Johanna Schopenhauer
Richard Wood
Roman
Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram,
Dass ich zur Welt, sie einzurichten, kam!
Hamlet.
Erster Theil
Der Winter war, gegen Ende des Marzmonats, nach kurzem Scheiden, mit verdoppeltem Inngrimm wiedergekehrt; gewaltige Eiszapfen schwebten von allen Dachern herab, und flimmerten im klaren kalten Mondenlicht, kristallnen Girandolen vergleichbar. Der alles uberkleidende Schnee blitzte, wie mit Diamanten ubersaet, unter dem knisternden Fusstritt einzelner Wanderer, die, Pelz, Bart und Haar mit Reif bepudert, ihrer Wohnung zueilten. Ode und vereinsamt lagen Moskaus sonst so lebensreiche Strassen wie ausgestorben da, denn Menschen und Thiere drangten, von grimmiger Kalte getrieben, im Innern der Gebaude, zwischen den warmenden vier Wanden sich zusammen, die Keiner verliess, den Nothwendigkeit nicht hinaustrieb.
In der Vorhalle der grossen, aus der Asche wieder aufgestiegenen Kaserne, welche zur Militairschule gehort, standen indessen dennoch zwei junge Manner, ohne die grosse Kalte anscheinend zu bemerken, in eifrigem Gesprach lange bei einander. Der eine derselben, vom Kopfe bis zum Fuss in reiche Pelze gehullt, vermochte zwar wohl der rauhen Winterluft Trotz zu bieten, doch nicht so der Andere, eine jugendlich zarte schlanke Gestalt, in der leichten Uniform der Lanzenreiter vom Bug; und doch war es gerade dieser, der, als ob er die Kalte gar nicht empfande, seinen wohl bepelzten Freund festhielt, und immer wieder und immer fester an die Brust druckte.
Nun, so gehe denn, weil es nicht anders sein kann! sprach er endlich, indem er sich nicht ohne Anstrengung zusammennahm: mein Freund, mein Bruder, mein Eugen! gehe zuruck zu den Deinen, zuruck zum Palast Deines Vaters! gehe, aber verlass mich nicht ganz. Reiche mir zuweilen die Freundeshand uber die Kluft hin, welche der heutige Abend zwischen uns offnet, damit ich nicht ganz verstossen mich fuhle! setzte er, unwillkurlich sehr weich werdend, hinzu; und wandte unmuthig sich ab, vielleicht um eine aufsteigende Thrane in seinem Auge zu verbergen.
Eugen trat ein Paar Schritte zuruck und sah ernst und forschend ihm ins Gesicht. Du bist krank! rief er, gewiss Richard, Du bist wieder krank, denn mit gesunden funf Sinnen kannst Du auf solche ganz absurde Gedanken nicht verfallen. Nun, so steige nur gleich in den Schlitten, und fahre mit mir wieder nach Hause; ich will es bei Deinem Rittmeister schon verantworten.
Mein Gemuth, meine Seele sind voll truber Gedanken und Trennungsweh', doch korperlich krank bin ich nicht: erwiederte Richard, wehmuthig lachelnd.
Ob Du wunderlich bist! rief Eugen; warum geberdest Du Dich denn so? spricht der Mensch nicht von Kluft! von Verlassensein! von lauter Jammer und Noth, als ob Gott weiss was fur ein grosses Unheil uber ihn hereingebrochen ware! Kannst Du denn wirklich befurchten, weil Du in der Kaserne jetzt wohnst und nicht mehr bei uns, wurde Dir es an irgend etwas mangeln? recht wie ein Muttersohnchen, das von Mama weg auf die Hochschule soll, und nun meint es ware aus mit allem irdischen Gluck.
Fur solch ein Jammerbild wirst Du mich doch nicht halten, rief Richard bitter lachelnd.
Freilich nicht, erwiederte ebenfalls lachend Eugen, aber, nimm's nicht ubel, seit einer Stunde ist dieses das erste vernunftige Wort, das ich von Dir hore. Soll ich Dich abermals daran erinnern, dass Keiner dieser Prufungszeit, die Du jetzt antrittst, beim Anfange seiner militairischen Carriere sich entziehen kann? und auch dass es Mittel giebt, sie in gewissen Fallen sehr abzukurzen? Du kennst meinen Vater, an seiner herzlichen Liebe zu Dir kannst Du nicht zweifeln, also fasse Muth, sei vernunftig und hoffe das Beste.
Ein schwerer Seufzer, der horbar den tiefsten Tiefen seiner Brust sich entwand, war Richards Antwort. Eugen sah zweifelnd ihn an, und blieb still und gedankenvoll vor ihm stehen.
Richard, sprach er nach kurzem Schweigen sehr sanft, beinahe verlegen, es muss heraus, was ich auf dem Herzen habe; bereuest Du gerade diese Bahn zu Deinem ferneren Fortkommen Dir erwahlt zu haben? Ist dem so, wie eine leise Ahnung in meiner Seele behaupten will? Warum solltest Du Dich scheuen, es Deinem Freunde schnell und offen zu gestehen. Es war Deine eigne Wahl, Niemand hat versucht sie leiten zu wollen. Aber in der Ferne sehen die Dinge anders aus als in der Nahe, und man missversteht oft sich selbst und das eigne Herz.
Nein, nein, und Tausendmal nein! rief Richard mit grosser Heftigkeit; ich bin kein wankelmuthiger Knabe, kein schwankendes Rohr. Ich habe alles wohl durchdacht, gepruft, uberlegt, als ich den einzigen Weg einschlug, der mir, dem Namenlosen, dem Armen, eine entfernte Moglichkeit bot, ihn dem hohen Furstenhause einigermassen zu nahern, dem Du, dem die Deinen angehoren, zu dem auch ich einst durch meine seltsame Stellung verleitet . Ach! lass jene qualvollen Tage mich vergessen! Lass mich hoffen, Zeit und Gluck werden mir gunstig sein. Und wahrlich, fuhr er, sich plotzlich hochaufrichtend, mit warmer Begeisterung fort: wahrlich, stellt sich mir die Gelegenheit, stellt sie sich mir, in welcher Gestalt es sei, ich werde nicht schwachmuthig sie mir entschlupfen lassen. Bei der Stirnlocke will ich die Fluchtige schon zu fassen und zu halten wissen. Ich erreiche das Ziel, das ich mir gesetzt, oder gehe unter im Streben danach.
Bravo! bravo! so ist es Recht, so gefallst Du mir; erwiederte Eugen und schuttelte ihm kraftig die Hand. In kurzen fluchtigen Worten ermahnte er ihn nochmals, so guten Muthes zu beharren; erinnerte, dass er Morgen zur Mittagstafel erwartet werde, um selbst zu berichten wie seine neue Wohnung ihm gefalle, und dass Helene fest darauf rechne, noch vorher die gewohnte musikalische Ubungsstunde mit ihm zu halten. Dann warf Eugen sich in den schon langst seiner harrenden Schlitten, und jagte wie auf Sturmesflugeln davon.
Richard starrte in die kalte schweigsame Mondnacht hinein, bis seinem Auge die fluchtige Freundesgestalt entschwunden, und auch der letzte Ton des silbernen Schellengelautes verhallt war. Dann wandte er sich, und stieg langsam die zu seinem Zimmer fuhrende Treppe hinan.
Auf alles, was in demselben zu seiner Bequemlichkeit beitragen konnte, war mit liebender Sorgfalt Rucksicht genommen. Zwischen Schlaf und Wachen harrte im Vorsaal der alte Paul seiner Befehle, ein treuer Diener, der schon seiner Kindheit gepflegt hatte, und ihm jetzt zur Bedienung zugegeben worden war. Vom grossen Ofen ging eine uberall gleichverbreitete wohlthatige Warme aus, wohlverwahrte Doppelfenster hielten das Eindringen der rauhen Winterluft ab, und ein dicker Teppich deckte den Fussboden. Auch fehlte es weder an einem mit seinen Lieblingsschriftstellern wohl besetzten Bucherschranke, noch an einem bequemen Schreibtische.
Richard wollte der thatigen Theilnahme sich freuen, mit der hier fur ihn, den dunkeln Fremdling, gesorgt worden war; aber das sonst so warme, jedem frohen Gefuhl offne Herz lag fur jetzt wie todt und erstarrt ihm in der Brust. Mit einer gewissen Angstlichkeit suchte er nach irgend etwas, das ihn lebhaft genug anregen konne, um die innere Trostlosigkeit zu bekampfen, die immer machtiger werdend, sich seiner ganz zu bemeistern drohte; da fiel in einer etwas dunkeln Ecke des Zimmers eine schon gearbeitete Schatulle ihm auf, die er bis dahin ubersehen, und zugleich erinnerte er sich eines Schlussels, den Eugen, ehe er von ihm ging, ihm ubergeben und zu sichrer Aufbewahrung anempfohlen hatte.
Unbeschreiblich freudig uberrascht, erkannte er in dem zierlichen Behaltniss ein sonst hochgehaltenes Eigenthum der Furstin Eudoxia, der Mutter Eugens. Es war das Meisterstuck eines jungen Ebenisten, der unter dem Schutze ihres Gemahls sich kurzlich in Moskau niedergelassen hatte; ein Kastchen von Ebenholz, mit einem gleich Diamanten blitzenden stahlernen Netze uberzogen. Aus jedem der hellpolirten Stahlplattchen leuchtete, wie aus so vielen freundlichen Augen, ein Strahl jener sonnenhellen Tage seiner Jugendzeit ihm entgegen, die er in banger Vorahnung mit dem heutigen geschlossen gewahnt, und eine Thrane der reinsten gefuhltesten Freude umdunkelte sein Auge, als er vor dem Inhalte des Kastchens stand, beinahe laut aufjauchzend, wie ein gluckliches Kind vor der unerwartet reichen Weihnachtsbescheerung.
Im kleinen Raum lag hier seine ganze gluckliche Knaben- und Junglingszeit ausgebreitet vor ihm; von den mit muhseliger Kunstlichkeit aus Rennthierknochen geschnitzten Figurchen der Lapplander an, die er einst als vortreffliche Meisterstucke bewundert hatte, bis zu den glanzenden Terzerolen des Fursten Alexis, Eugens alterem Bruder, zu denen er oft in kindischer Sehnsucht seufzend hinaufgeblickt, und dem prachtigen, mit Rubinen und Smaragden besetzten Turkendolch, sonst Eugens liebstes Eigenthum, das ohne seine Erlaubniss Niemand zu beruhren, kaum anzublicken wagte. Dicht daneben kauerten auch die kleinen glattkopfigen Chinesen von Speckstein in einer Ecke beisammen, die viele Jahre lang auf einem Ecktischchen im Zimmer der Furstin Eudoxia ihren Platz gehabt hatten, und wurden von ihm als kleine stumme Gesellen seiner glucklichsten Stunden mit einer Art von Ruhrung begrusst. Denn nur wenn er ganz ausgezeichnet folgsam und fleissig gewesen war, wurde es ihm erlaubt, zu den Fussen seiner hohen Pflegemutter damit zu spielen.
Nichts von Allem fehlte, was in fruher Jugend ihm besonders werth oder bedeutend erschienen. Da war die eigne Uhr des vaterlichen Beschutzers seiner Kindheit, des Fursten Andreas; wie oft hatte dieser sie geoffnet, um dem auf seinem Knie sich schaukelnden Knaben das feine innere Raderwerk derselben bewundern zu lassen! Auch das einfache Taschenbuch, das er taglich in dessen Handen gesehen; Richard war in diesem Augenblicke zu bewegt, um den reichen Inhalt desselben zu bemerken. Da war auch noch eine kunstreiche Stickerei von den eignen Handen der Furstin Eudoxia, eine von der Furstin Natalie, der altesten Tochter jenes edlen Paares, gezeichnete Landschaft, ein silberner Becher vom Fursten Konstantin, ihrem verlobten Brautigam; Richard hatte einst bei diesem den Becher gesehen, und die schone getriebene Arbeit daran bewundert.
Sogar keines der entfernteren Mitglieder der Familie hatte sich davon ausgeschlossen, ihn, der so lange in ihrer Mitte gelebt hatte, durch ein Andenken an vergangne Tage zu erfreuen. Der Tisch war bald mit einer Menge jener eben so zierlichen, als grosstentheils unbrauchbaren kleinen Gerathschaften aus Bronze und Vermeille bedeckt; glanzendes Spielzeug fur grosse Kinder, das die Mode uberall, besonders aber in Russland eingefuhrt hat. Denn ungeachtet der unglaublichen Fortschritte, die dieses, die erste Grenze hoherer Kultur erst vor kurzem uberschritten habende Volk wahrend des Laufes der letzten hundert Jahre gemacht hat, neigt sein Geschmack sich noch immer mit einer Art kindlicher Naivitat dem zu, was die alten Griechen barbarisch zu nennen pflegten.
So suchen nur Eltern ihren Sohn, Geschwister ihren Bruder, uber eine nothwendig gewordene Entfernung aus dem vaterlichen Hause zu trosten und zugleich ihr Andenken in ihm lebendig zu erhalten: rief es laut in seinem Herzen. Seit uber seine wahre Lage ihm die Augen aufgegangen waren, konnte er es sich leider nicht mehr verhehlen, dass er ein Fremdling unter Fremden aufgewachsen sei; doch diese traurige Wahrheit druckte ihn nicht mehr zu Boden; er hatte die Uberzeugung gewonnen, geliebt zu sein, und diese erhob ihn wieder; sie trostete ihn uber Alles, was er fruher entbehrt hatte, ohne es zu empfinden.
Ungeachtet der vor ihm ausgebreiteten Reichthumer schien Richard aber doch noch etwas zu vermissen; er suchte und suchte mit steigender Angstlichkeit, bis er endlich auf dem Grunde der Schatulle ein ziemlich zerlesenes Buchelchen fand, eine englische Taschenausgabe des Vicar of Wakefield, und in demselben als Buchzeichen ein Stuckchen blaues Silberband. Alles ubrige war nun vor seinen Augen verschwunden; die auf dem Tische ausgebreiteten Herrlichkeiten mochten liegen bleiben wie sie lagen, er warf mit seinem Funde sich in den nachsten Sessel, und schien eifrig die unscheinbaren Blatter zu studiren. Ob er wirklich darin las? wer mag das sagen.
Nun, Bruderherz, spielst Du auch hier noch immer den Gelehrten? rief eine tiefe sonore Stimme neben ihm, und ein leichter Schlag auf die Achsel begleitete die Frage. Richard blickte auf; Iwan Yakuchin, Unteroffizier des Regiments, zu welchem auch er von heute an gehorte, stand vor ihm, ein ihm sehr lieber, wenn gleich nicht alter Bekannter; denn Iwan war erst seit wenigen Monaten aus dem sudlichern Russland nach Moskau gekommen.
Er war an Leib und Seele ein roher Diamant, dieser Iwan; ein treues, tapfres, redliches Gemuth, dessen seltnen Werth Richard auf den ersten Blick erkannt hatte; obgleich er weit davon entfernt war, ihn seinem weit hoher gebildeten Freunde Eugen gleichzustellen, dessen ganzes Wesen durch die zartesten, innigsten Bande dem Seinigen auf das unzertrennlichste verzweigt war. Iwan aber hatte mit seinem heissen, liebebedurfenden, durch die erste Trennung vom vaterlichen Heerde schmerzlich verletzten Herzen, sich an die Brust des Junglings geworfen, dessen milde edle Erscheinung ihn unwiderstehlich anzog; er war nicht gewohnt, das was in seinem Gemuthe vorging, bis auf gelegenere Zeit weltklug zu verbergen, und Richard war eben so wenig dazu geeignet, eine ihm entgegenstrebende Neigung hart und kalt von sich abzuweisen.
Nicht nur als Kamerad, auch als Nachbar komme ich in dieser spaten Stunde Dich zu begrussen; denn wenn gleich weite Hallen, lange Korridors und einige Hofe zwischen uns liegen, so wohnen wir doch eigentlich unter einem Dach, sprach Iwan und schuttelte treuherzig dem Freunde die Hand. Was bin ich froh, Dich der parfumirten, vornehmen Atmosphare endlich entronnen zu sehen, in welcher ein geheimes Etwas unser Einem, mir wenigstens, immer den Athem versetzt! fuhr er fort. Jetzt erst, Herzensbruderchen, wirst Du recht aufleben, wenn Du fuhlst und einsiehst, was es sagen will, sich selbst angehoren, sich nach eigner Willkur regen und bewegen, frei von den tausend Banden, mit welchen jene Kneesen, Fursten, oder wie man sie nennen will ...
Vater und Mutter, Bruder und Schwestern, sind, die Du meinst, mir gewesen; sie sind es mir noch, und werden es bleiben, und ich will auf keine Weise sie schelten horen: fiel Richard heftig mit zornblitzenden Augen ihm ein. Und wenn ich sie nie wiedersahe, und wenn sie ihre Hand ganz von mir abzogen, sie bleiben das Kleinod meines Herzens, an dem ich hange, fester als am eigenen Leben. Habe ich nicht, ausser diesem, i h n e n alles zu verdanken? und ich will sie nicht verunglimpfen horen, nicht durch den Schatten eines sie herabsetzenden Gedankens.
Nun nun! nun nun! erwiederte Iwan sehr gutmuthig, ereifre Dich nicht, ich meine es ja nicht bose. Ich will mich ja gern fugen, wenn man mir nur das Verstandniss offnet. Ich kenne ja nichts, bin hier noch nagelneu, weiss noch von gar nichts; nicht einmal wer Du eigentlich bist. Als ich auf der Reitbahn zum erstenmale Dich sah, hatte ich Dich beinahe auch fur so ein Furstenkind gehalten. Und vielleicht bist Du es auch, denn hier sieht es doch gewaltig furstlich aus! rief er plotzlich, indem er jetzt erst den mit glanzenden Geschenken bedeckten Tisch gewahr wurde. Was fur Reichthumer! Hilf Gott, dergleichen kommt mir nicht einmal im Traume vor.
Richard, in der noch nicht verklungenen Freude seines Herzens, und zugleich froh dem Gesprach dadurch eine andre Wendung geben zu konnen, beeiferte sich seinem Freunde mit der grossten Gefalligkeit jedes Stuck einzeln zu zeigen, und ihm den Gebrauch von manchem derselben zu erklaren. Denn der gute Iwan war ein ebenso grosser Neuling in Hinsicht dessen, was die elegante Welt unentbehrlich nennt, als des Lebens in und mit ihr. Zugleich nannte Richard bei jedem der Geschenke ihm den Namen des Gebers, und suchte bei einigen derselben ihm begreiflich zu machen, durch welche Nebenbedeutung diese einen unschatzbaren Werth fur ihn erhielten. Iwan sah und horte alles mit der grossten Aufmerksamkeit an: Brave Leute, gute Leute, vornehm aber gut, murmelte er dabei in abgebrochnen Satzen vor sich hin; ja wohl Eltern und Bruder fur Dich, musst sie ehren und lieben, Du kannst nicht anders. Nachdem Iwan alles sattsam betrachtet und bewundert hatte, ausgenommen den Vicar of Wakefield, der ihm nicht gezeigt worden war, und dem er auch wohl kein Interesse abgewonnen hatte, setzten beide Freunde in immer traulicher werdendem Gesprach sich zu einander hin. Iwan erzahlte von seinen fruheren Verhaltnissen; von seinem alten Vater, einem wackern Landmanne am Fusse des Kaukasus, von seiner fleissigen, noch im hoheren Alter im Haushalte ruhrigen Mutter; von seinen vielen Schwestern und Brudern, sogar von seinen vielen Hunden, die er alle hatte daheim lassen mussen, und nur einen mitnehmen durfen. Er war so jung, so einfach auferzogen, hatte so weniges erlebt, dass ihm alles bedeutend erschien. Auch Richarden ging, in der Stille der Nacht, das ohnehin sehr bewegte Herz auf; auch er ergoss sich in offnem Vertrauen gegen seinen Freund; und als Iwan zu spater Nachtzeit ihn verliess, konnte er nicht mehr daruber klagen, dass er nicht wisse, wer Richard eigentlich sei. Sally! mach' endlich Feierabend: setz' Dich zu mir, und lass' uns unser Butterbrod und unsern Krug Porter gemuthlich mit einander verzehren, ich habe viel Neues Dir mitzutheilen, und mich uber mancherlei mit Dir zu berathen.
So ungefahr hatte zwolf oder dreizehn Jahre vor jenem Abende in dem kleinen englischen Fabrikstadtchen Nottingham, Master Wood, ein guter ehrlicher Strumpf-Fabrikant, seiner noch in ihrem Haushalt beschaftigten Ehefrau zugerufen.
Ohne diesen letzten Zusatz hatte Misstress Wood ihren lieben Herrn und Gebieter wohl noch ein halbes Stundchen warten lassen. Zwar waren die Kinder schon zu Bette gebracht, die Taubenpastete fur den morgenden Sabbath, dieses grosste Festtagsgericht der englischen Kleinburger, war bis zum Abbacken fertig, die Rhabarber-Torte ebenfalls, die Keine so trefflich zu bereiten wusste als sie: es war jedoch Sonnabend, am folgenden Tage wurden einige Gaste aus der Nachbarschaft erwartet, und die ordnungsliebende Hausfrau hatte gar zu gern vor Schlafengehen noch dieses und jenes besorgt.
Aber Master Wood hatte ihr Neues zu erzahlen, und verlangte obendrein ihren Rath, ein Fall der sich nicht oft ereignete; was in aller Welt konnte das bedeuten! dieser Gedanke besiegte jede ihrer Bedenklichkeiten. In aller Geschwindigkeit warf sie noch eine Hand voll Cayenne-Pfeffer in die Pastete, band ihre Kuchenschurze ab, ruckte vor dem Spiegel ihre Haube zurecht, und sass nach zwei Minuten mit dem allerfreundlichsten erwartungsvollsten Gesicht neben ihrem Mann, an dem bereits gedeckten Abendtisch.
Beide befanden sich in jener heitern zufriednen Stimmung, wie sie der in England dem stillen Genusse hauslichen Wohlbefindens besonders geweihte Samstagabend erfordert, dieser freundliche Vorlaufer des ernsteren, halb dem Gottesdienst, halb der Langenweile gewidmeten Sonntags. Master Wood hatte, wie der punktliche Geschaftsmann an diesem Tage immer that, seinen Arbeitern ihren Lohn ausgezahlt, seine Wochenrechnungen abgeschlossen, und war mit dem Ertrage derselben zufrieden. Misstress Wood freute sich auf die einer arbeitsvollen Woche folgende Sonntagsruhe, auf den morgen zu erwartenden Besuch ihrer Verwandten, auf das neue Bonnet, mit welchem sie in der Kirche zu erscheinen gedachte. Mann und Frau waren gute, redliche, fleissige Leute, denen es, bei ziemlich beschrankten Mitteln, nicht leicht wurde, sich und ihre vierzehn Kinder anstandig und ehrlich durch die Welt zu bringen, von denen das alteste achtzehn, das jungste anderthalb Jahre alt war.
Solche zahlreiche Familien sind indessen in Grossbritannien, besonders beim Mittelstande, nichts Ungewohnliches; und das Ehepaar war mit seiner Lage ganz zufrieden. Der Hausvater hatte freilich gern, durch einige Vermehrung seines Kapitals, seinem Geschaft eine grossere Ausdehnung gegeben; war aber doch herzlich froh, wenn bei moglichstem Fleiss von seiner, bei moglichster Sparsamkeit von seiner Frau Seite, es am Ende des Jahres ihm gelang, beide Enden zusammenzubringen, wie er es nannte; das heisst, wenn seine Ausgaben seine Einnahme nicht uberstiegen. War er aber vollends so glucklich gewesen eine kleine Summe erubrigt zu haben, die er zu seinem Kapital schlagen konnte, so hatte er in dem Augenblicke gewiss nicht mit dem Lord Mayor von London getauscht.
Nach Beendigung des frugalen Mahles zog Master Wood, mit einiger Umstandlichkeit, einen dicken Brief hervor, und machte Anstalt ihn seiner Frau vorzulesen; denn kein Englander wird wahrend der Mahlzeit von Geschaften sprechen; auch hatte Misstress Wood ausserlich ganz gelassen, wenn gleich vor innerer Ungeduld brennend, diesen Zeitpunkt abgewartet. Das Schreiben war von einem bedeutenden Correspondenten ihres Mannes, dem reichen und angesehenen Strumpfhandler Smith in London und der Anfang desselben kam der guten Frau zwar ganz angenehm, aber keinesweges besonders merkwurdig oder interessant vor. Es enthielt einige Bestellungen im Fache ihres Gatten, deren Ausfuhrung freilich einen ziemlich bedeutenden Vortheil abzuwerfen versprach.
Jetzt, Sally, gieb Acht, nun kommt das Beste, rief Master Wood, indem er das Blatt umschlug, und zugleich seine Frau bemerken liess, wie bis dahin der Brief von dem Handlungsdiener seines geehrten Gonners und Freundes, der nun folgende Zusatz aber von ihm selbst eigenhandig geschrieben sei; dann las er:
"Seit unsrer ersten kommerziellen Verbindung, werther Sir, besonders aber seit ich Sie und Ihre Familie personlich kennen lernte und von Ihnen eingeladen wurde, bei einem Ihrer Sohne Pathenstelle zu vertreten, habe ich mir immer gewunscht, durch mehr als blosse Worte mein aufrichtiges Wohlwollen und meine Theilnahme Ihnen zu beweisen, und die Gelegenheit dazu hat sich gestern ganz unerwartet gefunden.
Sir John Murray, mein sehr ehrenwerther Freund, dessen grosses Ubergewicht an der Londoner Borse Ihnen gewiss nicht unbekannt ist, und mit dem ich zuweilen von Ihnen und der zahlreichen Familie gesprochen, mit welcher es dem Herrn gefallen Sie zu segnen, hat mir, in Hinsicht auf Sie, einen Vorschlag gethan, der mir zu annehmbar scheint, als dass man vernunftiger Weise nicht darauf eingehen durfe.
Ein sehr vornehmer russischer Grosser, ungefahr das, was man in unserm Lande einen Lord und Pair des Reiches nennen wurde, hat durch den beruhmten Banquier Gross in St. Petersburg an unsern Sir John den Auftrag ergehen lassen, ihm einen acht bis zehnjahrigen englischen Knaben, von guter ehrbarer Familie, heruberzuschicken, den er mit seinen eigenen, ungefahr im namlichen Alter stehenden Kindern erziehen lassen will, damit diese, gleichsam spielend, auf leichte Weise von ihm englisch reden lernen. Denn Sie mussen wissen, werther Sir, unsre Sprache wird auf dem Kontinente, besonders aber in Russland, mit jedem Jahre beliebter, und es ist dort in grossen Hausern gebrauchlich, junge Auslander, besonders englische oder deutsche Knaben, zu dem namlichen Zwekke in ihren Familien aufzunehmen.
Sir John, dem meine Vorliebe fur Sie und die Ihrigen nicht unbekannt ist, kam gleich nachdem er diesen Auftrag erhalten zu mir, um sich zu erkundigen, ob einer Ihrer Sohne sich vielleicht zur Erfullung desselben eignen mochte, fugte aber hinzu, dass kein langes Bedenken hier statt finden konne, sondern im Gegentheil der Entschluss gleich auf der Stelle gefasst werden musse. Die schon weit vorgeruckte Jahreszeit mochte einer so bedeutenden Seereise nicht lange mehr gunstig genug bleiben, um sie mit vollkommner Ruhe und Sicherheit unternehmen zu konnen; uberdem liegt das nach Petersburg bestimmte gute Schiff, der Delphin, in diesem Augenblicke segelfertig auf der Themse, dessen Kapitain, der mir und Sir John wohlbekannte Simon Hill, ganz der Mann dazu ist, das Kind unterwegs wohl zu verpflegen, und ungefahrdet an Ort und Stelle zu bringen.
Vor Allem bitte ich Sie, werther Freund, bei diesem Vorschlage, auch nicht auf die allerentfernteste Weise, an entehrende Dienstbarkeit zu denken. Ihr Sohn wird gewiss nicht den jungen russischen Lords zur Aufwartung beigegeben; er soll weder ihr Tiger, wie unsre Dandys das nennen, noch ihr Jokey werden, sondern, in allen Stucken ihnen gleich gehalten, alle Vortheile einer liberalen Erziehung mit ihnen zugleich geniessen, wie nur sehr reiche und vornehme Eltern sie ihren Kindern zu gewahren vermogen. Hat er dereinst das dazu gehorige Alter erreicht, so kann er fest darauf rechnen, im dortigen Lande durch die edle Familie, in welcher er aufgewachsen, eine anstandige, seinen Wunschen und Talenten angemessene Versorgung zu erhalten, oder fur seine Zukunft wohl ausgestattet, in sein Vaterland zuruck gesandt zu werden wenn er, als achter Britte, dieses vorziehen sollte.
Die einleuchtend grossen Vortheile dieses Anerbietens konnen Ihrem guten soliden Verstande unmoglich entgehen. Nicht nur dass Sie dadurch den mit jedem Jahre zunehmenden Ausgaben fur die Erziehung eines ihrer Sohne uberhoben werden; was bei einer so zahlreichen Familie keinesweges unbedeutend ist; ihr Sohn gewinnt dadurch auch eine Aussicht fur sein ferneres Fortkommen in der Welt, wie Sie ihm solche, auf dem gewohnlichen Wege, schwerlich gewahren konnten.
Daher schmeichle ich mir mit der Hoffnung in Ihrem Sinne gehandelt zu haben, indem ich auf das Anerbieten Sir Johns, der auf augenblickliche Entscheidung drang, in Ihrem Namen eingegangen bin, und alles Weitere mit ihm verabredet und festgestellt habe.
Da mir wohlbekannt ist, wie sehr jede Entfernung von Hause durch Ihre Geschafte Ihnen erschwert wird, so soll mein Ihnen wohlbekannter Handlungsdiener, James Cox, nachste Mittwoch mit der Mailkutsche bei Ihnen eintreffen, um meinen Pathen Richard abzuholen, und zu mir nach London zu bringen. Er steht gerade in dem gewunschten Alter von circa acht Jahren, und mochte vermoge seiner hubschen Gestalt, seines aufgeweckten Wesens, und seiner ubrigen guten Anlagen, fur unsern Plan am besten sich eignen. Fur die Garderobe des kleinen Reisenden werde ich Sorge tragen; ich werde mit allem, was er fur die Reise nothig haben wird, ihn versehen. Ist er einmal am Orte seiner Bestimmung angelangt, so muss er ohnehin nach dortigem Landesgebrauche gekleidet werden.
Ungeachtet der in die Augen springenden grossen Vortheile, welche die Annahme meines Vorschlags Ihnen gewahren muss, versichre ich Sie dennoch, werther Freund, dass ich dieselbe als einen, mir personlich gewahrten Beweis Ihres Vertrauens und Ihrer Achtung ansehen und zu schatzen wissen werde. Zum Zeichen dieser meiner guten Gesinnung erbiete ich mich jetzt aus eignem Antriebe, Ihnen einen Kredit auf die volle Summe auszustellen, deren Sie, wie Sie bei unsrer letzten Zusammenkunft ausserten, bedurfen wurden, um Ihrem Geschaft eine grossere Ausdehnung zu geben, und durch Erwerbung eines bedeutenden Vermogens zu Ehren und Ansehen gelangend, es binnen kurzem Ihrem hochmuthigen Nachbar Bird wenigstens gleich zu thun. Auch Sir John beauftraget mich Ihnen zu melden, dass er von nun an sich gern bereitwillig zeigen werde, Ihnen bei vorkommenden Gelegenheiten nutzlich und hulfreich zu sein.
Das Nahere hieruber mogen Sie vorlaufig mit unserm James Cox besprechen, der nicht ermangeln wird, sich nachste Mittwoch mit der Mailkutsche bei Ihnen einzustellen. Sollten Sie aber, freilich ganz gegen mein Erwarten, fur gut finden, meine fur Sie gethanen Schritte zu missbilligen, und mein und Sir Johns Anerbieten von sich abzuweisen, so ist es nothwendig, dass Sie in der namlichen Stunde, in welcher Sie dieses Schreiben erhalten, eine Staffette mit Ihrer abschlagigen Antwort an mich abfertigen; der nachste Tag ware dazu schon zu spat. Auch kann ich nicht umhin Ihnen offen zu gestehen, dass von Ihrer Seite ein solches Verkennen meines guten Willens mir hochst empfindlich und unangenehm ware, und obendrein mich, von Seiten Sir Johns, mancherlei Verdriesslichkeiten aussetzen wurde."
Das freundliche Gesicht, mit welchem Misstress Wood anfangs zuhorte, wurde immer langer und langer, je weiter Herr Wood las; die arme Frau wurde feuerroth, dann blass, dann todtenbleich, und sass zuletzt an allen Gliedern zitternd, unfahig ein Wort aufzubringen, wie versteinert da.
Nun, Sally, Liebste, was sagst Du dazu? fragte Master Wood, als er mit dem Briefe fertig war. Sally erwiederte keine Sylbe. Nun? fragte er nochmals und buckte sich, um in das abgewendete Gesicht ihr zu sehen. Sally sprang auf, trocknete mit konvulsivischer Hast die in Thranen schwimmenden Augen, und sah nach der Uhr.
Noch nicht eilf Uhr, Gottlob! sprach sie mit seltsam bedrucktem Ton: im Posthause sind sie noch wach, auch Jemmy kann noch nicht zu Bette sein; ich rufe ihn wahrend Du schreibst, und ware er schon eingeschlafen, so laufe ich selbst mit unsrer Magd die Paar Schritte hinuber. Schreib nur geschwind, guter Mann; um Nein zu sagen, brauchts nicht vieler Worte. Damit wollte sie zur Thure hinaus.
Misstress Wood! Sally! wo willst Du hin? rief der erschrockne Gatte.
Ich sagte es ja schon, war die entschlossene Antwort: zur Post will ich, das Pferd, die Stafette bestellen; es ist die hochste Zeit, wir haben keinen Augenblick zu verlieren, die Stafette muss gleich fort, mit Sonnenaufgang ware es schon zu spat; so steht es ja in dem unglucklichen Briefe.
Aber Misstress Wood, aber Sally, aber theures Weib, aber so uberlege, so bedenke doch nur! stotterte Master Wood in grosser Angst, hielt aber doch die sich heftig straubende Frau von der Thure entfernt.
Bedenken? rief sie: giebt es da noch etwas zu bedenken? Ihre weit geoffneten Augen wurden vor Schrecken starr, wie die einer Leiche, indem sie ihm jetzt ins Gesicht sah; heftig schlug sie die Hande uber ihrem Haupte zusammen. Wood! Mann! Vater! rief sie vollig ausser sich: wie! ware es moglich? Du wolltest? Du konntest uber das Herz es bringen? meinen Richard! meinen sussen Liebling, meinen armen Knaben, weit weg von Alt-England, zu Kannibalen, in das wilde Kosakenland, zu Heiden, zu Mohamedanern oder gar zu Papisten! Nein, nein, nein; nicht nur ich die Mutter, nein, auch Dein eignes Gewissen kann nimmermehr eine solche That zugeben. Aber es ist nicht Dein Ernst, Du scherzest, aber das solltest Du so nicht mit mir, Du weisst wie schwach und furchtsam ich bin, setzte sie mit erzwungener Gelassenheit hinzu, und ein angstliches Lacheln glitt uber ihre verstorten Zuge.
Wood war indessen doch zu einiger Fassung gelangt. Schmeichelnd, bittend, sie liebkosend, zog er die arme Mutter aufs Sopha und hielt sie dort fest, indem er durch Zureden und Vernunftgrunde sie zu beschwichtigen suchte. Furs erste bemuhte er sich, ihr Vorurtheil gegen Russland und dessen Bewohner zu bekampfen, dann setzte er alle Vortheile des an sie beide ergangenen Vorschlages auf das weitlauftigste ihr auseinander. Er wollte mit Hulfe ihres wirklich sehr gesunden Verstandes ihr Mutterherz ubertauben; es gelang ihm nicht; in allem was er vorbrachte, horte und verstand sie nur, dass er Willens sei ihr Kind aus ihren Armen zu reissen, um es nach einem fernen wilden Lande, zu fremden Leuten zu schicken.
Angst und Schmerz uberwaltigten endlich ihre physische Kraft. Furchterlich aufkreischend glitt sie, ehe ihr Mann sich dessen versah, aus seinen Armen auf den Fussboden hin; dort lag sie zu seinen Fussen, konvulsivisch schluchzend, grasslich lachend, das Gesicht bis zum unkenntlichen durch furchterliche Zuckungen entstellt, in einem jener hysterischen Anfalle, denen bei heftigen Gemuthsbewegungen die Englanderinnen weit mehr und haufiger, als andre Frauen unterworfen sind.
Dem ehrlichen Wood geschahe himmelschreiendes Unrecht, wenn man ihn hier theilnahmloser Gleichgultigkeit beschuldigen wollte. Im Gegentheil versuchte er alles Erdenkliche, um den traurigen Zustand seiner Frau zu mildern, und als keines der sonst in solchen Fallen gewohnlichen Hausmittel anschlagen wollte, lief er selbst den Apotheker aus dem Bette zu holen, der uberall beim Mittelstande in England die Stelle eines Arztes vertritt.
Aber auch die starksten Mittel, welche der Stiefsohn Askulaps anwandte, versagten diesmal ihre Wirkung. Die nachtlichen Stunden vergingen, ohne dass die Leidende zu volligem Bewusstsein gelangte. Und als endlich der Tag daruber anbrach, wahrend der Apotheker den besorgten Ehemann fortwahrend durch Versicherungen des vollig gefahrlosen Zustandes seiner Frau zu beruhigen suchte, da, es lasst sich nicht ablaugnen, da uberkam den guten Master Wood doch eine Art innerer Zufriedenheit daruber, jedes weiteren Kampfes mit seiner Sally durch diesen Zufall uberhoben zu sein.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Misstress Wood aus todtenahnlichem Schlummer erwachte. Das Gelaute der nahen Kirche rief die Gemeine zum Gottesdienst, und tanzende Sonnenstaubchen spielten in dem, durch eine Offnung der Gardinen, auf ihr Bette schrag hinfallenden Sonnenstrahle; es war eilf Uhr.
Zu spat, zu spat! rief die arme Frau, und ein Strom von Thranen machte ihrem verzweifelnden Gefuhle Luft, indem er sie wahrscheinlich zugleich vor einem neuen Anfalle von Krampfen bewahrte.
Das Ende von diesem Allen ist leicht abzusehen. Ungeachtet des tapfersten, bis zu der verhangnissvollen Mittwoche fortgesetzten Widerstandes, musste Misstress Wood sich doch dem Willen ihres Herrn und Gebieters endlich ergeben. Freilich hatte auch er mit dem eignen Vaterherzen einigen Kampf zu bestehen; der hubsche muntre Richard war sein und des ganzen Hauses Liebling; doch mit Eigennutz verknupfte Rucksichten bilden eine Kette, deren Glieder alle auf das engste ineinander greifen, und die in allen Standen das gesellige Leben in allen seinen Nuancen durchzieht und umschlingt.
Eines entsteht aus dem Andern; dem Petersburger Banquier Gross lag alles daran, sich in der Gunst eines der machtigsten Fursten des Reichs dadurch immer fester zu stellen, dass er jeden Auftrag desselben auf das punktlichste und schnellste ausfuhrte.
Der englische Banquier, Sir John Murray, war nicht weniger dabei interessirt, die Wunsche eines so bedeutenden Handelsfreundes, wie Herr Gross ihm war, zu erfullen, und die zwischen ihnen beiden bestehende Connexion dadurch immer fester zu knupfen. Dass er sein grosses Ubergewicht uber den zwar ebenfalls reichen, aber doch, als Ladenhandler in der City, tief unter dem zum Ritter erhobenen Wechsler stehenden Strumpfhandler dabei in Anwendung brachte, kann man ihm schwerlich verargen; und dass Master Smith, abgesehen von andern noch solidern Grunden zur Gefalligkeit, durch die herablassende Freundlichkeit eines so vornehmen Mannes zu geschmeichelt sich fuhlte, um nicht seinen demuthigen Gevatter und Freund, den kleinen geldarmen aber kinderreichen Strumpf-Fabrikanten durch die lockendsten Verheissungen zu seinem Willen zu bringen, liegt nun einmal in der menschlichen Natur.
Leid, sehr leid thut es uns, dass wir die gute Sally, mit ihrem warmen Mutterherzen, noch gewissermassen dem Ende dieser Kette anhangen mussen; aber ablaugnen lasst es sich nicht, dass nur einer von allen Trostgrunden, mit denen ihr Ehegemahl sie uberschuttete, des gewunschten Eindrucks nicht ganz verfehlte.
Und wenn wir nun, vielleicht noch ehe Jahr und Tag verstreichen, mit Hulfe des von Sir John Murray und Smith & Compagnie uns verheissnen Credits, es dem stolzen Narren Bird und seinem aufgeblasenen Weibe gleich thun konnen? fragte er, ihr listig lachelnd ins Gesicht schauend; oder wenn, denn man kann nicht immer wissen wie alles kommt, wenn nun gar Misstress Wood, in ihrem eleganten neuen Landauer voll geputzter Kinder, an dem magern Einspanner der Misstress Bird voruberrollend, mit einem kaum sichtbaren Kopfnicken sie begrusst? Sally! Du kleine Hexe, was sagst Du d a z u ? He?
Sally sagte kein Wort. Sie weinte immer hin, aber sie lachelte doch ein klein, klein wenig, ganz heimlich und verschamt, mitten in ihren Thranen.
Wolle doch Keiner den ehrlichen Wood zu hart verdammen, oder wohl gar des Kinderhandels ihn beschuldigen, ohne vorher die grosse Gewalt eines von Jugend auf gesehenen Beispiels zu bedenken. In England, dem Markte der Welt, wie Schiller es sehr treffend nennt, ist vieles auf eine, uns Bewohnern des festen Landes unbegreifliche, ja emporende Weise verkauflich. Offiziersstellen bei der Armee haben, bis zu einem gewissen Grade, ihren Preiss, um den jeder sie erhandeln, und wenn er sie aufzugeben geneigt ist, auch wieder verkaufen darf. Wie viel Gold und Goldeswerth ein Sitz im Parlamente kostet, ist allbekannt. Der Gluckliche, der, wenn er auch nur ganz oberflachlich Theologie studirt hatte, durch Familienverbindungen oder Protection, einer bedeutenden Stelle im Dienste der englischen Kirche sich erfreut, darf frei und offentlich um geringen Sold einen armeren Geistlichen sich erkaufen, der alle Pflichten und Arbeiten seines Standes fur ihn ubernimmt, wahrend der sehr ehrwurdige Herr, ganz muhelos, eines Einkommens von mehreren Tausenden sich erfreut.
Um die fur ihn unerschwinglichen Kosten einer Klage auf Ehescheidung zu ersparen, bindet der englische Tagelohner, durch einen uralten Gebrauch dazu berechtiget, seinem untreuen Weibe einen Strick um den Hals, und verkauft es an seinen begunstigten Nebenbuhler um wenige Schillinge auf offentlichem Markte.
Der feine honorable Gentleman aber tragt in ahnlichem Falle die Schande seines Namens, seines Hauses, seiner Kinder vor Gericht, breitet sie dort vor den Augen der Richter auf die widerwartigste Weise weitlauftig aus, duldet es gelassen, wenn freche Zeitungsschreiber die scandalose Geschichte zu einem pikanten Artikel in ihren Blattern benutzen, und klagt nicht auf Ehescheidung, sondern auf Schadenersatz durch Geld fur den erlittenen Verlust; der denn auch von den Richtern gehorig gewurdigt und taxirt wird, ehe man die gebuhrende Summe ihm zuerkennt, die er auch ohne Errothen sich richtig auszahlen lasst.
Moge denn auch der vom taglichen Beispiele verleitete Wood fur seine Speculation einige Entschuldigung hier finden, von der sich doch nicht voraussagen liess, ob sie nicht fur den dabei am meisten betheiligten Richard am vortheilhaftesten ausfallen mochte. Unter Thranen, Klagen und hauslichem Jammer aller Art, kam die verhangnissvolle Mittwoche heran. Wenn die Mutter in der Zwischenzeit von Trennung sprach, so weinte Richard mit ihr, und versicherte schluchzend, dass er lieber sterben wolle, als sie verlassen; wenn aber der Vater von der Kutsche und dem prachtigen Schiffe erzahlte, auf welchem Richard fahren sollte, so gerieth der kaum achtjahrige Knabe in eine ganz andre Stimmung, und schien den Tag der Abreise kaum erwarten zu konnen. Richard war eben ein Kind, wie alle an Leib und Seele gesunde Kinder sind, der Gegenwart lebend, und immer das Allererwunschteste von der Zukunft erwartend.
Als er das Vaterhaus verlassen sollte, hing er unter lautem Geschrei am Halse der trostlos jammernden Mutter; als man von ihr ihn gewaltsam entfernte, klammerte er sich an den Fuss eines nahe an der Hausthure stehenden Tisches an. Aber der Anblick der vier stattlichen Pferde vor der ihn erwartenden Kutsche milderte, sobald er auf der Strasse war, seinen Schmerz. Die ihm neue Freude des Fahrens, nebst einer Schachtel voll Confect, mit welcher James Cox sich in London zu diesem Zwecke versehen, trockneten vollig seine Thranen. Er langte ganz wohlgemuth bei seinem Pathen an, liess all' die guten Dinge, die ihn dort erwarteten, sich wohlgefallen, weinte ein wenig, als er beim Zubettegehen die Mutter vermisste, schlief aber, reisemude, bald ein. Er jauchzte vor Freuden, als er auf das bunt bewimpelte Schiff gebracht wurde, legte die Seereise gesund und munter zuruck, und als er landete, war uber die vielen neuen fremden Gegenstande, die sich ihm entgegen drangten, die Heimath so gut als vergessen. Furst Andreas, in dessen glanzenden Palast der kleine Fremdling sich, wie durch einen Zauberschlag, aus der engen Hauslichkeit versetzt sah, in welcher er bis dahin vegetirt hatte, war ein stattlicher, vornehm aussehender Mann, in den sogenannten besten Jahren, das heisst zwischen vierzig und funfzig. Die stolze Haltung, der ernste Blick, bezeichneten in ihm das machtige Oberhaupt einer, in vielfachen Verzweigungen durch das ganze russische Reich verbreiteten, und sowohl am Hofe als im Volke in hohem Ansehen stehenden Familie. Es lag in seiner Personlichkeit ein gewisses Etwas, das sich ganz dazu eignete, denen, die zum erstenmal in seine Nahe kamen, ehrerbietige, oder auch, je nachdem die Leute waren, furchtsamangstliche Scheu einzuflossen; doch das wahrhaft menschenfreundliche milde Betragen des Fursten, wandelte diese gar bald in Vertrauen um, das aber nie in Vertraulichkeit ausarten durfte.
Den hohen Rang, die vielen, uber Tausende ihn erhebenden Vorzuge, zu welchen sein Geschick ihn geboren werden liess, wusste Niemand mit mehr Wurde und Anstand zu tragen, als Er. In seinem ganzen Wesen zeigte sich keine Spur jener, fast wie Ironie aussehenden, popular sein wollenden Hoflichkeit gegen Geringere, die diese nur in angstigende Verlegenheit setzt, weil sie, aus ihrer Sphare gehoben, den Massstab verlieren, nach welchem sie, ohne beklemmende Besorgniss, zu viel oder zu wenig zu thun, ihr eignes Betragen einrichten konnten. Jede Ehrenbezeugung, die seinem hohen Stande gebuhrte, liess er gelassen und ohne einen besondern Werth darauf zu legen, sich gefallen. Dadurch erleichterte er Jedem, auch dem Geringsten, den Umgang mit sich, ohne jemals sich selbst etwas zu vergeben.
In seiner Jugend hatte Furst Andreas mehrere Jahre im Auslande zugebracht, hatte England, Frankreich, Italien und einen grossen Theil von Deutschland mit Nutzen bereiset, und mit dem seinem Volke eignen Talente die verschiedenen Sprachen dieser Nationen sich angeeignet, und war dann mit bereichertem Geiste und erweiterten Weltansichten in seine Heimath zuruckgekehrt.
Gluhende Vaterlandsliebe war der Grundton seines Wesens, und das Bestreben, die Kenntnisse, die er im Auslande sich erworben, zur hoheren Kultur seines Volkes zu verwenden, um es mit der Zeit den gebildetesten Volkern Europas gleichzustellen, ward zum Hauptzweck seines Lebens. Dieser innigste Wunsch steigerte mit zunehmenden Jahren sich bis zur Leidenschaft, und verleitete ihn bisweilen zu manchem bedeutenden Missgriffe; denn er verlor oft, uber seine allzugrosse Vorliebe fur alles Auslandische, die von der Existenz seiner Landsleute unzertrennlichen, durchaus charakteristischen Eigenheiten derselben aus den Augen, und verletzte beim besten Willen, wo er ganz das Gegentheil beabsichtigte.
Seine, an Alter ihm fast gleiche Gemahlin, Eudoxia, war das mildeste Gemuth von der Welt, das Mann und Kinder wie sich selbst liebte, und gleich einer segenspendenden Gottheit, und auch so verehrt, uber allen den viel tausend Seelen schwebte, deren grosse Zahl, nach russischem Gebrauche, den uberschwanglichen Reichthum des furstlichen Hauses bezeichnete. Sie half jeder Noth ab, deren Kenntniss bis zu ihr gelangte; einem menschlichen Wesen wehe zu thun, oder auch nur es leiden zu sehen, wenn man helfen konnte, dunkte ihr unmoglich. Sie horte es sehr gern, wenn ihre Leibeignen, nach dem naiven Gebrauche des russischen Volkes, sie Mutterchen nannten; was ubrigens in jenem Lande ein Ehrenname im Munde desselben ist, dem ein geneigtes Ohr zu leihen, selbst die Kaiserin aller Reussen nicht verschmaht.
Die Furstin Eudoxia hatte ubrigens alle Ansichten ihres Gemahls sich dermassen angeeignet, dass man wohl von ihr sagen konnte, sie sah nur mit seinen Augen, und dachte nur seine Gedanken. Dass auch er menschlich irren konne, kam ihr eben so wenig in den Sinn, als dass jemals ein ihr nicht gleich Geborner die zwischen ihrer Hoheit und seiner Niedrigkeit bestehenden Schranken ubersteigen wollen konne. Aufgewachsen in allen verjahrten Vorurtheilen ihres hohen Standes, kannte sie nur Adlige und Leibeigne, und war, mit acht orientalischer Ruhe, von dem in der Natur gegrundeten Unterschiede dieser beiden Menschenracen fest uberzeugt, ohne weiter daruber nachzudenken. Doch gerade deshalb trieb die ihr angeborne Gute des Gemuthes sie zum innigsten Mitleide mit den Unglucklichen, denen von der Natur alle innern und aussern Vorzuge schon bei ihrem Eintritte in das Leben versagt worden waren, welche die ihr Ebengebornen gleich einer Glorie umstrahlten.
Um fur das ihnen angeborne Elend sie gleichsam zu entschadigen, und es ihnen dadurch minder fuhlbar zu machen, entsagte Eudoxia im gewohnlichen Leben, aus achter Barmherzigkeit, den ihrer Geburt gebuhrenden Ehrenbezeugungen. Sie forderte nichts, was Ihrem Gefuhl nach jene Armen noch tiefer beugen konnte; aber wehe dem unter ihnen, der tactlos genug gewesen ware, diese Ausserlichkeiten zu vergessen, ohne von der Furstin ausdrucklich und besonders dazu aufgefordert und berechtigt worden zu sein. Es giebt keine Worte, um ihr Erstaunen uber eine solche, die Moglichkeit uberschreitende, an Sakrilegium granzende Unthat, gehorig zu schildern. Glucklicherweise hatte sie bis jetzt nur selten eine solche Erfahrung gemacht, denn sie ward allgemein, von Hohen und Niedern, geliebt und verehrt.
Auch war Furstin Eudoxia wirklich eine gute Dame, mit der es sich ganz leicht leben liess; denn auch sie liebte die Menschen, auch die niedriggebornen, aber freilich ungefahr so, wie wir Andern unsre Lieblingspferde oder Hunde lieben. Wer unter uns hat nicht schon mit mitleidigem Erbarmen auf seinen Hund niedergeblickt, wenn das treue Thier mit klugen Augen uns ansieht, und durch leises Winseln andeutet, dass es gern antworten mochte, wenn die arme stumme Kreatur nur reden konnte.
Isidor, der alteste Sohn des furstlichen Paares, war bei Richards Ankunft schon funfzehn Jahre alt, und einem deutschen Hofmeister ubergeben, unter dessen Leitung er fur die diplomatische Carriere sich vorbereitete, fur welche er bestimmt war. Alexis, sein um zwei Jahre jungerer Bruder, wurde fur den Militairdienst erzogen, und Eugen, der jungste der drei Sohne, hatte so eben das siebente Jahr erst erreicht.
Von den beiden Tochtern des Hauses war Natalie, die alteste, ein sehr niedliches sechsjahriges Prinzesschen, das unter den Handen der, ubrigens sehr vorzuglichen Gouvernante, Mademoiselle Dupres, schon eine ziemlich franzosische Tournure erhalten hatte, und fur ein Muster von Artigkeit galt. Die kleine Helena aber, ein achtes Kind der Natur, hubsch wie ein Engelskopfchen, frisch und bluhend wie ein Mairoschen, stand noch unter der Aufsicht ihrer Amme, und war die Lust und Freude der Eltern, wie des ganzen Hauses.
Mitten in diesen Familienkreis, zu welchem noch eine bedeutende Anzahl dem furstlichen Hause anverwandter Kinder gehorte, der auch noch taglich durch demuthigere Gespielen, Sohne und Tochter der vornehmern Dienerschaft erweitert wurde, sah der kleine Insulaner, wie ein fremdes Wunderthier, sehr unvorbereitet sich hingestellt. Befangen, blode, daneben etwas verblufft, sah er nach der Reihe alle die fremden Leute sich an, und das Weinen mochte ihm naher sein als das Lachen.
Doch als Furst Andreas, in recht verstandlichem, wenn gleich etwas fremdartig ausgesprochnem Englisch ihn freundlich anredete, Herr Muller, Isidors Hofmeister, ebenfalls in seiner Muttersprache, ihn aufforderte guten Muthes zu sein, weil es in diesem Hause ihm nicht anders als wohl ergehen konne, und endlich sogar der sonst ziemlich zuruckhaltende Isidor die paar englischen Worte, die er von Herrn Muller erlernt hatte, zusammensuchte, um den kleinen Fremdling willkommen zu heissen, da wurde diesem schon leichter um das Herz.
Das Beste dazu aber that Eugen, der kein Wort englisch wusste. Er nahm den neuen Gespielen, der seiner Meinung nach eigens fur ihn verschrieben worden war, beim Kopf, fuhr mit linder loser Hand ihm liebkosend durch die lichtblonden Locken, sah ihm lachelnd in die grossen blauen Augen, streichelte ihm die feuerroth gluhenden Wangen, fasste ihn dann mit beiden Armen an, und sprang mit ihm ein paar Mal durch das Zimmer, dass der Fussboden drohnte, und die kleine Helena, die sich in das Spiel mischen wollte, von ihrem Bruder beinah umgerannt wurde. Doch Richard nahm noch im rechten Augenblicke sie gewandt auf, und brachte sie zu ihrer Amme; denn er war an Aufmerksamkeiten dieser Art noch von zu Hause her bei seinen kleinen Geschwistern gewohnt.
Die Nacht musste Richard, auf Eugens ausdruckliches Verlangen, in der nachsten Nahe seines kleinen Beschutzers schlafen; am folgenden Tage wurde der Insulaner mit seinen Umgebungen schon bekannter, und fing an, sich ein Herz zu fassen; nach vier Wochen waren sammtliche Kinder im Stande, halb in russischer halb in englischer, und wo diese nicht ausreichten, durch Zeichen und Geberden sich unter einander recht leidlich zu verstandigen. Es ging freilich ein wenig wie beim babylonischen Thurmbau dabei her, aber die Lust war deshalb nur um so grosser, und des Lachens und Jauchzens kein Ende. Richard wurde wirklich im Hause des Fursten Andreas den Kindern desselben in jeder Hinsicht vollig gleich gestellt; gekleidet und bedient wie sie, theilte er Unterricht und Vergnugen mit ihnen. Ein alter freundlicher Diener war ihm, mehr zur Aufsicht als zur Bedienung beigegeben, der bei seinen kindischen Einfallen und Spielen ihm redlich half; Eugen, zu welchem Richard der Gleichheit ihres Alters wegen sich vorzugsweise hielt, bekam ein kleines Pferd zum Reiten, und am namlichen Tage wurde auch Richard mit einem nicht minder hubschen beschenkt; lauter Dinge, an die nur zu denken, ihm daheim auch nicht im Traume eingefallen ware.
Alle im Hause gaben sich gern und freundlich mit ihm ab, jeder Tag brachte ihm etwas Neues, das ihn erfreute, und so war es denn nicht zu verwundern, wenn die Sehnsucht nach Eltern, Geschwistern, und der fernen Heimath, wo es ihm lange nicht so gut ergangen war als hier, gar bald aus seinem Gemuthe vollig schwand. Richard war kaum acht Jahre alt, ein lebhaftes gluckliches Kind; moge dieses zu seiner Entschuldigung dienen, wenn er nach einem kurzen Jahre sich der vorigen Zeit kaum noch erinnerte und ihm bedunkte, wirklich zu sein, was er doch eigentlich nur zu sein schien. An was gewohnte der Mensch sich leichter als an Wohlleben und Pracht! und was entschwindet schneller und spurloser aus der Seele, als Erinnerung an fruhere Armuth und Niedrigkeit.
Aber auch von Seiten der Eltern geschah leider wenig, um ihr Andenken im Gemuthe ihres Kindes lebendig und warm zu erhalten. Gleich nach seiner Ankunft in Petersburg hatte Richard an Vater und Mutter geschrieben, baldige Antwort war darauf erfolgt, doch auf einen zweiten Brief blieb diese mehrere Monate aus, und endlich erhielt er gar keine mehr. Richard gab nun ebenfalls das Schreiben auf, und die Folge davon war, dass er weder an Eltern noch Vaterland weiter dachte, und sich da, wo es ihm so wohl erging, so ganz daheim fuhlte, dass ihm zu Muthe war, als sei es immer so gewesen.
Master Wood war aber auch wirklich in Nottingham vom Morgen bis zum Abend dermassen mit Arbeit belastet, dass er kaum zu sich selbst kommen konnte. Seine Londoner Freunde hatten ihm ihr Versprechen gehalten; mit ihrer Hulfe war es ihm gelungen, sein Fabrikgeschaft um mehr als das doppelte zu erweitern, und den mit ihm rivalisirenden Nachbar Bird vollig zu uberflugeln; aber nun gab es auch doppelt zu thun. Es gab so viele Geschaftsbriefe zu schreiben, dass fur andre, die ihm ohnehin nie sonderlich aus der Feder fliessen wollten, weder Zeit noch Lust ubrig blieb.
Zeit, Gewohnung, hausliche Leiden und Freuden, hatten auch die Thranen der Mutter fruher getrocknet, als sie selbst es gedacht, und uber die Trennung von ihrem Lieblinge sie getrostet. Freilich hatte sie anfangs ihm gern geschrieben, ware sie nur in Behandlung der Feder etwas geubter gewesen; als nun aber, mit dem steigenden Wohlstande ihres Hauses, auch ihr Haushalt sich bedeutend vergrosserte, und spaterhin sogar ein neuer kleiner Ankommling die Lucke wieder ausfullte, welche Richards Entfernung in die Reihe ihrer Kinder gebracht, so dass sie deren wieder vierzehn um sich sah, da begnugte die gute Frau sich ganz gelassen mit den Nachrichten von ihrem abwesenden Sohne, die sie zuweilen durch Vermittelung der Londoner Geschaftsfreunde ihres Mannes aus der dritten Hand erhielt. Sie waren bis jetzt noch immer erfreulich ausgefallen; Master Wood versaumte nie, den Richard betreffenden Punkt aus Sir Johns oder Master Smith's Briefen ihr vorzulesen. Ist es nicht vernunftig, fur etwas das man ohne Muhe und Kosten erlangen kann, sich unnutze Schreibereien, und obendrein das theure Postgeld zu ersparen? pflegte er gewohnlich nach einer solchen Vorlesung zu seiner Frau zu sprechen; und Sally nickte ihm beifallig zu, und wiegte ihr Neugebornes. Fruher noch als man es gehofft stieg Moskau, gleich dem Vogel Phonix verjungt und verschonert, aus der Asche jenes weltgeschichtlichen Brandes wieder auf, dessen unabsehbare Folgen kommenden Beschreibern unsrer merkwurdigen Zeit noch nach Jahrhunderten Stoff zu Hypothesen liefern werden. Die reichen und vornehmen Bewohner der uralten Stadt, welche, um den Schrecken jener furchtbaren Katastrophe zu entgehen, sich bei Zeiten aus derselben entfernt hatten, kehrten nach und nach in ihre wieder hergestellten Palaste zuruck, und auch Furst Andreas beeilte sich, Petersburg, wohin er damals mit den Seinen sich gefluchtet hatte, wieder zu verlassen, um bei der Vollendung seines prachtvollen Baues in Moskau selbst gegenwartig zu sein, und die innre Einrichtung und Ausschmuckung desselben, nach seinem im Auslande gelautertem Geschmacke, unter seinen eignen Augen besorgen zu lassen.
Sobald alles zu ihrem Empfange eingerichtet war, folgte die Furstin ihrem Gemahl. Nur ihre beiden Tochter und der jetzt neunjahrige Eugen nebst seinem von ihm unzertrennlichen Gefahrten Richard begleiteten sie. Der alteste ihrer Sohne, Prinz Isidor, blieb mit seinem Hofmeister zuruck, um seine Vorbereitung zur Universitat Dorpat, die er im nachsten Jahre beziehen sollte, zu vollenden. Alexis, der zweite Sohn, wurde einer der kaiserlichen Anstalten fur die Bildung zur Marine ubergeben; denn diesen beschwerlichen Dienst hatte er aus freiem Antriebe sich erwahlt.
Das ewig heitre, mitunter wilde Treiben der beiden Knaben, die sie einen wie den andern ihre Sohne nannte, belustigte die Furstin ungemein. Die von einem so bedeutenden Umzuge unzertrennliche Unruhe, das Hin- und Herlaufen der Arbeitsleute und Bedienten, das Packen und Hammern, das Rufen und Larmen vor der Abreise, und endlich die Reise selbst, beschaftigte die Kinder so angenehm und anhaltend, dass sie gar nicht dazu gelangen konnten, sich uber den Abschied von ihren Petersburger Spielkameraden gehorig zu betruben. Wahrend der Reise, vorzuglich aber in Moskau selbst, gefiel ihnen alles ganz unendlich, denn alles war ihnen neu; der mildere Himmel, die schonere Natur rings um Moskau, verfehlten spaterhin nicht, diesen Eindruck bleibend zu machen.
Prinzesschen Natalie war schon zu wohlgezogen, um mit den beiden wilden Knaben sich viel abzugeben, die sie zwar recht lieb hatte, deren larmende Spiele ihr aber oft Unlust und Missvergnugen erregten. Die kleine Helena hingegen, die indessen jetzt fest genug auf ihren Fusschen stand, um sich nicht so leicht umrennen zu lassen, war und blieb ihre treue Spielgefahrtin, lief, kletterte, sprang mit ihren beiden Brudern, wie sie sie nannte, um die Wette. Zwar war auch sie einer Gouvernante, und zwar einer Deutschen jetzt ubergeben, doch ihre Amme Elisabeth war, von der Furstin Eudoxia dazu berechtigt, dennoch in Rang und Wurden bei ihr geblieben. Sobald es nicht dem eigentlichen Unterrichte galt, den sie freilich ihr nicht ertheilen konnte, hatte Elisabeth die specielle Aufsicht uber das Kind ihres Herzens sich nicht nehmen lassen.
Nach alter, acht orientalischer Sitte, spielen uberhaupt in den Familien der russischen Grossen die Ammen eine sehr bedeutende Rolle. Frauen aus den hochsten Standen hangen lebenslanglich mit unverbruchlicher Liebe an der treuen Pflegerin ihrer hulflosen Kindheit; sie bleibt ihre Rathgeberin, die Vertraute ihrer Leiden und Freuden, und behalt bei jeder grossen oder kleinen Angelegenheit ihres Lebens eine oft entscheidende, nie unbeachtete Stimme. Alle vier Kinder wuchsen im geselligsten Familienleben mit einander heran. Mit der Zeit wurden der Spielstunden weniger, der Stunden des Unterrichts hingegen mehr, und manche der letzteren wurden ihnen allen gemeinschaftlich ertheilt. In freien Stunden suchte die kleine Helena, soviel dieses anging, den beiden Knaben fortwahrend zur Seite zu bleiben, und das immer frohe, freundliche Kind wurde auch von ihnen als ein lieber willkommner Spielkamerad betrachtet, dem sie, weil er junger und schwacher war, manches nachsahen und alles zu Gefallen thaten. Richard, als der alteste und starkste, bestrebte sich besonders, Helenen uberall zu vertreten und sie ritterlich in seinen Schutz zu nehmen, wenn Gefahr oder Unbill ihr drohten.
Lebte der gute August Lafontaine noch, und waren seine, fast in der Wiege aufflammenden, jetzt schon halb vergessnen Kinderlieben noch Mode, welchen Stoff zu den ruhrendsten und naivesten Liebesscenen hatten die kleine russische Prinzessin und der englische Strumpfwebersbube ihm geboten! Was konnte romantischer erdacht werden, um ihn zum Ausspinnen einer hochst zart empfundenen Novelle zu verleiten. Doch Richard und Helene waren, die Wahrheit zu gestehen, zu gesunde, zu unverschrobene, zu wahrhaft kindliche, mitunter auch, selbst als sie schon ziemlich herangewachsen waren, zu kindische Kinder, als dass so etwas bei ihnen nur denkbar gewesen ware; sie nannten einander Bruder und Schwester, und liebten sich als solche recht ehrlich und offenbar.
So vergingen mehrere Jahre; Richard blieb, was er vom ersten Tage seines Eintritts in dieses Haus gewesen, der Liebling Aller, vom furstlichen Ehepaar an bis zum Ofenheizer herab; vor allem aber Eugens innigster unzertrennlichster Freund. Wer beide, ohne sie genauer zu kennen, zusammen sah, musste fur Bruder sie halten; sie selbst hatten ganzlich vergessen, dass nur Wahlverwandtschaft, nicht Bande des Blutes sie verbanden. Alles hatten sie mit einander gemein, die Liebe der Eltern, die Vortheile welche Reichthum, Stand und Geburt, den Sohnen des Gluckes gewahren; jeden Unterricht, nicht nur im Gebiete der Kunst und Wissenschaft, auch in ritterlichen Ubungen, und in Allem was Junglinge aus den hohern Standen bedurfen konnen, um sowohl in den bedeutendsten Stellungen des offentlichen Lebens, als auf dem glatten Parkette der Salons, mit Anstand und Sicherheit aufzutreten.
Dass der arme Richard durch alles dieses viel zu hoch uber die bescheidne Sphare erhoben werde, welche sein Geschick beim Eintritt in das Leben ihm angewiesen hatte, daran dachte Keiner, am wenigsten er selbst; sogar das Furstenpaar schien die zwischen dem in Dunkelheit gebornen Fremdling, und den Sprosslingen seines erlauchten Hauses bestehende Scheidelinie, ganz aus den Augen verloren zu haben.
Die Furstin wunschte ihre Kinder, besonders ihre Tochter, das achte Fruhlingsleben der Jugend so lange als moglich geniessen zu lassen; sie fuhrte sie daher spater, als sonst wohl geschieht, in die Gesellschaft der grossen Welt ein; versagte ihnen aber, als sie heranwuchsen, keine ihrem Alter angemessne Freude. Sogenannte Kinderballe, musikalische Ubungen, Spazierfahrten im Sommer, Schlittenpartieen an leidlichen Wintertagen, gewahrten ihnen Abwechselung und Vergnugen im Uberfluss; sogar ein kleines Theater wurde ihnen im Palast errichtet, auf welchem, anfangs an Geburtstagen und bei ahnlichen festlichen Gelegenheiten, kleine dramatische Vorstellungen von ihnen gegeben wurden, die sich zuletzt zu einem formlichen Liebhabertheater gestalteten.
Alles dieses bot Gelegenheit zu mannigfaltigen Verbindungen mit andern jungen Leuten ihres Standes und Alters. Ganz unbefangen nahm Richard an allen Festen und Vergnugungen thatigen Antheil, und spielte dabei, durch seine personlichen Vorzuge dazu berechtigt, keinesweges eine untergeordnete, sondern vielmehr eine sehr ausgezeichnete Rolle. Eltern und Heimath wurden uber das alles vollig vergessen; darf man ihn deshalb verdammen? Doch mitten in diesem Freudentaumel wurde er ganz unerwartet an beide erinnert, und zwar, sonderbarer Weise, von der Furstin Eudoxia selbst. Die Furstin liebte es, in mussigen Stunden sich von ihrem Pflegesohne die neuesten Erzeugnisse der franzosischen Literatur in ihrem Kabinette vorlesen zu lassen, welche aber damals, gegen den romantisch wilden Schwung, den sie in unsern Tagen gewonnen haben, noch ziemlich nuchtern sich ausnahmen. Das neueste Werk des damals noch sehr bewunderten Herrn von Arlincourt war, zu Richards grosser Freude, eines Tages beendet, und er, innerlich noch gahnend, eben im Begriff das Buch an seinen Platz zu bringen, als die heute besonders gutig gestimmte Furstin plotzlich auf den, ihr nie zuvor gekommenen Einfall gerieth, nach seiner Familie sich zu erkundigen. Sie fragte ihn, wie alt seine Mutter sei, wollte die Anzahl seiner Geschwister, Namen und Alter eines jeden derselben von ihm erfahren, lauter Fragen, die Richard nicht zu beantworten im Stande war, und die ihn beangstigten und verwirrten, weil er, nach langem Besinnen, doch nichts fand, was er darauf erwiedern konne. Durch eine schnell ersonnene Antwort rasch aus der Verlegenheit sich zu ziehen, war seinem redlichen Sinne nicht moglich, und doch war ihm nicht unbekannt, mit welcher Innigkeit alle Russen, vom Hochsten bis zum Geringsten, an den Ihrigen hangen, und mit welcher religiosen Pietat sie besonders ihre Eltern und das Andenken derselben ehrfurchtsvoll hochhalten. In diesem Augenblicke erschien das ganzliche Vergessen der Seinigen ihm beinahe wie ein Verbrechen.
Ich wurde so jung von den Meinigen getrennt ich erhalte so selten Nachricht von ihnen, stotterte er endlich, ergluhend im ganzen Gesicht; Thranen traten ihm in die Augen, als er bemerkte, dass der Furstin seine Verlegenheit nicht entging. Doch sie mochte dieselbe anders sich deuten, als er in seiner tiefen Beschamung es furchtete; vermuthlich weil der wahre Grund derselben ihr undenkbar war; denn sie sah mitleidig lachelnd ihn an.
Guter Sohn, sprach sie, freilich liegen mehr als zehn lange Jahre, und Meere und Lander zwischen Dir und den Deinen. Aber was Du dort verlorest, hast Du hier wiedergefunden, und sollst es nie wieder verlieren.
Tief bewegt kusste Richard die ihm gebotene schone Hand. Ich bin Willens Dir und den Deinen eine kleine Freude zu bereiten, fuhr die gutige Frau fort, Du sollst Deine Mutter und auch Deine Schwestern beschenken. Ein armenischer Kaufmann war heute Morgen bei mir, unter dessen Waarenvorrathe ich allerlei Kleinigkeiten auswahlte, die einer englischen Lady vielleicht gefallen konnen, weil sie in ihrem Lande etwas Seltenes sind.
Schwer beladen mit wirklich furstlichen Geschenken mannigfaltiger Art, eilte Richard von der Furstin in sein Zimmer. Seine Freude war granzenlos; wer ihm in den Weg kam, wurde um Rath und Hulfe angegangen, wie das alles auf das sicherste und sorgfaltigste einzupacken ware. Er gonnte weder sich noch andern Ruhe, bis er seine Kostbarkeiten zur weitern Beforderung auf dem Wege nach Petersburg wusste, und sah hernach taglich nach der Windfahne, bis er Nachricht von der glucklichen Ankunft seiner Sendung aus England erhielt. Seit Nottingham steht, hat wohl kein ausserpolitisches Ereigniss in dem Stadtchen mehr Larm gemacht, grosseres Aufsehen erregt, als die Ankunft von Richards Sendung. Alle Bekannten, ja die halbe Stadt stromte herbei, Misstress Wood zu besuchen, und die nordischen Schatze zu bewundern, deren Gleichen dort nie gesehen worden waren. Die Dose von achtem sibirischen Malachit, deren Werth Master Wood fast unermesslich taxirte, die in Gold gefassten turkischen Pastillen und mit wunderlichen Schriftzugen bedeckten Amulette, die blinkenden Flaschchen mit Rosenol, die reichen Stoffe, die trefflich gearbeiteten Erzeugnisse russischer Fabriken in Stahl, Krystall und vor allem in Saffian, erregten die hochste, mit etwas Neid untermischte Bewunderung; der zu mannigfaltigem Schmucke gefassten farbigen Edelsteine nicht einmal zu gedenken; und wenn Misstress Wood in ihren acht turkischen Kaschmir-Shawl gewickelt durch die Strassen stolzierte, fullten sich alle Fenster mit ihr nachschauenden Gesichtern. Sogar die Strassenbuben liessen Ball- und Reifenspiel im Stich, und zogen bewundernd ihr nach. Richard hatte abermals von England und seinen Eltern seit langerer Zeit keine Nachricht erhalten; der dorthin abgesandten Geschenke wurde nicht weiter gedacht, und er fing eben wieder an, sich in Hinsicht auf seine Familie seiner gewohnten Gleichgultigkeit hinzugeben, als ein von dorther an ihn abgesandtes Kastchen, nebst dem Auftrage, im Namen seines Vaters, als schwachen Beweis von dessen Dankbarkeit, es der Furstin zu uberreichen, ihn sehr angenehm uberraschte. Freudig eilte er es ihr selbst hinzutragen; es fand freundliche Aufnahme, und wurde sogleich geoffnet, um den Inhalt desselben zu untersuchen.
Strumpfe kamen zum Vorschein, nichts als baumwollne Strumpfe, viele, viele Dutzende, fur die Furstin selbst, und fur die Prinzessinnen; aber was fur Strumpfe! Strumpfe wie die Welt sie nie gesehen. Wie aus Sommerfaden, von Elfenhanden gewoben, durchsichtigklar, wie der feinste Spitzengrund, an Muster und Gewebe den kostbarsten Brabanter Kanten zu vergleichen.
Eigne Maschinerien hatten zu ihrer Verfertigung erfunden werden mussen; mit unendlichen Weitlaufigkeiten und grossem Aufwande hatte Master Wood die geschicktesten Arbeiter in diesem Fache aus ganz England herbeigezogen, um mit ihrer Hulfe ein Meisterwerk hervorzubringen, dessen Ausfuhrung in den Annalen des englischen Manufakturwesens seinen Namen verewigen wird.
Das Erstaunen, welches diese Sendung im furstlichen Palaste zu Moskau erregte, war dem, in welches die gute Stadt Nottingham uber die russischen Geschenke gerathen war, zu vergleichen. Die Prinzessinnen, ihre Gouvernanten, die Amme Elisabeth, sogar die Kammerfrauen, wurden auf der Furstin Geheiss herbei gerufen, um bewundern zu helfen. Des Lobens, des Aussersichkommens uber die unbegreifliche Feinheit, uber die geschmackvolle Arbeit der Strumpfe, war kein Ende, bis der Furst Andreas selbst zufalliger Weise in das Zimmer trat.
Auch er wurdigte den Gegenstand allgemeiner Bewunderung seiner Aufmerksamkeit, und liess uber die hohe Vollendung, zu welcher Fleiss und Industrie die englischen Fabrikate hinaufgetrieben haben, sich weitlauftig aus. Dieses brachte ihn auf seine Lieblings-Idee, auf die Moglichkeit, auch in Russland durch gehorige Leitung und Unterstutzung der arbeitenden Volksklasse ahnliches zu erreichen.
Warum ware es nicht moglich, einen geschickten Arbeiter aus dieser Fabrik nach Russland zu ziehen? rief er im Verfolg seiner Gedanken; Richard, sind die Namen des Orts, wo diese Strumpfe gemacht werden, und des Fabrikanten Dir bekannt?
Richard war eben beschaftigt, Helenas Stickrahmen aufzuspannen: Mein Vater hat sie gemacht: war seine nachlassig hingeworfene Antwort.
Die Furstin erschrak und wurde bald bleich, bald roth.
Dein Vater? rief sie: Richard das hoffe ich nicht. Ist Dein Vater? macht Dein Vater? ist Dein Vater denn ein Strumpfwirker? stotterte sie sehr verlegen.
Richard war noch immer neben Helenen mit dem Stickrahmen eifrig beschaftigt.
Ich meine ja: erwiederte er gedankenlos: ich kann mich dessen zwar kaum noch erinnern, aber gewiss muss es so sein. Denn es wurden in unserm Hause immer viel Strumpfe gemacht, soviel weiss ich ganz deutlich: setzte er sich bestimmend hinzu.
Eudoxia verstummte, sah aber mit einem ganz unbeschreiblichen Blicke ihn an, den Richard indessen nicht bemerkte, denn er musste jetzt Helenen beim Durchzeichnen ihres Musters helfen. Bald darauf entfernte er sich mit den Ubrigen. Helene nahm mit ihrer Arbeit hinter den tief herabhangenden Draperien eines Fensters ihren gewohnten Platz ein. Wahrscheinlich ohne ihrer gewahr zu werden, blieben der Furst und seine Gemahlin ubrigens mit einander allein.
Nun? fragte Furst Andreas, nachdem er einige Augenblicke mit untergeschlagenen Armen vor seiner schmollenden, ihm keinen Blick gonnenden Gemahlin gestanden: nun? was zieht diese sonst immer so glatte Stirne in so krause Falten? was hat es denn gegeben, das Euer Gnaden verdriesst?
Ach Andreas Andreas! seufzte sie: das hattest Du an mir nicht thun sollen! hattest Du Richards niedre Herkunft mir nicht verhehlt, wie hatte ich jemals! nein dergleichen thut nie gut; Du weisst ich behaupte, es geht wider die Natur.
Seltsames Geschlecht! den will ich sehen der Dir alles recht machen kann! rief herzlich lachend der Furst. Gute Eudoxia, hast Du denn jemals um Richards Herkommen mich befragt? hast Du wirklich gemeint, ein englischer Herzog oder Lord wurde uns seinen Sohn fur unsre Kinder herschicken?
So albern bin ich nicht, dass ich einen jungen Lord zum Gesellschafter fur unsre Kinder fordern sollte: erwiederte sie, ziemlich gereizt; aber ein Handwerksbursch? der Abstand ist zu ungeheuer! ich wollte ich hatte den unglucklichen Richard nie gesehen! ich mochte uber ihn weinen.
Helena, in ihrer Fensterecke mit ihrer Stickerei beschaftigt, hatte bis dahin auf das Gesprach ihrer Eltern nicht sonderlich geachtet. Jetzt ward sie aufmerksam; die Nadel entfiel ihrer Hand; sie hob sie nicht wieder auf, sondern naherte sich vorsichtig dem sie verdeckenden Vorhange, der von dem hohen Fensterbogen herabschwebte.
Aber gute theure Eudoxia, wie kannst Du mit so barmherzigen Gesinnungen Dich qualen wollen, die hier gar nicht am rechten Orte angebracht sind! erwiederte der Furst, und fasste liebkosend seiner Gemahlin nur schwach widerstrebende Hand. Wie wurde Richard uber Dein unverdientes Mitleid sich verwundern, dessen Veranlassung ihm ganz unerklarlich scheinen musste! Er ist ja nichts weniger als unglucklich oder bedauernswerth, fuhr der Furst fort; zwar ist er kein Prinz, aber eben so wenig ein Handwerksbursche zu nennen. Richards Vater ist ein Mitglied jener hochst achtungswerthen Klasse von Burgern, welcher Grossbritannien seinen Reichthum und dadurch seine Grosse verdankt. So viel ich durch Herrn Gross erfahren, ist er Besitzer einer Fabrik in einem englischen Mittelstadtchen; hat viele Kinder, bei nicht sehr bedeutendem Vermogen; und entschloss sich deshalb, einen seiner jungern Sohne im Auslande zu versorgen. Was liegt denn darin so Entsetzliches? Gewiss wird er noch obendrein in kurzer Zeit sehr reich werden, wenn er es nicht schon geworden ist. Denn diese Probe seiner Fabrikate ist ein Beweis, dass er durch Erfindungsgeist und Industrie sich vor vielen andern auszeichnet, und sich auf dem rechten Wege befindet, sein Gluck zu machen.
Was liegt daran? klagte Eudoxia; und wenn er Millionen erwurbe, das andert nichts. Die Geburt entscheidet; ein geborner Leibeigner bleibt es ewig.
Aber es giebt keine Leibeigenen in jenem Lande, wo selbst der an der Kuste von Guinea fur baares Geld erkaufte Neger ein Freier wird, sobald er den Fuss auf englischen Boden setzt: erwiederte etwas ungeduldig der Furst.
Das alles habe auch ich in Buchern gelesen, antwortete Eudoxia im namlichen Tone; aber wenn dem auch so ist wenn das gemeine Volk, Arbeitsleute, Diener, Handwerker, und jene Manufakturisten, die sich nur dadurch von diesen letzteren unterscheiden, dass sie das Handwerk mehr ins Grosse treiben, wenn das alles auch dort nicht leibeigen genannt wird, es gehort doch zu einer Klasse genug, es ist ebenso von uns verschieden, als das armselige Haidekraut von der Rose, die doch auch alle beide zum Pflanzenreiche gezahlt werden.
Deine Klagen werden wirklich poetisch: rief der Furst gutmuthig spottend.
Wie bedauernswurdig ist der arme Richard! fuhr Eudoxia fort; warum musste er von der Natur fur ein weit hoheres Loos ausgestattet werden, als das ist, wozu sie ihn bestimmte! Ich meinte er sei wenigstens der Sohn eines Kaufmanns, wie Herr Gross in Petersburg und Andre, die zuweilen Zutritt zu uns haben, weil sie gewissermassen den Ubergang zu den niedrigen Volksklassen bilden, zu denen sie nur halb gezahlt werden konnen. Ich habe gehort, dass der jungere Bruder eines Lords sich in England oft dem Kaufmannsstande widmen muss, weil nur der alteste Erbe der Familienguter und des mit diesen verbundenen Adels werden kann. Ich habe das oft gehort und gelesen, und konnte, nach Richards vortheilhaftem Aussern zu urtheilen, nur denken, dass er Abkommling eines solchen edeln Stammes sei; und nun muss ich heute erfahren, dass er im niedrigsten Stande, aus unedlem Blute
Halt, halt, rief lachend der Furst: machst Du doch aus lauter Liebe und reinem Mitleid den armen Jungen vollends zum Paria. Dann setzte er zu ihr sich hin, und gab, ernster werdend, sich alle ersinnliche Muhe, ihre Ideen uber diesen Punkt zu berichtigen.
Seine Reden und Grunde glitten an dem unbeugsamen Glauben der Furstin ganz wirkungslos ab; desto grossern Eindruck aber machten sie auf Helenen, die bis dahin mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gesprache ihrer Eltern zugehort hatte. Sie fing schon an sich mit ihrer Mutter uber Richards, ihr freilich ganz unverstandliches Ungluck, recht von Herzen zu betruben, und die Thranen traten ihr daruber in die Augen; aber die Worte ihres Vaters, dem sie gewohnt war unbedingt zu vertrauen, ermuthigten und trosteten sie wieder. Sie kehrte leichteren Herzens zu ihrem Stickrahmen zuruck, als das Gesprach Familienangelegenheiten sich zuwandte, die sie wenig interessirten; doch als sie im Verlaufe desselben ihren eignen Namen nennen horte, musste sie wider Willen abermals darauf achten.
Wahr ist es, horte sie die Mutter sagen, Helenen kann man beinahe ganz erwachsen nennen; das ist so gekommen, ohne dass ich es recht gewahr worden bin. Die Jahre vergehen so unbemerkt und schnell, die Veranderungen, die sie mit sich bringen, treten so leise, so allmalig ein, dass man nur zufallig, zu eigner grosser Uberraschung sie entdeckt, als waren sie durch ein Wunder im namlichen Augenblicke erst entstanden. Die liebe kleine Helena! wenn wir kommenden Winter die Verlobung ihrer Schwester mit dem Fursten Konstantin feiern, werde ich es schwerlich vermeiden konnen, auch sie in die Welt zu fuhren, und doch hatte ich es gern, wenigstens noch um ein Jahr verschoben. Ich mochte die frohe Jugendzeit ihr noch lange erhalten; sie lebt jetzt ihre glucklichsten Tage; diese vergehen schnell und kehren nie wieder.
Wohl wahr, erwiederte der Furst, doch diese Tage, so schon sie auch sein mogen, mussen, wie jeder andre Tag im Leben, endlich andern Tagen weichen. Helena wird sich endlich doch bequemen mussen, auch scheinen zu wollen was sie ist, ein erwachsenes Madchen. Mich dunkt es ware endlich Zeit, dass sie die Spielkameraden ihrem Bruder uberliesse, und sich mit Gespielinnen begnugte. Mag diese Veranderung ihrer Lebensweise immer einige Monate fruher eintreten, ehe sie nothwendig wird, damit sie sich daran gewohnt, ehe sie den Fesseln sich beugen muss, welche Konvenienz, Geschlecht und Stand, ihr wie jedem jungen Madchen ihres Alters anlegen. Ich muss Dir gestehen, Eudoxia, ich habe in der letzten Zeit, nicht ohne stille Besorgniss, sie so ganz unbefangen und zwanglos mit Eugens Freunden umgehen sehen; wie leicht konnte sich da etwas anspinnen, das uns, wenn Helena alter wird, der bosen Tage genug machen wurde.
Wo waren meine Sinne! auch daran habe ich nicht gedacht! rief die Furstin sehr lebhaft. Du hast Recht, vollkommen Recht. Die grosse wochentliche Tanzstunde, der musikalische Verein, mussen sobald als moglich abbestellt werden; da ist der, und der, und der, sie nannte die Namen mehrerer jungen Leute, Sohne vornehmer und angesehener Familien, welche taglich ihr Haus und ihre Kinder besuchten, es sind Eugens Jugendfreunde, und mogen sie es immer bleiben, setzte sie hinzu, aber fur unsre Tochter nun ich hoffe es ist noch nicht zu spat.
Das hoffe ich auch, sprach lachelnd der Furst. Eudoxia, fuhr er nach einer kleinen Pause ernster werdend fort, Du zweifelst nicht an meinem festen Vertrauen; Du weisst es, ich kenne Dein Gemuth, Deinen klaren Verstand, den nur hier und dort kleine unschadliche, Dir mit der Muttermilch eingefloste Vorurtheile zuweilen umdunkeln; ich ehre Dein schones Talent, mit sanfter Hand alles zum Besten zu leiten, ohne durch die Gute Deines Herzens Dich von Deinem Zwecke abfuhren zu lassen. In allem was unsre Tochter betrifft lass ich Dir freie Hand, denn die Ehre wie der Vortheil unsres Hauses liegen Dir nicht minder am Herzen als mir. Nur suche nie unsern Eugen von den Freunden zu entfernen, mit denen schon die Spiele seiner Kindheit ihn verbanden, das Einzige erbitte ich von Dir. Was ist in spateren Tagen dem Manne von hoherem Werthe, als ein treuer Jugendfreund! in Noth und Tod, in Sturm und Gewitter, beut er ihm eine sichre Zuflucht, oder geht Arm in Arm mit ihm zu Grunde. Ach! und es werden Tage kommen, schwere heisse Kampfe, wo es wohl Noth thun wird fest an einander zu halten! setzte er sehr bewegt, halb leise hinzu.
Die Furstin war in diesem Augenblicke mit ihren eignen Ideen zu beschaftigt, um diese Andeutungen so zu beachten, als sie es zu andrer Zeit gethan haben wurde. In Hinsicht auf Eugen hast Du vollkommen Recht, erwiederte sie, aber unsre Tochter durfen solche Konnexionen nicht bilden. Sie konnen ihrem Geschick nicht vorgreifen, sie mussen geduldig abwarten, was Gott und ihre Eltern uber ihre Zukunft beschliessen. Ubrigens will ich noch heute uber die ihrem Alter angemessenen Beschaftigungen unsrer jungsten Tochter, und uber die nothwendige Beschrankung ihrer Gesellschaft mit Madame Sommerfeldt mich berathen; Helenas Gouvernante ist eine verstandige welterfahrne Frau; sie wird auf meine Ansichten eingehen, und alles dem gemass anzuordnen wissen.
Und Richard? muss auch er aus Helenas Nahe verbannt werden? fragte ein wenig spottend der Furst; Helena horchte hoch auf.
Ach, warum qualst Du mich so! Du weisst es ja, von dem kann ja hier gar nicht die Rede sein, das bleibt wie es ist, erwiederte die Furstin etwas ungeduldig.
Beide verliessen das Zimmer, und Helena gewann dadurch Zeit, unbemerkt aus ihrem Verstecke zu entkommen. Helena war der Pflege ihrer Amme zwar schon langst entwachsen; doch diese liess es sich dennoch nicht nehmen, die Nachttoilette ihres Lieblinges zu besorgen, wie sie von jeher es gewohnt gewesen war. Obgleich mehr als zwanzig Hande sich herbei drangten, dieses Geschaft, das sie mit mutterlichem Eifer als unerlassliche Pflicht betrieb, ihr abzunehmen, so litt sie doch nie den mindesten Eingriff in ihre Rechte. Das ungemessenste Vertrauen des holdseligen Wesens, das in unbeschreiblicher Anmuth unter ihren pflegenden Handen gleichsam erbluhte, lohnte uberreichlich ihre treue Anhanglichkeit. Die junge Prinzessin hatte von fruhester Kindheit an sich gewohnt, Abends beim Auskleiden ihrer Elisabeth von allem, was sie den Tag uber erfahren oder gethan, ausfuhrlichen Bericht abzustatten; auch die Furstin Eudoxia pflegte des Morgens, gleich nach ihrem Erwachen, sie zu sich zu berufen, um alles, was in dem unermesslich grossen Haushalte, und selbst in der Familie des furstlichen Hauses sich ereignete, mit ihr allein zu besprechen. Und so war denn die gute Frau besser als irgend Jemand, die Furstin selbst nicht ausgenommen, im Stande, alles im Ganzen zu uberschauen, und nicht selten durch ihren Rath, oder selbst thatig, in die Leitung desselben einzugreifen.
Auch an jenem Abende versaumte Helena nicht, ihr Herz vor der treuen Amme auszuschutten; es war ihr dieses sogar mehr als sonst ein Bedurfniss; denn sie fuhlte das Unrecht, das sie begangen, indem sie, wenn gleich Anfangs unabsichtlich, ihre Eltern belauschte, und sie schamte sich deshalb nicht wenig. Indessen die Beichte wurde abgelegt, und dass Frau Elisabeth, als eine hochst moralische Person, sie daruber sehr ernstlich schalt und ermahnte, war dem guten frommen Kinde, als wohlverdiente Busse, eine Art von Trost. Doch die gute Amme konnte ihrem Lieblinge nicht lange zurnen; als sie die innere Zerknirschung desselben uber den begangenen Fehler bemerkte, ging sie zu Beruhigungsgrunden uber und sprach so lange, so eindringlich, mit so sanft gemilderter Stimme, dass ihre Rede endlich wie ein Wiegenliedchen wirkte. Als Helena am andern Morgen erwachte, waren sowohl das, was sie von dem Gesprache ihrer Eltern vernommen, als die Ermahnungen und Trostungen der Amme ihr fast ganz aus dem Gedachtniss entschwunden. Die heimliche Liebe des jungen Fursten Konstantin und der Prinzessin Natalia war fur Helena langst kein Geheimniss mehr gewesen; denn welchem funfzehnjahrigen Madchen ware ein solches, unter ihren Augen entstehendes Verhaltniss jemals entgangen? in dieser Hinsicht hatte sie also aus dem Gesprache ihrer Eltern nichts erfahren, das ihr nicht schon bekannt gewesen ware. Dass sie selbst ihrem Eintritte in die grosse Welt so nahe stehe, war ihr allerdings neu; denn mit ihrem Loose vollig zufrieden, hatte sie bis dahin noch gar nicht daran gedacht, und wusste auch jetzt noch nicht recht, ob sie sich darauf freuen, oder davor furchten solle. Da aber doch erst von kommendem Winter die Rede gewesen war, bis zu welchem noch mehrere Monate vergehen mussten, in ihrem Alter eine unermesslich lange Zeit, so hielt sie es fur das Beste, auch jetzt noch nicht weiter daruber nachzudenken, und schlug mit acht jugendlichem Frohsinne sich die ganze Sache furs erste aus dem Kopfe.
Die Voranstalten zu dieser Hauptepoche in Helenas Jugendleben wurden indessen allmalig getroffen; aber ganz unmerklich langsam und leise; denn Eudoxia war eine zu weltkluge Dame, um nicht alles was sie unternahm mit grosser Uberlegung auszufuhren. Natalias nahe Verlobung blieb furs erste noch ein offentliches Geheimniss, aber sie wurde jetzt doch, als eine ganz erwachsene junge Dame, in die Gesellschaft eingefuhrt. Ihre Erziehung wurde fur vollendet erklart, und dieses bot von selbst Gelegenheit, die grosse Tanzstunde aufhoren zu lassen, die sonst wochentlich im Palaste des Fursten Andreas statt fand, und die gar bald in eine Art Gesellschaftsball sich umgewandelt hatte, zu welchem Moskaus heranwachsende brillanteste Jugend beiderlei Geschlechts, beinahe ohne andre Aufsicht als die des Tanzmeisters, sich versammelte.
Die grossen musikalischen Ubungen hatten aus dem namlichen Grunde gar bald das namliche Schicksal; und unter dem Vorwande einiger nothwendig damit vorzunehmender Reparaturen, wurde auch das kleine Haustheater einstweilen zugeschlossen.
So zog der Kreis, welcher Helenen von der frohlichen bluhenden Jugendwelt abschloss, sich immer enger zusammen, wahrend die glanzendsten Feste in dem Hause ihrer Eltern sich mehrten, und Natalie als die Konigin derselben glanzte. Madame Sommerfeldt wich ihrem Zoglinge fast nie mehr von der Seite; nur in ihrer Gegenwart durfte Helena die Besuche ihrer jungen Freundinnen annehmen, nur in ihrer, oder in der Furstin Begleitung, sie erwiedern; Eugens Freunde waren, ohne dass dieses ausgesprochen worden ware, durch diese neuen Einrichtungen aus ihrer Nahe ganzlich entfernt.
Alle diese Veranderungen wurden, ohne ein Wort daruber zu verlieren, gleichsam eine aus der andern entstehend, so ganz allmalig eingefuhrt, dass Helena derselben schon gewohnt worden war, ehe sie nur bemerkte, dass sie gegen sonst ein fast klosterliches Leben fuhre. Ihr heitrer, still zufriedener Sinn blieb dabei vollig unbefangen; war sie doch, vom Morgen bis zum Abend, auf eine Weise beschaftigt, die Langeweile und uble Laune fern von ihr hielt. Um die Zeit, die ihr bis zu ihrem Eintritte in die Welt noch ubrig blieb, recht zu benutzen, waren fast alle Stunden ihres Unterrichts verdoppelt worden; sie las, zeichnete, malte, sang und spielte; Richard war nach wie vor bei ihren Ubungen ihr zur Hand, so oft sie seiner bedurfte. Der Tag verging, der Morgen wurde zum Abende, ehe sie sich dessen versah; sie war zufrieden, als hatte sie nie anders gelebt.
Natalia, von Bewunderern umgeben, im Wonnetaumel der ersten Liebe, von einem glanzenden Feste zu einem andern eilend, wurde der vereinsamten jungern Schwester bei dieser ganz verschiedenen Lebensart zwar etwas entfremdet, und mochte selten genug ihrer gedenken; doch Eugen und Richard vergassen die Verlassene nicht. Auch sie waren jetzt in der Gesellschaft eingefuhrt, doch Richard entfernte sich aus derselben, sobald es der Anstand erlaubte, um der einsamen Helena ein Paar lange Abendstunden durch gemeinschaftliche Lecture zu kurzen, und auch Eugen folgte ihm zuweilen. Richard schlich sich nicht heimlich zu ihr; der Furst, die Furstin, Alle wussten darum und gonnten ihr gern diese Erheiterung, wahrend das ganze Haus in festlichem Glanze strahlte.
Madame Sommerfeldt war eines Abends zu einer Freundin geladen; eine sehr zahlreiche und brillante Assemblee wogte in den weiten Salen des Palastes, wahrend Richard sich fruher als sonst zu Helena begeben, um mit ihr Walter Scotts Lady of the Lake zu lesen. Die Amme, welche diesmal, wie immer in solchen Fallen, die Stelle der Gouvernante bei der jungen Prinzessin vertrat, war eben im Begriffe, in ihrem weichen bequemen Armstuhle hinter dem grossen Ofenschirme in sanften Schlummer zu gerathen, als ebenfalls weit fruher als gewohnlich, und augenscheinlich etwas verdriesslich, Eugen zu ihnen sich gesellte.
Sitzt Ihr doch da, als befandet Ihr Euch selbst auf einer unbewohnten Insel mitten in See, rief er, nachdem er einen Blick auf das Gedicht, welches sie mit einander lasen, geworfen; ist es hier doch so still, so heimlich, so ruhig; und keine funfzig Schritte von Euch tobt der langweiligste Saus und Braus, den man sich denken kann. Arme, kleine Helena, ich habe mich fortgeschlichen, um mich ein Stundchen bei Dir zu erholen, aber hier ist es doch gewaltig einsam und still! setzte er sich dehnend, mit schlecht verhehltem Gahnen hinzu; sage mir nur, was in aller Welt hat seit einiger Zeit unsre Mama bewogen, Dich wieder in die Kinderstube zu versetzen?
Helene versicherte, sich dabei sehr wohl zu befinden, auch Richard meinte, es ware doch sonst fast zu lebhaft hier zugegangen, Eugen aber wollte das Alles nicht gelten lassen.
Warum mussen denn meine Freunde aus Deiner Gegenwart, Schwester, ganzlich verbannt sein? fragte er: warum treffe ich sogar Deine Freundinnen niemals mehr bei Dir an? warum darfst Du von ihnen nur formliche Visiten annehmen und erwiedern? Was sind das alles fur Neuerungen, und was ist der Grund davon? Sind doch alle Freuden, die sonst hier herrschten, uns wie abgeschnitten! Scherz und Spiel! Lachen und Tanz und Herzenslust! wo seid ihr hin! setzte er mit komischem Pathos, tragirend und deklamirend hinzu.
Das geht nicht mehr so, wie Du es wohl meinst; ich habe keine Zeit zu verlieren, wenn ich noch alles lernen soll, was ich lernen muss. Glaube mir, Bruder, die Langeweile plagt mich nicht, ich habe vom Morgen bis zum Abend vollauf zu arbeiten: erwiederte Helene, und sah ganz allerliebst altklug dazu aus.
Das alles ist wahr und gut; aber man muss doch auch nach der Arbeit seine Erholungsstunden haben: sprach Eugen.
Auch an diesen fehlt es mir nicht, wie Du siehst, erwiederte Helene, indem sie lachelnd auf Richard und das vor ihnen liegende Buch deutete.
Ich seh' es wohl, rief Eugen halb lachend, halb argerlich, Richard ist nun einmal der Auserwahlte; aber warum konnen denn wir, ich und meine ubrigen Freunde, nicht eben so. gut als er, uns mit Dir erholen?
Ich weiss es wohl und sag' es nicht, erwiederte Helene mit lachelndem Trotz, kreuzte die runden weissen Arme uber einander, und lehnte, ein Liedchen summend, im Sofa sich zuruck.
Kleines eigensinniges Ding, Du sagst es nicht? aber ich erfahre es doch, lachte Eugen, und holte mit schmeichelnder Gewalt die Amme aus ihrer dunkeln Ecke hinter dem Ofenschirme hervor. Mutterchen, liebe Alte, bat er, komm Du unser alles wissendes Hausorakel; komm, setze Dich hieher zu uns, weise, vielerfahrne Pythia, und beantworte mir die Fragen, auf welche der kleine Trotzkopf nicht antworten will.
Aber so thut doch nur die Augen auf, so konnt Ihr Eure Fragen Euch selbst gar leicht beantworten, sprach lachend die Amme; schaut Euch selbst nur an, und meine junge Gebieterin dazu; seid Ihr aus den beiden kleinen Bubchen, die mir mein Herzenskind oft genug umgerannt haben, nicht ein paar stattliche, junge Herren geworden? und meint Ihr, mein Prinzesschen ware hinter Euch zuruckgeblieben? Urtheilt selbst, ob es fur ein junges erwachsenes Fraulein sich wohl schicken wurde, mit Euresgleichen Ball- und Pfanderspiel zu spielen. Oder soll sie etwa auch, wie ihre Schwester Natalie, in der grossen Tanzstunde ihr Herzchen verlieren? wer kann wissen ob der, welcher es etwa aufnahme, den Eltern so genehm ware, als Furst Konstantin zum Gluck es ist; und da hatten wir des Herzeleids genug; setzte die Amme, uber ihre eigne Ubereilung augenscheinlich erschreckend, hinzu.
Darum also? etwas mag daran sein, erwiederte Eugen langsam gedehnt. Nun, Freund Richard, setzte er hinzu, mache Dich also nur darauf gefasst, nachster Tage wirst auch Du verbannt.
Das wird er nicht, gewiss nicht; fiel Helene sehr lebhaft ein.
Nicht? und warum er allein nicht? fragte Eugen.
Warum? das ist mir nicht recht klar; aber ware das auch, ich sagte es doch nicht; ubrigens weiss ich es gewiss, antwortete Helene.
Ich weiss es auch, nebst dem Grunde dazu, aber ich sage es ebenfalls nicht; mir ist als hatte ich schon zu viel gesagt; sprach mit bedenklichem Kopfschutteln die Amme.
Der Gouvernante Ankunft beendete dieses Gesprach, und Eugen begab sich mit seinem ziemlich nachdenklich gewordenen Freunde wieder zur Gesellschaft zuruck. Schon am folgenden Tage liess Richard sein Nicht-Erscheinen an der Tafel mit einem unbedeutenden Unwohlsein entschuldigen; dennoch wiess er alle arztliche Hulfe von sich ab. Trube und einsam weilte er mehrere Tage lang in seinem Zimmer, ohne dasselbe zu verlassen; und sogar dem Einzigen, dem er den Zutritt nicht versagte, weil er sich nicht abweisen liess, sogar seinem Freunde Eugen gelang es nicht, ihm ordentlich Rede abzugewinnen. Mit allen Bitten und Fragen war nichts weiter aus Richard herauszubringen, als fast angstliches Flehen, Geduld mit ihm zu haben, ihn nur noch wenige Tage sich selbst zu uberlassen, und Versicherungen, dass er gewiss sehr bald gesunden werde, wenn man ihm nur erlauben wolle, kurze Zeit ganz einsam zu bleiben.
Eugen verkannte den Ausdruck tiefen innern Leidens an seinem Freunde nicht, aber er sah auch, dass nicht eigentliches Kranksein, kein physischer Schmerz, diesem Leiden zum Grunde liege. An Verzweiflung granzender Gram, namenloses Seelenleiden, furchtbarer Kampf sich widerstrebender Gefuhle, tobten im innersten Gemuthe des Ungluckseligen. Eugen sah es wohl, aber er wusste den Grund dazu auf keine Weise sich zu erklaren.
Er gab es auf, den Freund, dessen taglich mehr verfallende Gestalt mit banger Besorgniss ihn erfullte, mit Fragen langer zu qualen, die immer nur mit ruhrenden Bitten um Nachsicht, um Geduld, um Einsamkeit, erwiedert wurden; aber er fing an, ihn mit scharfer Aufmerksamkeit zu beobachten, um zu errathen, was man ihm nicht bekennen wollte. Oft uberfiel er ihn in seinem Zimmer, wenn Richard sich dessen am wenigsten versah, und wenn er in spater Nacht vom Balle oder von andern Festen zuruckkehrte, blieb er lauschend an Richards Thure stehen. Gewohnlich horte er ihn dann noch mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und abgehen, oft sogar laut und vernehmlich mit sich selbst sprechen, eine Gewohnheit, welche Richard von seiner Kindheit an gehabt hatte. Ein verborgner Sinn lag in Richards Worten, das liess sich nicht ableugnen, aber wie diesen heraus finden? Zuweilen brach er auch in halb ersticktes bittres Lachen aus, und der Gedanke, irgend ein grosses unbekanntes Unheil sei uber seinen Freund hereingebrochen, das bei dieser angstlichen Art es zu verhehlen ihn dem Wahnsinne zufuhren konne, erfullte den lauschenden Eugen mit unbeschreiblichem Grauen.
