Karl Immermann
Die Epigonen
Familienmemoiren in neun Buchern
18231835
Erstes Buch
Klugheit und Irrtum
Irre ich, so irre ich mir.
Hiob
Erstes Kapitel
An einem deutschen Sommertage, wo Gussregen und schwuler Sonnenblick wechselten, und das Gefilde zu ofterem halb unter grauen Wolken, halb unter gluhendem Lichte lag, gingen mehrere Manner suchend durch die Heide. "Sie muss sich in die Erde verkrochen haben", sagte der eine, "wir haben doch nirgends eine Spur von ihr gefunden."
"Wenn nur die Alte, die ihr hat wahrsagen mussen, uns nicht angefuhrt hat", versetzte ein anderer. "Sie schickt uns vielleicht nach einer falschen Gegend, und halt das Kind unterdessen in ihrer Spelunke verborgen. Ich habe es dem Landrat oft gesagt, er solle das Luder von hier fortweisen zu den Zigeunern nach Friedrichslohra."
"Zigeuner!" rief ein Dritter aus. "Das alte Weib ist so wenig eine Zigeunerin, als deine und meine Frau. Ich habe sie als Unteroffizier dazumal im Kriege recht wohl gekannt. Zu der Zeit war sie unsre Marketenderin. Sie ist aus Halle in Sachsen. Mit
Buchern und allerhand Schnurren hatte sie immer ihr Wesen, davon sind ihr die Redensarten sitzengeblieben, und nun tut sie so, als ware sie von weit her, weil sie merkt, dass es in ihrem Gewerbe dann vor den Leuten besser fleckt. Aber da kommt wieder am Himmel so ein Schlauch hergezogen, lasst uns bei den Baumen untertreten."
Die Manner bargen sich vor dem Wetter an einer Waldecke. Ihr Gesprach verliess bald die Zigeunerin und das entflohene Kind, dem sie nachspuren sollten, und wandte sich auf die Muhsale der Polizei, welche fur alles sorgen musse und von jedermann fur uberflussig erachtet werde. Bei diesen Reden machte eine Branntweinflasche, die nicht zu den kleinsten gehorte, fleissig die Runde. Als die Unterhaltung erschopft, die Flasche ausgetrunken, und der Regen verzogen war, sagte der eine Mann: "Wenn ihr mir folgen wollt, so nehmen wir jetzt am Stern noch einen, und gehn dann zu Rathause. Mit dem Busch konnen wir uns doch nicht befassen, denn er ist zu gross. Wir haben getan, was moglich war, und der Komodiant mag nun selbst ausgehn, wenn er sein Madchen wiederhaben will."
Diesem Vorschlage gaben die andern mit der Bemerkung, dass eine ungesunde Witterung herrsche, lebhaften Beifall, worauf sich alle, ohne dem Walde weitere Aufmerksamkeit zu schenken, nach dem Wirtshause in Bewegung setzten, welches sie vor kurzem erst verlassen hatten.
Wahrenddessen sassen im Dickicht zwei junge Leute auf einem umgesturzten Stamme. Der Regen tropfelte durch die Blatter und schien dem einen, welcher schlank und wohlgebildet war, beschwerlich zu fallen, wogegen der andre, untersetzt und knochicht, dessen nicht achtete. Er hielt eine Landkarte auf seinen Knieen entfaltet, und redete, unbekummert darum, dass sie nass ward, auf seinen Genossen mit Feuer und heftiger Gebarde ein.
"Nach acht Tagen", rief er, "bin ich in Genf. In vierzehn Tagen kann ich Marseille erreichen, und wenn die Winde des Himmels dem Wunsche der Freiheit gunstig sind, so kusse ich nach sechs Wochen den Boden der heiligen Hellas."
"Nehmt nur eine Taschenausgabe der Klassiker mit", versetzte der andere lachelnd, "damit ihr die Illusion immer wiederherstellen konnt. Die Neugriechen werden euch mitunter unsanft in euren Traumen storen."
"Es gilt", versetzte der mit der Landkarte, "ein gesunkenes Volk aus den Fesseln der Knechtschaft erlosen, es gilt, edlen Herzen eine Freistatt erobern, wohin sie sich vor der Zwingherrschaft verrotteter Kerkermeister retten konnen; es gilt, den Grundstein zu einer neuen Ordnung der Dinge legen, und du tatest besser, Hermann, statt uber das Heilige zu spotten, dich unsrem Bunde anzuschliessen. Was willst du in Deutschland?"
"Traurig fur mich, wenn ich in Deutschland etwas wollte", erwiderte sein Freund. "Als ob in unsrer mit Dunsten geschwangerten Atmosphare ein Entschluss nur entstehn, geschweige denn ausgefuhrt werden konnte. Aber eben, weil ich nichts mehr will, tauge ich auch nirgend mehr hin, als nach Deutschland. Ich habe abgeschlossen mit dem Leben. Seit ich das getan, bin ich ruhig. Ich wunsche nichts, ich verlange nichts; die Zeit der Tauschungen ist fur mich voruber. Tummelt ihr euch immerhin umher zwischen Schein und Irrtum, nur hofft nicht, in mir einen Nachfolger zu finden! Ich war in London, in Paris; ich habe sie gesehn, die sogenannten bedeutenden Charaktere der Zeit. Nun, was waren sie denn mehr, als gewohnliche Figuren, nur deshalb hervorragend, weil der Zufall sie auf hohe Postamente gestellt hatte. Nein, mich soll nichts mehr betrugen, und da jetzt an einen grossen Inhalt des Lebens doch nicht zu denken ist, so will ich meine Tage wenigstens heiter hinleben. Ohne Zweck und Ziel sollen mir die Stunden verfliessen, denn Zweck ist nur ein andres Wort fur Torheit, und wenn man sich ein Ziel setzt, so kann man wohl gewiss sein, dass man von dem Strudel der Umstande in entgegengesetzter Richtung fortgerissen wird."
Der Freund stand auf, faltete die Landkarte zusammen, und sprach sehr ernsthaft: "Diese Reden klingen wie die Philosophie der Verzweiflung. Moge dich Gott bald von solcher Sinnesart heilen! Der Mensch muss wurdige Entwurfe verfolgen, darin besteht sein eigentliches Leben. Was man recht will, das kann man auch, und wenn uns das Jahrhundert, dessen Gehalt du gegen deine Uberzeugung leugnest, irgend etwas gelehrt hat, so ist es das Gebot, nicht unsrem beschrankten Selbst, sondern den allgemeinen Interessen der Menschheit zu leben. Doch, von etwas andrem zu reden, bis ich nach Marseille komme, wo ich den ersten Sold vom Vereine beziehe, reiche ich wohl schwerlich aus. Konntest du mir vielleicht "
Hermann liess den Philhellenen nicht vollenden, griff in seine Tasche, und reichte ihm eine Note. Der andre steckte, ohne sich zu bedanken, das Papier ein, schuttelte seinem Freunde herzhaft die Hand, und sprach: "Auf Wiedersehn in Napoli. Du kommst uns nach, ich weiss das schon. Du bist besser und warmer, als du dich stellst."
Statt einer Antwort fasste Hermann in den Busen, zog ein versiegeltes Packchen hervor, wandte sich ab, und druckte, wie er meinte, unbemerkt vom Freunde, einen Kuss auf das Papier. "Du gehst uber Munchen", sagte er zum Philhellenen, "gib das an Franzchen ab, du kennst sie ja."
"Das sieht wie eine Trennung aus. Seid ihr auseinander?"
"Man tut am besten, fallen zu lassen, was sich nicht langer halten kann. Sie ist sonderbar mit mir umgegangen. Und doch war sie allein aufrichtig. Ich habe mich um ein Dutzend Weiber gedreht, und die Schwure ewiger Treue von ihnen empfangen, die dann in den Armen eines neuen Freundes vergessen wurden. Franziska sagte: 'Wir wollen ein paar vergnugte Tage zusammen haben und weiter nichts.' Wenn ich auf eine ernstere Verbindung drang, so lachte sie mich aus, und meinte, sahe ich sie einmal verheiratet, so wusste ich, wen sie fur den grossten Gimpel auf der Welt gehalten habe. Sage ihr, ich hatte anfangs diese lieben Briefchen als Unterpfand, dass unser Bundnis nicht ganz zerrissen sei, behalten wollen, aber die Freiheit sei das hochste Gut, sie solle mich vergessen und glucklich sein."
"Dass du die Weiber verachtest", sprach der Freund, "ist recht und gut. Kein frauenhaft-gesinnter Mensch kann hoheren Ideen leben. Du bist auf gutem Wege, ich gehe beruhigt von dir. Ich weiss, dass wir uns nicht zum letzten Male gesehen haben. Tanze nur nicht, horst du? Gottlob! Die Neigung zu diesem entnervenden Vergnugen nimmt doch immer mehr ab."
Er umarmte Hermann feierlich-herzlich, und ging mit grossen Schritten, sein kleines Ranzel tragend, quer durch den Wald. Der jugendliche Philosoph blieb auf dem Stamme sitzen.
Zweites Kapitel
Zufallig hatten sie einander in dem Dorfe, wo beide tags zuvor eingetroffen waren, gefunden. Manche Erinnerungen verknupften sie, der Abend und ein Teil der Nacht war unter Gesprachen hingegangen. Als Hermann die Gestalt des Freundes hinter den Stammen verschwinden sah, schlich eine unangenehme Empfindung uber sein Herz. Ihm war, als gehe seine Vergangenheit von ihm, er kam sich wie ein ausgesetzter Findling vor. Beinahe ware er aufgesprungen, jenen zuruckzurufen, und sich Franzchens Liebespfander wiederzuerbitten, hatte ihn nicht die Scheu vor dem Ausbruche einer solchen Weichlichkeit an seinen Sitz gefesselt.
"Ihr grunen Krauter, ihr schlanken Stauden, ihr kraftigen Baume, wie beneide ich euch!" rief er aus. "Ihr steht so gesund da, so selbstvergnugt, dass euch die kranklichen Menschen, die ihr unter euch umherschleichen seht, recht zum Hohn und Spott dienen mogen. Der Fruhling ruft eure Knospen hervor, der Sommer schenkt euch Laub und Bluten, der Herbst bringt euch, wie Wiegenkinder, zur Ruhe. Die Knospenzeit denkt nicht an die Blutenmonde, und wenn eure vollen Kronen in den warmen Luften schaukeln, sie erschrecken nicht vor der Ahnung winterkahler Zweige! Wir armen Menschen! Wir Fruhgereiften! Wir haben keine Knospen mehr, keine Bluten;
mit dem Schnee auf dem Haupte werden wir schon geboren. Wahrlich, unser Los ist ein recht lacherlicher Jammer! Dass man heutzutage so fruh gescheit wird, gescheit werden muss, dass es gar nicht moglich ist, die torichten Streiche bis in die Dreissig mit hinuberzunehmen! O gabe mir ein Gott die gluckliche Dunkelheit, die hoffnungsreiche Nacht, statt des kalten Lichtes, welches Verstand und Erfahrung uns Spatlingen unwiderstehlich anzunden."
Zwei Arme strickten sich um seinen Nacken, zwei weiche, warme Handchen hielten ihm die Augen zu. Erschrocken wollte er sich losmachen, das Ding hinter ihm vereitelte durch aalartiges Drehen und Wenden seine Bestrebungen. "Nun hast du ja, was du wolltest, die Finsternis vor den Augen!" rief eine zarte Madchenstimme. Endlich bekam er das Gesicht frei. Er sah sich um. Ein wunderhubscher Kopf stak, wie das Haupt der Dryas, zwischen den Aststumpfen des Baums, unter welchem er gesessen hatte. Er zog das Wesen hinter dem Stamme hervor. Es war ein schones Geschopf zwischen Kind und Jungfrau.
"Wer bist du? Woher kommst du? Was willst du von mir?" fragte Hermann, der sich von seinem Erstaunen kaum erholen konnte.
"Ich bin Fiametta oder Flammchen, ich komme aus meiner Grotte hier nebenan, wo ich horte, was ihr miteinander spracht, du und dein dummer Freund. Was ich von dir will, weisst du, denn die Alte hat es gesagt, und es steht in den Sternen geschrieben."
Sie schmiegte sich bei diesen Worten an Hermann, und sah ihm zartlich in die Augen. Dieser wusste nicht, ob er mit etwas Menschlichem oder ob er mit einem neckischen Waldgeiste zu tun habe. Er strich dem Kinde die braunen Haare, die, ungefesselt von Kamm und Nadel, in uppiger Fulle bis zu den Huften niederwogten. Er wollte fragen, und doch unterliess er es, aus Furcht, einen anmutigen Zauber zu zerstoren. Das Kind setzte sich auf seinen Schoss, streifte ihm die Weste auf, legte die Hand auf sein Herz, lehnte den Kopf an, horchte, und sagte dann: "Das klingt, wenn man nur so obenhin zuhort, wie:
'Vorbei! Vorbei! Vorbei!' wenn man aber genauer acht gibt, so klopft es: 'Aufs neu! Aufs neu! Aufs neu!' Komm, du schoner Prinz, nach meinem Palaste, du sollst sehen, wo Flammchen dieser Tage gesteckt hat."
Sie zog ihn tanzelnd und singend vom Stamm auf, und den Erdwall hinunter, an dessen Kante jener lag. Rasch schlug sie ein wucherndes Gestrauch auseinander, und der Eingang zu einer Art von Grotte wurde sichtbar. Man schien dort fruher Ton gegraben zu haben, dadurch mochte die Aushohlung entstanden sein. Hermann sah bei dem Scheine des gedampft einfallenden Lichts ein Mooslager, und einen Sitz, aus Steinen zusammengefugt. Er versuchte, das Madchen auszuforschen, erfuhr aber nichts weiter, als dass ihr wahrer Vater, wie sie sich ausdruckte, langst gestorben sei, dass sie darauf viele Jahre bei dem falschen Vater zugebracht habe, der in dem Stadtchen nahebei hause. Dieser habe sie an einen hasslichen alten Ritter verkaufen wollen, da sei sie ihm entsprungen.
"Und wo hast du dich denn seitdem befunden?" fragte Hermann.
"Hier, im Walde, in der Hohle, du siehst es ja. Da ist mein Lager, und hier mein Sitz. Heute morgen hungerte mich, da fiel mir der Mut, ich weinte und rief meinen toten Vater. Der muss mich gehort haben, denn er schickte mir die Alte, die versprach mir Hulfe, und nun ist die Hulfe da."
Hermann redete ihr jetzt mit guten und bosen Worten zu, ihm zu folgen, er wolle sie zu dem Vater zuruckbringen, und dafur sorgen, dass sie freundlich empfangen werde. Alles Bitten war jedoch vergebens. Endlich beschloss er, Gewalt zu brauchen, da er die Verirrte sich nicht selbst uberlassen zu durfen meinte. Er nahm sie auf den Arm und wollte sie forttragen. Aber heftig riss sich das Abenteuer von ihm los, stiess ein Geschrei aus, welches ihm durch Mark und Bein drang, warf sich gewaltsam zu Boden, und rief, die Hande vorgestreckt, in einem wunderbar schneidenden Tone: "Du willst mich verraten? Du?" Darauf sprang sie empor, der junge knospende Busen flog, ein blutiges Rot uberlief ihre Augapfel, sie schien ausser sich zu sein, und nicht zu wissen, was sie begann. Wie eine Wutende zerriss sie das seidne Fahnchen, welches sie trug. Es glitt von ihren Schultern, das Hemd glitt ihm nach, oder warf sie es ab? er konnte es nicht unterscheiden, so rasch waren ihre Bewegungen. Nun stand sie, nur von ihren langen Haaren umflogen, Hermann gegenuber, und unaufhorlich ertonte aus ihren zitternden, dunkelgeroteten Lippen jener Ruf: "Du willst mich verraten? Du?"
Endlich gelang es ihm, sie durch Liebkosungen und Schmeicheleien zu beruhigen. Sie legte die Hand an die Stirne, sah betroffen an sich herab, huschte, schnell wie ein Wiesel, in die dunkelste Ecke der Hohle, und hockte dort in der Stellung nieder, welche die Alten, die jedes Ding am besten verstanden, dem weiblichen Gefuhl in einer solchen Lage fur alle Zeiten geliehen haben.
Hermann war in der grossten Verlegenheit. Was sollte der Unsinn nun anziehn? Das rote seidne Kleidchen war von oben bis unten zerrissen. "Es ist kein andres Mittel", rief er dem Madchen zu, "du musst dich als Knabe kleiden, bis man fur dich anderweit gesorgt hat."
Er klomm aus der Grotte den Erdwall hinauf, zu dem Stamme, auf welchem seine Reisetasche lag. Vorsorglich hatte er Collet und Pantalons fur den Fall der Not auf dieser Fusswanderung eingepackt; beides warf er von der Erhohung dem nackten Kinde hinunter.
Oben rieb er seine Augen, und fragte sich, ob er wache oder traume? Dann ging er mit grossen Schritten unter den Baumen auf und nieder, denn er fuhlte, dass ihm hier ein kraftiges Eingreifen obliege. Er ahnete ein Bubenstuck, und beschloss, das Seinige zu tun, die gekrankte Unschuld zu schutzen. Als er mit solchen Gedanken einige Male unter den Baumen auf und nieder gegangen war, sprang ein allerliebster Junge durch das Gestrauch, dem das veilchenblaue Jackchen und die gestreiften Hosen sehr hubsch standen.
Der Grundtrieb des Geschlechts hatte sich tatig erwiesen. Aller Uberfluss an den Kleidungsstucken war so weggebunden, weggesteckt und weggenestelt, dass sie knapp, wie angegossen, sassen.
Flammchen nahm seinen Arm, und sagte: "Ich will dich nun auf den Weg bringen." Sie fuhrte ihn durch den Wald, und zwar entgegengesetzt der Richtung, welche er, seinem Reisezwecke gemass, einschlagen musste. Jede Spur der Leidenschaft, in welcher Hermann sie gesehen hatte, war verschwunden. "Du hast nichts weiter zu tun", sagte sie gleichmutig, "als in der Stadt dich nach meinem falschen Vater zu erkundigen, und ihm zu sagen, dass du mich heiraten wollest, dann hat er keine Gewalt mehr uber mich, und der alte hassliche Ritter muss von mir ablassen."
Hermann sah sie mitleidig an. "Die Misshandlungen, die sie erdulden musste, haben ihr den Verstand genommen", dachte er bei sich. Er legte die Hand auf ihr Haupt und sprach: "Ich schwore dir, du armes Kind, dich nicht zu verlassen."
Sie standen am Ausgange des Waldes. In einiger Entfernung ragte eine Turmspitze empor. "Das ist das Nest!" rief Flammchen. Sie fasste ihren Beschutzer schmeichelnd bei der Hand, strich hatschelnd mit dem kleinen Finger uber den Ballen und die innere Flache, und sagte: "Hore, wenn wir erst in deinem Furstentume sind, und du mein Herr Gemahl bist, dann lassen wir auch die Alte kommen, damit wir immer wissen, was uns begegnet, nicht?"
"Haltst du mich fur einen Fursten?" fragte Hermann verwundert.
Das Madchen wollte sich vor Lachen ausschutten. "Nun tut er, als wisse er nichts davon!" rief sie. "Aber alle deine Verstellungen werden ein Ende nehmen. Gib mir deinen Hut! Die Sonne und die Kalte in meinem Walde machen mir Kopfweh." Ohne eine Antwort zu erwarten, hatte sie ihm den Strohhut vom Kopfe gestreift, und sich aufgesetzt. Sie gaukelte in den Wald zuruck. Hermann sah ihr eine Weile stutzig nach, dann ging er der Stadt zu. Alles dieses begab sich in der ehrbarsten Provinz unsres Vaterlandes, namlich in Westfalen, auf einer bekannten Heide. Woraus zu entnehmen, dass auch der trockenste Boden mitunter seine Fruchte tragt.
Drittes Kapitel
Vor der Tur des Gasthofs im kleinen Stadtchen stand der Gastwirt, wie es schien, erhitzt von der Anstrengung des Tages. Hermann trat zu ihm, und fragte: ob er bei ihm Unterkommen finden konne? Der verstandige Mann, welcher einen sichern Blick fur den wahren Wert seiner Gaste hatte, betrachtete unsern hutlosen Wandrer und sein schmachtiges Reisetaschchen prufend, und schien auf eine abschlagige Antwort zu sinnen. Endlich aber sagte er zum Hausknecht, der mit eingeknickten Beinen, die Hande in den Hosentaschen, gahnend unter dem Torwege stand: "Fuhre den Mann nach Nummer Zwolf."
Der Hausknecht schlenderte voran, ohne dem Gaste das Bundel abzunehmen. Sie gingen uber den Hof, durch einen langen Garten, und betraten eine Remise, worin der Wirt seine Felle trocknete, denn er war zugleich ein Lohgerber. Eine schmale Treppe, die sich zuletzt in eine Leiter verlor, fuhrte zum obern Teile dieses Fellmagazins. Als die Leiter erklommen war, machte der Hausknecht einen bretternen Verschlag auf, und sagte: "Dieses ist Seine Stube." "Das ist ein Taubenschlag!" rief Hermann. "Nein, der ist daruber", versetzte der Hausknecht kaltblutig, und kletterte die Stiegen hinunter.
Hermann sah sich in diesem Wohnorte um, und musste laut lachen. Hierauf machte er die Runde durch denselben, was nicht viel Zeit erforderte, da er, genau gemessen, sechs Fuss im Gevierte hielt. Die Wande waren unschuldig weiss, und nur mit jenen Spielen der Laune bemalt, welche die Bedienten- oder Soldatenkammern zu schmucken pflegen. Es fehlte nicht an Nasen verschiedner Grosse; Zopfe und Grenadiere wechselten mit Storchen und Blumen ab. Ein bestandiges Piepen, Sand und Federn, die von Zeit zu Zeit durch die ritzenvolle Decke fielen, diese Umstande uberzeugten unsern Freund, dass der Hausknecht recht gehabt habe. Der Taubenschlag war wirklich uber seinem Sorgenfrei vorhanden.
Der Wirt hatte unterdessen uberlegt, dass heutzutage manche Personen von Stande zu Fuss reisen (in seinen Augen eine sonderbare Liebhaberei!), und dass ein solcher Querkopf auch wohl einmal den Einfall gehabt haben konne, die Welt barhaupt zu durchstreifen. Um daher nicht etwa einen der Achtung werten Ankommling zum Nachteile des Gasthofs zu beleidigen, entschloss er sich, durch Hoflichkeit mit Worten gutzumachen, was er in der Tat verbrochen hatte; denn jenes so uble Quartier, welches dem Eingekehrten gegeben worden war, stand selbst bei den Wirtshausleuten in Verachtung und hiess gemeiniglich bei ihnen nur das Loch. Er nahm sich in der Stille vor, dem Fusswandrer ein bessres Stubchen abzulassen, sobald er nur erst die moralische Uberzeugung von dessen Zahlungsfahigkeit geschopft haben wurde. Ubrigens war der Raum in dem Gasthofe wirklich beschrankt. Ein Herzog, der zu den Mediatisierten gehorte, hatte mit Gemahlin und Gefolge fast alles in Beschlag genommen.
Der Wirt trat unter Entschuldigungen uber das etwas enge Logis in das sogenannte Loch, welches er, da niemand das Seinige beschelten soll, in seinen Reden zu einer Piece erhob. "Wahrhaftig!" rief er, "es tut mir leid, einen solchen Herrn nicht ganz nach Wunsch aufnehmen zu konnen. Das Hotel steckt aber heute so voll von Fursten, Grafen und Freiherrn, dass, mit Respekt zu sagen, kein Apfel zur Erde kommt."
"Lassen Sie das gut sein", versetzte Hermann. "Ein Reisender von Profession ist an dergleichen gewohnt. In Dijon hat man mich einmal in einem Stalle untergebracht."
"In einem Stalle!" rief der Wirt, mit einer Miene, die das Entsetzen ausdrucken sollte. "Nein, da ginge ich selbst lieber in den Stall, und gabe einem solchen Herrn meine Schlafkammer."
Hermann fand an diesen unnutzen Reden kein Behagen. Ihm lag das Abenteuer im Walde am Herzen. Ehe der Wirt daher zu seinem Zwecke gelangte, unterbrach ihn jener mit der Frage:
Ob nicht vor einigen Tagen hier ein junges Madchen seinen Angehorigen verlorengegangen sei?
Hierauf bediente ihn der Wirt sofort ausfuhrlich und uberflussig. Er war die wandelnde Chronik des Stadtchens, und wusste, was von dem einen Tore bis zum andern sich ereignete, oder doch hatte ereignen konnen. "Das ist eine wilde Geschichte!" rief er. "Haben der Herr auch schon davon gehort? Kommt hier ein nichtsnutziger Komodiant an, mietet sich ein, lebt, man weiss nicht wovon? treibt, man weiss nicht was? Er hat ein Kind bei sich, schon wie die Sonne und wild wie der Teufel, mit dem gibt es alle Tage Larmen, dass die Nachbarn zum Burgemeister gehn, und bitten, dem Unfuge zu steuern. Was ist der Grund gewesen? Denken Sie nur; der Abschaum von Vater hat das unschuldige Kind einem alten Sundengesellen zur Unehre verkaufen wollen. Seine leibliche Tochter! Da ist das Madchen weggelaufen. Die beiden Alten haben gestern und heute die Gegend abgesucht, und der Burgemeister hat gesagt, er werde suchen. Die arme Person ist weg, und wer weiss, in welchem Weiher schon ihr Leichnam schwimmt!"
Hermann erwiderte, dass man das Beste hoffen musse, und dass das Schicksal der Witwen und Waisen in hoherer Hand ruhe. Damit war der Wirt zwar einverstanden, aber es beruhigte ihn nicht. Er sagte daher, weil ihm keine feinere Wendung einfiel: "Es ist hier weder Schrank noch Kommode. Wenn der Herr vielleicht Ihre Sachen, und besonders die Barschaften mir zum Aufbewahren geben wollten ..."
Hermann fand dieses Anerbieten vernunftig, und griff nach seiner Brieftasche, in welcher er bedeutende Wechsel fuhrte, um sie dem Wirte einzuhandigen. Wie erschrak er, als er nicht die seinige, sondern die des Philhellenen hervorzog! Beide sahen einander ahnlich, und waren im Nachtquartiere vertauscht worden. Hermann erblasste; die Sache konnte von den ubelsten Folgen sein. Indessen fasste er sich, und sagte dem Wirte, dass er denn doch lieber alles, was er habe, selbst behalten wolle. Dieser aber hatte ihn erblassen sehn, und verliess ihn mit bedenklichem Gesichte.
Hermann kannte die Umstande, in welchen sich ein Philhellene zu befinden pflegt. Er wusste, dass verstekkte Schatze hier wohl kaum zu erwarten seien, und offnete mit einer bosen Ahnung die Brieftasche. Ach, da waren Freiheitslieder in grosser Anzahl, Logenzertifikate, und Marschrouten nach allen vier Himmelsgegenden, aber keine Dinge, welche einem irdischen Bedurfnisse abzuhelfen vermochten!
Er verwunschte diesen Zufall. Drei bis vier Taler in der Tasche, ohne Kreditbriefe, ohne Hut auf dem Kopfe, ein einziges Kleid am Leibe, irrte er hier umher, mehrere Tagereisen von seinen Quellen entfernt. Was sollte er beginnen? Fremd in der Gegend, wie leicht konnte er den Strich verfehlen, den der Philhellene gegangen war, der ohnehin von der Landstrasse abzuweichen liebte, um in weniger besuchten Gegenden seine Grundsatze auszubreiten! Dazu schwebte ihm die Gestalt jenes Kindes vor, dem schleunige Rettung vom Verderben not tat. Flammchen und der Philhellene zogen ihn nach verschiednen Seiten; er wusste nicht, was er tun sollte, und blatterte zerstreut in den Freiheitsliedern seines Freundes, der dagegen das Geld und die Wechsel hatte. Wie das ferne Licht in der Grube dammerte ihm aber doch die Hoffnung, sein Geist werde ihm auch dieses Mal helfen, wie er ihm so oft in Bedrangnissen geholfen hatte.
Viertes Kapitel
Wahrenddessen hatte sich unten im Gasthofe ein grosser Larmen erhoben. Der Wirt hinkte, (denn er war lahm) im Hausflur und in der anstossenden Stube umher, die Wirtin rang die Hande, vier bis funf Neugierige standen vor dem Ehebette des Paars; alles schwatzte durcheinander.
Der Grund dieses Aufruhrs war die Kammerjungfer der Herzogin. Diese litt an der Epilepsie, und war eben von ihrem Ubel befallen worden, als sie in der Kuche das Brenneisen warmen wollte, um die Gebieterin zu frisieren. Der Wirt sollte einen Friseur schaffen, und konnte es nicht. Von solchem Gewerbe hatte das kleine elende Landstadtchen nie gehort; das Haarabschneiden wurde dort in den Familien besorgt.
Die Person zuckte auf dem Bette, die Umstehenden gaben Mittel an, ihr zu helfen, jeder ein anderes. Die Wirtin rief der Kranken zu, wenn es ihr moglich sei, das frisch uberzogne Bett mit ihren heftigen Bewegungen zu verschonen; worauf die Arme naturlich keine Rucksicht nahm. Der Wirt beteuerte unter allerhand Fluchen, dass der Stadt niemand notiger tue, als ein Friseur, wie er stets gesagt habe.
In dieses Getose trat Hermann. Das Flattern und Mausern der Tauben uber ihm, der Dunst und Geruch der Felle unter ihm, seine Unruhe und Ratlosigkeit hatten ihn aus der abscheulichen Nummer Zwolf ins Freie getrieben. Von einem gelassnen Karrentreiber, der mit seinem Hundegespann, um besser horen zu konnen, bis vor die Tur des Zimmers gefahren war, in welchem die Kranke stohnte, vernahm er die Geschichte. Er liess sich den Namen des eingekehrten Herzogs sagen, und erschrak, diesmal aber freudig, als der Karrentreiber ihn aussprach. Er schloss aus der fur ihn unerwarteten Neuigkeit auf die Nahe seines Damons. Schnell kam ihm ein narrischer Einfall. Er wusste, dass, um zwei Verlegenheiten zu entgehn, es nichts Bessres gebe, als sich in eine dritte zu begeben. In die Kuche eilend, nahm er dort Kohlen und Brenneisen, war blitzschnell die Treppe hinauf, liess sich durch den Bedienten als den Mann melden, der die Herzogin frisieren solle, und stand bald darauf im Zimmer der Furstin.
Die Dame sass im Lehnstuhl, das Gesicht von dem Haarkunstler aus dem Stegreife abgewendet, und las. Sie mochte an diesem Orte fur ihr Haupt nichts Besondres hoffen, und sagte, vom Buche aufsehend, doch ohne sich umzukehren: "Nur ganz schlicht!" Hermann blickte nach der Toilette, da war alles, was er brauchte. Er stellte sich hinter den Stuhl, und da ihm wirklich einige Reminiszenzen des Handwerks beiwohnten, so ging die Sache ganz ertraglich vonstatten. Er prufte mit Sorgfalt das Eisen, verfuhr behutsam, und so kam denn nach und nach etwas zustande, was wenigstens fur die Skizze einer Frisur gelten durfte.
Freilich dauerte das Geschaft ziemlich lange. Die Herzogin, welche die Geduld selbst zu sein schien, brachte die Augen nicht von ihrem Buche. Als er dem Ende seines Werks nahte, meinte er, dass nun der Augenblick gekommen sei, den er erharrt hatte, und sagte: "Gnadigste Herzogin, der Geringste hat Rechte, die auch der Vornehmste nicht kranken darf. So ist es ein altes Privilegium meiner Zunft, dass diejenigen, welche ihr Haupt uns anvertrauen, sich auch unsrem armen und seichten Geschwatze hingeben mussen. Keiner ist davon befreit; selbst der Konig muss den Friseur plaudern lassen. Untersagt er ihm das, so bin ich uberzeugt, dass der Mann das Elend der Verbannung einem stummen Herrendienste vorziehen wurde. Ew. Durchlaucht haben gelesen; das hat mich tief verletzt. Ich uberlasse Ihrer Gerechtigkeit, zu entscheiden, ob Sie mir nicht werden erlauben mussen, einige Worte zu Ihnen zu reden?"
Die Herzogin legte, erstaunt uber diese Apostrophe, das Buch zusammen. Da Hermann schwieg, sagte sie mit einem verlegnen Lacheln: "Nun?"
"Ich habe etwas zu erzahlen", fuhr Hermann fort, "was freilich verdiente, ernsthafter eingeleitet zu werden. Ein Schauspieler will seine Tochter um ein Stuck Geld der Erniedrigung, dem Elende preisgeben. Verzeihung, dass ich so unsaubre Dinge in Ew. Durchlaucht reiner Nahe ausspreche. Wer jenen Stand kennt, wer es weiss, wie seine Lugenkunst das Gemut bis in die innersten Fasern verfalscht, der wird sich uber dergleichen Schandlichkeiten kaum wundern. Ein solcher Mensch hat vielleicht jahrelang den Marinelli gespielt, und, wie er den Charakter auf den Brettern behandelte, gedankenlos, so gedankenlos ubertragt er die Rolle auch wohl einmal in das Leben. Ein sonderbarer Zug des Vertrauens fuhrt das Madchen zu mir, die Verzweiflung beschwort mich um Schutz vor der Entehrung. Ich bin sonst der Meinung, dass man sich vor allen raschen Verpflichtungen zu huten habe. Oft wird ja durch ein furwitziges Helfenwollen das Wirrsal nur noch grosser. Hier aber uberwaltigte mich der Anblick der Not, ich versprach mich und alle meine Krafte dem Madchen. Aber wie soll ich fur mein Wort einstehn, ohne Einfluss, ohne Verbindung in der Gegend, ich, ein junger Mann, der an und fur sich der Welt in solcher Sache als ein zweideutiger Vormund erscheint. Da hore ich, dass Ew. Durchlaucht hier angekommen seien. Augenblicklich war meine Sorge gehoben. Ich wusste, dass ich einer solchen Furstin den bosen Vorsatz eines ehrvergessnen Vaters, die Trubsal der Tochter nur schmucklos zu melden brauchte, um Rat zu schaffen. Dieses habe ich denn hiemit getan, und nun meinen Worten nichts mehr hinzuzufugen."
Mit so entschiednen Farben hatte unser Abenteurer diese Angelegenheit darzustellen sich gedrungen gefuhlt. Die Herzogin horte mehr auf den Ton seiner Rede, als auf den Inhalt. Der reine Dialekt, die gebildeten Wendungen hatten sie ganz verwirrt gemacht. Sie wusste nicht, was sie von dem Menschen denken sollte.
Hermann nahm ihr mit einer anstandigen Verbeugung den Staubmantel ab. Ihr erster Blick war in den Spiegel. Sie sah sich wenigstens nicht verunstaltet. Ihr zweiter fiel auf Hermann. Wie erschreckt senkte sie die Wimpern, und eine Marmorblasse uberzog die zarten, ohnehin nur leicht gefarbten Wangen. Noch einmal schickt sie zweifelnd und forschend ihren Blick aus, als wolle sie die Widerlegung eines Irrtums erspahn. Aber unwillkurlich flusterte sie: "Mein Gott, welche Ahnlichkeit!"
Die Tur offnete sich, und ein grosser ernster Mann im schlichten Uberrock trat ein. Es war der Herzog. "Ist der Not abgeholfen?" fragte er lachelnd. Dann, naher tretend, musterte er Hermann auch nicht ohne ein gewisses Erstaunen, doch schien die Befremdung weniger durch das Antlitz, als durch den Aufzug Hermanns veranlasst zu sein, der im modischen Kleide, den Staubmantel der Herzogin auf dem Arme, und die Friseurwerkzeuge in den Handen, dastand.
"Ich bin von jemand bedient worden, den man wohl schwerlich zu diesem Gewerbe erzogen hat"; sagte die Herzogin.
"Der Rock sieht freilich nicht nach Kamm und Schere aus", sagte der Herzog. "Wie heissen Sie?"
Hermann nannte sich. "Ist es moglich?" rief der Herzog. "Sie sind der Sohn des Senators in Bremen? des vertrautesten Freundes meines seligen Vaters?"
"Derselbe."
Der Herzog konnte sich uber dieses Zusammentreffen nicht zufriedengeben. "So unerwartet muss ich den Sohn des wurdigen Mannes hier finden, von dem mein Vater nie ohne Ruhrung redete! Aber sagen Sie mir, wie kommen Sie darauf, sich bei uns in dieser wunderbaren Weise einzufuhren?"
"Man muss uberall aushelfen, wo es fehlt", versetzte Hermann. "Unsrer Furstin gebrach ein Mann der Pomade, ich konnte allenfalls so ein Subjekt notdurftig vorstellen, wie hatte ich anstehn sollen, mit meiner geringen Kunstfertigkeit zu dienen?"
Der Herzog fragte ihn lachend, wo er denn diese Geschicklichkeit erworben habe? Hermann versetzte, das durfe er nicht verraten, das sei ein Handwerksgeheimnis.
Die Herzogin hatte an diesem Gesprache nicht teilgenommen, sondern nur von Zeit zu Zeit ihn verstohlen betrachtet. Ihr Gemahl raunte ihr ein Wort ins Ohr, worauf sie nickte, und Hermann eine Einladung zu Mittag empfing. Als er die Treppe hinabging, sagte er fur sich: "Das hatte ich nicht gedacht, als ich im Feldzuge bei dem alten Peruckenmacher im Quartier lag, und seine Tochter Lotte mich zu ihrem Werther machen wollte, und ich ihr aus Langerweile die Locken und die Touren fertigen half, dass mir die Possen noch einmal bei den vornehmsten Leuten helfen wurden. In unsrer Zeit muss man sich auf alles schikken, denn man kann alles gebrauchen. Die Lotte und der alte Peruckenmacher sollen leben!"
Funftes Kapitel
"Welche Ahnlichkeit!" Diese Worte der Herzogin gaben ihm viel zu sinnen. Er fragte den Wirt nach der Ursache, weshalb das furstliche Paar hier verweile? erfuhr aber nur, dass es eine Bewandtnis mit den Herrschaften haben musse, denn es sei viel Fragens und Schickens nach dem alten verfallnen Schlosse in der Nahe gewesen, von dessen Bewohner man allerhand erzahle.
Ein langer grauer Mann von verdriesslichem Ansehn trat ein, und sagte zum Wirte: "Ich habe Sie so sehr gebeten, mir eine Stube ohne Zug zu geben, den ich durchaus nicht vertragen kann, und dennoch ist mir eine angewiesen worden, worin kein Fenster und keine Tur schliesst. Ich habe nicht Lust, hier ungesund zu werden, und verlange von Ihnen auf der Stelle ein andres Quartier."
Der Wirt versicherte, es sei alles besetzt, er werde aber sogleich Schreiner und Glaser kommen lassen, damit jede Ritze verleimt und verstopft werde.
Es war um die Zeit der Hundstage, und selbst dem entschiedensten Rheumatiker konnte ein kuhles Luftchen nur willkommen sein. Hermann hatte an der eigentumlichen Falte des Uberdrusses um den Mund sogleich den Hypochondristen erkannt. Er trat hoflich zu dem Verstimmten und sagte, dass er sich glucklich schatzen wurde, wenn er ihm ein besseres Gelass anzubieten vermochte, das seinige werde aber auf jeden Fall wohl das allerschlechteste im ganzen Hause sein. Der andre mass ihn mit einem matten, sterbenden Blick, als verdrosse ihn jede Artigkeit, und ging, ohne ihm etwas auf seine freundliche Anrede zu erwidern, fort.
Hermann, sehr bose uber dieses rauhe Benehmen, fragte den zuruckkehrenden Wirt, wer jener Bar sei und erfuhr, dass er Wilhelmi heisse und bei dem Herzoge in Diensten stehe. Auch der Wirt nannte ihn einen eigensinnigen Kauz, dem nichts recht zu machen sei, "aber", setzte er hinzu, "man muss ihn schonen, denn er ist des Herzogs rechte Hand." Hermann beschloss im stillen, die Unart nicht so hingehn zu lassen.
Doch fur den Augenblick hatte er eine dringendere Sorge. Im Uberrocke setzt man sich bekanntlich nicht zu einer furstlichen Tafel. Er aber besass kein andres Kleidungsstuck, er hatte sich erst in der nahen Stadt neu equipieren wollen. Lange dachte er daruber nach, was vorzunehmen? endlich erinnerte er sich aus der Geschichte der Moden, dass der Frack aus dem Uberrock entstanden ist, indem nach und nach die Vorderblatter immer weiter und weiter weggeschnitten wurden. Er beschloss, diesen historischen Weg zu verfolgen, und erkundigte sich nach dem besten Schneider, der ihm leicht nachgewiesen werden konnte, da es nur einen am Orte gab.
Der Meister, welcher wegen der geringen Nahrung im Stadtchen zugleich sein eigner Junge und Geselle war, sass mit gekreuzten Beinen auf dem Tische und nahte, was das Zeug halten wollte. Hermann trat in das kleine Stubchen, an dessen Wanden die papiernen Masse herabhingen, und welches durch verschmauchte Fensterchen sein sparliches Licht erhielt. Er sagte dem Meister, was er von ihm wolle, namlich, er solle die Vorderteile des Rockes abschneiden, denn er habe einen Frack notig. Der kleine blasse Mann kam von seinem Tische herab, tat die Brille hinweg, prufte den Schnitt des Kleides, befuhlte das Tuch, sah erschrokken empor, und fragte mit wehmutigem Tone: "In dieses Tuch soll ich hineinschneiden?"
"Es geht nicht anders, Meister", versetzte Hermann, "es muss so sein".
Der Meister schuttelte den Kopf, legte unschlussig die Hande auf den Rucken, und murmelte: "So ein Rock! So ein Tuch! Schade! Jammerschade! Die Elle kostet wohl ihre drei Taler?"
"Mehr Meister, mehr."
"Vier? Funf?"
"Ich glaube, man hat mir acht auf die Rechnung gesetzt.
Ruhrt Euch, Meister, ich habe nicht lange Zeit."
"Acht Taler die Elle! Gott!" war alles, was der Schneider hervorbringen konnte. Er liess die Schere sinken; nur Ausbesserung und der grobste Stoff war ihm sein Leben lang unter die Hande geraten. Jetzt erblickte er ein Prachtkleid, von dem seine seligsten Traume nichts wussten, und dieses sollte er verwusten? Hermann sah nicht ohne Teilnahme dem Seelenkampfe dieses Mannleins zu, dem ein feiner Rock zur hochsten Lebenserscheinung wurde. Endlich uberwand sich der Meister, zeichnete in wilder Hast mit Kreide die Form auf dem Leibe ab, die Schere arbeitete, die Nadel flog, und bald war ein Frack fertig, wenn nicht von elegantem, doch von wohlgemeintem Schnitte. Hermann freute sich der Metamorphose, die so leicht vonstatten gegangen war. Schwieriger konnte es mit der Bezahlung werden, denn er hatte unterwegs fur eine Kopfbedeckung seine Barschaft bis auf einen armseligen Rest ausgegeben. "Was sollen mir die Vorderblatter?" sagte er. "Meister, die waren so etwas fur Euch, wollt Ihr sie an Zahlungs Statt annehmen?" Der Meister war schon daran gewohnt, von seinen Kunden in Naturalien, als Butter, Kase, Eiern u. dgl. bezahlt zu werden. Die Vorderblatter galten ihm weit mehr, als er fordern durfte, schon sah er sich im Geiste mit der Sonntagsweste aus dem Achttalertuche bekleidet; er schlug freudig ein.
Hermann klopfte ihm auf die spitzen Achseln und sagte: er sei recht geschickt gewesen. In so kurzer Zeit einen Frack zustande zu bringen, mochte nicht jedem gelingen.
Dieses Lob stieg dem Schneiderchen ins Gehirn. Triumphierend rief er: "O, ich habe auch nicht immer geflickt! Ich bin uberhaupt nur durch Ungluck hieher unter das dumme katholische Pack geraten." Dann sich scheu umwendend, als furchte er das Verhangnis einer grossen Mitteilung, setzte er geheimnisvoll hinzu: "Ich habe schon einmal einen ganzen Rock gemacht! Der Herr Pastor an meinem fruheren Orte wollte sich verheiraten; wie solche Herrn sind, sie haben kein Vertrauen zu unsereinem, er bestellte sich den Brautigamsrock bei dem Modeschneider in der grossen Stadt, den sie den Kleidermacher nennen. Mein Herr Kleidermacher liess aber meinen Herrn Pastor sitzen. Der wollte zur Braut abreisen, kein Rock war da. Ich horte von der Not und lief zu ihm. 'Er wird es nicht konnen', sagte er. 'Vertrauen Sie Gott', sagte ich. Ich ging nach der Stadt, kaufte Tuch, freilich nicht so fein, als das Ihrige, schneiderte Tag und Nacht, und siehe da! der Rock wurde fertig, und der Herr Pastor sind darin getraut worden, und haben darin das heilige Abendmahl ausgeteilt, und tragen ihn noch zur Stunde, und ich bin doch nur ein lumpiger Flickschneider!"
Seine Augen gluhten, er hatte sich auf die Fussspitzen gestellt, und drei Finger der rechten Hand vorn in das aufgeknopfte Wams geschoben. So stand er, und der siegreiche Feldherr, der gegen Abend die Meldung von der letzten eroberten Schanze empfangt, kann nicht stolzer aussehn.
Sechstes Kapitel
Das Gesprach an der Tafel drehte sich um sittlich-anthropologische Fragen.
"Wie kommt es nur", sagte die Herzogin beim Dessert, "dass wir gleichgultiger gegen die Tugend als gegen die Hoflichkeit sind? Wenn man durch seinen Stand gezwungen ist, viele Menschen zu sehn, so muss man auch mitunter Leute empfangen, deren Handlungen sich keineswegs billigen lassen. Ich kann nun wohl sagen, dass mich die Nahe solcher Personen wenig verletzt; unbefangen sehe ich sie kommen und gehn. Dagegen bin ich gleich aus meiner Fassung, wenn in meinem Kreise ein Verstoss gegen die Lebensart vorfallt."
"Das ruhrt daher, weil wir alle, auch die Besten unter uns, nie den Hang vollkommen ablegen, uns nach aussen zu vergeuden, statt dass wir streben sollten, nur nach innen wahrhaft zu leben", erwiderte der Kammerrat Wilhelmi.
"Ich denke", entgegnete die Herzogin, "man lebt in jedem Augenblicke zugleich nach innen und nach aussen. Ubrigens bitte ich Sie, mich nicht einer schlaffen Moral anzuklagen. Alles, was ich sagte, bezieht sich nur auf die gewohnlichen gesellschaftlichen Zusammenkunfte, und wenn jene zweideutigen Figuren mich irgendwo im Heiligtume meiner Verhaltnisse beruhren, so machen sie mir auch Kummer genug."
"Darin liegt die Antwort auf deine Frage", versetzte ihr Gemahl. "Das Leben besteht, wo es nicht Geschaft ist, meistenteils aus Reprasentation. Unsittlichkeiten drangen sich uns nicht vor das Auge, wohl aber Roheit, Ungeschick. Was gehn uns also jene an, da wir niemandes Richter sind?"
Hier nahm Hermann das Wort, und sprach: "Vielleicht fordert keine Zeit mehr zur Beobachtung ausserer Sitte auf, als die unsrige. Alle Gegensatze sind blossgelegt, wo irgend Menschen zusammenkommen, bringen sie die widersprechendsten Gefuhle und Uberzeugungen in betreff der wichtigsten Dinge mit. Politik, Religion, das Asthetische, ja selbst, was im Privatleben erlaubt sei? alles ward zum Gegenstande des Zwiespalts. Wie kann man sich aber mit Behagen nebeneinander sehn, wenn nicht wenigstens auf der Oberflache die in der Tiefe zurnenden Geister beherrscht werden, wenn nicht die strengste Regel der Konvenienz, welche jedem Kunstwerke notwendig ist, waltet? Und die gute Gesellschaft ist doch, wie man mit Recht gesagt hat, eine Art von Kunstwerk, oder sollte wenigstens eins sein."
"Am schlimmsten hat man es mit den Gelehrten", sagte der Herzog. "Ich lade auch nie zwei zu gleicher Zeit ein. Denn ich bin dann nicht sicher, dass die Herrn uber einen alten romischen Konig, oder eine Sprache, von der man nur vermutet, dass sie einmal gesprochen sein soll, einander Beleidigungen sagen."
"Auch die Hypochondristen sind bose Gaste!" rief Hermann.
Die Herzogin warf lachelnd einen Seitenblick auf Wilhelmi, der die ganze Tafel uber sein verdriessliches Gesicht noch nicht abgelegt, und, sooft die Tur aufging, angstlich mit den Handen den Kopf bedeckt hatte, obgleich, wie wir bemerkt haben, die Hitze der Hundstage herrschte. Sie meinte, Hermann solle sich in acht nehmen, er werde da Widerspruch bekommen.
Angereizt vom Lacheln der Dame, rief dieser aus: "Muss ich doch mich selbst verurteilen, wenn von jenen Ubeln geredet wird! Ich hatte immer gehort, dass man heutzutage, um interessant zu erscheinen, unzufrieden und kranklich sein musse. Da die Natur mir aber beide Eigenschaften versagt hatte, so bestrebte ich mich, durch Kunst dieselben hervorzurufen, denn ich wollte nun einmal nicht so unbedeutend durch das Leben gehn. Furs erste schaffte ich mir eine finstre Miene an, und sah aus, als ruhe die Last der Welt auf meinem Busen. Es war aber nicht so schlimm; das Essen und Trinken schmeckte mir dabei, und ich schlief mit meinem Grame bis an den Morgen. Aber so schon begann ich zu gelten, einige Damen wollten selbst etwas Byronsches an mir bemerken. Es kam nur noch darauf an, krank zu werden. Ich rief die Einbildungskraft zu Hulfe, und richtete meine Aufmerksamkeit stundenlang auf mich selbst. Ich fragte mich so lange und so ernstlich: 'Tut dir nicht da und da etwas weh?' bis es mir endlich vorkam, als tue mir da und da etwas weh. Nicht mit Darstellung der ganzen Methode will ich Ew. Durchlaucht ermuden, nur so viel darf ich versichern, dass ich es in Erzeugung der Schmerzen bis zur Virtuositat gebracht habe. Kopfgicht, Armweh, Brustkrampf, Podagra, jegliches Ubel kann ich nach Gefallen hervorbringen. Denke ich zum Beispiel nur daran, dass jene Tur aufgetan werden mochte, so wutet schon ein ganzes Heer von Rheumatismen mir durch Kopf und Genick."
Diese Beziehungen waren zu deutlich, um nicht verstanden zu werden. Beide Herrschaften hielten den Kammerrat, wie es solchen Leidenden zu gehn pflegt, fur krank in der Einbildung. Sie sahen in einer Mischung von Verlegenheit und Schadenfreude auf ihre Teller. Hermann genoss seinen Sieg; aber nicht lange. Wilhelmi hatte ganz gefasst dessen Rede mit angehort. Als nun die Pause, die nach dem Schlusse derselben entstanden war, nicht enden wollte, sagte er freundlich zu ihm:
"Was Sie vorhin von der Notwendigkeit der feinen Lebensart ausserten, hat mir sehr gefallen."
Hierauf wurde Hermann rot und stotterte einige Worte, die wie ein Dank fur den ihm erteilten Beifall klangen. Die Herrschaften aber taten, als gehe sie der letztre nichts an. Die Herzogin ruckte den Stuhl, und die Tafel ward aufgehoben.
Er war mit dem Herzoge allein. Die Gemahlin sprach in einem Nebenzimmer mit dem verdriesslichen Freunde uber wichtige Angelegenheiten, welche das furstliche Paar in diesen jammerlichen Ort gefuhrt hatten.
Der Herzog schien sich fur den Jungling zu interessieren, er fragte ihn nach dem Zwecke seiner Reise. Hermann versetzte, dass er sich auf der Wandrung befinde, um seinen Oheim, den grossen Fabrikherrn, den er noch nie gesehen habe, zu besuchen.
"Da werden Sie einen merkwurdigen Charakter kennenlernen", sagte der Herzog. "Ich mache oft Geschafte mit ihm. Er steht ganz einzeln in der heutigen Welt da, und vergegenwartigt mir immer das Bild eines Burgers der Hansa. Ihr Vater und er sind ein sehr eigentumliches Bruderpaar gewesen."
"Sie lebten beide, wo nicht in Hass, doch in stiller Entfremdung", sagte Hermann. "Ich will nun versuchen, ob der Oheim gegen mich auftaut. Wahr ist es: wenn ich an meinen Vater zuruckdenke, so suche ich vergebens nach seinesgleichen in der Gegenwart. Er war mit Sinn und Lebensgewohnheit ungefahr in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stehngeblieben. Von daher schrieben sich die grossblumigen Tapeten seines Zimmers, die geschnorkelten Meubles, der Zuschnitt seines Rocks; an welchen Dingen allen er mit hartnackiger Strenge festhielt. Und doch soll er als junger Mensch munter und beweglich gewesen sein. Aber etwas Storendes scheint plotzlich seinen ganzen Organismus gehemmt zu haben. Uberhaupt liegen die Erinnerungen an meine Eltern wie Marchen hinter mir, an deren Wahrheit zu glauben, mir oft schwerfallt."
Er erzahlte noch manches von seinem vaterlichen Hause, welches wir spater an geeigneter Stelle einschalten werden. Der Herzog, welcher grossen Anteil an allem, was aus dieser Familie herruhrte, nahm, fragte nach Hermanns Studien und Lebensgange, worauf er die gewohnliche Geschichte eines unsrer jungen Manner horte. Hermann hatte als Siebenzehnjahriger den Befreiungskrieg mitgemacht, als Zwanzigjahriger auf der Wartburg gesengt und gebrannt, und war dann auch in jene Handel geraten, welche die Regierungen so sehr beschaftigt haben.
"Indessen", fuhr er fort, "war ich der Torheiten selbst bald mude geworden. Und, als wolle mich das Geschick fur diese zeitige Reue belohnen, meine Rhadamanthen fanden, dass ich zum Ravaillac verdorben sei, und entliessen mich nach kurzem Verhor." Er erzahlte weiter, dass er sodann die jetzt gewohnliche Reise durch Frankreich, England und Italien gemacht habe, demnachst aber in den Dienst des wegen seiner Verwaltung beruhmten Staats als sogenannter Referendarius getreten sei.
"Sie sind noch in dieser Anstellung?" fragte der Herzog.
Hermann trat drei Schritte zuruck, schopfte tief Atem und rief: "Nein, Ew. Durchlaucht, in dieser Anstellung bin ich gottlob! nicht mehr. Nachdem ich die Welt gesehen, in Rom und Neapel meine Seele ausgeweitet, in London und Paris mich in die bewegten Wogen grosser Volker gesturzt hatte, musste ich nun mit erheucheltem Ernste protokollieren und expedieren uber Dinge, die selten des Federzugs wert waren. Anfangs, solange mir die Handgriffe noch neu waren, trieb ich die Sache wie einen mechanischen Scherz, bald aber ergriff mich die furchtbarste Langeweile, und ein unergrundlicher Ekel an meinen Tagen, welche sich in diesem trocknen Nichts durr und farblos verzettelten. Das altweiberhafte Helfenwollen, wo die Natur schon immer fur die Hulfe gesorgt hatte, das Bevormunden von Menschen, welche gewohnlich kluger waren, als die Herren Vormunder, dieses norddeutsche Vielgeschrei und Vieltun! Die unendlichen, muden Sessionen! Kein Blick aus der quetschenden Grube in die lichte Tageshelle des Geistes, alles umbaut mit Kabinettsbefehlen, Paragraphen, Instruktionen, Akten, Tintefassern, Sandbuchsen! Mir war in dem Getreibe zumute, wie in einer ewig klappernden und sausenden Muhle; nur das Mehl sah ich nie, welches zu gewinnen, so viele Rader sich abarbeiteten. Zum ersten Male in meinem Leben war ich unglucklich, und als ich das recht empfunden hatte, fragte ich mich: 'Warum bist du es denn?' Da tat ich mit beiden Fussen einen grossen Schritt in die Freiheit, und als ich die Tore der Marterstadt hinter mir hatte, jauchzte ich laut, wie Orestes, als die Furien von ihm abliessen, und ich schame mich des Bekenntnisses nicht ich habe mich zu Boden geworfen, und habe die grune Erde gekusst, der ich nach der Fahrt durch ein wustes Papiermeer nun erst wieder anzugehoren glaubte. Nein, Ew. Durchlaucht, ich bin nicht mehr Referendarius! Ich uberlasse das Metier den geistigen Nihilisten, deren ganzer Stolz darin besteht, eine Sache mehr abgemacht und aus der Welt geschafft zu haben, wahrend der geringste Handwerker sich freut, ein sichtbares Produkt von seiner Hande Arbeit in die Welt setzen zu konnen."
Hermann trocknete von der Stirne den Schweiss ab, in welchen ihn diese leidenschaftliche Herzensergiessung versetzt hatte. Der Herzog strich mit einer leichten Bewegung der Hand ihm uber die Achsel, als wolle er da etwas wegwischen. Betroffen sah Hermann nach der Stelle hin; er wusste nicht, was die Gebarde bedeuten sollte. "Beruhigen Sie sich", sagte der Herzog. "Es kam mir nur so vor, als sei da noch etwas Asche von den Feuern der Wartburg sitzen geblieben!"
Siebentes Kapitel
Inzwischen hatten sich andererorten im Gasthofe wichtige Ereignisse zugetragen. Der Wirt war namlich nicht so bald innegeworden, dass sein verachteter Gast bei dem Herzoge speise, als er zu seiner Frau sagte, dass man einen solchen Herrn unmoglich auf Nummer Zwolf lassen konne. Nun war aber guter Rat teuer, denn zwischen Vormittag und Nachmittag hatte sich neuer Besuch eingefunden, so dass jetzt wirklich kein Zimmer mehr leer stand. Endlich schlug die Wirtin vor, die
Kammerjungfer der Furstin nach Nummer Zwolf zu verweisen, und Hermann dagegen die von ihr bewohnte Nummer Vier zu geben.
Wo es Ungerechtigkeiten und Schelmenstucke galt, war der Wirt mit seiner Gattin immer einverstanden. Die Jungfer war, um nach ihrem Anfalle frische Luft zu schopfen, spazierengegangen. Die redliche Wirtin unternahm es, ihr bei der Ruckkunft vorzuspiegeln, dass die Decke in Nummer Vier eingesturzt sei, und dass dieser Umstand eine Quartierverandrung notwendig gemacht habe.
Als Hermann vom Herzog kam, wurde er vom Wirt mit vielen Kratzfussen nach seinem neuen Zimmer, welches sich in einem Nebenhause befand, gefuhrt. Er freute sich der reinlichen Wohnung und des Blicks nach hinten hinaus uber grune Wiesen. Aber leider sollte dieser ruhige Besitzstand bald gestort werden.
Denn er hatte kaum einige Minuten dort zugebracht, als er auf der Treppe ein heftiges Gezank horte. Die Jungfer war in den Gasthof zuruckgekehrt, hatte von der Wirtin die Umquartierung vernommen und Nummer Zwolf besichtigt. Der Anblick dieses schauderhaften Gelasses setzte sie bei ihrer cholerischen Gemutsart in einen grossen Zorn. Uber den Hof streichend, fand sie die Wirtin an der kleinen Treppe im Nebenhause, und uberschuttete die Frau mit einer Flut von beleidigenden Worten.
Hermann riet dem Wirte, den er gern loswerden wollte, hinunterzugehn, und seiner Frau beizuspringen. Der Wirt blieb aber, machte ein angstliches Gesicht, und rief, indem er an den Nageln kaute: "Wir haben den Skandal hier oben noch fruh genug!"
Diese Besorgnis war nur zu gegrundet. Denn alsobald betraten beide Frauenzimmer die Stube, die Jungfer, mit Handen und Fussen vorwartsstrebend, die Wirtin, vergeblich bemuht, sie am Rocke zuruckzuhalten. Jene hatte sich mit eignen Augen uberzeugen wollen, ob die Decke in Nummer Vier wirklich eingesturzt sei. Da sie nun sah, dass dieselbe so heil war, wie ein neugebornes Kind, so erstarrte sie anfangs uber die Tucke der Wirtsleute zu einer stummen Bildsaule. Dann aber brach ein solcher Schwall von Verwunschungen aus ihrem Munde, dass man sich nur wundern muss, wie das Haus stehnbleiben konnte. Sie beschrankte sich nicht auf die eigentlichen Ubeltater, sondern ging bald auch zu Schmahungen unsres Freundes uber. Dieser, gescholten, er wusste nicht, weshalb, fragte nach der Reihe herum, was denn der ganze Auftritt bedeuten solle? Aber keiner gab ihm Antwort. Die Kammerjungfer schrie, in die Hohe deutend: "Ist da etwas eingesturzt?" Der Wirt schrie: "Bedenken Sie, dass ich Ihr heute morgen die Daumen aufgebrochen habe!" "Ist dieses der Dank dafur, dass Sie uns das Bett zerrammelt hat?" schrie die Wirtin.
Wahrend dieses Geschreis war eine neue Figur an der offnen Tur erschienen. Den Reitknecht Wilhelm hatte der Larmen herbeigezogen; er kam, die kurze Pfeife im Munde. Als die Jungfer den Dienstgenossen erblickte, lebten in ihr alle Hoffnungen auf; sie lief zu ihm, und beschwor ihn bei der Ehre des Stalls und der Gesindestube, ihr das gegen gottliche und menschliche Rechte entrissne Zimmer wiedererringen zu helfen. Es hatte so dringender Worte nicht bedurft. Der brave Kerl war selbst auf den Wirt und dessen schlechten Hafer bose, und eine Gelegenheit, ihm etwas anzuhaben, kam ihm grade erwunscht.
Es ruckte nunmehr die Heersaule der Bundesgenossen vor; die Kammerjungfer, mit einer Elle bewaffnet, die sie irgendwo gefunden hatte, der Reitknecht, sich verlassend auf seine derben rotbraunen Fauste. Sofort duckte sich der Wirt mit seiner Gattin zwischen zwei Stuhlen nieder. Hermann, der endlich merkte, worum es sich handle, rief wiederholentlich; "Hort mich an!" Es achtete aber niemand seiner, und nun beschloss er, vorerst die Entwicklung der Begebenheiten abzuwarten. Er zog daher einen Tisch vor das Sofa, auf dem er sass, um sich gegen alle gezwungne Teilnahme an den drohenden Ereignissen der nachsten Zukunft zu sichern.
Der Reitknecht und die Kammerjungfer gingen indessen grade gegen die Stuhle vor. Dem verstandigen Gastwirte, welcher zwischen denselben hockte, wurde nicht wohl zumute. "Ihr wollt mich doch nicht in meinem eignen Hause prugeln?" rief er mit einer zwischen Mut und Furcht zitternden Stimme. "Haun Sie zu, Wilhelm!" redete die Jungfer den Knecht an. "Hurra!" rief der brave Kerl, welcher nur an seine ubelgenahrten Pferde, und nicht an den Dienst des Herzogs dachte, und reichte dem Wirte eine Ohrfeige von schwerem Gewichte. Diese Ohrfeige gab das Zeichen zum allgemeinen Kampfe. Der Wirt fuhr grimmig auf den Reitknecht los, und die Jungfer machte sich mit der Wirtin handgemein.
Zuerst von den Mannern. Mit leichter Muhe hatte der Reitknecht, ein baumstarker Mann, den Wirt zuruckgeworfen. Er verfolgte den errungnen Vorteil, und legte den Gegner, alles Straubens ungeachtet, uber einen Stuhl, mit dem Gesichte gegen die Erde. Die Rockschosse des Wirts trennten sich, und nun erst wurde dem Reitknechte das eigentliche Feld seiner Tatigkeit sichtbar. Alsobald begann er auf dieser Tenne zu dreschen, so flink und so gewaltig, als galte es, die Ernte des ganzen Jahres an einem Tage zu gewinnen.
In dieser schrecklichen und letzten Not rief der Wirt inbrunstig alle Heiligen um Beistand an. Einer derselben musste ihn gehort haben, denn es ereignete sich eine vollige Wendung der Geschicke. Der Reitknecht hatte im Ubermasse seiner Siegestrunkenheit sich die Faust an dem Wirte fast lahm geschlagen. Deshalb mude, noch mehr Lorbeern mit Schmerzen zu gewinnen, nahm er den Geprugelten in seine Arme, nicht, um ihn zu kussen, sondern um ihn zur Stube hinauszutragen. Aber er hatte denn doch seiner Kraft zu viel vertraut. Auf der Halfte des Wegs stolperte er uber seine Sporen, stiess an Hermanns Tisch, und fiel mit seiner Burde donnernd zu Boden. Jetzt fugte es jener unbekannte Heilige so, dass der Wirt eher auf den Fussen zu stehen kam, als der Reitknecht. Hurtig, wie eine wilde Katze, holte jener seinen Marterstuhl herbei, und stulpte denselben dem Reitknecht uber den Leib, dergestalt, dass dieser kein Glied zu regen vermochte. Nun war der Augenblick der Vergeltung erschienen. Der Wirt sass auf dem Stuhle und liess alle zehn Finger im Gesichte des Reitknechts spazierengehn, welcher, die Farben des Regenbogens vor den Augen sehend, vorn wieder empfing, was er hinten ausgeteilt hatte. So rachte der Wirt sein gemisshandeltes Kreuz. Der brave Kerl lag unter dem Stuhle, zerschlagen, wehrlos, regungslos, und rief unaufhorlich: "Jungfer, zu Hulfe!"
Aber wie hatte die Jungfer ihm helfen mogen, sie, die selbst nur zu ernsthaft beschaftigt war? Anfangs suchten die beiden Frauenzimmer einander mit den Nageln moglichst zu schaden. Da indessen dieses Gefecht der Kammerjungfer kein genugendes Resultat gab, so drangte sie die fette und unbehulfliche Wirtin in eine Fenstervertiefung und fing an von ihrer Elle Gebrauch zu machen. Die Wirtin konnte sich der ungemein schmachtigen und behenden Jungfer nicht erwehren, tat einen Satz der Verzweiflung, und sprang auf die Fensterbrustung. Hier wurde nun die Schnur des Vorhangs von der heftigen Erschuttrung gelost, und die Gardine rollte vor der Wirtin nieder. Mit grosser Geistesgegenwart ergriff die Jungfer augenblicklich das untre Ende des Vorhangs, hielt die Wirtin wie in einem Sacke gefangen und hammerte wacker auf die runde Erhohung los, welche der Leib der Feindin im Vorhange bildete. Die Frau seufzte nach ihrem Manne, wie der Reitknecht nach der Jungfer, aber beide Sieger spurten grossere Begierde in sich, die Gegner zu prugeln, als den Ihrigen zu helfen.
Endlich fiel der genotangsteten Wirtin das letzte Mittel ein, durch welches sogar eine Hinrichtung hinausgeschoben wird, und welches freilich dem armen Kerl von Reitknecht nicht zu Gebote stand. Sie rief hinter dem Vorhange: "Jungfer, schonen Sie meiner, ich bin in andern Umstanden!"
Bei diesen Worten geriet Hermann in eine Todesangst, denn die funkelnden Augen der Jungfer liessen besorgen, dass sie auch das Ungeborne ihrer Rache opfern werde. Er furchtete ein Ungluck, und fand, wie durch innere Eingebung einen rettenden Gedanken. Vom Sofa aufspringend, den Tisch umwerfend, rief er mit lauter Stimme: "Haltet inne, der Herzog kommt!"
Dies wirkte. Sogleich horte die Schlagerei auf. Die Wirtin sprang vom Fenster und pustete, die Kammerjungfer stellte sich vor den Spiegel, brachte ihre Flechten in Ordnung und keuchte, der Wirt liess den Stuhl los und spuckte, der Reitknecht raffte sich auf, und schuttelte sich am ganzen Leibe, wie ein durchnasster Pudel.
Hermann erklarte darauf dieser pustenden, keuchenden, und sich schuttelnden Versammlung, dass es des ganzen Krieges nicht bedurft habe, und dass er lieber im Freien zubringen, als jemandem sein Zimmer nehmen wolle. Der Reitknecht sah die Jungfer verdriesslich an, und sagte: "Auf ein andermal lasse Sie einen mit Ihren Dummheiten ungeschoren." Den armen Kerl schmerzten seine Beulen, er ging, sich mit Branntwein zu waschen. Hermann wollte auch hinaus. Aber der Wirt, der seine Schlage umsonst empfangen zu haben, nicht begehrte, hielt
ihn zuruck, und erklarte rund und nett, die Jungfer solle nun durchaus ihren Willen nicht haben, die Stube sei ihm zugeteilt, und dabei habe es sein Bewenden. Auf dieses Manifest machte die Jungfer ein grimmiges Gesicht. Hermann furchtete den Wiederausbruch der Feindseligkeiten, und um nur die Sache vorderhand beizulegen, schlug er vor, die Stube zwischen ihm und ihr zu teilen; ob der Wirt nicht ein Saattuch oder sonst etwas habe, womit man die beiden Halften abscheiden konne? Wirklich erinnerte sich jener eines alten riesigen Krankenschirms. Dieser wurde herbeigeholt, aufgestellt, und schied das Zimmer in zwei gleiche Teile. Hermann uberliess der Jungfer das Kabinett rechts, und zog links vom Schirm ein. Zuerst hatte sich ihr Zartgefuhl gegen einen solchen Vorschlag gestraubt, endlich war sie durch wiederholte feierliche Versichrungen Hermanns, dass er jede ersinnliche Rucksicht auf ihre Nahe nehmen werde, beschwichtigt worden.
Beim Hinausgehen fragte der Wirt seine Gattin mit dem Ausdrucke einer stillen Trauer, ob denn ihre Nachricht von vorher richtig sei, und der Herr sich an ihrem Leibe noch machtig erwiesen habe? Die Frau versetzte, er solle doch nicht so toricht sein, sie sei ja weit uber die Jahre hinaus. Das war denn doch eine Freude nach manchem Leid, denn der Wirt hatte Kinder genug, und verlangte nicht nach mehreren.
Nun schien Ruhe und Frieden links und rechts des Schirmes eingekehrt zu sein. Die Jungfer nahte, und Hermann hatte sich auf das Bett gelegt, welches in seiner Halfte stand. Er suchte seine Gedanken zu ordnen, und sich in den mannigfaltigen Zufallen dieses Tages zurechtzufinden. "Ich muss wohl der Mann des Schicksals sein", rief er, "da um meinetwillen ohne Not Unheil und Katzbalgerei entsteht!" Ermudet, wie er war, von Wandern und Hitze, versank er bald in Schlummer. Die Kammerjungfer druben wurde auch des Nahens uberdrussig, legte sich mit dem Kopf auf den Tisch, und nickte ein.
Aber Eris schlief nicht, und brauchte diesmal statt des Apfels einen Hund, um die Eintracht zu storen. Ein Newfoundlander von der grossten und zottigsten Art, den ein Gast mitgebracht hatte, ging, nach Wurstschalen und andern Leckerbissen umherschnoppernd, durch das Haus. Er kam auch zu Nummer Vier, fand die Tur nur angelehnt, und schob sich sacht hinein. Die Hunde wissen auf der Stelle, wer ihr Freund ist. Dieser sah dem schlafenden Hermann so eine Art von Sympathie an. Er setzte sich vor dem Bette nieder, beroch die niederhangende Hand des Schlummernden, leckte dann an derselben, und setzte dieses Spiel eine Weile fort. Hermann, der bald die kalte Nase, bald die warme Zunge des Tiers an seiner Hand hatte, wachte von dieser Abwechslung auf. Der Instinkt des Hundes war richtig gewesen, Hermann hielt wirklich gute Freundschaft mit allen lebendigen schonen Geschopfen. Er freute sich des machtigen Tiers, streichelte seinen Kopf und Rucken, so dass der Hund vor Vergnugen zu gahnen anfing. Hermann ballte das Schnupftuch zusammen, der Hund apportierte lustig. Ihn ergotzten die gewaltigen Sprunge des Newfoundlanders, er wiederholte den Zeitvertreib und warf das Tuch nach dem Schirme zu. Der zottige Gesell sprang mit seiner ganzen Starke gegen den Schirm, dessen Bespannung, alt, murbe und kaum noch in den Nageln hangend, einem solchen Stosse nicht zu widerstehn vermochte. Ein grosser Fetzen riss aus, der Hund fuhr hindurch, und in das Gebiet der Kammerjungfer; Hermann horte den Hund bellen und die Jungfer schrein.
Diese war durch das Getose, welches der Koter machte, langst erweckt worden. Tapfer gegen ihresgleichen, war sie uberaus furchtsam, wenn sie nur eine Spinne oder Krote sah. Und nun gar eine Newfoundlander Dogge! Sie floh vor der erregten Bestie in eine Ecke, warf sich dort nieder, und brachte, wie der Vogel Strauss, ihren Kopf in Sicherheit, alles ubrige preisgebend. Der Hund sprang ihr lustig nach, und mit den Vorderfussen auf beide Huften. So stand er halb auf der Jungfer und bellte aus Leibeskraften, ohne etwas Arges im Schilde zu fuhren. Die Sache schien ihn vielmehr ausnehmend zu belustigen, und er wurde immer vergnugter, je heftiger die Jungfer kreischte. Vergebens rief ihn Hermann durch das ganze Register der ihm bekannten Hundenamen.
Indessen war der bedrangten Jungfer bereits ein Retter erschienen und zwar in der Person des verstandigen Wirts, welchen der abermalige Larmen in der verhangnisvollen Nummer Vier wieder herbeigezogen hatte. Um gutzumachen, was er an der Jungfer verbrochen, fasste er den Beller am Schweif, ihn von ihrem Rucken herabzureissen. Der Hund verstand aber, wie alle seine Bruder, am Schweife durchaus keinen Scherz, fuhr herum und versetzte dem Wirt einen solchen Biss in die Hand, dass der Mann sie unter Geheul blutig in die Luft schlenkerte. So ward jener an einem Tage fur beides bestraft, fur Laster und Tugend.
Inzwischen trat die Kammerjungfer zum Schirme und schalt in den bittersten Ausdrucken nach Hermann hinuber. Dieser aber horte von allem, was sie sagte, nichts, denn er hatte das Schlachtfeld verlassen, entschlossen, die Statte so vieler Streitigkeiten mit keinem Fusse wieder zu betreten. Unten begegnete er dem Newfoundlander, der auch gleichgultig fortgerannt war, sobald er den Wirt in die Hand gebissen hatte.
Achtes Kapitel
Der Abend war schon, Hermann beschloss denselben im Freien zuzubringen. Draussen vor dem Tore zwischen grunen Hecken, unter machtigen Kastanienbaumen sah er ein blaues Schieferdach. Spitzbogen, Kreuze und hohe schmale Fenster uberzeugten ihn, dass das kleine einsame Gebaude eine Kapelle sei; er erinnerte sich, von einem weit und breit beruhmten Marienbilde gehort zu haben, welches hier den Glaubigen seine Wunder spendete.
Die Neugier fuhrte ihn in das Heiligtum; leise trat er durch die nie verschlossne Pforte. Der den katholischen Kirchen und Betortern eigentumliche Geruch, welcher vom zersetzten Weihrauchs- und Lichterdampfe herruhrt, schlug ihm entgegen. Sammet, Borten, Blumen von gesponnenem Gold und Silber, Schmelzwerk, und was sonst die Andacht zur Zier verwendet, prangten um den geschmuckten Altar. Zwischen diesen glanzenden Dingen nahm sich freilich das von Dunst und Alter gebraunte Bild der Mutter Gottes nicht sonderlich aus.
Indessen bewegte ihn ein eigner Anblick. Dieses Bild erzeigte sich besonders Gichtkranken hulfreich. Da hatten nun die Reicheren, welche die Befreiung von ihren Leiden hier erbetet, silberne Votivglieder geschenkt; kleine blinkende Arme und Fusse hingen in grosser Anzahl um die himmlische Helferin. Die Armen, welche Silber zu schenken unvermogend waren, stellten ihre Krucken als Denkzeichen hin. Zu Hunderten standen die unnotig gewordnen Notbehelfe rechts und links vom Altar.
"Sie ist zur Fabel geworden, diese Religion der Wunder", sagte Hermann fur sich, "aber sie ist eine ruhrende Fabel."
Er sah zwei Betende in der Kapelle und erkannte den Herzog und die Herzogin, die hier ihre Abendandacht verrichteten. Sonst war niemand darin. Als sie sich erhoben, trat Hermann mit einer unwillkurlichen Bewegung hinter ein Seitentabernakel zuruck. Die Herrschaften setzten sich auf die Bankchen ihrer Betpulte.
"Man weiset uns an, Gott einzig um geistige Dinge zu bitten", sagte die Herzogin. "Heute muss ich gestehn von dieser Vorschrift abgewichen zu sein. Ich habe dem Herrn nur allein die Bitte vorgetragen, uns die Spur der unglucklichen Johanna zu zeigen."
"Ich denke", versetzte der Gemahl, "dass die Ehre unsres Hauses und das Schicksal eines verirrten Wesens wohl auch Dinge sind, von denen man zu dem hochsten Ordner der menschlichen Angelegenheiten reden darf."
"Glaubst du, dass wir morgen auf dem Falkenstein etwas von ihr horen werden?" fragte die Herzogin.
"Wenn ich aufrichtig sprechen soll, nein", erwiderte der Gemahl. "Der Entfuhrer ist schlau genug, und der alte Amtmann, dem ich langst nicht mehr traue, war vermutlich mit ihm im Einverstandnis. Er wird sich anstellen, als sei er selbst getauscht worden. Lieb ware es mir, wenn du den graden Weg nach Hause einschlugst, und mich mit Wilhelmi diese verdriessliche Seitentour allein abmachen liessest."
"Nimmermehr!" rief die Herzogin. "Es musste denn sein, dass meine Gegenwart euch in etwas Dienlichem hinderte. Ich bin doch auch schuld daran, dass die Unselige sich so weit vom rechten Pfade verlieren konnte, ich hatte sie vielleicht sanfter behandeln, ihr Herz mehr aufschliessen sollen. Deswegen halte ich es fur meine Pflicht, alle Muhsale und Verlegenheiten, die sie uns verursacht, mit tragen zu helfen."
"Wer hat hier Schuld?" sagte der Herzog. "Der, welcher eigentlich fur die Fehltritte einer zugellosen Natur verantwortlich ist, liegt im Grabe. Die Sunden der Vater werden heimgesucht an den unstraflichen Kindern; ich mache mich auf schmerzliche Dinge gefasst."
Hermann horte noch manches, was sich auf das Hausgeschick bezog, dessen diese Reden gedachten. Er fuhlte sich in seiner gezwungnen Horcherrolle sehr gepeinigt. Wenn man ihn beim Hinausgehn sah, in welchem Lichte musste er erscheinen? Und doch war es jetzt unmoglich geworden, unbemerkt aus der Kapelle zu schlupfen.
Die Herzogin stand plotzlich auf, ergriff ihren Gemahl bei der Hand und sagte mit einiger Leidenschaftlichkeit: "Du musst mir etwas versprechen. Ich weiss, dass du talentvolle junge Manner gern an dich heranziehst. Tue mir den Gefallen, und halte uns unsre heutige Bekanntschaft fern."
Ihr Gemahl sah sie verwundert an. "Wie kommst du darauf?" fragte er.
"Es ist eine Grille", erwiderte sie, "und ich mag ihr keine Wichtigkeit beilegen. Aber tue mir den Gefallen, und lade diesen jungen Mann nicht uber unsre Schwelle."
"Man sollte sich bei seinen Handlungen eigentlich durch Grillen nicht leiten lassen!" rief der Herzog. "Er ist der Sohn eines Manns, dem mein Vater die grossten Verpflichtungen hatte; Verpflichtungen, die nach hingeworfnen Ausserungen zu schliessen, ganz eigner, sonderbarer Art gewesen sein mussen. Er rennt ohne Zweck und Ziel durch die Welt. Ich hatte daran gedacht, ihn nutzlich zu beschaftigen. Indessen gehn mir deine Wunsche uber alles, und er mag sich daher selbst in der Irre zurechtfinden."
Sie standen jetzt kaum zwei Schritte von Hermann, und er sah der Furstin in das schone regelmassige Antlitz. "Hatten wir doch unsre Pferde bei der Hand", sagte sie. "Ein Ritt am Flusschen musste in dieser Kuhle sehr behaglich sein."
"Ich habe leider keinen Bedienten mitgenommen, den wir nach dem Gasthofe schicken konnten", erwiderte der Herzog.
"Lass uns eine Strecke zu Fuss spazieren."
Als sie die Kapelle verlassen hatten, trat Hermann aus seinem Verstecke hervor. "Was hat sie gegen mich?" fragte er bitter und wehmutig. Es war ihm so neu, in der Damenwelt etwas wie Abneigung zu finden, dass er sich nicht wohl darein zu schicken wusste.
Er trat in die Ture der Kapelle, und sah die Herrschaften zwischen wallenden Kornfeldern gehn. Der Schmerz kleidete sich bei ihm leicht in den Scherz. Er strich sich uber die Augen, wischte eine Trane aus, und rief: "Weiset ihr den Gast zuruck, so werdet ihr doch den Bedienten nicht verschmahn."
In funf Minuten hatte er das Wirtshaus erreicht. Er stoberte den Reitknecht Wilhelm auf, und hiess ihn satteln; der Herzog befehle die Pferde. Er wollte ihm die Gegend beschreiben, wo sein Herr lustwandelte, der Reitknecht liess ihn aber nicht ausreden, sondern schlug sich mit beiden Fausten in das Gesicht, welches von den Stossen des Wirts schon blau genug war, und rief: "Ich bin aus dem Dienst, wenn die Herrschaft mich so zu sehn bekommt." Vergebens stellte ihm Hermann vor, morgen bemerke der Herzog ja doch sein geschwollnes Antlitz, und erfahre mithin die Sache. Der Reitknecht dachte wie ein Wilder nicht uber den heutigen Tag hinaus.
Hermann sah, dass mit dem Menschen nichts anzufangen war. "Was tut's, ob mich das Nest fur einen Narren halt?" rief er. "Sattelt, Wilhelm, ich will den Herrschaften die Pferde bringen." Diese Grossmut schlug dem Kerl bis auf die Seele durch, er kusste Hermann inbrunstig die Hand, und sattelte weinend die Rosse. Bald trabte jener auf einem gedrungnen Polacken, den Zelter der Herzogin, und den Fuchs des Herzogs an der Hand fuhrend, davon, zum Erstaunen des Wirts, dem dieser Gast ein Ratsel war und blieb.
Als die Herrschaften den Hufschlag horten, wandten sie sich um, und machten verwunderte Gesichter. Er war rasch vom Pferde, trat, die Tiere fuhrend, zu jenen, und sagte schnell, um die Entdeckung des wahren Zusammenhangs zu verhuten:
"Ich sah Ew. Durchlauchten im Felde spazieren, ich dachte, dass ein Ritt vielleicht angenehmer sein mochte, habe ich mich geirrt, so bringe ich die Pferde zuruck. Den Reitknecht konnte ich nicht finden, ich erlaubte mir deshalb, selbst den Stallmeister zu machen."
Der Herzog fixierte ihn, und versetzte nicht ohne eine gewisse Scharfe: "In wie vielen Gestalten wird man Sie denn noch zu sehn bekommen?"
"In jeder, welche schicklich ist, Ew. Durchlaucht Dienste zu leisten", sagte Hermann trocken.
Man sprengte durch Wiesen und lichte Baumplatze. Hermann hielt sich streng mehrere Schritte zuruck. Da der Weg breit genug fur drei war, so forderte ihn der Herzog auf, Front zu machen. "Der Platz des Dieners ist hinter den Gebietern", erwiderte er, und blieb, wo er gewesen, der schlanken Reiterin vor ihm im stillen grollend.
Es war dunkel, als man zuruckkehrte. Hermann half vor dem Gasthofe der Herzogin vom Pferde. Sie flusterte ihm, als sie ins Haus ging, zu: "Ich habe noch mit Ihnen zu reden."
In der Dammerung stand er ihr bald in ihrem Zimmer gegenuber. Sie ging nach ihrer Schatulle, holte eine Rolle, druckte sie in seine Hand und sagte: "Sie haben mir heute morgen von einem unglucklichen Madchen erzahlt. Hier ist Geld. Finden Sie den Vater ab, bringen Sie das Kind anstandig unter; wenn ich spaterhin gute Zeugnisse zu sehn bekomme, so will ich die Verlassne selbst aufnehmen."
Hermann weigerte sich, das Geld anzunehmen. "Ich bin Ew. Durchlaucht unbekannt, und kann mir nicht schmeicheln, Ihr Vertrauen schon in dem Masse zu verdienen, um der Depositar einer so grossen Summe sein zu konnen."
"Was meinen Sie?" fragte die Herzogin befremdet. "Sie sind brav und klug, und Ihr Name hat fur unser Haus einen guten Klang. Leben Sie wohl! Wir sehen uns wohl schwerlich wieder!"
Sie machte ihm ein Zeichen, dass er entlassen sei. Er ging, und wusste nicht, was er von ihrer Abneigung und von dem letzten Lobe denken sollte.
Man setzte sich in der grosseren Stube, die den Salon vorstellen musste, zum Spiel. Nachdem einige Partien gemacht waren, sagte die Herzogin: "Wir treiben die Sache so ernsthaft, dass, wenn uns jemand sahe, der uns nicht kennt, dieser glauben musste, die bunten Blatter lagen bei uns zu Hause bestandig auf dem Tische."
"Das Spiel ist in eine unverdiente Missachtung gefallen und bis jetzt durch nichts Besseres ersetzt worden", sagte Wilhelmi. "Grade die massige Aufmerksamkeit, die es fordert, das Zahlen und Anlegen ist wohltatig. Es halt uns in einem heilsamen Mittelzustande zwischen Anspannung und Zerstreuung."
"Unser Freund sagt wieder Schmeicheleien eigner Art!" rief der Herzog. "Weil wir zu geistlos sind, miteinander zu reden, mussen wir spielen."
"Ich verwahre mich gegen alle besondren Auslegungen, gnadigster Herr", versetzte Wilhelmi. "Sie wissen, dass es meine Schwachheit ist, gern im allgemeinen zu reden. Und das darf ich denn doch wohl behaupten, dass unsre deutsche Gesellschaft meistenteils ein wunderbares Gesicht macht, welches nicht schoner geworden ist, seitdem man die Tische mit den Markenkastchen entfernt, und an ihre Stelle die Musikpulte und die Lesebrettchen geschoben hat. Sonst kam man zusammen, ganz einfach und aufrichtig, ein Spielchen zu machen, man freute sich auf seine Partie, der Abend wurde dadurch kurzer, spaterhin gelang wohl ein heitres Gesprach an runder vertraulicher Tafel. Jetzt stromt das Verschiedenartigste in die erleuchteten Sale, Menschen, die keinen Ton leiden mogen, die man, wollten sie aufrichtig reden, mit Gedrucktem und Geschriebnem, wer weiss wie weit, jagen konnte, Leute, die an nichts Wissenswurdigem einen wahren Anteil nehmen, dieser bunte Jahrmarkt flutet zwischen Musik, Vorlesen und sogenannter geistreicher Unterhaltung hin und her, mit erlognem Interesse, mit scheinbarer Erhebung. Jeder Vernunftige, welchen sein Unstern in dieses Getreibe wirft, seufzt im stillen:
,Ach! standen doch die Kartentische erst wieder da!' Ich erinnre mich von meiner letzten Geschaftsreise eines solchen Festes. Ein alter General, dem man die Pein ansehen konnte, sass traurig in einer Fenstervertiefung, und klagte, sich unbelauscht glaubend, in seinem eigentumlichen Deutsch uber die verwunschte Bucher- und Singemode. Gleich darauf war ein Hauptaktus beendigt; ein geckenhafter Mensch trat an den Gelangweilten hinan, und der alte Degenknopf musste sich nun zwingen, in den Enthusiasmus des Windbeutels einzustimmen."
"Welche Predigt!" rief die Herzogin. "Was dergleichen kleine Torheiten nur gross schaden!"
"Was sie schaden?" sagte Wilhelmi. "Ich glaube, dass sie mit dazu beitragen, den Zustand allgemeiner Heuchelei hervorzubringen, der recht eigentlich das Kennzeichen unsrer Zeit ist. Wir Deutschen sind ein hausliches und burgerliches Volk, ehrwurdig durch einen einfachen Sinn, durch gesunden Menschenverstand. Was man Geist nennt, ist nur das Erbteil einzelner, nicht der Nation. Am allerwenigsten kann man sagen, dass das Gefuhl fur das Schone bei uns so haufig verbreitet sei, als man jetzt sich und andern einbilden will. Wir sind und bleiben Barbaren, und wollen die Musen und Grazien, wie jener Konig in Phokis, immer gleich einsperren, wenn sie ja einmal bei uns einkehrten. Darum wiederhole ich: Standen doch die Kartentische erst wieder da!"
"Und vergessen, dass Sie an einem sitzen"; sagte der Herzog. "Sie hatten langst mischen sollen. Dieses Schelten auf die Zeit, auf unsre Zeit! Gehoren Sie denn nicht auch zu ihr, Sie mit Ihren truben Ansichten eben recht zu ihr? Es ist charakteristisch, dass wir immer von der Zeit reden, von unsrer Zeit. Wo fangt sie denn an, und was hat sie eigentlich so Besondres, wenn wir einmal ganz auf den Grund gehn wollen?"
"Sie spielt Komodie, wie keine andre", sagte Wilhelmi. "Die alten Jahrhunderte haben uns ihre Rocke hinterlassen, in die steckt sich die jetzige Generation. Abwechselnd kriecht sie in den frommen Rock, in den patriotischen Rock, in den historischen Rock, in den Kunstrock, und in wie viele Rocke noch sonst! Es ist aber immer nur eine Faschingsmummerei, und man muss um des Himmels willen hinter jenen wurdigen Gewandern ebensowenig den Ernst suchen, als man hinter den Tiroler- und Zigeunermasken wirkliche Tiroler und Zigeuner erwarten soll. Was aus unsrer Jugend, die so recht vom Geiste der Gegenwart durchsogen ist, werden mag, ist in der Tat schwer abzusehn. So ein junger Mensch von heute steht im vierundzwanzigsten Jahre fertig da, alles ward ihm leicht und mundrecht gemacht, im Fluge hat er den Schaum von der Oberflache der Dinge abgeschopft. Dass der Mensch nur durch Erfahrung, unter Arbeit und Not zu irgendeiner Erkenntnis gelangen kann, dass man durch das Kleine sich lange Jahre hindurchwinden muss, bevor man das Grossere zu verstehn imstande ist, dass nur das wahrhaft besessen wird, was errungen, ermuht und erlitten wurde, wer mochte dergleichen Dinge jetzt aussprechen? Die wohlfeilen Kommunikationsmittel fordern den jungen Weisen in reissender Schnelligkeit durch alle Lande, er ist durch den Vatikan gestrichen, nun ward er ein Kunstkenner, er hat den Tunnel angesehn, seitdem versteht er sich auf Mechanik. Benjamin Constant sprach mit ihm ein paar hofliche Worte der Politiker war ausgebrutet. Bescheidenheit, Gehorsam, Unterordnung, Zweifel an der eignen Unfehlbarkeit sind ihm Ammenmarchen, Grossmutterschwachen. Uberall und nirgends zu Hause, kehrt er zuruck ins Vaterland, ein Riese an Sicherheit, der aber bei jedem Schritte ausgleitet, kluge Reden halt er uber gute Lebensart ..."
Ein herzliches Lachen unterbrach den schwarzgalligen Redner. "Daher der Zorn!" rief die Herzogin. "Der arme Hermann! Sie haben doch ein rachsuchtiges nachtragendes Gemut, Wilhelmi!"
Wahrenddem der Herzog den Spott seiner Gemahlin fortsetzte, wurde ein Billet an Wilhelmi abgegeben. Dieser wollte es ungelesen einstecken. "Offnen Sie doch, es konnte etwas Eiliges sein", sagte der Herzog. Wilhelmi brach auf und rief:
"Von unsrem Abenteurer!" Er las folgende Zeilen:
"Es ist mir eine unertragliche Empfindung, in dem hohen und freundlichen Kreise, welcher mich einige Stunden in seiner Mitte duldete, eine herbe Nachwirkung befurchten zu mussen. Ich habe mich gegen Sie vergangen, und ich gestehe Ihnen mein Unrecht aufrichtig ein. Die Unart des Junglings kann einem Manne, wie Sie sind, nicht empfindlich sein. Aber um meinetwillen und zu meiner Beruhigung lassen Sie mich glauben, dass Sie mir vergeben. Ich mochte an den heutigen Tag so gern ganz heiter zuruckdenken, und ich kann es nicht, wenn Sie mir wegen meiner Torheit zurnen."
Der Herzogin Antlitz glanzte vor Freude. Der Herzog sagte: "Ich hoffe, du haltst mich wegen des braven Jungen nicht beim Worte"; und Wilhelmi rief mit der Gutmutigkeit, die sich bei den Hypochondristen einstellt, wenn sie tuchtig auf die Welt geschmalt haben, aus: "So mochte ich mich wohl alle Tage in einem Menschen irren!"
Neuntes Kapitel
Hermann war indessen nach dem Walde hinausgeeilt, worin er das wilde Madchen gefunden hatte. Rasch war, sobald er von der Herzogin die Mittel besass, sein Plan zu Flammchens Rettung entworfen worden. Vorerst sollte sie in dem Dorfe jenseits des Waldes untergebracht werden, dann wollte er die Sache mit dem Komodianten abmachen, und wenn dies geschehen, hatte er vor, das Kind in eine benachbarte Pension zu geben, deren Vorsteherin ihm bekannt war.
So war sein Entwurf, an dessen Gelingen er nicht zweifelte. Es war bei ihm ein Ehrenpunkt geworden, diese Angelegenheit zur Zufriedenheit der Herzogin zu Ende zu bringen, die ihn nach seiner Meinung so ungerechterweise von ihrem holden Antlitze hinwegwies. Flammchens romantische Gestalt schwebte vor seinem Geiste, sein Blut befand sich in heftiger Wallung.
Vielleicht bewirkte es dieser aufgeregte Zustand, dass er im Walde, den er halb laufend erreicht hatte, bald von der Richtung, die er am Morgen genommen, abkam. Der umgesturzte Stamm, welcher ihm den Ort, wo Flammchen weilte, zeigen sollte, blieb unsichtbar, und es dauerte nicht lange, so sah er sich zwischen funf bis sechs Kreuz- und Quersteigen verirrt.
Anfangs wahlte er noch unter denselben, dann liess
er den Zufall walten, und endlich war er durch Wahl und Zufall im dichtesten Forste. Erschopft sank er an einer Quelle nieder, die durch aromatische Krauter hinrieselte. Nachdem er seinen brennenden Durst geloscht, und sich hinlanglich ausgeruht hatte, wollte er seine Irrgange wieder anfangen, obgleich er bei dem fast taghellen Scheine des inzwischen aufgegangnen Mondes an seiner Uhr sah, dass Mitternacht herannahte.
Ein Rascheln wurde im Laube horbar. Hermann er
blickte eine schwarze Gestalt, die gebuckt am Stabe daherschlich. Das alte Weib kam naher, setzte sich auf einen Stein, und sagte:
"Nun wird mich, wie ich meine, das Ding nicht
wiederfinden. Dieses Flammchen kann wohl eine Flamme heissen!"
Hermann trat heftig auf die Alte zu, fasste sie bei
der Schulter, und rief: "Wer bist du? Von wem sprichst du?"
Ohne aus der Fassung zu kommen schlug die Alte
ihr dunkelfarbiges Kopftuch zuruck, und ein braungelbes, scharfkantiges, runzelvolles Antlitz sah ihn im Mondenstrahle an. "Das bin ich", sagte die Alte, "und von dem Flammchen, dem jungen Teufel, sprach ich."
"Wo ist sie?" fragte Hermann.
"In den Fichten", versetzte die Alte. "Ich habe sie hingeschickt, um sie loszuwerden, und dort mag sie den Geist erwarten, den ich ihr zitieren sollte."
Er nahm so viel aus den Reden des alten Weibes ab, dass Flammchen sie vor dem Zusammentreffen mit ihm gesprochen, und nachher wieder aufgesucht habe. Was sie ihr gewahrsagt, vermochten weder Bitten noch Drohungen herauszubringen. "Es ist gegen unser Gewissen", sagte sie. "Unsre Reden gehen nur zu zweien Ohren ein; so lautet ein Sprichwort." Den Ort, wohin sie die Aberglaubische geschickt, wollte oder konnte sie nicht angeben, sie sei selber fremd in der Gegend, sie habe den Narren auf das Geratewohl nach einem Fichtenkampe gehen heissen, dessen Lage sie nicht mehr bezeichnen konne. Er sei wohl eine Stunde von hier; ob er nach Morgen oder Abend stehe, wisse sie nicht.
"Wenn du mich belogest!" rief Hermann, "wenn du mit dem Madchen etwas Schlimmes vorgenommen hattest ..."
Die Alte erwiderte: "Ich bin eine gute Christin, und glaube an Himmel und Holle. Bei dem Kreuz! Ich habe dem Madchen nichts zuleide getan. Wartet die Nacht ab, morgen wird sie schon wieder zum Vorschein kommen, und Ihr werdet Eure Perle nach Herzenslust beschauen konnen. Ich glaube, vor der nimmt Wolf, Bar, Lowe und Tiger Reissaus. Ihr seid ein Aufgeklarter, das sehe ich Euch auch bei Mondenschein an. Ihr wurdet mich nur auslachen, wollte ich in Eure Hand sehn, und sagen: so und so. Aber nehmt von einem alten Weibe einen Rat an. Hutet Euch vor dieser Flamme! Sie hat zehntausend bose Geister im Leibe. Ich habe geschlummert die Nacht hinter dem Dorn am alten Raubschloss, auf der Bahre im Beinhause, im weissen Klippentale und auf der grauen Heide, und ich habe mich nicht gefurchtet. Heute aber furchtete ich mich, als sie vor mir stand, die junge Hyane, das blanke Messer in der Hand und von mir verlangte, ich solle ihren toten Vater berufen!"
"Lass dein angelerntes Geschwatz!" rief Hermann. "Gewiss hast du die Not der Armen benutzt, ihr den letzten Pfennig abgenommen, und dafur ihr Gehirn mit aberwitzigen Dingen erfullt."
"Nur aus der Hand, auf der etwas Blankes liegt, lasst sich wahrsagen", versetzte die Alte. "Sie hat bezahlen mussen, was recht ist. Wer gibt Euch die Befugnis, mich auszuschelten?"
In diesem Augenblick trat der Mond hinter eine finstre Wolke, und bei der Dunkelheit, die hierdurch entstand, gewahrte Hermann durch die Baume den Schimmer eines schwachen Lichts. Der Mondschein hatte vorher das sparliche Leuchten uberstrahlt. Er schloss aus diesem Umstande auf die Nahe einer menschlichen Wohnung, und da er seiner Meinung nach von dem Stadtchen weit verschlagen sein musste, die Alte aber fest dabei verblieb, dass sie ihm den Ort, wohin sie Flammchen geschickt, nicht bezeichnen konne, so entschloss er sich, auf den Schein loszugehn, und den guten Willen der Bewohner um ein Obdach anzusprechen.
Er verliess die Alte ohne Abschied. Diese hob, wir wissen nicht, ob zu ihrer Erbauung, oder zum Zeitvertreibe, ein holprichtes Lied an, und sang mit tiefer und rauher Stimme Strophen durch die Nacht, deren Worte Hermann nicht verstehn konnte.
Zehntes Kapitel
Ein Hirschgeweih uber der Pforte, und das Anschlagen der Hunde von einem Hinterhofe her, kundigten die Wohnung eines Weidmanns an. Hermann schritt durch den mit Baumen bepflanzten Vorraum, und klopfte an die aus zwei Halften bestehende Tur. Von innen riefen zarte Stimmen: "Ach, er kommt! Er kommt!" Die Tur ward auf getan, er trat in eine nur vom Kohlenfeuer des Herdes beleuchtete Kuche, zwei Kinder drangten sich an ihn, und fragten angstlich: "Sie sind doch der Herr Doktor?"
"Ich bin kein Arzt, Kinder", versetzte Hermann, "ich bin ein verirrter Reisender, der um ein Nachtlager bitten wollte. Wo sind eure Eltern?"
Statt hierauf zu antworten, warf sich das Madchen jammernd uber einen Stuhl, die hellen Tranen drangen aus dem Gesichtchen, sie rief schluchzend: "Unsre Mutter stirbt, und alles hat uns verlassen!"
Anfangs stand der Knabe, wie verlegen, still und tranenlos neben der Weinenden, dann zuckte es um seine Lippen, er ballte die Hande, stampfte mit dem Fusse, riss das Haupt der Schwester an seine Brust, druckte es heftig an sich, und sagte mit einer Stimme, die halb wie Trotz, halb wie die innigste Liebe klang: "Cornelie, du sollst nicht weinen."
"Muss ich zuletzt noch an ein Krankenlager geraten!" rief Hermann. Er sah sich um, es war das gewohnliche Innere eines westfalischen landlichen Hauses. Die Kuche mit dem Feuerherde als allgemeiner Versammlungsort in der Mitte, mit Fliesen gepflastert, mit schwarz-beraucherten Bohlen gedeckt. Hinter diesem Raume der Viehstall, ohne sonstige Trennung von dem Aufenthalt der Menschen, als durch die Krippe. Gegenuber ein paar Turen, die zu den kleinen Zimmern in den vorspringenden Teilen des Gebaudes fuhrten.
Ein Achzen liess sich nebenan vernehmen. Hermann ging zu dem Bette der Kranken. Sie fieberte und phantasierte, sprach viel von einem Fraulein und von Briefen, und wiederholte oft mit Heftigkeit den Ruf: "Die Briefe weg! Verbrennt die Briefe!" Er kehrte zu den Kindern zuruck. Sie schienen in dem einsam liegenden Waldhause ganz allein zu sein. Er begriff nicht, wie man die Gewissenlosigkeit so weit hatte treiben konnen, ihnen die Kranke, und sie sich selber zu uberlassen. Aufs neue schien ihm die Schutzrolle zugeteilt zu sein, und der Tag sollte enden, wie er begonnen hatte.
Der Knabe sagte ihm, es sei nach dem Arzte in der Stadt geschickt worden, welcher auch versprochen habe, zu kommen. Sie hatten nun von Stunde zu Stunde auf ihn gewartet, und als sie das Klopfen gehort, gemeint, er sei endlich da.
Hermann suchte die armen Geschopfe mit herzlichen Worten zu beruhigen. Er nahm sie bei der Hand, streichelte ihre Wangen, sprach ihnen Mut ein, und versicherte, mit der Mutter habe es keine Gefahr, er sei zwar kein Arzt von Profession, verstehe sich aber doch auf die Krankheiten, es sei nichts als ein Flussfieber. Der getroste Ton, mit dem er sprach, machte einen gunstigen Eindruck auf seine Schutzbefohlnen. Cornelie trocknete die Tranen im Schurzchen ab, lehnte sich an ihn, und umfasste, da er nicht aufhorte, zu trosten und zu ermutigen, mit beiden Handen seinen Arm. Ihren Bruder, den sie Ferdinand rief, schien dies zu verdriessen, er lief in eine Ecke der Kuche, stampfte wieder mit dem Fusse, und sagte derb und trocken: "Cornelie, mich hungert, koch etwas zu essen."
Auch Hermann waren ein paar Bissen angenehm gewesen. Zu seinem Erstaunen wussten die Kinder trefflich Rat zu schaffen. Ferdinand war rasch eine Leiter uber dem Kuhstalle hinauf zu einer Art von Verschlage, kroch hinein, Huhner schrieen, gleich darauf kam der Knabe mit einem Tuche voll Eier herab. Cornelie hatte unterdessen den Wasserkessel, der nach Landesbrauch nie den Haken uber dem Herdfeuer verliess, in die Siedenahe geruckt, und tat die Eier hinein. Ferdinand spurte das Brot und die Butter auf, das Tischtuch, die Messer und Gabeln fanden sich, in wenigen Minuten war der Tisch gedeckt. Cornelie nahm mit der Kelle die Eier aus dem Wasser, setzte sie auf, ging in die Krankenstube, kehrte, ein neues Schurzchen vorgebunden, zuruck, und notigte, zierlich sich verneigend, ihren Gast zum Essen.
Hermann hatte mit Behagen den lieblichen Gestalten zugesehn, wie sie sich geschaftig vor dem Feuer des Herdes hin und her bewegten. Es war, als fuhrten sie seit Jahren eine Wirtschaft, so geschickt war alles Hausliche von ihnen besorgt worden. Nun setzte er sich mit seinen jungen Wirten zu Tische, nicht neben Cornelien, denn zwischen sie und ihn hatte sich Bruder Ferdinand geschoben.
Hermann musste uber die kindische Eifersucht lacheln. Der Knabe genoss, obgleich er vorher sehr hungrig getan hatte, nun fast gar nichts, hing mit seinen Blicken an Cornelien, und druckte ihr verstohlen die Hand, sooft sie dieselbe vom Tische nahm. Sie litt es einige Male, dann aber zog sie dieselbe hinweg, und sah verschamt nach Hermann hinuber. Nur das Feuer des Herdes leuchtete zu dem kleinen Mahle, Kerzen hatten die Kinder nicht zu finden gewusst. Sie plauderten allerlei; vom Vater und dem nach ihm geschickten Boten, dass der Vater gewiss morgen kommen werde, dass nun alles gutgehe, da die Mutter nur das Flussfieber habe. Dieses Wort, und die Gegenwart Hermanns hatte sie beruhigt, sie schienen ihre Angst vergessen zu haben. Die Kranke war auch still geworden, und lag in einem tiefen Schlummer.
Hermann fuhlte sich in dieser Stille ungemein wohl. Er kam sich wie ein Hausvater vor; alles war so heimlich, traut und naturlich, der kleine Tisch, die schonen Kinder, manch landliches Gerat umher im ungewissen Feuerschein. Um die Ekloge zu vollenden, erhoben sich ein paar breitgestirnte Kuhe, durch das spate Gerausch aufgestort, von ihrer Schlummerstatte und streckten uber die Krippe ihre Kopfe dumm und zutraulich nach den Menschen hinuber. Endlich hiess Hermann die Kinder, welche, uberwacht, noch munter fortschwatzen wollten, sich niederlegen. Er versprach ihnen, wach zu bleiben, und auf die Mutter zu achten. Die Wanduhr hatte Eins geschlagen. Ferdinand ging, Cornelie machte noch ein Glas Brotwasser fur die Kranke zurecht. Dann wollte sie dem Bruder folgen, und wunschte ihrem Beschutzer wohl zu schlafen. Dieser umfasste sie, und wollte ihr unbefangen, wie man mit Kindern zu tun pflegt, einen Kuss geben. Aber sanft entwand sie sich ihm, und flusterte angstlich: "Ach nein, lassen Sie das doch!" Indem sie ging, kam sie ihm langer vor, er wusste nicht, wo er zuerst die Augen gehabt hatte, dass sie ihm so gar klein erschienen war.
Eilftes Kapitel
Nun war er mit sich allein, in tiefster nachtlichster Stille, die nur von dem einformigen Schlage des Perpendikels belebt wurde. Er ging in die Krankenstube, wo er jetzt erst in einer Ecke allerhand aufgespeichertes Reisegerat: Koffer, lederne Behalter, Korbe und dergleichen bemerkte. Was diese Zusammenhaufung von Dingen in einem Wohnzimmer, denn das schien jene Stube zu sein, bedeuten sollte, war ihm unerklarlich. Einige Bucher lagen unter den Sachen umher, eins derselben nahm er zur Hand. Er wollte versuchen, am Herde, dessen Glut er mit einigen Kienscheiten erfrischte, zu lesen.
Es waren die Schriften von Novalis. Blatternd stiess er auf das schone Marchen von Hyacinth und Rosenblutchen, welches so lieblich die Lehre ausspricht, dass wir mit allem Suchen nur unsre Kindheitswonne wiederzufinden streben. In den Fragmenten umhersehend, fand er den Satz: "Wer rechten Sinn fur den Zufall hat, der kann alles Zufallige zur Bestimmung eines unbekannten Zufalls benutzen. Auch der Zufall ist nicht unergrundlich, er hat seine Regelmassigkeit."
Ihm schmerzten die Augen, er tat das Buch hinweg. "Kann man doch alles behaupten, wenn man nur den Mut dazu hat", sagte er. "Wir haben so ziemlich jegliches Ding nach Schnur und Mass geordnet, nur der Zufall hatte sich noch seine weltalten Launen vorbehalten. Nun will uns der schlafengegangne Magus uberreden, dass wir auch diesen aussersten dunkelsten Winkel der Welt mit unsrem Lichte erleuchten konnen. Wohlan, welche Regel ist in dem Gastmahle, vom Zufall mir in diesen letzten vierundzwanzig Stunden aufgetischt? Was fur eine Lehre hat mir das Begegnen Flammchens, das sonderbare Benehmen der Herzogin, und meine letzte improvisierte Hausvaterschaft geben wollen?"
Noch einmal das Buch in die Hand nehmend, schuttelte er ein Blatt, lose eingelegt, heraus. Er hob es auf. Es war eine kolorierte Zeichnung; ein tiefes gewundnes Tal, mit weissen langen Gebauden besetzt. Er las muhsam die Unterschrift; wie erstaunte er, als er den Namen der Fabriken seines Oheims fand! "Wie mag diese Landschaft sich hieher verloren haben?" fragte er. "Willst du mir vielleicht ein Zeichen deiner Regelmassigkeit geben, ratselhafter Gott Zufall? Lauscht hinter den Geldsacken des Oheims mein Rosenblutchen?"
Die Augen sanken ihm vor Mudigkeit zu. Er fand einen Lehnstuhl, in dem er sich bequem zurechtsetzte. Doch schlief er nicht ein. Er befand sich in dem uberreizten Zustande, worin die Phantasie, unwillkurlich, aus eigner, losgebundner Kraft nicht mude wird, ihr mischbuntes Arabeskengedicht zu spinnen. Die Figuren des Tages wuchsen ihm aus Blumen entgegen, zerstaubten in Flocken, setzten sich aus den Flocken wieder zusammen, strichen hinuber und heruber. Zwischen allen diesen Phantasmen kehrte eine Erscheinung am oftersten wieder. Aus weiter Ferne sah ihn ein Haupt erblichen, sanft an, schwebte dann naher, und je naher es kam, desto deutlicher erkannte er das Medusenantlitz, welches ihm zuletzt voll furchtbaren Ernstes, und doch unendlich milde, tief in die Augen blickte. Darauf wich es zuruck, und so schwankte dieses wache Traumbild zwischen Nahern und Entfernen, Milde und Schreck einige Male hin und her, bis es plotzlich wie eine Maske umfiel, und eine lachende Gestalt, die sich dahinter verborgen, hervorsprang, welche Flammchens Zuge trug.
Sanfte Tone erweckten ihn nach einigen Stunden aus dem dumpfen Morgenschlafe, in welchen sich denn doch zuletzt jene Spiele der Einbildungskraft verloren hatten. Ein roter Schein zitterte durch das Haus. Noch war es leer. Sein erster Gedanke suchte die Kinder. Er stiess eine Tur auf, da ward ihm ein Anblick, der nicht schoner sein konnte. Auf einer uber den Fussboden gebreiteten Matratze ruhten die Unschuldigen lachelnden Gesichts nebeneinander. Die trotzigen Zuge des Knaben waren gemildert, der Kopf des Madchens lag auf der Brust des Bruders, sie hielt ihre Hande gefaltet. Der Knabe hatte seine Schwester im Arme. Das Morgenrot beleuchtete die Gruppe, und gab dem dunkelblauen Pfuhle, auf dem die Kinder schliefen, eine tiefe Purpurfarbung. Dazu erklangen von draussen die gehaltnen Tone der Blasinstrumente.
Doch nur wenige Augenblicke dauerte dieses schone Gesicht. Das Morgenrot setzte sich schnell in den gelben Schein des Tages um, die Gestalten der Kinder erbleichten, und die Farbe des Pfuhls wurde ein kaltes Blau. Draussen fielen die Instrumente mit einem hallenden Jagerstuckchen ein.
Hermann ging hinaus. Vier bis funf Grunrocke standen im Kreise und bliesen. Nachdem sie ihr Stuckchen vollendet, wandte er sich an den, der ihm der Herr und Meister der ubrigen zu sein schien. "Herr Forster", sagte er etwas bitter, "Ihre Frau lebt noch, aber Ihre armen Kinder sind fast vor Angst gestorben."
Der Forster, der sich seines Hagestolzenstandes in Ehren bewusst war, und schon mit Verdruss einen Fremden aus seinem Hause hatte kommen sehn, musterte Hermann vom Kopf bis zum Fuss, und entgegnete nichts, als ein langgezognes: "Was?"
Man erklarte sich indessen bald. Die Kinder waren mit ihrer kranken Mutter tags zuvor angekommen, und hatten den Forster um den Liebesdienst gebeten, sie aufzunehmen, weil die Mutter vor ubergrossen Schmerzen nicht einen Schritt weiter fahren konnte. Woher sie gekommen? Wie die Familie heisse? Was der Frau fehle? um alles dieses hatte sich jener Westfale nicht bekummert. Denn er war der Meinung, dass das Wissen aufblase, und unnutze Neugier vom Ubel sei. Es war gleich nach dem Arzte geschickt, die Kinder selbst hatten, entschlossen, wie Hermann sie kannte, einen Boten an ihren Vater gedungen. Somit war alles Notige geschehen, und der Forster hatte sich nicht weiter um die Sache bekummert, sondern seinen gewohnlichen Holzgang gehalten.
"Es war keine Seele im Hause. Wie konnten Sie die Unglucklichen uber Nacht allein und hulflos lassen?" fragte Hermann mit Heftigkeit.
"Mein Herr, was geht Sie denn eigentlich meine Handlungsweise an?" entgegnete kaltblutig der Forster. "Ich war auf dem Tanz bei dem Hofschulzen, wohin ich alle Jahre mit meinen Leuten gehe. Engel sollte zu Hause bleiben, ist Engel fortgelaufen, so kriegt Engel die Karbatsche!" Er verstand unter diesem Engel seine Magd Angela, welchen Namen das Volk dort solchergestalt zusammenzieht.
Hermann war uberzeugt, dass er hier ins Mittel treten musse, um die Gefuhllosigkeit des Grunrocks durch das Interesse zu bezwingen. Die Goldstucke der Herzogin, die ihm freilich zu einem andern Zwecke gegeben waren, brannten in seiner Tasche; er rief: "Ich bezahle alles, was die Kinder mit ihrer Mutter bei Ihnen verzehren, aber ich bitte mir aus, dass Sie gewissenhafter sich ihrer annehmen. Heute abend oder morgen fruh bin ich wieder hier."
Er ging, ohne den Forster nach dem Wege zu fragen, was auch unnotig war. Denn nur die Nacht hatte ihn getauscht. Das Forsterhaus lag auf einer Waldblosse, und hinter einem dunnen Saum von nahem Gebusch lief der grosse Heerweg.
In kurzer Entfernung sah er den wohlbekannten Turm des Stadtchens. Er hatte sich also am Abend zuvor im Zirkel umhergetrieben.
Der Forster stand nach der leidenschaftlichen Anrede Hermanns einige Minuten schweigend, als musse sich seine Seele erst besinnen, wie sie solche Beleidigungen aufzunehmen habe. Dann brach er mit einem grimmigen Fluche los, und rief zornig, dass seine Ruden zu bellen begannen: "Brauche ich denn dein Geld! Bin ich denn ein Schenkwirt? So soll doch das Donnerwetter dareinschlagen!"
Er ging eiligst in sein Haus, entschlossen, wie rohe Menschen in solchem Fall zu sein pflegen, fur die Schuld eines Dritten die Unschuldigen bussen zu lassen.
Zwolftes Kapitel
Nach der tiefsinnigen Bemerkung des seligen Asmus ruhren die Missverstandnisse gewohnlich daher, dass einer den andern nicht versteht. Dieser Satz erhielt durch das, was nunmehr zwischen Hermann und dem Komodianten vorfiel, eine neue Bestatigung.
Flammchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Madchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den
Kriegszugen durch Deutschland mit sich umhergefuhrt hatte. Er blieb in einer grossen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt.
Aus den Handen armer Leute empfing der Komodiant das elternlose Geschopf. Er war ein gutmutiger Mensch und spielte schon damals edle Vater. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, ruhrte ihn. Er liess das Kind sich abtreten, und beschloss, es zu seinem Gewerbe anzufuhren.
Indessen brachte ihm diese wohltatige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flammchen heissen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen konnen. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komodiantenwirtschaft zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmoglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater luge ja den ganzen Tag uber, warum er denn des Abends zu seinen Lugen die fremden Kleider anziehe?
Einmal hatte man sie unter Muhe und Not, durch Hunger und Kummer dahin gebracht, die Rolle des Knaben Otto in der "Schuld" zu lernen. Der Abend kam, Flammchen liess sich gehorsam anziehen, schminken wolle sie sich schon selbst, sagte sie. Jerta stand auf den Brettern, und deklamierte die erhabensten Sachen, Elvire zitterte noch von dem Ereignis mit der gesprungenen Saite, da kam Flammchen, der kastilianische Knabe, aber wie? Rot, blau, gelb, grun, weiss, und was fur Farben noch sonst! hatte sie sich in das Gesicht gestrichen, sie glich durchaus den Makis mit den Regenbogenwangen, welche die Zierden der umherwandernden Menagerien zu sein pflegen. Jerta verstummte, Elvire kreischte, das Publikum wusste nicht, woran es war. Flammchen trat an den Rand des Proszeniums, sang ein Lied ohne Sinn und Verstand, sprang ins Orchester, half sich am Bass empor, kletterte uber die Brustung, war im Parkett, wischte sich gelassen die Schminke aus dem Gesichte, und erklarte den Leuten in den Sperrsitzen, es sei ihr unmoglich, vor der ganzen Stadt die verruckten Streiche zu machen, die man von ihr begehre. Nach der Buhne rief sie hinauf:
"Spielt nur weiter, ihr konnt meine Sachen auslassen!"
Man denke sich die Verzweiflung der Schauspieler und den Jubel des Publikums! Geschrei, Gelachter, Klatschen von oben bis unten, aus allen Ecken des Hauses! Man verlangte Flammchen in den Logen, im Parterre, uberall. Sie aber blieb ruhig in einem Sperrsitze, und schien sich um den ganzen Larmen nicht weiter zu kummern. Bald wurde das Publikum seines Jubels auch wieder mude, man forderte von den armen Schauspielern heftig das Stuck! Don Valeros, der Vater und Pflegevater trat heraus, erklarte, der beklagenswurdige Vorfall mache die Fortsetzung der "Schuld" unmoglich, und kundigte den "Lustigen Schuster" an. Nun gingen die Gebildeten aus dem Theater, liessen sich das Legegeld an der Kasse zuruckgeben, und nur der Pobel blieb.
Seit diesem verderblichen Abende, der dem Pflegevater vom Direktor auf Rechnung gestellt wurde, wunschte jener herzlich, der Burde entledigt zu sein, die seine Gutmutigkeit ihm aufgeladen hatte. Es kam dazu, dass alle Menschen, und insbesondere die jungen Manner, Partei gegen ihn und fur Flammchen nahmen, deren Eulenspiegeleien jedem, der nicht durch dieselben litt, gefielen. Man redete auf ihn ein, er musse nur zu erziehen wissen, er musse diese Natur nach Prinzipien behandeln. Der arme Komodiant wusste aber von Padagogik so viel, wie von den Bewohnern des Sirius. Er war daher mit seinem Verstande durchaus am Ende, und verschwor, jemals wieder die Tugend der Wohltatigkeit zu uben.
Nachdem er wegen schwindenden Gedachtnisses verabschiedet worden war, zog er durch das Land, und stoppelte noch hin und wieder ein Deklamatorium in irgendeinem Winkel zusammen. Auch nach dem kleinen Stadtchen war er in dieser Hoffnung gekommen, hatte aber erst nichts zustande bringen konnen, und stilliegen mussen.
Hier fand er eine fruhere Bekanntschaft wieder, einen alten verwitterten Menschen, der mit dem Johanniterkreuze geziert war, und, da der Orden nichts mehr zu leben gibt, sich zu einem kleinen Posten, wenn wir nicht irren, im Zollfache hatte bequemen mussen. Sie hatten einander in besseren Verhaltnissen gesehn. Damals war der Pflegevater ein beliebter Akteur, der andre ein kraftiger, lebensfrischer Offizier gewesen. Letztrer gehorte zu den Figuren, wie deren so viele in Deutschland umherwanken. Er hatte wahrend der Umwalzungen unsres Vaterlandes mehreren Herrn nacheinander gedient, und war auch eine Zeitlang der Kamerad von Flammchens Vater gewesen. Er sah das geckenhafte Madchen bei dem alten Genossen seiner schoneren Erinnrungen, und fasste eine Zuneigung zu ihr. Nach seiner Meinung musste der schone Trotzkopf mit vernunftiger militarischer Strenge behandelt werden. "All dein Gebelfre hilft nichts", sagte er zum Komodianten. "Sie muss durch Disziplin, Kommando, Tempo, Prison und dergleichen in Ordnung kommen."
Er bat, Flammchen ihm zu geben. Die Ordnung und die Sparsamkeit selbst, besass er eine kleine Wirtschaft, und mochte vielleicht bei seinem Vorschlage den Gedanken an eine junge Frau zum Troste seines Alters im Hintergrunde der Seele hegen.
Wer war froher, als der Pflegevater? Mit Freude schlug er ein, nur besorgte er im stillen, dass der Johanniter sein Flammchen nach wenigen Wochen als unverbesserlich ihm zuruckgeben werde. Vorderhand vereitelte aber ihre Flucht die Uberlieferung.
Flammchen entsprang namlich, sobald sie horte, dass ihrer eine strenge militarische Disziplin harre. Die Unordnung war noch das einzige, was sie am Pflegevater liebte, sie hatte schon immer Reissaus genommen, wenn der hagre Johanniter gekommen war. Die Alten suchten und fanden sie nicht, sie war wie verschwunden.
So hing die Sache zusammen. Was dem Fluchtling in der Irre begegnete, werden wir spaterhin erzahlen.
Freilich fehlte viel, dass Hermann der Zusammenhang der Dinge so unschuldig erschienen ware. Die zartlichen Blicke des Madchens, die Verleumdungen des Wirts, seine eignen ubereilten Ausserungen gegen die Herzogin hatten gewissermassen den Verfuhrungsroman zusammengebaut, in welchem er selbst mit den Goldstucken der erlauchten Geberin als Held und Ritter der Unschuld glanzte. Sein Abscheu gegen die Schauspieler vollendete in ihm die Uberzeugung von der Ruchlosigkeit des Pflegevaters.
Dreizehntes Kapitel
Freilich konnte er nicht zum besten auf diesen Stand zu sprechen sein. Er hatte, wie viele junge Leute heutzutage, ein Stuck geschrieben; wenn wir nicht irren, war es eine Tragodie. Nach dem Urteile derer, die es gelesen haben, fehlte es demselben keinesweges an Geist. Wenn es als Dilettantenarbeit auch vielleicht ohne eigentliche Wirkung vorubergegangen ware, so hatte das Theater dem Verfasser dennoch wohl den Gefallen tun konnen, es unter die Fracht aufzunehmen, womit unser Buhnenschiff von Tag zu Tage segelt. Er erfuhr aber die Tucke jener Sphare, sobald er sich mit ihr einliess. Enthusiastische Versichrungen, brennender Eifer fur seine Dichtung, Lauwerden, kritische Zweifel, ganzliches Erkalten, treuloses Zuruckziehn, Widerruf des gegebnen Worts unter ersonnenen Vorwanden: alle diese Dinge musste er in kurzer Frist erleben, wodurch er in die ubelste Stimmung versetzt wurde. Seine jungen Leidensgefahrten halten sich nun bekanntlich nach solchen Wechselfallen dadurch schadlos, dass sie das Dasein der deutschen Buhne uberhaupt leugnen, und neuen Erscheinungen, welche sich die Gunst der Meinung gewinnen, aus allen Kraften rezensierend entgegentreten. Bei Hermann nahmen aber alle Erfahrungen mehr eine moralische Wendung. Er hatte eine so reine Begeisterung bei seinem Werke gefuhlt, dieser war so schmahlich vergolten worden! Sein Hass, seine Verachtung wandte sich nicht bloss gegen das Institut, sondern er begann auch die Personlichkeit der Schauspieler gering zu schatzen. Es gab nichts, dessen er sie nicht fahig gehalten hatte, und jede Anschuldigung war er geneigt zu glauben, sofern sie einen aus dieser von ihm verworfnen Kaste betraf.
So vorgestimmt und verstimmt ging er zu dem armen Komodianten. Dass ein schlechter Plan schwer zu beweisen sei, dass die Obrigkeit den Kuppler vertreten werde, wenn man nicht
eine entschiedne Niedertrachtigkeit darzutun vermoge, diese Betrachtungen zogen ihm durch den Kopf; er sah ein, dass er in einem so verwickelten Falle mit seiner ganzen so fruh erworbnen Klugheit werde handeln mussen. Da ihm nun ein andres Mittel schlechterdings nicht einfallen wollte, so geriet er auf den wunderbarsten Gedanken. Er beschloss namlich, sich anzustellen, als habe er selbst die Absichten auf das Madchen, welche er bei dem alten Spiessgesellen des Pflegevaters voraussetzte, letzteren dadurch in eine Falle zu locken, und wenn er hineinging, wenn er durch unvorsichtige Ausserungen sich blossstellte, dann im Namen der Tugend mit ihm zu machen, was er wollte.
Der Komodiant hatte die Sorge um sein entlaufnes Unkraut grade etwas beiseite gesetzt, und an das Deklamatorium gedacht, welches endlich doch zustande kommen sollte. In diesem wollte er unter anderem Lear auf der Heide produzieren, und zwar, die Wirkung zu verstarken, im Kostume. Er erwartete den Johanniter als Zuhorer zu einer Probe, und ging, fur sich rezitierend, die Stube auf und ab. Sein Neglige war das tiefste; er befand sich namlich noch im Hemde, hatte aber, um das Mantelspiel einzuuben, die Enveloppe seiner seligen Frau umgeworfen.
Grade bei den Worten an die Elemente:
Hier steh' ich, euer Knecht,
Ein armer, schwacher, tief gekrankter Greis!
trat Hermann, dessen Klopfen nicht vernommen worden war, in das Zimmer. Der Anblick eines barfussigen Menschen mit der Nachtmutze auf dem Kopfe, dem die alte kurze Weiberenveloppe kaum die Halfte der durren Schenkel bedeckte, brachte unsern Helden einigermassen aus der Fassung; doch nahm er sich zusammen, und stellte sich dem gemisshandelten Konige als einen Kunstfreund dar, der ihm seinen Besuch machen wollte. Er gab sich in der Schnelligkeit den Charakter als Baron, um fur sein Kavaliermarchen Grund und Boden zu gewinnen.
Konig Lear, sehr erfreut uber den Besuch eines Mannes, welcher, nach rasch angestellter Schatzung zu schliessen, ihm mehr als ein Billet abnehmen wurde, notigte den Fremden mit ausserster Hoflichkeit, ohne Besturzung uber seine Blosse, zum Sitzen, und verstrickte ihn sofort in ein Kunstgesprach, welches freilich nicht geeignet war, nach dem Punkte hinzufuhren, den Hermann im Auge hatte.
Konnte dessen Uberzeugung, dessen Widerwille gegen den Pflegevater noch gesteigert werden, so geschah es nun. Hermann gehorte zu denen, welche durch eine Physiognomie, durch den Klang einer Stimme bis in ihr Innerstes zu verwunden sind. Der Komodiant hatte jenen weichen burgerlichen Biedermannston, mit welchem sie auf den suddeutschen Buhnen Helden und Vater spielen, in das tagliche Leben hinubergenommen, sein Gesicht war welk und aufgedunsen von Wein, Schminke und theatralischen Ruhrungen. Hermann ekelte der widerwartige Ton an, ihn erhitzte der Anblick des alten schlaffen vermeintlichen Lasters, welches wie der deutsche Hausvater sprach, immer heftiger; er unterbrach den salbadernden Komodianten plotzlich, und sagte: "Nun etwas andres, weshalb ich eigentlich gekommen bin." Er wiederholte mit einem gewissen Akzent, dass er Baron sei, einige Guter in Bohmen und eine Herrschaft in Schwaben besitze. Seine Wangen gluhten vor Scham und Verdruss. Der gute und anstandige Mensch mag sich nicht einmal zur Erdichtung einer Schlechtigkeit hergeben.
Es entstand also eine tiefe Pause. Konig Lear sah den jungen reichen Baron mit grosser Ehrfurcht an, und zerbrach sich den Kopf, was bei diesem Gesprache herauskommen werde. Seinerseits fuhlte Hermann, dass er nunmehr durchaus ohne Weg und Steg sei. Unfahig, den angelegten Wustlingscharakter rein und frech zu halten, verlegte er sich auf Andeutungen. Er stammelte und stotterte allerlei daher; dass er den andern mit Flammchen da und dort gesehn habe, dass es Eindrucke gebe, rasch und augenblicklich und doch tief und entscheidend, dass die Liebe ein Wunder sei, und als Wunder behandelt werden musse, uber kleinliche Formen erhaben, dass die Sehnsucht eines fuhlenden Herzens nach Vereinigung lechze, und was dergleichen mehr war.
Der Pflegevater begleitete diese verworrnen Reden, solange sie bloss von Flammchen handelten, mit Ausrufungen, deren Muster in den Stucken zu finden war, worin eine Tochter dem Vater weglauft. Als er aber von dem Eindrucke horte, von der Liebe und von der Sehnsucht, als er das erhitzte Gesicht, die feurig umherirrenden Augen des Junglings erwog, da kam ihm eine andre Gedankenreihe und zwar eine sehr freudige. Was konnte der junge Mann Schlechteres sein, als ein verliebter Edelmann, der einen dummen Streich machen, und ein schones Findelkind heiraten wollte? Es war ein Fall, der ganz in seine Praxis gehorte. Zu Hunderten hatte er abends zwischen neun und zehn Uhr hinter den Lampen die Missbundnisse eingesegnet. Seine Seele frohlockte; endlich erschien der Tag, an welchem er Flammchen grundlich loswerden sollte, und was ging ihm nicht alles noch daneben auf! Er uberlegte in der Geschwindigkeit, ob er seine alten Tage auf den bohmischen Gutern, oder in der schwabischen Herrschaft zubringen solle, und entschied sich fur Bohmen, wegen des Karlsbades. Die Augen trocknend, welche immer weinten, sobald er wollte, schnupfte er stark, und wiegte vergnugt das Haupt hin und her, wahrend Hermann seine Bruchstucke vortrug. Als dieser ausgestottert hatte, stand jener auf, streckte die Hand in Hemdarmeln aus der Enveloppe, nahm unsern Freund bei der Rechten, und sagte, Kriegsrat Dallner in Stellung, Blick und Gebarde: "Lieber Baron, die Papiere uber Ihre Angaben! Sind die Papiere in Ordnung, hegen Sie wirklich die Absichten, welche Sie hegen, so sage ich, es sei! Nimm sie hin!"
"Und wie machen wir es mit Ihrem alten Freunde?"
"Nun mein Gott, von dem kann ja gar nicht mehr die Rede sein. Wenn ein Mann, wie Sie, mit solchen Antragen auftritt ..."
"Ha, Schandlicher!" rief Hermann, sich vergessend, packte den Komodianten bei der Brust und schuttelte ihn aus allen Kraften. "Schandlicher Kuppler, habe ich dich endlich?"
"Donner und Doria, zu Hulfe!" achzte der entsetzte Alte.
Der Johanniterritter trat ein. "Was gibt es hier?" fragte er erstaunt. Hermann liess den vermeintlichen Lastervater los. "Mord! Mord, und Mortimer!" rief der Komodiant. "Dieser Mortimer drang zum Heiligtume meines Herdes, begehrte Flammchen zum Weibe, ich willige ein, da spinnt er meinen Tod, der Entsetzliche!"
"Grauer Lugner!" rief Hermann. "Ich hatte Flammchen zum Weibe begehrt?" "Nun, was wolltest du sonst, Ungeheuer der Nacht?" fragte der Pflegevater. "Hier muss ich Licht anstecken", rief der Johanniter, und trat dicht vor Hermann. "Wenn dem so ist, wie mein Freund hier sagt, so haben Sie sich, auf Ehre, sehr sonderbar betragen, mein Herr, und ich bitte mir von Ihnen eine Erklarung aus, und zwar eine bestimmte."
"Sie wollen von mir eine Erklarung, und in dem Tone?" rief Hermann mit funkelnden Augen. "Wohlan, hier ist sie. Sie sollen Ihr Vorhaben mit dem unschuldigen Kinde nicht ausfuhren, solange ich einen Arm ruhren kann! Pfui, mein Herr! Sie betragen sich Ihrer Jahre wenig wurdig. Das Kreuz auf Ihrem Rocke ist ubel daran."
Der alte ehrenzarte Johanniter, der sich ohne irgendeinen Grund so empfindlich beleidigen horte, geriet in einen schrecklichen Zorn, der sich durch ein dumpfes Lachen ankundigte. Er knopfte seinen Rock zu, grub mit den Fingern in der schwarzen Halsbinde, zerrte am Schnurrbart, sein gelbes Gesicht wurde dunkelbraun. In der Ecke hatte der Komodiant das Schwert des Otto von Wittelsbach stehn, auf dieses warf der Gekrankte einen Blick, welcher das Schlimmste furchten liess. Der Komodiant, der seinen Freund kannte, und nichts inniger hasste, als wirkliches Blutvergiessen, war mit einem Satze in der Ecke, packte die Waffe, und sprang damit in die Kammer, welche er hinter sich verriegelte. Der Johanniter sagte, muhsam unter der Wucht seines Grimms atmend: "Es sind nur zwei Falle moglich. Entweder, Sie sind ein hergelaufner Landstreicher ohne Namen und Stand, dann werde ich Ihnen angedeihen lassen, was Ihnen gebuhrt, oder Sie sind imstande, mir Genugtuung zu geben, dann wissen Sie, was ich fur Ihre Worte von Ihnen zu fordern habe."
"Ich weiss", versetzte Hermann. "Man darf sich das Ausserste erlauben, und dann doch sehr entrustet sein, wenn der andre die Sache bei ihrem Namen nennt. Die Sitten und Gebrauche der Welt sind uber mir. Ich war Offizier; verlangen Sie, mein Patent zu sehn?"
Der Johanniter verneinte kalt und hoflich, und das war gut, denn jenes Dokument wanderte ja auch in der eingebussten Brieftasche mit dem Philhellenen gen Hellas.
Man bestimmte Ort und Stunde, der Johanniter versprach auch, da im Stadtchen keine Waffen zu bekommen waren, aus seinem Vorrate fur diese zu sorgen.
Sie schieden voneinander in den Formen hergebrachter Artigkeit. Der Komodiant kam aus seinem Verstecke hervor, noch immer im Hemde, und sagte zum Freunde: "Ich verstehe mich auf den Wahnsinn aus so manchen Sachen her, aber diese Art der Tollheit ist mir fremd, dass der Liebhaber den Vater bei der Gurgel packt, wenn man eben die Einwilligung erteilt."
"Das geht mich alles nichts an, und ist mir ganz einerlei", versetzte der alte Ritter. "Ich habe mit Ehren gelebt und gedient, und auf meine Ehre, er soll einen Aderlass bekommen, dass es ihm nie wieder einfallen wird, einen Mann, wie ich bin, zu beleidigen."
Vierzehntes Kapitel
Mit der unbehaglichsten Empfindung kehrte Hermann nach dem Wirtshause zuruck. Dort erfuhr er, dass die furstlichen Personen fruhmorgens abgefahren seien, und wohl nicht wiederkommen, sondern vom Falkensteine den naheren Weg, eine Stunde von der Stadt, nach ihrem Schlosse einschlagen wurden. Auf ein hastiges Erkundigen, ob nicht nach ihm gefragt worden sei? wurde verneinend geantwortet. Jener schlotternde Hausknecht, der grade, um eine hausliche Verrichtung abzumachen, hinzugetreten war, und die Anfrage Hermanns vernommen hatte, sagte gahnend, es sei allerdings nach dem Herrn gefragt worden, aber von einem kauderwelschen Jungen, welcher bei ihm hinten im Stalle gewesen sei, und gemeint habe, der Herr nehme ihn in Dienst. Die Beschreibung des Anzugs passte auf Flammchen. Sie hatte hinterlassen, dass sie vor Abend wieder nachfragen werde. Hermann gab den Befehl, sie, sobald sie sich zeige, in eine abgelegne Kammer zu bringen.
Er musste nun erwarten, wie die Sache sich weiter entwickeln wurde. "Nicht einmal nach mir fragen zu lassen, und sie sehn mich doch vielleicht nicht wieder!" rief er. "So sind die Vornehmen!" Er zog wehmutig die Rolle hervor, welche ihm die Herzogin gegeben hatte, tat die Goldstucke aus dem feinen, roten, wohlriechenden Papiere, welches sie umschloss, wickelte den Schnitzel sorgfaltig ein, und steckte die kleine Reliquie in ein Medaillon mit dem Bilde seiner verstorbnen Mutter, welches den Platz uber dem Herzen des Sohns nie verliess.
Die Stunden sind launenhafte Dirnen. Sie fuhren bald einen Schwamm, bald einen Pinsel mit Farbe gefullt, in der Hand. Mit jenem wischen sie so lange uber unsre Freuden hinweg, bis diese erbleicht oder ganz verschwunden sind, mit dem Pinsel malen sie das Bild unsrer Leiden immer deutlicher und scharfer aus. Hermanns Stimmung wurde truber und truber, je langer er in der Gaststube sass. Der Wirt wollte ihm nun durchaus ein gutes Zimmer geben, er verbat es, er hatte zwischen den einsamen vier Wanden nicht ausdauern konnen. So blieb er denn an dem allgemeinen Versammlungsorte der Gaste, und sah dem Getreibe um sich her zu. Dieses Kommen und Gehen, dieses Fragen, Bestellen und Abbestellen, dieses Durcheinander von gleichgultigen Fragen und schlafrigen Antworten, wie man es in einer solchen Stube bemerkt, war ihm recht das Bild unsres unter tausend Widerspruchen sich abhaspelnden Lebens, und er rief: "Am Ende kommt bei der Sache auch nichts weiter heraus, als dass man dem Wirte die Zeche bezahlt, dafur, dass er uns schlechtes Quartier, versalzne Speisen, und ein hartes Folterlager gegeben hat!"
Langeweile und Ungeduld fuhrten ihn auf die Strasse. Aus dem Fenster, aus welchem gestern die holde Furstin geschaut hatte, sah heute ein neuer Gast, ein graues Mannchen mit einem weissen Hute auf dem Kopfe. Das Zimmer dunkte ihn entheiligt, er wendete seinen Blick ab.
Der Graue rief den Wirt, welcher in der Tur stand, an, und fragte: "Wird der Bote nicht bald kommen?" "Ich sehe mir die Augen nach ihm aus, Herr Kommerzienrat", versetzte der Wirt. "Das faule Zeug! ehe das im Gang ist, kann man gestorben und wieder auferstanden sein."
Er wollte den Wirt nach dem Namen des Fremden fragen, als der trotzige Knabe, den er im Forsterhause kennengelernt hatte, sichtbar wurde. Der Knabe kam eiligst die Strasse herab; er lief mehr, als er ging. Ohne von Hermann Notiz zu nehmen, wandte er sich an den Wirt, und erkundigte sich, ob er wohl auf der Stelle zwei Zimmer fur seine kranke Mutter und seine Schwester haben konne? Ehe der Wirt Bescheid erteilte, rief der graue Mann aus dem Fenster: "Ferdinand!" Der Knabe sah empor, die Freude loderte uber sein Gesicht, mit dem Rufe:
"Vater! Vater!" sturzte er in das Haus, die Treppe hinauf.
Der Wirt sagte: "Das ist der Kommerzienrat aus *tal, der sein Geld mit Scheffeln misst, und der junge Herr ist der Herr Sohn. Wie wird sich der Herr Vater freun!"
Welche neue Uberraschung fur Hermann! Der Graue war sein Oheim. Unwissend hatte er seiner Familie die Nacht uber beigestanden, die liebliche Cornelie war sein Muhmchen! Er ging in das Haus, Vater und Sohn standen schon unten in der Stube. "Lass anspannen, Ferdinand", sagte der Oheim, "und gib dem Wirte das fur den Boten, den ich nun nicht mehr notig habe."
Hermann sah den Oheim mit Verwundrung an. Diese kleine, kummerliche Figur mit den viereckigen Knieschnallen, den fahlen Strumpfen, und den schweren Schuhen war also der Millionar, vor dem sich schon Fursten tief gebuckt hatten! Weisses Haar lag um das Antlitz, welches grau war, wie der Anzug, und nur ein Paar helle, kluge Augen verrieten einen nicht gewohnlichen Geist. Er machte dem Oheim eine Verbeugung, und nannte nach einigen einleitenden Redensarten seinen Namen. Der Oheim stutzte nur leicht, nahm seine Brille, betrachtete den Verwandten durch die Glaser, wie eine zu prufende Ware, und sagte: "Sieh da! Du bist also der Neffe. Nun, nun, du siehst ja recht ordentlich aus. Wir haben dich langst erwartet; nach deinem Briefe konntest du schon vor acht Tagen bei uns sein. Wie geratst du denn hieher? das ist ja ganz aus dem Wege."
"Wenn ich vom Wege abgekommen bin, so habe ich mich wenigstens zur Erfullung einer Pflicht verirrt. Ich war diese Nacht hindurch bei Ihren Kindern; soviel ich uber die Sache urteilen kann, hat es mit der Tante keine Gefahr."
"Das glaube ich auch", sagte der Oheim. "Sie wird sich erkaltet haben. Nach einer Badekur ist man immer sehr reizbar. Kinder wissen sich denn nicht zu helfen, am wenigsten auf Reisen."
Hermann erfuhr nun, dass die Tante Wiesbaden gebraucht, dass der Oheim den Tag ihrer Ruckkunft berechnet habe, und ihr heimlich entgegengereist sei. "Ich mag sonst die Uberraschungen nicht, und mein Plan war mir unterwegs schon leid geworden, nun ist es mir aber doch lieb, dass ich ihn ausgefuhrt habe", sagte er. "Wie hast du sie denn getroffen und erkannt?"
"Ich habe sie nicht gekannt."
"Und ihnen doch geholfen? Nun, nun, das ist ja recht hubsch, du scheinst ja einen recht guten Charakter zu haben."
"Ich wurde, wenn etwas Gutes an meiner Handlungsweise war, sogleich dafur belohnt", versetzte Hermann. "Ich muss Ihnen nur gestehn, lieber Onkel, dass ich mich in Cornelien verliebt habe. Mein Muhmchen wird ihren Mann einmal glucklich machen, sie ist schon jetzt ein vollkommnes Hausmutterchen."
Dem Oheim schien dieser Scherz wenig zu gefallen. "Sie ist nicht dein Muhmchen", sagte er, "sondern die Tochter meines verstorbnen Buchhalters; wir erziehn sie nur."
Ferdinand kam. "Das ist dein Vetter", sagte der Oheim. "So?" versetzte der Knabe gedehnten Tones, und hielt Hermann, der ihn kussen wollte, gleichgultig nur die Wange hin.
"Wie geht es draussen?" fragte Hermann. "Warum wolltest du hier Zimmer haben, lieber Ferdinand?"
"Weil der Forster uns sagte, wir sollten uns aus seinem Hause machen, wir konnten zu dem Herrn gehn, der sich unsrer so sehr angenommen, und ihn so schnode behandelt habe."
Hermann sah besturzt vor sich nieder. "Bester Onkel", rief er, "es emporte mich, dass der Gefuhllose die armen Kinder und die Kranke verlassen hatte, und ich musste ihm sagen, was mir mein Herz eingab!"
Der Oheim schuttelte den Kopf, und versetzte: "Neffe, ich kann dir nicht beistimmen. Die Leute tun jetzt kaum fur Geld etwas, leistet einer ausnahmsweise einmal etwas umsonst, so muss man zufrieden sein, und ja nichts mehreres von ihm verlangen. Der Transport hatte meiner Frau doch sehr schaden konnen. Es ist recht gut, dass ich noch zur rechten Zeit gekommen bin; der Forster wird sich, wie ich denke, wohl wieder bedeuten lassen."
Funfzehntes Kapitel
Die Chaise fuhr vor. "Willst du mit?" fragte der Oheim. Hermann entschuldigte sich mit einem Geschafte, welches ihn am Orte zuruckhalte. "Das ist ein andres", versetzte jener. "Geschafte sind immer die Hauptsache. Auf guten Erfolg! Wir sprechen uns ja noch, dann kannst du mir sagen, wann du kommen willst. Ich verlange nach deinem Besuche, ich muss wegen der Gelder, die ich fur dich verwalte, mit dir abrechnen, auch habe ich geheime Sachen von deinem seligen Vater an dich abzuliefern, da du nun das Alter erreicht hast, in dem du sie nach seiner Disposition bekommen solltest. Mein Bruder war ein Mystiker; man muss den Toten ihren Willen tun."
Die Chaise rollte davon. Noch immer wollte die Stunde des Duells nicht schlagen. Das unbeschaftigte Warten auf etwas, was, man mag es nehmen wie man will, doch unangenehm bleibt, bringt eine Pein ganz eigner Art hervor. Die Vergangenheit verschwindet, die Zukunft ist bedeckt, und nur das widrige Gefuhl einer faden Gegenwart schneidet sich mit stumpfer Gewalt in die Seele ein.
Diese nagende Empfindung zehrte an Hermanns Gemut. Obgleich fest entschlossen, Blut und Leben fur die Rettung eines unglucklichen Wesens einzusetzen, musste er sich bekennen, dass der Schmelz von dem Abenteuer abgestreift sei, seitdem er nicht mehr hoffen durfte, den Lohn seiner Anstrengungen in einem gutigen Lacheln der Furstin sich zu gewinnen. Die Kinder hatten ihren Vater, die Kranke war unter Obhut, er kam sich in allen Beziehungen, die ihn seit gestern umsponnen hatten, so uberflussig vor. Ja, er begann zu zweifeln, dass er irgendwo notig gewesen sei. Die Gestalt seines umherirrenden Mundels verfluchtigte sich zu einem luftigen Marchenbilde. "Vielleicht", rief er unmutig aus, "hatte ich hier an nichts, als an meine verlorne Brieftasche zu denken!"
Endlich war die Zeit hingegangen, und Hermann stand am bezeichneten Orte. Ein finstrer Tannenkamp umgab einen geraumigen Platz. Durch die schwarzen Kronen der alten Stamme sah ein bedeckter Himmel, ein grauer, melancholischer Tag. Hermann war fruher da, als sein Gegner; er vertraute sich, als dem besten akademischen Fechter seiner Zeit, und war entschlossen, den Feind zu schonen.
Der Johanniter kam in einem kleinen Cabriolet angefahren. Man begrusste einander. Hermanns Gegner liess ihn unter den beiden mitgebrachten Degen wahlen. Die Sache gewann wegen des Mangels an Sekundanten ein sehr unformliches Ansehn, und ein gefahrliches, da niemand des Arztes gedacht hatte. Man vereinigte sich, dass jeder das Recht haben solle, die Dauer des Ganges zu bestimmen, und dass ein Haltrufen nicht fur unehrenvoll gelten durfe.
Die Streiter warfen die Rocke ab, der Hals wurde von der Binde entfesselt, Hermann legte sich aus, der Johanniter hieb aus. Schon nach den ersten Gangen merkte Hermann, dass er den Gedanken an Schonung aufgeben musse. Er focht regelrecht auf den Hieb, wie der Universitatsbrauch ist, der Widerpart verfuhr dagegen nach dem komplizierten franzosischen Systeme von Hieb und Stoss, und machte ihm mit Finten und blitzschnellem Nachschlagen viel zu schaffen. Er hielt sich zwar brav, wie immer, war aber doch zerstreuter als sonst, unruhig von den durchwachten Nachten, und vom Getreibe der vergangnen beiden Tage.
Indessen ware dieser Handel, wie so mancher, durch die Ermudung der Kampfer wohl zum unblutigen Ziele gediehen, wenn nicht Hermann plotzlich wahrend einer Pause in der Ferne zwischen den Baumen eine Figur sich hatte bewegen sehn, die er fur Flammchen halten musste. Seine Verwirrung nahm zu, er wollte den Kampf um jeden Preis zu Ende bringen, und suchte durch Heftigkeit den Mangel an Sicherheit zu ersetzen. Er drang gewaltsam vor, gab dabei eine Blosse, diese benutzte der Gegner, rasch einspringend, und die Terz hauend. Der Stahl zischte durch die Luft und fuhr in die rechte Seite.
Die Degen sanken, das Blut tropfelte aus der aufgeschlitzten Seite, quoll dann immer reichlicher hervor, floss und floss unaufhaltsam. Der Johanniter schlug sich wie ein Rasender vor den Kopf, und verwunschte den Streich, der ihn um seinen Posten bringen konne.
Hermann war erschopft zu Boden gesunken, und sagte mit matter Stimme: "Beruhigen Sie sich, eilen Sie nach der Stadt, holen Sie einen Arzt, und sagen Sie uberall, Sie hatten hier einen Verwundeten liegen sehn. Ich bestatige jedes Ihrer Worte, und will versichern, dass mich ein Rauber angefallen habe."
Unterdessen war Flammchen weinend und jammernd herbeigekommen. Sie fuhr mit entsetzlicher Gebarde auf den Johanniter zu. "Du hast ihn erstochen, meinen Gemahl, den Prinzen, er stirbt! Ich werde nie eine Prinzessin werden!" rief sie. "Aber dafur sollst du verdorren! Ich weiss, wo die Hexenmeister wohnen, die einem den Schatten nehmen und das Spiegelbild rauben, und das Galgenmannlein verkaufen."
"Bist du verruckt!" fuhr sie der Johanniter an. "Komm mit! Welch ein Aufzug!"
"Bleib mir vom Leibe!" rief die junge Furie. "Ich sage sonst, was du begangen hast, und sie sollen dir den Kopf abschlagen."
Hermann richtete sich halben Leibes empor. "Bringt Sie mein Blut nicht zur Besinnung?" fragte er. "Ich beschwore Sie, achten Sie die Tugend dieses Madchens!"
Der Johanniter sah ihn starr an. "Ich alter Tor!" brach er endlich aus, "uber meine verdammte Hitze! Sich beleidigt zu halten von einem Menschen, der seine funf Sinne nicht beisammen hat!" Er warf den Degen weit von sich in das Gebusch, und jagte mit seinem Wagelchen im Galopp davon.
Flammchen warf sich zu dem Verwundeten an den Boden, stopfte Moos in die verletzte Seite, rief ihm die sussesten Namen zu, und dazwischen dem Johanniter grassliche Verwunschungen nach. Hermann horte und sah nichts mehr. Eine tiefe Ohnmacht hatte ihn uberschattet. Sein Gesicht war totenbleich. Das Moos hemmte die Blutung nicht. So lag er unter den dustern Tannen, als ein Opfer seines guten Willens.
Zweites Buch
Das Schloss des Standesherrn
Wo keine Gotter sind,
walten Gespenster.
Erstes Kapitel
Im Park, dem Schlosse gegenuber, sass die Gesellschaft, und erfreute sich des klaren Herbstabends. "Wie geht es unsrem Kranken?" fragte der Herzog einen Mann von zuversichtlichem Aussern.
"Nach Wunsch", erwiderte der Arzt. "Das Fieber ist zwar noch vorhanden, doch schon im Abnehmen. Die Krisis ist uberstanden. Wenn ich bedenke, dass zu den Folgen der schweren Verwundung sich noch die starke nervose Affektion gesellt hatte, so muss ich uber die Kraft dieser Natur erstaunen, welche so vereinigten Angriffen zu widerstehn imstande war."
"Hat man den Tater noch immer nicht entdeckt?" fragte die Herzogin.
"Der Verwundete konnte bis jetzt keine Auskunft geben. Jener Mann, der ihn gefunden und die Nachricht in das Stadtchen gebracht hat, wusste auch nichts Naheres zu sagen."
"Und der Knabe, sein kleiner Diener?" Der Arzt sah mit einem eignen Blicke vor sich nieder. "Er erzahlt Sachen, gnadigste Herzogin, die zu abenteuerlich sind, als dass ich sie hier wiederholen mochte. Ich wahrloset oder verbildet."
Das Gesprach wandte sich auf die sonderbare Fugung der Umstande, welche unsrem Freunde die Hulfe gebracht hatte. Der Weg, welchen die Herrschaften bei der Ruckkehr von dem alten Schlosse Falkenstein einschlugen, fuhrte in geringer Entfernung an dem Tannengeholze durch, in dem Hermann seine Wunde erhielt. Er mochte eine Stunde in seinem Blute gelegen haben, ohne dass ein Chirurgus sich blicken liess. Flammchen sass ausgeweint, still, verzweifelt bei dem Ohnmachtigen. Da horte sie von fern den dumpfen Ton der uber Kies und Grand fortarbeitenden Kutsche. Sie sturzte durch die Tannen, fiel am Wagenschlage auf die Kniee und flehte um Erbarmen fur den Halbtoten. Welcher Schreck fur die Herrschaften, als sie den jungen Mann, der ihnen in mancher Beziehung interessant geworden war, in solchem Zustande wiedersahn! Man half sich mit ihm, wie man konnte, und brachte ihn, notdurftig verbunden, langsamen Fahrens nach dem Schlosse.
Aber welches Ungluck, wenn sie spater gekommen waren! Wenn die Abendkalte, der Tau den Verwundeten auf dem kuhlen Boden getroffen hatten! Wenn der andre Weg, wie der Kutscher anfangs gewollt, eingeschlagen worden ware! Alle diese Falle wurden besprochen, in deren Aufzahlung besonders die Herzogin die grosste Lebhaftigkeit zeigte.
Ein junger blasser Mann, den Tonsur und schwarze Kleidung als den Hausgeistlichen bezeichneten, hatte sich bisher wenig geaussert. Nun aber, als das Reich der Moglichkeiten solchergestalt durchgemustert wurde, nahm er das Wort, und erklarte mit schwarmerischem Feuer, dass es fur den Glaubigen kein Ungefahr gebe, dass Gottes Finger in allem sichtbar sei, und dass auch der Fremde nicht ohne den Ratschluss des Himmels sich in diesem Schlosse befinde.
Der Arzt warf hierauf schalkhaft die Frage hin, welcher Religion der Fremde wohl sein moge?
"Er ist aus einer protestantischen Familie", versetzte Wilhelmi sarkastisch. "Indessen wer kennt den Ratschluss des Himmels mit ihm?"
Der Geistliche war still geworden. Der Herzog erklarte, der Ratschluss des Himmels werde wenigstens auf keinen Fall sein, den jungen Mann innerhalb des Burgfriedens zu einem andern Glauben zu bringen. Er halte als Grundherr auf seinem Gebiete an den Bestimmungen des Westfalischen Friedens fest, und keine Konfession solle da, wo er etwas zu sagen habe, sich gegen eine andre Zudringlichkeiten erlauben.
Der Geistliche stand auf, und beurlaubte sich, weil die Stunde seiner Ubungen gekommen sei. Nach seiner Entfernung entstand die Stille, durch welche ein gebildeter Kreis die Medisance schlechter Gesellschaften bei sich ersetzt, wenn jemand weggegangen ist, dessen Sinn nicht ganz zu den ubrigen passt. Endlich sagte die Herzogin: "Sich gegen die Ereignisse ungebardig stemmen, ist meistens so unnutz. Konnen wir dem armen, in der Dunkelheit forttappenden Menschen einen andern Rat geben, als: 'Gewohne dich, in jedem Vorfallen das Walten der himmlischen Machte voll Ergebung aufzusuchen'?"
"Aufzusuchen! Sehr schon!" versetzte Wilhelmi. "Aber um alles in der Welt nur nicht zu fruh, zu gedankenlos es zu finden. Jedwedes, auch das Herrlichste, kann zur Spielerei, zur Redensart werden. Wer wollte gegen das Schonste, gegen einen wahrhaft gottergebnen Sinn polemisieren? Aber zu rasch bei einem Unglucke mit der Unterwerfung unter die allmachtige Hand Gottes fertig zu sein, beweiset mir nur, dass das Ungluck dem Betroffnen ein so gar grosses nicht war. Nur mit abgefallnen Wangen, erloschnen Augen, und kummerbleichen Lippen spricht der Mensch jenes Wort wurdig aus. Auch die Heiligen haben ihr Haar zerrauft, und in der Asche getrauert! Es ist unsittlich und unfromm, immer sittlich und fromm sein zu wollen. Wenn Sie, meine Furstin, mir nach einem schweren Leid, wovor Sie Gott bewahren moge, sagen: 'Der Herr ist uber mir!' dann weine ich mit Ihnen, wenn ich Ihnen nicht helfen kann. Wenn aber die Mutter, der das Kind starb, spricht: 'Wie sollte ich klagen, da es bei Gott ist?' und acht Tage darauf in ihre gewohnlichen Gesellschaften geht; wenn der sogenannte Freund dem in weite Ferne, vielleicht fur immer, scheidenden Freunde nichts weiter nachzurufen weiss, als: 'Man soll sein Herz an nichts Irdisches hangen!' dann wende ich meine Schritte, und uberlasse die gemutlichen Schwatzer ihrer oden Selbstzufriedenheit. Aus dunkler Tiefe, aus tausend Quellen springt das Leben; man soll ja nicht glauben, die unendliche Flut in einem Fingerhute auffangen zu konnen!"
Er war sehr bewegt. Unter einer kalten, ja abstossenden Aussenseite verbarg sich bei ihm die hochste Zartheit, und eine bis zum Leidenschaftlichen gehende Wahrheit der Empfindung. Vielleicht bedurfte er jener Kruste, um nicht zwischen den Radern des Alltags zerrieben zu werden.
Der Herzog flusterte dem Arzte zu: "Bringen Sie etwas auf, was uns vor der Fortsetzung dieser Predigt schutzt." Worauf jener laut anhob: "Mein Metier verschafft mir nicht so tiefe Seelenanschauungen, wie unser Freund sie uns vorgetragen hat. Indessen sehe ich am Krankenbette doch auch manches Menschliche. Nur, dass ich nicht daruber weine, sondern lache. Ich habe in meinem Gedenkbuche eine Anekdote aufgezeichnet, an welche ich durch diese Gesprache erinnert wurde. Wenn fur die Teestunde keine bessere Unterhaltung bereit ist, so will ich meine Geschichte von den Fugungen des Himmels hiemit dazu anbieten."
Man verlangte sie zu horen. Die Herzogin erhob sich. Ein alter Bedienter kam, und sagte Wilhelmi etwas ins Ohr, seinen Zorn, wie es schien, schwer verbergend. Wilhelmi sah besturzt auf den Herzog und entfernte sich. Der Arzt ging, um noch einige Krankenbesuche zu machen.
Die Herrschaften wollten durch den Laubgang nach dem Schlosse zuruckkehren. Ein kleiner Junge trat aus dem Gebusch, schlug Rad, stellte sich auf den Kopf, und machte noch mehrere dergleichen Kunststucke, um sein Almosen zu verdienen. Die Herzogin verbot ihm die halsbrechenden Possen, reichte ihm Geld, und fragte: "Wie heisst dein Vater?" Als der Junge den Namen eines Bettlers genannt hatte, sah die Herzogin ihn scharf an, und sagte: "Ich mochte fur diese Unwahrheit dir das Geld wieder abnehmen. Du bist ein Kind des Waldmeiers, und hast nur aus Ubermut gebettelt." Der Junge wurde rot und schlich davon, er gehorte wirklich jenem Manne, der fur sich und die Seinigen genug zu leben hatte.
"Wie war dir moglich, die Abkunft des Knaben so bestimmt auszusprechen?" fragte ihr Gemahl.
"Du kennst meine ungluckliche Gabe, Familienzuge zu erkennen", versetzte sie. "Ich habe fruher geglaubt, es sei Tauschung, aber unzahlige Erfahrungen haben mich endlich uberzeugt, dass mir die Genealogie auch da erscheint, wo sie andren Menschen nicht sichtbar wird. Es ist kein gutes Geschenk der Natur. Leider", fuhr sie schamhaft fort, "sehe ich so manchen geheimen Fehler, wo die Welt nur Pflicht und Tugend erblickt. Ach, es ist nicht alles eines Bluts, was einen Namen tragt. Lass mich dir nun auch ein Gestandnis tun. Als ich unsrem Kranken zum erstenmal ins Gesicht sah, erschreckte mich die grosste Ahnlichkeit mit Johannen. Ich war besturzt! Ich mochte so gern mit dir nun ein ruhiges, geordnetes Leben fuhren; wir haben schon so viel Verdruss von jener, ich ahnete neue Storungen, die nie ausbleiben, wenn man sich mit Menschen verworrnen Schicksals einlasst, deshalb bat ich dich, uns den Jungling fernzuhalten."
Ihr Gemahl stand einige Minuten nachdenklich. "Du irrtest dich gewiss. Mein Vater war ja leider so offen gegen mich uber seine Fehltritte. Er hatte mir diesen auch gestanden. Und uberdies ... es ist nicht moglich!"
"Nein", sagte sie, "und wir wollen nicht mehr daran denken. Ein unerwartetes Ereignis hat ihn uns, wenn nicht wider, doch ohne unsern Willen gebracht. Ob darin etwas Besondres zu finden ist, weiss ich nicht, aber ich fuhle, dass wir ihn pflegen, und fur ihn sorgen mussen, wenn er es verdient. Das Los eines Menschen gilt mehr als Ahnungen und Traume."
Sie sprach das einfach, sanft, wie sie pflegte. Ihr Gemahl sah umher; es war niemand in der Nahe. Er umfasste sie, und schloss sie mit der zartlichsten Liebe in seine Arme. "Bleibe die Genossin meiner Entwurfe, die Freundin meiner innersten Gedanken! "sagte er geruhrt. Sie ruhte begluckt am Herzen des Manns, der ihres Lebens Stolz und Freude war.
Sie standen unter der Gruppe des Amor und der Psyche, und die reinen Sterne sahen auf diese Umarmung nieder.
Zweites Kapitel
Der Arzt zog am runden Tische sein Buchelchen hervor, und las:
Der Lieutenant und das Fraulein
Anekdote aus meiner Praxis
Als ich in der Hauptstadt meinen Kursus machte, lernte ich einen Offizier von der Garnison kennen, der mir wegen seines gesetzten Wesens sehr zusagte, und von allen seinen Kamaraden als ein ruhiger Charakter bezeichnet wurde.
Dieser ruhige Charakter war schon seit einigen Jahren mit einem Frauenzimmer von desto unruhigerer Gemutsart verlobt. Fraulein Ida hatte alles Feuer zugeteilt bekommen, welches die Natur bei der Erschaffung des Lieutenants Fabian erspart hatte. Lebendig, galt sie bei ihren Tanzern fur geistreich, und konnte allerliebst sein, wenn ihre Partien auf vierzehn Tage hinaus versichert waren. Anfangs spielte sich das Verhaltnis uberaus artig fort, er wurde von ihrer Beweglichkeit in Bewegung gesetzt, sie gewann durch seinen Ernst mehr Haltung, woran es ihr fruherhin zu ihrem Nachteile bisweilen gebrochen hatte. Das Unpassende, was das Publikum sonst wohl in Lieutenantsverlobungen findet, fiel hier weg, da die Braut ein artiges Vermogen besass, und nur der Eigensinn der Mutter die Heirat bis zu dem Zeitpunkte verschob, wo der Schwiegersohn einen hoheren Rang, und die Kompanie erlangt haben wurde.
Indessen musste der Monarch wohl noch eine grosse Anzahl verdienstvollerer oder alterer Lieutenants besitzen. Das Patent blieb langer aus, als man gedacht hatte, und da die Mutter ihre Tochter durchaus nicht ohne einen klingenden Titel von ihrem Herzen weggeben wollte, so dehnten sich die Tage der Hoffnung zu Jahren der Erwartung aus. Ein zu langwieriger Brautstand hat aber die bedeutendsten Unannehmlichkeiten. Die Liebe ist fur Stunden, die Ruhe fur das Leben; wer kann aber der Ruhe geniessen, solange die Fruchte noch auf dem Halme stehn? Das Gefuhl gleicht nach so gedehntem Harren einem schonen Weine, den man im offnen Glase hat fade und abschmeckend werden lassen.
Grade kurz vor der Zeit, wo dieser bedenkliche Mangel an Geschmack im Verhaltnisse der Liebenden eintrat, lernte ich den Lieutenant kennen, und ward durch ihn im Hause seiner zukunftigen Schwiegermutter eingefuhrt. Ich sah noch die letzten Sommertage der Zartlichkeit, bald aber nahm ich eine gewisse Kalte zwischen den Brautleuten wahr, die nur mit einem unangenehmfeurigen Wesen abwechselte. Sie liess sich wohl, wenn er dicht bei ihr stand, durch einen andern den Mantel holen, und betonte den Befehl; er rannte mitunter in der zierlichsten Gesellschaft nach heimlich-raschem Zwiegesprach in die Ecke, wo sein Hut und Degen sich befand, und nur meine Zuredungen konnten ihn alsdann bewegen, Aufsehn zu vermeiden und zu bleiben. Denn schon war ich sein Vertrauter geworden. Als junger Arzt musste ich mir auf jede Weise zu helfen suchen. Ich machte damals in Herzenssachen den Rat und Beistand, um starkere Praxis zu bekommen.
Der Lieutenant bekannte mir seinen ganzen Kummer. Er konne seiner Geliebten nichts mehr recht machen. Jede Laune werde an ihm ausgelassen. Bald solle er erkaltet sein, bald sich ohne Gemut betragen haben, neulich habe sie ihm vorgeworfen, er verstehe sie nie. Er sei wirklich noch ganz und gar der alte, gehe im Fruhlinge mit dem ersten Marzenveilchen zu ihr, im Junius komme der Rosenstock, im Herbst ein Almanach an die Reihe der Geschenke, wie sonst; zum Geburtstag mache er seinen Vers, die Weihnachtsbonbonniere fehle nimmer. Aber alles werde jetzt kaltsinnig oder schnode aufgenommen. Was er denn nur in dieser Not beginnen solle?
Ich konnte ihm freilich als einziges Mittel nur die Heirat nennen. Er versetzte, dieses stehe nicht in seiner Gewalt. Sich selber konne er nicht avancieren, und das Kriegsdepartement wolle es noch nicht.
Indessen sind solche ruhige Charaktere nur bis auf einen gewissen Punkt zu treiben, und dieser fand seinen Gleichmut
wieder, als er vor seinem Gewissen sicher war, im Dienste der Liebe nicht lassig geworden zu sein. Nun verwies er seine Braut, wenn sie ohne Grund klagte, an die Vernunft. Von dieser wollte sie nichts horen. Darauf kam er mit der Notwendigkeit hervor, sich zufriedenzugeben, wenn die Dinge einmal nicht anders gehn wollten. Worauf sie ihm sagte, er sei unausstehlich. Endlich, da alle Trostgrunde niedrer Schicht nichts helfen wollten, wahlte er als letzte Arznei die Fugungen des Himmels. Wenn sie uber ein Faltchen zuviel oder zuwenig im Kleide sich ungebardig anstellte, sprach er, man konne nicht
wissen, wozu ein Missgeschick fromme. Wenn der Regen eine Spazierfahrt vereitelte, lehrte er, die Vorsehung lasse Tropfen fallen, damit die Sonne nachher um so herrlicher scheine. Und als sie einst weinend auf ihrem Stuhle sass, weil man den Gesang einer Mitschwester starker beklatscht hatte, als den ihren, gab er, zu ihr tretend, den Spruch zu vernehmen: "Wen der Herr liebt, den zuchtiget er!" Er war ein ordentlicher Kirchenganger, und hatte wirklich den Glauben, dass dem Geduldigen alle ublen Sachen zum Heile ausschlagen mussen.
Zuerst war ihr dieser Ton neu, und es vergingen einige Wochen unter solchen Trostungen ganz leidlich. Indessen wollte das Gute, zu welchem nach ihrer Meinung das Schlechte fuhren musste, namlich das Avancement, immer noch nicht erscheinen. Da ward sie boser als je, und der arme Phlegmatikus geriet in ein Fegefeuer, welches nicht lauternder sein konnte. Zu gleicher Zeit begann ein Einfluss auf sie zu wirken, welcher den Frieden zwischen beiden bald ganz aufhob.
Eine jener alten Jungfraun, welche, weil sie sitzengeblieben sind, es gern sahen, wenn das Heiraten abkame, hatte sich des verdusterten Sinns unsrer schonen Argerlichen bemachtigt. Sie liess in ihre Gesprache einfliessen, dass sie schon langst mit Kummer bemerkt, wie der Lieutenant immer gleichgultiger geworden sei, wie seine Neigung wohl keine Probe bestehen werde, und was dergleichen mehr war. Diese bosartigen Worte fanden ein offnes Ohr. Verdriesslich, von Missstimmungen geplagt, liess sich die Getauschte zu dem Schritte hinreissen, dessen gefahrliche Albernheit schon so viele beklagt haben. Sie wollte den Sinn ihres Liebhabers prufen.
Eines Morgens wurde ich an das Krankenlager des Frauleins berufen. Sie lag, anmutig gekleidet, allerdings im Bette, und klagte fast uber jegliches, was den Menschen schmerzen kann. Die Mutter stand untrostlich daneben, sie liebte das Kind, vielleicht zu sehr. Man kann denken, dass mir, als jungem Arzte, eine Krankheit in einem geachteten Hause, welches selbst einigermassen in der Mode war, hochst angenehm sein musste, ich strengte daher die ganze Kraft meiner Diagnose, deren Feinheit man stets auf der Klinik geruhmt hatte, an, um die Natur des Ubels zu entdecken. Aber der Puls ging vortrefflich, die Augen strahlten vom gesundesten Feuer, die Wangen lachten im reinen Rote der Jugend, die Zunge war unbelegt, alles, ohne Ausnahme alles befand sich leider im wunschenswertesten Zustande. Ich entschied mich, dass hier Verstellung sei, verordnete die unschuldigen Mittel, welche Hippokrates uns fur einen solchen Fall an die Hand gegeben hat, ausserte indessen naturlich meine wahre Meinung nicht, sondern sagte der Mutter draussen, auf ihre angstliche Frage: ob es auch keine Gefahr habe? mit Ernst und Nachdruck, dass man noch grade zur rechten Zeit nach mir geschickt habe, und dass eine Stunde spater fur nichts mehr zu stehn gewesen sei.
"Sie glauben nicht, welches Zutrauen sie zu Ihnen hat", sagte die Mutter. "Den Geheimen Rat durfte ich nicht holen lassen." "Nein", dachte ich. "Der alte grobe Heros wurde wenig Umstande gemacht haben, meine blode Jugend ist fur dergleichen Leiden geeigneter."
Auf der Strasse fand ich den Liebhaber, dem man schon durch die dritte Hand dieses Siechtum zu wissen getan hatte. Er war so besturzt, wie es einem Seladon geziemt, und in Verzweiflung, dass er nicht gleich nach dem Hause seiner Braut eilen konne, aber er musse auf die Parade. Ich beruhigte ihn, und verpfandete mein Ehrenwort, dass die Sache nichts weiter sei, als ein kleiner Schnupfen.
Gegen Abend fand ich mich wieder bei der verstellten Kranken ein, denn ich war neugierig, wohin diese Komodie fuhren werde. "Treuer, sorgsamer Freund!" sagte die Mutter, welche von meinem Eifer geruhrt war. In bescheidner Entfernung vom Krankenbette sass der Lieutenant, wie es schien, zerstreut und verlegen.
"Es ist doch ein grosses Gluck um einen gleichmutigen Sinn", stichelte die Mutter. "Man versaumt dann nichts Notwendiges, und macht die Geschafte erst ab, bevor man dem Herzen folgt."
"Er will es nicht glauben, dass ich so krank bin, Doktor", seufzte Fraulein Ida, deren hochrotes Antlitz von grosser Bewegung zeugte. Die alte Jungfer sass im Fenster und strickte fur die Armen.
Diesmal erriet meine Diagnose die Krankheit. Mich gelustete nach der Krisis, und da ich als junger Arzt, traurig fur mich, uberflussige Zeit hatte, setzte ich mich zu den gesunden Damen, und knupfte mit ihnen eins der Gesprache an, aus welchem man noch immer mit Geistesfreiheit nach etwas andrem hinzuhoren vermag.
"Wenn ich sterbe, Fabian ..." lispelte das Fraulein. "Teure Ida, an einem Schnupfen stirbt man ja nicht", versetzte freundlich aber gefasst der Lieutenant.
Sie begann immer heftiger und weinerlicher zu reden, kam in den Ton der Jean Paulischen Liane, sagte, im Traume sei ihr ihre selige Caroline erschienen, und sprach viel von Ahnung und Vorgefuhl.
Ich sass so, dass ich im Spiegel die Szene beobachten konnte. Je pathetischer das Fraulein wurde, desto mehr nahm das Gesicht des Brautigams den Ausdruck der Abwesenheit an, er half sich fast nur noch mit Interjektionen, als: "Hm! So! Ei bewahre!" Nachmals hat er mir gestanden, dass er an dem Tage einen Verdruss mit seinem Obersten gehabt habe, und dass seine Gedanken freilich mehr bei dem ungerechten Vorgesetzten, als bei dem Schnupfen des Frauleins gewesen seien.
In einem solchen Zustande laufen einem gewisse Redensarten, die man haufig im Munde fuhrt, ohne Sinn und Verstand uber die Lippen. Daher geschah es, dass, als das Fraulein, welche uber die Fassung ihres Geliebten immer mehr aus der Fassung geriet, mit unterdrucktem Weinen sagte: "Ja, ich empfinde ein gewisses Etwas in mir, ein Weben der Auflosung, die schwarzen Manner werden mich gewiss wegtragen" der Lieutenant, der schon lange nicht mehr wusste, wovon die Rede war, zerstreut und feierlich ausrief: "Wie Gott will! Der Wille des Herrn geschehe!"
Schrecklich war die Wirkung dieser Worte. Das Fraulein, entrustet uber eine solche Ergebung in die Fugungen des Himmels, die doch gar zu weit ging, warf meine unschuldige Medizinflasche zu Boden, dass die Scherben umherflogen, und rief:
"Aus meinen Augen! Ich habe dich durchschaut! Fort! Wir sind fur immer geschieden!" "Wenn meine Tochter stirbt, sind Sie ihr Morder", wehklagte die Mutter. Die alte Jungfer hatte ihr Strickzeug in den Schoss sinken lassen, und ausserte so mit Salbung: dass derjenige zu beneiden sei, der so fruh, wie Ida, die Einsicht in die Nichtigkeit aller Erdenlust gewinne.
"Erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Verteidigung ..." stammelte der arme Fabian. "Es ist jetzt nicht Zeit dazu, machen Sie, dass Sie fortkommen", raunte ich ihm zu.
Ich war mit den Damen allein. "Ida! meine Ida!" seufzte die Mutter. "Diese Gemutserschutterung in deinen Leiden! Erhole dich, mein Kind, denke nicht mehr an den Abscheulichen." Ich beschloss, die kleine Heuchlerin zu strafen, und die alte Jungfer dazu. Und so ist es gekommen. Ich erklarte den Zustand des Frauleins fur verschlimmert, ich ernannte die bejahrte Freundin zur nachtlichen Wachterin, da die Mutter eine solche Anstrengung nicht aushalten konne. Drei Tage musste die gesunde Kranke im Bett zubringen, drei Nachte hatte die Friedensstorerin auf dem Wachterstuhl zu versitzen. Endlich erklarte jene sich mit Gewalt fur hergestellt, zuletzt lief diese aus dem Hause und verschwor, es wieder zu betreten, wenn ich dort aufgenommen bleibe. Daruber bekam sie mit der Mutter Streit und Feindschaft, die mich einen seltnen Menschen nannte. Kurz, der bose Feind hatte sich diesmal die Grube selbst gegraben.
Mehrere Wochen vergingen, in denen ich nichts von meinen Liebesleuten horte. Einige wirkliche und zwar sehr ernste Krankheiten hatten meine ganze Zeit in Anspruch genommen.
An einem schonen Marztage wanderte ich uber den neuen Kirchhof, wo alle Straucher in dem ungewohnlich fruhwarmen Wetter schon die Knospenaugen aufschlugen. Ich wollte die neuen Einrichtungen im Leichenhause besichtigen, welche zur Rettung der Scheintoten angebracht worden waren. Soeben mit dem Meisterdiplom versehen, hatte ich, die Obsorge uber jene Anstalten zu fuhren, von der Stadt den Auftrag bekommen. Als ich durch die gewundenen, mit Kies reinlich gefesteten Wege des parkartigen Gottesackers ging, und das im gefalligen Stil erbaute Leichenhaus hinter einem Rasenplatze liegen sah, sagte ich: "Es ist kein Wunder, dass die Menschen jetzt mit dem Leben unzufrieden sind, man macht die Sterbehauser und Grabstatten zu anlockend."
Auf einem freien Platze fand ich unvermutet meinen Phlegmatikus. Er stand bei einem Straussermadchen, die ihren Korb voll Fruhlingsblumen ihm vorhielt. Er wahlte und suchte sich das Schonste, was sie an Veilchen, Primeln und Aurikeln hatte, zusammen. "Fur wen der Strauss?" fragte ich. "Fur Ida", versetzte er.
"Gottlob! So seid ihr versohnt?"
"Ach nein! Ich habe sie nicht wiedergesehn. Aber es ist heute ihr Geburtstag. Ich will den Strauss unter ihrem Portrat in Wasser setzen."
Er sprach diese Worte ruhig, ja kalt. Aber seine Augen waren erloschen, und die Wangen bleich. Ich muss gestehn, dass mich die stummen, geduldigen Patienten immer am meisten zur Teilnahme bewegt haben. Ich sah meinen armen Verstossnen an, ich uberlegte hin und her, ob hier nicht mit einem raschen Streiche zu helfen sei? Die Natur der Leidenschaften, insbesondre der Liebe, kannte ich aus der Seelenlehre, das Fraulein war mit der Mutter in der Stadt, das wusste ich. Ich war jung, verwegen! Ohne an die moglichen Folgen eines tollen Einfalls zu denken, lud ich den Lieutenant ein, sich von mir in die Rettungsanstalten zeigen zu lassen. Das Straussermadchen wies ich an, vor der Ture zu warten.
Der Wachter war ausgegangen; alles begunstigte meinen Plan. Ich offnete mit dem Hauptschlussel, wir waren allein im leeren, schallenden Hause. Ich erklarte meinem Begleiter jedes Ding: die Einrichtung und Verbindung der Gemacher, die leicht zu bewegenden Glockenzuge, die Warmmaschinen, die Frottierzeuge, die Bursten, den Elixier- und Essenzenapparat des Wachters fur die ersten Augenblicke des Erwachens aus dem furchtbaren Schlummer. Er fragte, ernst und wissenschaftlich gesinnt, verstandig nach allem, und keine empfindsame Betrachtung kam in diesem Hause des Todes uber seine Lippen. Endlich sagte er scherzend: "Diese reinlichen schimmernden Wande, die bronzenen Lampen, die blinkenden Stahlgriffe, die schonen Teppiche und Matratzen zeigen, wie jetzt alles auch bei den schrecklichsten Dingen zum Bequemen und Geschmuckten strebt. Es fehlen nur noch die Tische mit den Journalen, um den Geretteten Unterhaltung zu bereiten, bis die Ihrigen sie wieder abholen."
Ich bat mir seinen Verlobungsring aus. Er stutzte, wusste nicht, was ich wollte. Ich erklarte ihm trocken, dass ich gesonnen sei, noch heute zwischen ihm und seiner Braut dauerhaften Frieden zu stiften, aber dazu des Ringes bedurfe, nahm ihn bei der Hand, und streifte mit freundschaftlicher Gewalt ihm den Ring vom Finger. Er, in plotzlich auflodernder Hoffnung und Freude, rief: ob ich verwirrt sei? Ich, ohne zu antworten, schrieb mit Bleifeder auf ein ausgerissnes Blattchen meines Portefeuilles ein paar Zeilen an die Schwiegermutter, legte den Ring bei, verschloss das Billet mit Oblate, eilte zum Madchen hinaus, sagte ihr, den Herrn habe ein Nervenschlag betroffen, sie sollte das Briefchen auf der Stelle da und da hintragen.
Mein besturzter Freund war bis auf den Flur gefolgt, und hatte die Bestellung gehort. Ich notigte ihn in eine der angenehmsten Sterbekammern zuruck. "Um Gotteswillen!" rief er, "was treiben Sie? was machen Sie aus mir?" "Einen Scheintoten", versetzte ich. Er sah mich an, wie einen, von dem man glaubt, er habe den Verstand verloren. "Idas Krankheit", sagte ich, "fuhrte den Bruch herbei. Ihr Tod soll das Bundnis herstellen; das nennt man einen Klimax, welcher zu den wirksamsten Redefiguren gehort. Sie haben die Wahl, entweder mich zuschanden zu machen und sich jede Aussicht zu verbaun, oder folgsam zu sein, und Ihr Gluck im letzten Akt einer Posse zu empfangen." Er stand anfangs starr, dann verwunschte er meine Torheit, und uberschuttete mich mit Vorwurfen. Ich behielt indessen Geistesgegenwart, kramte Schnepper und Bindzeug aus, setzte eine Menge Flaschen auf den Tisch, liess den Essigather duften, verbrannte Federn, kurz, ich richtete das Zimmer so zu, dass es ganz medizinisch aussah und roch. Er, uber meine Kaltblutigkeit in Verzweiflung, warf sich auf eine Matratze. Ich erklarte ihm, da konne er liegenbleiben, denn dahin gehore er in seinem jetzigen Zustande. Ich loste seine Halsbinde, knopfte die Uniform und Weste auf, und machte mir immerfort zu schaffen, um meine Unruhe zu verbergen, die sich mit dem Nachdenken doch allmahlich bei mir einzustellen begann.
Nach einiger Zeit sprang er auf, und rief: "Ich muss fort, ich bin an diesen Dingen unschuldig! Sehen Sie zu, wie Sie aus der Verlegenheit kommen, die Sie angerichtet haben."
Ein Wagen fuhr sturmschnell vor. "Sie kommen", rief ich, "ich wusste das ja!" und ging ihnen entgegen. Sie waren es, Ida und ihre Mutter, meine Berechnung war richtig gewesen. Aus dem Schlage sturzte das Fraulein entgeistert, blass, die Augen voll Tranen, und rief: "Wo ist seine Leiche?" "Er lebt, beruhigen Sie sich, er ist erwacht, meine Furcht war zu voreilig!" rief ich ihr hastig zu. "Wo? Wo?" stammelte sie, flog in das Haus, und wie durch Instinkt geleitet, in das rechte Zimmer.
Ich half der Mutter aus dem Wagen. Sie wusste sich in diesen Wechsel von Trauer und Freude nicht zu finden. "Teuerster, warum erschreckten Sie uns? Man muss bei dergleichen doch erst das Ende abwarten", sagte sie. Ich bat um Verzeihung, ich hatte ganz den Kopf verloren gehabt, sie mochte einem jungen unerfahrnen Manne um des glucklichen Ausgangs willen nicht zurnen.
Wir traten in die Sterbekammer. Da war die Liebe von den Toten auferstanden. Fabian und Ida lagen einander in den Armen. Sie herzten sich und kussten sich, und wussten beide nicht, was sie taten. Sie wollte von ihm wissen, wie ihm zumute gewesen sei? er erwiderte, in diesem Punkte besonnen, er wisse von nichts, sie musse den Doktor fragen.
