jungen Gemahlin fuhrte, die, Alles sogleich errathend, sie mit inniger Liebe empfing. Da er die ganze Gesellschaft in einem Kreise erwartungsvoll um sie gedrangt fand, rief er lebhaft:
"Wunschen Sie mir und meinem Bruder Alle Gluck! Es war uns vorbehalten, die alte, schwere Schuld unseres Hauses, die Sie genugsam kennen, zu suhnen. Die rechtmassige Erbin unseres Oheims, des Grafen Leonin, ist, durch das Hinzutreten des edeln Lord Duncan vollgultig legitimirt, uns wiedergegeben. Miss Eton ist unsere theure Cousine und die Tochter des Grafen Reginald Crecy-Chabanne, dessen rechtmassige Geburt aus der Ehe des Grafen Leonin und der Miss Fennimor Lester auf das vollstandigste von unserm Allergnadigsten Konig anerkannt worden ist! So helfen Sie mir denn," fuhr er fort, in die alte heitere Laune ubergehend "der jungen Erbin zu huldigen, und bedenken Sie Alle wohl, dass Sie jetzt i h r e Gaste sind, und ich mich hochstens noch vermittelnd erweisen kann."
Elmerice bezwang hier alle Gefuhle ihres Herzens, um den Anforderungen genugen zu konnen, die ihr so nahe geruckt wurden. Sie hob ihren Kopf von Lucile's Schulter, und hold im Kreise herum grussend, sagte sie: "Junge Rechte werden nie respektirt, ich ubertrage sie daher meinem Vetter Armand aufs neue. Vielleicht lerne ich unter seiner Anweisung, wie man die Ehre verdient, solche Gaste besitzen zu durfen."
Man war mit ihrer Antwort zufrieden. Alle begluckwunschten nun das schone Madchen, deren ungewohnliches Schicksal die allgemeinste Theilnahme erregte; und in kleinen Partien getheilt, wurde der Rest des Morgens mit Fragen, Antworten und Erzahlungen hingebracht, die endlich die wichtige Sache fur Alle vollstandig erklarten, bis man sich zum Umkleiden zuruckzog, welches die Damen im Kostume der Schlossherrin zu besorgen versprachen.
Als ein Theil der Gesellschaft sich zur Tafel um die zuerst erschienene, junge Wirthin versammelt hatte, fiel Allen die feierliche Art auf, mit der jetzt der Graf d'Aubaine eintrat, an seiner Hand die hochrothe Margot, deren Augen noch von Thranen glanzten. Er fuhrte sie zur Grafin Franziska, und als sich Margot ihrer Tante in die Arme warf, rief er: "Sie, liebe Schwester, werden durch das Gestandniss der kleinen Schelmin dort uberrascht sein. Das Kind will heirathen! und ich habe nach alter, schwacher Vater Weise, Ja dazu gesagt."
"Nun," sagte die Grafin Franziska lachelnd "wir sind Ihnen, lieber Bruder, deshalb nicht abgeneigt und haben selbst heimliche Wunsche dafur genahrt." Bei diesen Worten streckte sie liebevoll ihre Hand nach Leonce aus, der dicht neben dem alten Grafen stand; doch dieser trat schnell zuruck und fuhrte den schonen Grafen Guiche vor, der knieend die Hand der Grafin zu erbitten schien.
"Wie?" rief Franziska erstaunt "Graf Guiche?" "Graf Guiche?" riefen Mehrere laut, und manches Herz im Stillen!
"Bin ich Ihnen denn so ganz unwillkommen? Gonnen Sie mir dies schone Gluck nicht?" sagte der junge Mann, demuthig zur Grafin aufblickend.
"O nicht doch, nicht doch!" sagte die Grafin Franziska gutig und doch verlegen "ich verstehe es nur nicht!"
"Aber," sagte der Graf d'Aubaine lacheln "wer sollte denn der Brautigam sein?"
"Vielleicht ich, mein theurer Graf!" rief Leonce; "denn so lange meine kleine Muhme gegen ihren Brautigam stolz that, war der arme Vetter ihre beste Zuflucht!" Der Graf d'Aubaine lachte, und wie man sah, war er glucklich und heiter. Jetzt hatte sich auch Grafin Franziska gesammelt; und da auf dem Antlitz ihres lieben Leonce keine getauschte Hoffnung zu lesen war, begrusste sie den jungen Guiche mit der gewinnendsten Freundlichkeit. Doch wer malt das Erstaunen von Lucile und Armand! Leonce schien es voraus zu setzen und eilte zu ihnen.