Thor, blinder erbarmlicher Thor! die sprechendsten Beweise unbegranzter Verachtung treffen dich, und du nimmst sie fur Auszeichnung, fur Gunstbezeigungen, und triumphirst daruber innerlich! ist es nicht zum Todtlachen? sprach Richard einst heftig bewegt zu sich selbst. Willst du es denn wirklich abwarten, dass man in den Sumpf dich zuruckwirft, aus welchem man zu augenblicklichem Gebrauche dich gezogen? setzte er nach einigem Schweigen, mit gedampfter Stimme, fast flusternd hinzu.
Der Schooshund darf in der vornehmsten Gesellschaft am Ofen liegen bleiben, die Hauskatze darf in allen Winkeln herumschnurren, und an die Fusse der Herrin sich vertraulich schmiegen, was thut es? was ist an solchen Hausthieren gelegen? wer achtet auf sie? sprach er einst im Tone ruhiger Uberlegung. Sie haben es sehr gut in der Welt, denn sie amusiren, fuhr er weiter fort; sie werden gepflegt, gefuttert, gestreichelt, sie haben es ganz ausserordentlich gut, diese Thiere. Warum sollte ein Mensch es nicht eben so gut haben wollen, wenn er es haben kann? Geduldet werden, weil man zu unbedeutend ist! es ist das bequemste Leben von der Welt, setzte er ironisch lachend hinzu. Pfui! pfui! und hundertmal pfui! rief er plotzlich laut aufstampfend, und ging heftig, mit zornigen Schritten, im Zimmer umher. Eugen horte es schaudernd, und suchte vergebens sich zu erklaren was er horte.
Altes redseliges Hausorakel, weise viel erfahrne Pythia, so nannte er dich ja? dir danke ich viel, und du verdienst den Namen: sprach Richard ein andermal. Und als ob in dustrer Nacht ein unerwarteter Strahl des Lichtes ihn trafe, so fuhr Eugen zusammen, der wieder lauschend an der Thure stand.
Die Amme! ja sie war es die Richard meinte, sie musste es sein, und Eugen begriff nicht wie es moglich sei, dass er nicht schon langst auf den Gedanken gekommen, sie um Rath zu fragen. War sie doch die Vertraute der Furstin Eudoxia, wie der kindlich ihr ergebenen Helena; blieb ihr doch nichts was im Palaste seines Vaters vorging verborgen, erfuhr sie doch jedes Wort, das gesprochen wurde im Prunkgemache der Furstin, wie in der dumpfigen Kammer des niedrigsten Knechtes!
Eugen erinnerte sich jetzt deutlich, dass Richard am Morgen nach jenem letzten Abend, den sie beide bei Helenen zugebracht, die Amme besucht habe, was sehr selten geschah. Er selbst hatte ihn gesehen, wie er ziemlich bleich, mit wankendem Schritte aus ihrem Zimmer in das Seine ging, das er seitdem nicht wieder verlassen. Sie war folglich die letzte gewesen, die in gesundem Zustande ihn gesehen, und sie allein konnte wissen, welch unerwartetes Unheil in der kurzen Zwischenzeit vom Abend bis zum Morgen uber den Unglucklichen hereingebrochen sei, das in diesen unerklarlichen Zustand ihn versetzte. Eugen beschloss dies Geheimniss von ihr herauszubringen, es koste was es wolle.
Es war kein leichtes Unternehmen; denn bei aller ihrer Redseligkeit war Frau Elisabeth doch nichts weniger als schwatzhaft. Sie hatte verschweigen gelernt; mit dem ihrem Geschlechte wie ihrem Stande eignen Mutterwitze hatte sie eine gewisse schlaue Vorsicht sich angeeignet, welche durch lange Gewohnheit ihr zur zweiten Natur geworden war, und nicht leicht entschlupfte ihr ein unuberlegtes Wort. Auch hatte Eugen den Inhalt ihres letzten Gespraches mit Richard wohl schwerlich aus der verschwiegenen Vertrauten des ganzen Hauses herausgebracht, wenn er nicht durch seine lebhafte Beschreibung des traurigen Zustandes des Kranken zuerst ihr innigstes Mitleid zu erregen, und hinterdrein durch verstandliche Andeutungen der Gefahr, dass er in Wahnsinn verfallen konne, sie in Furcht und Schrecken zu versetzen gewusst.
Vor allem lag der vorsichtigen Frau daran, unter diesen Umstanden ihre eigne Schuldlosigkeit an Richards Erkranken ins hellste Licht zu stellen; sie gestand, dass er an jenem Morgen sehr duster, sehr schwermuthig zu ihr gekommen sei, um sich bei ihr Rathes zu erholen; aber sie behauptete auch, dass er vollkommen erheitert und getrostet sie verlassen habe. Nichts habe, versicherte sie, ihn zu ihr getrieben, als die ihn qualende Sorge, dass, ungeachtet aller Versicherungen des Gegentheils, er selbst eben so wohl als Eugens andre Freunde, am Ende doch noch aus Helenas Nahe verbannt, von ihrem naheren vertrauteren Umgange ausgeschlossen werden wurde.
Nie, nie werde ich mich trosten, wenn auf diese Weise mir der einzige Weg verschlossen wird, dem edlen Hause, das so viel an mir gethan, dadurch nutzlich zu werden, dass ich fortfahre, die mir unter dem Schutze desselben erworbenen Kenntnisse zur Ausbildung der seltnen Talente der jungen Prinzessin zu verwenden, wie ich bis jetzt es gethan: hatte Richard mit dem Ausdrucke inniger Betrubniss so lange wiederholt, sich so bestimmt geweigert, den Versicherungen der Amme, dass dieses keinesweges zu befurchten stehe, Glauben zu schenken, bis sie durch Grunde von der Wahrheit derselben ihn zu uberzeugen sich entschloss. In klaren, nichts bemantelnden Worten hatte sie, freilich unter der Bedingung unverbruchlicher Verschwiegenheit, ihm nicht nur alles entdeckt, was Helena damals aus dem Gesprache ihrer Eltern uber diesen Gegenstand entnommen, sondern auch wie die Furstin Eudoxia selbst, und in noch weit starkeren Ausdrucken, gegen sie, die Amme, sich daruber geaussert.
Genug, Richard hatte auf durchaus nicht schonende Weise von Frau Elisabeth erfahren, was ihm ewig hatte verborgen bleiben mussen, und diese glaubte es ganz vortrefflich gemacht zu haben, wahrend sein stolzes Herz unter dem Gefuhle lange unwissend ertragener tiefer Entwurdigung brechen wollte. Der Amme fiel es nie ein, an ihrer Herrin zu zweifeln; und weil diese von dem in der Natur gegrundeten Unterschiede zwischen hoch und niedrig Gebornen uberzeugt war, so glaubte auch sie daran, ohne sich dadurch im mindesten verletzt oder verachtet zu fuhlen. Im Himmel wird es anders sein, dachte sie zuweilen, dort sind wir alle gleich, sagen die Popen; und doch, wer weiss?
Von allem was er hier vernommen seltsam ergriffen und bewegt, verliess Eugen die Amme. Dass er weit davon entfernt war die Ansichten seiner Mutter mit ihr zu theilen, bedarf wohl kaum der Erwahnung; aber die wirkliche Lage seines Freundes, die ihm jetzt zum erstenmal klar geworden war, fiel, eben weil sie so plotzlich vor ihm aufstand, mit Centnerschwere ihm auf das Herz. Auch er, eben so wenig als Richard selbst, hatte fruher nie an die wesentliche Verschiedenheit ihrer beiderseitigen Stellung in der Welt gedacht, auch nicht an den gewaltigen Abstand der Anspruche, welche sie beide an das Leben zu machen berechtiget waren. Richard war ihm von jeher nur als ein geliebter Bruder erschienen, mit dem er alles theilte; wie anders musste von heute an es werden! Er begriff ganz den bittern Unmuth, die stille Verzweiflung des Freundes, er litt mit ihm schmerzlich und tief; aber ihm blieb der Trost, der jenem mangelte; denn fest und unerschutterlich stand der Entschluss in seinem Gemuthe, alles anzuwenden, um den Freund seinem unwurdigen Zustande zu entreissen, ihn zu heben, zu tragen, und um jeden Preiss die zwischen ihnen im Innern herrschende Gleichheit auch im Aussern wieder herzustellen, und zwar auf immer. Beim regsten innigsten Mitgefuhle vermochte Eugen doch nicht, die ganze Schwere des Unglucks, das auf seinem Freunde lastete, zu ermessen. Als verwohnte Lieblingskinder des Gluckes waren beide neben einander erwachsen, und ihre Jugenderinnerungen konnten nur freudiger Art sein; denn von allem, was fruhere bedrucktere Zustande ihm zuruckrufen konnte, war auch Richarden, wie schon erwahnt wurde, nichts geblieben als seine Muttersprache, die ihm uberdem sogar in diesem fremden Lande als ein besonderer Vorzug angerechnet wurde, um dessentwillen er von vielen gesucht ward. Plotzlich aufgeruttelt aus der sussen Unbewusstheit goldner Jugendtraume, musste ihm jetzt zu Muthe sein wie einem, der auf seidnem Lager entschlief, und unter Sturm und Gewitter, auf oden meerumspulten Felsen, allein und verlassen erwacht.
Armer als er jetzt sich fuhlte, hat noch kein Menschenkind sich jemals gefuhlt. Von allem was ihn umgab, was er sonst, ohne alles Bedenken, als ihm angehorig betrachtet hatte, war, wie es ihm schien, ausser dem nackten Leben nichts mehr Sein; er wahnte nicht einmal mehr auf das Obdach uber seinem Haupte ein Anrecht zu haben; furstliche Gnade hatte ihn darunter aufgenommen, furstliche Laune konnte ihn verjagen, sobald es ihr beliebte, ihn nicht mehr darunter zu dulden.
Immer wilder, immer verworrener wogten, kreuzten sich seine Gedanken, bis sein Elend den hochsten Gipfel erreichte, und er vor Jammer und Mitleid mit sich selbst zu vergehen glaubte; da endlich erwachte sein eigenes besseres Selbst.
Und bin ich denn aber wirklich so elend? so ganz auf fremde Hulfe angewiesen? rief eine trostende Stimme in seinem Innern: habe ich nicht auch Eltern? ein Vaterhaus, ein schones hochgepriesenes Vaterland, wo ich hin gehore, wo ich daheim bin? Nur wer sich selbst aufgiebt, sich selbst verlasst, ist warhaft verlassen.
Er suchte sein aufgeregtes Gemuth auf alle Weise zu beschwichtigen; er schloss die Augen, und strebte muhsam, dunkle Erinnerungen seiner fruhesten Kindheit, die traumartig Jahre lang in ihm geschlummert hatten, hinauf an das Tageslicht zu beschworen. Sie erwachten, sie traten aus dem Dunkel hervor. Das schmuzige enge Stadtchen Nottingham, das kleine unscheinbare Haus, in welchem seine Eltern wohnten, die rauchrige kellerartige Kuche, in der seine Mutter das sparliche Mittagsmahl fur die Familie muhselig bereitete. Er sah die Arbeiter unter den staubigen Baumwollenballen, im niedrigen Magazine herumstoren, er glaubte sogar die scheltende Stimme seines Vaters zu horen, vor der er sich oft in den dunkelsten, abgelegensten Winkeln des Hauses verborgen, und fuhlte dem Allen sich ganzlich entfremdet. In seiner Brust regte sich kein liebendes Gefuhl; mit innerem Grauen erfullte ihn der Gedanke an jenes dunkle enge Leben, zu welchem er doch eigentlich geboren war; ihm schauderte davor, aber verloren gab er sich darum doch nicht.
Richard nahm alle seine Kraft zusammen, um zu nuchternem gelassnem Besinnen sich zu zwingen. Greise, Weiber, Kinder, mogen klagen und jammern, rief er, Manner helfen sich selbst, oder gehen unter im Versuch; nur der ist verlassen, der sich selbst verlasst, sei kunftig mein Wahlspruch. Zwar habe ich mein zwanzigstes Jahr noch nicht vollendet, aber ich bin eine fruhreife Frucht meines Geschicks, es hat vor der Zeit mich mundig gesprochen, und ich darf sagen, ich bin ein Mann.
So kaltblutig als es ihm nur immer moglich war, fing er jetzt an, alle Vortheile und Nachtheile seiner Zustande zu uberlegen, und gelangte endlich zu dem Entschlusse, in die Welt zu gehen, die weit offen vor ihm lag: zunachst nach Amerika, wo so viele seines Gleichen Gluck oder Untergang suchen und finden. Der Einzelne kommt uberall leicht durch, trostete er sich selbst, nur Freiheit! Unabhangigkeit! Selbststandigkeit! sei es meinetwegen auch bei Wasser und Brod.
Er gefiel sich in dem Gedanken, und malte mit den lebhaftesten Farben seiner ohnehin sehr gespannten Fantasie ihn sich aus. Schmerzliche Wehmuth ergriff ihn, indem er den Abschied von seinen furstlichen Pflegeeltern sich dachte, die immer ihm wohlgethan, die er mehr als seine eignen Eltern geehrt und geliebt; von dem vertrauten innigsten Freunde seines Herzens, von Eugen, der mehr als Bruder ihm gewesen, von Helena da war es plotzlich um seinen Muth gethan! auch Sie sollte er nicht mehr sehen, nicht mehr horen; die Hauptbeschaftigung seines bisherigen Lebens, jeden ihrer Wunsche zu errathen und zu erfullen, die Freude, bei allen ihren schonen anmuthigen Arbeiten ihr hulfreich zur Seite zu stehen, sollte er aufgeben auf immer und immer: es war ihm undenkbar. Was die susseste Gewohnheit ihm Jahre lang verborgen gehalten, ward jetzt in einem Augenblicke ihm furchtbar klar, und zum erstenmale fuhlte er, welche unzerreissbare Bande ihn an den Boden fesselten, den sie betrat.
Strenge ging er mit sich selbst jetzt ins Gericht, und sprach von jeder vorgefassten Hoffnung, von jedem thorichten Wunsche sich frei, den er in seiner jetzigen Lage fur unverzeihlichen Unsinn erklaren musste. Nichts glaubte er zu wollen, als sie sehen, die namliche Luft mit ihr athmen, ihr dienen; in jener so verzeihlichen Schwarmerei der ersten Liebe eines reinen jugendlichen Gemuths war er uberzeugt, dass er nie Hoheres wollen noch wunschen werde. Doch diesem Gluck zu entsagen schien ihm unmoglich, er fuhlte mit unbeschreiblicher Seelenangst seine Unfahigkeit, mit fester Hand in seine Zukunft einzugreifen, und versank von neuem in hoffnungslose dustre Trostlosigkeit. So fand ihn Eugen, als er zu ungewohnt spater Stunde zu ihm zuruckkehrte.
Mit so viel ausserlicher Unbefangenheit, als er nur erzwingen konnte, legte dieser jetzt seinem Freunde von seinem langen Aussenbleiben Rechenschaft ab; erzahlte von Besuchen, die er doch endlich einmal habe machen mussen, ohne jedoch den bei der Amme zu erwahnen; brachte von seiner Mutter und seinen Schwestern Grusse und Ermahnungen, sich wohl zu pflegen, um recht bald wieder zu gesunden, und kundigte zuletzt ganz unbefangen, als etwas ganz Gleichgultiges, den nahen Besuch seines Vaters an, der nur noch einiger uberlastigen Visiten sich zu entledigen habe, ehe er selbst komme, um sich durch den Augenschein von Richards Befinden zu uberzeugen.
Als ob etwas ganz Unerhortes vor seinen Augen sich zutruge, starrte Richard seinen Freund an. Der Furst selbst? Furst Andreas? zu mir will er kommen? er selbst, und hieher, zu mir? flusterte er todtenbleich, beinahe unhorbar; die Stimme versagte ihm vor innrer Bewegung.
Thust doch als geschahe es zum erstenmal, sprach lachelnd Eugen; besinne Dich doch nur, wie bist Du denn heute? haben nicht beide, mein Vater und meine Mutter, oft an Deinem Bette gestanden, wenn Du krank warst? Seit wir nicht mehr Kinder sind, und mit Kinderkrankheiten nichts mehr zu thun haben, ist glucklicherweise der Fall nicht wieder vorgekommen; aber was ist es denn Besonderes, wenn ein Vater seinen kranken Sohn besucht? Und hat er nicht stets Dich als solchen gehalten und geliebt, und warst Du nicht immer mein Bruder und bist Du es nicht noch?
O stille! stille! stille! kaum habe ich meine Vernunft wieder erlangt, verlocke mich nicht von neuem, sprach Richard sehr bewegt. Ich weiss jetzt, ich weiss, wiederholte er einigemal, und sank, ohne seine Rede vollenden zu konnen, dem Freunde durch und durch erschuttert an die Brust. Der verheissene Besuch des Fursten Andreas unterbrach eine Scene, die fur beide Freunde zu angreifend zu werden drohte; doch sah und horte er beim Eintreten in das Zimmer noch genug davon, um sich in der schon durch Eugens Bericht vorgefassten Meinung zu bestarken, dass Richard mehr geistig als korperlich leide. Er liebte wahrhaft den Jungling, der unter seinen Augen, man mochte sagen, unter seiner Pflege, so kraftig und schon heranbluhte, und war in diesem Augenblicke nur darauf bedacht, ihn vor dem geistigen Untergange zu bewahren, der, wenn er so fortfuhre, ihm drohte. Mit wirklich vaterlicher Milde und Freundlichkeit suchte er anfanglich durch anscheinend gleichgultiges Gesprach die zu heftige Anspannung dieses reizbaren Gemuthes herabzustimmen, und ergriff, nachdem ihm dieses gelungen, den ersten gunstigen Augenblick, um fest und bestimmt zu erklaren, dass Richard nur einer ernsten Beschaftigung bedurfe, um schnell und fur immer von seinen Leiden geheilt zu werden, die ich, setzte der Furst freundlich hinzu, mit Deiner Erlaubniss am liebsten Grillen und Einbildungen nennen mochte.
Mit dem lebhaftesten Eifer trat Eugen der Ansicht seines Vaters bei; Richard war an Leib und Seele zu abgespannt, zu gedruckt, zu froh, auf fremde Hulfe in seiner Unentschlossenheit sich stutzen zu konnen, um gegen Vater und Sohn anzukampfen, die beide jetzt in ihn drangen, sich zur Wahl eines, seine Zukunft fest bestimmenden Planes zu entschliessen, zu dessen Ausfuhrung ihm alles zu Gebote stehen solle, was er nur bedurfen konne. Von ihm durch keinen Widerspruch gehindert, fing Richards wohlmeinender Beschutzer nun an, dem noch immer in dumpfen Trubsinn Versunkenen eine lange Reihe glanzender Vorschlage fur den Lebensweg vorzulegen, an dessen Wendepunkte er jetzt stand. Der zuerst mit zartester Schonung kaum angedeutete, im Falle ihn das Heimweh ergriffen, ihn zuruck nach England zu senden, und auch dort allen Beistand, dessen er bedurfen konne, ihm zu gewahren, wurde von dem ehrgeizigen Junglinge widerwillig, fast zurnend zuruckgewiesen, und der Furst rechnete in seinem Herzen diese Weigerung als einen Beweis seiner liebenden Anhanglichkeit ihm hoch an. Andre Vorschlage, die diesem ersten folgten, wurden zwar besprochen und gepruft, dennoch aber am Ende, unter irgend einem scheinbaren Vorwande, dankend ausgeschlagen.
Das Gesprach zog sich gewaltig in die Lange. Meistens von Richard selbst aufgefundene Schwierigkeiten thurmten uberall dem trefflichen Wollen des Fursten sich entgegen, der vielleicht nicht mehr fern davon war, die Geduld daruber zu verlieren, als Richard plotzlich wie inspirirt aufsprang, und mit krankhafter Heftigkeit hochst uberraschend fur die militairische Laufbahn im Dienste der russischen Krone sich erklarte. Furst Andreas und sein Sohn blickten beide verwundert ihn an, und mochten ihren Sinnen kaum trauen. Nie, selbst nicht als Knabe, hatte Richard die mindeste Neigung zum Soldatenstande gezeigt, weshalb sie diesen in die Reihe der ihm dargelegten Vorschlage auch gar nicht aufgenommen hatten.
Der Ort, das Land, wo wir geboren wurden, ist darum noch nicht unser Vaterland! rief Richard mit sein ganzes Wesen verklarendem Enthusiasmus. England war nichts weiter als meine Wiege; fruh genug warf sie, achtlos was aus mir wurde, mich aus! Hier, wo mein eigentliches Leben unter dem Schutze und der Pflege der Edelsten des Landes erst begann, hier in Russland ist meine wahre Heimath. Russland, dem ich Alles verdanke, ist mein Vaterland, und von heute an weih' ich mich feierlich seinem Dienste bis ans Ende meiner Tage.
Nun bist Du wahrhaft mein Bruder! rief Eugen mit glanzendem Auge und druckte, in freudiger Uberraschung, den Freund an die Brust; auch der Furst umarmte ihn, und sprach in den warmsten Ausdrucken seine Zufriedenheit mit diesem Entschlusse aus. Sie blieben alle drei noch lange beisammen; mancherlei, auf Richards Vorbereitung zu der von ihm erwahlten Lebensbahn Bezug habendes, wurde besprochen; manches Beispiel von tapfern bedeutenden Mannern, alterer und neuerer Zeit, wurde erwahnt, die ohne durch hohe Geburt oder grossen Reichthum unterstutzt worden zu sein, zu den hochsten Ehrenstellen in der Armee sich hinaufschwangen.
Und so war denn wirklich diese Abendstunde zu dem am Morgen dieses Tages von ihm selbst noch nicht geahneten Wendepunkte in Richards Leben geworden; doch nicht allein die Zukunft eines bis dahin unbedeutenden englischen Knaben, auch die vieler hundert andren Menschen, vielleicht selbst die eines grossen Reiches, wurde durch diese Stunde bestimmt. Darum wage keiner, auch auf das anscheinend unbedeutendste Ereigniss achtlos herunter zu sehen. Wer kann wissen, ob es nicht die Schneeflocke ist, die vom Hochgebirge niederschwebend, zum Kern der Lawine wird, welche in ihrem zerstorenden Laufe zum Ungeheuern sich vergrossernd, Hutten, Wandrer und Heerden dem Untergange zuschleudert.
Ein ganzes Jahr verging, ohne dass in Richards fruheren glucklichen Verhaltnissen die mindeste Abanderung eingetreten ware. Mit brennendem Eifer strebte er im Laufe desselben die, fur seine kunftige Bestimmung ihm noch mangelnden Kenntnisse sich zu erwerben, und Gesundheit und Frohsinn kehrten bei rastloser, wohl angewandter Thatigkeit ihm wieder zuruck. War es Mitleid? war es fruh ihr zur Gewohnheit gewordene Liebe? wahrscheinlich war es beides, was die Furstin Eudoxia bewog, wahrend dieser Zeit sich fast noch milder und freundlicher als zuvor gegen den Jungling zu bezeigen, dessen ihrer Ansicht nach ihm angebornes Missgeschick ihre innige Theilnahme erregte. Als endlich der Zeitpunkt erschien, wo Richard das gastliche Dach, das in fruher Kindheit ihn aufnahm, verlassen musste, um seiner kunftigen Bestimmung zu folgen, da war es Eudoxia, die zuerst auf den Gedanken kam, ihn, dessen blosser Anblick verrieth, wie schwer jetzt am Scheidepunkte das Gefuhl des Verlassenseins von neuem auf ihm laste, durch mannigfaltige Beweise der Theilnahme und des Andenkens beim Eintritte in seine neue Wohnung trostbringend begrussen zu lassen. Von nun an fuhlte Richard sich weit glucklicher und freier, als er in seinem fruheren Missmuthe fur moglich gehalten. Bedeutend abgekurzt durch den Einfluss des machtigen Fursten Andreas, war seine Dienstzeit als gemeiner Soldat innerhalb weniger Monate uberstanden und er zum Unteroffizier erhoben. Dass er als solcher, durch seinen Rang, von der Gesellschaft ausgeschlossen war, zu welcher er fruher, als zum Hause des Fursten Andreas gehorig, unbedingt gezahlt wurde, kummerte ihn wenig. Ungern mochte er jetzt jener Zeit gedenken, die er, in glucklicher Unbekanntschaft mit seiner eigentlichen Stellung, in einer fast ununterbrochenen Folge von Festen und Vergnugungen verlebt hatte; sie erschien ihm jetzt wie ein langer bethorender Rausch, an den man beim spaten Erwachen nur mit Ekel und Widerwillen sich erinnern mag. Sein stolzer Sinn schauderte vor dem Gedanken zuruck, auch noch ferner in erborgtem Schimmer zu glanzen; aber wenn er Abends an den hellerleuchteten Fenstern der Sale voruberkam, zu welchen der Zutritt ihm jetzt versagt war, konnte er doch nicht unterlassen, mit innerm Behagen und berechnender Zuversicht der vielleicht nicht ganz fernen Zeit sich im Geiste zuzuwenden, in welcher durch Rang und Verdienst gehoben, es nur von ihm abhangen wurde, mit besserem Rechte als ehemals, seine fruhere Stelle dort wieder einzunehmen wenn es ihm namlich so beliebe.
Aus erbittertem Trotz gegen das, was er in truben Stunden des Missmuths als eine Unbill des Schicksals gegen ihn betrachtete, hatte er vielleicht einen seinem jetzigen Range, wenn gleich nicht seiner geistigen Bildung angemesseneren Umgang sich erwahlt, und ware daruber in einen Strudel von lockenden Verfuhrungen und Gemeinheit gerathen; doch Eugen stand wie sein guter Engel ihm treulich zur Seite, er wusste jeden Schatten eines Verdachtes, als sei irgend etwas zwischen ihnen beiden anders geworden, von seinem Freunde fern zu halten; keinen Tag liess er vergehen, ohne ihn in sein vaterliches Haus zu fuhren, wo Richard stets als ein willkommner, von Allen gern gesehener Gast empfangen ward. Sobald andre Besuche dieses nicht verhinderten, durfte er vollig zwanglos und frei dem hauslichen Kreise dieser edlen Familie sich anschliessen, und wurde gleich den Sohnen des Hauses behandelt; auch in seinem Verhaltnisse zu Helena war nichts abgeandert worden, allen andern jungen Freunden ihrer Bruder blieb sie unsichtbar, auf ihr einsames Zimmer und den Besuch einiger Freundinnen beschrankt; doch Richard durfte in Eugens Begleitung, oft aber auch allein, in Gegenwart der Madame Sommerfeldt oder auch nur der Amme, sie dort besuchen, um ihre stillen Abende auf gewohnte Weise zu erheitern, deren sie jetzt mehr als sonst hatte, seit Nataliens Verlobung mit dem Fursten Konstantin bekannt gemacht worden war.
Auch die Furstin Eudoxia blieb in ihrem freundlichen Benehmen gegen ihn sich gleich. Das herbe, verletzende Gefuhl, welches die Amme durch ihre unvorsichtigen Mittheilungen in ihm aufgeregt hatte, wurde dadurch zwar nicht ganz besiegt, aber doch sehr gemildert; er vermochte nicht, der sich ihm aufdringenden Uberzeugung zu widerstehen, dass die Worte der sonst so zart fuhlenden Furstin unmoglich in dem Sinne gemeint gewesen sein konnten, welchen die Amme, nach ihrer gemeineren Art, ihnen untergelegt, und dass Frau Elisabeth in ihrer Redseligkeit sich manche Ubertreibung habe zu Schulden kommen lassen, ohne es eigentlich zu wollen. Und so trug denn alles dazu bei, ihn zu beruhigen, und ihm die Veranderung seiner Lage weit minder fuhlbar zu machen, als er es erwartet hatte.
Von der andern Seite war der unbeschranktere Blick in die ihm naher gebrachte Welt, in die Leiden und Freuden, in alle ihm bis jetzt unbekannt gebliebene wechselnde Zustande des burgerlichen Lebens, fur ihn unstreitig ein Gewinn, der nur durch diese Veranderung seiner ganzen Existenz ihm hatte werden konnen. So seltsam und selbst verletzend Iwan Yakuchins Gluckwunsch, zur Befreiung aus der vornehmen parfumirten Atmosphare seiner hohen Beschutzer, an jenem ersten Abende in seiner neuen Wohnung ihm geklungen haben mochte, so fuhlte er doch nach wenigen Monaten, wie viel Wahres darin gelegen. Er war sich bewusst, jetzt weit fester und sichrer aufzutreten, da niemand mehr ihm zur Seite stand, um im Nothfalle ihn zu stutzen oder zu leiten; er gewann mit jedem Tage mehr Vertrauen in sich und seine Kraft. In zweifelhaften Fallen wagte er es eine eigne Meinung zu haben, und wusste sich selbst zu rathen, ohne zu Andern seine Zuflucht zu nehmen.
Seit er dem hemmenden Einflusse der die sogenannte gute Gesellschaft beherrschenden Konvenienzen entgangen war, bewegte er sich in einem ihm ganz neuen Kreise, in welchem Iwan anfanglich sein Fuhrer, und hernach sein von ihm unzertrennlicher Begleiter wurde. Uberall sah man die Beiden zusammen; im Theater, wo Richard nicht mehr von seines Gleichen geschieden, in einer Loge des ersten Ranges thronte, wie an offentlichen Belustigungsorten. Moskau wimmelte damals von, aus dem allgemeinen Befreiungskriege erst seit kurzer Zeit heimgekehrten jungen Leuten; mehrere derselben schlossen den beiden Freunden zu vertrauterem Umgange sich an. Mancher Abend wurde in jubelnder Lust, oftrer noch in ernstem, tief eindringendem Gesprache in diesen Versammlungen hingebracht; denn seit jenen grossen Ereignissen schien in Moskau wie uberall der Geist unbefangener Frohlichkeit allmalig von der Jugend zu weichen, und Gedanken und Betrachtungen, wie fruher nur das reifere Mannesalter sie hegte, waren an dessen Stelle getreten. Die dunkeln Stunden der langen nordischen Nachte zogen uber den Erzahlungen der jungen Helden von dem, was sie im Auslande gethan und gesehen, ungezahlt voruber. Fromme Wunsche, sogar leise angedeutete Plane zur Verbesserung des im Vaterlande Bestehenden, kamen zur Sprache. Immer noch gluhte jene Begeisterung in ihren Herzen, die zuerst Moskau in Flammen setzte, dann die halbe Welt ergriff, und durch die allein jene Wunder von Ausdauer und Tapferkeit moglich geworden waren, welche nach langen Jahrhunderten noch die spateste Nachwelt mit bewundernder Verehrung erfullen werden.
Mehreren der aus dem Kriege Heimgekehrten war es gelungen, die strenge Aufsicht, welche an der russischen Granze die Einfuhrung auslandischer Bucher erschwert, zu umgehen. Kriegslieder, Aufrufe an die deutschen Volker zum gemeinschaftlichen Kampfe, diese alles elektrifirenden Vorlaufer jener denkwurdigen Zeit, waren mitgebracht, und wurden mit Enthusiasmus in Zusammenkunften gesungen und gelesen. Aber nicht nur diese allein, auch andre von dem, nach so gewaltsamer Erregung nicht gleich das nothige Gleichgewicht wiederfindenden Freiheitssinne eingegebene Schriften, hatten auf gleiche Weise den Weg in jene vertraulichen Vereine gefunden; auch sie wurden ubersetzt, vorgelesen, besprochen, bestritten, oder auch mit lautem Jubel aufgenommen. Im Auslande schwindlig gewordene junge Brausekopfe, rissen durch feurige Beredsamkeit ihre Zuhorer zu Planen und Vorschlagen fur das Wohl des Vaterlandes hin; sprachen von nicht langer aufzuschiebenden, zum allgemeinen Besten durchaus nothwendigen Abanderungen verjahrter Missbrauche, und wahnten von reiner Vaterlandsliebe sich beseelt, ohne hinter dieser glanzenden, sie selbst tauschenden Maske, die tief im eignen Gemutheverborgenen Regungen unruhigen Ehrgeizes zu erkennen.
Mit aller Gluth eines lebhaften, in der Welt noch ganz neuen Gemuthes, hing Iwan dann an den Lippen der Redner; ernster und mehr in sich gekehrt, zeigte Richard sich nur als aufmerksamen Zuhorer, dem nicht alles neu war, was er hier vernahm. Zuweilen glaubte er Ausserungen zu horen, uber die, nur weitlauftiger und mit andern Worten, der Furst Andreas sich schon ausgesprochen hatte, dann aber kam auch wieder so vieles zu jenem nicht Passendes, ihm widersinnig Dunkendes dazwischen, das ihn irre machte. Er wunschte von Herzen, die Unterhaltung moge eine frohlichere, dem jugendlichen Alter angemessenere Wendung nehmen; doch daran war nicht zu denken. Ein heimlich unter der Asche glimmendes Feuer hatte die Gemuther ergriffen, und verbreitete sich im Verborgenen immer weiter und weiter. Gern hatte er diese Gesellschaft, in der er sich nie recht behaglich fuhlte, ganz aufgegeben; nicht aus Besorgniss um die moglichen Folgen, an die er nicht glauben konnte, indem er in allen diesen Berathungen nur ein nutzloses, zeitraubendes Spiel mussiger Kopfe sah; aber weil jedes unberufene Einmischen in ernste Angelegenheiten, geschahe es auch nur durch in den Wind verhallende Worte, ihm tief im Innersten der Seele zuwider war. Um Iwans willen, den jede Ausserung seines Missbehagens tief zu kranken schien, hatte er indessen nicht den Muth, aus einem Kreise zu scheiden, an welchem dieser das hochste Interesse nahm, und liess es sich zuweilen sogar gefallen, zu spater Nachtzeit, nach einigen auf ganz andre Weise in Helenas Nahe froh verlebten Stunden, von seinem Freunde in diese Gesellschaft sich schleppen zu lassen. Furst Andreas war mit seinem kunftigen Schwiegersohne und mit dem jungen Fursten Eugen der Einladung zu einer grossen Jagdpartie gefolgt; eine leichte Erkaltung hielt indessen die Furstin Eudoxia in ihren Zimmern gebannt, wo ihre beiden Tochter den ganzen Tag uber ihr Gesellschaft leisten mussten, weil sie keine Besuche annahm. Richard selbst war in dieser Zeit von Morgen bis Abend mit Vorubungen zu einer Revue beschaftigt gewesen, die nachstens Statt haben sollte; alles dieses hatte mehrere Tage lang ihn von Helena und dem ganzen furstlichen Hause entfernt gehalten. Jetzt endlich war aber alles uberstanden; die militairischen Ubungen waren beendet, des Fursten Ruckkunft wurde stundlich erwartet, und auch Eudoxia war von ihrem Unwohlsein vollig wieder hergestellt.
In der vornehmen Welt war es noch ziemlich fruh am Tage, als Richard, von Ungeduld getrieben, eine fur Helena bestimmte Rolle frisch angekommner musikalischer Novitaten unter dem Arme, uber den weiten Vorhof einer Seitenthure des Palais zueilen wollte, welche in den von den beiden jungen Furstinnen bewohnten Flugel desselben fuhrte. Zu seinem hochsten Erstaunen fand er aber schon am grossen Thorwege den Weg versperrt. Remisen und Stalle standen weit offen, die Lieblingspferde des Fursten wurden hinausgefuhrt, eine Unzahl von Reisekutschen, Packwagen, Fuhrwerken aller Art, bildeten im Hofe eine fast undurchdringliche Wagenburg. Kisten und Koffer von allen Formen und Dimensionen lagen neben und uber einander aufgethurmt dazwischen, und singend, fluchend, pfeifend, schreiend, hammernd, rufend sprang, lief, kletterte eine Armee von Stallknechten, Sattlern, Dienern, Schmieden und Wagnern in diesem Chaos umher. Richard wusste nicht wie ihm geschehen; bis zu jener Seitenthure durchzudringen war unmoglich; vergebens besturmte er mit Fragen die an ihm vorbeistreifenden Diener; vor lauter Geschaftigkeit konnte keiner derselben ihm Rede stehen. Endlich gelang es ihm, bis zu dem Haupteingange des Palais sich durch das Getummel hindurch zu arbeiten; kaum hatte er hier die grosse Treppe erreicht, als ein Diener der Furstin Eudoxia ihn in Empfang nahm, der sehr erfreut war ihn anzutreffen, weil er so eben Befehl erhalten, ihn sogleich aufzusuchen und zu seiner Gebieterin zu fuhren.
In ihm selbst unverstandlicher, dumpfer Angst befangen, wankte Richard, wie ein Traumender, den ihm von Kindheit auf bekannten Weg zu den Zimmern der Furstin hinan, und konnte nur mit Muhe sich zurecht finden; denn Treppen, Korridor, Vorzimmer, alle seit langen Jahren taglich gesehene Gegenstande, kamen in seiner innern Verstortheit ihm ganz fremdartig vor. Nur als beim Offnen der Thure die, aus dem kostlichsten Blumendufte und den ausgesuchtesten Parfumerien zusammengesetzte Atmosphare ihm entgegen wallte, welche gewohnlich die Furstin umgab, kam er einigermassen wieder zu sich selbst.
Der erste Blick auf die in bluhender Gesundheit von ihrem gewohnten Platze ihm entgegen lachelnde Eudoxia, musste jeden Gedanken an einen ihr oder ihrem Hause widerfahrnen Unfall aus Richards Gemuthe verscheuchen; aber die Last, die beim Anblick der unten im Hofe herrschenden Unordnung ihm schwer auf das Herz gefallen war, abzuschutteln, blieb ihm noch unmoglich; er zitterte fuhlbar, indem er die freundlich ihm gebotene Hand an seine Lippen druckte.
Narrchen, was hast Du denn? fragte die Furstin nach ihrer gegen ihn noch immer beibehaltenen mutterlichen Weise; weisst Du etwa schon? nun was ist es denn weiter! gewiss Du sollst dadurch nichts verlieren.
Richard starrte sie an, wollte antworten, und die Stimme versagte ihm. Ja das ist nun nicht zu andern, es ist nun einmal nicht anders, wir gehen nach Petersburg, nahm Eudoxia mit grosser Gelassenheit wieder das Wort.
Zwischen mir und Andreas war diese Reise zwar schon seit geraumer Zeit so gut als beschlossen, aber so lange die Sache noch einigermassen zweifelhaft blieb, haben sogar unsre Kinder nichts davon erfahren. Die vielen Fragen in der Gesellschaft, Sie reisen? wann? weshalb? wann kommen Sie wieder? bringen Einen um alle Geduld. Helena selbst weiss erst seit diesem Morgen, dass wir reisen. Ein Theil unsrer Dienerschaft geht mit der Halfte unseres Gepackes noch heute ab, morgen oder ubermorgen folgt das ubrige, und wir mit unsern Tochtern treten in acht bis zehn Tagen die Reise an: denn einen kleinen Vorsprung mussen wir unsern Leuten doch lassen.
Ein tiefer Schmerzenslaut entrang sich Richards Brust; verwundert blickte die Furstin zu ihm auf; bleich, fassungslos stand er wie vernichtet neben ihrem Armsessel; seine Hand hielt die Rucklehne desselben krampfhaft umfasst, als bedurfe er dieser Stutze, um nicht umzusinken.
Du bist krank! rief Eudoxia: was uberkam Dich so plotzlich? setz' Dich hierher, Du kannst Dich ja kaum aufrecht halten; mein Gott, was ist Dir denn geschehen? fragte sie mutterlich besorgt.
Richard sank zu ihren Fussen hin, und verhullte seine thranenden Augen in den Saum ihres Kleides.
Du weinst? fragte sie mitleidig: arme, gute, treue Seele, ware es unsre Abreise, was Dich so betrubt? verlieren und wiederfinden ist ja die ganze Geschichte des Lebens der Menschen auf Erden, das bedenke; das ist nun einmal nicht zu andern, und man muss sich darein ergeben. Und sei versichert, auch aus der weitesten Ferne sorgen wir fur Dich, Du sollst durch unsre Entfernung nichts verlieren; ich und mein Gemahl werden immer als zu unserm Hause gehorend Dich betrachten.
In diesen letzten, gewiss gut gemeinten Worten, im Tone mit dem sie ausgesprochen wurden, lag etwas ungemein Schmerzliches fur Richard, das wie ein elektrischer Schlag ihn durchzuckte. Fast vergessene Erinnerungen an das, was die Amme ihm von der Furstin stolzem Sinne fruher bekannte, wachten in ihm auf, und spornten ihn sich zu ermannen. Seine Thranen versiegten, er erhob sich, und nahm der Furstin gegenuber den Platz ein, den sie vorher ihm angewiesen.
Kann meine gutige Beschutzerin mich so missverstehen? erwiederte er, zwar mit geziemender Ehrfurcht, aber frei ihr ins Auge blickend: kann sie mich, der unter ihren Augen, unter ihrer Leitung vom Kinde zum Manne heranwuchs, fur so eigennutzig, fur so niedrig achten, dass ich in einem solchen Augenblicke eines solchen Trostes bedurfte? ja dass ich nur fahig ware ihn anzunehmen? Was ich bin, was ich ausser dem nackten Leben besitze, verdanke ich meinen edlen Beschutzern, fuhr er sehr erregt mit flammenden Augen fort; aber die hochste der Gaben, die ich aus Ihrem Hause mit fortnehme, durch die mein innigstes Dankgefuhl mich Ihnen ewig zu eigen macht, ist, dass ich durch Sie in den Stand gesetzt bin, sorglos in die Zukunft zu blicken, und uberall das Gefuhl mit mir trage, mir selbst auch ohne aussre Hulfe durch die Welt helfen zu konnen. Aber wie ich es aushalten werde, dieses Haus kunftig verodet zu sehen! wie ich alle die vielen langen Tage, die von nun an einander folgen, von denen keiner mir ach! ich vermag nicht es auszusprechen; der geringste Diener in Ihrem Gefolge scheint mir jetzt beneidenswerth.
Guter dankbarer Sohn, sprach die wirklich geruhrte Furstin; das also ist es allein? liebst Du uns so? aber Deine treue Anhanglichkeit an uns und unser Haus ist mir ja langst bekannt, und auch ich, das glaube nur fest, auch ich werde oft Deiner gedenken, und Dich vermissen. Doch jeder, in welcher Lage er sich auch befinden mag, muss sich das Unabanderliche mit Fassung gefallen lassen, und wenigstens den Trost wirst Du nicht verschmahen, dass wir nicht auf immer von Dir scheiden. In Jahresfrist, vielleicht noch fruher, kehren wir zuruck, denn ich und Andreas lieben diesen Aufenthalt, und mochten ihn mit keinem andern vertauschen.
Die Minuten, die ich fur Dich aufgespart, sind verflossen, und draussen warten hundert Augen auf mich, sprach die Furstin, indem sie auf ihre Uhr sah. In wenigen Worten will ich Dir noch die Veranlassung dieser Reise erklaren, die Dich so betrubt, denn ob wir uns wieder allein werden sehen, ist zweifelhaft. Die kunftigen Schwiegereltern meiner Natalie bestehen darauf, das Hochzeitsfest in ihrem Familienkreise zu feiern, und wir, wir mussen aus Rucksichten fur das Gluck unsrer Tochter ihrem Wunsche nachgeben, obgleich unsre Absicht eigentlich war, Natalien mit ihrem jungen Gemahl erst nach ihrer Vermahlung nach Petersburg gehen zu lassen. Nach reifer Uberlegung finden wir selbst es rathsam und schicklich, nach langer Abwesenheit uns dem Hofe wieder einmal zu nahern; ich selbst werde meine beiden Tochter dort einfuhren, und sie dem Kaiser und der Kaiserin vorstellen, denn auch Helena hat das dazu gehorige Alter jetzt erreicht. Und nun geh', guter Richard, der Furst wird bald hier sein. Bei Tafel sehen wir Dich wieder, andre Gaste werden heute nicht empfangen, Du aber bist ja gleichsam das Kind vom Hause. Fasse Muth und hoffe auf die Zukunft, wenn Dich der Augenblick druckt.
Richard hatte eben noch Besinnung genug, um die ihm abermals gebotne Hand zu kussen, und wankte weit trostloser als er gekommen war zur Thure hinaus.
Oben an der grossen Treppe stand er einen Augenblick still, und blickte hinab in den Vorhof. Das Getummel hatte dort unten wo moglich noch zugenommen, man fing eben an die Packwagen zu beladen, und das Singen, Lachen und Pfeifen der dabei Beschaftigten klang ihm wie der unmenschlichste Hohn. So wie ihm damals, mag dem Verurtheilten zu Muthe sein, der indem er in seinen Kerker zuruck gefuhrt wird, das Schafott erbauen sieht. Ihm schwindelte, er hatte weder Muth noch Kraft die Treppe hinab zu gehen, und durch diese Vorbereitungen zur Zerstorung des ganzen Glucks seines Lebens sich abermals hindurch zu drangen, er wandte der andern Seite des Vorsaales sich zu. In Eugens abgelegeneren Zimmern, zu denen das Getose im Vorhofe nicht dringen konnte, dachte er einige Augenblicke zu verweilen, um sich dort, in der Einsamkeit, einigermassen wieder zu sammeln.
Gut, dass ich Dich treffe! rief die auf dem Wege dorthin ihm begegnende Amme ihm entgegen: aber wie siehst Du aus! bist Du krank? hast Du Fieber?
Richard machte eine verneinende Bewegung, reden konnte er noch nicht.
Nun das ist mir lieb, denn zum Kranksein ist jetzt nicht die Zeit, sprach die Amme; hernach, wenn wir fort sind, magst Du Dich legen und pflegen, zu arg wird es doch hoffentlich nicht mit Dir werden. Ja, ja, dann wird es still genug hier im Hause sein, todtenstill, wie im Grabe; jetzt ist es desto lauter. Was nur die Grossen von ihrer heillosen Art haben mogen, ihre Befehle immer erst in der letzten Stunde von sich zu geben! so dass man, wenn's ans Ausfuhren gehen soll, nicht Beine genug hat, um alles zu belaufen, und nicht Kopf genug, um alles zu bedenken. Sieh einmal her, wie ich beladen bin, Kaschmirs, Schmuck, Spitzen und Gott weiss was alles noch; das alles muss auf das Sorgfaltigste besorgt werden. Keine Seele von uns hat heute Zeit, Gott helf'! zu rufen, wenn die andre niest; so wird es gewiss bis nach Mitternacht fortgehn, und auf mir liegt alles, ich hab' es am schlimmsten dabei.
In sich selbst versunken setzte Richard, wahrend des unaufhaltsamen Geschwatzes der neben ihm hergehenden Amme, seinen Weg an ihrer Seite fort, ohne ein Wort darauf zu erwiedern. Halt! rief sie, als er in den Korridor einbiegen wollte, der zu Eugens Zimmer fuhrte, wo willst Du hin? der junge Furst ist noch nicht daheim, und auf jeden Fall musst Du mit mir zu Helenen, mit der heute gar nicht auszukommen ist; es ist als thate sie es mir zum Verdruss, damit ich vollends recht rabiat werde. Denke Dir, da sitzt die Kleine in ihrem Zimmer, und ruhrt sich nicht, und weint, und weint, als wolle sie in Thranen sich auflosen! Weint, wo Andre vor Freude ausser sich gerathen wurden! Die grosse Kaiserstadt Petersburg! Hochzeit, Putz, Feste ohne Ende, dem Kaiser, der Kaiserin vorgestellt werden! Die Sinne vergehen Einem, wenn man sich das alles nur recht denkt. Und was wetten wir, sie kommt als Braut wieder, oder gar nicht; he?
Richard wurde noch bleicher. Aber was hast Du denn? rief die Amme; komm' doch, ich habe wahrlich keinen Augenblick Zeit. Madame Sommerfeldt ist ausgefahren, um Abschiedsvisiten zu machen, und kommt schwerlich vor Abend wieder, und da sitzt nun Helene ganz allein, und das ist ihr nicht gut. Keine Einzige von uns, nicht einmal ein Kammermadchen, hat in diesem Wirrwarr Zeit bei ihr zu bleiben; ich am wenigsten, denn wie gesagt, auf mir liegt alles. Du musst ihr Gesellschaft leisten, mache Musik mit ihr, das wird sie aufheitern; und rede ihr zu, lieber Sohn, sie hat immer viel auf Dich gehalten, gewiss Du vermagst alles uber sie. Rede ihr zu, damit sie sich fasse, und mir nicht etwa mit dickgeschwollnen Augen an die Tafel kommt; die Furstin ist heute ohnehin nicht eben in der gottlichsten Laune.
Unter diesem Geplauder der Amme waren sie an die Thure von Helenas Vorzimmer gelangt. Die Amme offnete dieselbe, schob Richard hinein, machte hinter ihm wieder zu, und eilte davon, um uber die mit Einpacken beschaftigte weibliche Dienerschaft das Regiment zu fuhren. Uberwaltigt vom ersten Sturme in ihrem Fruhlingsleben, war Helene bei Richards unerwartetem Anblicke, von ihrem Sopha herabgleitend, mit einem kleinen Schrei in seine Arme gesunken; sie hielt seinen Nakken umschlungen, wie er neben ihr kniete; das liebliche Kopfchen lehnte an seiner Brust, er fuhlte das Wehen ihres Athems, das bange heftige Klopfen ihres Herzens, er sah, dicht vor seinen Augen, das schone Gesicht von Thranen uberstromt, das er noch nie anders als lachelnd gesehen; alles andre um ihn her wurde von der reichen Fulle ihrer langen blonden Locken ihm verborgen, die wie ein dichter Schleier ihn umwallten.
So! so! in diesem Ubermasse von Wonne und Schmerz vergehen! war sein einziger Gedanke; wortlos gestaltete er sich in seinem Innern zum heissesten Wunsch, zum gluhendsten Gebet. Zum erstenmal hielt sein Arm sie umfasst; Helenas Wangen, ihre Lippen gluhten zum erstenmal dicht an den Seinen. In ihrem Anschauen verloren blickte er regungslos sie an; so still, so frei von jedem irdischen Wunsche, mogen Fromme der Vorzeit, die einer himmlischen Erscheinung gewurdiget wurden, zu ihrer Heiligen aufgeblickt haben.
Ohne sich dessen deutlich bewusst zu sein, hatten Beide aus ihrer knieenden Stellung sich erhoben. Hand in Hand, Auge in Auge, sassen sie schweigend neben einander. Das lange nicht geahnete, hoffnungslose Geheimniss ihres unschuldigen Herzens hatte dieser schmerzliche Augenblick Helenen enthullt, auch Richard vermochte nicht mehr sich abzuleugnen, was er so lange vor sich selbst zu verbergen gestrebt hatte. Keine Erklarung, kein Gestandniss kam uber ihre Lippen, ihre Herzen hatten gesprochen, hatten sich verstanden; sie bedurften keiner Worte.
Plotzlich stand Eugen vor ihnen; im ersten Augenblicke fuhr er wie erschreckt zusammen, fasste sich aber schnell wieder; den ernsten traurigen Blick auf den Freund und die Schwester geheftet, stand er ziemlich lange da, ehe einer von ihnen seiner gewahr wurde; laut weinend sank Helena an das Herz des geliebten Bruders.
Mit sanfter Gewalt drangte er sie zuruck auf das Sopha, ergriff ihre und Richards Hand, und hielt beide vereint in der Seinen. Auch s e i n Auge erglanzte in Thranen, auch s e i n Herz war schwer und beklommen. Ihm war, als ob der undurchdringliche Vorhang der Zukunft sich eine Sekunde lang vor ihm luften wolle, und schwere Ahnung, bange Besorgniss wollten sich seiner bemeistern. Doch sein froher Jugendmuth, seine ihm angeborne Art, immer das Beste zu hoffen, hielten ihn aufrecht.
O weine nicht so, meine Helena, mein liebes holdes Kind, es bricht mir das Herz, sprach er, und trocknete liebkosend ihre Wange; und Du, mein Bruder, sieh nicht so ungewiss, so zweifelnd mich an, setzte er zu Richard gewendet hinzu. Strebe nicht, Dein Gefuhl mir zu verbergen, Du bemuhst Dich vergebens; hast Du vergessen, dass ich die Kunst verstehe, in Deiner Seele, wie in einem offenen Buche zu lesen? Arme Helena! Du weinst Deine ersten wahrhaft bittern Thranen, ach! warum musst auch Du den Schmerz des Lebens so fruhe kennen lernen! sprach er leise und geruhrt.
Du weisst es also auch schon? hat auch Dir der Vater es erst heute entdeckt, wie mir die Mutter? klagte Helena; Eugen, lieber guter Bruder, ich soll fort von hier, Du auch, wir mussen nach Petersburg, auf lange Zeit, vielleicht auf immer, denn die Amme meint, sie wollen mich dort verheirathen, und Du weisst, die Mutter sagt ihr alles. Richard soll hier bleiben, und ich kann ohne ihn in der grossen fremden Stadt nicht sein, ich kann, ich will keinen von Euch Beiden entbehren, auch keinem Dritten angehoren; Du und er sind meine Welt. Sie hatten uns, mich und Richard, nicht so an einander gewohnen, einander nicht so lieb gewinnen lassen sollen, wenn sie uns nicht zusammen lassen wollten! setzte sie, beinahe wie ein trotziges Kind, hinzu.
In welchem Lichte steh' ich jetzt vor Dir, Eugen? sprach Richard; doch wenn Du wirklich noch in meiner Seele, wie in einem offenen Buche zu lesen weisst, so wirst Du Deinen Freund
Bedauern? vielleicht; entschuldigen? gewiss nicht; Dich nicht, und auch Helena nicht, denn Ihr seid Beide reinen Herzens und ohne Schuld, unterbrach ihn Eugen; wer konnte mit Euch hadern wollen, weil Ihr nicht starker seid als die Natur? Die Kleine hat leider recht, setzte er wehmuthig lachelnd hinzu; wollten sie vermeiden, was jetzt geschehen, so hatten sie Euch nicht in so vertrauter Gemeinschaft aber wie ware das auszufuhren moglich gewesen? Und war es ein Irrthum unsrer Eltern, dass sie nicht gleich bei Zeiten eine Scheidewand errichteten, die jeden von uns in dem ihm vorgeschriebenen Gleise erhielt, so wollen wir sie deshalb nicht tadeln; wir alle Drei verdanken diesem Irrthume eine hochst gluckliche Kindheit, eine frohliche unverkummerte Jugend, diese holde Bluthenzeit des Lebens, auf die selbst der Glucklichste in spatern Jahren noch mit Sehnsucht zurucksieht. Und ist es denn so ganz unwiderruflich bestimmt, dass diese Bluthen abfallen mussen, ohne uns Fruchte zu bringen?
Richard wie Helena fuhlten tief im Gemuthe den wohlthuenden Einfluss von Eugens mildem gelassnem Benehmen in einer, fur ihn gewiss nicht leicht in allen ihren Folgen zu ubersehenden Situation. Die furchtbare Spannung, zu der sie durch das ganz Unerwartete hinauf getrieben worden waren, liess nach, und sie gelangten allmalig zu einer ruhigeren Stimmung.
Ist jemand unter uns als schuldig zu bezeichnen, so bin ich es, sprach Eugen im Verlaufe des jetzt unter ihnen entstandenen, weniger leidenschaftlichen Gespraches; ich war der Unbefangenere, an mir ware es gewesen, fur Euch Beide zu uberlegen, zu bedenken, zwischen Euch vermittelnd einzutreten, Dich zu warnen, mein Bruder, Dich, meine susse Helena, zuruckzuhalten, und hatte es auch gewaltsam geschehen mussen. Und doch! was hatte meine Weisheit am Ende gefruchtet? wahrscheinlich so wenig, als alle Weisheit auf Erden, sobald ein machtigeres Gefuhl das Steuerruder ergreift. Nun so sei es darum, das Vergangene sei vergangen, nur von der Zukunft durfen wir unser Heil erwarten, und ihr nicht nur wurdig, sondern auch vorsichtig entgegen treten, keinen Schritt zu viel, aber auch keinen zu wenig. Dies sei von nun an Deine Aufgabe, Richard; die meinige, als treuer Berather und Helfer Dir zur Seite zu bleiben.
O, die Zukunft! was kann, was darf ich Unglucklicher, Namenloser vernunftiger Weise von ihr hoffen oder erwarten? rief Richard.
Alles! habe nur dazu den Muth, erwiederte Eugen. Zur Erreichung eines weit hoheren Zieles, als das Deine, von Andern, die in keiner Hinsicht mehr waren als Du bist, wurden in unsrer vielbewegten ereignissreichen Zeit wohl ganz andere Schwierigkeiten besiegt, als die sind, welche Dir im Wege liegen. Soll ich eine Reihe, aus den verschiedensten Landern stammende Namen Dir nennen, die vor kurzem aus tiefem Dunkel auftauchend, jetzt als leuchtende Sterne auf der namlichen Bahn glanzen, die Du Dir erwahlt hast? Und schuttle nur nicht so unglaubig den Kopf; fruher, weit fruher als Du denkst, konnen, werden Ereignisse eintreten, die Dir uberflussige Gelegenheit bieten, auch Deinen Namen jenen glanzenden Erscheinungen, die ich Dir andeutete, anzuschliessen.
Zwar horte Helena sehr aufmerksam auf alles, was ihre beiden Bruder, wie sie dieselben noch immer nannte, sprachen, doch ohne deutlich zu fassen, wie sie es eigentlich meinten. Ihr einfacher Sinn verlangte und erwartete von der Zukunft furs erste nur, dass sie alles bleiben und bestehen lasse, wie es gewesen, so lange sie denken konnte. Richard taglich sehen, in den namlichen Verhaltnissen wie bisher, war alles was, wie sie wahnte, ihr zum Glucklichsein unentbehrlich war; an eine nahere Verbindung mit ihm kam ihr noch kein Gedanke. Aber die Idee, dass ihre Eltern beabsichtigen konnten, sie in Petersburg zu verheirathen, mit der die Amme sie eingeschuchtert hatte, war ihr unbeschreiblich angstlich, und sie erklarte schon im voraus ihren festen Entschluss, nie darein zu willigen.
Im Ubrigen ergab sie sich mit grosser Bereitwilligkeit darein, sich Eugens Leitung ganz zu uberlassen; sie versprach ihm, nie, unter keiner Bedingung an Richard zu schreiben. Auch dieser gelobte dem Freunde das Namliche, der dagegen Beiden verhiess, auch hier als Mittelsperson zwischen ihnen einzutreten, und sie nie ohne gegenseitige Nachricht von einander zu lassen.
Richard und Helena brachten von nun an die, bis zur Abschiedsstunde noch verfliessende Zeit, in stetem Schwanken zwischen Wonne und Schmerz hin. Zwar sahen sie sich taglich, doch immer nur fur kurze abgerissene Momente; und nur selten mochte es Eugens unermudlicher Vorsorge gelingen, eine gerauschlose Viertelstunde, die ein ungestortes Beisammensein ihnen gewahren konnte, ihnen zu gewinnen. Von nun an schlichen die langweiligen Tage trage und bleiern, in ihrer grauen Farblosigkeit einer dem andern vollig gleich, dem verlassenen Richard voruber. Eugen hielt zwar sein Versprechen, aber wie wenig ist ein Brief fur das in Sehnsucht und Ungewissheit zagende Herz! Mehrere Monate vergingen auf diese Weise, Nataliens Hochzeit war langst in Petersburg mit grosser Pracht gefeiert, Helena am Hofe vorgestellt, des Winters Annaherung wurde schon merkbar: da endlich fiel ein heller Morgenstrahl in Richards sternlose Nacht; das Regiment, bei welchem er stand, wurde nach Petersburg verlegt, er selbst zu einem hoheren Dienstgrade befordert.
Wiedersehn! welch ein Zauber liegt in diesem kleinen Worte! der selbst bis an den Rand des Grabes seine Wunderkraft nicht verliert; der den Sterbenden ermuthigt, und den Zuruckbleibenden dem Ubermasse des Schmerzes nicht ganz erliegen lasst.
Richards Freude war granzenlos; Iwan Yakuchin, dem es im Grunde ziemlich einerlei war, ob er in Moskau oder Petersburg lebe, freute ehrlich und treuherzig sich mit ihm, eben nur, weil Richard sich freute; denn er fur seinen Theil ware wohl lieber in Moskau bei seinen Bekannten geblieben, wenn man ihm die Entscheidung uberlassen hatte, doch ohne Richard nimmermehr.
Wie alle guten und bosen Stunden des Lebens, ward auch die fur Richards gluhende Ungeduld hochst peinliche Zeit der Erwartung bis zum Auszuge des Regiments, und der nicht minder ihn fast zur Verzweiflung bringende langsame Marsch, nebst allen damit verknupften Beschwerden und Unfallen, endlich uberstanden. Eugen nahm bei seiner Ankunft in Petersburg seinen Freund sogleich in Empfang, und Richard erlag fast der uberwaltigenden Freude dieses Wiedersehens, das der Verkundiger eines noch schmerzlicher ersehnten ihm war.
Der Furst, die Furstin, Natalia und ihr junger Gemahl, sie alle nahmen mit dem namlichen herzlichen Wohlwollen, mit welchem sie von ihm geschieden waren, ihren Schutzling als ganz zu ihnen gehorend wieder auf. Auch Eugens altere Bruder fand er in ihrem vaterlichen Hause versammelt, und die jahrelange Trennung von den Gefahrten seiner Kindheit hatte keinen von ihnen ihm entfremdet. Der alteste, Furst Isidor, der nur um seine Eltern wiederzusehen, und der Vermahlung seiner Schwester beizuwohnen, nach Petersburg gekommen war, suchte auf das Freundlichste ihn zu ermuthigen, und ging auf mehr als halbem Wege dem Junglinge entgegen, den er vor vielen Jahren in seinem vaterlichen Hause als Kind gesehen, und der beim ersten Anblick der ihm ganz fremd gewordenen, imposanten Gestalt des schonen jungen Mannes, zogernd und verlegen vor ihm stand. Anders war es mit dem Fursten Alex, Eugens zweitem Bruder, welcher in der Zeit ebenfalls zu einem recht stattlichen Marineoffizier sich entwickelt hatte. Dieser war durch die grossere Gleichheit ihres Alters Richarden schon fruher weit naher gebracht, als der von Jugend auf ernste weit altere Bruder, der immer von den jungern Knaben wie eine Art Respektsperson betrachtet worden war. Mit recht treuherziger Beredsamkeit sprach Alex seine Freude uber das Wiedersehen seines alten Spielkameraden aus; manch lustiges Ereigniss aus ihrer fruhen Knabenzeit kam unter den Beiden gleich in der ersten Stunde wieder zur Sprache; Eugen verfehlte nicht, lebhaften Antheil daran zu nehmen, und unter frohlichem Geplauder, unter Lachen und Scherz, fuhlte Richard zum erstenmal seit langer Zeit sich wieder zu Hause, unter den Seinen.
Helena allein war bei Richards Empfange im Kreise ihrer Familie nicht zugegen gewesen; denn Eugen hatte unter einem leicht zu findenden Vorwande die nichts ahnende Schwester vom Hause entfernt gehalten. Richard war darauf vorbereitet gewesen sie nicht zu finden, und musste, wenn gleich mit schwerem Herzen, die Vorsicht des treuen Freundes billigen, die beide der schweren Aufgabe entziehen wollte, ein solches Wiedersehen vor Zeugen zu bestehen, ohne ihr eignes theuerstes Geheimniss zu verrathen; um so heftiger aber war Helenas Zorn, als sie Eugens Verrath, wie sie es nannte, bei ihrer Zuhausekunft erfuhr. Sie blieb die ganze, in schlafloser Erwartung zugebrachte Nacht hindurch unversohnlich, bis Morgens, zur gewohnten Stunde, der Freund von ihrem Bruder geleitet in ihr Zimmer trat. Er fand, wie vorauszusehen war, sie allein.
Ein Wiedersehen wurde gefeiert, das unbeschrieben bleiben mag. Nicht Jahre, nur Monate lagen zwischen dieser Stunde und der des Scheidens, aber um so wunderbarer musste die auffallende Veranderung erscheinen, die wahrend dieses kurzen Zeitraums mit der jungen Furstin vorgegangen war. Ohne an sussem Liebreitze oder anspruchsloser Naturlichkeit dadurch zu verlieren, war das frohlich-unbefangne Kind, wie durch einen Zauberschlag, zur lieblichsten Jungfrau erbluht. Helena schien grosser geworden zu sein, ihr Auge strahlender; ihre Gestalt hatte in seltener Vollkommenheit sich entwickelt. Alles an ihr, ihr Gang, ihr Blick, der Ton ihrer Sprache, deutete bei liebenswurdigster Anmuth auf eine eigne Sinnesfreiheit, ein Selbstbewusstsein, eine Sicherheit des Geistes hin, die bei ungeheuchelter Bescheidenheit zu einer der blendendsten Erscheinungen sie erhob. So durchbricht wahrend einer einzigen lauwarmen Fruhlingsnacht die junge Rose die sie verbergende grune Umhullung, und entzuckt alle Augen und Herzen, indem ihre der Knospe entquellenden Purpurblatter die hohe Pracht verkunden, die sie spater, in duftendem Schimmer vollig erbluhend, vor der Sonne entfalten wird.
Du siehst so verwundert, so befremdet mich an? fragte Helena lachelnd, sobald der erste, jeden andern Gedanken uberwaltigende Freudentaumel es erlaubte.
Und kann ich anders? erwiederte Richard: ich sehe Dich, ich halte Dich; Du bist es und Du bist es nicht. Entzuckt, betaubt stehe ich vor Dir; Du bist mir so bekannt und doch so fremd. Ich mochte anbetend vor Dir hinknieen, wie vor einem Wunderbilde, das vor meinen geblendeten Augen ein Gotterhauch von oben belebte. Helena, sage mir, was ist mit Dir vorgegangen?
Was soll denn mit ihr vorgegangen sein? sie hat die Kinderschuhe ausgezogen und ist eine grosse vornehme Dame geworden, wie es ihr denn auch nicht anders gebuhrt. Am Hofe wie in der Stadt wird sie allgemein bewundert und verehrt; da muss sie doch wohl den Kopf ein wenig hoher halten als sonst? rief eine laute, etwas kreischende Stimme dazwischen. Es war die Amme, die sich herbei drangte, um auch ihrerseits den lange nicht Gesehenen zu begrussen, und die beim Eintritte in das Zimmer Richards letzte Worte, aber auch nur diese, gehort hatte.
Ja so ist es, die alte Pythia hat wahr gesprochen, seufzte Richard, nachdem die Amme sich wieder entfernt hatte. Du schoner Stern! Du wandelst in aller Deiner glanzvollen Herrlichkeit hoch uber mir, auf Deiner Dir gemessenen Bahn; bewundernd blickt eine Welt anbetender Verehrer zu Dir auf; sie alle, vornehm, reich, brillant, wie Du selbst es bist, durfen Dir folgen, Dir dienen, um Deine Huld sich bewerben, wahrend ich armer dunkler Erdensohn im Staube, unbemerkt, tief unter ihnen und Dir
Kein Wort weiter, kein einziges dieser Art mehr, wenn Du nicht absichtlich mich erzurnen willst, gebot ihn unterbrechend Helena, und richtete sehr ernst sich hoch empor. Was sollen solche Jammerlichkeiten zwischen uns? kennst Du mich so wenig? fuhr sie sehr lebhaft fort. Ich kann und will Dir nicht heucheln, denn ich bin von Natur jeder Luge abhold; ich kann Dich nicht glauben machen wollen, dass ich nicht gern bin was ich bin, oder dass ich lieber in einer Hutte leben mochte, als im Palaste meiner Eltern. Ich ware ein unnaturliches Geschopf, wenn ich nicht lieber Gefallen als Missfallen erregte, wenn Tanz, Musik und aller Glanz, der mich umgiebt, mir keine Freude machten, und darf von Dir fordern, dass Du diese Freude gern mir gonnst. Denn Du musst mir vertrauen wie ich Dir vertraue, und keine armselige Eifersuchtelei darf zwischen uns treten. Im Herzen bin ich Dein, und bleibe es, denn ich kann nicht anders; Du gehorst zu mir, wie ein Theil von mir selbst; dies Gefuhl ist mit mir aufgewachsen; ich kann mir gar nicht denken wie es ware, wenn ich Dich nicht hatte oder nie gehabt hatte. So bleibt es, daran lass' Dir genugen; mag es ubrigens um uns her werden wie es wolle, ich bleibe wie ich bin. Auch in Petersburg, wie fruher in Moskau, war Iwan Yakuchin Richards treuer Freund geblieben. Die heitre Gegenwart des stets lebenslustigen Gesellen trug nicht wenig dazu bei, ihm uber manche dunkle Stunde hinaus zu helfen, deren er jetzt leider nicht wenige zahlte. Tage, ja Wochen vergingen, wahrend welchen Helena und selbst Eugen, hingerissen von dem gerauschvollen Treiben der grossen Welt, in deren Mitte sie jetzt lebten, ihm kaum einige, gleichsam im Fluge zu erhaschende Augenblicke schenken konnten. Der Abstand zwischen sich und ihnen ward ihm dann so fuhlbar, so druckend, dass er daruber in Trubsinn und Hoffnungslosigkeit rettungslos hatte untergehen mussen, ware Iwan mit seiner unversiegbaren Frohlichkeit nicht dazwischen getreten, und hatte ihn zu Vergnugungen fortgerissen, die ihm zwar wenig Genuss, aber doch Zerstreuung gewahrten.
Auf diese Weise gerieth Richard auf Kaffeehausern, in Restaurationen und an ahnlichen Orten in eine zahllose Menge von Bekanntschaften, von denen nur sehr wenige seinem verfeinerten Gefuhle fur Geselligkeit zusagen konnten. Doch um so weniger durfte er es wagen, seinen gar zu treuherzigen Freund ihnen allein zu ubergeben. Der gutmuthige, nichts weniger als argwohnische Iwan hatte sich sogar schon einigemal an Orte verlocken lassen, wo in Vergnugen verkleidete Raubsucht in tiefer Verborgenheit ihr wustes Wesen treibt, und nur Richards Gegenwart war es gelungen, den Unvorsichtigen aus ihren Klauen zu befreien, und ihn vor allerlei andern gefahrlichen Abenteuern zu bewahren.
Eines Abends gingen beide Freunde mit eintretender Dammerung Arm in Arm ihrer Wohnung zu. Es war um die Zeit, wo der Winter dem im Norden mit rascheren Schritten heraneilenden Fruhlinge zu weichen beginnt; die Newa hatte ihre starre Eisdecke abgeworfen, der Schnee war verschwunden, und ein scharfer Ostwind hatte, selbst in dem sehr abgelegenen, etwas verrufenen Quartiere der Stadt, in welchem sie sich eben befanden, das Labyrinth von engen Gasschen gangbar gemacht, das nur selten der Fuss der Bewohner der breiten prachtigen Strassen von Petersburg zu betreten pflegte.
Beide Freunde befanden sich eben in keiner rosenfarbnen Stimmung. Richard, durch einen glucklichen Zufall geleitet, hatte abermals seinen leichtsinnigen Schutzling in einem der beruchtigtsten heimlichen Spielvereine aufgefunden, und ihn mit sich fortgefuhrt. Er war in einer sehr nachdrucklichen Strafpredigt begriffen, die Iwan, in seiner grossen Unzufriedenheit mit sich selbst, geduldig und reuevoll uber sich ergehen liess, denn er hatte so eben den grossten Theil seiner Baarschaft am grunen Tische zuruckgelassen. Einige demuthige Versprechungen sich zu bessern waren alles, was er seinem zurnenden und beredten Freunde entgegenzustellen wagte; doch er hatte diese schon zu oft geleistet, und zu oft gebrochen, um einen gewichtigen Eindruck davon hoffen zu konnen.
Endlich wurde er aber doch des blossen Anhorens mude: Es geht nicht mit rechten Dingen zu, ich sage Dir ich bin behext, rief er sehr lebhaft. Richy, Du weisst es ja selbst, dass ich am eigentlichen Spielen nicht mehr Freude habe als Du. Wenn es auch anfanglich mich amusirt, es wird mir immer gleich wieder langweilig, besonders wenn ich gewinne. Anderer Leute Gold einzusackeln schame ich mich, ich spiele weiter fort, um es wieder los zu werden; dann geht gemeiniglich auch mein eigenes mit zum T....l, das verdriesst mich, ich spiele weiter, um es wieder zu bekommen, und so wird das Ubel immer arger. Dass man mit solchen Gesinnungen kein Spieler vom Fach werden kann, siehst Du doch ein. Aber ich will mich bessern, das schwore ich Dir zu, Richy; wenn nur die lustige Gesellschaft mich nicht lockte, ich ruhrte zeitlebens weder Karte noch Wurfel an.
Die lustige Gesellschaft? eiferte Richard: wahrhaftig eine saubere Gesellschaft! Giebt es in der Welt ein abstossenderes Gesicht, als das im braunen Uberrocke, das Dir heute schon zum drittenmal gegenuber sass. Ich meine den grossen starken Mann, mit der grunen Brille vor den Augen. In seinem Wesen liegt etwas, das ihm das Ansehen eines Mannes von Stande giebt.
Das ist er aber auch, fiel Iwan, froh dem Gesprache eine andere Wendung geben zu konnen, hastig ein; sie nennen ihn alle Herr Baron, seinen Namen habe ich aber noch nicht erfahren konnen.
Sei er was und wer er wolle, sprach Richard sehr unmuthig, er ist mir tief in der Seele zuwider. Was man eigentlich hasslich nennen konnte ist er nicht, aber sein versteinertes Gesicht sieht wie der verodete Wahlplatz aller nur moglichen gehassigen Leidenschaften aus, die jemals eine enge Menschenbrust durchtobten. Nimm dazu den gleissenden Heuchlerschein, mit dem er seine innere Verworfenheit zu uberkleistern strebt; recht wie ein getunchtes Grab, von aussen Schaumgold, von innen Greuel der Verwesung. Dich in seiner Nahe zu sehen, kann ich nun einmal gar nicht ertragen.
Still! denk' an das Sprichwort vom Wolf; wenn nicht alles mich tauscht, biegt er dort, zwanzig Schritte vor uns, um die Ecke, flusterte Iwan, und strengte seine, durch das fruhere Leben im Gebirge mit der Scharfe eines Wilden begabten Augen und Ohren an, um die neblige Dammerung die vor ihm lag zu durchdringen. Richard sah nur undeutliche Umrisse einer vor ihnen sich bewegenden Gestalt. Ich hore seine Stimme, ich hore auch eine weibliche klagende; schnell, da mussen wir hin, rief Iwan plotzlich, und riss seinen Freund im Sturmschritt mit sich vorwarts.
Sie erreichten in wenig Secunden eine seltsame Gruppe; eine schlanke, jugendliche, in Mantel und Schleier sittsam verhullte Gestalt, eine kurze, dicke, theatralisch bunt aufgeputzte altliche Frau von durchaus nicht einladendem Aussern, und neben ihnen den eben besprochenen Baron, der eben hinzutrat. Das Madchen zitterte in sichtbarer Angst, die Alte keifte, der Baron suchte mit einschmeichelnder Rede das Madchen zu beruhigen.
Ich danke Ihnen sehr, gewiss ich bin Ihnen recht dankbar, liebe Madame, sprach es fast weinend in gebrochnem Russisch; aber lassen Sie sich erbitten, und nennen mir endlich den Namen der Strasse, wohin ich will und Sie die Gute haben wollen, mich zu fuhren; ich habe ihn zwar vergessen, aber ich besinne mich gleich wieder darauf, wenn ich ihn hore; es ist nur, damit ich gewiss weiss, dass Sie sich nicht vergebliche Muhe mit mir machen.
Was fur Umstande! was denken Sie denn, wofur halten Sie mich? meinen Sie ich hatte Zeit und Lust, stundenlang hier mit Ihnen zu verweilen? erwiederte mit harter keifender Stimme die Alte. Wenn ich Ihnen nun sage, Herr Lange ist mein guter Bekannter und nachster Nachbar, ist das nicht genug? Kurz und gut, Jungfer, entweder Sie gehen mit mir, oder Sie bleiben hier allein, mitten unter dem betrunkenen Volke, das gleich hier aus den Branntweinskneipen herauskommen wird.
Frau Marina ist heftig, aber grundgut, sie ist meine alte Freundin, und Sie konnen sich ihr sicher anvertrauen, nahm jetzt der Baron das Wort.
Ach, ich furchte mich so! seufzte das Madchen.
Aber wovor? fragte der Baron, der erst seit ein paar Minuten den beiden sich zugesellt hatte; ich hore an Ihrem Dialekte, dass Sie eine Deutsche sind, und so bitte ich Sie, vertrauen Sie dem Worte eines Landsmannes Sie sind unter Freunden, fuhr er in deutscher Sprache fort, die gute. Frau wird Sie sicher fuhren. Ich selbst will sie beide begleiten, setzte er in russischer Sprache hinzu, der Weg ist zwar ein wenig weit, aber wir treffen wohl bald einen Wagen
Ach, mein Herr, weit von hier kann es nicht sein, das ist nicht moglich, unterbrach ihn das Madchen; ich habe mich verirrt, und kann mich allein nicht wieder zurecht finden, aber ich bin gar nicht lange gegangen; weit von Hause bin ich gewiss nicht.
Wenn man in der Angst vorwarts lauft, zahlt man weder Schritte noch Minuten, erwiederte der Baron, daher nehmen Sie nur ganz unbesorgt den Arm an, den die gute Frau Marina Ihnen bietet, und lassen Sie uns machen, dass wir fort kommen.
Zwar unter Zittern und Zagen, aber doch hingerissen von dem vaterlandischen Laute, war das Madchen wirklich schon mehr als halb entschlossen, diesem Rathe zu folgen, als Iwan plotzlich dazwischen trat.
Halt! rief er; auch ich kenne die gute Frau Marina, wenn gleich nur dem Rufe nach; doch das ist genug, um nimmer zugeben zu konnen, dass eine junge Dame, wie Sie, mit ihr geht. Hier steht mein Kamerad, wir beide sind bereit Sie hinzufuhren, wohin Sie wollen, aber mit der da, wenn Ehre und
Wahrhaftig ein paar treffliche Begleiter, die sich Ihnen so ganz unverhofft anbieten, schrie die Alte laut auflachend: nun Jungferchen, Gluck zu, wenn Sie etwa lieber bei Nacht und Nebel mit ein paar jungen Militars die Stadt durchziehen wollen, als mit einer ehrbaren Frau gehen
So bin ich wenigstens noch da, um mich meiner Landsmannin anzunehmen, und werde solch einen Scandal nimmermehr zugeben, rief der Baron, und trat auf die beiden Freunde zu, wahrend das geangstete Madchen jetzt wirklich anfing laut zu weinen. Wie, Ihr Herren, was unterfangt Ihr Euch, fuhr er fort, eine junge Dame auf offentlicher Strasse wisst Ihr wohl wer und was
Was giebt es hier? Woruber weint die junge Person? erscholl plotzlich eine wohltonende, gebietende Stimme. Ein grosser, in Mantel und Hut tief verhullter Mann, der schon lange in einiger Entfernung den beiden Freunden gefolgt war, und wahrscheinlich ihr Gesprach, wenigstens zum Theil mit angehort hatte, stand mitten unter ihnen; alles schwieg, betroffen von der eben so unerwarteten, als imposanten Erscheinung.
Sagen Sie mir, was Sie so traurig macht, Mademoiselle? vielleicht kann ich helfen, wiederholte mild aber ernst der Unbekannte. Wer sind Sie, wie heissen Sie? fragte er nochmals, als er von dem erschrockenen Madchen keine Antwort erhielt.
Ach ich weiss nicht, ich weiss nicht, ich bin hier fremd, und habe in der grossen Stadt mich verloren, schluchzte das Madchen besinnungslos.
Nun wie Sie heissen, und bei wem Sie wohnen, werden Sie doch wissen; denken Sie nur ein wenig nach, erwiederte der Unbekannte mit einem gewissen Tone der Stimme, der deutlich verrieth, dass es ihm schwer werde, das Lachen zu unterdrucken.
Mittlerweile war das furchtsame Kind doch wieder zu einiger Fassung gelangt. Ich heisse Julie Reinert, sprach sie rasch und angstlich hinter einander weg; ich habe keine Eltern, mein Vormund hat mich von Konigsberg hieher zu seinem Bruder, dem Musiker Lange geschickt; ich bin erst seit vier Tagen hier; ich habe die Schwester der Frau Lange besucht, und habe auf dem Ruckwege mich verirrt.
Also bei dem Pianofortisten Lange wohnen Sie? erwiederte der Unbekannte sehr freundlich; ich kenne ihn, und auch seine Frau; sie war fruher eine sehr beliebte Sangerin bei unserm deutschen Theater. Fassen Sie Muth, mein Kind, Sie sind bei braven Leuten. Aber was hatten denn Sie, Madame, mit diesem jungen Frauenzimmer zu streiten? fragte er im Verhor fortfahrend, und wollte an Frau Marina sich wenden, doch die Stelle, wo diese gestanden, war leer, sie sowohl als der Baron waren mittlerweile unbemerkt verschwunden. Hatte der Wind das edle Paar durch die Lufte fortgefuhrt? hatte die Erde es verschlungen? keine Spur davon war weder horbar noch sichtbar.
Sonderbar! sprach der Unbekannte vor sich hin; es waren ihrer zwei, wo sind sie hin? kannten Sie diese Leute? und wer waren sie? fragte er, an den ihm zunachst stehenden Richard sich wendend.
Nur von Ansehen, versicherte dieser in seinem und seines Freundes Namen.
Es lag in der Gestalt, im Wesen, in der Sprache des Unbekannten etwas seltsam Uberwaltigendes, Ehrfurcht und Gehorsam Gebietendes, dem weder Richard noch Iwan zu widerstehen vermochten. Offen und wahr gaben beide ihm alle Auskunft uber sich selbst, die er verlangte. Auch Julie Reinert wurde ruhiger, als fuhle sie sich unter der Obhut eines machtigen, ihr wohlwollenden Beschutzers. Auf seinen Befehl uberliess sie sich ohne Weigerung der Fuhrung der beiden jungen Manner, denen er den Weg zu der wirklich nicht sehr entfernten Wohnung des Musikers Lange deutlich beschrieb. Noch heute werde ich mich erkundigen lassen, ob das Ihrem Schutze empfohlene Frauenzimmer sicher zu Hause gekommen ist; ubrigens sind auch Ihre beiden Namen mir nicht fremd, rief er beim Fortgehen mit ernstem Nachdruck den Freunden noch zu, und war nach wenig Augenblicken den ihm nachschauenden Augen, in der schon zur Nacht sich verdickenden nebelhaften Dammerung verschwunden.
Still und schweigend gingen alle Drei raschen Schrittes den ihnen angedeuteten Weg, und gelangten, ehe sie es vermutheten, aus dem verworrenen Labyrinthe der engen Gasschen in eine der breiten, hell erleuchteten und volkreich belebten Strassen von Petersburg, ganz nahe an Herrn Langes Wohnung.
Ist mir doch als hatte ich lebendigen Leibes, mit weit offenen Augen, ein Mahrchen erlebt, wie man sie sonst wohl auf dem Theater nur auffuhren sieht, fing Iwan jetzt an. War es doch als stunde ein machtiger Zauberer vor uns, dem wir gehorchen und Rede stehen mussten, wie er es verlangte. Und wo sind nur der Baron und die saubre Frau Marina hingekommen? Begreifst Du etwas von dem Allen, Richy? Du bist doch sonst immer viel verstandiger als ich.
Es ware gewiss verzeihlich, wenn man sich hier verleitet fuhlte, an eine uberirdische Erscheinung zu glauben, die der Unschuld sich annimmt, und bose Geister verscheucht. Wer kann dieser Unbegreifliche sein? erwiederte Richard nachdenklich.
Mein schutzender Engel in Menschengestalt! frohlockte Julie Reinert, die, seit sie jenes Gewinde enger Gasschen hinter sich gelassen hatten, ganz getrost worden war. Ein kleiner, in Mutze und Pelz wohl verwahrter, mit einem keulenartigen Stocke und einem Regenschirme wohl bewaffneter Mann, trat in diesem Augenblicke ganz keck auf sie zu; Julie, sobald sie ihn gewahrte, warf mit einem Freudensprunge sich ihm in die Arme, so dass der Kleine Stock und Regenschirm daruber fallen lassen musste.
Bist Du es? bist Du es auch ganz gewiss? rief er auf deutsch, und zog sie vorwarts, um beim Schein einer Strassenlaterne sie besser zu betrachten. Ja Du bist es, Du desertirter Kanarienvogel, herein mit Dir in Deinen Kafig; ob Du uns Noth gemacht hast, Du malitiose Person! Jetzt eben jagte Frau Karoline mich zum Hause hinaus, ohne Dich soll ich ihr nicht wieder vor die Augen kommen. Aber ist das auch eine Art? bis in die sinkende Nacht, so ganz allein aber wo ist mein Schirm und mein Stock ei da sind ja auch ein paar Herren, also nicht ganz allein? Guten Abend, meine Herren, wen habe ich die Ehre zu sprechen? damit stellte der kleine bepelzte Mann sich kerzengerade, dicht vor die beiden Freunde, in einer etwas herausfordernden Stellung hin.
Muhsam des Lachens sich erwehrend, beantworteten Iwan und Richard auf das Hoflichste die an sie ergangene Frage; berichteten dann in wenigen Worten, wie sie die junge Dame in einiger Verlegenheit getroffen, weil sie sich nicht nach Hause zu finden gewusst, wie sie sich ein Vergnugen daraus gemacht hatten, sie sicher zu begleiten, und wie sie sich jetzt empfehlen wollten, indem sie das Fraulein in Sicherheit bei den Ihrigen sahen.
Aber der Kleine wollte das nicht erlauben; halt, rief er, das gilt nicht; wie der Fuchs vom Taubenschlage wegschleichen, ohne formlichen Bericht? ohne schuldige Danksagung von unsrer Seite, wollte ich sagen; setzte er sich besinnend hinzu. Die da lacht zwar jetzt, aber das soll ihr schon vergehen, wenn die gestrenge Hausfrau dort oben ein schweres Gericht uber sie ergehen lassen wird, wie sie es denn nicht anders verdient.
Die gestrenge Hausfrau, wie Herr Lange seine eigene hubsche Frau nannte, erschien in diesem Augenblicke selbst; ein allerliebstes, kugelrundes Figurchen, nicht zu jung, nicht zu alt. Sie lachte und weinte, sie schalt und liebkoste Julien, alles das in einem Athem, indem sie dieselbe in Empfang nahm. Unter ununterbrochenem liebenswurdigem Geschwatz eilte sie mit ihr ins Haus, die Treppe hinauf, ins Zimmer hinein; dankte zehnmal den Begleitern ihres Lieblings, versicherte, gleich morgenden Tages der Schwester einen derben Leviten lesen zu wollen, weil sie die Kleine habe allein gehen lassen, schilderte die Todesangst, die sie uber das lange Aussenbleiben derselben inzwischen ausgestanden, schalt ihren Eheherrn einen Traumer, weil er sich nicht rechtschaffen mit ihr geangstiget habe, wie es doch seine Pflicht ware, schafftelte dabei immer im Zimmer umher, und kam nicht eher zur Ruhe, bis Alle um den schneeweiss bedeckten runden Tisch geordnet sassen, und der Duft des kostlichen Karavanen-Thees, wie man nur in Russland ihn trinkt, die Luft mit Wohlgeruch erfullte.
Nun ging es an ein Fragen ohne Ende, bis Julie sich erbot, alles getreulich zu berichten, wenn man nur ein ruhiges Anhoren ihr gewahren wolle. Der Uranfang alles Unheils an diesem verhangnissvollsten Abende ihres ruhigen kurzen Lebens, war ein nicht bedeutendes Unwohlsein der Schwester der Frau Lange gewesen. Der Weg zu der Wohnung der guten Dame war nicht weit, Julie hatte einigemal, freilich nicht unbegleitet, ihn zuruck gelegt; und um die Kranke nicht ihrer Bedienung zu berauben, hatte sie es gewagt, sich allein nach Hause finden zu wollen.
Es war noch ziemlich heller Tag, als ich zum Hause hinaustrat, sprach Julie, aber ich muss gleich anfangs es versehen haben, denn ich war noch gar nicht weit gegangen, als ich gewahr wurde, dass ich in einer mir ganz unbekannten Gegend der Stadt mich befand; ich wollte wieder zur Tante zuruck gehen, aber ich gerieth aus einem engen Gasschen in das andre. Es wurde neblig, es wurde dunkel, es wurde immer dunkler, Angstschweiss trat mir auf die Stirne, das Herz schlug mir unbandig, hoch und immer hoher bis in die Kehle hinauf. Ich lief herum, und wieder herum, bis zum schwindlig werden; wohl zehnmal kam ich immer wieder auf den namlichen Fleck zuruck, ich konnte nicht ruckwarts, nicht vorwarts, ich wusste weder ein noch aus. Einige Russen mit langen Barten traten aus einem kleinen holzernen Hause heraus; bis jetzt war ich noch keinem einzigen Menschen begegnet, hatte auch fast kein Haus gesehen, denn ich war meistens zwischen hohen Hof- oder Gartenplanken umhergeirrt. Die Manner sahen mich an und lachten mich aus, wie ich so da stand, zitternd vor Angst. Ich wollte mir aber doch ein Herz fassen, und mein bischen Russisch zusammennehmen, um sie um den Weg zu befragen: da entdeckte ich mit einemmal, zu meinem unsaglichen Schrecken, dass ich in der Angst den Namen der Strasse, in der wir wohnen, rein vergessen hatte. Die Manner gingen weiter, ich gab mich nun ganz verloren, tausend Schreckbilder drangen auf mich ein, meine Kniee brachen unter mir zusammen, ich sank auf einen Stein, und weinte bitterlich, wie ein kleines Kind.
Ausbruche des herzlichsten Mitleids brachten hier eine kleine Pause in der Erzahlung hervor. Dann sprach Julie weiter:
Wie lange ich so gesessen weiss ich nicht, ich war kaum mehr meiner Sinne mir bewusst. Man ergriff meine Hand, das brachte mich wieder zu mir selbst; eine altliche Frau stand vor mir, wo sie hergekommen sei wusste ich nicht, mir erschien sie, in dem Augenblicke, wie ein Engel vom Himmel gesandt.
Die beruchtigte Frau Marina war der Engel, der, als wir dazu kamen, eben im Begriff war, das Fraulein in sein Paradies abzufuhren, setzte Richard hinzu.
Bei diesem Namen schrieen Lange und seine Frau laut auf. O uber die schandliche, verworfene Kreatur! rief er: Julie, arme Julie, was ware aus Dir geworden, hatte sich diese Deiner bemachtigt! Nie, oder mit Schimpf und Schande bedeckt, hatten unsere Augen Dich ungluckliches Kind wieder gesehen. Wie nur die weise Regierung, wie nur der liebe Gott selbst, einen solchen Hollenpfuhl wie ihr verruchtes Haus mitten in der schonen Stadt dulden kann! Aber man behauptet ja offen, solche Krebsschaden waren grossen Stadten als Abzugsmittel unentbehrlich.
In diesem Augenblicke wurde Herr Lange zu jemanden abgerufen, der ihn zu sprechen verlangte, und sich durchaus nicht wollte abweisen lassen; er folgte sehr widerwillig dem Rufe; nur kein Wort weiter, kein einziges, bis ich wieder da bin, bat er im Gehen. In augenscheinlicher heftiger Bewegung, bleich, erschrocken kehrte er nach einiger Zeit in das Zimmer zuruck, und doch schien ein Strahl innerer Freude aus seinen Augen zu leuchten. Alle sahen verwundert ihn an, wie er, keines Wortes machtig, neben Julien hintrat, und ihre Hande ergriff, indem er ihr forschend ins Gesicht sah.
Julie, sprach er endlich, was hast Du mit dem Kaiser? oder vielmehr, was hat der Kaiser mit Dir? Julie sah besturzt und angstlich zu ihm auf.
Seine allerhochste Majestat, der grosse Czaar Alexander, der unumschrankte Herr und Gebieter aller Reussen, lasst sich erkundigen, ob die Herrn Richard Wood und Iwan Yakuchin Dich kleines unbedeutendes Personchen heute Abend sicher und wohlbehalten nach Hause geleitet haben: sprach Lange, so feierlich als moglich. Wie geht das zu? gieb gleich Rede und Antwort! setzte er gleich darauf nach seiner gewohnten lebhaften Art hinzu.
Nun? Du sprichst kein Wort? so lass uns wenigstens das Ende Deiner Abenteuer vernehmen, rief er heftig aufstampfend, als alle verwundert ihn ansahen und Niemand begriff, was er eigentlich meine.
Julie erzahlte: Er war es! er war es! Er war es selbst, rief Lange uberlaut, ergriff das erschrockene Madchen, walzte singend und jubelnd mit ihr im Zimmer herum, ruckte Tische, Stuhle und was ihm im Wege stand, von seiner Stelle fort, so dass das Zimmer in kurzem aussah, als ob Meublesauction darin gehalten werden sollte, gerieth endlich uber einen widerspenstigen Nahtisch seiner Frau in's Stolpern, und sank dann athemlos einem Lehnstuhl in die Arme; Iwan und Richard sahen verwundert dem Unwesen zu, Frau Lange aber, die ihren Mann besser zu begreifen schien als die Ubrigen, sass in einer Ecke und weinte helle Freudenthranen.
Julie, was bist Du fur ein Madchen! ich bitte Dich um tausendgotteswillen, geliebte Seele, sei kein Klotz! fing Lange wieder an, als er zu Athem gekommen war: ich bitte Dich instandigst, werde vor Freude wenigstens so toll wie ich. Begreifst Du es denn noch immer nicht? der Kaiser war Dein Unbekannter, der Kaiser selbst; gleich fall' auf Deine Kniee und danke dem Himmel fur die Ehre, die er Dir angedeihen liess. Der Kaiser hat mit Dir gesprochen, hat fur Dich gesorgt, denke Dir das! er hat der Obhut dieser beiden Herrn Dich empfohlen, und jetzt sogar sich Deiner noch erinnert. Und Ihr, Ihr Herrn Militars, Die Ihr mit bedenklichen Gesichtern stumm dasteht, fuhlt Ihr denn gar nicht, was auch Euch heute Grosses widerfahren ist? Aber sagt mir nur, wie ging es zu, dass Ihr nicht gleich ihn erkannt habt? zwar war es nicht mehr ganz heller Tag, aber den da, dachte ich, sollte man auch in finsterer Nacht erkennen konnen; so wie er sieht nicht leicht ein gewohnliches Menschenkind aus.
Aber bedenken Sie doch den Ort, die Tageszeit, und alle ubrigen Umstande; Sie irren gewiss, es ist ja nicht moglich, wandte Richard ein.
Haben Sie jemals den Kaiser gesehen? fragte Lange argerlich.
Nur zweimal, von Ferne, bei der Revue, und zwar zu Pferde: war die Antwort.
Bah! das will nicht viel mehr als gar nichts sagen, erwiederte Lange den Kopf aufwerfend; ich habe dreimal dicht vor ihm gestanden, und er hat zu mir gesprochen, so leutselig! und hat mir, als ich einmal mich vor ihm horen liess, eine herrliche Dose geschenkt, Karoline soll sie Ihnen zeigen.
Julie wurde jetzt aufgefordert, die Gestalt ihres Befreiers zu beschreiben; sie that es, so gut und so umstandlich, als Angst und Dunkelheit ihr erlaubt hatten, dieselbe aufzufassen.
Es ist nicht mehr daran zu zweifeln, alles trifft aufs Genaueste zu; es war der Kaiser, rief Lange; und wie ware es denn zu erklaren, dass er kaum eine Stunde nach Juliens Heimkehr hier nachfragen liess? nach Julien, deren Existenz sogar bis jetzt ihm unbekannt geblieben, setzte Frau Lange hinzu: wie hatte ein solches, fur jeden, ausser uns, im Grunde unwichtiges Ereigniss, so schnell bis zu ihm gelangen, und er so lebhaft dafur sich interessiren konnen?
Dieses war freilich ein Grund, gegen den sich wenig einwenden liess. Aber der Kaiser, ohne alle Begleitung, ganz allein, bei sinkender Nacht, in jenem abgelegenen verrufensten Winkel der Stadt? es ist kaum denkbar! wandten Richard und Iwan noch immer etwas unglaubig ein.
Nehmt mir's nicht ubel, ihr Herrn, aber das schwatzt wie ein neugebornes Kind, sprach Lange; Ihr musst in unsrer Kaiserstadt noch gewaltig neu sein, wenn Ihr nicht schon gehort habt, was jeder Narr hier weiss: dass namlich der grosse Czaar Alexander, gleich seinem Vorganger, dem grossen Kalifen von Persien, Dings da, wie hiess er gleich? nun gleichviel! dass namlich unser Kaiser, den Gott erhalte, zuweilen, und zwar nicht selten, unbegleitet, ganz einfach angethan, meistens unerkannt, bei Tage wie bei Nacht, unter seinen Unterthanen umher wandelt. Aber nicht etwa um, wie jener Kalif, auf Abenteuer auszugehen; nein es ist wie Goethe sagt,
Soll er strafen, soll er lohnen,
Muss er Menschen menschlich sehn.
Und denken Sie dabei nur nicht an Gefahr fur ihn, setzte Frau Lange freudig bewegt hinzu; der milde, der gerechte, der allgeliebte Vater seiner Unterthanen, fur den jeder unter uns willig das Leben lassen wurde, was hatte er unter seinen Kindern zu furchten!
Eine Magd trat in diesem Augenblicke ins Zimmer: Katinka, rief Frau Lange ihr zu, der Kaiser hat Julien begegnet, als sie in Angst war, weil sie sich nicht nach Hause zu finden wusste; er hat freundlich mit ihr gesprochen, und sie, von diesen Herren sicher begleitet, zu uns fuhren lassen.
Freudig erstaunt schlug Katinka beide Hande zusammen, kusste Juliens Kleider, ihre Hande, und eilte hinaus. Gleich darauf horte man die ganze Dienerschaft des Hauses im Vorzimmer laut werden, Katinka erzahlte, alle jubelten uber den menschenfreundlichen Kaiser, fast jeder unter ihnen wusste einen ahnlichen Zug von ihm vorzutragen, sie priesen und segneten ihn ohne Ende.
Sehen Sie, so finden Sie es uberall. Keine Hutte ist so klein, kein Russe so arm, dass nicht Czaar Alexander, unbewacht und allein, unter dem Schutze desselben sein Haupt sorglos zum Schlummer niederlegen konnte, sprach Frau Lange. Der beruhmte Pianofortist, Heinrich Lange, gehorte ungeachtet seiner ausgezeichneten Talente zu jenen barocken, anfangs abstossenden Erscheinungen im Leben, die man erst bei naherer Bekanntschaft ertraglich, spater aber achtungswerth findet. Seine Gestalt, mehr noch als diese seine Art sich zu kleiden, gaben ihm einen Anstrich von Lacherlichkeit, der zwar belustigt, aber weder Liebe noch Achtung erweckt.
Er stand in jenem etwas zweideutigen Mannesalter, schwankend zwischen vierzig und funfzig, in welchem Viele nicht recht zu wissen scheinen, ob sie noch zu den Jungen gehoren, oder schon zu den Alten sich zahlen mussen; was denn zuweilen auch sein Fall sein mochte. Seine hagre, auffallend kleine Gestalt, hatte etwas Verdrehtes, Windschiefes, durch das man verleitet wurde, ihn fur ein wenig verwachsen zu halten, was er doch eigentlich nicht war. Der Fehler lag in dem Missverhaltnisse aller seiner Glieder; sein Kopf war zu gross, seine Arme zu lang, keines passte zu dem andern, und auch die Zuge seines eigentlich geistreichen Gesichts wollten nicht mit einander harmoniren. Aus dieser ubermassig hohen Stirne, dieser keck in die Welt hinaus strebenden Nase, diesem unermesslich langen Raume zwischen ihr und dem Munde, aus den dunkeln buschigen Augenbrauen, unter denen ein paar kleine farblose Augen kaum sichtbar hervorblinzelten, hatte ein geschickter Zeichner, mit wenigen Abanderungen, eine der ergotzlichsten Karrikaturen bilden konnen, ohne dabei die Ahnlichkeit allzu sehr zu verletzen.
Eine hohe uhlanenartige Mutze von rothem Sammet, mit grossen goldnen Quasten ubermassig verziert, die er selbst innerhalb seiner vier Wande selten ablegte, schwebte, ein wenig gegen das linke Ohr gedruckt, auf der Spitze seines Scheitels; dazu wandelte er gern auf kothurnartigen Absatzen einher, trug einen enganschliessenden, ihm fast bis auf die Fusse reichenden, sogenannten polnischen Rock von sehr heller, ins Hechtgraue und Rothliche spielender Farbe, mit so vielen Litzen und Troddeln geschmuckt, als sich nur darauf anbringen liessen. Ein leicht um den Hals geschlungenes turkisches Tuch, so hell und buntfarbig als moglich, ein breites zierlich gefaltetes Jabot, nebst den dazu gehorigen Manschetten, vollendeten diese seltsame Toilette, die augenscheinlich darauf abzweckte, der Lange des kleinen Mannes, wenn nicht eine Elle, doch wenigstens einige Zoll zuzusetzen.
Die quecksilberartige Lebhaftigkeit seiner Bewegungen, die jeden Augenblick durch ein gewisses, ihm eignes Ungeschick in der Art sie zu regieren gehemmt wurde, sei der letzte Pinselstrich zur Vollendung dieses wunderlichen Portrats.
Aber wie so ganz verschieden von seinem eignen Selbst erschien dieser namliche Heinrich Lange, wie verschwand alles so ganzlich, was an ihm als lacherlich auffallen konnte, wenn er vor seinem trefflichen Flugel sass, wenn der in ihm wohnende Genius auf machtigen Schwingen der Phantasie sich erhob, und im Reiche der Tone sich kund gab! Denn dort war seine eigentliche Heimath, dort herrschte er allgewaltig, dort sprach er Ideen, Gedanken, Gefuhle aus, fur die er im gewohnlichen Leben keine Worte finden konnte.
In Emilia Galotti lasst Lessing den Maler Conti die Moglichkeit eines ohne Arme gebornen Raphaels annehmen; in diesem Sinne war Heinrich Lange ebenfalls ein geborner grosser Poet; aber bei seinem Entstehen jeder Moglichkeit beraubt, anders als mit Hulfe der Saiten, den Gedanken und Empfindungen seines reichen Gemuthes Leben und Gestaltung zu verleihen.
Ubrigens war er die harmloseste, zufriedenste Seele von der Welt. Sein Kaiser war, nachst Gott, der Gegenstand seiner innigsten Verehrung, die bis zur Leidenschaft sich steigerte, seit er das Gluck gehabt, durch sein Talent ihm bemerkbar zu werden, dadurch einigemal in die nachste Nahe des hohen Beherrschers zu gelangen, und mit ein paar freundlich-lobenden Worten von ihm angeredet zu werden. Von diesem Augenblicke an war Lange dem Kaiser Alexander mit Leib und Seele vollig zu eigen; jede neue, das Lob desselben vermehrende Anekdote, wie man damals unendlich viele in Petersburg erzahlte, wurde gleich dem werthvollsten Geschenk von ihm aufgenommen; und dass ein Mitglied seiner Familie sogar eine Hauptrolle in einer solchen gespielt hatte, hob ihn auf den Gipfel des Glucks. Seit ihrem Zusammentreffen mit dem Kaiser war Julie ihm noch einmal so lieb geworden, und selbst auf Iwan und Richard fiel ein Strahl der von demselben ausgehenden Verklarung zuruck.
Ungeachtet des auffallendsten Contrastes in ihrer aussern Erscheinung, hat es doch nie ein besser assortirtes Ehepaar auf der Welt gegeben, als Heinrich Lange und seine kleine Frau. Freilich war sie wenigstens um zehn Jahre junger als er, doch dieser Unterschied wird in der Ehe allmalig ausgeglichen, weil die Jugendzeit der Frauen zwar weit fruher beginnt, als die der Manner, aber auch fruher endet. Frau Karoline war das zierlichste, anmuthigste, grazioseste kleine Figurchen, das sich nur erdenken lasst. Von der Natur mit einer achten Nachtigallstimme ausgestattet, die sie, von einem trefflichen Meister geleitet, auf das glucklichste zu benutzen gelernt hatte, war sie einige Jahre hindurch erst in Deutschland, dann auf dem Theater in Petersburg als erste Sangerin aufgetreten, und hatte uberall, wo sie sich nur zeigte, Furore gemacht. Aber sie entsagte sehr fruh dem theatralischen Glanze, und ward, zu allgemeinster Verwunderung, die bescheidene Hausfrau der wunderlichsten Figur in der ganzen grossen Residenz. Ihr Herz sowohl, als ihr guter Verstand fuhrten sie in die Arme des Mannes, der unter einer nicht eben fur ihn einnehmenden Aussenseite alle Eigenschaften verbarg, sie zu einer der glucklichsten ihres Geschlechtes zu erheben.
Sie hatte die grosste Freude an seinem Talente, liebte was er liebte, that was ihm gefiel, und schalt und zankte alle Tage mit ihm. Nie war sie hubscher, als wenn sie zornig sich zeigte, oder vielmehr, wie es meistens der Fall war, sich stellte als ob sie es ware, um hinterdrein uber seine ungeschickten Entschuldigungen ihn recht herzlich auszulachen. Im Grunde war sie die Gutmuthigkeit, die Frohlichkeit selbst; witzig, von unverwustlich guter Laune, voll jener theatralischen Einfalle, Anspielungen, Citationen, die keiner los wird, der jemals, sei es auch nur auf kurze Zeit, die Breter betrat "die die Welt bedeuten."