Ich verbot alle Erklarungen, und riet ihnen, sich des Lebens zu freun. Die Mutter trat hinzu, gab ihm die Hand, und sagte sehr freundlich: "Lieber Sohn, Sie machen uns schone Streiche. Mein Gott, wie das hier aussieht und riecht, es fallt mir auf die Nerven. Verlassen wir den leidigen Ort." Ich benutzte den Augenblick, kusste ihr ehrerbietig die Hand, und sagte bescheiden: "Edle Frau! Ida ist vor Liebe krank geworden, Fabian ware beinahe daran gestorben; sollen Ihre Kinder noch langer schmachten?"
Die Gewalt dieser Auftritte hatte sie erweicht. Sie gab die Zustimmung zu dem, was die Verlobten wunschten. Es folgte ein neuer Sturm von Liebkosungen und Umarmungen, in dem ich ebenfalls zuletzt von ohngefahr mehrere Kusse bekam.
Indessen waren die Fugungen des Himmels auch tatig gewesen. Denn als wir eben aus dem seltsamsten aller Boudoire aufzubrechen im Begriff standen, nahte sich der Bursche Fabians mit der in gemessner Haltung vorgebrachten Meldung, dass der Oberst schon dreimal nach ihm geschickt habe, indem das ersehnte Patent nun endlich eingetroffen sei.
So fuhrte Ida statt eines erblichnen Lieutenants, nach dem sie ausgefahren war, einen lebendigen Capitain nach Hause. Sie leben sehr glucklich miteinander, manche Szene, die sonst in die Ehe fallt, haben sie vorher schon unter sich abgetan, dazu ist wenigstens der lange Brautstand dienlich gewesen.
Mir brachte die sorgsame Behandlung des Frauleins wahrend jener drei Tage und die Rettung des Brautigams grosse Gunst in den vielen mit dem Hause verbundnen Familien zuwege. Einer lobte mich immer noch mehr als der andre, so entstand mir bald ein Ruf, den mir so manche an armen Leuten im Verborgnen geubte saure Muhe nicht erworben hatte. Zuerst schlug mich das Gewissen etwas, nachher beruhigte ich mich durch den Anblick der allgemeinen Scharlatanerie, die in der Welt herrscht, uber die meinige, die wenigstens niemand geschadet, vielmehr eine zufriedne Ehe gestiftet hat.
Drittes Kapitel
In den folgenden Tagen war in den Zimmern des Herzogs grosse Geschaftigkeit. Ein fremder Rechtsgelehrter war angekommen, mit dem der Furst und Wilhelmi in eifrigen Gesprachen unter Papieren und Akten zusammensassen. Es wurde viel nach dem Archive geschickt, bunte Stammbaume mit vergoldeten Siegelkapseln lagen auf den Tischen umher, man holte Bucher aus der Bibliothek; eine wichtige Frage beschaftigte die Versammelten. Der Advokat hatte die Nachricht von dem Tode eines Seitenverwandten uberbracht, und mit dieser Post ungewunschte Eroffnungen verbunden. Wir fassen das Resultat jener Gesprache in einem kurzen Berichte zusammen.
Das alte Haus, dessen Glanz gegenwartig nur allein noch der Herzog in kinderloser Ehe reprasentierte, teilte sich schon seit hundert Jahren in zwei Linien, in die altere, und in die jungere grafliche. Die Natur schien es auf ein Erloschen des beruhmten Namens angelegt zu haben, denn jener Seitenverwandte, der Graf Julius, war der letzte der jungern Linie gewesen. Er hatte noch langer leben konnen, wenn nicht zu rascher Genuss seine Tage abgekurzt hatte. Als Jungling vaterlos geworden, gebot er uber ein bedeutendes Erbe, dem er auf keine Weise vorzustehen wusste. Kuhnheit und Leichtsinn verwickelten ihn in vielfaltige Abenteuer, er glanzte am Hofe, er wollte auch zu Hause glanzen; dieser gedoppelte Aufwand hatte die Minen Perus erschopfen konnen. Bald war er von Glaubigern umringt, sah sich in Verlegenheit, und bei seinem ganzlichen Mangel an Erfahrung, ohne Mittel, aus derselben zu kommen.
Damals lernte er Hermanns Oheim kennen, welcher in der fur Tausende unglucklichen Periode, die unsrem Vaterlande angebrochen war, eben sein Gluck zu machen begann. Vom dustern kleinen Comptoir im Hinterstubchen eines massigen Hauses ging er mit sichrem Schritte auf die Million zu. Schon dachte er an Landbesitz, um seine grossen, weitgreifenden Fabrikplane zu verwirklichen. Graf Julius sprach ihn um ein bedeutendes Kapital an, womit die dringendsten Schulden bezahlt werden sollten. Der Oheim pflegte sonst an Verschwender, deren Guter bereits uber die Halfte des Werts andren gehoren, nicht zu leihen. Indessen musste ihm wohl in diesem Falle der Verschwender selbst eine gute Hypothek sein. Er gab und gab, bis die Besitzungen des Grafen, nach einem freilich wohlfeilen Anschlage, sein waren. Nun erklarte er, nichts mehr geben zu konnen. Jetzt war der Graf erst in der rechten Not. Die Zinsen verschlangen die Einkunfte, niemand wollte sein Geld mehr bei ihm wagen. Man weiss, wie die allgemeine Verzweiflung jener Zeit auch das Letzte, worauf sich sonst der Mensch verlasst, den Grund und Boden, im Werte heruntergedruckt hatte.
Zum zweiten Male erschien ihm der Oheim jetzt als Retter und Heiland. Er schlug ihm einen Verkauf der Guter vor, wollte sie fur die vorgeschossnen Summen annehmen, und dem Grafen freie Wohnung auf dem Schlosse seiner Vater, sowie eine jahrliche anstandige Rente gewahren. Das Geschaft war zulassig; die Gesetze der grossen Nation, welche uns beherrschte, hatten bekanntlich alle feudalistischen Beschrankungen des Eigentums aufgehoben. Der Graf frohlockte bei dem Gedanken an ein sorgenfreies Leben, wie seine Imagination es ihm vorstellte; er schlug ein. Die Ritterguter gingen in die Hande des Burgerlichen uber, das Geld hatte gesiegt.
Nach einigen Jahren des Verdrusses, welchen der Graf statt der erwarteten Lebensfreude gefunden, war er gestorben, und an diesen Todesfall knupften sich die wichtigsten Folgen. Die herzogliche Linie, in der jedoch diese hohere Wurde ein neues Datum hatte, war im Besitze der Haupt- und Stammguter, deren Komplex vor kurzem zur Standesherrschaft erhoben worden war. Aber nie hatte sie unangefochten besessen. Der Ahnherr des Hauses sollte sich namlich mit einer Person unadlichen Standes verbunden haben; man sprach sogar von der Tochter eines Leibeignen. War dies der Fall, so hatte die Deszendenz naturlich nie ein Erbfolgerecht gehabt, und ihr Besitz war eine Usurpation gewesen. Darauf stutzten sich die Nachkommen des zweiten, in die gesamte Hand aufgenommnen Bruders, die Glieder der jungern Linie. Sie behaupteten, und hatten immer behauptet, die rechten Erben der Herrschaft zu sein.
Die jungre Linie erlosch, wie gesagt, mit dem Grafen Julius. Als dem Herzoge diese Nachricht wurde, empfand er eine sehr verzeihliche Freude. Nun waren alle Zweifel, die ihn bisweilen noch in seinem Wirken beunruhigt hatten, getilgt; der letzte war mit dem letzten Pratendenten in die Gruft gegangen. Heiter hatte er an jenem Abende die Anekdote des Arztes angehort. Man blieb bis spat in die Nacht beisammen, lachte und scherzte uber die Torheiten der Menschen, und teilte einander in mannigfachen Wendungen die aus den Memoiristen geschopfte Uberzeugung mit, dass die geringfugigsten Dinge, ein Wort, ja ein Buchstabe die Ereignisse so oder so gestalten.
Der Arzt hatte die lustigsten Einfalle uber die Ahnfrau, deren reines Geblut noch eine Untersuchung habe bestehen sollen, nachdem die Moglichkeit einer chemischen Analyse langst verschwunden gewesen sei. Zuletzt brachte er einen Toast auf die Ruhe ihrer Seele aus, in welchen der Herzog munter, die Herzogin gefallig, und Wilhelmi widerstrebend einstimmte. Dieser hatte seine ernste Stimmung nicht verloren, und sagte, als die Glaser klangen: "Mit den Geistern ist nicht gut scherzen."
Am andern Morgen zeigte es sich, dass die Sache nicht zu Ende sei. Der Rechtsgelehrte, welcher abends zuvor seine Mudigkeit vorgeschutzt hatte, um auf dem Zimmer bleiben zu durfen, uberreichte eine Zession, welche der Graf bereits vor einigen Jahren ausgestellt hatte. In derselben trat er alle seine Rechte auf die Herrschaft an Hermanns Oheim ab. Man musterte voll Erstaunen diese Urkunde, man wusste von Missverstandnissen, selbst von Streitigkeiten zwischen beiden Teilen, man konnte sich den Beweggrund zu einem so auffallenden Schritte nicht erklaren. Aber alles Erstaunen und Verwundern fuhrte zu nichts. Die Urkunde lag vor; jede Form war beobachtet worden, man sah sich genotigt, auf den Inhalt einzugehn, womoglich dessen Gultigkeit zu widerlegen.
Letztres versuchte Wilhelmi. "Die Guter, welche jetzt die Standesherrschaft bilden, waren unter der deutschen Reichsverfassung Lehen", sagte er. "Darauf folgte die Fremdherrschaft mit ihren Umwalzungen, dann der Befreiungskrieg. Der Vater meines Gebieters starb nach dem Frieden. Entweder hat nun der Herzog die Standesherrschaft als freies Eigentum uberkommen, oder als Lehen. Im ersten Falle waren alle aus den Rechtsantiquitaten hergenommnen Anspruche der jungern Linie erloschen, keine Missheirat eines Vorfahren kann meinem Herrn noch gegenwartig schaden. Im letzten Falle hatte nur der Graf, nur er fur seine Person ein Familienrecht, welches er einem Dritten, Fremden, Ihrem Machtgeber nicht ubertragen durfte."
Darauf erwiderte der Rechtsgelehrte: "Der erste Fall ist nicht eingetreten. Man hat es fur gut gefunden, nach der Katastrophe, welche Europa den alten Dynastien zuruckgab, die schon halbeingeschlafnen agnatischen Rechte der Familien wiederzuerwecken. Seine Durchlaucht besitzen Ihre Schlosser nicht, wie der Bauer sein Gutchen, der Burger sein Haus besitzt. Alle Fehler, alle Mangel aus der altesten Vorzeit her, haften auf dem jungsten Erwerber."
"Welche also nur der Agnat, nur der ebenburtige Anwarter rugen durfte!" warf Wilhelmi ein.
"Keinesweges", versetzte der Rechtsgelehrte. "Indem man jene abgekommnen Anspruche herstellte, ging man, wenigstens hiesigen Landes nicht so weit, auch die Verbindung zwischen Lehnsherrn und Vasallen aufs neue erstehen zu lassen. Nur die personlichen Rechte der Gevettern sind restauriert, sie haben aber eben wegen der nur teilweise geschehenen Operation eine Umwandlung erlitten, sie stehen nun mit allen ubrigen gewohnlichen Befugnissen in Reihe und Glied. Ich frage: warum hatte Graf Julius uber die seinigen zu verfugen nicht die Macht gehabt?"
Die Deduktion konnte nicht bestritten werden. Wilhelmi ausserte sich sehr leidenschaftlich uber das kindische Halbwesen der Zeit, uber das ungeschickte Vermischen von Alt und Neu, uber die grellen Widerspruche, die aus dem jetzt so haufig ersichtlichen Mangel an allem Gefuhl fur die Ergrundung der eigentlichen Verhaltnisse entsprangen.
Der Herzog unterbrach ihn und sagte ruhig: "Der Monarch hat mich durch seine Gnade aus der Reihe der ubrigen Untertanen emporgehoben. Wir waren Fursten des Reichs, das sind wir, ich weiss es, nicht mehr, es kam eine Zeit, in der wir nur gewohnliche Edelleute gewesen sind. Aber die Zeit ist voruber.
Ich stehe wieder bevorrechtet zwischen Thron und Volk, eigentumlich, nur mir selbst und meinen Pairs gleich da. Ich gehore der Herrschaft und die Herrschaft gehort mir. Wie kann der Burger, der Fabrikant diesen Zusammenhang zerreissen?"
"Der Regent wird den Fabrikanten nicht zum Standesherrn machen", antwortete der Rechtsgelehrte. "Aber der Burger kann Ritterguter erwerben und benutzen. Keine Verfugung des Monarchen schadet wohlerworbnen Rechten dritter Personen. Graf Julius hatte seine Anrechte als freies personliches Eigentum erworben. Ew. Durchlaucht sind Standesherr erst seit zwei Jahren, es ist kein Geheimnis, dass Ihre Erhohung eben wegen der Zweifelhaftigkeit Ihres Rechts so bedeutenden Aufschub gelitten hat. Unsre Zession ist vier Jahre alt. Wir haben bis jetzt damit nicht auftreten wollen, weil der Graf bei seinen Lebzeiten dies unterlassen zu sehn wunschte. Zu allem Uberflusse steht in Ihrem Diplom die ausdruckliche Klausel:
'Vorausgesetzt, dass die jetzt besitzende Familie ein vollstandiges Recht hat'."
Der Herzog erinnerte daran, dass die Linie die Herrschaft seit unvordenklicher Zeit innegehabt habe. Hierauf bemerkte sein Gegner, dass, wie man gegenseits sehr wohl wisse, der Prozess zur gehorigen Stunde bei den Reichsgerichten angehoben und immer im Gange erhalten worden sei, dass derselbe aber nach wetzlarischer Sitte unter dem Stabe des Kammerrichters seine Endschaft nicht erreicht habe. Er wies die Abschrift eines Dekrets vor, vielleicht des letzten, welches jener Hof erlassen, und schloss mit dem Anfuhren, dass das Deutsche Reich bekanntlich noch nicht seit dreissig Jahren aufgelost sei, und dass mithin von einer Verjahrung hier nicht geredet werden konne.
Ohne den Vortrag des Advokaten einzuraumen, liess man die Verhandlung uber diese Punkte fallen. Von allen Seiten wurde gefuhlt, dass die tote Ahnfrau in dem Streite den Ausschlag geben werde. So ging also doch wieder dieses Gespenst, und nicht in theatralischer, sondern in sehr wirklicher Weise durch das Haus. Die Gegner waren im Besitz der unverwerflichsten Zeugnisse, dass der Ahnherr sich mit einer Jungfrau ehelich verbunden hatte, vor deren Namen das Wortlein von fehlte. Die Extrakte aus den Kirchenbuchern wiesen zugleich nach, dass ein Landmann gleiches Namens erst lange nachher in dem Dorfe, welches sich spaterhin zum Residenzflecken der Herrschaft erhob, verstorben war. Man hielt ihn fur den Vater des Madchens; die regierende Linie, so folgerte man, stammte von einer Bauerin ab. "Alle diese Stammbaume, welche ich hier vor mir ausgebreitet liegen sehe, beweisen nichts!" rief der gewandte Konsulent. "Es sind einseitig in Ihrem Hause aufgestellte Tafeln, die noch dazu die untruglichsten Zeichen spater Abfassung an sich tragen.
Wir nehmen als moglich an", fuhr er fort, "dass jener Graf Archimbald seiner Maria Sibylla vom Kaiser den Adel erwirkt hat. In diesem Fall wurden wir fur ein Geringes abzustehn bereit sein. Die Familienstatuten reden nur vom Adel der Mutter schlechthin, als Bedingung der Erbfahigkeit der Kinder, nicht von altem stifts- und turnierfahigem Adel, wahrscheinlich, weil man an einen andern gar nicht dachte. Wir sehn jedoch ein, dass unsre Anspruche dann zweifelhaft wurden, und dass, wenn die Sache bei Gericht in die Hande eines Referenten von neuen Ansichten fiele, die geadelte Bauerin leicht fur vollwichtig erachtet werden mochte. Aber wo ist der Adelsbrief? War er je vorhanden, so muss er doch aufbewahrt, er muss herbeizuschaffen sein."
Uber diese Urkunde gab der Herzog eine ablehnende Antwort. Er wusste aus seiner fruhen Jugend, dass sie dagewesen war. Noch wie von heute erinnerte er sich des Tages, an dem der alte strenge Grossvater sie ihm gezeigt hatte, mit den Worten: betrachte das Blatt, es verteidigt uns gegen die Vettern. Noch sah er mit den Augen des Gedachtnisses die braune Saffiankapsel, in welche der alte Mann sie tat. Nachher war sie verschwunden. Beim Kammergericht hatte man ein Jahrhundert hindurch uber den Punkt gestritten, welcher von beiden Teilen zu beweisen habe, und zur Vorlegung des Dokuments war man daher nicht gediehen.
Wilhelmi suchte Tag und Nacht im Archive, aber seine Muhe war diesmal, wie fruher, vergebens. Darauf eroffnete der Advokat die Vergleichsvorschlage des Oheims. Sie liefen auf eine Halbierung der Guter hinaus. Der Herzog liess den alten Fabrikherrn einladen, mit ihm personlich zusammenzutreten.
Der Rechtsgelehrte ubernahm es, seinen Klienten zum Besuche auf dem Schlosse zu vermogen.
In seinen einsamen Augenblicken fuhlte sich der Furst sehr erschuttert. Den wilden verschwenderischen Vetter hatte er nie gescheut, vor dem alten eisernen Handelsmann ergriff ihn eine Art von Geisterfurcht, uber die er nicht Herr zu werden vermochte. Mit diesen Schlossern, Feldern und Waldern durch alle Erinnerungen verwachsen, hielt er es fur eine Unmoglichkeit, aus solcher Gemeinschaft zu scheiden. Seine Existenz stand auf dem Spiele, das empfand er, und dass er seinen Sturz nicht uberleben wolle, gelobte er sich vor den Bildern der Ahnen. Indessen, gewohnt, immer derselbe zu scheinen, wie es auch innerlich wechselte, zeigte er vor andern das heitre Antlitz eines Manns, den nichts in Erstaunen setzt. Es war ausgemacht worden, der Herzogin diese Verhandlungen geheimzuhalten. Sie ahnte daher nicht, welche Wolke uber ihrem Haupte schwebte.
Viertes Kapitel
Aber auch sie hatte ihr Leid. Jenes ungluckliche Kind des Hauses, die verirrte Johanna lag ihr schmerzlich am Herzen. Endlich, nach vielen vergeblichen Erkundigungen wusste man so viel, dass sie in der grossen Stadt im Norden mit dem Manne lebe, dem sie ihr Geschick anvertraut hatte. Das Gerucht sprach von einer Vermahlung. Man wurde fruher ihre Spur gefunden haben, wenn man nicht aus Rucksicht auf den Ruf der Entflohnen alle Nachforschungen nur durch die dritte Hand anzustellen sich genotigt gesehn hatte.
Die Herzogin war durch das Ereignis im Innersten verletzt.
Den Herzog sah sie beschaftigt, gedankenvoll; sie meinte das Gesprach mit ihm uber diese Verwirrung bis zu einem freieren Zeitpunkte verschieben zu mussen. Inzwischen wollte sie nicht feiern. Sie nahm sich vor, der Unglucklichen zu schreiben; auf welche Weise dieser Brief zu versenden? das sollte spaterhin uberlegt werden. Manche Stunde sass sie, das Haupt auf die Hand gestutzt, vor ihrem Schreibtische, nie war ihr etwas schwerer geworden, oft legte sie halb unwillig die Feder weg, endlich kam ein Blatt zustande, in welchem ihre ganze Seele zu lesen war.
Der Advokat hatte sich der Herzogin vorstellen lassen, und war als Glied der Gesellschaft aufgenommen worden. Man behandelte ihn artig, wie seine Sitte und Bildung es verdiente. Insbesondre liess ihm der Herzog die unheilbringende Botschaft nicht entgelten. Denn jener benahm sich bei der Erorterung der Frage: wer hier Herr sein solle? so verstandig und bescheiden, dass der Furst eher eine Art von Neigung zu ihm fasste. Er hielt ihn unter einigen Vorwanden etliche Tage zuruck, weil er immer noch hoffte, Wilhelmi werde die vermisste Urkunde finden, und damit dem ganzen Streite auf der Stelle ein Ende machen.
In diesen Tagen ging bei dem jungen Manne eine grosse Verandrung vor, und er bedurfte der ganzen Festigkeit, welche ihn auszeichnete, um das Gefuhl seiner Pflicht in sich lebendig zu erhalten. Teils Wilhelmi, teils der Herzog selbst hatten ihn im Schloss und in den Umgebungen, die nicht leicht ansprechender gefunden werden konnten, umhergefuhrt. Uberall stieg ihm das Bild eines wurdigen, stillprachtigen Daseins entgegen, welches auf den Erwerb verzichtet, weil es in seiner Fulle genug hat. Und wie in einer schonen Landschaft ein klarer Wasserspiegel die reizende Natur ringsumher noch einmal verklart wiedergibt, so erhielt dieses Bild adlichen Lebens zuletzt sein seelenvolles Auge in der Anmut der Herzogin.
Vom Herzoge hatte er sich beurlaubt. Bei ihr angemeldet, war er nach einem Gartenkabinette beschieden worden. Himmelblaue Tapeten bedeckten die Wande dieses Zimmers, weisse Meubles mit goldnen Leisten standen umher, von Konsolen herab sahen die Busten der grossen Dichter. Heitre und doch ernsthafte italienische Landschaften fullten die Zwischenraume aus; auf einem runden Tische lagen rote vergoldete Bande. Der Advokat schlug einige derselben auf, und fand "Hermann und Dorothea", "Tasso", "Iphigenia", Homer, die Gesange unsres Schiller. Die Herzogin hatte dieses Zimmer vor kurzem erst einrichten lassen; man brachte dort den Abend zu, wenn es draussen zu schwul war, und genoss der Aussicht auf die neuen Anlagen, welche in stetiger Folge die Bluten jeder Jahreszeit spendeten. Alle Hausgenossen, welche zum Zirkel gehorten, besassen den Schlussel zu diesem Gemache, um nach Bequemlichkeit dort verweilen zu konnen.
Er war eine geraume Zeit lang allein, und seine Empfindungen wurden immer truber, je langer er diese gewolbten Marmorstirnen, diese Prospekte auf Felsen und Palmen, Himmel und Meer betrachtete, oder in die gelbrot gluhenden Georginenbeete der holden Furstin schaute. Der junge Mann hatte nichts von dem, was man heutzutage asthetische Bildung nennt, aber er folgte einem naturlichen Gefuhle. Seine erste Empfindung war stets, andre Menschen fur edler und kluger zu halten als sich, und das Lied eines Dichters konnte ihn bis zu Tranen ruhren.
In diesem, der geistigen Erholung gewidmeten Orte, drangten sich ihm nun alle Anregungen der vergangnen Tage zusammen. Schon erblickte er hier, wo das Schone gute Menschen beseligt hatte, ein odes rechnendes Comptoir, schon sah er dort, draussen, quer uber die armen Blumen, uber den samtnen Rasen einen Weg fur Karren und Schleifen zu irgendeiner trostlosen Fabrikhutte fuhren. Er kam sich selber hassenswurdig und niedrig vor, dass er zu solchem Beginnen die mithelfende Hand bieten wollte. Mit dem Buchstaben eines ungerechten Rechts den geheiligten Zustand so verehrungswerter Personen zu zerstoren, es erschien ihm gemein und ruchlos. Aber was sollte er tun? Wie durfte er eine Treulosigkeit begehn, gegen welche sich alle seine Begriffe straubten? Im heftigen Kampfe mit sich selbst ging er auf und nieder, und blickte bald diese bald jene Buste an, als fragte er die Helden des Gesangs um Rat in seiner Not.
Denkverse standen mit goldnen Buchstaben unter jeder Konsole. Er las den Spruch unter Schillers Haupt:
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!
Und plotzlich kam ihm, wie durch innre Erleuchtung der Entschluss. "Ja", rief er, "es gibt etwas Hoheres, als die Form, und das ist der Gehalt. Uber alle Worte und Satzungen hinaus liegen die Quellen des Wahren und Guten. Kein Kontrakt kann uns zu einer Schlechtigkeit verpflichten. Mein Machtgeber kennt den ganzen Stand der Sache, ausfuhrlich will ich ihm melden, was ich hier verhandelt habe, aber dann ruhre ich keine Feder mehr fur ihn an!"
In einer Selbstvergessenheit, wie sie ihn noch nie uberwaltigt hatte, warf er sich an einem Sessel vor der Buste des Dichters nieder. Er war mit sich im reinen, er hatte eine neue Richtschnur fur sein kunftiges Verhalten gefunden. Er gelobte dem Verewigten uber ihm, dass er fernerhin nur dem seinen Mund leihen wolle, der ein wirkliches, nicht ein bloss papiernes Recht habe, musse er auch arm und unangesehn daruber bleiben.
So knieend fand ihn die Herzogin. Wer beschreibt ihr Erstaunen? Besturzt erhob er sich, und konnte kein Wort vorbringen. "Sie knieten an keiner unwurdigen Stelle", sagte sie nach einer Pause. "Man hat vor diesem Haupte immer so reine Gedanken. Sei es Ihnen nicht unlieb, dass ich Sie uberrascht habe. Ich bin von der altfrankischen Partei, und liebe den tugendhaften Kunstler, wie man ihn so schon genannt hat."
Ihr Auge schimmerte, sie nahm eine Rose vom Busen, hauchte einen Kuss darauf, und legte sie auf den Sessel unter der Buste.
Er hatte sich inzwischen gesammelt und schon ganz wieder die Haltung des schlichten Geschaftsmanns gefunden. "Ich kann keine Worte vorbringen, welche Ihrer, und der Geister, die uns umschweben, wert waren", sagte er. "Ich versichre nur, dass es mich sehr freut, auf Ihr Schloss gekommen zu sein, und dass ich hier etwas fur meinen Beruf gelernt habe." Man wechselte noch einige freundliche Reden. Sie empfand ein stilles Zutrauen zu dem Manne, der vor ihrem geliebten Sanger das Knie gebogen hatte, und nun so fest und doch so anspruchslos vor ihr stand. Sie reichte ihm die Hand zum Kusse. Hocherrotend empfing er dieses Zeichen des Wohlwollens. So schied der verwandelte Feind.
Funftes Kapitel
Der Herzog hatte nach der Entlassung des Advokaten in seinen Zimmern ein Standrecht abgehalten. Im Schlosse wankte eine alte Gestalt umher, wie man dergleichen wohl als Erbstuck in den Hausern grosser Familien antrifft. Ein sechzigjahriger Bedienter, der bei dem Grossvater und Vater gedient hatte, und nun noch so mitschlenderte; derselbe, von welchem der Fremde Wilhelmin so zornig angemeldet worden war. Eigensinnig und unvertraglich, war er eine Plage der ubrigen Dienerschaft, er glaubte mehr Recht zu haben, als sie, weil er seine Kamaraden alle hatte eintreten sehn. Oft hatte man, seiner Unbehulflichkeit wegen, ihn von der Aufwartung bei Tafel entfernen wollen, er setzte sich aber hartnackig zur Wehre, wenn man sein verjahrtes Amt ihm zu nehmen gedachte, und einmal, da man ihn mit Gewalt aus dem Saale trieb, fand man ihn kurz nachher auf dem Soller in unheimlichen Zurustungen mit Strick und Nagel begriffen. Damals hatte der Herzog befohlen, man solle ihn dulden, und in seinem Wesen gewahren lassen.
Diesem Menschen erteilte er jetzt einen ernsthaften Verweis. Er hatte bemerkt, dass jener, statt den Fremden zu bedienen, immer mit der Schussel an ihm vorubergegangen war, so dass der Gast oft von mehreren Gerichten nichts bekommen hatte. Streng fragte er ihn, was fur ein Benehmen das sei? und verbat sich fur die Zukunft dergleichen grobe Nachlassigkeiten.
Der alte Erich zitterte vor Arger. "Es war keine Nachlassigkeit, Ew. Durchlaucht", rief er. "Ich bin noch so akkurat, wie einer von den Jungsten. Aber dem sollte ich etwas zu essen geben? dem? der uns von Haus und Hof treiben will? Nimmermehr! So einer muss hier verhungern und verdursten."
"Was meinst du damit?" fragte der Herzog betroffen. "Hast du gehorcht?"
"Ich musste ja das Licht immer zu den Konferenzen bringen. Hore ich nicht, wenn gesprochen wird? Sehe ich nicht, was zu sehen ist?"
Wirklich hatte der Herzog, gleich vielen seiner Standesgenossen, sich gewohnt, die Diener nicht fur Personen, wenigstens nicht fur augen- und ohrenbegabte, zu halten. Manches war schon hin und wieder in Gegenwart der Aufwartenden verhandelt worden, was diese dann zum Nachteil der Herrschaft umhertrugen. Er sagte dem Alten, dass er vernunftig sein, und die Sache bei sich behalten solle.
'Die Narren haben ihr Herz im Maul, aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen'; Jesus Sirach am Einundzwanzigsten", versetzte Erich, der gern in biblischen Spruchen redete. "Sie denken, ihren Stuhl herzusetzen, aber es wird ihnen nicht gelingen." Er klopfte auf seine linke Brust. Der Herzog wusste nicht, was der Alte damit sagen wollte, und bedeutete ihn mit finstrer Miene, sich zusammenzunehmen, denn aller Geduld sei ihr Ziel gesetzt.
Draussen zog der zornige Greis ein langes Messer, welches er immer unter dem Rocke bei sich trug, aus dem Futteral, und murmelte, mit der scharfen Waffe durch die Luft fechtend: 'Wer den Stein in die Hohe wirft, dem fallt er auf den Kopf. Wer einem andern Schlingen stellt, der fangt sich selber. Wer seinem Bruder Schaden tun will, dem kommt es uber den eignen Hals, dass er nicht weiss, woher?' Sirach am Achtundzwanzigsten."
Sechstes Kapitel
Die Herzogin an Johanna
"Es ist mit dem Briefschreiben eine schlimme Sache. Alles, was man spricht, kann man durch Blick und Ton verdolmetschen, aber die schwarzen Buchstaben stellen sich zwischen unsre Meinung und den Dritten, und wer sagt uns, ob sie unsern Sinn getreu uberliefern? Ich schreibe diese Zeilen mit dem innigen Wunsche, Ihnen und uns etwas Heilsames zu erzeigen; muss ich aber nicht befurchten, dass Sie statt der Gesinnung nur Worte darin finden werden? Darf ich von demselben irgendeine gunstige Wendung des Ereignisses, welches uns betrubt, erwarten? Ich lasse meines Herzens Meinung fliegen, wie die Taube aus der Arche; ob ich ein Olblatt zuruckbekomme, oder nicht? ist mir unbekannt, aber ich lasse die Taube fliegen.
Wir dachten immer uber einen Punkt sehr verschieden. Sie hassen die Selbstbetrachtung, Sie glauben, man verliere dadurch alle Freuden des Daseins. Mich dagegen fuhrten die aussern Dinge von jeher in mein Innres zuruck; nur was ich dort eroberte, genoss ich als wohlversichertes Besitztum. Solchen Beobachtungen, selbst denen, die andern niederschlagend gewesen waren, verdanke ich die grossten Freuden. Mit Entzucken erinnre ich mich noch des Tages, wo mir zum ersten Male recht tief im Busen die durchdringende Uberzeugung von meiner schwachen, hulflosen Weiblichkeit wurde. Es war am Morgen nach einem Ballabende, wo man mich mit den schonsten Artigkeiten uberhauft hatte. Da erhielt ich ein Billet, und sah mich in einer Verlegenheit, die ich mit allem Aufwande meines bisschen Verstandes nicht zu besiegen vermochte, und von welcher ich mir doch gestehn musste, dass ein kluger Mann sie spielend gelost haben wurde. An jenem Tage gelobte ich mir, nie mich als Opfer meiner Tauschungen bekranzen zu lassen, nichts sein und vorstellen zu wollen, als eine untergeordnete, hulfsbedurftige Frau. Welches Gluck, welchen Frieden hat mir diese Erfahrung bereitet!
Ich erzahle Ihnen dieses nur, um Sie womoglich zu uberzeugen, dass die Einkehr in uns selbst uns nicht dem Leben entfremdet, uns vielmehr mit freierem Blicke dem Leben zuruckgibt. Was haben wir denn eigentlich, wenn wir nichts haben, als unsre Irrtumer und den kuhnen Willen, sie, koste es, was es wolle, festzuhalten? Ein Tropfchen Wahrheit ist ja mehr wert, als der ganze Strom selbstgeschaffner Einbildungen, auf dem wir, vertrauen wir demselben unser Schiff an, wer weiss? zu welchen oden Kusten gefuhrt werden. Konnte ich Sie uberreden, einmal das, was Sie Unmoglichkeit nennen, zu besiegen! In jedem Menschen ist ein grauer Fleck, den wir doch ja nicht mit Blumen uberdecken sollten! Jenseit dieser dunklen Stelle liegt erst unser bessres Selbst. Alles, was Sie, wie Sie sich auszudrucken pflegen, hemmt, empfangt Ihren Hass, aber wenn ich Ihnen die Frage vorlegte: ob Sie wohl je erforscht haben, was in Ihnen gehemmt werde? wurden Sie mir Antwort geben konnen, Johanna?
Die Gegenwart umfangt uns mit den Nebeln augenblicklicher Tauschungen. Dagegen ist die Vergangenheit ein fester Spiegel, in dem wir unser Antlitz erblicken konnen. Diesen Spiegel will ich Ihnen vorhalten, so gut ich es vermag. Vielleicht zeigt er Ihnen, dass an Ihrem Anzuge etwas zu andern sei.
Als der Herzog mich nach dem Tode seines Vaters heimfuhrte, fand ich Sie im Schlosse. Sie waren der Mittelpunkt des hauslichen Lebens gewesen. Die Dienerschaft hatte Ihnen zu gehorchen, jeder Fremde sah in Ihnen die Dame des Hauses. Was fur alle Umgebungen seit lange offenbar sein musste, das Geheimnis Ihrer Geburt, hatte erst kurz vor dem Tode des Vaters aufgehort, fur Sie verborgen zu sein. Die Schwachheit entriss dem Greise das Wort, welches seine Liebe zu Ihnen, und den Platz, den er Ihnen eingeraumt, erklarte. Er wollte in Ihnen vor dem letzten Abschiede nicht bloss die Tochter seiner Wahl, er wollte in Ihnen auch das Kind seines Bluts umarmen.
Ich kam nun an, die junge Frau; in strenger Regel erzogen. Meine Lage war nicht angenehm. Hatte der Vater doch lieber sein Gestandnis mit in die Gruft genommen! Mich dunkt, es ist nie gut, zu erfahren, dass unser Dasein mit den Einrichtungen der Welt in Widerspruch steht. Sie fuhlten sich; was war verzeihlicher, als dass Sie sich in Ihrem naturlichen Rechte zu behaupten suchten? Sie sind grossmutigen Sinns; vielleicht wirkt es auf Sie, wenn ich Ihnen bekenne, dass ich in den ersten Zeiten meines Ehestandes viel gelitten habe. Ich machte keine Anspruche, aber ich war denn doch die Gattin des Herrn. Und nichts um mich her war so, wie ich es mochte. Jener Kreis, den Sie herbeigezogen hatten, er war der nicht, in dem mir das Herz aufging, er konnte nie der meinige sein. Grosse Gaben hat mir der Himmel nicht beschert, aber ich vermag das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, und in Ihrer Gesellschaft, bei dem Anblick der allgemeinen Kalte wehte mich oft ein Schauder des Todes an. Ich beschloss, diese Menschen zu dulden, aber ihnen entgegenzukommen, mit dem Wunsche, sie zu fesseln dazu war ich ausserstande. Sie verstanden mein Benehmen unrecht; ich fuhlte, dass ich bei Ihnen fur eine stumpfe, neidische Seele zu gelten begann.
Am besten kommen wir mit denen, die uns nahegestellt sind, aus, wenn wir uns geradezu entschliessen, sie zu lieben. Ich nahte Ihnen mit dem aufrichtigen Verlangen nach Ihrer Freundschaft. Ob Sie hierunter irgendeine kunstliche Absicht suchten, weiss ich nicht. Genug, ich wurde wieder missverstanden. Sie wichen mir mit der ganzen Gewandtheit Ihres Geistes aus. Nun konnte ich freilich nichts weiter tun, als mich auf meinen Gatten und micht selbst beschranken. Es kam jene Zeit des gegenseitigen Beobachtens und Deutens, die uns beiden wohl immer eine trube Erinnrung sein wird.
Inzwischen setzte der Herzog, welcher, mit wichtigeren Dingen beschaftigt, auf den geheimen Zwiespalt seiner Frauen nicht achten konnte, die Reformen fort, welche er nach des Vaters Tode begonnen hatte. Unter den Klagen entlassner Mussigganger, die auf meiner Schwelle lagen, umgeben von verdriesslichen Gesichtern derer, die auf schmalere Bissen gesetzt worden waren, sollte ich ihm mit Meinung und Rat beistehn, ich, die ich mir selbst nicht zu raten wusste, ich, unter deren Fussen der Boden schwankte!"
(Einige Tage spater)
"Am tropfelnden Tage wunschen wir uns klaren Himmel, und wenn dann der schwule Druck des gluhenden Sonnenbrandes auf uns lastet, so hatten wir gern die kleine Unbequemlichkeit wieder. Jene, mindestens unschuldige Gesellschaft hatte sich weggewohnt, dafur kam der Verderber ins Haus, und bemachtigte sich Ihrer. Wie oft wunschte ich, von seiner unheimlichen Nahe bedruckt, mir den Schwarm zuruck!
Ich rede von Medon. Ich furchte ihn nicht, und nichts in der Welt soll mich abhalten, uber ihn zu sprechen, wie ich denke. Er ist bose, grundbose; er ist boser als Worte sagen konnen. Dieser Mann hat gewiss noch niemand ermordet, aber er ware imstande, das Menschengeschlecht zu vergiften, um den Raum fur seine eingebildete Schopfung zu gewinnen. Ich schelte Sie nicht, dass Sie in seine Schlingen gefallen sind musste ich doch selbst meinen Kopf zusammennehmen, um nicht von ihm bezaubert zu werden. Aber als ich an hundert kleinen untruglichen Zeichen sah, dass er nur ein Schauspieler, wiewohl ein uberaus grosser war, dass er mit Wissen, Geschichte, Religion, mit dem Ideellen seiner ganzen Erscheinung immer auf Effekt abzielte, da ergriff mich auch ein Widerwille gegen ihn, wie ich ihn noch nie gegen einen Menschen gefuhlt hatte.
Mit Entsetzen bemerkte ich, dass Ihre Seele einem solchen Eindrucke nicht zu widerstehn vermochte. Ich sah Ihr wachsendes Zutrauen, ich sah, verzeihen Sie mir, dass ich es ausspreche wie er mit Ihnen spielte. Leider sind wir ja immer am schwachsten, wenn wir nicht schwach sein wollen. Der Herzog teilte meine Besorgnisse, die Sie freilich von uns nicht horen mochten. Wir waren nun einmal in Ihren Augen prosaische Naturen. Ich sah Sie dem Abgrunde zuhupfen, und Sie stiessen mich zuruck, als ich Sie aufhalten wollte.
Was ich lange geahnet, erfolgte endlich: ein auffallender Bruch aller Verhaltnisse. Medon nahm Abschied und reiste; Sie entfernten sich gleichzeitig ohne Abschied, und ein zuruckgelassnes kurzes hofliches Billet sagte uns, dass Sie es Ihrer Neigung angemessen fanden, einen andern Aufenthaltsort zu wahlen. Seit dieser Zeit waren Sie fur uns verschwunden. In der alten Burg, wo wir uns auf unsrer Ruckreise aus Osterreich nach Ihnen erkundigten, haben Sie mit ihm unter fremden Namen einige Monate lang gelebt.
Betrachtungen uber diese Geschichte anzustellen, halte ich fur uberflussig. Redet sie selbst nicht zu Ihnen, so wurde mein Wort auch kraftlos sein. Nur noch eins: Nicht die Liebe hat Sie hingerissen. Die Liebe macht still und weich; so sah ich Sie nie, Sie waren aufgeregt, nicht bewegt. Ihre Unzufriedenheit mit dem, was Ihnen das Schicksal zugemessen hatte, Ihre Sehnsucht nach der Ungebundenheit, die nun einmal dem Weibe nicht beschieden ist, fand an Medons grosserer Unzufriedenheit mit den Menschen und mit der Gegenwart, an seinem Fanatismus fur einen ertraumten besseren Zustand der Dinge, gleichsam die Beglaubigung, den Anhalt. Aus dieser Sympathie des Missvergnugens ist Ihr Verderben gewoben worden. Die Hand auf das Herz, Johanna, habe ich unrecht?
Man nennt Sie vermahlt. Das glaube ich nicht. Ein Medon verheiratet sich nicht. Sie haben Ihr Los jemandem vertraut, der bei seinen Handlungen sehr wenig an Sie denken wird.
Kehren Sie zuruck, Johanna! Sie wandeln einen schmalen gefahrlichen Weg; lenken Sie ein in die gebahnte Strasse! Kein Blick des Vorwurfs wird Ihnen hier begegnen. Der Herzog ist Ihnen bruderlich gesinnt; die Bitte des sterbenden Vaters bleibt ihm ein Befehl fur das Leben. Gern wird er Ihnen das Landhaus, welches Sie liebten, so lange Sie wollen, einraumen. Da konnen Sie in der Stille, fern von unangenehmen Erinnrungen, sich zurechtfinden, konnen mit uns wieder anknupfen, wann und wie Sie mogen. Ihr Ruf ist bewahrt; die Freunde wissen nicht anders, als dass Sie eine Reise gemacht haben. Mich sehen Sie erst, wenn Sie selbst es wunschen. Kehren Sie zuruck, Johanna!" Diesen Brief, so freundlich er klang und so innig er gemeint war, hatte die Herzogin dennoch mit grossem Widerstreben geschrieben. Beinahe hatte ein Zufall das muhevolle Werk vernichtet. Sie besass einen zahmen Papagei, der frei im Zimmer umherspazierte, und von der Gebieterin verzogen, nach der Weise dieser affenahnlichen Vogel, tausend Possenstreiche ausgehn liess. Er pflegte in der Regel ernsthaft auf der Lehne ihres Stuhls zu sitzen, wenn sie arbeitete oder schrieb. Als sie eben mit dem Briefe fertig geworden war, schoss er von seinem Platze auf die Klappe des Sekretars, hatte den Brief im Schnabel, und war damit im Umsehn weg. Schon sass er in einer Ecke, bereit, das Papier mit Schnabel und Krallen zu zerarbeiten. Sie jagte ihm den Raub zwar wieder ab; ob sie aber sehr gezurnt haben wurde, wenn der Vogel die Vernichtung vollendet hatte, steht dahin.
Siebentes Kapitel
Wahrend seine Wohltater auf so verschiedne Weise beschaftigt waren, lag Hermann noch immer in der Bewusstlosigkeit des Fiebers. Beinahe etwas zu hart war er fur seinen irrtumlich verwendeten Eifer bestraft worden. Denn der Degen des alten Raufbolds hatte nur noch einen Zoll tiefer zu schneiden gebraucht, so ware die Leber verletzt gewesen. Eine geraume Zeit lang hatte er ohne Hoffnung gelegen. Nach und nach kehrte die Besinnung zuruck, anfangs wie ein dammernder Traum, dann wie ein blasser, zarter Tag.
Als er die Augen aufschlug, sah er einen ernsthaften Mann an seinem Lager sitzen, der ihm die Medizin reichte. Er kannte den Mann nicht. Ein andrer Unbekannter, schwarzlockig, kam und fuhlte den Puls. "Wo bin ich?" fragte er mit matter Stimme. "Bei Freunden", versetzte der Arzt; "halten Sie sich ruhig."
Die nachsten Tage vergingen unter der treuen Obhut jener Manner. Er hatte das Gedachtnis eingebusst. Als man ihm den Herzog nannte, die kleine Stadt, in deren Nahe man ihn verwundet gefunden, wusste er von nichts. Seine Sinne litten an krankhafter Reizbarkeit, wenn er etwas Rauhes anfasste, schmerzten ihm die Fingerspitzen, ein hartes Auftreten drohnte ihm im Ohr, das helle Tageslicht hatte er nicht zu ertragen vermocht. Bei der Dammrung verhangner Fenster bekam er Zeit, seine Lebensgeister wieder zu sammeln.
Er fand sich in einem hohen ernsten Zimmer. Alte Stukkatur verzierte die Decke, von den Wanden hingen schwere, rote Tapeten herab, massive, vorzeitliche Meubles standen umher. Grosse eichne Flugelturen wiesen nach andern Gemachern. Kaum hallte ein Fusstritt durch den Gang. Man hatte den Verwundeten absichtlich im stillsten Teile des Schlosses untergebracht.
Die Einsamkeit und die altertumliche Umgebung machten einen angenehmen Eindruck auf ihn, welcher durch die Tone der Orgel, zu bestimmten Morgenund Abendstunden aus der nahen Kapelle heruberklingend, noch verstarkt wurde. Wilhelmi und der Arzt erschienen punktlich mehrmals des Tages, der alte Erich versah die Aufwartung. Nach und nach traten die Bilder der Tage, welche diesem einformigen Zustande vorhergingen, aus dem Dunkel, aber wie Schatten, ohne rechten Zusammenhang. Er suchte nach einem festen Punkte, er hatte sich um sein Leben gern auf eine Gestalt besonnen, die ihm nicht erinnerlich werden wollte.
Einst brachte ihm Wilhelmi eine Schale voll der schonsten Pfirsichen. "Diese Fruchte schickt Ihnen die Herzogin", sagte er.
Die Herzogin! Der Name durchzuckte ihn wie ein Blitzstrahl. Sie war es, die Gestalt, nach welcher er vergebens bisher gesucht hatte. Nun sah er sie, nun stand sie vor ihm, in dem feinen, braunen, englischen Kleide; er horte sie in der Kapelle ihn zuruckweisen, er half ihr vom Zelter, er empfing von ihr das Geld, Flammchen zu retten. Alles, jeder Moment war ihm mit einem Schlage gegenwartig.
Wilhelmi lachelte uber die Ausrufungen, welche bei dieser Gelegenheit laut wurden. "Unsre Furstin verdient Ihren Enthusiasmus", sagte er. "Sein Sie nur recht dankbar, wenn Sie Ihr Zimmer wieder verlassen haben werden, sie hat grosse Teilnahme an Ihnen bezeugt. Man hat Sie uns grade zur rechten Zeit ins Schloss getragen. Wir andern sind mit unsern Geschaftsgesichtern jetzt wenig geeignet, sie zu unterhalten, wie sie es verdient.
Er liess Hermann allein, der sich in diesen sussschmerzlichen Fall nicht zu finden wusste. "Aufgedrungen bin ich hier. Welches Geschwatz, dass sie teil an mir nehme? Ja, den Almosenanteil eines gewohnlichen Mitleids!" rief er aus. Nicht lange konnte er dieser Wehmut nachhangen. Die Ture flog auf, und Flammchen herein. Tranen im Auge fiel sie ihm zu Fussen, druckte und kusste seine Hand, und war wie ausser sich vor Freude, dass man sie wieder zu ihm gelassen habe. "Ich hatte das beste Mittel, dich in drei Tagen gesund zu machen, das wollte ich dir eingeben, da rief mich der bose Doktor von dir, und sie haben mich abgesperrt gehalten. O, hier ist es sehr hasslich, alles so gleich und langweilig, wie im Grabe, lass uns bald fort!"
Sie druckte seine Hand so, dass er sie unter empfindlichem Schmerze zuruckzog. Langsam kehrte ihm die Erinnrung an diese Figur wieder. "Ich habe meine Wunde um dich bekommen, welche Not wirst du mir noch sonst verursachen?" sagte er. "Wie konntest du so unbesonnen sein, mir als Knabe zu folgen?"
"Es war doch gut, dass der Knabe bei der Hand war", versetzte sie trotzig. "Du hattest sonst unter den Fichten verbluten mussen. Wie sprichst du denn? Ich dachte, die Schmerzen hatten dich vernunftiger gemacht. Wo soll ich anders sein, als bei dir?"
"Es ahnet doch wohl niemand hier dein Geschlecht?" Sie sah ihn starr an. "Geschlecht? Was ist das?"
Hermann befahl ihr streng, sich ordentlich zu betragen, und nicht aus dem Vorzimmer zu weichen. Er drohte ihr mit augenblicklicher Verstossung, wenn sie mit irgend jemand, ausser mit ihm sprache. Traurig, den Kopf hangend, schlich sie fort. Der Arzt, der ihn schon fur geheilt erklart hatte, fand ihn gegen Abend verandert. Gemutsbewegung und Sorge hatten ihn aufgeregt, es meldete sich wieder ein kleines Fieber. Auf seine Fragen wollte Hermann mit der Sprache nicht heraus.
Die Tur zum Vorzimmer war offen geblieben, Flammchen sass am Tische und studierte in einem Punktierbuche. Ein verlegner Blick Hermanns auf sie verriet, woher das Fieber ruhre. Der Arzt zog die Ture zu. "Beruhigen Sie sich", sprach er, "Ihr Geheimnis mit dem Madchen ist unentdeckt, und soll unentdeckt bleiben, wenn Sie vernunftig sind."
"Geheimnis? Madchen? Ich verstehe Sie nicht", stotterte Hermann.
"Gemach, mein Freund, nur keine Maske. Vor seinem Arzte muss man offen sein, auch sind wir in solchem Punkte nicht so leicht zu tauschen. Sein Sie unbesorgt, ich weiss es, sonst niemand. Unser Wilhelmi sieht vor der Verderbnis des Zeitalters im allgemeinen, das besondre Fleckchen zu seinen Fussen nicht, dem Herzog sind alle romantischen Dinge Allotria, um welche sich ein Mann, der Geschafte hat, nicht bekummert, und unsre schone furstliche Tugend glaubt an nichts Schlimmes, weil sie selbst nie einen bosen Gedanken gehabt hat. Die Kammerjungfer, welche etwas erlauscht haben musste, hat Sie anschwarzen wollen; sie ist heute als Verleumderin des Dienstes entlassen worden. Dass ich es treu mit Ihnen meine, konnen Sie daraus abnehmen, dass ich Ihrem Fritz, oder wie dieser Jungling sonst heissen mag, sein langes Haar, welches leicht zu einer Entdeckung fuhren konnte, habe abscheren lassen. Als Schwedenkopf geht er schon eher mit durch."
"Um Gotteswillen, urteilen Sie nicht ubel von mir!" rief Hermann. "Ich brauche mich des Verhaltnisses zu jener Unglucklichen nicht zu schamen."
"Ich bin kein Richter, und am wenigsten ein Sittenrichter", erwiderte der Arzt etwas spottisch. "Die Moralitat unsrer Kranken geht uns nichts an. Aber mein tugendhafter Freund, hier in diesem ehrbaren Altvaterschlosse darf der Skandal nicht fortgesetzt werden. Denn ein Skandal bleibt es doch immer, wenn ein verkleidetes Madchen, welches die Kinderschuhe vertrat, sich bei einem jungen Manne aufhalt. Nur unter der Bedingung schweige ich, dass Sie diesen Zwitter so bald als moglich fortschaffen."
Hermann erklarte dem Arzte, dass es sein eigner sehnlichster Wunsch sei, Flammchen irgendwo sicher unterzubringen. Er wollte ihn uber das Madchen ausholen, bekam aber anfangs nur ziemlich ironische Antworten zu horen, welche deutlich anzeigten, wofur er gehalten werde. Zuletzt gab der Arzt dem Andringen Hermanns verwundert nach, und rief:
"Entweder sind Sie ein vollendeter Heuchler, oder hier ist etwas, was mir mein Konzept uber die Menschen verruckt! Wie? Sie sollten von ihr so wenig wissen, und doch ware sie bei Ihnen? Sie hatten sie nicht ihrem Vater entfuhrt! der alte Johanniter hatte Sie nicht fur dieses Unterfangen verwundet?"
"Wer kann das behaupten?"
"Die beiden Alten haben es uberall ausgesagt. Ich hatte Muhe genug, die Sache zu stillen."
"In welcher schrecklichen Verlegenheit befinde ich mich!" seufzte Hermann. Die Mitteilungen des Arztes flossten ihm ein Grauen gegen das Wesen ein, welches sich so gewaltsam so seinen Spuren nachdrangte.
"Sie ist", berichtete jener, "durchaus und bis in die letzte Faser ihrer Natur Aberglauben, und nie habe ich diese geistige Krankheitsform so rein auftreten sehn. Ich habe jetzt uber alles, was uns das Mittelalter von Hexen, Besessenen, Doppelgangern und ahnlichen Fratzen erzahlt, durch sie eine andre Meinung bekommen; diese Dinge waren keineswegs Pfaffentrug; ich sehe an einem lebendigen Beispiele, dass eine verstorte Einbildungskraft alles das hervorrufen kann. Sie tut keinen Schritt, ohne irgendein willkurliches Orakel zu fragen, sie hat Visionen, sie fuhrt im Mondschein sonderbare Gesprache mit ihrem Schatten, dabei ist sie durchaus nicht heimlich und verschlossen, nein, man kann ihre ganze Verkehrtheit in jedem Augenblicke von ihr erfahren, weil die abenteuerlichsten Dinge ihrem Geiste so gemein erscheinen, wie uns der Wechsel der Tageszeiten. Ihr Verderben ware sie gewesen, kam ich im rechten Augenblicke nicht noch dazu. Gerade, als Sie in der heftigsten Fieberhitze lagen, fand ich sie im Begriff, Ihnen einen Trank einzugeben, der, wie mich die Untersuchung des Gemisches lehrte, Sie in wenigen Stunden getotet haben wurde. Woher sie die Spezies bebkommen? Von wem das Zeug bereitet worden? habe ich nicht ausmitteln konnen. Zufalligerweise geriet mir kurz nachher eins jener alten verworrnen Buchelchen aus dem siebenzehnten Jahrhundert in die Hande, worin allerhand Phantastereien als Naturkunde prunken, und darin fand ich das Arkanum Ihrer unberufnen Helferin als allgemeinen Lebensbalsam Gran fur Gran verordnet."
"Aber wie ist nur eine solche Verbildung moglich geworden?"
"Fragen Sie mich in Ernst, so kann ich darauf nur Mutmassungen mitteilen. Sie wuchs auf unter Leuten, deren eigentliches Geschaft es ist, alle ihre Stunden in Schein und Schaum zu verzetteln. Denken Sie sich lebhaft das Innere einer Komodiantenwirtschaft, und Sie haben das Bild der Gemeinheit und faselnden Damelei, von welcher das Kind immer umgeben war. Die Einbildungskraft uberragt in ihr alle andern Vermogen, dabei fehlt ihr das Talent der Nachahmung, woraus die Schauspielkunst entspringt. Es mangelte ihr also in jenem Kreise die Moglichkeit, mit dem Ausseren, Wirklichen anzuknupfen. Sie ist sehr unwissend, Lesen und Schreiben hat man sie zur Not gelehrt, ubrigens weiss sie von dem Zusammenhange der Dinge nichts, und alles Uberirdische ist ihr vollig fremd.
Gleichwohl will ein lebhafter Sinn, eine entzundliche Phantasie Beschaftigung. Fruh mogen ihr manche Sachen in die Hande gefallen sein, die im verflossenen Jahrzehnt Mode waren; jene talentvoll-bizarren Ausgeburten eines vielgelesenen Autors, worin das Marchenhafte, ja das ganz Unmogliche und Widersinnige dicht an die tagliche Umgebung geschoben wird. Fabeln, die aus fabelhaftem Rahmen blicken, waren wohl kaum imstande gewesen, die junge Torin so zu verwirren, aber diesen alten Weibern, welche so vertraut an der und der Strassenecke sitzen, und dann plotzlich Gott weiss was? werden, diesen Koboldchen und Diavolinis in Schlafrock und Pantoffeln, vermochte das Gehirnchen keinen Widerstand zu leisten. Sie hat sich eine Art von Fetischismus gebildet, und es ist mir oft merkwurdig gewesen, an ihr dasselbe wahrzunehmen, was man uns von den Volkern erzahlt, die sich noch auf der Stufe der Kindheit befinden. Im ganzen bemerkte ich namlich auch an ihr, dass alle Religion aus dem Schrecken entspringt, und dass der Mensch das Gute und Angenehme als sich von selbst verstehend, hinnimmt. Der grosse Stein im Schlosshofe, an dem sie sich im Sprunge den Fuss verletzte, ein alter fauler Weidenbaum, der ihr, als sie sich eines Abends verspatet hatte, zum Entsetzen ins Auge gluhte, die verwitterten, in den dunklen Gang nach dem Archive beiseite geschafften Gartenstatuen, sind die Gegenstande ihrer heimlichen, furchtenden Verehrung; wahrend sie bei keiner Blume an etwas andres denkt, als dass sie wohl rieche, den Sonnenschein und die gute Speise geniesst, ohne daruber nachzusinnen, woher beides stamme."
Achtes Kapitel
Eine bedeutende Krankheit kann bisweilen ein Gluck sein. Unser Leben wird zur grosseren Halfte von Gewohnheiten, und nur zur kleineren von Freiheit und Entschluss genahrt. Gewohnheiten aber sind meistens die Polster, welche die schwachen Seiten unsrer Natur sich unterlegen. Eine Krankheit unterbricht nun den einschlafernden Gang dieser Nachgiebigkeiten, und macht es dem Genesenden moglich, sich nicht bloss im korperlichen, sondern auch in einem hoheren Sinne, wie neugeboren zu fuhlen.
Wirklich nahm sich Hermann in den ersten Tagen des wiedergeschenkten Lebens ernstlich vor, kunftig vorsichtiger zu sein. Die Ausserungen des Arztes hatten schon ein unangenehmes Streiflicht auf seine Ritterschaft geworfen, und Flammchens eigne Reden dienten nur dazu, den Tag heraufzufuhren, bei dessen Glanze er sich zuletzt wie ein zweiter Don Quixote vorkommen musste. Das wilde Madchen hatte gar kein Hehl, dass sie sich bloss vor der Strenge des alten Johanniters gefurchtet habe. Ihre Tugend war durchaus nicht in Gefahr gewesen, das sah ihr Beschutzer nunmehr zu seinem Leidwesen ein. Es war ihm unbegreiflich, wie sich ein solches Hirngespinst in ihm hatte festsetzen konnen, und er beschloss, hinfort noch kalter und kluger zu sein, als er nach seiner Uberzeugung bereits war.
Die Lage, in der er sich trotz aller Unschuld befand, war sehr zweideutig. Ein junges Madchen, verkleidet, Tag und Nacht in seinem Vorzimmer zu wissen; welches Missgefuhl fur ihn, welch ein Anlass zu den ubelsten Verwicklungen! Aber wohin sollte er mit dem Kinde? Vom Pflegevater, an den er gleich geschrieben, hatte er eine in schwulstigen Ausdrucken verfasste ablehnende Antwort erhalten. So grausam durfte er nicht sein, ein verlassnes Wesen von sich zu stossen; und konnte er hoffen, dass jemand sich mit dem verwahrloseten Geschopfe befassen werde?
Diese Sorgen hielten ihn mehrere Tage lang zwischen Furcht und Zweifel gespannt. Niemand konnte er sich vertraun. Dabei war ihm der Mangel an aller ordentlichen Bedienung ausserst lastig. Sein Kaleb war ohne Ohr fur die Stunde, ohne Sinn fur Ordnung, warf alles unter- und ubereinander, und wenn er ihr Anweisungen gab, oder Strafpredigten hielt, so fiel sie ihm um den Hals, statt zu gehorchen. Er war daher fast allein auf sich und seine Hande beschrankt, und dazu kam noch, dass schon ihr Geschlecht ihm verbot, manches von ihr zu fordern, dessen ein Genesender bedarf. Der Arzt, der allein hier hatte einschreiten konnen, schien, voll Schadenfreude, kein Auge fur diese Verlegenheiten zu haben.
Konnte ihm etwas seine verdriessliche Situation ertraglich machen, so war es der Umstand, dass das Madchen uber alles, was Lusternheit oder nur Sinnlichkeit heissen mochte, in volliger Unbekanntschaft lebte. Er sammelte hieruber merkwurdige Erfahrungen ein, und musste die ewige Konsequenz der Natur bewundern, welche immer nur in einer Richtung bildet und missbildet. Wahrend ihre Phantasie ganz vom Abenteuerlichen und Seltsamen geschwangert worden war, blieb sie rein von allen den Dingen, womit sich sonst in den Jahren der Entwicklung ein stilles und gefahrliches Nachsinnen zu beschaftigen pflegt. Mit dem Gedanken, dass er sie heiraten werde, woran sie starr und steif festhielt, verknupfte sie keine andre Vorstellung, als dass sie sich neben ihm in weichgepolsterter Kutsche wiegen, oder den Schmuck einer vornehmen Dame am Halse tragen werde. Eines Tages war er auf einen Augenblick ins Freie gegangen, und fand sie, als er zuruckkehrte, nicht in ihrem Vorzimmer. Am Pfosten des Bettes hing ein Taschchen, wie es schien, vollgestopft. Ein Buch, das hervorsah, machte ihn neugierig; er nahm das Taschchen und leerte es aus. Da zeigte sich ein sonderbarer Inhalt. Allerhand Dornen, Stabchen, beschmutzte Bilder, halbzerbrochne Whistmarken kamen zum Vorschein. Ein sogenannter Krotenstein wurde sichtbar, nebst Stucken von einem Kindesschadel. Er sah ein Band von ungewohnlicher Farbe, auf dem fremdartige Charaktere eingestickt waren, vermutlich das Ordensband einer Loge, irgendwo verlorengegangen. Er offnete ein zugenahtes Sackchen; dieses fand er mit Salz und Kummel angefullt1. Er schlug die Buchlein auf, welche das Taschchen enthielt, und sah die Vermutung des Arztes bestatigt. Es waren einige von den Sachen, die vor Jahren die Einbildungskraft aller jungen Leute so sehr in Bewegung setzten: die "Teufelselixiere", der "Goldne Topf", "Rasmus Spikher" u.a.m. teils vollstandig, teils in zerlesenen Bogen und Blattern.
Er hielt also den Kram in Handen, welcher das Gehirn des armen Kindes verdreht hatte. Mit der Vertilgung dieser ausserlichen Dinge meinte er den Aberglauben an der Wurzel zu zerstoren, und warf daher alles rasch in das herbstliche Kaminfeuer.
Neuntes Kapitel
Eine geheime Scheu hatte ihn noch immer abgehalten, sich seinen Wohltatern vorstellen zu lassen, obgleich er das lebhafteste Verlangen empfand, der edlen Herzogin wieder in das Antlitz zu sehn. Er errotete, wenn er ihrer gedachte, und verschob den Tag des Besuchs von Woche zu Woche, unter dem Vorwande, dass er noch zu angegriffen sei, um in Gesellschaft erscheinen zu konnen, obgleich der Arzt ihm langst alle Rechte der Gesunden eingeraumt hatte. Diesem Manne musste er sich dankbar und verpflichtet fuhlen; dennoch empfand er kein Behagen an seinen Gesprachen. Der Arzt hatte seine Wissenschaft mit Geist und Freiheit studiert, die verwandten Naturgebiete waren von ihm in den Kreis der Betrachtung gezogen worden, er teilte sich gern und ausfuhrlich mit. Aber freilich hatten diese Studien die gewohnliche Folge gehabt. Dem Eingeweihten war das animalische Leben die Hauptsache geworden. Von Natur zweiflerisch gesinnt, hatte er durch ein wundes Verhaltnis welches ihn heimlich peinigte, einen noch scharferen Blick fur den Zwiespalt der einzelnen Dinge bekommen. Alles Geistige und Gemutvolle fand an ihm einen entschiednen Verneiner, der die atzendsten Einwurfe im ruhigsten Tone vortrug.
Jene trostlose Meinung, dass der Mensch sich nur durch eine Art von hoherem Instinkt uber das Tier erhebe, trat hier in reiner ausgepragter Gestalt auf. Der Arzt war unerschopflich in Beispielen, welche beweisen sollten, dass alles ideelle Streben der Menschheit und des Menschen immer nur zur Torheit oder zum Verbrechen gefuhrt habe, dass der Kreis, in welchem sich die Geschlechter umherdrehn, ein uberaus kleiner sei, und dass nur die unermudliche Einbildung der Selbstgefalligkeit ihn zu einem grossen erweitre, oder seine Peripherie in die beliebte grade Linie nach dem sogenannten Ziele der Vollkommenheit verwandle.
Hermann hatte sich, wie wir wissen, selbst fur einen fruhreifen Propheten des Nihilismus gehalten. Wie aber das Licht der Kerze neben der Strahlenglut der Sonne erbleicht, so schmilzt die Spielerei eines angeeigneten Wahns am Feuer einer echten Gesinnung. Er bestritt den Arzt mit allen Waffen, die ihm zu Gebote standen, und fuhrte die Sache der Begeistrung, so gut er konnte. An Eifer fehlte es ihm nicht, aber die Rustkammer, welche fur solchen Streit nur in der Geschichte oder in dem eignen, auf grosse Weise gefuhrten Leben anzutreffen ist, war ihm verschlossen. Sein Leben, wenn er es grundlich untersuchte, erschien ihm ziemlich dunn, und die Geschichte hatte er, wie er zu seinem Schrecken bemerkte, uber der Beschaftigung mit den Zeitungen bis auf einige allgemeine Umrisse fast vergessen. Der Fulle von Stoff, welche der Arzt phalanxartig ihm entgegensetzte, wusste er selten auslangend zu begegnen, und musste sich eines Tages, als jener jede eigentliche Freundschaft bestimmt leugnete, und mit grausamer Deutlichkeit alle Verbindungen unter Mannern aus dem Interesse ableitete, mit dem Argumente der Frauen helfen; dass er trotz allem Gesagten doch fuhle, es sei anders und besser.
"Orest und Pylades, Damon und Pythias gehoren in das Reich der Fabeln", sagte der Arzt. "Wenn es wahr ist, was man von Jonathan erzahlt, so sehe ich darin nichts Grosses. Er wusste recht wohl, dass er von seinem Vater Saul wenig zu befurchten habe, und dass es immer vorteilhafter sei, sich zur aufgehenden Sonne zu halten, als zur sinkenden. Und so geht es noch heutzutage. Wie empfindsam wurde der Gottingische Dichterbund ausgeputzt! Die Junglinge umarmten einander unter der Bundeseiche unweit der Leine, hoben die Finger empor und leisteten den Schwur ewiger Treue, Klopstock erschien in ihren Versammlungen als Oberpriester und Erzdeutscher; wie schon, wie erhebend! Die Treue hielt auch vor, solange einer vom andern regelmassig seine Ode empfing; als aber dieser Tauschhandel wechselseitiger Begeistrung flau ward, schlief die Liebe allgemach ein, und an ihrer Statte erwachte ein grimmiger Hass, der noch nach Jahren gedruckt hervorbrach, und von dem wenigstens ich den Grund nur darin finde, dass Voss Stolberg und Stolberg Voss zu besingen uberdrussig geworden war. Glauben Sie mir, die Sache steht, nuchtern betrachtet, so: Jugendfreundschaften dauern nie aus, und was in den spateren Jahren Freundschaft genannt wird, bezieht sich auf Sachen und Zwecke, nicht auf die Person. Wenn man aufrichtig sein will, so wird man sich gestehen mussen, dass ein Mann immer vor dem andern im letzten Winkel seiner Seele einen geheimen Widerwillen behalt. Auch in dieser Hinsicht sollten wir uns von unsern Mitgeschopfen nicht so weit entfernt glauben. Der Sozietatstrieb lasst sich nicht leugnen; er ist aber auch in den Ameisen und Bienen, in der Wanderratte, und unter den Vogeln, in den Krahen und Staren sichtbar. Die Freundschaft soll, wenn sie echt ist, reingeistiger Natur sein, nun frage ich: wie kann sie also uns, die wir in Haut und Knochen, Fleisch und Sehnen hangen, eignen?"
"Mit solchen Reden kann man freilich den Fruhling entlauben, die Menschheit entmenschen, und den Himmel entgottern!" rief Hermann. "Sie selbst aber sind, wie alle Verkundiger des Nichts, Ihr eigner Widerleger. Sie fuhlen sich zu andern hingezogen, ohne Eigennutz; Sie haben Zuneigungen, die um ihrer selbst willen vorhanden sind, ohne Rucksicht auf Vorteil, oder sonstige unedle Motive." "Was wollen Sie damit sagen?" fragte der Arzt verlegen.
"Ich bin geheilt. Ihr Amt hat bei mir aufgehort", versetzte Hermann warm und eifrig. "Dennoch kommen Sie taglich zu mir. Ich weiss, dass ich Ihnen nichts bieten kann, was Ihren Verstand beschaftigte. Und doch kommen Sie, und wir sind stundenlang zusammen. Soll ich aus dieser Annaherung, wodurch Sie mich hochlich ehren und erfreun, die Folgrung gegen Sie machen, oder ubernehmen Sie dies nun selbst?"
"Ich muss ja wohl", erwiderte der Arzt, indem er beruhigt Atem schopfte, und seine Hand aus der Hand Hermanns, ohne dessen Druck zu erwidern, zuruckzog. Er sprach von andern gleichgultigen Dingen, konnte aber ein Lacheln nicht verbergen, womit er hin und wieder unsern Freund von oben bis unten betrachtete. Beim Abschiede sagte er: "Sie glauben nicht, wie unsereinen, jetzt, wo man fast nur eingebildete Kranke unter Handen hat, ein wirkliches grosses Ubel, wie das Ihrige war, anzieht. Und dann sah ich, als ich Sie baden liess, dass Sie den schonsten normalsten Korper besitzen, den ich je erblickte. Ich muss gestehn, dass mir ein solcher Leichnam noch nie auf dem anatomischen Theater vorgekommen ist."
Hieraus merkte denn Hermann freilich, dass er dem Arzte mehr ein pathologisches Objekt sei, als ein Gegenstand der Zuneigung. Verstimmt und traurig fand ihn Wilhelmi, der in der Regel gegen Abend kam, mit ihm Schach zu spielen. Zu diesem zog ihn die Sympathie in dem Masse hin, als ihn der Arzt abstiess. Auch hier trat ihm eine verzweifelnde Ansicht des Lebens entgegen, aber die Verzweiflung entsprang aus dem fruchtlosen Suchen nach der irdischen Erscheinung der himmlischen Urania. Wilhelmi gehorte zu den vielen Deutschen, bei denen der Sinn die Tatkraft uberwiegt. Es scheint fast, dass man mit einem gewissen Leichtsinn handeln musse, um eigentliche Resultate zu erblicken. Er war mit seinem bedeutenden Verstande, mit seinen Kenntnissen und Gesinnungen doch nur in kleinliche Verhaltnisse geraten; unter Zaudern und Wahlen waren ihm die besten Lebensjahre verstrichen. Nun war er der Diener eines abgelegen hausenden Dynasten, und konnte sich in dieser Stellung unmoglich gefallen. Aus dem Missverhaltnis, in welchem er sich zu seinem Geschicke fuhlte, erwuchs ihm das Gefuhl fur das allgemeine Missverhaltnis in der Welt, ein Gefuhl, welches durch korperliche Leiden noch gescharft wurde. Unzufrieden mit allem, was er in der Wirklichkeit sah, erbaute er sich eine Art von Traumwelt, und suchte sich in allerhand Willkurlichkeiten eine problematische Existenz zu grunden, da das Leben ihm die Mittel zu einer andern nicht bieten wollte.
Die Jugend hat einen naturlichen Hang, die Welt anzuklagen, um das Recht zu bekommen, sie zu verbessern, und wer diesen Ton voll und stark erklingen lasst, wird ihr immer angenehm sein. Hermann hatte von dem ernsten verdriesslichen Manne eine hohe Meinung gefasst, und uberbot sich mit ihm in Reden gegen die Menschheit und Zeit, wo es sich denn oft ergab, dass er uber das Ganze grade das Gegenteil von dem sagte, was er kurz vorher dem Arzte gegenuber im Einzelnen aufrecht zu erhalten versucht hatte. Der Schimmer des Geheimnisvollen, welcher Wilhelmi umwebte, vermehrte nur den Eindruck seiner Personlichkeit. Hermann hatte bemerkt, dass wenn er jenen nach seiner Wohnung im altesten Teile des Schlosses begleitete, er nicht in das eigentliche Arbeitszimmer des Freundes gelassen, sondern in einem Vorgemache abgefertigt wurde. Die Spottereien des Arztes uber die Hohle des Sehers, welche kein Profaner betreten durfe, reizten seine Neugier nur noch starker, und er spurte mehrmals die Versuchung, wenigstens durch das Schlusselloch in das Mysterium zu blicken, wenn Wilhelmi, ihn zurucklassend, durch die Pforte abschritt, um ein Buch, oder sonst etwas, worauf die Unterhaltung gefuhrt hatte, zu holen.
Wilhelmi seinerseits erfreute sich endlich eines geduldigen Zuhorers, ja einer zweiten Stimme in dem Konzerte, welches er so gern anstimmte, und in dem er bisher fast immer nur Solo hatte spielen mussen. Aus dem Zusammenreden entstand bald ein Zusammenempfinden, und da Hermann ihm mit wahrer Liebe entgegenkam, so konnte ein aufrichtiges Wohlwollen des alteren Mannes nicht ausbleiben. Dieser nahm sich im stillen vor, eine Lieblingsgrille, welche er noch niemand zu eroffnen gewagt hatte, mit seinem jungen Freunde auszufuhren.
Als einige Partien gemacht worden waren, in denen sich Hermann heute ziemlich schwach verhalten hatte, stand Wilhelmi auf, ging mit feierlichem Anstande durch das Zimmer, trommelte sodann auf den Fensterscheiben, und sagte und tat hiernachst gewisse Dinge, die nicht verraten werden durfen. Seine Mutmassung bestatigte sich. Hermann antwortete, wie er musste, und beide schuttelten einander als Bruder einer weit verbreiteten Genossenschaft herzlich die Hand. "Kommen Sie", sagte Wilhelmi, "ich habe Ihnen etwas zu vertraun." Erwartungsvoll folgte Hermann seinem Verbundeten durch die langen Gange des Schlosses. Es war schon spat, und die Fusstritte hallten auf dem Estrich. Wilhelmi nahm in seinem Vorzimmer zwei Armleuchter vom Tische, zundete die Kerzen an, und hiess mit dem Ernste eines Magus Hermann in das Allerheiligste treten.
Wir meinen das Studierzimmer. Hier wurde freilich die Erwartung des Gastes enttauscht. Er sah nichts, als eine Art Faustischer Zelle, wie sie zu jedem deutschen Gelehrten herkommlich gehort. Bucher standen auf Brettern, die vom Fussboden bis zur Decke emporreichten, Glasschranke mit Antiquitaten und allerhand Seltenheiten nahmen den ubrigen Raum ein, jede etwa noch leere Stelle an der Wand war mit einem Kupferstiche, einer Zeichnung, oder einem Risse zugedeckt. Man konnte sich kaum umdrehn. Vergebens aber spahte Hermann nach Geheimnissen. "Warum halten Sie dieses Zimmer so verborgen?" fragte er ungeduldig seinen Wirt, der mit angstlicher Sorgfalt einige Federn, die von dem ein fur allemal angewiesenen Orte gewichen waren, zurechtlegte.
"Hier ist der einzige Raum auf der Welt, wo ich frei Atem hole", versetzte Wilhelmi. "Zwischen diesen vier Wanden liegt mein Asyl; hier kann ich sein, wie ich will, und nur mein innigster Freund soll dieses kleine Konigreich mit mir teilen. Kein kaltes, kein freches Gesicht store den Frieden, der hier mich umsauselt! Hier bleibe es Ordnung, wenn die Unordnung draussen auch noch so gross wird."
Wirklich schien dieses Gemach, so uberfullt es war, ein Heiligtum saubrer Genauigkeit zu sein. Kein Staubchen ware wegzublasen gewesen, denn Wilhelmi fegte selbst mehrmals des Tages alles ab, und dem Diener war nur erlaubt, den Grund zu kehren. Symmetrisch geordnet lagen und standen auf dem Schreibtische Papiere, Federmesser, Brieffalzer in abgemessner Entfernung voneinander, umsonst wurde ein Maler hier das Modell zu der reizenden Verwirrung eines Stillebens gesucht haben. In Reihe und Glied schnurgrade standen die Bucher, von himmelblau angestrichnen Brettern hoben sich die Raritaten hinter wasserhellen Scheiben nett und deutlich ab.
"Helfen Sie mir!" sagte Wilhelmi zu Hermann, der die Totenurnen, die Elfenbeinsachen in den Schranken, die Zeichnungen und Risse an den Wanden betrachtete. Sie gingen in ein Seitenkabinett, und Wilhelmi schlug den Deckel von einem grossen Kasten zuruck. Mit Verwundrung sah Hermann darin einen vollstandigen mystischen Apparat.
Als sie ihn auspackten, horchte Wilhelmi auf. "Mir war es", sagte er, "als horte ich ein Gerausch." Im Zimmer war aber nichts zu erblicken. Vorsichtig schloss er die Ture nach aussen ab.
Hierauf schmuckten beide das Zimmer in seltsamer und geheimnisvoller Weise aus. "Tun wir auch recht?" fragte Hermann bedenklich. "Es ist auf kein Schisma abgesehn", versetzte Wilhelmi, "ich stelle diese Zeichen nur um uns her, unsre Gedanken von der gemeinen Alltaglichkeit abzusondern, die leider in jedem Momente sich aufdrangt." Er nahm in einem thronartigen Lehnstuhle Platz, Hermann musste sich gegenuber auf einem Tabouret niederlassen. Er war sehr gespannt auf das, was aus diesen Anstalten sich entwickeln werde. Wilhelmi begann seinen Vortrag folgendermassen.
Zehntes Kapitel
"Wir konnen nicht leugnen, dass uber unsre Haupter eine gefahrliche Weltepoche hereingebrochen ist. Unglucks haben die Menschen zu allen Zeiten genug gehabt; der Fluch des gegenwartigen Geschlechts ist aber, sich auch ohne alles besondre Leid unselig zu fuhlen. Ein odes Wanken und Schwanken, ein lacherliches Sichernststellen und Zerstreutsein, ein Haschen, man weiss nicht, wonach? eine Furcht vor Schrecknissen, die um so unheimlicher sind, als sie keine Gestalt haben! Es ist, als ob die Menschheit, in ihrem Schifflein auf einem ubergewaltigen Meere umhergeworfen, an einer moralischen Seekrankheit leide, deren Ende kaum abzusehn ist.
Man muss noch zum Teil einer andern Periode angehort haben, um den Gegensatz der beiden Zeiten, deren jungste die Revolution in ihrem Anfangspunkte bezeichnet, ganz empfinden zu konnen. Unsre Tagesschwatzer sehen mit grosser Verachtung auf jenen Zustand Deutschlands, wie er gegen das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts sich gebildet hatte, und noch eine Reihe von Jahren nachwirkte, herab. Er kommt ihnen schal und durftig vor; aber sie irren sich. Freilich wussten und trieben die Menschen damals nicht so vielerlei als jetzt; die Kreise, in denen sie sich bewegten, waren kleiner, aber man war mehr in seinem Kreise zu Hause, man trieb die Sache um der Sache willen, und, dass ich bei der Schutzrede fur die Beschrankung mit einem recht beschrankten Spruchlein argumentiere: der Schuster blieb bei seinem Leisten. Jetzt ist jedem Schuster der Leisten zu gering, woher es auch ruhrt, dass kein Schuh mehr uns bequem sitzen will.
Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die grosse Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Vater von ihren Hutten und Huttchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Schatzen zugefuhrt, welche nun auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fahigkeit wenigstens die Scheidemunze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, wie mit fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet, wird immer armer. Aus dieser Bereitwilligkeit der himmlischen Gottin gegen jeden Dummkopf ist eine ganz eigentumliche Verderbnis des Worts entstanden. Man hat dieses Palladium der Menschheit, dieses Taufzeugnis unsres gottlichen Ursprungs, zur Luge gemacht, man hat seine Jungfraulichkeit entehrt. Fur den windigsten Schein, fur die hohlsten Meinungen, fur das leerste Herz findet man uberall mit leichter Muhe die geistreichsten, gehaltvollsten, kraftigsten Redensarten. Das alte schlichte: Uberzeugung, ist deshalb auch aus der Mode gekommen, und man beliebt, von Ansichten zu reden. Aber auch damit sagt man noch meistenteils eine Unwahrheit, denn in der Regel hat man nicht einmal die Dinge angesehn, von denen man redet, und womit beschaftigt zu sein, man vorgibt."
"Wie wahr! Wie haben Sie so ganz recht!" rief Hermann, den Redner unterbrechend, aus. Die Gedanken, welche Wilhelmi vortrug, hatten ihn in die hochste Bewegung versetzt.
Jener fuhr fort: "Ich muss Ihnen gestehn, dass mich die Betrachtung der allgemeinen Schwatzerei oft der Verzweiflung nahe gebracht hat. Wenn ich rings um mich nichts als das lose lockre Plaudern vernahm, wenn ich Kunstvereine mit pomphafter Ankundigung von Leuten stiften sah, die kalt an den Werken des Raffael vorubergehn wurden, zeigte man ihnen diese, ohne den Namen des Meisters zu nennen; wenn ich horte, da habe wieder einmal einer, vom innern Drange getrieben, das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt, von dem ich recht wohl wusste, dass es mit dem religiosen Bedurfnisse bei ihm betrubt stand, dass er nur ein leichter nachgiebiger Weltcharakter war, wenn die Schneeflocken des politischen kalten Brandes mir aus dem Munde solcher entgegenstaubten, von denen ich voraussehen konnte, sie wurden nicht der kleinsten Aufopfrung fur ein Gemeinwesen fahig sein, dann, mein junger Freund, hatte ich Momente, in denen ich mir hatte das Leben nehmen konnen! Ich betastete mich und fragte: 'Bist du nicht auch ein Schemen, der Nachhall eines andern selbstandigen Geistes?' Ich grub in die letzten Tiefen meiner Seele, und suchte nach der Affektation, die, das wusste ich wohl, in irgendeinem verborgnen Winkel bei mir ebenfalls lauern musste. Ich sah ja alles verfalscht, vom armseligen Journalisten und seinem Handlanger an, die beide mit entwendetem Tiefsinn und geraubtem Scharfblick nur ihr trostloses Leben fristen, und ihre winzige Personlichkeit bemerkbar machen wollen, bis hinauf zum Fursten, dem ein faselnder Minister allerhand unregentenhafte Kostbarkeiten vor dem Volke in den Mund legt. Sollte ich denn allein eine Ausnahme machen?"
"Sie sind eine!" rief Hermann begeistert, Wilhelmin feurig die Hand druckend. "Wir leben in einer erbarmlichen Welt, und man mochte mit Feuer und Schwert darein wuten!"
"Da wurden wir nebenher auch verzehrt. Nein, bei uns mussen wir beginnen, und mit unsrem Selbst den ersten Baustein zum Tempel der neuen Andacht tragen; Lege den Gehalt einer Gesinnung auch in das kleinste Tun! Sprich nichts, als was du wirklich gedacht hast! Sei wahr in jedem Atemzuge! Nach diesen drei Vorschriften lassen Sie uns jeden Moment unsres Daseins prufen, und wenn wir selbst auf solche Weise streng gegen uns sind, dann haben wir die Befugnis, unerbittlich gegen andre zu sein. Antworten Sie mir! Sind Sie durchdrungen von dem, was ich ausserte? Haben Sie den Mut, mit mir auf der neuen dornigen Bahn zu wandeln?"
"Ja!" war alles, was Hermann vorbringen konnte. Sein ganzes Leben ging in diesem Augenblicke ihm voruber. Er fuhlte, wie oft er die Fehler und Zweideutigkeiten sich hatte zuschulden kommen lassen, die Wilhelmi so scharf rugte. Die Sucht zu glanzen und zu scheinen, war ihm leider nicht fremd geblieben. Er gelobte sich mit stillem Schwure, ein andrer und bessrer zu werden.
Wilhelmi nahm einige Zeremonien vor, die wir unbeschrieben lassen. Dann umarmte er den Neophyten, und rief: "So nehme ich dich denn auf, mein Bruder, in den neuen Grad, den ich hiemit stifte!"
Eilftes Kapitel
"Der Orden, dem Sie und ich angehoren, wird bestehn, solange die Welt besteht, denn seine Formen sind ewig und unsterblich. Aber der Stoff, der in das Gefass getan wird, veraltet von Zeit zu Zeit, oder verbraucht sich ganz und gar, und auf diesem Punkte stehn wir jetzt. Was soll uns die Humanitat, die einst in unsern geweihten Hallen zuerst ihr stilles Reich grundete? Leider sind wir draussen nur gar zu human geworden. Ein neues Licht tut uns not, dafur wollen wir Lehrlinge suchen, stufenweise sollen sie zu der Erkenntnis gefuhrt werden, dass die Menschheit eine Masse ist, welche der Verwesung entgegengeht, wenn nicht rasch eingeschritten wird. Das sei fortan das Geheimnis unsrer Bruderschaft, und in diesem Sinne helfen Sie, mein Freund, den Orden ohne Feindschaft und ohne Kampf in seinem innersten Wesen verjungen."
Hermanns Busen schwoll von Entschlussen. Er wunschte sich die schwersten Proben, um den neugewonnenen Sinn fur Wahrheit kraftig zu betatigen.
"Wir werden keinen leichten Stand haben", fuhr Wilhelmi fort. "Neben der Schminke und dem Firnis der andern wird sich unsre Art arm und einfaltig ausnehmen. Jeder gibt sich fur mehr, als er ist, wir, die wir uns nur zeigen wollen, wie wir sind, werden auch das Wenige nicht gelten, was wir sind. Schlicht und vernunftig sein, heisst heutzutage dumm sein, und wer handelt, ohne Pratensionen zu machen, kann darauf rechnen, ubersehn oder gar verachtet zu werden."
"Ist es zu irgendeiner Zeit anders gewesen?" rief Hermann. "Wollen wir es besser haben, als die tausend Martyrer vor uns, welche auch litten und bluteten, weil sie sich nicht entschliessen konnten, die Gebrechen ihrer Mitwelt zu teilen?"
Jetzt raschelte es hinter dem Postamente der grossen etrurischen Vase in der Ecke ganz vernehmlich. Wilhelmi und Hermann sahen nach und standen beide starr vor Erstaunen und Schreck. Flammchen sass hinter dem Postamente. Sie warf sich zitternd auf die Knie, und rief: "Vergebt mir, ich konnte mich nicht halten; schon lange wusste ich, dass der Schwarze ein Hexenmeister sei, es zog mich hinter euch her, als ihr fortschlicht."
"Nur erst das hier weg!" rief Wilhelmi. Beide packten die Heiligtumer sturmisch auf und warfen sie unordentlich in das Seitenkabinett. Unterdessen huschte Flammchen durch die Stube nach der Ture, um zu entfliehn. Wilhelmi bemerkte es, eilte ihr nach, und hielt sie beim Arm zuruck. "Du gehst nicht von der Stelle, bis du gebeichtet hast", sagte er. "Ungezogner Knabe, wie hast du dich erkuhnen durfen, hier einzudringen? Was hast du gesehn? Was hast du gehort?" "Alles!" stotterte Flammchen. "Mach mich nur nicht tot! Du hast mit meinem Zukunftigen ein Verbundnis gestiftet, und ihn die Kunste gelehrt, den Teufel zu zwingen, dass er allen Leuten den Mund aufbricht, damit sie die Wahrheit sagen!"
Hermann musste ungeachtet des Ernstes der vorhergegangnen Szene lacheln. Wilhelmi schlug sich vor den Kopf, und sagte franzosisch: "Wenn der Junge ausplaudert, was er erlauscht hat, so werden wir vor dem Herzoge, dem alle hohere Dinge eine Torheit sind, zum Gespotte!"
"Benutzen Sie seinen Aberglauben, ihm die Lippen zu versiegeln", versetzte Hermann ebenfalls franzosisch.
Flammchen sah sie beide ungewiss und furchtsam an. Wilhelmi fasste sie am Kinn, hob ihr den Kopf in die Hohe und sagte in einem ruhigeren Tone: "Es ist wahr, dass ich manches verstehe, was kein Mensch sonst weiss. Wenn du aber von dem, was du hier beobachtet hast, eine Silbe verratst, so dreht dir der Teufel im namlichen Augenblicke den Hals um!"
Flammchen legte den Finger auf den Mund, reckte ihn dann wie zum Schwure in die Luft, und sagte: "Wenn ich etwas sage oder merken lasse, so will ich des Todes sein auf der Stelle. Was denkst du auch von mir? Werde ich mich gegen euch auflehnen? Weiss ich nicht, dass, wenn ihr durch das Bild stecht, den Menschen der Schlag ruhrt, dass ihr eure Feinde totbeten, oder bei lebendigem Leibe verwesen machen konnt?" Sie lehnte sich an ihn, und flusterte mit dem zartlich-schmeichelnden Ausdruck, der ihr eigen war, wenn sie etwas erlangen wollte: "Lehre mich auch deine Kunste! Oder", fugte sie hinzu, "entdecke mir wenigstens, wer mir meine Zaubersachen weggenommen hat? Ach, der bose Mensch! Alles hat er mir gestohlen, und ich bin ganz arm!"
Ihre Stimme hatte bei diesen Worten etwas so Tiefklagendes, dass Hermann, der schon in den letzten Tagen ihr verzweiflungsvolles Suchen nach den verschwundnen Kleinodien nicht ohne Bewegung hatte mit ansehn konnen, geruhrt wurde.
Er wandte sich ab, und sah durch das Fenster in die Nacht hinaus.
Wilhelmi dagegen lachte uber die Einfalt des Kindes. "Kommt Zeit, kommt Rat", scherzte er. "Wer weiss, was ich tue, wenn du folgsam und gelehrig bist. Aber jetzt leiste mir zuerst einen Dienst, spring hinab zum Haushofmeister und bestelle ein kaltes Abendbrot, mit dem notigen Getrank aus meinem Keller, und sage dem Philipp, er solle zwei Couverts auflegen."
"Woher haben Sie diesen Knaben?" fragte er Hermann nach Flammchens Entfernung. "Er ist eine Waise aus guter Familie", versetzte jener beklommen und suchte ein andres Gesprach auf die Bahn zu bringen. Aber Wilhelmi liess sich nicht ablenken, und sagte: "Eine seltsame Erscheinung, der Fritz! dieser Aberglaube! man sollte kaum glauben, dass dergleichen sich in unsrer Zeit noch so ausbilden konnte! Uberhaupt scheint die Natur es mit ihm auf eine Spielart angelegt zu haben. Seine Haut ist fein, wie aus dem Ei geschalt, sein Haar das zarteste, was man nur finden kann, und er ist so eigen gebaut, dass, wenn man ihn zum Scherz in Madchenkleider steckte, jeder ihn fur eine Dirne halten wurde."
"Wo denken Sie hin?" rief Hermann roten Antlitzes, gezwungen lachend.
Nachdem, wie vorgedacht, die Gesetze des neuen Ordens betatigt worden waren, kam Flammchen, sich mit einem Korbe schleppend, woraus weisses Gedeck, die leckersten Sachen und einige verpichte Flaschenhalse sahen. "Es geht auf Mitternacht; dein Philipp ist schlaftrunken, er wurfe alles entzwei, ich habe es ihm abgenommen, lass mich euch bedienen", sagte sie. "Du bist zu ungeschickt", rief Hermann, der fur sein Leben gern das Madchen entfernt hatte. "Lassen Sie den Fritz gewahren", sagte Wilhelmi, "mit meinem Philipp ist in diesem Zustande, den ich an ihm kenne, nichts anzufangen."
Die Ritter der Wahrheit setzten sich hierauf zu Tische. Hermann bemerkte, dass, wenn auch sein Wirt die Welt im ganzen schalt, diese Verachtung sich nicht auf das einzelne gute Ess- und Trinkbare ausdehnte, was noch hin und wieder in derselben angetroffen wird. Man sprach den feinen Sachen, die aufgetragen waren, wacker zu, der kostliche Burgunder, mit dem man begann, wurde nicht geschont, und man ging uber die erste Champagnerflasche ohne Zagen hinaus. Wilhelmi hatte sich durch seine Mitteilung einer langgetragnen Burde entledigt und war unbeschreiblich vergnugt. Er konnte nicht viel vertragen, und mit Erstaunen sah sein Gast, wie er nach den ersten Glasern aus dem Extreme der trubsten Gedanken, womit diese Zusammenkunft begonnen hatte, in das entgegengesetzte der ausschweifendsten Lustigkeit uberging. Er notigte ohne Unterlass, erzahlte Schnurren uber Schnurren, schwatzte von den Abenteuern seiner Jugend, und nannte Hermann, welcher Grund hatte, sich zu schonen, und sich etwas gelinder verhielt, einen finstern Moralisten. Endlich begann er, Studentenlieder zu singen, in die, da sie alle Freiheit, Bruderschaft und Recht atmeten, Hermann, von dem neugewonnenen Orden entzundet, feurig einstimmte. Nichts exaltiert so, als Singen beim Glase; bald war unser Freund so laut, als sein Genosse.
Flammchen war unterdessen auch nicht still geblieben. Man hatte ihr in ihrem Winkelchen des Guten, so viel sie begehrte, zukommen lassen, und bald zeigten sich die Wirkungen. Ihr Grauen verschwand, die leichtfertige Natur kam zum Vorschein, sie hupfte in drolligen Sprungen durch das Zimmer, umarmte den singenden Wilhelmi und schwor unter Lachen, er sei der lustigste Teufel, den sie je gesehen habe; schlug Rad, zertrummerte dabei eine Scheibe an einem Antiquitatenschranke, schlich sich zu den Busten des Plato und Pythagoras unter dem Spiegel, malte ihnen mit Kohle Schnurrbarte, kurz, sie trieb alle Torheiten, die in einem Zimmer, welches noch vor kurzem ein Tempel der Weisheit gewesen war, nur verubt werden konnen.
So dauerte dieses Bacchanal unter Singen, Schwatzen und Possenreissen fort, bis des Nachtwachters Stimme Zwei abrief. Da nahm sich Hermann zusammen, stand auf, und wunschte seinem Wirte gute Nacht. Wilhelmi uberschaute das Zimmer, welches freilich einen ungewohnlichen Anblick darbot, lachte herzlich, wie ein vergnugtes Kind, und rief: "Hier sieht es munter aus!"
Flammchen war an einem Stuhle in tiefen Schlaf gesunken. Hermann versuchte, sie auf ihre Fusse zu stellen, vergebens! sie fiel immer wieder zusammen. Er wusste, dass sie von diesem Todesschlummer oft befallen wurde. Endlich lud er sie auf seine Arme und trug sie fort.
Ihr Westchen war aufgegangen, die Nadel war aus dem Hemdkragen gewichen, der schonste, jungste, frischeste Busen sah ihn an, als er sie auf ihr Lager niederlegte. Sein Blut, von der Schwarmerei des Abends erhitzt, wallte siedend auf, er wollte, wie vor einem Gespenste seiner Gedanken sich fluchten, weit, weit weg, und blieb gefesselt stehn, das schone Kind mit seinen Blicken verschlingend. Endlich druckte er ihr einen heissen Kuss auf die Lippen, Tranen entsturzten seinen Augen; er meinte, er sagte sich selber vor, dass er das arme verwahrlosete Geschopf aus Mitleid gekusst habe.
Durch die Nacht erklang von draussen ein Lied zur Gitarre. Eine tiefe, sonore Bassstimme sang folgende Strophen:
Steh still mein Herz, und ruhr' dich nicht,
Kannst ja ein zweites Herz nicht ruhren!
Doch liebe, bis der Tod dich bricht,
Ins Land der Kalte dich zu fuhren.
Aus aller Bluten schonem Reich
Hab' ich die tauben nur erworben,
Mein Leben ist ein welker Zweig,
Ich bin allein, und schon gestorben!
Verwundert sah Hermann im nahen Hause des Arztes noch Licht. Er uberzeugte sich, dass der Gesang aus dessen Zimmer kam. Was hatte der kalte, abgeschlossne Mann mit solchen Gefuhlen zu schaffen?
Zwolftes Kapitel
Wilhelmis Erwachen war ausserst schmerzlich. Der Diener Philipp hatte nicht gewagt, die Unordnung anzuruhren; er liess alles stehn und liegen. Denn seiner Meinung nach war es bei dem Herrn nicht mit rechten Dingen zugegangen, und er wunschte, dass dieser sich selbst von dem Greuel uberzeugen moge. "Bei uns hat der Satan gewirtschaftet, Herr Kammerrat", sagte der Mensch, als er ihn endlich spat aus dem Bette holte. Wilhelmi fuhlte sich matt und angegriffen, aber er meinte in die Erde zu sinken, als er sein Zimmer betrat. Schon der gedeckt stehngebliebne Tisch mit den Resten der Mahlzeit wurde hingereicht haben, ihn hochlich zu verstimmen; was war jedoch dieser Tisch gegen die Stuhle, die Flammchen in ihrem Mutwillen zu einer Pyramide zusammengeschoben, gegen den Tintenstrom, der sich aus der umgeworfnen Flasche ergossen hatte, gegen die zerschlagne Scheibe, und endlich gegen die Schnurrbarte des Plato und Pythagoras? Argerlich befahl er dem Diener, schnell aufzuraumen, und ging zum Herzog, der, wie er horte, schon nach ihm verlangt hatte.
"Nun, Sie sind gestern abend recht lustig gewesen!" rief ihm der Furst heiter entgegen.
"Ich habe die Genesung unsres jungen Freundes gefeiert", versetzte Wilhelmi mit halber Stimme.
"So werden wir ihn ja endlich auch wohl zu sehn bekommen", sagte der Herzog einigermassen empfindlich. "Aber die Briefe, wo sind sie? lassen Sie mich sie unterschreiben!"
"Welche Briefe, Ew. Durchlaucht? Ja, die Briefe! Grosser Gott, die Briefe! O ich Unseliger!"
Es war Posttag. Wichtige Geschaftsbriefe, deren Abgang aus manchen Grunden beschleunigt werden musste, waren zu schreiben gewesen; Wilhelmi hatte sich vorgenommen gehabt, den Rest des Abends oder den fruhen Morgen dazu zu verwenden, als er Hermann in sein Zimmer fuhrte.
Punktlich sonst in seinem Dienste bis zum Pedantischen, war er jetzt so groblich von der Regel abgewichen, welche den Ehren- und Angelpunkt seines Lebens bildete, und bei welcher Veranlassung! Er geriet vollig ausser sich, und ergoss seinen Kummer, ohne der Gegenwart des Herzogs zu achten, in einer verzweiflungsvollen Rede uber die Schwache und Inkonsequenz des Menschen. Kaum konnte ihn der Herzog, der diesen gewaltsamen Ausbruch eines unbegrenzten Pflichteifers (denn darin suchte er den Grund desselben) nicht ungern horte, durch herablassende und gutige Worte einigermassen beruhigen.
Indessen kleidete sich Hermann an, um seinen Besuch bei der Furstin zu machen. Zur guten Stunde war ein schwerer Geldbrief vom Oheim angelangt, nebst Abrechnung und Beilagen, die er durchzusehn, sich noch nicht die Zeit genommen hatte. Sogleich war ein Bote im gestreckten Trabe nach der Stadt geschickt worden, um das Notwendigste herbeizuschaffen, was zur anstandigen Kleidung gehort. Mit grosser Genugtuung vervollstandigte er die ihm fur Flammchen anvertraute Summe wieder, von welcher er die Zeit her zu seinen Ausgaben hatte nehmen mussen. Es blieb ihm ein sehr bedeutender Uberschuss, er sah sich im Spiegel vorteilhaft ausstaffiert, er fuhlte sich frei, berechtigt, wie jeder mit Gelde versehne Mensch. Nur von der Ausschweifung der vergangnen Nacht empfand er noch einige Nachwehen.
Aber auch diese verschwanden, als er in das Zimmer der Herzogin trat. Homer erzahlt von einem Kraute Moly, dessen Genuss alle Einflusse unheimlichen Zaubers abwendet, und es war Hermann, als habe ihm ein himmlisches Wesen so ein schutzendes Mittel gereicht, da er den holden Duft susser Wohnlichkeit einsog, der durch das heitre prachtige Gemach hinwehte. Die Herzogin hiess ihn freundlich willkommen; er ward aufgefordert, ihrem Stickrahmen gegenuber Platz zu nehmen. Nun war ihm erst wie einem Gesunden zumute. Unterwegs hatte er einen Entschluss gefasst, den auszufuhren er fur Pflicht hielt. "Wie?" sagte er, "du hast gehorcht, du bist im Besitz der Halfte eines Familiengeheimnisses, und deine Wohltater wussten von diesem Umstande nichts? Wahr zu sein hast du geschworen, beweise hier auf die Gefahr, in Ungnade zu fallen, dass du deinen Eid halten willst."
Als daher in dem Gesprache eine Pause entstand, fing er seine Beichte an, in welcher er freilich den Umstand betonte, dass ihn nur der Zwang der Umstande zum unerbetnen Vertrauten gemacht habe. Er beteuerte, dass, was er gehort, fur ewig in seinem Busen begraben bleiben werde, und schloss mit der Bitte, ihm zu sagen, ob er auf der Stelle einen Ort verlassen solle, wo sein Anblick vielleicht missfallig sei?
Die Herzogin hatte sich, um ihre Bewegung zu verbergen, anfangs tief auf ihre Arbeit niedergebeugt; bald aber fand sie sich, und noch wahrend Hermann sprach, fasste sie einen Plan. Sie glaubte, vielleicht zu sehr, an einen vernunftigen Zusammenhang der Zufalligkeiten in der Welt, und sah in der Dazwischenkunft des jungen vielversprechenden Fremdlings so etwas von einem Winke der Vorsehung. Ganz beruhigt erhob sie daher ihr Haupt, als jener geendet hatte, und sagte: "Dass es mir nicht angenehm sein kann, von Ihnen belauscht worden zu sein, begreifen Sie selbst. Indessen waren Sie unschuldig daran, und damit ist die Sache abgemacht." Er hoffte, sie werde ihm irgendeine trostliche Andeutung geben, wie die seine Naherung ablehnenden Worte, welche sie damals zugleich gesprochen hatte, zu verstehen waren, aber vergebens. Schon erwartete er mit Herzklopfen seine Entlassung, als die Herzogin, scheinbar nur, um das Gesprach fortzufuhren, einige Fragen nach seiner Vaterstadt tat. Mit weiblicher Feinheit wusste sie den Faden von Strasse zu Strasse zu spinnen, bis nach dem Hause seiner Eltern, und so war er auf einmal, er merkte selbst nicht, wie, in einer Erzahlung von seiner Jugend und von seinen fruhesten Verhaltnissen begriffen.
"Es ist gewiss", sagte er, "dass dem Menschen nichts mehr schadet, als wenn uber dem Gemalde seiner ersten Tage ein verworrnes unruhiges Licht zittert. Das Kind soll, wie die Pflanze, aus festem Boden, unter dem gleichen Scheine der nach ewigen Gesetzen wiederkehrenden Sonne emporwachsen. Ich dagegen bin in einer Lage zum Bewusstsein gekommen, die viel von dem Schwanken des Schiffbruchs, oder vom Stegreifsleben einer Nomadenhorde hatte. Ich war etwa neun Jahre alt, als es dem damals Allmachtigen beliebte, auch unsre gute ehrwurdige Reichsstadt unter die Fursorge seines Zepters zu nehmen. Nun sollten wir Franzosen werden, blieben Deutsche, und niemand wusste, was bei der Sache herauskommen werde. Auf grossen Tafeln stand mit ellenlangen Buchstaben zu lesen, dass wir jetzt eine Munizipalitat, ein Tribunal, und eine Prafektur statt des Rats der Oberalten, des Schoppenstuhls und der Pfennigmeisterei hatten. Die Patrioten zogen sich ins Dunkel zuruck, schweigend, wie grollende Titanen, die Geschichte der eignen Stadt, womit sonst ein Knabe aufgenahrt wird, blieb uns fremd; wer mochte von der Vergangenheit reden, der man das ganze Ungluck der Gegenwart aufburdete? Wir liefen hinter den neuen Mantelchen, Kragelchen und Scharpen her, bis wir horten, in den hubschen Kostumen steckten lauter abgefeimte Schelme. Rings um uns zischte es von nichts, als von Bestechungen, Kabalen, Begunstigungen durch die niedrigsten Mittel. Welche Eindrucke fur ein junges Alter, worin alles so scharf aufgefasst wird."
"Sonderbar", sagte die Herzogin. "Ich lebte damals in Paris. Es war der ruhigste Ort auf der Welt. Niemand fuhlte die Bewegung, die den ganzen Erdboden erschutterte. Man sah derselben, wie einem Schauspiele zu; die Bulletins glichen den Reden der Helden in der Tragodie, und die Trophaen, welche von Zeit zu Zeit anlangten, kamen den Menschen nur wie neue Szenerien vor, womit seine Hauptstadter zu ergotzen, der Gebieter die kluge Gefalligkeit hatte. Aber Ihre Eltern?"
"Sie ruhn in Frieden! Teuer sei mir das Andenken dieser verehrten Haupter! Sie haben in mir das hochste Vertrauen erweckt; warum soll ich zaudern, von allem zu sprechen, was mich bei dieser Erinnrung bewegt? Ausser dem Hause war das Verderben, im Hause gab es kein Behagen. Nicht, dass irgendein Zwiespalt hervorgetreten ware; nein, im Gegenteil, mein Vater bezeugte der Mutter nur Achtung und Aufmerksamkeit, und sie war das Muster weiblicher Sanftmut und Unterwurfigkeit. Aber dem Blicke des Kindes blieb nicht verborgen, dass hier doch jene Eintracht der Herzen fehle, die in tausend kleinen unbeschreiblichen Zeichen sich kundgibt. Ernst und still gingen die Urheber meiner Tage nebeneinander her: Wie oft fand ich die Mutter in Tranen! Wie oft sah ich den Vater, wenn ich von der Strasse und meinen Kamaraden kam, trub und gedankenvoll am Fenster stehn! Sein schwerer Blick ruhte in den Wolken, als suche er da etwas, was ihm auf der Erde mangle. Er hatte viele Eigenheiten. So durfte in seiner Gegenwart nie von einer Hochzeit gesprochen werden. Er geriet, geschah dies einmal zufallig, in eine solche Schwermut, dass er dann mehrere Tage lang fur jeden unsichtbar blieb. Eine andre Sonderbarkeit war, dass nichts in der Welt ein Versprechen ihm abzulocken vermochte. 'Wir wollen sehn', war alles, was er auf die dringendsten Bitten erwiderte. Dann aber tat er, was er nur konnte, und dieses ungewisse Wort galt bei den Leuten mehr als ein Eidschwur andrer.
Ich liebte meine Eltern herzlich. Mein Vater war mir eine Art Gottheit, die sich in heiliges Dunkel verbirgt. In mancher Nacht lag ich auf meinen Knien, und bat den Himmel, es so zu fugen, dass meine Eltern einander doch auch so liebhaben mochten, wie ich sie liebte. Aber mein Naturell war munter und beweglich; alle diese finstern Dinge konnten seine Frohlichkeit nicht zerstoren. Ich war viel ausser dem Hause, viel unter andern Menschen, man mochte mich gern leiden, eine Antwort fehlte mir nie, und mehrere meiner jungern und altern Bekannten schienen ein Vergnugen daran zu finden, wenn sie meine Geistesgegenwart auf die Probe stellen durften. Was sonst einem Kinde so naturlich ist: dass es seine Eltern fur einen Wall und Ruckhalt in jeglicher Not ansieht, blieb mir immer fremd. Sie waren von einem mir unbekannten Leide schon so sehr bedruckt; sollte ich ihre Verlegenheiten vergrossern?
Nun erschien das Jahr 1813. Als Siebenzehnjahriger stand ich in den Donnern von Lutzen. Da lernte man sich erst recht fuhlen, den Schanzen und Kolonnen gegenuber, sich selbst und seinem Schicksale uberlassen. Nachher habe ich meine Eltern immer nur auf kurze Zeiten wiedergesehn. Ich studierte, reiste viel, war hier und dort. So bin ich das unruhige, unstete, ach und leider zu fruh mit der Welt und ihrem Laufe bekannt gemachte Wesen geworden, welches Sie mit solcher Nachsicht angehort haben. Bringen Sie mich nicht in eine Klasse mit den eiteln, vorlauten, zerstreuten Junglingen unsrer Tage; ich stehe vielleicht an Geist in keiner Beziehung uber ihnen, aber mein Sinn ist anders. Sie sind so hochst zufrieden mit sich, ach! und ich bin leider so hochst unzufrieden mit mir! Ich habe keine Jugend gehabt. Ist das vielleicht die Krankheit und der Mangel meiner Natur? Die Dinge gewahren mir keine Resultate. Alles, was ich anfasse, lost sich unter meinen Handen in ein Abenteuer auf, welches sich immer in die Gestalt meines Vorteils verwandelt. Wer aber wird nicht mude, vom Leben nur die sogenannten Annehmlichkeiten zu erbeuten? Wer wunschte nicht, dass ihn eine milde Fugung mit gutiger Hand in die Mitte des Dasein stellen, und in dessen Geheimnisse einweihen wollte?"
Die Herzogin hatte mit grosserem Interesse zugehort, als sonst den Erzahlungen und Klagen der Jugend zuteil zu werden pflegt. "Milde Fugung! Gutige Hand!" sagte sie lachelnd. "Es ist schlimm, dass sich die Fugungen nicht bestellen lassen. Ubrigens glaube ich, dass Sie empfinden, was Sie aussprechen. Und daher denke ich, dass die Schicksale nicht ausbleiben werden, nach denen Sie sich sehnen."
Hermann erhob sich. "Mir ist eben von der dunklen Macht, welche unsre Tage beherrscht, eine Frage vorgelegt worden, und wenn ich nicht gar zu unbescheiden erschiene, so mochte ich mir die Antwort wohl hier erbitten."
Er zog ein kleines Portefeuille hervor. "Diese Brieftasche sendet mir mein Oheim", sagte er. "Ich soll dieselbe nach dem Willen meines Vaters offnen, wenn ich das vierundzwanzigste Jahr zuruckgelegt habe. Die Worte des Verstorbnen besagen, dass ich nicht eher mich ankaufen, nicht eher ein festes Amt ubernehmen und hauptsachlich nicht eher mich verloben soll, bis ich den Inhalt kennengelernt. Vor einigen Tagen erreichte ich jenes Lebensalter. Was soll ich tun?"
Die Herzogin sah ihn betroffen an. Dann beschaute sie aufmerksam das Portefeuille. Es war alt, mit kostbarer eingelegter Arbeit von Goldstabchen, Perlemutter und Steinen geziert. Auf der hintern Flache war etwas, wie ein grosses Wappen eingebrannt, dessen Embleme sich aber nicht mehr entziffern liessen. Es schien viel gebraucht worden zu sein.
Sie hakte an dem silbernen Schlosschen; sie schien auf einen passenden Ratschlag zu sinnen. "Hat Ihr Vater in seinen Angelegenheiten etwas ungeordnet zuruckgelassen?"
"Nein, sein Leben war dem Gange einer wohlgestellten Uhr gleich."
"Sie lieben Ihre Eltern, nicht? Sagten Sie nicht so?"
Er neigte sich, stumm bejahend.
"Lassen Sie das Portefeuille uneroffnet!" rief die Herzogin. "Alle Geheimnisse sind verderblich, alle ohne Ausnahme."
Er zauderte, es aus ihrer Hand zuruckzunehmen. "Die Neugier ist der unuberwindlichste Fehler unsrer Natur." Er wagte nicht, mehr zu sagen.
"Sie haben es so gewollt!" versetzte sie, indem sie es hastig in den Schreibtisch legte. "Nun ist es fur Sie verloren, denn mit meinem Willen lesen Sie kein Blatt darin."
Dreizehntes Kapitel
Von diesem Tage an war Hermann auf dem Schlosse einheimisch. Der Herzog beruhigte sich bei einer allgemeinen Erzahlung uber dessen Geschick unter den Tannen, und schien an dem gesitteten, wohlunterrichteten jungen Manne immer mehr Geschmack zu finden. Da er nicht leicht jemand unbenutzt lassen konnte, so brauchte er ihn bald zu verschiednen Expeditionen, welche jener unter Wilhelmis Oberaufsicht zu seiner Zufriedenheit ausfuhrte.
Nur bei einem Geschafte gelang es ihm nicht, Beifall zu gewinnen. Die Kriegsschaden waren noch zu liquidieren, welche der Herrschaft vom Staate ersetzt werden sollten. Hermann hatte alle Papiere, die sich auf diesen Gegenstand bezogen, erhalten, und nach deren Einsicht eine billige Rechnung aufgestellt, solche Posten, die bestritten werden konnten, aus derselben weglassend. Der Herzog sah die Arbeit voll Verwundrung durch, und fragte kopfschuttelnd, womit er es denn verdient habe, dass Hermann gegen ihn Partei nehme? Es konne ja die Halfte mehr gefordert werden. Er zahlte die Summen auf, die nachgetragen werden mussten, und versetzte, als Hermann seine Einwurfe dagegen vorbrachte: "Diese Zweifel wollen wir den Herrn Revisoren uberlassen."
"Ich glaubte den Sinn Eurer Durchlaucht durch die Art, wie ich dieses Geschaft behandelt, getroffen zu haben", wandte Hermann bescheiden ein. "Nach meiner Meinung durfte ein Teil des Schadens gegen den Gewinn aufzurechnen sein, den uns die gluckliche Verandrung der Dinge gebracht hat."
"Was ich oder meinesgleichen ihr Grosses zu danken hatte, wusste ich so eigentlich nicht", versetzte der Herzog. "Uber diesen Punkt gilt das: Post hoc, non propter hoc, mit vollem Rechte. Der Adel ist so alt, als die Welt, und dass man wenigstens in Monarchien ihn nicht entbehren kann, werden Sie mir zugestehn. Da nun der Freiheitsschwindel langst voruber, und alles bereits wieder in die gewohnten Formen eingelenkt war, da man uberall grosse Reichslehen schuf, so wurde man sich auch schon wieder nach uns umgesehn haben, und vermutlich standen wir, wo wir jetzt stehn, wenn auch die Sachen geblieben waren, wie sie waren."
Hermann musste sich bequemen, eine Kriegsschadenrechnung anzufertigen, die ihm sehr ubertrieben zu sein schien. Gefielen ihm nun dergleichen Grundsatze keinesweges, so war sein Missvergnugen doch nur vorubergehend. Das Schloss, und die ganze Lebensweise darin, ubte auf ihn denselben Eindruck aus, von dem wir bereits bei dem jungen Rechtsgelehrten geredet haben. Er empfand ein eignes Vergnugen, fur sich, allein durch die hohen Bogengange und Hallen, seinen Gedanken uberlassen, stundenlang zu wandern, und er hatte nie geglaubt, dass eine so einformige Tagesordnung, wie sie hier herrschte, ihm, der an Abwechslung gewohnt war, in dem Grade behagen konne. Er liess sich von dem Elemente, welches ihn umgab, fortspulen, und schob die Gedanken an die Zukunft weit hinaus.
Freilich trug zu seinem Wohlbefinden die Gute, womit ihn die Herzogin behandelte, vieles bei. Sie hatte gewisse Einflustrungen, die ihr uber ihn gemacht worden waren, mit Verachtung von sich gewiesen, und mochte ein stilles Bedurfnis empfinden, den unschuldig Angeklagten durch besondre Freundlichkeit fur die ihm zugefugte Unbill schadlos zu halten. Uberdies gehorte sie nicht zu den Frauen, die an unmundigen Mannern Gefallen finden, und die Sorge fur ihre Erziehung sich aufburden mogen. Hermanns gewandte Entschiedenheit, der leichte Ton, mit welchem er von allem wenigstens zu reden wusste, waren Eigenschaften, die ihm bei ihr nur nutzten. Bald erkannte sie auch, dass der Anschein von Ubermut und Selbstgenugen, welchen er bei der ersten Begegnung Fremden zeigte, durch die nahere Bekanntschaft sich sehr minderte.
Er schadete in der Tat immer nur sich und nie andern. An tausend Zeichen nahm sie wahr, dass er in jedem Augenblicke bereit sei, sich im Dienste seiner Freunde aufzuopfern. Die Farbe der Zeit konnte er nicht verleugnen, aber im Innersten musste man ihn fur unversehrt erklaren.
Wenn er seinerseits durch die Bemuhungen fur den Herzog sich ein stilles Recht auf das langre Verweilen in diesen Mauern zu erarbeiten meinte, so empfing er dagegen durch die Gemahlin nur Geschenke, fur welche er sich ewig als Schuldner fuhlen musste. Solange er Rekonvaleszent war, wurde ihm ihre liebende Sorgfalt zuteil. Sie verbot ihm uber Tische die Speisen, welche er nach ihrer Meinung noch nicht geniessen durfte, sie warnte ihn, wenn ein Abendspaziergang zu lang zu werden drohte. Wir wissen nicht, ob es Absicht oder Zufall war, dass er, als er dies bemerkte, gegen ihre Gebote zu sundigen liebte; es konnte sein, dass er den Wunsch empfunden hatte, von solchem Munde recht haufig zurechtgewiesen zu werden. Das ist gewiss: er ware unter diesen Bedingungen gern immer krank gewesen.
Bald erteilte auch sie ihm einen Auftrag, welcher ihm angenehmer war, als die Korrespondenz mit Behorden und Verwaltern, die ihn der Herzog besorgen liess. Sie zog eines Tages ein Heft aus dem Pulte, und fragte, indem sie es ihm zum Lesen einhandigte, ob er wohl glaube, dass in ihr eine Schriftstellerin verborgen sei? Er sah den Titel an. Es war eine Ubersetzung des Romans "Ivanhoe" von Walter Scott. Dieser Autor stand grade damals bei uns in der hochsten Blute seines Ruhms. "Erschrecken Sie nicht, wie die Manner pflegen, wenn sie von einer neuen Gelehrten oder Dichterin horen", sagte die Herzogin scherzend. "Ich habe das Buch nur fur mich ubersetzt, um die Sprache aus dem Grunde zu lernen, nicht um den Messkatalog damit zu vermehren. Aber ich mochte, da ich mir einmal die Muhe gegeben habe, es auch gern in vollkommner Gestalt sehn, und wunsche nicht, dass in meinem Buchlein, wie in dem Produkte jener Prinzessin, von der Sie neulich das Marchen vorlasen, der Mond in der Welt hereinscheine."
Sie fragte ihn, ob er die Muhe ubernehmen wolle, das Werk von Stilfehlern und grammatischen Unrichtigkeiten zu saubern? Wer war froher, als er? Er nahm das Heft mit, und betrachtete innig erfreut die zierlichen perlenrunden Zuge der Handschrift, worin eine Zeile, wie die andre, in gleichen Zwischenraumen grade fortlief. Wenn irgendwo die Schrift die Sinnesart ausdruckte, so war es hier der Fall. Hermann weidete sich an den Blattern, wie an einem Gemalde, bevor er sein Werk begann, welches er auch mehr als galanter Kavalier, denn als kritischer Zensor vollbrachte. Es schien ihm ein Frevel zu sein, diese anmutigen Charaktere zu zerstoren; er korrigierte mit der feinsten Feder, mit den zartesten Strichen.
Vierzehntes Kapitel
Des Abends waren die Zusammenkunfte gemeinschaftlich. Man hatte festgesetzt, dass jeder aus seinem Fache immer etwas vortragen solle. Im Anfang hielt man auch diese Anordnung aufrecht; der Arzt handelte allgemein-verstandliche Kapitel der Naturwissenschaft ab, Wilhelmi gab einen popularen Abriss der neueren philosophischen Systeme zum besten, der Herzog erzahlte von der englischen Landwirtschaft, mit welcher er sich grade eifrig beschaftigte. Da aber nach dem Willen der Herzogin jeder an jedem Abende sein Pensum enden sollte, so wurde der Kursus doch bald gar zu aphoristisch. Die ubrigen Manner zogen sich daher mit guter Manier zuruck, und das Regiment gelangte unvermerkt an Hermann, der die Poesie und Unterhaltungsliteratur erwahlt hatte.
Unangenehm war es freilich, dass auch hieraus, nach der einmal gegrundeten Sitte des Hauses fast nie etwas Vollstandiges zum Vorschein kommen durfte. Der Eintritt des Bedienten, welcher zu melden hatte, dass serviert sei, zerschnitt mit unerbittlicher Strenge die anziehendste Vorlesung mitten im Akt, Szene, Perioden. Die Herzogin hatte eine eigentumliche Gabe, sich an Einzelheiten zu erfreun, weshalb sie auch weniger nach einem Ganzen verlangte, ja ein solches nur in Einzelheiten aufnahm. Sie schaffte sich alle Blumenlesen und Geister, welche aus den Schriftstellern gezogen zu werden pflegen, mit besondrer Vorliebe an, und nichts glich ihrem Vergnugen, wenn sie einen schonen Gedanken in schoner Sprache ausser dem Zusammenhange mit weniger glanzenden Dingen geniessen durfte.
Gesellschaft des umherwohnenden Landadels brachte doch meistens wochentlich eine Abwechselung in den Kreislauf der Stunden. Grade in dieser Gegend waren die Gutsbesitzer unverruckt auf ihren Schollen sitzen geblieben, und hatten von den Anstekkungen des Stadt- und Hoflebens, die dem Adel andrer Orten so gefahrlich geworden sind, kaum etwas gelitten.
Hermann wunderte sich nicht wenig, als er in den Zirkeln, die er kennenlernte, auf manchen Mann stiess, dessen einfache Denkungsweise ihm Ehrerbietung einflosste, als er selbst hin und wieder Tochter edler Hauser fand, in deren Unterhaltung er sich schon ganzlich resignieren zu mussen gemeint hatte, und die ein sehr gutes Gesprach zu fuhren wussten. Denn der Adel dieser Landstriche war bei seinen eleganteren Standesgenossen fast im Verruf, und galt nur fur eine Sammlung vollig verbauerter Krautjunker.
Schlittenfahrten, die, so oft es sich tun liess, veranstaltet wurden, gaben ihm Gelegenheit, sich als gewandten Vorreiter, oder als ersten Diener der Herzogin, wie er sich gern in ihrer Gegenwart nannte, zu zeigen.
Vor allem aber vergnugte ihn die Jagd, die auch wirklich in dem waldicht-huglichten Gebiete des Herzogs von grosser Ergiebigkeit war. Es freute ihn indessen weniger, ein Stuck zu erlegen, als dieses frohliche Ausziehn in der Mitte lustiger Gesellen mitzumachen, das sachte listige Streifen und Schleichen durch den Nebel uber Heiden und Waldplatze zu versuchen, die Geschichten, die Ahnungen und Vorbedeutungen zu horen, das heitre Mahl nach vollbrachter Arbeit verzehren zu helfen. Er fuhlte sich auf diesen frohen Zugen in solcher Gemeinschaft mit der Natur, dem kraftigen Urzustande der Menschheit so nahe geruckt! Auch wenn kein grosseres Treiben stattfand, lag er mit dem alten Erich, der ein firmer Schutze war, und einem Menschen, der zuweilen heruberkam und der Amtmann vom Falkenstein genannt wurde, viel im Forste, wobei manche Mondnacht im Kreise kahler reifglanzender Baume auf dem Anstande versessen ward. Einmal hatte er bei solcher Gelegenheit das fabelhafte Gluck, zwei Fuchse, die um die Ecke geschlichen kamen, mit den Schussen seiner Doppelflinte zu toten. Ein Fall, der noch nicht vorgekommen war, und ihm bei allen Weidmannern ein fast mythisches Ansehen gab!
So gingen unsrem Freunde wohl- oder ubelbeschaftigt die Tage hin. Die Baume waren kahl geworden, der Schnee hatte die Erde bedeckt, war wieder geschmolzen, und nun kamen aufs neue die Knospen hervor. Seine Gegenwart schien allen willkommen zu sein, es sah aus, als musse das immer so fortdauern. Nur einmal ward er zu einem fluchtigen Nachdenken aufgeregt. Sein Tagebuch fiel ihm in die Augen, welches er sonst sehr ordentlich zu fuhren gewohnt war. Um das Versaumte der letzten Woche, wie er meinte, nachzuholen, schlug er es auf, sah aber zu seinem Schrecken, dass er schon mehrere Monate lang nichts geschrieben hatte. Auch von fruher standen nur Notizen mit einem Worte vermerkt, als: "Jagd den und den", "Gesellschaft aus *", "Schlittenfahrt nach *" ohne alle weiteren Zusatze.
Er besann sich, er hatte geglaubt, dass ihm viel begegnet sei, konnte indessen nichts daruber zu Papiere bringen. Die weissen Blatter sahen ihn wie strafend an; in diesem Augenblicke horte er die Herrschaften unten von einer Spazierfahrt zuruckkehren, und eilte, indem er das Buch weglegte, hinab, sie zu empfangen.
Funfzehntes Kapitel
Von Flammchen war nie die Rede gewesen. Die Herzogin hatte sich mit keinem Worte nach dem Kinde, fur welches sie ihm Geld gegeben, erkundigt. Unmoglich aber konnte er sich zu einer Beichte uberwinden, welche sein angenehmes Verhaltnis gestort, ihn lacherlich und verkehrt gezeigt haben wurde. Der Arzt, gegen den er, wie die Sachen standen, seinen Widerwillen hatte niederkampfen mussen, hatte ihm einen Padagogen genannt, der nach seiner Meinung das Madchen in die rechte Bahn bringen wurde. Diesen wollte Hermann nun baldigst aufsuchen. Vor seinem Ordensgelubde rechtfertigte er das Verschweigen gegen die Herzogin mit der Distinktion, dass man zwar nie lugen musse, dass es aber zuweilen unumganglich notwendig sei, die Wahrheit einigermassen beiseite zu stellen.
Was den andern Ordensritter betrifft, so hatte dieser nach jener mystisch-lustigen Nacht, als deren Anstifter er sich den unschuldigen Hermann einbildete, mit ihm zu schmollen versucht. Bald aber wich dieser kunstliche Zorn, und, als ob Torheit fester verknupfe, denn Vernunft: sie wurden noch bessre Freunde, wie vorher. Gewohnlich brachte Hermann, wenn die Gesellschaft auseinandergegangen war, noch einige Stunden bei Wilhelmi zu. Dieser war ein erklarter Liebhaber alles Alten und Veralteten; er besass die seltensten Sachen und Pergamente. In einer solchen Zusammenkunft holte er eine Urkunde herbei, woraus sich das schonste Licht uber die grossen Bauverbruderungen des Mittelalters verbreitete. Alles war darin bestimmt: wie der Gesell dienen solle, wie jeder verpflichtet sei, sein Zeichen zu fuhren, wie Hader, Schimpf und Unzucht in der Hutte zu meiden, wie wenn einer der Bauleute mit einer anruchtigen Person notwendig sprechen musse, er sich mit ihr uber Hammerwurfsweite vom Bauplatze zu entfernen habe, und was dergleichen Vorschriften mehr waren, welche alle auf die strengste, sittlichste Geschlossenheit des Handwerks Bezug hatten.
Das Himmlische schwebte auch hier uber dem Irdischen. Die Verehrung der heiligen drei gekronten Baumartyrer: Claudius, Simplicius und Castorius, welche lieber sterben, als einen heidnischen Tempel bauen wollten, war zur unerlasslichen Pflicht gemacht; kein Tag sollte, ohne sie anzurufen, begonnen werden.
"Schone Denkmale einer untergegangnen Zeit!" rief Hermann. "Man verwundert sich weniger uber jene Riesengebaude, wenn man dergleichen Urkunden durchliest. Und noch klarer begreift man, dass sie jetzt nicht mehr nachzuahmen sind, und dass alle Versuche dieser Art schwach und kindisch ausfallen. Aber was hilft es, Unwiederbringliches zu beklagen? Wir mussen doch vorwarts! Niemand kann in den Leib seiner Mutter zuruckkehren."
"Und doch mussen die Zunfte wiederhergestellt werden, wenn wir uberhaupt noch kunftig vor Wind und Wetter geschutzt wohnen wollen", sagte Wilhelmi. "Jetzt, wo jeder baut, wie er Lust hat, sind wir nahe an den Stand der Nomaden zuruckgefuhrt. Das ist auch eine von den Fruchten der gepriesenen Gewerbefreiheit, die denn wieder zu den Bluten unsrer Kultur gehort. Aber diese sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein, der wir entgegengehn, oder vielleicht schon verfallen sind. Denn, wenn die fruhere darin bestand, dass niemand oder wenige etwas wussten, so ist die jetzige wohl nicht minder beklagenswurdig, wo alle zu verstehn glauben, was kaum einer oder der andre uberwaltigt. Das ist eben das traurige Gefuhl, was man gar nicht los wird, dass man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden muss und mit seinem Verstande sich doch vorhalt, wie schwierig eine Restauration dessen sein mochte, was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist."
"Auch der Adel ist so eine Ruine", sagte Hermann. "Ich muss immer lacheln, wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Wurden sich brusten sehe. Was macht den Adel? Die Abgeschlossenheit, das Kastenmassige. Nun aber haben die Bessern sich langst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt. Nirgends finden Sie noch in der guten Gesellschaft den Unterschied der Stande. Leben wir hier auf unserm Schlosse anders, als in einer anstandigen Burgerfamilie? Erinnert irgendeine Etikette daran, dass wir mit Gliedern eines der altesten Hauser unsres Vaterlandes Umgang pflegen?"
Wilhelmi lachte bitter. "Sie Neuling Sie in der Welt, trotz aller Reisen und Bekanntschaften!" spottete er. "Ja freilich ist der Adel im Kern verwest, aber das Gehause steht noch aufrecht, und man kann sich daran noch immer die Stirn einrennen. Die Lebensluft der Aristokratie ist der Egoismus. Andre Menschen sind selbstsuchtig aus Not, boser Gewohnung, angeeigneter Maxime. Der Edelmann ist es von Natur, er muss es sein; mit der Muttermilch saugt er, wie etwas sich von selbst Verstehendes die Uberzeugung ein, dass er da sei um seiner selbst willen, und dass er die Krafte andrer von Rechts wegen benutzen durfe."
Hermann sah ihn voll Verwundrung an. "Es macht Sie stutzig, dass ich so rede", fuhr Wilhelmi fort. "Ich bin alt und verkummert, und ware wohl ein Stuck weiter, wenn man in mir je etwas andres gesehen hatte, als ein Lasttier; denn der Gelegenheiten gab es genug, mir fortzuhelfen. Und so liefre ich in meiner Person und durch meine Tagelohnerei eben recht den Beweis fur den Satz."
Der Adelsfeind wurde noch langer in diesem Tone fortgesprochen haben, wenn nicht plotzlich wieder aus der Wohnung des Arztes das dustre Lied erklungen ware, welches Hermann schon einmal ungefahr um dieselbe Stunde gehort hatte. Wilhelmi horchte auf, und geriet in eine wilde Lustigkeit. "Nichts als Kontraste!" rief er; "feuriges Eis, frierendes Feuer! Hier ein armer Burgerlicher, der den Adel hasst, und sich doch fur die Hochgebornen totschlagen liesse, dort der arztliche Verstand, der mit aller seiner Kalte sich vor der unsinnigsten Leidenschaft nicht zu schutzen vermocht hat! Weil er nicht selbst Dichter ist, paraphrasiert er den Byron, und schuttet dessen Schmerzenstone verdeutscht in die Lufte!"
"Der abgelebte ausgetrocknete Mensch! Sagen Sie mir, wen liebt er?"
"Wen? Wen er liebt? Wenn Sie es wissen wollen: die Herzogin! Nun machen Sie noch einen recht widersinnigen Streich, dann konnen wir Terzett singen!"
Sechzehntes Kapitel
Ein fur allemal war taglich eine Stunde bestimmt, worin Hermann der Herzogin das korrigierte Pensum des "Ivanhoe" zu bringen hatte. An die Verhandlungen hieruber knupfte sich seit einiger Zeit eine Lektion im Englischen, welche ein junges Madchen aus der Stadt, uber welches die Furstin Obsorge ubte, von ihm empfing. Alles dieses hatte sich, wie von selbst, gemacht, doch war es Hermann schon oft so vorgekommen, als sei der "Ivanhoe" und das Englische nur Nebensache. Er bemerkte, dass die Herzogin seinen Lehren uber deutschen Stil eine mehr gefallige als gespannte Aufmerksamkeit schenkte, und die junge Lucie wurde nicht gescholten, wenn sie unter allerhand Vorwanden vor Ablauf des gesetzten Zeitraums der Grammatik entrann, und sich wieder ins Fenster zum Filet setze. Man benutzte diese Zusammenkunfte zu Gesprachen uber wichtige Punkte des Lebens; es schien, dass man unsern Freund von allen Seiten kennenlernen wolle, und er unterliess nicht, als er diese ihm uberaus behagliche Absicht wahrnahm, sich im besten Lichte zu zeigen.
Nun war durch Wilhelmis unvorsichtige Eroffnung eine garende Unruhe in sein Blut geworfen worden, und er ging sehr befangen am andern Morgen zur Herzogin. Dass sie unschuldig sei, unschuldig bis in den geheimsten Gedanken ihrer Seele, davon uberzeugte ihn der erste Blick auf diese reine Stirn, in diese milden Augen. Er bedauerte sie, er verwunschte die Begehrlichkeit der Manner, die kein Heiligtum unangetastet lassen konnen. Der Arzt erschien ihm gemein und niedrig, er fuhlte sich berufen, den Ritter jener hochverehrten Dame zu machen.
Zerstreuter hatte er nie Unterricht gegeben. Seine Verwirrung erreichte den Gipfel, als der Arzt sich anmelden liess, und angenommen wurde. Dieser war, wie immer, frei und unbefangen, was unserm Freunde als die ausserste moralische Verdorbenheit vorkam. Er hatte an Pausen des Gesprachs, an einigen verlegnen Bewegungen der Herzogin wohl abnehmen konnen, dass der Besuch einen Zweck habe, und dass seine Gegenwart nicht ferner gewunscht werde, doch blieb er sitzen, bis ihn die Herzogin auf die freundlichste Weise entliess. Sie hatte dies nie getan, und es kam ihm vor, als ob ihm der Arzt beim Abschiede einen hohnischen und triumphierenden Blick zuwerfe.
Er irrte durch den Park, worin es schon grun zu werden begann. Das junge Laub erfreute ihn nicht. Er sah den Herzog kommen, und wich ihm aus. Seine Seele war in einer wogenden Bewegung, in einem unbestimmten Verdrusse, voll Missmut, der eigentlich keinen Gegenstand hatte.
Die Stunden bei der Herzogin gingen fort, aber wie sehr hatte sich seine Stimmung in ihnen verwandelt! Nun war ihm die Plauderhaftigkeit der kleinen Lucie, welcher ihre Beschutzerin viel Freiheit eingeraumt hatte, ausserst zuwider. Das Geschrei des Papageien, uber welches er sonst gelacht hatte, klang ihm jetzt ganz unertraglich, und er begriff nicht, wie eine Dame von so feiner Konstitution das uberlaute Tier in ihrer Nahe dulden konnte. Die abendlichen Versammlungen gereichten ihm zur Pein, er nahm sich jeden Tag vor, aus denselben fort zu bleiben, und sass doch regelmassig, wenn die Glocke geschlagen hatte, mit empfindlichen Schmerzen auf seinem Stuhle. Alles war ihm durch die ungluckliche Entdeckung verschoben und zerstuckt.
Sein durch uble Laune gescharfter Blick sah nunmehr auch so manches um ihn her, was ihm lacherlich und abgeschmackt vorkam. Er bemerkte, dass man das Wappen des Hauses uberall angebracht hatte, wo sich nur ein Platzchen dafur finden wollte; uber Toren und Turen, Salen, Zimmern, Gartenhauschen und Vorratskammern, und er konnte aus der Neuheit vieler Verzierungen dieser Art abnehmen, dass sie erst wahrend der Besitzzeit des Herzogs entstanden sein mussten.
Wilhelmis Sarkasmen uber den neualten Aufputz, der hin und wieder im Schlosse sichtbar war, klangen ihm wieder vor den Ohren. Wirklich sahn einige Raume sehr buntscheckig aus. Des Herzogs Vater, ein Charakter, wie er im achtzehnten Jahrhundert unter vornehmen Edelleuten nicht selten vorkam, war im Sinne seiner Periode liberal und modern gewesen. Franzosische Papiertapeten, Goldleistchen, Phantasieblumen, leichte geschnorkelte Meubles verdrangten den alten schweren Schmuck. Der Sohn, fast in allem ein Gegensatz seines zu Genuss und Empfindsamkeit aufgelegten Vaters, liess, sobald Graf Heinrich in die Gruft der Ahnen gegangen war, was noch von fruhern Zeiten ubriggeblieben, wieder hervorsuchen, und machte die Contrerevolution, inwieweit es anging. Da kamen die bunten Schafer und Landschaftsbilder, die massiven Schranke und Tische aus ihrem Versteck, aus Boden und Verschlagen wieder hervor, und nahmen sich nun freilich neben den ubrigen Dingen im neusten Geschmack seltsam genug aus. Der Herzog ausserte, wenn ihm der Kontrast von Eichenholz und Mahagoni, von dickem Damast und dunner Seide selbst auffallend werden wollte, dass es besser sei, ohne Kosten sich mit den alten soliden Sachen zu helfen, die trotz ihres Jahrhunderts noch aussahen, wie von heute und gestern, als neue Fabrikate anzuschaffen, gegen deren Dauerhaftigkeit jeder ein entschiednes Misstrauen empfinden musse.
Hermann sah aber in seiner jetzigen Verstimmung nur das Ungereimte solcher Zusammenstellungen. Und bald uberzeugte ihn ein kleiner Vorfall noch mehr, dass er sich unter Menschen andrer Art und Natur aufhalte.
Er bemerkte eines Tages, dass unter den Arbeitern im Garten ein Rennen und Treiben entstand, und sah mit nicht geringem Erstaunen nach kurzer Zeit die wohlbekannten Figuren, welche soeben noch in ihren kurzen Jacken gesteckt hatten, in schonen roten Uniformen einherstolzieren. Eine Trommel liess sich vernehmen, und bald war ein Hauschen vor dem Schlosse, welchem sich dieser Gebrauch sonst nicht ansehen liess, als Hauptwache von den neugeschaffnen Soldaten besetzt. Zwei Schildwachen fassten gravitatisch vor der Rampe des Mittelgebaudes Posto, kurz, ein kleiner Militarstaat wuchs im Augenblicke, sozusagen, aus der Erde.
Als er sich nach der Ursache dieser plotzlichen Verwandlung erkundigte, horte er, dass der Herzog das Recht der Standesherrn, eine Leibwache zu halten, auf diese Weise ausube. Man habe vernommen, dass ein fremder General noch heute ankommen werde. In solchen und ahnlichen Fallen nun, wo es gelte, den Glanz des Hauses zu zeigen, werde die Armee zusammenberufen, fur welche jeder Arbeiter zugleich geworben sei, und welche nur so lange bestehe, als die Veranlassung wahre. Wirklich sah Hermann noch vor Abend die Posten von dem Schlosse abziehn, die Hauptwache verlassen, und die Arbeiter wieder rustig in ihren Jacken schaufeln und jaten, denn die Nachricht mit dem fremden Generale hatte sich nicht bestatigt. Dergleichen Beobachtungen fuhrten ihn darauf, uber die Schlussworte in dem Briefe seines Oheims nachzusinnen. Sie lauteten folgendermassen:
"Du bist da in Umgebungen geraten, wo Du nur verdirbst. Traue ihnen nicht, sie meinen es immer falsch mit uns. Deinen Vater haben sie zum unglucklichen Mann gemacht, lass Dich von seinem Schicksale warnen."
Siebenzehntes Kapitel
Um Flammchen hatte er sich seither wenig bekummert. Sie zeigte nach dem mystischen Abende eine heftige Neigung zu Wilhelmi, und schien die Hoffnungen ihres Wahnglaubens auf ihn gesetzt zu haben. Wo er ging und stand, suchte sie ihm zu dienen, und war endlich durch Dreistigkeit und unermudliches Verfolgen dahin gelangt, dass ihr Wilhelmi erlaubte, einen Teil des Tages bei ihm im Archive zuzubringen, wo er sich im Schweisse seines Antlitzes bemuhte, Ordnung zu stiften, soviel dies moglich war, denn die Eigenheiten des Herzogs legten ihm grosse Schwierigkeiten in den Weg. Flammchen durfte ihm dabei zur Hand gehn, sie brachte ihm die Akten und Skripturen zu, versah sie mit Papierstreifen und was dergleichen mechanische Dinge mehr sind, welche bei einer Arbeit dieser Art so vielfach vorkommen. Wilhelmi fand sie in allem, was er ihr auftrug, ausserst brauchbar; er gewann den muntern bildschonen Knaben lieb, und sprach eines Tages gegen Hermann die Bitte aus, ihm den Jungen ganz zu uberlassen.
Dieser geriet hierdurch in eine grosse Verlegenheit. Er sah zwar, dass sein Freund wirklich, wie der Arzt sagte, blind fur alles Nachste war, allein irgendeine Unbesonnenheit Flammchens konnte ihm dessen ungeachtet mit jedem Tage gewaltsam die Binde von den Augen reissen. Er kannte Wilhelmis strenge Grundsatze, und wenn er auch hoffen durfte, diese durch einen wahrhaften Bericht zu beschwichtigen, so musste er doch von dessen Hange, alles gleich auf die Spitze zu stellen, den schlimmsten Verrat furchten. Sein Aufenthalt im Schlosse war ihm ohnehin verleidet, er nahm sich daher kurz und gut vor, zu reisen, und den ihm empfohlnen Padagogen um Erlosung aus seiner seltsamen Not zu bitten.
Indessen musste in der Zwischenzeit fur sie gesorgt werden. Trotz seiner Abneigung gegen den Arzt, die zuletzt fast in Verachtung ubergegangen war, sah er sich gezwungen, mit diesem uber ihre vorlaufige Unterbringung zu verhandeln.
Der Arzt empfing ihn zwischen seinen Elektrisiermaschinen und Spirituspraparaten hoflich, als sei nichts vorgefallen. Er wusste gleich Rat. "Sie soll", sagte er, "solange Sie abwesend sind, zu meiner alten Krautersammlerin gebracht werden, und wir wollen sofort mit dieser die Sache richtig machen."
Sie ritten auf Wegen, die Hermann noch nie betreten hatte, durch ein wustes Hugelland, und kamen in ein abgelegnes Tal, welches, obgleich in geringer Entfernung von menschlichen Wohnplatzen, den Charakter volliger Einsamkeit zeigte. Freilich waren die Pfade, die hineinfuhrten, die schlechtesten, sie hatten sich mehrmals genotigt gesehen, abzusteigen, und ihre Pferde hinter sich herzuleiten. Ein Bach floss hindurch; an demselben zwischen alten Rustern stand die Hutte der Alten, gegen den Stamm der einen gelehnt.
Die Alte kroch zwischen den Klippen umher, und sammelte Pflanzen. Vor sich hatte sie ein blendendweisses Tuch ausgebreitet, auf welches sie die grunen Sprossen und Blatter mit Bedachtsamkeit legte. "So fleissig, Mutter?" rief sie der Arzt an; "habt Ihr gesucht, was ich haben wollte?" "Nur der Waldmeister fehlt noch", versetzte die Alte in ihrer gebuckten Stellung und ohne sich storen zu lassen, "sonst ist alles da, was Sie befohlen."
"Lasst es jetzt sein, und kommt herunter zu uns, wir haben mit Euch etwas auszumachen", sagte der Arzt.
Ungern schien sie sich von ihrem Geschafte zu trennen. Sie pfluckte erst noch einige Blumen ab, band jede Spezies, behutsam nur den Stengel beruhrend, mit Halmen in gesonderte Bundelchen, fasste das Tuch locker bei den Zipfeln, und kam, ihr Gewand vorn zusammennehmend, ohne aufzusehen, von den Felsen herab. "Sie sind heute recht frisch und kraftig", sagte sie, das Tuch oben etwas lupfend; "damit sie nichts verlieren, will ich sie gleich in den Keller legen."
Der Arzt hielt sie zuruck, und eroffnete ihr seinen Wunsch. Er fragte sie, ob sie ein junges Madchen, welches er ihr zubringen werde, gegen gute Bezahlung auf einige Wochen hinnehmen wolle? Sie machte eine ehrerbietige Bewegung mit der Hand und rief: "Sie sind mein Herr und Gebieter. Ich werde die, welche Sie mir bringen, wie mein Kind aufnehmen."
Als Hermann das Gesicht der Alten betrachtet, und ihre Stimme gehort hatte, stieg in ihm eine Vermutung auf, die ihn unruhig machte. Um Gewissheit zu erlangen, fragte er den Arzt auf dem Heimritte uber sie aus.
Dieser erzahlte, dass er sie im Spatsommer des verwichnen Jahrs kennengelernt habe. Sie sei als Zigeunerin mit einem Trupp verlaufnen Gesindels durch den Flecken transportiert worden, habe wegen Krankheit liegenbleiben mussen, Hulfe begehrt, und so sei er zu ihr gefuhrt worden. "Die Reden dieser Person", fuhr er fort, "erregten meine Aufmerksamkeit. Sie beschrieb mir ihre Leiden, und den Sitz derselben, die Milz, mit einer solchen Deutlichkeit, dass ich daraus schliessen musste, sie sehe gewissermassen das Organ und seinen Zustand. Ich folgerte hieraus eine eigentumliche Starke der sinnlichen Erregtheit, setzte diese Wahrnehmung mit ihrem Gewerbe zusammen, und da es eine meiner Grunduberzeugungen ist, dass jede Abnormitat auf einer naturlichen Anlage beruht, so fasste ich den Vorsatz, aus einer verworfnen Herumtreiberin womoglich ein nutzliches Mitglied der Gesellschaft zu machen.
Zur Probe hielt ich ihr meine Hand hin; sie sah weniger auf diese, als in mein Gesicht und sagte: 'Ihr wollt mich versuchen.' Ich bemerkte, dass sie mit einem unendlichen Scharfblick fur alles Korperliche ausgerustet war, aus den Lineamenten die geheimsten Seelenregungen las, und mit diesen Kraften, durch Elend und Durftigkeit gezwungen, auf Prophezeien und Quacksalbern verfallen war, wahrend sie unter gunstigen Umstanden vielleicht eine beruhmte Frau geworden ware. Ich offnete ihr die Augen uber sich, sagte ihr, dass ich ihr helfen wolle, wenn sie folgsam sei, und fand Zutraun.
Meine homoopathischen Kuren, welche ich, wo die Konstitution dieses Verfahren rechtfertigt, zuweilen vornehme, erfordern Mittel, zu welchen die Substanzen mit der aussersten Sorgfalt eingesammelt werden mussen. Niemand hatte mir bis dahin die Sache zu Dank machen konnen; ich war genotigt gewesen, selbst stundenlang die Halme und Binsen aus dem eigentlich Brauchbaren zu lesen, um nicht nach grosser Muhe noch endlich einen verfalschten, groben Saft durch die Extraktivpresse zu gewinnen. Ich beschloss, mit der Alten einen Versuch anzustellen, und er ist vollkommen gelungen. Als sie von ihrem Lager erstanden war, lehrte ich sie Botanik d.h. soviel davon zu ihrem Geschafte notig schien, mietete ihr das Hauschen in dem Hugelkessel, welcher die seltensten Pflanzen weit in die Runde tragt, und schickte sie auf das Suchen aus. Sie hatte mich wunderbar schnell begriffen, ja sie trug die Kunde, welche ich ihr beibringen wollte, sozusagen, schon vollstandig, nur unentwickelt, in sich. Sie hat sich mit dem Pflanzenreiche gleichsam identifiziert, entdeckt, was nur entdeckt werden kann, verfahrt mit einer Genauigkeit, die Sie selbst zum Teil haben bemerken konnen, und leistete mir im vorigen Herbste, sowie in diesem Fruhjahre schon die wesentlichsten Dienste. Anfangs furchtete ich fur den Winter, weil ich nicht wusste, womit ich sie wahrend desselben beschaftigen sollte. Aber die Natur half auch hier, wie gewohnlich, aus. Sie verfiel namlich zu meinem Erstaunen in einen Schlaf, welcher der Erstarrung mancher Tierarten ganz ahnlich war, und aus dem sie oft nur je um den zweiten Tag zu einem Halbbewusstsein erwachte, in dem sie dann wie traumend fur ihre Bedurfnisse sorgte, um sich, nachdem diese abgetan waren, wieder auszustrecken. Ich glaube, dass eine furchtbare Krankheit, die, wie ich aus einzelnen Reden geschlossen habe, selbst bis zum Scheintode gefuhrt hat, dergestalt ihre Lebenskraft schwachte, dass diese nur wahrend der warmen Jahreszeit vorhalt, und sich, sobald es kalt wird, als Funkchen in das Innere des Organismus zuruckzieht. So gewahrt sie mir noch nebenbei ein merkwurdiges Studium."
Hermann entdeckte ihm, dass er die Alte fur dieselbe Person halte, welche er schon einmal im Walde gesehen, und welche Flammchen gewahrsagt habe. Er ausserte seine Besorgnis vor den Folgen, wenn man beide wieder zusammenbringe. Der Arzt teilte dieselbe aber nicht, sondern sagte: "Sie wird eher heilsam auf das Kind wirken, denn sie hegt den grossten Abscheu vor ihrem ehemaligen Gewerbe, und bereut, wie sie sich ausdruckt, jeden Augenblick, wo sie in die Hand und in das Antlitz der Menschen gesehen, seitdem sie erfahren, wieviel Gott auf die Blatter der Pflanzen geschrieben hat."
Er erbot sich, Flammchen, wenn Hermann abgereist ware, unter einem Vorwande von Wilhelmi zu entfernen, und jener musste wohl nachgeben, da er keinen andern Ausweg wusste.
Achtzehntes Kapitel
Flammchen kam dazu, als er packte. "Willst du fort?" fragte sie. Er bejahte es. "Warum?" "Um deinetwillen."
Sie zog ihn mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl, kniete vor ihm nieder, und schaute ihm mit einem unbeschreiblichen Blicke in die Augen. "Um meinetwillen!" sagte sie gedehnt. "Ich meinte schon, mit uns sei es aus, und die Alte und der Geist hatten gelogen." Sie wollte lacheln, aber der Schmerz verzog ihren Mund, und ein Tranenstrom floss uber Lippen und Kinn.
Er hielt den Augenblick fur geeignet, ihr Innres zu erforschen. "Sei einmal recht offen gegen mich, mein liebes Kind", sagte er. "Was hat dir den Gedanken in den Kopf gesetzt, von dem du nicht lassen willst?"
"Ich lag nach meiner Flucht vom falschen Vater im Walde, und weinte, denn zuruck wollte ich nicht, und um mich waren nichts als Baume, und mir graute in der Einsamkeit. Ich wusste mich vor Angst nicht zu lassen; ach, es ist so schrecklich, ganz allein zu sein! Ich zog meine Sachen hervor, aber nichts wollte mir helfen. Den falschen Vater hatte ich, wenn er seine weinerlichen Reden hielt, oft 'lieber Gott!' rufen horen. Nun rief ich auch wohl hundertmal: 'lieber Gott!' aber kein lieber Gott kam, und ich merkte, dass der auch nur eine Luge sei, wie alles, was der falsche Vater gesagt hatte."
"Madchen! Madchen!" rief Hermann, "du weisst nicht, was du sprichst. Erzahle weiter."
"Da stand die Alte vor mir. Sie musste aus der Erde gewachsen sein, denn ich hatte sie nicht kommen sehn. Ich solle nicht weinen, sagte sie zu mir, und nannte mich ein schones Kind, dem es nicht ubel ergehen konne. Ich musse etwas Blankes auf die Hand legen, dann wolle sie mir wahrsagen. Ich hatte noch ein Silberstuck von den Geschenken der jungen Herren bei mir, das legte ich auf die Flache meiner Hand. Sie schlug, nachdem sie die Linien beschaut, die Hande vor Freuden uber dem Kopfe zusammen, und rief: 'O du gebenedeite Kreatur! Welch ein grosses Gluck steht dir bevor!' Dann weissagte sie mir, ein Prinz werde sich in mich verlieben, und mich zu seiner Frau Gemahlin machen. Ich fragte: 'Wann? wo? wie bald?' Sie machte sich von mir los, und lief durch die Baume davon, flink wie ein Feldhuhn, aber ich horte noch aus der Entfernung ihre Antwort: 'Bald! Vielleicht noch heute! Ganz in der Nahe!' Und an demselben Vormittage habe ich dich gefunden."
"Mich, Flammchen, ja. Aber wann den Prinzen? Ich bin eines Burgers Sohn. Wer bildete dir ein, dass ich der verheissne Prinz sei?"
Flammchen sah ihn an, stutzig, als ob sie an diese Frage noch nie gedacht habe. "Wer?" fragte sie sinnend. "Ich lauschte hinter einem Baume, als du neben deinem Freunde auf dem Stamme sassest, und als ich dein Gesicht erblickt hatte, wusste ich, du seist es."
Eine dunkle Rote hatte bei diesen Worten ihr Antlitz, ja den Hals uberzogen. Sie sprach mit einem Tone, welchen er nie von ihr vernommen hatte, tiefer, bebender, als gewohnlich. Es war, als ob eine andre Person aus ihr rede. Auch ihn ergriff ein machtiges Gefuhl. Die Natur sah ihn durch alle Verkehrtheit mit ihren heiligen Augen an. So muss dem zumute sein, der unter einer Karikatur die Zuge einer fruhern lieblichen und wohlgefalligen Zeichnung erblickt, die der Zerrmaler ubersudelt hat.
"Ich lief", fuhr Flammchen fort, "als wir auseinandergegangen waren, durch Feld und Busch umher, meine Alte wiederzufinden, die, das wusste ich schon, alles konnte, was sie wollte. Ich traf sie auch glucklicherweise auf der Heide an den grossen Steinen, die da im Kreise umher lagen. Ich sagte ihr, sie solle mir den Geist meines Vaters rufen, denn ich musste ja den auch um dich befragen. Sie wollte nicht, und endlich antwortete sie mir, sie konne nicht. Da bin ich ingrimmig geworden, und weiss nicht, was ich getan habe. Aber als ich zu mir selbst kam, sah ich, dass ich mein Messer aufgeklappt in der Hand hatte, und die Alte lag vor mir an der Erde, zitternd, und bat, ich mochte ihres Lebens schonen. Sie sagte mir darauf die Worte, mit denen ich den Geist rufen musse, und die ich dir nicht wiederholen darf, sonst sterbe ich in neun Tagen. Nach den Tannen schickte sie mich, und da habe ich gewartet bis Mitternacht unter Furcht und Angst, dann kam er in einer schonen bunten Uniform, ganz bleich, mit einem blutigen Streifen uber der Stirn. Ich fragte ihn, und er antwortete mir, ich solle dir folgen, wohin du gehest, und mich ganz auf dich verlassen."
"Und fragtest du ihn denn auch, mein Flammchen, ob ich ein Prinz sei?"
"Daran habe ich wahrhaftig gar nicht gedacht", rief das Madchen, und machte eine Bewegung mit der Hand, wie ein Kind, das sich einer Nachlassigkeit erinnert. "Das habe ich doch wirklich rein vergessen."
Hermann stand auf und beruhigte sie. "Prinz oder nicht", sagte er zu ihr, "werde ich mich deiner annehmen."
"Es streiten sich zwei um dich", fuhr sie mit verfinstertem Gesichte fort. "Aber ich hoffe, sie wird es mit dem Tranke, den sie dir eingegeben hat, nicht durchsetzen, ich werde dich behalten. Es ware recht ubel, wenn es anders kame. Denn sie hat genug, aber Flammchen hat niemand als dich!"
"Trank? Sie? Wer?"
"Nun, die Herzogin. Das ist doch zu sehen, dass sie sich in dich verliebt hat. Sie kann ja nicht leben, wenn du nicht ein paar Stunden des Tages uber bei ihr bist."
"Du schwarmst! Ist es moglich, dass dir nur so etwas in den Kopf kommt?"
"Ich denke, die unschuldigen Tiere werden wissen, was sie tun!" rief Flammchen leidenschaftlich aus. "Spricht nicht ihr bunter Vogel in einem fort: 'Teurer Hermann!' Wie oft habe ich es gehort, wenn ich unter dem Balkon durchging, auf welchem er sich sonnte. Er muss es doch von ihr haben! Heisst du nicht Hermann? Und ich sollte nichts merken?"
Neunzehntes Kapitel
In diesem Augenblicke erhielt er den Befehl zur Herzogin zu kommen. "Da haben wir's!" rief Flammchen, und lief schluchzend fort. Er ging besturzt zur Furstin. Sie war sehr bewegt. Vergebens suchte sie heiter und unbefangen zu erscheinen. Sie fragte ihn, ob es wahr sei, dass er reise? Ihre Stimme zitterte, sie machte sich mit Blumen und Buchern allerhand zu schaffen. Er versetzte, dass er sich nur fortbegebe, um ein Geschaft abzumachen, dass er aber, wenn es ihm erlaubt werde, in wenigen Tagen zuruckzukehren wunsche.
"Wir sehn Sie also wieder?" rief sie freudig. Sie holte tief Atem, als ob eine Last von ihrer Brust gehoben sei. Dann versank sie wieder in eine stille Verlegenheit, knupfte ein Gesprach uber gleichgultige Dinge an, liess es fallen, schien kaum zu horen, was er erwiderte. Es war, als ob sie ihm etwas vertrauen wolle, und gleichwohl die Mitteilung scheue.
Er befand sich in der peinlichsten Stimmung. Der Boden gluhte unter ihm. Und als ob ein Damon heute sein Spiel triebe, plotzlich offnete der unbescheidne Vogel im Kaficht seinen Schnabel, und wiederholte ein dutzendmal die Worte, welche Flammchens Eifersucht schon fruher vernommen hatte. Er sprach sie mit dem rauhen Tone dieser Tiere. Hermann hatte fruherhin auf sein Geschwatz nicht geachtet, nun aber aufmerksam gemacht, konnte er nicht zweifeln, dass der Vogel zum Verrater an den einsamen Stunden und Selbstgesprachen seiner Gebieterin werde.
Unwillkurlich sah er nach dem Schwatzer, dann warf er einen scharfen fliegenden Blick auf die Furstin. Sie errotete, und deckte einen Teppich uber den Kaficht. "Er spricht recht deutlich", sagte Hermann, um nur etwas zu sagen. "Man hatte ihn schon diese Worte gelehrt, als ich ihn kaufte", versetzte sie, mit dem Teppich beschaftigt, ohne sich umzuwenden. "Reisen Sie glucklich!"
Der alte Erich brachte ihm draussen die Nachricht, dass heute keine Fuhre zu haben sei. So musste er sich denn entschliessen, noch einen Tag zu verweilen. Es ware ihm nicht moglich gewesen, dem gewohnten Kreise zu nahen, und ebenso unmoglich fiel es ihm, einsam zu bleiben. Er suchte sich selbst, er suchte den Bildern zu entfliehn, die in sturmender Eile an seiner Seele voruberjagten.
In dieser Verfassung war es ihm recht, dass der Hausgeistliche sich zu ihm fand. Die gemeinschaftliche Erinnrung an Rom verknupfte beide Manner; auch heute war es wieder jene Weltstadt, welche Hermann wenigstens auf eine Zeitlang uber sich und die Gegenwart erhob.
Der Geistliche gehorte zu denen, welche dort ein neues Glaubensbekenntnis wahlten. Scheu, zuruckgezogen, mit ausserster Strenge die Gebrauche seiner Kirche ubend, stand dieser junge Mann sehr einsam unter den neuen Glaubensgenossen da. Man kennt den Spott, womit bereits in Rom die sogenannten Nazarener verfolgt wurden; unser armer Proselyt hatte auch diesseits der Alpen nur Achselzucken und Zweifel an seiner Gesinnung gefunden.
Der Herzog duldete ihn, als vom Vater ererbt, Wilhelmi hielt ihn fur einen Toren, und der Arzt fur einen Heuchler. Er ertrug Kalte, verdeckte und offenbare Angriffe mit musterhafter Geduld, und hatte schon mehrere Vorschlage zu Verandrungen seiner Lage, die ihm nur zum Nutzen gereichen konnten, abgelehnt, weil er nach der Weise solcher Charaktere den Aufenthalt in diesem Schlosse fur eine gottverhangte Schickung und Busse ansah.
Hermann war ihm immer freundlich begegnet, und der Geistliche, dem diese sanfte Beruhrung wohltat, hatte sich gegen ihn mehr, als gegen irgend jemand aufgeschlossen. Unser Freund hatte bei dieser Gelegenheit eine nur unsrer Zeit eigentumliche Gemutsart kennengelernt; eine Individualitat, die sich mehr fuhlen als beschreiben lasst, und von der wir nur den allgemeinsten Umriss angeben, wenn wir sie weibliche Mannlichkeit nennen.
Er war uber die Abreise seines Freundes sehr betrubt. "Sie gehen fort", rief er, "und wenn Sie auch noch einmal wiederkehren, wie lange wird das dauern? Ich werde Sie bald verlieren, ich werde bald wieder ganz allein sein. Der Mensch ist eine schwache Kreatur; es ist, als konne er den holden Schall menschlicher Rede nicht entbehren. Wie fest hatte ich mir vorgenommen, nur in stummen Gesprachen mit Gott meine Tage hinzubringen! Sie haben mich verwohnt! Werde ich leben konnen ohne Sie? Von niemand geachtet zu werden, o es ist ein odes schreckliches Gefuhl! Aufzustehn mit der Uberzeugung: Wieder einmal ist der Tag angebrochen, der den andern Liebe, Traulichkeit, Teilnahme bringt, und dir bringt er nichts, als trostlose Versenkung in dich selbst, als ein unendliches Bruten uber den grauenvollen und unergrundlichen Tiefen der Gottheit! Sich niederzulegen mit der Bitte: 'Vater, lass diese Nacht die letzte sein!' und zu erwachen im Dunkel, und schaudernd zu wissen, dass man sein erstorbnes Dasein weiterzuschleppen verdammt ist."
"Armer Mann!" sagte Hermann, den die Klage des Priesters, der sich selbst kein Heil wusste, ruhrte. "Wie ich Sie kenne, haben Sie den Schritt, welcher Sie aus der Mitte Ihrer Verhaltnisse riss, reinen Herzens getan, und das sollte Sie trosten, wenn andre Sie kalt oder lieblos beurteilen."
"Es ist nicht das", seufzte der Geistliche. "Reinsten Herzens, jawohl, so tat ich diesen Schritt. Horen Sie die Geschichte meiner Bekehrung; es kommt weder von Heilandskassen noch von Zeichen und Wundern etwas darin vor; ach, und sie hat mir nichts eingetragen, als Schmerzen und Dornen!"
Zwanzigstes Kapitel
Eine Bekehrungsgeschichte
"Ich war Protestant, d.h. ich wurde in dieser Konfession eingesegnet. Der Religionsunterricht der Katechumenen hatte sich mehr uber Naturgeschichte und Physiologie, als uber den Katechismus verbreitet. Der Prediger, welcher diese Stunden abhielt, war der Meinung, dass dieselben auf solche Weise noch immer nutzlich zu machen seien. Unser Lehrer galt in der Stadt uberaus viel. Er besass die schonsten geselligen Tugenden, erheiterte wochentlich einen grossen Kreis durch Knittelverse und Gelegenheitsgedichte, und wenn er unter ganz vertrauten Personen war, ging seine Vorurteilslosigkeit so weit, hin und wieder auch ein Tanzchen oder ein Pfanderspiel nicht zu verschmahn.
Ich stand den ubrigen Knaben an Kenntnissen vor, wurde wegen meiner raschen Antworten sehr geruhmt, und wusste mir viel mit dem erhaltnen Lobe. Auch an verliebten Blicken zu den Madchen hinuber und von ihnen heruber fehlte es nicht. So war ich zur Ablegung meines Glaubensbekenntnisses vorbereitet worden, und meiner Meinung nach fest in demselben, kam ich nach Rom.
Erwarten Sie hier keinen Mortimer. Ich kann wohl sagen, dass der Glanz, das Geflitter und der rauschende Pomp, wovon das Leben der Kirche dort begleitet wird, nicht auf mich eingewirkt haben. Ich freute mich an diesen bunten Dingen, ohne dass sie mich religios beruhrten.
Aber ein andrer Einfluss begann allmahlich mich umzugestalten. Sie waren dort, und wissen, welche Stille uber so manchen Platzen und Winkeln, uber Trummern und Schadelstatten, bei den Grabern der Martyrer, in den Hallen der weniger besuchten Kirchen und Kapellen weilt. Wer in Rom nicht fuhlt, dass der Mensch ein Nichts ist, und wem nach dieser Empfindung, die zum Nichts fuhrt, kein trostender Geist, riesenhaft und doch vertraulich zuspricht, der muss ein verwahrlosetes Herz haben. Uberall sah ich Geschichte, uberall trat ich auf Boden, den vor mir Menschen beschritten hatten, durch welche die Welt verwandelt worden war; wie kummerlich kam ich mir mit meinem neuen Sinne, mit meinem aus bunten Lappchen zusammengeflicktem Wesen unter dieser Herrlichkeit des Todes vor! Ich kann Ihnen die Versichrung geben, dass ich anfangs an nichts weniger dachte, als an eine Religionsverandrung. Ich besah Gemalde, Antiken, Ruinen, Palaste, Kirchen, war ein Reisender, wie es deren Tausende gibt. Aber nach und nach ward mir, als ob aus der Gewalt aller dieser verschiedenartigen Erscheinungen doch nur eine Stimme rede. Ich horchte zu, und siehe, es war die Stimme Gottes. Da wurde ich nachdenkend, und je mehr ich horte, desto fuhlbarer weitete sich mein Innres. Ich wusste von diesem Zustande keine Beschreibung zu machen. Meine Brust baute sich wie mit granitnen Pfeilern und Bogen himmelanstrebend aus, mein Herz hing und brannte in dem neuen Heiligtume, wie die ewige Leuchte, und ein Choral, ernst, wie das Gesprach der Dreieinigkeit mit sich selbst, durchtonte es. Ich tat nichts zu diesen Sachen; es wurde etwas in mir, ohne mein Verdienst, ja ohne meinen Willen. Auch fehlten nicht die dustern gramvollen Stunden. Ich sah nicht bloss die Wunder Roms, ich sah auch den Violettstrumpf, den hinterhaltig lachelnden Monsignore, die Schnorkel an der Monstranz, die zerstreuten Blicke sogenannter Andacht; wie sie dem Volke aus jeder heiligen Handlung eine Komodie zubereiteten. 'Diesen Wust, diesen Trug, all die Alfanzerei, welche sich darum und daran gehangt hat, willst du mit in den Kauf nehmen?' fragte ich mich erbleichend. Meine Seele spaltete sich, ich hatte verlassen, was mir zugehorte, und konnte das andre noch nicht ergreifen.
Die Karwoche kam heran. Ich hatte mich einem alten Priester anvertraut, und ich musste die Unwahrheit sagen, wenn ich behauptete, jemals Kunste der Uberredung von ihm erfahren zu haben. Alles, was man in dieser Beziehung in Deutschland uber mich verbreitet hat, ist eine Erfindung. Er riet mir, mich in Ruhe und Sammlung zu erhalten, dann werde mir von selbst das Rechte gezeigt werden. Seine Kirche sei zwar die Spenderin der alleinigen Wahrheit, aber auch zur Wahrheit komme man nur vorbereitet. Ich erlangte durch seine Vermittlung wahrend jener Periode Aufnahme im Kloster der Passionisten, wohin sich, wie Sie vielleicht erfahren haben, gegen die Osterzeit fromme Gesellschaften zuruckziehn, um sich zum Feste in der tiefsten Stille geistlich zu rusten. Man wusste, dass ich noch nicht ubergetreten war, gewahrte mir aber den Aufenthalt unter der Bedingung, dass auch ich mich der Regel des Hauses fugen wolle.
Wer jene Lebensweise erwahlt, scheidet sich wahrend der Dauer seines Verweilens vollig von der Aussenwelt ab. Kein Brief, keine Nachricht darf von jenseit der Klostermauern zu den Genossen der Ubungen dringen. Letztre sind fest bestimmt, und nehmen fast den ganzen Tag, auch einen Teil des fruhen Morgens ein. Jeder hat seine Zelle, auf welcher er von niemand Besuche empfangen darf. Selbst bei dem Mahle, welches gemeinschaftlich ist, sind weltliche Gesprache untersagt.
Das war nun ein Leben, wie man es nirgends wieder findet, ein eigentliches Leben im Geiste. Ich gestehe, dass gerade dort, zwischen den Wanden meiner Zelle, in mir die schwersten Zweifel aufstiegen. 'Ist diese Absondrung menschlich? Lauert nicht auch hier die Schlange unter den Blumen? Werden sich deine Mitgenossen, wirst du selbst dich nicht von solcher Entbehrung in gedoppelter Lust und Zerstreuung erholen? Vielleicht stirbt dieser einem ein teurer Mensch ab, vielleicht streckt nach einem andern die Not ihre Arme flehend aus, sie aber horen nichts davon, sie haben zwischen sich und der Natur eine Scheidewand gesetzt; liegt darin nicht eine Verkehrung der ewigen Ordnung der Dinge?' So lauteten ungefahr meine stillen Selbstgesprache.
Das Kloster liegt ziemlich hoch auf einem Hugel. Ich sass in den Freistunden meistenteils unter der herrlichen Palme, die in der Mitte des Hofes ihre Schatten verbreitet. Uber die Mauer am Abhange sah ich auf den Aventin und die Kaiserpalaste. Aber der Berg und die Trummer sprachen nicht mehr zu mir, und der Gesang aus der Kirche tonte an meinen Ohren voruber. Es war vollig finster in mir geworden, und mich verlangte nach dem Ende dieser grabahnlichen Tage.
Eines Abends ging ich in meiner grossen Bekummernis zur Kirche. Noch hatte der Gottesdienst nicht begonnen; ich war allein. Redlich hatte ich gekampft, es durchdrang mich, wie ein Schwert, dass Gott solchem Suchen sich zeigen musse. Ein unendliches Zutraun erfullte mich; ich wollte am Hochaltare zum Gebete niedersinken, als meine Blicke auf das Kruzifix uber demselben fielen. Schon oft hatte ich dieses Bild gleichgultig betrachtet, in meiner damaligen Erregung machte es aber einen ausserst widerwartigen Eindruck auf mich. In der Tat konnte man sich auch nichts Hasslicheres denken. Gross, plump, von Holz geschnitzt, war es ein getreuer Abdruck der krassesten Vorstellung. In den Zugen des Hauptes die abscheulichste Fratze des tierischen Schmerzes, alles dick mit Farben bestrichen, das Blut in ekelhaften roten Streifen herabrinnend, und mit diesem Jammer in Widerspruch geschmacklose Zieraten auf dem Kreuze in verblichnem Gold und Schmelzwerk eingeschlagen. Meine Gedanken schrumpften vor dieser Missgestalt ein, ich richtete mich empor, und stand straff auf meinen Fussen, missmutig, ernuchtert, verworren. Mechanisch ging ich einige Schritte zur Seite, da sah ich, dass es von Wurmern zerfressen war, und es kam mir zugleich so vor, als ob sich in der Seitenflache eine ganz feine Spalte befinde. Ich trat wieder hinzu, ich erhob mich uber die Brustung des Altars, und konnte nun deutlich sehen, dass es nicht aus einem Stucke bestand, sondern aus zwei aufeinander gelegten Halften gemacht zu sein schien.
Ich weiss nicht, war es Neugier oder etwas Ernsteres, Besseres, was meine Hand fuhrte, genug, ich fasste das Heiligtum an, wie um ein verborgnes Geheimnis zu erobern. Zu meinem Schreck blieb mir die obere Halfte, wie eine Schale, in der Hand; ich traute meinen Augen nicht, als mir der wahre Gehalt dieses Bildes erschien. Das Holz war nur Kapsel, nur Futteral fur ein Werk der edelsten Kunst. Aus der zweiten stehengebliebnen Halfte blickte der Gekreuzigte, im reinsten Elfenbein auf tief glanzendem Schwarz sich abhebend, zu mir nieder. Eine gottliche Arbeit! sie musste der besten Florentiner Periode angehoren. Nie habe ich einen Christuskopf gesehen, in dem die Pein so geistig und ruhrend dargestellt war. Und welche Pein! Nicht um die blutigen Fuss- und Handwunden, nein, um die gefallnen Menschen, die sie schlugen.
Uberrascht, ergriffen, entzuckt, warf ich die rohe holzerne Decke aus meinen Handen, und sturzte vor dem gefundnen Erloser nieder. Auf einmal war mir alles klar; meine Lage, meine Pflicht! in diesem Gleichnisse erschien mir sichtlich, korperlich, greifbar, der ganze Stand und das innerste Wesen der Kirche. Meine Seele geriet in eine Verzuckung. Das war nicht totes Elfenbein und Ebenholz mehr, was ich vor mir sah; der schwarze Stamm des Kreuzes fing an, sich von innen zu erleuchten, bis er, ganz durchsichtig, in rosenrotem Lichte strahlte, der Leib des Erlosers begann zu pulsieren, Blutstropfen perlten aus den Armen und Fussen, die Wangen farbten sich leicht an, und aus den milden Lippen tonte es mit Geisterlauten: 'Willst du den Kern verachten, der Hulle wegen? Hier bin ich unter allem Tand und Aberwitz; hier, und nirgend anders! Die Toren haben ihr Werk getan, und die Wurmer tun ihr Werk an dem Werke der Toren, du aber suche mich nicht draussen, sondern drinnen.'
Wie lange ich mich in diesem erhohten Zustande befunden habe, ist mir nicht klargeworden. Als ich erwachte, stand der Prior hinter mir, nebst seinen Monchen und den Andachtsgenossen. Alle sahn verwundert auf mich, auf das entdeckte Heiligtum, auf die Holzdecke, die von meinem Wurfe in Splitter und Wurmfrass zerfallen, am Boden lag. Ich beichtete meinen Vorwitz, man vergab mir um seiner Folgen willen.
Die starre Regel des Tages war durch das unerwartete Ereignis gestort worden, und sie meinten Gott zu dienen, wenn sie ihren Betrachtungen daruber freien Lauf liessen. Die Altesten der Kongregation erinnerten sich, dass im Kloster traditionell die Sage von einem unendlich schonen Kruzifix, welches man vor Zeiten besessen, gegangen sei, und dass man auch oft, wiewohl vergebens, Nachforschungen angestellt habe, solches wieder aufzufinden. Nun suchten sie in den Registern und Urkunden zu entdecken, wann, von wem und zu welchem Zwecke dieses Werk so mumienhaft den Augen entzogen worden sei? Die Jungern, welchen das Amt obgelegen, den Leib des Erlosers am Karfreitage in das aufgeschmuckte Grab zu tragen, und am Auferstehungsmorgen ihn zum Altare zuruckzubringen, meinten, sie hatten sich immer uber die unverhaltnismassige Schwere des Kruzifixes verwundert. Einge fragten, wie es doch moglich gewesen sei, dass man nicht fruher den Falz in dem Holze gesehen habe? Darauf erwiderten andre, dass, solange der Stoff noch einigermassen haltbar gewesen, beide Halften fest aufeinander geschlossen hatten, erst durch Alter und Zerstorung sei das Volumen verringert, und dadurch ein Zuruckweichen der Teile hervorgebracht worden.
Was mich betrifft, so hatte ich wahrend alles dieses Fragens, Verwunderns und Erklarens nur einen Gedanken. Mir war die Decke von der Gestalt hinweggetan, der Katholizismus hatte sich mir in jener Stunde der Erleuchtung gottlich, hullen- und makellos gezeigt. Am ersten Ostertage ging ich zu meinem guten geistlichen Vater, sagte ihm, wie es mit mir geworden sei, und empfing bald darauf von ihm das hochzeitliche Kleid des neuen Menschen! Himmel und Erde lagen jungfraulich, wiedergeboren vor meinen Blikken. Nein! es kann keine Tauschung gewesen sein! Diese Momente uberstromender Seligkeit, diese Gefuhle leiblicher Gemeinschaft mit dem Allmachtigen, sie waren nicht Luge, sie trugen auf ihren Flugeln den Lichtglanz der Urwahrheit."
Der bewegte Mann hatte von dem Tone der Klage, womit seine Geschichte begann, sich bis zu dem Ausdrucke der hochsten Begeistrung erhoben. Er schaute mit glanzenden Blicken in die Sonne, die hinter den Hugeln hinabsank. Sie standen auf einer kleinen Anhohe. Hermann hatte die Erzahlung des Proselyten voll Teilnahme gehort. Erinnrungen schoner Art waren in ihm aufgewacht. Von diesen bewegt, druckte er dem Geistlichen die Hand, und sagte leise: "Rom!"
"Rom! Rom!" rief jener ausser sich, und warf sich dem Erstaunten leidenschaftlich an die Brust. "Ja, Rom! Und ist Rom nur uber den sieben Hugeln? Du Unglucklicher, Armer, Darbender! Komm heruber zu uns, wir haben der Speise die Fulle auch fur dich! Sei der unsre; du bist dessen wert!"
Hermann erschrak uber diese unerwartete Wendung. Gegenuber in einem Fenster des Schlosses erschien die Herzogin. Ihr Blick ruhte lange und durchdringend auf der Gruppe. "Wir sind nicht unbemerkt", sagte er angstlich, und machte sich los. "Die Herzogin sieht uns!"
"So sieht dich der Engel deiner Tage!" rief der Geistliche. "Auch ihre Wunsche steigen fur deine Rettung empor. Auch sie fleht mit den unschuldigen Lippen: 'Erlose ihn aus seiner Unseligkeit, o Heiland, dass wir ihn haben und behalten, diesseits und jenseits!'"
Drittes Buch
Die Verlobung
Die Ehen werden im Himmel geschlossen.
Erstes Kapitel
Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise durch das Gebirge hatte Hermann sein Ziel erreicht. Als er die Stadt im dampfenden Tale vor sich liegen sah, uberdachte er seinen Plan, beschloss im Hause des Padagogen zuerst pseudonym aufzutreten, und wie im Auftrage eines andern seinen Wunsch vorzubringen. Auf diese Weise hoffte er die Sache in der fur ihn leichtesten Art zum Ende zu fuhren.
Das Gymnasium war aus den Uberbleibseln einer Stiftung entstanden. Alte Linden umgaben den Schulhof; durch einen Kreuzgang gelangte er zu der munter angestrichnen Wohnung des Rektors. Er erfuhr von der Magd, dass dieser verreist sei, und musste sich daher bei der Frau anmelden lassen.
Die Rektorin empfing den Kandidaten Schmidt aus Leipzig diesen Namen und Stand hatte er sich gegeben mit lebhafter Freundlichkeit. Als sie ihn zum Sitzen notigte, wollte er ihrem Sofaplatze gegenuber auf einem Stuhle sich niederlassen. Sie verhinderte es aber, zog ihn auf das Sofa und sagte: "Wir leben hier nicht steif und vornehm. Seine Feinde fasst man ins Antlitz, seine Freunde hat man gern neben sich."
Er eroffnete ihr, dass er sich auf einer gelehrten Wandrung befinde, deren vorzuglichster Zweck sei, die ersten Manner des Fachs kennenzulernen. Schon lange habe er sich gesehnt, dem ausgezeichneten Erzieher, dessen Methode man weit und breit ruhme, seine Verehrung zu bezeugen.
Das Mutterchen schien das Lob ihres Eheherrn mit Behagen einzuschlurfen. "Er benutzt jetzt die Ferien zu einem Abstecher nach S., wo wir leider einen verdriesslichen Handel abzumachen haben", versetzte sie. "Indessen erwarte ich ihn morgen oder ubermorgen zuruck, und wenn Sie einige Tage hier verweilen konnen, so soll es mir lieb sein."
Sie gehorte zu den Personen, mit denen man in funf Minuten bekannt ist. Die gutmutigsten Augen sahen unter dem weissen Spitzenhaubchen hervor; ihr Herz schwebte auf der Zunge. Sie schien nicht viel Ruhe zu haben, stand ofters auf, quirlte hin und her, setzte ihm ein Fruhstuck vor, und er musste, ungeachtet aller Versichrungen, dass er schon im Gasthofe das Notige genossen habe, wenigstens davon kosten. "Wer in unser Haus tritt, isst von unsrem Brote und trinkt von unsrem Weine", sagte sie. "Wir ahmen darin den Erzvatern nach, und dem edlen Alkinoos, wenn wir gleich keine phaakische Schmauserei anstellen konnen." Diese und ahnliche Anspielungen, welche bald darauf zum Vorschein kamen, deuteten dem falschen Schulamtskandidaten den Ton an, in welchem er sich hier vernehmen lassen musse. Das saubre Zimmerchen, dem aber jede Eleganz fehlte, war mit den Portrats beruhmter Gelehrten verziert. Der besten Rahmchen erfreuten sich die Philologen. Heyne, Wolf, Ernesti, Gesner, Bentley, Ruhnkenius zeigten ihre ausdrucksvollen Gesichter, Voss war dreimal vorhanden, gezeichnet, im Kupferstich und in Gips. Er suchte daher in aller Eile sein Lateinisch und Griechisch zusammen, sprach von der hehren Gottin Kalypso, besann sich zum Gluck auf ein paar Horazische Verse, die er ohne wesentliche Verstummlungen herausbrachte, und bemerkte, dass die Rektorin nun erst das volle Zutraun zu ihm gewann. Mit Erstaunen horte er im Verlaufe des Gesprachs vollig regelrechte Hexameter aus ihrem Munde tonen, die nur durch gehaufte Spondeen etwas Unbeholfnes erhielten. Nach einer Viertelstunde waren sie wie alte Freunde miteinander.
Indessen entstanden doch, wie es bei raschem Bekanntwerden zu geschehen pflegt, Pausen. Hermann erhob sich daher und wollte gehn. Sie fasste ihn bei der Hand und sagte, ihm treuherzig ins Gesicht sehend: "Ihr Herrn habt es im Kopfe, aber selten viel im Beutel, und obgleich Sie wohlhabender zu sein scheinen, als die Kandidaten, welche uns sonst besuchen, so dachte ich doch, dass frei Quartier bei guten Leuten besser ware, als teure Gasthofszeche. Ich will Ihnen Ihr Zimmerchen zeigen, und Sie konnen nur gleich Ihre Sachen vom Wirtshause heruberbringen lassen." Ohne seine Antwort zu erwarten, nahm sie ihn mit in das obere Stockwerk, wies ihm unterwegs verschiedne wirtschaftliche Einrichtungen, namentlich den Ofen, der zwei Stuben zugleich heizte, und den neuen Wandschrank, und fuhrte ihn dann in ein helles Erkerzimmerchen, von welchem man das ganze Flusstal ubersah. Er fragte nach dem Namen eines Dorfs, dessen Turmspitze am Horizonte hervorragte, und erfuhr nicht nur diesen, sondern lernte auch auf der Stelle die Topographie des ganzen Umkreises mit allen Verwandten, Freunden und Gevattern, die da und dort wohnten, kennen.