"Ich habe Euren Irrthum oft mit Bedauern gesehen," rief er. "Vergebt mir, geliebten Freunde! Ich war der Vertraute aller Parteien; ich hatte Stillschweigen gelobt. Die Achtung fur Margot's Vater legte es uns auf; denn er hatte die Bewerbung des Grafen Guiche nach jenem Duell ausdrucklich verbeten. Aber ich kannte alle Parteien zu gut, um nicht eine endliche Versohnung zu hoffen; und so blieb ich zwischen Allen der Unterhandler und durfte vor dem Gelingen meiner Bemuhungen nicht sprechen. Doch Margot's Bruder, selbst von seinem Unrecht uberzeugt, ist zu seinem Vater geeilt, und ihm verdanken wir die endliche Ausgleichung dieser Angelegenheit."
"Nein! nein!" riefen beide Grafen d'Aubaine und der junge Guiche zugleich. "Leonce gebuhrt die Ehre! Wir hatten es gewiss nicht so klug einzuleiten verstanden, hatte er nicht mit unablassiger Muhe uns endlich Alle zur Vernunft gebracht!"
"Aha," sagte Mademoiselle de la Beaume "jetzt erinnere ich mich der kleinen Nachtscene, die ich zu den Spukgeschichten von Ste. Roche zahlen sollte! Das waren der Herr Unterhandler, der Rapport machte. Nun, so oder so, es nahm ein gutes Ende und ich bin im Vortheile; denn mein Neffe hat einen Engel zur Braut bekommen. Und Sie, mein junger Herr," fuhr sie zu Leonce fort, "Sie mussen erfahren, dass ich eben meine gute Meinung von Ihnen reparire; denn seitdem ich als Konigin Katharina meinen Hofstaat eingerichtet hatte, machte ich Bemerkungen, die mich glauben liessen, es wurde mit doppelten Karten gespielt."
Langst wusste Leonce, dass ihn die alte, kluge Frau errathen habe. Tief errothend kusste er ihre Hand und entschlupfte ihren ferneren Worten.
"Und Sie?" rief er, sich leise neben Lord Duncan schleichend "repariren Sie jetzt auch Ihre Meinung von mir?"
"Aber warum bist Du denn unglucklich, wenn Du ein lieber ehrlicher Junge bist?" rief dieser mit dem alten Tone vaterlicher Vertraulichkeit.
"Weil sie mich nicht mehr liebt!" sagte Leonce. Lord Duncan lachte laut auf. "Ach," sagte er, das alte Lied von zwei eifersuchtigen Verliebten! Sie soll wohl die Schmachtende spielen, wenn Du wie toll einer Anderen nachlaufst.
"Nein nein, Lord Duncan! Ich sah sie zuerst in Ardoise wieder, wo ich sie von einem armen Wahnsinnigen errettete. Aber mein schoner Traum wie ich sie damals mit so grosser Freude in meiner Familie aufgenommen sah, wurde nur zu bald durch ihre ganzliche Zuruckweisung vernichtet, und bei ihrer schnellen Entfernung von Ardoise erwachte sogar mein Stolz! Ich machte thorichte, vergebliche Versuche, sie zu vergessen und"
"Warest, wie alle Manner Gott weiss, ich muss es eingestehen, obwol ich selbst zu ihnen gehore immer geneigt, die unvernunftigsten Forderungen zu machen, um an die Liebe eines Madchens Glauben fassen zu konnen, deren schuchterne Zuruckhaltung, die sie doch nur mit dem bittersten Tadel vermissen wurden, ihnen das grosste Recht zu geben scheint, sich uber Hartherzigkeit und Kalte zu beklagen. Ueberall hatte Elmerice Recht" fuhr er fort "aber besonders deshalb, weil sie noch nicht wusste, dass ihr Vater Dir durch mich das Ja-Wort aufgehoben hatte, wenn Du Dich bewahrtest."
Er wollte mehr sagen; aber Leonce verlor den Kopf und druckte den alten Lord mit so unmassiger Gewalt an sein Herz, dass dieser nicht mehr zu Worte kommen konnte. Als er ihn losliess, sah er zuerst den blassrothen Seidenstoff von Elmerice's Kleide. Er dankte es der starken Hand des Lords, der ihn aufhielt, sonst ware er augenblicklich ihr zu Fussen gesunken; aber er sah sie an mit einem Ausdrucke des Entzuckens, von dem sie ihre bewegten Augen abwendete.