Julie Reinert, die dritte Person in diesem frohlichen Haushalte, war ein gutes unerfahrnes Kind, achtzehn Jahre alt, mit so viel Geist, Mutterwitz und Verstand von der Natur begabt, als solch ein Wesen eben nothig hat, um mit sich selbst und uberhaupt mit dem Leben recht leidlich fertig zu werden. Sie war von ihrer fruhesten Kindheit an in Konigsberg, im Hause eines ziemlich wohlhabenden Kaufmannes aufgewachsen, der fur ihren Vormund galt. Zur Ausbildung einer, etwas spat entdeckten, sehr schonen Stimme von ungewohnlichem Umfange, wurde sie von diesem nach Petersburg, zu seinem Bruder Heinrich Lange geschickt, wo ihr vom ersten Augenblicke an die herzlichste Aufnahme ward. Um das Miteinanderleben sich gegenseitig zu erleichtern, wurde sie sogleich fur Langes Nichte erklart, und fuhlte nach weniger als vierundzwanzig Stunden sich so einheimisch bei diesen freundlichen Leuten, als hatte sie nie in andern Verhaltnissen gelebt.
Was nun Juliens Gestalt betrifft, so sei hiemit jeder junge Leser dieser Blatter freundlichst gebeten, ihr einstweilen die der Dame seines Herzens zu leihen; und jede junge Leserin, sich nach dem Portrait der hubschen Julie Reinert in ihrem Spiegel umzusehen. Achte, traulich entgegenkommende Gastfreiheit wohnt nicht im reichen uppigen Suden, wo die entnervende Sonnengluth nur die unbeweglichste Ruhe wunschenswerth macht, und der Mensch den Menschen leichter entbehrt, weil jeder fast muhelos sich verschaffen kann, was er zur Erhaltung seines Lebens bedarf. Aber im hohen eisigen Norden ist sie recht eigentlich zu Hause, und jeder Schritt, der den Wandrer diesem Ziele nahert, wird ihm zur Bestatigung dieser Bemerkung dienen konnen. Die erstarrende Kalte eines unwirthbaren Himmelsstriches bannt dort, wenigstens acht Monate im Jahre, die Bewohner zwischen ihre vier Wande; die langen, fast endlos scheinenden Winternachte, laden unwiderstehlich zur Geselligkeit ein, jeder Besuch wird zum heiteren Feste, der Fremde, der zum erstenmale die Schwelle des gastlichen Hauses betritt, wird wie ein lieber Bekannte empfangen, er wird bei den nachsten Freunden eingefuhrt, die man eines solchen angenehmen Ereignisses ebenfalls theilhaftig machen mochte, diese beeifern sich ihn wieder ihren Freunden zuzufuhren, und es kann nur von seinem Willen und Benehmen abhangen, sich so lange Zeit als Mitglied nicht nur der Familie, deren Gastfreund er ursprunglich war, sondern auch aller mit dieser verbundeter, zu betrachten, als es ihm selbst angenehm oder bequem ist.
Nirgends aber giebt diese, aus den kultivirtesten europaischen Landern immer mehr verschwindende Tugend auf liebenswurdigere Weise sich kund, als in Petersburg, wo alle Vortheile sich vereinen, die eine grosse glanzende Residenzstadt nur gewahren kann; wo man nicht nur alle verfeinerten Genusse des Lebens, sondern auch, und obendrein mit grosser Leichtigkeit, alle eigentlichen Bedurfnisse desselben sich verschafft. Auch Heinrich Lange machte in seinem nicht luxuriosen, aber sehr anstandig gefuhrten Haushalte, von der allgemein herrschenden Lebensweise keine Ausnahme. Seine Thure stand taglich allen seinen Freunden offen, und Juliens beide Befreier waren ihm, als solche, ein paar sehr werthe, zwiefach willkommene Gaste.
Fur Iwan war die Bekanntschaft mit dieser ausgezeichnet trefflichen Familie von sehr grosser Bedeutung, denn seine ganze bisherige Lebensweise erhielt dadurch einen neuen, fur ihn hochst vortheilhaften Umschwung. Uberall, wo seine zahlreichen Bekannten fast taglich mit Sicherheit darauf rechnen konnten, ihn anzutreffen, wurde er jetzt vergeblich von ihnen aufgesucht; der ihm sonst so gefahrliche grune Tisch, war fur ihn gar nicht mehr in der Welt; der enthusiastische Eifer, mit dem er plotzlich dem Studium der deutschen Sprache sich ergab, von der er bis dahin nur einzelne Worte gekannt, und die er jetzt fur die ihm unentbehrlichste erklarte, hatte dieses fast unglaublich grosse Wunder bewirkt.
Dankbarkeit fur den ihr geleisteten Beistand, bewog Julie Reinert zu dem etwas schwierigen Unternehmen, seine Lehrerin zu werden; und nun brachte er jede Stunde, welche der Dienst und anderweitige Beschaftigungen ihm Vormittags frei liessen, eifrigst studirend bei ihr zu. Frau Karoline, wie diese gewohnlich genannt wurde, ging, nebenbei ihren Haushalt besorgend, dabei im Zimmer aus und ein, trat als Oberlehrerin auf, wenn Juliens grammatikalische Kenntnisse nicht ganz zureichen wollten, und half auch schelten, wenn der etwas ungelenke Schuler unachtsam oder zerstreut sich bewies.
Abends pflegte ein nicht grosser, aber interessanter Kreis, sich gewohnlich in diesem Hause zu versammeln, in welchem Iwan niemals fehlte, und den auch Richard oft und gern besuchte. Fremde, ohne Unterschied des Standes, besonders Deutsche, Gelehrte, Kunstler und Kunstlerinnen, bildeten einen eben so zwanglosen als angenehmen Verein, in welchem jeder das Seine zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen suchte. Scherz und Lachen wechselten mit ernsteren und unterrichtenden Gesprachen uber die Geschichte des Tages, oder uber Kunst und schone Literatur; doch Musik blieb, wie es denn auch in diesem Hause nicht anders sein konnte, das Hauptelement der Unterhaltung. Karolinens seelenvoller Gesang entzuckte den kleinen Kreis ihrer Freunde, wie er fruher das grosse Publikum zu begeisterndem Enthusiasmus aufgeregt hatte; Juliens Lerchenkehle, wie ihr Lehrer Lange sie sehr bezeichnend nannte, wirbelte in silberreinen Tonen; auch fehlte es nie an Tonkunstlern vom ersten Range, die hier zum allgemeinen Ergotzen ihre glanzenden Talente vereinten.
Am Ende eines solchen musikalischen Abends, um welchen die Vornehmsten des grossen Reiches den guten Lange mit Recht hatten beneiden mogen, liess er sich zuweilen erbitten, mit seiner achten Kapellmeisterstimme, dumpf und klanglos wie ein geborstner Topf, aber durch Vortrag und Ausdruck unwiderstehlich zum Herzen sprechend, ein Lied von Goethe nach Zelters, oder auch wohl von eigner Composition zu singen; "das thut Keiner ihm nach," flusterten dann die Meister unter einander; und auch seine eigne Frau gab dieses zu, obgleich sie vor den Leuten ihn lachelnd einen alten Dudelsack schalt.
Auch Richard wurde in diesem gastlichen Hause zum erstenmale in das burgerliche Leben des gebildeten, wohlhabenden Mittelstandes eingefuhrt. Bis dahin hatte er in der furstlichen Familie, in welcher er auferzogen wurde, nur das vornehme, prunkvolle, von Genussen aller Art ubersatte Leben der Grossen gekannt; und spater, als Gegenstuck zu demselben, das vollig zwang- und regellose, mitunter ziemlich wuste Treiben von Iwans Freunden, lauter jungen Mannern, die weder durch Familienbande noch Rucksichten in ihrer Freiheit gehemmt, nach eigner Wahl diese benutzten.
Eugen und dessen Bruder Alex, hatten auf ihr dringendes Verlangen, unter Richards Schutz, ebenfalls in diesem Hause Zutritt erhalten, das in musikalischer Hinsicht ihnen Genusse bot, die sie in glanzenderen Zirkeln vergebens suchen mussten, und fur welche beide Bruder viel Sinn hatten. Die Gegenwart der jungen Fursten brachte in Frau Karolinens hauslicher Einrichtung zwar nicht die mindeste Abanderung oder Storung hervor, denn sie war auch an Gaste dieses Ranges zu gewohnt, um sich durch sie irren zu lassen; aber sie benahm bei der Einladung derselben sich doch immer sehr vorsichtig, und es gehorte ein Fursprecher wie Richard war dazu, um die Zuruckhaltung, die in dieser Hinsicht Grundsatz bei ihr geworden war, zu uberwinden.
Gott behute in Gnaden unsre kleinen Abendgesellschaften vor dem Ungluck, Mode zu werden! sprach sie; dann ware es bald damit aus und vorbei! Vor all' den Ordensbandern, Sternen und Federhuten wurden wir selbst kaum Platz im Hause behalten, denn in Petersburg ist es nicht anders, als in andern grossen Stadten, wo viele vornehme, reiche und mussige Leute bei einander wohnen, die nicht immer wissen, wo sie mit ihrem Uberflusse an Zeit hin sollen. Eines Abends hatte die Gesellschaft zahlreicher als gewohnlich sich versammelt; in der heitersten glucklichsten Stimmung waren die beruhmtesten der damals in Petersburg anwesenden Tonkunstler alle zugegen, um den Geburtstag ihres Freundes Lange recht festlich zu begehen. Mancherlei musikalische, grosstentheils humoristische Excesse, wurden bei dieser Gelegenheit getrieben, bis endlich, ganz unverabredet, eine Art Wettkampf daraus entstand, bei welchem jeder von ihnen alles aufbot, um die wenigen, nicht thatig dabei beschaftigten Zuhorer, in einen Rausch von Entzucken zu versetzen.
Eugen und Richard hatten sich in die entfernteste Ecke des Zimmers zuruck gezogen. Schweigend, mit gesenkten Augen, gab der junge Furst der Gewalt der Tone sich hin. Erst als der letzte verhallte, richtete er sich auf, um seinen bewundernden Beifall laut werden zu lassen; sein Blick fiel zuerst auf Richard; tief gebuckt, unbeweglich, beide Hande vor dem Gesicht, sass dieser neben ihm, augenscheinlich in dustre Trauer versunken.
Heimweh ohne Zweck und Ziel, Heimweh eines Heimathslosen! war, von einem tiefen Seufzer begleitet, die kaum horbar geflusterte Antwort, welche Eugen auf sein besorgtes Fragen von ihm erhielt.
Eugen blickte staunend ihn an. Ach, hatte ich Russland nie gesehen! setzte er, gleich einem Traumenden unwillkurlich in sich hinein redend, nach kurzem Schweigen noch hinzu.
Jetzt begann Eugen in der That, ein seinem Freunde widerfahrnes Ungluck zu furchten, und horte nicht auf mit bittenden Fragen in ihn zu dringen. Richard blickte mit jenem truben Lacheln zu ihm auf, das weit schmerzlichere Klagen ausspricht, als Thranen es konnten.
Du fragst so mitleidig, was mir geschehen? sprach er sehr leise: ach! nichts und alles, und nicht erst heute oder gestern. Sieh um Dich, so recht mit Deinem innern Auge. Sieh das prunklose, einfache, genussreiche Leben um uns her, betrachte es genau. Sieh und fuhle, wie durch des Tages Arbeit und Muhen die Freude des Abends erst zur Freude erhoben wird. Dies ist das Leben, das Gluck des Mittelstandes; zu diesem wurde ich geboren, und wurde fruh dafur verdorben, das ist mein Schmerz! Was hier Reichthum ist, wurde in Deiner Sphare Armuth heissen, und welche Genusse bietet diese gluckliche Armuth! Hierher gehore ich; warum musste ich aus meinem tiefen Thale auf Eure sonnige Felsenhohe verpflanzt werden, wo ich nie festwurzeln werde, wo ich, im nutzlosen Streben danach, am Ende doch verkummern muss?
Und Helena? erwiederte mit einem Handedruck Eugen.
Ach, stunde sie in der Welt nicht hoher als jene Julie! seufzte Richard.
Und konnte sie dann noch Helena sein? fragte Eugen.
Ich weiss, ich fuhle, es ist wie es ist, und keine Gewalt im Himmel und auf Erden kann die verworrene Zerrissenheit meines unseligen Daseins zu einem Ganzen umbilden, klagte Richard. Aber verarge es mir wer da kann, ich bin mude dieses Harrens auf eine unbestimmte Zukunft, dieses Hoffens ins weite Blaue hinein mude, mude bis zum Tode. Die Luftschlosser, die ich mit Hulfe Deiner sorgenden Liebe mir erbaute, was ist aus ihnen geworden? sie losen in Nebel sich auf. Langsam kriecht der Schneckengang meines Lebens von einem Tage zum andern mit mir fort. Was hilft mir Deines Vaters Wohlwollen? der machtige Schutz Deines Hauses? was hilft es mir sogar, dass, wie Du sagst, der Kaiser, seit jenem seltsamen Zusammentreffen mit ihm, meinen Namen kennt, und gnadig meiner erwahnte? Mein Ziel ruckt immer weiter hinaus, ein Wunder nur konnte mich retten, und Wunder geschehen nicht mehr!
Mit bewundernswurdiger Geduld hatte Eugen diese lange Jeremiade seines Freundes bis ans Ende angehort, doch jetzt brach er mit fast strafendem Ernste los: Kleinmuthiger, Verzagter, sprach er, Wunder geschehen nicht mehr! bist Du denn dessen so gewiss? Hast Du den Schleier der Zukunft geluftet? weisst Du was vielleicht dicht neben Dir sich bereitet? bist Du im Stande genau zu berechnen, was, vielleicht in sehr kurzem, sich Unerwartetes ereignen kann? Sohn unsrer ereignissreichen Zeit, die schon so viele Wunder ihm vorfuhrte, wie darfst Du behaupten, es geschehen keine Wunder mehr!
Mit diesen Worten brach Eugen das Gesprach ab, und wendete der ubrigen Gesellschaft sich zu; Richard glaubte zu bemerken, dass er im Verlaufe dieses Abends jede Gelegenheit, es wieder anzuknupfen, absichtlich vermied. Im vergeblichen Streben, die eigentliche Meinung von Eugens letzten Worten sich zu erklaren, brachte Richard eine lange schlaflose Nacht hin, und stand am Morgen mit dem festen Vorsatze auf, die Sonne nicht untergehen zu lassen, ohne diese Erklarung von seinem Freunde erhalten zu haben. Dienstverhaltnisse von seiner, andere Verhinderungen von Seiten Eugens, hielten indessen, sehr wider ihren Willen, beide Freunde wahrend mehrerer Tage von einander entfernt; und selbst am letzten von diesen wollte es Richard nur zur ungewohnt spaten Abendstunde gelingen, zu Eugen eilen zu konnen.
Eine ruhige, von jedem Gerausche moglichst entfernte Wohnung, war von jeher, selbst mit Aufopferung mancher andern Bequemlichkeit, Eugens Lieblingswunsch gewesen. Daher hatte er auch in Petersburg, wie fruher in Moskau, in einem abgelegenen, vom Hauptgebaude wie von der Strasse entfernten Seitenflugel des Palastes seines Vaters seine Zimmer sich gewahlt, deren Fenster auf ode, mit hohen Mauern umgebene Hofe hinaus gingen, die fast nie ein menschlicher Fuss betrat. Richard wunderte sich, die Thure diesmal verschlossen zu finden, was sonst nie der Fall war; auf sein Klopfen wurde ihm zwar gleich geoffnet, und zwar, was als nicht minder ungewohnlich ihm auffiel, von dem vertrauten Leibjager des jungen Fursten, dem einzigen Diener, der in diesem Zimmer sich befand, in welchem es sonst, nach Sitte grosser russischer Hauser, von dienstbaren Geistern wimmelte.
Alles schien an diesem Abende ein fremdes, unheimliches Ansehen hier gewonnen zu haben. Fast verlegen stand der ihm sonst so freundlich ergebene Jager Wladimir vor ihm; er, der in diesem Hause mit seinem jetzigen Herrn und Richard als beider demuthiger Spielkamerad aufgewachsen war, und manche kleine Freiheit sich herausnehmen durfte, wagte es heute kaum ihn seitwarts, mit scheuen verstohlenen Blicken zu betrachten; Richard selbst fuhlte sich dadurch beangstigt; er sah schweigend um sich her, und wurde in einer Ecke einen Haufen abgeworfner Mantel, Sabel, Federhute und Mutzen gewahr, die auf eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Zimmer des Fursten Eugen schliessen liessen. Dieses brachte ihn auf den Gedanken, ob er nicht vielleicht hier in eine Gesellschaft gerathen konne, zu welcher ihm der Zugang versagt sei, zu der selbst dieser Diener Bedenken truge ihn zuzulassen, hier, in den Zimmern seines innigsten Freundes, bei dem Bruder seiner Geliebten! Sein stolzer Sinn fing an sich machtig zu regen, sein Herz schwoll, Empfindungen wurden in ihm wach, welche bei ahnlichen Anlassen ihn schon oft um so peinlicher gequalt hatten, je angstlicher er sich bemuhte, sie aller Welt, wo moglich sich selbst, zu verhehlen. Schon war er im Begriff, hier an der Schwelle umzukehren, um sich nicht vielleicht einer Beleidigung auszusetzen, die er ungeahndet nicht hatte ertragen konnen, und nur Scheu, einen ihm schmachvoll dunkenden Schritt in Gegenwart des Dieners seines Freundes zu thun, hielt ihn noch zuruck. Doch Wladimir schien plotzlich andres Sinnes geworden; mit gewohnter Ehrerbietung naherte er sich geschaftig, ihm den Mantel abzunehmen und offnete, wie sonst immer, die Thure zu dem Wohnzimmer seines Herrn. Jetzt erst erinnerte sich Richard, dass Gesellschaften der Art, wie er hier eine anzutreffen gefurchtet hatte, sich zwar nicht selten bei dem Fursten Andreas und dessen Gemahlin zu versammeln pflegten, aber nie bei den Sohnen derselben. Ohne alles Bedenken trat er jetzt durch die ihm offen stehende Thure, die gleich, sehr behutsam alles Gerausch vermeidend, hinter ihm geschlossen wurde, und fand abermals zu seiner grossen Verwunderung auch hier sich allein, wo er fest darauf gerechnet hatte, seinen Freund anzutreffen.
Doch ein dumpfes Gerausch in dem anstossenden grossern, und deshalb selten gebrauchten Besuchszimmer seines Freundes, schien die Gegenwart mehrerer dort versammelter Personen anzukundigen; von neuem zweifelhaft geworden, ob unbemerkt sich zuruckzuziehen nicht noch immer das Gerathenste fur ihn ware, stand er abermals unschlussig da. Einige bekannte, ihm freundlich tonende Stimmen liessen jetzt aus dem dumpfen Gemurmel der ubrigen sich unterscheiden. Richard fing an, der zu reizbaren Furcht vor Verletzung seines Ehrgefuhls sich recht herzlich zu schamen; er ging, zwar mit noch immer etwas unsichren Schritten, auf die nur angelehnte Thure zu; unhorbar leise drehte sie sich in ihren Angeln. Richard stand erstarrt.
Dreissig bis vierzig Manner, einige stehend, andere sitzend, bildeten in zwei- bis dreifachen Reihen einen Kreis rings um den nicht sehr grossen, aber doch geraumigen Salon. Die der Thure zunachst Stehenden waren mit dem Rucken ihr zugewendet, Richard konnte unbemerkt alles uberschauen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit schien von einem in der Mitte des Kreises befindlichen Gegenstande gefesselt, der fur den Augenblick aber ihm noch nicht sichtbar war. Dass ein allgemeiner, sehr grosser und ernster, aber auch geheimer Zweck diese Alle hier versammle, war unverkennbar.
Noch war es Zeit, noch konnte Richard unbemerkt, wie er gekommen, sich zuruck ziehen. Gern hatte er es gethan; aber ihm gerade gegenuber, in einem Armstuhle sitzend, gewahrte er die ehrfurchtgebietende Gestalt seines Wohlthaters, des Fursten Andreas; ein unbeschreiblich bangliches Gefuhl, eine Ahnung herannahenden Unheils, bemachtigte bei diesem Anblikke sich seiner, und fesselte ihn an den Platz, wo er eben stand.
Doch nicht nur der Furst selbst, auch dessen Sohne Eugen und Alex, der Furst Konstantin Nataliens Gemahl, fast alle Verwandte, alle naher Befreundete des Hauses waren zugegen. Nachst diesen viele Manner von anerkannt edlem Charakter aus den geachtetsten und vornehmsten Familien des russischen Reiches, die mehresten unter ihnen Richard wohlbekannt, und zum Theil in naherem freundlichem Verhaltnisse ihm zugethan.
Die Gegenwart aller dieser Personen hatte uber den Zweck dieser Versammlung ihn fuglich beruhigen konnen; hochstens hatte er eine Berathung uber irgend einen jener Lieblingsplane des Fursten Andreas darunter vermuthet, mit denen dieser sich noch immer gern beschaftigte, und auch seine Sohne dafur zu interessiren sich bemuhte; etwa ein Projekt zur Verbreitung hoherer Kultur unter dem Volke, oder sonst ein auf die Verbesserung des burgerlichen Wohlstandes abzweckendes Unternehmen. Aber diesen geliebten und verehrten Gestalten waren auch ihm ebenfalls wohl bekannte andrer Art, wie Unkraut dem Weizen beigemischt. Leute, von denen ihm auch nicht im Traume eingefallen ware, dass sie jemals hier hatten Zutritt erlangen konnen, erblickte er, vollig wie einheimisch sich geberdend.
Da stand Einer unter andern, ihm gerade gegenuber, im Hintergrunde des Saales, einige Schritte hinter dem Armstuhle des Fursten Andreas, ein vielleicht absichtlich gewahlter Platz. Richard hatte unbedenklich es beschworen mogen, dass dieser Mann kein andrer sei als der Freund der Frau Marina, der sogenannte Baron vom Pharaotisch. Zwar hatte er den braunen Uberrock sammt der grunen Brille abgelegt, auch waren seine Haare bedeutend dunkler; solche leicht auszufuhrende Veranderungen aber tauschen nicht leicht den aufmerksam beobachtenden Blick eines Unbefangenen.
Andere Figuren, augenscheinlich vom namlichen Gelichter, befanden sich, wie durch Zufall, einzeln durch alle Reihen der Anwesenden zerstreut; Leute, denen an andern, mitunter ziemlich zweideutigen Orten begegnet zu sein, sich Richard deutlich erinnerte, ohne jedoch ihre Namen zu kennen. Je langer seine Blicke im Saale umherstreiften, je mehr bekannte Gesichter traten ihm entgegen, grossentheils namen- und sittenlose junge Leute, dem Trunke, dem Spiele und jeder Ausschweifung ergeben, in deren Umgang er zu seinem grossen Leidwesen seinen Freund Iwan verstrickt gefunden; zu seinem hochsten Erstaunen erblickte er sogar einige eifrige Mitglieder und Beforderer jener die Welt verbessernden Gesellschaft in Moskau, in welche er selbst, sehr gegen seinen Willen, durch Iwan verwickelt gewesen, und die er in Petersburg anzutreffen nimmer vermuthet hatte. Wie das alles hier, in Eugens Zimmer, zusammengekommen sei, war und blieb ihm ein unauflosbares Rathsel.
Wenig Minuten waren hinreichend, um alle diese Bemerkungen zu machen; doch uberrascht von dem Unerwarteten, war Richard wahrend derselben kaum seines Daseins sich bewusst geblieben. Das Herz klopfte horbar ihm in der Brust, wild jagte, mit betaubendem Sausen, das Blut durch alle seine Adern; erst als dieser Tumult in seinem Innern sich etwas legte, und er dadurch zu einiger Besinnung gelangte, ward er auf eine Stimme aufmerksam, die bis jetzt in klangloser unverstandlicher Monotonie unbeachtet an ihm voruberrauschte. Eine unter den vor ihm in der Thure Stehenden zufallig sich bildende kleine Lucke, zeigte ihm in der Mitte des Saales einen mit Schreibmaterialien, Journalen, Broschuren, Mappen und Buchern bedeckten Tisch, und hinter demselben, den Rucken der Thure und folglich auch ihm zugewendet, einen stattlichen Mann, von militairischem Ansehen, der nach kurzem Ausruhen in diesem Augenblicke den Faden seiner Rede wieder aufnahm.
Vereinte zum Bunde des Heils, achte getreue Kinder des Vaterlandes, Boyaren, Manner und Bruder, sprach er, ihr habt aus meinem Vortrage jetzt vernommen, dass die aus unsrer Mitte erwahlte Elite, bei welcher ich den Vorsitz zu fuhren gewurdiget worden bin, sich aus hinreichenden Grunden bewogen gefuhlt hat, den von einem der getreuesten Sohne des Vaterlandes, Alexander Murawieff ausgegangenen, und von den nicht minder wurdigen und getreuen, Obrist Furst Trubetzkoy und Nikita Murawieff unterstutzten Vorschlag, nach reiflicher Uberlegung einstimmig als unausfuhrbar zu verwerfen.
Allerdings muss der Gedanke auf den ersten Anblick gross und im blendendsten Glanze erscheinen, unsern neuen Bund fur das wahre Heil unsres geliebten heiligen Vaterlandes mit jener, seit Jahrtausenden bestehenden ehrwurdigen Verbindung der Freimaurer, und den unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses allen Ungeweihten verborgnen Gesetzen und Gebrauchen der Loge, zu verbinden und in Einklang zu bringen; aber die Wissenden unter uns, die wenigen Eingeweihten, die tiefer in jene Geheimnisse eingefuhrt wurden, sind gewiss schon langst durch ernsteres eigenes Nachdenken in ihrem Herzen uberzeugt, wie unmoglich dies sei. Durch die eben vorgetragenen Grunde, denen noch mehrere hinzugefugt werden konnten, welche aber alle hier auseinander zu setzen, zu zeitzersplitternd werden mochte, hoffe ich auch meine ubrigen Zuhorer, sie mogen nun in jene Geheimnisse theilweise eingeweiht sein oder nicht, uber die Unausfuhrbarkeit jenes Vorschlages vollkommen ins Klare gesetzt zu haben.
Der triftigste, alle andern uberwiegende, jedem einleuchtende Grund gegen diese, sonst so wunschenswurdige Vereinigung, bleibt immer der, dass jene ehrwurdige Gesellschaft, obgleich uber ganz Europa verbreitet, durch ihren Ursprung, ihre innere Einrichtung, ja durch ihre nicht zu umstossenden Urgesetze, verpflichtet ist, bei ihrer grossen Ausdehnung sich dennoch auf eine verhaltnissmassig kleine Anzahl ihrer Verbundeten zu beschranken. Sie gleichen edlen Schatzgrabern, die beim Scheine des dem Himmel entwandten heiligen Feuers des Prometheus, im Dunkel der Nachte, und in ehrwurdiger Verborgenheit, dem edlen Karfunkel nachstreben, dessen alles uberstrahlender Glanz, dereinst zu Tage gefordert, wetteifernd mit der Sonne, die blode, trage Welt aus ihrem Schlummer erwecken soll.
Wir aber, wir Vereinte zum Bunde des Heils, sind anders gestellt. Unser Bund gleiche der aufgehenden Sonne eines glorreichen Sommertages, die ihre Segen spendenden Strahlen uber alle Kinder unseres weiten unermessenen Vaterlandes, Licht und Leben uberall verbreitend, ergiesst. Keine Hohle, keine Kluft, keine noch so tief in endlosem Schnee vergrabene Hutte, bleibe von ihr unerleuchtet. Fest an einander haltend, alles uberwaltigend, mussen wir zum Lichte durchdringen. Das ganze Reich, jede in demselben athmende Seele, muss dieses Heiles theilhaftig werden, daher darf nichts die Zahl der Anhanger des Bundes fur dasselbe beschranken. Daher habe ich in den eurem Wunsche gemass von mir verfassten, und von Euch gebilligten Statuten desselben, es unsern Brudern allen als heiligste Pflicht auferlegt, zur Verbreitung unsres Bundes selbst unter den Geringsten im Volke
Ein Verrather in unsrer Mitte! ein Spion! riefen einige Stimmen. Der Redner war unterbrochen, ein furchtbarer Tumult entstand in der Gegend der Thure. Festgehalten, vorwarts gestossen, umklammert, erdruckt von den ihn Umdrangenden, war fur Richard an keinen Widerstand zu denken. Nieder, nieder mit ihm! erscholl es von mehreren Seiten mitten durch das rasende Toben, durch das wilde mit Fluchen und Schwuren gemischte Geschrei. Sabel und Degen waren mit den Huten und Manteln im Vorzimmer abgelegt, aber gefahrlichere heimlichere Waffen, kleine blinkende Dolche, leicht zu verbergende Taschenterzerole wurden in vielen Handen sichtbar; drohende Geberden, wuthblitzende Augen, uberall, wohin Richard die Blicke wandte.
Ruhe, Ruhe! gebot Furst Andreas, als Herr des Hauses. Niemand horte auf ihn, bis es ihm endlich gelang, unter dem Beistande seiner Sohne zu dem Gegenstande der allgemeinen Erbitterung durchzudringen.
Du bist es, mein Sohn? Niemand als Du? rief er erstaunt, als er Richard recht ins Auge fasste. Lasst ihn unbesorgt los, Ihr Herren, dieser da ist kein gefahrlicher Verrather, sprach er, indem er seine Hand ergriff und ihn an Eugens Seite fuhrte. Nun wahrlich, dies heisst doch mit Recht, viel Larm um Nichts, setzte er hinzu; und suchte, wenn gleich mit bleicher zitternder Lippe, ein heitres Lacheln zu erzwingen.
Wie Vielen unter uns ware er denn so ganz unbekannt? Freunde, Bruder, besinnt Euch doch, setzte, vom ersten Schrecken sich erholend, der Furst hinzu; es ist ja kein hier eingedrungener Fremdling; es ist Richard, mein in meiner Familie, mit meinen Sohnen, unter meinen Augen erwachsener lieber Pflegesohn.
Wie kam er hieher? wie durfte er es wagen? wie konnte er ohne Verrath bis zu uns durchdringen? Verrath! eingeschlichen ein Englander erkauft Spion nieder mit ihm Schlange, die der edle Furst in seinem Busen erzog fort mit dem Undankbaren nieder, nieder mit ihm! brullte es von allen Seiten. Die wenigen, Richard in Schutz nehmenden Stimmen, drangen nicht durch das verwirrende Geschrei; und immer gefahrlicher, tobender, drohender, wurde die allgemeine Stimmung.
Mein Leben fur meinen Bruder Richard! rief Furst Alex, sprang herbei, ihn mit seinen Armen umschlingend. Voreiliger! konntest Du es denn nicht abwarten? flusterte Eugen ihm zu, und warf die wehrlose Brust den wuthend auf ihn eindringenden Feinden seines Freundes entgegen.
Wer will in meinem Hause es wagen, mit frevelnder Hand den unter meinem Schutze Stehenden zu beruhren! rief Furst Andreas mit aller ihm zustehenden Wurde.
Ruhe! gebot eine kraftige, den lauten Tumult hell ubertonende Stimme. Der Redner von vorhin drangte sich hervor: Befleckt nicht durch Mord unsern heiligen Bund; hort ihn an, ehe Ihr uber ihn das Urtheil fallt, sprach er mit gebietendem, ernstem Tone; ergriff Richards Arm, zog ihn aus der Mitte der ihn umtobenden Schreier, stellte frei, allen sichtbar, mitten im Saale ihn neben sich hin, und befahl den Ubrigen, einen eng geschlossenen Kreis in ziemender Entfernung um sie Beide zu bilden. Alles dieses mit so uberraschender, kaltblutiger Gelassenheit, als ware er hier Konig, und musse ihm alles gehorchen.
Wer Muth hat, mit fester sicherer Hand das Steuer zu ergreifen, bleibt mitten im Sturme der Gebieter der wuthenden oder zagenden Menge, die nie weiss, was sie eigentlich will oder zuerst zu ergreifen hat. So war es denn auch hier; man rangirte sich rings an den Wanden hin, wie es Obrist Pestel, denn dieser war der Redner, gebot, und der Aufruhr war fur den Augenblick ganzlich beschwichtigt.
Richard Wood, jetzt befrage ich Sie, im Namen des Bundes zum Heil des Vaterlandes, nahm Pestel mit dem Anstande und der Wurde eines dazu befugten Richters das Wort, wie gelang es Ihnen, uns so ganz unvermuthet hier zu uberfallen, und was beabsichtigten Sie damit? Sprechen Sie frei und furchtlos, aber bedenken Sie Ihre Worte. Die kleinste Verletzung der Wahrheit ware gefahrdrohend. Ich warne Sie wohlmeinend.
Richard war inzwischen auch wieder zur Besinnung gelangt, um welche das betaubende Geschrei, das wuthende Eindringen auf ihn, anfangs ihn gebracht hatte. Er beantwortete offen und wahr die an ihn gerichteten Fragen, und erklarte nebenher, wie eine Reihe unbedeutender Zufalligkeiten ihn bewogen, seinen, seit mehreren Tagen nicht gesehenen Freund, den Fursten Eugen, zur ungewohnt spaten Abendstunde noch aufzusuchen.
So ohne alle Umstande? sans facon, ungemeldet? in Hausern wie dieses, pflegt das doch sonst nicht gebrauchlich zu sein; wandte mit anmassendem Hohnlachen ein junger, sehr wust und roh aussehender Mann ein. Er hiess Lunin, Richard war ihm fruher in Moskau, in jener ihm so wenig zusagenden Gesellschaft, zuweilen begegnet.
Unter Brudern bedarf es keines solchen Ceremoniels; Richard hat bei mir Bruderrecht; erwiederte kurz und stolz Eugen.
Sind Sie bereit, Ihre Aussage mit einem heiligen Eide hier feierlich zu bekraftigen? fragte ernst, aber nicht unfreundlich, Obrist Pestel.
Dann bringt nur gleich eine Bibel herbei, eine englische, rief sehr uberlaut Lunin; ich kenne ihn, er ist ein Englander. Das Volk ist wie die Juden; nach den Gebrauchen seines Landes und Glaubens muss man ihn schworen lassen, sonst halt er sich dadurch zu nichts verbunden; er muss das Buch kussen, sonst gilt sein Eid nichts; setzte er frech lachend hinzu.
Richard blickte verachtend ihn an. Ich bin in England geboren, erwiederte er mit ernster Wurde: ich bin weit davon entfernt, das Land meiner Geburt verlaugnen zu wollen, aber ich bekenne zugleich, Russland ist mein eigentliches geliebteres Vaterland, dem ich alles verdanke, seit ich fuhle und denke; denn mein Geschick hat in sehr fruher Jugend mich meinem Geburtslande vollig entfremdet. Dankbarkeit, Gewohnheit, Erziehung und das heiligste innerste Gefuhl meiner Brust, haben mich hier langst nationalisirt; der Kaiser dieses grossen Reiches ist auch der meinige, setzte er, diese letzten Worte betonend, mit einem Blicke auf seine Uniform hinzu; fur die Wahrheit meiner Aussage bin ich bereit mein Ehrenwort zu verpfanden, doch einen andern Eid leiste ich nicht. Wer aber einer Luge mich verdachtig machen will, der trete gegen mich auf, Mann gegen Mann.
Auch ich setze mein Ehrenwort an das Seinige, rief in schonem Eifer Furst Alex.
Ich stimme dafur, dass der Eid gegen sein Ehrenwort ihm erlassen werde, denn, ware er ein Niedertrachtiger, dem dieses nichts gilt, so wurde auch der feierlichste Eid ihn nicht binden; entschied Obrist Pestel.
Freunde, Bruder! nahm Furst Andreas jetzt das Wort, indem er hervor neben den Obristen Pestel trat; gonnt mir einige Augenblicke Eure Aufmerksamkeit mit dem Vertrauen, das ich von Euch erwarten zu durfen mir bewusst bin. Beseligt durch das freudigste Vatergefuhl, habe ich meine beiden Sohne unserm hohen heiligen Bunde der achten treuen Kinder unseres grossen Vaterlandes zugefuhrt; uberzeugt, dass auch mein geliebter Pflegesohn Richard, den heute ein tuckischer Zufall, leider storend und unerwartet, in unsre Mitte geworfen, ein nicht minder wurdiges Mitglied desselben werden wurde, lag es stets in meinem Plane, auch diesen Euch zur Prufung vorzuschlagen; es war sogar meine Absicht, noch vor dem Schlusse unsrer heutigen Versammlung diesen meinen Vorsatz in Ausfuhrung zu bringen, der durch die Entfernung, in welcher Richard bis vor kurzem in Moskau lebte, aufgeschoben worden war.
Die Zeit der Uberlegung, der Berathung, welche mehr das ernste Erforschen dessen, was Noth ist, von Seiten der Erfahrenern, Zeit- und Weltkundigeren unter uns erforderte, als den zwar wohlmeinenden, aber oft ubereilten Eifer unsrer jungeren Bruder, ist nun grosstentheils voruber. Die Statuten unsres Bundes, die Gesetze desselben, die Pflichten, welche zu erfullen wir beim Eintritte in denselben uns anheischig machen, sind endlich festgestellt. Die Zeit des Wirkens und Schaffens, der Ausfuhrung des fruher zum Wohle des heiligen Vaterlandes Beschlossenen ist da; sie wird der rustigen Thatkraft unserer jungeren Bruder ein weites Feld eroffnen, und in jeder Hinsicht die Vermehrung ihrer Zahl wunschenswerth machen.
Und nun tritt hervor, mein Sohn, setzte Furst Andreas hinzu, indem er Richards Hand ergriff; frei darf ich es aussprechen, dieser Jungling ist wurdig, bei dem grossen Werke, das wir unternommen und mit der Hulfe Gottes ausfuhren werden, als Bruder und Helfer uns zur Seite zu stehen, denn ich kenne ihn; unter meinen Augen wuchs er auf, mit meinen Sohnen zugleich habe ich in meinen Grundsatzen ihn erzogen, und der glucklichste Erfolg lohnte mein redliches Bemuhen. An Geist und Gemuth, an Muth und Festigkeit, an Willen und Beharrlichkeit, das Gute und Rechte zu fordern, steht er keinem der Besten unter uns nach. Und nun, Bruder, entscheidet uber ihn.
Der Furst setzte nichts weiter hinzu, auch seine Zuhorer schwiegen, nur ein leises Gefluster lief durch die Reihen derselben. Endlich nahm Obrist Pestel wieder das Wort:
Richard Wood entferne sich unter der Aufsicht seiner bruderlichen Freunde, der Fursten Eugen und Alex, wahrend die Altesten, nach unserm Gebrauche, uber seine Aufnahme in unserm Bunde mit einander Rath pflegen. Unsre allgemeine Versammlung ist fur heute geschlossen; Ort, Tag und Stunde der nachsten wird den Brudern auf gewohnte Weise kund gethan werden. Wandelt hin, durch Dunkel zum Licht! setzte er verabschiedend hinzu.
Der grosste Theil der Anwesenden zerstreute sich; durch verschiedene Ausgange verloren sie sich einzeln und lautlos in den an Eugens Wohnung anstossenden oden Hofen und Garten. Gleich einem Nachtgesicht waren alle nach wenigen Minuten spurlos verschwunden. Eugen und Alex zogen sich mit Richard in ein Kabinet, welches keinen andern Ausgang als durch den Saal hatte, zuruck, und unter dem Vorsitze des Obristen Pestel blieben nur die Altesten und Angesehensten der Verbundeten, die Fursten Andreas, Trubetzkoy, die Murawieffs und noch einige Andre im Saale versammelt. Haltet mich fest an Eurer Brust, blickt wie ehedem mit Euern treuen guten Augen mich an, damit ich wieder unter Menschen mich fuhle, sprach Richard, machtig aufgeregt, als er sich mit Eugen und Alex in jenem Kabinette allein sah; windet nicht so schnell aus meinen Armen Euch los! alles wankt rings um mich her, mich schwindelts, mir ist wie einem Fieberkranken, der aus wilden Phantasien zu halbem Bewusstsein erwacht. Habe ich getraumt? traume ich vielleicht noch? welch ein Traum! wer doch erwachen konnte! Der Vater! und Du, Eugen, und Du, Alex, Verschworne! Ihr Alle im Bunde mit Lunin! zu welchem Zwecke! setzte er schaudernd hinzu, und verbarg sein Gesicht in beiden Handen.
Zum Herrlichsten! fur Freiheit, Licht, geistiges Leben, fur das Wohl von Millionen unsrer Bruder, die in geistigen und leiblichen Banden noch mit Elend und Dunkelheit kampfen! erwiederte wie begeistert Eugen.
Revolution! rief Richard, und schlug heftig beide Hande zusammen; das Heil, das aus diesem Quelle der Welt zufliessen kann, ist allbekannt. Aber der Wurf ist gefallen; komme was da wolle, Gefahr und Untergang, ich theile es mit Euch; denn inniger als je zuvor fuhle ich es, ich gehore zu Euch. Das Vertrauen, die Liebe Eures, ja, meines edlen Vaters, soll an mir nicht zu Schanden werden; nicht vergebens hat Furst Andreas mich offentlich Sohn genannt; ich weihe mich mit Euch und ihm dem Untergange; das Schwert, das uber Euern Hauptern an einem schwachen Haare drohend hangt, in seinem Falle zerschmettre es auch mich!
Aber so komme doch endlich wieder zu Dir, und setze Dich ruhig hieher; an Gefahr und Untergang ist hier gar nicht zu denken, fiel Eugen ganz frohlich ihm ein; freilich, als Du so, gleichsam mit der Thure uns ins Haus fielst, gab es wohl einige Gefahr fur Dich, aber die ist voruber und kommt nicht wieder; hore darum auf, uns und Dich mit so edelmuthigem Unsinn zu plagen.
Ich glaube, ich verstehe ihn besser, als Du ihn verstehst, oder auch vielleicht nur verstehen willst, nahm der gutmuthige Alex jetzt das Wort; sein Zweifelmuth jammert mich; warum wollen wir denn nicht mit einem einzigen Worte ihn so ruhig machen als wir es sind, da dieses in unsrer Macht steht? Hore mich, Richard, und vertraue mir; von Verschworung und daraus entspringender Gefahr, ist, kann hier nicht die Rede sein, denn (hier dampfte Alex seine Stimme bis zum leisen Gefluster) denn ein einziger grosser Name steht auf der Liste der fur unsern Bund zunachst zu werbenden Mitglieder obenan. Harre nur noch eine kleine Weile, bis unser weit umfassender Plan sich zur hochsten Klarheit gestaltet hat, dass man ihn deutlich vorlegen kann. Dann steht jener, ohne dessen Willen in diesem Reiche nichts geschehen soll, an unsrer Spitze, mit aller Kraft seines machtigen Wollens, seiner grossen, fur Gott, Vaterland, Menschenrecht gluhenden Seele; er, dem das Wohl der Millionen, die ihm unterthan sind, warmer am Herzen liegt, als das eigne Leben.
Alex! Alex! versteh' ich Dich? rief Richard ihn wild anstarrend.
Du hast mich verstanden. Der Kaiser, flusterte Alex.
Er? Du traumst; er, er selbst!
Alex ist wach, aber voreilig, in seinen Ausserungen wenigstens, wenn gleich nicht in seinem Glauben. Was noch nicht ist, kann werden, und wird es, sprach Eugen.
Er, den ich nicht nenne! und Lunin! und jener verworfene Spieler, und so manche ahnlichen Gelichters, die ich in Eurer Versammlung erkannte! Alle Mitgenossen eines Bundes? Es ist nicht, es kann nicht sein! erwiederte Richard.
Und doch, und doch. "Es muss auch solche Kauze geben" sagt der grosse Poet; sprach lachelnd Alex.
Schafft die Natur denn nur Rosen und Lilien und Ananas? erwiederte Eugen; erzeugt sie nicht auch Wermuth und Bilsenkraut? Nesseln und Schierling? und noch hundert andere giftige und bittre Krauter, die alle unentbehrlich sind, weil der, so sie zu behandeln weiss, jedes an seinem Orte zu den heilsamsten Arzneien verwendet? Auch stehen wir alle nur scheinbar neben einander. Wir wirken zu einem Zwecke, aber Jeder auf ihm angewiesene Weise; es giebt unter uns Grade des Wissens und Wirkens, die nicht Alle erreichen, setzte er mit gedampftem Tone hinzu.
Ubrigens ist Lunin zwar ausgelassen, wild und roh, aber eine grundehrliche Haut, versicherte Alex; und der Andre, den Du meinst, ist auch nicht der verrufene Baron mit der grunen Brille, sondern einer, Namens Torson; die Ahnlichkeit zwischen beiden ist aber auffallend, vielleicht ist Torson dem Brillenmanne verwandt.
Die Konferenz da drinnen wird jetzt bald ihr Ende finden, ich hore Pestel herum gehen, die Stimmen in Gestalt goldener und bleierner Kugeln zu sammeln; doch ehe wir hinein gerufen werden, muss ich noch eine Gewissensfrage an Dich richten, sprach Eugen, und trat mit Richard in eine Fenstervertiefung. Gestehe es, Aug' in Auge, die Hand auf dem Herzen, Du hegtest Argwohn gegen mich, und hegst ihn vielleicht noch. Richard, konnte, durfte ich Dir entdecken, was des Vaters ausgesprochener Befehl und ein heiliger Eid mir zu verschweigen geboten? Die Zeit Deiner Dir unbewussten Prufung von Seiten meines, Dich nie aus den Augen verlierenden Vaters, war abgelaufen, nur wenige Tage des Schweigens waren mir noch auferlegt; kaum hielt ich mich noch; weisst Du den letzten Abend, den wir bei unserm Freunde Lange zubrachten? erinnerst Du Dich noch der Andeutung meiner Hoffnungen fur Dein Gluck, die ich mir damals entschlupfen liess? ich musste den ganzen ubrigen Abend Dir aus dem Wege gehen, um in der Freude meines Herzens Dir nicht zu viel zu verrathen. Und verstehst Du mich denn jetzt? weisst Du jetzt, worauf meine Hoffnungen beruhen? kannst Du Dir deuten, wie ich es meine? fuhlst Du meines Vaters Betragen gegen Dich? sprach er immer warmer werdend. Ach Richard, soll ich die Dir nennen, fur die, wie fur Dich, am heutigen Abend ein herrliches Morgenroth aufgeht?
Helena! hauchte Richard ganz leise, leise an der treuen Freundesbrust. Auf Flugeln der Hoffnung getragen, kehrte Richard in den Saal zu der ihn erwartenden Versammlung zuruck, die er in ganz andrer Stimmung verlassen. Die Haupter des Bundes hatten in der Zwischenzeit uber seine Zukunft entschieden, aller Augen kehrten mit sichtbarem Wohlwollen sich ihm zu, die ganze Art des von dem ersten himmelweit verschiednen Empfanges, der ihm jetzt wurde, verrieth deutlich den machtigen Einfluss des Fursten Andreas.
Selbst der Obrist Pestel trat zuvorkommend ihm entgegen, und erklarte ihm, als derzeitiger Prasident des Bundes und im Namen desselben, dass man aus hinlanglichen Bewegungsgrunden beschlossen, mit seinem Ehrenworte zufrieden zu sein, ohne auf den in solchen Fallen ublichen Eid der Verschwiegenheit zu bestehen. Eine Auszeichnung, die vor Ihnen noch keinem gewahrt wurde: setzte er sehr wichtig hinzu.
Richard erkannte diese ihm gewahrte Vergunstigung mit geziemendem Danke an, und gelobte dann kurz und bestimmt bei seiner Ehre, alles was er hier gesehen und vernommen, lebenslanglich als ein hochheiliges Geheimniss zu bewahren; keinem lebenden Menschen auf Erden, er sei wer er wolle, nie, unter keiner Bedingung, durch Worte oder Zeichen, ganz oder theilweise, etwas davon zu vertrauen, oder auch nur errathen zu lassen.
Sie sind jetzt frei wie die Luft, nahm jetzt Pestel wieder das Wort; von Ihnen allein hangt es ab, diese Versammlung augenblicklich zu verlassen, um nie wieder zu derselben zuruck zu kehren. Ein andres ware es, wenn Sie, wie Ihr edler Pflegevater uns angedeutet hat, den Wunsch hegten, unserm Bunde der wahren und getreuen Kinder des Vaterlandes sich anzuschliessen. Meiner Pflicht als Vorstand desselben gemass, richte ich also die Frage an Sie: sind Sie entschlossen sich diesem Bunde zu weihen, seinen Gesetzen, wie seinen Verpflichtungen sich ohne Ausnahme zu unterwerfen?
Ein banglich vorahnendes Gefuhl wollte sich Richards bemachtigen, indem er schon im Begriff war, diese Frage mit dem verhangnissvollen: Ja, zu beantworten; fast wahnte er seinen Schutzgeist in Helenas Gestalt warnend neben sich aufsteigen zu sehen. Der feste Entschluss, mit welchem er den Saal betreten, wurde einen Augenblick wankend; doch ein Blick auf seine beiden Freunde, die in vertrauender Sicherheit ihm zur Seite standen, ein ermuthigender Wink des Fursten Andreas und seine Zweifel schwanden. Das Wort, das man von ihm erwartete, war gesprochen.
Der helle Streif im Osten verkundet das Ende der kurzen Sommernacht. Mitternacht ist langst voruber. Ich trage darauf an, dass die feierliche Aufnahme unsers neuen Bruders auf unsre nachste Versammlung festgestellt werde: sprach Sergius, der Secretair des Bundes.
Unser Bund braucht das Licht der Sonne nicht zu scheuen, die bald glorreich von ihrer Mittagshohe herab seine Thaten beleuchten soll: erwiederte Pestel sehr pathetisch. Zur Aufnahme dieses unsres Bruders, fuhr er gelassen fort, bedarf es keiner weitlauftigen Vorbereitungen, indem alle Prufungen des ersten Grades ihm erlassen sind, und er mit Ubergehung desselben sogleich in den zweiten, in den der Manner eintreten wird. Die enge Verbindung, in der er zu dem hohen Hause steht, das unser Bund mit Recht als seine festeste Stutze betrachtet, berechtigt ihn zu diesem selten gewahrten Vorzuge. Bruder Richard! setzte er wieder in jenen pathetischen Ton verfallend hinzu, nur Ihrem eignen Willen bleibe hier die Wahl uberlassen; wunschen Sie Aufschub? Bedenkzeit? oder soll diese symbolisch schone Stunde der Morgendammerung, in welcher die lichtscheue Nacht mit ihren dunkeln Phantomen vor dem hellen Tagesscheine sich verbirgt, auch Ihnen die Klarheit gewahren, die von nun an Ihrem ferneren Lebenspfade leuchten soll?
Noch ehe ich berufen ward, zum zweitenmal in dieser Versammlung zu erscheinen, war mein Entschluss fest gestellt; es bedarf keiner weitern Bedenkzeit, antwortete Richard.
Furst Andreas, seine Sohne, alle gegenwartigen Freunde seines Hauses erhoben sich jetzt, um Richards mannlichen schnellgefassten Entschluss zu preisen, und mit Freundschaftsbezeigungen und Beweisen des herzlichsten Wohlwollens ihn zu uberschutten, wahrend Pestel und Sergius die einfachsten Vorbereitungen zu dem feierlichen Eide trafen, der zufolge der Statuten des Bundes, beim wirklichen Eintritte in denselben, ihm nicht mehr erlassen werden durfte.
Von allen jenen, in den mannigfaltigsten Modificationen ublichen Ceremonien, die jeder bei der Aufnahme in eine geheime Gesellschaft sich gefallen lassen muss, diese mag nun in den geweihten Salen einer Loge, oder in irgend einer dunkeln Kneipe ihr Wesen treiben, war hier gar nicht die Rede. Zwar liess aus einigen leicht hingeworfenen Worten des Prasidenten Pestel sich schliessen, dass dieses eine durch Zeitmangel bedingte Ausnahme von der gewohnten Regel sei; doch darf man dem gewandten weltklugen Manne wohl zutrauen, dass diese Ausnahme nicht ganz unabsichtlich Statt finde. Er besass Menschenkenntniss genug um einzusehen, dass der ganze Apparat von dunkeln Gemachern, blossen Degen, Todtenschadeln, symbolischen Pflanzen und dergleichen, hier den gewunschten Eindruck vollig verfehlen wurde, und er hochstens nur an die enge Scheidegranze zwischen dem Erhabenen und dem Lacherlichen dadurch erinnern konne.
Sergius trug ganz einfach die auf Verlangen des Bundes von Pestel verfassten Statuten desselben vor, aus denen zuvorderst die Eintheilung der Mitglieder in drei Klassen oder Grade hervorging. Die erste, bei weitem zahlreichste, wurde die der Bruder genannt; die zweite, bedeutendere und mit dem Zwecke, wie mit den Fortschritten des Bundes vertrautere, war die der Manner, in welche Richard jetzt aufgenommen wurde. Der dritte, hochste Grad wurde nur Wenigen durch Macht, Reichthum, Familienverbindungen oder gluhenden Eifer Ausgezeichneten ertheilt: sie wurden Boyaren genannt, und bildeten den hochsten Rath der Alten. Aus ihrer Mitte wurden drei Direktoren erwahlt, der Prasident, der Aufseher, und der Secretair. Die gegenwartige Versammlung war eigentlich der Rath der Alten, und sammtliche Boyaren, mit weniger Ausnahme, waren dabei zugegen.
Vernichtung verjahrter, fur die jetzige Zeit nicht mehr passender Institutionen und jeder an orientalischen Despotismus erinnernden Einrichtung, wurde als das Hauptziel des Bundes angegeben; nachst diesem unermudliches Bestreben, durch Abschaffung von Missbrauchen, durch Verbreitung nutzlicher Kenntnisse, durch Verbesserung des Landbaues, durch Einfuhrung neuer Erwerbsquellen, zur Aufklarung, und durch diese zur Verbesserung des Wohlstandes der niedrigeren Volksklasse beizutragen. Bei jeder Gelegenheit die Rechte des Volks offentlich zu vertreten, und die Bekanntschaft mit denselben zu verbreiten, wurde als nicht zu umgehende Pflicht eingescharft; auch war den Verbundeten auferlegt, uber genaue Handhabung der Gesetze zu wachen, die Verwaltung der offentlichen Angelegenheiten, wie das Betragen der Beamten jedes Ranges, genau zu beobachten, und jede Handlung derselben, durch welche sie sich des in sie gesetzten Vertrauens unwurdig bewiesen, ans Licht zu ziehen und zu veroffentlichen.
Verbreitung des Bundes durch Anwerbung treugesinnter talentvoller Mitglieder, vorzuglich vom Militairstande, um auf jede Weise die Macht wie die Zahl desselben zu mehren und ihn immer sichrer zu stellen, wurde noch als letzte, aber unumgangliche Verpflichtung besonders empfohlen.
Alles dieses klang so unverfanglich, so Recht liebend, so durchaus wunschenswerth zum allgemeinen Besten; Ahnliches, wenn gleich anders ausgedruckt, hatte Richard unzahligemal von den Lippen seines Pflegevaters im engsten Familienkreise vernommen. Zweifel und Misstrauen schwanden; begeistert fur die gute Sache, sprach er Wort fur Wort den ihm vorgesagten Eid nach, bis ans Ende; und wurde in dieser glucklichen Stimmung geblieben sein, ware nicht ganz zuletzt unbedingte Unterwerfung unter den Rath der Alten von ihm gefordert worden. Er stockte einen Augenblick; und doch! er war zu weit vorgeschritten, um zurucktreten zu konnen. Jede widerwartige Empfindung, welche bei seinem ersten, ihn selbst uberraschenden Eintritte in jene Verbindung, sich Richards bemachtiget hatte, verschwand indessen bei ruhigerem Besinnen gar bald aus seinem Gemuthe. Er war sogar auf gutem Wege, eines der eifrigsten Mitglieder des Bundes zu werden, ohne durch so manches, was ihm anfangs als abschreckend erschienen war, sich weiter irren zu lassen. Sogar die unbedingte Unterwerfung unter die Beschlusse und Anordnungen des Rathes der Alten, welche er hatte geloben mussen, machte ihm keine Sorge mehr.
Im Militairdienste war die Nothwendigkeit strenger Subordination, sobald es gilt, die Gesammtkrafte vieler tausend Einzelner zur Ausfuhrung eines grossen Zweckes zu vereinen, ihm deutlich geworden; und was fur Manner standen an der Spitze dieses sogenannten Rathes der Alten, dem er blinde Unterwerfung gelobt!
Furst Andreas, seine Sohne, die nachsten Verwandten und Freunde seines Hauses, anerkannt edle Manner, an Rang, Ansehen, und warmer Begeisterung fur das Wohl des Vaterlandes ihm gleich. Wo diese walteten, musste jede Spur von Besorgniss verschwinden. Wie hatten sie, wie hatte Furst Andreas, etwas dem allgemeinen Besten, oder dem mit diesem so enge verbundenen allgeliebten Kaiser Gefahrdrohendes geschehen lassen oder gar anordnen konnen!
Im Verlaufe der Zeit wurde Richard seinen Eintritt in den Bund, vielleicht sogar die Existenz desselben ganz vergessen haben, hatte nicht der ihm so gross, so ungemein wunschenswerth erscheinende Zweck desselben, ihn auf das lebhafteste unaufhorlich beschaftigt.
Die Versammlungen des Bundes wurden immer seltner; Monate gingen oft daruber hin, ohne dass Richard aufgefordert wurde in denselben zu erscheinen, und fast immer kehrte er mit dem bittern Gefuhle zwecklos verlorner Zeit nach Hause zuruck. Die Anordnung feierlicher, Sinne betaubender Ceremonien zur Aufnahme neuer Bruder, die ohne sonderliche Auswahl, augenscheinlich nur, um die Zahl der Mitglieder zu vergrossern, schaarenweise herbeigezogen wurden, schien jetzt die einzige Beschaftigung jener Versammlungen geworden zu sein.
Diese Neuangeworbenen, deren Anzahl sich bald bis ins Unglaubliche vergrosserte, waren grosstentheils junge Leute, die gar nicht begriffen, gar nicht wussten, wovon eigentlich hier die Rede sei, auch gar nicht verlangten dieses zu ergrunden; sondern, entweder vom Reize des geheimnissvoll Feierlichen angezogen, oder auf Zureden und nach dem Beispiele ihnen ahnlicher Freunde in den Bund sich hatten aufnehmen lassen, ohne etwas andres dabei sich zu denken, als was sie auch bei jeder andern geschlossnen Gesellschaft sich gedacht haben wurden.
Ein grosser Theil derselben bestand aber auch aus Soldaten, guten ehrlichen Gemuthern, die auf Treu und Glauben hinnahmen, was man unter dem Siegel des Geheimnisses ihnen flusternd vertraute: dass Kaiser Alexander selbst um alles wisse, alles leite, nur ihren Vortheil dabei beabsichtige, aus politischen Grunden aber noch nicht offentlich auftreten wolle. So eingewiegt von goldnen Hoffnungen, waren sie darauf gefasst und bereit, sich zu allem was von ihnen gefordert werden wurde herzugeben; als blindes Werkzeug hoherer Gewalten alle ihre Kraft, und wenn es sein musste ihr Herzblut, fur ihnen unbekannte Zwecke zu verwenden. Es waren die namlichen treuen, aber unwissenden Seelen, welche einige Jahre spater mit grossem Geschrei die Constitution hoch leben liessen, weil sie meinten, dies sei Name oder Titel der Gemahlin ihres Czaarewitsch Konstantin.
Richard hatte anfanglich vor dem zu plotzlichen Ausbruche der Flamme gezittert, deren zundender Funke hier im Verborgnen gehegt wurde; jetzt setzte die Unthatigkeit des Bundes ihn in zweifelndes Erstaunen. Er ausserte dieses zuerst gegen seine vertrauteren Freunde, dann auch gegen Pestel und andre der bedeutenderen Mitverschwornen, aber es fehlte diesen nicht an Grunden, um ihn zu beruhigen. Noch ist es nicht an der Zeit: die Frucht muss reifen, ehe sie gebrochen wird: Ubereilung ist die gefahrlichste Feindin jedes grossen Unternehmens; so hiess es, wohin er sich auch wenden mochte. Er gewohnte sich endlich daran, keine andere Antwort zu horen, fing an fur voll gelten zu lassen, was ihm zuerst als abgedroschner Gemeinplatz geklungen hatte, und gab sich zufrieden.
Auch hatte er gegrundete Ursache zufrieden zu sein; eine neue, ihn durch und durch erwarmende Gluckssonne, war seit jenem sturmischen Abende an seinem Lebenshorizonte aufgegangen. Nie zuvor, selbst nicht in den Jahren seiner ersten Jugendzeit, hatte er seinen Pflegeeltern so enge verbunden sich gefuhlt, nie hatten sie selbst so ganz offenbar und rucksichtslos als ganz zu den Ihrigen gehorend ihn anerkannt, als eben jetzt. Und diese gluckliche Veranderung seiner Lage beschrankte sich nicht allein auf das Haus des Fursten Andreas; sie ging von diesem auf die nachsten Freunde und Verwandten desselben uber.
Die von der grossern Gesellschaft ihn ausschliessenden Schranken, welche Rang, Etikette und Konvenienz um ihn gezogen, waren plotzlich gesunken; man sah in ihm nur den fein gebildeten jungen Mann, den liebenswurdigen Gesellschafter, und von dem niedern Range, auf dem er noch immer bei seinem Regimente stand, nahm Niemand mehr Notiz. Das Beispiel bedeutender Personen, die bei seiner Aufnahme in den Bund zugegen gewesen waren, hatte dieses Wunder bewirkt, und Richard war, ohne dass er es wollte oder wusste, in der ubrigen vornehmen Welt, die eben so wenig wusste warum, gewissermassen Mode geworden. Ausgenommen bei grossen feierlichen Gelegenheiten, wo eine scharf gezogne Linie das Zulassige bezeichnet, und die er von jeher gern vermieden hatte, standen immer die Thuren ihm offen, aber Erfahrung hatte ihn Vorsicht gelehrt. Er beschrankte sich auf das Haus seiner Wohlthater und der diesen zunachst Verbundenen, und vermied auch dort, in grossern Kreisen zu erscheinen.
Vor Allen andern zog eines der thatigsten und begeistertsten Haupter des Bundes ihn an, und kam mit gleicher ungeheuchelter Neigung, auf mehr als halbem Wege ihm ebenfalls entgegen; Graf Stephan, den man wohl mit Recht als einen Schuler des Fursten Andreas bezeichnen konnte, war bedeutend junger als dieser und doch schon dessen vieljahriger Freund. Sein vor wenigen Jahren verstorbener Vater hatte mit dem Fursten in sehr vertrautem Verhaltnisse gestanden, der junge Stephan wurde von Jugend auf Zeuge des ernsten viel umfassenden Gesprachs dieser beiden, von Freiheitsgefuhl und Vaterlandsliebe durchdrungenen Manner, und seine Verehrung und Bewunderung des Fursten Andreas stieg daruber bis zur Leidenschaft.
Nach des alten Grafen Tode ging das Vertrauen und die Liebe des Fursten auf den Sohn uber; ruckhaltslos uberliess er sich der Gewohnheit, ihm alles zu offenbaren, was seit Jahren seinen Geist ausschliessend beschaftigte; seine Plane, seine Wunsche fur die Verbreitung allgemeinerer Kultur und Verbesserung des burgerlichen Zustandes seines Volkes, und aller der Ideen, die mit der Zeit sich so ganz seiner bemachtiget hatten, dass man wohl sagen kann, sie waren die Seele seines Lebens geworden.
Stephan gehorte zu jenen milden und doch ernsten tiefen Naturen, die jeden grossen Gedanken, den sie einmal erfasst, so lange von allen Seiten beleuchten, bis er von ihrem innern Wesen untrennbar wird, und sie gezwungen alles daran setzen mussen, um das, was erst nur in ihrer Phantasie lebte, zur Wirklichkeit umzugestalten.
Der lebhaftere Geist des weit jungeren Mannes begnugte sich nicht damit, den Gedanken des alteren Freundes Schritt fur Schritt zu folgen, er nahm einen weit kuhneren Aufschwung. Wahre Begeisterung lasst gleich der Flamme schlecht sich verhehlen: dem Grafen Gleichgesinnte fanden ihn bald und schlossen sich ihm an, und so entstand aus diesen eine kleine, aus acht bis zehn wohlgesinnten, von Vaterlandsliebe beseelten Mannern bestehende Gesellschaft, die ohne Nebenabsicht und ohne Aufsehen erregen zu wollen, zusammen kamen, um uber Dinge, die ihnen zunachst am Herzen lagen, ihre Gedanken einander mitzutheilen. Dass aus diesem kleinen Keime eine so weit umsichgreifende Verzweigung entstehen solle, lag weder in ihrem Plane, noch kam die Moglichkeit davon ihnen in den Sinn.
Mehrere Jahre, ehe der damals in Moskau lebende Furst Andreas sich ihr anschliessen konnte, dauerte diese Gesellschaft zu aller Zufriedenheit in der Stille fort, bis der Zufall den Obrist Pesiel ihr zufuhrte, dessen kuhner ubermuthiger Geist schon deshalb ein grosses Ubergewicht gewinnen musste, weil er jede Farbe anzunehmen verstand, und von ganz andern Gedanken und Planen erfullt, kein Mittel scheute, um zu seinem Zwecke zu gelangen. Mit kecker Hand ergriff er die Zugel, und ehe die Ubrigen es gewahrten, hatte unter seiner Leitung alles eine andre Gestaltung gewonnen.
Richard fuhlte in dem vertrauteren Umgange mit seinem neuen Freunde sich sehr glucklich, er verlebte viele schone Stunden in dem engen Familienkreise desselben, mit der sanften, schonen, aber oft leidenden Gemahlin des Grafen, mit den hoffnungsvollen Kindern, die, sobald er sich zeigte, ihn jauchzend umtanzten.
Aber wie ganz anders noch war es, wenn Furst Andreas zu Hause ihn Sohn nannte, wenn sogar Eudoxia, den Strumpfwirker ganz vergessend, zwischen ihm und ihren eignen Kindern keinen Unterschied merkbar werden liess! wenn beiden im lebhaften Gesprache so manche Ausserung uber seine Zukunft entschlupfte, so manche Andeutung einer nahenden, alle seine Erwartungen ubertreffenden glanzenden Zeit; dann wusste er kaum sein in kuhner Hoffnung hochaufschwellendes Herz zu bemeistern. Selbst in Gegenwart ihrer Eltern gestaltete sein Umgang mit Helena sich immer zwangloser und freier, mit dem vollen Ausdrucke innern Glucks trat sie stets ihm lachelnd entgegen. Aus Furcht vor sich selbst wusste er dem Vorgefuhle, das sich seiner ganz bemachtigte, und das er doch als allzu kuhn verdammen musste, keine Worte zu geben. Doch sein fragender Blick suchte Antwort in den Augen seiner bruderlichen Freunde, denn auch Alex war jetzt der Vertraute seiner Liebe geworden. Alex reichte ihm die Hand, Eugen druckte ihn an die treue Brust; beide schwiegen.
Es ist ein Traum! ein himmlisch schoner Traum! o Gott, lass das Erwachen mich nicht erleben, lieber den martervollsten Tod! seufzte er oft, wenn sein Gluck, wie eine schwere Burde, auf seinem ahnungsvollen Herzen lastete.
Helena, wenn sie mit Richard allein war, gab jetzt oft und geflissentlich dem Gesprache eine sehr ernste, auf die Lieblings-Ideen ihres Vaters Bezug habende Wendung, von denen auch sie ganz erfullt war. Auch Eudoxia, ungeachtet ihrer festen Uberzeugung von dem in der Natur begrundeten Unterschiede zwischen hoch und niedrig Gebornen, nahm lebhaften Antheil daran; die ihr angeborne Herzensgute gewahrte ihr eine Art Trost in dem Gedanken, das Ungluck der Letztern durch Verbesserung ihrer burgerlichen Zustande einst mildern zu konnen. Ofter, offener, umstandlicher als je zuvor liess ihr Gemahl im engen Kreise seiner Familie und seiner Vertrautesten, zu denen naturlicher Weise auch Richard und Stephan gehorten, uber alles, was sein Gemuth seit Jahren erfullte, sich aus; die Gegenwart der Frauen dabei vergessend, streifte er bisweilen ganz nahe an das Geheimniss des Bundes, ohne es jedoch zu verletzen. Eudoxia suchte oft Gelegenheit, mit Richard uber die namlichen Gegenstande sich zu unterhalten, um manches, was ihr nicht recht deutlich geworden, sich erklaren zu lassen. Mutter und Tochter ausserten sich zuweilen auf eine Weise, die gewissermassen einige Kenntniss von dem geheimen Bunde verrieth.
Wissen die Frauen? fragte, durch alles dieses zweifelhaft geworden, Richard seinen Eugen.
Wissen? erwiederte Eugen lachelnd, die Frage ist schwer zu beantworten. Wissen was man so eigentlich wissen nennen kann das gewiss nicht, und das kannst Du auch mit Deiner Frage nicht meinen. Aber Frauen sind nun einmal ihrer Natur nach die achten wahren Inspirirten, das ist ein von den Gottern ihnen Gegebenes. Sie haben nicht nothig etwas zu lernen oder zu erfahren, um es zu wissen; auch wissen sie eigentlich meistens blutwenig, aber sie ahnen alles; die Ungebildeteren unter ihnen nennen das im gemeinen Leben: merken. Indessen sehe ich doch nichts Ausserordentliches darin, dass meine Mutter und Schwestern sich lebhaft fur Dinge interessiren, uber welche sie meinen Vater taglich sprechen horen. Geh' nur, Richy, geh', Du machst mir nichts mehr weiss; Du hast kein Herz fur mich, wie ich fur Dich es habe. Du hast sehr viel Verstand, Du bist sehr klug, sehr gelehrt, der arme Iwan ist das alles nicht. Aber ich trage mein Herz auf meiner Hand; ich bin nicht geheimnissvoll wie Du; aber wer mich liebt, den liebe ich wieder, und der kann sich auf mich verlassen, in jeder Gefahr.
Gieb Dir keine Muhe, rede mir nichts ein, es hilft Dir nichts; fuhr Iwan fort, als Richard versuchen wollte, seinen schmollenden Freund zu versohnen, den seit geraumer Zeit etwas vernachlassiget zu haben, er sich bewusst war. Ich weiss Du traust mir nicht, aber Du sollst erfahren, dass auch Iwan schweigen kann. Hinterm Berge wohnen auch Leute, und es ist noch nicht aller Tage Abend. Ich weiss mehr als Du glaubst, aber furchte Du nur nichts von mir, geh' Du nur ruhig zu Deinen Kneesen und Grafen.
Warum sieht man Dich nicht mehr bei unserm Kapellmeister? schalt Iwan weiter, ohne auf Richards Entschuldigungen horen zu wollen; ist es recht, ist es billig, brave Leute, die Dich herzlich lieb haben, einen Abend nach dem andern vergeblich auf sich warten zu lassen? Julie ist sehr schlecht auf Dich zu sprechen, Frau Karoline auch. Lange, die ehrliche Seele, nimmt allein noch Deiner sich an, und weiss immer noch etwas aufzufinden, das Dich entschuldigen soll. Nun wie steht es, kommst Du heute Abend?
Heute, gerade heute Abend? stotterte Richard verlegen.
Du kommst nicht, das habe ich mir schon gedacht, lachte Iwan spottend. Nun gleichviel, heute Abend sehen wir uns doch.
Das wird kaum moglich sein, erwiederte Richard etwas kleinlaut; dringende Geschafte aber nachstens, morgen Abend gewiss. Ich fuhle ordentlich eine Sehnsucht, mich von Frau Karolinen ausschelten zu lassen; wie die liebe Sonne nach einem derben Gewitterregen, zeigt auch sie sich hernach nur um so warmer und freundlicher. Also morgen, lieber Iwan, morgen Abend.
Morgen halte es wie Du willst, ich sehe Dich noch heute Abend, verlass' Dich darauf; rief Iwan im Fortgehen ganz trocken ihm zu.
Richard schaute betroffen ihm nach; das Benehmen, das ganze Betragen des Freundes schien auf unbegreifliche Weise verandert. Ist er in den wenigen Monaten mir doch wie verwildert! ich habe zu lange, zu anhaltend ihn vernachlassiget, und was er von nun an auch beginnen mag, ich habe es verschuldet; sprach Richard reuevoll zu sich selbst.
Eine fur diesen Abend angesagte grosse Bundesversammlung, die abermals nur zur Aufnahme mehrerer neuer Mitglieder Statt finden sollte, hatte Richard verhindert, auf Iwans Vorschlag einzugehen. Spat gekommen, drangte er sich missmuthig durch die Reihen der Aufzunehmenden, ohne sie anzusehen, und entdeckte, als die Ceremonie begann, zu seinem hochsten, wahrlich nicht angenehmen Erstaunen, seinen Freund Iwan mitten unter ihnen. Eine ganz eigne, fast komische Mischung von Trotz und Schalkheit lag in dem sarkastischen Lacheln, mit welchem dieser im Vorubergehen verstohlen zu ihm aufblickte. Mark und Bein durchzuckend, stieg ein unbeschreiblich bangliches Gefuhl bei diesem Anblicke in Richards Seele auf; ihm war als sahe er den Freund in dringender Gefahr, als musse er bei den Haaren von dem Platze, wo er eben stand, ihn fortreissen. Aber es wollte sogar den ganzen ubrigen Abend hindurch ihm nicht einmal gelingen, sich Iwan zu nahern; Torson oder Lunin hielten abwechselnd eine Art Wache uber ihn, einer von diesen blieb fortwahrend ihm zur Seite, und als spat nach Mitternacht die Versammlung aufgehoben wurde, und Richard seinen Freund aufsuchte, in der Hoffnung ihn auf dem Wege nach Hause zu begleiten, war er mit jenen beiden ihm vollig aus den Augen entschwunden. Iwan! Iwan! was hast Du gethan, ohne Dich vorher mit mir zu berathen; rief Richard am folgenden Morgen seinem Freunde zu, als er nach langem vergeblichen Suchen ihn endlich antraf, eben im Begriffe sein Pferd zu besteigen.
Richy, Richy! was hast Du unterlassen, ohne Dich im geringsten um mich zu bekummern, antwortete dieser ihn parodirend, und galoppirte davon.
Trube und gedankenvoll eilte Richard jetzt zum Kapellmeister Lange, um wo moglich dort einige Aufklarung uber Iwans auffallend seltsames Betragen gegen ihn zu erhalten. Nicht ohne einiges Herzklopfen betrat er das Zimmer, in welchem er die beiden Eheleute allein traf, aber der Empfang, der ihm von ihnen wurde, ubertraf all sein Hoffen und auch sein Verdienst, wie er selbst reuevoll gestand. Der kleine Kapellmeister war uber das Wiedererscheinen des Hausfreundes zu erfreut, um des langen Aussenbleibens desselben zu gedenken; er gerieth in eine wahre Entzuckungswuth; sang, jubelte, tanzte, die rothsammtne Troddelmutze flog von einem Ohre zum andern, Frau Karoline konnte vor Lachen uber die possierlichen Freudenbezeigungen ihres Eheherrn gar nicht dazu kommen, dem Frevler gebuhrend den Text zu lesen, wie sie es sich doch fest vorgenommen hatte.
Ubrigens kam keiner von diesen Dreien diesmal zu einem vernunftigen Worte; ein Fragen, ein Erzahlen ohne Ende begann, keiner horte auf den andern, aber sie verstanden sich doch.
Und abermals war Richard bei diesen so ganz menschlichen Menschen in liebender Warme das Herz aufgegangen. Als er wieder in seiner Wohnung sich befand, schwur er sich selbst es zu, diese treuen Freunde, es komme wie es wolle, sich zu erhalten, sie nie wieder zu vernachlassigen, sich in diesem heitern burgerlichen Stillleben zum Widerstande gegen jene Hoffnungsphantome zu erkraftigen, die, in Regenbogenfarben glanzenden Seifenblasen ahnlich, ihn wachend und im Traume umtanzten, und die ein einziger Hauch vernichten konnte. Doch leider hielten solche Entschlusse in Richards Seele nie Stand; mochte er noch so eifrig sich ermahnen, vernunftig zu sein, unwiderstehlich zog es ihn in jene Pracht, in welcher in all' ihrer aussern und innern Glorie Helena thronte, und die arme hulflose Vernunft immer tiefer und enger von dem goldnen Netze der Wahrscheinlichkeiten umstrickt wurde, das rings um ihn her sich erhob.
Den ganzen ubrigen Tag suchte Richard vergeblich seinen Iwan auf; am Abend kehrte er zu seinen wieder neugewonnenen Freunden zuruck, in der festen Uberzeugung, ihn doch gewiss dort, im gewohnten, ihm so lieben Kreise anzutreffen; auch glaubte er wirklich beim Eintreten in das Zimmer ihn neben Julien in der entferntesten Ecke desselben zu erblicken, und eilte freudig auf ihn zu, fuhr aber erschrocken, wie beim unerwarteten Anblicke einer giftigen Schlange, gleich wieder zuruck.
Nicht Iwan war es, der entfernt von der ubrigen Gesellschaft, in dem traulichen Eckdivan neben der Geliebten sass, der nur eben fur zwei Personen Raum bot; Torsons verhasste Zuge starrten ihm entgegen, das Gesicht jenes Abenteurers, von dessen Identitat mit dem grunbebrillten Baron vom Spieltische er noch immer fest uberzeugt war. Da sass der Widerwartige, traulich-dicht neben Julien, betrachtete sie mit susslachelnder Protektions-Miene, und spielte mit den schlanken Fingern ihrer zarten Hand, an welchen juwelenreiche Ringe ihm entgegen blitzten, die Richard an dem jungen Madchen nie zuvor gesehen. Im Ganzen war mit ihrem Aussern eine bedeutende Veranderung vorgegangen, die burgerliche Einfachheit ihrer Tracht war verschwunden, sie war reich gekleidet, und mit einer Reihe sehr schoner Perlen um den Hals, diamantnen Ohrringen und einer schweren goldnen Kette geschmuckt.
So geputzt sass sie da, wie eine junge Braut, die halb verlegen, halb geschmeichelt, auf das angelegentliche Gefluster des altlichen ungeliebten Mannes lachelnd horcht, der Rang und Reichthum ihr zu Fussen legt, um derentwillen sie die Forderungen des eignen jugendlichen Herzens zu ersticken bemuht ist.
Da hast Du ihn, den Wildfang! rief Lange, der leise herbei geschlichen war, und jetzt Richard dicht vor Julien hinschob; Strafe muss sein, aber verfahre gnadig mit ihm, denn er bereut und will sich bessern. Dann, als ob er sich plotzlich besonne, nahm der Kleine ein gewisses formliches Wesen an, das ihm sonst nicht eigen war; Herr Torson, ein neugewonnener Freund unsres Hauses, Herr Richard Wood, den Herr Torson noch nicht bei uns gesehen; sprach er, die beiden Manner einander vorstellend.
Steif und stumm verbeugte Richard sich fast unmerklich.
Ich wunschte mir fruher schon das Vergnugen erwiederte Torson sehr hoflich, und streckte die Hand aus, um nach englischem Gebrauche Richards Hand zu schutteln; Richard reichte sie ihm nicht, er zog sie zuruck. Julie und Lange sahen einander und ihn verlegen an, ein paar Secunden herrschte angstliche Stille, bis Torson in uberlautes Lachen ausbrach.
Bei meinem Leben! rief er und wischte sich die vor Lachen thranenden Augen, bei meinem Leben, mein Doppelganger, um den ich schon so viel leiden musste, der sogenannte grunbebrillte Baron fangt wieder an zu spuken. Ware es moglich! auch ein Mann von dem ausgezeichneten Geiste des Herrn Wood kann in solchen Irrthum verfallen? Die Ahnlichkeit, die auch Sie bis zu einem solchen Grade tauschen kann, muss in der That sehr gross sein. Mochte es mir doch nur einmal in meinem Leben gelingen, der seltsamen Erscheinung gegenuber zu stehen, die uberall wo ich hinkomme sich gezeigt hat, und nur mir allein unsichtbar bleibt.
Die Erfullung dieses Wunsches wird Ihnen schwerlich jemals werden konnen; sprach Richard ironisch lachelnd.
Das sehe ich nicht ein, erwiederte der gutmuthige Kapellmeister; ist er doch schon einmal in Petersburg gewesen; so viel ich weiss ist kein Grund vorhanden, der ihn verhindern konnte wiederzukommen. Auf dem Theater haben die Ahnlichkeiten mir Langeweile genug gemacht, aber wenn so ein Paar einander durchaus gleiche Menschen im wirklichen Leben vor mir stunden, das ware doch eine Lust!
Nun wenn ich den vermaledeiten Popanz einmal wirklich antreffe, so mochte der Spass nicht sehr lustig ausfallen, nahm Torson wieder das Wort; ich bin eben nicht streitsuchtig, aber Mord und Todtschlag ware hier unvermeidlich. Ich schiesse ihn nieder, um einmal Ruhe vor ihm zu bekommen oder vielleicht auch, er mich: setzte er hinzu.
Das mochte ich sehen, wenn solch ein paar Leute auf einander schiessen wollten, von denen man gar nicht sagen kann, welcher welcher ist! rief Lange sich frohlich die Hande reibend. Ich wette keiner von Ihnen hatte das Herz dazu, es musste ihnen ja vorkommen als ob sie nach sich selbst zielten. Aber da schwatzen wir, und am Ende ware die Ahnlichkeit doch nicht so tauschend, wenn man beide neben einander sahe. Was sagst Du dazu, Julie, Du hast ja auch den Baron gesehen?
Und bei meinem ersten Besuche hielt sie mich ja ebenfalls fur denselben; sprach Torson.
Nur das allererstemal, der Unterschied fiel mir aber bald auf, erwiederte Julie. So viel Angst und Dammerung an jenem Abende mich bemerken liessen, ist Herr Torson grosser, auch junger, sein Haar ist viel dunkler. Die grosste Verschiedenheit aber finde ich in der Sprache und im Tone der Stimmen; des Barons Stimme ist viel tiefer und rauher, er druckte sich mit grosser Gelaufigkeit in deutscher Sprache aus; Herr Torson spricht zwar auch deutsch, aber fremdartig, gezwungen, mochte ich sagen, als wurde es ihm etwas schwer.
Das wird es auch: sprach Torson: es ist nicht meine Muttersprache, sondern eine erlernte, ich bin ein Norwege, wie Sie wissen. Ubrigens mag der Empfehlungsbrief, der hier bei Herrn Lange mich einfuhrte, Herrn Wood jeden Zweifel uber meine Personlichkeit benehmen, wenn er etwa dergleichen noch hegen sollte: setzte er, stolz sich in die Brust werfend, hinzu.
Richard beachtete dieses nicht, ein andrer Gegenstand nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Er sah Iwan Arm in Arm mit Lunin in das Zimmer treten, beide in uberlustiger aufgeregter Stimmung, und es fehlte nicht viel, so hatte er vor Schrecken laut aufgeschrieen; Lunin, der freche ubermuthige sittenlose Geselle in diesem Hause! es war unbegreiflich.
Nun, endlich hast Du Dich doch wieder einmal hergefunden! flusterte Iwan ihm zu, indem er ganz nahe an Richard voruberstreifte, um zu Julien zu gelangen. Der Hausherr nahm Lunin sogleich mit grossem Vergnugen in Empfang, und fing an allerlei lustige Possen mit ihm zu treiben, die andeuteten, dass er ein hier wohlbekannter, gerngesehener Gast sei, der sich schon etwas herausnehmen darf.
In fast angstlicher Spannung suchte Richard Frau Karoline auf, um vielleicht von ihr einige Erklarung all' des Rathselhaften zu erhalten, das an diesem Abende ihm hier sich entgegendrangte. Doch Torson trat ihm in den Weg, ehe er zu ihr gelangen konnte, und bat hoflich, aber dringend, auf ein paar Augenblicke in ein anstossendes Kabinet mit ihm zu treten.
Sie grollen mir, fing Torson und zwar in englischer Sprache an, als beide allein waren und er sich sorgfaltig umgesehen, ob man sie nicht belausche; Sie grollen mir, Herr Wood, weil ich Ihrem eigenen Vorsatze zuvorkam, indem ich Ihren Freund unserm Bunde zufuhrte; aber Sie bedenken nicht, dass sowohl ich, als unsre Bruder, gerechte Ursache hatten, uns daruber zu beklagen, dass Sie selbst ein so wurdiges Mitglied desselben uns zu lange vorenthielten.
Sollte der Rath der Alten uber diese Saumniss mich zur Rechenschaft ziehen wollen, so werde ich ihm, aber keinem Andern der sich dessen erkuhnen mochte, Rede stehen: war Richards kurze kalte Antwort.
Mir wenigstens wird dergleichen nie einfallen, sprach Torson sehr hoflich. Was i c h sagte, war nur eine etwas ungeschickte Einleitung zu dem, was ich Ihnen sagen wollte, die ich in der Verlegenheit ergriff.
Verlegenheit und Torson! erwiederte Richard, spottisch lachelnd.
Ich gestehe gern, dass ich eben nicht gewohnt bin vor Mannern verlegen zu stehen: antwortete Torson: aber ich leugne auch nicht, dass ich jetzt Ihnen gegenuber es bin; nicht, weil ich Sie furchte, sondern weil ich gerade mit Ihnen gern in Frieden leben mochte, und doch weiss, welch ein ungegrundetes Vorurtheil Sie gegen mich gefasst haben. Ich will mir nicht anmassen gleich einem Engel des Lichtes Ihnen zu erscheinen, aber Sie sollen auch nicht den schwarzen Damon in mir sehen, der ich nicht bin, und fur den Sie dennoch mich halten.
Desto besser fur Sie, wenn Sie es nicht sind, und ich gratulire auf den Fall von Herzen: erwiederte Richard spottisch lachelnd; aber jetzt bitte ich doch zum Zwecke zu kommen, meine Zeit ist gemessen, wie meine Geduld. Was verlangen Sie von mir? denn etwas werden Sie doch verlangen.
Torsons Zuge zuckten krampfhaft bewegt, er biss sich in die Lippen, seine immer unstaten Augen spruhten ein seltsam flackerndes Feuer; aber er fuhr sich schnell mit der Hand ubers Gesicht, und stand im nachsten Augenblicke mit dem gewohnten stereotypen Ausdrucke seiner Miene wieder da.
Sie haben es errathen; ich habe zweierlei von Ihnen mir zu erbitten, was mir wichtig ist; sprach er, anscheinend ruhig. Zuerst dass Sie, bei naherer Bekanntschaft mit mir, die Sie, wie alles jetzt steht, doch schwerlich werden vermeiden konnen, dass Sie, sage ich, sich die Muhe nehmen wollen mich genauer zu beobachten, um das mir eben so ungunstige, als in sich ungerechte Vorurtheil gegen mich zu besiegen, oder doch zu berichtigen; und nachstdem, dass Sie in diesem Hause allen, ohne Ausnahme, verschweigen, dass wir hier nicht zum erstenmal uns antrafen.
Herr Torson kann uberzeugt sein, dass es mir nie und nirgends einfallen wird, mich seiner fruheren oder spateren Bekanntschaft zu ruhmen; erwiederte Richard, ziemlich wegwerfend. Sein ganzes Betragen hatte den Schein, als suche er Handel mit einem Menschen, von dem er selbst nicht wusste ob er ihn mehr hasse oder verachte.
Torson zuckte abermals, fasste sich aber schneller als zuvor. Erlauben Sie mir Ihnen bemerkbar zu machen, sprach er so gelassen als moglich, dass ausser Ihnen, Ihrem Freunde Iwan, mir und Lunin, Niemand von dem glorreichen Unternehmen, zu welchem wir uns vereinigt haben, in diesem Kreise die kleinste Ahnung hat. Ich bitte, ich beschwore Sie, es dabei bewenden zu lassen. Ohne meine Vergunstigung darf Lunin sich nicht regen, er ist ganz in meiner Gewalt; Iwan ist durch seinen Eid gefesselt, den er treu halten wird. Ihm, dem im ersten Grade des Bundes Aufgenommenen, ist es nach unsern Statuten noch nicht erlaubt, neue Mitglieder fur diesen zu werben. Von Ihnen und mir allein hangt es also ab, jede Kenntniss unsres grossen Geheimnisses von unserm gemeinschaftlichen Freunde, dem Kapellmeister Lange fern zu halten. Lassen Sie uns wenigstens in diesem Punkte eines Sinnes sein, vereinigen Sie nur in diesem einzigen sich mit mir, den heitern Sinn, die beneidenswerthe Ruhe dieses zufriedenen, stets frohlichen Gemuths nicht durch Dinge zu truben, die
O gewiss, gewiss! fiel Richard eilig ein, und reichte ihm sogar in freudiger Vergessenheit die dem Verhassten fruher verweigerte Hand, welche dieser aber nur eben beruhrte, ohne sie zu fassen. Die gute freundliche Seele! was sollte die in unsrer geheimnissvollen Mitte! fuhr Richard fort: Nein, Lange darf nie in jenes zweideutige, dunkle, unruhige Treiben gezogen werden; frei, offen, sorglos, muss er seinen harmlosen Gang durchs Leben gehen. Und moge er einst in Freuden ernten, wo wir in Dunkelheit saeten. Wenn es wirklich noch zu einer erfreulichen Ernte einst kommen sollte! setzte er fast unhorbar hinzu.
Torson erwiederte keine Sylbe, Richard schwieg ebenfalls. Dann nahm er wieder das Wort:
Ich will uber ihn wachen, ich will mit aller Anstrengung zu verhindern suchen, dass kein Laut von dorther bis zu ihm durchdringe, das gelobe ich bei Allem, was mir heilig und werth ist, und fordre das Namliche von Ihnen.
Torson versprach unbedingt, was er verlangte.
Sollte er jedoch, ohne dass ich es erfuhre, ohne dass ich es verhindern konnte, wider meinen Willen in jenen Bund gezogen werden, dann Torson, machtiger Mann, der uber Lunin und andre ahnlichen Gelichters unbeschrankte Gewalt zu uben sich ruhmt, dann sind Sie, Sie allein mir dafur verantwortlich; setzte er, plotzlich in lange unterdrucktem Zorne aufflammend, hinzu, und entfernte sich. Gleich der guten Stunde erscheinen Sie; unerwartet, aber nicht unerwunscht, und sind desshalb nur um so schoner willkommen: rief am folgenden Morgen Frau Karoline Richard entgegen, der, nach vielen misslungenen Versuchen, am vorigen Abende es endlich aufgegeben hatte, zu einem ruhigen Gesprache mit ihr zu gelangen. Die Zeit hat mich in dergleichen Unterhandlungen ein wenig aus der Ubung gebracht, fuhr sie im heitersten Humor fort; ich qualte mich so eben mit Ausdenken, wie ich es anfangen konnte, Sie ohne Vorwissen meines Eheherrn zu einem Stelldichein zu laden, und nun uberheben Sie ganz von selbst mich der Muhe. Aber Moderation, Moderation, Falkenstein! Er liebt mich so zartlich, es ruhrt ihn der Schlag! trillerte sie lachend, in die Rolle der Tante im Matrimonio Secreto, eine ihrer liebsten, sich versetzend, wahrend Richard ganz verlegen sie anstarrte.
Ungeachtet seiner innern Beklommenheit konnte aber auch er das Lachen nicht lassen; die bangste Sorge, um einen Freund stotterte er endlich.
Das ist der Punkt, vom dem ich reden wollte: unterbrach Frau Karoline ihn, pathetisch tragirend, winkte ihm, sich traulich neben ihr nieder zu lassen, und fuhr dann, ganz ernsthaft, zu ihm zu sprechen fort:
Wir, ich und mein Mann namlich, oder vielmehr mein Mann und ich, haben bis jetzt, in Hinsicht auf unsre Julie, in einem gewaltigen Irrthume gestanden, dem auch Sie, und durch Sie ihren Freund Iwan zu entreissen, mir Gewissenssache ist. Wir meinten das Madchen sei die verwaisete Tochter eines Freundes, unseres Bruders in Konigsberg, deren er menschenfreundlich sich angenommen. Ihre Stellung in der Welt schien eben nicht zu grossen Anspruchen sie zu berechtigen. Ihr Vormund hatte seine Rechte auf uns ubertragen, wir sahen deshalb Iwans Bewerbungen um ihre Gunst mit Zufriedenheit zu, und hatten auch nichts gegen die spater aufflammende gegenseitige Neigung des jungen Paares. Lieben sie sich, was geht das uns an, dachten wir, mogen sie sich immerhin lieben: eine achte Jugendliebe bewahrt vor weit schlimmern Thorheiten; dagegen aber ist ein junges unbeschaftigtes Herz, besonders ein Madchenherz, das gefahrlichste Ding von der Welt. Loset diese erste Jugendliebe sich spater in Rauch und Nebel auf, je nun! sie sehen mir beide nicht darnach aus, als ob sie vor Herzweh' daruber sterben wurden; und bewahrt sie sich als eine achte Liebe wie sie sein soll, so kann ja mit der Zeit auch eine Ehe wie sie sein soll daraus werden, beide sind jung und konnen es abwarten. So philosophirten wir, und eben nicht unvernunftig, meine ich. Doch mit dem Allen ist es nun rein aus und vorbei, und unsere Weisheit ist zur Thorheit worden. Dieses, und manches Andere was noch darum und daran hangt, mussten Sie durch mich, und soll ihr Freund durch Sie erfahren, damit wir kein Ungluck erleben; wie Sie es ihm beibringen wollen, sei Ihnen uberlassen.
Julie ist Torsons Braut? rief Richard, aufflammend in heftigem Zorne.
Warum nicht gar! so weit sind wir noch lange nicht, war die sehr gelassene Antwort. Was, wer, wohin, woher sie ist, wissen weder ich, noch mein Kapellmeister, noch Julie, noch ihr Vormund in Konigsberg, es ist damit wie mit der Hohe des Berges Sinai. Niemand weiss es als Torson, das ubrige steht bei den Gottern, setzte sie singend hinzu, von neuem in theatralischen Muthwillen verfallend.
O liebe gutige Frau! nur jetzt keine Rathsel, keine Scherze, sie peinigen mich furchtbar: flehte Richard.
Nun dann, also ganz plane, im Geschichtsstyle meiner Mutter Gans, erwiederte sie, sich zusammennehmend, und setzte wie eine Mahrchenerzahlerin ganz gravitatisch sich zurecht. Sechzehn Jahre mogen es her sein, als unsrem Bruder in Konigsberg von unbekannter Hand ein kleines zweijahriges Madchen ins Haus prakticirt wurde, mit ihr zugleich eine nicht ganz unbedeutende Summe Geld, der Abdruck eines wunderlich verschnorkelten Siegels, auf welchem kein Buchstabe sich entziffern liess, und ein Brief, in welchem er gebeten wurde Vormundsstelle bei dem Kinde zu vertreten, es von dem Ertrage des Kapitals einfach burgerlich zu erziehen, uber die Art, wie es in sein Haus gekommen, gegen Jedermann, wie auch gegen das Madchen selbst, das strengste Stillschweigen zu beobachten, den Abdruck des Siegels wohl zu bewahren, und die Zeit abzuwarten, bis Jemand kame, der ein Schreiben von der namlichen Hand, und den genau auf das Siegel passenden Siegelring ihm uberbrachte. Was dann ferner mit dem Kinde geschehen solle, wurde aus jenem zweiten Briefe sich ergeben. Unser Bruder hat, was von ihm gefordert wurde, so gewissenhaft erfullt, dass selbst wir dieses alles erst jetzt von ihm erfahren haben.
Ungemein romantisch! rief Richard in bitterm Unmuthe; und Herr Torson sind wahrscheinlich der Uberbringer des verhangnissvollen Siegelringes?
So ist's, mein Feldherr, erwiederte Frau Karoline nach gewohnter Art.
Und hat erklart, dass er gekommen sei, Julien zu ihren Eltern abzuholen? fragte Richard.
Das noch nicht, das wollen wir abwarten; ist's erst gethan, wird's auch zur Sprache kommen; war die Antwort der kleinen Frau, der es nun einmal unmoglich schien, lange uber einen Gegenstand mit gebuhrendem Ernste zu sprechen.
Aus Verdruss daruber stampfte Richard ein klein wenig mit dem Fusse, bedachte sich aber gleich wieder eines Bessern; also Julie ist eine anonyme Prinzess? fragte er wieder.
So grundlich anonym, dass sie selbst nicht weiss wer sie ist, noch wie sie heisst; erwiederte Frau Karoline.
Und dieser vermaledeite Torson ist ebenfalls solch ein anonymes Rathsel! rief, bleich vor Zorn und mit den Zahnen knirschend, Richard, der sich nicht mehr zu fassen im Stande war.
Moderation, Moderation, sonst nehme ich mir ein Herz und laufe davon; ermahnte seine Freundin.
Wie fing er es an, um in dieser anmassenden Stellung in Ihrem Hause festen Fuss zu fassen? Was wissen Sie Bestimmtes, was glauben, was halten Sie von ihm? Was steht in dem Empfehlungsbriefe, den er mitbrachte, und auf welchen er bei jeder Gelegenheit sich beruft? Aus Barmherzigkeit sagen Sie mir Alles! Um Juliens, um meines Freundes, um Ihrer selbst willen, verheimlichen Sie mir nichts, flehte Richard; der Elende betrugt Julien, meinen Freund, Sie, mich, uns Alle. Er ist, ich bleibe fest dabei, er ist der Spieler, der grunbebrillte, der Julien der Frau Marina uberliefern wollte. Und wenn er mit tausend heiligen Eiden es ablaugnet, ich setze mein Leben zum Pfande, es ist wie ich sage.
Eile mit Weile, Eile mit Weile, sagte der Imperator konnen Ew. Wohlgeboren mir nicht sagen, welcher Imperator zuerst gesagt hat, Eile mit Weile? erwiederte die muthwillige Frau; aber sie wurde gewahr, in welchen furchtbaren Zustand Richard daruber versetzt wurde, und lenkte gleich sehr besonnen wieder ein.
Ereifern Sie sich nicht uber die alberne Thorin, sprach sie begutigend; sie ist nun einmal wie sie ist, aber sie meint es ehrlich und wird, Ihnen zu Gefallen, sich eines vernunftigen Ernstes befleissigen, wenn es gleich gegen ihre Natur geht. Also, pro primo, wie kam Torson in unser Haus? Unvermuthet und unerwartet, "wie aus himmlischen Hohen die Stunde des Gluckes erscheint"; oder, wenn Ihnen das besser gefallt, wie eine Bombe durchs Fenster, die innerlich zischend und kochend eine Weile daliegt, bis sie platzt und Unheil und Verderben um sich verbreitet. Er brachte einen Brief von Juliens Vormund, der das wenige enthalt, was ich von dem bisherigen Geschicke des jungen Madchens Ihnen eben mitgetheilt habe, und uns meldet, Herr Torson, aus Drontheim, habe den bewussten Siegelring und das fruher angekundigte Schreiben mitgebracht, das neben dem Ringe als Abgesandten der Personen, von denen Julie abhangt, ihn genugend legitimirt; auch ihren bisherigen Vormund auffordert, diesem wurdigen, vortrefflichen, seiner Tugenden und liebenswurdigen Eigenschaften wegen nicht genug zu empfehlenden Manne, alle seine Rechte auf seine bisherige Mundel abzutreten, wozu er denn auch, wenn gleich sehr ungern, sich verstanden hat, und uns nun bittet, seinem Beispiele zu folgen.
Und Sie werden es? Um der ewigen Barmherzigkeit willen, sagen Sie Nein!
Mein Kapellmeister, die gute, arglose, jeder Disharmonie feindliche Seele, ist immer nur allzu geneigt, funfe fur gerade gelten zu lassen, und liesse sich wohl mit dem Allen zufrieden stellen besonders da er noch keine Anstalten sich Juliens zu bemachtigen sieht. Dass aber ich auf eine solche anonyme Empfehlung aus der dritten Hand keinen besondern Werth legen werde, trauen Sie mir hoffentlich zu. Indessen, kommt Zeit, kommt Rath.
Das ist nun einmal wieder solch ein Spruchwort, das! fuhr Richard auf, dessen Ungeduld jetzt den hochsten Grad erreicht hatte; die Zeit kommt gewiss, der Rath aber gewohnlich erst hinterdrein, wenn die Zeit sich nicht mehr einholen lasst. Aber weiter, weiter, wie betragt sich Torson gegen Julien, was scheint sie von ihm zu halten?
Zuerst blutwenig, beim ersten Auftreten missfiel er ihr durchaus, aber der Mensch ist wahrscheinlich ein lapplandischer Zauberer, denn mit rechten Dingen kann dergleichen nicht zugehen. Kaum dass er eine ziemlich lange Unterredung unter vier Augen mit ihr gehabt hatte, die er beinahe erzwingen musste, so erschien sie mit einemmale wie umgewandelt. Sie hat nur Augen und Ohren fur ihn, ist fur ihn die personificirte Hingebung, hangt an seinen Blicken, duldet dass er ihre Hande kusst, ihr Wangen und Arme streichelt, nimmt Geschenke von ihm an, putzt sich damit, nach seiner Anordnung. Gegen uns aber, besonders gegen mich, ist sie zuruckhaltend, und doch dabei so gut und lieb. Will ich forschen, warnen, ermahnen, was ich doch wahrlich nicht ganz lassen kann, indem ihr Schicksal mir sehr am Herzen liegt, so fallt sie mir um den Hals, antwortet keine Sylbe, lasst schweigend alles uber sich ergehen; aber in ihren guten treuen Augen liegt eine so ruhrende Bitte um Schonung dem widerstehe, wer da kann, mir bricht das Herz dabei.
Und Iwan! Iwan! duldet er das alles?
Auch ihn hat der lapplandische Hexenmeister umstrickt, er ist wie mit Blindheit geschlagen, war die Antwort; er ist der unerklarlichen Macht dieses Menschen dermassen verfallen, dass er nichts sieht noch hort, als was jener ihn sehen und horen lassen will. Torson ist listig und fein genug, um in Iwans Verhaltnisse zu Julien keinen sichtbaren Zwang eintreten zu lassen, und das beruhigt diesen. Zwar ist er nie mit Julien allein, Torson steht immer als dritte Person zwischen den beiden, weiss sie aber so zu leiten, dass er nie storend erscheint.
Nirgends, nirgends ein Ausweg! ich fange an die ganze Gewalt des Zaubers zu begreifen, dem Iwan verfallen ist; es giebt Dinge, Verhaltnisse, theure Freundin, die ich nie gegen Sie aussprechen darf, und eben deshalb sehe ich keine Hulfe! klagte Richard, und ging trostlos die Hande ringend, im Zimmer auf und ab.
Sie konnen viel, Sie konnen Alles, wollen Sie nur; jeder kann was er will, wenn er recht will; erwiederte Frau Karoline mit grossem Ernste, der ihr seltsam genug stand, aber eben deshalb um so imposanter auf Richard wirkte. Fur Julien sein Sie unbesorgt, die steht unter meiner Obhut, ich wache uber sie; jener Elende soll sich ihrer nicht bemachtigen, und musste ich selbst mich zu den Fussen unsers Kaisers werfen, um seinen Schutz fur sie aufzurufen. Sie aber sorgen fur Ihren Freund; verlieren Sie ihn so wenig als moglich aus den Augen; bei seiner und Juliens grossen Unbekanntschaft mit der Welt, sind beide ja nur als unmundige Kinder zu betrachten. Wenden Sie alles an, schonen Sie weder Geld noch Muhe, um deutliche, schlagende Beweise beizubringen, dass Torson nicht der ist, der er sein will, sondern vielmehr der, fur den Sie, wie auch ich, aus gultigen Grunden ihn halten. Das Nothwendigste aber ist furs erste, dass Sie den verblendeten Iwan den Schlingen Lunins entziehen, selbst mit Gewalt, wenn es sein musste. Dieser gefahrliche Taugenichts, wenn er nicht noch einen weit schlimmern Namen verdient, den Torson zu nur ihm bekannten Zwecken bei uns einfuhrte, umwindet den Arglosen gleich einer Riesenschlange, und wird von ihm nicht ablassen, bis er jedes edlere Gefuhl in seiner Seele erstickt hat. Julie und mein Kapellmeister sehen zwar nur einen harmlosen, mitunter etwas plumpen Spassmacher in ihm, der sie amusirt; mir aber grauset's dabei; wenn er seine lustigsten Scherze treibt, grinset eine Teufelsfratze aus seinen Augen mich an, und das Kainszeichen gluht hell und deutlich auf seiner Stirne.
Das Gesprach ging auf diese Weise endlich in gelassenere Berathung uber, die aber leider zu keinem bestimmten Resultate fuhren konnte. Die kluge, welterfahrne Frau ermahnte beiher ihren jungen Freund, ihrem eignen Beispiele zu folgen, in seinem Betragen gegen Torson sich einiger Massigung zu befleissigen, und Hass, Argwohn, Verachtung tief in das Innerste seiner Brust zuruck zu drangen, um, indem er sich selbst fur getauscht hingab, den schlauen Betruger wo moglich selbst zu tauschen, oder doch wenigstens die immer rege Aufmerksamkeit desselben von sich abzulenken.
Ich fuhle, setzte sie hinzu, dass ich Ihnen etwas zumuthe, was Ihrer offenen, jeder Unwahrheit abholden Natur, durchaus entgegen sein muss, aber wie soll man anders sich helfen? so ganz rein und unbefleckt kommt nun einmal keiner durch dieses Erdenleben, im Umgange mit schlechten Menschen verliert man immer selbst an eigenem Werthe, und wie ware es moglich dem ganz zu entgehen? Ubrigens sehe ich auch darin kein so schreiendes Unrecht, wenn man Leute, die uns ubel wollen, mit den namlichen Waffen bekampft, die sie gegen uns in Anwendung bringen mochten.