"Sind Sie versprochen, Herr Schmidt?" fragte sie plotzlich. "Nein!" "Rauchen Sie Tabak?" "Auch nicht." "Dann sind Sie auch kein ordentlicher Kandidat!" rief sie lachend. "Ich habe wenigstens noch keinen kennengelernt, der nicht eine Braut und eine Pfeife gehabt hatte. Sie mussen sich beides bald anschaffen." Er erwiderte ihren Scherz, der halb wie Ernst klang, und wurde von ihr mit einem Armvoll Tischzeug beladen, welches er unten in das Esszimmer tragen sollte. Sie schien es als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten, dass ein Kandidat der Frau eines Schulvorstehers notigenfalls dienstbar sein musse.
Unten sagte er, um seinem Zwecke etwas naher zu kommen: "Es ist so still in Ihrem Hause, und ich sehe keinen Ihrer Pensionare oder Pensionarinnen." "Pensionare? Pensionarinnen?" fragte sie erstaunt. "Wir haben bloss unsre Knaben in Pension. Man hat mit den eignen Kindern Last genug, wer wollte sich noch die Muhe mit fremdem liebem Gute machen?" Da sie nun merkte, dass diese Worte ihn befremdeten, fuhr sie nach einigem Besinnen fort: "Ach, gewiss ist da wieder eine Verwechselung vorgefallen, und Sie meinen, bei dem Edukationsrate zu sein. Wir werden noch an das Stadttor schreiben lassen mussen: 'Da wohnt der Philologe und da der Realschulmann.'"
Bei naherer Erkundigung horte er nun, dass sich noch ein Namensvetter des Rektors am Orte befinde, welcher aber nicht am Gymnasium angestellt sei, sondern eine Privaterziehungsanstalt habe. Er sei in allem der Gegner ihres Alten, sagte die Rektorin, halte nichts auf Romer und Griechen, wolle vielmehr die ganze Bildung der Jugend auf das Praktische richten. "Dies hindert aber nicht", fugte sie hinzu, "dass wir gute Freunde bleiben. Wir kommen zusammen, die beiden Alten zanken sich tuchtig ab, wenn der Konrektor dabei ist, so spricht auch das Mittelalter noch ein Wort darein, am Ende sind sie mude, der Edukationsrat ruft: 'Die Gegenwart gehort der Gegenwart!' das ist mein Stichwort; ich sage dann: 'Es ist angerichtet', wir setzen uns zu Tische und verzehren ganz vertraglich und lustig ein Gericht Gerngesehen miteinander."
Hermann uberzeugte sich im stillen, dass der Arzt ihm jenen Edukationsrat habe empfehlen wollen und dass er verkehrterweise in ein andres Haus geraten sei. Indessen wurde es unartig gewesen sein, das Missverstandnis zu bekennen, und er erwiderte daher auf den scherzhaften Zuruf der Rektorin, sich nunmehr zwischen dem linguistischen und dem Realsysteme zu entscheiden, dass seine Nachfrage nur eine zufallige gewesen sei, und dass er niemand hier habe kennenlernen wollen, als den in der gelehrten Welt hochgefeierten Herausgeber des Eutrop.
"Nun wohl", sagte die Rektorin, "ich glaube Ihnen, aber nehmen Sie sich in acht; Sie werden auf den Zahn gefuhlt werden. Und jetzo lassen Sie uns voneinander scheiden. Sie konnen den naheren Weg durch den Garten nach Ihrem Wirtshause nehmen; schicken Sie mir mein Cornelchen daher, wir wollen einen Topf mehr zum Feuer rucken, damit es heut mittag heissen kann:
Und sie erhoben die Hande zum lecker bereiteten Mahle; worauf es dann ferner lauten soll:
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der
Speise gestillt war,
Gingen sie alle gesamt zu dem gottlichen Hirten
Eumaos,
Dort des Kaffees Gebrau zu schlurfen aus
blumiger Tasse."
Zweites Kapitel
Indem Hermann uber den Hof und durch den Garten ging, war es ihm nicht unlieb, dass er sich in der Person des Schulmanns geirrt hatte. Nach dem Wesen der Frau, nach dem Begriffe, den er durch ihre Reden von dem Manne erhalten, bei dem Anblicke der philologischen Bildnisse, der engen Hauslichkeit, der schmalen Gartenstiegelchen und sauber gehaltnen Beetchen hatte er nicht erwarten konnen, dass ein Sinn, der diese Umgebung sich geschaffen, geneigt gewesen ware, sich mit einem wilden Geschopfe, wie Flammchen, zu befassen. Nun aber durfte er von dem Edukationsrate noch alles hoffen.
Im Pavillon, der am Ende des in eine Spitze auslaufenden Gartchens stand, sah er ein junges Madchen mit Blumen beschaftigt. Sie kniete vor den Topfen, in welche sie Samen und Sprossen senkte. "Mademoiselle ..." sagte er, und wollte den Auftrag der Rektorin ausrichten. Welche Uberraschung fur ihn, als sie sich wandte, erhob, und er das Hausmutterchen aus der Forsterei erblickte!
Sie war es, Cornelie. Aber welche Verwandlung! Aus dem Kinde war die Jungfrau geworden. Er stand, durch die unerwartete Begegnung aus der Fassung gebracht, verloren in den Anblick dieser reizenden Jugendblute, und konnte kein Wort vorbringen. Sie dagegen schien von seiner Erscheinung nur erfreut zu sein, und begrusste ihn mit holder Unbefangenheit. Er wollte sich erkundigen, wie sie hieher komme, als vom Hofe der Ruf der Rektorin nach ihr ertonte. Mit fliegenden Worten konnte er ihr nunmehr nur sagen, dass er unter fremdem Namen hier sei, dass auch sie ihn bei diesem nennen musse, und die Wahrheit nicht verraten durfe. Sie erschrak und flusterte besturzt: "Ach Gott, das wird mir schwer werden!" Er fasste sie bei der Hand, und beschwor sie, ihm dennoch den Gefallen zu tun, es sei etwas ganz Unschuldiges. Die Rektorin trat in den Garten, Cornelie zog ihre Hand aus der seinigen, und eilte jener angstlich entgegen.
Hermann hatte sich vorgenommen gehabt, sogleich zum Edukationsrate zu gehn, fuhlte sich aber nach diesem Vorfalle zu beunruhigt, und suchte das Freie, um sich zu sammeln. Die Gegend war die anmutigste, die man sich denken kann; Hugel, mit dem frischesten Laubholze bestanden, liefen in sanften Linien bis beinahe an die Tore des Orts, der mit Ringmauer, Turmen und Graben, altertumlichen Ansehens, dazwischenlag. Hermann setzte sich auf eine Wiese, die von roten, gelben und weissen Blumen ganz bunt war, und genoss den Uberblick.
Ein Hirt, der in der Nahe stand, und dessen Ziegen und Schafe zwischen den Buschen umher grasten, trat zu ihm und sagte: "Wenn der Herr meinem Rate folgen will, so steht Er auf, die Stelle ist ungesund, Er kann den Schwindel dort bekommen." Wirklich hatte Hermann ein leichtes Ubelbefinden verspurt, als er sich niedergesetzt hatte. Es verlor sich, sobald er aufstand. "Woher wisst Ihr das, Landsmann", fragte er den Hirten. Dieser versetzte: "Das Vieh frisst dort nichts, es geht in einem Bogen um die Stelle, wie Sie an den Krautern sehn konnen. Ein Gift muss da in der Erde verborgen sein."
Hermann bemerkte, dass die Graser an der Stelle unberuhrt uppig emporgeschossen waren, wahrend ringsumher der Zahn der Tiere die Halmen abgenagt hatte. Er fuhlte sich versucht, mit dem Hirten, der aus klugen Augen schaute, das Gesprach fortzusetzen, und erfuhr eine Menge von Ernten- und Wetterprophezeiungen. Als er seine Zweifel kundgab, und fragte, wie der Hirt das alles erfahren habe, versetzte dieser: "Es trifft doch zu. Die Leute in der Stadt sehn von ihren Fenstern immer nur auf die Strassen und gewahren hochstens ein kleines Stuckchen Himmel, und da meinen sie, kein Tag sei dem andern gleich, und wenn sie das grune Gemuse bekommen, verwundern sie sich, weil sie es nicht wachsen gesehen haben. Wir aber, die wir immer im Freien sind, merken, wie es mit Wolken und Wind, Warme und Kalte und Wachstum steht, und ich versichre Sie, es geht jahraus jahrein immer in einem fort. Ich habe oft meine Gedanken, wenn die Herrn uber die Erziehung, wie sie es nennen, sich streiten, und meine: 'Fragtet ihr den Hirten um Rat, der wurde es euch sagen.'"
"Welche Herrn?"
"Der Herr Rektor, und der andre. Sie trinken ihren Kaffee zuweilen in meinem Baumgarten, weil sie von dort die schone Aussicht, wie sie es nennen, haben, und ich muss ihnen das Feuer dazu besorgen. Sie haben immer ihr Gesprach, wie man die Kinder am besten in die Hohe bringen soll, und sie treffen es beide nicht."
"Wie wurdet Ihr denn die Kinder erziehn, Freund?" fragte Hermann.
"Mehr wie das Vieh", antwortete der Hirt. "Die Hauptsache bleibt das Waschen und Kammen, das Futtern, und dass keins sich uberfrisst. Fur alles ubrige sorgt der liebe Gott. Aus einem Schaflamme wird mein Tage keine Ziege, und aus einem Zickchen niemals ein Schwein. Aber soviel ich von den Worten der gelehrten Herrn verstehe, wollen sie immer auf dergleichen mit den Kindern hinaus. Da kommt der eine Herr eben mit seinen Sohnen."
Ein kleiner rascher Mann trat aus einem Hohlwege, gefolgt von vier bis funf Knaben. Er stand auf der Wiese still, stutzte sich auf seinem Stock, schaute umher und fragte dann den Hirten: "Was meint Ihr, Schafer? gibt es eine gute Ernte heuer?"
"Die Eichhorner haben noch nicht fertig gebaut, Herr Rat", versetzte der Hirt; "es lasst sich noch nicht sagen."
"Wie kann sich die Ernte nach dem Bauen des Eichhorns richten?"
"Wenn das Eichhorn sein Nest sehr dick baut, so gibt es Regen und kuhle Witterung bis Fronleichnam, und danach kommt eine gute Ernte. Bauen sie dunn, so folgt Durre und Trocknis und die Saat verbrennt in der Erde."
Hermann trat mit einer hoflichen Verbeugung zum Edukationsrat, sagte ihm ungefahr das namliche, womit er sich bei der Rektorin eingefuhrt hatte, und bat um die Erlaubnis, ihn besuchen zu durfen. Der andre verhielt sich zwar darauf freundlich, aber doch ganz trocken und kurz, und Hermann konnte bemerken, dass die Schmeichelei auf diesen Mann keinen Eindruck machte. Desto gesprachiger ward er, als ihn jener auf sein System brachte, welches ein Gemisch von Basedowischen, Pestalozzischen und Jacototschen Reminiszenzen war.
Wahrend dieser Unterredung hatten die Knaben umher ihr Wesen getrieben. Zu seiner Verwundrung horte Hermann, dass sie einander nicht bei den Namen, sondern nach Standen riefen. Hinter dem Gebusche fiel ein Schuss; einer der Knaben kam mit der Vogelflinte und dem Erlegten heraus, und wurde von einem zweiten als Forster angesprochen mit der Frage, was er geschossen habe? Der Forster versetzte: "Ich weiss es nicht, besieh du ihn, Naturforscher." Der Naturforscher nahm den Vogel, betrachtete Brust, Rucken und Flugel, und sagte: "Es ist die gemeine Amsel; turdus merula. Linne." Ein kleiner muntrer Junge verliess sein Spielwerk von Sand und Steinen an der Erde, sprang neugierig zu den Brudern und wurde der Baumeister genannt. Ausserdem war noch ein Pastor zur Stelle, ein stiller Knabe, der blode vor sich hinsah.
"Wie soll ich die Benennungen verstehen, welche sich Ihre Sohne untereinander geben?" fragte Hermann.
"Wie ich Ihnen schon gesagt habe, ist es mein Grundsatz, die mir anvertrauten Zoglinge auf dem kurzesten Wege zu Menschen, welche dem wirklichen Leben angehoren, auszubilden", erwiderte der Edukationsrat. "Ich wunsche sie ohne Umschweife zu dem zu machen, wozu man nach der alten Manier nur infolge der schmerzlichsten Pilgerschaft wurde, namlich zu Burgern. Deshalb ist in meinen Lehrplan nur das aufgenommen, was sie in ihrem kunftigen Berufe unmittelbar brauchen: Lander- und Volkerkunde, Gewerbe, Naturwissenschaft, Geschichte der neuesten Zeit. Von Sprachen, namentlich von den toten, nur das Notdurftigste. Ich leugne die Wurde des Gelehrten nicht, aber die Menschen so erziehen, als ob sie alle Gelehrte werden sollen, heisst das Bette des Prokrustes von neuem in Anwendung bringen.
Am gunstigsten steht die Aufgabe des Jugendbildners, wenn fruh sich entschiedne Neigungen zeigen, die den kunftigen Stand vorbedeuten. Denn der Stand ist eigentlich der Mensch. Dieses Gluck hatte ich bei meinen Sohnen. Sobald die beiden altesten nur auf ihren Fussen stehn konnten, schleppten sie an Steinen, Pflanzen, toten Tieren herbei, dessen sie habhaft wurden. Ich bemerkte indessen, dass der eine sich mehr mit dem Erbeuten, der andre mehr mit dem Trocknen und Aufbewahren abgab. Auch verliess den ersten bald die Lust am Mineralreiche; er wandte sich ganz zum Vegetabilischen und Animalischen. Steckte nun also nicht in jenem der geborne Jager, und in diesem der Naturforscher? Der Kleine dort, der Baumeister, schnitt, seitdem er die Hande zu regen vermochte, Figuren in Papier und Pappe aus, und der Pastor, uber den ich am langsten unklar gewesen bin, hat mich endlich dadurch von seiner Anlage uberzeugt, dass er stundenlang still sitzen, und dann plotzlich aus dem Stegreife anfangen kann, Verse zu deklamieren. Anfangs gaben wir die Namen, welche Ihre Aufmerksamkeit erregt haben, den Knaben zum Scherz, nach und nach ist bei uns und ihnen, ja in der ganzen Anstalt daraus Ernst geworden, und sie werden nun in jeder Hinsicht so behandelt, als seien sie das schon, was sie werden sollen."
Hermann fuhlte, dass man mit diesem Manne in der Kurze handelseins werden konne. Er fragte ihn, ob in seinem Hause auch Madchen erzogen wurden?
"Allerdings", versetzte jener. "Mit ihnen hat aber lediglich meine Frau zu tun, ich bekummre mich nicht um sie. Wir nehmen auch nur solche auf, welche durch irgendeine uble Gewohnheit oder einen eingewurzelten Fehler, meiner Frau, welche einen ausserordentlichen Tatigkeitstrieb hat, ein Interesse gewahren. Gute, reinsittliche Kinder gehoren nirgends anders hin, als unter die Flugel der Mutter, und das neuere Pensionswesen fuhrt nur zur Koketterie oder zur Bleichsucht. An den Verwahrloseten aber verrichtet meine Frau wahre Wunder der Besserung."
Diese Erklarungen waren, wie sie Hermann nur wunschen konnte. Er trug dem Padagogen sein Anliegen vor und verschwieg nicht, dass Flammchen diesem vielleicht nur zu unbandig erscheinen werde.
"Das hat nichts zu sagen", versetzte der Edukationsrat. "Wenn Sie meine Frau kennenlernen, werden Ihre Zweifel schwinden. Die Sache ist abgemacht; wir haben grade einen Platz offen, da wir gestern eine Gebesserte ihren Eltern zuruckschickten. Sie legen die Jahrespension bei mir nieder, und konnen dann Ihr Komodiantenkind bringen, wann Sie wollen."
Beide gingen miteinander den Abhang hinunter, dem Tore zu; der Hirt aber, welcher ihrem Gesprache kopfschuttelnd zugehort hatte, sagte: "Wenn ein Stuck krank wird, so nehme ich mich der Kreatur an; aber das sollte mir fehlen, eine raudige Herde mir zusammenzubetteln." Er wollte sich hierauf in der Mitte der Ziegen und Schafe niedersetzen, um sein Brot mit Kase zu verzehren, als sich ihm vom Walde her eine sonderbar aussehende Figur naherte, welche wir spater kennenlernen werden.
Drittes Kapitel
Leichtern Herzens setzte sich Hermann unter der Laube, wo die Rektorin hatte decken lassen, zu Tische. So rasch war ihm seit lange nichts gegluckt. Er war sehr heiter, und uberbot sich mit der Alten, welche nichts lieber hatte, als Lachen und Lustigkeit, in drolligen Einfallen. Ein junger Mann, welcher ihm als der Konrektor vorgestellt worden war, und ein wohlgebildetes Frauenzimmer, jedoch schon in gewissen Jahren, auch dem Hause, wie es schien, angehorig, und Wilhelmine genannt, machten die Gesellschaft aus. An verschiednen kleinen Aufmerksamkeiten, die der Konrektor, der sonst ziemlich zerstreut war, ihr erwies, und an fluchtig gewechselten Blicken konnte er bald abnehmen, dass zwischen ihnen ein Verhaltnis entstanden oder im Entstehen sei.
Cornelie sass mit niedergeschlagnen Augen ihm gegenuber. Sie beruhrte die Speisen kaum, sprach nichts und antwortete, wenn er sie anredete, errotend nur das Notwendigste. Die Rektorin, welche schon bei der Szene im Garten ihre eignen Gedanken gehabt hatte, liess zwischen beiden prufende Blicke hin und her wandern. Er brannte, zu erfahren, wie Cornelie hieher komme, und beschloss, die Rektorin daruber sobald als moglich auszufragen.
Sie waren beim Obste, als eine kraftige tiefe Bassstimme durch das Weinlaub erscholl, und der Virgilianische Vers:
Nunc frondent silvae, nunc formosissimus annus!
den Speisenden zugerufen wurde. Alles sprang auf, die Rektorin rief: "Der Vater!" und herzte eine lange hagre Mannsgestalt, welche mit heftigem Schritte in die Laube trat. "Quis?" fragte der Rektor, auf Hermann deutend. "Candidatus, nec non, nisi fallor, baccalaureus", versetzte seine Frau. "Salve!" sagte der Rektor, und gab ihm derben Handschlag.
"Ubi liberi?" fragte die Rektorin. "Sie schwarmen noch, sicuti hoedi, wie die Bocklein, in pratis", antwortete der Hausherr. "Da die Ferien erst morgen zu Ende gehn, so wollte ich ihnen diese fernere Freiheit gonnen, denn auch Cicero scherzte nach den Staatsgeschaften in seinem Tusculo."
Er bat die Gesellschaft, sich nicht storen zu lassen; er sei ermudet, und wolle schlummern, worauf er sich entfernte, ohne den Hut vom Haupte zu tun, den er auch bei dem Eintritte nicht abgenommen hatte.
Nach dem Essen sagte die Rektorin: "Nun zu unsrem Eumaos. Der Himmel ist wunderklar, wir werden einen prachtigen Nachmittag draussen haben. Cornelie" fuhr sie nach kurzem Innehalten schalkhaft fort"mag mit dem Gastfreunde vorangehen, und ihm die Gegend zeigen, wir alten verstandigen Leute, der Herr Konrektor, du Wilhelmine und ich, schlendern gemachlich hinterdrein."
Auf dieses Wort entfernte sich Cornelie, wie um etwas zu holen, und einige Augenblicke darauf sah Hermann sie zu seinem Verdrusse mit dem Konrektor und Wilhelminen, denen sie einen verstohlnen Wink gegeben hatte, uber die Strasse nach dem Tore zu gehn.
Die Rektorin hatte sich den Strohhut aufgesetzt und kam zuruck. "Noch hier?" fragte sie. "Wo ist das Jungfraulein?" "Es scheint", erwiderte Hermann etwas verlegen, "dass man meine Begleitung nicht wunscht. Woher ist dieses junge Madchen? Wem gehort sie an? Was fuhrte sie zu Ihnen?"
"Ei, so eifrig!" sagte die muntre Frau. "Und wie unwissend der Herr Kandidat sich anstellen! Gut denn, da Sie der Belehrung in dieser Hinsicht so bedurftig sind, so sei Ihnen gedient. Mein Cornelchen ist die Pflegetochter der Kommerzienratin Hermann, von dieser meiner alten Jugendfreundin mir auf einige Monate zum Besuche geschickt. Damit aber hat die Beichte ein Ende; das ubrige bleibe vorderhand noch unter sieben Siegeln. Jetzt auf Ihre drei Fragen eine zuruck: Was halten Sie von dummen Streichen in der Liebe?"
"Wie soll ich das verstehn?" fragte Hermann ausserst besturzt.
"Zum Beispiel so. Wenn ein junger Mann nur geradezu, ehrbar, im schwarzen Frack mit weissen Manschetten, hintreten und um ein frommes schones Kind werben durfte, statt dessen aber lieber unter fremdem Namen in ein stilles Burgerhaus eindringt, und allerhand Angst und Schrecken verbreitet."
"Um Gottes willen!" rief er, "was hat Sie in diesen seltsamen Irrtum versetzt?"
"Irrtum? Machen Sie mich nicht zu Ihrer Feindin. Ich meine es ja wohl mit Ihnen, mir gefallen die Schleifwege der Zartlichkeit. Auch mein Alter musste bei Nacht und Nebel mit mir zusammenkommen, weil die Base den jungen Menschen, der nur einen Rock besass und weiter nichts, von ihrer Schwelle wies. Es ist mir nichts langweiliger, als die Vernunftigkeit der jetzigen jungen Leute, welche ohne die Aussicht auf ein Amt, oder auf eine reiche Mitgift, dos, dotis, sich gar nicht mehr verlieben. Also nur frisch zu; die Rektorin steht Ihnen bei. Aber ein Kandidat sind Sie nicht, denn Sie haben keine Pfeife, tragen feine Wasche und machen Fehler gegen die lateinische Prosodie."
Viertes Kapitel
Draussen, auf grunem birkenbesetzten Rasen, machten sich die Frauenzimmer um das Feuer zu schaffen. Der Ort war wirklich allerliebst und verdiente zum Familien- und Nachmittagsplatzchen ausersehen zu werden. Links und rechts sah man in das lichte, weissstammige Geholz, zwischen den Baumen lag das reinlich gehaltne Hauschen des Hirten, am Fusse der Anhohe sprang die Stadt in einem scharfen, mit Wartturmen gekronten Winkel vor, der Fluss wand sich blinkend um diese Ecke. Nimmt man dazu, dass unter den Birken ein Sauerwasser aus der Erde quoll, uber welchem von vorsorglicher Hand das Brunnendach gewolbt worden war, so hat man das Bild der friedlichen anmutigen Stelle.
Der Konrektor sprach mit einem Menschen, der seinen Gesichtszugen nach unkenntlich, auf einer Bank abseits am Hause sass. Er trug einen ziemlich verbrauchten Rock von weisslicher Farbe, und einen Hut mit breiter Krempe, der das Antlitz verschattete. Was davon noch zu sehen gewesen ware, bedeckte zum Teil wieder eine schwarze Binde, die uber dem linken Auge und uber der Wange lag.
"Wer ist der Mensch?" fragte die Rektorin, welche jetzt, gefuhrt von Hermann, zum Platze gekommen war.
"Ein armer Spatruckkehrender aus Spanien, wie er sagt, wo er die sonderbarsten Schicksale erlebt haben will", versetzte der junge Schulmann. "Er wandert zu seinen Eltern, die noch weit von hier wohnen sollen. Da er nicht Geld genug hatte, um in der Stadt einzukehren, so hat er seine paar Groschen dem Hirten gegeben, der ihm dafur auf einige Tage Obdach gewahren will. Er hat sich nach Ihnen und Ihrem Gemahle eifrig erkundigt, wie mir der Hirt sagte."
Die Rektorin trat auf den Verhullten zu, und fragte ihn: "Kennen Sie uns? Wissen wir etwas von Ihnen?"
"Wohl schwerlich", versetzte der Fremde mit einer tiefen und rauhen Stimme. "Ich hatte nur von Ihnen, als von mildtatigen Leuten gehort, und da mein Weg noch weit ist, und mein Geld mir ausgegangen war, so liess ich mir Ihr Haus beschreiben. Sie um eine Gabe anzusprechen."
Sie erwiderte ihm etwas Freundliches und reichte ihm vorderhand, was sie bei sich trug, mit gutmutiger Einladung auf Speise und Trank in ihrem Hause. "Wenn ich auch den Bettlern sonst eben nicht hold bin", mit diesen Worten wandte sie sich an Hermann, "so bekommt doch jeder Soldat etwas, der aus der Kriegsgefangenschaft in den fremden Landern, wohin unser junges deutsches Blut geschleppt wurde, zuruckkehrt. Mit diesen Almosen ehre ich das Andenken meines umgekommnen Sohns."
Hermann, dem es lieb war, dass sich die Gelegenheit zu einer von ihm ablenkenden Unterredung darbot, erkundigte sich nach diesem Hausunfall und horte ein Geschick, wie es durch die ungeheuren Kriegsereignisse leider so vielen deutschen Familien bereitet worden ist. Die Rektorin erzahlte ihm, dass ihr altester Sohn, ein wilder siebenzehnjahriger Bursche, mit dem der Vater nie zurechtkommen konnen, im Jahre Zwolf ihnen fortgelaufen und der Fahne des Eroberers nach Russland gefolgt sei. Bis Smolensk, ja bis zur Moskwa habe er, da er bald seinen Schritt bereut, noch Nachricht gegeben, nachher sei er verschollen.
"Wir hatten nach dem Frieden alle moglichen Erkundigungen angestellt, wir hatten, da diese nichts fruchteten, ihn betrauert und ihn darauf zu den Toten geschrieben", fuhr die Rektorin gleichmutig fort. "Da machte er uns vor kurzem auf einmal wieder Unruhe. Ein hubsches Erbteil, welches ihm angefallen ist, und auf welches wir nach seinem Tode Anspruch haben, kann von uns nicht erhoben werden, bevor er nicht bei den Gerichten formlich fur tot erklart worden ist. Und dieses Geld kame uns grade jetzt sehr zustatten, da die Bibliothek eines Professors in H. aus freier Hand verkauft werden soll, die der ganze Herzenswunsch meines Mannes ist, weil sie die Lucken seiner eignen vollstandig erganzt. Auch den beiden halben Liebesleuten da soll die Todeserklarung helfen. Zu den torichten Streichen meines Sohns gehorte auch, dass er sich mit Wilhelminen, welche damals sechzehn Jahre alt war, alles Ernstes versprochen hatte. Die Sache ist naturlich veraltet, der Konrektor und sie geben ein gutes Paar ab, sie ist auch mit ihm einig; dann aber kommen wieder Tage, wo ein uberspannter Begriff von Treue in ihr aufwacht, wo sie Gewissensbisse empfindet, dass sie einem Zweiten angehoren wolle, ehe sie noch vollig uberzeugt sei, dass der Erste nicht mehr unter den Lebendigen wandle kurz auch da wird der Ausspruch notig sein, dass der Tote wirklich tot sei, um alles zum Abschluss zu bringen. Wir haben viele Umstande von dieser Angelegenheit gehabt, mein Alter war deshalb nach S. gereist, ich hoffe, dass er seinen Zweck erreicht hat."
In dieser Erzahlung fuhr sie noch eine Zeitlang fort, und sprach uber die Dinge, welche sie und ihr Haus betrafen, mit derselben Ruckhaltlosigkeit, welche ihr in Reden uber fremde Verhaltnisse eigentumlich war. Hermann, welcher diesen Geschichten etwas zerstreut zuhorte, und seine Augen umherschweifen liess, bemerkte, dass der Fremde von seiner Bank gespannt lauschte, und das Haupt nicht von der Redenden abwandte.
Indessen war das Getrank am Feuer zubereitet worden, Cornelie und Wilhelmine verteilten die Tassen und als hatte die Nachahmung der "Luise" vollkommen getreu werden sollen die Loffel waren wirklich vergessen und mussten durch Birkenstabchen ersetzt werden, die der Konrektor rasch zu dem Zwecke zu liefern wusste. Cornelie hatte, da dieser sich seinen Platz neben Wilhelminen nicht rauben liess, neben Hermann sitzen mussen, machte ihn aber ihrer Nahe nicht froh, sondern benutzte jeden Vorwand, um aufzustehn und etwas zu besorgen.
Als es Abend werden wollte, kam der Rektor den Hugel herauf. Zugleich erschien von der Wiesenseite der Hirte, welcher sein Vieh eintrieb. Sie begegneten einander auf halbem Wege und der Rektor, welcher mit dem Hirten immer seinen archaologischen Verkehr hatte, begrusste ihn, und sagte: "Wie geht es dir, mannerbeherrschender Sauhirt?"
"Herr Rektor", versetzte der Hirt, "Sie wissen es ja, dass ich keine Schweine hute, sondern nur Ziegenund Schafvieh. Und was die Mannerbeherrschung angeht, so bin ich froh, wenn ich meine Herde in Ordnung halte, mit weiterem Regiment gebe ich mich nicht ab. Aber Sie haben hier so oft die alte Geschichte von dem Manne erzahlt, der, ich weiss nicht, wie? heisst, und so lange fortgewesen ist, und endlich zuruckkommt und bei dem Hirten liegt ..."
"Nun, und? Pergas!" sagte der Rektor.
"Ich meine nur, dass noch alle Tage kuriose Dinge vorfallen konnen", sagte der Hirte.
"Nun erzahle mir, wie deine Reise abgelaufen ist", sagte die Rektorin zu ihrem Manne.
"Ganz nach Wunsch", versetzte dieser. "Unsre Zeugnisse und Bescheinigungen sind endlich als gultig angenommen worden. Wir haben nur noch den ublichen Eid zu leisten, dass wir seit dem Verschwinden Eduards nichts von ihm vernommen haben und ihn wirklich fur tot halten, und dazu ist schon der nachste Donnerstag angesetzt worden. Tandem aliquando, kann ich sagen; die Bibliothek ist unter Brudern das Dreifache wert, was dafur gefordert wird."
Beide Gatten ergingen sich noch in behaglichen Gesprachen uber die gehabte Muhe, die nunmehr hinter ihnen lag, Hermann war in eigne Gedanken verloren, und Cornelie zerpfluckte wie im Traume Blumen. Aus diesem Gesprache und Sinnen wurden alle durch einen dumpfen Schrei aufgeschreckt, den der Fremde ausstiess. Sie sahen sich um, und erblickten den jungen Schulmann, der neben Wilhelminen, verlegen, die Augen gesenkt, stand. Auch sie war errotet. Der Fremde erhob sich, und ging in die Hutte. Man konnte bemerken, dass er wankte.
Hermann war ihm gefolgt. Der Fremde lag schluchzend, das Haupt auf einen Tisch gelegt, und rief, da er den Eintretenden in seinem Schmerze nicht gewahr wurde, selbstvergessen: "Ja, ich bin ein Toter, und unter den Lebendigen ausgetan!" In Hermann stieg blitzschnell eine Vermutung auf, die ihn vermochte, leise wie er eingetreten war, die Stube zu verlassen, um nicht eine zu gewaltsame Szene herbeizufuhren.
Er sagte der draussen wartenden Gesellschaft, dass der Wandrer von der grossen Anstrengung, die er gehabt, ein Ubelbefinden gespurt habe, jedoch sich schon wieder erhole, und bewog sie, von weitrer Sorge um ihn abzustehn, und den Ruckweg nach der Stadt anzutreten.
Nach so mannigfaltigen Vorfallen, die sich im engen Rahmen einer beschrankten burgerlichen Haushaltung ereignet hatten, fuhlte er das Bedurfnis der Einsamkeit, und war sehr froh, als er sich nach uberstandnem Abendessen auf seinem Erkerzimmerchen befand. Er liess den Zustand, in den er, ohne es zu wollen, eingetreten war, an seiner Seele vorubergehn, und wenn ihm die Weise dieser Leute freilich etwas eng und einformig vorkommen wollte, so fuhlte er doch, dass auf so schlichtem Denken und Empfinden eigentlich das Gluck des Daseins ruhe. Aber auch dieser Idylle waren die dustern Farben der entsetzlichen Welterschuttrung zugeteilt, auch in sie ragte eine fremde unheimliche Gestalt hinein. "Ach!" rief er aus, "wer kann jetzt wissen, ob er nicht auch einmal, unkenntlich seinen Nachsten, fremd und abgeschieden umherschwanken wird?"
Er sah durch das Fenster. Ein schoner Stern ging hell am Horizonte auf. In diesem Augenblicke trat das Bild Corneliens wieder vor seine Seele, und eine innige Warme durchdrang ihn. Er hatte nicht zehn Worte mit ihr gesprochen und doch war es ihm, als kenne er sie seit Jahren. Er hatte geglaubt, sein Herz sei in Liebeshandeln abgemudet, und nun kam es ihm vor, als habe er noch nie empfunden. Er fuhlte ein unaussprechliches Verlangen, sich anzuheften, anzuklammern, und dem zweck- und planlosen Leben ein Ende zu machen. Mit diesen frommen Regungen sank er auf sein Lager zum erquickendsten Schlummer nieder.
Funftes Kapitel
Gestarkt durch einen freundlichen Gruss Corneliens, welche ihm frisch wie der Morgen begegnet war, ging er andern Tages, sobald es ihn schicklich dunkte, zum Edukationsrat. Sie schien ihm freier zu sein, als gestern.
Bei dem Edukationsrate hatte er bald sein Geschaft in Richtigkeit gebracht. Nun lernte er auch die Frau des Erziehers kennen. Er fand sie allerdings geeignet, dem Systeme, wonach hier eingewurzelte Fehler ausgetrieben werden sollten, Nachdruck zu verschaffen. Sie war von ungewohnlicher Grosse, starken Gesichtszugen; auf ihrer Oberlippe liess sich ein leichtes Bartchen nicht verkennen. "Nach Ihrer Erzahlung ist das Kind, dessen Sie sich annehmen, mittellos, folglich zum Dienen bestimmt", sagte sie zu Hermann. "Ich werde sie daher mit besondrer Strenge zum Kochen, Backen und Spinnen anfuhren, und wenn sie soweit ist, sich selbst zu helfen, ihr eine Kondition verschaffen."
Hermann musste hierauf mit den beiden Ehegatten einen Gang durch das Gebaude machen, um alle Einrichtungen zu beaugenscheinigen. Das Haus war fruher ein stadtisches Mehlmagazin gewesen, und konnte noch nicht ganz seine vorige Bestimmung verleugnen. Denn abgesehen davon, dass darin, nach der Klage seiner Fuhrer, eine unermessliche Anzahl Grillen zuruckgeblieben war, wozu sich, wie sie sagten, nunmehr leider auch betrachtliche Wanzenscharen zu gesellen schienen, so waren auch noch nicht samtliche Raume zu dem Erziehungszwecke ausgebaut. Der Edukationsrat hatte mit massigen Geldkraften anfangen mussen, zu wirtschaften, und so grenzten denn noch weite, wuste Speicher mit Lukenoffnungen an Wohnzellen und Lehrzimmer.
Uber mehreren Turen stand mit grossen Buchstaben der Spruch:
Nach Freiheit strebe der Mann,
Das Weib nach Sitte!
"Ist Ihnen diese Maxime so wichtig?" fragte Hermann.
"Ganz gewiss", versetzte der Edukationsrat, "denn in diesen zwei Zeilen ist die Bestimmung der Geschlechter vollstandig ausgedruckt, und alles, was noch sonst daruber gesagt werden mag, ist nur ein Kommentar jener Verse. Leider bekomme ich nur meine Zoglinge nicht so unverbildet, wie ich meine eignen Knaben erhalten habe. In der Regel ist ihnen durch Zwang schon allerhand eingeimpft, was denn erst wieder heraus muss, damit nur die Natur zum Vorschein kommt und ich sehe, wozu eines jeden Sinn und Neigung ihn fuhrt. Habe ich das erkannt, so ist eigentlich das Hauptgeschaft getan, und die junge Raupe frisst sich, wenn ich ihr nur die Blatter gebe, worauf ihr Instinkt sie angewiesen hat, von selbst zum Schmetterling."
Hermann musste uber dieses seltsame Gleichnis lacheln und wandte ein, dass wenn man sich nach eines jeden Neigung richten wolle, man so viele Erzieher haben musse, als Kinder in die Welt gesetzt wurden.
"Ein System ist nur unter Beschrankungen auszufuhren, das versteht sich von selbst", versetzte nicht ohne Empfindlichkeit der Realschulmann. "Annahernd aber kann man allerdings verfahren, und um ein Beispiel zu geben: Ich quale diejenigen, welche einen entschiednen Sinn fur Mathematik und Zeichnen verraten, nicht mit der Technologie, und so umgekehrt. Das glucklichste ware, wenn meine Methode nach und nach zur Aufhebung der Universitaten fuhrte, die in ihrer jetzigen Gestalt wahre Invalidenanstalten des Geistes sind. Wenigstens musste die philosophische Fakultat, in welcher man alles Wichtigste: Geschichte, Geographie, Naturkunde und was sonst noch, zusammengeruhrt hat, in Spezialschulen auseinandergelegt werden. Geschichte kann man nur lernen in einer Gegend, wo die verschiednen Perioden der Vergangenheit ihre Niederschlage in Denkmalen, Sprache und Sitten abgesetzt haben; ebenso Erdkunde und Physik nur an wirklich bedeutenden Naturpunkten. Was Jurisprudenz und Theologie betrifft, so mochten diese immerhin bleiben, wo sie sind, und die Philosophie kann freilich auch uberall und nirgends gelehrt werden."
"Mit deinem Systeme hat es noch weite Wege", sagte die Edukationsratin, welcher Hermann die Ungeduld angesehen hatte, auch zum Wort zu gelangen. "Desto kurzer ist das meinige auszufuhren. Ja, mein Herr, das Weib strebe nach Sitte! das ist die ganze Weisheit weiblicher Erziehungskunst. Und was heisst Sitte? Gehorsam, Fleiss. Daher: um funf Uhr morgens aufstehen, gehorchen, bis neun Uhr abends die Hande nicht in den Schoss legen, und dann wieder zu Bett! Alles andre ist ganz unnutz, wir lernen nichts aus Buchern, sondern nur durch Umgang und Menschen. Wenn sie heiraten und Kinder bekommen, wird Klavierspielen und Franzosisch an den Nagel gehangt. Stille, Liebe, Vertraglichkeit, bescheidnes Fugen, das sind die Eigenschaften, welche uns ziemen und zieren."
Sie bekam gleich Gelegenheit, diese Tugenden einzuscharfen, und zugleich den Besuchenden von ihrem Ansehn zu uberzeugen. Denn in einer an den Gang, uber den sie wanderten, stossenden Stube, worin Hermann kurz zuvor eine Menge junger Madchen bei hauslicher Arbeit eingepfercht gesehen hatte, erhob sich ein ungemeiner Larmen und heftiger Streit. Sofort rief die Edukationsratin mit donnernder Stimme: "Still!" und stampfte mit dem Stocke, den sie bestandig in der Hand fuhrte, heftig auf den Fussboden; worauf augenblicklich die tiefste Ruhe eintrat.
Beim Abschiede legte der Edukationsrat Hermann die Hand auf die Schulter, und sagte mit Feierlichkeit: "Ich freue mich, einen Mann gefunden zu haben, der mit Aufmerksamkeit Grundsatze anhort, von welchen, wenn sie durchdringen, die Erneuung des Menschengeschlechts beginnen muss. Mehr konnte ich wirken, wenn mir der Rektor mit seinem Gymnasio nicht auf dem Halse sasse. Dieser Mann, sonst ein achtungswerter Gelehrter und gewissermassen mein Freund, schadet mir durch sein falsches Beispiel uber alle Begriffe. So muss ich notgedrungen Ferien halten, weshalb Sie auch jetzt alle Knabenzimmer leer sehn. Denn obgleich sie das ganze Jahr hindurch nur spielend lernen, und also einer besondern Erholungszeit nicht bedurfen, so regt sich in ihnen jedesmal eine unbezwingliche Unruhe, wenn sie die Gymnasiasten abziehen sehn, und ich muss sie dann wider Willen entlassen. Deshalb habe ich auch vor, wenn es sich irgend tun lasst, fortzuziehn, und meine Anstalt in eine abgelegne Gegend des Gebirgs, wo sie vor schadlichen Einflussen gesichert ist, zu verpflanzen."
Obgleich Hermann in dem, was er von beiden Personen gehort hatte, den guten Willen und auch zum Teil das Richtige nicht verkennen mochte, so war die Lokalitat doch wenig geeignet, in ihm die Behaglichkeit hervorzubringen, welche das Haus des Rektors gleich entschieden in ihm erweckt hatte. Denn ausser dem Wusten und wenig Erfreulichen der nicht ausgebauten Raume hatte sein Auge der Anblick mancher Unordnung verletzt, welche in Zimmern und Vorplatzen trotz den Worten der Edukationsratin sich dort bemerken liess. Um die Stunden hinzubringen, ging er in die Bibliothek des Rektors, wozu ihm dieser gleich nach den ersten Begrussungen die Erlaubnis gegeben hatte. Sie war wegen ihrer Grosse nicht im Studierzimmer aufgestellt, sondern hing nur mit diesem durch ein kleines Gemach zusammen. Ausgestattet mit allem, was zur klassisch-philologischen Rustkammer gehort, war sie besonders reich an Apparaten zum Eutropius. Der Rektor hatte auf eine Ausgabe dieses untergeordneten Schriftstellers grosse Muhe und viele Zeit verwendet, und denn auch ein Werk geliefert, welches in der gelehrten Welt nur ruhmlichst genannt wurde.
Es fehlte indessen dieser Buchersammlung ebenfalls nicht an Englandern und Deutschen. Er nahm ein englisches Buch, in welchem Menschen- und Weltverhaltnisse aphoristisch betrachtet wurden, zur Hand, um darin zu lesen, und fand einen Satz, der ihn stutzig machte, er wusste nicht, warum? "In flachen Gegenden oder auf dem Meere" sagte jener Autor, "gibt es ein Phanomen, welches man das Heliakallicht nennt. Die Kugel der Sonne bildet sich fruhmorgens in den Dunsten ab, welche den Luftkreis durchziehn, das Tagesgestirn scheint schon aufgegangen zu sein, wahrend es in der Tat noch unter dem Horizonte verweilt. Etwas Ahnliches begegnet oft im Leben. Das Schone, Reizende, Wunschenswerte zeigt sich uns nicht selten zuerst in seinem Dunstbilde, wir meinen es dann schon zu besitzen, und doch ist es vorderhand nur ein Schein, der erst einige Zeit spater zum leuchtenden und warmenden Gestirne unsrer Tage werden kann, wenn das Schicksal es uns uberhaupt so gonnen will."
Sechstes Kapitel
In der Lekture und in den dadurch angeregten Gedanken storte ihn ein dumpfes Gerausch, welches vom Nebenhauschen im Hofe heraufdrang. Er sah die Knaben des Rektors, welche schon abends zuvor im vaterlichen Hause wieder eingeruckt waren, auf den Stufen der Vortreppe ubereinander sitzen, und horte ihre Vorbereitung zu den morgen aufs neue beginnenden Lektionen. Da sie verschiednen Alters waren, so reichten sie von Quinta bis Prima hinauf und trieben folglich die Latinitat von "alauda cantat" bis zum Exponieren des Virgil. Ganz laut wurden diese Studien betrieben, wodurch ein Gerausch entstand, nicht unahnlich demjenigen, welches in einer Judenschule zu tonen pflegt. Was Hermann in Erstaunen setzte, war, dass keiner den andern irrte, vielmehr jeder sein Pensum unter den fremden Beschaftigungen, die ihm vor dem Ohre klangen, fortlernte.
Nachdem dieses babylonische Sprachgemisch eine Zeitlang angehalten hatte, kamen zwei Sohne des Edukationsrats vorsichtig durch eine Hintertur geschlichen. Es war der Naturforscher und der Baumeister. Erstrer trug eine grosse Flasche, letztrer einen Topf und ein leinenes Sackchen. Sie sahen sich vorsichtig um, als furchteten sie, bemerkt zu werden, und schlichen sodann zu den Lateinern.
Sobald diese jene bemerkten, warfen sie Broder, Casar und Virgil weg, stiessen ein Freudengeschrei aus und hielten mit den beiden Angekommnen ein heimliches Gesprach, wobei von letzteren viel auf Flasche, Topf und Beutel gedeutet wurde. Nachdem einer darauf einen Spaten ergriffen hatte, zog der ganze Trupp durch die Hintertur nach dem wusten Platze ab, welcher dort zwischen Scheunen der Nachbarn neben dem Garten lag. Durch die offne Ture sah Hermann sie noch an der Erde graben und wirtschaften, ohne gewahr werden zu konnen, was sie eigentlich vornahmen.
Im Verlaufe des Tages fragte er den Rektor, ob seine Sohne Grammatik und Autoren immer auf die Weise behandelten, welche er wahrgenommen hatte.
"Jederzeit", antwortete dieser. "Sprache kommt her von Sprechen. Man kann sie nur laut lernen. An dem horbaren Schalle pragt sich alles lebendiger ein; stilles Lesen und Memorieren ist nur ein halbes Werk."
"Ich habe mich deshalb auch genotigt gesehen, die Jungen nach dem Nebengebaude zu verweisen, welches fruher eine Waschkuche war, denn im Hause war das Getose nicht auszuhalten", sagte die Rektorin.
"Es gab allerdings zuweilen multum clamoris", sprach der Rektor gravitatisch. Hermanns Besuch bei dem Edukationsrate war ruchtbar geworden, und diese Nachricht gab zu allerhand Scherzen uber diesen Mann und sein Erziehungswesen Veranlassung, worin besonders die Rektorin unerschopflich war. Sie verschonte auch sein Zopfchen nicht, welches er freilich, auffallend genug, noch trug, da doch dieser Zierat schon langst abgekommen ist, und meinte, er lasse es nach seinem Grundsatze von der Freiheit der Entwicklung stehn, weil die Haare nun einmal diese Richtung genommen hatten.
"Dieser sonst wurdige Mann und mein Freund wird durch seine fast pueril zu nennenden Grillen noch einmal das grosste Ungluck herbeifuhren", sagte der Rektor. "Heute morgen vertraute mir der Apotheker, welcher hier vorbeikam, dass zwei seiner nebulonum, der sogenannte Naturforscher und der Architekt, in der Offizin funf Pfund Eisenfeilspane und eine grosse Flasche Vitriolsaure angekauft hatten. Was nun die Knaben damit Verderbliches beginnen wollen, mogen die unsterblichen Gotter wissen."
Bei diesem Hin- und Herreden wurde Hermann, der sich nun auch noch an so manches aus den Gesprachen des Edukationsrats erinnerte, das sonderbarste Verhaltnis offenbar, eins von denen, welche der deutschen Stuben- und Gelehrtenwelt eine so wunderliche Gestalt geben. Beide Schulmanner gingen von Prinzipien aus, die, jedes in seiner Art, etwas fur sich hatten. Denn alle Bildung bestand ja von Anbeginn der Geschichte nur darin, dass man entweder durch einen machtigen allgemeinen Begriff das Individuum zu steigern versuchte, oder sein besondres Innres erforschend, es zu entfalten suchte. Da sie nun aber diese Grundsatze auf die Spitze trieben, so sahen sie sich mit der Welt, welche eigentlich beide zu einer unbestimmten Mitte verflacht wissen will, in bestandigem Widerstreite. Haufig kam der Fall vor, dass Eltern ihre Sohne dem Edukationsrate nach kurzer Frist wieder wegnahmen, "weil sie bei ihm nichts lernten", und der Rektor war schon verschiedentlich von der obern Behorde scharf bedeutet worden, die Krafte der Jugend weniger anzugreifen, und uber das Studium der Alten nicht alles andre zu vernachlassigen.
Beide hatten aber beschlossen, fest zu beharren bei dem, was sie fur wahr erkannten, beide fuhlten sonach die Notwendigkeit, zu stets bereiter Polemik gerustet zu sein. Das Bedurfnis, sich in dieser zu uben, hatte die Gegner zueinander gefuhrt, und da sie nebenbei joviale rechtschaffne Manner waren, so schlich sich unter allem Streit und Hader eine aufrichtige Freundschaft ein, die sich schon durch verschiedne wesentliche Dienste, welche einer dem andern erwiesen, betatigt hatte. Freilich konnte ein Dritter bei ihren Zusammenkunften, welche wochentlich regelmassig einige Male stattfanden, davon nichts merken, denn diese gingen nie ohne hitzige Wortgefechte ab.
Zwischen ihren Hausern hatte sich uberhaupt ein formlicher kleiner Krieg ausgebildet, und es war ein eignes Idiom entstanden, welches dem Nichteingeweihten unverstandlich war. So hatte Hermann bei dem Edukationsrate von den Alten, und bei dem Rektor von den Standen, wie von lebenden Personen reden horen, und erst durch einige Fragen herausgebracht, dass mit dem ersten Ausdrucke die Sohne des Rektors und mit dem zweiten die des Edukationsrats gemeint waren. Die Gattin des letztren tat sich viel auf den Einfall zugute, dass der Rektor alles Ernstes bedaure, seinen Hirten nicht Schweine huten zu sehen, weil dieser in seiner gegenwartigen Verfassung doch noch keine vollkommne Ahnlichkeit mit dem Homerischen Vorbilde zeige; die Rektorin dagegen nannte ihre rustige Freundin wegen des schon beruhrten Stabes nie anders als die speerschwingende Minerva.
Das Geschick hatte noch ausserdem fur Mehrung der Verwicklungen gesorgt. Durch eine besondre Nemesis sah sich der Edukationsrat gezwungen, seinen Pastor, bei dem es denn doch nun einmal ohne Romer und Griechen nicht abgehen konnte, zu dem Widersacher auf das Gymnasium zu schicken. Lange hatte er sich gestraubt; der Knabe, welcher ohnehin keinen raschen Kopf hatte, war daher fur seine Jahre zuruckgeblieben und sass in einer unteren Klasse. Diesen Umstand verfehlte der Rektor nicht bei Gelegenheit gehorig aufzustechen. Im stillen hatte er sich vorgenommen, dem Pastor, sobald er nur erst die Rudimente hinter sich hatte, selbst alle mogliche Nachhulfe zu geben, ihn der Kanzel zu unterschlagen, aus ihm einen Philologen zu bilden, und so dem Gegner aus seinem eignen Blute den Racher an den verachteten Klassikern zu wecken.
Dagegen erlebte der Rektor nun wieder an seinen Knaben manches Leidwesen. Ihnen war streng jeder Umgang mit den Sohnen des Edukationsrates untersagt worden, von welchen der Vater nur Zerstreuung und allerhand torichte Streiche besorgte. Aber die Alten fuhlten eine unbezwingliche Neigung zu den Standen, die immer etwas Neues vorzuweisen und anzugeben hatten, und befriedigten dieselbe auf hundert und aber hundert Schleifwegen. Gegenseitig wurden geheime Besuche abgestattet, denen der Edukationsrat mit stiller Schadenfreude nachsah, der Rektor dagegen durch einen Vorpostendienst, zu dem er sich selbst in Haus, Hof und Garten bequemen musste, moglichst entgegenzutreten strebte.
Alles dieses storte indessen die Geselligkeit beider Familien nicht, und so war auch an dem Tage, von welchem hier die Rede ist, ein Abendessen im Garten des Rektors verabredet worden. Der Fischer hatte der Rektorin einen grossen Hecht, frisch aus dem Wasser gezogen, uberbracht, welcher nicht allein verzehrt werden durfte.
Cornelie, welche das Lusthauschen zum Empfang der Fremden aufschmuckte, kam von ihrer Arbeit eilig zu Hermann und sagte leise zu ihm: "Bringen Sie doch heute etwas auf, woruber kein Streit entstehen kann. Ich weiss gar nicht, warum sie hier zusammenkommen, wenn sie immer miteinander Zwist haben wollen. Es hort sich so unangenehm zu." Er ging und sann, wie er ihrem Gebote Folge leisten solle.
Als gegen die Zeit des Besuches der Rektor in das Lusthauschen trat, sah ihm seine Gattin einige Verstimmung an. "Wir bekommen noch einen Fremden, der mir nicht ganz gelegen ist", sagte er "* ubernachtet auf seiner Reise nach * in unserm Orte, und hat sich anmelden lassen. Er ist mir als Feind meines teuren, hochverehrten Johann Heinrich, und weil er, der Gelehrte, mit Sussduft und Modeschwatz den Chevalier, equitem, spielen will, ausserst widerwartig, dennoch habe ich ihn, heuchlerischer Weltsitte gemass, die auch den Biedern zwingt, willkommen heissen mussen."
"Spricht er denn noch deutsch, oder schon nichts als Sanskrit und Prakrit?" fragte die Rektorin.
"Ich bitte dich, schweige. Bilem moves, ich mochte unartig werden, wenn mir bei seinem Anblicke die indischen Ungeheuer einfielen."
Der Rektor befand sich, wie er immer pflegte, wenn er nicht ausging oder Schule hielt, im Schlafrock und Pantoffeln. Die Gattin ermahnte ihn, fur heute, des fremden Gastes wegen, die bequeme Hauskleidung abzulegen, erhielt aber einen verneinenden Bescheid. "Das fehlte noch", rief er, "dass ich um des alten Gekken willen, von ehrbarer Gewohnheit abweiche! Nein, deus haec nobis otia fecit. Wer mich nicht sehen will, wie ich bin intra privatos parietes, der bleibe haussen."
Die Rektorin, welche bei aller Achtung und Liebe fur ihren Mann dennoch einen Blick fur seine kleinen Lacherlichkeiten hatte, und oft befurchtete, dass er dadurch den Spott Dritter uber sich hervorrufen mochte, war uber die Weigerung etwas verdriesslich. Wie die Frauen sind, die gern im Angenehmen und Unangenehmen beharren, sie brachte gleich noch ein Zwietrachtsthema hervor. "Ich weiss nicht, was heute einmal wieder mit unsern Kindern sein mag", sagte sie. "Sie lassen sich kaum blicken; wenn ich einen sehe, so verkriecht er sich, oder macht ein sonderbares Gesicht. Gewiss ist eine ausbundige Schelmerei und fur uns ein tuchtiger Arger unterweges. Wenn ich dich doch uberreden konnte, den lauten Sprachunterricht einzustellen, damit ich sie wieder in das Haus nehmen durfte. In der Waschkuche sind sie unsrer Aufsicht entruckt, konnen tun, was sie wollen, und uberdies habe ich jetzt mit der grossen Wasche wegen Mangels an Raum immer meine liebe Not."
"Du haufest verkehrte Wunsche", erwiderte der Gatte gehaltnen Tons. "Den lauten Sprachunterricht einstellen, hiesse, von einem obersten leitenden Grundsatze abweichen, und dieses wirst du deiner grossen oder kleinen Wasche wegen wohl im Ernste nicht von mir verlangen. Was aber die heutige Unruhe der Knaben betrifft, so beruhige du dich daruber. Es ist morgen die grosse Klassenversetzung, der Quintaner und Tertianer rucken auf, Quarta und Sekunda bleiben sitzen. Praesentiunt, praesagiunt, spei timorisve pleni, das bringt sie so in Bewegung, und wenn du mehr Menschenkenntnis besassest, so hattest du wohl den wahren Grund erraten konnen."
Der letztere Vorwurf, mit welchem der Rektor, der sich fur einen grossen Menschenkenner hielt, gegen seine Gattin freigebig zu sein pflegte, traf sie empfindlich. Sie bezwang sich indessen dieses Mal und fragte ihn nach einer Pause mit einer gewissen scharfen Freundlichkeit: "Sage mir Vaterchen, was haltst du von unsrem Gastfreunde?"
"Dieser Kandidat Schmidt hat leider mehr von der modernen asthetischen als von der grundlich gelehrten Bildung abbekommen", versetzte der Rektor. "Wenn er sich mir anvertraute, so wollte ich ihm wohl nachhelfen, denn er ist ein gescheiter, offner Kopf. Was sein Hiersein betrifft, so ist dieses nicht ohne geheime Absichten; er will unter der Hand etwas durchsetzen."
"Hast du das gemerkt?" fragte die Rektorin, betroffen uber den Scharfsinn ihres Manns.
"Freilich. Er will etwas uber den Eutrop edieren, wozu es denn nun an allen Ecken und Enden fehlt. Da soll der Rektor vorspannen. Deshalb bringt er das Gesprach einigermassen in fastidium, bestandig auf diesen Autor, und sucht mich auszuholen."
Sie schopfte Atem, im stillen uberzeugt, dass, wenn sie auch in Nebensachen sich fugen musse, ihr doch in den Hauptpunkten wohl die Herrschaft verbleiben werde. Indem sie ging, noch allerhand hausliche Besorgungen vorzunehmen, konnte sie sich nicht enthalten, ihrem Gatten Zuruckhaltung uber den Eutrop gegen den Kandidaten Schmidt anzuempfehlen.
Siebentes Kapitel
Die beiden Ehepaare gewahrten einen eignen Anblick. Der lange und hagre Rektor sass neben der grossen Edukationsratin, deren kleiner Ehegatte bei der kurzen Rektorin seinen Platz gefunden hatte. Wenn man die verschiednen Langen dieser Personen sich mit Linien umzogen dachte, so kam fast die Figur eines lateinischen Z heraus. Das Gesprach war ziemlich einsilbig; der junge Konrektor sah sich nach Wilhelminen um, die abwesend war und das Mahl bereiten half, Cornelie, welche Tee einschenkte, wartete angstlich auf Hermann, der sich noch nicht hatte blicken lassen; dem Rektor lag, wie man ihm deutlich ansah, etwas auf dem Herzen.
Nach einigen nichtsbedeutenden Reden und Gegenreden befreite er seine Brust. "Ehe wir eins in das andre reden", sagte er zum Edukationsrat, "erfordert es die Pflicht, Ihnen, werter Freund, eine Entdeckung zu machen. Sie haben oft fur gut gefunden, meine Warnungen zu verachten, die heutige darf deshalb doch nicht unterbleiben. Ihre Sohne haben in der hiesigen Offizin die gefahrlichsten Substanzen angekauft, Dinge, womit sie die Gesundheit, ja das Leben selbst in Schaden setzen konnen."
"Ist mir schon bekannt", versetzte der Edukationsrat sehr ruhig. "Vitriolsaure, Eisenfeilspane, Schwefel, Salpeter, nicht wahr? der Naturforscher und der Baumeister wollen gemeinschaftlich damit einen kunstlichen feuerspeienden Berg verfertigen, wozu sie die Anleitung in Wieglebs 'Naturlicher Magie' gefunden haben. Man wirft einen Erdhugel auf, setzt den Topf mit dem Gemische hinein, verbindet diesen Herd durch eine Kraterrohre mit der aussren Luft, verstopft die Mundung; nach einigen Stunden ist die Garung der Stoffe, die Entwickelung der Gasarten vollendet, der Propfen wird vom Krater hinweggezogen, und es gibt eine feurige Entladung, welche im kleinen die gewaltige Naturerscheinung recht artig darstellen soll. Ich freue mich selbst auf das Gelingen dieses interessanten Experiments."
"Quid?" rief der Rektor. "Ist es moglich? Freund, Sie stehn an einem Abgrunde, und werden, wenn Ihnen das Haus uber dem Kopfe angezundet worden, oder einer Ihrer Knaben exanimis auf der Bahre liegt, vergebens beklagen, nicht gehort zu haben."
"Die Natur", sagte der andre, "verletzt nur den, der sich scheu vor ihr zuruckzieht. Dreiste Vertraulichkeit mit ihren Kraften zahmt sie. Sitzen uber den Buchern bildet Feiglinge, und es ist einer der grobsten Irrtumer, die Alten, welche sich grade durch ihr inniges Gefuhl fur die sie umgebende Welt auszeichneten, zu Werkzeugen einer solchen Verzartelung zu machen."
Hierauf setzte der Rektor die Pfeife in den Winkel und nahm eine starke Prise. Die Abwechselung dieser Genusse war fur die Kundigen immer ein Vorzeichen des herannahenden Sturms. Die Frauen legten die Strickzeuge weg, wie sie bei solcher Gelegenheit zu tun pflegten, um als aufmerksame Richterinnen dem Kampfe vorzusitzen. Noch aber sollte durch die Erscheinung eines Dritten der Ausbruch verschoben werden.
Der Fremde, den wir von seiner Hauptbeschaftigung den Hindu nennen wollen, trat zur Gesellschaft. Dieser Mann hatte so oft die Schwerfalligkeit deutscher Gelehrten verspotten horen, dass er sich vorsetzte, in seiner Person eine Ausnahme darzustellen. Er trug sich ungeachtet seiner hohen Jahre noch wie der jungste Modeherr, und hatte seine Manieren durchaus nach Pariser Mustern einzurichten sich bestrebt.
Als der Hindu den mitten in anstandiger Gesellschaft in Schlafrock und Pantoffeln dasitzenden Rektor wahrnahm, geriet er ausser Fassung, und starrte den Verstoss gegen die Sitte einige Sekunden lang an, bevor er die herkommlichen Begrussungen finden konnte. Doch erholte er sich, streichelte mit leichter zartlicher Handbewegung die Ordenszeichen, welche seine Knopflocher zierten, und kam durch diese Beruhrung wieder zum Gefuhle seiner selbst.
Es gelang ihm sofort, einige franzosische Epigramme vorzubringen, die niemand in diesem Kreise verstand, und darauf in den leichten Weltton zu fallen, den er so sehr innezuhaben glaubte.
Bald hatte er sich des Gesprachs bemeistert, und da er gehort, dass vornehme Personen nie von wichtigen Dingen, welche sie zunachst beruhren, zu reden pflegen, so hielt er die Abschweifung zu gelehrten Diskussionen mit einiger Gewalt fern. Er erzahlte dafur lieber ausfuhrlich das Abenteuer vom Verluste seiner goldnen Brille, welches, da diese Brille, wie er sagte, unersetzlich sei, und er weder eine silberne noch eine von Horn im Gesichte zu dulden vermoge, ihn zwinge, vorderhand unbewaffneten Auges umherzuwandeln, wodurch seiner Kurzsichtigkeit manches Missverstandnis bereitet werde. Von dieser Kurzsichtigkeit, wenn es nicht Zerstreuung gewesen, legte er gleich einen auffallenden Beweis ab, der selbst dem Rektor, welcher sich sonst ziemlich murrisch verhielt, ein Lacheln entlockte. Der Fremde sass namlich zwischen der Rektorin und Cornelien, und war der Pflichten seines Platzes, wie man merkte, vollkommen eingedenk. Nur begegnete es ihm dabei, dass er die Rektorin fur die Tochter und Cornelien fur die Mutter ansah, denn er verwandte an jene galante Scherze, und behandelte diese mit achtungsvoller Kalte.
Man wurde ganz frohlich; die Manner suchten durch allerhand ubertriebne Behauptungen die Stimmung des Fremden zu steigern, die Frauen teilten einander ihre Bemerkungen uber seine Perucke und uber die beruhmte Spiegeldose mit, welche er von Zeit zu Zeit hervorzog, um sich verstohlen in Augenschein zu nehmen. Cornelie war gegangen. Hermann kam und brachte Weltneuigkeiten mit, die er auf dem Kaffeehause in den Zeitungen gefunden hatte, kurz der Abend schien sich zu einem allgemeinen Frieden anzulassen.
Unglucklicherweise erwahnte Hermann der Untersuchungen gegen demagogisches Unwesen, die mit besondrem Eifer grade damals wieder aufgenommen worden waren. Sohne angesehener Familien waren plotzlich verhaftet worden; der Argwohn hatte seine Schatten in schon gegrundete burgerliche Verhaltnisse geworfen. Man beklagte den ungluckseligen Schwindel der Jugend, welcher sie selbstmorderisch treibe, ihre ganze Heiterkeit und Frische sich so jammerlich zu verderben. Der Rektor nahm hievon die Veranlassung zu bemerken, dass das ganze Unheil davon herruhre, dass in den neuesten Zeiten die eigentlich gelehrte Bildung vernachlassigt zu werden beginne.
"Die Beschaftigung mit den Alten", sagte er, "druckt in die junge Seele das Bild eines vollkommnen in sich zusammenhangenden Lebens. Ein einziger Vers des Horaz, eine Sentenz des Tacitus wirft uber ganze Strecken ein machtiges Licht. Nennen Sie mir etwas, was gleich mit solcher Gewalt die Seele ausweitete, als die blossen Namen: Rom, Athen. Nicht unpassend hat ein grosser Dichter und Weiser gesagt, man fuhle sich wie in einer Montgolfiere schwebend, sobald man Homer zur Hand nehme."
"Die Gleichnisse hinken", versetzte der Edukationsrat, "man konnte aber auch sagen: sie sind Fakkeln, die den Pfad dessen, der auf unrechten Wegen geht, erhellen. Ja leider, leider, haben wir in der Luft geschwebt, seit Jahrhunderten in der Luft geschwebt, und es durfte nicht schwer sein, nachzuweisen, dass auch die Fehltritte jener unglucklichen Junglinge nur das Stolpern derer sind, die aus der Wolkenhohe endlich wieder auf festem Grund und Boden sich niederlassen. Dieses ganze politische Traumgebaude ist denn doch weiter nichts, als der Nachklang gewisser Schulbegriffe, die lange Zeit in den Auditorien eingesperrt, durch die unruhige Gegenwart an die Oberflache des wirbelnden Tages geschleudert worden sind."
"Die Schulbegriffe, wie Sie sie nennen gaben dem Leben der ersten Staatsmanner seinen Halt", sagte der Rektor. "An solchen Schulbegriffen haben der grosse Chatham und sein grosser Sohn sich auferbaut; Cannings Reden sind voll von klassischen Zitaten."
"Weshalb man auch sagt, dass sie nach dem Schimmel riechen", fiel der Edukationsrat ein.
"Uberhaupt meine ich, dass ein ganz andrer Einfluss, als den Sie beide im Auge haben, bevorsteht", hob der Hindu mit einer gewissen graziosen Feierlichkeit an. "Ich darf wohl sagen, dass ich das klassische Altertum kenne, ich war der erste, der die Mangelhaftigkeit des Vossischen Hexameters aufdeckte; ich habe es vorausgesagt, dass die reinen Trochaen in diesem Metro auch ganz verworfen werden wurden, und ich denke, dass der Vers:
Wieder zur Ebene rollte der frech sich emporende Steinblock ein wenig besser klingt als das:
Donnergepolter des tuckischen Marmors
uber welches wir, sobald es durch Germanien zu poltern begann, gleich unsre herzliche Freude hatten. Nachmals, als ich das Gluck hatte, jener Frau anzugehoren, die, man kann wohl sagen, eines europaischen Rufes genoss, machte ich sie oft zu lachen, wenn ich ihr den fraglichen Vers zum Beweise fur den Wohllaut unsrer Sprache vorsagte, sie versuchte ihn dann nachzusprechen, kam aber nie damit zustande, besonders machte ihr jenes so kraftvoll gebildete Wort, worin sozusagen, der grosse Philologe, Dichter und Kampe fur Wahrheit und Recht sich vollig inkarniert zeigt, viele Schwierigkeit; sie sprach es immer a la francaise aus, etwa so: tonnere guepoltere, und vergebens war meine ganze Didaskalie. Ich weiss nicht, ob Sie aus jener Zeit mein Epigramm auf Napoleon kennen, welches ich machte, als Canova seine Statue verfertigte. Dieses Witzwort hatte einer meiner amerikanischen Freunde gehort, und liess es in der 'Baltimorer Zeitung' abdrucken, von wo es denn wieder dem Tyrannen zu Ohren kam; daher sein Hass auf mich, der mich etwas in den Bemuhungen storte, die ich dazumal noch immer dem 'Tristan' zugewendet hatte. Ich habe zuerst auf dieses Gedicht hingewiesen, worin susse Frische, Lusternheit und Unschuld den Becher mit bezauberndem Getrank fullen, unerwartet fand ich vor einigen Monaten eine dritte, weder von Ulrich noch von Heinrich herruhrende Fortsetzung, deren Verfasser ich noch nicht habe entziffern konnen; es ist sehr leicht, bei diesem Gedichte an Ariost zu denken, aber welch ein Abstand!"
Er war hierauf im Begriff, das erste Buch des Ariost auswendig herzusagen, als man ihn erinnerte, dass er von einem Einflusse haben reden wollen, der die Alten verdrangen werde. Er besann sich, und fuhrte nicht ohne Beredsamkeit aus, dass in dem mit so regem Eifer erwachten Studium des Orientalischen sich die gemeinte Wirkung anzudeuten scheine.
"Die Modernen sind einmal Aneigner und Verarbeiter", sagte er. "Seitdem Petrarca sein Gedicht 'Africa' schrieb und es uber die sussen Reime stellte, die ihn unsterblich gemacht haben, ist nun ein halbes Jahrtausend verflossen. Mich dunkt, es wird Zeit, sich nach einem andern Kompendium umzusehen, und welches Fullhorn neuer Begriffe, wunderbarer Anschauungen offnet uns der Orient! Ich arbeite an einem Werke uber die Elefanten und uber die Bedeutung dieses Tiers in den Epen vom Ganges. Der 'Mahabharata', der 'Ramayana', der 'Brahma-Purana' ..."
"Quousque tandem ..." murrte der Rektor. "Ich kann uber diese Dinge nicht gelehrt mitsprechen, weil ich sie nur aus Exzerpten und Rezensionen kenne. Aber was darin steht, macht mich nach dem ubrigen nicht lustern. Monstrum informe, ingens, cui lumen ademtum! Ich glaube, dass der Inhalt jener Gedichte, alle die Tiger, Affen, Ganse, Gazellen, die ungeheuerlichen Bussungen, welche eintreten, wenn einer ausspuckt, oder sonst etwas Naturliches verrichtet, wo er es nicht soll, weil irgendein Olgotz mit Schweinsrussel im Tulpenkelch sitzend, dies nicht leiden kann, dass, sage ich, alle diese riesenhaften Puerilien der Welt nicht so viel Licht geben, als der letzte der Klassiker in einer schlechten Waisenhauser Ausgabe ihr geschenkt hat. Ubrigens wird das alles auch nur dicis causa traktiert, ich weiss es wohl, und im Grunde ist's verkappter Katholizismus, der mit uraltem Bonzenund Pfafftume eingeschwarzt werden soll. Aber:
Tumm machen lassen wir uns nicht,
Wir wissen, dass wir's werden sollen!"
Diese sonderbare Grille des Rektors gab nun Veranlassung zu noch heftigeren Debatten, in welchen der Hindu zuletzt den begeisterten Anhanger der evangelischen Lehre spielte, obgleich er, wenn wir die Wahrheit gestehn sollen, gleich Falstaff vergessen hatte, wie das Inwendige einer Kirche aussieht. Die ausschweifendsten Dinge wurden infolge dieses Streites behauptet, der sich denn doch bald wieder auf die Jugend und ihre Fuhrung zuruckwandte. Der Konrektor war inzwischen eingetreten, und brachte die vierte Stimme zu diesem Hausund Gesellschaftskonzerte. Die beiden Alten, der Rektor und der Edukationsrat, wiederholten fast mit denselben Worten ihr Thema; dazwischen wogten Persien und Indien, Nibelungen und Parzival. Es blieb sonach unentschieden, ob das heranwachsende Geschlecht gen Latium oder Delhi gefuhrt werden, ob es an Minne und Ritterkampf sich auferbauen, oder in fruher burgerlicher Hantierung erstarken solle, denn jede Meinung hatte einen kraftigen Verfechter, dem es nicht an triftigen Grunden fehlte.
Plotzlich rief die Edukationsratin mit ihrer Stentorstimme: "Was ist das? Es riecht nach Schwefel!" Alles schwieg. Der Gestank war nicht zu verkennen, zugleich horte man ein sonderbares, aus Zischen, Wimmern und Heulen zusammengesetztes Gerausch ganz in der Nahe des Gartenhauschens. Indem man noch verwundert und erschreckt uber dieses Abenteuer sprach, sturzte eine Magd mit dem Rufe herein: "Kommen Sie um Gottes willen! Die Jungen sind alle verbrannt!"
Besturzt folgten ihr die Streitenden, Hermann, die beiden Frauen. Nur der Hindu blieb zuruck. Er nahm sich vor, diesen Augenblick zu seinem Abzuge zu benutzen; denn es missfiel ihm hochlich hier. Er tappte also durch die Dunkelheit nach seinem Wirtshause. Unterwegs fielen ihm einige Epigramme auf die Rustizitat der deutschen Gelehrten ein, die nachmals auch der Welt bekannt geworden sind.
Achtes Kapitel
Die Magd fuhrte die andern nach dem wusten Platzchen zwischen den Scheunen. Ein dicker Qualm drang ihnen entgegen, und es dauerte einige Minuten, ehe man recht wahrnehmen konnte, was sich dort begab. Endlich unterschied das Auge bei dem Scheine eines wilden roten Feuers die Gegenstande. Ein spruhender Strahl drang gewaltsam aus der Erde, zwei Knaben des Rektors lagen wehklagend am Boden, die andern und die Sohne des Edukationsrats standen verlegen umher.
Hermann suchte das Feuer mit einem Spaten auszuschlagen, machte aber die Sache nur noch arger; das gereizte Element zischte in springenden Funken umher und versengte die Kleider der Anwesenden. Er musste den Spaten wegwerfen, und die Naturkraft gewahren lassen.
Indessen zog der Rektor von der Magd Erkundigung ein, welche diese zogernd gab, da sie sich auch halb schuldig fuhlte. Die Knaben des Edukationsrats hatten die des Rektors zur Bereitung eines feuerspeienden Bergs zu uberreden gewusst, die Magd hatte allerhand Gerate dazu hergegeben. Unvorsichtig war von einem zu fruh der Pfropfen aus der Rohre gezogen worden, wahrend zwei sich daruberhin gebogen hielten, die denn den ganzen feurigen Schuss ins Antlitz bekommen hatten. Das Auge musse wenigstens weg sein, sagte die Person, nach Art solcher Leute im Ungluck noch ubertreibend.
Der Rektor nahm sich kaum die Zeit, diese Erzahlung vollstandig zu horen. Rasch ergriff er einen Stekken und eilte, von seinem Grimme ubermannt, auf die besturzte Gruppe der Knaben zu. Diese benahmen sich bei dem Anblicke der herannahenden Gefahr auf sehr verschiedne Weise. Denn wahrend die Stande, als sie den Stecken und den Rektor sahen, zu lauter Fussen wurden, mit katzengleicher Behendigkeit eine niedrige Scheidemauer uberklimmend und entrinnend, blieben die Alten, von Schreck gefesselt, stehn und erwarteten das Schicksal. Die Geschichte meldet hierauf von mehreren ausgeteilten und empfangnen Streichen.
Indessen war das vulkanische Feuer vergluht, der Konrektor hatte eine Laterne herbeigeholt und auf die Statte dieses Ereignisses niedergesetzt. Er und Hermann beluden sich mit den Verwundeten, die Frauen folgten, die Geschlagnen schlichen hinterher. Der Rektor wollte ohne Wort und Gruss nachgehn; der Edukationsrat hielt ihn aber beim Arme zuruck, und hob folgende Rede an: "Wahrheit, mein Freund, in allen Verhaltnissen, unter jeder Bedingung! Das ist meine Maxime. Ich kann, ich werde sie auch heute Ihnen nicht verschweigen; ja, dieses ungluckliche Ereignis mahnt nur um so dringender, ruckhaltlos mich auszusprechen, als es Sie zunachst am empfindlichsten beruhrt hat. Sie erfahren heute an einem schlagenden Beispiele, wohin die Richtung, welcher Sie mit starrer Konsequenz sich und andre eigneten, fuhrt. Harmonie, Zusammenhang gebe der Seele das klassische Altertum? Ich sehe wenig von diesen schonen Eigenschaften an einem steckenbewaffneten zornigen Manne."
Hier warf der Rektor den Stecken heftig fort, und wollte abermals gehn. Der andre hielt ihn aber mit beiden Handen fest, und sprach also weiter: "Sie sollen und mussen mich aushoren; nicht sobald wird sich wieder eine gleichgunstige Gelegenheit ergeben. Wenig Besinnung verrat es schon, fremde Kinder in Gegenwart des Vaters korperlich abstrafen zu wollen. Das uberlasst man diesem wohl in jedem Falle, der eine so traurige Notwendigkeit erfordern sollte. Nun aber, wie weiter? Der Gegenstand Ihrer Leidenschaft wird Ihnen entruckt, da fallen Sie vollig blind und unfrei diejenigen an, welche doch in Ihrem Sinne nur die Verleiteten, Schwachen sind. Allerdings erinnert dieser letzte Zug an ein klassisches Muster, namlich an den rasenden Ajax, wie er anstatt der Atriden die Schafe geisselt! Wer aber bei allem diesem Gebaren noch jenen spiritum Grajae tenuem Camenae sauseln hort, der hat scharfere Sinne als ich. Kommen wir nun auf unsre Zoglinge selbst! Denn 'an ihren Fruchten sollt ihr sie erkennen', heisst es hier mit vollem Rechte. Unverletzt sind meine Sohne. Sie huten sich wohl, ihre Nase uber einen garenden Feuerbrodel zu halten, was wirklich nur abgestumpften, auf der Sitzbank vennufften Geschopfen begegnen kann. Diese warten denn auch ruhig die ungerechte Zuchtigung ab, wahrend meine gewitzigten, fruhpraktischen Gesellen, rasch wie die Hirsche, zu entrinnen wissen. Das kommt vom Vertrautsein mit allen vier Elementen. Sie haben selbst gesehn, mit welcher Schnelligkeit sie sich uber die Mauer schwangen. Lassen Sie also, mein Freund, von einem Systeme, welches Ihnen und den Ihnen Angehorigen Welt und Leben verbaut. Nie ist es zu spat, zum Richtigen umzukehren."
"Doch ist es zu spat, die Fortsetzung dieser Moralien zu vernehmen", sagte der Rektor mit schneidender Kalte. "Rechnen Sie es meinem Erstaunen zu, dass ich bis jetzt geduldig dem mein Ohr lieh, womit Sie einen Vater, dem die Kinder verbrannt sind, besprechen wollen. Apage! Das ist das letzte Wort zwischen uns. Wir sind geschiedne Leute. So ist es beschlossen. Stat alta mente repostum!"
Er nahm die Laterne auf und ging. Der Edukationsrat blieb im Dunkel zwischen den Scheunen stehn.
Neuntes Kapitel
Im Hause hatten unterdessen die Frauen und die jungen Leute um die Verletzten Sorge getragen. Nachdem Gesichter und Hande mit einem Schwamme gereinigt worden waren, sah man, dass der Schreck das Schlimmste gewesen sei. Ausser versengten Augenbrauen und Haaren liess sich kein Schaden erspahn. Die Rektorin schickte die Patienten zu Bett, die gleich den ubrigen Knaben ganz verdutzt waren und kein Wort sprachen. Sie verbot ausdrucklich, den Arzt zu holen. Kaltes Wasser werde hier vollkommen genugen.
Als man sich zu Tisch setzte, stiess sie einen Seufzer uber die leerbleibenden Platze aus. Ihr Mann hatte sich eingeschlossen und wollte nichts essen, die Edukationsratin war denn doch auch fortgegangen. Der Konrektor, welcher nach Art junger Schulleute zuweilen von auffallenden Grillen geplagt ward, nahm sich plotzlich eine willkurliche Eifersucht auf Hermann zu Kopfe, der an niemand weniger dachte, als an Wilhelminen; genug aber, er war eifersuchtig und entfernte sich mit verdriesslichen Blicken, worauf Wilhelmine um die Erlaubnis bat, bei den kranken Knaben bleiben zu durfen. So war aus einer Gesellschaft von neun Personen eine von dreien geworden, die durch weite Zwischenraume getrennt, an dem betrachtlichen Tische Platz nahm. Ein grossmachtiger Hecht ward aufgetragen, welcher der Rektorin neue Sorge machte, wie er von so wenigen Personen verspeiset werden solle. Dieser Bekummernis war indessen abzuhelfen, denn die beiden Patienten liessen durch Wilhelminen um ein Stuck Fisch bitten, da sie ausserordentlich hungrig seien.
Nach dem Essen blieb Hermann mit der Rektorin allein. "Das ubelste ware, wenn der einfaltige Vesuv Feindschaft stiftete", sagte sie. "Das darf nicht sein. Zwar ist der Edukationsrat ein Narr und hat meinen Alten ungeschickt behandelt, aber das Leben wahrt zu kurz, um nachzutragen. Also muss ich Versohnung stiften und dazu sollen Sie den Mittelsmann machen. Sie gehn morgen in der Fruhe zum Rat, und lassen fallen, mein Mann habe die ganze Nacht vor Schmerz uber die Zwistigkeit kein Auge schliessen konnen. Dann sagen Sie dasselbige vom Rat bei meinem Alten, und ich wette, sie sind noch vor Abend wieder gute Freunde. Man kann die Menschen auseinanderlugen, aber glauben Sie mir, man kann sie auch ebenso leicht zusammenlugen. Das erste ist nicht meine Sache, das zweite darf man sich schon erlauben."
Als Hermann einwenden wollte, er werde die aufgetragne Rolle nicht geschickt genug spielen, lachte ihm die Rektorin in das Gesicht. "Versuchen Sie es nur immerhin", rief sie; "Sie Neuling in solchen Handeln!" Die Verlegenheit, welche er nach den ersten derartigen Worten der kurz angebundnen Frau in ihrer Gegenwart nicht mehr besiegen konnte, wuchs, und erreichte ihren Gipfel, als ihm jetzt ein Zettel des Rektors gebracht wurde, worin dieser ihn bat, morgen anstatt seiner mit den Primanern den Sophokles zu lesen, da er sich zu unwohl fuhle, um die Lektion abhalten zu konnen. Gott weiss es, Hermann verstand zu wenig Griechisch, um einem solchen Ansinnen gewachsen zu sein. Er reichte der Rektorin mechanisch den Zettel hin, die ihn lachelnd uberlas, und dann sagte: "Herr Schmidt, setzen wir uns!
Sie spielen Komodie mit uns, das ist nicht fein; Sie sind darob in Ungelegenheit geraten, das macht mich geneigt, Ihnen zu helfen. Wozu dienen nur diese Winkelzuge? Warum kommen Sie, trotz ehrlicher Absichten, welche ich doch bei Ihnen voraussetzen muss, mit einem fremden Namen, wie der Betruger Sinon in unser Haus? Sie sind nicht der Kandidat Schmidt aus Leipzig, Sie heissen Hermann und wollen Cornelchen heiraten."
Hermann wusste vor Besturzung nicht, wo er bleiben sollte. "Ich bitte Sie wegen dieses Streichs tausendmal um Vergebung ... Ich habe nichts Schlimmes im Sinne ... Aber Sie irren sich ... Es war nur dem Flammchen zuliebe ..." stotterte er.
"Ach was Flammchen!" rief die Rektorin eifrig. "Ein Feuer, welches den Herrn funfzehn Meilen weit dahertreibt, kann wohl eine Flamme heissen. Aber Ihr Benehmen ist fur meinen schwachen Verstand zu spitz. Das arme Kind so in Verlegenheit zu setzen, das heisst einem jungen Herzen fur seine unschuldige Neigung ubel lohnen."
"Verlegenheit? Herz? Neigung? Liebt Cornelie mich?"
"Sollten Sie das nicht wissen? Sollten Sie ein Mischling sein von Schlauheit und Kindersinn, der nichts merkt? Nun ja, der Herr hat in jener Waldhutte ein Unheil angerichtet, er erschien dem armen Dinge wie ein Helfer und Heiland, und da er so ziemlich wohl gewachsen ist, ein Paar feurige Augen im Kopfe hat, und seine Worte sanft zu setzen weiss, so ward das Geschopfchen darnach ganz still und schwermutig, seufzte, und ... ach es ist eine alberne Kindergeschichte, und recht toricht von mir, dass ich das alles Ihnen so gutmutig hererzahle."
"Fahren Sie fort, beste Frau", rief Hermann. "Ich schwore Ihnen bei Gott, ich bin aller dieser Dinge unkundig, aber Sie schenken Ihr Vertrauen keinem Bosartigen. Warum ist Cornelie hier?"
"Das ist ja eben das Tollste. Heutzutage fangen die Menschen fruh an zu leben, Gott weiss, wie fruh sie aufhoren werden, wenn das so fortgeht. Die Kinder haben jetzt Leidenschaften, welche sich sonst erst mit dem zwanzigsten Jahre einstellten. Kurz, Ihr Vetter Ferdinand hat, ohne es zu wissen, sein Pflegeschwesterchen geliebt, als Sie, der Storenfried dazwischentraten, und nun ergriff den Jungen, den mein Alter vermutlich noch nicht nach Sekunda setzen wurde, eine unbandige Eifersucht, die zu den argsten Dingen gefuhrt haben muss, wiewohl Ihre Tante mir daruber nichts Naheres geschrieben hat. Aber wie ich aus abgebrochnen Reden Corneliens schliesse, so hatte der Knabe einmal gegen sie ein Messer erhoben. Die Eltern sahen sich genotigt, das Madchen auf einige Zeit zu entfernen, bis sich weiterer Rat finden wird."
"Sie haben mir Ereignisse mitgeteilt, welche ich nicht von fern ahnen konnte", sagte Hermann nach einigem Schweigen. "Nur ein sonderbarer Zufall hat dieses Zusammentreffen mit Cornelien herbeigefuhrt. Doch warum nenne ich Zufall, was vielleicht die hochste, die heiligste Schickung meines Lebens ist?"
Er berichtete ihr hierauf den Zusammenhang der Sachen, und da er die Wahrheit sprach, so musste er Glauben finden. Die Rektorin schien sehr verdriesslich uber diese Entdeckung zu sein, und kundigte ihm, offen, wie sie in allem war, an, dass er am besten tun werde, morgenden Tages abzureisen. Aber Hermann fuhlte, dass fur ihn zu Wichtiges auf dem Spiele stehe, um die nachsten Entscheidungen durch Empfindlichkeit zu verscherzen. Er bezwang sich, wusste der Rektorin so viel Kindlich-Schmeichelndes zu sagen, bat so dringend, ihm doch nur Zeit zu lassen, dass er sich besinnen, zu dem entschliessen konne, wovon vielleicht sein ganzes Gluck abhange, dass er weniger liebenswurdig hatte sein mussen, um eine alte Frau nicht umzustimmen. Mit einem derben Schlage auf die Schulter, argerlichen Worte aber freundlichen Gesichte verliess sie ihn.
Als er allein war, warf er sich in einen Lehnstuhl, und liess seiner innern Bewegung Raum. Aus dem formlosen Gedrange wunderbarer Vorstellungen entwickelte sich endlich ein lieblich-entzuckendes Bild, mit dessen Ausmalung er noch beschaftigt war, als Cornelie, das Nachtlicht in der Hand, ins Zimmer trat. Er sass in einer beschatteten Ecke, so dass sie ihn nicht bemerkte. Was er schon am Tage nach jeder Beschaftigung, sie mochte noch so reinlich sein, von ihr gesehn hatte, sie tat es auch jetzt. Den Hahn des Wasserkranchens am Fenster aufdrehend, netzte sie ihre Finger und trocknete sie dann sorgfaltig ab. Es war Hermann, als ob eine leichte Rote ihre Augenwimpern saume, da sie zufallig das volle Antlitz nach der Seite wandte, wo er sich befand. Sie prufte Fenster und Laden, ob sie verschlossen seien, hing die Schlusseln in das Wandschrankchen und entfernte sich.
Hermann war, wie in zwei Halften geteilt. Die sichtliche Erscheinung hatte das Bild, womit er beschaftigt gewesen war, zerstort; sie war anders, als jenes. Er wusste unter beiden nicht zu wahlen.
Zehntes Kapitel
In jedem Hause, besonders in burgerlichen, wo ein enges Zusammensein manche Reibung erzeugt, sammelt sich von Zeit zu Zeit allerhand Garstoff, der denn zu Ausbruchen des Verdrusses zwischen den Ehegatten oder den Eltern und Kindern notwendigerweise fuhren muss. Dann wird wieder Friede geschlossen, den alle Teile fur einen ewigen halten, obgleich die Verhaltnisse bleiben, wie sie sind.
Am besten ist es, wenn jener Garstoff, durch eine Beruhrung von aussen entzundet, sich nach aussen entladen kann. Auch unter dem Dache des Rektors hatten verschiedne Meinungen uber Hausliches, Kindererziehung und dergleichen ein gewisses Missbehagen hervorgebracht, welches freilich dem Fremden nicht gleich sichtbar ward. Dazu kam die Angelegenheit mit der Todeserklarung des verschollnen Sohns und das Verhaltnis Wilhelminens zum Konrektor, welches Mann und Frau nicht mit denselben Augen ansah. Letztre, wie alle Frauen, Anhangerin der Natur, wollte die Verbindung, ersterer, sein System uber jede menschliche Beziehung setzend, gonnte dem mittelalterlichen Junglinge nichts, am wenigsten ein Frauenzimmer, woran er selbst einen fast vaterlichen Anteil nahm.
Nun waren durch den feuerspeienden Berg und den Zwist der beiden Familienhaupter alle verborgnen Fermente entbunden und aufgezehrt worden. Es bedurfte der Unterhandlungen, welche die Rektorin in Hermanns Hand hatte legen wollen, nicht einmal, um die Versohnung herbeizufuhren. Am fruhen Morgen war nach vorausgesandtem herzlichen Schreiben der Edukationsrat zum Rektor gekommen, und hatte aufrichtig um Verzeihung gebeten, die ihm denn auch mit einem lateinischen Verse gewahrt worden war. Der Rektor fuhlte sich hierauf hergestellt, und hielt wohlgemut seine griechische Stunde ab, so dass unser Freund vor den Schulern nicht zuschanden zu werden brauchte. Eine grosse Heiterkeit verbreitete sich uber das Haus, man erwies einander kleine Aufmerksamkeiten, verhielt sich uber die streitigen Punkte schonender und nur die Kinder wurden, wie zuweilen die Volker, die Opfer dieses Friedensschlusses; man nahm sie namlich von beiden Seiten unter die gescharfteste Aufsicht, um die Gelegenheit zu neuem Hader zu vermeiden.
Hermann waren von der Rektorin, die gern in allen Stucken Fristen festsetzte, drei Tage des Verweilens zugestanden worden. Er war viel ausser dem Hause, hatte Bekanntschaft mit dem Konrektor gemacht, welcher wieder von seinem Verdachte zuruckgekommen war, liess sich alte Sagen erzahlen, und suchte sich auf alle Weise zu zerstreun. Die Eroffnungen seiner Wirtin hatten ihn in eine gespannte, peinlich-susse Lage versetzt. Der unvermutete Anblick einer weiblichen Neigung hat, wir durfen uns des Ausdrucks bedienen, etwas Erschreckendes. Die Natur, welche verlangt, dass des Manns Gefuhl, ausgesprochen, erst jene Blute hervorrufen soll, kehrt sich in einem solchen Falle um, aber, anstatt den Greuel zu enthullen, deckt sie das verborgne Schone auf. Was Wunder, wenn dann die Sinne des Anschauenden in Wonne und Graus durcheinanderschwanken!
Hermann fragte sich hundertmal des Tages uber sein Herz aus; es wollte ihm keine Antwort geben. Was vorher so nahegelegen hatte, schien nun durch Entdeckungen, die es noch naher bringen sollten, weit, weithin entruckt zu sein. Er fuhlte ein Bedurfnis, bestandig um Cornelien zu sein, und wenn er sie sah, so wich er ihr doch lieber aus. Seine Unruhe ward durch die ihrige noch vermehrt, sie war, wenn sie mit ihm zusammen sein musste, augenscheinlich verlegen, ja traurig. Die Rektorin schien sich um beide nicht zu bekummern.
Ein geringfugiger Umstand entschied endlich seine Empfindung. Auf einer Kommode sah er Schreibbucher liegen, auf denen Corneliens Name stand. Er offnete eins; in scharfen und doch unsichern Zugen waren allerhand Spruche und Vorschriften kopiert, am haufigsten der Satz: "Wer zu rasch nach dem Ziele lauft, bricht unterwegs den Fuss." Draussen horte er ein Gerausch und sah, durchs Fenster blickend, die Knaben des Rektors mit Cornelien im Garten Haschen spielen. Eine Kalte, die ihm wohltat, breitete sich durch seine Brust. "Sie ist noch ein Kind", sagte er fur sich. "Mein Verhaltnis zu ihr ware gemacht, unnaturlich, erzwungen. Das beste wird sein, zu schweigen und zu reisen."
Er war ein paar Strassen auf und ab gegangen, um seinen Vorsatz recht reif zu denken, als ihm zunachst dem Tore der Hirt begegnete. "Bester Herr", rief dieser, "wie gut, dass ich Sie treffe! Wenn es Ihnen nichts verschlagt, so kommen Sie auf ein Stundchen hinaus. Ich glaube. Sie konnten da durch Zureden etwas Gutes stiften."
"Was ist, Alter?" fragte Hermann.
"Lieber Gott, der Fremde mit dem grossen Hute, den Sie bei mir gesehen haben, und der seinen Namen durchaus nicht nennen will, macht mir viel Not. Seine wenigen Groschen sind aufgezehrt, nun wollte ich ihm gern noch weiter borgen, aber er will fort, und wenn ich ihn frage, wohin? so zuckt er die Achseln und macht so sonderbare Gebarden, dass mir angst und bange wird."
"Habt Ihr keine Vermutung, wer er ist?"
"Ach", sagte der Hirte, "Vermutung genug, im Grunde weiss ich es wohl schon. Ich habe ein Historienbuch, das lese ich des Winters richtig durch, darin steht ein grosser Vogel abgemalt, der steckt seinen Kopf weg, und meint, dann sehe ihn niemand. So ist's mit dem Unglucke, es meint, wenn es nur den Kopf verberge, werde es fur jedermann unsichtbar. Aber im Gegenteil, dann merkt man erst, wie der Hase lauft."
"Ihr hattet ihn sollen vermogen, zum Rektor zu gehn"; sagte Hermann.
"Habe ich es denn nicht vom Morgen bis zum Abend versucht?" rief der Hirt. "Aber dann fahrt er mich an und brummt: was er bei dem Rektor solle? und hinterher sturzen ihm die Tranen aus den Augen. Ich sage es ja immer, das Vieh ist vernunftiger als die Menschen, da schreit doch jedes Zicklein, wenn es sich verloren hat, nach seiner Alten, und lauft zu ihr, wenn es sie wieder erblickt."
"Was wolltet Ihr denn jetzt hier in der Stadt?" fragte Hermann.
"Den alten Leuten die Sache ansagen", erwiderte der Hirte. "Aber unterwegs fiel mir ein, ich konne mich doch irren und nur unnutze Freude verursachen, oder wenn es auch richtig sei, so brachte ich es doch vielleicht nicht auf die rechte Art an, und kurz, es ist mir lieb, dass ich Sie gefunden habe; Sie werden wohl eher hierin Bescheid wissen."
Hermann war gern bereit, mit dem Hirten nach seiner Hutte zu gehn. Vor dem Tore kam der Konrektor auf seinem gewohnlichen Abendspaziergange daher geschritten; leider durfte Hermann seine Begleitung nicht ablehnen, um kein Aufsehn zu erregen. Er dachte noch daruber nach, wie er sich von ihm wieder losmachen solle, als sie schon vor dem Hirtenhause anlangten.
Der Fremde sass auf der Bank unter den Birken, wieder, wie fruher, den breitkrempigen Hut tief in das Gesicht gedruckt. Als er Menschen kommen sah, wollte er aufstehn, und sich in die Hutte begeben. "Bleiben Sie", sagte der Konrektor, "wir mussen sonst auch vorubergehn, und wir wollten uns gern hier ein wenig ausruhn."
"Meine Nahe kann niemand erfreulich sein", erwiderte der Fremde.
"Sie sollten uns etwas von Ihren Abenteuern erzahlen", sagte der Schulmann. "Was hat Sie so lange in Spanien zuruckgehalten? Warum kehrten Sie nicht gleich nach den Friedensschlussen heim? Es muss eine wunderbare Empfindung fur Sie sein, das Land, welches Sie unter dem Faustdrucke des Despotismus betaubt verliessen, nun verjungt, im frohlichen Regen aller Krafte wiederzusehn."
"Mein Herr", versetzte der Fremde, "ich weiss von dieser wunderbaren Empfindung, wie Sie sich ausdrucken, wenig zu sagen. Ich horte uberall nur, wo ich einkehrte, wie ehedem, uber die schlechten Zeiten klagen."
"Das ist der Widerhall von dem Liede der Demagogen", antwortete der Konrektor kaltblutig, indem er sich mit Behaglichkeit zurechtsetzte und seine Pfeife anzundete; denn er rauchte, wie der Rektor, ausser den Schulstunden fast bestandig. "Wir sind Deutsche worden, treu, fromm, guter Art, in aller loblichen Kunst und Wissenschaft fleissig. Welch ein Abstand zwischen Sonst und Jetzt! Es gibt wirklich Erscheinungen in der Menschenwelt, die einem das, was die Sagas von Zauber und Verblendung melden, ganz glaublich und naturlich darstellen. Wie ware es ohne einen solchen Zauber gedenkbar, dass ein kleiner, unansehnlicher Mensch, dem die Tucke aus den Augen blickte, von einer altberuchtigten Insel her, die Menschen, Volker, Fursten auf seine Seite bringen konnte, obgleich ein jeder wusste, dass er von ihm hintergangen werde."
Hermann erinnerte halblaut den andern, dass dieses Gesprach dem Fremden schwerlich angenehm sein werde, jener aber war im Eifer, liess sich nicht storen und rief: "Wer deutsche Luft atmet, muss deutsch Wort vernehmen konnen. Wer an seinem Vaterlande, dem Erobrer zuliebe, ein Verrater werden konnte, muss sich jetzt selbst seines Irrtums schamen, blieb noch ein Funken richtigen Gefuhls in ihm."
Der Fremde ruckte unruhig hin und her und rief: "Mein Herr, es ist leicht, hinterher zu richten! Vaterland! Wir sind beide nicht alt genug, um viel von der Zeit zu wissen, die jener Periode vorherging, welche Sie die verblendete zu nennen belieben. Doch scheinen Sie noch junger zu sein, als ich. Vaterland! Ich erinnre mich, dass man an das Vaterland nur dachte, wenn die Soldaten Gassen laufen mussten, wenn die Akzisebeamten am Tore visitierten, oder wenn der Edelmann dem Burgerlichen vorgezogen wurde. Sicherlich hat man in der Verbannung, im Elende Zeit genug, Jugendtraume, die in bittre Wirklichkeit ausgingen, zu beweinen, aber glauben Sie mir, der Zauber, den die Grosse ausubt, ist noch nicht der schlimmste! Wir sind die Geschlagnen, die Besiegten! Nun gut, so lasse man uns. Aber man denke nur nicht, dass man selbst so ganz und gar in neuen Hauten lebe. Ich komme aus der Fremde, bin unbekannt mit den jetzigen Verhaltnissen, aber ich meine immer, nach einer grossen Tyrannei kann nichts andres, als die Tyrannei der Kleinen oder ein wildes Getreibe befreiter Knechte folgen."
"Das spricht ein ..." versetzte der Konrektor. "Aber freilich sind fur manche Menschen die Zeiten schlecht, denn die Landlaufer haben keine Hoffnung mehr. Gluck zu machen."
"Landlaufer!" rief der Fremde ausser sich, sprang auf den Konrektor zu, gab ihm einen Faustschlag, dass er zu Boden sturzte, schlug sich dann, als ob er diesen Ausbruch bereue, heftig an die Stirn, und sturzte in die Hutte. Hermann, obgleich erschreckt von dem Vorgefallnen, konnte den Konrektor kaum bedauern, uberliess ihn dem Hirten, und folgte dem Zornigen. Diesen fand er eifrig beschaftigt, sein Bundelchen zu schnuren, wobei er einmal uber das andre ausrief: "Ich muss fort, weit, weit, bis ans Ende der Welt!"
"Das sollen Sie nicht", sagte Hermann. "Aber wie konnten Sie sich so vergessen?"
"Einen Landlaufer nannte der harte Vater mich, wenn ich mich uber den lateinischen Schriftstellern nicht zu Tode qualen wollte; mit diesem Worte hat er mich endlich hinter die Adler, in die Schlacht, in die Bergwerke gejagt; ich kann es nicht horen, ohne dass es dem, der es ausstosst, ubel bekommt."
"Es ist mir lieb, dass es jetzt dahin gefuhrt hat. Sie mir zu entdecken", versetzte Hermann. "Stehen Sie von Ihrem ungluckseligen Entschlusse ab, und kommen Sie mit mir zu den Eltern, denen ein gutiges Geschick Sie erhalten hat."
Der Fremde ergoss sich hierauf in wilden, hohnischen Reden. Hermann liess aber nicht ab, ihm freundlich zuzusprechen, und brachte es wirklich dahin, dass jener sich etwas beruhigte. Er machte ihm begreiflich, dass es wenigstens unnutze Plage sei, im Dunkel fortzusturmen, und dass er morgen am hellen Tageslichte ja noch alles tun konne, was er wolle. Der Hirte kam, nachdem er den Konrektor draussen abgefertigt hatte, auch in die Hutte, zundete seine Lampe an, und nun gewahrte Hermann erst das Antlitz des Fremden. Es schien vollig blutlos zu sein, der Schadel, nur von Haut bedeckt, sah totenkopfahnlich aus; dunne, erbleichte, ja ins Grunliche spielende Haare umsaumten den Scheitel. Hermann fuhr unwillkurlich zuruck, indessen fasste er sich, und folgte der Einladung des Hirten, der beide freundlich bat, mit ihm vorlieb zu nehmen. Sie setzten sich um den Tisch, der Hirte trug eine grosse Schussel dampfender Kartoffeln auf, holte etwas gerauchertes Fleisch aus dem Schornstein, und da zufallig einige Flaschen Wein von einem neulichen Schmause der beiden Familien bei ihm stehengeblieben waren, so fehlte diesem einfachen Mahle auch das Getrank nicht. Jeder zog sein Messer aus der Tasche, Gabeln waren unnotig, zwei Glaser liessen sich auftreiben; der Hirt trank aus einem Topfe.
Der Fremde war, nachdem sein Inkognito aufgehort hatte, zutraulich geworden, und erzahlte den beiden andern eine wunderbare Gefangenschafts- und Rettungsgeschichte. Im Anfange hatte sie noch Ahnlichkeit mit dem, was viele auf jenem furchtbaren Zuge erdulden mussten, dann aber berichtete er etwas, was, nach unsern Verhaltnissen angesehn, fast unglaublich klang. Als der Friede geschlossen worden war, befand er sich schon mit einer grossen Menge von Unglucksgenossen auf dem Heimwege. Da traf in einem wusten Landstadtchen, in entgegengesetzter Richtung ziehend, ein Transport schwerer Verbrecher mit ihnen zusammen. Beide Kolonnen machten an dem Orte Rast. In der Nacht entsprang einer der gefahrlichsten Verbrecher; der Fuhrer des Transports, besorgt vor der harten Strafe, welche seiner Nachlassigkeit drohte, ergriff ein schandliches Mittel, sich zu retten. Er wusste den unglucklichen Kriegsgefangnen mit List an sich zu locken, an einem abgelegnen Orte sprangen ein paar Helfershelfer herzu, er wurde geknebelt, in Eisen geschmiedet, und als der Tag graute, befand er sich unter Raubern und Mordern auf dem Wege nach Sibirien. Vergebens war sein Toben, sein Widerstand; Misshandlungen besiegten diesen. Keine Behorde konnte oder wollte ihn verstehn, die Menschen, welche in den Dorfern und Stadten, durch die der Zug ging, am Wege standen, sahn in seinen Gebarden nur den Trotz eines unfugsamen Missetaters; so ging es Werst fur Werst weiter, bis das unselige Ziel erreicht war.
Welche Greuel nun da unten in der Nacht der Bergwerke sich begaben, wollen wir, um die Gemuter unsrer Leser nicht zu angstigen, verschweigen. Wie es ihm dennoch gelungen, sich zum Lichte wieder emporzuschwingen, daruber glitt der Fremde selbst einigermassen hinweg. Er sprach von einem Aufseher, den er uberwaltiget habe. Aber ein Zittern der Stimme, ein unheimliches Zucken der Augenwimpern deutete an, dass eine blutige Tat dabei vorgefallen sein mochte. Die nun folgende Flucht durch die ungeheuren Waldund Grassteppen erinnerte an Mazeppas Abenteuer. Mit einer tartarischen Horde, welcher er Dienste leisten konnte, drang er bis an die Grenzen Europas. In Kasan fand er einen alten, durch Liebesgeschick auf dem fremden Boden zuruckgehaltnen Kriegsgefahrten, der ihn mit Geld, Wasche und Pass ausstattete.
Der Hirte vergass bei dieser Erzahlung beinahe Essen und Trinken, starrte den Fremden mit offnem Munde an und schlug die harten Hande vor Verwundrung einmal uber das andre zusammen. Hermann hatte eigentlich einen Widerwillen gegen solche grelle Geschichten, in welchen das Menschliche kaum noch wahrzunehmen ist. Er horte nur zu, um den Fremden im Fluss zu erhalten, schenkte ihm fleissig ein, und dachte daruber nach, wie er jenen mit seiner Familie wieder vereinigen solle. Denn dazu glaubte er vom Schicksal offenbar berufen zu sein.
Eilftes Kapitel
Als daher der verschollne Sohn auserzahlt hatte, der Wein getrunken und Mitternacht herangekommen war, fragte er, um einzulenken: "Warum haben Sie Ihren Eltern nicht fruher Nachricht von sich gegeben?"
"Ich schrieb ihnen aus Polen; der Brief muss nicht angekommen sein", versetzte der Fremde mit einer wilden Gleichgultigkeit. "Stossen Sie mit mir in diesem Reste an! Es lebe der Krieg, es lebe das Vagabundieren!"
"Das ist ein schlechter Toast", versetzte Hermann. "Lassen Sie uns nun ein vernunftiges Wort reden. Wie lange wollen Sie in der Irre umherschweifen? Eltern, Geschwister, Freunde, Familie werden Ihnen wiedergegeben, darf ich Sie den Ihrigen ankundigen?"
"Das ware schade um die schone Bibliothek, die der gute Vater sich dann nicht anschaffen konnte, und um das zarte Liebesbundnis zwischen dem Schulfuchse und der alten Jungfer. Nein, mein Herr, huten wir uns vor torichten Streichen. Zehn Jahre Abwesenheit sind in der Tat wie der Tod; warum soll ein Gespenst die Lebenden erschrecken?"
"Ich fuhle, dass Sie von manchem, was Sie sahen und horten, verletzt sein mussen", sagte Hermann. "Aber erwagen Sie die Gewalt der Umstande, vertrauen Sie auf die Kraft der Natur. Ihre Angehorigen haben Sie als tot beweint. Wie sollten wir armen Menschen uberhaupt fortbestehn konnen, wenn uns nicht die traurige Fahigkeit gegeben ware, zu vergessen? Ist aber mit diesem oden Vermogen der Kreis unsres Wesens umschrieben, das Innerste unsrer Seele ausgedruckt? Lassen Sie uns also auch in diesem Falle frohlich auf die heilige Empfindung baun, der das Grab seinen Raub wiedergibt, fur welche ein Wunder geschieht, nicht ein erzahltes, nein, ein wirkliches."
"Das sind alles nur Redensarten", sagte der Fremde, bedachtig sein Glas ausschlurfend. "Die Wunder darf man nicht zu nahe besehn, so ein tausend Jahre weit weg nehmen sie sich trefflich aus. Es gibt Note, mein Herr, welche nicht beten lehren. Vater und Mutter muss man ehren, solange sie einem etwas zu essen geben, aber in Nertschinsk helfen sie uns blutwenig."
"Kein Schaf sprache so unvernunftig, wenn es das Maul auftate", sagte der Hirte leise zu Hermann. "Lassen Sie ihn in Gottes Namen laufen, er ist nichts Bessres wert." Dann streckte er sich auf sein Lager, murmelte ein Vaterunser und schlief ein, denn er war mude vom ungewohnten Weine.
Hermann ergriff der Bekehrungseifer, er machte den Fremden auf das Frevelhafte solcher Reden aufmerksam und beschwor ihn, sich seinen letzten Trost nicht zu zerstoren. Aber jener unterbrach ihn ungestum und rief: "Junger Sittenprediger, was haben Sie erfahren, dass Sie mitreden durfen? O mein Herr, mein Herr, Sie wissen nicht, was einem Menschen auszukosten gegeben werden kann. Ich dachte, als ich befreit war, nun sei das Elend vorbei, ich konne auch wieder glucklich sein, und leben, wie andre Menschen. Aber das Schlimmste sollte ich nicht in Sibirien gelitten haben, hier in der lieben deutschen Heimat musste ich es erfahren. Sie haben ganz recht; dass Eltern endlich sich uber ein totgeglaubtes Kind beruhigen, dass eine Geliebte neue Bande sucht, es ist nichts Besondres und steht zu verzeihn. Aber dass uns Qualen auferlegt werden konnen, welche uns zu lebenden Schemen machen, und die Kraft zur Empfindung in uns aufzehren, das mochte ich nicht zu verantworten haben, wenn ich das Weltregiment fuhrte."
"Und doch brach diese Empfindung sehr lebhaft hervor, als Sie das alte Band, welches Wilhelminen an Sie knupfte, zerrissen sahn"; sagte Hermann.
"Sie irren", versetzte der Fremde. "Wilhelmine ist mir ganz gleichgultig geworden, ich wusste nicht, wie ich mich noch uberwinden konnte, ihr einen Kuss zu geben. Sie hat gealtert, und sieht, wie mich dunkt, etwas einfaltig aus. So geht mir's auch mit den Eltern. Der pedantische Vater, die schwatzende Mutter ich empfand wirklich eine Art von Widerwillen, als ich ihre Gestalten erblickte. Sie konnten alle jetzt tot vor mir liegen, ohne dass mir eine Trane in das Auge trate. Darum ist es nicht gut, nach Russland zu ziehn und in die Bergwerke zu geraten. Dass ich aufschrie, als der Schulmensch Wilhelminen umarmte, war keine Eifersucht, nein, es war Schmerz um mich selbst. Ich sass dem Vater, der Mutter, der Braut gegenuber, und fuhlte doch keine Neigung, aufzuspringen, ihnen zu Fussen zu fallen. Das hatte lange schon in Kopf und Herz gewuhlt, endlich ward mir's zu stark, die Natur machte sich in einem Laute der Pein Luft. Die Erinnrung bleibt dem Menschen; mein Gedachtnis sagte mir, dass ich nicht aus der Erde gewachsen sei, sondern von Wesen meinesgleichen abstamme, diese Vorstellungen lenkten meine Schritte der Heimat zu. Aber als ich die Wirklichkeit vor mir sah, erkannte ich, dass ich nur noch, sozusagen, in der Theorie Sohn, Bruder, Liebhaber sei. In meines Vaters Haus gehe ich nimmer. In Neapel, Piemont, am Agaischen Meere gibt es, wie ich hore, tapfre Arbeit, dort will ich mir Brot suchen, gleichviel auf welcher Seite. Und so sei denn diese Neige dem Greuel der Verwustung als Libation dargebracht; ein wurdiges Opfer fur eine solche Gottheit, die einzige, welche ich anerkenne."
Er stand auf, schnellte den Rest des Weins aus seinem Glase auf die Erde, und warf das Glas zum Fenster hinaus. Hermann trennte sich ohne Abschied von dem verwilderten Menschen, hinter dessen wusten Worten er dennoch etwas Besseres wahrzunehmen glaubte. Seine Meinung, dass wir uns immer nur innerhalb der uns gezognen Kreise, im Guten, wie im Bosen bewegen, und dass alles, was daruber hinauszugehn scheint, eben nur Schein ist, stand zu fest. Nach dieser Meinung wollte er verfahren.
Er tastete sich durch Gebusche auf engen Wegen in die Stadt zuruck, worin eben der Wachter Eins abrief. Das Haus seiner Gastfreunde war verschlossen, und schon meinte er die Nacht auf dem Steinpflaster zubringen zu mussen, als er sich des niedrigen Mauerchens an den Scheunen erinnerte, uber welches die Sohne des Edukationsrats so behend entsprungen waren. Uberzeugt, dass ihm nicht missglucken werde, was den Knaben gelungen war, suchte er, durch ein Nebengasschen schreitend, den freien Platz auf, von dem das Mauerchen den Raum zwischen jenen Wirtschaftsgebauden abschied. Er sah ein Licht im Hofe, erklimmte die Mauer, und war froh, noch jemand wach zu finden, der ihm das Haus offnen konne.
Das Licht brannte in Corneliens nach hinten hinaus zu ebner Erde belegnen Stubchen. Er blickte hinein, und sah sie mit gerungnen Handen weinend umhergehn. Sie setzte sich zuweilen, und stutzte ihr Haupt schmerzlich auf, doch schien es sie nicht an einem Orte zu leiden, immer erhob sie sich wieder und begann von neuem ihre unruhvolle Wanderung. Hermann pochte ans Fenster und rief leise ihren Namen. Sie erschrak, fragte angstlich: "Wer ist da?" und schauderte wie entsetzt zusammen, da er etwas lauter Antwort gab. Vergebens rief er ihr zu, sich doch zu besinnen, er sei es ja, aus Zufall so verspatet, sie moge ihm offnen. Sie stand bleich, zitternd da, und er musste jeden Augenblick besorgen, dass sie umsinken werde. Was sollte er tun? die Tur nach dem Hofe war verriegelt, er druckte am Fenster, nur angelehnt, gab es nach, leicht schwang er sich in das Zimmer. Er hatte eben noch Zeit, Cornelien aufzufangen, die ohnmachtig in seine Arme sank.
Er war in der grossten Verlegenheit und Sorge. Er hielt den lieblichen jungfraulichen Korper umfasst. Die Mittel waren ihm nicht unbekannt, welche in solchen Fallen die stockende Natur wieder in Bewegung bringen helfen, aber er trug eine innige Scheu, ihren Leib durch Blick oder Hand zu entweihn. Er begnugte sich, ihre Schlafen mit kaltem Wasser zu netzen, es gelang ihm, sie damit in das Bewusstsein zuruckzubringen. Sie schlug die verweinten Augen auf, errotete, da sie in die seinigen sah, entwand sich ihm, und setzte sich erschopft zu Fussen ihres Betts nieder.
Unter dem Vorwande, dass er sie in diesem Zustande unmoglich verlassen konne, blieb er noch eine Zeitlang bei ihr, obgleich sie ihn, sobald sie wieder zur Besinnung gekommen war, dringend gebeten hatte, zu gehn. Er war mit sich uneins, ob er nach der Ursache ihrer Betrubnis fragen solle, unterdruckte endlich seinen Wunsch, und schied von ihr in sonderbarer Bewegung.
Den Rest der Nacht verbrachte er schreibend. Es schien ihm unpassend zu sein, den Familienszenen, welche bevorstanden, als Dritter beizuwohnen, sein Geschaft war vollbracht, wenn er den Eltern den verlornen Sohn angezeigt hatte. In diesem Sinne setzte er einen Brief an den Rektor auf, worin er ihm sagte, was wir bereits wissen. Wahrend des Schreibens verschwanden einige Bedenklichkeiten, die er anfangs gehegt hatte, ganzlich. Mit Entzucken malte er sich die Freude der Eltern, die Umwandlung des Sohnes aus, wenn die rauhe Rinde von dessen Herzen schmelzen werde.
In der Fruhe bestellte er Postpferde, und hiess vor dem Tore den Wagen seiner warten. Bei dem Fruhstuck, welches er gemeinschaftlich mit der Familie einnahm, erkundigte man sich nach seinem nachtlichen Abenteuer. Er gab eine ins allgemeine ausweichende Antwort. Der Rektor sagte zu ihm: "Da Sie durch H. kommen, so tun Sie mir doch den Gefallen, zum Justizrate zu gehn, und ihn zu bitten, dass er einen andern Termin zur Ableistung des Eides wegen meines Sohns ansetze; ich habe am Donnerstage dringende Abhaltung."
Hermann stand auf, und nahm Abschied von seinen Wirten. Die Knaben, welche ihn liebgewonnen hatten, hingen sich an ihn, herzten und kussten ihn. "Der Mensch denkt, Gott lenkt", sagte er feierlich. "Wie?" fragte der Rektor erstaunt. "Oben auf meinem Zimmer liegt ein Schreiben an Sie", erwiderte Hermann. "Wichtige Eroffnungen sind darin, es ist ein Schicksal gewesen, dass ich zu Ihnen gekommen bin. Lesen Sie es, wenn ich Ihr Haus verlassen habe, und gedenken Sie meiner im Besten." "Gottlob!" rief die Rektorin. "So ist alles gekommen, wie ich gewunscht und gewollt habe. Ich werde Ihre Fursprecherin bei den Eltern sein", setzte sie mit freundlichem Handedrucke hinzu. "Welche seltsame Missverstandnisse!" sagte Hermann und war zur Tur hinaus.
Cornelie hatte an dem Fruhstucke nicht teilgenommen. Er konnte unmoglich gehn, ohne ihr Lebewohl zu sagen. Er suchte sie auf ihrem Zimmer, in den Gangen des Hauses, endlich glaubte er ihre Stimme vom Gartenhauschen her zu vernehmen. Dorthin eilte er. Wieder war sie, wie damals, als er bei seiner Ankunft sie hier fand, beschaftigt. Sie kniete vor Blumentopfen. Aber diesmal sate und pflanzte sie nicht; sie nahm einen verwelkten Stock aus dem Topfe.
Er trat bescheiden vor sie hin, und sagte: "Ich gehe, Cornelie." Sie verfarbte sich und antwortete nichts. "Ich weiss", fuhr er fort, "dass ich Ihnen zuwider gewesen bin, lassen Sie es nun gut sein, da ich mich entferne; geben Sie mir ein freundliches Wort mit. Und wollen Sie mich in dieser letzten Stunde recht glucklich machen, so vertrauen Sie mir, warum Sie in der vorigen Nacht geweint haben. Ich wusste niemand, dem ich lieber helfen mochte, als Sie."
Sie stand, die Augen niedergeschlagen, und versetzte: "Es ist nicht recht von Ihnen, dass Sie tun, als hatte ich etwas gegen Sie. Sie haben wohl gesehn, wie herzlich ich mich freute, als Sie so unerwartet hier ankamen. Aber als Sie sich den falschen Namen gaben, und auch mich zwangen, zu lugen, da bin ich so traurig geworden, wie ich noch nie war. Ich hatte nirgends Ruhe, konnte niemand ansehn. Und darum war ich auch in dieser Nacht so betrubt. Ich hatte mich schon schlafen gelegt, als ich vor Angst wieder aufstehn und mich ausweinen musste. Nun wissen Sie es, sein Sie mir deshalb nicht bose."
Sie erhob ihr Gesicht gegen ihn, und reichte ihm die Hand. Er sah in das gute unschuldige Auge; das heilige Leidwesen einer reinen Natur, die zum ersten Male von dem Gedanken, dass es ein Boses gebe, beruhrt worden ist, blickte aus diesen bewolkten Spiegeln. Ein zartlicher Schmerz durchdrang ihn, mit einer Art von Ehrfurcht neigte er sich zu ihr, und sagte: "Ich will mich nie wieder verstellen, Cornelie."
Nun hatte er wohl scheiden sollen, aber er blieb. Ein unbezwingliches Gefuhl trieb ihn gegen seinen Willen. Er hatte sich vorgesetzt, schweigend zu gehn, und schon war die scheue Frage uber seine Lippen: "Liebst du mich, Cornelie?"
Sie antwortete nicht; sie fiel an sein Herz. In diesem Augenblicke rief einer der Knaben im Garten: "Cornelie, wo bist du? Bruder Eduard ist wieder da!"
Sie fuhr empor und flusterte angstlich: "Was haben wir getan?" Er durfte nicht eine Sekunde langer verweilen.
Leidenschaftlich ihren Mund kussend, der nun eher den seinigen vermied, rief er: "Du hast mein Wort! Ich verlobe mich dir und werde bei deinen Pflegeeltern um dich anhalten." Er schwang sich uber das Mauerchen. Sie schickte ihm den schmerzlichsten Blick nach, dann wankte sie dem Knaben entgegen, der ihr Wunderdinge erzahlte. Sie aber horte von allem nichts, was er ihr sagte.
Viertes Buch
Das Caroussel, der Adelsbrief
So treiben wir Possen mit der Zeit, und die
Geister der Weisen sitzen in den Wolken und
spotten unser.
Prinz Heinrich von Wales
Erstes Kapitel
In einem gotischen Pfeilergewolbe unter Helmen, Kurassen, Schwertern und Streitkolben stand die Herzogin mit dem Arzte in ernstlicher Beratung. "Wenn das Turnier regelrecht sein soll, so muss nicht bloss courtoisiert, sondern auch mit scharfen Waffen gekampft werden, a outrance", sagte sie. "Suchen Sie doch die besten Speere und Schwerter aus."
Der Arzt nahm eine Anzahl Waffen von den Pflokken, und sagte lachelnd: "Mein Amt ist, Wunden heilen, und hier muss ich, in Ermanglung eines besseren Beistandes, welche vorbereiten helfen. Es tut mir leid, dass ich Rene d'Anjous Buch, welches ich einst in Dresden durchblatterte, nicht exzerpiert habe. Die franzosischen Ritterspiele waren weniger ernsthaft, als das englische, dessen Nachahmung Ew. Durchlaucht beabsichtigen. Gut mochte es auf alle Falle sein, wenn die Herren sich zuvor erst sorgfaltig auf Stoss und Hieb einuben, sonst durfte der Chirurgus eine reichliche Ernte haben." gin, "so ware ich sehr zufrieden, wenn ich die Sache nicht angefangen hatte. Sie macht so viel Arbeit, bringt eine solche Unruhe in das Haus, dass ich nicht weiss, ob das Vergnugen alle diese Anstalten lohnen wird."
"Dann sollten wir lieber dieses ohnehin fremdartige Fest einstellen", sagte der Arzt.
Die Herzogin entgegnete aber, dass das nicht moglich sei, der Herzog wisse schon darum und scheine sich auf den Tag ungemein zu freun. Auch konne sie die Einladungen an die Teilnehmer nicht wieder ruckgangig machen, ohne zu spottischen Reden in der Umgegend Veranlassung zu geben.
"Wie sehr entbehren wir unsern Wilhelmi bei dieser Gelegenheit!" rief der Arzt. "In seinen Bilderbuchern, Mappen und Urkunden fand er immer fur solche Dinge Rat und Aushulfe. Er besitzt eine grosse Geschicklichkeit, das Wesentliche von dem Zufalligen zu sondern, und eine gewisse allgemeine Idee von der Sache zu geben, auf die es doch allein ankommt. Ist es denn nicht moglich, den Herrn mit ihm zu versohnen, und uns den melancholischen Freund zuruckzufuhren?"
Die Herzogin antwortete hierauf nichts, sondern sagte: "Der Domherr hat unrecht, uns in der Not zu verlassen, die nur er im Grunde angerichtet hat. Versuchen Sie doch, ihn zu halten."
"Ew. Durchlaucht kennen die Grillen dieses seltsamen Mannes", versetzte der Arzt. "Ich habe ihn schon dringend gebeten, zu bleiben, aber er sagte, seine Geschafte litten es nicht. Freilich ist dies ein leerer Vorwand, der wahre Grund liegt in seiner ganzlichen Unfahigkeit, irgend etwas mit Stetigkeit zu verfolgen. Sobald er sieht, dass einem Plane, wie deren seine Seele taglich hunderte gleich Blasen aufwirft, die Ausfuhrung zukommen soll, ergreift ihn ein unbezwinglicher Widerwille, er kann dann nicht ausdauern, es treibt ihn wie mit Geistermacht von solchem Orte hinweg. Nichts Seltsameres soll es geben, als seine sogenannten Sammlungen und die Einrichtung seines Hauses. Alles hat er angefangen, nichts vollendet; die Zimmer liess er reich meublieren, ehe sie noch ausgeweisst waren."
"Ein unglucklicher Charakter", sagte die Herzogin. "Ich mochte von einem solchen Wesen die Worte Gluck und Ungluck gar nicht gebrauchen", erwiderte der Arzt. "Sie deuten doch immer auf einen gewissen Zusammenhang im Menschen hin, und der ist es gerade, welcher hier fehlt. Eigentlich tut er mir leid, da er gutmutig ist und auf seine Weise Verstand besitzt. Wir sehn in ihm doch auch nur ein Opfer vernachlassigter Erziehung, und der Zwangsverhaltnisse, welche jungeren Sohnen vornehmer Familien sonst nur die Wahl zwischen dem Mussiggange des Degens und dem Mussiggange der Tonsur offenliess. An der Wurzel dergestalt getotet, kann jemand zwar, solange die Jugend vorhalt, durch Libertinage und Gesellschaftskunste den Schein des Lebens um sich verbreiten, aber wenn die Jahre kommen, die keinem gefallen, weil sie unerbittlich von jedem sagen, was an ihm sei, dann tritt der psychische Tod, die Torheit, unaufhaltsam ein, ehe noch das Spiel der Nerven und Muskeln ausgespielt ist."
"Ich habe immer daruber nachdenken mussen, warum uns die andern Stande beneiden?" sagte die Herzogin. "Seitdem das Geld weit mehr bei den Burgerlichen als bei uns ist, kann man nicht einmal sagen, dass wir leichter imstande seien, uns die Genusse zu verschaffen, worin doch auch das Leben nicht besteht. Was haben wir also voraus? Mich dunkt, die Pflichten sind geblieben, wahrend die Rechte verlorengingen."
"Man nennt den Adel haufig eine Ruine", versetzte der Arzt. "Ich will die Wahrheit dieses Gleichnisses nicht untersuchen, und es dahingestellt sein lassen, ob so wenig Mauer und Fundament geblieben sei, dass ein geschickter Baumeister nicht daraus ein neues Gebaude solle herstellen konnen. Aber das ist gewiss, der schonste Anblick wird uns, wenn wir die Blume unter Trummern bluhn sehn. Dann ergreift uns ein liebliches Gefuhl von Entstehn und Vergehn, von Lust und Trauer. Mogen die Manner Ihres Standes immerhin eine schwierige Aufgabe haben, fur die Weiblichkeit bleibt er doch immer noch der gunstigste Boden, ihre zartesten Erscheinungen herauszufordern. Grade diese Konvenienzen, Erinnrungen und Schranken, welche in den ubrigen Standen vor der sogenannten praktischen Richtung fast ganz verschwanden, und bei Ihnen doch wenigstens zum Teil noch gelten, sind dem Wesen einer Frau so gemass. Ich mochte es, wenn Sie den Ausdruck nicht missverstehn wollen, auch nur eine liebenswurdige Fiktion nennen. Mit Frauenzimmern des Burgerstandes, wenn sie uberhaupt aus der gleichgultigen Menge sich durch irgend etwas sondern, kann der Mann sich immer vergleichen, sie sind, was sie haben, sei es Geld, Verstand, Tuchtigkeit; und nichts ist der Empfindung nachteiliger, als die Vergleichung, zu welcher sich Ihre Schwestern in jenen Spharen nur zu unvorsichtig drangen. Aber in Ihrem Stande habe ich noch Frauen gesehn, die von nichts getragen und behutet sein wollten, als von anmutigen Mythen. Wie gewinnend ist der Zauber reizender Hulflosigkeit! Wie saugen sich unsre Sinnen fest an dem, was in jedem Augenblicke ihnen verschwinden kann, eben weil es nur ein wunderbarer Schein ist. Ja, hier uberwaltigt uns eine trunkne Schwelgerei, in der Gewalt der Empfindung wenigstens das susse Nichtige zu verewigen; eine schwarmende Wonne, vergleichbar den Entzuckungen der Kunstenthusiasten, den Verzuckungen des Andachtigen. Ich mochte behaupten, meine Furstin, dass ein recht mannlicher Mann jetzt nur eine Dame von Adel lieben konne."
Die Herzogin lachelte. "Sollte man nicht glauben, dass Sie in eine verliebt seien?" sagte sie. "Ich wunschte nur, dass Ihre Gesinnung bei unsern jungen Herrn Verbreitung fande. Dann wurde es mehr Freiwerber als harrende Jungfraun geben, statt dass jetzt das umgekehrte Verhaltnis sichtbar ist, weil man leider weiss, dass der Erbe die Guter und die Tochter den Segen bekommt."
Der Arzt hatte sein gewohnliches kaltes Wesen wieder angenommen, und sagte: "Was den Domherrn betrifft, so habe ich mich einigermassen gewundert, dass er hier so wohl empfangen ward. Er hat sich durch seine Unzuverlassigkeit uberall ausser Kredit gesetzt."
"Da er fruher ab- und zuging, so mussen wir ihn auch jetzt gelten lassen, obgleich wir uns wenig aus ihm machen", erwiderte die Herzogin.
"Es ist sonderbar, wie die Natur sich durch Kontraste im Gleichgewicht zu halten pflegt", fuhr der Arzt fort. "Er, der an nichts, und an dem nichts haftet, der demzufolge kein Bedenken tragt, fur die unnutzesten Dinge Geld auszugeben, hat gleichwohl eine fast kindische Scheu, Bares, ware es noch so wenig, geradezu einzubussen. Diese Abneigung geht so weit, dass er sich selbst nicht uberwinden kann, einem Armen Almosen zu reichen, und sich lieber von beharrlichen Bettlern mit Sachen, die er eben bei sich tragt, loskauft. Es scheint, dass, wo Grundsatze und Vernunft versagt sind, gewisse starre Launen ihre Stelle in dem des Halts so bedurftigen Menschen vertreten sollen. Hierauf grunde ich auch einen Plan, den ich mit ihm vorhabe; denn da ich, wie Sie wissen, gern etwas in die Psychologie oder in das Moralische pfusche, so habe ich mir vorgenommen, ihn womoglich zurechtzubringen."
Die Herzogin hatte sich schon mehrmals nach den Bedienten umgesehn, welche nach der Rustkammer beordert worden waren. Endlich erschienen sie unter Anfuhrung des alten Erich, der ihr Ausbleiben damit entschuldigte, dass die Herrn aus der Nachbarschaft bereits angekommen und nach dem Ahnensaale zu fuhren gewesen seien. Dies war der Herzogin unangenehm, da sie vor dem Eintreffen der Ritter alle Armaturen dort ordentlich hatte aufhangen lassen wollen. Nun beluden sich die Bedienten hastig mit dem Eisen, wobei nicht gar zu vorsichtig verfahren wurde, und manches morsche Niet auswich. Auch der Arzt nahm einen Panzer, und so schwankte der Zug, unter der Last des Mittelalters keuchend, nach dem Ahnensaale.
Wir lassen sie hin- und widergehen, und erzahlen unterdessen die Veranlassung dieser Dinge. Es ist namlich zu sagen, dass kurz nach der Abreise Hermanns bei Gelegenheit einer wirtschaftlichen Einrichtung, die der Herzog ausfuhren wollte, die Rustkammer eroffnet ward. Seit seiner Kindheit hatte er sie nicht betreten; nur im allgemeinen wusste er von dem Dasein einer Waffensammlung. Wie freudig erstaunte er, als der vergessne Raum sich auftat, alle Wande und Gestelle sich mit Schildern, Speeren, Brust- und Beinharnischen bedeckt zeigten! In der Tat war hier weit mehr vorhanden, als man hatte ahnen konnen. Der Herzog nahm sich gleich vor, bessre Ordnung zu stiften, vor allen Dingen einen Katalog anfertigen zu lassen; seine Gemahlin aber entwarf in der Stille einen andern Plan. Er hatte sein Vergnugen uber diese Denkmale kraftigerer Zeiten so lebhaft ausgesprochen, so wiederholentlich geaussert; wie weit die freudigen Kampfspiele jener Tage uber allen jetzigen gesellschaftlichen Vergnugungen standen, dass sie wunschte, ihrem Gemahle zu seinem Geburtstage, welcher herannahte, einen solchen Genuss verschaffen zu konnen. Die Lekture in Walter Scott gab ihr das Muster; eine Nachahmung des Turniers von Ashby de la Zouche, welches der schottische Barde so beredt geschildert hat, schien nicht unmoglich zu sein. Indessen ware es wohl bei dem Gedanken geblieben, wenn nicht der Zufall um diese Zeit jenen alten Bekannten des Hauses, den Domherrn, auf das Schloss gefuhrt hatte.
Kaum horte er von dem Vorhaben, als er sich niedersetzte, und aus dem Stegreife ein Programm verfasste, worin alle Momente des Ritterspiels enthalten waren. Randzeichnungen waren an schicklichen Orten hinzugefugt, altertumliche Spruchreime, fur den Mund der Herolde bestimmt, leiteten das Fest ein und fort. Als die Herzogin alles so zierlich auf dem Papiere stehn sah, schwand jeder Zweifel uber die Schwierigkeit der Ausfuhrung. Der Domherr erhielt die Erlaubnis, alle ebenburtige junge Edle, alle stiftsfahige Fraulein der Umgegend in ihrem Namen einzuladen, von welcher er den raschesten und ausgedehntesten Gebrauch machte.
Nun entstand auf samtlichen Landgutern und Rittersitzen, mehrere Meilen weit in die Runde, die lebhafteste Bewegung. Pferde wurden probiert. Fechtubungen angestellt, man versuchte, ob die vorlaufig mit einem Brette geschutzte Brust den Stoss der Lanzen, welche durch Stangen dargestellt wurden, aushielt. Man stoberte jeden Winkel nach irgendetwas Obsoletem durch; Fahnen wurden gestickt, Wappenschilder gemalt. Noch geschaftiger als die Manner waren die Damen. Es war angeordnet worden, dass niemand anders, als im Kostum erscheinen solle. Manches frische Gesicht, manche schlanke Gestalt freute sich auf den Spitzenkragen, auf das Kleid mit langem Schosse, auf die pauschigen Armel. Zofen und Nahterinnen hatten alle Hande voll zu tun, um all den Sammet, die Seide, die goldnen und silbernen Borten, die Federn, das Schmelzwerk zu bewaltigen. Im stillen teilten die Hubschen, eine jede sich selbst, die Rolle der Konigin der Minne und Schonheit zu, deren Ernennung nicht ausbleiben durfte, wenn das Fest seinen Charakter behalten sollte; was die Hasslichen betrifft, so beschlossen diese, die Wahl, wenn selbige auf sie fallen wurde, bescheiden abzulehnen.
Wahrend so in den Wohnungen derer, welche sich vollstandiger Ahnen ruhmen durften, nur Erwartung, Hoffnung und Freude herrschte, war bei einigen andern Gutsbesitzern bedeutend angestossen worden. Auch in diesen Gegenden hatte es im Strudel der Zeiten nicht fehlen konnen, dass ein Teil der Bodenflache auf Neugeadelte oder burgerlich Verbliebne uberging. Mehrere davon waren sogar, wenn man den Herzog ausnimmt, die vermogendsten Eigentumer des ganzen Bezirks. Die Herzogin hatte nach mildem verstandigem Frauensinne ein Auge zudrucken und auch diese zu ihrem Feste entbieten wollen, allein der Domherr erklarte mit grossem Ernste, das gehe durchaus nicht an. Er erzahlte ihr so viel von der Wappenprufung und andern bei einem Turniere vorkommenden Dingen, wobei die Darlegung eines vollstandigen Stammbaums notwendig ist, dass sie endlich, wiewohl ungern, seiner eigensinnigen Gewissenhaftigkeit nachgab. Naturlich erhob sich unter den Ausgeschlossnen grosser Verdruss. Einer derselben schlug vor, unter sich ein zweites Turnier zu geben, welches noch mehr Geld kosten musse, als das herzogliche; welcher Gedanke indessen, obgleich er ein echt deutscher war, von den ubrigen als lacherlich verworfen ward. Man fuhr jedoch fort, untereinander zu munkeln, und schon wollte verlauten, dass von dort etwas zu Spott und Schimpf ausgehn. werde.
Die Herzogin hatte dem Domherrn die Funktion des Waffenkonigs zugedacht, welcher bekanntlich in den alten Zeiten der Zeremonienmeister solcher Festlichkeiten war, von dessen Geschick und Einsicht das Gelingen derselben wesentlich abhing. Wie erschrak sie, als der charakterlose Mann, nachdem er den Aufruhr in Schloss, Stadt und Landschaft angestiftet, erklarte, er musse sich nun empfehlen. Sie hatte niemand, der seine Stelle vertreten konnte. Der Arzt war schon vermoge seiner Geschafte dazu unfahig, mit Wilhelmi hatte ein unangenehmer Vorfall stattgefunden. Sie war wirklich in grosser Verlegenheit; zumal da die Anstalten in der Wirklichkeit sich anders verhalten wollten, als auf dem Papiere.
Man hatte den jungen Edelleuten, welche nicht selbst fur altertumliche Waffen und Rustungen zu sorgen gewusst, den Vorrat des Schlosses angeboten. Die meisten machten hievon Gebrauch und so war denn eine betrachtliche Reiterschar eingetroffen, um nach Statur und Leibesumfang das Passende auszuwahlen und anzuprobieren.
Zweites Kapitel
Im Ahnensaale, den Bildnisse, Schenktische und Hirschgeweihe herkommlich schmuckten, warteten gegen zwanzig junge Edelleute, sehr vergnugt uber den bevorstehenden herrlichen Zeitvertreib. "Gott strafe mich!" rief einer, "es war ein vernunftiger Gedanke, auf so etwas zu verfallen. Man hat gar nichts mehr voraus, aber das konnen sie uns nicht nachmachen."
Nachdem die eintretende Herzogin mit grossem Gerausch verehrt worden war, und jeder seine Empfehlungen von Muttern und Schwestern ausgerichtet hatte, warf man sich jubelnd uber die herbeigebrachten Waffen her. Die Bedienten hatten eine ungeheure Last Eisenwerk im Saale umher aufgeschichtet, unter dem nun jeder nach dem, was ihm gemass sei, spurte. Man setzte Helme auf, legte Schienen an, suchte mit den Harnischen fertig zu werden. Die Bedienten halfen, so gut sie konnten, da aber die Ungeduld zu gross, oder das Gerate zu alt war, so riss vieles und zerbrach mehreres. Ja einige der schonsten Rustungen, die gleich den Leichen in manchen Gewolben nur noch zum Scheine zusammenhielten, fielen ganzlich auseinander, bei welchem unerwarteten Anblicke die Herzogin erschreckt und verstimmt den Saal verliess.
Etwa ein Dutzend Ritter kam indessen doch nach vielfaltigen Versuchen mit der Wehrhaftmachung zustande, freilich nicht ohne dieses und jenes Missverstandnis. Denn so behauptete einer hartnackig, die Beinschienen, welche bekanntlich zum Schutze des vordern Teils der Schenkel dienten, gehorten an die entgegengesetzte Stelle, um gewisse unangenehme Folgen heftigen Reitens zu verhuten, liess sich auch von seinem Irrtume nicht uberfuhren, sondern die Schienen verkehrterweise anschnallen; worauf ihn ein andrer mit derbem Scherze in einen Stuhl druckte und fragte: ob er denn nun so sitzen konne? was er freilich leugnen musste.
Die Fertiggewordnen schwankten, von der ungewohnten Wucht bedruckt, vor die grossen Wandspiegel, und brachen bei ihrem Anblicke in ein schallendes Gelachter aus. Und wirklich waren diese wankenden dustern, verrosteten Gestalten eher scheusslich als lieblich anzusehn.
Der Arzt, welcher zuruckgeblieben war, um den Wirt zu machen, lud die Gesellschaft jetzt zu dem unterdessen aufgetragnen Gabelfruhstuck ein. Man war so vergnugt uber die Maskerade, man fuhlte sich so gross in dieser Hulle der Altvater, dass die meisten sich in Wehr und Waffen zu Tisch setzten. Die Speisen waren vortrefflich, die Esslust der jungen Leute war es nicht minder. Man schmauste tapfer und zechte weidlich dazu. Die Hitze, welche unter den Rustungen sich entwickelte, trug dazu bei, dass der Wein noch eher, als sonst wohl geschehen ware, den Trinkenden zu Kopfe stieg; bald entstand ein Gesprach, in dem keiner mehr sein eignes Wort vernahm. Die Bedienten, welche nicht frische Flaschen genug herbeischaffen konnten, schuttelten, an das gemessne Wesen der Herrschaft gewohnt, uber diesen erstaunlichen Larmen die Kopfe, der alte Erich murrte ganz laut, und belferte seine biblischen Spruche daher. Zufalligerweise hatte sich eine Musikbande im Hofe des Schlosses eingeschlichen, welche, angelockt von dem Gerausch, durch Gange und Vorsale drang, und von niemand bemerkt, mit stimmenden Instrumenten in den Saal trat. Sogleich verlangten die Trunknen etwas Lustiges aufgespielt, worauf die Musikanten, welche nichts Besseres hatten, die Marseillaise zum besten gaben. Niemand fand an dieser Wahl Anstoss, denn es war eine vollige Vergessenheit der Zeiten eingetreten; die ganze gerustete Schar hupfte, walzte, oder marschierte nach diesen neusten aufruhrerischen Tonen munter im Saale umher, dass die Fenster erklirrten.
Der Herzog, welcher von einem Ritte uber Land heimkam, hielt im Hofe still und fragte jemand, der ihm begegnete, mit strengem Tone nach der Ursache des Larmens. Der Mensch glaubte, nichts verraten zu durfen, und zuckte die Achseln, indem er nur einen Blick nach den Fenstern der Herzogin warf. Der Herzog besann sich und sagte: "Das ist ja aber, als ob Hasper a Spada, Bromser von Rudesheim und Bomsen vereint dem Grabe entstiegen waren. Ich merke, das deutsche Rittertum ist von starkem Getose nicht zu trennen."
Der Arzt hatte sich, sobald er gekonnt, von der lauten Gesellschaft getrennt, und in der Eile einige halbversaumte Patienten besucht. Die Beratungen, zu denen er notgedrungen sich hergeben musste, die Verrichtungen, welche ihm fur das Fest aufgetragen wurden, raubten, ihm zu seinem Verdrusse Zeit, ein Gut, mit welchem er sehr haushalterisch umging. Vor allem aber hatten die Worte, zu denen er durch sein Alleinsein mit der Herzogin hingerissen worden war, ihn in die ubelste Stimmung versetzt. Er gefiel sich nur in der verschlossnen Kalte, welche er als das ihm geeignete Element sich zubereitet hatte, und war ausser Fassung, wenn er befurchten musste, das Gefuhl, welches ihm als Menschen denn doch auch geblieben war, aus seinem Versteck entlassen zu haben. In solchem Unmute war er immer zu harter sarkastischer Laune, willkurlicher Behandlung anderer aufgelegt.
Er nahm nach vollbrachtem Geschafte ein Buch zur Hand, aber das Lesen wollte nicht gelingen. Er ging durch den Park, und hatte schon vor, da niemand sich zeigte, an dem er den Zorn auslassen konnte, Wilhelmi in seinem Exile zu besuchen, als die Alte, zu welcher er Flammchen gebracht, ihm in den Weg trat. Sie verbeugte sich, kreuzte die Arme uber der Brust, und streckte schweigend die flache Hand aus.
Der Arzt verstand diese Gebarde, reichte ihr Geld, und sagte: "Ich meinte, Ihr hattet langer mit dem auskommen mussen, was ich Euch neulich gegeben hatte."
"Es ware auch geschehen, wenn das Flammchen nicht so viele Schuhe durchtanzte", versetzte die Alte.
"Wie soll ich das verstehn?" fragte der Arzt.
"Es lasst sich nicht erzahlen, man muss es sehn", antwortete die Alte. "Wir haben Mondlicht, da treibt sie es."
Er fragte sie, wie sie sich vertrugen. Die Alte erwiderte: "Sehr gut. Es ware mein Tod, wenn das Kind wieder von mir genommen wurde. Sie legt mir die Krauter aus, das fehlte mir noch, nun bin ich ganz zufrieden."
Er tat noch allerhand Kreuz- und Querfragen, und brachte dadurch heraus, dass Flammchen, nachdem sie zu der Alten gekommen, in einen Zustand von Exaltation verfallen war, welcher besonders in der Zeit des Mondlichts sich offenbaren sollte. Was er hieruber erfuhr, dunkte ihn merkwurdig, und er versprach der Alten einen baldigen Besuch.
Kaum hatte sie ihn verlassen, als der Domherr reisefertig zu ihm trat. "Wo stecken Sie, Doktor? Ich wollte Ihnen Lebewohl sagen", rief er, und umarmte lebhaft den Arzt.
"Warum eilen Sie so, fortzukommen?" fragte dieser. "Sie konnten unsrer Herzogin manche Verlegenheit abnehmen, wenn Sie blieben. Ich habe den Auftrag, Sie dringend darum zu bitten."
"Es ist mir wahrhaftig nicht moglich", versetzte der andre. "Ihr Kinder wisst nicht, was fur Geschafte auf mir lasten."
"O ja, Kanarienvogel zu futtern, Kupferstiche durcheinander zu werfen, Hunde abzurichten, und dergleichen wichtige Dinge mehr."
Auf der Landstrasse, welche am Park vorbeifuhrte, kam in dem Augenblicke der Zug der heimreitenden jungen Edelleute durch. Sie sangen, sassen ziemlich unordentlich zu Pferde; einige hatten in der Abwesenheit ihrer Sinne die Helme auf dem Haupte behalten.
"Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben", sagte der Arzt. "Es ware Ihre Pflicht, was Sie uns einbrockten, auch mit uns zu verzehren. Indessen reisen Sie nur, wenn Sie sich durchaus eine Krankheit in der Abendkuhle holen wollen."
Auf dieses Wort wurde der Domherr stutzig und fragte nach dessen Bedeutung. Der Arzt erzahlte ihm hierauf eine Geschichte von den jetzt herrschenden bosartigen Wechselfiebern, welche so allgemein vorkamen, dass man sie fast eine Epidemie nennen konne, und welche durch die kleinste Erkaltung herbeigefuhrt wurden. Der Domherr ersuchte den Arzt angstlich, ihm nach dem Pulse zu fuhlen, welchen dieser in der Tat schon fieberhaft erregt fand. Hierauf liess der Domherr eiligst abspannen, begab sich nach seinem Zimmer und erwartete dort unruhig den Arzt, der ihm noch einen Besuch zugesagt hatte.
Dieser verfehlte nicht, sich einzustellen, weil er einen absonderlichen Plan mit ihm durchsetzen wollte. Das Gesprach, welches er auf geschickte Weise einzuleiten wusste, und welches sich bis tief in die Nacht ausdehnte, fuhrte zu dem allerwunderlichsten Ergebnisse. Um letzteres wahrscheinlich zu machen, mussen wir einiges uber die Personlichkeit des fremden Gastes beibringen.
Drittes Kapitel
Der Domherr, aus alter Familie als jungerer Sohn entsprossen, war fruhzeitig in eine eintragliche Pfrunde eingekauft worden, und, durch verschiedne unerwartete Todesfalle begunstigt, zur Hebung gediehn, sobald er nur das kanonische Alter erreicht hatte. Ohne Beschaftigung, ja selbst ohne die Sorge fur die Erhaltung eines Vermogens, genoss er reichlicher Einkunfte, welche ihm keine anderen Pflichten auferlegten, als seine Residenz an dem Orte des Kapitels zu halten, und die kirchlichen Stunden innezuhalten, welche in diesem Stifte, ohne bedeutenden Verlust an Gelde, nicht durch Vikarien abgestattet werden durften.
Sein lebhafter und neugieriger Geist trieb ihn, die Langeweile eines solchen Zustandes dadurch zu versussen, dass er das Verschiedenartigste nacheinander las und vornahm. Da er indessen zu wenig Ruhe besass, und ein aussrer Zwang, welcher vielleicht allein imstande ist, lockeren Naturen Halt zu geben, hier mangelte, so beruhrte er von allem nur die Oberflache, erwarb zwar durch leichte Fassungsgabe und gutes Gedachtnis mannigfaltige Kenntnisse, denen es aber an einer Wurzel in der Seele vollig gebrach. So entstand denn in ihm ein wahres Chaos von unzusammenhangenden Meinungen, und einander aufhebenden Maximen. Ein Spotter hatte ihn einst den lebendig gewordnen Vordersatz ohne Nachsatz genannt. Dagegen galt er wieder bei vielen andern fur einen reichen Geist, ja fur ein Genie.
Am ubelsten stand es mit seinem Verhaltnisse zu den ubersinnlichen Dingen. Der Katholizismus seiner Jugend war ihm nichts als das lastigste Formenwesen geworden; die dumpfen Chorale, welche er spaterhin als Pfrundner in seinem holzgeschnitzten Stuhle taglich geduldig mitsingen musste, dienten auch nicht dazu, die Liebe zu dem angestammten Glaubensbekenntnisse zu steigern. Er hatte sich bei Voltaire und Holbach Rats erholt, und eine Zeitlang mit grosser Dreistigkeit die Satze versponnen, welche in dieser Schule zu gewinnen sind.
Als er aber uber das vierzigste Jahr hinaus war, und, er wusste selbst nicht wie? immerfort auf den Gedanken kam, dass er nicht mehr so lange leben werde, als er gelebt habe, ergriff ihn eine grosse Unruhe, die bald zur ausschweifendsten Todesfurcht wurde. Dass damit eine angstliche Sorge fur seine Gesundheit sich verband, ist naturlich, allein was half diese? Endlich mussen wir ja doch sterben. Er fasste daher mit leidenschaftlicher Begierde nach dem Dogma von der Unsterblichkeit der Seele, welches er aber nur physikalisch oder magisch sich anzueignen wusste. Er las Swedenborg, Paracelsus, vertiefte sich in kabbalistische Phantasien, und suchte sich dadurch die Himmelsleiter zu zimmern. Nach der nachsten und einfachsten Quelle empfand er keinen Durst; vielmehr ausserte er einst mit grosser Naivetat gegen einen vertrauten Bekannten, dass ihm an dem Dasein Gottes im Grunde wenig liege, wenn er nur das ewige Leben bekomme.
Geistlicher Zuspruch war ihm von seiner Jugend her verhasst geblieben. Als daher der bekehrte Priester, dessen wir uns erinnern, ihm bei seinem Eintreffen im Schlosse nahen wollte, weil er an dem Gaste so etwas Schadhaftes witterte, wies ihn dieser mit entschiedner Geringschatzung zuruck. Dagegen wandte er sich lebhaft dem Arzte zu, den der Fremde belustigte. Jener nahm ein geheimnisvolles Wesen gegen den Domherrn an, und hatte sich bald in eine solche Achtung bei ihm gesetzt, dass selbst die tollen Scherze, zu welchen ihn der Anblick des narrischen Mannes bisweilen hinriss, von diesem fur verhullte hierophantische Weisheit erachtet wurden. Sein ganzer gegenwartiger Zustand war eine Kette von Zerstreuungen. Die Umwalzungen der Zeit hatten ihn seiner geistlichen Pflichten entbunden, ohne ihm die Prabende zu nehmen. Eine Erbschaft war ihm zugefallen, so dass er fur reich gelten konnte. In der Nahe der grossen Stadt hatte er sich das Landhaus erbaut, von dessen widersinniger Einrichtung der Arzt der Herzogin erzahlte.
An jenem Abende nun versuchte zwar der Arzt zuvorderst den Domherrn uber seine Gesundheitsumstande zu trosten, liess jedoch ein entscheidendes Wort uber die Lebensdauer gewisser Konstitutionen fallen, wobei er ihn bedenklich ansah. Dieser Blick konnte den andern wenig vergnugen, und seine Stimmung wurde nicht gebessert, als der Arzt ein treffendes Bild der Auflosung entwarf, worin deren einzelne Erscheinungen und Stadien mit schauderhafter Lebendigkeit hervortraten, so dass man froh sein musste, wenn dieses widerliche Garen endlich in lauter grauem Staube sich beruhigte.
Der Domherr ging im Zimmer auf und nieder und sagte: "Possen! Wer an Fortdauer glaubt, lasst sich durch dergleichen nicht schrecken."
Der Arzt versetzte hierauf, dass der Glaube und die Wissenschaft allerdings zwei gesonderte Gebiete beherrschten, wovon nur das eine den Vorzug habe, dass man wisse, wo es liege, wahrend dies von dem andern sich nicht so ganz behaupten lasse. Er wollte hierauf das Gesprach abbrechen, und sich entfernen, womit aber dem Domherrn durchaus nicht gedient war. Dieser hielt ihn vielmehr mit schlecht verhullter Angstlichkeit zuruck, und rief: "Ihr seid Materialist, Doktor, ich weiss das, aber ein innerstes Gefuhl sagt dem Menschen, dass seine Seele etwas Grundverschiednes sei von dem Zucken der Muskeln und dem Umlaufe des Bluts. Sprecht Eure Zweifel nur aus; es ist mir nichts unertraglicher, als dieses Halten hinter dem Berge."
"Man hat", sagte der Arzt, "auch lange von den vier Elementen gesprochen, und nun wissen wir denn doch, dass diese fur Grundstoffe gehaltnen Dinge aus verschiednen andern bestehn, welche erst zusammengefugt das bilden, was wir Erde, Wasser, Luft und Feuer nennen. Und wer weiss, wie weit die Chemie die Scheidung noch treiben kann! Hievon die Anwendung auf die menschliche Seele zu machen, scheint mir leicht. Zum Beweise ihrer ewigen Dauer ist viel von ihrer Einfachheit gesprochen worden. Dabei wurde nur vergessen, dass derselbe Mensch unter verschiednen Umstanden oft als ein ganz andrer erscheint, dass Grundsatze, Meinungen und Uberzeugungen in demselben Individuo einander widersprechen, und dass daher in dem Dinge, welchem wir so gern eine vornehme Selbstandigkeit beilegen mochten, manche gar nicht so notwendig zueinander gehorende Potenzen wirksam sind, die ja auch die empirische Psychologie langst aufgezahlt und nachgewiesen hat."
"Also sollte sich die Seele bei dem Tode gewissermassen in Verstand, Vernunft und Urteilskraft zerlegen?" fragte der Domherr, froh, seinen Gegner zum Absurden gefuhrt zu haben.
Der Arzt versetzte: "Wie die Auflosung des Seelischen vonstatten gehe, weiss ich nicht, ich habe es hier nur mit einem Irrtume zu tun. Sind Sie derselbe noch, der Sie als Kind und Jungling waren? Entschwanden nicht ganze Regionen von Erinnrungen und Empfindungen aus Ihrem Geiste? Wechselten nicht Liebe und Neigung in Ihnen? Wollen Sie noch, was Sie wollten? Konnen Sie einen einzigen Moment in sich nachweisen, wo Ihre Seele anders als zeitlich, raumlich, hinfallig, leiblich dachte und fuhlte? Welchen Teil, welche Stufe dieses Etwas wollen Sie also fur jene Ewigkeit retten? Denn Sie werden immer etwas aufgeben mussen, entweder die Vernunft, wenn Sie das, was im Herzen klopfte, oder das Gemut, wenn Sie das, was im Haupte leuchtete, erhalten wunschen.
Will das nun irgend jemand? Gewiss nicht. Vielmehr ist es ja grade das Verlangen, sich in seiner Totalitat zu bewahren, was man die Sehnsucht nach dem Jenseits genannt hat, auf welche Sehnsucht denn wieder einer der sogenannten Beweise gebaut worden ist. Weil es einen Hunger gibt, so gibt es eine Speise, weil wir Durst fuhlen, so muss Getrank vorhanden sein. Also, weil wir jene Sehnsucht fuhlen, so wird der Gegenstand ihrer Befriedigung nicht ausbleiben. So weit bin ich einverstanden. Nur, was der Gegenstand sei, daruber herrscht eine Tauschung.
Man hat auch von Nektar und Ambrosia gesprochen, und gewiss hat mancher nach dieser Gotterspeise, wie Tantalus, ein Gelusten empfunden; gleichwohl, hat sie jemand gekostet? Musste nicht jeder sich mit gemeiner menschlicher Kost begnugen? Und so ist es mit dem Unsterblichkeitsglauben. Ein lugenhaftes, schwarmendes Etwas in uns verlangt nach Nektar und Ambrosia, wahrend die wahre, innige und viel trostlichere Befriedigung uberall uns nahegestellt worden ist, ohne dass unsre bloden Sinne sie wahrnehmen."
"Und die ware?" fragte der Domherr.
"Das gegenwartige, irdische Leben selbst", versetzte der Arzt. "Auch ich sage in meinem Sinne: Der Mensch ist ewiger Dauer. Aber ich setze hinzu: Der Himmel ist auf Erden, und mit dem Tode ist es nicht aus, sondern es beginnt aufs neue. Wie Feuer von oben ergreift das Psychische den Ton, bildet und wirkt ihn aus, und wenn es ihn abgenutzt hat, sucht es sich frischen Stoff. Wir sind alle Revenants, und dieser Erscheinung der Geister oder des Geistes ist kein Ziel der Zeit gesetzt."
"Das ist eine schlechte Fortdauer", seufzte der Domherr. "Was hilft es mir, zu vermuten, ich habe schon irgendwo einmal gesteckt, wenn ich nicht weiss, wo und in welcher Haut ich steckte."
"Und wenn nun jene Vermutung sich bis zur klarsten Anschauung steigern liesse? Im ahnenden Vortraume ist letztre schon gesetzt, er heisst Geschichte. Diese in allen so lebendig zu machen, dass jeder sich auf Jahrtausende zuruck wiederfinden kann, ist eigentlich die geheimnisvoll-verhullte Aufgabe der Gegenwart. Wir reifen einer Periode entgegen, worin die Menschen ebensosehr Burger der Vergangenheit sein werden, als sie eine Zeitlang in der durch das Christentum angewiesenen Richtung Anwarter der Zukunft waren. Das ist der heilig zuckende Wille des Weltgeistes unter der Decke der politischen Bestrebungen unsrer Zeit, welche eben dieses, von ihrer bewussten Absicht ganz verschiedne Resultat hervorzubringen bestimmt sind. Hin und wieder ist dieser Unsterblichkeitsglaube, oder vielmehr dieses Wissen schon vorhanden; es gibt Vorboten der neuen Epoche. So glaube ich von mir sagen zu konnen, dass ich mit Bestimmtheit sehe, wo ich da und dort schon aufgetaucht bin."
"Ist es moglich?" rief der Domherr. "Entdecken Sie mir ..."
"Diese Kunde gehort nur mir", erwiderte der Arzt. "Allein ich glaube, dass jeder nicht ganz Verwahrlosete sie in sich erzeugen konnte."
"Und wie?"
"Man kommt zu Mysterien bekanntlich erst nach vielen Vorbereitungen. Auch wird nur der eine hohere Seelenerfahrung recht besitzen, der sie selbsttatig sich hervorbringt. Um aber auf Ihre Angst und Not, die ich mit Bedauern wahrnehme, zuruckzukommen; es gibt ein sehr einfaches Mittel, sie zu heben, Sie von aller Unruhe uber die Dinge jenseits des Grabes zu heilen, und Ihnen dieses so zu zeigen, wie es ist, namlich als einen unschuldigen, harmlosen Hugel Erde."
"Nun? dieses Mittel?"
"Heiraten Sie und zeugen Sie einen Sohn. Wenn wir uns einigermassen an die Natur halten wollen und das ist wohl in jedem Falle das Sicherste so mussen wir erkennen, dass mit jener wunderbaren Funktion, worin der ganze Mensch zu einer belebenden Flamme auflodert, auch der ganze Mensch im naturlichen und im hoheren Sinne fortgesetzt wird. Nur eine verdorbne Phantasie hat um sie ihr lusternes Unkraut gewoben, sie ist fur den wahren Priester des Universums etwas so Ernstes und Schweres wie die Bewegung der Himmelskorper, die Reise des Lichts, der Drang der Voltaischen Saule. Hier ist uns auf die liebreichste Weise das Mittel in die Hand gegeben, alle kranken Schrecken abzuschutteln, und ich habe immer die Weisheit der alten Indier bewundert, welche aus dem Geschafte, zu welchem ich Sie aufmuntern mochte, einen Punkt ihrer Pflichtenlehre machten. Meine Beobachtungen lehrten mich auch fast immer, dass Personen, welche die Zeit nach ihnen verkorpert vor sich sahn, aufhorten, dieselbe zu furchten, und die wenigen Ausnahmen befestigten mir eben die Regel. Es ist keine Redensart, es ist eine Wahrheit, dass die Eltern in den Kindern fortleben. So aber geht es; der Mensch sucht uber den Sternen, was zu seinen Fussen liegt, wie die Spanier nach dem fernen Eldorado fuhren und in den Wildnissen verhungerten, wahrend sie mit treuer Arbeit zu Hause sich hatten nahren und auch des so heiss ersehnten Goldes ein bescheidnes Teil gewinnen konnen."
Viertes Kapitel
Am folgenden Morgen besuchte der Domherr den Arzt ganz fruh, und eroffnete ihm, dass er sich verheiraten werde, da er auf Erlassung der Zolibatspflicht seitens der Staatsbehorde sicher rechnen konne. Der Arzt bezeigte sich daruber nicht im mindesten erstaunt, sondern fragte ihn trocken: "Wen?" Worauf der Domherr versetzte: er wisse es noch nicht, da es ihm aber an Bekanntschaft unter den Damen des Landes nicht mangle, so werde er leicht eine angemessne Partie ermitteln, zu welchem Ende er gegenwartig aufbrechen wolle.
"Dieser Plan ist ein ungluckseliger zu nennen", sagte der Arzt. "In Ihren Jahren haben sich Gewohnheiten und Verwohnungen so festgesetzt, dass ein zweites, freies und selbstandiges Wesen nicht mehr in diesen Bann sich finden kann, und die Sache notwendig mit Scheidung oder vollendeter Herrschaft des Pantoffels schliessen muss." Er erzahlte ihm aus dem Stegreife einige Geschichten von verspateten Heiraten, die wirklich ein betrubtes Ende genommen hatten, so dass der andre ganz nachdenklich wurde, und mit trauriger Miene sagte: "Aber heiraten will ich und muss ich, denn, was Ihr gestern abend zuletzt sagtet, Doktor, das hat Grund, und es ist mir uber Nacht schon die Bestatigung geworden. Ich konnte nicht schlafen, versenkte mich in Eure Unsterblichkeitstheorie, und auf einmal, nicht traumend, sondern wie gesagt, hellwachend im Bezirke jener Gedanken und Gefuhle, die Ihr in mir aufgeregt hattet, empfand ich etwas, was mir die unumstosslichste Wahrheit Eurer Behauptungen erwies. Plotzlich war ich namlich nicht mehr ich selbst, der Domherr aus dem neunzehnten Jahrhundert, sondern mein Urgrossvater, der General in venezianischen Diensten. Ich hielt um die Hand meiner Urgrossmutter an, ich druckte mich in dem damals ublichen Kauderwelsch von Deutsch und Franzosisch aus, und, Ihr mogt mir's glauben oder nicht, ich habe den roten Plusch mit silbernen Litzen, den er zu tragen pflegte, deutlich auf meinem Leibe gefuhlt."
"Lieber", sagte der Arzt mit unglaubigem Gesichte, "transzendentale Dinge so ins Einzelne verfolgen, fuhrt nur zu Phantastereien."
"Ich weiss wohl, dass Ihr gleich wieder skeptisch werdet, wenn Ihr etwas behauptet habt", versetzte der Domherr. "Aber ich lasse mich dadurch nicht irrefuhren. Den Verjungungstrank, von dem Ihr neulich spracht, und den Ihr jetzt ableugnet, muss ich auch noch von Euch herausholen. Kurz, seht mich an: Bin ich mein Urgrossvater oder bin ich es nicht?"
"Domherr", sagte der Arzt, welcher sich wahrend dieses Gesprachs vor seinem Gaste unbefangen ankleidete, "Ihr seid ein grosser Narr."
"Ihr konnt mich gar nicht beleidigen!" rief der Domherr. "Heimfuhren wollt Ihr mich, wie man den Bauer nach Hause schickt; aber es wird Euch nicht gelingen. So gewiss ich in mir die Tatsache erlebt habe, dass der Urgrossvater in mir wirklich fortbesteht, so gewiss werde ich in einem Sohne fortdauern, den ich daher fest entschlossen bin, zu erzeugen. Was soll nun dieses Abschweifen, dieses Ironisieren? Gestern waren wir ja ganz einverstanden; geht doch ehrlich mit mir um."
"Kann man sich denn auf Sie verlassen?" erwiderte der Arzt, indem er begann, sich zu rasieren. "Muss man nicht immer besorgen, dass Sie umschlagen, sobald man glaubt, Sie bei einem Punkte fest zu haben. Seit mehreren Tagen trage ich mich mit einer Idee, Ihre Unsterblichkeit festzustellen, doch, was hilft das? Sie werden nach Ihrem Kopfe heiraten, hochst unglucklich, vielleicht ein Hahnrei werden, und ohne Ihren Zweck zu erreichen, fruh ins Grab sinken."
Der Domherr drang hierauf angelegentlichst in den Arzt, ihm seine Idee zu eroffnen. Dieser liess sich lange bitten, endlich sagte er ihm, dass Heiraten altlicher Manner nur dann zum Heile fuhren konnten, wenn der Gatte die Gattin sich erzoge. Er konne ihm ein schones durch allerhand Ungluck hulflos gewordenes Kind aus guter Familie zuweisen, welches gewiss das Erziehungswerk verlohnen, und mit der Zeit die allein fur ihn passende Frau abgeben werde.
Als der Domherr nun heftig verlangte, mit diesem Kinde bekanntgemacht zu werden, verwies ihn der Arzt zur Geduld und sagte, er musse zuerst sich uberzeugen, dass er die arme Verlassne ihm auch sicher anvertrauen konne. Durch seine Reden schimmerte so etwas von furstlicher Abkunft, wodurch die Einbildungskraft des Domherrn in Feuer und Flammen gesetzt wurde.
Ihr Gesprach wurde durch einen Bedienten unterbrochen, welcher die Meldung machte, dass Waffenschmiede und andre Handwerker angekommen seien, die notigen Zurustungen zum Turnier ins Werk zu richten. Der Arzt erklarte nun dem Domherrn rundheraus, dass er zuerst das Kampfspiel in Gang bringen helfen musse, ehe an weitre Unterhandlung uber den bewussten Gegenstand zu denken sei. Dieser fugte sich in die Bedingung und ging mit erneuter Tatigkeit an die halbvergessnen Arbeiten. Nun wurden im Ahnensaale rustige Schmiede und gewandte Polierer beschaftigt, die Rustungen zu ordnen, auszubessern und zu putzen, so dass in kurzem alles ein blankes Ansehn gewann. Wo etwas fehlte, wo einem Schwerte, einem Schilde durch leichte Vergoldung nachzuhelfen war, liess der geschaftige Mann gleich das Notige besorgen, und da er viel Geschmack besass, die Kosten nicht schonte, und geschickte Werkmeister unter sich hatte, so konnte er der Herzogin bald eine Sammlung der spiegelhellsten Schutz- und Trutzwaffen vorweisen.
Auf einem grunen Platze hinter dem Park, von dem ein gewundner Weg zu der Anhohe fuhrte, auf welcher der Geistliche Hermann versucht hatte, sollte das Turnier gehalten werden. Der Domherr liess den Rasen abstechen, Sand anfahren, Schranken und Tribunen aufrichten. Mit Hulfe reichlicher Trinkgelder erhoben sich, zum Erstaunen schnell, zierliche gotische Geruste, die auf leichten Pfeilern um den reinlichen Plan liefen. Im Innern des Schlosses beschaftigte er funf fleissige Tapezierer, welche die Fahnen, Behange, Festons und Pavillone so rasch lieferten, dass man berechnen konnte, mit allen Vorbereitungen wenigstens acht Tage vor dem Geburtsfeste des Herzogs, welches in die Mitte des Junius fiel, fertig zu werden.
Unter dem Hammern, Klopfen und Nieten, wovon das Gerausch durch das ganze Schloss schallte, drangen eine Menge Hausierer und Juden ein, welche immer, wie durch Instinkt geleitet, merken, wo es etwas zu handeln geben mochte, Seiltanzer und Taschenspieler meldeten sich, um bei dem ritterlichen Spiele ihre Kunste zu zeigen, ein zudringlicher Mensch, der eine kleine Menagerie umherfuhrte, hatte nur mit Muhe abgewiesen werden konnen. Der Zulauf so vieler fremder Gesichter verursachte einige Hausdiebstahle, welche, obgleich sie unbedeutend waren, der Herzogin die trubsten Stunden machten.
Indessen wusste sie sich gegen den weiblichen Besuch, der ihr jetzt fast taglich aus der Nachbarschaft zuteil ward, auf das beste zusammenzunehmen. Diese Damen, welche entweder ihre eigne Sache, oder die ihrer Tochter fuhrten, hatten gern erfahren, wer zur Konigin der Minne und Schonheit bestimmt worden sei? und jede schopfte aus den freundlichen Mienen und gefalligen Worten der liebenswurdigen Festgeberin beim Abschiede die schonsten Hoffnungen.
Wahrend nun der Domherr mit Freigebigkeit jedes Hindernis bezwang, die teuersten Rechnungen genehmigte und doppelten Taglohn anwies, warf die Herzogin immer angstlichere Blicke auf ihre Nadelgelder, mit welchen sie sehr haushalterisch umzugehn gewohnt war, und die unmoglich fur diesen Aufwand zureichen konnten. Kaum bemerkte der Herzog, welcher sonst fur alles jetzt taub und blind zu sein schien, an seiner Gemahlin eine Verlegenheit, als er, die Ursache ahnend, dem Arzte eine bedeutende Summe einhandigen liess, mit der Weisung, dafur Sorge zu tragen, dass samtliche Rechnungen bis zur Halfte gekurzt, seiner Gemahlin vorgelegt wurden.
Der Domherr las in den Abendstunden, wann seine Geschafte zu Ende waren, viel in Memoiren einer gewissen Gattung, von denen der Vater des Herzogs eine starke Sammlung in der Bibliothek hatte aufstellen lassen. Seine Vermutungen, welcher erlauchten Familie Sprossling ihm anvertraut werden solle, schweiften wild umher. Er suchte bei den Orleans, bei italienischen und russischen Geschlechtern. Endlich fand er es so reizend, ein Kind aus dem bekanntlich nie ganz erloschnen Stamme der Komnenen zu seiner Gattin zu erziehn, dass der Gedanke sich in ihm festsetzte, Flammchen musse daher ruhren. Denn den Namen hatte ihm der Arzt vertraut, der sonst unerbittlich blieb, und erst nach dem Turnier ihn zu dem Madchen fuhren wollte.
Dieser schrieb indessen in seinem Denkbuche allerhand Bemerkungen nieder, von denen wir einige hier mitteilen.
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"Was ist ein Menschenleben? Ein Nichts. Jedes Ereignis, welches in der Geschichte Front macht, fahrt gleichgultig uber deren tausend hin, die alle in unsern Augen ebenso kostbar und wichtig erscheinen mussen, als das einzelne, womit wir uns im Zustande des sogenannten Friedens angstlich zu schaffen machen. Unter allen Wahrheiten ist die wahrste, dass kein Mensch unentbehrlich ist. Der Arzt stellt sich an, als sei er vom Gegenteil uberzeugt."
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"Man wird es mude, Blut und Fleisch, Nerven und Eingeweide zu untersuchen. Was wir von diesen Dingen wissen konnen, wissen wir so ziemlich, und ich fur meine Person teile wenigstens den Eifer meiner Kollegen nicht, zu dem aufgeschichteten Haufen der Tatsachelchen noch das und jenes Sandkornchen zu fugen. Die einzige interessante Substanz bleibt fur mich noch die menschliche Seele."
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"Da galte es nun, Experimente anzustellen, zu analysieren, zu verbinden. Wie man Blut und andre Flussigkeiten des Korpers auf den geeigneten Mitteln pruft, so musste man ein gleiches Verfahren mit den Geistern anstellen, um zu sehen, in welche Bestandteile sie sich zersetzen lassen, was an ihnen wandelbar und was dagegen unbezwinglich erscheint. Freilich verbietet die Moral den Gebrauch der Agenzien und Reagenzien, welche in dieser Sphare allein wirksam sein mochten. Allein, wie uns niemand daruber Vorwurfe macht, wenn wir, um zu einem wichtigen wissenschaftlichen Aufschlusse zu gelangen, den Schmerz der Tiere nicht achten, so gibt es ja auch wohl unter den Menschen Exemplare, mit denen man allenfalls sich erlauben durfte, Versuche zu machen."
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"Und dann habe ich bei den Dingen, die mir jetzt durch den Kopf gehn, doch immer eine gute Absicht: Abweichungen im Psychischen wieder auf die Linie der Natur zuruckzufuhren. Wer kann mich also tadeln?"
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"Was ich von dem Madchen hore, lege ich mir als Arzt leicht aus. Dennoch bleibt darin etwas Mystisches. Tanz? Wer hat seine Bedeutung schon ergrundet? Religiose Tanze. Tanz der Schamanen."
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"Wenn ich den alten Wilhelmi um eine Lappalie verbannt und trauernd sehe, wenn ich den Larmen um nichts hier im Schlosse hore, wenn ich daran denke, wie der Herzog, ohne Kinder, spart, um nur das Fideikommiss zu vergrossern, welches einmal Gott weiss wem? zustatten kommt, wenn ich den Kramer von der einen und den Pfaffen von der andern Seite lauern sehe, so ist es mir, als musse uber kurz oder lang etwas Fremdes, Unerwartetes hereinbrechen, wovon jetzt keiner einen Begriff hat."
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"Was hat uns denn nur zusammengeblasen und was halt uns noch beieinander?"
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"Es ist mit den Hausern, den Familien, den Freundschaften zu Ende, man sieht es klar."
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"Wenn ich nur der verruchten Liebe quitt werden konnte! Dass eine weisse Haut, eine kleine Hand, eine Iris von der und der Farbe, ein seidnes Kleid und ein gesticktes Taschentuch einen vernunftigen Menschen aus der Fassung bringen! Und es ist keine Sinnlichkeit dabei; das ist das schlimmste."
Funftes Kapitel
Der Arzt, welcher von Zeit zu Zeit einsame Spazierritte nach Flammchens Verstecke machte, um sich uber ihren Zustand aufzuklaren, hatte es dem beharrlichen Andringen des Domherrn endlich doch nicht versagen konnen, sie wenigstens ihm zu zeigen. Vorher musste aber der launische Mann eine Verschreibung ausstellen, wodurch er sich anheischig machte, eine bedeutende Summe einzubussen, wenn er das Madchen zu sich nahme, und sie dann auf das Geratewohl wieder entliesse. Dieses Papier unterschrieb er ohne Zaudern, denn er glaubte fest an die Bestandigkeit seiner Entschlusse, obgleich er, wie wir wissen, darin taglich wechselte.
Es war zu Ausgang Mais, und ein wunderschoner Mondabend. Der Arzt hatte vorgeschlagen, zu reiten, jedoch bei seinem Freunde kein Gehor gefunden, welcher die Gefahr der Erkaltung vorschutzte und anspannen liess. Jener wunderte sich, dass verschiedne Sachen, die man auf dieser kurzen Fahrt nicht gebrauchte, in den Wagen getragen wurden.
Man konnte mit dem Wagen nur bis zu einer gewissen Entfernung von der Hutte der Alten vordringen, und hatte noch eine starke Viertelstunde zu gehn. Der Domherr sagte dem Kutscher etwas ins Ohr, und machte sich dann mit dem Arzte auf den Weg. Dieser erzahlte seinem Begleiter, um ihn auf den Anblick, der seiner wartete, vorzubereiten, was er von der Alten gehort hatte. Das Madchen war nach dem ersten Erstaunen uber das Wiederfinden ihrer Zigeunerin in einen sonderbaren Zustand verfallen. In der Einsamkeit zwischen Waldeichen, Klippen und Bachwellen machte sie gewissermassen zum ersten Male die Bekanntschaft der Natur, und der Eindruck, den diese Gewaltige auf einen halbreifen Geist, der, wie der Arzt sich ausdruckte, eigentlich nur Phantasie war, hervorbrachte, war sehr stark. Sie ging, wie eine Traumende umher, fuhrte Gesprache mit den Baumen und Steinen, und war dann oft wieder wie erstarrt. Gleichzeitig traten bei ihr gewisse korperliche Erscheinungen ein, die sie sehr angreifen mussten, denn sie begann an Konvulsionen zu leiden, welche die Alte besorgt machten, dass daraus eine Art von Veitstanz entstande. Letztre verschwieg indessen ihrem Beschutzer alles dieses, weil sie befurchtete, er mochte ihr das Kind wegnehmen, zu welchem sie, nachdem sie ihm einmal tief in die Augen geschaut, eine unbezwingliche Neigung gefasst hatte. Sie behandelte ihren Pflegling mit Krautern und Tranken, und hatte die Freude, ihn bald hergestellt zu sehn. Es entwickelte sich nun etwas an dem Madchen, was niemand hatte vorausahnen konnen, namlich eine Neigung, oder denn dieses Wort sagt viel zuwenig eine unwiderstehliche Notwendigkeit, zu tanzen.
Als das Mondlicht kam, ging Flammchen eines Abends fort, und wurde von der Alten, die ihr nachgeschlichen war, auf einer Felsenplatte in den wundersamsten Bewegungen angetroffen. Diese wiederholten sich seitdem alle Abende, und nun, da das Madchen wieder gesund ward, erhielt erst der Arzt vom Vorgefallenen Kunde. "Es ist", sagte er, "als habe ihr Organismus alle Schrecken abschutteln, und zugleich ein geheimes Gesetz der Schonheit, welches lange in dem armen verlassnen Kinde geschlummert, entfalten wollen."
Unter dieser Erzahlung waren sie aus dem Dickicht auf einen frei hervorspringenden Hugel getreten. Der Domherr, welcher immer einige Schritte vorausgehabt hatte, stand plotzlich still, und rief mit gedampfter Stimme: "Was ist das?"
Der Hugel verlief in ein glattes, grades, ziemlich geraumiges Felsenstuck. Auf dieser naturlichen Buhne schritt Flammchen umher, in den Vorbereitungen zu ihrem Tanze begriffen. Die Nacht war taghell, so dass man alles genau sehen konnte, die Entfernung so gering, dass kein Laut verlorenging. Beide Manner druckten sich hinter einen Stamm; seitwarts zwischen den Kanten eines ausgezackten Gesteins wurde der schwarzbraune Kopf der Alten sichtbar, die, am Boden zusammengekauert, gleichfalls horchte und lauschte.
Einen Kranz auf dem Haupte, und einen in jeder Hand haltend, schritt das Madchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr glanzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit zartlicher Gebarde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn, jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf liess sie beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, dass sie dort Bogen beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, wahrend Fusse und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen werden, mit welcher er einst in grosserer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schone Liebeszeit sei. Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmarchen noch dunkel liessen, deuteten Strophen aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien. Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten, deren Verbindung die Zuhorenden erganzen mussten. Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine Art von Refrain zu vernehmen.
Der Domherr war wie ausser sich. Trotz aller Verkehrtheiten, welche diesem Manne anklebten, musste man ihm wenigstens einen zarten Sinn fur das Schone, besonders der phantastischen Gattung, zugestehn. Er seufzte, druckte dem Arzte die Hand; dieser sah, dass Tranen aus seinen Augen flossen. "Ist es nicht", sagte der Domherr leise, "als sei die alte Fabel wieder jung geworden, und schaue uns Spatlinge mit entzukkenden Kindesaugen an? Was sind unsre Ballette mit ihrer absichtsvollen Lusternheit gegen dieses einzige Schauspiel? Hier entbrennt eine Seele, deren Drange nichts Geringeres als das Ganze: Fuss, Hand, Leib, Stimme, genugen kann, zu einem lebendigen Kunstwerke, und spricht das aus, wozu der armen, stummen, gefesselten Natur ewig die Organe mangeln! Wie danke ich Ihnen, mein Freund, fur solchen Anblick!"
Die Bewegungen Flammchens waren langsamer geworden, die Kranze entfielen ihren Handen, sie sank mit dem Ausdrucke einer angenehmen Ermattung auf einen Stein und schien einzuschlummern. Die Alte kam zwischen den Klippen hervor. "So ruht sie nun, und lasst mit sich machen, was man will", sagte sie. "Wenn ich sie auf ihre Fusse stelle, so geht sie auch, von mir gestutzt, und weiss dennoch von nichts."
"Kommen Sie", sagte der Arzt zum Domherrn. "Es ist in der Tat kuhl, und ich spreche heute nicht im Scherz, sondern im Ernst von Erkaltungen." "Lassen Sie mich bei dem schonen Kinde noch einen Augenblick allein", versetzte der Domherr. "Ich kann mich an ihr nicht satt sehn, und werde sie in die Hutte nachbringen."
Der Arzt stieg mit der Alten die Klippen hinunter. Unten begegnete ihnen ein Mensch, der sich verirrt zu haben schien, denn er fragte angstlich und eilig nach dem Wege, der auf den Felsen fuhre. Erst nachdem er zurechtgewiesen und vorbei war, erkannte der Arzt in ihm den Bedienten des Domherrn.
Unten in der Hutte kundigte er der Alten an, dass er Flammchen wahrscheinlich binnen kurzem von ihr nehmen werde. Auf dieses Wort stand sie wie versteinert, und sah ihn mit starren Augen an. Er redete ihr zu, und wollte sie durch die Nachricht, dass er das Geld, welches er fur das Madchen ihr gegeben, auch nach deren Entfernung noch eine Zeitlang fortzahlen werde, beschwichtigen. Sie aber unterbrach ihn, und rief mit einem herzzerreissenden Tone: "Nehmen Sie mir das Kind nicht!"
"Was soll sie ferner bei dir?" versetzte er. "Uberhaupt, wie kommt es, dass du solchen Anteil an dem unbekannten Madchen nimmst?"
"Unbekannt!" rief die Alte. "Ach, sie ist mir nur zu wohl bekannt! O mein Herr, lassen Sie mir das Kind! Es wehete ein Sturm, und verwehete die Geschlechter der Erde, man schlief ein unter bluhenden Mandelbaumen und erwachte im oden, sandigen Blachfeld. Wisst Ihr, was es heisst, im Grabe gelegen haben, und wieder aufwachen? O ich konnte Euch Dinge erzahlen, vor denen Ihr erschrecken wurdet! Aber durch Nacht und Tod und Finsternis geht der Weg des Fleisches, und es fugt sich alles wieder zusammen, was zueinander gehorte."
Er drang in sie, ihm diese dunkeln Reden zu erklaren. Sie antwortete hierauf etwas in der fremden Sprache, welche er schon draussen von ihr vernommen hatte, und sagte dann: "Wollt Ihr, dass ich mein Kleinod hinwerfe, dass Ihr darauf tretet und es zerstort? Ich glaube daran, damit gut; meinen Glauben will ich behalten!"
Sie legte den Finger auf den Mund, dann ging sie umher, bewegte die Arme, als wollte sie ein Kind in den Schlaf schaukeln, und summte dazu ein Wiegenlied. Plotzlich fuhr sie empor, rief heftig: "Was ist das? Wo bleibt sie?" und eilte aus der Hutte.
Verdriesslich uber das lange Ausbleiben des Domherrn ging der Arzt in dem dustern, kleinen Raume hin und her, und erwog bei sich, ob es nicht besser sei, alle diese Abenteuer sich selbst zu uberlassen, als er von aussen einen gellenden Schrei vernahm, und die Alte in die Stube sturzte. "Verruchte! Treulose! Ungeheuer!" schrie sie. "Betrugen wolltet Ihr mich! Das Feuer des Himmels uber Euer schandliches Haupt!"
Die entblossten Bruste, das flatternde, schwarze Haar gaben ihr das Ansehn einer Furie. "Besinne dich!" rief der Arzt, und fasste ihren Arm. "Was ist geschehn?"