"Sie sollen mich zu Tische fuhren, mein theurer Lord," sagte sie mit einem bebenden und doch klaren Tone der Stimme "und da man mir das Vorrecht der Hausfrau damit zugesteht, mussen Sie sich mit mir aufstellen, bis unsere Gaste voruber gezogen sind."
Wie schon sah sie aus! Ihre Blasse war verschwunden; seit Margot sie bei der Gratulation so lange gekusst, dass es wie Geschwatz erscheinen konnte, hatte sich die feinste Rothe auf ihre Wangen gelagert, und die braunen Locken, die an den Schlafen mit Agraffen von Perlen aufgenommen waren, zeigten den vollen Ausdruck ihrer himmlischen Augen, in denen ein Schein leuchtete, der wie inneres Gluck aussah.
Lucile's scharfer Blick merkte Alles, und als sie an Leonce's Arm voruberging, sagte sie zu ihm: "Nun, meine Hoffnung, Ihre langweilige Natur durch einen frohlichen Hausstand mit Margot umzuschaffen, wird, denke ich, in anderer Weise bald seine Erledigung finden!"
"O, sprachen Sie wahr!" rief Leonce und druckte ihren zarten Arm so heftig, dass sie um Hulfe schreien wollte.
Als Elmerice nach der Tafel in dem stillen Zimmer Emmy's an ihrem Bette, dicht vor ihren Augen sass, und Emmy alle ihre Sehkraft sammelte, um noch zuweilen das liebliche Bild ihrer Fennimor aufzufassen, offnete sich die Thur und Lord Duncan trat an Elmerice's Seite.
"Das ist unser Landsmann," sagte Emmy, als sie ihn sah "ich kann ihn unter all' den Anderen heraus kennen, die wenig wissen, was einen Mann kleidet."
"Es ist Lord Duncan, Emmy" sagte Elmerice "er war der Freund meines Vaters jetzt ist er der meinige."
"Ich kam her, Dich daran zu erinnern," erwiederte der Lord "und Emmy's Gegenwart wunsche ich dabei. Sieh'," sagte er "seit heute Morgen tragst Du den alten, beruhmten Namen dieses Hauses, und ich ruhte nicht eher, bis Du ihn annahmst. Wie findest Du mich, dass ich jetzt schon an Nichts angelegentlicher denke, als ihn Dir zu nehmen, oder vielmehr Dir daneben noch einen anderen zu geben."
Elmerice wurde gluhend roth; aber wir gestehen Dank Margot's Kuss! sie horte das Erwartete. Nach einer Pause fuhr Lord Duncan fort: "Aber wird Dir der Name auch recht sein?"
Elmerice lachelte jetzt; denn sie fuhlte, wie Lord Duncan schelmisch blickte. "Das kommt freilich auf den Namen an," sagte sie endlich.
"Gewiss," sagte der Lord; "aber wenn er nun wie d'Anville klange?"
Elmerice fuhr zusammen. Sie fuhlte, es knieete Jemand neben ihr nieder. "Ich habe ihn seit lange lieb," sagte sie endlich schuchtern. "O, Elmerice," rief Leonce, der Knieende "darf ich diesem Himmelslaute vertrauen? Soll meine heisse, innige Liebe diesen Lohn erhalten?"
"Ja, Leonce!" sagte das edle Madchen. "Er, der uns einst trennte, segnet uns jetzt; ich war Ihnen treu und ich weiss, dass Sie es mir geblieben sind."
Sie unterbrach den Sturm seiner Gefuhle, indem sie sich zu Emmy wendete: "Emmy, willst Du mir Deine Zustimmung geben zu der Wahl meines Herzens?"
"Ich will es!" sagte Emmy; "er hat ein uneigennutziges Herz! Das ist das Einzige, warum es sich lohnt, einen Menschen von dem anderen zu unterscheiden. Herr, rufe jetzt Deinen Knecht er ist mude!"
Es waren Emmy's letzte Worte. Von da an blieb sie schlafend, bis der Tod seine Hand sanft vollendend nach ihr ausstreckte. Doch fur den Augenblick verliess Elmerice sie ohne Ahnung ihres damit beschlossenen Lebens.
Die Verlobten wurden durch Lord Duncan der versammelten Familie vorgestellt; und gewiss ward nie eine fehlgeschlagene Hoffnung in Franziska, Lucile und Armand vollstandiger vergutet, als jetzt durch die Vereinigung dieser beiden von Allen so zartlich geliebten Personen. Der Familienkreis, der sich hier nun bildete, war der reichste, segensvollste Mittelpunkt fur das Gluck aller Betheiligten; und der rachende Geist, der so lange drohend und zuchtigend uber dem alten Schlosse Ste. Roche geschwebt, musste sich versohnt zuruckziehen, und liess keinen weiteren Nachweis zuruck!