Der Kapellmeister, und, wie zu erwarten stand, Torson mit ihm, stellten jetzt sich ein. Zum erstenmale sah Richard diesen ganz in der Nahe, bei hellem Tageslichte, und meinte deutliche Spuren der unendlichen Sorgfalt zu entdecken, mit welcher vermittelst Anwendung von allerlei Toilettenkunsten er sich bemuht hatte, sein Ausseres durchaus zu verandern. Richard war indessen der eben erhaltenen Ermahnungen noch zu eingedenk, um nicht sein fruheres abstossendes Betragen gegen Torson in gleichgultige Hoflichkeit umzuwandeln, und es misslang ihm nicht. Torson, dem nichts so leicht entging, wurde zwar anfangs daruber etwas stutzig; fein und listig suchte er den Grund dieser Veranderung zu entdecken, aber auch Richard war auf seiner Hut. Ein Wink seiner Freundin munterte ihn auf, die einmal ubernommene Rolle durchzuspielen, und er spielte sie gut, ohne Ubertreibung.
Richard nahm sogar seinen Hut, um, da beider Weg nach Hause eine ziemliche Strecke lang der namliche war, Torson zu begleiten, als dieser Abschied nahm. Beide gingen schnell neben einander her, sie sprachen wenig unterweges, bis sie der Stelle sich naherten, wo ihr Weg sich trennte; Torson fing jetzt an langsamer zu gehen, Richard hielt mit ihm gleichen Schritt.
Suchen Sie nur nicht es mir zu verheimlichen, Ihren heutigen Besuch hat Madame Lange mir, und einzig mir zu verdanken, fing Torson plotzlich an; und nur von mir allein ist zwischen Ihnen beiden die Rede gewesen; ich sah noch meinen Namen auf Ihren Lippen schweben, als ich ins Zimmer trat. Ich freue mich daruber, da der Erfolg dieser Unterredung mir, wie es scheint, die Erfullung des Wunsches verspricht, Sie in Zukunft wenigstens nicht feindlich mir gegenuber stehen zu sehen.
Sie werden sich erinnern, Herr Torson, erwiederte Richard, dass Sie selbst mich aufforderten, bei unsern Freunden
Torson unterbrach ihn schnell: Keine Entschuldigung, wo es deren durchaus nicht bedarf, sprach er freundlich und bot ihm die Hand, welche diesmal auch nicht zuruck gewiesen wurde; unsre Freundin hat, wie ich sehe, Ihre Meinung von mir ein wenig berichtiget, ein wenig gemildert; und das verdanke ich ihr von Herzen, nicht nur fur mich, auch fur Sie, denn auch Sie gewinnen dadurch. Das Ubrige, was sonst noch wunschenswerth ware, uberlassen wir indessen der Zeit.
Beide gingen nun eine Weile wieder schweigend neben einander her, bis an den Scheidepunkt; hier stand Torson still und fasste abermals Richards Hand.
Sie sind mein Freund nicht, und werden niemals es werden; aber es wird ein Tag kommen, an welchem ich dennoch in einem andern Lichte vor Ihnen stehen werde, als eben jetzt; sprach er mit eindringendem Ernste. Fleckenlos kann ich niemals, weder vor Gott, noch vor Ihnen, noch vor mir selbst erscheinen; nicht etwa dass ich dieses im Sinne des allgemeinen Bekenntnisses der Christen sage, als: wir sind allzumal Sunder und mangeln des Ruhms! Nein, Schwereres lastet auf mir; das Schicksal hat auf weit dunkleren Wegen, als tausend Andre mich gefuhrt, und es giebt Punkte in meinem Leben, von denen ich gern auf ewig mich abwenden mochte. Nur Eines, ein Einziges wird mir dereinst Ihre Achtung und zugleich Ihr tiefstes Mitleid erwerben, dessen bin ich gewiss, und gerade das, was mich Ihren Augen jetzt am verdammlichsten zeigt; vergessen Sie diese meine Worte nicht, und beurtheilen Sie mich milder. Man erzahlt, dass eine ganze sundige lastervolle Stadt um eines einzigen Gerechten willen, der in ihr wohnte, verschont ward; sollten gute, tugendhafte Menschen, wie Sie einer sind, die ein gunstiger Zufall der Gefahr eines tiefen Sturzes nie aussetzte, diesem Beispiele nicht folgen, und um eines einzigen, wahrhaft edlen, lobenswerthen Gefuhls willen, das selbst mit bedeutender Aufopferung zu einer guten That ihn bewegt, den ubrigens tief Gesunkenen nicht schonen wollen? sich nicht huten, mit unbarmherziger Hand ihn noch tiefer hinabzustossen, bis jedes Sichwiedererheben ihm unmoglich wird?
Torsons Stimme hatte zuletzt einen ganz eigenen, fast zitternd bewegten Ton angenommen, seine Haltung schien verandert, sein Auge sich zu umdunkeln. Er wandte sich ab, druckte den Hut tiefer in die Stirne, und schritt eilends davon.
Richard stand nachsinnend eine Weile da. Komodiant! murmelte er endlich, und warf mit verachtendem Lacheln den Kopf auf. Unser Vornehmen ist meistens loblich, aber gelahmt durch mancherlei unvorhergesehene Hindernisse, hinkt leider nur zu oft die Ausfuhrung desselben hinterdrein, und kommt daruber gar nicht zu Stande. Schwache, zur Tragheit hinneigende Naturen pflegen in der ihnen angebornen Gelassenheit sich dann damit zu trosten, dass sie das Beste gewollt, nur dass man unglucklicher Weise nicht immer kann was man will. Feurige Gemuther mochten uber alles, was ihnen bei ihrem Vorhaben in den Weg tritt, vor Ungeduld ausser sich kommen, arbeiten nutzlos bis zur Ermudung sich ab, wollen erzwingen was sich nicht erzwingen lasst, gerathen daruber in Hader, Zorn und Missmuth mit der Welt und mit sich selbst, bis sie endlich aus Uberdruss alles lassen wie es ist.
In Richards Thun lag etwas von Beiden. Er nahm sich anfangs vor sehr umsichtig zu Werke zu gehen, besonders gegen Torson. Leise auftretend verfolgte er diesen Schritt fur Schritt, hatte uberall ein aufmerksames Auge, horchte uberall hin, um die Kreuz- und Querschliche seines Feindes ausfindig zu machen. Gehullt in einen unscheinbaren Uberrock, um seine Uniform dadurch zu verdecken, suchte er jene Spielhauser auf, in welchen er fruher den Grunbebrillten angetroffen; doch die Bewohner solcher Orte sind wandelbar, wie das Gluck, dessen Priester sie sind. Er fand uberall lauter neue Gesichter; von dem, welchen er suchte, wollte keine Seele jemals etwas gesehen oder gehort haben.
Er wurde es sogar nicht gescheut haben sich zur Frau Marina zu begeben, um von dieser, durch was fur Mittel es immer sei, etwas herauszubringen; aber seit Juliens Zusammentreffen mit ihr, war die gefallige Dame mit ihrem ganzen Institute aus ihrer Wohnung verschwunden, und nie wieder in Petersburg gesehen worden.
Somit war denn jede Spur erloschen, welche die Vergangenheit ihm bieten konnte; Richard hatte daruber mit dem Kopfe gegen die Wand laufen mogen, wie man im gemeinen Leben zu sagen pflegt. Er wandte, unter einem wohl ersonnenen Vorwande, um Nachricht von Torson sich an die Polizei; sie wusste nichts ihm zu sagen, als dass schon vor langerer Zeit ein Norwege Namens Torson, aus Konigsberg in Preussen nach Petersburg gekommen sei, wohl versehen mit Passen, gegen welche sich nichts einwenden liess; dass er ein durchaus nicht verdachtiges ruhiges Leben hier fuhre, seinen Wirth und alle Welt ordentlich bezahle, und folglich als eine ganz achtungswerthe, durchaus unverdachtige Person zu betrachten sei.
Mit nicht glucklicherem Erfolge erkundigte sich Richard nach ihm im Postbureau. Torson erhielt nie Briefe, wenigstens kamen keine unter seiner Adresse an ihn an.
In einer Art wilder Verzweiflung, liess Richard sich sogar zu einem Schritte herab, den er selbst verachtlich fand, und dessen er vor sich selbst sich schamen musste; er machte sich an Torsons Diener, den einzigen den dieser hielt, um von diesem etwas zu erforschen.
Der Mensch war ein Stock-Russe, tief aus dem Innern des Landes, und war gleich bei seiner Ankunft in seinen jetzigen Dienst gekommen. Von seinem Herrn wusste er nichts zu sagen, als dass er guten Sold, viel Schnaps und blutwenig Prugel von ihm erhalte, sogar nach Herzenswunsch alle Talglichter getrost verspeisen konne, welche eigentlich dienen sollten, Treppe und Vorsaal zu erleuchten, ohne dass ihm daruber nur ein zorniges Gesicht gemacht wurde. Ubrigens, wenn er Morgens seinen Herrn an- und Abends wieder ausgekleidet habe, hatte er den ganzen Tag uber nichts zu thun als zu essen, sich zu betrinken, den Rausch wieder auszuschlafen, und fuhre daher bei seinem Gebieter ein Leben, wie die Engel im Himmel. Richard stampfte mit dem Fusse, aber was half ihm das? Richards Unmuth, uber dieses vollige Misslingen aller seiner Plane in Hinsicht auf Torson, war granzenlos, aber das Benehmen seines noch immer geliebten Freundes, den er obendrein von heimlichen Gefahren umringt sich dachte, traf ihn noch schmerzlicher. Iwans Vertrauen wieder zu gewinnen schien unmoglich, soviel er auch sich darum bemuhte; denn Iwan hatte nicht sowohl sich von ihm abgewendet, als vielmehr sich von ihm abgewohnt. Er fuhlte nicht mehr das Bedurfniss, Abends dem Freunde alles mitzutheilen, was er den Tag uber erlebt, vollbracht, ja sogar was er gedacht, weil Richard mehrere Monate hindurch sich hatte vermissen lassen, gerade in den Stunden, die er sonst taglich mit ihm zuzubringen pflegte.
Der Mensch ist ein Sklave der Gewohnheit, besonders der weniger gebildete; es wurde dem schlauen Lunin ungemein leicht, die in Iwans Herzen wie in seiner Lebensweise aus Richards Abwesenheit entstehende Leere, welche durch das krankende Gefuhl der Vernachlassigung nur noch fuhlbarer wurde, nach Gefallen zu benutzen. Neue Bekanntschaften mussten die Lucke ausfullen, Zerstreuungen, Lustparthien ihn betauben helfen, bis er keiner einzigen seiner freien Stunden mehr Herr war. Durch Vermittelung seiner neuen Freunde war er abermals in einen Strudel geselliger Freuden gerathen, von denen manche der Art waren, dass er weder vor Julien noch vor Richard sich ihrer hatte ruhmen mogen. Auch bewog Lunin durch allerlei Neckereien ihn sehr bald, seinem alten Freunde absichtlich aus dem Wege zu gehen, um den uberlastigen Ermahnungen und Strafpredigten des uberweisen Herrn Hofmeisters, wie Lunin ihn nannte, auszuweichen; besonders war dies der Fall, wenn Iwan kein ganz reines Gewissen hatte, und der kam leider nur zu oft.
Und so blieb denn Richards treues Bemuhen, sich dem irre gefuhrten Freunde wieder zu nahern, ebenfalls ohne Erfolg; nicht nur, dass ihm jeder Versuch, Iwan uber Lunins Unwerth die Augen zu offnen, misslang, Iwan gerieth jedesmal daruber in kaum zu bandigenden Zorn; und es bedurfte wirklich all' der alten Liebe, die Richard noch in seinem Herzen zu ihm trug, all' des Mitleids, welches diese eben so unbegreifliche als gefahrliche Verblendung in ihm erregte, um dabei in leidlicher Fassung zu bleiben, und durch schwer zu erringende Massigung einen nie zu heilenden Bruch abzuwenden, der fur beide nur hochst verderblich ausfallen konnte.
Iwans Gefuhl fur Torson schien von dem, was er fur Lunin empfand sehr verschieden, es glich mehr scheuer Verehrung als inniger Liebe. Jede Ausserung zum Nachtheil desselben, jedes ihn tadelnde Wort, nahm er als eine ihm selbst widerfahrne Beleidigung auf, und vertheidigte ihn nach besten Kraften mit Grunden oder mit Heftigkeit und Drohungen, wie es eben gehen wollte. Andeutung, oder Anspielungen auf jene oft besprochne Ahnlichkeit, die er nur in sehr geringem Grade zugab, duldete er durchaus nicht; dagegen wurde jedes Wort des hochverehrten Mannes gleich einem weisen, keinem Zweifel unterworfnen Orakelspruche aufgenommen, und wehe dem, der etwas dagegen einzuwenden wagte.
Richard wusste sich endlich nicht anders zu rathen, als dass er auf Torsons sehr vertrautes Betragen gegen Julien ihn aufmerksam machte, auf die reichen Geschenke, welche diese ohne Weigerung von dem fremden Manne annahm, Iwan brach daruber in helles Lachen aus.
Warum, sprach er, sollte sie diese theuern Flitter, die ihr Freude machen und die ich ihr nicht kaufen kann, nicht annehmen? sie werden mit dem grossten Vergnugen ihr geboten, und sie braucht nur die Hand darnach auszustrecken, ohne sich dadurch irgend eine Verbindlichkeit aufzuladen. Hast Du denn nicht das namliche gethan? weisst Du noch an jenem Abende, dem ersten in der Kaserne, wo ich von lauter solchen Kostbarkeiten Dich umringt fand? Und was den vertraulichen Ton betrifft, der Dir so sehr an ihm missfallt! soll man denn immer aus dem Komplimentirbuche sprechen? ich gestehe es Dir, ich bin des faden geschnorkelten Wesens mude, es thut mir im Herzen wohl, wenn ich einmal ein gerades, aus offner Brust gesprochnes Wort zu horen bekomme. Auf Julie verlass ich mich, sie ist rein und treu wie Gold; Torfon kommt neben ihr mir vor, wie so ein Onkel aus Mexiko oder Lissabon oder Jamaika, was weiss ich, den wir letzthin auf dem Theater spielen sahen. Gonne doch den beiden ihr unschuldiges Vergnugen an einander! wenn ich es zufrieden bin, was geht es Dich weiter an? Und ich bitte Dich um Gotteswillen, mache Dich nur nicht lacherlich, indem Du mich eifersuchtig machen willst; ich eifersuchtig auf den alten Herrn! truge ich nur die kleinste Anlage zur Eifersucht in mir, so gabe es doch noch ganz andere Leute, die zu dieser Albernheit mich bewegen konnten, und das ganz in der Nahe Du selbst zum Exempel, mein uberweiser Freund. Seit langerer, oder vielmehr seit langer Zeit, hatte keine Versammlung des Bundes Statt gehabt; die Gemuther waren fur des Obrist Pestels sonst so machtigen Einfluss durch nicht ganz erfreuliche Nachrichten etwas weniger empfanglich geworden; denn keiner seiner, als unfehlbar von ihm angekundigten Versuche, aus den in Moskau und andern Theilen des russischen Reichs bestehenden Vereinen zum Wohl des Vaterlandes mit dem Petersburger Bunde der achten Kinder desselben ein Ganzes bilden zu wollen, war ihm gelungen. Niemand wollte zu jener blinden Unterwerfung unter den Willen des Rathes der Alten sich verstehen, dessen Oberhaupt Pestel, als Prasident desselben, eigentlich war, weil dieser unbedingte Gehorsam zu den grasslichsten Verbrechen fuhren konnte.
Der Vorsatz, mit grosser Massigung und vieler Umsicht zu verfahren, sprach von allen Seiten sich aus. Man wunschte durch Lehre und Beispiel das Volk auf die Verbesserung seiner burgerlichen Zustande allmalig vorzubereiten, die allgemeine Verbreitung nutzlicher Kenntnisse herbeizufuhren, die Sitten zu verbessern, und auf Vernichtung alter, tief eingewurzelter Volksvorurtheile hinzuarbeiten.
In diesem Sinne auf die Nation zu wirken, wurde von den edleren und machtigeren Mitgliedern jener Vereine fur allein wunschenswerth erklart; sie waren bereit, mit aller Kraft zur Erhohung des allgemeinen Wohlstandes beizutragen, nur musste jede Gewaltthat vermieden werden; und von einem Eide, der zu willenlosen Werkzeugen sie herabwurdigen sollte, wandten alle mit Entsetzen und Widerwillen sich ab.
Innerlich ergrimmt uber diese seinen noch tief verborgenen Planen entgegentretenden Hindernisse, besass Pestel, ungeachtet seiner schwererrungenen Selbstbeherrschung, doch nicht immer Kraft genug, um das Gefuhl das in ihm tobte ganz zu unterdrucken, wenn er, was wiederholt der Fall war, von dem schlechten Erfolge seiner Unterhandlungen Bericht ablegen musste.
Die Verblendeten! rief er einst, unwillkurlich von Zorn hingerissen, in einer Versammlung des engsten Ausschusses, in welcher keines der jungern Mitglieder, folglich weder Richard noch die beiden Sohne des Fursten Andreas gegenwartig waren: Die Verblendeten! die Thoren! die nicht sehen, nicht ahnen, dass mit schonendem, einen jeden mit erlauternden Grunden dessen was von ihm gefordert wird bedienendem Geschwatze, hier nichts gethan werden kann. Sie begreifen nicht, dass gerade der Weg den sie einschlagen mochten, zum Grauel aller Grauel nothwendig fuhren muss, zur wildesten Anarchie eines kaum zur Halfte kultivirten Volkes, wo keiner gehorchen, alle befehlen wollen, bis daruber alles zu Grunde geht, und die Trummer uber Kluge und Narren zusammen schlagen.
Nein, meine Bruder, Krebsschaden lassen nicht mit Rosenwasser sich heilen; Gehorsam, blinder Gehorsam der rohen Menge, unbekannten Obern und unbekannten Gesetzen auf Tod und Leben gewidmet, ist die einzige solide Basis, auf welche der Grundstein zum Bau allgemeinen Wohls und allgemeiner Freiheit sicher und dauernd gelegt werden kann, musste selbst einiges Blut dabei als Mortel dienen. Ist dieses einmal vollbracht, dann ist es an den kundigen Meistern, den Bau im hellen Sonnenlichte weiter zu fordern, ihn zu vollenden, so gross, so strahlend, so herrlich, als menschlicher Sinn und menschliche Kraft es vermogen.
Wie dieser Gehorsam zu erzwingen sei, da er, wie es scheint, in Gute uns nicht werden soll, dem sei von heute an unser angestrengtestes Nachdenken geweiht; jeder von uns moge, bei unsrer nachsten Zusammenkunft, das Resultat seines ernsten Uberlegens den Andern zur Berathung daruber mittheilen.
Nur auf eines erlaube ich mir, die Versammlung aufmerksam zu machen. In unsrer nachsten Nahe, in den Reihen unsrer Bruder steht E i n e r , von der Natur mit Allem ausgerustet, um uns fur diesen Zweck als tuchtigstes Werkzeug zu dienen, und alles niederzuwerfen, was sich uns entgegen stellen mochte. Mit riesengleicher korperlicher Starke, geistig mit eisernem Willen, mit dem furchtlosesten Muthe, mit einer Brust ohne Erbarmen, sobald es unsrem Bunde gilt, der ihm alles ist, Gott, Religion und Gesetz; mit einem Worte ein Mann, dem ausser dem Bunde nichts heilig ist, der das Wort Berucksichtigung nicht kennt, den kein Band an das burgerliche Leben fesselt, kein Vater, keine Mutter, weder Geschwister noch Verwandte, weder ein Freund noch eine Geliebte. Isolirt wie er, steht und stand vielleicht noch nie einer in der Welt.
Leute die ihn kennen, nennen ihn einen ruchlosen Abenteurer, ich mochte sagen er sei mehr, er sei der inkarnirte Teufel in Person, aber das hindert nichts; uns ist er treu, und wenn die Noth gebietet, darf man wohl die Hulfe boser Damonen benutzen, sobald man nur der rechten Zauberformel gewiss ist, sie im gehorigen Augenblicke wieder fest zu bannen.
Der den ich meine ist Lunin, der uns allen wohlbekannte. Er hat schon einige ihm ahnliche junge Leute, von denen aber keiner mit ihm auf gleicher Hohe steht, an sich gezogen; andre stehen in der Nahe wie in der Ferne bereit, auf einen Wink von ihm herbei zu eilen, roh, leidenschaftlich, zugellos, voll der ausgesprochensten Lebensverachtung, wie er selbst. Im Nu kann er deren einige Hundert um sich versammeln, die er erbotig ist, unter dem Namen einer verlornen Kohorte, sich selbst an der Spitze, zu unsrer Disposition zu stellen. Kommt nun der grosse Tag, lassen wir diese Wurgengel los, um
Ein uberlauter allgemeiner Schrei des Entsetzens, des emportesten. Widerwillens, unterbrach den Redner, und liess ihn nicht wieder zum Worte kommen; ein Fall, den er noch nie erlebt hatte. Er selbst mochte wohl fuhlen, dass er zu weit gegangen sei, dass er von Unmuth und heimlichem Zurnen sich habe verleiten lassen, der ihm sonst eignen Vorsicht zu vergessen und seine Karten aufzudecken, ehe das Spiel gewonnen war. Er wollte wieder einlenken, mildern, erlautern, doch seine Stimme konnte durch das allgemeine aufgebrachte Tosen nicht durchdringen. Eigentlich wurde keine einzelne recht vernehmbar; gleich den emporten Meereswogen sturmten alle durch einander, und nur in Geberden, Blicken und lautem unverstandlichem Geschrei sprach das allgemeine Missfallen sich aus.
Lange wahrte es, bevor es den Gemassigsten und Angesehensten gelang, die emporten Gemuther durch ernstes Zureden in sofern zu beschwichtigen, dass sie wieder zu einiger Besinnung gelangten, und die Versammlung ohne formlichen Bruch auseinander ging. Obrist Pestel aber hutete sich weislich dafur, sie so bald wieder zusammen zu berufen, und uberliess es inzwischen der Zeit, den ublen Eindruck, den sein letzter Vortrag hinterlassen hatte, wieder zu verloschen. Richard war durch Dienstgeschafte zu einer kleinen Reise veranlasst worden, die einige Tage langer, als er es erwartet hatte, von Petersburg ihn entfernt hielt. Er war die ganze Zeit uber ohne Nachricht von dort her geblieben, und hatte bei seiner Ruckkehr sich eben voll ungeduldiger Erwartung aus dem Sattel geschwungen, als eine dringende Aufforderung, noch am Abende des namlichen Tages in der Bundesversammlung unfehlbar zu erscheinen, ihn bis zum Erschrekken uberraschte. Seit vielen, vielen Monaten war, wie eben erwahnt worden ist, von keiner solchen die Rede gewesen, und das Ungewohnte derselben mochte die wunderliche Angst, das unheilwitternde Grausen erregen, das schaudernd durch Mark und Gebein ihm dabei fuhr, und sich weder weglachen, noch wegdemonstriren lassen wollte. Er schamte sich dessen nicht wenig, aber das Herz wurde ihm deshalb um nichts leichter.
Seine Unruhe trieb ihn zum Grafen Stephan, um bei diesem Schutz gegen sich selbst zu suchen, und auch vielleicht etwas Bestimmtes uber die Veranlassung zu dem Aufrufe, der ihn so beunruhigte, zu erfahren; er fand ihn nicht daheim, und auch die Grafin konnte seinen Besuch nicht annehmen, weil zwei ihrer Kinder plotzlich und heftig erkrankt waren.
Er eilte zum Fursten Konstantin, dessen Palast ganz in der Nahe lag; der Furst war eben ausgefahren.
Nicht anders ging es ihm beim Fursten Andreas; er fand weder diesen noch einen seiner beiden Sohne. Richards innere Beklommenheit steigerte sich furchtbar; er wollte als rein korperlich, als Vorgefuhl einer herannahenden schweren Krankheit sie sich erklaren, denn er wusste nicht mehr woran er mit sich selbst war; aber er fuhlte sich vollkommen gesund, ohne die kleinste Spur eines Ubelbefindens.
Ist der Fall denn etwas so ganz Unerhortes, dass man zur allgemein ublichen Visitenstunde keinen zu Hause antrifft, weil alle auf verschiedenen Wegen zerstreut sind, um diese lastige Gesellschaftspflicht zu erfullen? fragte er sich selbst; ist es nicht mir und jedem, der in der Gesellschaft lebt, schon unzahlige Male begegnet, warum muss es denn gerade heute so sehr mir auffallen?
Fast beschamt, beim Wiedersehen nach tagelanger Abwesenheit in dieser unverantwortlich truben Stimmung zu erscheinen, konnte Richard es sich doch nicht versagen, Trost und Ermuthigung dort zu suchen, wo er sicher sein konnte, beides zu finden. Helena war bei ihrer Mutter in einer kleinen Gesellschaft, die sich zum Fruhstuck dort versammelt hatte. Richard erhielt sogleich Zutritt, sobald sein Name genannt wurde, Eudoxia empfing ihn mit gewohnter Huld und Freundlichkeit; die grosstentheils aus Damen bestehende Gesellschaft folgte ihrem Beispiele, und Helenas lachelnder Gruss drang wie ein erwarmender Sonnenstrahl in sein getrubtes Gemuth.
Das durch Richards Ankunft unterbrochene allgemeine Gesprach wurde wieder angeknupft, das neueste Stuck im Theater, die gestrige Assemblee, die heutige Tagesgeschichte wurden lebhaft vorgetragen, besprochen, belacht; Scherz, Lust, Zufriedenheit leuchteten aus allen diesen muntern Augen.
Warum hangt denn Diesen der Himmel so voll Geigen, und uber mir allein so schwer und dunkel herab? doch wohl nur, weil ich ein hypochondrischer Thor bin! dachte Richard, und strebte nach einem ihn aufrichtenden Blicke von Helenen.
Ihr Auge begegnete dem Seinen, doch ach! der bei seinem unerwarteten Erscheinen es belebende Glanz war erloschen, ein unverkennbarer Ausdruck von Niedergeschlagenheit und bangem Besorgtsein hatte ihn verdrangt, so viel Muhe sie sich auch geben mochte, dies der Gesellschaft zu verbergen.
Sie weiss! sie weiss, wovon die Andern noch nichts wissen! rief es in Richards vorahnendem Gemuthe. Er wollte in ihre Nahe gelangen, aber auch nur zwei Worte in dieser Umgebung ihr unbelauscht zuzuflustern, war unmoglich.
Die Gesellschaft erhob sich, die Wagen fuhren vor; jetzt endlich, jetzt! jubelte Richard innerlich; aber sie Alle waren zusammen gekommen, um nach dem Fruhstuck gemeinschaftlich in das Konzert eines beruhmten Violinisten sich zu begeben, welches fur die spateren Vormittagsstunden der vornehmen Welt angekundigt worden war, und Richard wurde von der Furstin Eudoxia eingeladen, sie zu begleiten. Er musste den Vorsatz aufgeben, den Kapellmeister Lange zu besuchen, um vielleicht in dessen Hause etwas zu erfahren. Er hoffte im Konzert ihn anzutreffen, aber auch dort, wo er und die Seinen nie zu fehlen gewohnt waren, suchte er zu seiner grossen Verwunderung ihn vergebens; selbst Torson und Julie waren nicht zugegen, was seine immer steigende Besorgniss noch vermehrte.
Der ganze Tag blieb ubrigens fur ihn einer von jenen nicht genug zu verwunschenden, an welchen man durch tausend unbedeutende Zufalligkeiten abgehalten wird zu thun, was man mochte, und zu dem was man nicht will, sich gezwungen sieht; bis endlich die Stunde schlug, welche in die Versammlung ihn rief. Bis zur letzten Stunde von dem ihn neckenden Missgeschicke des heutigen Tages verfolgt und aufgehalten, war Richard der zuletzt dort Ankommende; gleich hinter ihm wurde die Thure, und zwar diesmal mit ungewohnlicher Sorgfalt geschlossen.
Obrist Pestel schien nur seine Ankunft abgewartet zu haben; denn, sobald Richard seinen gewohnten Platz eingenommen, bereitete er sich, die Sitzung, wie er immer zu thun pflegte, mit einer Anrede an die Versammlung zu eroffnen, die diesesmal ungewohnlich zahlreich, und, mit nicht zu verkennender Auswahl, aus allen drei Graden der Verbundeten zusammen gesetzt war. Richards Blicke irrten forschend umher; die ernsten Gesichter der Mehrzahl trugen nur den Ausdruck gespanntester Erwartung; Furst Andreas und die zu ihm sich hielten, blickten schweigend vor sich hin, ohne in Haltung und Miene das Geringste von dem, was in ihnen vorgehen mochte, zu verrathen. Mit wild funkelnden Augen, rohen Trotz in den leidenschaftlich verzerrten Zugen, stand seitwarts eine etwas abgesonderte Gruppe junger Manner um Lunin versammelt, von der Richard mit Widerwillen sich abwandte, herzlich froh seinen Iwan nicht unter diesen zu erblicken. Sein Auge suchte den Grafen Stephan, und fand ihn bald an seinem gewohnten Platze; regungslos, in sich selbst versunken, mit tief gebeugtem Haupte sass er da, ein Schmerzensbild.
Feierlich-langsam, mit tiefer gemassigter Stimme begann Obrist Pestel jetzt seine Rede; sie klang wie Trauergelaute, das dem Leichenzuge des Gluckes eines ganzen Hauses vorangeht, alle die es horen auf ein grosses Unheil vorbereitend, das im Begriffe zerschmetternd auf sie zu sturzen, in diesem Augenblicke noch uber ihrem Haupte hangt. Dann zog der Redner ein Papier hervor, entfaltete es mit vieler Feierlichkeit, um es vorzulesen; es war ein Brief von einem eben abwesenden Mitgliede des Bundes, einem der angesehensten und eifrigsten, das sogar zu den ersten Stiftern desselben gehorte. Das Schreiben war an den Grafen Stephan gerichtet und Pestel mitgetheilt worden.
Ein banges Aufstohnen, gleich dem eines unter Qualen Verscheidenden, zitterte durch das allgemeine Schweigen; es rang aus Stephans Brust sich los, immer tiefer und tiefer sank sein vorhin schon gebeugtes Haupt fast bis auf seine Kniee herab; seine Hande falteten sich konvulsivisch uber demselben, und verbargen vollig sein Angesicht. Richard hatte keinen Athem mehr; kein Laut rings umher, nur das Picken der Taschenuhren, und die Stimme des Vorlesers waren zu horen.
Der Kaiser, so verkundete jener Brief, der Kaiser, wie man aus sichrer Hand weiss, hat beschlossen, alle eroberten Provinzen Polen wiederzugeben, sich selbst, nebst seinem Hofe, nach Warschau zuruckzuziehen, und das ungluckliche Russland, unbeschutzt, rathlos und hulflos, der diesem Schritte entspringenden wilden Unordnung, der morderischen Wuth, der rasenden Anarchie des auf das Ausserste gebrachten, zugellosen Volkes zu uberlassen.
Eine Sekunde lang herrschte Schweigen, lautloses Schweigen wie im Grabe; dann brach der Sturm aus. Ahnlich jenen Orkanen der Tropenlander, die, plotzlich aus tiefster Stille er wachend, Felsen zersplittern, tausendjahrige Baume entwurzeln, Seen und Inseln vernichten und schaffen, und den Lauf der Strome verandern, tobte der furchtbarste Tumult. Der schadenfroheste Damon, der jemals der Holle sich entschwang, hatte uber sie Alle die Schaale der Verblendung ausgegossen; so viele helle Kopfe unter ihnen! die gewiss in bessern Momenten das schlecht ersonnene Mahrchen hohnend verlacht haben wurden! sie glaubten Alle daran.
Zuerst vereinten alle diese Kehlen sich in einem einzigen Schreckensschrei; es war als ob davor die Wande erbebend einsturzen, die Decke des Saales aus den Fugen gehoben, weit weg in die Lufte fortgeschleudert werden musse. Einzelne Gruppen, von den ubrigen sich absondernd, bildeten sich, Waffen blitzten in vielen Handen; furchtbarer noch als diese, ergluhten Augen in wilder Raserei. Gleich gereizten Hyanen, mit gestraubtem Haar, schaumend vor innerer Wuth, unter unerhorten Fluchen und Verwunschungen sturzten einige auf die Kniee, der blutigsten Rache sich zu weihen; vertraute Freunde verbanden durch einen furchtbaren Eid sich zum schonungslosesten Kampfe auf Leben und Tod. Alte, im Dienste ergraute Krieger weinten vor Zorn brennend heisse Thranen, Andre starrten, vor Schreck uber das Unerhorte, mit weit offenen, erstorbenen Augen in den Tumult hinein; noch Andre brachen in laute Klagen, in Verwunschungen ihres Geschickes aus, zerrauften ihr Haar, rissen Sterne und Orden, die sie schmuckten, von ihren Kleidern herunter und traten sie mit Fussen. Wuth, Emporung, Verzweiflung uberall! eine Scene, die nur Dante, der Sanger der Holle, in ihrer entsetzlichen Wahrheit zu schildern vermochte.
Endlich fuhrte physische Ermattung einen kurzen Anschein von Ruhe herbei. Pestel wollte diese benutzen: Der grosse Augenblick ist gekommen, die uns gegebene Kraft zu bewahren, rief er mit lauter klangvoller Stimme; die hehre, dem heiligen Vaterlande geweihte Stunde schlagt, wo die verlorne Kohorte, den tapfern Lunin an ihrer Spitze, alles vor sich niedermahend, uns den Weg bahnen
Er ward nicht weiter gehort; lauter, grimmiger noch als vorher, rasete von neuem der Tumult. Selbst Pestel wurde einen Augenblick bleich; Lunins kolossale Gestalt hatte katzenartig, gleich einem zum Sprunge auf sein Opfer bereiten Raubthiere, sich bis zu ihm durchgewunden, er verschwand sogleich auf einen Wink seines Meisters in die entfernteste Ecke des Saales. Richard folgte ihm mit den Augen; Torson, den dieser Blick suchte, den er schon lange vermisst hatte, schien unbegreiflicher Weise gar nicht zugegen zu sein, auch Iwan war nirgends zu erblicken.
Nur Einer ist der Schuldige, und dieser Eine busse es mit dem Leben! Schonung und Rache dem verrathenen Volke, Tod und Untergang dem Verrather! rief eine, den wilden Tumult ubertonende, durchdringend laute Stimme, und plotzliche Stille entstand. Furst Theodor, Obrist eines Regiments, dem seine Zeitgenossen den bezeichnenden Beinamen, der Tiger, beilegten, hatte diese Worte gerufen.
Und nun zum erstenmale wurde von den Verbundeten jenes grausenvolle Wort ausgesprochen, jenes Wort, das nie gefunden sein sollte, Kaisermord!
Die starksten Nerven erbebten, die lautesten Kehlen verstummten vor dem schauervollen, wenn gleich fast tonlos ausgestossenen Klange, er bebte erschutternd in jedem Ohre, gleich dem Donner des Weltenrichters.
Doch diese Stille wurde bald wieder unterbrochen; neue Debatten, bei denen Pestel sein gewohntes Ubergewicht wieder geltend machte, erhoben sich, aber leider nicht um gegen ein Verbrechen anzukampfen, das bei der gegenwartigen Lage der Dinge von der Mehrzahl als unvermeidlich nothwendig angesehen wurde; die wenigen besser Gesinnten, die gegen diese Ansicht sich erhoben, wurden schnell uberstimmt und mussten verstummen.
Und nun noch das Grasslichste! die hier leise geflu
sterten, dort laut gepflogenen, oder in thierischer Wuth laut gebrullten Berathungen uber das Wie und Wann! Sie wahrten lange, sie drohten immer heftiger und verworrener zu werden, bis die alle ubertonende Donnerstimme des Tigerfursten ihnen ein Ende machte.
Wartet! rief er, wartet, bis in nachster Woche mein
Regiment die Wachen bezieht! Dann vollbringe Einer unter uns, was zur Rettung Aller vollbracht werden muss. Dazu braucht es nur eines Kopfes, eines Arms, was sollen da viele? Doch welchen unter uns das Geschick zu dieser grossen That erkoren hat, das werde hier, und noch in dieser Stunde, durch das Loos bestimmt, ehe wir fur heute aus einander gehen.
Von allen Seiten wurde diesem Vorschlage sturmi
scher Beifall gezollt, der dem langwierigen, immer mehr sich erbitternden Streite ein Ende zu machen versprach. Was man zu dem grausigen Spiele nothwendig brauchte, war zur Hand, wenn gleich zu andern Zwecken bestimmt; die Voranstalten dazu waren also in wenigen Minuten bewerkstelligt, die Haupter der Anwesenden gezahlt; Sergius, als Secretair des Bundes, brachte die verhangnissvolle Urne herbei, und warf eine gleiche Anzahl weisser Kugeln hinein, nur eine, eine Einzige unter diesen, blinkte in rothem trugerischem Goldglanze. Das Gerausch mit welchem jede derselben langsam gezahlt und einzeln auf den Boden des Gefasses hinabgelassen wurde, durchschauerte auch die muthigsten Heldenherzen mit innerm Grauen.
Jetzt sollte das Todesloos gezogen werden, doch keine Hand regte sich, um die Ziehung zu beginnen. Von druckender Vorahnung befangen, mit bleichen Gesichtern und hochaufathmender Brust, standen sie Alle wie am Boden festgebannt umher. Keiner von diesen Vielen, die noch vor wenigen Minuten den wildesten Ausbruchen ungemassigter Leidenschaftlichkeit sich hingaben, wollte hier der Erste sein, kein Einziger von denen, die sonst uberall es sein wollten. Auch Pestel suchte noch nach Worten, eindringend genug, um den Bann zu losen, der sie gefesselt hielt; er selbst konnte nicht der Erste sein, der sein Loos zog, denn als Prasident des Bundes war die ganz zuletzt auf dem Boden der Urne zuruckbleibende Kugel fur ihn bestimmt.
Ein angstlicher, unartikulirt, wie in hochster Todesnoth ausgestossener Schrei schreckte alle aus der dustern Versunkenheit auf, die sie befangen hielt; mit alles was ihr im Wege stand vor sich niederwerfender Riesenkraft, drangte sich aus dem Hintergrunde des Saales durch die Reihen der Bruder hindurch, bis dicht vor Pestel hin eine Gestalt, die beim ersten Anblicke Niemand erkannte. Ein Schreckensbild hochster Verzweiflung, mit weit hervorquellenden, blutunterlaufenen starren Augen, mit wild sich straubendem, verworrenem Haar, mit wie im Todeskampfe konvulsivisch verzerrtem bleichem Gesicht. Er schleuderte mit machtigem Arm die Urne mit den Kugeln fort, sie fiel zu Boden, die Kugeln rollten im Saale umher, und die goldene fuhrte der Zufall dicht zu seinen Fussen hin.
Er raffte unter lautem damonischen Gelachter sie auf, und hielt hoch uber seinem Haupte sie der Versammlung entgegen: ein Wunder! jubelte er; ein sichtbares Zeichen von dort Oben oder vielleicht von dort Unten? gleichviel, ich bin der Erwahlte!
Yakuchin! Iwan Yakuchin! erscholl es von mehreren Seiten. Es war der ungluckliche, es war Richards Iwan, den man jetzt an der Stimme erkannte.
Richard drangte zu dem Wahnsinnigen sich hin, denn dafur hielt er, und mussten Alle ihn halten, aber ein einziger gewaltiger Stoss warf ihn weit zuruck.
Wer sich selbst lieb hat, der ruhre mich nicht an, der wage nicht mir zu nahe zu kommen, rief Iwan. Ihr meint, ich sei rasend; ich bin es nicht, aber ich warne Euch dennoch, ich bin gefahrlich. Ich kenne Niemand mehr, weder Feind noch Freund, Ihr Alle, die ganze Welt ist mir wie Staub unterm Fusse, denn das Schicksal hat in mir, in mir allein sein Opfer auserkoren. Verlassener, verrathener als ich, lebt Keiner auf Erden! dieses Jammerleben, was soll es mir? ich werfe es von mir.
Richard, Alex und noch Einige, die Mitleid fur den Jungling empfanden, sogar Obrist Pestel, naherten sich ihm abermals; bleibt zuruck! rief er befehlend, und sie gehorchten der gebietenden Gewalt hoffnungslosesten Unglucks, das offen und kuhn dem Machtigsten entgegen treten darf, so bald es nichts mehr weder zu schonen noch zu furchten hat. Sie bildeten einen dicht geschlossenen Kreis um Iwan her, hielten sich aber in der von ihm gebotenen Entfernung.
Iwan zog jetzt sein Schwert aus der Scheide; Alle, den traurigsten Ausgang erwartend, erbebten bei dem Anblicke; und doch hielt die Furcht, diesen zu beschleunigen, sie an ihren Platzen zuruck. Er aber kniete anscheinend gelassen in der Mitte des um ihn geschlossenen Kreises nieder, fasste den Griff des Schwertes mit beiden Handen, hielt ihn dicht vor der Brust, und blickte unverwandt zu der Spitze desselben auf; nur das Weisse seiner Augen blieb sichtbar, er sah aus, als ob er bete, mit unaussprechlicher Inbrunst.
Das wahrte so einige Sekunden; dann aber, immer in der namlichen Stellung verbleibend, erhob er die Stimme zum furchtbarsten Eide, den je eine menschliche Seele erdacht. Mit Worten, vor denen Alle schauderten, die sie vernahmen, weihte er sich dem Untergange, dem zeitlichen wie dem ewigen, indem er den Kaiser zu todten gelobte, und gleich nach vollbrachter That sich selbst; denn wer konnte dann noch leben wollen! setzte er mit eisiger Kalte hinzu, indem er sich von den Knieen erhob, das verworren herabhangende Haar aus der Stirne strich, und das Schwert zuruck in die Scheide stiess.
Und nun gebt mir meine Ordre, ich bin zu jeder Stunde zu Allem bereit, sprach er fast verachtend, wollte sich in militarischer Stellung hoch aufrichten, wurde aber im namlichen Augenblicke sein Bild in einem ihm gegenuber angebrachten grossen Spiegel gewahr. Unmassiges Grauen vor seiner eigenen Gestalt uberkam ihn, er taumelte, seine Kniee brachen unter ihm zusammen; hatten die, welche ihm am nachsten standen, ihn nicht in ihren Armen aufgefangen, er ware, wie aufgeloset in allen Gelenken, unfehlbar zu Boden gesunken.
Der Zustand wahrte indessen wieder nur einige Sekunden. Iwan erholte sich schnell, machte von denen so ihn hielten sich los, und stand frei da, den ernsten fragenden Blick auf die gerichtet, von welchen er Antwort erwartete.
Jetzt, da sie vor der Ausfuhrung der Frevelthat standen, die Sie kurz vorher, in blinder Wuth, unter ungeheuerm Toben gefordert hatten, und nur noch die nahere Anordnung des Vollbringens von ihnen erwartet wurde, regte sich keiner; lautloses Schweigen, uberall. Ubermannt von geheimem Schrecken, bleich, mit gesenktem Blicke standen sie da, bis einer unter ihnen sich erhob. Es war ein Officier von bedeutendem militarischem Range, dem Namen nach, vielleicht auch von Geburt ein Deutscher, wenigstens von deutscher Abkunft. Mit grosser Geistesgegenwart ergriff er glucklich den einzigen gunstigen Augenblick Pesteln zuvorzukommen, um hier, wo bis dahin nur blinder Eifer und die aufgeregteste Leidenschaftlichkeit das Wort gefuhrt hatten, auch die besanftigende Stimme der Vernunft laut werden zu lassen; ein Unternehmen, an dessen Ausfuhrung vorhin, bei dem allgemeinen Toben, gar nicht zu denken gewesen ware.
Allen vernehmbar, umstandlich, ohne durch Weitschweifigkeit zu ermuden, bestrebte sich der wohlwollende besonnene Mann das Unwahre der Nachricht, die bis zu diesem Grade sie emporen konnte, ihnen klar und deutlich auseinander zu setzen; bewies, mit nicht zu widerlegenden Grunden, die jedem einleuchten mussten, die Unmoglichkeit derselben. Schmucklos, aber eindringlich, von unerkunstelter Uberzeugung ihm eingegeben, waren seine Worte; sie entsprangen aus vollem warmem Herzen, und konnten daher den Weg zu den Herzen seiner Zuhorer nicht verfehlen. Auch glatteten viele umdusterte Stirnen sich wieder, die bleichen Gesichter farbten sich, in manchem abgewendeten Auge blinkte eine heimliche Thrane der Reue, und Dank und Beifall wurde dem Redner von allen Seiten laut gezollt.
Ermuthiget durch dieses Beispiel, bemachtigte jetzt auch Sergius sich des Worts, ehe der etwas aus der Fassung gerathne Obrist Pestel dazu kommen konnte es zu ergreifen. Beide, er und Graf Stephan, hatten zu jenen ersten Stiftern der durchaus harmlosen Gesellschaft gehort, aus welcher spater, im Verlaufe der Jahre, der jetzige Bund, unter Pestels Leitung, so ganz verschieden von jenem ersten Anfange sich entwickelt hatte. Auch in dieser umgewandelten Gestalt war Sergius noch immer einer der treuesten und eifrigsten Anhanger desselben geblieben; er bekleidete, wie schon mehrmals erwahnt worden ist, die Stelle eines Secretairs des Bundes, und gehorte als solcher zu den drei Direktoren, den Hauptern des Rathes der Alten.
Nachdem Sergius seine vollkommene Ubereinstimmung mit den Ansichten seines edlen und geistreichen Vorgangers in den warmsten Ausdrucken ausgesprochen hatte, erbat er sich die Erlaubniss jene Nachricht, die sie alle in nicht genugsam zu bereuende schmerzliche Verwirrung gesturzt habe, auch noch von einer andern Seite zu beleuchten, um auf diese Weise auch die letzte Spur ihrer zu nicht zu berechnendem Unheile fuhrenden Nachwirkung zu vertilgen. Er sagte, er wolle fur einen Augenblick das Unglaubliche, ja Unmogliche, als Wahrheit annehmen, und den Fall setzen, der Kaiser habe, wie jener unselige Brief es berichte, den unglucklichen Entschluss sein Volk zu verlassen wirklich gefasst; und ergoss sich dann mit unglaublichem Scharfsinne und anschaulichster Klarheit in Beweisen, dass selbst in diesem undenklichen Falle jenes Verbrechen, das er nicht mehr zu nennen wagen mochte, nur die unheilvollsten Folgen nach sich ziehen konne, ohne den eigentlichen Zweck des Bundes der achten Kinder des Vaterlandes im mindesten zu fordern. Im Gegentheile musse jede Moglichkeit des Gelingens dadurch auf immer vernichtet werden, aus dem einfachen Grunde, weil es dem Bunde seiner innern Einrichtung nach an allen Mitteln fehle, eine solche Unthat, wurde sie auch glucklich vollbracht, zu benutzen. In den gluhendsten Farben schilderte er ihnen nun alle Grauel der zugellosesten Emporung, die einer solchen Verletzung aller gottlichen und menschlichen Gesetze auf dem Fusse nachfolgen musse, indem er zugleich an die dem Konigsmorde in Frankreich unmittelbar folgende Schreckenszeit sie erinnerte.
Bin ich noch lebend der Gemeinschaft boser Geister verfallen? oder bin ich noch wirklich unter Menschen? rief plotzlich in heftigem Zorne auffahrend Iwan Yakuchin, nachdem er mit gespanntester Aufmerksamkeit den Reden jener beiden gefolgt war. Ihr Teufel in Menschengestalt, was habe ich Euch gethan, dass Ihr mein ehrlich ruhiges Gewissen mir nicht gonnt? dass Ihr mit einem innern Vorwurfe es belasten musstet, den ich nimmer verwinden kann? Ihr Bosewichte, ihr teuflischen Verfuhrer, habt zuerst durch blendende Hollenkunste mich zu dem grasslichen Vorsatze gebracht, das Verbrechen zu begehen, fur welches weder im Himmel noch auf Erden Vergebung ist, denn Kaisermord und Vatermord sind eins; und nun verwerft Ihr selbst als nutzlos, als uberflussig die ungeheuere That? Wie nun, wenn Ihr diese Entdeckung spater gemacht hattet, nachdem ich vollbracht was ware in dieser und jener Welt aus mir geworden, und kann ich jemals vergessen, dass ich es vollbringen gewollt?
Gleich einer uberirdischen Erscheinung, gleich einem Rache heischenden Damon, stand der zornentflammte Jungling in seiner ganzlichen Verlassenheit vor ihnen, und keiner hatte das Herz sich ihm thatig entgegenzustellen, oder auch nur ihn mit Ernst zur Ruhe zu verweisen. Einige versuchten mit besanftigenden Worten ihn zu beschwichtigen, er horte nicht darauf.
Eure wohlgesetzten Reden, Eure trefflichen Statuten, Euere herrlichen Plane fur das allgemeine Wohl des Vaterlandes, fuhren sie zum Ersinnen solcher Thaten? fuhr Iwan fort: nun so bleibt von heute an Euer Rath fern von meiner Seele, ich trete aus eurer Gemeinschaft hinaus, und scheide auf immer von Euch! Wollt Ihr vorher nicht Rath halten, ob es fur Eure Sicherheit nicht etwa erforderlich ware mich hier zu ermorden, ehe ich den Fuss uber die Schwelle setze? fragte er mit kalter schneidender Ironie. Thut es, todtet mich, was liegt mir daran, was noch am Leben? Fur eine Nussschale werfe ich es Euch hin. Nur so viel noch: dieser kleine Mord ware nicht minder uberflussig, als jener grosse es gewesen ware, und durfte in seinen Folgen doch unbequem fur Euch werden, wenn er entdeckt wurde. Ihr habt meinen Eid, den ich nie brechen kann, und hatte ich der Holle ihn geschworen; schweigen muss ich, ich sei lebend oder todt. Ihr antwortet nicht? Nun so schuttle ich an Eurer Thure den Staub von meinen Fussen und gehe nie wiederzukehren. Mogt Ihr indessen Euch nach Bequemlichkeit uber mein Leben oder meinen Tod unter Euch berathen.
Iwan wandte sich zum Gehen, Alle traten zuruck ihm freie Bahn zu lassen; mit festem Schritte ging er langsam bis zur Thure, dort schien er wie von Schwindel ergriffen zu wanken, dann betaubt im Begriff taumelnd zu sinken. Richard und Alex eilten ihm nach, ergriffen noch zur rechten Zeit ihn am Arme, und fuhrten ihn hinaus. Trubseliger, als jemals in seinem Leben, lag der gute kleine Kapellmeister Lange auf seinem Sopha; krank war er nicht, glaubte aber es zu sein, und meinte zuweilen sogar die Annaherung des Todes zu fuhlen. Eigentlich war er nur tief betrubt, und der sonst immer zufrieden Gluckliche wusste in diesen ihm ganz neuen Zustand sich nicht zu finden. Vollig entmuthiget, versagte er allen seinen Freunden den Zutritt, sogar sein Flugel blieb verschlossen, und so fehlte ihm denn Alles, was sonst sein eigentlichstes Leben ausmachte.
Nur seine treue Hausfrau war ihm geblieben; gleich einem trostenden Engel wich sie ihm fast nie von der Seite, obgleich sie noch schmerzlicher verletzt war, als er selbst. Auch jetzt sass sie, bei der sorgfaltig verhullten Lampe, an ihrem Tischchen neben ihm; um von seinen traurigen Gedanken ihn abzuziehen, hatte sie versucht ihm vorzulesen, schlug aber das Buch wieder zu, als sie gewahr wurde, wie ihre Worte unbeachtet an ihm voruber glitten.
Ist er gestorben? fragte sie leise, mit zitterndem Tone, als sie die Thure hinter sich offnen horte, ohne nach dem Eintretenden sich umzusehen.
Er lebt und vielleicht durfen wir wieder zu hoffen wagen, denn Iwan Yakuchin ist es doch den Sie meinen? antwortete eine weit sonorere Stimme als die ihres alten Dieners Jegor war, die sie zu vernehmen erwartete; erschrocken sprang sie von ihrem Sitze auf, und Furst Eugen stand vor ihr.
Seit zehn Tagen zum erstenmal, ruht der zerruttete Geist des Armen in tiefem Schlummer von seinen langen Qualen aus; moge diese Nachricht es entschuldigen, dass ich gegen Ihr Verbot mich hier einzudrangen wage: sprach Eugen mit der ihm eignen, ihn so wohl kleidenden Herzlichkeit.
Noch ehe Frau Karoline nur ein Wort antworten konnte, flog ihr Mann mit Blitzesschnelle von seinem Sopha, wie ein Pfeil von der Sehne auf. Die Gegenwart Eugens wirkte auf ihn mit magischer Gewalt, er vergass dass er sterbend sei, suchte in der entferntesten Zimmerecke seine goldbetroddelte Mutze hervor, wo sie seit vielen Tagen vollig unbeachtet geruht hatte, verlor daruber in der Eile einen seiner Pantoffeln von gesticktem Saffian, der weit weg, quer uber den Fussboden hingeschleudert wurde, bemerkte jetzt mit einemmal seine sehr vernachlassigte Toilette, fing an sich gewaltig seines Schlafpelzes von astrachanischem Lammerfelle zu schamen, in welchem sonst kein fremdes Auge ihn erblicken durfte, und kam uber dem Allen dermassen ausser Fassung, dass er nicht anders sich zu helfen wusste, als indem er einen gewaltigen Anlauf nahm, mit gleichen Fussen wieder auf das Sopha sprang, und eiligst in der Stellung eines Todtkranken sich darauf hinwarf.
Ungeachtet grosse Thranen noch in ihren Augen perlten, musste Frau Karoline uber die Hastigkeit, mit der dieses Alles vollbracht wurde, laut auflachen; Eugen konnte sich nicht enthalten ihrem Beispiele zu folgen, und auch der Kapellmeister stimmte zuletzt mit ein, und lachte lauter als die Andern uber sein eignes wunderliches Treiben.
Die Lampe wurde von ihrer Umhullung befreit, das Zimmer wie gewohnlich erleuchtet, der Kapellmeister uber sein astrachanisches Lammerfell getrostet, der Befehl, jeden weitern Besuch abzuweisen, der Dienerschaft wiederholt eingescharft, und in weniger als zehn Minuten sassen die drei Freunde in traulicher, wenn gleich nicht frohlicher Mittheilung beisammen. Rede und Gegenrede erleichterten ihnen die beklommene Brust, sie fuhlten, wie der Mensch nie des Menschen mehr bedarf, als in Trubsal und Schmerz.
Einsamkeit, so wunschenswerth sie dem Trauernden auch erscheinen mag, ist alsdann unser grosster Feind: alles ausschliessende Einsamkeit, die keine ist, noch sein kann! denn wer entfloh jemals seinen eigenen dustern Gedanken? In Mittheilung aber geht das Herz uns wieder auf; und wenn auch die Freunde nicht immer begreifen was und wie wir leiden, wenn sie auch durch ungeschicktes Trostenwollen die Wunde, die sie heilen mochten, vielleicht zu unsanft beruhren, so lernen wir doch, indem wir ihm Worte leihen, unser Ungluck und auch uns selbst besser verstehen, und treten wieder in die allgemeine Bahn des Lebens ein, von der man ohne Gefahr nie abweichen darf.
Das Geschick des Einzelnen verschwindet in dem gewaltigen Lebensstrome, der das kolossale Petersburg durchbrauset, wie der einzelne Regentropfen in den Wellen der Newa sich verliert; und so war denn auch erst an diesem namlichen Tage, und nur durch Zufall, die Kunde von Iwans lebensgefahrlichem Zustande durch des Kapellmeisters selbst gewahlte Abgeschiedenheit von der Aussenwelt bis zu diesem durchgedrungen. Ein dumpfes Gerucht liess sogar Iwans Tod befurchten, und die gutmuthigen Menschen hatten sogleich ihren treuesten Diener um Nachricht von dem Leben oder Tode des Junglings ausgesandt, den uber ihren eigenen Schmerz so ganz vernachlassiget zu haben, sie jetzt sehr bereueten. Treuer, umstandlicher, als Jegor diese bringen konnte, hofften sie jetzt von Eugen sie zu erhalten.
Nicht ganz unbefangen, suchte Eugen, aus leicht zu errathendem Grunde, uber den ersten Ausbruch von Iwans Krankheit so schnell als moglich hinwegzueilen, und erwahnte nur, dass sein Brudex Alex und Richard, in todtenahnlicher Betaubung, von der er auf der Strasse plotzlich befallen worden ware, ihn in seine Wohnung gebracht hatten.
Mehrere Stunden vergingen, ehe er aus tiefer Ohnmacht erwachte, fuhr Eugen sehr bewegt fort: doch welch ein Erwachen war das! so mag dereinst am Tage des Weltgerichts das Erwachen des zu ewigen Hollenqualen verdammten Sunders sein. In wilder, nur gewaltsam zu bandigender Raserei, kampfte der Ungluckliche mit den grasslichsten Greuelbildern seiner Phantasie! und zehn ganze Tage, zehn endlose Nachte hindurch, hat keine Minute Schlaf, kein einziger heller Augenblick, sein granzenloses Leiden unterbrochen! Die Sorge fur die Pflege des Armen blieb Richard allein uberlassen; ich und mein Bruder waren durch anderweitige Pflicht zu ernstlich in Anspruch genommen, um sie mit ihm theilen zu konnen, und so durfte er Tag und Nacht von Iwans Seite nicht weichen. Auch nur fur eine Stunde ihn Fremden zu ubergeben, durfte Richard nicht wagen, denn wie leicht konnten Iwans wilde unzusammenhangende Reden Eugen stockte hier in sichtlicher Verwirrung, fuhr aber nach kurzem Besinnen wieder fort: wie leicht, wollte ich sagen, kann bei der Pflege Gemuthskranker dieser Art die kleinste Vernachlassigung die traurigsten Folgen nach sich ziehen! In welchem Zustande aber unser Freund Richard sich jetzt befindet, wie abgespannt, wie an allen Kraften erschopft, mogen Sie selbst ermessen.
Und Iwan! hoffen Sie wirklich? wird er genesen? wird er leben? fragten beide zugleich, Lange und seine Frau.
Die Jugendkraft unterliegt endlich, die in seiner Qual unerschopflich schien, erwiederte Eugen. Iwan schlaft, tief und fest.
Er ist todt? rief der Kapellmeister.
Er schlaft, war die sehr gemessene Antwort Eugens: er schlaft, und der treuste aller Freunde, beinahe nicht minder Ruhe bedurfend als der Kranke, sitzt neben seinem Lager und bewacht seine Athemzuge. Der eilfte Tag ist heute, nach dem Ausspruche des Arztes, der entscheidende uber Leben und Tod. Iwans ruhiger Schlaf giebt uns einige, wenn gleich schwache Hoffnung. Mit dieser Nachricht schickt mich Richard zu Ihnen, und wunscht zugleich zu erfahren ob Julie um Iwans traurigen Zustand weiss, und wie sie
Halt! halt! halt! nur den Namen und noch Einen nicht! schrie der Kapellmeister, und hielt in zitternder Hast beide Ohren sich zu.
Und Sie wussten nicht? Sie und auch Richard wussten wirklich nicht, welche unerhorte Schandlichkeit, welcher Verrath an Allem, was dem Menschen heilig sein muss, den armen Iwan rasend machte, ihn vernichtete? rief zu gleicher Zeit Frau Karoline in ungewohnlicher Heftigkeit.
Eugen erbleichte uber die Auslegung dieser Worte, die wider seinen Willen sich ihm aufdrangte. Unmoglich konnte Iwans Krankheit, die uberdem erst vor einigen Stunden ihnen bekannt geworden war, die einzige Veranlassung des tiefen Schmerzes sein, der in dem ganzen Wesen dieser beiden sich aussprach, und noch weniger der volligen Zuruckgezogenheit, in der sie seit mehreren Tagen ganz gegen ihre sonstige Weise lebten. Das bedachte er erst jetzt; auch wie sie mit Herz und Seele ihren Kaiser verehrten, wie sie auf Leben und Tod, in unverbruchlicher Treue ihm ergeben waren, und hell und deutlich leuchtete der furchtbare Gedanke in ihm auf, sie wissen um das Geheimniss jener Nacht, in welcher Iwans Krankheit ausbrach, und Torson, der jetzt sich nirgends finden lasst, hat es ihnen verrathen. Regungslos, fassungslos, stand Eugen wie versteinert da, und wusste nicht wohin er die Blicke wenden sollte.
Julie ist nicht mehr bei uns auch seit zehn Tagen uns verlassen mit Torson entflohn heimlich in dunkler Nacht: brachte Frau Karoline mit abgewandtem Gesicht, in kurzen abgebrochenen Satzen muhsam hervor.
Gott sei Dank, dass es nichts Schlimmeres ist! hatte Eugen beinahe uberlaut gerufen; glucklicher Weise besann er sich noch zu rechter Zeit, und nur ein tief geholter Seufzer, den seine treuherzigen Freunde seiner Theilnahme an ihrem Kummer zuschrieben, half ihm die bange Sorge abschutteln, die ihn eben um Fassung und Besinnung bringen wollte.
Wer mag es mir verdenken, dass die Gesellschaft und das Leben in ihr, und die sogenannten guten Freunde, und alle die freundlichen Leute um mich her seit dieser Erfahrung mir so widrig ekelhaft vorkommen, dass ich von dem allen nichts mehr horen noch sehen mag? nahm jetzt Lange mit dem Ausdrucke der tiefsten innersten Trauer das Wort, der an dem sonst immer heitern, freundlichen Manne nur um so ruhrender erschien. Du Karoline, fuhr er fort, bist ein treues Herz und ohne Falsch, Du allein, und nur an Dich allein will ich mich halten, und an Dich glauben, und sonst an keinen Andern. Thu' mir nur noch den einzigen Gefallen und stirb mir nicht, so lange ich noch lebe; hernach magst Du es halten wie Du willst. Ohne Dich konnte ich ja nimmermehr zurecht kommen, mir musste ja sein, als ware die liebe Sonne vom Himmel gefallen.
Helle Thranen rollten bei diesen Worten ihm uber die Wangen; Frau Karoline druckte schweigend ihr Gesicht in ihr Taschentuch; Eugen war durch das seltsame Wesen des Kleinen zu bewegt, um ein Wort aufbringen zu konnen.
Wie haben wir das Kind geliebt! fing der Kapellmeister nach einer kleinen Weile wieder an; auf Handen getragen haben wir sie. Und sie konnte uns schmeicheln, uns schon thun, und viele Monate lang Trug und Verrath im Herzen hegen! Ja, das konnte sie, ein kaum neunzehnjahriges Geschopf, noch halb ein Kind! Nie werde ich daruber getrostet werden, das kann ich nie vergessen noch verwinden. Denn es ist mir nicht um Julien allein. Es ist mir weit mehr darum, dass so etwas wirklich geschehen, dass der Mensch so schlecht werden kann. Das ist es, was Muth, Vertrauen und alle Lust am Leben in mir vernichtet; klagte er mit ruhrender Beredsamkeit, die an ihm, der sonst fast nur in Tonen sprechen konnte, hochst seltsam auffiel.
Alle Drei sassen schweigend da. Ich habe keinen Bruder, nie einen gehabt, sprach Lange dann weiter; aber hatte ich einen, und ware er mein Zwillingsbruder, der mit mir zugleich unter dem Herzen meiner Mutter geruht, und hatte ich zeitlebens nichts anderes gethan, als fur diesen Bruder gesorgt, und er ginge nun in einer bosen dunkeln Stunde hin, und raubte mir Alles, so dass mir nichts ubrig bliebe, als das kahle Leben, und die Luft, die ich einathme, ich weiss gewiss, ich fande noch etwas aus, das ihn entschuldigte. Noth hat ihn getrieben, mein Bruder wusste nicht was er that, in einem unbewachten Augenblicke ist der Teufel in sein Herz eingezogen, wurde ich sagen und auch denken. Aber diesen fein ausgesonnenen Plan Wochen, ja Monate lang mit sich herumtragen, taglich, stundlich uns heuchelnd betrugen, und dabei aussehen wie das Bild der Unschuld, das kann die ewige Barmherzigkeit selbst nicht vergeben, und der Gedanke, wie schlecht es der Unglucklichen vielleicht in dieser Stunde schon ergehen mag, peinigt mich alten Narren weit mehr, als es fur mich anstandig ware.
Eugen wollte jetzt ein paar begutigende Worte einzuschieben versuchen, er nannte Torson, aber der Kapellmeister fuhr daruber sehr heftig auf.
Das ist ja eben der zweite Name, den ich nie wieder zu horen wunsche, mein Furst! rief er mit zornblitzenden Augen; der ist es ja eben, und doch darf man kaum ihn anklagen, denn gegen seine Mitschuldige gehalten, steht er rein und klar, wie ein Engel des Lichts da; seine Schuld wird, verglichen mit der ihrigen, winzig klein. Wahr ist es, er hat mich betrogen; aber warum liess ich mich betrugen, da ich es hindern konnte? Nicht er, meine Blindheit, und dass ich zu feig war die Augen aufzuthun und um mich zu schauen, tragen die Schuld. Wenn jene Verlorne unglucklich wird, wer gab die erste Veranlassung dazu? ich selbst! und das ist ein Wurm mehr, der mir am Gewissen nagt. Ich hatte jenen verkappten Satan entlarven, ihn durchschauen mussen; ich war gewarnt durch meine Hausfrau, die immer zehnmal so gescheit ist als ich; aber weise Worte verhallen unbeachtet in einem thorichten Ohr.
Weise Worte! meine Weisheit! rief Frau Karoline bitter lachend; meine eitle Einbildung war es, die mich abhielt, Dir alles weit dringender vorzustellen. Gebrechlichkeit, Dein Nam' ist Weib! ich habe dem Prinzen Hamlet diesen ungezogenen Ausspruch immer sehr ubel genommen, doch diesesmal muss ich ihm beistimmen. Hatte ich nicht alles allein vollbringen wollen, hatte ich nicht in schnoder Sicherheit auf meine Vorsicht gebaut, und gemeint ich ware doch was hilft uns das alles jetzt damals ware es noch Zeit gewesen Dir die Augen zu offnen, indem ich Dir alles weit klarer und dringender vorstellte, als ich es leider gethan, jetzt ist es zu spat. Julie ist verloren, und der arme ungluckliche Iwan ebenfalls. Ich hatte beide retten konnen. Ach! der Ubel grosstes ist die Schuld!
Die Bahn war gebrochen; Frau Karoline war, sich selbst unbewusst, wieder in ihre gewohnte Weise gerathen, und Eugen erhielt endlich von ihr einen umstandlichen Bericht von Juliens Flucht, oder Entfuhrung, wie er lieber es nennen mochte.
Beide, Julie und Torson, hatten bis zur letzten Stunde jede Vermuthung ihres Vorhabens durch ihr Betragen von sich fern zu halten gewusst. Nur am Abende des letzten Tages, den sie in dem gastlichen Hause zubrachte, klagte Julie uber einen leisen Anflug von Migrane, der sie zuweilen unterworfen war. Der Schmerz steigerte sich oft zu einem hohen Grade, hielt aber nie lange genug an, um ernstliche Besorgniss zu erregen. Frau Karoline rieth ihr, sich gleich zur Ruhe zu begeben, wie sie in solchen Fallen immer that, half ihr sich unbemerkt aus der Gesellschaft zu entfernen, in welcher auch Iwan und Lunin gegenwartig waren, und begleitete sie auf ihr Zimmer.
Dort versprach sie jedes Gerausch von der mit jeder Minute scheinbar mehr Leidenden moglichst fern zu halten, vor allen Dingen aber sie nicht wecken zu lassen, und sollte sie daruber auch den Mittag verschlafen. Alles das war in ahnlichem Falle schon unzahligemal geschehen, und konnte unmoglich als etwas Ungewohnliches auffallen. Frau Karoline umarmte Julien, wunschte ihr eine leidliche Nacht, und ging.
Ging! und das verstockte Kannibalen-Herz ausserte nicht das kleinste Zeichen von Ruhrung bei dem letzten Abschiede von einer Frau, die ihr stets mutterliche Liebe bewiesen; rief hier der Kapellmeister dazwischen.
Sie wusste nicht, dass es der letzte sei; erwiederte Eugen, und legte betheuernd seine Hand auf die Brust. Frau Karoline fuhr in ihrer Erzahlung fort.
Die Mittagsstunde war langst voruber, Julie hatte sich nicht blicken lassen, Frau Karoline fand die Thure ihres Zimmers verschlossen; sie pochte, erst leise, dann lauter, dann rief sie Juliens Namen. In liebender Besorgniss schloss sie mit ihrem Hauptschlussel endlich das Zimmer auf, Julie war nicht darin; sie ist fruh ausgegangen, um in freier Luft das fatale Kopfweh verwehen zu lassen, und hat bei dem herrlichen Wetter wohl daran gethan: dachte die arglose Frau und begab sich ruhig an ihre hauslichen Geschafte.
Die Zeit des Mittagessens kam heran; einige Freunde des Hauses stellten wie gewohnlich sich ein, nur Torson nicht, der doch selten auszubleiben pflegte. Und noch immer von Julien keine Nachricht! Der Kapellmeister versuchte es, die jetzt nicht langer zu verhehlende Besorgniss seiner Frau wegzulachen, versicherte, die Vermisste habe auf einem Besuche bei, in einem weit entfernten Quartiere der Stadt wohnenden Freunden, sich verspatet, und sei bei ihnen zu Tische geblieben. Der Fall war schon einigemale vorgekommen, Frau Karoline gab sich Muhe auch diesesmal daran zu glauben, sie zeigte ihren Gasten ein heitres Gesicht, doch innerlich stieg ihre Angst mit jeder Minute.
Dieser Zustand war nicht lange zu ertragen, die Unruhe trieb sie fort von der Gesellschaft auf Juliens Zimmer, was sie dort wollte, war ihr selbst nicht klar; ohne Zweck und Ziel irrte sie in den ihr wohlbekannten Raumen umher, die Thure von Juliens Garderobe stand halb offen, Frau Karoline wollte sie schliessen, warf zufallig einen Blick hinein, und was sie dumpf ahnend befurchtet, ohne es sich selbst zu gestehen, stand mit einemmale deutlich als Wirklichkeit vor ihr.
Die Garderobe war fast ganz leer, der grosste Theil von Juliens Wasche und Kleidern fehlte, nebst allem, was sie auf einer weiten Reise nothig haben konnte. Was sie an Schmuck und andern Kostbarkeiten besessen, mit denen Torson in der letzten Zeit sie so verschwenderisch beschenkt hatte, war bei naherer Untersuchung ebenfalls verschwunden, zugleich alle jene, ihr sehr werthen namenlosen Kleinigkeiten, die sie in Konigsberg und Petersburg von Freunden zum Andenken erhalten und heilig aufbewahrt hatte.
Alles was sie von ihren Habseligkeiten zuruckgelassen, lag ubrigens in gewohnter Ordnung da, nirgends eine Spur von ubereilter Flucht; aus Allem ging hervor, dass diese Vorkehrungen zu derselben schon tage-, vielleicht wochenlang vorher getroffen worden waren; an Gewaltthat war hier gar nicht zu denken.
Tausend bittre und schmerzliche Gefuhle sturmten bei dieser Entdeckung auf die arme Frau ein; als ihr Mann sie endlich aufsuchte, fand er sie in einem fast besinnungslosen Zustande, auf sein angstliches Rufen eilte das ganze Haus herbei. Sie kam bald wieder zu sich selbst, war aber zu ergriffen, zu erschrocken, um das Ereigniss, welches sie in diesen Zustand versetzt hatte, gleich bekannt werden zu lassen.
Alle Diener wurden verhort, doch nur zwei derselben konnten einige Auskunft geben, das Kammermadchen Katinka, und ein in einem permanenten Branntweinrausche lebender Ofenheizer, Nikita. Die Ubrigen hatten sammtlich nichts gesehen noch gehort.
Katinka, deren Schlafkammer Wand an Wand mit Juliens Zimmer lag, obgleich keine Thure von dort aus in dasselbe fuhrte, wollte am vorigen Abend, bis spat in die Nacht hinein, ein leises Flustern und Hinund Hergehen bei Julien bemerkt haben; zugleich ein Gerausch, als ob Schranke vorsichtig geoffnet, und Schiebefacher aus Kommoden hervorgezogen wurden. Sie hatte lange darauf gehorcht, da aber ubrigens alles im Hause ruhig blieb, war sie endlich daruber eingeschlafen.
Nikita hatte schon Bedeutenderes vorzutragen. Er pflegte gewohnlich den ersten Absatz der Treppe vor Juliens Zimmer zur Lagerstatte sich zu erwahlen, und hatte auch in der vergangenen Nacht, in seine Decke gehullt, sich quer uber denselben gebettet. Er versicherte, besonders seit einiger Zeit, an dieser Stelle viel von Gespenstern gelitten zu haben, die Nachts uber ihn hinwegstiegen; da sie aber ubrigens ihm nichts zu Leide gethan, habe er sich dadurch weiter nicht im Schlafe storen lassen. Diese Nacht aber habe eines davon ihm so derb auf den Magen getreten, dass er wohl die Augen habe aufthun mussen; und da sei er eben eine verschleierte Dame gewahr worden, die uber ihn wegstolperte, und wahrscheinlich die Treppe hinunter gefallen ware, hatte Herr Torson sie nicht in seine Arme aufgefangen. So viel er bei dem unsichern flackernden Scheine der kaum noch glimmenden Treppenlampe habe urtheilen konnen, sei die Dame die Frau Kapellmeisterin selbst gewesen, Herrn Torson aber habe er deutlich erkannt, denn dieser habe sein Rohr mit dem goldnen Knopfe ihm um den Kopf sausen lassen, und ihm ganz leise ins Ohr geschrieen: "Narr! ducke Dich und schlaf'!"
Nun, da habe ich mich denn unter meine Decke geduckt, und habe geschlafen; denn Gehorsam muss sein, setzte Nikita mit grosser Selbstgefalligkeit hinzu.
Sie ist entfuhrt! gewaltsam entfuhrt! rief Eugen.
Rechnen Sie denn das heimliche Hinwegschaffen ihrer Effecten fur nichts? und der baumstarke Nikita lag zu ihren Fussen, auf einen Wink von ihr zu ihrem Beistande bereit; ein einziger Schrei hatte alle Bewohner des Hauses um sie versammelt; eiferte Frau Karoline.
Armer, unglucklicher Iwan! wie verstehe ich erst jetzt dich so ganz! seufzte Eugen.
Ja wohl unglucklich! setzte Karoline hinzu. Gerade im Augenblicke, als jede Moglichkeit eines Zweifels uns entschwunden war, kam er. Wir konnten ihm nichts verhehlen; der Zustand, in welchem er uns fand, und unsre Umgebungen verriethen ihm Alles. Was er begann, was er sprach, ich weiss es nicht; sein Anblick raubte mir vollends den kleinen Rest von Besinnung. Spater vernahm ich, dass er das ganze Haus, vom Boden bis zum Keller durchsuchte, und dann gleich einem Wahnsinnigen hinaus auf die Strasse sturzte. Jegor folgte ihm aus freiem Willen; der gute Alte konnte ihn nicht einholen, aber er verlor ihn nicht aus dem Gesicht, bis er in einem, zu den Hintergebauden des Palais Ihres Herrn Vaters gehorenden Hofe, in eine Seitenthure ihn verschwinden sah. Jegor wartete eine Weile auf seine Wiederkehr, umging dann mehreremale das ganze Gebaude, erkundigte sich bei dem ihm bekannten Portier, ob er Iwan Yakuchin nicht gesehen, und begab sich dann nach Hause, mit der beruhigenden Nachricht, dass Iwan unter der Obhut von Freunden wenigstens in Sicherheit sei. Seitdem haben wir bis heute Morgen nichts weiter von ihm vernommen, und sehnten uns auch nicht darnach. Dass er uns mied, fanden wir ganz naturlich, denn was konnte er zu unserm, was wir zu seinem Troste beitragen?
Jene Seitenthure, die Jegor erwahnte, ist ein in eine andre Strasse fuhrender Durchgang, das konnte er freilich nicht wissen, erwiederte Eugen ein wenig betroffen; haben die Nachforschungen der Polizei, die Sie gewiss veranstalten liessen, keine Spur von den Entflohenen entdeckt? fragte er dann mit hastiger Lebendigkeit.
In fruhester Morgendammerung will man ein paar Personen, die sie der Beschreibung nach wohl gewesen sein konnten, in der Gegend des Hafens gesehen haben, wo einige der kleinen Schiffe eben segelfertig lagen, welche uns alljahrlich Fruchte, Blumen und Singvogel aus Danzig und Konigsberg bringen, aber nur fur Passagiere aus den niedern Standen eingerichtet sind; sprach der Kapellmeister. Und nun, mein Furst, wenn Sie mir wirklich wohlwollen, kein Wort wieder von Jenen! es sei als waren sie nie gewesen, ich bitte instandigst darum: setzte er auf eine Weise hinzu, aus welcher deutlich hervorging, wie ernstlich diese Bitte gemeint sei. Iwan lag indessen in ununterbrochenem todtenahnlichem Schlummer; nur ein kaum merkbarer Lebenshauch, der zuweilen die mude Brust langsam senkte und hob, war das einzige Zeichen, dass er dem Grabe noch nicht ganz verfallen sei. Verborgen kampfte indessen in seinem Innern die Natur den harten Kampf auf Leben und Tod, seine Jugendkraft siegte, das Fieber wich, mit ihm der Wahnsinn, der so lange den Armen mit gluhenden Krallen gefesselt gehalten, und Iwan erwachte nach vier und zwanzig Stunden, matt, todesmatt, aber er lebte doch noch, und war dem Bewusstsein wiedergegeben.
Unter Richards und seiner Freunde treuer Pflege stellte in der Folge die Hoffnung, ihn dem Leben zu erhalten, sich taglich fester; zwar blieb er lange noch kraftlos, wie ein krankes Kind, doch jedes wahrhaft beunruhigende Symptom war verschwunden; sein Blut bewegte sich ruhig, kein Fieber jagte es mehr in ungestumen Wogen vom Herzen zum Herzen. Man durfte allmalig mit Gewissheit darauf rechnen, den langsam Genesenden bald ganz erkraftigt zu sehen; und da er jetzt auch anfing, an dem was ausser ihm vorging, einigen Antheil zu nehmen, sogar mitunter auf mannigfaltige Art, so viel es seine Schwache erlaubte, sich zu beschaftigen, so stand Richard nicht weiter an, ihn taglich ein paar Stunden der Obhut seines Dieners allein zu uberlassen, auf dessen wachsame Sorgfalt er rechnen durfte.
Doch wie gross war sein schmerzliches Erstaunen, als er eines Tages, etwas spater als gewohnlich, zu ihm zuruckkehrte, und in einem ganz veranderten Zustande ihn fand, der von nun an sich taglich verschlimmerte, ohne dass es moglich gewesen ware die Veranlassung desselben zu entdecken, oder auch nur fur das Ubel das den Unglucklichen innerlich zerstorte einen Namen zu finden. Kalt, bewegungslos, wie vom Starrkrampf gefesselt, lag er todtenbleich auf seinem Lager hingestreckt. Abgemagert bis zum Skelett, kaum noch der Schatten von dem was er gewesen, verschmahte er fast alle Nahrung, beantwortete keine Frage, nahm in grenzenloser Apathie an allem, was um ihn her vorging, nicht den mindesten Antheil. Obgleich er fast immer mit geschlossenen Augen dalag, schlief er doch selten und nur auf kurze Augenblicke wirklich ein. Die Arzte, welche seine Freunde um ihn her versammelten, verkannten keineswegs das Gefahr drohende dieses Zustandes, aber er blieb ihnen unerklarlich, um so mehr, da kein Symptom eigentlichen wirklichen Krankseins sich zeigte, das ihnen hatte zum Leitfaden dienen konnen.
In seiner grossen Besorgniss wandte Richard sich endlich an den ersten Leibarzt des Kaisers, und dieser liess, auf Fursprache des Fursten Andreas, sich bewegen den Kranken zu besuchen; mochte aber ebenfalls, eben so wenig als seine Kollegen, einen entscheidenden Ausspruch hier wagen. Der Fall schien ihm indessen merkwurdig genug, um zu einem zweiten Besuche i h n zu veranlassen; er nahm Platz neben des ganz regungslos daliegenden Iwans Lager, und beobachtete ihn schweigend mit angestrengtester Aufmerksamkeit, wahrend Eugen und Richard, hinter ihm stehend, sich ziemlich leise mit einander im Gesprach unterhielten.
Eugen sprach von einem merkwurdigen Naturereignisse, das sich vor kurzem in der Umgegend von Tiflis begeben. Tiflis? rief plotzlich der Leibarzt: Tiflis? wiederholte er: sprachen Sie nicht von der Stadt Tiflis, am Kaukasus? fragte er fast uberlaut, und Eugen wiederholte umstandlich, was er so eben seinem Freunde erzahlt hatte.
Dass Iwan, der bis dahin wie versteinert dagelegen, bei Nennung jenes Namens wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen fuhr, was weder Eugen noch Richard gewahr worden waren, war dem geubten Blicke des trefflichen Arztes nicht entgangen.
Ein merkwurdiges Ereigniss gleich diesem, nahm er jetzt laut und deutlich das Wort, ware schon an und fur sich hinreichend, es jedem eifrigen Freunde der Natur ewig bedauern zu lassen, dass jenes schone Land uns so fern liegt! Die Reise dorthin ist uberdem mit so grossen und vielen Schwierigkeiten verknupft, dass sie nur wenigen, von Umstanden besonders Begunstigten, moglich werden kann. Wenig Himmelsstriche sind von der Natur so reich ausgestattet als der Kaukasus, besonders aber die Umgebungen von Tiflis. Jahrelang, mit taglich erneutem Interesse konnte man im eifrigsten Naturstudium dort verweilen. Die siedendheiss den Felsen entsprudelnden Heilquellen stehen keinen in der Welt an Wirksamkeit nach. Ich selbst habe das kaukasische Gebirge zwar nur aus der Ferne, und Tiflis leider gar nicht gesehen, als ich auf Befehl unsers Kaisers, die noch viel zu wenig gekannten Gesundbrunnen bei Konstantinogorsk, besonders den Sauerbrunnen von Kislawodsk untersuchen musste; letzteren konnte man fuglich die Quelle ewiger Jugendkraft nennen.
Doch schon um Kislawodsk herum, gleicht das Land den Beschreibungen der paradiesischen Wohnung unsrer ersten Eltern, fuhr der Arzt in lebhafter Begeisterung fort; wie schon mag es erst jenseits des Gebirges, um Tiflis herum sein. Bei einem Kunstfreunde sah ich vor einigen Tagen mehrere, von dem seit einigen Jahren dort wohnenden beruhmten Maler, Karl von Kugelgen, der Natur treu nachgebildete Landschaften, und konnte mich kaum wieder davon los machen. Der Kaukasus gleicht weder den Schweizer Alpen, noch dem schottischen Hochgebirge, alles ist anders, aber nicht minder herrlich. Ein eigner Charakter, im wundervollsten Wechsel nordischer Erhabenheit und sudlicher Uppigkeit, zeichnet jene Gegenden vor allen Andern aus.
Sogar Eugen und Richard wurden jetzt zu ihrem hochsten Erstaunen gewahr, welche fast magische Gewalt die Rede des Arztes auf Iwan ubte. Der Starrkrampf, der so lange ihn gefesselt gehalten, wurde wie durch einen Zauberspruch plotzlich gelost, die Zuge seines Gesichts gewannen wieder Farbe, Leben und Ausdruck, seine Brust hob sich leichter athmend, wie neu beseelt. Tagelang hatte er regungslos wie eine Leiche dagelegen, und jetzt vermochte er sogar mit eigner Kraft sich im Bette aufzurichten, und als der Arzt den Maler Kugelgen erwahnte, zog er eine kleine unscheinbare Mappe hervor, die er unbemerkt bei sich verborgen gehalten, und benetzte sie mit einem Strom von Thranen, den ersten vielleicht, die er seit seiner Kindheit geweint.
Das Ubel, das mit verzehrender Gewalt ihn befallen, war jetzt nicht mehr zu verkennen; eben jene kleine unscheinbare Mappe hatte den Ausbruch desselben veranlasst, oder doch wenigstens beschleunigt. Lange hatte sie unbeachtet, sogar vergessen, unter andern Papieren begraben, in Iwans Schreibtisch gelegen, als dieser wahrend Richards Abwesenheit auf den Einfall kam, hier einmal Ordnung stiften zu wollen. Die Mappe fiel ihm in die Hande; ohne deutlich sich zu erinnern, was sie enthielt, offnete er sie, und umgeben von Garten und Baumen, von hohen majestatischen Felsengruppen umfriedet, lag das landliche Haus seines Vaters vor ihm. Karl von Kugelgens Meisterhand, der jetzt schon ebenfalls, fern von seinem gemordeten Zwillings-Bruder den langen Schlaf schlaft, hatte vor vielen Jahren, skizzenartig, aber geistreich und treu, diese Zeichnung entworfen, und bei seinem Abschiede von Iwans gastfreien Eltern, sie ihnen zum Andenken hinterlassen. In der Staffage des Vordergrundes waren sogar einige Figuren angebracht, denen im leichtesten Umriss unverkennbare Ahnlichkeit mit Iwans Eltern und Geschwistern aufgedruckt war.
Heimweh, tief und verborgen an den Grundfesten seines Lebens nagendes Heimweh ergriff hyanenartig bei diesem Anblicke den Sohn des Gebirges, und uberwaltigte den kaum Genesenden vollig. Er musste diesem wunderbaren, in tausend verwirrenden Gestaltungen sich zeigenden Ubel geistig und korperlich erliegen, das nur in bleibendem Wahnsinne oder im Tode enden kann, ware es nicht noch zur rechten Zeit erkannt worden, um das einzige Mittel das davon heilen kann anzuwenden, welches aber auch in seiner Wirkung nie tauscht: Wiedersehn!
Schnell, kraftig, ohne Saumen, mussten jetzt alle Anstalten getroffen werden, den Unglucklichen zu retten, und durch die gesicherte Hoffnung baldiger Ruckreise in sein Vaterland ihn vor einem Ruckfalle zu bewahren, der ihn vollig dem Untergange zugefuhrt haben wurde. Der kaiserliche Leibarzt stellte ihm ein Zeugniss aus, mit dessen Hulfe es dem Fursten Andreas gelang, ihm zu Wiederherstellung seiner Gesundheit Urlaub auf unbestimmte Zeit zur Ruckkehr in sein Vaterland auszuwirken. Wahrend dessen wurden die besten Massregeln getroffen, um Iwans Anverwandte von seinem Zustande und seiner baldigen Ankunft zu benachrichtigen; was allerdings in jenen fernen oft unruhigen Gegenden nicht so leicht auszufuhren ist als bei uns, wo Herr von Nagler Postillionen und Postpferden Flugel anzusetzen weiss.
Zuletzt musste auch Richard sich entschliessen den Freund, fur den er schon so viel gethan und gelitten, zu begleiten, den man, aus verschiedenen Grunden, auf einer so weiten Reise nicht wagen durfte, nur sich selbst und der Obhut eines Dieners zu uberlassen. Betragen wir uns nicht wie Kinder? und zwar wie recht verzogene, verwohnte Kinder, die sich anstellen, als ob wunder grosses Unrecht ihnen widerfuhre, wenn es nun endlich heisst: fur heute ist es genug, morgen kommt wieder ein Tag: sprach Helena lachelnd zu ihrem im bangen Vorgefuhle des nahen Abschieds versunkenen Freunde.
Morgen! seufzte Richard, und welche Reihe unheilbringender Tage, die ich fern von Dir hinleben muss, wird vielleicht dem folgen, der morgen anbricht! Helena! wusstest Du, ware es moglich dass doch nein. Aus einigen Ausserungen, die Dir zuweilen entschlupfen, mochte es mir zwar scheinen, als ob doch es ist unmoglich. Wie konntest Du in dieser heitren Unbefangenheit verharren, wenn Du nur auf das Entfernteste ahnetest, welche Greuel eine Menschenbrust, dicht neben Dir, verschliessen kann! Morgen reise ich! wer kann vorhersehen, ob meine Entfernung von Dir sich nicht uber die ihr vorgezeichnete Grenze ausdehnen wird? Ich gehe mit beklommener Brust und centnerschwerem Herzen. Gieb mir den einzigen Trost mit auf den Weg, der einigermassen mich beruhigen kann; gestehe mir nur das Einzige, weisst Du, oder kannst Du wenigstens errathen, was es ist, das, gerade in dieser Zeit, auch die kurzeste Trennung von Dir und den Deinen mir so ungewohnlich, so grenzenlos erschwert?
Wie magst Du nur mit solchen dunklen Fragen und Anspielungen diese Stunde uns verderben! erwiederte Helena. Indessen, setzte sie nach kurzem Bedenken hinzu, da es doch scheinen will, als ob Du ohne meine Antwort nicht mit Dir selbst fertig werden kannst, so will ich auch hierin Dir willfahren, und Dir gestehen, nicht was ich blos errathe, denn mit dergleichen pflege ich mich nicht abzugeben, sondern was ich wirklich weiss.
Mit diesen Worten stand sie auf, und trat dicht vor ihn hin; Richard blickte forschend sie an, als wolle er durch ihre Augen bis in das Innerste ihrer Seele dringen; seine zitternde Hand umschloss die ihrigen, die sie ihm ruhig uberliess, sein ganzes Wesen deutete auf heftig gespannte Erwartung; Helena schien das alles nicht zu bemerken.
Achte genau auf meine Worte, schiebe keinem derselben eine andere Auslegung unter, denn wortlich wie ich es meine, so spreche ich es auch aus, fing sie sehr ernst und bedeutsam an; was ich weiss, sollst Du jetzt erfahren. Furs erste weiss ich, dass es Frauen nicht ziemt in Geheimnisse eindringen zu wollen, an welchen offentlich Theil zu nehmen ihr Geschlecht ihnen verwehrt. Dann weiss ich aber auch, dass Manner durch halbverstandliche Andeutungen und Fragen ihnen dieses bescheidene Zurucktreten nicht erschweren sollen, indem sie dadurch obendrein sich selbst der Gefahr aussetzen, in einem unbewachten Augenblicke das, was ihnen das Heiligste sein muss, ihr feierlich gegebenes Wort zu verletzen. Sie durfen nie vergessen, dass selbst in dringender Todesgefahr dieser Ausweg ihnen verschlossen bleiben muss. Schweigend soll der Mann untergehen, schweigend sogar die Geliebte ins Grab sinken sehn konnen, wenn nur Meineid sie retten kann. Die schmerzlichste Trennung musste ja einer solchen That unausbleiblich folgen; weit schmerzlicher als der Tod muss es sein, in dem einst Geliebten einen Wortbruchigen verachten zu mussen.
Helena schwieg. Richard schlug, geblendet von der Hoheit, welche in diesem Augenblicke sie umstrahlte, die Augen nieder. Sie sah ihn lange und fest an; ich sehe, Du hast mich verstanden, sprach sie leise.
Sieh nicht so schwarz in unsre schone Welt hinein, in unser an Hoffnungen so reiches Jugendleben: nahm sie lachelnd wieder das Wort, als Richard in dusterm Schweigen noch immer vor sich hinstarrte. Was fur ein Unheil ist es denn, das uns heute bedroht? eine Trennung von hochstens dritthalb Monaten, denn Deinen Urlaub wirst Du gewiss nicht uberschreiten wollen. Und nach so viel Sorge, Angst und Nachtwachen am Krankenbette, bedarfst Du zu Deiner Erholung dieser Reise fast nicht weniger als Dein Freund, den Du in die Arme seiner Familie zuruckfuhren willst. Unbegreiflicher Verrath eines heiss geliebten Madchens hat, wie ich von Eugen vernahm, den Armen dem Wahnsinne, und beinahe dem Tode zugetrieben.
Nicht nur die Untreue der Geliebten, viel Grasslicheres noch hat eine Wunde ihm geschlagen, die keine Zeit heilen kann, sprach Richard.
Ich denke das Erste allein ware genug, um seinen traurigen Zustand zu erklaren, fiel Helena ihm ein: ubrigens habe ich, so viel ich weiss, ihn nie gesehen; es ware indiskret, in seine nahern Verhaltnisse eindringen zu wollen.
Richard sah ein, dass Helena absichtlich alles vermied, was zu Erlauterungen fuhren konnte, denen auszuweichen sie fest entschlossen war; er fugte sich ihrem Willen, so schwer es ihm auch wurde. Ihre beiden Bruder kamen jetzt hinzu, um den Freund vor seiner Abreise noch einmal zu sehen. Ihre Gegenwart loste jeden Misston in Richards Gemuth, Helena suchte in der gemassigteren Stimmung ihn zu erhalten, die allmalig sich seiner bemachtigte, und die Anmuth ihres Geistes trug auch diesmal den Sieg davon. Ehe er sich dessen versah, hatte er von der Geliebten Abschied genommen, um sich nun zu ihrem Vater zu begeben, der ihn erwartete, und der ruhigere Schlag seines nur noch von wehmuthigem Trennungsschmerze erfullten Herzens, das vorhin in wilder Aufregung tobend, ihm die Brust zu zersprengen drohte, erschien ihm selbst beinahe wie ein Wunder. Furst Andreas sass an seinem Schreibtische, als Richard zu ihm hinein trat. Sorgsam vorbereitet, als galte es einem geliebten, eine lange, nicht ganz gefahrlose Reise antretenden Sohne, und nicht dem armen namenlosen Fremdlinge, der weiter keine Anspruche an ihn hatte, als die er gutig ihm gewahren wollte, lag alles ausgebreitet vor ihm, was zur Annehmlichkeit und Sicherheit von Richards Reise bis an die fernste Grenze des kolossalen Kaiserreiches beitragen konnte: Kreditbriefe, Reiseroute, Empfehlungen an die bedeutendsten Bewohner und an die Behorden der Orte, durch welche sein Weg ihn fuhren musste. Daneben lag das Tagebuch, welches der Furst vor mehreren Jahren auf dieser namlichen Reise eigenhandig und sorgfaltig niedergeschrieben hatte.
Richard fand bei diesem vaterlichen Empfange keine Worte, um sein dankbares Gefuhl laut werden zu lassen. Doch nicht dieses allein war es, was Athem und Sprache ihm benahm, noch viel Andres erfullte bis zum Uberfliessen sein Herz. Er wollte zum stummen Beweise seines Dankes wenigstens die Hand seines Wohlthaters an seine Lippen drucken, der edle Furst zog in vaterlicher Umarmung ihn in seine Arme, an seine Brust, und Richard brach in Thranen aus; er konnte nicht anders, es war zu viel fur das ihn uberwaltigende Gefuhl.
Der Furst war weit davon entfernt, diesen Ausbruch seines Gefuhls dem augenscheinlich Tiefbewegten verargen zu wollen, aber doch hielt er es fur gerathen, ihn nicht zu bemerken, um nicht in die nachste Veranlassung zu demselben eindringen zu mussen, welche er dem ihm nicht unbekannt gebliebenen Abschiedsbesuche bei Helenen zuschrieb.
Schonend wollte er ihm Zeit lassen sich zu fassen, und nahm deshalb sein Tagebuch zur Hand, aus welchem er einiges wohl zu Beherzigende ihm mittheilte. Er sprach viel von den Sitten und Gebrauchen der Volker, mit denen Richard unterwegs in Beruhrung kommen wurde, priess die erfreulichen Fortschritte der Kultur in Georgien, seit dieses Volk beim Anfange dieses Jahrhunderts, unter dem Kaiser Paul, sich freiwillig dem russischen Scepter unterworfen, vergass aber auch nicht die wilden Horden der Tschetschen und Tscherkessen zu erwahnen, die zu grossen Rauberbanden vereint, oft gleich einem Heuschreckenheere das Land uberfallen und den Reisenden gefahrlich werden.
Dann kam er auf die Behandlung des Landbaues, dessen Verbesserung unter diesem gunstigen Himmelsstriche, in diesem uppig fruchtbaren Boden, seiner Behauptung zufolge, noch Vieles zu wunschen ubrig lasst; zuletzt erwahnte er das dortige Fabrikwesen, die Stoffe in Gold, Silber und Seide, die kostlichen Shawls, die reichen Teppiche jener Lander. Hier befand sich der gute Furst in seinem Elemente, frohlichen Muthes schwang er sich auf sein Lieblings-Stekkenpferd, und tummelte sich eine gute Weile zwischen Planen und Ideen zur Vervollkommnung jener Fabrikate und Erleichterung der Verbreitung derselben durch den Handel, ganz lustig herum. Richard horte, wenigstens scheinbar aufmerksam, ihm zu, als der Furst, der jetzt ihn ruhiger geworden glaubte, mitten in Auftragen, die er in Hinsicht auf jene Plane zum allgemeinen Besten ihm gab, sich selbst plotzlich unterbrach.
Bin ich thoricht, rief er, Dich da mit Dingen zu behelligen, die wahrscheinlich ganz ausserhalb des Bereichs Deines Wirkungskreises liegen bleiben werden! Denn das kaukasische Gebirge wirst Du wohl nur von fern erblicken, und die uralte Stadt Tiflis gar nicht, was mir freilich sehr leid thut. Iwans Verwandte kommen vermuthlich noch diesseits des Gebirges ihm entgegen, um nach der ihm zu seiner volligen Genesung verordneten Heilquelle von Kislawodsk ihn zu begleiten, die an belebender Kraft freilich ihres Gleichen in der Welt nicht hat. Auch Dir mochte der Gebrauch dieses wunderbaren Wassers ebenfalls sehr heilsam sein, aber es wird Dir an Zeit dazu mangeln; Du darfst Deinen, ohnehin auf ungewohnlich lange Zeit Dir gewahrten Urlaub, in keinem Falle uberschreiten, und in jenen Gegenden, auf schlechten, zum Theil fast ungebahnten Wegen, kommt man so rasch nicht vorwarts als bei uns. Du hast auch auf die noch schwachen Krafte Deines Freundes Rucksicht zu nehmen; pflege ihn sorgsam, und fahre ja in jeder Hinsicht fort, ein wachsames Auge auf ihn zu halten. In jeder Hinsicht, Du verstehst mich? in jeder Hinsicht: wiederholte der Furst, indem er einen ganz eignen Nachdruck auf diese Worte legte. Und nun lass uns beim Abschiede uns kurz fassen, ich liebe keinen langen, setzte er sehr mild, fast weich werdend hinzu; geh' jetzt, mein Sohn, kehre mit neugestarkter Lebenskraft zur rechten Zeit in Deine Heimath zuruck. Gehe, wiederholte er sich abwendend, mit einer verabschiedenden Bewegung der Hand, als er bemerkte, dass Richard in augenscheinlich hochst leidenschaftlicher Aufregung stehen blieb.
Der Furst blickte sehr ernst, wenn gleich nicht zurnend ihn an; es herrschte in dem ziemlich geraumigen Zimmer eine Stille, man hatte den Fall einer Stecknadel horen konnen, und Richard stand noch immer lautlos und unbeweglich.
Hast Du noch etwas auf dem Herzen, mein Sohn? fragte endlich Furst Andreas; dass Du mir vertrauen darfst, weisst Du, doch ermahne ich Dich, Eines wohl in Uberlegung zu ziehen, ehe Du den Gedanken laut werden lassest, der noch in Unentschiedenheit auf Deinen Lippen zu schweben scheint; bedenke wohl, dass das einmal ausgesprochene Wort kein Gott wieder zuruckruft, es ungehort zu machen liegt ausser dem Gebiete der Moglichkeit; und doch giebt es Dinge, die weder Dir auszusprechen, noch mir anzuhoren, fur jetzt wenigstens durchaus noch nicht ziemen will.
In steigender, mit sich selbst ringender Spannung, stand Richard noch immer schweigend da.
Noch eines empfehle ich Dir wohl zu beherzigen, fuhr der Furst halb verlegen, halb missmuthig fort: hute Dich vor Ungeschick und Ubereilung, bedenke dass der Verstandige geduldig es abwartet, bis durch des Himmels Begunstigung und sein eignes Bemuhen die Frucht am Baume gereift ist; nur ein Thor wird vor ihrer ganzlichen Entwickelung, gleichsam noch halb in der Bluthe, sie herunterreissen wollen. Nur dem vollendeten Tagewerke gebuhrt der Lohn. Um zu zeitigen, muss man allem was zeitigen soll, Zeit lassen; die Lehre liegt schon in dem Worte allein.
Dem armen Richard wurde es immer angstlicher und befangener zu Muthe; die Worte, die Blicke seines Wohlthaters, alles verwirrte ihn. Dass die dunkeln, ihm ganz unverstandlichen Reden desselben nur dahin abzwecken sollten, ihn von einem ubereilten Gestandnisse seines Verhaltnisses zu Helena abzuhalten, das kam ihm, der noch nie daran gedacht hatte, durchaus nicht in den Sinn. Zwar hatte der Furst durch absichtliches Nichtbemerken, und auch auf andre Weise diesem Verhaltnisse gewissermassen seine Zustimmung gegeben, aber es lag in seinem Plane, es zu ignoriren, wahrend er es duldete, und Richards seltsames Benehmen hatte ihn wirklich eine Erklarung befurchten lassen, die wenigstens fur jetzt ihn sehr unangenehm beruhrt haben wurde. Richard aber, in diesem Augenblicke nur von einem einzigen Gedanken erfullt, legte den geheimnissvollen Warnungen seines Beschutzers eine Deutung unter, deren Grasslichkeit ihn mit Angst und Schauer ergriff. Und so standen beide einige Sekunden lang im seltsamsten gegenseitigen Missverstehen einander schweigend gegenuber.
Richard hielt es nicht langer aus. Ausser sich, bebend, als gelte es die ewige Seligkeit, warf er, zum erstenmale in seinem Leben, sich dem Fursten zu Fussen, und umfasste dessen Kniee.
Was soll das? rief dieser heftig, indem er zurnend zurucktrat: Komodie wirst Du doch mit mir nicht spielen wollen?
Eine verneinende Bewegung, ein flehendes Aufblicken zu ihm, waren die einzige Antwort, welche Richard aufzubringen vermochte.
Mein Sohn, sprach der Furst in etwas ruhigerer Fassung, nochmals warne ich Dich, hute Dich vor Unbesonnenheiten, denn es giebt Dinge, die ich mit dem besten Willen selbst Dir nicht ungeahndet hingehen lassen darf. Ich fordre nochmals Dich auf, dieses nie zu vergessen. Und nun entdecke mir, was so schwer auf Deinem Herzen zu lasten scheint, wenn Du nach dieser sehr ernst gemeinten Warnung uberzeugt bist, es zu durfen. Aber nicht so: setzte er hinzu, indem er des noch immer vor ihm knieenden Richard Arm ergriff: mir gegenuber, Auge in Auge, wie es zwischen freien Mannern sich gebuhrt.
Mitleid! Erbarmen! Rettung erflehe ich; nicht fur mich! aus mir werde was mein Schicksal will; rief Richard, kaum seiner selbst machtig, indem er von den Knieen sich erhob: fur Sie, mein Beschutzer, mein Wohlthater, mein Vater, Rettung fur Sie, fur die Ihrigen, fur Millionen Menschen, fur unser grosses heiliges Vaterland.
Ich verstehe nicht was Du meinst, erwiederte voll Erstaunen der Furst.
Hier auf dieser Stelle mochte ich mein Herzblut vergiessen, allem entsagen, was mir auf Erden am theuersten ist, wusste ich dadurch Sie zu bewegen, auf mein Flehen zu horen: fuhr Richard aus vollem uberstromenden Herzen fort. Ein unaussprechliches vorahnendes Gefuhl verfolgt mich Tag und Nacht; furchterliche Angst, die mich so von hier nicht scheiden lassen will, Dankbarkeit, Pflicht, alles treibt mich, und sollte Ihr Zorn daruber ewig mich verfolgen, ich muss flehend Sie beschworen, o treten Sie zuruck aus jenem furchterlich entarteten Bunde! vernichten Sie jene Rotte, deren teuflische Kunste Sie und uns Alle zu umgarnen trachten; jene sogenannten Sohne des Vaterlandes, die Tugend und Vaterlandsliebe auf der Zunge, uber vom Fursten der Finsterniss, im tiefsten Abgrunde der Holle ersonnene Verbrechen bruten; vor allem aber das wurdige Werkzeug desselben, jenen gleissnerischen trugerischen Buben
Das ware es also? das qualte Dich, und daruber, glaubst Du, konnte ich Dir zurnen? Nein, wahrlich, auf diese Entdeckung mich vorzubereiten, bedurfte es so grosser Umwege nicht; unterbrach ihn sehr freundlich der sichtbar erleichterte Furst. Guter, redlicher Mensch, wie konnte ich Deine Absicht verkennen? komme nur wieder zu Dir selbst, fasse, beruhige Dich, und Du sollst erfahren, wie uberflussig Deine grosse Sorge war. Dass ich Dir immer Vertrauen schenkte, so viel Deine grosse Jugend und Deine Stellung im Leben dieses erlaubten, habe ich Dir oft mit der That bewiesen. Von diesem Augenblicke an verlasse ich mich auf Dich, wie auf mich selbst, und Du sollst alles erfahren; doch lass uns das Wichtige mit geziemender Ruhe behandeln.