"Der Bosewicht hat sie geraubt! Ach, ich ungluckseliges Weib!" erwiderte sie jammernd.
Besturzt klomm der Arzt die Felsen empor. Es war richtig. Niemand war auf der Platte zu sehn. Etwas Weisses flatterte zwischen den Steinen. Es war ein beschriebnes Blatt. Er gab sich Muhe, es zu lesen, was aber selbst in dem hellen Mondscheine nicht gelingen wollte. Von unten horte er die Klagen der Alten, die schauerlich durch die Nacht tonten. Mit Muhe arbeitete er sich auf den beschwerlichen Pfaden nach dem Orte zuruck, wo auf gebahnter Strasse der Wagen des Domherrn stehngeblieben war. Er war verschwunden. Als er sein Ohr an den Boden legte, meinte er, in weiter Ferne das Gerausch der fortrollenden Rader zu vernehmen.
Er musste sich zur Ruckkehr entschliessen, und dem kommenden Tage uberlassen, was weiter zu tun sei. Als er nach mehreren Stunden ermudet heimgekommen war, horte er noch von dem Bedienten zur Vermehrung seiner ublen Laune, dass spat abends Hermann wieder im Schlosse eingetroffen sei. Er las das Blatt. Es enthielt nur wenige Zeilen, wodurch der Domherr ihm bekanntmachte, dass er das Madchen, welches ihm zur Erziehung bestimmt sei, mit sich nehme, und alles zwischen ihnen Verabredete ausfuhren werde. Hinzugefugt war die lakonische Bitte, den ubereilten Abschied zu entschuldigen, und bei der Herzogin entschuldigen zu helfen.
Sechstes Kapitel
Hermann wurde von der Furstin mit unverstellter Freude empfangen. Er musste berichten, wie es ihm ergangen sei, und beeilte sich, sein neues Verhaltnis ihr zu entdecken. Sie fragte ihn, ob er schon die Einwilligung des Oheims habe? Er versetzte, dass er, diese einzuholen, den Umweg uber die Fabriken gemacht, dort jedoch vergebens einige Wochen auf den Oheim gewartet habe, welcher nach England verreist gewesen sei. Endlich habe ein Brief von diesem den Seinigen gemeldet, dass er den Ruckweg uber die Standesherrschaft nehmen wolle, weil er mit dem Herzoge uber die streitige Angelegenheit selbst zu sprechen wunsche.
"Darf ich", sagte er, "wie unbescheidne Bitter zu tun pflegen, aus gewahrter Gunst auf vermehrte hoffen, so bleibe ich unter dem Schirme Ihrer Huld, bis der Oheim hier eintrifft."
Sie sprach uber verschiedne Dinge mit ihm, erzahlte ihm von dem bevorstehenden Feste, und es fiel ihm auf, dass sie seiner Verlobung weiter mit keinem Worte gedachte.
Der Herzog, welcher dazukam, begrusste ihn ebenfalls in seiner herablassenden Weise und sagte dann, indem er ihn naher betrachtete: "Was ist mit Ihnen vorgegangen? Sie haben einen Zug im Gesicht, den ich sonst nicht an Ihnen wahrgenommen habe, und den ich nur den Brautigamszug nenne."
"Damit konnte es seine Richtigkeit haben", versetzte Hermann.
"Wirklich!" rief der Herzog. "Siehst du, Ulrike, dass ich mich in diesem Punkte nie irre. Der Brautigamszug besteht in einem gedankenvollen Senken der Mundwinkel, auch pflegt damit ein eigner Ausdruck der Lippen und Augen verbunden zu sein."
"Er ist in der Tat verlobt", sagte die Herzogin.
"Dann mag er sich nur Gewichte an Hande und Fusse hangen, denn er sieht noch nicht danach aus, als ob er willens sei, Stich zu halten"; fuhr ihr Gemahl in seinen Scherzen fort, die Hermann mit Verwundrung horte, da er dergleichen von dem Herzoge nicht gewohnt war.
Die Herzogin empfing in diesem Augenblicke die Nachricht von der unvermuteten Abreise des Domherrn. Sie erschrak, dann aber warf sie einen zuversichtlichen Blick auf unsern Freund, und ihr Gemahl sagte, da sie sich hierauf mit etwas andrem beschaftigte, ihm leise ins Ohr: "Sie erscheinen, wie der Spiritus familiaris, immer zur rechten Zeit; wenn die Not am hochsten, sind Sie am nachsten. Meine Frau wurde es ohne Sie nicht zustande gebracht haben, helfen Sie ihr recht treulich, Sie erwerben sich wirklich dadurch ein Verdienst um unsern Stand."
Kaum hatte er sich gefallig entfernt, als Hermann bereits mit einer Menge von Auftragen fur die Anordnung der Festlichkeiten versehen ward. Er musste, als er sich darangab, dieselben auszurichten, mancher Reden Wilhelmis gedenken, und sagte zu sich selbst: "Sollte es denn wahr sein, dass das Erbubel der privilegierten Stande, der Egoismus, immer noch, wenngleich von angenehmen Formen bedeckt, in alter Starke fortwuchert? Um mein personliches Geschick hat man sich kaum bekummert, ja, der Herzog fragte nicht einmal nach dem Namen der Braut."
Waren diese Betrachtungen geeignet, in ihm eine verdriessliche Stimmung hervorzurufen, so musste ihm dagegen die frohliche Bewegung, welche unter den Arbeitern entstand, als er ihnen ankundigte, dasse er nunmehr die Leitung des Ganzen ubernehme, wohltun. Die Menschen leisten gern das Mogliche, wenn ihnen gehorig befohlen wird. Sein sichres anstelliges Wesen war den Leuten im Schlosse von sonst her bekannt, sie ruhmten den fremden Werkmeistern diese Eigenschaften, und gleich war ein erhohter Eifer uberall sichtbar.
Hermann liess sich die Apparate vorweisen, und besuchte den Turnierplatz. Er fand bald, dass, obgleich vieles getan war, doch noch mehreres nachzuholen ubrig blieb. Denn der Domherr hatte in seiner hastigen Manier oft das Notigste vergessen. So waren unter andrem keine Treppen angebracht worden, auf welchen die Zuschauer zu den Tribunen emporsteigen konnten. Hermann musste sich daher entschliessen, einen Teil des Bretterwerks wieder abbrechen zu lassen, um die notigen Zugange zu offnen.
Unter den Hausbeamten, welche bei diesen Zurustungen mitwirkten, bemerkte er einen Mann von unangenehmen Manieren, dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte. Man nannte ihn nur den Amtmann vom Falkenstein. Hermann erfuhr, dass er Kammerdiener bei dem Grossvater des jetzt regierenden Herrn gewesen sei, dass er bei jenem und bei dem Vater des Herzogs in Ansehn und Einfluss gestanden habe. Die jetzige Herrschaft, hiess es, dulde ihn, obgleich er ihr nicht genehm sei, weil er fur den Mitwisser verfanglicher Geheimnisse gehalten werde, die jedoch der Herzog ihrem eigentlichen Inhalte nach selbst nicht kennen solle. Dieser Mensch, welcher uber alles seine spottischen Bemerkungen machte, fasste Hermann scharf ins Auge, und begegnete ihm darauf mit einer ubertriebenen Hoflichkeit. Er nannte ihn nur den gnadigen Herrn, und sagte zu den Leuten laut, so dass Hermann es horen musste, sie mochten ja alles punktlich tun, was der gnadige Herr befehle.
Bei Tafel sah er sich vergebens nach Wilhelmi um. Er fragte seinen Nachbar nach diesem alten Freunde. Der Mann blickte verlegen vor sich hin, und gab ihm ein Zeichen, dass er es zu vermeiden wunsche, uber jenen hier Auskunft zu erteilen. Mit dem Arzte hatte er uber Flammchen reden wollen, dieser vermied ihn sichtlich, und setzte sich ein paar Platze weit von ihm weg. Das Gesprach beruhrte nur die gleichgultigsten Dinge; alle schienen mit ihren Gedanken abwesend zu sein.
Die ausserordentlich heitre Laune des Herzogs fiel ihm immer mehr auf. Der sonst ziemlich trockne Herr erschopfte sich in muntern Einfallen, die nur zuweilen einem eignen schwarmerischen Ernste Raum gaben. Seine ganze Stimmung schien eine erhohte zu sein. Auch ein gewisses Zeremoniell hatte sich an der Stelle der sonstigen Ungezwungenheit eingefunden. Fruher waren die furstlichen Personen, jede fur sich, wie die Dame ihre Toilette, der Herr seine Geschafte beendigt hatte, in den Speisesaal getreten. Heute war von zwei Bedienten, nachdem die Gesellschaft eine volle Viertelstunde versammelt gewesen, die Flugelture aufgetan worden, und der Herzog hatte seine Gemahlin feierlich-zierlich an den Fingerspitzen in den Saal gefuhrt. In gleicher Weise nahm er mit ihr nach aufgehobner Tafel seinen Ruckzug, ohne weiter mit den Tischgenossen zu verkehren.
Indessen hatte unser Freund nicht lange Zeit, uber diese Verandrungen nachzudenken. Schon waren die jungen Edelleute wieder angekommen, welche, wie neulich die Rustungen, so nun Lanze und Schwert probieren wollten. Hermann wurde beordert, die Rekken zu empfangen, und der Ubung als Waffenkonig vorzustehn. Wieder legte man im Ahnensaale unter schallendem Jubel die Panzer und Schienen an, die nun, glanzend, den Gliedern angepasst, die vielen jugendlichen Gestalten kraftig hervorhoben.
Der klirrende, schimmernde Zug stieg eine verborgne Treppe hinunter, um durch eine Hinterture in das Freie zu gelangen. Alle waren ausser sich vor Freude und Hermann hatte genug zu tun, um die lauten Ausbruche des Entzuckens, welche ungelegne Zuschauer herbeiziehn konnten, zu massigen.
Draussen standen die Pferde der Ritter. Sie scheuten bei dem Anblicke ihrer verwandelten Gebieter, und prallten zuruck. Die Reitknechte hatten einige Muhe, die brausenden Tiere zu begutigen, was indessen doch zuletzt den angewandten Schmeichelkunsten gelang. Man sass auf, und nach einigem Springen und Bocken schien die Gewandtheit der jungen Manner siegen zu sollen. Nur einer, ein altlicher Herr, der es aber fur seinen Vorteil ansah, sich so lange als moglich zur Jugend zu halten, konnte trotz aller Muhe nicht auf seinen Rappen gelangen, und musste endlich von dem schweisstreibenden Werke abstehn. Er gab dem armen Tiere, welches in seiner Furcht vor dem stahlernen Herrn wahrlich noch mehr ausstand, als er, einen ungerechten Schlag, liess sich entwaffnen, und setzte sich in seinem grunen Nankingrockchen traurig unter eine Fichte. Seit der Zeit ward dieser Mann, welcher vorher das Fest eifrigst hatte betreiben helfen, ein Verachter desselben; die andern aber gaben ihm unter scherzhafter Anspielung auf den Helden des Scottschen Romans den Spitznamen: el Desdichado, oder der Enterbte. Auch wir sind genotigt, ihn kunftighin, wo er uns noch vorkommen sollte, unter dieser Bezeichnung aufzufuhren, da die Geschichte seinen wahren Namen nicht aufbewahrt hat.
Hermann liess die Ritter nun zuvorderst einige Volten auf dem Turnierplatze machen, und dabei den Speer senkrecht im Bugel fuhren. Dann mussten sie in gleicher Weise, zwei Glieder tief und zwolf Lanzen hoch denn im ganzen hatten sich so viele Kampferpaare gemeldet rund um den Plan sprengen. Diese vorlaufigen Ubungen gelangen vortrefflich, und gaben die besten Hoffnungen. Dass einige etwas hart die holzernen Schranken streiften, andre nicht die vollige stallmeisterliche Sicherheit in den Satteln behaupteten, konnte hiebei nichts verschlagen, da solche kleine Unregelmassigkeiten kaum irgendwo ausbleiben, wo Mensch und Ross sich zusammenfinden.
Man war daher kuhn geworden, und wollte gleich mit dem Schwierigsten beginnen, mit dem allgemeinen Lanzenstechen, Zwolf gegen Zwolf. Hermann hielt es aber fur ratsam, stufenweise zu verfahren, und bestand darauf, dass sich zuerst die Paare einzeln gegeneinander versuchen sollten. Er selbst begann, im knappen Collet auf einem leichtfussigen Englander sich wiegend, an der Sache Geschmack zu finden. Die Herzogin sah zwischen den Baumen aus ihrer Droschke zu, und man will wissen, dass unser Freund mehr als notig, sein Rosslein habe courbettieren lassen, obgleich er sich gewissenhaft bestrebte, nur an die ferne Cornelie zu denken.
Wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt: die Schwachsten drangten sich zu den ersten Versuchen, wahrend die tuchtigsten Reiter lachelnd warteten, um zuletzt das Hauptstuck zu vollfuhren. Leider zeigte sich nur zu bald, wie gegrundet Hermanns Vorsicht gewesen war, da auch sie das Geschick nicht abzuhalten vermochte, welches nun einmal in seinem Eigensinne jeden Versuch, dahingeschwundne Zeiten wiederzuerwecken, vereiteln zu wollen scheint.
Man kann nicht sagen, dass diese Adlichen das Unmogliche gewollt hatten. Die Aussicht, mit zerbrochenen Gliedern vor Oheimen und Tanten, Schwestern und Brauten im Sande zu liegen, hatte fur keinen der Kampfer etwas Erfreuliches; es war daher durch eine stillschweigende Ubereinkunft vorgesehen worden, dass so wenig Gefahr, als moglich, entstande. Man hatte die Schafte der Lanzen dunn und von sprodem, zerbrechlichem Holze machen lassen. Es war mithin mehr Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass diese schwachen Waffen auf der beschutzten Brust der Gegner zerbrechen, als dass die Kampfer von der Gewaltsamkeit des Stosses zu Boden sturzen wurden.
Die ersten, welche gegeneinander ritten, waren zwei junge Vettern, namens Caspar und Max, denn alle diese Erben riefen sich gegenseitig fast nur bei ihren Vornamen. Sie sprengten hastig ein, und es ware gewiss zu einem lebhaften Treffen gekommen, wenn nicht die Pferde, als man noch etwa sechs Schritte voneinander war, plotzlich stillgestanden hatten, so dass die Reiter, von dieser unvorhergesehnen Hemmung erschuttert, beinahe uber die Halse ihrer Tiere hinweggeflogen waren. Umsonst war alles Schenkelandrucken und Spornen; die Pferde sahen einander feurig und wutend mit schnaubenden Nustern an, liessen sich geduldig auf die Punkte, von denen ausgelaufen wurde, zuruckreiten, rannten lustig vor, standen aber dann auf den Stellen, uber welchen ein Zauber zu bruten schien, wie angemauert still. Nachdem diese Vereitlungen sich drei- bis viermal wiederholt hatten, wurde einigen Reitknechten geheissen, die Hinterteile der Widerspenstigen mit Peitschenhieben zu bearbeiten, was offenbar nur fur einen Ausbruch roher Leidenschaftlichkeit gelten konnte, denn man durfte doch unmoglich beabsichtigen, am Tage des Turniers die Kampfer auf eine so lacherliche und unwurdige Weise von hinten flott zu machen. Auch halfen jene Hiebe nur insoweit, dass die Pferde ausschlugen, und beinahe einen der Zuchtiger getroffen hatten; vorne wichen und wankten sie nicht. Hierauf stiegen Caspar und Max ab, schleuderten unter lauten, landublichen Fluchen ihre Lanzen weg, und setzten sich zum Enterbten, der seinerseits bei dem Anblicke dieser Hemmung wieder etwas heitrer zu werden begann.
Demnachst ritten zwei andre Vettern, welche Konrad und Bernhard hiessen. Deren Pferde blieben keineswegs stehen, schossen vielmehr, als ihre Herrn eben meinten, einander mit den Spitzen der Lanzen erreichen zu konnen, recht und links abspringend, vorbei, im wutenden Laufe uber die niedrigen Schranken hinwegsetzend, grade auf die Tribunen zu. Da die Pfeilerbogen derselben nicht so hoch waren, dass ein ausgewachsner Mann zu Pferde darunter wegkommen konnte, so waren die Reiter verloren gewesen, wenn sie sich nicht rasch bugellos gemacht und zur Erde gelassen hatten. Glucklicherweise lag auf jeder Seite ein grosser Haufen Sand, welcher noch umher verbreitet werden sollte. Auf diese naturlichen Betten sturzten die Junglinge, und diese Sandhaufen waren es, welche ihr Leben retteten. Denn obgleich dem einen das Blut aus Mund und Nase quoll, und der andre mehrere Minuten betaubt dalag, so zeigte sich doch, als man die Helme abnahm, und die Panzer aufschnallte, ausser einigen Quetschungen und Schrunden kein Schaden. Sie standen auf, der Betaubte zuletzt, gingen zum Enterbten, dem die Schadenfreude immer heller aus dem Gesichte leuchtete, begehrten kein Lanzenrennen weiter, sondern nur den Feldscherer, der denn auch bald nachher mit Bindzeug und Seifenspiritus ankam.
Hermann sah die Herzogin die Hande ringen und suchte alles fernere Stechen und Tjosten zu hindern. Seine Zurufungen fruchteten aber nichts. Gleichsam als ob der Anblick der Gefahr etwas Verfuhrerisches habe! Die folgenden sechs Paare sturzten sich nur noch heftiger in den Kampf. Bei ihnen nahmen Ungeschick und Zufall mannigfaltigere Gestalten an. Mehrere fielen ohne Umstande von den Pferden, einer stach, seine Lanze zu hoch fuhrend, durch das Visiergitter des Gegners und bohrte diesem beinahe das Auge aus, etliche rannten so zusammen, dass, wie sie sich nachmals ausdruckten, ihre Rippen knackten. Auch die armen Tiere, welche nicht so geschickt, wie ihre Vorganger, die Kampfe des Mittelalters zu vermeiden wussten, litten, denn zwei Pferde wurden lahm und eins brach im Niedersitzen auf die Kruppe, einen Fuss. Kurz, es wurde offenbar, dass weder Rosse noch Reiter zu dem Ritterspiele passten.
Es waren noch vier Paare ubrig, und grade die gewandtesten; lauter Kavallerie-Offiziere. Obgleich diese mit bedenklichen Blicken das Schlachtfeld uberschauten, so machten sie sich doch auch fertig, Wunden und Beulen zu gewinnen. Da horte Hermann mehrere Male seinen Namen uberlaut rufen, wandte sich um, und sah die Herzogin leichenblass neben der Droschke stehn. Sie winkte ihn angstlich herbei, und er verfehlte nicht, dem Zeichen eiligst zu folgen, nachdem er den noch unversehrten Kampfern geboten hatte, wenigstens bis zu seiner Ruckkunft ihren Eifer zu massigen.
Ein Strom von Tranen floss aus ihren Augen; die armen feinen Lippen zitterten, sie war ausser sich. Ohne der Menschen zu achten, welche sich in grosser Anzahl versammelt hatten, der Waffenprobe zuzusehn, ergriff sie leidenschaftlich seine Hand, verwunschte das Turnier, den unseligen Domherrn, welcher es angegeben, den Arzt, der ihr nicht mit besserem Rate beigestanden, Wilhelmi, dem Grillen lieber waren, als die Angelegenheiten seiner Freunde; rief, dass wenn Hermann im Schlosse geblieben ware, er es ihr ausgeredet haben wurde. Augenblicklich sollten Schranken und Geruste abgebrochen werden, denn sie wolle nicht eine zweite Angst, wie die heutige, erleben. Hermann gab ihr die heiligsten Versichrungen, dass niemand an Leib und Leben geschadigt sei, dass es doch noch zu einem schonen gefahrlosen Feste kommen solle, und dass er schon einen Gedanken daruber habe, den er ihr sofort mitteilen werde. Er hob sie sanft in den Wagen, und hiess den Kutscher auf der Stelle nach dem Schlosse fahren. Sie ruhte willenlos auf dem Sitze, liess geschehen, was er anordnete, und bat ihn nur beim Wegfahren mit leiser Stimme, ja gleich nachzukommen.
Er eilte zu den Edelleuten zuruck und verkundete ihnen den Willen der Furstin. Die noch nicht gekampft hatten, waren im stillen zufrieden, dass es nicht dazu kommen sollte.
Aber alle riefen: "Was wird nun aus unsren schonen Manteln und Trikots, worin wir tanzen wollten?"
"Sie werden alle in Ihren Manteln tanzen, es gibt doch ein Fest!" versetzte Hermann zuversichtlich.
"So?" fragte der Enterbte hohnisch. "Wollen Sie etwa eine Freiredoute geben?"
Man warf die Rustungen ab. Zwei Birutschen wurden vom Schlosse herbeigeschafft, in welche man die Wunden und Gequetschten lud. Langsam ritten die unversehrt Gebliebenen beiher. Die Reitknechte folgten mit den hinkenden Pferden an der Hand. Das, welches den Fuss gebrochen hatte, und jammerlich stohnte, blieb zuruck.
So sehr verungluckte eine Nachahmung des Turniers bei Ashby de la Zouche im neunzehnten Jahrhundert.
Siebentes Kapitel
Unangemeldet, denn die ganze Dienerschaft befand sich noch auf dem Turnierplatze trat Hermann in das Zimmer der Herzogin. Sie war nicht dort. Die Vorhange waren der Sonne wegen niedergelassen; eine sanfte Dammerung erfullte den heimlichen Raum. Hermann warf seine verlangenden Blicke umher, und empfand ganz den sussen Schauder, der uns ergreift, wenn wir fur uns die stillen Umgebungen der Frauen mustern durfen, mit denen sich unsre Einbildungskraft beschaftigt. Seine Augen schweiften von der halbfertigen Stickerei, auf der ihre Hande gelegen hatten, zu den Blumen, die ihr Hauch beruhrte, von da zu den Portrats, an denen manche Erinnrung haften mochte. Die Blatter dieses Gebetbuchs empfingen ihre unschuldige Morgenandacht, in jenem Sessel mit dem gestickten Fussbankchen davor, ruhte sie gewiss aus, wenn sie vom Spaziergange zuruckkehrte!
Schon wollte er sich bescheiden wieder in das Vorzimmer zuruckziehn, als er in der Ecke den Papagei gewahr wurde, der, wenn wir nicht irren, schon zuweilen in diesen Geschichten erwahnt worden ist. Die Klappe des Schreibtisches war offengelassen worden, Papiere, aus farbigen Mappen hervorsehend, lagen darauf. Der dreiste Vogel hatte sich die Entfernung der Gebieterin zunutze gemacht, vieles herausgezerrt, zerbissen, auf den Fussboden gestreut. Jetzt sass er auf dem Rande eines Korbes, welcher zur Aufnahme der weggeworfenen Papierschnitzel diente, und zerstorte mit grosser Emsigkeit ein paar feine rote Blattchen, die er zwischen Klauen und Schnabel hin- und herzog. Hermann wollte ihm den Raub abjagen; der Papagei liess die Blatter in den Korb fallen und entfloh mit lacherlichen Sprungen.
Hermann sah in dem Korbe die halbzerrissnen Blatter auf andern gleichfarbigen liegen; er musste sie fur Wegwurf halten und konnte meinen, wenigstens keine Indiskretion zu begehn, wenn er sich dieselben zueignete. Die Handschrift der Herzogin winkte ihm von ihnen entgegen; in seinen unklaren verworrnen Empfindungen streckte er nach ihnen die bebende Hand aus, er wollte etwas von der Furstin besitzen, heute besitzen, er druckte unwillkurlich seinen Mund auf die Blatter, und schob sie unter die Weste; auf seinem Herzen sollten sie ruhn. Wie ein Schatten schwebte die Gestalt Corneliens seiner Seele voruber, schon hatten seine Finger die Blatter gefasst, um sie an ihren Ort zuruckzubringen, als das Erscheinen der Herzogin, die aus dem anstossenden Gemache in das Zimmer trat, dieses gute Vorhaben vereitelte.
Verweint trat sie ihm, schamrot er ihr entgegen. "Das gehort auch noch zu den ubeln Folgen solcher Zerstreuungen, worin ich seit vier Wochen lebe, dass man das nachste vergisst", sagte sie, indem sie die Verwustung erblickte. "Ich kenne den Schelm und seine Unarten, und lasse ihn hier uneingesperrt bei den Papieren zuruck."
Hermann hob die am Boden liegenden Blatter auf, sie ordnete sie, so gut es in der Schnelligkeit gehn wollte, in die Mappchen ein, und sagte: "Es sind meine Erinnrungsblatter, ich hatte heute ein Bedurfnis, darin zu lesen. Welchen eignen Eindruck macht eine solche Lekture! Wie vieles schreibt man auf, woruber man kurz nachher lacheln muss, oder wovor man auch wohl zu erroten hat. Aber nun, mein Helfer und mein Trost, zur Hauptsache! Die ganze Gegend ist in Erwartung unsres Festes, es kostet leider, wie ich aus den Rechnungen, die mir nach und nach jetzt schon vorgelegt werden, sehe, Tausende, und doch ist es, wie wir heute erfahren haben, nicht zustande zu bringen. Was fur Ungluck hatte ich anrichten, welche schreckliche Gewissensbisse hatte ich mir zuziehn konnen! Mit Schauder denke ich an die Auftritte, die ich draussen sah."
"Beruhigen sich Ew. Durchlaucht", sagte Hermann. "Ich hoffe, Ihnen einen Plan vorlegen zu konnen, dessen Ausfuhrung Sie, den Herrn, und alle Gaste zufriedenstellen wird."
"Ich bin begierig, ihn zu vernehmen", sagte die Herzogin.
"Mein Gedanke ist folgender", versetzte Hermann. "Die Idee zu dem Feste ist aus dem Bewusstsein Ihres Standes hervorgegangen, es sollte ein adliches sein. Dabei mussen wir also stehnbleiben. Aber warum gehn wir in so entlegne Zeiten zuruck? Warum wahlen wir eine Darstellung des Ritterwesens, mit welchem, wenn wir die Sache naher betrachten, unsre heutigen Begriffe durchaus nicht mehr zusammenhangen? Lassen Sie uns also immerhin einige Jahrhunderte weiter vorrucken und ein Fest aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. und Augusts des Starken veranstalten, in welches die Blute der ersten Klasse der Gesellschaft fiel."
"Und das ware?" fragte die Herzogin.
"Ein Caroussel", versetzte Hermann. Sie haben gewiss, meine Furstin, von den prachtigen Lustbarkeiten gelesen, die in dieser Art besonders am sachsischen Hofe gefeiert worden sind. Auch sie geben reichliche Gelegenheit, Figur, Anstand, Geschick zu zeigen, auch bei ihnen empfangt der Kavalier aus den Handen der Dame den Dank; Galanterie und Sitte haben auch da freien Spielraum. Und alles ist mit einigen Quadrillen, mit dem Stechen nach dem Ringe und nach dem Turkenkopfe abgetan. Jeder wird sein Vergnugen haben, und wir durfen vor keiner Leiche besorgt sein."
Die Herzogin entzuckte dieser Vorschlag. "Aus welcher Verlegenheit retten Sie mich? Wie erkenntlich muss ich Ihnen sein!" rief sie. Hermann fuhr fort: "Alle Anstalten zu dem Turniere konnen wir auch zu dem Caroussel gebrauchen; an dem Kostum der Damen und Herren braucht kaum etwas geandert zu werden, denn es ist nichts torichter, als in solchen Fallen, worin es doch nur auf gesellige Freude ankommt, gelehrt sein zu wollen. Schliesst sich an unser Ringelrennen ein Ball fur die Herrschaften, ein Scheibenschiessen fur Diener und Untertanen an, so wusste ich nicht, wie es einen bunteren und lustigeren Tag geben konnte."
Hermann bekam unumschrankte Vollmacht, alles, was die Umwandlung des Festes erforderte, zu verfugen. Die Herzogin handigte ihm die Schlussel zu den Zimmern ihres verstorbenen Schwiegervaters ein, worin sich, wie sie meinte, einige Abbildungen befanden, die ihm bei Ausfuhrung des neuen Plans nutzlich sein wurden. Sie selbst ubernahm es, den Herrn, welche bei dem Caroussel tatig sein sollten, die Andrung des Festspiels anzuzeigen; was die ubrigen Gaste betraf, so war man ubereingekommen, dass es kluger sei, diesen nichts zu sagen, da sie doch hinnehmen mussten, was ihnen geboten werde.
Wahrend Hermann sich in den Zimmern des alten Herrn umsah, empfing der Arzt seine Boten, die er nach der Hutte der Alten, und hinter dem Domherrn her gesandt hatte. Der erste meldete, er habe die Alte nicht in der Hutte betroffen, und in letztrer eine greuliche Zerstorung alles dessen, was nicht niet- und nagelfest gewesen, wahrgenommen. Der zweite, welcher zu Pferde dem Domherrn nachgesetzt war, gab das Wort des Ratsels an. Er hatte den Fluchtigen in einem kleinen Orte getroffen, wo er mit Flammchen und der Alten ganz geruhig zu Tische sass und speiste. Nach einigem Hin- und Widerreden erfuhr er den ganzen Hergang. Die Alte hatte in der Wut alles in ihrer Hutte zerschlagen und war dann wie rasend der Spur des geraubten Kindes nachgelaufen. Halbtot erreichte sie den Entfuhrer, und beide, Flammchen und sie, erklarten ihm, er musse sie entweder zusammen mitnehmen, oder zusammen entlassen. In seiner jetzigen Stimmung war ihm die braune Greisin ein erwunschter Zuwachs, leicht entschloss er sich, sie ebenfalls zu behalten. Dem Arzte liess er auf dessen Anfordrung, das Madchen zuruckzuschicken, sagen, es bliebe beim Erziehen und Heiraten.
Zum ersten Male war dieser entschlossne Mann in Verlegenheit. Wir durfen bei dieser Gelegenheit sagen, dass der Beweggrund zu seiner Handlungsweise gegen den Domherrn nicht bloss die Lust gewesen war, psychologische Experimente anzustellen, sondern hauptsachlich in dem Misstraun gesucht werden musste, welches er gegen Hermann fuhlte. Dessen ganzes Wesen, diese Mischung von Leichtsinn und Ernst, von Fruhreife und Jugendlichkeit war ihm unverstandlich, und da er nur das, was er begriff, gelten liess, so hielt er ihn lieber fur einen charakterlosen Abenteurer. Er furchtete, dass jener nicht wiederkommen, dass ihm die Last der Obsorge fur das verwaiste Madchen bleiben werde, und diese wollte er auf die Schultern des Domherrn abladen, aber freilich nicht so ubereilt, bei nachtlicher Weile, auf eine Art, die uble Nachreden geben konnte.
Nun war aber Hermann zuruckgekehrt. Was sollte er ihm sagen, wenn dieser das Madchen forderte? Er war ausserst verdriesslich auf sich, auf die Menschen, auf die Welt. Am meisten schmerzte es ihn, von einem Narren uberlistet worden zu sein.
Indem er noch erwog, wie er dem jungen Vormunde den Handel am wenigsten zu seinem Nachteil darstellen solle, trat dieser in sein Zimmer. Zufallig war er mit den beiden Boten des Arztes zusammengetroffen. Es waren Burgersohne aus dem Stadtchen. Sie kannten Hermann, er hatte im Winter oft mit ihnen gejagt; es bestand zwischen ihnen eine Art von Kamaradschaft. Voll, bis zum Uberfliessen, von ihrem Geheimnisse, teilten sie es ihm nach den ersten Begrussungen unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit.
"Ich weiss alles", rief Hermann dem verlegnen Arzte zu. "Nur eine Frage: Ist der Mann, der sich so rasch in unser Geschaft gedrangt hat, gut, gesetzt, zuverlassig?"
"Das mochte ich von ihm mit Sicherheit behaupten", antwortete der Arzt kleinlaut.
"So danke ich Ihnen und ihm, dass mir eine Sorge abgenommen worden ist, der ich doch auf die Lange nicht gewachsen war", sagte Hermann. Der Arzt sah ihn verwundert an. Jener handigte ihm eine Rolle Gold ein und fuhr fort: "Wenden Sie dieses Geld, welches mir von milder gnadiger Hand fur das Madchen vertraut war, zu ihrem Besten an. Ich sage mich hiemit von ihr los, da sie einen andern Beschutzer gefunden hat."
Nach seiner Entfernung brach der Arzt in ein bittres Gelachter aus. Er schwor sich zu, niemals wieder vor der Bestandigkeit und Konsequenz eines Menschen Furcht zu hegen, und erklarte ein fur allemal das ganze Geschlecht nur fur die hochste Gattung des Tierreichs.
Und doch tat er unsrem Freunde unrecht. Dieser war, sobald er nach dem entscheidenden Augenblicke mit Cornelien zur Besinnung kam, in die unruhigste Stimmung geraten. Er fuhlte einen Wendepunkt seines Lebens, und fuhlte sich doch auf keine Weise der Zukunft gewachsen. Dass ein neuer Zwiespalt in ihm entstand, als er die Turme des Schlosses wieder erblickte, dass dieser wuchs, da die schone Furstin ihn begrusste, wollen wir grade nicht billigen, gewiss aber ist es, dass er in den Gemachern des schlafen gegangnen Herrn Dinge zu sehn bekam, welche ihn ausser Fassung bringen, und sein Wesen an der Wurzel erschuttern mussten. Es hatte eine ubermenschliche Kraft dazu gehort, sich in solcher Verfassung mit etwas andrem, als mit sich und mit seinem Geschicke zu beschaftigen.
Er freute sich, dass die Tage bis zur Ankunft des Oheims, der uber sein Los das Urteil fallen musste, in wechselnder Beschaftigung vergehn sollten. Denn darin war er glucklich zu preisen: kein Zweifel, kein Leid versenkte ihn unnutz grubelnd in sein Ich, wo so viele Menschen fruchtlos die Auflosung ihrer Bedrangnisse suchen, fruchtlos, weil alle Selbstbetrachtung nur tiefer zerstort. Ihm sagte ein geheimer Glaube, dass die Fragen in uns, und die Antworten in den Dingen liegen, denen er deshalb, wie es mit ihm auch stehen mochte, immer in Liebe und Freundlichkeit zugetan blieb.
Man sah ihn daher auch jetzt unbefangen scherzen, plaudern und die Zurustungen, uber welche er selbst im stillen lachelte, eifrig besorgen, wahrend er kaum noch wusste, was aus ihm werden solle, ja, wer er nur sei?
Achtes Kapitel
Uber Wilhelmi hatte er durch den alten Erich, der ihn jetzt bediente, nur in Erfahrung gebracht, dass er im Kruge wohne, und dass ein Schrank das Ungluck herbeigefuhrt habe. Er konnte sich hieraus nichts zusammensetzen, und der verdrossne Alte gab keine weitern Erklarungen. Er war einigermassen in Verlegenheit, wie er sich bei dieser Zwistigkeit benehmen solle, als ein Billet Wilhelmis ihn ohne Verweilen zu dem Freunde rief.
Wilhelmi sass in einem elenden Dorfstubchen und schnitt Federn, deren schon eine grosse Menge zugespitzt auf dem Tische lag. "Ich will", rief er Hermann entgegen, "den Undank beschreiben, aber so viele Federn ich schon fertig habe, ich denke doch, es sind noch nicht genug, und da schneide ich denn immer noch ein paar mehr."
"Liebster", sagte Hermann, "was tun Sie hier? Wie war es moglich, dass zwischen Mannern, welche so sehr zueinander gehoren, wie Sie und der Herzog, sich der Zwist einschleichen konnte?"
"Ich bitte dich, nenne mich du", versetzte Wilhelmi. "Schon mit dem Ihr kam das Ungluck in die Welt, da gewohnte man sich, einen Menschen, einen Mitbruder im gleichgultigen Plural zu betrachten, wo individuelle Beziehungen ausloschen. Das verruckte Sie hat aber den Greuel vollendet, nun ist der andre nichts als ein Konglomerat dritter Personen, eine Versammlung toter Atome, die man heute braucht, morgen wegwirft. Aber Du um Du, das heisst Auge in Auge, Arm gegen Arm, in Liebe oder Hass."
"Bester", rief Hermann, "lassen wir die Abschweifung! Soll ich dich du nennen, so schenke mir auch ein bruderliches Vertraun. Was hat euch entzweit?"
"Ein Schrank. Du lachst! Ja, ja, nichts weiter als ein Schrank, ein elender Schrank. Aber in diesem nichtsnutzigen Kasten siehst du ein Gleichnis und Symbol von dem ganzen Tun und Treiben dieser abgelebten Klasse. Sie fuhlen sich uberholt von dem Sturmschritte der Zeit; Ehre, Mut, kriegerische Tapferkeit sind burgerlich geworden, da suchen sie sich denn an Strohhalmchen festzuhalten, und das nennen sie altvaterliche Gesinnung. Sie haben mich fortgejagt, wie einen ausgedienten Jagdhund, und werden mich auf dem Dunger sterben lassen. Muhevolle Tage, durchwachte Nachte, ausgeschlagne Verbesserungen meiner Lage, Treue, Fleiss, alles gilt vor diesen nur den Taglohn, womit sie uns von Morgen bis Abend abzufinden meinen. Naturlich! Der Schrank muss stehn bleiben, das gehort auch in das System des historischen Bestandes der Rechte. Wilhelmi kann eher fort. Bravo! Ist es denn wahr, dass der Herzog sich jetzt, da er Turnier halten will, fur einen Abkommling Karls des Grossen halt? O glaube mir, diese Anmassungen, diese Herzlosigkeiten werden ein furchtbares Ende nehmen! Das Schicksal wird auftreten und wenig danach fragen, ob sie den Schrank stehnlassen wollen oder nicht."
Noch mehrere und krausere Redensarten bekam Hermann zu vernehmen, die ihn ungeduldig gemacht haben wurden, hatte er nicht das tiefe Leiden des rechtschaffnen Freundes in Gesicht und Mienen gesehen. Er horte also geduldig zu und aus, bis der gekrankte Hypochondrist sich erschopft hatte, und fahig war, auf die Frage: Was es denn nun eigentlich gegeben habe? ohne Umschweife zu antworten. Die Geschichte war ziemlich einfach. Wilhelmi hatte schon langst, wie wir wissen, Ordnung im Archive stiften wollen, welches durch die Vereinigung mehrerer Registraturen von andern Gutern des Herzogs eine ungeheure Uberfullung bekommen hatte. Nicht bloss Wertloses und Reponiertes lag uber- und untereinander, selbst Urkunden hatten schon aus Bergen von Akten muhsam hervorgezogen werden mussen. Es schien, um diesen Wust zu lichten, und Platz fur das Aufbewahrungswerte zu gewinnen, kein andrer Rat moglich, als die Repositorien bis unter die Decke des Gewolbes zu erhohn. Dieser Einrichtung stellte sich nun hauptsachlich ein Schrank von gewaltiger Tiefe und Breite entgegen, welcher zwei Drittel der einen Wand bedeckte. Wilhelmi bestand darauf, das riesige Mobel zu entfernen, der Herzog wollte es nicht von der Stelle geruckt wissen. Hieruber kam es zwischen beiden zu einem heftigen Auftritte, welcher damit endigte, dass Wilhelmi seinen Dienst aufsagte, und der Herzog ihm erwiderte, er halte niemand, der nicht bei ihm bleiben wolle.
Seit diesem Tage lebte er im Kruge, wollte abziehn und liess doch seine Sachen im Schlosse, indem er sich vorsagte, dass er die Geschafte erst ordnen musse, gleichwohl aber von Tage zu Tage verschob, Hand daran zu legen. Seine beste Lebensnahrung entging ihm, seit er nicht mehr von den Blicken der Herzogin zehrte. Er sah ubel aus. Hermann suchte den trubsinnigen Lieben, der, wie er sagte, irgendwo Galerieinspektor werden wollte, um nicht mehr mit Menschen, sondern nur noch mit Sachen zu tun zu haben, zu trosten, und nahm sich gleich vor, Versohnung zu stiften.
Er erinnerte sich der Theorie, welche die alte Rektorin fur ahnliche Falle angeraten hatte, begann also damit, dem Herzoge, der jetzt gegen ihn in der gnadigsten Laune war, zu sagen, wie sehr Wilhelmi den Vorfall bedaure und sich seiner Hitze schame.
Der Herzog hatte grade den Brief des Oheims, welcher seine Ankunft nunmehr auf die nachsten Tage verkundigte, empfangen. Er war nachdenklich und in sich gekehrt. "Ich brauche ihn zwar nicht", erwiderte er auf Hermanns vermittelnde Reden, "aber wenn er kein andres Unterkommen hat, so mag er immerhin einstweilen zuruckkehren."
Hierauf sagte Hermann zu Wilhelmi, dass der Furst nur ungern an die Ubereilung denke, deren auch er sich schuldig wisse. Er wunsche nichts sehnlicher als die Wiederkehr des alten bewahrten Dieners, ohne den er, wie er fuhle, nicht bestehn konne. Uber Wilhelmis Gesicht flog es, wie wenn die Sonne im Januar auf Eisfelder scheint, er rief: "Dann ist es freilich meine Pflicht, den Vorfall zu vergeben!"
Kurz, nachdem Hermann noch einige Male hin und her parlamentiert hatte, brachte er die Ausgleichung zustande. Die Szene hatte etwas Diplomatisches. Der Herzog kam, wie zufallig, begleitet von einigen Verwaltern, bis an die Grenze des Parks geritten, dort fand er Wilhelmi, der ebenso zufallig daherum spazierengegangen war. Der Herzog hob sich etwas im Sattel, grusste den Verbannten und sagte in leichtem Tone, als ob nichts vorgefallen ware: "Ah!" Wilhelmi, der gebuckt und einigermassen verlegen vor dem Herrn stand, erwiderte: "Ja!" Der Herzog machte einen Gestus nach dem Schlosse zu und sagte: "Nun?" worauf der andre sich von seinem Freunde in das Schloss fuhren liess, und noch vor Abend grosse Packe Korrespondenz erhielt, welche freilich inzwischen unerledigt geblieben waren.
Hermann, der den Friedensstifter, Festordner, Vertrauten abgeben musste, nebenbei noch Brautigam war, und zu allem Uberflusse die aufregendsten Entdeckungen gemacht hatte, hatte sich nur gleich zerteilen konnen, um allen den verschiedenartigen Anforderungen zu genugen. Man verlangte ihn hier, man verlangte ihn dort, man verlangte ihn allenthalben. Im stillen durfte er sich doch die Frage vorlegen, was denn aus allen diesen Dingen hatte werden sollen, wenn er nicht zufallig im rechten Augenblicke hergekommen ware?
Wahrhaft unleidlich war ihm die Aufdringlichkeit des Amtmanns, der wie an seine Fersen gebannt zu sein schien. Die Bemerkungen dieses Menschen hatten alle etwas Gemeines und Hohnisches, er war der Sklav', der um die Schwachen der Herrschaft weiss, und in dieser Kunde sich dreist und behaglich fuhlt. "Sie glauben nicht, mein gnadigster Herr", sagte er, als er jenen am Abend vor dem Feste auf dem Turnierplatze fand, beschaftigt, die Anstalten noch einmal sorgfaltig zu uberschaun, "wie viele Verandrungen ein alter treuer Diener mit durchmachen muss, der so ein funfzig Jahre nebenher gegangen ist. Der Herr Vater wurden uber diese Geruste recht lachen und der Herr Grossvater kreuzigten und segneten sich gewiss, horten sie von dem vielen Gelde, was sie gekostet haben. Der Herr Grossvater taten nichts, als sparen und schaben, Baume pflanzen, Feld und Vieh in Ordnung halten. Wie oft erinnre ich mich, aus seinem Munde gehort zu haben: 'Wenn man alles hatte, musste man noch etwas mehr zu bekommen suchen.' Der Herr Sohn war denn schon anders, brachte Mosen und die Propheten wieder unter die Leute, in der Jugend hatte er ein empfindliches Herz, aber schon war es; die Liebe brachte ihn nie in gross Leid, er wusste sich immer mit so guter Manier zu helfen. Nachmals, als die Krafte schwanden, wollte der Selige Gold kochen, spaterhin sahen wir Geister, und endlich wurden wir gar fromm und liessen uns von Rom einen Priester kommen, nicht so einen, der in der Sache jung geworden und auferzogen worden ist, nein, einen express sich selbst Verfertigthabenden, welche immer, gleich der eigengemachten Leinwand, die besten sein sollen. Nun sind denn endlich Seine Durchlaucht an das Regiment gekommen, da geht alles gross und staatisch zu, ich glaube, sie legen sich sogar mit ihren Orden zu Bette; das habe ich nun so insgesamt mit angesehn, und was werde ich vielleicht noch alles erleben mussen!"
In diesem Geschwatze fuhr er fort, obgleich Hermann ihn durch dazwischengeworfne verdriessliche Fragen abzubringen versuchte. Endlich rief er: "Wenn ich nur einmal das Gluck hatte, die ganze liebe Familie hier beisammen zu sehn!" Worte, uber die Hermann nachdenken musste, und deren Sinn er nicht ergrunden konnte.
Man war nunmehr dicht vor dem Tage, um welchen man sich eine so bedeutende Muhe gegeben hatte. Es herrschte die grosste Bewegung. Die gemeinschaftlichen Mittags- und Abendtafeln waren aufgegeben worden; jeder ass, wie und wo er konnte. Schon war das Schloss von Besuch halb voll, denn mehrere vorsichtige Familien hatten es fur ratsam gehalten, sich beizeiten in Besitz zu setzen, um nicht, mit der heranflutenden Masse vermischt, ubel quartiert zu werden. Niemand konnte sich um diese Gaste bekummern, und da sie ihrerseits es fur unschicklich hielten, vor der Stunde des Festes offentlich zu erscheinen, so verbrachten sie, in ihren Zimmern eingesperrt, in der Tat eine sehr unbequeme Gefangenschaft.
Noch zur rechten Zeit vernahm Hermann, dass jene Gutsbesitzer, die es nicht verschmerzen konnten, uneingeladen geblieben zu sein, einen satirischen Streich auszufuhren beabsichtigten, und zu dem Ende in der Stadt, wie in einem Feldlager, zahlreich versammelt waren. Er hielt sogleich mit Wilhelmi und dem Arzte einen Kriegsrat, in welchem anfangs mehrere ideelle und geistige Gegenoperationen zum Vorschlag kamen.
Zuletzt aber sah man ein, dass hier die korperlichste Abwehr wohl die beste sein durfte. Man beschloss daher, auf allen Strassen, die zum Turnierplatz fuhrten, tuchtige Schlagbaume errichten zu lassen, und deren Bewachung sichern Mannern mit gemessner Unterweisung anzuvertraun.
Eine augenblickliche Verlegenheit hatte sich erhoben, als Hermann die Liste der Eingeladnen durchging, und deren Zahl mit der Grosse der Tribunen verglich, von denen die Standespersonen dem Feste zusehn sollten. Es zeigte sich, dass sie viel zu gross angelegt worden waren; kamen auch alle Gaste, kaum ein Dritteil der Sitze konnten sie anfullen. Der Gedanke, das Caroussel vor leeren Polstern stattfinden zu lassen, war nun gar zu unertraglich, man bestimmte sich daher zu einer freilich verzweifelten Auskunft. Die Herzogin sandte namlich, nachdem vergeblich alle ubrigen Mittel und Wege erwogen worden waren, in grosster Eile nachtragliche Einladungen an samtliche Honoratioren des Stadtchens, deren Ehehalften und Tochter ab, um durch ihre Gegenwart die dunnen Reihen des Adels zu verstarken. Aber auch dies wurde noch nicht genug verschlagen haben, wenn nicht glucklicherweise ein Regiment, welches sich auf dem Marsche befand, in der Stadt eingeruckt ware, um dort auf einige Tage haltzumachen. Kaum wurde bei demselben die Mar von dem Feste ruchtbar, als das ganze Offizierskorps, den Chef an der Spitze, sich auf den Weg machte, und der Herzogin Visite abstattete, worauf es denn auch in corpore seine Einladung empfing.
Nun senkte sich die Nacht zur Erde nieder, aber im Schlosse und um dasselbe blieben gewiss gegen hundert Menschen wach. Die Koche sotten und brieten an ihren Feuern, die Tafeldecker ordneten die Speisetische, die Bedienten rannten mit dem Silberzeuge treppauf und treppab, der Haushofmeister bereitete die Dislokation der Gaste vor, und schrieb Nummern an alle Stubenturen. Bei Laternenschein behingen die Tapezierer die Brustungen der Tribunen mit Teppichen, und vollendeten den Aufputz der Pavillone, in welchen die Kavaliere vor dem Beginne des Festspiels verweilen sollten. Von weitem klang das Hammern der Zimmerleute, welche die Schlagbaume fertigten, wodurch man die Feier des Tages vor roher Unbill zu schutzen gedachte.
Auch die furstlichen Personen genossen wenig Ruhe, insbesondre tat die Herzogin kein Auge zu. Hermann war bei seinem Oheim, der noch vor Abend angekommen, und in der Stadt abgetreten war. Den Inhalt ihrer Gesprache und die denkwurdigen Dinge des nachsten Tages werden wir in den folgenden Kapiteln berichten.
Neuntes Kapitel
Der Oheim fuhr erschreckt zuruck, als ihm Hermann seine Verlobung ankundigte und Zustimmung begehrte. "Das geht nun und nimmer an!" rief er. "Jetzt also verstehe ich den Brief des armen Kindes, worin sie angstlich bittet, sie um jeden Preis zuruckzunehmen." Hermann bat vergebens um eine Erklarung dieses Versagens. "Bin ich Ihnen denn so schlimm abgeschildert, lieber Oheim?" fragte er. "Auch Ihre Briefe waren immer so kalt, und die Tante empfing mich, wie einen Fremden. Weshalb stossen mich meine Verwandten zuruck, da ich so herzlich wunsche, mich ihrem Kreise anzuschliessen?" "Du gehst deinen Weg, und wir gehn den unsrigen", versetzte der Oheim.
"Ich bitte Sie, entziehn Sie mir die Hoffnung auf Cornelien nicht ganz!" rief Hermann. "Lassen Sie mich um sie dienen, prufen Sie mich, lernen Sie mich kennen! Diese Bitte durften Sie auch dem Schlechtesten nicht abschlagen."
"Wir wollen vermeiden, uns zu erhitzen", sagte der Oheim. "Cornelie ist mir von einem alten Freunde, dessen Fleisse ich einen grossen Teil meines Vermogens zu danken habe, hinterlassen, sie ist meine Mundel, meine Pflegetochter, ich habe die Pflicht, fur ihr Bestes zu sorgen. Ist sie volljahrig, so mag sie nach Gefallen uber sich entscheiden."
"Volljahrig!" sagte Hermann mit einigem Eifer. "Sie ist jetzt grade sechzehn geworden."
"Oder seid ihr einig", fuhr der Oheim kaltblutig fort, "so tut, was euch die Gesetze erlauben. Es ist vernunftig, dass man das Gluck junger Leute nicht einzig von dem Ja oder Nein der Vater und Vormunder abhangig gemacht hat, denn auch die Alten konnen sich irren. Klagt also gegen mich, gebt der Behorde eure Grunde an, ich werde die meinigen beibringen, wir wollen es auf den Spruch des Richters ankommen lassen, und du sollst es dann an der Ausstattung nicht merken, dass meine Einwilligung erganzt worden ist."
Hermann verwarf mit Entrustung diesen Vorschlag. "Niemals", rief er, "werde ich ein Madchen, welches ich liebe, in Zwiespalt mit ihrer Dankbarkeit versetzen! Cornelie weiss, was sie Ihnen schuldig ist, und ich bin der Sohn Ihres Bruders. Konnen wir nicht in Geduld und Harren Ihre Weigerung auflosen, so wollen wir lieber unglucklich sein."
"Das ist die Jugend", sagte der Oheim. "Ein wahres Trubsal, dass viele Menschen meinen, das Leben lasse sich auf Empfindungen, Zartsinn und Gefalligkeiten erbaun, denn aus dieser hohen Stimmung entspringen in der Regel grade die gemeinsten Folgen. Man muss mit Verstand zu rechnen wissen, und von sich und andern nie eine andre Maxime erwarten, als die, dass erlaubt sei, was nicht verboten wurde. Dann legt man zu seinem Geschicke einen tuchtigen Grundstein, und das Schone und Gute findet sich wohl obendrein hinzu. In entgegengesetzter Richtung handeln, heisst an Blutenzweige Zentnergewichte hangen. Du siehst, ich kann auch in meinem Fache zum Dichter werden, wenigstens war dieses, wie mich dunkt, ein passendes Gleichnis."
Hermann war an das Fenster getreten, um seine Aufregung zu verbergen. Der Oheim stand eine Zeitlang schweigend am Tische, dann ging er zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit dem gutmutigen Tone, der diesem Manne trotz seiner Kalte eigen sein konnte: "Du dauerst mich, armer Narr. Aber sieh; uber gewisse Dinge, Verhaltnisse und Konjunkturen habe ich nun einmal meine ganz bestimmte Meinung, von der ich nicht ablassen kann, da meine sechzig Jahre sie mir immer bestatigten. So wenig ich meinen Sohn Ferdinand Soldat werden lasse, so wenig ich Cornelien an einen Seefahrer verheiraten wurde, so wenig bekommst du sie mit meinem Willen. Die Sunden der Vater sind eine Last fur die unschuldigen Kinder; es ist schlimm, aber wer kann es andern?"
"Entdecken Sie mir denn, was Sie von mir, von meinen Eltern wissen!" rief Hermann. "Was fur Gespenster der Vergangenheit schleichen um mich her? Was bedeuteten die Tranen meiner Mutter? die Seufzer meines Vaters? Was sollen die Bilder, Inschriften und Erinnrungsdenkmale, die mich in den Zimmern des Herzogs wie gefahrliche Zauberzeichen anstarrten? Reden Sie, ich will alles erfahren."
"Frage deine Brieftasche", versetzte der Oheim. "Den Willen meines Bruders habe ich vollstreckt, etwas Weitres fordre nicht von mir. Den Inhalt fremder Geheimbucher verrat kein rechtlicher Kaufmann."
Er brachte das Gesprach auf einen andern Gegenstand, und fragte Hermann, wann das Fest vorbei sein werde, da er gleich nachher den Herzog zu sprechen wunsche, indem seine Zeit gemessen sei. Jener sagte ihm darauf das Notige, und eroffnete ihm, dass er von der Herzogin den Auftrag empfangen habe, ihn ebenfalls einzuladen. Er beschwor ihn, dieser freundlichen Frau mit Freundlichkeit zu begegnen. "Wussten Sie", rief er, "was fur Menschen diese, die Sie angreifen wollen, trotz aller ihrer Schwachen und Vorurteile sind. Sie wurden in Ihrem grausamen Beginnen wankend werden."
"Grausam!" versetzte der Oheim einigermassen empfindlich. "Du gehst mit den Worten nicht eben genau um. Ich will ihnen ja einen Vergleich vorschlagen, und einen billigen. Wir wollen miteinander teilen; sie bleiben dann noch immer reich genug. Ich erzeige ihnen die Ehre, selbst zu kommen, da sie meinen Sachwalter verfuhrt haben. Wie kann man nachgebender, gefalliger sein?"
"Soviel ich von diesem Handel weiss", sagte Hermann, "ist er der ungereimteste, der sich denken lasst. Sie, der Burgerliche, werfen dem Edelmann den Flekken seiner Abstammung vor, und wollen aus diesem Grunde, Sie, ihn von Haus und Hof treiben. Ein solcher Erwerb, den nur der Widersinn mir zuwerfen konnte, wurde mir Grauen verursachen."
"Gib mir die schonen Guter, das andre will ich tragen", erwiderte der Oheim. "Habe ich die Rechte gemacht? Bin ich schuld an den Verwicklungen der Zeit? Glaubst du, dass ich mich wie ein Geier auf die Beute sturze? Kommt es zum Prozess, und verliere ich ihn, so werde ich an dem Tage, wo ich es erfahre, nicht um ein Haarbreit unzufriedner sein, denn ich weiss recht wohl, dass mit den Reichtumern auch die Sorgen wachsen, und dass man nur bis auf einen gewissen Punkt besitzt. Daruber hinaus hat man eigentlich nichts mehr von dem Seinigen. Aber eine gunstige Gelegenheit von der Hand schlagen, zu einem Glucke, welches uns gleichsam zugeworfen wird, sagen: 'Geh, ich mag dich nicht', das wurde ich weder vor mir, noch vor meiner Familie, noch vor den vielen Menschen, die von mir leben, verantworten konnen. Auch ist es endlich einmal Zeit, dass eine bessre Ordnung in der Welt gestiftet wird. Das Herz blutet einem, wenn man sieht, wie sie mit dem Ihrigen wirtschaften. So erfuhr ich im Voruberfahren, dass der Herzog einen herrlichen Kalkbruch, der ihm jahrlich die sicherste Rente abwerfen wurde, aus blossem Eigensinne nicht aufbrechen lasst. Weil sie nie etwas zu erringen brauchten, so denken sie auch nicht an das Vermehren, kaum an das Bewahren.
Man spricht so viel von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes, und wenn sie sich einmal an einem deutlichen Beispiele zeigt, so ist des Verwunderns kein Ende. Du weisst es nicht, denn du bist noch zu jung, wie uns andre dieses bevorzugte Geschlecht druckte, peinigte, verdrangte, wie es sein Gift in das Innerste unsrer Hauser spritzte! Ja, mir kann gross zumute werden, wenn ich an manches, was vorgefallen ist, mich erinnere, und nun bedenke, dass ich es bin, der das Messer in der Hand hat, um ..."
Seine Augen blitzten, die hagre Gestalt wurde langer, seine Gebarde hatte etwas Erhabnes. Doch besann er sich, vollendete den Satz nicht, und fuhr in gleichgultigem Tone fort: "Es ist noch nicht so gar lange her, dass wir nur mit dem Beisatze: Burgercanaille, genannt wurden, wenngleich das jetzt schon wie veraltet klingt. Wir Mittelleute haben ein unbeschreiblich kurzes Gedachtnis fur unsre Krankungen, und halten alle Gefahr der Wiederkehr fur so entlegen, wie die Sundflut, oder den Untergang der Welt durch Feuer, obschon manche Zeichen dahin deuten, dass man an tausend Ecken und Orten mittelbareroder auch unmittelbarerweise versucht, die Zeit der Junker, ihrer gnadigen Ohme und Basen zuruckzufuhren. Was mich betrifft, ich will mich wenigstens an meinem Platze bestreben, die alten Feudalturme und Burgverliesse zu sprengen."
"Vergessen Sie nur nicht", sagte Hermann, "dass man, wenn man die Hand an dergleichen altes Gemauer legt, leicht Vipern und Nattern mit aufstort, oder giftige Schwaden entbinden hilft, die einem gefahrlich, ja todlich werden konnen."
"Das ist mir zu hoch, und ich verstehe es nicht", erwiderte der Oheim. "Wir haben aber die Nacht zum Tage gemacht, lass uns wenigstens noch etwas schlafen. Ich mochte sonst morgen bei eurer Lustbarkeit, die mir ohnehin Langeweile genug machen wird, die Augen nicht offenhalten konnen."
Zehntes Kapitel
Als der Oheim sich andern Tages ankleidete, bemerkte Hermann, dass ein schwarzer Flor um den Arm lag. "Wen betrauern Sie?" fragte er besturzt.
"Meine Frau", versetzte der Oheim ruhig. "Ihr altes Ubel hat sie gleich nach deiner Abreise ergriffen und dieses Mal doch uberwaltiget. Leider war ich zu entfernt, als ich die Nachricht bekam, um noch zur rechten Zeit zur Bestattung eintreffen zu konnen, ich habe diese Sorge andern uberlassen mussen."
"Grosser Gott!" rief Hermann, "und davon sagen Sie mir erst jetzt etwas?"
"Warum denn fruher? Du hast sie nur wenige Wochen gekannt, wie kannst du ein Interesse an ihr haben? Leere Beileidsbezeugungen sind mir zuwider. Sie ist schlafen gegangen ein paar Stunden eher, als ich, das ist alles. Mein Platz an ihrer Seite wird mir nicht entstehn. Nun geh nur voran, ich will noch etwas in meinen Papieren lesen; es mochte dir ohnehin bei deinen Gonnern und Beschutzern schaden, wenn du in meiner Gesellschaft erschienest."
Hermann ging, ganz verwirrt uber diesen Mann, von dessen Fassung er nicht wusste, ob er sie fur Wirkung der Gefuhllosigkeit oder der Seelenstarke halten sollte.
Auf dem Platze vor dem Schlosse kam ihm Wilhelmi entgegen, und rief: "Wo bleibst du? Die Neidharte sind uberwunden, unsre Wachter haben sich tapfer gehalten." Er erfuhr von dem Freunde, dass sich auf einem der Wege, die sowohl zum Schlosse als zum Turnierplatze fuhrten, ein abenteuerlicher Zug gezeigt habe. Grosse Schlittenkufen, auf Rader gesetzt, rollten, von schellenbehangnen Pferden gezogen und von Harlekinen gefahren, daher. In diesen Gefahren sassen maskierte Gestalten, deren Aufputz eine Mischung aller moglichen Kostume war. Sie begehrten am Schlagbaume Einlass, und hielten dazu eine Rede in Knittelversen, deren Sinn ungefahr dahin ging, dass, wo man Anno dann und dann Turnier spiele, Gaste, die im Sommer Schlittenfahrt hielten, gewiss willkommen seien.
Wilhelmi hatte in der Nahe gelauscht, alles verstanden, und auch leicht die Stimme eines der missgunstigen Gutsbesitzer erkannt. Der Wachter nahm sich bei diesem satirischen Anfalle ganz vortrefflich. Er tat gar nicht, als ob er den Spruch hore, liess den Balken des Schlagbaums im Schlosse, und drehte den Schlittenfahrern schweigend den Rucken zu. Auf solche Weise wird die Wirkung jedes Hohns am sichersten vereitelt. Nachdem die Schlittenfahrer noch einige Male ihre Xenie wiederholt hatten, ohne etwas auszurichten, kehrten sie, da sie doch nicht gradezu Gewalt brauchen wollten, um, und versuchten, einen weiten Umweg machend, auf einem andern Punkte einzudringen. Aber auch hier fanden sie einen Schlagbaum und einen Wachter, der dem ersten glich. Es half nichts; sie mussten abziehn und sich in ihrer lacherlichen Verkleidung, hin und wieder von mutwilligen Buben beschrien, durch die Feldmark zerstreun.
Wilhelmi zog Hermann nach dem grossen Zimmer des Herzogs, welches im Schlosse nur der Audienzsaal hiess, weil der Furst darin die vornehmeren Besuche zu empfangen pflegte. Sie fanden ihn, umgeben von dem ganzen Hausstaate, beschaftigt, die Gluckwunsche der Versammlung entgegenzunehmen. Er trug seine goldbestickte Generalsuniform, war uberaus freundlich, und sagte zu Hermann, als dieser sich ihm mit schicklichen Worten naherte, scherzend: "Nun, heute werden wir wohl auch unsre Stallmeisterkunste genugsam zeigen; nicht wahr?" Doch dann sich besinnend, und ehe noch Hermann sagen konnte, dass er dem Feste nur als bescheidner Zeuge beizuwohnen wunsche, mass er unsern Freund von oben bis unten mit den Augen, und flusterte dann: "Ah so!" Hierauf gab er ihm huldvoll die Hand, und wurde gewiss den Kuss darauf geduldet haben, wenn Hermann einen solchen beabsichtigt hatte. Er rief ihn, Wilhelmi und den Arzt in einen Winkel, und sagte dort zu dem Hypochondristen vor diesen Zeugen: "Ich gedenke auch Ihnen in den nachsten Tagen ein Beispiel zu geben, dass ich nicht an Vorurteilen hafte, und vernunftige Neuerungen geschehen lassen kann. Nur muss alles im Wege der Reform vor sich gehn, und nicht auf tumultuarische Weise." Wilhelmi nahm Hermann nach diesem Erlasse beiseite und sagte: "Er ist doch durch die Entdeckung der alten Rustungen rein toll geworden. Wie wenig gehort dazu, um in beschrankten Kopfen das bisschen Vernunft garen zu so machen!" "Ei lass ihn, Lieber!" versetzte Hermann. "Er sieht heute gar zu stattlich aus, und ist ein beneidenswerter Mann!"
Unbeschreiblich reizend war namlich die Herzogin anzuschaun. Sie hatte mit feinem Sinne einen Putz gewahlt, der, obgleich fremdartig und phantastisch, sich doch zu der modernen Kleidung ihres Gemahls harmonisch verhielt. Denn sie wusste wohl, dass dieser nicht zu bewegen sein wurde, anders als in seiner eigentlichen Kleidung zu erscheinen. Als Hermann zu ihr trat, sagte sie ihm leise und angelegentlich: "Wir werden Sie nach diesen unruhvollen Tagen noch einige Zeit in der Stille und Einsamkeit hier behalten? Nicht?"
Man wiederholte in diesem vertrauten Kreise die Ordnung des Tages, wie sie beobachtet werden sollte. Die Einladungen waren auf die Mittagsstunde gestellt worden. Auf dem Georginenplatze, den aber jetzt Schneeballe, Lilien und Maienrosen schmuckten, hatte man ein geraumiges Gartenzelt errichtet, unter dem sich die Gesellschaft versammeln sollte. Das Lesekabinett war mit seinen anstossenden Raumen gleichfalls geoffnet worden, damit fur jeden Platz und Freiheit bleibe. Eine Seitenverwandte des Hauses, die man Grafin Theophilie nannte, sollte die Honneurs machen, bis die furstlichen Personen eintreten wurden. Man hatte sie zu diesem Zwecke ausdrucklich kommen lassen. Herzog und Herzogin wollten erst sichtbar werden, wenn alles versammelt ware. Nach den Bewillkommnungen sollte ein Herold zu Pferde vor dem Zelte erscheinen und das ritterliche Spiel ankundigen. Man hatte die ungefahre Dauer des letzteren berechnet und die Tafelstunde danach auf vier Uhr nachmittags festgesetzt. Gespeist sollte im Ahnensaale werden, wo ein Hufeisen fur vierhundert Personen gedeckt war. Um sechs Uhr sollte das Mahl zu Ende sein, und jeder nach Belieben sich umtun durfen. Als heitre Zwischenunterhaltung waren fur diesen Zeitpunkt die Ergotzlichkeiten der Leute, das Scheibenschiessen, der Hahnenschlag, das Klettern, und was sonst noch daran gereiht war, bestimmt. Im Ahnensaale war unterdessen aufzuraumen, zu erleuchten und alles fur den Ball herzurichten, der dort Schlag acht Uhr beginnen sollte.
Jeder der Anwesenden hatte seinen Auftrag; was um so notiger war, da man, um auch den Leuten moglichst viel Vergnugen zu gonnen, nur den unentbehrlichsten Teil der Hausdienerschaft zur Aufwartung beibehalten und den ubrigen erlaubt hatte, an den Volkslustbarkeiten teilzunehmen. Man hatte deshalb von den umliegenden Gutern sich eine Menge fremder Menschen erbitten mussen, deren Dienste immer nicht so zuverlassig erschienen, als die der eignen, vollkommen regelrechten Livree.
Wilhelmi ubernahm es, den Wagenzug vom Gartenzelte nach dem Turnierplatze zu ordnen, der Arzt wollte fur Aufrechthaltung des Ballreglements Sorge tragen; was Kuche und Keller betraf, so konnte man sich in dieser Hinsicht auf den Haushofmeister verlassen, der ein sehr sichrer, gewandter Mann war. Hermann endlich hatte sich das im stillen wirkende Amt des Ordners bei dem Festspiele selbst erbeten.
Unter diesen Besprechungen war es Mittag geworden, und man konnte die Gaste erwarten. Verlangend sahen Herzog, Herzogin und die bei ihnen im Audienzsaal Verbliebenen nach der Allee vor den Toren des Schlosses, in welche samtliche Wege, die zu demselben fuhrten, einmundeten. Nichts erschien, nur die Staubchen wehten im Sonnenscheine. Die roten und gelben Fahnen mit den Wappen des Herzogs, auf den Spitzen der Pavillone, flatterten uber den Stauden des Parks, Trompeten und Pauken liessen sich von dort hin und wieder in ungeduldigen Fanfaren horen, am Gartenzelte harrten der Haushofmeister und die Dienerschaft mit den bereiteten Erfrischungen, aber kein Wagen, kein Reiter, kein Fussganger wollte erscheinen, Strasse, Hof und Park waren wie ausgestorben.
Nachdem man so langer als eine Stunde vergebens gewartet und alle Moglichkeiten in Vermutungen uber den Grund dieses auffallenden Zogerns erschopft hatte, sah man plotzlich einen bunten Jockei atemlos und besturzt auf den Hof gelaufen kommen. "Zu Hulfe!" rief der Knabe, "wir konnen nicht hinein! Auch ich habe mich nur mit genauer Not so durchgeschlichen."
Auf der Stelle stieg Hermann zu Pferde, und ritt dem Knaben nach, der den Weg einschlug, auf welchem die meisten der Besuchenden kommen mussten. Dieser Weg lief zwischen hohen Erdwanden hin, und war, etwa eine kleine halbe Stunde vom Schlosse, durch einen der Schlagbaume gesperrt worden. An letzterem nahm nun Hermann das lacherlichste Schauspiel wahr. Jenseits des Schlagbaums hielt eine unabsehliche Reihe von Wagen und Reitern, von denen die vordersten mit heftigen Reden die Erhebung des Balkens begehrten; diesseits stand der Wachter, unbeweglich, ungeruhrt, und drehte der ganzen Gesellschaft den Rucken zu.
Bald hatte Hermann die Erklarung dieses Auftritts vernommen. Der Wachter hielt sich streng an seine Instruktion, welche ihm verbot, Leute von fremdartigem Ansehn durchzulassen. Er meinte, die Worte des Befehls auch auf den Zug der Eingeladnen anwenden zu mussen, von denen die meisten in ungewohnlichem Anzuge erschienen. Vergebens waren alle Deutungen und Bedeutungen gewesen, der Wachter schwieg und behielt den Schlussel in der Tasche. Da nun der Weg, wie wir ihn beschrieben haben, durchaus keine Umgehung gestattete, und der Wachter einigen Bedienten, die unter dem Balken durchkriechen wollten, um im Schlosse das Hindernis zu verkundigen, mit unzweideutiger Gebarde seinen Spiess vorhielt, so sah sich der ganze Reigen eine geraume Zeit lang in der seltsamsten Lage, und wie im Zustande des Banns vor einem verzauberten Kastell, bis es jenem gewandten Knaben gluckte, vorbeizuschlupfen.
Verdriesslich uber die Dummheit des Wachters, entriss Hermann ihm den Schlussel, machte am Schlage des vordersten Wagens den Damen schickliche Entschuldigungen und erbat sich einige berittne Diener, die er sofort nach den andern Schlagbaumen abfertigte. Wirklich war diese Vorsorge notig gewesen, denn uberall trafen die Boten auf die namliche Szene. Die Wachter hatten samtlich in der Uberzeugung gestanden, dass an solchen Tagen eine buchstabliche Auslegung der Gesetze die sicherste sei, und nach diesem Grundsatze verfahrend, Ritter und Edelfrauen abgesperrt.
Uberhaupt schien ein schalkhafter Kobold an diesem Morgen die Sinne der Menschen zu betoren. Der so kluge und einsichtsvolle Haushofmeister hatte im Strudel seiner Geschafte ganzlich vergessen, dass der eine Flugel schon von den fruhzeitig eingetroffnen Besuchern erfullt war, und in der Absicht, verwahrt zu halten, was nicht auf der Stelle benutzt werden sollte, die grosse Ture desselben verschliessen lassen. Bei solchem Zudrange eine an sich lobliche Vorsicht!
Nun vernahm der Herzog, wahrend Hermann bei dem Schlagbaume beschaftigt war, von der Seite jenes Flugels her, ein donnerartiges Getose, schickte hin, und horte, dass ein Teil der Gaste dort ebenfalls versperrt sei, welcher sich mit trommelnden Handen und Fussen abmuhe, Erlosung aus dem Kerker zu gewinnen. Der Haushofmeister war nicht gleich zu finden, und so mussten jene noch eine ganze Weile hinter Schloss und Riegel verharren.
Blitzschnell war Hermann vom Schlagbaume zuruckgesprengt, und hatte dem Herzoge das dort Vorgefallne gemeldet. Dieser liess, um das Gedrange vor der Allee zu hindern, verschiedne Seitenwege durch Wiesen und Baumgarten offnen. Auf einmal verwandelte sich nun die bisherige Einsamkeit in das Getummel des regsten und buntesten Lebens. Durch die Allee, uber Wiesen und Baumflecke von allen Richtungen her, rollten glanzende Equipagen, trabten geschmuckte Reiter auf kraftigen oder zierlichen Tieren heran. Barette, Henriquatres, Sammetmantel von allen Farben, Unterkleider von schneeweisser Seide, gelbe oder rote Stiefelchen, goldne Sporen hoben manche jugendliche Gestalt trefflich hervor. In den Wagen klopften die schonsten Busen unter Gold, Atlas, Spitzen und Stickerei, blitzten die anmutigsten Augen unter wehenden Reiherfedern, wahrend ehrwurdige altere Herrn und Damen in Silbergrau, Braun und Schwarz, gewissermassen den dunkeln Grund bildeten, auf welchem die Blumen des Festes wuchsen. Dazu die scharlachnen Hauptgestelle der Pferde, das weisse und rote Sielenzeug, die galonierten Livreen der Kutscher und Diener! Kurz, als auch die Flugelture ihre geputzten Gefangnen hervorgelassen hatte, als die Wege von den Herbeieilenden zuruckgelegt worden waren, so gab es im Schlosshofe ein Gewimmel von Farben, Figuren, von Glanz und Schimmer, welches wurdig zu beschreiben, eine geschicktere Feder, als die unsrige ist, kaum vermochte. Abstechend nahmen sich gegen die Gestalten des Mittelalters freilich die neuen Uniformen der Offiziere, und die schlichten Rocke der Burgerlichen aus, aber auch diese Kontraste erhohten nur den mannigfaltigen Reiz des Anblicks.
Da die Zeit uber die Gebuhr vorgeruckt war, so saumten die furstlichen Personen nicht, im Gartenzelte zu erscheinen, als sie meinten, dass dort alles sich zusammengefunden haben wurde. Bei ihrem Eintritte entstand ein frohlicher Tumult; man drangte sich um sie, verneigte sich, begrusste sie. Der Scharfblick der Herzogin hatte bald wahrgenommen, dass die Gattinnen und Tochter der Honoratioren aus der Stadt sich unter so vielem Sammet und so glanzender Seide in ihren weissen Batistkleidern etwas verlegen fuhlten, wahrend die Manner und Vater eher trotzig und herausfordernd vor den gleissenden Rittern standen. Mit bezaubernder Freundlichkeit wandte sie sich vorzugsweise an jene Frauenzimmer, und hatte wirklich in kaum funf Minuten jeder eine Artigkeit gesagt, so dass alle, wie neugeboren, Luft schopften.
Inzwischen bemerkte der Herzog den Oheim, der, grau gekleidet, mit Schnallenschuhn, wie er sich immer zu tragen pflegte, im Lesezimmer stand, und ein eifriges Gesprach mit einigen der prachtigsten Paladine fuhrte, deren Geschaftsfreund er war. Sobald er konnte, ging der Furst dorthin. Der Kaufmann trat ihm einige Schritte entgegen und sagte bescheiden: "Es tut mir leid, dass ich von dieser Festlichkeit fruher keine Kunde bekam, ich wurde Ew. Durchlaucht sonst meinen Anblick erspart haben, der grade heute Denenselben nicht angenehm sein kann." "Warum das!" versetzte der Herzog im besten Ton und reichte dem Kaufmann die Hand. "Jedes Ding hat seine Stunde. Heute das Vergnugen, morgen die Arbeit; auf beides bin ich gefasst." Trompeten schmetterten; ein Herold kam geritten und sagte folgenden Spruch her:
Die Bahn ist abgesteckt, die Fahnen wehn;
Wohlauf ihr Kavaliere reinen Bluts!
Wer einen Degen lasst zur Seite sehn;
Der gebe Zeugnis auch des Rittermuts!
Hierauf wurden die Damen wieder zu den Wagen gefuhrt, die Herrn sahn nach ihren Rossen. Ein prachtiger Sechsspanner fuhr vor, in den der Herzog mit seiner Gemahlin sich setzte. Wilhelmi ordnete die Reihenfolge des Zugs. Die Burgerlichen gingen zu Fuss voran. An einem Kreuzwege schwenkten die Carousselreiter ab. Alles war in der grossten Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Die kleinen Neckereien des Zufalls, welche vorangegangen waren, hatten die Stimmung erhoht und leidenschaftlicher gemacht. Von den Wagen flogen zartliche Blicke nach manchem der schmucken Reiter. Das Fest begann.
Eilftes Kapitel
Um den grossen, mit Sand reinlich belegten Platz liefen auf zierlichen Bogenstellungen die Sitzreihen fur die Zuschauer von Stande. Man hatte dem Holzwerke eine muntre Farbung, gelb und braun, gegeben, Behange von rotem Tuch, mit goldnen Fransen gesaumt, deckten die Brustungen. In der Mitte dieses Amphitheaters bezeichneten bessere Stoffe, ein Baldachin, und das grosse, im schwersten Zeuge gestickte Wappen des Herzogs den Ehrenplatz. Zu demselben bis dicht unter die Brustung fuhrten vom Grunde aus tuchbelegte Stufen. Hier sollte die Konigin der Schonheit und Minne auf einem thronartigen Sessel Platz nehmen, auf etwas niedrigeren Lehnstuhlen neben ihr zu beiden Seiten wollten Herzog und Herzogin sitzen. Zierliche Pagen in Blau und Silber standen hinter Thron und Lehnstuhlen, und hielten auf weissen goldgestickten Atlaskissen die Ehrengeschenke, welche die geschicktesten Ritter aus den Handen der Konigin als Dank empfangen sollten. In der Auswahl dieser schonen und kostbaren Sachen hatte die Herzogin ihren ganzen Geschmack bewiesen.
Auf ihre Veranlassung, durch Wilhelmis und andrer Vertrauten Bemuhungen war bunte Reihe gestiftet worden, die verschiednen Stande, Gaste in und ohne Kostum, sassen gemischt untereinander, ja sie selbst hatte ein gutes blodes Kind, welches angstlich nach einem freien Platze umherschaute, auf einen Sessel in ihrer Loge genotigt.
Neben dem Kaufmann sass der Enterbte, der an dem Caroussel keinen Anteil nehmen wollte, und mit allerhand spitzigen Bemerkungen halblaut um sich warf.
Dem herzoglichen Sitze grade gegenuber leuchtete der grosse, geraumige Pavillon von roter und gelber Leinwand, unter welchem sich die Kavaliere zu Ross versammelt hielten. Die Wappen des Herzogs und der Herzogin standen gepaart auf beiden Seiten der breiten Offnung, behutet von kraftigen Schildhaltern.
Als alles sich gesetzt hatte, richtete sich jeder Blick nach dem Pavillone. In diesem war ein kleiner Verzug entstanden. Unterwegs hatte sich namlich, Hermann wusste selbst nicht wie? ein Ritter zu den ubrigen gefunden, welcher eine halbe Larve vor dem Gesichte trug. Sein Putz uberstrahlte an wilder Pracht den der andern weit, ebenso auffallend erschien sein Tier. Als man ihn fragte, wer er sei, antwortete er, er nenne sich den Neffen des Enterbten. Im Pavillon verlangte Hermann, dass jener sich demaskieren solle, welches hoflich aber bestimmt verweigert ward. Hermann wusste nicht recht, wie er sich hiebei zu benehmen habe, wahrend er aber noch zaudernd stand, ertonte der erste Trompetenstoss, und nun war keine Zeit zu verlieren. Um kein Aufsehn zu erregen, und in der Meinung, dass hier ein artiger Scherz beabsichtigt werde, reihte er den Neffen des Enterbten eiligst bei dem letzten Gliede ein, wahrend die Trompeter schon aus dem Pavillon ritten.
So breit war die Offnung des letztern, dass mit Bequemlichkeit sechs Mann hoch ausgeritten werden konnte. Voran zogen zwolf Trompeter und Pauker, ihre Instrumente mit schwerem Silberzeug verziert. Hinterdrein folgte der Herold, in der Rechten eine grosse Pergamentrolle haltend. Nach ihm ritten in vier Zugen vierundzwanzig Kavaliere mit entblossten Schwertern. Dieser herrliche und glanzvolle Aufzug bewegte sich unter den Tonen eines triumphierenden Marsches langs der Umschrankungen des Platzes hin. Als er vor dem Balkone des furstlichen Paars angelangt war, senkten die Kavaliere die Schwerter, schwieg die Musik, entfaltete der Herold die Pergamentrolle. Er verlas die Namen der Edelleute, und erbat fur sie von dem Burgherrn und der Burgfrau Vergunst, ritterlich Wesen sehn lassen zu durfen. Die Herrschaften neigten sich gewahrend, der Zug setzte seine Runde fort. Nach deren Vollendung zogen sich die Kavaliere wieder in den Pavillon zuruck, Trompeter und Pauker aber schwenkten ab, und ritten unter dem Balkone der Herrschaften auf.
Nunmehr war es an der Zeit, zu der Wahl zu schreiten, welcher alle schonen Busen mit gerechter Bewegung entgegenschlugen. Ein andrer Herold in Friedenskleidern, einen Kranz in den Haaren, kam geritten, hielt in der Mitte des Platzes, und rief mit lauter, verstandlicher Stimme:
Wann wird der Dank zum lieblichen Gewinne?
Wann ihn die Kon'gin beut der Schonheit und
der Minne!
Wem ziemt die Wahl? Den Schonheit setzt in
Qual;
Wohlauf, ihr Herrn! Erkiest sie allzumal!
Die Herzogin hatte namlich, um Neid und Eifersucht moglichst zu entfernen, beschlossen, dem Zufall das Amt aufzutragen. Jeder Herr sollte auf ein elfenbeinernes Taflein den Namen derjenigen schreiben, welcher er die Wurde zudachte. Aus diesen Taflein, in eine Urne geworfen, sollte dann Damenhand das begluckte Los ziehn. Anfangs hatte sie sich hiebei ganz auf den Takt der Anwesenden verlassen zu durfen geglaubt, bei der nunmehr doch sehr gemischten Natur der Gesellschaft waren aber den beiden Edelknaben, welche die Stimmen einsammeln sollten, geheime Anweisungen erteilt worden, und wir durfen wohl verraten, dass bei dieser Gelegenheit der Unterschied der Stande scharf im Auge gehalten wurde.
"Was bedeutete der Spruch jenes Menschen?" fragte der Kaufmann seinen Nachbarn. "Nichts", versetzte der Enterbte, "er drehte sich, wie das ganze Fest, um nichts."
Die beiden Edelknaben, der eine mit den Taflein, der andre mit der Urne naherten sich ihnen. "Ich wusste keine, der ich die Palme gonnte", sagte der Enterbte; "geschwind, alter Herr, fallt Ihnen kein Madchenname bei?" Der Kaufmann erwiderte: "Meine Bekanntschaft unter dem jungen Frauenzimmer ist auch sehr schwach, ich kenne fast niemand ausser meiner Tochter Cornelie." "Bravo!" rief der Enterbte, schrieb und warf sein Taflein in die Urne.
Nachdem die Knaben den Umgang gemacht hatten, erhob der Herold wieder seine Stimme und rief:
Die Lose ruhn verhullt! Von Frauenhand
Wird nun in des Geschickes Dienst gezogen,
Und glucklich, die der zarte Finger fand!
Die andern doch sind auch nicht ganz betrogen.
Ob sie auch fern vom Thron des Festes blieben,
Ein Herz beherrschen sie; des, der sie
aufgeschrieben!
Diese Wendung fand allgemeinen Beifall. Man wiederholte sie lachend und scherzend; die anmutigsten Gesichter mussten die meisten Neckereien anhoren. Ein alter lustiger Herr sagte: "Dies ist sonach die wahre Republik Polen, wo jeder, wenn er auch nicht zum Zepter gelangte, im stillen sich dazu berechtigt fuhlte. Ich furchte nur", setzte er lauter hinzu, "die Erwahlte wird ein noch angefochtneres Regiment haben als jene Sarmatenkonige."
Der Edelknabe mit der Urne bog sein Knie vor der Herzogin. Sie wies ihn an die vornehmste Dame nach ihr, welche in ihrer Nahe sass. Diese, eine hohe, majestatische Gestalt, erhob sich, gebot, die Lose in der Urne umzuschutten, griff hinein, zog ein Tafelchen hervor, las und verwunderte sich. "Ich finde hier nur den Namen Cornelie aufgeschrieben", sagte sie zur Herzogin. "Wer ist diese Cornelie? Gebe Gott, dass nicht mehrere dieses Namens hier anwesend sind, sonst wird es eine schwierige Entscheidung geben."
Der Herold, welcher aufmerksam nach dem Namen hingehorcht hatte, fiel mit dem auf das Stichwort vorbereiteten Spruche ein: "Cornelie ist zur Konigin der Minne und Schonheit erwahlt worden. Ihr Edelfraulein, geleitet die Konigin zum Throne!" Ein jauchzender Tusch der Trompeten und Pauken bekraftigte diesen Ruf.
Die vier jungen Madchen, welche von der Herzogin zu Ehrendamen bestimmt worden waren, traten hinter ihr Tabouret, und sahen, der Anweisung bedurftig, auf sie. Ein Murmeln lief rings um die Tribunen, man fragte nach der ausgerufenen Dame, man uberzeugte sich bald, dass sie nicht zur Stelle sei. Die Herzogin, das Tafelchen von der andern empfangend, spielte verlegen damit und befand sich in grausamer Unschlussigkeit. Der Herzog nahm es ihr aus der Hand und sagte mit gehaltnem Tone, deutlich, dass seine Worte uber den ganzen Platz hin vernommen wurden: "Da die Konigin des Festes, wie es scheint, abwesend ist, so ersuche ich meine Gemahlin, ihre Stelle zu versehn. Vielleicht ist diese Gestalt der Wahl die richtigste, denn das Hochste soll uns ja eigentlich immer fern und unsichtbar bleiben. Ich erklare hiemit im Namen der unbekannten Schonheit den Thron fur besetzt, und bitte, das Spiel zu ihrer Ehre anfangen zu lassen."
Er legte das Tafelchen auf den Thron. Die Ehrenfraulein setzten sich auf Sessel an den Stufen desselben. Die Herzogin behielt ihren Platz, und blickte zerstreut vor sich hin. Auch ihm sah man an, dass er eine kleine Bewegung niederzukampfen hatte.
Was Hermann betrifft, der von dem Vorfalle durch einen aufmerksamen Zuschauer unterrichtet worden war, so mochte es schwer sein, seine Stimmung genugend zu schildern. Es war ihm, als blicke er durch ein Kaleidoskop, worin sich unscheinbare Kleinigkeiten zu glanzenden Figuren verbinden. Diese deuten auf Gestalten der Wirklichkeit hin, und sind sie doch nicht.
Zwolftes Kapitel
Schon bei den Quadrillen, die zuerst abgeritten wurden, hatte sich die Aufmerksamkeit bald vorzugsweise dem Verlarvten zugewendet. So gut die ubrigen, von tuchtigen Stallmeistern eingeubt, ihre Sachen in Schwenkungen und Volten machten; dem Verlarvten kam keiner gleich oder nur nahe. Das Staunen uber seine Geschicklichkeit war um so grosser, als er dieselbe durch den Gegensatz noch zu heben wusste. Denn anfangs hatte er wie im Schlafe auf seinem Tiere gehangen und war nur so mitgezuckelt, hatte auch wohl zum Sattelknopf seine Zuflucht genommen, so dass schon mancher uber den Ritter von der schneiderhaften Gestalt zu lachen begann. Auf so einmal aber ruckte er sich zurecht, alle Muskeln schwollen von kraftigem Fleische, er ritt nicht mehr, er schwebte auf dem Gaule, seine Hand spielte mit dem Zugel, er fuhrte die seltensten Kunststucke so edel-nachlassig aus, als seien sie eigentlich noch unter seiner Wurde. Hierauf gefiel es ihm denn auch wohl wieder, zur grossen Erlustigung besonders der Leute aus dem Volke, die unter den Bogen der Tribunen, hinter den Schranken zusahn, in den anfanglichen Schneidertrab zu verfallen, und so fesselte er die ganze Versammlung in Lachen und Bewundrung an sich. Was das Merkwurdigste war, sein Tier, eine katzenartig gezeichnete, lange Schecke, die aus tuckischen, leuchtenden Augen schaute, schien mit dem Herrn vollig eins zu sein. Wurde er uber ihr zum Schneider, so wurde das Tier unter ihm zur Mahre, liess die Ohren hangen, senkte den Kopf, und tat, als ob es lahme. Sobald dagegen der Reiter er selbst sein wollte, tanzte es wie ein Hirsch, flog es wie ein Vogel.
Besonders entzuckt uber diese Kunste war ein alter Landedelmann, der einen Teil seiner Jugend in Grossbritannien zugebracht hatte, und alles Pferdewesen leidenschaftlich liebte. Dieser Mann hatte bis dahin seine Nachbarn mit der unaufhorlich wiederholten Erortrung der Frage, was doch wohl aus ihnen allen hatte werden sollen, wenn die Schlagbaume nicht gehoben worden waren? gepeinigt, als die Freude uber den Verlarvten jene Untersuchung niederschlug. Er lehnte sich mit beiden Armen auf die Brustung, klatschte unmassig, rief einmal uber das andre: "Bravo!" und schwor, er musse nach dem Caroussel mit jenem Bruderschaft trinken. "Wenn ich nur wusste, aus welcher Familie er ist", sagte er. "Aus unsrer Provinz kann er nicht sein, denn hier sitzen sie doch im Grunde alle wie die Mehlsacke zu Pferde, er muss von mecklenburgischem Adel sein, er macht wahrhaftig Sachen, wie ein englischer Bereiter."
Nach den Quadrillen, welche die Musiker mit den ausgesuchtesten Marschen begleiteten, entstand eine kleine Pause. Knappen in grun- und weissgestreiften Wamsern richteten die bewimpelten Pfahle mit den Ringen auf, nach welchen nun das Stechen beginnen sollte. Eine grosse Walze wurde angewendet, den von den Huftritten der Pferde aufgewuhlten Sandgrund wieder festzudrucken, unter dem Pavillone verschnauften die Kavaliere und ihre Rosse.
Der Enterbte war von der Tribune herabgekommen, trat in den Pavillon, und Hermann sah, dass er mit dem verlarvten Neffen beiseite trat. Eine gewisse Vermutung machte ihn auf den Inhalt des Gesprachs neugierig, er wusste sich scheinbar unbefangen den beiden zu nahern, und konnte wenigstens einige Worte von ihren Reden vernehmen. "Macht es nicht so auffallend", sagte der Enterbte zum Neffen, "es kommt sonst aus, und wir werden um unsern Spass gebracht."
"Herr Baron", versetzte der Neffe in einem rauhen, holprichten Dialekte, "ich nehme mir es auch vor, aber wer kann wider die Natur?"
Die Kavaliere begannen das Ringelstechen; mancher Ring blieb auf den Degen sitzen, mancher flog auch, von ungeschicktem Stosse beruhrt, in den Sand. Der Verlarvte schien anfangs die Warnung des Enterbten beachten zu wollen, er zeichnete sich nicht aus, fehlte, traf, wie es kam. Auf einmal aber war es, als ob in ihn wieder ein ubermutiger Geist fuhre. Denn plotzlich ritt er bei dem Baume vorbei, und stach, diesem den Rucken zukehrend, mit einer sichern Bewegung nach hinten zierlich den Ring ab. Das war noch wenig. Das nachste Mal warf er den Degen nach dem Ringe, traf ihn, und fing den Degen in der Luft auf. Es war gut, dass hiermit dieser Teil des Festes zu Ende ging, denn wer weiss, welche Streiche noch sonst zur Gemutsergotzung der Zuschauer verubt worden waren.
Sobald der Zug wieder im Pavillone war, nahm Hermann den geschickten Reiter beiseite, und befahl ihm geradezu, sich zu entlarven. Die bestimmte Mahnung setzte den Menschen aus der Fassung, er nahm die Maske ab und ein braunes, verbranntes Gesicht erschien unter dem Barett. "Sie sind gedungen, unsrem Feste zum Hohne zu gereichen!" redete ihn Hermann hart an. "Verfugen Sie sich zu Ihrer Gesellschaft, bei der die Kunste, welche Sie uben, fur Geld zu sehen sind. Fort!" "Mein Herr", versetzte der Mensch, welcher zu ebner Erde so verlegen war, als er im Bugel sich keck erwiesen hatte, "ich wollte es nicht gern tun, denn ich furchtete mich vor Ruge und Bestrafung, aber der Herr Baron setzten mir so lange zu, dass ich mich endlich bewegen liess." "Und was war die Absicht bei diesem Possenspiele?" fragte Hermann. "Ich sollte", antwortete der andre, "nach dem Caroussel vor der Frau Herzogin hinknien, und die Geschenke empfangen, die der Herr Baron dann von mir haben wollte. Was weiter im Werke war, kann ich nicht sagen, wir reisen schon morgen fort."
Hermann notigte den falschen Ritter auf sein Kunstpferd, und begleitete ihn noch einige hundert Schritte, um gewiss zu sein, dass er sich entferne. Als er umkehrte, begegnete ihm der Enterbte auf halbem Wege. Dieser sah dem abziehenden Kunstreiter nach, und sagte dann mit giftigem Blicke: "Sie tun ja, als ob Sie hier Herr im Hause waren."
"Mein Auftrag geht dahin, reine Bahn zu halten", versetzte Hermann. "Ich hatte nicht ubel Lust, den Oheim dem Neffen folgen zu lassen. Das ist auch etwas, worin wir die Wilden unleugbar ubertreffen, dass wir uns an jemandes Tafel, Hohn und Schimpf im Herzen, niederlassen konnen."
Er wandte ihm den Rucken und liess ihn stehn. Eine laute Fanfare von Trompeten und Pauken verkundete das Ende des dritten Teils, des Stechens nach dem Turkenkopfe, welches inzwischen vor sich gegangen war, und das Caroussel beschliessen sollte. Die Kavaliere waren abgestiegen und standen, des Danks gewartig; die Pferde wurden von der Bahn gefuhrt. Die Herzogin sass unruhig, eine Trane im Auge, da. Sie furchtete, jeden Augenblick den Verlarvten wieder hervortreten, und sich mit unter die Dankbegehrenden stellen zu sehn. Sie wusste nicht, wer dieser Mensch sei, aber ihr weibliches Ahnungsvermogen sagte ihr, dass er ihr und ihrem Feste Schlimmes bedeute.
Hermann eilte, was er konnte, und trat atemlos hinter ihren Lehnstuhl. Er flusterte ihr zu, dass der Storer entfernt sei, und nannte ihr diejenigen Edelleute, welche nach seiner Meinung sich am besten gehalten hatten.
Die Geschenke, bestehend in goldnen Pokalen, damaszierten Ehrendegen, prachtvollen Scharpen und kostbaren Ringen, wurden verteilt. Auch wer keinen Dank empfing, wurde doch mit einer zierlichen Schleife, welche die verschlungnen Namen des Herzogs und der Herzogin zeigte, geschmuckt. Alles dieses geschah bei Pauken- und Trompetenschall im Namen der abwesenden Konigin.
Die Versammlung erhob sich. Nach dem Verlarvten wurde einige Augenblicke lang gefragt, dann vergass man ihn. Nur der alte Landedelmann war untrostlich, als er erfuhr, dass dieser Paladin sich entfernt und dadurch seinen Umarmungen entzogen habe. Er verfiel darauf wieder in das Gesprach von den Schlagbaumen, solange er einen Zuhorer finden konnte.
Man wollte nicht fahren, im Gehen meinte jeder sich mit denen, die er am liebsten mochte, besser zusammenzufinden. Alles wanderte in buntem Gewimmel nach dem Speisesaale.
Sobald die Gesellschaft den Platz verlassen hatte, sturzte eine Menge Knaben aus dem Volke herbei und raffte auf, was an Federn, Schlangenkopfen und sonstigen Kleinigkeiten umherlag. Hermann nahm eine Bandschleife, welche, von der Hand der Herzogin beruhrt, liegengeblieben war, und wollte sie als Erinnrungszeichen verwahren. Da sah er die verschlungnen Namen und warf sie mit einer schneidenden Empfindung weg. Die Knaben rauften sich um das leichte Zeichen; bei dem Ziehn und Zerren zerriss es.
Was den Herzog betrifft, so hatte dieser nach Beendigung des Caroussels ganz freundlich seine Gemahlin gefragt, wann denn nun das Turnier beginne? In der Verwirrung der vorangegangnen Tage war man namlich, wie dergleichen wohl vorzufallen pflegt, vollig vergessen gewesen, die Hauptperson von der Umandrung des ursprunglichen Festplans etwas wissen zu lassen. Er verwunderte sich daher nicht wenig, als er horte, dass die Sache schon vorbei sei, und dasjenige ausbleibe, worauf er sich eigentlich gefreut hatte.
Dreizehntes Kapitel
Indessen rauschte das Fest unaufhaltsam weiter. Ein kostbares Mittagsmahl war eingenommen worden, die Gesellschaft zerstreute sich in Salen, Zimmern, Lauben, Gartengangen. Wahrend ein Teil der alteren Herrn ein fruhzeitiges Spiel begann, andre da und dort ihr Nachmittagsschlafchen abhielten, die Matronen und die Frauen in gewissen Jahren, ernsthaft mit der Kritik des Vorfallenden beschaftigt, umhersassen, verirrte sich so manches zartliche Parchen seitab in die entlegensten Teile des Parks. Es gewahrte einen bunten und frohlichen Anblick, die vielen fremdartig geschmuckten Gestalten wie Blumen aus dem Grun der Gebusche und Baumgruppen hervordringen zu sehn.
Hermann hatte sich zu einer grossen Gestalt von ausserordentlicher, wenngleich verbluhter Schonheit hingezogen gefuhlt. Es war die Theophilie, welche die Herzogin zu ihrem Beistande hatte kommen lassen, die Schwester jenes toten Vetters. Ungeachtet des Streites, welcher die beiden Agnaten entzweit, stand sie mit dem Herzoge in einem freundschaftlichen Verhaltnisse. Sie waren einander an Hofen und in Badern begegnet, und man hatte selbst einmal vorlangst von einer gegenseitigen Neigung gesprochen.
Hermann erfuhr von ihr, dass sie in dem Schlosse ihres Bruders, welches nun seinem Oheim gehorte, wohne. "Wie kam es, dass ich Sie dort wahrend meiner Anwesenheit nicht gesehen habe?" fragte er.
"Es geziemt einer alten Hofdame, in ihrer Zelle zu verbleiben", sagte sie. "Mein Bruder machte sich bei dem Verkaufe einen Teil der Schlosszimmer aus, und nahm mich in den Vertrag mit auf. Dort lebe ich fur mich und hute meine Erinnrungen. Man muss der Welt den Korb geben, bevor sie ihn uns gibt. Ubrigens sind wir wie wohlgestellte Uhren. Sobald man uns aufzieht, gehn wir wieder. Ich war seit zehn Jahren nicht in grosser Gesellschaft gewesen und meinte, alles vergessen zu haben, was zum guten Tone gehort, aber meine Cousine hat mich aufgezogen und siehe da, die stehngebliebne Uhr geht noch, denn ich machte, wie mich dunkt, nach allen Formen die Honneurs."
Der Oheim kam ihnen entgegen, gedankenvoll vor sich hinsehend. Sobald er Theophilien erblickte, verfarbte er sich, und wendete sich, ohne zu grussen, kurz um.
"Verzeihen Sie ihm", sagte Hermann betreten, "er ist so kurzsichtig." "Nicht doch", erwiderte sie lachelnd, "er hat mich recht wohl erkannt. Wissen Sie, dass Ihr Oheim ein Geisterseher ist?"
"Diese Eigenschaft hatte ich nicht an ihm vermutet", erwiderte Hermann.
"Doch. Er ist so ein Sonntagskind, d.h. in Beziehung auf mich. Er sieht neben mir immer allerhand graue, schwarze, schalkhafte, tuckische Geister. Kennen Sie die Geschichte vom Muller bei Potsdam?"
"Welches Kind kennt sie nicht!" rief Hermann.
"Nun, ich bin der Muller bei Potsdam. Tausende gabe Ihr Oheim hin, wenn ich weichen wollte, aber ich bleibe in meinem Rechte wohnen. Das ist alles nur Scherz", fugte sie in einem schneidenden Tone hinzu. "Ihr Oheim sollte meinen Blick vergessen, der ihn so erschreckte, als ihm mein Bruder aus freien Stucken die Zession gab, denn hin ist hin, und tot ist tot!"
Ein Schwarm junger Madchen naherte sich, lachend und schwatzend. Sie liess ihn stehn, und lachte und schwatzte mit den Madchen. Er versuchte noch einige Male, ihr nahe zu kommen, um die Erklarung ihrer spottisch- geheimnisvollen Worte zu vernehmen, sie wich ihm aber aus, und er hatte uber eine neue Verwicklung aus fruherer Zeit nachzudenken.
Inzwischen waren die Lustbarkeiten der Burger und Bauern begonnen worden. Auf einer grunen geraumigen Wiese, unfern des Turnierplatzes erhoben sich Schaukeln und Kletterbaume; zu beiden Seiten waren Schiessstande abgesteckt, einer fur das Armbrust- der andre fur das Buchsenschiessen. In der Mitte des Plans stand eine grosse Bretterbude zum Tanzen, Wurfeln und Spielen.
Die ganze Wiese war von frohlichen Menschen bedeckt. Knaben und Madchen schwebten in den Schaukeln, junge Bursche fielen von den Kletterbaumen, ohne sich weh zu tun. Auf der einen Seite schwirrten Pfeile nach dem Vogel, auf der andern flogen Kugeln nach der Scheibe.
Besonders tat sich der alte Erich mit der Buchse hervor. Er schoss fast jedesmal ins Schwarze, und hatte schon manchen schonen Preis erbeutet. "Wenn Ihr so fortfahrt, wird fur uns nicht viel ubrigbleiben", sagte ein Schutze zu ihm. "Der Hauptschuss steckt noch im Laufe", versetzte der Alte.
"Trinkt nur nicht so viel", sagte der andre zu ihm. "Bedenkt Euer Alter. Ihr habt schon zweimal soviel zu Euch genommen, als wir."
"Meine Seele durstet nach Kraft wider die Ungerechten!" rief Erich und leerte einen ganzen Krug des Getranks, welches an den Schiessstatten in reichem Masse aufgefahren war. Die Augen des Alten gluhten, seine Finger bewegten sich unsicher; gern hatte man ihm das Gewehr weggenommen, wenn dies in seinem Zustande nicht noch gefahrlicher gewesen ware.
"Es ist nur zu verwundern, dass er in der Beschaffenheit so gut trifft", sagten einige der Umstehenden. "Er muss es mit jemand haben", sprachen andre, "denn er murmelt bestandig von dem Fursten der Finsternis, den er vertilgen wolle. Ist er von einem beleidigt worden?"
Der Herzog erschien mit seiner Gemahlin. Eine Menge der reichgeputzten Gaste hatte sich schon vorher eingefunden und unter die Volksgruppen gemischt, deren Lust immer sturmischer emporloderte. Junge Herrn setzten sich zu den schmucken Bauermadchen in die Schaukeln; die Herzogin war, begleitet von einigen Edeldamen, nach der Bretterbude gegangen, und hatte dort mit alteren Leuten aus dem Dorfe ein herablassendes Gesprach angeknupft. Der Herzog stand bei den Buchsenschutzen und besah ihre Gewehre, von denen mehrere sehr kunstliche Stucke waren.
Auch der Oheim war gekommen und zu dem Schiessstande herangetreten. Der Amtmann machte sich um ihn zu tun, und bewies sich auch gegen ihn sehr demutig und vielgesprachig. "Wenn hier viel Geld vertan wird", sagte der Oheim mehr fur sich, als zu seinem Begleiter, "so muss man gestehn, dass es wenigstens auf eine muntre Weise geschieht. Ich werde mich huten mussen, dass diese Lust nicht mich, wie meinen Advokaten ansteckt."
"Wie schon werden diese Platze sein", versetzte der Amtmann, "wenn erst uberall hier der Nutzen herrscht. Schon sehe ich z.B. im Geiste auf jener Anhohe das lange Trockengebaude mit Fachwerk errichtet, denn dicht daneben im Grunde steht das ergiebigste Torflager, welches Seine Durchlaucht nur nicht anbrechen lassen, weil Sie sich einbilden, der Gewinn ertrage die Kosten nicht."
"Lassen wir das", versetzte der Oheim. "Noch gehort dieses alles ihm, und ich gebe mir heute Muhe, zu vergessen, weshalb ich eigentlich hier bin." "Tun Sie das nicht, wertester Herr Kommerzienrat", sagte der Amtmann. "Betrachten Sie immerhin, was Sie vor sich sehen, als das liebe Ihrige. Denn selbst wenn der alte Adelsbrief aufgefunden werden sollte, wozu kein Anschein, so wurde es immer noch Mittel und Wege geben ..."
"Wie?" fragte der Oheim und zog den Amtmann beiseite. Gleich darauf gingen sie miteinander fort, einem Wege durch das Gebusch zu.
"Ich mochte wohl durch jemand einen Schuss auch fur mich tun lassen", sagte der Herzog an der andern Seite der Schiessstatte.
"Dessen ist niemand wurdig", versetzte ein Schutze, "als der alte Erich. Der wird einen Meisterschuss, einen Herzogsschuss fur Ew. Durchlaucht tun."
Man suchte nach dem Alten. Er war nicht zu finden. Man verwunderte sich; noch ganz vor kurzem hatte ihn jedermann hier gesehen. Ein Knabe sagte, er habe mit einem Fluche seine Buchse geladen und sei raschen Schritts unter die Menschen gegangen, wo er ihm aus dem Gesichte gekommen sei.
Ein Walzer ertonte aus der Bude; die Herzogin liess ihren Gemahl bitten, dorthin zu kommen. Ein ehrenfester Bursche wurde der Gnade teilhaftig, mit der Furstin den Tanz zu eroffnen. Der Herzog machte mit einem hubschen flinken Madchen die Runde. Auch einige der vornehmen Herren griffen da und dort zu. Demnachst nahm man mit guter Manier seinen Ruckzug, um die Toilette fur den Ball herzustellen, der nun sogleich im Schlosse beginnen sollte.
Unterwegs trat der Burgemeister den Herzog an und fragte ihn, ob er wohl erlauben wolle, dass auch seine burgerlichen Gaste verkleidet erschienen? "Ich bedachte", sagte er, "als ich die geschmuckten Herrn und Damen sah, wie kahl wir uns unter ihnen ausnehmen wurden, und erinnerte mich, dass wir auf dem Rathause noch mehrere Kisten voll Maskenzeug von dem Redoutenunternehmer stehn haben, der uns die Saalmiete schuldig geblieben ist. Diese habe ich holen lassen; das Zeug wird fur die Manner vollstandig hinreichen, und auch unsre Frauenzimmer werden genug Bander, Flor, Schmelz, Blumen und Borten finden, um sich ein fremdes Ansehn zu geben."
Der Herzog erteilte mit Vergnugen seine Zustimmung. "Aber freilich", sagte der Burgemeister, "sind es nicht lauter Ritterkleider; es sind Schweizer, Turken, Polacken, Juden, Indianer, Gartner und Zigeuner darunter."
"Je bunter, desto besser!" rief der Herzog. "Dieser Tag gehort der Freiheit und Freude. Eilen Sie, sich anzukleiden, wir wollen gleich anfangen, damit unsre jungen Damen und Herrn etwas vor sich bringen konnen."
Hermann hatte einen Augenblick sich unter den Volkslustbarkeiten umgesehn, dann war er nach dem Schlosse zuruckgeeilt, um die Erleuchtungsanstalten um dasselbe zu ordnen. Er meinte hierauf, sich von dem Getose etwas zuruckziehn zu durfen, und ging durch einen abgelegnen Teil des Parks, um seine Sinne zu beruhigen. Auf einmal war es ihm, als hore er ein Geschrei, und als er noch horchte, um sich dessen zu vergewissern, kam schon etwas quer durch die Busche, die einen Hugel dort bekleideten, herabgesturzt. Es war der Amtmann. Zitternd, entsetzt, rief er: "Mord! Mord!" und rannte uber den Weg durch das Strauchwerk weiter.
Mit der Schnelligkeit des Blitzes drang Hermann durch die Busche die Anhohe hinauf. Oben ward ihm ein schrecklicher Anblick. Sein Oheim stand bebend, an einem Baume sich haltend, furchtsam weggekrummt; einige Schritte von ihm der alte Erich, die weissen Haare wie Borsten emporgestraubt, die Buchse im Anschlage haltend. Mechanisch warf sich Hermann zwischen seinen Oheim und den wutenden Greis. "Lass ab!" rief er. Der Alte schien durch Hermanns Entschlossenheit ausser Fassung zu geraten, liess die Buchse sinken und schlug sich vor die Stirne.
"Unglucklicher, was wolltest du tun!" sagte Hermann, schritt beherzt auf den Alten zu und nahm ihm, ohne Widerstand zu finden, das todliche Gewehr ab.
"Das Haus meines Herrn beschutzen", versetzte dumpf und kalt Erich. "Sie sollen nicht sitzen, wo meine Herrn gesessen haben."
Es kamen Menschen. Der Amtmann war es und der Gerichtshalter mit seinen Dienern. "Da steht der Morder!" rief der Amtmann uberlaut. "Assassinat!" sagte der Gerichtshalter. "Ergreift ihn und bringt ihn in das Gefangnis. Einer aber gehe sofort und zeige es Seiner Durchlaucht an." "Halt!" rief Hermann. "Tun Sie, was Ihres Amts ist, aber niemand soll heute abend von diesem Vorfalle etwas erfahren; am wenigsten der Herzog. Das Fest darf nicht gestort werden, und ich mache Sie dafur verantwortlich, dass Ihre Leute schweigen."
"Mein Herr", versetzte der Gerichtshalter, und warf sich in die Brust, "wer gibt Ihnen das Recht, mir Befehle zu erteilen?"
"Sie gehorchen!" sagte Hermann fest. Der Alte sah ihn an, erhob die Stimme und rief: "Zanke nicht mit einem Gewaltigen, dass du ihm nicht in die Hande fallest. Viele Tyrannen haben mussen herunter, und ist dem die Krone aufgesetzt worden, auf den man nicht gedacht hatte."
Der Gerichtshalter, welcher von Natur verlegen und angstlich war, bedachte sich einige Augenblicke, dann sagte er zu seinen Leuten: "Es mag so geschehn. Fuhrt ihn auf Umwegen, wo niemand ihn sieht, nach dem Gefangnis, und keiner rede von der Sache."
Als der Alte abgefuhrt worden war, wandte sich Hermann zu seinem Oheim, der sich kaum auf den Fussen halten konnte. Er verlangte nach dem Gasthofe, schweigend fuhrte ihn der Neffe dorthin. Er erkundigte sich mit Schonung nach dem Hergange; der Oheim wusste ihm aber weiter nichts zu sagen, als dass jener Unselige, der ihnen nachgeschlichen sein musse, plotzlich hinter den Baumen, das Mordgewehr auf ihn gerichtet, hervorgetreten sei, ihn mit furchtbaren Drohworten aus den Propheten anfahrend. Der Amtmann habe gleich die Flucht ergriffen, und ihn dem Grimme des Alten uberlassen.
Er liess Postpferde bestellen. Hermann suchte alles mogliche auf, ihn von dem Entschlusse zu einer nachtlichen Reise nach solcher Alteration abzubringen, und fuhrte ihm endlich den Plan, mit dem er hieher gekommen, in die Erinnerung zuruck. "Das ist vorbei", sagte der Oheim. "Fernerhin soll zwischen mir und dieser Mordergrube nur von Recht und Gerechtigkeit die Rede sein."
Als Hermann besturzt seinen Verwandten in den Wagen gehoben hatte, ging er nach der Wohnung des Gerichtshalters, bei welcher sich auch die Gefangnisse befanden. Er erhielt Einlass in den Kerker des alten Erich, konnte aber mit diesem nichts beginnen, denn der Alte war, als habe er nichts begangen, fest eingeschlafen. Der Gerichtshalter erzahlte aus einem kurzen Verhore, welches er sogleich mit ihm angestellt, folgendes: Er sei dem Amtmann und dem Kommerzienrate nachgegangen, ohne zu wissen, warum? habe ein abscheuliches Gesprach zwischen beiden belauscht und dann gesehen, wie der Kommerzienrat sich auf den Hugel gestellt, die Arme ausstreckend, und andeutend, wie und wo er niederreissen, zerstoren und bauen lassen wolle, wenn er hier Herr werde. Da sei ihm jener wie der Teufel vorgekommen, der die Hand zum Verderben uber eine ganze Gegend ausrekke, und er habe es fur nichts Boses gehalten, den Teufel totzuschiessen.
Hermann sagte zu dem Gerichtshalter, dass er es ubernehme, den Herzog von diesen finstern Dingen zu benachrichtigen, und gebot ihm, den Alten mit Schonung zu behandeln. Er eilte nach dem Schlosse, sehr in Sorgen, dass doch eine Kunde bis dahin dringen werde.
Es war vollig Nacht geworden. In den Alleen um das Schloss waren alle Lampen angezundet worden, welche, farbig, ein magisches Regenbogenlicht umherstreuten. Vor dem Portale brannten machtige Pechpfannen, alle Fenster waren hell erleuchtet, aus dem Innern erscholl die rauschende Tanzmusik. Er schritt, geblendet von dem Glanze, die Treppen hinauf, und stellte sich an den Eingang des Saals. In dem Lichte der Lustres und Kronleuchter bewegten sich die glanzenden und bunten Gestalten, fur deren Menge der grosse Ahnensaal doch fast zu klein war. Es war das prachtvollste Gewimmel, welches seine Augen je gesehen hatten. Auch der Herzog war, zum grossen Erstaunen seiner Gemahlin, verwandelt, in dem geheim zubereiteten Schmucke unter die Gaste getreten. Er strahlte, mit Diamanten bedeckt, in einem roten hermelinumfassten Mantel. Die Augen der Damen folgten, nicht zum Verdrusse der Furstin, der hohen stattlichen Gestalt. Als er Hermann an der Tur bemerkte, winkte er ihm, in den Saal zu treten. Dieser aber verblieb, wo er war, jeden Hineingehenden sorglich anblickend, ob er auch nicht unvorsichtigerweise die Nachricht bringen werde, wie das Entsetzliche sich diesem schonen Scheine so nahe geschlichen habe. So stand er in seinem schlichten Frack einen Teil der Nacht durch als treuer Wachter an der Schwelle.
Vierzehntes Kapitel
Am folgenden Morgen wurde er von dem Gerichtshalter zu fruher Stunde geweckt. Der Mann trat mit erschrocknem Gesichte vor sein Bett, und brachte ihm stotternd die Nachricht, dass der alte Erich entflohen sei. Der Gerichtshalter hatte ihm auf Hermanns Weisung keine Fesseln anlegen lassen; so war es ihm moglich geworden, seine Wachter, die in der allgemeinen Freude wohl auch das Ihrige zu sich genommen haben mochten, zu tauschen.
Hermann ging mit dem Gerichtshalter nach dem Kerker. Das nicht recht feste Schloss war von inwendig erbrochen worden. Die Wachter, welche draussen im Vorraume gewesen waren, mussten geschlafen haben, wahrend der Alte sein Befreiungswerk verrichtete. An der Wand stand mit Kohle fast unleserlich geschrieben, dass, was einmal missgluckte, nicht immer fehlzuschlagen brauche.
Das erste war nun, den Herzog zu benachrichtigen, mit welchem unangenehmen Geschafte sich Hermann belud, da der Gerichtshalter sich nicht vor den Herrn getraute. Hier sah Hermann den Fursten zum ersten Male fassungslos. Er konnte kaum sprechen und seine Bewegung wurde noch grosser, als er die Abreise des Oheims vernahm. Hermann musste sich auf eine Viertelstunde entfernen, nach deren Verlauf der Furst einigermassen wieder zu seinem Gleichgewichte gekommen war. Er fragte nach dem Verbrecher, und befahl, als man ihm dessen Flucht meldete, dass die strengsten Massregeln zu seiner Habhaftwerdung getroffen werden sollten. Jedoch schien es Hermann, als ob dieser Eifer nicht ganz wahr, und das Verschwinden des Schuldigen ihm das einzige Trostliche bei der Sache sei, er begnugte sich daher, dem Gerichtshalter die sogenannten Solita anzuempfehlen, welche bekanntlich selten zum Ziele fuhren.
Im Schlosse sah es wust aus. Der Ball hatte bis gegen Morgen gedauert. Die Dienerschaft war erst bei Tageslicht aus den Federn gekommen. Im Tanzsaale, in den Seitengemachern, besonders im Trinkzimmer, uberall zeigten sich noch die Spuren des Festes. Zum Beweise, wie weit die Zerruttung dieses so wohlgeordneten Hauswesens gediehen sei, erzahlte man sich die Neuigkeit, dass die Herzogin heute dreimal nach ihrem Fruhstucke habe verlangen mussen.
Nur uberwachte abgespannte Gesichter begegneten einander. Dazu stromte der Regen herunter, in welchen sich das heitre Sonnenwetter umgesetzt hatte. Unter ausgespannten Schirmen stiegen die Gaste, welche nicht schon in der Nacht das Schloss verlassen hatten, schweigend-verdriesslich in ihre Wagen, und fuhren hinter zugeknopften Ledern ab. Die Herzogin hatte sich alle Beurlaubungsvisiten verbeten; sie entschuldigte sich mit korperlichem Unwohlsein.
Als Hermann auf den Turnierplatz ging, sah er die Tapezierer mit heftiger Eile bemuht, die schon durchnassten und halb verdorbnen Behange von den Gerusten zu nehmen. Die giessenden Fluten hatten die Bemalung von den Tribunen und Pfeilern abgewaschen; sie standen missfarbig und beschmutzt da. Von dem Pavillone war nur noch das Gerippe zu sehn.
Die Herzogin war mehrere Tage hindurch fur niemand, als fur ihren Gemahl sichtbar. Nur der Geistliche hatte Zutritt zu ihren Zimmern und hielt fortgesetzte Andachtsubungen mit ihr. Unter den Vertrauten ging die Rede, sie mache sich uber das Fest Gewissensskrupel.
Von diesem schwieg jeder; man hatte vorher zu viel davon gesprochen. Man suchte nach Gegenstanden der Unterhaltung; sie wollten sich nicht finden. Man gahnte, war ubelnehmerisch, ging einander aus dem Wege. Der Arzt schrieb viel.
Am verstimmtesten bezeigte sich Wilhelmi. "Ich gehe", sagte er eines Tages zu Hermann, "meines Bleibens wird hier nicht lange mehr sein. Man muss sich nur einmal versohnt haben, um gewiss zu werden, dass man nicht mehr fureinander passt."
"Du wirst deine Gonner in der Krisis, welche vielleicht nahe bevorsteht, nicht verlassen", erwiderte Hermann.
"Ich werde mich immer wie ein ehrlicher Mann betragen", sagte Wilhelmi. "Auch fallt es mir selbst schwer genug, aus diesen Wanden zu scheiden. Aber der hiesige Zustand ist ein kunstlicher, man tut am besten, ihn aufzuheben. Sie haben wegen meiner Sammlungen von der Hauptstadt aus mit mir angeknupft, wo sie jetzt alles zusammenscharren. Ich bin willens, darauf einzugehn."
Den Herzog betraf nunmehr fast Tag fur Tag etwas Unangenehmes. Das Geschick schien, wie es wohl kommt, durch den Larmen der Lustbarkeiten aus seinem Schlummer zu feindseliger Tatigkeit emporgestort worden zu sein. Es wahrte nicht lange, so uberbrachte ihm ein Freund und Gutsnachbar, anscheinend sehr entrustet, die letzte Nummer des vielgelesenen Provinzialblatts, worin geschrieben stand, dass bei einem neuerlich stattgefundnen feudalistisch-ritterlichen Feste der bekannte Aquilibrist und gymnastischakrobatische Kunstler * den Preis davongetragen, und den Dank aus hoher schoner Hand empfangen habe. Namen und Ort waren zwar nicht genannt, die journalistische Halbluge enthielt aber so viele individuelle Andeutungen, dass die Beziehung sich mit Handen greifen liess. Auch sagte der Nachbar, dass schon die ganze Gegend davon spreche.
Tiefer verletzte ihn eine Entdeckung, welche den Geistlichen betraf. Dieser Mann, dessen Absichten immer unumwundner hervortraten, hatte die Verwirrung, worin sich das Schloss seit einigen Wochen befand, genutzt, um etwas auszufuhren, wozu ihm sonst doch wohl bei der bekannten Sinnesart seines weltlichen Herrn der Mut gebrochen hatte. Der Herzog empfing kurz nach dem Feste einen Brief angesehener protestantischer Eltern, worin diese sich bitter beklagten, dass man ihre beiden altesten Sohne in seiner Schlosskapelle katholisch gemacht habe. Er war, wie vom Donner geruhrt. Der Geistliche, sogleich zu ihm gerufen, leugnete gar nicht, und sagte mit Freimutigkeit, dass er es fur die Pflicht eines Priesters halte, abtrunnige Kinder in den Schoss der allgemeinen Mutter zuruckzufuhren, sobald sie ein Verlangen darnach empfanden. Er gebe, fugte er, den Herzog entschieden anblickend, hinzu, dem Kaiser, was des Kaisers, und Gotte, was Gottes sei.
Der Herzog fuhlte sich in einer zornigen Verlegenheit. Er war ein ganz guter regelrechter Katholik, doch betrachtete er, wie die meisten vornehmen Manner seines Glaubens, diesen mehr als eine Sache fur sich, von der nicht viel Wesens gemacht werden musse, und alles, was von fern nach Fanatismus oder Verbreitungssucht schmeckte, war ihm im Grunde der Seele zuwider. Nun aber durfte er den, der immer ein nach den Begriffen der Kirche gottgefalliges Werk getan hatte, doch nicht dieserhalb schelten, und so blieb ihm denn weiter nichts ubrig, als dem geschaftigen Priester mit scharfer Freundlichkeit zu eroffnen, dass er fur seine weitere Befordrung Sorge tragen werde.
Unter diesen Verdriesslichkeiten wurde ihm die Klage des Oheims behandigt, welche, lange vorbereitet, ihn vor den hochsten Gerichtshof der Provinz lud, uber die Herrschaft, uber seine Weiler und Vorwerke, Wiesen, Walder, Teiche und Flusse, Gemarkungen und Breiten zu Recht zu stehn. Abermals begann nun das Suchen nach dem verschwundnen Adelsbriefe der Uraltermutter, von welchem er und Wilhelmi das Schicksal dieses Streits abhangig glaubten. Kein Winkel der Bibliothek, des Archivs, der Registraturen blieb undurchforscht.
Indessen waren diese Muhen vergebens. Er zog sich hierauf ebenfalls in die Einsamkeit seiner Zimmer zuruck, und selbst die Hausoffizianten, welche zunachst mit ihm zu tun hatten, bekamen ihn nicht zu sehn.
Funfzehntes Kapitel
"Welche fremde Gewalt nimmt mich so ungestum gefangen! Man hat mir gesagt, es sei unsre Bestimmung, zu lieben und geliebt zu werden. Warum denn nun diese Bangigkeit, diese Angst? Klopft der Blume auch so das Herz, wenn sie aus der schwachen, farblosen Knospe bricht? Mir ist immer, als stande ich auf der schwindelerregenden Spitze eines hohen Turms, und selbst seine Nahe beruhigt mich nicht."
*
"Ich bemuhe mich oft, mir den Eindruck recht klar zu machen, den ich empfand, als ich dich zum ersten Male erblickte, Hermann! Denn ich meine, wenn ich mir nur daruber Rechenschaft geben konnte, so musste eine Rettung aus dieser Not sein. Aber es ist vergebens; je mehr ich daruber nachsinne, desto undeutlicher fliesst alles ineinander, bis du mir begegnest, wo denn in Tranen und Lust alles Grubeln weit weg flieht."
*
"Warum hast du nicht Platz behalten, Gott, in dem Herzen, welches dir so ganz gehorte? Warum erlaubtest du deinem Geschopfe aus Staub, sich neben dir einzudrangen, und die reine Weihrauchwolke, die dort sich dir erhob, zu zerstreun?"
*
"Dies ist die Sunde! Nun weiss ich, was das schreckliche Wort bedeutet. Ich tue nichts Unrechtes, und doch bin ich verstimmt; meine Gedanken mischen sich und erquicken mich nicht mehr, meine Seele nimmt verschiedne Stellungen an, und in keiner ist ihr wohl. Und doch ist, was ich erleide, nur ein gemeines Schicksal so vieler meines Geschlechts, warum werde ich denn nun dadurch so geplagt?"
*
"Ich habe mir vorgenommen, ihn zu meiden, aber was hulfe mir das? Bliebe nicht immer seine Schattengestalt in meiner Seele storend zuruck? Nein, ich muss versuchen, dies Fremde in mir innerlich zu uberwinden, es in den Frieden, der mich sonst durchsauselte, aufzulosen. Ich muss diese Liebe zur Tugend erheben."
*
"Es ist so suss, so lieblich, was ich oft empfinde, wenn ich neben Hermann sitze, dass ich mitunter denke, alle diese Angstigungen laufen wohl am Ende auf leere Selbstqualerei hinaus. Ich mochte ihn selbst gern zum Richter uber unser Verhaltnis machen, er sieht mir an, dass ich ihm etwas zu sagen habe, sein freundlicher Blick will mir Mut machen, das Wort schwebt mir auf der Lippe, dann riegelt mir eine unbezwingliche Gewalt den Mund zu."
Uber den Blattern, welche diese und ahnliche geheime Ergiessungen eines zart liebenden, mit sich zwiespaltigen Gemuts enthielten, sass Hermann und las sie, wir wissen nicht, zum wievielsten Male? Es waren diejenigen, welche der unbescheidne Vogel ihm in die Hande gespielt hatte. Das war die Hand der Herzogin, und sein Name stand hier in so gefahrlicher Verbindung geschrieben! "So ist es denn wahr!" rief er. "So ist mir das Geheimnis ihres Betragens enthullt! So soll ich undankbar an meinem Gonner und Gastfreunde werden!"
Er schrieb mit Heftigkeit an Cornelien, warf ihr vor, dass sie ihm auf seine fruheren Briefe nicht geantwortet habe, versicherte ihr seine ewige Liebe, und dass er trotz des Widerspruchs von seiten des Oheims die Verbindung mit ihr werde zu bewirken wissen.
In der Einsamkeit, welche nun zum Gegensatze der fruheren Geschaftigkeit im Schlosse herrschte, war nichts, was ihn abzog. Er fuhlte sich mussig, gepeinigt; er wusste nicht, an welcher Handhabe er seine Tage anfassen sollte.
Viele Stunden versass er in den Zimmern des alten Herrn, zu denen er den Schlussel behalten hatte. Nach dessen letztem Willen sollten sie unberuhrt bleiben, weil sie die Erinnerungen seines Lebens enthielten. Er selbst war dort in ganzer Figur gemalt, als Schafer; rings um dieses grosse Bildnis wimmelte es von kleineren in ovalem und vierecktem Format, aus welchen jugendlich schone Gesichter als Nymphen, Dianen, Jagerinnen, Armiden und Griechinnen hervorsahen. Alle Tische und Schranke waren mit Kleinigkeiten von Holz, Porzellan, Glas, Bernstein, Perlemutter bedeckt, von denen das meiste seinen Ursprung als Andenken genussvoller Stunden nicht verleugnen konnte.
Wilhelmi, der die Ture zu diesen Gemachern angelehnt gefunden hatte, trat ein, und fand seinen Freund gedankenvoll an einem Spiegeltische sitzen. "Du scheinst dich mit uns allen in der Stimmung zu befinden, welche die Perser Bidamag Buden nennen. Uns steckt ein Jammer gewisser Art in Kopf und Gliedern. Was mich betrifft, so hoffe ich ihn bald abzuschutteln, ich reise wahrscheinlich in nachster Woche, und nehme einen Teil meiner Sachen mit. Hast du etwas nach * zu bestellen?"
"Du bist mir ganz unerklarlich", versetzte Hermann. "Willst du dort mit alten Vasen und Bildern die Rolle des vornehmen Antiquars spielen? Sie werden dich anfangs mit schonen Worten futtern, und am Ende wirst du nicht wissen, in welcher Ecke du dich herumdrucken sollst. Was hast du vor?"
Wilhelmi machte eine geheimnisvolle Miene, legte den Finger auf den Mund und sagte: "St! Ich nenne dir ein einziges Wort: Staat. Fassest du, was der Staat ist? Ich habe daruber wahrend meiner Verbannung nachgedacht. Du sollst weiter von mir horen."
Er wollte gehn. Hermann hielt ihn zuruck, nahm eine Dose altfrankischen Ansehns vom Spiegeltische und sagte: "Weisst du, der du alle Antiquitaten kennst, was fur eine Dose diese ist?"
Wilhelmi besah sie, und versetzte: "Es ist eine sogenannte Lorenzodose. Diese Dosen gehoren mit zur Geschichte der Sentimentalitatsperiode. Du erinnerst dich, wie beredt-stumm der Franziskaner Lorenzo dem Yorick Sanftmut und Duldsamkeit predigt, und wie sie darauf einen Dosentausch vornehmen. Diese Geschichte ruhrte die beiden Jacobis so, dass sie einen Orden der Humanitat zu stiften beschlossen, dessen Patron jener Lorenzo sein sollte. Zum Ordenszeichen wurde die von Sterne beschriebne Horndose des Franziskaners erwahlt. Daran wollten sich die Bruder erkennen. Hatte sich einer, wie man es damals nannte, inhuman betragen, so sollte die stumme Vorhaltung der Lorenzodose ihn an seine Pflichten erinnern. Gleim und andre Befreundete des Pempelforter Kreises waren die ersten Glieder dieser Verbindung, welche bald, durch die damalige Empfindelei begunstigt, eine grosse Ausdehnung gewann. Aber es wahrte nicht lange, so mussten sich die Begrunder von ihr lossagen, die Lorenzodosen waren Gegenstand der Spekulation geworden; ein Graf von Solms liess sie, fabrikmassig verfertigt, zu Tausenden in alle Welt ausgehn; was denn zur Folge hatte, dass Mussigganger, Landstreicher und Glucksjager, die Dosen in der Hand und Tranen in den Augen, betteln, fechten, auch wohl prellen gingen."
"Du glaubst nicht, wie mich diese Dose erschreckt hat", sagte Hermann. "Eben eine solche erinnre ich mich als Knabe unter den Sachen meines Vaters gesehen zu haben."
"Da finde ich nichts zum Erschrecken", versetzte Wilhelmi. "Sie sind beide Lorenzobruder gewesen. Sie gehoren ja auch jener Zeit an."
Hermann klappte die Dose auf, zeigte seinem Freunde ein Bild, welches in das Inwendige des Dekkels eingenietet war, und fragte, was er davon halte?
"Ein schones Schwabenmadchen!" antwortete Wilhelmi, nachdem er das Medaillon lange aufmerksam durch seine Glaser betrachtet hatte. "Es ist meine Mutter!" rief Hermann. "Ich hatte sie erkannt, wenn der Name auch nicht darunterstande. Nun verstehe ich ihre Tranen, ihren geheimen Schmerz, des Grafen Heinrich Besuche bei meinen Eltern, seine Zartlichkeit gegen mich. Sie ist seine Neigung gewesen, er hat der Freundschaft das heldenmutigste Opfer gebracht, und meine Mutter mag wohl im stillen wahrend eines unerfreulichen Ehestandes bereut haben, dem andern strengen verdriesslichen Manne gefolgt zu sein."
Sechzehntes Kapitel
Im Garten traf mit ihm der Geistliche zusammen. Dieser Mann, welcher wahrend der gerauschvollen Tage sich ganz zuruckgezogen, und im stillen sein Werk getrieben hatte, trat, sobald jene Wellen verstromt waren, wieder hervor und suchte eifrig seine Gesellschaft. Er war Hermann seit der Szene auf der Anhohe einigermassen verdachtig, und dennoch konnte sich dieser von einem gewissen Anteil, den ihm das feine, schwarmerische Wesen des Priesters abnotigte, nicht ganz losmachen.
Heute fuhrte der letztere mit ihm ein leises tastendes Gesprach, welches sehr zart um den Kummer und die Unruhe unsres Freundes strich. Er wusste seine Teilnahme an dessen Verstimmung so freundlich zu aussern, er vermass sich so wenig der trocknen Redensarten, womit die Menschen in der Regel ein bedrucktes Herz nur noch schwerer machen, dass Hermann sich wirklich erleichtert fuhlte. Zugleich liess der Geistliche auf eine geschickte Weise einfliessen, indem er vor Hermann die Augen niederschlug, dass er auch an der Herzogin sehr zu trosten habe.
"Ja, ich bin unruhig und bedrangt", versetzte Hermann. "Ich tue nichts Unrechtes und doch mischen sich meine Gedanken und erquicken mich nicht mehr"; fugte er hinzu und errotete, weil er sich erinnerte, nur Worte der Blatter wiederholt zu haben, die seine Aufregung zum Teil verschuldeten.
"Ich habe in meinem Amte oft Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, dass die Menschen in Beziehung auf das Bose sich in einem Grundirrtume befinden"; sagte der Geistliche.
"Der ware?" fragte Hermann.
"Als sei es zu vermeiden, als musse alle Kraft der Seele daran gesetzt werden, sich davor zu bewahren."
Hermann trat besturzt zuruck. "Sie werden", fuhr der Geistliche ruhig fort, "nicht glauben, dass ein Diener Gottes sich zum Apologeten der Sunde aufwerfe. Aber sie ist einmal da, durch die heilige unbegreifliche Zulassung des Hochsten. Sie ist so wirklich, so ewig und ursprunglich, wie das Gute. Jeder Mensch muss dieses Messer in seiner Seele fuhlen, wodurch sie erschuttert, gelockert, und zum Brautbette der himmlischen Liebe bereitet wird. Gott will nicht die Rechtfertigen, er will die Reuigen. Dieses Finstre als etwas Zufalliges zu behandeln, zu meinen, dass man den Einzug des unwiderstehlichen Feindes durch Gegenwehr verhindern konne, ist ein bodenloser Wahn. Es ist nicht wahr, dass er die Seele zerstort, nur das Irdische, Nichtige in ihr frisst der gluhende Atem seines Mundes, dann ersteht, vom Regen der Bussetranen befeuchtet, in der warmen Asche die grune Saat des Glaubens und der Hoffnung. Sind aber die Krafte in dem nichtigen Kampfe gegen das Ubermachtige vergeudet, erfolgt dann doch der Fall, so mochte in einem so ausgesognen Boden schwerlich wieder etwas keimen und reifen konnen, und es bliebe dann wohl nur die dumpfe Gleichgultigkeit ubrig, woraus zuletzt die Fertigkeit im Laster entsteht. Darum lehrt auch meine Kirche, welche in allen Stucken die von den Toren verspottete Konigin der Weisheit ist, nicht: Hute dich vor dem Bosen; sondern: Glaube an den allbarmherzigen Gott, an den Erlosungstod, an die Furbitte der Heiligen, an die Unnachsichtlichkeit der Beichtpflicht, an die reinigenden Flammen des Fegfeuers.
Es gibt Neigungen, die verboten sind. Susse Lippen und Augen locken; in den Armen des versagten teuren Gegenstandes liegt eine Welt, ausser der es fur den Liebenden keine zweite gibt. Ich habe nun immer gefunden, dass diejenigen sich grundlicher von einer Verirrung herstellten, welche gefallen waren und mit herzlicher Zerknirschung sich der strafenden und verzeihenden Mutter in den Schoss warfen, als die, welche sich in innerlichen Kampfen und Krampfen abarbeiteten, denen tantalische Schatten und die Stacheln nicht gebusster Leidenschaften in der Seele zuruckblieben. O auch hier ist dem, der nur sehen will, der Weg gewiesen, auch hier wallt die sanfte Friedensfahne dem so milde entgegen, der nur nicht in eigensinniger Verstocktheit von der Durre des Protestantismus saftige Frucht gewinnen, von den Dornen die Feigen lesen will! Ja, mein Freund ..."
Ein Lakei der Herzogin kam und unterbrach diese Rede, nach Hermann fragend. Er ging, im Innersten emport uber die frevelhaften Reden des Priesters, und wurde nach dem Garten-Lesekabinette gewiesen. Die Furstin empfing ihn trauig und leidend. "Das kleine Zimmer ist noch so lieblich, wie sonst", sagte sie. "Da liegen meine guten Bucher, draussen bluhen die Staudenrosen, die Busten der Dichter sehn von ihren Postamenten herab. Und doch schwankt der Grund unter uns, und die Welt blickt mich verschwommen an, wie ein Traum. Wenn man uns von Haus und Hof triebe! Ich weiss alles; der Herzog hat seinen Kummer nicht langer bemeistern konnen. Wie ist das? Sagen Sie mir's; ich begreife die ganze Sache nicht. Warum sollen wir nicht bleiben konnen, wo unsre Voreltern waren?"
Hermann wollte einige beruhigende Worte reden; sie unterbrach ihn aber und sagte mit erstickter Stimme: "Gott sendet uns die Trubsale, er gebe uns die Kraft, sie zu ertragen. Ich liess Sie rufen, um Ihnen etwas zu sagen, was mir lange auf der Seele lastet, und nun fehlt mir wieder aller Mut. Sie mussen es wissen, vielleicht ist es mir morgen moglich; kommen Sie um diese Stunde wieder, aber dann reisen Sie gleich, gleich!"
Ihre schonen Hande ergriffen die seinigen. Halb zog sie ihn nach sich, halb druckte sie ihn zuruck. Es war ihm, als offne sich der Boden unter seinen Fussen, ein wonnevoller Schauder flog ihm durch die Glieder. Er war aus dem Kabinette, und wusste nicht wie?
Auf dem Gange nach seinem Zimmer wollte ihm der Geistliche, der auf ihn gewartet zu haben schien, wieder seine Gesellschaft antragen, die Hermann aber ablehnte. Er riegelte hinter sich zu, und ging mit grossen Schritten auf und nieder. "Ja, sie liebt mich!" rief er einmal uber das andre aus. Er beklagte diese Verwicklung, er wunschte sich weit hinweg. Keinen Blick wollte er wieder in die gefahrlichen Tagebuchblatter werfen, und als er den Entschluss recht fest gefasst zu haben meinte, nahm er sie doch wieder vor, und las sie noch einmal. Unten am Fusse der letzten Seite bemerkte er heute zum ersten Male die gebrauchlichen Anfangsbuchstaben der Bitte, umzuschlagen. Er tat es, und sah auf der Ruckseite etwas von andrer Hand geschrieben, aber mit so blasser Dinte, dass er es bei dem Lichte seiner Abendkerze auf dem gefarbten Papiere nicht zu lesen vermochte.
Im Widerstreite seiner Empfindungen, zwischen Wollen und Nichtwollen hin und her geschleudert, ermannte sich seine Natur plotzlich wie durch einen Ruck zu einem moralischen Vorsatze, durch dessen Ausfuhrung er sich und einer zweiten Person den rechten Weg zu weisen, die Pflicht empfand. Er eilte nach dem Gartenkabinette, schlug sich dort Licht an, und schrieb bis spat in die Nacht, unter der Buste Schillers sitzend, welche schon einmal Zeugin einer edeln Entschliessung geworden war, Stanzen nieder, von leren Inhalte wir im folgenden Kapitel zu reden haben werden.
Siebenzehntes Kapitel
Andern Tages liess ihn der Herzog rufen. Auch diesen fand er verwandelt, blass und abgespannt. "Ich habe Ihnen etwas zu eroffnen und Sie um eine Gefalligkeit zu bitten", hob der Furst an. "Der Anspruch Ihres Oheims ist Ihnen bekannt, der entscheidende Adelsbrief meiner Urgrossmutter bleibt verborgen; ich habe mit verschiednen Rechtsfreunden wegen dieser Angelegenheit Rucksprache genommen; sie meinen, der tollste, widersinnigste Ausgang des Streites sei bei der jetzigen Verwirrung der Begriffe nicht undenkbar.
Werde ich vom Schlosse meiner Vater getrieben, so bin ich vernichtet. Andre verharten sich dem Ungluck gegenuber, und werfen stolz den Nacken empor. Ich bin nicht so stark; der schreckliche Gedanke hat mich gebeugt, ich habe ein Vorgefuhl, wie das eines Sterbenden. Empfangen Sie in diesen Gestandnissen den Beweis meines vollen Zutrauens. Ich wunsche das Unrecht, welches ich etwa zugefugt, gutzumachen, und fur den Fall, dass ich aus Glanz und Macht abzuscheiden bestimmt bin, nur versohnte Herzen hinter mir zuruckzulassen. Ich habe um eine Kleinigkeit, um eine Grille, wenn Sie wollen, die Entfernung eines treuen bewahrten Dieners zugegeben, auch nach seiner Ruckkehr merke ich wohl, dass sein Gemut verletzt geblieben ist, ich sehe, dass er auf andre Lebenswege sinnt. Er tue, was er will, ich werde ihn in seiner Laufbahn nicht hindern, aber er nehme, wenn er geht, das Gefuhl mit, dass ich nicht schlimm war und nachzugeben verstanden habe. Empfangen Sie hiemit den Hauptschlussel, der auch die Ture des Archivs offnet, lassen Sie den Schrank, welcher unsern Hader veranlasste, aus dem Gewolbe irgendwohin bringen, wo er nicht im Wege steht, sagen Sie dann Wilhelmi, dass die Stelle frei geworden sei, und dass er dort die Umandrungen vornehmen moge, welche ihm belieben."
Der Furst hatte dieses alles so niedergeschlagen und doch so edel gesprochen, dass Hermann, trotz der Geringfugigkeit des Gegenstandes, um den es sich hier handelte, eine innige Ruhrung empfand. Mehr um etwas zu sagen, als weil ihm daran gelegen gewesen ware, es zu erfahren, fragte er den Herzog bescheiden, warum er uberhaupt einen so grossen Wert auf den unverruckten Stand jenes Schranks gelegt habe.
"Ich hatte dazu einen allgemeinen und einen besondern Grund", versetzte der Furst. "Wilhelmi ist die eigenste Zusammensetzung von Pedanterie und unruhiger Neuerungssucht. Wie er die Sachen stellt und legt, so mussen sie stehn und liegen bleiben, und wehe dem Sonnenstaubchen, welches sich unterfinge, storend dazwischen zu krauseln! Aber dann fallt ihm auf einmal selbst ein, alles umzukramen, und die neue Einrichtung wird nun, bis sich eine dritte Laune meldet, ebenso streng, wie die fruhere gehalten. Ich furchte, wenn er den Schrank erst aus dem Archive weg hat, so wird ihm das Archiv selbst bald nicht mehr gerecht sein, er fordert dann von mir wohl einen andern Raum, und ich habe wieder Verdruss mit ihm. Darum bestand ich auf meinem Willen wegen dieses Schrankes, welcher mir aber auch insonderheit als ein altes schon ausgelegtes Stuck lieb und wert war. Nun weiss man wohl, wie es mit solchen vorzeitigen Dingen sich verhalt. Sie werden ihn schwerlich unzertrummert aus dem Gewolbe bringen; ich habe gesehn, dass die Wurmer ihr Werk an ihm getan haben. Mein Grossvater liess ihn, als die Franzosen in den neunziger Jahren heranruckten, in das Archiv schaffen. Der Feind kam, es gab eine furchtbare widerwartige Nacht, die dem Greise einen Schlagfluss zuzog. Mein Vater war auf Reisen abwesend, mich hatte der Grossvater um sich, ich tat ihm alles zu Sinne und war ihm besonders lieb. Nun ist mir der Augenblick immer gegenwartig geblieben, wie er sich mit gelahmter Zunge und starr gewordnen Handen von mir in das Archiv fuhren liess. Er deutete auf den Schrank; er umfasste ihn mit sonderbarer Gebarde, er wollte mir etwas vertrauen, was so gleichwohl sein Mund nicht mehr auszusprechen, seine Hand nicht mehr niederzuschreiben wusste. Bald darauf starb er. Mir aber hat die kindische Erinnerung nicht schwinden wollen, und sie mag denn wohl auch mitgewirkt haben, mich zu bestimmen, dass das altvaterische Behaltnis nicht von dem Platze geruckt werden sollte, welchen ihm der Grossvater offenbar aus Sorge fur seine Erhaltung vor der zerstorenden Hand des Feindes angewiesen hatte. Sehr traurig, dass ihn der Tod damals uberraschte; viel bares Geld, welches notwendig bei seinem Absterben vorhanden sein musste, war verschwunden; er hat es wahrscheinlich irgendwo fur immer den Augen entzogen. So bin ich auch im stillen uberzeugt, dass er die Urkunde, welche uns jetzt retten konnte, zum Unheil seiner Nachkommen damals versteckt hat. Doch dies fuhrt uns von der Sache ab, die Sie so bald als moglich ins Werk richten wollen."
Hermann ging in den Marstall und liess das Pferd satteln, welches ihm der Herzog zur Erkenntlichkeit fur seine Bemuhungen geschenkt hatte. Heute wollte er aus dem Schlosse scheiden, wo ihm so manches begegnet war. Die Stunde ruckte heran, die ihm die Herzogin zur letzten Unterredung gonnen wollte. Mit klopfendem Herzen uberlegte er sein Verhalten.
Er hatte unter der Buste von Schiller einige Stanzen gedichtet, die aus der tugendhaftesten Regung hervorgegangen waren. Mit grosser Warme schilderten sie eine leidenschaftliche Situation, gingen dann zu einer Apostrophe an die Heiligkeit der Pflicht uber, und schlossen mit schwunghaften Zeilen, welche eine begeisterte Entsagung predigten. Er hatte sie, reinlich abgeschrieben, auf das Postament der Buste gelegt, wollte nur kurze Worte des Abschieds zur Herzogin reden, jedem Gesprache mit ihr vorbeugen, und stumm auf die Verse deuten, in welchen sie seine Gesinnung, und was ihnen beiden not tue, lesen sollte.
Es setzte ihn in nicht geringe Verlegenheit, und storte seinen ganzen Plan, dass er beim Eintreten die Herzogin schon beschaftigt sah, seine Stanzen zu lesen. "Ich habe da zufallig etwas von Ihrer Hand gefunden, was ja auch wohl kein Geheimnis sein soll", sagte sie unbefangen. "Es sind recht hubsche Verse, aber so allgemein, dass ich vergebens nach irgendeinem Bezuge geforscht habe. Das ist mir immer das Unbegreiflichste an der Poesie gewesen, dass sie, was wir andern mit blutendem Herzen empfinden, wieder in ein leichtes Spiel aufloset, wobei der Dichter kaum etwas fuhlt, wenigstens nicht in unsrem Sinne.
Mochte ich doch auch mit schweren Dingen so leicht scherzen konnen. Setzen Sie sich, mein Freund, so darf ich Sie nennen; wir sind eine geraume Zeit vertraulich nebeneinander hergegangen. Lassen Sie mich zum letzten Male Ihre Wirtin sein, und sehn Sie mich nicht an, ich bin auch gegen Sie in Schuld."
Sie bereitete ihm hierauf in einer zierlichen silbernen Schale Erdbeeren mit Zucker. Er sah zerstreut dem anmutigen Spiele der schonen Finger zu, und ass, um nur etwas vorzunehmen, denn er war in grosser Verlegenheit.
"Als Sie in das Schloss kamen", fuhr die Herzogin fort, "hatte ich Sie anfangs gern entfernt gesehen. Da ich Sie aber naher kennenlernte, segnete ich mein Geschick, welches mir in Ihnen den Helfer gesendet zu haben schien. Ich vertraue Ihnen ein Ungluck unsres Hauses. Ein Frevel an Sitte und Gebrauch ist hier geschehn. Ich fuhlte mich berufen, die verletzte Wurde der Familie wiederherzustellen, und doch war ich zu schwach; ich bedurfte eines mannlichen Arms. Diesen werden Sie mir leihen, wie ich hoffe."
Sie erzahlte ihm hierauf mit errotenden Wangen die Geschichte von Johanna und Medon, legte den Brief, dessen wir uns aus einem der vorigen Bucher erinnern, auf den Tisch, und sagte ihm den Inhalt desselben, dass er namlich den Versuch enthalte, die Irrgefuhrte auf die rechte Bahn zuruckzuleiten. Er wusste durchaus nicht zu erraten, wohin das alles zielte, horte es jedoch nun sogleich.
"Wer sollte mein Bote an die Ungluckliche sein?" sagte die Herzogin. "Nur ein zarter, feiner, kluger Mann war imstande, dieses Geschaft zu vollfuhren. Der Arzt ist hier durch seinen Beruf gefesselt; Wilhelmi hatte alles durch Laune und trubes Wesen verdorben. In Ihnen sah ich die Eigenschaften, die den Freunden fehlten; Sie erkor ich im stillen zu dem Dienste, welcher der wichtigste ist, der dem Herzoge und mir geleistet werden kann.
Ich hatte Ihnen nun offen mich und die Sache entdecken sollen. Aber nach Frauenart tat ich das nicht, ich liebte es, mich auf Umwegen dem Ziele zu nahn. Ich wollte Sie erst recht tief ergrunden, prufen, ausforschen. Ich suchte jede Gelegenheit, mit Ihnen unter vier Augen zu sein. Wissen Sie, Lieber, dass Walter Scott und das Englische fur Lucie mir eigentlich wenig am Herzen lagen, als ich Sie zum Korrektor meiner Ubersetzung und zum Lehrer des jungen Kindes ernannte. Diese Dinge sollten nur den Faden spinnen, an dem ich Sie zu meinen Zwecken festhielt. Jeden Tag wollte ich meine Lippen offnen, und verschob es dann doch wieder. Ich bin Ihnen gewiss oft mit meiner Verlegenheit und Unruhe ratselhaft erschienen. Als Sie abreisten, empfand ich die grosste Not. Nun musste gesprochen werden; doch ich vernahm, dass Sie wiederkehren wurden, und schwieg abermals.
Wie durch einen bosen Damon wurde ich darauf in den Feststrudel getrieben. Ich vergass die so ernste Pflicht. Ernuchtert, bin ich von meinem Gewissen hart gescholten worden uber das Vergessen, uber den Leichtsinn, auch uber das heimliche und kunstliche Betragen gegen Sie." Sie erhob sich. "Wollen Sie nach dieser Beichte einer Sunderin vergeben?" sagte sie, liebenswurdig, wie nie. "Darf ich diesen Brief noch in Ihre Hande legen? Werden Sie ihn nach der Residenz tragen, sagen, was er nicht ausspricht, handeln, vermitteln, leise, schonend, wie ich es an Ihnen kenne? Ich bitte Sie darum, machen Sie es mir moglich, dass ich mich als die treue, die helfende Gattin des Herzogs erweise, bringen Sie uns seine verleitete Schwester heim."
Er empfing den Brief, bejahte nicht, verneinte nicht. "Was ist das?" sagte er draussen. "Nur eine Absicht war alles? Aber das Tagebuch! Das Tagebuch!"
Er nahm abermals die Blatter in die Hand. Zum ersten Male fiel ihm auf, dass das Papier etwas ausgebleicht war, wie von langem Liegen. Hastig blickte er nach der letzten Seite, wo das geschrieben stand, was er bis dahin immer ubersehn hatte. Es war eine so unleserlich kleine Hand, und so blasse Dinte, dass es auch jetzt am Tageslichte ihm schwer ward, den Inhalt zu entziffern. Doch gelang es ihm endlich. Wer schildert seine Besturzung, als er folgende Zeilen in franzosischer Sprache abgefasst, lesen musste: "Ich bin, meine Ulrike in ihrem Zimmer erwartend, uber ihr Tagebuch geraten. Vergib mir, Geliebte! Alles, was von Deiner Hand ausgeht, ubt eine magnetische Gewalt uber mich; unwiderstehlich zog es mich; ich musste in den Bekenntnissen Deines unschuldigen Herzens blattern. Mein Narrchen! Was fur seltsame Sorgen machst Du Dir uber unser Verhaltnis, auf welches der Segen der Eltern und die Gnade aller Heiligen, mit denen Du so vertraut umgehst, herniedertrauft! Also den lieben Gott habe ich bei Dir so etwas verdrangt? Nun sieh, das konnte einem bescheidnen Brautigam fast den Kopf verrucken. Lass es gut sein; er ist gross, und grosser, als wir denken. Er kennt keine Eifersucht. Weisst Du den Spruch nicht, dass der Kunstler sich am meisten geehrt fuhlt, wenn man seiner bei dem Werke vergisst?
Teuerste, schaffe Dir besseres Schreibzeug an. Diese Dinte ist unglaublich flussig, und Deine Federchen sind viel zu zart fur meine rauhe Hand. Nun schiebe ich das Blattchen mit diesem Postskript wieder unter die ubrigen. Du wirst es finden, bose werden, ich werde reuig tun, Du wirst grossmutig verzeihn, und zuletzt ...?
Hermann."
Nach diesem ward unsrem Freunde alles zum Schrekken klar. Er erinnerte sich aus dem genealogischen Kalender, was er zwar immer gewusst, aber seither nicht bedacht hatte, dass auch der Herzog Hermann hiess. Nicht also eine in sich selbst entzweite Frau, sondern eine junge devote Braut hatte in den geraubten Blattern ihre Gewissensbedenken niedergeschrieben, an denen er vollig unschuldig war. Die erhabnen Stanzen waren also auch ohne Not unter Schillers Buste abgefasst worden.
Achtzehntes Kapitel
Gluhend vor Scham und Erbitterung ging er auf und nieder. Es wollte ihn durchaus nicht trosten, dass die Herzogin sich kalt, getreu und fehlerfrei erwies. "Also immer nur Berechnung!" rief er schluchzend aus. "Und ich das Werkzeug, zum Dienen, Lasttragen und Briefbestellen gut genug!"
Er war eben dabei, das empfangne Schreiben in einem hoflich das Geschaft ablehnenden Billette einzusiegeln, als es an seiner Ture klopfte. Es waren die Arbeitsleute, welche er bestellt hatte, um den Schrank aus dem Archive zu schaffen. "Zum letzten Male denn getagelohnert!" murmelte er ingrimmig. Er ging mit den Leuten nach dem Gewolbe, und befahl ihnen, hurtig zu sein, er musse gleich fort.
Drinnen setzte er sich zwischen den bestaubten Urkunden nieder und sagte: "Diese Bogen haben ihnen ein ledernes und papiernes Dasein geschaffen, in welchem kein Blut zirkuliert. Man muss ihnen vergeben, denn sie sind selbst am unglucklichsten daran."
Die Arbeiter hatten unterdessen ihr Werk mit Eifer angegriffen. Ob es die Wirkung des letzteren war, oder ob das alte Holzgebaude wirklich das Ziel seiner Dauer erreicht hatte; genug, die Worte des Herzogs gingen in Erfullung. Der Schrank knackte, sobald er geruckt wurde, krachte und fiel in sich zusammen. Eine Wolke von Staub und Wurmmehl stieg aus den zerfressnen Trummern. Die Arbeiter sahen Hermann besturzt an.
"Ist es doch, als ob ein Feudalthron einsturzt", sagte Hermann. "Frisch, ihr Leute vom dritten Stande, die ihr gar nicht die Absicht hattet, ihn zu zertrummern, sondern ihn nur so ein wenig beiseite bringen wolltet, tragt die Stucke hinaus!" Die Arbeiter beluden sich damit und gingen. Einer sagte: "Da ist eine Ture hinter dem Schranke."
Hermann trat zu der Statte und scharrte mit dem Fusse in dem liegengebliebnen Staube. Dann fiel sein Blick auf die Ture, welche der alte Schrank verdeckt hatte. Ohne etwas dabei zu denken, zog er an ihr, sie gab nach, und eine tiefe gemauerte Nische in der Wand wurde sichtbar. Er sah, dass sich Gegenstande darin befanden, die er bei dem Dammerlichte, welches im Archive herrschte, nicht unterscheiden konnte. Er griff hinein und fuhlte an grosse, gereiht aufgesetzte Geldbeutel, so schwer, dass er sie kaum zu heben vermochte.
Erschrocken zog er die Hand zuruck. Ihm flog durch den Sinn, was der Herzog von dem Fehlen des baren Geldes bei dem Tode des Ahnherrn gesagt hatte. "Grosser Gott! Wo das gesteckt hat, kann mehr sein!" rief er uberlaut. Er ging umher, und suchte sich zu sammeln, seine Brust keuchte vor Erwartung. Er hauchte auf sein Tuch, und druckte es an die Augen, die doch nicht weinten. Er bat Gott, dass ihm die allerhochste Freude seines Lebens nicht wie ein Schatten voruberschweben moge.
Hierauf streckte er den Arm, schaudernd, als sollte er die Hand zur Feuerprobe auf gluhendes Eisen legen, uber die Geldsacke hinweg in die Tiefe der Nische, und zog eine Saffiankapsel hervor, ganz mit Schimmel bedeckt. Er offnete sie, ein kostbar eingebundnes Pergament lag darin, an welchem das grosse Reichswappen in goldner Umschliessung, durch schwarze und gelbe Schnure festgehalten, hing. Sein Entzucken war grenzenlos. Er las, so gut er in dieser Verfassung lesen konnte, dass der Kaiser der Maria Sibylla Freundsberg nicht den Adel gebe, sondern den in ihrer Familie langst bestandnen, nur in Abnahme gekommnen, lediglich erneuere.
Es war die vermisste, schmerzlich gesuchte Urkunde, der Adelsbrief der Ahnfrau, welcher bewies, dass das regierende Geschlecht mit gutem Fug hier waltete, dass kein Vetter ein besseres Recht als jenes gehabt, und ein solches daher auch nun und nimmermehr auf einen Dritten hatte ubertragen konnen. Fursorglich hatte der Grossvater das teuerste Besitztum nebst seinem Gelde hieher vor dem herandringenden Feinde gefluchtet, und den grossen Schrank als verbergende Schutzwehr vor die Nische schieben lassen. Stummheit und Tod des Alten hatten das Geheimnis leider auf dreissig Jahre hin bewahrt.
Jauchzend flog Hermann aus dem Archiv, dessen Ture weit offengelassen wurde, und sturmte, den Adelsbrief wie eine Fahne schwingend, durch die Gange nach den Zimmern der Herzogin. Unangemeldet trat er ein, und hielt ihr, die erschreckt zuruckwich, die Urkunde entgegen. "Die Not ist voruber, Sie sind gerettet!" rief er. Der Herzog kam; das laute Reden hatte ihn herbeigezogen. Schweigend reichte ihm Hermann die Urkunde. Der Herzog uberblickte sie, wechselte die Farbe, druckte das Pergament an seine Brust, brach in Tranen aus, und sagte seiner Gemahlin mit stammelnden Worten den Zusammenhang der Sache. Ihr Antlitz verklarte sich, auch sie begann zu weinen. Sie sank zwischen den Mannern auf die Knie, faltete die Hande, und ihre lieblichen tranenleuchtenden Blicke erhoben sich bald zum Himmel, bald ruhten sie auf ihrem Gemahle, bald auf Hermann. Dieser stand froh und stolz da, seine Gestalt schien grosser geworden zu sein, ein susses Vergnugen stromte durch seine Brust, er kam sich wie ein wiedergebornes Kind vor. Unbefangen legte er seine Hand auf das Haupt der Herzogin und sagte: "Der Zufall lauert unsern Torheiten auf und erniedrigt uns in ihnen. Aber dann wird auch gleich wieder dafur gesorgt, dass wir nicht zugrunde gehn, dass wir uns selbst finden und fuhlen lernen. Ich erfahre es heute. Nun, nach dieser Wendung bin ich imstande, Ihren Auftrag zu besorgen meine verehrte Furstin. Ich will versuchen, auch von dieser Seite Ihre Kummernisse zu zerstreun."
Funftes Buch
Die Demagogen
Mit wenig Witz und viel Behagen
Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
Wie junge Katzen mit dem Schwanz!
Mephistopheles
Erstes Kapitel
Dem Herausgeber dieser Geschichten ist es zuweilen begegnet, dass gute Freunde oder Bekannte, welche er in geraumer Zeit nicht gesehen hatte, und welche ihn nachmals mit einem unerwarteten Besuche uberraschen wollten, diese Uberraschung auf doppelte Weise bewerkstelligten, namlich auch durch eine verwandelte Personlichkeit. Nicht selten geschah es, dass der Leichtsinnige ernst, der Muntre schwerfallig, der Ruhrige bequem geworden war. Da wir aber dergleichen Andrungen uns nicht vorzustellen vermogen, vielmehr die Menschen in unsern Gedanken immer bleiben, was sie gewesen sind, so geht es bei derartigen plotzlichen Begegnungen nie ohne ein unangenehmes Gefuhl ab.
Um dem Leser der vorliegenden Denkwurdigkeiten jenes unangenehme Gefuhl zu ersparen, mussen wir jetzt ankundigen, dass eine Person, die im Beginne unsrer Erzahlung fluchtig voruberstreifte, nunmehr den Boden derselben in verwandelter Gestalt wieder mann erinnern, des Philhellenen, welcher ihn uber seine unentschiedne Gesinnung einigermassen mitnahm, und voll Tatendrang von ihm schied. Dieser junge Mann kam wirklich mit dem Gelde Hermanns bis nach Munchen, wo er noch Empfehlungsbriefe mitnehmen wollte, bereit, sein Blut fur Hellas zu verspritzen. Dort erkundigte er sich nach dem Madchen, welche eine Zeitlang Hermanns Herz besessen hatte, um ihr die ihm vertrauten Liebespfander einzuhandigen. Sie empfing ihn als Freund ihres Freundes, und er ging vom ersten Tage an zu allen Stunden im Hause aus und ein. Denn durch ein Zusammentreffen der Umstande musste es sich fugen, dass er auch mit ihrem Vater gleich vertraut werden konnte. Dieser, ein wohlhabender Mann, besass ein grosses Brauhaus. Er war, sobald sich dort die Vereinigungen zugunsten der unglucklichen Griechen zu bilden begannen, einer derselben als eifriges Mitglied beigetreten. Vielleicht handelte er hierin nicht ganz ohne Eigennutz; man sagt, er habe in Erwagung gezogen, dass so viele an das landubliche Getrank Gewohnte nach jenen fernen Gegenden auswanderten, und im stillen beabsichtigt, eine Niederlage seines Produktes nahe bei Athen anzulegen.
Zu diesem Manne hielt sich der Philhellene, der jenem durch sein entschiednes, feuriges Wesen, und die Gabe ausdrucksvoller Rede ungemein gefiel. Die Gonner, welche dem Wandrer behulflich sein sollten, waren verreiset; der Munchner Aufenthalt zog sich in die Lange. Unerwartet, aber sehr willkommen, tat sein neuer Freund ihm den Vorschlag, bei ihm Quartier zu empfangen; welches dankbar angenommen wurde. Sie unterhielten sich nun, sooft es die Geschafte des Hausherrn erlaubten, von nichts als von ihren Planen fur die Herstellung und Begluckung des den Turken abzunehmenden Landes.
Die Zwischenzeiten fullten Gesprache mit Franzchen aus. Dieses gute, muntre, hubsche Kind hatte doch im stillen einige Tranen vergossen, als Hermann aus Scherz Ernst machte, und ihr die Andenken zurucksandte. In solchen Stimmungen sind die Frauenzimmer bekanntlich am geneigtesten, einer neuen Empfindung Gehor zu geben. Sie bemerkte daher nicht so bald, dass die Blicke des Philhellenen ihr zu folgen anfingen, als die ihrigen die Gefalligkeit bezeigten, sich finden zu lassen. Den Herzen, die zueinander strebten, folgten binnen kurzem die Hande und die Lippen, und mit dem feierlichen Schwure von seiten des Liebhabers, dass sie sein zukunftiges Eigentum am Ota als Hausfrau schmucken solle, ward der Bund geschlossen.
Nun begannen fur den Philhellenen Tage, die, wie er zu Franzisken sagte, ihm eine neue Welt offneten. Er liebte nach seiner Versicherung jetzt die ganze Menschheit; er schwarmte mit dem Vater und koste mit der Tochter. In dieser Empfindung habe sich erst seine ganze Manneswurde entwickelt, rief er hundertmal des Tages aus. Auch wenn der Vater schon zur Ruhe gegangen war, blieb er noch bei Franzchen, wo sich denn ihre gegenseitigen Empfindungen nicht selten so steigerten, dass Worte denselben unmoglich mehr genugen konnten.
Aber aus den Freuden dieser Abende entsprang eine naturliche Folge, woruber der Philhellene so erschrak, dass er, als Franzchen sie ihm mit trauriger Miene zuflusterte, wie vom Donner geruhrt, dastand. Denn er, versenkt in seine grossen Ideen von Menschenwohl und Volksbefreiung, hatte gewiss niemals an einen so alltaglichen Ausgang gedacht. Er lief zwei Tage hindurch wie ein Verzweifelnder umher, dann fiel er dem Brauherrn zu Fussen und gestand seine Schuld. Der Alte wurde braun vor Zorn, und drohte mit einer unanstandigen Bezeichnung, beiden Arme und Beine entzweizuschlagen. Da aber geschehne Dinge nicht zu andern sind, der Ubeltater seine Neigung besass, und der Jammer des Madchens gar gewaltig zum Vaterherzen sprach, so konnte er die Vergebung nicht zuruckhalten, die er denn unter der Bedingung erteilte, dass wer fur den Balg gesorgt habe, nun auch fur den Papp sorgen solle.
Dieses war gerade, wofur die Seele des Philhellenen seit der ungluckseligen Entdeckung brannte. Sein neuer Stand hatte in ihm das Bewusstsein neuer Pflichten erzeugt. In allen braven heldenhaften Studenten, Kandidaten und Privatdozenten ist es eigentlich nur der Philister, der innerlich juckt, und hinauswill, was denn auch bald zu geschehn pflegt, wahrend an Universitaten und Akademien so arme, kummerliche ubersehne Gesellen umherschleichen, aus denen nachher die Genies und Lichter der Welt werden. Im Philhellenen hatte die Katastrophe den Philister mit Macht herausgeschlagen, der bei einem ruhigeren Gange der Dinge vielleicht langerer Zeit bedurft hatte, um sich zur vollstandigen Blute zu entfalten. Er empfand sich als angehenden Vater und Gatten, verspurte eine wahre Begeistrung fur den Broterwerb, zerriss die Bilder der Pallikaren und die neugriechischen Volkslieder, welche er bei sich fuhrte, und dachte nur daran, wie er ein Amtchen erringen solle, wovon er sich und Franzchen nahren konne.
So war er durch die Natur dem Vaterlande und der Burgerlichkeit gewonnen worden. Sein zukunftiger Schwiegervater kannte den Legationssekretar einer auswartigen Macht, welcher gern Bier trank. Dieser empfahl ihn einem Legationsrate, der Legationsrat dem Gesandten. Vom Gesandten schwang sich die Kette der Empfehlungen wieder abwarts bis zu einem Polizeichef in einer bedeutenden norddeutschen Stadt. Wie von da die Kanale weiter geflossen, ist unbekannt geblieben; das Ende der Sache war aber, dass man dem Philhellenen erlaubte, im Polizeifache, welches immer frische, rustige Leute erfordert, zu arbeiten. Kaum waren einige Monate vergangen, als man ihn, der einen unglaublichen Diensteifer an den Tag legte, zum Polizeikommissarius in einem Ackerstadtchen zwischen Hessen und Westfalen ernannte.
Er fuhrte Franzchen, sobald er dieser besoldeten Wurde sich erfreute, heim. Sie genas kurz darauf von ihrer Burde. Nie hatte die Gegend einen tatigeren Beamten gesehen. Die Kraft, welche sonst weit uber Berge und Strome hinausgeschweift war, lenkte sich jetzt ganz auf Vertilgung des Diebes- und Bettelgesindels, von welchem es dort, der schlechten bisherigen Aufsicht wegen, wimmelte. Vor ihm war kein Gauner sicher, kein Vagabunde konnte mehr in Ruhe hinter der Hecke seinen Bissen verzehren; er lebte fast mehr in verdachtigen Hausern, als in seinem eigenen.
Wirklich hatte er sich schon Verdienste um den Bezirk erworben und die Aufmerksamkeit der Obern sich zugelenkt. Gerade um die Zeit, von welcher wir jetzt reden, geschah die Entdeckung neuer demagogischer Umtriebe; man war dem Bunde der Jungen hart auf die Spur gekommen. Zugleich hatte man in Erfahrung gebracht, dass ein Schwarm junger Hochverrater nach dem Landstriche, in welchem unser verwandelter Schwarmer hantierte, ziehe, um da herum seinen Frevelsabbat zu halten.
Der Polizeikommissarius empfing einen geheimen Auftrag von hochster Stelle. Er war gemessen, ehrenvoll, uber die engen Amtsgrenzen hinausreichend. Welch ein Sporn fur seinen jetzigen Trieb! Er wurde etwas tiefsinnig, man sah ihn viel durch Feld und Wald schweifen, seiner Gattin antwortete er kaum noch auf ihre Anreden. Er brachte in grosster Heimlichkeit Gefangnisse, Arm- und Beinschellen in Ordnung. Den Gendarmen und niedern Agenten gab er Befehle und Winke, welche diese nicht immer verstanden. Er ass nichts und trank wenig. Seine Nachte waren unruhig. Er flehte Gott an, dass er ihm die Demagogen in das Netz fuhren moge.
Zweites Kapitel
Indessen naherte sich Hermann, auf seinem geschenkten Rosslein kleine Tagereisen mit Behaglichkeit machend, dem mittleren Deutschland. Die letzte gluckliche Entdeckung hatte ihn unglaublich erfreut; er wollte nun so recht in Stille und Musse sich und die Welt geniessen. Er liebte es, in abgelegnen Hofen und Weilern einzukehren, die Stadte vermied er, wo er konnte. Zwei Pistolenhulfter, welche am Sattel befestigt waren, hatte er bald ihres kriegerischen Inhaltes entledigt, und sie dafur mit einer Korbflasche, sowie mit kalter Kuche gefullt. Mittags hielt er gewohnlich im Freien, unter einem schattenden Baume, hinter einem Felsen, oder in altem Gemauer seine Rast. Dann verspeiste er den mitgenommnen Tagesproviant und liess sein Pferd, welches ein ausserordentlich gutes und sichres Tier war, frei umhergrasen. Er hatte die Grille, wenn man es so nennen will, gefasst, bis zu der grossen Stadt, wohin ihn seine neuste Bestimmung wies, womoglich nur sich und der Natur zu leben. In die Erinnerungen eines jungen und doch mannigfaltigen Lebens vertieft, war seine Seele frei von Furcht und Wunsch, und nur die Hoffnung schwebte mit jungfraulichen Zugen von weitem ihm voran.
Ganz heiter war er, wenn er auch des Abends bei einem wohlhabenden Hofschulzen freies Quartier fand. Freilich pflegte er am andern Morgen durch reichliche Geschenke an Kinder oder Magde immer dafur zu sorgen, dass die Zeche gehorig bezahlt wurde. Mitunter baten sich auch wohl die Wirte ein Andenken aus, so dass er fand, eine solche Reise auf Gastfreundschaft koste heutzutage fast mehr, als wenn man sich unterwegs lediglich an die zahlungbegehrenden Hotels halte.
Einige Male hatten ihn Gendarmen, die ihn an abgelegnen Orten gelagert fanden, scharf befragt; da aber seine Papiere in Richtigkeit waren, so liess man ihn jederzeit frei durch.
Eines Tages gesellte sich ein Fusswandrer zu ihm. Der Mann trug einen Rock, wie ihn Jahn vorschreibt, hinten zu, vorn offen, ging im blossen Halse, mit langen herabwallenden blonden Locken; aus dem offnen, treuherzigen Gesichte strahlten die schonsten blauen Augen. Anfangs war das Gesprach zwischen ihnen ziemlich unbedeutend, als aber Hermann bei dem Anblicke eines Zollpfahles sich in freien Scherzen erging, nahm es einen ernsthafteren Charakter an. Bald wurden die Verhaltnisse besprochen, an welche die Unzufriedenheit in unsrem Vaterlande gleich einer Schmarotzerpflanze sich festgesogen hat. Hermann, der noch nicht gelernt hatte, sich zuruckzuhalten, gab seine Meinungen zu vernehmen, und man tauschte gegeneinander die gefahrlichsten Dinge aus.
Plotzlich sah Hermann, dass der Fremde sich reckte, in die Ferne schaute, und zusammenfuhr. Er bemerkte, dass ein Mensch ihnen entgegenkam, dessen Rock und Kragen den Polizeidiener verriet.
"Ich bin ein Landschaftszeichner!" rief der Fremde eilfertig und angstlich, "ich will doch von jenem Hugel die Gegend aufnehmen." Mit diesen Worten sprang er in ein hohes, wallendes Kornfeld, und arbeitete sich mit reissender Schnelligkeit quer durch nach einer buschigen Anhohe, hinter welcher er verschwand.
Hermann hielt betroffen sein Pferd an. Der Polizeidiener kam herzu und fragte: "Wer war der Mensch, der ins Korn sprang?"
Hermann versetzte: "Er sagte, er sei ein Landschaftszeichner, und wolle die Gegend aufnehmen." "Der Teufel mag er sein, aber kein Landschaftszeichner; ich glaube, dass ich den Kerl kenne", murrte jener, und setzte, achtsam nach allen Seiten umherschauend, seinen Weg fort.
Hermann ritt weiter und gelangte nach einem Stundchen an einen Erdrand, von welchem der Boden senkrecht in eine betrachtliche Tiefe abwich. Es war ihm, als hore er aus der Vertiefung pfeifen.
Er bog sich uber, und nahm den Kopf seines Begleiters zwischen Gestrupp und hohem Ginster wahr. Dieser winkte ihm und Hermann folgte dem Zeichen. Nicht ohne Muhe kam er mit seinem Pferde den Abhang hinunter, wobei der Fremde ihm behulflich war.
"Sie werden sich uber mein Benehmen verwundert haben", sagte dieser.
"Allerdings", versetzte Hermann. "Ich habe nie die Neigung zu den schonen Kunsten so sprungartig hervortreten sehn."
"Ich sagte die Unwahrheit!" rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer. "Vergeben Sie mir", fugte er hinzu, indem er Hermann sanft die Hand druckte. "Sie sind ein edler Mensch, ich will mich Ihnen frei entdecken. Aber vor allen Dingen: wo speisen wir? Ich verschmachte fast vor Hunger und Durst und darf mich heute wenigstens in keine menschliche Wohnung wagen."
Hermann sagte hierauf, dass, wenn er mit Wegekost vorlieb nehmen wolle, der Not abzuhelfen sei. Er holte Getrank und Speise aus den Pistolenhulftern, und legte die Flasche zur Abkuhlung in eine Quelle, die an dem Orte hervorsprudelte. Sie setzten sich beide am Fusse einer hohen Erdwand nieder und verzehrten ihr gemeinsames Mahl, wobei der Fremde sich sehr bescheiden verhielt, denn nur auf Hermanns dringendes Notigen war er zu bewegen, mit diesem gradedurch zu teilen. Das Pferd graste lustig zwischen den Gestrauchen.
Nachdem der Fremde sich gesattigt, und den Mund sauberlich abgewischt hatte, fing er plotzlich an, zu weinen, umschlang Hermanns Nacken und rief: "O Freund, Sie sehen in mir eines der Schlachtopfer des Despotismus! Was habe ich dir getan, mein Vaterland, dass du mich also verfolgst? Warum durfen die Fusse deines warmsten Freundes den heiligen Boden nicht unverzagt betreten? Die Schelme sitzen an der Tafel und prassen, und die Kinder des Hauses irren in der Wuste umher."
"Fassen Sie sich", sagte Hermann, betroffen uber diesen unerwarteten Auftritt, "und entdecken Sie mir, wer Sie sind."
"Ich bin ein politischer Fluchtling", versetzte der Fremde. "Gequalt, gehetzt von den Schergen der neununddreissig Tyrannen weiss ich oft nicht, wohin ich mein Haupt legen, wo ich den Bissen fur meinen Mund gewinnen soll. Jetzt ist mir Osterreich vor allen auf der Spur, denn unter seinen Fausten litt ich zuletzt. Und was habe ich getan? Ich liebte Deutschland. Was ist meine Schuld? Ich wollte die Enkel Hermanns, vor denen Roms Legionen zitterten, aus ihrer unseligen Zerissenheit, aus dem jammervollen Schlafe der Schmach, in den sie versunken sind, emporrutteln helfen. Das Mark unsrer Bruder wird von seidnen Knechten ausgesogen, wer, der ein Herz hat, kann es mit ansehn, ohne sich zu ruhren?"
Hermann antwortete, nicht ohne Mitleid: "Obgleich ich ungeachtet meiner vorigen Scherze die auflosenden Gesinnungen nicht teile, welche diesen Reden zum Grunde liegen, so weiss ich doch die Stimmung sehr wohl zu wurdigen, aus welcher sie entstehen mussten. Kann es Sie erleichtern, so erzahlen Sie mir Ihre Geschichte, und seien Sie versichert, dass ich nichts dagegen habe, wenn Sie das Meinige, wie das Ihrige betrachten."
"Ist es so?" rief der Fremde mit einem feurigen Blicke. "Wohl mir, ich habe wieder einen Edeln gefunden! Nein, Teuts Volk kann nicht untergehn, in dem so viel Milde und Kraft sich paart. Sind wir nicht die einzigen, die in ihren uralten Sitzen unvermischt blieben? O, wenn ich daran denke, so wird mir gross zumute!"
Da Hermann nach der Erzahlung verlangte, so willfahrte ihm der Fremde, und berichtete ihm seine Schicksale, die aber fast nur in Wanderungen durch die Kerker verschiedner Lander bestanden. Er streifte seinen Arm auf, und zeigte die Spuren der Fesselwunden, dann erhob er das Antlitz gen Himmel, und rief mit glanzendem Gesichte: "Ja, mein Ideal! An meinem Ideale will ich halten, ob auch die Welt zerbricht. So willst du treulos von mir scheiden? Wer steht mir trostend noch zur Seite? Du meines Lebens goldne Zeit! Beschaftigung, die nie ermattet! Mit deinen holden Phantasien!"
Er schien von seinen Gefuhlen und Erinnerungen ganz ausser Fassung gesetzt worden zu sein, beugte sich auf Hermanns Hand, und schluchzte heftig. Dieser suchte den Weinenden mit den freundlichsten Reden zu beruhigen. "Trosten Sie sich", sagte er, "es wird noch alles gut, diese Verwicklungen der Gegenwart konnen nicht immer dauern, wer weiss, wie bald Sie Ihrer jetzigen Not entkommen." "Das hoffe ich auch", versetzte der andre, noch immer weinend: "Was ist des Deutschen Vaterland? Ist's Steierland, ist's Bayerland? Ist's, wo des Marsen Rind sich streckt? Ist's, wo der Marker Eisen reckt? O nein, nein, nein, mein Vaterland muss grosser sein. Hatten Sie wohl die Gute, mich auf Ihrem Pferde etwas reiten zu lassen?"
"Warum das, Lieber?" fragte Hermann.
"Nichts stellt die Seele so sehr zum Gleichgewichte her, als die schuttelnde Bewegung des Rosses", versetzte der ungluckliche Mann. "Da wird der Mensch wieder in sich selbst einig, und alle Sorgen bleiben unter seinen Fussen. Von den entsetzlichsten Bedrangnissen hat mich oft ein rasches Tier befreit."
Hermann gab ihm gern die Erlaubnis, sich auf diese Weise zu erholen, jener bestieg sein Pferd und ritt davon. Hermann sagte, als er allein war, die Worte des Sallust her, welche die Catilinarische Verschworung beginnen. "Ja", rief er, "galte die Geisteskraft der Konige und Helden so viel im Frieden, als im Kriege, so wurden die menschlichen Angelegenheiten einen gerechteren und festeren Bestand haben, es triebe nicht alles nach verschiednen Richtungen, man wurde nicht so viel Wandlung und Mischung sehn. Denn leicht wird das Reich durch die Mittel bewahrt, durch welche es erobert ward. Das aber ist eben der Fluch ungewohnlicher Zeiten, dass sie, wie ein garender Stoff, das Bessere, Fluchtige entstellt und widerlich umtreiben, wahrend die tote Masse, als Bodensatz bald ihren unverruckten Stand erhalt. Dann heisst das, was doch eigentlich zum Leben sich entbinden will, das Nichtige, und jene tragen Hefen zaudern nicht, sich den Ruhm des Nutzlichen und Bleibenden beizulegen. Wer wird mit diesen Abenteurern, die jetzt zu Hunderten das Land durchstreifen, irgend gemeinschaftliche Sache machen, ja nur in ihren Traumereien einen haltbaren Zusammenhang antreffen? Und gleichwohl, wer, der Dinge und Menschen mit menschlichem Blicke betrachtet, mag es sich verbergen, dass aus ihren Hirngespinsten doch ein viel zarteres Gefuhl, ein hoherer Schwung und ein entschiednerer Charakter hervorsieht, als aus der Pflichtmassigkeit der Leute, welche jetzt, nachdem die Tage der Gefahr voruber sind, als die treusten und beehrtesten Sohne des Vaterlandes umhergehn? Wahrlich nicht durch diese ist es errettet worden, wahrlich nicht durch solche wird es je errettet werden. Gar leicht ist es gegenwartig, ein guter Patriot zu heissen, denn es kommt fast nur darauf an, in allerhand zeitgefalligen Bestrebungen sein Licht nicht unter den Scheffel zu setzen, bei Gelegenheit tapfer zu schmausen und eine schwulstige Rede zu halten. Aber wenn das Verderben wieder hereinbricht von Osten oder Westen, dann werden wohl die Schmauser und Geburtstagsredner verschwunden sein, dann wird man sich wieder nach den verfolgten Vagabunden umsehn, welche dann auf eine Zeitlang zu Ehren kommen und spaterhin abermals an ihren blutigen Sohlen erfahren werden, wie hart der Boden der Heimat ist. O seltsamer und trauriger Widerspruch der irdischen Dinge! Immer nur bringen hoher Mut und kuhne Gesinnung die Sachen zum glucklichen Ausgange, von welchem der Held gleichwohl selten etwas zu geniessen bekommt, sondern, wenn das Mahl bereitet ist, setzt sich der Philister zu Tische, und lasst sich die Gerichte wohlschmecken."
Nach diesen und andern Reden sass er eine geraume Zeit schweigend, und harrte auf den politischen Fluchtling. Da derselbe nicht sichtbar werden wollte, so stieg er aus der Vertiefung auf die Hohe des Erdrandes, erblickte aber weder den Mann noch das Pferd. Betroffen horchte er, ob sich nicht Hufschlag vernehmen lasse, aber vergebens. Er rief und pfiff, aber nur Echo gab ihm Antwort. Ein Argwohn stieg in ihm auf, den er jedoch, als des edeln Geachteten unwurdig, sogleich aus seiner Seele verbannte. Gleichwohl blieb dieser Sohn des Vaterlandes unsichtbar, obschon Hermann nach ihm in verschiednen Richtungen die Gegend umher durchsuchte.