Mit tiefer Ruhrung ward Emmy's Leiche an Fennimors Seite gebettet; doch war auch dieser Tod versohnend und beruhigend.
Vier Wochen spater segnete der alte Vikar von Ste. Roche in der schonen, kleinen Kirche, in der Elmerice zuerst mit so schwerem Herzen gebetet, seine junge geliebte Herrin mit Leonce d'Anville und Margot d'Aubaine mit dem jungen Grafen Guiche ein.
Zu dieser Feierlichkeit waren Herr und Madame St. Albans eingeladen und erschienen, da die Letztere bei dem Hinscheiden und Begrabnisse ihrer Mutter nicht gegenwartig gewesen war. Auch hier gab Madame St. Albans ihre misslaunige, kritische Weise nicht auf, wahrend die feine Erscheinung ihres Gatten ihm das allgemeine Wohlwollen zuzog.
An dem erwahnten Hochzeitstage fand Elmerice Gelegenheit, Madame St. Albans allein zu sprechen. "Jetzt mussen Sie mir erlauben," sagte sie "Sie mit dem letzten Willen Ihrer Frau Mutter bekannt zu machen."
"O, ich bitte!" unterbrach sie Madame St. Albans; "dieser letzte Wille, denke ich, ist in der ganzen Gegend bekannt. Euer Gnaden haben nun einmal Gluck in Erbschaften; aus der Tochter meiner Margarith" hier trat ihr Schluchzen ein "der einfachen Miss Eton, die unter meinem Dache schlief, an meinem Tische sass, ist nun eine vornehme, grossmachtige Grafin geworden, die, trotz ihrer Millionen, nicht verschmaht hat, die alte Mistress Gray zu beerben, die ihr eigen Kind deshalb verstiess!"
Elmerice horte ruhig lachelnd diesen Ausbruch an; sie hatte nicht gezweifelt, dass sie ihn erleben wurde und deshalb gewunscht, mit ihr allein zu sein. "Ja, Madame St. Albans," sagte Elmerice nach einer kleinen Pause "ich habe es nicht verschmaht, diese Erbschaft anzunehmen; denn meine Weigerung hatte Ihrer Mutter das Herz gebrochen. Aber sie gab mir Vollmacht, Alles nach meinem Gutdunken anzuwenden; und eben daruber wunschte ich mit Ihnen zu sprechen. Die Erbschaft bestand aus einem baaren Vermogen in Golde, welches, in Beisein des Pfarrers und des Arztes, in der bezeichneten Kiste gefunden ward. Hier ist der Inhalt aufgeschrieben; aber nicht s o wunschte ich Ihnen den Nachlass Ihrer Mutter zu ubergeben nehmen Sie hier den vom Prior vollzogenen Kaufkontrakt von Ihrer bisherigen Pachtung Tabor; sie ist jetzt mit dem dazu gehorenden Walde Ihr und Ihres Mannes unbestrittenes Eigenthum."
"Heiliger Gott, die ganze Pachtung und den Wald noch uberdies!" rief Madame St. Albans. "Nun, solch Gut konnte ja einem Baron gehoren. Ach, das kann unmoglich sein, dazu langte das Vermogen meiner armen Mutter nicht hin!"
"Machen Sie sich deshalb keinen Kummer," erwiederte Elmerice, erleichtert durch die Freude der wunderlichen Frau; "Margarith Eton, ihre Freundin, besass Vermogen genug, das Fehlende zu decken."
"Nun, das nenne ich grossmuthig!" rief Madame St. Albans. "Tausend, mein Kind Sie verstehen die Grafin zu spielen! Doch verzeihen Sie, ich vergass uber der Freude, meinen Dank abzustatten. Nein, wirklich viel viel zu viel Gute ich weiss gar nicht, ob ich es annehmen darf!"
"O, nehmen Sie es," sagte Elmerice herzlich "und lassen Sie uns nicht mehr davon sprechen! Gewiss, ich bin Ihnen Dank schuldig fur die Freude, die Sie mir jetzt gewahren."
"Ei, ei, meine liebe Frau Grafin das ist nun ein wenig zu fein ausgedruckt fur so eine einfache, naturliche Frau, als ich bin! Doch das ist nun einmal Ihre Art, und schickt sich jetzt auch besser fur Ihre hohen Zirkel, worin Jemand nicht passt, der einfach vom Herzen wegspricht. Also noch ein Mal meinen allerunterthanigsten Dank!"