Was Du verlangst, ist grosstentheils vollbracht: fing der Furst mit dem vaterlichen Ausdrucke innigen Wohlwollens an, als Richard von jener gewaltsamen Aufregung sich vollig erholt hatte. Der Bund, den Du mit grossem Rechte entartet nennst, zerstiebt einstweilen in sich selbst, und seine formliche Auflosung, die doch nicht ganz unbemerkt voruber gehen mochte, wird dadurch uberflussig. Gleich nach jener letzten grossen Versammlung, die wohl keiner jemals vergessen wird, der ihr beiwohnte, hat eine ziemlich bedeutende Anzahl der Verbundeten vor dem Rathe der Alten den Wunsch um Entlassung aus demselben erklart; ohne Zogern ward er jedem mit der Versicherung gewahrt, dass der Bund ohnehin als vollig aufgeloset zu betrachten sei. Zwar haben wir schon fruher denen, die in ihrem Eifer etwas lauer zu werden schienen, das Namliche aus Vorsicht gesagt, doch diesesmal verhalt es sich wirklich so; der Bund ist vollig im Verfalle und seinem Ende nahe; wer nicht Muth genug besitzt, um formlich ihm zu entsagen, der tritt schweigend zuruck, oder verreiset auf einige Zeit; und zu diesen letztern zahlen sich Manner von grosser Bedeutung, die einst zu den ersten Stiftern unsrer Verbindung gehorten.
Richard war jetzt nicht nur ruhig genug, um ein sehr aufmerksamer Zuhorer zu sein, er hatte auch sogar den Muth gewonnen, einige Zweifel an der wirklichen Aufhebung des Bundes zu aussern, vor allem aber sein bittendes Warnen in Hinsicht auf den Obrist Pestel zu wiederholen.
Ich bitte mir hierin unbedingten Glauben zu gewahren, der Bund sinkt schnell, ohne ausseres Zuthun, und deshalb um so unaufhaltsamer seiner volligen Auflosung zu; erwiederte Furst Andreas. Seit jener Nacht hat keine grosse Versammlung wieder Statt gehabt; doch wahrend Du an Iwans Krankenbette wachtest, sind wir nicht mussig geblieben; eine kleine Auswahl wahrhaft wohlgesinnter Freunde hat oft sich versammelt, um sich uber das was zuvorderst Noth thut zu berathen; dass Pestel nicht in ihrer Mitte war, brauche ich wohl nicht zu versichern. Er und sein Thun sind uns jetzt kein Geheimniss mehr; wir kennen ihn jetzt, jenen eifrigen Verfechter der Freiheit, der alles vor sich niedertreten mochte, um sich selbst zu erheben. Das Lugengewebe liegt ausgebreitet vor uns, mit dessen Hulfe es ihm damals gelang unsern Sinn zu verwirren, so dass er jenem Abgrunde des Verbrechens uns zutreiben konnte, vor welchem des armen Iwans ausbrechender Wahnsinn wie durch ein Wunder uns bewahrte. Entlarvt steht er vor uns, der grosse Kunstler, und es wird keines zweiten Wunders bedurfen; wir kennen ihn jetzt, und das sichert vor ihm und seinen Kunsten.
All' unser Wollen und Beabsichtigen war rein, wie das Licht der ewigen Wahrheit, ehe jener aus List, Ehrgeiz, und nichts heilig achtendem Egoismus zusammengesetzte Fremdling, in unsern engen Freundeskreis sich einzuschleichen wusste; fuhr der Furst im Verlaufe des immer ernster und angelegentlicher sich gestaltenden Gesprachs fast klagend fort. Unsre Plane fur das allgemeine Wohl des Vaterlandes waren solcher Art, dass selbst die grosse edle Seele unsers Czaars, den Gott uns noch lange erhalten moge, weder seinen Beifall, noch selbst seine Unterstutzung ihnen versagt haben wurde, waren wir mit der Ausbildung derselben nur so weit ins Klare gekommen, dass wir sie, wie es unser fester Wille war, ihm hatten vorlegen konnen. Doch Pestel wusste dieses heimlich zu verhindern; gleich einem geschickten Taschenspieler leitete er durch allerlei Kunste unsre Aufmerksamkeit von dem Punkte ab, dem wir sie ausschliessend hatten zuwenden sollen. Nicht Abanderung einiger verjahrten Missbrauche, die fur unsre Zeit nicht mehr passen, nicht Verbesserung der Zustande, wie sie jetzt noch bestehen, will er mit uns vereint herbeifuhren. Alles umwerfen, alles vernichten, und dann auf rauchenden Ruinen sich einen Thron erbauen, das ist sein Plan, den wir glucklicher Weise jetzt durchschauen.
Im engern Kreise stellt er uns immerwahrend die vereinten Staaten von Nordamerika als Vorbild auf; immer lasst er die unsinnige Idee durchblicken, dieses unubersehbar grosse Reich in eine Republik umzuwandeln. Unser Washington mochte er werden; er ein Washington! eher ein Bonaparte, wenn Gluck, Talent und Gelegenheit ihn wie diesen begunstigen mochten, und die ewige Barmherzigkeit zwei solcher Zuchtruthen, so schnell auf einander folgend, auf die kaum befreit aufathmende Welt herabsenden wollen konnte.
Die blutigen Grauel wilder Anarchie, welche zur Zeit des Terrorismus unter Marat, Robespierre, und den ubrigen Hyanen in Menschengestalt das unselige Frankreich verwusteten, sind, wie er behauptet, hier durchaus undenkbar; denn, spricht er, in Paris ging die Revolution vom Pobel aus, hier wird sie von der Armee ausgehen; aber zu seinem eigenen Verderben wird er erfahren, in welchen ungeheuern Irrthum er verfallen ist. Zwar unterlasst er nichts, was dazu dienen kann, den Soldaten gegen seinen Oberherrn zu erbittern; wir folgen ihm auf jedem seiner Schritte, und es entgeht uns nicht, wie er mit unmenschlicher Harte, oft sogar schreiend ungerecht, leichte militairische Vergehungen bestraft, und dann es heuchelnd bedauert, durch expressen Befehl von hochster Hand zu so unbilliger Strenge gezwungen zu sein. Doch es wird, es kann ihm nie gelingen; der russische Soldat ehrt Gott wie seinen Kaiser, und seinen Kaiser wie Gott; in dem rohen aber treuen Sinne dieser einfachen unverbildeten Gemuther, schmilzt der Begriff von Beiden in Eins zusammen.
Sobald Pestel und seine Genossen irgend eine Ausserung wagen, die mit dem naturlichen Pflichtgefuhle des gemeinen Soldaten nicht ganz vereinbar ist, fragt dieser gleich: ist das aber nicht gegen unsern Eid? und weiss der Kaiser darum?
Einige Stunden waren in diesem, fur beide Theilnehmer gleich interessantem Gesprache unbemerkt vergangen; denn dass Furst Andreas nicht immer allein das Wort fuhrte, und uber vieles weitlauftiger sich verbreitete, was hier enge zusammen gedrangt erscheint, bedarf wohl kaum erwahnt zu werden. Mitternacht war voruber, die unvergleichlich schone kurze Sommernacht des hohen Nordens begann schon dem Tage zu weichen. Heller und immer heller flammte es im Osten auf, den nahen Aufgang der Sonne verkundend, als endlich Richard mit sehr erleichtertem Gemuthe von seinem hohen vaterlichen Freunde Abschied nahm.
Sein Weg fuhrte an dem Hotel des Grafen Stephan ihn voruber, den er, auf mancherlei Weise daran verhindert, seit langerer Zeit nicht gesehen. Tiefe nachtliche Stille deckte noch das grosse Gebaude; fur den Abschiedsbesuch, den er hier abzulegen sich vorgenommen, war es jetzt beides, zu spat und zu fruh geworden. Er wandte daher ohne Saumen sich seiner Wohnung zu, wo er Iwan noch schlafend, und fur sich selbst noch ein paar Stunden zum Ausruhen zu finden hoffte. Zu seinem Erstaunen kam Iwan schon vollig reisefertig ihm beim Eintritte entgegen, und drang mit fliegender Ungeduld auf augenblickliche Abreise.
Nur fort, nur fort aus dieser geschniegelten Welt, rief er in fieberhafter Hast: hier brennt der Boden mir unter den Sohlen, ich kann nicht athmen, der Himmel lastet schwarz und schwer, gleich dem Deckel eines Sarges, auf mir, und nur daheim in meinen Bergen weht frische Lebensluft.
Zweiter Theil
Vorwarts, nur immer vorwarts! trieb Iwan unaufhorlich, abwechselnd bittend und fluchend, in fieberhafter Rastlosigkeit. Grosse Staubwolken wirbelten zum Himmel auf, die kleinen zottigen Pferde keuchten in fliegendem Galopp, unter fortwahrendem Peitschenknallen der durch unerhorte Trinkgelder zu unerhorten Thaten begeisterten Postillione, vor der leichten Kibitka. So ging es, bei Sonnen- und Mondenschein, bergauf bergab, die langen heissen Tage, die wundervollen lauen Nachte hindurch, bis endlich Moskau erreicht war.
Nur wenn glucklicher Weise einmal am Wagen etwas brach, ein Pferd sturzte, oder die Rader bei der ubergrossen Eile in Brand geriethen, nur durch solch einen willkommnen Zufall war es Richard einigemal gelungen, eine kurze Zeit zum Ausruhen zu gewinnen. Doch durfte diese erzwungene Ruhe nie zu lange wahren, wenn Iwans krankhafte Ungeduld nicht bis zum Unertraglichen sich steigern sollte. Der Ungluckliche glaubte dann in jedem auf ihn zuschreitenden Reisenden den Boten zu sehen, der gesandt sei ihn gewaltsam zuruck nach Petersburg zu fuhren, und brach in so angstliche herzzerreissende Klagen aus, dass Richard der eigenen Ermudung daruber gern vergass, und die Fortsetzung der Reise auf jede Weise zu beschleunigen suchte, aus Furcht, Iwan konne bei langerem Verweilen zuruck in seinen vorigen trostlosen Zustand, oder wohl gar in unheilbaren Wahnsinn verfallen.
In unglaublich kurzer Zeit hatten die Reisenden auf diese Weise den weiten Weg bis Moskau zuruckgelegt, ohne einen bedeutenden Unfall zu erleiden. Der Anblick der ihm wohlbekannten Platze und Strassen, der Hauser und Palaste, wirkte beruhigend auf den sonst rastlosen Iwan. Er rief jene genussreiche Zeit ihm zuruck, die er bald nach der Trennung vom Vaterlande hier verlebte; hierher war er mit frischen Sinnen, ein mit dem ernsteren Gange des Lebens noch unbekannter Neuling in der Welt, zuerst gekommen; warum, dachte er, sollte er von hier aus, wo er schon auf halbem Wege sich befand, nicht wieder in sein Vaterland zuruckgelangen konnen? Ein wunderlicher Schluss, wie er wohl in einem so tief und so schmerzlich zerrutteten Geiste nur entstehen konnte; aber er besanftigte doch die bis aufs hochste getriebene Spannung seiner Nerven. Iwan fing an sich ermudet zu fuhlen; zum erstenmal seit Petersburg erblickte er im Spiegel seine bis zum Unkenntlichen veranderte Gestalt, und verlangte jetzt selbst sich hier einige Tage zu erholen.
Nein, sprach er: so darf meine Mutter ihren Sohn nicht wieder finden, sie konnte den Tod davon haben! ich halte es hier wohl einige Zeit aus; sehe ich doch schon einzelne Gestalten in der Tracht meines Landes an meinem Fenster voruber ziehen, schallen doch schon zuweilen einige Tone aus meiner Muttersprache erquicklich zu mir herauf, auch wehen heimathliche Lufte mich schon an, und ermuthigen mir zum schonsten Hoffen das gesunkene Herz.
Richard trachtete vor allem den Freund in dieser heilsamen Stimmung zu bestarken; er fuhrte, freilich mit grosser Auswahl, einige seiner fruheren Bekannten ihm zu, um ihm die Zeit zu verkurzen, und hielt sich und seinen Freund fur vollig geborgen, als er durch einen glucklichen Zufall einen wohlhabenden in Moskau etablirten Teppichhandler aus Tiflis auffand, der mit seiner Vaterstadt unaufhorlich in Handelsverbindungen stand. Dmitry, so hiess der gute freundliche Mann, schloss jetzt seinen Laden gern ein Stundchen fruher als gewohnlich, um regelmassig jeden Abend zu seinem Landsmanne zu eilen, und uber einer Pfeife achten turkischen Tabak, von dem geliebten Vaterlande, und auch von Iwans Familie sich mit ihm zu unterhalten, die er fruher personlich gekannt hatte.
Wahrend Iwan auf diese Weise beschaftigt, recht gern in seinem Zimmer blieb, gelassen der Ruhe pflegte, und nur fleissig im Spiegel nachsah, ob er bald im Stande sein wurde vor seiner Mutter zu erscheinen, ohne sie allzu sehr zu erschrecken, lebte Richard ganz ungehindert in den Erinnerungen, freudigen und truben, die hier bei jedem Schritte, tausendfach gestaltet, sich ihm entgegendrangten. Von seinem Herzen unwiderstehlich gezogen, galt sein erster Ausgang dem jetzt verodeten Palais des Fursten Andreas.
Indem er quer uber den Vorhof dem einzigen jetzt offenen Seiteneingange desselben zuschritt, fiel eine aus diesem heraustretende Gestalt durch ihr seltsames Benehmen ihm auf; ein alter Russe, in der noch immer unter dem Burgerstande ublichen Nationaltracht, mit einem, die ganze untere Halfte des Gesichts verbergenden, sehr respectablen schneeweissen Barte, der von einem Ohre bis zum andern reichte, und ungewohnlich lang, sich stattlich uber die Brust hinbreitete. Die Augen blinzelten kaum sichtbar unter den grauen, buschigen Augenbrauen hervor, und eine grosse Mutze, mit tief hereingehenden Ohrenklappen, verdeckte fast ganzlich den ubrigen Theil des Gesichts. Indem er an Richard voruber ging, schien er wie erschreckt zusammenzufahren, mass ihn dann mit schnellem scharfem Blicke, wandte aber sogleich den Kopf nach der andern Seite, als Richard ihn anreden zu wollen schien, und eilte schneller davon, als man es seinem Alter hatte zutrauen sollen.
Die ganze abenteuerliche Figur hatte etwas Lacherliches, aber auch zugleich Grausiges; Richard, als sie an ihm voruber geglitten war, konnte es nicht lassen sich noch einmal nach ihr umzusehen; sie war verschwunden, der Hof war leer, doch als er scharfer hinblickte, wurde er den Weissbart draussen, hinter dem offenstehenden Thurflugel gewahr, wie er durch die Spalte zwischen Thur und Angel ihn beobachtete.
Schon wollte Richard auf ihn zueilen, um ihn um den Grund seiner sonderbaren Aufmerksamkeit zu befragen, doch eben trat einer der Diener des Fursten in den Hof hinaus, der ihn sogleich erkannte; das uberlaute Freudengeschrei, das er erhob, versammelte in einem Augenblicke die ganze Dienerschaft, vom Hochsten bis zum Geringsten um Richard her, lauter treue ihm wohlbekannte Gesichter, welche der Furst zum Schutze und zur Erhaltung der Ordnung in seinem Hause gelassen. Sie umfassten seine Kniee, kussten seine Hande, seine Schultern, seine Arme, sogar seine Stiefeln, den Saum seiner Kleider, und er hatte in dem allgemeinen Jubel nicht Hande, nicht Athem, nicht Worte genug, um jedem Einzelnen zu danken, jeden Gruss besonders zu erwiedern! Eine Freude war unter diese treuen Seelen gekommen, als ob einer der Sohne ihres Herrn, ja ihr Herr selbst, unvermuthet heimgekehrt ware.
Und als nun der erste freudige Tumult sich gelegt, Richard wie im Triumphe in die Wohnung des Kastellans gefuhrt worden war, da ging es an ein gegenseitiges Fragen und Erzahlen, ohne Anfang noch Ende; die Stunden flogen, Richard hatte sich verspatet, ehe er sich dessen versah. Um schneller nach Hause zu gelangen, warf er sich in eine der immer bereit stehenden Droschken; nach dem seltsamen Weissbart sich zu erkundigen, wie er es sich vorgenommen, hatte er uber all' den Jubel vergessen, und wurde schwerlich seiner wieder gedacht haben, hatte er nicht beim Aussteigen vor der Thure seines Hotels ihn ebenfalls in einer Droschke, in welcher er wahrscheinlich der seinen gefolgt war, langsam an sich voruber fahren gesehn.
Von nun an bemerkte er uberall die namliche rathselhafte Gestalt; wohin er sich auch wenden mochte, erblickte er sie, doch nie in solcher Nahe, dass er sie hatte anreden konnen; so oft er dieses auch versuchte, gleich war sie verschwunden, er wusste selbst nicht wie noch wohin.
Richard fing allmalig an, dieses Abenteuer bedenklich zu finden; die mancherlei im Schwange gehenden Sagen von der Unsicherheit der Gegenden, durch welche der doch noch vor ihnen liegende Weg sie fuhren musste, stiegen in abschreckender Gestalt vor ihm auf. Er gedachte der Rauberhorden, der furchtbaren Tschetschen und Tscherkessen, welche sogar an jenem letzten unvergesslichen Abende in Petersburg sein edler Beschutzer warnend erwahnt hatte.
Wie, wenn jener mich so auffallend verfolgende Alte ein, mit einer jener Rauberbanden in Verbindung stehender Kundschafter ware, der in irgend einem abgelegenen Winkel uns ihrer uberlegenen Zahl ausliefern wollte? dachte er.
Es kam ihm selbst fast lacherlich vor, doch konnte er den einmal gefassten Gedanken nicht wieder los werden, und begab sich zu dem des Landes kundigen Dmitry, um sich mit diesem daruber zu besprechen; doch indem er dem Hause desselben sich naherte, sah er zu seinem hochsten Erstaunen den rathselhaften Weissbart aus demselben hinaustreten, der, sobald er seiner gewahr wurde, sich mit bewundernswurdiger Leichtigkeit in seine bereit stehende Droschke warf, und uber Hals und Kopf davon jagte.
Wer war das? fragte Richard ihm unverwandt nachschauend, ohne die vielen Komplimente zu beachten, mit welchen der aus seinem Laden ihm entgegen kommende hofliche Teppichhandler seine Freude uber den unerwarteten Besuch ausdruckte, und ihn einlud naher zu treten. Wer war das? fragte Richard noch einmal kurzweg.
Wer? wo? wie? wer das war? wen meint Ihr, Herr? erwiederte Dmitry und sah verwundert nach allen Seiten sich um. Ihr meint vielleicht den alten Grischa? der eben bei mir, zum Geburtstagsgeschenk fur seine Frau, einen recht schonen Teppich gekauft hat? setzte er nach einigem Besinnen hinzu: ich habe ihn wohlfeil weggegeben, spottwohlfeil, sage ich Euch. Man sollte dergleichen nicht thun, es verdirbt den Preis, und die Zeiten sind schwer; doch einem alten Bekannten zu Gefallen! seufzte er, acht kaufmannisch die Achseln zuckend.
Einem alten Bekannten? Ihr kennt den Mann, der eben von Euch wegfuhr, schon seit langerer Zeit? fragte Richard nochmals, indem er mechanisch Dmitrys Einladung Folge leistete.
Was sollte ich den alten Grischa nicht kennen? kennt ihn doch halb Moskau! war die Antwort. Er ist seines Zeichens ein Kaviarhandler, und wohnt unfern Eurem Hotel. Der Kerl ist ein Geck, wie Ihr schon aus seinem grossen Barte ersehen konnt, auf den er sich nicht wenig einbildet, und den er, lange vor der Zeit, durch allerlei Salben sich kunstlich so weiss gebleicht hat, weil das bei Einigen fur eine grosse Schonheit gilt. Wie gesagt er ist ein Narr, aber in seinem Geschaft pfiffig und gescheit genug. Hat er doch ein Geld zusammengescharrt! aber sein Kaviar geht auch weit und breit in der Welt umher, man sagt sogar bis nach Italien! Nach Danzig, nach Hamburg, nach Berlin reisen seine Diener alljahrlich mit grossen Quantitaten, soviel ist gewiss.
Richard bekannte, in welchem schweren Verdachte er den harmlosen Weissbart gehalten, und Dmitry meinte vor Lachen daruber zu sterben. Grischa ein Rauberhauptmann! rief er einmal uber das andre, und hielt sich die Seiten, wahrend helle Thranen ihm uber die Wangen rollten. Eigentlich ist mir das Ding wohl erklarlich: fing er an, nachdem er wieder ein wenig zu sich selbst gekommen war. Neben seinen ubrigen vortrefflichen Eigenschaften hat er auch noch die, neugierig zu sein, wie eine Nachtigall. In diesen heissen Sommertagen hat er in seinem Handel wenig zu thun, da treibt er sich denn vom Morgen bis zum Abend in den Strassen herum, etwas Neues aufzuspuren; lauft allen Fremden nach, ist aber zu blode, um ihnen Rede zu stehen. Ihr, Herr, seid nicht der Erste, dem dieses auffallt.
Der gastfreie Dmitry hatte wahrend der Zeit die kostlichsten Erfrischungen, die in seinem Bereiche lagen, auftischen lassen, und fing jetzt an mit einem Anerbieten heraus zu rucken, dessen Annahme, wie er ein wenig sarkastisch lachelnd hinzusetzte, die Reisenden gegen die Angriffe des tapfern Grischa und seiner Bande genugsam sichern musse.
Langst schon, sprach er, rufen mich meine Geschafte nach Nachitschewan, dem sehr anmuthig gelegenen und zugleich wohlhabendsten Handelsstadtchen im Lande; es liegt am Wege nach Kislawodsk, wohin Ihr der Bader wegen ubermorgen abzureisen gedenkt, wie ich hore. Ich hatte schon langst mit meinen Korrespondenten in Nachitschewan einmal personlich abrechnen sollen, aber der Weg ist weit. Die Reise ist zwar, besonders in dieser Jahreszeit, bei weitem nicht so beschwerlich, die Wege weder so gefahrlich noch so unsicher, als Reisende, die oft gern den Mund etwas weiter aufthun als nothig ware, es beschreiben. Aber man legt ihn doch immer lieber in guter zahlreicher Gesellschaft, als allein zuruck. Wollt Ihr mir nun ubermorgen erlauben mit meinem eigenen Fuhrwerke, in Begleitung einiger meiner Diener mich Euch anzuschliessen, so wurde sie mir zur angenehmsten Spazierfahrt werden, und als einem des Landes Kundigen mochte es mir auch wohl gelingen, zu Euerer und Iwans Bequemlichkeit und Sicherheit mich als nicht ganz uberflussig auszuweisen.
Nichts konnte erwunschter sein, als dieser Vorschlag, der sogleich freudigst angenommen wurde. Die Reise ging zur bestimmten Zeit, unter den glucklichsten Vorbedeutungen vor sich; die beiden Kibitken nebst dem von mehreren Dienern begleiteten Packwagen des Kaufmanns, bildeten eine kleine ganz stattliche Karawane; fur reichlich gefullte Flaschenkeller und Speisekober, so wie fur alles, was sie in diesem, doch noch immer etwas unwirthbaren Lande, vermissen konnten, hatte Dmitry bestens gesorgt. Iwan ergab sich darein, allnachtlich zu ruhen, die fieberhafte Angst war von ihm gewichen, die zwischen Petersburg und Moskau ihn so gewaltsam vorwarts getrieben. Heitern Muthes durchzogen die Reisenden so manche lange, ode, unwirthbare Steppe, bis sie an die uppig bluhenden Ufer des Don gelangten. Hier athmete Iwan schon heimathliche Luft; vollkommen genesen, schwelgte er in der Vorempfindung des nahen Wiedersehens, wahrend Richard, durch Dmitry jeder Sorge um seinen Freund enthoben, der ihm neuen Welt sich freute, die ihn umgab. Alles entzuckte ihn, der reine blaue Himmel, der schone Strom, den zahllose Schiffe und zierlich bemalte Barken belebten, die vielen Stadtchen und Dorfer, die an seinen Ufern sich hinziehen, denn Richard war weit davon entfernt gewesen, hier nur etwas dem Ahnliches zu erwarten; Dmitry aber, aus purer Dankbarkeit dafur, dass sie bisher alles, was er fur sie gethan, sich so wohl hatten gefallen lassen, verdoppelte seinen Eifer in der Vorsorge fur die Freunde.
Schon waren sie dem Ziele, das Dmitry zu ihrer Begleitung festgestellt hatte, ziemlich nahe; sehr ermudet von einer ungewohnlich starken Tagereise langten sie, als die Sonne schon im Sinken war, in Rostow an, wo sie sich vorgenommen hatten zu ubernachten. Rostow ist ein lebhaftes, sehr wohlhabendes Handelsstadtchen, hart am Ufer des hier ungewohnlich fischreichen Don; Fische sind daher das Haupterzeugniss des Ortes; gedorrt, gesalzen, gerauchert, in allen nur erdenklichen Gestalten, werden sie von hier aus weit und breit umher verschickt; Alt und Jung, Weiber und Kinder, sieht man uberall, an allen Ecken und vor den Thuren der Hauser, mit der Zubereitung derselben beschaftigt, was freilich, besonders an warmen Sommertagen, die das Stadtchen umgebende Atmosphare eben nicht zur angenehmsten macht; man muss daran gewohnt sein, um sie ertragen zu konnen. Ungeachtet ihrer Ermudung, und obgleich Rostow eigentlich der Punkt war, wo ihr Weg von dem ihres bisherigen treuen Begleiters sich trennte, gaben die Reisenden doch dem Rathe und den Bitten des Dmitry gern Gehor, die wenigen Werste nicht zu scheuen, und ihm vollends bis Nachitschewan ihre Gesellschaft zu gonnen. Es war schon spate Nacht, als sie dort vor dem Hause eines armenischen Kaufmannes, Namens Ilia anlangten, der, ein Gastfreund ihres Freundes, sie sehr zuvorkommend empfing, und sogleich in die, dem Anscheine nach langst fur sie bereit gehaltenen Zimmer fuhrte. Das ganze freundliche Stadtchen Nachitschewan bildet eigentlich einen einzigen grossen Bazar. Mit den kostlichsten, wie mit den gewohnlichsten Erzeugnissen des Orients angefullte Magazine und Laden, nehmen fast durchweg den ersten Stock der Hauser ein, und in den mannigfaltigsten Trachten drangt lautes buntes Gewimmel von Kaufern und Verkaufern sich in den lebensreichen Strassen.
Auch auf dem schonen Strome, der langs den Mauern des Stadtchens sich hinzieht, geht es nicht minder lebhaft zu; ein- und ausladende, kommende und gehende Schiffe und Barken kreuzen durch einander in immer reger Beweglichkeit. Hier zieht ein Fischer das schwer beladene Netz aus den im Morgenstrahle wie Silber erglanzenden Wellen, dort wirft ein Andrer das Seinige aus, wahrend an den bluhenden Ufern, unter frohlichem Sange und Gelachter, hoch aufgeschurzte Madchen einen Regen blitzender Diamanten aus ihren bunt gemalten Giesskannen uber ihr bleichendes Garn hinstromen lassen.
Zum erstenmale seit langer Zeit sass Richard im Erker des freundlichen Zimmers, das der gastfreie Ilia ihm am vergangenen Abende angewiesen hatte, bei seinem Morgenkaffee ganz allein, er blickte hinaus in die ihn umgebende Pracht und Herrlichkeit der Natur, bewunderte den malerischen Effect der imposant hohen Gestalten der Einwohner, die in ihrer faltenreichen armenischen Tracht ernst und bedachtig einherschritten, und dem Orte einen, von allen bisher gesehenen ihn unterscheidenden, orientalischen Charakter verliehen; in grosser Behaglichkeit gab er so dem lange nicht genossenen Bewusstsein des seligen Nichtsthun und des ungestortesten Alleinseins sich hin.
Dmitry und Ilia hatten sich noch nicht gezeigt, vermuthlich wollten sie dem reisemuden Gaste Zeit zum Ausruhen lassen. Iwan aber war schon langst mit den beiden Sohnen des Ilia auf und davon, die er zu seinem grossen Vergnugen glucklich aufgefunden hatte. Sie mussten ihn hinaus zu all' den glanzenden Herrlichkeiten begleiten, die in den Strassen ihn unwiderstehlich anlockten; denn sein Beutel war noch wohl gefullt; das Gold brannte ihm in der Tasche, und er vermuthete mit Recht, dass eine solche Gelegenheit, es in Geschenken fur Mutter und Schwester anzulegen, sich ihm sobald nicht wieder bieten durfe.
Ein lauter Schrei ganz in der Nahe, im Hause selbst wie es ihm schien, schreckte Richard aus dem ruhigen Genusse des gemuthlichen Stilllebens auf, das ihn umgab. Ein Getummel entstand, wie von mehreren durcheinander laufenden Personen; weibliche und mannliche Stimmen wurden durcheinander horbar, weinende, freudige, scheltende, fluchende; und mitten durch klang Iwans zurnende Stimme am lautesten und vernehmlichsten von Allen.
Richard sprang auf, zur Thure hinaus; aber seit seiner Ankunft war er noch nicht aus seinem Zimmer gekommen, und daher vollig unbekannt mit den Lokalitaten des Hauses. Bald einige Stufen hinauf-, bald wieder andre hinabsteigend, gerieth er aus einem, durch Fenster von geoltem Papiere nur schwach erleuchteten, engen Gange in den andern, stiess uberall auf verschlossene Thuren, und horte dabei fortwahrend, bald naher, bald entfernter das namliche Gerausch, und von Zeit zu Zeit Iwans laut erhobene Stimme dazwischen.
Richard fing eben an zu uberlegen, ob es nicht am gerathensten ware, eine Seitenthure, hinter welcher das Getose sehr deutlich hervorscholl, gewaltsam zu erbrechen, als er am andern Ende des Ganges eine dunkle Gestalt vorsichtig an der Wand hinschleichen sah. Er blickte scharfer hin, nein, er irrte sich nicht: es war Grischa. Wie ein Tiger auf seine Beute, wollte er auf den ihm jetzt mehr als verdachtigen Weissbart losspringen, aber im namlichen Augenblicke legte eine kraftige Hand sich von hinten auf seine Achsel und hielt ihn fest.
Finde ich Euch endlich, rief Dmitry, denn dieser war es; Herr! nur hier herein, Ungluck abzuwenden, wo wir Gluck und Freude zu saen meinten; damit offnete er eine Thure, welche Richard in der Dunkelheit vorhin nicht bemerkt hatte, und schob ihn in ein helles geraumiges Zimmer hinein. Einige Secunden lang staunte Richard die zahlreiche Gesellschaft sprachlos an, die er in seltsamen Gruppen vertheilt hier versammelt fand. Ilia, der Hausherr, stand ihm und der Thure am nachsten; er hielt zwei angstbleiche, zitternde Knaben von funfzehn bis sechszehn Jahren festgepackt beim Kragen, die er unter lautem, ununterbrochenem Schelten mitunter derb zusammen schuttelte. Mit irgend etwas, das in ihrer Mitte vorging, emsig beschaftigt, stand und kniete in einer Ecke des Zimmers ein undurchdringlicher Haufe armenischer Frauen und Madchen. Doch von diesen nahm Richard weiter keine Notiz, denn Iwan zog seine ganze Aufmerksamkeit an.
Ahnlich einem zurnenden Halbgotte stand Iwan da, ganz so wie er damals in Petersburg, in jener furchterlichen Nacht, vor der Versammlung der Verschworenen gestanden, aber liebend umfangen von den Armen einer schonen stattlichen Matrone, der er zu sehr glich, um in ihr nicht augenblicklich seine Mutter zu erkennen. Hinter ihm hob ein, ihm ebenfalls sehr ahnliches junges Madchen, sich moglichst hoch auf den Fussspitzen empor, um mit ihren beiden Armen seinen Nacken zu umschlingen, was aber nicht ganz nach Wunsch gelingen wollte; ein zweites, noch jungeres, begnugte sich damit, seine Kniee zu umfassen, und lachelnd unter Thranen, in dieser Stellung zu ihm aufzusehn; drei im Alter wenig verschiedene hoch gewachsene Bursche betrachteten den Bruder mit unbeschreiblicher schuchterner Liebe und Freude; die ganze Familie Yakuchin war hier zum Empfange des lang entbehrten Lieblings versammelt, nur der Vater fehlte, den Geschafte der Ernte einstweilen zu Hause noch fest hielten.
Die ganze Gruppe wurde dem anmuthigsten Familiengemalde als Vorbild haben dienen konnen, hatte die Hauptfigur, Iwan, nicht die Harmonie desselben gestort, der bald wild tobend, wie ein aufgereizter Lowe, in furchtbaren Fluchen und Verwunschungen den allen unbegreiflichen innern Zorn seiner Brust ausstromen liess, bald wieder im nachsten Momente, sanft und weich wie ein Kind, den Liebkosungen der Seinigen, sie erwiedernd, sich hingab, und gleich darauf wieder den Armen, die ihn umschlungen hielten, sich zu entwinden suchte, unter Drohungen, von denen Niemand begriff, wem sie gelten konnten.
Richard ubersah das Alles in weniger als einer Minute; unentschlossen stand er da, und Ilia war der erste, der seine Gegenwart bemerkte.
Herr, sprach Ilia, sehr anstandig sich verbeugend, ohne jedoch die beiden vergeblich sich straubenden Knaben loszulassen: Herr, ich mochte uber diesen unverzeihlichen Empfang so hochgeachteter Gaste unter meinem geringen Dache vor Scham in die Erde sinken. Doch glaubt mir, diese unseligen Buben allein haben alle diese Verwirrungen hervorgebracht; sie haben ein Fest des Wiedersehens, uber das die Engel im Himmel, wie die Menschen auf Erden frohlocken mussten, in Hader und Verdruss umgewandelt, aber der Lohn dafur soll ihnen nicht entgehen! Ihr vorwitzigen Taugenichtse, hort auf zu gransen, gebt deutlich Rede und Antwort; welcher Satan trieb Euch, ohne Erlaubniss den Fremden, dem Ihr die Stadt zeigen solltet, hierher in das Zimmer der Frauen zu fuhren? Sprecht deutlich, oder! setzte er, mit dem Fusse derb aufstampfend, hinzu, und schuttelte die Knaben abermals zusammen, dass Horen und Sehen ihnen vergehen mochte.
Wir haben ihn nicht hergefuhrt, er ist uns nachgelaufen, schrie weinerlich der jungste Bube.
Durften wir den Gast unseres Hauses vor unsern sehenden Augen betrugen lassen? setzte sein alterer Bruder etwas trotzig hinzu.
Jetzt legte Dmitry sich ins Mittel, und es wurde den Knaben vergonnt, ihre Entschuldigung vorzubringen. Iwan hatte schon viel Geld, ihrer Ansicht nach unermessliche Summen, fur Schmuck und ahnliche Dinge hingegeben, als noch ganz zuletzt ein brillanter persischer Shawl ihm ins Auge fiel, den er sogleich seiner Mutter bestimmte. Er fragte nach dem Preise, zahlte seine ihm ubrig gebliebene Baarschaft, fand sie eben noch hinreichend, und war im Begriff den Kauf abzuschliessen, als der alteste seiner jungen Begleiter mit der Erklarung dazwischen trat, der Shawl sei hochstens ein Drittel der dafur geforderten Summe werth.
Der Kaufmann versicherte das Gegentheil; Iwan ohnehin des vielen Marktens und Feilschens mude, bezeigte sich geneigt auf seine Seite zu treten, als der eifernde Knabe hastig den Gegenstand des Streites aufgriff, und damit in das nahe gelegene Haus seines Vaters lief, um seine Mutter als anerkannte kompetente Kennerin daruber entscheiden zu lassen. Sein Bruder folgte ihm, und Iwan sprang in einem Anfalle lustiger Laune beiden nach; der Kaufmann, der die Sohne seines reichen Nachbars Ilia kannte, liess unbesorgt sie laufen. In kindischer Ausgelassenheit sturmten alle Drei blindlings in das Zimmer der Mutter der Knaben, Frau Selina, hinein; betroffen uber sein eignes Ungeschick, blieb Iwan beim Anblicke der Gesellschaft, in welcher er sich ganz unerwartet befand, wie versteinert stehen, und flog im nachsten Augenblicke mit einem lauten Freudenschrei in die Arme seiner Mutter, seiner Bruder, seiner Schwestern, die er alle ungeachtet der mehrjahrigen Trennung augenblicklich erkannte.
Der Jubel war allgemein, die Freude unbeschreiblich; doch plotzlich veranderte sich alles auf unbegreifliche Weise, und der Zustand stellte sich ein, in welchem Richard ihn jetzt gefunden.
Das Angstgeschrei der Frauen, die einen plotzlich wahnsinnig Gewordenen in ihm zu sehen glaubten, Ilias scheltende Stimme, der Knaben angstliches Rufen, der Mutter bittendes Zureden, alles das zusammen wirkte wahrhaft betaubend. Auch Richard, wie fruher die ubrigen Alle, begann jetzt zu furchten, die uberraschende Anwesenheit der Mutter und Geschwister habe auf den eben Genesenden zu lebhaft gewirkt, und den armen Iwan wenigstens fur den Augenblick um Sinn und Verstand gebracht. Er naherte sich ihm und wollte nach beschwichtigenden Worten suchen, doch dazu liess Iwan ihm keine Zeit; er riss sobald er ihn erblickte von der Mutter sich los, warf sich ihm in die Arme und brach in herzzerreissende Klagen aus.
Du! ja Du wirst endlich mich verstehen, o Richy, Richy, in welch' ein Haus sind wir gerathen! rief er, und schien nicht zu fuhlen wie heisse Thranen, aus den weit offnen wild blitzenden Augen, schwer und einzeln uber die in dunkler Fiebergluth brennenden Wangen ihm rollten. Rucksichtslos schob er alles was ihm im Wege stand bei Seite, und zog den Freund mitten in den eng geschlossenen Kreis der Frauen hinein, die sogleich angstlich-scheu ihm auswichen.
Sieh her, rief er mit erstickter heiserer Stimme, sieh her! man mochte sich daruber zu Tode weinen! Ist es nicht um von Sinnen zu kommen? heischt das nicht blutige Rache?
Ein armenisches halb ohnmachtiges Madchen, das auf einem Stoss nach orientalischer Art uber einander aufgehaufter Kissen lag, wurde, da die Frauen sich zuruck gezogen hatten, sichtbar. Iwan buckte sich, und schleuderte den Schleier fort, den ihre Freundinnen in der Eile uber ihr Gesicht gebreitet hatten.
Sieh her, sieh her, wiederholte Iwan mehrere Male, kennst Du sie, die Verlorene, die fruh Verlassene, erkennst Du sie in der fremden Tracht? rief er, und verbarg krampfhaft schluchzend sein Gesicht an der treuen Brust seines Freundes.
Das Madchen blickte traumerisch umher, wie aus tiefem Schlafe erwachend.
Sie! Sie sind es, rief sie fast jubelnd in deutscher Sprache, indem sie Richard erkannte. Sie sind da? o, nun wird alles gut! Sie werden mich in Schutz nehmen, Sie konnen nichts Ubles von mir denken, Sie wenigstens werden nicht nach dem Scheine richten. Ihre Stimme wird zu dem ungerechten Herzen dieses Mannes den Weg finden, und meine Vertheidigung fuhren.
Julie! rief Richard erstaunt, Julie, ist es moglich? Sie hier!
Julie brach in Thranen aus, sie weinte recht bitterlich aus dem Herzen, wie ein Kind im Gefuhle erlittenen Unrechts.
Frau Selina konnte das nicht langer ruhig mit ansehen; sie uberwand die Scheu vor dem tobenden Iwan, liess zu Julien sich nieder, sprach trostend ihr zu, trocknete liebkosend ihre Wangen, und wandte sich dann an die beiden Freunde.
Ich verstand kein Wort von dem was Diese jetzt gesprochen, denn die Rede ihres Landes ist mir vollig fremd: aber ich bin bereit, Leben und Ehre dafur einzusetzen, dass uber diese Lippen nie eine Luge gegangen ist, denn sie ist treu und ohne Falsch, unschuldig und rein, wie meiner Tochter Neugebornes, dort in der Wiege! Wochen und Monate lebt sie in der Mitte der Meinen, moge sie nie uns verlassen! Das liebe Kind! sie ist die Freude unsrer Herzen! sie ist das Licht unsrer Augen: sprach Frau Selina, und druckte ihren Schutzling recht fest an ihre Brust.
Ilia hatte unterdessen seine beiden Knaben losgelassen, die auch sogleich die wiedererhaltene Freiheit benutzten, um das Freie zu suchen; auch er nahm jetzt das Wort, indem er naher trat.
Herr! sprach er, noch sehe ich zwar in den Ursprung aller dieser, so plotzlich eingetretenen Verwirrungen nicht klar hinein, aber ich begreife doch, dass unser lieblicher Gast hier darein verflochten ist. Ihr habt dies Madchen gekannt, und denkt jetzt Arges von ihr, weil Ihr unerwartet, weit von ihrer Heimath, in fremdem Lande sie antrefft. Ist dem nicht so?
Richard machte nur ein bejahendes Zeichen, Iwan stand stumm und starr, im Anschauen Juliens versunken.
Nun dann, fuhr Ilia fort, so hort wenigstens auf das Wort eines rechtlichen Mannes. Zwar kennt Ihr mich noch nicht, aber fragt weit und breit im Lande umher nach Ilia, ob irgend ein Makel auf seinem Namen hafte, ob Ihr nicht auf Treu und Glauben meine Worte fur Wahrheit annehmen konnt. Es ist wie meine Frau es eben ausgesprochen. Seit mehreren Monaten, von uns und allen unsern Nachbarn und Freunden geehrt und geliebt, lebt dieses Madchen in unserer Mitte, als gehore sie zu uns und ware unser eigenes Kind. Ich wache uber sie, kein Unrecht darf ihr nahen, denn ihr Vater hat sie in meinen Schutz gegeben. Von Vaters Hand wurde die schone fremde Blume in meinen Garten gepflanzt, und ich habe mein Wort darauf gegeben
Ihr Vater! ihr Vater! welch neues Truggewebe! wer hat das ersonnen? rief Iwan, unfahig langer an sich zu halten; nie hat sie ihren Vater gekannt, nie ihn gesehen!
Wohl habe ich meinen Vater gekannt, wohl ihn gesehn, rief Julie: und dass ich nie hoffen darf ihn wieder zu sehen, das ist mein grosser Schmerz! Armer unglucklicher Mann! Berge und Thaler und breite Strome liegen zwischen uns! ihre Stimme ging unter in Thranen.
Du kennst Deinen Vater? doch wohl auch seinen Namen? wie heisst Dein Vater, rief Iwan sich zu ihr niederbeugend, fast hohnend.
Julie erbleichte bei dieser Frage; angstlich, wie Hilfe oder Auskunft suchend, blickte sie verschuchtert um sich her.
Wie heisst er? rief Iwan uberlaut, in steigendem Zorne.
Grischa, flusterte Julie kaum horbar und verbarg ihr Gesicht am Busen ihrer mutterlichen Freundin.
Grischa! rief Iwan laut und bitter auflachend: er hatte den Namen nie nennen gehort, denn weder Richard noch Dmitry hatten fur gut gehalten, den rathselhaften Alten gegen ihn zu erwahnen.
Grischa! wiederholte Richard, warf einen vorwurfsvollen Blick auf Dmitry, und eilte zum Zimmer hinaus. Dmitry folgte ihm auf dem Fusse. Frau Selina benutzte diesen Augenblick, um mit Hilfe ihrer Tochter die an Kraften vollig erschopfte Julie fortzufuhren. Iwan blieb mit den Seinigen allein, denn auch Ilia zog bescheiden sich zuruck, um bei dem Gesprache zwischen Mutter und Sohn kein uberlastiger Zeuge zu werden.
Nach manchem misslungenen Versuche gelang es endlich der Mutter, den Sohn in einen verhaltnissmassig ruhigen Zustand zu versetzen, indem sie von seinem Vater und dem hauslichen friedlichen Leben, das zu Hause ihn erwartete, ihm sprach. Sie stellte seine Bruder und Schwestern der Reihe nach ihm vor, die mit unbeschreiblicher Liebe an ihm hingen, und die er bis jetzt kaum eines Blicks gewurdigt hatte; machte auf die vortheilhafte Einwirkung der Zeit, auf die geistige und korperliche Entwickelung derselben ihn aufmerksam, welche die Reihe von Jahren herbeigefuhrt hatte, wahrend welcher er sie nicht gesehen; schilderte, ihm wie der Boden ihr unter den Fussen gebrannt, bis sie vom Vater die Erlaubniss erhalten, ihm mit ihren Kindern entgegen zu gehen. Die Muhseligkeiten der Reise erwahnte sie kaum.
Ich ware bis Moskau, ja bis Petersburg Dir entgegen gezogen, hatte ich Dich nicht fruher angetroffen, versicherte die muthige Frau, die zuvor nie in ihrem Leben sich weiter, als hochstens eine Tagereise von ihrer Heimath entfernt gehabt.
Jetzt hatte sie schon seit zwei Tagen die, durch einen von Dmitry abgesandten Boten angekundigte nahe Ankunft ihres erstgebornen Lieblings in unaussprechlicher Sehnsucht bei ihrer Jugendfreundin Selina erwartet; und als er nun wirklich in tief dunkler Nacht anlangte, begnugte die sorgsame liebevolle Mutter sich dennoch damit, durch die Jalousien lauschend, beim Scheine ihm entgegen leuchtender Fakkeln ihn aus dem Wagen steigen zu sehn. Sie wollte dem Ermudeten Zeit zum Ausruhen vergonnen, um am folgenden Tage die hohe Freude des Wiedersehns um so ruhiger zu geniessen, die ihr leider so herbe verbittert werden sollte.
Doch wie weiland der Harfe des koniglichen Sangers im alten Testamente, so gelang es endlich auch der Mutter sanfter Stimme, den bosen Damon in des Sohnes Brust zur Ruhe einzulullen, und Iwan horte auf zu toben, indem er ihrer Einwirkung sich hingab. Grischa entlauft Euch nicht, Herr, er wartet ruhig auf Euch, rief Dmitry, indem er an dem rasch voranschreitenden Richard voruber eilte, um ihn nach seinem Zimmer zu fuhren. In den verwickelten Gangen dieses alten Hauses verirrt man sich leicht, setzte der allzeit Dienstfertige hinzu, indem er die Thure desselben ihm offnete.
Da lag nun Grischa, wie die Chrysalide eines entpuppten Schmetterlings, nachlassig in einen Sessel hingeworfen; namlich sein russischer Kaftan, sein ehrwurdiger Bart, seine grosse Mutze, und was sonst noch an und um ihn gehangen; der Kern dieser abgeworfenen Hulle stand aber in Gestalt des bebrillten Barons in Lebensgrosse mitten im Zimmer.
Elender! Du wagst es, rief Richard, und griff mechanisch nach seinen auf einem Seitentische liegenden Pistolen.
Ich bin ohne alle Waffen, wie Sie sehen, erwiederte der Baron sehr gelassen, und schlug seinen Uberrock zuruck.
Richard wandte sich, um die Pistolen wieder an ihren Ort zu legen, und die Thure sorgfaltig zu verschliessen, von der er den Schlussel abzog und zu sich nahm; Wort und Stimme versagten ihm vor heftigem Zorne, der Baron aber benutzte diesen Augenblick, um hinter den Bettschirm zu schlupfen, und Richard, als er sich ihm wieder zukehren wollte, sah ihn als Torson, die grune Brille in der Hand, aus seinem Verstecke hervorkommen.
Von der Vollkommenheit dieser Umwandlung mit so Wenigem, und in kaum einer Minute Zeit vollbracht, kann der nur sich einen Begriff machen, der vor zehn bis zwolf Jahren den altern Devrient in der Rolle der Drillinge gesehen hat.
Taschenspieler! murmelte Richard verachtlich.
Nennen Sie es meinetwegen wie Sie wollen, mir erspart das Kunststuckchen eine mundliche Erklarung und dient obendrein dazu, Ihrem Scharfblicke Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der oft nahe daran war, mir in die Karte zu sehn, und mir mitunter Noth genug gemacht hat: erwiederte Torson einigermassen verbindlich.
Genug des faden Geschwatzes! rief Richard hochst unmuthig, ich habe sehr Ernstes mit Ihnen zu verhandeln, und erwarte bestimmte Auskunft, die ich nothigen Falles mir zu verschaffen wissen werde.
Diese zu erhalten, soll Ihnen nicht schwer werden, erwiederte Torson, leicht hingeworfen: war ich doch schon in Moskau, und bin blos in der Absicht, jede Erlauterung zu gewahren, die Sie verlangen konnen, mit Ihnen hierher zuruck gereisst. Freund Dmitry, fuhr Torson fort, als er den fragenden Blick bemerkte, mit welchem Richard ihn von oben bis unten maass, Freund Dmitry hat, gleich einem verbotenen Waarenartikel, in seinem verdeckten Frachtwagen mich eingeschmuggelt, auch bin ich jetzt im strengsten Incognito hier; Ilia sogar weiss nicht darum, Niemand ausser Dmitry, und jetzt auch Sie. Um meiner Tochter willen wunsche ich, dass Sie mich nicht zwingen an's Licht zu treten, ich mochte dem armen Madchen, das schon viel um mich gelitten hat, den Schmerz eines wiederholten Abschiedes von einem Vater ersparen, der um ihrer selbst willen sich von ihr trennen muss, und den sie mehr liebt, als er vielleicht es verdient.
Und auch Sie sind gesonnen, dieses abgeschmackte Mahrchen mir aufzuheften? fragte Richard.
Gedenken Sie jenes Morgens, als wir beide zum ersten und einzigen Male mit einander auf der Strasse gingen. Erinnern Sie sich, dass ich damals Ihnen vorher sagte, ein Tag wurde kommen, an welchem Sie, eingenommen wie Sie es gegen mich waren und noch sind, mir weder Ihr Mitleid, noch in gewisser Hinsicht Ihre Achtung wurden versagen konnen; sprach Torson mit eindringendem Ernste.
Ich erinnere mich dessen; vermuthlich sollte Ihre damalige wohl gesetzte Rede dem sentimentalen Melodram, das Sie jetzt aufzufuhren gedenken, zum Prolog oder als Exposition dienen, erwiederte Richard; aber ich bitte Sie zu erwagen, dass Melodramen und darin vorwaltende Verkleidungen ein wenig aus der Mode gekommen sind, und auch, dass das Sentimentale nicht ganz Ihr Fach zu sein scheint, so sehr Sie auch in andern Fachern excelliren: setzte er mit schneidendem Hohne hinzu.
Torson zuckte zusammen, fasste sich aber schnell, setzte sich an den vor ihm stehenden Tisch, und zog eine verschlossene Brieftasche hervor, die er mit einem kleinen Schlussel, den er am Halse trug, vorsichtig offnete. Richard hatte ihm gegenuber Platz genommen und beobachtete jede seiner Bewegungen mit wahren Inquisitors-Blicken.
Torson legte indessen mehrere Briefschaften und gerichtlich bestatigte Documente Richarden vor, lud schweigend, durch ein Zeichen mit der Hand, ihn ein sie zu untersuchen, und lehnte sich dann mit ubereinander geschlagenen Armen und einem vollig versteinerten Gesicht in seinem Sessel zuruck.
Juliens Taufzeugniss, der Trauschein ihrer Eltern, der Todtenschein ihrer Mutter, alles in grosster Ordnung besiegelt und unterschrieben: sprach Richard leise vor sich hin, indem er die ihm vorgelegten Papiere einzeln betrachtete. Das Alles scheint mir in vollkommener Richtigkeit. Aber ich sehe nichts darin, was Ihre vaterlichen Anspruche auf Julien begrunden konnte, setzte er laut hinzu, indem er seinen Gegner mit durchdringend scharfem Blicke fixirte.
Dieser Name, erwiederte Torson, indem er auf Juliens Taufzeugniss hindeutete, dieser Name, der wahrscheinlich durch seine alt-historische Bedeutsamkeit Ihnen auffallt, war einst der meine; er ist es nicht mehr. Ich habe ihm entsagt und werde nie wieder ihn fuhren.
Ungemein romantisch, lachte unglaubig Richard.
Herr Wood, sprach Torson, sehr fest und ernst: Sie mussen selbst fuhlen, dass Ihr Betragen gegen mich Ihrer unwurdig ist, da es Ihnen unmoglich entgehen kann, wie sehr ich, aus mir wichtigen Grunden, mich bemuhe, ruhig zu bleiben und mich nicht aufbringen zu lassen Sie treiben mit mir das rohe Spiel eines Barbaren gegen seinen gefesselten Feind; es aufzugeben ware ehrenvoller. Haben Sie mich bis an's Ende gehort, nun dann stehen wir wieder auf gleichem Boden Mann gegen Mann einander gegenuber, was jetzt nicht der Fall ist.
Richard wurde roth, hustete ein wenig, und suchte in die Stellung eines ruhig Zuhorenden sich zu versetzen, ohne weiter etwas zu erwiedern.
Ich bin wirklich dieser uralten Familie entsprossen, fuhr Torson fort, deren Stammbaum bis zu den ersten fast fabelhaften Beherrschern von Lithauen in die graueste Vorzeit hinabreicht; der jungste von acht Sohnen unsers einst sehr beguterten Hauses, dem von seinem ehemaligen Glanze jetzt wenig mehr als sein grosser Name geblieben ist, um sich uber den durch Verwahrlosung herbeigefuhrten Verfall seiner noch immer sehr ausgedehnten Besitzungen damit zu trosten. Nach alt hergebrachtem Familienbrauche vertheilte mein Vater noch bei seinen Lebzeiten den grossten Theil unsrer Guter zwischen meinen Brudern. Dort setzten sie das gewohnte rohe Krautjunkerleben in der Mitte ihrer Leibeigenen fort. Doch ich, der jungste, damals noch ein Knabe, wurde bei der nach und nach vollbrachten Theilung wirklich vergessen. Als man sich meiner erinnerte, fand sich, dass blutwenig fur mich geblieben sei, so lange mein Vater noch lebe. Es wurde im Familienrathe beschlossen, mich nach Deutschland zu senden, um mich studiren zu lassen. Das Wie machte noch einige Schwierigkeit. Da erschien, ganz unverhofft, auf dem alten Rattenneste, das unser Schloss genannt wurde, ein Deus ex machina, ein Abenteurer, wahrscheinlich der entlaufene Kammerdiener irgend eines grossen Herrn. Dieser erklarte, dass in mir ein Genie stecke; was das eigentlich sei, wusste Niemand, aber man hatte nun doch ein Wort, um sich daran zu halten; und bald darauf reiste ich, unter der Fuhrung dieses mir zum Hofmeister beigegebenen Unbekannten, nach Deutschland ab.
Mit den Details des wusten Lebens, das ich von nun an unter der Leitung meines trefflichen Begleiters fuhrte, will ich Sie verschonen. Wir zogen von einer hohen Schule zur andern, ein paarmal wurde ich relegirt, endlich lief ich meinem Hofmeister davon, indem ich die Halfte unserer noch ubrig gebliebenen Baarschaft ihm hinterliess.
Wir haben nie wieder etwas von einander gehort. Dass ich bei dieser Lebensweise nicht ganz unwissend geblieben bin, ist mir selbst unbegreiflich; doch trieben Uberdruss und Langeweile mich mitunter zum Fleisse an.
Ich suche vergeblich den Ubergang von dem was ich damals war, zu dem was ich jetzt geworden bin, Ihnen deutlich zu machen; sprach Torson nach augenblicklichem Nachsinnen: und muss zu einem gewaltigen Sprunge mich entschliessen uber alles hinweg, was auf meiner abenteuerlichen Lebensbahn sich dazwischen drangte, um gleich zum Resultate, zum Spieltische uberzugehen, zu welchem ein unwiderstehlicher Hang von jeher mich trieb.
Ich durchzog als erklarter Spieler halb Europa, alle grossen Stadte, alle Brunnenorte, die mir eines Besuches werth dunkten. Fortuna war mir unbegreiflich gunstig, und ist es noch heute. Sie blieb meine stete Begleiterin. Angeborner Scharfblick, Gleichmuth, der sich nicht leicht aus der Fassung bringen lasst, und viel kaltes Blut, halfen mir ihre Huld k l u g l i c h benutzen, doch nie habe ich durch niedre Kunstgriffe sie zu fesseln gesucht. Bei Gewissheit des Gewinnes ginge jeder Reiz des Spieles fur mich verloren; nur die gespannte Erwartung des entscheidenden Augenblicks, nur das ewige Schwanken zwischen Bettler und Konig ist es allein, was mich an mein jetziges Gewerbe fesselt; alles andre liegt fade und trubselig vor mir. Glauben Sie mir, kein achter Spieler will eigentlich Reichthum er werben; mit dem Hochsten, nach welchem Andre im Schweisse ihres Angesichts ringen, ein leichtes Spiel treiben, das allein ist unsre Freude! und ich muss und werde dabei bleiben, bis der Tod mit dem letzten va banque! diese mir sprengt.
Richard machte ein etwas unglaubiges Gesicht, erwiederte aber keine Sylbe; doch auch diese fast unmerkliche Veranderung in seinen Zugen entging dem Scharfblicke Torsons nicht.
Sie zweifeln an der Wahrheit dieser Behauptung? fragte er: moge die Thatsache ihre Zweifel heben, dass das unablassige Verfolgen des Glucks mich zuletzt langweilte. Ich kam auf den Einfall, mich auch einmal in Fuhrung eines tugendhaften, ehrbaren Lebens zu versuchen, nahm meinen wirklich sehr bedeutenden Gewinn zusammen, und zog damit weit weg, nach Konigsberg, einer Stadt, wo ich ganz unbekannt zu bleiben hoffen durfte. Dort fand ich einen armen Engel in der Holle: die Waise eines Schullehrers, die demuthige Gesellschafterin eines weiblichen Satans, wie es hoffentlich keinen zweiten mehr auf Erden giebt. Ich beschloss das schone Kind zu erlosen, es gelang mir seine Liebe zu gewinnen, ich entfuhrte es, und wurde in einem, unfern Memel gelegenen Dorfe, der rechtmassige gluckliche Gatte des liebenswurdigsten Wesens auf Erden.
Sie war so schon, und entfaltete, im warmen Sonnenscheine eines ihr bis dahin ganz unbekannt gebliebenen Wohllebens, korperlich und geistig sich immer wundervoller; gleich einer in durrem Boden, unter kaltem Himmel verkummerten Pflanze, die eine freundliche Hand in ein warmeres, ihr gunstigeres Klima versetzt.
Die Nahe meines Geburtslandes regte alte, viele Jahre lang vergessene Erinnerungen in mir auf, sie arteten in Wunsche aus; seit ich von meinem sogenannten Hofmeister mich trennte, war ich ohne alle Nachricht von meiner Heimath geblieben. Ich wollte in meinem Reichthume und meinem Liebesglucke meinen Verwandten mich zeigen, ich wollte meine Frau kurz die Reise wurde beschlossen und zuruckgelegt. Mein glanzendes, etwas prahlerisches Auftreten wirkte blendend auf die rohen Gemuther meiner Bruder, ubrigens fand ich alles noch ziemlich wie ich es verlassen, mein greiser Vater sogar war noch am Leben.
Allgemeine Bewunderung, ich darf sagen, ehrfurchtsvolle Verehrung, wurde meiner Frau von allen Seiten gezollt. Da ich uber die Quelle meines augenscheinlich bedeutenden Vermogens nie etwas verlauten liess, so galt es fur ihre Mitgift. So reich! so schon! so vornehm in all ihrem Thun! Sie musste aus hohem, wenigstens furstlichem Blute abstammen, es konnte unmoglich anders sein. Mein Vater verlangte endlich von ihrer Ahnentafel genauen Bericht, und ich, in meinem stolzen Ubermuthe, bekannte in klaren, durren Worten ihm die Wahrheit.
Hatte ich fur einen Rauberhauptmann mich erklart, man ware leichter daruber hingegangen; war das doch von alten Zeiten her ein adliges Gewerbe, das mancher unserer Ahnen in allen Ehren getrieben; aber in die lange nie unterbrochene Reihe derselben eine Leibeigene einzuschwarzen! eine Leibeigene! denn das war sie in den Augen dieser beschrankten Junker, die nur Adlige und Leibeigene kannten.
Still vor sich hin seufzend, dachte Richard hier an die Furstin Eudoxia.
Im ersten Augenblicke hatte ich wirklich Muhe, uns vor thatlicher Misshandlung zu schutzen; mit Hunden uns beide vom Hofe zu hetzen, war einer ihrer menschenfreundlichsten Vorschlage: fuhr Torson fort.
Ich will so schnell als moglich uber die emporende Scene, die nun erfolgte, hinwegeilen. Meine Bruder, aufgehetzt von ihren neidischen Weibern, schaumten vor Wuth; mein schwacher greiser Vater drohte mir mit seinem Fluche, wenn ich darauf bestunde, die Leibeigene nicht zu verstossen. Zitternd vor dieser Drohung lag meine, in sehr beschrankten Ansichten erwachsene Frau, mir weinend zu Fussen, und beschwor mich, sie lieber aufzuopfern, als so Schweres auf mein Haupt zu laden.
Des widerwartigen Zustandes mude, machte ich es endlich wie Esau, verkaufte ihnen fur ein Linsengericht alle meine Anspruche, sowohl auf die mir verachtliche Erdscholle, im abgelegensten Winkel eines abgelegenen Landes, als auf den alten Namen, der mir jetzt ein Grauel war; sah lachend zu, als man auf unserm Stammbaume ihn gleich dem eines Verstorbenen mit einem Kreuze bezeichnete, nahm meine, vor einem Hirngespinnste noch immer zitternde Frau, in meine Arme, und fuhr mit ihr in die weite Welt hinein. So ward ich was ich bin, ein Namenloser! Glucklicher Weise behielt ich in dem mich umtobenden Sturme doch Besonnenheit genug, diese Bestatigung jenes ans Fabelhafte granzenden Ereignisses nicht zu vergessen; setzte Torson hinzu, indem er noch einige Papiere hervorzog und vor Richard niederlegte.
Weiter! weiter! mahnte Richard, mit sichtbar zunehmendem Antheile.
Ich stehe an einem jener dunkeln Punkte der Geschichte meines Lebens, von denen ich schon damals Ihnen erklarte, dass ich gern auf ewig sie vergasse, erwiederte Torson mit dusterm Blicke. Erlauben Sie mir so schnell daruber hinweg zu gleiten, als die Wahrheit, zu der ich gegen Sie verpflichtet bin, es mir vergonnt.
Die schwankende Gesundheit meiner Frau erheischte ein milderes Klima; wir zogen nach Mainz. Die hausliche Gluckseligkeit, in der ich so gar nichts erlebte, was nur der Rede werth war, machte mir einige Langeweile; die Nahe von Wiesbaden liess mir nicht Ruhe noch Rast: ich fing an mir vorzukalkuliren, dass es sehr heilsam sein wurde, meine hart mitgenommenen Finanzen etwas zu rekrutiren, um unser splendides Leben auf die Dauer fortsetzen zu konnen. Genug, ich nahm meinen alten Platz am grunen Tische in Wiesbaden wieder ein, und Fortuna blieb nach wie vor mir hold.
Meine Frau erwartete indessen sehr ruhig in Mainz ihre Niederkunft; meine ofteren, doch nie mehr als hochstens zwei Tage uberschreitenden Abwesenheiten, fielen nie der Arglosen auf; sie gonnte mir jede Erholung und fand es naturlich, dass ich sie aufsuchte. Von dem, was mich dahin zog, hatte das einfache Naturkind nicht einmal einen deutlichen Begriff.
Da kam eine gute Freundin! Wissen Sie, Herr Wood, was das heisst? rief Torson plotzlich mit wild blitzenden Augen, kennen Sie diese guten Freundinnen, diese Pest alles hauslichen Friedens? diese ewig nach Neuigkeiten spurenden Geschopfe, um damit die weite trostlose Ode ihres eigenen Lebens auszufullen, diese milden Seelen, die ihre spitze Sonde so tief als moglich in jede verborgene Wunde stossen, um die Existenz derselben, und ihr ungeheures Mitleid mit dem Leidenden auf offentlichem Markte proclamiren zu konnen?
Solch ein zartes theilnehmendes Wesen bemachtigte sich wahrend meiner Abwesenheit auch meiner armen Frau, brachte sie unter dem Vorwande einer Spazierfahrt nach Wiesbaden, fuhrte die Arglose in den Saal.
Hinweg, hinweg mit der Erinnerung! Der Schleier war zerrissen, unser Zusammenleben eine Holle auf Erden, von dem Tage an. Malen Sie gutigst sich selbst aus, wie das zuging, wenn Sie Lust dazu haben, ich kann's nicht! rief Torson, und warf mit bleichen verzerrten Zugen in seinen Sessel sich zuruck.
Julie wurde geboren, hob er nach einer Pause wieder an: heldenmuthig hielt die ungluckliche Mutter, um des Kindes willen, anderthalb Jahre lang sich aufrecht, dann konnte sie nicht mehr. Sie sank zusammen.
Der Sterbenden habe ich gelobt, unsre Tochter nach Konigsberg in eine Familie zu bringen, welche sie in ihrer Jugend als sehr rechtlich gekannt hatte, und die Kleine als namenlose Waise so burgerlich einfach von diesen Leuten erziehen zu lassen, wie einst ihre Mutter selbst erzogen worden war. Auch musste ich noch schworen, das Gewerbe, das ich bis dahin getrieben, und von dem ich, wie sie wohl einsah, nie lassen konne, vor meiner Tochter ewig zu verbergen. Ich gelobte was die Sterbende von mir forderte, und habe es gehalten.
Indem Sie Anstalt trafen, fiel Richard ein, Ihr Kind in die Erziehungsanstalt der Frau Marina
Halten Sie ein! unterbrach Torson mit grosser Heftigkeit ihn: huten Sie sich die dunkeln Gewalten, die in jeder Menschenbrust schlummern, zu wecken. Versuchen Sie an mir alles was sich ertragen lasst, weiter gehen zu wollen ware Feigheit. Bleiben Sie bei der Wahrheit, das, was auszusprechen ich Sie verhinderte, lag nicht in Ihrer Seele. Sie glauben selbst nicht daran.
Richard schwieg, Torson auch; endlich nahm dieser wieder das Wort:
Damals hatte ich keine Ahnung der Moglichkeit, dass meine Tochter mir so nahe sein konne. Seit langer, langer Zeit hatte ich nichts von ihr vernommen; wenn ich ihrer gedachte, was, zu meiner Schande, selten genug der Fall war, dachte ich sie mir ruhig bei ihren Pflegeeltern in Konigsberg. Das unvergessliche Zusammentreffen an jenem denkwurdigen Abende, Sie wissen mit wem, bewog Frau Marina, schon am folgenden Tage sich durch die Flucht gewissen Nachforschungen zu entziehen, denen sich auszusetzen ihr nicht rathsam schien. Auch ich hielt ebenfalls fur gut, mich wo anders hinzuwenden, und kam auf den Gedanken, meinen Weg uber Konigsberg zu nehmen, um mich bei der Gelegenheit nach meiner Tochter zu erkundigen.
Dort erst erfuhr ich, sie lebe in Petersburg unter der Obhut des Kapellmeisters Lange; sie also war jenes angstlich scheue Madchen! es war unmoglich daran zu zweifeln. Mir grauste vor dem Gedanken, wie nahe ich daran gewesen sei, in einem Anfalle verachtlichen Ubermuths mein eignes Kind zu verderben. Ich eilte nach Petersburg zuruck, legte mit der grunen Brille die jetzt mir selbst widerliche Maske ab, die ich dort so lange getragen, und fuhrte als Abgesandter ihrer Eltern bei Julien und ihren Beschutzern mich ein.
Doch diese Veranderung der Gestalt, in welcher sie nur einige Minuten und in der Dammerung mich gesehn, waren nicht hinreichend, um in Julien Erinnerungen vollig zu ersticken, die, wenn gleich nur dunkel, bei meinem Anblicke sich regen mochten. Ich musste mich entschliessen, unter dem Siegel des Geheimnisses, mich als ihren Vater ihr zu erkennen zu geben, um den in ihr aufkeimenden Widerwillen gegen mich nicht in ihrem Gemuthe aufkommen zu lassen.
Ich erdichtete Gefahren, die aus politischen Grunden mir drohen sollten, wenn mein Aufenthalt in Petersburg bekannt wurde, und sie gelobte mir unverbruchliche Verschwiegenheit. Arme Julie! sie selbst ist es ja, vor der ihr Vater sein eigenstes Dasein verhullen muss! sie ist wie ihre Mutter war, fromm, einfach, schaudernd vor jedem Anscheine eines Unrechts; sie wurde die Wahrheit eben so wenig ertragen konnen, als diese es konnte!
Mit der Darstellung meiner Gefuhle fur meine Tochter will ich Sie verschonen, fuhr Torson nach kurzem Schweigen fort. Trauen Sie mir noch einige menschliche Empfindung zu, so ware jedes Wort daruber vom Uberfluss; halten Sie mich fur eine Art von moralischem Ungeheuer, so wurde alles, was ich dagegen einwenden konnte, Sie nicht anderes Sinnes machen. Doch hoffe ich, Sie werden mir die Ehre erzeigen, mir zu glauben, dass ich nichts sehnlicher wunsche, als Julien, durch die Verbindung mit einem ihrer wurdigen Gatten, ein dauerndes Gluck, oder wollen Sie es lieber eine Versorgung nennen? zu bereiten. Iwan Yakuchin schien mir in jeder Hinsicht dazu geeignet, es ist so leicht seine offene ehrliche Seele bis auf den Grund zu durchschauen! Auch seine und meiner Tochter gegenseitige Neigung konnte mir nicht lange verborgen bleiben; ich begunstigte diese auf jede Weise, doch durfte Iwan mein eigentliches Verhaltniss zu Julien nie erfahren. Unbefangen hielt er mich fur den von ihren verstorbenen Eltern ihr gesetzten Vormund, und liess es dabei bewenden. Da kamen Sie, und waren Augenzeuge der hierauf folgenden Ereignisse.
Doch sehe ich deshalb um nichts klarer; im Gegentheil, das geheimnissvolle Dunkel, das Sie um sich her verbreiten, scheint mir dichter als zuvor: erwiederte Richard.
Nicht mit meinem Willen, gewiss nicht: antwortete Torson; wenn Sie nicht absichtlich Ihr Auge dem Lichte verschliessen, sollen Sie mich so offen finden, als Sie es nur wunschen konnen. Ich errathe den Punkt, der in diesem Augenblicke Ihren Argwohn rege macht; jene geheime Verbindung, in welche der Zufall so unerwartet als unerwunscht, Sie tiefer als Ihnen lieb ist verflochten hat.
Jahre lang, ehe Sie seine Existenz nur ahnen konnten, war dieser Bund mein Augenmerk gewesen, selbst in weiter Ferne verlor ich ihn nie aus dem Gesicht. Zum politischen Zinngiesser bin ich verdorben, nie habe ich um die Verhandlungen der europaischen Kabinete mich bekummert, und wer als Kaiser oder Konig auf dem Throne sitzt, gilt mir vollig einerlei. Krieg oder Friede interessiren mich nur in so fern, als meine personliche Ruhe und Sicherheit dabei betheiligt werden kann; denn bedenken Sie es wohl, ehe Sie mich deshalb verdammen, ich stehe allein in der Welt, nicht nur namenlos, sondern auch heimathslos!
Dennoch hasse und furchte ich alles, was die in der Welt einmal hergebrachte Ordnung zu storen droht, und jener Bund, den ich beinahe von seinem Entstehen an zu beobachten Gelegenheit hatte, schien mir in dieser Hinsicht immer gefahrlicher drohend sich zu entwickeln. Ich lebe nicht gern blindlings in die Welt hinein und suchte daher Mitglied desselben zu werden, damit kein moglicher Weise von ihm ausgehendes Unheil mich unvorbereitet uberraschen moge; doch habe ich an seinen Verhandlungen nie thatigen Antheil genommen, obgleich ich mir das Ansehn eines ungemeinen Eifers zu geben wusste. Ich rufe sie selbst zum Zeugen auf; haben Sie je als Redner mich dort auftreten sehn? oder als Beforderer der Ausbreitung des Bundes? Kaum werden Sie mich nennen gehort haben, und ohne jene nicht zu vertilgende Ahnlichkeit mit mit mir selbst setzte er lachend hinzu, ware meine ganze Erscheinung vielleicht unbemerkt an Ihnen voruber geglitten.
Was konnte Sie bestimmen, meinen treuherzigen unbesonnenen Freund in jene gefahrliche Verbindung zu verflechten? rief Richard. Fur die nicht vorauszusehenden furchterlichen Folgen dieses Schrittes Sie verantwortlich machen zu wollen, ware eine Unbilligkeit; aber ist der ganze Umfang des Unheils, das Sie damit gestiftet haben, Ihnen bekannt?
Ware ich sonst hier? und ertruge von Ihnen, was von irgend einem Lebenden auf Erden zu dulden ich nie fur moglich gehalten? erwiederte Torson. Sie selbst, Herr Wood, Ihr mysterioses Benehmen brachte Ihren Freund dahin, Ihrem Geheimnisse nachzuforschen, indem Ihr Mangel an Vertrauen ihn verletzte und beleidigte. Lunin drangte sich an ihn, so dass ich mich entschliessen musste, selbst einzutreten, um den Verlobten meiner Tochter nicht schutzlos diesem Verworfenen zu uberlassen.
Vor kurzem noch ruhmten Sie sich uber Lunin unbeschrankt zu gebieten, jetzt heisst er ein Verworfener: sprach Richard.
Habe ich denn dadurch, dass ich mich dessen ruhmte, wie Sie es nennen, ihn fur etwas Besseres geben wollen? war die Antwort. Gilt es ausdrucklich grobe Verbrechen zu verhindern, so halte ich freilich das Tigerthier an unzerreissbaren Ketten; sein Leben steht in meiner Hand, ein Wort von mir bringt ihn aufs Schafott, oder versenkt ihn auf immer in die Bergwerke Sibiriens. Er weiss das, er weiss dass er mir nicht entrinnen kann, und dient mir zitternd, wie der bose Geist dem Magier dient, der ihn zu bannen verstand.
Und nun bitte ich Sie, was ich noch zu sagen habe, so ruhig als moglich, ohne Unterbrechung anzuhoren; bin ich am Ende meiner Bekenntnisse, so steht es ja noch immer bei Ihnen, mir Glauben zu schenken, oder auch nicht.
Tiefer, unvergleichbar tiefer als Sie, als Ihre furstlichen Freunde, ja, als der ganze sogenannte Rath der Alten, Pestel allein ausgenommen, bin ich in die Geheimnisse des Bundes eingedrungen, ich darf kuhn behaupten, nicht minder tief als Pestel selbst. Fragen Sie mich nicht wie ich es angefangen, mich des Vertrauens dieses ausgezeichnet schlauen Kopfes zu bemachtigen, ohne ihm zugleich auch das meinige zu gewahren; die Beantwortung dieser Frage wurde zu weit fuhren, und gehort nicht zur Sache. Ich sah den Schlag von ferne sich bereiten, der alles zermalmen sollte; immer naher, immer schwarzer und schwerer, thurmte das Gewitter am Horizonte sich auf, und keine Moglichkeit mehr es abzuleiten. Meine Phantasie, die zeitlebens mich ziemlich ruhig gelassen, erwachte zum erstenmal in furchtbarer Gewalt. Verschwunden war der kalte Gleichmuth, der noch in keiner Gefahr mich verlassen; ich sah im Geiste Petersburg in Flammen, Strome des edelsten Blutes alle Strassen durchstromen, zugellose Anarchie, diese grasslichste der Furien, auf schwarzen bluttriefenden Schwingen, mit wuthendem Geheul uber unserm Haupte schweben; sah alles untergehn, und hatte keinen Gedanken mehr als Rettung aus diesem Grauel der Verwustung, Rettung fur meine Tochter, nicht fur mich.
Von dem unabsehbaren Elende, das Allen drohte, durfte ich keinen Gedanken in Julien aufkommen lassen, das bange Madchen ware der Last erlegen; doch unter dem Vorgeben, dass meine personliche Sicherheit aus ganz andern Grunden dies erfordern konne, habe ich sie wochenlang auf die Moglichkeit einer schleunigen Flucht mit mir vorbereitet, und ganz unbemerkt alle nothigen Vorkehrungen zu derselben getroffen. Nicht ohne tiefen Schmerz, aber doch ohne eigentliches Widerstreben, ergab sie sich darein, alles was ihr dort theuer war zu verlassen, und dem Vater auf unbestimmte Zeit in die Verbannung zu folgen. Der Mutter milder, zu jedem Opfer stets bereiter Sinn, ist auf ihr Kind ubergegangen; auch mochte, ohne dass sie es deutlich empfand, das noch unbestimmtschwankende Eintreten der drohenden Zukunft ihren Muth unterstutzen.
Das sinnverwirrende Truggewebe, das Pestel erdacht, war endlich vollendet; in der zunachst folgenden Nacht sollte es der Versammlung vorgelegt werden, um das blutige Werk einzuleiten, das mit vorahnendem Grausen mich erfullte. Kein Augenblick war zu verlieren. Flucht, schleunige Flucht war mein einziger Gedanke.
Als Julie zufallig etwas fruher als gewohnlich die Gesellschaft beim Kapellmeister Lange verliess, fand sie mich ganz unerwartet in ihrem Zimmer ihrer harrend. Ich liess ihr keine Zeit zur Besinnung, wir entkamen glucklich aus dem Hause. Unsre Freunde zu warnen war mir nicht erlaubt; doch hatte ich Lunin, wenn sie in Gefahr kommen sollten, zu ihrem Schutze verpflichtet; es war der sicherste Weg, den ich zu ihrer Rettung einschlagen konnte.
Die nachste halbe Stunde traf mich und meine Tochter schon im Reisewagen, ohne Aufenthalt eilten wir auf Moskau zu; dass der verderbliche Funke unausbleiblich zunden wurde, den Pestel in der folgenden Nacht in die Gemuther werfen wollte, stand nicht zu bezweifeln, aber eben so gewiss war auch vorauszusehen, dass bis zum hellen Ausbruche der Flamme noch mehrere Tage vergehen mussten. Ich durfte hoffen die alte Kaiserstadt noch ruhig zu finden, obgleich mir bekannt war, dass Aufruhr und Verrath auch hier ihr dunkles Werk heimlich trieben.
Wenige Tage nach meiner Ankunft in Moskau erhielt ich von dem unerwarteten Ausgange jener gefurchteten Versammlung ausfuhrlichen Bericht, doch leider auch von der Gefahr, in der Iwans Leben seitdem schwebte. Schonend verbarg ich sie meiner Tochter, verweilte aber in Moskau, um dort die Entscheidung uber Leben und Tod abzuwarten, und ware vermuthlich noch lange dort geblieben, hatte nicht mein alter Freund Dmitry
Dmitry! wahrlich ein ehrenwerther Freund! lachte Richard hohnisch und uberlaut.
Ruft Ihr mich, Herr? erscholl Dmitry's Stimme draussen vor der verschlossenen Thure.
Ich glaube die ehrliche Seele steht Schildwacht, um Lauscher von uns abzuhalten, und bedenkt nicht, dass Alle in diesem Hause eben so wenig Englisch verstehen, als Dmitry selbst, lachte Torson; indessen kommt er mir eben recht gelegen, um mich fur einige Minuten abzulosen, daher bitte ich ihm Eintritt zu gewahren.
Richard zog mit einem ziemlich zweideutigen Gesichte und eben nicht auf die freundlichste Art den Schlussel des Zimmers hervor, Dmitry wurde eingelassen, und bezeugte auf Torsons Aufforderung sich ungemein willig, die Geschichte seiner ersten Bekanntschaft mit diesem vorzutragen.
Aber ach! sein Geschichtsstyl war nicht der lobenswertheste; ihm fehlte ganzlich die Gabe sich kurz und deutlich auszudrucken, und es bedurfte von Torsons Seite vieler, zur Vermeidung von Umschweifen ermahnender Unterbrechungen, ehe Richard nur begriff, was er eigentlich meine. Der Kern der Geschichte war folgender:
Dmitry, und sein Verwandter Ilia, waren mit wohlgefulltem Beutel vor mehreren Jahren zum erstenmale in ihrem Leben auf die Leipziger Messe gezogen, um sowohl fur sich, als fur einige andre Handelshauser bedeutende Waareneinkaufe daselbst zu machen. Sie liessen sich unvorsichtiger Weise in einen jener heimlichen Spielwinkel verlocken, welche auch die sorgsamste Polizei nie ganzlich auszurotten vermogen wird, und sollten eben vollig ausgeplundert werden, als Torson, der sie gar nicht kannte, in den Saal trat.
Todtenbleich war Dmitry im Begriffe, den Rest seiner Baarschaft aufs Spiel zu setzen, wahrend Ilia mit stierem Blicke dem letzten Haufchen vor ihm liegenden Goldes nachsah, das der Croupier einzustreichen beschaftigt war.
Fast gewaltsam riss Torson beide vom Spieltische fort, zum Saale, zum Hause hinaus, begleitete sie in ihre Wohnung, hielt ihnen dort eine kurze, aber eindringliche Strafpredigt, und handigte eine Stunde spater ihren ganzen Verlust ihnen wieder ein, nachdem sie eidlich sich hatten verpflichten mussen, nie wieder Karten oder Wurfel zu beruhren.
Wir hatten schon mehr verspielt als unser war, sprach Dmitry aus uberstromendem dankbarem Herzen: wir waren damals noch junge Anfanger; unser edler Beschutzer hat nicht nur unsern Wohlstand gerettet, er hat auch vor Schande uns bewahrt, was weit mehr sagen will; deshalb sind wir sein, auf Tod und Leben ihm ergeben; wir und die Unsern, und alles was wir besitzen, stehen Tag und Nacht, das ganze Jahr hindurch, zu seinem Dienste bereit; setzte er mit glanzenden Augen hinzu.
Ubrigens war ich bei der Geschichte durchaus nicht auf die Weise betheiligt, wie Sie es zu glauben scheinen, nahm jetzt Torson schnell das Wort; jene Spieler waren langst als abgefeimte Gauner mir bekannt, Landpiraten, mit denen in ewigem, feindseligstem Kriege zu leben, ich mir zur Pflicht mache. Ich war ausdrucklich gekommen, um sie auf der That zu ertappen, und ihnen den Garaus zu machen. Es that mir leid um die beiden stattlichen Figuren in ihrer grandiosen orientalischen Tracht, mit dem Ausdrucke banger Sorge in den fremdartigen stark hervortretenden Zugen ihrer Gesichter, auf denen das Wort Neuling so deutlich geschrieben stand. Nie in meinem Leben habe ich kaltblutig einen Hausvater, vielleicht den Versorger einer zahlreichen Familie sich zu Grunde richten sehen konnen, selbst dann nicht, wenn mein eigner Vortheil damit verknupft war, und alles dabei ubrigens mit rechten Dingen zuging. Bei meiner Ruckkehr zu den Spielern kostete es mir wenig Muhe, sie zum Ersatze des unrechtmassigen Gewinnes und zur schnellsten Abreise zu bewegen. Sie sahen von Einem vom Fache sich entlarvt, den zu tauschen sie nicht hoffen konnten. Es ergotzt mich noch immer, wenn ich daran denke, wie froh die Spitzbuben waren, so wohlfeilen Kaufs davon gekommen zu sein.
Torson nahm nun den Faden seiner Erzahlung, oder vielmehr seiner Bekenntnisse wieder auf. Ich verweilte noch in Moskau, sprach er, um Nachricht aus Petersburg zu erwarten, die meine ferneren Schritte bestimmen sollte; wahrscheinlich ware ich noch zur jetzigen Stunde dort, doch Dmitry schreckte aus dieser gefahrlichen Sicherheit warnend mich auf. Meine unerwartete plotzliche Entfernung in einem fur seine Plane so wichtigen Momente, hatten Pestels Argwohn erregt. Was er von mir befurchten mochte, weiss ich zwar so ganz eigentlich nicht; doch nach dem Ausgange seines letzten Versuchs, den er ganz anders sich gedacht hatte, war es naturlich, dass er sich eines ehemaligen Vertrauten zu bemachtigen suchte, der vielleicht ihm gefahrlich werden konnte. Ich sah von allen Seiten durch die in Moskau sehr zahlreichen Mitglieder des Bundes mich heimlich umstellt; die Klugheit gebot mir das Argste von ihnen zu erwarten.
Offener Gefahr, wenn sie mir allein gilt, bin ich stets muthig entgegen getreten; ich hatte auch die verborgene nicht gescheut, sobald ich sie entdeckte, aber mein Kind! Um Juliens willen entschloss ich mich, vor den Augen meiner heimlichen Verfolger, gleichsam ihnen unter den Handen zu verschwinden. Dmitry fasste die barocke Idee auf, mich in den eben abwesenden Kaviarhandler Grischa zu verwandeln, der wirklich in dieser namlichen Gestalt in Moskau existirt; meine Tochter nahm die Tracht der armenischen Madchen an; so entkamen wir bei Nacht und Nebel, unbemerkt, unerkannt, und langten unter der Leitung eines treuen Dieners des Dmitry hier an; Ilia, die dankbare Seele, nahm freudig uns auf. Wir konnten in hochster Sicherheit und Ruhe hier Jahre lang hausen, denn Pestels Arm reicht nicht bis hierher; kaum der des Kaisers aller Reussen: setzte Torson lachelnd hinzu.
Richard verlangte Erklarung dieser letzten Worte. Sind wir nicht, wenn gleich nicht mehr im eigentlichen Russland, doch noch in dem von dieser Seite fast unbegrenzten russischen Reiche? fragte er.
Wie man es nimmt, war die Antwort. Nachitschewan bildet in demselben eine, ich glaube in ihrer Art einzige Erscheinung. Freie armenische Kaufleute, die noch bis zu dieser Stunde das Stadtchen ausschliessend bewohnen, flohen in wilder Kriegszeit vor den Alles verheerenden Tataren aus ihrem ehemaligen Wohnsitze in der Krimm, um sich unter russischen Schutz zu begeben. Sie wurden gutig aufgenommen, erhielten, nebst bedeutenden Privilegien die Erlaubniss, sich hier niederzulassen, und bilden jetzt, mitten in der riesengrossen Monarchie, eine kleine, den ehemaligen deutschen freien Reichsstadten nicht ganz unahnliche Miniatur-Republik. Ungefahr so wie jene sonst unter dem Schutze des weiland deutschen Kaisers standen, steht jetzt Nachitschewan fur ein fest bestimmtes, alljahrlich zu zahlendes Schutzgeld, unter dem des Beherrschers aller Reussen. Ubrigens regiert es sich selbst, nach eigenen althergebrachten Gesetzen. Dass keine Seele hier an Aufruhr, heimliche Verbindungen oder Revolution nur denkt, dass man nichts sehnlicher wunscht, als dass Alles ewig so bestehe, wie es jetzt besteht, ist naturlich. Erwerb und Erhaltung des Erworbenen ist der einzige Lebenszweck dieser, nur mit dem ihnen zunachst Liegenden beschaftigten, harmlosen Leute, denen es kaum einmal im Jahre einfallen mag, dass es einen russischen Kaiser und ein russisches Reich in der Welt giebt.
Einzig auf die Gesellschaft meiner Hausleute und Juliens beschrankt, habe ich mehrere Monate in der abgeschiedensten Einsamkeit wie soll ich es nennen? existirt; denn Leben darf man solch ein Leben wohl nicht nennen, wo man der schandlichsten Langenweile zum Raube, Morgens beim Aufstehen schon nach der glucklichen Stunde sich sehnt, in der man anstandiger Weise wieder zu Bette gehen kann. Wie ich es ausgehalten, ist mir unbegreiflich; nur Liebe zu meiner Tochter und eine Art Pflichtgefuhl, das machtiger mich begeisterte, als ich es mir jemals selbst zugetraut hatte, gaben mir Muth und Kraft. Uberdem kannten mich nur Ilia und seine Frau, fur die ganze ubrige Hausgenossenschaft war und blieb ich Grischa. Die verdammte Aufgabe, diese abgeschmackte Rolle so lange durchzufuhren, erschwerte mir nicht wenig mein trubseliges Leben.
Da endlich traf die Nachricht von Iwans Genesung und seiner nahen Ruckkehr in seine Heimath hier ein, spater wurde der Besuch seiner Mutter uns angekundigt, die auf ihrem Wege zum Empfange ihres Sohnes, hier bei ihrer Jugendfreundin Selina einsprechen wollte. Jetzt athmete ich wieder auf! Mir war wie Einem, dem nach langer harter Klausur seine nahe Befreiung verkundigt wird. Julie erfuhr nun alles, Iwans glucklich uberstandene Lebensgefahr, seine und seiner Mutter nahe Ankunft, aber auch, dass meine verwickelten gefahrlichen Verhaltnisse mir nicht erlaubten, bis zu Iwans Ankunft hier zu verweilen. Unter Ilias Schutz, der sich heilig verpflichtete, Vaterstelle bei ihr zu vertreten, sollte sie ihren Verlobten erwarten, und dann als seine gluckliche Gattin in die Heimath mit ihm ziehn. Julie ergab sich in jede meiner Anordnungen, das einfache Kind gefallt sich in diesem, von der Natur so begunstigten Lande Von mir auf immer sich zu trennen, war ihr freilich ein Hartes! Auch mir war es eine schwere Stunde, aber meines Bleibens ist hier nicht langer. Es benimmt mir Luft und Licht und Lebensmuth; mir ist, wie es im schonsten, warmsten Sonnenscheine einem Fische auf trockenem Sande sein mag. Zuruck, zuruck muss ich in den Strudel des Lebens, zuruck in mein Element, wenn ich nicht vergehen soll; muss wieder furchten und hoffen und erwarten, bei Kerzenschein, auf dem grunen Felde, wo Fortuna, meine Gottin doch genug!
Als Grischa kehrte ich nach Moskau zuruck; mein erster Ausgang war nach dem Palaste des Fursten Andreas, um etwas von Iwan zu erfahren; dort traf ich Sie, mir war als begegne ich einer himmlischen Erscheinung; denn dass Sie in Ihrem, mir wohl bekannten bedeutenden Verhaltnisse Ihren Freund begleiten konnten, ware selbst im Traume mir nicht eingefallen. Mein Entschluss, Ihnen hierher zu folgen, war augenblicklich gefasst; Dmitry half mir zur Ausfuhrung desselben, wie Sie wissen.
Und was erwarten Sie jetzt von unserm Zusammentreffen? was verlangen Sie von mir? fragte Richard ziemlich kalt, aber eben nicht unfreundlich.
Was ich von keinem Andern verlangen mochte noch konnte, erwiederte Torson; ich kenne Sie und weiss, dass Sie nicht fahig sind, ein Ihnen geschenktes Vertrauen zu missbrauchen. Uberdem baue ich fest auf Ihr mir genau bekanntes Verhaltniss zu jenem grossen Hause, das wie zu demselben gehorend Sie jetzt schon betrachtet.
Dass ich vor Iwan als Juliens Vater zu erscheinen mich nicht entschliessen kann, werden Sie sich selbst erklaren, wenn Sie an so manches Vergangene zuruckdenken wollen, zum Beispiel an den BrillenBaron, und noch an Vielerlei und Mancherlei, das mit dem Respecte gegen seinen Schwiegerpapa sich schlecht vertragen wurde. Ich wollte freilich jetzt es ware anders, und wir Beide, er und ich, etwas weniger mit einander bekannt, aber es ist nun einmal wie es ist: setzte er die Achseln zuckend hinzu: auch mochte ich, wie Sie wissen, die Wiederholung der Abschiedsscene mir und Julien gern ersparen.
Und so sei es denn gewagt! ich lege die Zukunft meiner verwaisten, verlassenen Tochter in Ihre Hande! Nehmen Sie, gleich einem altern Bruder, des armen Madchens sich an. Dass ich in keinem andern Verhaltnisse, als dem von der Natur geheiligten, des Vaters zu seinem Kinde zu ihr stehe, davon sind Sie uberzeugt, denn die Beweise liegen in Ihrer Hand. Mogen Sie in jeder andern Hinsicht von mir denken, wie Sie wollen, ich ergebe mich darein, und weiss nicht, ob ich nicht sogar wunschen sollte, Sie mochten mich in Ihrer Meinung recht tief herabsetzen; denn dieses ware v elleicht fur Sie der triftigste Beweggrund zur Erfullung meines Wunsches!
Hier schwieg Torson, indem er einen halb fragenden, halb bittenden Blick auf Richard warf.
Dieser sass einen Augenblick wie unschlussig da; erklaren Sie sich deutlicher, setzen Sie mir umstandlicher auseinander, was ich fur die Braut meines Freundes thun soll und kann; sprach er endlich, und reichte unwillkurlich quer uber den Tisch hin Torson die Hand.
Sie wissen jetzt Alles, klaren Sie Iwan uber mein Verhaltniss zu Julien auf, uber die Grunde, die mich zur Flucht mit ihr bewogen, uber alles was in meinem und Juliens Betragen ihm zweifelhaft, oder auch nur auffallend scheint; fuhr Torson fort, ermuthigt durch Richards sichtbar gegen ihn veranderte Stimmung. Suchen Sie Iwans Mutter fur die Verbindung des jungen Paares zu gewinnen, und moge dann Julie, als Gattin des Mannes den sie liebt, mit ihm in sein schones Vaterland ziehen, und glucklich sein.
Ist aber alles wirklich anders geworden, hat Iwan sein Herz von ihr abgewendet, weigern sich seine Mutter und seine Verwandten, eine Fremde in ihrer Mitte aufzunehmen, nun dann! dann! setzte er sehr bewegt hinzu, dann suchen Sie dem unglucklichen Madchen Muth einzusprechen, und fuhren es zuruck nach Petersburg, zuruck in das Asyl ihrer Jugend, dem ich sie nie hatte entreissen sollen. Vertreten Sie Julien bei den ihr einst so gunstig gestimmten Freunden, erklaren Sie ihnen den Zusammenhang der Begebenheiten, so viel Sie dieses konnen, ohne das Geheimniss des Bundes zu verrathen. Frau Karoline wird die Arme, die mit einem so grossen Schmerze zu ihr fluchtet, nicht verlassen, und Lange auch nicht, davon bin ich uberzeugt, wie von meinem Leben.
Ubrigens tritt meine Tochter nicht als Bettlerin auf; in diesem Portefeuille ubergebe ich Ihnen Juliens Vermogen weisen Sie es nicht vornehm zuruck, Herr Wood; kein Kopeken von dem, was Sie oder Andre, billiger oder unbilliger Weise, unrecht erworbenes Gut nennen mochten, befindet sich darunter, sprach Torson ein wenig gereizt, als Richard mit verweigernder Geberde sich abwandte: es ist das auf meine Tochter rechtmassig vererbte Eigenthum ihrer verstorbenen Mutter, das ich hier zu gewissenhafter Verwaltung Ihnen, als ihrem Vormunde, ubergebe.
Haben Sie denn jenes Linsengericht ganz vergessen, fur welches ich meinen Verwandten damals meine Anspruche auf die Guter und den Namen meiner Ahnen uberliess? setzte er, schnell sich wieder fassend, heiterer hinzu. Zwar hatte ich einen schlechten Handel gemacht, aber die Summe war an und fur sich nicht ganz unbedeutend. Sobald eine schickliche Gelegenheit dazu sich auffinden liess, eilte ich sie meiner Frau als ihr Eingebrachtes zu verschreiben, um die Zukunft dieses geliebten Wesens ausserhalb des Bereiches meines eignen Geschicks festzustellen. Beinahe zwanzig Jahre lang habe ich die Zinsen immer wieder zum Kapitale schlagen lassen; und so ist es denn jetzt, fast verdoppelt, zu einer Summe angewachsen, die Julien zwar nicht zur reichen Erbin macht, aber doch fur den schlimmsten Fall ihr Unabhangigkeit zusichert. Mit sich, mit Torson, ja mit der ganzen Welt vollkommen zufrieden, voll moralischer Betrachtungen uber die tadelnswurdige Eilfertigkeit, mit der man zu einseitigen, unuberlegten Verurtheilungen sich hinreissen lasst, ohne sich die Muhe zu geben, auch die etwanigen guten Seiten des Bosewichts, den man verdammt, aufspuren zu wollen, machte Richard sich bereit, die ihm sehr schwierig dunkende Beruhigung seines, bis zum wuthendsten Zorne gereizten Freundes zu unternehmen.
Der Mutter verstandige Vorstellungen, das Zeugniss der vieljahrigen Freunde seiner Eltern, Ilia und Selina, vor allem aber die durch das fluchtigste Wiedersehn der Geliebten neubelebte Liebe, hatten indessen alles schon vollendet, und den grimmigen Lowen gebandigt. Lammsfromm sass er zwischen der Mutter und Julien; von Geschwistern und Freunden umringt, lachelnd wie die personificirte Zufriedenheit, reichte er dem erstaunten Richard bei dessen Eintritt die Hand entgegen, und fur diesen blieb nichts mehr zu thun ubrig, als die Ermahnungen, auf die er sich vorbereitet hatte, in tief aus dem Herzen kommende Gluckwunsche umzuwandeln.
Wehe dem Novellisten, der sich nicht daran genugen lassen will, ein liebendes Paar durch allerlei Widerwartigkeiten bis zu den Stufen des Altars glucklich geleitet zu haben; der Versuch, nach dieser alles beendenden Catastrophe noch etwas Interessantes vorzutragen, fallt selten belohnend aus. Daher sei hier nur noch in moglicher Kurze erwahnt, dass Iwan auf Treue und Glauben alles fur wahr annahm, was Richard im Namen des Vaters seiner Braut ihm mittheilte, ohne dass er deshalb die mindeste Sehnsucht bezeigt hatte, diesen wiederzusehn; denn seine offne treue Natur konnte den Mangel an Vertrauen, den Torson ihm bewiesen, zwar verzeihen, aber weder verwinden noch vergessen.
Ubrigens war Iwan in der Umgebung der Seinen der einfache Sohn des Gebirgs wieder geworden, der er gewesen, ehe das grossere Leben ihn umfing. Ausser dem Freunde und der Geliebten war alles, was zwischen dem Tage seines Abschieds von der Heimath und der gegenwartigen Zeit lag, versunken und vergessen; an Juliens Seite wandte er nur der Zukunft sich zu und eine unabsehbare Reihe von Jahren, im heitersten Sonnenglanze des friedlichsten Gluckes, breitete vor seinem Blicke sich aus.
Spat nach Mitternacht, als in ganz Nachitschewan kein Auge mehr offen stand, erschien Torson reisefertig, um von Richard Abschied zu nehmen. Zwischen diesen beiden bedurfte es keiner weitern Erlauterungen, Torson war durch Dmitry von allem was sich zugetragen umstandlich unterrichtet.
Ich werde weder Petersburg noch Moskau jemals wiedersehen, sprach Torson im Augenblicke des Scheidens: ich wahle den geraden Weg nach Odessa, von wo ich leicht uberall hingelangen kann, wohin Schicksal oder eigne Laune mir winken. Wir beide treffen wahrscheinlich nie wieder zusammen, auch weiss ich nicht, ob dies wunschenswerth ware; doch werde ich Sie nie vergessen, und Sie mich wahrscheinlich auch nicht.
Iwan, die Mutter und Geschwister desselben, Ilia, Selina und Julie, die einstweilen noch als unter dem Schutze jenes gastlichen Paares stehend betrachtet wurde, sie Alle bereiteten sich, in den nachsten Tagen in die ziemlich nahe liegenden Bader von Kislawodsk sich zu begeben, und dort die Ankunft des Vaters Yakuchin zur Hochzeitsfeier zu erwarten.
Richard freute sich unbeschreiblich auf diese Reise; die erste Halfte seines Urlaubs war noch nicht vollig abgelaufen, er durfte es sich erlauben, wenigstens einige Tage in jenen paradiesisch schonen Gegenden mit seinem Freunde frohlich zu sein, mit dem er so viel herbes Leid treulich getragen. Doch als der Tag, die Stunde der Abreise nun festgesetzt war, da ergriff ihn plotzlich eine unerklarliche, ahnungsschwere Bangigkeit. Wachend und im Traume war ihm, als riefen angstliche Stimmen aus weiter Ferne ihn bei Namen, als fuhle er von unsichtbaren Handen sich heimwarts gezogen, und vermochte nicht diesem Gefuhle, das immer vernehmlicher sich aussprach, zu widerstehen.
Richard, Du gehst! sprach Iwan in der letzten schmerzlichen Umarmung: und in Dir verlasst mich mein Schutzengel, der Schopfer meines Gluckes, dem ich Alles verdanke, mein Leben und, was mehr ist, meine Genesung aus einem Zustande, an den ich nicht zuruckdenken darf. Du gehst von schwerer Ahnung getrieben, und ich bleibe in banger Sorge um Dich zuruck. Denke an mich, nicht wie man so im gemeinen Leben zu sagen pflegt, denke an mich wenn es Dir wohl geht; da magst Du immerhin mein vergessen: aber wenn einst Alles um Dich her zusammenbricht, wenn Deine schonsten Hoffnungen in Rauch aufgehen, dann, Richy, dann denke an Iwan, und reisse von allem Flittertande Dich los, und fliehe zu mir in meine stille friedliche Hutte, und ruhe bei uns vom Schmerze des Lebens aus. Gieb mir die Hand darauf, dass Du es thun willst, versprich es mir, mein Bruder! Richard that wie Iwan es wollte, und entfernte sich schleunigst, ohne noch einmal den Blick ruckwarts zu wenden. Richards Ankunft in Petersburg fiel gerade in eine Epoche, welche in jeder bedeutenden Stadt, besonders in jeder grossen oder auch winzig kleinen Residenz, einmal im Jahre regelmassig eintritt, wo alle Welt klagt: die Stadt ist verodet! Alles wie ausgestorben! obgleich das Leben in seinem gewohnten Gange sich rasch fortbewegt, Equipagen rollen, geputzte Leute uberall sich zeigen, Jedermann wie gewohnlich seine Geschafte betreibt, und man diese angebliche Ode weder auf den Promenaden, noch in den Strassen sonderlich gewahr wird.
Diese Zeit des allgemeinen Stillstandes, der im Grunde keiner ist, ubt ihre lahmende Kraft hauptsachlich nur auf die wenigen daheim Gebliebenen, jenen der Zahl nach kleinsten Theil der Bevolkerung, welcher sich vorzugsweise die Societat nennt. Die Abwesenheit des Hofes zieht auch die der angesehensten Familien nach sich, und so fand es auch Richard bei seiner Heimkehr. Einige grosse Familien hatten bedeutende Reisen in fremde Lander angetreten; Andre hatten auf ihre, oft seit vielen Jahren nicht besuchten Besitzungen sich begeben, und unter diesen befand sich auch Furst Andreas, der mit seinem Sohne Eugen auf einer seiner weit entfernten Herrschaften den Zustand seiner viel tausend, lange nicht von ihm in nahere Betrachtung gezogenen Seelen, und der von ihm dort angelegten Fabriken untersuchte.
Graf Stephan befand sich mit seiner Familie in Berlin, um bei den dortigen beruhmten Arzten fur seine immer leidende Gemahlin Hulfe zu suchen. Und was fur Richard das Betrubendste war, auch die Furstin Eudoxia, begleitet von ihren beiden Tochtern und ihrem Schwiegersohne, war nach Karlsbad gegangen. Sogar Alex war abwesend, sein Urlaub war abgelaufen und Dienstpflicht hielt den jungen Officier in Kronstadt fest.
Keiner hatte daher wohl gerechteren Grund sich zu beklagen als Richard, dem ohnehin diese ganzliche Verlassenheit um so schmerzlicher auffallen musste, da er auf keine Weise darauf vorbereitet war. Die weite Entfernung des Ziels seiner Reise, die Eile, mit welcher er sie zurucklegte, hatte jede briefliche Mittheilung fast unmoglich gemacht; gewiegt in goldne Traume des nahenden Wiedersehens, hatte er keine Ruhe sich gegonnt, um noch vor volliger Beendigung seines Urlaubs anzulangen, und fand sich nun zu Hause, als ware er in der Fremde.
Anfangs wollte die heimliche Angst, die ihn von seinem Freunde fortgetrieben, und die wahrend der Reise von ihm gewichen war, sich seiner wieder bemachtigen; doch als er die ersten Tage des Missmuths uberstanden und reiflich bedacht hatte, dass aufgeschoben nicht aufgehoben sei, fing er an etwas unbefangener um sich zu blicken. Er entdeckte jetzt manches, das ihn trostete und heiter stimmte, und musste sich selbst bekennen, dass dieser fast total isolirte Zustand, in den er fur den Augenblick sich versetzt sah, eben wie alle Ubel der Welt, doch auch seine gute Seite habe; denn auch Obrist Pestel und mit ihm alle die eifrigsten Anhanger jenes Bundes, waren aus Petersburg verschwunden, hierhin, dorthin, in alle vier Winde hin.