Drittes Kapitel
Dieses Wandern und Suchen dauerte bis gegen Abend. Nun liess er davon ab, noch immer bemuht, sich eine unbestreitbare Wahrheit zu verbergen. Er lenkte in die Heerstrasse ein, um nach einem bewohnten Orte zu gelangen. Unmutig ging er auf derselben einher. Nicht lange, so horte er Menschentritt hinter sich. Er wandte sich um und erblickte den Polizeidiener wieder. Nachdem er dem Manne vorsichtig das Ereignis vertraut hatte, schlug dieser ein helles Gelachter auf, und rief: "Also sind Sie doch von dem Strolche angefuhrt worden? Nun, trosten Sie sich, es begegnet Ihnen nicht allein. Der Vogel ist uns und der ganzen Welt zu schlau. Wenn wir denken, wir haben ihn im Netz, so sitzt er ganz vergnugt auf dem Baume und lacht uns aus. Was fur Muhe hat sich der Herr Polizeikommissarius um ihn gegeben!"
"Wer ist er denn eigentlich?" fragte Hermann.
"Ein Jude aus Hameln", sagte der Polizeidiener. "Wir heissen ihn nur den Rattenfanger, weil er zuerst mit Mausebutter handeln ging, was er aber nun aufgegeben hat."
"Wie kann er ein Jude sein, da er lange blonde Haare hat?" fragte Hermann.
"Falsch, falsch!" rief der Polizeidiener. "Der Kerl fuhrt alle moglichen Perucken im Sack: Struppkopf, Bonvivant, Pastor, Zopf, Strohdach. Aus dem Rocke macht er auch, was er will, Frack, Mantel, Uniform, es ist unglaublich, was fur Streiche er ausfuhrt."
Sie setzten ihren Weg zusammen fort und der Polizeidiener erzahlte Hermann von den Listen, womit der Rattenfanger die Leute betrogen habe. Unser Freund musste sich zu seiner Beschamung gestehn, dass jener bei den meisten andern mehr Klugheit notig gehabt hatte, um zum Ziele zu gelangen, als bei ihm.
Missgestimmt trat er in das Wirtshaus ein, welches vor den Toren der nachsten Stadt angenehm zwischen Garten lag. Sie hatten es mit dem letzten Strahle des Tages erreicht. Es bekummerte ihn in seiner jetzigen Gemutsverfassung wenig, dass der Wirt ihn fast ebenso zweifelnd betrachtete, wie jener, welcher im Eingange dieser Denkwurdigkeiten auftrat. In der Tat pflegt ein Fussganger mit Sporen an den Stiefeln immer ein Gegenstand scherzhafter Verwundrung zu sein. Murrisch forderte er eine Stube, und liess sich den Abgang der nachsten Schnellpost nach Osten anzeigen. Denn er hatte beschlossen, nunmehr auf die gewohnlichste Weise seine weitere Reise zu veranstalten. Kaum horte er auf den Polizeidiener hin, welcher sich hoch und teuer vermass, ihm das gestohlne Pferd wieder zu verschaffen, es koste, was es wolle.
Indessen trieb ihn der Arger, der in der Einsamkeit immer nagender wurde, bald wieder in das abendliche Wirtszimmer. Dasselbe war von einem Dampfe erfullt, welcher beinahe die Lichter ausloschte. Um den Tisch sassen sechzehn junge Leute, Bier trinkend und Tabak rauchend.
Hermann erkannte bald an den polnischen Rocken, blossen Halsen, an den Sammetbaretten und bunten Pfeifentroddeln die Studenten. Er verwunderte sich uber den tiefen Ernst, womit diese Junglinge ihr stummes Geschaft verrichteten. Niemand von ihnen sprach ein Wort, nur jezuweilen schlug einer oder der andre den Wirt zutraulich-derb auf die Schulter und sagte: "Bier!" Ihr Prases, der am obern Ende des Tisches sass, ein starker, vierschrotiger Mensch, rief aber bei solchen Gelegenheiten: "Mehr Cerevis, eherner Roche!" Der wohlbeleibte glanzende Wirt bediente sie mit gelenkiger Schnelligkeit, warf ihnen allerhand Scherzreden ins Gesicht, ohne jedoch irgendeinen aus seiner Haltung zu bringen. In der Ecke des Zimmers strickte ein Frauenzimmer, sah den Prases mit wehmutigen Blicken an, und stiess schwere Seufzer aus.
Hermann erwartete von Minute zu Minute den Beginn eines Kommersliedes, aber die ganze Studentengesellschaft blieb so stumm und ernst, wie sie bei seinem Eintritte gewesen war. Er wandte sich endlich mit der hoflichen Frage an den Prases, ob die Herrn auf einer Ferienwandrung begriffen seien?
Der Prases erhob sich, warf ihm einen wilden Blick zu, und versetzte dann in rauhem Tone: "Der deutsche Mann hat keine Ferien. Es ist jetzt nicht an der Zeit, zu lottern, sondern zu wirken. Ich bin aus Mecklenburg und heisse Bruggemann."
"Diese Antwort finde ich etwas sonderbar", sagte Hermann.
"Sonderbar? Tusch!" riefen alle einhellig, und der Mecklenburger raunte seinem Nachbar etwas ins Ohr. Das Frauenzimmer stand auf, nahm ein Licht, gab Hermann mit angstlicher Miene einen Wink und ging hinaus. Er folgte ihr.
In einem abgelegnen Zimmer erwartete sie ihn. Zu seinem hochsten Erstaunen warf sie sich ihm hier zu Fussen, und rief: "Sie sind ein edler Mann, ich lese Menschlichkeit in Ihren Blicken. Retten Sie die Armen, ich beschwore Sie darum. Ich liebe den Mecklenburger und kann sein Verderben nicht sehn."
"Lassen Sie mich zuvorderst wissen, wovon hier die Rede ist", sagte Hermann.
"Es sind Demagogen", versetzte das Frauenzimmer. "Der Herr weiss, worin die Anziehungskraft unsres Gasthofes fur diese Junglinge liegt. Das ist nun schon der vierte Bundestag, welcher bei uns abgehalten wird, und immer sind bald darauf die Unglucklichen hier oder in der Nahe festgenommen worden, und werden doch nicht scheu, sich in den Rachen der Klapperschlange zu sturzen. Endlich habe ich das furchtbare Geheimnis entdeckt. Mein Vater, der Entsetzliche, schenkt ihnen das Bier ein, und verrat sie der Polizei."
"Wenn die Sachen so stehn, so sollten Sie Ihren Geliebten warnen", antwortete Hermann.
"Wer sind Sie, dass Sie mir dieses raten?" rief das Frauenzimmer pathetisch. "Kennen Sie Ziegenhainer, mein Herr? Die Wutenden wurden den Greis mit Schlagen bedecken. Nein, eine Tochter, welche den eignen Vater seinen Feinden zu uberantworten imstande ist, verdient diesen Namen nicht, den heiligsten in der ganzen weiten Natur. Ich heisse Thusnelde, und bin ein deutsches Madchen."
"Eine Narrin bist du, und heissest Sophie Christine", sagte der Wirt, der lachend in die Stube trat. "Marsch fort! Was steckst du hier mit dem fremden Herrn zusammen?"
"Die Bucher haben ihr den Kopf verdreht", sagte er zu Hermann. Dieser versetzte: "Sie sprach von Ihnen und von den jungen Leuten, und ich wollte wunschen, es ware nicht wahr, was sie mir entdeckt hat."
"Der liebe Gott segnet mein Haus mit Demagogen, wie er andre Hauser mit Kindern oder Schatzen segnet", sagte der Gastwirt behaglich. "Es gibt gar kein dummeres Vieh, als Studenten. Sie wissen, dass ihre Kamaraden immer hier aufgehoben worden sind, und doch rennt es noch bestandig hieher. Es geht mit des Himmels Segen zu. Ich bekomme gute Extraprasente, und das Allgemeine Ehrenzeichen kann mir in ein vier, funf Jahren durchaus nicht entgehn."
"Wie mogen Sie ein so hinterlistiges Verfahren nur entschuldigen?" rief Hermann zornig.
"Hinterlistig?" sagte der Wirt, ohne sich aus seiner Laune bringen zu lassen. "Es ist noch keinem der Kopf abgerissen worden. Sie werden in bequeme Postchaisen gepackt, kommen auf ein Jahrchen in Prison, haben dort Zeit zu studieren, schlagen in sich, dann erfolgt eine schwere Sentenz, dann die Begnadigung, dann die Befordrung, weit schneller, als bei andern Landeskindern, denn im Himmel und in * ist mehr Freude uber einen Sunder, der bereut, als uber hundert Gerechte, die nie fielen."
"Das Ungluck von Menschen zu bespotten, verrat ein gefuhlloses Herz!" rief Hermann.
"Ein jeder denkt auf seinen Profit", erwiderte der Wirt. "Die Schnellposten haben den armen Wirten fast alles Brot entzogen. Wenn ich keine Demagogen anzugeben hatte, musste ich wohl betteln gehn. Morgen ist also hier der vierte Bundestag und ubermorgen fruh, denk' ich, hangen sechzehn Drosseln in den Dohnen. Wollen aber Sie das verhindern, mein Herr, so nehmen Sie sich vor dem Polizeikommissarius in acht, denn ich denunziere Sie dann als den Mitschuldigen des Hochverrats, und da Sie kein Student mehr sind, so mochte man vielleicht mit Ihnen scharfer verfahren."
Hermann war nicht einen Augenblick unschlussig, was er tun sollte. Das Schicksal, welches diesen armen jungen Leuten bevorstand, erschien ihm fast noch gelinder, als die rasende Verblendung, wodurch sie sich dasselbe zuzogen. Er, selbst eingeweiht in diese Verirrungen, konnte jetzt kaum begreifen, wie es moglich gewesen sei, so frevelhaften Unsinn zu treiben. Er beschloss, die jungen Toren ihrem Geschikke zu entziehn, indem er sie von ihrer Verblendung heilte. Da man aber, um sich den Wolfen uberhaupt zu nahern, mit ihnen heulen muss, so schien ihm ein besonders geschicktes Benehmen hier durchaus notwendig zu sein.
Er fand den Mecklenburger auf einem Vorplatze des Hauses, seine Pfeife ausklopfend. Hermann legte die drei ersten Finger der rechten Hand an den Pfeiler und fragte: "Wohin gehst du?"
Betroffen sah ihn der Mecklenburger an, legte aber die letzten Finger seiner Rechten an den Pfeiler und versetzte: "Nach Leipzig. Sage mir die neun Grundartikel."
Hermann trug hierauf, ohne zu stocken, die begehrten Satze vor. Der Mecklenburger druckte nach diesen unzweifelhaften Zeichen ihm kraftig die Hand, und rief: "Die Begegnung hatte ich nicht vermutet. Ich wollte dich fordern lassen, denn sonderbar ist unter allen Umstanden Tusch; nun aber wird naturlich daran nicht mehr gedacht, auch hatte ich gleich erwagen sollen, dass du Philister bist, mithin von dir nichts zieht. Bringst du uns Nachricht vom Mannerbunde?"
"Allerdings", versetzte Hermann doppelsinnig. "Es gibt einen Bund der Manner, dem Unrecht zu wehren, Schaden zu verhuten, den Frieden zu schutzen."
"Recht so", versetzte der Mecklenburger, "so meinen wir es auch. Die Zeit ist gross, wir mussen Grosses leisten, um vor ihr gross zu bestehn. Eingreifen mussen wir in ihre Rader, mit dem Strome schwimmen, und die Damme und Klippen zerbrechen, welche die Holle ihnen in den Weg turmt. Jetzt sind wir daran, das Volk aufzuklaren. Frisch, frei, fromm, frohlich, das ist immer die Hauptsache. Auf einen Kopf oder ein paar krummgeschlossne Knochen kommt es dabei nicht an; mehr als totmachen konnen sie uns nicht."
"Wie weit seid ihr denn gediehen?" fragte Hermann.
"Das Reich ist eingeteilt, es geht wieder in die zehn Kreise nach Homanns Karte", erwiderte der Demagoge. "Das war das sicherste. Die Festungen sind unser, der Olmuller hat einen geheimen Gang neben seinem Teiche, und der Major wird Grossfeldherr. Ich nehme Mecklenburg hin, ausgenommen Gustrow, was Schneppe aus Greifswald nicht fahren lassen wollte. Berlin wird niedergerissen und Jahn baut die neue Hauptstadt an der Elbe. Er wird auch Obermeister der Zucht, aber das Turnen bleibt vorderhand abgestellt, denn wir wollen nichts ubertreiben. In der Bundeskasse haben wir an dreiundsechzig Taler; es kann alle Tage losgehn."
"Was fuhrt euch aber eigentlich hier zusammen?" fragte Hermann.
"Die letzte Frage, welche noch zu entscheiden ist", erwiderte der Demagoge. "Morgen wird bestimmt, was aus den Fursten werden soll, ob wir sie alle erstechen mussen, oder ob man wenigstens in betreff einiger Gnade vor Recht ergehn lassen kann. In der Buschmuhle tagen wir, fehle ja nicht in der Versammlung."
Dieses sinnreiche Gesprach wurde noch langer fortgedauert haben, wenn nicht im Hofe ein plotzlicher Larmen entstanden ware. Eine Menge Menschen mit Laternen und Windlichtern drang herein, in deren Mitte Hermann bei dem Naherkommen des Zuges den Polizeidiener, den Rattenfanger und sein Pferd wahrnahm. Der Rattenfanger fuhrte das Pferd, der Polizeidiener den Rattenfanger. Er hielt ihn am Ohrlappchen gefasst, und rief unaufhorlich: "Haben wir dich endlich, du saubrer Kavallerist? Haben wir dich?" Wunderbar war es anzusehn, wie der Mensch nun als schwarzlockiger Pudelkopf erschien, und den abgelegten blonden Schopf wehmutig in der Hand hielt.
Hermann wurdigte diesen politischen Fluchtling keines Blickes und empfing sein Pferd, welches von Schweiss triefte. Der Polizeidiener erzahlte ihm, wie er des Vagabunden habhaft geworden sei, und gab ihm den Rat, sobald als moglich fortzureiten, und sich den Schaden zur Lehre dienen zu lassen.
Viertes Kapitel
Am folgenden Morgen wanderte Hermann nach der Buschmuhle, mit sich einig uber den Plan, nach welchem er die verirrten Junglinge in das rechte Geleis zuruckfuhren wollte. "Wie doch das Unangenehme meistens die besten Ausgange hervorbringt!" sagte er zu sich selbst. "Ohne den gestrigen Vorfall wurde ich meines Weges weitergezogen sein, und die Gelegenheit verabsaumt haben, etwas Gutes und Heilsames auszurichten."
Als er am Orte der Zusammenkunft eintraf, fand er die Studenten schon auf einer Dachkammer versammelt. Fahl schien das Licht durch beraucherte Fensterscheiben und gab den ohnehin mit fruhen Runzeln gezeichneten blassen Gesichtern dieser jungen Leute ein noch trubseligeres Ansehen. Sie sassen und standen umher, die Pfeife war, wie sich von selbst versteht, auch hier in voller Tatigkeit und der Qualm in dem engen Raume beinahe unertraglich. Der Mecklenburger kam auf Hermann zu, fasste ihn bei der Hand und stellte ihn mit den Worten: "Da seht ihr endlich einen vom Mannerbunde", den andern vor.
Alle drangten sich um ihn und wollten vom Mannerbunde wissen. Hermann versetzte: "Ich werde euch noch genug nachher zu sagen haben, jetzt tut ihr erst das Eurige."
Die Studenten zogen Dolche aus ihren Rocken, zuckten sie, und riefen mit dumpfer Stimme: "Den Verrater treffe der Tod!" Darauf warfen sie dieselben zusammen auf einen Haufen.
Der Mecklenburger setzte sich an einen kleinen wacklichten Tisch, in der Mitte der Kammer; ein andrer, der den Sekretar vorstellte, ihm gegenuber. Dieser zog ein Heft beschmutzter unordentlicher Papiere, welche Akten bedeuten sollten, hervor, und schlug seinen Kollegienstecher in die Tischplatte. Die ubrigen sassen oder lagerten sich umher. Hermann nahm zu seiner Sicherheit einen Platz an der Ture.
Der Sekretar erhob die Stimme und fragte: "Welche Kreise Deutschlands sind hier auf diesem vierten Tage des Bundes der Jungen versammelt?"
"Obersachsen!" antwortete einer mit unzweideutiger scharfer Kopfstimme; "Franken!" riefen vier. Schwaben ward durch funf. Niedersachsen und Westfalen jedes durch zwei vertreten, fur Burgund meldeten sich drei schwarzhaarige einigermassen heimtukkisch aussehende Belgier. Bayern, Oberrhein, Niederrhein, Osterreich fehlten.
Der Sekretar stand auf und sagte: "Bruder Prases, sechs Kreise Deutschlands sind versammelt."
Der Mecklenburger entblosste sein Haupt und sprach: "Ich erklare hiemit den Tag fur beschickt und eroffnet. Geliebte Bruder des Bundes fur Freiheit und Recht, Vernunft und Wahrheit! Frisch, frei, fromm, frohlich, das ist immer die Hauptsache. Schwer Werk liegt auf teutscher Jugend, wir sollen die alte, dumm und faul gewordne Zeit wieder einrenken, die Flicker und Stucker vertreiben, den Stall luften, das Molchund Otterngezuchte aus seinen Hohlen schwefeln, dass alles teutsch werde, christlich und gut. Es ruht, wie gesagt, auf der Jugend, die Alten sind nichts nutze."
"Davon habe ich eben ein Beispiel gehabt", sagte einer aus Franken. "Ich stehe mit meinem Alten in Rechnung, so viel fur Hauspump, so viel fur Bucher, Wasche und so weiter. Nun hatte ich ihm sechzig Gulden fur Kollegia angesetzt. Denkt euch, verlangt das Kamel, ich soll nachweisen, dass ich sie gehort habe."
"Bruder, unterbrich mich nicht!" rief der Mecklenburger. "Lass deine eignen Angelegenheiten hinweg, wo es die grosse Sache des Vaterlandes gilt. Bruder! Lange Reden zu halten ist nicht meine Sache, ich bin aus Mecklenburg und heisse Bruggemann. Zuschlagen muss man, das ist das kurzeste, und jeder versteht, wie er dieses zu nehmen hat. Lange genug hat das Wort die Welt verfitzt, gesunde Knochen und tuchtige Fauste sollen ihr wieder zum Besinnen verhelfen. Also Bruder Schreiber und Schriftwart, lies kurz und gut die Frage des Tages ab. Dann stimmt, und hernach streife jeder den Arm auf, gurte seine Lenden, und tue, was der Beschluss ihm auflegt!"
Der Sekretar las aus den sogenannten Akten: "Der dritte Bundestag hat die Konigs- und Furstenfrage zur Entscheidung des vierten gestellt. Die heute versammelten Kreise und Stande des Reichs, welches da kommen soll, haben folglich daruber abzustimmen: Sollen die Konige und Fursten alle ohne Ausnahme niedergemacht werden, oder kann man in betreff einiger und welcher? mildere Entschliessung eintreten lassen?"
"La mort sans phrase!" riefen die Belgier hastig.
"Burgundier", versetzte der Prases, "es steht noch nicht einmal fest, ob wir euch zum Reiche nehmen, oder euch nicht lieber den Pariser Wolfen uberlassen. Wollt ihr aber mit uns tagen, so redet die Sprache Teuts, und nicht die der Welschen und Franschen."
"Ich lasse meinen Konig nicht umbringen"; sagte der aus Obersachsen. "Ich habe eine Freistelle auf der Furstenschule gehabt, er heisst Friedrich August der Gerechte; was kann er dafur, dass er ein Konig ist."
"Alle ohne Ausnahme abgemuckt!" riefen die Franken. Niedersachsen stand zu Obersachsen; die Debatte wurde sturmisch. Einige Schwaben und einige Westfalen suchten vergeblich einander deutlich zu werden. Ein Kreis verstand den andern nicht.
Der Prases klopfte auf den Tisch, und redete, nachdem alles still geworden war, so: "Zankt euch nicht! Durch Span und Zwist sind die Reiche verfallen, das hat Rom und Griechenland gesturzt, soll auch unsre Starke dadurch schwach werden? Ich meinesteils bin fur Massigung. Furchtbar ist ein Volk, welches sich im Glucke zu fassen weiss. Wir haben die Oberhand, lasst sie uns nicht missbrauchen. Ich schlage eine Sondrung vor. Die bis zur Leipziger Schlacht teutscher Sache noch nicht beigetreten waren, sollen sterben, und denen, die vor diesem Zeitpunkte ihre Pflicht erfullt haben, geben wir Pension, oder Leibzucht, vaterlandischer zu reden. Auf diese Weise sind wir zugleich gerecht und milde."
Uber diesen Vorschlag entstand ein hitziger Streit, bei welchem die ausserste Rechte und die ausserste Linke einander beinahe zu Kragen geraten waren. Endlich siegte die gemassigte Mitte, die Mehrheit nahm den Vorschlag an, und der Mecklenburger entwarf sogleich die Pensionssatze, wobei der fur den grossten Fursten von Norddeutschland mit besondrer Rucksicht auf dessen Verdienste und Schicksale bis zu achthundert Talern jahrlich anstieg, obgleich die gewohnliche Pension eines Konigs nicht mehr als funfhundert betragen sollte.
Wahrend man noch mit der Festsetzung dieser Angelegenheit beschaftigt war, sagte ein Franke: "Ihr habt einen Hauptpunkt vergessen. Was soll mit den dirigierenden Burgermeistern der freien und Hansestadte werden?"
Es entstand eine Pause allgemeinen Nachdenkens. "Dass auch in den sogenannten freien Stadten keine Freiheit weilt, dass dort die Gewalt oft noch verderbter ist, als in den Furstentumern, kann niemand leugnen", sagte endlich der Prases. "Wo wird man mehr mit dem Pass geschoren, als in Frankfurt? Wo ist teurer leben, als in Hamburg? Aber dein Bedenken ist ganz richtig, Bruder. Wenn wir auch die Burgermeister hinwegraumen, so bleiben ja immer noch die Senate ubrig, funfzig Mann in jeder Stadt, die zur Zwingherrschaft berechtigt, ja auch daran beteiligt sind."
Die Burgundier rieten zur Abschlachtung der gesamten Senate, welcher Gedanke jedoch als zu blutdurstig von den eigentlich deutschen Kreisen einstimmig verworfen wurde. Man sprach von Kerker, eidlichem Verzicht und dergleichen, fand aber diese Mittel alle zu ungenugend. Zuletzt rief ein Schwabe: "Bruder! Eine nach der andern frisst der Bau'r die Wurst'. Lasst uns die Konige und Fursten erst einmal auf'm Kraut haben, unterweil fallt uns vielleicht wegen der Burgermeister etwas ein."
Alles lachte uber den Schwaben, konnte aber gleichwohl keinen besseren Rat ersinnen, denn er. Wer weiss, wie lange dieses Nachdenken noch fortgesetzt worden ware, wenn nicht Hermann, der dem Wahnsinne nicht langer zuzuhoren vermochte, eine Doppelpistole, welche er in der Stadt erhandelt, herausgezogen und sie vor den Studenten langsam scharf geladen hatte? "Was soll das?" fragten einige.
"Der Mannerbund fuhrt nur Schiessgewehr", versetzte Hermann kalt. Er spannte den Hahn und hielt die Pistole vor sich hin. Dann sagte er: "Der erste, welcher mir zu nahe kommt, wird totgeschossen. Ihr albernen Toren, ihr verblendeten Junglinge! Ein schlimmes Ubel erfordert bittre Arzneien. Indem ich euch zu heilen unternehme, sage ich daher, dass ich nicht weiss, ob ich uber eure Schlechtigkeit zurnen, oder uber eure Dummheit lachen soll. Ihr beruft euch, irregefuhrt von euren Verleitern immer auf das Altertum; ahmt demselben nach und erinnert euch zuerst daran, dass zu jenen Zeiten die Jungen nicht mitsprechen durften; in Sparta musste einer dreissig Jahre alt sein, wenn er den Mund uber Staatsangelegenheiten auftun wollte. Ihr Unsinnigen, die ihr euch herausnehmt, Konige und Fursten absetzen, pensionieren, ja erdolchen zu wollen, weil sie, wie ihr wahnt, ihrer Wurde nicht vorzustehen wissen, und die ihr selbst noch nicht den allerkleinsten und abgeleitetsten Teil dieser Wurde zu bekleiden vermochtet! Geht in euch, lernt eure Hefte, singt Trink- und Burschenlieder, geniesst die schone Jugend, und uberlasst die Sorge um den Staat den Alten. Eines sage ich euch noch. Ich halte euch nicht fur so unvernunftig, dass ihr auf eure eigne Faust, ohne Hulfe alterer gewichtigerer Manner zu revolutionieren die Tollkuhnheit besitzen solltet. Nun denn, so erfahrt, dass, wenn ihr aufsteht, kein Torschreiber und Supernumerarius euch beispringen wird; alles, was den Burschenrock ausgezogen hat, sitzt ruhig, mit Tabagiegesprach zufrieden, im burgerlichen Leben, der Mannerbund ist eine Luge, womit euch irgendein Bosewicht gekodert hat; ihr seid die Affen, welche fur die Katze die Kastanien aus dem Feuer holen sollen."
Schwer wurde es sein, die Wirkung dieser Anrede auf die Studenten zu beschreiben. Sie hatten sich in einem Winkel zusammengedrangt, zitterten vor Grimm, waren jedoch keinesweges lustern, der Mundung des Pistols naher zu treten. Vielmehr gaben sie ganz das Bild gemalter Wuteriche ab, wie Shakespeare sagt.
Hermann war eben im Begriff, seinen Spruch mit einer gesteigerten Nutzanwendung zu schliessen, als von unten Stimmen ertonten und Pferdegetrappel horbar ward. Diese Laute verwandelten auf einmal die Szene. Hermann und die Studenten rannten eintrachtig zu einer Bodenlucke und sahen den ganzen Hof voll von Gendarmen, Haschern und bewaffneten Bauern. Sogleich ergriffen die jungen Leute mit katzengleicher Geschwindigkeit die Flucht. Einige liessen sich eine Fallture hinunter, andre verkrochen sich in den dunkelsten Ecken des Gebalks, die Entschlossensten kletterten auf die den Haschern abgekehrte Seite des Dachs, sprangen in den Garten und eilten zu Walde. In einem Augenblicke war der ganze Soller von den Demagogen leer, nur Hermann blieb im Gefuhle seiner Unschuld auf demselben zuruck.
Funftes Kapitel
Nicht lange, so erschien ein Gendarm, blickte forschend in die Dachkammer, und rief seinen Kamaraden mit den Worten: "Komm, einer ist noch hier!" herbei. "Sieh nur die Wirtschaft!" sagte der zweite, als er eintrat. "Die Dolche! Und da die Brandbriefe!" "Gut, dass wir wenigstens den Oberdemagogen haben, schau, was fur eine Pistole er fuhrt!" "Es ist ein Halbkarabiner", versetzte der zweite Gendarm.
Sie schritten auf Hermann zu, und kundigten ihm in barschem Tone Arrest an. "Ganzlich im Irrtum, meine Herrn!" versetzte er. "Ich wollte die verfuhrte Jugend zum Besseren bekehren." Die beiden Manner schlugen ein helles Gelachter auf, und meinten, er sehe nicht nach einem Propheten aus. Um sich nicht ubler Behandlung auszusetzen, gab er sich gefangen. Er fragte nach ihrem Befehlshaber und verlangte zu diesem gefuhrt zu werden. Sie versetzten, dass der Herr Polizeikommissarius nicht zu sprechen sei, indem er, bei Verfolgung eines Fluchtigen zu Boden gesturzt, sich das Bein aufgeschlagen habe.
Nachdem die Gendarmen ihm die Pistole abgenommen, die Dolche und Akten zusammengerafft hatten, fuhrten sie ihn hinunter. Mit genauer Not erhielt er es, dass man ihn nicht fesselte, doch war auch so schon seine Lage die unbehaglichste. Hunderte von Menschen hatte die Neugier herbeigezogen, deren gaffende Blicke alle auf ihn gerichtet waren. Unaufhorlich wurden die Gendarmen befragt, wer er sei? worauf sie jederzeit kaltblutig erwiderten: "Es ist der Oberdemagoge."
Auf seine Bitten wurde eine verdeckte Kalesche angespannt. Die Gendarmen, zu beiden Seiten des Wagens reitend, brachten ihn darin nach dem Stadtchen, aus welchem er in so guter Absicht nach der Buschmuhle gegangen war. Dort lieferte man ihn in der Wachtstube des Orts ab. Bei dem Eintritte in dieses Gelass hatte er vor Scham und Verdruss sterben mogen. Es war namlich am gedachten Tage auch das sogenannte allgemeine Vagabundengreifen gewesen, und die Wachtstube wimmelte daher von ubel aussehenden Leuten. Heftig fragte er den einen Gendarmen, ob man fur Verbrecher seinesgleichen hier nicht einsamen Kerker bereit halte? Die beiden Manner sahen einander kopfschuttelnd an, einer griff an seine Stirn, dann sprachen sie leise zusammen. Man willfahrte ihm indessen und brachte ihn uber einen finstern schmutzigen Hof nach dem Hintergebaude der Fronfeste, wo sich denn hinter Schloss und Riegel, seinem Wunsche gemass, einsames Gefangnis auftat.
Er war nun zwischen vier einst weiss gewesenen Wanden allein. Bestandig musste er sich zurufen, dass dieses Ungemach ja lediglich aus einem lacherlichen Irrtume entspringe und von kurzer Dauer sein werde, um dem Missmute nicht zu erliegen. Endlich warf er sich auf die Strohschicht, welche der Kerkermeister frisch besorgt hatte, und schlief trotz seiner ubeln Laune ein.
Die Gendarmen, ihrer scharfen Anweisungen eingedenk, nahmen indessen nach kurzer Abwesenheit vor der Kerkerture Platz.
"Weisst du", sagte der eine zum andern, "woher alle die Teufelei ruhrt? Ich kann's dir sagen. Die Juden stiften den ganzen Spektakel an."
"Nicht moglich!" rief der andre. "Ich dachte, die Franzosen steckten dahinter."
"Franzosen hin, Franzosen her!" sagte der erste. "Das ist ja eben die Sache. Die Franzosen sind auch alle heimliche Juden. Dazumal in Agypten hat der Bonaparte seine ganze Armee dazu herumgekriegt, und die Soldaten haben dann nach ihrer Ruckkehr das Judentum weiter gestiftet, und auch bei uns ausgebreitet, bis der Krieg kam, und davon ruhren die Demagogen her."
"Drum assen auch die Kerle so viel Knoblauch", sagte der zweite Gendarm.
"Richtig", versetzte der erste. "Der Knoblauch ist der erste Grad im Judentum. Der Bart ist der zweite. Merkst du was? Geht's dir auf? Alle tragen sie lange Barte. Ich muss nur lachen, wenn die Herrn sich so viele Muhe mit dem Volke geben, um ein Gestandnis herauszubringen. Am Leibe visitiert, da wurden sie bald das untrugliche Zeichen finden."
"So ware man ja seiner Gliedmassen nicht sicher, wenn das Zeug die Oberhand bekame", rief der zweite Gendarm mit so Entsetzen.
"Das ware noch das wenigste", sagte der erste, "aber alle Kinder wurden sie totschlagen und das Blut trinken, und kein Kramer durfte mehr ein Lot Salz verkaufen."
Der zweite Gendarm erinnerte sich wieder an Agypten und fragte, ob da nicht die Turken anstatt der Juden hauseten? "Lass dir sagen", antwortete der erste. "Die Reichen sind mit Mose nicht ausgezogen, sondern im Lande sitzen geblieben, wo hast du je gehort, dass ein Jude sein Eigentum verlassen hatte?
Nur das Schacherpack lief fort, und vierzig Jahre in der Wuste umher, das heisst, sie gingen hausieren: 'nichts zu handeln drin?' bei den Leuten, die da so in den Gegenden wohnten. Die zuruckgeblieben waren, kamen bei den Turken unter den Druck. Bonaparte wollte sie befrein, um dem Englander einen Tort zu tun. Denn wo die Juden aufkommen, sind die Englander verloren. Aber die merkten den Schlich, und lieferten ihm die grosse Schlacht da oben bei Dings."
"Daher kommt es denn auch, dass sie in Hannover so scharf sind mit den Demagogen", sagte der zweite. "Es ist wegen den englischen Handelsverbindungen."
Dieses scharfsinnige Gesprach horte Hermann zum Teil mit an, denn er war von Hitze und Unruhe bald wieder munter geworden. Die Wachtmanner, welche nach den Gendarmen aufzogen, hielten sich in ihren Gesprachen mehr an seine Person, und machten eine schlimme Beschreibung von ihm, die sich denn von Ablosung zu Ablosung steigerte, so dass er gegen Morgen in den Reden dieser Leute wie ein Ungeheuer mit Klauen und Hornern aussah.
Im Strahl der frischen Morgensonne fand er seine gute Laune wieder. Er lachte uber die Ungereimtheiten, die er von draussen vernahm, laut auf, so dass die wachenden Manner ein Grauen ergriff. "Hoffentlich", sagte er, "ist denn dieses doch der letzte dumme Streich, den ich mache. Oder nein!" fugte er hinzu, "wer wollte die Torheit verschworen? Nur diejenigen Menschen irren sich nicht, deren Leben von Anfang bis zu Ende ein einziger trockner Irrtum ist."
Sechstes Kapitel
Man fuhrte ihn vor den Polizeikommissarius zum Verhor. Der Beamte sass hinter einem Tische, auf welchem die Hermann abgenommnen Sachen lagen, Geld, die Doppelpistole und die Brieftasche. Ein kleiner Schreiber sass dem Beamten zur Linken, mit steilrecht erhobner Schreibefeder. Hinter dem Polizeikommissarius standen zwei Hascher, ernst und regungslos, ihre Blicke ruhten auf dem Haupte des Vorgesetzten.
Dieser hatte das verletzte und bewickelte Bein seitwarts auf einen Sessel gelegt, so dass er sein Gesicht bei Hermanns Eintreten von diesem abkehrte. Der kleine Schreiber fuhr den Gefangnen herkommlich grimmig an, und bedrohte ihn mit den schlimmsten Dingen, wenn er nicht die reine Wahrheit sage. Jetzt wandte sich der Polizeikommissarius um, und wollte mit noch hoherer Wurde diese Gewissensscharfung vornehmen, kam jedoch nicht uber das erste Wort hinaus, blieb vielmehr stocken und starrte seinen Inkulpaten geoffneten Mundes an. Ein gleiches Erstaunen pragte sich in der Miene und Gebarde Hermanns aus; sie standen einander gegenuber wie die Salzsaulen.
Zuerst fand der Polizeikommissarius einige Laute wieder. "Abtreten!" rief er, dem Schreiber und den Haschern winkend. Betroffen verliess das Personal die Amtsstube. "Hermann!" "Ernst!" Mit diesem Rufe fielen die beiden Freunde einander in die Arme.
"Unglucklicher, so sehen wir uns wieder?" sagte der Polizeikommissarius. "Dasselbe mochte ich dir entgegnen", erwiderte Hermann. "Warum bist du denn nicht in Hellas, warum steckst du in dem Rocke da?"
"Achtung vor dem Konige, dessen Farbe ich trage", sagte der ehemalige Philhellene mit gebietender Haltung. "Aber o ich Schwergeprufter!" rief er, ausser Fassung geratend. "Meinen besten Freund, meinen Herzbruder finde ich unter Hochverratern, als ihr Haupt, als ihren Radelsfuhrer wieder. Dahin fuhren verkehrte Grundsatze, das ist die Frucht einer unruhigen Sinnesart! Wie oft habe ich dich gewarnt, wie oft sagte ich dir: uber das Gewohnliche sich erheben wollen, fuhrt zum Allerschlechtesten!" "Du vergesslicher Mensch!" rief Hermann, "dieses sind ja eben meine Worte an dich, als du den abenteuerlichen Zug nach Griechenland unternehmen wolltest."
Aber sein Freund horte ihn nicht. Er war aufgestanden, hinkte feierlich mit steifem Knie auf und nieder und sagte: "Pflicht! Du Polarstern des Beamten, du Ankergrund der Diensttreue, starke mich jetzt! Ein Mann, der mit blutendem Herzen tut, was ihm obliegt, ist ein Schauspiel fur Gotter. In diesem Zimmer hort der Mensch auf; es kennt nur den Diener des Staats."
Hermann fing den ausgestreckten Arm des Freundes, ruttelte ihn und sagte heftig: "Die erste deiner Pflichten ist, den Beschuldigten anzuhoren. Ich bin kein Demagoge, geschweige ihr Oberhaupt und Radelsfuhrer. Ich bin ein so unschadlicher Mensch, wie nur einer Brot isst. Du hattest mich eher aus den Handen deiner dummen Gendarmen und Scharwachter befreien sollen."
"Bist du nicht unter den Wutenden betroffen worden?" fragte der Polizeikommissarius. "Liegen da nicht die Dolche, die Schriften voll der Teilung Deutschlands und des Mordes der Konige? Liegt dort nicht dein eignes Schiessgewehr?"
Hermann gab ihm mit der uberzeugenden Kraft, welche der Wahrheit eigen zu sein pflegt, die Einsicht in den Hergang der Dinge. Der Polizeikommissarius wurde wankend, nachdenklich, erholte sich aber wieder und sagte: "Und diese Brieftasche, hast du die auch in der Absicht, zu bessern, bei dir gefuhrt? Blick hinein, was siehst du? Aufruhrerische Traktatchen, 'Freie Stimme frischer Jugend', den 'Bauernkatechismus', kurz den ganzen Arsenal der liberalen Propaganda. Wie willst du dieses unumstossliche Beweismittel entkraften?"
"Mensch, hast du denn aus der Lethe getrunken?" rief Hermann. "Sieh doch die Brieftasche genauer an. Es ist ja die deinige, dieselbe, welche damals aus Irrtum in meiner Tasche blieb, mit diesem deinem Freiheitsschwindel angefullt, wahrend du mit meiner und mit meinem Gelde von dannen zogst."
Da nun die Brieftasche in einer Ecke des vordersten Blattes wirklich noch den Namen des ehemaligen Philhellenen fuhrte, so konnte der Polizeikommissarius sie nicht verleugnen. Diese Entdeckung hatte die Wirkung auf ihn, dass er den Pflichtbegriff fahren liess und sich den freundschaftlichen Empfindungen ganz hingab. Es verstand sich, dass er Hermann in seiner Hauslichkeit bewirten wollte, von deren Lobe er nun uberstromte. Beide schuttelten einander herzlich die Hand und genossen die Freude des unverhofften Wiedersehens.
"Was wird Franzchen dazu sagen!" rief er. "Und mein Junge! Zwar der kann noch nichts sagen."
Er brachte ihn durch einen bedeckten Gang, welcher die Gefangnisse mit seiner Wohnung verband, nach dieser. Unterweges wurde er wieder still. "Bei allem dem bleibt es doch ein eignes Ungluck", sagte er niedergeschlagen, "dass ich mit der vielen Muhe, mit der Plage bei Tag und bei Nacht nichts andres ausgerichtet habe, als mir das Knie zu zerfallen, meinen besten Freund gefangenzunehmen und meine eigne Brieftasche wiederzufinden."
Siebentes Kapitel
Franzchen schrie laut, als Hermann vor sie trat. "Gebt euch nur einen Kuss", sagte der Polizeikommissarius, "alte Liebe rostet nicht, daraus mache ich mir gar nichts, es bleibt in der Freundschaft." Noch hatte Hermann den Weg zu ihren Lippen nicht vergessen; errotend duldete sie, was sie an vergangne Zeiten erinnerte. Sie war still, und schien verlegen zu sein; Hermann bemerkte, dass ihre Blicke vergleichend zwischen ihm und ihrem Manne hin und her wanderten.
Ein Kindergeschrei liess sich vernehmen. "Das ist Hermann, der Sassen Herzog", sagte der Polizeikommissarius, "Mutter, bring den Jungen herein." Sie brachte das Kind, einen starken, rotbackigen Knaben, den Hermann ungeachtet des Zustandes, in welchem er sich eben befand, abkussen musste.
Hermann verbrachte einige Tage in dieser Hauslichkeit, welche der sparlichen Umstande wegen, worin beide Gatten lebten, die beschrankteste war. Der Diensteifer seines Freundes hatte eine eigne Verwicklung herbeigefuhrt. Gleich nach seiner Gefangennehmung war namlich von diesem eine Stafette mit der Meldung von dem Geschehenen gen * abgesendet worden, welcher er zwar, als er den Zusammenhang der Dinge in Erfahrung gebracht hatte, einen zweiten reitenden Boten mit einer Berichtigung der fruheren Anzeige nachschickte, jedoch ohne den gewunschten Erfolg. Er empfing namlich einen Verweis, dass er sich herausnehme, in dieser Angelegenheit selbst urteilen zu wollen; man finde dies unangemessen und habe er den Gefangenen schleunigst abliefern zu lassen.
Diese Hiobspost kundigte er seinem Freunde mit besturzter Miene an. Franzchen weinte. Hermann trostete sie beide, sprach von seinen Bekanntschaften in der Residenz, die ihm bald aus der Verlegenheit helfen wurden, und sagte, dass wenn man auch in diesem Punkte dort strenge Grundsatze hege, die Unschuld doch etwas Siegreiches habe, was die Richter sofort zu seinen Gunsten stimmen werde.
Im Grunde war er froh, als der Wagen vorfuhr, die beiden bekannten Gendarmen zu den Seiten aufritten, und dergestalt einigen beklommen-langweiligen Tagen ein Ziel gesetzt ward. Die ersten Gesprache mit seinem Freunde hatten ihn uberzeugt, dass alle Beruhrungspunkte zwischen ihnen verlorengegangen waren. Der Polizeikommissarius bezog jetzt alles im strengsten Sinne auf den Dienst oder die Hausvaterschaft. So hatte Hermann einmal lange mit Geist und Suada von den streitenden Bestandteilen des Staats gesprochen, aufmerksam, wie es ihm schien, angehort von dem Freunde. Als er aber geschlossen hatte, rief dieser aus: "Du hast ganz recht; es wird nicht eher besser bei uns, als bis wir wissen, wie weit die Polizei gehen darf und wie weit die Justiz."
Die Pflichten des Hausvaters ubte er wirklich in vollem Masse. Nicht genug, dass er bei der Wartung des Kindes in den unangenehmsten Vorkommenheiten mit zur Hand ging, er grub im Garten und beschickte die Kuche, wo es irgend not tat; ja Hermann hatte ihn eines Morgens im Stallchen die Ziege melken sehen, welche diesem Haushalte die tagliche Milch gab.
Oft geriet der Gast durch die Art und Weise in Verlegenheit, mit welcher der Wirt sein fruheres Verhaltnis zu Franzchen zum Gegenstande der Unterhaltung machte. Er war unerschopflich in Anspielungen und Scherzreden, welche nicht immer die feinste Wendung nahmen. Umsonst versuchte Hermann abzulenken; endlich verbat er sich geradezu dergleichen. Worauf der Polizeikommissarius entgegnete: "Du bleibst, wie du warst, nicht fur das Praktische, nicht fur das wirkliche Leben." Am meisten hatte Hermann in der Seele der jungen Frau gelitten, welcher, ungeachtet ihres Fehltritts und ihrer jetzigen Durftigkeit, immer noch die feine anstandige Manier geblieben war, durch welche Hermann sich ehedem so sehr angezogen gefuhlt hatte.
Er stieg, ohne Abschied von ihr zu nehmen, in den Wagen. Was hatte er ihr sagen sollen? "Dahin ware ich denn auch gediehen", sprach er zu sich selber, "wenn ich den sogenannten vernunftigen Weg im Leben eingeschlagen hatte. Vielleicht in grosseren Zimmern wohnend, und die Ziege nicht melkend, ware ich denn doch vielleicht im Grunde schon ebenso ein Philister geworden, Welt, Zeit und den Pulsschlag der Geschichte nicht mehr vernehmend, die Neigung unsrer niedern Natur zu schlafriger Bequemlichkeit in das lugenhafte Gewand erhabner Pflicht kleidend. Ehe! wie rauschen die Redensarten, wenn das Wort ausgesprochen wird. Das Sakrament der Ehe! Die Heiligkeit der Ehe! Der Segen des Ehestandes! Und was bringen denn nun diese schonen Dinge bei vielen hervor? Dass sie einen Stillstand in ihrem Leben machen, dass die edelsten Verhaltnisse, die unschatzbarsten Verbindungen ihren Reiz verlieren, die zarte Beruhrung mit dem Leben und den Menschen aufhort, und am Ende jene dumpfe Erstarrung eintritt, welche fur das Ziel des Daseins ausgegeben wird.
Man sollte daher auch uber diesen Gegenstand naturlicher zu denken anfangen und sagen, dass der Staat der Sache bedurfe, um nicht selbst sich mit der Sorge fur die Kinder befassen zu mussen, und folglich von Rechts wegen sie beschutze. Oder wenn man von einem Sakramente der Ehe und des Hauses reden wollte, so sollte man den Leutchen zurufen: 'Macht euren Bund durch ein erhohtes Leben in Geist und Gemut zum Sakramente, aber glaubt nicht, dass ihr den Stand der Gnade schon durch die Liebeleien des Brautstandes, durch das Wechseln der Ringe, und durch das Anschaffen von Linnen, Betten, Topfen und Schusseln erworben habt'."
Sechstes Buch
Medon und Johanna
Nuptiae sunt conjunctio maris et foeminae,
consortium omnis vitae, divini et humani juris
communicatio.
Modestinus
Erstes Kapitel
Die Reise ging ohne weitere Vorfalle Tag und Nacht fort. Eines Morgens rollte der Wagen durch breite, schnurgrade Strassen zwischen prachtigen Palasten hin und die Hauptstadt war erreicht. Der Postillon hielt vor einem geraumigen Gebaude, welches man fur eine stattliche Privatwohnung hatte ansehen konnen, wenn nicht durch die eisernen Gitter vor den Fenstern seine Bestimmung klargeworden ware. Hermann stieg aus und wurde eine breite Treppe hinaufgefuhrt. Auf der Mitte derselben kam ihm ein wohlgekleideter Mann entgegen, begrusste ihn ausserst hoflich und sagte: "Haben Sie die Gute, mir zu folgen, ich hoffe, Sie auf der Stelle entlassen zu konnen."
Oben im Verhorsaale offnete sich eine Seitenture und herein trat, von einem Schliesser begleitet, der mecklenburgische Prases. "Kennen Sie den Herrn?" fragte der Beamte den Mecklenburger. Dieser walzte seine rollenden Augen nach Hermann und sagte: "Er ist der Bosewicht, der, Teutschlands Sache abtrunnig, ten wollte." "Gut", versetzte der Beamte sehr sanft, "bringen Sie, Schliesser, den Mann wegen ungebuhrlicher Ausdrucke vor Gericht auf acht Tage in den einsamen Kerker bei Wasser und Brot; und Sie, mein Herr, sind frei."
Nach der Entfernung des Prases erzahlte der Beamte unsrem Freunde, dass ein Teil der Demagogen, welche dem Polizeikommissarius entgangen waren, sich in unbegreiflicher Verblendung nach der Hauptstadt gewendet habe, wo sie denn ihre unbedachte Einfalt gegenwartig hinter Schloss und Riegel bussten. "Unter diesen befindet sich", sagte er, "auch jener freche Mensch, welcher seines Verbrechens kein Hehl hat, vielmehr sich dessen ruhmt. Er bekannte auf der Stelle die ganze Geschichte des sogenannten vierten Bundestags, und wie Sie, mein Freund, mehr wohl- als kluggesinnt, es unternommen hatten, die Versammlung zum Rucktritte von ihren Verirrungen zu bewegen.
Nun waren in den obern Regionen allerhand Bedenken, ob man Sie nicht doch noch vorlaufig festhalten musse", fugte der Beamte hinzu. "Diese hat ein Mann, der vielen Einfluss besitzt, zu uberwinden gewusst; ihm haben Sie daher fur Ihre Freiheit zu danken."
"So bestande denn also das ganze Ungluck darin, dass ich die Reise, die ich auf meine Kosten hatte machen mussen, auf die des Staats zuruckgelegt habe!" rief Hermann heiter. "Aber wo ist mein unbekannter grossmutiger Wohltater?"
Eine zweite Seitenture offnete sich, und ein grosser, wurdig, ja majestatisch aussehender Mann trat ein. "Glucklich los?" fragte er Hermann mit freundlichem Tone.
"Mein Herr", erwiderte dieser, "niemals noch hatte ich das Gluck, Sie zu sehn. Wer sind Sie? Womit habe ich Ihre Gute verdient?"
"Ich finde es so naturlich, andern Ungelegenheiten zu ersparen, wenn man es kann, dass ich einen solchen Dienst nicht der Rede wert halte", versetzte jener. "Zufallig wusste ich von Ihrer Reise, zufallig erfuhr ich, welche Hemmung Sie unterwegs angetroffen hatten, und zufallig liess man mein Wort zu Ihren Gunsten gelten. Sie sind mir keinen Dank schuldig, denn in einem ahnlichen Falle erwarte ich dasselbe von Ihnen. Ubrigens heisse ich Medon."
Wer beschreibt das Erstaunen Hermanns? Er ging mit ihm die Treppe hinunter, keines Wortes machtig. "Warum sind Sie doch so betroffen?" fragte ihn Medon. "Freuen Sie sich lieber, dass Sie jemand, der Ihnen vermutlich wie ein Ungeheuer beschrieben worden ist, in ganz menschlicher Art und Gestaltung finden. Und nun entledigen Sie sich vor allen Dingen Ihrer Kommission und vertrauen Sie mir getrost den Brief an meine Frau, welchen ich nicht unterschlagen werde."
Hermann suchte den Brief aus dem Portefeuille, welches ihm wiedergegeben worden war, hervor, und sagte zu Medon: "Wie erfuhren Sie das, was meines Wissens niemand ausser der Herzogin und mir bekannt war?"
"Die Herzogin", versetzte Medon lachelnd, "welche nach Art der Frauen ihrer Natur entweder etwas halb tut, oder zuviel des Guten gibt, hatte den ersten Grundsatz der Diplomatie vergessen, durch Uberraschung zu wirken, wenn man nicht mit ganz zureichenden Mitteln versehen ist. Sie vertraute ihren Plan einer hiesigen Bekannten und ersuchte sie, Johannen auf Ihren Empfang stimmend vorzubereiten. Die Gute, welche durch diesen Auftrag in einige Verlegenheit geriet, weil wir leider hier in ganz ertraglichem Ruf und Ansehen stehn, suchte an dem verschwiegnen Busen einer Freundin Rat, welche ihrerseits, und so weiter; Sie kennen diesen Hergang der Dinge. So kam es, dass wir Ihre Ankunft durch ein Stadtgesprach vorauswussten; etwas verdriesslich fur uns; indessen lasst sich zu dergleichen nichts tun, man muss die abweichenden Ansichten der Menschen, besonders wo sich Stand und Befangenheit mit einmischen, schon in Geduld ertragen."
Er empfing den Brief der Herzogin, lobte die Handschrift der Adresse, und steckte ihn gleichgultig ein. "Ich wurde Sie bitten, bei uns zu wohnen", sagte er zu Hermann, "wenn wir nicht so beschrankt uns halten mussten, wie es uberhaupt hier Ortssitte ist. Doch habe ich Ihnen ein Quartier nicht gar zu weit von uns gemietet, wo Sie aus Ihrem Fenster alle die neu aufsteigenden Bauten uberschaun."
Er fuhrte ihn nach einem grossen Hause unter der Lindenallee der Stadt, in ein geraumiges heitres Zimmer. Wirklich uberblickte Hermann von dort die grossen, teils fertigen, teils der Vollendung entgegensteigenden Architekturmassen, zu welchen der Friede nun wieder die Krafte und den Mut gegeben hatte. Medon verliess ihn, nachdem er ihn zu baldigstem Besuche eingeladen hatte.
In ein neues wundersames Verhaltnis zu freundlichen Feinden geklemmt, konnte Hermann den Schlummer nicht finden, durch den er sich auf die erzwungnen Nachtfahrten zu erholen gedachte. Er sprang von seinem Lager auf, und suchte in der Zerstreuung sich zu beschwichtigen. Er durchstrich die wohlbekannten Strassen und Platze, erneuerte einige Bekanntschaften, und wunschte, dass der Tag vorbei sein mochte. An enghausliche Zustande seit einiger Zeit gewohnt, fuhlte er sich ungeachtet der gunstigen Wendung seines Schicksals in der weiten, breiten Stadt, unter den rasch und gleichgultig aneinander vorbeirennenden Menschenhaufen ziemlich unlustig.
Dass er nunmehr am Sitze der Intelligenz sich befinde, ward ihm bald fuhlbar. Denn er war noch nicht zwei Stunden in der Hauptstadt, als er bereits von mehreren Leuten aus der niedrigsten Volksklasse, mit denen er sich in nachfragende Gesprache eingelassen, ein unzweideutiges Verhohnen seiner provinziellen Einfalt hatte erfahren mussen.
Zweites Kapitel
Einige Tage vergingen, bevor Hermann sich entschliessen konnte, Medons Haus zu besuchen. Wie peinlich war seine Stellung Johannen gegenuber geworden! Das Gefuhl der Unhoflichkeit, welche in seinem Meiden lag, schien ihm ertraglicher als der Gedanke an das Zusammentreffen mit einer Frau, welcher er, er mochte es deuten, wie er wollte, das Verletzendste uberbracht hatte. Medon war einige Male gekommen, ohne ihn zu treffen, nachher hatte er diese Bemuhungen eingestellt.
Die alten Bekannten zeigten sich unverandert gegen ihn. Man wusste schon von seinem Abenteuer, die Manner lachten daruber, die Frauen, welche hier samtlich sehr loyal waren, staunten seinen Heldenmut an, und beide Geschlechter vereinigten sich in dem Behagen, welches die Gesellschaft immer empfindet, wenn man ihr zu reden gibt. Er konnte in weniger Zeit einen grossen Kreis durchlaufen, weil jedermann ausserst beschaftigt war, seine Stunden genau eingeteilt hatte, und man ihn nach funf oder zehn Minuten uberall gern entliess, um zu einer neuen Tagesobliegenheit ubergehn zu durfen.
Freilich empfand er bald in diesem unruhigen Drangen, Treiben und Quirlen einen moralischen Schwindel. Um sich einigermassen zu fassen, forschte er nach einem gemeinsamen Mittelpunkte aller dieser kurzen geistigen Wogenschlage, und fand denselben freilich da, wo er ihn am wenigsten wunschen konnte.
Die Bewohner einer grossen Stadt, von den auf sie einsturmenden Lebensreizen uberdrangt, sind unfahig, wie die Pfahlburger kleinerer Orte ihren stillen eigensinnigen Gang zu gehn. Ein Heerfuhrer tut ihnen not, um ihr gefahrdetes Inneres an ihn zu klammern. Es wird daher immer von Zeit zu Zeit irgend jemand Mode, welcher nun fast als ein weltlicher Messias dem der Erlosung aus Unsicherheit und Langeweile bedurftigen Geschlechte dasteht. Nicht selten entscheidet das Verdienst uber die Wahl, mitunter freilich auch der Zufall, und im ganzen ist an diesem Vasallendienst auszusetzen, dass die Dauer dem Feuer, womit er begonnen wird, nicht gleichzukommen pflegt.
Eben war Medon Mode geworden. In seinem Hause versammelten sich die bedeutendsten Gelehrten, Staatsmanner, Kunstler und Dichter der Hauptstadt. Wohin Hermann horte, uberall vernahm er ein fast andachtig zu nennendes Lob. Die Manner wollten in ihm einen Charakter des Altertums finden. Es sei schon, sagten mehrere, dass einmal wieder jemand sich zeige, der ohne Gehalt, ohne Dienstpatent und Ordensband an den Geschaften des Staats teilnehme, denn man hielt es fur ausgemacht, dass sein Rat bei manchen weitgreifenden Einrichtungen im stillen benutzt werde. Die Frauen schwarmten dagegen mehr uber seine musterhafte Hauslichkeit. Kurz vor ihm war ein geistreicher Kopf Mode gewesen, welcher sich in witzigen Schlagreden auszeichnete, die seine Anhanger umhertrugen und gross nannten. An Medon fand man es dagegen gross, dass von ihm kein einziges Bonmot zu berichten sei, vielmehr das Anziehende der Erscheinung in ihrer ruhigen schlichten Kraft bestehe. Doch muss, um die diplomatische Treue dieser Denkwurdigkeiten nicht zu verletzen, bemerkt werden, dass mehr von Grossartigkeit als von Grosse die Rede war, denn dieses Zwitterwort besass damals schon den Ruf, in welchem es sich noch jetzt erhalt.
Einem solchen Manne gegenuber, in diesem Ansehn gegrundet, sollte also Hermann den Auftrag der Herzogin vollziehn. Ein tiefes, sonderbares Gefuhl sagte ihm, dass sie recht habe, horte er auf seinen Verstand, traute er so vielen klugen Leuten nur einiges Urteil zu, so musste er seine Botschaft fur unnutz und lacherlich erachten.
Er konnte seinen Besuch nicht langer verschieben, und wahlte dazu einen Abend, an welchem, wie er erfahren, bei Medon regelmassig grosse Gesellschaft war. Unter vielen glaubte er am besten uber die Verlegenheit der ersten Begegnung hinauszukommen. Wirklich waren die geraumigen, anstandig verzierten Zimmer von den ausgezeichnetsten Personen mehr als gefullt. Diplomaten, hohere Offiziere, Geschichtschreiber, Philologen, Lander- und Volkerkundige, Philosophen, Schriftsteller, Reisende und Maler standen in eifrig redenden Gruppen zusammen. Hermann wurde am Sofa der Frau vom Hause vorgestellt, trat aber, sobald es schicklich war, von ihr zuruck und mischte sich unter die Redenden.
Wie wohl fuhlte er sich denn doch nach uberwundner Beklemmung in diesem Kreise! Politik, Geschichte, Sprache, die ganze Breite der Welt ging im Gesprache an ihm voruber. Eine Masse von Ideen wurde angeregt, mit Einsicht besprochen und doch nicht erschopft, sondern unendlicher Betrachtung aufbewahrt. Ein Strom des geistigen Lebens umwogte ihn, er fuhlte sich engen kleinlichen Verhaltnissen entruckt und wie nach einem starkenden Bade auf heitrer Hohe. Der Philosoph verstand den Empiriker, dieser bekannte der Spekulation gegenuber die Grenzen seiner Kunde, die Praktiker liessen die Gelehrten gelten, und so umschlang ein Band gegenseitiger Achtung diesen Tauschmarkt, zu welchem die kostlichsten Guter: Kenntnisse und Wahrheiten, gebracht wurden.
Eine ganz eigne Stellung nahm Medon zu seinen Freunden ein. Er enthielt sich des lebhaften Gesprachs und horte viel zu. Waren aber die Meinungen zu ihrer letzten Divergenz gediehen, so wusste er auf die glanzendste Weise zu resumieren, wo dann jeder die seinige in so schoner Gestalt wieder erblickte, dass dem eifrigsten Streite ein allgemeines Wohlbehagen folgte, die Sache selbst freilich unerledigt blieb.
Empfand nun Hermann schon am ersten Abende uber diesen ihm neu gewordnen Verkehr die grosste Freude, so lasst sich wohl denken, dass sein Fuss bald ofter das Haus betrat. Binnen kurzem genoss er den naheren Umgang der beiden Gatten, und erblickte ein Verhaltnis, welches im Gegensatze zu der modernen Barbarei, klassisch genannt werden konnte. Hier hatte man die Ehe und das Haus nicht zum Polster nachlassiger Sitten gemacht; die engsten Bande dienten nur dazu, Glanz und Strenge der feinsten Formen als etwas Naturliches herauszustellen. Selbst ein Anflug schmerzlicher Kalte, der ihm hin und wieder entgegenwehte, erhohte den Ausdruck der Antike, welcher dieser Gruppe angehorte.
Johanna trat wenig hervor, aber sie war eine der Frauen, hinter deren gemessnem Wesen man ein unendliches Lieben und Leiden vermutet. Von dem Briefe der Herzogin war nicht die Rede.
Er schrieb an diese einige gefuhlte Zeilen, worin er zwar die Ausrichtung seiner Kommission meldete, jedoch hinzusetzte, dass er die Umstande zu verschieden von seiner Erwartung gefunden habe, um ein ferneres personliches Einwirken versprechen zu konnen.
Drittes Kapitel
In Medons Hause hatte er eine Dame kennengelernt, deren lebhafte Gesprachigkeit ihn anzog. Er folgte einer Einladung und war bald ihrem Kreise als willkommner Besucher einverleibt.
Madame Meyer war eine enthusiastische Verehrerin des Schonen, besonders der bildenden Kunste, in deren Wesen ihre Freunde ihr tiefe Einsichten zutrauten. Es machte auf Hermanns Augen einen sonderbaren Eindruck, als er zum ersten Male bei ihr vorgelassen wurde. Man fuhrte ihn durch eine Reihe von Zimmern, worin Dammrung und blendender Lichtglanz abwechselten. Denn, hatte er eins durchschritten, von welchem gemalte Fensterscheiben den Tag abhielten, so trat er in ein andres, in welchem goldgrundierte, heftig-bunte Gemalde die Wande bedeckten, und die Sehnerven sich fast verwundet fuhlten.
In diesem Hause war der eigentliche Sammelplatz der Kunstler und Kunstfreunde, welche bei Medon mehr nur wie Zugvogel einsprachen, weil man ihm anmerken konnte, dass, so gefallig er auch auf artistische Gesprache einzugehn, und so verstandig er sie zu fuhren wusste, sein Sinn und seine Neigung doch mehr andern Gebieten zugewendet waren. Zwei Abende in der Woche waren zu regelmassigen Zusammenkunften bestimmt, in denen man sich uber Gegenstande des Fachs unterhielt, Stein- und Handzeichnungen besah. Blieb nach diesen Beschaftigungen noch Zeit ubrig, so pflegte man im Konzertzimmer Musik zu machen, zu welcher meistenteils altkatholische Hymnen auserwahlt wurden. Madame Meyer hatte dieses Gemach wie eine kirchliche Kapelle aufschmucken lassen, und sich eine wohlklingende Haus- und Handorgel zu verschaffen gewusst. Das Bild der heiligen Cacilia, augenscheinlich der altesten Kunstepoche angehorend, wenn hier nicht etwa eine geschickte moderne Nachahmung sich ins Mittel geschlagen hatte, sah von einem Pfeiler hernieder.
Da nun die Besitzerin, um die Illusion auf das Ausserste zu treiben, in diesen kunstlichen Raum Altarchen und Messbuchlein, ja sogar ein ewiges Lampchen hatte stiften lassen, so befand man sich wirklich in der angenehmsten Tauschung, welche nur dadurch hin und wieder unterbrochen wurde, dass die Bedienten auch dort ohne Scheu mit dem Teebrette umhergingen, und die Gaste die geleerten Tassen nicht selten auf den Sockeln der Pfeiler, ja wohl gar auf dem Altare absetzten.
Ein junger Dichter erhohte von Zeit zu Zeit die Mannigfaltigkeit dieser Abende. Er hatte unternommen, das Leben der grossten Maler in Terzinen zu beschreiben, war so gefallig, aus diesem Werke, wie es fortruckte, vorzulesen, und so durfte jeder, welcher an den Soireen der Madame Meyer teilnahm, hoffen, nach und nach die Kunstgeschichte in geglatteten Versen kennenzulernen.
Es war um die Zeit, als die "Herzensergiessungen des Klosterbruders" das Volk zu entzunden begannen, nachdem sie viele Jahre hindurch nur in einem engen Kreise weniger Geweihter Einfluss bewiesen hatten. Jetzt ist diese Zeit fast auch schon wieder verschollen. Wer erinnert sich aber nicht noch jenes Sturms und Dranges nach Kirchenfenstern, Schnitzwerk in Holz und Elfenbein, nach unscheinbaren Tafeln, auf welchen man, wenn Schmutz und Moder weggenommen waren, endlich ein rundes altdeutsches Gesicht erblickte. Madame Meyer teilte ganz diese Leidenschaft, ihr betrachtliches Vermogen gab ihr die Mittel, ein ansehnliches Besitztum jener Art um sich zu versammeln. Jedoch hielt sie, besonders was Gemalde anging, streng auf die alteste Periode, welche ihr allein Andacht und Begeisterung wiederzustrahlen schien. Von Raphael hatte sie vielleicht noch etwas an- und aufgenommen; wer ihr aber mit einem Guido, oder gar mit einem der Caraccis nahegekommen ware, wurde sie gewiss tief verletzt haben. Ihr Kreis widersprach diesen Meinungen nicht, wiewohl man versucht sein konnte, manche Glieder desselben, namentlich die Bildhauer, andres Sinnes zu vermuten. Indessen mochte niemand es gern mit der angenehmen Wirtin verderben, welche die Gute und Gefalligkeit selbst war.
Hermann, der sich uberall zu finden wusste, beschloss, diese Gelegenheit, seine Kenntnisse zu erweitern, treulich zu nutzen. Jene alteste Kunstregion war ihm, so gut, als fremd, jetzt suchte er sich nun auf alle Weise an den byzantinischen Tafeln aufzuklaren. Die liebenswurdige Witwe war seine gewissenhafte Fuhrerin durch diese Schatze, und ein steigendes Wohlwollen liess sich ihrerseits bald nicht mehr verkennen.
Die Gesprache der Kunstler waren ihm immer lehrreich, besonders wenn sie die Empirie beruhrten. Weniger fand er sich erbaut, sobald die Unterredung zum Allgemeineren emporstieg, oder gar einen philosophischen Charakter annahm. Es war viel von der Auferweckung eines fruheren, verlorengegangnen Stils die Rede, von der Wahl religioser Momente, von dem Bunde der Kirche mit den Kunsten, ohne dass ihm Gelegenheit gegeben wurde, bei diesen Worten etwas Bestimmtes zu denken, oder Hoffnungen auf das Gelingen eines Werks zu schopfen. Ja, er nahm sogar bald wahr, dass hier mehr ein berechneter Austausch gewisser ubereinkommlicher Redensarten, als das Bekenntnis eines festen Glaubens und Erwartens zu walten schien.
Wollte ihm jedoch diese Affektation Unbehagen verursachen, so stellte die Freundlichkeit der Wirtin immer bald seine Heiterkeit wieder her. Sie fuhlte sich im Besitze ihrer Altertumer, und in dem Umgange mit den ersten Talenten der Hauptstadt so wohl, dass das Vergnugen, welches sie empfand, zum Teil wenigstens auf jeden ubergehn musste, der sich ihr naherte. Dabei tat es vielleicht auch etwas, dass die Augen an der noch immer sehr hubschen Frau, welche nur fur ihre Fulle etwas zu klein war, ihre Rechnung fanden.
Unerwartet fuhrte ihn diese neue Bekanntschaft Johannen naher. Madame Meyer verehrte Medon und liebte seine Gattin zartlich. Diese schien sich bei der Freundin wohler als im eignen Hause zu befinden, wo man ihr oft ein seltsam gespanntes Wesen ansah. Unter den fremden Umgebungen ruhte sie von unbekannten Schmerzen aus. Dort, in einem artigen, von mattlieblichem Lampenlichte erhellten Seitengemache, in welchem Madame Meyer die freundlichsten Madonnenkopfe versammelt hatte, pflegte sie zu sitzen, die grossen, schonen Augen wie in eine weite Ferne richtend. Ihre Zuge, welche sonst etwas Strenges hatten, bekamen in dieser milden Dammrung einen unendlich sanften Ausdruck, selbst ihre Stimme wurde weicher. Hier fand sich Hermann, so oft er nur konnte, zu ihr, und manche Stunde verfloss ihnen beiden dort unter traulichen Gesprachen, wahrend die andern sich in den hellerleuchteten Salen mit Durer und Hemling beschaftigten, oder den Choralen Leos in der Kapelle horchten. In diesem Lichte, auf diesen Tonen schwebten ihre Worte am liebsten zu fruhen Bildern zuruck; in der Nahe dieser Frau trat ihm seine erste Jugend wunderbar nahe, er wurde ganz Erinnrung, wahrend sie die zarten Ranken aufbluhender Hoffnungen an seine mutige Kraft zu knupfen schien.
"Was machen Sie nur mit Johanna?" fragte ihn Madame Meyer. "Wir andern haben gepredigt und gescholten, um sie aus ihrer Resignation, worin sie nur noch mit den abgeschiednen Geistern der Vergangenheit zu leben schien, emporzurichten, aber alles war vergebens. Nun kommen Sie, und schon spricht sie von Reisen, Festen, die sie geben will, Bekanntschaften, die sie anzuknupfen vorhat, kurz von lauter zukunftigen, angenehmen und vergnuglichen Dingen."
Die Gesellschaft unterhielt sich bereits von dem vertraulichen Verhaltnisse beider. Und doch hatte sie unrecht. Hier war keine Spur von Leidenschaftlichkeit, von trubem Verlangen. Es war ihnen naturlich, zusammen zu sein; sie folgten dieser Notwendigkeit, ohne selbst davon zu wissen.
Eines Abends sagte Johanna zu ihm: "Wie preise ich meine Freundin glucklich, dass sie an diesen Zimmern, Gemalden und Putzsachen ihr Vergnugen haben kann! Ich mag das alles auch, es ergotzt mich sogar, und doch ware es mir nicht moglich, mich mit diesen oder andern dergleichen Dingen zu beschaftigen. Ach, die Natur ist oft recht grausam! Man spricht von Mannweibern, man spottet ihrer, man glaubt von jeder Frau, welche sich nicht mit Kleidern, Zierat, oder, wie es jetzt Mode wird, mit Kunstsachen zu behaben weiss, oder keine Kinder, als eine andre Art von Spielwerk, um sich herstellen kann, sie gehe aus hochmutigem Geluste uber die Grenzen des Geschlechts hinaus, und doch ist es oft nur unser Eigenstes, des Weibes Kleinod und Perle, die tiefe Sehnsucht, das heiligste und hulfloseste Liebesbedurfnis, welches zu solcher Einsamkeit verdammt!"
"Sind Sie so unglucklich?" fragte Hermann, und fasste teilnehmend ihre Hand.
"Sehr!" versetzte sie. Er wagte die schuchterne Bitte um volles Zutraun.
"Auch dazu wird die Stunde kommen", antwortete sie, indem sie sich erhob. "Mein Schicksal ist wohl entschieden, aber der Himmel zeigt sich wenigstens darin der Geknickten gnadig, dass er ihr eine Stutze sendet, an welcher sie dem Kloster oder sonst einer verborgnen Freistatte entgegenwanken kann."
Viertes Kapitel
Die Errichtung und Ausstattung des grossen, den Kunstsammlungen des Staats gewidmeten Baues beschaftigte damals in hohem Grade die Gemuter. Schon uberdeckte die Wande das Dach, Maler und Vergolder waren im Inneren tatig, man musste nun daran denken, wie der aufgespeicherte Vorrat einzuordnen sei. Von allen Orten und Seiten her hatten diese Schatze sich zusammengefunden; es war die Absicht der Herrschenden, dass die durch glorreiche Kriegstaten wiedererrungne Macht sich im mannigfaltigsten Besitze abspiegeln sollte.
Nur uber das Wie? herrschte einige Verlegenheit. Nach der Weise fruherer Zeiten auf das Geratewohl die vorhandnen Bilder aufhangen zu lassen, und nur dafur zu sorgen, dass jedes wertvolle Werk ein ziemliches Licht erhalte, war der Klarheit des Bewusstseins, womit in dieser grossen Stadt alles betrieben wurde, durchaus zuwider. Es sollte, wie man sich hier auszudrucken pflegte, eine Idee im neuen Nationalmuseum herrschen, die Geschichte der Kunst sollte aus der Sammlung hervorleuchten, und zwar nicht eine Kunstgeschichte, wie sie herkommlich falsch bisher uberliefert worden, sondern die gereinigte, welche die neusten archaologischen Forschungen geschaffen haben.
Hier zeigte sich nun aber, dass die Bestrebungen scharfsinniger Geister denn doch nur erst bis zum Zweifel gefuhrt hatten. Die Zeitfolge, das Verhaltnis der Schulen war angefochten worden. Ungewiss erschienen die Zeichen der Meister. Warnend hatten die Kenner auf die ausgebildete Technik so mancher geschickten Kopisten aufmerksam gemacht. Kurz diejenigen, welchen die Sorge des Geschafts anvertraut worden war, trieben in einem Meere von Bedenken und Einwurfen um. Man wollte sicher zu Werke gehn, und sein Gewissen vor der Schande bewahren, einen Cinquecentisten ubersehen oder irrtumlich angenommen zu haben, und uber diesem kritischen Bestreben gelangten die Werkleute nicht zum Einschlagen der Nagel. Das Schlimmste war, dass, da Laien und Frauen eifrig mit einzureden begannen, und eine siegreich durchgefuhrte Meinung die Aussicht auf eine wohlausgestattete Pfrunde bei der neuen Anstalt gab, die Leidenschaften sich mit in das Spiel mischten. Bald stritten die Kenner personlich und feindselig gegeneinander, und man beobachtete in dieser Angelegenheit nicht immer die Urbanitat, wozu die schonen Kunste fuhren sollen.
Eine andre Schwierigkeit entsprang aus der Beschaffenheit der vorhandnen Sachen. Man hatte vieles, aber unter diesem Vielen, was zum grosseren Teile ganz gut war, gab es keine eigentlichen Haupt- und Glanzbilder; es fehlten die Fursten der Sale, um welche sich das ubrige gruppieren liess, solche Werke, welche einer Sammlung erst die rechte Haltung geben.
Nimmt man nun dazu, dass eine bedeutende Partei, welche die Kunst vom ideellen Gesichtspunkte betrachtete, gegen die Aufnahme des Genres und der Landschaft sich erklarte, wahrend andre, realistisch gesinnt, sich ebenso entschieden dafur aussprachen, so wird man einen Begriff von dem Chaos haben, in welches die beste und hochherzigste Gesinnung der Waltenden eine Menge verstandiger Manner und Frauen gesturzt hatte.
Was Madame Meyer betraf, so versetzte sie dieser Streit, so oft er bei ihr anzuklingen begann, in die ubelste Lage. Sie hatte sich uber die fruheste Periode der Kunst so ziemlich unterrichtet, und da ihr hier und in Beziehung auf ihre Sammlungen keine unhofliche Gegenrede der kunstlerischen Freunde beschwerlich fiel, so wusste sie, wenn die Betrachtung sich in jenen Regionen verhielt, ein auslangendes Gesprach zu fuhren. Aber sobald man die erwahnten Streitpunkte aufregte, fuhlte sie sich ganz verlassen, und indem sie als Sachverstandige doch mitzureden die Pflicht empfand, gleichwohl eigentlich nichts beizubringen imstande war, kam nichts ihrer Verlegenheit gleich. Diese wurde ihr um so haufiger bereitet, als grade die gelehrtesten und hartnackigsten Kampfe sich nicht selten auf den Teppichen ihrer Zimmer entspannen.
Welchen Stoff dieser Bilderstreit den lustigen Kopfen der Stadt, die allem ihre Einfalle anzuheften pflegen, gegeben, lasst sich denken. Ein Spottvogel ausserte, die Gemalde wurden nicht eher hangen, als bis die Gelehrten hingen; und ein andrer versetzte auf die Frage, wann die grosse Galerie zustande kommen werde: "Nach dem Dreissigjahrigen Kriege."
Plotzlich erschien inmitten dieser Bewegungen ein fremder Handelsmann, welcher durch Gunst des Geschicks in Italien, Flandern und Deutschland die seltensten Stucke zusammengebracht hatte. Er kramte seine Sachen aus, und stellte sie in dem hellen Saale eines grossen Gasthofs den Schaulustigen zur Betrachtung auf. Nicht leicht hatte man einen bestimmten Abschnitt der Kunstgeschichte in so stetiger Folge uberschaut, als hier. Die Sammlung umfasste den Zeitraum vom dunkelsten Altertume vor Cimabue bis auf Raphaels Jugend; allem Spateren hatte der Besitzer Neigung und Geldbeutel versagt. Hier taten einem unter allem dem Gold, Lack, und bunten Farbengetummel im eigentlichen Sinne des Worts die Augen weh.
Niemand konnte einem so zusammenstimmenden Ganzen seine Achtung versagen, ohne dass gleichwohl der Gedanke entstand, diese Anhaufung von Inkunabeln werde einer in umfassenderem Sinne zu behandelnden Sammlung von erheblichem Nutzen sein.
Madame Meyer geriet bei dem Anblicke der glanzenden Tafeln fast ausser sich und der junge Dichter teilte ihr Entzucken. In seinen Produkten erschienen seitdem noch mehr Bronnen und Wonnen, Lichtstrahlen und Waldesnachte, Engelskopfe und Tauben des Heiligen Geistes. Sie aber vernachlassigte uber diesen Genuss fast eine Zeitlang ihre Freunde und den musikalischen Gottesdienst in der kunstlichen Kapelle.
Es war wunderbar anzuhoren, auf welche Weise der Handelsmann in die enthusiastischen Reden dieser beiden Begeisterten einstimmte. Er hatte, von klugen, mit dem Geiste der Zeit vertrauten Mannern unterstutzt, das ganze Sammelgeschaft aus Spekulation getrieben, und wusste, bei seinen Sachen stehend, anfangs durchaus nicht, wie er sich bei jenen Hymnen zu verhalten habe. Endlich merkte er deren ausseren Schall sich zu eignem Gebrauche ab, und gab, wenn darin eine Pause entstand, den hohen Ankaufspreis der Bilder, in dem namlichen schwarmerisch-verzuckten Tone fortfahrend, an.
Auf einmal, ohne dass man sich dessen versehen, wurde bekannt, dass die Sammlung fur die Nationalgalerie angekauft sei. Das Erstaunen uber diesen Entschluss war sehr gross. Die unterrichtendsten Prachtstucke jenes Besitztums hatte jeder gern in den neuen Hallen gesehen, das Ganze aber schien ausser allem Verhaltnisse zu dem Zwecke der Anstalt zu sein. Die Kopfe muhten sich ab, den Grund jener befremdenden Entscheidung aufzufinden, und in Ermanglung der Wahrheit behalf man sich mit ziemlich unglaublich klingenden Geruchten. So horte Hermann erzahlen, Medon habe einen starken Einfluss auf die Sache ausgeubt. Auf geschickte Weise sei von ihm Madame Meyers Enthusiasmus in das Spiel gezogen, und sie selbst bestimmt worden, einem angesehnen, ihr leidenschaftlich zugetanen Manne, der in dieser Angelegenheit das Votum besass, sich gefalliger und geneigter zu erweisen, als fruherhin. Der Staatsmann, ganz begluckt uber die ihm aufgehende Liebessonne, habe in einer schwachen zartlichen Stunde dem Andringen seiner Freundin auf Erwerbung der alten Kunstschatze nicht widerstehen konnen, und so sei durch das Herz hier ein Ankauf vermittelt worden, gegen welchen der Verstand des Staatsmanns sich eigentlich gestraubt habe.
Hermann mass diesen und ahnlichen Einflusterungen keinen Glauben bei. Zwar hatte er wirklich in der letzten Zeit lange vertrauliche Gesprache zwischen Medon und Madame Meyer bemerkt, und eine Annaherung ihrerseits an den sonst ziemlich kuhl von ihr behandelten Staatsmann wahrgenommen, aber jenes intrigierende Benehmen widerstritt zu grell seiner Meinung von Medon, welche von Tage zu Tage gunstiger ward. Auch hatte sich Medon einmal sehr kraftig gegen die Spielerei mit langst verschollnen Empfindungs- und Auffassungsweisen ausgesprochen, und die Liebhaberei der Madame Meyer geradezu eine Buhlschaft mit geputzten Leichen genannt. Wie sollte er also darauf gekommen sein, jetzt wider seine eigne Uberzeugung zu wirken?
Etwas Gutes hatte der Ankauf der alten Bilder; der Zank der Gelehrten war sofort geschlichtet. Die Sammlung, als Ganzes erworben, sollte als ein solches zusammenbleiben. Verfuhr man nun aber, wie man musste, nach dieser Bestimmung, so nahm sie den bedeutendsten Teil des zugemessnen Raumes hinweg, und das andre war, ohne dass mehr sonderlich auf die kritisch-archaologischen Streitigkeiten Rucksicht genommen werden konnte, unterzubringen, wie es sich eben schicken und fugen wollte.
Hermann, der von allem dem, was sich um ihn, und in ihm bewegte, schon nichts mehr gern unbesprochen mit Johannen liess, hatte auch sie einstmals um ihre Meinung von diesen Dingen befragt. Sie versetzte: "Wenn ich das Museum zu ordnen hatte, wurde ich bald fertig werden. Ich hinge die liebsten Bilder, die mir Tranen der Ruhrung oder des Lachens in die Augen treiben, in das hellste Licht, und es wurde mir nicht darauf ankommen, ob eine Himmelskonigin sich neben einer Schenke voll Bauern befande."
"Aber die Geschichte! die Kunstgeschichte!" rief Hermann.
Johanna lachelte und sagte: "Es muss wohl etwas daran sein, weil ich so viele kluge Manner davon reden hore. Nur sehe ich sie auf ihrem Wege mitunter dahin geraten, dass sie uber die Wiege und den Taufschein das Kind vergessen. Wenn ich meine gute Meyer betrachte, und wahrnehme, wie sie ihr schones Vermogen in lauter Dingen vergeudet, von denen das wenigste einem gesunden Sinne eigentlich Vergnugen machen kann, so mochte ich glauben, dass mindestens fur uns Frauen die Kunst nur die Geschichte hat, welche sie in der Gegenwart erlebt, wenn auf ihre Wunder der Blick einer reinen Seele fallt. Indessen lassen Sie uns von diesem Gegenstande abbrechen. Das Schone will nicht beredet, es soll gefuhlt werden. Ich kenne nur ein Gesprach, welches noch unnutzer ist, als das uber Bilder, und das ist das uber Musik."
Funftes Kapitel
Medons Kreis verarbeitete wahrenddessen ein Thema von grosser politischer Wichtigkeit; das Verhaltnis der neu erworbnen Provinzen zu dem Haupt- und Stammlande. Man hatte nicht ungeschickt den Staat mit zwei auf dem festen Lande ausgesaten Inseln verglichen, und dieses Gleichnis war insofern von moralischer Bedeutung, als dessen beide durch weite Strecken auseinandergehaltne Teile nach ersiegter Ruhe sich gegenseitig schroff insularisch abzuschliessen drohten. Diesen Krieg im Frieden zu schlichten, und eine Verschmelzung des Gemeinwesens herbeizufuhren, war nicht bloss das Geschaft der mit Losung der Aufgabe unmittelbar beauftragten Staatsmanner, sondern die Sorge jedes einsichtigen Patrioten, und Medon schien sich hier in seinem eigentlichen Felde zu bewegen, wahrend er andern Gegenstanden der menschlichen Betrachtung oft mehr nachgiebig und geschickt, als wahrhaft und aufmerksam folgte.
Die Meinungen, wie das Neue zum Alten zu stellen sei, waren sehr mannigfaltig, doch konnte man drei Hauptrichtungen unterscheiden.
"Wir haben erobert", so liess sich ein Mann von entschlossner Gesinnung zu ofterem vernehmen, "warum zogern wir also, nach dem unter allen Volkern und zu allen Zeiten ublich gewesenen Eroberungsrechte zu verfahren? Der Sieger gibt seine Einrichtungen, seine Gesetze, ja, wo Verschiedenheit der Sprache obwaltet, nicht selten auch diese dem Besiegten. Der Sinn aller Kriege und Umwalzungen ist nur der, dass die den Volkern zugeteilten Fahigkeiten und Eigenschaften nach der Reihe im weiteren Kreise herrschend werden, und den Gang der Ereignisse bestimmen sollen. Auf solche Weise wird die in der einen Richtung mude gewordne Welt durch eine andre erfrischt, und das ist der Grund, warum das Reich von den Romern zu den Germanen kam, darauf die spanische Herrschaft folgte, und den Franzosen demnachst auch ihre Rolle gegeben wurde. Der Sieg soll den Zwang in seinem Gefolge haben, nur dadurch kann er sich als gerecht betatigen. Wieviel mehr als andre sind wir aber in diesem Falle, da es hier nur gilt, den nunmehrigen westlichen Brudern ein ihnen von fremder Hand vor kurzem aufgedrucktes Geprage wieder abzunehmen, und ihnen dagegen eine stammverwandte Gestalt zu geben? Jetzt erst sind sie in die rechte Stellung zu Deutschland gekommen, sie sind Deutsche geworden, und es ware wahrlich eine verdammliche, ihnen selbst den grossten Schaden bringende Schwache, wenn man ihnen aus Furcht vor den Regungen einiger Egoisten die Segnungen der Nationalisierung vorenthielte."
Indem er diese Ansichten weiter ausfuhrte, vertrat er die Notwendigkeit einer schnellen und kraftigen Organisation. Gesetze, Finanzen, Verwaltungs- und Kulturanstalten des alten Landes sollten so rasch als moglich jenen neu herantretenden Staatsgenossen nutgeteilt werden.
Ganz im entgegengesetzten Sinne sprach sich ein andrer Staatsmann aus. "Diese Umbildung oder Organisation, wie man dergleichen Gewaltsamkeiten nennt, als wenn man in einer neuen Provinz nur eine tote Masse empfinge, welcher durch den Erwerber erst die Lebensorgane gegeben werden mussten, scheint mir ganzlich ausser der Zeit zu sein. Im Grunde ruhrt jenes System von den Romern her, welche freilich alle uberwundne Volker mit der Geissel ihres Rechts und ihrer Verwaltung zu zuchtigen pflegten. Jeder spatere Versuch der Art ist nur eine Nachahmung der Maxime des einst weltbeherrschenden Staats gewesen. Am reinsten wurde derselbe von den Spaniern in den Eroberungen der Neuen Welt durchgefuhrt, wie denn uberhaupt die spanische Herrschaft die meiste Ahnlichkeit mit der romischen Tyrannie hatte.
Aber um sich zu einer so harten Zwangslehrmeisterstelle berufen zu fuhlen, muss man sich fur das erste Volk der Erde halten konnen. Romer und Spanier taten dieses, erstere vom politischen, letztere vom religiosen Stolze getragen. Ohne solchen Wahn, ohne diesen festen und unerschrocknen Fanatismus wird man in jener Bahn immer nur die Rolle des an sich selber zweifelnden Despoten spielen, die schlechteste, welche es gibt.
Nun wird doch wohl niemand im Ernste sagen, dass unser achtbarer, aber etwas schmachtiger Mittelstaat jene unermessliche Befangenheit teile. Wir freun uns des eingetretnen Umschwungs der Dinge, wir wissen, dass wir redlich und nach Kraften an dem Rade der Zeit haben schieben helfen, aber alle Vernunftigen sind von dem Rausche jener begeisterten Jahre ernuchtert, in denen wir freilich glaubten, dass Korners Lieder und die Freiwilligen den Usurpator verjagt hatten. Eine kuhlere, aber richtigere Betrachtungsweise ist an die Stelle jener Uberspannung getreten. Friedrichs Ehre glanzt bei den Sternen, dort leuchte sie uns fort und fort als heiliges Erinnrungszeichen, aber gefahrlich ware es, sie etwa als Kokarde an unsern Huten zu tragen; wir sind bescheidner geworden. Noch weniger glauben wir im Ernste, dass unsre Einrichtungen wirklich die besten seien, im stillen weiss ja jeder Kundige, dass wir so manches nur noch des Herkommens und der Gewohnheit halber mitmachen. Wie sollte es uns also einfallen durfen, andern mit Gewalt aufzudringen, was uns selbst zum Teil uberlastig geworden ist?"
Der erste Redner stellte hierauf mit Lebendigkeit alle die Nachteile dar, welche aus einer so verschiedenartigen Gestalt der offentlichen Lebensform entspringen mussten. "Wahrlich!" rief er aus, "wie Ol und Wasser sich nicht mischen, so werden wir, wenn man jenen gelinden und zaudernden Weg verfolgt, das entfernte Besitztum mit uns niemals verbunden sehn, es wird nur unser Scheineigentum sein, welches der erste beste Sturm uns wieder zu entfuhren droht. Und warum die grossen Besorgnisse? mochte ich doch fragen. Sind wir nicht eines Stammes, muss daher nicht bei ihnen selbst eine Art von Verlangen nach unsern germanischen Einrichtungen bestehn?"
"Das mochte ich doch leugnen", nahm ein Dritter das Wort. "Wie man uber Westdeutschland denken moge, so viel ist gewiss, dass man einen merklichen Unterschied wahrnimmt, sobald man sich dem Stromgebiete der Weser nahert. Bei uns ist alles hauslich, burgerlich, familienhaft. Arbeit und Erwerb um der Frau und Kinder willen zu unternehmen, nach des Tages Last und Hitze im Kreise der Seinigen auszuruhn, dem Sohne zu einer Stelle, der Tochter zu einer Heirat zu verhelfen, darauf bezieht sich alles Streben der Stande, welche hier, wie uberall vorzugsweise das Volk ausmachen. Blickt der Burger aus seinen vier Pfahlen in das Gemeinwesen, so sieht er dasselbe eigentlich nur in der aufsteigenden Beamtenhierarchie, die jedes selbsttatige Eingreifen seinerseits verbietet, und in dem Herrscher, der ihm fast nur wie der oberste Familienvater vorkommt. Kein Adel, oder ein solcher, welcher verschuldet und machtlos, nur zu dienen weiss. Uber ein weites plattes Land derselbe Zustand, dieselbe Stimmung verbreitet, hochst achtbar, aber sehr einformig und ein wenig tonlos.
Wie anders wird es, wenn wir durch die Westfalische Pforte gegangen sind! Erinnrungen der verschiedensten Art beherrschen die Geister der Menschen. Hier lag eine freie Reichsstadt, dicht daneben waltete der Krummstab des Bischofs, unfern gebot ein kleiner Dynast. Nun dauert aber das Gedachtnis einer politischen Vergangenheit langer, als unsre Staatskunstler sich traumen lassen. Weiterhin, in den rheinischen Kreisen, war bekanntlich die Landkarte noch bunter zu den Zeiten des Reichs, welches doch noch kein Menschenalter tot ist. Betrachte man denn eine eigentumliche Folge, welche die Verhaltnisse kleiner Staaten in den Menschen erzeugen! Wenn in einem grossen Reiche etwa ein Dutzend Personen zu dem Bewusstsein politischer Wurde und Wichtigkeit gelangen, so entsteht auf einem viermal geringeren Raume, welcher von kleinen Staaten besetzt ist, wenigstens das Vierfache jenes Bewusstseins und des daraus entspringenden Sinns fur das Offentliche. Auf Flacheninhalt und Einwohnerzahl kommt es hiebei nicht an. Der Geheime Kammerrat des Beherrschers von wenigen Dorfern und Weilern tragt ein Selbstgefuhl mit sich umher, welches dem des Ministers in dem Staate von dreizehn Millionen Einwohnern nichts nachgibt, vielleicht dasselbe noch ubertrifft, weil jenen die grossen Welthindernisse nicht so bedrangen, wie diesen.
Die kleinen Staaten sind untergegangen, aber die Menschen sind geblieben. Die Sohne oder Enkel jener Geheimen Kammerrate, Burgermeister, Schoffen und Patrizier leben, und wollen an ihrem Teile die Stelle der Vater und Ahnen einnehmen. Im Dienste des grossen Reichs, welcher ihnen nun offensteht, gelangen aber nur sehr wenige, ich wiederhole es, zu dem Gefuhle eigner Wichtigkeit im ganzen Staatsbetriebe, der unendlich grosseren Mehrheit bleibt die Last des passiven Gehorsams ohne Ruhm und Auszeichnung. Was folgt also hieraus? In einer grossen Zahl von Menschen entspringt dort die Neigung, sich neben dem Staate, allenfalls auch wider denselben stehend, geltend zu machen.
Nimmt man nun noch dazu einen hohen und reichen Adel, der jene Gegenden mit bevolkern hilft, und der keinesweges willens ist, sich so ganz leidend in die uniforme Staatseinheit verschlingen zu lassen, vielmehr eher den Wunsch hegen mochte, sich zu einer neuen Art feudalistischer Zwischenmacht zu erheben, bedenkt man, dass bis zu den jungsten Zeiten in den dortigen Gegenden auch unter Bauern und Kleinburgern so manche Reste unabhangiger Selbstregierung fortdauerten, und bringt man schliesslich in Anschlag, dass wir zum Teil von Slawen, Sarmaten, Wenden und Longobarden, jene aber von Sachsen und Franken abstammen, so wird man wohl fuhlen, dass so bedeutende Gegensatze nicht wohl mit einem Federzuge ausgestrichen werden konnen."
Mehrere, welche jene Gegenden kannten, stimmten dem Redner bei, und sagten, dass auch ihnen dort ein grosserer Sinn fur das Offentliche, dagegen ein volliger Mangel eigentlichen Familienlebens bemerklich gewesen sei.
"Gewiss", versetzte jener, "und wenn uns dieser Mangel namentlich am Rheine, unangenehm beruhrt, so konnen wir dagegen dem hoheren Gemeingefuhle der dortigen Menschen Achtung nicht versagen. Die Angelegenheiten der Stadt, des Kreises, der Provinz sind dort wirklich mehr zugleich auch Sache der Einzelnen, als bei uns. Man kollektiert, petitioniert, stiftet Vereine aller Art, ein jeder sucht, wo irgend moglich, in das Ganze mit einzugreifen. Darum hat auch das franzosische Wesen, wo es dort noch besteht, tiefere Wurzeln geschlagen, als mancher hier sich denkt. Denn, man sage uber dasselbe, was man will, es schmeichelt der Eitelkeit, der personlichen Selbstschatzung, kurz jenen Eigenschaften, welche so nahe mit dem politischen Streben verwandt sind. Unsre Einrichtungen sind dagegen alle auf eine gewisse Selbstentausserung berechnet, sie sind patriarchalischer Natur und mussen uns ehrwurdig sein. Fur die Anwohner des grossen Stroms sind sie aber keinesweges gemacht, sie wurden ihnen schwach und lax, und dann doch auch wieder hart und qualend erscheinen. Dass ich ubrigens keinesweges jene Landgebiete auf Kosten unsrer Provinzen loben will, muss ich ausdrukklich hinzufugen. Mich verblendet kein Advokatenund Rednergeschwatz, und mir ist, wahrend ich mich dort aufhielt, das seichte, oberflachliche, unruhige Wesen, der Hang zum Verleumden und Verkleinern, die Geistesdurre und die Gemutskalte nicht entgangen, wodurch man sich dort, wie uberall, wo eine politische Regung herrscht, angewidert fuhlt. Nur sage ich nochmals: Sie sind nicht, wie wir, warum sollen sie so scheinen? Saladins Wort, es sei nicht notig:
Dass allen Baumen eine Rinde wachse!
passt auf die Volker noch in einem weit hoheren Grade, als auf die einzelnen Menschen." Man versagte dieser ganzen Auseinandersetzung den Beifall nicht, doch vereinigten sich auch die bedeutendsten Stimmen in der Uberzeugung, dass, wenn dem auch so sei, die Dinge nicht so bleiben konnten, da die neueren Regierungsgrundsatze durchaus eine gewisse innere Einheit der verschiednen Bestandteile des Staats verlangten.
Ein Mann von gemassigter Denkungsart schlug einen Mittelweg vor. "Die Revolution", sagte er, "hat eigentlich die jetzige Gestalt der dortigen Distrikte bestimmt, was uns entgegenzustehn scheint, sind doch nur ihre Erzeugnisse. Ich sage scheint, denn in der Wirklichkeit mochten die Kontraste nicht so unvereinbar sein. Wir haben wahrend der schlimmen Jahre, wo es galt, jedermann auf seine Fusse zu stellen, damit er, wenn der Tag der Entscheidung kame, Lust hatte, sich totschiessen zu lassen, auch unsererseits revolutioniert, wenngleich auf eine stille gesetzliche Weise. Wie nun bei jenen vielleicht ein Schritt zu weit getan ist, so konnten wir noch einige vorwarts tun. Wir konnten den Besitz der neuen Provinzen zu einer Art von Tauschhandel benutzen, ihnen von uns, und uns von ihnen anzueignen, was jeder des Guten hat, auf diese Weise aber eine fortschreitende Reform des ganzen Reichs bewirken."
Der Vorschlag hatte eine gefallige Aussenseite, als man aber zu der Anwendbarkeit desselben im einzelnen uberging, zeigten sich grade die meisten Schwierigkeiten, wie dies bei allen Mittelwegen einzutreffen pflegt.
Diese und ahnliche Gesprache wurden an vielen Abenden im Hause Medons gefuhrt. Er selbst verhielt sich dabei kritisch oder referierend, vermehrte durch geschickte Einwurfe die Menge der Streitpunkte, oder fasste die Darstellungen der Redenden in lichtvollen, oft glanzenden Ubersichten zusammen, wodurch denn freilich die Untersuchung nicht weiter gedieh. Seine eigne Meinung, was zu tun sei? verbarg er, denn er hatte eine solche, und eine sehr bestimmte, wie er nicht selten merken liess. Da man nun von seiner Einsicht gross dachte, und deshalb oft eifrig in ihn drang, sich auszusprechen, er aber immer den Fragenden gewandt zu entweichen wusste, so hatte ihm der heimliche Spott, der als Landesfrucht auch an dieser Tafel nicht fehlen durfte, den Spitznamen des Abbe Sieyes beigelegt.
Johanna nahm in der Regel ein Buch zur Hand, wenn die Herrn sich in ihre administrativ-politischen Gesprache vertieften. Nur wenn Medon zu reden begann, schien sie ein Zwang zu ergreifen, welcher sie nach fruchtlosen Versuchen, fortzulesen, trieb, ihm zuzuhoren. Mit einer Mischung von Wohlgefallen und Schmerz tat sie dies, sie konnte lacheln, wahrend ihr Mund vor Pein zuckte. Hermann betrachtete sie mit inniger Teilnahme, obgleich er durchaus nicht wusste, wo er ihr Ungluck finden solle. Denn die Verhaltnisse des Hauses waren glanzend, die angesehensten Personen suchten die schone, merkwurdige Frau eifrigst auf, der Gatte behandelte sie mit einer Achtung, die an Ehrfurcht grenzte. Dass sie gewissermassen dem herzoglichen Hause entfuhrt worden war, schadete ihrem Rufe in einer Welt nicht, welcher alles Gewurz zu den Lebensumstanden lieb und angenehm war. Der Verdacht der Herzogin endlich hatte keinen Grund; Hermann uberzeugte sich aus dem Kirchenbuche, dass beide wirklich ehelich verbunden und vom Priester eingesegnet worden waren.
Die Staats- und Regierungsfragen, welche er hier aufwerfen, wenn auch nicht beantworten horte, beschaftigten ihn selbst angelegentlich. Wurden auch keine Resultate erzielt, die Tatsache drangte sich ihm unwiderstehlich auf, dass er inmitten eines grossen Verbandes sei, welcher sich von Russland nach Frankreich erstreckte. Es konnte nicht fehlen, dass das Gefuhl solcher Umgebung auch in ihm lebendige Wirkungen hervorbringen und den Tatigkeitstrieb anfachen musste, welcher allen jungen Mannern eingeboren ist.
Eines Abends, als die Gesellschaft das Zimmer verlassen hatte, war er mit Medon und Johanna allein zuruckgeblieben. "Sie haben", sagte er zu Medon, "auch heute uns Ihres Zutrauens in betreff jener allgemeinen Angelegenheit nicht gewurdigt. Sein Sie wenigstens offner, wenn ich fur meine Person von Ihnen einen Rat begehre. Ich sehe um mich her alles betriebsam, wirkend; ich selbst aber verzehre mein Geld, verzettle doch im Grunde nur meine Tage und kann nicht leugnen, dass ich mich unbehaglich zu fuhlen beginne. Ich habe schon wieder an den von mir so rasch verlassnen Staatsdienst gedacht."
Medon schwieg einige Zeit, dann hob er an: "Und doch wurden Sie in einen zweiten, harteren Irrtum verfallen, wenn Sie diesem Gedanken die Ausfuhrung gaben. Wie ich Sie kenne, sind Sie nicht geschaffen, zu dienen, am wenigsten hier, wo, man mag sagen, was man will, doch meistens nur der Zufall, der Schlendrian, und die geschmeidige Charakterlosigkeit zu den Stellen emporfuhren, in welchen ein Mann von Geist und Talent ausdauern kann. Indessen wusste ich einen andern Weg, Ihr Feuer, Ihre Kenntnisse und Rednergaben der Welt nutzlich zu machen, Sie mit der Welt in eine werktatige Verbindung zu setzen."
"Und der ware?" fragte Hermann gespannt. Johanna ruckte unruhig naher.
"Es ist mir ein schones Gut im Badenschen zum Kauf angeboten, dessen Besitz die Landtagsfahigkeit gibt. Ich kann von diesem Eigentume obgleich die Bedingungen ausserst billig sind, keinen Gebrauch machen. Wollen Sie es erwerben? Ein Teil des Preises darf stehnbleiben. Meine Verbindungen in dortiger Gegend sind ziemlich ausgebreitet. Ich will Ihnen allenfalls dafur haften, dass Sie in die Kammer gewahlt werden sollen. Die nachsten Sitzungen werden aller Wahrscheinlichkeit nach wichtig und erfolgreich sein, kurz die glanzendste Bahn liegt, wenn Sie auf diesen Vorschlag eingehn, Ihren Fahigkeiten offen."
Johanna erhob sich. "Lass das!" rief sie Medon mit einem Tone zu, welchen Hermann noch nicht von ihr vernommen hatte. "Er gehort hieher und in einen ordentlichen ehrlichen Beruf", fuhr sie ruhiger fort.
Medon schien anfangs etwas besturzt zu sein. Bald aber fasste er sich, und sagte, als Johanna das Zimmer verlassen hatte: "Meine Frau hat oft die seltsamsten Launen, und ist dann nicht imstande, sich zu gebieten. Gleichwohl wurde sie ohne dieselben nicht die schone Empfindungsfahigkeit haben, um welche ich sie so unaussprechlich liebe und verehre."
Sechstes Kapitel
Der Gedanke, badenscher Volksdeputierter zu werden, hatte, so unerwartet und seltsam er Hermann anfangs vorgekommen war, dennoch bald fur ihn etwas Reizendes. Er las die Papiere, welche ihm Medon mitgeteilt, achtsam durch, und konnte an manchen darin enthaltnen Winken abnehmen, dass eine ruhrige Partei ein geschicktes Werkzeug suche, welches man aus unbekannten Grunden am liebsten im Auslande finden zu wollen schien. Dies machte ihm die Sache noch anziehender. Man will behaupten, dass er aus der grossen Bibliothek damals mehrere Bande englischer Parlamentsverhandlungen und franzosischer Journale erborgt, und wenigstens angefangen habe, in diesen Musterurkunden zu studieren.
Ein Blick auf die nachsten Verhaltnisse uberzeugte ihn wirklich, dass Medon wenigstens darin recht gehabt habe, ihm den Eintritt in diese zu widerraten. So sehr man Personlichkeit, Geist, Talent als gesellige Tugenden achtete, eine so verschiedne Gestalt nahmen die Dinge an, wenn die Rede vom Dienste des Landes war. Dann trat behutsam und indirekt, aber ganz unzweideutig die alte Furcht vor dem Genie auf, mit welchem man in Amt und Stelle nichts zu schaffen haben mochte. Auch nahm er binnen kurzem wahr, dass, wenn man nicht das Gluck hatte, einer der Familien anzugehoren, in welchen sich die Befordrung sozusagen erblehenartig machte, ein rasches Fortkommen zu den seltensten Zufalligkeiten gerechnet werden musste. Gern hatte er sich mit Johanna, die ihn seit jenem Auftritte mit zweifelnder Miene betrachtete, verstandigt, sie wich aber allen Erklarungen aus, und sagte nur einmal in Selbstvergessenheit zu ihm: "Wer sich das Netz uber den Kopf werfen lasst und merkt es nicht, verdient kein Mitleid!"
Es war noch so manches, was ihn jetzt in diesem Kreise befremdlich anstiess. Zuerst, dass er sah, wie es Mode geworden war, auf eine jungstvergangne Zeit voll Glut und Erhebung vornehm hinunterzublicken. Man schamte sich fast der verubten Grosstaten, wie wilder Studentenstreiche; die Helden jener Epoche wurden von allen Seiten kritisch beleuchtet, sie waren unbequem geworden, und das beruchtigte Gleichnis, dass in dem denkwurdigen Jahre jeder zum Kampf geeilt sei, pflichtmassig, wie der Burger bei entstandnem Feuerlarmen zur Spritze, erfreute sich vieler eifriger Verehrer.
Einstmals traf er mit einem Bewohner der westlichen Gegenden zusammen, welcher gekommen war, ein personliches Anliegen durchzusetzen. Er merkte ihm bald ab, dass der Mann zu den Unzufriednen gehorte. Auf seine Fragen, woruber man sich denn dort zu beschweren habe? versetzte der andre derb: "Zum Henker, uber die Unredlichkeit! Wir sind so oft umgemodelt worden, dass wir uns auch jetzt wieder eine Verandrung gefallen lassen wurden. Aber was macht man? Die Formen lasst man bestehn, und in der Sache tun sie hier denn doch, was den hiesigen Grundsatzen gemass ist. Dadurch sinkt die Achtung vor den Gesetzen und vor der Verfassung, denn man sieht, dass diese nur ein Spielzeug sein soll, welches man dummen und bloden Kindern in Handen lasst, damit sie nicht schrein. Viele sind daruber verdriesslich und in manchem ist eine noch ublere Stimmung erzeugt worden."
Als er sich nach dem Naheren erkundigte, horte er von mehreren Fallen, welche die Klage des Unzufriednen zu bestatigen schienen. Besonders sollte dieses zweideutige System in einer Sphare befolgt worden sein, mit deren Vorstande er zufallig naher bekannt geworden war, weil er zu den fleissigsten Besuchern des Medonschen Hauses gehorte.
Er nahm sich vor, von Medon, den er oft in tiefen vertraulichen Gesprachen mit jenem Staatsmanne bemerkt hatte, uber die Angelegenheit Erkundigung einzuziehn. Als er dies tat, mass ihn Medon mit den Augen, und gab keine bestimmte Antwort, welche er uberhaupt im Augenblicke irgendeiner bedeutenderen Frage immer zu vermeiden pflegte. Allein nach einigen Tagen liess er sich auf einem Spaziergange so gegen Hermann aus: "Wir leben in der unumschranktesten Monarchie, welche vielleicht jetzt auf der Erde besteht, und selbst unsre ostlichen Nachbarn konnen in dieser Hinsicht neben uns nicht genannt werden. Ich heisse unsern Staat so, weil das Volk in ihm von jeher nicht viel bedeutet hat, wir vielmehr von den Erinnrungen an einige grosse Regenten zehren, die das wundersame Geschick grade auf dieser durftigen Erdscholle geboren wissen wollte. An diesen Erinnrungen hangt unser Dasein, aus ihnen ist Sturz und Wiederherstellung des Reichs hervorgegangen. Der Trager der obersten Macht ist alles bei uns, seiner Entscheidung und Beschlussnahme wurde mit Erfolg weder ein Gemeingefuhl der Beherrschten, noch die hemmende Kraft selbstandiger Institutionen, auch wenn man die Absicht hatte, sie zu schaffen, entgegentreten konnen. So ist es, und so muss es sein, wenn wir uns erhalten wollen. Da wir nun aber gegenwartig den sogenannten Geist der Zeit zu schonen haben, so scheint mir eine Verfahrungsweise, wie Sie mir sie schildern, nicht so ubel zu sein; dass man namlich den jungsten Kindern des Hauses die Formen lasst, welche sie liebgewonnen haben, in den Sachen aber autokratisch nach alten Prinzipien beschliesst."
Hermann widersprach diesen Ansichten lebhaft, welche er im Fortgange eines ziemlich eifrig werdenden Gesprachs Machiavellismus nannte. Worauf Medon versetzte, dass er den Machiavell fur einen der grossten Staatsweisen halte, welche es je gegeben, und dass er der Zeit Gluck wunschen wolle, wenn ihr wieder so ein Kopf beschert wurde, welcher das eigentliche unter den politischen und administrativen Phraseologien versteckte Gewebe des jetzigen offentlichen Seins aufzudecken tuchtig genug ware. "Ubrigens weiss ich nicht", fuhr er mit einer abbrechenden Wendung fort, "ob man so verfahrt, wie Sie sagen, und so verabscheuungswurdig finden. Den Unzufriednen ist nirgends zu trauen."
Dieses Gesprach verflatterte sonach, gleich den meisten, die er mit Medon gefuhrt, zuletzt in Luft; das einzige, was ihm in seinem Umgange mit diesem bedeutenden Manne missfiel. Denn sonst zog ihn alles nun immer machtiger zu ihm hin, Wissen, Beredsamkeit, Kraft, ja selbst der Blick des hellblauen Auges, welches, wenn Medon in Eifer geriet, im eigentlichen Sinne des Worts blitzte, so durchdringend wurde der Glanz desselben.
Hermann teilte hierin nur die Stimmung samtlicher jungeren Leute, welche in grosser Anzahl bei Medon aus- und eingingen. Er schien den Verkehr mit diesen besonders zu lieben. Sie dagegen ahneten hinter seinen Andeutungen und Winken etwas Ausserordentliches, welches um so reizender fur sie war, als sie sich von der Gestalt desselben keine Rechenschaft zu geben wussten. Da er nun in jedem das Selbstgefuhl durch Lob und Ermuntrung ungemein zu steigern wusste und ihren Talenten die schimmerndsten Kreise anwies, so hatte er um sich eine Art von Hofstaat versammelt, welcher sich in angenehmen Gedanken und schonen Erwartungen von Tag zu Tage gehnliess.
Siebentes Kapitel
Er hatte indessen immer tiefere Blicke in die badenschen Grund- und Erwerbspapiere geworfen, und da ihm um diese Zeit einige feurig aufmunternde Briefe ehemaliger Ordens- und Gesinnungsbruder zukamen, des Inhalts, dass er aus der Untatigkeit hervortreten mochte, da Medon auch, ohne zuzureden, seinen Entschluss fur gefasst annahm, so war eines Morgens in einer leeren unmutigen Stunde die bindende Unterschrift unter dem ihm vorgelegten Dokumente geleistet und letzteres zur Post gefordert.
Er sass nachdenklich, die Feder noch in der Hand, und uberlegte den wichtigen Schritt, welchen er soeben getan, als Medon eintrat. Dieser umarmte ihn, da er das Geschehene vernommen, und rief: "So sehe ich Sie doch endlich in der rechten Strasse, und dem zwecklosen Umherstreifen enthoben!"
"Es ist sehr zu wunschen, dass dem so sei", versetzte Hermann. "Denn mein vaterliches Vermogen reicht kaum zu, den Kaufpreis des Guts zu decken, und ob ich bei der Bewirtschaftung desselben sonderliche Geschafte machen werde, steht dahin, weil ich in diesen Dingen noch vollig unwissend bin."
Wie gross war sein Schreck, als er die Verfassungsurkunde jenes Landes nachsah, was er bis jetzt unterlassen hatte, und bemerkte, dass er das wahlfahige Alter noch gar nicht erreicht habe! Er konnte sich nicht enthalten, Medon einige Vorwurfe daruber zu machen, dass er von ihm auf diesen Umstand nicht aufmerksam gemacht worden sei. Medon lehnte dieselben jedoch ganz sanft mit der Bemerkung ab, dass er ja nicht verordnet gewesen sei, seine Jahre zu zahlen, und dass er ihn nach der Reife seines Urteils und nach seinem ausseren Ansehen schliessend, fur alter gehalten habe. "Ubrigens ist noch nichts verloren", fugte er hinzu. "Sie sind nur als Burgerlicher zu jung; wenn Sie geadelt werden, besitzen Sie die erforderliche Weisheit. Wir wollen also auch diese Metamorphose versuchen, und ich werde Ihnen dazu die Mittel und Wege angeben."
Diese neue Aussicht, fur deren Verwirklichung gleich allerhand geschah, vermehrte die Unruhe, welche das Wesen unsres Freundes aufregte, seitdem er in den Zauberkreis der grossen Stadt getreten war. Nicht leicht ging ein Tag hin, an welchem nicht das, was ihm festzustehen schien, von andern bezweifelt, und haufig auch widerlegt worden ware. Die Stadt war gewissermassen eine Freistatte aller Gedanken und Meinungen, und wenn diese selbst friedlich nebeneinanderher gingen, so hatte der Anblick so vieler unvermittelter Gegensatze fur den dritten Beschauer auf die Lange etwas Seelenzerstorendes.
Um nur ein Beispiel anzufuhren: Er hatte geglaubt, durch die Gesprache in Medons Hause uber die Lage des Staats, und uber das, was dessen vorzuglichste Manner hauptsachlich beschaftige, ziemlich in das Klare gesetzt worden zu sein. Wie erstaunte er, da er an einem andern Orte zufalliger Zeuge einer Unterredung wurde, aus welcher er abnahm, dass die Frage uber das Verhaltnis der neuen Provinzen von den eigentlichen Lenkern nur als eine untergeordnete betrachtet wurde, dass man sich vielmehr im hochsten Rate mit Dingen beschaftige, welche, weitgreifender Art, uber ganz Deutschland ihre Folgen zu verbreiten bestimmt waren!
Diese ganze Welt, in welcher er sich seit einigen Monaten bewegte, kam ihm so doppeldeutig und unsicher, und trotz alles scheinbaren Lebens so tot vor, dass ihm oft ubel zumute ward. Was ihn vor allem unangenehm beruhrte, war der Mangel jeglicher Poesie, der ihm bald anschaulich wurde. Zwar arbeitete der junge Dichter rastlos an seinen Bildern aus der Kunstgeschichte fort, und hatte fur den nach Weimar mitgeteilten florentinischen Zeitraum von dort ein aufmunterndes Schreiben empfangen, "in so loblichen Bestrebungen treufleissig fortzufahren", zwar bestanden einige literarische Gesellschaften; aber Hermann wollte durch alles, was er hier horte und sah, wenig erbaut werden. Was einem Fremden, wie er war, bald kein Geheimnis blieb: Es hielt niemand etwas von dem andern, und wenn sie sich auch gegenseitig besangen, so lachten sie sich im stillen doch nur untereinander aus. Vom Theater zu reden, ward beinahe fur unanstandig gehalten, es stand in einer Art von Verruf, warum? liess sich auch nicht wohl begreifen; es war um nichts schlimmer, als manches andre, was in hohen Ehren gehalten wurde.
So zwischen Staatskunst, Gelehrsamkeit und dem Enthusiasmus fur Malerei eingeklemmt, fuhlte Hermann recht deutlich, dass ihm nur wohl werden konne, wo der frische Glaube an die fortzeugende Kraft der Dichtung wehe. Hier aber ward alles Neue mehr oder minder hoflich verneint, man hatte sich und sein asthetisches Gewissen in der schwarmerischen Verehrung des alternden grossen Autors abgefunden. Es liess sich aber erkennen, dass mindestens ein Teil der Verehrer ihn auf gut Nicolaitisch wiederum gekreuzigt haben wurde, wenn er unter ihnen neu mit dem "Werther" aufgetreten ware.
Die Tage waren kurz geworden. An einem Abende, an dem es draussen recht unheimlich sturmte, besuchte er Johannen. Er hatte gewunscht, sie allein zu finden, und es ward ihm so wohl. Sie sass in einem kleinen Zimmerchen, und hatte Briefe, getrocknete Blumen, Schattenrisse vor sich auf dem Tische ausgebreitet. An den Wanden dieses Zimmerchens hingen viele kleine Bildnisse, Freunde und Freundinnen einer glucklicheren Zeit. Ihre Augen waren verweint, sie schien matt und abgespannt zu sein. "So kommen Sie doch noch", rief sie ihm sanft und freundlich entgegen, "das ist schon! Der Abend ward mir unter meinen lieben Schatten hier gar zu schwer, ich kam mir selbst schon ganz vergangen vor, und meinte, zum zweiten Male zu leben. Wie es draussen sturmt, und hier die kleine friedliche Lampe! So wutet es uberall feindlich um das stille liebliche Feuer, was hin und wieder die Machte des Himmels entzunden!"
"Was hat Sie betrubt, Johanna?" fragte Hermann, und setzte sich teilnehmend zu ihr.
"Nichts und alles!" versetzte sie. "Mein Herz ist eben zum Uberlaufen voll, und da genugt ein Tropfchen zum Ergusse. Wir hatten zu Mittag Gesellschaft und die trostlosen Gesprache begannen wieder, welche mir schon oft den Busen zerspaltet haben. Die armen, torichten Menschen! Auf den Knien sollten sie Gott danken, dass er doch hin und wieder einen warmen Fruhlingsatem uber die Erde streifen lasst, unter welchem das kleinste Graschen sich aufrichtet, und selbst verdorrte Keime neu zu spriessen beginnen."
"Ich weiss, was Sie meinen", sagte Hermann. "Auch mich hat es schon oft verdrossen, dass man hier fast geflissentlich bemuht ist, der Erinnrungen an eine grosse Zeit sich zu entschlagen! Und doch, was steht ihr gleich, was kann das gegenwartige Geschlecht ihr Ahnliches hoffen?"
"Sie war die hohe Brautwoche, der susse Honigmonat meines Lebens!" rief Johanna und ihre Augen glanzten. "Ich war zwanzig Jahre alt, auf meines Vaters Schlosse erwachsen, der, wie ihn die Leute auch beschelten mogen, mir ein guter Vater war, und mich aufstreben liess, frei und ungezwangt, gleich den Tannen in unserm Park. An seiner Seite zu Pferde, oder im leichten Jagdwagen, wenn der Hirsch verfolgt wurde, war es mir oft, als mussten Flugel mir an beiden Schultern wachsen, so leicht und rein rollte in mir das mutige Leben! Daheim horchte ich den Erzahlungen der Reisenden und klugen Manner, welche meinen Vater besuchten, und von fremden Landern und Menschen sprachen, oder ich las Geschichte mit meiner alten, wurdigen Erzieherin. Denn, Dank sei es denen, welche uber mein Geschick geboten; nichts Gemeines und Eitles durfte mich beruhren, und ich erinnre mich noch, dass in meinem Zimmer der Spiegel fehlte. Welt und Vorzeit umgaben mich wie ein schones, sinnvolles Marchen, in dessen Mitte ich, allen Helden und Weisen vertraulich nahe, liebe Tage hinspann.
Nun erschien jener grosse Winter mit seinen Eisund Leichenfeldern, mit seinem Stadt- und Herzensbrande! Meines Vaters Entschluss war sogleich gefasst, als die ersten Zuckungen des wieder erwachenden Lebens sich verspuren liessen. Obgleich, nach der Sitte seiner Jugend, gern die fremde Sprache redend, war er ein deutscher Mann und Edelmann geblieben; sein Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet. Wir zogen, damit er tatiger eingreifen konnte, auf eine Zeitlang nach der grossen Stadt, welche der Herd des heiligen Feuers war. Was schwatze ich Ihnen vor? Sie waren ja selbst dabei, haben selbst die Waffen getragen. Welche Tage! Welche Gefuhle! Nun waren Rom und Griechenland und die Ritterzeit kein Marchen mehr fur mich, alles Grosste strahlte wiedergeboren im grunen, frischen Lichte, mich an. Mein Madchenherz wollte mir oft die Brust zersprengen, wenn ich bis Mitternacht, ja bis an den fruhen Morgen die Binden zuschnitt, welche das Blut der Wunden hemmen sollten. Ich weinte, dass mein Vater reich war, dass ich nicht auch mich genotigt sah, mein Haupthaar auf dem Altare der allgemeinen Begeisterung zu opfern. Nie, nie kann ich das vergessen, und wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klugelei starr wird, so soll der Busen einer armen Frau wenigstens ewig das Fest der Erinnerung feiern!"
Sie war aufgestanden und ging mit grossen Schritten durch das Zimmer. Ihre Zuge hatten sich verklart, sie glich einer Priesterin, einer Velleda. Nach einer Pause, wahrend welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie durchsichtig zu werden schien, stand sie still und rief: "Ja, wenn es eine Liebe je auf Erden gegeben hat, so habe ich geliebt! Und o des Glucks! Die zartlichste Empfindung war nur eins mit der heiligsten und grossten! Im Waffenschmuck trat er mir entgegen, dem Kampfe sich entgegensehnend, in den er nach wenigen Wochen zog. Mild war er und edeln Zornes zugleich voll, nie hat ein reineres tugendhafteres Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft. Er war wie ein Verschlagner von einer fernen seligen Insel unter uns andern. Die Augen pflegte er zu senken, als erliege seine Seele unter ihrer eignen Grosse. Stumm war unsre Liebe und ohne Erklarung. Nur, als ich ihm beim Abschiede die Feldbinde reichte, verstanden sich unsre Blicke. Er zog dahin, und ich sah ihn nicht wieder.
Er trug, wie alle jugendliche Fruhlingsherzen, die Todesahnung im Busen. Sein einziger Wunsch war, in deutscher Erde zu ruhn, er schauderte vor dem Gedanken, fern unter den Fusstritten des feindlichen Volkes vermodern zu mussen. Das Schicksal ist oft grausam, es kann uns nicht allein das Leben, wie wir es wunschen, sondern auch den Tod, wie wir ihn zu sterben wurdig gewesen waren, versagen. Nicht in einer der grossen herrlichen Befreiungsschlachten fiel mein Freund, nein, vereinzelt, seiner Schar nachgeblieben, wurde er von umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden erschlagen. Ich erfuhr seinen Tod, noch ehe die Nachricht davon zu mir gelangte. In der Nacht aus tiefem Schlummer ohne vorhergegangnen Traum emporschreckend, sah ich das blutige Haupt des Ermordeten am Fusse meines Lagers aufsteigen, und alsobald auch wieder verschwinden. Augenblicklich wusste ich um meinen ungeheuren Verlust, aber zugleich durchdrang mein Herz ein unverganglicher Trost, der es so ganz erfullte, dass ich mich kaum erinnere, damals geweint oder sonst getrauert zu haben. Nur jetzt, nach manchem Jahre fliessen meine Tranen zuweilen. Als die Ruhe hergestellt war, beschaftigte uns alle, die wir ihn geliebt hatten, sein Wunsch. Ein treuer Gefahrte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf, scheute nicht Muhe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich emporten Volke, fand die Grube, in welcher man den Korper verscharrt hatte, kaufte die teuren Reste los, und brachte sie in die Heimat."
Sie naherte sich einer schmalen, langlichen Kiste, welche in der Ecke des Gemachs stand, offnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes uber sie. Hermann trat hinzu und fuhr zuruck; ein menschliches Gerippe starrte ihm aus der Kiste entgegen. "Warum erschrickst du? Was macht dich zu furchten?" rief sie. "Dies ist mein lieber, mein einziger Freund, den ich nun wiederhabe, und nicht von mir lasse. Betrachte den holdseligen Mund, die guten, schonen Augen, die denkende Stirne! Nun ruht er, umweht vom Hauche der Liebe, nun ist ihm wohl!"
"Teure, warum gaben Sie der Erde nicht wieder, was der Erde gehort?" fragte Hermann, als er sich einigermassen von seinem Erstaunen erholt hatte.
Sie versetzte nichts. Mit den zartlichsten Namen rief sie den geschiednen Freund, schmeichelnd strich sie uber den kahlen Schadel, ihre Lippen kussten die leeren Augenhohlen. Dazwischen fuhrte sie Reden, deren Sinn und Bedeutung Hermann nicht verstand. Sie sprach von dem Vampir, der, auferstandne Leiche, umhergehe und den Lebenden das Blut aussauge, und beschwor die Gebeine des Toten, sie wie bisher, so auch ferner vor dem Schrecknis zu schutzen.
Achtes Kapitel
Es schien, als seien die nachsten Tage bestimmt, unsres Freundes Herz, welches schon in kalten, seltsamen Umgebungen zu frieren begann, wieder von neuem auszuwarmen. Johannas Not regte machtig sein Gefuhl auf, und kurz nach jenem Abende sollte er auch einen alten Freund wiedersehn.
Er war in Madame Meyers Gesellschaft gewesen. Als geborner Hansestadter an reichliche Mahlzeiten gewohnt, empfand er nach den dort landublicherweise genossenen dunnen Butterschnittchen immer noch einen lebhaften Appetit, den er nun in einer Restauration stillen wollte. Aber obgleich es erst eilf Uhr war, so herrschte in diesem Teile der Stadt doch schon eine Totenstille, die Fenster waren dunkel, die Laden geschlossen und nur die Laternen warfen ihr mattes Licht uber die menschenleeren Strassen. Er kam endlich in die Nahe eines Gasthofs, vor dessen Ture sich jemand in ahnlicher Not befand, wie er. Ein Reisender suchte mit Rufen, Schelten und Klopfen vergebens Einlass durch die bereits fest verschlossne Pforte zu gewinnen. Das Gerausch zog Hermann mechanisch naher, und er erkannte mit freudigem Schreck die Stimme seines Freundes Wilhelmi. Dessen Freude war nicht geringer, beide begrussten einander auf das herzlichste. Nachdem sie durch vereinte Bemuhungen die Offnung des Wirtshauses erwirkt hatten, Wilhelmis Wagen und Gepack untergebracht worden war, blieben sie noch einen Teil der Nacht in traulichen Gesprachen beisammen. Hermanns erste Frage war, was Wilhelmi so unerwartet herfuhre? worauf jener ihm erwiderte, dass sein Verhaltnis zum herzoglichen Hause geloset sei, und dass er komme, um seine Sammlung dem grossen Museum zu verkaufen. Man habe ihm die bestimmte Hoffnung gemacht, ihm als Preis eine feste Anstellung bei jenem Institute zu geben.
Hermann wusste, wie leicht man es mit solchen Versprechungen des Orts nehme, und erschrak uber den unbedachten Entschluss des Freundes. Er hutete sich indessen, seine Befurchtungen ihm mitzuteilen, um Wilhelmis Hypochondrie nicht rege zu machen. Wahrhaft schmerzlich war ihm aber die Losung der Bande, welche er in Achtung, Liebe und Bedurfnis fest gegrundet erachtet hatte. Auch der Arzt, so horte er von Wilhelmi, sinne darauf, dem Schlosse Lebewohl zu sagen. Am befremdlichsten klang, was er uber die Herzogin vernahm. Sie sei, erzahlte Wilhelmi, nach Hermanns Abreise in eine dustre Melancholie verfallen, welche sich durch einen sonderbaren Widerwillen gegen die Gesellschaft ihres Gemahls ausgezeichnet habe. In dieser Stimmung habe sich der Geistliche ihrer bemachtigt, mit welchem sie nun den grossten Teil ihrer Zeit in Andachtsubungen, die zuweilen selbst in Kasteiungen ausarten sollten, verbringe. Der Herzog sei uber diesen Zustand um so bekummerter, als ihm grade jetzt der vom Kaufmann nun mit vollem Eifer betriebne Prozess viel zu schaffen mache.
Alles dieses konnte Hermann wenig erfreun. Es tat ihm wehe, dass ein so treuer gefuhlvoller Mann, wie Wilhelmi, sich seinen Gonnern in einem solchen Augenblicke hatte entziehen konnen.
"Ich will mich nicht rechtfertigen", sagte dieser, als Hermann nach einigen Tagen eine leise Andeutung seiner Empfindung blicken liess. "Es gibt Dinge und Worte, die mit magischer Kraft das Gemut unwiderstehlich nach sich reissen, und so muss ich dir gestehn, dass ich, in abgelegnen Winkelverhaltnissen hingehalten, nicht zu widerstehn vermochte, als mir die Aussicht erschien, mich dem Offentlichen angereiht zu sehn. Wie einst das Heilige Grab und spaterhin die Neue Welt jeden strebenden Geist siegreich lockte, so ist es jetzt mit dem Staate. Nur das, was an ihn sich lehnt, nur das, was von ihm erkannt wird, hat Glauben an sich selbst, die Zeit der Privatdienstbarkeit ist durchaus voruber."
"Du sprichst da etwas aus, welches mir schon lange das Herz beschwert hat", versetzte Hermann. "Wenn ich die Dokumente jener verspotteten empfindsamen Zeiten betrachte, so muss ich sagen, dass diese schwarmerischen Freundschaften auf Leben und Tod, diese leidenschaftlich-platonischen Liebesverhaltnisse, diese begnugten Familiengluckseligkeiten, wie sie damals gang und gabe waren, jetzt fast aufgehort haben. Das Gemut hat die Fahigkeit verloren, sich in so traulicher Enge zu regen, alle Krafte und Sinne der Menschen streben weiteren und hoheren Zwecken zu. Das ware nun recht schon, wenn wir nur schon ein Vaterland, oder grosse offentliche Einrichtungen hatten. Aber alle diese erhabnen Trostungen zeigen sich bei naherer Betrachtung denn doch meistens als Schein, hochstens als ziemlich schwache Versuche. Und so darbt unser Herz uber den Mangel eines Freundes, einer Geliebten, eines Hauses sich zu Tode, und wenn es sich auf einem andern Altare opfern mochte, so fehlt eben dieser. Wahrlich, es liesse sich ein Werther des neunzehnten Jahrhunderts schreiben, der an diesem Doppel- und Nichtzustande verginge, und dessen Klagen auch ruhrend und beweglich ertonen wurden."
"Ja, wir leben in einer Ubergangsperiode", sagte Wilhelmi. "Das ist ein trivial gewordnes Wort, welches alle Schulknaben jetzt nachplappern. Schwieriger ist es, die ganze Bedeutung desselben zu fuhlen, sympathetisch mitzuempfinden, wie viele Menschen an einem solchen Ubergange zugrunde gehn. Wohl befinden sich in der Gegenwart eigentlich nur die oberflachlichen Naturen, welche von Schatten und Klangen genahrt werden, wahrend jede tiefer gehohlte Brust ein heimliches Verzagen erfullt. Auf alle Weise sucht man sich zu helfen, man wechselt die Religion, oder ergibt sich dem Pietismus, kurz, die innere Unruhe will Halt und Bestand gewinnen, und lost in diesem leidenschaftlichen Streben gemeiniglich noch die letzten Stutzen vom Boden."
"Wunderbare Gedanken und Traume beherrschen die Menschen", sagte Hermann. "Trotz alles Redens von der praktischen Richtung des Zeitalters laufen die Vorstellungen und Dinge weit auseinander, und der Wahn hat eine furchtbare Macht gewonnen. Es liesse sich der Fall denken, dass jemand unter der Last eines eingebildeten Schicksals sein Leben hinkeuchte, und sturbe, ohne das Antlitz der Wahrheit geschaut zu haben."
"Wiederum aber sind auch die ausserordentlichsten Glucksfalle gedenkbar", versetzte Wilhelmi. "Eigentum und Besitz haben ihre schwere, tellurische Natur aufgegeben, sie streichen, gasartig verfluchtigt, durch die Lufte, und niemand von uns weiss, ob nicht auch er in den Bereich eines solchen ziehenden Schwadens kommen werde. Kurz, Freund, es kann an deiner, und es kann an meiner Stirn mit unsichtbarer Schrift das Wort: Millionar, geschrieben stehn, so wenig Anschein die Sache auch jetzt fur sich haben mag."
"Nein, in der Tat, danach sieht es bei mir nicht aus", sagte Hermann lachelnd. "Ich will nur froh sein, wenn ich aus meinem badenschen Ankaufe mit einem blauen Auge davonkomme. Ubrigens wusste ich auch nicht, was ich mit vielem Gut und Gelde beginnen sollte, es hat wenig Reiz fur mich."
"Um so geschickter bist du vielleicht, Vermogen zu bewahren", antwortete Wilhelmi. "Oft kommt mir alles Eigentum wie ein Depositum vor, welches bei uns fur ein nachkommendes glucklicheres Geschlecht hinterlegt worden ware, welches wir treulich den Enkeln aufzuheben, aber selbst nicht zu geniessen hatten."
Neuntes Kapitel
Hermann fuhrte den Freund in seinem Kreise umher, an welchem Wilhelmi aber viel auszusetzen fand. Mit Johannen gelang es noch am besten; nachdem eine leichte Verlegenheit von beiden Seiten uberwunden war, kam ein ertraglicher Umgang zustande, obgleich beide in ihrer Gereiztheit wenige Beruhrungspunkte fureinander hatten. Dagegen nannte er Medon geradezu den Jugendverfuhrer, ohne sich uber den Sinn dieses Ausdrucks naher zu erklaren.
Auch die ubrigen Personlichkeiten, Einrichtungen und Anstalten der Hauptstadt fanden keine Gnade vor ihm. Er sah nur die Hast, womit hier alles sich zur Erscheinung drangen musste, um bemerkt zu werden, und ubersah den Kern, welcher von jener Hast hervorgestossen wurde. Bald nannte er den ganzen Zustand eine grosse Luge, und die Stadt selbst ein Konglomerat von zwolf Krahwinkeln, welches Paris vorstellen wolle. Dieses Thema fuhrte er in unzahligen spitzigen und witzigen Variationen aus, woruber Hermann anfangs lachte, spaterhin aber zuweilen verdriesslich wurde.
Die Spotter rachten ihrerseits wieder die Stadt an dem Hypochondristen, und einer derselben verfasste eine parodistische Geschichte von Jona, dem neuen Propheten, welcher berufen worden sei, Ninive Busse und Zerstorung zu predigen, und welcher sich nun argre, dass die Stadt nicht untergehn wolle. Das Schloss des Standesherrn wurde in dieser Travestie mit dem Bauche des Walfisches verglichen, in welchem der unzufriedne Seher drei zyklische Tage zugebracht habe.
Als Hermann das Produkt zu Gesichte bekam, trachtete er, es den Augen Wilhelmis verborgen zu halten, weil er von seiner Aufregung einen heftigen Ausbruch befurchtete. Allein er hatte sich in ihm geirrt. Wilhelmi erhielt die Blatter von einem Dienstfertigen zugesteckt, lachte herzlich daruber, suchte den Verfasser auf, und bat um seine Freundschaft.
Am ubelsten stand er anfangs mit Madame Meyer. Sie hatte nach Art der Weltfrauen darin ein ganz eignes Talent, bisweilen jemand, der ihr mehr als andre hatte empfohlen sein sollen, zu ubersehen, was denn bei ihr immer um so mehr wie eine Beleidigung erschien, weil sie sich sonst so zuvorkommend zu benehmen wusste. An einem dieser dem Zerstreutsein verfallnen Tage wurde ihr Wilhelmi vorgestellt, welcher nach den Erzahlungen Hermanns auf einen besonders freundlichen Empfang gerechnet hatte. Er sah sich durch die uber ihn hinschweifenden Blicke der Wirtin, die seine Anrede mit einer Bemerkung uber das Wetter erwiderte, bitter getauscht, und machte seinem Freunde beim Nachhausegehn lebhafte Vorwurfe daruber, ihn dort eingefuhrt zu haben. Hermann kannte ihn schon in solchen Stimmungen, und liess schweigend die erregten Wellen ausschaumen.
"Sie kann ihren Stamm nicht verleugnen!" rief Wilhelmi zum Schlusse einer heftigen Zornrede. "Mir wurde unter allen diesen Porzellanen, Glasern, Schnitz- und Kritzelwerken zumute, wie in einer Trodelbude. Es ist der Schachergeist ihrer Vater, welcher in der Sammelwut der Tochter fortspukt.
Uberhaupt haben die modernen Juden eine seltsame Stellung gegen Welt und Gesellschaft", fuhr er ruhiger fort. "Es ist noch kein Menschenalter her, dass dieses Volk an vielen Orten Leibzoll bezahlen, an andern wie krankes Getier abgepfercht wohnen musste. Plotzlich ist ein Umschwung eingetreten, sie stehn jetzt in den burgerlichen Rechten uns gleich, und wollen, besonders hier, in Geist, Geschmack und Ansehn den ehrlichen Christenseelen womoglich noch den Rang ablaufen. Nun ist es aber ein eigen Ding um elegantes Dasein. Das geht namlich immer nur aus vollig gesicherten Notwendigkeiten des Lebens hervor. Dieses Gefuhl haben sie nicht, konnen es auch nicht haben, denn die Verbesserung ihres Zustandes ist weit mehr das Erzeugnis sentimentaler Schriftsteller und schlaffer Staatsmanner, als einer Umstimmung des Volksglaubens. Im Volke hat sich vielmehr das alte Bewusstsein unzerstort erhalten, dass der Jude nichts tauge. Folglich denken alle diese unsre grossen israelitischen Hauser im stillen immer noch an die Moglichkeit einer ruckgangigen Bewegung, an den Leibzoll, und an die Judengassen. Dadurch erhalten ihre Bestrebungen um Eleganz etwas Unsicheres und Hastiges; ihre Gesellschaften haben durchaus mehr den Charakter einer Hypothese, als den eines Postulats.
Die produktiven Kopfe der Nation verfahren dagegen nach den Grundsatzen des Gewerbgeistes, welcher ihre Ahnen auszeichnete; sie schachern und trodeln. In Gedichten, Musiken, in Philosophie und Wissenschaften sind sie mit kleinem Profit, mit allerhand netten, charmanten, glanzenden Effekchen und Wahrheitchen zufrieden, bringen auf solche Weise auch wirklich manches zusammen, obwohl man schwerlich im Reiche des Geistes durch geschickt zubereitete Bagatellen grosses Vermogen erwirbt."
Als Hermann einiges zum Schutze der Geschmahten vorbringen wollte, fuhr ihn Wilhelmi beinahe an, und rief: "Du wirst auch noch durch Schaden klug werden. Deine agyptische Kavaliergarde wird dir Verdrusses die Fulle machen." Dies bezog sich darauf, dass sich um Hermann eine Menge junger Israeliten versammelt hatte, welche ihm mit grosser Freundschaft begegneten.
Die Laune Wilhelmis scharfte sich von Tage zu Tage. Zum Teil wurde dieser uble Humor durch sehr wesentliche Bedrangnisse erzeugt. Er konnte namlich bald merken, dass an einen Verkauf seiner Sammlungen nicht zu denken sei, und dass er die leichte Zusage eines hohen Mannes viel zu schwer genommen habe. Ein sicherndes Verhaltnis hatte er aufgegeben, ausser seinen Kunstsachen besass er nichts, und jede Aussicht schwand, mit diesen dem Museum einverleibt zu werden. Bald war er in Geldverlegenheit und sprach Hermann um Hulfe an.
Wie erschrak er, als dieser ihm eine gleiche Not offenbaren musste! Im Badenschen bestand man streng auf Innehaltung der Zahlungstermine, ein Kapital nach dem andern war schon dorthin gewandert, einen Besitz zu bezahlen, den anzutreten der Eigentumer weder Lust, noch Geschick in sich verspurte.
So fuhrten denn unsre beiden Glucksritter ein ziemlich gewagtes Leben. Der eine war, wenn man so sagen darf, in bohmischen Dorfern angesessen, der andere stand mit Raritaten in teuren Mietzimmern aus. Ihre Lage konnte ubel genug werden, wenn der Himmel sich nicht ins Mittel schlug.
Indessen trugen sie ihre Lasten zu zweien, und das will viel sagen. Da die Taler ausgingen, so teilten sie die Groschen miteinander. Hermann zog sich aus vielen grossen Gesellschaften zuruck, und begann eine Art von geniessendem Einsiedlerleben zu fuhren.
Mit der agyptischen Kavaliergarde, mit den jungen Juden, hatte Wilhelmi nur zu sehr recht gehabt. Einer derselben, ein angehender Kunstler, war ihm besonders eifrig genaht, hatte einige Billette an ihn sogar "mit Ehrfurcht" unterzeichnet. Im Hause der reichen Eltern begegnete man unsrem Freunde fast wie einem hoheren Wesen. Eines Tages ersuchte ihn der junge Kunstler bescheiden um seine vortreffliche Kritik uber dieses und jenes. Bei der naheren Nachfrage erfuhr Hermann, dass ihn ein Gerucht zum Verfasser mehrerer anonymen Rezensionen in dem gelesensten Blatte der Stadt gemacht hatte, welche durch ihren geistreichen Gehalt allgemeines Aufsehn erregten. Da er nun diese Vaterschaft ablehnen musste, so bemerkte er an den Gesichtszugen und an dem Benehmen seines feurigen Anhangers bald eine merkliche Verandrung, welche sich demnachst auch dem Hause der Eltern mitteilte, und nach und nach eine ganzliche Erstarrung des Verhaltnisses herbeifuhrte. Noch fruher hatten ihn die ubrigen verlassen, sobald sie wahrnahmen, dass er nicht mehr viel mit vornehmen Leuten verkehrte.
Er klagte Wilhelmi sein Leid. Dieser lachte und rief: "Sei froh, dass du von ihnen los bist! Jude bleibt Jude, und der Christ muss sich mit ihnen vorsehn, am meisten, wenn sie sich liebevoll anstellen. Sie sind allesamt freigelassne Sklaven, kriechend, wenn sie etwas haben wollen, trotzig, wenn sie es erlangten, oder wenn sie merken, dass es nicht zu erlangen steht."
Zehntes Kapitel
Alle Ubertreibungen sind von kurzer Dauer. Madame Meyer hatte nicht sobald bemerkt, dass die beiden Freunde seltner in ihren Zirkeln zu erscheinen begannen, als sie ihrerseits alles tat, das traulich-gesellige Verhaltnis zu erhalten. Freundliche Einladungen drangten sich, und Wilhelmi wurde fur die fruhere Vernachlassigung durch das liebenswurdigste Benehmen entschadigt. Bald war er vollig umgestimmt und ebenso freigebig in seinem Lobe, als er fruher verschwenderisch im Tadel gewesen war.
Die Dame entdeckte ihrerseits an dem verwandelten Hypochondristen eine Eigenschaft, welche ihn ihr hochst schatzenswert machte. Wilhelmi besass eine Fulle von antiquarischen Kenntnissen, und setzte Madame Meyer uber manches, was sie hatte, durch seine Erlauterungen erst in das Klare. Was ihn aber einer Frau besonders empfehlen musste, war seine Art, die Tatsachen vorzutragen. Er teilte sie namlich nicht nach der Weise deutscher Gelehrten weit ausholend mit, sondern gab seine Kunde in kurzen, aphoristischen, alles ausdruckenden Satzen, welche sich dem Gedachtnisse leicht einpragten und ohne Muhe nachgesprochen werden konnten. Auf diese Weise hatte er die Freundin bald mit einer Menge von Thesen bekanntgemacht, welche sie rusteten, den Verlegenheiten schlagfertig zu begegnen, denen sie sonst in ihrem Gesprachskreise hin und wieder mit Leidwesen unterlegen war. Denn obgleich manches der Wilhelmischen Lehre nur fur problematisch gelten konnte, so verfehlte es doch, mit angenehmer Keckheit von einem schonen weiblichen Munde axiomatisch vorgetragen, nie seine Wirkung auf den uberraschten Gegner.
Es war, als wolle der Himmel selbst in diesem Falle durch Zeichen und Wunder wirken. Eines Tages, als Wilhelmi mit ihr ein fruher noch nicht besehenes Kabinett durchmusterte, stand er vor dem Altarbilde eines heiligen Stephanus still, von welchem die Halfte fehlte. Die Tafel war dicht an dem Korper des Martyrers abgespalten worden, von den Peinigern liess sich nichts erblicken. Madame Meyer, welche Wilhelmi in den Anblick dieses Werks versunken sah, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: "Wohl mogen Sie uber dieses liebe, gemutliche Bild erstaunen, welches mir doch nur Schmerzen verursacht. Ich achte es fur die Krone meiner Sachen, aber ich entsage oft fur Monate seinem Anblicke, weil mir der verstummelte Zustand desselben durch die Seele geht. Was habe ich nicht versucht, getan, aufgewendet, um die andre Halfte herbeizuschaffen, welche durch die Ungebuhr der Zeit oder eine rohe Faust vielleicht fur immer vernichtet ist!"
"Madame", versetzte Wilhelmi, der ganz Erstaunen war, "mich ergreift weniger der Anblick dieses vortrefflichen Werks von seltner Innigkeit des Gefuhls, als dass, wenn mich nicht alles trugt, ich den andern Teil der Tafel besitze. Ich verlangte nach dem Heiligen, wie Sie sich nach den Steinigern sehnten."
Die Meyer stand sprachlos. Auf einen Wink Wilhelmis entfernte sich der Bediente, und brachte aus dessen Quartiere das bezeichnete Fragment herbei. Es blieb kein Zweifel; sobald man nur das Stuck angepasst hatte, zeigte sich die Vermutung bestatigt. Die Gruppe der Steiniger war vollstandig, fast noch besser erhalten, als der gemarterte Jungling. Nie sind hassliche Frevelgesichter von hubschen Augen mit geruhrteren Blicken betrachtet worden.
Es waltete unter den beiden Kunstfreunden ein langes Schweigen ob, wahrend welches jeder seinen besondern Gedanken nachhing. Endlich brach Wilhelmi dasselbe und sagte, dass, solange er am Orte verweile, er sehr gern die beiden Halften vereinigt lassen wolle. Madame Meyer nahm dies dankbar an, und fragte schuchtern, ob ihm sein Fragment nicht feil sei, was Wilhelmi ernsthaft verneinte. Man erzahlte einander von der Erwerbung dieses Kunstwerks, und brachte bald heraus, dass beide Stucke an einem und demselben Orte von dem spekulierenden Verwalter aufgehobner Klosterguter eingehandelt worden waren. Man untersuchte die Kanten der Fragmente und fand, dass der Riss keinesweges alt war. Aus allerhand sonstigen Anzeichen schloss man zuletzt mit ziemlicher Gewissheit, dass jener klug berechnende Mann, der herrschenden Neigung vertrauend, welche derartige Altertumer auch im verstummeltsten Zustande aufsuchte, selbst die Tafel zerspalten haben moge, und denn auch wirklich die beiden Teile teurer losgeschlagen hatte, als er vom ungetrennten Ganzen erwarten durfen. Er hatte also im kleinen mit dem Gute der Kirche vorgenommen, was der Staat im grossen; er hatte dismembriert.
Ein eifriges Gesprach, welches dieser frohlichen Begebenheit folgte, wurde durch den Eintritt der gewohnlichen Abendgesellschaft unterbrochen. Bei dem Erscheinen der Fremden zeigten sich Madame Meyer und Wilhelmi sehr verlegen, wovon der Grund darin zu suchen, dass zum Schlusse jener andachtigen Kunstunterredung die Hande sich gefunden hatten, und die ersten Eintretenden von dieser Vereinigung Zeugen geworden waren. Die Gaste nahmen nun gebuhrenden Anteil an dem hergestellten Stephanus und an der Freude der Wirtin, es liess sich aber aus manchen Mienen und Flusterworten abnehmen, dass man sich wahrend dieses Abends doch mehr mit dem naturlichen, als mit dem Kunstereignisse beschaftige.
Wilhelmi sprach in den nachstfolgenden Tagen nichts als Gutes von der Stadt und ihren Bewohnern, kehrte alles zum Besten, und verwies Hermann seine finstre Laune, obgleich dieser sich ganz ruhig und gleichmutig verhielt.
Eilftes Kapitel
Inzwischen hatten die Untersuchungen gegen die Demagogen ihren weiteren Verlauf genommen, lieferten jedoch nicht die Ergebnisse, nach welchen die Behorden hauptsachlich hinsteuerten. Die Verschuldungen der Junglinge lagen so ziemlich klar zutage, ihnen aber war im voraus verziehen; sie sollten mit dem Schreck davonkommen. Was man am eifrigsten suchte, war, das Dasein und die Glieder jenes Mannerbundes zu ermitteln, welcher Staat und Thron allerdings ernstlicher mit dem Umsturze bedrohte. In dieser Beziehung waltete noch ein undurchdringliches Dunkel; die geheimen Storenfriede und Verderber waren mit solcher Klugheit zu Werke gegangen, dass trotz aller Korrespondenz nach den verschiedensten Gegenden Deutschlands hin, mehr nur Vermutungen als Tatsachen zum Vorschein kommen wollten.
Der Beamte, welcher jene Nachforschungen zu leiten hatte, ging in Medons Hause viel ein und aus. Er erzahlte dort im Vertraun manches von jenen Dingen, und so erfuhr Hermann, dass der grimmige Mecklenburger durch das ihm, wie wir wissen, in grosster Sanftmut zuerkannte einsame Gefangnis gezahmt worden sei, und seine Bekenntnisse abzulegen beginne. "Er gesteht", sagte der Beamte, "dass ihm in Zurich ein Mann erschienen sei, welcher ihm von dem wirklichen Vorhandensein eines Mannerbundes Kunde gegeben und ihn aufgefordert habe, einen Bund der Jungen zu stiften, welcher sich an jenen anlehnen solle. Er hat von jenem Manne Zeichen und Symbole empfangen, und ist denn auch wirklich der Stimme der Verfuhrung gefolgt."
Medon horte dieser Erzahlung mit Gleichgultigkeit zu. "Man sollte", sagte er, "den jungen Leuten kurzen Prozess machen, sie sind einmal fur ihre Lebenszeit vergiftet, der Staat musste, wenn er mehr klug als milde ware, den schadlichen Stoff zerstoren, welcher, wenn man ihn bestehn lasst, in wechselnder Gestalt sich immer wieder hervordrangen wird."
"So sind Sie fur strenge Massregeln?" fragte der Beamte.
"Durchaus", versetzte Medon. "Auch hierin konnte uns das Altertum zum Lehrmeister dienen. Es vertrug sich nicht mit seinen Feinden, es vernichtete sie."
"Nehmen Sie sich in acht, dass Sie nicht uber sich das Verdammungsurteil aussprechen", sagte der Beamte scherzend. "Sie konnen leicht auch in diese Untersuchung verwickelt werden."
"Wieso?" fragte Medon.
"Sie mussen doppelt in der Welt umhergehn", versetzte jener. "Der Student beschreibt den Mann, welcher ihn so freventlich verlockt, Zug vor Zug, wie Sie aussehn; selbst das Mal, welches Sie an der linken Handwurzel haben, hat er bei dem Hokuspokus, den der falsche Prophet mit ihm getrieben, bemerkt. Zuletzt muss ich Sie mit ihm konfrontieren, und Sie konnen noch als Radelsfuhrer der politischen Verschworungen unsrer Zeit in meine Gefangnisse wandern."
Man lachte hieruber, und der Sache wurde eine Zeitlang nicht weiter gedacht. Doch fing der Beamte einmal spater wieder an, von dem Gegenstande zu reden, und sagte zu Medon: "Wir Aktenleute sind eine Art von Fetischanbetern, die Dienstpflicht ist unser Gotze, dessen Gebote wir erfullen mussen, sie seien noch so unsinnig. Wollen Sie mir glauben, dass ich bei meinem Mecklenburger Demagogen den Gedanken an Sie nicht mehr aus dem Kopfe loswerden kann? Ich rede mir tagtaglich das Ungereimte dieser Ideenverknupfung vor, und dennoch, sobald der Mensch wieder anfangt, den Apostel des Mannerbundes zu beschreiben, ist es mir, als musse ich Sie ihm vorstellen, weil das Signalement nun einmal schwarz auf weiss in meinen Protokollen steht, und ich ein Individuum kenne, auf welches dasselbe zu passen scheint. Es lasst mir keine Ruhe; abgeschmackte Traume phantastisch-juristischer Art angstigen mich. Letzte Nacht traumte mir, ich stande am Jungsten Tage vor den Schranken des Weltgerichts. Der Engel mit der Posaune fragte donnernden Tons: 'Warum hast du die Konfrontation unterlassen?' worauf ich keine Antwort geben konnte. Ich wurde deshalb zur Hollenstrafe verurteilt, welche darin bestand, dass ich alle meine Corpora delicti aufessen sollte, obgleich sich darunter Sachen von Stahl und Eisen befanden. Etwas Auffallendes, um eines aberwitzigen Spiels des Zufalls willen zu veranlassen, wurde ich mir nie vergeben konnen; allein ich wollte Sie schon ersuchen, doch einmal wie von ungefahr auf mein Verhorzimmer zu kommen, wo Ihnen denn ebenso von ungefahr der Demagoge vorgefuhrt werden sollte. Dann ware mein Gewissen beruhigt; versagen Sie mir also diese Gefalligkeit nicht."
"Ich will das recht gern tun", versetzte Medon. "Nur musste ich Sie bitten, noch einige Zeit in Geduld zu stehn. Ich habe eine Reise vor, und bis dahin jede Minute besetzt."
"Lieb ware es mir doch, wenn sich ein halbes Stundchen dazu vor der Reise finden wollte", sagte der Beamte. "Die Sache ist im ubrigen zum Spruche reif, und wenn ich gesehen, dass Sie es nicht waren, welcher dem Demagogen in Zurich begegnete, so kann ich das Papier getrost den Herrn am grunen Tische zuschicken."
"Es wird sich noch davon reden lassen", versetzte Medon, und brach das Gesprach ab; welchem Hermann, unbemerkt nahestehend, zugehort hatte.
Kurz darnach wurde er zu Johanna berufen. "Wollen Sie mir einen Dienst leisten?" fragte sie ihn. "Jeden", versetzte er. "Konnen Sie schweigen?" fuhr sie fort. "Ich hoffe es", erwiderte er.
"Ich werde diesen Ort vielleicht auf einige Zeit verlassen mussen", sagte sie mit leiser Stimme. "Bis hieher hat mich ein schlimmes Geschick fuhren durfen, weiter aber nicht. Ich werde Sie vielleicht um Schutz und Begleitung ansprechen auf heimlicher Wandrung. Vor allem suchen Sie ein einsames Haus, womoglich mitten im wildesten Walde zu entdecken, darin ich verborgen leben kann."
Hermann, besturzt uber dieses Ansinnen, tat stammelnd einige Fragen nach dem Beweggrunde eines so leidenschaftlichen Entschlusses. Sie legte den Finger auf seine Lippen und sagte: "Stille! Wollen Sie mir nicht helfen, so wird Gott mir beistehn." Verwirrt gelobte er ihr jeden Dienst, welcher sich mit Ehre und Pflicht vereinigen liesse.
Der Charakter Medons, das Verhaltnis der beiden Gatten wurde ihm immer ratselhafter. Hier schien kein einzelnes Verschulden, keine besondre Zwistigkeit vorzuliegen, sein und ihr Dasein schien eine grosse Unseligkeit zu sein.
Medon war gesprachig, belehrend, wie sonst, doch nahm Hermann an seinen Reden und Scherzen etwas Uberreiztes wahr. Er liess fallen, dass er vielleicht den Winter in Italien zubringen werde, doch musse ein solcher Entschluss, wenn man ihn uberhaupt ausfuhren wolle, urplotzlich ausgefuhrt werden, denn Reisen gelangen nur, aus dem Stegreife unternommen.
Sein hauslicher Zirkel hatte den hochsten Glanz erreicht. Ein Prinz, der fur das Musterbild aller Geistreichen galt, war auf Johanna aufmerksam geworden, hatte sich ihr genahert, Zutritt zu ihren Abenden erbeten, und war seitdem bestandig dort. Dieser vornehme Stern zog andre Planeten und Monde nach sich, so dass der Glanz der Kerzen dort bald durch das Blinken aller der Ordenskreuze und Ehrenzeichen beinahe ausgeloscht wurde. Man sprach davon, dass der Staat sich nicht langer so ausserordentliche Krafte, wie die Medons, entgehn lassen werde, dass ihm Anstellung in einem hohen Posten bestimmt sei, wobei man nur von seiner Liebe zur Ungebundenheit eine abschlagige Antwort befurchtete. So viel ist gewiss, dass er noch langere vertrauliche Zusammenkunfte mit obersten Beamten hatte, als fruherhin, und dass nach und nach dienstliche Papiere und Hefte von den Zentralstellen zur Begutachtung in sein Kabinett zu wandern begannen.
Der Prinz belebte die Gesellschaft durch Mitteilungen aus seinem Hof- und Reiseleben. Er hatte ein grosses Talent im Erzahlen, und die gewohnlichsten Vorfalle bekamen durch eine epigrammatische oder satirische Wendung in seinem Munde etwas Anziehendes. Noch starker war er im Vortrage von Marchen, zu welchen sich unser lockrer Lebensstoff ihm gern verfluchtigte. Er gab deren mehrere an jenen Abenden, aus dem Stegreife beginnend, ohne Anmassung von etwas Ausserordentlichem, in so schlichter Einfalt nur noch starker die Zuhorer fortziehend. Eins derselben ist aufbewahrt worden, und mag dieses Buch beschliessen.
Johannas Wangen wurden blasser und blasser. Oft kam sie Hermann in ihrem sammetnen Gewande, unter ihren Perlen und Juwelen, wie eine geschmuckte Leiche vor, und nur ihre Worte, das tiefste Gefuhl atmend, wenn er sich ihr nahte, bewiesen ihm, dass hier noch ein schones Leben sich rege, aber freilich unter einer ungeheuren Last zuckend.
Zwolftes Kapitel
Mondscheinmarchen
In jener grauen Urzeit, von welcher sich die Menschen die verworrensten Begriffe machen, war es, wie neuere Forschungen lehren, mit der Welt folgendermassen beschaffen. Die Erde war alles, und ausser ihr gab es nichts, nur eine falsche Bescheidenheit spaterer Zeiten hat vom Chaos oder Universum gefabelt, aus welchem unser guter Ball nebst vielen andern Ballen und Ballchen hervorgesprungen sei. Die Erde hatte aber dazumal die Form eines Nestes, namlich in der Mitte war sie einige tausend Meilen vertieft, und die Seitenflachen bogen sich als schutzende Rander hoch und weit uber. Es gab weder Gras noch Baum, weder Tiere noch Menschen auf der Erde, auch schien keine Sonne, dennoch war es auf ihr, und in der Hohlung des grossen Nestes weder unfein, noch still, noch dunkel. Ihre Oberflache war glatt und sanft anzufuhlen wie der feinste Sammet, sie sang sich selbst ein susses Lied von jener frohen Ewigkeit vor, und phosphoreszierte dabei im buntesten Lichte.
Dieser selige Zustand hat ziemlich lange gedauert. Endlich aber, wie denn nichts ungestort bleiben kann, regte sich ein gefahrlicher Furwitz in der Erde, und sie sprach so zu sich: "Wozu ein Nest ohne Eier? Meine Bestimmung ist nur halb erreicht." Flugs empfand sie ihre Einsamkeit und die Sehnsucht nach Eiern, aus denen sich, wie sie meinte, die anmutigsten Gesellschafter und Gespielen fur sie entwickeln wurden.
Wie froh erstaunte sie, als sie eines Morgens beim Erwachen in ihrem Schosse eine Menge der schonsten Eier fand! Auf welche Art sie dieselben gewonnen, auf welchem geheimnisvollen Wege der Zeugung ihr diese Bescherung geworden, daruber schweigt Geschichte und Marchen. Genug, sie lagen, in Kreisen gereiht, im Grunde des grossen Nestes, waren durchsichtig, wie die Edelsteine, herrliche Figuren schmuckten die glanzenden Schalen, im Innern pulsierte es, ein eignes, wildkraftiges Leben.
Mutter Erde, vor Freude ganz wirblicht, machte eine schrage Bewegung, woraus spater die Schiefe der Ekliptik entstanden ist, erinnerte sich aber noch zur rechten Zeit ihrer neuen Pflichten, nahm sich zusammen und weinte nur einige Tranen in den unendlichen leeren Raum hinab. Darauf begann sie liebevoll ihr vertrautes Gut zu warmen und machte tausend Plane, wie sie mit den Voglein, wenn sie aus den Eiern gekrochen waren, freundlich und herzlich verkehren wolle.
Unter diesen Sorgen, Gedanken und Traumereien war es in dem einen Eie rege geworden, es pickte, und eine leuchtende, beflugelte Gestalt brach durch die Schale. Anfangs war sie noch einigermassen in den Grenzen ertraglicher Grosse, aber mit Sturmeseile wuchs sie, wahrscheinlich durch die einstromende atmospharische Luft geschwellt, ins Ungeheure, so dass der Erde vor dieser Geburt angst und bange wurde. Doch fasste sie sich und sagte: "Gesell, du wirst nicht vergessen, wer deine Starke also gepflegt? Komm, sei mein Freund." "Was Freund?" fuhr sie der feurige Recke an, "ich habe nicht Zeit zur Empfindsamkeit, meine Bahn geht selbstandig durch die unermesslichen Raume." Und damit schoss er fort, der Undankbare, und ward der erste Fixstern. Seinem Beispiele folgten die andern Geburten, die nun bald nacheinander kamen, sie wollten alle nichts von Hauslichkeit und gemutlichem Zusammenleben wissen, vielmehr eigne Fortune droben im Blauen machen, was ihnen denn auch gelungen sein muss, wie der gestirnte Himmel besagt.
Nur ein Fluchtling, eine schone uppige Person von lebhaftem Temperament, bereute den Undank, als sie ein paar Millionen Meilen weit fortgerannt war, hielt inne in ihrem wusten Laufe, und ward feuerrot vor Scham. Sie sieht sich noch immer von Zeit zu Zeit nach dem verlassnen Neste um, und das Erroten dauert auch noch fort, welches uns sehr zustatten kommt, denn wenn die Sonne sich nicht so schamte, und uns dadurch nicht mit einheizte, waren wir alle langst erfroren, weil die Dinge bald eine betrubte Gestalt annahmen, wie ich gleich erzahlen werde.
Zuerst schuttete die Erde, in ihren Hoffnungen so schmerzlich getauscht, einige noch nicht ausgekommne Eier zornig uber Bord. Sie fielen eine geraume Zeit unaufhaltsam in die Tiefe, endlich stiessen sie doch irgendwo an eine scharfe Weltecke, die Schalen zerbrachen, und die unreifen Geburten taumelten heraus. Diese haben nun ein Leben und haben keins, im halbwachen Traume schiessen sie dahin und dorthin, ziehen einen feurigen Schweif von allerhand Eulenspiegeleien hinter sich her, und sind mit einem Worte ungluckselige Kometen, auf die am ganzen Sternenhimmel kein Verlass und Glaube ist.
Doch, was gehn uns die Kometen an? Auf der Erde entstanden ganz andre Folgen der misslungnen freundlichen Absicht. Zuvorderst zog sie sich aus der offnen Nestgestalt in die abgeplattete Kugelform zusammen, welcher nur bis auf eine geringe Tiefe etwas anzuhaben ist. Sodann schlug sich in ihren Eingeweiden durch einen heftigen Gallenerguss Proteus, der Metallkonig, nieder, der also eigentlich der kristallisierte Verdruss der Erde ist, und bei allen nachfolgenden Handeln eine grosse Rolle spielt. Darauf, um ihr einigen Ersatz zu geben, geschah die Schopfung in sechs Tagen mit Krautern und Baumen, Fischen, Vogeln, vierfussigem Getier und endlich dem Menschen. Die Erde trostete sich wohl, als sie das alles auf sich grunen und bluhen, krabbeln und zappeln sah, aber dann war's ihr doch wieder nicht recht, und sie sprach alle Tage unzahlige Male zu sich selbst: "Das tut's doch alles nicht." Und sooft sie das fur sich sagt, stirbt oder verdorrt etwas.
Proteus aber, der Metallkonig, der alte Verdruss, drangt sich unaufhaltsam an das Tageslicht. Denn es ist nicht wahr, dass die Menschen ihn suchen, und dass er gern in seinen dunklen Kammern bliebe; nein, er blickt und lockt nach ihnen aus dem Finstern, und wenn er ihnen nicht anders beizukommen vermag, so sucht er ihre Traume heim. Dann mussen sie, von Unruhe gepeinigt, die Erde aufreissen und ihr Elend herauffordern. Denn wenn er oben ist, so ergreifen den alten Griesgram kindische Launen; er kann es nicht leiden, in zerstuckten Gliedern sich durch die Welt zu breiten, er will immer beisammen sein. Aus dieser Sehnsucht des Metalls nach sich entstehen dann alle Plagen, welche das ungluckliche Menschengeschlecht heimsuchen: Krieg, Eigennutz, Dieberei, Raub. Denn so strebt z.B. der aufgespeicherte Vorrat an Schwertern, Gewehren und Kanonen in den Zeughausern des einen Landes nach seinesgleichen in dem andern, das Eisen reizt durch geheime Einflusse den Arm des Menschen so lange, bis dieser sich zu seinem Dienste darbietet, und es mit grossem Getose aus dem Verschlusse hervorholt. Dann heisst es, die und die Nation habe der andern den Krieg erklart. Nun ziehen die Heere, oder vielmehr die verstreuten Glieder des Proteus einander entgegen. Endlich treffen sie sich, und es gibt ein frohes Wiedersehn und Umarmen, bei welchem die dazwischen befindlichen Menschen ubel wegkommen; das nennen sie dann eine Schlacht, und meinen, sie waren es, die selbige geschlagen, wahrend doch nur Eisen und Stahl sich lebhaft begrussten, und die Schlunde des Erzes einander feurige Kusse zuwarfen.
Ebenso geht es mit Silber und Gold. Wo dessen eine Menge vorhanden ist, da regt sich in ihm die Lust, mit einem Schatze, der anderswo liegt, verbunden zu sein. Die bosen roten und weissen Zauberaugen schauen nach Handen um, welche den Gefallen ihnen taten, der Wucherer und Betruger, den sie erblicken, wird von ihnen bestrickt, er muss daran, und mit allerhand schlimmen Kunsten die getrennten Horte zusammenbringen. Er meint, den Mammon zu haben, und der Mammon hat ihn. Aber uber den Redlichen ist diesem die Gewalt versagt, daher der auch fur die Vereinigung der Metalle nichts tut, den Proteus, wenn dieser sich aus Irrtum einmal zwischen seine Finger verirrte, sogleich wieder aus denselben fallen lasst, mit andern Worten zeitlebens arm bleibt.
Also geht es zu in der Welt; das wissen wir alle. Wie anders und schoner es aber geworden ware, wenn die Erde die Voglein aus den Eiern sich zur Gesellschaft hatte ausbruten konnen, das deutet in gewissem Masse uns der Mondschein an. Namlich, als schon die Fixsterne die Flucht ergriffen hatten, und die Kometen zu fruh zur Welt gekommen waren, tonte es aus einem Winkel gar lieblich und bat um milde Behandlung. Die Erde sah nach, und bemerkte, dass eins der Eier zuruckgeblieben war, dessen Inwendiges sich eben zum ausseren Leben hindurchrang. Es war eine sanfte Madchengestalt, viel sanfter und zarter, als die andern, welche, sobald sie nur auf ihren kleinen Fussen stehn konnte, unaufgefordert der Erde den Eid der Treue leistete, und versprach, ihr immer hold und gewartig zu sein. Die Erde aber, welche der Undank der ubrigen tief erbitterte, und in welcher sich schon Proteus, der Metallverdruss abgelagert hatte, liess, wie es in solchen Fallen geht, die Unschuldige bussen, verstiess sie mit harten Worten, und rief, sie mochte sich ihre Kamaraden am Sternenhimmel suchen, ihr solle sie nicht vor die Augen kommen. Und damit schuttelte sie sich dermassen, dass die arme kleine Luna eine weite Strecke weit weggeschleudert wurde.
Aber sie liess sich in ihrer treuen Sinnigkeit nicht irremachen. War ihr auch ein naheres Verhaltnis untersagt, so konnte ihr doch niemand verbieten, der zornigen Mutter zu folgen, und sie in gemessner Entfernung zu umkreisen. Das hat sie denn nun auch redlich die vielen tausend Jahre her getan und wird es tun bis an der Welt Ende, was aber wahrscheinlich noch lange ausbleibt.
Der Zorn der Erde ist langst voruber, und sie lechzt eigentlich im stillen innigst nach der Vereinigung mit Lunen. Allein diesem Umstande tritt die inzwischen entstandne Schopfung entgegen, da sich voraussehn lasst, dass, wenn die beiden grossen Machte zusammenkamen, Walder und Felder, Tiere und Menschen dazwischen zerquetscht werden wurden. Ein solches Verderben will nun die Erde als gute Haushalterin nicht, und so hat denn an ein Auskunftsmittel gedacht werden, und Luna hat sich entschliessen mussen, nur zu scheinen. Der Mondschein ist der schwarmerische Ersatz fur den Kuss der Mutter und Tochter. Er ist kein blosser Schein; Luna haucht in ihm ihre Liebe an den Busen der Mutter, welche davon bis in ihre Tiefen selig erschuttert wird. Nicht Geheimes, oder Unbekanntes verkunde ich, was ich erzahle, ist jedem bewusst. Wer hat nicht die Zauber der Mondnacht empfunden? Alle Geschopfe fuhlen, dass etwas Grosses, Liebes vorgehe, und sind in einer Art von Verwandlung, die Lauber der Baume zittern, die Blumen spenden sussen Duft, die Lilien schicken leichte Flammchen aus ihren Kelchen, die Vogel singen im Schlafe, und in den Herzen der Menschen spriesst die Liebe. Immer starker wird das Verlangen Lunas nach der guten, gekrankten Mutter, sie wachst mit ihren Wunschen und wird aus der Sichel zur Halbscheibe, aus dieser zum Vollmonde.
Aber Proteus, dem alles sanfte Zerfliessen ein Greuel, argert sich und ergrimmt zu wilden Gedanken, wenn die Sachen so weit gekommen sind. Die Erze in den Schachten rauschen und glimmern, die Waffen in den Rustsalen klirren, die Goldstucke und Taler in den Sackeln der Reichen klappern unheimlich. Vor diesem bosen Wesen erschrickt Luna, nimmt ab bis zum Neumonde, und scheint fur immer verschuchtert zu sein. Aber wer kann das Herz zwingen? Kaum hat sich der grimme Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben, so blinkt auch die liebe Sichel wieder am Saume des Horizonts hervor, und das trauliche Spiel beginnt aufs neue.
Den Tod hatten wir gewiss alle davon, wenn Luna das Verbot der Mutter uberwande, und sich, anstatt des Scheins, an ihr Herz legte. Aber gedenke ich, wie glucklich mich schon der Mondschein gemacht hat, in welchen sussen Frieden er mich einschlummernd gewiegt, so mochte ich mir oft einen so frohen Untergang wunschen, nach welchem wir vielleicht als leichte Wolkentraume in einer hoheren Ordnung der Dinge wieder auferstanden.
Siebentes Buch
Byzantinische Handel
Gott legt uns die Nusse vor,
aber er knackt sie uns nicht auf.
Aus einem Stammbuche
Erstes Kapitel
Abermals sah Hermann das tiefe gewundene Tal vor sich liegen, aus welchem die weissen Fabrikgebaude des Oheims hervorleuchteten. Die Maschinen klapperten, der Dampf der Steinkohlen stieg aus engen Schloten und verfinsterte die Luft, Lastwagen und Packentrager begegneten ihm, und verkundigten durch ihre Menge die Nahe des ruhrigsten Gewerbes. Ein Teil des Gruns war durch bleichende Garne und Zeuche dem Auge entzogen, das Flusschen, welches mehrere Werke trieb, musste sich zwischen einer Bretterund Pfosteneinfassung fortzugleiten bequemen. Zwischen diesen Zeichen burgerlichen Fleisses erhoben sich auf dem hochsten Hugel der Gegend die Zinnen des Grafenschlosses, in der Tiefe die Turme des Klosters. Beide Besitzungen nutzte der Oheim zu seinen Geschaftszwecken. Auch die geistliche hatte er unter der Fremdherrschaft zu billigem Preise erworben. Lange Gebaude, mit einformigen Trockenfenstern versehen, unterbrachen die Linien der gotischen Architektur auf der Hohe und in der Tiefe; der Wald,
Grafin Theophilie kam ihm entgegen, in einem Buche lesend. "Was fuhrt Sie her?" fragte sie ihn. Er gab eine allgemeine, ausweichende Antwort, und da er von ihr manches uber den Oheim zu erfahren wunschte, so trug er sich ihr zum Begleiter an. Sie gingen uber angenehme Busch- und Wiesenplatze. Die Bleichen und Betriebsamkeitsstatten vermied sie, nach andern Gegenden strebte sie mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit hin. Er sah an solchen Stellen Rasenbanke oder Uberbleibsel ehemaliger Pavillons und Tempel.
Sie stiegen den Berg hinauf, und standen nach einer kurzen Wendung vor dem Seitenflugel des Schlosses. "Wenn meine Gesellschaft Sie nicht langweilt, und die enge Wendeltreppe Sie nicht abschreckt, so kommen Sie immerhin noch ein wenig zu mir", sagte sie.
Als er sich oben nach kurzem Gesprach von ihr beurlauben wollte, hielt sie ihn angelegentlich zuruck und rief: "Sie sehen ein, wie wohl es mir tut, mit jemand mich zu unterhalten, auf dessen Stirne nicht der Wechselkurs geschrieben steht, oder dessen Kleider nicht vom Rauche der Maschinen duften! Das Plaudern ist von alters her mein Element, ich finde es sehr begreiflich, dass jene Franzosin in den amerikanischen Wildnissen einige hundert Meilen weit wanderte, um mit einer Nachbarin zu schwatzen, und ich konnte es in gleichen Verhaltnissen ihr wohl nachtun. Da nun heute zum Gluck ein Herr Nachbar mich besucht, so will ich diese Gunst des Zufalls auch recht ausbeuten."
Er erwiderte ihr, der Oheim werde es ubelnehmen, dass er in seiner Nahe verweile, ohne ihn zu begrussen. Sie erzahlte ihm darauf, dass jener nicht mehr oben im Schlosse wohne, sondern mit dem ganzen Hausstande in das Kloster unten im Tale gezogen sei, um dem Arzte naher zu sein, da er seit dem Mordanfalle auf dem Feste des Herzogs bestandig krankle.
"Uberhaupt", fugte sie hinzu, "ist er jetzt mit einem Hausgeschicke so beschaftigt, dass ihm alles andre ziemlich gleichgultig sein wird. Unsereiner, die von Haus und Hof weggekauft worden ist, tut es recht wohl, zu sehn, wie die Fugungen der Natur sich nicht abkaufen lassen, und dem grossten Rechner eine unsichtbare Gestalt zur Seite geht, welche allerhand Ziffern dem Kalkul einmischt, auf die er nicht gezahlt hatte."
Da diese Anspielungen sein verwandtschaftliches Gefuhl beleidigten, so suchte er dem Gesprache eine andere Wendung zu geben, und befragte sie uber einige Verhaltnisse des Hofes, an dem sie ihre Rosenzeit zugebracht hatte, woruber er denn auch gleich die genaueste und freigebigste Auskunft erhielt.
Sie ging hinaus, um einige Bestellungen fur das Abendessen zu geben, welches er mit ihr einnehmen sollte, und er benutzte diese Pause, sich in ihrem Zimmer umzuschauen. Eine Menge sehr sauber gezeichneter Geschlechtstafeln der ersten Familien des Landes hing an den Wanden umher, zwischen denselben sah man viele vornehme Gesichter in Miniaturportrats. Als er den Inhalt eines kleinen Bucherschranks musterte, erblickte er samtliche Jahrgange des Gothaer historisch-genealogischen Kalenders in Reihe und Glied aufgestellt, damals einundsechzig an der Zahl, welche in solcher Vollstandigkeit sich wohl schwerlich in der Bibliothek einer zweiten Dame versammelt haben mogen.
"Das ist mein Zirkel", sagte sie lachelnd, als sie ihn in die Betrachtung dieser Dinge versenkt fand. "Die Stammbaume habe ich selbst gezeichnet, und mich dabei im Gedachtnis der Personen erfreut, die ich gekannt, und wenn ich die Blatter der Kalender aufschlage, so bluhen mir bei jeder Familie Geschichten entgegen. Die Gegenwart kann mir nicht gefallen, Zukunft hat ein armes Fraulein bei Jahren nicht mehr, da suche ich denn an der Vergangenheit, in der das Leben etwas wert war, meine Tage zu fristen."
Er fuhlte, welcher Ton hier anzuschlagen sei, um sich behaglich zu empfinden. In einem der Kalender blatternd, nannte er den Namen eines der darin verzeichneten graflichen Hauser, und horte sogleich aus dem Munde seiner Wirtin das anmutigste Reise- und Liebesabenteuer, welches den Stammherrn vor soundso vielen Jahren betroffen hatte.
Nun waren die Schleusen der Unterhaltung einmal aufgezogen. Erzahlungen entwickelten sich aus Erzahlungen, eine Geschichte nach der andern schachtelte sich ein, und wenn der ursprungliche Faden schon ganz verlorengegangen zu sein schien, so sprang irgendwo wieder durch eine Hof- und Staatsfigur unvermutet der Zusammenhang hervor. Scheherezade schien aus ihrem Grabe erstanden zu sein, um einem andachtigen Zuhorer die Gesamtchronik des Lebens der hoheren Stande zu veroffenbaren.
Hermann fuhlte sich auf das angenehmste gefesselt, und beruhrte die Speisen kaum, welche inzwischen aufgetragen worden waren. Alle diese Verwicklungen, Galanterien, Missverstandnisse, Entzweiungen und Versohnungen, welche so vielen hohen Personen, von denen die meisten ihr Blatt in der Geschichte besassen, einen bedeutenden Teil ihrer Zeit hinweggenommen hatten, drehten sich zwar eigentlich um nichts, aber es war das liebenswurdigste Nichts, was man sich denken konnte, und selbst der feine Duft zierlicher Sunde, welcher sich durch die Kapitel dieses weitschichtigen Romans hindurchzog, verlieh den Begebenheiten, wie sehr man sie auch hin und wieder tadeln musste, einen besondern Reiz mehr. Was aber die Hauptsache war: eine lebende Person gab in diesen Historien ihr Leben, das was ihr das Leben bedeutet hatte, aus, und Lebendiges wirkt immer, es sei auch was es sei.
Als die erzahlende Dame einmal Atem schopfen musste, und hiedurch eine Unterbrechung ihrer Mitteilungen entstand, nahm Hermann die Gelegenheit zu reden, wahr, und sagte: "Eins ist mir bei Ihren Geschichten hochst merkwurdig. Ich sehe Fursten, Heerfuhrer und Staatsmanner, welche mit dem grossten Ernste das Schicksal der Volker geleitet und entschieden haben, wahrend der Zeiten ihrer wurdigsten Tatigkeit in die leichtesten, ja leichtfertigsten Handel verstrickt. Was uns andre leidenschaftlich abwarts getrieben haben wurde, scheint sie, wie ein fluchtiges Aroma, nur zu noch energischerem Wirken zu begeistern, und das Bewusstsein, welches uns in derartigen Strudeln abhanden gekommen ware, in ihnen zu steigern. Es kommt mir daher fast so vor, als ob man, um die recht grossen Dinge in der Welt zustande zu bringen, weniger arbeiten, als geniessen musse, und dass Muhe und Fleiss eigentlich doch nur Ameisenwerk schaffen."
Theophilie versetzte: "Das ist Philosophie, und auf diese habe ich mich nie verstanden. Aber die Uhr schlug eins, und ich muss Sie entlassen, so gern ich auch die Nacht hindurch noch fortplauderte." Ihre Wangen gluhten von den lebhaften Gesprachen, ihre Augen glanzten von frohlicher Aufregung.
Beim Abschiede gab sie ihm die Hand und sagte: "Ich ahne, weswegen Sie gekommen sind, glaube aber nicht, dass Ihr Vorhaben Ihnen gelingen werde. In jedem Falle haben Sie an mir eine treue Freundin."
Er tappte die Wendeltreppe, auf welcher das Licht der aufgehangten Lampe erloschen war, hinunter, und klinkte an der Pforte, um hinaus und nach dem Wirtshause zu gelangen. Zu seinem grossen Schreck war sie verschlossen. Uber einen Gang sich tastend, nicht ohne Furcht, irgendwo zu sturzen oder anzulaufen, fuhlte er zwar mehrere Turen, aber kein Drucker wollte seiner Bemuhung zu offnen, weichen. Er horchte, ob sich nicht ein Gerausch wollte vernehmen lassen, aber umsonst; in dem ganzen Gebaude herrschte eine Totenstille.
Um nicht auf dem kalten Estrich schlafen zu mussen, suchte er die Wendeltreppe wieder und klimmte empor. Er hoffte, Theophilien noch wach zu finden. Oben stiess er an eine Ture, die gleich aufging. In dem dunklen Gemache stand etwas, wie ein Bette; wie es schien, mit Kissen versehen. Kurz entschloss er sich, und um eine ihm doch eigentlich ganz fremde Dame nicht zu storen, warf er sich in seinen Kleidern auf die Lagerstatte, die, sonderbar schmal und kurz, ihm nach einer ermudenden Reise doch einige Stunden Schlummer versprach.
Wirklich schlief er ein, erwachte aber bald wieder von einem lauten Reden in seiner Nahe. Er rieb sich die Augen, und konnte, als er ganz munter geworden war, nicht zweifeln, dass er neben dem Schlafzimmer Theophiliens, und von ihr nur durch eine dunne Tapetenture geschieden, sein Nachtquartier aufgeschlagen hatte. Hochst besturzt uber diese Indiskretion des Zufalls zog er den Atem an sich, um seine Anwesenheit auch nicht durch das leiseste Gerausch zu verraten. Aber er horte in diesem gespannten, angstlichen Zustande nur um so genauer, und verlor kein Wort von dem, was die Schlaferin mit den vier Wanden laut verhandelte. Sie redete nicht, wie dies sonst zu geschehen pflegt, in abgebrochnen Worten, sondern fliessend, zusammenhangend, als setze sie die Erzahlungen des Abends fort.
Plotzlich macht sie eine Pause; es war Hermann, als ob sie sich im Bette aufrecht setze. Sie brach in ein leises, inniges Lachen aus, dass es durch die Nacht unheimlich klang. Nun begann sie franzosisch zu sprechen, und mit Erstaunen horte er die Namen seines Oheims, der Tante und des Grafen Julius. Dieses Erstaunen wurde Besturzung, Scham, ja Entsetzen, als sich nach und nach eine Geschichte vernehmen liess, in welcher jene Personen die handelnden Figuren waren, und welche am allerwenigsten fur die Ohren des Neffen taugte.
So wurde er in tiefer grauenvoller Nacht durch eine Unbewusste, ihrer Sinne nicht Machtige, Mitwisser eines schrecklichen Familiengeheimnisses. Er wendete sich, um nichts weiter zu horen, aber immer zog ihn das Geluste des Schrecks nach der verhangnisvollen Kunde, und erst als die Redende aufhorte, sank er erschopft zuruck.
Ein Schrei erweckte ihn. Es war heller Tag. Theophilie stand im Morgengewande vor ihm. "Um des Himmels willen!" rief sie, "wie kommen Sie in dieses mein Zimmer? Ich hatte den Tod von Ihrem Anblicke haben konnen." Er versuchte, seine Sinne zu sammeln, und stammelte die Geschichte seiner Einsperrung und seines Fehlgehens daher.
Noch hatte er nur auf sie geachtet. Wie ward ihm aber, als er seine Lagerstatt in Augenschein nahm! Ein seltsames Bette! In einem Sarge hatte er geschlafen, in einem Sarge, welchen Tabourets umstanden, auf denen die zu einem vollstandigen Leichenanzuge gehorigen Stucke lagen.
Entsetzt sprang er von diesem furchtbaren Lager auf. Theophilie lachelte. "Tun Sie doch, als sahen Sie Gespenster, und doch ist es das Gewohnlichste, Bekannteste, was Ihre Augen erblicken", sagte sie.
Sie lud ihn zum Fruhstucke ein. Als er die ihm vorgesetzte Tasse unangeruhrt stehen liess, und noch immer, wie abwesend, dasass, stiess ihn Theophilie an, und rief: "Wie ist es moglich, dass ein Sarg und ein Sterbekleid einen beherzten Mann so ausser Fassung bringen konnen? Ich bin allein, eine Fremde unter Fremden. In Ihrer Tante starb die einzige Freundin, welche ich noch hatte. Was ist naturlicher, als dass ich mir meine letzte Behausung und Hulle fursorglich zubereiten liess, da mir die Arme der Liebe nach meinem Hinscheiden diesen Dienst doch nicht leisten werden. Man stirbt wegen dergleichen nicht eine Stunde fruher."