Elmerice eilte, diese peinliche Unterredung zu endigen, und hatte eine schone Genugthuung durch die edle, ruhige Weise, wie Herr St. Albans ihr reiches Geschenk aufnahm. Beide genossen noch lange ihre schone Besitzung, die sich in allen Zweigen der Kultur auf das Musterhafteste verbesserte.
Zuerst folgten Elmerice und Leonce der Grafin d'Aubaine nach Ardoise; von da gingen sie nach Ste. Roche zuruck und suchten es mit der vollstandigsten Pietat fur das Andenken, was daran haftete, herzustellen. Emmy's Zimmer wurden von Elmerice selbst behutet, wobei ihr Asta zur Hand ging, die, in der nachsten Stadt zur ersten Dienerin vollstandig und sorgfaltig ausgebildet, ihre junge Gebieterin nicht mehr verliess.
So blieb Ste. Roche noch lange ein wohl behutetes Denkmal vieler Jahrhunderte; denn neben den wieder hergestellten, einfachen Gemachern der Claudia von Bretagne, ihrer Betkapelle und Begrabnissgruft, stiegen die Prachtsale und Gemacher der Katharina von Medicis, wie der fruheren Grafen Crecy-Chabanne, mit ihrem alten Glanze empor. Nur der verhangnissvolle Banketsaal veranderte seine Gestalt! Schwarze sammetne Vorhange umzogen seine Wande; herrliche farbige Scheiben zierten die riesigen Fenster mit symbolischen Bildern und den Wappenschildern der Crecy's; und uber der schauerlichen Tafel, die einst Ludwigs Leiche trug, erhob sich in glanzend weissem Marmor ein von Engeln gestutztes Ruhebett, worauf Ludwigs und Reginalds Statuen, nach guten Gemalden gebildet, Hand in Hand ruhten. Wo aber sonst der Thron der Katharina von Medicis stand, hing hinter einem grossen Vorhange Fennimors Engelsbild! Eben so war der schauerliche Platz am Kamine verschwunden; vor seinem kunstreich verschlossenen, mit schwarzen Marmorbasreliefs verzierten fruheren Heerde, standen zwei Betstuhle, und hier wurde bei der Gegenwart der Herrschaften stets ein feierliches Todtenamt gehalten.
Durch zweckmassigen Ausbau war dieser Saal ausser aller Beruhrung gesetzt, wahrend die luftige Gallerie, die daran stiess und zum Eudoxienthurme fuhrte, wieder schon und alterthumlich hergestellt war. Die sich anschliessenden Hofdamen-Zimmer waren zu heiteren, luftigen Gemachern aus dem Glanzpunkte dieser Epoche umgeschaffen.
Der Eudoxienthurm blieb aber Elmerice's Eigenthum ein mit jugendlich schoner Empfindsamkeit gehegtes kleines Bijou, zu welchem nur Leonce in einzelnen glucklichen Stunden Zutritt hatte wo sie ihr Gluck uberlegten und Gott dafur dankten!
Nur selten, und nur auf wenige Monate bezogen sie ihre reichen Palais in Paris und Versailles und immer nur, wenn Armand und Lucile, Margot und Guiche mit ihnen dort zusammen trafen. Dazwischen unterhielten die gastlichen Zuge dieser Familien von einem Schlosse zum anderen, bei welchen selbst die Grafin Franziska nicht fehlen wollte, das herzlichste und genussreichste Familienleben, das durch nachfolgende Ereignisse nur immer reicher und schoner ward. Waren die Familien aber in Ste. Roche, so erschien nicht selten Lord Duncan mit einigen seiner Kinder, als jubelnd empfangener Gast; und immer gehorten zu den theuersten Freunden die Greisengestalten des Vikars, des Arztes und der edeln Veronika, wenn ihr hohes Lebensziel ihnen auch nur noch kurze Zeit gewahrte.
So war ein allseitiger, grosser Besitz auf gutem Grunde erbaut auf dem sittlichen Werthe seiner Besitzer! Und wir verfolgen von hier an ihre Schicksale nicht weiter und getrosten uns des Motto's:
"Nicht, w a s wir erleben, sondern, w i e wir es erleben, dies entscheidet uber Gluck und Ungluck!"
Fussnoten
1 Wir werden uns erinnern, dass Lesueur im Winter abreiste.
Oskar Panizza
(18531921)