Keine Spur eines Vereinigungspunktes liess sich entdecken; es ereignete sich zuweilen, dass Richard mit mehreren ihm wohlbekannten Bundesbrudern an offentlichen Orten, oder auch in engeren geselligen Kreisen junger Leute zusammentraf, doch kein Wort, kein Blick, nicht die leiseste Anspielung verrieth jemals, dass man jener, einst die Gemuther so gewaltsam exaltirenden Verhaltnisse, sich auf das entfernteste nur noch erinnere; es war als waren sie nie gewesen. Gewiss, gewiss, es konnte nicht anders sein, der Furst, als er behauptete, der Bund sinke von nun an in sich selbst der Vernichtung zu, hatte weder sich noch Richard getauscht; diese Uberzeugung, die immer klarer sich ihm entgegen drangte, erfullte ihn mit einem gewissen behaglichen Gefuhle ruhiger Sicherheit, das seit seinem Eintritte in den Bund ihm ganz fremd geworden war, und ihm jetzt unbeschreiblich wohl that. Seine genussreichsten frohlichsten Stunden brachte Richard jetzt beim Kapellmeister Lange zu. Bei seiner ubereilten Abreise hatte er die treuen Freunde verlassen mussen, ohne von ihnen Abschied nehmen zu konnen; er fand sie bei seiner Wiederkehr zwar ruhiger, als sie gleich nach Juliens Flucht es gewesen, aber immer noch niedergebeugt, einsam, mit tief verletztem Gemuthe. Sein erstes Erscheinen, die freudige Botschaft, die er vom Kaukasus mitbrachte, wirkte auf Beide, wie, nach Monaten versengender Durre, ein milder Regen auf die verschmachtende Pflanzenwelt wirkt.
Von neuem Jugendmuthe beseelt, erhoben sich Beide aus der ihnen so wenig naturlichen trubseligen Stimmung; Frau Karoline lachte und weinte in einem Athem, ehe sie fur ihre Freude Worte fand; dem Kapellmeister fehlten diese ganz und gar; verstummend warf er seine goldbetroddelte Mutze von einem Ohre zum andern, riss sein Pianoforte auf und jubelte darauf so lange und kraftig herum, bis die Saiten es nicht mehr aushielten, tanzte und walzte mit seiner Frau, mit Richard, mit den Mobeln im Zimmer, bis keines derselben mehr auf seiner alten Stelle stehen geblieben war, bis er zuletzt athemlos hinsank.
Ihr meint wohl, ich sei narrisch geworden? keuchte er endlich: und Gott sei Dank, ich bin es auch.
Alter! bin ich es denn nicht? wer uber gewisse Dinge nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren! spricht die Grafin Orsina, fuhr Frau Karoline in ihrer gewohnten theatralischen Manier dazwischen, und brach hernach selbst uber die seltsame Anwendung dieser Worte in lautes herzliches Lachen aus.
Dass ich das erlebe! dass ich wieder denken und singen und sagen kann, es giebt noch Treu und Glauben in der Welt! darum verlohnt es sich auch noch der Muhe, ein paar Jahrchen in ihr es auszuhalten, sprach ihr entzuckter Gatte indessen leise vor sich hin, und wiegte lachelnd das Haupt von einer Seite zur andern. Julie hat uns nicht hintergangen, ist brav und glucklich, selbst Torson ist so pechschwarz nicht als er schien! Wie das Alles im Kopfe mir herumwirbelt! rief er, sprang auf, setzte sich wieder an den Flugel, und liess nun in Tonen beredter als in Worten seine Freude, seinen Dank ausstromen; Richard und Karoline horten in stiller Andacht ihm zu.
Von nun an war des Erzahlens von der einen, des Fragens von der andern Seite kein Ende, so oft Richard sich zeigte; und dieser liess selten einen Tag vergehen, ohne die treuen Freunde zu besuchen. Immer hatten sie Julien als ganz zu ihnen gehorend betrachtet, das Bewusstsein, ihr, wenn auch gleich nur in Gedanken, Unrecht gethan zu haben, machte sie ihnen noch theurer, und flosste fur alles, was auf sie Bezug hatte, die lebhafteste Theilnahme ihnen ein. Die guten Leute sannen Tag und Nacht daruber nach, wie sie ihr eine Freude machen konnten, um das ihr zugefugte Leid, von welchem sie jedoch gar nichts empfunden, einigermassen zu verguten, und wunschten nichts sehnlicher, als sie noch einmal zu sehen, um es ihr abzubitten. Auf den Flugeln der herbstlichen Aquinoctialsturme entfloh der kurze nordische Sommer, und von allen Seiten kehrten die Reisenden an den heimathlichen Heerd zuruck. Taglich gab es ein Fest des Wiedersehens zu feiern, und auch Richard ging dabei nicht leer aus, denn auch er begegnete bei jedem Schritte lange vermissten Freunden und Bekannten, bis endlich zur glucklichsten Stunde auch Helena mit den Ihrigen heimkehrte. Nur der Furst und Eugen fehlten noch, und auch Graf Stephan, von den Leiden seiner geliebten Frau in Berlin festgehalten.
Richard verlebte jetzt Tage des ungestortesten Gluckes, ohne dass deshalb in seinen aussern Verhaltnissen die kleinste Abanderung eingetreten ware. Befreit von jenen qualenden Besorgnissen, die ihn fruher Tag und Nacht verfolgten, die selbst an der Seite der Geliebten ihn nur um so entsetzlicher peinigten, gab er jetzt der lang entbehrten seligen Gegenwart sich hin, und suchte jedem Gedanken an seine noch immer tief verschleierte Zukunft auszuweichen, selbst wenn der Furstin Eudoxia sich immer gleichbleibende Nachsicht, ja ihr mutterliches Benehmen gegen ihn, als ein unbegreifliches Rathsel vor ihm stand, an dessen Losung er nicht ohne bange Ahnung denken konnte.
Traue meinem Vater, der uns wohl will, und geniesse der guten Stunden, die er uns gonnt, ohne weiter daruber nachzugrubeln; glaube fest, er weiss was er thut, und ist unfahig, das Gluck unsers Lebens muthwillig aufs Spiel zu setzen; sprach dann lachelnd Helena, und wie gern gab er der holden Trosterin nach!
So ging die Zeit hin; das Karneval mit seinen glanzenden Festen nahte sich seinem Ende; Fruhlingsahnung regte sich in jeder Brust; denn obgleich der Winter noch immer das Regiment fuhrte, schien er doch allmalig die Strenge desselben mildern zu wollen. Helena und Richard sahen still freudig der Ruckkehr des Fursten entgegen, die sie innerhalb weniger Wochen erwarten durften, doch von Eugen blieben sie ohne alle Nachricht. Keiner, auch nicht Eudoxia, kannte seinen jetzigen Aufenthalt, und da der Vater sich nicht geneigt bezeigte, sich uber denselben in seinen Briefen zu aussern, so durfte Niemand es wagen, deshalb in ihn dringen zu wollen. Selbst die Furstin war zu dieser zuruckhaltenden Bescheidenheit von ihrem Gemahl fruh gewohnt worden.
Was wird es denn auch Grosses sein! lachelte Helena: irgend eine neue Anstalt, eine Schule fur Bauernkinder, oder eine auslandische Erfindung, mit der wir uberrascht werden sollen, und uber deren Ausfuhrung Eugen die Oberaufsicht ubertragen worden ist. Warum sollten wir vorwitzig dem guten Vater diese Freude verderben? Wunderlich genug hatte es gerade in dieser Zeit dem Strumpffabrikanten Wood, der jetzt ein in seiner Art sehr bedeutender, reicher Mann geworden war, gefallen, sich einmal seines Sohnes zu erinnern, an den er seit Jahren nicht gedacht hatte, so wenig als der geneigte Leser an den alten Herrn in Nottingham gedacht haben mag. Ein fur ein Haus in Manchester Reisender kam mit Empfehlungen und Briefen fur Richard an; eigentlich eine vornehmere Art Muster-Reiter, beladen mit Vorschlagen zu Speculationen und kaufmannischen Anerbietungen, zu deren Ausfuhrung er durch Richards Furwort zu gelangen angewiesen war.
Master Mitchell, so hiess der ehrliche John Bull, der gleich in der ersten Stunde dem armen Richard ungemein lastig erschien, suchte auf seine Art sich so angenehm zu machen, als moglich; er packte mit grosser Formlichkeit ein paar Dutzend Briefe von Eltern, Geschwistern, Vettern und Basen aus, die er, nicht ohne einiges Risiko, uber die Grenze geschmuggelt hatte; und wusste Unendliches von den Billys und Tommys und Peggys und Pattys zu erzahlen, die alle auf Richards bruderliche Zartlichkeit Anspruch machten, und deren Namen, ja zum Theil deren Existenz ihm nicht einmal bekannt war; denn seit seiner Entfernung aus dem vaterlichen Hause hatte die damals schon grosse Anzahl seiner Geschwister sich noch betrachtlich vermehrt.
Solche zwar selten, aber doch im Verlaufe einiger Jahre immer wiederkehrenden Erinnerungen an seine Familie, ergriffen ihn allemal mit dem druckenden Gefuhle versaumter Pflicht, indem sie zugleich seine eigentlich doch sehr unbestimmte, einzig und allein auf das fortgesetzte Wohlwollen machtiger Gonner beruhende Stellung, ihm wieder fuhlbarer machten. Doch war bis jetzt, und auch diesmal, keine betrubende Nachricht ihm uber's Meer zugekommen; seine Eltern lebten in taglich sich mehrendem Wohlstande, keines seiner Geschwister, deren Anzahl er selbst nicht mehr genau wusste, hatte der Tod ihm entrissen. Er fuhlte es als schwere Verpflichtung, dieses als ein grosses Gluck anzuerkennen, und zurnte sich selbst, dass es ihm damit nicht recht gelingen wollte. Aber das Alles lag ihm so fern, war ohne sein Zuthun ihm so entfremdet, dass es ihm durchaus unmoglich blieb, den warmen Antheil daran zu nehmen, den er seinem Herzen aufzudringen sich fruchtlos bemuhte.
Um aber doch einigermassen seine Pflicht eines guten Sohnes zu erfullen, that er alles nur Ersinnliche fur seinen unbequemen Gast, der aber leider als durchaus nicht amusabel sich auswiess. Von allem was Richard ihm zeigte, gefiel ihm durchaus nichts, denn es war nicht wie in Alt-England; die Sitten und Gewohnheiten der grossen englischen Kaufleute, in deren Hausern ihn Richard einfuhrte, fand er so aus der Art geschlagen, dass er gewiss keinen Fuss wieder hinein gesetzt haben wurde, hatte nicht die Hoffnung, irgend ein bedeutendes Geschaft mit ihnen zu machen, ihn dazu bewogen.
Indessen wollte Richard doch nichts unversucht lassen; um dem widerharigen Insulaner wenigstens einen anschaulichen Begriff von der Grosse, dem uberschwanglich reichen Leben der prachtvollen Kaiserstadt zu gewahren, fuhrte er ihn auf den grossen Maskenball, den letzten in dieser Saison, und folglich auch den besuchtesten und glanzendsten, den selbst der kaiserliche Hof diesmal durch seine Gegenwart verherrlichte.
Als ob die Bevolkerung eines ganzen Landes in Lust und Freude sich versammelt hatte, so drangen die vielen Tausende, deren Zahl auszusprechen man sich scheut, um nicht der Ubertreibung beschuldigt zu werden, in weiten Salen sich umher, deren Ende unerreichbar scheint. Der Fremde, der seinen Begleiter nur eine Secunde aus den Augen lasst, ist von dem Moment an verloren, wie ein Tropfen im Meere. Fortgerissen von dem unglaublichen Gewuhle, kann er bis zum anbrechenden Morgen fortwandern, ohne ihn oder auch nur einen Punkt anzutreffen, der ihm einigermassen sich zu orientiren dienen konnte. Diesmal erreichte Richard seinen Zweck. Das ist gross! das ist stupend! sprach Mr. Mitchell, und liess, an Richards Arm fest angeklammert, sich wohlgefallig vorwarts schieben.
Croyan oder adheran? flusterte eine scharf betonte Stimme dicht an Richards Ohr. Ganz unwillkurlich sah er nach dem, der diese ihm ganz unverstandlichen Worte gesprochen hatte, sich um. Ein Ruck und der unselige Englander war im namlichen Momente von ihm getrennt, kaum sah er noch weit vorne im Strudel der Menge ihn schwanken, dann war er verloren, ohne Hoffnung, ihn sobald wieder zu finden.
Ein riesengrosser Domino hatte an dessen Stelle sich gedrangt und Richards Arm ergriffen. Sei unbekummert, Bruderchen, er ist wohl beschutzt und wird zur rechten Zeit Dir wieder ubergeben. Ich muss Dich sprechen und habe Eile, sprach leise, aber vernehmlich, der Domino ihm abermals in's Ohr.
Du bist's? Du wagst es? rief Richard uberlaut, indem er jetzt die Stimme zu seinem grossen Schrekken erkannte. Die Musik und das Gerausch um ihn her ubertonten glucklicher Weise diese Worte; unwillig winkte die Maske ihm zu schweigen, zog ihn rascher mit sich fort, wand mit auffallender Lokalkenntniss auf allerhand Seitenwegen sich mit ihm durch das Gedrange in einen abgelegenen Korridor, druckte gegen eine Wand, sie gab nach, eine verborgene Tapeten-Thur drehte unhorbar sich auf ihren Angeln.
Da waren wir nun, wo der Teufel selbst seine Jungen nicht fande! lachte Lunin, den die Alles errathenden Leser wahrscheinlich langst erkannt haben, indem er Richard in ein geraumiges aber schwach erleuchtetes Zimmer schob. Funf oder sechs junge Leute, welche den Eintretenden nicht zu bemerken schienen, sassen bei Punsch und Wurfelspiel in einer Ecke.
Und nun, Bruderchen, setze Dich hierher, brich los mit Schelten und Ermahnen, aber fasse Dich kurz: sprach Lunin, indem er Richard in ein entferntes Fenster zog, wo halb von den Draperien bedeckt Wein und Glaser bereit standen.
Lunin! rief Richard, hoffte ich doch Deine verhasste Gestalt nie wieder zu sehn.
Sei nicht unhoflich, erwiederte lachend Lunin: was hast Du gegen meine Gestalt, wenn sie mir nur recht ist? Die langen Beine da haben mir schon aus mancher Patsche geholfen! setzte er hinzu, indem er in seinem Sessel sich zurucklehnte, sie weit ausstreckte und in der Luft damit lustig herum vagirte. Aber nun zur Sache: was hast Du mir zu sagen?
Ich Dir? was hatte ich mit Dir zu schaffen? antwortete Richard mit dem Ausdrucke tiefster Verachtung.
So stehts? desto besser, dann kommen wir um so eher auseinander, erwiederte Lunin sehr gleichmuthig: ich aber habe allerlei Auftrage an Dich, von meinem Alten, Du weisst wohl. Ich gehe von hier gerade zu ihm nach Odessa; ich thue es nicht gern, aber ich muss wollen, wie er will, das Ding hat zwischen uns so seinen eignen Haken. Hast Du an ihn etwas zu bestellen? Nicht? auch gut. Dann soll ich mit Feinheit von Dir herausbringen, aber das ist meine Sache nicht, also frage ich Dich lieber gerade heraus, in meines Alten Namen, bist Du Croyan oder schon zum Adheran avancirt?
Du avancirst wohl mit nachstem ins Narren-Haus: erwiederte Richard ungeduldig auffahrend.
Also noch die pure liebe Unschuld? fuhr Lunin fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen: da kann ich also ohne weitere Umstande meinen Auftrag an Dich frei von der Leber weg ausrichten. Der mich sendet lasst Dir empfehlen wohl aufzumerken, wo Du jene Worte aussprechen horst. Die bose Teufelssaat ginge wieder auf, und die sieben Kopfe der alten Hydra gewonnen wieder neues Leben. Fahr wohl! auf nimmer wiedersehn! mit Tagesanbruch bin ich auf dem Wege nach Odessa. Du bleibst ruhig hier, bis Dein Seekalb kommt, es wird nicht lange ausbleiben.
Die Tapetenthure drehte sich wieder, Lunin war verschwunden, Richard sass da und wusste nicht genau ob er wache oder traume. Ihm war grauenhaft zu Muthe, Lunins kurze gespensterartige Erscheinung, die wenigen Worte, die er von ihm vernommen, machten ihn zweifelhaft, ob man einen ubel angebrachten Scherz mit ihm treiben wolle, oder ob jene Worte wirklich eine Bedeutung hatten, die in dem Sinne genommen, in welchem er sie zu nehmen habe, ihn von neuem mit den peinigendsten Besorgnissen erfullen musste. Seit Lunin und Richard das Zimmer betreten, hatte die Gesellschaft am andern Tische, ohne grossen Larm dabei zu machen, ihr Wesen vor sich hin getrieben. Das Klappern der Wurfel, dass Klingen der angestossenen Glaser, ging so gleichformig, man konnte sagen so taktmassig vor sich, dass es dadurch das Storende verlor, und von dem in seinem dunkeln Ecken sitzenden Richard eben so unbeachtet blieb als der das Fenster umsausende Nachtwind; im Gegentheil, es versenkte ihn nur noch tiefer in jene unbestimmten Traumereien, denen er beinah gedankenlos sich uberliess, statt ihn daraus zu erwecken.
Wem es gelungen ist in der Nahe einer Muhle einschlafen zu konnen, der wird, wie man behauptet, nur um so fester schlafen, so lange die Muhle im Gange bleibt. Doch werden ihre Rader gehemmt, so erwacht er, und es ist um seinen Schlaf gethan. Ahnliches erfuhr Richard.
Die Punschquelle an jenem Tische war vermuthlich versiegt, die Spiellust befriedigt; das Klingen der Glaser, das Klappern der Wurfel nahm plotzlich ein Ende, leise drehte sich wieder die Tapetenthure: ein neu Ankommender gesellte jener Gesellschaft sich zu. Die Stuhle wurden dichter zusammengeschoben; mit den Ellbogen auf dem Tische, die Kopfe zusammen gesteckt, begann unter ihnen ein eifriges, flusterndes Gesprach, weit leiser als die vorhin gefuhrte Unterhaltung; Richard fuhr uber diese plotzlich eintretende Veranderung aus seiner Versunkenheit in sich selbst auf, und erinnerte sich jetzt erst der Nahe einer Gesellschaft, deren Dasein er vollig vergessen gehabt hatte.
Jetzt erst fiel es ihm auf, dass auch er wahrscheinlich eben so unbemerkt geblieben sei, was in nicht geringe Verlegenheit ihn versetzte. Sein Gefuhl fur Ehre und Schicklichkeit erlaubte ihm nicht, noch ferner ohne Wissen der Anwesenden hier zu verweilen und verborgener Zeuge einer Unterhaltung zu werden, die mit immer steigendem Interesse gefuhrt zu werden schien; verliess er aber das Zimmer, so konnte er kaum noch hoffen, in der ungeheuren Menschenmasse seinen Begleiter aufzufinden, den hier zu erwarten er angewiesen war, und die vielleicht gefahrlichen Verlegenheiten liessen sich gar nicht absehen, in welche dieser bei seiner widerharigen Unbeholfenheit gerathen konnte, wenn er fur den ubrigen Theil der Nacht seiner eignen Leitung uberlassen blieb.
Nach allen diesen Uberlegungen hatte Richard zuletzt beschlossen hervorzutreten, um seine Gegenwart und die Veranlassung derselben kund zu thun, die ihn zwang, einen von ihm eingefuhrten, der Localitaten ganz unkundigen Fremden hier zu erwarten, als ein einziges Wort, deutlicher als alle ubrigen sein Ohr traf, und augenblicklich an seinem Platze ihn festhielt: das Wort Adheran.
Leiseres unverstandliches Gefluster folgte diesem, aus welchem nur einzelne Ausdrucke zu ihm heruber schollen, die er in keinen Zusammenhang zu bringen wusste. Auch Namen horte er nennen, die er anderswo oft vernommen. Er blickte scharfer nach der Gesellschaft hin und entdeckte zu seinem unsaglichen Entsetzen bekannte Gesichter aus jener Zeit, die er gern auf ewig vergessen hatte. In diesem heimlichen Winkel, so still verborgen im Gewuhle vieler Tausende, wie eine einsame Felseninsel mitten im sie umbrausenden Gewoge des Weltmeers, an einem Orte, wo Lunin als vollig einheimisch sich benommen hatte, diese versammelt zu sehn, ergriff ihn mit grauenvollem Ahnen drohender, allgemeiner Gefahr.
Was er sah und horte, musste auf das Lebhafteste an jenen verhangnissvollen Abend ihn erinnern, an welchem ein unseliger Zufall, wider seinen Willen, ihn Mitglied eines Bundes werden liess, den er seitdem bis zu diesem Augenblicke zu seiner grossen Beruhigung fur ganz aufgelost gehalten hatte. War es Absicht oder Zufall was diese, einzig aus fruheren Theilnehmern an demselben bestehende Gesellschaft, hier zusammengefuhrt hatte?
Das einzige Wort Adheran ausgenommen, liess alles Ubrige, was er von ihrer Unterhaltung bis jetzt verstanden, ihn das Letztere hoffen; doch wenn er der Warnung sich erinnerte, welche Torson durch Lunin ihm hatte zukommen lassen, so ergriff ihn eine ungeheure Angst, und bange Schauer durchrieselten ihm Mark und Gebein.
Der zuletzt Angekommene schien erst rechtes Leben in die Unterhaltung gebracht zu haben; ein langer hagrer Vierziger, von militairischem Anstand, mit dem Ausdrucke tief gewurzelten Missmuths in den dunkeln, stark hervortretenden Zugen, auf dessen Namen Richard in diesem Augenblicke sich nicht besinnen konnte, der aber durch sein schweigsames Aufmerken auf Alles, was um ihn her vorging, ihm in den Bundesversammlungen oft aufgefallen war. Sein Betragen hier war ganz anderer Art; heftig gestikulirend, wahrscheinlich von einem leichten Champagnerrausche etwas exaltirt, sprach er viel, aber so leise, dass keine Sylbe von dem, was er sagte, bis zu Richards Ohr gelangte. Einige von seinen Zuhorern schienen eben so eifrig, aber auch eben so leise ihm zu widersprechen; aller Vorsicht vergessend sprang er auf, und schlug mit geballter Faust auf den Tisch, dass die Glaser klirrten.
Und warum nicht? rief er mit uberlauter Donnerstimme, warum nicht auf dem Balle? warum nicht an einem Tage wie heute? denkt einige dreissig Jahre zuruck, denkt an Stockholm Gelachter und Geschrei ausserhalb des Zimmers erstickte den Rest seiner Worte.
Die Tapetenthure drehte sich wieder, lachend drangte eine Gruppe Masken hinein, Richard glaubte des Englanders Stimme zu horen und eilte hinaus; da stand der edle Britte, so selig als man in dieser Welt es nur werden kann, von zwei Personen unterstutzt, die ihn sogleich in Richards Arme legten, und dann den ubrigen in das Zimmer folgten, dessen Thure augenblicklich verschlossen wurde.
Rule Britannia! lallte Mr. Mitchell mit schwerer Zunge und noch schwererem Kopfe, wahrend Richard den Taumelnden in den Wagen transportirte, aus welchem er fest schlafend in sein Bette getragen, und am nachsten Morgen bei einem Kruge Sodawasser nicht mude wurde, die gestern erhaltenen Beweise russischer Gastfreiheit bis in die Wolken zu erheben. Der Rausch war verschlafen, die Nachwehen desselben rein weggespult; Mitchell war wieder die nuchterne, nur auf ihren Vortheil bedachte, Gewinn und Verlust berechnende Kramer-Seele geworden, die er von jeher gewesen. Er ging treufleissigst seinem Berufe nach, liess bei den Bemuhungen, seine Fabrikate zu empfehlen, weder durch kalten Empfang noch durch Ausserungen des Uberdrusses sich zuruckschrecken, und gehorte fast buchstablich zu denen, von welchen man spruchwortlich zu sagen pflegt, dass sie zum Fenster wieder hineinkommen, wenn man sie eben zur Thure hinaus gewiesen hat.
Seine Beharrlichkeit blieb nicht unbelohnt. Es gelang ihm, in den Comptoiren einiger bedeutender Hauser Eingang zu finden, wo er seine und seiner Korrespondenten Industrie vortheilhaft geltend machen konnte, und Richard wurde auf diese Weise zuweilen von der belastigenden Gesellschaft seines schwerfalligen Landsmanns befreit.
Dies war fur ihn allerdings eine grosse Erleichterung, deren er jetzt zwiefach bedurfte. Es schien als ob seit jener, auf dem Maskenballe zugebrachten abenteuerlichen Nacht, die Folgen des Rausches, den Mitchell so glucklich verschlafen, auf den wahrlich sehr massig gebliebenen Richard ubergegangen waren, und keinem dagegen angewandten Mittel weichen wollten. Ihm war fortwahrend wie einem aus schweren Traumen nur halb Erwachten, der noch nicht mit Sicherheit zu unterscheiden weiss, ob was ihm widerfuhr ein Wahngebilde, oder Wirklichkeit sei. Noch immer war alles um ihn geblieben wie es gewesen; so oft er Helena sah, lachelte ein Himmel von Seligkeit aus ihren Augen ihn an, und durch das gegen ihn sich immer gleich bleibende Betragen der Mutter dazu berechtigt, verging ihm selten ein Tag, an welchem er sie nicht gesehen hatte.
Auch Kapellmeister Lange und Frau Karoline beeiferten sich, sein Leben zu verschonen. Mit innigem Vertrauen und warmer Herzlichkeit schlossen sie immer fester sich an den Jungling an, und wollten und verlangten nichts weiter fur ihre liebende Treue, als dass er sie sich gefallen lasse. In seine ubrigen Verhaltnisse eindringen, mehr, als er unaufgefordert ihnen mittheilte, erfahren zu wollen, war ein Gedanke, der den bescheidenen Seelen nie in den Sinn kam.
In seinen Dienstverhaltnissen fand Richard eben so wenig Stoff zur Klage, als in dem Betragen seiner Kameraden gegen ihn. Was war es denn, was bei jedem plotzlichen Gerausche in der Strasse, bei jedem mit rauher oder fremder Stimme gesprochenen Worte ihn aufschreckte? warum bei ringsum heitrem Himmel athmete er so gewitterschwer?
Ach, dem kundigen Schiffer gleich, ahnete er in tiefer Windstille den nahenden Sturm; Lunins unheimliche Erscheinung, Torsons durch diesen ihm zugekommene Warnung, die abgebrochenen Worte, die er auf jenem Balle zu vernehmen gemeint, hatten ihn aufgeschreckt; er furchtete, er wusste selbst nicht was, und fand nirgends Rath, nirgends Erleichterung fur sein sorgenvoll bedrucktes Gemuth.
Der Furstin Eudoxia seine Besorgnisse anzuvertrauen, konnte ihm nicht einfallen, eben so wenig der Geliebten. Er hatte ja oft genug erfahren, wie Helena alles gewandt von sich abzuweisen wusste, was anzuhoren ihr entweder nicht angenehm war, oder nicht erlaubt schien. Uberdem schien ihm beide, Mutter und Tochter, mit unbestimmten Besorgnissen aus ihrem genussreichen Leben aufschrecken zu wollen, beinahe ein Verbrechen, gewiss eine Thorheit zu sein. Denn durfte er Lunin, durfte er Torson, durfte er uberhaupt jenen Maskenball gegen sie erwahnen, dem auch sie, in den Umgebungen des kaiserlichen Hofes, ein paar Stunden unter ganz andern Verhaltnissen beigewohnt hatten?
Und immer weiter ins Unbestimmte wurde des Fursten Andreas Ruckkehr hinaus geschoben, sogar der Ort seines Aufenthaltes, den er, nach seinen kurzen Briefen zu schliessen, sehr oft wechselte, war nicht mit Gewissheit zu bestimmen; von Eugen war man seit langerer Zeit ohne alle Nachricht geblieben, und doch zeigten Mutter und Schwester seinetwegen sich vollig unbesorgt. Endlich, nach mehreren in beangstigender Ungewissheit hingebrachten Wochen, erfuhr Richard, dass Graf Stephan wieder angelangt sei. Zwar verletzte es ihn ein wenig, dass dieses nur zufallig geschah, doch liess er sich dadurch nicht abhalten, sogleich zu ihm zu eilen.
Rath, Trost, Aufklarung des Dunkels, das ihn beangstete, hoffte er von dem Grafen zu erhalten, aber sein Muth sank gewaltig, indem er der Wohnung desselben sich naherte; sie sah nicht minder unbewohnt aus, als sie seit Jahr und Tag ausgesehen. Nichts im Aussern derselben verrieth die Gegenwart des Pracht und Geselligkeit liebenden Besitzers; die Fensterblenden rings umher waren geschlossen, die bei Anwesenheit der Herrschaft sonst immer offen stehende Thorfahrt knarrte in rostigen, lange nicht gebrauchten Angeln, indem der graue Thorwarter sie fur Richard offnete, der einzige von der bunten Dienerschaar, der sich diesmal blicken liess, die sonst in geschaftigem Mussiggange hier uberall herum zu schwarmen pflegte.
In der Uberzeugung, dass ein blosses Gerucht ihn
getauscht habe, war Richard schon im Begriffe wieder umzukehren, als er zu seinem grossen Schrecken bemerkte, dass der Hof fusshoch mit Stroh bedeckt sei. Wem galt dies unverkennbare Anzeichen schwerer Krankheit, vielleicht gar des Todes? Vergebens sah Richard sich nach Jemand um, der ihm daruber Auskunft geben konne; der alte Thorwarter, welcher eben beschaftigt war, die Thorflugel wieder sorgsam zu schliessen, blieb die einzige lebende Seele, die sich zeigte.
Rede und Antwort von ihm zu erhalten war aber
schwer, tiefe Verbeugungen bis an den Boden, und stumme, zum Eintritt in die Halle einladende Bewegungen der Hand, waren alles, was Richard auf die dringenden Fragen erhielt, mit denen er ihn besturmte.
Bin ich zuruck in die Zeit der Feenmahrchen ver
setzt, befinde ich mich in einem bezauberten Schlosse? wurde in frohlicherer Stimmung Richard gewiss sich selbst gefragt haben, wahrend er die verodeten Wohnzimmer seines Freundes durchstreifte, und uberall, bei dicht verhangten Fenstern, die namliche Stille ihn umfing.
Endlich liessen doch Schritte eines Nahenden sich vernehmen; eine, in den abgelegensten Theil des Hauses fuhrende Thur, wurde so gerauschlos als moglich geoffnet, und hinein sah ein blasses, abgeharmtes Gesicht, welches Richard sogleich als das ihm wohl bekannte des treuesten und vertrautesten Dieners des Grafen Stephan begrusste.
Doch auch dieser, so willkommen ihm Richard auch war, bezeigte sich wenig geneigt, ihm die Auskunft zu geben, nach welcher er so sehnlichst verlangte. Walter war von Geburt ein Deutscher, und, wie das in grossen russischen Hausern oft der Fall ist, von Jugend auf seinem jetzigen Gebieter erst als demuthiger Spielgeselle, dann als Kammerdiener zugegeben worden. Soviel dieses mit seiner Stellung im Leben sich vereinigen liess, hatte er mit seinem Gebieter gleiche Erziehung genossen, und hing jetzt mit aller Kraft seines redlichen Gemuthes an ihm und seinem Hause. Oft hatte Richard die Wendung, die das Geschick mit ihm selbst genommen, mit der, des in der ersten Anlage ihm so ahnlichen Schicksals dieses vorzuglich treuen, verstandigen Mannes verglichen, und es gab manche Stunde in seinem Leben, in der er ihn glucklicher achtete als sich selbst.
Thranenschwer, aus tiefster Brust aufseufzend, aber schweigend fuhrte Walter den Freund seines Herrn durch eine lange Reihe dunkler Zimmer, welche Richard nie zuvor betreten, in ein kleines, der Tageshelle fast hermetisch verschlossenes Gemach. Schwarze Teppiche bekleideten die Wande, auf hohen, in schwarzen Krepp gehullten Kandelabern, brannten in den Ecken grosse Kerzen von gelbem Wachs, und verbreiteten ein trubes flackerndes Licht, wie in einer Todtengruft. Richard fuhlte beim Eintritte in diesen, der tiefsten Schwermuth geweihten Aufenthalt das Blut in seinen Adern erstarren; es wahrte ziemlich lange, ehe sein an dieses Dammerlicht noch nicht gewohntes Auge die ihn zunachst umgebenden Gegenstande erkennen konnte.
Mitten im Zimmer, auf einem breiten niedrigen Divan, lag Graf Stephan in tiefer Trauer, aber vollig gekleidet; und nach altrussischem Gebrauche in Trauerfallen stand rings um ihn her alles nur Ersinnliche aufgestellt, was an Fruchten, Weinen und dergleichen ihn zum Genusse reizen konnte, ohne dass er es eines Blickes wurdigte.
Da bist Du ja, mein Bruder, sprach er sehr mild und freundlich, und reichte Richard die Hand; ich liess Dich nicht rufen, ich uberliess es dem Geschick, ob es unser Wiedersehn uns gonnen wolle, denn ich habe nur Reue und Schmerz, aber keine Wunsche mehr. Nun bist Du von selbst gekommen; ich bin schon seit vielen Tagen in tiefer Verborgenheit hier, und habe immer Dein gedacht; es ist gut dass Du ohne mein Zuthun gekommen bist, es ist sehr gut.
Schmerzlichst ergriffen warf Richard neben dem Lager seines Freundes sich hin; er redete trostend ihm zu, er wollte versuchen ihn aufzurichten; doch seit mehr als Jahresfrist unbekannt mit dem Quelle seiner Leiden, verletzte er aus Unwissenheit statt zu heilen, gleich einem Arzte, der in dunkler Nacht einen schwer Verwundeten verbinden mochte, und blind herumtappend, wider sein Wissen und Wollen durch Beruhrung die Schmerzen vergrossert, die er zu lindern beabsichtigt.
Lass ab, lass ab mit Trosten, bat endlich Stephan; menschlicher Trost wie menschliche Hulfe sind an mir verloren; darum zog ich mit meinem Schmerze in Nacht und Einsamkeit mich zuruck. Hier will ich schweigend untergehn; nur Dich mochte ich warnen, nur Dich retten, wenn Du noch zu warnen, zu retten bist; ich hoffe Gott will es, indem er von all' meinen Freunden Dich allein mir zufuhrte.
Ich leide gerechte Strafe fur meinen weltklugen Vorwitz, fur den frevelnden Ubermuth, mit welchem ich dem stolzen Wahne mich uberliess, ich sei berufen in das Rad des Weltenganges einzugreifen: sprach Stephan, als die erste heftige Bewegung, in welche das Wiedersehen des Freundes ihn versetzte, allmalig verklungen war.
Ich dulde was ich verdient habe, aber mein Weib! meine unschuldigen Kinder! was haben die verbrochen? Du, mein Bruder, warst der heitre unermudlichfreundliche Spielgeselle meiner Kinder, Du liebtest sie, Du kannst sie nicht vergessen haben; wo sind sie jetzt? Alle, Alle dahin, von wo keine Wiederkehr ist. Zwei von ihnen, die beiden jungsten, waren mir noch geblieben, meine kleine lachelnde Anna, mein holder Knabe Eloa. Ich wollte sie nicht aus den Augen lassen, sie mussten nach Berlin mich begleiten. An dem zu meiner Abreise von dort bestimmten Tage erkrankten Beide; im Sarge haben ihre Leichen mich zuruck begleitet, ich habe bei ihren Grosseltern, bei ihren vorangegangenen Geschwistern sie schlafen gelegt! Das, Richard, das war eine Reisegesellschaft! aber im markischen Sande die lieblichen Knospen fur die Ewigkeit bergen, wie hatte ich das vermocht!
Und nun ihre Mutter, fing nach einer Pause Stephan wieder an, dieser sanft duldende Engel! taglich muss ich Gott bitten, dass er ihm bald gewahren moge, die Flugel entfalten zu durfen, um sich hoch uber dieses Jammerleben hinaus, in Paradiesesluften zu unsern Kindern zu erheben. Was aber wird aus mir, wenn auch sie mich verlassen haben wird? Nach martervoller Nacht erweckt jeder Morgen sie zu neuer Todesqual, ein furchtbares Ubel nagt langsam und unheilbar nahe an ihrem Herzen; die Kinder schlafen, die Mutter leidet und wacht!
Laut schluchzend sank Stephan auf sein Lager zuruck; Richard weinte mit ihm, im Gefuhle seines Unvermogens, hier Hulfe oder auch nur Trost zu gewahren.
Nach so grossem Jammer Dir noch von dem Untergange des Wohlstandes meines Hauses zu sprechen, scheint kaum der Muhe werth; und doch ist dieses, besonders in seinen Folgen, kein unbedeutendes Ungluck, denn meine Schuld, meine Nachlassigkeit hat das Elend vieler tausend Armen veranlasst, und auch ihr Schicksal liegt schwer auf mir.
Wahrend ich thorichter Weise in weit aussehenden Planen mich abmuhete; Zeit, Geld und Kraft zu ihrer Ausfuhrung vergeudete, und meine krankelnde Eitelkeit mich selbst in heimliche Bewunderung der hohen edlen Opfer einwiegte, die ich dem Wohle meines geliebten Vaterlandes dadurch zu bringen wahnte, vergass ich der Sorge fur die, welche mir am nachsten stehen; liess die Obhut uber die Tausende von Seelen ganz aus der Acht, welche Gott selbst durch den Stand, in welchem er mich geboren werden liess, an meine vaterliche Vorsorge angewiesen. Viele, viele Jahre lang liess ich feile Miethlinge meine Stelle vertreten; mein Vermogen, meine Unterthanen, meine Ehre sind schamlosen Wucherern Preis gegeben; und eigentlich ist, von Allem was so glanzend mich umgiebt, nichts mehr mein.
Solche Fruchte gehen auf aus solcher Saat! Wer bin ich? was bist Du? was ist Andreas und Sergius und sie Alle, dass wir glauben sollten, wir waren berechtigt, Kronen zu zerbrechen, uber Kaiser und Konige zu Gericht zu sitzen, die Verfassung grosser Reiche umzuschaffen, Alles nach unserer beschrankten Einsicht zu ordnen, und uns zu geberden, als habe der allmachtige Regierer der Welten uns zu seinen Statthaltern auf Erden eingesetzt? Ach ich mochte im Gefuhle der schmerzlichsten Reue auf offnem Markte hintreten, alle meine Wunden aufdecken, und laut rufen: so weiss der Himmel weltklugen Vorwitz zu strafen! Alle Zeit, die seine ubrigen Verhaltnisse ihm frei liessen, widmete Richard jetzt seinem unglucklichen Freunde; ihn zu trosten konnte ihm nicht einfallen, jeder Versuch es zu wollen, wurde sogar als Verhohnung des gerechtesten Schmerzes mit Widerwillen zuruck gestossen worden sein; aber Stephan horte doch auf, ein trauriges Spiel mit den aussern Zeichen desselben zu treiben. Er gewohnte sich sowohl das Licht der Sonne als den Wechsel, den Stunden und Tageszeiten im gewohnlichen Gange des Lebens herbeifuhren, wieder zu ertragen; und war zuletzt eben so sorgfaltig bemuht, jeden Anstrich von Sonderbarkeit zu vermeiden, als er vorher ihn zu suchen geschienen.
Oft, wenn lebhafter erregte, trube Erinnerungen vergangener Zeiten, oder heftigere Schmerzen der still duldenden Grafin, den Schlaf von Stephans Lager verscheuchten, fand der anbrechende Tag beide Freunde noch bei einander. Richard war sehr verwundert als er bemerkte, wie der Graf sich eifrig bemuhte, ihn aus den Schlingen jenes gefahrlichen Bundes loszumachen, denen er langst entronnen zu sein meinte, und an den er, ohne das letzte Zusammentreffen mit Lunin, kaum noch gedacht haben wurde.
Wozu, ich bitte Dich, fragte er eines Abends, nachdem Stephan ihm umstandlich dargestellt, wie er es angefangen, um von jener Verbindung sich los zu sagen, wozu aber alle diese Weitlauftigkeiten? dieses Zusammenberufen des Rathes der Alten? diese feierliche Erklarung Deines Entschlusses, aus dem Bunde auszutreten, der damals schon aufgelost war? Und sollten auch jetzt, wie es beinahe den Anschein haben will, einige Uberbleibsel der alten zerstuckelten Schlange sich wieder regen, von diesen haben wir nichts mehr zu befurchten; das zertretene Ungeheuer zerfallt in Nichtigkeit, es wird uns nicht wieder umklammern.
Zum Beweise seiner Behauptung theilte er dem Freunde den Inhalt jener letzten merkwurdigen Unterredung mit dem Fursten Andreas mit. Jedes Wort derselben hatte seinem Gedachtnisse sich zu tief eingepragt, als dass er nicht hatte im Stande fein sollen, dieses fast wortlich zu thun.
Mit gespannter Aufmerksamkeit horte Graf Stephan, ohne ihn zu unterbrechen, ihn an, und schien eine Weile in tiefes Nachdenken zu versinken.
Nein, sprach er endlich, es ist unmoglich, ich kann den Glauben an Andreas nicht verlieren; er ist zu gross, zu stolz, zu rechtlich, um an die Moglichkeit absichtlicher Tauschung bei einem Character zu denken, dessen Fehler edler sind als die Tugenden vieler Andrer. Er will das Rechte und Gute, aber leider nicht immer weil es das Rechte und Gute ist, sondern weil er es nun einmal will, mit aller Kraft seines unbeugsamen Gemuthes es will; und diese Unbeugsamkeit konnte uns Allen, und wird, wie ich leider furchten muss, dereinst ihm selbst zum Verderben gereichen.
Ich behaupte nicht er wollte Dich irre fuhren, nein, mein Bruder, davor behute mich Gott! ich bin uberzeugt, dass er das nicht wollte; aber sein eingewurzelter, durch gluhende Eifersucht genahrter Hass gegen Pestel, bei weniger edlen Naturen durfte man wohl Neid es nennen, hat in diesem Falle ihn selbst irre gefuhrt.
Hoffen was wir wunschen, und dieses Hoffen bis zur gewissesten Erwartung sich steigern lassen, liegt uns ja so nahe, ist so innig mit unserer Natur verflochten, dass selbst ein so starker Character wie der des Fursten Andreas, dieser Schwache unterworfen sein muss. Daher der ungeheure Zwiespalt in seinem Wesen, der oft ein ganz falsches Licht auf ihn wirft. Er liess Dich glauben, der Bund sei aufgehoben, weil er selbst sich bemuhte zu denken, dass dem so sei, obgleich in einem geheimen Winkel seines Herzens die Uberzeugung des Gegentheils lauerte. Ich weiss nicht recht wie ich Dir begreiflich machen soll, wie ich es meine; ich kann Dir nur sagen, Andreas ist eine jener Zwitternaturen, die zwar eins mit sich selbst scheinen, in deren Innerm aber ein ewiger Zwiespalt herrscht. Nur dies noch zum Beweise: Dich versicherte er, der Bund sei aufgehoben; ich bin fest uberzeugt, gewissermassen glaubte er es damals selbst; und weisst Du wo er, wo Eugen jetzt sind? Wo beide, wenige Wochen nach Deiner Abreise sich hinwandten? und was noch jetzt, in dieser Stunde, sie festhalt? Sie bereisen auf verschiedenen Wegen, von einander getrennt, die sudlichen Provinzen, um fur den neuen Bund, den sie errichten wollen, und der doch, obgleich anders genannt, nur der alte ist, Proselyten zu werben.
Es ist nicht, es kann nicht sein! es ist nicht! rief Richard todtenbleich.
Es ist so, erwiederte Stephan sehr lebhaft; lass mich versuchen, das unerklarlich Scheinende Dir deutlich zu machen.
Andreas fuhlte von jeher Pestels grosse Uberlegenheit, ohne sie anders als ganz heimlich sich selbst eingestehen zu wollen. Die durch uberwiegende Klugheit und Alles beseitigende Verachtung dessen, was andern heilig ist, gewonnene Oberherrschaft dieses Verruchten, war dem edlen Fursten eben so furchtbar als verhasst Offentlich gegen ihn aufstehen konnte und wollte er nicht, aber all' sein Sinnen und Trachten ging dahin, der usurpirten Obergewalt des gefahrlichen Fuhrers ein Ende zu machen, und wo moglich die Zugel selbst zu ergreifen. Yakuchins allgemeines Entsetzen erregende Erscheinung in jener, durch meine thorichte Leichtglaubigkeit herbeigefuhrten nachtlichen Scene, scheuchte fur den Augenblick alles aus einander. Der Bund schien wirklich aufgelost; selbst Andreas konnte damals glauben er sei es, und mit gutem Gewissen zu Deiner Beruhigung Dich davon zu uberzeugen suchen.
Er selbst aber konnte nicht rasten noch ruhen; der Wahn, der mich elend machte, beherrscht ihn noch bis zu diesem Augenblicke nicht minder machtig als er mich beherrscht hat, bis Alles unter mir zusammen brach. Andreas will auf seine edlere Weise vollenden, was wie er hofft Pestel nicht mehr vollenden kann; er halt ihn fur wehrlos, fur vernichtet, und wird dereinst furchtbar aus diesem Irrthume erwachen.
Bis jetzt hat das Gluck ihm freilich noch nicht den Rucken gewendet wie mir. Sein reiferes Alter, seine Umsicht, seine Erfahrung, haben ihn vor Fehlgriffen bewahrt, die ich beging. Noch lebt Eudoxia in bluhender Gesundheit; seine in Jugendkraft und Schonheit herangewachsenen Sohne und Tochter sind die Zierde und der Stolz seines edlen machtigen Hauses, wahrend ich
Stephan verstummte; vom gerechtesten Schmerze ubermannt, vermochte er nicht das Gesprach fortzusetzen. Im Vereine mit einigen wenigen der eifrigsten, und zugleich wohlgesinntesten, der Mitglieder des jetzt angeblich erloschenen Bundes der achten Kinder des Vaterlandes, war es dem Fursten Andreas und mehreren seiner Vertrauten wirklich gelungen, unter dem Namen eines Bundes fur das allgemeine Wohl eine neue Verbindung zu errichten, die unbemerkt immer weiter und weiter sich verbreitete.
Lage es irgend im Reiche der Moglichkeit, das hohe Ziel, das sie sich gestellt, auf solchem Wege zu erreichen, so wurde diese Verbindung gewiss den schonen Namen, den sie sich gewahlt hatte, vollkommen verdient haben; aber ihre Stifter vergassen in ihrem Eifer, dass man nicht an einem und dem namlichen Tage saen und ernten kann; sie bedachten nicht, dass allgemein verbreitete Aufklarung unter dem Volke nur sehr allmalig durch Lehre und Beispiel herbeigefuhrt werden kann, und dass eine bedeutende Reihe von Jahren dazu gehort, ehe die Folgen einer verbesserten Erziehung in der heranwachsenden Generation merkbar werden.
Hingerissen von Plan zu Plan, wollten sie alles was sie fur nutzlich und wunschenswerth achteten, mochte es sich auch unter einander noch so sehr widersprechen, auf einmal bewirken; sie wollten den Einfluss der Fremden abwehren, Liebe zum Nationellen verbreiten, und zugleich mit dem Leben des Volkes seit grauer Vorzeit enge verwachsene Ansichten und Gebrauche abschaffen; sie wollten allen Monopolen sich widersetzen, und zugleich Kunstfleiss befordern. Ihr Verbesserungssystem dehnte nach allen Seiten sich hin und fuhrte, zum Theil ihnen selbst unbewusst, sie endlich zuruck auf den alten Punkt, der nur zum Umsturze alles Bestehenden, und zugleich zu ihrem eignen Verderben sie leiten musste.
Pestel, der seinerseits wahrend der Zeit auf andrem Wege auch nicht unthatig geblieben war, und dabei was ausser seinem Bereiche vorging nie aus den Augen verlor, fing allmalig an, sein altes Ansehen unter den Verbundeten wieder zu gewinnen, Um ihm kraftig entgegen zu arbeiten, trat jetzt Andreas, von den Bessergesinnten seiner Partei unterstutzt, wirklich mit dem Vorschlage auf, den Kaiser um seine Bewilligung zur Errichtung dieses neuen Bundes anzusprechen; aber die Mehrzahl der Stimmen erhob sich mit gewaltigem Ubergewichte laut dagegen. Die Lust, selbst das Regiment zu fuhren, war von neuem erwacht; man berieth sich in einzelnen, mehr oder minder zahlreichen Zusammenkunften, uber die Nachtheile und Vorzuge der verschiedenen Regierungsformen, und, wie das unter solchen Umstanden immer der Fall ist, die republikanische trug den Preis davon, weil auch der Unbedeutendste unter den Verbundeten am liebsten sich selbst als Dictator auf dem Throne gesehen hatte.
Und von neuem wagte Pestel Ausserungen, halb ausgesprochne Worte, als Einleitung zur Ausfuhrung grasslicher Unthaten; die Meisten emporten laut sich dagegen; was Andre heimlich beschlossen, ist wenigstens noch nicht bekannt geworden, aber das Argste steht dennoch zu erwarten. Abermals scheint zwar fur jetzt der Bund geloset in sich selbst zu versinken, lebt aber dennoch, gleich dem im Gebalke des Palastes zu Kopenhagen fortglimmenden Funken, fort, um im nachsten gunstigen Augenblicke mit verdoppelter Wuth hervorzubrechen, und das Werk der Zerstorung zu beginnen.
So, mein Bruder, so steht es jetzt um die Sicherheit unsres geliebten heiligen Vaterlandes! sprach, Stephan zu seinem, vor Entsetzen sprachlos ihm zuhorenden Freunde, nachdem er in einer ruhigeren Stunde ihm weitlauftiger alles dieses aus einander gesetzt hatte. Wir alle leben uber dem Krater eines Vulkans, fuhr er sehr bewegt fort: still und heimlich wuthet unter unsern Fussen die Holle; wann und wo sie die dunne Decke sprengen wird, die jetzt noch vor ihrer Wuth uns schutzt, mussen wir erwarten. Wie freudig ich mein Leben hingabe, um die uns drohende Gefahr abzuwenden, schame ich mich nur zu erwahnen; das Opfer das ich damit brachte ist der Erwahnung nicht werth; aber verzweifelnd stehe ich da, und weiss weder Hulfe noch Rath. Den einzigen Weg dazu verschliesst mir jener furchterliche Eid, der uns Alle fesselt. Ich kann meine unsterbliche Seele nicht opfern, ich kann, ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, alle meine geliebten Verlornen dort oben wieder um mich versammelt zu sehen! setzte er in heftigster Bewegung hinzu.
Mit jedem Tage wachst die uns drohende Gefahr, nahm Graf Stephan nach einiger Zeit wieder das Wort; unsre Freunde, Andreas wie Eugen, wandeln in unseliger Verblendung am Rande des Abgrundes, in welchem sie ein Paradies erbauen zu konnen wahnen, und Pestel, dieser Unheil brutende Damon, fuhrt wieder das Ruder. Zwar hat er das allgemeine Vertrauen, durch das er machtig wurde, grosstentheils verloren; doch so verhasst er geworden sein mag, erhalt er sich doch durch seine uberwiegende Geisteskraft in der Oberherrschaft uber die Gemuther.
Der furchtbare Bund existirt nach wie vor; von Statuten, durch welche er zu einem Ganzen sich organisiren soll, ist kaum mehr die Rede; man ist des faden Spiels damit uberdrussig geworden. Die Mitglieder zerfallen jetzt in zwei Theile, in Adherans und Croyans, Anhanger und Glaubige; im Grunde sind's Namen fur eins und dasselbe, einer davon gilt so viel als der Andre. Getrieben von unsaglicher Unruhe, unfahig den Zustand von Ungewissheit, Zweifel, banger Erwartung, in dumpfer Unthatigkeit langer zu ertragen, entschloss Richard sich zu dem Versuche, alte Verbindungen, vor denen er im Innern seines Herzens zuruck schauderte, scheinbar wieder anzuknupfen; so viel dieses namlich, ohne sich zu tief einzulassen, moglich war. Es schien ihm der einzige Weg, nicht ganz in Blindheit befangen, dem Verderben entgegen zu gehen; das Unternehmen war nicht leicht, aber von den Umstanden begunstigt, gelang es uber alle Erwartung.
Richard besuchte die eigentlichen Bundesversammlungen nicht, liess weder als Glaubiger noch als Anhanger sich aufnehmen, gab sich aber das Ansehen, als ob bei seinen bekannten fruheren Connexionen dieses ganz uberflussig ware. Er mischte sich unter seine alten Bekannten, nahm mit so viel scheinbarer Unbefangenheit an ihren Privatzusammenkunften, an ihren Gesellschaften, sogar an ihren oft an wilde Ausgelassenheit streifenden Gelagen Theil, als habe nur zufallige Abwesenheit ihn eine Weile von ihnen entfernt gehalten. Und wo er anklopfte, wurde ihm aufgethan; uberall wo er sich zeigte, fand er unbedingt freundlichen Empfang.
Auch jetzt, eben wie ehedem, bestand die grossere Anzahl der Verschworenen aus jungen Leuten, welche mit dem ihrem Alter eignen Unbedachte in diese gefahrliche Verbindung sich hatten hineinziehen lassen, und darin verharrten; Richards gesellige Eigenschaften machten seinen Umgang ihnen wunschenswerth, Yakuchin hatten sie uber neuere Ereignisse langst vergessen. Doch leider waren sie auch allmalig daran gewohnt worden, Dinge gleichgultig anzuhoren, gegen welche fruher ihr besseres Gefuhl sich machtig emport hatte. Selbst in ihren Privatzirkeln fanden jetzt oft genug Debatten statt, die man sonst unter Pestels Vorsitz nur bei geschlossenen Thuren und mit der grossten Vorsicht im Rathe der Alten zu halten wagte. Wahrscheinlich aber sahen die meisten der jungen Leute nur Gelegenheit zu hochtonenden Reden darin, wie sie zur Zeit ihrer Vater beim Anfange der Revolution in Paris gehalten worden waren, und blieben weit davon entfernt, den furchtbaren Ernst sich zu denken, der darunter verborgen lag.
Was Richard den Tag uber auf diese Weise erspahte, trug er Abends dem Grafen Stephan vor; beide sassen oft bis zum Anbruche des Tages beisammen und wurden immer trostloser, je langer sie uber die Moglichkeit hier Rettung zu finden sich besprachen. Das nachtliche Dunkel das sie umgab, verdichtete sich zu immer schwarzeren Schatten; taglich wuchs die wahnsinnige Wuth der Haupter der Verschworenen, und unverhullt trugen sie in ihren Versammlungen sie zur Schau. Alle ihre Gedanken waren auf Mord und Verderben gerichtet. Vieles was sie ersannen, granzte durch unausfuhrbaren Unsinn an das Lacherliche, aber es verfehlte dennoch nicht, auf die leicht verfuhrbare Jugend den gewunschten Eindruck zu machen. Hingerissen von dem rhetorischen Pompe, in welchem diese Erzeugnisse einer zu volliger Unnatur verwilderten Phantasie vorgetragen wurden, gestalteten die Gesinnungen sich immer verkehrter, bis Alle zuletzt vollig damit einverstanden waren, vor keiner Unthat mehr zuruckzubeben. Ruhig und gelassen im Aussern, wenn gleich innerlich schaudernd, stand Richard zufallig in einer nicht sehr zahlreichen Versammlung, in welcher Wuth, Unsinn und Mordlust den hochsten Gipfel erreicht zu haben schienen, neben Sergius. Kennst Du den? fragte Sergius leise, und wies auf eine auffallend lange, hagre Gestalt, welche gleich bei ihrem Eintritte in die Versammlung von den Bedeutendsten unter den Anwesenden umringt wurde.
Ich sah ihn oft, ohne jedoch seine nahere Bekanntschaft zu machen, oder auch nur seinen Namen zu erfahren; das letzte Mal traf ich ihn auf dem grossen Maskenballe in einer geschlossenen Gesellschaft, in welche Lunin kurz vor seiner Abreise mich einfuhrte; erwiederte Richard, der, um seinem Beobachtungssysteme unbeargwohnt folgen zu konnen, sich gern das Ansehn gab, als ob er mit Lunin und andern dieses Gelichters im besten Vernehmen stunde.
Der ist der Mann, sieh ihn nur recht darauf an, der wird ausfuhren, wozu Dein Narr Yakuchin nicht taugte, der, Gott weiss wie, mit seinem sentimentalen Wahnsinne uns Alle aus der Fassung brachte; flusterte Sergius noch leiser. Ubrigens, fuhr er fort, war es gut dass es damals so kam, wie es gekommen ist, und ich selbst, wie Du Dich erinnern wirst, trug nicht wenig dazu bei. Es war noch nicht an der Zeit, obgleich Pestel von Ehrgeiz geblendet es meinte. Jetzt haben die Umstande sich verandert; was damals nur keimte, reift jetzt als Frucht der Ernte entgegen.
Richard war unfahig ein Wort zu erwiedern, kaltes Entsetzen durchrieselte ihn.
Dass Du den verruckten Schwachling so geschickt aus dem Wege zu bringen wusstest, Bruderchen, war ein Meisterstreich von Dir und Deinem Alten, den selbst Pestel und wir Alle Euch beiden, Dir und Andreas, hoch anrechnen, darauf verlass Dich; zu seiner Zeit sollst Du Beweise davon erhalten; fuhr Sergius, ganz zutraulich geworden, fort. Jener Mann ist ubrigens der Kapitain Yakubowitsch, von dem Du schon gehort haben wirst; ein Charakter, der alten Romerzeit wurdig, ein zweiter Brutus, wenn es jemals einen zweiten geben kann. Casars "auch du, Brutus?" wurde im Augenblicke der That auf diesen eben so wenig Eindruck machen, als es auf den alten Romerhelden ihn machte; aber freilich hat unser Casar es nicht anders um ihn verdient.
Acht Jahre lang tragt diese feste stolze Seele das gluhendste Verlangen nach Rache mit sich umher, giebt keinem andern Wunsche Raum, und wird sie erringen, oder im Versuche untergehen. Die Zeit naht, die Stunde wird schlagen, und bald!
Sergius, von einem leichten Champagnerrausche ein wenig aufgeregt, schien ein Bedurfniss der Mittheilung zu empfinden, das in seiner naturlichen Stimmung ihm sonst nicht gewohnlich war. Er zog mit dem willig und erwartungsvoll ihm folgenden Richard in eine Ecke sich zuruck, und machte wirklich Anstalten als wolle er sein ganzes Herz vor ihm ausschutten. Der Anfang dazu war die Auseinandersetzung der Veranlassung des lange unausloschlich gehegten Hasses gegen den Kaiser, welcher den Kapitain Yakubowitsch unwiderstehlich zu einem Verbrechen trieb, dessen Misslingen, vielleicht auch dessen Gelingen, er nicht zu uberleben entschlossen war.
An und fur sich lag in der Behandlung, welche der Kapitain auf ausdrucklichen Befehl des Kaisers von Seiten der militairischen Behorden erfahren, nichts Ausserordentliches. Die Strafe, die ihm zuerkannt wurde, war hart, aber unter den vorwaltenden Umstanden keineswegs von der Art, dass er uber Ungerechtigkeit sich hatte zu beklagen gehabt; doch dem krankhaften Gefuhle wird die leiseste Beruhrung zum stechenden Schmerze, und Ehrgeiz, durch einen Blick, durch ein unbedachtsam hingeworfenes Wort todtlich zu verletzender Ehrgeiz, war die unheilbare Krankheit des Hauptmann Yakubowitsch. Schon die Moglichkeit einer Zurucksetzung war genug, um ihm das Leben zu verbittern, und fur jede andre Gunst des Geschickes ihn fuhllos zu stimmen.
Taglich sich haufende Ubertretungen der Duellgesetze hatten vor mehreren Jahren den Kaiser bewogen, die strengere Ausubung derselben ausdrucklich und ernstlich anzuempfehlen; und es ward beschlossen, bei dem ersten Ubertretungsfalle diejenigen, welche sich dessen schuldig machten, ohne Ansehen der Person, genau nach dem Buchstaben des Gesetzes, exemplarisch zu bestrafen. Leider traf Yakubowitsch das Loos einer von diesen zu sein.
Nicht als Hauptperson, aber doch wegen thatiger Theilnahme an einem Duelle, dessen unglucklicher Ausgang ein sehr vornehmes Haus seines hoffnungsvollen Erben beraubte, und viele der ersten Familien des Landes tief betrubte, wurde er von der Garde, bei welcher er stand, zu einem andern Regimente versetzt. Unter den vorwaltenden Umstanden konnte diese, ihn freilich degradirende Strafe, in den Augen seiner Kameraden durchaus nichts seiner Ehre Nachtheiliges haben; eher hatte diese, nach dem allgemeinen Begriffe von Ehre, darunter gelitten, wenn er den einzig offnen Weg ihr zu entgehen eingeschlagen hatte, indem er seine Theilnahme an dem Duelle verweigerte, oder gar, um es zu verhindern, als Angeber desselben auftrat. Dennoch brachte sein tief verletzter Ehrgeiz ihn daruber dem Wahnsinne nahe. In wildem unaustilgbarem Ingrimme uber das, was er eine himmelschreiende Ungerechtigkeit nannte, erklarte er, ein Leben nicht langer fortschleppen zu konnen, das von nun an auf ewig ehrlos geworden sei, und wurde gewiss in seiner Verzweiflung es freiwillig beendet haben, ware er nicht gerade im entscheidendsten Augenblicke dem Obrist Pestel in die Hande gefallen.
Pestel war gewiss nicht fahig, die grosse Brauchbarkeit dieses Mannes, als Werkzeug zur Beforderung seiner Absichten, zu verkennen. Hastig fuhr er auf den Unglucklichen los, wie eine giftgeschwollene Spinne auf die arme Mucke losfahrt, die im Voruberstreifen ihr Gewebe beruhrt. Fein und gewandt wusste er von allen Seiten ihn zu umgarnen, umklammerte den kunstlich Gefesselten mit aller Riesengewalt seines ihm himmelweit uberlegenen Geistes, blies jeden in der Brust desselben glimmenden Funken zur unverganglich lodernden Flamme alles verzehrenden Rachegefuhls an, und liess acht Jahre lang von ihm nicht ab, um seiner gewiss zu bleiben, sobald er ihn bedurfte.
Er ist fest entschlossen, die erste Gelegenheit zur
Rache zu ergreifen, und wenn die That misslingen sollte, mit einer zweiten, bereit gehaltnen Kugel ein Leben zu enden, dessen Last er schon lange unwillig tragt; setzte Sergius seiner, freilich in ganz anderm Tone gegebenen Darstellung der Verhaltnisse des Kapitain Yakubowitsch hinzu.
Und, Bruderchen, die Gelegenheit auf die er wartet,
steht vor der Thure: hochstens noch zwei kurze Monate und unsre Zeit beginnt! flusterte er mit vor Entzucken heiserer Stimme, mit funkelnden Tigeraugen und einem uberkraftigen Handedrucke ihm ins Ohr; Du kennst ja die Festung Beleja Tserkoff? Du kennst sie nicht? gleichviel, Du wirst sie kennen lernen, fuhr Sergius in seiner halb berauschten Stimmung fort, die ihn fortwahrend zur Mittheilung trieb: dort soll Revue gehalten werden, doch wer sie halten wird? und uber wen sie gehalten werden soll? das ist ja eben der Spass dabei, davon lassen gewisse Leute sich nichts traumen. Die werden sich wundern! lachte er frohlockend in sich hinein.
Dann erzahlte er sprachselig weiter, wie der Kaiser mit jener Revue, die zu Anfang des Sommers Statt haben solle, eine Art landlicher Fete fur die in jener Zeit zahlreich um ihn versammelte kaiserliche Familie zu verbinden beabsichtige. Ein grosser Park in der Nahe jener Festung wurde zu diesem Zwecke eingerichtet; sowohl der Kaiser selbst als seine hohen Gaste sollten in einzelnen, im Parke zerstreut liegenden Pavillons vertheilt, jeder mit seiner Dienerschaft fur sich allein, die Nacht zubringen, und schon wurde Alles aufgeboten, diese Gebaude zu kleinen Feenpalasten umzuwandeln, in welchen der ausgesuchteste Luxus unter dem einfachen Scheine idyllischer Landlichkeit, wie die Grossen sie lieben, sich verbarg.
Bei nachtlicher Zeit sollten in gemeine Soldaten verkleidete Verschworene in diesen, der Freude geweihten Aufenthalt einfallen; dort sollte unter dem Alles verhullenden Schleier der Dunkelheit das Grassliche vollbracht werden; ohne Schonung des edelsten unschuldigsten Blutes, waren dreizehn Opfer jener Nacht schon gezahlt; schaudernd wenden wir uns von diesen Grauelbildern ab, auch wenn sie nie zur Ausfuhrung kommen; wer mochte bei ihnen verweilen? Sobald er sich ohne Verdacht zu erregen von Sergius losmachen konnte, eilte Richard hinweg; er war nicht im Stande die vertraulichen Mittheilungen, die ihn uberstromten, langer auszuhalten. Der hellerleuchtete Saal wurde ihm daruber zur dustern Morderhohle; die Gesellschaft, die ihn umgab, erschien ihm wurdig eine solche zu bewohnen; und die Luft die er athmete roch wie Blut. Er eilte ins Freie, draussen umwehte ihn frische Kuhle, doch er empfand sie nicht. Zurnend blickte er empor zum prachtvoll gestirnten Himmel, und ballte in ohnmachtigem Ingrimm die Fauste und wunschte, wie einst Samson, die das Dach tragenden Saulen mit einem Rucke zusammenreissen zu konnen, um die unter demselben hausende Rotte und musste es sein, sich selbst mit unter den Trummern desselben zu begraben. Er schalt den Mond und die Sterne, weil sie so klar und freundlich auf diesen Inbegriff Abscheu erregender Grauel hinabblickten; doch was konnte das Alles helfen?
Die Nacht war schon weit vorgeruckt; aber wie hatte Richard es ertragen konnen, mit den Schreckbildern, die seine uberreizte Phantasie erfullten, sich zwischen den vier Wanden seiner einsamen Wohnung einzusperren? Schon allein der Gedanke war ihm furchterlich. Zwecklos irrte er in den stillen verodeten Strassen der gewaltigen Kaiserstadt umher; Zufall oder Gewohnheit fuhrten ihn, ehe er es gewahr wurde, an das Hotel des Grafen Stephan, jetzt der einzige Punkt auf der ganzen weiten Erde, wo er hoffen durfte, fur das was so entsetzlich ihn bedrangte ein offnes Ohr, ein theilnehmendes Gemuth zu finden.
Einige Fenster waren ungeachtet der sehr spaten Stunde noch hell erleuchtet. Der Anblick zog machtig ihn an; das Thor stand noch offen, Richard flog die Treppe hinauf, zwischen die schnarchenden Diener hindurch, die in Decken und Mantel gewickelt, sich uberall hingebettet hatten, wo sie ein dazu bequem taugliches Platzchen zu finden meinten.
Oben trat ihm Walter entgegen: Sie wollen zu meinem Herrn? er kann Niemand, er kann auch Sie jetzt nicht sehen.
Fur mich ist er immer sichtbar, das weisst Du ja, alte Seele; ich sehe er ist noch wach, und habe hochst Wichtiges ihm vorzutragen; erwiederte Richard und wollte an ihm vorbei.
Seit diesem Morgen ringt die Grafin mit dem Tode; sprach Walter mit tiefer bebender Stimme, kaum vernehmbar, und vertrat ehrerbietig aber entschlossen ihm den Weg.
Erbleichend vor der Todesbotschaft taumelte Richard zuruck, die Sinne vergingen ihm. Walter wurde in das Innere der Zimmer abgerufen, und nach einigen, in bewusstlosem Zustande hingebrachten Minuten, fand Richard, er wusste selbst nicht wie, auf der Strasse unter freiem Himmel sich wieder.
Der Tag begann so eben zu grauen, die Stadt lag noch in tiefen Schlaf begraben; nur hin und wieder wankten in der Ferne einige, in ihre Mantel dicht eingewickelte Gestalten still ihren Wohnungen zu. Nur zwei davon schritten Arm in Arm, leise und eifrig mit einander sprechend, ziemlich nahe an Richard voruber, ohne ihn zu bemerken.
Wir ubergeben ihren Staub den Winden, flusterte Einer von Beiden; die Stimme war Bestujeffs, an dem Gange seines Begleiters glaubte Richard den Obrist Pestel zu erkennen.
Und wie von verfolgenden Furien vorwarts gejagt, setzte er von Neuem seinen einsam traurigen Lauf fort. Von seinem Herzen getrieben, kehrte er wieder und immer wieder zu Stephans Wohnung zuruck, weilte angstlich aufhorchend unter den erleuchteten Fenstern, horte das Todesrocheln der Sterbenden, die laute Jammerklage seines verzweifelnden Freundes, doch nur in seiner Phantasie. In der Wirklichkeit war Alles still, nur einmal sah er Walter am Fenster stehend, in betender Stellung, die Hande zum Himmel erhoben.
Der erquickende Hauch des immer lichter anbrechenden Morgens, der jeden nach schlaflos hingebrachter Nacht Erschopften einzulullen pflegt; verbunden mit Richards nach unerhorter Anstrengung doch endlich ermudeter physischer Kraft, fingen zuletzt an, ihre Rechte geltend zu machen. Nur einmal noch wollte er das Dach sehen, in dessen Nahe er sich eben befand, unter welchem Helena vielleicht von ihm traumend schlummerte, und dann von freundlicheren Bildern begleitet zu Hause gehen, um selbst, wenn gleich nur auf kurze Zeit, Ruhe und Vergessenheit auf seinem Lager zu suchen.
Zu seinem Erstaunen sah er, indem er dem furstlich Andreas'schen Palais sich naherte, die Thorflugel desselben weit geoffnet; im Hofe wie in der Vorhalle war Alles in lebhafter Bewegung, angefullt mit Wagen und Pferden und der emsig durcheinander wogenden Dienerschaft. Der ihm wohlbekannte Reisewagen des Fursten wurde so eben in die Remise geschoben. Wenige Augenblicke fruher hatte Richard ganz unvermuthet Augenzeuge der unerwarteten Ankunft seines vaterlichen Freundes und Wohlthaters werden konnen. Jetzt war Alles rings umher Lust und Leben, Alles verkundete die gluckliche Heimkehr des Gebieters.
Gott sei Dank! Gott sei Dank! betete Richard unter Freudenthranen aus tief bewegter, machtig erleichterter Brust, sah noch eine Weile dem frohlichen Tumulte zu, und eilte dann in seliger Erwartung des morgenden Tages seiner Wohnung in einer Gemuthsstimmung zu, die jemals wieder zu gewinnen er noch vor einer halben Stunde kaum fur moglich gehalten. Selten genug mag einem von uns ein Morgen aufgegangen sein, der vollig ungetrubt, ohne jede herbe Beimischung, alle die goldenen Hoffnungen erfullte, die wir am Abende zuvor von ihm hegten, und alle die Knospen in voller Bluthenpracht sich erschliessen liess, von denen wir beim Untergange der Sonne es erwarteten; diese Erfahrung machte am folgenden Tage auch Richard.
Mit tief zerrissenem Gemuthe, ermattet bis zum Umsinken von den heftig auf ihn einsturmenden Ereignissen der vorigen Nacht, war er durch die unverhoffte Ankunft des Fursten Andreas plotzlich aus einem Extreme in das andre geworfen worden. In seiner damaligen Stimmung wirkte uberraschende Freude auf ihn, wie ein Rausch auf einen durch langes Entbehren aller Kraft Beraubten wirken mag; lieber noch mochte ich einem hartbeangsteten Kinde ihn vergleichen, das, obgleich noch immer in drohender Gefahr schwebend, jubelnd meint, nun ware alles gut, weil es die Mutter kommen sieht.
Auf das ihm eingeraumte Sohnesrecht sich verlassend, eilte Richard lange vor der ublichen Besuchsstunde zum Furst Andreas, und kam doch nur eben zeitig genug an, um die Hinterrader der Staatskutsche desselben um die Ecke beugen zu sehen. Bei der kraftigen, keine Ermudung kennenden Natur des alten Herrn, und der unermesslichen Anzahl von Besuchen, die nach so langer Abwesenheit abzustatten ihm oblag, konnte niemand etwas Auffallendes hierin finden; dennoch fuhlte Richards leicht verletzbare Empfindlichkeit durch das, was gewiss nichts weiter als Zufall war, sich unangenehm beruhrt. Sinnend stand er ein paar Augenblicke im Portal, und uberlegte ob er versuchen solle den Furstinnen seinen Gluckwunsch zu bringen, obgleich er wohl im voraus wissen konnte, dass sie in dieser fruhen Morgenstunde noch nicht sichtbar waren; ein leises Gerausch bewog ihn sich umzuwenden, hinter der grossen Treppe in Dunkelheit verborgen, offnete sich eine kleine Thure; Richard kannte sie wohl, sie fuhrte gerade in's Kabinet des Fursten und nur seine Vertrautesten hatten den Schlussel dazu. Jetzt schlich eine in ihren Mantel gehullte Gestalt vorsichtig hinaus, und suchte durch die in den hintern Theil des Gebaudes fuhrenden Gange sich zu verlieren. Mit leisen weit ausholenden Schritten eilte Richard dem Manne im Mantel nach, der ihn erwartend stille stand, sobald er ihn kommen sah. Es war Sergius.
Du schon hier? wie hast Du seine Ankunft so fruhe schon wissen konnen? fragte Richard hastig auf ihn einfahrend.
Ich war weit fruher hier als er selbst. Seine furstliche Gnaden liessen sich erwarten, und das war mir eigentlich ganz recht; ich gewann dadurch Zeit den kleinen Rausch auf seinem Diwan verdampfen zu lassen, den Du vermuthlich mir wirst gestern Abend angemerkt haben: erwiederte Sergius sehr heiter.
Aber wie kamst Du denn dazu ihn hier erwarten zu wollen: rief Richard aufs Hochste gespannt.
Wie ich dazu kam? lustige Frage! lachte Sergius: wie kommt man dazu einer Einladung Folge zu leisten? ich erwartete ihn hier, weil er wunschte, dass ich ihn erwarten sollte, und Ort und Zeit mir dazu bestimmt hatte.
Weil er es wunschte! Ort und Zeit bestimmt, Dir? wiederholte Richard, ganz ausser aller Fassung.
Aber wie kommst Du mir denn heute vor? krank bist Du nicht, und an ein Rauschchen ist bei Dir nuchterner Seele besonders in so fruher Tageszeit gar nicht zu denken; erwiederte Sergius, und sah sehr verwundert ihn an. So wie Du zu Andreas stehst, kann es Dir doch kein Geheimniss geblieben sein, dass er dem Bunde seine Ankunft am heutigen Tage vorher gemeldet hat? obgleich er seine Familie durch dieselbe zu uberraschen Willens war. Doch halt! nun ich es recht bedenke, Du gehorst ja gewissermassen doch auch zu derselben; darum, darum! daran habe ich gar nicht gedacht!
Richards Gesicht erheiterte sich bei dieser Bemerkung; aber Du? noch immer begreife ich nicht, wie Du dazu kamst, ihn schon in der Nacht hier zu erwarten? fragte er nochmals.
Weil er durch einen besondern Expressen mich ganz insgeheim dazu aufgefordert hat; war die Antwort. Es sollte ein Geheimniss zwischen uns bleiben, denn wir sehen nicht ein, warum Pestel uberall und in Allem die Finger haben muss; darum habe ich es auch Dir verschwiegen, obgleich ich voraus setzen konnte, dass Du in Deinem bekannten Verhaltnisse zu Andreas darum wusstest. Nimm's nicht ubel, Bruderchen, doch Vorsicht ist immer gut, und Pestel noch etwas schlauer als der Teufel selbst.
Richard war wie aus den Wolken gefallen.
Aber ich verweile hier zu lange, fuhr Sergius fort: Lebe wohl, Bruderchen, auf gluckliches Wiedersehen!
Du gehst? wohin? rief Richard, den Forteilenden beim Arme ergreifend.
Stehenden Fusses nach Mohilov: war die Antwort, ich musste nur noch vorher mit Andreas Rath pflegen; nun ist alles in Ordnung, und nun lass mich gehen.
Apropos! setzte er noch einmal umkehrend hinzu, wir haben auch Deinen Yakuchin todtgeschlagen, Andreas und ich; unterwegs werde ich nebenher seinen Todtenschein besorgen; es ist so am besten, auf diese Art sind wir ihn, und er uns mit guter Manier los.
Ungeheuer! schrie Richard, und packte ihn wuthend bei der Brust.
Oho! oho! ob Du dumm bist! ob Du ein Narr bist! hast nicht einmal so viel Verstand, so etwas figurlich zu nehmen! plagt Dich der Teufel? rief lachend Sergius, machte sich von ihm los, und lief davon.
Erstarrt, versteinert stand Richard da, bis die unheimliche Erscheinung am Ende des dunkeln Ganges seinen Blicken entschwand. Er fuhlte als durchbohre ein heftiger stechender Schmerz ihm das Herz, als zoge es in kurzen Schlagen angstlich flatternd zu eisiger Kalte sich zusammen, um gleich darauf hochanschwellend, ihm Luft und Athem rauben zu wollen. In der peinlichen Uberraschung, in welche dieses seltsame Zusammentreffen ihn versetzt hatte, wusste er nicht mehr das innere Gefuhl, das ihn ubermannte, von blos physischem Schmerze zu unterscheiden. Was so am Herzen ihm nagte, waren die giftigen Bisse der Schlange des Argwohns, des Misstrauens, die Sergius mit lachendem Muthe, absichtlich oder unabsichtlich hinein geworfen hatte. Sollte, musste er dem Glauben an den Mann entsagen, zu welchem er von Jugend auf gewohnt war, wie zum Schutzgeiste seines Lebens hinauf zu blicken? Konnte Andreas mit dem Junglinge, den er Sohn nannte, wirklich ein unwurdiges Spiel treiben, wahrend er einen Sergius in den geheimsten Rath seiner Seele eindringen liess? Es war unmoglich, und doch, sprach nicht der Augenschein dafur?
Angstlich sah er nach Hulfe in dieser Seelennoth sich um, nach Rettung vor den Zweifeln, die sein besseres Gefuhl verwarf, und die doch unabwendbar sich ihm aufdrangten. Nur einer, ausser seinem lang entbehrten Freunde Eugen, lebte auf Erden, der im Stande gewesen ware, ihn hier gegen sich selbst in Schutz zu nehmen, seinen wankenden Muth zu starken, das unerklarlich Scheinende zu erklaren, die fein gesponnene List, die ihn umgarnen sollte, an's Licht zu ziehen, und ihn zu lehren Luge von Wahrheit zu unterscheiden: Graf Stephan!
Zu ihm eilte er ohne Saumen; Walter hatte ihn kommen sehen und trat ihm unten an der Treppe entgegen. Zu eigner hochster Beschamung musste der Anblick des kummerbleichen, treuen Dieners an die erhohten Leiden der Grafin ihn erst erinnern, an die er uber Alles was in den letzten Stunden uber ihn herein gebrochen, nicht mehr gedacht.
Ich wusste wohl dass Sie heute Morgen nicht ausbleiben wurden; die Wahrheit zu gestehen, ich erwartete sie schon fruher: rief Walter ihm entgegen.
Sie lebt? fragte Richard angstlich hastig.
Noch lebt sie, und kann nach dem Ausspruche der Arzte noch viele Tage, ja selbst wochenlang in diesem qualvollen Zustande der Erlosung harren: war die Antwort. O beten Sie mit mir zu Gott, dass er bald ende! mein unglucklicher Herr mochte sonst noch vor ihr seinem unsaglichen Jammer erliegen! Wenn Sie jetzt ihn sahen, Sie wurden ihn nicht wieder erkennen.
Ich muss ihn sehen, o lass mich zu ihm, bat Richard: ich will in die Pflege der geliebten Kranken mich mit ihm theilen, mit ihm weinen, mit ihm klagen; doch sehen, sprechen muss ich ihn, und ich weiss es thut ihm wohl, wenn er es gleich nicht glauben mag.
Richard wollte an Walter vorbei eilen, doch dieser hielt ihn abermals zuruck: Ich darf, ich kann es nicht zugeben, sprach er bittend aber entschlossen. Das Verbot meines Herrn muss in seinem Elende mir heilig sein, seinen Befehlen gehorchen ist ja leider alles was ich fur ihn thuen kann, habe ich doch sogar vor kaum einer Stunde den Fursten Andreas abweisen mussen.
Andreas! er war schon hier? rief Richard sehr uberrascht.
Er wollte nur noch einen Besuch machen und dann wieder kommen, war die Antwort: ich sollte unterdessen alles anwenden, um ihm Zutritt zu meinem Herrn zu verschaffen, doch sehe ich dazu keine Moglichkeit vor mir, er hort, er empfindet nichts als dem armen Walter brach die Stimme, er konnte nicht vollenden.
Ach Gott, es ist doch aber auch zu viel! das Leiden ist zu gross! setzte er schluchzend noch hinzu: Tag und Nacht liegt der Graf vor dem Sterbebette, auf dem Boden, fur alles andre gefuhllos; sogar die Nachricht von der Ankunft des Fursten, seines altesten Freundes, machte keinen Eindruck auf ihn. Er kommt! Er kommt! dort die Strasse hinauf: rief Richard freudig, und sturzte hinaus, dem Wagen des Fursten entgegen: dieser hielt, der Kutschenschlag wurde aufgerissen, Richard sprang hinein. Im engsten Raume der verehrten Gestalt seines vaterlichen Beschutzers gegenuber, wichen Argwohn, Misstrauen, alle jene gehassigen Empfindungen, welche Sergius diesen Morgen in ihm zu erwecken gewusst, aus Richards Herzen. Nur unbeschreibliche Freude des Wiedersehns nach so langer Trennung erfullte es ganz. Auch der Furst empfing ihn, wie ein Vater den lange entbehrten geliebten Sohn; druckte umarmend ihn an die Brust, streichelte liebkosend seine lichten Locken und lobte den klugen Einfall, ihn gleichsam so im Fluge aufzufangen; denn, sprach er lachelnd, an ein ungestortes, wirklich genussreiches bei einander Sein, ist fur uns sobald noch nicht zu denken. Doch lass den ersten Tumult nur geduldig vorubersturmen; unsre Zeit wird auch kommen, wenn erst alles Wichtige und Unbedeutende beseitigt ist, das im wunderlichsten Durcheinander mich kaum zu mir selbst kommen lasst.
Jetzt nahte auch Walter; sehr bewegt vernahm Andreas seinen Bericht, drang nochmals ernstlich aber vergeblich darauf, Zutritt bei seinem Freunde zu erhalten, und setzte endlich, nachdem er Richard aus dem Wagen steigen lassen und ihm zugerufen, sich ja zur Mittagstafel einzustellen, seine pflichtmassige Visitenreise durch Petersburg fort.
Der heutige Tag war und blieb fur Richard ein den widersprechendsten Gefuhlen Preis gegebener, an welchem Freud und Leid sich wunderlichst durchkreuzten. Jede Stunde desselben schien etwas Neues bringen zu wollen am Ende loste doch alles in Nichts sich auf, und wahrend Richard ungewohnlich viel zu erfahren und zu erleben meinte, blieb es im Grunde doch beim Alten.
Dass er unter solchen Umstanden es nicht bis zur Langenweile bringen konnte, ist wohl leicht zu erachten; aber es kamen doch Momente vor, wo es ihn bedunken wollte, als habe ein zweiter Josua die Sonne in ihrem Laufe still stehen heissen, und werde es fur heute gar nicht Abend werden. Denn ohne dass sie deshalb, im Sinne des gewohnlichen Sprachgebrauchs, uns lang wurde, erscheint die Zeit uns nie langer, als wenn in einen bestimmten Abschnitt derselben vielerlei, eigentlich nicht bedeutende, aber wechselnde Ereignisse sich zusammen drangen. Ist heute denn schon wieder Sonntag? fragen wir nach einer in gemuthlicher Einformigkeit voruber geschlichenen Woche, und im entgegengesetzten Falle: sind es denn wirklich erst acht Tage, dass wir die Reise antraten?
Den ganzen Tag uber hatte es Richard nicht gelingen wollen, nur zu einem unbelauschten Worte mit Helenen zu gelangen; er fand sie sowohl als ihre Mutter fortwahrend von Gluck wunschenden Herrn und Damen umringt; denn die Nachricht von der glucklichen Ankunft des Fursten hatte schnell wie ein Lauffeuer sich verbreitet; wirkliche Theilnahme, Etikette oder Neubegier, zogen die Besuchenden schaarenweis herbei, und nur aus der Ferne konnte Helena ihren Freund in ihren Augen lesen lassen, wie glucklich sie heute sich fuhle.
Auch bei der Mittagstafel, auf welche Richard sein Hoffen zuletzt gestellt hatte, ging es ihm nicht besser; der Furst sah von der grossen Anzahl der Eingeladenen sich dermassen umlagert, dass er kaum Zeit zu einem Handedruck und ein paar freundlichen Worten fur seinen Pflegesohn ubrig behielt. An einem solchen festlichen Tage den gewohnten Platz Helenen gegenuber an der Tafel behaupten zu wollen, ware ubrigens, in Richards Verhaltnissen, eben so unschicklich als schwer durchzufuhren gewesen; und so blieb denn fur dieses Mal ihm nichts weiter ubrig als geduldiges Entsagen, und Hoffnung auf eine gunstigere Zukunft.
Doch viele Tage schwanden, ohne die mindeste Aussicht zur Erfullung dieser Hoffnung zu gewahren. Richard sah in nie befriedigter Erwartung sie voruber gehen. Sein Verhaltniss zu Helenen blieb zwar unverandert, sie schenkte ihm jede Stunde, die sie dem mit der Anwesenheit ihres Vaters verbundenen gerauschvolleren Leben abmussigen konnte. Heitrer, schoner, liebender als je, war sie seine Freundin, seine Beratherin, die innigste Vertraute seiner Gedanken; aber sie blieb auch dem Vorsatze getreu, jeden Versuch das Gesprach auf Gegenstande zu lenken, die sie unerwahnt lassen wollte, zu vereiteln. Er sah, er fuhlte, dass er die Schranken nicht uberschreiten durfe, die sie einmal fur allemal ihm gestellt hatte, und ergab sich, zum Theil durch Gewohnheit bezwungen, endlich gelassen darein. Mittlerweile nahmen dringende, nicht aufzuschiebende Geschafte, Besuche, Feste aller Art, die Zeit des Fursten fortwahrend dermassen in Anspruch, dass er nur hochst selten eine Stunde fur die Seinigen ubrig behielt. Richard erhielt taglich neue Beweise seiner fortgesetzten vaterlichen Fursorge; doch fur die Aufklarung so manches ihm dunkel Gebliebnen, die er mit Recht erwarten zu durfen glaubte, fur die Befreiung von qualenden ihm unwiderstehlich sich aufdringenden Zweifeln, nach welcher er mit ungeduldiger Sehnsucht verlangte, wollte wochenlang kein gunstiger Augenblick sich finden lassen.
Richard benutzte jede dazu sich bietende Gelegenheit, dem Fursten den Wunsch darnach vorzutragen, wurde aber immer, zuweilen mit gebietendem Ernste, meist aber mild und freundlich, zuruck und auf eine nahe gunstigere Zukunft hingewiesen.
Ich errathe, was Du willst; doch warum qualst Du Dich vor der Zeit mit unnutzen Sorgen? beruhige Dich, vertraue mir, und wenn Du mich unruhig werden siehst, so will ich Dir erlauben es ebenfalls zu werden.
So sprach der Furst sehr heiter und gelassen etwa vierzehn Tage vor dem, zu jener entsetzlichen Revue angesetzten Tage.
Beleja Tserkoff! Yakubowitsch! flusterte Richard mit bebender Stimme ihm leise zu.
Andreas sah mit durchdringendem Blicke lange und forschend ihn an.
Du willst es wohl darauf anlegen, hundert Jahre alt zu werden? denn kluge Kinder leben nicht lange, sagt man; dass aber solch ein alter Knabe wie Du sich noch mit dem Popanz einschuchtern lassen will, heisst doch die Sache etwas zu weit treiben; erwiederte der Furst, ein wenig gezwungen scherzend, aber doch freundlich.
Von nun an glaubte Richard das Absichtliche in des Fursten Betragen sich nicht mehr verhehlen zu konnen; er sah wie so manche, der vertraulicheren Mittheilung gunstige Stunde nicht nur unbenutzt voruber gelassen, sondern sogar jede Gelegenheit dazu vermieden ward, und litt daruber mehr, als in Worten sich ausdrucken lasst.
Des Fursten Betragen liess ubrigens keine Abanderung seiner Gesinnung personlich gegen ihn befurchten; es schien im Gegentheil, als ob Andreas durch Verdoppelung der Beweise seiner vaterlichen Liebe fur das, nur in diesem einzigen Punkte ihm entzogene Vertrauen, ihn zu entschadigen wunsche; gerade dies aber war es, was ihn in Verzweiflung setzte.
Und Graf Stephan war noch immer an das Lager der peinlich langsam hinscheidenden Gattin gefesselt, und jetzt wirklich geistig unfahig, an irgend etwas andrem in der Welt Antheil zu nehmen! Endlich wurde Richard eines Abends zum Fursten gerufen; erwartungsvoll trat er ins Zimmer, und sah Mr. Mitchels gemeine Figur, in breiter Aufgeblasenheit und tiefer Demuth uber die ihm widerfahrene Ehre, hinter einem grossen Tische etablirt, der mit Proben neu erfundner Fabrikate bedeckt war; mit Modellen, Zeichnungen von Ackergerath, Eisenbahnen, Tunnels, Dampf- und Spinnmaschinen und ahnlichen Wundern unsrer erfindungsreichen Zeit.
How do you do? krachzte die widerliche Erscheinung ihm entgegen.
Es war als fuhre ein Dolchstich ihm in die Brust, er glaubte auf das bitterste sich verhohnt, wandte sich, wollte zur Thure, am liebsten zum Leben hinaus, wusste aber in der Verwirrung selbst nicht was er wollte, fuhlte von zwei ihn umschlingenden Armen sich gehalten, und sah dicht vor sich die geliebten Zuge, die freundlichen Augen des ihn umfangenden Fursten, fast bittend ihn anlacheln.
Das war nicht meine Absicht, gewiss das war sie nicht! sprach Andreas, indem er ihn fester an sich druckte, ehe er ihn los liess und nur Mitchels starr auf ihn gerichteter Blick verhinderte ihn, sich unter Thranen der Reue an die Vaterbrust zu werfen, wie er als Kind so oft gethan.
Gewohne das verwunschte Geruhrtsein Dir ab, es steckt an wie der Schnupfen; flusterte der Furst ihm zu, hustete ein wenig, griff deshalb nach seinem Taschentuche, und naherte mit Richard sich dem Tische, auf welchem Mitchel seine Raritaten ausgebreitet hatte.
Wie konntest Du dem Zufalle uberlassen, ob es ihm belieben wurde, mir die hochst schatzbare Bekanntschaft Deines Landsmannes zuzufuhren oder nicht? Verdient diese Vernachlassigung nicht einige Strafe? sprach Furst Andreas mit seiner gewohnten verbindlichen Art gegen an Rang ihm untergeordnete Fremde, und laut genug, dass Mitchel es horen konnte. Ware mein Kammerdiener nicht so glucklich gewesen, Herrn Mitchel im Zeitungsklubb anzutreffen, und nicht so gescheit gleich einzusehen, welchen unschatzbaren Werth seine Bekanntschaft fur mich haben musse, ich hatte sie vielleicht zeitlebens entbehrt: fuhr er auf die namliche Weise fort. In der That, Herr Mitchel ist fur mich eine wahre Fundgrube von Allem, was mich erfreut und interessirt.
Ich bitte, lassen Sie uns nochmals den Plan des Tunnel vornehmen, und doch vorher noch ein Wort mit Dir, Richard: setzte er hinzu, indem er mit diesem ein wenig seitwarts trat.
Du weisst, der Braune mit den weissen Fussen, der Dir so wohl gefiel? sprach er halblaut: Du findest ihn morgen in Deinem Stalle, ich habe ihn hineinfuhren lassen. Keinen weitlauftigen Dank; dass ich weiss, dass ich Dir eine Freude damit mache, ist mir genug; obgleich Du ihn fur jetzt noch nicht sobald nothig haben wirst, als wir es meinten, denn der Kaiser hat die Revue wieder abbestellt.
Die Revue? Die Revue? rief Richard heftig.
Nun ja, die Revue bei Beleja Tserkoff, die nachsten. Dienstag uber acht Tage gehalten werden sollte. Sie ist ganz aufgegeben, wird wahrscheinlich nie Statt haben, in diesem Jahre wenigstens gewiss nicht; antwortete der Furst und setzte gleich darauf im gleichgultigsten Tone von der Welt hinzu: jetzt, Herr Mitchel, sind wir ganz zu Ihren Diensten.
Vater! o mein Gott! ist es moglich, rief Richard ausser sich, wie verwildert vor freudigem Erstaunen.
Ob Du ein Kind bist! uber ein neues Spielzeug, uber ein artiges Pferd so in Entzuckung zu gerathen! lachelte der Furst, indem er Richards ungestumen Freudenbezeigungen sich zu entziehen suchte. Gluckliches Alter! nicht wahr, Herr Mitchel? wer das auch noch so konnte!
Noch ehe der Furst diese Worte vollends ausgesprochen, war Richard schon zur Thure hinaus, zu Helenen.
Er fand sie in ihrem, nur ihm und ihren nachsten Freunden zuganglichen Arbeitszimmerchen, in welches sie sich Abends unter irgend einem Vorwande zuruckzog, so oft sie schicklicher Weise es konnte, um von der betaubenden Nichtigkeit des Lebens in der grossen Welt sich zu erholen.
Frohlich trat sie ihm entgegen, ohne uber seinen sturmischen Eintritt zu erschrecken, und rief, sich ein wenig wendend: siehst Du, Alte? Hatte ich nicht Recht, als ich Dir im Voraus sagte, dass die Freude uber meines Vaters Geschenk ihn noch heute Abend zu uns fuhren wurde?
Und zu seinem nicht geringen Verdrusse musste jetzt Richard aus der dammrigsten Ecke des nur von einer einzigen Lampe schwach erhellten Kabinets die gebeugte, eisgraue Gestalt der Amme sich entwickeln sehen, an die er seit langer Zeit eben so wenig gedacht hatte, als meine geneigten Leser es gethan haben mogen; denn die gute Frau hatte in den letzten Jahren, wenn gleich nicht geistig, doch korperlich sehr gealtert, und verliess jetzt nur sehr selten das ihrer Thatigkeit besonders angewiesene Revier in den innern Gemachern der Furstin Eudoxia.
Schick sie fort! o schick sie fort! bat Richard in englischer Sprache, welche Frau Elisabeth nicht verstand, die indessen mit durch die Jahre wahrlich nicht verminderter Redseligkeit, in Freudensbezeugungen uber das lang entbehrte Wiedersehen ihres Lieblings sich ergoss. Helena, wie konntest Du mir so etwas anthun! denn Du erwartetest mich doch! o schick sie fort! Erlaube meinem ubervollen Herzen nur ein einzigesmal sich vor Dir zu ergiessen; Du siehst ja, mir ist wie dem Galeerensclaven, dem nach unendlich peinvoller Zeit die Ketten abfielen.
Warum willst Du der armen Elisabeth es nicht gonnen, Dich zu sehen, den sie so lieb hat! sie kommt so selten aus ihrem Zimmer; erwiederte Helena in der namlichen Sprache, und wandte sich dann an die Amme. Nicht wahr, Mutterchen, Du hast auch Richards neues Pferd gesehn?
Ob ich es gesehn! war die Antwort: hiess Furst Andreas mich nicht express ans Fenster rufen, als er im Hofe es sich vorfuhren liess? Das schone Thier, mit den netten zierlichen Fussen, wie tanzte es, wie brustete es sich als es meine junge Gebieterin trug! Aber das sage ich Dir, Richard, in Beleja Tserkoff muss sie es wieder reiten, Du musst es ihr leihen.
Dich, Helena, Dich hat es getragen? rief Richard entzuckt.
Weisst Du nicht mehr welche muthige Reiterin ich bin? erwiederte sie: ubrigens ist das Pferd fromm wie ein Lamm, und doch voll Muth und Feuer; Dir gonne ich es, sonst Niemand auf der Welt.
Und wie sie sich darauf ausnimmt! wie hingehaucht, so schlank, so leicht; nahm die Amme wieder das Wort: so etwas, Richard, hast Du nie gesehn. Wie die kleinen Handchen den Zugel fassen! wie sie das Pferd zu regieren weiss, wie sie es tummelt! und wie das kluge Thier jedem ihrer Winke sich fugt und unter ihr einher tanzt, schnell, gewandt, behend wie ein Sonnenstrahl, oder vielmehr wie ein Blitz. Das muss der Kaiser, die Kaiserin, der ganze Hof, meinetwegen die ganze Welt muss das sehn!
Weder die Welt, noch der Hof wird dieses wundervollen Schauspiels sich erfreuen, denn es giebt diesmal bei Beleja Tserkoff weder Revue noch Feten, der Kaiser hat diesen Mittag alles wieder abbestellt, fiel Helena der in ihrem Lobe sich verjungenden Amme lachend ein.
Die Alte brach in bittre Klagen daruber aus, und Richard benutzte diesen Augenblick, um nochmals um nur eine ungestorte Viertelstunde mit Helena anzuhalten, doch abermals vergebens.
Du siehst mich so glucklich! wahrlich, nur Erfreuliches solltest Du heute von mir vernehmen, keine Frage sollte Dich belastigen, warum darf ich Dir nicht mittheilen, was mein ganzes Herz so freudig bewegt, warum Dir nicht zeigen, welche zentnerschwere Last ihm abgenommen ward? bat er.
Ich freue mich mit Dir, ohne den Grund dazu erfahren zu wollen; erwiederte Helena freundlich aber fest, und Richard fuhlte zum erstenmale durch den kalten Ernst, mit welchem diese wenigen Worte ausgesprochen wurden, sich verletzt. Unfahig, den Missmuth ganzlich zu unterdrucken, der in ihm sich machtig zu regen begann, eilte er sich zu entfernen, um Helenen zu verbergen, wie schwer es ihm falle den Zwang zu ertragen, der gerade in dem Augenblicke, wo er ihrer Theilnahme am bedurftigsten war, den Mund ihm verschloss. Wie immer, wenn das aussere Leben ihn druckte, fuhrte sein Herz ihn zu seinem Freunde Stephan, obgleich er wenig Hoffnung hatte, bis zu ihm selbst durchzudringen. Diesmal fand er den Vorhof und die untern Raume des Hotels wunderbar verodet; uberall herrschte die ungestorteste Stille, keine lebende Seele liess sich blicken, sogar der Portier hatte seinen gewohnten Platz verlassen.
Unheimlich schaudernd, mit unhorbar leisem Schritte stieg Richard die breite Treppe hinan, ging durch die lange Reihe von Zimmern und Salen, alle standen offen, alle waren ode und leer, bis er in die Nahe des zu dem Appartement der Grafin gehorenden Vorsaals gelangte. Hier weiter zu gehen wagte er nicht; Weihrauchdufte quollen durch die verschlossene Thure ihm entgegen, ein seltsam dumpfes Gerausch, wie unterdrucktes Weinen und Schluchzen vieler Stimmen wurde horbar, er glaubte dazwischen den tiefen murmelnden Ton leise betender Priester zu unterscheiden, und fuhlte von bangen Vorahnungen sich ergriffen.
Jetzt flogen die Flugelthuren auf: er sah die ganze hier versammelte Dienerschaft des Grafen dicht zusammen gedrangt den weiten Vorsaal erfullen. In Thranen, leise jammernd und schluchzend, lagen sie Alle auf den Knieen, tief gebeugt beruhrten ihre Haupter den Boden. Eine leichengleiche Gestalt wurde sorgsam zwischen den Weinenden hindurch getragen, Graf Stephan; bis zum Unkenntlichen durch langen Schmerz entstellt, lag er in den Armen seiner Diener; selbst einem Sterbenden ahnlich wankte Walter neben seinem geliebten Herrn einher, zu entkraftet, um einen Theil der Last auf sich nehmen zu konnen.
Todt! todt! rief Richard, und eilte auf die entseelte Gestalt des seit vielen Wochen entbehrten Freundes zu.
Ruhe! Ruhe! gebot der ihn zuruckhaltende, ihm wohlbekannte Hausarzt: noch lebt er, aber ein einziger unvorsichtiger Hauch kann den schwachen Lebensfunken auf immer verloschen. Blicken Sie dorthin, die Grafin ist so eben verschieden, und gonnen Sie ihrem armen Freunde den todtenahnlichen Schlummer, die starre Gefuhlslosigkeit, durch welche die immer gutige Natur uber diesen furchterlichen Augenblick ihm hinaushilft.
Stephan hatte muthig bis zum letzten Hauche der Sterbenden ausgehalten; seine zitternde Hand hatte die Augen zugedruckt, welche bis dahin die Sonne seines Lebens gewesen, und erst nachdem er dieses vollbracht, war er zusammen gesunken. Die Dienerschaft war als Zeuge des letzten, zum Ubergange in die Ewigkeit sie einweihenden Sacraments, an das Sterbebette ihrer Herrin berufen worden; die treuen Seelen hatten jede zu laute Ausserung ihres Schmerzes, aus Schonung fur ihren Gebieter, bis dahin unterdruckt; doch jetzt, da sie auch ihn anscheinend entseelt durch ihre Reihen tragen sahen, glaubten sie sich doppelt verwaist, und brachen in lautes herzzerreissendes Jammergeschrei aus.
Richard warf einen Blick uber die zum Boden gebeugten Haupter der Knieenden hinweg in das Sterbezimmer, dessen weit geoffnete Thuren die in schmerzloser Ruhe still da liegende Hulle der Freundin ihm zeigten, die als ruhrendes Beispiel duldender Ergebung ihm stets vorgeleuchtet, deren milde Rede, deren sanftes Auge, einst auch ihm Trost und Hoffnung in das Herz gesprochen. Der Tod hatte jede Spur der jetzt uberstandenen herben Leiden vertilgt, die Anmuth in ihren Zugen war wieder erbluht, die in glucklichen Jugendtagen als eine der lieblichsten Erscheinungen sie bezeichnete.
Das vom hellen Scheine hoher geweihter Kerzen beleuchtete Sterbezimmer, war ein heiliger Tempel geworden; umgeben von Priestern in ihrem reichen, im Glanze der Kerzen hell schimmernden Ornate, schien ihr Lager, vor Kurzem noch der Zeuge unsaglichen Leidens, jetzt zum Altar umgewandelt, auf welchem sie selbst als das ruhrendste Bild einer schlummernden Heiligen ruhte.
Ein Strahl belebenden Trostes dammerte bei diesem Anblicke in Richards weherfulltem Gemuthe auf; das Grab nebst seinem dustern Grauen vergessend, sah er hier nur den Eingang zum Hafen ewiger Ruhe, und sank weinend aber hoffend neben den laut jammernden Dienern auf die Kniee. Still nachdenkend sass Richard in der Fruhe des folgenden Morgens in seinem Zimmer allein, den widerstrebendsten Empfindungen hingegeben. Freude, Trauer, Missmuth, Hoffnung und Sorge durchwogten sein Gemuth; er hatte den grossten Theil der Nacht am Bette seines noch immer in bewusstlosem Schlummer hinbrutenden Freundes durchwacht, und suchte jetzt fur die Obliegenheiten des Tages sich vorzubereiten, und seine Gedanken, wie seine ziemlich erschopften Krafte zu sammeln.
Das unangenehme Knarren seiner Thure fiel ihm verdriesslich auf; er ging sie zuzumachen, und sah ein paar unheimliche, gluhende Augen durch die Spalte derselben ins Zimmer hinein starren, als wollten sie sich vergewissern, dass er sich allein in demselben befinde.
Richard stutzte einen Augenblick bei dieser Entdeckung, und schnell wie der Blitz sprang ein in einen Mantel gehullter Mann ins Zimmer hinein, verschloss von innen die Thure, liess aber den Schlussel darauf stecken, und trat dann hastig auf ihn zu.
Mit bleichem verzerrtem Gesicht, himmelan sich straubendem Haar, Wuth entbrannten Augen, die weissen verbissenen Zahne grausig fletschendem Munde, stand der Entsetzliche dicht neben ihm, und Richard glaubte schaudernd in dem unheimlichen Gaste einen der Haft entsprungenen Wahnsinnigen vor sich zu haben.
Verloren! verrathen, Du, ich, wir Alle! stohnte dieser mit hohler, kaum verstandlicher Stimme, und sank am ganzen Leibe konvulsivisch erbebend, in den ihm zunachst stehenden Sessel.
Jetzt erst konnte Richard den Grauen erregenden Besuch scharfer in's Auge fassen. Es war Mathias Apostol, Bruder des Sergius. Nie hatte Richard mit diesem in naherer Verbindung gestanden als der, welche der unselige Bund, zu dem sie beide gehorten, unumganglich erforderte; nie hatten sie mehr als jene stereotyp gewordenen Redensarten mit einander gewechselt, wie der gesellige Verkehr uberall sie herbeifuhrt. Das finster Abstossende, das in Apostols ganzer Personlichkeit sich aussprach, hatte Richarden immer von dem altern Bruder zuruck geschreckt, wahrend er von dem mittheilend lustigen Humor des jungern, Sergius, wenn gleich stets widerwillig, zuweilen sich hinreissen liess.
Mathias blieb eine Weile, ohne ein Wort aufbringen zu konnen, mit hoch aufarbeitender, schwer nach Luft ringender Brust, in seinem Sessel liegen, wahrend Richard in der Meinung, er sei plotzlich erkrankt, ihm die Weste aufknopfte und alles nur Ersinnliche anwandte, um dem Leidenden Erleichterung zu verschaffen. Mathias liess sich das Alles gefallen; nur wenn Richard Meine machte die Schelle zu ziehen, um seinen Diener zur Hulfe herbei zu rufen, hielt er mit riesig starker Faust beim Arme ihn fest.