Sie hatte bald ihren frohlichen Ton vollig wiedergefunden, neckte ihn mit seinem Tiefsinn, und meinte, das Abenteuer, einen jungen Mann so Wand an Wand zu beherbergen, sei allerliebst. "Und ungefahrlich fur Tugend und Ruf", sagte sie mit freiem Scherze, wie er nur ihr anstand, "denn dieser Jungling war eine Leiche, und scheint, auch auferstanden, noch keine Kraft gesammelt zu haben."
Er versuchte, in diese Scherze einzustimmen; es wollte nicht gelingen. Nachdenklich versetzte er: "Das Schicksal gibt uns oft sonderbare Zeichen. Es ist eigen, dass ich gerade jetzt, wo so manche Entscheidungen sich an mein Leben herandrangen, mich wider Willen in einem Gehause ausstrecken musste, worin, wenigstens auf geraume Zeit, Sinn und Gefuhl und Erinnerung erloschen werden."
Zweites Kapitel
Er stieg den Berg zum Kloster hinunter. Die mannigfaltigen Gewerbevorrichtungen, welche er nun im einzelnen musterte, beruhrten seine Auge noch unangenehmer, als tages zuvor. Diese anmutige Hugel- und Waldnatur schien ihm durch sie entstellt und zerfetzt zu sein. Das freie Erdreich mit Baumen und Wasser, welches die Seele sonst von jedem Drucke zu erlosen pflegt, lastete auf der seinigen mit stumpfem Gewichte, weil es doch auch nur als Sklav' im Dienste eines kunstlich gesuchten Vorteils sich zeigte. Um alle Sinne aus der Fassung zu bringen, lagerte sich uber der ganzen Gegend ein mit widerlichen Geruchen geschwangerter Dunst, welcher von den vielen Farbereien und Bleichen herruhrte.
Erst als er sich dem Kloster ganz nahe befand, ward ihm wohler. Rings um die wellenformige Erhohung, auf welcher die Gebaude standen, zogen sich die schonsten Blumenpartien. Alle Umgebungen waren in einen wohlausgestatteten Garten verwandelt worden. Orangerien und Gewachshauser zeigten sich an mehreren Punkten.
Er fand den Oheim, zu dem er ohne weiteres gefuhrt wurde, in seinem Comptoir, umgeben von vielen Geschaftsleuten und Kommis. Sie sassen um einen grossen grunen Tisch nach Art eines Kollegiums, der Oheim nahm in einem Lehnstuhle die Oberstelle ein. Er begrusste Hermann mit kurzen, freundlichen Worten, und bat ihn, zu verziehen, bis die Konferenz beendigt sei, welche darauf ihren Gang ungestort weiter nahm.
Hermann konnte bald an den Verhandlungen sehn, dass hier keine Geschaftsfuhrung im gewohnlichen Sinne stattfinde. Nicht ein Herr mit verschiednen, nur die Ausfuhrung besorgenden Dienern war vorhanden, sondern ein jeder Geschaftszweig hatte seinen unabhangigen Vorstand, welcher innerhalb desselben frei nach eignem Ermessen verwaltete. So trat in der Versammlung ein Direktor der Glasfabrik, der Bergwerke, der Brau- und Brennerei, der Webstuhle, der Porzellanmanufaktur hervor, und noch manche andre Fabrikstatten waren zu nennen. Diese Vorstande berichteten dem Oheim die Resultate ihrer Tatigkeit in der verflossnen Woche. Wo mehrere oder alle Gewerbszweige ineinandergriffen, wie bei dem Verkehr mit Amerika, wurde die Beratung ganz kollegialisch, die Stimmenmehrheit entschied streitige Punkte. Jedes Departement schien auch seine abgesonderte Kasse zu haben, denn die Vorstande rechneten miteinander ab, und es kam vor, dass einer von dem andern sich eine Anleihe erbat, die dann auch, wie die dabei gemachten Bemerkungen erwiesen, ihre kaufmannischen Zinsen tragen musste. Ein Sekretar, welcher am untern Ende der Tafel sass, fuhrte uber den Einhergang Protokoll.
Die Autoritat des Oheims bestand nur in der Prasidentschaft. Er horte die Berichte der einzelnen Direktoren an, ausserte darauf seine Meinung, die jedoch niemals wie ein Befehl klang, lachelte beifallig, wenn sie angenommen wurde, und liess es geschehn, wenn der Referent sie verwarf. Trat eine allgemeine Beratung ein, so beschrankte er sich darauf, die Debatte zu leiten, abschliesslich den Inhalt der verschiedenen Meinungen zusammenzufassen, und bei Stimmengleichheit durch sein Votum zu entscheiden.
Hermann wohnte mit Verwunderung dieser Sitzung bei. Die Grosse der zirkulierenden Summen, die Mannigfaltigkeit der Geschafte, die Unabhangigkeit der Verwaltungen, und dann doch wieder ihre innige Verzweigung, der Blick nach Rio und Vera Cruz, der sich von Zeit zu Zeit auftat, alles dieses zusammengenommen gab ihm das Bild des Welthandels und zugleich eines "koniglichen Kaufmanns" der Gegenwart. Wunderbar stach gegen die kolossale Gestalt dieses Betriebes die korperliche Erscheinung des Herrn und Meisters ab. Hermann fand den Oheim sehr verandert. Er sass gebeugt, und mit dem Kopfe zitternd in seinem Lehnstuhle, und nur die Augen, sowie seine Reden verrieten noch die ungeschwachte geistige Kraft.
Als die Geschaftsvorstande sich entfernt hatten, bewillkommte ihn der Oheim, sich muhsam im Sessel emporrichtend. Hermann notigte ihn zum Sitzen zuruck, und wollte nach den ersten Reden die Absicht seines Kommens darlegen. "Lass es", sagte der Oheim, "du kennst meine Grundsatze daruber. Oder wenn du dich durchaus getrieben fuhlst, die Sache weiter zu verfolgen, so warte damit noch ein acht Tage, sieh dich indessen in der Gegend und in den Fabriken um, vielleicht kommst du dadurch selbst von deinem Vorsatze ab."
"Wenigstens mussen Sie diesen vernehmen", sagte Hermann. "Ich kann die Ungewissheit, worin ich uber Cornelien schwebe, nicht langer ertragen. Was Sie mir damals auf dem Schlosse des Herzogs eroffneten, wurde in Eile und Zerstreuung gesprochen; eine ruhige Uberlegung verhinderte das ungluckliche Ereignis, welches Sie zu schleuniger Abreise zwang. Cornelie hat mir auf alle meine Briefe nicht geantwortet. Eine Entscheidung will und muss ich haben, und deshalb bin ich hier."
"Diese Entscheidung soll dir werden", versetzte der Oheim, den der bewegte Ton, mit dem Hermann sprach, nicht ungeruhrt zu lassen schien. "Warte die Zeit ab. Ich will ja dir, ich will keinem mit Absicht Unrecht tun, gonne mir ein paar Tage, die Sache noch einmal fur und wider zu uberlegen, und unterdessen sei mein Gast."
Mit dieser Erklarung musste Hermann vorderhand zufrieden sein.
Bei Tische erwartete er vergebens Cornelien, nach deren Anblicke er sich sehnte und den er doch furchtete. Dagegen zeigte sich Ferdinand auf einen Augenblick. Sowie der Knabe aber Hermanns ansichtig wurde, farbten sich seine Wangen hochrot, er warf entrustet die Serviette auf den Teller und rannte hinaus. Der Oheim schickte ihm einen zornigen und kummervollen Blick nach.
Nachdem die Verlegenheit, welche durch diesen unzweideutigen Auftritt entstanden war, sich verloren hatte, uberblickte Hermann die Tischgesellschaft. Sie war ziemlich zahlreich, und bestand wohl aus dreissig Personen. Die Hausgenossen, die unverheirateten Geschaftsleute und Vorstande, und mehrere junge Englander und Franzosen, welche, angezogen vom Rufe des Oheims, bei ihm in die Lehre gingen, bildeten sie. Man setzte sich, sobald die Suppe erschien, ohne auf die Ausfullung einiger leeren Platze zu warten; das Gesprach war ziemlich laut, und Hermann konnte bemerken, dass der Ton, welcher hier herrschte, sehr ungezwungen, ja derb war. Der Oheim sprach halbleise nur mit seinem nachsten Nachbar, und sah meistenteils niedergeschlagen vor sich hin. Von Frauenzimmern war, ausser einigen Wirtschafterinnen, niemand zu erblicken.
Als man schon ziemlich weit in der Mahlzeit vorgeschritten war, erschienen die verspateten Tischgenossen; Hermann sah uberrascht zwei alte Bekannte wieder, den Rektor und den Edukationsrat. Letztrer begrusste ihn freundlich, dagegen dankte der Rektor kaum der Bewillkommnung, und schien die ganze Tafel uber mit einer heimlichen Entrustung zu kampfen.
Nach Tische suchte Hermann mit dem Oheim ins Gesprach zu kommen, und sich uber so manches, was hier bereits seine Aufmerksamkeit gereizt hatte, Belehrung zu verschaffen. "Ich bin heute morgen Zeuge einer Verhandlung gewesen", sagte er, "nach der es den Anschein gewann, als hatten Sie sich bereits zur Ruhe gesetzt, und andern Ihr ganzes Geschaft ubertragen. Und dennoch widerspricht dem alles, was ich von Ihnen sonst sehe und weiss."
"Wenn ich nicht irre, sagte ich dir schon einmal, dass man nur bis auf einen gewissen Punkt besitze", versetzte der Oheim. "Erreicht das Vermogen eine Grosse, welche das Mass der sogenannten Wohlhabenheit ubersteigt, sind die Geschafte zu einem hohen Grade der Ausdehnung gediehen, so muss man andre schalten und walten lassen. Wer dann noch selbst in alles eingreifen, jedes einzelne in eigner Person ordnen zu konnen wahnt, macht uber kurz oder lang die Erfahrung, dass nichts nach seinem Willen geschieht, und wird allerorten getauscht und betrogen. Ich sah diesen Wendepunkt meines Schicksals, als ich das Kloster und die Besitzungen des Grafen angekauft hatte, und meine Fabrikplane anfingen, in Erfullung zu gehn. Deshalb entschloss ich mich, aus meinen Dienern und Faktoren, welche zum Gluck sich in meiner Schule tuchtig herangebildet hatten, selbstandige Herrn zu machen, ihnen als Gesellschaftern die Kapitalien, welche ich fur die verschiedenen Geschaftszweige bestimmt hatte, vorzustrecken, und einen jeden ubrigens auf eigne Gefahr sein Departement verwalten zu lassen. Bis jetzt habe ich mich bei dieser Einrichtung sehr wohl befunden. Die Direktoren treiben das Geschaft zu eigner Ehre und Vorteil, und bringen deshalb einen weit lebhafteren Schwung hinein, als wenn sie nur meine Handlanger waren, die wochentlichen Konferenzen erhalten mich mit dem Ganzen im Zusammenhange, und da in den Hauptsachen doch immer auf meinen Rat gehort wird, so lenke ich im Grunde alles nach wie vor."
"Eins fiel mir auf", sagte Hermann. "Warum lassen Sie von Anleihen, welche ein Institut von dem andern macht, Zinsen geben, da doch das gesamte Betriebskapital Ihnen gehort? Sie scheinen solchergestalt sich selbst die Interessen zu entrichten." "Nicht so ganz", versetzte der Oheim. "Die Direktoren haben nur von den reinen Uberschussen ihren Anteil. Sie mussen sich daher bestreben, die Zinsen durch vorteilhafte Spekulationen einzubringen; und da dies in den meisten Fallen gelingt, so gewinnt die Anleihe ihre Interessen in der Tat und nicht bloss zum Schein."
Jemand, der wie ein Metallarbeiter aussah, kam und brachte ein Packchen Papiere in einem blauen Umschlage. "Es sind die bestellten Kassenscheine", sagte er, "sehen Sie zu, ob sie Ihnen recht sind."
Der Oheim nahm die Papiere aus dem Umschlage, hielt sie gegen das Licht, prufte die Stempel, und gab einige Stucke an Hermann. Dieser sah, dass es Banknoten waren, uber grossere und kleinere Summen lautend, mit dem Geschaftssiegel und der Namensunterschrift des Oheims versehen.
"Es ist gut so", sagte er zu dem Arbeiter, "die Proben gefallen mir, und ihr konnt nun die euch aufgegebne Anzahl verfertigen.
Ich habe es fur vorteilhaft gehalten, dieses Papiergeld zu kreieren, dessen Honorierung mir von allen bedeutenden Handelshausern in den benachbarten Stadten zugesagt worden ist"; mit diesen Worten wandte er sich gegen Hermann. "Es ist ein leichtes Zahlungsmittel fur alle meine Angehorigen und Arbeiter, und ich erspare damit ebensoviel bares Geld, welches nun wieder andrerorten tatig sein kann.
Ich sehe", fuhr er fort, "in den so ubel beruchtigten Anleihen der Staaten nichts Schlimmes. Nicht in der vorhandnen Masse der edlen Metalle, sondern in den produktiven Kraften beruht der Reichtum einer Nation, und es ist gleichgultig, ob diese Krafte durch Silber und Gold, oder ob sie durch Papier in Bewegung gesetzt werden, ja, es ist ein gutes Zeichen, wenn man zu letzterem greifen muss, um den Uberschuss der Tatigkeit auszugleichen."
Ein kleiner Rollwagen fuhr unter dem Fenster vor, von zwei rustigen Burschen gezogen. Der Oheim sah mit einem schwermutigen Lacheln seine schwachen und gebrechlichen Fusse an, und sagte: "Dagegen hilft nun freilich weder Spekulation, noch Papiergeld. Willst du, neben diesem kindischen Fuhrwerke hergehend, mich durch die Anlagen begleiten?"
Hermann half ihm in den Wagen, und das Gespann setzte sich in Bewegung. Der Oheim liess sich durch seinen Blumengarten fahren, welcher von der geschmackvollsten Auswahl und sorgfaltigsten Pflege zeugte. Bei den schonsten Exemplaren musste der Wagen stillhalten, der Oheim hob die Kelche mit leiser Hand auf, und senkte seinen sehnsuchtigen Blick in ihre bunte Tiefe, oder sog den Wohlgeruch verlangend ein. Zwischen dieser zarten Beschaftigung fuhr er fort, den Neffen uber Handels- und Gewerbsverhaltnisse zu unterrichten.
Auf einer Anhohe, welche die eigentlich botanische Region bildete, stand ein Gartenhaus, worin die Bibliothek befindlich war, die zu solchem Platze sich eignete. Der Oheim stieg aus, nahm ein Werk zur Hand und schlug darin etwas nach.
In einiger Entfernung, an der Abdachung des Hugels sah Hermann Leute beschaftigt, und ging, da der Oheim bei seiner Lekture blieb, zu ihnen. Man hatte eine Wand des Hugels mit kunstlichem Fels umsetzt, zwischen dessen Spalten Rhododendren und andre Staudengewachse bluhten. In der Mitte offnete sich dieser Felsen zu einem Gewolbe, dessen Ausmauerung die Arbeiter beschaftigte.
Hermann vernahm auf Befragen, dass das Gewolbe bestimmt sei, die Reste der Tante aufzunehmen, welche der Oheim nur vorlaufig im Erbbegrabnisse des Schlosses habe niedersetzen lassen. Dieser Platz aber sei zu ihrer Ruhestatte erwahlt worden, weil sie denselben vorzugsweise geliebt habe.
Wirklich hatte man von dort die reizendste Aussicht. Gerade aus der Tiefe, beinahe senkrecht ihr gegenuber, stieg ein machtiger Fels auf, den eine schone frische Wiese, von klaren Quellbachen befeuchtet, umgrunte, hinter demselben erhob sich die Waldhohe, von welcher das Schloss stolz herabblickte. Das Maschinenwesen war nach dieser Seite noch nicht vorgedrungen. Man sah auf Berg und Tal, wie sie Gott geschaffen hatte.
Was Hermann von den Marmoren, die weither geschafft wurden, von den prachtigen Gusseisenarbeiten, die der Oheim bestellt habe, vernahm, uberzeugte ihn, dass Gattenliebe hier das kostbarste Mausoleum grunden wolle. Sich selbst hatte der Oheim in dieser Gruft auch die letzte Rast bestimmt, wie die Arbeiter sagten.
Er sass noch bei sinkendem Abend, und lange nachdem die Leute den Platz verlassen hatten, an dieser ernsten Statte. Dachte er an die Erzahlung aus Theophiliens Schlafreden, so musste er wunschen, getraumt zu haben; denn hatte sie wirklich gesprochen und die Wahrheit gesagt, so erschien der ganze Zustand der armen Menschen ihm unselig hohl und lugnerisch.
Drittes Kapitel
In den folgenden Tagen durchstreifte er mit einem erfahrnen Fuhrer, welchen der Oheim ihm beigegeben hatte, die Gegend, und besah die Fabriken. Fast alle Zweige dieser Art menschlicher Tatigkeiten hatten sich hier im Umkreis weniger Stunden abgelagert. Man musste wirklich uber den Geist des Mannes erstaunen, der in verhaltnismassig kurzer Zeit eine ganze Gegend umzuformen verstanden hatte. Aus einfachen Landbauern waren Garnspinner, Weber, Bleicher, Messer- und Sagenschmiede, Glasblaser, Topfer, Vergolder, ja sogar Zeichner und Maler gemacht worden.
Als er sich bei einigen Vorstehern nach den Mitteln erkundigte, welche diese Verwandlung bewerkstelligt hatten, sagten sie, dass nichts leichter gewesen sei. Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen, welche ihre Kunststucke anfangs wie zum Scherz auf Tanzboden und in Schenkstuben vorgewiesen hatten. Alsobald sei der Nachahmungstrieb, besonders bei den jungeren Leuten, rege geworden, da man denn hauptsachlich auf die zweiten und dritten Sohne der Hofesbesitzer Augenmerk genommen habe, welche, zum Dienen bestimmt, unzufriednen Geistes, sehr froh gewesen waren, einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu finden.
"Auf diese Weise", sagten die Vorsteher, "hatten wir in wenigen Jahren aus den Bewohnern der Gegend selbst unsre Pflanzschule herangebildet. Nun sind von den damaligen Lehrlingen die Geschicktesten schon wieder als Lehrer in die Fremde gegangen. Es ist zugleich hier ein neues Geschlecht entstanden, ein Mittelstand neben der bauerlichen Aristokratie, ahnlich den englischen Verhaltnissen. Der Erstgeborne erbt den Hof, und wird nach dem Hofe benannt, setzt also auch eigentlich allein die Familie fort, die andern Sohne und die Tochter gehn in die Fabriken, und legen sich in der Regel von ihrer Beschaftigung neue Namen bei, gegen das Zeugnis des Kirchenbuchs, und ohne dass die Verbote der Obrigkeit, welche daraus allerhand Verwirrungen befurchtet, etwas fruchten wollen."
Musste Hermann diesen Ausweg fur eine Menge durch die Geburt hintangesetzter Menschen sehr erspriesslich finden, und sah er auf allen Maschinenstatten, in jedem Lager und Speicher die grosste Ordnung und Nettigkeit, wurde es ihm hier recht klar, welch ein grosses Ding das Geld, und ein diese Weltkraft bewegender verstandiger Geist sei, so fehlte auf der andern Seite viel, dass ihn alle die nutzlichen und lehrreichen Anschauungen, welche er auf dieser Wanderung einsammelte, erfreut hatten. Vielmehr empfand er einen tiefen Widerwillen gegen die mathematische Berechnung menschlicher Kraft und menschlichen Fleisses, gegen die Verdrangung lebendiger Mittel durch tote, und er konnte dieses Gefuhls nicht Herr werden, so bedeutende Resultate er auch vor Augen sah, so grosse Achtung er vor dem Oheim und seinen Helfern haben musste.
Abschreckend war die krankliche Gesichtsfarbe der Arbeiter. Jener zweite Stand, von welchem die Vorsteher geredet hatten, unterschied sich auch dadurch von den dem Ackerbau Treugebliebenen, dass seine Genossen bei Feuer und Erz oder hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes eingeimpft, sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten, welche, bleich und aufgedunsen, auf Wegen und Stegen umherkrochen. Wie die beiden Beschaftigungen, die naturliche und die kunstliche, dem Menschen zuschlagen, sah Hermann in diesem Gebirge oft im hartesten Gegensatze. Wahrend er hinter den Pflugen Gesichter erblickte, die von Wohlsein strotzten, nahm er bei den Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr, deren Ahnlichkeit die Bruder oder Vettern jener Gesunden erkennen liess.
Die Amtleute und Richter klagten sehr uber die Vermehrung der Frevel, besonders gegen das Eigentum, seit die Gegend eine so veranderte Gestalt angenommen habe. In den Schleifereien und Erzschmieden griff man jetzt bei der leichtesten Zankerei gleich zum Messer.
Wenn er mit diesem Zustande das Leben auf dem Schlosse des Herzogs verglich, so fuhlte er sich nur noch unbehaglicher erregt. Es ist wahr, hier gehorte alles tatig der Gegenwart an, und dort zehrte man von Erinnerungen, bestrebte sich umsonst, der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen, aber jene Ortlichkeiten und ihre Bewohner erzeugten doch in der Seele eine Stimmung, wahrend er hier vergeblich danach rang, den Knauel der dumpfen und niederdruckenden Wirklichkeit sich zum Gespinste zu entfalten. Entschieden war es ihm: wenn diese Bestrebungen weiter um sich griffen, so war es in ihrem Umkreise um alles getan, weswegen ein Mensch, der nicht rechnet, leben mag.
Der Sinn fur Schonheit fehlte hier ganz. Die Stunde regierte und die Glocke; nach deren Schlage fullten und leerten sich die Arbeitsplatze, traten die Trager ihre taglichen Wege immer in der namlichen Richtung an, versammelten sich die Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten. Bei diesen griff ein jeder nach englischer Manier zu, wo es ihm beliebte; der Reihenfolge der Speisen achtete man wenig, da sie fast samtlich zu gleicher Zeit aufgesetzt wurden. Keine aufwartenden Diener; eine Magd, welche ziemlich ungeschickt war, nahm Teller und Schusseln weg, oder liess sie auch wohl stehn, wie es sich eben traf. Auf niemand wurde gewartet; verspatete Ankommlinge setzten sich, kaum grussend und begrusst, nieder, und holten in Hast das Versaumte nach.
Alle diese Unsitten waren fur jemand, der in den letzten zwei Jahren in der besten Gesellschaft gelebt hatte, sehr empfindlich. Lastig fiel Hermann, welcher das Wasser nicht vertragen konnte, auch die Entbehrung jedes sonstigen Trinkbaren bei Tische. Der Oheim hatte namlich die Laune, seine Tafel nur mit eignen Produkten besetzt sehn zu wollen. Hinsichtlich der Speisen tat dies der Gute des Mahls keinen Abbruch. Die Meiereien lieferten das saftigste Fleisch, die Garten das zarteste Gemuse und die schonsten Fruchte, die Weiher gaben schwere Karpfen und Hechte her. Allein mit dem Getranke verhielt es sich anders. Man braute hier ein sogenanntes Ale, und presste aus Apfeln und Birnen Cider. Nur diese Getranke kamen in geraumigen Flaschen auf den Tisch, wurden aber selbst von den daran Gewohnten nur mit Zuruckhaltung genossen. Hermann versuchte von beiden, bekam jedoch von dem Ale Kopfweh mit Schwindel verbunden, und wurde nach dem Genusse des Ciders von einem heftigen Erbrechen befallen, so dass er seitdem lieber Durst litt, als so schlimmen Einwirkungen abermals sich aussetzte.
In den Zimmern sah es verworren aus. Meubles vom teuersten Holze mit schwerer Vergoldung standen neben tannenen Kommoden und Tischen, uberall fehlte etwas, oder vielmehr der Widerspruch trat allerorten hervor; ehemalige burgerliche Einfachheit und neu erstrebte Pracht lagen miteinander in Streit. Wertvolle Gemalde, welche der Oheim in den damals aufgekommenen Kunstverlosungen erworben hatte, hingen in dunkeln Winkeln, meistens uneingerahmt, wahrend geschmacklose kolorierte Kupferstiche in kostbarer Einfassung an den hellsten Stellen der Wande prunkten.
Zwischen diesem Ungeschick und verdriesslichen Wesen blickte nur ein ruhrender Zug durch, des Oheims Liebe zu den Pflanzen. Fur sie hatte er den feinsten Sinn, niemand verstand so, wie er, die Gruppen der Blumen, Stauden und Baume zu ordnen; die kundigsten Landschaftsgartner hatten von ihm lernen konnen. Unter seinen Gewachsen musste man ihn sehn, wenn man sich uberzeugen wollte, dass die Natur keinem Menschen irgendeine zum Ganzen der Seele notwendige Richtung versagt. Diese Neigung und die Liebe zu seiner Familie waren die schonen menschlichen Eigenschaften des merkwurdigen Mannes. Taglich sah ihn Hermann in seinem Wagelchen durch die Anlagen fahren, und stundenlang oben im Gartenhause, oder bei der Gruft der Tante verweilen, deren Schmuckung ihm die liebste Beschaftigung geworden war. Aus manchen Ausserungen ging hervor, dass seine Gedanken ebenso oft bei der schlafengegangenen Gattin, als bei den irdischen Dingen verweilten.
Viertes Kapitel
Von der Vergrosserung dieser gewaltigen Besitzungen durch die Standesherrschaft wurde unter den Geschaftsleuten des Oheims, wie von einer ausgemachten Sache gesprochen, obwohl Hermann nicht begreifen konnte, worauf sich, da der Adelsbrief der Ahnfrau aufgefunden worden war, diese Zuversicht stutzte. In den Gesprachen jener Manner, welche, wie wir wissen, bei der Ausdehnung und dem erhohten Schwunge der Geschafte selbst beteiligt waren, traten weitgreifende Plane hervor, wie jene Guter zum Fabriknutzen umgewandelt, oder zerstuckelt werden sollten, so dass dem Gaste, dessen Erinnerungen sich noch mit Vorliebe dorthin wandten, ubel zumute ward. Einmal traf er den verdachtigen Amtmann vom Falkenstein bei dem Oheim, der ihm wieder die hohnisch freundlichen Blicke zuwarf, uber welche Hermann schon auf dem Schlosse des Herzogs verdriesslich geworden war.
Der Oheim liess sich uber diese Angelegenheit noch gleichgultiger als fruher vernehmen. Seinen Adelshass verriet er zwar auch jetzt wieder, und wiederholte mit Lebhaftigkeit die Meinung, dass es an der Zeit sei, das Eigentum aus den Handen derer, welche es nicht zu benutzen verstanden, in fleissigere ubergehn zu lassen. "Allein mir fur meine Person", fugte er hinzu, "liegt an dem Erwerbe der mir zedierten Besitzungen kaum noch etwas. Die Sache ist mehr fur meine Direktoren, welche noch vorwarts wollen. Ich werde nur Last und Sorge von diesen Schollen haben.
Zudem", sagte er schwermutig, "fur wen sammle ich?"
Diese Worte bezogen sich auf eine Verlegenheit, welche dem Oheim in seinem eignen Hause erwachsen war. Sein einziger Sohn Ferdinand, von dem er naturlich nichts heisser wunschen konnte, als dass er der Erbe seines Sinnes werden mochte, zeigte, sobald er sich zu entwickeln begann, auch nicht die mindeste Neigung zu dem, was eine solche Hoffnung rechtfertigen durfte. Alles Stillsitzen war ihm zuwider; es kostete unendliche Muhe, ihm die Elemente der Rechenkunst beizubringen, die Maschinen, zu denen er fruh gefuhrt wurde, damit er Geschmack an ihnen bekomme, waren ihm lacherlich und widerwartig. Er schlich sich heimlich zu den Werken, verdarb manches schadenfroh, und hatte einmal durch ein geschickt eingeworfnes Hemmnis eine Dampfpresse gewaltsam zum Stehn gebracht, dadurch aber beinahe den Mechanismus zerstort.
Hingegen war es seine Leidenschaft, die gefahrlichsten Orte zu erklettern. Seine ersten Spiele waren Soldatenspiele; er hatte bald eine Kompanie Knaben zusammengetrieben, welche er zum Erstaunen eines durchreisenden Offiziers vollig regelrecht einexerzierte, obgleich er die Handgriffe nie gesehen hatte. Als er heranwuchs, war ein Pferd sein dringendstes Verlangen, und der Vater, der fur dieses ihm nach langer kinderloser Ehe spatgeborne Kind die weichste Zartlichkeit hegte, konnte sich nicht entbrechen, ihm eins anzuschaffen. Nun entband sich erst die ganze Natur des Knaben. Der Sattel war ihm lastig, er schied ihn von dem Geschopfe, mit dem er in eins zusammenzuwachsen sich sehnte. Den Bauchgurt zerschneidend, schwang er sich auf den nackten Rucken des Tiers, umfasste dessen Hals zartlich, und liess sich von ihm uber Stock und Stein tragen. Das alles hatte er insgeheim vorbereitet, denn es zeigte sich in ihm eine merkwurdige Vermischung von Schlauigkeit und verwegnem Mute. Dem Oheim straubten sich vor Entsetzen die Haare, als er von dem tollkuhnen Ritte horte. Er wollte dem Knaben das Pferd wieder wegnehmen lassen, aber da erfolgten so heftige Ausbruche der Wildheit, dass man fur seinen Korper besorgt wurde, und ihn lieber dem Geschick uberliess, welches dem Unerschrocknen nicht selten gunstig ist.
Spaterhin verfiel er auf das Schiessen, wogegen aber der Vater sich mit Festigkeit erklarte, so dass Ferdinand von dem ungestumen Verlangen nach Pistolen und Flinten wenigstens scheinbar abstand.
Gleichwohl sah der Oheim die Wiederholung eines alten Unglucks in seiner Familie voraus, sah voraus, dass der Sohn zerstreuen werde, was der Vater gesammelt; und diese trube Besorgnis wirkte dazu mit, die Faden seines Daseins abzunutzen.
Um das Seinige zu tun, hatte er die beiden Schulmanner zu einer Beratung uber das Erziehungssystem, welches in betreff des Knaben zu verfolgen sein mochte, einladen lassen. Man kann aber denken, dass deren Gutachten ihm wenig genugten, da ihre Meinungen nur beschrankt und einseitig waren, und seinem scharfen Verstande einleuchten musste, dass die Mittel, welche sie vorschlugen, und welche einander noch dazu widersprachen, gegen eine entschiedne Richtung der Natur nichts verfangen wurden.
Hermann hatte von dem Edukationsrate einen Teil der obigen Notizen eingezogen.
Sprach er mit Theophilien, die er oft des Abends besuchte, von dieser Angelegenheit, so machte sie ein zweideutiges Gesicht. Sie war recht eigentlich zur Plage des Oheims im Schlosse zuruckgeblieben. Er empfand eine sonderbare Furcht vor ihr, wich ihr aus, wo er nur konnte, und hatte viel darum gegeben, wenn mit ihr die letzte Erinnerung an den ehemaligen Besitzer verschwunden ware. Zu dem Ende hatte er ihr bedeutende Summen anbieten lassen, wenn sie ihren Wohnsitz verandern wolle; welches aber immer hoflich von ihr abgelehnt worden war.
Eines Tages brachte Hermann die Sache gegen sie zur Sprache, und fragte in schonenden Wendungen, warum sie einen Ort nicht verlasse, der ihr unmoglich angenehme Gefuhle erwecken konne?
"Lieber", versetzte Theophilie, "Sie kennen das Ungluck nicht. Wenn Sie wussten, was es heisst, vom Erbe verdrangt worden zu sein, nicht mit Gewalt und Ubermacht, das ware leidlicher, nein! auf stillem, rechtlichem Wege, mit erlaubtem Wucher, mit zulassiger Geschaftskunst, Sie wurden mich nicht so fragen. Ihr Oheim hat meinen Bruder zerstort, verfuhrt, zerruttet und ich bin die Schwester des Grafen Julius. Er besitzt unsre Schlosser, gonne man uns nur noch, wie jene Frau sagt, ein Grab bei den Grabern unsrer Ahnen! Hier sind meine Erinnerungen, dieser Schmerz fullt mein Leben aus, es hatte seinen Inhalt verloren, wiche ich von hinnen. Nein, es bleibe bei der Ubereinkunft, die mein Bruder bei dem Verkaufe der Guter machte, dass ich hier zeitlebens Wohnung, und nach dem Tode auch Unterkommen im Erbbegrabnis finden solle. Ich bin die Huterin der Rasensitze, der Pavillone, aller der Platze, die unsre muntren Feste sahn, sie verwildern, verwittern, veralten, wie ich; ein geheimes Band der Sympathie schlingt sich von ihnen zu mir, ich muss es ehren."
Hermann wunderte sich uber die Erhebung, womit Theophilie sprach. Dieser Ton war ihr sonst nicht eigen, sie pflegte leicht, ja leichtfertig zu reden, aber sie geriet, wie er nunmehr ofter wahrnehmen konnte, jedesmal in jenen Schwung, wenn sie an das Ungluck ihres Hauses dachte. Aus hingeworfenen Reden liess sich schliessen, dass sie ein Geschick ahne, welches den Oheim ganz daniederwerfen werde, und leider schien sie sich darauf zu freuen, wenn sie sich dies auch nicht eingestehen mochte.
So bedroht, so innerlich gefahrdet und untergraben war der Zustand des Oheims, wahrend nach aussen hin Vermogen und Ansehn ins Unermessliche wuchsen. Man konnte sagen, dass er eine Macht darstelle. Denn nicht allein, dass seine Handelsverbindungen uber die ganze Erde griffen, auch mit den Fursten und Regierenden war er in Verhaltnisse gediehen, bei welchen er, da er mehr zu gewahren, als zu erbitten hatte, sich ziemlich auf gleichem Fusse zu ihnen halten durfte. Sie ehrten ihn denn auch auf mancherlei Weise, verliehen ihm Titel, die er nicht fuhrte, weil sie ohne Ertrag waren, und noch in den Tagen von Hermanns Anwesenheit traf ein Orden hoher Klasse ein, von welchem aber der Neffe nur durch die dritte Hand etwas vernahm, weil das schimmernde Kreuz, nachdem der Empfanger es fluchtig beschaut hatte, still weggestellt worden war.
Vom Schlosse hatte der Oheim seine Wohnung, wenigstens zum Teil, deshalb hinabverlegt, weil ihm die Nahe Theophi-liens immer widerwartiger geworden war. Aber im Kloster erwartete ihn ein andrer Verdruss. Bei der Sakularisierung hatte man fur die katholische Umgegend den Gottesdienst in der Kirche erhalten, der Weg zu ihr fuhrte quer durch das nunmehrige Wohnhaus, und sie selbst befand sich hart an den Geschaftszimmern des Besitzers. Seinem Sinne, welcher dem Kirchlichen durchaus abgeneigt war, wurde nun taglich die Pein, einen Zug Andachtiger durch das Haus wandern zu sehn, und das Klingeln der Messe vernehmen zu mussen. Um so unangenehmer fur ihn, als er den katholischen Kultus eigentlich geradezu hasste, da dieser die Menschen nach seiner Meinung zum Unfleisse verfuhre. Schon mehrmals hatte er versucht, sein Eigentum von jener Last zu befreien, hatte sich selbst erboten, den Katholiken eine neue Kirche bauen zu lassen, allein die Geistlichkeit, wohl wissend, wie erspriesslich ihrer Sache ein traditionelles Altertum sei, war dagegen stets auf das Bestimmteste eingekommen, und die Behorden konnten wohlerhaltne Rechte nicht aufheben.
Mit allem Gelde vermochte er daher nicht, sich vor den Reminiszenzen des Adels und der Kirche zu schutzen, uber deren Eigentum der Zeitgeist ihn zum Herrn gemacht hatte. Unter den protestantischen Arbeitern aber tat sich eine neue Wirkung umgestalteter Lebensverhaltnisse auf, die dem Oheim fast noch unleidlicher war, als der unter seinen Augen sich ruhrende Katholizismus. Die sitzende Lebensart, welche an die Stelle der Bewegung in freier Luft getreten war, hatte bei vielen den Boden fur die pietistische Richtung zubereitet; einige Werkmeister, welche von der Wupper kamen, brachten den Samen mit, und bald war eine zahlreiche stille Gemeine entstanden, in welcher die Erweckten predigten, und jedermann mit der Gnade des Herrn, dem Blute des Lamms, und wie die Schlagworte jener Herde sonst noch heissen mogen, gewandt umzuspringen wusste.
In Hermann, welcher alle diese Unanehmlichkeiten kennengelernt hatte, regte sich der alte Eifer, zu helfen. Der Oheim bezeigte sich immer freundlicher gegen ihn, sein Widerwille schien verschwunden zu sein, er hatte die Gesellschaft unsres Abenteurers gern, und schenkte ihm uber manche Dinge Ver-traun. Dieser bedachte nun schon dankbar im stillen, wie das Fraulein dennoch zur Verlegung ihres Wohnsitzes auf eine zarte Weise zu vermogen, das Naturell des wilden Knaben in die dem Oheim gefalligen Wege zu leiten, und die widerstrebende Geistlichkeit biegsamer zu machen sein mochte, hatte auch uber alle diese Dinge bei sich einen Plan entworfen, in welchem jedes Hindernis beseitigt war, als ihn eine Mitteilung des Edukationsrats stutzig und an diesen wohlgemeinten Entwurfen irremachte.
Es war ihm aufgefallen, dass der Rektor ihn sichtlich vermied, und wenn er nicht ausweichen konnte, ihm nur mit Widerstreben Rede stand. Da er sich nun durchaus keiner Verschuldung gegen den Schulmann bewusst war, so musste er den Grund zu jenem Betragen in einer allgemeinen Verstimmung des Alten suchen. Er fragte den Edukationsrat bei Gelegenheit danach, worauf dieser versetzte: "Allerdings hat meinen Freund das schlimmste Schicksal betroffen. Ein wundersam scheinendes Gluck fuhrte nur dazu, sein Hauswesen heftig zu erschuttern, wo nicht von Grund aus zu zerstoren. Jener totgeglaubte, aus Russland zuruckkehrende Sohn wurde von den Eltern, die ihn gleichsam aus dem Grabe wiederempfingen, mit einer Mischung von Liebe, Graun und Mitleid aufgenommen. Der Vater, durch Ihren Brief benachrichtigt, kaum seiner machtig, holte den Verlornen aus der Hirtenhutte ab, welche der Ungluckliche eben hatte verlassen wollen, um in die weite Welt zu schweifen. Man erschrak uber seine Gestalt, sein Wesen, hoffte aber durch Sorgfalt und Pflege ihn wieder zum Menschen zu machen.
Aber es zeigte sich bald, dass diese Hoffnungen eitel gewesen waren. Der Elende hatte zu viel gelitten, sein Physisches und Moralisches war zerruttet. Bald mussten die Eltern zu ihrem Schmerze sich uberzeugen, dass Eduard zwar alles Liebe und Gute, was ihm geboten wurde, sich gefallen liess, dass aber kein dankbares Gefuhl in seiner Seele dadurch geweckt wurde. Nur die Not und das Elend schienen ihn noch aufrecht gehalten zu haben, sobald ihn das bequeme, gemachliche Leben im vaterlichen Hause umfing, brachen jene herben Stutzen zusammen, und er versank von Tage zu Tage mehr. Ein unmassiger Hang zu geistigen Getranken begann sich zu aussern, den der Verwilderte auf alle Weise heimlich zu befriedigen wusste. Bald nahm man Spuren des Irrsinns wahr, der endlich zur Tobsucht fuhrte. Die Paroxysmen dieses Zustandes zerstorten die letzten Krafte der Seele; es folgte eine stille Verrucktheit, in welcher er, unschadlich, willenund gedankenlos, nur noch so fortbrutet. Die Eltern haben ihn aus dem Hause und zu guten Leuten getan, welche ihn verpflegen und am Morgen bei hellem Wetter in die Sonne setzen, wo er dann, ohne sich zu bewegen, oder zu sprechen, den Tag uber sitzen bleibt.
Der Gram uber dieses Geschick warf die Mutter auf ein Krankenlager, von dem sie nur langsam, schwer, erstanden ist. Der Ungluckliche hatte den Stoff so mancher Ansteckung in die Familie gebracht, die Wirkung seines Aufenthalts ist die ubelste auf die jungeren Knaben gewesen. Zwischen den Konrektor und Wilhelminen trat er wie ein Gespenst; sie gaben einander nach heftigen Zwistigkeiten ihr Wort zuruck, und der Verlobtgewesene hat sich einen andern Wohnort gesucht. Kurz, diese Vorfalle bestatigen die Lehre, dass keiner heimkehren muss, wenn er nicht mehr vermisst wird."
"Sie bestatigen noch eine andre Lehre!" rief Hermann sehr traurig aus. "Man soll die Hande in den Schoss legen, und nichts fur andre sinnen und tun; dann ist man sicher, dass man ihnen nicht schadet. Was in der reinsten Absicht geschieht, bringt Tod und Verderben, und wer seinen Nebenmenschen aus dem Wasser zieht, kann ihn dabei erdrucken."
Funftes Kapitel
Er hatte gehort, dass Cornelie sich auf einer kleinen Meierei, unweit der Fabrikbesitzungen befinde, wo sie die Molkenwirtschaft lerne. Dorthin war sie vom Oheim gesendet worden, um die taglichen Beruhrungen zwischen ihr und Ferdinand zu hindern, welche nach der Ruckkehr des Madchens bei dem Knaben einen immer leidenschaftlicheren Charakter angenommen hatten. Ohne selbst recht zu wissen, was er beginnen wollte, und ungeachtet er dem Oheim das Wort gegeben hatte, nichts in dieser Sache eigenmachtig zu unternehmen, befand er sich eines Tages kurz nach den erzahlten Vorfallen auf dem Wege zur Meierei. Dieser fuhrte ihn an schroffen Felsen und bebuschten Hugeln vorbei, bis endlich im anmutig grunsten Wiesentale sich das reinliche, rot und weiss angestrichene Gebaude zeigte. Schones, saubergehaltenes Vieh graste auf dem samtnen Rasen umher; unter niedrigem Gestrauch, zwischen Gitterwerk eingehagt, scharrte und pickte allerhand Geflugel; hubsche kraftige Magde gingen mit ihrer Marktladung auf dem Haupte durch das Tal den umsaumenden Hugeln zu; der blauste Himmel spannte sich uber der friedlichen Szene aus.
Hermann betrat das Haus, in welchem ihm der frische Molkengeruch entgegenduftete, mit einiger Beklemmung, da er von der Zusammenkunft mit Cornelien einen heftigen und angstlichen Auftritt besorgte. Niemand begegnete ihm, und so ging er auf das Geratewohl nach einem Gemache, in welchem er ein Gerausch vernahm. Die Ture offnend, sah er Cornelien bei der landlichen Arbeit in Gesellschaft der Schaffnerin und einiger Dienerinnen.
"Ich bin es, Cornelie, erschrecken Sie nicht!" sagte er. "Warum sollte ich erschrecken?" versetzte sie unbefangen. "Ich habe Sie langst erwartet, da ich wusste, dass Sie bei dem Oheim waren."
Sie wies ihn nach ihrem Zimmer und bat ihn, dort allein zu verweilen, bis ihre Arbeit, welche sie nicht aufschieben konne, getan sei. Er ging durch das Haus, welches von hollandischer Reinlichkeit glanzte, betrat das Stubchen, und sah sich dort von dem lieblichsten Bilde der Ordnung angelachelt.
Nicht lange, so erschien Cornelie. Sie reichte ihm von freien Stucken die Hand, begrusste ihn mit dem traulichen Du, und da er, von ihrer Lieblichkeit bezwungen, seine Lippen den ihrigen naherte, duldete sie, ihm zum Erstaunen, seinen Kuss. "Warum bist du so lange ausgeblieben?" fragte sie. "Du warst in meiner Nahe und ich erwartete dich taglich."
Hatte er sich vor Zwang und peinlichem Wesen gefurchtet, so setzte ihn dieser unbefangne Empfang noch mehr ausser Fassung. Um sich zu sammeln, bat er sie, mit ihm einen Spaziergang zu machen, was sie gern gewahrte. Sie fuhrte ihn auf einen Hugel, von welchem er den Uberblick uber das ganze Tal hatte. Man sah nur dieses, und nirgends sonst menschliche Wohnplatze, weil die Turmspitzen der benachbarten Ortschaften sich alle hinter den vorspringenden Hugeln verbargen. Hiedurch erhielt die Gegend etwas unglaublich Stilles und Einsames. Dieser Eindruck wurde noch dadurch vermehrt, dass hier seit Menschengedenken nur das einfachste Geschaft, die Viehzucht betrieben worden war, das Geschaft, welches dem Boden die wenigsten Spuren menschlichen Verkehrs aufpragt. Denn das Tier wandelt da und dort uber den Anger, sein Schritt furcht ihm keine Strasse ein, und was sein Zahn abrupfte, ist in wenigen Wochen wieder nachgewachsen.
Hermann, der das heitre, lebenskraftige Madchen neben sich in dieser Abgeschiedenheit ansah, fragte sie, ob ihr diese, und ihre einformige Beschaftigung nicht doch bisweilen zuwider werde?
"Niemals", versetzte Cornelie. "Bin ich nicht eine Waise? Ist mein Los ein andres, als dienstbar zu sein? Ich muss dem Vater herzlich danken, dass er mir Gelegenheit bietet, die Hande zu ruhren. Und dann fallt unter den Kuhen und Schafen auch so manches vor, was immer Abwechslung gibt. Da entsteht Zank und Eifersucht, Versohnung nebst allerhand Geschichten, wie unter den Menschen.
Es ist ein trauriges Schicksal, keine Eltern zu haben", setzte sie ernster hinzu. "Dein Oheim und deine Tante wollten mich es nie fuhlen lassen, und doch konnte ich es wohl merken. Ich kann nie vergelten, was sie an mir getan haben, und doch bin ich immer dessen mir bewusst gewesen, dass ich niemand angehorte. Wenn von der Zukunft, von ihren Planen die Rede war, da horte ich immer nur Ferdinands Namen, und meinen nicht mit. Das hat sich mir tief eingepragt. Aber man lernt unter solchen Umstanden fruh, sich selbst helfen, und so jung ich bin, so fuhle ich doch, dass ich wohl allein durch die Welt kommen wollte. Das Harteste erfuhr ich in dem Waldhause, wo du uns trafst. Die Mutter begehrte in ihrer Fieberhitze zu trinken, Ferdinand und ich, wir kamen beide mit einem Glase zum Bette, mich wies sie zuruck und nahm von Ferdinand das Getrank an. Es war freilich nur Phantasie, aber es krankte mich doch sehr; ich setzte mich, bitterlich weinend, in eine Ecke. Nicht lange darnach tratest du ein."
Unter solchen Gesprachen waren sie in das Tal hinuntergestiegen. Hermann nahm wahr, dass die Hirten und Melkmadchen, Cornelien, wie sie an ihnen voruberging, mit einem Ausdrucke grussten, der an Ehrfurcht grenzte. Ja, eine junge schwarzbraune Dirne, die aus feurigen Augen schaute, sank vor ihr, wie vom Gefuhl uberwaltigt, in die Knie und legte die Hand Corneliens sich auf das Haupt.
Ein Lammchen kam aus der Herde munter auf Cornelien zugesprungen, und gab durch schmeichelnde Gebarden ein Anliegen zu erkennen. Sie beugte sich zu dem zarten Tiere hinab, nahm ein Milchflaschchen aus dem Busen, und trankte das Geschopf, welches sich vertraulich an die Knieende anschmiegte, aus der hohlen Hand. Hermann betrachtete mit Vergnugen das reizende Bild. Nachdem sie ihr mildes Geschaft vollbracht, erhob sie sich und sagte: "Das Narrchen hat seine Mutter verloren, und obgleich ein andres mitleidiges Stuck der Herde deren Stelle schon oft bei ihm vertreten hat, so sucht es doch immer mich und mein Milchflaschchen, wenn ich mich zeige."
Alles, was Hermann hier sah und horte, gab ihm das Gefuhl eines sussen Friedens, und er malte sich mit Entzucken das Bild der Hauslichkeit aus, welche ihm Cornelie gewahren wurde. Denn dass sie nicht langer sich seinem treugemeinten Werben widersetzen werde, war ihm nach dem traulich-liebevollen Empfange, den er hier uber alle Erwartung gefunden hatte, gewiss.
Bei der Mahlzeit, die aus den einfachsten Gerichten bestand, war nur noch eine dritte Person zugegen, die alte Schaffnerin. Ihre Verneigung, tief und formlich, verriet die ehemalige Klosterjungfrau, und wirklich war sie es. Sie hatte den Oheim ersucht, ihr dieses Amt zu geben, und er, der jeder Tatigkeit hold war, hatte ihren Wunsch gern gewahrt, ihr uberdies die Pension gelassen, welche ihre ubrigen Schwestern, die Hande im Schoss, verzehrten.
Obgleich auch durch den Oheim aus dem gewohnten Lebenskreise vertrieben, gehorte sie wenigstens nicht zu seiner Gegenpartei, und bildete durch ihre Reden einen anmutigen Kontrast mit Theophilien. Sie verhehlte gar nicht, dass sie schon im Kloster sich zu den Freidenkerinnen geschlagen habe, und dass ihr die Erlosung aus der Klausur herzlich willkommen gewesen sei. Sie wusste hundert lacherliche Geschichten von den kleinen Intrigen jenes Zwangszustandes zu erzahlen, und wie die Nonnen sich die lange einformige Zeit durch allerhand seltsame Spielereien verkurzt hatten.
"Einer dieser Zeitvertreibe", sagte sie, "war das Spiel mit dem Jesulein. Jede der Klosterschwestern hatte so ein Puppchen in der Zelle, welches sie auf das kostlichste aufputzte, alle Abende entkleidete, und mit zu Bette nahm. Man nahrte es, wartete es ab, behandelte es vollig wie ein lebendes Kindlein. Wenn dann die Nonnen zusammenkamen, so erzahlte eine jede, wie klug ihr Jesulein sei, der einen ihres konnte schon lesen, ein andres lernte das Zimmerhandwerk, ein drittes hatte der Mutter die Brust wund gesogen, dass sie Umschlage auflegen mussen, und was der Possen mehr waren. Die Abtissin sah der Sache lange nach, endlich hielt sie sich doch in ihrem Gewissen verbunden, die fromme Tandelei dem Beichtvater zu entdecken, durch den es vor den Bischof kam. Dieser traf plotzlich eines Tages im Kloster ein, hielt eine strenge Visitation und predigte scharf gegen Profanation der heiligen Dinge, worauf denn die Jesulein abgeschafft werden mussten, und wir nicht mehr die Mutter Gottes spielen durften. Einige Schwestern behaupteten aber nach diesem Verbote ganz treuherzig, das Milchfieber zu haben."
Cornelie hatte bei dieser und andern derartigen Plaudereien still und schweigsam gesessen. Hochst wohltuend war ihm die Sitte und Ordnung, welche, im Gegensatze zu des Oheims Tafel, an diesem kleinen Tische herrschten. Servietten und Tucher waren zierlich gefaltelt, Schusseln und Teller symmetrisch gestellt, die Magd, welche aufwartete, und dies Geschaft flink und geschickt verrichtete, sauberte nach jedem Gerichte Messer und Gabeln.
"Wo hat sie das gelernt?" fragte Hermann die Schaffnerin, als Cornelie sich nach Tische auf einige Augenblicke entfernte.
"Es muss ihr so angeboren sein", versetzte die Alte. "Bei dem Oheim hat sie alles das freilich nicht absehn konnen, und die selige Tante verstand auch nicht, diese Zierlichkeit in die alltaglichen Dinge des Hauswesens zu bringen. Ich aber hatte hier mehrere Jahre lang einsam gehauset, und wenn man fur sich allein ist, hat man auf dergleichen nicht acht. Sobald sie herkam, fing sie an, es so einzurichten, und in kurzer Zeit hatte sie jeden an diese Akkuratesse gewohnt. Uberhaupt ist mir das Kind ein rechter Segen in der Meierei. Vorher ging es zwischen den Hirtenknaben und den Magden wild und liederlich zu; und seit sie hier ist, hat sich auch das gegeben, ist alles keusch und sittsam geworden. Es scheint, dass in ihrer Nahe nichts Unreines den Mut hat, sich hervorzuwagen."
Er machte sich von der Alten, die gern noch fortgeschwatzt hatte, los, und brachte einige Stunden des Nachmittags fur sich zu, um seinen Entschluss in Ruhe vorzubereiten. Aber ein solches Abwarten bringt den entgegengesetzten Erfolg hervor; er wurde nur immer unruhiger und betrat gegen Abend mit starkem Herzklopfen das Blumengartchen, welches sich Cornelie neben dem Hause angelegt hatte, und worin er sie ihre Pfleglinge begiessen sah.
Doch nahm er sich zusammen, trat zu ihr, ergriff die Giesskanne, und trankte die Pflanzen. Nachdem dies geschehen war, wobei ihm Cornelie lachelnd zugesehen hatte, fasste er sanft ihre Hand, und sagte: "Du weisst, geliebte Cornelie, warum ich gekommen bin."
"Ich kann es mir denken", versetzte sie leicht errotend. "Und da du nun hier bist, so wollen wir die Sache auch recht klar besprechen."
Sie gingen zusammen nach einer Laube und setzten sich. Noch hielt er ihre Hand, die sie ihm ohne Widerstreben liess. "Du hast mir nicht geschrieben!" rief er. "Aber alles ist vergeben. Das Gedachtnis dieser lieblichen Stunden, die ich heute mit dir verleben durfte, loscht jede bittere Ruckerinnerung aus. Ich habe es durchgedacht und durchgefuhlt, Cornelie, nur deine susse Unschuld, deine holde Stetigkeit kann mich dem Leben gewinnen, meinem Dasein die Grundlagen geben, ohne welche es doch sonst fruh oder spat versinken wird. Ich wiederhole die Frage und die Bitte, die ich an jenem sturmischen Morgen tat, ich wiederhole sie heute mit voller Ruhe und Sicherheit des Gemuts. Willst du die Meine sein? Der Oheim wird einwilligen, wenn er unsern Ernst sieht; sein Sinn hat sich gewendet, er ist mir nicht mehr unfreundlich."
"Ich habe dich angehort, nun hore auch du mich an", versetzte Cornelie mit niedergeschlagnen Augen. "Dass ich mich nicht gegen dich verstellen kann, weisst du, und mein Herz kennst du. Ich denke an dich, wo ich bin und weile, das war seit der Nacht im Walde so bei mir entschieden, und mit Freuden ginge ich fur dich in den Tod. Es ware mir auch kein grosseres Gluck auf der Welt, als wenn ich dich so taglich einige Stunden sahe, oder wenn das nicht anginge, so ware ich schon zufrieden, wenn du nur abends im letzten Strahle der Sonne auf die Spitze des Hugels dort tratest, der so grun in das Tal schaut, und ich dann dein Bild von fern in mir empfinge, und es still mit mir zur Ruhe nahme. Sieh, so ist es mit mir. Deinen Wunsch erfulle ich nicht, das ist auch beschlossen."
"Um Gottes willen", rief Hermann besturzt, und sprang auf, "was ist das?"
"Bleibe ruhig, Lieber", sagte Cornelie. "Wie ubel ware es, wenn wir jetzt uns nicht zu finden wussten. Du fragst mich, was das sei, was zwischen dir und mir so hindernd steht? ich weiss es selbst nicht. Wie gern mochte ich, dass es anders ware, aber kann ich dafur, dass es nun einmal so ist? Die Tage, welche deiner heftigen Erklarung im Hause des Rektors folgten, waren schrecklich, ich hatte nie geglaubt, dass ich solche Schmerzen je wurde zu ertragen haben. Ich war dumpf, und wie zerstuckt in mir, wustes Wunderliches bedeckte meine ganze Seele, ich hatte beinahe einen Hass gegen dich, und empfand Ekel vor mir selber. Nachher klarte sich alles, ich wurde ruhig, mein Gefuhl fur dich schied sich recht lieblich aus diesem Wust, aber neben demselben stand auch ganz fest der Widerwille gegen eine Verbindung mit dir, und dieser ist durch nichts vermindert worden."
"Sollte man nicht glauben, ein bleichsuchtiges, krankes Madchen aus der Stadt zu vernehmen?" murmelte Hermann dumpf vor sich hin. "Eine von denen, die verzartelt und uberbildet, nur noch in Uberspannungen und kunstlichen Noten einen gemachten Halt fur ihr Wesen gewinnen?"
"Wie du mich krankst", sagte Cornelie leise. "Kaum verstehe ich, was du meinst, aber recht hart muss es sein."
"Cornelie!" rief er uberlaut, indem der gewaltsamste Schmerz Strome von Tranen aus seinen Augen trieb, "andre dein Wort, sage mir etwas Gutes, Liebes!"
"Ach, was hulfe es dir, wenn ich dich und mich betroge", versetzte sie, auch weinend, und druckte seine Hand mit der zartlichsten Gebarde gegen ihre Brust.
"Du beharrst bei deinem Entschlusse?"
"O, dass ich dein Herz qualen muss!" rief sie, indem sie aufstand, und nach dem Hause ging. Er machte eine Bewegung, ihr zu folgen, sie winkte, dass er es unterlassen solle. Er schlug die Hande vor das Gesicht, und blieb eine Weile in dieser Stellung. Als er wieder aufsah, war er allein. Er riss eine Blume vom Stengel und warf sie wild weg. Die Sonne schickte ihre letzten gluhenden Lichter uber die Hugel; er blickte starr hinein, bis er es vor Schmerz nicht mehr ertragen konnte. Geblendet, taumelnd machte er sich auf den Weg, der zu den Hugeln fuhrte. "So muss dieser Tag enden, so!" rief er laut vor sich hin, und lachte und schluchzte, dass die Begegnenden ihm scheu auswichen.
Sechstes Kapitel
Zwischen den Felsen, an Steinbruchen und Abgrunden vorbei, irrte sein Fuss, und es war ihm gleichgultig, wohin er gelangen mochte. Da er des Weges nicht achtete, so war er bald von dem gebahnten Pfade abgekommen, und musste sich durch Dornen und Schlinggewachse auf steilen Klippenstegen weiterarbeiten. Die Anstrengung, welche ihm dies verursachte, die Pein, welche seine Hande von den scharfen Dornen verspurten, brachte ihn wieder zum Gefuhle seiner selbst, die wildflutenden Gedanken fingen an zu ebben, er war fahig, einen reinen Schmerz uber Corneliens Verlust zu empfinden.
Auf einer Hohe angelangt, wo niedriges Brombeergebusch den Uberblick uber einen betrachtlichen Raum gestattete, horte er von weitem ein Gerausch, welches wie Pferdegalopp klang. Obgleich es ihm unmoglich schien, dass jemand auf solchen Felsen reiten konne, so musste er sich doch bald davon uberzeugen, denn aus dem gegenuberliegenden Dickicht drang der Kopf eines Rosses hervor, welches der Reiter zu gefahrlichen Sprungen durch diese Einode anspornte. Wie erschrak Hermann, als er in dem tollkuhnen Reiter Ferdinand erkannte. Er rief ihm zu, zu halten; der Knabe aber, als er Hermanns Stimme horte und ihn sah, schien nur noch verwegner zu werden, denn er druckte dem Tiere beide Sporen in die Seiten, dass es in gewaltigem Satze vorwarts schoss, nach der Gegend zu, wo Hermann stand. Es war grauenvoll anzusehn, wie die geangstigte Kreatur, schaumend vor Furcht, und doch grausam vorwarts genotigt, uber die nach allen Seiten hin tief zerrissne Klippenhohe setzte, stolperte, sturzte, und halb schon am Boden liegend, sich immer wieder emporraffte. Endlich an einem senkrecht hinuntergehenden Abhange glitt das Pferd aus, und schoss in die Tiefe. Hermann schloss entsetzt die Augen, und meinte, da er sie wieder auftat, Ferdinands Leiche unten zwischen dem spitzigen Gestein erblicken zu mussen; zu seinem Erstaunen aber sah er diesen unversehrt aus der Tiefe heraufklimmen, wahrend das Pferd unten lag und achzte. Wahrscheinlich hatten ihn, bugellos geworden, die Gestrauche im Falle aufgehalten, wahrend das Ross, in seiner starkeren Last von nichts gehemmt, unaufhaltsam hinabsturzte.
Ohne seines beschadigten Tiers zu achten, trat der Knabe mit funkelnden Augen auf Hermann zu. "Du bist bei ihr gewesen? Nicht? Warst du nicht bei ihr? Ihr seid einig!" rief er mit von Zorn erstickter Stimme.
"Beruhige dich", versetzte Hermann, "keiner von uns wird sie haben, sie entzieht sich uns beiden."
"Du lugst!" rief Ferdinand. "Habe ich je zu ihr gedurft? Schreckte sie mich nicht immer von den Hugeln mit einem Blicke zuruck, vor dem keiner standhalten kann? Mit dem Blicke aus den grossen, glanzenden Augen, die ich blindkussen mochte, dass sie sich von mir leiten lassen musste, wohin ich wollte. Aber du sollst das nicht so ungestraft tun, du sollst sie nicht haben, und musste ich dir's in deinem Blute verbieten."
"Dazu kann Rat werden", versetzte Hermann mit kaltem Spott. "Ich habe ein Paar gezogner Lutticher Pistolen zu Hause. Komm mit, wir wollen laden, das Mass nehmen, und wer den andern totschiesst, der nehme Cornelien hin."
"Sacht!" rief Ferdinand, indem er sich einige Schritte zuruckzog. "Mit dir mich zu schiessen, ist mein einziger Wunsch, aber erst will ich es vom alten Kammerjager lernen, den ich hier im Gebirg ausfindig machte, und wann ich ein Kartenblatt im Fallen treffe, dann sollst du mir schon Rede stehn."
"Recht", sagte Hermann, "du bist ein echter Kaufmannssohn, willst eine sichre Spekulation auch auf deines Gegners Tod machen. Nun so lerne das Schiessen von deinem alten Kammerjager, und wenn du es kannst, wollen wir uns weitersprechen."
Er ging. Der Knabe blieb auf den Felsen zuruck und uberliess sich ganz der Raserei wutender Eifersucht. Mehrere Tage lang blieb er unsichtbar.
Hermann kam in spater Nacht erst wieder heim. Er warf sich auf sein Lager, druckte das Haupt in die Kissen, und versuchte zu schlafen, jedoch vergebens.
Welche traurige Tage er nach diesem verlebte, wird jeder mitzufuhlen wissen, der die Gewalt reiner Empfindung kennt. Kein wildes Verlangen zog ihn nach Cornelien, es war das lauterste Bewusstsein, dass er in ihr einen Halt fur sein zerstreutes, zweckloses Leben finden werde, und darin war er nun so schmerzlich, und wie es schien, fur immer gestort. Was sie zu ihrem Verhalten bewege, war ihm unerklarlich. Er suchte nach geheimen Grunden, und der offenbare, welcher vielleicht alles aufgehellt hatte, blieb ihm verhullt.
Den Oheim sprach er nur noch einmal an der Hugelgruft der Tante. Der alte Mann war uber den eigenmachtigen Schritt Hermanns sehr verdriesslich, und seine Stimmung mochte durch die Besorgnis uber das wilde Herumtreiben Ferdinands nur noch ubler geworden sein. Er barg dem Neffen seine Erbittrung nicht, und dieser hatte alle Selbstbeherrschung, welche ihm die Rucksicht auf Alter und Verhaltnis zur Pflicht machte, notig, um nicht einen schlimmen Auftritt herbeizufuhren.
"Du hast das gute Kind erschreckt, das war nicht recht, nicht loblich!" rief der Oheim. "Vor meinem unsinnigen Knaben habe ich sie geborgen, nun kommt ein andrer Storenfried, der auf ihre Ruhe einsturmt! Wie kannst du dich rechtfertigen, ja, wie willst du dich nur entschuldigen?"
"Sie kennen meine Absichten", versetzte Hermann gelassen, "und in ihnen liegt meine Rechtfertigung."
"Und warst du der Mann, sie zu realisieren?" fragte der Oheim. "Weisst du, wer du bist, wem du angehorst? Hast du eine Familie? Es besteht alles in der Welt nur durch Ordnung, Hauslichkeit, Burgertugend; wer dagegen angeht, ist mir verhasst, er sei, wer er wolle. Mit Ehren habe ich mein Haus auferbaut, zu dem ich Cornelien rechne, unsern Kreis hat nie eine vornehme Sunde, nie die Leichtfertigkeit eines grossen Herrn befleckt; still und fleissig, massig und nuchtern haben wir unsre Tage hingearbeitet, das Unsrige vermehrt. In diesem Lebensgange will ich, bis ich hier an der Seite meiner guten Frau ruhe, verbleiben, und bin entschlossen, von dem, was mir lieb ist, alle Abenteurer, Mussigganger und Blendlinge fernzuhalten, deren Nahe uns andern doch nur Schaden, Auflosung und Elend aller Art bringt."
"Ihre Vorwurfe sind zum Teil ungerecht, zum Teil verstehe ich sie nicht einmal", erwiderte Hermann.
"Wohl dir, wenn du mich nicht verstehst; lies die Brieftasche, da wirst du erfahren, was ich meine!" rief der Oheim, und stieg in sein Wagelchen, welches die Burschen herangefahren hatten. Das Wagelchen setzte sich in Bewegung, ohne dass der Oheim zu Hermann ein Wort des Abschieds gesprochen hatte.
Dieser blieb auf einem Steine sitzen, und sah in dumpfer Betaubung den Arbeitern zu, welche das Grabgewolbe austieften. Sein Herz zerrissen tausend widrige Empfindungen, dass alles, was so freundlich sich anzulassen geschienen hatte, nun so hart sich loste.
Er fuhlte seine Schulter angeruhrt und wendete sich. Theophilie stand hinter ihm. "Es ist sonst meine Art nicht, diese Region zu besuchen", sagte sie, "aber da ich vom Tale aus Sie hier so traurig sitzen sah, und den Wortwechsel mit dem Oheim gehort hatte, so trieb mich die Neugierde her. Was hat es mit ihm gegeben?"
"Er beschalt mich ohne Grund, und hielt eine Lobrede der Burgertugend, von der ich die Veranlassung bei dieser Gelegenheit, und an diesem Orte nicht einzusehen vermag", sagte Hermann.
"Burgertugend!" rief Theophilie spottisch. "Und fuhlt er sich denn so sicher, der ehrenfeste, tugendbelobte Burgersmann? Es ist ein eignes Gefuhl, eine frohe Genugtuung, seinen Feind in der Gewalt zu haben. Denn es kostet mich nur ein Wort, so fallt dieser aufgespreizte Burgerstolz, dieses Prunken mit unbefleckter Hauslichkeit zusammen, wie ein Kartenhaus."
Sie wollte sich rasch entfernen, und schien zu bereun, was sie gesagt hatte. Hermann hielt sie zuruck. "Abermals vernehme ich Reden aus Ihrem Munde, welche mir in Zusammenhange mit Entdeckungen der Mitternacht zu stehn scheinen", sagte er. "Entweder lehren Sie mich diese vergessen, oder geben Sie mir das volle, wenn auch schreckliche Licht."
Sie stutzte. Er erzahlte ihr, was er in tiefer Nacht von ihren unbewusst plaudernden Lippen erhorcht hatte. Ihre leichtfertige Natur brach in ein herzliches Gelachter aus. "Nun", rief sie, "da sieht man, dass es sogar gefahrlich ist, einen Mann im Sarge neben sich liegen zu haben! Was fur schones Zeug hatten Sie da von mir erfahren konnen! Also ich spreche im Schlafe, das ist etwas, was ich noch nicht wusste, und was mich bestimmen wird, in Zukunft beim Schlafengehn ein Papagenoschloss auf den Mund zu legen, denn nicht immer mochte man so diskrete Wandnachbarn haben."
Er unterbrach diese Reden mit heftig eindringenden Erkundigungen. "Lassen Sie es doch gut sein", versetzte sie, "begnugen Sie sich mit dem, was Sie horten."
"Nein!" rief er. "Es ist unsre Natur, dass wir alles zu ergrunden streben bis auf den letzten Schauer des Abgrunds. Es betrifft meine Familie, Sie sind mir die Aufschlusse, welche ich begehre, schuldig."
"Ungestumer Mensch! Hatten Sie meinen Schlaf nicht belauscht, so erfuhren Sie doch nichts. Horen Sie denn; die Arbeiter haben Feierabend gemacht, wir sind allein. Ihr Oheim tut nicht wohl, sich an dieser Stelle mit seiner Familienehre zu brusten, und lacherlich ist es, dass er hier, hier oben ein Monument ehelicher Liebe und Treue mit so vielem Aufwande in Erz und Marmor prunken lassen will, denn hier, gerade hier war es, wo die zartliche Gattin in linder lauer Mondnacht mit meinem Bruder die ersten leidenschaftlichen Schwure wechselte, und deshalb hatte die Frau den Ort so lieb; er erinnerte sie an die gluhende Stunde, welche die verbotne Wonne ihres sonst armen und traurigen Lebens schuf."
Hermann lag mit dem Gesichte auf der Lehne des Stuhls. Theophilie fuhr fort: "Die Tante hatte in halber Kindheit den Oheim heiraten mussen. Sie war ein lebhaftes Madchen voll Feuer und Einbildungskraft gewesen. Nun, was einem solchen Geschopfe dieser Herr Gemahl bieten konnte, vermogen Sie so einzusehn. Sie hat mir nachmals, als ich ihre und ihres Verhaltnisses Vertraute geworden war, gestanden, dass sie unter den Comptoirbuchern und Zahlbrettern des rechnenden Eheherrn oft dem Selbstmorde nahe gewesen sei. Mein Bruder trat mit Ihrem Oheim in Verbindung, er bemerkte die junge, in ihrem Darben anziehende Frau, und von dem Augenblicke an war die Sache zwischen ihnen entschieden. Ihm widerstand zu seiner Zeit kein weibliches Herz, er gab ihren Lippen freilich eine andre Speise als der gute Kommerzienrat, und ruhrend ist mir gewesen, wie sie mir noch auf ihrem Sterbebette, ungeachtet aller Gewissensskrupel, die ich ihr nicht ausreden konnte, klagte, sie werde, wenn sie noch einmal anfinge zu leben, dieser Liebe sich dennoch wieder ergeben mussen.
Mein Bruder widmete ihr die heftigste Leidenschaft; es war das letzte Auflodern seiner Natur, die sich noch einmal in ihrer ganzen Flammenpracht zeigen wollte, bevor sie erlosch. Er dachte auf Entfuhrung, sie sollte sich scheiden lassen, und als diese Wunsche an den Bedenken der Tante, welche ihren Ruf uber alles schatzte, scheiterten, sturmte er seinen Kummer und Verdruss in der unbandigsten Verschwendung aus. Der Oheim mochte mit stiller Schadenfreude zusehn, wie mein Bruder sich ihm rucksichtslos in den gefahrlichsten Verschreibungen hingab, er wusste nicht, welch eine Unruhe es war, die seinen Schuldner trieb, die unerschwinglichsten Zinsen zuzusagen, und wie der Graf sich denn doch anderweit im Hause des Burgers entschadigte.
So gewann Ihr Oheim Geld und Land, und verlor die Frau. Mir, die ich ihn seit dem Beginne dieser Dinge herzlich hasste, war es recht erquicklich, zu sehen, wie der Mann, welcher sonst das Graschen wachsen horte und die Sonnenstaubchen zahlte, in betreff der nachsten Angelegenheiten taub und blind war. Seine Neigung zu der Tante wuchs, je weiter diese in ihrem Herzen von ihm hinwegtrat, wobei er, echt spiessburgerlich, auf alle die Zeichen der Entfremdung, welche einem kundigen Auge nur zu offenbar waren, durchaus nicht achtete, sondern vermutlich meinte, sie musse ihn, weil sie sein angetrautes Weib sei, auch lieben. Als nun endlich nach langem Hoffen und Harren ein Sohnlein erschien, da war des Familienglucks kein Mass und Ziel. Es kommt alles zu seinem Gleichgewichte, und zu seiner Vergeltung; diese Erfahrung trostet einen, wenn man dem Verlaufe der Sachen in der Welt zusehn muss, ohne glucklich geworden zu sein. Meinen Bruder richtete die Torheit fur die schone Kaufmannsfrau vollends zugrunde, und sein Verderber handelte sich von ihm die Schande ein. Denn selbst die Zession, womit Ihr Oheim unsre Verwandten angstiget, ist doch nur ein Denkmal der Unehre. Julius wollte auf sein Kind, auf das Kind seiner heimlichen Entzuckungen, die Anspruche auf die Standesherrschaft ubertragen, und deshalb stellte er jene Akte dem Titularvater aus."
Hermann fuhr heftig auf. "Das ist nicht wahr!" rief er, sich selbst vergessend, aus.
"Ei, ei, mein Herr", versetzte Theophilie, "eine Lugnerin nannte mich bis jetzt noch niemand. Ich versichre Sie, Ihr Oheim hat so wenig Anteil an seinem sogenannten Sohne Ferdinand, als ich an den Bergwerken von Peru. Wollen Sie mir nicht glauben, so lesen Sie die Liebesbriefe meines Bruders und Ihrer Tante, welche sich in meinem Gewahrsam befinden, und alles, was ich Ihnen erzahlen musste, mit vielen schwarmerischen Ausrufungen bestatigen. Sind Sie noch so jung, zu glauben, dass ein Paar Verliebter sich auf die Lange damit begnugt, in den Mond zu sehen, oder Vergissmeinnicht am Bache zu
pflucken?"
"Die Briefe!" rief Hermann. "Das also waren die Briefe, wovon die ungluckliche Frau im Forsterhause auf ihrem Krankenlager so angstlich phantasierte! Ich bitte Sie um alles in der Welt, vernichten Sie diese Urkunden der straflichsten Verirrung, lassen Sie sich von Ihrer Leidenschaftlichkeit gegen meinen Oheim nicht hinreissen, und schonen Sie das Andenken Ihres Bruders, einer Frau, welche Sie ja selbst Ihre Freundin nannten!"
Sie wollte sich seinem Andringen entziehn, und meinte, es sei immer gut, die Waffen in der Hand zu behalten. Allein er liess nicht ab, er wusste so gutmutig zu flehen, und ihr Herz, welches im Grunde nicht schlecht war, so in Bewegung zu setzen, dass sie endlich mit dem Ausrufe: "Sie sind ein Narr!" nachgab. Er durfte sie in ihre Wohnung begleiten, wo beide ein Kaminfeuer entzundeten, und mehrere Pakete Briefe und Billette auf buntem oder goldgerandertem Papier, aus welchem Locken, getrocknete Blumen und Bandschleifen in nicht geringer Anzahl herausfielen, den Flammen opferten. Als das erste Paket verbrannt war, hatte zwar Theophilie Reue verspurt, und die ubrigen vor der Vernichtung bewahren wollen, allein sein Eifer siegte uber sie, und da er von ihr zuletzt nach manchem weigernden Worte das feierliche Versprechen erhielt, nie ihre Kunde von diesen geheimen Sunden gegen den Oheim benutzen zu wollen, so schien dessen Ruhe wenigstens fur diese Welt gesichert zu sein.
Siebentes Kapitel
Hermanns erster Gang nach der Ruckkehr in die Stadt war zu Wilhelmi. In seinem Quartiere horte er, dass der Freund zur Meyer in das Haus gezogen sei. Dort vernahm er von einem Bedienten einen abermals erfolgten Wechsel der Wohnung. Besturzt meinte er schon, dass sich auch hier unangenehme Dinge ereignet haben mochten, als er Madame Meyer im Gesprach mit einigen Handelsleuten die Treppe herabkommen sah. Es wurden Bestellungen gegeben, und die Dame schien in diese Geschafte so vertieft zu sein, dass sie selbst der Anwesenheit Hermanns eben keine Aufmerksamkeit widmete. Sie rief ihm fluchtig die jetzige Wohnung Wilhelmis zu, und sagte bescheiden errotend, dass unter den eingetretnen Verhaltnissen eine kurze Trennung schicklich gewesen ware, und dass ihm der Freund viel zu erzahlen haben wurde.
Im neuen Quartiere fand er Wilhelmi ebenfalls nicht. Um die Zeit hinzubringen, begab er sich nach einem offentlichen Garten, wo er hoffen durfte, Bekannte zu treffen. Einer derselben, ein Hausfreund der Madame Meyer, und einer der Spottvogel, nahm ihn sogleich beiseite, und fragte ihn, ob er die Neuigkeit des Tages schon kenne? Ohne seine Antwort zu erwarten, fuhr er fort: "Saturn und Pallas sind in Konjunktion getreten, Wilhelmi und die Meyer haben sich verlobt."
Nichts hatte ihn mehr uberraschen konnen, als diese Nachricht, die bei Wilhelmis krittelndem Sinne und der von Madame Meyer oft ausgesprochnen Ehescheue auch wirklich sehr auffallend war. Er fragte den Spotter nach der Zeit und dem Einhergange dieses Vorfalls, worauf er eine Stadt- und Tagesgeschichte zu horen bekam, von welcher wir freilich nicht wissen, wieviel davon der Wahrheit und wieviel der Lastrung angehorte.
"Unsre Freunde", berichtete der Spotter, "sind unter lauter Kunstbestrebungen auf den Weg der Natur geraten. Schon lange hatten wir eine Annaherung zwischen beiden bemerkt; die Vereinigung der Halften des Sankt Stephansbildes mochte die der Herzen gewaltsam nach sich ziehn, aber den eigentlichen Ausschlag gab doch ein verfehltes Fest zu Ehren des byzantinischen Stils."
"Wie soll ich das verstehn?" fragte Hermann.
"Sie wissen", versetzte der Spotter, "dass die Meyer mit fester Treue an jenen langen spinnenbeinigen Gestalten, an den gebraunten Schwarten und glitzernden Goldgrunden hangengeblieben ist, welche die ubrige Welt nun auch schon wieder zu ermuden beginnen. Das wissen Sie aber nicht, und wir wussten es auch nicht, dass sie im stillen beschlossen hatte, das Ihrige werktatig zur Auferweckung dieses kindlichen Stils beizutragen.
Eines Tages, kurz nach Ihrer Abreise, erhielten die nachsten Freunde des Hauses Einladungen zu einem Fruhstucke. Sie waren nicht formlich, sondern der eine sollte dem andern wissen lassen, dass, wenn man sich von ohngefahr zu der und der Stunde einfande, man willkommen sein wurde. Wir schlossen aus diesen Anstalten zu einer Vereinigung durch Zufall, dass etwas Besondres im Werke sein musse, und verfehlten nicht, uns samtlich einzustellen.
In einem Vorgemache trafen wir Wilhelmi, der uns unter allerhand Gesprachen dort zuruckhielt, dann wie zufallig die Tur offnete, und uns in die Kapelle fuhrte, wo uns denn durch Zufall der Anblick eines lebenden Bildes ward. Die Meyer stand namlich, durch Diadem, gescheiteltes Haar und altdeutsches Gewand der heiligen Elisabeth verahnlicht, in einer Blende, zu welcher Stufen emporfuhrten, und reichte aus einem Korbe, den ein schoner Knabe ihr vorhielt, Semmeln und Wecken an arme Leute, welche von den Stufen oder von dem Fussboden der Kapelle in mannigfaltigen Stellungen zu ihr emporsahn. Einige Dienstmagde in ansprechender Kleidung vollendeten die Gruppe, welche wirklich ein recht artiges Tableau bildete. Die Zofen verrieten durch ihr Blinzeln, dass sie uns wohl bemerkten, wahrend die Meyer mit niedergeschlagnen Wimpern tat, als habe sie unser leises Eintreten nicht wahrgenommen, und durch Wahlen und Verwerfen der Esswaren im Korbe die armen Leute in ihren Stellungen festzuhalten wusste.
Endlich musste man uns aber doch sehen, und nun loste sich das lebende Bild schnell auf. Die heilige Elisabeth kam, anscheinend uberrascht, von den Stufen herab, bewillkommte uns hoflichst, der Junge mit dem Brotkorbe lief davon, ihm folgten die armen Leute, und auch die Dienstmagde verloren sich still durch Seitenturen.
Man servierte uns hierauf in der Kapelle Schokolade und Likor, doch wusste die Meyer das Gesprach durchaus in einer religios-gemutvollen Schwingung zu erhalten, wobei ihr Wilhelmi trefflich sekundierte. Nur die Vertrautesten des Hauses waren eingeladen worden; die Gesellschaft betrug nicht uber zehn Personen.
Wie gewohnlich, wurde nur von Kunst gesprochen. Die Meyer ausserte fromm-seufzend den oft vorgetragnen Wunsch, dass die Maler sich doch nur alle erst zu jener altesten kindlichsten Auffassung zuruckwenden mochten, durch welche allein das Hochste und Tiefste darzustellen sei.
Das letztere wurde ihr zwar in diesem zu gefalliger Nachgiebigkeit eingewohnten Kreise einstimmig zugestanden, dagegen erhoben sich bescheidne Zweifel, ob jene alte Kunst mit Gluck wieder heraufzubeschworen sei. 'Man hat doch nun einmal Jahrhunderte hindurch seinen Blick fur die menschliche Gestalt, wie sie ist, und fur die ubrigen Dinge, wie sie wirklich erscheinen, geoffnet', sagten einige. 'Wie sollte man also die Augen wieder verschliessen konnen, und den Menschen zumuten durfen, anstatt der Muskel eine Linie, gewissermassen eine Chiffre anstatt des verstandlich ausgeschriebnen Worts anzunehmen'.
Da diese Satze, welche in mannigfachen Nutzanwendungen erlautert wurden, den gesunden Menschenverstand fur sich hatten, so trieben sie unsre gute Wirtin etwas in die Enge.
Sie warf einen angstlichen Blick auf Wilhelmi, der denn auch die Stimme erhob und sich also vernehmen liess:
'Die Kunst', sagte er, 'sieht wohl nie die Dinge, wie sie sind, hat sie nie so gesehn, und noch weniger in ihrer Reinheit jemals versucht, sie so nachzubilden. Wollte man dies annehmen, so kame man auf jenes System von der Nachahmung der Natur zuruck, welches denn wieder den Gemalden den hochsten Wert beilegen wurde, in welchen sich die getreuste Abschrift der menschlichen Haut mit allen Haaren, Malern, Warzen und Schrunden zeigt. Diese Wahnmeinungen sind aber abgetan, und man braucht sie kaum noch zu bestreiten.'
'Aber was sieht denn die Kunst, und was versucht sie darzustellen?' fragte jemand.
'Den Geist in der Natur', versetzte Wilhelmi, 'oder vielmehr die Form, welche der jedesmaligen Evolution des Geistes draussen in der Welt der Erscheinungen entspricht. Die Kunst ist geistiger Abkunft, sie erscheint immer im Gefolge irgendeiner grossen religiosen, philosophischen oder poetischen Bewegung, selten mit ihr zugleich, meistenteils etwas nach ihr. So schuf Phidias in seinem erhaben-strengen Stile gewissermassen noch einmal die ernsten Betrachtungen des Thales und der Pythagoraer aus, welche dieser Kunstepoche vorangegangen waren, so waren die spateren schonen und anmutigen Werke Nachklange der allgemeinen Geistesblute der Griechen, in welcher die reichste Mannigfaltigkeit nur die einfachste Harmonie umkleidete.
Und um nun auf unsre byzantinischen Bilder zu kommen, so sehe ich in ihren steifen, schmalen, langen Gestalten, in ihrer symmetrischen Anordnung keinesweges eine so unschuldige Kindlichkeit, die nicht weiss, was sie will und erstreben mochte. Vielmehr erscheint mir hier auf der Holztafel und in Farben dieselbe Richtung, welche sich kurz zuvor auf dem reingeistigen Felde der Scholastik veroffenbart hatte. Das Christentum hatte die Welt von Grund aus umgekehrt, und der menschlichen Seele ein Gebiet eroffnet, auf welchem sie sich nur tappend bewegte. Durch die Scholastik suchte sie sich zu orientieren, das schwankende Gottliche auf die Festigkeit des Begriffs zu bringen, das unerklarbar-Eine durch die Entgegensetzungen dem Dialektik dem Verstande anzunahern. Die erste Kunstform, welche nach der Scholastik, und zum Teil noch gleichzeitig mit den spateren Entwicklungen derselben durch Occam, auftrat, zeigt nun alle diese Elemente vereinigt, und zugleich das Ehrwurdige, wie das Subtile und Durftige jener Richtung. Ganz bewusst, mathematisch-streng, nicht etwa schwachgemutlich bildet der Kirchenglaube die Grundlage der Werke, von diesem gehn sie aus; in der Steifheit und Magerkeit der Formen erscheint der Begriff, und in der symmetrischen Anordnung die Dialektik, kurz jene Bilder sind nichts als gemalte Scholastik.
Diese verfiel, der Glaube verlor von seiner Strenge, der Geist suchte in Freiheit sein Ziel, und konnte auf diesem Wege der ganzen Fulle der Realitaten nicht entbehren. Wieder treu diesem Vorgange schreitet die Kunst der Periode nach, von welcher Cimabue und Giotto die Anfuhrer sind. Das Strengkirchliche tritt mehr und mehr zuruck, Maria wird ein schones, wunderbares Weib, Christus ein begeisterter Lehrer, statt der symmetrischen bildet sich die dramatische Gruppe aus, und wenn die Maler nun allerdings Muskeln statt der parallelen und triangularen Linien malen, so sind es doch Muskeln in Handlung, mithin nur Trager einer geistigen Bewegung. Auch hier ist es nicht die sinnliche Natur, welche gesucht wird, sondern der Geist spiegelt in ihr, welche alle Bilder wiedergibt, nur seine eigne Emanzipation ab.
Jene Periode erreicht ihren Gipfel und stirbt darauf in kranken Zuckungen nach und nach ab. Die Symptome des Verfalls sind trockne Empirie, wollustiger Materialismus, kokettierende Selbstsucht. Alle diese Ubel hat die Kunst mitgelitten.
Wir sind nun auf dem Punkte angelangt, wo wir uns von geistiger Schwelgerei ubersattigt fuhlen, das heftigste Bedurfnis nach einem Obersten, Leitenden empfinden, und uns selbst einen gewissen Schematismus gefallen lassen wurden, wenn er nur dahin fuhrte, in unsre Unordnung Ordnung zu bringen. Ich frage: Liegen einer solchen Stimmung die freien, sinnlichglanzenden Kunstwerke nahe? Wird uns aus den fliegenden Gewandern, aus dem gefalligen Faltenwurfe, und den runden Gliedern und Formen nicht immer eine gewisse Leere und Kalte entgegenhauchen? Wird unser nach der Einheit der Regel schmachtender Geist nicht eine innigere Wahlverwandtschaft mit den alten strengen, symbolischen Bildern empfinden? Und in diesem Sinne muss ich unsrer Freundin vollkommen recht geben, und wenigstens meinesteils auch so viel behaupten, dass wenn in unsrer Zeit eine eigentlich grosse Kunst entstande (was ich aber aus vielen Grunden fur mehr als zweifelhaft halte) diese mit der sogenannten byzantinischen eine starke Ahnlichkeit haben musste.'
Diese Rede, welche manchen Widerspruch fand, wurde von Wilhelmi mit so geschickten und glanzenden Wendungen verfochten, dass er endlich alle Opponenten zum Schweigen brachte. Die Meyer genoss ihren Triumph, und holte leise ein paar uns noch unbekannte Taflein herbei, von welchen allerhand heilige Gestalten, so schmal, als man sie nur verlangen konnte, auf Goldgrunden die Beschauer ansahn. Eine allgemeine Erbauung griff um sich; man fragte die Besitzerin, aus welchem Kloster diese Schatze herruhrten, welche jeder anwesende Kenner unbedenklich dem dreizehnten Jahrhundert zuschrieb.
Unsre Wirtin lachelte und sagte: 'Freund Wilhelmi zweifelt an dem Aufbluhn einer grossen Kunst unter uns, so viel ist aber gewiss, dass es Gemuter heutzutage gibt, in welchen die ganze Begeisterung jener alten Meister schlummert. Ja, meine Freunde, diese Tafeln, von welchen Sie glauben, sie seien ein halbes Jahrtausend alt, sind vor noch nicht zwei Monaten, und hier in meinem Hause gemalt.'
Sie weidete sich an dem Erstaunen der Gesellschaft, und fuhr fort: 'Ich halte einen frommen Jungling bei mir verborgen, welcher diese Bilder verfertigt hat. Durch Zufall machte ich seine Bekanntschaft, und fuhlte mich verpflichtet, ihm fortzuhelfen, da ich sah, dass der Geist der Vater auf ihm ruhe. Noch mehreres als dieses hat er bereits geliefert. Ich sehe Ihr Erstaunen uber das wundersame Talent, und da wir so freundlich beisammen sind, so erlauben Sie mir, ihn unter Ihnen einzufuhren, Ihrer Huld und Gunst ihn zu vertrauen. Gewiss, Sie werden ihn lieben und fordern, wie ich. Gegenwartig malt er an einem Heilande, mit mystisch geschlitzten Augen, welcher die Welt segnet, uberaus ahnlich einem lieben Bilde, dessen ich mich aus einer bohmischen Kirche erinnre. Wenn es Ihnen ebenso viele Freude macht, wie mir, das stille Weben des Genius zu belauschen, so folgen Sie mir zu jenem Schiebefensterchen, durch welches ich oft stundenlang, von ihm unbemerkt, in seine stille Werkstatt blicke, und meinem Angelo (denn so nenne ich ihn wegen seines engelreinen Gemuts) zusehe.'
Wir erhoben uns, und zufallig war ich in dem Zuge nach dem Schiebefenster der vorderste. Ich schob sacht das Vorhangelchen von den Scheiben hinweg, und sah in die Werkstatt des jungen Byzantiners. Hier bekam ich aber etwas zu schauen, worauf ich keinesweges gefasst war, und welches mir zugleich bewies, dass unsre Zeit wenigstens noch zwischen der Sehnsucht nach dem Symbolischen und dem Verlangen nach sinnlicher Naturwahrheit sich schwankend mitteninne halt. In der Werkstatt lag namlich auf einem dunkelroten Teppich, der uber ein Ruhebett gebreitet war, ein schones Madchen, in dem Zustande, wie sie Gott der Herr erschaffen, und in der Stellung der Danae oder Leda; denn der Einzelheiten erinnre ich mich so genau nicht mehr. Der Byzantiner stand neben ihr, mit Kohle und Malerstock bewaffnet, und ruckte an ihren Gliedmassen, um die Stellung noch naturlicher zu machen.
Ich hutete mich wohl, meine Uberraschung laut werden zu lassen, sondern trat, nachdem ich einige Sekunden dieser keinesweges unerfreulichen Anschauung genossen, still zuruck. Nach mir gelangte ein Pietist zum Schiebefenster, welcher in ein Gebetbuch geschrieben hatte, er bezeuge mit seiner Hand, dass der Herr an ihm ein Zeichen gesetzt habe. Dieser sagte auch kein Wort, sondern seufzte nur nachdrucklich, und zog dann den Kopf, scheinbar nicht ohne Widerstreben, hinweg. Bis dahin war alles leidlich gegangen; nun aber wollte eine alte Dame das Weben des Genius sehen, legte Augen und Nase dicht an das Glas, fuhr aber dann mit einem furchterlich zu nennenden Geschrei zuruck. Dies horten der Byzantiner und die Nackte; sie sahen die fremden Zuschauer hinter den Glasscheiben. Rot und sprachlos stand der junge Mann da, stampfte mit den Fussen, und hielt den Malerstock gleichsam drohend in die Luft; das arme Geschopf schlupfte hinter die Staffelei, welche sie nicht ganz verdeckte.
Die Wirkung dieses so ganz unerwarteten Ereignisses war ausserordentlich. Wir jungeren Leute sahen verlegen vor uns hin, und taten, als ob wir uns schamten, der Pietist faltete die Hande und blickte gen Himmel, die alte Dame eiferte gegen die Meyer, welche, durch einen fluchtigen Blick in die Werkstatt auch von dem Unheil in Kenntnis gesetzt, wie vernichtet dastand, und sich auf Wilhelmi lehnte. Umsonst war dessen Trostspruch, dass es ja nur ein Modell sei, sie flusterte ihm unter zornigen Tranen zu, er solle den sittenlosen Heuchler auf der Stelle aus dem Hause schaffen. Einige junge Madchen, welche sich im Zuge verspatet hatten, und nun neugierig herandringen wollten, wurden von der alten Dame mit der Eroffnung, dass eine Fledermaus dort umherschwirre, die sich ihnen leicht in die Haare setzen konne, zuruckgehalten.
Nachdem Wilhelmi seinen strengen Auftrag in der Stille ausgefuhrt hatte, und wir wieder zu unsern Sesseln in der Kunstkapelle gelangt waren, fuhlten wir wohl, dass fernere gesellschaftliche Freuden schwerlich geraten mochten, und wollten uns in schicklicher Weise entfernen. Leider aber hatte die Meyer einen fremden durchreisenden beruhmten Kunstler auf ihren Byzantiner bitten lassen, zu dessen Veroffentlichung und Ruhm der Tag ausdrucklich von ihr bestimmt worden war. Dies erfuhren wir durch einige Reden Wilhelmis, als wir der beim Abschiede empfangnen Einladung uns entziehen wollten. Unter solchen Umstanden ware ein Aussenbleiben unhoflich gewesen, und so stellten wir uns denn samtlich, mit Ausnahme der alten Dame, am Abend wieder ein, obgleich mir von einem Tage, der so quer begonnen hatte, nichts Gutes ahnte, und die verstorten Augen der Wirtin zu erkennen gaben, dass ihr die harteste Strafe lieber gewesen sein wurde, als eine zierliche, im heiligen Geiste der Kunst versammelte Gesellschaft.
Wir kamen in Zimmern zusammen, wo wir fruher nie waren empfangen worden, weit von der Kapelle und von den Sammlungen der alten Periode. Papiertapeten bekleideten die Wande, gleichgultige elegante Meubles standen umher. Nur ein Gemalde war vorhanden, das Bildnis des seligen Meyer, im braunen Frack, von Weitsch gemalt. Es hing uber dem Sofa; wie ich horte, hatte der verstorbne Eheherr diese Gemacher bewohnt.
Das Gesprach lahmte, und wurde eigentlich nur von dem fremden Kunstler im Gange erhalten, den ein Kreis andachtiger Verehrer umgab. Er erzahlte viel von seinen Reisen, von seinen Bekanntschaften mit Kaisern und Konigen, wobei eine angenehme Selbstgefalligkeit zum Vorschein kam, die unter uns, wie Sie wissen, nie ihre Wirkung verfehlt. Seine beiden Knaben, junge mutwillige Eulenspiegel, trieben sich umher und verubten allerhand Possen, welche die Zeit hinbringen halfen. Zuletzt, und ziemlich spat, erschien unser Dichter, welcher sein neuerdings bedeutend angeschwollnes Manuskript mitbrachte und nach kurzer Weigerung sich bereitwillig finden liess, daraus die zuletzt ausgearbeiteten Kapitel vorzutragen.
Nun war er aber leider an die Darstellung des funfzehnten Jahrhunderts geraten und hatte diesem wegen seiner Wichtigkeit die grundlichste Durchfuhrung gewidmet. Besonders erschopfend handelte er die Frage ab, ob die Kunst jener Zeiten noch eine religiose zu nennen sei? und hatte das Fur und Wider nach allen Richtungen hin in seinen Versen versammelt.
Die Terzinen walzten sich wie ein endlos flutender Strom daher, eine Stunde nach der andern schlug, und noch war kein Ziel der Sache abzusehn. Ich betrachtete zu meiner Unterhaltung die Gesellschaft ringsumher, und sah die verschiedenartigsten Versuche, sich durch tiefes Atemholen, Rucken auf dem Stuhle, Spielen mit den Uhrketten usw. munter zu erhalten.
Nur die Hollenstrafen sind ewig, jede Vorlesung aber hort denn doch endlich auf. Der Kunstdichter schloss und trocknete sich den Schweiss ab, wir durften uns von unsern Stuhlen erheben und die abwesenden Lebensgeister wieder herbeirufen; die Meyer aber, welche vielleicht allein an dieser poetischen Leistung Behagen gefunden hatte, weil dieselbe sie uber einen lastigen Abend hinwegbrachte, notigte mit artiger Verbeugung in ein Nebenzimmer, wo uns eine kalte Kollation erwarten sollte.
Ich hatte die Knaben des fremden Kunstlers nach der ersten Lesestunde in das Nebenzimmer schleichen sehn, und die Glucklichen beneidet, welche dort ruhig auf einem Sofa die Vorlesung verschlummern durften. Nicht ahnete ich, dass sie weit verhangnisvollere Absichten im Schilde fuhrten und wirklich durchsetzten.
Als wir namlich das Nebenzimmer betraten, und die Wirtin uns mit dem verbindlichen: 'Wenn es Ihnen gefallig ware ...' zu Tische notigte, sahen wir zwar diesen, weissgedeckt, von Lampen beleuchtet, auch darauf verschiedne Schusseln, Assietten und Fruchtkorbe, alle diese Essgeschirre aber durchaus leer und ihres Inhalts beraubt. Die Urheber des Raubes konnten nicht lange zweifelhaft bleiben, denn die beiden Knaben standen am Tische, beschaftigt, die letzten Reste der Konfekte und Fruchte zu verzehren. Von den Salaten, Fleischschnitten und Cremen war keine Spur mehr zu erblicken. Sie hatten der Tat auch kein Hehl, denn auf die zornige Frage des Vaters, wie sie sich das hatten unterstehn konnen, versetzten sie unbefangen, dass nach ihrer Meinung diese Sachen zum Essen hingesetzt worden, und dass sie hungrig gewesen waren. Unglaublich wurde Ihnen diese Aufzehrung eines Abendessens fur zwolf Personen durch zwei Knaben klingen, wenn Ihnen nicht die Frugalitat unsrer Genusse bekannt ware.
Die arme Meyer dauerte mich. Es war viel zu spat, um noch einen Ersatz des verschwundnen Abendessens herbeischaffen zu konnen. Sie wollte uber den Vorfall scherzen, aber es gelang ihr ubel. Die Gesellschaft gab ihr die Versichrung, dass niemand Appetit verspure, aber wer hatte dieser Behauptung nach so langwierigem Vorlesen Glauben geschenkt?
Der Kunstler, welcher die nachste Verpflichtung hatte, die Anwesenden fur die durch die Gefrassigkeit seiner Knaben erlittne Einbusse zu entschadigen, fand sich am ersten zurecht und sagte: 'Wir haben hier leider erlebt, wie die Natur, aller Asthetik spottend, in roher Weise ihren Weg geht. Angenehmer ist es, zu sehn, wie sie sich dem Zwange zum Trotz, den ihr Narren antun wollen, unaufhaltsam die Bahn bricht, und eine solche Erfahrung habe ich heute hier gemacht. Ich fand ein junges Talent, welches man von seinem Ziele abzuleiten gedachte, und welches sich dennoch zu dem machen wird, was es ist.
Als ich in den Morgenstunden aus den Fenstern meines Gasthofs sah, horte ich unten auf der Strasse ein lautes Schluchzen. Ein junger Mensch stand vor der Pforte des Hauses und liess einem Kummer, der auch halb wie Zorn aussah, auf solche ungezahmte Weise freien Lauf, ohne der Umstehenden zu achten. Die prachtige Gesichtsbildung des Junglings, seine hohe Stirn, gebogne Nase, und das reich wallende Haupthaar zogen mich an, ich ging hinunter, und fragte nach der Ursache seiner Tranen. Anfangs wollte er mir nicht Rede stehn; ich liess jedoch nicht ab, nahm ihn mit auf mein Zimmer und brachte ihn dort zum Gestandnis. Er sei ein armer Junge ohne Eltern und Beschutzer, erzahlte er. Von Kindheit an habe er die grosste Lust zum Zeichnen gehabt, und alles nachgeahmt, was ihm zu Gesicht gekommen, Baume, Tiere, Soldaten. Niemand aber sei ihm behulflich gewesen, dass er etwas lernen konnen. Endlich habe sich eine reiche Dame seiner angenommen; nun sei er in ihrem Hause untergekommen, wo er aber verborgen habe leben mussen. Die Dame habe ihm gesagt, er werde ein grosser Mann werden, wenn er sich ganz nach gewissen Bildern richte, die sie ihm denn auch gezeigt habe.
Der Jungling nannte diese Bilder in seiner Natursprache Herrgotter mit Eidechsenleibern, und ich wusste bald, woran ich war. Er beschrieb mir seine Pein, welche er empfunden, da er diese Missgestalten nachbilden mussen, in so ruhrenden Wendungen, dass mein Anteil immer hoher stieg.
Indessen, sagte er, habe er doch gemerkt, dass jene Herrgotter menschliche Korper vorstellen sollten, und da sei das brennendste Verlangen in ihm erregt, einen wirklichen naturlichen Leib in seiner wahren Gestalt zu erblicken. Zufallig habe er gehort, dass es Personen beider Geschlechter gebe, die sich wohl zu solchem Zwecke den Malern darliehen, und nun habe er nicht eher geruht, bis er des ersehnten Anblicks teilhaftig geworden sei. Da habe er denn etwas zu sehen bekommen, woruber nichts in der Welt gehe; jegliches so ebenmassig, fein, rund und doch straff. All sein Taschengeld habe er nun auf Modelle verwendet, deren verschiedne Stellungen er in seinen heimlichsten Stunden, selig vor Vergnugen, abgezeichnet habe. Heute sei er mit einer wahren Wollust bemuht gewesen, die Glieder und Formen eines wunderschonen Madchens auf das Papier zu ubertragen, als er wahrgenommen, dass man ihn belausche. Es sei hierauf ein grosser Larmen im Hause entstanden, und die Dame habe ihm, als einem schlechten liederlichen Menschen die Ture weisen lassen. Ausser sich vor Arger und Beschamung sei er nach dem Gasthofe gelaufen, um sein Brot anderweit zu verdienen, sei es auch durch Laufen und Packentragen fur die Reisenden.
Ich wollte den Namen jener guten Torin wissen, welcher es unbekannt zu sein scheint, dass man, um Menschen zu malen, ihre Gestalt kennenlernen muss; mein junger Exilierter weigerte sich aber, da er aus meinen Worten abnahm, wie ich uber den Vorfall denke, sie zu nennen, die immer, so fugte er hinzu, seine Wohltaterin bleibe. Durch diesen Beweis von Zartsinn wurde er mir noch lieber.
Ich liess ihn seine Zeichnungen bringen, und hatte uber ein urkraftiges Talent zu erstaunen, welches in Gefahr gewesen war, durch verruckte Modetorheit, wenn nicht erstickt, doch aufgehalten zu werden. Roh und unfertig waren diese Sachen, das ist richtig, aber aus jedem Punkte, aus jeder Linie leuchtete ein so tiefer Sinn fur die Natur, ein so reines Schonheitsgefuhl hervor, dass ich wahrhaft in Erstaunen gesetzt ward.
Es versteht sich, dass ich ihn nicht hierlasse, sondern mit mir nehme, obgleich ich voraussehe, dass er mich in kurzem uberholen wird. Wissen Sie vielleicht mir die altertumelnde Beschutzerin zu nennen? Denn ich muss ihr doch danken, dass ihre Kenntnis von dem Studiengange eines Malers mir zu dieser Bekanntschaft verholfen hat."
Achtes Kapitel
"Die letzte Frage und Aufforderung horte die Meyer nicht mehr. Sie hatte sich schon wahrend der Erzahlung, sobald deren traurige Beziehung klar ward, hochrot, eine Unpasslichkeit vorschutzend, still entfernt.
Unsre Gesichter konnen Sie sich denken. Der gute Kunstler war ganz verwundert, dass seiner Geschichte nichts als ein dumpfes Schweigen folgte. Beim Nachhausegehn fragte er mich, ob er gegen jemand verstossen habe, worauf ich ihm versetzte, der ganze Tag sei nur ein Verstoss gewesen.
Kurz nach diesem unglucklichen Ausgange byzantinischer Bestrebungen schickten die Meyer und Wilhelmi Verlobungskarten umher. Wir erfuhren, dass Wilhelmi nach ihrem Ruckzuge aus der Gesellschaft ihr gefolgt sei, und sie auf dem Sofa liegend, erschopft und weinend, gefunden habe. Sein Herz war gegen die Leidende ubergegangen, aus sanften Trostungen hatte sich bald eine zartliche Erklarung entwickelt. Da sie, zu bestandigem Wittum entschlossen, dieser widerstanden hatte, soll er auf eine kluge Weise haben einfliessen lassen, dass ein kunstkundiger Gemahl ihr gesagt haben wurde, die Maler standen nun einmal von nackten Madchen nicht ab, und wer solches nicht ertragen konne, der musse sie nicht in das Haus nehmen.
Da hat die Meyer auf einmal die ganze Misslichkeit ihrer Stellung erkannt, hat eingesehen, dass eine gelehrte Frau, welche sich behaupten will, durchaus eines Gatten bedarf, der seine Schulen durchgemacht hat; und aus diesen Gefuhlen und Erwagungen ist das Bundnis erwachsen, woruber die Stadt beinahe eine ganze Woche zu reden hatte, welches aber jetzt uber andre Dinge von Belang schon wieder vergessen worden ist."
Nur ungern horte Hermann diese Erzahlung mit an, welche ihm zwei Personen, denen er zugetan war, in einem lacherlichen Lichte zeigte; indessen konnte er der unermudlichen Zunge des Spotters nicht entrinnen. "Wie sie bemuht sind, sich alles zu zersprechen, damit nur gar nichts ubrigbleibe, woran Liebe und Verehrung haften kann!" rief er, als er allein war, aus. "Dieser Mensch nennt sich einen Freund des Hauses und scheut sich nicht, mit der giftigsten Lasterung uber die Herrin des Hauses herzufallen!"
Er hatte vergessen, dass ein geheimer Hohn die Lebensluft der guten Gesellschaft ist, weil nur durch ihn das Gleichgewicht bewahrt wird, dessen sich jedes Mitglied bewusst sein muss, um zur Unterhaltung beizutragen.
Nach manchen vergeblichen Gangen traf er endlich seinen Freund Wilhelmi, und wunschte ihm herzlich Gluck. Musste er auch uber dessen Emphase lacheln, womit Wilhelmi lauter Eigenschaften an seiner Verlobten hervorhob, welche diese wirklich nicht in ausnehmendem Grade besass, so war in dessen Ausserungen doch so viel Empfundnes, so fuhlte der Freund doch so tief das Gluck, einem einsamen Leben zu entrinnen, dass er sich wahrhaft uber dessen Schicksal freuen konnte. Selbst das Aussere Wilhelmis hatte der Brautigamsstand verwandelt, seine Wangen waren roter geworden, seine Augen lebhafter, und er sah wieder wie ein stattlicher Mann in den besten Jahren aus.
Auch Madame Meyer fand er vorteilhaft verandert. Sie war stiller und sinnender, trug sich nicht mehr so viel vor, redete auch mehr von den gewohnlichen Dingen des Lebens, als von der Kunst. Die Kapelle und die altertumlichen Sammlungen waren geschlossen. Sie empfing ihre Freunde wirklich in den Zimmern, die der Spotter beschrieben hatte. Der Kreis ihrer Gesellschaft hatte sich verengt, und sie bekannte unsrem Freunde in einer traulichen Stunde, dass sie sich dabei wohler fuhle.
Dagegen sagte Wilhelmi, dass er nur die Hochzeit abwarten wolle, um dann die Vereinigung seiner Sammlungen mit denen seiner Frau vorzunehmen, und in das ganze Besitztum eine systematische Ordnung zu bringen. Er fugte triumphierend hinzu, dass diese verbundnen Schatze von der Art sein wurden, um auch noch neben den Sammlungen des Staats die Aufmerksamkeit der Kenner und Liebhaber zu erregen.
"Dein gutes Geschick hat freundlich fur dich gesorgt", versetzte Hermann. "Du wolltest Direktor des Nationalmuseums werden, worin du manchen Verdruss und Zwang wurdest zu erdulden gehabt haben. Anstatt dessen macht dich die Liebe zum Kustos eines Privatkabinetts, mit dem du wirst schalten konnen, wie du magst."
War es ihm von Herzen lieb, das Los seiner Freunde auf so zuverlassige Art gesichert zu sehn, so konnte er sich doch eines stillen Neides nicht erwehren. "Der Misanthrop, der Grillenhafte wird ohne sein Zutun, aller Wahrscheinlichkeit zuwider, in den Hafen gefuhrt, wahrend ich, der ich das Gluck einfach und gerades Weges suche, plan- und bahnlos mich von meinem Ziele fortschleudern lassen muss!" rief er. "Wo ist da noch Zusammenhang in der Welt, wenn Launen und Seltsamkeiten das Gute und Zweckmassige gebaren, dem wirklichsten Bedurfnisse aber sich grausam die Erfullung versagt?"
Er fuhlte lauter Widerspruche in seinem Schicksale, und ein unbestimmtes Grauen vor der nachsten Zukunft uberschlich ihn. Um Schutz gegen sich und seine Gedanken zu finden, nahm er die Bibel zur Hand, welche aber hier, wie in jedem Falle einer aus dem Stegreife mit ihr gesuchten Bekanntschaft, dieselbe ablehnte und dem heftig Andringenden ein hartes, undeutsames Antlitz zeigte.
Von Johannen und Medon horte er wenig. Sie hatte sich seit einiger Zeit fast ganz zuruckgezogen und selbst den Umgang mit Madame Meyer aufgegeben: Er war, wie man sagte, von seinem Plane, zu reisen, abgegangen, und sollte sehr ernsthaft an einer staatswirtschaftlichen Schrift arbeiten. Hermann schob seinen Besuch von Tage zu Tage auf, obgleich ihn eine tiefe Sympathie zu dem unglucklichen schonen Wesen hinschmeicheln wollte.
Das Museum war jetzt der Sammelpunkt der feinen Welt geworden. Eines Tages traf Hermann dort den Prinzen, welchem er in Medons Hause vorgestellt worden war, den Erzahler des Mondscheinmarchens. Er war so gefallig, sich seiner zu erinnern, und freute sich, ihn wiederzusehn. "Man wollte hier wissen", sagte der Prinz, "Sie wurden nicht zuruckkehren. Sie waren der Associe Ihres Oheims in seinem Geschafte geworden." "Die Welt", versetzte Hermann, "hat einen entschiednen Hang, uns Dinge anzudichten, welche gewohnlich dem, was wir eigentlich tun und begehren, schnurstracks entgegen sind."
"Das ist wahr", erwiderte der Prinz. "Hierin zeigen sich die Menschen wahrhaft erfindungsreich, und aus den gewohnlichsten Kopfen entspringen nicht selten die sinnreichsten Mythen. So hat man mich zum Beispiel und ich wusste durchaus nicht zu sagen, wodurch ich die Veranlassung gegeben hatte zu einem begeisterten Verehrer oder gar Protektor der bildenden Kunste gemacht, wahrend ich mir bewusst bin, fur sie eigentlich kein Auge zu besitzen. Das Lustigste bei solchen Gesellschaftsfabeln ist, dass man unversehens und unwillkurlich aus einem Objekte derselben, zu ihrem Subjekte und Helden wird. Nach und nach versammelte sich um mich allerhand Gemaltes und Plastisches, ich ubernahm das Patronat eines Vereins, und gehore zu den fleissigsten Besuchern dieser Sale, obgleich ich, die Wahrheit zu gestehn, mehr der Menschen, welche sich hier einfinden, als der Gemalde wegen komme."
"Gnadigster Prinz", sagte Hermann hoflich, "Sie werden heute auf Ihre eignen Unkosten zum Marchendichter."
"O nein", erwiderte der Prinz, "und ich schatze mich deshalb nicht geringer, weil ich der Mode meine Neigung versage. Ein lebendiges Interesse kann nur an einer Sache sich entzunden, welche in der Gegenwart kraftig wurzelt. Nun aber sehe ich an den Handlungen der Zeitgenossen durchaus nichts fur das Auge, mithin auch nichts fur den Pinsel oder Meissel. Wo die Kanonen und die taktischen Bewegungen das Schicksal der Reiche entscheiden, gibt es keine Heldengruppen, wo die Predigt im Gottesdienste das Wort fuhrt, keine Erscheinungen, wo die Leute bis zu den Schustern und Schneidern hinunter den Frack tragen, kein Genre. Was soll also entstehn? Entweder ein geschmackvoller Eklektizismus, welcher niemals eine Epoche macht, oder ein romantisches Unbestimmtes; Versuche, der Poesie nachzutreten, die in wenigen Jahren schon, wenn gewisse momentane Stimmungen vorubergegangen sein werden, unverstandlich sein mussen.
Man darf sich ja nicht durch die jetzige allgemeine Neigung zu diesen Dingen tauschen lassen. Ein Unterschied der modernen Zeit von der griechischen besteht darin, dass unter uns Neueren das wahrhaft geniale Schone fast immer im Gegensatze zu der herrschenden Stimmung erwachst, welche dagegen ihrerseits das als vorhanden zu prakonisieren pflegt, woran es ihr eben ganz gebricht. Dagegen ging in jener glucklichen griechischen Periode das besondre Genie der Kunstler aus dem allgemeinen Talente der Nation hervor. Um an einem Beispiele meine Meinung klarzumachen, so glaubten wir an Klopstocks Oden, Bardieten und an den Nachahmungen derselben eine grosse vaterlandische Poesie zu besitzen, und doch waren diese frostigen Exerzitien am allerfernsten von einer solchen. Nur eine Entwicklung der Schonheit sehe ich noch vor uns, namlich die poetische; in der Dichtkunst hat, wie ich glaube, Deutschland den Gipfel noch nicht erreicht."
"Diese Meinung ist fur die Poeten der Gegenwart sehr trostlich", sagte Hermann, "um so trostlicher, als viele Stimmen das dichterische Element der Zeit ganz leugnen wollen."
"Ich rede nicht von einem einzelnen, nicht von Individuen", erwiderte der Prinz. "Urteile uber Personen und Werke, deren Zeitgenosse man ist, sind meistens sehr misslich. Meine Hoffnung bezieht sich auf etwas Allgemeines. Nun ist es wohl klar, dass eine Periode, in welcher alle Schatze des Geistes gewaltsam aufgeregt worden sind, so dass sie gleichsam in das Freie fielen, von selbst einen Fahigen hervorrufen muss, welcher sich dieses Reichtums bemachtigen wird. Diesem wird gerade der Mangel an ausserm plastischen Leben hochst forderlich sein, da unsrer Stimmung die deskriptive Poesie immer langweilig erscheint, und die Dichter dieser Jahrhunderte mit Gluck nur das Innerliche, die bewegenden Ursachen der Dinge ergriffen haben."
Hermann hatte nur aus schuldiger Rucksicht dem letzten Teile dieser Auseinandersetzung zugehort, denn eine unerwartete Erscheinung wendete seine Gedanken von den Reden des Prinzen ab. Zu der Flugelture des Saals, in welchem sie standen, trat namlich herein, abenteuerlich aufgeputzt, im bunten Gewande, eine Gestalt, in welcher er nach kurzem Besinnen Flammchen erkannte.
Flatternde Bander zierten Achseln und Schulter, Schmelzbesatz saumte Busen und Leib, das kurze Rockchen war zackig ausgeschnitten, darunter sahen rotflammige Strumpfe und goldne Schuhe hervor. Die schonen nackten Arme umschlossen an den Gelenken Korallenschnure, ein safrangelbes Bindentuch, welches sich durch ihre Locken zog, vollendete den fremdartigen Anblick.
Sie betrat den Saal mehr schwebend, als gehend, spielte mit einem Elfenbeinstabchen, warf es empor, und fing es mit reizender Beugung des Arms wieder auf.
Ihr nach drang ein Schwarm verwunderlich-geschmuckter junger Herrn; eine altliche korpulente Figur mit kahlem Haupte, die Brille vor den Augen, bewegte sich muhsam hinterher. Flammchen scherzte und schakerte mit ihrer Begleitung, der ganze Zug rauschte an den Wanden umher, und auf die Gemalde wurde wenig geachtet. Es war das Bild einer leichtfussigen Nymphe, welche Satyrn und Faunen umspringen, und der Silen mit Anstrengung folgt.
"Was ist Ihnen?" fragte der Prinz Hermann, welcher starr nach Flammchen hinsah. Dieser versetzte, dass er ein Frauenzimmer bemerke, welches er fruher sehr wohl gekannt habe.
"Ach, unsre herkulanische Tanzerin und junge gnadige Frau dort", sagte der Prinz, der nun erst auf den Zug aufmerksam wurde. "Ja, ich erinnre mich, von Ihrer Mentorschaft gehort und herzlich daruber gelacht zu haben. Nun, Ihre Erziehungsplane sind nicht gegluckt, anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das wundersamste, entzuckendste Geschopf ausgebildet. Ich behaupte, wer sie tanzen gesehn, kann nie wieder ganz unglucklich werden. Ware ich ein Freund von Paradoxen, so wurde ich sagen: Sie tanzt Geschichte, Fabel, Religion, ihre begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein. Unter uns muss ich Ihnen gestehen, dass jenes Marchen, mit welchem ich in Medons Hause so viel Gluck machte, nur der schwache Nachhall einer Pantomime war, durch die sie an einem unvergesslichen Mondabende meine Sinne ausser Fassung gesetzt hatte!"
"Verzeihen Sie meinem Erstaunen, gnadigster Prinz", rief Hermann, "wenn ich unbescheiden werde, und mir eine Frage erlaube! Sie sprachen das Wort: Frau, aus. In welcher Verbindung steht dasselbe hier?"
Der Prinz lachte und versetzte: "In der naturlichsten von der Welt. Der narrische Domherr, mit dem wir manchen Scherz getrieben haben, entfuhrte sie, um sie, es koste, was es wolle, zu seiner Frau zu machen, von der abgeschmacktesten Theorie beherrscht, die ihm ein Schalk in den Kopf gesetzt hatte. Die Heirat kam wirklich in reissender Schnelligkeit zustande, und kurz darauf starb der Domherr, vollig beruhigt, wie man sagt, uber seine Fortdauer nach dem Tode. Das junge Witwenkind lebt nun, wenn sie nicht, wie jetzt, zu kurzem Besuche nach der Stadt kommt, auf der Villa ihres Eheherrn, wo sich die albernsten Verhaltnisse angesponnen haben."
Er verbeugte sich gegen Hermann, und ging zu Flammchen, die ihn mit zierlicher Begrussung empfing. Der Prinz deutete nach Hermann hinuber, Flammchen erblickte diesen, und die hellste Freude loderte uber ihr Antlitz. Er, etwas Auffallendes an diesem offentlichen Orte besorgend, trat rasch durch eine Kommunikationsture in einen Vorraum zuruck. Die Treppe hinuntergehend, fluchtete er sich zu den Antiken und Vasen, welche man in den Gemachern des Erdgeschosses aufgestellt hatte. Hier war es menschenleer. Er schritt hin und her und uberlegte, wie und wo er seinen ehemaligen Schutzling am besten sprechen mochte, als aus einem Seitenkabinette Flammchen hereinflog. Mit dem Rufe: "Liebster! Bester! Einziger!" hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Kusse brannten auf seinen Lippen.
"Habe ich dich endlich wieder!" rief sie, indem sie ihm Augen und Stirn kusste. "Nun aber werde ich dich nicht lassen, nun sollst du mein werden, sie mogen tun, was sie wollen."
Hermann war in grosser Verlegenheit, jeden Augenblick furchtete er, Zeugen dieser befremdlichen Szene eintreten zu sehn. Er suchte sich ihren Armen zu entwinden; sie hielt ihn aber fest, und rief: "Sei doch nur auf diese wenigen Augenblicke mein Freund, mein Geliebter, nicht lange wird die Wonne dauern, das abgeschmackte Volk oben, dem ich davongelaufen bin, wird bald kommen, mich zu suchen. Lass deine arme Flamme die kurze Zeit an dir gluhen; ach, du weisst es freilich nicht, wie einem Madchen zumute ist, die nicht an Gott und Teufel, nicht an Himmel und Holle, sondern nur an ihren Liebsten, an das susse Fleisch und Blut glaubt! Siehst du, ich bin erwachsen, ich spreche im Zusammenhange, das ruhrt daher, weil ich kein Kind mehr bin."
"Beruhige dich, mein Flammchen", sagte Hermann, "erzahle mir ordentlich, wie es dir gegangen ist, ich horte Dinge, die mir unglaublich vorkamen."
"Etwa, dass ich Witwe bin?" versetzte sie, uberlaut lachend. "Ja, ich bin eine, und musste eigentlich Schwarz tragen, denn der Domherr ist erst seit sechs Wochen tot, aber ich traure in Rot und Gelb, wie die Baume, wenn die Blatter abfallen. Setze dich in den Grossvaterstuhl, frage, und ich will Antwort geben."
Sie druckte ihn in einen antiken Lehnsessel, hockte sich vor ihm nieder, und lehnte ihr Haupt an sein Knie. "Wie hat sich deine Heirat so rasch gemacht? Wer sind deine Begleiter? Wer nimmt sich deiner an?" fragte er.
"Der Domherr bat mich instandig darum, die Alte redete mir so lange zu, dass ich es ihm zu Gefallen tat, und dann tat ich es auch, um dich zu argern, weil du mich so ganz vergessen hattest. Denn ich wusste doch, dass es dir leid sein wurde, wenn du mich als Frau fandest. Die Jungen mit den hohen Halsbinden und Bakkenbarten machen meinen Viehstall aus, sie haben sich alle in mich verliebt, und mussen sich gefallen lassen, was ich mit ihnen vornehme; den Dicken nennen sie den Kurator. Die Verwandten meines Mannes haben ihn angestellt, mich zu beaufsichtigen; die Alte sagt, ich sei guter Hoffnung, ich wusste zwar nicht, wie es zugegangen sein sollte, aber die Verwandten sind doch bange, dass ihnen die Erbschaft entgehn mochte, und darum muss er mich bewachen. Nun ist es ein himmlischer Spass, dass der dicke Sunder sich auch in mich vernarrt hat. Er schleicht mir nach, seufzt und stohnt; ich konnte ihn weit fuhren, wenn ich nicht auf Tugend hielte. Die Alte nimmt sich meiner in Treuen an, sie spricht oft dummes Zeug, ich glaube, das alte Weib ist zuweilen etwas verruckt, aber ich konnte doch ohne das gute Tier nicht leben. Nun habe ich dir auf alles geantwortet, jetzt tue auch mir so auf meine Frage: Wirst du deine Flamme in ihrem Hauslein besuchen, und bald?"
"Liebes Herz", sagte Hermann, "das kann ich dir nicht gewiss versprechen. Ich habe noch manches hier abzutun, auch fuhrst du allem Anscheine nach eine sonderbare Wirtschaft, zu welcher ich eben nicht passen wurde."
"Nicht? Nicht?" rief sie mit dem wilden Ausdrukke, welcher ihn erschreckt hatte, als er sie zum ersten Male in der Hohle traf. Blitzschnell hatte sie einen Dolch aus dem Busen gerissen, und die Spitze wurde in ihrer Brust gesessen haben, hatte er nicht ihren erhobnen Arm festgehalten.
"Was wolltest du tun, wahnsinniges Kind?" fragte er entsetzt. "Mich erstechen", sagte sie gleichgultig. "Du bist, wie du warst, Holz und Stein, was soll Flammchen auf der Welt?"
"Ich will ja zu dir kommen!" rief er besturzt. "Bald?" Er bejahte. "So schwore mir's zu den Fussen dieser Liebesgottin." Er tat, was sie begehrte, um sie nur zufriedenzustellen.
Ihr Schwarm drang herein, sie suchend. Flammchen trat ihnen mit komischer Wurde entgegen und sagte: "Dieser ist ein alter Bekannter von mir, und wenn der einmal zu mir kommt, habt ihr euch alle zum Hause hinauszuscheren, mit Ausnahme des Dicken, der ein vernunftiger Mann ist und eine anstandige Gesellschaft fur ihn." Sie ging, ohne nach Hermann sich weiter umzublicken, oder ihm Lebewohl zu sagen.
Neuntes Kapitel
Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flammchens horte, war das Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schonheit angelockt, dorthin gestromt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verubt, zuweilen toste dieses wutende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so dass die Landleute in ihren stillen Hutten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von Rauberbanden und Unglucksfallen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so dass sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch hoheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch alles ausser dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt.
Am brausendsten aber schaumte Flammchens uppige Lebenskraft im Tanze aus. Taglich war Ball bei ihr, wozu man freilich die Damen unter den Hausmadchen und den Bauerdirnen der Nachbarschaft suchen musste, denn anstandige Familien wollten ihre Tochter zu diesen Vergnugungen nicht abordnen. Wer Flammchen tanzen gesehen, sprach daruber, wie der Prinz; einstimmig erklarte man, dass keine Beschreibung den Zauber dieser Anschauung wiedergeben konne.
Die Seitenverwandten des Domherrn, lustern nach dem Besitze der betrachtlichen Erbschaft, und erschreckt durch die Angabe von Flammchens Zustande, welcher, wenn er gegrundet war, ihnen ihre Aussicht entzog, hatten in dieses Gewirre jenen altlichen Mann als Aufseher gesendet.
War Flammchens Angabe uber ihn richtig, so konnte freilich sein Amt nicht wohl schlechter versehen sein.
Zum Teil horte Hermann diese Dinge aus Flammchens Munde selbst, welcher er eine Zusammenkunft in ihrem Gasthofe nicht hatte abschlagen konnen. Dort, den Kopf an seine Brust gelehnt, ihn mit beiden Armen umklammernd, tat sie ihm Entdeckungen, welche man von einem so leichtfertig erscheinenden Wesen nicht hatte erwarten sollen. Es waren abgebrochne Schmerzenstone, nur der Ahnung verstandlich, in geordneten Worten kaum auszusprechen, am wenigsten auf dem Papiere. Der Naturgeist zuckte hier gleichsam in seiner ganzen neckischen Ungebundenheit unter seiner menschlichen Hulle, All und Individuum lagen miteinander im Streite, und aus ihrem Ringen entsprangen die Zuckungen, welche ausserlich wie Possen aussahn.
Merkwurdig waren ihm besonders ihre Gestandnisse, wie sich die unbesiegliche Lust zum Tanze in ihr entwickelt habe.
"Als du mich in die grune Einode zu der Alten gebracht hattest, wurde ich von einer unsaglichen Angst befallen", sagte sie. "Die Berge und Felsen wuchsen mir in der Brust, die Zweige der Baume wanden sich durch meinen Kopf und peitschten, vom Sturme geschuttelt, mir das arme Hirn wund, ich fuhlte in mir die Krauter und Moose stechend spriessen, und mir war, als flosse ich auseinander, dahin nach weiten kahlen Eisfeldern und dorthin nach blutroten Granatenbuschen. Ich wollte mir Luft machen in Worten, aber die Zunge versagte mir den Dienst, ich wollte es abzeichnen, mein Elend, an hoher Steinwand, aber die Hand sank lahm herunter, da merkte ich, dass meine Fusse sich zu regen begannen, dass meine Arme folgten, der Leib in sanften Drehungen sich schwang, Erlosung zu finden von dem Inneren, Grossen, Entsetzlichen; ach wie suss schlummerte ich nach dieser Anstrengung ein, Fels, Berg, Baum und Kraut standen wieder ausser mir, der Mond wurde mein bester Freund! Das ist nun der Tanz, den ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich uberwinden und in mir einziehen will. Konntest du mich lieben, und immer bei mir sein, so ware alles gut, dann hatte ich eine Stutze und wurde auch aufhoren zu tanzen; leider wird es nicht so gut werden."
Sie nahm ihm noch einmal das Versprechen ab, sie recht bald zu besuchen, was er ihr nun um so lieber gab, als er einsah, dass sie in ihrem wilden Treiben dem Verderben zueile, und hoffen durfte, durch seine Anwesenheit auf der Villa vielleicht manches ordnen und schlichten zu konnen. Dies sollte den Abschluss der Verwicklungen bilden, welche sein Leben, wie er sich uberzeugte, seit einigen Jahren unnutz aufgesponnen hatten. Er hatte die Freiheit von burgerlichen Verhaltnissen gesucht, und nicht bedacht, dass eine solche eigentlich ganz in das Leere fuhre. Er hatte uberall auf die gutmutigste Weise geholfen, und die Welt war indessen unbekummert um ihn ihren selbstischen Gang weitergeschritten. Sein Vermogen erschopfte der unuberlegte Ankauf im Badischen; er konnte in Not geraten.
Alles drangte ihn zu einer vernunftigen Entsagung, zu einer bescheidnen Ruckkehr. Nach mancher Trane bittern Unmuts, die er verweinte, beschloss er, die Verhaltnisse wieder aufzunehmen, auf welche er so stolz herabgesehen hatte, und die Vorbereitung zu einem Staatsamte aufs neue zu beginnen, die ihm fruher so unleidlich geworden war. Wilhelmi, dem er seinen Vorsatz mitteilte, lobte ihn sehr, und bestarkte ihn darin. Durch dessen eifrige Bemuhung wurde er des fernen Grundeigentums entledigt, freilich mit grosser Einbusse, indessen zog er so viel aus diesem Handel noch heraus, dass er sich eine Zeitlang allenfalls damit hinhalten konnte.
Wilhelmi trostete ihn, wenn er ihn schwermutig sah, und seine Klagen uber die verlornen Jahre horte. "Was ist es weiter?" rief er. "Du hast eine Weile vagabundiert, das wird dir doch zugute kommen. Viel besser ist es so, als wenn du dich, wie ich, zu fruh gefesselt hattest. Die Jugend soll verschwarmt werden, manches ist gewiss an dir hangen und kleben geblieben, wovon du jetzt selbst nichts ahnest."
"Ich will es wunschen", versetzte Hermann, "wenn ich es gleich nicht zu hoffen wage. Der Reichtum eines sogenannten bewegten Lebens ist wohl nur tauschend. Von einem Punkte aus soll der Mensch erwerben. Wer, zerstreut, von der Mannigfaltigkeit Resultate begehrt, kommt mir wie einer vor, der mit verdecktem Teller in einer gemischten Gesellschaft sammeln geht; die Summe pflegt nicht gross zu sein, wenn der Teller abgehoben wird."
Er mietete ein stilles Quartier in der entlegensten Gegend der Stadt, schaffte sich juristische Bucher an und tat die notigen Schritte, seine burgerliche Laufbahn wieder zu betreten. So gewann es den Anschein, als solle der Strom seines Daseins, wie der so vieler, nach kurzem mutigem Laufe im Sande der Gewohnlichkeit ausloschen.
Zehntes Kapitel
Die Sozietat pflegt sich fur unangreifbar zu halten, schon die leiseste Verletzung des Personlichen erscheint wie ein Attentat. Dann bricht plotzlich etwas ganz Unerwartetes, Niebefurchtetes in diese Kreise ein, alle Bande sind auf einmal zersprengt, und eine Geisterfurcht ergreift die Menschen.
Von solchen Gefuhlen wurde Hermann besturmt, als Wilhelmi eines Abends atemlos auf seine Klause mit der Nachricht trat, dass Medon verhaftet worden sei. Uber den Grund dieses erschreckenden Vorfalls konnte er nichts Naheres angeben, nur so viel wusste er, dass derselbe mit den Untersuchungen gegen die Demagogen zusammenhange.
Hermann eilte in der Hoffnung, dass ein falsches aberwitziges Gerucht den Freund betrogen habe, nach Medons Wohnung. Leider fand er hier die Sache nur zu wahr. Er hatte Muhe, in das Haus zu kommen, welches scharf bewacht war. Auf dem Flur standen Koffer und allerhand Reisegepack; durch eine Glasture blickte er in das Zimmer, worin er so manche lehrreiche Stunde erlebt hatte; Medon, dem vorderhand nur Hausarrest gegeben worden war, sass darin auf dem Sofa, sah blass und angegriffen aus. Der Gerichtsbeamte stand neben ihm und schien ihn zu verhoren. In andern Zimmern wurde versiegelt.
Von den Hausleuten, die sehr verwirrt und besturzt waren, konnte er nichts Genaues herausbringen. Nur so viel wussten sie, dass man Anstalten zu einer Reise gemacht habe, dass aber mitten in denselben der Gerichtsbeamte plotzlich mit einem jungen Menschen von wildem Ansehen erschienen sei, welcher auf Medon zuschreitend, und ihn scharf ins Auge fassend, gerufen: "Dieser ist es, welcher in Zurich uns vom Mannerbunde erzahlte!" worauf der Beamte Medon in Haft genommen habe.
Angstlich fragte er nach Johannen. Ihr Kammermadchen entdeckte ihm weinend, dass die gnadige Frau heimlich in grosser Eile abgereist sei, noch ehe die Verhaftung stattgefunden habe. Sie habe an verschiednen Reden, die zwischen dem Herrn und der Frau vorgefallen seien, gemerkt, dass letztre mit dem Herrn verreisen sollen und sich dessen geweigert habe. Mit Tranen in den Augen habe darauf ihre Gebieterin sie bei ihrer Treue beschworen, ihr einen Wagen nach entgegengesetzter Richtung zu verschaffen, was denn auch von ihr geschehen sei. Die gnadige Frau habe den Wagen nach einem abgelegnen Strasschen bestellen lassen, wo sie, kaum mit den notigsten Sachen versehen, eingestiegen und in schnellster Eile fortgefahren sei. Sie habe die arme gnadige Frau begleiten wollen, sei aber von ihr mit den Worten, dass sie fortan nur Gott zum Begleiter haben wolle, zuruckgewiesen worden.
Schmerz und Wehmut zerrissen Hermanns Brust. Aus dem Hin- und Herreden der Leute konnte er abnehmen, dass die leidenschaftlichen Vorfalle zwischen den Gatten die Veranlassung zu Medons Ungluck mochten gegeben haben. Das geangstigte Madchen hatte davon uberall geplaudert, um sich Luft zu machen, dadurch hatte aller Wahrscheinlichkeit nach der Beamte Kunde von diesen Dingen erhalten. Denn gleich nach der Flucht Johannas war ein subalterner Agent der offentlichen Macht unter einem Vorwande im Hause erschienen, hatte verschiedne Fragen getan, und das aufgeschichtete Reisegepack achtsam betrachtet. Unmittelbar nach seiner Entfernung aber erfolgte das, was alle in Schreck versetzte.
Der Beamte erschien, und bat Hermann hoflich, sich zu entfernen. Dringend verlangte dieser, zu Medon gelassen zu werden. Nach einigem Zaudern wurde ihm eine kurze Unterredung zugestanden. Mit einer furchtbaren Empfindung betrat er das Zimmer. Medon hielt den Kopf in der Hand gestutzt, und bemerkte den Eintretenden nicht. Leise sagte Hermann, an der Ture stehenbleibend: "Ich bin gekommen, Sie zu fragen, ob ich Ihnen in irgend etwas nutzlich sein kann?" Medon sah empor, versetzte kein Wort, sondern winkte ihm schweigend, dass er ihn verlassen moge. Hermann konnte den Blick seines Auges nicht ertragen, es lag darin der glaserne Ausdruck der Verzweiflung, einer vollig zerstorten Seele.
Draussen fragte er den Beamten, ob fur Johannen etwas zu furchten sei? was dieser mit Bestimmtheit verneinte. Er wollte uber Medons Schicksal einiges erfahren; hier versagte jener aber alle Aufklarungen und rief: "Glauben Sie mir, dass die Erfullung meiner Pflicht mir schwer genug geworden ist, und dass ich viel darum gabe, einen Irrtum, vielleicht mit strenger Ruge, bussen zu mussen, als leider die von mir nach und nach geahnete schlimme Wahrheit bestatigt zu sehn."
Es war Nacht geworden. Er begab sich zur Meyer, wo er Wilhelmi noch vermutete, um mit diesem zu beraten. Eine Menge von Mannern und Frauen war dort versammelt, welche die Besturzung uber diese Vorgange zusammengefuhrt hatte. Uber den eigentlichen Zusammenhang war der Schleier des Ratsels gebreitet, die wildesten Geruchte kreuzten sich. Wie sollte man es sich auch erklaren, dass ein Mann, den Angesehensten des Staats nahestehend, ein Mann von den loyalsten Gesinnungen, ein ganz andrer, ein Feind des Staats gewesen, oder noch sein sollte? Man hoffte ein Missverstandnis, man glaubte, binnen kurzem diese Schatten, welche die geachtetste Personlichkeit der Stadt jetzt verdunkelten, schwinden zu sehn. Nur Wilhelmi rief: "Ich wunsche es, aber es wird nicht so werden, er ist ein Catilina, und zwar ein gefahrlicherer als der romische, weil er keine Laster hat."
Die gute Seite der Menschen zeigte sich bei dieser Gelegenheit. Alle sprachen ihr innigstes Bedauern uber die ungluckliche Johanna aus, welche man sich bei Nacht, umherirrend auf oden, bosen Wegen dachte; die Spotter erklarten sich zu jeder Hulfe bereit, Madame Meyer war ausser sich. Man besprach, ob man einen Boten mit Briefen schicklichen Inhalts ihr nachsenden solle, oder ob es nicht besser sei, wenn ein Freund selbst dieses Geschaft ubernehme.
Hermann erklarte sich zu letzterem bereit. Er gedachte seiner Versprechungen, er fuhlte, dass er nicht ohne Schuld der Vernachlassigung gegen die Gefluchtete sei, und gutzumachen habe; starker aber, als diese Erwagung der Pflicht trieb ihn das heisseste Mitleid der Armen nach.
Man freute sich uber seinen Entschluss, die Meyer und Wilhelmi packten eilig verschiedne Reisenotwendigkeiten zusammen, und so fuhr unser Freund nach Mitternacht mit raschen Postpferden davon, begleitet von den besten Wunschen der ganzen Gesellschaft, welche bis zu seiner Abreise vereinigt geblieben war.
Eilftes Kapitel
Von dem Kammermadchen war ihm die Richtung angegeben worden, welche Johanna genommen hatte; es war zufalligerweise dieselbe Strasse, an welcher in der Entfernung von zwei Tagereisen Flammchens Landhaus lag. Nur die Verzweiflung konnte Johannen auf diesen Weg getrieben haben, er fuhrte, fortgesetzt, nach dem Schlosse des Herzogs, und vor der Ruckkehr zu ihrem Bruder und seiner Gemahlin hatte sie stets den grossten Widerwillen gezeigt. Bei der Abreise war ausgemacht worden, dass Hermann ihr zwar in nichts hemmend entgegentreten, jedoch ihr die liebevollste und dringendste Einladung zu der Meyer uberbringen solle. Man meinte, dass sie in deren Hause, wohlberaten von aufrichtigen Freunden, am leichtesten die schwere Zeit uberwinden werde, welche ihr bevorstand. Die Meyer hatte in ihrem gutmutigen Eifer noch vor der Abreise Hermanns die Auswahl der Zimmer getroffen, welche die Freundin aufnehmen sollten. Es waren die schonsten und stillsten des Hauses. Hermann nahm sich vor, Johannen mit allen Grunden, die ihm zu Gebote standen, zur Wahl dieses Asyls zu vermogen, da er von einem Zusammentreffen mit der Herzogin bei dem so entgegengesetzten Charakter beider Frauen wenig Gutes hoffen durfte.
Er war mehrere Stationen gefahren, ohne eine Spur von ihr anzutreffen. Schon glaubte er, dass sie ihren Entschluss geandert habe, und von dieser Strasse abgewichen sei, als er in einem Landstadtchen, welches er um die Mitte des folgenden Tages erreichte, plotzlich die verlangten Nachrichten bekam. Der Wirt erzahlte ihm, dass die Dame, welche er zu suchen scheine, abends zuvor angekommen sei, sehr unruhig getan, und von ihrem Fuhrmanne verlangt habe, weitergefahren zu werden. Dieser habe die Mudigkeit seiner Pferde als Weigerungsgrund angegeben, und sich, aller Versprechungen ungeachtet, nicht dazu verstehen wollen. Die Dame, welche durchaus fort gewollt, sei in grosser Bekummernis gewesen, da sich keine Post am Orte befinde. Sie sei schluchzend auf ihrem Zimmer hin und her gegangen, als plotzlich ein Wagen vor dem Hause gehalten habe, umgeben von einer Menge junger Herrn zu Pferde, die ein grosses Geschrei vollfuhrt und einem bildschonen Frauenzimmer in bunter Tracht herausgeholfen hatten. Das Frauenzimmer habe durch Zufall von dem Leidwesen der Dame erfahren, sich gleich zu ihr fuhren lassen, und sie mit der zierlichsten Hoflichkeit gebeten, einen Platz in ihrem Wagen anzunehmen, in dem sie, wenn sie befehle, bis an das Ende der Welt fahren konne. Anfangs sei die Dame das nicht willens gewesen, da aber das Frauenzimmer nicht abgelassen habe, endlich ihr zu Fussen gesunken sei, und ihr Knie umfasst habe, so sei die Dame mit den Worten: "Du arges Kind, wohin fuhrtst du mich?" in den Wagen gestiegen, auf dessen Rucksitze das Frauenzimmer Platz genommen habe, ungeachtet der wiederholten Bitten der Dame, sich doch neben sie zu setzen.
Der Wirt erzahlte noch, dass beim Abfahren der Zug der jungen Herrn mit lautem Gerausche sich habe anschliessen wollen, auf einen angstlichen Blick der Dame nach diesem Schwarme hin, habe aber das Frauenzimmer sich emporgerichtet und ihren Begleitern in gebieterischer Stellung zugerufen: "Zuruck, ihr Tiere!" Hierauf seien die jungen Leute, gehorsam diesem Befehle, geblieben, die Nacht sei von ihnen unter tausend Eulenspiegeleien hingebracht worden, und erst am Morgen habe sich das Rudel in Bewegung gesetzt.
Nicht ohne Unruhe horte Hermann diese Erzahlung. Dass das junge Frauenzimmer Flammchen gewesen sei, stand ausser Zweifel, und dass Johannen in ihrer Gesellschaft so manches begegnen konne, was diese verletzen musste, hatte er zu besorgen. Alles das spornte ihn zur grossten Eile an; er gab doppelte Trinkgelder, der Wagen flog nur uber die tennengrade Chaussee, und so erreichte er noch vor Sonnenuntergang die Gegend, in welcher Flammchens Haus, eine Viertelstunde von der Heerstrasse hinter Birken- und Tannenwaldchen lag.
Sie kam ihm im Garten entgegen, durch welchen man zu dem Hause gelangte. "Habe ich es nun recht gemacht", rief sie, "die Schone, Prachtige bei mir in Sicherheit zu bringen? Ich bin doch das gutherzigste Geschopf von der Welt, euch beide bei mir zu beherbergen, denn dass du nachsetzen wurdest, konnte ich mir wohl denken."
"Wo ist Johanna?" fragte er. "Droben auf ihrem Zimmer, das deinige ist daneben", versetzte Flammchen und sprang fort, um sie von der Ankunft des Freundes zu benachrichtigen. Nach einigen Gangen, die er durch den Garten machte, erschien Johanna, Flammchen an der Hand, welche neben der vollen, schlanken, hohen Gestalt wie ein Kind aussah. Er nahte sich der verehrten Frau, und beugte sich in tiefer Ruhrung uber ihre Hand. "Konnen Sie mir vergeben?" fragte er leise.
"Es wurde mir unaussprechlich wehe getan haben, wenn ich Sie nicht wiedergesehen hatte", versetzte sie sanft. "Doch nun ist es ja gut, Sie sind wieder da, und nehmen durch Ihre Ankunft einen Teil meiner Leiden mir vom Herzen."
Sie standen, gegeneinander geneigt, die Hande vereinigt, Auge in Auge, und es wurde schwer sein, von dem Zuge, der ihre Seelen jetzt bewegte, Rechenschaft zu geben. Flammchen hob sich auf die Fusse, fasste ihr Gewand mit anmutiger Gebarde, und begann in lieblichen Kreisen die Gruppe zu umschweben. Immer weiter wurden diese Kreise; endlich beruhrten sie ein Gebusch, hinter dem die Tanzerin verschwand.
Er fragte Johannen, wie es ihr hier gefalle, und wie lange sie an diesem Orte zu weilen gedenke? Sie versetzte, dass er ihren Entschluss am folgenden Tage vernehmen solle, und dass sie dabei auf seine Hulfe rechne.
"Das wundersame Kind, bei dem Sie mich finden", sagte sie, "hat mich fast gezwungen, ihren Wagen und ihr Haus anzunehmen. Sie scheint von der Gewalt plotzlicher Eindrucke abhangig zu sein, und der, welchen ich auf sie gemacht, muss mit grosser Starke gewirkt haben, denn sie klammerte sich so fest an mich, dass ich mich kaum ihr entwinden konnte. Im Wagen setzte sie sich mir gegenuber, um mich immer betrachten zu konnen, wie sie sagte."
Hermann, der unter diesen und andern Gesprachen mit seiner Freundin durch den Garten ging, musste sich im stillen bekennen, dass Flammchen so unrecht nicht habe. Wenn Missgeschicke gewohnlichen Menschen leicht etwas Widerliches geben, so verschonen sie dagegen den Ausdruck hoherer Naturen und breiten auch uber die Gestalt einen Zauber der Verklarung. Johanna schritt neben ihm wie eine tragische Konigin; selbst die Marmorblasse ihrer Wangen erhohte den Reiz, der von ihr ausging.
Vor dem Hause entliess sie ihn, und wunschte ihm gute Nacht, da sie den Abend allein zuzubringen wunsche. Flammchen stand in der Ture, kniete vor ihr nieder, und fragte: "Darf ich dich bedienen?" "Wenn es dir Freude macht, so tue es immerhin", versetzte Johanna.
Nachdem er seine Sachen auf dem ihm angewiesenen Zimmer hatte ablegen lassen, trieb es ihn wieder in das Freie. Nur durch eine Tur von Johannen geschieden, ohne bei ihr sein zu durfen, war er von einer Unruhe uberfallen worden, welche ihn zwischen den vier Wanden nicht litt.
Ein lauter frohlicher Gesang zog ihn nach einem entlegneren Teile des Gartens. Das lustige Lied erscholl aus einem geraumigen Gewachshause, hinter dessen grossen Glasfenstern er bei dem ungewissen Lichte des Abends noch eben die Sanger erkennen konnte. Die jungen Leute waren es, Flammchens Gefolge. Sie hupften zwischen den Palmen, Pisangs und Geranien wie verruckt umher, und mancher Topf fiel von seinem Brette. Der beleibte Mann, welchen Flammchen den Kurator genannt hatte, sass argerlich unter einem Kaktus, und schien sich dieser Gesellschaft zu schamen, besonders als er Hermanns ansichtig wurde. Er machte seine jungen Genossen auf den Fremden aufmerksam, worauf der ganze Schwarm an die Scheiben sprang, und Hermann mit possierlichen Gebarden anstarrte. Dieser hielt es der Hoflichkeit angemessen, dem altlichen Manne einige Worte zu sagen, konnte aber seine Absicht nicht erfullen, weil er die Ture des Gewachshauses verschlossen fand.
Als er noch vergeblich klinkte, horte er hinter sich gehn. Er wandte sich um, und sah die Alte mit einem grossen Korbe voll Esswaren herbeikommen. Ihre Zuge waren noch scharfer geworden, ihre Farbe hatte sich tiefer gebraunt. Ein buntes wollnes Tuch, welches sie um das Haupt trug, gab ihr ein auslandisches Ansehen. "Seid mir gegrusst", sagte sie mit der rauhen Stimme, an welche er sich von dem westfalischen Walde her erinnerte. "Ja, ja, was einmal sich getroffen hat, kommt immer wieder zusammen."
"Was tust du hier?" fragte Hermann.
"Ich will die Menagerie futtern", erwiderte die Alte, offnete die Ture des Gewachshauses und schob den Esskorb hinein, uber dessen Inhalt die jungen Leute gierig herfielen. "Durfen wir nicht heraus?" fragte einer. "Nein", antwortete die Alte, "bis auf weiteren Befehl bleiben die Tiere eingesperrt. Nur der Dicke soll in Freiheit gesetzt werden, und dem Herrn Gesellschaft leisten."
Auf diese Worte kam der Kurator heraus, und sagte zu Hermann mit anstandiger Verbeugung: "Rechnen Sie mir es nicht zu, mein Herr, dass Sie mich unter so lacherlichen und fast unschicklichen Umstanden kennenlernen. Ich bin wirklich ein ganz geachteter Geschaftsmann, und werde von vielen angesehenen Familien mit ihrem Vertrauen beehrt. Das junge eingesperrte Gesindel zwang mich, so sehr ich mich auch dagegen straubte, mit in den Kaficht zu gehn, worin ich denn bei ihren Possen, ohne Speise und Trank, diesen ganzen Tag habe versitzen mussen."
Auf nahere Erkundigung vernahm Hermann, dass Flammchen sehr in Zorn geraten sei, als der Schwarm ihrer unreifen Verehrer ungeachtet des Gebots, mehrere Tage lang fernzubleiben, sich dennoch bei dem Landhause wieder gezeigt habe. Mit dem Rufe: "Ich habe jetzt Besuch, der fur euch zu gut ist!" sei darauf die Einsperrung im Gewachshause anbefohlen und auch sogleich vollzogen worden, denn die jungen Leute taten alles, was sie wolle.
Die Alte verschloss das Gewachshaus, und Hermann ging zwischen ihr und dem Kurator nach der Villa zuruck. "Ist es wahr", fragte er den Kurator lateinisch, um von der Alten nicht verstanden zu werden, "dass Sie sich hier als Curator ventris aufhalten?"
"Leider", versetzte der Kurator seufzend in derselben Sprache. "Es ist die Torheit der jetzigen reichen und vornehmen Leute, alles delikat anfassen zu wollen. Die junge Witwe hat sich fur schwanger erklart, oder vielmehr, das alte Weib hat dies ausgesprengt, moglicherweise in betrugerischer Absicht, weil, wenn ein Erbe erscheint, die Mutter desselben noch lange Jahre hindurch den Niessbrauch aller dieser Besitzungen behalt. Statt nun schlechtweg eine Hebamme zur Untersuchung abzusenden, bin ich erwahlt worden, den Lebenswandel des Flammchens zu beobachten, weil man durchaus mit Zartheit in der Sache verfahren wollte. Was diese aber bewirken soll, ist mir unbegreiflich. Das Flammchen lebt, wie es mag, und es fehlt mir an allen gesetzlichen Mitteln, dagegen hindernd einzuschreiten, so dass ungeachtet meiner Anwesenheit dennoch jeder Unterschleif geschehen kann. Aber man ist abhangig und muss sich daher auch den Grillen seiner Klienten fugen. Das Verzweifeltste bei der Sache ist, dass ich selbst von der Unwahrheit jener Angabe uberzeugt bin, und nichtsdestoweniger glaube, die Spitzbubin, welche uns da begleitet, wird ihre Kunste in das Werk zu richten wissen, wie sie es denn auch wahrscheinlich gewesen ist, welche den seligen Domherrn mit dem Madchen zusammenkuppelte."
Die Alte, welche bis jetzt still vor sich hin gegangen war, blieb stehn, warf auf beide einen hohnischen Blick und murmelte: "Sprecht ihr nur lateinisch; das Kind ist auf der Reise nach Deutschland, und wird zur rechten Zeit ankommen."
Das Landhaus war hell erleuchtet, auf allen Gangen, in jedem Vorsaale und Zimmer brannten Lampen und Lichter. "Diese Verschwendung findet hier bestandig statt", sagte der Kurator, "denn Flammchen furchtet sich vor dem Dunkel, und lasst daher, sobald der Abend einbricht, die Finsternis aus jedem Winkel jagen. Besonders empfindet sie ein Grauen vor den Hinterzimmern des Gebaudes, in deren einem noch die Leiche des seligen Domherrn einbalsamiert und unbedeckt 10 steht. Der Gute hatte im Testamente anbefohlen, ihn in Spiritus zu setzen, um sich physisch bis in die spatesten Zeiten erhalten zu wissen. Da nun diese ungereimte Verfugung nicht wohl auszufuhren war, so wahlte man jene annahernde Art der Bewahrung, und wird die Leiche beisetzen, sobald in dem dazu bestimmten Gartentempel die notigen Vorkehrungen getroffen sein werden."
"In der Tat", rief Hermann, "es kommt mir hier so vor, als ob ich mich in einem Irrenhause befande."
"Ja", versetzte der Kurator, "es weht in dieser Luft etwas Ansteckendes, ich bin oft fur meinen Verstand hier besorgt, um so mehr, als ich das gefahrliche Beispiel vor mir habe, dass Menschen auch ohne denselben fertig zu werden wissen."
Flammchen zog beide hupfend nach einem strahlend hellen Zimmer, in welchem ein runder Tisch gedeckt stand. Gute Speisen waren aufgetragen, feine Weine fehlten nicht. "Nun esst, was euch beliebt", rief sie, "es ist mir nichts Langweiligeres, als die Reihenfolge der Gerichte zu halten, das kommt mir vor, als wenn man nach einer Karte spazierengehn wollte." Mit diesen Worten verzehrte sie einige Fruchte und Konfekte, die zum Nachtische gehorten, und liess diesem Genusse Fische und Fleischspeisen folgen.
Der Kurator, welcher keinen Blick von ihr verwandte, suchte sich dennoch im Gleichgewichte zu erhalten, und begann, allerhand Geschaftsverhaltnisse zu erzahlen, welche samtlich seine rechtschaffne und edle Gesinnung bewahrheiten sollten. Die Erinnrung an seine Tugend ruhrte ihn so, dass er haufige Tranen vergoss. Flammchen, welche ihn bestandig auslachte, versicherte ihn zu ofterem, er sei dennoch ein abgefeimter Vogel, und flusterte Hermann zu: "Jetzt will ich den Hanswurst fortschaffen." Mit einem Sprunge war sie auf seinem Schosse, kusste ihn, und rief schmeichelnd: "Sprich, mein Liebster, wie hast du es angefangen, so brav und gut zu werden?" Der Kurator war unfahig, etwas zu erwidern, seine Augen starrten das schone Kind an, sein Mund war durch die Kusse in den Zustand versetzt worden, welchen man die Sperre nennt; so gewahrte er einen uberaus lacherlichen Anblick. Flammchen stiess, wie von ungefahr an das Glas, welches er, mit Burgunder gefullt, in der Hand hielt; es entsank ihm, und die rote Flut stromte uber den Tisch. "O weh!" rief Flammchen, "da verdirbt er mir das feine Gedeck, hurtig in die Kuche, und Salz geholt!" Verlegen, ohne aufzusehn, schlich der besturzte Geschaftsmann fort, und Flammchen schloss hinter ihm die Ture ab.
Hermann sagte, als er mit ihr allein war: "Wie magst du nur dieses wilde, leichtfertige Treiben rechtfertigen? Geh doch endlich in dich, und bedenke, dass du durch dein unschickliches Benehmen dich selbst aus den Kreisen vernunftiger Menschen bannst. Ich nehme herzlichen Anteil an dir, aber wie soll ich ihn betatigen, wenn solche Streiche bestandig allem Rate, jeder Warnung entgegentreten? Zu spat, wenn ein aufgegebner Ruf, ein siecher Korper dich elend gemacht haben werden, wirst du Reue empfinden, dann bin ich vielleicht dir fern, und niemand steht bei dir, der auf deine Seufzer hort. Versprich mir, Flammchen, deine Lebensweise zu andern, entferne vor allen Dingen diese sittenlosen jungen Leute, welche sich wenig fur deine Gesellschaft ziemen, und schicke die bose Alte fort, von der ich nichts Gutes glaube."
Noch mehrere wohlgemeinte Ermahnungen fugte unser Freund hinzu, und hatte dessen nicht acht, dass Flammchen wahrend seiner Rede leise weg und hinter einen Ofenschirm geschlichen war. Er schmeichelte sich, dass er Eindruck auf sie gemacht habe, dass sie ihre Beschamung hinter dem Schirme verbergen wolle, als dieser umgeworfen wurde, und Flammchen, ihr Tagesgewand uber den Arm gehangt, im leichtesten Nachtrockchen sich zeigte, welches den Glanz der Achseln und des Busens unverhullt liess, und kaum bis an die Knie hinabreichte.
"Ungezogenheit uber Ungezogenheit!" rief er.
"Es ist Schlafenszeit", sagte sie gahnend, "und ich konnte deine Predigt nicht besser benutzen, als mich wahrend derselben zu entkleiden. Ihr musst die Flamme flackern lassen, wie sie mag. Gute Nacht."
Sie wandte sich, und wies ihm, durch eine Tapetenture entschlupfend, den gewolbten Nacken und die runde, zierliche Wade.
Draussen sang sie folgendes Lied:
Wer mir sagte, wo das Madchen
Ihres Auges Blick gewonnen!
O verkundet, wo das Fadchen
Ihres Leibes ward gesponnen?
Ach, zerging' ich in die Lufte,
In die leichten, in die warmen!
Durch die Walder, durch die Klufte
Schwebt' ich dann mit freien Armen!
Er hob den Ofenschirm auf. Eine grosse tragische Maske war in demselben eingestickt. Sein Traum im Forsterhause, welcher ihm das umfallende Medusenhaupt, und Flammchen dahinter hervorspringend gezeigt hatte, trat ihm wieder vor die Erinnrung. Die Maske mit ihren starren, furchtbaren Zugen und toten Augenhohlen konnte wenigstens fur ein Analogon jenes erstarrten Antlitzes gelten. Noch naher aber dem Traume kam seine Stimmung, in welcher uppige und grauenhafte Bilder durcheinanderschwankten.
Zwolftes Kapitel
Am folgenden Morgen wurde er zu Johannen berufen. Sie machte ihm ihren Entschluss bekannt, das Verlangen der Herzogin erfullen, und den einsamen Aufenthalt, welchen ihr diese in ihrem Briefe bezeichnet hatte, annehmen zu wollen. Hermann wurde ersucht, dies dem Bruder und der Schwagerin zu melden. "Also werden Sie doch noch Ihren Auftrag ausrichten", sagte Johanna schmerzlich lachelnd. "Sie vermitteln meine Ruckkehr, nachdem jeder Gedanke daran Ihnen und mir verschwunden war. So geht es oft im Leben. Wir glauben uns von manchen Anfordrungen, von diesem und jenem Verhaltnisse weit, weit entfernt zu haben, und unerwartet fuhlen wir uns in langst abgeschuttelten Banden gefesselt."
Hermann erlaubte sich, manches gegen diesen Plan einzuwenden, der ihm durchaus unheilsam zu sein schien. Er sprach den Wunsch der Meyer aus, und fugte hinzu, dass wenn sie auch diesem sich abgeneigt zeigen mochte, ein Leben und Wohnen unter gleichgultigen, fremden Menschen in ihrer Lage gewiss doch noch dem Drucke widerstrebender Umgebungen vorzuziehn sei.
Johanna versetzte: "Zu meiner Freundin kann ich mich nicht begeben. Bei manchen Schicksalen ist Entfernung, Verandrung von Luft und Boden unerlasslich. Wie sollte ich es ertragen, da, wo ich unaussprechlich gelitten, noch einmal in der Erinnrung alle Qualen nachzuleben? Was mich bei dem Herzoge und seiner Gemahlin erwartet, weiss ich recht wohl. Waren wir doch schon in jenen fruheren Tagen einander unverstandlich! Er ist mehr ein Begriff, als ein Mensch, und sie hat, ungeachtet aller Gute, etwas unendlich Peinliches in ihrem Wesen. Ich mochte tun, was ich wollte, fur mich sein, oder in Gesellschaft, lesen oder frische Luft schopfen, so hatte ich beziehungsvolle Reden uber weibliche Genialitat, Gelehrsamkeit und dergleichen anzuhoren. Daneben glaubte sie denn, und glaubt es noch in ihrem Briefe, mich zu lieben, wahrend sie doch immer nur mit dem ganzen Dunkel solcher wohlwollenden Qualgeister eine anmassliche Vormundschaft uber mich hat ausuben wollen."
"Und dennoch? ..."
"Und dennoch. Ich sehe voraus, wie man mich beobachten, bemitleiden, und auf die beste Manier von der Welt nach und nach einzwangen wird, und dennoch wahle ich diesen Kerker. Soll uns das Bittre suss schmecken? Ist eine Eigenschaft des Jochs nicht die Schwere? Ich habe gefehlt, nicht wie meine Verwandten meinen, aber ich irrte, indem ich wahnte, uns Frauen der neueren Zeit sei die Begeistrung erlaubt, sei es erlaubt, auf den Schwingen der Begeistrung dem Manne entgegenzuschweben, der unsrer wert ist. Wir sind Geschopfe der Familie, auf sie sind wir gepflanzt, und so ist es nur ein gerechter Gang meines Lebens, wenn ich nun dem mich demutig ergebe, was mir die Familie bedeutet, wenn ich alles geruhig erdulde, was auf diesem Boden druckend und feindlich fur mich emporsteigt."
Da er sie fest bestimmt sah, so liess er von weiterem Zureden ab und entwarf den Brief an die Herzogin. Johanna uberlas ihn und strich daraus alles weg, was ein Lob ihrer Person enthielt. Nachdem die von ihr gebilligte Abfassung zustande gekommen war, wurde ein reitender Bote damit nach dem Schlosse des Herzogs gesendet, der die Antwort zuruckbringen sollte. Diese wollte Johanna auf dem Landhause erwarten.
In diesem wurde es nun sehr lebendig. Johanna hatte ausdrucklich befohlen, dass um ihretwillen kein Zwang eintreten solle, indem sie sich schon zuruckzuziehen wissen werde, wenn das Getose ihr beschwerlich falle. Es waren daher auch die jungen Leute in Freiheit gesetzt worden, die es nun an Larmen und Unruhe nicht fehlen liessen. Von den Beschaftigungen, womit sie ihren Tag hinbrachten, fuhren wir nur beispielsweise an, dass einer derselben auf nichts bedacht war, als vom Morgen bis zum Abend seinen Backenbart in Ordnung zu halten, und dass ein andrer in einem mitgebrachten blechernen Reisekomfort fortwahrend Beefsteaks briet, welche er dann zum Fenster hinauswarf.
Hermann konnte daher Flammchen eigentlich nicht unrecht geben, als sie auf seine wiederholte Ermahnung, sich dieser Umgebung zu entaussern, versetzte: "Warum schiltst du mich? Andre halten sich zur Gesellschaft Hundchen und Affchen, wogegen ich einen Widerwillen habe; ich halte mir diese, die aus guter Familie und nicht so unreinlich sind, wie jene Geschopfe."
Zu den possenhaften Bewohnern passte die Ortlichkeit vollkommen. Die Villa war der treue Abdruck des Sinns, wodurch der Domherr sein Leben zersplittert hatte. Dass nichts an seiner Stelle stand, die Stuhle fast uberall in ungerader Zahl vorhanden waren, Schranke und Sofas haufig schief gerichtet mitten in den Zimmern angetroffen wurden, konnte auf Flammchens Rechnung kommen, welche behauptete, das Gerate sei da, sich umherstossen zu lassen. Allein so manches andre bezeichnete das Gehause, welches der verstorbne Besitzer selbst um sich geschaffen hatte. So war die Bibliothek, wenn man einen Haufen willkurlich zusammengeraffter Bucher mit diesem Namen belegen will, unmittelbar an der Kuche, ja fast in derselben angebracht, weil der Domherr sich eine Zeitlang eingebildet hatte, der Dampf der Speise starke, als eine Art leichter olympischer Nahrung den Geist beim Studieren. Rosenkreuzerische Symbole fanden sich neben schlupfrigen Bade- und Toilettenszenen, ein astronomisches Kabinett wies bei naherer Untersuchung nur pappene Fernrohre und Quadranten auf. Der Verstorbne war namlich, gerade als Maler und Schnitzler die entsprechende Verzierung des Raums vollendet hatten, seiner schnell entstandnen Liebhaberei zu den Sternen wieder uberdrussig geworden, und hatte sich nun begnugt, die Instrumente und Vorrichtungen selbst nur als theatralische Requisiten hinzuzufugen.
Einmal besah Hermann, der hier viel mussige Stunden hatte, um die Zeit hinzubringen, die Naturalien, welche in einem kleinen Kammerchen aufbewahrt wurden. Ausgestopfte Tiere, neuseelandische Waffen, Walfischrippen, Erze, Konchylien waren uber-, unter, nebeneinander gestopft; man konnte sich zwischen dem Gerulle kaum durchwinden. Grosse chinesische Figuren standen in den Ecken, und wiegten wie Denker, bedachtig die Porzellanhaupter. Hermann offnete eine Ture, und betrat ein angrenzendes dunkles Gemach, in dem seine Fusstritte widerhallten. Hier die eigentlichen Schatze vermutend, liess er sich Licht bringen, und erstaunte nicht wenig, als er sich in einem ganz leeren, blau angestrichnen, grossen, saalartigen Zimmer sah, in welches kein Tagesstrahl dringen konnte, weil demselben die Fenster fehlten. Er erkundigte sich bei dem Bedienten, wozu dieser leere Raum diene, und weshalb man nicht hier, wo Platz genug vorhanden sei, die Sammlung aufgestellt habe? Der Bediente versetzte, dass die beiden Gemacher eine Allegorie darstellen sollten, das kleine mit seinem Inhalte bedeute die Mannigfaltigkeit der Natur, und das grosse, leere, blaue, die Ewigkeit, zu welcher die Natur hinfuhre; so habe es der selige Herr erfunden und ausgedacht. Ein Vorhang an der Hinterwand reizte Hermanns Neugier. "Dahinter", sagte der Bediente auf seine Frage, "sollte der liebe Gott angebracht werden, aber der selige Herr ist daruber gestorben, und nun haben wir ihn selbst dort als Mumie vorderhand beigesetzt, weil kein andres Gelass dafur ubrig war." Er zog an einer Schnur, der Vorhang flog zuruck, und Hermann erblickte auf einem Stufengeruste in der Nische einen Sarkophag in agyptischem Geschmack. Ohne sich durch seinen Ruf, dass er nach dem Anblicke nicht verlange, irremachen zu lassen, hob der Bediente in seinem Eifer, dem Fremden die grosste Seltenheit des Hauses zu zeigen, den Deckel ab, und Hermann musste mit Widerwillen eine eingetrocknete menschliche Gestalt, von weissem Faltengewande bekleidet, wahrnehmen, welcher die Kunst diesen kummerlichen Scheinbestand gesichert hatte. Er wandte sich nach kurzem Hinblick ab, zur Verwundrung des Bedienten, welcher diesen Abscheu nicht begreifen konnte, und seinerseits die grosste Zufriedenheit uber den so wohl erhaltnen seligen Herrn aussprach.
Der Gedanke, mit einem Leichname unter Dach zu sein, war nicht angenehm. Die albernen Einrichtungen und Zusammenstellungen des Hauses verwundeten Sinn und Auge. Das Getose, welches die jungen Leute machten, war oft unleidlich. Eine grosse Menge hinterlassner Kanarienvogel, fur welche Tierart der Domherr eine besondre Vorliebe gehabt hatte, warf in dieses Wirrsal die schmetternden, ohrzerreissenden Tone. Wollte er dem Schwindel draussen entgehn, so schreckte ihn der vernachlassigte Garten, in welchem allerorten wilde Ranken und Sprossen uberwucherten, wieder in das Haus zuruck.
Flammchen sah er wenig. Sie fuhr in der Nachbarschaft umher, eine grosse Ballgesellschaft zusammenzubitten. "Gebt acht", hatte sie beim Einsteigen gesagt, "wenn ich nur selbst komme und ihnen das Wort gonne, so fliegen alle alten und jungen Ganse in meinen Stall."
Die braune Zigeunerin umschlich ihn mit sonderbaren Blicken. Noch immer sah er sie Krauter sammeln, welche sie aber jetzt zu eignen Heilzwecken verwendete. Sie machte nun selbst den Arzt, taglich kamen Leute aus der Gegend zu ihr; man hielt sie fur eine Wundertaterin, und ihr Ruf stieg um so hoher, als sie nie Bezahlung nahm. Sie schien unsrem Freunde etwas vertrauen zu wollen, denn sie machte sich oft ein Gewerbe bei ihm, und sah ihn dann so eigen an, dass ihm in ihrer Nahe wunderbar zumute ward. Er wunschte sehnlich die Ruckkehr des Boten herbei, denn er wollte nur Johannen zum Wagen fuhren, um dann sogleich in die selbstgewahlten Beschrankungen einzutreten, da er doch wohl einsah, dass er keinen Einfluss auf Flammchen habe.
Dreizehntes Kapitel
Nur wenn er sich bewusst ward, dass er Johannas Wandnachbar sei, oder wenn er bei ihr verweilen durfte, empfand er eine Beruhigung in diesem Treiben. Er war viel bei ihr, aber doch nicht so oft, als er wunschte. Eine Zartlichkeit ohne Leidenschaft trieb ihn gegen sie, er begriff nicht, wie er nach ihrer Abreise sich werde zu fassen imstande sein, und doch konnte er Corneliens zu gleicher Zeit gedenken, lebhaft und schmerzlich nach ihrem, ihm fur immer entzognen Besitze verlangen. Er wollte sich Vorwurfe uber diese Doppelempfindung machen, die seinem Verstande zweideutig erschien, aber es stellte sich keine Reue ein, sein Gefuhl blieb unversehrt. Er war ein Fremdling in seinem eignen Herzen geworden.
Es gibt nicht Erquickenderes, als den Anblick einer grossen vornehmen Seele, welche das Ungluck als etwas ihr Gehoriges, als das heilige ihr von den obern Machten verliehene Eigentum nimmt und hinnimmt, wahrend kleine Gemuter sich gegen dieses Erbteil unsres Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos sperren. Johanna war ruhig, selbst heiter. Sie verhehlte gegen Hermann nicht, dass ihr Los ihr fur immer zerstort zu sein scheine, "aber", setzte sie hinzu, "wie unendlich wohler ist mir jetzt, wo ich die Brandstatte uberschaue, als damals, wo ich noch mit Rauch und Flammen unselig kampfte!"
Uber die Geheimnisse ihrer unglucklichen Ehe, uber Medons Charakter, und die plotzliche Wendung seines Schicksals beobachtete sie ein strenges Stillschweigen. Einmal hatte Hermann versucht, von weitem und in der bescheidensten Weise ihre Lippen uber diese Dinge aufzuschliessen, war aber mit den Worten, dass man von unheilbaren Schaden nicht reden musse, zuruckgewiesen worden. Alle diese sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehullt, und er brachte von denselben nur in Erfahrung, was die Geruchte aus der Hauptstadt meldeten, aus welcher ihm wahrend dieser Tage mehrere Briefe zukamen. Sie sprachen von einer grossen Verschworung, welche auf den Umsturz des Thrones und auf Furstenmord berechnet gewesen sei. Die bedeutendsten Manner seien in das Komplott verflochten, selbst Staatsminister bezeichne die offentliche Stimme wenigstens als entfernte Teilnehmer.
Einen dieser Briefe, den ihm Madame Meyer geschrieben, musste er Johannen, wiewohl er es ungern tat, zum Lesen geben, da er mehreres fur sie insbesondre enthielt. Nachdem sie ihn durchgelesen, sagte sie: "Es steht besser und schlimmer, als diese Zeilen berichten."
Sehr wohltuend war das Verhaltnis, in welches sie sich zu den Umgebungen gesetzt hatte. Zuvorderst war in den Zimmern, welche sie innehatte, unter ihren und Hermanns Handen Ordnung und Ebenmass entstanden, alles Anstossige hatte sich aus denselben still verloren, manches wurdige Kunstwerk, welches der Domherr denn doch auch mit vielem Tande zufallig hin und wieder erworben, war ihr von Flammchen und der Dienerschaft, als musse dieses so sein, zugebracht worden. So hatten ihre Gemacher bald das Ansehen einer schonen Insel inmitten eines wusten Meeres von Unsinn.
Von dem Getose, welches unsrem Freunde so beschwerlich fiel, schien sie nichts zu vernehmen. Als ihr Hermann seine Bewundrung uber dieses gleichmutige Erdulden aussprach, erwiderte sie: "Ich habe mir vorgenommen, nicht danach hinzuhoren, und so gelingt es mir auch. Man sagt, dass die Bewohner einer Muhle sich an deren Klappern gewohnen konnen, dass sie sogar aus dem Schlummer erwachen, wenn die larmenden Rader gehemmt werden, und die hiesigen Tone sind doch noch nicht so laut und schlimm, als Muhlengerausch."
Trat sie aus ihren Zimmern, so verwandelte sich vor ihrer Erscheinung alles, was der Verwandlung fahig war. Die jungen Leute liessen von den Albernheiten ab, nahten ihr bescheiden und waren auf eine Zeitlang anstandig und gesittet. Die Diener und Magde, welche sich in dieser aufgelosten Wirtschaft ein gemeines lautes Wesen angenommen hatten, gingen, still, mit niedergeschlagnen Augen, ihre Wege, und widersprachen, wie sie sonst pflegten, den erteilten Befehlen nicht; Flammchen endlich trocknete Tranen, welche ein ihr ewig Versagtes beweinten.
Zum zweiten Male in kurzer Zeit erblickte Hermann die Wirkungen der Weiblichkeit uber eine rohe Welt. Wie Cornelie dort uber die Hirten, so herrschte hier Johanna uber die Barbaren, welche die Verfeinerung unsrer Zeiten wieder erzeugt hat. Auch sie wusste, wie Cornelie, nichts von ihrer Macht. Sie ordnete selbst kleine gemeinschaftliche Vergnugungen an, nahm an Spazierfahrten und Wasserpartien teil, und schien sich einfach und naturlich zu dieser Gesellschaft zu rechnen, von welcher sie ein unermesslicher Abstand trennte.
Das ist die heilige Gewalt der Frauen, welche sie zu Priesterinnen, Heerfuhrerinnen und Koniginnen kraftvoll aufstrebender Volker macht, und der sich zu keiner Zeit jemand ohne seinen Schaden entzieht.
Vierzehntes Kapitel
Floten, Geigen und Basse ertonten im Ballsaale, welchen Flammchen so hell hatte beleuchten lassen, dass der Glanz den Augen fast empfindlich ward. Eine zahlreiche Gesellschaft war versammelt, deren Kommen die Vorhersagung des wilden Kindes bestatigte. Man war nur stark genug gewesen, fruheren geschriebnen Einladungen zu widerstehn, sobald die mutwillige Festgeberin sich in Person zeigte, und einige schmeichelnde Worte verwendete, schwanden die Bedenken; alle Vater und Mutter sagten sich und ihre Tochter zu, vielleicht zum Teil auch aus Neugier, die beruhmte ungluckliche Frau kennenzulernen, deren Anwesenheit auf dem Landhause schnell in der Nachbarschaft kund geworden war.
Johanna hatte von Hermann ausdrucklich verlangt, dass er am Feste teilnehmen solle. Auch sie erschien, geschmuckt und strahlend, und versagte sich den ruhigeren Tanzen nicht. Als Hermann sie in der Polonaise fuhrte, flusterte sie ihm zu: "Alles in diesem Landhause ist zu ertragen, nur die empfindsame Zudringlichkeit des Kurators nicht. Er hat mich mit seinen Antragen, mir helfen und beistehn zu wollen, diese Tage her sehr gepeinigt, wenn er mir nur heute fernbleibt!"
Wirklich hatte Hermann bemerkt, dass der Kurator Johannen, sobald sie sich offentlich zeigte, nicht aus den Augen liess, und allen ihren Schritten folgte. Flammchen schien bei ihm ausser Gunst gekommen zu sein.
Auch an diesem Abende zeigte sich die Beeifrung des Verehrers. Er nahm wahrend einer Pause des Tanzes Hermann beiseite und sagte: "Welche Erscheinung! Wie wert, dass man sich der Frau annehme! O Freund, lassen Sie uns fur die Herrliche sorgen, stehen wir nicht ab, bis wir sie vermogen, in ihre Verhaltnisse zuruckzukehren! Ganz gewiss beruht Medons Schicksal auf einem Irrtume, bald wird er seine Freiheit wiedererlangen, welche Schmach dann fur die Gattin, den Gatten zur Zeit der Not verlassen zu haben! Nein, helfen Sie mir, eine gestorte Ehe herzustellen, leiten wir die verirrte Frau in die Arme des Mannes zuruck!"
"Ich dachte, man uberliesse den Personen, gegen welche man Verehrung fuhlt, selbst ihr Los zu bestimmen", sagte Hermann mit Empfindlichkeit. Der Gedanke, Johannen und Medon wieder beisammen zu wissen, den der Kurator in ihm angeregt hatte, war ihm ausserst unangenehm. Dieser machte sich an Johannen, und es verdross Hermann, dass sie ihm freundlicher, als er es wunschte, und wollte, zu begegnen schien. Er trank mehr Wein, als er sonst pflegte, und suchte seine Aufregung in raschen Walzern mit muntern, schonen Madchen zu vergessen.
Mitternacht war voruber. Er setzte sich in ein Nebenzimmer und sah in die Nacht hinaus. Das ganze Gefuhl seiner ersten Jugend, welches er immer gegen das Ende von Ballen gehabt, kam uber ihn. Wie die Tone des Tanzes gegen die grosse stille Nacht draussen in buntem Gewimmel ankampften, und doch ihren Tod schon in sich trugen, so erschien ihm das ganze Dasein im kurzen schonen Kriege gegen das Unendliche, Farben- und Formlose befangen.
Johanna hatte sich zuruckgezogen. Er machte sich Vorwurfe, auch nur in Gedanken ihr gezurnt zu haben. Morgen musste der Bote vom Schlosse des Herzogs zuruckkehren, wie nahe stand die traurige Trennung bevor! Sehnsucht und tiefe unbezwingliche Liebe trieben ihn zur Ture ihres Zimmers.
"Kann ich Sie noch sprechen, Johanna?" flusterte er. Sie offnete und sagte: "Welch ein spater Besuch! Was fuhrt Sie zu mir?"
"Schmerz, Wehmut, Johanna. Wir gehen morgen auseinander, und wann sehn wir uns wieder? Tief verbergen Sie Ihre Leiden, und gonnen dem Freunde nicht den Trost, sie mit Ihnen teilen zu durfen."
Sie reichte ihm die Hand und sagte: "Keiner soll mir helfen, wenn ich der Hulfe bedarf, als Sie. In aller Not und Trauer will ich ewig nach Ihnen schauen. Wir sind verbunden; was kann uns scheiden? Rollt die Liebe auf den Radern des Wagens davon?"
Er hielt ihre Hand fest und fragte leise: "Lieben Sie mich, Johanna?"
"Von Herzen", versetzte sie. "Soll denn nur das Blut, und immer nur das Blut Geschwister schaffen? Darf nie das Gemut in freier schoner Wahl das reinste Band knupfen? Nein, ich werde den Glauben nicht aufgeben, dass solche Neigungen moglich sind. Vom ersten Augenblicke, da ich Sie sah, sind Sie mir wie ein Bruder erschienen; lassen Sie mich Ihre Schwester bedeuten! Und zum Angedenken dieser Stunde und meines Bekenntnisses empfangen Sie das beste, was eine Frau darbieten kann."
Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und die schonen unentweihten Lippen beruhrten die seinigen. Sanft sich emporrichtend, sagte sie: "Wer wurde, das sehend, nicht rufen, es sei Leidenschaft, Frevel! Und doch, wie fern bin ich von allem ungestumen Wesen! Wie ruhig konnte ich Sie in den Armen einer andern sehn! So wenig reichen unsre Begriffe an die Geheimnisse des Herzens."
Zitternd, sprachlos, ging er durch die erleuchteten Gange. Noch klang die Musik in rauschenden Weisen. Wie hatte er zu schlummern vermocht! Uber alles Hoffen hinaus war ihm sein Leben erhoht! An seiner Brust hatte die Konigliche geruht; er erlag fast unter der Burde eines fremden, unbegreiflichen Glucks.
Ohne Absicht klinkte er an einer Ture. Sie tat sich auf, und da er in dem dunkeln Raume an eine Tapete ruhrte, so sah er sich, da dieselbe gewichen war, unverhofft in dem grossen, blauen Zimmer, welches er schon kannte, und zu dem dieser zweite, verborgne Eingang fuhrte.
Die Alte sass auf einem bunten Teppich am Fussboden und hatte zwei Flaschen neben sich stehn. Aus einer fullte sie sich ein grosses Kelchglas bei Hermanns Eintreten, und leerte es auf einen Zug aus. "Das ist schon", rief sie, "dass Ihr mich besucht! Ich liebe den Larmen nicht, und habe mich hieher in die blaue Ewigkeit zuruckgezogen, um meinen Genuss in der Stille zu finden, aber die Gesellschaft eines Mannes, wir Ihr seid, soll mir ein kostliches Zugemuse zum Weine sein."
In seiner Stimmung widerlich durch ihren Anblick gestort, wollte er das Zimmer verlassen. Sie trat ihm aber rasch in den Weg, und sagte: "Nein, mein Herr, so kommt Ihr nicht fort. Ist es recht, undankbar gegen gute Gesinnungen zu sein? Nicht wahr, Ihr habt Euch heute so hoch erhoben im Fluge mit dem Paradiesvogel, dass Ihr das, was unter Euch zappelt, gar nicht mehr wahrnehmt? Nun, nur Geduld, auch wir sinnen auf Euer Vergnugen, wir wissen nur noch nicht, wie es auszufuhren."
Ihre Augen funkelten, ihre Lippen lallten, sie glich einer Hexe. Hermann, welcher den Zustand sah, in den sie der Genuss des Weins versetzt hatte, tat sich, um einen verdriesslichen Auftritt zu meiden, Zwang an, und sagte: "Ich kann recht gern bei dir verweilen, wenn dir das einen Gefallen erzeigt."
"So sprecht Ihr vernunftig", erwiderte die Alte, trug den Teppich zur Schwelle der Ture, und setzte sich dort nieder, ihm den Ausgang versperrend.
"Es gibt gar kein grosseres Ungluck", sagte sie, indem sie fortfuhr, zu trinken, "als eine Wissenschaft mit sich umherzuschleppen, die dann im Grabe mit einem verfault. Dem Arzte sagte ich sie, der wollte sie nicht glauben und lachte mich aus, darnach verlor ich das Zutraun, und erst Ihr habt es wieder in mir erweckt. Warum? weiss ich selbst nicht; Ihr scheltet mich aus, und macht Euch aus dem Flammchen nichts, eigentlich musste ich Euch hassen, aber ich tue es nicht, der Teufel muss mir die Freundschaft fur Euch angetan haben."
"Was soll das? Was hast du mir zu entdecken?" fragte Hermann verwirrt.
"Die Heimlichkeiten der Bahre!" kreischte die Alte, und leerte das Kelchglas. "Geniesse das Leben, junges Blut, stampfe die Erde im Tanze, schlurfe das Ol und Feuer der Traube, bette dich auf den Huften des Madchens, denn wenn du im Sarge dich streckst, so wird es anders, greulich und furchterlich. Die einen sagen, es sei aus mit dem letzten Hauche, das ist nicht wahr, die andern glauben, frei und ledig fliege die Seele auf vom Kote zum Himmel, das ist auch nicht wahr, die einen lugen, wie die andern, ich weiss es besser; Leben und Tod sind nicht geschieden, wie Schwarz und Weiss; ein entsetzliches Grau steht dazwischen, die Verwesung. Da fuhlt sich das modernde Fleisch noch als Fleisch, da mochte das Blut, das in Klumpen und Wasser auseinanderrannte, noch beisammenbleiben und vermag es nicht, da brennt in schaudervollem Schmerze das Auge, dem die Safte vertrocknen. O welches Wort nennte diese Pein! Welcher Jammer reichte an solche Verwustung! Warum soll ich allein diese Furcht tragen, an welcher das Menschengeschlecht umkame, wenn sie die Wahrheit erfuhren? Einer wenigstens muss mit mir zittern und beben, und der eine sei du!"
"Wahnwitzige, schweige!" rief Hermann, dem bei diesen Reden das Zimmer sich umdrehte.
"Wahnwitzig? Ich bin die Prophetin, du hore mir zu! Ich weiss es, denn ich habe es erfahren. Schon hatten sie mich ins Leichentuch gelegt, die Kerzen brannten zu meinem Haupte, die schwarzen Manner wurden bestellt, und ich konnte mich nicht regen und ruhren. Alles begann in meinem Leibe vorzugehn, buchstablich, wie ich es Euch gemeldet, und die Wurmer rusteten ihre Zahne zum Nagen. Ich war nicht lebendig und ich war nicht tot, ich war zwischen beiden. So ware es dann fortgegangen, Schritt vor Schritt, bis dahin, wo die arme in eins gefugte Kreatur, zerrissen, zersplissen, in der Luft sturmet und weht, als Erde friert, klebt und starrt, auf den feurigen Zungen der Flammen hupft und lodert, und immer noch von sich weiss, und wieder zu sich kommen mochte, aber nicht kann. Hast du das klagliche Achzen nicht gehort in der Natur? Es ist der Hulferuf der verwesten Seelen, die so umherflattern. Und mit andern Worten haben das die Priester schon gesagt, wenn sie vom Fegfeuer sprachen. Mich aber gelustete nicht nach diesem; in der letzten Angst rief ich den Starken zum Beistande, und der erhorte mich. Er fachte das Lebenslicht in mir an, dass es Herr wurde uber das Elend und die faulen Dufte; da konnte ich die Finger regen und bald darauf die Hand. Die Leute sahen es, sprengten mir flussige Geister in das Antlitz, und sagten darnach: 'Diese ist von den Toten erstanden."'
Sie strich ihre schwarzen Haare und hing sie sich wie Schlangen um das Haupt. "Sage mir, wer bist du. Unheimliche, und woher stammst du?" fragte Hermann, dem die wilden Reden durch Mark und Bein drohnten.
"Ich bin eine Nonne aus Spanien", versetzte die Alte, gierig trinkend. "Ich betete ofter als die andern alle zur Jungfrau Maria und den Heiligen, war uber die Massen fromm. Keine Ubung konnte mir streng genug sein, die erste war ich auf und die letzte von dem Chore. Sie nannten mich die Begnadigte, und ich stand in hohen Ehren weit und breit umher. Da brach der Krieg herein, unser Kloster wurde von den fremden Scharen ersturmt. Durch Rauch und Flammen, bei dem Zetergeschrei der Schwestern, welche mit zerrissnem Schleier die Gange hinabirrten, drang der schone Pole zu mir, ergriff mich und schleppte mich in die Kirche. Dort auf dem Altare, unter dem Bilde derer, welche wir die Mutter Gottes hiessen, bezwang er mich, ungeruhrt von meinem Weinen und Flehen. Ich schickte die jammervollsten Bitten in den Schmerzen der Wollust empor zu dem Bilde, mir zu helfen, und meinen himmlischen Brautkranz zu schutzen; aber es war umsonst, und ich lag da, vernichtet und mir selbst ein Ekel. Da erkannte ich, dass die Heiligen von Holz seien, und der Himmel ein Rauch und verfluchte Gott noch an der namlichen Statte. Folgte nach diesem dem Polen, und lebte mit ihm in verschiednen Landen in grosser brunstiger Herrlichkeit. Das Kind aber, so ich von ihm empfangen, trug ich aus in der Verachtung Gottes, immer in mich hineinsprechend: 'Wachse du Frucht meines Schosses ohne ihn, der da ist das uralte Nichts.' Und da es zur Welt kam, hatte es sich nicht, wie die andern Kinder, welche weinen, wenn sie geboren werden, nein, es hat gelacht und der Wehmutter ein Gesicht geschnitten, als sie es in ihren Handen auffing.
Aber ich war unselig ohne Gott, denn der Mensch muss einen Herrn haben. Wie ich diesen gefunden in den Ketten der Zerstorung, sagte ich schon; Er, der Starke, Dunkle, ist mein Konig und Gebieter worden, der mich in alle Wege leitet. Ihr seht mich zweifelnd an, und schuttelt das Haupt, weil ich im Walde vom Kreuz zu Euch gesprochen, und von Himmel und Holle, weil ich mich nach wie vor eine gute Christin nenne. Das ist eben seine Gute und Grossmut; er erlaubt es uns, damit uns die Menschen nicht steinigen, er rat uns selbst, die Larve zu tragen, und ist zufrieden mit unsres Herzens stillem verschwiegnem Dienste. Und ich sage Euch, es gibt mehrere dieser Art ausser mir. Aber horch, ich hore das Flammchen, sie soll uns den Tod und die Auferstehung tanzen."
Die Alte richtete sich auf, wankte in eine Ecke, kniete dort nieder, stemmte die Arme in die Seite, und hob an, ein Lied zu singen, welches Hermann, der, sobald die Ture frei geworden war, hatte entfliehn wollen, mit magischer Gewalt zuruckhielt. Bei seinen Tonen trat Flammchen ein, im vollen, uppigen Putze, schritt, ohne selbst Hermanns zu achten, wie gefesselt und bezwungen auf die Alte zu, senkte vor ihr das Haupt, und bewegte sich dann nach dem Takte der Melodie rund im Kreise um ihn.
Die Worte des Liedes waren wieder aus der fremden Sprache, welche Hermann nicht verstand, aber Melodie und Ausdruck gaben den klaren Sinn. Tief und wehmutsvoll klangen die ersten Strophen, ein Schmerz, der keine Grenzen und keinen Namen hat, zitterte in ihnen, aber gehalten und bewusst. Auf einmal fielen in einem ganz wunderbaren, raschen Tempo wirbelnde, schneidende Tone ein, und zuletzt sprudelte daraus ein Gewimmel von Lauten hervor, als wollten Rhythmus, Worte, Musik einander aufheben und vernichten, ohne dass gleichwohl die damonische Harmonie in diesem Aufruhre aller Takt und Tongesetze unterging.
Angemessen dem Liede waren die Tanzbewegungen Flammchens. Das Haupt gesenkt, die Arme schlaff am Leibe niederhangend, den Leib matt in den Huften wiegend, setzte sie die kleinen, wie durch Starrsucht gefesselten Schritte, lieblich immer, aber trage in die Runde. Es war mehr ein Schleichen, als ein Gehn, die Augen hielt sie halbgeschlossen, die Lippen waren wie von Erschopfung geoffnet. So gab sie das Bild einer sterbenden Magdalena, an deren sussen Fleische schon der grimmige Freudenhasser nagt. Bald ging dieses Schleichen in ein volliges Stocken uber, kaum merklich waren noch die Bewegungen, sie erstarrte endlich, sich auf die Knie niederlassend, zu einer Gestalt von Stein, durch deren Adern und Fibern es nur noch wie ein unseliges Rieseln und Wirbeln lief. Der Anblick dieses schonen Madchenkorpers, seiner leisen, zuckenden Regungen war unbeschreiblich ruhrend, die Augen tat sie auf, und warf auf Hermann einen erloschnen Blick, vor dem er gleichwohl die seinigen senken musste. Denn es rief aus demselben wie mit schluchzendem Munde: "Erlose mich, o du mein Geliebter, aus den Krallen der zerwuhlenden Elemente!" So blieb sie einige Sekunden haften, dann aber warfen die raschen schneidenden Strophen der Alten den Aufruhr auch in ihre Glieder. Sie erhob die Arme, sie richtete sich auf ihre Fusse, vorwarts und ruckwarts flog der Leib, von den geschwungnen Schenkeln bewegt; immer wilder, zerbrochner wurde dieser rasende Tanz, die Glieder schienen sich voneinander zu losen und dahin und dorthin zu zerflattern, endlich schwebte das lemurische Gebilde hauchartig in den Luften, denn kaum den Fussboden noch beruhrten die Spitzen der Zehen. Die Kreise hatte das tanzende Schattenahnliche aufgegeben, in einer geraden Linie schwebte es gegen den Sarkophag in der Nische, von welcher die Alte den Vorhang hinweggezogen hatte, und zitterte dann mit angstlichem Wenden von seinem Mumieninhalte zuruck. Nachdem dieses Hinan und Zuruckschweben einige Male stattgefunden hatte, verklang das Lied der Alten.
Welches Ende das geisterhafte Schauspiel genommen, hat Hermann nie erzahlen konnen. Er hatte, als er das gespenstische Schweben eine Zeitlang angeschaut, vor dem verwirrenden Anblicke die Augen geschlossen, und sich mit abgekehrtem Gesichte wider die Wand gelehnt. Da er sich umwendete, war er allein.
Noch immer rauschten die Weisen des Balls fort, noch immer hupften unfern frohliche Menschen, und hier waren ihm Offenbarungen des Grabes geworden! Die Menschen, welche Zauberstatten betreten, deren Augen und Ohren in das Wesen und Weben solcher Orte verstrickt werden, bussen Sinn und Willen ein, die uberwaltigte Seele lebt Jahre in Augenblicken, das Fernste, Unglaublichste tritt ihr als Wahrheit nahe, die Wirklichkeit hat keine Macht mehr auf sie. In solcher Verfassung war Hermann. Seinen durch Tanz und Wein aufgeregten Geist hatten im Verlauf einer Stunde die fremdesten Gegensatze beruhrt. Das edelste Menschliche hatte ihm in tiefster Brust mit Liebesarmen geschmeichelt, hollischer Spuk war dieser Seligkeit in aller Pracht des Abgrunds gefolgt. In den Haushalt der Engel und in den der Teufel hatte sein erblindendes Auge schauen mussen, leider fehlte ihm die Festigkeit des Dante, welcher einst die Last solcher Gesichte unverzagt zu ertragen wusste.
Ohne zu wissen, was er tat, hob er jetzt selbst den Deckel des Sarkophages ab, und starrte gedankenlos die trocknen Zuge der Mumie an. Eine Weile hatte er so gestanden, als durch die Ture, die nach dem Naturalienkabinette fuhrte, der Kurator eintrat. "Ich bringe eine gute Neuigkeit", sagte dieser. "Johanna verlangt noch nach Ihnen, zu so spater, oder so fruher Stunde, denn es geht auf zwei Uhr, kann diese Bestellung nur das Beste bedeuten. Gewiss ist in ihr der einzige richtige Entschluss, den sie fassen konnte, aufgekeimt, und Sie sollen ihr denselben ausfuhren helfen. Gehen Sie schnell zu ihr."
Hermann ging. Draussen auf dem Gange verliess ihn jener. Der Ball hatte aufgehort, unten fuhren die Wagen ab. Die Alte sah er umhertaumeln und auf den Vorsalen die Lichter und Lampen ausloschen. Als er bei ihr vorbeiging, lachte sie ihn an, und rief: "Ihr schleicht noch zu Eurem hohen Lieb? Nun, eine gluckselige Nacht!"
Er offnete sacht Johannas Zimmer. Es war dunkel, der Duft sussen Raucherwerks floss ihm entgegen. Er meinte, sich geirrt zu haben, trat einen Augenblick auf den Gang zuruck, und sah die Ture an. Aber das war seine, das war Johannas Ture! Er tastete im Zimmer nach einem Stuhle, setzt sich auf denselben, und wollte erwarten, dass seine Freundin mit Licht komme.
Da horte er leise die Vorhange des Betts rauschen. Was er noch von Besinnung gehabt hatte, schwand. Er wankte der Gegend zu, von welcher das Rauschen vernommen worden war. "Johanna?" fragte er gluhend, bebend. "Ja", antwortete es kaum horbar unter innigem Weinen. Ein Busen und Leib, dessen Beruhrung die Glut des Fiebers in ihm entzundete, drangte sich aus den Kissen ihm entgegen. Weiche Arme umschlangen ihn, er sank auf das Lager, welches ihn erwartete, und die Wogen des hochsten Genusses schlugen uber ihm zusammen.
Funfzehntes Kapitel
Man hat den Maler gelobt, welcher, die Grenzen seiner Kunst erwagend, auf dem "Opfer der Iphigenia" dem Vater Agamemnon das Haupt verhullte. Zu diesem oft angefuhrten Beispiele mussen auch wir unsre Zuflucht nehmen, wenn wir bekennen, dass unsre Feder die Empfindungen nicht schildern mag, welche Hermanns Brust zerrissen, als der Tag in sein Gemach schien. Es gibt ein Bewusstsein, von welchem kein menschliches Wort das Genugende aussagen kann. Ach, und dennoch sind die Dinge moglich, die so wutende Schmerzen in uns hervorrufen, und werden uns Armen auferlegt! Im tiefsten Dunkel war er nach seinem Lager zuruckgekehrt. Aus unerquicklichem Schlummer mit dem Morgenrote emporfahrend, wollte er sich uberreden, das Erlebte sei nur ein lasterhafter Traum gewesen. Aber da brannten und schmerzten seine wunden Lippen noch von wilden Kussen, da fehlte seinem Finger der goldne Ring, den er zu tragen pflegte, und der ihm unter reizenden Liebesspielen entschmeichelt und abgestreift worden war. Er war unglucklich, ganz unglucklich. Ein Heiligtum war geschandet, ein Gotterbild von seinem hohen Stande schmahlich in den Kot gesturzt worden. Er ging in den Garten, die Baume schienen ihm falbe Asche statt des Laubes auf ihren Zweigen zu tragen, Luft und Sonne waren ihm zuwider. In die Laube, worin er sich niedergesetzt, flog ein Vogelchen und sah ihn unschuldig neugierig an. "Willst du meiner spotten?" rief er und schlug nach dem Tiere.
Im Garten, wie im Hause war alles still. Die jungen Leute, die Diener verschliefen ihre Anstrengungen. Flammchen war nicht zu sehen.
Die Alte kam, ein dampfendes Getrank auf silbernem Teller tragend, und sagte feierlich hohnisch: "Ich bringe Euch Starkung, Ihr muntrer Ritter. Seht Ihr wohl? Nun habt Ihr doch getan, was der Starke, Dunkle mir versprochen hatte. Ihr lagt so recht der Tugend im Schosse, nicht wahr?"
"Fort, du Scheussliche!" rief Hermann, und schleuderte heftig die Alte zuruck, dass die Tasse auf den Boden fiel und das Getrank verschuttet wurde. "Ei behute und bewahre, lasst nur meine Knochen ganz!" murrte sie und schlich davon.
Ein Reiter sprengte an das Gittertor, in welchem Hermann den nach dem Schlosse des Herzogs gesendeten Boten erkannte. Er zog einen paketartigen Brief aus der Tasche und sagte: "Ich bringe Antwort." "Gebt sie an die gnadige Frau ab", versetzte Hermann.
Er zitterte, Johannen zu sehn. Er schauderte vor dem Gedanken, ihr Zimmer zu betreten, auf dessen Schwelle sich die Erinnerungen der Nacht mit Furienantlitzen lagerten. Die Vernichtung ware ihm willkommen gewesen.
Ein Knabe kam und sagte: "Sie werden im Birkenholze erwartet." Bewusstlos schwankte er hin; Johanna trat ihm dort entgegen und rief: "Ich selbst in schlimmer Lage, soll noch andern helfen. Medon, seiner Haft entwichen, ist hier in unsrer Nahe, spricht mich um Rat an. Sie liess ich holen, um Schutz und Beistand bei diesem unseligen Wiedersehen zu haben, da ich doch schwacher bin, als ich meinte."
Eine Gestalt im Mantel naherte sich, schlug die Verhullung zuruck und Medons bleiches, verwildertes Antlitz wurde sichtbar. Er sturzte vor Johannen nieder. "Vergeben Sie mir alles, was ich an Ihnen getan!" war sein erstes Wort.
"Stehen Sie auf, Medon", versetzte Johanna. "Sie sind unglucklich; wie vermochte ich, Ihnen zu zurnen? Wir Frauen haben die Eigenheit, selbst unsre Irrtumer zu lieben, in diesem Worte werden Sie eine Beruhigung uber mich und mein Gefuhl fur Sie jetzt und kunftig finden. Es war ein Irrtum, dass ich Sie liebte, aber ich habe Sie geliebt; vor dieser Wahrheit zerschmilzt alles Bittre und Zurnende."
Der Ungluckliche brach in ein unendliches Weinen aus. "Ist keine Hoffnung, dass wir uns je wiedersehen?" fragte er leise.
"Keine", versetzte sie. "Ich habe abgeschlossen mit Ihnen und mir. Ich konnte noch fur Sie dulden und leiden, aber nicht mehr mit Ihnen leben."
"So hore denn, dass in diesem Augenblicke, der mich auf ewig von dir scheidet, mein Herz sich fur ewig an dich knupft!" rief Medon mit aller Glut der heftigsten Leidenschaft. "Ja, nun, da ich dich einbusse, sehe ich, was ich verscherzt habe! Diese Anmut und Hoheit konnte mein sein und ich Sinnloser warf sie hin um Nichtiges!"
"Enden wir", sagte Johanna, "auch mich verlasst die Kraft. Gehen Sie aus Europa; meine Briefe, welche ich Ihnen nach Ihrem verborgnen Aufenthalte senden werde, offnen Ihnen durch Freunde die Mittel und die Wege. Hier nehmen Sie die Halfte dessen, was ich besitze. Sie durfen nicht Mangel leiden. Und nun gehn Sie, dass Sie kein Spaher ausforscht. Fassen Sie sich. Die Verzweiflung ist fur schwache Seelen."
Er bedeckte ihre Hand mit inbrunstigen Kussen, dann verschwand er zwischen den Baumen. Johanna wandte sich zu Hermann und sagte zu ihm mit der himmlischen Ruhe und Klarheit, welche ihre Worte an Medon durchleuchtet hatte: "Auch wir scheiden. Die Herzogin schreibt mir, dass sie bei ihrem Anerbieten, mich wieder aufnehmen zu wollen, beharre. Mein Wagen ist bestellt. Dieses Paket sendet sie fur Sie. Leben Sie wohl. Ich fuhle keine Reue, dass sich mein Wesen Ihnen in schrankenloser Zartlichkeit ergab. Vielleicht loset das Leben, gewiss der Tod dieses schone Ratsel des Gemuts; die selige Nacht, in der es aufbluhte, gehort uns beiden zu unverausserlichem Eigentume."
Hermann war unvermogend, zu antworten. Er sank auf eine Steinbank, als sie ging. Die Welt wankte vor seinem Geiste in ihren Grundfesten. "Erhalte mir das Licht im Haupte, du heilige Macht da droben!" rief er, und rang die Hande. "Diese war Johanna, die Reine, die Unbefleckte! Sie lachelte und redete auch noch ganz so, wie mein lieber hoher Engel von ehedem."
Er erbrach das Paket. Die der Herzogin einst anvertraute Brieftasche, das geheimnisvolle Vermachtnis seines Vaters, war in demselben. Folgende Zeilen hatte die Herzogin in franzosischer Sprache dazu geschrieben: "Mir ist hinterbracht worden, welche Unsittlichkeit Sie auf unsrem Schlosse sich erlauben zu durfen meinten. In dem durch Ihr Verhalten mir aufgeregten Gefuhle bin ich ausserstande, langer, was Ihnen gehort, zu bewahren, und entlaste mich durch die Rucksendung der bisher geubten Pflicht." "Recht so!" rief Hermann und lachte ingrimmig. "Unsre Sunden werden uns zu Tugenden, und um das Unschuldige verwerfen uns die Menschen. Es ist nur eine kleine Zugabe zu grossem Elend. Venus Urania ist bei Nacht nichts als die Hetare Kallipygos, aber wenn die Sonne wieder scheint, stellt sich die Gottin in Worten und Mienen unverletzt her. Schein und Schaum die Welt und die Wahrheit, oder umgekehrt: Schein und Schaum das allein Wahre! Nun ware ich ja wohl auf dieser hohen Schule der Folterkunste, aus welchen bose Geister das Leben wirken, genugsam vorbereitet, zu erfahren, was die Lippen meines alten Vaters mit in das Grab genommen haben."
Er offnete das Portefeuille und las den Inhalt.
*
Wenn es erlaubt ist, bei einem Werke des Orts und der Stunde, welche ihm das Dasein gaben, zu gedenken, so sei dem Verfasser gegonnt, ein solches Taufzeugnis hier niederzuschreiben. Wunderbar ubereinstimmend war der Boden aller Verhaltnisse, auf welchem das gegenwartige Buch dieser Denkwurdigkeiten wuchs, mit dem Inhalte desselben. Denn seltsame Ereignisse mussten beschrieben, die unvereinbarsten Gegensatze in den Schicksalen der Personen, welche uns beschaftigen, dargelegt werden. Und heimatlos war der Verfasser zu der Zeit, zwischen zwei Stadten fluchtig hin und her geschleudert, in ein labyrinthisches Geschaft mit Menschen und Dingen verstrickt, an welchen selbst die Gotter ihre Meister finden konnten. Was Wunder, dass diese grause Harmonie der Ausserlichkeiten und Stimmungen mit seiner Aufgabe ihn oft furchten machte, letztere werde ungelost in jenen Knauel der Umgebung sich verlieren.
Da tat ihm ein ehrwurdiger, geistlicher Freund die stille Arbeitszelle in dem aufgehobnen Kloster hinter ruhig sauselnden Baumen und friedlich dunkeln Bachwellen auf. Fur diese Freistatt sei dem guten Abte Beda der Dank auch hier bezeugt, dessen ihn mein Mund schon oft versichert hat. Der Liebesdienst wurde zur rechten Zeit erwiesen, und war daher wie alles, was zur rechten Zeit kommt, ein unschatzbarer.
Achtes Buch
Korrespondenz mit dem Arzte 1835
Between the acting of a dreadful thing,
And the first motion, all the interim is
Like a phantasma, or a hideous dream.
Brutus in "Julius Casar"
I. Der Herausgeber an den Arzt
Sie erinnern sich vielleicht kaum noch unsrer Zusammenkunft in *, wo ich Sie inmitten der damals Ihnen kurz zuvor untergebnen Anstalten und im Feuer einer frischen, mannigfaltig wirkenden Tatigkeit traf. Der Umfang dieser Geschafte, welche Ihnen neu waren, der Lebensatem, den die grosse Stadt dem wissenschaftlichen Manne zuhauchte, und dessen Macht sich noch nicht durch Gewohnung abgeschwacht hatte, mochte in Ihnen eine erhohte Stimmung hervorgerufen haben. Unsre Unterhaltung war die inhaltreichste. Mit schlagenden Worten gaben Sie mir in der Kurze den deutlichsten Begriff von dem Stande Ihrer Wissenschaft in der Gegenwart.
Ich wurde mich, wie ich schon andeutete, vermutlich sehr irren, wenn ich glauben wollte, dass meine Person und Erscheinung in Ihnen einen Eindruck zuruckgelassen hatte, nur von fern demjenigen gleichkommend, welchen ich mit mir fortnehmen durfte. Es ist mir so angeboren, bedeutenden Menschen gegenren Vorteil erachte, ihnen zuzuhoren, als mich selbst vorzutragen.
Dennoch wage ich, als seien wir einander Freunde und Vertraute geworden, Sie um eine Gefalligkeit anzusprechen und zwar um eine grosse. Es gibt Dienste, welche so sehr in einem allgemeinen Interesse erbeten werden durfen, dass deren Leistung auch gegen den ganz Fremden vielleicht kaum mit Recht zu versagen ist.
Lassen Sie mich Ihnen bekennen, dass mich nicht der Anteil an Ihrem Institute, und nicht Ihr offentlicher Ruf mich zu Ihnen trieb, sondern dass ich aus einem mehr personlichen Beweggrunde kam. Nahe hatten Sie einem Teile der Personen aus den hochsten Standen und der mittleren Schicht der Gesellschaft gestanden, deren Schicksale sich eine Zeitlang auf eigne Weise beruhrten und durchkreuzten. Sie waren in der Verkettung der Leidenschaften und Umstande durch Rat und Tat, in Liebe und Widerwillen selbst handelnd gewesen.
Durch Zufall auf die Betrachtung jener aristokratisch burgerlichen, politisch sentimentalen Haus und Herzensereignisse gefuhrt, durch Neigung bei der Betrachtung festgehalten, wunschte ich den Mann kennenzulernen, welcher in diesen Dingen verzeihen Sie mir den Ausdruck hin und wieder den Mephistopheles gespielt hatte.
Nun war aber Ihre Erscheinung ganz verschieden von meinen Gedanken. Ich bemerkte nach den ersten Reden, welche wir wechselten, dass Ihre Seele eine philosophisch religiose Farbung erhalten hatte, die zu meinem Bilde von Ihnen nicht passte. Uberrascht durch diese Entdeckung vermochte ich daher auch nicht, das Gesprach auf jene Begebenheiten zu lenken, die mich so sehr beschaftigten, und es entspann sich die Unterredung allgemeinen Inhalts, welche, so anziehend sie auch fur mich war, dennoch meinen Wunschen widerstritt.
Denn zwolf Jahre bin ich den Lebensvorfallen der Menschen, welche, wie wir alle, als duldende Epigonen den von einer fruheren Zeit uns hinterlassnen Kelch auskosten mussten, aufmerksam gefolgt, ich habe niedergeschrieben, was ich von ihnen erkundete, und mich bestrebt, die verborgnen Faden nach den bekannten Tatsachen erganzend darzulegen. Wie weit mir dieses Werk gelungen, vermag ich zwar nicht zu entscheiden, gewiss aber ist es, dass die Bucher dieser Geschichten, teils im Plane bedacht, teils in der Anlage entworfen, und teils in der Ausfuhrung vollendet, einen grossen Abschnitt meines eignen Lebens hindurch mir unausgesetzt treue Begleiter waren.
Jetzt sind die Entwicklungen nach tiefem Dunkel trostlich erfolgt. Frohliche Kinder umspielen die Knie derer, welche einst unrettbar verzweifeln zu mussen schienen, leidende Seelen haben sich in edler Tatigkeit erholt, nur die starren, eigentlich schon im Leben toten Naturen, nur einige lieblichwilde Auswurflinge geheimer Sunde oder gottschandender Vermischung umhullt das Schweigen des Gewolbes, oder deckt die grune Erde, welche alles zuletzt mutterlich verhullt.
Aber eine dustre Zwischenzeit trat diesen heitern Ausgangen vor. Am Schlusse meines Werks fuhle ich mich unfahig, jenen wesentlichen Teil desselben zu liefern. Alles war damals verdeckt, entweder von den Vorhangen des Krankenbettes, oder von dem Siegel der Beichte, oder von der Scham der sich selbst zerwuhlenden Brust. Die Geretteten bewahren ihre Erinnerungen zu heilsamer Scheue vor den Ungeheuern, welche unser Dasein umlagern, aber sie reden nicht davon, sie entziehn sich der Mitteilung uber diese Gemuts und Geistesnachte, wenigstens gegen mich.
Das neunte und letzte Buch, das Buch der Entwicklungen, ist geschrieben, und ich wurde allenfalls auch das achte zusammenphantasieren konnen. Aber etwas Halbrichtiges wurde mir selbst am wenigsten genugen. Gerade fur diese Zwischenzeit ware mir diplomatische Treue hochst erwunscht. Ich habe oft die Feder schon angesetzt, aber sie unwillig immer wieder weggelegt.
So mussten die "Epigonen" vielleicht ein im Wichtigsten verstummeltes Bruchstuck bleiben, wenn Sie, mein Herr, sich nicht helfend in das Mittel schlagen wollen. Sie waren in jener Zeit den Leidenden nahe; es ist unmoglich, dass Ihnen verborgen blieb, was mir zu entziffern nicht gelingen will. Ich weiss nicht, ob ich recht tue, es gibt vielleicht eine Leidenschaft fur die Wahrheit, die wir gleich den andern bezwingen sollten. Wenn dem so ist, so kann ich wenigstens ihrer nicht Meister werden, und ich bitte, ja ich beschwore Sie, meinem Drange nachzugeben, mir Ihre Kunde von dem Verlaufe der beiden Jahre, welche ich meine, und die Sie kennen, nicht vorzuenthalten.
Schreiben Sie mir, was das Gewissen der Herzogin bedruckte? welches Ungluck auf der Ehe Johannens gelastet? was beide Frauen nervensiech machte? welche Antriebe den Herzog so unvermutet dahin brachten, alle seine Guter dem Widersacher abzutreten?
Mit einem Worte: Losen Sie mich auf einige Zeit in der Autorschaft ab, und ubernehmen Sie die Redaktion des vorletzten Buchs, es sei, in welcher Form Sie wollen.
II. Der Arzt an den Herausgeber
Drei Briefe, jeder spatere immer noch dringender, als sein Vorganger, liegen auf meinem Pulte. Dass mich Ihr Ansinnen uberraschen musste, haben Sie selbst wohl vorausgesehen, dass ich mir Zeit nehmen wurde, Ihnen zu antworten, war naturlich. Geschafte und Pflichten mancher Art haben das Ihrige dazu beigetragen, diesen Brief langer zu verzogern, als ich wollte.
Ich soll zum Memoiristen werden, ich, der Arzt, der alle Hande voll zu tun hat, seine Patienten wahrzunehmen, die Aufsicht uber die Anstalt zu uben, Ministerialberichte zu verfassen, Doktoranden und Pharmazeuten zu prufen? Zum Memoiristen uber Personen, die mir so nahestehn, ja zum Teil uber mich selbst und uber eine Zeit, an die ich nicht gern zuruckdenke? Dilettieren soll ich in einem Fache, wahrend ich allenfalls in dem andern mein Zeichen aufweisen kann? Es musste sonderbar zugehn, wenn Sie mich uberredeten, aber verschworen will ich es nicht, denn der Anblick eines Feldes, welches uns versagt worden ist, wie Sie ihn mir offnen, hat etwas Lockendes, und reizt uns, wie der Rachen der Klapperschlange den Vogel anzieht.
Vor allen Dingen, ehe ich mich entschliesse, muss ich die Bucher in Handen haben, deren Sie erwahnen. Mich verlangt, zu erfahren, wie Sie uns, die wir an keinen Beobachter dachten, abzuschildern vermochten, und darnach will ich sehn, was zu tun ist.
III. Derselbe an Denselben
Ihre Hefte haben die sonderbarste Nachwirkung in mir zuruckgelassen. Soll ich mich eines Gleichnisses bedienen, so mochte ich sagen: Die Bienen arbeiten in ihrem Stocke, tragen Honig ein, halten in den Zellen ihre kleinen Kriege ab, und meinen, das alles fur sich in volligster Abgeschiedenheit zu tun. Aber der Korb hat an der Ruckseite ein Glasfenster und einen Schieber. Diesen offnet dann und wann der Lauscher und lugt in das stille Getreibe. So haben Sie uns verstohlen betrachtet, freilich mit Vorsicht; sonst wurden wir die Scheiben zu verkleben gewusst haben.
Die Tatsachen sind ziemlich richtig, soweit dies bei einer Erzahlung, welche Rucksichten zu nehmen hatte, uberhaupt moglich war. Die Psychologie ist so, so. Hin und wieder ging es wohl anders in uns zu, als Sie geahnet haben, wenigstens in mir.
Am wahrsten sind die Figuren, welche die Menge vermutlich fur Erfindungen halten wird: Die Alte, der Domherr, Flammchen. Es ist zu loben, dass Sie diesen Blasen der von Grund aus umgeruttelten Zeit nichts hinzugefugt, noch ihnen etwas abgenommen haben.
Sie klagen sich der Leidenschaft fur die Wahrheit an. Lassen Sie sich denn die Wahrheit gefallen, dass ich mich bei Empfang Ihres ersten Briefs wirklich Ihrer und unsrer Unterredung nicht erinnerte. In meinem Zimmer drangen sich der Menschen viele. Auf mein Fach, und wenn ich sonst noch ein Buch zur Hand nehme, auf die Englander mich beschrankend, kannte und kenne ich Ihre Schriften nicht. Es ist besser, dass ich als Fremder Ihnen gegenubertrete, und dass unsre Bekanntschaft auf eine solide Art vermittelt wird, als dass ich mich gegen Sie mit faden Komplimenten abfinde, die in der Regel nachmals sich auf die eine oder andre Art bestrafen.
Der Zeitabschnitt, in welchen unsre Entwicklungskrankheiten fielen, denn so mochte ich die Geschicke, welche uns betrafen, nennen, war vor vielen geeignet, ein deutsches Sitten- und Charakterbild hervorzubringen. Es war Friede im Lande geworden, die alten Verhaltnisse schienen hergestellt, das Neue war auch in seinen Rechten anerkannt, alle Bestrebungen hatten eine feste, naive Farbung, wahrend die neuesten Weltereignisse jegliche Richtung an sich selbst irre gemacht und in das Unsichre getrieben haben.
Die Gefuhle und Stimmungen jener Periode der letzten acht oder neun Jahre vor der Julirevolution liegen fast schon als mythische Vergangenheit hinter uns. Der Adel suchte sich mittelalterlich zu restaurieren, das Geld glaubte treuherzig, wenn es nur den privilegierten Standen den Garaus machte, so werde die Welt den harten Talern gehoren, der Demagogismus wollte studentenhaft die Festung sturmen, die Staatsmanner meinten nach Ideen regieren zu konnen, es gab Schriftsteller, welche mit grosser Macht die Einbildungskraft beherrschten; ein Denker stand unter seiner weit sich breitenden Schule und katastrierte den Geist. Was ist von allem dem ubriggeblieben? Die franzosische Thronverandrung hat abermals das Antlitz der Welt verandert, und sowenig ich in weichliche Klagen uber dieses Ereignis und seine Folgen auszubrechen geneigt bin, so muss ich doch sagen, dass die Jahre, welche ihr vorangingen, an geistigem Gehalt und an einer gewissen Dichtigkeit des Daseins die Gegenwart ubertrafen.
Man konnte Ihnen also Dank wissen, dass Sie es unternommen, ein Zeugnis jener verschwundnen Zeit aufzustellen. Aber zwei Fragen mochte ich an Sie richten.
Wenn Sie die Neigung so unwiderstehlich zur Betrachtung der menschlichen Schicksale treibt, warum schreiben Sie nicht lieber Geschichte selbst? Da hatten Sie die volle Traube am Stocke vor sich, und konnten uns einen gesunden reinen Wein zubereiten, wahrend Sie in der Sphare, welche Sie wahlten, notwendig mischen mussen, und also auch nur einen Zwittertrank hervorbringen.
Die zweite Frage ist: Was soll das Publikum mit diesen Buchern anfangen? Die Hauptperson wird die Menschen schwerlich interessieren, da sie keine "Tendenzen" hat. Und was ist daran wichtig, dass ein Burger mit einem Fursten uber dessen Guter prozessierte, dass wir ein Caroussel veranstalteten, dass es in den Hausern des Mittelstandes noch hin und wieder hauslich herging, dass an unsrem Sitze der Intelligenz allerhand Liebhabereien und Theoriewirtschaften getrieben wurden?
Meine Meinung uber den Wert dieser Zustande habe ich oben angedeutet, aber sie ist nicht die Meinung der Menge. Sie wird auf solche Geringfugigkeiten missschatzend herabsehn. N.S. Auf einige Fehler:
... quas aut incuria fudit,
Aut humana parum cavit natura ...
muss ich Sie doch aufmerksam machen.
Hermann will als Neunjahriger die Einverleibung seiner Vaterstadt Bremen in das franzosische Kaiserreich erlebt, und als Siebenzehnjahriger in den Donnern von Lutzen gestanden haben. Da aber jenes Ereignis im Jahre 1810 stattfand, und die Schlacht von Lutzen nur drei Jahre spater vorfiel, so widerspricht seine Rede aller Chronologie.
Der Jude aus Hameln, der falsche Demagoge, behauptet, von neununddreissig Tyrannen verfolgt zu werden, was nach der deutschen Verfassung vollig unmoglich ist.
Der Amtmann vom Falkenstein tritt schon im ersten Teile als Jagdgenosse Hermanns auf, und doch wird im zweiten so getan, als ob der Held erst bei dem Caroussel die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht habe.
Die Interpunktion und Orthographie steht nicht recht fest.
Es sind mir sogar Grammaticalia aufgestossen, die freilich wohl mehr dem Abschreiber zur Last fallen; denn von Ihnen setze ich voraus, dass Sie ihren Schulkursus durchgemacht haben. Ob aber alle Leser, und besonders diejenigen, welche sich Kritiker nennen, diesen guten Glauben teilen werden, steht dahin.
IV. Der Herausgeber an den Arzt
Ich bin an der Elbe geboren, und erinnre mich aus meinen Kinderjahren einer grossen Uberschwemmung dieses Stroms. Weit uber die Ufer, ja uber die niedrigeren Damme hin, wogte die graugelbliche Wassermasse mit weisskrauselnden Wellenhauptern, Landstrassen und Fluren waren verschwunden, nur in der Ferne deuteten Turmspitzen und Waldsaume das Feste noch an. Man fuhrte mich auf die Brucke, von welcher man in dieses wogende Getose hinabsah, und meine Begleiter forderten mich auf, uber das grosse Naturschauspiel zu erstaunen. Ich aber konnte an dem wusten Einerlei, an dem Unabsehlichen, Nichtzuunterscheidenden keine Grosse entdecken, und blieb in meiner Seele ganz ungeruhrt. Die andern schalten mich verstockt, fanden aber gleichwohl auf meine Frage: ob Millionen Tonnen Wassers, zusammengegossen, eben mehr waren, als Wasser? nichts zu erwidern. Gleich darnach reiste ich in unser Oberland, in den Harz, welcher einen Teil der Fluten aus seinen von Schnee und Regengussen geschwellten Wassern dem Strome zugesendet hatte. Wild und hastig sturzten die Flusse, Flusschen und Bache dem ebnen Lande zu, aber jedes Bette hatte seine eigentumliche Gestalt, die Wande fassten noch das Gerinne, welches hier rasch und tosend fortschoss, dort sich um Baumstucke oder Felsblocke brausend wirbelte, und jegliche dieser schaumenden Adern gewissermassen zu einer lebendigen Person machte. Hier ward nun mein Entzukken laut, ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Toben und Wesen, und sagte, das sei das wahre, grosse Naturschauspiel, wenn die Krafte so besonders und fur sich auftraten, und doch so innig zusammenhingen. Denn Seitenspalten und Nebenkanale verknupften diese Sohne des Gebirgs, die Elementargeister reichten einander die silberweissen Arme.
Die Knabenerinnerung soll eine parabolische Antwort sein auf die Frage, warum ich statt der Familiengeschichten nicht Welt- und Zeitgeschichte geschrieben habe, und warum ich sie vermutlich niemals schreiben werde. Mir erscheint ihr Geist nur in grossen Mannern, nur die Anschauung eines solchen vermochte mir den Sinn fur irgendeine Periode aufzuschliessen. Wir besitzen aber keinen, haben seit Friedrich keinen besessen. Napoleon schien sich eine Zeitlang dazu anzulassen, aber es fehlte ihm die letzte Weihe, das organisierende Genie. Er hat nicht einmal vermocht, einen originalen franzosischen Staat zu schaffen, seine Institutionen sind schon jetzt veraltet. Im Laufe der Jahrhunderte wird er nur wie ein Attila und Alarich, die Vorlaufer Karls des Grossen, dastehn, und diesen zweiten Karl, diesen Erneuer des murbe gewordnen Weltstoffs werden unsre Augen leider nicht mehr erblicken. Was ist also das politische Leben unsrer Zeit? Eine grosse, weite, wuste Uberschwemmung, worin eine Welle sich zwar uber die andre erhebt, aber gleich darauf von ihrer Nachfolgerin wieder umgesturzt und zerschlagen wird. Ich kann daran nichts Schones erblicken. Leider haben die Beherrschten mehr Geist als die Herrscher, deshalb vermag nicht einer dieser feste Gestalt zu gewinnen, und jener sind viele, so dass sie sich gegenseitig aufheben.
Ich fuhle mich daher immer versucht, von der Ebne, in welcher diese Wogen als Revolutionen, Thronstreitigkeiten, Kongresse und Interventionszuge sich brausend mischen, aufwarts nach dem Gebirge emporzusteigen, welches durch seine hinabgesendeten einzelnen Fluten jene allgemeine Wasserwuste erschafft. Nie sind die Individuen bedeutender gewesen, als gerade in unsern Tagen, auch der Letzte fuhlt das Flussbette seines Innern von grossen Einflussen gespeist. Dort also, auf entlegner Hohe, an gruner Waldsenkung, zwischen einsamen Felsen, im Rucken der politischen Ebne, wachsen und springen meine Geschichten. Jeder Mensch ist in Haus und Hof, bei Frau und Kindern, am Busen der Geliebten, hinter dem Geschaftstische und im Studierstubchen eine historische Natur geworden, deren Begebenheiten, wenn wir nur das Ahnungsvermogen dafur besitzen, uns anziehn und fesseln mussen.
In diesem Sinne reicht die Gegenwart oder die jungste Vergangenheit dem, welchem das besondere, gegliederte Leben mehr gilt, als der unentschiedne Strudel, in welchen die verschiednen Stromungen der Lebenstatigkeiten endlich zusammenrinnen, wenn sie in den Konflikten des Offentlichen einander begegnen, des Stoffes die Fulle dar, und es ist nicht notig, in die Zeiten der Kreuzzuge, oder der Jesuitenherrschaft, oder des Dreissigjahrigen Kriegs zuruckgehn, um bedeutsame Anschauungen zu gewinnen.
Man hat unsre Tage mit denen der Volkerwandrung verglichen. Das Romische Reich zerfiel in jenen, und die Germanen traten an dessen Stelle. Auch wir hatten so ein Romisches Reich an der Autokratie der Fursten oder gewisser allgemeiner Begriffe. Beides neigt sich zu seinem Untergange, und die Individualitaten in ihrer schrankenlosen Entbindung stehn als die Germanen der Gegenwart da. Noch haben sie nur zerstort, nicht das geringste Neue ist von ihnen bisher erfunden und gebildet worden. Mein Sinn, in welchem etwas Dichterisches sich nicht austilgen lassen will, neigt sich mit Wehmut und Trauer dem Verfallenden zu, denn die Musen sind Tochter der Erinnrung; aber eine Tatsache lasst sich nicht ableugnen, nicht verschweigen.
V. Derselbe an Denselben
Nachschrift um Nachschrift. Dieser Brief soll namlich eine sein.
Dass Hermann bei seiner Rede an die Herzogin im Feuer der Emphase sich an der Chronologie versundigt, und dass der falsche Demagoge behauptet hat, von neununddreissig Tyrannen verfolgt zu werden, ist historische Tatsache, welche mir der Held noch vor wenigen Wochen bestatigte. Dagegen liess sich also nichts machen.
In betreff des Amtmanns vom Falkenstein bin ich unschuldig. Sie haben die Bleistiftkorrektur an der Seite ubersehen, nach welcher der Satz so lautet:
"Unter den Hausbeamten, welche bei diesen Zurustungen mitwirkten, bemerkte er wieder seinen Jagdgenossen, den Amtmann vom Falkenstein, einen Mann von unangenehmen Manieren, dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte. Hermann erfuhr usw."
Sollten Setzer und Korrektor gleichfalls den Bleistift ubersehn, so diene dieser Brief zur dereinstigen Berichtigung.
Uber Orthographie und Interpunktion hege ich meine Grillen. Alles in der Welt hat sein individuelles Leben bis zu den Buchstaben, bis zum Kolon, bis zum Punkte hinunter. Inkonsequenzen machen erst das Dasein aus; warum missgonnt man es den kleinen Schelmen, zuweilen ausser der strengen Regel der Feder zu entschlupfen, und sich auch wohl einmal in krauser Willkur zu emanzipieren. Ein Komma will sich in der Spalte des Kiels bilden, plotzlich aber uberkommt den Narren ein Stolz, und zum Semikolon avanciert, erscheint er auf dem Papiere. Im Gegenteil: Ein grosser Buchstabe bekehrt sich, da es eben noch Zeit ist, vom Hochmut, und siehe, als demutigfrommer kleiner steht er da. Zusammensetzungen geraten in Zank und Hader, hauslichen Zwist, flugs rucken sie auseinander, wie grollende Eheleute, um vielleicht auf der nachsten Seite schon wieder in der schonsten Eintracht verbunden zu sein. Das spitzige, giftige ss stosst das gute, runde s uber den Haufen, und was dergleichen Vorfalle mehr sind, von denen Adelung und Wolke nichts gewusst haben.
Eigentliche Grammaticalia begehe ich wohl nicht, da ich, wie Sie richtig vermuten, in meiner Jugend eine gelehrte Schule besucht habe, uberdies aber auch nachmals mich immer mit Lesen und Schreiben beschaftigte. Sollte der Kopist dergleichen gemacht haben, und der Korrektor sie stehenlassen, so ware das freilich schlimm fur den Stil, aber ich glaube nicht, dass es mir bei den Lesern schaden wurde.
Die meisten Autoren tragen sich mit dem Gedanken, der Leser nehme das Buch zur Hand, um sich zu belehren, oder doch etwas Neues zu erfahren. Grundfalsch! Der wahre Leser greift danach mit dem Gefuhle des Patronats; der Schriftsteller ist sein Klient, und in je traurigeren Umstanden dieser sich befindet, je klaglicher die Rede ist, die er an ihn halt oder schreibt, desto grosseren Eindruck macht er auf den guten Patron.
Daher kommt das wunderbare Gluck der ganz erbarmlichen Schriften. Bei ihnen bleibt der Leser im steten, ihm so wohltuenden Genusse des Mitleids gegen das menschliche Elend.
VI. Derselbe an Denselben
Doch von den Minutien zum Ernste zuruck.
Lassen wir das Publikum! Es gibt kein Publikum mehr. Dieses Wort setzt eine Anzahl empfanglicher Horer voraus. Wer hort nun noch, und wer will empfangen? Leicht ist es, hieruber verdriesslich zu werden und zu schelten, schwerer, das Phanomen in seinem Ursprunge zu begreifen, in seinen Folgen mit Gleichmut zu erdulden.
Und doch entspringt die scheinbare Gefuhllosigkeit der jetzigen Menschen fur Schones, Geistiges nur aus der von mir in meinem vorletzten Briefe erwahnten Uberfulle der Geister. Jeder ist von einem unbekannten Etwas uberschattet, welches die Seelen erhebt und ganzlich beschaftigt, alle haben eine grosse Aufgabe in sich zu verarbeiten, keiner ist mussig. So sehe ich Zeit und Zeitgenossen, entgegenstehend manchen in den Buchern der "Epigonen" verlautbarten Stimmen, an. Wie sollen sie fahig sein, zu nehmen, da sie schon mehr haben, als sie bewaltigen konnen?
Die Literatur ist eine Literatur der Einsamen geworden. Der sinnende und bildende Geist wird von einer ewigen Notwendigkeit getrieben, sich zu offenbaren, und zur Vollstandigkeit dieser Offenbarung gehort die aussere Erscheinung. Man schreibt daher und lasst drucken, nach wie vor, ohne die Aussicht der Vorganger zu haben, gelesen zu werden. Anfangs und in der Jugend bereitet dieses Verhaltnis bittre Schmerzen; es ist so traurig, sich mit einer Welt von Anschauungen, Gedanken und Empfindungen in der Wuste zu sehn, allmahlich beruhigt sich das Gemut, und endlich kann in der durchgepruften Seele das Bewusstsein einer glorreichen Dunkelheit entstehen, welches so unzerstorbar schon ist, dass man es mit nichts vertauschen mochte. Oder ist es nicht besser, unter Reichen als Wohlhabender zu verschwinden, denn unter Bettlern mit seinem Etwas sich hervorzutun?
Ich schrieb den "Merlin" und wusste sein Schicksal vorher, namlich, dass man seiner nicht achten werde. Glauben Sie, dass mich dieses Wissen niedergeschlagen hat? Keine der Entzuckungen, aus welchen jenes Gedicht entsprang, hat es auch nur im mindesten getrubt. So habe ich an den Buchern der "Epigonen" gearbeitet, ohne irgend etwas davon zu erwarten, was man Wirkung nennen konnte. Und dennoch sind mir die Stunden, Tage und Wochen, welche ich ihnen widmete, unverfinsterte, liebe Erinnerungen.
Die Pfade zum Heldentume sind immer steil, die Pfade zu dem, welches ich meine, vielleicht die steilsten. Zart und weich soll der sein, der sie wandelt, und doch auch wieder die Kraft des Ajax haben, um die himmelansteigenden Felsen zu bewaltigen. Dennoch gelingt es wohl, emporzuklimmen, wenn wir nur verstehn, uns mit dem Blute unsrer Sohlen auf den Absatzen der Klippen neben den furchtbaren Tiefen festzuleimen.
Lassen wir also das Publikum und helfen Sie mir nur, wie ich gebeten, mein Werk vollenden.
VII. Der Arzt an den Herausgeber
Niemals bin ich in der Starke Materialist gewesen, wie Sie angenommen haben. Darin muss ich zuvorderst Ihre Geschichten berichtigen.
Religion wird einem jeden angeboren, und nach meiner Meinung ist der Vorwurf, dass man keine habe, womit die frommen Seelen sehr freigebig zu sein pflegen, der schwarzeste, welcher einem Menschen nur gemacht werden kann, denn er wirft ihn zu den Tieren hinab. So hatte ich fruh beim Abdampfen und Prazipitieren, bei dem Offnen und Zerschneiden der Leichen gefuhlt, dass ein Etwas vorhanden sei, welches im Feuer des Schmelzofens sich nicht fangen lasse, vor keinem Agens niederfalle, dem Messer und der Sonde immerdar entfliehe. Dieses Etwas trieb doch nun aber unleugbar Gestein und Metall, Blatt und Blume hervor, und figurierte "das kleine Konigreich, Mensch genannt". Wer durfte mir verwehren, es Gott zu nennen?
Aber dem Arzte wird es schwer, uber dieses Eine und Einfache zur Warme zu gelangen. Er ist seiner ganzen Stellung nach auf Betrachtung der Mannigfaltigkeit verwiesen, er darf darin nicht nachlassen, wenn er nicht sehr bald zuruckgehn will, und so pflegt es denn zu kommen, dass der Mehrzahl meiner Standesgenossen der den Erscheinungen untergebreitete Urgrund, das Heilige, das Imponderabelste, etwas Theoretisches wird, an dessen Vorhandensein zwar keiner zweifelt, mit welchem aber gleichwohl wenige eine Beziehung anzuknupfen vermogen.
An dieser Beziehung mangelte es auch mir. Mein Gott war der des Amsterdamer Philosophen, der mit einer intellektualen Liebe von Anfang an sich selbst, aber sonst nichts andres Liebende. Er liess mich gehen, ich liess ihn meinerseits wieder seine unendlichen Kreise in sich beschreiben. Zuweilen stieg wohl eine Ahnung in mir auf, dass wir einander noch einmal begegnen wurden, aber sie hatte weder Form noch Farbe, und war mir gleichgultig. Gegen alle Vermittlung durch die Kirche verspurte ich aber den entschiedensten Widerwillen.
Was mich auf das Schloss des Herzogs brachte, mich dort einige Jahre festhielt, wird man aus Ihren Geschichten herauslesen konnen. Es gibt Dinge, uber welche der Mann, auch wenn sie abgetan sind, gegen den Mann sich auszusprechen, immer Scheu empfindet. Der Gemahlin des Herzogs an einem fremden Orte, durch welchen sie reiste, in einer leichten Unpasslichkeit genaht, entschied sich mein Lebensgang zur Nachfolge in die einsame Gegend, wobei ich mir vorsagte, dass Beweggrunde des Interesses meinen Entschluss rechtfertigten.
Leidenschaften, besonders unerwidert verzehrende, loschen immer auf eine Zeitlang Gott und Himmel in uns aus. Der Ferne schwebte nur noch wie ein leichtes blasses Wolkchen an meinem Horizonte, und verbarg sich wohl auch ganz hinter den schwarzen Dunstschichten, welche die Luft oft genug trubten. Byron ward mein Prophet, mein Evangelium. Ein gluhendgeistiges Verlangen in mir blieb ungestillt, die Folge davon war, dass, wenn ich auch dem da droben nichts anhaben konnte, ich doch gegen seine irdischen Gefasse, die Seelen, eine Nichtachtung fasste.
Doch ich sehe, dass ich schon in das hineingeraten bin, wovor ich mich huten wollte, namlich in das Erzahlen. Noch zwar betrifft alles nur mich, nun aber verschlingen sich meine Begebenheiten in die andrer Personen, und die erste Bedingung ware, deren Einwilligung zu weiteren Berichten zu erhalten.
Ich will Ihnen nur gestehen, dass ich schon an die Herzogin und an Johannen geschrieben, den Damen Ihr Werk ubersandt, und die Entschliessung auf die Bitte des Autors anheimgestellt habe.
Warten wir denn ab, wie weibliches Gefuhl sich in diesem Falle benehmen wird. Darauf mussen wir wohl beide submittieren.
VIII. Derselbe an Denselben
Hier die Antwort der Herzogin und Johannens. Ihr Wunsch ist erfullt, freilich mit Widerstreben, indessen haben Sie Ihren Willen, den die Schriftsteller uberhaupt in der Regel durchzusetzen wissen. Schon bin ich selbst mitten in den Kreis dieser Memoiren geruckt, und werde Ihnen wohl nicht widerstehen konnen, wenn Sie fernere Berichte verlangen.
Bekenntnisse der Herzogin
Sind wir Frauen denn nur auf der Welt, um zu leiden? Im stillen, frommen Kreise meiner Zoglinge, durch den Sarg des Gemahls von einer fruheren unruhigen Zeit geschieden, ausgesohnt mit der Schwagerin, wird mein Auge in Regionen zuruckgenotigt, worin alles schwankte, garte und schien. Mit Erschrecken sehe ich, dass ein Fremder, in welchem ich zuletzt diese Fahigkeit vermutet hatte, meinen Schritten unbemerkt folgte, meine Gesinnungen erriet, und Schwachen auffand, wo ich nur Tugenden zu haben glaubte.
Ich kann nicht umkehren auf einen andern Ausgangspunkt, muss des Weges wandern, der mir allein gerecht ist. Moglich, dass ich zu manchen Zielen auf demselben nicht gelange, aber soll ich das Erreichbare aus dem Auge verlieren, und mich abmuhn, das, was mir doch versagt bleiben wird, mir scheinbar anzueignen?
Die Orientalen halten es fur Sunde, das Bild einer Person zu malen. Es ist gewiss auch unrecht, das geheime Leben andrer so schwarz auf weiss zu toten, denn was bleibt davon auf dem Wege vom Kopfe durch den Arm in die Feder ubrig? Nur in einem liebevollen Geiste konnen die Buchstaben wieder Leben gewinnen, und das Beste wird immer sein, was er zwischen den Zeilen liest.
Eins trostet mich: meine Grundempfindung, dass wir nicht oft genug an uns erinnert werden konnen. Und eine solche Erinnrung war mir das Buch. Zugleich lehrte es mich, wie seltsam unerwartet oft das im Leben eintritt, was kurz zuvor als eine Tauschung sich hingestellt hatte.
Ich verzeihe dem Verfasser. Er ist offenbar zu dieser Arbeit genotigt worden, nicht leichtsinnig, nicht willkurlich hat er sie unternommen. Wenn er von seiner Leidenschaft fur die Wahrheit gegen Sie redet, so hat er gewiss recht. Dieser Affekt bemachtigte sich vieler Menschen, leider, dass er mit Schonung und Rucksichtnehmen selten zu vereinigen ist.
Lassen Sie mir nur einige Tage Zeit. Ich muss den unerwarteten Fall erst uberdenken. Als der Autor an mich schrieb, war sein Begehren so dunkel und unbestimmt gefasst, dass ich nicht wusste, was er meinte, und am allerwenigsten auf eine Produktion vorbereitet war, wie die ist, welche ich nun kenne. Dass jemand ein Werk, woran er jahrelang geschrieben, dem Feuer preisgeben werde, weil andre sich dadurch unangenehm beruhrt fuhlen, ware grausam, nur zu denken. Die "Epigonen" werden also unvernichtet bleiben, sie werden ihren Gang uber Strasse und Markt nehmen. Sollen nun die Zeiten, welche freilich nur wir allein kennen, durch Erdichtungen entstellt werden? Soll unser Bild gerade in der wichtigsten Krisis unsres Lebens undeutlich und verworren der Menge entgegenschwanken, deren Bekanntschaft wir jetzt notgedrungen machen mussen?
Ich sehe schon, ich werde dem Zwange unterliegen, der meine stockende Feder bedrangt. Nun ja, auch ich habe gefehlt, auch mich bewahrte eine klosterliche Erziehung und das innigste Grausen vor dem Schlimmen, nicht ganz unverletzt. Eine Tauschung war es von Hermann, dass ich anders, als mit freundlichen Gedanken bei ihm geweilt, solange er unter uns auf dem Schlosse war, aber in den Dunsten solcher Einbildungen schreitet schon das Bose heran.
Grosser Gott, wie soll es eine arme Frau anfangen, ihr Innres vor andern zu enthullen? Aber ich sehe diese gezwungne Konfession als die letzte mir vom Himmel auferlegte Busse an, dafur, dass ein Hauch sich uber den Spiegel meiner Seele breiten durfte, und deshalb will ich mich ihr auch nicht entziehn.
Als Hermann uns verlassen hatte, glaubte ich, die frohsten Tage im Nachgenusse der letzten schonen Stunde erleben zu durfen. Das Dokument, welches uns in unserm Eigentume schirmen sollte, war gefunden und durch ihn, der mir so manchen Beistand geleistet hatte. Immer stand er vor mir, wie er freudeleuchtend das Pergament emporhielt, meine Gedanken ruhten an ihm, wie an einer festen Saule.
Aber es war kaum eine Woche vergangen, als mich dieser Trost nicht mehr befriedigte. Eine Unruhe ergriff mich, von der ich mir keine Rechenschaft geben konnte, es fehlte mir, was ich nicht zu nennen wusste, mein Sinnen schweifte uber Buch und Stickerei hinaus, wenn ich sie, um mich auf etwas zu heften, zur Hand nahm. Dem Gemahle, welchem ich doch vor allem Zutraun uber jedes Begegnis meiner Seele schuldig war, verbarg ich diese peinigende Zerstreutheit, und zwang mich, in seiner Gegenwart so zu erscheinen, wie sonst. Wie tief wucherte schon das Unkraut in mir!
Am bedrucktesten fuhlte ich mich des Abends sonst meine liebste Tageszeit! Die Nacht, welche fruher die Ruhe Gottes uber mich gebracht hatte, schien mich nun in ein Unendliches, Wustes zu fuhren, vor dessen hohlbrausenden Wogen meine Seele erzitterte. Ich schlummerte zwar auch jetzt nie ohne Gebet ein, aber die Worte desselben regten mich zu wehmutigen Tranen auf. Es gemahnte mich, als konne ich mir selbst wahrend des Dunkels abhandenkommen, als konne der Mensch verwandelt, schlimm aufstehn, der sich gut und unschuldig niedergelegt habe.
Eines Tages sagte ich plotzlich unversehens laut fur mich hin: "Es ist ja naturlich, dass ich ihn vermisse, war er doch bestandig um uns! Warum soll man sich nicht an einen Freund gewohnen konnen." Ich erschrak heftig, da ich diese Worte gesprochen hatte.
Mein Zustand war sehr schlimm. Nach und nach hatte sich aus dem Gefuhle des Zwangs, welches mir die Gegenwart des Herzogs einflosste, eine stille Furcht, aus der Furcht eine Abneigung entwickelt. Ich rechtete, ich haderte mit ihm, ich meinte, er vernachlassige mich, und wenn er mich aufsuchte, so bestrebte ich mich eher, ihn zu vermeiden. Der Herzog war unglucklich, ohne dass es mich schmerzte, seine stillen Blicke fragten mich, was er mir getan habe? Ich schlug die meinigen nieder, um nur nicht aus der Verschanzung des Trotzes und der Hartnackigkeit, in welcher ich nun schon eingewohnt war, gelockt zu werden.
Von Franklin hatte ich gelesen, dass er die ihm obliegenden Pflichten nicht auf das Geratewohl hin erfullt, sondern uber seine Sittlichkeit formlich Buch gehalten habe. Ich beschloss, etwas Ahnliches bei mir einzurichten. Vielfach war ich angesprochen, als Hausfrau, als Erzieherin, als Armenpflegerin. Ich legte mir ein Heft mit verschiednen Rubriken an, in welchem ich abends vor dem Schlafengehn die Werke des folgenden Tages einzeln verzeichnete. Auf der Gegenseite sollten die Unterlassungen als Debet diesem Kredit gegenuber eingeschrieben werden. Eine Kolumne war den allgemeinen menschlichen und christlichen Tugenden, der Sanftmut, Bescheidenheit, Vertraglichkeit usw. gewidmet.
Gewissenhaft besorgte ich eine Zeitlang diese moralische Rechnungsfuhrung. Da es mir Ernst war, der Ode meines Zustandes zu entrinnen, da ich nicht feierte, und lieber zuviel als zuwenig mir auferlegte, auch seit meiner Jugend die hochste Achtung vor allen ausdrucklichen Verpflichtungen hegte, so fullten sich die Spalten meines Buchs ziemlich an; immer geringer wurden die Ruckstande, je weiter ich in der Ubung der guten Werke vorruckte, und nach Verlauf eines Monats war ein betrachtlicher Uberschuss aus der Bilanz ersichtlich.
Diese Beschaftigungen und die damit nicht selten verknupfte korperliche Bewegung machten mich ruhiger. Mein Schlaf wurde wieder erquickend und ich hielt mich fur hergestellt. Meine Gedanken an den Abwesenden waren, oder schienen in den Hintergrund gedrangt, das Behagen der Hauslichkeit war mir zwar noch nicht zuruckgekehrt, die Stunden, welche ich mit dem Herzoge zubrachte, behielten etwas Formelles, indessen setzte mich dies nicht in Erstaunen. Schon fruh hatte ich mich mit der Vorstellung vertraut gemacht, dass der eigentliche Atem des Lebens doch nur die Pflicht sei, welche man mit Uberwindung ube, und dass der Mensch gegen nichts vorsichtiger sein musse, als gegen das Gluck. Hatte ich nun fruher mir oft im stillen gesagt, dass mir das Dasein ohne den Gemahl zur Einode werden, dass ich seinen Verlust nicht uberstehn, dass ein Ersatz fur ihn mir undenkbar sein wurde, so musste die jetzige etwas kaltere Empfindung mir als offenbarer Gewinn erscheinen. Nun fuhlte ich, dass ein stilles Zuruckziehn mich nicht zerstore, dass er, eingeordnet in den ganzen Zusammenhang meines Lebens, zwar darin eine hohe, vorzugliche Stelle einnehme, aber doch nicht Grundflache und Spitze der Pyramide ausmache. Uber diese Entdekkung jauchzte ich, und glaubte, durch sie eine Burgschaft unantastbaren Seelenfriedens erhalten zu haben.
Wie tauschte ich mich, wie fern war ich vom Ziele, da ich es schon mit den Handen zu fassen meinte!
Ich litt, obgleich ich sonst gesund war, seit einiger Zeit an einer erhohten Reizbarkeit der Nerven, welche sich besonders dadurch ausserte, dass mir unwillkurlich Phantasmen vor die Augen traten. Diese blieben zwar nur einen Moment sichtbar, wahrend der kurzen Dauer desselben hatten sie aber die ganze sinnliche Deutlichkeit wirklicher Gegenstande. So sah ich nicht selten ferne Gegenden, in welchen ich einst gewesen war; abwesende Personen, besonders Verstorbne zeigten sich mir in schnell voruberschwebenden Schattenbildern. Ein eigentumlicher Zug dieser Wahngesichte war, dass keine Neigung sie hervorrief. Nur Gleichgultiges erschien, oft das, woran ich seit Jahren nicht gedacht hatte. Der Arzt verordnete mir allerhand Mittel, welche aber nichts halfen, im Gegenteil meine Konstitution noch mehr aufregten. Ach, leider wird es nur zu sehr verkannt, dass die Krankheiten, wenigstens ein Teil derselben, weit mehr sittlicher als sinnlicher Natur sind, und dass daher in vielen Fallen Tranke und Pulver wenig nutzen konnen!
Eines Abends kam ich aus einem benachbarten Dorfe zuruck, wohin ich zu Fuss gegangen war, um Kranke zu besuchen. Ich wollte das Schloss noch bei guter Zeit erreichen, in welches andre Hulfsbedurftige bestellt worden waren. Nur ein Bedienter folgte mir. Ich ging etwas rasch, und wahlte, um fruher nach Hause zu kommen, den Weg uber den dem Schlosse gegenuberliegenden Hugel, obgleich derselbe an der einen Seite durch Dornen und Steilheit etwas beschwerlich war. Vom fruhen Morgen an war ich tatig gewesen, es hatten sich gerade recht viele Pflichten und Geschafte an diesem Tage zusammengedrangt, und ich dachte nicht ohne Selbstzufriedenheit daran, wie mancherlei ich werde zu Buche tragen konnen.
Auf einmal war es mir oben auf dem Hugel, als wenn sich um meine Fusse unsichtbare Schlingen legten, oder als ob ich an einen Stein stiesse, der zugleich meine Schritte gewaltsam hemmte. Ich kann diese Empfindung durchaus nicht genauer beschreiben; sie war zwischen Schmerz und Lahmung, und am nachsten komme ich ihr in Worten, wenn ich sage: Sie hatte Ahnlichkeit mit dem Gefuhle des sogenannten Einschlafens der Gliedmassen. Ich war unfahig, weiterzugehn, meinte zu fallen, und wusste doch, dass ich mich werde aufrecht halten konnen. In dem namlichen Augenblicke erhob sich die Gestalt des Abwesenden aus dem Boden, deutlich, dass mir die Knopfe an seinem Kleide erkennbar wurden, neigte sich gegen mich, legte mit welcher Scham schreibe ich dieses nieder! seinen Arm um meinen Leib, und zog mich an seine Brust. Mich verliessen die Sinne, und als ich von einem ohnmachtahnlichen Zustande erwachte, fand ich mich auf einer Rasenbank sitzend wieder, von dem zitternden Bedienten gestutzt, der mir stotternd und totenbleich erzahlte, dass ich plotzlich wie vor einem entsetzlichen Schrecknisse gestarrt, dann gewankt und einen angstvollen Schrei ausgestossen habe.
Meine Verfassung war furchterlich. Messer durchschnitten mir die Brust. Die Sunde hatte sich mir unversehens in nackter Abscheulichkeit gezeigt.
Da war nun keine Zeit zu verlieren, um zu retten, was sich noch retten liess. Ich blickte umher, und sah, dass mich nichts vor dem Gedankenfrevel geschirmt hatte, weder die Ehe, noch die guten Werke. Die Kirche allein war der Felsen, an welchen ich mein irrschwankendes Schifflein noch knupfen konnte. Nach einer qualenvollen Nacht, nach einem durchweinten Tage entdeckte ich mich in spater Abendstunde unsrem Geistlichen, und soll ich es gestehen? das verzweifelnde Herz trug sich mit der verstohlnen Erwartung, er werde mich nicht so strafbar finden, als ich mich selbst. Aber ich hatte mich getauscht. Ein strenges Gericht liess er uber mich ergehn. In schrecklichen Zugen, in drohenden Beispielen machte er mir anschaulich, dass die Kluft von der Tugend zu der ersten Abweichung von ihr sehr gross, der Raum zwischen dieser und den letzten Tiefen des Lasters aber unendlich klein sei. Er fuhrte mir die Wahrheit, dass der Korper nie, sondern immer nur die Seele sundige, in ihrer ganzen Strenge vor das Gemut, und nannte zur Bezeichnung meines Zustandes ein Wort, welches meine Ohren nie zu horen geglaubt hatten.
Dustre, aber heilsame Tage folgten. Ich ergab mich ganz seiner Fuhrung. Der Arzt, so mancher Freund, der Herzog selbst wollten hemmend dazwischentreten; Gott schenkte mir die Standhaftigkeit, ihre Angriffe zuruckzuweisen. Hier galt es das Ewige, da durfte keine Menschenfurcht zu Rate gezogen werden.
Das erste, was der Geistliche vornahm, war, dass er meine moralischen Rechenbucher zerriss. Er untersagte mir die guten Werke, mit denen ich mich gegen Gott auszulosen gewahnt hatte. Dergleichen, erklarte er mir, sei vollig unnutz, und fuhre immer nur zu verkapptem Hochmute. Dagegen legte er mir die strengsten Andachtsubungen und eine vollige Versenkung in Gott und die gottlichen Dinge auf. Oft meinte ich, dass ich in diesem Ringen nach dem Unsichtbaren erlahmen werde, aber wundersam starken die Leiden der Heiligung; wenn unsre Wangen auch daruber bleich werden, so wachst doch freudige Gesundheit durch sie um das Herz. Nach und nach erwarb ich, sagen darf ich es, Fertigkeit im Bussen.
Man wollte mich zerstreun, ich versetzte, dass mir die Sammlung notwendiger zu sein scheine. Erheitrungen sollten mir bereitet werden, mir, die ich von meiner immer wachsenden Heiterkeit schon andern hatte mitteilen konnen. Diese konnten keine Anfechtungen zerstoren. Der Herzog begann, gewiss in guter Absicht, mir unmutig zu begegnen, ich opferte gern den Frieden des Hauses auf dem Altare meines Gottes.
Nachmals gab es noch einen gewaltsamen Krampf in dem schwachen Geschopfe, der zuletzt in eine Krankheit sich aufloste. Von dieser erstanden, war ich geheilt in jedem Sinne des Worts. Der Weg war mir jetzt ganz gebahnt, von welchem mich auch die schwersten Unglucksfalle nicht haben abbringen konnen.
Wem kein so reicher Geist gegeben worden ist, dass ihm nur das verworrne Mancherlei des Lebens Beschaftigung gewahrt, wer an einfachen Wahrheiten und Grundsatzen die Nahrung seines Innern findet, der soll erziehn. Denn dieses Geschaft besteht nur darin, dass man den jungen Seelen eine Ausstattung schlichter Begriffe mitgibt, mit denen sie durch das Irrgewinde des Markts sich helfen sollen, so gut es gelingen mag. Diese in geduldiger Treue immer zu wiederholen und einzupragen, habe ich meine jungen Madchen um mich versammelt.
Ich unterrichte und bilde sie, nicht als ob ich damit etwas Verdienstliches zu vollbringen meinte, sondern weil ich eben dazu passe, und an den Ort gestellt worden bin, wo diese Pflicht geleistet werden sollte.
Johannas Bekenntnis
Von dem kriegerischen Schauspiele, welches die Menge der Fursten und Prinzen unglaublich glanzend machte, mit dem Generale zuruckgekehrt, fand ich Ihren Brief und die Bucher, welche die Herzogin inzwischen gelesen, und mir ubersendet hatte. Also so haben wir ausgesehen? Sonderbar, dass man von seinem inneren Antlitze keinen Begriff hat, wie oft man sich dies auch einbilden mag. Oder vielmehr die Sache steht so: Wir wissen um unsre Verhaltnisse, Stimmungen, Irrtumer und Schwachen recht wohl, aber sie im Spiegel zu erblicken, ist schauderhaft.
Anfangs war ich auf den Autor bitterbose, und keinesweges gemeint, mich, wie die Herzogin, der durch ihn von Gott mir verhangten Busse zu unterwerfen. Auch der General wollte nichts von Nachgiebigkeit gegen den im stillen an uns herangeschlichnen Memoiristen wissen. Als wir aber die Sache naher bedachten, sahen wir ein, dass meine Geschichte Frauen und Madchen, in deren Hande unsre Denkwurdigkeiten doch auch wohl gelangen mogen, zur Lehre dienen kann, und dass, wenn auch alle Beispiele die Wiederholung der Irrtumer nie verhuten, die Irrenden doch an meinem Falle zu ihrem Troste erkennen werden, wie das Gemut uns in grosses Leid bringt, die Arme unsres Schutzgeistes aber stark genug sind, uns aus demselben emporzuziehn.
Da kame ich nun in das Fach der Herzogin und wollte auch erziehn. Aber freilich beruht mein Unterricht auf andern Voraussetzungen. Die Stille, Liebe meint, so sehr die Demut ihr auch gebietet, ihre ganze Wirksamkeit vor der Welt als zweifelhaft darzustellen, insgeheim denn doch, dass ihre moralischreligiosen Vorschriften die jungen Seelen vor dem Strudel bewahren werden. Ich habe dagegen die Uberzeugung, dass gerade die edelsten Naturen unsres Geschlechts unbedingt tiefen Verwicklungen dahingegeben sind, welche keine Regel der Klugheit, kein Praservativ der Sitte, und keine Andachtsubung aufhalt. Viele gehn in denselben unter, wenige werden gerettet. Zu diesen gehore ich, und wenn auch die Art meiner Herstellung sich nicht bei jeder Unglucklichen wiederholen wird, so lehrt sie wenigstens, dass das Leben selbst aus seiner Fulle den Stab wachsen macht, welchen die Dressur der Pensionsanstalt nicht darreicht.
Dies will ich erzahlen, schlicht, einfach, kurz; zu ausgefuhrter, oder gar kunstreicher Behandlung habe ich weder die Lust, noch das Geschick, noch die Zeit.
Die Stellung der Frauen in der Gegenwart ist sonderbar. Was hat unsre Mutter beschaftigt, ihren Geist und ihr Gemut ausgefullt? Das Haus oder die Gesellschaft. Die Ruhigen wandten sich jenem, die Lebhafteren dieser zu. Nun gibt es aber keine Hauslichkeit mehr im alten Sinne, und aus der Gesellschaft ist der feine Zauber langst verschwunden, durch dessen Verwaltung wir die Priesterinnen und Furstinnen der Salons wurden. Unser Platz in der Welt ist also leer oder anderweitig besetzt, wie man dieses Missverhaltnis ausdrucken will. Wenn wir uns auch vor der durch die Saint Simonisten uns zugedachten Emanzipation schonstens bedanken wollen, so lasst sich doch ahnen, dass unser Zustand bedeutenden Verandrungen entgegengeht.
Der Autor hat der Wahrheit gemass erzahlt, dass mich schon als Madchen auf dem Schlosse meines Vaters das Gefuhl eines Vaterlandes machtig bewegte. Die Natur musste vielleicht so bei mir verfahren, mir Ersatz durch eine allgemeine Empfindung geben, weil mir der Segen einer gesetzlichen Geburt, mir eine Mutter vorenthalten worden war.
Madame de Stael wenn ich nicht irre hat einmal gesagt, dass in Zeiten, wo man auch den Frauen die Kopfe abschlage, ihnen notwendig erlaubt sein musse, sich um die Politik zu bekummern. So schlimm steht es nun bei uns nicht. Aber da wir durch die Staatsumwalzungen unser Vermogen einbussen, uns mit den Mannern versetzen lassen mussen und Sohne fur den Krieg gebaren, so scheint uns weder das Recht noch die Veranlassung zu fehlen, an allen den offentlichen Dingen teilzunehmen, durch welche auch uns Freude und Entsagung, das Lachen und die Trane bereitet wird.
Diese Vorstellungen bewohnten wie in der Knospe den Kopf des jungen Madchens, es sprach sich und andern dieselben nicht aus. Die Frau, welche Schritte in die Dreissig getan hat, wird wohl davon reden, und eingestehn durfen, dass sie von jeher sie gehabt.
Nun aber ist es eine eigne Sache um dieses Vaterland. Wir sind und bleiben denn doch arme Gefuhlswesen, bei welchen der Weg zum Haupte immer und ewig durch das Herz geht. Wenn die Trommel geruhrt wird, wenn sie dahinziehn in langen Reihen, und die Fahnen den Tuchern, und die Tucher den Fahnen Abschied zuwinken, und nun der Busen um Reich und Thron, und zugleich um das Schicksal der Lieben bangt, dann die herrlichen, freudigen Kampfes- und Siegesnachrichten erschallen, jeder in diesem Sturme sich zum Ausserordentlichen gehoben fuhlt, ach und endlich bei dem Friedensheimzuge die Freunde uns die teuersten Guter erobert dahergetragen bringen dann weiss eine Frau, dass auch sie in ihrer schwachen, furchtsamen Seele eine Empfindung beherbergt, welche uber die Spindel und das Nahzeug hinausreicht, dann durfen wir uns eines Geschlechts mit der Mutter der Gracchen, und den Weibern der Numantiner ruhmen. Oder auch dann kann unser Geist bewegt und erregt sein, wenn kluge, weltgestaltende Manner im Schweigen des Kabinetts mit der stillen Feder, oder der feinen gewinnenden Rede Bundnisse stiften, Provinzen erwerben, die Entschlusse so leise vorbereiten, welche nachher den Erdkreis erschuttern und die Menschen in Staunen und Verwundrung setzen. Da wissen wir wohl bei uns die Gegner zu friedlicher Annaherung zu versammeln, Geheimnisse zu empfangen und zu bewahren.
Aber wie wird es im Frieden, im gleichgultigen Gange des Alltags? Statt der Heldentaten Manoeuvres, statt des regsamen Spiels seltner Krafte ein stockendes Schleichen im Geleise trockner herkommlicher Tatigkeit. Was soll denn nun die Frau beginnen, welcher die Kleinigkeiten nicht genugen, auf die wir dann einzig und allein angewiesen sind? Da musste sie etwa Dichterin, Schriftstellerin, Kunstkennerin werden. Aber wenn die arme Seele zu der Einsicht gelangt ist, dass die Lieder ihrer Schwestern am Parnass nuchtern und dunn erklingen, dass die Bucher der Weiber aus den abgetragnen Gedanken der Manner bestehn, dass sie vor den Bildern und Statuen doch auch nur diesen bevorzugten Geschopfen nachsprechen, wenn sie also zu allen derartigen Zeitvertreiben weder Lust noch Belieben tragt, womit wird sie dann ihre verlangende, gluhende Brust ausfullen?
Ich hatte nach dem Tode meines Vaters schlimme Tage auf dem Schlosse. Gute Menschen walteten dort, aber unsre Seelen waren zu verschieden. Der Herzog war fruh gewissen Personen in die Hande gefallen, welche ihm die grossten Vorstellungen von der Wurde des Adels beigebracht und ihm die Heiligkeit der Pflicht, alles an die Herstellung dieses Standes zu setzen, eingescharft hatten. Diese Begriffe regierten ihn mit unumschrankter Macht, er hatte fur nichts andres Raum in sich. In den Militardienst eines kleineren Staates eingetreten, war er rasch von Stufe zu Stufe gestiegen, hatte auch an einigen Vorfallen des grossen Kampfs auf der deutschen Seite teilgenommen, aber ohne Liebe und Warme fur die Sache, welche ihn nur insofern interessierte, als er von ihrem Siege den Triumph der Aristokratie hoffte. Meine gute Schwagerin war in Paris erzogen worden, und hatte Deutschland erst nach dem Untergange unsres grossen Feindes kennengelernt.
Ich, voll von den Eindrucken einer unbeschreiblichen Zeit, mochte meinen nachsten Umgebungen wohl wie eine Narrin vorkommen, welche sich abmuhte, Schattenbilder der Wirklichkeit unterzuschieben. Der ganze Enthusiasmus eines zwanzigjahrigen Madchens war eins geworden mit dem Enthusiasmus eines Volks, diesen Gewinn festzuhalten, das herrliche Gedachtnis mir nicht zu einem Traume verdammern zu lassen, war die Aufgabe meines Lebens. Ich baute mir ein kleines Museum aus Erinnerungszeichen und Bildnissen der Feldherrn zusammen, sang meine lieben Schlacht und Kampflieder am Fortepiano, steuerte von meinen schmalen Mitteln, soviel ich nur entbehren konnte, an die Vereine, welche sich uberall zur Unterstutzung der Invaliden gebildet hatten.
Man stutzte, verstand mich nicht, lachelte uber mich. Ich liess mich das nicht anfechten. Aber freilich fuhlte ich nur zu bald, dass ich mit dem, was mir das liebste war, mich in einer volligen Einsamkeit befinde, und dieses Bewusstsein fiel mit um so grosserer Schwere auf mich, als es die nachsten waren, die es mir bereiteten, und als ich voraussah, dass bald mein ganzer Zustand in dem Hause, welches doch auch als mein Vaterhaus gelten sollte, unterhohlt sein wurde. Ich versank in eine Schwermut, die mich auch wohl zuweilen ungerecht gegen das Gute machte, welches mich umgab. Wenigstens muss ich jetzt uber manches lacheln, was mich damals gegen die liebenswurdige Frau einnahm, mit der ich nun so vertraglich leben kann. Sie hatte z.B. eine angstliche Sorgfalt fur ihre Gesundheit, scheute den Zug, den Tau, und was dergleichen mehr ist. Als ich mich einst hieruber im entgegengesetzten Sinne vernehmen liess, stellte sie mir sehr beredt die Pflicht dar, welche jeder habe, auf solche Weise uber sich zu wachen. Ich fand diese bewusste Ansicht von der Sache nur noch egoistischer und schwachlicher, und hatte doch unrecht. Denn wie verderben wir uns und andern durch uble Laune die Tage, und wie selten entspringt sie aus geistigen Ursachen, wie viel ofter aus kleinen Indispositionen, welche meistens durch Regime zu meiden waren! Wie hindern oder zerstoren Krankheiten das Gluck ganzer Familien! Was begunstigt uberhaupt mehr die Entwicklung eines harmonischen Lebensgangs, als das leichte, reine Gefuhl, welches nur die Blute vollkommner korperlicher Wohlfahrt sein kann?
In jenen Stimmungen und Verstimmungen lernte ich nun Medon kennen, welcher auf das Schloss kam, mir die erste Nachricht von dem Auffinden der teuren Reste des erschlagnen Freundes zu uberbringen. Es wird nicht von mir erwartet werden, dass ich die Geschichte unsrer Herzen, oder vielmehr des meinigen, denn das seine hatte leider keinen Anteil daran, novellistisch erzahle. Nur das muss ich sagen, dass die Herzogin unrecht hatte, wenn sie in ihrem Briefe behauptete, die Sympathie des Missvergnugens habe uns zusammengefuhrt.
Nein, es war etwas andres, etwas Hoheres von meiner Seite. Medon gehorte zu den geistigen Ruinen, aber zu den mit aller Pracht uppiger Vegetation bewachsnen. Soll es denn einer arglosen Frau ewig verdacht werden, wenn sie der Duft und Glanz solcher Stauden und Blumen anzieht, wenn sie in ihrer Gutmutigkeit nicht zu ahnen vermag, dass unter diesen Reichtumern und Schonheiten der Abgrund laure? Sein Name war mit Auszeichnung im Kriege genannt worden, das musste ihm wohl zur Empfehlung bei mir gereichen, er brachte mir eine Nachricht, worin fur mich ein truber Trost uber einen ungeheuren Verlust lag, wie konnte mein Herz noch einen Ruckhalt gegen ihn haben? Endlich, ich fand nach langem Darben jemand wieder, mit dem ich meine Sprache reden durfte.
Ich habe beinahe zwei Jahre hindurch den Namen
dieses Mannes getragen, und wer wird mir daher glauben, dass ich uber seine fruhere Geschichte, uber seinen Charakter und seine Grundsatze nur Vermutungen zu geben weiss? Das allein ist mir bekannt, dass ich durch ihn eine Zeitlang sehr elend geworden bin.
Er war aus Franken geburtig und von einem ehe
maligen Jesuiten erzogen worden. Dieser Lehrer hatte ihm die ganze verschlagne Festigkeit seines Ordens zu eigen gemacht, und ihm in jungen Jahren schon den Grundsatz eingeimpft, dass der Zweck die Mittel heilige. Als Jungling muss ihm etwas Schreckliches begegnet sein; ich ahne, dass er eine Geliebte aus Unvorsichtigkeit getotet hat. Ein solches Missgeschick mag auf den Menschen die zerstorendste Wirkung aussern. Denn ein Verbrechen lasst sich durch Reue und Busse suhnen, aber wo findet der Beruhigung, welcher als blindes Werkzeug geheimer, grasslicher Machte sein Teuerstes vernichtete? Die Sonne geht einer so belasteten Seele unter, und Frostnacht breitet uber sie erstarrende Schatten aus.
Er hat mehrere Monate in Waldern und Felskluften, dem Wilde gleich, verlebt, wie er mir selbst gestand. Welche Gedanken da sich seiner bemachtigt, weiss nur der finstre Geist des Felsens und des Waldes. Als der grosse Ruf der Freiheit durch Deutschland erscholl, klammerte er sich an die Hoffnung eines einigen Vaterlandes an, und diese ward nun der Gott seines Busens. Seine tollkuhne Tapferkeit im Kriege entsprang wohl aus dem Wunsche, zu sterben. Der Tod ward ihm nicht und auch das einige Vaterland blieb nach dem Frieden aus. Ein tiefer Hass gegen alles Bestehende, worin er nur das Hemmnis einer besseren Ordnung der Dinge erblickte, bemachtigte sich seiner, um so gefahrlicher und hartnackiger, als dieser Gesinnung jede Leidenschaftlichkeit abging. Viele sind in jenen Tagen gegen Fursten und Machthaber sturmisch und drangvoll zu Felde gezogen, sie trugen das Panier ihrer Vorsatze im Antlitz; Medon schien dagegen mit allen Einrichtungen der Gewalt zufrieden zu sein. Er gehorte zu den kalten Fanatikern. Diese vermogen, wenn die Umstande sie begunstigen, etwas auszurichten. Denn die Dinge, welche auf solchen Gefilden erstrebt werden, entstehen nicht durch die Begeistrung, sondern durch den Kalkul.
Eine kurze Zeit hat er sich in dem damals aufkommenden geheimen Bundeswesen versucht. Wie diese unzulanglichen Intrigen nach Jahren entdeckt wurden und zum Schreck vieler, dem im offentlichen Ansehen fest wurzelnden Manne das Gebaude seines kunstlich errungenen Zustandes zertrummerten, ist in den Buchern unsrer Geschichten erzahlt. Lange wirkte dieser Sturz im gesellschaftlichen Leben der grossen Stadt nach; niemand hielt sich im Verkehr mit andern mehr sicher.
Ein Geist, wie Medon, musste aber sehr bald einsehen, dass sich mit Studenten nichts durchsetzen lasst, und dass uberhaupt Verschworungen nie die Beschaffenheit der Dinge, sondern immer nur ihre Oberflache, und auch diese meistens nur vorubergehend andern. Er gab daher alles derartige Tun und Treiben auf, sagte sich von den Hauptern und Gliedern los, und folgte dem Strome, mit welchem zu schiffen jeder gute ruhige Burger verpflichtet ist. Sein Name, seine Kenntnisse, seine Personlichkeit fuhrten ihn in vorteilhafter Art bei den Machthabern ein; es dauerte nicht lange, so war der Grund zu der glanzenden Existenz gelegt, welche unser Autor beschrieben hat.
Indem ich nun darangehen soll, die Faden, welche das Gewebe seiner Handlungsweise zusammensetzen halfen, aufzudrehen, fehlen mir fast die Worte, um das Verhaltnis von Kette und Einschlag richtig darzustellen. Ein Wahn, ein Irrstreben der schlimmsten Art entbehrt vielleicht schon seiner Natur nach der eigentlichen Gestalt, des dichten Zusammenhangs, welchen ihm die schildernde Feder gibt. Nur in Traumen und abgerissen flatternden Momenten mag der so arg Fehlende sich seines Systems bewusst werden. Ich bitte daher den Schatten des Dahingegangenen zum voraus um Verzeihung, wenn die Armut der Sprache mich zu bestimmteren Ausdrucken zwingt, als wie sie der Sache eigentlich gemass sind.
In den Geschichten der Revolutionen, namentlich in denen der franzosischen wird zuweilen das Wort: Pessimismus, gebraucht. Es bedeutet das Streben der Faktionen, durch kunstliche Hervorbringung eines allerschlechtesten Zustandes die Menschen in eine Wut zu sturzen, welche sie blindlings den Planen der Bosen zutreibt. Die Mittel, deren man sich bei diesem furchtbaren Verfahren bedient, sind mannigfaltig, jedoch laufen die meisten darauf hinaus, dass man entweder die Gegner zu unbedachten Schritten zu bringen weiss, oder selbst den Schein feindlicher Operationen erzeugt, oder durch gemachten Mangel der ersten Lebensbedurfnisse Kummer und Not unter die Menschen wirft.
Ich weiss nicht anders mich auszudrucken, als: Medon hatte sich vorgesetzt, ein Pessimist in deutschem Sinne zu sein. Voll von dem atzenden Gefuhle, dass die offentlichen Einrichtungen Deutschlands im Widerspruche mit einer schonen, freien, grossen Entwicklung seien, hielt er dafur, dass der Weg zu einer Erneuung unsres Lebens durch das Labyrinth einer vollkommnen Anarchie gehe, und dass dahin nur eine Zersetzung aller moralischen Bande, welche uns zusammenhalten, die er aber fur morsch ansah, fuhren konne. Ob er allein, von jeder Verbindung mit andern gesondert, in dieser entsetzlichen Tauschung einen abenteuerlichen Plan ausgesonnen hat, ob mehrere Teilnehmer einer solchen Verkehrtheit gewesen sind, ich weiss es nicht. So viel ist mir aber klar geworden, dass seine Ratschlage, seine Einwirkungen auf hochstehende Personen verwendet wurden, um unheilvolle Massregeln hervorzubringen, welche unsre allerdings zweideutigen Verhaltnisse in eine nur noch tiefere Zweideutigkeit und Halbheit senken sollten, Massregeln, welche er mit grossem Geschicke und vielem Scheine als nutzliche, kluge, billige, darzustellen wusste. Und in dieser Absicht regte er auch besonders junge Leute auf, sich zu uberheben, die ihnen gezognen Schranken zu verkennen, naturliche, ihnen gemasse Lebenslose misszuschatzen, so sich innerlich zugrunde zu richten, und sich zu einem garenden Stoffe der Zeit zuzubereiten. Das war endlich der Grund, warum er Hermann in so torichte Pfade verlockte. Auch er sollte ein Opfer dieser Kunste werden, die Herde der Missvergnugten, Zerstorten mehren.
Ach, mir entsinkt die Feder! Ich habe das dunkle Bild entworfen, erlasst mir, es auszumalen! Nur so viel noch. Seine eignen Andeutungen und einige Blatter, welche er mir in ausforschender Absicht, wie ein Spiel des Witzes, ubergab, liehen mir die Zuge dar. Die Schrift war nach Art und in der Form des "Fursten" abgefasst, und hiess: "Das Volk". Er hatte, wie Machiavell, darin eine finstre Theorie nach allen Richtungen kapitelweise behandelt. Genug! Genug! O, und doch ist das Schlimmste noch zuruck! Wirst du es denn glauben, junge arglose Seele, die du diese Bekenntnisse liesest, dass wir unsre Brust, heisser Liebe voll, an die Brust eines Mannes legen, und dass er, kalt berechnend, wahrend der Umarmung uns zu einem Hebel in dem Getriebe seiner Entwurfe, zu einem Werkzeuge ausersehen kann? Es ist furchterlich, sich an dem Gefuhle einer Frau zu versundigen, denn der Frevler totet darin ihren Gott! Tausendmal ist es gesagt worden: Wir haben nichts als die Liebe, aber es geht damit, wie mit allen uralten Wahrheiten; niemand achtet ihrer.
Zwar merkte ich an Medon, als es ihm gelungen war, mein Herz zu uberwaltigen, oft eine gewisse Unruhe, ein Zerstreutsein, was wie Kalte aussah, aber ich schob diese Dinge auf Verwicklungen, aus fruherer Zeit herruhrend, auf das Unbehagen, welches auch ihm das Haus des Herzogs erregte, auf momentane Stimmungen, auf das Gefuhl des Nichtbefriedigtseins endlich, wovon ausgezeichnete Menschen immer von Zeit zu Zeit heimgesucht werden. Wie hatte ich in meiner Hingebung und brautlichen Trunkenheit die Wahrheit ahnen konnen? Aber als wir die Ringe gewechselt hatten, als ich sein Haus teilte, und nun Einrichtungen getroffen wurden, welche auf die Absicht einer Sonderung aller Lebensverhaltnisse schliessen machten, als er sein Zutraun still und hoflich zuruckzog, die Zeichen und Beweise freundlicher Neigung immer sparsamer und erzwungner wurden, uberhaupt unsre Ehe nach und nach die Gestalt eines gewohnlichen Konvenienzbundnisses unter abgeflachten Personen der hochsten Stande annahm, ohne dass von meiner Seite diese Wandlung durch etwas andres verschuldet war, als durch wachsende Innigkeit, und steigende Sehnsucht, im Hause mein Alles zu finden, da befiel mich ein Grauen, ich fing an zu argwohnen, dass ich schwer hintergangen sei, und fuhlte die Notwendigkeit, einem schlimmen Geheimnisse auf die Spur zu kommen.
Was mich am meisten erschreckte, war die Art, wie Medon sich gegen mich vor andern benahm. Unsre Zimmer hatten sich nach und nach mit den bekanntesten Personen der Hauptstadt gefullt, ein glanzender Kreis umgab uns, der mir wohlwollend und achtungsvoll begegnete. Medon erschopfte sich vor diesen Zeugen in Aufmerksamkeiten gegen mich. Aber sobald die Menschen uns verliessen, sobald die Kerzen ausgeloscht wurden, verschwand auch er, und barg sich in seinen Gemachern.
Ich hatte mir anfangs vorgenommen, ihn zu beobachten, insgeheim zu forschen und den Falten seiner Seele nachzuspuren.
Bald aber verwarf ich diese kleinlichen Mittel als meiner unwurdig, und erkannte, auf welche Weise es sich einzig und allein fur mich zieme, in dieser Sache zu verfahren. Eines Tages, da ich mich ruhig genug glaubte, erklarte ich Medon zwar mit zitternder Stimme, aber durchaus fest und gesammelt in mir, dass mich sein Wesen befremde, dass es nicht das eines Gatten sei, und dass er mir die Wahrheit zu sagen habe, welche ich sofort, ganz, im unumwundensten Gestandnisse von ihm verlange.
Die Kraft der Unschuld und des Rechts muss wohl sehr gross sein, da sie selbst das schwache Weib zur Meisterin des starken Mannes macht. Medon, der sonst jeglichem standhalten konnte, ward durch meine Anrede uberwunden. Zwar versuchte er, mir in ausweichenden Antworten zu entgehn, als ich ihm aber erklarte, dass ich diese verwerfe, vielmehr fordre, er solle seine Pflicht erfullen, und als meine Augen, welchen die himmlischen Helfer in dieser schweren Stunde weichliche Tranen fernhielten, nicht abliessen, ihm, der unruhig hin und her ging, zu folgen, so brach seine Fassung zusammen. Er sturzte mir zu Fussen, barg die errotenden Wangen in meinen Handen, und stammelte, so demutig niedergebeugt, seine Bekenntnisse. Er gestand mir, dass er mich nie geliebt habe, dass er uberhaupt keine Frau werde lieben konnen, weil sein Haupt ganzlich von dem offentlichen Interesse eingenommen sei, dass er allerhand Plane mit den Menschen verfolge, dass er aber eingesehen habe, wie niemand selbstandig auf viele wirken konne, der nicht ein Haus mache, weil jeder ledige Mann uber kurz oder lang aus dem Mittelpunkte der Beziehungen an die Peripherie gerate, zum Anhange fremder Verhaltnisse werde.
"Unglucklicher!" rief ich vorahnend aus, "und deshalb bedurftest du einer Frau, um deren Sofa sich die Gaste versammeln sollten, die ihnen den Tee einzuschenken bestimmt war, du musstest eine Wirtin fur dein Intrigenstuck haben. Und so hast du kalt und lauernd mit meinem Herzen gespielt, betrugerischen Glimmer fur mein reines Gold gezahlt, welches ich dir aus uberstromender Fulle verschwenderisch hinschuttete! Hast mich mir selbst entfremdet, nicht aus Leidenschaft, nein, wie der Vogelsteller mit sussgiftigem Tone die Nachtigall aus ihrer grunen Laubzelle in seine Netze lockt!"
Er konnte nichts erwidern und nickte nur seine schweigende Bejahung, dann ging er still und gebuckt, ohne die Augen vor mir aufzuschlagen. Bald erhielt ich einige Zeilen von ihm, worin er mir sagte, dass, nach dem, was ich nun wisse, er keine Macht mehr uber mich haben wolle, und dass es von mir abhange, unser Verhaltnis aufzulosen.
Ich antwortete ihm darauf, dass man die Frauen in Europa nicht so von Tag zu Tage nehme und entlasse, dass ich uberlegen und zu seiner Zeit das Notige beschliessen werde, dass aber vorderhand unsre Scheinehe fortdauern musse.
Diese Entdeckungen waren kurz vor Hermanns Ankunft geschehen. Es hatte sich eine dunkle Nacht uber mich und mein Leben ausgebreitet. Seine Erscheinung war der erste Lichtstrahl in dieser Finsternis, sie gab mir wieder die Moglichkeit einer Hoffnung, einer Zukunft. Ich glaube, dass ich nur durch ihn die Starke zu dem Entschlusse gewonnen habe, den ich nachmals ausfuhrte, als Medon bei der herannahenden Gefahr mich in seine Irrbahn wieder mit fortreissen wollte; mein Geschick namlich von dem seinigen durch rasche Flucht fur immer abzusondern.
Hier schliesse ich. So kann eine Frau fur die edelsten Regungen bussen. Und von solchem Falle kann sie wieder erstehn.
In der freudigen Ruhrung, die mich immer ergreift, wenn ich meines gewendeten Schicksals denke, werde auch dem Verirrten ein entschuldigendes Wort nachgerufen. Er schlaft fern in dem fremden Lande, jenseits des Weltmeeres. Klima und Kummer zehrten ihn dort auf, nachdem seine phantastischen Verbrechen hier gescheitert waren. Er hat schwer gefehlt, es ist wahr. So ubel stehn unsre Angelegenheiten nicht, wie er sich einbildete, und seine Denkungsweise war ubler, als das Ubelste. Aber man erwage, dass vieles bei uns zusammentrifft, gerade die lebendigen, strebsamen Geister in unheilbaren Trubsinn zu versenken, aus welchem denn auch wohl Frevel der seltensten Art hervorgehen konnen.
IX. Der Herausgeber an den Arzt
Sie haben mir durch die Mitteilung der beiden Bekenntnisse grosse Freude bereitet. Diese Frauen stellen gewissermassen die Pole der weiblichen Natur dar. Die eine zieht sich keusch in ihr Innerliches zuruck und steigert sich bis zu einer krankhaften Zartheit, welche freilich die nachsten Verhaltnisse zerstort, ihre Umgebungen unglucklich macht. Die andre, mit heitern Sinnen gegen die Welt gewendet, wird Patriotin aus Lebhaftigkeit. Besonders anmutig erscheint mir Johanna, und es ist gar lieb und schon, wie sie das scheinbar der Frau ganz Widerstrebende in ihrer weichen Brust verarbeitet. Amor, mit den Waffen des Mars spielend, ist ein reizendes Bild, und ahnlich dem Eindrucke, den diese Zusammenstellung erregt, ist die Empfindung, die man hat, wenn man ihre weissen, feinen, schmalen Hande (bekanntlich die schonsten, welche Gott je in seiner besten Laune einer Frau gegeben) mit den strengen, geschichtlichen, politischen Begriffen gebaren sieht. Dass sie eine Zeitlang ein Opfer ihrer geistigen Weite und Freiheit werden konnte, ist ebenso tragisch, als anziehend.
Der Briefwechsel, wenn er ein wahrer ist, vertritt die Stelle des Gesprachs, und dieses besteht aus Rede und Gegenrede. Lassen Sie mich Ihnen also erzahlen, was Sie, damals von * entfernt, nicht so genau wissen konnen; wie namlich Johanna sich herstellte.
Der Krieg ist nicht so schlimm, als seine Folgen es sind. Man konnte, wenn man Lust an auffallenden Reden hat, sagen: der Krieg mordet erst im Frieden. Ausserordentliche Krafte ruft er hervor, und in denen, welche die Kugel des Feindes nicht trifft, regt er unendliche Erwartungen an. Wie sollten diese auch geringer sein, da jeder ein Unendliches, das Leben, auf das Spiel zu setzen gewohnt war? Nun konnen aber jene Erwartungen auch nicht im entferntesten befriedigt werden; der schleppende Gang der wieder eintretenden Gewohnlichkeit hemmt die Seelen und ist doch nicht imstande, sie zu fesseln, dadurch entsteht in feurigen Geistern eine Art von Verzweiflung ohne Gegenstand, welche manchen hinrafft, ohne dass sich eine aussere Ursache entdecken lasst. So viel ist gewiss, die eigentlichen Helden einer denkwurdigen Periode uberleben sie selten lange.
Zu den Opfern des Krieges im Frieden gehorte unser alter wurdiger Freund, der General. Auf seinem Rosse, kuhner Reiter, verwegner Reiterfuhrer, war ihm das Leben in jenen unruhigen Zeiten ein tagliches Glucksspiel gewesen. Wo sich ein Widerstand gegen den Unterdrucker auftat, hatte sein Degen geblitzt, so gingen ihm zehn Jahre in der bestandigen Abwechselung der Schlachten und Belagerungen, der Nachtund Tagemarsche hin. Seine Locken waren sparsam geworden und erbleicht, aber seine Augen scharf geblieben, als die letzten Donner des grossen Volkergewitters in Paris verhallten.
Nun kehrte er zuruck, Lorbeeren auf dem Haupte, Orden auf der Brust, im Munde des Volks als einer der unermudlichsten Streiter hoch emporgetragen. Aber wie es zu gehn pflegt, die Menge vergisst sehr bald ihre Begeisterung und erinnert sich derselben erst wieder bei dem Leichenbegangnisse, und die Machthaber werden von grossen Verdiensten, die nicht ganz in der Stille geblieben sind, immer nur belastigt. Man lobte ihn, liess es an leeren Auszeichnungen nicht fehlen, in den wesentlichen Dingen aber fing man binnen kurzem an, ihn zu vernachlassigen. Er wurde so umhergestossen, wo es eigentlich nichts zu tun gab, endlich schob man ihn sacht beiseite.
Der alte feurige Mann wurde nicht sobald dieser gesetzlichen Unbilden inne, als ihn ein tiefer Verdruss ergriff. Zu stolz, sich zu beschweren, schlang er den Ingrimm hinunter, und zehrte dadurch nur noch mehr an seiner Seele. Von Stufe zu Stufe im Missmute versinkend, hatte er zuletzt weder Hoffnung, noch Aussicht vor sich, und fuhlte diesen trostlosen Zustand um so herber, als ein beschaftigtes, zerstreutes Leben ihm die allgemeinen Hulfsmittel, wodurch sich sonst der geschlagne Mensch aufrichtet, nicht zuganglich gemacht hatte.
Er verzagte an sich und an dem Vaterlande, und war in dieser truben Stimmung im Begriff, seinen Abschied zu fordern, und die reinerhaltne, tapfre Kraft als Mietling irgendwo zu vergeuden.
Damals kamen Johanna und die Herzogin nach der Hauptstadt, von Ihnen zur Heilung bedenklicher Nervenleiden dorthin gesendet. Nur mit Widerstreben hatte Johanna Ihrem Befehle gehorcht, sie scheute sich, den Ort aufs neue zu betreten, der so manche traurige Erinnerung in ihr weckte. Sie mied Gesellschaften, und konnte selbst von dem Anblicke ehemaliger Freunde schmerzlich beruhrt werden. Die Herzogin hielt sich ebenso zuruckgezogen, man sah beide Frauen nur auf einsamen Spaziergangen, doch auch dort von dem Auge der Neugier beobachtet.
Eines Tages konnte ihnen der General, der auch fern von den Menschen zu wandern liebte, einen Dienst leisten. Er empfing den artigen Dank der Damen und versetzte, Johanna scharf ins Auge fassend, dass, wenn ihm Dank fur die unbedeutende Gefalligkeit werden solle, er ihn nur darin zu finden wunsche, dass er sie nicht zum letzten Male gesehen habe. Er sprach dies mit der Galanterie eines alten Manns, aber kurz, trocken, soldatisch. Sie, der alle solche Tone zum Herzen dringen, antwortete ebenso entschieden, er moge nur kommen, sie werde sich nicht vor ihm verleugnen lassen.
Dem ersten Besuche folgte der zweite, diesem der dritte usw. Aus kurzen Zusammenkunften wurden lange, aus Gesprachen allgemeinen Inhalts vertrauliche Unterredungen. Sie kam dem feurigen Greise mit der Unbefangenheit einer Tochter entgegen, er lebte in ihr, in ihrem adlichen, glanzenden Wesen ein neues Leben. Dennoch blieb er seinem Vorsatze getreu, und entdeckte ihr in einer hingebungsvollen Stunde, dass er entschlossen sei, dem Vaterlande den Rucken zu wenden.
Als sie das Nahere von ihm erfahren, und gehort hat, wie dieser edle Charakter mit sich, seiner Jugend und seinen Erinnerungen uneins zu werden im Begriff stehe, ist sie in eine grosse Besturzung verfallen, und weder Bitten, noch Tranen sind gespart worden, den verehrten Helden von seinem Vorsatze abzubringen.
Er bleibt indessen fest, und fragt bitter, was ihn denn eigentlich in diesem Staate halten solle, wo man seiner nicht mehr bedurfe? "Ihre Taten, Ihre Ehre, Sie selbst", versetzte Johanna.
"Die Taten sind getan, meine Ehre nehme ich uberall mit hin, und was mich selbst betrifft, so weiss ich kaum, wenn ich die jetzigen Emporkommlinge betrachte, ob ich der namliche noch bin, von dem man einmal geredet hat."
Er geht bis zur Ture, dann wendet er sich, und sagt mit niedergeschlagnen Augen, aber festem Tone: "Es gibt ein einziges, was mich an diesen undankbaren Boden fesseln konnte, und das ware, wenn Sie, Johanna, sich entschliessen mochten, die Tage eines alten Soldaten zu teilen. Meine Seele wurde dann eine Beruhigung finden, und die Ungerechtigkeiten zu ertragen vermogen, unter welchen sie jetzt daniedersinkt." Ohne eine Antwort abzuwarten, verlasst er rasch das Zimmer.
Am andern Morgen empfangt er einen Brief von ihr, worin sie ihm sagt, dass sie keine Leidenschaft fur ihn empfinde, aber ihm herzlich ergeben sei, dass sie uberhaupt vielleicht nicht mehr in dem Sinne zu lieben imstande sei, wie die Welt dieses Wort nehme, am wenigsten einen Jungling, dass ihr ganzes Wesen vielmehr seine Erfullung nur in einem zweiten, reichen, gehaltvollen, durchgepruften Leben finden konne. Wenn ihm diese Gestandnisse genugten, so sei sie die Seine, sobald eine naturliche Losung ihres fruheren Verhaltnisses eintrete, denn zu offentlichen Schritten gegen Medon konne sie sich nicht verstehen. Vor allen Dingen aber habe er zu bleiben und zu haften am Herde seiner Vater und Fursten.
Der alte Held war uberglucklich durch diese Zeilen. Er eilte zu ihr, versicherte ihr, dass sie ihm sein Dasein zuruckgegeben habe, und dass er nicht mehr an seinen Vagabunden Einfall denke. Sie habe uber die Gestaltung der Zukunft allein zu bestimmen.
Hierauf haben beide die Entwicklung der Dinge ruhig abgewartet. Medons Tod machte endlich Johannen frei, und nachdem die Erschuttrung, welche dieses Begebnis in ihr erregen musste, uberstanden war, reichte sie dem Generale ihre Hand.
Ihre Seele wurde dadurch vollig hergestellt, ihr Schicksal gesichert. Kein schonerer Anblick, als die beiden hohen Gestalten, die eine unter dem Schnee des Alters bluhend, die andre in reifer Fulle prangend, nebeneinander zu sehen. Die liebenswurdige Patriotin hat als Frau ihre Lebensaufgabe gelost; indem sie einem verdienten Feldherrn hausliches Behagen gab, erhielt sie ihn bei seiner Pflicht, und leistete dadurch dem Gemeinwesen selbst einen Dienst. Er, sobald er nur wieder frohlicher und mitteilender wurde, auch von neuem bemerkt, erlebte es, dass man ihn bei einigen Gelegenheiten, die dem Kriege ahnlich sahen, und wo "die hohlen Namen und die Figuranten" es nicht tun wollten, hervorsuchen musste. Die Scham, welche zuweilen die Menschen ergreift, wenn sie ihrer Verschuldungen sich bewusst werden, brachte es hierauf dahin, dass seine Stellung in der ehrenvollsten Weise geordnet wurde. An seiner Gemahlin hangt er mit der eifersuchtigen Zartlichkeit eines Liebhabers, und dass an der Seite einer schonen vielumworbnen Frau seine Empfindung etwas von der des Danville hat gibt dem Bundnisse nur noch einen Reiz mehr. Nun aber mochte ich von Ihnen wieder allerhand wissen. Ich musste mich sehr tauschen, oder Sie denken uber den Geistlichen und dessen Verfahren etwas anders, als die gute, fromme Herzogin. Wie erklaren Sie ihre Phantasmen, besonders das auf dem Hugel? Was vermochte sie, an Hermann den harten Brief zu schreiben?
Liessen Sie sich zugleich bewegen, in die Geschichte des Herzogs und Hermanns einzugehen, auch uber sich das Notige beizubringen, so rundeten sich diese Mitteilungen allgemach aus. Die Flut der Offenherzigkeit ist einmal hereingebrochen, das Dammen hilft doch nichts mehr, lassen Sie sie ungehindert und ganz stromen.
X. Der Arzt an den Herausgeber
Ja freilich habe ich eine von der Verehrung unsrer lieben Kranklichen verschiedne Meinung uber den saubern Heiligen und Priester, der die arme Frau beinahe in das Erbbegrabnis geliefert hatte. Zuvorderst muss ich uber ihn anfuhren, dass der lose Vogel keinesweges so frisch, wie ein neugebornes Kind nach Rom gelangte, was man aus seiner Erzahlung von dem holzernen Hergottswunder, erlebt im Kloster, man weiss selbst nicht recht, wo? heraushoren soll. Vielmehr hatte derselbe zu seiner Zeit, wie man zu sagen pflegt, nichts verbrennen lassen, und die Ehemanner wussten von ihm zu erzahlen. Dazwischen war denn allerhand Asthetik getrieben worden, so dass der ganze Kerl nicht viel uber funfundsiebenzig Pfund wog, als er durch die Porta del Popolo seinen Einzug hielt. Dort uber den Sieben Hugeln vollendete der Katholizismus, was die Liederlichkeit angefangen hatte, und brachte ihn einer Nervenschwindsucht nahe, vor welcher ihn ein wackrer deutscher Arzt nur mit Muhe durch die sorgfaltigste Kur bewahrte. Sein Geist aber ging unrettbar unter in leistenartigen und sozusagen klebrigen Begriffen. Ob er ein elfenbeinernes Christusbild in einem groben holzernen Futterale entdeckt, oder dies dem Hermann nur vorgelogen hat, um seine sogenannte Bekehrung nazarenisch aufzustutzen, weiss ich nicht; ich wurde mich aber jedenfalls schamen, von einer solchen groben Handgreiflichkeit meine Wiedergeburt zu datieren.
Mir ist alle bewusste und sich vortragende Religiositat in der Gegenwart ein Greuel, denn sie tritt, wo sie sich zeigt, aus dem Rahmen der Kirche, welcher sie angehoren will. Sie entbehrt sonach des einzigen Zusammenhangs, durch welchen sie sich als echt beglaubigen konnte. Es gab oder es gibt wenigstens jetzt durchaus keine andre aufrichtig fromme Menschen, als die es unwillkurlich, und ohne viel Wesen davon zu machen, sind. Wie mich der Anblick des Siechlings, der sich denn auch, um die Sache bis zur Spitze zu treiben, die Tonsur hatte scheren lassen, anwiderte, da ich das Schloss betrat! Ich erwartete gleich wenig Gutes von ihm.
Dieser ungluckselige Mensch hatte sich nach und nach gewohnt, alles in der Welt unter der Verknupfung von Schuld und Busse anzusehen, und sich so die grosse, grenzenlose Mannigfaltigkeit, welche durchaus verlangt, dass man vieles mit leichtem Blicke als gleichgultig und lasslich betrachte, in einen grauen, ekelhaften Brei zusammengeruhrt, von dem zu dieser Stunde eine Kelle voll als Schuld, und zu der nachsten eine zweite als Busse einzunehmen sei. Die naturlichen Folgen, die zufalligen Ereignisse waren fur ihn nicht mehr vorhanden, in jedem Zahn- und Kopfschmerz sah er ein gottliches Strafgericht.
Dass ein solcher devoter Taugenichts bei Gelegenheit, wenn es eben an Sunde gebricht, auch wohl darauf ausgehen kann, selbige kunstlich zu verfertigen, um wieder Stoff fur die Ponitenzmuhle zu liefern, haben Sie in seinem Verhalten gegen Hermann, was ziemlich nach Kuppelei schmeckt, richtig geschildert, obgleich Sie sonst den Patron viel zu milde behandeln.
Ihm fiel die arme Schwache in die Krallen, als sie sich mit ihren ertraumten Gewissenslasten im stillen plagte. Bei Durchlesung und Vergleichung der beiden Bekenntnisse habe ich gefuhlt, dass eine, um mich des Ausdrucks zu bedienen, robuste Sittlichkeit diejenige ist, welche uns zu unsrer und andrer Freude durch das Leben geleitet. Auch die Tugend kann krankeln, scheinbar in ihrer hochsten Blute vorhanden sein, gleichwohl aber das Geschopf von einem Irrtume in den andern jagen. Was ist es mehr, dass eine junge verheiratete Frau einige Augenblicke an einen jungen Mann mit grosserem Interesse denkt, als an den Gemahl, und wie bald heilen Entfernung, Pflicht und Verhaltnisse solche leichte Seelenwunden aus! Sie zu einem Gegenstande angstlicher Betrachtung machen, heisst aber, nach und nach dahin arbeiten, unter lauter Pflichterfullungen, guten Werken und Andachtsubungen Gatten und Haus aufzugeben.
Doch tragt die Hauptschuld an der ganzen Wendung der Dinge der neophytische Priester. Ware er, wie ein unschuldiger Mann und Diener Gottes es getan hatte, trostend und beruhigend zu der schonen Selbstqualerin getreten, so wurde sie sich in seinem Zuspruche bald ausgeheilt haben. So aber sturzte er sich auf ihr wundes Gemut, wie der Geier auf die Beute, und es ist nicht zu beschreiben, mit welcher kasuistischen Grausamkeit er ihr Inneres zerlegt, der fiebernden Einbildungskraft Schrecknisse aus dem ganzen Gebiete der Moglichkeit vorgefuhrt, und sie so vollig mit sich uneins, verworren und elend gemacht hat.
Unsre Besturzung konnen Sie sich denken. Ohne dass irgend etwas vorgefallen war, floh uns, verbarg sich vor uns die geliebte Herrin, welche als belebende Sonne unsern Kreis erwarmt hatte. Das ganze Hauswesen des Schlosses neigte sich einer Auflosung entgegen, denn die Frau bleibt ja immer und ewig die innerste Seele aller der gemutlich traulichen Beziehungen, welche verschiedne Menschen zwischen vier Mauern zusammenhalten. Der Jammer des Herzogs war gross. Die Liebe zu seiner Gemahlin war vielleicht der einzige recht menschliche Punkt an ihm, da er sonst freilich wohl nur aus Aristokratie und Reprasentation bestand. Nun behandelte ihn diese angebetete Frau mit Kalte, die zuletzt in einen unverhullten finstern Widerwillen ausging. Nach und nach konnte ich mir aus einzelnen Symptomen wohl zusammensetzen, dass der junge Fremde an den Gewissensskrupeln der Herzogin schuld sein moge, und in einer unvorsichtigen Stunde, in der guten Absicht, mit dem Gemahle einen vernunftigen Heilplan festzusetzen, entdeckte ich ihm meine Vermutung, welcher ich jedoch die Beteurung hinzufugte, dass ich fest, wie von meinem Leben, von der volligen Vorwurfslosigkeit der Bussenden uberzeugt sei, und das Ganze nur fur eine Folge uberstrenger Begriffe halte. Ich hatte aber diese Mitteilung zu bereuen.
Denn er, nach seiner Sinnesweise vermutlich unfahig, eine Pein um nichts zu begreifen, liess mich durch seine schwermutigen Blicke, seine verfallenden Zuge, seine gebeugte Haltung schliessen, dass er mehr, dass er wahre Fehltritte argwohnte.
Alle Versuche, die Schmarotzerpflanze von dem schonen, schlanken Stamme, an welchem sie sich festgesogen, abzureissen, wurden mit konvulsivischer Heftigkeit zuruckgewiesen. Meine Mittel nahm die Kranke, aber was konnten die helfen? Das beste ware gewesen, dem geschaftigen Seelsorger eine Dosis Bilsenkraut einzugeben, wozu ich nicht selten, Gott verzeihe mir die Sunde! bei mir die stille Anwandlung verspurte. Denn wer mir an das Heiligste und Wunderbarste, an den menschlichen Leib, die frevelnde Hand legt, der greift als Feind in des Arztes Gebiet, den hasse ich bis in den Tod.
Da nun aber eine Vergiftung sich doch fur mich nicht wohl schickte, so ersann ich ein andres, namlich ein Abfuhrungsmittel. Es war mir bekannt, dass der Oberhirt der Diozese, seine und seiner Kirche Stellung mit Klarheit uberschauend, und wohl wissend, dass dem Katholizismus nur noch durch eine heitre Verstandigkeit zu helfen ist, trubliche Fanatiker durchaus nicht liebte, und alle Versuche, eine gemachte Devotion und Rigorositat fruherer Zeiten wieder hervorzubringen, bei jeder Gelegenheit streng zuruckgewiesen hatte. Hierauf mich verlassend, und mit raschem Entschluss meinen Polacken besteigend, war ich nach einem tollen schweisstriefenden Ritte in der Metropole. Im Offizialate angelangt, liess ich mich zu einem der ehrwurdigen Herrn fuhren, von dessen derbem naturfrischem Wesen ich viel gehort hatte.
Ich fand ihn, seltsam genug, in einer kahlen Arbeitszelle, die kurze Pfeife im Munde, hinter der Flasche und dem grunen Weinromer, Akten lesend. "Wundern Sie sich nicht", rief er mir mit heisrem Lachen entgegen, indem er eine dicke Rauchwolke von sich blies, und den Romer fullte, "mich unter solchem Rustzeuge zu finden! Den Arbeitern im Weinberge des Herrn wird oft schwach zumute, und sie bedurfen dann leiblicher Erstarkung."
Ich versetzte, dass gerade diese Umgebung mir Mut mache, mein Anliegen vorzutragen, weil ich ihn fur einen von denen halte, welche den Herrn in Freudigkeit suchten; eroffnete ihm darauf, ich sei Doktor und der Leibarzt der Herzogin von *. Die Dame kranke, meine Kur konne aber nicht anschlagen, weil ein andrer, ein Seelendoktor entgegenoperiere. Wie es nun ein Gesetz der Stereometrie sei, dass, wo ein Korper, sich kein zweiter befinden konne, so gelte ein Ahnliches auch in der Medizin, und deshalb wolle ich ihn, als Beisitzer der hochsten geistlichen Behorde, um abhulfliche Massnahmen angehen.
Das Sokratesgesicht verzog sich wieder zu einem faunischen Lachen, er schurzte seine Nasenflugel empor und fragte ungefahr mit den Worten des Patriarchen im "Nathan" (obgleich diesem im Gemute ganz unahnlich): "Ist solches ein Problema, oder ein wirklicher Casus?"
Ich erzahlte ihm darauf, was ich wusste, und wie ich nun aus dem Memoire ersehe, die Sache bis auf Nebenumstande ziemlich richtig und vollstandig.
Der alte rechtschaffne Mann, dessen treuer Wandel nach den Geboten Gottes und nach dem Beispiele der Heiligen allgemein bekannt war, liess mich kaum zu Ende reden, warf seine kurze Pfeife auf den Boden, dass der Kopf zerbrach, und rief in Selbstvergessenheit: "Den soll ja der Teufel holen!" Darauf sich kreuzigend und den verponten Fluch mit ublichem Spruche bereuend, fugte er hinzu: "Zu solcher Sunde hat mich der Zorneifer fortgerissen. Doch nur Geduld, es ist gerade eine Stelle in der wilden Eifel offen, wo er unter den Haferbauern seine Kunste versuchen mag. Ihr Herzog hat ihn zwar zu seinem Hauskaplane gemacht, da er aber zugleich die Pfarrei des Orts versieht, so ist er unsrer Gewalt unterworfen. Er soll in Balde versetzt werden."
Nach einigen Gesprachen wurde ich mit dem derben Alten ganz vertraut. "Diese neumodischen, aufgespreizten Uberlaufer geben uns viel zu tun", sagte er. "Sie wollen uns Alten vorbeirennen, es immer besser machen, als gut, damit nur ja niemand an der Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung zweifle, und bringen solchergestalt manche Unruhe zuwege. Sie laufen umher, stankern, ruhren den Dreck, mengen allerhand Subtilitaten in das Dogma, verfalschen dadurch selbiges, und verfuhren eine Qualerei und Deutelei, davon unsre Kirche gar nichts weiss, noch wissen will. Wir mussen jetzt dahin streben. Geistliche zu bekommen, die alert, aufgeweckt, sich helfen konnen, und nicht, wie leider Gottes bis jetzt der Fall war, als Dummerjahne neben den protestantischen Predigern stehn."
Ich konnte mein Erstaunen uber diese Freimutigkeit nicht bergen und er fuhr fort: "Das ist auch so ein alter abgenutzter geistlicher Kniff, uber alles hinter dem Berge zu halten, was vor jedermanns Augen offen daliegt. Ich fur meine Person habe ihn in den Winkel geworfen, weil ich festiglich an den ewigen Bestand meiner Kirche glaube, ohne diese Gaukeleien."
Schon nach acht Tagen kam der Versetzungsbefehl aus dem Offizialate, der zwar grosse Besturzung erregte, dem aber nach dem Grundsatze der Obedienz nicht widerstrebt werden mochte.
Die Herzogin konnte dem Gewissensscharfer doch nicht auf sein Dorflein folgen, er musste sich also damit begnugen, eine ausgearbeitete Heilsordnung zu hinterlassen, und wir sahen dem abziehenden Sykophanten mit stillem Jubel nach.
Bei diesem Siege hatte ich mich beruhigen, ich hatte der Kraft der Zeit vertrauen und erwarten sollen, dass, wenn auch unsre Freundin nach der Entfernung des Priesters fortfuhr, zu beten und sich zu kasteien, diese Exaltation ohne einen immer gegenwartigen Schurer und Anblaser allgemach erloschen wurde, zumal da der Nachfolger des Geistlichen ein durchaus massiger heiter denkender Mann war.
Allein auch mich riss die Ungeduld, die uns allen jetzt so eigen ist, fort. Ich wollte das Ubel mit Stumpf und Stiel ausrotten, und muss mich nun leider selbst eines recht torichten Streichs anklagen. Wie man Sturzbader anwendet, um durch Erschutterung des ganzen Organismus eine Hauptkrisis zu bewirken, so wollte ich in diesem Falle von einem moralischen Sturzbade Gebrauch machen, durch welches ich zugleich das Luftbild, welches die Phantasie meiner Herrin qualte, auszuloschen, und der entnervenden Irrwirkung des Priesters entgegenzutreten hoffte.
Ich liess also um kurz zu sein, denn warum soll ich etwas Schlimmes weitlauftig hin und her wenden? die Herzogin durch dritte glaubwurdige Hand wissen, dass der junge Mann, den wir auf dem Schlosse beherbergt, eigentlich ein ziemlich lockrer Gesell gewesen sei, der ein verkleidetes Madchen, mit welchem er schon eine Zeitlang gelebt, hier unter uns bei sich gehabt habe.
So weit kann man, in Missstimmungen und Willkurlichkeiten verloren, von der graden Bahn abkommen.
Der Erfolg meiner Torheit war keinesweges der beabsichtigte, sondern ein sehr trauriger. Ich wurde zur Herzogin berufen, welche, ausgestreckt auf dem Sofa, im furchtbarsten Krampfe lag. Nachdem die verzweifeltsten Mittel diesen gebrochen, entwickelten sich intermittierende Zufalle, welche monatelang anhielten, und das zarte Gebilde zu vernichten drohten. Mein Zustand war schrecklich. Ich rannte wie rasend durch Felder und Walder, verweinte meine Nachte, verfluchte mich und meinen Unsinn. Die Schlaflosigkeiten, woran ich noch jetzt periodenweise leide, sind Nachwehen jener trauervollen Zeit. In einem freien Zwischenraume schrieb die Herzogin den Brief an Hermann und sandte ihm die Brieftasche zuruck. Uber das Phantasma auf dem Hugel habe ich selbst meine eignen Gedanken gehabt. Soviel ist gewiss, es war der Hugel und die Stelle auf demselben, wo der Pfaff sich bestrebt hatte, in Hermann den Gedanken an einen Ubertritt zur katholischen Kirche mit listigen Entzuckungen zu erregen, und wo nachmals der Mordanfall auf den Oheim geschehen war.
Empfangt die Erde einen Eindruck vom Frevel, dass der Ort, wo ein solcher geschah, vergiftet wird, und in einem dazu disponierten Gemute Gedanken, die vom Rechten abirren, hervorzurufen vermag? Seelisches und Korperliches stehn im engsten ununterscheidbarsten Zusammenhange, Korper und Aussenwelt wirken auf die Seele, trube Luft, Steinkohlendampfe erzeugen Niedergeschlagenheit und Missmut, Sonnenschein, Gebirgsatmosphare, Heiterkeit und Energie des Geistes.
Ist es nun so ungereimt, anzunehmen, dass jene Wirkung, wie jede vollkommne, eine Wechselwirkung sei, dass auch die Seele ihrerseits, als hochst durchdringendes Fluidum, auf die Aussenwelt Einfluss ube, und in ihren starksten Ausserungen den Boden, diesen analog, zu impragnieren vermoge? Ja, wenn man konsequent denken, nicht bei Halbheiten stehnbleiben will, so kann man eigentlich nichts andres annehmen. Freilich durfte man jetzt nur erst als Hypothese hinwerfen, dass der gute Mensch die Luft und den Boden gesund mache, der bose und die bose Tat dagegen die Stelle verpeste, so dass den Tugendhaften dort ein Schauder, den Schwachen ein Gelust zum Unerlaubten anwandle. Noch klingt dies barock und aberwitzig, nach hundert Jahren gehort es vielleicht zu den trivial gewordnen Satzen.
Sie haben schon im zweiten Buche des Volksglaubens erwahnt, welcher diese Dinge fur wahr halt. Er spricht uberall etwas Ahnliches aus. Wo ein Mord geschah, hat niemand sich gern angesiedelt, ist leicht wieder etwas Ubles vorgefallen. Hebel singt vom dem Platze, wo der Michel, der vom bosen Jager den Karfunkel empfing, sich den Hals abschnitt:
's isch e Platzli naumen, es goht nit Ege no Pflug
druf,
Hurst an Hurst scho hundert Johr und giftigi
Chruter,
's singt kei Trostle drinn, kei Summervogeli
bsuecht sie,
breiti Dosche huete dort e zeichnete Chorper.
Der Volksglaube ist aber fur die Erkenntnis der naturlichen Dinge eine sehr wichtige Quelle, denn er ist das Unisono derjenigen Menschen, welche Augen und Ohren fur sie haben, und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen. Es tut mir leid, dass ich bei einem Manne, der ausser den funf Sinnen noch einen sechsten hatte, den alten Heim meine ich, unterlassen habe, nachzufragen, ob er in den Zimmern der verschiednen Menschen, welche er behandelte, nicht schon durch den Geruch ihre Individualitaten und Charaktere gewittert hat? In den Tagen, da die Herzogin noch immer heftig, wenngleich mit der Aussicht der Herstellung, an ihren Krampfen litt, kam Johanna auf das Schloss. Sie hatte, da sie von dem Siechtum der Schwagerin vernommen, es sich als eine besondere Gunst erbeten, ihr zur Pflege dienen zu durfen, und deshalb das einsame, ihr vorlaufig zur Wohnung angewiesene Landhaus verlassen. Die Herzogin nahm das Anerbieten an, vielleicht mit von der religiosen Vorstellung bestimmt, dass es eine gottgefallige Schickung sei, so wider Willen und Gemut eine ihr eigentlich unangenehme Frau taglich um sich zu sehen. Indessen wurde aus dieser kunstlichen Empfindung bald eine wahre. Johanna, durch das Ungluck um vieles sanfter geworden, schien wirklich zu fuhlen, dass es nicht heilsam gewesen sei, sich so eigne Wege gesucht zu haben; auch sie busste, aber auf ihre Weise, stolz und herrlich auch in der Demut. Ihr Benehmen gegen die kranke Schwagerin war musterhaft, nichts Feineres, Edleres, Leiseres konnte man sehn. Diese dagegen wurde hier zum ersten Male wieder von etwas schonem Menschlichen beruhrt, und unbewusst mag sie empfunden haben, dass die Segnungen des Gemuts doch tiefer und grundlicher heilen, als die Rezepte eines Priesters. Aus der Pflicht, Johannen bei sich zu haben, wurde nach und nach eine Freude, und da sie erfuhr, jene sei wirklich verheiratet gewesen, so fiel die letzte Scheidewand zwischen den beiden Frauen nieder. Ich aber sah, dass innerlich gute Menschen sich von dem Boden des Hauses und der Familie nie fur immer entfernen, sondern nach den schwersten Irrungen auf demselben wieder zusammentreffen.
Leider hatte ich an Johannen bald eine zweite Kranke. Kraftige Naturen tauschen sich uber sich selbst; die ersten Zeiten nach einem grossen Schlage konnen selbst den Schein erhohter Gesundheit tragen, aber die Wirkungen bleiben dennoch nicht aus. Sobald das Ubel der Herzogin gelinder wurde und die Tatigkeit der Pflegerin nicht mehr unausgesetzt in Anspruch nahm, sank diese zusammen, ihre Gestalt verfiel, nur ihre Augen bekamen ein noch durchsichtigeres Feuer, was mich aber freilich um so angstlicher machte. Ein tiefer Harm zehrte an ihr, dass sie um ihre Jugendblute, um die Krone und das Herz ihrer heiligsten Empfindungen nichtswurdig hatte betrogen werden konnen.
Die folgenden Geschichten will ich Ihnen ohne Vorrede und Kommentar ubersenden.
XI. Geschichte des Herzogs
Der deutsche Adel war, seitdem die mittleren Stande einen Drang verspurten, sich durch Geist und Tuchtigkeit hervorzutun, in eine gefahrliche Stellung geraten. Der Entwickelung mannlicher Energie sind Hindernisse forderlich; das Verdienst kann nur auf rauhen Bahnen sich seine Pfade suchen. In dieser Hinsicht steht nun der Burger, wenn er nur einigermassen ertragliche Verhaltnisse fur sich hat, bevorzugt da, wahrend es in den hochsten Standen schon einer ausserordentlichen Kraft bedarf, um nicht in dem schwachenden Elemente gar zu leichter und geebneter Tage unterzugehen.
Der deutsche Adel empfand weit mehr, als dass er sich dessen bewusst geworden ware, die Schwierigkeit seiner Lage, geraume Zeit vor der Revolution, welche zuletzt die tiefe Verderbnis aller gesellschaftlichen Einrichtungen an den Tag legte. Es entstand daher in denjenigen seiner Glieder, welche nicht fahig waren, durch Talent und hervorstechende Begabung die verhangnisvolle Last einer privilegierten Geburt grundlich auszugleichen, ein Streben, durch allerhand Scheinmittel die gefahrdete Existenz fur sich und die Nachkommen zu retten.
Hier boten sich nun zunachst die von den Ahnen ererbten Besitztumer nach einer Seite, und die Illusionen eines vornehm gleissenden Lebens nach der andern dar. So fest, wie in diesem Stande, hatte sich nirgendwo der Begriff unverausserlichen Eigentums ausgebildet, gleich eisernen Klammern hielten es fideikommissarische Bestimmungen, Familienstatute, Lebensnexus umwunden; die Scholle um jeden Preis zu erhalten, wo moglich zu mehren, war also das Dichten und Trachten vieler Edelleute, was nun freilich in seinem Gefolge Geiz, Habsucht, selbst Unredlichkeit haben konnte.
Die Leichteren und Lebhafteren gingen dagegen einen entgegengesetzten Weg. Sie wussten oder fuhlten, dass der Burger ihnen noch lange nicht zu den Spieltischen der Fursten, in das Boudoir hochgeborner Schonheiten, in alle Konvenienzen eines dem Vergnugen und dem personlichen Selbstgenusse gewidmeten Lebens werde folgen konnen, dass auch solche flitternde, schimmernde Bestandteile ihnen ein eigentumliches, und wie es ihnen schien, den Plebejern unantastbares Dasein zu erschaffen vermochten. Sie schritten daher von ihren Gutern zu den Hoflagern, Badern, Sammelpunkten der eleganten Welt, schwebten wie beflugelte Gotter oder Halbgotter durch die Reihen der niedern Menschen, traten auch wohl auf deren Kopfe.
Beide irrten, denn weder kann der Schein ein Leben erbauen, noch soll derjenige sparen und geizen, der ohne sein Zutun schon mehr uberkommen hat, als andre.
Oft wechselten jene krankhaften Richtungen in den Geschlechtsfolgen ab; nach dem harten, angstlichen Vater kam wohl der weiche, alles durchkostende Sohn.
Gegenwartig hat der Adel eigentlich gar kein Prinzip. Die Standesvorrechte in Masse wirklich noch einmal aufbieten zu wollen, ist eine Hoffnung, die kaum dem Kuhnsten schmeicheln mochte, das Eigentum geht von Hand zu Hand; die Flatterien des hohen Tons sind aber meistens auch verwischt. In manchen Edelleuten, deren Sinne diese Prosa nicht genugen will, hat sich daher ein mythisch poetisches Gefuhl abgelagert, welches, uber die nachste Vergangenheit zuruckgreifend, entlegne Zeiten mit ihrer Treue, Frommigkeit, mit ihrem Rittermute wiedergebaren mochte, der Seele eine gewisse Erhebung gibt, freilich aber ohne allen Gegenstand ist.
In der Familie des Herzogs hatten sich wahrend eines Zeitraums von funfzig Jahren alle drei Stimmungen und Gesinnungen erzeugt. Der Grossvater war ein Mann gewesen, welcher im Notfall auf Feldern und Wiesen selbst mit Hand anlegte, wenn es eben fehlte; er trug das grobste Tuch, und sass am liebsten mit Verwaltern und Bauern in Wirtschaftsgesprachen zusammen. Die Grundstucke zu verbessern, durch Ankaufe abzurunden, und ausser dem Liegenden noch ein betrachtliches Geldkapital zu hinterlassen, dies waren seine einzigen Lebenszwecke. Um sie zu erreichen, speiste er von Zinn, und versagte sich jeden Genuss. Noch zeigte man im Schlosse den Hut, den er dreissig Jahre lang getragen hatte. Er war zwar nicht, wie der in der Fabel, siebenmal verandert worden, aber durch Stutzen und Beschneiden von der ansehnlichen Grosse eines dreieckigen bis zu der winzigen Gestalt einer sogenannten Lampe zusammengeschrumpft.
Der Sohn vereinigte nun das gerade Gegenteil aller dieser Eigenschaften in sich. Prachtliebend, empfindsam, phantasievoll, gereichte er seinem Vater, sobald diese Seiten sich zu entwickeln begannen, auch nicht einen Augenblick zur Freude. Gern hatte er ihn enterbt, wenn er nur gedurft, allein er musste ihn sogar seines eignen Weges gehen lassen, da Graf Heinrich mit der erlangten Mundigkeit Herr eines ansehnlichen mutterlichen Erbteils wurde. Er vermahlte sich fruh mit einem reizenden Fraulein, welcher aber der Gatte wenig zustatten kam, denn dieser reiste auch nach seiner Heirat viel allein, und hielt sich durch die Bande der Ehe in seinen Freuden nicht gehemmt. Zartliche, an Schwarmerei grenzende Freundschaften schmuckten sein Leben, bei den Weibern hatte er ein fabelhaftes Gluck, eine zahlreiche Nachkommenschaft war die Frucht so mannigfacher Begegnungen. Um diese kummerte er sich nicht. Was ihn bewogen, Johannen nach dem Tode seiner Gemahlin ausnahmsweise auf das Schloss bringen zu lassen, und sie halb und halb anzuerkennen, hat man nie erfahren.
In dem Ernste des Enkels glaubte der Grossvater eine Spur seines Charakters zu entdecken, und trostete sich daran uber den Leichtsinn des Sohns. Er hatte ihn bestandig um sich, und man vermutete, dass er ihn besonders bedacht haben wurde, ware er nicht vom Tode uberrascht worden.
Wie dieser Enkel sich ausgebildet, erzahlen Ihre Bucher. Das aber konnten sie nicht erzahlen, und wurden sie auch nie erzahlen konnen, wie er ein Opfer der Schuld seiner Altvordern wurde. Nur ich weiss es. Ich habe keine Verpflichtung, ein Geheimnis daraus zu machen, und die Frauen, um derenwillen ich vielleicht schweigen musste, werden, wenn ich mich irgendein wenig auf die weibliche Natur verstehe, keinen Blick in die gedruckten Memoiren werfen, nachdem sie schreibend dazu beigesteuert haben. Was aber uber alles: Ich glaube, dass ich von Ihrer Leidenschaft fur die Wahrheit durch Sie etwas angesteckt worden bin.
In den Tagen, wo ich zwischen zwei Krankenbetten, dem der Herzogin und Johannas meine Sorgen zu teilen hatte, nahm der Prozess uber die Standesherrschaft eine besonders lebhafte Wendung. Es sollte zur Vorlegung des Adelsbriefs geschritten werden, und ich sass im Archiv, davon eine Kopie fur den Herzog zu fertigen, welche er zuruckbehalten wollte.
Nach Wilhelmis Abgange und bei noch fortdauerndem Mangel eines tuchtigen Stellvertreters verrichtete ich manche Geschafte, die ein Nichtjurist allenfalls besorgen konnte. Da horte ich einen lebhaften Wortwechsel in einem Seitenkabinette, und sah nach einigen Sekunden den Herzog mit dem Amtmann vom Falkenstein heraustreten. Letzterer sah sehr erhitzt aus, und rief: "So wollen mich der gnadige Herr wirklich fortjagen?"
"Bedienen Sie sich anstandigerer Ausdrucke, solange Sie noch in meinen Diensten sind", versetzte der Herzog, welcher seine Fassung ziemlich beibehielt. "Ubrigens sehen Sie selbst wohl ein, dass in einer wohlgeordneten Wirtschaft der Herr zu befehlen und der Untergeordnete zu gehorchen hat, und dass, wo sich die Sache umdrehen will, man schleunig Einhalt tun muss."
Der Amtmann warf einen hohnischen Blick auf meine Arbeit, murmelte: "Ich werde dazu gezwungen" und verliess das Gewolbe. Ich fragte den Herzog, was vorgefallen sei, und erfuhr, dass er den Trotz und die Willkur dieses bosen Alten nicht langer dulden konne. Er scheine es darauf anzulegen, die Autoritat der Herrschaft zu untergraben, und habe neuerdings in der Administration des Falkensteins Anordnungen getroffen, die im graden Widerspruche mit den Verfugungen des Herzogs standen. Daruber zur Rede gestellt, sei nicht einmal eine Entschuldigung erfolgt, vielmehr das freche Erwidern, dass es so besser sei, worauf der Herzog ihm den Dienst gekundigt habe.
Auch mir war das gemeine Wesen dieses Menschen, welches sich in der letzteren Zeit, und besonders, seitdem der Rechtsstreit uber die Herrschaft anhangig war, immer mehr gesteigert hatte, sehr auffallend gewesen. Er tadelte laut seine Gebieter, hielt sich uber sie auf, klatschte und verklatschte, benahm sich uberhaupt so, als konne er hier schalten und walten, wie er wolle.
"Das ist die Frucht davon, wenn die Leute zu sehr sich einnisten", sagte der Herzog. "Dieser Reinhard war schon bei meinem Grossvater, und dessen rechte Hand. Nun muss ich zu einem Schritte gegen ihn ubergehen, der mir leid tut, aber nicht abzuwenden ist. Der alte Erich wurde in seiner Heftigkeit beinahe zum Morder und irrt vielleicht unter Raubern umher, und was soll der Amtmann beginnen, wenn ich ihn, wie ich muss, forttreibe? Man wechsle auch mit den Menschen, wie mit den Kleidern, es wird viele Unbequemlichkeit dadurch erspart."
Er sah das Diplom an und fuhr mit einem truben Lacheln fort: "Auf welchem schwachen Grunde die Pfeiler unsres Daseins stehn! Dieses schlechte und dunne Pergament ware denn nun die letzte Burgschaft eines ertraglichen Lebens, nachdem so manches sich in meiner Hauslichkeit verandert hat, und dieses Schloss zum Siechenhofe geworden ist."
Einige Wochen vergingen, und des Vorfalls, der uns unbedeutend schien, wurde nicht weiter gedacht.
Mein Schreck war gross, als eines Abends spat der Herzog auf mein Zimmer geeilt kam, blass, mit verwandeltem Antlitz, bebenden Gliedern. Sprachlos reichte er mir einen geoffneten Brief hin, und sank, sich in seinen Mantel hullend, auf einen
Sessel.
Der Brief war von Hermanns Oheim und enthielt eine Nachricht, die allerdings den Festesten erschuttern konnte. Der Gegner schrieb, der Amtmann sei bei ihm gewesen, und habe ihm in betreff der Adelsurkunde, von welcher das Schicksal der zwischen ihnen schwebenden Sache abhange, eine unerwartete Nachricht gegeben. Jene Urkunde sei namlich verfalscht und vom Amtmann selbst auf unablassiges Bitten, Dringen und Befehlen des Grossvaters, welcher sich den Pratendenten der jungeren Linie gegenuber in grosser Verlegenheit gefuhlt, unter genauer Beobachtung der Kurialien und mit treuer Nachmalung der Kanzeleischrift angefertigt worden. Kunstlich vergilbte Dinte sei von einem Chemiker leicht zu beschaffen gewesen, auch habe es nicht schwergehalten, dem Pergamente selbst die Farbe des Alters zu leihen. Man habe einen geschickten Stempelschneider fur eine grosse Summe gewonnen, das kaiserliche Insiegel vorhandnen Mustern in Metall nachzustechen.
Zu solchem Frevel habe der Amtmann sich nur erst dann verstehen wollen, als ihm vom Grossvater ein eigenhandiges untersiegeltes Bekenntnis uber den ganzen Einhergang ausgestellt und uberliefert worden sei. Mit diesem Reverse sei ihm das Schicksal des Hauses in die Hande gegeben worden, und er habe in der Stunde, da er dem Herrn zuliebe so schwer sein Gewissen belastet, geschworen, dies nicht umsonst tun, vielmehr, wenn man ihm einmal nur im entferntesten Sinne schnode begegne, alsobald das Amt der Rache ausuben zu wollen.
Der Oheim schrieb, dass der Amtmann alle diese Entdeckungen ihm in einem ausserst gereizten Zustande getan habe, und dass von ihm keine Rucksicht auf diese Aussage eines entlaufnen Dieners genommen worden ware, wenn nicht der ihm gleichfalls uberreichte Revers des Grossvaters den schlagenden Beweis der Wahrheit geliefert hatte.
Dieser Revers lag in beglaubigter Abschrift bei, und enthielt leider die Bestatigung des schmachvollen Ereignisses.
Wer hatte dies ahnen konnen? Ich starrte den Herzog an, er mich, wir fanden beide keinen Rat in uns. Der Oheim hatte seinem Schreiben die Bemerkung hinzugefugt, dass er aus Schonung diese Mitteilung zuvor privatim gemacht habe, und vor Gericht dieselbe nur dann benutzen werde, wenn der Herzog auch jetzt einen gutlichen Ausweg in der Sache verschmahe.
Der Herzog lag stumm und wie ein Toter im Sessel. Da mich sein Schweigen angstigte, fragte ich ihn, was er auf die letzte Andeutung beschliessen wolle? Er erwiderte mit tonloser Stimme: "Nichts! Wir sind verloren und haben keine Beschlusse mehr zu fassen. Nur fur die Herzogin muss gesorgt werden, das ist das einzige, was noch geschehen kann."
Da ich ihn in den folgenden Tagen ganz zerschmettert und fassungslos sah, (von der Echtheit des Reverses hatten wir uns inzwischen durch die Vorlegung des Originals notgedrungen uberzeugen mussen) suchte ich ihn mit allerhand Trostgrunden aufzurichten, und stellte ihm vor, dass, wenn auch aus den zutage gekommnen Umstanden der nicht adliche Stand der Ahnin beinahe zur Gewissheit erhelle, doch es noch immer sehr zweifelhaft bleibe, ob der Richter die Rechtsbestandigkeit des Ubertrags reiner Familienanrechte auf einen Fremden, Burgerlichen aussprechen werde.
Er versetzte, dass mein Zuspruch den Punkt nicht treffe. Scheinbar habe das Schicksal die Losung des Knotens vorbereitet, um unter der Hulle dieser Anstalten einen viel festeren und harteren zu schurzen.
Ich merkte, dass die Gefahr, seine Besitzungen einzubussen, ihn weniger drucke, als ein andres, nagendes Gefuhl. Er war im innersten Mittelpunkte seiner Empfindungen geknickt, zerbrochen. Das Falsum des Vorfahren hatte den Begriff, den er von sich hatte, vernichtet. Die reine Abstammung, auf welche er, wie das Hermelin auf die unbefleckte Weisse seines Pelzes, gehalten, war besudelt durch den Fehltritt, wozu die Angst zu verlieren, einen geizigen Alten fortgerissen hatte. Seine Tage schienen ihm an ihrer Quelle vergiftet zu sein, und seine Vorstellungen nahmen die krankhafte Verderbnis an, zu welcher es in der korperlichen Sphare ein Gegenbild in dem scheusslichen Ubel gibt, welches ich nicht nennen mag.
Ich versuchte, den irregehenden Gedanken die naturlichen Wege zu eroffnen, und sagte, dass ja ein jeder der Sohn seiner Taten sei, nur sein Bundel zu tragen, nur seine Schuld zu verantworten habe. Allein diese geistige Krankheitsform, welche man Aristokratismus nennt, nimmt solche Mittel nicht an, man kann sie nur aus sich selbst durch Illusionen heilen, welche mir nicht zur Hand waren.
Nach und nach rang sich der Herzog zu einer kalten Fassung empor. Er verlangte von mir die Entfernung der Frauen, wenn deren Umstande diese tunlich machten, da er allein zu sein wunsche, und die geschaftlichen Anordnungen, welche nun bevorstanden, auch nur in der Einsamkeit treffen konne. Sein Wunsch stimmte mit meinen Ansichten uberein. Welche uble Wirkung musste die Verwicklung der Hausgeschicke auf die langsam genesende Herzogin machen, wenn sie davon, wie doch bei ihrer Anwesenheit kaum zu vermeiden war, Kunde bekam! Ich brauchte daher den Vorwand, dass zu ihrer volligen Herstellung nichts kraftiger wirken werde, als eine magnetische Behandlung, und sandte beide Damen, diese scheinbar einzuleiten, nach der Hauptstadt. Mancher Widerstand war zu besiegen gewesen, insbesondre bei Johanna, welche ich zuletzt nur dadurch zur Abreise bestimmte, dass sie einsehen musste, wie die Schwagerin ohne sie in der grossen Stadt ganz verlassen sein werde. Mein Ernst war es nicht mit dem Magnetismus, gegen welchen ich vielmehr von jeher gewesen bin, da er den Organismus nur noch tiefer zerruttet. Ich empfahl die beiden Leidenden in die Obhut eines dortigen Freundes, auf welchen ich mich, wie auf mein zweites arztliches Ich verlassen konnte. Diesem band ich ein, dass er meine Heilmethode, als Vorbereitung zu jener mystischen, verfolgen, und so ohne Streichen und Manipulieren den Zweck zu erreichen sich bestreben solle.
Nun waren wir Manner allein, verkummert, auf dem Schlosse, welches sonst von freundlicher Geselligkeit eine so angenehme Belebung empfangen hatte. Der Herzog schien ruhig zu sein, er erklarte verschiedentlich, dass ich recht gehabt, dass jeder nur fur sich und seine Handlungen einzustehen verpflichtet sei, dass die Vergehungen dritter Personen in den Augen der Vernunftigen unsrer Ehre nicht schaden konnten, und was dergleichen mehr war. Allein mir wurde nicht wohl bei diesem Gleichmute, der offenbar sich als erkunstelt zeigte.
Der Kaufmann hatte seine Antrage gemacht, welche dahin gingen, dass der Herzog die Guter auf den Todesfall abtreten, bei seinen Lebzeiten aber den Niessbrauch behalten solle. Letztres und ein bedeutendes Wittum fur die Herzogin sollten den Kaufpreis bilden. Unter diesen Bedingungen war die Zurucknahme der Klage, die Ausantwortung des Reverses und die Geheimhaltung der ganzen Sache andrerseits versprochen worden.
Der Herzog hatte sich nicht einen Augenblick bedacht, den entscheidenden Federzug unter die ihm vorgelegte Abtretungsurkunde, welche die gedachten Punkte enthielt, zu setzen. Als ich ihm uber diesen eiligen Schritt Vorstellungen machte, sagte er: "Wollten Sie, dass der Kramer den Namen derer von * an den Pranger schlage? Ware ich nicht gebrandmarkt? Besteht die Welt aus Vernunftigen? Zudem, ich habe keine Leibeserben, und so moge denn unser altes Geschlecht in diesen gepriesenen jungsten Tagen erloschen."
Ich sah ihn ernst und nachdenklich, oft in spater Nachtstunde, durch die Gange des Schlosses wandern. Er stand vor den Turen, den Geraten, den Wappenschildern still, und musterte sie mit zerstorten Blikken. Am langsten pflegte er im Ahnensaale zu verweilen, wo er manches an den Familienbildern ausbessern, die durch Staub und Alter verdunkelten reinigen liess. Das Bild des Grossvaters wurde herabgenommen und beiseite geschafft, das seinige an die leer gewordne Stelle befordert.
Wo es nur irgend geschehn konnte, brachte er das Gesprach auf den Selbstmord, gegen den er sich mit der grossten Lebhaftigkeit erklarte.
Alles, was uber diesen Gegenstand Verwerfendes von jeher gesagt worden ist, trug er in den mannigfaltigsten Wendungen vor, und hob bei diesen Gelegenheiten besonders das Unanstandige eines solchen Lebensabschlusses heraus, welcher in den meisten Fallen eine Menge von verletzenden Nachforschungen und das widerwartigste Getummel errege.
Er sprach leider zu oft davon, als dass ich nicht die Absicht hatte durchschimmern sehn, und nicht um so besorgter werden sollen. Das Leben musste ihm, wie er nun einmal war, unter den jetzigen Umstanden eine Last sein, das erkannte ich wohl. Dennoch straubt sich unser modernes Gefuhl hartnackig gegen den Entschluss, sie freiwillig abzulegen.
In meinen truben Ahnungen wurde ich nur noch mehr befestigt, als ich eines Tages bei einem Gange durch die Bibliothek ein toxikologisches Werk aufgeschlagen fand. Der Leser hatte gerade bei der Seite innegehalten, welche von jenem mit grauenvoller Raschheit spurlos wirkenden Gifte, von der Blausaure, handelte.
Da der Herzog nun fast gleichzeitig uber plotzliche Anwandlungen von Schwindel zu klagen begann, und seine Ahnung aussprach, dass er vielleicht einmal plotzlich am Schlagfluss sterben werde, (zu dem seine Konstitution sich durchaus nicht hinneigte); so wusste ich, dass er zu enden entschlossen sei, wie er gelebt hatte, namlich ohne Verstoss gegen die aussere Sitte, in der Weise, die ihm fur einen vornehmen Mann die schickliche bedunkte. Mich erschreckte, mich bekummerte diese finstre Absicht, und dennoch war bei seinem Charakter keine Hoffnung vorhanden, sie zu wenden.
XII. Auch eine Bekehrungsgeschichte
Mich machten alle diese Vorfalle, Missgeschicke, Krankheiten sehr unglucklich. Das Feuer einer verbotnen Leidenschaft hatte mich unter Menschen getrieben, die sich nun allgemach von mir und voneinander abloseten. Alles Behagen um mich her war dahin. Meine Zeit schien in dieser Einode ohne Frucht vergangen zu sein und die Beziehungen des Lebens kamen mir wie kurze Faden vor, die man mit Muhe von einem verworrenen Knauel abwickelt. Meinen Kranken widmete ich zwar eine pflichtgemasse Sorgfalt, aber ohne Freude am Berufe zu haben. Das eigentliche Leiden der Welt schien mir dem Arzte so unerreichbar zu sein, dass seine ganze Beschaftigung mir kleinlich und nutzlos vorkam. Wie sich das Leben vor meinen Augen zersetzte, so brockelte mir auch die Wissenschaft auseinander und wurde ein lockres Aggregat problematischer Einzelheiten, welchen der eigentliche Mittelpunkt fehlte.
Auch mich warfen die Anstrengungen und Gemutsbewegungen, verbunden mit einer starken Erkaltung, die ich mir bei einem nachtlichen Ritte zuzog, auf das Lager. Ein starkes Fieber hielt mich drei Wochen lang zwischen gluhenden Phantasien gefangen, und mochte leicht einen gefahrlichen, nervosen Charakter angenommen haben, waren meine Eingeweide nicht frei von jeder Indigestion gewesen.
Als ich erstand, war ich wie neugeboren, ich hatte das Gefuhl eines Kindes, dem jeder Gegenstand tausend frische unabgenutzte Seiten zeigt, in den unbedeutendsten Dingen erkannte ich ein Gluck, der Gruss eines Bekannten, seine Frage, wie es mir gehe? konnte mir auf einen ganzen Tag Freude machen.
So lebte ich einige Wochen fur mich hin, mit Eifer meine Berufsgeschafte treibend, und mich um die Wirrsale der Welt wenig kummernd. Da wurde mir eines Tages, es war gerade um zwolf Uhr mittags, die wunderbarste innere Erfahrung. Sie kam ungesucht, unvorbereitet, wohl recht, wie das Hochste erscheinen muss.
Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, will gestehn, dass auch nachmals mein Innres voll Schlakken geblieben ist, aber ich kann, wie Cromwell, von mir behaupten, dass ich einmal im Stande der Gnade gewesen bin, und deshalb nicht verlorengehn werde.
Ich wanderte fur mich eine grade, keinesweges zur Erhebung stimmende Landstrasse hin, ruhig, ohne Bewegung des Gemuts, nur an eine ganz gewohnliche Tagesobliegenheit denkend. Da, auf einmal, fuhlte ich in mir die Existenz Gottes, und seine unmittelbarste Gegenwart in mir, so dass ich nun ganz bestimmt wusste: Er ist. Und zwar nicht als Begriff, Idee, sondern sein Dasein ist ein reelles. Der Sitz dieser Empfindung war der ganze Mensch zwar, jedoch hauptsachlich und vorzugsweise das Herz, in welchem sich dieselbe wie ein sanftes Wirbeln gestaltete, welches das Herz zugleich in den Mittelpunkt des Weltalls ruckte, und es auf einen Zug begreifen lehrte, in welchen Gesetzen der Unschuld, Schonheit und Gute dieses ungeheure Ganze erbaut worden sei. Damals wusste ich auch sofort, dass wir nie Gott anschauen werden, dass vielmehr die Seligkeit darin bestehen soll einen solchen Moment fur immer zu haben, und dass dann Gott, wie ein ewiges Pulsieren der Heiligkeit, in uns die Stelle des fleischlichen Herzens einnehmen wird. Alles dieses war keine Phantasie, keine Spekulation, sondern eine fast sinnliche Gewissheit. Es dauerte nur wenige Sekunden, auch kann ich den Moment nicht naher beschreiben, denn es wurde doch nur auf schmuckende Armseligkeiten hinauslaufen. Dantes Worte kommen ihm noch am nachsten, wenn er singt:
All' alta fantasia qui manco possa;
Ma gia volgeva il mio disiro, el velle,
Siccome ruota, che igualmente e mossa,
L'amor, che muove 'l Sole e l'altre stelle.
Doch klingen auch sie nur wie Lallen von hoher Musik. Das Ganze aber war ein Gemutswunder, welches sich nachmals nicht hat wiederholen wollen, mir jedoch auch in seiner einzelnen und einzigen Erscheinung zur Beruhigung uber einen hoheren Zusammenhang der Dinge vollkommen genugt. Bin ich Ihnen in meinem Wesen umgestimmt erschienen, so ist es die Nachwirkung dieses Augenblicks gewesen.
Als ich nach Hause kam, fand ich den Ruf zur Vorsteherschaft uber die grossen Anstalten in der Hauptstadt, mir hochst unerwartet und uberraschend, da ich nicht geglaubt hatte, dass meinem Wirken anderwarts Aufmerksamkeit zuteil geworden ware. Mein Entschluss konnte nicht zweifelhaft sein. Hier traf eine aussere Gunst genau mit einem inneren Glucke zusammen. Meine Verhaltnisse hatten sich ausgelebt, und ich erkannte, dass es fur mich an der Zeit sei, in neue, bedeutendere Kreise uberzugehn.
Man hatte mir den Auftrag erteilt, nach England und Frankreich zu reisen, dort verschiedne Beobachtungen zugunsten des Instituts anzustellen. So kam es, dass ich erst nach geraumer Zeit in * anlangte, wo ich denn die Frauen geheilt antraf, Johannen durch den alten, wurdigen Kriegshelden, die Herzogin durch ihre jungen Madchen.
Dass auch bei dieser das Herz, freilich in sehr zarter Weise, die Herstellung vermittelt hat, ist Ihnen vielleicht nicht so bemerklich geworden. Der junge Lehrer, welcher nach dem Tode der Vorsteherin fur die hut- und mutterlose Pension, welche er nicht gern untergehn lassen wollte, ihren Schutz anflehte, wirkte durch seine Personlichkeit wohl bedeutend auf ihren Entschluss, sich der Madchen anzunehmen, die den Stamm aller nachherigen Zoglinge bildeten. Er gehort zu den jungfraulichen Mannern, ist schamhaft, verschwiegen, bescheiden wie keiner. Nun wohnt er schon seit langerer Zeit im Hause der Herzogin, und man kann diese Neigung, obschon sie ganz unschuldig ist, und nur die Farbe des Dienstverhaltnisses tragt, worin er zu ihr steht, kaum noch Freundschaft nennen. Ich hatte meine torichte Leidenschaft langst besiegt, und mochte daher dieses Wirken der Natur unbefangnen Sinnes anschaun. Freilich wurde mir dabei ihre Ironie klar, welche nirgends ausbleibt, und hier durch ein eheahnliches Verhaltnis fur Ubertreibungen der Sitte und Sittlichkeit das Gleichgewicht herzustellen gesucht hat. Denn jenes Verhaltnis war nach so vielen Gewissenszweifeln, Bussungen und Gebeten dennoch schon bei Lebzeiten des Herzogs eingeschritten. Der Arzt hat eine grosse Aufgabe in der Gegenwart zu losen. Krankheiten, besonders die Nervenubel, wozu seit einer Reihe von Jahren das Menschengeschlecht vorzugsweise disponiert ist, sind das moderne Fatum. Was in frischeren, kurzer angebundnen Zeiten sich mit einem Dolchstosse, mit andern raschen Taten der Leidenschaft Luft machte, oder hinter die Mauern des Klosters fluchtete, das nagt jetzt inmitten scheinbar ertraglicher Zustande langsam an sich, untergrabt sich von innen aus, zehrt unbemerkt an seinen edelsten Lebenskraften, bis denn jene Leiden fertig und ausgebildet dastehn.
Zwischen diese verlarvten Schicksale ist nun der Arzt gestellt. Er muss, will er seinen Beruf mit Weisheit erfullen, ein Eingeweihter sein, Gott und die Welt im Busen tragen, er muss gewissermassen das Amt eines Priesters und Hierophanten uben. Mittel und Wege hat er aufzufinden, wozu ihm die materia medica keine Anleitung gibt.
Unsrer Wissenschaft steht uberhaupt eine Umbildung bevor, und wenn es erlaubt ist, der Entwicklung der Dinge vorzugreifen, so mochte ich sagen: Wir werden uns der antiken Richtung wieder naher anschliessen. Lange genug haben wir mit Pulvern und Pillen die Natur zu zwingen gewahnt, oder den lebendigen Leib an das Kreuz des Systems geschlagen, in Zukunft werden wir mehr beobachten. Selbst der Auswuchs der jetzigen Heilkunde, die Homoopathie, deutet schon diesen richtigeren Weg an, wenn sie verschmaht, die sogenannten inneren Ursachen analysierend sich zur Anschauung zu bringen, in welcher isolierten Analysis auch eigentlich nichts mehr vorhanden ist, was dem Arzte einen Fingerzeig geben konnte.
XIII. Hermann
So bewegte sich die Welt, worin unser Freund eine Zeitlang einheimisch und tatig gewesen war, ganzlich umgestaltet, in Erbaun und Verfall, Trost und Verzweiflung auf und ab, ohne dass er selbst von diesen Ereignissen etwas verstanden, oder an ihnen teilgenommen hatte. Mit schwerem Finger hatte ihn das Schicksal beruhrt, an ihm ein Zeichen gesetzt, welche Gefahren unsre Zeit den Junglingen bereitet, die mit Empfindung und Geist ausgerustet, ungebunden dahinleben zu konnen meinen.
Nach der Ruckkehr von meiner Reise war mein erster Gang zu Wilhelmi, den ich, durchaus verwandelt, das zweite Kind auf dem Schosse haltend, neben seiner muntern, artigen Frau antraf. Von den Gemalden und sonstigen Seltenheiten, als deren eifrige Sammlerin die nunmehrige Madame Wilhelmi bekannt gewesen war, erblickte ich nichts, vielmehr sah ich nur eine gewohnliche elegante Einrichtung. Da meine Augen die verschwundnen Schatze suchten, erriet mich Wilhelmi, und ich wurde als alter Freund gleich in einen Ehekrieg eingeweiht. Die Kunstkennerin hatte seit ihrer Vermahlung allen Geschmack an den Antiquitaten verloren, sie, Wilhelmis Einreden ungeachtet, nach entlegnen Kammern verwiesen, und wollte dieses ganze Besitztum gern losschlagen, wozu aber der Gatte seine Zustimmung beharrlich versagte. Seine Neigung war die namliche geblieben. Er suchte die verwiesenen Lieblinge in den engen Raumen so gut als moglich unterzubringen.
Alles dieses erfuhr ich in der ersten halben Stunde durch halb ernste, halb scherzhafte Gesprache, welche jedoch von vollkommner gegenseitiger Zufriedenheit zeugten.
Bald wurde aber die hausliche Szene durch eine Figur gestort, bei deren Erscheinung die Gatten mitleidig und betrubt ihre Blicke niederschlugen. Der Eintretende wollte sich, da er einen Fremden sah, alsobald entfernen, Wilhelmi hielt ihn indessen zuruck, fuhrte ihn mir entgegen, und sagte:
"Erkenne ihn nur, Hermann, es ist unser alter Freund, der Doktor."
Hermann gab mir die Hand, lachelte mich wie ein Kind an, und sagte: "Hippokrates war der beruhmteste griechische Arzt, von der Insel Kos geburtig, und brachte zuerst die Lehre von den kritischen Tagen auf." Dann setzte er sich neben Wilhelmis Frau, und warf von Zeit zu Zeit historische oder philosophische Bemerkungen hin, welche alle richtig waren, nur freilich nicht die mindeste Beziehung zu der Umgebung hatten.
Es ist schrecklich, unvorbereitet den Tod eines Bekannten zu erfahren, aber es erschuttert Mark und Bein, ihn plotzlich lebendig, so wiederzusehn.
Niemand hatte mir noch etwas von dieser traurigen Veranderung gesagt. Ich war meiner ganzen arztlichen Fassung benotigt, um nicht in Tranen bei dem Anblikke des Unglucklichen auszubrechen, der mit blassem Antlitze, erloschnen Augen und einem steten Lacheln, sonst aber unentstellt, dasass.
Unter einem Vorwande nahm ich Wilhelmi beiseite und begehrte draussen Aufschluss von ihm. Ich horte darauf die Begebenheiten, welche nun, da ich Ihre Bucher gelesen, mir nicht mehr dunkel sind, damals aber mir vollig ratselhaft vorkommen mussten.
Wilhelmi erzahlte mir, dass Hermann mit den Gebarden eines Verzweifelnden von Flammchens Landhause fortgesturmt sei. Die Landleute hatten ihn in der Gegend mit zerrissnen Kleidern, scheu wie das Wild ihnen ausweichend, umherirren gesehn.
"Wir Zuruckgebliebnen", sagte er, "die wir erfuhren, dass Johanna nach dem Schlosse abgereiset war, wurden uber das Ausbleiben Hermanns sehr besturzt. Ich schrieb an ihn, und da der Brief unbestellt wieder in meine Hande gelangte, so reiste ich selbst nach der Gegend, wo ich denn jene Vorfalle horte.
Er war verschwunden, trat jedoch nach mehreren Monaten, wahrend welcher Korrespondenz, Nachfrage, offentliche Bekanntmachungen vergeblich angewendet worden waren, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln, eines Abends, da es dammerte, in mein Zimmer, fiel mir weinend um den Hals, sagte, dass er da und dort gewesen sei, aber nirgends Ruhe finde, dass ich ihm ein Platzchen bei mir gonnen moge, wo er sterben konne.
Meinen Schreck werden Sie ermessen. Ich sprach mit meiner Frau, die sich kaum zusammennehmen konnte, da sie ihn so ausser sich sah, und verstort. Wir brachten ihn darauf in einem stillen Gartenzimmer bei uns unter, baten ihn, sich zu schonen, seine Sinne zu sammeln, dann werde sich ja alles finden, was auch vorgefallen sein moge.
Er liess sich diese Obsorge gefallen, und sass einige Tage vor sich hin. Als ich glaubte, er sei so weit beruhigt, dass man mit ihm reden konne, suchte ich zu erforschen, was sein Innres so gewaltsam aufgeregt hatte. Ich bekam jedoch keine andern Antworten von ihm, als, dass er der verworfenste aller Menschen sei, dass nichts auf Erden sich mit seinem Elende vergleichen lasse; ob ich den Odipus kenne? Da ich sah, dass ihn mein Andringen schwer leiden machte, so gab ich es auf und habe auch nachmals nicht versucht, sein Geheimnis zu entdecken.
Nur so viel ist mir aus unwillkurlichen Ausserungen klargeworden, dass das Bewusstsein einer Schuld, die furchtbar gewesen sein muss, seine Brust zerfrisst, dass sich auf dem Landhause Flammchens das Schlimme begeben haben mag, und dass dieses wahrscheinlich einen Zusammenhang mit dem Inhalte der Brieftasche hat, welche ihm von seinem Vater vererbt worden ist.
Ich glaubte, Beschaftigung werde ihn am ersten wieder zum Gefuhle seiner selbst bringen, und ausserte ihm diese Meinung. Er ergriff sie mit Leidenschaft und rief: 'Du hast das Wahre getroffen. Beschaftigung mangelt mir. Gibt es nicht manches, was einem die bosen Traume verscheuchen mag: Philosophie, Religion, Kunst, Staatswissenschaft? Versuchen wir es mit diesen erhabnen Machten und Geistern der Zeit, deren einer uns gewiss hulfreich sein wird!'
Ich hatte leider mit meinem wohlgemeinten Worte nur den Punkt beruhrt, der die Krisis zum Ausbruch bringen musste. Es begann eine Zeit, an welche ich mich nicht gern erinnre, denn ich musste in ihr wahrnehmen, ohne helfen zu konnen, wie die Seele eines Freundes sich jammervoll aufloste. Er eilte in die Kirchen, schrieb Predigten nach, sass zu den Fussen des Philosophen und las in dessen Buchern bis spat in die Nacht. Er durchstrich die Sale der Galerie; studierte Kunstgeschichte, ging die Staatsmanner seiner Bekanntschaft um praktische Arbeiten an, die sie ihm auch, seinen Zustand bemitleidend, wenigstens zum Schein gewahrten. Aber alle diese religiosen, philosophischen, asthetischen und praktischen Aufspannungen, welche mit einer sturmischen Hast, ja mit Wut betrieben wurden, konnten dem Geangstigten, Versinkenden keinen Anhalt geben. Noch sind Zettel von ihm aus jener Periode ubrig, worin er die ruhrendsten und zerreissendsten Klagen dem Papiere vertraut. 'Ach', ruft er in einer dieser Ergiessungen aus, 'dem befleckten Gemute steht alles fern! Gott und die Natur, Schonheit und Wahrheit, Staat und Menschenwohl schweben dem ausgeleerten, oden Geiste, wie dunne Schatten vorbei, welche er nicht zu fassen, an denen er sich nicht anzuklammern vermag!'
So sich abarbeitend, die Krafte gegeneinander treibend, verfiel er nach und nach in den Zustand, wo nun alles ruht und tot ist, den wir trauernd anschaun, worin wir ihn duldend unter uns wandern lassen, und von dem wohl keine Heilung zu erwarten ist."
Nachdem Wilhelmi mir diese Eroffnungen gemacht hatte, beobachtete ich den Unglucklichen in allen Stunden, welche meine offentlichen Geschafte mir frei liessen. Hier wurde mir die seltenste und bedauernswerteste Geisteskrankheit sichtbar, die ich je wahrgenommen habe.
Hermann war korperlich gesund. Die Blasse seines Antlitzes, die Mattigkeit seiner Augen hinderte nicht, dass alle Lebensfunktionen bei ihm den naturlichen, regelrechten Gang nahmen. Er ass und trank hinreichend, seine Fusse trugen ihn auf meilenlangen Wandrungen, die er in der Umgegend anzustellen pflegte, ohne dass bei der Heimkehr eine Erschopfung an ihm zu verspuren gewesen ware; er schlummerte tief und ruhig. Auch war er keinesweges wahn oder blodsinnig; er las viel, horte Gesprachen von allgemeinerem Interesse gern zu, und liess seine Bemerkungen vernehmen, die immer verstandig, zuweilen scharfsinnig, hin und wieder selbst tief waren. So gab er einst, da wir viel uber Schicksal und Selbstbestimmung geredet hatten, den Begriff der Freiheit dahin an, dass sie die Form der Notwendigkeit sei, und fuhrte diesen Satz auf eine Weise durch, welche uns alle in Erstaunen setzte.
Dennoch war er im Kerne des Seins gestort, ja getotet. Das Leben, welches in Freude und Leid, in Begehren und Verabscheuen, in Liebe und Hass, in den Wechselbeziehungen zu unsern Nebenmenschen besteht, war in ihm durch eine schreckliche Erinnrung ausgeloscht. Er weinte und lachte uber nichts, ein stehendes gleichgultiges Lacheln machte seine Zuge zur Maske. Er wollte nichts, und wendete sich von nichts hinweg, er hatte keinen Freund und keinen Feind, die besondern Verhaltnisse andrer waren fur ihn so wenig vorhanden, als seine eigenen, mit einem Worte: Das Individuum schien in ihm vollig untergegangen zu sein. Nur allgemeine Gedanken und Vorstellungen nahm diese Seele, wie ein leeres Gefass noch auf, ohne die Federkraft zu besitzen, sie in ihr Eigentum zu verarbeiten, und daraus die Nahrung zu Entschlussen zu saugen.
So lebte er, scheinbar ein Mensch, aber ohne Anteil, und in der Tat den Kreisen, welche unser Dasein umschliessen, entruckt, seine Tage hin. Die Zeit war fur ihn keine Zeit, denn er empfand den Wechsel der Begebenheiten nicht, der Ort kein Ort, denn keine Sympathie fesselte ihn mehr an eine Statte. Es war der Zustand der Pflanze, er vegetierte.
Dass in einer so vernichteten Seele dennoch richtige Anschauungen, ja Ideen einkehren konnten, bestatigte meine alte Uberzeugung von der Natur der menschlichen Seele uberhaupt. Wir sind weit mehr Depots des geistigen Fluidums, welches durch das Universum streicht, als dass wir es selbsttatig erzeugten. Auch hier sind die Volksredensarten von den Gedanken, die einem Gott, und denen, die einem der Teufel eingegeben, wohl zu beachten und tiefen Sinnes. Nie hatte ich freilich gewunscht, den Beweis fur meine Hypothese durch einen Menschen zu erhalten, dessen Los mir naheging. Meine Abneigung gegen ihn war schon fruher verschwunden gewesen, ich hatte mir seine guten Seiten klargemacht, und seine jetzige Krankheit schnitt mir durch das Herz.
Ich sah ein, dass in diesem Falle am allerwenigsten positiv zu verfahren sein werde, dass man treu aufmerkend neben dem Leidenden stehen und irgendein gunstiges Ereignis abwarten musse, was zur Heilung benutzt werden konne. Am erwunschtesten ware mir gewesen, wenn ich der verborgnen Quelle des Kummers hatte auf die Spur kommen konnen, allein in dieser Beziehung scheiterten alle meine Versuche. Der Ungluckliche verschloss die Ursache seiner Schmerzen in tiefster Brust, und auch die Brieftasche war verschwunden. Wir durchsuchten in seiner Abwesenheit alle Winkel des Zimmers, liessen Schranke und Kommoden offnen; umsonst! sie war nicht zu finden.
Eine Geschaftsreise fuhrte mich in die Nahe von Flammchens Landhause. Ich machte einen Abstecher dorthin, weil ich glaubte, ich wurde vielleicht da einige Aufklarungen uber diese dunkle Geschichte erhalten. Das Haus war unter Sequestration, welche die Verwandten des Domherrn ausgebracht hatten. Das Witwenkind hatte man mit der Alten ausgetrieben, da binnen der gesetzlichen Zeit kein Leibeserbe hatte erscheinen wollen. Neue Leute befanden sich im Hause, welche mir nichts, was mir diente, sagen konnten.
Als ich nach * zuruckkehrte, war Johanna an der Hand des Generals soeben aus ihrer Dunkelheit hervorgegangen. Wie sie sich bis dahin fast menschenscheu abgeschlossen hatte, so verspurte sie nun das Bedurfnis, mit ihren alten Freunden aufs neue anzuknupfen. So besuchte sie denn auch Wilhelmis Haus, und erfuhr dort Hermanns Schicksal.
Ihr Mitleid war grenzenlos. Mir machte sie die bittersten Vorwurfe, dass ich ihr die Sache verborgen, wozu ich meine guten Grunde gehabt hatte. Sie verlangte von mir die Erlaubnis, den Kranken zu sehn, zu sprechen, ich weigerte mich auf das bestimmteste, dieselbe zu erteilen, da alle Aufregungen mir in seinem Zustande bedenklich zu sein schienen.
Indessen, wie die Frauen sind, die zuweilen hartnackig auf ihrem Sinne bestehn, sie gibt das Vorhaben nicht auf, dessen Ausfuhrung die machtigsten Gefuhle ihrer Brust heischen. Im stillen erforscht sie, dass zu dem Gartenzimmer, worin er wohnt, ein besondrer Zugang uber den Hof fuhrt, und macht sich eines Morgens allein und heimlich auf, ihn zu besuchen.
Der Kranke sass, da sie eintrat, mit dem Rucken gegen die Ture gekehrt. Liebreich begrusst sie ihn, er wendet sich, und starrt, regungslos wie eine Bildsaule, sie an. Sie will ihm die Hand reichen, er aber zieht mit den Worten: "Wir sind nicht in Griechenland, wo die Greuel erlaubt waren!" einen Dolch aus dem Busen, und zuckt ihn mit schrecklicher Gebarde auf sie, die vor Entsetzen in die Knie zu sinken meint. Dann lasst er das Mordgewehr fallen, wirft auf sie einen Blick des Abscheues, der sich tiefer in sie einbohrt, als dem Dolche moglich gewesen ware, schlagt die Hande vor das Gesicht, stosst ein Jammergeschrei aus, dass Wilhelmi es im Vorderhause hort, und springt an ihr vorbei aus dem Zimmer.
Wilhelmi kam, ausser sich vor Besturzung, zu mir. Wir fanden Johannen ohnmachtig, die uns nur langsam, von der furchterlichen Szene bis zum Sterben erschuttert, das Vorgefallne entdecken konnte. Wir suchten nach dem Unglucklichen; er war verschwunden. Durch Garten, an unbewohnten Hintergebauden vorbei, musste er seine Flucht genommen haben. Alle Erkundigungen nach ihm an den Toren, in den Umgebungen der Stadt waren fruchtlos.
XIV. Der Herausgeber an den Arzt
So sehen wir die Manner der Nichtigkeit oder dem Tode entgegengehn, denn auch der Oheim seufzt unter der Last seiner Besitztumer die letzten Hauche eines ersterbenden Lebens. Nur die Frauen, die Schwachsten, und die am verlorensten zu sein schienen, sind beschwichtigt.
Eine sentimentale, genusssuchtige Vergangenheit hat heimliche Irrungen aufgehauft, an welchen die schuldlosen Enkel sich zu plagen haben. Die Verhaltnisse sind verschoben, die Menschen voneinander entfernt, sich halb fremd geworden, der Held ist kindisch, und nur die Maschinen des Oheims arbeiten, wie von je, in toter, dumpfer Tatigkeit fort.
Aber die Gegenwart ist im Besitze unendlicher Heilungs- und Herstellungskrafte, und ich wusste diese unsre brieflichen Unterhaltungen, welche etwas chaotisch sind, wie ihr Gegenstand, die Zeitfolge aufheben, und zuweilen in spatere Tage vorausgreifen, nicht besser abzuschliessen, als mit den Worten Lamartines, wenn er sagt: "Ich sehe kein Zeichen des Verfalls im menschlichen Geiste, kein Symptom der Ermudung oder Veraltung. Zwar sehe ich morsch gewordne Einrichtungen, die dahinsturzen, aber ich erblicke ein verjungtes Geschlecht, welches der Atem des Lebens beunruhigt und in jedem Sinne vorwarts stosst. Dieses wird nach einem unbekannten Plane das unendliche Werk wieder aufbaun, dessen stete Erschaffung und Herstellung Gott dem Menschen anvertraut hat: sein eignes Geschick."
Neuntes Buch
Cornelie 18281829
Uber allem Zauber Liebe!
Erstes Kapitel
Cornelie stutzte das Haupt des Oheims. "Ist dir diese Lage recht?" fragte sie ihn mit sanfter Stimme. "Ja, mein liebes Kind", versetzte der Alte. "Wie wohl tut mir der Atem deiner Sorgfalt! Es ist recht schon von dir, dass du von der grunen Wiese hereingekommen bist, einen hinsterbenden Greis zu pflegen."
"Du wirst dich erholen, Vater", sagte Cornelie. "Nein, meine Tochter", antwortete der Oheim, "wir werden bald voneinandergehn. Ein arbeitsames Leben zehrt auf; es ist ein sonderbares Gefuhl, deutlich das Kapital seiner Krafte uberschlagen zu konnen, aus deren nicht zu berechnendem Reichtume man in der Jugend mit so verschwenderischen Handen schopfte. Ich habe diese Empfindung jetzt oft."
Der Dirigent einer Abteilung des Gewerbebetriebs trat ein, um die Meinung des Prinzipals uber eine neue Anlage einzuholen. "Verfahren Sie hierin ganz nach eigner Einsicht", erwiderte der Oheim, nachdem er sich die Sache hatte vortragen lassen. "Sie mussen sich nach und nach gewohnen, selbstandig zu handeln."
"Welche Besorgnisse Ihnen auch Ihre Gesundheitsumstande einflossen", sagte der Mann nicht ohne Ruhrung, "Besorgnisse, die, will es Gott, sich als ungegrundet ausweisen werden, so seien Sie uberzeugt, dass Ihre Weisheit unsre unverbruchliche Richtschnur immerdar bleibt, dass keiner von uns an eine Zukunft nach Ihnen denkt."
Eine andre Ture ward gewaltsam aufgerissen, Ferdinand sturmte herein, die Jagdtasche an der Seite, die Flinte uber den Rucken geworfen. Er warf ein paar Feldhuhner Cornelien zu Fussen, und rief: "Da hast du einen Braten in die Kuche!" Dann entfernte er sich ebenso laut, wie er gekommen war, ohne von dem Kranken Notiz zu nehmen. Dieser schickte ihm einen kummervollen Blick nach; der Geschaftsmann sah seufzend vor sich nieder, Cornelie weinte still in einer Ecke des Zimmers. "Furchten Sie nichts", sagte der Kommerzienrat zu seinem Freunde. "Ich werde Verfugungen treffen, dass die Schopfungen unsrer redlichen Muhe, die Anstalten, zu deren Begrundung sich Kenntnisse, Fleiss und gegenseitiges Zutraun so vieler Manner verbinden mussten, nicht zusammensturzen, wenn zwei Augen sich schliessen, dass sie wenigstens nie von den Launen eines unbandigen Jungen abhangen sollen."
Als jener das Zimmer verlassen hatte, sagte Cornelie: "Er wird gewiss noch anders und besser, Vater."
"Nein", erwiderte der Kranke, "ich tausche mich nicht mehr mit leerer Hoffnung. Die wilden, verderbten Neigungen sind zu tief bei ihm eingewurzelt, ich muss ihn aufgeben und seinen Weg ziehen lassen, denn es ist fruchtlos, gegen des Menschen Natur anzugehn. Liederlich wird der Bube nun auch, ich habe das leider erfahren. Grosser Gott, wie war es moglich, dass zwei stille, einfache Menschen, wie meine Frau und ich, ein solches unstetes Wesen erzeugen konnten?"
Cornelie suchte den Leidenden zu beruhigen, und der Abend ging in Gesprachen mit dem Prediger, der sich, als es dunkel geworden war, wie gewohnlich einfand, friedlich hin.
Der Oheim hatte, als er die Abnahme seiner Krafte merklicher werden sah, von manchen seiner Eigenheiten abgelassen; sein Wesen war von Tage zu Tage gutiger und milder geworden. Die Geschafte ruhten schon seit einiger Zeit fast ganz in den Handen der Untergebnen, und wenn ihm auch die Erhaltung des Ganzen am Herzen lag, so nahm er doch an dem Einzelbetriebe und an dem merkantilischen Resultate wenig Anteil mehr. Dagegen hatte sich seine Neigung fur die Pflanzen zu einer wahren Zartlichkeit gesteigert, und eine andre Jugendrichtung, die Liebe zur Chemie, stellte sich ebenfalls wieder ein. Dieser verdankte er die erste gluckliche Wendung seines Schicksals. Er hatte als junger Mensch eine grosse Schiffslast fur vollig verdorben gehaltner Ware an sich gebracht, und sie durch eine geschickte Behandlung in verkauflichen Zustand gesetzt, dadurch aber in wenigen Wochen einen Gewinn von vielen Tausenden gemacht. Nun, in seinen letzten Lebenstagen, sass er wieder, wie damals, sooft es seine Umstande erlaubten, im Laboratorio vor dem Ofen, gluhte und schied, ohne einen weiteren Zweck, als die Vermehrung seiner Kenntnisse dabei zu verfolgen. Besonders eifrig untersuchte er die Mischungen der Bodenflache seiner Besitzungen, da er, wie er scherzend sagte, doch zu wissen wunsche, welchen Elementen sein Staub sich dermaleinst verbinden werde.