Alles ist verloren! rief Mathias endlich, sobald er nur einigermassen wieder zu Athem gekommen war, und sprang mit der Geberde wildester Verzweiflung von seinem Sitze auf.
Richard starrte voll Entsetzen ihn an.
Setze Dir selbst das Alles sauberlich zusammen: fuhr Mathias hohnisch lachend fort: Seit mehreren Wochen ist mein Bruder abwesend, und noch immer ist kein Wort bis zu uns gelangt, das Nachricht von ihm brachte; gestern wird plotzlich, ohne einen Grund dafur anzugeben, die Revue bei Beleja Tserkoff abgesagt, wir vernehmen aus sicherer Hand, dass die Anstalten zu einer langst projectirten Reise des Kaisers Hals uber Kopf beschleunigt werden. Wohin geht die Reise? Zur Flucht! zur Flucht! Alles ist klar wie der Tag, blind musste man sein, es nicht einzusehen. Die Verschworung ist entdeckt! Feile Verrather finden sich uberall; Sergius, mein Bruder, ist gefangen, ist todt! brullte er, zerraufte sein Haar, warf sich auf den Boden hin, und verbarg, heulend wie ein wildes Thier, sein Gesicht in die Kissen des Diwans.
Ein Ausweg bleibt uns, sprach er, sich wieder vom Boden aufraffend: ein einziger, uns zu retten, den gemordeten Bruder zu rachen. Sie sind zu feig gleich thatig einzuschreiten, sie wollen jene Reise erst abwarten, um sicherer zu gehen. Sicher! rief er wieder auflachend, sicher! o ja, ich bereite Euch die Bahn zur ewigen Ruhe, wartet nur, dort seid ihr sicher genug. Ich komme Euch zuvor, bevor Ihr den Muth habt, den Schlag fallen zu lassen, der uns zerschmettern soll. Ich, ich allein, wartet, wartet nur, ein gunstiger Moment, ein einziger, und es ist vollbracht. Mein Auge trugt nie, meine Hand trifft immer das Ziel.
Es giebt eine Waffe, fing er nach einer Pause scheinbar in ruhigerem Tone wieder an, wahrend Richard vor ihm stand, noch immer unschlussig, ob Wahnsinn oder Uberzeugung aus dem Furchtbaren spreche: eine Waffe, fuhr Mathias fort, ohne Knall, ohne verrathendes Aufblitzen; gleich dem leisen unhorbaren Pfeile des Wilden, fuhrt sie die Kugel zum Ziel. Du, Du bist der Einzige, der dem Befehle entgegen zu handeln wagt, welcher ihren Besitz hoch verpont; ich habe diese Waffe in Deinen Handen gesehen, nun fordere ich sie von Dir, und Du hast nicht das Recht sie mir vorzuenthalten. Du bist mein Bruder durch jenen heiligen Schwur, der uns beide zur Rettung unsers Vaterlandes verbindet; gehorche dem Gebote des Bundes.
Richard besass wirklich eine kleine, aber auserlesene Sammlung seltner Waffen, die aus seiner fruhesten Jugendzeit herstammte, wo er, halb ein Knabe noch, mit ungemeinem Eifer sie zusammen brachte, theils durch Tausch mit Freunden seines Alters, doch mehr noch durch Geschenke, welche von allen Seiten dem Lieblinge des ganzen Hauses zustromten. Das zuletzt erhaltne war der reich verzierte Turkendolch, welchen Eugen, bei Richards Eintritt in die Kaserne, diesem verehrt hatte.
Seitdem hatte die Lust sich mit solchen Spielereien ernstlich zu beschaftigen bei ihm sehr abgenommen; die Waffen wurden an der Wand eines an sein Zimmer anstossenden Kabinets zur glanzenden Trophae auf das geschmackvollste geordnet; sein Blick weilte zwar oft und gern auf denselben, doch nur als auf einem sehr werthen Andenken fruherer Tage.
Diese Trophae, von welcher eine vom Fursten Isidor einst zufallig erhaltne Windbuchse den Mittelpunkt bildete, welche aber theils wegen der geringen Zierlichkeit ihrer Form, theils wegen des auf ihr ruhenden Verbotes, von anderen glanzenderen Waffen fast ganz verdeckt wurde, war gerade der offen stehenden Thure des Kabinets gegenuber angebracht, und Mathias brauchte nur die Augen aufzuschlagen, um sie zu bemerken.
Doch wurde er in seinem leidenschaftlichen Zustande sie vielleicht fortwahrend ubersehen haben, hatte nicht die Eile, mit welcher Richard jetzt jene Thure schliessen wollte, seine Aufmerksamkeit dorthin gewendet.
Den Gegenstand den er forderte entdecken, und mit einem gewaltigen Sprunge Richarden zuvorzukommen suchen, war das Werk eines Augenblickes; doch gelang es dennoch dem behenderen Richard, seinen Zweck zu erreichen. Er lehnte sich mit dem Rucken gegen die nun fest verschlossene Thure und gelobte mit einem hohen theuern Eide, jenes gefahrliche Werkzeug niedern Meuchelmordes nur mit seinem Leben sich entreissen zu lassen.
Mathias, unter Fluchen und wuthenden Beschuldigungen der Untreue gegen den Bund, warf sich uber ihn her, um seinen Widerstand zu bewaltigen; ein Ringen entstand, bei welchem nur Richards grosse personliche Gewandtheit es ihm moglich machte, der ihm uberlegenen, durch wahnsinnige Wuth noch gesteigerten Korperkraft seines Gegners nicht gleich zu erliegen.
Dass ein anfangs gemassigt leises, dann immer lauter werdendes Klopfen an der aussern Thure, unter diesen Umstanden von den Kampfenden nicht vernommen werden konnte, war naturlich; doch dieses Pochen ging allmalig in laut donnernde Versuche uber, die schon krachende Thure gewaltsam zu erbrechen; Mathias hielt einen Augenblick mit Ringen ein, und Richard gewann dadurch Zeit sie zu offnen.
Plagt Euch alle beide der Teufel? was treibt ihr hier in aller Fruhe fur ein Specktakel, ungezogene Buben, wisst Ihr nichts Besseres zu thun? rief lachend Sergius. In Lebensgrosse, ganz unbeschadigt stand er vor ihnen; Mathias schrie laut auf, und sturzte ihm in die Arme, wahrend Richard die Windbuchse von der Wand riss, und sie zertrummerte. Dass die Fehde zwischen ihm und seinem Gegner jetzt beendet war, versteht sich von selbst.
Ubrigens hielt Sergius es eben nicht fur nothwendig die Grunde anzugeben, die ihn bewogen hatten, sowohl seine Bruder als die Haupter des Bundes so lange Zeit ohne ein einziges Zeichen seines Daseins zu lassen. Er erzahlte nur ganz in der Kurze, dass er, nach seiner am gestrigen Abend spat erfolgten Ankunft, sich sogleich zum Fursten Andreas begeben, bei welchem er bis tief in die Nacht hinein verweilte, und dann reisemude die Ruhe suchte.
Ungeachtet er, eben so wenig als seine Bruder, mit Richard jemals in naherem Umgange gestanden, hatte dennoch ein ubrigens nicht bedeutender Auftrag des Fursten, bei seinem nachsten Ausgange am folgenden Morgen ihn zu demselben gefuhrt, und so war er denn glucklicher Weise, ein achter deus ex machina, in jene tragikomische Scene zur Beendigung derselben hinein gefallen.
Der Auftrag des Fursten an Richard bestand hauptsachlich in der Versicherung, dass ganz gleichgultige, unbedeutende Ursachen, hauptsachlich der Uberdruss davon so unablassig sprechen zu horen, den Kaiser bewogen, jene Revue aufzugeben. Ubrigens setzte Sergius noch hinzu, dass er die feste Uberzeugung mitgebracht habe, dass Niemand weder in noch ausserhalb Petersburg an Verrath denke, und Alles so ruhig sei, als es unter solchen Umstanden nur immer moglich ware. Die sorgsamste Pflege hatte in physischer Hinsicht die Gesundheit des unglucklichen Grafen Stephan zwar einigermassen wieder hergestellt, doch sein von so vielen schnell auf einander folgenden Schlagen hart getroffnes Gemuth konnte nicht wieder genesen. Vergebens muhete Richard sich in Versuchen ab, ihn wieder dem wirklichen Leben zuzufuhren, er war fur die wichtigsten Angelegenheiten desselben vollig gefuhllos geworden. Seine geistige Kraft war abgestumpft, sein Gefuhl fur alles ausser seinem unwiederbringlichen Verluste war ertodtet, und Vaterlandsliebe, die ihm fruher die Brust mit gluhender Begeisterung erfullte, war ihm jetzt nur ein leerer Klang, ohne Sinn und Bedeutung. Das sonst fur alles Grosse, Gute und Schone so warme Herz, lag kalt und erstorben ihm in der Brust, ohne Hoffnung, wie ohne Wunsch, weder Freude noch Leid konnten es wieder wecken. Er verlangte mit dem aussern Leben weiter keine Gemeinschaft zu haben, seine Seele war bei den Todten. Und doch, und zwar in der allerwiderwartigsten Gestalt, drangte dieses Leben, das ihn anekelte, in den eng abgeschlossenen Kreis seiner Gedanken und Gefuhle sich ein.
Habsuchtige entfernte Verwandte, welche jetzt einige Hoffnung gewonnen hatten, den Kinderlosen einst zu beerben, meinten dadurch sich jetzt schon berechtigt, in die Verwaltung seiner Angelegenheiten und seines Vermogens eingreifen zu durfen. Sie machten sogar schon einige Anstalten den schwermuthigen Vetter, den sie gern fur blodsinnig ausgegeben hatten, fur's erste wenigstens unter Vormundschaft zu stellen, und qualten und verfolgten ihn auf das widerwartigste mit ihren endlosen Zumuthungen.
Schon waren sie nahe daran, den ganz Muthlosen durch Uberdruss zur Erfullung von allem was sie verlangten zu bewegen; doch Furst Andreas oft erprobte Freundschaft erhob sich jetzt in lobenswerther Thatigkeit zu seinem Schutze. Von seinem treuen Walter begleitet, ging Graf Stephan auf Zureden seines edlen Freundes nach Italien, um unter einem milderen Himmel, entfernt von allem was allzu herbe Erinnerungen in ihm aufregen musste, einstweilen unter fremdem Namen, ein stilles Leben zu fuhren. Furst Andreas aber nahm wahrend der Zeit mit dem ihm eigenen Eifer der Leitung und Ordnung der Angelegenheiten seines Freundes sich an, die er in einem zwar vielfach verworrenen, aber doch bei weitem nicht so hoffnungslosen Zustande fand, als Graf Stephan selbst es gemeint hatte.
Richard mochte es sich selbst kaum gestehen, welche Erleichterung seines, auch in anderer Hinsicht nichts weniger als beneidenswerthen Zustandes, die Entfernung des Grafen Stephan ihm gewahrte. Sie befreiete ihn von der taglich wiederkehrenden Pein, das langst als hoffnungslos Aufgegebene immer von neuem aufnehmen zu mussen, und immer mit gleich schlechtem, ihn tief betrubendem Erfolge.
Jetzt hatte er wenigstens einige Hoffnung, unter Walters sorgsamer Pflege der Genesung des geliebten Leidenden entgegen sehen zu durfen. Langst schon war aus dem treuen verstandigen Diener der kein Opfer scheuende Freund seines unglucklichen Gebieters geworden; Furst Andreas selbst erkannte und wurdigte ihn als solchen, und uberliess ihm ohne Bedenken die Sorge fur seinen Herrn, wie die Anordnung einer Reise, die Walter schon fruher einmal mit demselben gemacht hatte. In auffallendem Contraste mit dem fast zum Scheinleben herabgesunkenen Grafen Stephan trat jetzt Furst Andreas in immer weiter um sich greifender Thatigkeit auf.
Alex, Eugen, alle vertrautesten Jugendgefahrten des ganz vereinsamten Richard, waren, wenigstens fur den Augenblick, ihm verloren. Zu einer Zeit, wo er mehr als je des Rathes, der Mittheilung, des Trostes bedurfte, sah er mit allen seinen ahnungsvollen Sorgen und Zweifeln sich einzig an den vaterlichen Fuhrer und Beschutzer seines fruheren Lebens gewiesen.
Vertrauend eilte er zu ihm mit seinem bis zum Uberfliessen vollen Herzen, harrte in unermudlicher Geduld auf den gunstigen Augenblick, es in den Busen seines vaterlichen Freundes sich ergiessen zu lassen, und stand, wenn er einen solchen endlich errungen zu haben meinte, vor ihm, wie vor einem verschlossenen Schreine.
Fur Alle und fur Alles hatte Furst Andreas Zeit, war zuganglich fur Jeden, der seiner bedurfte, nur fur den geliebten Sohn seiner Wahl, wie Richard noch immer und bei jeder Gelegenheit von ihm genannt wurde, wollte es ihm niemals gelingen, nur eine einzige kleine vertrauliche Stunde zu finden.
Richard wurde unter Vorwanden, von denen der letzte immer der nichtigste zu sein schien, von einem Tage zum andern fortwahrend vertrostet. Und wollte sich in der Eile nichts anderes ausfindig machen lassen, so sass Mr. Mitchel mit seinen endlosen Verbesserungen, Vorschlagen und Erfindungen im Vorzimmer, neben seinem Busenfreunde dem Kammerdiener, bei dem er sich formlich etablirt hatte, und war auf den kleinsten Wink bereit, mit etwas Neuem aufzuwarten.
Fur Richard war es unter solchen Umstanden keine ganz leichte Aufgabe, in unwandelbarer Liebe und Ehrfurcht an dem Wohlthater seiner Jugend festzuhalten, ohne sich im Glauben an ihn irren zu lassen. Doch er bestand die schwere Probe; sein Gemuth war und blieb jeder, in seinen Augen den Fursten und ihn selbst erniedrigenden Regung des Misstrauens unzuganglich; doch anders war es mit der Sorge, dass das freie, offne, edle Naturell desselben gemissbraucht, dass Andreas durch List und Trug irre geleitet, von Neuem in Verhaltnisse verwickelt werden konne, aus denen dann kein Rucktritt moglich ware.
Auf sich allein zuruckgewiesen, ohne Moglichkeit, durch Rede und Gegenrede mit theilnehmenden verstandigen Freunden zu grosserer Klarheit seiner eigenen Gedanken zu gelangen, versenkte und verlor der ganz Verlassene sich immer tiefer in trubes Nachsinnen, das ihn nur beangstigen konnte, ohne ihn weiter zu bringen; es war eigentlich mehr ein dumpfes Gefuhl von Noth und Gefahr, das fortwahrend ihn verfolgte, ohne sich in deutliche Worte fassen zu lassen.
In sorgenvoll durchwachten Nachten erhob das grassliche Bild des Mord und Verrath athmenden Mathias sich neben ihm. Der Eindruck, den jener schaudervolle Besuch auf Richards Gemuth gemacht hatte, wurde ihm jetzt erst recht fuhlbar, seitdem seine Gedanken und seine Zeit nicht mehr so ganz ausschliessend von der Sorge fur Graf Stephan in Anspruch genommen wurden.
Waren die Schrecken, welche jenen damals bis an den Rand des Wahnsinnes getrieben, wirklich nur das Phantom einer beangsteten, durch Befurchtungen der grasslichsten Art auf das hochste gesteigerten Phantasie gewesen? Wer konnte hier entscheidend auftreten und behaupten, dem sei so!
Dass Furst Andreas die Ausfuhrung der drohenden Feste bei Beleja Tserkoff wirklich zu hintertreiben gewusst habe, wie er allerdings zu verstehen gegeben, wenn gleich nicht in deutlichen Worten, war eben nichts Unmogliches; aber auch andre Grunde konnten hier leicht vorgewaltet haben, andre, gefahrlichere, mit den Befurchtungen zusammenhangende, durch welche Mathias Apostol zu seinem verzweiflungsvollen Thun getrieben worden war.
Des Kaisers nahe bevorstehende Reise in die sudlichen Provinzen seines unermesslichen Reiches, war jetzt langst kein Geheimniss mehr, die Anstalten zu derselben wurden eifrig und offenbar betrieben; doch uber die eigentliche Veranlassung derselben waren sehr verschiedene Meinungen in Umlauf. Die Mehrzahl wollte sie in der Gesundheit des Monarchen finden, welche ein milderes Klima verlangte; doch konnte er nicht auch auf diese Weise, ohne Aufsehen zu erregen, sich dem Schauplatze von Ereignissen entziehen wollen, die er vielleicht nur dunkel ahnete, ohne dass jedoch eine Entdeckung der Gefahren wirklich Statt gehabt hatte, die seinem Leben droheten?
S e i n e m Leben, d e s K a i s e r s geheiligtem Leben! Richard dachte es mit Schaudern.
Er ist nicht aufgelost, der furchterliche Bund! rief er, von wilder Angst ergriffen, der ihn rings umgebenden Einsamkeit, der einzigen Vertrauten seiner innern Qual entgegen. Er selbst, Andreas selbst ist tiefer als jemals in denselben verflochten; um ihn gefahrlos zu gestalten, behauptet er! Kann seine, kann irgend eine menschliche Kraft jetzt, in diesem Augenblicke noch dazu ausreichen?
Eugens fortwahrende, geheimnissvolle Entfernung! dachte er ferner, des Sergius nicht minder geheimnissreiche Reise, wohin? zu welchem Zwecke? zu wem? Wenn nicht zu ihm, zu dem geliebten Freunde meines Herzens, zu Eugen. O Eugen! auch Du wirst das Opfer eines ungeheuren Irrwahnes Deines Vaters werden, der uns Alle dem Untergange zutreibt: rief er laut!
Der Bund ware ganz gefahrlos, bis zur Ohnmacht entwaffnet! behauptet der Furst; wodurch ware er es? fuhr Richard in seinen Uberlegungen fort, wodurch ware er es? Und wenn nun Sergius nicht im entscheidenden Augenblicke gekommen ware; der tollkuhne, wuthende Mathias das furchtbare Signal zum Ausbruch der beschlossenen Grauel wirklich gegeben hatte? Wo ist die irdische Gewalt, welche alle die vielen Tausende mordlustiger Verschworenen zu bandigen vermocht hatte, welche nicht nur in Petersburg, welche durch das ganze Reich, durch alle Stande in demselben verstreut sind, bereit zum Werke der Zerstorung?
Ich soll nicht glauben, nicht sehen, nicht horen! soll die Grauel nicht achten, die jetzt ohne Schleier in jenen schandlichen, Mord und Verbrechen predigenden Zusammenkunften der Verbundeten vorgetragen werden; ich soll ihre Reden fur sinnlose Erzeugnisse einer verdorbenen, ohnmachtigen Phantasie, ohne alle weitere Bedeutung hinnehmen! Wer kann das Unmogliche von mir fordern!
Zwiespalt, Unzufriedenheit, Wankelmuth werden schon jetzt unter ihnen laut; eidbruchige Verrather giebt es uberall, in allen Verhaltnissen; und wenn nun geschieht, was bis jetzt nur durch ein Wunder verhindert worden sein kann; wenn Einer, ein Einziger nur von jenen Vielen, von Reue, Eigennutz oder Furcht getrieben, den Weg zum Kaiser findet, den Bund verrath?
Richard ward starr vor Entsetzen uber den Gedanken, der jetzt in furchtbarer Klarheit vor ihm aufleuchtete!
Verloren! verloren! unrettbar Kaiser und Volk; Alle! Alle! Alle! schrie er laut; Abgrund, unergrundlicher Abgrund rings umher! kein Ausweg mehr!
In wilder Verzweiflung zerraufte er sein Haar, warf auf den Boden sich hin.
Keine Rettung, wohin den Blick ich wende! nicht einmal die Moglichkeit eines Wunsches, denn die ewige Allmacht selbst kann Geschehenes nicht ungeschehen machen! Wo waren meine Augen, meine Sinne, mein gesunder Verstand, dass ich es nicht fruher begriff! Verrath rettet Kaiser und Reich, der Bund geht zu Grunde, mit ihm Andreas und die Seinen!
Helena! kreischte er auf; ihm vergingen die Gedanken.
Dann suchte er sich wieder zu fassen. Bleibt Alles, steht kein Verrather unter uns auf; die Moglichkeit davon liegt vor Augen, denn bis jetzt hat noch Keiner sich gefunden; nun dann dann, dann knirschte er, und lachte wild auf, dann ist ja Alles auf das Herrlichste! dann geht der Tanz los, Volkswuth fuhrt den Reigen, und Pestel ist der siegende Held des Tages!
Wie jede Uberspannung, sobald sie gehorig ausgetobt hat, so loste auch Richards Zustand sich allmalig in Erschopfung auf, und machte gelassenerer Uberlegung Raum. Er liess Alles, was seit des Fursten Andreas Heimkehr in der letztvergangenen Zeit sich wirklich begeben, an seiner Erinnerung voruberziehn, und fand, dass ausser dem Widerrufe des Befehls zu der bei Beleja Tserkoff beabsichtigten Revue und der Erscheinung des Mathias Apostol bei ihm in seiner Wohnung, sich doch eigentlich gar nichts zugetragen habe, was die Muthlosigkeit rechtfertigen konne, von der er so plotzlich ergriffen worden war.
Seiner jetzigen Ansicht nach konnte des Mathias Besuch und Benehmen nur einem plotzlichen, durch ubertriebene Sorge um seinen Bruder herbeigefuhrten Ausbruche von Wahnsinn zugeschrieben werden.
Und warum sollte Richard lieber in unbestimmten Zweifeln an seinen Pflegevater sich verlieren wollen, als in Hinsicht auf jene Revue den Andeutungen desselben Glauben schenken?
Richard war gewohnt sich selbst der strengste Richter zu sein, und konnte in diesem Augenblicke, tief beschamt, den bedeutenden Einfluss sich nicht verhehlen, den sein durch des Fursten Verschlossenheit verletzter Stolz auf die Beurtheilung der Handlungsweise desselben in der letzten Zeit geubt habe.
In solchem Falle ist es edleren Naturen immer schwer das rechte Maass zu halten, aus ubertriebener Grossmuth nicht gegen sich selbst ungerecht zu werden, und so einen zweiten Fehler zu begehen, indem man den ersten allzu uberschwanglich gut machen will. Daher konnte Richard es nicht unterlassen sich selbst auf das allerharteste zu verdammen, und die edelsten Grunde dem, wenigstens sehr auffallenden Betragen des Fursten unterzulegen, die man schweigend ehren musse, selbst wenn sie unbegreiflich erschienen.
Er gelobte sich selbst den Maassregeln und Verheissungen seines edlen Pflegevaters mit ruhigster Zuversicht zu vertrauen; doch diese vortrefflichen Entschlusse vermochten nicht die Unruhe ganz zu beschwichtigen, die ungeachtet aller Muhe, die er sich deshalb gab, noch immer in seinem Innern tobte, und ihm nicht erlauben wollte, dem Gange der Begebenheiten in ruhiger Unthatigkeit zuzusehen.
Er konnte die Verrath verkundenden Reden des Mathias Apostol nicht vergessen; wie, wenn nun die Behauptungen jenes mordlustigen Frevlers dennoch auf mehr als blosser Einbildung beruhten? dachte er: Wahrscheinlichkeit spricht mehr dafur als dagegen, und wer wird bei gesundem Verstande den Fallstrikken eines eidbruchigen Verrathers sich nicht zu entziehen suchen wollen, so lange dieses moglich ist?
Die edle grossartige Natur meines hohen Freundes ist freilich leicht zu betrugen, sie kann keine Ahnung der niedrigen Verworfenheit jener im Dunkel hausenden Rotte in sich aufnehmen, sprach er seiner alten Gewohnheit nach laut zu sich selbst. Doch ich will fur ihn sehen, ich will sein Auge werden, da er auf andre Weise meine Hulfe verschmaht. Ich will statt seiner die Schlupfwinkel des Lasters durchspahen, die ihm unzuganglich sind, und es immer bleiben mussen.
Man sagt ja, die kleine behende Eidechse suche die Klufte auf, in welchen die giftige Otter hauset, und eile durch Gras und durres Laub vor ihr her, um durch ihr Rascheln schlafende Menschen warnend zu wekken, setzte er lachelnd hinzu. Von nun an ergriff Richard auf das eifrigste jede Gelegenheit, die zu naherer Bekanntschaft mit einzelnen Verbundeten fuhren konnte. Wahrend er von ihren eigentlichen Zusammenkunften sich etwas zuruckzog, liess er um so ofterer bei Trinkgelagen sich finden, selbst bei solchen, wo weder Massigkeit noch feinere Sitte den Vorsitz zu haben pflegten. Er liess in Klubbs und Spielhausern, auf Ballen und offentlichen Tanzboden sich einfuhren, besuchte Kaffeehauser, Weinhauser, Billards, lauter Orte, wo man fruher ihn nie gesehn, zeigte als taglicher Gast sich in Gesellschaften, wo bis jetzt man gewohnt gewesen war ihn als eine hochst seltne Erscheinung zu begrussen, und suchte so die Gesinnungen einzelner Mitglieder des Bundes genau kennen zu lernen, um jeden von fern drohenden Verrath gleich beim Entstehen zu entdekken.
Auf diese Weise konnte er nicht verfehlen eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft unter Leuten sich zu erwerben, mit denen er bis dahin in keiner Art von Verkehr gestanden; er gerieth zugleich in den Ruf eines leicht und locker hinlebenden jungen Gesellen, auf dessen Gegenwart seines Gleichen keine besondere Rucksicht zu nehmen nothig hatten, sondern im Gegentheil sich nach Lust und Belieben ganz zwanglos gehen lassen konnten, was Richards Beobachtungen ungemein erleichterte.
Nebenbei lernte er hier eine ihm fast unbekannt gebliebene Seite des Lebens kennen, machte auch die Entdeckung, dass zwischen dieser ihm neuen Welt und der vornehmeren, in welcher er bis dahin sich bewegt hatte, der Unterschied mehr in der Form, der aussern Vergoldung, als in ihrem wahren innern Gehalte zu finden sei; doch das, wonach sein Forschen eigentlich strebte, vermochte er nicht zu entdecken. Nirgends zeigte sich die kleinste Spur beabsichtigter Verratherei unter all den Verschworenen, die von allen Seiten sich an ihn drangten, weil sie ungeachtet der republikanischen Gesinnungen, die sie zur Schau trugen, durch den Umgang mit ihm sich gehoben glaubten, den sie bis dahin immer nur in den Umgebungen der Vornehmsten des Reiches gesehen.
Die Ausgezeichnetsten unter Richards neuen Freunden suchten Anfangs meistens nur aus Prahlerei und Eitelkeit, seltner durch wirkliches Wohlgefallen an seiner Personlichkeit, sich den Schein inniger Vertraulichkeit mit dem Allgefeierten zu geben; doch gar bald ging dieser Schein in Wahrheit uber, denn Gewohnheit tragt am Ende immer den Sieg davon; sie vergassen der vorsichtigen Schlauheit, die sie im vertraulichen Umgange mit ihm zu uben gemeint, und zeigten sich ohne Hehl wie sie eben waren. Es ging ihnen mit ihm, wie es vor vielen Jahren den Bewohnerinnen einer ehemaligen freien Reichsstadt erging, denen die nahe Ankunft einer Konigin angekundigt wurde, welche in ihren Mauern einige Tage zu verweilen gedachte.
Die Damen geriethen uber die Beobachtung der an Hofen ublichen Etikette, besonders uber die richtige Anbringung des Wortes Majestat, in Todesangst, und behaupteten mit der hohen schonen Frau nimmermehr sprechen zu konnen. Und als diese nun in ihrer Mitte war, gutig und freundlich gegen Jedermann, nannten die Geangsteten, in der Freude ihrer erleichterten Herzen, sie ohne weitere Umstande "meine liebe." Richard benutzte die sich ihm bietende Gelegenheit zur Beobachtung seiner Umgebungen auf das Beste. Unzufriedenheit, Ungeduld uber zu langes Verzogern des einmal Beschlossenen, Hass und Misstrauen gegen die Haupter des Bundes, besonders gegen Pestel, entdeckte er in aller Gemuth, doch immer nur als schnell vorubergehende, durch irgend ein neueres Ereigniss hervorgebrachte Erscheinung.
Die heute Unzufriedenen, zeigten sich morgen in ganz entgegengesetzter Stimmung, die Ungeduldigen waren besanftigt, und hofften auf einen, mit nachstem zu fassenden, alles machtig fordernden Beschluss. Die Einen hatte Pestel freundlich gegrusst, die Andern Sergius, oder Mathias Apostol angeredet, und damit war alles gut gemacht.
Je langer dieses wahrte, je unsichrer wurde Richard in Zusammenstellung der aus seinen Beobachtungen hervorgehenden Resultate. Einigemal glaubte er dem in der Mitte der Verbundeten lauernden Verrather auf der Spur zu sein, und ehe er sich dessen versah, loste die angebliche Verratherei in einen albernen, frostigen Scherz sich auf.
Es gab Stunden und Tage, wo andre Gedanken ihn beschaftigten; es schien ihm oft, als ob man hoheren Ortes dem sogenannten Bunde der achten Kinder des Vaterlandes von selbst auf der Spur sei, und heimliche Anstalten treffe, ihn gefahrlos und sicher aufzulosen; was Richard allerdings als das Allererwunschteste betrachtete das sich ereignen konnte, sobald Furst Andreas selbst in dieses Staatsgeheimniss eingeweiht, und mit Losung des Bundes beauftragt war, den er und seine Freunde einst selbst in der lobenswerthesten Absicht gestiftet, und der allein durch dessen weit um sich greifende Vergrosserung ausgeartet, jetzt freilich eine hochst bedrohliche Gestaltung angenommen hatte.
Nur so allein glaubte Richard des Fursten wiederholte Versicherung der volligen Gefahrlosigkeit des Bundes erklart, und die Wahrheit derselben bestatigt zu sehen; und doch regte sich etwas in seinem Gemuthe, das diesem Glauben widersprach: denn es wurde ihm schwer eine solche kunstliche, an Falschheit granzende Halbheit, mit dem grossen edlen Charakter seines vaterlichen Beschutzers zu vereinen. Daher steigerte die Angst um ihn und die Seinen sich oft bis zur Verzweiflung, wenn die Moglichkeit ihm vorschwebte, dass etwas dem Ahnliches ohne Vorwissen desselben im Werke sein konne.
So fuhr er denn in seinem unruhigen angstlichen Treiben fort, suchte, was zu finden er weder wunschte noch hoffte, wahrend alle seine Freunde und naheren Bekannten die Veranderung hochst auffallend fanden, die mit ihm und seiner Art zu leben vorgegangen war. Sogar Andreas bemerkte sie und spielte zuweilen scherzend zwischen Lob und Tadel darauf an; wusste aber dennoch jeder Erklarung, die Richard ihm geben wollte, mit gewohnter Gewandtheit auszuweichen. Nur Helena, mochten auch noch so seltsame Geruchte uber ihn ihr zu Ohren kommen, nur sie allein liess auf keine Weise von dem Glauben an ihren Freund, an seine Liebe, an seine Treue, an seine reine Sittlichkeit sich abwendig machen. Aber auch sie wollte nie ihn anhoren, wenn er uber manches sich zu erklaren suchte, das seiner Meinung nach in ihren Augen ihn herabsetzen konnte.
Ich glaube gar Du willst von Deinem Thun und Lassen mir Rechenschaft ablegen? rief sie lachelnd; wissen wir etwa die uns sparlich zugemessene Zeit des ungestorten Beisammenseins nicht besser zu benutzen? oder glaubst Du, ich ware so ungerecht nicht begreifen zu wollen, dass Du wahrend der Abwesenheit Eugens zuweilen anderer Erholung bedarfst, als unsre doch immer etwas formelle Societat Dir gewahren kann? Ich selbst, setzte sie scherzend hinzu, mochte zuweilen die Furstin gern ein wenig bei Seite schieben und mich, ware es auch nur der Abwechselung wegen, mitten in ein einfach landliches oder stillburgerliches Verhaltniss versetzen, wie NovellenDichter, besonders deutsche, es so anlockend beschreiben.
Richard wollte dessenungeachtet noch etwas uber sein jetziges Benehmen einzuschieben suchen, doch Helene druckte ihm die Hand auf die Lippen.
Qui s'excuse s'accuse, weisst Du wohl: sprach sie freundlich. Hast Du es wirklich einmal so weit gebracht, dass Du bei mir einer Entschuldigung bedarfst, dann erst ist eine jede recht uberflussig; denn entweder alles ist zwischen uns niedergerissen, ohne Moglichkeit der Wiederherstellung, oder ich bleibe bei meinem Glauben an Dich, ohne dass eines von uns beiden ein Wort daruber verliert. Was sollen Worte zwischen uns, wenn man sich ohne sie versteht? Was giebt es Neues? fragte Mitchell, nachdem er eine Weile mit inhaltschwerem Gesicht sich in seinem Sessel hin und her gewiegt.
Nichts Besonderes, das ich eben wusste: antwortete Richard, der des langweiligen Besuches schon von Herzen mude war, obschon dieser jetzt selten ihn belastigte.
Hm! brummte Mitchell, besann sich wieder ein Weilchen, bemuhte sich ungemein gescheit auszusehn, und ruckte vertraulich mit seinem Sessel dicht neben Richard hin.
Es laufen doch mitunter sonderbare Geruchte in der Welt umher, fing er an, man darf nur nicht immer trauen, noch weniger alles glauben. Aber die Sache ware doch zu erwagen und eigentlich bin ich hier, um mir in einer wichtigen Angelegenheit bei Euch als meinem Landsmanne Rath zu erholen. Aber sagt mir vor allen Dingen, Mr. Wood, wisst ihr wirklich nichts Neues? Fallt denn in diesem grossen Lande gar nichts in der Politik vor? Freilich, hier ist kein Parlament, aber gewiss doch Opposition, denn die findet sich uberall, in jedem Haushalte, und bestunde er nur aus zwei Personen. Aus Mann und Frau, meine ich. He he he he! setzte er, seinen eignen Witz belachend, hinzu.
Der Kaiser ist in Taganrog glucklich eingetroffen, hore ich; das ist die neueste Neuigkeit so viel ich weiss: erwiederte Richard.
Aha! nun gebt Ihr es schon naher! sprach Mitchell und sah ausserordentlich pfiffig dazu aus: und weiter wusstet Ihr wirklich nichts? gar nichts? habt nichts vernommen? nichts von einem dem Ausbruche nahen Revolutionchen? flusterte er plotzlich sehr leise ihm in's Ohr.
Richard fuhr zusammen, und blickte ihm starr in's Gesicht. Ihr erschreckt? Ihr wisst also noch von nichts, wie ich merke, am Ende was geht es Euch auch viel an? Ihr bekummert Euch um Eure Pferde und um Eure Liebesaffairen, damit gut. Ich kann Euch das nicht verdenken, ein junger Officier hat bei dergleichen weder viel zu gewinnen noch zu verlieren: in meiner Lage muss man schon vorsichtiger sein, und die Augen hinten und vorne haben. Im Vertrauen, grosse Dinge sind im Werke, und da will ich, wie gesagt, als Euer Landsmann, um Eure Meinung bitten, wie ich mich zu verhalten habe, wenn das Ding zum Ausbruch kommen sollte, setzte er mit leiser Stimme hinzu. Wie werden bei Euch die Revolutionen gemacht? sind sie sehr gefahrlich? ich meine fur's Eigenthum, fur Hab' und Gut, denn mit dem Leben hat es so viel nicht zu sagen, ein kluger Kopf weiss sich schon zu salviren.
Erklart Euch deutlicher, und seid von meiner Discretion wie von meinem guten Willen fest uberzeugt, erwiederte Richard so ruhig als es ihm moglich war.
Nun so hort, fing Mitchell sehr leise flusternd an. In Petersburg selbst hat eine weit ausgebreitete Gesellschaft sich heimlich organisirt, deren Hauptzweck darauf hinaus geht, in Handel und Wandel allerhand Verbesserungen einzufuhren, besonders in Hinsicht auf das Zollwesen; denn eben damit thut es vor allem noth. Der ehrlichste Kaufmann muss ja zum Schmuggler doch das gehort nicht hierher. Genug die Gesellschaft, oder nennt es Verschworung, ist da. Seht mich nicht so unglaubig an, ich will es Euch nur gestehen, sie haben mich selbst in ihren Klubb, oder, wie sie es nennen, in ihren Bund aufnehmen wollen, und ich habe mich verdammt drehen und wenden mussen, um mich davon los zu machen, ohne meine Freunde zu beleidigen, denn so etwas passt nicht in meinen Kram. Der Tanz kann eben so gut heute als morgen los gehen, alle Verschworene sind auf's Ausserste vorbereitet, und ohne etwas Unruhe, vielleicht etwas Brand und Blutvergiessen, wird es schwerlich abgehen. Glaubt Ihr, dass es sehr gefahrlich damit wird? Ein Englander, meine ich, hatte weniger zu riskiren als ein Anderer, man nimmt doch immer einige Rucksicht. Nun ich hier einmal eingewohnt bin, mochte ich nicht gern sobald fort. Doch freilich, wenn Gut und Leben gefahrdet sind: setzte er bedenklich seufzend und die Achseln zuckend hinzu.
Ja! man kann das so eigentlich nicht vorher wissen an Eurer Stelle wenn es wirklich ist, wie Ihr saget, und Ihr Euch nicht irrt die Schifffahrt ist jetzt gefahrlos und offen, das Sicherste ware immer sich bei Zeiten aus dem Wege machen: stotterte Richard und wusste selbst nicht, was er sprach.
Das Alles ware schon ganz recht, aber es ist dabei doch noch manches Andre zu bedenken, erwiederte Mitchell. Ich habe hier gute Geschafte gemacht, und die Aussicht auf noch bessere gewonnen, das kann ich Euch, der Ihr dabei gar nicht betheiligt seid, wohl gestehen. Mein edler ehrenwerther Beschutzer, Furst Andreas, ist ein sehr weiser unternehmender Herr, er hat grosse ausgebreitete Plane gefasst fur Unternehmungen, die er unter meiner Leitung auf seinen Herrschaften ausfuhren lassen will. Ihr begreift, dabei lasst sich etwas gewinnen, das man nicht gern aufgiebt. Die Revolution ist ein Sturm, der schnell vorubersaust, den konnte man wohl im sichern Verstecke abwarten, und es kann obendrein kaum fehlen, dass nicht bei dergleichen manches abfiele, was des Aufnehmens werth ware. Ein recht Gescheiter kommt in unruhiger Zeit nicht leicht zu kurz, wenn er Gelegenheiten wahrzunehmen weiss. Genug, mit der Revolution allein mochte ich es schon wagen aber, aber! es ist noch etwas dabei, eine ganz verteufelte Geschichte: setzte er seufzend hinzu, heftete den starren Blick auf den Boden, liess den Kopf bis auf die Brust hangen, die gefalteten Hande sanken ihm in den Schoos und beide Daumen fingen an, sich in blitzschneller Geschwindigkeit um einander zu drehen.
Nun? fragte Richard, in angstlicher Spannung.
Burgerkrieg! erscholl es wie ein Orakelspruch aus Mitchells tiefster Brust: Burgerkrieg! da geht alles drunter und druber; und das wahrt jahrelang, wie wir der Beispiele genug davon haben. Der Fremde mit seinem Eigenthume fallt zwischen beide Parteien, wie zwischen die beiden Klingen einer Scheere, und wird von beiden als gute Beute behandelt.
Burgerkrieg! wiederholte Richard.
Burgerkrieg: erwiederte Mitchell: hort mich an, und Ihr werdet finden, dass meine Befurchtungen nicht grundlos sind. Ich will Euch nichts verhehlen, alles was ich weiss sollt Ihr erfahren, dann mogt Ihr selbst urtheilen und auch Eure Maassregeln nehmen, denn als Militair habt Ihr doch einiges zu riskiren.
Richard wollte vor Ungeduld vergehen, aber es half ihm nichts. Mitchell rausperte sich ganz bedachtig, dann fing er vertraulich leise an: Noch vor dem Ausbruche wird die Verschworung an den Kaiser verrathen werden, das sage ich Euch vorher, traut meinem Worte. Naturlicher Weise bricht dann der Larm gleich los. Erst hangen, kopfen, dann Widerstand, Aufstand, zwei Parteien, Krieg, Blutvergiessen, offne Rebellion, jahrelang, wie in der Vendee, wie in Spanien, wie uberall wo der Teufel freies Spiel gewinnt.
Deutlicher! deutlicher! um Gotteswillen deutlicher! woher wisst Ihr, vermuthet Ihr? o sagt mir alles! bat Richard in hochster Angst.
Woher? nun, wie es sich denn zuweilen wunderbar fugen muss, nahm ich heute bei Caffarelli mein zweites Fruhstuck ein, wie gewohnlich. Viel Gesellschaft war versammelt, es wurde viel getrunken. Vormittags ist das meine Sache nicht; ich hatte meine Geschafte im Kopfe; im Saale wurde es mir zu heiss, zu laut, ich setzte mich mit meinem Taschenbuche in die Ecke einer der kleinen Logen oder Lauben in dem Gartchen hinter dem Pavillon, um eine wichtige Speculation zu berechnen, die mir eben angetragen worden war. Auf einmal wird es in der Loge dicht neben der meinen laut, viel lauter, als es dem Inhalte des Gesprachs nach zu urtheilen wahrscheinlich geworden ware, hatten die Herren vorhin nicht zu tief ins Glas gesehen; glucklicher Weise sprachen sie franzosisch, um nicht von Jedermann verstanden zu werden. Wahr ist's, Massigkeit und Umsicht sind nicht Jedermanns Sache, aber
Den Inhalt! den Inhalt! um Gottes Barmherzigkeit willen, den Inhalt: flehte Richard ihn unterbrechend.
Es waren ihrer Zwei. Und was konnte der Inhalt ihres Gesprachs anderes sein, als jene Verschworung, in die sie auch mich gern hineingezogen hatten: fuhr Mitchell fort. Erst kamen Klagen uber die Haupter derselben, dann Zweifel an dem Gelingen, dann Reue uber den Verrath an dem Kaiser, dann Angst vor den Folgen, bis sie endlich gerade heraus daruber eins wurden, der einzige Weg zu ihrer eigenen Rettung ware, dem Kaiser alles schriftlich zu entdecken, die Liste der Verschworenen, besonders der Haupter derselben ihm einzusenden, und so fur sich selbst Verzeihung auszuwirken, moge aus den Ubrigen werden was da wolle. Seht, das ist es eigentlich was mich so stutzig machte; und nun sprecht, was denkt Ihr davon?
Weiter, weiter, das Ende: rief Richard.
Aber was ist es mit Euch? Ihr seid todtenblass, Ihr seid krank? fragte Mitchell ihn aufmerksam betrachtend.
Nichts, nichts; war die Antwort: plotzlich ein Stich in die Brust, ich habe das zuweilen, es geht aber schnell voruber; ich bitte Euch, fahrt fort.
Nun denn, viel ist nicht mehr ubrig zu erzahlen: der Eine wollte gleich den Brief an den Kaiser abfassen, der Andre, wahrscheinlich vom Trinken weniger erhitzt, suchte einige Tage Aufschub von ihm zu erhalten. In der Hauptsache waren Beide eines Sinnes; sie gelobten einander Treue und Verschwiegenheit. Dann kamen mehrere aus der Gesellschaft hinzu, von andern Dingen wurde gesprochen, und ich benutzte die erste Gelegenheit, um mich ungesehen aus meinem Schlupfwinkel fortzuschleichen. Aber Mr. Wood, Ihr werdet immer bleicher!
Nicht doch, nicht doch; ich bin wohl, ganz wohl, der kleine Anfall geht schon voruber; erwiederte Richard: aber die Namen jener Beiden, Ihr kennt sie doch? Auf die Namen kommt viel an.
Die gehoren zu den unaussprechbaren, wie die meisten in diesem Lande, war die Antwort. Doch die Personen Beider sind mir wohl bekannt; wahrscheinlich sind sie heute Abend wieder bei Caffarelli, wenn Ihr mich begleiten wollt, so zeige ich sie Euch. Doch nun sprecht, entscheidet, soll ich gehen? soll ich bleiben? rathet mir was ist zu thun! sie fuhren ihren Entschluss aus, davon bin ich uberzeugt; was sie sprachen war so fest, so besonnen alles uberlegend.
Weiss der Furst um die Verschworung, und um Eure heutige Entdeckung? fragte Richard.
Wo denkt Ihr hin! das ware vollends schon! da kame ich gut an! das ware ja als ob man eine brennende Lunte in ein Pulverfass werfen wollte! Da musste ja alles Unheil gleich auf der Stelle hereinbrechen. Haltet Ihr mich fur ein Kind? oder fur ein altes Weib das nicht schweigen kann? fuhr Mitchell halb beleidigt auf.
Verzeiht, so war es nicht gemeint, erwiederte Richard. Eure Nachricht hat mich uberrascht, ich leugne es nicht; ich muss mich erst fassen, gebt mir nur einige Zeit, nur bis ich ein wenig uber das Alles nachgedacht habe, dann soll es an meinem guten Rathe in dieser wichtigen Angelegenheit Euch nicht fehlen. Und nun kommt zu Caffarelli.
Mit diesen Worten fasste Richard in einem jener Anfalle von Verzweiflung, die der muthigsten Entschlossenheit wie ein Tropfen Wasser dem andern gleich sehen, Mitchells Arm und zog ihn mit sich fort. Mitchell musste ihm folgen, er mochte wollen oder nicht.
Sie fanden wirklich die, welche sie suchten, am bestimmten Orte im Dominospiele vertieft. Richard war ihnen oft in den Versammlungen des Bundes begegnet; Beide waren Offiziere, der eine hatte Frau und Kinder, der andre fur eine bejahrte Mutter zu sorgen.
Richard, indem er sie aufmerksamer jetzt beobachtete, begriff kaum wie es zugegangen sein konne, dass nicht so manches unheimlich-geheimnissvolle in ihrem Wesen und Betragen, besonders in dem des Altesten unter ihnen, eben der, welcher zufolge Mitchells Aussage, die Entdeckung noch aufgeschoben wissen wollte, nicht schon langst auf diese Beiden den Argwohn geleitet habe, der ihm in diesem Augenblicke fast zur Gewissheit wurde.
Die Abendgesellschaften bei Caffarelli pflegten gewohnlich in ziemlich wilde, oft bis zum grauenden Morgen wahrende Orgien auszuarten. Wahrend Mitchell, Richard alles allein uberlassend, sich fruhzeitig zuruckzog, um morgen mit hellem Kopfe an seine Geschafte zu gehen, hielt jener diesesmal ganz bis ans Ende dabei aus. Soviel er, ohne dass es auffallend wurde, es konnte, folgte er den ihm Verdachtigen wie ihr Schatten, bis zum Aufbruche der Gesellschaft; sah, wie sie im Laufe des Abends absichtlich sich von einander entfernten, um nicht ihr gar zu enges Zusammenhalten bemerkbar werden zu lassen, und hatte dann wieder vielfache Gelegenheit, halbe Worte, Winke, Blicke aufzufangen, die zwischen ihnen fielen, wenn sie, scheinbar zufallig, an einander voruber streiften.
Er bemuhte sich von ihren Bekannten etwas Naheres uber ihre hauslichen Verhaltnisse zu erfahren; sie waren der Art, dass, wenn es moglich ware, dass Verrath und Meineid, wie sie ihn im Sinne hatten, vor menschlichen Augen Entschuldigung finden konnte, diese ihnen vor tausend Andern werden musste.
Beide waren arm, in so druckend-unfreier Lage, dass ihre Verbindung mit den Verschworenen sie in jedem Falle dem Untergange zufuhren musste; und nicht nur sie, sondern auch ihre Familien, deren Existenz auf sie allein begrundet war.
Zehn Uhr? flusterte, indem er die Gesellschaft verliess, der Eine dem Andern im Vorubergehen zu: im weissen Kreuz bei Sutoff, antwortete dieser.
Durch die angstliche Spannung, in der er auf alles um ihn Vorgehende achtete, waren Richards Sinne bis zu dem Grade gescharft worden, dass selbst diese, jedem Anderen unhorbar leise gesprochenen Worte, seinem Ohre nicht entgingen; und hatte er keinen Laut davon gehort, er hatte sie wahrscheinlich den Sprechenden von den Lippen gelesen.
Die angedeutete, in einer entfernten Vorstadt gelegene, elende Kneipe, war zufalliger Weise ihm bekannt; er hatte vor einigen Tagen, wahrend eines heftigen Gewittersturms, in ihr Schutz suchen mussen. Noch hatte der Glockenschlag die zehnte Stunde des folgenden Morgens nicht verkundigt, als schon Kapitain Mayboroda, der alteste jener beiden Offiziere, in der niedrigen, von Myriaden von Fliegen durchschwarmten Gaststube des weissen Kreuzes, leise hastige Worte vor sich hinmurmelnd, mit weiten Schritten auf- und absturmte, bis sein Freund, der Unterlieutenant Rostowzoff sich zu ihm gesellte. Beide waren in ganz unscheinbarer burgerlicher Kleidung; sie hatten sich hierher beschieden, um ungestort und unbelauscht, umstandlicher als es bis jetzt geschehen konnte, sich zu besprechen und zu berathen.
Wir sind nicht allein! rief Rostowzoff plotzlich, als er an der Seite seines Freundes auf- und abgehend, zufallig einen Blick hinter den riesig grossen Ofen warf.
Ein Bauerknecht in seinen Schlafpelz gewickelt, das Gesicht durch die ubereinander geschlagenen Arme bedeckt, um es gegen das Heer der ihn umsummenden Fliegen zu schutzen, lag auf der Ofenbank hingestreckt; die Uberreste eines schwarzen Bauerbrotes, einige Gurken, und ein umgesturztes Glas, aus welchem der Branntwein noch tropfenweise auf den Boden fiel, bewiesen, dass ein uberreichliches Fruhstuck, mit dem er nicht einmal hatte fertig werden konnen, dem Schlafer gar zu wohl geschmeckt habe.
Lass den Klotz liegen: lachte Mayboroda, nachdem er und Rostowzoff sich an ihm mude gerufen und geschuttelt hatten, ohne ihn erwecken oder auch nur aus seiner Lage bringen zu konnen: der wird uns weder belauschen noch verrathen, dafur stehe ich Dir. Ohne sich weiter durch ihn storen zu lassen, setzten sie ruhig ihr Gesprach fort, und begaben sich dann nach ein paar Stunden, jeder auf andrem Wege, nach Hause. Richards Gemuthszustand, die wilde Aufregung aller herzzerreissenden Gedanken und Empfindungen beschreiben zu wollen, welche nach Uberstehung eines weder angenehmen, noch ganz gefahrlosen Abenteuers sich sinnverwirrend seiner bemachtigt hatte, ware ein gar zu undankbares, schwer gelingendes Unternehmen.
Ich bin fest uberzeugt, dass meine alles gleich errathenden Leser in seinem schmutzigen Schaafspelze, und den ubrigen noch weniger einladenden Requisiten der Maske eines betrunkenen russischen Bauerknechts, sowohl meinen Helden, als den Zweck, zu welchem er diese Verkleidung anlegte, sogleich erkannten. Denn das ist eben aller Roman- und Novellendichter grosse Verzweiflung, dass es mit Aufbietung aller uns zu Gebote stehenden Phantasie, doch in diesen, an geistiger Kultur uberreichen Tagen, fast unmoglich wird, sie durch einen Theatercoup zu uberraschen, oder durch Erwartung des ungewissen Ausgangs der Geschichte in angenehme Spannung zu versetzen. Ihr Scharfsinn sieht leider nur zu gut und zu genau alles langst vorher! ich mochte sagen: fruher, als der Autor selbst damit im Klaren ist, ware dieses nicht einem irischen Bull gar zu ahnlich.
Gewissheit hatte Richard auf diese Weise zu erhalten gesucht, Gewissheit dessen, was nur als moglich sich zu denken, mit Angst und Grausen ihn erfullte. Er hatte sie jetzt erhalten, im vollsten Ubermaasse erhalten, und war nahe daran, unter der Last der Erfullung seines Wunsches zu erliegen! Mayboroda und Rostowzoff hatten in der schmutzigen, niedrigen Gaststube zum weissen Kreuz vollkommen deutlich, umstandlich, und ohne allen Ruckhalt sich gegen einander ausgesprochen; jeder Zweifel an ihrem ernsten Vorsatze, zu erfullen was sie beschlossen, ware offenbarer Wahnsinn gewesen; schaudernd sah Richard an seinem dunnen Faden das Schwert uber den Verbundeten schweben; was sollte, was konnte er thun, um den Fall desselben aufzuhalten, ohne vielleicht nicht auch zugleich uber Millionen Menschen ein weit umgreifenderes Unheil herabzurufen!
Nur einen einzigen kurzen Augenblick war der Gedanke in ihm aufgestiegen, unter moglichst mildernden Umstanden Pestel oder Sergius mit der dem Bunde drohenden Gefahr bekannt zu machen, und diesem dann die Abwendung derselben zu uberlassen; aber sein edleres Naturell liess eine solche Entheiligung seines eigenen Wesens nicht zur That sich gestalten.
Das, das, rief er uber sich selbst entrustet, das ist der Fluch jener halben Verhaltnisse, die auf dem engen zwischen Gut und Bose schwankenden Pfade in geheimnissvollem Dunkel hinschleichen, dass jedes feinere Gefuhl fur Recht und Unrecht durch sie allmalig in uns abgestumpft wird; dass es sich nicht mehr regt, wenn wir strauchelnd nicht unterscheiden, auf welcher Seite unser Fuss von der schmalen Bahn abglitt. Wehe dem, der durch sie gezwungen ward, uber sich und seine Thaten den Schleier des Geheimnisses zu ziehn! Wer nicht mehr vor Gott und der Welt frei auftreten und laut eingestehen darf: das habe ich gethan, das will ich thun, ist schon mehr als halb verloren.
Ach, und wer an Wanden und Thuren hinlauschend, die Geheimnisse Anderer zu erspahen suchen muss, was ist der? Und habe ich nicht selbst so tief, und weit tiefer noch, mich herabgewurdigt! Ich musste es! Da war kein Ausweg mehr, ich wich dem Gebote strenger Nothwendigkeit. Aber dass ich fahig war, wenn auch nur einen kurzen Augenblick, den Gedanken zu fassen, das von mir erlauschte Geheimniss jenen Tigern zu verrathen, denen das Leben eines einzelnen Menschen wie Spreu vor dem Winde ist! in den Mittelpunkt der Erde mochte ich vor mir selbst mich verbergen, wenn ich das recht bedenke.
Der niedrige Angeber bedrangter Hausvater werden, die von hauslicher Noth schwerer That zugetrieben o mein Gott, mein Gott! ist ihr Vorsatz denn wirklich Verbrechen und das Gegentheil desselben Tugend zu nennen? und bin ich es, der uber die Unglucklichen den Stab brechen darf? Ein einziger armer Trost, an dem er sich einigermassen ermuthigen konnte, war ihm noch geblieben; er hatte noch acht Tage Zeit vor sich, um den Entschluss, den er doch nothwendig ergreifen musste, zu uberdenken. Acht Tage! eine kurze Frist, wie das Gesetz zuweilen dem Verurtheilten sie zugesteht, um Abanderung des wider ihn gesprochenen Todesurtheils zu erflehen, und wahrend welcher dieser zwischen Furcht und Hoffen tausendfaltig Todesangst in Qualen der Ungewissheit erduldet.
Zwischen Mayboroda und Rostowzoff herrschte in jeder Hinsicht die vollkommenste Ubereinstimmung ihrer Ansichten und Plane. Der einzige Punkt, uber welchen sie sich nicht gleich vereinigen konnten, betraf die Absendung des Briefes, der die wichtige Entdeckung enthielt, welche sie als den einzigen Weg zu ihrer eigenen Rettung betrachteten.
Richard horte wie sie, in vollster Uberzeugung unbelauschter Sicherheit, den Entwurf jenes Briefes mit einander lasen und Punkt fur Punkt durchgingen. Das Schreiben enthielt nicht nur die Statuten des Bundes, von dessen erster Entstehung an bis zu der jetzigen Ausartung desselben, auch die Liste der bedeutendsten Mitglieder war sehr umstandlich ihm beigefugt. Furst Andreas, Eugen, Alex, waren an der Spitze als Haupter desselben neben Pestel genannt, neben Sergius, neben Mathias Apostol, neben Bestuscheff Romin!
Ob dieses Schreiben mit der Post geradezu an des Kaisers Majestat abgehen solle, den ein unverburgtes Gerucht so eben in Tangarog hatte anlangen lassen, oder dem Minister Furst ***** der in Petersburg selbst anwesend war, ubergeben werden, das war die grosse Frage, uber die sie sich nicht gleich vereinigen konnten.
Mayboroda, als der altere und vorsichtigere, war fur den ersteren, der jungere heftigere Rostowzoff fur den zweiten, schneller zum Ziele fuhrenden Weg. Er fand es unendlich schwierig, ein so wichtiges Papier in so weiter Entfernung schnell, sicher, unverletzt, in die Hande des Monarchen zu bringen, der, im Andrange der Geschafte, es vielleicht lange ungelesen und unbeachtet liegen lassen wurde, indem er die Wichtigkeit desselben unmoglich ahnen konne.
Nach langem fur und wider Streiten, kamen beide mit einander uberein nichts zu ubereilen, sondern uber diesen Punkt noch acht Tage Bedenkzeit sich zu gonnen.
Und wenn nun diese Frist verstrichen ist, wenn jene acht Tage voruber sind, was dann? fragte Richard sich. Gott wird helfen! seufzte er; doch die Hoffnung, welche in jenen frommen Worten liegt, an denen er so gern fest gehalten, fand in seinem angsterfullten Herzen keinen Raum. In Kampfen mit immer steigender, immer qualvoller sich aussprechender Unentschlossenheit, in Uberlegungen, welche nur zu beklemmender Geistesdumpfheit, aber zu keinem bestimmt festzuhaltenden Resultate fuhrten, verlor Richard viel von der ihm sparlich zugemessenen Zeit, und ware vielleicht auf gutem Wege gewesen auch den Verstand daruber zu verlieren, hatte er nicht, ehe es damit zu spat war, sich gewaltsam zusammen genommen.
Kein Ausweg! keiner! keiner! rief er: so geschehe denn was geschehen muss! Andreas, mein Vater und mein Gebieter, ich kann Deinem Verbote nicht langer gehorsamen, ich kann nicht langer Dich schonen! Mir bleibt keine Wahl, ich breche jede Scheidewand nieder, die Du zwischen uns beide gestellt hast; gegen Deinen Willen dringe ich zu Dir durch, und lege die Last, die ich nicht zu luften vermag, in Deine starke Hand. Es war mein erster Vorsatz, wie es der naturlichste ist. Was ich damit aufs Spiel setze? Ich weiss es wohl! Ach ware es nur blos mein Leben, und mit diesem Opfer alles beendet!
Richard traf den Fursten Andreas nicht daheim; er kehrte am namlichen Tage in dessen Hotel zuruck, zwei, dreimal, zuletzt sogar zu spater Nachtzeit; immer vergebens, er fand ihn nicht. Er uberzeugte sich, dass Andreas sich nicht verleugnen lasse, wie es wohl zuweilen geschehen sein mochte, und wie Richard auch jetzt es befurchtete; aber der Furst war wirklich seit dem Morgen dieses Tages nicht wieder nach Hause gekommen.
Auch bei den Damen war keine Nachricht von ihm zu erhalten; den Tag uber fand Richard sie von Besuchen umringt, Abends war Kartenassemblee bei der Furstin Eudoxia, wodurch die Abwesenheit ihres Gemahls, der solchen Festen gern aus dem Wege ging, freilich einigermassen motivirt wurde. Eine alte, sehr vornehme und sehr verdriessliche Dame, deren Parthie die Tochter des Hauses gewohnlich machen musste, weil dergleichen keinem andern zuzumuthen war, hielt die arme Helena am Whisttische fest; und nur durch ein kleines, unmerkliches Achselzucken, von einem tragikomischen Lacheln begleitet, konnte sie diesmal ihren Freund aus weiter Ferne begrussen.
Nach in peinlichster Sorge durchwachter Nacht wandte Richard alles an, die Fassung zu erringen, deren er bedurfte, um heute gewiss, selbst gegen den ausgesprochensten Willen des Fursten, bis zu ihm durchzudringen. Funf Tage, nur noch funf Tage! rief es unaufhorlich in seinem Innern; in unaussprechlicher Seelenangst, mit dem Gefuhle des Verurtheilten, dem der Richter das Ziel seines Lebens, zu Stunden und Minuten berechnet, vor Augen gestellt hat, sah er den Zeiger seiner Uhr vorwarts rucken. Da wurde ein Billet des Fursten ihm gebracht; schon von weitem erkannte er die Handschrift: in zitternder Hast brach er es auf.
"Sehr leid thut es mir, lieber Sohn, dass Du mich gestern wiederholentlich verfehlen musstest: schrieb der Furst: um so mehr, da vielleicht zehn bis vierzehn Tage vergehen werden, ehe ich und Du
Der Boden wankte unter Richards Fussen, er vermochte nicht weiter zu lesen, riss die Thure auf: mein Pferd, rief er uberlaut, eilt, eilt als galte es auf Leben und Tod! mein Pferd, die Droschke, um Gotteswillen eilt, eilt!
Dann nahm er das verhangnissvolle Blatt wieder zur Hand, aber die Zeilen, die Schriftzuge wogten und wirrten vor seinem unstaten Blicke in und durch einander. Glucklicher Weise hatte er schon am vorhergehenden Abend zu fruher Morgenzeit anzuspannen befohlen; ohne Zogern konnte er daher in die Droschke sich werfen, und mit verhangtem Zugel dem Hotel des Fursten zujagen.
Schon lange vor Tagesanbruch war Andreas mit Postpferden abgereist, keiner der Diener wusste genau wohin; Einige wollten Riga, Andre Dorpat, noch Andere Mitau als das Ziel der Reise nennen gehort haben; Bestimmtes wusste Niemand anzugeben; Mitchell und der Kammerdiener waren seine einzigen Begleiter.
Eisige Kalte rann schaudernd bei dieser Nachricht dem unglucklichen Richard durch Mark und Bein; er zog den Zettel des Fursten wieder hervor, und war jetzt im Stande weiter zu lesen.
"- zehn bis vierzehn Tage vergehen werden, ehe ich und Du uns wiedersehen: denn ich stehe im Begriff mit Deinem Landsmann eine nothwendige Geschaftsreise anzutreten, die mich leicht so lange von Petersburg entfernt halten kann: war der Schluss jener oben abgebrochenen Periode. Bei allen seinen Seltsamkeiten und Langweiligkeiten: hiess es ferner: kann dieser Mensch als treffliches Werkzeug dienen, um mit seiner Hulfe ungemein viel Nutzliches fur das allgemeine Beste zu wirken. Rechne es mir nicht zu, mein Sohn, dass ich in der letzten Zeit von meinen Lieblingsplanen zu erfullt war, deren Ausfuhrung ich jetzt rasch entgegenschreite, Du kennst mich ja! Ist Mitchell nur erst in voller Thatigkeit, dann kommt auch Deine Zeit. Bis dahin lebe wohl, auf gluckliches Wiedersehn."
Gluckliches Wiedersehn! Nacht wurde es bei diesen Worten in Richards Seele. Er wusste nicht was er zuerst ergreifen solle. Zu Eudoxia, von ihr den Aufenthalt ihres Gemahls erforschen, und dann ihm nach, selbst ohne Urlaub, wenn es sein muss, und kostete es Leben und Ehre. Etwas einem solchen Entschlusse Ahnliches dammerte in ihm auf. Er vergass dass die Sonne kaum aufgegangen sei, eilte dem von der Furstin bewohnten Flugel zu, und fand dort noch alles in tiefe Nacht versunken. Ausser einigen mit Reinigen der Zimmer beschaftigten Weibern, regte in diesem Theile des Hotels sich fur jetzt noch keine lebende Seele.
Unmuthig wandte er sich dem Ruckwege zu da brach dicht neben ihm ein feines Stimmchen, hell wie ein Silberglockchen, in halb ersticktes Lachen aus; leichtfussig huschte wie auf Socken etwas an ihm voruber. Die kleine Zoe war es, Helenens zierliches Spielwerk; ein armes Griechenkind, dem sie wie einem artigen, buntgefiederten Lieblingsvogelchen, im Innern ihrer Zimmer herum zu flattern erlaubte, und zugleich mit grosser Liebe zu ihrem personlichen Dienste es sich heranzog.
Ei Herr! so fruh am Tage? fragte die Kleine und schlug die langen dunkeln Wimpern auf, um mit den grossen hellen Kinderaugen ihn von oben bis unten zu betrachten. Und sieh'st obendrein wie ein aufsteigendes Gewitter aus. Der fahlgraue Uberrock, in welchem ich Dich in meinem Leben noch nicht gesehen habe, schlottert wirklich wie eine Regenwolke um Dich her; da muss man sich ja furchten Dir nur einen guten Morgen zu bieten! setzte Zoe lachend hinzu.
Schlaft Sie noch? fragte Richard, ohne auf die kleine Schwatzerin zu horen.
Sanft und suss; denn nach Deiner Toilette, und nach dem Tone in welchem Du fragst zu schliessen, meinst Du doch wohl unsre Amme, Frau Elisabeth, war Zoes neckende Antwort. Meinst Du aber uns etwa: so wisse, dass wir in dieser schonen Sommerzeit immer mit der Lerche auffliegen. Aber unsichtbar bleiben wir darum doch. Bilde Dir nicht etwa ein, dass Du mich wirklich jetzt siehst; Gott bewahre, damit hat es noch einige Stunden Zeit.
Zoe, susses liebes Kind, bat Richard, der jetzt wieder zu einiger Besinnung gelangt war, ich muss Deine Herrin sehen, sprechen, jetzt gleich; es hangt weit Wichtigeres davon ab, als ich Dir sagen, als Du begreifen kannst. Ich beschwore Dich bei allem, was Dir lieb und heilig ist, bei dem Andenken Deiner Mutter, bei dem grauen Haupte Deines Vaters beschwore ich Dich, bringe mich zu ihr, nur auf wenige Minuten.
Zoe stand vor ihm, halb erschrocken uber den Ernst, mit welchem er in sie drang; doch ihr kindischer Muthwille gewann bald wieder die Oberhand. Sehen? sprechen? und in dieser Regenwolkenhulle? fragte sie: machte ein altkluges Gesichtchen, neigte das Kopfchen nach einer Seite, wendete die Flache der kleinen in einander gefaltenen Hande mit vorgestreckten Armen dem Boden zu, und wiegte sich bedachtig von einem Fusschen auf das Andre.
Nein, es geht doch nicht: fuhr sie plotzlich auf: sprechen? unmoglich! aber sehen? nun es kommt darauf an, setzte sie schalkhaft lachelnd hinzu, was giebst Du mir wenn bist Du dumm! rief sie heftig mit dem Fusse aufstampfend, indem sie bemerkte dass Richard nach der Halskette griff, an welcher er seine Uhr trug, und wandte ihm unwillig den Rucken.
Doch besann sie sich bald wieder eines Bessern, druckte, durch dies Zeichen Schweigen gebietend, den Finger auf die Lippen, nickte lachelnd aus klugen Augen ihn an, wandte sich, winkte ihm ihr zu folgen, und schritt, leise leise, auf den Sammtpfotchen eines Katzchens, behende vor ihm her, einen Weg den er nie gekommen war, uber schmale Treppen bald auf, bald ab, bis vor eine von innen verhangte Glasthure.
Dort liess sie ihn stehen, ihr beredtes bittendes Mienenspiel ermahnte ihn nochmals zum lautlosesten Schweigen, dann verschwand sie, eben so unhorbar leise, als sie gekommen war.
Der in einer Ecke etwas verschobene Vorhang hinter der Glasthure vergonnte einen Uberblick des sehr kleinen, kapellenartig eingerichteten Kabinets, vor welchem Richard stand. Die Wande desselben waren mit Marmor in verschiedenen Farben bekleidet, eine goldne, sogenannte ewige Lampe schwebte von der hochgewolbten Decke herab, und beleuchtete, nie verloschend, das uralte auf Goldgrund gemalte Muttergottesbild uber dem kleinen Hausaltare von Malachit, den kunstvolle Stickereien und die kostlichsten Spitzen aus Brabant zwar bekleideten, aber nicht verdeckten. Frische Strausse von bluhenden Myrten und weissen Lilien prangten vor dem Altargemalde in gleich Diamanten blitzenden Vasen vom reinsten Bergkrystall, und ein golddurchwirkter persischer Teppich lag unter dem Betschemel vor dem Altare hingebreitet.
Zu Richards finstern Gedanken, welche unablassig Tag und Nacht ihn verfolgten, wollte diese unerwartete ihm entgegen leuchtende Pracht wenig stimmen. Geblendet senkte er die Augenlieder; der bis zu ihm dringende Weihrauch und Lilienduft wirkte betaubend auf seine Sinne, ihm wurde sonderbar zu Muthe, als sei nun alles uberstanden, als schwebe er, von jeder Sorge entfesselt, an der Schwelle einer hoheren Welt.
Ausruhend wollte die mude Seele in einen traumahnlichen Zustand schon sich versenken, als ein blendenderes Licht Richards halbgeschlossene Augen fast schmerzhaft beruhrte. Er fuhr auf, die hoher steigende Morgensonne hatte in diesem Augenblicke die in alter Glasmalerei prangenden Scheiben eines grossen Fensters, dem Altare gegenuber, erreicht, und ubergoss nun das Innere des Tempels mit einem, in allen Farben des Regenbogens gluhenden Lichtstrome.
Jetzt erst, umgeben von diesem Meere von Glanz, wurde Richard einer wahrhaft himmlischen Gestalt gewahr, die halb knieend in betender Stellung auf dem Betschemel vor dem Altare hingesunken dalag. Im ersten Augenblicke glaubte er einer Erscheinung aus hoheren Spharen gewurdigt worden zu sein, denn er sah das schone Kopfchen von einer Strahlenglorie umgeben, wie Maler ihren Heiligen sie verleihen, um von gewohnlichen Erdensohnen und Tochtern sie zu unterscheiden.
Es war Helena, die hier in heiliger Morgenfruhe zu Gott sich wandte, ehe sie dem Treiben des gerauschvolleren Weltlebens sich uberliess. Die durch das gefarbte Glas hinter ihr einfallenden Sonnenstrahlen, die in den noch nicht gefesselten Locken gleichsam gefangen, jedes einzelne Haar in magischem Lichtglanze verklarten, brachten jene anmuthige Tauschung hervor. Der ubrige uberschwangliche Reichthum von Locken und Flechten war grosstentheils durch eigene Schwere dem Kamme entschlupft, der ihn zusammen halten sollte, und wallte in reizender Unordnung uber dem schneeweissen, wie aus Luft gewobenen Morgenkleide hin, das die liebliche Gestalt in breiten malerischen Falten umfloss, fast bis zu den von den zierlichsten seidenen Pantoffelchen nur eben umfangenen Spitzen der Fusschen.
Schoner, lieblicher, ich mochte sagen, anbetungswurdiger, wenn das nicht gar zu altmodisch klange, als in dieser ungesucht-einfachen, jeden Reiz bezeichnenden, und doch so bescheiden zuchtigen Kleidung, hatte Richard seine Helena nie gesehen. Aller Hoheit entaussert, durch welche Reichthum und Rang in der Welt sie auszeichneten, und die sie im taglichen Leben mit so viel Wurde und Anmuth geltend zu machen wusste, erschien sie ihm hier, in anspruchsloser ruhrender Einfachheit, ein Lieblingskind der Natur, leichter, junger sogar als sonst, ein lachelnder Engel, an der Granze der Kindheit, mit klaren hellen Augen, mit rothgeschlafenen Wangen, so ruhig, so heiter, als habe ihrem kurzen schonen Leben weder Sorge noch Widerwartigkeit jemals genaht, als ob sich und Andere erfreuen der einzige Zweck ihres Daseins ware, als konne kein Morgen anders als Gluck verkundend ihr aufgehn.
Die schon geformten, in dieser fruhen Tageszeit weder mit Ringen noch Spangen belasteten Hande, ruhten zu beiden Seiten auf den Blattern des auf Pergament geschriebenen Gebetbuchs, das in alterthumlicher Pracht, in Sammt und Gold, Emaille und Edelsteinen prangend, auf dem Betpult aufgeschlagen vor ihr lag; fromm und ernst hafteten ihre Augen auf den von langst in Staub zerfallenen Handen zierlich gebildeten Schriftzugen. Leise flusternd, bewegte sich der liebliche Mund in unbeschreiblicher Anmuth. Die namlichen Gebete, in der namlichen Form, mit den namlichen Worten, wie sie von Jugend auf ihr gelehrt worden waren, stromten ihr sowohl von den Lippen, als aus dem Herzen, und dies gerade war es, was der ubrigens so Hochgebildeten etwas jedes Gefuhl tief Ansprechendes verlieh.
Vom reinsten Glauben durchdrungen, war das fromme Madchen der festen Uberzeugung, dass Gott ihr Bitten verstehe, ohne dass sie nach Worten zu suchen habe, um ihm ihre Wunsche ausdrucklich auseinander zu setzen. Und so hielt sie sich an der von Alters her ihr lieb gewordenen Formel, aus welcher ein erquicklicher Hauch ihrer Kinderjahre ihr entgegen wehte.
Obgleich die mit leiser, man konnte sagen, innerlicher Stimme geflusterten Worte, zum grossten Theile unvernehmlich an ihm voruberrauschten, so horte Richard tief bewegt doch deutlich die Namen von Helenens Eltern und Geschwistern, wie sie nach dem vorgeschriebenen Formular der Kirche vor Gott in Demuth sie nannte; der Name des Kaisers aber, der gleich darauf folgte, ergriff ihn mit einer Gewalt, fur welche es schwer ware Worte zu finden. Die Kniee brachen unter ihm zusammen, sein Herz entbrannte in unbeschreiblicher Inbrunst zum heissen Gebet um Abwendung jeder dem geliebten Herrscher drohenden Gefahr. Jetzt aber, jetzt horte er und glaubte zu traumen, auch seinen Namen; und seiner selbst nicht mehr machtig, im Gefuhle schmerzlicher, Alles uberwaltigender Wonne, hatte er eben nur noch Besinnung genug, diese heilige Stunde nicht durch plotzliches Erscheinen vor der Geliebten zu entweihen.
Einige Minuten spater rief ein leises Gerausch ihn zu hellerem Bewusstsein zuruck. Zoe stand, ihm winkend, in der geoffneten Thure, durch welche sie ihn fruher hinein gefuhrt hatte. Richard warf noch einen Blick auf den jetzt verlassenen Platz vor dem Altare, und folgte seiner jungen Fuhrerin, die leicht wie eine Libelle vor ihm hinschwebte, immer noch den Finger auf die rosigen Lippen gedruckt.
Sie athmete schwerer, eine Thrane glanzte in dem grossen dunkeln Auge, aber sie blieb stumm wie das Grab, bis sie an die Stelle gelangt waren, wo sie Richard seiner eignen Fuhrung uberlassen wollte; hier wandte sie sich plotzlich gegen ihn, und sah lachelnd unter Thranen ihn an.
Hat Zoe es recht gemacht? hat sie Dein Auge nicht erblicken lassen, was jedem Andern verborgen blieb? fragte sie; doch ich sollte Dich schelten, setzte sie mit aufgehobenem Finger drohend hinzu. Du, so gross, so alt! so klug, und so ungeschickt! Hat die Furstin Dich nicht gehort? und als sie aufgeschreckt an der Glasthure vorubereilte, Dich sogar gesehen? Was Du eben gethan weiss ich nicht, aber sie hat daruber geweint, glaube ich; wenigstens sehen ihre Augen so aus. Und ich soll dergleichen mich nicht wieder unterfangen, gebietet sie, sonst Dir aber sendet sie einen guten Morgen, und dazu den freundlichsten Dank, dafur, dass Du so bescheiden Dich betragen hast. Und das ist ihr fur Dich noch nicht einmal genug! Auch dieses soll ich Dir noch geben: zum Andenken an heute, sagt sie.
Mit diesen Worten reichte Zoe ihm ein frisches weisses Lilienblatt aus dem Strausse auf dem Altare, und war verschwunden. Ein Schreiben von Mitchells Hand, welches Richard in seiner Wohnung vorfand, entriss ihn leider nur zu bald dem kurzen Vergessen, das nach so vielen peinlich verlebten Tagen einige Rast ihm gewahrt hatte. Er versank von Neuem in jene dumpfe Verworrenheit, jene immer und ewig nach einem Auswege vergeblich suchende Unentschlossenheit, mit einem Worte, in jene innere Holle, die er ohne eigentliches Verschulden mit sich herum tragen musste.
Auch dieser Brief enthielt in den ersten Zeilen die Nachricht, dass Mitchell im Begriffe stehe den Fursten Andreas auf einer Reise nach Riga, vielleicht noch weiter, vielleicht sogar bis Memel zu begleiten. Die Veranlassung zu dieser Reise war personliche Besorgung sowohl des Ausladens, als des weiteren Transports mehrerer aus England angekommener Modelle, Spinn- und Dampfmaschinen, neu erfundenen Ackergerathes und ahnlicher Gegenstande, welche Mitchell auf des Fursten Verlangen, mit grossen Kosten und Uberwindung bedeutender Schwierigkeiten, aus England hatte kommen lassen. Er bedauerte ubrigens sehr, die Zeit seiner Ankunft in einer jener beiden Stadte nicht im Voraus bestimmen zu konnen, da er und sein Reisegefahrte Willens waren, unterwegs einige in der Nahe liegende Muhlen und andre Anstalten und Baulichkeiten zu besuchen. Endlich ermahnte er seinen sehr geehrten Landsmann und Freund, sich des Gegenstandes ihres letzten Gesprachs zu erinnern, denselben ja nicht aus den Augen zu verlieren, und dabei der strengsten Verschwiegenheit, wie auch der grossten Vorsicht sich zu befleissigen.
Der treffliche Mann schloss mit der ziemlich selbstsuchtigen Bemerkung, dass das Anerbieten dieser Reise ihm zwiefach willkommen gewesen ware, weil, selbst wenn etwa wahrend der Dauer derselben jener gefurchtete Sturm losbrechen sollte, er unter dem Schutze seines machtigen und vornehmen Reisegefahrten sich fur vollkommen gesichert halten durfe. So war denn Alles dem Unglucklichen unter den Handen entschwunden, woran er seine letzte Hoffnung zu knupfen gewagt hatte! Den Fursten einholen zu konnen, war reine Unmoglichkeit, jeder Gedanke seine Hulfe in Anspruch zu nehmen, wirklicher Wahnsinn. Und ohnedem, durfte, konnte Richard in dieser gefahrvollen Zeit von Helena und ihrer Mutter sich entfernen?
In all seiner uberirdischen Glorie trat noch einmal das Bild der betenden Helena ihm vor die Seele; er meinte vor Mitleid mit ihr, und auch mit sich selbst zu vergehen; dennoch trachtete er jedes entnervende Gefuhl zu uberwinden, denn er fuhlte es unlaugbar, dass die ganze Last, die er auf Andreas zu ubertragen Willens gewesen war, jetzt auf ihn allein zuruckgefallen sei; jeder unnutz vergeudete Augenblick Zeit konnte die entsetzlichsten Folgen nach sich ziehen.
Unter Todesqualen hatte er sein Herzblut freudig vergiessen mogen, wenn damit jene Grauel von ihr hatten abgewendet werden konnen; von ihr, die er seit jener letzten herzerhebenden Stunde inniger als jemals, gleich einer Heiligen verehrte.
Untergang, Schmach, Schande drohten ihr und ihrem Hause, drohten Allem, was nur in irgend einer Beziehung ihr theuer war, und Helena in ihrer kindlichen Arglosigkeit ging, ohne eine Ahnung davon zu haben, dem Unheil lachelnd entgegen, das innerhalb weniger Tage uber sie hereinbrechen konnte!
O konnte ich aus einem Leben fluchten, das in so drohender Gestalt sich vor mir ausbreitet! Durfte ich ins stille Grab mich betten, und nichts von Allem erfahren, was auf der schweren, uber mich hingebreiteten Decke sich ereignen mag! seufzte Richard. Doch diesen einzigen Ausweg aus aller Qual zu wahlen, war ihm versagt: er durfte nicht zugleich mit dem Leben die schwere Verantwortlichkeit abwerfen, die jetzt auf ihm lastete!
Moglichst ruhig und besonnen bemuhte er sich nochmals die ganze Lage der Dinge zu uberdenken, zu ordnen, zusammenzustellen, was zusammen gehorte. Noch war nichts geschehen, noch stand es bei ihm das Geheimniss, das er im Gasthofe zum weissen Kreuz erlauscht hatte, zu verschweigen, zu vergessen, ganzlich zu ignoriren. Niemand konnte auf den Gedanken verfallen, dass er darum wisse; es stand in seiner Macht jene Beiden ihr Vorhaben ungehindert ausfuhren zu lassen, und zu erwarten, was daraus erfolge.
Dieser Erfolg er liess im Voraus sich berechnen; das geheiligte Leben des Kaisers blieb erhalten, abgewendet war unsaglicher Jammer, Tod und Verderben von Millionen.
Und Furst Andreas war verloren, vernichtet! Vernichtet er und sein ganzes Haus, Eugen, Alex, und sie, die edle furstliche Frau, welche die mit ihrer Existenz am innigsten verzweigten Vorurtheile ihrer Kaste uberwunden hatte, um ihm eine liebendere Mutter zu werden, als die es war, an welche die Natur bei seiner Geburt ihn gewiesen. Ach und Helena!
Kann ich, ohne vor Grauen vor mir selbst zu vergehen, einen solchen Gedanken nur denken, wahrend die Moglichkeit, sie Alle zu retten, in meiner Hand liegt? rief Richard laut.
Eine einzige kurze Unterredung mit Pestel, und Alles bleibt wie es war, fuhr er gelassner fort. Jene Beiden fallen zwar als Opfer ihres Wankelmuths. Doch sie und ihr Geschick wiegen zu leicht, um hier in die Wage zu kommen. Hier Bedenken tragen, hier Rucksicht nehmen zu wollen, ware schreiendes Unrecht gegen das grosse Ganze, das allein auf diesem Wege erhalten werden kann.
Erhalten! erhalten! schrie er heftig auf: bloder, kurzsichtiger Thor! was bliebe erhalten, wo Pestel und seine Kreaturen freies Spiel haben! Dann erst, dann gewinnen Mord und Gewalt die Oberhand, dann erst geht Alles unter, Kaiser und Ordnung und Gesetz in einem Meere von Blut, in wilder Flamme rasender Anarchie.
Sie waren zwar gerettet. Doch um welchen Preis! Erschopft schwieg Richard eine Weile; dann sprach er tief bewegt zu sich selbst:
Und bin ich denn wirklich zu dieser grasslichen Wahl berufen? Musste ich auf jener fernen Insel in Dunkel und Niedrigkeit geboren werden, um hier uber das Wohl und Wehe, uber die Erhaltung und den Untergang eines grossen Reichs, eines machtigen Monarchen zu entscheiden? Ist dem so? Herr der Himmel! nun so erleuchte du dein armes Geschopf, zeige ihm den Weg, den es gehen soll!
Meine Wohlthater, sie die mir mehr sind, als Vater und Mutter seit meiner Geburt mir gewesen! und Helena!
Alles kann beendet werden ohne mich, muss ich, muss ich Schwacher hier thatig einschreiten? Wenn nun Krankheit mein Gedachtniss verwirrt hatte, oder wenn ich in jener Unglucksstunde jene Beiden nie vernommen hatte? Dann wurde ich ruhig dasitzen und sagen: komme was kommen mag, ich kann es nicht andern. Der Bund ware vernichtet, alles ware gerettet.
Nur sie nicht! und die Ihrigen nicht, und es ist dem nicht so! O Gott! Gott! ist denn bei dir kein Erbarmen mehr? Wirst du nicht durch ein Wunder das vollkommenste Bild von dir retten, das jemals aus deiner Schopferhand hervorging?
Unbeschreibliche Angst verwirrte Richards Gedanken; wieder war es ihm unmoglich sie auf einem Punkte festzuhalten.
Rettung! Rettung fur sie! o Herr des Himmels, das Wunder! das Wunder! rief er uberlaut, rang die Hande sich blutig, warf sich nieder zum Gebete, sprang auf, irrte blindlings mit grossen weiten Schritten im Zimmer auf und ab.
Dann rief er wieder, in halbem Wahnsinne seiner selbst nicht mehr bewusst: Rettung! das Wunder! du thust deren taglich, eins mehr eins weniger, gilt dir gleich.
Gott, gnadiger, allgewaltiger Gott! flehte er mit herzdurchdringender Inbrunst, indem er wieder zu einiger Besinnung gelangte: heute, als du deine Sonne aufgehen liessest uber Gute und Bose, heute noch stieg das Gebet des reinsten Wesens auf dieser Welt zu dir auf, o verwirf es nicht vor deinem Throne! Sie betete fur ihre Eltern, fur den Kaiser und auch fur mich! Du bist allmachtig und gerecht und allbarmherzig, du musst, du wirst ihr Gebet erhoren, das wortarme Gebet, aus kindlich vertrauendem Gemuthe. Das Wunder! das Wunder! ube es an mir! erleuchte meinen bloden Sinn, gieb mir ins Herz, was ich thun soll.
So schrie der unselig Verzweifelnde zum Himmel auf, bis zur peinlichsten Erschopfung.
Regungslos, in sich selbst versunken, lag er da, lange, lange. Ein zitternder, halberstickter Ton, man konnte es beinahe ein Aufschreien nennen, entrang plotzlich sich seiner Brust. Er fuhr auf, rieb mit der flachen Hand sich Stirn und Augen, gleich einem aus tiefem Schlafe Erwachenden, der sich zu besinnen sucht, ob das was ihn eben qualte, Traum oder Wirklichkeit sei.
Allmalig trat jetzt die seltsamste Veranderung seiner Haltung, seines ganzen Wesens ein. Er richtete aus der bisherigen gedruckten Stellung sich auf, die Brust hob sich hoch und frei in raschen Athemzugen; frische Lebensrothe farbte das bis dahin aschenbleiche Gesicht, innere Gluth lang entfremdet gebliebener Begeisterung flammte in seinen Augen auf.
Sinnend schritt Richard einige Male im Zimmer auf und ab.
Ich erflehte ein Wunder, und siehe es ist mir geworden; es geschehen deren taglich, nur wir erkennen sie nicht. Sie recht benutzen, kostet freilich zuweilen einen etwas hohen Preis; doch hier gilt kein Markten; ein bittres Lacheln umkrauselte, kaum merkbar, seine Lippen, indem er diese Worte halb leise vor sich hinsprach. Dann fuhr er wieder einige Male mit der flachen Hand sich uber Stirn und Augen, als wolle er sich ihm aufdrangende unangenehme Gefuhle oder Gedanken von sich wegscheuchen, und setzte sich an den Schreibtisch.
Jede Spur fruherer wilder Aufregung war von ihm gewichen, sein Benehmen war ernst und gefasst, wie das eines Mannes, der Wichtiges, ja selbst sehr Schweres zu vollbringen hat, aber alles bedenkend und uberlegend, entschlossen und muthig an das Unvermeidliche geht, ohne sich, von was es immer sei, abschrecken zu lassen.
Die Gelehrten unter uns wissen die Entfernung der hoch uber unsern Hauptern wandelnden Gestirne zu ermessen; sie berechnen, viele Jahrhunderte im Voraus, die Bahn des Kometen, sie ergrunden die Tiefen der Meeresklufte; doch wer ergrundete jemals die weit furchtbareren Tiefen in einer Menschenbrust?
Dort schlummern Gedanken; gleich den Furien der Alten ruhen sie unter dunner Decke, lauschen unbeweglich, oft so lange als das Herz schlagt, als das Leben in unsern Adern pulsirt, und gehen dann mit uns ins Grab.
Aber ein Hauch ruft zuweilen sie auch wach; wehe dann dem Unseligen, in dessen Brust ein solcher ersteht! Er ergreift ihn mit eiserner Gewalt, und lasst ihn nicht los, bis er ihn fortgerissen hat zu unerhorter That, gut oder bose, wie die Umstande es verlangen. Denn der Gedanke ist die hochste Gewalt, der Tyrann, der machtigste Gebieter des kurzen schwachen Menschenlebens, bei ihm gilt kein Entrinnen. Unerwartet, gleich dem aus dunkler Nacht blendend auftauchenden Meteore, leuchtet er plotzlich in uns auf, und wird der Keim zu Begebenheiten, welche die Nachwelt, preisend oder verdammend, gleichviel, oft nach Jahrhunderten noch bewundernd anstaunt!
Ein solcher Gedankenblitz war es, an welchem die Fackel des noch immer als beruhmt anerkannten Mordbrenners Herostrat vor Jahrtausenden sich entzundete; aber auch die heilige Gluth zu schwerer That begeisternder Vaterlandsliebe, in der Brust der im Vaterhause still und einfach auferwachsenen Charlotte Corday, die sie trieb den Dolch zu erfassen, und ihr Kraft gab, dem Tode in seiner grauenvollsten Gestalt muthig entgegen zu gehen.
Verloren ist, ich wiederhole es, verloren der, in dessen Brust ein solcher Gedanke erwacht, er kommt nie davon los, bis er ihn ausgefuhrt. Es ist die alte in tausend Abanderungen sich wiederholende Geschichte vom kleinen Vogel und dem Zauber im Blicke der Klapperschlange.
Auch Richard war in diesem Augenblicke jener unsichtbaren Macht verfallen, die oft zum Grossen und Rechten, oft aber auch zum Gegentheile fuhrt. Die peinigende Ungewissheit war plotzlich von ihm gewichen, die gebietende Stimme in seiner Brust bezeichnete ihm deutlich den Weg den er einzuschlagen hatte, und fur ihn gab es keine Wahl mehr! Gross war die Freude, mit welcher Richard noch im Verlaufe des namlichen Tages im Hause des Kapellmeisters Lange empfangen wurde. Zwar hatte er seit langerer Zeit die Schwelle seiner musikalischen Freunde nicht uberschritten, und wir, meine Leser und ich, konnen gar leicht eine gultige Entschuldigung dafur finden; doch Richard bedurfte hier einer solchen nicht; es lag nicht in ihrer Art, durch Furcht vor verdienten oder unverdienten Vorwurfen ihren, zuweilen etwas flatterhaft sich zeigenden Freunden, die Ruckkehr zu ihnen zu erschweren.
Spat kommt Ihr, Doch Ihr kommt, Graf Isolani! rief Frau Karoline sehr freundlich ihm entgegen.
Heute doch nur um mit einem Auftrage Ihnen lastig zu werden, an dessen punktlicher und sorgsamer Ausfuhrung zu viel gelegen ist, als dass ich sie andern Handen als den Ihrigen anvertrauen mochte.
Der gemessne feierliche Ton, in welchem Richard diese Worte vorbrachte, fiel seinen Freunden auf, beide sahen forschend ihm in's Gesicht.
Sie sind krank gewesen, rief Lange, Sie haben Verdruss gehabt, rief mit ihrem Manne zugleich Frau Karoline.
Eigentlich beides, eins folgte aus dem andern; doch das ist nun uberstanden, bis auf eine ziemlich angreifende Nachkur, von der man freilich im Voraus nicht genau wissen kann, wie sie anschlagt, erwiederte Richard.
Der Kapellmeister druckte recht herzlich besorgt ihm die Hand, Frau Karoline schuttelte sehr bedenklich den Kopf; Richard fuhr indessen halb leise vor sich hinmurmelnd und an den Fingern abzahlend fort:
Heute ware also der vierte Tag. Schon! schon! o wie die Zeit im Galopp geht! Heute Dienstag der vierte, morgen Mittwoch der dritte, Donnerstag ja Donnerstag, Freitag ware schon zu spat.
Lieben Freunde, blickt nicht so angstvoll auf mich: sprach er, mit lauter Stimme, anscheinend ruhig weiter; die Ausfuhrung dessen was ich von Ihnen verlangen will, ist weder schwer noch gefahrlich, doch Vorsicht, Treue, vor allem strenge Punktlichkeit, sind dabei unerlasslich. Und wo waren diese sicherer zu finden, als bei einem so tactfesten und gerechten Manne, der selbst dem kleinsten vierundsechszig Theilchen im schnellsten Tempo sein ihm gebuhrendes Recht widerfahren lasst, setzte er hinzu, und klopfte lachelnd dem Kapellmeister auf die Achsel.
Doch weder auf diesen noch auf Frau Karolinen schien dieser Versuch heiter zu erscheinen den gewunschten Eindruck zu machen; beide erwiederten ihn nur mit Versicherungen ihrer Bereitwilligkeit jeden seiner Wunsche zu erfullen.
Richard zog jetzt zwei versiegelte Briefchen hervor: es gilt nur diese beiden Billette an die Adresse abzugeben, und dafur zu sorgen, dass sie zur rechten Zeit in die rechten Hande gelangen: sprach er etwas kurz abgebrochen und beklommen. Ich bitte Sie instandigst, merken Sie alle beide recht genau auf meine Worte! Heute Dienstag, morgen Mittwoch diese beiden Tage bleiben diese Briefe in Ihrer sichern Verwahrung liegen, wenn ich nicht selbst, schriftlich oder personlich, sie wieder zuruck fordere.
Doch ubermorgen, ubermorgen ist Donnerstag! der Donnerstag ist wunderlich; heisst es nicht so in einem alten Spruchlein? nun dieser, den ich meine, ist wohl einer der wunderlichsten, sprach Richard seltsam lachelnd, doch nahm er bald wieder sich zusammen: was ich schwatze sind Kinderpossen, alte Reminiszenzen, achten Sie nicht darauf, es gehort nicht hierher, und kann sie nur verwirren. Jetzt zur Sache; diese beiden Briefe bleiben heute in ihren Handen, morgen ebenfalls, doch Donnerstag, ubermorgen! Nun auch ubermorgen bewahren Sie sie sorgfaltig, bis zur Mittagsstunde. Mit dem Schlage zwolf Uhr suchen Sie Sie Selbst, lieber Lange, Sie selbst suchen die Person auf, welche die Adresse dieses Billets Ihnen bezeichnet, und geben es zu eignen Handen ihr ab. Wo er auch immer sei, Sie suchen ihn auf; ist er nicht zu finden, so erwarten Sie seine Zuhausekunft in seiner Wohnung. Nur dass keine Zeit versaumt werde, nur dass der Brief gewiss ubermorgen im Laufe des Tages in seine Hande kommt. Ist dieses vollbracht, so entsiegeln Sie sogleich dieses zweite unbeschriebene Couvert; wie Sie mit dem in demselben befindlichen Briefe zu verfahren haben, wird ein demselben beigeschlossner Zettel Ihnen sagen. Dies ist Alles, alles was ich von Ihnen erbitte, anscheinend wenig, und doch so viel.
An Obrist Pestel! rief Karoline sehr erstaunt, indem sie die Adresse des einen der Briefe in's Auge fasste.
Was konnen Sie mit dem zu verhandeln haben? fragte eben so ihr Mann.
Kennen Sie den Obrist Pestel? fragte Richard sehr lebhaft.
Nicht viel mehr als blos vom Ansehn: war Langes Antwort: ich zweifle ob wir jemals in unserm Leben mehr als ein paar Dutzend Worte mit einander gewechselt haben. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass Obrist Pestel zu Herrn Richard Woods naheren Freunden sich zahlen durfe: setzte er etwas scharf betonend hinzu.
Das ist auch wahrlich nicht der Fall! rief Richard.
Das konnte ich erwarten, und doch freut mich es von Ihnen zu horen: erwiederte der Kapellmeister; die Wahrheit zu gestehen, der Herr Obrist sind mir zuwider, wie eine falsche Quinte; sehe ich ihn nur, so fahrt es mir durch Mark und Bein.
Sie blicken so ernst, so wunderbar, was gilts, ich habe es errathen, Sie wollen sich mit ihm schlagen, und mein Alter soll ihm die Ausforderung bringen: rief plotzlich Frau Karoline.
Der Kapellmeister brach in ein uberlautes Lachen aus, vor dem das Haus erbebte. Die Troddelmutze flog von einem Ohre zum andern, er drehte sich auf einem Beine herum, und krahte vor Wohlbehagen. Nein, das ist Goldes werth! rief er: von mir ware man am Ende dergleichen wohl gewohnt, aber hier von meiner kleinen Weisheit Salomonis! ein Officier wird einen alten Exkapellmeister zum Secundanten gegen einen andern Officier sich erwahlen! Alte, das war ein starkes Stuck von Dir! nein, da versteh' ich den Comment doch noch besser!
Auch Frau Karoline lachte herzlich auf.
O meine Freunde, moge doch bald der Tag erscheinen, an dem ich leichteren Muthes mit Ihnen froh sein darf! seufzte Richard! Ubrigens hat Frau Karoline in der Hauptsache es doch halb und halb errathen. Dieses Papier enthalt zwar keine Ausforderung, und doch gehe ich in dieser Stunde noch einem schweren Kampfe entgegen; einem Kampfe der wollte Gott, es ginge nur um Leben oder Tod. Lassen Sie Ihre guten Wunsche mich begleiten!
Mit diesen Worten eilte Richard hastig davon, kehrte an der Thure zuruck, um seine Anordnung wegen der Billette noch einmal in aller Kurze zu wiederholen, und entfernte sich, ohne dass seine Freunde es wagten ihn aufhalten zu wollen. Dies ware alles? Weitere Bedingungen hatten Sie nicht? fragte der Minister, Furst ***** am Ende einer langen Audienz unter vier Augen, die er dem ihm personlich wohlbekannten Richard auf dessen Anhalten sogleich zugestanden hatte.
Sicherheit des Lebens und der Freiheit, ungestorter Fortbesitz des Vermogens und der Guter jener Familie, vor allem des Oberhauptes derselben, sind alles was ich verlange: erwiederte Richard, ehrerbietig aber fest.
Und wenn ich, im Namen Seiner Majestat des Kaisers, diese Ihnen zugestehe, so sind Sie bereit von der, Ihrer Aussage nach, durch einen grossen Theil dieses Reiches ausgebreiteten, hochst gefahrlichen Verschworung mir genauen Bericht abzustatten, und zugleich ein Verzeichniss der Haupttheilnehmer an derselben einzureichen? fragte der Minister weiter.
Gegen das von Ihnen im Namen unsres Monarchen mir ausdrucklich und feierlich geleistete Versprechen der Erfullung dieser Bedingung, bin ich bereit genauen Bericht von der Verschworung, nebst der Liste der vornehmsten Theilnehmer an derselben zu uberreichen, muss aber darauf bestehen, dass beides sofort, und moglichst schnell, im Original in die Hande unsres Monarchen gelange.
Sie scheinen Ihre eigne Stellung aus den Augen zu verlieren, sonst zeigten Sie sich wahrscheinlich weniger kuhn: sprach der Furst.
Ich bin kuhn, weil ich furchtlos bin: war Richards Antwort.
Sie selbst sind einer der Verschwornen?
Richard antwortete auf diese Frage nur durch ein stumm bejahendes Zeichen.
Die Verschworung besteht schon jahrelang, wie ich von Ihnen zu vernehmen glaube. Eidbruch ist ein harter Entschluss. Was konnte nach so langer Zeit Sie vermogen ihn zu fassen?
Richard wurde uber diese Frage feuerroth, dann wieder todtenbleich; er bedurfte einige Augenblicke Zeit, um sich zu erholen.
Daruber habe ich nur Gott und meinem Gewissen Rechenschaft abzulegen, erwiederte er endlich ehrerbietig aber bestimmt.
Eine kurze Pause erfolgte.
Doch wie stunde es um Ihre Bedingung, wenn ich Sie jetzt hier festhielte, wahrend ich in Ihrer Wohnung Ihre Papiere in Beschlag nehmen liesse?
Hier sind meine Schlussel, sprach Richard, indem er sie dem Minister darbot, der sie aber nicht annahm: jede Untersuchung ware indessen uberflussig, und konnte nur unbefriedigend ausfallen, indem ich uber diesen Gegenstand dem Papiere keine Zeile anvertraute, die nicht allenfalls gedruckt erscheinen konnte. Mein eigentliches Archiv trage ich in Kopf und Herzen.
Und dieses Archiv es gabe wohl Mittel zu dem Inhalte desselben zu gelangen: erwiederte der Minister streng und scharf.
In diesem Falle giebt es nur eines, die Gewahrung der von mir vorgeschlagenen Bedingung; denn wer Todesfurcht nicht kennt, kennt auch keinen Zwang, antwortete Richard.
Und doch! Sie mussen mir zugeben, dass Sie in einem ziemlich verdachtigen Lichte erscheinen; was konnte mich abhalten Sie deshalb hier auf der Stelle verhaften zu lassen, und, ohne auf irgend eine Bedingung einzugehen, mich der Liste der Verschworenen und des Berichtes uber die Verschworung zu bemachtigen?
Mein Furst! rief Richard und fuhr betroffen einige Schritte zuruck, doch fasste er sehr bald sich wieder.
Verzeihung, sprach er, dass ich durch diese ganz unerwarteten Worte mich uberraschen liess: erschrekken konnten sie mich nicht! Bericht und Liste liegen, unzuganglich jeder menschlichen Gewalt, ebenfalls auch in meinem vorhin erwahnten Archive, sprach er lachelnd; ich erwarte nur Ihren Befehl, um sie hier an's Licht treten zu lassen.
Und fur sich verlangen Sie gar nichts? machen keinen Anspruch auf wohl verdiente Belohnung?
Wenn mein Kaiser und mein Wohlthater durch mich dem Untergange entgehen, was bliebe mir da noch zu wunschen? erwiederte Richard, etwas vorschnell.
Hm! sprach der Minister vor sich hin, ist es so? jetzt fange ich an den Zusammenhang besser zu begreifen. Sie haben, wie Klugheit und Vorsicht es gebieten, auf alle Falle sich vorgesehen, sprach er zu Richard gewendet, weit freundlicher als vorhin; dieses kann in der guten Meinung mich nur bestarken, die ich, seit ich in der Familie des Fursten Andreas Sie kennen lernte, von Ihnen gefasst habe. Verargen Sie dagegen den Anschein von Misstrauen mir nicht, den ich wider Willen annehmen musste, um den mannigfaltig complicirten Pflichten zu genugen, welche die Gnade des Kaisers mir auferlegt hat; setzte er verbindlich hinzu.
Beide, der Minister und Richard, wurden jetzt sehr schnell, und zu gegenseitiger Zufriedenheit mit einander einig. Mit aller dazu gehorigen Formalitat legte der Minister, im Namen seines Kaisers, das von ihm verlangte unverbruchliche Versprechen in Richards Hande nieder, der seinerseits, ohne fernere Bedenklichkeit, auch seine Verpflichtung erfullte.
Ein beifalliges Lacheln glitt uber des Ministers feingeformte Lippen hin, indem er die ihm uberreichte Liste der bedeutendsten Mitglieder der Verschworung schnell mit den Augen durchlief.
Der also ist es! rief er, und wies auf den Namen des Fursten Andreas: und ich habe in meiner Vermuthung mich nicht geirrt. Gestern noch hatte ich Alles was ich besitze fur die Unmoglichkeit dessen eingesetzt, wovon ich hier den Beweis in der Hand halte! Wer mag alle die Abwege im Voraus berechnen, auf welche wir im Laufe des Lebens gerathen mogen! setzte er mit trubem Ernste hinzu.
Ein einziges in Ihrem Eifer von Ihnen nicht genugsam uberlegtes Wort verrieth mir vorhin dieses Geheimniss; fing der Minister nach kurzem Schweigen wieder an: jede Spur von Misstrauen, das Sie, wenn Sie einen Augenblick in meine grosse Verantwortlichkeit sich hineindenken wollen, nicht ganz ungerecht finden werden, wurde durch diese Entdeckung beseitigt. Ich kenne den ganzen Umfang Ihrer Verbindlichkeit gegen jene Familie, ich begreife welche edleren Motive Sie zu dem Schritte bestimmten, den Sie jetzt thun, und alles was bis dahin mir an Ihnen zweideutig erschien, und erscheinen musste, gewinnt nun eine andere Gestalt. Nochmals verpfande ich freiwillig Ihnen mein Ehrenwort, Sie sollen in mir sich nicht getauscht sehen! Andreas wird einen Freund, einen Bruder in mir finden, der ihn vertritt, und, so viel dieses in meiner Macht steht, vor jeder zu herben Folge seines Fehltritts ihn schutzt.
Auf des Ministers ausdruckliches Verlangen theilte Richard ihm nun umstandlich mit, wie ein wunderlicher Zufall, fruher als seine Freunde es beabsichtigten, in die Geheimnisse des Bundes ihn eingeweiht habe. Er verhehlte die warme Begeisterung nicht, mit welcher der anscheinend hohe Zweck desselben ihn Anfangs erfullte, bis er spaterhin mit Schrecken und Abscheu ihn besser erkannte.
Das aufmerksame Wohlgefallen, das seinen Worten geschenkt wurde, ermuthigte ihn weiter zu gehen. Er sprach vom Fursten Andreas, von der warmen Vaterlandsliebe seines Beschutzers, und wie dieser mit innigster Treue dem Kaiser ergeben, nur durch seinen leidenschaftlichen Hang zu auslandischen Erfindungen und Neuerungen verlockt, in die Schlingen eigennutziger, herrschsuchtiger Bosewichter gefallen sei, von deren tiefer Verworfenheit seine edle Natur keine Ahnung haben konnte, wahrend sie sein besseres Wollen, seine durchaus tadelfreien Absichten, in ganz entgegengesetztem Sinne auf das schandlichste missbrauchten.