Eines Tages liess er den Prediger, diesem sehr unerwartet, rufen. Nach einigen vorbereitenden Reden eroffnete er demselben, dass er seinen Umgang und Zuspruch wunsche, da er das Herannahen des Todes fuhle. Der Prediger, ein verstandiger Mann, welcher einen Ruckkehrenden von der konsequentesten Denkungsart, welcher sich von jeher allem Kirchlichen so ferngehalten, vor sich sah, begriff wohl, dass er auf die gewohnliche Weise hier nicht einwirken durfe, dass er vielmehr vor allen Dingen den eigentlichen Zustand des Kranken zu erforschen habe. Er tat daher einige geschickte Fragen, welche den Oheim auch wirklich dahin brachten, sich uber sein Innres ohne Ruckhalt auszusprechen.
"Zuvorderst muss ich Ihnen versichern", sagte er, "dass ich mich vor dem Tode durchaus nicht furchte. Nur fur den Mussigganger kann dieser Rechnungsabschluss beschwerlich sein; wer es sich immerdar hat sauer werden lassen, empfindet gewiss endlich ein Bedurfnis, auszuruhn. Weder Gewissensbisse, noch Angst vor dem Unbekannten da druben treiben mich zu Ihnen. Aber es ist so naturlich, dass, wenn die eine Art der Beziehungen zu verschwinden anfangt, und eine andre beginnt, man sich uber diese aufzuklaren wunscht. Diese Aufklarung suche ich nicht unter Heulen und Zahnklappern, sondern mit einem stillen Verlangen, dessen Befriedigung mir so das Liebste ware, was mir hier noch begegnen konnte."
Der Prediger sah wohl ein, dass eine solche Stimmung mit der eigentlichen christlichen Sehnsucht nichts gemein habe. Gleichwohl durfte er, in seinem Amte angesprochen, sich dem Suchenden nicht versagen. Er wahlte daher den Weg der historischen Belehrung, und schlug dem Oheim vor, sich zuvorderst davon zu unterrichten, wie Lehre und Dogma seit ihrem Entstehen von den Menschen aufgefasst worden seien, und unter ihnen gewirkt haben.
Dem Oheim war dies ganz genehm, und so brachte denn der Prediger von da an in jeder Woche mehrere Abendstunden bei seinem Patrone zu, ihm aus einem Handbuche der Kirchengeschichte vorlesend und seine Erlautrungen hinzufugend. Mit grossem Interesse verfolgte der alte Mann die Entwicklungen der christlichen Kirche, und wies oft mit vielem Scharfsinne die Verwandtschaft unter den verschiednen Lehrmeinungen und Sekten nach. Sehr bald hatte er ausgefunden, dass das eigentumliche Leben des christlichen Geistes sich in den drei ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung erschopft, und dass alles Spatere doch nur mehr in Wiederholung und Modifikation einer schon fruher dagewesenen Entfaltung bestanden habe.
Bei den Gesprachen uber diesen Gegenstand erwahnte der Prediger einst des Umstandes, dass sich auch die Versuche der fruhesten Haretiker, den gottlichen Geheimnissen auf magische oder sinnliche Weise beizukommen, bis in die jungsten Zeiten erneuert hatten. "So befand sich hier ganz in der Nahe", sagte er, "vor etwa hundert Jahren eine Gemeinde, welche alle Schwarmereien der Gnostiker und Manichaer in sich vereint wieder aufleben liess, und ziemlich lange ihr Wesen trieb, bis die herrschende Kirche sie mit solcher Strenge unterdruckte, dass nicht einmal ihr Gedachtnis in den Nachkommen geblieben ist, und auch ich von ihrem Dasein nichts wissen wurde, hatte ich nicht ihre Geschichte, von einem Martyrer der Sekte aufgeschrieben, ganz zufallig unter vergessnen Papieren gefunden. Woher sie ihre Irrtumer genommen, ist mir dunkel geblieben; aus den Papieren ging so viel hervor, dass die Bekenner jenes Wahns geringe Leute gewesen waren, von denen sich nicht vermuten liess, dass sie die Sache aus gelehrter Kunde geschopft haben sollten. Ich bin daher schon auf den Gedanken gekommen, dass sich gewisse Einbildungen immer von Zeit zu Zeit wie Krankheiten von selbst aus dem Leben der Kirche erzeugen, und dass namentlich die bose Tauschung, dem Gottlichen durch geheime Zeichen und eine willkurliche Allegorie beikommen zu konnen, fortwuchern wird, solange es ein Christentum gibt.
Auch ihre Begrabnisstatte habe ich vor kurzem entdeckt", fuhr der Prediger fort. "Sie liegt in einer einsamen wusten Gegend, und wie durch Instinkt getrieben, haben sie sich ihren Ruheplatz um Trummer bereitet, die wohl ohne Zweifel dem Heidentume angehoren. An den vermorschten holzernen Kreuzen und Denktafeln, sowie an einigen roh und durftig zugehauenen Steinen lassen sich noch sonderbare Embleme erkennen, die ohne Zweifel eine mystische Bedeutung hatten. Wenn es Ihnen gelegen ist, so kann ich Sie einmal dorthin begleiten. Die Sache ist immer merkwurdig genug, um eine Spazierfahrt bei schonem Wetter zu verlohnen."
Der Oheim erklarte sich mit Vergnugen dazu bereit, und man beschloss, den ersten heitern Tag zum Besuche dieses Altertums anzuwenden.
Einmal um jene Zeit sagte der Oheim zum Prediger: "Ich fuhle, dass auch das religiose Organ von Jugend auf geubt sein will, und dass im Alter die Fasern zu zahe werden, um in dieser Hinsicht noch mit Erfolg sich etwas anzueignen. Aber so viel begreife ich, dass etwas, was die Menschen neunzehn Jahrhunderte hindurch beschaftigt hat, kein Possenspiel sein kann, und Sie mogen daher, wenn wir auseinandergehn, von mir die Hoffnung schopfen, dass ich vielleicht anderwarts nachholen werde, was ich hier versaumt habe."
Auch gegen die Katholiken war der Oheim nachgiebiger und freundlicher geworden. Er sah jetzt gelassen zu, wenn sie durch das Haus zur Messe gingen, ja er schenkte dem Altare ihrer Kirche eine neue prachtige Bekleidung, und liess an die Stelle der messingnen, kostbare silberne Leuchter setzen. Hieruber musste er selbst lacheln. Scherzend rief er aus: "Im Grunde bleibe ich mir doch treu, ich mache den Schaffner jetzt bei dem lieben Gotte, wie ich ihn lange auf irdische Weise gemacht habe."
Zweites Kapitel
Nicht lange nachher fuhr der Oheim mit dem Prediger nach dem Kirchhofe der verschollnen Sektierer. Der Weg ging bald von der Landstrasse ab, und wurde fur die Pferde beschwerlich, da er, ohne in das eigentliche Gebirge zu fuhren, sich uber lauter wellichtes, zerbrockeltes und zerfurchtes Erdreich schwang. Endlich verlief er sich zwischen hohen Lettenwanden, wo allenfalls mit einer schmalen Karre durchzukommen gewesen ware, der breitspurige Wagen aber bald festsass. Der Kutscher hielt, und erklarte, nicht weiterfahren zu konnen. Der Prediger, welcher bei seinen Fusswandrungen nach dem entlegnen Orte auf diesen Umstand nicht geachtet hatte, machte sich laute Vorwurfe uber seine Unbedachtsamkeit, der Oheim trostete ihn indessen, liess aus Baumzweigen und Wagenkissen eine Tragbahre bereiten, und nahm die Krafte zweier jungen Bauern, welche in einiger Entfernung vorubergingen, fur dieses Transportmittel aus dem Stegreife' in Anspruch. So gelangte man denn doch, wenn auch spater, als man gewollt, an das Ziel.
Der Ort, auf einer Hohe zwischen heidekrautbewachsenen Hugeln gelegen, war ausserordentlich einsam und musste durch sich selbst schon Gedanken der Melancholie erwecken. Eine niedrige Mauer, die aber an den meisten Stellen zu Trummern zerfallen war, umschloss einen runden Platz von massigem Umfange. Was der Prediger fur die Uberbleibsel eines Heidentempels angesehen hatte, war die Substruktion eines kleinen achteckigen Gebaudes, von welcher nur hin und wieder noch einige Steinzacken uber der Erdoberflache emporragten. In der Mitte des inneren Raums nahmen sie eine tiefe Versenkung wahr, in welche ein Bachlein, welches von den Hohen herabkam, und sich unter der Mauer durch Bahn gemacht hatte, sein Wasser ergoss. Um diese Trummer der Hunenborn, wie der Prediger sagte, von den Landleuten geheissen hatte die Sekte ihre Toten rings im Kreise bestattet. Aber die Graber waren zum grossten Teil schon wieder eingesunken, die Kreuze verfault, die Steine lagen umgefallen in aufgerissnen Erdrinnen, oder neigten sich gegeneinander. Uber eine ganze Reihe tiefer Hohlungen, durch das Einsturzen mehrerer Graber entstanden, hatten die Landleute, welche ihren Fussweg nach einem nahen Walddorfe uber die Hohe nahmen, eine Notbrucke von Baumstammen, Leichensteinen und Kreuzen gemacht, deren sie sich bedienten, wenn Regenwasser diese Senkungen ausfullte. Alles war an dem verlassnen Platze eigen, traurig; die Bilder der Verganglichkeit hatte schon wieder die Hand der Vergangenheit beruhrt. Der Boden schien nicht die Fruchtbarkeit andrer Orte, wo menschliche Leiber verwesen, zu haben; ein kummerliches Gras bedeckte sparlich den weissgelblichen Grund, hohe fahle durre Halmen stachen lang und spitzig aus demselben hervor, sonst zeigte sich weder Baum noch Staude; nur uber den sogenannten Hunenborn neigte eine grosse Trauerweide, deren Stamm aber auch schon im Absterben war, ihre mattgrunlichen Zweige.
Nachdem der Oheim am Arme des Predigers einen Gang zwischen den Grabern hindurch gemacht und sich an den noch erhaltnen Kreuzen, sowie an einigen Steinen rohe Schlangenzeichen hatte vorzeigen lassen, ruheten beide in dem alten Gemauer unter der Trauerweide. Der Prediger sprach seine Meinung aus, und behauptete, dass jene Bildwerke genau mit denjenigen ubereinstimmten, deren sich in den altesten Zeiten die Ophiten bedient hatten. "Was mich Wunder nimmt", sagte der Oheim, "sind die Steine. Sie haben mir erzahlt, dass die Sekte nur aus armen Leuten bestanden habe; woher nahmen diese das Geld zu so kostbaren Denkzeichen?" "Auch mir fiel dieser Umstand auf", versetzte der Prediger, "bis ich entdeckte, dass in * noch vor hundert Jahren eine Steinmetzenzunft bestanden hat, ahnlich den mittelalterlichen Gilden dieser Art. Wahrscheinlich hat das Geheimnis, welches jene Zunft in ihre Verhandlungen wob, sich mit dem Geheimnisvollen der Sekte, als etwas Wahlverwandtem beruhrt, Mitglieder des Gewerks mogen zu ihr gehort, oder sich wenigstens zu ihnen hingeneigt, Steine und Arbeit ihren Bestattungen umsonst, oder fur die billigsten Preise geliefert haben."
Der Oheim warf aufmerksame Blicke umher, scharrte mit seinem Stabe in dem harten, steinigten Boden und sagte: "Ich musste mich sehr trugen, oder das Erdreich hat hier eine eigentumliche alkalisch-atzende Beschaffenheit. Die geringe Vegetation und jene gelben Halmen, welche sich immer an Orten derartiger Bodenmischung finden, bringen mich auf diese Vermutung. Ich hatte grosse Lust, etwas Erde von hier mitzunehmen, und sie zu Hause auszulaugen."
Einer der jungen Bauern, welcher achtsam zugehort hatte, und endlich begriff, wovon die Rede war, mischte sich in das Gesprach und sagte: "Der Herr hat ganz recht, unser Gerber braucht, um seine Felle gar zu machen, nichts, als diese Erde; sie tut dieselben Dienste, wie Lohe."
"Es ist schade", sagte der Oheim, "dass nicht in neuerer Zeit hier jemand bestattet worden ist. Bei der Aufgrabung wurden sich gewiss nach dem, was ich hore, merkwurdige Resultate finden."
"O", rief der junge Bauer, "davon konnte man die Probe auch zu Gesichte bekommen! Es ist kaum etwas uber ein Jahr her, dass hier ein neugebornes Kind verscharrt wurde, und ich weiss noch genau die Stelle, wo dies geschah."
Ein Verbrechen befurchtend, fuhren beide Manner zusammen; jener aber lachte und sagte: "So schlimm, wie die Herrn glauben mogen, verhalt sich die Sache nicht. Ich hatte nahebei im Felde etwas zu tun, da sah ich ein junges Weibsbild mit einer Alten, die im Gesichte ganz gelbbraun war, vorubergehn. Mich konnten sie nicht erblicken, weil ich hinter einem Busche stand, ich aber bemerkte durch die Spalten der Zweige alles sehr wohl. Die Junge, welche bleich, aber bildschon war, achzte und stohnte, man konnte ihr anmerken, in welchem Zustande sie war, und dass ihre Stunde sie uberfallen hatte. Die Alte fuhrte sie und sprach ihr zu, und beide gingen nach dem Hunenborne. Ich folgte ihnen, und versteckte mich draussen hinter einem Mauerstucke, das Gesicht abgekehrt, da es doch fur mich nicht anstandig war, in diesen Noten den Weibern nahezukommen. Nun horte ich da, wo Sie jetzt sitzen, klaglich stohnen und wimmern, und nach einer Weile den lauten Schrei ausstossen: 'Es ist tot!' Ich meinte, jetzt sei es an der Zeit, mich auf ziemliche Weise zu nahern, kroch eine Strecke zuruck, richtete mich dann auf, und ging wie von ungefahr auf den Hunenborn zu. Sowie mich die Alte erblickte, winkte sie mir. Sie kniete unter der Trauerweide, und hielt die Junge in den Armen, die matt und kraftlos ausgestreckt lag. Zwischen ihnen lag das neugeborne Kind auf Zweigen des Baums. Die Mutter weinte bitterlich, und blickte zuweilen so nach dem Kinde, dass es mir durch Mark und Bein ging. Die Alte sagte, ich solle es begraben, und wollte es in ihr buntes Kopftuch einwickeln, was aber die andre verbot. Sie sagte, so wie es sei, solle es in die Erde kommen; die sei gut und sanft, alles andre tauge nichts. Ich hohlte hierauf an der Mauer mit meinem Werkzeug eine Grube in der Erde aus, und baute daruber ein kleines Gewolbe von Steinen. Das Frauenzimmer nahm das Kind auf, herzte es, dann gab sie es mir. Sie wollte auch einen goldnen Ring dem Kinde mitgeben, besann sich aber, und sagte seufzend: 'Den will ich doch noch behalten.' Hierauf brachte ich das Neugeborne in die kleine Gruft, bedeckte dieselbe mit Schieferplatten und schaufelte Erde darumher, dass alles eine Festigkeit bekam, und die Tiere den Leichnam nicht herauszerren, oder die Regenwasser mein Gebaude nicht zerstoren mochten."
Nach dieser Erzahlung, die der junge Mensch mit einfachem Wesen, in guten schicklichen Worten vorgetragen hatte, schwiegen der Oheim und der Prediger eine geraume Weile. Endlich sagte letzterer: "Ihr habt unrecht getan, Eurem Pfarrer die Sache nicht sogleich anzuzeigen. Wer weiss, welcher Frevel hier dennoch in die Erde versenkt worden ist!"
"Und wo blieben jene Personen?" fragte der Oheim.
"Ich musste sie nach unsrem Dorfe bringen", versetzte der junge Bauer. "Dort verweilten sie einige Tage, bis die Junge soweit gestarkt war, fahren zu konnen. Darauf besorgte ich ihnen eine Fuhre, und sie zogen von dannen, ohne zu sagen, wohin. Von ihren Gesprachen habe ich auch nicht viel verstanden. Sie redeten Deutsch, aber es waren lauter Sachen, die mir unbekannt waren."
"Wusstet Ihr wohl die Gruft des Kindes noch zu finden?" fragte der Oheim.
"Ei warum denn nicht!" rief der junge Mensch. "Dort in der Ecke ist sie."
Wirklich sah man in einem Winkel der zertrummerten Mauer eine rundlichte Erhohung von Erde, welche frischer war, als der Boden umher, denn kein Grashalm hatte noch in ihr Wurzel geschlagen.
Da der Oheim seine verlangenden Blicke nach dem Erdhugel warf, und dem jungen Bauer etwas sagen zu wollen schien, woran ihn die Gegenwart seines Freundes hinderte, so rief dieser: "Tun Sie, was Sie nicht lassen konnen, nur erlauben Sie mir, dass ich mich solange entferne, denn meine Priesterpflicht ist, die Ruhe der Graber zu schutzen, nicht, sie zu storen."
Er ging. Sobald er den Rucken gewandt hatte, sagte der Oheim zu dem Bauer: "Tue mir den Gefallen und offne die Gruft, denn ich bin ausserst neugierig, die Einwirkungen dieses Bodens auf den Leichnam zu erfahren."
Jener hatte Bedenken, die der Oheim indessen zu uberwinden wusste. Er trennte mit seinem Grabscheit vorsichtig die Erde von den Steinen, nahm, nachdem sie blossgelegt worden waren, den obersten ab, und rief, in die Hohlung blickend, verwundert aus: "Wie das glanzt!"
Der Oheim liess sich zu dem Platze geleiten. Die Abendsonne warf gluhende Strahlen in die kleine Gruft, und bei diesem Scheine nahm er ein wunderbares Schauspiel wahr, in dessen Anblick er lange mit stummem Ergotzen versunken stand. Auf allen Punkten der Wande, welche das Grab umschlossen, war der vom nahen Wasser angegriffne Kalk des Bodens in Kugeln, Zacken, Buscheln und Spitzen hervorgequollen, und bildete mit seinen mannigfaltigen kristallinischen Gestalten, welche, tropfenbehangen, im Sonnenlichte farbenreich glanzten, eine funkelnde Zaubergrotte, in deren Mitte die Uberbleibsel des Neugebornen lagen, zum reinlichsten, weissesten Skelette verzehrt, derart, wie man kleine Tierkorper verwandelt wiederfindet, welche die Hand des Naturforschers in einem wimmelnden Ameisenhaufen beisetzte. Alles Fleisch und alle Weichgebilde hatten die Einflusse dieses Bodens in so kurzer Zeit vollig aufgesogen, nur die zarten Knochlein waren bisher nicht zu uberwinden gewesen. Auch sie besetzten und umzogen zarte Kristalle, ahnlich dem Flitter und Schmelz, womit die Andacht an heiligen Orten die Gebeine der Martyrer zu zieren liebt, und so lag das Leuchtende zwischen den leuchtenden Wanden. Der Oheim wollte die Hand nach den von der Natur geweihten Resten ausstrecken, zog sie aber zuruck und sagte: "Nein! dies ist zu schon, als dass man es nicht, so wie es ist, lassen musste."
Er befahl, den Deckstein wieder aufzulegen, und gebot dem Bauer, noch sorgfaltiger, als zuvor geschehen, die Erde umherzuschutten, damit das schone Phanomen so lange als moglich bewahrt bleibe.
Den Prediger befremdete die Schweigsamkeit des alten Manns auf dem Heimwege. Er war ernst und schien eignen Gedanken nachzuhangen. Endlich sagte er: "Wenn uns die Kirchengeschichte lehrt, dass der Mensch auf dem Wege zum Gottlichen sich fast immer in das Gebiet des Absurden verirrt, so halt die Natur in ihrer regelrechten Tatigkeit zu jeder Zeit die frischesten Wunder in Bereitschaft. Sie haben mich an einen Ort gefuhrt, wo eine aberwitzige Schlangenbruderschaft ihre Toten begrub, und an demselben Orte entdeckte ich etwas, was meiner Sinnesart die ihr gemasse religiose Erhebung gab."
Er hatte in seiner Bewegung selbst verabsaumt, Erde von jenem Platze mitzunehmen, wie er doch behufs einer chemischen Behandlung zuvor willens gewesen war.
Drittes Kapitel
Es war ihnen aufgefallen, dass Cornelie sich nicht unter der Pforte des Hauses zeigte, dem Oheim tochterlich aus dem Wagen zu helfen, wie sie sonst pflegte, wenn er von seinen kleinen Spazierfahrten zuruckkehrte. Unerwartet fand sie der Prediger in seiner Wohnung, und trat erschreckt zuruck, da er an ihrem Gesichte Spuren der aussersten Besturzung wahrnahm.
Sie warf sich ihm mit einem Tone des tiefsten Schmerzes an die Brust, und sagte unter Weinen und Schluchzen, dass sie bei einem Gange nach der Meierei im Holze jemand angetroffen habe, den sie so wiederzusehn nie vermutend gewesen sei. Auf freundliches Eindringen des Geistlichen erfuhr er, dass dieser Wiedergefundne Hermann sei, der sich ganz anders, wie ehemals, benehme, und auch verandert aussehe.
Das arme Madchen hatte in ihrer Not nirgendhin mit ihm gewusst, und ihn vorlaufig im Hause des Predigers untergebracht. Sie offnete ein Seitenzimmer, deutete mit abgewandtem Antlitz hinein, der Prediger betrat dasselbe, und erkannte in einem Manne, der fruh gealtert war, den Unglucklichen, dessen er sich von seinen fruheren Besuchen bei dem Oheim noch wohl erinnerte. Jener las in einer Bibel, die er dort aufgeschlagen gefunden hatte, und begann, sobald er den Prediger wahrnahm, eine Geschichte des Alten Testaments zu erzahlen.
Der Prediger, den dieser sonderbare Empfang ganz verwirrt machte, liess ihn dennoch ausreden, und sagte dann: "Dem mag so sein, aber nun entdecken Sie mir, was Sie uns unerwartet wieder zufuhrt?" Hermann strich sich uber die Stirn, als musse er sich erst besinnen, dann versetzte er gleichgultig: "Ich muss doch irgendwo bleiben. Ich bin an vielen Orten, hier und da gewesen, meine Kleider fangen an, abzureissen, ich habe auch wenig Geld mehr. Nun erinnerte ich mich, dass hier herum Verwandte von mir wohnen, deren Verbindlichkeit es nach romischem und deutschem Rechte ist, fur einen durftigen Angehorigen zu sorgen." Er setzte hierauf, ohne zu stocken, die ganze Lehre von der Alimentationspflicht der Verwandten auseinander, und fuhrte die betreffenden Gesetzstellen mit der grossten Sicherheit an. Der Prediger, welcher gar nicht wusste, was er aus diesem Benehmen machen sollte, musterte ihn mit erstaunten Blicken. Der Anzug des Unglucklichen war ausserst sauber, die Wasche sehr weiss, aber alles bis auf den Faden abgetragen. Die Verwunderung des andern schien ihn wenig zu kummern; er setzte sich, da der Prediger in seinem Schweigen verharrte, wieder zur Bibel und las darin ruhig weiter.
Cornelie weinte im Nebenzimmer heisse Tranen. "Wie mager seine Hande sind, wie bleich das Gesicht ist, und an den Schlafen hat er graue Haare!" sagte sie zum Prediger. "Ist es wirklich so, wie ich denke", fragte sie mit leiser, von innigen Schaudern unterbrochner Stimme; "hat er den Verstand verloren?"
"Ich kann mich noch nicht in seinen Zustand finden", versetzte der Prediger. "Seine Worte zeugen von keiner Verwirrung der Geisteskrafte, aber es ist, als ob ein totes Buch, und nicht ein lebendiger Mensch rede. Machte es denn auf ihn keinen Eindruck, als er dir unvermutet begegnete?"
"Nein", erwiderte Cornelie. "Ich war, wie vom Schreck gelahmt, als er unter den Baumen in dieser Gestalt mir entgegentrat. Er aber reichte mir, als sei er taglich mit mir zusammen, freundlich die Hand und bot mir den gewohnlichen Gruss. So liess er sich auch von mir willenlos hieherfuhren."
"Wir mussen nun uberlegen, wohin wir ihn bringen, da er doch hier unmoglich bleiben kann", sagte der Prediger.
Cornelie wurde blass, ihre Lippen zuckten, die Tranen, welche schon in den guten treuen Augen versiegt waren, uberstromten wieder ihre Wangen. So stand sie eine Weile schweigend da. Endlich fiel sie dem Prediger zu Fussen, druckte seine Hande flehentlich gegen die zarte Brust und rief: "Stossen wir ihn nicht hinaus in die Fremde! Ist seine Wandrung zu uns nicht ein Zeichen, dass wir ihn behalten sollen?"
Der Prediger wusste von den Hausgeschichten so viel, dass er das Bedenkliche dieser Entschliessung einsah. Er stellte Cornelien vor, wie unangenehm es dem Oheim sein musse, wenn er erfahre, dass jemand, der ihm zuwider sei, von seinen nachsten Umgebungen beherbergt werde, und wie jede Gemutsbewegung den dunnen Lebensfaden des Greises zerreissen konne.
"Das fasse ich wohl", versetzte Cornelie ruhig, "und dennoch mussen wir unsre Pflicht tun. Er scheint still und sanft zu sein, wir werden ihn hier in der Verborgenheit huten konnen, alle Sorgfalt will ich anwenden, dass dem Oheim seine Anwesenheit nicht bekannt werde."
Der Prediger wollte noch immer nicht nachgeben. Da rief Cornelie plotzlich mit einer Lebhaftigkeit, die ihn von dem schuchternen, bescheidnen Kinde in Erstaunen setzte: "Wohlan, treiben Sie ihn von Ihrer Schwelle, so nehme ich ihn auf, so soll er in meinem Stubchen wohnen, und ich will mich auf dem Soller betten. Auf die Landstrasse lasse ich ihn nicht jagen."
Der Prediger sann nach, und erklarte sich zuletzt bereit, den Armen wenigstens vorlaufig bei sich zu behalten. Dagegen musste ihm Cornelie die tiefste Verschwiegenheit geloben.
Hermann nahm die Nachricht, dass er bei dem Prediger bleiben solle, wie alles, gleichgultig auf. Sein Wirt beobachtete ihn in den nachsten Tagen sorgfaltig, und fand, was wir schon aus der Feder des Arztes uber ihn berichtet gelesen haben. Er suchte ihn auf verschiedne Weise anzuregen, liess sich von ihm im Garten helfen, strebte, durch Gesprache uber naturgeschichtliche Gegenstande, in welchem Fache er sich viel versucht hatte, auf seinen Kranken zu wirken, jedoch vergebens. Jener ging auf alles ein, las die Bucher, die ihm der Prediger hinlegte, und sprach im Zusammenhange uber ihren Inhalt, blieb aber in die Lethargie versunken, welche alle seine Seelenkrafte umsponnen hielt.
Vor dem Oheim wurde die Gegenwart des Unglucklichen sorgfaltig verborgen. Cornelie war, wenn sie sich allein befand, sehr ernst. Ihr Versprechen, welches sie dem Prediger hatte geben mussen, den Kranken nicht zu besuchen, hielt sie gewissenhaft, nur konnte der Prediger, sooft er abends zum Besuche kam, an ihren angstlich-fragenden Augen abnehmen, mit welcher Sehnsucht sie den Nachrichten von seinem Hausgenossen entgegenharrte. Diese lauteten freilich nicht trostlich, und meldeten nur ein trauriges Einerlei.
Um den Oheim vor einer plotzlichen Begegnung zu schutzen, waren dem Kranken, der noch immer gern weite Spaziergange machte, seine Wege vorgeschrieben worden. Er musste, wenn er frische Luft schopfen wollte, von den Fabriken abwarts, auf einsamen, wenig betretnen Wiesen sich ergehen, die am Fusse waldiger Hugel lagen. Diese Vorschrift liess er sich auch geduldig gefallen, wie er denn uberhaupt alles ohne Widerstreben tat, was seine Pfeger ihm geboten. Nur einmal, als man auch jene Erlaubnis noch fur gefahrlich hielt, und ihn auf das Haus und allenfalls den Garten beschranken wollte, kundigten sich Zeichen einer geheimen innerlichen Wut an, welche die Besorgnis vor einer verhangnisvollen Szene erwecken mussten, und zu einer raschen Aufhebung des Verbots notigten.
Am folgsamsten war er gegen die Frau des Predigers, welche, eine gute schlichte Matrone, ihn auch sehr zweckmassig zu behandeln wusste. Wahrend die andern ihn doch mehr oder minder merken liessen, wofur sie ihn hielten, tat diese, als sei sein Zustand nichts Abweichendes, als musse alles so sein, wie es war.
Es war ihr aufgefallen, dass er von seinem Rocke, welcher, obgleich vollig rein gehalten, doch kaum noch in den Nahten hing, durchaus nicht lassen, ja nicht einmal die Sauberung dieses Kleidungsstucks einem andern ubertragen wollte. Jeden Morgen klopfte und burstete er selbst ihn aus. Irgend etwas Besondres hierunter ahnend, schlich sie eines Abends spat, da Hermann schon fest schlummerte, in sein Zimmer, nahm den Rock hinweg, und untersuchte ihn. Plotzlich fuhlte sie etwas Hartes vorn in der Gegend der Brustteile, trennte an der Stelle das Futter vorsichtig vom Tuche, und zog jene Brieftasche hervor, nach deren Eroffnung eine so ungluckliche Wendung in den Schicksalen unsres Freundes eingetreten war. Sie war verschlossen. Der Prediger, welcher herbeigerufen und mit dem Funde bekanntgemacht wurde, wollte sie gewaltsam offnen, seine Frau war aber dagegen und sagte: "Dies mochte, wenn unser Pflegling es entdeckte, ihn aufbringen; seien wir zufrieden, zu wissen, wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Wort des Ratsels steckt, und stellen wir der Zeit die Losung anheim." Sie nahte hierauf die Brieftasche wieder ein und tat den Rock an seinen Ort.
Am andern Morgen trat Hermann, den Rock uber den Arm gehangt, in ihr Zimmer und erklarte, er werde sich einen neuen machen lassen, dieser sei nachgerade gar zu schlecht und dunn geworden. "Ich will dir es nur gestehn, Mutter", fugte er hinzu, "der Rock war mir lieb, weil er so viel mit mir ausgehalten hat, aber es ist etwas damit vorgegangen, und nun mache ich mir auch aus ihm nichts mehr. Hebe ihn wohl auf, meine Geheimnisse sind darin."
"Wenn dem so ist, mein Freund", versetzte sie, "so lass uns die Geheimnisse zusammen erwagen. Dergleichen Dinge werden oft besser, wenn vier Augen daruber kommen."
"Das ist unmoglich", erwiderte er, entblosste seine Brust, und liess sie ein Schlusselchen sehn, welches er am schwarzen Bande um den Hals trug. "Sieh, dieser Schlussel ist eigen zu der Brieftasche gemacht, von meinen Vatern denn du musst wissen, dass ich deren zwei habe mir vererbt und doch schliesst er nicht mehr dazu. Ich habe es oft versucht, und es wollte immer nicht gehn, auch bin ich uberzeugt, dass keine Menschenhand einen dazu verfertigen kann. Also lass du diese Dinge immerhin unter dem Schlosse."
Er zog sie an sich und flusterte ihr zu: "Es ist mir recht lieb, dass du mich nicht fur verruckt haltst. In meinen guten Tagen traf ich einmal einen Menschen an, den sie in Russland in die Bergwerke gesetzt hatten, und dem nun Mutter, Vater, Bruder und Braut gleichgultig geworden waren. So ist es mir auch ergangen; muss man deshalb blodsinnig sein?"
Sie erzahlte ihrem Manne den Inhalt dieses Gesprachs. Ihm wurde die Sache immer unheimlicher, da sein geordneter einfacher Lebensgang einen so fremdartigen Bestandteil nicht wohl vertragen mochte. Er schrieb unter der Hand an den Arzt und Wilhelmi, von deren fruheren Verbindung mit Hermann er allerhand erkundet hatte. Der Arzt antwortete nicht; er war wieder auf einer gelehrten Reise begriffen. Von Wilhelmi liefen dagegen umgehend einige Zeilen voll des regsten Eifers fur den kranken, so lange verschollen gewesenen, Freund ein. Er versprach seinen Besuch, sobald ihm nur ein abermaliges Kindbette seiner Frau die Reise gestatten mochte.
Viertes Kapitel
Das Familiengrabgewolbe war vollendet. Saulen von grauem Marmor stutzten ein ernstes Portal, von dessen Stirnflache ein freundliches: Willkommen! in grossen goldnen Buchstaben leuchtete. Am innern Eingange lehnten zwei Genien sich als traumerische Huter auf die umgesturzte Fackel, das Gewolbe selbst war einfach aber wurdig mit grossen Werkstucken ausgesetzt, und empfing durch eine Kuppeloffnung, deren Seitenlucken das starkste Kristallglas verschloss, ein dammerndes Licht.
Diese Begrabnisstatte hatte der Oheim mit grossen Kosten und vieler Muhe in dem Berge, den seine verstorbne Gattin geliebt, austiefen und schmucken lassen. Je naher er sich selbst so dem Ziele seiner Tage fuhlte, desto eifriger wurde sein Bestreben, das Werk noch vollendet, die Asche der ihm so teuren Frau dorthin gebracht zu sehen. Nach seinem Willen sollte der Ort und dessen Umgebung zwar etwas Feierliches, aber nichts Dustres haben. Er liess den Platz vor dem Gewolbe mit klarem Kies belegen; Zypressen, Taxus und andres dunkelfarbiges Gestrauch musste die Umsaumung desselben bilden, Mauerwerk, welches in die Runde gefuhrt ward, war bestimmt, den Vorplatz vor dem Verwaschen und Abschiessen durch Regenfluten zu schutzen, an dasselbe lehnten sich schonbluhende Rankengewachse, damit das Auge nirgends durch tote Massen ermudet werden mochte. In der Tat bekam die Anlage durch den Kontrast der gediegnen Architektur mit der umgebenden BaumPflanzen- und Blumenwelt einen eignen Reiz, so dass jeder sich gern auf den zu beiden Seiten des Portals zum Verweilen einladenden Steinsitzen niederliess.
Noch ganz zuletzt hatte sich ein bedeutendes Hindernis aufgetan. Der Architekt sah namlich, als das Gewolbe schon vollig ausgemauert war, dass eine reichliche Flussigkeit durch den Kalk und Mortel der Fugen hindurchsinterte und den Raum mit verderblicher Nasse zu erfullen drohte. Bald hatte er auch die Ursache dieses unwillkommnen Einflusses entdeckt. Oberhalb dem Grabesberge lag namlich ein betrachtlicher Weiher, der vermutlich durch geheime, erst durch die Arbeit im Berge eroffnete Kanale jene Wasser der Gruft zusendete. Wurde diese Gefahr nicht abgewendet, so stand, davon musste man sich uberzeugen, dem Mausoleum eine rasche Zerstorung bevor.
Er machte sogleich dem Oheim die Anzeige, welcher sich auf den Berggipfel tragen liess, die Gefahr, aber auch die Schwierigkeit, entgegenzuwirken, begriff. Die Wande jenes Weihers bestanden namlich aus Felsen; zwischen denselben blinkte und rauschte das Wasser, wie in einer grossen naturlichen Schale. Ein Durchbruch der Felsen, und eine dadurch zu bildende Abzugsrinne wurden so viel Zeit hinweggenommen haben, dass inzwischen wahrscheinlich schon geschehen ware, was man verhindern wollte.
Davon musste man also abstehn; auf andre Weise war die Trockenlegung des Weihers zu versuchen. Rasch hatte der Oheim, der in dieser ganzen Angelegenheit mit der schnellen Kuhnheit seiner Jugend verfuhr, das entsprechende Mittel gefunden, und zur Ausfuhrung gebracht. Grosse Zuge von Pferden schleppten auf notdurftig gebahnten Wegen eine gewaltige Dampfmaschine den Berg hinan, rustige Maurer arbeiteten Tag und Nacht, den Ofen zu errichten, dessen Gluten die ungeheuren Krafte der Dampfe entwickeln sollten; sobald er stand, stand auch binnen kurzem die Maschine, ein kraftig wirkendes PumpenSaug- und Schopfwerk, welches in jeder Sekunde mehrere Tonnen Wassers zu entheben vermochte, wurde an den Spiegel des Weihers gefuhrt und mit den Armen der Dampfmaschine in Verbindung gesetzt. Nun gluhten die Kohlen des Ofens, nun hoben sich die langen eisernen Arme der Maschine, griffen in die Ohre der Pumpenstengel, trieben die Schopfrader um. Die abgezognen Fluten bildeten den Berg hinunter einen Giessbach, und uber den wirkenden Kraften ruhte die dichte, schwarze Wolke, welche dergleichen Statten zyklopischer Feuertatigkeit bezeichnet.
Sobald der Grund sichtbar werden wurde, sollten
Sachverstandige prufen, ob die Quellen zu verstopfen sein mochten. Jedenfalls war vorauszusehn, dass man nach der Seite des Mausoleums zu durch Letten- und Sandsacke jede Verbindung mit dessen Wolbung werde aufzuheben vermogen.
Dies wurde fur so gewiss gehalten, dass der Oheim,
der uberhaupt mit krankhafter Ungeduld nach der Beendigung des Werks verlangte, das Austrocknen des Weihers nicht abwarten wollte, um die Beisetzung des Leichnams zu veranstalten. Was ihn in seiner Zuversicht bestarkte, war der Umstand, dass, wie die Wassermasse sich verringerte, auch das Durchsintern bedeutend abnahm, so dass man mit Hulfe einer bleiernen Rinne schon jetzt das Gewolbe entnassen konnte.
Er entwarf daher den Plan zu der Feierlichkeit, die
ubrigens hochst einfach und schmucklos sein sollte. Seine Geschaftsfreunde und Vorstande hatten sich erboten, den Sarg auf ihren Schultern aus dem Erbbegrabnis der Grafen herabzutragen. Der Prediger sollte mit der Schuljugend folgen, jedoch wegen Lange des Weges auf diesem kein Lied anstimmen. Oben, bei dem Mausoleum wollte der Oheim mit Cornelien und einigen andern jungen Madchen, deren sich die Verstorbne angenommen hatte, den Zug erwarten. Die Madchen hatten einen schonen Psalm eingeubt, mit welchem sie die sterblichen Uberreste ihrer Wohltaterin begrussen wollten; unter diesen ernsten Tonen sollte der Sarg in der Gruft niedergesetzt werden, und ein kurzes Gebet des Predigers den Schluss der Bestattung machen.
Am Vorabende unterhielt sich der Oheim mit dem Prediger lange uber Dinge, auf welche die Umstande wohl fuhren mussten. "Ich kann ganz genau meine Lebenskraft berechnen", sagte er, "und sehe voraus, dass ich noch den Winter hindurch vorhalten, und erst im Fruhjahre, wo alles Murbgewordne sich sacht von dannen begibt, abscheiden werde. Es ist mir lieb, dass die Natur sich gegen die Eigentumlichkeit meines Wesens gefallig bezeugt, mich nicht unvermutet aus der Mitte ungeordneter Geschafte hinwegreisst, sondern mir Zeit lasst, mein Haus als ein ordentlicher Wirt zu bestellen. Dieser Winter ist zur Anfertigung meines Testaments bestimmt, und ich darf Ihnen von dessen Inhalte so viel voraussagen, dass ich damit umgehe, eine Art von Fideikommiss zu errichten, um meinem Sohne die Zerstorung des Werks, welches ich mit meinen Freunden gegrundet habe, fur immer unmoglich zu machen. Es ist sonderbar, dass man noch in seinen letzten Tagen zu Schritten kommen kann, die man bei andern fruher nie billigte. Ich war von jeher der entschiedenste Gegner solcher Totungen des freien Eigentums, und sehe nun doch ein, dass es Falle und Verhaltnisse gibt, welche dazu gebieterisch notigen."
Der Prediger wollte ihm die Todesgedanken ausreden; jener versetzte aber: "Lassen Sie mir doch meinen Kalkul, in dem fur mich etwas Angenehmes liegt. Wenn ich sterbe, so wird es sein, wie ein kaufmannischer Jahresabschluss, wie eine gewohnlich Comptoirhandlung. Alles wird darnach im hergebrachten Geleise bleiben, kein Stuhl braucht deshalb verruckt zu werden.
Wir konnen uns in Beziehung auf den sonderbaren Akt, der mit nichts, was wir sonst erfahren, Ahnlichkeit hat, von einmal gangbar gewordnen Vorstellungsweisen nicht losreissen, so wenig sie auch auf die Sache passen", fuhr er fort. "Was heisst das: An der Seite seiner Gattin im Grabe ruhn? Ist es nur denkbar, ja ware es nicht die grosste Ungereimtheit, anzunehmen, dass mit der Gemeinschaft der Gruft irgendeine Empfindung fur die Individuen verbunden sein sollte? Und dennoch muss ich Ihnen gestehen, dass ich voll wahren Entzuckens an diese Vereinigung mit meiner Frau denke, und dass ich dann das Bild des sussesten, seligsten Schlummers nicht aus dem Sinne verbannen kann, so sehr mir sonst jede Schwarmerei auch widersteht."
"Lassen wir, was wir nicht begreifen, auf sich beruhn, es hat wohl immer seinen Wert", erwiderte der Prediger. "Gewiss ist es menschlicher und naturlicher, fugt sich in den ganzen Zusammenhang unsrer Vorstellungen leichter ein, den Tod nicht so fur sich, sondern gewissermassen als Fortsetzung gewohnlicher menschlicher Zustande zu betrachten. Und auf diesen Zusammenhang der Vorstellungen kommt doch alles an. Es gibt kein Volk, welches nicht die letzte Rast in Verbindung mit dem menschlichen Geselligkeitstriebe, oder mit den Zuneigungen des Verstorbnen fur bestimmte Platze, da er noch lebte, brachte, und jenem Triebe und diesen Neigungen eine Schattendauer uber das Grab hinaus beilegte. Nur die abgeschwachte Grubelei, das erkaltete Gemut wird gleichgultig gegen die letzte Wohnung; in den Zeiten der Starke beherrscht jener freundliche Wahn, wenn man ihn so nennen will, das Volk und jeden einzelnen. Ich halte nun sehr viel von dem Spruche: 'An ihren Fruchten sollt ihr sie erkennen', und meine, dass das, was die Menschen im Zustande der physischen und moralischen Gesundheit denken oder auch nur traumen, das uns eigentlich Gemasse sei, womit wir uns zu begnugen haben."
Ein Gerausch im Nebenzimmer unterbrach diese friedlichtraurigen Gesprache. Die Vorstande der Fabriken traten herein, und an ihren Mienen liess sich abnehmen, dass etwas Bedeutendes vorgefallen sein musste. Der Oheim, verwundert uber den spaten Besuch, fragte nach der Ursache, worauf ihm einer ein grosses Schreiben, ohne zu reden, mit bedeutenden Blicken hinreichte. Der Prediger sollte es lesen; er besah Siegel und Aufschrift und sagte: "Nach dem Postzeichen kommt es aus der Standesherrschaft."
"Ich will nicht hoffen", rief der Oheim ahnend aus, "dass dort sich etwas begeben hat!"
"Allerdings", versetzte einer, "wir haben, was wir haben wollten."
Der Prediger hatte das Schreiben eroffnet und sagte: "Man meldet Ihnen das Ableben des Herzogs, und jene grossen Besitzungen sind nun ebenfalls die Ihrigen."
Die Geschaftsleute konnten ihre freudige Bewegung nicht unterdrucken; der Oheim entliess sie mit einem stummen Winke, und sass, die Hande im Schosse gefaltet, das Haupt gesenkt, lange Zeit schweigend da. Der Prediger hatte einen zweiten Brief erbrochen, der von jemand herruhrte, welcher sich im Interesse des Oheims auf die erhaltne Todesnachricht sogleich nach dem Schlosse begeben hatte, um etwanige Veruntreuungen der Offizianten und Diener zu hindern. Er berichtete die naheren Umstande uber das Ende des Standesherrn. Mit Weglassung des Unwesentlichen schalten wir folgende Stelle seines Briefs unsrer Geschichte ein:
"So versank der Herzog von Tage zu Tage in eine immer tiefere Schwermut. Er hatte seine Geschafte dergestalt vereinfacht, dass er sie fast allein besorgen konnte. Nur die notwendigste Bedienung litt er um sich, seine Mittags- und Abendmahlzeiten waren einsam, aller Gesellschaft hatte er entsagt. Wenn ihm jemand leise Vorstellungen uber diese Absonderung zu machen wagte, so versetzte er, dass ihn seine wankende Gesundheit zu einer so regelmassigen Lebensweise notige; jeden Gedanken an einen Schmerz der Seele suchte er durch seine Erklarungen bei andern sorgfaltig zu entfernen. Uber die Abtretung der Herrschaft an Sie auf den Todesfall sprach er sich mit volliger Ruhe und Fassung aus.
Wer ihn aufmerksamer betrachtete, musste die Angabe uber seine korperlichen Umstande bezweifeln, denn das aussere Ansehen deutete durchaus nicht auf etwas Krankhaftes. Aber oft kam er nach Hause, am Arme eines Landmanns, hinfallig, wie es schien, und sagte dann, dass ihn ein Schwindel unterwegs betroffen habe, und dass er zu Boden gesturzt sein wurde, wenn ihn der Fuhrer nicht aufgefangen hatte.
Gestern hat man ihn denn tot, auf dem Fussboden seines Zimmers ausgestreckt, gefunden. Noch zwei Tage vorher war an ihm eine merkliche Erheiterung sichtbar geworden. Er hatte sich geaussert, dass er ein grosseres Wohlsein verspure, von Besuchen, die er wieder abstatten, ja von einer Reise, die er unternehmen wolle, gesprochen. Der Landphysikus ist sogleich berufen worden, hat den Korper untersucht und den Ausspruch gefallt, dass ein Schlagfluss den Tagen des Herzogs ein Ende gemacht habe. Diesem arztlichen Gutachten spricht nun jedermann nach; ich aber habe meine besondern Vermutungen.
Ich brachte in Erfahrung, dass er seine Angelegenheiten in einer Ordnung hinterlassen habe, die beispiellos sei. Selbst die gewohnlichen Rechnungen, welche sonst in jedem grossen Hauswesen das Jahr hindurch unbezahlt stehnbleiben, sind bis auf die kleinsten Posten quittiert vorgefunden worden. Nun meine ich, dass der naturliche Tod niemand so in Bereitschaft antreffen kann.
Ist mein Argwohn richtig, so hat er verstanden, die Reprasentation, welche seine Schritte von jeher bestimmte, bis an das Ende zu fuhren. Es ist ihm moglich geworden, dem Uberdrusse am Dasein die beabsichtigte Folge zu geben, dennoch alle zu tauschen, und anstandig, wie er gelebt, zu sterben. Ich selbst, der ich mich unter einem Vorwande in sein Zimmer geschlichen und mich uberall umgesehen habe, konnte nichts Verdachtiges entdecken.
Die Herzogin, welche sich unfern im Bade * befand, eilte auf die erste Nachricht mit Kurierpferden herbei. Ihr Schmerz ist grenzenlos und exzentrisch; vielleicht scharft ihn das geheime Bewusstsein begangner Vernachlassigungen, zu denen eine uberfeinerte Seelenstimmung sie verleitet hat. Man liess ein Wort vom Begrabnisse fallen, worauf sie, wie ausser sich, ausgerufen hat, dass davon keine Rede sein durfe, dass der Leichnam uber der Erde bleiben solle, von ihr gepflegt und behutet. Wie man diese Laune des Kummers uberwinden werde, steht dahin.
Was die ubrigen hiesigen Verhaltnisse betrifft, so werden Sie selbst das Richtige erraten, da Sie die Menschen genugsam kennen. Sie sind nun allhier der Herr und Meister, und Ihnen wendet sich ein jeglicher bereits in seinen Gedanken zu. Man hat mich verschiedentlich um gunstiges Vorwort bei Ihnen angesprochen; ich denke, Sie werden in eigner Person prufen, und die Spreu vom Weizen zu sondern wissen."
Da der Oheim in seinem Schweigen beharrte, und durch die Nachricht ungewohnlich erschuttert zu sein schien, sagte der Prediger: "Ich kann es wohl fassen, wie ein grosses Gluck unsre Natur zu angstigen vermag. Wir sind doch alle eigentlich nur auf die Gewohnheit eingerichtet, und wollen, wenn sich etwas Ausserordentliches ereignen soll, dieses uns lieber durch Dulden und Schmerz, als durch Genuss und Freude aneignen."
"Sie erraten den Grund meiner Stimmung nicht", versetzte der Oheim. "Jene Todespost verruckt mir mein Konzept, darum setzt sie mich so in Unruhe. Nie habe ich geglaubt, den Herzog uberleben zu mussen. Ich war eingerichtet auf Abreise, ich zahlte die Stunden bis dahin, nun kommt ein Ereignis, welches auf langeres Verweilensollen deutet. Denn wenn eine vernunftige Macht unsre Schicksale beherrscht, so wird sie mir nicht eine Vermehrung meiner Besitztumer um das Doppelte zuwerfen, in dem Augenblicke, wo sie mich zum Scheiden reif erklart. Ich werde also fortvegetieren, vielleicht noch lange, bis ich dieses neuen Geschaftes Herr geworden bin."
Funftes Kapitel
In der Nacht, welche diesem Abende folgte, lag Ferdinand in der Hutte des alten Kammerjagers, mit dem er seit langerer Zeit geheimen, vertrauten Umgang pflog. Spat war er zu ihm gekommen, hatte hastig mehrere Glaser des geistigen Getranks, an welches er sich in dieser wilden Gesellschaft gewohnen musste, hinuntergesturzt, und war dann nach heftigen und unbandigen Reden eingeschlafen.
Der Alte, welcher auf der einsamen Klippenhohe derselben, wo einst die leidenschaftliche Begegnung zwischen Hermann und Ferdinand sich ereignet hatte abgesondert von aller menschlichen Gemeinschaft hauste, trieb schon eine geraume Zeit in der Gegend sein Wesen. Er bot allerhand Krauterole und Essenzen feil, vertilgte die Ratten und Mause, und da er zu seinen Mitteln und Hulfsleistungen immer noch einen biblischen Spruch obenein in den Kauf gab, so hielten ihn die Landleute fur einen vertriebnen Priester, und erzahlten sich die wildesten Geschichten von ihm. Woher er gekommen war, wusste niemand; da er indessen einen Erlaubnisschein zu seinem Gewerbe hatte, keinen belastigte und nichts Ubles tat, so musste man ihn unangefochten gehn lassen. Zuweilen hielt er sich in der Nahe der Fabriken auf, sah starr nach dem Herrenhause und murmelte unverstandliche Worte fur sich hin. Da aber hier ein jeder mit seinem eignen Tagewerke genug zu schaffen hatte, so achtete niemand dessen, was ausser dem Arbeitswege lag, und der murmelnde Alte war ihnen schon zur gewohnlichen Erscheinung geworden, aus der keiner ein Arg hatte.
Er leuchtete dem Schlummernden, dessen Zuge von sturmischer Leidenschaft zuckten, mit der Lampe scharf ins Gesicht, blickte nach einem auf dem Tische liegenden blanken Messer, und sagte: "Jetzt konnte ich es tun, und den Samen der Feinde vertilgen! Sie sind hinter sich getrieben worden, sie sind gefallen und umgekommen vor dir. Denn du fuhrest mein Recht und meine Sache aus, du sitzest auf dem Stuhl, ein rechter Richter. Du schiltst die Heiden und bringest die Gottlosen um, ihren Namen vertilgest du immer und ewiglich."
Er griff nach dem Messer, legte es aber wieder hin, und rief: "Stehet nicht geschrieben? Wer einen Menschen schlagt, dass er stirbt, der soll des Todes sterben. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Anschlage bestehen, wenn man sie mit Rat fuhret, und Krieg soll man mit Vernunft fuhren. Wie man einen Knaben gewohnet, so lasst er nicht davon, wenn er alt wird."
Er setzte sich zu seinen Wurzeln, Olen und Schmalzen, und begann, in diesen unsaubern Dingen zu wuhlen. Ein widerlicher, fur nicht ganz abgestumpfte Geruchsnerven unertraglicher Dunst begann sich zu verbreiten, von dem auch wohl der Schlafer erwachen mochte. Er rieb die Augen, riss sie dann weit auf, sprang von seinem Strohlager empor, stellte sich vor den Alten und rief: "Lass deine albernen Schmierereien und hilf mir!"
"Was fehlt Euch denn, und wo sitzt es, Junker?" fragte der Alte.
"Hier", rief Ferdinand, und schlug mit der geballten Faust auf die Brust.
"Sprecht und saget an, dass man Euch verstehe", erwiderte der Alte. "Vorhin, als Ihr zu mir gestolpert kamt, wart Ihr so ausser Euch, dass ich meinte, Ihr hattet vom Bilsenkraut genossen, welches der Menschen Gehirn verstort. Nichts habe ich von allem dem begriffen, was Euren Lippen da entsprudelte."
Der verwilderte Jungling setzte sich dem Alten gegenuber, stemmte den Kopf auf, und aus seinen Augen brach ein Tranenstrom mit einer Gewalt, wie wenn Quellen sich durch Felsen die Bahn erzwingen. Dieser Regen des Schmerzes erweichte seine Zuge, welche, ungeachtet aller Entstellung durch Ausschweifungen, noch immer viel von ihrem ursprunglichen Adel und von der unschuldigen Schonheit der Kinderjahre hatten, so dass sein Anblick jeden Empfindenden mit Ruhrung erfullt haben wurde. Der Alte aber liess ihn weinen, rieb gleichgultig seine ekelhaften Spezies ferner ab, und sagte nach einer Weile: "Vom Trauern kommt der Tod, und des Herzens Kummer schwacht die Krafte. Redet endlich, denn am Lachen und Flennen soll man den Narrn erkennen."
"Er ist wieder da; bei dem Pfaffen versteckt er sich, der Leidige, das Ungeheuer, dem ich das Herz aus dem Leibe reissen mochte, und es in die Tiefe werfen, da, wo es die Fuchse fressen!" rief Ferdinand. "Wie lange wird es dauern, so heiraten sie einander! Ich glaubte, es sei vorbei, dein Branntwein schmeckte mir, und der Spass mit dem Madchen, zu dem du mich fuhrtest, tat mir wohl, aber nun er wieder da ist, hat sich alles umgekehrt. Ich will nur gleich zwischen des Vaters Maschinen geraten, und von ihren Radern zerquetscht werden, wenn ich Cornelien lassen soll, die mein Leib, meine Seele, mein alles ist, um die ich durch die brennende Holle ginge!"
"Da ware nun kein andrer Rat", sagte der Alte, "als, Ihr musstet Euch des Kerls zu entledigen suchen. Lauert ihm auf, wenn er allein geht, und stosst ihn von hinten nieder, so ist der Weg zum Madchen frei."
"Wie dumm du bist!" rief Ferdinand. "Mord kommt an den Tag, das habe ich in allen Geschichten gelesen. Sie schlugen mir den Kopf ab, und ich hatte nichts davon. Nein, wozu ich noch immer Verlangen truge, das ware ein Duell auf Leben und Tod. Wenn man darin seinen Gegner niederschiesst, so kommt man zwar auch auf die Festung, aber sie lassen einen bald wieder frei. Das erzahlte neulich einer uber Tisch."
"Ihr habt ja Pistolen, fordert ihn also", sagte der Alte.
"Und wer versichert mich, dass ich ihn treffe?" fragte Ferdinand. Er sann eine Weile stumm vor sich nieder, dann riss er das Haupt des Alten, der immer in seiner Beschaftigung fortfuhr, gewaltsam beim Schopfe empor, sah ihm mit einem seltsamen Blicke in das Antlitz, und sagte leise: "Hore du; weisst du, ob es Treffkugeln gibt?"
Der Alte legte seine Sachen weg, und versetzte: "Oho! Wollt Ihr da hinaus? In der Stadt haben sie, wie ich mir sagen lassen, einen grossen Spektakel und Gesang daruber gemacht. Sie ziehn einen rot an, den nennen sie den Simon oder Samuel, ich weiss nicht recht, wie er heisst, und dann geht ein aberwitziger Larmen in der sogenannten Wolfsschlucht vor sich. Nichtsnutzige Possen das! Auf solche Lappalien horcht nichts in dem Abgrunde der Krafte, die muss man an einem andern Zipfel zu fassen wissen. Ob es wahr ist, weiss ich nicht, gesprochen wird davon unter uns Leuten vom Fache.
Es steht geschrieben im zweiten Buche Mose am einundzwanzigsten: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuss um Fuss, Seele um Seele. Davon machen sie die Nutzanwendung; wer seines Lebens nicht achtet, um das Schiessblei zu gewinnen, dem wird das Blei auch alles Leben in die Hande geben, an welches er will. Sie sagen, wer ein Stuck Blei, aber es muss nicht von einer Kirche sein, mit Todesgefahr erobert, der kann daraus Kugeln giessen, vor denen kein Kraut gewachsen ist. Wisst Ihr ein solches Stuck Blei, so tut, was Ihr nicht lassen konnt, und plagt mich nicht weiter, denn es ist hoch Mitternacht, und ich bin schlafrig."
Die Lampe war uber diesem Gesprache erloschen. Ferdinand tappte im Dunkeln fort, und der Alte streckte sich mit den Worten: "Wenn ihm nun ein Ungluck begegnet, so ist die Brut der Ungerechten zertreten, ohne dass ich schuld daran habe", auf sein Lager.
Sechstes Kapitel
Am folgenden Morgen bat Hermann die Frau des Predigers um die Erlaubnis, dem Begrabnisse zusehn zu durfen. Sie wollte davon nichts wissen, weil ihn der Oheim zu Gesichte bekommen konne. Er versprach, auf dem obersten Teile der Anhohe hinter Buschen verborgen bleiben zu wollen.
Um ihren Mann uber das Anliegen zu befragen, ging sie in dessen Studierzimmer. Dieser hatte es sich nicht nehmen lassen wollen, ausser dem Gebete eine kurze Rede am Sarge zu halten, und schritt, Inhalt und Ausdruck in Gedanken erwagend, auf und ab. Er war im Zustande der Meditation von allen andern Dingen immer ganzlich abgekehrt, antwortete daher seiner Frau, ohne recht zu wissen, wovon sie redete, auf ihre Frage zerstreut: "In Gottes Namen, store mich nur nicht ferner!"
Der Kranke rief, als er die Einwilligung vernahm: "Das ist mir recht lieb! Ich muss mehr Zerstreuung haben. Seitdem mit meinem Rocke etwas vorgegangen ist, bin ich so unruhig!"
Nach einigen Stunden horte der Prediger erst, wozu er seine Beistimmung gegeben hatte. Er war daruber sehr erschrocken, und wollte durchaus, dass der Kranke von seinem Vorhaben abgebracht wurde. Indessen musste man es gehen lassen, denn Hermann verriet in Farbe und Mienen wieder einen heimlichen Zorn, sobald seine Pflegemutter versuchte, ihm jenen Gang auszureden.
Im Hause des Oheims herrschten sehr verschiedenartige Beschaftigungen. Cornelie ubte mit den jungen Madchen den Psalm ein, welcher an der Gruft gesungen werden sollte, und wand mit ihnen die Kranze, zum Schmuck des Eingangs bestimmt. Der Oheim war dagegen mit seinen Geschaftsleuten in die weltlichsten Beratungen versenkt. Der Vorteil, welcher dem ganzen Fabrikbetriebe und also nach der gestifteten Einrichtung auch ihnen teilweise durch den Anfall der Standesherrschaft zuwuchs, war unermesslich. Kaum hatten sie das Erwachen ihres Herrn und Meisters abwarten mogen, ihm alles das, was die Nacht hindurch in ihren Kopfen gegart, vorzutragen; um seinen Fruhstuckstisch versammelte sich schnell eine zahlreiche Gruppe von Ratschlagenden, Entwurfeverkundenden, welche ihre Gedanken auch sogleich dem Auge durch Listen, Rechnungen, und schnell gefertigte Risse anschaulich zu machen sich bestrebten. Einer der Ruhrigsten wurde noch an demselben Vormittage nach jenen Gutern abgefertigt, um namens des nunmehrigen Eigentumers Besitz zu ergreifen. Nutzte man die Krafte, welche durch den neuen Erwerb gewonnen worden waren, in bisheriger schwunghafter Weise, so liessen sich einem solchen Geschafte kaum noch Grenzen ziehn, nur in England waren die Ahnlichkeiten fur derartige Gewerbsgrosse aufzufinden. Diese Betrachtungen ruhrten zu dem Vorsatze, eine bedeutende uberseeische Abzweigung des Kapitals zu bewirken.
Der Oheim nahm an der Unterredung lebhaft teil. Jedem Menschen ist eine Signatur in die Seele eingeschrieben, und die Entfernung von diesem Urzeichen der Lebensentfaltung bleibt immer nur eine scheinbare. Auch er hatte eine unruhige Nacht gehabt. Mit siegender Gewalt nahmen ihn die Bilder der neuen Tatigkeiten gefangen, und drangten die stillen entsagenden Vorstellungen zuruck, mit welchen er bis zum Ende seiner Tage auszureichen gemeint hatte. Besonders war ihm der Blick verlangend uber das Meer geruckt; er wunschte sehnlich eine Herstellung von seinen Gebrechen, um sich noch die Anschauung jener fernen erzeugnisreichen Gegenden gewinnen zu konnen.
Zwischen diesen Verhandlungen langte eine Botschaft Theophiliens an. Sie hatte den Schlussel zu dem Erbbegrabnisse der Grafen in Verwahrung, und diesen heute den Mannern herausgeben mussen, welche den Sarg der Tante von seiner vorlaufigen Ruhestatte zu erheben bestimmt waren. Nun bat sie den Oheim schriftlich, allen ferneren Anspruchen auf die Gruft ihrer Ahnen zu entsagen, welche ihm von keinem Nutzen mehr sein konne, da er fur sich und die Seinigen ein eignes Gewolbe errichtet habe.
Der Oheim sagte, nachdem er den Brief gelesen hatte: "Da uns das Schicksal gewaltsam in das Leben zuruckdrangt, so wollen wir immerhin den Toten die Toten uberlassen. Es ist mir lieb, den Grillen dieser untergegangnen Frau eine Nachgiebigkeit erzeigen zu konnen. Vielleicht versohne ich sie dadurch mit mir." Er setzte sich nieder, stellte eine verzichtende Erklarung, wie sie dieselbe begehrt hatte, aus, und uberliess die Gruft der erloschnen Familie dem letzten Sprosslinge zur uneingeschrankten freien Verfugung.
Nach dem Mittagsessen, welches man noch mehr, als gewohnlich, abgekurzt hatte, begaben sich die Manner, welche den Sarg tragen wollten, eilig den Schlossberg hinauf. Der Oheim verweilte eine kurze Zeit bei Cornelien, deren Augen uber das zerstreute und der Feier des Tages abgekehrte Wesen trube geworden waren. Man sah es allen nur zu deutlich an, dass sie das Totenfest abgetan wunschten, um sich den so machtig andringenden irdischen Hoffnungen mit ganzer Seele hingeben zu konnen. In ihrer reinen Trauer uber diesen grellen Widerspruch der Menschen und Dinge nahm sie den Oheim, als sie mit ihm allein war, beiseite, und sagte zu ihm: "Nicht wahr, Vater, wir fahren nach der Bestattung mit dem Prediger spazieren, und bleiben auch den Abend fur uns?"
"In deiner sanften Frage liegt fur mich ein schwerer Vorwurf", versetzte der Oheim. "Wenn es wahr ware, dass zwischen den Seelen der Menschen ein wesentlicher Unterschied bestande, wie manche haben lehren wollen! Wenn nur einige zur Erhebung, zum Leben des Geistes bestimmt waren, andre dagegen unwiderruflich in den Schlamm und Tod versinken mussten, und alle Muhe, von diesem eingebrannten Male der Nichtigkeit sich zu reinigen, umsonst aufwendeten!"
"Welche Gedanken!" rief Cornelie.
"Ich will wenigstens hienieden nutzen, wie ich kann", fuhr der Oheim fort. "Zu meinen Beschickungen gehorst auch du, Cornelie, du bist die susseste derselben. Sollte ich aus der Welt gehn, ehe ich dich an der Seite eines Gatten versorgt weiss, so wird dein Los von mir genugend festgestellt worden sein."
Cornelie sank ihm zu Fussen, und sprach mit leuchtenden Blicken: "Sorge du nicht um mich, und nicht fur mich, mein Vater. So gewiss dies meine Hand, und jenes meine Fusse sind, so gewiss weiss ich, dass, wo ich stehe, oder mich niederlege, wohin ich gehe und trete, ich behutet und geschirmt bin. Wenn das nicht ware, so hatte ich ja so fruh meine Eltern nicht verlieren konnen. Glaube mir, mein Vater, mir wird es immer wohl gehn, recht wohl. An meinem Herde wird sich der Durftige warmen, und unter meiner Pforte werden die Muden sitzen. Darum entziehe du deinem Sohne und den Freunden, die mit dir gearbeitet haben, nichts von dem Deinigen; Cornelien schenke du nur, wenn es denn einmal so weit ist, deinen letzten Blick und Hauch, das soll meine Erbschaft sein."
Er fragte einen Eintretenden, welcher meldete, dass der Leichenzug vom Schlossberge herabzusteigen beginne, nach Ferdinand. Jener versetzte, dass er den Knaben aufgefordert habe, ihm zu folgen, dass dieser aber, ohne ihm Antwort zu geben, den Berg nach der Gegend des Weihers zu hinaufgesturmt sei.
Seufzend machte sich der Oheim in seinem kleinen Fuhrwerke, neben welchem Cornelie herging, auf den Weg. Den Vorplatz des Mausoleums bedeckte eine zahlreiche Menschenmenge, welche nicht die Neugier allein, sondern auch so ein dankbares Erinnern herbeigezogen hatte, denn die Verstorbne war die Wohltaterin vieler Bedurftigen gewesen. Die Pforten des Gewolbes waren aufgetan, zu beiden Seiten standen die festlichgeschmuckten Jungfraun im Halbkreise. Cornelie gesellte sich, sobald sie mit dem Oheim auf der Hohe anlangte, zu ihnen. Er liess seinen Sessel der Pforte gegenuberstellen, und erwartete den Zug, dessen Annahen die in immer dichteren Haufen den Berg heraufdringenden Menschen verkundeten. In der Mitte des Platzes war mit leichten Staben ein freier Raum fur den Sarg, seine Trager, den Prediger und die Schulkinder abgesteckt worden.
Siebentes Kapitel
Sobald der Sarg niedergesetzt war, und die wogenden Menschenwellen, welche nun nicht allein den Platz oben, sondern auch alle Abhange des Berges uberfluteten, sich beruhigt hatten, erhoben die Jungfraun ihre Stimme, und sangen den Psalm ab, dessen gehaltne, ernste Melodie die Herzen noch tiefer angeruhrt haben wurde, wenn nicht das vom Weiher herklingende Gerausch der heftigarbeitenden Dampfmaschine den sonderbarsten Gegensatz zu jenen frommen Tonen hervorgebracht hatte. Nach beendigtem Gesange trat der Prediger zum Sarge, verrichtete das Gebet, und knupfte an dasselbe folgende Worte:
"Ihr seid es von mir schon langst gewohnt, meine Zuhorer, dass ich euch in meinen Vortragen nicht zwischen die Dornenhecken dunkler Glaubenslehren, nicht auf die kalten leeren Hohen spitzfindiger Grubelei zu fuhren pflege, weil ich der Meinung bin, dass das Christentum, ist es echter Art, dem Blute gleichen musse, welches, mit den Werkzeugen des Lebens verbunden, sie in ungetrennter Gemeinschaft durchdringend, ihnen eben gerade das Leben schafft, wahrend dasselbe, von jenen Werkzeugen getrennt, fur sich allein nicht bestehn kann, vielmehr dann bald sich scheidet, gerinnt und verdirbt. Ich liebe es daher, euch aus noch so geringfugig scheinenden Gelegenheiten, aus eurer Arbeit und aus eurem Gewerbe, aus den kleinsten Vorfallen eurer Hauswesen, die Quellen der Erbauung zu offnen, und bestrebte mich, den Gott, welcher jedem erscheinen muss, wenn er das Samenkorn in die Erde legt, oder sein Tagewerk am Webstuhle vollendet hat, vor aller Augen zu enthullen.
Lasst mich also auch an dieser Bahre meines Brauchs pflegen, lasst uns nicht in allgemeinen Todesbetrachtungen, welche ohne Frucht und unnutz sein wurden, sondern in dem besondern Hinblicke auf den Fall, welcher uns hier zusammengefuhrt hat, unsre Gedanken vereinigen!
Es ist ein Gerede unter den Menschen, dass Massigkeit, Nuchternheit, Vorsicht, die heilsame Kalte, welche die Schritte erwagt und den Fuss nicht eher zum Weitergehn aufheben mag, bis man habe, wo man ihn niedersetze, dass diese Dinge, sage ich, zwar gute und eintragliche Eigenschaften seien, dass sie aber zu hoheren und seltneren Gewinnen nicht hinzufuhren vermogen, und dass sie namentlich den Menschen, welcher mit ihnen begabt ist, unfahig zu den sanften und warmen Empfindungen machen, auf welchen die Liebe ihr schones Gebaude grundet. Man nennt die Verbindungen, welche nicht im Rausche der Leidenschaft geschlossen werden, Scheinbundnisse, man glaubt, dass bei ihrer Eingehung nur der Trieb der Gewohnheit oder eine herzlose Berechnung obgewaltet haben konne.
Sehet hier ein Beispiel von der Nichtigkeit dieses Redens und Meinens! Uber die Junglingsjahre langst hinaus, ohne sturmische Aufwallung, bedachtig das Wichtige uberlegend, knupfte der verehrte Mann, um den uns eine fromme Feier versammelt hat, das Band, dessen Unzerreissbarkeit eben diese Feier aussprechen soll. Wohl allen denen, welche einander im Augenblicke der ersten, oft so oberflachlichen Bekanntschaft die Ewigkeit ihrer leichtentstandnen Aufregung versichern, wenn sie mit der Innigkeit verbunden blieben, welche hier dem ruhig gegebnen und empfangnen Worte folgten! Samtlich sind wir Zeugen gewesen der Zucht und Einigkeit, des Vertrauens und des Glucks, aller der Gnaden und Segnungen, welche diese wahrhaft gottgefallige Ehe schmuckten. Aber nicht genug, dass sie auf Erden die Bestimmung der gottlichen Einrichtung das Bild der vollkommnen Menschheit durch zwei darzustellen im genugendsten Masse erfullte; auch uber das Grab hinaus reichten ihre Einflusse und Wirkungen. Die Gattin scheidet, und der Zuruckbleibende richtet seine Blicke beharrlich der Entschwundnen nach. Fest die Zugel der ihm uberwiesenen irdischen Angelegenheiten haltend, bluht ihm doch nur noch Genuss in der Sehnsucht nach ihr, welche seine Augen nicht mehr schauen; sein Gemut entbrennt zu dem schonen Werke in Erz und Marmor, welches nun vollendet vor uns steht, die sterbliche Hulle der teuren Schlafengegangnen aufzunehmen, an deren Seite er selbst dereinst ruhen will. Sanften Trost empfindet er in diesen Beschwichtigungen, womit unser von Wolken uberdecktes Auge sich die Ewigkeit und ihre Geheimnisse anzunahern versucht. Wenn andre Menschen von dem Weine und Brote leben, dessen sie geniessen, so lasst sich von unsrem Freunde behaupten, dass ihn die Erinnerung speiste und die Hoffnung trankte.
Nehmet denn, ihr Ehelich-Verbundnen, oder die ihr in diesen Stand treten wollt, von solchem Vorgange ein Muster der Nachahmung! Jenes stille Heiligtum, welches heute seine Weihe erhalt, der Sarg und der lebende Freund sie mogen in eurem Herzen Gelubde erzeugen, wurdig des Wortes, welches der Apostel sprach: 'Wer sein Weib liebet, der liebet sich selbst.' In dieser allesumfassenden Liebe zu einem zweiten Wesen ist der Inbegriff jeglicher sittlichen Veredlung gesetzt, der Mensch loset sich von der Selbstsucht ab, und empfangt dadurch sein Innres erhoht und gereinigt zuruck. Ja, meine Freunde ..."
Ein dumpfes Gerausch, wie von dem verworrnen Durcheinanderreden vieler Menschen, liess sich in der Ferne vernehmen. Es kam aus der Gegend, wo der Weiher lag. Der Prediger hielt betroffen inne. Die Menschen wendeten sich nach dem Schalle.
"Es muss etwas an der Maschine zerbrochen sein, man hort sie nicht mehr", sagte der Oheim. "Gehe einer hin und sehe zu. Welche widrige Unterbrechung!"
Einige Arbeiter schwangen sich den steilen Pfad hinauf, der nach dem obern Teile des Berges und nach dem Weiher fuhrte. Doch nur wenige Augenblicke vergingen, so kamen sie wieder herabgesturzt, totenbleich, mit entsetzten Gesichtern. Der Maschinenmeister folgte ihnen, und fiel mit einem Jammergeschrei am Wagelchen seines Herrn nieder. "Was ist geschehn?" fragte der Oheim erschreckt. "Hat das Werk Schaden genommen?"
"Ihr Sohn liegt zerschmettert oben auf dem Berge!" rief der Mann, seiner nicht machtig.
Entsetzt drang die Menge herzu. Man besturmte ihn mit Fragen, wie dieses furchtbare Ereignis sich begeben habe; er war unfahig, zu antworten. Sprachlos starrte ihn der Oheim an, seine Augen standen ohne Bewegung in ihren Hohlen, seine Lippen verloren die Farbe, sein Haupt ruhte an Corneliens Brust.
"Den Sarg in die Gruft, unsern Vater nach Hause!" rief das Madchen, welches inmitten dieser Schrecknisse die Besinnung noch hatte, deren die andern beraubt waren. Indem man sich anschickte, ihrem Befehle zu gehorchen, rief von den Klippen uber dem Mausoleum eine laute Stimme: "Halt!" und Hermann trat auf ein vorragendes Felsenstuck. Die Bauerburschen, welche den Wagen des Oheims zogen, hatten mit demselben eine Wendung nach vorwarts gemacht, so dass Hermann dem Alten gerade gegenuberstand.
"Troste dich, Onkel!" rief der Unselige hinunter. "Ferdinand ist dein Sohn nicht, die Tante hatte ihn vom Grafen, darum verschrieb dir der die Standesherrschaft, damit die Guter dereinst an sein Blut kamen; frage nur Theophilien, sie weiss alles, aber die Liebesbriefe haben wir verbrannt."
Cornelie fiel nun selbst ohnmachtig in die Arme ihrer Freundinnen. Auch bedurfte das Haupt des Oheims keiner Stutze mehr; nur die ersten Worte hatte er aus Hermanns Munde vernommen, dann sank er mit einem tiefen Atemzuge in sich zusammen, erdruckt von diesen Schlagen, und der Ruf der Umstehenden: "Er stirbt!" wurde Wahrheit.
Langsam zogen die Burschen den Wagen hinunter nach dem Hause. Schweigend, unter der Last dessen, was sich begeben hatte, schaudernd, ging die Menge von dem Berge. Es war etwas Grauenvolles, diese vielen hundert Menschen zu sehen, deren Lippen das ungeheure Schicksal versiegelt, deren Herzen es versteinert hatte.
Auf einen stummen Wink des Predigers, welcher mit dem Unglucksboten auf dem Berge geblieben war, wurde der Sarg hastig in das Mausoleum geschafft. Er stieg mit dem Maschinenmeister den Klippenweg hinauf. Sie naherten sich dem Weiher. Die Maschine stand. Zu ihren Fussen lagen die blutenden Gebeine eines, der ein Mensch gewesen war. Ein unseliger Anblick!
Nachdem der Prediger sein Entsetzen bewaltigt hatte, fragte er den andern: "Wie ist dies zugegangen? Reden Sie jetzt, dass wir alle Tatumstande feststellen, und nicht noch Unschuldige zur Verantwortung gezogen werden mogen."
"Gott weiss es, ich nicht", erwiderte der bewegte Mann. "Schon vor einigen Stunden hatte er sich bei uns hier eingefunden, und war spahend um die Maschine hergegangen. Er machte uns auf den gelockerten und halb zersprungnen bleiernen Ring dort aufmerksam, welcher an jenem das Pumpenwerk in Bewegung setzenden Arme hangt, in seinem unverletzten Zustande bestimmt, die Widerstandsmittel gegen etwanige Explosionen der Dampfe zu verstarken. Seine Frage, ob es wohl moglich sei, dieses Blei dem Balken, wenn er eben niedersteige, mit raschem Griffe zu entreissen, hielten wir fur Scherz. Wir antworteten, dass es ja auch Menschen gegeben habe, die zwischen den sausenden Flugeln einer Windmuhle hindurchgegangen, oder wohl gar geritten seien, und ebenso moge es gelingen, das Blei zu erobern, aber freilich konne der Kopf mit in den Kauf kommen. Er verhielt sich nach diesen Gesprachen still, und wir vergassen bald die ganze Sache. Nun erschien plotzlich der junge Mann, der bei Ihnen wohnt, und sobald er den sah, wurde er wie von einer rasenden Wut befallen. Er blickte bald ihn, bald die Maschine mit grimmig funkelnden Augen an, und schoss pfeilschnell auf den Arm zu, da er und der bleierne Ring im Niedersteigen waren. Das taube Eisen fasste ihn, seine Kleider mussten sich in das Gestange verwickelt haben, denn dreimal wurde er im wilden furchterlichen Umschwunge gegen die Balken, und von diesen wieder in die Lufte geschleudert. Augenblicklich liess ich hemmen, aber schon war es geschehen, und wir hatten, als die Maschine stillstand, nur die zerbrochnen Gebeine aus ihren Klammern und Fugen zu nehmen."
"Eilen wir hinwegzutun, was die Blicke der Menschen beleidigt!" sagte der Prediger, liess die jammervollen Uberbleibsel erheben, und in eine Kiste legen. Auch diese wurde im Mausoleum, neben dem Sarge der Mutter beigesetzt.
Unten im Dorfe fand er alles wie ausgestorben. Niemand liess sich blicken, jeder fuhlte eine dunkle Furcht vor herandrohenden Schreckgerichten. Im Herrenhause war Besturzung, Weinen und Wehklagen. Cornelie lag darnieder und fieberte.
Die Leiche des Oheims hatte man auf einem Bette ausgestreckt. Als der Prediger ihm in das Gesicht blickte, fuhr er zuruck, und gebot, es mit einem Tuche zuzudecken; die Miene des Toten sei von einer eignen, den Lebendigen nicht heilsamen Beschaffenheit.
Er trat in sein Haus. Dort sass Hermann, wie gewohnlich, ruhig uber den Buchern. "Sie haben Ihren Oheim getotet!" rief er ihm mit strengem Tone zu. Gelassen versetzte Hermann: "Warum schelten Sie mich? Ich meinte es gut; konnte er sich nicht zufriedengeben, da er horte, dass der wilde Knabe ihn nichts angehe?"
Achtes Kapitel
Eine solche Wendung war den Machten, welchen das menschliche Dasein nur zu leicht verfallt, gelungen. Voraussicht, Klugheit, Berechnung waren zuschanden gemacht worden, ein furchtbarer Blitz hatte sein grelles Licht auf die Nichtigkeit frommer Zuneigung geworfen, den fursorglichsten Mann riss das Schicksal mitten aus ungeordneten Verhaltnissen in Verzweiflung hinweg. In einem Hause, worin nur der Verstand galt und anerkannt wurde, hatte der widersinnigste Aberglaube seine Flugel, bis zum Wahnwitz treibend, schwingen durfen, und uber Lippen, die nicht wussten, was sie sprachen, war das Geheimnis der Familiensunde elementarisch gesprungen.
Diesen Ausgangen war hier niemand gewachsen. Die Arbeit stockte, mutlos schlichen die Geschaftsleute umher. Man musste an die Bestattung der Leiche denken, und auch da zeigte es sich, dass der Zorn jener dunkeln Gesetze, welche in ihr volles Recht hier eingesetzt zu werden forderten, noch nicht voruber sei.
Theophilie, von welcher man den Schlussel zum Erbbegrabnisse wiederverlangte, weigerte sich, ihn zu geben, und berief sich auf die Entsagungsurkunde, welche der Oheim an seinem letzten Lebenstage ausgestellt hatte. Man bewog den Prediger, zu ihr zu gehn, der denn auch alle Beweggrunde der Milde und Versohnlichkeit anwendete, ihren Willen zu beugen.
Sie liess ihn ruhig ausreden und sagte dann: "Ich ehre diese Grundsatze des Friedens, aber man kann verschiedne Wege gehn, die alle recht und gut sind. Auch die Vergeltung hat ihre Ehren. Ich bin die Racherin meiner Familie. Er hat uns im Leben aus unsrem Eigentume getrieben, dafur versage ich ihm die Ruhe bei meinen Toten. Immer noch eine sehr glimpfliche Rache, sollte ich meinen. Das Geheimnis, welches ich wusste, ware mit mir zu Grabe gegangen, der Schlaf verriet es einem fremden Ohre; nun wurden Versprechungen gewechselt, und Briefe den Flammen ubergeben, um es ja recht sicher zu bewahren. Aber ein kindischgewordner Geist plaudert es wider Willen und Absicht dem Sterbenden aus, und stosst ihm damit das Herz ab. Ich finde etwas Grosses und Gottliches in diesem Hergange; er erinnert an alte Marchen, worin Bachwellen und rauschende Baumzweige das Tiefverborgne an den Tag bringen."
Da er sah, dass sie nicht zu uberreden war, so stand er ab; man beschloss, kein Aufsehn zu erregen, indem man Zwang gegen sie versuchte. Die Menschen hatten durch die stattgehabten Ereignisse alle Besinnung verloren. Einer schlug vor, den Oheim im Mausoleum zu bestatten, wie er ja selbst verfugt habe, und die andern billigten seinen Rat, zu dessen Ausfuhrung alles in Bereitschaft gesetzt wurde.
Aber die Natur hat zuweilen in ihrem tiefen Busen ein Gefuhl fur Wahrheit, und will nicht dulden, dass das ganz Unschickliche geschehe. In der Nacht wurden die Bewohner des Dorfs von einem Getose erweckt, in welchem sie bald das Rauschen sturzender Fluten erkannten. Man machte sich mit Fackeln und Windlichtern hinzu, und sah bei deren Scheine den Bergweg zum schaumenden Wasserfalle verwandelt. Unten im Dorfe flossen die Wogen zu einem Bache ab, der an manchen Stellen gurteltief war.
Als es tagte, nahm man ein grauses Schauspiel wahr.
Durch die Eingangspforte des Mausoleums, wie durch einen Bruckenbogen, schoss der weissschaumende Strom bergab, und hatte Mauerstucke, Baume, ja auch die Behaltnisse, welche die Gebeine der Mutter und des Sohns bargen, mit sich fortgerissen. Diese lagen, klaglich umgeworfen, von Schlamm und Graswust widerlich umsaumt, am Abhange des Berges. Ein Teil des Gruftgewolbes war eingesturzt, und dem Ganzen drohte dasselbe Schicksal, wenn die Gewalt der immer weiter wuhlenden Fluten nicht bald gebrochen wurde.
Die Ursache dieser Zerstorung war nur zu bald entdeckt.
Der Weiher, von der Maschine, an deren Wiederbelebung niemand in der allgemeinen Besturzung gedacht hatte, nicht mehr ausgeschopft, und uberdies durch Regengusse in den Bergen uber seinen gewohnlichen Inhalt angeschwollen, hatte mit der ganzen Wassermasse durch die verborgnen Rinnen auf die Auswolbung der Gruft gedruckt, und wahrscheinlich in kurzer Zeit den Widerstand des Gemauers uberwunden.
Es geschah, was geschehen konnte, um die Gefahr einer Uberschwemmung von den Talbewohnern abzuhalten. Die Maschine arbeitete wieder unausgesetzt, so dass der Zufluss zum Gewolbe bald vermindert wurde, und man auch von dort dem Elemente entgegenwirken konnte. Das einzige Mittel kraftiger Begegnung war, die Gruft auszuschutten, und den Berg in seiner dichten Rundung herzustellen. Dies geschah mit rastloser Tatigkeit. Felsblocke, Buhnengeflecht, Lehm- und Schuttlagen mussten die Hohlung fullen, und nach vierundzwanzig Stunden war von dem schonen Werke der Baukunst nichts mehr zu erblicken, als der Marmor der Pforte, welcher unnutz und wehmuterregend aus jenen niedern Stein- und Erdumgebungen hervorblickte. Bei der gewaltsamen Arbeit hatte man naturlich der Wege und Anlagen nicht schonen konnen, so dass, als die Sache getan war, zertretner Rasen, abgebrochne Stauden, verwustete Blumenflekke, Sumpf und Nasse den Rahmen um jenes ausgetilgte Denkmal ehelicher Liebe bildeten. Inzwischen wartete der Prediger seines Amtes, liess im Dunkel des spaten Abends Mutter und Sohn erheben, und unbemerkt ohne Geleit auf dem Kirchhofe des Dorfs einsenken. Auch war nach diesen letzten truben Dingen von ihm sogleich ein reitender Bote an den Rechtsfreund des Oheims in der Standesherrschaft abgesendet worden, dort das Gewolbe fur die Leiche auftun zu lassen, und sie so dem Hasse und den wutenden Naturkraften zu entrucken, welche sich hier gegen ihre letzte Rast verschworen zu haben schienen.
Traurig und langsam ruckte der schwarzbehangne Wagen in kleinen Tagereisen gegen die Grenze jenes adlich gewesenen Gebietes vor, welches nun die eingefallnen und geschlossnen Augen des burgerlichen Erwerbers nicht schauten, wo keiner dem neuen Herrn mit verehrendem Grusse entgegenkam. Aber in der Nahe des Schlosses erhielt der Verblichne Gesellschaft; auch der Herzog befand sich auf dem letzten Wege zur Gruft seiner Ahnen. Man hatte, die Bestattung moglich zu machen, die Herzogin unter einem Vorwande zu entfernen gewusst, und jene, sobald man erfuhr, dass auch der Oheim dort ruhen solle, beeilen wollen, um fertig zu sein, wenn diese zweite Leiche eintrafe. Allerhand Zufalligkeiten verzogerten indessen die Ausfuhrung der Anstalten, und so kam es, dass die beiden Zuge in dem breiten Wege, welcher nach dem Erbbegrabnisse fuhrte, zusammentrafen. Der Prediger trat mit dem herzoglichen Kaplane in kurze Beratung, und beide Manner, von einer religiosen Empfindung erschuttert, ordneten an, dass der Tod keinen Vortritt gewahren, sondern seine stillen Untertanen mit gleichen Rechten empfangen solle. Weg und Pforte waren geraumig genug, zwei Sarge nebeneinander aufzunehmen, und so gingen die Gegner eintrachtig zusammen in die dunkle Wohnung ein.
Nach diesen Entscheidungen des Todes und der Nacht wandten sich die Hinterbliebnen in das Leben zuruck. In den Fabriken trat aus den Vorstehern eine Kommission zusammen, welche die Geschafte in der bisherigen Weise und im Geiste des Verblichnen fortzusetzen sich bemuhte. Auf dem Schlosse des Standesherrn wurde von ihren Bevollmachtigten inventarisiert, auf Feldern und Waldgrunden vermessen. Die Maschinen begannen wieder zu klappern, die Arbeiter ihre Packen auf den gewohnten Wegen zu tragen, in den Comptoirs schrieb und rechnete man wie fruher.
Wenn sie sich nun aber fragten, wer der Herr der unermesslich angewachsenen Guter sei, und fur wen alle diese Arbeit geschehe, so war die Antwort von der Art, dass sie, selbst nach allen den wunderbaren und erschreckenden Fugungen des Zufalls, noch staunen machen musste. Wie man sich wenden mochte, die Lage der Sache liess sich nicht bestreiten. Der Oheim war ohne Testament, kinder- und geschwisterlos gestorben, und Hermann als Neffe daher ohne allen Zweifel sein nachster, gesetzlicher und rechtmassiger Erbe.
An Verderben und Untergang mag niemand, der seine Hande rustig bewegt, denken; wie jedoch unter einem solchen Eigentumer ein fast unubersehlicher Besitz, das weitverzweigteste Geschaft sich steigern, ja nur sich notdurftig erhalten lassen sollte, musste dem klugsten menschlichen Auge verborgen bleiben.
Wilhelmi war angekommen. Auch ihn bewegten die Ereignisse tief, als er ihren Gang und Zusammenhang vernahm. Er meinte einen Augenblick, Hermanns Abspannung durch die plotzliche Nachricht von dem marchenhaften Glucke, welches ihn betroffen, aufzurutteln, aber vergebens. Hermann empfing die Meldung, dass er nun ein Millionar sei, wie etwas Bekanntes, woran er, wie er sagte, gleich bei dem Absterben des Oheims gedacht habe.
Neuntes Kapitel
Der Oheim war kaum einige Monate tot, als die Folgen einer Verwaltung durch mehrere bereits sichtbar zu werden begannen. Obgleich der Verstorbne in den letzten Tagen seines Lebens nur wenig personlich eingegriffen hatte, so war er doch der Mittelpunkt alles Wirkens und Schaffens gewesen, in ihm bestand eine Autoritat, durch welche das Zweifelhafte entschieden, jedes Wagnis gerechtfertigt wurde. An einer solchen obersten Gewalt fehlte es nunmehr ganzlich, es zeigte sich hier, was in den Welt- und Staatsverhaltnissen immer eintritt, wenn ein grosser Konig oder ein Held von hinnen geht, und sein Werk von den Stellvertretern weitergefuhrt werden soll. Unendlich ist der Abstand tuchtiger Ausfuhrung von dem Blitze der Erfindung. Man zagte oder hazardierte, und verlor durch beides. Die Verluste erzeugten Missmut und Anklage, aus solchen ubeln Stimmungen entsprangen Sonderungen und Parteien, jeder glaubte am besten zu tun, wenn er nur in seiner Sphare isoliert-tatig sei, und daruber kam bald der Zusammenhang des Ganzen abhanden, welcher doch allein den Gedanken des Oheims erhalten konnte. Schon erklarte einer und der andre, dass er sein Schicksal weiter zu suchen gedenke, und alle fuhlten sich von einer Gemeinschaft bedruckt, die noch vor kurzem ihr Stolz gewesen war.
Inmitten dieser Einbussen und Spaltungen lebte der Herr der Reichtumer sein dammerndes Pflanzenleben fort. Man war ubereingekommen, so lange als nur moglich ihn fur geistig gesund gelten zu lassen, um die Einmischung des Staats, die alle als das grosste Ubel furchteten, abzuhalten. Seine Unterschrift musste daher jedes wichtigere Geschaft bekraftigen; er gab sie, ohne zu fragen, was er unterschreibe? Nur die grosse Rechtlichkeit aller dieser Leute verhinderte, dass sich schlimmes Unheil an ein so seltsames Verfahren heftete. Aus der Predigerwohnung war er wenige Tage nach dem Tode des Oheims in das Haus gezogen, welches ja nun das seinige war. Dort lebte er in stillen Hinterzimmern, den ganzen Tag uber lesend, schreibend oder mit sich selbst redend. Vor dem Verkehr mit unbekannten Menschen hegte er eine grosse Scheu, und mied deshalb die Gemacher nach der Strasse, wahrend er dagegen mit den Hausgenossen sich leicht und zutraulich zu benehmen wusste. Diese wichen ihm aber aus, wo sie konnten; seine Erscheinung war ihnen zuwider, und sie vergaben ihm den Tod ihres Herrn nicht. Nur Cornelie ging leise und mild neben ihm her, sorgte fur seine Bedurfnisse, ohne gleichwohl irgendeine tiefere Bewegung blicken zu lassen.
Unvermutet kam eines Tages der Arzt angefahren. Er hatte, auf der Heimkehr begriffen, den Brief des Predigers erhalten, und den Umweg mehrerer Meilen nicht gescheut, den wiedergefundnen Kranken zu besuchen, und zu ergrunden, ob vielleicht jetzt zu helfen sei. Mehrere Tage verweilend, sprach er nach genauer Beobachtung Hermanns gegen einige Vertraute die Unheilbarkeit des Ubels aus, da sich keine Reizbarkeit zeige, und folglich kein Mittel eine Erregung oder Krisis hervorbringen werde. Auf diese Nachricht nahmen mehrere Vorsteher ihre Entlassung, und die noch zuruckblieben, wurden mehr von einer Notwendigkeit gefesselt, als durch einen Wunsch bestimmt.
Wilhelmi reiste ab und zu, wie seine Hauslichkeit es ihm nur gestatten mochte. Dieser treue Freund litt unendlich bei der Betrachtung des Unglucklichen.
Uber Cornelien, zu deren Vormunde der Prediger bestellt worden war, sprach er mit diesem einen Plan ab, welcher wenigstens ihre nachsten Jahre sicherstellte. Seine Frau wunschte, bei erweiterter Familie, eine Gesellschafterin, der sie Kinder und Haus mit Zutraun ubergeben konnte, wenn Zirkel, Theater oder Reisen sie selbst abberiefen. Wer war zu einer solchen Stelle geeigneter, als das schone, sanfte, feste Madchen? Als beide Manner ihr diese Kondition vorschlugen, willigte sie ohne Zaudern ein. Wilhelmi bestimmte den Tag der Abreise, Cornelie ordnete ihre kleine Habe, und schien ganz ruhig und gefasst zu sein. Nur fiel es denen, die sie naher kannten, auf, dass sie jede Stunde, welche ihre hauslichen Geschafte ihr frei liessen, zu einsamen, oft weit wegfuhrenden Wandrungen durch die Gegend benutzte.
Ging sie, so schwand auch der letzte frische Ton aus dem blassen Nebelbilde stumpfer aussichtsloser Tage. Der Zustand der Menschen hier und in der Standesherrschaft war ein kaum zu beschreibender. Man spricht von einem Schattenreiche; hier hatten die Toten eins auf Erden hinter sich zuruckgelassen.
Zehntes Kapitel
Der Wagen stand gepackt, Wilhelmi, bereit zum Einsteigen, wartete im Mantel, die Reisemutze auf dem Haupte. "Wo bleibt sie?" fragte er etwas ungeduldig. "Sie pflegt sonst, die erste, fertig zu sein, was hat sie drinnen noch zu schaffen?"
"Geben Sie acht. Sie reisen allein!" rief die Frau des Predigers, welche mit ihrem Manne, Lebewohl zu sagen, gekommen war.
"Wie?" riefen voll Erstaunen der Prediger und Wilhelmi.
"Ihr Manner seid so daran gewohnt, eure Absichten durchgesetzt zu sehen, dass ihr zuweilen die nachsten und grossten Hindernisse nicht wahrnehmt", erwiderte die Frau.
Wilhelmi schickte jemand in das Haus ab, und liess Cornelien bitten, sich zu beeilen. Der Bote kam sogleich mit der Meldung zuruck, dass Mademoiselle ihren Koffer wieder begehre, da sie hier bleiben werde. Unwillig eilte Wilhelmi nach ihrem Zimmer. Der Prediger und seine Frau folgten.
Sie fanden Cornelien beschaftigt, Reisehut, Umschlagetuch und andre Dinge, die sie noch hatte mitnehmen wollen, in den Schrank zu tun, wobei ihr Hermann half. "Sie geht nicht!" rief er den Eintretenden entgegen, und sein blasses, unteilnehmendes Gesicht hatte einen Ausdruck, wie wenn in tiefster Nacht der Hohle oder des Schachtes aus dem entlegensten Gange der Strahl des kleinen Lampchens aufdammert. Es war nicht Freude, aber dieser Blick sagte, dass das Wesen, welchem er angehorte, einst Freude gefuhlt habe, und sie vielleicht dereinst wieder fuhlen werde.
"Was soll das bedeuten?" fragte Wilhelmi unmutig. "Haben Sie mich zum besten?"
"Geh auf dein Zimmer, Hermann", sagte Cornelie ruhig. Er ging. "Horen Sie mich an, ehe Sie mich schelten", fuhr sie fort. "Ich war willens, mit Ihnen zu reisen, den Dienst in Ihrem Hause anzunehmen; ich freute mich auf die grosse Stadt und alle die neuen Dinge, welche ich da sehen wurde. Den Abschied von Hermann hatte ich bis zuletzt aufgeschoben. Nun aber konnte ich doch ohne den nicht von ihm gehn, da ich allen Leuten im Hause Lebewohl gesagt hatte. Als ich zu ihm trat, und er mir still gluckliche Reise wunschte, seine Hand den Druck der meinigen nicht erwiderte, da war es mir auf einmal, als ob eine Decke von meinen Augen hinweggetan wurde. Ist es Ihnen nicht auch begegnet, dass Sie, in traumerischer Vergessenheit vom Wege abgekommen, plotzlich bei dem Anblicke eines Baums, eines Felsens stutzen mussten, und Ihren Irrtum einsahen. Und sollen denn solche Male nur immer unsrem Geiste, unsrem Herzen fehlen?"
"Dies ist in der Tat die ausserordentlichste Leidenschaft, welche ich jemals gesehen habe!" fuhr Wilhelmi heraus. "Dem Gesunden versagten Sie sich, als ein gewahrendes Wort ihn vielleicht gerettet, vor den Verwicklungen bewahrt haben wurde, die seinen Zustand herbeigefuhrt haben mogen. Nun wollen Sie dem Kranken erstatten, was dieser nicht entbehrt, denn Sie sind ihm so gleichgultig, wie wir andern alle. Bedenken Sie, welche Unschicklichkeit Sie zu begehen willens sind. Wollen Sie etwa, wie Flammchen einst, verkleidet, als sein Diener bei ihm bleiben?"
Eine Purpurrote uberzog Corneliens Antlitz, ihre zarte Brust wurde von heftigen Atemzugen bewegt, sie hob die Augen gegen Wilhelmi auf, und sagte mit zitternder Stimme, aus welcher aber der tiefste Ernst hervorklang: "Wenn es sein musste, so wurde ich allerdings das tun, was Sie, mich zu verspotten, da gesagt haben. Warum ich hier meine Frauenkleider ablegen sollte, weiss ich nicht. Da Sie einmal so unbarmherzig mit Geheimnissen umgehn, zu deren Vertrauten ich Sie nicht gemacht habe, so will ich auch ohne Ruckhalt aussprechen, was ich fuhle, und dessen ich mich nicht zu schamen habe. Nun denn, ich habe dem Gesunden mein Ja nicht geben wollen, weil es nicht reif war, und die Liebe ihre Zeitigung noch nicht erlangt hatte. Man erzahlt mir hin und wieder von Buchern, worin geschrieben stehn soll, dass jenes Gefuhl im ersten Augenblicke des Sehens und Treffens entstehe. Wenn es sich dergestalt verhalt, so mag das eine Liebe sein, die auch in einem Augenblicke wieder vergeht. Ich aber denke, dass die Ergebung der Seele an eine zweite auf Leben und Tod etwas so Schweres und Wichtiges ist, um wohl einen innerlichen Schauder, eine tiefe Bangigkeit und ein langes scheues Bedenken vor so strenger Gefangenschaft hervorbringen zu konnen. Ich habe alle diese Kampfe durchmachen mussen; nun sind sie uberwunden, und ich bin sein, wie er auch andern erscheinen moge. Gott hat ihn gemacht und wird ihn wiederherstellen, wenigstens soll meine Hoffnung darauf nicht untergehn, so lange ich atme. Niemand hat er jetzt als mich, sie fliehn ihn alle, verabscheun ihn auch wohl, ich aber liebe ihn und will ihm Diener und Freund und Schwester sein, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die der Arme eingebusst hat. Das verspreche und gelobe ich hier, und werde mich furwahr nicht zwingen und misshandeln lassen, so hulflos ich auch bin!"
Ein Tranenstrom hatte die letzten Worte begleitet; schluchzend verliess sie das Zimmer. Alle waren sehr betreten und Wilhelmi gereute von Herzen seine hypochondrische Heftigkeit, welche er seit der Wandlung seiner Verhaltnisse ganz uberwunden hatte, und die doch nun auf einmal wieder zu so ungelegner Zeit ausgebrochen war. Er liess abspannen und beschloss mit den Freunden, einige Tage auf Corneliens fernere Entschliessungen zu warten. Sie hofften, dass das schone gute Kind, zu ruhiger Uberlegung gediehen, von selbst in die gebahnte Strasse des Herkommlichen wieder einlenken werde.
Man erfuhr, dass sie nach der Meierei gegangen sei, wie sie ofters tat, um ihre alte Schaffnerin zu besuchen. Es wurde daher auch noch nichts Schlimmes geargwohnt, als sie zu Mittage ausblieb, weil sie oft bis gegen Abend dort zu verweilen pflegte. Indessen begann es zu dammern, ohne dass sie zuruckkehrte. Zugleich war das Wetter schlecht geworden. Nun entstand doch einige Unruhe. Ein nach der Meierei gesandter Bote uberbrachte, dass sie dort nicht gewesen sei. Wilhelmi war ausserst besturzt. Augenblicklich mussten nach allen Richtungen hin Leute mit Fackeln und Laternen sich auf den Weg machen. Er selbst begleitete einige, welche in die gefahrlichsten Gegenden des Forstes und Gebirgs spahend zu dringen befehligt waren.
Cornelie war in ihrem Kummer dem Walde zugeeilt, unter dem Schirme der grunen Baume die Ruhe wiederzufinden, aus welcher die rucksichtslosen Menschen sie so unbarmherzig gescheucht hatten. Ihr Innres war wider ihren Willen an das grelle Tageslicht herausgekehrt worden, sie empfand eine innige Scham uber die Entweihung des Heimlichsten, und einen tugendhaften Zorn gegen die Roheit, welche sie dazu genotigt hatte. Jedoch machten sich diese widrigen Gefuhle in keinen Worten und Ausrufungen Luft, sie seufzte und weinte nur still fur sich hin.
Sie wollte wirklich nach der Meierei gehn, und dort so lange bleiben, bis ihr das bundigste Versprechen gegeben wurde, sie in ihrer Freiheit nicht zu beschranken. Indem sie mit schnellen Schritten vorwarts eilte, wurde sie plotzlich von einem klaglichen Stohnen gehemmt, welches in geringer Entfernung abseits vom Wege erklang. Dem Schalle folgend, fand sie eine Alte auf dem abgehauenen Stumpfe einer Ruster sitzen, der ein junges totenbleiches Frauenzimmer im Schosse lag. Die Finger, das Gesicht, die ganze Gestalt der Jungen waren abgezehrt, ihre arme Brust keuchte von schneidenden Schmerzen. Ein dunnes und sparliches Gewand bedeckte die entkrafteten Glieder, auch der Anzug der braunen Alten zeugte von grosser Durftigkeit.
"Wir bekommen Hulfe, mein armes Kind", sagte diese zu der Kranken, "siehe da, es bewegt sich durch das Gebusch eine liebe, schone Jungfrau her, welche uns beistehn wird."
Die Kranke offnete die Augen und warf einen geisterhaftscharfen Blick auf Cornelien, wie er den Schwindsuchtigen eigen zu sein pflegt, wenn ihre Leiden sich dem Ende nahn. Cornelie hatte bei diesem Anblicke vergessen, was sie selbst bedruckte, trat mitleidig naher, und sagte: "Steht auf, ihr armen Weiber, und folgt mir; ganz in der Nahe sind Menschenwohnungen."
Die Junge machte eine ablehnende Bewegung, und die Alte rief: "Nein, nicht zu Menschen will mein Kind, zu dem Kleinen will sie, welches oben am Hunenborn schlummert; weisst du den Weg dahin, schone Jungfrau, so hilf mir die Schwache stutzen und fuhren."
Cornelie wandte ein, dass die Krafte der Kranken nicht hinreichen wurden, den beschwerlichen Gang bergauf zu machen, diese aber richtete sich empor, sah ihr durchdringend in die Augen und flusterte kaum horbar, aber mit melodischem Tonfall in der Stimme: "Ja, fuhret mich zum kleinen Grabe, es liegt geschutzt vom Mauerstein; der Mutter winkt im Schlaf der Knabe, sie soll nun immer bei ihm sein!"
Sie schlugen den Pfad quer durch den Wald ein. Cornelie kannte die Anhohen recht wohl, zwischen denen der Hunenborn lag, und nahm mit genauer Aufmerksamkeit auf jedes Wegzeichen die Richtung dorthin. Wahrend dieser Wanderung, welche wegen der Schwache, womit die Kranke bei jedem Schritte zu kampfen hatte, langsam vonstatten ging, fragte die Alte Cornelien leise uber die Schulter der Jungen hinweg: "Ist es wahr, was die Leute mir sagten, dass einer, namens Hermann, jetzt hier wohnt?"
Cornelie versetzte unbefangen, laut: "Allerdings, Hermann wohnt in dem Kloster, eine halbe Stunde von hier."
Bei diesen Worten zuckte die Kranke, und ihre Brust flog in heftigen Schlagen. Sie brachten sie kaum noch tausend Schritte weit, auf eine hochgelegne Wiese, als sie vor Ermattung umsank. "Sie stirbt!" schrie die Alte mit herzzerschneidendem Tone. "Es ist am Ende!" sang Flammchen, denn warum sollen wir verschweigen, dass sie es war? "Die Sonne geht zur stillen Rast, und Nacht empfangt den muden Gast ... Es ist am Ende ..."
Ausgestreckt lag sie am Boden, die Alte vergass vor unbandigem Kummer sogar, die Leidende zu unterstutzen. Flammchen richtete sich mit Anstrengung empor, streifte einen goldnen Ring vom Finger und sang: "Gib ihm den Ring! zum Angedenken nahm ich ihn jener sussen Stunde, als unterging mein Sinn und Denken, im holden lasterhaften Bunde! Er ward getauscht, verfuhrt, betrogen, ich aber schmeckt' ein einzig Gluck ... und unsrer Leiber sanft Verschranken ..."
Sie sank, ihre Augen verwandelten sich, die Atemzuge wurden langsamer, bald stand der Hauch still. Uber ihr Antlitz hatte sich eine kindliche, schwarmende Freundlichkeit gebreitet, sie sah schon aus.
Die Alte ruhrte die erkaltenden Lippen an, warf sich nieder, raufte eine Hand voll Gras und Blumen aus dem Boden und sprach: "Sie ist tot. Diese Halme und bunten Kelche erhebe ich zum Zeichen, dass ich sie aus meiner Hand der Erde und den vier Winden zuruckgebe, aus welchen alles Menschengebilde entsteht. Fluch soll mich treffen, wenn ein Priester ihr nahe kommt, oder ein Kirchhof den schonen Leib aufnimmt, oder ein Sarg und Leichtuch sie von dem kuhlen guten Rasengrunde scheidet! Auf dieser frischen, bluhenden Wiese sei ihr Grab gehohlt von meinen Handen, und da die Augen der Mutter von Mangel und Elend trocken sind, so beweinet ihr sie, ihr Oberen, Fremden, Unbekannten, denn nicht unbetrauert soll mein Kind von dannen gehn!"
Der Himmel hatte sich verfinstert, und eine tropfelnde Wolke erfullte den Wunsch der Alten. Diese setzte sich, in ihr Kopftuch eingehullt, zu der Toten, die Knie zum Haupte emporgezogen, das Haupt in den aufgeschlagenen Armen und im Schosse verborgen, nun ganz einer erstarrenden Niobe ahnlich. Cornelie sprach ihr zu, da jene aber schweigend sitzen blieb, so entfernte sie sich in Verlegenheit, Angst, Schrecken uber diese abermaligen unerwarteten Vorfalle.
Ein heftiger Wind hatte sich erhoben, der Regen stromte starker nieder und machte die Gegend ihr unkenntlich. Sie wollte nach einem Bauernhause, dessen Lage ihr ungefahr bekannt war, gehn, um die Bewohner zur Hulfeleistung bei der Alten zu vermogen, nahm jedoch bald wahr, dass sie, vom Wege abgekommen, zwischen Strauchwerk, Ackern und Angern umherirrte. Vergeblich suchte sie, wandernd und zuruckwandernd, eine gebahnte Strasse zu entdecken. Zuweilen stand sie still, um sich zu besinnen, oder ein Gerausch zu vernehmen, welches ihr die Nahe des Dorfs anzeigen mochte, umsonst! nur der Regen rauschte hernieder, nur der Sturm pfiff uber die grauen Felder.
Sie betete still, dass keine Verzweiflung sie uberkommen moge. Wirklich behielt sie ihre Ruhe, obgleich es dunkel geworden war, die Nasse ihre Kleider langst durchdrungen hatte, und wiewohl sie vor Erschopfung kaum noch gehen konnte. Bereit, die Nacht uber draussen, in der wusten Gegend, unter den herabstromenden Fluten zuzubringen, suchte sie nur noch nach einem Baume, einem Steine, oder einer Erdhohle zum Schutze gegen die grimmigsten Launen des Wetters. Unaufhaltsam und unwillkurlich quoll in ihrer Seele eine Geschichte nach der andern empor, die sie gelesen, von Menschen, die aus den ubelsten Lagen gerettet worden waren. Diese Bilder des Trostes umgaben sie mit einer Fulle erquickender Sicherheit.
Auf einmal horte sie in der Ferne Tritte und eine Stimme, die etwas rief, was wie ihr Name klang. Entzuckt sprang sie von dem harten nassen Lager, welches sie bereits erwahlt hatte, und antwortete. Der Ruf und Menschentritt kam naher, eine Gestalt arbeitete sich uber Sturzacker und durch Dorngebusch. Mit den Worten: "Bist du hier, Cornelie?" fasste Hermann ihre Hand.
"Du, du findest mich?" war alles, was sie vorbringen konnte. "Die andern suchen dich auf den Wegen, welche du sonst zu gehen pflegst", sagte er. "Ich meinte aber, dass, wenn du da warst, du dich wohl selbst heimgefunden haben wurdest, und schlug mich lieber hieher in die Wustenei."
Der Regen horte auf, hinter einer Wolke trat der Mond hervor, und beleuchtete den Ort, wo sie standen. Im Augenblicke der aussersten Gefahr war ihr die Hulfe geworden. Dicht neben einem verlassnen, tiefen, mit Wasser ausgefullten Steinbruche hatte sie ihre Rast genommen, ein Schritt, ja nur eine Bewegung wurde sie hinabgesturzt und ihrem Leben ein Ende gemacht haben.
"Du bist mein Retter!" rief sie mit einer Empfindung, welche alles ausgestandne Leid vergutete. "Komm nur, arme Cornelie", sagte er, "du bist ja ganz nass, und wir haben eine gute Stunde nach dem Kloster." Sie hing an seinem Arme, zuweilen musste er sie auch tragen, wo angeschwollne Bache den Weg durchschnitten. Ein stilles Entzucken rieselte durch ihre Adern, sie verspurte nichts von Feuchtigkeit und Frost.
Nach angestrengter Wandrung offnete sich ihren Blicken das Tal, und die Lichter des Dorfs schimmerten ihnen entgegen. Im Kloster war alles dunkel. Sie tasteten sich nach dem gemeinschaftlichen Familienzimmer, wo Hermann seine Gefundne, die vor Mattigkeit kaum noch stehen konnte, sanft auf das Sofa legte.
Eilftes Kapitel
Niemand war in dem weitlauftigen Gebaude zuruckgeblieben; alle suchten noch auf verschiednen Orten und Flecken Cornelien. Hermann zundete Licht an, eilte nach ihrem Zimmer, holte Kleider und Wasche, ging dann in die Kuche, entflammte dort ein machtiges Feuer, und bereitete ein starkendes Getrank aus Wein und warmenden Gewurzen.
Erst nachdem er Cornelien umgekleidet und durch eine Tasse Gluhwein erfrischt sah, dachte er an sich, und wechselte auch seinen triefenden Anzug. Corneliens Jugend und Gesundheit uberwand solche Anstrengungen leicht. Sie versicherte Hermann, als er nach kurzer Weile in trocknen Kleidern erschien, dass ihr vollkommen wohl sei, und bat ihn, nun auch fur sich zu sorgen. Sein Antlitz, von Muhe, Luft und Regen erhitzt, kam ihr gesundet vor, sie schlurfte schmerzlich-froh die susse Tauschung ein.
Er zog den Tisch mit dem Getranke vor das Sofa, und setzte sich zu ihr. Einige Kerzen, welche sie angezundet hatte, verbreiteten durch den Raum ein liebliches Licht. Sie musste ihm einschenken und bemerkte, dass er ihre Hand, wenn sie ihm die Tasse reichte, scheu und fluchtig, als solle es nur Zufall sein, beruhrte.
Draussen kam jemand zur Hausture herein, offnete das Zimmer, und rief: "Gottlob, da sind Sie ja!" Es war einer der Ausgeschickten, der nach lange fortgesetzter Muhe verzweifelt war, seinen Zweck zu erreichen.
"Geht, guter Mann", rief Cornelie, "versucht, die andern, welche sich um mich bemuhn, zu finden, und sagt ihnen, dass ich hier geborgen sei!"
"Nun wird bald das Getose entstehn", sagte Hermann, "und ich ware so gern mit dir noch allein geblieben." Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn liebevoll an. "Ich will dir wohl etwas entdecken", fuhr er fort. "Seit ich erfuhr, dass du bei mir bleiben wolltest, und darum so viele Drangsale von den andern ausstehn musstest, ist es mir, als werde ich vielleicht einmal wieder lachen oder weinen konnen. Vermutlich irre ich mich darin, aber eine Veranderung spure ich an mir, denn es ist auch wahrhaftig keine Kleinigkeit, dass ein so liebes schones Madchen es mit einem armen dummen Menschen, der zu nichts mehr nutze ist, aushalten will. Was hast du davon?"
Ihre Arme umschlangen seinen Nacken, er legte sich wie ein Kind an ihren Hals. "Wenn du recht offen gegen mich warst, mein Hermann", flusterte sie, "vielleicht konnte dir geholfen werden."
"Das ist nicht moglich", seufzte er, "mir steht nicht zu helfen. Kannst du aus Sunde Tugend, aus Ekel Lieblichkeit, aus Unrat Gold und Perlen machen? Nein, nein, ich bin ein ganz zerstortes, um und um gekehrtes Bild, da ist auch kein Zug mehr ohne Schrammen, Brandmale und Flecken. Toll bin ich nicht, habe meinen Verstand und ach! ein nur zu gutes Gedachtnis. Aber wenn ich denke, das mochte ich wohl, oder jenes, oder den wurde ich liebhaben konnen und den hassen, so liegt immer etwas dazwischen, woruber ich nicht hinwegkann, was mich in die Kalte und in das Nichts absperrt. Beschreiben lasst sich der Zustand nicht, schweigen wir davon! Mir wird schwindlicht, wenn ich da hineinblicke."
"Du musst sonderbare Schicksale erlebt haben", sagte Cornelie. Sie erschrak, und rief: "Mein Gott, wie konnte ich das vergessen? Draussen auf der Wiese liegt ja ..."
"Was liegt draussen auf der Wiese?" fragte Hermann.
"Nichts", versetzte sie, innehaltend, weil sie befurchtete, ihn mit der Erzahlung aufzuregen. "Aber eine Bekannte traf ich von dir heute; sie gab mir den Ring fur dich."
Sie reichte ihm den Ring. Hermann sah ihn an, stutzte, hielt ihn gegen das Licht, rieb sich die Stirn, ging sinnend im Zimmer auf und nieder, und fragte dann, wie in einem wachen Traume: "Wer, sagst du, hat dir den Ring gegeben?"
"Ein junges, krankes Frauenzimmer. Ihre alte Begleiterin nannte sie Flammchen. Sie sagte, sie habe ihn einst von dir bekommen."
"Wie?" fragte er, in einen Abgrund von Gedanken versenkt. Er nahm ein Licht, und ging auf sein Zimmer, den Ring immer vor sich hinhaltend, und der wirklichen Welt, so schien es, entruckt.
Zwolftes Kapitel
Gerausch, frohliches Rufen, Leuchten und Fackeln verkundigten das Nahen der zuruckkehrenden Hausgenossen. Cornelie trat ihnen im Flur entgegen, und wurde von allen auf das herzlichste bewillkommt. Der Prediger schloss sie in seine Arme, Wilhelmi nahte sich ihr schuchtern und bat sie um Vergebung. Sie gelobten ihr, dass ihr kunftiges Schicksal nur von ihr abhangen solle.
Alle waren nass und der Erquickung bedurftig. Man versammelte sich, nachdem die feuchten Rocke, Westen und Fussbekleidungen mit trocknen vertauscht worden waren, im grossen Zimmer, wo denn bei einer guten Mahlzeit und einem Glase Punsch die Besorgnisse des Tages und die Muhseligkeiten des Abends vergessen wurden.
Cornelie nahm, sobald es sich tun liess, den Prediger beiseite, und erzahlte ihm von dem Finden der Alten und ihrer sterbenden Tochter. Dieser teilte die Sache Wilhelmi mit, und sie entschlossen sich, am folgenden Morgen nach der Wiese zu gehn, welche Cornelie ihnen beschrieben hatte.
Auch von dem Ringe, und welchen Eindruck derselbe auf Hermann gemacht, war ihnen etwas gesagt worden. Wilhelmi klopfte daher, als die ubrigen sich zur Ruhe begeben hatten, an Hermanns Zimmer, worin noch Licht zu sehen war, und wollte offnen, fand aber die Ture von innen verriegelt, und bekam auf sein Rufen keine Antwort.
Den Prediger hielten am folgenden Tage Amtsgeschafte zuruck; Wilhelmi machte sich daher, nur von einigen Arbeitsleuten begleitet, auf den Weg nach der Wiese. Dort hatten sie einen Anblick, welcher sie in Erstaunen setzte. Die Alte sass noch, wie Cornelie sie ihm geschildert hatte, ohne Regung, mit aufgezognen Knien, das Haupt im Schosse und in den umfassenden Armen; ein Bild des versteinernden Schmerzes, und neben ihr lag der schone, blasse Leichnam, vom Regen und Winde tief in wilde Blumen hineingewuhlt, welche ihre bunten Glocken uber dem erstarrten Antlitze wie leidtragend hin und her wiegten. Wilhelmi erkannte die Zuge des Knaben, der ihm auf dem Schlosse lieb gewesen war, wieder, und fuhlte sich ohne Faden in diesem Labyrinthe ratselhafter Begegnungen.
Er wollte die Alte erwecken lassen, diese fiel aber bei der ersten Beruhrung zusammen. Sie war nicht tot, denn ihr Atem ging, wenn auch kaum horbar, aber in einem bewusstlosen, schlafartigen Zustande.
Ein rustiger Arbeiter musste sich mit ihr beladen und sie nach dem Kloster tragen; den andern gab Wilhelmi die notige Anweisung, wie der Leichnam zu bestatten sei. Uberwaltigt von so vielen ausserordentlichen Dingen, befahl er, dass ganz nach den Worten der Alten hiebei verfahren werden solle, die ihm Cornelie hinterbracht hatte. Schweigend machten die Manner eine tiefe Gruft auf der Wiese, schweigend senkten sie den zarten Leichnam, um den nur ein feines Musselintuch geschlagen ward, ein.
So wurde das wilde, ausgelassne, ungluckliche Flammchen unter Grasern und Blumen zur Ruhe gebracht. Zwischen ihr und der Erde bildeten keine Sargwande eine Scheidung. Nicht unpassend erschien diese Art des Begrabnisses. Den Elementen hatte sie im Leben naher angehort, als der menschlich-geselligen Ordnung, den Elementen wurde sie nun im Tode zu unmittelbarer Gemeinschaft zuruckgegeben.
Die Alte hatte man in ein bequemes Bette gelegt. Ihr Starrkrampf, Schlaf, oder was es sonst war, dauerte fort. Der herbeigerufne Hausarzt erklarte, man musse die Natur walten lassen, welche die inneren Organe wohl wieder so weit beleben konne, um an die Stelle dieses Scheintodes ein wirkliches Bewusstsein zu setzen.
Wilhelmi, Cornelie, der Prediger, ja selbst die kalten Geschaftsmanner wandelten umher, halbkrank, von schwarmenden Einbildungen erfullt. Denn auch Hermann war fur sie unsichtbar geworden. Seit jenem Abende hatte er den Verschluss seines Zimmers noch nicht aufgehoben, nur die notwendigsten Speisen liess er sich einmal des Tages hineinreichen, und schob dann sogleich wieder den Riegel vor. Wilhelmi beobachtete ihn vom Fenster eines gegenuberliegenden Hauses, und sah, dass er unaufhorlich den Ring anstarrte, dann emsig schrieb, und von dieser Beschaftigung nur wieder zu jener Gebarde uberging.
"Was wird aus allem diesem werden?" sagte Wilhelmi eines Tages zum Prediger, mit dem er viel zusammen war. "Wo liegen die Knoten, durch deren Losung ein verworrnes Gewebe zu ordnen sein mochte?"
"Ich bin auf alles gefasst", versetzte der Prediger. "Es sollte mich nicht wundern, wenn hier in unsrer friedlichen Gegend plotzlich ein Vulkan den feurigen Schlund auftate, oder ein Erdbeben unsre Hauser in ihren Grundfesten erschutterte, so wilde Begebenheiten haben einander gedrangt und ubersturzt."
"Grosse Besitzungen ohne Herrn, ein guter, zu allen Freuden des Daseins berechtigter Mensch in Nacht und Kindheit des Geistes gesturzt!" rief Wilhelmi. "Verborgne Schuld abgelaufner Zeiten grausam an das Tageslicht gerissen, und keine Sonne der Hoffnung aufgehend uber den Grabern des Herzogs, des Oheims, der Tante, Ferdinands, Flammchens! Wir sehen gleichsam in einer Gruppe und abgekurzten Figur um uns her das ganze trostlose Chaos der Gegenwart."
"Ware in unsrer Brust nicht der Glaube an ein Gleichgewicht der Dinge unvertilglich, so musste uns das Leben wie ein gewisses Spiel vorkommen, welches die Schulknaben zu treiben pflegen", erwiderte der Prediger. "Sie schreiben auf die erste Seite ihrer Grammatik: 'Wer meinen Namen wissen will, schlage Pagina da und da auf.' Dort wird wieder nach einer andern Seite hinverwiesen, und so weiter. Endlich, wenn der Suchende sich nach und nach durch das ganze Buch vor und zuruck hindurchgearbeitet hat, bleibt der Name mit einem albernen Scherze aus."
Dreizehntes Kapitel
Beide Manner machten haufige Spaziergange in der Gegend, um die truben Gedanken, von denen jeder bedrangt war, zu verscheuchen. Wilhelmi hatte wohl reisen konnen und sollen, denn seine Frau ermahnte ihn in rasch einander folgenden Briefen zur Heimkehr, aber das anhangliche Gemut des sonderbaren Manns litt nicht, dass er gerade jetzt das Kloster verliess. Er wollte wenigstens warten, bis Hermann aus seiner selbstgewahlten Einsamkeit hervorginge, und dann, wenn der Ungluckliche derselbe geblieben war, mit weinenden Augen von dem verlornen Freunde scheiden.
Auf diesen Gangen kamen sie auch einmal in die
Nahe des Hunenborns, und der Prediger, welcher seinem Begleiter von dem dort befindlichen Naturspiele erzahlt hatte, musste sich dazu verstehn, ihm auf die Hohe zu folgen. Wilhelmi nahm vorsichtig den Stein von der kleinen Kindesgruft, schuttelte aber, da er hineingeblickt hatte, unmutig das Haupt, denn er sah nur ein gewohnliches Skelett und einige unscheinbare Tropfsteingebilde umher. "Ich bin durch Ihre Erzahlung so neugierig gemacht worden", rief er, "und nun werde ich nichts gewahr, was nur von fern dem mir so sehr geruhmten Wunder ahnlich sieht."
"Die Feuchtigkeit wird vertrocknet sein, deren Tropfen in allen Farben des Regenbogens geglanzt haben mogen, wenn die Sonne ihre Strahlen in die Hohlung warf", antwortete der Prediger. "Uber uns spannt sich heute ein truber Himmel aus, der nichts beleuchten kann. Tag und Stunde machen viel, und eigentlich ist dieses um so mehr ein Wunder zu nennen, wenn die Schonheit nur einmal und nur einem sichtbar wird."
Wilhelmi deckte verdriesslich den Stein uber, und war auf dem Ruckwege ziemlich schweigsam, so dass der Prediger, der kein stummes Zusammensein ertragen mochte, mehr redete, als gewohnlich. "Erinnre ich mich des Entzuckens meines verewigten, keinesweges zur Schwarmerei geneigten Freundes, so werde ich mir mancher Gedanken noch bewusster, die mich auch sonst wohl bei dem Hinblicke auf die sogenannte leblose Natur verfolgt haben. Sie stellt gleichsam in sich ein zweites Evangelium auf, welches neben dem geoffenbarten freundlich hergeht, und sich von diesem nur dadurch unterscheidet, dass in ihm alles sichtbar und ausserlich wird, wahrend in jenem die Entfaltung des gottlichen Lebens, soll sie nicht auf kindische Tauschung oder katholisierende Bilderei hinauslaufen, nur innerlich und unsichtbar geschieht. Auf solche Weise mag die Natur uns die wahre Erganzung der Offenbarung darbieten sollen; mir wenigstens hat sie in dieser Art oft Trost fur mein Bedurfnis gegeben. In dem Schauspiele, welches der Oheim mir schilderte, sprach sie gleichsam das Geheimnis der Erlosung aus. Wie diese nicht dem Gerechten, sondern dem Gnadenbedurftigen zuteil wird, so hatte sie jenes, aller Wahrscheinlichkeit nach in grosser Sunde empfangne Kind erwahlt, um es mit himmlischer Pracht im Tode zu verklaren."
"Das sind Meinungen, welche das Konsistorium doch ja nicht horen darf", sagte Wilhelmi.
"Die Zeit der Konsistorien ist wohl auch vorbei", versetzte der Prediger. "Ich glaube, dass die Herrn, wenn sie versammelt sind, das Gefuhl der Auguren haben, und sich grosse Muhe geben mussen, einander mit ernsthaften Gesichtern gegenuberzusitzen."
Man hatte unter diesen Gesprachen das Kloster erreicht, und der Prediger trennte sich an der Pforte von Wilhelmi. Dieser ging, uber die Reden des Geistlichen nachdenkend, in sein Zimmer, wo eine Uberraschung auf ihn wartete, die ihn fur das vermisste Wunder reichlich entschadigte. Am Fenster stand Hermann mit frischen, gesunden Wangen, hellen Augen und rief dem Eintretenden entgegen: "Wo bleibst du so lange? Ich habe dich viel zu fragen, du sollst mir auf vieles Antwort geben."
Zweifelnd, zwischen Furcht und Freude, nahte sich ihm Wilhelmi, und betrachtete prufend den Verwandelten. "Was ist mit dir vorgegangen? Du siehst anders aus, als ehedem", sagte er endlich.
"Ich glaube, es wird noch alles gut", erwiderte Hermann mit dem alten zuversichtlichen Tone seiner Jugend. "Lies, was ich in diesen Tagen aufschreiben musste, um mir meine Geschichte deutlich zu machen."
Er reichte ihm die Blatter, an welchen ihn Wilhelmi im verschlossnen Zimmer so emsig hatte schreiben sehn. Sie enthielten die Erzahlung jener abenteuerlichen Nacht auf Flammchens Landhause, deren Rest er mit Johannen zugebracht zu haben meinte.
Wilhelmi wechselte die Farbe bei der Lesung. "Schauderst du schon jetzt?" sagte Hermann. "Lies erst diese Papiere. Ich habe mir den Rock von der Predigersfrau wiedergeben lassen, und die Brieftasche aus dem Futter genommen. Hier ist der Schlussel dazu."
Jener offnete, und durchlief die Papiere, welche das Portefeuille enthielt. "Barmherziger Gott!" rief er, und liess einen der Briefe vor Schrecken fallen, "und dieses Bewusstsein hast du mit dir umherschleppen mussen, o du Armer, du Armster!"
"Ja", versetzte Hermann. "Nun begreifst du wohl, dass einem dabei ubler zumute werden kann, als ihr ubrigen Menschen euch vorzustellen vermogt. Aber den Ring, den mir die Wilde, in deren Schosse ich schwelgte, geraubt, sendet mir nicht Johanna, sondern das Flammchen durch Cornelien, welche die Wahrheit ist und ein herabgestiegner Engel des Lichts. Es haben also, wie ich vermute, die Machte des Himmels nicht zulassen wollen, dass greuliche Fabeln des Altertums auf meinem jungsten Haupte wirklich werden sollten."
Jemand kam und sagte: "Die Alte ist erwacht, nimmt Speise und Trank, wollen Sie nicht mit ihr reden?"
"Komm!" rief Wilhelmi begeistert. "Aus diesem verruchten Munde wird uns, die Ahnung sagt es mir, die volle Klarheit quellen."
Er nahm ihn mit zu dem Gemache, worin die Alte lag, doch musste Hermann auf dem Gange vor der Ture bleiben, welche halb offengelassen wurde.
"Ach!" rief die Alte und richtete sich von ihrem Lager empor, "sind Sie der Hausherr, so tun Sie mir nichts zuleide, das Flammchen ist, wie ich hore, gestorben, damit ist mein Leben eigentlich auch hinweggetan, ich bilde mir nicht mehr ein, mit dem Teufel Bekanntschaft gehabt zu haben, oder vom Grabe etwas Besondres zu wissen, bin nur noch ein altes, mudes Bettelweib. Bringen Sie mich in einem Spitale oder sonstwo unter, und lassen Sie mir notdurftige Kost reichen, ich bin dann schon zufrieden und werde nie mehr Boses tun."
"Alles soll dir vergeben sein, und wir werden fur dich sorgen, wie du wunschest", sagte Wilhelmi, "wenn du mir auf meine Fragen die Wahrheit bekennst."
"Was Sie wollen!" rief die Alte und legte bekraftigend ihre Hand auf die Brust.
"Nun denn, was ist in der Nacht, worin der Ball bei Flammchen war, vorgefallen?"
"O Elend! Elend! Muss ich daruber beichten? Und gerade die Niederkunft war es, welche mein zartes, heftiges Kind so angriff, dass sie seitdem den Keim des Todes in sich trug. Freilich taten die Not und der Mangel, in dem wir umherziehn mussten, als uns die hartherzigen Verwandten aus dem Hause gestossen hatten, auch das ihrige. Wir besassen zuletzt nur noch die Fetzen, welche unsre Blosse verhullten, alles andre mussten wir auf unsern Wandrungen losschlagen, um den Bissen fur unsern Mund zu haben. Aber den eigentlichen Stoss hatte ihr leichter, feiner Leib doch nur von der Geburt empfangen, und ich war die Anstifterin von allem und habe mein Kind schlachten helfen!"
Sie krummte sich, von der furchtbarsten Pein gefasst, konvulsivisch auf dem Lager. Wilhelmi liess diesen Anstoss vorubergehn, und redete ihr dann zu, sich durch ein offnes Gestandnis zu erleichtern.
"Ja so, von der Nacht wollen Sie wissen. Nun, ich bin in Ihrer Hand. Der Herr war in die fremde vornehme Dame verliebt, und das Flammchen in den Herrn. Sie lachte, schakerte und tanzte, aber ich wusste wohl, dass es nur ihr blutendes Herz war, welches in diesen Scherzen abstarb. Ich war ergrimmt auf den Herrn, und ein Kind brauchten wir, um die Erbschaft uns zu erhalten, die, wehe mir Ungluckseligen! doch nachmals verlorenging, da das Flammchen zu spat guter Hoffnung ward. In jener Nacht ging alles uber- und untereinander. Der Ball und der Wein, den ich genossen, und meine eignen Einbildungen hatten mich ganz verruckt gemacht, so dass ich einen Plan ausbrutete, verwunderlich wie die Nacht. Der Zufall half denn auch. Die fremde Dame wollte der Ruhe geniessen und bat um ein andres Zimmer, was entfernter vom Tanzsale lage, worin die Musik noch immer fortlarmte. Als das besorgt und sie umquartiert war, kam mir der alberne Kurator in den Weg, und in der Frechheit meines Hohns band ich ihm auf, die Dame verlange noch nach dem Herrn. Diese Botschaft hat er auch treulich ausgerichtet. Unterdessen wartete das Flammchen, welches ganz in meinen Stricken und Fesseln gebunden war, zitternd vor Angst, Scham und Sehnsucht schon an der Stelle der Dame. Er kam zum Flammchen, nicht zu der Dame; Rausch und Lust haben die Sache vollendet und ihn die Verwechselung nicht merken lassen."
Ein tiefer Atemzug, ein Ruf der Wonne liess sich draussen vernehmen. Wilhelmi eilte vor die Ture und fand seinen Freund auf den Knien liegen, die Arme betend emporgehoben, die von den seligsten Tranen uberstromenden Augen gen Himmel gerichtet. Bewegt von der freudigsten Ruhrung beugte sich der alte Getreue nieder, und druckte schweigend einen Kuss auf Hermanns Stirn. Dann riss er ihn sturmisch an sein Herz, und die Zahren der Freunde mischten sich.
"Wo ist Cornelie, dass ich vor ihr niedersinke, sie im Staube verehre und anbete?" fragte Hermann leise. Wilhelmi fuhrte ihn zu ihr.
Als sie die beiden eintreten sah, in deren Gesichtern der Himmel spielte, trat sie, erschreckt von der Ahnung eines uberschwenglichen Glucks, einen Schritt zuruck. Hermann fiel vor ihr nieder, umfasste ihre Fusse und kusste sie inbrunstig.
"Was soll das!" rief sie erstaunt. "Er ist hergestellt!" jauchzte Wilhelmi.
"Gott! Gott!" jubelte Cornelie mit brechender Stimme.
"Hergestellt!" wiederholte Wilhelmi. "Durch dich, du heiliges Kind. Aus den Handen der Unschuld hat er die Entlastung seiner Seele empfangen."
"Durch mich? Ich weiss ja von nichts", sagte Cornelie, und ihre Hand streichelte wie trunken das Haar des Geliebten.
"Nein, du weisst von nichts, musst auch von nichts wissen", erwiderte Wilhelmi. "Die ewige Gnade erwahlte das reine Gefass, und dieses vollbrachte in Einfalt und Liebe das Werk der Entsuhnung." Und nun erst halt sich der Herausgeber befugt, die Papiere der Brieftasche einzuschalten. Aus ihnen wird erhellen, welche Last auf der Brust unsres Freundes druckte, aus welchen Nachten er zum Lichte wieder emporgefuhrt wurde.
Vierzehntes Kapitel
Inhalt der Brieftasche
I. Graf Heinrich an Hermann, den Vater
Hamburg, den 10. April 1795
Hermann, noch klingt und zittert unser Abschied in allen Fibern meiner Seele nach! Als ich die Rader Deines Wagens rollen horte, barg ich mein feuchtes Antlitz im Tuche, warf mich uber den Tisch, und frass meinen Schmerz hinunter. Nun bist Du fort, ich suche Dich uberall, und umarme nur ein odes Luftbild. Du fehlst mir uberall; "das wurde ich ihm sagen, diese Empfindung in seinen Busen ausschutten!" spreche ich hundertmal des Tages vor mich hin, ach, Du weisst es nicht, Du Kalter, welches Gefuhl fur Dich in diesen Adern siedet! Nur die Freundschaft konnte mein Herz ganz ausfullen, ich zweifle, ob es die Liebe je wird vermogend sein. Ach, dass Du mir fehlst!
Hamburg und Bremen, und Bremen und Hamburg! wirst Du sagen. Funfzehn Meilen, ist das eine Entfernung? Wie bald konnen wir wieder zueinander kommen! Und dennoch, wie fern liegt die Aussicht dazu! schen Jahren war das letzte Auflodern der Jugend, Dich werden Deine Verhaltnisse, in denen Du schon so ziemlich eingesponnen bist, nach und nach immer mehr wie mit eisernen Zangen fassen, und ich muss ja nun auch wohl zu Hause hocken, wenn ich meinen Vater nicht ganz aufbringen, und ihn dazu treiben will, dass er mich auf den Pflichtteil setzt.
Hier bleibe ich noch ein paar Wochen, um dem Meere nahe zu sein, welches mit wunderbarer Gewalt in mir Windstille und Sturmwogen schafft, und dieses eigensinnige, kranke Herz zum Genusse seiner selbst machtig aufwuhlt. Freilich, unter den Kramern wird mir nicht wohl. Gestern wollte mich einer auf ein Schiff mitnehmen, um mir eine Vorlesung uber Befrachtung, Segel- und Steuermannskunde zu halten. Ach", versetzte ich, "lassen Sie das; mir ware notiger zu wissen, wie wir unsern Lebensnachen an Klippen und Untiefen vorbeibringen, welche Winde ihn weiterfuhren, vor welchen Stromungen wir ihn zu huten haben!"
Hermann, unser Schwur, unser heiliger Schwur! Dass sich keiner dem andern in der hochsten Not seiner Seele versagen soll, und galte es das Opfer des eignen Lebens und Glucks. Wir haben es uns gelobt, als wir das Blut unsrer Adern zusammen in die silberne Schale rinnen liessen, und die Flut dann mischten zu dem Weine, den wir genossen, als Kelch eines weltlichen Abendmahls. So schliessen die Wilden ihre Todesbruderschaften, und wir haben's ihnen nachgemacht, und wollen immerhin gar gern ausserhalb der sogenannten Kultur mit unsern Gefuhlen stehn. Wie durste ich, meinen Eid durch eine Tat fur Dich auszulosen!
Ich habe Klopstock besucht, der sich ganz verjungte, als ich ihm von unsrer Freundschaft erzahlte. So meinte er, habe er nur seinen Schmidt, seinen Ebert, seinen Giseke geliebt, und sei diese Liebe, wie er geglaubt, aus der Welt verschwunden gewesen. Er sprach viel von seiner Jugend, von Halberstadt und Gleim, von Fanny und Meta, und sagte, er konne sich in die jetzige Welt nicht mehr recht finden. Die jungen Meister wahnten, die Kunst treiben zu konnen, wahrend sie, die Alten, von der Kunst getrieben worden waren. Ich bat um seinen Segen, den er mir auch als Hoherpriester in Thuiskons Heiligtume feierlichgeruhrt erteilte. Dieser schonen Stunde Anteil fliege Dir, mein Geliebter, auf den Schwingen Idunens zu! Sei mein, wie ich bin
Dein ewiger H.
II. Derselbe an Denselben
Hamburg, den 15. April 1795
Hermann, ich reise. Der Fruhling will vor den Seesturmen, die von Cuxhaven heruberwehn, nicht zum Durchbruch kommen, ich gehe also, ihn an seiner Wiege, im Suden aufzusuchen. In Schwaben oder in der Pfalz will ich mich unter Mandelbaume und Kastanien lagern, alte Burgen erklimmen und mich in schonere Zeiten traumen. Und wenn ich erwache und sehe, dass das Geschlecht der Edleren von der Erde verschwunden ist, so soll mir die jungste Blute die ganze Weltgeschichte ersetzen. Zudem sei Dir vertraut, dass ich von hier fort muss. "Kein Mensch muss mussen", sagt Lessing, aber ich muss doch fort. Die schone Frau, mit der Du mich oft zusammen sahst, bezeigte sich gefalliger gegen mich, als ich anfangs selbst erwarten durfte, das hat nun Folgen gehabt, und so weiter. Die Tranen des armen Weibes fallen wie gluhende Tropfen auf meine Seele, aber kann ich ihr helfen? Was geschehen konnte, ist geschehen, und so muss denn dieses Kapitel meiner Lebensgeschichte vorderhand abgeschlossen sein.
Ich sehe Dich saure Mienen machen, und hore Dich uber Freigeisterei schelten, alter treuer Moralist. Hore tig und eng, dass es eine Umkehrung aller Gesetze der Natur ware, den Mann zum Sklaven einer einzigen Neigung machen zu wollen. Vielmehr hat sie, die ewigwahre, hier schon das richtige Verhaltnis angedeutet, indem sie dem Weibe die Frucht gab, die ihr verbleibt, wahrend der Mann von allen glucklichen Stunden nur ein bald erblassendes Andenken sich erhalt. Bequemen wir uns, die wir Erde und Himmel mit unsrem Geiste umfassen, eine Zeitlang zu den Fussen einer Frau zu girren, so dachte ich, dass ihr das genugen konnte, und mehr begehren, heisst das Unmogliche verlangen.
Dass ich verheiratet bin, dass ein Junge von mir bereits das Abc lernt, was ist's nun weiter? Mein Vater wollte es gern, dass ich, fast noch Student, unterdukken sollte, weil er davon, was weiss ich? welche Mirakel der Besserung erwartete, und mir war es angenehm, dass ich, der ich in so vielem ihm hatte entgegen sein mussen, in diesem Punkte ihm einen Gefallen tun konnte. Hierauf traten wir vor den Altar, das kalte Fraulein Celeste sagte Ja, der warme Graf Heinrich sagte Ja, ein bezahlter Pfaffe sagte Amen, und ich war ein Ehemann worden. Wir haben einen Sohn gezeugt, pflichtmassig, wie die Herrnhuter, und es musste ganz verkehrt zugehn, wenn der Bube nicht ein Ausbund von Tugend und Ordnungsliebe wird, da bei seiner Erschaffung alles im regelrechtesten Gange verblieben ist.
Und damit sollte das Leben eines Menschen beschlossen sein? Verdammt sollte er sein, den Feuerstrom seines Innern in rostigen Formen erstarren zu lassen? Du wirst mich davon nicht uberreden. Du nicht, keiner wird es. Du denkst es auch nicht.
Um eines bitte ich Dich. Halte mich in dieser Materie fur keinen Don Juan, der tierisch umherwutet. Immer ist mein Herz bei der Sache, nie wende ich Verfuhrerkunste an, die ich hasse, wie den Abgrund der Holle. Wir sind schwach, das ist das ganze Geheimnis. Das Himmelsfunkchen: Seele ist in einem Ballen Fleisch und Blut verpackt, haben wir das zu verantworten? Der Gott, welcher uns so hinfallig schuf, wird mit unsrer Hinfalligkeit Mitleid haben, wird von tonernen Gefassen nicht die Harte des Marmors erwarten.
Auch die Lolo habe ich wahrhaft geliebt, und der ungluckliche Ausgang wird eine Narbe in mir zurucklassen, die gewiss so bald noch nicht verharscht.
Bleibe Du mir nur, der Du mir bist, dann steht alles gut.
III. Derselbe an Denselben
Heidelberg, den 1. Mai 1795
O Hermann, wie grunt und bluht es hier! Diese Pracht ist nicht zu beschreiben, man muss in ihr mit allen Sinnen wuhlen. Ich wohne dicht unter dem Schlosse. Nur wenige Schritte, und ich bin mitten unter dem Schnee der Mandelbaume, Kastanien und Apfelstamme. Siehst Du, wieviel besser die Erde auch hierin ist, als der Himmel! Er sendet ihr kalte Flocken zu, und sie wirft ihm von ihrer Brust die warmen duftenden entgegen. Obgleich kein Liebhaber von Werther, da ich aller Sentimentalitat abhold bin, und glaube, dass das Vaterland Manner notig habe, nicht solche schwarmende Siechlinge, so kann ich doch hier nur seine Worte nachsprechen: "Man mochte zum Maikafer werden, um in dem Meere von Wohlgeruchen herumschweben, und alle seine Nahrung darin finden zu konnen."
Deinem Briefe lasst sich leider anmerken, dass Du in der freien Reichsstadt Bremen stark eingepfercht bist. Was soll nur das Geschwatz von Graf und Burger, und dass die Verhaltnisse doch einmal zerstorend zwischen uns treten wurden? Wenn das geschieht, wenn in mir je eine Empfindung von den sogenannten moge mich der Donner des Allmachtigen im namlichen Augenblicke vertilgen! Herzbruder, wir haben einer des andern Blut getrunken, unsre Seelen sind nicht mehr zwei, es sind Saiten derselben Harfe, auf welcher die Akkorde des hohen Liedes von ewiger Freundschaft drohnen.
Sassest Du nur hier bei mir unter den Mandeln, und der Baum bewurfe uns beide mit Bluten, da wurden Dir schon die Grillen vergehn. Von Klopstock habe ich ein paar Zeilen, die mich ganz glucklich machen. Da sie Dich mit angehen, so sende ich sie Dir, und Du magst sie behalten, so schwer es mir fallt, mich von diesen teuren Schriftzugen zu trennen. Aber was teilte ich nicht gern mit Dir!
Zwei Worte Dir ins Ohr, aber sprich davon nicht weiter: Ich liebe! Du lachst und rufst: Nichts Neues! Sachte, Kind, Kind, das ist etwas ganz andres. Lange behilft sich der Laie mit den aussern Bildern des Altarschreins und meint, die Schonheit an ihnen zu besitzen, und nun werden die Flugel aufgetan, und da sieht er erst, welche Herrlichkeit sich auf Erden begeben kann.
Worte sind Worte, und Phrasen geben kein Gefuhl von den Dingen. Also nichts dergleichen. Nur so viel sei Dir gesagt, dass hier ein Markstein meines Lebens gesetzt ist, und dass Dein Freund viel anders werden wird. Sah doch Petrus auch ein Tuch voll reiner und unreiner Tiere, und war eines so gut, als das andre. In dem Tuche sind wir nun auch aufbehalten, von einem Engel beruhrt und geheiligt.
O pfui, das ist Gewasche, nichtssagendes Gewasche! Kurz und trocken also referiere ich Dir, dass ich hier in einem Weinhugelwinkel am Neckar, hart an der Grenze von Schwaben sitze, und einem Magdlein helfe Blumen pflanzen und junge Schoten lesen. Gott gebe der Seligkeit Bestand, lasse mich die ubrige Welt vergessen und von ihr vergessen sein!
Sie ist die Tochter eines Landpredigers, der mich unter seinen Obstbaumen empfing, wie ein Patriarch des alten Bundes. Ich entdeckte das Kleinod auf einer meiner Streifereien den Fluss hinaufwarts. Auf ihren Wangen bluht die Unschuld, und susse Unschuld bluht ihr im Herzen, und um sie weht guter Friede und aller holdseligen Dinge die Fulle. Nun habe ich doch einmal einen Busen, der ganz erfullt ist von mir, und nichts fassen und halten will ausser mir.
Den ersten Mai habe ich diesen Brief begonnen, nun so erhalte ich Deinen vom zehnten Juli, der mich uber mein Schweigen ausschilt, und da sehe ich mit Erschrecken nach, und finde meine paar Satze, die ich diese Monate her auf das Papier gestrudelt, noch unabgesendet vor. So mogen sie Dir denn zukommen, als ein Beweis, dass es Deinem Freunde wohlgeht, denn, wenn man nicht schreibt, und nichts zu schreiben hat, so ist man glucklich.
Denke Dir eine Knospe, frisch und herb aus dem Grun der umhullenden Blatter brechend, und die ganze Pracht der Blute im jungen Rot andeutend, und Du hast das Bild von Babetten, weisst, wodurch sie mich so unwiderstehlich fesselt. Fern von stadtischer Weichlichkeit ist sie aufgewachsen, kraftig unter den Nussbaumen und Weinranken. Ach, wie wohl tut es, nach so manchem Mischgebrau, was wir haben verschlucken mussen, unsern Gaumen einmal an dem kuhlen, klaren Trunke der Quelle laben zu durfen!
Ich lebe hier unter dem Namen eines Herrn von Muller, der Alte sieht unserm Umgange nach, ich bin mit ihr vom Morgen bis zum Abend, und der Tag ist um, ehe wir uns dessen versehen haben.
Deinen Namen muss sie mir hundertmal des Tages nennen, ich empfange ihn von ihren Lippen wie ein heiliges Geschenk des Himmels. Unser ganzes Verhaltnis habe ich ihr erzahlt, sie liebt Dich, ohne Dich gesehen zu haben, und wenn sie mich kusst, so spricht sie: "Dieser da ist fur Dich, und der fur Deinen Freund, da Ihr ein Herz und eine Seele seid, so darfst Du nicht eifersuchtig werden." Neulich sagte sie mir mit ihrer himmlischen Naivetat: "Du bist ein Edelmann und wirst mich armes Schwabenmadel nur verfuhren; wenn das ist, so mochte ich Deinen Freund am liebsten heiraten, bitte, rede mir beizeiten das Wort bei ihm!"
IV. Derselbe an Denselben
* den 4. September 1795
Was daraus werden soll? fragst Du, und hast den Arsenal der Pflichtenlehre geplundert, mich hier in meinem Versteck mit allerhand Tugendermahnungen zu beschiessen. Freund, wenn ich in ihren Armen ruhe, mochte ich die ganze Welt beglucken, ich bin so froh, wie Jupiter, wenn er von Liebe geschmeichelt. Regen und Sonnenschein den harrenden Geschlechtern der Menschen sendet. Ich konnte dann alles tun, opfern, hingeben, ein weinendes Auge zu trocknen, einer guten Seele eine freudige Minute zu schaffen. Ist das nun Laster?
Sind wir nicht schon unglucklich genug durch unsre Verhaltnisse, ist dem wundgedruckten Sklaven auch das versagt, auf eine kurze Stunde die Kette zu lockern, die sein Fleisch schmerzlich presst?
Hat mich mein Geschick gefragt, ob ich dieses reizende Madchen lieben wolle? Sind wir dafur verantwortlich, was ein geheimnisvoller Zug in uns ohne unser Zutun schafft? Da ich ihre Augen sah, musste ich in sie mit den Pfeilen meiner Blicke eindringen, da ihre Lippen mir winkten, wie konnten die meinigen widerstehen? Da an ihrem Busen die susseste Ruhesen, mich nicht dort zu betten.
Ich walze abenteuerliche Plane um. Meine Frau macht sich nichts aus mir, mein Vater hat mich nie geliebt, was bin ich ihnen also? Mein Dasein ist ihnen vollig unnutz, und ich bedarf wieder der Flittern des Standes nicht. Wenn ich mich mit der, die meine Seele liebt, verberge, weit, weit hinter grossen Stromen und undurchdringlichen Wildnissen, und loschte aus im Angedenken der Menschen, ausser in Deinem, in dem unterzugehen, fur mich der moralische Tod ware, harter als der physische.
V. Derselbe an Denselben
* den 8. September 1795
Dass mich meine Narrheit zwingt, alles Dir zu vertraun, obgleich ich weiss, dass Du schmalst; aber ich besitze und geniesse etwas nur, wenn ich es mit Dir teile. Ich merke es Deinen Briefen an, besonders dem letzten, dass Du mit mir zurnest, Du sprichst keine Vorwurfe mehr aus, aber alle Zeilen sind ein Vorwurf. Da ware es nun an der Zeit, sich auch zuruckzuziehn, bis der bose Freund dem andern seine Wonne mit gutem Herzen gonnte. Aber ich kann das nicht, zu meinem Gluck oder Ungluck ist mir die uberstromende Seele gegeben, die nur in schrankenlosem Vertrauen, in unendlicher Hingebung sich befriedigt fuhlt.
Ich lebe jetzt mit Babetten auf diesem alten Bergschlosse, tief im wildesten Gebirg. Der Vater, nachdem er unsre Liebe lange toleriert, wollte auf einmal den Strengen spielen, untersagte mir das Haus, sperrte mein Madchen ein. Gegen Zwang hat sich seit Adams Zeit noch immer die freie Liebe emport; in einer Nacht, welcher Venus den funkelndsten Schein spendete, folgte mir die Getreue, die Holdselige.
Nun fuhren wir, von Waldkronen umrauscht, zwischen Trummern und Klippen hausend, ein Leben wie ist, ausser einem alten Pachter mit seiner tauben Magd und einem halb blodsinnigen Knechte keine Menschenseele in diesem Steinklumpen, auch wohnen auf eine Stunde Weges hin keine Leute. Diese Einsamkeit hat etwas Grosses, wundersam Susses. Wenn die Sonne den Wald in einen grungoldnen Zauberpalast verwandelt, oder der Sturm, wie der Atem des Geistes, durch die Zweige der Buchen geht, und ich mein Madchen in den Arm fasse, da dunkt's uns oft, wir seien dieser Zeit entruckt, und lebten in den Tagen der Fabel.
Die Liebe lebt ihre eigne Geschichte, und braucht der Aussendinge nicht. Babette besorgt die Kuche, ich spalte ihr das Holz, oder suche mit der Jagdflinte ihr einen Braten zu erlegen, und wenn ein Gericht wohl geraten ist, oder mein Weidwerk gute Beute gab, so sind das grosse Ereignisse, an welchen wir lange nachzuzehren haben.
Sie hat mir eines nicht versagen durfen, was ich Dir zitternd, leise und scheu, wie ein Kind, das vor der Mutter sich furchtet, vertraue. Wenn Dunkel sich uber Berge und Taler goss, und auch die Abendlampe erlosch, dann ruhe ich selig und froh an ihrer Seite. Wehe Dir, wenn Du etwas Ubles davon denkst! Nein, heilig und unstraflich teilen wir das liebliche Lager, und tiefe Ehrfurcht vor der Unschuld liegt zwischen uns, wie ein geschliffnes Schwert. Es war nur so eine Laune und Grille von mir; zu proben, ob man nicht lieben kann, wie die Engel sich lieben. Und siehe da, die Probe ist gelungen. Ach, wie suss sie zitterte, da ich zum ersten Male von meiner ersturmten Befugnis Gebrauch machte, und wie ruhig sie nun mir am Busen entschlaft!
VI. Derselbe an Denselben
* den 20. Oktober 1795
Lieber, man ist oft nicht in der Stimmung, andern zu antworten. Nimm es mir also nicht ubel, wenn ich auf Deine Fragen nichts erwidre, als die Bitte, mir mit guter Art meinen Taufschein zu verschaffen, dessen ich zur Ausfuhrung eines notwendigen Vorhabens bedarf.
Ich habe Babetten meinen Stand und Namen entdecken mussen, Du kannst mir also das Verlangte nur unter meiner wahren Adresse hieher senden.
Der alte Kaplan ist mir ergeben, er wird reinen Mund halten, wenn Du den Schein unter dem Siegel der Verschwiegenheit von ihm forderst. Ich mag nicht an ihn schreiben, denn aus allerhand Anzeigen schliesse ich, dass mein Vater und meine Frau mir auf der Spur sind, und ein Brief von mir konnte leicht durch eine schadenfrohe Zufalligkeit ihnen bekannt werden.
VII. Babette an Hermann
* den 24. Oktober 1795
Ein ungluckliches Madchen, elender als Worte es zu nennen vermogen, beschwort Sie bei der Pflicht der Wahrheit, und Sie erinnernd an die letzte Stunde, welche alles uns vorhalt, Gutes und Schlimmes, ihr zu sagen, ob ein Edelmann, namens von Muller, der auch Graf * heissen soll, bereits vermahlt, und Vater eines Sohns sei?
VIII. Graf Heinrich an Hermann
* den 6. November 1795
Es bedarf keiner Antwort auf die Zeilen Babettens, welche Du mir uberschicktest. Sie weiss alles, und wir mogen uns nur die Haare ausraufen, mit den Nageln unser Antlitz zerfleischen, und dem Kitzel unsres Vaters, der warmen Stunde unsrer Mutter fluchen, welche ein Tier mehr: Mensch genannt, in die Marterkammer, Leben, trieben.
November sollte das ganze Jahr hindurch sein, so schwarz, sturmisch und regnerisch, wie dieser! Der Mai ist eine Luge, und jeder Sonnenblick ist eine! Da sitzen wir nun; Babette in ihrer Stube, die sie vor mir verschlossen halt, und ich in meiner, und der Vater geht unter dem Burgwalle auf und nieder, und zerstampft das Gras mit seinem Stocke. Unsinn der Welt, Chaos, weites, wustes Narrenhaus! Die Natur erbaut auf Gefuhlen den ganzen grossen Tempel des Seins, und wenn wir ihnen folgen, lohnt sie uns mit Verzweiflung ab.
Ich will versuchen, Dir zu erzahlen, wenn meine von Weinen geschwollnen Augen, meine zitternden Finger mir erlauben, den Brief zu Ende zu bringen.
Der Zustand Babettens war unzweideutig geworfliehn, dort mich mit ihr zu verbinden, und fur meine deutschen Verhaltnisse fortan tot zu sein. Was an diesem Vorsatze unerlaubt war, erschien mir leicht und verzeihlich gegen die Sunde, das Madchen meines Herzens dem Jammer preiszugeben.
Ich sprach mit ihr davon, arglos willigte sie in alles, schopfte auch keinen Verdacht, als ich ihr meinen Grafenstand entdeckte, liess meine Vorwande gelten. Den Taufschein erbat ich mir von Dir, damit kein Priester der Trauung Hindernisse in den Weg legen konnte.
Da muss mein boser Stern unsern Freund Miller in die Nahe des Neckars fuhren. Du weisst, wie er mich mit seiner Freundschaft verfolgte, wie mir seine ubertriebne Empfindsamkeit zuwider war. Er hort durch Zufall von mir, und beim wildesten Wetter steht er auf einmal in meiner Burgzelle vor mir. Ich empfange ihn kalt, verlegen, er macht mir Vorwurfe, aber bleibt, ich rede von einer Reise, die ich sogleich in einem Geschafte anstellen musse, er erbietet sich, mich einige Meilen zu begleiten.
Ehe ich noch einen Entschluss fassen, ein ungluckliches Zusammentreffen verhindern kann, hat er Babetten gesehen, gesprochen, und mich in ihrer Gegenwart nach meiner Frau, meinem Kinde befragt.
Wenn auch alle Guter, alle Zauber des Lebens sich vereinigten, mich so hoch zu heben, als ich jetzt tief gesturzt bin, den Blick, das Antlitz Babettens werde ich nicht vergessen, womit sie diese Entdeckung anhorte. Die Stunde wird wie ein schwarzer Schatten uber meinem Dasein lasten bleiben, und stiegen die Engel mit Schalen voll himmlischer Fluten herunter, meine Seele rein zu waschen. Es war nicht Zorn, nicht Schreck, nicht Besturzung, was in ihrem Gesichte sich malte, es war, ach, wer kann, wer mag das Furchtbare schildern, wenn treue heisse Liebe auf einen Ruck sich in ihr Gegenteil umsetzt?
Die Donner des Schicksals waren durch den Unberufnen nur beschleunigt, abzuwenden waren sie dennoch nicht gewesen. Nach einem grauenvollen Tage, den ich vergeblich flehend vor Babettens verschlossner Ture zernichtet zubrachte, drang durch Sturm und Regen ihr Vater hieher, der uns durch seine Spaher endlich doch ausgekundschaftet hatte. Briefe von den sogenannten Meinigen hatten sich in seine Pfarrwohnung verirrt, und waren von dem argwohnischen Alten erbrochen worden. Er kannte also alle meine Verhaltnisse. Anfangs wollte Babette auch ihn nicht einlassen, die Gewalt der vaterlichen Autoritat siegte aber endlich, und es gab eine erschutternde Szene.
Ich erklarte mich zu allem bereit, was nur im Umfange menschlicher Krafte stehe; man nahm meine Versprechungen nicht an, und der Alte bediente sich harter Ausdrucke gegen mich, die ich seinem Kummer zu vergeben hatte.
So ist denn diese Ruine zur Holle geworden, die im engen Raume drei unselig Leidende vereinigt. Ich bin keiner Entschliessungen fahig, mein ganzes Wesen ist eine blutende Wunde, in welcher die scharfen Messer der grimmigsten Reue wuhlen. Hast Du ein Wort, ein Zeichen fur mich, was mir Rat oder Lindrung geben kann, so lass es mir werden!
IX. Derselbe an Denselben
* den 8. November 1795
Lies den anliegenden Brief Babettens, und schaffe Hulfe! Die Verzweiflung uberspringt alle Schranken, wer das Mittel bei sich truge, uns aus der greulichen Not zu retten, dem konnte ich den Degen auf die Brust setzen, und ihn um das Mittel ermorden. Hermann, unser Schwur, geleistet uber den vereinigt-rinnenden Blutwellen der Freunde! Nun ist die Gelegenheit da, nun beweise, dass Du ihr Dasein fuhlst! Ich sage nicht mehr; Du musst mich verstehen, oder der Bund zweier Manner war eine Posse, eine gemeine Luge.
Beilage Babette an den Grafen Heinrich
Sie sturmen und dringen an der Ture meines Zimmers, um mit mir zu reden; ich wiederhole, was ich Ihnen schon durch meinen Vater sagen liess, dass ich nimmer mit Ihnen mehr spreche. Was Sie von mir zu erfahren haben, sei diesen Zeilen anvertraut.
Ich habe gestern die Absicht gehegt, mir das Leben zu nehmen, welches mir vollig gleichgultig ist, seit ich weiss, dass Sie ein unehrlicher Mann sind. Ich stieg auf die Spitze des Felsens hinter der Burg, und wollte mich von seiner jahen Hohe hinuntersturzen in die schwarze Tiefe, dass da drunten mein zerbrochnes, blutiges Gebein von den Wogen des Waldstroms fortgeschwemmt werden mochte. Mein alter unglucklicher Vater war mir nachgegangen, und hat mich zuruckgehalten.
Was er mir uber die Sunde dieses Schrittes, soweit es nur mich allein betrifft, gesagt, habe ich nicht verstanden, denn mein Leben ist so ganz unnutz geworden, dass ich nur glauben kann, ein so verwelktes und zerknicktes Blutenblatt werde am besten dahin getan, wo der Kehricht ist. Allein das zweite Leben, welches mein verfluchter Schoss empfangen, daruber darf ich allerdings nicht verfugen, ohne zur Morderin zu werden. Hievon haben mich die Reden meines Vaters uberzeugt.
Ich soll also nicht sterben und kann nicht leben. Ihren Antrag, sich scheiden zu lassen, und mich zu heiraten, verabscheue ich. Dadurch wurde ich mir einen neuen Frevel aufladen, und mich an Ihrem Ehebruche beteiligen.
Meine Ehre will ich gleichwohl von Ihnen wiederhaben, und diese mir zu schaffen, gebiete ich Ihnen. Wie es geschieht, gilt mir gleich, ich bin vollig willenlos, alle Dinge sind mir recht, die geschehn, den einzigen Wunsch, den ich noch habe, zu erfullen. Was man mir vorschlagen wird, es sei noch so fremd und widerwartig, ich genehmige es schon jetzt, ohne es zu kennen.
Wenn Sie in dieser Beziehung etwas ausfindig machen, so haben Sie mir es zu melden, ohne Beisatz und Redensart, die mich von Ihnen anwidern, da ich Ihnen nichts mehr glaube, nicht einmal Reue und Scham.
X. Hermann an den Grafen Heinrich
Abschrift
Bremen, den 16. November 1795
Es gibt Dinge, die nichts weiter zulassen, als die Handlung, alles Reden daruber ist unnutz. Was hulfe es mir, Dir meine Betrachtungen uber die trostlose Geschichte mitzuteilen? Es ist nun dahin gekommen, was ich immer vorausgesehen, und Dir vorhergesagt habe, dass Dein Sinn Dich vor einen Punkt fuhren wurde, wo Dir Blick und Aussicht, ja Bewusstsein verschwinden musste.
Aber wie gesagt, hier gilt es die Tat, die Worte sind leere Spreu. Aus den Briefen des Madchens sehe ich, dass sie keine Metze, keine Narrin ist, die mit Phrasen umgeht; der Lapidarstil, in dem sie an Dich schreibt, zeugt von einer starken Seele. Und ein solches Wesen hat mein Freund entwurdigt, und sein Kind soll ein Bankert heissen?
Dem soll nicht so sein. Du nennst mich kalt, der Kalte wird Dir seine Kalte beweisen. Wenn Du diese Zeilen empfangst, bin ich schon unterwegs. Ich werde vor Babetten hintreten und sie fragen, ob sie meine Hand annehmen will, und ob ich ihre Schande mit sche ich nicht zu treffen; diese Sache ist nur zwischen dem Madchen und mir; Dein Anblick wurde mir nur unnutze Schmerzen machen.
Antworte mir nicht, danke mir nicht, lass uns uberhaupt eine Zeitlang, bis die Gemuter sich einigermassen beruhigt haben werden, fur einander nicht vorhanden sein. Ich weiss, was ich tue, opfre mich fur Dich, gebe ein Leben und seine Freuden dahin, Dir zu helfen. Ein solches Gefuhl will geschont sein, und wird durch jedes Anruhren, auch durch das wohlgemeinte, nur noch qualender aufgeregt. In seinen Tiefen werde ich mit der Zeit, wo nicht Trost, doch Beschwichtigung schopfen.
Was mir schon jetzt Halt und Starke gibt, ist die Empfindung, dass ich ja gewusst habe, wie alles sich fugen wurde. Graf und Burger sollen die Hand einander nie zu so engem Bunde reichen, sollen bleiben, wohin der Stand einen jeden gestellt hat. Den einen treibt sein Geschick in das Weite und Freie, den andern weiset es in ziemlich enge Schranken. Uberspringen sie die gezognen Grenzen, so hat sich der, welcher den Fehltritt erkannte, da er ihn beging, uber die schlimmen Folgen nicht zu beklagen, die fruh oder spat eintreffen mussen.
Nachschrift des Senators Hermann
1816
Du empfangst in diesen Briefen, mein Pflegesohn, ein verhangnisvolles Geschenk. Ich darf es Dir nicht vorenthalten, denn wenn Du nicht wusstest, wer Du bist, und von wem Du abstammst, so konnten sich ja entsetzliche Dinge ereignen, unbewusst konntest Du Frevel begehn, vor denen die Natur zuruckschaudert. Dass eine Schwester von Dir lebt, weiss ich mit Bestimmtheit, sie heisst Johanna, und wird auf dem Schlosse ihres Vaters erzogen.
Gern hatte ich Dir sonst diese Entdeckungen erspart, welche Dein Herz zerreissen, und Dich vielleicht auf lange Zeit unglucklich machen werden.
Nach meinem Willen sollst Du die Briefe, welche wir damals wechselten, erst lesen, wenn Du Dein mannliches Alter erreicht haben wirst. Du wirst dann die Starke haben, der Eltern Schuld zu wissen, und doch an diesem Wissen nicht unterzugehn. Vor allem suche das Bild Deiner Mutter in Dir rein zu erhalten. Wir haben ein ungluckliches Leben zusammen gefuhrt, aber ich muss ihr das Zeugnis geben, dass sie die edelste und bravste Seele war, welche ich je gekannt.
Was mich betrifft, so wird Dir hoffentlich Deine sen bin. Ich habe mein Gelubde gehalten, und dieser Gedanke gibt mir eine gewisse Heiterkeit. Meine Tage sind gezahlt, ich fuhle das; Melancholie hat meine Lebenskrafte verzehrt, und mich vor der Zeit zum Greise gemacht.
Suche auch nach dieser Entdeckung ein freundliches Verhaltnis mit meinem Bruder zu erhalten, der das Legat Deines Vaters Dir ausantworten wird. Er ist eigen und schroff, aber zuverlassig und wacker.
Ich glaube, Du Armer, dass Dir verschlungne Lebensschicksale bevorstehn. Sobald Deine Eigenschaften sich zu entwickeln begannen, sah ich an Dir ein Gemisch von Deines Vaters Leichtsinn und Deiner Mutter Schmerzen. Mogen denn gute Geister sich Deiner annehmen, wenn die Sorge in das Grab sank, welche Deine Kinderjahre behutete! Mit diesem Segenswunsche sei in das Leben entlassen.
Funfzehntes Kapitel
Rasch war Hermanns Besserung vorwartsgegangen. Neu war ihm die Welt geworden, er nahm von ihr zum zweiten Male Besitz, ausgerustet mit allen Erfahrungen der fruheren Zustande. Ungluck und Gluck hatten ihre, bis zum Uberlaufen vollen Schalen auf seinem Haupte ausgeleert; Stimmungen, wie sie durch solche Wechselfalle erzeugt werden, entziehn sich der Schilderung. Er fuhlte, dass sein Geschick ihn jeder selbstsuchtigen Tatigkeit fur immer entruckt habe, und dass er dennoch nur um so fester mit allen Fasern der Erde verwachsen sei.
"Wir wurden nicht glauben, dass dergleichen erlebt werden konnte, hatte es uns nicht selbst betroffen", sagte er nach diesen Tagen einmal zu Wilhelmi. "Wie hat mich der Wahn in wechselnden Gestalten, lacherlichen und schrecklichen, verfolgt! Als Zwanziger meinte ich fertig zu sein, und muss mich nun in den Dreissigen als Anfanger und jungen Schuler bekennen."
"Du bist hierin nur der Sohn deiner Zeit", versetzte Wilhelm!. "Sie duldet kein langsames, unmittelbar zur Frucht fuhrendes Reifen, sondern wilde, unnutze Schosslinge werden anfangs von der Treibhaushitze, welche jetzt herrscht, hervorgedrangt, und diese mussen erst wieder verdorrt sein, um einem zweiten gesunderen Nachwuchse aus Wurzel und Schaft Platz zu machen. Wohl dem, der hiezu noch Kraft und Mark genug besitzt! Ich sage dir, blicke frohlich vor dich hin, denn du kannst es."
"Das tue ich auch", erwiderte Hermann. "Mir ist fromm zu Sinne, obgleich ich nicht bete und den Kopf nicht hange."
Auch er machte einen einsamen Gang nach dem Hunenborne. Dort nahm er die Decke von der Gruft des Kindes seines Kindes und stand lange in die Betrachtung dieser Uberbleibsel eines Lebens versenkt, welches, ihm unbewusst, von ihm entsprungen, und, ihm unbewusst, auch schon wieder in die dunkle Nacht zuruckgesunken war, aus welcher die Geburten der Erde auftauchen. Er legte den Ring zu dem Skelette, und liess dann ein fest umschliessendes Gewolbe aufmauern, die Hand und den Blick der Neugier fur immer von diesen Gebeinen abzuwehren. "Das ist gut", sagte Wilhelmi, der davon horte; "nun sind die bosen Geister der Vergangenheit unter Salomos Siegel gelegt. Der Mensch bedarf solcher symbolischer Handlungen, um sich von einer Last ganzlich zu befreien." Er selbst hatte die Alte zu guten Leuten an einen einsamen Ort geschickt, wo sie in gehoriger Kost und Pflege ihre noch ubrigen Tage zubringen sollte.
Unter den Angehorigen und Bekannten des Hauses herrschte die grosste Freude. Alle nahmen den herzlichsten Anteil. Der gute Prediger und seine Frau, die Geschaftsleute, welche noch da waren, empfanden ein reines Behagen. Wilhelmi erhielt von seiner Frau unbeschrankten Urlaub, bei Hermann zu bleiben, bis dessen samtliche Angelegenheiten geordnet waren. Der Arzt schickte einen Brief, der ein Dithyrambus war auf die Truglichkeit medizinischer Prognose. Selbst die alte Nonne kam von ihrer Meierei herbeigewankt, dem Genesenen die Hand zu schutteln. Auch Theophilie hatte sich gluckwunschend genaht. Ihr schien leicht und frei um das Herz zu sein, dass Hermann nun hier waltete. Sie sah verjungt aus. Mit einem ihrer kecken Scherze stellte sie an ihn den Schlussel zum Erbbegrabnis zuruck.
Neben solchem Lichte begann freilich auch der Schatten sich schon wieder einzufinden, welcher keinem Gemalde des Menschlichen fehlen darf.
Hermann musste, sobald er mit ruhigem Blicke seine wunderbare Lage ubersehen hatte, uber die ihm angefallnen Reichtumer sehr nachdenklich werden. Das alles gehorte ihm vor der Welt und von Rechts wegen, und doch war dieses Recht nur ein Schein, denn er war nicht der Neffe seines Oheims. Durfte er gleichwohl der Wahrheit in diesem Falle die Ehre geben, das Verborgne enthullen, und die Asche auch seiner Mutter noch im Grabe beunruhigen? Sein Innerstes emporte sich dagegen2.
Im Widerstreite der Pflichten wollte er wenigstens tun, was moglich war. Er liess daher der Herzogin den Ruckkauf der Standesherrschaft unter Bedingungen anbieten, welche das Geschaft einer Schenkung so ziemlich nahe brachten. Wilhelmi, welcher die Unterhandlung leitete, hatte ihm aber bald die ablehnende Antwort der Dame zu eroffnen, da sie sich mit der ausgeworfnen Apanage begnugen konne, und jede Verwicklung in die Dinge der Erde scheue.
Auch einem Besuche, zu dem er um die Erlaubnis gebeten hatte, versagte sie sich. "Schwerlich wird sie dich jemals wiedersehn mogen", ausserte Wilhelmi bei dieser Gelegenheit; "Frauen ihrer Art haben eine Unwiderruflichkeit der Stimmungen, ahnlich der Gnadenwahl. Wer ihnen einmal unangenehm geworden ist, bleibt es, auch wenn sie sich von der Nichtigkeit ihrer ublen Meinung uberzeugt haben. Sie wird es dir nie vergeben, dass du Flammchen auf ihrem Schlosse bei dir gehabt hast, obgleich sie durch den Arzt nun wohl wissen mag, dass die Sache damals die schuldloseste von der Welt war."
Cornelie zog sich, je mehr Hermann der Welt und den Menschen anzugehoren begann, wieder sichtlich von ihm und in ihr Innres zuruck. Sie mied die Gesellschaft und ihn, wo sie konnte. Eine stille Verlegenheit war an ihr bemerkbar; es schien ihr an dem Orte, wo ihr Herz, durch gewaltsame Angriffe erschuttert, sich verraten hatte, unwohl zu sein. Hermann blickte zu ihr, wie zu einem hoheren Wesen auf, er wagte keinen Wunsch, er erlaubte sich keine vertrauliche Benennung, er gestattete sich nicht, ihre Hand zu ergreifen.
Eines Tages sagte sie zu Wilhelmi, dass sie bereit sei, mit ihm abzureisen. Er stutzte. "Nun wollen Sie von hier fort? Nun?" fragte er. "Veranderliches Kind!"
"Und warum nicht? Ich bin hier nicht mehr notig. Er ist gesund. Also lassen Sie mich in die Dienstbarkeit wandern, der ich von jetzt an doch verfallen bin."
Wilhelmi sann nach. "Wir wollen der Standesherrschaft einen Besuch abstatten", sagte er, "mein Freund und ich. Von dort kehre ich uber diesen Ort nach * zuruck, und dann konnen Sie mich begleiten, wenn Sie noch bei Ihrem Vorsatze beharren."
Er ging zu dem Prediger und hielt mit diesem und mit dessen Gattin Beratung. Darauf schrieb er einen langen Brief an Johannen. Hermann hatte diese erst sehen wollen, wenn noch einige Zeit verflossen ware. Er sehnte sich, und scheute sich doch, mit der Schwester wieder zusammenzutreffen.
Letztes Kapitel
Wieder glanzte der klare Herbsthimmel uber Park, Schloss und Hugeln, wieder bluhten die Georginenbeete der Furstin, und die Abendsonne verklarte abermals die gelbroten Kronen der Baume. In grossem Ernste hatten die beiden Freunde den Tag uber alle die Zimmer, Sale, Statten und Platze durchwandert, welche sie nun unter so ganzlich veranderten Umstanden wiedersahn.
Jetzt sassen sie ausruhend in dem bekannten Gartenkabinette. Dort lag noch ein von der Herzogin vergessnes Buch aufgeschlagen. Hermann nahm es, und druckte sein tranenfeuchtes Auge auf die Blatter, welche ihre zarte Hand beruhrt hatte. Wie ward ihm, als er einen Blick hineinwarf! Es war wieder ein Band von Novalis und das Marchen von Hyazinth und Rosenblutchen, welches ihm einst im Forsterhause so prophetisch begegnet war.
Er seufzte und legte das Buch weg. Wilhelmi hatte nachgesehen und sagte: "Im Bilde stellen oft die unsichtbaren Lenker unsre Geschicke an beiden Seiten des Lebensweges auf. Erinnerst du dich noch unsrer Gesprache uber den Wahn, ferner uber die Verfluchtigung des Eigentums? Das alles ist an dir nun eingetroffen. Und wie viele andre Vorzeichen wurden uns gegeben! Schon vor Jahren, bei unsrem Ritterspiele machtest du hier den Herrn, und Cornelie wurde zur Konigin des Festes ausgerufen.
In unsern Geschichten", fuhr er mit Erhebung fort, "spielt gleichsam der ganze Kampf alter und neuer Zeit, welcher noch nicht geschlichtet ist. Furchterlich hatte der Adel an seiner eignen Wurzel geruttelt, seine Laster brachten trostlose Zerruttung in die Hauser der Burger. Der dritte Stand, bewehrt mit seiner Waffe, dem Gelde, racht sich durch einen kaltblutig gefuhrten Vertilgungskrieg. Aber auch er erreicht sein Ziel nicht; aus all dem Streite, aus den Entladungen der unterirdischen Minen, welche aristokratische Luste und plebejische Habsucht gegeneinander getrieben, aus dem Konflikte des Geheimen und Bekannten, aus der Verwirrung der Gesetze und Rechte entspringen dritte, fremdartige Kombinationen, an welche niemand unter den handelnden Personen dachte. Das Erbe des Feudalismus und der Industrie fallt endlich einem zu, der beiden Standen angehort und keinem."
"Und der diesen rechtmassig-unrechtmassigen Erwerb nimmer mit Ruhe um sich gelagert sehen wurde, hatte er sich mit seinem Gewissen nicht wenigstens abzufinden vermocht", sagte Hermann. "Dir, meinem Getreusten will ich hieruber meine Entschliessungen eroffnen, damit dir das Bild des Freundes rein und unentstellt bleibe. Ich fuhle die ganze Zweideutigkeit meiner Doppelstellung. Lass dir also sagen, dass ich willens bin, das, was sie mein nennen, und was mir doch eigentlich nicht gehort, nur in dem Sinne, von dem du einst redetest, namlich als Depositar, zu besitzen, immer mit dem Gedanken, dass der Tag der Abtretung kommen konne, wo denn die Rechnungslegung leicht sein wird, wenn der Verwalter fur sich nichts beiseite geschafft hat."
"Es klingt gut", versetzte Wilhelmi, "schwer wird es mir aber, dabei an etwas Bestimmtes zu denken."
"Vor allen Dingen sollen die Fabriken eingehn und die Landereien dem Ackerbau zuruckgegeben werden. Jene Anstalten, kunstliche Bedurfnisse kunstlich zu befriedigen, erscheinen mir geradezu verderblich und schlecht. Die Erde gehort dem Pfluge, dem Sonnenscheine und Regen, welcher das Samenkorn entfaltet, der fleissigen, einfach-arbeitenden Hand. Mit Sturmesschnelligkeit eilt die Gegenwart einem trocknen Mechanismus zu; wir konnen ihren Lauf nicht hemmen, sind aber nicht zu schelten, wenn wir fur uns und die Unsrigen ein grunes Platzchen abzaunen, und diese Insel so lange als moglich gegen den Sturz der vorbeirauschenden industriellen Wogen befestigen. Ich habe bemerkt, dass die Manner, welche unter dem Oheim so tatig waren, jetzt im stillen alle sich nach Selbstandigkeit sehnen, was ja auch ganz naturlich ist. Sie haben ihre Lehrjahre unter diesem Meister vollendet, und sind durch seinen Tod losgesprochen. Mogen sie also ihre Prozente nach reichlichster Berechnung aus meiner Bank ziehn, und dann den vorangegangnen Genossen in alle Welt folgen!"
"Diese Handlungen durften doch die Befugnisse eines Depositars ubersteigen", sagte lachelnd Wilhelmi.
"Ich bitte dich", versetzte Hermann, "streite mit mir nicht uber Worte. Jener Ausdruck konnte nur etwas sehr Beschranktes andeuten, und mein Gefuhl ist ein unendliches. Sei zufrieden, wenn du in meinem ferneren Leben wenigstens ein Streben erblickst, die Gegensatze, welche auf meine Schultern geladen sind, wurdig zu schlichten."
"Sei denn auch du nur zufrieden, mein Geliebter", sprach Wilhelmi. "Schon in den letzten Tagen unsres Dortseins, und dann auf der Herreise bemerkte ich an dir eine schwermutige Trauer, welche zu der jetzigen heitern Wendung der Dinge nicht passt."
"O mein Freund, diese Trauer werde ich wohl ewig fuhlen!" rief Hermann mit ausbrechendem Schmerze. "Ich danke Gott, dass ich das alles wiedererlangen durfte, was ich entbehrte, und doch ist mir in vielen Stunden, als besasse ich nichts. Ist denn die Staude etwas ohne ihre Blute? Vollendet den Baum nicht erst seine Krone? Zuletzt, nach allen Irrfahrten, Abenteuern, Widerspruchen des Denkens und Handelns ist dem Menschen, welcher sich nicht selbst verlorenging, gegeben, mit dem Einfachsten sich zu begnugen, und alle Fieber der Weltgeschichte werden endlich wenigstens in dem einzelnen Gemute von zwei treuen Armen und Augen ausgeheilt. Mir aber soll diese uralte, ewigneue Losung und Schlichtung immerdar fehlen! Die Heilige hat ihren Beruf erfullt, indem sie mir wieder zu einem guten Gewissen verhalf, nun zieht sie sich in Regionen zuruck, dahin ich ihr nicht folgen kann, und doch wird sie mir das wahrste, steteste Bedurfnis sein und bleiben."
Ein Bedienter kam und uberbrachte Wilhelmi ein Billet. Dieser las das Blatt mit funkelnden Augen und sagte: "Fuhlst du dich stark genug, eine unsagliche Freude zu erleben?"
"Was meinst du?"
"Sehr selten treffen die Erfullungen mit unsern Wunschen zusammen. Alles pflegt entweder zu fruh oder zu spat zu kommen. Hier ware denn einmal das begluckende Gegenteil. Ich habe fruher viel durch Hitze und Scharfe verdorben, nun, als alter, beruhigter Knabe, wollte ich versuchen, ob es mir nicht auch gelingen mochte, zu vermitteln. Was sich in der Not gefunden, drohte, in guten Zeiten wieder auseinander zu geraten. Das durfte nicht sein, aber nur Frauenhande wissen dergleichen zarte Handel zu entwirren. Ich schrieb deiner Schwester, die schon vor Verlangen nach dir brannte. Sie ist uber das Kloster gereiset, hat das jungfrauliche Herz Corneliens in Pflege genommen und ihren Lippen Mut gegeben. Sie meldet mir ihre Ankunft; bist du bereit, sie zu sehn?"
Hermann wankte und Wilhelmi musste ihn fuhren. So traten sie aus der Ture des Kabinetts in die grunen Anlagen. Zwei Frauengestalten kamen ihnen den Gang herauf entgegen. Ein schoner Greis in Uniform folgte.
"Ich bin es, mein Bruder, und bringe dir die Braut!" rief Johanna, in Seligkeit bluhend. Sprachlos fiel er in die geoffneten Arme Corneliens und dann an die Brust der hohen Schwester. So ruhte er zwischen den beiden, die seine Seele liebte. Zartlich hielten sie ihn umschlungen. Wilhelmi blickte mit gefaltnen Handen nach den Vereinigten hin. Der General stand, auf sein Schwert gestutzt, und sah, eine Ruhrung bekampfend, vor sich nieder. In dieser Gruppe, uber welche das Abendrot sein Licht goss, wollen wir von unsern Freunden Abschied nehmen.
Fussnoten
1 Ein solches Sackchen schutzt nach dem Glauben des Volkes als Amulett gegen die sogenannte bose Stelle. Orte namlich, wo ein Frevel verubt worden ist, wo ein Mord geschah, wo ein ruchloser Mensch einen Meineid schwor, oder den Namen Gottes schandete, sind ungesund. Dort gedeihen nur Wurmer unter Nesseln und Quecken, und wer, nichts ahnend, selbt viele Jahre spater uber die vom Unheil verpestete Stelle hinweggeht, der empfangt davon den Schaden an seinem Leibe. 2 Sonderbare Zufalligkeiten, eine Folge der mit dem Jahre 1830 eingetretenen Umwalzungen, brachten den Herausgeber in den Besitz dieser Hausgeheimnisse, und machten die Veroffentlichung derselben ohne Nennung von Namen und Ort nach seiner Meinung wenigstens verzeihlich.