Uber dem allen war indessen viel Zeit verstrichen; der Courier, der Richards Aussage dem Kaiser uberbringen sollte, war langst abgefertigt, der Abend brach mit starken Schritten herein. Richard, der bis dahin gar nicht in der Zeit gelebt hatte, wurde jetzt mit Schrecken gewahr, wie lange er hier verweilt habe, und erhob sich unter vielen Entschuldigungen, um sich vom Minister zu beurlauben, was dieser aber, und zwar auf das allerfreundlichste, gar nicht zugeben zu wollen schien. Richard begriff Anfangs nicht, wie dieses zu verstehen sei, bis endlich der Minister seine Absicht, ihn auf unbestimmte Zeit in seinem Hause festzuhalten, deutlicher an den Tag legte.
Zurnend fuhr Richard auf; sein Gesicht ergluhte, sein Auge flammte.
Gefangen! also doch gefangen! nachdem ich alles erfullt! nach so vielen schonen Worten! ich Thor! ich erbarmlicher Thor! zischte er vor Ingrimm kaum verstandlich zwischen den fest verbissenen Zahnen hindurch.
Nennen Sie es nicht so, sprach begutigend der Minister: Sie sind mein Gast, nicht mein Gefangener, nur fur wenige Tage mein Gast, dann sind Sie sich selbst ganz uberlassen. Doch ist es nothwendig, dass bis dahin Ihr Aufenthalt bei mir geheim gehalten werde. Bei Ihrem Chef werde ich Ihre kurze Abwesenheit unter dem Vorwande einer, in einem Auftrage von mir ubernommenen Reise, zu entschuldigen wissen. Sie bewohnen ein Zimmer nahe an dem meinigen und nur einer, der treueste unter meinen Dienern, auf dessen Verschwiegenheit ich bauen darf, wird Zugang zu Ihnen erhalten, um Sie zu bedienen.
Vortrefflich! Alles auf das beste und bequemste. Nur eine Frage erlaubt Ihre Gnade mir wohl noch; bleibt mein Kerkermeister bei mir im Zimmer? oder darf ich hoffen, dass er sich damit begnugt, die Thure meines zierlichen Gefangnisses von aussen zu bewachen? rief Richard in bittrer Ironie.
Die Thure Ihres Kerkers, wie Sie das freundliche Zimmer nennen, bleibt von Innen und Aussen unbewacht, und Wladimir wird nur erscheinen, so oft Sie seiner Dienste bedurfen; erwiederte der Minister etwas gereizt. Lassen Sie uns in diesem Tone nicht fortfahren, der uns allen Beiden nicht wohl thut; setzte er milder hinzu: glauben Sie fest, ich hege die besten Gesinnungen gegen Sie, und werde Alles versuchen, um die gezwungene Einsamkeit, die ich wahrend dieser wenigen Tage Ihnen leider nicht ersparen kann, Ihnen so wenig als moglich fuhlbar werden zu lassen.
Sehr gnadig, sehr herablassend; doch die einzige Wohlthat, die ich jetzt mir noch erbitten kann, ware allein bleiben zu durfen, allein, ganz allein! sprach Richard mit dem vollsten Ausdrucke starrer Verachtung, die durch die erzwungene Hoflichkeit, welche er beizubehalten sich bemuhte, nur noch fuhlbarer wurde.
Ihre Jugend, Ihre Unerfahrenheit, die seltsame Lage in der Sie sich befinden, und uberdem ein gewisses Wohlwollen gegen Sie, dessen ich mich nicht erwehren mag, machen mich geneigt Ihnen mehr nachzusehen, als jedem Andern; sonst wurde das Misstrauen, das Sie gegen mich durchblicken lassen, mich tief beleidigen. Doch Niemand kann dafur stehen, dass er immer Herr seiner Empfindungen bleiben werde, am wenigsten in so widerwartig-unruhiger Zeit wie die, welche jetzt mich erwartet; und ich bitte Sie darauf etwas Rucksicht zu nehmen; sprach der Minister eindringlich ernst, aber nicht bedrohend. Erinnern Sie sich, fuhr er fort, dass ich mein Ehrenwort einsetzte, ich muss und werde es losen; jede Anwandlung von Zweifel ware hier die hochste Beleidigung, die als Mensch und Edelmann mir widerfahren konnte, das mussen Sie selbst fuhlen. Deshalb ermahne ich Sie sich zu beruhigen, selbst wenn Sie nicht ganz begreifen, warum ich so und nicht anders handle. Erwagen Sie zum Beispiel, ob nicht vielleicht Sorge fur Ihre eigene Sicherheit mich bewegt, Sie auf kurze Zeit unter meinen Augen fest zu halten.
Sorge fur meine Sicherheit! wiederholte Richard fast unartig trotzend.
O du seltsames Gemisch von Muth und Verzagtheit, von feinem Scharfsinn und eigenwilliger Verblendung! rief halb lachend der Minister, indem er sich anschickte, Richard sich selbst zu uberlassen. Konnen Sie wirklich glauben, dass unsre heutige Unterredung noch lange ohne sehr merkbare Folgen bleiben werde? und sollten nicht einige Ihrer ehemaligen Bundesbruder sich bewogen fuhlen, Ihnen fur Ihren Antheil daran, auf ihre eigne Weise, ihren Dank auszudrucken? setzte er noch hinzu, ehe er sich entfernte. Es wahrte einige Zeit ehe Richard zum deutlichen Bewusstsein der Lage kam, in welche er so ganz unerwartet gerathen war. Gefangen! nach allem was zwischen ihm und dem Minister vorgegangen, nach so vielen schmeichelhaften Versicherungen, so vielen schonen Worten, gefangen, wirklich gefangen!
Es schien ihm unglaublich, und doch war es nicht anders; denn wer ohne Bewilligung eines Andern den Ort nicht wechseln darf, ist ein Gefangener, man moge noch so geschickt einen wohlklingenderen Namen dafur aufzufinden suchen.
Voll bittren, sehr verzeihlichen Unmuths, fing Richard jetzt an sein Gefangniss genauer zu betrachten. Die Lage desselben, am Ende eines langen Korridors, war eine der abgelegensten in dem sehr grossen Gebaude; die ziemlich hohen Fenster gingen auf einen mit Mauern umgebenen Hausgarten, ein bequemes Schlafkabinet befand sich dicht neben dem eigentlich recht hellen und eleganten Zimmer, beide zusammen hatten nur einen Ausgang auf den Korridor.
Jetzt erst fiel Richard auf, dass er gleich bei seiner Ankunft in dieses Zimmer gefuhrt worden war, wo alles schon im Voraus fur seinen langern Aufenthalt eingerichtet zu sein schien. Die Thure war von innen unverschlossen, aussen war der Schlussel abgezogen, ohne welchen man sie nicht offnen konnte.
Er trat hinaus auf den Korridor, lang und ode dehnte dieser in schauriger Abenddammerung sich vor ihm aus; keine lebende Seele liess sich blicken, Niemand der ihn am Weitergehen hatte hindern wollen. Er ging, stand unschlussig still, ging wieder; Alles um ihn her schien wie ausgestorben; schon sah er nahe vor sich den weiten Vorplatz der zur Treppe fuhrte. Wie aus den Wolken gefallen stand jetzt Wladimir plotzlich vor ihm, ein paar brennende Armleuchter in der Hand; bat sehr devot um Verzeihung, ihn so lange ohne Licht gelassen zu haben, und begleitete, ihm vorleuchtend, ihn zuruck auf sein Zimmer, ohne seinen Befehl dazu abzuwarten.
Ein Luftzug, vielleicht auch beim Hinaustreten Richard selbst, hatte die Thure desselben zugeschlagen: Wladimir offnete sie mit dem Schlussel, den er bei sich trug, machte auf den Schellenzug ihn aufmerksam, bei dessen leisester Beruhrung er augenblicklich zur Erfullung seiner Befehle herbei eilen werde, zeigte ihm wie bei Nacht, zu grosserer Sicherheit, seine Thure von innen zu verriegeln sei, erklarte das innige Bedauern seines mit dringenden Geschaften uberhauften Herrn ihn heute Abend nicht mehr sehen zu konnen, und liess ihn endlich allein.
Erbittert uber alle diese Anstalten ihn tauschen zu wollen, eilte Richard zur Thure, um den Riegel vorzuschieben; sie war unverschlossen geblieben, wie zuvor, doch er kannte jetzt die Granze genau, die seiner scheinbaren Freiheit gestellt war.
Tausend wechselnde Gefuhle sturmten auf ihn ein; es ward ihm schwer sie genugsam zu bemeistern, um zu ruhigem Nachdenken gelangen zu konnen, wozu der Stoff von allen Seiten sich ihm entgegen drangte. Ihm schwindelte, wenn er den gewaltigen Unterschied zwischen gestern und heute erwog, wenn er die ungeheure Bedeutung des Schrittes bedachte, den er ohne Zogern, von einem unerklarlichen Impuls getrieben, gewagt, den er noch jetzt nicht unterlassen wurde, ware er noch zu thun, so machtig fuhlte er noch immer sich dazu getrieben.
Ihm grauste vor sich selbst; Verrather, Wortbruchiger, Eidbruchiger! hallte es unaufhorlich in seinem Innern wieder. So werden Tausende fortan mich nennen und mir fluchen, wenn was ich gethan ruchbar wird, und die Folgen davon uber sie hereinbrechen; rief er: und kann ich mir selbst ablaugnen, dass ich es bin? und wie ist es moglich dass ich keine Reue empfinde? Die gute Absicht kann keine ungerechte Handlung entschuldigen, lehren unsre Moralisten; ich hatte diesen Ausspruch nicht aus den Augen lassen, ihn besser berucksichtigen sollen. Doch wo lebt der Schriftgelehrte, der in diesem Falle entscheiden konnte, auf welcher Seite Recht oder Unrecht liegt? Dumpfe, unbestimmte Geruchte gingen am folgenden Morgen leise flusternd durch ganz Petersburg; uberall stiess man auf bedenkliche Gesichter, uberall wurden geheimnissvoll-angstlich wichtige Entdeckungen, bei Nacht vorgenommene Verhaftungen angedeutet, und doch wagte Niemand uber das, was er dachte oder wusste, sich deutlicher auszulassen. Ein eigner Geist der Unruhe hatte sich der Einwohner der prachtvollen Kaiserstadt bemachtigt, und trieb sie von und zu einander, als hatten sie etwas sehr Wichtiges zu besprechen, und doch scheute sich Jeder vor dem Anfange.
Kapellmeister Lange und seine Frau machten hierin keine Ausnahme; im Gegentheil, ihre Angst, ihre Unruhe stieg von Minute zu Minute, bis der lebhafte Kleine endlich beschloss sich auf's Recognosciren zu begeben; denn die Furcht, dass Richards Besuch, und der so dringend ihm empfohlene geheimnissvolle Auftrag desselben, mit der seltsamen allgemeinen Stimmung in Verbindung stehen musse, drangte immer unwiderstehlicher sich ihm auf.
Zuerst begab er sich in Richards Wohnung. Der alte Diener desselben kam mit angstlichen Fragen nach seinem Herrn ihm entgegen; seitdem dieser am vorigen Tage das Haus verlassen, hatte er dasselbe nicht wieder betreten; Boris war dergleichen von seinem Herrn nicht gewohnt, er hatte bei Caffarelli und an allen Orten, die er gewohnlich zu besuchen pflegte, ihm nachgefragt, und immer vergebens.
Der Brief an Pestel fiel bei dieser Nachricht dem Kapellmeister schwer aufs Herz; Angst und Sorge trieben ihn, die ihm unbekannte Wohnung des Obristen aufzusuchen; nach vielem hin und her Fragen wurde sie ihm endlich in einem sehr entlegenen Theile der Stadt nachgewiesen; der Ton, mit welchem dieses von ihm ganz Unbekannten geschah, wurde zu jeder andern Zeit ihm noch mehr aufgefallen sein als jetzt; doch konnte er nicht umhin, ihn zu bemerken.
Ohne sich dadurch weiter storen zu lassen, eilte er die Treppe hinauf, und fand die Thure nicht nur verschlossen, sondern auch versiegelt. Eine starke Wache hielt sie von aussen besetzt, fragte laut und barsch nach seinem Begehren, und schien nicht abgeneigt ihn selbst festzuhalten, wesshalb er, ohne mit Reden und Gegenreden sich weiter abzugeben, das Freie suchte, und herzlich froh war, als er sich wieder auf der Strasse befand.
Um nichts unversucht zu lassen, begab er sich noch ganz an das andre Ende der ungeheuern Stadt, in das Hotel des Fursten Andreas; doch auch hier wollte seit vielen Tagen Niemand von seinem Freunde etwas gesehn oder gehort haben; ubrigens war der Furst noch nicht von der Reise zuruck, wurde aber in diesen Tagen erwartet.
Mude, bleich, niedergeschlagen, wie Frau Karoline ihn noch nie gesehen, langte er nach Verlauf mehrerer Stunden wieder zu Hause an, um Rapport abzustatten.
Jetzt, wie die Franzosen zu sagen pflegen, bin ich am Ende meines Lateins! seufzte er, als er damit fertig war. Jetzt, Du meine liebe Hausehre, zeige, dass Du eine kluge Frau bist, sage, was fangen wir an? Freilich ist heute erst Mittwoch, der Tag, an dem wir nach seiner Anordnung uns still und ruhig verhalten sollen; morgen erst bricht der Donnerstag an, der wunderliche, wie der wunderliche Freund selbst wunderlich genug ihn nannte. Doch Pestel ist in Arrest, keine Aussicht vorhanden, dieses Schreiben morgen in seine Hande zu bringen. Richard ist vielleicht dem schweren Kampfe unterlegen, dem entgegen gehen zu mussen, er uns gestand, als er uns gestern verliess. Vielleicht ist er aber auch noch zu retten, wenn die rechten Mittel schnell ergriffen werden; nun aber sind wir, seine Freunde, im Dunkeln, wahrend ihm jeder Aufschub lebensgefahrlich werden kann; was thun wir, wo ist Rath zu finden?
Hier, erwiederte Frau Karoline nach kaum Minuten langem Besinnen, indem sie Richards beide Briefe hervorsuchte: ob wir heute oder morgen unsre Verhaltungsregeln erfahren, darauf kommt wenig an; setzte sie hinzu, indem sie mit rascher Hand das unbeschriebene Couvert erbrach.
Es enthielt ein versiegeltes Schreiben an den Fursten Andreas, und die an Lange gerichtete Bitte, dasselbe nicht nur verabredeter Massen zur bestimmten Zeit sicher an die Adresse zu bringen, sondern auch den Brief an den Obrist Pestel, im Falle dass er diesen nicht habe bestellen konnen, dem Fursten zu ubergeben. Sollten aber, hiess es am Schlusse, unerwartete Ereignisse eintreten, welche auch dieses verhinderten, oder der Furst von seiner Reise noch nicht wieder heimgekehrt sein, so ersuche ich Frau Karolinen, in eigner Person, unter irgend einem Vorwande, sich zur Prinzessin Helena zu begeben, und beide Briefe, in meinem Namen, zur Verfugung daruber ihr heimlich zuzustellen.
Nun Gott Lob! rief der Kapellmeister: nun weiss man doch wenigstens einigermassen wie oder wo. Unerwartete Ereignisse sind, dachte ich, zur Genuge eingetreten; wie ware es daher, Alte, wenn Du Dich gleich aufmachtest?
Das bin ich sehr gesonnen; erwiederte Frau Karoline pathetisch, die, sobald ihr nur einigermassen leichter um's Herz wurde, nach gewohnter Art in ihre theatralische Manier verfiel, und diesesmal dem Marquis Posa die Antwort auf der Prinzessin Eboli Frage, ob er sie umbringen will, abborgte. Viel Zeit auf ihre Toilette zu verwenden, war in solchen Fallen nicht die Sache der immer zierlich und anstandig gekleideten Frau, und so kam sie denn in moglichst kurzer Zeit vor dem Hotel des Fursten an.
Doch weiter zu gelangen war nicht so leicht; die Ruhe die noch wahrend des Kapellmeisters kurzer Anwesenheit hier geherrscht hatte, war verschwunden. Unter der Dienerschaft gab es viel hin und her Laufens, in allen Ecken steckten sie zischelnd die Kopfe zusammen, nach Arzten wurde ausgesandt, Jemand, hiess es, sei plotzlich erkrankt, Einige nannten die alte Amme, Andre die Furstin Eudoxia selbst; Furst Andreas war noch immer abwesend.
Niemand bezeigte sich sonderlich geneigt um die fremde Frau sich zu bekummern, oder auch nur ihr Rede zu stehn. Beleidigt, zornig, verlegen, wusste sie nicht ob sie zum Gehen oder Bleiben sich entschliessen solle, doch zum Gluck kam die junge Zoe des Weges, und erloste sie aus dieser immer unangenehmer werdenden Lage.
Nur ein einzigesmal hatte die Kleine, unter dem Schutze der Amme, einem grossen offentlichen Konzert beigewohnt, das zu einem wohlthatigen Zwecke gegeben worden war, und das noch immer, als hell leuchtender Lichtpunkt ihres kurzen einformigen Lebens, in der Erinnerung ihr vorschwebte. Nicht wenig entrustet, die bewunderte Kunstlerin, die damals sie entzuckt hatte, so verlassen mitten unter dem rohen Bediententross stehen zu sehen, eilte sie sogleich auf sie zu, fragte sehr bescheiden nach ihren Befehlen, und fuhlte sich wirklich geehrt, als Frau Karoline ihren Vorschlag annahm, ihr auf ihr Zimmer zu folgen, um dort die Prinzessin Helena zu erwarten, die fur jetzt noch bei ihrer Mutter sich befand.
Sie hatte vollauf Zeit sich auf diese Zusammenkunft vorzubereiten; denn eine Viertelstunde nach der andern verlief, ohne dass sich etwas anderes sehen liess, als Zoes freundliches Gesichtchen, das von Zeit zu Zeit in der Thure sich zeigte, um sie um Verzeihung zu bitten und zugleich zur Geduld zu ermahnen, die fest zu halten, schwer zu werden begann.
Im geselligen Umgange mit geistig ausgezeichneten Frauen, vor allen mit Kunstlerinnen, schwindet bei Mannern aus den hoheren, selbst aus den hochsten Standen, der Unterschied des Ranges; daher war Frau Karoline in ihrem Hause daran gewohnt, mit allen, die Zutritt in dasselbe erlangten, auf gleichem Fusse umzugehen, sie wohlwollend zu empfangen, und ihre Huldigungen sich dagegen gefallen zu lassen. Die hochtonenden Titel ihrer vornehmen Gaste glitten im lebhaften Gesprache eben so leicht und unbefangen ihr uber die Zunge hin, als die Namen ihrer nur durch Talent und Geist ausgezeichneten Freunde. Doch bei ihrem eignen Geschlecht war dieses nicht so ganz der Fall, und konnte es fuglich nicht sein; wesshalb sie auch von jeher gern vermieden hatte, mit Damen von hohem Range in Beruhrung zu gerathen.
Erziehung, Konvenienz, Etikette, richten zwischen diesen und andern Frauen eine Scheidewand auf, welche mit Grazie zu umgehen, von beiden Seiten nur sehr wenigen gegeben ist. Beim besten Willen von der Welt wissen in solchen Fallen die vornehmsten Damen nur selten das juste milieu richtig zu treffen; sie thun zu viel oder zu wenig, wahrend die Furcht, durch scheinbare Zudringlichkeit sich selbst etwas zu vergeben, die andre Partei abhalt, durch Entgegenkommen auf halbem Wege sich und ihnen die ersten Schritte zu erleichtern.
Bei allen ihren ubrigen trefflichen und liebenswurdigen Eigenschaften, machte Frau Karoline in dieser Hinsicht keine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Ohnehin hatte sie entweder nie geduldig warten gelernt, oder doch aus Mangel an Ubung es wieder vergessen, und so war sie denn jetzt in einen Zustand von Missmuth und Reizbarkeit hinein gerathen, der mit ihrem eigentlichen Wesen im vollkommensten Widerspruche stand.
Nur fur die liebe Langeweile, wie man gewohnlich zu sagen pflegt, fing sie an von der Prinzessin, die so lange auf sich warten liess, ein durchaus nicht schmeichelhaftes Bild sich zusammenzusetzen, und war eben im Begriffe diesem die letzte Vollendung zu geben, als die lang Erwartete am Ende doch unerwartet vor ihr stand, ihre Hande ergriff, sie neben sich auf's Sopha zog, ihr langes Ausbleiben mit dem plotzlichen Unwohlsein ihrer Mutter entschuldigte, und zugleich um Verzeihung bat, dass sie hier ihren Besuch annahme, und nicht in ihr eignes Zimmer sie fuhre.
Hier darf ich erwarten ungestort mit Ihnen zu bleiben: sprach sie: und da ich jeden Augenblick wieder zu meiner Mutter abgerufen werden kann, so ist es mein sehr verzeihlicher Wunsch ohne Aufschub zu erfahren, auf welche Weise ich hoffen darf Ihnen nutzlich zu werden. Ich will nicht erwahnen, dass ich seit langerer Zeit als Kunstlerin Sie ehre und bewundere; das ist etwas worin sich wenigstens die halbe Stadt Petersburg mit mir theilt; aber unser beider Freund, Richard Wood, hat sie meinem Herzen weit naher gebracht, als Ihre Kunst es konnte, so bewundernswurdig sie auch ist; und ich freue mich der Gelegenheit Ihnen dieses sagen, und hoffentlich auch beweisen zu konnen.
Wie Fruhlingsschnee vor der warmen Sonne, wie Spreu vor dem Winde, kurz wie alles leicht Vergangliche in der Welt, schwand vor Helenens hinreissender Liebenswurdigkeit nicht nur jede unbehagliche Empfindung aus Karolinens leicht beweglichem Gemuthe, sondern sie empfand auch bereuend das Unrecht welches sie, wenn gleich nur in Gedanken, ihr angethan und hatte es ihr laut abbitten mogen, wenn dieses thunlich gewesen ware. Wenigstens liess sie von ihrem regen Gefuhle zu einem Ergusse von Vertraulichkeit gegen die schone Freundin ihres Freundes sich hinreissen, der bis dahin gegen eine Dame von so hohem Range ihr unmoglich gedunkt hatte. Eine Ahnung des Verhaltnisses zwischen jenen beiden stieg, ungeachtet seiner Unwahrscheinlichkeit, in ihr auf. Sie gestand, dass nur Sorge um Richard sie zu der Prinzessin getrieben, und helle Thranen, die sie kaum zuruck zu halten vermochte, perlten dabei in den guten treuen Augen der kleinen Frau.
Auch ich habe seit vielen Tagen nichts von ihm vernommen; gesehen habe ich ihn zwar gestern fruh, doch ohne ihn zu sprechen. Das darf uns aber weiter nicht beunruhigen, liebe Madame Lange: erwiederte Helena sehr weich und freundlich. Er ist Militair und die Pflichten seines Standes treten zwischen ihm und seinen Freunden oft sehr gebieterisch ein. Wie ich zufallig horte, ist er in einem wichtigen Auftrage seines Chefs versendet.
Mein Mann suchte ihn diesen Morgen in seiner Wohnung auf; seit gestern Vormittag haben seine Diener nichts von ihm vernommen, nichts von einer Reise. Nicht den unbedeutendsten Befehl haben Sie von ihm erhalten, der auf eine solche Bezug haben konnte: sprach Karoline, ihre Stimme zitterte merklich; Helena sass neben ihr, bleich wie ein Marmorbild.
Sie wissen mehr als diess: flusterte sie in namenloser Angst: bedenken Sie es wohl, wir wuchsen mit einander auf, er ist der Bruder meines Herzens, meiner Wahl; kann irgend ein lebendes Wesen auf Erden es besser mit ihm meinen als ich? Theure, theure Freundin meines Freundes, zogern Sie nicht, sagen Sie mir Alles! Sie haben einen Auftrag an mich, Sie sollen vielleicht auf etwas Entsetzliches mich vorbereiten; o reden Sie, sprechen Sie es aus, furchten Sie nichts, ich ertrage alles, nur nicht diese peinlich langsam zogernde Qual!
Helena hatte anfangs Karolinens Hande bittend ergriffen, dann ihren Nacken umschlungen, dann sie an sich gezogen, fest, immer fester; Karoline fuhlte das angstlich pochende Herz an ihrem Busen schlagen, sah dicht vor sich das schone bleiche Gesicht, das Auge voll heisser Liebesbitte, und war ohne weitere Erklarung die Vertraute des reinsten innigsten Liebesbundes geworden.
Und so entsagte sie fortan jeder Bedenklichkeit, die sie bis dahin noch abgehalten, alles was sie auf dem Herzen hatte, frei und offen auszusprechen. Umstandlich, und doch fur ihre Zuhorerin noch immer nicht umstandlich genug, trug sie jedes Wort ihrer letzten Unterredung mit Richard ihr vor, beschrieb sein seltsames ungewohnliches Benehmen, wiederholte die fast verworrenen Reden, die ihm, gleichsam unwillkurlich entschlupften. Helena hing indessen an ihren Lippen, an ihren Augen, als galte es dem Gluck ihres ganzen Lebens, dass kein Ton, kein Blick ihrer Aufmerksamkeit entginge.
Und so verliess er uns, indem er die Besorgung seiner beiden Briefe uns nochmals dringend empfahl: endete Karoline: wohin er sich gewendet, ist uns unmoglich zu errathen. Sorge um ihn, die seltsamen Geruchte, welche dumpf und beangstigend die Stadt heute durchziehen, vereint mit der Verhaftung des Mannes, an welchen einer dieser Briefe gerichtet ist, haben uns bewogen die Erfullung seines Auftrages um einen Tag zu beschleunigen. Seit ich Sie gesehen, bin ich uber diesen Schritt beruhigt, und lege alles vertrauensvoll in Ihre Hande, setzte sie noch hinzu, indem sie die beiden Briefe nebst dem Zettel, in welchem Richard an Helena sie gewiesen, ihr ubergab.
Wie jetzt alles steht, haben Sie das Beste erwahlt: erwiederte Helena, schwer aufathmend, mit erzwungener Fassung: ausserordentliche Ereignisse scheinen wirklich im Anzuge zu sein, und was uns Allen bevorsteht, kann Niemand vorhersehen. Doch kommt mein Vater hoffentlich noch heute; dann lege ich gleich, in der ersten Stunde, alles in seine Hande, und Sie und ich sind jeder Verantwortlichkeit enthoben, was in solchen Fallen fur unser Geschlecht immer das Rathsamste ist: setzte sie mit einem Lacheln hinzu, das wie ein Sonnenstrahl in das Herz ihrer Zuhorerin drang.
Zoe erschien in diesem Augenblicke um zu melden, dass die Furstin Eudoxia ihre Tochter mit Ungeduld erwarte.
Sie horen es, liebe Madame Lange, andere Pflichten rufen mich jetzt, aber wir sehen uns wieder, und das bald. Sie haben Ihr Vertrauen an keine Unwurdige verschwendet, und vielleicht zugleich einen tieferen Blick in mein Herz gethan als errothend stockte sie, umarmte ihre neue Freundin, und eilte davon, von weit schwereren Vorgefuhlen gedruckt, als sie es sich selbst gestehen mochte. Langst schon war Helena, ungeachtet ihrer grossen Jugend, in die Geheimnisse ihres Vaters eingeweiht gewesen; beide wussten nicht genau, wann oder wie sie dazu gelangte: es war eben ganz allmalig, gleichsam von selbst dazu gekommen.
Furst Andreas war von seinen patriotischen Ideen fur die Verbesserung der allgemeinen Wohlfahrt zu erfullt, um im engeren Kreise seiner Familie und vertrauten Freunde sie nicht vorzugsweise zum Gegenstande der Unterhaltung zu wahlen; und die warme Theilnahme, mit welcher seine jungste Tochter ihm ihre Aufmerksamkeit zuwandte, wahrend er oft den Anflug von Langerweile sich nicht ganz verbergen konnte, welcher bei seinem etwas breit gedehnten Vortrage des oftmals Gehorten den ubrigen Theil seiner Zuhorer zuweilen uberkam, erhob die Kleine gar bald zum Hauptgegenstande seiner vaterlichen Liebe und Sorgfalt.
Mit Entzucken sah er die junge Pflanze unter seinem Schutze an ihm emporranken, immer herrlicher sich entfalten, immer inniger mit seinem eigentlichsten Wesen sich verzweigen. Von ihm geleitet, entwickelte Helena nicht nur die edelsten und liebenswurdigsten Eigenschaften ihres eignen Geschlechts, sondern auch solche, die von demselben, in diesem hohen Grade kaum erwartet werden: Muth und Geistesgegenwart in dringender Gefahr, unbestechliche Urtheilskraft unverbruchliche Verschwiegenheit, und jenes tiefe ritterliche Gefuhl fur Ehre, das den Mann zum Helden erhebt.
Helena, durch Lehre und Beispiel ihrer Mutter darin bestarkt, sah ihrerseits von ihrer fruhesten Kindheit an in ihrem Vater das Bild der segnenden Gottheit auf Erden. Mit jener kindlichen Pietat, die einen Grundzug im Charakter ihres Volks ausmacht, hing sie an ihren beiden Eltern, in inniger Verehrung und Liebe, und hatte den kleinsten Zweifel an das Urtheil, an den edlen hohen Sinn ihres Vaters, sich nie und nimmermehr verziehen.
Nie kam es ihr in den Sinn mehr erfahren zu wollen, als er ihr mitzutheilen fur gut fand; daher kannte sie von den Geheimnissen des Bundes nur die glanzende Seite, die mit des Fursten Planen und Unternehmungen in Zusammenhang stand, und mochte nicht mehr davon wissen, wenn gleich mancher Argwohn der Kehrseite desselben sich zuweilen ihr aufdrangen wollte. Sie bauete mit Zuversicht auf ihren Vater, der wohl wisse was recht und erlaubt sei; er aber trug eine Art religioser Scheu davor, ihre reine Phantasie mit Bildern von Greuelthaten zu beflecken, deren Ausfuhrung abzuwenden, stets in seiner Macht stehen wurde, wie er wahnte.
Im festen Vertrauen auf die unbegrenzte Liebe, den unbedingten Gehorsam seiner Kinder, auf die treue Anhanglichkeit seiner Gemahlin, war Furst Andreas wenig daran gewohnt, in ihrer Gegenwart sich den mindesten Zwang in der Unterhaltung anzuthun, oder seine Worte abzuwagen; und so hatte denn die Furstin ihrerseits aus halbverstandnen Ausserungen sich manches zusammengesetzt. Das Einzige, woruber sie zu einer Art von Gewissheit gelangte, war das Dasein eines geheimen grossen Vereins, an dessen Spitze ihr Gemahl mit allen seinen wohlthatigen Planen und Projecten sich gestellt hatte.
Sie sah voll inneren Jubels dem Tage sehnsuchtig entgegen, an welchem der geliebte Mann wie ein gottbegabter Wunderthater auftreten und die Schaaren seiner Widersacher, an welchen es ihm, wie sie wusste, nicht fehlte, vor sich niederschlagen wurde. Die vor einigen Tagen in Mitchells Begleitung angetretene Reise schien ihr gleichsam nur eine letzte Vorrichtung, eine Art Vorspiel zu der grossen Haupt- und Staatsaction zu sein, deren Entwicklung sie bei des Fursten Heimkehr, in den nachsten Tagen, stolz und erwartungsvoll entgegen sah.
Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als Eudoxia eines Morgens, zwischen Schlaf und Wachen, den ihrem Gemahl bevorstehenden Triumph auf das glanzendste sich ausmalte, bis eine Schreckensgestalt plotzlich ihre begluckenden Traume verscheuchte. Die noch immer halbkranke Amme war es, die gefolgt von dem Heere von Kammerfrauen zu ihr eindrang; mit verzerrtem Antlitz, zitternd, bis zum Unkenntlichen entstellt, trug sie ihr in heulendem Tone die wunderlichsten Geruchte vor, die bis in ihr abgelegnes Zimmer so eben gedrungen waren. Von Verhaftungen, von ausgebrochnen Unruhen in der Stadt, von revolutionairen Bewegungen war die Rede. Die Namen des Fursten, vieler Grossen, und auch Richard Wood wurden bei dem Allen genannt. Einzelne Unbekannte, in Hut und Mantel tief Verhullte, sollten beim Portier eifrig und angstlich nach des Fursten Heimkehr sich erkundigt haben.
Die Furstin starrte die Unglucksverkunderin an, begriff aus ihren verworrenen und verwirrenden Reden nur, dass etwas hochst Ungluckliches sich zugetragen habe, und sank vom Schrecken ubermannt in Ohnmacht hin. Die Kammerfrauen, die sich der Amme nach, hinter den Vorhangen des Alkovens zusammengedrangt hatten, brachen in uberlautes Wehklagen aus. Die Verwirrung wurde gross, sie ware noch grosser geworden; doch Zoe, die von jugendlicher Neugier getrieben, uberall, wo etwas Ungewohnliches vorging, zugegen war, hatte glucklicher Weise Besinnung genug, ihre Gebieterin herbeizurufen. Helena erschien; und obgleich selbst innerlich beunruhigt, behielt sie doch Fassung genug dieses zu verbergen, und dem unnothigen Gelarme zu steuern. Die Furstin erholte sich aus ihrer tiefen Ohnmacht und gelangte, unter dem trostlichen Zureden ihrer Tochter, bald wieder zu einer Art von Beruhigung, die nicht wieder unterbrochen wurde, weil Helena Sorge trug, alles was diese storen konnte, von ihr fern zu halten.
Es fehlte nicht daran; die Nachricht von dem plotzlichen Erkranken der Furstin hatte unter ihren naheren Bekannten sich schnell verbreitet. Ein eben nicht gefahrdrohendes Krankenbett ist in der hoheren Societat, besonders an solchen Tagen wie dieses einer war, der willkommenste Versammlungsort; von allen Seiten stromten Besuche herbei, welche in dem an das Schlafgemach der Furstin anstossenden Zimmer von Helena empfangen wurden. Die eigentliche Absicht derselben war, ihrer Herzensbangigkeit in Vermuthungen Luft zu machen, ihre Neuigkeiten gegen andre einzutauschen, und nebenbei in diesem Hause sich ein wenig auf Kundschaft zu legen, dessen abwesender Gebieter die allgemeine Aufmerksamkeit, wenn gleich ganz im Stillen, nicht wenig beschaftigte.
Die Conversation wurde sehr lebhaft betrieben, ohne ein befriedigendes Resultat zu gewahren; einige einzelne, meistens im Militair vorgefallene Verhaftungen ausgenommen, deren Veranlassung noch nicht bekannt worden, war eben keine besondere Thatsache vorhanden. Im Aussern herrschte uberall scheinbare Ruhe; wie es im Innern mancher Brust damit stand, sah nur Gott! Schwer und duster hing der Himmel gleich einem Leichentuche uber der glanzerfullten Kaiserstadt; Jeder empfand die bange, beangstende Stille vor dem Ausbruche eines alles zerschmetternden Orkans; auch Helena! sie hatte an diesem Morgen Namen gehort, Anspielungen, Vermuthungen vernommen, welche die Sehnsucht nach der Ruckkehr ihres Vaters beinahe bis zum Unertraglichen steigerten, und mit bedruckenden Vorahnungen sie erfullten.
Nie zuvor in diesem Grade hatte sie die Sehnsucht nach einer theilnehmenden Seele empfunden, nie unter den, nur fur das Salonleben erzogenen jungen Damen ihres Standes, eine solche gefunden oder gesucht. Ihr Vater, ihr Bruder Eugen und Richard erfullten allein ihr Gemuth, alle Drei waren jetzt fern, und sie musste als eine wahre Gunst eines freundlichen Geschickes es annehmen, dass es gerade heute, wo sie zum erstenmal so ganz vereinsamt sich fuhlte, Frau Karoline ihr zufuhrte. Auch Richard lag indessen nicht auf Rosen. In ununterbrochener Einsamkeit der qualendsten Ungeduld Preis gegeben, brachte er eine Reihe von Tagen zu, die ihm zu Wochen sich ausdehnten. Taglich hielt er um eine Audienz beim Minister an, die unter dem Vorwande, uber keine Minute frei disponiren zu konnen, ihm eben so oft abgeschlagen wurde.
Ermahnungen, sich nicht zu beunruhigen, Versicherungen, dass alles nach Wunsch gehe, sollten jedesmal den widerwartigen Eindruck dieser sich stets wiederholenden Antworten mildern, doch sie verfehlten ganzlich ihren Zweck. Emport uber die Behandlung des Ministers, die er hinterlistig nannte, hatte Richard allen Glauben an ihn verloren; von allem was ausserhalb der vier Wande, die ihn einschlossen, vorging, gelangte kein Laut bis zu ihm; und so brutete er ganz allein uber sich selbst und tausend Moglichkeiten, eine immer grausiger als die andre, besonders wenn er an das Schicksal jener beiden Briefe dachte, die er dem Kapellmeister Lange ubergeben hatte.
Es waren schwere, trube Tage fur ihn, aber sie zogen auch voruber, wie alles Leid und alles Gluck unsers Lebens.
Der an den Kaiser abgefertigte Courier kehrte zuruck, und der Minister saumte nicht dem Gefangenen seine Freilassung, nebst des Monarchen Genehmigung der von demselben vorgeschlagenen Bedingung selbst zu verkunden. In den schmeichelhaftesten, seiner Versicherung nach vom Kaiser selbst gewahlten Ausdrucken, sprach er zugleich den Dank desselben fur den ihm und dem Reiche geleisteten grossen Dienst aus, und Richard hatte von dem Augenblicke an alles vergessen, was er in diesen Tagen gelitten, allen Groll, den er gegen den Minister im Herzen getragen.
Indessen war es doch wohl nur Hoflichkeit, die ihn bewog, seinen wahrend seiner Gefangenschaft oft sehr deutlich geausserten Unmuth zu entschuldigen zu suchen, denn in seinem Gewissen war er daruber sehr ruhig; er glaubte jetzt, von jeder ferneren Verpflichtung befreit, sich endlich entfernen zu durfen, und wurde zu seiner nicht geringen Verwunderung abermals daran verhindert.
Diesesmal ist es auf keine zweite Gefangenschaft abgesehen, wie Sie meine harmlose Verlangerung Ihres Besuches ungerecht genug zu nennen beliebten; sprach der Furst ungemein freundlich: aber glauben Sie denn, dass unser Kaiser gewohnt sei, ihm geleistete, wichtige Dienste, gleich dem Ihrigen, mit blossen kahlen Worten zu belohnen?
Und bin ich durch des Kaisers Anerkennung und die Bewilligung meiner Bitte nicht schon uberschwanglich belohnt? rief Richard.
Was Sie fur den geliebten Monarchen und unser Vaterland gethan, ist von weit bedeutenderen Folgen, als mitten in blutig-entscheidender Schlacht das Ersturmen einer feindlichen Batterie; und so will er es auch betrachtet wissen, erwiederte der Minister.
Und mit Erstaunen vernahm Richard jetzt, wie der Kaiser aus eigner Huld und Macht, mit Ubergehung aller dazwischen liegenden Grade, ihn zum Obrist erhoben, und ihn zugleich mit einer namhaften Anzahl Seelen dotirt habe, welche ihn in den Stand setzen konnten, auf seinem dermaligen Range angemessene Weise zu leben.
So war er denn gleichsam mit einem einzigen Wurfe dem Ziele all seines Hoffens nahe gebracht; denn bekanntlich dient in Russland militairischer Rang zum Maassstabe und geht jedem andern vor. Ihm schwindelte, indem diese Uberzeugung sich ihm aufdrangte; ein paar Worte des Ministers, die auf sein jetzt so gunstig sich gestaltendes Verhaltniss zu dem Hause des Fursten Andreas hinzudeuten schienen, setzten ihn vollends ausser Fassung. Kaum vermochte er ein paar ubel zusammengestellte Dankesworte aufzubringen; doch sein ihm wirklich wohlwollender Gonner verargte ihm dies weiter nicht, indem er der ihn uberwaltigenden Freude es zuschrieb, und entliess ihn freundlich.
Ach aber diese Freude fand nicht lauter und rein Eingang in seine Brust! Sein Herz zog wie zu einem eisigen Klumpen sich zusammen, als er mit einem Gefuhl von Entwurdigung, wie er nie zuvor es gekannt, seine Wohnung wieder betrat. Was war in den Augen der Welt aus ihm geworden, seit er diese Schwelle zum letztenmale uberschritten! Meineidig, wortbruchig, Verrather an Tausenden, die ihn Bruder genannt, musste er in den Augen der Meisten dastehen: das war die dunkle Seite seiner That.
Dass er in seiner Lage so und nicht anders hatte handeln konnen, ohne ein fluchbeladener Verbrecher zu werden; dass ein unter solchen Umstanden ihm abgenommener Eid jede bindende Kraft verlor; dass es pflichtgemasser ware ihn zu brechen, als ihn zu halten, wurde seiner Uberzeugung nach jeder Unparteiische und zuletzt auch die allgemeine Stimme ihm zugestanden haben, hatte er nur den Verdacht des Eigennutzes von sich fern halten konnen, ware es nur moglich gewesen, diese wahrhaft kaiserliche Belohnung auszuschlagen, die zu erhalten er nie gedacht, und die dennoch von so unbeschreiblich hoher Bedeutung fur seine ganze Zukunft, fur das hochste Gluck seines Lebens werden musste!
Schien es ihm doch sogar in seinem Unmuthe, als blicke sein alter treuer Diener mit einer Art mitleidiger Verachtung ihn an, als er Herr Obrist ihn nannte, zu seiner Standeserhohung ihm Gluck wunschte und wegen der, durch dieselbe nothwendig gewordenen neuen Uniform, seine Befehle erbat; denn die durch den Courier mitgebrachten Neuigkeiten hatten um mehrere Stunden fruher sich in der Stadt verbreitet, als Richard selbst sie erfahren.
Immer noch hatte er keinen klaren Begriff von dem ausgebreiteten Umfange der Folgen dessen was er gethan; er hatte Momente in denen er wunschte, sie nie zu erfahren. Niemand war um ihn, der ihm trostend zugesprochen hatte; zu muthlos, um den Nachrichten entgegen zu gehen, welche er zu vernehmen erwarten musste, zu ungeduldig, um sie unthatig an sich kommen zu lassen, stand er zogernd da.
Ein heller Freudenschrei dicht neben ihm riss aus diesem trubseligen Zustande ihn auf, liebende Arme umschlangen seinen Nacken, seine Kniee, Thranen und Kusse bedeckten seine Hande. Der gute kleine Kapellmeister war es, der mit seiner Freude ihn wiederzusehen, mit seinem Danke fur das was er vollbracht, ihn besturmte, und nicht von ihm abliess, bis er spat wie es war ihn bewog, nach Hause ihn zu begleiten, wo Frau Karoline nicht minder freudig bewegt als er, mit ihren guten und bosen Nachrichten, ungeduldig seiner harrte. Des Fursten Andreas Heimkehr, ob zufallig, oder auf aussere Veranlassung, moge dahin gestellt bleiben, traf fast gleichzeitig mit Richards Freilassung und der Ankunft des Couriers von Taganrog zusammen. gleich in der ersten Stunde fand eine derselben unmittelbar folgende Zusammenkunft zwischen ihm und dem Minister Statt; sie wahrte lange, bis tief in die Nacht hinein, und endete mit anscheinender Zufriedenheit beider Theile.
Doch schon am folgenden Morgen gingen grosse Veranderungen, sowohl im Hotel des Fursten Andreas, als in dem seines Schwiegersohns, des jungen Fursten Konstantin vor, die auf baldiges schnelles Verlassen des bisherigen Wohnsitzes dieser beiden Familien deuteten, und zwar auf langere, anscheinend sehr lange Zeit. Gegenstande wurden eingepackt und zum Mitnehmen bereitet, die man sonst stets unberuhrt an ihrem Platze gelassen; seltne oder sonst sehr kostbare Bucher und Handschriften aus des Fursten Andreas Bibliothek, grosse Gemalde beruhmter Meister, Kostbarkeiten, Kunstgegenstande aller Art; es sah beinahe aus, als sollten nur die kahlen Wande zuruck bleiben.
Im strengsten Kontraste mit diesem larmenden Treiben standen die von der furstlichen Familie bewohnten Zimmer im Innern des Gebaudes; dort herrschte angstliche Stille, nur leises Gefluster war horbar, und lautloses Umherschleichen wie auf Sokken. Der Furst sass in seinem Kabinet, vertieft in Geschaften; liess nur diejenigen seiner Untergebenen vor sich, mit denen er dergleichen abzuthun hatte, und nahm keinen andern Besuch an. Mitchell im Vorzimmer desselben, wie angemauert hinter seinem Schreibepulte, umgeben mit ellenlangen Rechnungen, Courszetteln, Preiscouranten, schien dort als Schildwache angestellt, und that uber alle Maassen wichtig.
Die Furstin Eudoxia hatte einen Ruckfall ihrer Krankheit erlitten, auch sie liess alle Besuche sich verbitten, Helena durfte weder bei Tag noch bei Nacht ihr von der Seite weichen.
Gleich allen Ubrigen wurde auch Richard abgewiesen, seine Verzweiflung war grenzenlos. Frau Karoline wollte es unternehmen, ihm Nachricht von Helena zu bringen, aber auch ihr wurde, obgleich auf sehr hofliche Weise, der Zutritt fur jetzt verweigert; selbst die kleine Zoe, an die sie, um doch nur etwas zu erfahren, sich wenden wollte, war nicht zuganglich; das arme Kind durfte keinen Augenblick von dem in der Nahe ihrer Gebieterin ihr angewiesenen Posten sich entfernen.
Bis zum grauenden Morgen wanderte Richard die Nacht hindurch um die Mauern des Palastes herum, der einst auch seine Wohnung gewesen, wie ein unseliger Geist die Statte umwandelt, wo er seine Schatze vergraben; und blickte hinauf zu dem vom Schimmer einer Lampe matt erleuchteten Fenster, hinter welchem Helena am Krankenbette ihrer Mutter wachte.
Spater eilte er seiner Wohnung zu; auch dort fand er weder die korperliche noch die geistige Ruhe, deren er so nothig bedurfte. Der Wunsch zu erfahren, was, wie er wohl sah, Freunde und Bekannte ihm zu verhehlen strebten, qualte ihn unsaglich: man ging nicht wahr, nicht offen mit ihm um, das merkte er deutlich. Die ihm wohl wollten, verschwiegen ihm aus Schonung, was er am Ende doch erfahren musste, und seiner Ansicht nach je eher je besser; die Andern machten sich davon, sobald sie die Neugierde befriedigt hatten ihn zu sehen, nun er eine gewisse Notabilitat erlangt hatte, und wollten erst abwarten, auf welchem Standpunkte er festen Fuss fassen wurde, ehe sie uber ihr kunftiges Betragen gegen ihn sich entschieden.
Was hilft mir die Meinung, das Lob oder der Tadel des Einzelnen; das Urtheil des Volkes, der Menge, ist hier das wahre achte Gottesgericht, von welchem kein Appelliren gilt; rief Richard, indem er in einen ziemlich unscheinbaren Uberrock sich warf, und, wie er fruher in ahnlicher Absicht, wenn gleich auf andere Veranlassung, zuweilen gethan, einen entfernteren Theil der ungeheuern Stadt aufsuchte, wo er personlich unbekannt zu sein hoffen durfte.
Es war ein schoner sonnenheller Feiertag; in Kaffee- und Weinhausern, Billarden und Restaurationen, kurz an allen offentlichen Orten war eine zahllose Menge, meistens aus den mittleren und diesen zunachst untergeordneten Standen versammelt, uberall horte er die neuesten Neuigkeiten des Tages besprechen. Noch fielen taglich in den angesehensten und beliebtesten Familien neue Verhaftungen vor, von denen er durch seine Freunde nichts erfahren; hier erst, jetzt erst konnte er den ganzen Umfang des Elendes ubersehen, das diese Unglucklichen uber sich selbst gebracht! Sie hatten zu Andrer Verderben die Mine gegraben, die jetzt sie und ihr Gluck in die Luft sprengte. Sie waren unglucklich; das war fur die, welche nicht weiter sahen, genug; ihre grosse Schuld blieb unsichtbar. Das oberflachliche, nicht tiefer blickende Mitleid sah nur ihr Ungluck, und liess, was wohlverdiente Strafe war, nur als solches erscheinen.
Bei jeder Gelegenheit horte Richard seine That auf tausendfache Weise erzahlen, kommentiren, beurtheilen, selten gerecht anerkennen. Er horte Beweggrunde derselben sich unterschieben, an die er nie gedacht: Ehrgeiz, Eigennutz, Sucht sich auszuzeichnen, sich einen Namen zu machen.
Mehrere altere und jungere Manner, Kramer, Handwerker, sassen in einer Ecke; sie steckten kannegiessernd die weisen Haupter zusammen, und sprachen uberlaut genug, um weiter als an ihrem Tische deutlich vernommen zu werden.
Ich sage es Euch: sprach ein alter Mann, in welchem Richard einen Schreinermeister erkannte, der fruher beim Fursten Andreas einiges gearbeitet hatte: ich sage es Euch, rief der Alte, und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Glaser klirrten: mit dem schwarzesten Undanke hat er der furstlichen Familie gelohnt. Ich weiss es genau, denn ich ging damals dort viel aus und ein. Als einen kleinen verlassenen englischen Bettelbuben hat der Furst Andreas ihn aufgenommen, aus Mitleid; hat mit seinen Kindern ihn auferziehen lassen, und nun lohnt er ihnen so!
Aus Rache, aus purer Rache; aber sollte man es glauben, dass die Frechheit so weit gehen kann! fiel sein Nachbar dem Schreinermeister ein: hat der neugebackene Herr Obrist sich es doch einfallen lassen, seine Augen bis zu der Prinzessin Tochter des Fursten Andreas zu erheben! Und dafur, dass sie den Freiersmann nach Verdienst abgewiesen haben, muss jetzt der Furst mit den Seinigen aus Petersburg verbannt werden, und die jungen Prinzen
Richard hielt es nicht langer aus; Gott steh' uns bei! ich glaube das war er selbst, sprach leise der alte Schreiner, und schlug ein Kreuz, indem er erbleichend dem Hinaussturmenden nachsah. Ohne weiteres Besinnen, entschlossen nicht von der Stelle zu weichen, bis er beim Fursten Andreas Zutritt erlangt, eilte Richard vorwarts. Am Eingange des Hotels hemmte Entsetzen seine Schritte, und die Kniee wollten unter ihm zusammenbrechen. Ein langer, von vielen Geistlichen begleiteter Leichenzug, bewegte sich langsamfeierlich aus dem Innern des Palastes hinaus, gefolgt von fast Allen die zum Hause gehorten, vom ersten Secretair des Fursten an, bis hinab zum letzten Stallbuben.
War es Wirklichkeit? war es ein der Holle entsprossenes Traumgesicht? seiner selbst kaum sich bewusst, wollte Richard zum Sarge hin, fuhlte aber von einer eiskalten Hand sich zuruckgezogen und festgehalten.
Keinen Schritt weiter! rief dicht hinter ihm eine tiefe ernste Stimme. Ein neunzigjahriger Greis sprach drohend diese Worte: Richard kannte ihn wohl, es war der alteste Diener des Hauses, der den jetzigen Gebieter desselben noch auf den Armen getragen, unter dessen schonender Pflege er jetzt das Ende seiner Tage hier erwartete.
Store nicht die Ruhe der Todten, Leichen bluten von Neuem, wenn der Morder ihnen naht: raunte der Alte zurnend ihm zu; es sah seltsam aus, wie lebhaft das dunkle zornflammende Auge unter den schneeweissen buschigen Augenbrauen hervor blitzte; kalte Schauer rieselten Richard durch Mark und Gebein. Du darfst nicht weiter, und warst Du Feldherr geworden, statt Obrist: rief der Alte abermals, eine unwillkurliche Bewegung Richards missverstehend, und fasste ihn wieder.
Sprache und Athem versagten diesem vor Schreck und Grausen: er wollte sprechen, und konnte nur die Lippen bewegen. Der Alte sah dies, er war schwerhorig geworden, und glaubte zu verstehen was Richard seiner Meinung nach fragte.
Elisabetha Christianawna: sprach er feierlich; sie ist auch Deine Wohlthaterin gewesen, von Deiner Jugend an, und ist jetzt Dein erstes Opfer. Was thut's? andre werden folgen; am liebsten ich, denn ich bin es mude in einer Welt zu leben, wo solche Dinge geschehen. Die treue Amme sank vom Schlage getroffen zu den Fussen ihrer Herrin todt hin, als sie den Fall unsers Hauses unvorbereitet vernahm.
Jetzt riss Richard gewaltsam von dem Alten sich los, der Leichenzug hatte sich indessen vorwarts bewegt, in der dadurch verodeten Vorhalle war Niemand ihn aufzuhalten, und ungehindert eilte er die Treppe hinauf, und stand in dem ersten der Reihe von Zimmern, die zu denen des Fursten fuhrten, vor Helena. Ich wusste es wohl! und nun bist Du da! rief Helena ihm entgegeneilend; ihre Wange gluhte, ihr Auge strahlte in erhohtem Feuer; etwas ungewohnt Hastiges in ihren Worten, in ihren Bewegungen, deutete auf heftige innere Aufregung. Stumm lag Richard zu ihren Fussen, umfasste ihre Kniee, verbarg sein Gesicht in ihrem Kleide; sie schien es nicht gewahr zu werden, machte keinen Versuch ihn zum Aufstehen zu bewegen, und fuhr ungewohnlich schnell sprechend fort:
Es ist Verlaumdung, Unwahrheit, Missverstand von Seiten meines Vaters, was weiss ich! ich habe es ihm gesagt, aber er will es nicht glauben. Und doch ist es so; wir konnen sterben, Richard, aber nicht ehrlos handeln. Du so wenig als ich. Du bist nicht zum Obrist erhoben, nicht mit Gold und Gutern fur einen Verrath belohnt der ich konnte daruber lachen, dass man Dir so etwas zutraut, waren die Folgen davon nur nicht so ernsthaft. Aber wie ist es nur moglich dergleichen zu ersinnen? Wie bose ist die Welt geworden! wie lugen die Menschen! und wesshalb?
Du sprichst noch immer kein Wort zu mir? fing sie nach kurzem Schweigen wieder an. Ich sehe es wohl, Du bist emport, dass selbst mein Vater und Du bist's mit Recht. Ich aber, mein Richard, ich blieb immer Deiner gewiss, ich habe nie an Dir gezweifelt, nie, keinen Augenblick. Doch sage nur einmal: Helena, ich that es nicht! nur einmal sprich es aus, das Einzige erbitte ich mir von Dir.
Denke nur nicht, dass ich, um im Glauben an Dich festzuhalten, dieser Versicherung bedarf; ich weiss es ja, wir beide sind nicht zu erkaufen, nicht um des Kaisers Thron, nicht um die Welt! fuhr sie, nach und nach immer besorgter, immer angstlicher fort: sage es nur, weil ich es wunsche, aus Liebe zu mir, sprich es aus, mein Richard, bat sie, und versuchte mit zitternden Handen, mit nach Athem ringender Brust, ihn aus seiner knieenden Stellung zu bringen, und in's Auge ihm zu sehn.
Sage, nur einmal sage: ich that es nicht! nur die drei Worte, sprich sie aus: Richard! Geliebter! flehte sie nochmals mit angstlich ersterbender Stimme und umfasste ihn, und blickte ihn an, als wolle ihr Leben in dieser Bitte sich auflosen.
Tiefe Stille erfolgte. Helenas kleine zarten Hande vermochten nicht langer ihn aufrecht zu erhalten, er sank wieder zu ihren Fussen. Sie kniete neben ihm nieder, sie umschlang seinen Nacken, sie lehnte ihr Kopfchen an seine Brust, sie hauchte leise, leise: o sage, ich that es nicht!
Er fuhlte den warmen Lebensathem an seiner Wange wehen. Er sank tiefer, seine Stirne beruhrte den Boden, ein Seufzer wie Todesrocheln und nun die muhsam ausgestossnen Worte: ich kann nicht, was Du verlangst!
Helena wankte einen Augenblick, ihre Farbe wechselte, ihr Athem stockte, dann erhob sie sich von den Knieen. Bleich wie ein Marmorbild reichte sie ihm die Hand, um ihn aufstehen zu heissen, und er gehorchte ihrem Winke.
Warum bleibst Du nicht wahr gegen mich? warum verlaumdest Du Dich selbst? fragte sie feierlich ernst. Welche missverstanden-edelmuthige Uberspannung, denn ein andrer Grund Deines seltsamen Beginnens ist unmoglich, verleitet Dich dies sogar gegen mich zu versuchen? Besinne Dich, Richard, komme wieder zu Dir selbst, erinnere Dich, dass der vollstandigste Gegenbeweis Deiner Selbstanklage in meinen Handen ist; sieh her!
Richard blickte zu ihr auf; sie zeigte jene beiden Briefe, die er dem Kapellmeister zur Besorgung ubergeben, erbrochen ihm vor.
In Abwesenheit meines Vaters offnete ich sie an dem dazu bestimmten Donnerstage, wie Du selbst es angeordnet hattest, sprach Helena sehr fest und bestimmt. Hier zuerst diese zwei Worte an Pestel: "Verrath durch Mayboroda und Rostowzoff. Eile, morgen ware es zu spat!" und nun diese Zeile an meinen Vater: "Das Unheil bricht los, Tod und Verderben rund um uns her. Schutz dem geheiligten Leben unsers Kaisers!" Und warum, sprich, warum willst Du auf Dich nehmen, was jene beiden mir vollig Unbekannten verubten? Hast Du meiner denn so ganz vergessen konnen? fragte sie milder, beinahe lachelnd.
Richard hatte indessen jene Stimmung wieder gefunden, die damals auf dem Gange zum Minister ihm Kraft gab, das Schwerste zu vollbringen. Mit dem vollsten Ausdrucke innigster Liebe fasste er Helenas Hande und druckte sie an seine Brust. Hore mich Geliebte, bat er, hore mich bis an's Ende. Versprich mir mich nicht zu unterbrechen, wenn mein Gestandniss Dir rathselhaft erscheint. Vertraue mir, wer hat gerechtere Anspruche an Dein Vertrauen als ich? Bist Du nicht mein? Bin ich nicht Dein? darum glaube mir, glaube fest, das Rathsel wird zu Deiner Zufriedenheit sich losen.
Ich glaube Dir! antwortete Helena eifrig und gespannt.
Was Mayboroda und Rostowzoff, zum Untergange Aller und zur eignen Sicherheit, aus personlicher Feigheit vollbringen wollten, Helena, Geliebteste, ich musste es hindern ich konnte dieses nur indem ich ihnen zuvor kam nur einen Augenblick ertrage das Gestandniss, dass ich es selbst gethan! Alles soll sogleich Dir deutlich werden, und Dich damit versohnen.
Nein, nein, nein: rief Helena, muthe mir nicht Unmogliches zu! dies zu glauben ist unmoglich: ich verstehe Dich wahrscheinlich nicht, drucke deutlicher Dich aus, gewiss liegt hier ein Missverstand zum Grunde, gewiss versteh' ich es nicht wie Du es meinst.
Helena, ich vollbrachte einige Tage fruher als sie es konnten, nach schwerem Kampfe mit mir selbst, was jene beabsichtigten. Ich musste es, nachdem der Zufall mir ihr Geheimniss entdeckt hatte; fur Dich, fur Deinen Vater, fur den Kaiser und unser Land wagte ich es, da keine Aussicht zur Rettung vor allgemeinem Untergange sich mir zeigte.
Und schriebst auch diese Zeilen? fragte Helena, fast unhorbar, aus schwer beklommener Brust.
Ich schrieb sie, und gab
Nein, nein, nein! das kann nicht sein: rief abermals Helena.
Geliebteste, muss ich an Dein Versprechen, bis an's Ende mich anzuhoren, Dich erinnern? bat Richard, und fuhr dann fort: Voraus zu sehen, welche Wendung meine Audienz beim Minister nehmen wurde, war unmoglich. Um in jedem Falle, wenn ich etwa ganz unthatig gemacht wurde, nicht Alles dem Zufalle zu uberlassen, um doch so viel an mir lag dem grossten Unheil vorzubauen, gab ich auf dem Wege zum Minister
Falsch! zweizungig! rief Helena verzweifelnd.
Nicht falsch, nicht zweizungig, nur vorsichtig: erwiederte Richard.
Falschheit und Vorsicht gehen immer zusammen, erwiederte Helena.
Richard schwieg, schmerzlich verletzt: sie sah es und reichte, gleichsam versohnend, ihm die Hand. Er druckte sie an seine Lippen, an sein Herz. Beide standen schweigend, mit ihren eigenen Gedanken beschaftigt, neben einander da.
Aber Du bist nicht zum Obrist erhoben, bist nicht zum Lohn Deiner That vom Kaiser reich dotirt? fing Helena mit peinlicher Lebhaftigkeit wieder an. Nein, das bist Du nicht! Aber sage mir, dass Du es nicht bist, versichre mich, dass Niemand auf Erden sagen, oder denken, oder auch nur von fern argwohnen kann, Du seist zum Meineid, zum Verrath erkauft! bat sie mit dem weichsten Tone schmeichelnder Uberredung.
Meine Helena, flusterte Richard auf ihre Hand gebeugt, ich bin wirklich durch des Kaisers Gnade reich beschenkt, bin zum Obrist plotzlich gestiegen, zu meinem hochsten Erstaunen, ohne mein Zuthun, wider mein Erwarten, ich konnte sogar sagen, gegen meinen Wunsch.
Helena horte ihn schon lange nicht mehr. Gleich nach den ersten Worten, die er gesprochen, stiess sie einen lauten Schrei aus und verbarg vernichtet, aber nicht ohnmachtig, ihr Gesicht in die Kissen des Diwans.
Helenas Vater trat in diesem Augenblicke in das Zimmer. Der Jammerruf seiner Tochter war bis zu ihm in das Innre seines abgelegenen Arbeits-Kabinets gedrungen, und aufgeschreckt eilte er ihr zu Hilfe, an dem verzweifelnden Richard voruber, wie es schien, ohne die Gegenwart desselben gewahr zu werden. Mit unbeschreiblicher Liebe nahm er seine Tochter in die Arme, indem er zu ihr auf den Diwan sich setzte, nannte sie bei den sussesten Schmeichelnamen, wie nur die zartlichste Vaterliebe sie ersinnen kann, und fuhr, ohne ihre Frauen zur Hilfe herbei zu rufen, in seinen Bemuhungen sie wieder zu sich selbst zu bringen fort, bis Farbe und Lebenswarme ihr wiederkehrten.
Mein Vater! mein lieber, lieber Vater! o bleibe Du bei Deinem ganz verarmten Kinde; mein Leben ist noch so jung, ach, und es war so reich! klagte Helena ganz leise, und brach dann, wohl zum erstenmal seit ihrer Kinderzeit, in seinem Arme, an seine Brust geschmiegt, laut schluchzend in einen Strom von Thranen aus.
Sie flossen lange und unaufhaltsam; der Furst erkannte die wohlthatige Erleichterung, die sie seiner Tochter in ihrem Schmerze gewahrten; er trocknete sie mit sanfter Hand, ohne sie hemmen zu wollen, bemuhte sich Helena eine bequemere Stellung auf ihrem Diwan zu geben, stand dann auf, und ging auf Richard zu, der bei seiner Annaherung nicht trotzig, aber auch nicht wie ein Schuldbewusster, das von Schmerz umdunkelte Auge zu ihm erhob.
Viel Zeit ist verflossen, und gar vieles ist anders geworden, Herr Obrist, seit wir uns nicht sahen: sprach der Furst vornehm kalt, und mit sichtbar erzwungener Fassung.
Mein gnadigster Herr, erwiederte Richard tief bewegt, ich wage es an jene uns noch so nah liegende Zeit Sie zu erinnern, in der ich Sie Vater nennen durfte; beim Andenken an diese beschwore ich Sie, mir heute endlich zu gewahren, wonach ich Monate, ich konnte sagen Jahre lang gerungen, freies unparteiisches Gehor. Wollte Gott, es hatte damals Ihnen gefallen, es mir nicht zu verweigern!
Richard, wozu langst Vergangnes nochmals besprechen? Lass Zeit und Athem uns sparen; erstere ist mir besonders karg zugemessen, da ich morgen auf lange, vermuthlich auf immer Petersburg verlasse: erwiederte Furst Andreas, indem er, absichtlich oder aus alter Gewohnheit, in seinen sonst gewohnlichen Ton gegen Richard verfiel. Diese Folge Deiner Donquixotiade, fuhr er fort, lag wohl nicht in Deinem Plane? Auch nicht dass mein Sohn Isidor seinen Platz, als Attache bei der Gesandtschaft in **** verlieren sollte, und Dein bruderlicher Freund Eugen den von hoher Hand ihm ertheilten Rath, um seinen Abschied vom Regiment einzukommen, befolgen muss?
Dass mein jungster Sohn Alex dies Schicksal mit ihm theilt, will ich nicht erwahnen; Alex ist noch so jung, dass diese Frist, die ihm vergonnt, in England oder Amerika fur den Dienst der Marine sich vollends auszubilden, ihm nur vortheilhaft werden kann. Du siehst ich bin billig, ich suche nicht Deine Schuld zu vergrossern.
O warum musste ich, von geheimnissvollem Dunkel umgeben, auf den schmalen, zwischen Abgrunden hinlaufenden Pfad hinausgestossen werden! rathlos! verlassen! ohne eine leitende Hand, die mir zum Fuhrer dienen konnte! seufzte Richard.
Dieses Warum kann mit sehr wenigen Worten Dir gelost werden; erwiederte der Furst: Dir ward kein Fuhrer beigesellt, weil Du auf dem Platze, an welchen Du gestellt worden warst, keinen bedurftest. Hast Du denn unsre Abschiedsstunde, vor Antritt Deiner Reise mit dem nervenkranken Schwarmer Iwan, so ganzlich vergessen? und wie zutraulich ich damals mein ganzes Herz, alle meine Gedanken Dir offenbarte? Erinnerst Du Dich nicht mehr Deines Versprechens: es komme was da wolle, mir unbedingten Glauben zu schenken? Hattest Du Dir an dem Vertrauen genugen lassen, das ich Dir bewiesen; ware es nie Dir eingefallen, da selbstthatig eingreifen zu wollen, wo Du doch offenbar die Verknupfung des Ganzen nicht uberschauen konntest, ja freilich, dann stande Alles um uns her anders!
Der Mensch im Allgemeinen ist bestimmt, entweder Ambos oder Hammer zu sein, sagt ein beruhmter deutscher Poet; fuhr der Furst fort: Du wardst zum Ambos geschaffen, Du meintest Dich geeigneter Hammer zu sein, und nun liegen die Folgen dieses stolzen Wahns, zu Deinem eigenen Entsetzen, in Trummern um Dich her!
Richard errothete; es ward ihm schwer das zornige Gefuhl zu unterdrucken, das bei dieser letzten Ausserung des Fursten in ihm aufloderte; doch behielt er sich genugsam in seiner Gewalt, um weder sich selbst zu viel zu vergeben, noch die dem edlen Greise schuldige Ehrfurcht zu verletzen, dem er so unendlich viel zu verdanken hatte.
Hammer wollte ich nie sein, denn ich fuhle zum Zertrummern mich nicht geeignet; doch wahrlich auch nicht der geduldige Ambos, der schwerfallige Klotz, auf welchem Jeder nach eigenem Gutdunken herumhammern darf; erwiederte er bescheiden, aber fest und bestimmt. Nur Ihr Unwille kann fur den Augenblick mich so erniedrigen wollen; all mein Hoffen, das ganze Gluck meines Lebens geht an ihm zu Grunde; wie ich es in Zukunft tragen werde, weiss ich nicht, wohl aber dass ich Ihrer Verachtung rettungslos erliegen musste. Mein Furst, fuhr er in steigender Bewegung fort: Sie, der Sie im niedrigsten Leibeigenen das Gefuhl seines Menschenrechtes anerkennen, konnen Sie mir, dem Unglucklichen, den Sie einst Ihren Sohnen gleich stellten, es verargen, dass er zum blinden Werkzeuge sich nicht erniedrigen lassen konnte?
Mein Gleichniss hinkt, ich merke es wohl; doch das ist nun einmal so in der Regel, mag es darum sein! erwiederte der Furst leicht hingeworfen, mit scheinbarer Gleichgultigkeit. Doch jetzt sprich ohne Scheu es aus, was Du etwa noch auf dem Herzen haben kannst. Ich mochte diese letzte Gelegenheit dazu, die sobald Dir nicht wiederkehren wird, Dir nicht verkummern; setzte er nach einigem Schweigen hinzu, wahrend welches er Richard betrachtete, als wolle er die geheimsten Gedanken seiner Seele durchschauen.
Durch Mitchell veranlasst, entdeckte mir ein Zufall die Gefahr, welche dem Geheimnisse des Bundes drohte; fing Richard an.
Und Du meinst dass ich, ja dass selbst Pestel, sie nicht weit fruher erkannt haben sollten, als Du und Dein weiser Landsmann? fiel der Furst ihm lebhaft ein.
Richard erbleichte vor Schrecken. O hatte ich dies ahnen konnen! rief er: hatten Sie damals, als ich, wahrscheinlich im Vorgefuhle dessen, was jetzt geschehn, so angstlich strebte
Nach gewunschter Gelegenheit all Deine Zweifel, Deine Besorgnisse, zum ich weiss nicht wie vielsten Male vor mir auszuschutten? fiel Furst Andreas abermals ihm ein. Ohne die Wahrheit im mindesten zu verletzen, konnte ich, bei dem seit Mitchells Hiersein besonders sich haufenden Andrange von Geschaften, den wirklichen Mangel an Zeit als erstes Hinderniss angeben, daneben aber auch, ganz unter uns, die heimliche Furcht vor dem Ennui, dem dabei nicht entgehen zu konnen, ich voraussah. Doch die ganze Sache ist fur uns Beide zu ernst geworden, als dass ich nur den Anschein eines frivolen Scherzes daruber mir erlauben sollte. Da ich indessen von Allem was Dich angeht zu genau unterrichtet bin, um von Dir etwas Neues erfahren zu konnen, so hore lieber meine Bekenntnisse an:
Stets ging ich darauf aus meine Menschenkenntniss zu erweitern, und machte mir daher, von Eurer fruhesten Kindheit an, sowohl Deinen, als meiner eigenen Sohne Charakter zum Gegenstande aufmerksamster Beobachtung. Dein ahnungsvolles Wesen, Dein zu weiches, leicht zu verletzendes Gemuth, zeichneten vor allen Deinen Jugendgenossen sehr merklich Dich aus; daher fasste ich, als Du vollig erwachsen warst, aus wahrhaft vaterlicher Fursorge fur Deine kunftige Ruhe, den festen Entschluss, von jenem Geheimnisse, auf welches ich damals noch meine kuhnsten Hoffnungen grundete, Dich stets fern zu halten, und Deine Aufnahme in den Bund, so eifrig Dein Freund Eugen sie auch betreiben mochte, standhaft zu verhindern.
Der Zufall wollte es anders; wider meinen Willen machte er Dich zum Augenzeugen dessen, was ich Dir ewig verbergen wollte; und um aus dringender, sehr grosser Gefahr Dich zu retten, blieb mir nichts andres ubrig, als zu dem einzigen Mittel zu greifen, das mir noch zu Gebote stand.
Mein Beschutzer, mein Wohlthater, mein Vater, habe ich denn andres gewollt als dieses? rief Richard geruhrt bis zu Thranen: war denn, was ich mit dem beabsichtigte was ich gewagt, nicht ganz das Namliche was Sie gewollt? War nicht bei ganzlichem Vergessen meiner selbst mein einziger Zweck, Sie und die Ihrigen, Kaiser und Vaterland, vor schmahligem Untergange zu bewahren?
Der Furst blickte duster vor sich nieder, schwere Wolken des Unmuths zogen auf seiner Stirne sich zusammen. Nie sollte der Mensch unternehmen, in den Lebensgang eines Andern einzugreifen, oder auch nur unberufen ihn bevormunden zu wollen, und in dieser Hinsicht haben, genau genommen, vielleicht wir alle Beide gefehlt; sprach er sehr ernst und trube vor sich hin. Doch aber will mir bedunken, als ob wir in diesem einzelnen Falle nicht auf ganz gleichem Boden einander gegenuber gestanden waren; setzte er bitter lachelnd, fast hohnisch hinzu: ein geringer zwischen uns bestehender Unterschied lasst sich doch nicht ganz ablaugnen, etwa wie der zwischen Vater und Sohn. Und so hatte ich denn damals mich doch nicht als ganz unberufener Vormund Dir aufgedrangt.
O hatten Sie nie, nie Ihre vaterliche Hand von mir abgezogen! hatten nie meiner eigenen Leitung mich uberlassen! seufzte Richard.
Im Gegentheil, nachdem Du gewissermassen als mundig Dich emancipirt hattest, hatte ich meine Vormundschaft aufgeben, und gegen Dich vorsichtigere Maassregeln in Anwendung bringen sollen, um Deinem Einmischen zur unrechten Zeit Schranken zu setzen, erwiederte Furst Andreas mit sichtbar steigendem Unmuthe. Dass ich dieses versaumte, ist ein Fehlgriff von meiner Seite; ein weit grosserer aber ist es noch, dass ich so fest auf Dein mir gegebenes Wort mich verliess, als ob es mein eigenes gewesen ware, auf Dein Versprechen, im Glauben an mich nicht zu wanken, mir unbedingt zu vertrauen. Ich sagte Dir, der Bund sei aufgelost, er war es damals, und ware fur Dich es immer geblieben. Sogar mein Nichtbeachten Deiner Besorgnisse, mein Vermeiden Dich anzuhoren, musste, wenn Du mir recht vertrautest, in diesem Glauben Dich bestarken.
Wie ware, bei den Beweisen vom Gegentheile, die von allen Seiten sich mir aufdrangten, dieses moglich gewesen! rief Richard: und als ich nun vollends mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren horen musste
Was ich lange vor Dir gesehen und gehort hatte; oder meinst Du wirklich, ich ware etwa taub und blind geworden? fuhr der Furst, seinen Vorsatz, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen, vergessend, sehr heftig auf. Voreiliger Thor! rief er, wie kannst Du wissen, ob ich nicht noch vor der Stunde, in welcher Du auf Deinen irrenden Ritterzug auszogst, auf dem Wege nach Tangarog mich befand, und ob nicht der mich einholende Courier des Ministers mir Depeschen uberbrachte, die zur Ruckkehr nach Petersburg mich nothigten, wahrend jener auf seiner Sendung zum Kaiser nach Tangarog vorwarts eilte?
Des Fursten Augen spruhten Feuer, flammende Rothe uberzog sein Gesicht; seine Haltung, seine hohe kraftige Gestalt gewannen den furchtbarsten Ausdruck hochster Entrustung: Ich war Stifter des Bundes, rief er, und schlug mit geballter Faust auf seine Brust, dass es hohl wiederhallte: und ich, ich allein war berechtigt, ihn in seiner Entartung zu vernichten; ich besass die Kraft, den Muth, den Willen dazu. Eitler, Schwachsinniger, der Du Dich berufen, der Du Dich fahig wahntest, die Entscheidung des Schicksals unsers grossen Monarchen und seines unabsehbar grossen Reichs, mit all den Millionen Seelen, auf Deine schwachen Schultern zu laden!
Richards Blut wallte heiss auf, vor Zorn, und zugleich vor innerer tiefer Reue; er fuhlte ganz das Unhaltbare, Unzusammenhangende in dem was der Furst, von wilder Leidenschaftlichkeit getrieben, zu seiner eigenen Vertheidigung, und zu Richards Anklage vorbrachte, und war doch ausser Stande ihn deutlich und vollig zu widerlegen. Die noch immer fest auf ihn gerichteten Augen seines ehemaligen Wohlthaters brannten ihn wie gluhende Kohlen. Dass ohne seine Einmischung alles vollbracht, vom Fursten selbst vollbracht worden ware, druckte bis zur Vernichtung ihn nieder. Hatte jetzt der Boden unter seinen Fussen sich geoffnet, und in den Mittelpunkt der Erde ihn geschleudert, in diesem Augenblicke ware es ihm die hochste Wohlthat gewesen.
Unhorbar leise schwebte jetzt Helena herbei; sie stand gleich dem Engel des Friedens zwischen den Beiden, und schlug das dunkle, schmerzumwolkte Auge zu ihrem Vater auf. Ihr Anblick wirkte mit magischer Gewalt. Vollig umgewandelt in Ton und Stimmung, schloss er sie in seine Arme und beruhrte die schone bleiche Stirn mit seinen Lippen. Du Beklagenswertheste unter uns, seufzte er leise vor sich hin, wie war es moglich, dass ich Deine Gegenwart vergessen konnte!
Sterbenden wurde in der letzten Stunde Alles erlaubt, sagte man mir. Sterben, Scheiden, ist es nicht das namliche, nur mit anderm Namen benannt? flusterte sie bittend, an die Brust des Vaters gelehnt. Sie hatte sich ausgeweint. Er entliess sie sanft aus seinen sie umschlingenden Armen, und sie stand jetzt vor ihm, das schonste, ruhrendste Bild der schwersten Aufgabe ihres Geschlechts, das Bild muthig duldender Ergebung.
Arme Seele! diese letzte, bangste, ich mag in Verbindung mit Dir ihren Namen nicht nennen, von mir bleibe sie Dir unverkummert. Doch trage sie, wie es meiner Tochter ziemt; erwiederte der Vater mit bedruckter, vor innerer Ruhrung bebender Stimme, und wandte sich dann an Richard.
Unser beider Wirkungskreis geht von heute an weit auseinander; nimm auf der neuen Bahn, die Du Dir selbst gewahlt hast, die Versicherung mit, dass ich keinen Groll gegen Dich hege, und mogest Du mit nicht weniger Gelingen auf ihr fortschreiten, als Du auf der gethan, auf welcher ich bei Deinem Eintritte in die Welt Dich gestellt hatte; sprach er mit wurdigem Ernst.
Suche die uberschwangliche Gnade unsers grossen Kaisers, die er Dir bezeigt, durch treuen Dienst zu verdienen; fuhr er nach kurzem Schweigen fort, da er sah, dass Richard keine Sylbe ihm zu erwiedern vermochte. Hute Dich vor dunkelhafter Ubereilung, lass durch zu hoch gespannten Wahn Dich nie wieder verleiten, die Schranken ubersteigen zu wollen, welche Natur und Verhaltnisse um Dich gezogen; das ist der letzte wohlgemeinte vaterliche Rath, den Du von mir erhalten wirst. Die Bluthe des Lebens ist mit dem heutigen Tage Dir abgebluht, Dir bleibt nur Erinnerung an ihre Herrlichkeit, mogest Du auch von dieser Dich losmachen konnen, damit sie auf Deinem neuen Lebenspfade Dir nicht zur lastigsten Begleiterin werde. Dies sei mein Abschiedssegen, und nun fahre wohl! Der Furst zog in das Innere seiner Zimmer sich zuruck, und lautlos sah Richard ihm nach. Hast Du's vernommen? es ist wie er sagt, diese Stunde ist die Scheidestunde, die Todesstunde unsres Glucks; sie ist so kurz und doch hatte ich so vieles Dir noch zu sagen, mein Herz ist so voll, aber ich finde keine Worte, keine Ordnung in meinen Gedanken, mir ist so dumpf zu Sinn! klagte Helena, und druckte, wie vom Schwindel ergriffen, beide flachen Hande gegen die Stirn.
Und warum ware es so? warum scheiden? rief Richard von der Gewalt des Augenblicks ergriffen, und hielt die in seine Arme hinsinkende leidenschaftlich fest an seine Brust. Helena, Geliebteste! Du Stern meines Lebens, Du Licht meiner Augen, sieh wie der Weg zum Gipfel unsrer Wunsche im hellsten Sonnenscheine dicht vor uns liegt. Ein einziges hohles Hirngespinnst spreitzt an seinem Eingange sich uns entgegen. Habe den Muth es naher zu betrachten, und es wird vor Deinen Augen verschwinden! flehte er mit bebender Stimme, gluhend zitternd.
Richard, ich verstehe nicht wie Du es meinst, ich kann nichts denken, nichts fassen, der Schmerz betaubt mich; habe Geduld, ich hoffe ich werde mich wieder finden: erwiederte Helena.
Was sollte, was konnte uns scheiden, was jetzt? hat sich nicht Alles auf's Gunstigste gestaltet? Lass uns nur vorurtheilsfrei die Dinge sehen wie sie sind: fuhr Richard mit gluhendem Eifer fort, wende Dein liebes Auge mir zu, holder, schoner Engel, sei aufrichtig gegen Dich selbst. Seh' ich aus wie ein Verbrecher? wie ein Frevler an allem, was dem Menschen heilig sein soll und muss? Kannst Du, konntest Du jemals glauben, konnte in Deinem reinen Gemuthe der Argwohn jemals Wurzel fassen, dass ich, dass der Mann den Du Deiner Liebe werth gehalten, seine Seele, seine Ehre fur Rang und Reichthum, ja selbst fur das Hochste, fur Deinen Besitz, verkaufen konnte? Dass Meineid, dass Verrath, fuhr er immer begeisterter fort nie, nie, nie, unterbrach ihn Helena, und hob die Hande bittend zu ihm auf, o lastre so nicht Dich und mich!
Ich wusste es wohl; mochte immerhin der Anschein gegen mich zeugen, Du glaubtest an mich, Dich tauschte er nicht: fuhr Richard fort: auch Deinen Vater nicht, hochstens nur in der Uberraschung des ersten Augenblicks. Was trennt uns dann? ein Traum, ein kurzer Wahn, der vor dem Lichte der Wahrheit schwinden muss. Helena, o hore die Stimme der Natur! die Stimme der reinsten innigsten Liebe! hore, o hore die Stimme Deines Herzens.
Richard, was verlangst Du? ich verstehe Dich nicht; Dein Auge flammt, Deine Lippen brennen auf meiner Hand, Du angstigst mich, was willst Du, wie ist Dir! sprach Helena.
Rettung will ich! Rettung fur Dich, fur mich, fur Deinen Vater; er wird es uns heimlich danken, wenn wir zu dem Schritte ihn zwingen, den er freiwillig zu thun sich nie entschliessen kann und wird. Helena, Du einziger Stern meines Hoffens, meines Lebens, sei mein! Die Stimme der Gottheit, die unser Schicksal lenkt, spricht aus mir. Unvorbereitet giebt sie mir ein, was, als ich hier eintrat, mir nie als moglich erschienen ware. Fliehe mit mir, noch in dieser Nacht, die Zeit drangt, morgen ist es viel zu spat, morgen, morgen ist furchtbar! Du darfst hier nicht wieder die Sonne aufgehen sehen, oder Du bist mir entrissen. Auf immer und ewig sind wir morgen getrennt.
Flehend warf Richard sich vor sie hin, umfasste ihre Kniee, ihre Hande, den Saum ihres Kleides, den Teppich den ihr Fuss beruhrte, erschopfte alle Beredsamkeit, welche die gluhendste Liebe nur eingeben kann. Helena bebte, ergluhte, erbleichte, und sank in Schmerz und Liebe aufgelost ihm an das Herz. Seines Sieges gewiss, hielt er sie in seinen Armen, vor Wonne kaum seiner selbst sich bewusst.
Helena ruhte einige Minuten in dieser Stellung, ohne einen Laut, fast ohne zu athmen, still wie ein schlummerndes Kind; ihr Leben schien in sich zuruckgezogen, ihr Herzschlag stille zu stehn, um auszuruhen und neue Krafte zu sammeln; Richards Blikke wachten uber sie: er selbst regte sich nicht.
Sie schlug die Augen auf, sie loste sich sanft aus seinem Arme und richtete sich empor; sie sah umher, wie aus einem Traume erwachend, und war wieder was sie immer gewesen, war wieder sie selbst, muthig, liebend und klar.
Richard, sprach sie, zuerst mit unsichrer, bebender Stimme, dann immer gefasster, je langer sie sprach: Richard, seit das Ungluck uber uns hereinbrach, ach seit jenem sonnenhellen Morgen in meinem Oratorium, weisst Du es noch wohl? seitdem sehen wir uns zum erstenmal wieder. Ich habe so viel Dir zu sagen, und so wenig Zeit, so wenig Athem, so wenig Besinnung, habe Geduld, und hore mich an.
Damals wusste ich nicht was aus Dir geworden sei, jetzt weiss ich es wohl, Du wurdest festgehalten, damit mein Vater nicht selbst nach Tangarog doch das ist vorbei, und gehort nicht mehr hierher. Ach, mein Freund, ich gab Dich damals verloren, verloren fur Alles, nur nicht fur mich, nicht fur meine Liebe, wenn es Gott nur gefiele, das Leben Dir zu fristen. Sprich nicht, rege Dich nicht, hore mich bis an's Ende: bat sie als Richard sie unterbrechen wollte.
Ich wahnte als Verschworner Dich angeklagt, verhaftet, verurtheilt, die Leute um mich her sagten es so, ich glaubte ihnen. O Richard, Geliebter, Einziger, welch ein Traum schmerzlicher und reinster Seligkeit trostete, erfullte damals mich ganz und hielt mich aufrecht, mich allein, wahrend alles um mich her in Trauer versank! Du warst verurtheilt, nach Sibirien verbannt, die Kibitka, so glaubte ich es, die Wache, die Dich fortfuhren sollte, alles war bereit, aber auch ich war es. Vor aller Welt, vor meinem Vater, meiner Mutter, vor all' meinen stolzen Anverwandten bekannte ich mich als Dein, als die unzertrennliche Gefahrtin Deines Geschicks. Ich begleitete Dich, ich diente Dir, ich pflegte Dich, sorgte fur Dich, und theilte mit Dir jede Entbehrung, Mangel und Noth. Ich ware ja nicht das erste Furstenkind; hat Mentzikoffs stolze schone Tochter, sie, einst als kaiserliche Braut dem Throne so nah, nicht Gleiches fur ihren Vater erduldet und vollbracht? Nichts sollte mich hindern meinen festen Vorsatz auszufuhren, nicht das Urtheil der Welt, auch nicht das Gebot meines Vaters. Bis zu meinem letzten Athemzuge hatte ich der Gewalt widerstanden, hatte Mittel gefunden Dir zu folgen, wenn man mich hinderte Dich zu begleiten. Dein Ungluck gab meiner Liebe den Freibrief alles zu thun, alles zu wagen fur Dich!
Welch ein Bild rollst Du vor meinen Augen auf, wie weiss Deine Liebe selbst das Furchterliche mit unnennbarem Liebreiz auszuschmucken, o ware es, wie Du es malst! seufzte Richard.
Es ist anders, ganz anders gekommen. Ich weiss Du fuhlst wie ich, ein mit Schande beflecktes, von der offentlichen Meinung gebrandmarktes Gluck wer truge das? Von Tausenden gehasst, verachtet, des Meineids angeklagt, Tausende die unser Gluck auf den Trummern des ihrigen erbaut wahnen Du trugst es so wenig als ich! Dein Traum zerrinnt, meiner ist langst zerronnen!
Richard hatte keine Antwort! jedes Hoffen auf die Zukunft, jedes gluckliche Gefuhl in seiner Brust erstarb vor der ihn uberwaltigenden Wahrheit, die furchtbar, gleich dem jedes warme Leben versteinernden Haupte der Medusa, ihm entgegen starrte.
Fahre wohl! fahre wohl! o fahre wohl: seufzte Helena, immer leiser und leiser, das Wort erstarb auf ihren Lippen, entgeistert hing sie in Richards Armen, uber sie hingebeugt unterstutzte er sie, starr, bleich, regungslos wie ein Todter.
Von ihm unbemerkt war Helenas Vater hinter ihn getreten; sie zuckte schmerzlich, aber still, indem er sanft und mit hochster Vorsicht aus Richards Umarmung sie loste.
Gott troste Dich, und gebe Dir Muth, mein Sohn: sprach der Furst sehr mild, und eine Thrane glanzte in seinem Auge, indem er die leichte, geliebte Last auf seinen Armen in sein Zimmer trug. Wunden wie die, welche das Leben dem armen Richard geschlagen, heilt erst nach dem Verlaufe vieler langen Jahre die Zeit; wenn unser Haar bleicht, das Blut in unsern Adern langsamer pulsirt, und unser Wunschen und Hoffen uber diese Erde hinweg in andern hoheren Regionen sicheren Ankergrund suchet und findet.
Einige Monate reichen bei weitem nicht hin, ein solches Wunder zu bewirken, aber sie beschwichtigen wenigstens den Schmerz durch den Zauber der Gewohnung. Wenn uns alles Hoffen verlasst, wenn uns jeder Tag fester uberzeugt, dass nun und nimmermehr eine Anderung unsres Zustandes eintreten kann, dann horen die Wunden auf zu bluten, die Klage verstummt, in verschwiegner Einsamkeit wird der Schmerz unser stiller Begleiter, den wir mit einer Art peinlicher Wollust pflegen, und der Zerstorung gelassen zusehen, die unser irdisches Dasein untergrabt.
Doch dahin war Richard noch bei weitem nicht gelangt, obgleich es dem Laufe der Zeit gemass wohl der Fall hatte sein konnen. Mehrere Monate hatte er seit jener Trennung von dem Leben seines Lebens still und trube hingebracht, und immer noch erneuerten unter seinen Augen sich die Folgen seiner That, und frischten Erinnerungen in ihm auf, die seine Ruhe untergruben. Kaiser Alexanders stets zur Milde und Nachsicht sich neigendes Gemuth fuhlte durch das frevelhafte Unternehmen seiner Unterthanen sich sehr tief und schmerzlich verletzt. Mehr betrubt als entrustet, schamte sein hoher edler Sinn sich gewissermassen des schwarzen Undanks, der, wo er es am wenigsten erwartet hatte, in so grasslicher Gestalt ihm entgegen trat, und wunschte nichts sehnlicher, als diese traurige Erfahrung der ganzen ubrigen Welt verbergen zu konnen.
Er musste leider strafen; der damals schon korperlich leidende Monarch that es mit innerm Widerstreben, stets zum Verzeihen geneigt. Nur wenige bedeutende Familien befanden sich im ganzen Lande, die nicht wenigstens ein schuldiges Mitglied zu betrauern gehabt hatten. Doch die Kunde davon ward der Offentlichkeit so viel als moglich entzogen, und um die schuldlosen Verwandten der Schuldigen zu schonen, wurde sowohl von den Vergehungen derselben, als von der darauf erfolgenden Strafe, so wenig als moglich im Publikum, besonders aber im Auslande ruchbar.
So geschah es denn, dass die Hydra Emporung fur den Augenblick zwar unterdruckt, doch bei weitem nicht ausgerottet wurde. Einige Monate spater hob sie die giftgeschwollenen Haupter wieder, und jetzt erst traf sie der Arm der strafenden Gerechtigkeit mit vernichtender Strenge; doch diese Ereignisse liegen weit hinaus uber dem Ziele, das ich diesen Blattern gesetzt habe, welche auf historische Bedeutung keinen Anspruch machen. Den grossen Schmerz abgerechnet, fur den dieses Leben keinen Trost ihm zu bieten hatte, wurde Richards wundes Gemuth auch auf andre Weise vielfach verletzt. Schmeichler, die ihren Vortheil darin zu finden hofften, erhoben was er gethan bis in die Wolken, priesen als Retter des Vaterlandes ihn uberlaut, und versuchten das Mogliche und Unmogliche, ihm recht bemerkbar zu werden. Sie meinten eine jener uber Nacht pilzartig aufschiessenden Erscheinungen in ihm zu sehen, wie jede an bedeutenden Ereignissen reiche Zeit sie erzeugt; einen werdenden, dereinst vielleicht allmachtigen Gunstling des mit so ausgezeichneter Gnade und Huld ihn uberhaufenden Kaisers, den sie in der Folge fur sich zu benutzen hoffen durften; denn dem Gemeinen wird Alles gemein.
Der Hass, der still verbissene Neid, und, so ungern er dieses sich selbst gestand, die kaum zu verhehlende Verachtung, mit welcher die grosse Anzahl derer ihn betrachtete, welche am meisten durch ihn gelitten, und die jetzt durchaus keine andre Triebfeder seiner That anerkennen wollten, als schmutzigen Eigennutz und den Wunsch, um jeden Preis sich empor zu schwingen, war ihm nicht minder peinigend, als die ihn anekelnde Kriecherei jener Elenden.
Am druckendsten aber empfand er die Kalte, die uberall ihm entgegen starrte, wo man sonst mit unverkennbarer Herzlichkeit sich ihm zu nahern pflegte. Es war als ob ein heimliches Grauen von ihm ausginge, das selbst diejenigen von ihm scheuchte, von denen er uberzeugt sein konnte, dass sie ihm eigentlich nicht abgeneigt waren.
Wo er auch immer sich zeigen mochte, er konnte darauf rechnen, mit einer Art formlicher Hoflichkeit behandelt zu werden, die ihn oft innerlich zur Verzweiflung brachte, doch artete diese nie in Hohn aus. Niemand erlaubte sich in seiner Gegenwart eine Anspielung, ein Wort, eine Miene, die ihn hatte beleidigen konnen. Alle Offiziere, mit denen er im Dienste in Beruhrung kam, bezeigten ihm die nicht nur seinem Range, sondern auch seiner Personlichkeit gebuhrende Achtung, die mancher von ihnen auch wohl wirklich fur ihn empfand. Keiner von denen, die bei seiner Erhebung ubergangen worden waren, erlaubte sich die mindeste Ausserung daruber, die ihm hatte missfallen konnen; doch Alle huteten sich dafur ihm naher zu treten, als gerade erforderlich war, und an ein kameradliches Verhaltniss, wie es fruher wohl Statt gehabt hatte, war fur Richard gar nicht mehr zu denken.
Sogar das Haus des Kapellmeisters Lange, das einzige, in welchem er alte Liebe und Treue und einen warm ihm entgegen kommenden Empfang zu finden gewiss war, wurde durch Frau Karolinens zu grosse Theilnahme an seiner Trennung von Helena, die sie weder begreiflich noch verzeihlich fand, ihm gewissermassen verleidet.
Mitten im Gewuhle eines gerauschvollen Lebens, das jedes Interesse fur ihn verloren hatte, von Keinem geradezu angegriffen, von Vielen gefurchtet, von Allen gemieden, kam er sich selbst wie ein abgeschiedener Geist vor, der verurtheilt war, zum Schrecken der Lebenden eine Zeit lang die Welt zu durchwandern, ehe ihm erlaubt wurde zur Grabesruhe einzugehen. Sehnsucht nach menschenfernster, stillster Einsamkeit bemachtigte sich seiner mit immer zunehmender, verzehrender Allgewalt, bis er endlich zu dem Entschlusse getrieben wurde, zur Herstellung seiner wirklich leidenden Gesundheit um seinen Abschied vom Regimente anzuhalten.
Was er, bekannt mit den Schwierigkeiten, welche in Russland die Gewahrung solcher Bitten begleiten, kaum zu hoffen gewagt hatte, geschah; auf Fursprache des Ministers erhielt er seine Entlassung, und auf die schmeichelhafteste, ehrenvollste Weise. Da lag nun die Welt, die ausserhalb dem russischen Reiche ihm vollig unbekannte, offen vor ihm da; doch fuhlte er sich nicht versucht, sie naher kennen zu lernen. Der Gedanke, in die Verhaltnisse zuruckzukehren, zu denen er in seinem eigentlichen Vaterlande geboren worden war, fand keinen Anklang in ihm. Russland war sein, war Helenens Vaterland; dort lebte sie, wenn gleich in weiter Ferne von ihm, und diesen letzten, kleinsten Trost aufzugeben, konnte er sich nimmer entschliessen.
Bei der vollkommensten Gleichgultigkeit gegen alles, was im gewohnlichen Leben zu den Annehmlichkeiten desselben gezahlt wird, trieb ihn eine Art von dumpfem Pflichtgefuhle das weit entlegene Fleckchen Erde zuerst aufzusuchen, das er durch des Kaisers Gnade sein Eigenthum nennen durfte. Dort wollte er, mitten unter seinen Bauern, sich niederlassen, nach dem Beispiele und den Lehren des Fursten Andreas fur ihre geistige Bildung und die Verbesserung ihres Zustandes Sorge tragen, und in selbst gewahlter, tiefer Einsamkeit sein hoffentlich kurzes Leben so beschliessen.
Bei seiner Ankunft in jenem abgelegenen Winkel der Erde, breitete ein viel weiteres Feld fur seine wohlthatigen Absichten sich vor ihm aus, als er zu finden erwartete. Er hatte den besten Willen mit den, von allen Seiten als unentbehrlich sich ihm aufdringenden Verbesserungen, sogleich den Anfang zu machen; doch er entdeckte zugleich, dass es ihm nicht nur an den dazu nothigen Vorkenntnissen, sondern auch an dem Beistande sacherfahrner Gehulfen mangele, indem die Kraft eines Einzelnen, zur Ausfuhrung eines so vielseitigen Unternehmens, unmoglich auslangen konne; jetzt versagte die seinige ihm ganzlich, mehr noch sein Muth; er hatte nicht einmal den, sich eine leidlich anstandige Wohnung erbauen zu lassen. So versank er denn immer tiefer in grenzenlose Apathie und den traurigen Genuss, sich ganz ungestort seinem Schmerze zu uberlassen, wahrend er die Anstalten zur Ausfuhrung seiner Plane von einem Tage zum andern hinausschob.
Ein Brief seines Freundes Eugen, der ziemlich verspatet, auf tausend Umwegen in seiner Einode ihn auffand, war nach mehreren Wochen das einzige Ereigniss, das die trube Einformigkeit seines matt hingleitenden Lebens unterbrach.
Der Brief brachte ihm beides, Freude und Leid; der Inhalt desselben war zwar ernst, aber doch voll zarter Schonung, wie nur die innige Bruderliebe sie eingeben konnte, welche beide Freunde von Jugend auf verbunden. Eugen, nachdem er so viel Trostliches, als die Lage der Dinge nur erlaubte, von seinem und der Seinigen gegenwartigen Zustande dem Freunde gemeldet, sprach, nothgedrungen wie es schien, den Wunsch aus, einige Jahre stumm voruber ziehen zu lassen, und die kunftige Gestaltung der Zeit und ihres beiderseitigen eigenen Geschicks zuvor abzuwarten, ehe sie, sei es schriftlich oder mundlich, sich einander wieder zu nahern versuchten.
Es war ein Abschied auf lange, unubersehbar lange Zeit, wahrscheinlich auf immer; Richard fuhlte es, und seine noch nicht vernarbten Wunden bluteten von neuem schmerzlicher.
Ubrigens ging aus dem Briefe hervor, dass Eugen in der Gegend von Astrachan, in einem gesegneten reich bebauten Lande, ein grosses Gut bewohne, welches sein Vater ihm ubergeben, und sich dort eifrig und mit gutem Erfolge bemuhe manches, in seiner fruheren Jugend Versaumte, nachzuholen, und durch hohere wissenschaftliche Bildung, als zu erwerben er in seinen ehemaligen Verhaltnissen Zeit und Gelegenheit gehabt, sich auf eine Thatigkeit andrer Art vorzubereiten, als seine bisherige gewesen.
Helena, schrieb Eugen, lebe in Moskau, anscheinend ruhig, ganz der Pflege ihrer fortdauernd krankelnden Mutter, und wohlthatigen Zwecken geweiht; geehrt, bewundert, angebetet von denen, die glucklich genug waren ihr nahen zu durfen, aber durchaus zuruckgezogen von der grossen Gesellschaft, beschrankt auf den Umgang mit wenigen nahern Freunden und Verwandten.
In der Furstin Eudoxia war die alte Uberzeugung von dem ursprunglichen Unterschiede der vornehmen und geringen Klassen wieder erwacht, in der sie von Kindheit an erwachsen war, und es verging kein Tag, an welchem sie nicht die schmerzlichste Reue daruber bezeigte, in der Strenge nachgelassen zu haben, mit welcher sie fruher auf diesen Unterschied gehalten. Gekrankter Stolz, stiller Unmuth nagten an ihrem Leben. Richard in ihrer Gegenwart nur zu erwahnen war hoch verpont; ein alter treuer Diener, der unversehens einst seinen Namen nannte, wurde hart gestraft, und durfte nie wieder vor ihr erscheinen.
Eugen schrieb es zwar nicht ausdrucklich, aber es ging doch aus seinem Briefe hervor, dass er zur Beruhigung seiner Mutter ihr habe das Versprechen leisten mussen, jede Verbindung mit Richard aufzuheben. Richard verstand ihn wohl und der Zorn, so wie die geistige Verstimmung seiner ehemaligen Wohlthaterin erfullten ihn mit Reue und Schmerz; aber es trostete ihn doch, denn es liess ihn hoffen, dass Eugen in seinem Herzen noch immer mit Liebe seiner gedenke.
Erfreulicher, oder vielmehr im hochsten Grade erfreulich war, was Eugen von seinem Vater schrieb. Der Sturm, der so leicht das ganze Lebensgluck desselben hatte zertrummern konnen, hatte den alten Herrn nur in sein eigentliches, ihm am besten zusagendes Element geworfen, in welchem er nun, von allen Banden frei, sich gar lustig bewegte. Im kleineren, wenn gleich noch immer sehr grossen Maassstabe, fuhrte er auf seinen weitlauftigen Gutern aus, was er nach einem weit kolossaleren einst gewollt; richtete Schulen und Bildungsanstalten ein, bauete Dampfmaschinen, legte Fabriken an, deren Erzeugnisse mit den besten andrer Lander wetteifern konnten, und war dabei, in nie rastender Thatigkeit, heiter und gesund. Mitchell blieb im merkantilischen wie im technischen Fache als brauchbares, geduldiges Werkzeug ihm stets zur Hand, und befand sich nicht ubel dabei. Kein Tag verging, an welchem Richard dieses Schreiben, das einzige zwischen ihm und seiner glucklichern Vergangenheit bestehende Band, nicht wenigstens einmal gelesen; es war der erste Lichtpunkt in seinem jetzigen Leben, der wenigstens die trube Dammerung desselben unterbrach, dem aber kein zweiter folgen zu wollen schien.
Und immer dusterer und farbloser gestaltete die Gegenwart sich um ihn her; das Jahr neigte merklich dem Untergange sich zu, immer langer dehnten seine schlaflosen Nachte sich aus; der in diesem Klima fruh eintretende Herbst sandte seine Vorboten, die Sturme, um die Walder von ihrem fruh angelegten bunten Schmucke zu entkleiden; die Thiere des Waldes suchten ihre Schlupfwinkel auf, um dort die lange Nacht des Winters ruhig zu vertraumen, und auch die Menschen in ihren rauchrigen niedern Hutten trafen alle ihnen zu Gebote stehenden Anstalten, um gegen den nun bald schonungslos eindringenden Feind, Kalte und Mangel, sich zu vertheidigen.
Wenn Abends Schlossen und Regen gegen die kleinen Fenster von Richards schlecht verwahrter, baufalliger Wohnung heftiger anschlugen, der Sturmwind lauter brausste, die zersplitterten Baume im Walde krachten, dann uberlief ihn wohl ein Schauer, indem er der sechs oder acht vor ihm liegenden Wintermonate gedachte, die er in dieser ganzlich abgeschiednen Einsamkeit, jeder gewohnten Bequemlichkeit entbehrend, ohne Bucher, ohne Freund, ohne alles geistige Interesse mit sich allein zubringen sollte. Helenas Traum von ihrer beider Leben in Sibirien stand oft vor ihm auf, und erfullte ihn mit banglichster Sehnsucht.
Noch war es Zeit, noch waren die Wege nicht unfahrbar geworden, noch immer stand es in seiner Macht, ohne zu grosse Beschwerlichkeiten zu erdulden, bewohntere Statten aufzusuchen; doch dazu gehorte ein Entschluss, und diesen zu fassen, lag fur ihn, in seiner jetzigen Stimmung, ausserhalb dem Bereiche der Moglichkeit!
So sass er oft Stunden lang in Gedanken, in Erinnerungen, zuweilen in wortlosem, an Betaubung grenzendem Sinnen verloren, nichts von allem was um ihn her vorgehen mochte beachtend.
Siehst Du, Richard, ist es nicht gekommen wie ich es Dir vorher sagte? sprach eines Abends eine kraftige bekannte Stimme, dicht neben ihm, und eine warme starke Hand fasste und druckte die seine. Richard schreckte zusammen, er hatte die Eintretenden nicht kommen gehort: ein Mann und eine Frau standen neben ihm, beide in armenischer Tracht. Es waren Iwan und Julie: Deine Kneesen haben Dich verlassen, Deine Gluckstraume sind aufgeflogen, Deine Luftschlosser zusammengebrochen, fuhr Iwan fort, darum sind wir gekommen, ich und mein Weib, Dich abzuholen, komm nach Hause, was willst Du hier?
O komm gleich mit uns nach Hause! bat schmeichelnd Julie, hier ist es nicht gut fur Dich. Unsre Mutter halt alles zu Deinem Empfange bereit, und wir wollen Dich lieben, Deiner pflegen, Dich trosten, so gut wir es konnen: komm nur schnell, komm nach Hause!
Und Richard ging mit ihnen nach Hause.